1772_Wieland_goldneSpiegel.html




        
                            Christoph Martin Wieland
                            Der goldne Spiegel oder
                           Die Könige von Scheschian
            Eine wahre Geschichte aus dem Scheschianischen übersetzt
                               Inspicere tanquam
                              In speculum jubeo 
       Zueignungsschrift des sinesischen Übersetzers an den Kaiser TaiTsu
                        Glorwürdigster Sohn des Himmels
Ihrer Majestät lebhaftestes Verlangen ist Ihre Völker glücklich zu sehen Dies
ist das einzige Ziel Ihrer unermüdeten Bemühungen es ist der große Gegenstand
Ihrer Beratschlagungen der Inhalt Ihrer Gesetze und Befehle die Seele aller
löblichen Unternehmungen die Sie anfangen und  ausführen und das was Sie von
allem Bösen abhält welches Sie nach dem Beispiel andrer Großen der Welt tun
könnten und  nicht tun
    Wie glücklich müssten Sie selbst sein Bester der Könige wenn es gleich
leicht wäre ein Volk glücklich zu wünschen und es glücklich zumachen wenn
Sie wie der König des Himmels nur wollen dürften um zu vollbringen nur
sprechen um Ihre Gedanken in Werke verwandelt zu sehen
    Aber wie unglücklich würden Sie vielleicht auch sein wenn Sie wissen
sollten in welcher Entfernung bei allen Ihren Bemühungen die Ausführung
hinter Ihren Wünschen zurück bleibt Die unzählige Menge der Gehilfen von so
mancherlei Klassen Ordnungen und Arten unter welche Sie genötigt sind Ihre
Macht zu verteilen weil auch den unumschränktesten Monarchen die Menschheit
Schranken setzt die Notwendigkeit sich beinahe in allem auf die Werkzeuge
Ihrer wohltätigen Wirksamkeit verlassen zu müssen macht Sie  erschrecken Sie
nicht vor einer unangenehmen aber heilsamen Wahrheit  macht Sie zum
abhänglichsten aller Bewohner Ihres unermesslichen Reiches Nur zu oft steht es
in der Gewalt eines Ehrgeizigen eines Heuchlers eines Rachgierigen eines
Unersättlichen  doch wozu häufe ich die Namen der Leidenschaften und Laster
da ich sie alle in Einem Worte zusammen fassen kann eines Menschen  in Ihrem
geheiligten Namen gerade das Gegenteil von Ihrem Willen zu tun An jedem Tage
in jeder Stunde beinahe dürft ich sagen in jedem Augenblick Ihrer Regierung
wird in dem weiten Umfang Ihrer zahlreichen Provinzen irgend eine
Ungerechtigkeit ausgeübt ein Gesetz verdreht ein Befehl übertrieben oder ihm
ausgewichen ein Unschuldiger unterdrückt ein Waise beraubt ein Verdienstloser
befördert ein Bösewicht geschützt die Tugend abgeschreckt das Laster
aufgemuntert
    Was für ein Ausdruck von Entsetzen würde mir aus den Blicken Ihrer Höflinge
entgegen starren wenn sie mich so verwegen reden hörten Wie sollt es möglich
sein dass unter einem so guten Fürsten das Laster sein Haupt so kühn empor
heben und ungestraft so viel Böses tun dürfte Die bloße Voraussetzung einer
solchen Möglichkeit scheint eine Beleidigung Ihres Ruhmes eine Beschimpfung
Ihrer glorreichen Regierung zu sein  Vergeben Sie Gnädigster Oberherr
Ungestraft aber nicht öffentlich und triumphierend hebt das Laster sein Haupt
empor denn das Angesicht das es zeigt ist nicht sein eigenes es nimmt die
Gestalt der Gerechtigkeit der Gnade des Eifers für Religion und Sitten der
Wohlmeinung mit dem Fürsten und dem Staate kurz die Gestalt jeder Tugend an
von welcher es der ewige Feind und Zerstörer ist Seine Geschicklichkeit in
dieser Zauberkunst ist unerschöpflich und kaum ist es möglich dass die Weisheit
des besten Fürsten sich gegen ihre Täuschungen hinlänglich verwahren könnte
Ihre Majestät glaubten vielleicht das Urteil eines Übeltäters zu unterschreiben
und unterschrieben den Sturz eines Tugendhaften dessen Verdienste sein einziges
Verbrechen waren Sie glaubten einen ehrlichen Mann zu befördern und
beförderten einen schändlichen Gleisner Doch dies sind Wahrheiten wovon Sie
nur zu sehr überzeugt sind Sie beklagen das unglückliche Los Ihres Standes Wem
soll man glauben Tugend und Laster Wahrheit und Betrug haben einerlei Gesicht
reden einerlei Sprache tragen einerlei Farbe ja der feine Betrüger das
schädlichste unter allen schädlichen Geschöpfen weiß das äußerliche Ansehen
gesunder Grundsätze und untadeliger Sitten gemeiniglich besser zu behaupten als
der redliche Mann Jener ist es der die Kunst ausgelernt hat seine
Leidenschaften in die innersten Höhlen seines schwarzen Herzens zu verschließen
der am besten schmeicheln am behendesten sich jeder Vorteile bedienen kann die
ihm die schwache Seite seines Gegenstandes zeigt Seine Gefälligkeit seine
Selbstverleugnung seine Tugend seine Religion kostet ihm nichts denn sie ist
nur auf seinen Lippen und in den äußerlichen Bewegungen die sein Inwendiges
verbergen er hält sich reichlich für seine Verstellung entschädiget indem er
unter dieser Maske jeder bösartigen Leidenschaft genug tun jeden
niederträchtigen Anschlag ausführen und mit einer ehernen Stirne noch Belohnung
für seine Übeltaten fodern kann Ist es zu verwundern o Sohn des Himmels dass
so viele sind die alle andere Talente verabsäumen alle rechtmäßige und edle
Wege zu Ansehen und Glück vorbei gehen und mit aller ihrer Fähigkeit allein
dahin sich bestreben es in der Kunst zu betrügen zur Vollkommenheit zu bringen
    Aber wie Sollte der Fürst der die Wahrheit liebt wiewohl auf allen Seiten
mit Larven und Blendwerken umgeben verzweifeln müssen jemals ihr
unverfälschtes Antlitz von dem geschminkten Betrug unterscheiden zu können Das
verhüte der Himmel Wer die Wahrheit aufrichtig liebt und was kann ohne sie
liebenswürdig sein wer auch als dann sie liebt wenn sie nicht schmeichelt
der hat nur geübte Augen vonnöten um ihre feineren Züge zu unterscheiden
welche selten so gut nachgemacht werden können dass die Kunst sich nicht
verraten sollte Und um diese geübten Augen zu bekommen  ohne welche das beste
Herz uns nur desto gewisser und öfter der arglistigen Verführung in die Hände
liefert  ist kein bewährteres Mittel als die Geschichte der Weisheit und der
Torheit der Meinungen und der Leidenschaften der Wahrheit und des Betrugs in
den Jahrbüchern des menschlichen Geschlechts auszuforschen In diesen getreuen
Spiegeln erblicken wir Menschen Sitten und Zeiten entblößt von allem
demjenigen was unser Urteil zu verfälschen pflegt wenn wir selbst in das
verwickelte Gewebe des gegenwärtigen Schauspiels eingeflochten sind Oder
wofern auch Einfalt oder List Leidenschaften oder Vorurteile geschäftig gewesen
sind uns zu hintergehen so ist nichts leichter als den falsch gefärbten Duft
wegzuwischen womit sie die wahre Farbe der Gegenstände überzogen haben
    Die echtesten Quellen der Geschichte der menschlichen Torheiten sind die
Schriften derjenigen welche die eifrigsten Beförderer dieser Torheiten waren
Der Missbrauch den sie von der Bedeutung der Wörter machen betrügt unser Urteil
nicht sie mögen immerhin widersinnige Dinge mit der gelassensten
Ernsthaftigkeit erzählen selbst noch so stark davon überzeugt sein oder
überzeugt zu sein scheinen dies hindert uns nicht lächerlich zu finden was den
allgemeinen Menschenverstand zum Toren machen will Immerhin mag ein von sich
selbst betrogener Schwärmer die Natur der sittlichen Dinge verkehren wollen und
lasterhafte ungerechte unmenschliche Handlungen löblich heroisch göttlich
nennen rechtmäßige und unschuldige hingegen mit den verhasstesten Namen belegen
nach Verfluss einiger Jahrhunderte kostet es keine Mühe durch den magischen
Nebel der den Schwärmer blendete hindurch zu sehen KonFuTsee könnte ihm ein
Betrüger und LaoKiun ein weiser Mann heißen sein Urteil würde die Natur der
Sache und die Eindrücke welche sie auf eine unbefangene Seele machen muss
nicht ändern der Charakter und die Handlungen dieser Männer würden uns
belehren was wir von ihnen zu halten hätten
    Aus diesem Grund empfehlen uns die ehrwürdigen Lehrer unsrer Nation die
Geschichte der älteren Zeiten als die beste Schule der Sittenlehre und der
Staatsklugheit als die lauterste Quelle dieser erhabenen Philosophie welche
ihre Schüler weise und unabhängig macht und indem sie das was die menschlichen
Dinge scheinen von dem was sie sind ihren eingebildeten Wert von dem
wirklichen ihr Verhältnis gegen das allgemeine Beste von ihrer Beziehung auf
den besonderen Eigennutz der Leidenschaften unterscheiden lehrt uns ein
untrügliches Mittel wider Selbstbetrug und Ansteckung mit fremder Torheit
darbietet einer Philosophie in welcher niemand ohne Nachteil ganz ein
Fremdling sein kann aber welche in vorzüglichem Verstande die Wissenschaft
der Könige ist
    Überzeugt von dieser Wahrheit widmen Sie Bester der Könige einen Teil der
Stunden welche die unmittelbare Ausübung Ihres verehrungswürdigen Amtes Ihnen
übrig lässt der nützlichen und ergetzenden Beschäftigung Sich mit den
Merkwürdigkeiten der vergangenen Zeiten bekannt zu machen die Veränderungen der
Staaten in den Menschen die Menschen in ihren Handlungen die Handlungen in den
Meinungen und Leidenschaften und in dem Zusammenhang aller dieser Ursachen den
Grund des Glückes und des Elendes der menschlichen Gattung zu erforschen
    Irre ich nicht so ist die Geschichte der Könige von Scheschian welche ich
hier zu Ihrer Majestät Füßen lege nicht ganz unwürdig unter die ernstaften
Ergetzungen aufgenommen zu werden bei welchen Ihr niemals untätiger Geist von
der Ermüdung höherer Geschäfte auszuruhen pflegt Große dem ganzen
Menschengeschlecht angelegene Wahrheiten merkwürdige Zeitpunkte lehrreiche
Beispiele und eine getreue Abschilderung der Irrungen und Ausschweifungen des
menschlichen Verstandes und Herzens scheinen mir diese Geschichte vor vielen
andern ihrer Art auszuzeichnen und ihr den Titel zu verdienen womit das hohe
OberPolizeiGericht von Sina sie beehrt hat eines Spiegels worin sich die
natürlichen Folgen der Weisheit und der Torheit in einem so starken Lichte mit
so deutlichen Zügen und mit so warmen Farben darstellen dass derjenige in einem
seltenen Grade weise und gut  oder töricht und verdorben sein müsste der durch
den Gebrauch desselben nicht weiser und besser sollte werden können
    Hingerissen von der Begierde den Augenblick von Dasein den uns die Natur
auf diesem Schauplatze bewilliget wenigstens mit einem Merkmale meines guten
Willens für meine Nebengeschöpfe zu bezeichnen hab ich mich der Arbeit
unterzogen dieses merkwürdige Stück alter Geschichte aus der indischen Sprache
in die unsrige überzutragen und in dieses Bewusstsein einer redlichen Gesinnung
eingehüllt überlass ich dieses Buch und mich selbst dem Schicksale dessen
Unvermeidlichkeit mehr Tröstendes als Schreckendes für den Weisen hat ruhig
unter dem Schutz eines Königs der die Wahrheit liebt und die Tugend ehrt
glücklich durch die Freundschaft der Besten unter meinen Zeitgenossen und so
gleichgültig als es ein Sterblicher sein kann gegen   1
 
                                   Einleitung
Alle Welt kennt den berühmten Sultan von Indien SchachRiar der aus einer
wunderlichen Eifersucht über die Negern seines Hofes alle Nächte eine Gemahlin
nahm und alle Morgen eine erdrosseln ließ und der so gern Märchen erzählen
hörte dass ihm in tausend und einer Nacht kein einziges Mal einfiel die
unerschöpfliche Scheherezade durch irgend eine Ausrufung Frage oder Liebkosung
zu unterbrechen so viele Gelegenheit sie ihm auch dazu zu geben beflissen war
    Ein so unüberwindliches Phlegma war nicht die Tugend oder der Fehler seines
Enkels SchachBaham der wie jedermann weiß durch die weisen und
scharfsinnigen Anmerkungen womit er die Erzählungen seiner Visire zu würzen
pflegte ungleich berühmter in der Geschichte geworden ist als sein erlauchter
Großvater durch sein Stillschweigen und seine Untätigkeit SchachRiar gab
seinen Höflingen Ursache eine große Meinung von demjenigen zu fassen was er
hätte sagen können wenn er nicht geschwiegen hätte aber sein Enkel hinterließ
den Ruhm dass es unmöglich sei und ewig unmöglich bleiben werde solche
Anmerkungen oder Reflexionen wie er sie zu nennen geruhte zu machen wie
SchachBaham
    Wir haben uns alle Mühe gegeben die Ursache zu entdecken warum die
Schriftsteller denen wir das Leben und die Taten dieser beiden Sultanen zu
danken haben von SchachRiars Sohne dem Vater SchachBahams mit keinem Wort
Erwähnung tun aber wir sind nicht so glücklich gewesen einen andern Grund davon
ausfündig zu machen als  weil sich in der Tat nichts von ihm sagen ließ Der
einzige Chronikschreiber der seiner gedenkt lässt sich also vernehmen »Sultan
Lolo« sagt er »vegetierte einundsechzig Jahre Er aß täglich viermal mit
bewundernswürdigem Appetit und außer diesem und einer sehr zärtlichen Liebe zu
seinen Katzen hat man niemals einige besondere Neigung zu etwas an ihm
wahrnehmen können Die Derwischen und die Katzen sind die einzigen Geschöpfe in
der Welt welche Ursache haben sein Andenken zu segnen Denn er ließ ohne
jemals recht zu wissen warum zwölfhundertundsechsunddreissig neue
Derwischereien jede zu sechzig Mann in seinen Staaten erbauen machte in allen
größeren Städten des indostanischen Reiches Stiftungen worin eine gewisse Anzahl
Katzen verpflegt werden musste und sorgte für diese und jene so gut dass man in
ganz Asien keine fettern Derwischen und Katzen sieht als die von seiner
Stiftung2 Er zeugte übrigens zwischen Wachen und Schlaf einen Sohn der ihm
unter dem Namen SchachBaham in der Regierung folgte und starb an einer
Unverdaulichkeit« So weit dieser Chronikschreiber der einzige der von Sultan
Lolo Meldung tut und in der Tat wir besorgen was er von ihm sagt ist noch
schlimmer als gar nichts
    Sein Sohn SchachBaham hatte das Glück bis in sein vierzehntes Jahr von
einer Amme erzogen zu werden deren Mutter eben dieses ehrenvolle Amt bei der
unnachahmlichen Scheherezade verwaltet hatte Alle Umstände mussten sich
vereinigen diesen Prinzen zum unmässigsten Liebhaber von Märchen den man je
gekannt hat zu machen Nicht genug dass ihm der Geschmack daran mit der ersten
Nahrung eingeflößt und der Grund seiner Erziehung mit den weltberühmten Märchen
seiner Großmutter gelegt wurde das Schicksal sorgte auch dafür ihm einen
Hofmeister zu geben der sich in den Kopf gesetzt hatte dass die ganze Weisheit
der Ägypter Chaldäer und Griechen in Märchen eingewickelt liege
    Es herrschte damals die löbliche Gewohnheit in Indien sich einzubilden der
Sohn eines Sultans Rajas Omras oder irgend eines andern ehrlichen Mannes von
Ansehen und Vermögen könne von niemand als von einem Fakir erzogen werden Wo
man einen jungen Menschen von Geburt erblickte durfte man sicher darauf
rechnen dass ihm ein Fakir an der Seite hing der auf alle seine Schritte
Reden Mienen und Gebärden Acht haben und sorgfältig verhüten musste dass der
junge Herr nicht  zu vernünftig werde Denn es war eine durchgängig angenommene
Meinung dass einer starken Leibesbeschaffenheit einer guten Verdauung und der
Fähigkeit sein Glück zu machen nichts so nachteilig sei als viel denken und
viel wissen und man muss es den Derwischen Fakirn Santonen Braminen Bonzen
und Talapoinen der damaligen Zeiten nachrühmen dass sie kein Mittel unversucht
ließ die Völker um den Indus und Ganges vor einem so schädlichen Übermasse zu
bewahren Es war einer von ihren Grundsätzen gegen die es gefährlich war
Zweifel zu erregen Niemand müsse klüger sein wollen als seine Großmutter
    Man wird nun begreifen wie SchachBaham bei solchen Umständen ungefähr der
Mann werden musste der er war Man hat bisher geglaubt die einsichtsvollen
Betrachtungen die abgebrochenen und mit viel bedeutenden Mienen begleiteten 
»das dacht ich gleich«  »ich sage nichts aber ich weiß wohl was ich weiß« 
oder »doch was kümmert das mich« und andre dergleichen weise Sprüche an denen
er einen eben so großen Überfluss hat als Sancho Pansa an Sprichwörtern  nebst
seinem Widerwillen gegen das was er Moral und Empfindung spinnen nennt wären
bloße Wirkungen seines Genies gewesen Aber einem jeden das Seine Man kann
sicher glauben dass der Fakir sein Hofmeister keinen geringen Anteil daran
hatte
    Der Sohn und Erbe dieses würdigen Sultans SchachDolka glich seinem Vater
an Fähigkeit und Neigungen beinahe in allen Stücken ein einziges ausgenommen
Er war nämlich ein erklärter Feind von allem was einem Märchen gleich sah und
setzte diesem Hass um so weniger Grenzen da er bei Lebzeiten des Sultans seines
Vaters genötigt gewesen war ihn aufs sorgfältigste zu verbergen Wir würden
uns nach dem Beispiele vieler berühmter Schriftsteller über diese Ausartung
gar sehr verwundern wenn uns nicht deuchte dass es ganz natürlich damit
zugegangen sei Sultan Dolka hatte in dem Zimmer der Sultanin seiner Mama wo
SchachBaham die Abende mit Papierausschneiden und Anhören lehrreicher
Historien von beseelten Sofas politischen Bals und empfindsamen Gänschen in
rosenfarbem Domino zuzubringen pflegte von seiner Kindheit an so viele Märchen
zu sich nehmen müssen dass er sich endlich einen Ekel daran gehört hatte Dies
war das ganze Geheimnis und uns deucht es ist nichts darin worüber man sich
so sehr zu verwundern Ursache hätte
    Vermutlich ist aus dieser tödlichen Abneigung vor den Erzählungen des Visirs
Moslem die außerordentliche Ungnade zu erklären welche er auf die Philosophie
und überhaupt auf alle Bücher sie mochten auf Pergament oder Palmblätter
geschrieben sein geworfen hatte eine Ungnade die so weit ging dass er nur mit
der äußersten Schwierigkeit zurück gehalten werden konnte nicht etwa bloß die
Poeten wie Plato sondern alle Leute welche lesen und schreiben konnten aus
seiner Republik zu verbannen selbst die Matematiker und Sterngucker nicht
ausgenommen welche ihm wegen der aerometrischen und astronomischen Erfindungen
des Königs Strauss im Herzen zuwider waren Man sagt von ihm als der vorbelobte
Visir die Geschichte des Krieges zwischen dem Genie Grüner als Gras und dem
Könige der grünen Länder in seiner Gegenwart erzählt habe hätte der junge
Prinz der damals kaum siebzehn Jahre alt war bei der Stelle wo der
Perückenkopf einen der vollständigsten Siege über den König Strauss erhält sich
nicht enthalten können auszurufen »Das soll mir niemand weismachen dass jemals
ein Perückenkopf den Verstand gehabt hätte eine Armee zu kommandieren«  Eine
Anmerkung welche wie man denken kann von allen Anwesenden begierig aufgefasst
wurde und als ein frühzeitiger Ausbruch eines seltenen Verstandes an einem noch
so zarten Prinzen mit schuldiger Bewunderung am ganzen Hofe widerschallte
    SchachDolka rechtfertigte die Hoffnung welche man sich nach solchen
Anzeigungen von seinen künftigen Eigenschaften machte auf die
ausserordentlichste Weise Der Neid selbst musste gestehen dass er seinen
Voreltern Ehre machte Er war der größte Mann seiner Zeit Distelfinken
abzurichten und in der Kunst Mäuse aus Äpfelkernen zu schneiden hat die Welt
bis auf den heutigen Tag seinesgleichen nicht gesehen Durch einen unermüdeten
Fleiss3 bracht er es in dieser schönen Kunst so hoch dass er alle Arten von
Mäusen als Hausmäuse Feldmäuse Waldmäuse Haselmäuse Spitzmäuse Wassermäuse
und Fledermäuse auch Ratten Maulwürfe und Murmeltiere mit ihren gehörigen
Unterscheidungszeichen in der äußersten Vollkommenheit verfertigte ja wenn
man dem berühmten Schek Hamet Ben Feridun Abu Hassan glauben darf so
beobachtete er sogar die Proportionen nach dem verjüngten Maßstabe mit aller der
Genauigkeit womit Herr Daubenton in seiner Beschreibung des königlichen
Naturalienkabinetts zu Paris sie zu bestimmen sich die löbliche Mühe gegeben
hat
    Außerdem wurde SchachDolka für einen der besten Kuchenbäcker seiner Zeit
gehalten wenn ihm anders seine Hofleute in diesem Stücke nicht geschmeichelt
haben und man rühmt als einen Beweis seiner ungemeinen Leutseligkeit dass er
sich ein unverbrüchliches Gesetz daraus gemacht habe an allen hohen Festen
seinen ganzen Hof mit kleinen Rahmpastetchen von seiner eigenen Erfindung und
Arbeit zu bewirten Niemals hat man einen Sultan mit Geschäften so überhäuft
gesehen als es der arme Dolka in dem ganzen Laufe seiner Regierung war Denn da
alle Könige und Fürsten gegen Morgen und Abend so glücklich sein wollten einige
Mäuse von seiner Arbeit in ihren Kunstkabinetten oder einen Finken aus seiner
Schule in ihrem Vorzimmer zu haben und da SchachDolka teils aus Gefälligkeit
teils in Rücksicht auf das launische Ding das man Ratio status nennt niemand
vor den Kopf stoßen wollte so hatte er wirklich die Stunden die er im Divan
verlieren musste mit eingezählt vom Morgen bis in die Nacht so viel zu tun dass
er kaum zu Atem kommen konnte
    Der Himmel weiß ob jemals ein anderes Volk das Glück hatte mit vier
Prinzen wie SchachRiar SchachLolo SchachBaham und SchachDolka waren in
einer unmittelbaren Folge gesegnet zu werden »O O die guten Herren die
goldnen Zeiten«  riefen ihre Omras und Derwischen
    Allein diese wackeren Leute können doch auch nicht verlangen dass es immer
nach ihrem Sinne gehen solle SchachGebal ein Bruderssohn Bahams des Weisen
wie ihn seine Lobredner nannten welcher seinem Vetter in Ermanglung eines
Leibeserben folgte  denn Dolka hatte vor lauter Arbeit keine Zeit gehabt an
diese Sache zu denken  dieser SchachGebal unterbrach eine so schöne Folge von
gekrönten guten Männern und regierte bald so gut bald so schlecht dass weder
die Bösen noch die Guten mit ihm zufrieden waren
    Wir wissen nicht ob ein Charakter wie der seinige unter regierenden Herren
so selten ist als die Feinde seines Ruhms behaupten Aber so viel können wir
mit gutem Grunde sagen dass wenn weder der Adel noch die Priester noch die
Gelehrten noch das Volk mit seiner Regierung zufrieden waren  Adel Priester
Gelehrte und Volk nicht immer so ganz Unrecht hatten
    Um eine Art von Gleichgewicht unter diesen Ständen zu erhalten beleidigte
er wechselsweise bald diesen bald jenen und der weise Pilpai selbst hätte ihm
nicht ausreden können dass man Beleidigungen durch Wohltaten nicht wieder gut
machen könne In beiden pflegte er so wenig Maß zu halten so wenig Rücksicht
auf Umstände und Folgen zu nehmen so wenig nach Grundsätzen und nach einem
festen Plane zu verfahren dass er meistens immer den Vorteil verlor den er sich
dabei vorsetzte Man wusste so viele Beispiele anzuführen wo er seine besten
Freunde misshandelt hatte um die übelgesinntesten Leute mit Gnaden zu
überhäufen dass es endlich zu einer angenommenen Maxime wurde es sei nützlicher
sein Feind zu sein als sein Freund Jene konnten ihn ungestraft beleidigen weil
er schwach genug war sie zu fürchten diesen übersah er auch nicht den kleinsten
Fehltritt Jene konnten eine Reihe strafwürdiger Handlungen durch eine einzige
Gefälligkeit gegen seine Leidenschaften oder Einfälle wieder gut machen diesen
half es nichts ihm zwanzig Jahre lang die stärksten Proben von Treue und
Anhänglichkeit gegeben zu haben wenn sie am ersten Tage des einundzwanzigsten
das Unglück hatten sich durch irgend ein nichtsbedeutendes Versehen seinen
Unwillen zuzuziehen
    Den Priestern soll er überhaupt nicht sehr hold gewesen sein wenigstens
kann man nicht leugnen dass die Derwischen Fakirn und Kalender welche er nur
die Hummeln seines Staats zu nennen pflegte der gewöhnlichste Gegenstand seiner
bittersten Spöttereien waren Er neckte und plagte sie bei jeder Gelegenheit
aber weil er sie für gefährliche Leute hielt so fürchtete er sie und weil er
sie fürchtete so fand er selten so viel Mut in sich ihnen etwas abzuschlagen
Der ganze Vorteil den er von diesem Betragen zog war dass sie sich ihm für
seine Gefälligkeiten wenig verbunden achteten weil sie gar zu wohl wussten wie
wenig sein guter Wille Anteil daran hatte Sie rächten sich für die unschädliche
Verachtung die er ihnen zeigte durch den Verdruss den sie ihm bei hundert
bedeutenden Gelegenheiten durch ihre geheimen Ränke und Aufstiftungen zu machen
wussten Sein Hass gegen sie wurde dadurch immer frisch erhalten aber die
Schlauköpfe hatten ausfündig gemacht dass er sie fürchte und diese Wahrnehmung
wussten sie so wohl zu benutzen dass ihnen seine wärmste Zuneigung kaum
einträglicher gewesen wäre Sie hatten die Klugheit wenig oder keine
Empfindlichkeit über die kleinen Freiheiten zu zeigen die man sich unter seiner
Regierung mit ihnen heraus nehmen durfte Man mag von uns sagen was man will
dachten sie wenn wir nur tun dürfen was wir wollen
    SchachGebal hatte weniger Leidenschaften als Aufwallungen Er war ein Feind
von allem was anhaltende Aufmerksamkeit und Anstrengung des Geistes erfoderte
Wenn dasjenige was seine Hofleute die Lebhaftigkeit seines Geistes nannten
nicht allezeit Witz war so weiß man dass es bei einem Sultan so genau nicht
genommen wird aber er wusste doch den Witz bei andern zu schätzen und so
tödlich er die langen Reden seines Kanzlers hasste so hatte er doch Augenblicke
wo man ihm scherzend auch wenig schmeichelnde Wahrheiten sagen durfte Er wollte
immer von aufgeweckten Geistern umgeben sein Ein schimmernder Einfall hieß ihm
allezeit ein guter Einfall allein dafür fand er auch den besten Gedanken platt
der sonst nichts als Verstand hatte Nach Grundsätzen zu denken oder nach einem
Plane zu handeln war in seinen Augen Pedanterei und Mangel an Genie Seine
gewöhnliche Weise war ein Geschäft anzufangen und dann die Maßregeln von
seiner Laune oder vom Zufall zu nehmen So pflegten die witzigen Schriftsteller
seiner Zeit ihre Bücher zu machen
    Er hatte ein paar vortreffliche Männer in seinem Divan Er kannte und ehrte
ihre Klugheit ihre Einsichten ihre Redlichkeit aber zum Unglück konnte er
ihre Miene nicht leiden Sie besaßen eine gründliche Kenntnis der
Regierungskunst und des Staats aber sie hatten wenig Geschmack sie konnten
nicht scherzen sie waren zu nichts als zu ernstaften Geschäften zu gebrauchen
und SchachGebal liebte keine ernstaften Geschäfte Warum hatten die ehrlichen
Männer die Gabe nicht der Weisheit ein lachendes Ansehen zu geben  Oder
konnten sie sich nur nicht entschließen ihr zuweilen die Schellenkappe
aufzusetzen Desto schlimmer für sie und den Staat SchachGebal unternahm zwar
selten etwas ohne ihren Rat aber er folgte ihm während seiner ganzen Regierung
nur zweimal und beide Mal  da es zu spät war
    Es war eine seiner Lieblingsgrillen dass er durch sich selbst regieren
wollte Die Könige welche sich durch einen Minister einen Verschnittenen
einen Derwischen oder eine Mätresse regieren ließ waren der tägliche
Gegenstand seiner Spöttereien Gleichwohl versichern uns die geheimen
Nachrichten dieser Zeit dass sein erster Iman und eine gewisse schwarzaugige
Tschirkassierin die ihm unentbehrlich geworden war alles was sie gewollt aus
ihm gemacht hätten Wir würden es für Verleumdungen halten wenn wir seine
Regierung nicht mit Handlungen bezeichnet sähen wovon der Entwurf nur in der
Zirbeldrüse eines Imans oder in der Phantasie einer schwarzaugigen
Tschirkassierin entstehen konnte
    SchachGebal war kein kriegerischer Fürst aber er sah seine Leibwache gern
schön geputzt hörte seine Emirn gern von Feldzügen und Belagerungen reden und
las die Oden nicht ungern worin ihn seine Poeten über die Cyrus und Alexander
erhoben wenn er bei Gelegenheit eine Festung ihrem Kommendanten abgekauft oder
seine Truppen einen zweideutigen Sieg über Feinde die noch feiger oder noch
schlechter angeführt waren als sie selbst erhalten hatten Es war eine von
seinen großen Maximen ein guter Fürst müsse Frieden halten solange die Ehre
seiner Krone nicht schlechterdings erfodere dass er die Waffen ergreife Aber
das half seinen Untertanen wenig er hatte nichts desto weniger immer Krieg
Denn der Mann im Monde hätte mit dem Mann im Polarstern in einen Zwist geraten
können SchachGebal mit Hilfe seines Itimadulet4 würde Mittel gefunden haben
die Ehre seiner Krone dabei betroffen zu glauben
    Niemals hat ein Fürst mehr weggeschenkt als Gebal Aber da er sich die Mühe
nicht nehmen wollte zu untersuchen oder nur eine Minute lang zu überlegen wer
an seine Wohltaten das meiste Recht haben möchte so fielen sie immer auf
diejenigen die zunächst um ihn waren und zum Unglück konnten sie gemeiniglich
nicht schlechter fallen
    Überhaupt liebte er den Aufwand Sein Hof war unstreitig der prächtigste in
Asien Er hatte die besten Tänzerinnen die besten Gaukler die besten
Jagdpferde die besten Köche die witzigsten Hofnarren die schönsten Pagen und
Sklavinnen die größten Trabanten und die kleinsten Zwerge die jemals ein
Sultan gehabt hat und seine Akademie der Wissenschaften war unter allen
diejenige worin man die sinnreichsten Antrittsreden und die höflichsten
Danksagungen hielt Es gehörte ohne Zweifel zu seinen rühmlichen Eigenschaften
dass er alle schöne Künste liebte aber es ist auch nicht zu leugnen dass er
dieser Neigung mehr nachhing als mit dem Besten seines Reiches bestehen konnte
Man will ausgerechnet haben dass er eine seiner schönsten Provinzen zur Einöde
gemacht um eine gewisse Wildnis welche allen Anstrengungen der Kunst Trotz zu
bieten schien in eine bezauberte Gegend zu verwandeln und dass es ihm
wenigstens hunderttausend Menschen gekostet habe um seine Gärten mit Statuen zu
bevölkern Berge wurden versetzt Flüsse abgeleitet und unzählige Hände von
nützlichern Arbeiten weggenommen um einen Plan auszuführen wobei die Natur
nicht zu Rate gezogen worden war Die Fremden welche dieses Wunder der Welt
anzuschauen kamen reisten durch übel angebaute und entvölkerte Provinzen
durch Städte deren Mauern einzufallen drohten auf deren Gassen Gerippe von
Pferden graseten und worin die Wohnungen den Ruinen einer ehmaligen Stadt und
die Einwohner Gespenstern glichen die in diesen verödeten Gemäuern spükten
Aber wie angenehm wurden diese Fremden auf einmal von dem Anblicke der
künstlichen Schöpfungen überrascht welche SchachGebal seinem Stolz und den
schönen Augen seiner Tschirkassierin zu Gefallen wie aus nichts hatte hervor
gehen heißen Ganze Gegenden durch welche sie gekommen waren lagen verödet
aber hier glaubten sie in einem entzückenden Traum in die Zaubergärten der
Peris versetzt zu sein Man konnte nichts Schlechteres sehen als die
Landstraßen auf denen sie oft ihr Leben hatten wagen müssen aber wie reichlich
wurde ihnen dieses Ungemach ersetzt Die Wege zu seinem Lustschlosse waren mit
kleinen bunten Steinen eingelegt
    Bei allem diesem sprach SchachGebal gern von Ökonomie und die beste unter
allen möglichen Einrichtungen des Finanzwesens war eine Sache worüber er seine
ganze Regierung durch raffinierte und die ihm wirklich mehr kostete als wenn
er den Stein der Weisen gesucht hätte Eine neue Spekulation war der kürzeste
Weg sich bei ihm in Gnade zu setzen auch bekam er deren binnen wenig Jahren so
viele dass sie schichtenweise in seinem Kabinett aufgetürmt lagen wo er sich
zuweilen die Zeit vertrieb die Titel und die Vorberichte davon zu überlesen
Alle Jahre wurde ein neues System eingeführt oder doch irgend eine nützliche
Veränderung gemacht das ist eine Veränderung die wenigstens einigen welche
die Hand dabei hatten nützlich war und die Früchte davon zeigten sich
augenscheinlich Kein Monarch in der Welt hatte mehr Einkünfte auf dem Papier
und weniger Geld in der Kasse Dies kann unter gewissen Bedingungen das
Meisterstück einer weisen Administration sein aber in SchachGebals seiner war
es wohl ein Fehler denn der größte Teil seiner Untertanen befand sich nicht
desto besser dabei Indessen war er nicht dazu aufgelegt durch seine Fehler
klüger zu werden denn er betrog sich immer in den Ursachen Der erste der mit
einem neuen Projekt aufzog beredete ihn er wisse es besser als seine Vorgänger
und so nahm das Übel immer zu ohne dass Gebal jemals dazu gelangen konnte die
Quelle davon zu entdecken
    Wenn man diese Züge des Charakters und der Regierung des Sultans Gebal
zusammen nimmt so könnte man auf die Gedanken geraten das Glück seiner
Untertanen müsse im ganzen betrachtet nur sehr mittelmäßig gewesen sein In
der Tat ist dies auch das gelindeste was man davon sagen kann Allein seine
Untertanen wurden mehr als zu sehr dadurch gerochen dass ihr Sultan bei aller
seiner Herrlichkeit nicht glücklicher war als der unzufriedenste unter ihnen
    Diese Erfahrung war für ihn ein Problem worüber er oft in tiefes Nachsinnen
geriet ohne jemals die Auflösung davon finden zu können Auf dem Wege wo er
sie suchte hätte er sie ewig vergebens suchen mögen Denn der Einfall sie in
sich selbst zu suchen war gerade der einzige der ihm unter allen möglichen nie
zu Sinne kam Bald dacht er die Schuld liege an seinen Omras bald an seinem
Mundkoche bald an seiner Favoritin er schaffte sich andere Omras andere Köche
und eine andere Favoritin an aber das wollte alles nicht helfen Es fiel ihm
ein dass er einmal dieses oder jenes habe tun wollen welches bisher
unterblieben war Gut dacht er das muss es sein Er unternahm es amüsierte
sich damit bis es fertig war und  fand sich betrogen Ursache genug für einen
Sultan verdrießlich zu werden Aber er hatte deren noch andre die einen
weisern Mann als er war aus dem Gleichgewichte hätten setzen können Die Händel
die ihm seine Priester machten die Intrigen seines Serails die Zwistigkeiten
seiner Minister die Eifersucht seiner Sultaninnen das häufige Unglück seiner
Waffen der erschöpfte Zustand seiner Finanzen und was noch schlimmer als dies
alles zu sein pflegt das Missvergnügen seines Volkes welches zuweilen in
gefährliche Unruhen auszubrechen drohte  alles dies vereinigte sich ihm ein
Leben zu verbittern welches denen die es nur von ferne sahen beneidenswürdig
vorkam SchachGebal hatte mehr schlaflose Nächte als alle Tagelöhner seines
Reichs zusammen Alle Zerstreuungen und Ergetzlichkeiten womit man diesem Übel
zu begegnen gesucht hatte wollten nichts mehr verfangen Seine schönsten
Sklavinnen seine besten Sänger seine wundertätigsten Luftspringer seine
Witzlinge und seine Affen selbst verloren ihre Mühe dabei
    Endlich brachte eine Dame des Serails eine erklärte Verehrerin der großen
Scheherezade die Märchen der Tausend und Einen Nacht in Vorschlag Aber
SchachGebal hatte die Gabe nicht denn wirklich ist sie ein Geschenk der Natur
und keines ihrer schlechtesten der wunderbaren Lampe des Schneiders Aladdin
Geschmack abzugewinnen oder die weißen blauen gelben und roten Fische amüsant
zu finden welche sich ohne ein Wort zu sagen in der Pfanne braten lassen bis
sie auf einer Seite gar sind aber sobald man sie umkehrt und eine
wunderschöne Dame in beblümten Atlas von ägyptischer Fabrik gekleidet mit
großen diamantnen Ohrengehängen mit einem Halsbande von großen Perlen und mit
rubinenreichen goldnen Armbändern geschmückt aus der Mauer hervor springt die
Fische mit einer Myrtenrute berührt und die Frage an sie tut Fische Fische
tut ihr eure Schuldigkeit alle zugleich die Köpfe aus der Pfanne heben das
einfältigste Zeug von der Welt antworten und dann plötzlich zu Kohlen werden
SchachGebal anstatt dergleichen Historien wie sein glorwürdiger Ältervater
mit glaubigem Erstaunen und innigstem Vergnügen anzuhören wurde so ungehalten
darüber dass man mitten in der Erzählung aufhören musste Man versuchte es also
mit den Märchen des Visirs Moslem in welchen unstreitig ein großes Teil mehr
Witz und unendliche Mal mehr Verstand und Weisheit unter dem Schein der
äußersten Frivolität verborgen ist Aber SchachGebal hasste die dunkeln Stellen
darin nicht weil sie dunkel sondern weil sie nicht noch dunkler waren denn er
hatte wirklich zu viel gesunden Geschmack um an Unrat so fein er auch
zubereitet war Gefallen zu finden und überhaupt deuchte ihm die mehr
wollüstige als zärtliche Fee Alles oder Nichts mit ihrer Prüderie und mit ihren
Experimenten der Pedant Tacitürne mit seiner Geometrie der König Strauss mit
seiner albernen Politik und mit seiner Barbierschüssel und das ungeheure
Mittelding von Galanterie und Ziererei die Königin der kristallnen Inseln mit
allem was sie sagte tat und nicht tat ganz unerträgliche Geschöpfe Er
erklärte sich dass er keine Erzählungen wolle wofern sie nicht ohne darum
weniger unterhaltend zu sein sittlich und anständig wären auch verlangte er
dass sie wahr und aus beglaubten Urkunden gezogen sein und was er für eine
wesentliche Eigenschaft der Glaubwürdigkeit hielt dass sie nichts Wunderbares
enthalten sollten denn davon war er jederzeit ein erklärter Feind gewesen
Dieses brachte die beiden Omras deren wir vorhin als wohl denkender Männer
Erwähnung getan haben auf den Einfall aus den merkwürdigsten Begebenheiten
eines ehmaligen benachbarten Reichs eine Art von Geschichtbuch verfertigen zu
lassen woraus man ihm wenn er zu Bette gegangen wäre vorlesen sollte bis er
einschliefe oder nichts mehr hören wollte Der Einfall schien um so viel
glücklicher zu sein als er Gelegenheiten herbeiführte dem Sultan mit guter Art
Wahrheiten beizubringen die man auch ohne Sultan zu sein sich nicht gern
geradezu sagen lässt
    Man dachte also unverzüglich an die Ausführung und da man den besten Kopf
von ganz Indostan welches freilich in Vergleichung mit europäischen Köpfen
nicht viel sagt dazu gebrauchte so kam in kurzer Zeit dieses gegenwärtige Werk
zu Stande welches HiangFuTsee ein wenig bekannter Schriftsteller in den
letzten Jahren des Kaisers TaiTsu unter dem Namen des goldnen Spiegels ins
Sinesische  der ehrwürdige Vater JGADGJ aus dem Sinesischen in sehr
mittelmässiges Latein und der gegenwärtige Herausgeber aus einer Kopie der
lateinischen Handschrift in so gutes Deutsch als man im Jahre 1772 zu
schreiben pflegte überzutragen würdig gefunden hat
    Aus dem Vorberichte des sinesischen Übersetzers lässt sich schließen dass
sein Buch eigentlich nur eine Art von Auszug aus der Chronik der Könige von
Scheschian ist welche zur Ergetzung und Einschläferung des Sultans Gebal
verfertigt worden war Er verbirgt nicht dass seine vornehmste Absicht gewesen
den Prinzen aus dem Hause des Kaisers TaiTsu damit zu dienen denen es wie er
meint unter dem Schein eines Zeitvertreibs Begriffe und Maximen einflößen
könnte von deren Gebrauch oder Nichtgebrauch das Glück der sinesischen
Provinzen größten Teils abhangen dürfte So alt diese Wahrheiten sind sagt er
so scheint es doch dass man sie nicht oft genug wiederholen könne Sie gleichen
einer herrlichen Arznei welche aber so beschaffen ist dass sie nur durch
häufigen Gebrauch wirken kann Alles kommt darauf an dass man immer ein anderes
Vehikel zu ersinnen wisse damit sowohl Kranke als Gesunde denn sie kann diesen
als Präservativ wie jenen als Arznei dienen sie mit Vergnügen hinab schlingen
mögen
    Was die hier und da der Erzählung eingemischten Unterbrechungen und
Episoden besonders die Anmerkungen des Sultans Gebal betrifft so versichert
zwar HiangFuTsee er hätte sie von guter Hand und wäre völlig überzeugt dass
die letztern wirklich von besagtem Sultan herrührten allein dies hindert nicht
dass der geneigte Leser nicht davon sollte glauben dürfen was ihm beliebt
Wenigstens scheinen sie dem Charakter SchachGebals ziemlich gemäß und eben
daher würde es unbillig sein zu verlangen dass sie so sinnreich und
unterhaltend sein sollten als die Reflexionen SchachBahams des Weisen
 
                                  Erster Teil
                                        
                                       1
»Von Scheschian« rief SchachGebal »mir deucht ich kenne diesen Namen Ist es
nicht das Scheschian wo der HiofTelesTanzai König war dessen verwünschten
Schaumlöffel ihr Ihr neulich zu verschlingen geben wolltet wenn ich mich nicht
eben so stark dagegen gesträubt hätte als der Grosspriester Sogrenuzio«
    »Vermutlich Sire« sagte die schwarzaugige Tschirkassierin welche schon
vor einiger Zeit aufgehört hatte jung zu sein aber aus dem Verfall ihrer
Reizungen unter andern eine sehr angenehme Stimme davon gebracht hatte und sich
eine Angelegenheit daraus machte den Sultan noch immer so gut zu amüsieren als
es die Umstände auf beiden Seiten zulassen wollten »Ohne Zweifel Sire« sagte
sie »ist es eben dieses Scheschian denn es nötigt uns nichts deren zwei
anzunehmen da wir uns mit dem Einen ganz wohl behelfen können welches nach
dem Berichte gewisser alter Erdbeschreiber in den Zeiten seines höchsten
Wohlstandes beinahe so groß gewesen sein muss als das Reich Ihrer Majestät5 und
ostwärts« 
    »Die Geographie tut nichts zur Sache« fiel SchachGebal ein »in so fern du
mir nur dafür gut sein willst Nurmahal dass da wo deine Geschichte anfängt
die Zeit vorbei ist da die Welt von Feen beherrscht wurde Denn ich erkläre
mich ein für allemal dass ich nichts von verunglückten Hochzeitnächten von
alten Konkombern von Maulwürfen die in der geziertesten Sprache von der Welt 
nichts sagen und kurz nichts von Liebeshändeln hören will wie der witzigen
Mustasche und ihres faden Kormorans der so schöne Epigrammen macht und so
schöne Räder schlägt Mit Einem Worte Nurmahal und es ist mein völliger Ernst
keine Neadarnen und keinen Schaumlöffel«
    »Ihre Majestät können Sich darauf verlassen« versetzte Nurmahal »dass die
Feen nichts in dieser Geschichte zu tun haben sollen und was die Genien
betrifft so wissen Ihre Majestät dass man gewöhnlich sechs bis sieben Könige
hinter einander zählen kann bis man auf einen stößt der Anspruch an diesen
Namen zu machen hat«
    »Auch keine Satiren Madam wenn ich bitten darf Fangen Sie Ihre Historie
ohne Umschweife an und ihr« sagte er zu einem jungen Mirza der am Fuße seines
Bettes zu sitzen die Ehre hatte »gebt Acht wie oft ich gähne sobald ich
dreimal gegähnt habe so macht das Buch zu und gute Nacht«
»Bei irgend einem Volke« so fing die schöne Nurmahal zu lesen an »die
Geschichte seines ältesten Zustandes suchen hieße von jemand verlangen dass er
sich dessen erinnere was ihm im Mutterleibe oder im ersten Jahre seiner
Kindheit begegnet ist
    Die Einwohner von Scheschian machen keine Ausnahme von dieser Regel Sie
füllen wie alle andre Völker in der Welt den Abgrund der zwischen ihrem
Ursprung und der Epoche ihrer Geschichtskunde liegt mit Fabeln aus und diese
Fabeln sehen einander bei allen Völkern so ähnlich als man es von Geschöpfen
vermuten kann die sich auf der ersten Staffel der Menschheit befinden
Derjenige unter ihnen der zuerst die Entdeckung machte dass eine Ananas besser
schmecke als eine Gurke war ein Gott in den Augen seiner Nachkommen
    Die alten Scheschianer glaubten dass ein großer Affe sich die Mühe genommen
habe ihren Voreltern die ersten Kenntnisse von Bequemlichkeit Künsten und
geselliger Lebensart beizubringen«
    »Ein Affe« rief der Sultan »eure Scheschianer sind sehr demütig den Affen
diesen Vorzug über sich einzuräumen«
    »Diejenigen bei denen dieser Glaube aufkam dachten vermutlich nicht so
weit« erwiderte die schöne Nurmahal
    »Ohne Zweifel« sagte der Sultan »aber was ich wissen möchte ist gerade
was für Leute das waren bei denen ein solcher Glaube aufkommen konnte«
    »Sire davon sagt die Chronik nichts Aber wenn es einer Person meines
Geschlechts erlaubt sein könnte über einen so gelehrten Gegenstand eine
Vermutung zu wagen so würde ich sagen dass mir nichts begreiflicher vorkommt
Kein Glaube ist jemals so ungereimt gewesen zu welchem nicht etwas Wahres den
Grund gelegt haben sollte Konnte nicht ein Affe die ältesten Scheschianer etwas
gelehrt haben wenn es auch nur die Kunst auf einen Baum zu klettern und Nüsse
aufzuknacken gewesen wäre Denn so leicht uns diese Künste jetzt scheinen so
ist doch viel eher zu vermuten dass die Menschen sie den Affen als dass die
Affen sie den Menschen abgelernt haben«
    »Die schöne Sultanin philosophiert sehr richtig« sagte Doktor Danischmend
derjenige von den Philosophen des Hofes den der Sultan am liebsten um sich
leiden mochte weil er in der Tat eine der guterzigsten Seelen in der Welt war
und der daher die Gnade genoss nebst dem vorerwähnten Mirza diesen Vorlesungen
beizuwohnen »Es ist nicht zu vermuten« setzte er hinzu »dass die ersten
Menschen in Scheschian scharfsinniger gewesen sein sollten als Isanagi No
Mikotto einer von den japanischen Götterkönigen von welchem ihre Geschichte
versichert dass er die Kunst mit seiner Gemahlin Ysanami nach der Weise der
Sterblichen zu verfahren von dem Vogel Isiatadakki abgesehen habe«6
    SchachGebal schüttelte man weiß nicht warum den Kopf bei dieser
Anmerkung und Nurmahal ohne den Einfall des Philosophen Danischmend eines
Errötens zu würdigen fuhr also fort
    »In dem ersten Zeitpunkte wo die Geschichte von Scheschian zuverlässig zu
werden anfängt fand sich die Nation in eine Menge kleiner Staaten zerstückelt
die von eben so vielen kleinen Fürsten regiert wurden so gut es gehen wollte
Alle Augenblicke fiel es zweien oder dreien von diesen Potentaten ein den
vierten mit einander auszurauben wenn sie mit ihm fertig waren zerfielen sie
über der Teilung unter sich selbst und dann pflegte der fünfte zu kommen und
sie auf einmal zu vergleichen indem er bis zu Austrag der Sache den Gegenstand
des Streits in Verwahrung nahm
    Diese Befehdungen dauerten zu großem Nachteile der armen Scheschianer so
lange bis etliche von den schwächsten den Vorschlag taten dass sich die
sämtlichen Rajas um der allgemeinen Sicherheit willen einem gemeinschaftlichen
Oberhaupte unterwerfen sollten Die mächtigsten ließ sich diesen Vorschlag
belieben weil jeder Hoffnung hatte dass die Wahl auf ihn selbst fallen würde
Aber kaum war diese entschieden so fand sich dass man nicht das beste Mittel
die Ruhe herzustellen gewählt hatte
    Der neue König war des Vorzugs würdig den ihm die Nation beigelegt hatte
Die Achtung für seine persönlichen Verdienste unterstützte eine Zeit lang seine
Bemühungen und Scheschian genoss einen Augenblick von Glückseligkeit den er
dazu anwandte Gesetze zu entwerfen welche der große KonFuTsee nicht besser
hätte machen können Gesetze denen um vollkommen zu sein nichts abging als
dass sie nicht wie man von den Bildsäulen eines gewissen alten Künstlers sagt
von selbst gingen das ist dass es von der Willkür der Untertanen abhing sie zu
halten oder nicht zu halten Freilich waren auf die Übertretung derjenigen von
deren Beobachtung die Ruhe und der Wohlstand des Staats schlechterdings abhing
schwere Strafen gesetzt aber der König hatte keine Gewalt sie zu vollziehen
Wenn einer von seinen Rajas zum Gehorsam gebracht werden sollte so musste er
einem andern auftragen den Raja dazu zu nötigen und auf diese Weise blieben
immer die gerechtesten Urteile unvollzogen Denn keine Krähe hackt der andern
die Augen aus sagt der König Dagobert«7
    »Wer war dieser König Dagobert« fragte der Sultan den Philosophen
Danischmend
    Danischmend hatte bei allen seinen vermeintlichen oder wirklichen Vorzügen
einen Fehler der so wenig er an sich selbst zu bedeuten hat in gewissen
Umständen genug ist den besten Kopf zu Schanden zu machen Niemals konnte er
eine Antwort auf eine Frage finden auf die er sich nicht versehen hatte Dieser
Fehler hätte ihm vielleicht noch übersehen werden können aber er vergrößerte
ihn insgemein durch einen andern der in der Tat einem Manne von seinem Geiste
nicht zu verzeihen war Fragte ihn zum Exempel der Sultan etwas das ihm
unbekannt war so stutzte er entfärbte sich öffnete den Mund und staunte als
ob er sich darauf besänne man hoffte von Augenblick zu Augenblick dass er
losdrücken würde und man konnt es ihm daher um so viel weniger vergeben wenn
er endlich die Erwartung worin man so lange geschwebt hatte mit einem
armseligen das weiß ich nicht betrog weil er wie man dachte dies eben sowohl
im ersten Augenblicke hätte sagen können Dies war nun gerade der Fall worin er
sich jetzt befand kein Mensch in der Welt war ihm unbekannter als der König
Dagobert
    »Ich hatte Unrecht eine solche Frage an einen Philosophen zu tun« sagte
der Sultan etwas missvergnügt »lasst meinen Kanzler kommen«
    Der Kanzler war ein großer dicker Mann welcher unter andern rühmlichen
Eigenschaften gerade so viel Witz hatte als er brauchte um auf jede Frage eine
Antwort bereit zu halten
    »Herr Kanzler wer war der König Dagobert« fragte der Sultan »Sire«
antwortete der Kanzler ganz ernstaft indem er mit der rechten Hand seinen
Wanst und mit der linken seinen Knebelbart strich »es war ein König der vor
Zeiten in einem gewissen Lande regierte das man auf keiner indostanischen
Landkarte findet vermutlich weil es so klein war dass man nicht sagen konnte
welches die Nord und welches die SüdSeite davon sei«
    »Sehr wohl Herr Kanzler Und was sagte der König Dagobert« »Meistens
nichts« versetzte der Kanzler »wenn es nicht im Schlafe geschah welches ihm
zuweilen in seinem Divan begegnete Sein Kanzler der wegen seines kurzen
Gesichts nicht immer gewahr wurde ob der König wachte oder schlummerte nahm
etlichemal das was er im Schlafe gesagt hatte für Befehle auf und fertigte
sie auf der Stelle aus und was das Sonderbarste ist die Geschichtschreiber
versichern dass diese nämlichen Verordnungen unter allen welche während seiner
Regierung heraus gekommen die klügsten gewesen seien«
    »Gute Nacht Herr Kanzler« sagte SchachGebal
    »Man muss gestehen« dachte der Kanzler im Weggehen »dass die Sultanen
zuweilen wunderliche Fragen an die Leute tun«
    »Es ist eine schöne Sache um einen sinnreichen Kanzler« fuhr der Sultan
fort nachdem sich der seinige zurückgezogen hatte »Ich weiß wohl Nurmahal
Ihr seid ihm nie gewogen gewesen und wenn ich günstiger für ihn denke so
geschieht es gewiss nicht weil ich ihn nicht kenne Ich weiß dass er mit aller
abgezirkelten Formalität seiner ganzen Person welche ein lebendiger Inbegriff
aller Gesetze Ordonnanzen alten Gewohnheiten und neuen Missbräuche meines
Reichs ist im Grunde doch nur ein Intrigenmacher ein falscher unruhiger
unersättlicher rachgieriger Bube und ein heimlicher Feind aller Leute ist von
denen ihm sein Instinkt sagt dass sie mehr wert sind als er Überdies weiß ich
dass er sich von einem schelmischen kleinen Fakir regieren lässt der ihm
weisgemacht hat er besitze ein Geheimnis ihn sicher über die Brücke die nicht
breiter ist als die Schärfe eines Schermessers hinüber zu bringen Aber wenn er
noch zehnmal schlimmer wäre als er ist so müsst ich ihm um der Gabe willen hold
sein die er hat auf jede Frage so unerwartet und unbequem sie ihm sein mag
eine Antwort aus dem Ärmel zu schütteln die er euch mit einer so unverschämten
Ernsthaftigkeit für gut gibt dass man gern oder nicht damit zufrieden sein
muss  Aber wir vergessen dem König Dagobert und meinem Kanzler zu Gefallen
den armen König von Scheschian und das ist nicht billig Der gute Mann dauert
mich wiewohl es in der Tat seine eigene Schuld ist wenn ihm seine Leute wie
die Frösche dem König Klotz mitspielen Wie konnt es ihm einfallen auf solche
Bedingungen König zu sein«
    »Ihre Hoheit« sagte Nurmahal »werden ihm diesen Einfall vielleicht zugute
halten wenn Sie bedenken dass die Nation einen König haben wollte und dass es
alles überlegt doch immer besser ist dieser König selbst zu sein als es einem
andern zu überlassen Er konnte doch immer mit einiger Wahrscheinlichkeit
hoffen dass es ihm an Gelegenheit nicht fehlen würde sein Ansehen so
eingeschränkt es anfangs war zu befestigen und zu erweitern Zudem war er ein
Mann von mehr als gemeiner Fähigkeit sein eigenes Fürstentum war eines der
beträchtlichsten und an der Spitze der Partei die ihn auf den Thron erhob
konnt er sich schmeicheln alles zu vermögen«
    »Und dennoch schmeichelte er sich zu viel«
    »Wie hätt es anders gehen können« versetzte die Sultanin »Seine Anhänger
erwarteten mehr Belohnungen als er geben konnte Ihre Foderungen hatten keine
Grenzen Er hielt sich für berechtigt Dienste und Unterwürfigkeit von
denjenigen zu erwarten die ihn zum Könige gemacht hatten und eben darum weil
sie ihn zum Könige gemacht hatten glaubten sie dass er ihnen alles schuldig sei
Eine solche Verschiedenheit der Meinungen musste Folgen haben die den König und
das Volk gleich unglücklich machten Da er die einmal übernommene Rolle gut
spielen wollte so musst er notwendig mit seinen Rajas zerfallen die ihn lieber
eine jede andre spielen gesehen hätten als die Rolle eines Königs Seine ganze
Regierung war unruhig schwankend und voller Verwirrung Aber unter seinen
Nachfolgern ging es noch schlimmer Jeder neue Vorteil den die Rajas über ihre
Könige erhielten erhöhete ihren Übermut und vermehrte ihre Forderungen Unter
dem Vorwand ihre Freiheit ein Ding wovon sie niemals einen bestimmten Begriff
gehabt zu haben scheinen und die Rechte der Nation welche niemals ins Klare
gesetzt worden waren gegen willkürliche Anmassungen sicher zu stellen wurde das
königliche Ansehen nach und nach so eingeschränkt dass es wie die Fabel von
einer gewissen Nymphe sagt allgemach zu einem bloßen Schatten abzehrte« 
     Hier gähnte der Sultan zum ersten Male 
     »bis endlich selbst von diesem Schatten nichts als eine leere Stimme übrig
blieb welche gerade noch so viel Kraft hatte nachzuhallen was ihr zugerufen
wurde
    Scheschian befand sich solange diese Periode dauerte in einem höchst
elenden Zustande Von mehr als dreihundert kleineren und größeren Bezirken deren
jeder seinen eigenen Herrn hatte sah der größte Teil einem Lande gleich das
kürzlich von Hunger Krieg Pest und Wassersnot verwüstet worden war Die Natur
hatte da nichts von der lachenden Gestalt nichts von der reizenden
Mannigfaltigkeit und dem einladenden Ansehen von Überfluss und Glückseligkeit
womit sie die Sinnen und das Herz in jedem Land einnimmt welches von einem
weisen Fürsten väterlich regiert wird«
    Hier klärte sich die Miene des Sultans einmal wieder auf Er dachte an seine
Lustschlösser an seine Zaubergärten an die schönen Gegenden die er darin auf
allen Seiten vor sich liegen hatte an die mosaisch eingelegten und mit
doppelten Reihen von Zitronenbäumen besetzten Wege die ihn dahin führten und
genoss etliche Augenblicke lang die Wollust der vollkommensten Zufriedenheit mit
sich selbst
    Das war es nicht was die beiden Omras wollten dass er dabei denken sollte
 »Weiter Nurmahal« sprach der vergnügte Sultan
    »Allentalben wurden die Augen eines Reisenden der nicht ohne alles Gefühl
für den Zustand seiner Nebengeschöpfe war durch traurige Bilder des Mangels und
der unbarmherzigsten Unterdrückung beleidigt
    Die kleinen Tyrannen denen der König von Scheschian neunzehn von zwanzig
Teilen seiner Untertanen Preis zu geben genötigt war hatten in Absicht der
Verwaltung ihrer Ländereien eine Denkungsart die derjenigen von gewissen Wilden
glich von denen man sagt dass sie um der Frucht eines Baumes habhaft zu
werden kein bequemeres Mittel kennen als den Baum umzufällen Ihr erster
Grundsatz schien zu sein den gegenwärtigen Augenblick zum Vorteil ihrer
ausschweifenden Lüste auszunützen ohne sich darum zu bekümmern was die
natürlichen Folgen davon sein möchten Diese Herren fanden nicht das geringste
weder in ihrem Kopfe noch in ihrem Herzen das der armen Menschheit bei ihnen
das Wort geredet hätte In ihren Augen hatte das Volk keine Rechte und der
Fürst keine Pflichten Sie behandelten es als einen Haufen belebter Maschinen
welche so wie die übrigen Tiere von der Natur hervor getrieben worden wären
für sie zu arbeiten und die keinen Anspruch an Ruhe Gemächlichkeit und
Vergnügen zu machen hätten So schwer es ist sich die Möglichkeit einer so
unnatürlichen Denkungsart vorzustellen so ist doch nichts gewisser als dass sie
es dahin gebracht hatten sich selbst als eine Klasse von höheren Wesen
anzusehen die gleich den Göttern Epikurs kein Blut sondern nur gleichsam ein
Blut in den Adern rinnen hätten denen die Natur zu willkürlichem Gebote stehe
denen alles erlaubt sei und an welche niemand etwas zu fodern habe Die
Knechtschaft der Unglücklichen die unter ihrem Joche schmachteten ging so
weit dass sie jeden Fall wo man ihnen durch eine besondere Ausnahme die
allgemeinsten Rechte der Menschheit angedeihen ließ als eine unverdiente Gnade
ansehen mussten Die Folgen einer so widersinnigen Verfassung stellen sich von
selbst dar Eine allgemeine Mutlosigkeit machte nach und nach alle Triebräder
der Vervollkommnung stille stehen der Genie wurde ihm Keim erstickt der Fleiß
abgeschreckt und die Stelle der Leidenschaften durch deren beseelenden Hauch
die Natur den Menschen entwickelt und zum Werkzeug ihrer großen Absichten
macht nahm fressender Gram und betäubende Verzweiflung ein8 Sklaven welche
keine Hoffnung haben anders als durch irgend einen seltenen Zufall der unter
zehentausend kaum Einen trifft sich aus ihrem Elend empor zu winden arbeiten
nur in so fern sie gezwungen werden und können nicht gezwungen werden irgend
etwas gut zu machen Sie verlieren alles Gefühl der Würdigkeit ihrer Natur
alles Gefühl des Edelen und Schönen alles Bewusstsein ihrer angeborenen Rechte« 
     der Sultan gähnte hier zum zweiten Male 
     »und sinken in ihren Empfindungen und Sitten zu dem Vieh herab mit
welchem sie genötigt sind den nämlichen Stall einzunehmen ja bei der
Unmöglichkeit eines bessern Zustandes verlieren sie endlich selbst den Begriff
eines solchen Zustandes und halten die Glückseligkeit für ein geheimnisvolles
Vorrecht der Götter und ihrer Herren an welches den mindesten Anspruch zu
machen Gottlosigkeit und Hochverrat wäre
    Dies war die tiefe Stufe von Abwürdigung und Elend auf welche die armen
Bewohner von Scheschian herab gedrückt wurden Eine allgemeine Verwilderung
würde sie in kurzem wieder in den nämlichen Stand versetzt haben aus welchem
der große Affe ihrem angeerbten Wahn zu Folge ihre Stammeltern gezogen hatte
in einen Stand worin sie sich wenigstens mit der Unmöglichkeit noch tiefer zu
sinken hätten trösten können wenn nicht eine unvermutete Staatsveränderung« 
    hier machte der Mirza die schöne Nurmahal bemerken dass der Sultan unter den
letzten Perioden dieser Vorlesung eingeschlafen war
 
                                       2
Der Sultan hatte in vielen Wochen nicht so gut geschlafen als auf die erste
Vorlesung womit er von der Sultanin Nurmahal in der letzten Nacht unterhalten
worden war und hätte der Page der ihn zum Morgengebet zu wecken pflegte seine
Zeit nicht so übel genommen ihn mitten in einem Traume von dem König Dagobert
dessen Ausgang zu sehen er begierig war zu unterbrechen so würde Se Hoheit
den ganzen Tag über bei der besten Laune von der Welt gewesen sein
    Die schöne Nurmahal ermangelte also nicht sich in der folgenden Nacht zur
gewöhnlichen Zeit wieder einzufinden um die zweite Probe mit ihrem Opiat zu
machen welches zum ersten Male so wohl angeschlagen und dabei den Vorzug
hatte das unschädlichste unter allen zu sein die man hätte gebrauchen können
    Wir merken hier ein für allemal an dass diese Dame welche vermutlich die
Geschichte von Scheschian schon in ihrem eigenen Kabinette gelesen hatte und
wie man uns versichert eine Frau von Geist Belesenheit und Einsicht war sich
im Lesen nicht so genau an den Text gebunden hielt um nicht zuweilen die
Erzählung abzukürzen oder mit ihren eigenen Reflexionen zu bereichern oder
sonst irgend eine Veränderung im Schwung oder Ton derselben vorzunehmen je
nachdem ihr die gegenwärtige Verfassung und Laune des Sultans den Wink dazu gab
Man erwarte also dass sie bald in ihrer eigenen Person sprechen bald ihren
Autor reden lassen wird ohne dass wir nötig finden jedesmal besondere Anzeige
zu tun wer die redende Person sei ein Umstand woran dem Leser wenig gelegen
ist und den wir seiner eigenen Scharfsinnigkeit ruhig überlassen können
    »Ihre Hoheit« fing sie an »erinnern Sich des Zustandes worin wir die
Scheschianer gestern verlassen haben Er war so verzweifelt dass sie nur von
einer Staatsveränderung einige Erleichterung ihres Elendes erwarten konnten Die
Gelegenheit dazu konnte nicht lange ausbleiben Ogul der Kan einer benachbarten
tatarischen Völkerschaft ersah sich des Augenblicks da einige Fürsten aus
wenig erheblichen Ursachen den damaligen König vom Throne gestoßen hatten und
über die Erwählung eines neuen sich unter sich selbst und mit den übrigen so
wenig vergleichen konnten dass endlich beinahe so viel Könige als Scheschian
Provinzen hatte aufgeworfen wurden Da keiner von diesen Nebenbuhlern den
andern neben sich dulden wollte so erfuhr dieses unglückliche Reich alle
Drangsale und Greuel der Anarchie und Tyrannie zu gleicher Zeit die eine Hälfte
der Nation wurde aufgerieben und die andere dahin gebracht einen jeden der
sie auf welche Art es auch sein möchte von ihren Unterdrückern befreien
wollte für ihren Schutzgott anzusehen Viele welche alles hoffen konnten weil
sie nichts mehr zu verlieren hatten schlugen sich auf die Seite des Eroberers
die minder mächtigen Rajas und Großen des Reichs folgten ihrem Beispiel und die
übrigen wurden um so leichter überwältiget da ihre Uneinigkeit sie verhinderte
mit Nachdruck gegen den gemeinschaftlichen Feind zu arbeiten OgulKan wurde
also in kurzer Zeit ruhiger Besitzer des scheschianischen Reiches Das Volk
welches in mehr als Einer Betrachtung bei dieser Staatsveränderung gewann
dachte nicht daran und konnte nicht daran denken seinem Befreier Bedingungen
vorzuschreiben Die ehmaligen Großen welche daran dachten waren nicht mehr die
Leute die sich eine solche Freiheit mit ihrem Überwinder hätten heraus nehmen
dürfen und mussten sich gefallen lassen selbst das wenige was ihnen von ihrer
verlorenen Größe gelassen wurde als eine Gnade aus seinen Händen zu empfangen
Die Verfassung des neuen Reichs von Scheschian war also diejenige einer
unumschränkten Monarchie das ist das Reich hatte gar keine Verfassung sondern
alles hing von der Willkür des Eroberers ab oder von dem Grade von Weisheit
oder Torheit Güte oder Verkehrtheit Billigkeit oder Unbilligkeit wozu ihn
Temperament Umstände Laune und Zufall von Tag zu Tage bestimmen mochten
    Zum Glücke für die Überwundnen war der König Ogul wie die meisten
tatarischen Eroberer eine ganz gute Art von Fürsten« 
    »Wenn es geschehen könnte ohne Sie zu unterbrechen Madam« sagte
SchachGebal »so möchte ich wohl wissen was Sie mit Ihrer ganz guten Art von
Fürsten sagen wollen«
    »Sire« erwiderte die schöne Nurmahal »ich gestehe dass nichts
Unbestimmteres ist als dieser Ausdruck Das was man gewöhnlich eine ganz gute
Art von Fürsten zu nennen pflegt dürfte wohl öfters eine sehr schlimme Art von
Fürsten sein aber so war es nicht in gegenwärtigem Falle OgulKan hatte zwar
einige beträchtliche Untugenden Er war so eifersüchtig auf seine willkürliche
Gewalt dass man gar leicht das Unglück haben konnte ihn zu beleidigen beleidigt
war er rachgierig und in seiner Rache grausam Außerdem hatte er die schlimme
Gewohnheit alle schöne Frauen als sein Eigentum anzusehen und wenn er den
Wein weniger geliebt hätte würde ihm sogar der berühmte Sultan Salomon in
diesem Stücke habe weichen müssen Aber diese Fehler« 
    »Es sind sehr wesentliche Fehler« sagte SchachGebal 
    »Ohne Zweifel Sire« versetzte Nurmahal »aber wenige Völker und Zeiten
sind so glücklich mit einem Fürsten beseligt zu werden an welchem selbst seine
Fehler liebenswürdig sind wenn man anders Fehler nennen kann was allein in dem
Übermaß gewisser Vollkommenheiten seine Quelle hat« 
    »Kleine Schmeichlerin« sagte SchachGebal indem er sie sanft auf einen
ihrer Arme klopfte dessen schöne Form ihre weiten zurück geschlagenen Ärmel
sehen ließ ein kleiner Umstand der die beste Vorlesung am Bette Seiner
Hoheit hätte unnütz machen können wenn Zeit und Gewohnheit unsern Sultan nicht
zu einem der vollkommensten Stoiker über diesen Punkt gemacht hätten
    »Diese Fehler also« fuhr Nurmahal fort »wurden durch einige sehr wichtige
Tugenden vergütet OgulKan ließ sich die Geschäfte der Regierung sehr angelegen
sein er brachte den Ackerbau in Aufnahme stellte die zerstörten Städte wieder
her legte neue an lockte aus benachbarten Staaten die Künste in die seinigen
suchte Talente und Verdienste auf um sie zu belohnen und Gebrauch von ihnen zu
machen ehrte die Tugend und konnte es zu gewissen Zeiten wohl leiden wenn man
ihm die Wahrheit sagte«
    »Diese letzte Eigenschaft versöhnt mich wieder mit eurem Ogul« sagte der
Sultan lächelnd »Wenn er den Wein weniger geliebt hätte so möchte er einen
Platz unter den großen Männern seiner Zeit verdient haben«9
    »OgulKan besaß bei allen diesen guten Eigenschaften noch eine die unter
den gehörigen Einschränkungen einem Fürsten viel Ehre macht wofern er
unglücklich genug ist ihrer vonnöten zu haben Es begegnete ihm in den
Aufwallungen seiner Leidenschaften ziemlich oft ungerecht und grausam zu sein
aber sobald das Übel geschehen war kam er wieder zu sich selbst und dann
pflegte er sein Haupt nicht eher sanft zu legen bis er demjenigen der dadurch
gelitten alle nur mögliche Erstattung getan hatte«
    »Zum Exempel wie pflegten es wohl Seine Majestät OgulKan zu halten wenn
Sie einem etwa ohne Ursache den Kopf hatten abschlagen lassen«  fragte
Danischmend »Besassen Sie vielleicht das Geheimnis der magischen Mundkügelchen
womit der Prinz Telamir seinem Bruder und der schönen Dely ihre Köpfe wieder
aufsetzte als er sie ihnen aus einem Irrtum der Eifersucht abgeschlagen hatte«
    »Wie begierig der Doktor nach diesem Anlass schnappt seine Belesenheit in
den Geistermärchen zu zeigen« flüsterte der junge Mirza dem Sultan zu
    »Danischmend« sagte der Sultan »hat den kleinen Fehler die Freiheit
unverschämt zu sein die ihm als einem Philosophen zusteht zuweilen zu
missbrauchen Man muss es mit diesen Herren so genau nicht nehmen Aber meinen
Freund Ogul soll er ungehudelt lassen wenn anders ein Philosoph eines guten
Rates fähig ist«
    »Mit einem Worte« fuhr Nurmahal fort »Ogul war bei allen seinen Fehlern
ein so ruhmwürdiger Fürst dass selbst die damaligen Bonzen in Scheschian in die
Wette eiferten Gutes von ihm zu sagen Nichts mangelte ihm um der beste unter
den Königen zu sein sagten sie als dass er aller Hoffnung ungeachtet die wir
uns von ihm zu machen Ursache hatten aus der Welt gegangen ist ohne jemals dem
großen Affen ein Opfer gebracht zu haben«
    »Wissen Sie auch meine schön Sultanin« sagte SchachGebal »dass es nicht
mehr bedarf als was Sie uns eben zu melden beliebten um Ihren Ogul auf die
unwiderbringlichste Weise mit mir zu veruneinigen Beim Barte des Propheten der
König von welchem seine Bonzen in die Wette Gutes reden muss  ich mag nicht
sagen was er sein muss Gehen Sie gehen Sie Nurmahal nichts mehr von Ihrem
Ogul Er muss eine schwache einfältige leichtgläubige hasenherzige Seele
gewesen sein das ist so klar wie der Tag Seine Bonzen haben ihn gelobt Welche
Demonstration im Euklides beweist schärfer«
    »Wenn es der Philosophie jemals erlaubt sein könnte« sagte Danischmend mit
affektiertem Stottern »dem König der Könige meinem Herrn« 
    »Nun Doktor« unterbrach ihn der Sultan »lass hören was du uns im Namen
deiner gebietenden Dame zu sagen hast Ich bin auf eine Impertinenz gefasst Nur
heraus aber nicht gestottert Herr Danischmend oder ich klingle« 
    Der beste Sultan bleibt doch immer Sultan wie man sieht Diese Drohung mit
einer gewissen Miene begleitet welche wenigstens besorgen ließ dass er fähig
sein könnte Ernst daraus zu machen war nicht sehr geschickt dem armen
Danischmend Mut zu geben Allein zu seinem Glücke kannte er den Sultan seinen
Herrn Ohne sich also schrecken zu lassen sagte er »Die Philosophie Sire ist
eine Unverschämte wie Ihre Hoheit zu sagen geruhet haben denn sie bedenkt sich
keinen Augenblick den Königen selbst unrecht zu geben wenn die Könige unrecht
haben Aber in gegenwärtigem Fall ist meine demütige Meinung Ihre Hoheit und
die Philosophie könnten wohl beide recht haben Das Lob der Bonzen welches in
Ihren Augen der größte Tadel ist den sich Ogul zuziehen konnte war es
unstreitig wenn es von Herzen ging10 Aber dies ist gerade die Frage oder
vielmehr es ist keine Frage denn wie konnte es von Herzen gehen da sie alles
Gute was sie von ihm sagten mit einem einzigen Aber wieder zurück nahmen Was
halfen dem guten König Ogul alle seine Tugenden Ging er nicht aus der Welt
ohne dem großen Affen geopfert zu haben Ihre Hoheit kennen diese Herren zu gut
um den ganzen Nachdruck eines solchen Vorwurfs nicht zu übersehen«
    »Du gestehst also doch ein« erwiderte der Sultan »dass sie ihn bis zum
Himmel erhoben haben würden wenn er sich hätte entschließen können dem großen
Affen zu opfern«
    »Mit Ihrer Hoheit Erlaubnis« sagte Danischmend »das gesteh ich nicht ein
In diesem Falle würden sie leicht einen andern Vorwand gefunden haben ihr
heuchlerisches Lob zu entkräften Ihre Hoheit wissen dass es nur ein einziges
Mittel gibt den aufrichtigen Beifall der Bonzen zu erlangen und Ogul mit
aller Ehrerbietung die ich ihm schuldig bin sei es gesagt scheint mir
derjenige nicht zu sein den jemals der Ehrgeiz geplagt hätte eine so teure
Ware zu kaufen«
    »Wie wenn ich meinen Iman kommen ließe die Frage zu entscheiden« sagte
der Sultan
    »Sein Ausspruch lässt sich erraten ohne dass man darum mehr von der Kabbala
zu verstehen nötig hat als andre« versetzte Danischmend »Er würde wider die
Bonzen sprechen Wie sollten Bonzen bei einem Iman recht haben können«
    »Ich denke Danischmend hat sich ganz erträglich aus der Sache gezogen«
sagte SchachGebal
    »Ihre Hoheit beweisen durch Ihre Abneigung vor den Bonzen dass Sie ein guter
Musulmann sind« sprach die schöne Nurmahal »Aber der Geschichte getreu zu
bleiben muss ich sagen dass die Bonzen wenn sie Gutes von OgulKan sprachen
hinlängliche Ursache dazu hatten Es ist wahr dieser Prinz betrog eine
vielleicht ausschweifende Hoffnung die sie auf etwas gegründet hatten was
vernünftiger Weise keine Grundlage zu einer solchen Hoffnung sein konnte weil
es bloß die Frucht weiser Grundsätze der Regierung war Aber die Achtung die
er diesen Grundsätzen zu Folge ihrem Orden bewies der Schutz den sie von ihm
genossen und die behutsame Art womit er in allen Sachen zu verfahren pflegte
die den unvernünftigen aber nun einmal eingeführten Dienst des großen Affen
betrafen  berechtigten ihn allerdings wo nicht zur Erkenntlichkeit doch
wenigstens zu einigem Grade von Billigkeit auf Seite der Bonzen Und gesetzt
auch man wollte ihnen diese Tugend nicht gern ohne Beweis zugestehen so ist
doch zu vermuten dass sie Klugheit genug hatten aus Furcht zu tun was
gewöhnliche Menschen aus einem edleren Beweggrunde getan hätten«
    Unter dieser Rede der schönen Nurmahal entfuhr dem Sultan ein Ton der ein
Mittelding zwischen Seufzen und Gähnen war Der Mirza gab der Dame das
abgeredete Zeichen und sie war im Begriff abzubrechen als SchachGebal der
gerade bei guter Laune war durch einen Wink zu erkennen gab dass er ihrer
Erzählung noch nicht überdrüssig sei
    »OgulKan« fuhr sie fort »hatte etliche Nachfolger welche über die
Schaubühne gingen und wieder verschwanden ohne irgend etwas so Gutes oder so
Böses getan zu haben dass es der Aufmerksamkeit der Nachwelt zu verdienen
schien Man nannte sie deswegen in den Jahrbüchern von Scheschian die namenlosen
Könige denn die Nation bekam so wenig Gelegenheit ihre Namen zu hören dass die
wenigsten sagen konnten wie der regierende Sultan heiße Wenn dieser Umstand
der Nachwelt einen nur sehr mittelmäßigen Begriff von den Verdiensten dieser
Prinzen gibt so muss man doch gestehen dass ihre Zeitgenossen sich vielleicht
nicht desto schlimmer dabei befanden Das Stillschweigen der Geschichte scheint
wenigstens so viel zu beweisen dass Scheschian unter ihrer unberühmten Regierung
nicht unglücklich war und nicht unglücklich sein ist wenigstens ein sehr
leidlicher Zustand« 
    »Nur kann er nicht lange dauern« sagte Danischmend »denn dieser leidliche
Zustand scheint mir bei einem ganzen Volke eben das zu sein was bei einem
einzelnen Menschen der Mittelstand zwischen Krankheit und Gesundheit ist eines
von beiden muss darauf erfolgen entweder man wird wieder gesund oder man
schmachtet sich zu Tode«
    »Vielleicht würde dies der Fall der Scheschianer gewesen sein« fuhr
Nurmahal fort »wenn der letzte von diesen namenlosen Königen nicht das Glück
gehabt hätte eine Geliebte zu besitzen durch welche seine Regierung eine der
merkwürdigsten und glänzendsten in der Geschichte dieses Reiches geworden ist«
    »Vortrefflich« rief SchachGebal mit einer Grimasse »ich liebe die Könige
welche die Erwähnung so die Geschichte von ihnen tut ihren Mätressen zu danken
haben«
    »Ich muss nicht vergessen Sire« sagte die schöne Nurmahal »dass die
Scheschianer in diesem Stück eine Gewohnheit haben worin sie so viel ich weiß
von allen übrigen Völkern des Erdbodens abgehen eine Gewohnheit welche die
Zahl der namenlosen Könige bei allen Nationen beträchtlich vermehren würde wenn
sie allenthalben eingeführt wäre Nichts was unter der Regierung eines Königes
geschah wurde dem Könige zugeschrieben wofern er es nicht selbst getan hatte
Vortreffliche Gesetze und Anstalten konnten gemacht Schlachten gewonnen
Provinzen erobert oder was wenigstens eben so gut ist erhalten und verbessert
werden ohne dass der Ruhm des Königes den kleinsten Zuwachs dadurch erhielt
Alles was geschah Gutes oder Böses wurde demjenigen zugeschrieben der es getan
hatte und der König der nichts getan hatte war und blieb ein namenloser
König gesetzt auch dass zu seiner Zeit die größten Dinge in seinem Reiche
geschehen wären«
    »Nichts kann billiger sein« sagte der Sultan »Jedem das Seine Einem
Fürsten das Gute zuschreiben das seine Minister tun ich nehme den Fall aus wo
sie bloß die Werkzeuge oder so zu sagen die Gliedmaßen sind durch welche er
als die Seele des ganzen Staatskörpers wirket wäre eben so viel als ihm ein
Verdienst aus der Fruchtbarkeit seiner Länder zu machen weil er die Sonne
scheinen und Regen fallen lässt«
    Nurmahal Danischmend und der junge Mirza erteilten dieser Anmerkung ihren
Beifall in vollem Masse und mit aller der Bewunderung welche sie um so mehr
verdiente da sie wirklich uneigennütziger war als SchachGebal selbst sich
vielleicht schmeicheln mochte
    »Der gute König von Scheschian« fuhr Nurmahal in ihrer Erzählung fort »der
zu dieser in dem Munde eines großen Monarchen so preiswürdigen Anmerkung
Gelegenheit gegeben hat was auch sein Name gewesen sein mag verdient
wenigstens das Lob eines guten Geschmacks in der Wahl seiner Günstlinge denn
die schöne Lili seine Favoritin war aus allem was eine Person unsers
Geschlechtes liebenswürdig machen kann zusammen gesetzt Und sollten ihr auch
die Dichter Maler Bildhauer und Schaumünzenmacher ihrer Zeit geschmeichelt
haben so ist doch nicht zu leugnen dass die Nation Ursache hatte ihr Andenken
zu segnen Niemals ist eine größere Gönnerin der Künste gewesen als die schöne
Lili Sie führte den Seidenbau in Scheschian ein und zog eine Menge persischer
sinesischer und indischer Künstler herbei welche durch ihren Vorschub alle
Arten von Manufakturen zu Stande brachten Die Scheschianer lernten unter ihrer
Regierung  dies ist der eigene Ausdruck der Geschichtschreiber 
Bequemlichkeiten und Wollüste kennen von welchen die meisten noch keinen
Begriff gehabt hatten Man glaubte ihr den Genuss eines neuen und unendliche Mal
angenehmern Daseins zu danken zu haben Sie brachte die Schätze in einen
belebenden Umlauf die in den Schatzkammern der vorigen Könige wie die Leichen
der Pharaonen in ihren Pyramiden auf eine unnützlich prahlerhafte Weise
begraben lagen Ihr Beispiel reizte die Großen und Begüterten zur Nachahmung
Die Hauptstadt bildete sich nach dem Hofe und die Städte der Provinzen nach der
Hauptstadt Erfindsamkeit und Fleiß bestrebten sich in die Wette den ganzen
Staat in eine so lebhafte als heilsame Tätigkeit zu setzen denn Erfindsamkeit
und Fleiß war der gerade Weg zu Überfluss und Gemächlichkeit und wer wünscht
nicht so angenehm zu leben als möglich Die wohltätige Lili machte die Einwohner
von Scheschian auch mit den Reizungen der Musik und der Schauspiele bekannt und
so nachteilig in der Folge alle diese Geschenke ihrem Wohlstande wurden so
unleugbar ist es dass sie anfangs eine sehr gute Wirkung taten So wie sich das
Gefühl der Scheschianer verfeinerte so verschönerten sich auch zusehens ihre
Sitten Man wurde geselliger sanfter geschmeidiger man vertrug sich besser
man lernte sich mit einander freuen und fühlte sich selbst desto glücklicher
je größer die Menge der Glücklichen war die man um sich sah und so weiter 
denn es würde sehr unnötig sein Ihrer Hoheit alle die guten Wirkungen des
Geschmacks und der Künste vorzuzählen von welchen Sie Selbst ein so großer
Kenner und Beförderer sind Freilich gab es hier und da milzsüchtige zur Freude
untüchtig gewordene Leute die ein klägliches Geschrei über diese Neuerungen
erhoben Welche Greuel riefen sie indem sie ihre übel gekämmten Köpfe mit
Unglückweissagender Miene schüttelten Was werden die Früchte davon sein Diese
Liebe zu Gemächlichkeiten und Ergetzungen dieser verfeinerte Geschmack dieser
herrschende Hang zur Sinnlichkeit wird die Nation zu Grunde richten Üppige
Feiertage werden den Gewinn der arbeitsamen Tage üppiger Aufwand den Überfluss
der sparsamen Mäßigkeit verzehren die Wollust wird den Müßiggang der Müßiggang
die ganze verderbliche Brut der Laster herbei ziehen Die Reichen werden
unersättlich werden und bei aller Verfeinerung ihrer Empfindungen sich kein
Bedenken machen von dem Eigentume der Armen so viel sie nur können in ihren
Strudel hinein zu ziehen Die Armen werden eben so wenig gewissenhaft sein
alles wie ungerecht und schändlich es immer sein mag zu tun und zu leiden
wenn es nur ein Mittel abgeben kann sich in den beneideten Zustand der Reichen
zu schwingen Ungeheuer von Lastern unnatürliche Ausschweifungen Verräterei
Giftmischerei und Vatermord werden durch ihre Gewöhnlichkeit endlich das
Abscheuliche verlieren das sie für die unverdorbene Menschheit haben und nicht
eher als bis die Nation unwiederbringlich verloren ist wird man gewahr werden
dass die schöne Lili die zauberische und geliebte Urheberin unsers Verderbens
war
    Einige alte Leute die im Laufe von sechzig oder siebzig Jahren weislich
genug gelebt hatten um im Alter noch nicht allem Anteil an den Freuden des
Lebens entsagen zu müssen sahen die Sache aus einem andern Gesichtspunkt an 
Unsere milzsüchtigen und nervenlosen Brüder haben nicht ganz unrecht sagten
sieErgetzungen und Wollüste können als die Würze des Lebens durch übermäßigen
Gebrauch nicht anders als schädlich sein Die Natur hat sie zur Belohnung der
Arbeit nicht zur Beschäftigung des Müssiggangs bestimmt Gleichwohl ist
unleugbar dass nicht die schöne Lili sondern die Natur selbst die Zaubrerin
ist die uns diesen göttlichen Nektar darreicht den sie mit eigenen Händen für
uns zubereitet hat und wovon etliche Tropfen genug sind uns aller
Mühseligkeiten des Lebens vergessen zu machen Oder ist es nicht die Natur die
den Menschen von einem Grade der Entwicklung zum andern fortführt und indem
sie durch die Bedürfnisse seine Einbildungskraft und durch die Einbildungskraft
seine Leidenschaften spielen macht diese vermehrte Geselligkeit dieses
verfeinerte Gefühl diese Erhöhung seiner empfindenden und tätigen Kräfte
hervorbringt wodurch der Kreis seiner Vergnügungen erweitert und seine
Fähigkeit des Daseins froh zu werden mit seinen Begierden zugleich vermehrt
wird Lasst uns also der Natur folgen einer Führerin die uns unmöglich irre
führen kann
    Nicht sie  unsre Ungeduld unsre Gierigkeit im Genießen unsre
Unachtsamkeit auf ihre Warnungen ist es was uns auf Abwege verleitet Jede
höhere Stufe welche der Mensch betritt erfodert eine andere Lebensordnung und
eben darum weil der große Haufe der Sterblichen als unmündig anzusehen ist und
sich nicht selbst zu regieren weiß muss er dieses Amt einer gesetzgebenden Macht
überlassen welche immer das Ganze übersehen und ihren Untergebenen mit jeder
merklichen Veränderung ihrer Umstände auch die danach abgemessenen
Verhaltungsregeln vorschreiben soll Es lebe die schöne Lili Sie hat sich ein
Recht an unsre Dankbarkeit erworben denn sie hat uns Gutes getan Aber wenn sie
sich nun auch gefallen lassen wollte uns eine so vollkommene Polizei zu geben
als wir bedürfen wenn uns ihre Geschenke nicht verderblich werden sollen dann
verdiente sie wenigstens so gut als der große Affe dass wir ihr Pagoden
erbaueten
    Die schöne Lili hüpfte auf dem blumichten Wege fort auf den eine wollüstige
Einbildungskraft sie geleitet hatte ohne sich um die Drohungen der einen noch
um die Warnungen der andern zu bekümmern Sie genoss des Vergnügens der
Gegenstand der Liebe und Anbetung einer ganzen Nation zu sein Umflattert von
Freuden und Liebesgöttern goss sie überall so weit ihre Blicke reichten süßes
Vergessen aller Sorgen Entzücken und Wonne aus Hierin schien sie ihre eigene
vollkommenste Befriedigung zu finden Aber ihre Wohltätigkeit erstreckte sich
nur auf den gegenwärtigen Augenblick Ihre Sinnesart teilte sich unvermerkt der
ganzen Nation mit welches um so leichter geschehen musste da keine andre dem
Menschen natürlicher ist Man genoss des Lebens und niemand dachte an die
Zukunft«
    »Ich liebe diese Lili« rief der Sultan in einem Anstoß von Lebhaftigkeit
den man seit langer Zeit nicht an ihm bemerkt hatte »Ich muss bekannter mit ihr
werden Gute Nacht Mirza und Danischmend Nurmahal soll da bleiben und mir das
Bildnis der schönen Lili machen«
 
                                       3
»Unstreitig war Vernunft in der Schutzrede welche die alten Knaben dem
Vergnügen und der schönen Lili hielten«  sagte der Sultan als sich seine
gewöhnliche Gesellschaft des folgenden Abends in seinem Schlafzimmer versammelt
hatte »Aber ich gestehe dass ich nicht recht begreife was sie mit ihrer
Lebensordnung sagen wollen oder was für eine Polizei das sein soll wodurch
allen den Übeln vorgebeuget werden könnte womit uns die schwarzgelben
Sittenlehrer so fürchterlich bedräut haben Die Sache liegt mir am Herzen Ich
denke ich habe alles mögliche getan um meine Völker glücklich zu machen aber
es sollte mir leid tun wenn ich ihnen wider meine gute Absicht ein
gefährliches Geschenk gemacht hätte«
    »Diesen Kummer könnten Sich Ihre Majestät ersparen« dachte Danischmend 
so leise als möglich
    »Herr Danischmend«  fuhr SchachGebal fort  »man ist kein Philosoph um
nichts Wie wär es wenn deine Weisheit uns diese Sache ins Klare zu setzen
belieben wollte«
    »Sire« antwortete Danischmend »meine Weisheit ist zu Ihrer Majestät
Befehlen Aber zuvörderst bitte ich demütig um Erlaubnis eine kleine Geschichte
erzählen zu dürfen«
    SchachGebal nickte ein sultanisches Ja und der Philosoph fing also an
    »Zu den Zeiten des Kalifen Harun Al Raschid«  
    »Fi Herr Doktor« unterbrach ihn der Sultan »das fängt verdächtig an
Sobald man diesen Kalifen nennen hört kann man sich nur gleich auf Genien und
Verwandlungen gefasst halten oder auf platte Historien von kleinen Buckligen
schwatzhaften Barbierern und liederlichen Königssöhnchen welche um eine lange
Reihe begangener Torheiten mit einem würdigen Ende zu krönen sich die
Augenbraunen abscheren und Kalender werden«
    »Ich stehe Ihrer Hoheit mit meinen Augenbraunen dafür« sagte Danischmend
»dass weder Bucklige noch Kalender in meiner Erzählung vorkommen und dass alles
so natürlich darin zugehen soll als man es nur wünschen kann
    Zu den Zeiten des besagten Kalifen also begab sich dass ein reicher Emir aus
Yemen auf seiner Rückreise von Damask das Unglück hatte in den Gebirgen des
felsigen Arabiens von Räubern überfallen zu werden welche so unhöflich waren
sein Gefolge niederzusäbeln und nachdem sie die schönen Frauen die er zum
Staate mit sich führte nebst allen Kostbarkeiten die er bei sich hatte zu
Handen genommen sich so schnell als sie gekommen waren wieder ins Gebirge
zurück zogen Glücklicher Weise für den Emir war er gleich zu Anfang des
Gefechtes in Ohnmacht gefallen ein Umstand der so viel wirkte dass die Räuber
sich begnügten ihm seine schönen Kleider auszuziehen und ihn ohne sich zu
bekümmern ob er wirklich tot sei unter den Erschlagenen liegen zu lassen«
    »Herr Danischmend« sagte der Sultan »nicht so umständlich
    Zur Sache wenn ich bitten darf Der Ton worin du angefangen hast ist
vollkommen der Ton meiner lieben Ältermutter welche bekannter Massen ihre
eigenen Ursachen hatte warum sie ihre Märchen in eine so unbarmherzige Länge
zog«
    »Um also Ihre Majestät nicht mit Nebenumständen aufzuhalten« fuhr
Danischmend fort »so kam der gute Emir wieder zu sich selbst und stellte sehr
unangenehme Betrachtungen an da er sich in einem wilden unbekannten Gebirge auf
einmal ohne Zelten ohne Geräte ohne seine Weiber und Verschnittenen ohne
Küche und sogar ohne Kleider befand er der von dem ersten Augenblicke seines
Lebens dessen er sich erinnern konnte an allen ersinnlichen Gemächlichkeiten
niemals einigen Mangel gelitten hatte Da es zu besserer Verständnis dieser
Geschichte wesentlich ist dass Ihre Majestät Sich eine lebhafte Vorstellung von
diesem Zustande des Emirs machen so muss ich mir die Freiheit nehmen Sie zu
bitten Sich an seinen Platz zu setzen und zu denken wie Ihnen in einer so
verzweifelten Lage zu Mute wäre«
    »Herr Danischmend« sagte der Sultan ganz trocken »ich habe gute Lust mir
diese Mühe zu ersparen und mir dafür von dir erzählen zu lassen wie einem
Erzähler zu Mute sei dem ich für die Bemühung mich gähnen zu machen
dreihundert Prügel auf die Fusssohlen geben lasse«
    Dieser Anstoß von sultanischer Laune deuchte der schönen Nurmahal so
unbillig dass sie den Sultan bat den armen Doktor nicht durch Drohungen zu
schrecken welche fähig wären den besten Erzähler in der Welt aus der Fassung
zu bringen Aber Danischmend kannte die Weise seines Herren »Alles warum ich
Ihre Majestät bitte« sagte er »ist die Gnade zu haben und mir die
versprochenen dreihundert Prügel nicht eher geben zu lassen bis ich mit meiner
Geschichte fertig sein werde denn in der Tat sie ist nicht so übel als man
sich nach ihrem Anfange vorstellen sollte«
    »Gut« sagte der Sultan lachend »so erzähle denn nach deiner eigenen Weise
ich verspreche dir dass ich dich nicht wieder unterbrechen will«
    Danischmend stand auf warf sich vor dem Sultan zur Erde küsste den Saum
seiner Bettdecke um seine Dankbarkeit für dieses gnädige Versprechen zu
bezeigen und fuhr hierauf in seiner Erzählung also fort
    »Von allen diesen Betrachtungen des Emirs welche zu verworren und
unangenehm waren als dass es ratsam sein könnte sie Ihrer Majestät vorzulegen
war das Ende dass er sich entschließen musste eine Sache zu tun die ihn aus
Mangel der Gewohnheit sehr hart ankam nämlich seine Beine in Bewegung zu
setzen und zu versuchen ob er irgend einen Weg aus dieser Wildnis finden
möchte Die Sonne neigte sich schon stark als er endlich mit unbeschreiblicher
Mühe einen Ort erreichte wo das Gebirge sich öffnete und ihm die Aussicht in
ein Tal zu genießen gab welches seine Einbildung selbst sich nicht reizender
hätte schaffen können Der Anblick einiger wohl gebauten Wohnungen die zwischen
den Bäumen aus dem schönsten Grün hervorstachen ermunterte ihn seine letzten
Kräfte zusammen zu raffen um diese Wohnungen wo möglich noch vor Untergang der
Sonne zu erreichen In der Tat war der ganze Weg den er schon zurückgelegt und
den er noch vor sich hatte nicht um zehen Schritte mehr als was ein junger
Landmann alle Tage morgens und abends ohne Murren unternimmt um seinem Mädchen
einen Kuss zu geben aber für die schlaffen Sehnen und marklosen Knochen des
Emirs war dies eine ungeheure Arbeit Er musste sich so oft niedersetzen um
wieder zu Atem zu kommen dass es finstre Nacht wurde eh er die Pforte der
nächsten Wohnung erreichte die einer Art von ländlichem Palast ähnlich sah
aber nur von Holze gebaut war Ein angenehmes Getöse aus Gesang Saitenspiel
und andern Zeichen der Fröhlichkeit vermischt welches ihm schon von fern aus
diesen Wohnungen entgegen kam vermehrte seine Verwundrung alles dies mitten in
dem ödesten Gebirge zu finden Da er keine andre Belesenheit als in
Geistermärchen hatte so war sein erster Gedanke ob nicht alles was er sah und
hörte ein Werk der Zauberei sei So furchtsam ihn dieser Gedanke machte so
überwog doch endlich das Gefühl seiner Not Er klopfte an und bat einen
Hausgenossen welcher heraus kam um zu sehen was es gäbe mit einer so
wunderlichen Mischung von Stolz und Demut um die Nachterberge dass man ihn
vermutlich abgewiesen hätte wenn die Gastfreiheit ein weniger heiliges Gesetz
bei den Bewohnern dieser Gegend gewesen wäre Der Emir wurde mit freundlicher
Miene in einen kleinen Saal geführt wo man ihn ersuchte sich auf einen
unscheinbaren aber sehr weich gepolsterten Sofa niederzulassen In wenigen
Augenblicken erschienen zwei schöne Jünglinge um ihn in ein Bad zu führen wo
er mit ihrer Beihilfe gewaschen beräuchert und mit einem netten Anzuge von dem
feinsten baumwollenen Zeuge bekleidet wurde Damit ihm die Weile nicht zu lang
würde trat ein niedliches Mädchen so schön als er jemals eines in seinem Harem
gehabt hatte mit einer Teorbe in der Hand herein setzte sich ihm gegenüber
und sang ein Lied aus dessen Inhalt er so viel abnehmen konnte dass man über
die Ankunft eines so angenehmen Gastes sehr erfreut sei Er wusste immer weniger
was er von der Sache denken sollte aber die Gestalt und die Stimme der jungen
Dirne die er eher für eine Perise oder gar für eine von den Huris des
Paradieses zu halten versucht war ließ ihm keine Zeit zu sich selbst zu
kommen Beides nebst der freundlichen Aufnahme die ihm widerfuhr wirkte so
stark auf seine Sinne dass er unvermerkt aller Ursachen zur Traurigkeit und
alles erlittenen Ungemachs vergaß und durch eine sanfte Gewalt fortgezogen
sich den Eindrücken überließ die man auf ihn machen wollte
    Wenn dies die weiseste Entschließung war die er in seinen Umständen nehmen
konnte so muss man auch gestehen dass er sich sehr wohl dabei befand Kaum war
er angekleidet so erschien derjenige wieder der ihn zuerst aufgenommen hatte
und winkte ihm ohne ein Wort zu sprechen ihm zu folgen Der Emir kam in einen
großen mit Wachslichtern stark erleuchteten Saal aus welchem ihm so wie die
Tür sich auftat der angenehmste Wohlgeruch von frischen Nelken und
Pomeranzenblüten entgegen wehte Viele niedrige Tafeln um welche rings herum
ein wohl gepolsterter Sofa sich zog standen mit feinem schneeweißen Leinen
gedeckt welches mit einem breiten Saume von zierlichem Stickwerk eingefasst war
Die Mitte des Saals wimmelte von jüngeren und älteren Personen beiderlei
Geschlechts die ihn mit einem offenen gutherzigen Gesicht empfingen und ihn
insgesamt durch die edle Schönheit ihrer Gestalt und Bildung und durch einen
über ihr ganzes Wesen ausgegossenen Ausdruck von Güte und Fröhlichkeit in die
angenehmste Überraschung setzten In einer Ecke stand ein schöner Brunnen wo
eine Nymphe an einem mit Schasmin bewachsenen Felsenstücke auf Moos liegend
aus ihrer Urne kristallhelles Wasser in ein Becken von schwarzem Marmor goss Der
ganze Saal war mit großen Blumenkränzen behangen die von etlichen jungen
Mädchen von Zeit zu Zeit mit frischem Wasser angesprjetzt wurden Alles dies
zusammen genommen machte einen sehr angenehmen Anblick aber es war nicht das
Schönste was sich seinen Augen in diesem bezauberten Orte darstellte Ein
ehrwürdiger Greis mit silberweissen Haaren lag in der Stellung einer gesunden
und vergnüglichen Ruhe nach der Arbeit auf dem obersten Platze des Sofas ein
Greis wie der gute Emir weder jemals einen gesehen noch für möglich gehalten
hatte dass es einen solchen geben könnte Munterkeit des Geistes glänzte aus
seinen noch lebhaften Augen achtzig Jahre eines glücklichen Lebens hatten nur
schwache Furchen auf seiner heiter ausgebreiteten Stirne gezogen und die Farbe
der Gesundheit blühte gleich einer späten herbstlichen Rose noch auf seinen
freundlichen Wangen Dies ist unser Vater sagten einige junge Personen die den
Emir umgaben indem sie ihn an der Hand zum Sitze des Alten hinführten
    Der Alte stand nicht auf machte auch keine Bewegung als ob er aufstehen
wollte aber er reichte ihm die Hand drückte des Emirs seine mit einer Kraft
welche diesen in Erstaunen setzte und hieß ihn sehr leutselig in seinem Hause
willkommen sein Aber gleichwohl sagt mein Autor sei in dem ersten Blicke den
der Greis auf den Emir geworfen habe unter den leutseligen Ausdruck der
gastfreien Menschenfreundlichkeit etwas gemischt gewesen welches den Fremden
betroffen gemacht habe ohne dass er sich selbst habe erklären können wie ihm
sei Der Alte hieß ihn Platz an seiner Seite nehmen« 
    »Ich habe versprochen dich nicht zu unterbrechen Doktor« sagte der
Sultan »aber ich möchte doch wissen was in den Blick des Alten gemischt sein
konnte dass es eine solche Wirkung auf den Emir machte«
    »Gnädigster Herr« versetzte Danischmend »ich muss Ihrer Majestät bekennen
dass ich diese Geschichte aus einem neueren griechischen Dichter genommen habe
der vermutlich nach der Weise seiner Zunftgenossen etwas von dem Seinigen zur
Wahrheit hinzu tut um seine Gemälde interessanter zu machen Es war ein
freundlicher Blick sagt er aber mit einem kleinen Zusatze von etwas das weder
Verachtung noch Mitleiden sondern eine sanfte Mischung von beiden war Es war
fährt er fort der Blick mit welchem ein Freund der Kunst die gestümmelte
Bildsäule eines Praxiteles ansieht mit etwas von dem zürnenden Verdruss
untermischt womit dieser Liebhaber den Goten ansehen würde der sie gestümmelt
hätte«
    »Das Bild ist fein und gibt viel zu denken« sagte Nurmahal »Weiter
Danischmend« sagte der Sultan
    »Inzwischen wurde das Abendessen aufgetragen wobei der Emir eine neue
Erfahrung machte die ihm der so wenig gewohnt war über irgend etwas zu denken
die unbegreiflichste Sache von der Welt zu sein deuchte Allein eh ich mich
hierüber erklären kann seh ich mich genötigt eine kleine Abschweifung über den
Charakter dieses Emirs zu machen der eine Hauptfigur in meiner Erzählung
vorstellt wiewohl es in der Tat nur die Rolle eines Zuschauers ist Er war von
seiner Jugend an dasjenige gewesen was man einen ausgemachten Wollüstling
nennt ein Mensch der keinen andern Zweck seines Daseins kannte als zu essen
zu trinken sich mit seinen Weibern zu ergetzen und von so mühsamen Arbeiten
sich durch eine Ruhe welche ungefähr die Hälfte von Tag und Nacht wegnahm zu
erholen um zu der nämlichen Beschäftigung wieder aufzuwachen Mit dieser groben
Sinnlichkeit verband er einen gewissen Stolz der sehr geschickt war die
nachteiligen Wirkungen derselben zu beschleunigen Er setzte ihn darein die
schönsten Frauen die besten Weine und die gelehrtesten Köche von ganz Asien zu
besitzen aber auch daran genügte ihm noch nicht er beeiferte sich auch der
größte Esser der größte Trinker und der größte Held in einer andern Art von
Leibesübung zu sein worin er mit Verdruss den Sperling und den Maulwurf für
seine Meister erkennen musste Wenn ein Mann das Unglück hat bei dieser
verkehrten Art von Ehrgeiz alle Mittel zu Befriedigung desselben zu besitzen so
wird man ihn bald genug dahin gebracht sehen zu Kantariden und Betel und
andern solchen Zwangsmitteln seine Zuflucht zu nehmen Aber die Natur ermangelt
nie sich für die Beleidigungen die man ihr zufügt zu rächen und pflegt desto
grausamer in ihrer Rache zu sein je weniger Vorwand ihre Wohltätigkeit uns zu
Rechtfertigung unsrer Ausschweifungen gelassen hat Der Emir befand sich also
mit dem reinsten arabischen Blute und der stärksten Leibesbeschaffenheit in
seinem dreissigsten Jahre zu dem elenden Zustande herunter gebracht der ein
Mittelstand zwischen Leben und Sterben ist gepeinigt durch Erinnerungen welche
sein Vergnügen hätten erhöhen sollen und verdammt zu ohnmächtigen Versuchen
den Zorn der Natur durch die Geheimnisse der Kunst zu versöhnen denen er die
Verlängerung seines Daseins zu danken hatte Diese gelehrten Köche auf die er
so stolz war hatten das Ihrige getreulich beigetragen zu gleicher Zeit seine
Gesundheit zu zerstören und die Werkzeuge seiner Empfindung abzunützen So wie
die Schwierigkeit seinen stumpfen Geschmack zu reizen zunahm hatte sich ihr
verderblicher Eifer verdoppelt sie durch die Macht ihrer Kunst zu besiegen
Aber ihre Erfindungen hatten selten einen bessern Erfolg als ihn den
erkünstelten Kitzel etlicher Augenblicke mit langen Schmerzen bezahlen zu
lassen
    Unser Emir erstaunte an der Tafel seines betagten Wirtes die Esslust wieder
zu finden die er Jahre lang vergebens gesucht hatte Zwei gleich ungewohnte
Dinge eine Nüchternheit von vierundzwanzig Stunden und die starke Bewegung
die er sich hatte geben müssen trugen ohne Zweifel das meiste dazu bei dass er
an der Tafel der Günstlinge des Propheten im Paradiese zu sitzen glaubte Nicht
als hätte die Menge und Kostbarkeit der Speisen oder eine sehr künstliche
Zubereitung das geringste dazu beigetragen denn es war kein größerer Überfluss
da als die Befriedigung des Bedürfnisses und die Sorge dem Geschmack einige
Wahl zu lassen erfoderte und an der Zubereitung hatte die Kunst nicht mehr
Anteil als sie haben muss um einen unverdorbenen Geschmack ohne Nachteil der
Gesundheit zu vergnügen Es ist wahr gewisse feine Kunstgriffe waren dabei
beobachtet die entweder ihrer Einfalt wegen den gelehrten Köchen des Emirs
unbekannt geblieben waren oder vielleicht eine Aufmerksamkeit erfoderten wozu
sich diese wichtigen Leute die Mühe nicht nehmen mochten indessen war es doch
hauptsächlich bloß die natürliche Güte der Speisen und eine Zurichtung an
welcher Avicenna selbst nichts auszusetzen gefunden hätte was diese Mahlzeit
von den prächtigen und teuren Giftmischereien fürstlicher Tafeln unterschied
Hingegen musste sich der Emir gestehen dass der Wein der vielleicht so alt war
als der Wirt und die Früchte womit die Mahlzeit beschlossen wurde so
vortrefflich waren als die Natur beides nur unter dem glücklichsten
Himmelsstriche hervorzubringen vermag
    Ist alles dies Zauberei fragte sich der Emir alle Augenblicke und was für
ein alter Mann ist dies der bei seinem schneeweißen Bart eine so frische Farbe
hat und dem Essen und Trinken so wohl schmeckt als ob er erst jetzt zu leben
anfange  Er hatte alle Mühe von der Welt seine Verwunderung zurückzuhalten
aber die angenehmen Gespräche wozu außer ihm selbst alle das Ihrige beitrugen
nebst der ungezwungenen und einnehmenden Art womit man ihm begegnete machten
es unmöglich die Gedanken die in seinem Gehirne herum trieben in einige
Ordnung zu bringen
    Koste diese Ananas sagte der Alte zu ihm indem er ihm die vollkommenste
Frucht dieser Art anbot die er jemals gesehen hatte Der Emir kostete sie und
fand nicht Worte genug ihren feinen Geschmack und Wohlgeruch zu erheben Ich
habe sie selbst mit eigener Hand gezogen sagte der Alte Seitdem ich zu alt
bin meine Söhne und Enkel zu den Feldarbeiten zu begleiten beschäftige ich
mich mit der Gärtnerei Sie verschafft mir den Grad von Bewegung und Arbeit den
ich nötig habe um so gesund zu bleiben als du mich siehst und die frische
Luft mit den reinsten Düften der Blumen und Blüten bebalsamt trägt vermutlich
auch das Ihrige dazu bei Der Emir hatte nichts hierauf zu antworten aber das
Paar große Augen die er an seinen Wirt machte hätt ich sehen mögen Der Alte
pflegte gewöhnlich frisches Wasser und nach der Mahlzeit drei kleine Gläser
Wein zu trinken Das erste sagte er lächelnd hilft meinem alten Magen
verdauen das andere ermuntert meine Lebensgeister und das dritte schläfert sie
wieder ein Der Emir welcher kein Wasser trinken konnte und wenn es aus der
Quelle der Jugend gewesen wäre machte dem Weine seines Wirtes Ehre Er ließ
sich so oft von einem Glase zum andern verleiten bis er das Vermögen verlor zu
unterscheiden ob er fühle oder sich nur einbilde dass er so munter sei als der
Alte selbst
    Nach der Tafel schlich sich der Mann mit den silbernen Locken unbemerkt
hinweg und eine Weile darauf sagte einer von seinen Söhnen Es ist eine
Gewohnheit in unserm Hause alle Abende vor Schlafengehen eine halbe Stunde in
dem Schlafzimmer unsers Vaters zuzubringen Ein Gast wird bei uns nie als ein
Fremder gehalten willst du uns begleiten  Der Emir ließ es sich gefallen
und um artig zu sein bat er sich die Ehre aus der ältesten unter den Frauen
des Hauses seinen schwachen Arm zu leihen
    Ein Zimmer öffnete sich welches dem Tempel des wollüstigen Schlafs ähnlich
sah Verschiedene Blumentöpfe von zierlichen Formen düfteten die lieblichsten
Gerüche aus und einige Wachslichter von grünen und rosenfarben Schirmen
verborgen machten eine Art von Dämmerung welche die Augen zum sanften
Entschlummern einlud Gemalte Tapeten von der Hand eines Meisters stellten
griechische Bilder des Schlafes vor hier den schönen Endymion vom Silberglanz
der zärtlich auf ihn herab schauenden Luna beleuchtet dort von einem einsamen
Rosengebüsche verborgen die Göttin der Liebe um deren sanft glühende Wangen
und Lippen ein entzückender Traum zu schweben schien oder Amorn auf dem Schoss
einer Grazie schlummernd Der Alte lag bereits auf seinem Ruhebette und drei
angenehme Frauenzimmer schienen beschäftigt seinen Schlummer zu befördern
Eine welche dem schönsten Herbsttage glich den man sehen kann saß zu seinen
Häupten und fächelte ihm mit einem Strauss von Rosen und Myrten Kühlung zu die
andern beiden saßen weiter unten zu beiden Seiten des Ruhebettes diese mit
einer Laute jene mit einem andern Instrumente welches bloß die Singstimme zu
begleiten diente Beide spielten und sangen mit sanft gedämpftem Tone bald
wechselsweise bald zusammen Lieder aus denen Zufriedenheit und ruhiges
Vergnügen atmete und die Lippen und Stimmen der Sängerinnen waren solcher
Lieder würdig Das Erstaunen des Emirs stieg auf den höchsten Grad Unvermerkt
entschlummerte der glückliche Alte am Busen der herbstlichen Schönen und die
übrige Gesellschaft nachdem sie eine von seinen sanft herab gesenkten Händen
geküsst hatte schlich sich in ehrerbietiger Stille davon
    Was für Leute das sind hörte der Emir nicht auf zu sich selbst zu sagen
    Beim Eintritt in das Schlafzimmer welches ihm selbst angewiesen wurde fand
er die beiden Knaben wieder die ihn im Bade bedient hatten Ihr Anblick
erinnerte ihn an die schöne Dirne die ihn auf eine so reizende Art willkommen
gesungen hatte und er konnte nicht mit sich selbst einig werden ob er sich
über ihre Abwesenheit betrüben oder erfreuen sollte Er wurde ausgekleidet und
auf eine so weiche so elastische so wollüstige Ottomanne gebracht als jemals
von einem Emir gedrückt worden sein mag Aber kaum hatten sich die Knaben
weggeschlichen so trat die schöne Sängerin mit ihrer Teorbe im Arm herein
einen Kranz von Rosenzweigen um ihre los gebundenen Haare die bis zur Erde
herab flossen und einen Strauss von Rosen vor einem Busen dessen Weiße die
Augen des Emirs blendete Mit stillschweigendem Lächeln neigte sie sich tief vor
ihm nahm von einem Armsessel neben seinem Ruhebette Besitz stimmte ihre
Teorbe und sang ihm mit der angenehmsten Stimme von der Welt so zauberische
Lieder vor dass der gute Emir von ihrer Gestalt von ihrer Stimme und von dem
achtzigjährigen Wein seines Alten berauscht alles vergaß was ihn billig hätte
erinnern sollen weise zu sein Die schöne Sängerin hatte vermutlich keinen
Auftrag in einem Hause worin alles glücklich war einen Unglücklichen zu
machen Aber ach« 
    Ein Blick des Sultans der vielleicht eine ganz andere Bedeutung hatte als
Danischmend sich einbildete machte ihn stutzen »Sire« fuhr er nach einer
kleinen Pause fort »um nicht in den Fehler des Vesirs Moslem zu fallen begnüge
ich mich zu sagen dass der Emir Ursache fand sich von allen Zauberern und Feen
der Welt verfolgt zu glauben Beruhige dich sagte die schöne Sklavin mit einem
Lächeln in welches mehr Mitleiden als Verachtung oder Unwillen gemischt war
ich will dir ein Adagio vorspielen auf welches du so gut schlafen sollst als
der glücklichste aller Schäfer Aber ihr Adagio tat das versprochene Wunder
nicht Der Emir konnte nicht aufhören sich selbst zu betrügen bis endlich die
Sklavin welche seinen Eigensinn wirklich unbillig fand für besser hielt sich
zurück zu ziehen indem sie ihm so wohl zu schlafen wünschte als er könnte«
    »Danischmend ich bin mit deiner Erzählung zufrieden« sagte der Sultan
»morgen wollen wir die Fortsetzung davon hören und mein Schatzmeister soll
Befehl erhalten dir dreihundert Bahamdor auszuzahlen« Der Philosoph und der
junge Mirza zogen sich hierauf zurück und die Pforte des geheiligten
Schlafgemachs wurde hinter ihnen zugeschlossen
 
                                       4
Den folgenden Abend setzte Danischmend auf Befehl des Sultans seine Erzählung
also fort
    »Die Geschichte des Emirs und der schönen Sklavin blieb nicht lange geheim
und dieser Prinz hatte die Ehre der erste Mann von seiner Art zu sein den man
jemals in diesen Gegenden gesehen hatte Die Einwohner des Hauses männliche und
weibliche konnten gar nicht von ihrem Erstaunen über ihn zurück kommen Sie
hatten gar keinen Begriff davon wie man das sein könne was er war Das arme
Geschöpf riefen sie alle mit einem Ton des Mitleidens welcher nicht sehr
geschickt gewesen wäre sein Leid zu ergetzen Wirklich war der unglückliche Mann
in seinem ganzen Leben nie so übel mit sich selbst zufrieden gewesen als in
dieser nämlichen Nacht Die Vergleichung die er zwischen sich selbst einem
Greise von zweiunddreissig und diesem silberlockigen Jüngling von achtzig
anstellte  begleitet von den Vorstellungen welche ihm die schöne Sklavin
zurück gelassen hatte war mehr als genugsam ihn zur Verzweiflung zu bringen Er
biss die Lippen zusammen schlug sich vor den Kopf und verfluchte in der
Bitterkeit seines Herzens seinen Harem seinen Leibarzt seine Köche und die
jungen Toren die ihn durch Beispiel und Grundsätze aufgemuntert hatten sein
Leben so eilfertig zu verschwenden Erschöpft von ohnmächtiger Wut und betäubt
von einem Schwall quälender Gedanken die ihm das Gefühl seines Daseins zur
Marter machten schlummert er endlich ein und da er nach einigen Stunden wieder
erwachte fehlte wenig dass er nicht alles was ihm seit seinem letzten Schlafe
begegnet war für einen bloßen Traum gehalten hätte Wenigstens wandte er alle
seine Kräfte an die Erinnerung an den unangenehmsten Teil seiner Begegnisse zu
unterdrücken und in der Hoffnung dass neue Eindrücke ihm dazu am
beförderlichsten sein würden öffnete er ein Fenster aus welchem er die Gärten
vor sich liegen sah die sich von der Morgenseite um das Haus herum zogen Eine
reine mit tausend erquickenden Düften erfrischte Luft zerstreute die düstern
Wolken die noch um sein Gehirn hingen er fühlte sich gestärkt dieses Gefühl
fachte wieder einen Funken von Hoffnung in seinem Busen an und mit der Hoffnung
kehrt die Liebe zum Leben zurück Indem er diese Gärten betrachtete und seinem
verwöhnten Geschmack am Prächtigen und Erkünstelten zu Trotz sich nicht
erwehren konnte sie bei aller ihrer nützlichen Einfalt und anscheinenden
Wildheit schön zu finden ward er den Alten gewahr der halb von Gesträuchen
bedeckt sich mit kleinen Gärtnerarbeiten beschäftigte welche der Emir nie
gewürdiget hatte sich einen Begriff davon zu erwerben Die Begierde alles
Befremdende und Wunderbare das er in diesem Hause gesehen sich erklären zu
lassen bewog ihn in die Gärten hinab zu steigen um sich mit dem Alten in ein
Gespräch einzulassen Nachdem er ihm für seine leutselige Aufnahme gedankt
hatte fing er an ihm seine Verwunderung darüber zu bezeigen dass ein Greis von
seinen Jahren noch so gerade so geschäftig so lebhaft und so fähig sein könne
an den Vergnügungen des Lebens Anteil zu nehmen Wenn deine silbernen Haare und
dein eisgrauer Bart nicht von einem hohen Alter zeugten setzte er hinzu so
müsste man dich für einen Mann von vierzig halten Ich bitte dich erkläre mir
dieses Rätsel Was für ein Geheimnis besitzest du welches solche Wunder wirken
kann
    Ich kann dir mein Geheimnis mit drei Worten sagen erwiderte der Alte
lächelnd Arbeit Vergnügen und Ruhe jedes in kleinem Masse zu gleichen Teilen
vermischt und nach dem Winke der Natur abgewechselt wirken dieses Wunder wie
du es zu nennen beliebst auf die begreiflichste Weise von der Welt Eine nicht
unangenehme Mattigkeit ist der Wink den uns die Natur gibt unsre Arbeit mit
Ergetzungen zu unterbrechen und ein ähnlicher Wink erinnert uns von beiden
auszuruhen Die Arbeit unterhält den Geschmack an den Vergnügungen der Natur
und das Vermögen sie zu genießen und nur derjenige für den ihre reinen
untadelhaften Wollüste allen Reiz verloren haben ist unglücklich genug bei
erkünstelten eine Befriedigung zu suchen welche sie ihm nie gewähren werden
Lerne an mir werter Fremdling wie glücklich der Gehorsam gegen die Natur macht
 Sie belohnt uns dafür mit dem Genuss ihrer besten Gaben Mein ganzes Leben ist
eine lange selten unterbrochne Kette von angenehmen Augenblicken gewesen denn
die Arbeit selbst eine unsern Kräften angemessene und von keinen verbitternden
Umständen begleitete Arbeit ist mit einer Art von sanfter Wollust verbunden
deren wohltätige Einflüsse sich über unser ganzes Wesen verbreiten Aber um
durch die Natur glücklich zu sein muss man die größte ihrer Wohltaten die das
Werkzeug aller übrigen ist die Empfindung unverdorben erhalten haben und zum
richtigen Empfinden ist richtig Denken eine unentbehrliche Bedingnis
    Der Alte sah seinem Gast an der Miene an dass er ihn nur mittelmäßig
verstand Ich werde dir vielleicht verständlicher sein fuhr er fort wenn ich
dir die Geschichte unsrer kleinen Kolonie erzähle denn in jeder andern Wohnung
wohin der Zufall dich in diesen Tälern hätte führen können würdest du alles
ungefähr eben so gefunden haben wie bei mir Der Emir bezeigte dass er ihm sehr
gern zuhören wollte Er hatte ein so ermüdetes Ansehen dass ihm der mitleidige
Alte den Vorschlag tat sich auf einen Sofa in einem mit Zitronenbäumen
umpflanzten Gartensaale niederzulassen wiewohl ihm selbst ein Spaziergang unter
den Bäumen angenehmer gewesen wäre
    Der Emir nahm dies Anerbieten willig an und während eine schöne junge
Sklavin sie mit dem besten Kaffe von Moka bediente fing der muntere Greis seine
Erzählung also an
    Eine alte Überlieferung sagt uns dass unsre Vorfahren von griechischer
Abkunft gewesen und durch einen Zufall an dessen Umständen dir nichts gelegen
sein kann vor einigen Jahrhunderten in diese Gebirge geworfen worden Sie
pflanzten sich in diesen angenehmen Tälern an welche die Natur dazu bestimmt zu
haben scheint eine kleine Anzahl von Glücklichen vor der Missgunst und den
ansteckenden Sitten der übrigen Sterblichen zu verbergen Hier lebten sie in
zufriedener Einschränkung in den engen Kreis der Bedürfnisse der Natur dem
Anschein nach so armselig dass selbst die benachbarten Beduinen sich um ihr
Dasein wenig zu bekümmern schienen Die Zeit löschte nach und nach den größten
Teil der Merkmale ihres Ursprungs aus ihre Sprache verlor sich in die
arabische ihre Religion artete in einige abergläubische Gebräuche aus von
welchen sie selbst keinen Grund anzugeben wussten und von den Künsten die der
griechischen Nation einen unverlierbaren Rang über alle übrige gegeben haben
blieb ihnen nur die Liebe zur Musik und ein gewisser angeborner Hang zum
Schönen und zu geselligen Vergnügungen welcher die Grundlage abgab worauf der
weise Gesetzgeber ihrer Nachkommen einen kleinen Staat von glückseligen Menschen
aufzuführen wusste Begierig die Schönheit der Formen unter sich zu verewigen
machten sie sich zu einem Gesetze nur die schönsten unter den Töchtern des
benachbarten Yemen unter sich aufzunehmen und dieser Gewohnheit welche unser
Gesetzgeber würdig gefunden hat ihr die Heiligkeit einer unverletzlichen
Pflicht zu geben ist es ohne Zweifel beizumessen dass du in allen unsern Tälern
keine Person weder von unserm noch vom andern Geschlechte finden wirst welche
nicht jenseits der Gebirge für eine seltene Schönheit gelten sollte
    Zu den Zeiten meines Großvaters kam der vortreffliche Mann dem wir unsre
dermalige Verfassung zu danken haben der zweite und eigentliche Stifter unsrer
Nation durch eine Kette von Zufällen in diese Gegend Wir wissen nichts weder
von seiner Abkunft noch von den Begebenheiten seines Lebens vor dem Zeitpunkte
da er zu uns kam Er schien damals ein Mann von funfzig Jahren zu sein er war
lang von majestätischer Gestalt und von so einnehmendem Bezeigen dass er in
kurzer Zeit alle Herzen gewann Er hatte so viel Gold mit sich gebracht dass es
einem jeden in die Augen fallen musste er habe keine andre Ursache unter uns zu
leben als weil es ihm bei uns gefiel Das Sanfte und Gefällige seiner Sitten
die ungekünstelte Weisheit seiner Gespräche die Kenntnisse die er von tausend
nützlichen und angenehmen Dingen hatte verbunden mit einer Beredsamkeit die
auf eine unwiderstehliche Art sich in die Seelen einstahl gaben ihm nach und
nach ein unbegrenzteres Ansehen unter uns als ein Monarch über seine angeborenen
Untertanen zu haben pflegt Er fand unsre kleine Nation fähig glücklich zu sein
und Menschen sagte er zu sich selbst welche etliche Jahrhunderte sich an dem
Unentbehrlichen begnügen lassen konnten verdienen es zu sein ich will sie
glücklich machen Er verbarg sein Vorhaben eine geraume Zeit weil er weislich
glaubte dass er die ersten Eindrücke durch sein Beispiel machen müsse Er
pflanzte sich unter uns an lebte in seinem Hause so wie du uns hast leben
gesehen machte unsre Leute mit Bequemlichkeiten und Vergnügungen bekannt die
ihre Begierden reizen mussten und kaum ward er gewahr dass er diesen Zweck
erhalten habe so legte er die Hand an seinen großen Entwurf Ein Freund der
ihn begleitet hatte und von allen schönen Künsten in einem hohen Grade der
Vollkommenheit Meister war half ihm die Ausführung beschleunigen Viele von
unsern Jünglingen nachdem sie die nötige Vorbereitung von ihnen erhalten
hatten arbeiteten unter ihrer Aufsicht mit unbeschreiblicher Begeisterung
Wilde Gegenden wurden angebaut künstliche Wiesen und Gärten voll
fruchttragender Bäume blühten in Gegenden hervor die mit Disteln und Heidekraut
bedeckt gewesen waren und Felsen wurden mit neu gepflanzten Weinreben
beschattet Mitten auf einer kleinen Anhöhe die das schönste unsrer Täler
beherrscht stieg ein runder auf allen Seiten offener Tempel empor in dessen
Mitte nichts als eine Estrade um drei Stufen höher als der Fußboden und auf
diesen drei Bilder von weißem Marmor zu sehen waren Bilder die man ohne Liebe
und sanftes Entzücken nicht ansehen konnte Ein Hain von Myrten zog sich in
einiger Entfernung um den kleinen Tempel und bedeckte die ganze Anhöhe Dieses
letzte Werk war allen unsern Leuten ein Rätsel und Psammis so nannte sich der
wunderbare Fremdling verzog so lange ihnen die Auflösung davon zu geben bis
er merkte dass alle die zärtliche Ehrerbietung die sie für ihn empfanden nicht
länger vermögend war ihre Ungeduld zurück zu halten
    Endlich führte er am Morgen eines schönen Tages welcher seitdem der
heiligste unsrer festlichen Tage ist eine Anzahl der Unsrigen die er als die
geschicktesten zu seinem Vorhaben ausgewählt hatte auf die Anhöhe setzte sich
mit ihnen unter die Myrten und gab ihnen zu erkennen Dass er in keiner andern
Absicht zu ihnen gekommen sei als sie und ihre Nachkommen glücklich zu machen
dass er keine andre Belohnung dafür erwarte als das Vergnügen seine Absicht
erreicht zu haben und dass er keine andre Bedingung von ihnen fordere als ein
feierliches Gelübde die Gesetze unverbrüchlich zu halten die er ihnen geben
würde Es würde zu weitläuftig sein fuhr der Alte fort dir zu erzählen was er
sagte um seine Zuhörer zu überzeugen und was er tat um sein angefangenes Werk
auszuführen und ihm alle die Festigkeit zu geben welche ein auf die Natur
gegründeter Entwurf durch weise Vorsicht erhalten kann Eine Probe seiner
Sittenlehre die den ersten Teil seiner Gesetzgebung ausmacht wird hinlänglich
sein dir davon einigen Begriff zu geben
    Jeder von uns empfängt beim Antritt seines vierzehnten Jahres an dem Tage
da er in dem Tempel der Huldgöttinnen das Gelübde tun muss der Natur gemäß zu
leben einige Täfelchen aus Ebenholz auf welchen diese Sittenlehre mit goldnen
Buchstaben geschrieben ist Wir tragen sie immer bei uns und sehen sie als ein
Heiligtum und gleichsam als den Talisman an an welchen unsre Glückseligkeit
gebunden ist Wer sich unterfinge andre Grundsätze einführen zu wollen würde
als ein Vergifter unsrer Sitten und als ein Zerstörer unsers Wohlstandes auf
ewig aus unsern Grenzen verbannt werden Höre wenn es dir gefällt was ich dir
davon vorlesen will
Das Wesen der Wesen so spricht Psammis im Eingange seiner Gesetze welches
unsichtbar unsern Augen und unbegreiflich unserm Verstande uns sein Dasein nur
durch Wohltaten zu empfinden gibt bedarf unser nicht und fodert keine andre
Erkenntlichkeit von uns als dass wir uns glücklich machen lassen
    Die Natur die zu unsrer allgemeinen Mutter und Pflegerin von Ihm bestellt
ist flösset uns mit den ersten Empfindungen auch die Triebe ein von deren
Mäßigung und Übereinstimmung unsre Glückseligkeit abhängt Ihre Stimme ist es
die durch den Mund ihres Psammis mit euch redet seine Gesetze sind keine andern
als die ihrigen
    Sie will dass ihr eures Daseins froh werdet Freude ist der letzte Wunsch
aller empfindenden Wesen sie ist dem Menschen was Luft und Sonnenschein den
Pflanzen ist Durch süßes Lächeln kündigt sie die erste Entwicklung der
Menschheit im Säugling an und ihr Abschied ist der Vorbote der Auflösung unsers
Wesens Liebe und gegenseitiges Wohlwollen sind ihre reichsten und lautersten
Quellen Unschuld des Herzens und der Sitten das sanfte Ufer in welchem sie
dahin fließen
    Diese wohltätigen Ausflüsse der Gottheit sind es was ihr unter den Bildern
vorgestellt seht denen euer gemeinschaftlicher Tempel heilig ist Betrachtet
sie als Sinnbilder der Liebe der Unschuld und der Freude So oft der Frühling
wieder kommt so oft Ernte und Herbst angehen und geendigt sind und an jedem
andern festlichen Tage versammelt euch in dem Myrtenhaine bestreuet den Tempel
mit Rosen und kränzet diese holden Bilder mit frischen Blumen erneuert vor
ihnen das unverletzliche Gelübde der Natur getreu zu bleiben umarmet einander
unter diesen Gelübden und die Jugend beschliesse das Fest unter den frohen
Augen der Alten mit Tänzen und Gesang Die junge Schäferin wenn ihr Herz aus
dem langen Traume der Kindheit zu erwachen beginnt schleiche sich einsam in den
Myrtenhain und opfre der Liebe die ersten Seufzer die ihren sanften Busen
heben die junge Mutter mit dem lächelnden Säugling im Arme wandle oft hierher
ihn zu den Füßen der holden Göttinnen in süßen Schlummer zu singen
    Hört mich ihr Kinder der Natur  denn diesen und keinen andern Namen soll
euer Volk künftig führen
    Die Natur hat alle eure Sinne hat jedes Fäserchen des wundervollen Gewebes
eures Wesens hat euer Gehirn und euer Herz zu Werkzeugen des Vergnügens
gemacht Konnte sie euch vernehmlicher sagen wozu sie euch geschaffen hat
    Wär es möglich gewesen euch des Vergnügens fähig zu machen ohne dass ihr
auch des Schmerzes fähig sein musstet so  würde es geschehen sein Aber so viel
möglich war hat sie dem Schmerz den Zugang zu euch verschlossen Solang ihr
ihren Gesetzen folgt wird er eure Wonne selten unterbrechen noch mehr er
wird euer Gefühl für jedes Vergnügen schärfen und dadurch zu einer Wohltat
werden er wird in eurem Leben sein was der Schatten in einer schönen sonnigen
Landschaft was die Dissonanz in einer Symphonie was das Salz an euren Speisen
    Alles Gute löset sich in Vergnügen auf alles Böse in Schmerz Aber der
höchste Schmerz ist das Gefühl sich selbst unglücklich gemacht zu haben  hier
holte der Emir einen tiefen Seufzer  und die höchste Lust das heitre
Zurücksehen in ein wohl gebrauchtes von keiner Reu beflecktes Leben
    Niemals möge unter euch ihr Kinder der Natur das Ungeheuer geboren werden
das eine Freude darin findet andre leiden zu sehen oder unfähig ist sich ihrer
Freude zu erfreuen Nein ein so unnatürliches Missgeschöpf kann nicht zum
Vorschein kommen wo Unschuld und Liebe sich vereinigen den Geist der Wonne
über alles was atmet auszugiessen Freuet euch meine Kinder eures Daseins
eurer Menschheit genießt so viel möglich jeden Augenblick eures Lebens aber
vergesset nie dass ohne Mäßigung auch die natürlichsten Begierden zu Quellen des
Schmerzes durch Übermaß die reineste Wollust zu einem Gifte wird das den Keim
eures künftigen Vergnügens zernaget Mäßigung und freiwillige Entaltung ist das
sicherste Verwahrungsmittel gegen Überdruss und Erschlaffung Mäßigung ist
Weisheit und nur dem Weisen ist es gegönnt den Becher der reinen Wollust den
die Natur jedem Sterblichen voll einschenkt bis auf den letzten Tropfen
auszuschlürfen Der Weise versagt sich zuweilen ein gegenwärtiges Vergnügen
nicht weil er ein Feind der Freude ist oder aus alberner Furcht vor irgend
einem gehässigen Dämon der darüber zürnte wenn sich die Menschen freuen
sondern um durch seine Entaltung sich auf die Zukunft zu einem desto
vollkommnern Genuße des Vergnügens aufzusparen11
    Hört mich ihr Kinder der Natur Hört ihr unveränderliches Gesetz Ohne
Arbeit ist keine Gesundheit der Seele noch des Leibes ohne diese keine
Glückseligkeit möglich Die Natur will dass ihr die Mittel zur Erhaltung und
Versüssung eures Daseins als Früchte einer mäßigen Arbeit aus ihrem Schoße ziehen
sollt Nichts als eine nach dem Grade eurer Kräfte abgemessene Arbeit wird euch
die notwendige Bedingung alles Vergnügens die Gesundheit erhalten
    Ein kranker oder kränkelnder Mensch ist in jeder Betrachtung ein
unglückliches Geschöpf Alle Kräfte seines Wesens leiden dadurch ihr
natürliches Verhältnis und Gleichgewicht wird gestört ihre Lebhaftigkeit
geschwächt ihre Richtung verändert Seine Sinne stellen ihm verfälschte
Abdrücke der Gegenstände dar das Licht seines Geistes wird trübe und sein
Urteil von dem Werte der Dinge verhält sich zum Urteil eines Gesunden wie
Sonnenschein zum düstern Schein der sterbenden Lampe in einer Totengruft
    Von dem Augenblick an  und o möchte dann wann er kommt die Sonne auf
ewig für euch verlöschen  von dem Augenblick an da Unmässigkeit oder
erkünstelte Wollüste die Samen schleichender und schmerzvoller Krankheiten in
euren Adern verbreitet haben werden verlieren die Gesetze des Psammis ihre
Kraft euch glücklich zu machen Dann werfet sie in die Flammen ihr
Unglückseligen denn die Göttinnen der Freude werden sich in Furien für euch
verwandeln Dann kehret eilends in eine Welt zurück wo ihr ungestraft euer
Dasein verwünschen könnt und wenigstens den armseligen Trost genießt überall
Mitgenossen euers Elends zu sehen
    Suchet niemals meine Kinder einen höheren Grad von Kenntnis als ich euch
mitgeteilt habe Ihr wisst genug wenn ihr gelernt habt glücklich zu sein
    Gewöhnet euer Auge an die Schönheit der Natur und aus ihren mannigfaltig
schönen Formen ihren reichen Zusammensetzungen ihrer reizenden Farbengebung
füllet eure Phantasie mit Ideen des Schönen an Bemühet euch allen Werken eurer
Hände und eures Geistes den Stempel der Natur Einfalt und ungezwungene
Zierlichkeit einzudrücken Alles was euch in euren Wohnungen umgibt stelle
euch ihre Schönheiten vor und erinnere euch dass ihr ihre Kinder seid
    Alle andere Werke der Natur scheinen nur spielende Versuche und Vorübungen
wodurch sie sich zur Bildung ihres Meisterstücks des Menschen vorbereitet In
ihm allein scheint sie alles was sie diesseits des Himmels vermag vereiniget
an ihm allein mit Wärme und verliebt in ihr eigenes Werk gearbeitet zu haben
Aber sie hat es in unserer Gewalt gelassen es zu vollenden oder zu verderben
Warum tat sie das Ich weiß nichts davon aber nach dem was Sie getan hat
müssen wir das bestimmen was Wir zu tun haben Jede harmonische Bewegung unsers
Körpers jede sanfte Empfindung der Freude der Liebe der zärtlichen Sympatie
verschönert uns jede allzu heftige oder unordentliche Bewegung jede ungestüme
Leidenschaft jede neidische und übeltätige Gesinnung verzerrt unsre
Gesichtszüge vergiftet unsern Blick würdiget die schöne menschliche Gestalt
zur sichtbaren Ähnlichkeit mit irgend einer Art von Vieh herab So lange Güte
des Herzens und Fröhlichkeit die Seele eurer Bewegungen bleiben werdet ihr die
schönsten unter den Menschenkindern sein
    Das Ohr ist nach dem Auge der vollkommenste unsrer Sinne Gewöhnet es an
kunstlose aber seelenvolle Melodien aus welchen schöne Gefühle atmen die das
Herz in sanfte Bebungen setzen oder die einschlummernde Seele in süße Träume
wiegen Freude Liebe und Unschuld stimmen den Menschen in Harmonie mit sich
selbst mit allen guten Menschen mit der ganzen Natur So lang euch diese
beseelen wird jede eurer Bewegungen der gewöhnliche Ton eurer Stimme eure
Sprache selbst wird Musik sein
    Psammis hat euch neue Quellen angenehmer Empfindungen mitgeteilt durch ihn
genießt ihr von der täglichen Arbeit ermüdet einer wollüstigen Ruhe durch
ihn ergetzen liebliche Früchte in diesen fremden Boden verpflanzt euren
Gaumen durch ihn begeistert euch der Wein zu höherer Fröhlichkeit zu
offenherzigem Geschwätze und geistreichem Scherz ohne welche dem geselligen
Gastmahle seine beste Würze fehlt In der Liebe die ihr nur unter der niedrigen
Gestalt des Bedürfnisses kanntet hat er euch die Seele des Lebens die Quelle
der schönsten Begeisterung und der reinsten Wollust des Herzens bekannt gemacht
O meine Kinder welche Lust welches angenehme Gefühl sollt ich euch versagen
Keines gewiss keines das euch die Natur zugedacht hat Ungleich den schwülstigen
Afterweisen welche den Menschen zerstören wollen um  eitles lächerliches
Bestreben  einen Gott aus seinen Trümmern hervor zu ziehen Ich empfehle euch
die Mäßigung aber aus keinem andern Grunde als weil sie unentbehrlich ist
euch vor Schmerzen zu bewahren und immer zur Freude aufgelegt zu erhalten
Nicht aus Nachsicht gegen die Schwachheit der Natur erlaub ich  nein aus
Gehorsam gegen ihre Gesetze befehl ich euch eure Sinne zu ergetzen Ich habe
den betrüglichen Unterschied zwischen nützlich und angenehm aufgehoben ihr
wisst dass nichts den Namen eines Vergnügens verdient was mit dem Schmerz
eines andern oder mit später Reue bezahlt wird und dass das Nützliche nur
nützlich ist weil es uns vor Unlust bewahrt oder eine Quelle von Vergnügen
ist Ich habe den törichten Gegensatz der verschiedenen Arten der Lust
vernichtet und eine ewige Eintracht zwischen ihnen hergestellt indem ich euch
den natürlichen Anteil gelehrt habe den das Herz an jeder sinnlichen Lust und
die Sinne an jedem Vergnügen des Herzens nehmen Ich habe eure Freuden vermehrt
verfeinert veredelt  Was kann ich noch mehr tun
    Noch eines und das wichtigste von allem Lernet meine Kinder die leichte
Kunst eure Glückseligkeit ins Unendliche zu vermehren das einzige Geheimnis
sie so nah als möglich der Wonne der Götter und wenn es erlaubt wäre so kühn
zu denken der Wonne des Urhebers der Natur selbst zu nähern 
    Erstrecket euer Wohlwollen auf die ganze Natur liebt alles was ihr
allgemeinstes Geschenk das Dasein mit euch teilt
    Liebet einen jeden in welchem ihr die ehrwürdigen Kennzeichen der
Menschheit erblickt sollten es auch nur ihre Ruinen sein
    Freuet euch mit jedem der sich freut wischet die Tränen der Reue von den
Wangen der bestraften Torheit und küsset aus den Augen der Unschuld die Tränen
des Mitleidens mit sich selbst
    Vervielfachet euer Wesen indem ihr euch gewöhnet in jedem Menschen das Bild
euerer eigenen Natur und in jedem guten Menschen ein andres Selbst zu lieben
    Schmecket so oft ihr könnt das reine göttliche Vergnügen andre glücklicher
zu machen  und du Unglückseliger dem von diesem bloßen Gedanken das Herz
nicht zu wallen anfängt fliehe fliehe auf ewig aus den Wohnungen der Kinder
der Natur«
    SchachGebal war über der Sittenlehre des weisen Psammis unvermerkt so gut
eingeschlafen dass die schöne Nurmahal für ratsam hielt die Fortsetzung der
Geschichte des Emirs auf die künftige Nacht auszusetzen
 
                                       5
»Die Sittenlehre deines  wie heißt er ist eine vortreffliche Sittenlehre«
sagte der Sultan zu Danischmenden »ich habe gut auf sie geschlafen Aber jetzt
würdest du mir weil ich noch keine Lust zu schlafen habe einen Gefallen tun
wenn du deine Erzählung ohne weitere Sittenlehre zu Ende bringen wolltest«
    Danischmend antwortete wie es einem demütigen Sklaven zusteht und setzte
seine Erzählung also fort
    »Dieses sagte der Alte indem er seine Täfelchen wieder zusammen legte
sind die Grundsätze nach welchen wir leben Wir ziehen sie so zu sagen mit
der Milch unsrer Mütter ein und durch Beispiel und Gewohnheit müssten sie uns
zur andern Natur werden wenn sie auch an sich selbst der Natur nicht so ganz
gemäß wären als sie es sind Kannst du dich nun noch länger wundern dass ich in
einem Alter von achtzig Jahren fähig bin meinen Anteil an den Vergnügungen des
Lebens zu nehmen dass mein Herz und meine Sinne noch jedem sanften Gefühl offen
stehen meine Augen noch immer gern auf schönen Formen verweilen und dass wenn
auch die Natur meinem Alter Freuden versagt die ich weder verachte noch
vermisse ich zufrieden bin diejenigen zu genießen welche sie mir gelassen hat
kurz dass der letzte Teil meines Lebens dem Abend einer schönen Nacht ähnlich
ist und ich wenigstens in diesem Stücke dem Weisen gleiche der um den
Ausdruck unsers Gesetzgebers zu wiederholen den Becher der reinen Wollust bis
auf den letzten Tropfen ausschlürft und ich schwöre bei diesem alles
beleuchtenden Auge der Natur unsrer allgemeinen Mutter dass ich mit dem letzten
Atemzuge wenn ich anders noch die Kraft dazu habe den letzten Tropfen davon
auf meinen Nagel sammeln und hinunter schlürfen will
    Der alte Mann sagte dies mit einem so angenehm auflodernden Feuer dass der
Emir darüber lächeln musste aber es war zu viel Neid und Unmut unter dieses
Lächeln gemischt als dass sein Gesicht in den Augen einer Tochter der Natur viel
dabei gewonnen hätte
    Den übrigen Teil unsrer Gesetzgebung fuhr der Alte fort welcher unsre
Polizei betrifft werde ich dir am besten durch eine Beschreibung unsrer
Lebensart und unsrer Sitten begreiflich machen Unsre kleine Nation welche
ungefähr aus fünfhundert Stammfamilien besteht lebt in einer vollkommenen
Gleichheit indem wir keines andern Unterschiedes bedürfen als den die Natur
selbst die das Mannigfaltige liebt unter den Menschen macht Die Liebe zu
unsrer Verfassung und die Ehrerbietung gegen die Alten welche wir als die
Bewahrer derselben ansehen ist hinlänglich Ordnung und Ruhe die Früchte
übereinstimmender Grundsätze und Neigungen unter uns zu erhalten Wir
betrachten uns alle als eine einzige Familie und die kleinen Misshelligkeiten
die unter uns entstehen können sind den Zänkereien der Verliebten oder einem
vorüber gehenden Zwiste zärtlicher Geschwister ähnlich Unsre Festtage sind die
einzigen Gerichtstage die wir kennen unser ganzes Volk versammelt sich dann
vor dem Tempel der Huldgöttinnen und unter ihren Augen werden von unsern
Ältesten alle Händel beigelegt und alle gemeinschaftliche Abredungen genommen
    Wir nähren und bekleiden uns von unsern eigenen Produkten und das Wenige
was uns abgeht tauschen wir von den benachbarten Beduinen gegen unsern Überfluss
ein Unsrer Jugend überlassen wir die Sorge für die Herden Vom zwölften bis zum
zwanzigsten Jahre sind alle unsre Knaben Hirten alle unsre Mädchen
Schäferinnen denn der weise Psammis urteilte dass dieses die natürlichste
Beschäftigung für das Alter der Begeisterung und der empfindsamen Liebe sei Der
Ackerbau beschäftigt die Männer vom zwanzigsten bis zum sechzigsten Jahre und
die Gärtnerei ist den Alten überlassen welche darin von den Jünglingen der
mühsamsten Arbeiten überhoben werden Der Seidenbau die Verarbeitung der
Baumwolle und Seide die Wartung der Blumen und die ganze innere Haushaltung
gehört unsern Frauen und Töchtern zu Jede Familie lebt so lange beisammen als
die gemeinschaftliche Wohnung sie fassen und das väterliche Gut sie ernähren
kann Geht dieses nicht mehr an so wird eine junge Kolonie errichtet die sich
in einem benachbarten Tale anpflanzt Denn die Araber deren Schutz wir mit
einem mäßigen Tribut erkaufen und welche die Natur in uns um so mehr zu ehren
scheinen als es ihnen wenig nützen würde uns auszurotten haben uns einen
größeren Umfang von Land überlassen als wir in etlichen Jahrhunderten bevölkern
werden Unser Gesetzgeber urteilte mit gutem Grunde dass es zu Erhaltung unsrer
Verfassung nötig sei immer ein kleines Volk zu bleiben Er verordnete deswegen
von Zeit zu Zeit eine Prüfung mit unsern Jünglingen vorzunehmen und diejenigen
an denen sich ungewöhnliche Fähigkeiten ein unruhiger Geist eine Anlage zu
Ruhmbegierde oder auch nur ein bloßes Verlangen die Welt zu sehen äußern
würde von uns zu tun und jenseits der Gebirge in irgend eine Hauptstadt von
Ägypten Syrien Yemen oder Persien zu schicken wo sie leicht Gelegenheit
finden würden ihre Talente zu entwickeln und ihr Glück zu machen wie man bei
diesen Völkern zu reden pflegt Wir verlieren auf diese Weise alle zehen Jahre
eine beträchtliche Anzahl von jungen Leuten aber oft begegnet es auch dass sie
wenigstens im Alter wieder kommen um das Ende ihres Lebens in der einzigen
Freistätte welche die schöne Natur vielleicht auf dem ganzen Erdboden hat zu
beschließen und wenn sie eine sehr scharfe Art von Quarantäne ausgehalten
haben und wir versichert sind dass die Gesundheit unsrer Seelen und Leiber
nichts von ihnen zu besorgen hat werden sie mit Vergnügen aufgenommen
Verschiedene von ihnen haben beträchtliche Reichtümer mit sich gebracht welche
an einem unserm ganzen Volke bekannten und offen stehenden Orte zu gemeinen
Bedürfnissen auf künftige Fälle aufbehalten werden ohne dass jemand daran denken
sollte sich etwas von demjenigen zueignen zu wollen was allen angehört Unsre
Kinder werden vom dritten bis zum achten Jahre größten Teils sich selbst das
ist der Erziehung der Natur überlassen Vom achten bis zum zwölften empfangen
sie so viel Unterricht als sie vonnöten haben um als Mitglieder unsrer
Gesellschaft glücklich zu sein Wenn sie richtig genug empfinden und denken um
unsre Verfassung für die beste aller möglichen zu halten so sind sie gelehrt
genug Jeder höhere Grad von Verfeinerung würde ihnen unnütze sein Mit Antritt
des vierzehnten Jahres empfängt jeder angehende Jüngling die Gesetze des weisen
Psammis er gelobet vor den Bildern der Huldgöttinnen ihnen getreu zu sein und
dieses Gelübde wiederholt er im zwanzigsten da er mit dem Mädchen welches er
in seinem Hirtenstande geliebt hat vermählt wird Denn die Liebe allein stiftet
unsre Heiraten Im dreissigsten Jahr ist ein jeder verbunden zu seiner ersten
Frau die zweite und im vierzigsten die dritte zu nehmen wofern er nicht
hinlängliche Ursachen dagegen anführen kann wovon wir kein Beispiel haben
Diese Vorsicht war vonnöten weil die natürliche Proportion in der Anzahl der
Jünglinge und Mädchen durch Verschickung eines Teils der ersten beträchtlich
vermindert wird Wir haben Sklaven und Sklavinnen aber mehr zum Vergnügen als
um einen andern Nutzen von ihnen zu ziehen Wir erkaufen sie in ihrer ersten
Jugend von den Beduinen eine untadelige Schönheit ist alles worauf wir dabei
sehen Wir erziehen sie wie unsre eigenen Kinder sie genießen des Lebens so gut
als wir selbst ihre Kinder sind frei und sie selbst sind es von dem Augenblick
an da sie uns verlassen wollen Sie sind in nichts als in ihrer Kleidung von
uns unterschieden welche zierlicher ist als die unsrige und das einzige
Vorrecht welches wir uns über sie heraus nehmen ist dass sie uns bedienen wenn
wir ruhen und dass ihre vornehmste Beschäftigung ist uns Vergnügen zu machen
    Alle unsre Vergnügungen sind natürlich und ungekünstelt und alle unsre
Gemächlichkeiten tragen das Kennzeichen der Einfalt und Mäßigung Wir genießen
die Seligkeit eines ewigen Friedens und einer Freiheit die vielleicht für uns
allein ein Gut ist weil wir ihren Missbrauch nicht kennen Wir genießen die
Wollust welche die Natur mit der Befriedigung der Bedürfnisse des Lebens mit
der Liebe der Ruhe nach der Arbeit und mit allen geselligen Trieben verbunden
hat vermutlich in einem höheren Grade als die übrigen Sterblichen wir werden
unsers Daseins vollkommener und länger froh wir kennen die wenigsten von der
unendlichen Menge ihrer Plagen und auch diese kaum dem Namen nach Dafür lassen
wir ihnen gern ihre wirklichen oder eingebildeten Vorzüge ihre Pracht ihre
Schwelgerei ihre langweiligen Zeitvertreibe ihre Geschäftigkeit einander
beschwerlich zu sein ihre Unzufriedenheit ihre Laster und ihre Krankheiten
Sollten wir sie um Künste beneiden durch deren grenzenlose Verfeinerung sie ihr
Gefühl so lange verzärteln bis sie nichts mehr fühlen oder um Wissenschaften
ohne welche wir uns wohl genug befinden um den heimlichen Neid des Gelehrtesten
unter ihnen zu erregen wenn er uns kennen sollte Wir sind so weit entfernt von
einem solchen Neide dass jeder Versuch den einer von uns machen wollte etwas
an unsrer Verfassung zu bessern oder uns mit neuen Künsten und Bedürfnissen zu
bereichern mit einer ewigen Verbannung bestrafet würde Ich selbst setzte der
Alte hinzu habe einige Jahre meines Lebens zugebracht einen großen Teil des
Erdbodens zu durchwandern Ich habe gesehen beobachtet verglichen Als ich
dessen müde war mit welchem Entzücken dankte ich dem Himmel dass ich einen
kleinen Winkel wusste wo es möglich war ungeplagt glücklich zu sein Mit
welcher Sehnsucht flog ich zu den Wohnungen des Friedens und der Unschuld
zurück  Es ist wahr unser Volk ist in Vergleichung aller andern ein
Völkchen von ausgemachten Wollüstigen aber desto besser für uns Sind wir zu
tadeln dass wir uns nicht aus allen Kräften der Natur entgegen setzen die uns
glücklich machen will
    Hier endigte der Alte seine Rede Weil die Sonne schon hoch gestiegen war
führte er seinen Gast in eine bedeckte Halle welcher hohe dicht in einander
verflochtene Kastanienbäume Schatten gaben Kaum hatten sie hier auf einem Sofa
der rings herum lief Platz genommen so sah sich der Alte von einer Menge
schöner Enkel umgeben die wie schwärmende Bienen um ihn her wimmelten ihn zu
grüßen und an seinen Liebkosungen Anteil zu haben Die kleinsten wurden von
liebenswürdigen Müttern herbei getragen unter denen keine war die in ihrem
einfachen und reizend nachlässigen Putze die weiten Ärmel von ihren
schneeweißen Armen zurück geschlagen und ihren holdseligen Knaben an den leicht
bedeckten Busen gelehnt nicht das schönste Bild einer Liebesgöttin dargestellt
hätte Der Emir vergaß über diesem rührenden Anblick eine Menge Fragen die ihm
unter der Erzählung seines Wirtes aufgestoßen waren und dieser überließ sich
gänzlich dem Vergnügen sich an den Kindern seiner Kinder zu ergetzen Der
Kontrast des hohen Alters mit der Kindheit durch die sichtbare Verjüngerung des
einen und die liebkosende Zärtlichkeit der andern und durch eine Menge kleiner
Schattierungen die sich besser empfinden als beschreiben lassen gemildert das
gesunde und fröhliche Aussehen dieses Greises die Aufheiterung seiner
ehrwürdigen Stirne das stille Entzücken das sich beim Anblick so vieler
glücklichen Geschöpfe in denen er sich selbst vervielfacht sah über alle seine
Züge ausgoss die liebreiche Gefälligkeit mit welcher er ihre beunruhigende
Lebhaftigkeit ertrug oder womit er die kleinsten auf den Armen der schönen
Mütter mit seinen weißen Haaren spielen ließ  alles zusammen machte ein
lebendiges Gemälde dessen Anblick die Güte der Moral des weisen Psammis besser
bewies als die scharfsinnigsten Vernunftsgründe hätten tun können Der Emir
selbst so sehr die ungestüme Herrschaft einer groben Sinnlichkeit die sanftern
und edleren Gefühle der Natur in ihm erdrückt hatte fühlte bei diesem Anblick
sein verhärtetes Herz weicher werden und ein flüchtiger Schimmer von Vergnügen
fuhr über sein Gesicht hin ein Vergnügen gleich dem himmlischen Lichtstrahl
der plötzlich in den nachtvollen Abgrund einfallend den verdammten Seelen einen
flüchtigen Blick in die ewigen Wohnungen der Liebe und der Wonne gestatten
würde um die Qual ihrer Verzweiflung vollkommen zu machen
    Die Urkunde aus welcher ich diese Erzählung gezogen habe« fuhr Danischmend
fort »steht hier still ohne uns von dem Aufenthalt des Emirs bei diesen
Glücklichen weitere Nachrichten zu geben Einige Scholiasten sagen dass er in
voller Wut über die trostlose Vergleichung ihres Zustandes mit dem seinigen
sich von einer Felsenspitze herab gestürzt habe Aber ein andrer dessen Zeugnis
ungleich mehr Gewicht hat versichert dass er unmittelbar nach seinem Abschiede
von den Kindern der Natur in den Orden der Derwischen getreten sei und sich in
der Folge unter dem Namen Schek Kuban den Ruhm eines der größten Sittenlehrer
in Yemen erworben habe Er unterschied sich sagt man besonders durch die
Lebhaftigkeit der Abschilderungen die er von den unseligen Folgen einer
zügellosen Sinnlichkeit zu machen pflegte Man bewunderte die Stärke und
Wahrheit seiner Gemälde und niemand oder nur sehr wenige welche die Gabe
hatten zu erraten was für ein Gesicht hinter jeder Maske steckt begriffen
warum er so gut malen konnte Er hätte nützlich sein können wenn er es dabei
hätte bewenden lassen Aber Missgunst und Verzweifelung erlaubten ihm nicht in so
bescheidenen Schranken zu bleiben Er warf sich zum erklärten Feinde aller
Freuden und Vergnügungen des Lebens auf Ohne den natürlichen und weisen
Gebrauch derselben von dem sich selbst strafenden Missbrauche zu unterscheiden
schilderte er die Wollust und die Freude als verderbliche Sirenen ab die den
armen Wanderer durch die Süßigkeit ihrer Stimme herbei locken um ihm das Mark
aus den Beinen zu saugen das Fleisch von den Knochen zu nagen und wenn sie
nichts mehr an ihm finden den Rest den Maden zur Speise hinzuwerfen Er
beschrieb die Liebe zum Vergnügen als eine unersättliche Leidenschaft Hoffen
dass man sie werde in Schranken halten können sagte er das wäre eben so weise
als wenn einer eine Hyäne auf seinem Schoss erziehen wollte in Hoffnung sie zahm
und gutartig zu machen Unter diesem Vorwande befahl er alle sinnliche Neigungen
auszurotten Sogar die Vergnügungen der Einbildungskraft hießen ihm gefährliche
Fallstricke und die verfeinerte Wollust des Herzens und der Sinne ein künstlich
zubereitetes Gift dessen Verfertiger mit ewigen Flammen bestraft zu werden
verdienten Diese unbesonnene Sittenlehre die Frucht seiner verdorbenen Säfte
seines ausgetrockneten Gehirns und des immer währenden Grams in welchem seine
düstere Seele wohnte predigte er so lange bemühte sich so sehr sie durch
tausend sophistische Schlüsse sich selbst wahr zu machen bis er es endlich so
weit brachte sich völlig davon überzeugt zu glauben Itzt bildete er sich ein
dass es lauter Menschenliebe sei was ihn anfeure alle Leute zu eben so
unglückseligen Geschöpfen machen zu wollen als er selbst war und nachdem seine
Krankheit ihre höchste Stufe erreicht hatte endigte er damit die Zerrüttung
seiner Empfindungswerkzeuge und Begriffe dem höchsten Wesen selbst beizulegen
und den Schöpfer des Guten dessen durch das Unermessliche ausgebreitete Kraft
Leben und Wonne ist als einen grämischen Dämon abzuschildern den die Freude
seiner Geschöpfe beleidigt und dessen Zorn nur Entaltung von allem Vergnügen
nur Seufzer Tränen und freiwillige Martern besänftigen können
    Es ließ sich noch viele merkwürdige Dinge von den Folgen dieser
menschenfeindlichen Sittenlehre sagen und von dem sinnreichen Gebrauche
welchen die Derwischen Fakirn Talapoinen Bonzen und Lamas in allen Teilen von
Asien und Indien davon zu machen gewusst haben Aber ich würde doch am Ende nur
Dinge sagen die dem Sultan meinem Herrn und der ganzen Welt längst bekannt sind
wiewohl ohne dass die Welt sich dadurch besser zu befinden scheint und es gibt
eine Zeit anzufangen und eine Zeit aufzuhören sagt der weise Zoroaster«
    SchachGebal war wir wissen nicht warum mit der Erzählung des Philosophen
Danischmend besonders mit dem Ende derselben so wohl zufrieden dass er
sogleich Befehl gab ihm fünfhundert Bahamdor aus seinem Schatze auszuzahlen
»Sobald« setzte er hinzu »die Stelle eines Oberaufsehers über die Derwischen
und Bonzen ledig wird soll sie kein andrer haben als Danischmend«
    Nicht von ungefähr sondern weil der Sultan von Nurmahal voraus berichtet
worden war dass die Derwischen beim Schluße der Erzählung des Doktors übel
wegkommen würden hatte der oberste Iman des Hofes Befehl erhalten sich diese
Nacht beim Schlafengehen des Sultans einzufinden Seine Majestät ergetzten Sich
nicht wenig an dem Verdrusse welchen der Iman wie Sie glaubten über die
Verwandlung des Emirs in einen Derwischen empfinden würde Aber vermutlich eben
darum weil der Iman ohne dass er darum schlauer als andre war merken musste
warum er die Ehre hätte da zu sein beobachtete er sich selbst so genau dass ihm
nicht das geringste Zeichen von Verdruss entwischte Indessen konnt er sich doch
nicht erwehren die Anmerkung zu machen Wofern es auch woran er doch billig
zweifle ein solches Völkchen in der Welt gäbe wie diese so genannten Kinder
der Natur so glaube er doch dass man besser tun würde die Nachrichten davon
entweder gänzlich zu unterdrücken oder wenigstens nicht unter das Volk kommen
zu lassen
    »Und aus was für Ursachen wenn man Euer Ehrwürden bitten darf« fragte der
Sultan
    »Ich erstrecke diese meine Meinung« versetzte der Iman »auf alle diese
Schilderungen von  ich weiß nicht was für idealischen Menschen die man unter
dem angeblichen Zepter der Natur ein sorgenfreies aus lauter Wollust und
angenehmen Empfindungen zusammen gewebtes Leben zubringen lässt Je unschuldiger
und liebenswürdiger man ihre Sitten vorstellt desto schädlicher ist der
Eindruck den solche Erdichtungen auf den größten Haufen machen werden
Aufrichtig zu reden« fuhr er in einem sanft schleichenden Tone fort der
ausdrücklich für seine wohl meinende Miene gemacht war »ich kann nicht absehen
was für einen Nutzen man davon erwartet oder wie man sich selbst verbergen
kann dass sie zu nichts anderm dienen können als einen Geist der Weichlichkeit
in die Welt auszugiessen der die Bürger des Staats von allen mühsamen
Anstrengungen und beschwerlichen Unternehmungen abschreckt und indem er das
Verlangen allgemein macht auch so glücklich zu sein als diese angeblichen
Günstlinge der Natur deren wollüstige Moral man uns für Weisheit gibt zuwege
zu bringen dass sich endlich niemand mehr willig finden wird das Feld zu bauen
harte Handarbeiten zu verrichten und sein Leben zur See oder gegen die Feinde
des Staats zu wagen Überhaupt erfordert die Vervollkommnung eines jeden Zweiges
des politischen Wohlstandes Leute die keine Arbeit scheuen und die mit
hartnäckig anhaltendem Fleiße dessen keine weichliche Seele fähig ist12 sich
in die Wette beeifern es in einer gewissen Art von nützlichen Beschäftigungen
zur Vollkommemheit zu bringen Ist es wohl jemals zu erwarten dass ein
wollüstiger Kaufmann reich ein wollüstiger Künstler geschickt oder ein
wollüstiger Gelehrter groß werden könne Wird diese Anmerkung nicht wenigstens
ganz gewiss von den meisten gelten Oder sollen wir etwann glauben ein
wollüstiger Richter werde sein Amt desto pünktlicher und gewissenhafter
verwalten oder ein weichlicher Feldherr aus dem Schoße der Üppigkeit desto
tapferer hervorgehen die Beschwerlichkeiten eines Feldzuges desto besser
ausdauern und die Feinde des Sultans unsers Herrn desto schneller und gewisser
zu seinen Füßen legen  Sie sehen Herr Danischmend dass ich mich der Waffen
begeben kann welche mir mein eigener Stand gegen Sie an die Hand geben könnte«
    Während dass der Iman diese schöne Rede hielt sang der Sultan im Tone der
langen Weile und mit halb geschlossnen Augen »la Faridondäne la Faridondon
Dondäne Dondon Dondäne Dondäne Dondäne Dondon«  denn er wusste sich etwas
damit stark in Gassenhauern zu sein »Nun Doktor« rief er da der Iman fertig
war »lass hören was du diesen Gründen entgegen zu setzen hast«
    »Ich werde« versetzte Danischmend »mit Ihrer Majestät Erlaubnis weiter
nichts tun als kürzlich zeigen dass die Gründe des Imans erstens zuviel
zweitens zuwenig und drittens gar nichts beweisen Zu viel denn alle seine
Vorwürfe treffen die Natur selbst eben so stark als die Schilderungen oder
Erdichtungen die ihm so gefährlich scheinen Die Grundsätze des weisen Psammis
die allgemeinen Wahrnehmungen und Erfahrungen auf welche seine Sittenlehre
gebaut ist sind keine Erdichtungen Wenn der Zustand worein seine Gesetzgebung
die Einwohner der glücklichen Täler setzte unter allen möglichen der Menschheit
am angemessensten wenn er derjenige ist worin sie am wenigsten leidet am
wenigsten Böses tut die Wohltaten der Natur am wenigsten missbraucht und am
Ende ihres Laufes sich am wenigsten gereuen lässt gelebt zu haben  wer kann
dafür oder wer hat ein Recht etwas dawider einzuwenden Sind die angenehmen
Empfindungen die uns die Natur von allen Seiten anbietet etwa bloße
Schaugerichte Sind es bloße Versuchungen die uns in einer verdienstlichen
Entaltung üben sollen Wenn dies ihre Absicht gewesen ist so muss man gestehen
dass die Natur wunderliche Grillen hat Kann man uns übel nehmen wenn wir
geneigter sind diejenigen welche sie zur Törin machen wollen für grillenhafte
Leute anzusehen Oder was sollen wir sagen wenn wir diese sonderbaren
Sterblichen die das Vergnügen in ganzem Ernste für einen Fallstrick ihrer
Tugend halten zu Schlachtopfern ihrer peinvollen Bemühung  die Hälfte ihres
Wesens zu zerstören  werden sehen Werden sie mit ihrer verdorbenen Galle mit
ihrer Schwermut mit ihrer ängstlichen Furcht alle Augenblicke einen Misstritt zu
tun kurz mit allen den Gespenstern womit eine verwundete Einbildungskraft sich
umgeben sieht geschickter sein ihre eigene Vollkommenheit und das Beste der
Gesellschaft zu befördern Euer Ehrwürden welche Sich in der Lage befinden ein
Tafelgenosse des Sultans von Indien zu sein über die innerlichen
Angelegenheiten von fünf oder sechs der schönsten Damen in Dely die Aufsicht zu
führen und alle Monate hundert Bahamdor in Ihren Beutel fallen zu lassen
welche zu erschwingen hundert arme Landleute sich zu Gerippen arbeiten und
hungern müssen  stellen Sich vielleicht den Zustand eines armen Schelms der
von Brotkrumen und Zisternenwasser lebt und damit die Schönheit seine Sinne
nicht verführen könne sich die Augen an der Sonne ausgebrannt hat nicht ganz
so unbehaglich vor als ich schwören wollte dass er sein muss« 
    »Bravo Danischmend« sagte der Sultan mit halber Stimme und einem
aufmunternden Winke der dem Iman nicht entging
    »Ich sage also« fuhr der Doktor fort »wenn die Absicht der Natur nicht
gewesen ist uns durch schöne und ergetzende Gegenstände in Fallen zu locken so
beweisen die Gründe des Imans zu viel Denn die reizendsten Schilderungen können
unmöglich auch nur die Hälfte der Wirkung hervorbringen welche die besagten
Gegenstände selbst tun Hatte hingegen die Natur wohl gemeinte Absichten welche
nur durch Leichtsinn falschen Geschmack oder verderbte Grundsätze von den
meisten vereitelt werden so ist es löblich und nützlich sie durch solche
Schilderungen wie diejenigen die dem Iman zu missfallen das Unglück haben auf
den Pfad der Natur zurück zu führen und zu einem weisen Genuss ihrer Wohltaten
einzuladen
    Zweitens beweisen seine Gründe zu wenig Denn wenn auch die ganze Welt mit
Gemälden von glücklichen Inseln und glücklichen Menschen angefüllt würde so
sind zehen an eines zu setzen dass die Leidenschaften welche zu allen Zeiten
die Beweger der sittlichen Welt waren ihr Spiel nichts desto weniger
fortspielen werden Die Begierde nach einem glücklichen Leben wird in jedem
Staate der auf die Ungleichheit gegründet ist die Begierde nach Reichtum und
der Reichtum die Begierde nach Ansehen Größe und willkürlicher Gewalt
hervorbringen Diese Leidenschaften werden je nachdem die Grundverfassung oder
die zufällige Beschaffenheit der Staatsverwaltung sie mehr oder weniger
begünstiget eine Menge Talente ausbrüten und das Verlangen nach dem
angenehmsten Genuße des Lebens von welchem der Iman eine allgemeine
Untätigkeit besorgt wird gerade das Gegenteil wirken es wird uns emsige Leute
Erfinder Verbesserer Virtuosen und Helden geben so viel und vielleicht mehr
als wir vonnöten haben Die idealischen Schilderungen der Wollüste der Sinne
der Einbildungskraft und des Herzens werden also vermöge der Natur der Sache
den großen Zweck mächtig befördern helfen der Sr Ehrwürden so sehr am Herzen
liegt Man wird sich wie ich gar nicht zweifle so lange man sich an solchen
Gemälden ergetzt in diese glücklichen Inseln Schäferwelten oder wie man sie
nennen will hinein wünschen wo das angenehmste Leben so wenig kostet aber man
wird des Wünschens bald überdrüssig sein und  ohne zu hoffen dass man
unversehens einen schönen Muschelwagen mit sechs geflügelten Einhörnern vor
seiner Türe finden werde um den Wünscher in die idealischen Welten überzuführen
 wird man sich gefallen lassen diejenigen Mittel zum glücklich leben
anzuwenden die in unsrer Gewalt sind und in die Verfassung der Welt
eingreifen worin wir uns befinden Die Schlüsse des Imans beweisen also zu viel
und zu wenig und folglich  gar nichts welches das dritte war was ich zeigen
wollte Doch wir wollen den schlimmsten Fall setzen der sich als eine Folge
der Dichtungen oder Schilderungen wovon die Rede ist denken lässt gesetzt dass
sie die Wirkung hätten alle Völker die zwischen dem Ganges und Indus wohnen
zum Entschluss zu bringen ihrer bisherigen Lebensart zu entsagen  wiewohl viel
eher zu besorgen ist dass mein EmirDerwisch ganz Indostan zu seiner fanatischen
Sittenlehre als dass Psammis nur die kleinste Provinz davon zu der seinigen
bekehren werde  aber setzen wir immer den Fall wie groß meinen Euer
Ehrwürden dass der Schade sein würde Psammis hätte alsdann zu Stande gebracht
woran die Weisen aller Völker seit einigen tausend Jahren mit sehr mittelmässigem
Erfolge gearbeitet haben oder suchen diese Herren etwas andres als die Menschen
glücklicher zu machen«
    »In der Tat« sagte der Sultan lachend »ich und der Iman mit seinen Brüdern
würden bei einer solchen Verwandlung am meisten zu verlieren haben«
    »Die Gefahr scheint größer als sie ist« sagte Nurmahal »sechzig Millionen
Menschen wenn gleich ihr Gesetzgeber der Engel Jesrad selber wäre würden nicht
zehen Jahre ohne Sultan und ohne Iman aushalten können«
    »Das hoffen wir auch« sagte der Sultan »Indessen bleibt es bei dem was
ich dir versprochen habe Danischmend Hier Iman sehen Euer Ehrwürden den
ernannten Nachfolger des Oberaufsehers über die Derwischen«
    »Die Wahl macht der Weisheit Ihrer Majestät Ehre« versetzte der Iman mit
einer Miene welche ziemlich deutlich das Gegenteil sagte
    »Es kommt einem Sklaven nicht zu einen andern Wunsch zu haben als den
Willen seines Herrn« sagte Danischmend »aber wenn ich Ihre Majestät um irgend
ein andres Dienstchen wie schlecht es auch wäre bitten dürfte« 
    »Kein Wort mehr« fiel ihm SchachGebal ein »Danischmend ist der Mann und
gute Nacht«
 
                                       6
Des folgenden Abends erinnerte der junge Mirza dass Danischmend noch die
Anwendung seiner Erzählung schuldig sei
    »Ihr erinnert mich zu rechter Zeit Mirza« sprach der Sultan »Er sollte
über etwas seine Meinung sagen und statt dessen erzählt er uns ein Märchen
oder eine Historie die so gut als ein Märchen ist Was war es Danischmend«
»Sire die Rede war von einer gewissen Polizei welche vonnöten gewesen wäre
damit der Luxus den die Sultanin Lili in Scheschian einführte keinen
sonderlichen Schaden tun könnte Ich bat mir die Erlaubnis aus die Geschichte
des Emirs erzählen zu dürfen« 
    »Gut und ich merke ungefähr was du damit wolltest Du schilderst uns ein
kleines Völkchen von vieroder fünfhundert Familien die dank der Sittenlehre
des weisen Psammis die mich so gut einschläferte sich gute Tage machen gut
essen und trinken sich von schönen Mädchen in den Schlaf singen lassen und bei
allem dem die unschuldigsten und glücklichsten Leute von der Welt sind Das
alles war recht schön zu hören aber deine Meinung ist doch nicht dass die
Gesetzgebung des weisen Psammis für eine Nation die aus Millionen Familien
besteht brauchbar sein könnte«
    »Ich danke Ihrer Majestät demütigst für die Gerechtigkeit die Sie meiner
Vernunft angedeihen lassen« erwiderte Danischmend »Die Geschichte des Emirs
und der Kinder der Natur sollte in der Tat nur so viel dartun dass es ganz
verschiedene Sachen seien ein kleines von der übrigen Welt abgeschnittenes
Volk und eine große Nation welche in Verbindung mit zwanzig andern lebt
glücklich zu machen Zwar ist die Glückseligkeit bei dieser sowohl als bei jenem
das Resultat eines der Natur gemässen Lebens Aber eben darum muss der Unterschied
in der Hauptsumme des Guten und Bösen verhältnisweise desto größer sein je
weiter ein Volk von der Natur entfernt und je weniger ihm möglich ist sich mit
den bloßen Naturgesetzen zu behelfen Weder Psammis noch Konfucius noch alle
zwölf Imans die echten Nachfolger unsers Propheten selbst hätten eine
Gesetzgebung erfinden können wodurch durch alle Angehörige eines großen Staats
so frei ruhig unschuldig und angenehm leben könnten als die so genannten
Kinder der Natur Die Ursachen fallen in die Augen Dieser Zusammenfluss von
besonderen Umständen welche zu den notwendigen Bedingungen des Wohlstandes der
letztern gehören lässt sich bei keinem großen Volke denken Bei diesem sind
Freiheit und allgemeine Sicherheit unverträgliche Dinge und die Gleichheit
bringt unzählige Kollisionen und Zwistigkeiten hervor welche durch das Recht
der Stärke entschieden werden der Stärkere unterwirft sich den Schwächern der
Schlaue den Einfältigen und so hört die Gleichheit auf Eben so unmöglich ist
es dass ein großes Volk die Vorteile der Künste die das Leben verschönern und
angenehmer machen genießen könnte ohne auch die Übel zu erfahren welche den
Missbrauch derselben begleiten Ein sehr kleines Volk kann durch Gesinnungen und
Sitten in den Schranken der Mäßigung und des Mittelstandes erhalten werden
woran seine Glückseligkeit gebunden ist Aber ein großes Volk hat Leidenschaften
vonnöten um in die starke und anhaltende Bewegung gesetzt zu werden welche zu
seinem politischen Leben erfodert wird Alles was der weiseste Gesetzgeber dabei
tun kann ist den Schaden zu verhüten welchen das Übermaß oder der
unordentliche Lauf dieser Leidenschaften dem ganzen Staate zuziehen könnte
Einzelne Glieder mögen immer das Opfer ihrer eigenen Torheit werden das ist
ihre Sache Der Gesetzgeber kann es nicht verhindern denn dies müsste durch
Mittel geschehen wodurch größere Übel veranlasst würden um kleinere zu
verhüten Aus diesen Betrachtungen halte ich eine Polizei durch welche der
Luxus einer großen Nation ganz unschädlich werden sollte für eine eben so große
Schimäre als das Projekt des Philosophen Fanfaraschin welcher vor ungefähr
hundert Jahren zwanzig Quartbände schrieb um Anweisung zu geben wie man alle
Menschenkinder auf dem festen Land und auf den Inseln des Meeres zu Weisen und
Virtuosen bilden könne  ein Projekt wovon die Idee schimmernd die
Unternehmung rühmlich aber die Ausführung  unmöglich war und gegen die
Absicht des guten Fanfaraschin einige schlimme Folgen hatte an die er nicht
gedacht zu haben schien und die desto schädlicher waren weil eine lange Zeit
niemand merkte woher das Übel kam«
    »Zum Exempel« sagte SchachGebal
    »Unter andern diese dass unter fünfhundert jungen Leuten die nach seiner
Methode gebildet wurden sich zum wenigsten hundertundfunfzig fromme diskrete
schleichende gleisnerische Schurken bildeten welche ausgelernte Meister in der
Kunst waren ihre Leidenschaften zu verbergen ihre schlimmen Neigungen in
schöne Masken zu vermummen die Unverständigen durch eine lauter Tugend und
Religion tönende Phraseologie zu täuschen mit Einem Worte unter dem Schein der
pünktlichsten Moralität mehr Gutes zu verhindern und mehr Böses auszuüben als
sie hätten tun können wenn man sie ihrem Naturell und den Umständen überlassen
hätte  Ferner dass aus den besagten fünfhundert ungefähr dreihundert heraus
kamen welche wie abgerichtete Hunde alle Künste machten die man sie gelehrt
hatte auf den Wink gingen alles wieder von sich geben konnten was ihnen
eingegossen worden war über nichts ihre eigene Empfindung zu Rate zogen an
nichts zweifelten was man ihnen für wahr gegeben hatte kurz in allen Stücken
die Affen des weisen Fanfaraschin vorstellten welches ich getraue mir es zu
behaupten gerade wider die Absicht der Natur war Denn diese will dass ein
jeder Mensch seine eigene Person spiele Es war an Einem Fanfaraschin genug und
dreihundert Personen welche das gewesen wären wozu ihre natürliche Anlage sie
bestimmte wären so schlecht sie auch immer hätten sein mögen doch noch immer
besser gewesen als dreihundert Fanfaraschin zumal da unter diesen dreihundert
wenigstens zweihundertundneunzig misslungene Fanfaraschin waren Ferner«  
    »Ich habe genug« fiel ihm der Sultan ein »wann lebte dieser Fanfaraschin«
    »Zu den Zeiten SchachDolkas Ihrer Majestät Urahnherrns glorreichesten
Andenkens«  
    »La Faridondäne la Faridondon«  brummte der Sultan »aber wir kommen aus
dem Zusammenhang Danischmend was war es was du sagen wolltest wenn dir der
weise Fanfaraschin nicht zur Unzeit in die Zähne gekommen wäre«
    »Dass wenn gleich nicht gänzlich zu verhindern sei dass der Luxus einem
großen Volke nichts Böses tun sollte die Geschichte des Emirs und der Kinder
der Natur uns dennoch ein paar Grundmaximen an die Hand geben könnte durch
deren Beobachtung die schöne Lili wenigstens den größten Teil des Übels welches
ihr die Unglückweissagenden Alten angekrähet hatten zu verhüten fähig gewesen
wäre Hätte diese liebenswürdige Dame meine Wenigkeit zu Rate ziehen können so
würde ich mir die Freiheit genommen haben ihr diese Antwort zu geben
    Bei Auflösung aller Fragen von welcher Art sie sein mögen deucht mir die
natürlichste und einfältigste Methode gerade die beste Diese Maxime gilt
vornehmlich wenn von politischen Aufgaben die Rede ist wo ganz unfehlbar die
verwickelten und weitläufigen Auflösungen noch unbrauchbarer sind als bei allen
andern Die Frage ist Was sollen wir tun damit die äußerste Verfeinerung der
Künste des Geschmacks der Leidenschaften der Sitten und der Lebensart mit
Einem Worte der Luxus einer großen Nation so wenig als möglich schade  Die
Natur Madam zeigt uns gegen jedes Übel dem sie uns unterwürfig gemacht hat
auch ein zulängliches Mittel Sollte es in diesem Fall anders sein Ich denke
nein Wenn wir den größten und nützlichsten folglich den wichtigsten Teil der
Nation vor der Ansteckung bewahren können so haben wir sehr viel und in der
Tat alles getan was man von einer weisen Regierung fodern kann Zu gutem Glücke
ist nichts leichter Der größte Teil der Nation von Scheschian ist derjenige
der zum Ackerbau und zur Landwirtschaft bestimmt ist Die Natur selbst in deren
Schoss er lebt erleichtert uns die Mühe unendlich wir haben beinahe nichts zu
tun als ihr nicht vorsetzlich entgegen zu arbeiten Lassen Sie diese guten
Leute ihres Daseins froh werden Geben Sie nicht zu dass sich alle übrige Stände
unter unzähligen Vorwänden vereinigen sie auszurauben und zu unterdrücken dass
das unersättliche Geschlecht der Pachter und Einzieher der königlichen
Einkünfte dass Beamte Richter Prokuratoren und Sachwalter Edelleute Bonzen
und Bettler so unbescheiden und unbarmherzig an ihnen saugen bis ihnen nur die
Haut auf den Knochen übrig bleibt Lassen Sie dieser unentbehrlichsten und
unschuldigsten Klasse von Menschen so viel von den Früchten ihrer Arbeit dass
sie mit frohem Mut arbeiten dass sie Zeit zur Ruhe Zeit zu ihren ländlichen
Festen und Ergetzungen übrig haben Wenn allzu großer Überfluss auch diesem
Stande wie allen übrigen schädlich ist so lassen Sie uns nicht vergessen dass
zu wenige oder ungesunde Nahrung dass Mangel an aller Gemächlichkeit dass
Nacktheit Kummer und Elend ihm ungleich verderblicher sind Stimmen wir immer
die Glückseligkeit unsers Landvolkes um etliche Grade tiefer herab als die
Glückseligkeit der Kinder der Natur war aber lassen wir ihnen so viel dass es
ihnen ohne alles natürliche Gefühl verloren zu haben möglich sei mit ihrem
Zustande zufrieden zu sein Unter uns gesagt schöne Lili das sind wir ihnen
schuldig in einem unendliche Mal verbindlichern Grade schuldig als wir es sind
unsre Spielschulden zu bezahlen Aber wenn dies auch nicht wäre so sind wir es
dem Staate dem ganzen Scheschian schuldig Denn es gibt kein anderes Mittel
ich fordre alle Ihre Staatskünstler Goldmacher und Projektmacher heraus mir
ein andres zu nennen den allgemeinen Wohlstand eines großen Reiches auf einen
festen Grund zu setzen als dieses Wenn das Landvolk Ursache hat zufrieden zu
sein so verlassen Sie Sich wegen des übrigen auf die Zauberei der Natur Sie
hat für unverdorbene Sinne Reizungen deren Macht unsern ausgearteten
unbegreiflich ist Der Landmann zieht die angenehmen Gefühle womit sie seine
Arbeiten teils verwebet teils belohnet darum mit nicht desto weniger Wollust
in sich hinein weil er ihnen keinen Namen geben oder sie nicht so zierlich
beschreiben kann wie unsre Dichter die sie vielleicht nur durch die
Anstrengung ihrer Einbildungskraft kennen Welche Behaglichkeit gießt indem er
an die Arbeit geht ein schöner Morgen und die aufgehende Sonne über alle seine
Glieder aus Wie erquickt ihn ein frischer mit den Düften abgemähter Kräuter
und Feldblumen durchwürzter Wind Wie angenehm ist ihm der Schatten eines Baumes
in der glühenden Mittagshitze Wo ist der Reiche der die teuersten Weine mit
der Hälfte der Wollust in sich schlürfe wie der lechzende Schnitter seinen Krug
mit säuerlicher Milch Versuchen Sie es einmal schöne Lili führen Sie diesen
gesunden kernhaften wohl gebildeten jungen Bauer diesen echten Sohn der Natur
 mitten an den Hof zeigen Sie ihm alle Ihre Herrlichkeiten Ihre Pracht Ihre
Feste Ihre Schauspiele aber verbergen Sie ihm auch den ewigen Zwang den
Überdruss die lange Weile die Gefahren dieser blendenden Maskerade nicht  wie
bange wird ihm ums Herz sein bis er wieder in seiner Hütte ist und mit welcher
Ungeduld wird er von Ergetzlichkeiten die ihm beschwerlicher sein werden als
die mühseligste Arbeit zu seinen Schnitterfesten zu seiner Weinlese und zu
seinen Reihentänzen zurück fliegen Wie selig wird er in Vergleichung mit dem
unsrigen seinen Zustand preisen Sie sehen schöne Lili wie wenig das Glück der
zwei besten Dritteile von Scheschians Einwohnern dem Sultan unserm Herrn kosten
wird Ich verlange nichts für sie als Sicherheit bei ihrem Eigentum und Schutz
vor Unterdrückung die Natur hat alles übrige auf sich genommen Gut sagen
Sie was werden wir damit gegen die Folgen des Luxus gewinnen  Sehr viel Es
ist schon viel wenn wir vier Millionen von sechsen vor der Ansteckung verwahrt
haben Aber dies ist noch nicht alles Die Vorteile davon werden sich auf mehr
als Eine Weise auch über den angesteckten Teil verbreiten Von Zeit zu Zeit
werden unsre Großen werden die reichen und üppigen Bewohner der Hauptstädte
von Überdruss langer Weile und von der Notwendigkeit eine abgenützte Gesundheit
auszubessern aufs Land geführt werden unvermerkt werden sie Geschmack an den
einfältigen aber mit der menschlichen Natur so fein zusammen gestimmten Freuden
des Landlebens gewinnen unvermerkt werden sie eine Menge von Vorurteilen und
die dicke Haut der Fühllosigkeit die sich gleichsam um ihr Herz gezogen hatte
abstreifen sie werden sich mit neuen Bildern und nützlichen Wahrnehmungen
bereichert sehen richtiger empfinden und besseres Blut machen und so klein
auch der Anteil an diesen Vorteilen sein mag den die meisten mit sich nehmen
so werden sie doch immer besser in die Stadt zurück kommen als sie abgegangen
sind Noch mehr Die Natur ist fruchtbar Das Landvolk sobald es nach seiner
Weise glücklich ist vermehrt sich ins unendliche Das Land wird eine
unerschöpfliche Quelle woraus die Städte und bei Gelegenheit vielleicht auch
der Adel mit gesundem frischem Blute wieder angeschwellt werden welches den
Staat in immer währender Jugend und Stärke erhält Aus den jungen Schwärmen
welche diese Bienenstöcke ausstoßen werden sich die übrigen Stände ergänzen
und so werden die Verheerungen die der Luxus anrichtet beinahe unmerklich
bleiben Dies schöne Lili würd ich sagen ist mein erstes Hausmittel Das
andre«  
    »Ich mag den Herrn Danischmend ganz gern phantasieren hören« sagte
SchachGebal »aber bei allem dem wenn er sich was den zweiten und alle
folgenden Punkte betrifft so kurz als möglich aus der Sache ziehen wollte so
würde mir ein Gefallen geschehen«
    »Sire« versetzte Danischmend »was ich noch zu sagen hatte betrifft bloß
die moralischen Giftmischer Ich finde deren zwei Gattungen in der Welt Zur
einen rechne ich die üppigen Sittenlehrer deren Seele bloß in ihrem Blute ist
die den wesentlichen Vorzug des Menschen vor dem Tiere misskennen und das
höchste Gut gefunden zu haben glaubten wenn sie den Maulwürfen und
Meerschweinchen keinen Vorzug eingestehen müssten zur andern diese
gravitätischen Zwitter von Schwärmerei und Heuchelei welche unter dem Vorwande
die menschliche Natur von ihren Schwachheiten zu befreien ihre Grundzüge
auskratzen und ihre einfältig schöne Form am einen Orte stümmeln am andern
recken und aufblasen um eine Missgeburt aus ihr zu machen für die man keinen
Namen finden kann Beide sind als Störer der geheiligten Gesetze der Natur und
als Verderber des schönsten unter allen ihren Werken anzusehen und wenn ihre
verderblichen Bemühungen sich mit den natürlichen Folgen und Einflüssen des
Luxus bei einem Volke vereinigen wie und wem sollt es möglich sein dieses Volk
zwischen so gefährlichen Klippen unbeschädigt durchzuführen  Welche von
besagten beiden Arten von Vergiftern die schädlichste sei ist eine Aufgabe die
vielleicht nicht unwürdig wäre von der Akademie Ihrer Majestät entschieden zu
werden Aber wenn wahr ist was man bemerkt haben will dass sich jene
gemeiniglich in diese verwandeln so könnte man auf den Gedanken kommen die
Denkungsart der letztern aus einem höheren Grade von Verderbnis der Natur zu
erklären Doch wie dem auch sei die Frage ist wie wir diesen schädlichen
Geschöpfen ihr Gift benehmen wollen Ich vermute dass jene in einem wohl
polizierten Arbeitshause bei mäßiger Kost und einem Spinnrade richtiger
philosophieren lernen sollten Aber was die zweite Gattung betrifft  es sei
nun dass sie es wie der Derwisch Kuban so weit gebracht haben ihre fiebrischen
Träume für Wahrheit zu halten oder dass sie nur gewissen Ärzten gleichen welche
die Leute krank machen um sich ihre Heilung als ein Verdienst anrechnen zu
können  so weiß ich der schönen Lili keinen andern Rat zu geben als diese
wackeren Leute nach ihren eigenen Grundsätzen zu behandeln Wir sind aus der Welt
ausgegangen sagen sie gut man nehme sie beim Worte Man messe zu einer jeden
Derwischerei und Bonzerei so viel Land als sie zu ihrem Unterhalte vonnöten
haben ziehe eine hohe Mauer rings umher und  um der Welt alle Gelegenheit
abzuschneiden sie in dem edlen Werke ihrer Entkörperung zu stören 13 maure man
alles so gleich und eben zu dass niemand wer einmal darin ist wieder heraus
könne so ist allem Bösen vorgebogen und jedermann kann zufrieden sein«
    »Weißt du wohl Danischmend« sagte der Sultan »dass ich gute Lust habe
deinen Vorschlag wenigstens was die Bonzen betrifft ins Werk zu setzen Es ist
wie du sagst niemand kann was dagegen einzuwenden haben Ich selbst und meine
Untertanen gewönnen etliche Millionen Taels dabei die man besser anwenden
könnte und die Bonzen hätten vollkommene Musse Pagoden zu werden wie und wenn
sie wollten«
    Es war glücklich für die Bonzen oder vielmehr für den Sultan selbst dass
dergleichen Einfälle bei ihm keine Folgen hatten denn er würde vermutlich in
der Ausführung einige Schwierigkeiten gefunden haben
 
                                       7
Um die gewöhnliche Zeit fuhr die Sultanin Nurmahal in ihrer Erzählung der
Geschichte von Scheschian also fort
    »Da die schöne Lili nicht so glücklich war den weisen Danischmend zum
Ratgeber zu haben so erfolgte nach und nach was die Missvergnügten und
Milzsüchtigen von den Folgen ihrer schimmerden Regierung geweissagt hatten und
die Gegner des Luxus hatten nun den Triumph sich in ihren schallreichen
Deklamationen auf die Erfahrung berufen zu können Indessen wurde doch das Übel
erst unter der folgenden Regierung sichtbar welche überhaupt eine der
merkwürdigsten ist die wir aus den Jahrbüchern von Scheschian kennen lernen
weil sie ein erstaunliches Beispiel abgibt wie viel Böses unter einem
gutherzigen Fürsten geschehen kann
    Azor ein Sohn der schönen Lili bestieg nach dem Tode seines namenlosen
Vaters den Thron unter den glücklichsten Vorbedeutungen Er war der schönste
junge Prinz seiner Zeiten einnehmend in seinem Bezeigen sanft von Gemütsart
geneigt Vergnügen zu machen und sich denjenigen völlig zu überlassen welche
die Werkzeuge des seinigen waren Das Volk gewohnt von allem nach dem Eindrucke
der auf seine Sinne gemacht wird zu urteilen erwartete von der Regierung eines
so guten Prinzen goldne Zeiten und hatte unrecht es betete ihn zum voraus
deswegen an und hatte unrecht es hassete und verachtete ihn zwanzig Jahre
hernach eben so unmäßig als es ihn geliebt hatte und hatte sehr unrecht«
    »Sie erregen meine Neugier« sagte der Sultan »lassen Sie hören warum die
Scheschianer immer unrecht hatten unrecht wenn sie ihren König liebten und
unrecht wenn sie ihn hassten aber vergessen Sie nicht dass ich kein Liebhaber
von Wortspielen bin«
    »Die Neugier Ihrer Majestät soll befriediget werden« versetzte Nurmahal
»wenn ich anders meine Geschichte lebhaft genug werde erzählen können um Ihre
Aufmerksamkeit zu unterhalten«
    »Ich danke für das Kompliment das Sie der Gründlichkeit meines Geistes
machen« sagte der Sultan »aber zur Sache«
    »Der junge Azor war wie die meisten Menschen Prinzen oder nicht mit einer
Anlage geboren aus welcher unter den bildenden Händen eines Weisen ein
vortrefflicher Privatmann und vielleicht sogar ein guter König hätte
hervorkommen mögen Freilich war er keiner von diesen mächtigen und seltenen
Geistern die sich selbst bilden die mitten unter einer rohen oder verderbten
Nation in einem unglücklichen Zeitalter ohne einen andern Anführer oder
Gehülfen als ihren eigenen Genius die Wege der Unsterblichkeit gehen durch die
natürliche Erhabenheit und Scharfsicht ihres Geistes den ganzen Umkreis der
menschlichen Angelegenheiten übersehen und kurz die großen Grundregeln einer
weisen Regierung in ihrem eigenen Verstande so wie in ihrem Herzen das Urbild
jeder königlichen Tugend finden« »Allergnädigster Herr« sagte Danischmend
»ich bitte um Vergebung aber es ist mir unmöglich die schöne Nurmahal nicht zu
unterbrechen Der Verfasser aus dem sie diese prächtige Periode entlehnt hat
glaubte vermutlich etwas sehr Schönes gesagt zu haben aber es ist bloßer
Schall Es gibt keine so wundervolle Menschen als er uns bereden will und
Prinzen sind bei allen ihren Vorteilen vor uns andern im Grunde doch wie man
sagen möchte nur eine Art von  Menschen Um der menschlichen Natur und dem
guten Sultan Azor das gebührende Recht angedeihen zu lassen wollen wir lieber
ohne alle Wörterpracht heraus sagen Er befand sich nicht in den glücklichen
Umständen welche sich vereinigen müssen um aus einem jungen Prinzen von der
besten Anlage einen vortrefflichen Fürsten zu bilden So war es in der Tat und
ich bin erbötig im Notfall gegen die ganze Akademie von Dely zu behaupten Dass
von Erschaffung der Welt an welches schon lange sein mag kein einziger großer
Mann gelebt hat der sich ohne Anführer ohne Beispiele und ohne Gehülfen bloß
durch die Stärke seines eigenen Genius gebildet hätte«
    »Ich danke dem Philosophen Danischmend im Namen aller Sultanen meiner guten
Brüder für eine so tröstliche Anmerkung« sagte der Sultan lächelnd »Allen den
Schmeichlern die mir tausendmal das Gegenteil gesagt haben zu Trotz glaube
ich dass er recht hat und wenn ich nicht besorgte mir einige schale Komplimente
zuzuziehen so wollt ich noch hinzu setzen dass ich sehr daran zweifle ob
jemals einer von uns nur halb so gut gewesen ist als er unter günstigern
Umständen hätte sein können«
    Es schwebte dem naseweisen Danischmend auf der Zunge zu sagen oder nur
halb so gut als er unter den Umständen sein konnte worin er sich wirklich
befand Aber zu seinem Glücke besann er sich noch »dass die Wahrheit die man
einem Großen sagt niemals beleidigen soll« und dass es wirklich sehr edel an
dem Sultan war aus eigener Bewegung so viel einzugestehen als er schon
eingestanden hatte Er begnügte sich also der schönen Nurmahal die preiswürdige
Demut seines Herren rühmen zu helfen und die Sultanin setzte die Erzählung also
fort
    »Die Erziehung des Prinzen Azor war mehr vernachlässiget worden als man es
von den Einsichten der schönen Lili seiner Mutter hätte erwarten sollen Diese
Dame hatte in der Wahl desjenigen dem sie den vornehmsten Teil seiner Bildung
anvertraute einen kleinen Trugschluss gemacht der für ihren Sohn und für die
Völker deren Schicksal einst von seiner Art zu denken abhangen sollte von
großen Folgen war Sie glaubte ein Mann der die Gabe hatte ihr besser als
irgend ein anderer die Zeit zu vertreiben und der überdies die niedlichsten
kleinen Verse machte müsse notwendig auch die Gabe haben einen König zu bilden
Der Prinz bekam also einen schönen Geist zum Hofmeister der nichts vergaß um
seinen Witz zu schärfen und seinen Geschmack zu verfeinern Azor lernte die
Schönheiten der Dichter empfinden Szenen aus Tragödien deklamieren den
gemeinsten Dingen sinnreiche Wendungen geben und zwanzig andre solche Künste
welche zur Auszierung gehören und ihren Wert haben wenn sie der Schmuck
wesentlicher Vollkommenheiten sind Der Prinz stellte sich auf die edelste und
angenehmste Art in einer Gesellschaft dar er sagte witzige und verbindliche
Sachen er kleidete sich mit dem besten Geschmack und urteilte besser als
jemand von allem was in dem Gebiete des Schönen liegt Er blies die Flöte malte
ganz artig und tanzte zum Bezaubern Seine Feinde denn bei aller seiner
Liebenswürdigkeit fehlte es ihm nicht an Feinden sagten ihm sogar nach dass er
in der Schwärmerei seiner ersten Leidenschaft für eine Dame des Hofes  Verse
gemacht habe Verse welche ihm die Ungelegenheit zugezogen hätten von den
Poeten seiner Zeit einhellig zu ihrem Schutzgott erwählt und im Eingang ihrer
Gedichte oder in schallreichen Zueignungsschriften mit hungriger Beredsamkeit um
seinen mächtigen Beistand und  eine Mittagsmahlzeit angerufen zu werden
    Eh ich weiter fortgehe Sire muss ich eines Umstandes erwähnen der in
verschiedene Teile der Geschichte von Scheschian einigen Einfluss hat und einen
Zweig der Sitten betrifft worin die Bewohner dieses Landes von den meisten
Völkern in Asien unterschieden sind Das weibliche Geschlecht genoss bei ihnen
von alten Zeiten her aller der Freiheit in deren Besitz es bei den
abendländischen Völkern ist und unter der Sultanin Lili welche sich eine
Angelegenheit daraus gemacht hatte die schönsten und vollkommensten Personen
ihres Geschlechtes aus dem ganzen Scheschian um sich her zu versammeln war der
Hof aus einer finsteren Werkstätte der öffentlichen Geschäfte ein Schauplatz
der angenehmsten Bezauberungen der Liebe und des Vergnügens geworden
    Es konnte dem jungen Prinzen nicht fehlen in dieser Schule gar bald zu
demjenigen ausgebildet zu werden was die Damen seines Hofes einen
liebenswürdigen Mann nannten Sie beeiferten sich in die Wette das Werk seiner
Erziehung zur Vollkommenheit zu bringen und es ist zu vermuten dass ihre
Absichten dabei nicht so ganz uneigennützig waren als sie sich das Ansehen
gaben Azor befand sich eben in der Verlegenheit sein Herz unter so vielen
reizvollen Gegenständen eine Wahl treffen zu lassen als ihm der Tod des Königs
seines Vaters eine Krone aufsetzte von deren Wert er ziemlich romantische
Begriffe haben musste weil sie wie er zu einer jungen Schönen seines Hofes zu
sagen beliebte nur in so fern einigen Preis in seinen Augen habe als er sie
zugleich mit seinem Herzen zu den Füßen dieser kleinen Zaubrerin legen könne
Man kann aus dieser Probe sicher schließen wie gut er in den Pflichten die mit
dieser Krone verbunden waren müsse unterrichtet gewesen sein
    In der Tat waren diese Pflichten für Personen welche einen so angenehmen
Gebrauch von ihrem Leben zu machen wussten als man es an dem Hofe zu Scheschian
gewohnt war allzu beschwerlich als dass nicht ein jedes das man damit beladen
wollte geeilet haben sollte sich einer so mühsamen Bürde so bald nur immer
möglich wieder auf die Schultern einer andern Person zu entledigen Der junge
König überließ den größten Teil davon seiner Mutter seine Mutter ihrem
Günstlinge der Günstling seinem ersten Sekretär der erste Sekretär seiner
Mätresse die Mätresse einem Bonzen welcher unter dem Vorwand an ihrer Seele
zu arbeiten Gelegenheit fand sich sehr tief in die Angelegenheiten der Welt zu
mischen und endlich eine große Rolle zu spielen ohne einen andern Beruf dazu
zu haben als einen lächerlichen Ehrgeiz und die Neigung zum Ränkeschmieden
die damals ein unterscheidendes Merkmal der Personen seines Standes in
Scheschian war Natürlicher Weise konnte diese Einrichtung der Sachen von keiner
langen Dauer sein Das System änderte sich so wie die geheimen und unermüdeten
Bewegungen der Regiersucht und des Eigennutzes eine Verwechselung der Personen
veranlasste Es begegnete also zum Beispiel dass die besagten Pflichten zwischen
der KöniginMutter und einer Mätresse des Königs geteilt wurden die Mätresse
übertrug alsdann ihren Anteil an ihre erste Kammerfrau diese an ihren
Liebhaber der Liebhaber an seinen vertrautesten Diener und so fort und was
man von allen diesen Veränderungen am gewissesten sagen konnte war dass der
Staat gemeiniglich mehr dabei verlor als gewann«
    »Ich bin zwar bereits über zwanzig Jahre Sultan« sagte hier SchachGebal
lächelnd »aber ich möchte doch bei dieser Gelegenheit gerne von dir hören
Danischmend was ihr andern weisen Leute unter den Pflichten eines Königs
versteht«
    »Sire« versetzte Danischmend »ich habe dazu nichts anders vonnöten als
alles das Rühmliche was Ihre Majestät getan haben in allgemeine Sätze zu
verwandeln«    
    »Keine Komplimente ein für allemal« sagte der Sultan »Eure Gedanken von
der Sache mit Vorbehalt meiner Freiheit davon zu denken was mir belieben wird«
    »Die Pflichten eines Königs also sind
    Einem jeden sein Recht so bald und so wohlfeil als möglich widerfahren zu
lassen und alle Ungerechtigkeiten die er nicht verhindern kann zu bestrafen
    die tauglichsten Personen zu den öffentlichen Ehrenstellen und Ämtern zu
befördern
    die Verdienste zu belohnen
    die Staatseinkünfte weislich anzuwenden
    und seinen Völkern sowohl innerliche Ruhe als Sicherheit vor auswärtigen
Feinden zu verschaffen
    In so fern alle diese Pflichten wirklich erfüllt werden setzt man hinzu
kann es dem Staate gleichgültig sein ob sie der König durch sich selbst oder
durch andere ausübet genug dass er der erste Beweger aller Triebfedern desselben
ist Indessen hat es doch zu allen Zeiten Fürsten gegeben welche durch ihr
Beispiel diese Pflichten um ein Namhaftes erschwert haben Sie glaubten ihrem
Amte nicht anders genug tun zu können als indem sie mit Hilfe der Weisesten
und Besten ihres Volkes selbst an dem allgemeinen Wohlstande arbeiteten Sie
strebten hierin nach Erreichung eines gewissen Ideals welches sie sich in ihrem
Geiste entworfen hatten und glaubten nicht eher glücklich zu sein bis sie sich
selbst mit einem hohen Grade von Gewissheit sagen könnten Nun ist unter allen
den Myriaden oder Millionen deren Glück mir anvertraut ist kein einziger der
durch meine Schuld durch irgend eine meiner Leidenschaften oder nur durch
meine Nachlässigkeit unglücklich wäre Sie begriffen unter dem Umfang ihrer
Pflichten  eine auf die Grundregeln der Natur und die Bedürfnisse und Umstände
ihres Staats gebaute Gesetzgebung eine väterliche unmittelbare Fürsorge für die
Pflanzschulen des Staats eine zur möglichsten Vollkommenheit gebrachte Polizei
eine gerechte Schätzung und tätige Beförderung der Wissenschaften und der
Künste welche die Sitten und das Leben verschönern Sie ließ sich nicht daran
genügen gleich den alten Königen Persiens Augen und Ohren zu bestellen die in
ihrem Namen sehen und hören sollten sie hielten es für ihre Schuldigkeit mit
ihren eigenen Augen zu sehen und damit sie recht sehen könnten von allem was
ihrem Urteil unterworfen wurde sich die nötigen Kenntnisse zu erwerben einen
jeden selbst anzuhören jeden Entwurf einer Verbesserung oder nützlichen
Unternehmung selbst zu prüfen die Ausführung durch ihre eigene Gegenwart zu
beleben alles Gute das sie tun konnten wirklich zu tun alles Böse das sie
verhindern konnten wirklich zu verhindern  kurz sie begriffen so viele und
mühsame Arbeiten unter dem was sie ihre Pflicht nannten dass nur eine heroische
Tugend vermögend sein kann einen Sterblichen zu Annehmung einer Krone unter
solchen Bedingungen zu bewegen wenn es anders in seiner Willkür steht sie
anzunehmen oder auszuschlagen«
    »Vergiss nicht Danischmend« sagte der Sultan nachdem er zweimal hinter
einander gegähnt hatte »mir morgen bei meinem Aufstehen ein Verzeichnis der
sämtlichen morgen und abendländischen Könige vorzulegen auf welche du in
dieser Beschreibung gezielt hast«
    »Das Gedächtnis Ihrer Majestät wird durch die Zahl nicht überladen werden«
versetzte Danischmend14
    »Das dacht ich wohl« sprach der Sultan »aber desto besser ich liebe eine
ausgesuchte Gesellschaft  Um Vergebung Nurmahal Sie sollen heute nicht
wieder unterbrochen werden«
    »Sire« fuhr die Dame fort »es ist bei dieser Bewandtnis leicht zu
erachten wie gut die Pflichten des königlichen Amtes unter der Regierung des
liebenswürdigen Azors versehen wurden Er selbst konnte keine Kenntnis davon
haben Er wusste zwar in der äußersten Vollkommenheit was zur Anordnung eines
prächtigen Festes gehörte welches er einer Geliebten geben wollte aber wie
hätte er wissen können was zur Anordnung eines großen Staates zur Besorgung
seiner Bedürfnisse zur Befestigung seiner Sicherheit zur Bewirkung seines
allgemeinen Wohlstandes erfodert wird Die Natur bildet ordentlicher Weise
wenigstens keine Fürsten dies ist ein Werk der Kunst und ohne Zweifel ihr
höchstes und vollkommenstes Werk aber man hatte sich begnügt den guten Azor zu
einem liebenswürdigen Edelmanne zu bilden Da er also genötigt war seine
wichtigsten Geschäfte andern zu übertragen und da es unmöglich ist ohne die
Kenntnisse welche ihm mangelten eine gute Wahl zu treffen wie konnte sich
Azor jung und unerfahren wie er war anders helfen als sie denjenigen zu
überlassen von denen er am günstigsten dachte weil sie die meiste Gewalt über
sein Herz hatten15 Zum Unglück befanden sich diese in den nämlichen Umständen
wie er selbst Sie behielten also nur den leichtesten und angenehmsten Teil
davon die Ausübung einer willkürlichen Gewalt für sich selbst und überließen
das übrige wieder an andere und so geschah es sehr oft dass die wichtigsten
Angelegenheiten das Schicksal hatten nach dem Gutachten eines unwissenden
Bonzen oder eines Kammerdieners oder einer jungen grillenhaften Schönen oder
welches mehr als Einmal geschehen sein soll durch den Einfall eines 
Hofnarren entschieden zu werden
    Die Folgen dieser Staatsverwaltung waren so betrübt als man sich vorstellen
kann Die wichtigsten Stellen wurden nach und nach mit untauglichen Personen
besetzt die Gerechtigkeit anfangs heimlich verhandelt und zuletzt öffentlich
feil geboten unter ihrem Namen triumphierte die Schikane die öffentlichen
Einkünfte wurden verschwendet und die Forderungen unersättlicher Günstlinge
unter die Rubrik der Staatsbedürfnisse gebracht Alle die höheren und mühseligern
Pflichten der Regierung deren Ausübung mit keinem unmittelbaren Privatvorteil
verknüpft war wurden vernachlässiget Das Laster welches sich den Schutz der
Großen zu verschaffen wusste blieb unbestraft ja es wurde nicht selten unter
dem Titel des Verdienstes noch durch Belohnung aufgemuntert In der Tat wird man
wenig Regierungen finden wo die Verdienste so häufig und so übermäßig belohnt
worden wären als in dieser Aber man wunderte sich eine lange Zeit wie es
zugehe dass sich diese Verdienste immer nur bei den Angehörigen oder Freunden
der Günstlinge fänden man wunderte sich noch mehr wie es zugehe dass die
Nation durch lauter Leute von Verdiensten zu Grunde gerichtet werde und nur
eine kleine Anzahl von spekulativen Leuten begriff dass in allem diesem gar
nichts sei worüber man sich zu wundern habe«
    Da der Sultan hier zum dritten Male gähnte so wurde die Vorlesung durch
einen geschickten Übergang zu einem angenehmern Gegenstande abgebrochen wovon
es dem sinesischen Autor nicht beliebt hat uns Nachricht zu erteilen
 
                                       8
»Inzwischen lebte der junge König Azor einige Jahre so glücklich als Jugend
blühende Gesundheit und unumschränkte Macht einen Sterblichen machen können der
seine Glückseligkeit in einer immer währenden Berauschung der Seele in den
ausgesuchtesten Wollüsten der Sinne der Einbildung und des Herzens findet Azor
liebte das Vergnügen über alles aber sein edles und gefühlvolles Herz liebte
auch es auszubreiten und wenn er sich selbst glücklich fühlte so wollte er so
weit als sein Gesichtskreis sich erstreckte lauter Glückliche um sich sehen
    Drei oder vier Jahre gingen auf diese Weise in einer ununterbrochenen Kette
von Festen und Ergetzungen vorüber in welchen Witz und Kunst alle ihre Kräfte
zusammen setzten die kleine Anzahl angenehmer Rührungen deren die sparsame
Natur den Menschen fähig gemacht hat ins unendliche zu verändern zu
vervielfältigen zu vermischen zu erhöhen und durch tausend geschickt
verborgene Handgriffe diese angenehmen Täuschungen hervorzubringen die den
Überdruss betrügen und die Seele in einem Wirbel von Freuden so schnell herum
drehen dass ihr nicht so viel Macht über sich selbst bleibt Betrachtungen über
das was in ihr vorgeht und über den Wert der Gegenstände in deren angenehmer
Gewalt sie ist anzustellen Man glaubt neue Sinne zum Gefühl des Vergnügens zu
bekommen mit jedem Tage zu einem neuen wollüstigern Dasein hervor zu gehen und
man wird nicht eher gewahr dass man sich unter einer Art von Bezauberung und
außerhalb des angewiesenen Kreises der natürlichen Wirksamkeit befindet bis
Erschöpfung der Lebensgeister Erschlaffung der Sinne oder noch empfindlichere
Folgen einer wollüstigen Unmässigkeit die Seele aus ihrem süßen Taumel wecken
um sie dem Gefühl einer unerträglichen Leerheit und einer Reihe unangenehmer
Betrachtungen zu überliefern welche auf den Weg der Weisheit führen könnten
wenn die Gewohnheit uns nicht bald wieder mit mechanischer Gewalt zu eben diesen
Gegenständen und Vergnügungen zurück zöge deren betrügliche Beschaffenheit wir
vergebens erfahren haben weil sie sich nur unter einer neuen Gestalt zeigen
dürfen damit wir uns aufs neue von ihnen betrügen lassen«
    »Madam« sagte der Sultan »pflegt man das was Sie uns eben jetzt mit dem
melodiösesten Akzent von der Welt vorgelesen haben nicht eine Tirade zu nennen
Was es auch für einen Namen haben mag so erkläre ich hiermit dass ich nur ein
sehr mittelmässiger Liebhaber davon bin Ich bin zwar der Moral nie so gram
gewesen als mein werter Oheim SchachBaham glorreichen Gedächtnisses aber
gleichwohl werden Sie mich verbinden wenn Sie künftig alle Deklamationen dieser
Art denen Ihr Autor aus einem Naturfehler ziemlich häufig unterworfen zu sein
scheint ohne die mindeste Furcht dass ich etwas dabei verlieren möchte
überhüpfen werden Ich kann nichts in diesem Geschmacke lesen oder hören ohne
dass ich stracks meinen Iman mit seinen aufgezogenen Augenbraunen und blasenden
Backen vor mir stehen sehe Es ist unangenehm dass unsre Schriftsteller noch
immer den rechten Ton so gern verfehlen und uns aufgedunsene Perioden worin
irgend ein alltäglicher Gedanke in einem gotischen Putz von schallenden Worten
und rednerischen Figuren strotzt für Philosophie verkaufen wollen«
    Nurmahal nachdem sie vor diesem schlimmen Geschmacke sich sorgfältig zu
hüten versprochen hatte setzte ihre Erzählung also fort
    »Es war ein Unglück für Scheschian dass die reizende Xerika auf welche die
erste Neigung des jungen Königs fiel von derjenigen Art von Seelen war welche
die Natur ausdrücklich für die Liebe und für sie allein gebildet zu haben
scheint Das Herz Azors wär er auch ein bloßer Schäfer gewesen war das
einzige was einen Wert in ihren Augen hatte sie war lauter Empfindung aber
nur für ihn ihn glücklich zu machen war ihr einziger Wunsch ihr einziger
Stolz ihr einziger Gedanke Auch war ers so lange die Bezauberung der ersten
Liebe dauern kann in einem so hohen Grade dass wenn er in irgend einer
einsamen Laube zu ihren Füßen lag und mit dem Kopf auf ihren Schoss zurück
gelehnt seine gierigen Blicke in ihren in Liebe schwimmenden Augen weiden ließ
16 der gute König seiner Krone und aller Kronen des Erdbodens mit allen davon
abhangenden Rechten und Pflichten so gänzlich vergaß als ob diese Laube die
ganze Welt und Xerika nebst ihm selbst die einzigen Bewohner derselben gewesen
wären Die Geschäfte der Regierung und dasjenige was man die Austeilung der
Gnaden nannte befanden sich also in den Händen eines Günstlings der Sultanin
Lili durch welchen sie wieder stufenweise in so viele andere Hände gespielt
wurden dass wenn man den geheimen Nachrichten von dieser Regierung glauben
darf sogar Komödianten und Tänzerinnen zu gewissen Zeiten wichtige Personen auf
dem Staatsteater von Scheschian vorgestellt haben sollen«
    »Um Vergebung dass ich Sie schon wieder unterbrechen muss« sagte der Sultan
»was war das was man an diesem so wohl eingerichteten Hofe die Austeilung der
Gnaden nannte«
    »Sire« antwortete Nurmahal »es war schon unter den vorigen Regierungen
unvermerkt zur Gewohnheit geworden alle Arten von Ämtern und Bedienungen mit
welchen Ansehen Gewalt und Einkünfte verbunden waren nach Gunst und Gefallen
auszuteilen Man pflegte daher die Besetzung einer solchen Stelle eine Gnade zu
nennen Nach und nach erweiterte sich die Bedeutung des Wortes und es kam
zuletzt so weit dass aller Begriff von Verdienst dadurch verdrängt und sogar
ein Künstler oder Kaufmann welcher für gelieferte Arbeit oder Waren eine
Forderung zu machen hatte seine Bezahlung nach tausend mühseligen
Weitläufigkeiten und Verzögerungen durch geheime Ränke und mit Aufopferung
eines beträchtlichen Teils der Forderung als eine Gnade nachzusuchen genötigt
wurde Es gab zwar schon damals Leute welche behaupteten Ein König von
Scheschian habe so viel zu tun einem jeden das Seine zu geben dass ihm wenig
oder keine Gnaden zu erteilen übrig blieben jede Ehrenstelle oder Bedienung
erfodre gewisse Talente und Tugenden und müsse also mit demjenigen besetzt
werden welcher die größten Proben gegeben habe dass er diese Talente und diese
Tugenden besitze ja der König sei nicht einmal berechtiget die Pensionen
welche aus dem öffentlichen Schatze bewilliget würden als Gnaden anzusehen
weil der öffentliche Schatz zu Bestreitung derjenigen Ausgaben geheiliget sein
müsse welche die Ausübung des königlichen Amtes notwendig macht kurz der
König habe keine Gnaden auszuteilen als aus seinem eigenen Beutel und alles
Gute was er als König tue fliesse aus einer eben so verbindlichen Schuldigkeit
ab als diejenige sei vermöge welcher die Untertanen ihm Ehrfurcht und Gehorsam
zu beweisen und nach Verhältnis ihres Vermögens ihren Anteil zu den Einkünften
der Krone beizutragen schuldig seien  allein diejenigen welche dergleichen
Sätze vorbrachten hätten eben so wohl getan sie für sich selbst zu behalten
denn sie wurden nicht gehört und der Hof erhielt sich im Besitze alles was er
tat so sehr aus Gnade zu tun dass wie gesagt das Wort Verdienst in seiner
eigentlichen Bedeutung zu den verhassten Wörtern herab sank welche aus der
Sprache der guten Gesellschaft verbannt waren und dass es niemals anders
gebraucht wurde als um diejenigen Eigenschaften oder Verhältnisse zu
bezeichnen wodurch man das Glück hatte den Personen welche Gnaden austeilen
konnten angenehm zu sein In den ersten Jahren der Regierung des Königs Azor
hingen die meisten Gnaden von der Amme der Königin Lili von der persischen
Tänzerin welche den Vertrauten des obersten Visirs gefesselt hatte und von
einem gewissen Bonzen ab der mit großem Eifer arbeitete diese Tänzerin von der
Religion der Feueranbeter in welcher sie geboren war zu der seinigen zu
bekehren Es gab also während dieser Zeit ordentlicher Weise nur dreierlei Arten
von Verdiensten oder Wegen Gnaden zu erhalten das Verdienst sie bezahlen zu
können eine viel versprechende Figur denn die Tänzerin war sehr
uneigennützig und das Verdienst der Dummheit
    Azor dessen Hof in dieser Zeit den Glanz der prächtigsten in Asien
auslösche welcher jährlich dreihundertundfünfundsechzig Feste gab und im
Besitz der liebenswürdigen Xerika der glücklichste unter allen Unsterblichen zu
sein glaubte  denn wie hätte er auf einer so hohen Stufe von Glückseligkeit
nicht vergessen sollen dass ihn seine Mutter sterblich geboren  Azor wusste
nichts davon dass seine Provinzen mit raubgierigen Stattaltern besetzt seine
Gerichtsstellen an unwissende und leichtsinnige Gecken verhandelt und die
Verwaltung der Kroneinkünfte mittelst gewisser geheimer Verträge an Leute
überlassen wurde die das Arkanum besaßen an jeder Million welche sie für den
König einzogen den fünften Teil für sich selbst zu gewinnen eine Kunst die in
der Folge zu einer solchen Vollkommenheit getrieben worden ist dass die ersten
Meister kaum den Namen von Anfängern verdienten Der gutherzige Azor glaubte
dass seine Völker glücklich wären weil er es selbst war weil er sie glücklich
zu sehen wünschte und weil er gewohnt war alle seine Wünsche erfüllt zu sehen
Überdies hatte er so wenig Begriffe von den Erfordernissen der Regierungskunst
dass man nicht ohne Grund vermutet er habe sich mit eben der Zuversicht darauf
verlassen dass der Staat ohne sein Zutun aufs beste besorgt werden würde mit
welcher er sich darauf verlassen konnte dass die Sonne alle Tage auf und
untergehen die Jahrszeiten wie gewöhnlich auf einander folgen und in allen
dreien Reichen der Natur alles geschehen würde was sich gebührt ohne dass Seine
Hoheit Sich im mindesten darum zu bekümmern hätte
    Der Überfluss welchen Fleiß und Handelschaft noch immer über den größten
Teil des Reiches verbreiteten nebst den immer währenden Lustbarkeiten die bei
Hofe und in den Hauptstädten herrschten machten die Folgen einer so übel
besorgten Staatsverwaltung eine Zeit lang im ganzen unmerklich Wie leicht
werden zehen tausend unterdrückte Bürger unter einer großen geschäftigen
mutvollen und von Entwürfen einer schimmernden Glückseligkeit schwellenden
Nation übersehen Und wie sollte das stumme Seufzen oder selbst das laute
Geschrei dieser zerstreuten Unglücklichen vor dem noch lautern Getümmel der
allgemeinen Emsigkeit und Fröhlichkeit gehört worden sein oder sich den Weg zum
Ohre des mitleidigen Azors haben öffnen können
    Aber eine Veränderung des Systems worin damals die Staaten des östlichen
und mitternächtlichen Teils von Asien verbunden waren eine Veränderung wobei
der Hof von Scheschian unmöglich gleichgültig bleiben konnte gab dem jungen
Könige Gelegenheit wahrzunehmen dass seine Geschäfte sehr übel besorgt wurden
Man hatte die Zeit und das Geld die auf die Zurüstungen zu einem
unvermeidlichen Kriege verwendet werden sollten mit Lustbarkeiten und unnützen
Unterhandlungen zugebracht und die Feinde waren im Begriff in die Grenzen des
Reiches einzudringen als man erst gewahr wurde dass es sich nicht einmal im
Verteidigungsstande befand Zum Unglück war auch die königliche Kasse so
erschöpft dass Azor sich genötigt sah seine Zuflucht zu den Kassen seiner
Finanzaufseher und Oberpachter zu nehmen in welchen eine Fülle herrschte die
mit der Leerheit der königlichen vermutlich einerlei Ursache hatte Das Murren
der Nation welche zu Bestreitung der Kriegsunkosten mit gedoppelten Auflagen
belegt wurde und gleichwohl ihre Beschützung in so schwachen Händen sah nahm
täglich zu die Feinde bemächtigten sich einer Provinz nach der andern und der
König wusste noch immer nichts von dem eigentlichen Zustande der Sachen als
Alabanda eine Dame des Hofes die schon seit geraumer Zeit an einem Entwurf
arbeitete die zärtliche und untätige Xerika zu verdrängen sich eines günstigen
Augenblicks bemächtigte und zum ersten Male Eindruck auf das Herz Azors machte
indem sie sich das Ansehen gab von einem lebhaften Eifer für seine Ruhe und für
die Glorie seiner Regierung beseelt zu sein Diese Frau vereinigte alle die
Reizungen in ihrer Person welche das Herz eines Prinzen wie Azor zu fesseln
fähig waren eine blendende und untadelhafte Schönheit mit der Blüte der Jugend
und den angenehmsten Witz mit tausend liebreizenden Grazien Sie war
unwiderstehlich wenn sie sich vorgesetzt hatte es zu sein und Azor konnte von
dem ersten Augenblick an da die Gleichgültigkeit worin Xerika seine Sinne zu
lassen anfing ihm erlaubte ihre Nebenbuhlerin mit Aufmerksamkeit anzusehen
sich nicht genug wundern wie er so lange von einem so vollkommenen Gegenstande
habe ungerührt bleiben können Die zärtliche Xerika hatte in dem Könige nur
Azorn geliebt Alabanda liebte in Azorn nur den König Zwanzig andre taugten
eben so gut oder besser ihre wollüstige Sinnesart zu vergnügen aber ihre
Eitelkeit konnte nur durch eine unumschränkte Gewalt über das ganze Scheschian
befriediget werden und der Plan den sie zu diesem Ende machte bewies ihre
Klugheit Sie entdeckte Azorn wie übel der Staat unter der Regentschaft seiner
Mutter verwaltet worden sei und überredete ihn die Zügel der Regierung künftig
selbst zu führen Der Staatsrat und die obersten Kronbedienungen wurden also mit
Kreaturen der schönen Alabanda besetzt und da nichts Unbeständigeres sein
konnte als die Gunst dieser Dame so veränderte sich der Divan unter ihrer
Regierung so oft als ihr Kopfputz oder als die Farben ihres Anzugs durch deren
täglichen Wechsel sie bewies dass ihre Schönheit in jedem Lichte sich selbst
gleich bleibe und über alles triumphiere was neben ihr glänzen wolle
    Der König wunderte sich sehr da er eine Bürde die er sich so schwer
vorgestellt hatte so leicht fand Es kostete ihm nur einen Wink oder höchstens
ein bloßes Ja zu allem was ihm die schöne Alabandain eigener Person oder durch
ihre Werkzeuge vorschlug Nichts konnte bequemer sein aber Scheschian befand
sich auch um nichts besser bei einer Regierung die dem Könige so leicht gemacht
wurde
    Gleich zu Anfang des vorerwähnten Krieges hatte sich der Günstling der
SultaninMutter in dessen Händen damals die höchste Gewalt lag genötigt
gesehen die Anführung der Kriegsheere einem erfahrnen Feldherrn zu übergeben
der zu alt war um bei dem neuen Hofe in Ansehen zu stehen Seine Figur seine
Manieren sein Ton seine Art sich zu kleiden und sein Charakter hatten schon
lange aufgehört nach der Mode zu sein aber seine Talente seine Liebe zum
Vaterlande und seine Erfahrung waren Eigenschaften deren Wert allgemein
anerkannt zu werden pflegt sobald die Zeit kommt wo man ihrer vonnöten hat
Die dringende Gefahr entschuldigte den Minister dass er von einem Grundgesetze
des Hofes abgehen und einen so wichtigen Posten einem Manne auftragen musste
der aus einer andern Welt war und nichts als  persönliche Verdienste hatte
    Die guten Anstalten welche der alte Feldherr machte und die beträchtlichen
Vorteile die er in kurzer Zeit über die Feinde erhielt ließ einen
glücklichen Fortgang des Feldzuges hoffen Aber kaum hatte sich Alabanda des
Königs und der Regierung bemächtiget so wurde der alte Mann unter dem Vorwande
dass er nicht Feuer genug habe zurück berufen und ein sehr artiger junger Herr
an seine Stelle geschickt welcher unstreitig der beste Tänzer am ganzen Hofe
war Er hatte sich durch dieses Talent und durch die Gabe kleine satirische
Verschen über die Damen zu verfertigen denen die stolze Alabanda nicht erlauben
wollte liebenswürdig zu sein bei der Favoritin in Achtung gesetzt und weil
seine Finanzen sich damals in der niedrigsten Ebbe befanden so hatte er sich
den Posten eines Oberfeldherrn als ein Mittel wieder zu Kasse zu kommen von
ihr ausgebeten Die Feinde gewannen mehr dabei als wenn sie drei Siege über den
alten General erhalten hätten Der Unwille des Adels der Armee und des Volkes
über die unleidlichen Fehler die dieser eben so unwissende als eigensinnige und
raubgierige Heerführer beging stieg endlich zu einem so hohen Grade dass sich
Alabanda genötigt sah den Tänzer zurück zu berufen welcher nachdem er einige
Millionen gewonnen und dem Reiche für zehnmal so viel Schaden zugezogen so
hoffärtig und mit solchem Geräusche nach Hofe zurück kam als ob er die
herrlichsten Taten verrichtet hätte Auch empfing er die Krone von
Pfauenschwänzen ein Ehrenzeichen welches die Großen des Reichs von den
niedrigern Klassen des Adels unterschied aus der eigenen Hand seines Königs
und tanzte bei dem ersten großen Ball der bei Gelegenheit eines von seinem
Nachfolger erhaltenen Sieges dem Hofe gegeben wurde mit so ausserordentlichem
Beifalle dass es nur auf ihn ankam so viel Herzen zu erobern als er wollte oder
behaupten konnte
    Die Vorteile die der neue Feldherr über den Feind erhielt versprachen
einen glänzenden Ausgang der Sachen Aber die Ehre des schönen Tänzers der
durch die Krone von Pfauenschwänzen und die Beute die er den Scheschianern
abgenommen hatte eine wichtige Person im Reiche geworden war machte es
notwendig einem so gefährlichen Nachfolger in Zeiten Einhalt zu tun Weil der
König jetzt durch sich selbst regierte so fand man es schicke sich
schlechterdings nicht dass der Feldherr irgend einen Schritt von Wichtigkeit
ohne ausdrücklichen Befehl vom Hofe sollte unternehmen dürfen Er erhielt also
auf seine Anfrage den Befehl zu einem Treffen gerade zu der Zeit da die
Gelegenheit es mit Vorteil zu liefern vorüber war er musste sich ostwärts
ziehen wenn die gegenwärtige Lage ihn westwärts rief oder einen Posten
verlassen da die Umstände unumgänglich erfoderten ihn zu besetzen Außer diesem
wusste man ihm so viele andre Hindernisse in den Weg zu legen dass der Heldenmut
eines Alexanders darüber hätte ermüden mögen Bald fehlte es ihm an Truppen
bald an Geld bald an Proviant bald an Kriegsvorrat bald an allem Gleichwohl
überwand er alle diese Schwierigkeiten durch die Hilfsmittel die er in seinem
Genie und in seiner Ruhmbegierde fand und er war im Begriffe durch einen
entscheidenden Streich den Krieg auf die rühmlichste Weise zu Ende zu bringen
als er die Nachricht erhielt  dass der Friede geschlossen sei
    Wenn die Bedingungen dieses Friedens dem König Azor wenig Ehre brachten so
musste man doch gestehen dass sie seinen Ministern desto vorteilhafter waren
denn jede Bedingung wurde ihnen mit hunderttausend Unzen Silbers bezahlt
Scheschian verlor zwar dadurch eine seiner besten Provinzen aber die schöne
Alabanda gewann einen diamantnen Gürtel der eine kleine Provinz wert war Azor
hatte den Vorteil mit der Geographie seines Reichs so wenig bekannt zu sein
dass er nichts verloren zu haben glaubte Man versicherte ihn die Provinz die
er abtrat koste mehr zu erhalten als sie wert sei und alle Hofbonzen und
Hofpoeten wurden dazu gedungen die uneigennützige Großmut des Königs und sein
väterliches Mitleiden mit seinem Volke in die Wette zu preisen und zu einer
Heldentugend zu erheben welche die Taten der größten Eroberer verfinstre«
    »Nach diesen Proben von eurem guten König Azor zu urteilen« sprach der
Sultan »ist das gelindeste was man von ihm sagen kann dass er zu einem sehr
schwachen Herzen einen noch schwächern Kopf gehabt haben müsse Ich meines Orts
gestehe dass ein Fürst der seinen Namen zu den Übeltaten seiner Lieblinge
herleiht ein verächtliches Geschöpf in meinen Augen ist und ich sehe gar
nicht warum man ihm die Ehre erweisen soll ihn gut zu nennen wenn seine
Völker bei aller seiner Güte sich nicht besser befinden als sie tun würden wenn
er ein Tyrann wäre«
    »Sire« erwiderte die schöne Nurmahal »erlauben Sie mir zu sagen dass Sie
ein wenig zu strenge mit dem guten König Azor verfahren Er war wirklich einer
der liebenswürdigsten Prinzen seiner Zeit Es mangelte ihm weder an Geist noch
an Geschmack und man hat eine Menge kleiner Anekdoten von ihm welche das
edelste und gütigste Herz beweisen Eine unglückliche Erziehung« 
    »Um Vergebung Madam« fiel ihr der Sultan in die Rede »ich wollte nicht
gern dass man den Fürsten diese Entschuldigung gelten ließe Die Erziehung der
Personen die zum Throne geboren werden ist selten so gut als es zu wünschen
wäre und nach Ihrem Grundsatze hätten immer fünfundneunzig von hundert
meinesgleichen ein Privilegium so übel zu regieren als es ihren Weibern ihren
Bedienten und dem Zufalle belieben möchte Soll ich euch sagen wie ich selbst
erzogen worden bin Beim Barte des Propheten wenn jemals ein Sultan berechtiget
war keinen Menschenverstand zu haben so bin ichs Weil wir hier unter uns
sind so will ich mir doch das Vergnügen machen euch ein oder zwei Kapitel aus
der Geschichte meiner Jugend zu erzählen
    Mein Oheim Schach  Baham  Friede sei mit seinem Staube  vertraute meine
Erziehung einem seiner Verschnittenen an unter dessen Aufsicht ein gewisser
Fakir der löblichen Gewohnheit zu Folge mich so gelehrt machen sollte als
SchachBaham glaubte dass der Sohn des jüngeren Bruders eines regierenden Sultans
zu sein nötig habe Ich erinnere mich noch so lebhaft als ob es erst heute
geschehen wäre wie vergnügt der gute Oheim Baham war als ich es in der
Mathematik und Physik so weit gebracht hatte den Mechanismus der
bewundernswürdigen Erfindung seines Freundes des Königs Strauss den fliegenden
Drachen mit Hilfe einer Menge fürchterlicher Kunstwörter von denen er nichts
verstand erklären zu können Er beschenkte mich in der Freude seines Herzens
mit einer zierlich ausgeschnittenen papiernen Gans in rosenfarbnem Domino von
seiner eigenen Arbeit außer einem großen Korb voll Zuckerwerk den ich sobald
es möglich war zu entwischen zu den Füßen meiner kleinen Mätresse einer jungen
Sklavin der Sultanin meiner Tante niederlegte Im übrigen war die Theorie des
papiernen Drachen der höchste Gipfel den ich damals in der Erkenntnis der
Natur und KunstLehre erstieg denn der Fakir Salamalek mein verdienstvoller
Lehrer war aufrichtig genug zu gestehen die Erforschung der Natur sei keine
Sache für einen Mann wie er Aber dafür wusste er sich desto mehr mit meiner
Stärke in der Geschichte Ich zählte alle morgenländische Könige von
SchjanBenSchjan der einige tausend Jahre vor Sultan Adam dem ersten
Menschen regierte bis auf den glorwürdigen SchachBaham meinen Oheim an den
Fingern her ich nannte die Namen aller Frauen und Beischläferinnen des
Propheten Salomon und wusste eine Menge schöner Historien von Königen die in
allem was sie unternahmen überaus glücklich gewesen waren weil sie schöne
Moskeen gebaut und schöne Stiftungen zum Unterhalt frommer Derwischen welche
Tag und Nacht nichts zu tun hatten als den Koran zu lesen gestiftet hatten
Nach diesem Teile meiner Gelehrsamkeit könnt ihr euch vorstellen was für eine
Moral und Staatswissenschaft das war was mir der ehrliche Salamalek unter
diesem Titel beizubringen suchte Die arme Seele Das muss ich ihm nachrühmen er
ließ sichs so angelegen sein dass ihm oft der Schweiß in großen Tropfen auf der
Stirne hing Denn die Geister aller Einwohner von Indostan bis ins tausendste
Glied würden als Ankläger gegen mich aufstehen sagte er wenn ich diesen
wichtigsten Teil der Erziehung eines Prinzen der dem Throne so nah ist
vernachlässigte Seine Absicht war gut wie ihr seht und wenn seine Begriffe
nicht eben so gut waren lag die Schuld an ihm Warum hatte SchachBaham einen
Fakir bestellt seinen Bruderssohn Moral und Politik zu lehren  Nach
Salamaleks Meinung war der größte und beste aller Sultanen derjenige der seine
fünf Gebete und seine gesetzmässigen Waschungen mit der pünktlichsten Genauigkeit
verrichtete sich alle Tage seines Lebens vom Wein enthielt die meisten
Derwischereien stiftete und wenigstens den zehnten Teil seiner Einkünfte unter
die Armen austeilte Er hatte keinen andern Begriff von der Wohltätigkeit eines
Fürsten und wenn man ihn über diesen Artikel predigen hörte so hatte ein König
nichts zu tun als seine arbeitsamen Untertanen zu Bettlern zu machen um den
müßigen gute Tage zu verschaffen eine Methode die er vermutlich deswegen so
vortrefflich fand weil auf diese Weise Bettelei und Reichtum unaufhörlich
zirkulieren und es einem Fürsten nie an Mitteln und Gelegenheit zur
Wohltätigkeit fehlen kann ohne dass es ihm die kleinste Mühe kostet Diesen
feinen Begriffen zu Folge war mein Fakir ein erklärter Feind des Luxus und
behauptete in vollkommnem Ernste dass es einem Staat unendliche Mal besser wäre
wenn die Hälfte der Nation ihre Tage auf Unkosten der andern mit Müssiggehen
zubrächte als mit den verderblichen Künsten welche die Üppigkeit beförderten
Die ganze Politik des ehrlichen Mannes war von diesem Schlage Der gerechteste
und gottgefälligste Krieg sagte er ist ein Krieg den man unternimmt die
Feinde des Propheten zu vertilgen und das islamische Gesetz auf Erden
auszubreiten und er nannte mir verschiedene Prinzen welche sichtbarlich
gestraft worden wären weil sie Juden Christen Gebern und Banianen in ihre
Staaten aufgenommen und einem jeden Freiheit gelassen hätten das höchste Wesen
nach seiner eigenen Überzeugung zu verehren Die Philosophie und die schönen
Künste verachtete er als eitles Spielwerk und profane Erfindungen der alten
Heiden und er schalt mit vielem Eifer auf die Üppigkeit der Abassiden17 durch
deren sträfliche Neugier und verkehrten Geschmack diese Greuel sich unter die
Rechtgläubigen eingeschlichen hätten Wer den Koran und die Auslegungen der
zwölf Imans wohl inne hat pflegte er zu sagen der allein ist ein wahrer
Weiser Alle diese Theorien der Sittenlehre und Staatswissenschaft welche man
auf die Natur zu gründen vorgibt sind Blendwerke der bösen Geister und
verdammt sei derjenige rief er mit glühenden Wangen und feurigen Augen der die
Seelen der Muselmannen mit diesem Gift ansteckt Er pflegte oft mit Entzücken
von Amru Ben Alas dem Feldherrn des Kalifen Omar zu sprechen der die berühmte
Büchersammlung zu Alexandria zum Einheizen in die öffentlichen Bäder hatte
verteilen lassen weil wie er meinte alle diese Bücher zu nichts besserm
taugten falls nichts darin enthalten wäre als was man im Koran kürzer und
besser gegeben fände und des Feuers schuldig wären wofern sie etwas andres
enthielten als der Koran Das waren goldne Zeiten rief er mit einer andächtigen
Verzerrung seines plumpen Gesichts Das waren die Zeiten wo die Angelegenheiten
des Islamismus blühten wo die Ungläubigen unter unsre Füße getreten wurden und
das Gesetz des Propheten sich mit einer wundertätigen Schnelligkeit über den
Erdboden ausbreitete  Urteilet aus diesen Proben« fuhr der Sultan fort »ob
mein Fakir seine Schuldigkeit besser hätte tun können wenn ihm mein Oheim Baham
aufgetragen hätte mich zu einem Fakir zu bilden Glücklicher Weise für mich 
und für Indostan denkeich war unter den Sklaven die mir zur Bedienung gegeben
waren ein junger Cyprier der Genie und Erziehung hatte und die Begriffe und
Maximen meines Fakirs die ihm äußerst ungereimt vorkamen auf eine so feine Art
zu verspotten wusste dass es ihm sehr wenig Mühe kostete die Spuren
auszulöschen die sie vielleicht in meinem Gemüte hätten lassen können Da er
überdies die Geschicklichkeit und den guten Willen hatte mir in meinen kleinen
Liebesnöten Dienste zu tun so bemächtigte er sich meines Vertrauens in einem so
hohen Grade dass ich ihn wie die Hälfte meiner Seele liebte Wir spielten dem
alten Verschnittenen und dem weisen Fakir tausend Streiche auf deren Erfindung
und Ausführung wir uns nicht wenig einbildeten Gleichwohl konnten wir es nicht
so fein machen dass wir nicht dann und wann über der Tat ertappt und mit großer
Feierlichkeit bei dem Sultan verklagt worden wären Aber SchachBaham wiewohl
er den Eifer meiner Vorgesetzten lobte konnte doch selten dahin gebracht
werden unsern jugendlichen Mutwillen züchtigen zu lassen Er lachte
gemeiniglich so herzlich über die Erzählung die ihm der Fakir in einem
kläglichen Ton und mit tragischen Gebärden davon machte dass er sich die Seiten
mit beiden Händen halten musste und am Ende musste sich der ehrliche Fakir mit
seinem gewöhnlichen Sprichworte Jugend hat nicht Tugend zufrieden stellen
lassen Ich erinnere mich noch ganz wohl pflegte er mit einer schlauen Miene
hinzu zu setzen dass ich es in Gebals Alter nicht besser machte Ich war immer
ein loser Vogel der Fakir mein Hofmeister Gott tröste seine Seele hatte
seine liebe Not mit mir und die Kammerjungfern der Sultanin meiner Mutter
konnten nicht genug auf ihrer Hut sein Gebal ist ein aufgeweckter Kopf er wird
wohl klug werden wenn er ausgetobt hat  und was dergleichen Sprüche mehr
waren an welchen der gute Oheim niemals Mangel hatte  Was dünkt Ihnen nun von
meiner Erziehung Madam Finden Sie nicht dass ich unter den Händen eines alten
mürrischen Negers eines Fakirs der mir so gute Grundsätze beibrachte eines
leichtfertigen jungen Cypriers etlicher mutwilliger Kammermädchen und eines
Oheims wie Sultan Baham vortrefflich vorbereitet werden musste dem Thron von
Indien Ehre zu machen«
    »Sire« sagte Nurmahal lächelnd »wenn es mir erlaubt ist meine Meinung so
frei zu sagen so glaube ich dass gerade diese Umstände sich vortrefflich
zusammen schickten einen Genie wie der Ihrige war zu entwickeln Wenn es wahr
ist dass lebhafte junge Leute gemeiniglich einen unwiderstehlichen Trieb in sich
finden immer das Widerspiel von dem was ihre Hofmeister sagen zu tun wie
konnte man Ihnen einen schicklichern Hofmeister wünschen als den Fakir
Salamalek Die artigen Kammermädchen der Sultanin waren schlechterdings
unentbehrlich die Federn Ihrer Einbildungskraft spielen zu machen und eine
sehr nachteilige Stagnation Ihres Herzens die bei einer so pedantischen
Erziehung zu besorgen war zu verhüten Der junge Cyprier mag wohl vielleicht
der strengen Sittenlehre Ihres Fakirs das Gegengewicht zuweilen mehr als nötig
war gehalten haben aber wenn er Ihnen auch zu nichts gedient hätte als den
Unterricht dieses albernen Mentors unschädlich zu machen so war das schon sehr
viel Allein ich bin gewiss dass er Ihnen einen noch wichtigern Dienst erwies
Seine Spöttereien über die Grundsätze des Fakirs kamen Ihrer eigenen Vernunft zu
Hilfe und befestigten Sie auf die natürlichste Weise von der Welt in den
entgegengesetzten und es kann nicht fehlen man hat ein großes gewonnen um
klug zu werden wenn man über die Torheit lachen gelernt hat Überdies musste das
Beispiel SchachBahams und seiner drei Vorgänger«  
    »O was dies betrifft Madam« fiel ihr der Sultan lachend ins Wort »da
haben Sie recht Drei oder vier solche Vorgänger sind eine unvergleichliche
Schule für einen Nachfolger der sie in ihrem gehörigen Lichte zu betrachten
weiß  Aber genug für heute von Königen und Staatsangelegenheiten ich bin
lange nicht so aufgelegt gewesen zu vergessen dass ich die Ehre habe Sultan zu
sein Schicken Sie mir etliche von Ihren Odaliken Nurmahal ich will versuchen
ob ich mich nicht eben so gut in den Schlaf singen lassen kann als der alte
Weissbart von dem uns Danischmend letzthin so wunderreiche Dinge vorleierte«
 
                                       9
Die kleine Ergetzlichkeit welche sich SchachGebal mit dem Odalisken seiner
Favoritin zu machen geruhet hatte leistete mehr als er davon erwartete Anstatt
ihn einzuschläfern gelang es einer von diesen jungen Nymphen seine
schlafsüchtige Einbildungskraft zu erwecken und ihm eine Art von einem
Mittelding zwischen Leidenschaft und Geschmack einzuflößen wovon Anfang Mittel
und Ende nach der Berechnung des Philosophen Danischmend drei Tage
einundzwanzig Stunden und sechzehn Minuten dauerte
    Wenn die kürzesten Narrheiten die besten sind so muss man zur Ehre dieses
Sultans sagen dass er in diesem Stücke nicht unwürdig war ein Muster aller
Herren seines Standes welche nicht selbst Muster sind zu sein Doch um seiner
Weisheit nicht zu viel zu schmeicheln  die Wahrheit von der Sache war dass die
kleine Sängerin weder genug Geist noch der Sultan Begierden genug hatte seinem
Geschmack für sie eine längere Dauer zu geben Er fand sich also nach wenigen
Tagen geneigt die Versammlungen seiner kleinen Akademie welche durch diese
Abwechselung von Zeitvertreib unterbrochen worden waren wieder zu erneuern und
die Erzählung der Geschichte des Königs Azor wurde auf seinen Befehl von der
gefälligen Nurmahal folgender Massen fortgesetzt
    »Wenn der Sultan Azor eine Handlung von echter königlicher Großmut zu tun
glaubte indem er seinen Feinden gerade in dem Augenblicke wo sich das Glück
für seine Waffen zu entscheiden anfing nicht nur Friede sondern noch eine von
seinen besten Provinzen dazu schenkte so kann man doch nicht in Abrede sein
dass die Begierde seiner geliebten Alabanda einer Eroberung die ihn für den
Verlust von zwanzig Provinzen schadlos gehalten hätte desto ungestörter zu
genießen die wahre wiewohl geheime Triebfeder seiner Großmut war Wenigstens
bewies der Gebrauch den man von einem so teuer erkauften Frieden machte dass
die Vorteile seines Volkes schwerlich dabei in Betrachtung gezogen worden waren
Denn man dachte weder daran das Reich auf künftige Fälle in bessere Verfassung
zu setzen noch die Provinzen wieder herzustellen die durch den Krieg
entvölkert und verwüstet worden waren Azor teilte die Geschäfte der Regierung
unter einige Geschöpfe der schönen Alabanda welche ihn beredeten dass er selbst
regiere indem er von dieser Zaubrerin und ihren Mitschuldigen unumschränkt
regiert wurde Prächtige Feste und immer abwechselnde Lustbarkeiten über deren
Erfindung sich alle witzige Köpfe von Scheschian elendiglich erschöpften
verschlangen unermessliche Summen wovon der zehente Teil hinlänglich gewesen
wäre die zerstörten Städte wieder aufzubauen und jedes traurige Denkmal der
Verwüstung in den Gegenden welche der Schauplatz des Krieges gewesen waren
auszulöschen Zehen tausend in die äußerste Not herunter gebrachte Familien
hätten durch die Unkosten einer einzigen Geburtsfeier wieder glücklich gemacht
und in eine dem gemeinen Wesen nützliche Tätigkeit gesetzt werden können aber
weil sich niemand fand der dem Sultan einen solchen Vorschlag getan hätte 
weil die schöne Alabanda weit über die Schwachheit erhaben war irgend einen
neuen Triumph ihrer grenzenlosen Eitelkeit dem Mitleiden oder der Wollust Gutes
zu tun aufzuopfern wie hätte Azor bei aller seiner natürlichen Gutherzigkeit
auf einen solchen Gedanken verfallen sollen  Er der keinen Begriff von dem
innern Zustande seines Reiches keine Fertigkeit über irgend etwas als über die
unmittelbaren Gegenstände seines Vergnügens zu denken und am allerwenigsten den
mindesten anschauenden Begriff von dem Elend hatte welchem abzuhelfen sein
großer Beruf war Er hätte in einer unkennbaren Verkleidung allein oder nur
von einem oder zwei rechtschaffenen Männern begleitet sich von den prächtigen
Straßen die zu seinen Lustschlössern führten entfernen und in die entlegneren
Teile seines Reichs in die Hütten der Landleute oder unter die Trümmern kleiner
Städte deren blühender Stand in mutloses Elend verwandelt war sich hinein
wagen müssen um die Unglücklichen kennen zu lernen die nach seiner Hilfe
seufzeten Wie unendlich viel Gutes würde eine einzige solche Reise seinen
Völkern getan haben Aber«  
    »Mirza« sagte SchachGebal in einem plötzlichen Anstoß von empfindsamer
Laune zu seinem Günstlinge »vergiss nicht dich morgen früh mit Pferden für
mich dich selbst und Danischmenden an der westlichen Pforte des Gartens bereit
zu halten Wir müssen eine solche Lustreise mit einander machen Aber mit eurem
Leben sollt ihr mir alle drei für das Geheimnis stehen  Weiter Nurmahal«
    »Sire der gute Sultan Azor ließ sich nichts von einer solchen Lustreise
träumen wie diejenige wozu Ihre Majestät Sich mit einem so rühmlichen Feuer
entschlossen haben Wenn er reiste so geschah es in Begleitung seines ganzen
Hofstaats und mit einem Pomp der das Bild des triumphierenden Heerzuges eines
Weltbezwingers darstellte Der Aufwand einer einzigen solchen Reise verzehrte
die jährlichen Einkünfte einer ganzen Provinz und da eine verderbliche alte
Gewohnheit18 die Landleute nötigte die Kamele Pferde und Wagen unentgeldlich
herzugeben welche das Gepäcke des Königs und seines Gefolges fortzuschaffen
erfodert wurden so tat dieser einzige Umstand den Gegenden durch welche der
Zug ging einen beinahe eben so empfindlichen Schaden als ein feindlicher
Überfall Im übrigen vergaßen die immer wachsamen Günstlinge des Sultans und
seiner Gebieterin nicht dafür zu sorgen dass die königlichen Augen nirgends
durch den Anblick des Mangels der Nacktheit und des Elends beleidigt werden
möchten Die Mirzas durch deren Gebiete die Reise ging stellten um sich dem
Hofe gefällig zu machen lange zuvor Zurüstungen an ihren Oberherrn auf eine
glänzende Art zu empfangen oder ihn im Vorübergehen mit dem Anblick ländlicher
Feste und Szenen von Fröhlichkeit zu ergetzen welche dem guten Fürsten die
betrügliche Freude machten die geringsten seiner Untertanen für glücklich zu
halten«
    »Bald fange ich an Mitleiden mit eurem Azor zu haben« sagte SchachGebal
»Ein König muss ein Gott sein oder er muss betrogen werden wenn alle seine Leute
die Abrede mit einander genommen haben ihn zu betrügen«
    »Bei allem diesem« fuhr Nurmahal fort »hatte Scheschian im ganzen
betrachtet mehr als jemals das Ansehen eines in seiner vollen Blüte stehenden
Reiches Die Natur hatte seine meisten Provinzen mit ihren reichsten Gaben
überschüttet Fleiß und Handlung belebte die größeren Städte und die Künste
stiegen zum Gipfel der Vollkommenheit hinan Alabanda trat nicht bloß in die
Fußstapfen der schönen Lili sie war zu stolz eine bloße Nachahmerin zu sein
sie wollte die Ehre haben zu erschaffen
    Da sie gewohnt war den Sultan auf die Jagd zu begleiten so geschah es
einsmals dass sie sich mit ihm in eine von diesen wilden Gegenden verirrte
welche die Natur so gänzlich verwahrloset hat dass nichts als der magische Stab
einer Fee mächtig genug scheint sie zur Schönheit umzubilden Welch eine
Gegend rief Alabanda mit einer Art von Entzücken aus um einen Gedanken darin
auszuführen der die Regierung meines Sultans auf ewig glänzend und
unnachahmlich machen würde Welch eine Gegend um sie zu einem Sitze der
Liebesgötter zu einem Inbegriff aller Bezauberungen der Sinne und der
Einbildung umzuschaffen  Azor sah die Zaubrerin Alabanda mit Erstaunen an
aber er war selbst zu sehr ein Freund des Wunderbaren und wenn er es auch
weniger gewesen wäre so liebte er die schöne Alabanda viel zu zärtlich um ihre
angenehmen Gedanken durch Einwürfe zu unterbrechen Er überließ ihr also die
Ausführung eines Einfalls der an Ausschweifung vielleicht niemals seines
gleichen gehabt hat In wenigen Tagen war sie mit ihrem Entwurfe fertig und
jetzt wurden Millionen Hände aufgeboten ihn auszuführen Seit den Zeiten der
stolzen Könige von Ninive und Memphis hatte man kein ähnliches Werk unternehmen
gesehen Doch was waren die ägyptischen Pyramiden oder die Mauern des alten
Babylon gegen die Schöpfung der Göttin Alabanda Gebirge wurden geebnet
unersteigliche Felsen hier gesprengt dort zu Palästen kleinen Tempeln Grotten
und reizenden Einsiedeleien oder zu großen stufenweise sich erhebenden
Terrassen ausgehauen und in Gärten Alleen Blumenstücke und Lustwäldchen
verwandelt Entlegene Flüsse wurden in diese aus dem Nichts hervorgehende
Zauberwelt geleitet und durch erstaunliche Wasserkünste gezwungen die Gärten
und Haine welche Alabanda in die Luft gepflanzt hatte mit springenden Brunnen
und Wasserfällen unter tausendfachen Gestalten und Verwandlungen zu beleben
Mitten unter allen diesen mannigfaltigen Schöpfungen erhob sich ein wahrer
Feenpalast Marmor Jaspis und Porphyr waren die geringsten Materien woraus er
zusammen gesetzt war und alle Manufakturen von Indien Sina und Japan wurden zu
seiner Ausschmückung erschöpft Die Gärten die ihn umgaben prangten mit den
schönsten Gewächsen des ganzen Erdbodens welche mit so guter Ordnung ausgeteilt
waren dass man mit jeder höheren Terrasse die man bestieg sich in ein anderes
Klima versetzt glaubte Die schönsten und seltensten Vögel aller Weltteile
bewohnten diesen wundervollen Ort den sie mit ihren mannigfaltigen Stimmen und
mit natürlichen oder gelernten Gesängen belebten Und in der Mitte einer
unzähligen Menge kleiner Lustwälder über welche dieses Zauberschloss herrschte
beherbergte ein künstlicher Ozean alle Arten von Wassergeschöpfen ein großer
See dessen über Marmor rollende Wellen man oft mit einer Flotte von kleinen
vergoldeten Schiffen bedeckt sah welche an Zierlichkeit und schimmernder
Ausschmückung dasjenige zurück ließ worin Kleopatra den Herrn der einen
Hälfte der Welt zum ersten Male bezauberte Die Beschreibung welche Alabanda
von den Wundern dieses nach ihrem Namen genannten Ortes verfertigen ließ machte
etliche große Bände aus und die billigste Berechnung alles dessen was diese
Wunder gekostet hatten überstieg zweimal die jährlichen Einkünfte des ganzen
scheschianischen Reiches welches in der Tat eine ungeheure Summe war Unzählige
Fremde wurden durch die Neugier herbei gezogen sie zu sehen aber der Vorteil
den das Land von ihnen zog war nur ein geringer Ersatz des vielfältigen
Schadens den es durch die Ausschweifungen der schönen Alabanda erlitten hatte
Eine unendliche Menge von Landleuten war dem Feldbau entrissen worden um als
Tagelöhner an der Beschleunigung eines Werkes zu arbeiten welches ihr
ungeduldiger Stolz unter ihren Blicken wachsen sehen wollte Etliche Provinzen
befanden sich dadurch in Unordnung und Mangel versetzt der Preis der
Lebensmittel stieg übermäßig der öffentliche Schatz war erschöpft die Einnahme
des folgenden Jahres beträchtlich vermindert und das Reich mit einer ungeheueren
Schuld beladen wovon der größte Teil fremde Länder bereicherte weil der ekle
Geschmack der launenhaften Alabanda nichts Einheimisches schön genug fand
ungeachtet alle Künste in Scheschian blüheten
    Zum Unglück für die Nation war diese Favoritin kaum mit Ausführung eines
solchen Werkes fertig als ihre unerschöpfliche Einbildungskraft schon über der
Idee eines andern brütete welches durch die grenzenlose Gefälligkeit ihres
Liebhabers eben so schnell und mit eben so wenig Rücksicht auf die Umstände des
Staats zur Wirklichkeit gebracht wurde Schon im zweiten Sommer den sie mit dem
Könige zu Alabanda zubrachte bemerkte sie dass die Gebäude zu weitläufig die
Gärten zu verworren und überladen und mit Einem Worte das Ganze eine Art von
Karikatur sei wo die Natur von der Kunst verschlungen werde und das ermüdete
Auge in einer unübersehbaren Mannigfaltigkeit sich verliere Dieser weisen
Beobachtung zu Folge wurde in einer der anmutigsten Gegenden des ganzen Reichs
ein andrer Lustsitz angelegt in dessen kleinerem Umfange die schöne Alabanda
mit Hilfe einiger poetischen Köpfe des Hofes bemüht war die Natur über alle
mühsamen Bestrebungen der Kunst triumphieren zu lassen Die Natur zeigte sich da
mit allen ihren eigentümlichen Reizungen in dem leichten Gewand einer Nymphe
oder in der reizenden Unordnung einer Schönen die von ihrem Liebhaber
überrascht zu werden hofft Man konnte sich wirklich keinen angenehmern Ort
träumen lassen aber es kostete so viel der schönen Natur diesen Sieg über ihre
Nebenbuhlerin zu verschaffen dass man sich genötigt sah einen Vorwand zu
ersinnen um die Untertanen mit einer neuen Steuer zu belegen Auf solche Weise
wurde Scheschian nach und nach mit den herrlichsten Denkmälern der üppigen
Erfindsamkeit dieser Favoritin angefüllt Die Unternehmer dieser Werke und
einige Künstler welche weniger wegen ihres vorzüglichen Talents als durch
Empfehlungen und Hofränke angestellt wurden fanden unstreitig ihre Rechnung
dabei Etliche Poeten die um den zehnten Teil der Einkünfte eines
Hofküchenschreibers gedungen waren über alles was der Hof tat oder getan haben
wollte Oden zu machen posaunten und leierten von Wundern und goldenen Zeiten
Aber die Provinzen sanken zusehens in einen kläglichen Stand von Entkräftung und
Verfall herab und die Nation hatte sehr große Hoffnung in kurzem einem
Virtuoso zu gleichen der durch einen kleinen Verstoss gegen die Rechenkunst in
einem sehr zierlichen neu gebauten Palaste mitten unter einer herrlichen
Sammlung von Gemälden Statuen und Altertümern   verhungert«
    Nurmahal hielt bei diesem Absatz ein wenig ein weil sie gewahr wurde dass
der Sultan in Gedanken vertieft schien als dieser sich auf einmal mit einer
auffahrenden Bewegung an Danischmenden wandte »Glaubst du nicht Danischmend«
fragte ihn SchachGebal »dass die Sultanen meine Mitbrüder sehr vieles was sie
tun unterlassen würden wenn sie einen Freund hätten der ehrlich genug wäre
ihnen die Wahrheit zu sagen«
    »Vielleicht« antwortete Danischmend mit einem kaum merklichen Achselzucken
 »Vielleicht auch nicht«  murmelte er hinten nach
    »Und warum nicht« fragte der Sultan
    »Sire« sagte der Philosoph »wollen Ihre Majestät schlechterdings dass ich
Ihnen die Wahrheit sagen soll«
    »Das bedurfte nach der Anmerkung die ich eben machte keiner Frage« sprach
der Sultan
    »So sage ich dass wenigstens drei gegen eins zu wetten ist dass die meisten
Sultanen weder mehr noch weniger tun würden als ihnen beliebt wenn sie gleich
den Konfucius oder Zoroaster selbst zum Freunde hätten Denn  gesetzt zum
Exempel der König Azor hätte einen solchen Freund gehabt so wäre es allezeit
darauf angekommen ob dieser den rechten Augenblick zu seiner Vorstellung
gewählt hätte Denn der geringste Umstand ein kleiner Nebel es sei nun in der
Luft oder im Gehirne Seiner Hoheit oder eine kleine Blähung in dem Magen Seiner
Hoheit ein kurzer Wortstreit den Sie kurz zuvor mit Ihrer Mätresse gehabt ein
Traum oder sonst eine Kleinigkeit die Ihren Schlummer beunruhigte die schlimme
Laune Ihres Affen oder dir Unpässlichkeit eines Ihrer großen Hunde  ein
einziger von tausend Umständen von dieser Wichtigkeit wäre hinlänglich gewesen
die Wirkung der besten Vorstellung zu vernichten Doch gesetzt der Freund hätte
den günstigen Augenblick ergriffen wie leicht konnte es ihm bei aller
Redlichkeit seiner Absicht in dem entscheidenden Moment an der Geschicklichkeit
 oder an dem Glücke fehlen seiner Vorstellung die rechte Wendung zu geben Wie
leicht hätte ein einziges Wort das ihm entschlüpft wäre alles wieder verderben
können was zwanzig glückliche Vorstellungen gut gemacht hatten Und dennoch
setzen wir abermal es sei ihm gelungen den verlangten Eindruck auf seinen Herrn
zu machen wie bald wär es geschehen gewesen dass dieser Eindruck eine
Viertelstunde darauf durch eine Gegenvorstellung eines andern wohl meinenden
Dieners  oder durch einen einzigen Blick im Notfalle durch ein einziges
kleines erkünsteltes Tränchen einer geliebten Alabanda wieder ausgelöscht
worden wäre  Ich stelle mir zum Beispiele vor die schöne Alabanda träte
gerade zur nämlichen Zeit in das Kabinett ihres Sultans da der vorbesagte
Freund es verlassen hätte der Freund dem wir Mut und Eifer genug leihen
wollen gegen irgend eine neue kostbare Grille wovon die Phantasie der schönen
Favoritin kürzlich entbunden worden im Namen des gemeinen Besten Vorstellungen
zu tun
    Ich komme sagt sie mit einem Ausdruck von Vergnügen der über ihr ganzes
Gesicht einen glänzenden Reiz verbreitet ich komme Ihrer Majestät einige
Zeichnungen vorzulegen und zu vernehmen welche davon Ihren Beifall hat um zum
Modell des neuen Amphiteaters wovon wir neulich sprachen genommen zu werden
    Lassen Sie sehen Madam sagt der Sultan mit einem Frost den er ihr und
sich selbst gern verbergen möchte
    Sie sind wirklich alle schön aber wie finden Sie diese Ich gestehe dass
ich sie vorziehen würde wenn ich zu wählen hätte Man kann nichts Größeres
nichts Prächtigeres denken Die Ausführung würde der Zeiten Ihrer Majestät
würdig sein welche durch so viele unnachahmliche Werke ein Wunder des spätesten
Weltalters bleiben werden
    Aber meine liebste Sultanin 
    hier heftet Alabanda einen aufmerksamen Blick vermischt mit einem kleinen
Zusatz von Erstaunen auf den Sultan
    Ich habe Mühe 
    Was fehlt Ihnen mein liebster Sultan Sie sehen nicht völlig so
aufgeheitert aus als Sie mich diesen Morgen verließen
    Ich kann es nicht von mir erhalten Ihnen meine Ungeneigteit zu etwas das
Ihnen Vergnügen macht zu erkennen zu geben und dochIch verstehe Sie nicht
Sire erklären Sie Sich Kann ich unglücklich genug sein etwas zu wünschen das
Ihnen unangenehm ist
    Ungütige Alabanda wurde ich wohl einen Augenblick anstehen die ganze Welt
zu Ihren Füßen zu legen wenn ich Herr davon wäre
    Vergeben Sie meiner Zärtlichkeit den Anfang eines schüchternen Zweifels
ruft die Dame mit einer liebkosenden Stimme und mit einem von diesen
Zauberblicken deren Wirkung ein Liebhaber in allen Atomen seines Wesens fühlt
 indem sie ihre schönen Hände sanft auf seine Schultern drückt
    Der Sultan  wir wollen ihn mit Ihrer Majestät Erlaubnis so tapfer sein
lassen als nur immer möglich ist  macht eine Bewegung als ob er sich ihren
Liebkosungen aus einem Gefühl sie nicht zu verdienen entziehen wolle sieht
sie unschlüssig an und arbeitet mit einiger Verlegenheit endlich ein zweites
Aber heraus  Aber meine Schönste wie viel meinen Sie wird die Ausführung
dieses Entwurfs kosten
    Eine Kleinigkeit Sire zwei oder höchstens drei Millionen Unzen Silbers19
    Man versichert mich dass die Ausführung des geringsten Plans ungleich höher
zu stehen kommen würde und ich gestehe Ihnen dass verschiedene dringende
Bedürfnisse meiner Provinzen  
    Dringende Bedürfnisse  ruft die Dame in einem traurigen und erstaunten
Tone Ists möglich dass jemand so übel gesinnt sein kann die Ruhe meines
geliebten Sultans mit so ungetreuen Berichten zu vergiften Alle Provinzen Ihres
großen Reiches sind glücklich und haben keinen andern Wunsch als ewig von dem
besten der Könige beherrschet zu bleiben Und gesetzt der Staat hätte
außerordentliche Bedürfnisse können Sie zweifeln dass Ihre Schatzkammer nicht
reich genug sei sie zu bestreiten ohne dass man vonnöten habe an einer kleinen
Summe zu sparen die zum Vergnügen Ihrer Majestät und zur Verschönerung der
Hauptstadt Ihres Reichs angewendet werden soll
    Aber  liebste Alabanda wie viele Tausende könnte ich mit dieser
Kleinigkeit wenn Sie ja etliche Millionen eine Kleinigkeit nennen wollen
glücklich machen
    Vergeben Sie mir liebster Sultan  aber ich kann mich kaum von meinem
Erstaunen erholen Es gibt wie ich sehe Leute die sich kein Bedenken machen
Ihre Gütigkeit zu missbrauchen Wer kann Ihnen gesagt haben dass ein König
Millionen verschwenden müsse um müßige Bettler oder bettelhafte Müßiggänger
glücklich zu machen Doch ich merke wohl was unter der Decke liegt nicht die
Unkosten nur die Verwendung derselben ist gewissen Leuten anstößig Es mag
sein Wir wollen das Amphiteater fahren lassen Ein schönes Stift für ein paar
hundert blaue Bonzen  
    Wir wollen gar nicht bauen Alabanda
    Ich bin sehr unglücklich heute nichts sagen zu können das den Beifall
Ihrer Majestät zu erhalten würdig wäre
    Wie reizbar Sie sind Alabanda
    Nicht reizbar aber gerührt da mir auf einmal ein trauriges Licht aufgeht
Ach Azor wozu diese Verstellung wozu diese Umschweife Warum entdecken Sie mir
nicht lieber auf einmal mein ganzes Unglück
    Sie setzen mich in Erstaunen Alabanda wo nehmen Sie diese Einfälle her
meine Schönste
    Wie kalt Wär es Ihnen möglich so wenig bei der Angst die Sie in meinen
Augen lesen zu empfinden wenn meine Besorgnisse nicht allzu wohl gegründet
wären Ach Azor  Hier lässt sie sich in eine trostlose Lage auf den Sofa
fallen Ach ich bin das elendeste unter allen Geschöpfen Ich habe Ihr Herz
verloren Eine andre glücklichere  hier verliert sich ihre Stimme Tränen
rollen aus ihren schmachtenden Augen ihr schöner Busen atmet schwer und pocht
in verdoppelten Schlägen Der bestürzte gerührte allzu schwache Azor vergisst
auf einmal alle Vorstellungen und Berechnungen seines Freundes er sieht nichts
als seine Alabanda in Tränen Er eilt mit ausgebreiteten Armen auf sie zu
Welche Vorstellungen welche Berechnungen sollten gegen diese Blicke diese
Tränen diesen Busen aushalten können Er wirft sich zu ihren Füßen sagt und
tut alles was ein schwärmender Liebhaber sagen und tun kann um eine zweifelnde
Geliebte zu beruhigen Nun sind nicht nur sechs sechshundert Millionen sind
jetzt eine Kleinigkeit in seinen Augen  kurz die angenehmste Aussöhnung erfolgt
nach keiner längeren Weigerung als die Dame nötig glaubt um den Wert davon zu
erhöhen auf diesen kleinen Sturm Alabanda befestiget sich in dem Herzen des
zärtlichen Sultans das Amphiteater wird gebaut und der arme Freund nach
einer eben so langen Weigerung auf Seiten seines königlichen Freundes wie
billig aufgeopfert um die Tränen zu rächen welche durch seine Schuld die
schönsten Augen der Welt trübe gemacht haben«
    »Was sagen Sie zu diesem neuen Talent unsers Freundes Danischmend« fragte
SchachGebal die schöne Nurmahal mit einem angenommenen Erstaunen  »In der
Tat« erwiderte sie »er hat keine unfeine Gabe Komödien aus dem Stegreife zu
spielen und wenn mir erlaubt wäre einen Vorschlag zu tun so wär es ihn
anstatt zum Oberaufseher über die Derwischen zum Oberaufseher über die
Schauspiele in Dely zu machen«
    »Es kann beides sehr wohl mit einander gehen« erwiderte der Sultan »man
muss die Talente des Mannes nicht unbenützt lassen er mag es sich selbst
beimessen wenn man viel von ihm fodert Aber in ganzem Ernste Danischmend die
Erzählung von den Ausschweifungen wozu die Prinzessin Alabanda euren armen Azor
verleitete hat mich auf einen Gedanken gebracht der wie ich hoffe den
Beifall deiner Philosophie erhalten wird Mir fiel ein dass ich meinen
Untertanen ein beträchtliches Geschenk machen könnte wenn ich drei oder vier
meiner entbehrlichsten Lustschlösser niederreissen und die ungeheueren Gärten
Lustwälder und Jagdbezirke die dazu gehören zum Anbauen unter sie austeilen
ließe«
    »Sire« sagte Danischmend mit lachenden Augen denn er hatte bei aller
seiner Philosophie zu viel Lebensart um dem Trieb zum Lachen der ihn
anwandelte freien Lauf zu lassen »der bloße Gedanke würde dem Herzen Ihrer
Majestät unendlich viel Ehre machen wenn er auch unausgeführt bliebe welches«
 
    »Nein nein« fiel ihm der Sultan ins Wort »das soll er nicht Er soll
ausgeführt werden denn was nützt ein Gedanke der eine bloße Spekulation
bleibt Ich bekümmere mich wenig darum ob er mir viel oder wenig Ehre macht
aber ich liebe meine Untertanen ich stelle mir die Freude vor die ich einigen
tausend Haushaltungen dadurch machen könnte und ich bekenne euch meine
Schwachheit aufrichtig ich kann dieser Vorstellung nicht widerstehen«
    »Liebenswürdige Schwachheit« rief die schöne Nurmahal indem sie eine von
den Händen Seiner Majestät an ihre Lippen drückte
    »Die Frage ist nur« fuhr der Sultan fort »welche von den vielen aus denen
ich wählen kann aufgeopfert werden sollen In der Tat ist keines das nicht
seine eigenen Schönheiten hat  Doch das werden wir heute nicht ausmachen
Gute Nacht meine Kinder  Danischmend die erste Komödie die in meiner
Gegenwart aufgeführt wird soll von deiner Erfindung sein«
    Der junge Mirza welcher den Auftrag hatte sich morgen mit Anbruch des
Tages bereit zu halten um den Sultan auf seiner geheimen Reise zu begleiten
brachte diese Nacht bei einer kleinen Mätresse zu die er in einem sehr artigen
kleinen Hause in einer von den Vorstädten von Dely unterhielt Hier wurde ihm
die Zeit so kurz dass er erst einzuschlafen anfing als er wieder hätte erwachen
sollen Kurz er vergaß den Auftrag des Sultans so gänzlich als ob niemals die
Rede davon gewesen wäre und es war glücklich für ihn dass sich der Sultan eben
so wenig daran erinnerte In der Tat pflegte Se Hoheit so viele Einfälle dieser
Art zu haben dass es lächerlich gewesen wäre Ernst daraus machen zu wollen
Gleichwohl würde der letzte Einfall mit dem er einschlief Folgen gehabt haben
wenn SchachGebal mit sich selbst und mit seinen geheimen Ratgebern hätte einig
werden können auf welche von seinen Lustschlössern das Verdammungsurteil fallen
sollte Man sprach so lange von der Sache bis man endlich nichts mehr zu sagen
hatte und da hörte man auf davon zu sprechen Alles blieb wie zuvor
SchachGebal hatte nichts desto weniger das Vergnügen seinem Herzen mit der
großmütigen Freigebigkeit Ehre zu machen die er in Gedanken ausgeübt hatte
 
                                      10
»Die erfindsame Phantasie und die verschwenderische Gemütsart der schönen
Alabanda« fuhr Nurmahal fort »würde allein schon hinlänglich gewesen sein die
Einkünfte des scheschianischen Reiches so hoch sie sich auch beliefen zu
erschöpfen Aber die obersten Staatsbedienten die Finanzaufseher und das ganze
zahlreiche Geschlecht der Günstlinge denn jeder Günstling hat wieder die
seinigen verschlangen zur nämlichen Zeit so beträchtliche Summen dass selbst
die Verdoppelung der ehmaligen Abgaben welche von den Zeiten des Krieges her
gegen das königliche Wort noch immer fortdauerte zu Bestreitung eines so
ungeheueren Aufwandes unzulänglich war Man sah sich also gezwungen unter
allerlei Vorwand alle Jahre neue Auflagen zu machen Und da die Regierung um
nichts weniger besorgt war als den arbeitsamen und nützlichen das ist den
armen Teil der Nation der dadurch am meisten gedrückt wurde durch die nötige
Aufmunterung und Unterstützung in den Stand zu setzen so viel von seinem
Erwerbe abzugeben so mussten die Folgen einer so unweisen Staatswirtschaft in
wenigen Jahren merklich genug sein um jeden der nur einiger Massen das Ganze zu
übersehen fähig war mit schwermütigen Ahnungen von dem nahen Untergange des
Staates zu erfüllen
    Was diejenigen denen das gemeine Wohl zu Herzen ging am empfindlichsten
beleidigte war die Gleichgültigkeit des Hofes bei solchen Zufällen wodurch
ganze Provinzen in den kläglichsten Notstand gesetzt wurden In einigen
richtete zum Exempel das Austreten gewisser Flüsse von Zeit zu Zeit die
schrecklichsten Verwüstungen an In andern hatte der Misswachs aus Mangel
gehöriger Vorsorge und Polizei Hunger und Seuchen veranlasst wodurch ganze
Gegenden zum Grabe ihrer elenden Bewohner wurden Die Hälfte der Unkosten
welche man während dieser öffentlichen Not auf die gewöhnlichen und auf
außerordentliche Hoflustbarkeiten verwendete wäre hinlänglich gewesen allem
diesem Elende zuvorzukommen20 einem Elende dessen bloßen Anblick die
verzärtelten Sinne und die wollüstige Einbildungskraft des Sultans und seiner
Gebieterin nicht eine Minute lang zu ertragen fähig gewesen wären Aber weder
Azor noch Alabanda wussten dass diese hunderttausend Unzen Silbers die an einem
einzigen Feste in mutwilliger Üppigkeit verschwendet wurden den Wert des Brotes
ausmachten welches an eben diesem Tage zweimal hunderttausend Familien hätte
sättigen sollen wenn es nicht mit einer unmenschlichen Harterzigkeit diesen
von Arbeit Kummer und Dürftigkeit entkräfteten Menschen und ihren vor Hunger
weinenden Kindern aus dem Munde gerissen worden wäre um von demjenigen der
sich ihren allgemeinen Vater nennen ließ in Sardanapalischen Gastmälern
verzehrt und unter die Genossen und Werkzeuge seiner tyrannischen
Ausschweifungen verteilt zu werden«
    »Dies ist ein so abscheulicher Gedanke« rief SchachGebal »dass ich lieber
heute noch in die Kutte eines Derwischen kriechen oder wie ein gewisser König
sieben Jahre lang ein Ochse sein und Gras fressen als länger Sultan bleiben
wollte wenn ich Ursache hätte zu glauben dass ich mich in diesem Falle befinden
könnte«
    Nach einer so nachdrucksvollen Erklärung würde es nicht nur sehr unhöflich
sondern wirklich grausam gewesen sein dem guten Sultan zu entdecken dass er
sich schon oft in diesem Falle befunden habe Man versicherte ihn also einhellig
des Gegenteils mit dem gebührenden Dank für diese abermalige Probe seiner
Menschlichkeit und Nurmahal fuhr fort
    »Der gute König Azor war weit entfernt den elenden Zustand seiner Provinzen
auch nur von ferne zu argwohnen Seine Visire hatten die sorgfältigsten
Maßregeln genommen dass die Klagen des Volkes nicht zu seinen Ohren dringen
konnten Er sah sich von lauter glücklichen oder glücklich scheinenden Leuten
umgeben Seine Hauptstadt stellte einen Inbegriff der Pracht und der Reichtümer
der ganzen Welt die umliegenden Gegenden ein Land der Bezauberungen und selbst
die Hütten des Landvolkes das Bild des Überflusses und der Freude dar Ströme
von Gold und Silber flossen aus allen Provinzen seines Reichs der Hauptstadt zu
aber anstatt in tausend schlängelnden Bächen wieder zurückzukehren und durch
einen regelmäßigen Umlauf alle Gliedmaßen des großen Staatskörpers in lebhafter
Munterkeit zu erhalten verloren sie sich dort in einer unzähligen Menge kleiner
durch einander laufender Kanäle oder stürzten sich in bodenlose Schlünde oder
verdünsteten in die Luft Der größte Teil von dem was ehmals der Reichtum der
Nation gewesen war zirkulierte jetzt unter einer kleinen Anzahl bei welcher es
so schnell im Kreise herum getrieben wurde so oft und auf so mannigfaltige Art
seine Form ändern musste dass die Masse selbst durch eine unmerkliche Abnahme
sich zuletzt auf eine sehr merkliche Weise vermindert befand Aber lange zuvor
ehe man sich entschließen konnte es gewahr zu werden fiel der schlechte Zustand
des Reichs einem jeden in die Augen welcher Gelegenheit hatte es von einem Ende
zum andern zu durchreisen Die Größe des Elendes der Provinzen verhielt sich wie
ihre Entfernung von der Hauptstadt Hunger und Nacktheit nahm mit jeder Tagreise
zu mit jedem neuen Morgen zeigte sich das Land schlechter angebaut weniger
bevölkert weniger gesittet und mehr mit Zeichen des Mangels und der
Unterdrückung angefüllt bis man endlich nichts als ungeheure Wüsten vor sich
sah von welchen der Sultan keinen andern Vorteil bezog als die Hoffnung einen
auswärtigen Feind durch ihren bloßen Anblick abzuschrecken oder ihn wenigstens
unfehlbar durch Hunger aufzureiben eh es ihm möglich wäre ins Innere des Reichs
einzudringen
    Um das Unglück von Scheschian vollständig zu machen spielten die
abgöttischen Priester dieses Landes zu Azors Zeiten eine Art von tragikomischem
Possenspiele welches einen äußerst nachteiligen Einfluss auf den Geist die
Sitten und die äußerlichen Umstände der Nation hatte«
    Bei diesen Worten wachte die Aufmerksamkeit des Sultans welche beinahe
eingeschlummert war auf einmal auf er stützte sich auf den linken Arm und sah
der schönen Nurmahal mit allen Zeichen der ungeduldigen Erwartung ins Gesicht
    »Ihre Hoheit werden Sich nicht betrogen finden« sagte die Dame »wenn Sie
Begebenheiten erwarten welche auch dann noch überraschen wenn man sich auf das
Ausserordentlichste gefasst gemacht hat«
    »Ich erwarte nichts andres« sagte der Sultan »und eben deswegen bin ich so
begierig mehr davon zu wissen dass ich voraus sehe Eure Erzählung wird mich
diesmal um den Schlaf bringen den sie mir befördern sollte Ich habe die blauen
Bonzen nicht überhört deren die Dame Alabanda in ihrer Unterredung mit dem
guten Manne Azor erwähnte Ich wollte Danischmenden nicht aus dem Zusammenhange
bringen aber jetzt da Ihr selbst auf diesen Gegenstand kommt hoffe ich genauer
mit diesen wackeren Leuten bekannt zu werden«
    »Das einzige warum ich Ihre Hoheit vorher bitten muss« versetzte Nurmahal
»ist dass es mir erlaubt werde mein Amt bei dieser Erzählung an Danischmenden
zu überlassen welchen die Stärke die er in diesem Teile der alten Geschichte
besitzt fähig macht Ihre Neubegierde auf die vollkommenste Weise zu
befriedigen«
    »Von Herzen gern« sagte der Sultan »und was noch mehr ist er soll die
Erlaubnis haben so umständlich zu sein als es ihm beliebt denn ich erwarte
Begebenheiten wovon auch die kleinsten Züge einem denkenden Kopfe nicht
gleichgültig sind«
    Danischmend hatte keine Ursachen anzuführen welche hinlänglich gewesen
wären die Ablehnung dieses Auftrags zu rechtfertigen Er unterzog sich also
demselben mit guter Art und nach einer kleinen Pause fing er seine Erzählung
folgender Massen an
    »Wiewohl nach meinem Begriffe die schlechteste Regierungsform und die
schlechteste Religion immer besser ist als gar keine so gestehe ich doch so
willig als irgend jemand dass eine Nation wie groß auch ihre Vorteile in andern
Stücken sein möchten unmöglich zu einem gewissen Grade von Vollkommenheit sich
erheben könne wenn sie das Unglück hat einer ungereimten Verfassung oder einer
unvernünftigen Religion unterworfen zu sein Das letzte war der Fall worin sich
die Einwohner von Scheschian seit undenklichen Zeiten befanden Die Verblendung
dieses Volkes über eine Sache von solcher Wichtigkeit würde allen Glauben
übersteigen wenn uns die Geschichte der Welt in älteren und neueren Zeiten
nicht so viele abgöttische Völker bekannt machte welche sich eben so
handgreiflich haben hintergehen lassen als die Scheschianer Die alten Ägypter
stellen uns hierin ein Beispiel dar welches alle andere überflüssig macht Das
Erstaunen bindet uns die Zunge und die Gedanken stehen still wenn wir hören
dass ein so weises Volk fähig war Affen Katzen Kälbern Krokodillen und
Meerzwiebeln mit allen Verzückungen einer fanatischen Ehrfurcht als göttlichen
Wesen oder wenigstens als sichtbaren Bildern göttlicher Wesen zu begegnen21
Ich weiß nicht ob etwas demütigender für die Menschheit sein kann als die
Gewissheit worin wir sind dass nichts so Unsinniges und Lächerliches erträumt
werden kann welches nicht zu irgend einer Zeit oder auf irgend einem Teile des
Erdenrundes von einer beträchtlichen Anzahl von Menschen für wahr ernstaft und
ehrwürdig wäre angesehen worden Das schlimmste ist dass wir selbst bei aller
Verachtung womit wir fremde Torheiten anzusehen gewohnt sind große Ursache
haben zu glauben dass wir an ihrem Platze nicht weiser gewesen sein würden
Erziehung Beispiel Gewohnheit und Nationalstolz würden sich bei uns so gut als
bei jenen vereiniget haben unsre Vernunft zu fesseln und dasjenige was wir
jetzt mit so gutem Grunde Unsinn nennen zum Gegenstand unsrer wärmsten
Verehrung zu erheben Gleich den Ägyptern würden wir das Unvermögen uns irgend
einen gesunden Begriff davon zu machen ein heiliges Dunkel genannt haben in
welches sterblichen Augen nicht erlaubt sei einzudringen22 Kurz in den Zeiten
der alten Beherrscher des Nils zu Memphis oder Pelusium geboren würden wir
gern oder ungern Katzen Krokodille und Meerzwiebeln angebetet haben so gut als
jene und dies zu eben der Zeit da uns nichts so widersinnig gedeucht hätte
als einen Mohren in demutsvoller Stellung und mit allen Zeichen eines
andächtigen Vertrauens in seinen Gesichtsmuskeln einen Elefantenzahn oder das
Horn eines Ziegenbocks in seiner Not anrufen zu sehen23
    Dieser kleine Eingang Sire hat mir nötig geschienen unser Urteil über den
Aberglauben der Scheschianer zu mildern und in Betrachtung der Schwachheiten
der menschlichen Natur uns zu einer Nachsicht zu vermögen ohne welche wenige
Erdbewohner ihren Anspruch auf den Titel vernünftiger Wesen behaupten könnten«
    »Herr Danischmend« sagte der Sultan »was geschehen ist ist geschehen wir
wollen es dabei bewenden lassen wiewohl ihr euch alles wohl überlegt diese
Dissertation hättet ersparen können Denn am Ende haben wir doch nichts weiter
daraus gelernt als dass alle Köpfe unter dem Monde zu Zeiten ein wenig
mondsüchtig sind und dass keine Krähe der andern die Augen aushacken soll wie
König Dagobert sagte Also nichts mehr hiervon und zur Sache«
    Diesem Befehl zu Folge fuhr der Doktor also fort  
                          Der Herausgeber an die Leser
Lücken geneigte Leser sind in allen Arten der menschlichen Kenntnisse
besonders in GeschichtsErzählungen eine allzu gewöhnliche Sache als dass es
euch befremden sollte hier in der Erzählung des so genannten Philosophen
Danischmend eine Lücke und zwar wie wir nicht bergen eine beträchtliche Lücke
zu finden
    Diese Lücke ist nicht etwann von der Art derjenigen welche von den
Gelehrten Hiatus in Manuscriptis genannt zu werden pflegen Die Handschrift aus
welcher wir die Geschichte von Scheschian gezogen haben liegt vollständig vor
uns und es kam bloß auf uns an ob wir sie so vollständig als der lateinische
Übersetzer sie geliefert mitteilen wollten oder nicht
    Vielleicht betrügen wir die Neugierde vieler Leser gerade da wo sie am
wenigsten geneigt sind es uns zu vergeben Und wirklich hätten wir kein
Bedenken tragen sollen die Geschichte der Religion des alten Scheschians und
der Veränderungen welche sich unter einigen Königen mit ihr zugetragen der Welt
ohne Lücken vorzulegen wenn uns das Beispiel des lateinischen Übersetzers und
die Gründe womit er sein Verfahren beschönigt hat hinlänglich geschienen
hätten die Nachfolge desselben zu rechtfertigen
    Er behauptete nämlich Die weisesten Männer wären von jeher der Meinung
gewesen dass es einer von den wichtigsten Diensten welche man der wahren
Religion leisten könne sei wenn man dem Aberglauben und der Tartüfferei ihren
schädlichsten Feinden weil sie die Maske ihrer Freunde tragen diese Maske
abziehe und sie in ihrer natürlichen Ungestalt darstelle Bloß aus diesem
Grunde hätten gelehrte und ehrwürdige Schriftsteller aus den älteren Zeiten des
Christentums ein Laktantius ein Arnobius ein Augustinus und andere sich eine
ernstliche Angelegenheit daraus gemacht die Ausschweifungen und Betrügereien
der heidnischen Priesterschaft sogar nicht ohne Gefahr durch Bekanntmachung der
ärgerlichsten Greuel schwachen Gemütern anstößig zu werden an das helleste
Licht hervor zu ziehen Sie hätten diese Gefahr als ein kleines zufälliges und
ungewisses Übel angesehen welches gegen den großen Nutzen den sie der
Gottseligkeit und der Tugend von jener Entlarvung der religiösen Betrügerei
versprochen in keine Betrachtung komme Es ist wahr setzt er hinzu Leser
welche mehr Witz als Unterscheidungskraft besitzen könnten Ähnlichkeiten und
boshafte Leute Anspielungen zu finden glauben wo keine sind aber wenn uns
diese Besorgnis aufhalten sollte welche Geschichte würde man schreiben dürfen
Eine jede wohl geschriebene Geschichte kann in einem gewissen Sinne als eine
Satire betrachtet werden und ich fordere den weisesten und unschuldigsten unter
allen Sterblichen heraus uns ein aufrichtiges Gemälde der Gesetze Sitten
Meinungen und Gebräuche von welchem Lande in der Welt er will und sollte es
Kappadocia Pontus oder Mysia sein zu liefern welches nicht voller
Anspielungen zu sein scheinen sollte
    Diese und andre Gründe des lateinischen Übersetzers hätten uns vielleicht zu
einer andern Zeit überzeugen und bewegen können seinem Beispiele zu folgen
Aber in den Tagen worin wir leben kann die Behutsamkeit in Dingen dieser Art
kaum zu weit getrieben werden Der kleinste Anlass den wir wissentlich dem
Leichtsinn und Mutwillen unsrer Zeiten gegeben hätten durch die schalkhaften
Wendungen die auch der mittelmässigste Witz in seiner Gewalt hat unsrer
Erzählung einen unechten Sinn anzudichten würde in unsern Augen alle guten
Eindrücke überwiegen welche wir uns ohne übertriebene Erwartungen zu hegen
von dieser Geschichte der Könige in Scheschian versprechen Nichts ist in unsern
Tagen überflüssiger als Feldzüge gegen Aberglauben und Tartüfferei Es sind
Zeiten gewesen kein Vernünftiger wird es leugnen wo man sich durch Kämpfe mit
diesen Feinden der Religion und der bürgerlichen Gesellschaft Verdienste machen
konnte Aber sie sind nicht mehr Andre in ihren Folgen ungleich mehr
verderbliche Ausschweifungen Geringschätzung der Religion und Ruchlosigkeit
gewinnen unvermerkt immer mehr Grund die ehrwürdige Grundfeste der Ordnung und
der Ruhe der menschlichen Gesellschaft wird untergraben und unter dem Verwande
einem Übel welches größten Teils eingebildet ist zu steuern arbeitet der
zügellose Witz in den Mantel der Philosophie eingehüllt der menschlichen Natur
ihre beste Stütze und der Tugend ihre wirksamste Triebfeder zu entziehen In
einem solchen Zeitpunkte können diejenigen welche es mit der Menschheit wohl
meinen nicht zu vorsichtig sein und bloß aus dieser Betrachtung haben wir
geglaubt der Welt einen größeren Dienst durch die Unterdrückung der besonderen
Umstände der Religionsgeschichte von Scheschian als durch die Mitteilung
derselben zu erweisen
    Damit aber gleichwohl der Zusammenhang des Ganzen nichts dadurch verliere
haben wir für nötig gehalten dem Leser einen Auszug aus der Erzählung des
Philosophen Danischmend mitzuteilen welcher ihn in den Stand setzen möge von
dem schlechten Zustande der alten scheschianischen Verfassung über diesen Punkt
von den Verdiensten welche sich der Sultan Ogulum sie erworben und von dem
Zwiespalt der das Reich zu Azors Zeiten erschütterte sich wenigstens einen
allgemeinen Begriff zu machen
»Nach dem Beispiele der Ägypter und andrer abgöttischen Völker verehrten die
Scheschianer einen Affen als den besonderen Schutzgott ihrer Nation und wie
alle asiatischen Länder wimmelte Scheschian von Bonzen deren hauptsächlichste
Beschäftigung war das verblendete Volk in der gröbsten Verfinsterung des
natürlichen Lichtes und in einem ihnen allein nützlichen Aberglauben zu
unterhalten Unter den verschiedenen Gattungen derselben welche Danischmend
schildert begnügen wir uns nur zweier zu erwähnen deren Institut uns
Europäern unglaublich scheinen müsste wenn wir nicht aus der Sammlung der so
genannten Lettres edifiantes und aus der Kompilation des P Dü Halde
benachrichtiget wären dass sich wenigstens von der einen Gattung noch heutiges
Tages eine zahlreiche Nachkommenschaft in der Tatarei und in Sina erhalten hat
Die ersten sagt Danischmend nannten sich Yafaou oder Nachahmer des Affen
und unterschieden sich von den übrigen Bonzen durch eine scheinbare Strenge ein
unreinliches Aussehen eine große Fertigkeit sich in Begeisterung zu setzen und
eine Unwissenheit welche nahe an die tierische grenzte Wenn man den Feinden
dieser Yafaou glauben dürfte so war kein Laster welches sie unter dem Mantel
von Sackleinwand womit sie ihre Blöße deckten nicht ungestraft ausgeübt haben
sollten Man beschuldigte sie der Betrügerei der Ränkesucht der Unmässigkeit
und einer ungezähmten Lüsternheit nach dem Eigentume der Scheschianer
Untugenden welche sie wie man sagte unter einer Maske von Einfalt
Redlichkeit und Verachtung der irdischen Dinge künstlich zu verbergen wussten
Sie nähren sagte man unter dem Scheine der tiefsten Demut den
unausstehlichsten Stolz sie sind rachgierig und grausam bei dem Ansehen einer
unüberwindlichen Sanftmut und allgemeine Feinde der Menschen mit der Miene der
Unschuld und Gutherzigkeit »Diese Beschuldigungen sind zu hart« fährt
Danischmend fort »als dass es billig wäre ihnen einen unbedingten Glauben
beizumessen Aber dies ist unleugbar dass die Unnützlichkeit der Yafaou der
geringste Vorwurf war der ihnen gemacht werden konnte Sie hatten allem was
man Vernunft Wissenschaft Witz Geschmack und Verfeinerung nennt einen
unversöhnlichen Krieg angekündiget und ihren unermüdeten Bemühungen war es
vornehmlich zuzuschreiben dass Scheschian in so vielen Jahrhunderten nicht die
mindeste Bestrebung zeigte sich aus dem Wust einer die Menschheit entehrenden
Barbarei empor zu arbeiten In Betrachtung der nachteiligen Folgen einer solchen
Tätigkeit hätte man Ursache gehabt sich ihnen noch verbunden zu achten wenn
sie sich hätten begnügen wollen ganz und gar müßig zu sein Gleichwohl war auch
in diesem Falle die Last sie zu füttern keine Kleinigkeit Denn man rechnete zu
Sultan Azors Zeiten über zwölfmal hunderttausend Yafaou und sie waren
überhaupt Leute von vortrefflichem Appetit   Es ist etwas Unbegreifliches
dass diese Nachahmer des Affen zu gleicher Zeit der Gegenstand der lebhaftesten
Ehrfurcht und der öffentlichsten Verachtung waren Man trug sich mit einer
unendlichen Menge lächerlicher Erzählungen in Prose und Versen worin man sich
mit ihren Sitten und selbst mit ihrem Stande die größten Freiheiten nahm man
sprach und schrieb und sang auf öffentlicher Straße von ihnen als von dem
verworfensten Auskehricht des menschlichen Geschlechtes man beschuldigte sie
ungescheut aller Übeltaten wozu ihre herumschweifende Lebensart ihnen selbst
Gelegenheit und ihren Feinden Vorwand gab Kurz derjenige würde lächerlich
geworden sein der in guter Gesellschaft ihren Namen mit dem geringsten Zeichen
von Achtung ausgesprochen hätte und alles dies zu eben der Zeit da noch eine
Menge von Leuten den Staub für heilig ansahen in welchen ein Yafaou seine Füße
gesetzt hatte da das gemeine Volk sich mit sklavischer Folgsamkeit in allen
seinen Geschäften von ihnen regieren ließ und viele nichts Angelegneres hatten
als dafür zu sorgen dass alles was von ihrem Vermögen nicht schon bei ihren
Lebzeiten von diesen würdigen Leuten aufgegessen worden war ihnen wenigstens
nach ihrem Tode nicht entgehen möchte
    Ich kann nicht umhin« fährt Danischmend fort »noch einer Gattung von
privilegierten Müssiggängern zu erwähnen deren Institut so seltsam es auch beim
ersten Anblicke scheint aus einem gewissen Gesichtspunkt betrachtet etwas
Gemeinnütziges hatte wodurch es sich über die übrigen Gattungen der Yafaou
erhob Man nannte sie scherzweise die Fruchtbringenden allein sie selbst legten
sich wegen der Unabhänglichkeit von welcher sie Profession machten den
stolzen Namen Kamfalu Könige der Meinungen  bei Ungeachtet ein altes
Vorurteil ihnen einen Teil der Vorrechte und des Ansehens der Yafaou beilegte
so scheinen sie doch mehr eine Sekte von Freigeistern als wirkliche Bonzen
gewesen zu sein und in ihren Grundsätzen sowohl als in ihrer Lebensart vieles
mit den Cynikern der alten Griechen mit den Anhängern des LaoKiun in Sina und
mit unsern Kalendern gemein gehabt zu haben Sie lebten zwar auch auf Unkosten
des Volkes wie die Yafaou aber sie bezahlten gleichsam dafür mit einer Menge
kleiner Talente wodurch sie sich angenehm und beinahe unentbehrlich zu machen
wussten Sie belustigten die Großen mit ihrem Witze und sich selbst mit der
Leichtgläubigkeit des Volkes Die Freiheit die ihnen ihr Orden gab über alles
zu spotten und ein unerschöpflicher Vorrat von mutwilligen Erzählungen und
Anekdoten verschafte ihnen Zutritt in der schönen Welt und so groß ist die
Macht eines eingewurzelten Vorurteils dass der Morgenbesuch eines Kamfalu bei
einer schönen Frau als eine Sache die nichts zu bedeuten habe angesehen wurde
Aber die Kamfalu kannten den Wert ihrer Vorrechte zu gut um sich allein auf die
vornehme Welt einzuschränken und wenn sie sich bei der Dame beliebt machten
indem sie ihrem Schosshunde liebkoseten und über ihre Nebenbuhlerin lästerten so
schmeichelten sie sich der jungen Bäurin durch ein sympatetisches Mittel sich
der Treue ihres Mannes zu versichern ein oder indem sie ihr aus der Hand
weissagten dass sie fünf oder sechsmal Witwe zu werden Hoffnung habe Sie waren
im Besitz von einer Menge bewährter Hausmittel gegen alle Zufälle welche
Menschen und Vieh zustossen können sie schlichteten die kleinen Streitigkeiten
zwischen Eheleuten Verwandten und Nachbarn und es gab wenig Heiraten unter dem
Volke die nicht ein Kamfalu gestiftet hätte Eine von den Regeln ihres Ordens
die keine Ausnahme zuließ war kein Mitglied in denselben aufzunehmen welches
sich nicht durch eine fechtermässige Gestalt und eine blühende Gesundheit zu
dieser Ehre legitimieren konnte Aber was ihnen am meisten Ansehen und Vorteile
verschafte war der Ruf ein besonderes Geheimnis wider die Unfruchtbarkeit zu
besitzen Man versichert dass in den Zeiten da die aufs höchste gestiegenen
Ausschweifungen ihre schädlichen Folgen zum Nachteil der Bevölkerung am
stärksten geäußert die edelsten Geschlechter von Scheschian die Erhaltung ihres
Stammes lediglich dem geheimen Mittel der Kamfalu zu danken gehabt hätten Ein
Verdienst wodurch sie nach dem Urteile der Staatskundigen sich ein so starkes
Recht an die öffentliche Dankbarkeit erwarben dass selbst der große Sultan Tifan
 da er alle Arten von herum schweifenden Bonzen gänzlich aufhob die einzigen
Fruchtbringenden als Leute die dem Staate wichtige Dienste geleistet hätten
bei ihrem alten Vorrecht erhielt auf Kosten ihrer freiwilligen Wohltäter müßig
zu gehen«
    »Ich finde« sagte SchachGebal »diese Achtung des Sultans Tifan für die
Verdienste der Fruchtbringenden um so lobenswürdiger da ich versichert bin dass
die Erben womit der Adel von Scheschian durch ihre Vermittlung versehen wurde
stärkere Sennen und frischeres Blut in die Familien brachten und also tüchtig
wurden die Stammväter einer markigern Nachkommenschaft zu werden Indessen
sollte nichts wundern wenn die Yafaou nicht aus dem nämlichen Grunde einiges
Recht an die Nachsicht des Königs Tifan gehabt hätten«
    »Sire« versetzte Danischmend »das herbe und abschreckende Aussehen
welches diese letztern sich gaben scheint ihnen größten Teils die Gelegenheit
sich um die höheren Klassen des Staats verdient zu machen abgeschnitten zu
haben Vermutlich fehlte es ihnen an gutem Willen nicht aber da sie aus der
feinen Welt gänzlich ausgeschlossen waren sahen sie sich genötigt ihn bei den
geringeren Klassen gelten zu machen wo ihr Beistand wenigstens in Rücksicht auf
den Staat gänzlich in Verlust ging folglich nichts Verdienstliches haben
konnte«
    Nachdem Danischmend von den verschiedenen Gattungen und Arten der
scheschianischen Bonzen von ihren Grundsätzen von ihrem Götzendienste von
ihrer vorgegebenen Zauberkunst von dem Orakel der großen Pagode und besonders
von den Mitteln wodurch sie sich eine beinahe unumschränkte Gewalt über die
Köpfe und über die Beutel der Scheschianer zu erwerben gewusst umständliche
Nachricht gegeben lässt er sich in eine weitläufige und für jeden andern als
den Sultan Gebal tödlich langweilige Erzählung gewisser Streitigkeiten ein
welche um sehr unerheblicher Dinge willen unter diesen Bonzen entstanden sein
und durch die unvorsichtige Teilnehmung des Hofes an denselben Gelegenheit
gegeben haben sollen dass die Nation sich in verschiedene Parteien zerspaltet
aus deren heftigem Zusammenstoß endlich einer der wütendsten Bürgerkriege wovon
man jemals ein Beispiel gesehen entstanden sei Der gänzliche Untergang des
Staates würde unvermeidlich gewesen sein wenn nicht glücklicher Weise für
dieses betörte Volk OgulKan dazwischen gekommen und durch seine Eroberung die
tobenden Bonzen genötigt hätte ihrer Privatändel zu vergessen um auf ihre
gemeinschaftliche Erhaltung bedacht zu sein
    »Gut« ruft hier SchachGebal aus »hier erwartete ich meinen guten Bruder
OgulKan Ich bin sehr begierig zu hören was er zu den Streitigkeiten der
scheschianischen Bonzenschaft gesagt haben mag Denn bei aller Achtung die ich
für seine übrigen Verdienste hege wird er mir nicht übel nehmen wenn ich mir
ihn als einen sehr mittelmäßigen Metaphysiker vorstelle«
    »Sire« versetzt Danischmend »der bloße Menschenverstand von welchem er
sich in dieser Sache leiten ließ führte ihn sicherer als die subtilste
Dialektik vielleicht hätte tun können Die tatarische Horde deren Anführer er
war hatte von ihren Voreltern eine sehr einfältige Religion geerbt Sie kannten
weder Tempel noch Priester Sie verehrten einen unsichtbaren Herrn des Himmels
von welchem sie glaubten dass er die guten Menschen liebe und die bösen  nicht
hasse sondern besser mache Sie hielten es für unrecht ein Bild von ihm machen
zu wollen Denn sagten sie in ihrer Einfalt wenn man auch den großen Berg
Kantal selbst zu seinem Bilde aushauen wollte so würde dies dennoch nur eine
sehr kindische Vorstellung von der Größe eines Monarchen geben der die Sonne in
der einen Hand und den Mond in der andern hält Diesem Begriffe zu Folge
begnügten sie sich in jedem Hause eine schwarze Tafel an der Wand hängen zu
haben worauf mit goldnen Buchstaben geschrieben stand Ehre sei dem Herrn des
Himmels Vor dieser Tafel pflegten sie täglich etwas Räuchwerk anzuzünden sie
baten dabei den Herrn des Himmels dass er sie an Leib und Seele gesunderhalten
möchte und hierin bestand ihr ganzer Gottesdienst24 Es war also nicht wohl
anders möglich als dass sie die Religion von Scheschian zugleich mit Verachtung
und mit Abscheu ansehen mussten und OgulKan konnte mit allem seinem Ansehen
nicht verhindern dass nicht in der ersten Hitze eine große Anzahl von Pagoden
zerstört worden wäre Dieser Prinz scheint zwar selbst kein Freund des
Aberglaubens gewesen zu sein aber er war ein zu vernünftiger Mann um zu
fodern dass seine neuen Untertanen auf einmal eben so vernünftig sein sollten
wie er Er wusste dass die Gewalt eines Monarchen sich nicht über Gewissen und
Einbildung erstreckt er wusste auch wie gefährlich es ist eine noch
unbefestigte Regierung mit Unternehmungen gegen die eingeführte Religion
anzufangen Er bezeigte sich also sehr billig ja sogar günstig gegen die
Priesterschaft von Scheschian erklärte sich öffentlich dass er sie bei ihren
Gerechtsamen und Vorteilen schützen und nichts gegen ihre Religion unternehmen
wolle und hielt was er versprochen hatte
    Kaum fingen die Bonzen wieder an der Ruhe zu genießen welche sie der
Regierung dieses weisen und guten Königs zu danken hatten so erinnerten sie
sich auch ihrer ehmaligen Streitigkeiten wieder und auf einmal wurde wieder von
allen Seiten zum Treffen geblasen Aber hier hörte die Gefälligkeit des Sultans
Ogul auf Er ließ ein Edikt ausgehen worin einem jeden erlaubt wurde seine
Meinung über die Gegenstände des Streites mit Bescheidenheit bekannt zu machen
aber er verbot zugleich alle Bitterkeit und alle Anzüglichkeit im Disputieren
und um seinem Verbot den gehörigen Nachdruck zu geben setzte er die Strafe von
zweihundert Streichen auf die Fusssohlen darauf wenn sich jemand wer es auch
wäre gelüsten ließe einen andern seiner Meinungen wegen zu schimpfen oder zu
verdammen Meinungen über Dinge welche ihren Besitzer zu keinem schlimmern
Manne machen sind weder Staatssachen noch Verbrechen sagte er ich werde mich
niemals damit abgeben sie zu untersuchen und noch weniger mich bereden lassen
sie zu bestrafen Gedanken und Träume25 sollen in meinem Reiche frei sein und
man soll keinem Menschen verwehren seinen Traum zu erzählen oder seine Meinung
zu sagen wenn er jemand findet der ihm zuhören will Das einzige Mittel
Grillen und Meinungen unschädlich zu machen ist wenn man ihnen Luft lässt Lasst
die Bonzen in Scheschian so lange sie wollen untersuchen ob ihr großer Affe
ein Genius oder ein OrangOutang gewesen ob er zu Wasser oder zu Lande in
Scheschian angekommen oder ob er aus dem Schweif eines Kometen herab gefallen
sei so lange die Untersuchung eine Privatsache bleibt und der Streit mit
Bescheidenheit geführt wird kann die Ruhe des gemeinen Wesens nichts davon zu
besorgen haben26 Aber OgulKan dürfte sich nur verleiten lassen aus solchen
Streitfragen eine Staatsangelegenheit zu machen wenn in wenig Jahren das ganze
Reich in Feuer stehen sollte
    »So dachte der weise Ogul« fährt Danischmend fort »und verdient
Ehrensäulen dafür dass er so dachte Aber diese Politik war nicht nach dem
Geschmack der Bonzen Sie ließ es darauf ankommen ob er den Übertretern des
Gesetzes sein Versprechen halten würde Ogul hielt sein Versprechen pünktlich
Ein Yafaou der die Meinungen eines gewissen Tulpan welche vor der Eroberung
viele Bewegungen verursacht hatten öffentlich mit großer Heftigkeit bestritt
und die Anhänger derselben für unwürdig erklärte von Sonne und Mond beschienen
zu werden empfing auf dem größten Marktplatze der Stadt Scheschian die ganze
Summe der zweihundert Prügel auf die Fusssohlen ohne dass Einer daran fehlte und
da sein Geschrei und seine Aufhetzungen einen Aufruhr unter dem Pöbel
verursachten ließ OgulKan die Schuldigen an der Zahl zweitausend von seiner
tatarischen Leibwache umringen und den funfzigsten Mann von ihnen ohne Ansehen
der Person an die kahl gemachten Äste eines hohen Eichbaums aufhängen der im
äußersten Vorhofe der großen Pagode stand Diese Justizpflege war ein wenig
tatarisch aber sie brachte ein großes Gut hervor denn sie machte die Bonzen
verträglich Das Volk schrie über Tyrannei Sultan Ogul kehrte sich nicht daran
und in kurzem erkannte die Nation mit Dankbarkeit dass er sie durch eine wohl
angebrachte Strenge von einem großen Übel befreit hatte
    Von der Zeit an da die Bonzen in ihren Streitschriften nicht mehr
schimpfen und durch geheime oder öffentliche Beschuldigungen ihren Gegnern
keinen Schaden mehr zufügen durften verloren sie auch die Leidenschaft zum
Grübeln und Streiten wovon sie seit geraumer Zeit besessen gewesen waren Sie
fingen an gewahr zu werden dass sie sich dadurch bei Vernünftigen nur lächerlich
machten und glaubten weiser zu handeln wenn sie ihren Witz anwendeten die
Religion von Scheschian mit dem gesunden Menschenverstande ihrer neuen Gebieter
auszusöhnen Diesem löblichen Vorsatze zu Folge geschah es dass sie indem sie
sich bemühten ihre Grundsätze in das vorteilhafteste Licht zu stellen
unvermerkt auf einen ziemlich einförmigen Lehrbegriff gerieten der den Tatarn
immer einleuchtender wurde und da die Kamfalu zu gleicher Zeit mit gutem Erfolg
an der Bekehrung der tatarischen Schönen arbeiteten so fand sich nach wenigen
Jahren dass die Eroberer den König und einige seiner Vertrauten ausgenommen
die Religion des Landes angenommen hatten ohne dass man recht sagen konnte wie
es zugegangen war Aber es fand sich auch zugleich dass die Wallfahrten nach der
großen Pagode merklich abnahmen Es entstand aus der Vermischung des
scheschianischen Aberglaubens mit dem groben tatarischen Menschenverstand eine
Art von Mittelding welches zwar keine neue Religion vorstellte aber doch
unvermerkt in dem Nationalgeiste in den Vorurteilen Gewohnheiten und Sitten
von Scheschian eine Veränderung hervorbrachte welche mit einigem Grund ein
Schritt zur Verbesserung genannt werden konnte Was vermutlich das meiste dazu
betrug war die Freiheit sich auf die Wissenschaften und schönen Künste zu
legen welche OgulKan allen seinen Untertanen erteilte Denn vormals war dies
wie bei den Ägyptern ein ausschliessliches Vorrecht der Priesterschaft gewesen
In einem Zeitlaufe von vierzig bis funfzig Jahren wurden die graubärtigen Bonzen
gewahr dass sie sich in einer neuen Welt befanden welche nicht mehr so leicht
zu behandeln war als die alte Die Märchen womit sie sonst die Fragen der
Neugierigen gestillet hatten wurden nicht mehr so befriedigend gefunden als
ehmals Die Untersuchungen über den Grund dessen was die Menschen wahr nennen
über die Natur den Zweck und die wesentlichen Rechte der politischen
Gesellschaft und über andre Dinge von dieser Wichtigkeit welche immer häufiger
angestellt wurden hatten die Folge dass vieles was man für wahr gehalten
hatte falsch befunden wurde Und wenn man Gegenständen die vor einer
aufgeklärten Vernunft keine Gnade finden konnten noch immer einen Rest von
Ehrerbietung bewies so war sie derjenigen gleich womit man ein altes Gemälde
aus den Kinderjahren der Kunst anzusehen pflegt man schätzt es nicht weil es
gut sondern weil es alt ist
    Es war von den Bonzen nicht zu erwarten dass sie eine so wichtige
Veränderung mit Gleichgültigkeit ansehen sollten Auch taten sie ihr
Möglichstes dem sichtbaren Schaden zu wehren den die Ausbreitung der Vernunft
und der Menschlichkeit ihnen selbst und ihren Pagoden zufügte Aber da sie
merkten dass die letzten Anstrengungen ihrer Kunst nur den Triumph ihrer
Gegnerin zu zieren dienten so schmiegten sie sich endlich unter ihr Schicksal
und betrugen sich ungefähr so wie eine handelnde Nation welche sich genötigt
sieht gewisse Zweige von Gewerbe wiewohl mit augenscheinlichem Verluste bloß
deswegen fortzuführen um nicht die Handlung selbst zu verlieren und der
Hoffnung entsagen zu müssen durch irgend eine günstige Wendung der Umstände
sich vielleicht dereinst ihres Schadens wieder zu erholen
    Indessen war eine von den heilsamen Folgen dieser Revolution in dem
Nationalgeiste von Scheschian dass die Bonzen selbst sich angelegen sein ließ
an persönlichen Verdiensten wieder zu gewinnen was sie auf einer andern Seite
verloren hatten« Danischmend führt hiervon viel Besonderes an unterlässt aber
gleichwohl nicht die Anmerkung zu machen sie hätten bei allem dem nicht recht
verbergen können dass es ihnen lieber gewesen wäre der Notwendigkeit so viele
Verdienste zu haben überhoben zu sein »Sie belauerten« sagt er »mit der
scharfsichtigsten Aufmerksamkeit jede Gelegenheit und jedes Mittel ihren großen
Zweck mit wenigern Unkosten zu befördern und glücklicher Weise für sie spielte
der leichtsinnige Mutwille womit einige die Freiheit der damaligen Zeiten zu
missbrauchen anfingen ihnen Waffen in die Hände welche sie unter dem
scheinbarsten Vorwande gegen ihre unversöhnlichen Feinde Witz und Vernunft
gebrauchen konnten«27
    Danischmend beginnt seine Erzählung von diesem Aufstand der Bonzen gegen die
Usurpation einer tyrannischen Philosophie mit einer allgemeinen Betrachtung
welche nicht so viel benützt wird als sie es zu verdienen scheint »Dasjenige«
sagt er »was in allen sittlichen Dingen die Grenzen des Schönen und des
Hässlichen des Guten und des Bösen des Rechts und des Unrechts bestimmt ist
eine allzu feine Linie als dass sie nicht alle Augenblicke von der Unwissenheit
und dem Leichtsinn übersehen oder von den Leidenschaften übersprungen werden
sollte Daher eine Quelle von Übeln welche man nicht verstopfen darf auch wenn
man es könnte  der häufige Missbrauch von Dingen wovon der rechte Gebrauch der
menschlichen Gesellschaft nützlich ist und welchem abzuhelfen man bisher noch
keine andre Mittel erfunden hat als solche die dem Dienste gleichen den der
gutherzige Bär in der Fabel seinem Freunde dem Eremiten erweist da er um
eine Fliege von der Nase seines schlafenden Freundes zu verjagen einen Stein
ergreift und auf Einen Wurf die Fliege und den Eremiten tötet
    Die Scheschianer geben uns hiervon ein merkwürdiges Beispiel Sie waren
unvermerkt klüger geworden als ihre Vorfahren Ihre Begriffe von der wahren
Beschaffenheit der Dinge von ihrem Verhältnis gegen die Menschen und von dem
sehr wesentlichen Unterschiede zwischen den Gegenständen und den Vorstellungen
die man sich davon macht klärten sich je länger je mehr auf Die Vorteile
dieser glücklichen Veränderung verbreiteten sich über das ganze Reich wiewohl
sie nur von scharfsichtigen Beobachtern bemerkt wurden Aber die Nachteile die
damit verbunden waren wahrzunehmen dazu reichte das Gesicht des blödesten
Kopfes hin So lange die Nation dumm war konnte sie nicht missbrauchen  was sie
nicht hatte Damals war die Quelle alles Übels dass sie ihre Vernunft gar nicht
zu gebrauchen wusste Jtzt da die Scheschianer wie junge Vögel die Schwingen
ihres Geistes zu versuchen anfingen begegnete es oft dass sie zu hoch fliegen
wollten und fielen oder dass sie sich unvorsichtig in Örter wagten wo sie sich
in verborgene Schlingen verwickelten Kurz diejenigen die entweder wirklich
mehr Witz hatten als andre oder doch dafür angesehen sein wollten mehr zu
haben fühlten nicht so bald die Freiheit in welche OgulKan ihre Vernunft
gesetzt hatte als sie schon anfingen sie häufig zu missbrauchen Es war wohl bei
den wenigsten so böse gemeint als es ihnen ausgelegt wurde Wie leicht war es
in der hüpfenden Freude die einem Menschen natürlich ist der nach einer langen
Gefangenschaft wieder freie Luft atmet und sich seiner Füße wieder nach eigenem
Gefallen bedienen darf wie leicht war es da die vorerwähnte Linie zu
überhüpfen und vor lauter Freude  nicht mehr dumm zu sein ein wenig närrisch
zu werden Man hatte den Aberglauben als ein großes Übel kennen gelernt man
bildete sich ein sich nicht weit genug davon verlaufen zu können und verlief
sich also in den entgegen gesetzten Abweg Indessen war dies allerdings kein
geringes Übel und verdiente die Aufmerksamkeit der Vorsteher des Staats um so
mehr da es von den höheren Klassen unvermerkt auch zu den niedrigern überging«
    Hier fiel der Sultan Danischmenden in die Rede »Du berührst« sagte er
»einen Punkt über den ich schon lange gewünscht habe etwas Gewisses bei mir
selbst festsetzen zu können Es ist wie du wohl bemerkt hast nicht ratsam die
Quelle von solchen Übeln zu verstopfen die aus dem Missbrauch einer Sache
entstehen wovon der Gebrauch gut ist Und gleichwohl ist das Übel von dem du
sprichst von einer so gefährlichen Art dass man schlechterdings genötigt ist
seinem Fortgange zu steuern Ich möchte wohl hören was du mir in diesem Falle
zu tun raten wolltest«
    »Sire« antwortete Danischmend »die Frage worüber ich meine Meinung sagen
soll hätte vorlängst besser als zwanzig andre verdient von unsrer Akademie zu
einer Preisfrage gemacht zu werden Ich unterstehe mich nicht zu sagen dass ich
die Auflösung davon gefunden habe und mir deucht diejenigen welche sie so
leicht finden möchten sich wohl nie die Mühe genommen haben ihre Tiefe zu
erforschen Doch vielleicht ist sie eine von den Fragen deren Auflösung gar
nicht einmal möglich ist oder welche sich wenigstens nicht anders als durch
einen kühnen Schnitt auflösen lassen
    Der Fall dünkt mich dieser zu sein Wir befinden uns zwischen zwei Übeln
wovon wir schlechterdings genötigt sind eines zu wählen es fragt sich also
welches wir wählen sollen
    Hier deucht mich kann zuversichtlich als ein unstreitiger Grundsatz
angenommen werden dass in einem solchen Falle wenn das eine Übel einen
unendlichen und unheilbaren Schaden tut das andere hingegen unter gewissen
Bedingungen ins unendliche vermindert werden kann notwendig das letztere
gewählt werden müsse
    Dies vorausgesetzt kommen hier zwei Übel in Betrachtung der Schade der aus
dem Missbrauch der Vernunft und des Witzes wenn ihnen völlige Freiheit gelassen
wird entspringen kann und wird und derjenige der daher entstehen muss wenn
diese Freiheit durch irgend eine Art von Zwangsmitteln eingeschränkt wird Nun
sage ich Den Gebrauch der Vernunft und des Witzes in einem Staat einschränken
ist eben so viel als Unwissenheit und Dummheit mit allen ihren Wirkungen und
Folgen in dem besagten Staate verewigen falls sich die Nation noch in einem
barbarischen Zustande befindet oder wenn sie sich bereits zu einem gewissen
Grade der Erleuchtung empor gehoben hat sie in Gefahr setzen von Stufe zu
Stufe wieder in diese Barbarei zurück zu sinken die den Menschen zu den übrigen
Tieren herab würdiget ja gewisser Massen unter sie erniedriget Denn wie soll
diese Grenzlinie in welche man Vernunft und Witz einschränken will gezogen
werden Wer soll sie bestimmen Was für Regeln sollen dazu festgesetzt werden
Wer soll Richter sein ob diese Regeln in jedem vorkommenden Falle beobachtet
oder überschritten werden Wodurch will man verhindern dass der Richter nicht
seine eigene Denkungsart seine Vorurteile seinen persönlichen Geschmack
vielleicht auch seine Leidenschaften und besonderen Absichten zur Richtschnur
oder zum Beweggrunde seiner Urteile mache Wird die Vernunft und der Witz der
Nation nicht dadurch von dem Grade der Erkenntnis oder Unwissenheit der
Redlichkeit oder Unlauterkeit des Richters oder von der ungereimten
Voraussetzung dass ihn seine Weisheit und Rechtschaffenheit nie verlassen werde
abhängig gemacht Wenn wir denken dürfen warum sollten wir nicht über alles
denken dürfen Und ist denken nicht etwas andres als nachsprechen Kann man
denken ohne zu untersuchen oder untersuchen ohne zu zweifeln Und wenn sich
dieses Recht zu zweifeln bis man untersucht hat und zu untersuchen eh man
irgend ein Urteil fasst nicht auf alle Gegenstände erstreckt wenn man annehmen
wollte dass es solche gebe welche man nicht untersuchen dürfe weil schädliche
Folgen daher entspringen könnten würde die Nation nicht immer in Gefahr
schweben dass es ihren Obern einmal einfallen könnte die Untersuchung alles
dessen für schädlich zu erklären was sie bloß ihres eignen Vorteils wegen nicht
untersucht haben wollten Die Jahrbücher des menschlichen Geschlechts belehren
uns dass unsre Obern zuweilen Tyrannen gewesen sind oder wenigstens schwach
genug sich von irrigen Meinungen und von Leidenschaften eigenen oder fremden
beherrschen zu lassen Auf welchem seichten Grunde würde demnach die öffentliche
Glückseligkeit stehen wenn es von der Willkür etlicher weniger Sterblichen
abhinge die großen Triebfedern des allgemeinen Besten der Menschheit Vernunft
und Tugend nach ihren besonderen Begriffen und Absichten einzuschränken
    Was ich von der Vernunft gesagt habe gilt in seiner Art auch von dem Witze
dessen wichtigster Gebrauch ist alles was in den Meinungen Leidenschaften und
Handlungen der Menschen mit der gesunden Vernunft und dem allgemeinen Gefühl des
Wahren und Schönen einen Misslaut macht das ist alles was ungereimt ist als
belachenswürdig darzustellen Jede Einschränkung dieses Gebrauchs ist ein
Freiheitsbrief für die Torheit und ein stillschweigendes Geständnis dass es
ehrwürdige Narrheiten gebe Unvermerkt würden sich noch andre Torheiten hinter
diese verstecken denn ihre Familie ist zahlreich und manche sehen einander so
ähnlich dass es sehr leicht ist eine für die andere anzusehen Was anders würde
also aus der Einschränkung der Vernunft und des Witzes erfolgen als dass unter
dem bleiernen Zepter der Dummheit Aberglaube und Schwärmerei Tyrannei über
Seelen und Leiber Verfinsterung der Vernunft Verderbnis des Herzens
Ungeschliffenheit der Sitten und zuletzt allgemeine Barbarei und Wildheit die
Oberhand gewinnen würden
    Und dies würde nicht etwa bloß eine zufällige Folge es würde die notwendige
und unvermeidliche Wirkung davon sein wenn man den freien Lauf der Vernunft und
des Witzes hemmen und es in die Gewalt einzelner Personen geben wollte den
Zügel womit man sie gefesselt hätte nach ihrem Gutbefinden anzuziehen oder
nachzulassen
    Nun lassen Sie uns auf der andern Seite sehen ob der Schaden welchen man
von dieser Freiheit zu besorgen hat so beträchtlich ist dass er gegen den
Schaden ihrer Unterdrückung in Betrachtung kommen kann und ob er nicht vielmehr
unter gewissen Bedingungen sich nach und nach ins unendliche vermindern muss
    Es ist wahr die Freiheit der Vernunft des Witzes der Einbildungskraft
und dessen was man Laune nennt kann und wird zuweilen gemissbraucht werden um
Weisheit und Tugend selbst in ein falsches Licht zu stellen und vielleicht die
ehrwürdigsten Gegenstände um unwesentlicher Gebrechen willen lächerlich zu
machen Man hat überdies einige Beispiele dass etwas ungereimt Scheinendes bei
anwachsender Einsicht wahr befunden worden und also aufgehört hat ungereimt zu
sein28 Es ist also möglich dass die Freiheit welche dem Mutwillen des Witzes
gelassen würde den Fortgang der Wahrheit selbst aufhalten könnte Aber alle
diese Übel so groß man sie auch immer sich einbilden mag sind zufällig und
selten der Nachteil den sie der menschlichen Gesellschaft bringen können wird
durch tausend entgegen wirkende Ursachen teils verhütet teils unmerklich
gemacht und was das wichtigste ist er muss vermöge der Natur der Sache immer
abnehmen Der Krieg zwischen Vernunft und Witz und ihren ewigen Feinden
Unverstand und Dummheit ist ein Übel wie alle andre Kriege Er bringt zwar
zufälliger Weise allerlei schädliche Ausbrüche hervor und es sind immer viele
die auf diese oder jene Weise darunter leiden aber er ist ein notwendiges Übel
welches durch seine Folgen das größte Gut befördert Jede neue Eroberung die
von jenen über diese gemacht wird schwächt den Feind befestigt die rechtmäßige
Oberherrschaft und beschleuniget den Anbruch jener glückseligen Zeiten deren
Unmöglichkeit noch niemand bewiesen hat und welche wenn es auch
unwahrscheinlich wäre dass sie jemals kommen würden dennoch das große Ziel
aller Freunde der Menschheit sein müssen der Zeiten wo Polizei Religion und
Sitten Vernunft Witz und Geschmack einträchtig zusammen wirken werden die
menschliche Gattung glücklich zu machen«
    »Danischmend mein Freund« sagte der Sultan als der Doktor mit seiner Rede
fertig war »alles was du uns hier gesagt hast mag sehr gut sein wenn von
einem Staat in Utopien die Rede ist den du mit idealischen Menschen nach
Belieben besetzen und regieren kannst wie es dir gefällt Aber die Rede ist
mit Erlaubnis deiner Philosophie nicht von dem was der menschlichen
Gesellschaft überhaupt sondern von dem was diesem oder jenem besonderen Staate
gut ist und da wirst du vermutlich zugeben dass sich kein wirklicher Staat mit
Menschen von Fleisch und Blut besetzt denken lasse dessen Bewohner die
Vorteile die sie darin genießen nicht mit Aufopferung eines Teiles ihrer
natürlichen Rechte erkaufen müssten Du hast uns sehr schön bewiesen dass es zum
Besten der menschlichen Gesellschaft gereiche wenn der Vernunft und dem Witze
folglich  weil du keinen Richter erkennen willst der in jedem besonderen Fall
entscheide was Vernunft und Witz sei  auch der Unvernunft und dem Aberwitze
volle Freiheit gelassen werde aber alle deine Gründe sollen mich nicht hindern
dem ersten der sich die Freiheit nehmen wollte meine Völker durch seine
Schriften zum Missvergnügen und zur Empörung zu reizen die Ohren abschneiden zu
lassen oder den ersten Philosophen der sich gelüsten lassen wird das Gesetz
unsers Propheten für ein Werk des Betrugs zu erklären mit fünfhundert Streichen
auf die Fusssohlen zu belohnen Darauf kannst du dich verlassen Ich bin der
Mann mein Wort so genau zu halten als OgulKan«
    »Sire« erwiderte Danischmend ganz ruhig »meine Meinung ging nur wider
solche Anordnungen die es von der Einsicht und Willkür einzelner Personen
abhängig machen wie klug oder wie dumm eine Nation sein soll Indessen und bis
die Akademie oder irgend ein anderer Adept Mittel dem Missbrauche der Freiheit zu
wehren welche der Freiheit selbst unnachteilig sind ausfündig gemacht haben
wird möchte wohl schwerlich zu verhindern sein dass das Wort Missbrauch nicht
immer zweideutig bleiben sollte und also wird mit Ausnahme weniger besonderer
und seltener Fälle worüber dem Landesherrn zu erkennen obliegt doch immer das
Sicherste sein lieber einige Ausschweifungen zu übersehen als uns durch eine
gar zu strenge Regelmäßigkeit in Gefahr zu setzen des edelsten Vorrechts der
Menschheit verlustiget zu werden29
    Wenn mir erlaubt ist« fuhr Danischmend fort »die Anwendung der
vorgelegten Frage auf die Priester von Scheschian zu machen so deucht mich dass
nur ein missverstandenes Interesse diese Bonzen verleiten konnte die Freiheit
welche OgulKan seinen Untertanen zugestanden hatte so gefährlich zu finden
Der Staat und die Religion von Scheschian konnten nicht anders als bei dieser
Freiheit gewinnen Ja die Bonzen selbst würden dabei gewonnen haben Sie würden
anfänglich aus Notwendigkeit hernach aus Gewohnheit zuletzt vielleicht aus
Neigung und Wahl sich immer weiter von allem demjenigen entfernt haben was sie
einem gerechten Tadel unterwürfig gemacht hatte Frei von dem Vorwurf einer
unbändigen Begierde zu herrschen und die Güter ihrer Mitbürger an sich zu
ziehen geziert mit jeder Tugend ihres Standes würde die Hochachtung ihres
persönlichen Wertes sich mit der Würde ihres Amtes vereiniget haben sie durch
die allgemeine Zuneigung besser als durch Strafgebote vor unbilligen
Misshandlungen sicher zu stellen Denn ich unterstehe mich zu behaupten dass es
kein Volk auf Erden gibt welches nicht geneigt sein sollte einen weisen und
tugendhaften Mann eben dadurch dass er ein Priester ist doppelt ehrwürdig zu
finden Allein die Bonzen von Scheschian hatten das Unglück diese Betrachtung
nicht zu machen Die Verbesserung oder Abstellung alles dessen was dem gesunden
Menschenverstand an ihren Begriffen Maximen und Sitten anstößig sein musste war
unstreitig der geradeste Weg sich dem öffentlichen Tadel zu entziehen aber es
war auch der beschwerlichste Lieber wollten sie durch tausend schleichende
Wendungen und niedrige Kunstgriffe diejenigen zu unterdrücken suchen vor deren
Fähigkeiten und Einsichten sie sich auch ohne besondere Ursache aus einer An
von Instinkt fürchteten und die Sicherheit der scheschianischen Religion
diente ihnen bloß zum Vorwande ihre Rachsucht an einem jeden auszulassen der
gegen ihre offenbarsten Ungereimteiten und gröbsten Missbräuche etwas
einzuwenden hatte Sie ließ keine Gelegenheit entschlüpfen in Gesellschaften
oder unter vier Augen sonderlich bei Personen von Stand und Ansehen zu
verstehen zu geben dass solche Leute in billigem Verdachte ständen weder an den
großen Affen noch an den allgemeinen Schutzgeist wie sie das höchste Wesen
nannten zu glauben Gestanden sie auch einigen derselben Talente zu so
bedauerten sie doch zugleich in einem seufzenden Tone dass diese Talente nicht
besser angewendet würden und beklagten die Gefahr der Nation wenn solchen
Leuten gestattet würde ihr süßes Gift in unbehutsame Seelen fallen zu lassen
Durch dergleichen Künste gelang es ihnen bei allen welche sich mit angeerbten
Begriffen behalfen das ist bei dem größten Teile der Nation sich im Besitz
eines gewissen Einflusses zu erhalten der vielleicht nur desto tiefere Wurzeln
schlug weil sie ihn der sanften Gewalt einschmeichelnder Überredungen und
tausend feinen Ränken womit sie die Gemüter zu umspinnen wussten zu danken
hatten Sie genossen unter einigen schwachen Regierungen das Vergnügen von Zeit
zu Zeit kleine Verfolgungen gegen Witz und Vernunft zu erregen und es ist sehr
wahrscheinlich dass die Barbarei welche unter OgulKan in die Schlupflöcher der
Yafaou hatte flüchten müssen mit schnellen Schritten zurück gekommen wäre
sich des Hofes und der Paläste der Großen und Reichen wieder zu bemächtigen
wenn die Regierung der schönen Lili nicht zu gutem Glücke der Nation einen
andern Schwung gegeben hätte«
    »Man muss gestehen« sagte SchachGebal »die Bonzen von Scheschian haben
keine sonderliche Ursache sich Danischmenden für das Denkmal das er ihnen
stiftet verbunden zu halten«
    »Sire« erwiderte der Doktor »wenigstens werden mir Ihre Hoheit glauben
dass ich keine Bewegursachen haben kann sie anders abzuschildern als sie waren
Die Wahrheiten die ich sage können niemand Schaden tun aber sie können
wofern Ihre Hoheit erlauben die Geschichte von Scheschian bekannt zu machen
noch den spätesten Zeitaltern als ein Spiegel nützlich werden Ich halte diese
Art von Spiegeln für eine sehr gute Erfindung denn am Ende ist doch einem jeden
daran gelegen zu wissen wie er aussieht und so achtsam man auch auf sich selbst
ist so gibt es doch immer einige Flecken wegzuwischen oder einige kleine
Unordnungen an seiner Person zu verbessern Wer sich keiner größeren Gebrechen
bewusst ist darf getrost hinein sehen und wer hinein guckt und über den
Spiegel oder über die Fabrik worin er gegossen worden schilt von dem getraue
ich mir zu behaupten dass es ihm sehr an  Klugheit fehlen müsse«
    »Wenn du die Einwilligung meines Imans erhalten kannst« versetzte der
Sultan »so sollst du nicht zu klagen haben dass ich deiner Spiegelfabrik
hinderlich sei Ich bin immer ein Beförderer der Fabriken gewesen«
    Nach der gewöhnlichen Unterbrechung fährt Danischmend auf Befehl des
Sultans fort sich den Weg zu den Händeln zu bahnen welche unter dem Sultan
Azor zwischen den Bonzen in Scheschian ausbrachen und das Unglück des Reichs
vollständig machten
    »Die Gestalt« sagt er »welche der Nationalgeist von Scheschian unter der
Regierung der Königin Lili annahm war dem System und den Absichten der Bonzen
nicht sehr vorteilhaft Der Aberglaube auf den ihr vormaliges Ansehen gegründet
war setzt eine gewisse Verfinsterung der Seele als eine notwendige Bedingung
voraus und nimmt also in der nämlichen Gradation ab in welcher die Aufklärung
eines Volkes zunimmt Witz Geschmack Geselligkeit Verfeinerung der Empfindung
und der Sitten sind seine natürlichen Feinde ihre gegenseitige Antipathie ist
unversöhnlich und entweder gelingt es ihm sie zu unterdrücken oder sie
unterdrücken ihn Die Bonzen von Scheschian sahen sich dem letztern Falle so
nah dass sie endlich wie es scheint an der Erhaltung ihres vormaligen Systems
zu verzweifeln anfingen Ein jeder war nun bloß darauf bedacht anstatt für die
gemeine Sache für sich selbst zu arbeiten und von seinen eigenen Talenten
körperlichen oder geistigen so viel Vorteil zu ziehen als er Gelegenheit dazu
hatte
    In dieser Lage befanden sich die Sachen als im zehnten Jahre der Regierung
Azors ein Yafaou der sich durch seine Bemühungen um die scheschianischen
Altertümer hervor getan hatte mit einer Entdeckung auftrat welche so wenig sie
auch beim ersten Anblicke zu bedeuten schien durch ihre Folgen das ganze Reich
in Verwirrung setzte Er hatte nämlich gefunden oder glaubte gefunden zu haben
dass der Name des großen Affen auf den ältesten Denkmälern der Nation niemals
TsaiFaou wie er seit einigen Jahrhunderten geschrieben und ausgesprochen
wurde sondern allezeit TsaoFaou geschrieben sei Da nun Tsai in der
scheschianischen Sprache allezeit feuerfarben Tsao hingegen vermöge eines mit
großer Gelehrsamkeit von ihm geführten Beweises von jeher blau bedeutet hatte
so ergab sich der Schluss von selbst dass der Name des blauen Affen eigentlich
der wahre uralte und charakteristische Name der Schutzgotteit ihres Landes
sei
    Gorgorix so nannte sich der Yafaou welcher nach Art aller
Altertumsforscher eine ungemessene Freude über diesen Fund hatte der ihm
Gelegenheit gab Dissertationen zu schreiben worin er seinen in vielen Jahren
mühsam gesammelten Vorrat von Kollektaneen Lesarten Verbesserungen
Ergänzungen Mutmaßungen Zeitrechnungen etymologischen Untersuchungen und
dergleichen anbringen konnte  glaubte sich nicht genug beschleunigen zu
können der Welt eine so wichtige Entdeckung mitzuteilen Wirklich hatten ihn
die Untersuchungen die er bei dieser Gelegenheit anstellen musste auf die Spur
so vieler andrer antiquarischer und grammatischer Entdeckungen gebracht und
eine jede derselben hatte ihm zu so vielen gelehrten und äußerst interessanten
Digressionen Anlass gegeben dass ungeachtet des Titels seines Buchs dasjenige
was darin den blauen und feuerfarbnen Affen betraf kaum den zwanzigsten Teil
davon ausmachte Seine Absicht scheint anfangs nichts weniger gewesen zu sein
als Neuerungen in der Religion seines Landes anzuspinnen und vielleicht würde
die Sache ohne Folgen geblieben sein wenn seine Schüler und Freunde weniger
eifrig gewesen wären die Entdeckungen des großen Gorgorix wie sie ihn nannten
in allen Zeitungen und Journalen von Scheschian als Dinge von der
verdienstlichsten Wichtigkeit anzupreisen Durch die unbescheidenen Bemühungen
dieser Leute geschah es denn dass sein Buch endlich die öffentliche
Aufmerksamkeit rege machte Verschiedene Bonzen welche den Ruhm des großen
Gorgorix mit scheelen Augen ansahen traten mit kritischen Beleuchtungen seines
Buches hervor worin es ihnen nicht sowohl darum zu tun war zu ergründen ob
Gorgorix recht oder unrecht habe als der Welt zu zeigen dass sie zum wenigsten
einen eben so großen Vorrat von Kollektaneen besässen und noch scharfsinnigere
und gelehrtere Ergänzungen Verbesserungen Mutmaßungen Zeitrechnungen und
Wortableitungen zu machen wüssten als Gorgorix Bald gesellten sich auch einige
Yafaou zu ihnen welche die Entdeckung dieses Antiquars aus einem ganz andern
Gesichtspunkt ansahen und über die Gottlosigkeit und Gefährlichkeit dieser
Neuerung ein mächtiges Geschrei erhoben Da es weder diesen noch jenen an
Freunden mangelte die aus mancherlei Ursachen und Absichten öffentlich ihre
Partei ergriffen so wurde der Streit immer hitziger und allgemeiner Die Liebe
zum Neuen zog den größten Teil der jungen Bonzen und Yafaou auf die Seite des
blauen Affen und Gorgorix sah sich in kurzem an der Spitze eines ansehnlichen
Teils der Nation
    Nun bekam er Mut dasjenige was er anfangs in einem bescheidenen und
problematischen Tone vorgebracht hatte mit dem herrischen Anstand eines
gelehrten Diktators vorzutragen und allen welche die Bündigkeit seiner Beweise
nicht so einleuchtend fanden als er selbst mit einer Verachtung zu begegnen
die seinen Gegnern unerträglich war Man muss entweder ein Dummkopf sein sagte
er wenn man die Wahrheit meiner Entdeckungen nicht einsehen kann oder sehr
boshaft wenn man sie nicht sehen will Diese unter den Gelehrten zu Scheschian
sehr gewöhnliche Art zu disputieren hatte auch hier ihre gewöhnliche Wirkung
Die Gemüter der Streitenden wurden immer mehr erbittert die Streitfragen selbst
vermehrten sich täglich durch die Wut einander nichts einzugestehen und eine
Menge von Leuten erklärte sich mit der größten Hitze für die eine oder die
andere Partei ohne untersucht zu haben wer recht habe oder zu einer solchen
Untersuchung geschickt zu sein
    Unvermerkt verwandelte sich diese Fehde aus einem Wortkrieg in einen weit
aussehenden Religionsstreit und jede Partei wandte alles an sich zu
vergrößern als Kalaf ein junger Bonze welcher Mittel gefunden hatte sich bei
Hofe in einiges Ansehen zu setzen das bisher noch zweifelhafte Übergewicht
durch seinen Beitritt auf die Seite des Gorgorix zog Nicht als ob er sich im
geringsten für die Sache selbst interessiert hätte denn er hatte sich nie die
Mühe genommen das Buch dieses Yafaou zu lesen und niemand in der Welt
bekümmerte sich weniger als er ob der große Affe blau grün oder pomeranzengelb
sei Aber Kalaf war ehrgeizig er hatte ein Auge auf die Würde eines Oberbonzen
der Hauptstadt Scheschian welche in kurzem ledig werden musste und der blaue
Affe konnte ihm zu einem Vorhaben beförderlich sein wozu er sich in dem
ordentlichen Laufe der Dinge wenig Hoffnung zu machen hatte Sein gutes Glück
hatte ihn zu dem Amte erhoben eine persische Tänzerin deren rühmliche Fesseln
der Vertraute des ersten Günstlings der Sultanin Lili trug von der Religion der
Gebern worin sie erzogen war zu der scheschianischen für welche ihr Liebhaber
sich ungemein beeiferte zu bekehren Da die Tänzerin große Ansprüche an Witz
machte so war dies eben kein leichter Auftrag Allein Kalaf war ein
liebenswürdiger Mann wenigstens in den Augen einer Tänzerin er fand Mittel
sich vor allen Dingen ihres Herzens zu bemeistern nicht zweifelnd wenn er
einmal dieses gewonnen hätte würde sich ihr Kopf nicht lange gegen seine Gründe
halten können Er wusste ihrer Eitelkeit so gut zu schonen und die Augenblicke
welche seiner Unternehmung am günstigsten waren so geschickt zu wählen dass die
Tänzerin endlich gestehen musste dass er sie überzeugt habe aber sie erklärte
sich zu gleicher Zeit wenn sie ja genötigt würde sich den großen Mitras unter
dem Bilde eines Affen vorzustellen so sollte es doch schlechterdings kein
andrer als ein blauer sein denn blau war ihre Lieblingsfarbe Kalaf zu klug
durch eine unzeitige Unbiegsamkeit in einem Punkte woran ihm so wenig gelegen
war sich der Frucht so vieler mühsamen Nachtwachen zu berauben und
scharfsichtig genug um beim ersten Blicke zu sehen was man aus einer Sache
machen kann versicherte sie dass er selbst immer geneigt gewesen sei sich für
den blauen Affen zu erklären und dass er jetzt um so eifriger für ihn arbeiten
würde da er das günstige Vorurteil seiner schönen Neubekehrten für nichts
Geringeres als die Wirkung eines übernatürlichen Einflusses halten könne Von
dieser Stunde an hatte Gorgorix keinen stärkeren Verfechter als den Bonzen
Kalaf Der Vertraute des Günstlings welcher es unmöglich fand seiner Tänzerin
etwas abzuschlagen war der erste unter den Hofleulen der für die neue Meinung
gewonnen wurde Der Vertraute gewann den Günstling der Günstling die Sultanin
die Sultanin den König ihren Sohn und das Beispiel des Königs den ganzen Hof
    Die erste große Folge dieses glücklichen Fortgangs war dass Kalaf bald
darauf zur erledigten Würde eines Oberbonzen der Stadt Scheschian befördert
wurde
    Huktus ein Bonze von edler Geburt und großem Ansehen hatte sich zu dieser
Würde die meiste Hoffnung gemacht und alles angewandt sie zu erlangen Unter
andern Umständen würde Kalaf kein furchtbarer Nebenbuhler für ihn gewesen sein
aber Kalaf hatte sich einen Augenblick zu Nutze gemacht da die persische
Tänzerin alles vermochte Es ist wahr es kostete ihm die Mühe sie zu einer
kleinen Gefälligkeit gegen den Günstling der Königin zu überreden und die
ärgerliche Chronik sagte sogar dass er in seinem eigenen Hause Gelegenheit dazu
gemacht habe Ein Beweggrund dieser Art konnte wohl dem Günstling hinreichend
scheinen Kalaffen der keine andre als die Verdienste eines geschmeidigen
Höflings aufzuweisen hatte vor dem Bonzen Huktus für den die Wünsche des
ganzen Volkes sprachen den Vorzug zu geben nur war er nicht hinlänglich
diesen Vorzug vor den Augen der Nation zu rechtfertigen Huktus verbarg seinen
Unmut unter dem Scheine der vollkommensten Gleichgültigkeit aber sein Herz
kochte Rache Die Streitigkeiten über Tsai und Tsao an welchen er bisher aus
Klugheit wenig Anteil genommen hatte schienen ihm Gelegenheit darzubieten
diese Rache unter einem scheinbaren Vorwand auszuüben Kalaf hatte sich an die
Spitze der Partei der Blauen gestellt Huktus bedachte sich also nicht lange
sich öffentlich für die Feuerfarbnen zu erklären Der größte Teil der älteren
Bonzen und Yafaou war auf seiner Seite und da sich bald darauf auch diejenigen
unter den Großen von Scheschian die mit der Regierung der Sultanin Lili nicht
zufrieden waren zu ihnen schlugen so machten sie eine Gegenpartei aus deren
Absichten Maßregeln und Bewegungen ernstaft genug wurden um den Staat mit
gefährlichen Unruhen zu bedräuen«
    Hier lässt sich Danischmend in eine umständliche Entwicklung der
verschiedenen Vorteile Nebenabsichten und Leidenschaften ein welche die
eigentlichen Triebräder der öffentlichen Handlungen beider Parteien waren und
wenn anders seine Erzählung zuverlässig ist einen Beweis abgeben könnten dass
die Kunst das Interesse der Religion und des Staats zum Deckmantel unedler
Leidenschaften und eigennütziger Forderungen zu machen nicht unter diejenigen
gehöre an deren Erfindung oder Vervollkommnung die Neuern einen gerechten
Anspruch zu machen hätten
    »Bisher« so fährt er fort »hatte sich der geringere Teil der
scheschianischen Nation in die Händel der Blauen und Feuerfarbnen wie man die
Parteien zu nennen anfing wenig eingemischet oder es waren doch nur wenige in
ihren angeerbten Begriffen von dem großen Affen irre gemacht worden Die meisten
begnügten sich über die Neuerungen des Gorgorix und seiner Freunde den Kopf zu
schütteln und zu beklagen dass eine so ausgemachte Sache als der Name und die
Farbe ihrer Schutzgotteit wäre vorwitzigen Untersuchungen ausgestellt werden
sollte Aber Kalaf dessen ungezähmter Ehrgeiz einen vollständigen Triumph
verlangte ruhte nicht bis er auch den größeren Teil des gemeinen Volkes von
der Blauheit des großen Affen überzeugte Was ihm die erwünschteste Gelegenheit
dazu gab war eine prächtige Pagode von blauem Porzellan mit goldnen
Verzierungen welche auf Veranstaltung der Sultanin Lili dem TsaoFaou zu Ehren
aufgeführt wurde Der Eifer dieser Dame der Nachwelt ein so schönes Denkmal
ihrer Liebe für die Künste zu hinterlassen verwandelte sich unvermerkt in einen
Eifer für die Sache des blauen Affen selbst Das Volk unter dessen Augen dieser
schöne Tempel empor stieg wurde von den Anhängern Kalafs in rätselhaften
Ausdrücken vorbereitet außerordentliche Dinge zu erwarten Die Blauen ließ in
ihrem Gesicht und Ton eine große Zuversichtlichkeit sehen ohne sich über die
Ursache derselben zu erklären und Huktus mit seinem Anhang zitterte ohne zu
wissen wovor
    Endlich kam der Tag welchem beide Parteien jene mit ungeduldigem
Verlangen diese mit unruhiger Erwartung eines gegen sie geschmiedeten
Anschlags entgegen sahen der Tag da die blaue Pagode eingeweiht werden
sollte Sobald die Sonne aufgegangen war führte Kalaf das versammelte Volk in
einen nahe bei der Hauptstadt gelegenen Wald der seit undenklichen Zeiten dem
großen Affen heilig gewesen war Mitten in diesem Walde war ein großer runder
Platz und in der Mitte des Platzes eine Art von Thron aufgerichtet welchen
Kalaf bestieg um diese berühmte Anrede an das Volk zu halten von welcher die
Geschichtschreiber seiner Partei versichern dass sie niemals ihresgleichen
gehabt habe Kalaf sagte so erhabene und unbegreifliche Dinge es strahlte eine
so ungewöhnliche Begeisterung aus seinem ganzen Wesen der majestätische Ton
seiner Stimme die Überzeugung womit er sprach die Figuren wovon er Gebrauch
machte der Strom seiner Worte rissen die Zuhörer mit solcher Gewalt dahin dass
man ihm Beifall geben musste ohne das geringste von allem was er gesprochen
begriffen zu haben Die vornehmste Absicht seiner Rede war das Volk in
Erstaunen und in ein zitterndes Erwarten irgend einer wundervollen Entwicklung
zu setzen Niemals hatte ein Redner die Zauberkraft des Galimatias besser
studiert als Kalaf Die Wirkung davon starrte ihm aus jedem Aug entgegen und um
sie auf den höchsten Grad zu treiben endigte er seine Rede mit einer
feierlichen Apostrophe an den großen Affen den er beschwor sein Volk aus der
Ungewissheit zu reißen und durch irgend ein sichtbares Wunder zu zeigen unter
welcher Farbe ihm seine Verehrung am angenehmsten sei
    Kaum hatte Kalaf die letzten Worte ausgesprochen so sah man auf einmal den
Baum an dessen Stamm der Thron des Oberbonzen befestiget war in Flammen
eingehüllt und unter Blitz und Donner30 stieg vor den bestürzten Augen eines
unzähligen Volkes ein großer blauer Affe herab und setzte sich mit einer so
majestätischen Miene auf dem Throne zurechte dass die Hoffnung Kalafs selbst
durch die Geschicklichkeit seines Zöglings übertroffen wurde
    Dieser Streich war wie man leicht denken kann entscheidend Der
hartnäckigste Anhänger des feuerfarbnen Affen sah sich gezwungen dem Zeugnis
seiner Sinne gewonnen zu geben Sogar die Freidenker welche bei diesem
Schauspiele zugegen waren wurden von dem allgemeinen Schwall mit fortgerissen
und die wenigen die ihrer Vernunft noch mächtig genug blieben um durch ein so
grobes Blendwerk hindurch zu sehen waren aus kluger Furcht die eifrigsten der
Gottheit des blauen Affen zuzujauchzen Er wurde mit einem alle Einbildung
übersteigenden Triumph in seinen neuen Tempel eingeführt und der König Azor
selbst der sich aus bloßer Gefälligkeit gegen die Launen seiner Mutter für die
Meinung der Blauen erklärt hatte konnte sich nicht erwehren die Sultanin an
der Spitze des ganzen Hofes zu begleiten und das erste feierliche Opfer mit
seiner Gegenwart zu zieren
    So schrecklich die Nachricht von dieser Begebenheit dem Bonzen Huktus und
seinen Freunden war so zeigte er doch in diesem entscheidenden Augenblicke dass
es ihm nicht an der wichtigsten Eigenschaft mangle die zum Haupt einer Partei
erfordert wird« Außer vielen andern wohl ausgesonnenen Maßregeln in deren
Erzählung wir Danischmenden nicht folgen können ließ er sich vornehmlich
angelegen sein den Eindruck welchen Kalaf mit seinem blauen Affen auf den
unaufgeklärten Teil der Nation gemacht hatte von Grund aus zu vernichten Seine
Anhänger beschuldigten diesen Oberbonzen öffentlich der Zauberei und eines
geheimen Verständnisses mit den bösen Geistern Dies war in der Tat ein Einfall
der seinem Erfinder Huktus Ehre macht Hätten die Feuerfarbnen sich begnügt dem
Volke begreiflich zu machen dass Kalaf ein Betrüger sei so würden sie ihm wenig
dadurch geschadet haben denn wie schwach ist die Wirkung der Vernunft gegen
Schwärmerei und Aberglauben Aber dreist versichern dass er die bösen Geister
mit in seine Verschwörung gegen den TsaiFaou gezogen habe dies hieß ihm
wirklich einen gefährlichen Streich beibringen Eine solche Anklage hatte
Wahrscheinlichkeit in den Augen des gemeinen Volkes sie zog seine Neigung zum
Wunderbaren auf Huktus Seite sie gab Gelegenheit zu einer unendlichen Menge
unglaublicher Erzählungen welche man mitten unter der Versicherung dass sie
unglaublich wären begierig ausbreitete mit selbst erfundenen Umständen
glaublicher zu machen beflissen war und zuletzt wirklich glaubte Kurz Huktus
erhielt dadurch seine Absicht so vollkommen dass der Pöbel in den meisten
Provinzen des Reichs entschlossen war es eher auf das äußerste ankommen zu
lassen als dem Glauben seiner Voreltern und dem feuerfarbnen Affen untreu zu
werden
    »Vermutlich« fährt Danischmend fort »hätte Kalaf am weisesten gehandelt
wenn er diese Beschuldigungen mit kalter Verachtung angesehen und durch eine
zwar standhafte aber ruhige und langsame Fortführung seines Plans die
Hindernisse die er in den Vorurteilen der halben Nation fand zu besiegen
gesucht hätte Aber sein Hochmut und seine Hitze vertrugen sich mit keinen so
gelinden Massnehmungen Stolz auf seine Gewalt über den Geist der Sultanin Lili
welche damals noch das Steuerruder führte und verwegen gemacht durch den
schwärmerischen Eifer eines zahlreichen Anhangs glaubte er stark genug zu sein
die Widerspenstigen durch Zwangsmittel zu unterwerfen Eine königliche
Verordnung wovon er der Urheber war erklärte alle diejenigen für Aufrührer
welche sich weigern würden dem blauen Affen zu huldigen Die Bildnisse des
TsaiFaou wurden aus allen Pagoden weggeschafft und mit andern von blauem
Porzellan ersetzt wovon in den Vorhöfen der blauen Pagode eine schöne Fabrik
zum Vorteil derselben angelegt war Alle Pagoden wurden mit Bonzen von Kalafs
Anhang besetzt und diejenigen abgedankt welche lieber ihren Einkünften als dem
feuerfarbnen Affen entsagen wollten Diese Gewalttätigkeiten hatten den Erfolg
den ein weiserer Mann als Kalaf ihm vorher gesagt hatte ohne Glauben zu finden
Tausend persönliche Beleidigungen wodurch die Feuerfarbnen täglich zur Rache
gereizt wurden der Übermut womit die Blauen als die siegreiche Partei mit
ihren feuerfarbnen Mitbürgern verfuhren und die öffentliche Verfolgung welche
zuletzt über diese verhängt wurde erschöpften endlich ihre Geduld Ganze
Provinzen ergriffen die Waffen und kündigten Azorn den Gehorsam auf wofern er
seinen Untertanen nicht zum wenigsten die Wahl lassen würde ob sie blau oder
feuerfarben sein wollten
    Zum Glück für das Reich Scheschian erfolgte um eben diese Zeit eine
Veränderung bei Hofe wodurch Lili von der Staatsverwaltung entfernt und die
schöne Alabanda eine heimliche Gönnerin der Feuerfarbnen die Vertraute oder
vielmehr die unumschränkte Beherrscherin des Sultans Azor wurde Dieser günstige
Umstand machte den Feuerfarbnen Luft und verhütete den gänzlichen Ausbruch
eines allgemeinen Bürgerkrieges Alabanda hatte zwar große Lust ihren Freunden
eine vollständige Rache an den Blauen zu verschaffen aber Kalafs Anhang war zu
groß und der Ausgang eines Bürgerkrieges zu ungewiss als dass ein solcher
Anschlag bei den Häuptern der Feuerfarbnen selbst Eingang gefunden hätte Man
begnügte sich also auf beiden Seiten einen Vertrag zu Stande zu bringen wodurch
die Sachen in eine Art von Gleichgewicht gesetzt wurden Indessen zeigte sich in
der Folge dass der Altertumsforscher Gorgorix der Nation durch seine Entdeckung
eine Wunde geschlagen hatte welche zwar zugeschlossen aber nicht von Grund aus
geheilt werden konnte Das immer währende Gezänke der Bonzen der Abscheu
welcher natürlicher Weise beide Parteien gegen einander erfüllen musste wenn sie
dem Gegenstand ihrer Verehrung von der andern Partei mit Verachtung begegnen
sahen die Beeiferung sogar in den gleichgültigsten Dingen sich von einander zu
unterscheiden alles vereinigte sich die Blauen und Feuerfarbnen mit einem
unauslöschlichen Hasse gegen einander zu entzünden mit einem Hasse der nicht
nur das zarte Gewebe der feinern Bande der Natur zerriss sondern stark genug
war um von Zeit zu Zeit die gröbern Fesseln der bürgerlichen Verhältnisse zu
zerbrechen Er glich einem schleichenden Gifte welches die ganze Masse des
politischen Körpers ansteckte und alle andre Gebrechen und Zufälle desselben
bösartiger machte als sie an sich selbst gewesen wären Bei jeder Veranlassung
brach das gärende Übel bald in diesem bald in jenem Teile des Reichs aus und da
der Hof weder mächtig genug war eine von den Parteien gänzlich zu unterdrücken
noch weise genug ein genaues Gleichgewicht zwischen ihnen zu erhalten so
drückte und verfolgte immer eine die andre wechselsweise je nachdem sie in
einer Provinz oder bei Hofe selbst die Oberhand hatte und das Unglück der
Nation wurde durch diese neue Klasse von Beschwerden wie schimärisch auch die
erste Quelle derselben war so vollkommen gemacht dass die Scheschianer sich
endlich zum zweiten Male in der unseligen Lage befanden das Ende ihres Elendes
nur von einer gewaltsamen Staatsveränderung zu erwarten«
    Unter den Anmerkungen womit der Sultan Gebal diese Erzählung etlichemal
unterbrach hat uns nur Eine wichtig genug geschienen bemerkt zu werden Er
zweifelt nämlich wie es möglich gewesen dass eine Nation die man uns
wenigstens von den Zeiten des Sultans Ogulan in einem Zustande von Aufklärung
und Verfeinerung vorstellt dumm genug habe sein können sich zum Opfer eines so
albernen antiquarischen Streites machen zu lassen
    Die Auflösung welche Danischmend von diesem Problem gibt verdient
wenigstens gehört zu werden »Es ist wirklich eine klägliche Sache« spricht er
»Geschöpfe unsrer Gattung ihres besten Vorzugs vor den übrigen Tieren auf eine
so demütigende Art beraubt zu sehen Und gleichwohl habe ich bisher von den
Scheschianern nichts gesagt was nicht unter gewissen Voraussetzungen so
glaublich wäre als irgend eine andre natürlich Begebenheit Diese
Voraussetzungen sind zum Exempel  dass kein gewöhnlicheres Phänomen in der Welt
ist als Leute mit Vernunft rasen zu sehen oder auch zu sehen dass sie bei
tausend Gelegenheiten vernünftig und in einer einzigen Sache unsinnig sind 
dass man zu allen Zeiten und auf allen Teilen dieses Erdenrundes sehr alberne
Meinungen und sehr unsinnige Gebräuche im Schwange gesehen hat  dass der
Aberglaube wenn er in Zeiten der Unwissenheit und der rohen Einfalt sich des
Gehirns eines Volkes bemächtiget und etliche Jahrhunderte Zeit gehabt hat sich
fest zu setzen durch eine stufenweise zunehmende Aufheiterung zwar geschwächt
aber schwerlich anders als nach Verfluss eines langen Zeitraums und durch eine
ununterbrochene Fortdauer der Ursachen welche seinen Untergang befördern so
gänzlich vernichtet werden kann dass die Überbleibsel davon nicht zuweilen in
Gärung geraten und wunderliche auch wohl bösartige Zufälle veranlassen
sollten Überdies« fährt er fort »würde mir nichts leichter sein als einen
jeden Teil meiner Erzählung durch historische Beispiele dessen was unter den
abgöttischen Völkern des Erdbodens und zum Teil unter den Moslemim selbst
vorgegangen ist zu erläutern Ich sehe nicht warum die Scheschianer wegen
ihrer Verehrung eines feuerfarbnen Affen mehr Vorwürfe verdienen sollten als
die weisen Ägypter wegen der Anbetung des Stiers Apis und so vieler andrer
Tiere worunter auch Affen und Meerkatzen waren und der Streit über die Frage
ob der große Affe blau oder feuerfarben sei scheint mir jenen wohl wert zu
sein den die Stadt Oxyrynchus mit der Stadt Kynopolis ihrer Nachbarin über
die Gottheit des Anubis und ich weiß nicht was für eines Meerfisches mit
spitziger Schnauze aus dem Geschlechte der Rochen geführt haben soll wenn wir
einem der weisesten Männer des alten Gräciens glauben dürfen Dieser Fisch
welcher der Schutzgott der Oxyrynchiten war wurde von den Kynopoliten als ein
bloßer Fisch behandelt und also ohne Bedenken gegessen Die Einwohner von
Oxyrynchus die dies natürlicher Weise sehr übel nahmen glaubten ihren Gott
nicht besser rächen zu können als indem sie an den Hunden welche zu Kynopolis
heilig waren und auf gemeiner Stadt Unkosten unterhalten wurden das
Wiedervergeltungsrecht ausübten Es entstand darüber ein so blutiger Krieg
zwischen diesen beiden ägyptischen Städten dass die Römer sich endlich genötigt
sahen die Wütenden mit Gewalt aus einander zu reißen31 Im übrigen lässt sich
vermuten dass der denkende Teil der Nation das ist nach der billigsten
Berechnung unter tausend Einer den ganzen Streit eben so ungereimt gefunden
haben werde als wir Hingegen ist nicht weniger zu glauben dass die meisten von
diesem tausendsten Teile sich darum nicht weniger für einen von beiden Affen
interessierten Es ist mit einem alten Aberglauben eben so wie mit andern alten
und unvernünftigen Gewohnheiten beschaffen Man sieht die Torheit davon ein man
lacht darüber man beweist sich selbst mit vielen Gründen dass es Missbräuche
sind aber gleichwohl beobachtet man sie nicht allein um der alten Gewohnheit
willen sondern man rechnet es noch demjenigen als ein Verbrechen an der sich
die Freiheit nehmen wollte davon abzugeben Privatvorteile und Leidenschaften
können wohl gar die Ursache sein dass wir solche Missbräuche bei der völligsten
Überzeugung dass es Missbräuche sind mit Eifer und Hitze verfechten Man
unterscheidet in solchen Fällen Theorie und Ausübung Man behauptet einen
nützlichen Missbrauch und lacht bei sich selbst der Toren welche betrogen zu
werden verdienen weil sie betrogen werden wollen«
    Wir schließen diesen Auszug mit den eigenen Worten des weisen Danischmend
und mit einer Betrachtung die wir von Herzen unterschreiben »Die Ränke und
Kunstgriffe« spricht er »welche von beiden Parteien angewandt wurden einander
zu schwächen und zu unterdrücken  einander wechselsweise das Vertrauen des
Königs und das Ruder des Staates aus den Händen zu winden  oder sich dem Hofe
furchtbar zu machen und allen seinen Unternehmungen unter dem Vorwande des
gemeinen Besten unübersteigliche Hindernisse in den Weg zu legen  die Künste
welche gebraucht wurden tausend streitende Privatvorteile mit dem Interesse der
Parteien in einen wirklichen oder doch anscheinenden Zusammenhang zu bringen 
der schändliche Missbrauch den man zu Beförderung aller dieser Absichten mit den
ehrwürdigen Namen der Religion des königlichen Ansehens und des allgemeinen
Besten trieb  die unzähligen Auftritte von Ungerechtigkeit Betrug
Verräterei Undankbarkeit Raubsucht Giftmischerei usw welche unter diesen
ehrwürdigen Masken gespielt wurden alles dies würde überflüssigen Stoff zu
einem ungeheueren Geschichtbuche geben welches zu lesen nur die größten
Verbrecher verdammt zu werden verdienen könnten Unglücklicher Weise ist die
Geschichte der polizierten Völker wenn man ihre Kriege einen andern Schauplatz
von Abscheulichkeiten abrechnet beinahe nichts anders als dies Für einen
Menschen der an den Schicksalen seiner Gattung wahren Anteil nimmt ist es
Pein bei diesen ekelhaften und grauenvollen Gemälden zu verweilen Das Herz des
Menschenfreundes schaudert vor ihnen zurück Ängstlich sieht er sich nach Szenen
von Unschuld und Ruhe nach den Hütten der Weisen und Tugendhaften nach
Menschen die dieses Namens würdig sind um und wenn er in den Jahrbüchern des
menschlichen Geschlechtes nicht findet was ihn befriedigen kann32 flüchtet er
lieber in erdichtete Welten zu schönen Ideen welche so wenig auch ihr Urbild
unter dem Monde zu suchen sein mag immer Wirklichkeit genug für sein Herz
haben weil sie ihn wenigstens so lange bis er durch Bedürfnisse oder
unangenehme Gefühle in diese Welt zurück gezogen wird in einen angenehmen Traum
von Glückseligkeit versetzen  oder richtiger zu reden weil sie ihn mit dem
innigsten Gefühle durchdringen dass nur die Augenblicke worin wir weise und gut
sind nur die Augenblicke die wir der Ausübung einer edlen Handlung oder der
Betrachtung der Natur und der Erforschung ihres großen Plans ihrer weisen
Gesetze und ihrer wohltätigen Absichten  oder der Freundschaft und Liebe und
dem weisen Genuße der schuldlosen Freuden des Lebens widmen  dass nur diese
Augenblicke gezählt zu werden verdienen wenn die Frage ist wie lange wir
gelebt haben«
    Der sinesische Herausgeber dieser wahrhaften Geschichte sagt uns dass der
Sultan über dem letzten Teile der Rede des weisen Danischmend eingeschlafen und
dieser also genötigt worden sei mit weiterem Moralisieren einzuhalten ein
Umstand der uns wie er vermutet verschiedene schöne Betrachtungen entzogen
hat welche der indostanische Philosoph über diesen Teil der Geschichte von
Scheschian noch gemacht haben könnte
    Des folgenden Abends befahl ihm der Sultan über den Rest der Regierung des
unglücklichen Azors so schnell als nur immer möglich sein würde hinweg zu
glitschen »Es gibt« sprach er »gewisse Leute die gar zu dumm sind wie sogar
mein guter Oheim SchachBaham irgendwo angemerkt hat und gewiss ist dieser Azor
einer aus dieser Klasse Man kann nicht bald genug mit ihm fertig sein«
 
                                      11
Danischmend setzte also die Geschichte der Regierung Azors folgender Massen fort
    »Die kläglichste unter allen den Schwachheiten welche den Ruhm des guten
Königs Azor verdunkeln war seinem Alter aufbehalten eine Schwachheit welche
desto verführerischer ist weil sie einer Tugend ähnlich sieht desto
schädlicher weil sie Böses aus guter Absicht tut und desto schwerer zu
vermeiden da selbst der Weiseste aller morgenländischen Könige nicht weise
genug war sich ihrer zu erwehren«
    »Dies nennt man denke ich ein Rätsel« sagte SchachGebal »Ich bilde mir
eben nicht ein in der Kunst Rätsel aufzulösen dem Sultan dessen du eben
erwähntest gleich zu kommen aber diesmal wollt ich doch raten dass die
Schwachheit des großen Azors die du uns noch aufbehalten hast entweder
Bigotterie ist oder doch etwas das ihr sehr ähnlich sieht Hab ich es
getroffen Doktor«
    »Zum Erstaunen« erwiderte Danischmend indem er in seinen Ton und in seine
Gesichtsmuskeln alle die Bewunderung brachte die er der Scharfsinnigkeit seines
gebietenden Herren schuldig war »Es waren nun zwanzig Jahre« fuhr er fort
»seitdem die schöne Alabanda eine unbegrenzte Gewalt über das Herz über den Hof
und über die Schatzkammer des Sultans von Scheschian usurpierte Gewohnheit und
Sättigung hatten ihre Bezauberung endlich aufgelöst und Alabanda sah die Zeit
kommen wo sie sich in der traurigen Notwendigkeit befand zuzugeben entweder
dass Azor aufgehört habe empfindlich oder dass sie selbst aufgehört habe reizend
zu sein«
    »Als ob nicht beides zugleich hätte Platz haben können« sagte die schöne
Nurmahal
    »Wenigstens« versetzte der Doktor »war es natürlicher an ihr das erste zu
glauben«
    »Und an Azorn das andre« sagte der Sultan mit einem spitzfündigen Lächeln
    »Wie dem auch sein mochte« fuhr Danischmend fort »die gute Dame beging den
Fehler einen Zufall den man nach Verfluss von zwanzig Jahren einen von den
natürlichsten in der Welt nennen kann für eine unerträgliche Beleidigung
anzusehen So unbillig dies scheinen mag so unbesonnen war es den guten
Sultan welcher wirklich ganz unschuldig an der Sache war so oft er lange Weile
hatte und dies war sehr oft mit Vorwürfen von Untreue und Undankbarkeit und
mit allen tragikomischen Wirkungen der Eifersucht und bösen Laune zu verfolgen
Denn was konnte sie anders von einem solchen Betragen erwarten als  gerade
das was wirklich erfolgte nämlich dass er die alte Abgöttin seiner Seele die
er seit geraumer Zeit kaum noch liebenswürdig fand in kurzem unerträglich
finden musste Von diesem Augenblick an hatte die Regierung der schönen Alabanda
ihr Ziel erreicht Azor suchte nun im Wechsel eine Glückseligkeit an welche
sein Herz gewöhnt war er zerstreute sich dadurch eine Zeit lang aber die
Befriedigung fand er nicht die ein reizbares Herz von den Sinnen oder von den
launischen Einfällen einer herum flatternden Phantasie vergebens erwartet Er
wurde also dieser Wanderungen des Herzens um so viel eher überdrüssig da ihn
Lili und Alabanda angewöhnt hatten von weiblichen Köpfen aber von den feinsten
und witzigsten weiblichen Köpfen regiert zu werden
    Die Freiheit worin die gefälligen Schönen seines Hofes ihn wider seinen und
ihren Willen ließ machte ihm sein Dasein zur beschwerlichsten Last Mehr als
einmal versuchte ers die schöne Alabanda wieder so reizend und zauberisch zu
finden als sie es gewesen war aber der unglückliche Erfolg seiner Bemühungen
überzeugte ihn zuletzt dass sie wirklich aufgehört haben müsse es zu sein und
wozu konnt es ihm helfen das Unmögliche bewerkstelligen zu wollen
    In dieser Verfassung befand sich Azor als es der persischen Tänzerin deren
bereits in dieser Geschichte Erwähnung geschehen ist gelang ihn die Erfahrung
machen zu lassen dass er den ganzen Zirkel der Torheiten zu welchen ihn die
Schwäche seines Herzens fähig machte noch nicht durchlaufen habe Diese Kreatur
hatte durch ihre Reizungen und durch die Freigebigkeit ihrer Verehrer Mittel
gefunden die Flecken ihres vormaligen Standes auszulöschen und nach und nach
sich bis zum Rang einer Vertrauten der Sultanin Alabanda empor zu schwingen In
dieser Stellung fand Gulnaze so hieß die verwandelte Tänzerin häufige
Gelegenheiten die Reizungen ihres Witzes und ihrer äußerst angenehmen
Unterhaltung vor den Augen des Sultans auszulegen Reizungen des Geistes welche
mächtig genug waren in ihrer Gesellschaft vergessen zu machen dass ihre ersten
Liebhaber bereits ehrwürdige Graubärte vorstellten Nicht als ob sie nicht noch
immer liebenswürdig gewesen wäre aber nachdem sie sich einmal unter der Maske
der Freundschaft in Azors Herz hinein gestohlen würde sie es auch mit der
Hälfte ihrer noch übrigen Annehmlichkeiten in den Augen eines so reizbaren
Potentaten gewesen sein Kurz Azor der ohne sie die lange Weile die ihm
Alabanda und alle andre Schönen seines Hofes verursachten unausstehlich
gefunden haben würde machte auf einmal die Entdeckung dass er nicht ohne
Gulnaze leben könne Unvermerkt hatte sie sich aller Zugänge seines Herzens
bemächtiget und eben so unmerklich wurde sie aus einer Vertrauten die
unumschränkteste Beherrscherin seiner Neigungen Keine ihrer Vorgängerinnen
hatte so viel Gewalt über ihn gehabt aber keine hatte ihn auch so wenig fühlen
lassen dass er Fesseln trug Alabanda hatte ihn durch die Zauberkraft ihrer
Reizungen beherrscht Gulnaze regierte ihn durch die vollkommene Kenntnis der
schwachen Seite seines Kopfes und seines Herzens Was Wunder dass ihre
Herrschaft vollständig und dauerhaft war«
    »Wohl angemerkt Danischmend« flüsterte Nurmahal lächelnd
    »Finden Sie das« sagte der Sultan indem er sie auf die Schulter klopfte
    »Der Eifer den Gulnaze vor mehr als zwanzig Jahren da ihr Einfluss nur noch
mittelbar war für die Sache des blauen Affen gezeigt hatte verdoppelte sich
jetzt da das königliche Ansehen in ihren Händen lag Die Blauen fassten neuen
Mut und glaubten zu den ausschweifendsten Hoffnungen berechtigt zu sein Was
die Neigung der Favoritin zu der neuen Sekte am stärksten unterhielt war der
schlaue Einfall den ein Yafaou von den Freunden des Oberbonzen Kalaf gehabt
hatte eine Art von religiösen Festen zu erfinden wobei die Sinne zum Behuf
einer fanatischen Andacht auf die angenehmste Weise unterhalten wurden Die
Einführung derselben war der letzte tödliche Streich welchen Kalaf den
Feuerfarbnen beibrachte deren Andachtsübungen mehr Finstres und Schreckendes
als Angenehmes oder Herzrührendes hatten Die Anzahl der Blauen vermehrte sich
nun täglich Azor selbst fand immer mehr Geschmack an den Andachten seiner
Geliebten und es währte nicht lange so fielen alle andre Arten von
Ergetzungen Man lud einander auf eine Partie in der blauen Pagode ein wie
vormals zu einer Lustreise aufs Land oder zu einem Maskenball Unvermerkt wurde
ein gewisser Schnitt von Devotion ein unterscheidendes Merkmal der Hofleute und
jedermann wer an Erziehung und Lebensart Anspruch machte bestrebte sich sie
zu kopieren so gut er konnte Wäre dies die schlimmste Wirkung des Einflusses
der schönen und devoten Gulnaze gewesen so hätte man Ursache gehabt von Glück
zu sagen die Erheiterung des scheschianischen Aberglaubens möchte den Übergang
zu einer gründlichen Verbesserung vielmehr befördert als gehindert haben Aber
die Lebhaftigkeit ihrer Leidenschaften erlaubte ihr nicht der Zeit zu
überlassen was sie durch Zwangsmittel in einem Augenblicke zu bewerkstelligen
hoffte Nicht zufrieden die Feuerfarbnen so weit herunter gebracht zu haben
dass sie sich glücklich genug schätzten wenn sie nur geduldet wurden tat sie
dem TsaoFaou ein feierliches Gelübde nicht eher zu ruhen bis sie Scheschian
von allen Anhängern seines Nebenbuhlers gereinigt haben würde Ein königlicher
Befehl diente zum Vorwand alle welche sich weigerten dem blauen Affen zu
opfern als Ungehorsame und bei dem geringsten Widerstand als Aufrührer mit
einer Härte zu bestrafen welche endlich den Blauen selbst anstößig wurde
Grausamkeiten wovor der Menschlichkeit grauet und wovon zu wünschen wäre dass
sie ohne Beispiele sein möchten wurden ohne Azors Wissen in seinem Namen
ausgeübt und sind das einzige was die letzten Jahre seiner Regierung der
Vergessenheit entzogen hat bis er endlich beladen mit dem allgemeinen Hasse
seines Volkes zu spät für seinen Ruhm vom Schauplatz abtrat Ein denkwürdiges
Beispiel dass ein Fürst mit allen Eigenschaften eines liebenswürdigen
Privatmannes mit wenig Lastern und vielen Tugenden durch den bloßen Mangel
fürstlicher Eigenschaften so viel Böses stiften kann als der greulichste Tyrann
Azor war weder ehrgeizig noch begierig nach dem Eigentum seiner Untertanen
weder launisch noch harterzig noch grausam Weit entfernt zu verlangen dass
seine unüberlegtesten Einfälle für Gesetze und Göttersprüche gelten sollten
oder wie viele seines Standes sich einzubilden dass Scheschian bloß um
seinetwillen aus dem Chaos hervorgegangen sei und seine Untertanen für eben so
viele Sklaven anzusehen deren Glück oder Unglück Sein oder Nichtsein nur in
so fern als es sich auf seinen Vorteil beziehe in Betrachtung komme  war er
der leutseligste der mitleidigste und wohltätigste Fürst seiner Zeit
Unwissenheit in den Pflichten seines Standes Unwissenheit in der Kunst zu
regieren wollüstige Trägheit und allzu großes Vertrauen zu seinen Günstlingen
die er als seine Wohltäter ansah weil sie ihm die Last der Regierung abnahmen
Fehler der Erziehung Schwachheiten des Herzens und des Temperaments nicht
Laster waren es die ihm die Liebe seiner Völker und die Hochachtung der
Nachwelt entzogen haben Seine größten Fehler waren dass er mit eignen Augen
bloß durch fremde sah dass seine Ohren nur angenehme Dinge hören wollten dass er
nur sprach was man ihm auf die Zunge legte und wenn er auch entweder durch
die natürliche Schärfe seines Geistes oder durch die Bemühungen irgend eines
ehrlichen Narren der seinen Kopf wagte ihm die Augen zu öffnen zuweilen eine
gute Entschließung fasste  zu viel Misstrauen gegen seine eigenen Einsichten und
zu viel Gefälligkeit für seine Günstlinge hatte um seiner Entschließung treu zu
bleiben Indessen muss man gestehen dass auch das Schicksal nicht ohne alle
Schuld an den Fehlern seiner Regierung war Die Gebrechen und Untugenden Azors
würden wenig geschadet haben wenn es lauter weise und tugendhafte Personen um
ihn her versammelt hätte Er würde solche Leute wenn sie übrigens eben so
witzig und unterhaltend gewesen wären als seine Günstlinge eben so wert
gehalten haben sich ihnen eben so gänzlich überlassen haben und Scheschian
würde glücklich gewesen sein Aber freilich zeigt uns die Geschichte des ganzen
Erdkreises kein einziges Beispiel dass ein schwacher und untätiger Fürst durch
einen Schlag mit einer Zauberrute bei seinem Erwachen auf einmal von lauter
Walsinghams und Süllys umgeben gewesen wäre und wir sind wohl nicht berechtigt
ein solches Wunder vom Schicksal zu erwarten«
                             Ende des ersten Teils
 
                                  Zweiter Teil
                                       1
»Herr Danischmend ein paar Worte ehe wir weiter gehen« sagte der Sultan
»Wenn es ohne der historischen Wahrheit Gewalt anzutun geschehen könnte dass du
uns auf diesen Azor der unter uns die Erlaubnis schwach zu sein ein wenig zu
sehr missbraucht diesen Abend einen guten König gäbest so würdest du mir keinen
kleinen Gefallen erweisen Ich weiß wohl die Geschichte soll den Fürsten nicht
schmeicheln und dies aus einem gedoppelten Grunde erstens weil es genug ist
dass uns in unserm Leben geschmeichelt wird und dann weil die Wahrheit die man
nach unserm Tode von uns sagt uns nicht mehr schaden der Welt hingegen nützen
kann Aber ich möchte doch auch nicht dass es so heraus käme als ob ich mir
alle Abende in meinem Schlafzimmer eine Satire auf die Sultanen von Scheschian
machen ließe Ich erinnere mich irgendwo gelesen zu haben ein Mensch sollte
nichts was einen Menschen angeht für fremd ansehen und ich sehe nicht ab
warum wir Sultanen uns nicht in dem nämlichen Falle befinden sollten Mit Einem
Worte ich interessiere mich für die Sache und dies ist denke ich genug«
    »Ihre Hoheit befehlen also dass ich den Sultan Isfandiar überhüpfe« fragte
Danischmend 
    »Eine weise Frage« antwortete SchachGebal »Ich muss doch wohl zuvor
wissen wer Sultan Isfandiar war eh ich sie beantworten kann«
    »Er war Azors unmittelbarer Nachfolger sein einziger Sohn von der schönen
Alabanda und einer von den scheschianischen Sultanen deren Regierung einer
förmlichen Satire auf böse Fürsten ähnlich sieht«
    »Er war also noch schlimmer als Azor«
    »Um Vergebung Sire Azor war in der Tat kein böser Fürst er war nur
schwach Isfandiar hingegen«  
    »Gut gut« fiel ihm der Sultan ins Wort »wir wollen immerhin Bekanntschaft
mit ihm machen wenn es auch nur wäre weil er ein Sohn der schönen Alabanda
war die ich bei allem Bösen was du uns von ihr sagtest dennoch sehr
liebenswürdig finde Und aus eben diesem Grunde ersuch ich dich den armen
Isfandiar so leicht davon kommen zu lassen als du immer kannst«
    »Wofern« sagte Danischmend »unter dem Worte Satire eine Rede oder Schrift
verstanden wird worin man zur Absicht hat jemanden verhasst oder lächerlich zu
machen so verhüte der Himmel dass mir jemals der Gedanke einfalle eine Satire
auf Fürsten zu machen und wenn es auch nur über den König Tonos Konkoleros
oder einen der alten Pharaonen in Ägypten wäre Aber unglücklicher Weise hat es
unter den Großen zu allen Zeiten einige gegeben deren Leben eine Satire auf sie
selbst war ich will sagen die sich durch ihre Torheiten verächtlich und durch
den Missbrauch ihrer Gewalt verhasst gemacht haben ohne dass der Biograph der den
Auftrag erhielt ihre Geschichte zu erzählen die mindeste Schuld an der Sache
hatte Ich besorge der Sultan Isfandiar war in diesem Falle und daher«  
    »Immerhin« rief der Sultan »das Böse das du von ihm sagen wirst bleibt
unter uns Erinnere dich nur dass ich unnötige Vorreden hasse«
    »Sire« fing Danischmend an »Isfandiar war wie gesagt Azors und
Alabandens einziger Sohn und der jüngste von verschiedenen welche seine
Sultaninnen ihm geboren hatten Er wurde ungeachtet der Entfernung seiner
Mutter von dem Herzen des Königes bei Hof erzogen  wie die scheschianischen
Prinzen damals erzogen zu werden pflegten«
    »Dies ist gerade was wir wissen wollen« sagte SchachGebal
    »Er hatte die geschicktesten Lehrmeister in allen den Wissenschaften und
Künsten welche sich wie man zu sagen pflegt für einen Prinzen schicken Er
lernte von der Mathematik so viel dass er ein Dreieck kunstmässig von einem
Viereck unterscheiden konnte Er wusste zum Beweise seiner geographischen
Kenntnisse die Namen aller Flüsse Seen Berge Provinzen und Städte von
Scheschian herzusagen und um eine Probe seiner Stärke in der Philosophie zu
geben verteidigte er in seinem dreizehnten Jahre öffentlich einen sehr
tiefsinnigen Beweis dass ein Ding  ein Ding ist und so lang und so fern als es
ist was es ist nicht zugleich etwas andres sein kann als es ist Sein Lehrer in
der Staatswissenschaft hatte nichts Angelegeners als ihm die ausgebreitetste
Kenntnis von dem Umfang und den Rechten der höchsten Gewalt und von den
unzählbaren Mitteln und Wegen wie man sich mit guter Art des Eigentums seiner
Untertanen bemächtigen kann beizubringen Hingegen nahm sich sein Lehrer in der
Moral sehr in Acht die Zärtlichkeit seines Ohres durch Erwähnung des
unangenehmen Wortes Pflichten zu beleidigen Er bildete sich ein es
vortrefflich gemacht zu haben wenn er dem Prinzen in zierlich gedrehten
Perioden oder durch rührend ausgemalte Beispiele Gerechtigkeit und
Wohltätigkeit als die höchsten Tugenden eines Fürsten vorschilderte Aber der
Ton worin er von diesen Tugenden schwatzte das unbesonnene und übertriebene
Lob womit er einige Fürsten wegen ziemlich zweideutiger Handlungen dieser Art
unter die Götter versetzte musste natürlicher Weise eine verkehrte Wirkung bei
seinem Untergebenen tun Der junge Isfandiar machte sich von Gerechtigkeit und
Wohltätigkeit einen Begriff der für das Glück seiner künftigen Untertanen
gänzlich verloren ging Er glaubte die Ausübung dieser Tugenden hange bloß von
seiner Willkür ab und er mutmasste auch nicht von ferne dass sie allein durch
ihre unzertrennliche Verbindung zu Tugenden werden und dass die unermüdete
Bestrebung beide in dem ganzen Umfang des Regentenamtes auszuüben eine so
wesentliche Fürstenpflicht sei dass derjenige welcher sie funfzig Jahre lang in
der höchsten Vollkommenheit ausgeübt hätte beim Schluße seines Lebens kein
andres Lob verdient hätte als das Zeugnis seine Schuldigkeit getan zu haben
Kurz der höfische Mentor hatte keinen Begriff davon dass man einem jungen
Fürsten die Ausübung aller Tugenden von welchen das Wohl seiner Untergebenen
und die möglichste Vollkommenheit seines Staates abhängt unter der Gestalt von
Verbindlichkeiten vorstellen müsse deren Forderungen eben so dringend als
unverletzlich sind es sei nun dass man sie von den Gesetzen des höchsten
Wesens als des Königs über die Könige oder von einem gesellschaftlichen
Vertrag ableite vermöge dessen derjenige der die meisten Rechte zu haben
scheint gerade der ist der die meisten Pflichten hat«
    »Ohne Unterbrechung Herr Doktor« sagte der Sultan »ich sollte doch
denken der Sittenlehrer des jungen Prinzen Isfandiar habe nicht so ganz unrecht
gehabt ihm das was ihr die Pflichten der Fürsten nennt unter einer gefälligen
Gestalt zu zeigen Das Wort Pflicht ist ein hartes Wort es hat für die
Untertanen selbst einen widrigen Ton wie sollten wir andere unsere Ohren daran
gewöhnen können Wir werden die Tugend immer liebenswürdiger finden wenn unsere
Neigung zu ihr freiwillig ist als wenn sie uns mit Gewalt aufgebürdet wird«
    »Um Vergebung gnädigster Herr« erwiderte der freimütige und unhöfische
Danischmend »Es gibt ein weniger gefährliches Mittel uns unsere Pflichten
angenehm zu machen Anstatt uns zur Tugend durch Lobeserhebungen anzuspornen
welche die Ausübung unserer Schuldigkeit zu einem Gegenstande der Ruhmsucht und
Eitelkeit machen würde besser getan sein uns zu überzeugen dass die
Vollziehung unsrer Pflichten mit den unmittelbarsten und wichtigsten Vorteilen
und mit dem reinsten Vergnügen verbunden ist Immerhin mag auch des Ruhmes als
des natürlichen Begleiters guter Taten erwähnt werden Aber zu bedauern ist der
Fürst dessen Herz nicht empfindsam genug ist das Vertrauen und die Liebe
seines Volkes allen Lobgedichten Ehrendenkmälern Bildsäulen Schaumünzen und
Inschriften vorzuziehen womit Dankbarkeit oder Schmeichelei seine Taten
verewigen können Wie wenig wahre Befriedigung können ihm diese geben denn wie
oft sind sie nicht an Tyrannen und namenlose Könige verschwendet worden«
    »Danischmend hat nicht ganz unrecht« sagte der Sultan der diesen Abend in
der Laune war seinen Philosophen schwatzen zu hören »der Moralist des Prinzen
Isfandiar war wie es scheint ein zu guter Höfling um ein guter Sittenlehrer
zu sein«
    »Gleichwohl« fuhr Danischmend fort »war sein Lehrer in der Geschichte noch
schlimmer wiewohl unstreitig der gelehrteste Mann in seiner Art den man im
ganzen Reiche hatte finden können Die Geschichte war das Lieblingsstudium des
Prinzen und wirklich erwarb er sich eine Fertigkeit darin womit er bei tausend
Gelegenheiten sich und seinem Lehrer Ehre machte Dieser erhielt zur Belohnung
die Stelle eines königlichen Geschichtschreibers mit einer großen Pension
Konnte der gute Sultan Azor sich einfallen lassen dass der Mann den er so edel
belohnte die Oberstelle auf einer Ruderbank verdient habe Und doch war nichts
gewisser
    Das Amt eines Lehrers der Geschichte bei einem jungen Fürsten erfodert einen
Mann der mit der wärmsten Rechtschaffenheit einen tief sehenden und viel
umfassenden Blick und das reinste sittliche Gefühl mit der scharfsinnigsten
Unterscheidungskraft vereiniget Keine geringeren Eigenschaften setzt die
vollkommene Gerechtigkeit voraus welche er in Zeichnung der Charakter und in
Beurteilung der Handlungen sowohl aus dem sittlichen als politischen
Gesichtspunkt auszuüben hat Er muss wenn es mir erlaubt ist mich durch ein
Beispiel verständlicher zu machen in Alexandern einen dieser außerordentlichen
Sterblichen erkennen welche die Natur zu Ausführung ungewöhnlich großer Dinge
gebildet hat welche wie die Götter Homers eine Mittelklasse zwischen Menschen
und höheren Wesen ausmachen und daher in ihren Lastern wie in ihren Tugenden
mehr als gewöhnliche Menschen sind Er muss jedem seiner Vorzüge jeder seiner
Tugenden ihr Recht widerfahren lassen ohne seiner Laster um jener willen zu
schonen oder die Schönheit von jenen um dieser willen zu misskennen Er muss
fähig sein in dem großen Entwurfe dieses wohltätigen Eroberers einen ganz
andern Geist zu entdecken als derjenige war der die Attilas antrieb den
Erdboden zu verheeren Er muss einem Manne der zum Beherrscher der Welt geboren
war33 aus der erhabenen Leidenschaft große Taten zu tun kein Verbrechen
machen einer Leidenschaft welche an einem kleineren Geist Ehrgeiz gewesen
wäre aber bei jenem der angeborene Enthusiasmus einer Heldenseele war Aber weh
ihm wenn er nicht empfindet dass der Sieg bei Arbela nicht mehr war als was
zwanzig andre griechische Feldherren eben so gut hätten bewerkstelligen können
als Alexander und dass hingegen eine fast übermenschliche Größe der Seele dazu
erfodert wurde den Arzneibecher aus der Hand seines Leibarztes zu nehmen und
mit ruhig heiterem Lächeln auszutrinken während er demselben mit der andern Hand
den Brief hinreichte worin ihm entdeckt wurde dass dieser Arzt durch
Versprechungen welche einen Heiligen verführen könnten bestochen sei ihm Gift
zu geben Weh ihm wenn er nicht empfindet dass Alexander da er lieber
brennenden Durst leiden als etliche seiner Soldaten des Wassers welches sie
ihren schmachtenden Kindern in ihren Helmen zutrugen berauben wollte ein
größerer Mann war als da er von Feldherren und Königen umgeben zum ersten Mal
vom Tronhimmel der persischen Sultanen auf das besiegte Asien herab sah oder
wenn er nicht empfindet dass der überwundene Darius in dem Augenblicke da er
gerührt von dem edlen Betragen seines Siegers gegen seine Gemahlin und Kinder
niemand als Alexandern für würdig erklärte den Thron des Cyrus zu besteigen 
größer als Alexander war  Alexander hingegen in dem Augenblicke da er
berauscht von der wollüstigen Pracht der persischen Könige beim Eintritt in das
innere Gezelt des Darius ausrief Dies nenn ich König sein von der Hoheit eines
Halbgottes zum gemeinen Erdensohn herunter sank
    Weit entfernt von dieser Feinheit und Wärme des sittlichen Gefühls urteilte
der gelehrte Mann der den jungen Isfandiar durch die Geschichte zu einem Könige
bilden sollte von den Großen und ihren Handlungen nach keiner bessern Regel
als nach dem Schein den sie von sich warfen und in allen Fällen wo er keine
besondere Ursache hatte zu loben was er nach seinen Grundsätzen hätte tadeln
müssen nach den Vorurteilen der übel zusammen hängenden schwärmerischen in
einigen Stücken überspannten in andern allzu schlaffen Sittenlehre an welche
er in den Schulen der Bonzen auf eine mechanische Weise angewöhnt worden war
Jeder Eroberer hieß ihm ein Held jeder freigebige Fürst großmütig jeder
schwache Fürst gut Vornehmlich machte er sich zur Pflicht dem Prinzen von den
Fürsten seines Stammes immer die vorteilhaftesten Begriffe zu geben wiewohl es
größten Teils auf Unkosten der Wahrheit geschehen musste Er malte alles ins
Schöne er vergrößerte ihre guten oder erträglichen Eigenschaften stellte ihre
Laster in den tiefsten Schatten und entschuldigte durch sophistische
Spitzfindigkeiten was sich nicht verbergen ließ Kurz er behandelte ihre
Geschichte nicht anders als ob die Begriffe vom Guten und Bösen sobald sie auf
einen Großen angewendet werden willkürlich würden oder als ob der königliche
Mantel durch eine talismanische Kraft jedes Laster das er bedeckt in eine
schöne Eigenschaft verwandeln könnte  Man muss gestehen pflegte er von einem
offenbaren Tyrannen oder von einem in Üppigkeit versunkenen Wollüstling zu
sagen dass dieser große Sultan in einigen Handlungen seines Lebens die Strenge
welche durch die Umstände seiner Zeiten notwendig gemacht wurde etwas weiter
getrieben hat als zu wünschen war  oder Es ist nicht zu leugnen dass seine
Neigung zu den Ergetzungen nicht immer in den Schranken der weisesten Mäßigung
blieb aber diese Schwachheiten setzte er hinzu wurden durch so viele große
Eigenschaften vergütet dass es eben so unbillig als unehrerbietig wäre sich
dabei aufzuhalten
    Der junge Prinz hätte nicht so schlau sein müssen als er war wenn er sich
nicht einige kleine Grundsätze hieraus gezogen hätte welche das wenige Gute
das der Unterricht seines Sittenlehrers in seinem Gemüte übrig gelassen hatte
vollends vernichteten zum Beispiel Dass die Laster eines Fürsten ein Gegenstand
seien von welchem man mit Ehrerbietung reden müsse dass ein Fürst um so weniger
vonnöten habe seinen schlimmen Neigungen Gewalt anzutun weil es immer in seiner
Macht stehe das Böse das er tut wieder zu vergüten dass man es einem Sultan
desto höher anrechnen müsse wenn es ihm gefällt einige gute Eigenschaften zu
haben weil es bloß an ihm lag ungestraft so schlimm zu sein als er nur gewollt
hätte und dergleichen mehr Der junge Isfandiar ermangelte nicht aus diesen
und ähnlichen Sätzen welche aus der verkehrten Weise wie ihm die Geschichte
beigebracht wurde zu folgen schienen sich eine geheime Sittenlehre zu seinem
eigenen Gebrauch zu bilden welche desto gefährlicher war da sein von Natur
wenig empfindsames Herz keine Neigungen hatte welche seinen Launen und
Leidenschaften das Gegengewicht hätten halten können
    Ich habe mich nicht ohne Gefahr dem Sultan meinem Herrn lange Weile zu
machen bei der Erziehung des Prinzen Isfandiar verweilt weil ich überzeugt
bin dass sie großen Teils an den Torheiten und Lastern schuld ist welche die
Regierung dieses unglücklichen Fürsten auszeichnen«
    »Aber wenn dies wäre« sagte SchachGebal »wie viele Königssöhne in der
Welt müssten eben so schlimm sein als dein Isfandiar Denn ich bin gewiss dass
unter zehen kaum Einer ist der sich einer bessern Erziehung rühmen kann«
    »Sire« antwortete Danischmend »dieses letzte als eine Erfahrungssache
vorausgesetzt ließe sich schließen die meisten Fürsten würden durch eine
besondere Vorsehung welche für das Beste der Menschheit wacht mit einer so
vortrefflichen Anlage in die Welt geschickt dass sie alles dessen was die
Erziehung an ihnen verderbt ungeachtet immer noch gut genug blieben um uns zu
zeigen wie vortrefflich sie hätten werden können wenn der Keim der
Vollkommenheit in ihnen entwickelt und zur Reife gebracht worden wäre«
    »Wofern dies nicht etwann Ironie ist« sagte SchachGebal lächelnd »so
bedanke ich mich bei dir im Namen aller die bei dieser sehr verbindlichen
Hypothese etwas zu gewinnen haben«
    »Ich empfinde meine Pflicht zu stark« erwiderte Danischmend »um von einer
so ernstaften Sache anders als in vollem Ernste zu reden Und ich denke nichts
kann dem hohen Begriff den wir uns von der Güte des unsichtbaren Regierers der
Welt zu machen schuldig sind gemässer sein als der Gedanke dass er
ordentlicher Weise wenigstens nur die schönsten Seelen zu seinen Unterkönigen
in den verschiedenen Teilen des Erdkreises ernenne«
    »Wenn mir erlaubt ist meine Meinung über eine Sache von dieser Wichtigkeit
zu sagen« sprach die schöne Nurmahal »so denke ich Danischmend habe niemals
etwas Wahrscheinlicheres gesagt Wäre es nicht so wie er behauptet so dünkte
mich unerklärbar woher es komme dass unter zwanzig großen Herren kaum Einer so
schlimm ist als sie alle zwanzig sein sollten wenn man bedenkt was die
Lebensart worin sie aufwachsen die verkehrten Begriffe welche sie unvermerkt
einsaugen die Mühe die man sich gibt durch Schmeichelei niederträchtige
Gefälligkeit und schlaue Verführungskünste ihren Kopf und ihr Herz zu verderben
bei gewöhnlichen Menschen für eine Wirkung tun müssten«
    »Ich zweifle nicht meine guten Freunde« sagte der Sultan »dass alles dies
eine abgeredete Schmeichelei ist die ihr mir sagen wollt Indessen ist doch
wenigstens die Wendung die ihr dazu genommen habt zu loben Aber ich sehe
nicht Danischmend was der Taugenichts Isfandiar dabei gewinnen kann«
    »In der Tat« versetzte Danischmend »es mangelte ihm wie ich bereits
erwähnte an dem Kostbarsten was die Natur einem Sterblichen sie mag ihn zum
Pflug oder zu einer Krone bestimmt haben geben kann an einer empfindsamen
Seele Diesen Mangel kann auch die vollkommenste Erziehung nicht ganz ersetzen
aber da sie doch wenigstens etwas tun kann denn warum sollte sich die Natur
nicht eben sowohl verbessern als verschlimmern lassen so sind in einem
solchen Falle die Leute deren Amt dies ist desto größere Verbrecher wenn sie
darin saumselig sind«
    »Vermutlich fehlten sie mehr aus Ungeschicklichkeit als aus Bosheit« sagte
die Sultanin
    »Ich würde selbst nicht strenger von ihnen geurteilt haben« erwiderte
Danischmend »wenn es weniger gewiss wäre dass diese Herren wiewohl sie ihre
wahre Absicht unter der gewöhnlichen Phraseologie von Menschenliebe
Patriotismus und Uneigennützigkeit verbargen insgesamt kein höheres Augenmerk
hatten als ihr Glück zu machen ein Zweck den sie am gewissesten zu erhalten
glaubten wenn sie keine Gelegenheit versäumten sich durch eine wenig
bedenkliche Gefälligkeit in das Herz des künftigen Tronerben einzustehlen
    So fehlerhaft indessen die Erziehung dieses Prinzen war so würde doch der
Schade den sie ihm zufügte nicht unheilbar gewesen sein wenn er nicht das
Unglück gehabt hätte einem gewissen Kamfalu in die Hände zu fallen der ein
Bösewicht aus Grundsätzen aber der angenehmste Bösewicht war den man jemals
gesehen hatte Ich werde um dem Charakter dieses Menschen sein gehöriges Licht
zu geben genötigt sein eine kleine Digression in die Gelehrtengeschichte der
damaligen Zeit zu machen
    Es lebte damals ein Schriftsteller namens Kador der sich von dem großen
Haufen der moralischen Schreiber seiner Zeit durch eine Art von Antipathie gegen
alles Aufgedunsene und Gezierte in Empfindungen Begriffen und Sitten und
überhaupt durch eine merkliche Entfernung von der Kunstsprache sowohl als von
den Maximen jenes großen Haufens unterschieden hatte Es ist natürlich dass die
besagten Schreiber mit diesem Unterschied um so weniger zufrieden waren weil
das Publikum zwischen ihren Schriften und den seinigen noch einen andern
Unterschied machte der ihrer Eitelkeit nicht gleichgültig sein konnte Man las
nämlich seine Werke mit einem Vergnügen welches immer die Begierde zurück ließ
sie wieder zu lesen da hingegen die ihrigen ordentlicher Weise nur zum
Einpacken der seinigen gebraucht wurden Sie hätten mehr oder weniger als
gewöhnliche Menschen sein müssen wenn sie dieses nicht sehr übel hätten finden
sollen Sie suchten den Grund davon nicht in der schlechten Beschaffenheit der
übel zubereiteten und unverdaulichen Nahrung welche sie dem Geist ihrer
Zeitgenossen vorsetzten sondern wie natürlich war in der Verdorbenheit des
menschlichen Herzens welchem Kador ihrem Vorgeben nach auf die unerlaubteste
Weise schmeichelte Denn der scherzende Ton worin er zuweilen sehr ernsthafte
Wahrheiten sagte und die launige Freimütigkeit womit er der Heuchelei die
Maske abnahm und der Verblendung die Augen öffnete waren in den ihrigen
untrügliche Zeichen seines bösen Willens gegen die Tugend In der Tat dachte
Kador von den Tugenden der Sterblichen nicht ganz so günstig als diejenigen
welche selbst für Muster angesehen werden wollen zu wünschen Ursache haben Er
leitete die meisten praktischen Urteile und Handlungen der Menschen aus den
mechanischen Wirkungen physischer Ursachen oder aus den geheimen Täuschungen
der Einbildung und des Herzens her und je erhabener die Beweggründe waren aus
welchen jemand zu handeln vorgab desto größer war das Misstrauen welches er
entweder in die Redlichkeit dieses Jemands oder in die Gesundheit seines
Gehirnes setzte Wiewohl er überhaupt eine sehr gute Meinung von der
menschlichen Natur hegte so behauptete er doch sie sei binnen etlichen tausend
Jahren durch die unaufhörliche Bemühung an ihr zu künsteln zu bessern und zu
putzen so übel zugerichtet worden dass es leichter sei an einem verstümmelten
Götterbilde die Majestät des Gottes den es vorgestellt als in den menschlichen
Karikaturen die sich vor unsern Augen herum bewegen die ursprünglich schöne
Form der Menschheit zu erkennen Indessen gab es doch seiner Meinung nach
immer eine Anzahl schöner Seelen welche durch glückliche Zufälle oder wie er
geneigter war zu glauben durch die geheimen Veranstaltungen einer wohltätigen
Gottheit wo nicht ganz unverstümmelt doch wenigstens nur mit leichten
Beschädigungen noch ganz leidlich davon gekommen wären Er erklärte sich für
den wärmsten Liebhaber dieser schönen Seelen von ihnen allein dacht er gut
ihnen allein traute er jede edle Gesinnung und die Fähigkeit der Tugend große
Opfer zu bringen zu Die übrigen mochten noch so künstlich angestrichen noch
so gotisch herausgeputzt in noch so weite und lang schleppende Mäntel
eingehüllt sein kurz sich noch so viele Mühe geben durch entlehnte Zieraten
und äußerliche Formen von Weisheit und Tugend Hochachtung zu erwecken an ihm
verloren sie ihre Mühe Es sind Pagoden pflegte er lächelnd zu sagen welche
sehr wohl tun sich wie die sinesischen in weite Mäntel zu hüllen
durchsichtiges Gewand würde ihre Ungestalt zu sichtbar machen Kador mochte wohl
so unrecht nicht haben als die Pagoden seine Gegner die Welt gern überredet
hätten Gewiss ist dass der bessere Teil der Welt sich nicht überreden lassen
wollte und dass er gerade so viele gesunde Köpfe und schöne Seelen als man
ihrer damals in Scheschian zählte auf seiner Seite hatte Selbst diejenigen
welche nicht in allen Stücken seiner Meinung waren billigten sowohl seine
Absichten als die Mittel wodurch er sie ausführte und erkannten in ihm den
aufrichtigen Liebhaber des Wahren und den wohl meinenden Freund der Menschheit
Aber zufälliger Weise hatte er das Missvergnügen dass einige seiner Grundsätze
von einer Art von Leuten gemissbraucht wurden denen es gleich stark an feinerem
Gefühle des Herzens und an Richtigkeit der Beurteilung mangelte Das Wahre
grenzt immer so nah an den Irrtum dass man keinen großen Sprung vonnöten hat
aus dem sanft sich empor windenden Pfade des einen in die reizenden Irrgärten
des andern sich zu verirren Diese Leute gaben sich das Ansehen dem besagten
Schriftsteller in allem beizustimmen einen einzigen Punkt ausgenommen Er hat
recht sagten sie so lang er in seinem wahren Charakter bleibt so lang er das
Eitle der menschlichen Begriffe und Leidenschaften schildert und das
Lächerliche ihrer Forderungen an Weisheit und Tugend aufdeckt Aber er schwärmt
selbst sobald er von schönen Seelen von der Zauberei der Empfindung von
Sympatie mit der Natur und von der Göttlichkeit der Tugend fabelt Es gibt
keine schöne Seelen und nur ein Tor glaubt an die Tugend Was die Menschen
Tugend nennen besteht wie die Münze in gewissen Ländern in einer Anzahl
abgeredeter Zeichen welche man unter einem gewissen Stempel für einen gewissen
Preis in Handel und Wandel gelten zu lassen übereingekommen ist Der innere Wert
kommt dabei gar nicht in Betrachtung Dem Korn nach ist eben so wenig
Unterschied zwischen dem Schelm der gehangen wird dem Nachrichter der ihn
hängt und dem Richter der ihn hängen lässt als zwischen dem geschmeidigen
Europäer dem aufgeblasenen Perser dem andächtigen Armenier dem höflichen
Sinesen und dem rohen Kamtschadalen Das Gepräge macht den ganzen Unterschied
    Die Leute welche so dachten fanden bald Anhänger genug um eine zahlreiche
Sekte auszumachen Sie nannten sich die Philosophen und wer nicht von ihrer
Brüderschaft war hatte die Freiheit von den Titeln Betrüger oder Schwärmer
welchen er wollte auszuwählen Denn nach ihren Grundsätzen musste er notwendig
eines von beiden sein Der ehrliche Kador erfuhr die Kränkung von der
kurzsichtigen Menge mit diesen anmasslichen Philosophen in Eine Linie gestellt zu
werden weil sie zuweilen seine Sprache redeten und in gewissen Stücken eben
das zu tun schienen was Er getan hatte Man konnte oder wollte nicht gewahr
werden dass nichts verschiedener sein konnte als der Geist welcher ihn und
der welcher diese Philosophen beseelte und als der Endzweck den Er und Sie
sich vorgesetzt hatten Wenn Er des Schwärmers spottete und den Afterweisen
den Betrüger oder den Selbstbetrogenen ihrer Ansprüche an Weisheit und Tugend
entsetzte so geschah es auf eine Weise welche in Personen von gesundem Urteile
keinen Zweifel veranlassen konnte dass er es nicht redlich mit Wahrheit und
Tugend meine Wenn Sie hingegen eben dies zu tun schienen fiel es in die Augen
dass ihre Absicht sei die Tugend selbst lächerlich zu machen und den ewigen
Unterschied zwischen wahr und falsch Recht und Unrecht aufzuheben Der Schmerz
sich mit einer Klasse von Menschen die er verachtete vermengt zu sehen und
die Gefahr durch den Mutwillen der einen und den Unverstand der andern wider
seinen Willen Böses zu tun brachte ihn ohne dass er sich einen Augenblick
bedachte zu der einzigen Entschließung welche in solchen Umständen eines
ehrlichen Mannes würdig war Er erklärte sich öffentlich und mit Verachtung des
Tadels und der Vorwürfe welche er von beiden Gattungen zu erwarten hatte für
die Sache der Tugend Aber da er seiner Überzeugung treu fortfuhr keine
Tugend gelten zu lassen welche nicht zum untrüglichen Zeichen ihres innern
Wertes mit dem Stempel der schönen Natur bezeichnet war so erfolgte was er
vorher gesehen hatte Die besagten Philosophen und der Pöbel der Moralisten
waren in gleichem Grade unzufrieden mit ihm Beide fanden in seinen Schriften so
viel Vorwand als sie nur wünschen konnten seine Grundsätze und seine Absichten
in ein falsches Licht zu stellen und am Ende zeigte sich dass er mit allen
seinen Bemühungen nichts gewonnen hatte als die kleine Zahl der Vernünftigen in
der Überzeugung zu stärken Dass Blödigkeit des Geistes und Verkehrtheit des
Herzens gleich unheilbare Übel sind dass es zwar nicht unmöglich ist durch
mechanische Mittel den großen Haufen der Menschen zu einer ganz leidlichen Art
von  Tieren zu machen aber dass Weisheit und Güte ewig ein freiwilliges
Geschenk bleiben werden welches der Himmel nur den schönen Seelen macht«
    »Was du uns hier erzähltest Danischmend möchte sich an einem andern Orte
ganz gut haben hören lassen« sagte der Sultan »aber du scheinst darüber
vergessen zu haben dass die Rede nicht von deinem Freunde Kador sondern von dem
Prinzen Isfandiar und von einem gewissen schelmischen Kamfalu war den du uns
als einen Verführer dieses jungen Menschen bekannt machen wolltest«
    »Sire« war Danischmends Antwort »Ihre Hoheit ziehen mich in diesem
Augenblicke aus keiner geringen Verlegenheit Ich fing eben an gewahr zu werden
dass ich mich verirret hätte und wer weiß was für Wendungen ich hätte nehmen
müssen um mich wieder auf den Punkt zu finden den ich unvermerkt aus dem
Gesichte verlor Der Kamfalu also zu welchem Sie mich zurück zu bringen die
Gnade haben war eines von diesen verzärtelten Kindern der Natur welche sie in
einem Anstoß von verschwenderischer Laune mit allen ihren Gaben überhäuft aber
vor lauter Eilfertigkeit die einzige vergessen hat ohne welche alle übrige mehr
gefährliche als vorteilhafte Geschenke sind Er war von schöner Bildung und der
Bau seines Körpers schien Unsterblichkeit anzukündigen Er besaß in einem hohen
Grade alles was einen jungen Mann zu einem Günstling des schönen Geschlechtes zu
machen pflegt und alles was ihn im Besitz ihrer Gunst erhalten kann Er war
lebhaft feurig unternehmend und niemand hatte die Kunstsprache der
Zärtlichkeit und alle die schlauen Verführungskünste wodurch sich die Schönen
wissend oder unwissend hintergehen zu lassen gewohnt sind mehr in seiner Gewalt
als er Das Einnehmende seiner Person ein unerschöpflicher mit der größten
Leichtigkeit in tausend Gestalten sich verwandelnder Witz und eine natürliche
Beredsamkeit bei welcher ihm in gewissen Fällen seine Begierden die Dienste
der höchsten Begeisterung taten machten ihn zum angenehmsten und gefährlichsten
Gesellschafter von der Welt Nichts konnte leichtfertiger sein als seine
Grundsätze in Beziehung auf die Gebieterinnen unsers Herzens aber unglücklicher
Weise für das ganze Scheschian waren diese Grundsätze ein Teil des allgemeinen
Systems seiner sittlichen Begriffe Eblis so nannte sich der Kamfalu dessen
Herz keine Vermutung hatte dass es eine höhere Art von Wollust gebe als die
Befriedigung der Sinne und das eigennützige Vergnügen des gegenwärtigen
Augenblicks  Eblis hatte sich ein System gemacht aus welchem Wahrheit Tugend
Zärtlichkeit Freundschaft kurz jedes schönere Gefühl und jede edlere Neigung
verbannt waren Alles ist wahr sagte er je nachdem wir es ansehen von unserer
innerlichen Stimmung und von dem Gesichtspunkt woraus wir sehen hängt es
lediglich ab ob uns ein Gegenstand schön oder hässlich gut oder böse scheinen
soll Tugend ist eine Übereinkunft der feinern Köpfe durch einen angenommenen
Schein von Gerechtigkeit Uneigennützigkeit und Großmut dem großen Haufen
Zutrauen und Ehrfurcht einzuflößen Sie bedient sich dazu einer gewissen hoch
tönenden Sprache gewisser edler Formen und schlauer Wendungen welche sie
unsern Neigungen und Handlungen gibt um das Ziel unsrer Leidenschaften desto
sicherer zu erhalten je behutsamer wir es den Augen der Welt zu entziehen
wissen Müssige oder bezahlte Pedanten haben diese Sprache diese Formen in einen
wissenschaftlichen Zusammenhang räsoniert Blöde Köpfe sind einfältig genug
gewesen diese Zeichen für Sachen anzusehen und unter diesen leeren Formen
gleichsam einen Körper zu suchen Narren haben sich zu allen Zeiten vergebens
oder auf Unkosten ihrer Vernunft bemüht uns die Tugend von welcher jene
schwatzten in ihrem Leben zu zeigen Aber ein dreifacher Tor müsste der sein
der einen Freund auf Unkosten seiner selbst glücklich machen  der den
Augenblick das Einzige was in seiner Gewalt ist einem Traume von Zukunft
aufopfern  oder für andre leben wollte wenn er sie nötigen kann für ihn da zu
sein Diese abscheuliche Moral« 
    »Ich besorge Danischmend es ist die Moral von zwei Fünfteln meiner Rajas
Omras und Mollas« sagte der Sultan
    »Das verhüte der Himmel« versetzte Danischmend »Aber dessen bin ich
versichert dass es wenn unser Herz uns nicht wider Willen unsrer Köpfe zu
bessern Leuten machte die Moral aller Erdenbewohner wäre«
    »Mir deucht« sprach die schöne Nurmahal »nichts beweiset besser wie wahr
es ist dass nur die schönen Seelen der Tugend fähig sind als der Ton in
welchem Eblis von dieser ihm unbekannten Gottheit spricht Ein dreifacher Tor
müsste der sein der seinen Freund auf Unkosten seiner selbst glücklich machen
wollte Ja wohl Eblis ein dreihundertfacher Tor müsst er sein Aber dies weiß
Eblis nicht  denn woher sollt er es wissen können  dass der Fall den er
setzt gar nicht möglich ist Ein Freund kann für seinen Freund nichts auf
Unkosten seiner selbst tun  denn dieser Freund ist er selbst34 Welchen
größeren Gewinn konnt er machen als die Glückseligkeit seines Freundes Er könnte
sein Leben für ihn geben und würde in dem letzten Augenblicke der vor diesem
süßen Opfer vorher ginge mehr leben als in zwanzig Jahren die er bloß sich
selbst gelebt hätte«
    »Schwärmerin  komm und gib mir einen Kuss« rief der Sultan
»Zweiundzwanzig Jahre seit ich Sultan bin verhindern mich nicht zu fühlen dass
etwas in dieser Schwärmerei ist das meine ganze Sultanschaft aufwiegt«
    »Die Grundsätze des verführerischen Eblis fanden in dem Herzen des Prinzen
Isfandiar so wenig Widerstand dass sie sich ohne große Mühe seines Kopfes
bemeistern konnten Eblis hatte das Anstössige welches sie für eine jede noch
nicht ganz verdorbene Seele haben müssen so geschickt zu verbergen gewusst dass
der Prinz sich mit vollkommener Sicherheit dem Vergnügen überließ seinen Geist
wie er wähnte von Vorurteilen zu entfesseln deren Joch nur diejenigen tragen
müssten welche zum Gehorchen geboren wären Da er ohnehin eine starke Neigung in
sich fühlte seine Laune zur einzigen Regel seiner Urteile und Handlungen zu
machen so konnt es nicht wohl anders sein als dass er ein System sehr
überzeugend finden musste welches ihm von dem Augenblick an da er alles können
würde was er wollte die Vollmacht erteilte alles zu wollen was er könnte
    Die Ungeduld so viel Jahre als der König sein Vater noch zu leben hätte
zwischen sich und dem Ziele seiner feurigsten Wünsche zu sehen nahm mit jedem
Jahre so stark zu dass sie bei einem Prinzen der so wenig gewohnt war seinen
Leidenschaften zu gebieten sich endlich zu deutlich verraten musste um dem
alten Azor verborgen zu bleiben Alle Mühe die sein Liebling anwandte ihn zu
einem klügern Betragen zu bereden war vergeblich Isfandiar tadelte alle
Maßregeln des Hofes sprach mit sehr wenig Zurückhaltung von den Schwachheiten
seines Vaters und begegnete der schönen Gulnaze so als ob er sich vorgesetzt
hätte sie alle Augenblicke zu erinnern dass sie eine persische Tänzerin gewesen
sei
    Azor ertrug diesen Übermut mit einer Nachsicht welche zu sehr die Miene
einer Schwachheit hatte um den Prinzen zum Gefühl seiner Pflicht zurück zu
bringen und in der Tat würde ein strengeres Verfahren zu nichts gedient haben
als ihn die Abnahme seines Ansehens und die Ohnmacht einer zum Ende sich
neigenden Regierung desto kränkender fühlen zu lassen Die seinige war so
verhasst dass sein Tronfolger schon dadurch allein weil er sie öffentlich
missbilligte der Abgott des Volkes wurde Der Hof des letztern vergrößerte sich
zusehens und man sprach endlich so laut von der Notwendigkeit den alten König
einer Bürde welche jüngere Schultern erfordre zu entladen dass Isfandiar
vermutlich nicht länger gezögert haben würde diese Gesinnungen der Nation zum
Vorteil seiner Wünsche anzuwenden wenn ihn nicht der Tod des Königs wenigstens
dieser letzten Stufe seines Verbrechens überhoben hätte
    Niemals sind die Erwartungen eines Volkes stärker betrogen worden als an
dem Tage da Isfandiar den Thron von Scheschian bestieg Aber was für Ursache
hatten auch die Scheschianer mehr von ihm zu erwarten als von seinem Vater Wie
viele Könige welche sich durch die heiligsten Gelübde verbinden müssen nur für
die Glückseligkeit ihrer Völker zu leben erinnern sich dieser Gelübde noch
nachdem sie den ersten Zug aus dem Zauberkelch der willkürlichen Gewalt getan
haben In Scheschian mussten sich die Könige zu nichts verbinden Das Volk schwor
ihnen grenzenlosen Gehorsam und sie  erlaubten am Tag ihrer Krönung dem
geringsten ihrer Untertanen  den Saum ihres Mantels zu küssen Was für
Erwartungen kann ein Volk auf eine solche Gnade gründen
    Azor hatte vor seiner Tronbesteigung alle Herzen durch Leutseligkeit und
Güte gewonnen man erwartete goldne Zeiten von ihm und fand sich betrogen
    Isfandiar hatte sich nie die geringste Gewalt angetan die ungestüme Hitze
die Unempfindlichkeit und das Wetterwendische seiner Gemütsart zu verbergen
Niemand wusste einen Zug von ihm anzuführen der eine große Seele oder ein
wohltätiges Herz bezeichnet hätte Allein man war der langen Regierung seines
verhassten Vaters überdrüssig Isfandiar hatte sich öffentlich an die Spitze der
Missvergnügten gestellt man hoffte dass derjenige besser regieren würde der von
den Gebrechen der alten Regierung so lebhaft gerührt schien und so viele
Gelegenheit gehabt hatte durch fremde Fehler weise zu werden Aber man betrog
sich sehr Isfandiar würde sich eben so missvergnügt bezeigt haben wenn Azor der
beste der Könige gewesen wäre
    Die erste Probe welche der neue Sultan von seinem Vorhaben ohne Grundsätze
zu regieren gab war die Veränderung die er bei Hofe und in der
Staatsverwaltung vornahm
    In den letzten Jahren Azors hatte man sich durch die äußerste Not gedrungen
gesehen den übermäßigen Aufwand der Hofhaltung einzuschränken und einige
Männer von bewährter Redlichkeit und Einsicht zu den wichtigsten
Staatsbedienungen zu berufen Es war zu spät für die Glückseligkeit von
Scheschian aber noch immer früh genug um noch größere Übel zu verhüten Durch
die Weisheit und unverdrossene Arbeit dieser ehrwürdigen Alten war die
Staatswirtschaft in bessere Ordnung gebracht und dem Volk ohne Nachteil der
Krone beträchtliche Erleichterung verschafft worden Isfandiar zählte
vermutlich beides unter die Missbräuche denn er setzte seinen Hofstaat auf einen
prächtigern Fuß als er in den glänzendsten Zeiten Azors gewesen war und die
einzigen unter den Staatsbedienten seines Vaters welche er um jeden Preis hätte
kaufen sollen wurden abgedankt Sie mussten einem Schlaukopfe Platz machen der
sich durch ein Projekt die Scheschianer mittelst eines neu erfundenen
Kunstworts die Luft welche sie einatmeten versteuern zu lassen das Vertrauen
Seiner Hoheit erworben hatte
    Isfandiar hatte kaum einige Monate das Vergnügen geschmeckt alles zu tun was
ihm beliebte als er anfing sich seinen Launen mit einer Sorglosigkeit zu
überlassen welche ungeachtet des jovialischen Geistes womit er sie würzte in
den Augen der Vernunft eine desto anstössigere Art von Tyrannei war weil sie
bewies dass er fähig sei mit kaltem Blut und bei völligem Gebrauch seiner Sinne
die unsinnigsten Dinge zu tun Er schien sich sehr viel damit zu wissen dass er
keine erklärte Favoritin hatte wie sein Vater Aber dafür hielt er eine
ungeheure Menge von Hunden Jagdpferden und Falken gab unermessliche Summen für
Gemälde aus ohne den geringsten Geschmack von der Kunst zu haben und belohnte
mit unmässiger Verschwendung alle Abenteurer und Landstreicher die mit dem
Titel witziger Köpfe Virtuosen und Besitzer seltsamer Kunststücke an seinen
Hof kamen weil wie sie sagten nur der größte der Könige würdig sei der
Besitzer ihrer Talente und Raritäten zu sein
    Ohne irgend eine herrschende Leidenschaft zu haben hatte er nach und nach
alle und jede mit desto größerer Wut weil er vorher sah sie würde bald von
einer andern verdrängt werden Das arme Scheschian gewann also wenig bei seiner
Mäßigung in einem einzigen Punkte einer Mäßigung wovon der Grund vielmehr in
seiner Unfähigkeit zu lieben als in seiner Weisheit lag und welche ihn nicht
verhinderte wenn es ihm einfiel die Einkünfte einer ganzen Provinz an die
erste sinesische Gauklerin die ihn eine Viertelstunde belustigte
wegzuschenken
    Eben dieselbe wunderliche Laune welche die Regel seines Geschmacks war
regierte ihn bei Besetzung der wichtigsten oder ansehnlichsten Hofämter und
Staatsbedienungen Er machte in einem solchen Anstoß seinen Pastetenbäcker zum
ersten Minister ein andermal seinen Barbier zum Hauptmann über die Leibwache
Der Reichskanzler wurde abgesetzt weil er ein schlechter Tänzer war und ein
gewisser Quacksalber schwang sich durch die Erfindung einer Pomade in die Stelle
des Oberschatzmeisters der die Verwegenheit gehabt hatte Seiner Hoheit
vorzustellen dass zehntausend Unzen Silbers eine zu große Belohnung für die
Erfindung einer neuen Pomade sei Keiner von seinen Dienern konnte eine Stunde
lang auf seine Gnade zählen und das schlimmste war dass man sie durch
Wohlverhalten eben so leicht als durch Übeltaten verscherzen konnte Der einzige
Eblis besaß das Geheimnis sich ihm unentbehrlich zu machen und ohne einen
andern als den Titel seines Günstlings den Hof und den Staat eben so
willkürlich zu regieren als der Sultan selbst Ich hatte vielleicht unrecht das
Mittel dessen er sich dazu bediente ein Geheimnis zu nennen denn im Grunde
kann nichts einfacher sein Es bestand in der Kunst sich in alle Launen seines
Herrn zu schicken ihn alles tun zu lassen was er wollte und für alle seine
Unternehmungen so ausschweifend sie sein mochten Mittel zu schaffen«
    »Das letzte ist eben so leicht nicht als du dir einbildest« sagte der
Sultan
    »Sire« versetzte Danischmend »nach des Günstlings Grundsätzen und Art zu
verfahren konnte nichts leichter sein Nach ihm hatte der Sultan das Recht zu
nehmen so lange seine Untertanen etwas hatten das ihnen genommen werden
konnte«
    »Und wenn sie nichts mehr hatten«
    »Dieser Fall war seiner Meinung nach so bald noch nicht zu besorgen
    Der Hunger und die Begierde nach einem Zustande worin sie müßig gehen
können wird sie schon arbeiten lehren pflegte er zu sagen und so lange sie
arbeiten können sie geben«
    »Dieser Eblis fürchtete sich also nicht vor den Folgen der Mutlosigkeit«
    »Das Übel war dass er dem Sultan eine Philosophie beigebracht hatte welche
die menschliche Natur in seinen Augen verächtlich machte Er sah die Menschen
für nichts besseres als eine Gattung von Tieren an von welcher sich mehr
Vorteile ziehen lassen als von irgend einer andern und in der Kunst sie für
ihren Gebieter zu gleicher Zeit so nützlich und so unschädlich als möglich zu
machen bestand nach ihm das große Geheimnis der Regierungskunst Man hätte
ihm diesen Grundsatz gelten lassen können wenn er vorausgesetzt hätte dass der
Vorteil des Gebieters und des Staats allezeit einerlei sei Aber dies war es
nicht was er damit wollte
    Der Mensch sagte Eblis ist aus zwei entgegen gesetzten Grundneigungen
zusammen gesetzt deren vereinigte Wirkung ihn zu dem macht was er ist Hang zum
Müßiggang und Hang zum Vergnügen Ohne den letztern würde ihn jener ewig in
einer unüberwindlichen Untätigkeit erhalten aber so groß sein Abscheu vor
Abhänglichkeit und Arbeit ist so ist doch sein Hang zum Vergnügen noch stärker
Um beide zu vereinigen ist ein Zustand von Unabhänglichkeit worin er alles
mögliche Vergnügen ohne einige Bemühung genösse das letzte Ziel seiner Wünsche
Er kennt keine Seligkeit über dieser Daher dieser unauslöschliche Hang zum
Despotismus der dem armseligsten Erdensohn eben so angeboren ist als dem Erben
des größten Monarchen In dem ganzen Scheschian ist kein einziger welcher nicht
wünschte dass alle übrige nur für sein Vergnügen beschäftigt sein müssten Allein
die Natur der Sache bringt es mit sich dass nur ein Einziger dieser Glückliche
sein kann alle übrige sind durch die Notwendigkeit selbst dazu verurteilt
sich so lange sie leben mehr oder weniger zu diesem letzten Wunsche des
Sterblichen empor zu arbeiten und selbst das Glück ihm nahe zu kommen kann
nur Wenigen zu Teile werden Was soll nun der Einzige hierbei tun der mit dem
vergötterten Diadem um die Stirne oben auf der Spitze des Berges steht und
nichts Höheres zu ersteigen sieht Soll er sich etwann in dem Genuss seiner Wonne
durch albernes Mitleiden mit der wimmelnden Menge stören lassen welche voll
klopfender Begierde sich aus der Tiefe empor zu heben versucht und neidische
Blicke auf die versagte Glückseligkeit heftend bei jedem Tritt auf der
schlüpfrigen Bahn in Gefahr schwebt durch das Gedränge ihrer Mitwerber oder
ihre eigene Hastigkeit tiefer als sie empor gestiegen ist wieder herunter zu
glitschen Soll er vielleicht so höflich sein einem unter ihnen Platz zu
machen  Wahrhaftig Sie mögen sehen wie sie hinauf kommen dies ist ihre
Sache Die seinige ist indem sie von Stufe zu Stufe zu ihm empor klettern sich
ihrer Hände zu bedienen um alle Güter und Freuden der Welt zu den Füßen seines
Trones aufhäufen zu lassen und wenn ihm der Genuss alles dessen was die
übrigen wünschen noch eine Sorge verstatten kann so ist es zu verhindern dass
von der wetteifernden Menge keiner hoch genug steige ihn von seinem Gipfel
herab zu drängen Nichts würde dem Einzigen gefährlicher sein als wenn die
Menge alle Hoffnung in einen bessern Zustand zu kommen verlöre Diese Hoffnung
ist die wahre Seele eines Staats mit ihr versiegt die Quelle des politischen
Lebens eine allgemeine Untätigkeit verkündigt gleich der Todesstille vor einem
Sturme die schrecklichen Wirkungen der Verzweiflung unter welchen schon so
manche Tronen Asiens eingestürzt sind Aber nichts ist leichter als diesem Übel
zuvorzukommen Es gibt zwischen dem Tagelöhner und dem Sultan so viele Stufen
und jede der höheren Stufen ist für den der einige Grade tiefer steht so
beneidenswürdig dass etliche Beispiele welche von Zeit zu Zeit die Hoffnung zu
steigen in den letztern wieder anfrischen hinreichend sind den Staat in dieser
Geschäftigkeit zu unterhalten wodurch alle Glieder desselben indem sie bloß
ihren eigenen Vorteil zu befördern glauben dem glücklichen Einzigen dienstbar
werden
    Es ist keinem Zweifel unterworfen dass nichts seichter sein kann als diese
Trugschlüsse des sinnreichen Eblis Die Grundfeste eines Staats besteht in der
Zufriedenheit der untersten Klassen mit dem Stande worin sie sich befinden und
sein Untergang ist von dem Augenblick an gewiss da der Landmann Ursache hat den
müßig gehenden Sklaven eines Großen zu beneiden
    Die Grundsätze des sinnreichen Eblis hatten drei große Fehler Sie hingen
eben so wenig unter sich zusammen als sie mit der Erfahrung übereinstimmten
und man konnte sie alle Augenblicke übertreten ohne an Gründen Mangel zu haben
welche die Ausnahmen rechtfertigten Aber sie schmeichelten den Leidenschaften
eines Fürsten der keine andre Regel kannte noch kennen wollte als seine Laune
Isfandiar fand nichts bündiger als die Schlüsse seines Lieblings
    Man konnte schwerlich weniger Anlage zu einer mitleidigen Sinnesart haben
als dieser Sultan Das kleinste Ungemach das ihn selbst betraf setzte ihn in
die heftigste Ungeduld aber das Leiden andrer fand keinen Zugang zu seinem
Herzen Wie überflüssig war die Bemühung einen solchen Fürsten noch durch
Grundsätze gefühllos zu machen Und gleichwohl hatte Eblis nichts Angelegeners
als ihm seine Untertanen bei jeder Gelegenheit in dem verhasstesten Lichte zu
zeigen
    Das Volk sagte Eblis zum Sultan seinem Herrn ist ein vielköpfiges Tier
welches nur durch Hunger und Streiche gebändiget werden kann Es wäre Unsinn
seine Liebe durch Wohltaten gewinnen zu wollen Tausend Beispiele von schwachen
Fürsten welche die Opfer einer allzu milden Gemütsart geworden sind beweisen
diese Wahrheit Das Volk sieht alles Gute was man ihm erweist für Schuldigkeit
an erwartet immer noch mehr als man zu seinem Besten tut und hält sich von
aller Pflicht der Dankbarkeit losgezählt sobald es sich in seinen
ausschweifenden Erwartungen betrogen sieht Mit Widerwillen trägt es die Fesseln
der Abhänglichkeit unbeständig in seinen Neigungen willkürlich in seinen
Urteilen und immer mit dem Gegenwärtigen unzufrieden dürstet es nach
Neuerungen Unfälle welche seinen Gebietern zustossen sind ihm fröhliche
Begebenheiten und wiewohl es selbst unter allgemeiner Not am meisten leidet
sehnt es sich dennoch nach öffentlichem Unglück um Gelegenheit zu haben zu
murren und seine Vorsteher mit Vorwürfen zu überhäufen Wenn eine Gottheit vom
Himmel stiege die Menschen zu beherrschen sie würde nicht frei von ihrem Tadel
bleiben Der schlechteste unter ihnen hält sich für gut genug die Welt zu
regieren und eben darum weil der Pöbel nichts weiß glaubt er alles besser zu
wissen als seine Obern Vergebens würd es sein für die Glückseligkeit dieser
Unersättlichen zu arbeiten man müsste einen jeden von ihnen zu einem Sultan
machen können um ihn zufrieden zu stellen sie bleiben missvergnügt so lange
noch etwas zu wünschen übrig ist Nichts ist gefährlicher als sie mit dem
Überfluss und den Wollüsten bekannt zu machen es würde weniger Gefahr sein einen
schlafenden Löwen als die Begierlichkeit dieser Leute aufzuwecken Sie mit
seidenen Banden oder Blumenketten binden zu wollen wäre eben so viel als eine
Hyäne mit Spinneweben zu fesseln Nichts als die eiserne Notwendigkeit und die
Verzweiflung ihre Ketten jemals zerreißen zu können ist vermögend sie in ihren
Schranken zu halten und gleich andern wilden Tieren müssen sie ausgemergelt
werden und den Stock immer über ihrem Rücken schweben sehen um einen Gebieter
dulden zu lernen«
    »Danischmend« sagte der Sultan »ich gestehe die Abschilderung die uns
Eblis von dem Volke macht ist nicht geschmeichelt aber es ist Wahrheit darin
Ich denke ungern an die Folgen welche sich daraus ziehen lassen und gleichwohl
würd es wie Eblis sagt gefährlich sein sich selbst in einer so wichtigen
Sache täuschen zu wollen«
    »Gnädigster Herr« versetzte der Philosoph »ich weiß nicht ob mich meine
Gutherzigkeit verhindert hat den Menschen den ich seit mehr als fünfundzwanzig
Jahren studiere so zu sehen wie er ist Es mag wohl zu viel Rosenfarbe in
meiner Phantasie herrschen Aber wie dem auch sein mag ich kann mich unmöglich
überwinden die Menschen für so bösartig anzusehen als sie in der Theorie
dieses Eblis sind Wenn die Erfahrung für ihn zu reden scheint so spricht sie
nicht weniger für mich Kennen wir nicht kleine Völker welche im Schoße der
Freiheit und der einfältigen Mäßigung glücklich sind Vergleichen wir einmal
diese Völker mit denjenigen welche unter den Bedrückungen der willkürlichen
Gewalt einer harten Regierung schmachten Der erste Anblick wird uns sogleich
einen starken Unterschied bemerken lassen Jene zeigen uns ein gesundes
vergnügtes fröhliches Ansehen Ihre Wohnungen sind weder weitläufig noch
prächtig aber auch die ärmste ihrer Hütten sieht einer Wohnung von Menschen
nicht einem Schlupfwinkel wilder Tiere gleich Sie sind schlecht gekleidet aber
sie sind doch vor Frost und Nässe beschützt Ihre Nahrung ist eben so einfältig
aber man sieht ihnen wenigstens des Abends an dass sie zu Mittage gegessen haben
Diese schleichen als lebende Bilder des Elends mit gesenkten Häuptern umher
und heften aus hohlen Augen gramvolle Blicke auf die Erde welche sie  nicht
für sich und ihre Kinder  bauen müssen Überall begegnen unserm beleidigten
Auge blutlose ausgehungerte und sieche Körper  schwermütige düstere von
Sorgen abgezehrte Gesichter  alte Leute welche sich mit Mühe von der Stelle
schleppen um zur Belohnung einer funfzigjährigen schweren Dienstbarkeit das
wenige Brot das ihr vom Mangel eingeschrumpfter Magen noch ertragen kann dem
Mitleiden der Vorübergehenden durch Betteln abzunötigen  verwahrloste
nackende krüppelhafte Kinder oder wimmernde Säuglinge welche sich anstrengen
einer hungernden Mutter noch die letzten Blutstropfen aus der ausgemergelten
Brust zu ziehen Halb vermoderte Lumpen die von den dürren Lenden dieser
Elenden herab hangen zeigen wenigstens dass sie den Willen haben ihre Blöße zu
decken aber was wird sie vor der sengenden Sonne vor Wind und Regen und Kälte
decken Ihre armseligen aus Kot und Stroh zusammen geplackten Hütten stehen
jedem Anfall der Elemente offen
    Hierher kriechen sie wenn die untergehende Sonne sie von der täglichen
Arbeit für gefühllose Gebieter ausgespannt hat ermüdet zusammen und schätzen
sich noch glücklich wenn sie so viel Vorrat von einem Brote welches ihre
Herren für ihre Hunde zu schlecht halten würden übrig finden als sie vonnöten
haben um nicht hungrig auf einem Lager von faulendem Stroh den letzten Trost
des Elenden vergebens herbei zu seufzen«
    »Wie du malst Danischmend«  rief der Sultan mit einer auffahrenden
Bewegung aus indem er sich zu verbergen bemühte wie gerührt er war »Ich
schwöre beim Haupte des Propheten dass ich ehe der Mond wieder voll sein wird
wissen will ob innerhalb der Grenzen meines Gebiets solche Unglückliche leben
und wehe dem Sklaven dem ich die Sorge für meine Untertanen anvertraut habe in
dessen Bezirk ein Urbild deiner verfluchten Malerei gefunden würde Es ist mein
ganzer Ernst und zum Beweise davon trag ich das Amt dieser Untersuchung dir
selbst auf Danischmend Morgen nach dem ersten Gebete erwart ich dich in
meinem Zimmer damit wir weiter von der Sache sprechen«
    Was der gutherzige Danischmend dem Sultan gesagt haben mag um ihm im Namen
aller welche bei dieser Aufwallung seines königlichen Herzens interessiert
waren den demütigsten Dank zu erstatten wollen wir um uns nicht zu weit von
unserm Wege zu entfernen der Einbildung des Lesers überlassen
    »Gut« sagte SchachGebal dessen Hitze sich während der Danksagungsrede des
Philosophen wieder merklich abgekühlt hatte »du weißt meinen Willen Morgen
eine Stunde nach Sonnenaufgang Danischmend  Itzt will ich noch die Ausführung
deiner Einwendungen gegen die Theorie des Günstlings Eblis hören Lass sehen wie
du dich aus der Sache ziehen wirst«
    »Ich behauptete« fuhr Danischmend in seinem Vortrage fort »dass die
Erfahrung auf welche sich Eblis bezieht um seine hässlichen Gemälde von der
Bösartigkeit des Volkes zu rechtfertigen wenigstens eben so stark für meine als
für seine Meinung rede und ich stellte zu diesem Ende eine Vergleichung an
zwischen einem Volke welches unter einer freien oder wenigstens unter einer
milden Regierung glücklich ist und einem Volke dem ein Tyrann wie Isfandiar
mit Hilfe eines Günstlings wie Eblis so mitspielt wie man es von der
Vereinigung harter Grundsätze mit einer unempfindlichen Sinnesart erwarten kann
Wenn der Kontrast zwischen dem Wohlstande des einen und dem Elende des andern
beim ersten Anblick in die Augen fällt so wird uns eine fortgesetzte
Aufmerksamkeit keinen geringeren Abstand zwischen ihrem sittlichen Charakter
entdecken lassen Das glückliche Volk ist zufrieden mit seinem Zustande es
gewöhnet sich mit Vergnügen an ihn und ist geneigt zu glauben dass es keinen
bessern gebe Es segnet den guten Fürsten unter dessen Gesetzen es in
ungekränkter Sicherheit der Früchte seines Fleißes und seiner Mäßigung genießt
Weit entfernt Veränderungen zu wünschen ist es im Gegenteil bereit Gut und
Leben alle Augenblicke für die gegenwärtige Verfassung für ein Vaterland worin
es glücklich ist für einen Fürsten in welchem es seinen allgemeinen Vater
erblickt aufzuopfern Das unterdrückte Volk ich gestehe es sieht dem Bilde
sehr ähnlich welches Eblis unbilliger Weise von dem Volke überhaupt machte
Aber wie sollt es anders sein können Sollte sich nicht die Menschheit in
Geschöpfen welche ihre natürliche Gleichheit mit ihren Unterdrückern fühlen
gegen solche Kränkungen empören deren bloßer Anblick alle Gesetze der Natur
der Religion und des gesellschaftlichen Lebens zur Rache aufruft Ist es zu
verwundern wenn die Vergleichung ihres Elends mit dem wollüstigen und
unbarmherzigen Übermut ihrer Herren sie endlich wütend macht Oder was kann man
anders erwarten als dass anhaltende Tyrannei Sorglosigkeit für den Staat
Kaltsinn beim Anblicke der allgemeinen Not und öffentliche Verspottung
derselben durch die übertriebenste Üppigkeit ein Volk dessen Geduld erschöpft
ist endlich zur Verzweiflung treiben werde
    Das Volk sagt Eblis ist launisch in seinen Leidenschaften undankbar für
das Gute das man ihm erweist ungestüm und unersättlich in seinen Forderungen
es ist neidisch über die Vorzüge seiner Obern geneigt alle ihre Maßregeln zu
tadeln ungerecht gegen ihre Tugenden unbillig gegen ihre Fehler es sieht sie
als seine ärgsten Feinde an und ergetzt sich an allem was sie kränken und
demütigen kann als an dem angenehmsten Schauspiele  Aber sollte wohl jemand
die Verwegenheit haben können zu behaupten die Menschen seien von Natur so
bösartige Geschöpfe Wer macht sie dazu Was für Gewalt muss der Menschheit
angetan worden sein welche grausame und langwierige Misshandlungen muss sie
erlitten haben bis sie so werden konnte wie Eblis sie schildert Ist es nicht
der Gipfel der Ungerechtigkeit die Menschen dafür zu bestrafen dass sie die
verkehrten Geschöpfe sind wozu man sie selbst gemacht hat Mir deucht die
Unterdrücker der Menschheit haben wohl keine Ursache sich zu beschweren Die
unbegreifliche Geduld womit die meisten Völker des Erdbodens sich zu allen
Zeiten von einer kleinen Anzahl von Isfandiarn und Eblissen haben missbrauchen
lassen ist der stärkste Beweis der ursprünglichen Mildigkeit der menschlichen
Natur Wenn wir von Empörungen Bürgerkriegen und gewaltsamen
Staatsveränderungen hören so können wir allemal mit der größten
Wahrscheinlichkeit vermuten dass unleidliche Beleidigungen den Anlass dazu
gegeben haben«
    »Nicht allemal mein guter Danischmend« sagte der Sultan »dein Eifer für
die Sache des Volks macht dich vergessen wie viele Beispiele die Geschichte des
Erdbodens uns zeigt dass auch gute Fürsten Fürsten welche wenigstens einige
geringe Fehler mit großen Tugenden vergüteten Schlachtopfer der unbändigen
Herrschsucht eines stolzen Priesters oder der übermütigen Anmassungen
aufrührerischer Emirn geworden sind«
    »Gleichwohl« erwiderte Danischmend »würde sich vielleicht in jedem
besonderen Falle zeigen lassen dass die Fürsten auf welche Ihre Hoheit zu zielen
scheinen durch sehr wesentliche Fehler in der Regierung durch allzu große
Nachsicht gegen die Laster ihrer Günstlinge durch häufigen Missbrauch einer
willkürlichen Gewalt durch offenbare Ungerechtigkeiten und ein tyrannisches
Verfahren sowohl mit dem Volk als mit den Großen ihres Reiches sich die
unglückliche Ehre zugezogen haben der Nachwelt zu Trauerspielen Stoff zu geben
Ein König gewinne nur die Zuneigung seiner Untertanen er verdiene sich den
glorreichesten und süßesten aller Titel den Namen eines Vaters des Volks so
wird er gewiss sein können in ihrer Liebe zu seiner Regierung und zu seiner
Person unerschöpfliche Mittel gegen alle Anschläge und Unternehmungen seiner
Feinde zu finden Ich möchte den Priester oder die Emirn sehen welche die
Verwegenheit hätten sich an einen Fürsten zu wagen dem die Herzen aller seiner
Untertanen zur Brustwehr dienen«
    SchachGebal hatte vermutlich einige geheime Ursachen warum er nicht von
sich erhalten konnte die Gründe seines Philosophen überzeugend zu finden
Indessen schien er doch zu fühlen dass er den Streit nicht würde fortsetzen
können ohne seinem Gegner Blössen zu geben die den Sieg nicht lange
unentschieden lassen dürften Er spielte also das Sicherste und entließ die
Gesellschaft für diesmal indem er zu der schönen Nurmahal sagte »In der Tat
es fehlt unserm Freunde Danischmend nichts als etwas mehr Kenntnis der Welt um
für einen Philosophen ganz leidlich zu räsonieren Er hat den Fehler aller
dieser Herren gern von Dingen zu reden die er nicht versteht aber er spricht
doch gut und dies ist zum Zeitvertreib alles was ich von ihm fordre« Die
Achseln des weisen Danischmend waren im Begriff die Antwort auf dieses
unerwartete Lob zu geben als er sich noch zu rechter Zeit erinnerte dass es
nicht erlaubt sei über irgend etwas das ein Sultan sagen kann die Achseln zu
zucken Er begnügte sich also wie gewöhnlich seinen ungelehrigen Kopf gegen
den Erdboden zu stoßen und schlich davon
 
                                       2
Unsere Leser erwarten ohne Zweifel dass Danischmend mit einem Auftrage beladen
der für die Ruhe SchachGebals und für das Beste der armen Indostaner von der
größten Wichtigkeit war das Amt den alten Sultan einzuschläfern der schönen
Nurmahal wieder überlassen werde In der Tat hatte SchachGebal mit so vielem
Ernst von der Sache gesprochen dass der ehrliche Philosoph selbst so gut er
sonst die Launen seines Gebieters kannte diesmal von der Hoffnung ein Werkzeug
der Glückseligkeit seines Vaterlandes zu werden sich hintergehen ließ Diese
Hoffnung ließ die ganze Nacht durch keinen Schlaf in seine Augen kommen aber
sie entschädigte ihn dafür durch die angenehmsten Träume die jemals die Seele
eines Menschenfreundes gewieget haben Mit der unumschränkten Gewalt des Sultans
bekleidet zweifelte er keinen Augenblick an dem Erfolge seiner Bemühungen Denn
es war eine von den Maximen die er immer im Munde zu führen pflegte Die Großen
könnten alles was sie ernstlich wollten »Welche Wonne« rief er aus »in kurzem
soll der Mann der im ganzen Indostan am wenigsten glücklich ist der Sultan
selber sein«
    Sobald die ersten Sonnenstrahlen den Horizont röteten stand Danischmend im
Vorzimmer so munter als ob niemand besser geschlafen hätte als er Aber es
vergingen drei oder vier Stunden bis SchachGebal wiewohl er in der Tat nichts
Wichtigers zu tun hatte Zeit finden konnte sich seiner zu erinnern »Ist
Danischmend da« fragte er endlich nachdem er wohl dreimal war berichtet
worden dass Danischmend da sei »Lasst ihn herein kommen«  Der arme Philosoph
der inzwischen Zeit genug gehabt hatte aus seinen schönen Träumen zu erwachen
denn zu den Träumen eines Menschenfreundes kann wohl kein unbequemerer Ort sein
als ein Vorgemach schlich mit gesenkten Ohren herbei »Ha mein guter
Danischmend« rief ihm der Sultan mit einer jovialischen Miene zu »ich hatte
dich ganz vergessen Was bringst du uns Neues Danischmend«  Diese Anrede
hätte einem feinern Höfling als unser Philosoph war die undankbare Mühe
erspart Seine Hoheit an einen unangenehmen Gegenstand zu erinnern dessen
Andenken Sie wie es schien glücklich verschlafen hatten Aber Danischmend
hätte so lange an dem Hofe zu Dehly leben können als Nestor ohne jemals ein
Hofmann zu werden Er erinnerte also den Sultan an seinen gestrigen Schwur
SchachGebal hörte alles was ihm der gute Mann zu sagen hatte mit vieler
Gefälligkeit an »Aber bedenkst du auch« sagte Gebal »dass du in drei Jahren
nicht fertig werden könntest wenn du alle meine Provinzen durchreisen und von
Haus zu Haus dich erkundigen wolltest wie sich die Leute befinden Ich kann
mich unmöglich entschließen dich so lange zu entbehren Weißt du was
Danischmend Das erste Mal wenn ich auf die Jagd reite sollst du mich
begleiten Wir werden da leicht Gelegenheit finden uns von meinen übrigen
Leuten zu entfernen und dann wollen wir ohne uns zu erkennen zu geben die
Nacht in irgend einem abgelegnen Dorfe zubringen Finden wir dort eine lebendige
Seele welche Böses von mir spricht so soll mir der Emir in dessen Bezirk der
Ort gehört dafür Rechenschaft geben Ich will ihn zu einem Beispiel für die
übrigen machen und verlass dich darauf dass es nicht ohne Wirkung sein soll
Indessen können wir mit Musse an die Ausführung deiner Entwürfe denken Aber sage
mir Danischmend hast du ausfündig gemacht wer die drei Kalender waren welche
gestern jenseits des Flusses den Gärten meines Serails gegen über unter der
großen Cypresse saßen« 
    Danischmend hustete noch zu rechter Zeit einen Seufzer weg der ihm entgehen
wollte und von diesem Augenblick an war die Rede  von den drei Kalendern
 
                                       3
In der folgenden Nacht wurde bis der Sultan einschlief von  den drei
Kalendern gesprochen Nurmahal und der junge Mirza hatten sehr viel von ihnen zu
sagen
    Die Nachrichten welche man über diesen wichtigen Gegenstand einzog waren
so mannigfaltig hingen so wenig zusammen und schienen so viel Geheimnisvolles
zu verraten dass man etliche Nächte hinter einander von nichts anderm reden
konnte als von den drei Kalendern Inzwischen lief doch am Ende alles darauf
hinaus dass man nichts Sonderliches von ihnen wüsste und dass es sich in der Tat
der Mühe nicht verlohnte mehr von ihnen wissen zu wollen
    Endlich wurde SchachGebal dieses Zwischenspiels überdrüssig
    »Ihr seid mir feine Leute« sagte SchachGebal »Ich will die Geschichte der
Könige von Scheschian wissen und man spricht mir seit sieben Tagen von nichts
als von Kalendern Bin ich etwa ein SchachRiar«
    Es versteht sich von selbst dass es nur auf Seine Hoheit angekommen war
diese sieben Tage durch mit andern Gegenständen unterhalten zu werden Aber wie
jedermann weiß würd es sehr unhöflich gewesen sein den Sultan etwas von dieser
Reflexion merken zu lassen
    Danischmend setzte demnach seine Erzählung von Isfandiar und seinem
Günstlinge folgender Massen fort
    »Den Grundsätzen des sinnreichen Eblis zu Folge war nichts unweiser als ein
so gefährliches Tier wie er das Volk abmalte reich werden zu lassen Aber zum
Unglück für die Scheschianer blieb die Bedeutung des Wortes reich so unbestimmt
dass Eblis die armen Leute so lange sie noch etwas hatten was sich wenn das
Wort Bedürfnis im engsten Sinne genommen wird entbehren lässt immer noch zu
reich fand
    Der Adel in Scheschian war von Alters her ein Mittelstand zwischen dem
Fürsten und dem Volke gewesen Die Könige hatten die Edelen als ihre geborenen
Räte und Gehülfen in der Verwaltung der besonderen Teile des königlichen Amtes
betrachtet und wiewohl das Ansehen des Adels unter dem tatarischen Stamme von
Stufe zu Stufe nach eben dem Verhältnisse wie das königliche stieg gesunken
war so besaß er doch wenigstens noch sehr schöne Überbleibsel seiner ehmaligen
Vorzüge
    In allen Staaten wo sich ein solcher Mittelstand zwischen dem Fürsten und
dem Volke befindet hat man zu allen Zeiten wahrgenommen dass sich der Adel auf
Unkosten des Volkes und das Volk sich auf Unkosten des Adels zu vergrößern
sucht Jener da er wenig Hoffnung hat seine Rechte auf der Seite des Trones
zu erweitern sucht sich für seine Ergebenheit gegen denselben durch Anmassungen
über die Rechte des Volkes zu entschädigen Dieses da es sich von allen Seiten
gedrängt sieht und leicht begreift dass es dem Übergewicht des Trones am
wenigsten widerstehen kann wendet alles an sich wenigstens die kleinen
Tyrannen vom Halse zu schaffen deren Joch desto verhasster ist je weniger sie
ihre Bedrückungen durch den Vorwand des allgemeinen Besten erträglicher machen
können Man gibt dem Fürsten williger weil man weiß dass die Sorgen für den
ganzen Staat auf seinen Schultern liegen und weil wenigstens die Vermutung
vorwaltet dass ein Teil der öffentlichen Abgaben zu Bestreitung der öffentlichen
Bedürfnisse angewandt werde Aber alles was man denjenigen geben muss welche
dem Könige gegen über eben so demutsvolle Untertanen als die übrigen in dem
Bezirke hingegen wo sie zu befehlen haben kleine Monarchen vorstellen sieht
man als unbillige Erpressungen an welche man seinen eigenen Bedürfnissen
abbrechen muss um den Stolz und die Üppigkeit einer Menschenklasse zu nähren
die man für sehr entbehrlich hält weil der Vorteil den sie dem Ganzen
verschaffen nicht sogleich in die Sinne fällt
    Die Könige haben von jeher sich dieser gegenseitigen Gesinnung des Adels und
des Volkes zur Ausdehnung ihrer eigenen Gewalt gar meisterlich zu bedienen
gewusst Sie haben das Volk gebraucht den Adel niederzudrücken und sobald dieser
Zweck erreicht war dem Adel dessen Beistand sie gegen den besorglichen Übermut
des Volkes vonnöten zu haben glaubten die Werkzeuge seiner Unterdrückung Preis
gegeben
    Da es zu spät war wurde Volk und Adel gewahr dass sie sich zu einer sehr
albernen Rolle hatten gebrauchen lassen dass in einem Staate wo das Volk im
Besitze großer Vorrechte ist die Vorzüge des Adels dem Volk eben so heilig sein
sollen als seine eigenen und dass jeder von diesen beiden Ständen nicht nur
seine eigene sondern die allgemeine Sicherheit und den öffentlichen Wohlstand
untergräbt wenn er die Rechte des andern zu schwächen oder seinen besonderen
Nutzen auf Kosten des andern zu vergrößern sucht
    Die Scheschianer waren in diesem Stücke nicht vorsichtiger gewesen als viele
andre Völker Der Hof hatte sich ihre Torheit zu Nutze gemacht weil das
Interesse der Höflinge ist die Autorität eines Herrn der durch ihre Einflüsse
regiert wird und in dessen Gewalt sie sich teilen so unumschränkt zu machen als
sie können Sie überredeten die Könige  und nichts kostet weniger Mühe als
diese Überredung  dass ein Fürst an Ansehen und Macht gewinne was sein Adel
und sein Volk an Freiheit und Reichtum verliere und die guten Könige dachten
gewiss an nichts weniger als an die unfehlbare Folge der politischen Operation
wozu sie sich so leicht bereden ließ Die Erfahrung musste sie belehren dass
ein Despot dessen Adel aus Höflingen und dessen Volk aus Bettlern besteht 
ein Despot dessen Städte ohne Einwohner sind und dessen Ländereien brachliegen
und verwildern ein Despot der anstatt über zwanzig Millionen glücklicher
Menschen über halb so viel träge missvergnügte und mutlose Sklaven zu gebieten
hat  dass dieser Despot ein viel kleinerer Herr sei als ein eingeschränkter
Fürst der nicht spitzfündig genug ist einen Unterschied zwischen seinem Nutzen
und dem Nutzen seiner Untertanen zu machen sondern einfältiglich der Stimme
seines Menschenverstandes glaubt die ihn versichert dass es besser sei der
geliebte Vater von den Bewohnern eines kleinen Landes als der gefürchtete
Tyrann einer ungeheueren Einöde zu sein in welcher hier und da noch
hervorragende Trümmer das Zeugnis ablegen dass einst Menschen da gewohnt haben
welche bessere Zeiten sahen als die seinigen
    Die Erfahrung musste die Könige von Scheschian von dieser großen Wahrheit
dem Grundpfeiler aller wahren Staatskunst unterrichten aber wie Isfandiar
vielleicht anfing sie gewahr zu werden  war es zu spät
    Unter der Regierung des schwachen Azor war der größte Teil des Adels durch
den übermäßigen Aufwand wozu er von dem Beispiele des Hofes verleitet und
gewisser Massen genötigt wurde in sehr kurzer Zeit dahin gebracht worden in
den niedrigsten Hofkünsten die Mittel zu suchen diesen Aufwand auf andrer Leute
Unkosten fortzusetzen Unter Isfandiarn wurde das Werk der vorher gehenden
Regierungen und der eigenen Torheit der Edelen vollendet Übermässige Ungleichheit
ist die verderbliche Pest eines Staats sagte Eblis Und so musste eine sehr
wichtige aber in den Händen eines verächtlichen Werkzeuges der Tyrannei sehr
übel versorgte Wahrheit zum Vorwande dienen den Adel zum Volk und beide zu
Sklaven herab zu würdigen Vor dem blendenden Glanze des Trones verschwand
aller Unterschied Isfandiar sah den edelsten Emir des Reichs und den
niedrigsten Tagelöhner gleich weit unter sich und es war ein Spiel für ihn aus
einem Reitknechte wenn es ihm einfiel einen Fürsten zu machen Dies war das
unfehlbare Mittel jeden Überrest von Tugend und Ehre der noch in den
ausgearteten Söhnen besserer Väter glimmte zu ersticken Die Edelen sanken so
wie sie sich an eine solche Behandlung gewöhnen lernten zu wirklichem Pöbel
herab und wenn sie sich noch durch etwas von ihm unterschieden so war es durch
einen höheren Grad von Unwissenheit und Ungezogenheit durch schlechtere Sitten
und einen vollständigern Verlust alles moralischen Gefühls aller Scheu vor sich
selbst vor dem Urteil ihrer Zeitgenossen und vor dem furchtbaren und
unbestechlichen Gerichte der Nachwelt Unfähig sich zu dem großen Gedanken ihrer
wahren Bestimmung zu erheben unfähig sich in dem schönen Lichte geborner
Fürsprecher des Volkes und Mittler zwischen ihm und dem Thron anzusehen setzten
sie ihre Ehre in eine unbedingte Unterwürfigkeit unter die gesetzlose Willkür
des Sultans sie wetteiferten um den Vorzug die Werkzeuge seiner schändlichsten
Leidenschaften seiner ungerechtesten Befehle zu sein Wer am niederträchtigsten
schmeicheln am wurmähnlichsten kriechen am geschicktesten betrügen konnte wer
den Mut hatte einer Schandtat mit der unerschrockensten Miene unter die Augen zu
gehen kurz wer sich aller dieser Schwachheiten der menschlichen Natur die man
Scham Mitleiden und Gewissen nennt am vollkommensten entlediget und in der
Fertigkeit des Lasters in der Kunst es mit dem edelsten Anstande mit der
leichtesten Grazie auszuüben den höchsten Gipfel erreicht hatte  war der
beneidete Mann den die geringeren Bösewichter mit Ehrfurcht ansahen der Mann
der gewiss war sein Glück zu machen und nach welchem jedermann sich zu bilden
beflissen war Zu einem so grässlichen Zustande von Verderbnis hatte das Gift der
Grundsätze des sinnreichen Eblis die Scheschianer gebracht und so gewiss ist es
dass die Menschen eben so leicht als ein weiser und guter Fürst sie zu guten
Geschöpfen bilden kann sich von einem Isfandiar zu Ungeheuern umgestalten
lassen
    Dieser hassenswürdige Tyrann begnügte sich nicht durch alle Arten von
Räuberei und Unterdrückung seine Untertanen so elend zu machen als es ohne sie
gänzlich und auf einmal aufzureiben möglich war er wollte sie auch dahin
bringen dass sie unfähig wären die Tiefe ihres Elendes einzusehen Wenn er dabei
die Absicht gehabt hätte ihnen das Gefühl desselben zu benehmen indem er
machte dass sie es für ihren natürlichen Zustand hielten so hätte man es ihm
noch für einen Überrest von Menschlichkeit gelten lassen können Aber Isfandiar
würde sehr beschämt gewesen sein zu dem Verdachte dass er einer solchen
Schwachheit fähig wäre Anlass zu geben Er hatte keine andre Absicht dabei als
es ihnen unmöglich zu machen auch nur den bloßen Gedanken zu fassen dass
Menschen nicht dazu erschaffen sein könnten sich von einem Menschen so sehr
misshandeln zu lassen Zu diesem Ende wurde Sorge getragen alles von ihnen zu
entfernen was ihnen einen gesunden Begriff von der Bestimmung und den Rechten
der Menschheit von dem Zwecke des gesellschaftlichen Vereins und von dem
unverbrüchlichen Vertrage der dabei zum Grunde liegt hätte geben können Jede
andre als die Philosophie des Eblis wurde aus Scheschian verbannt Niemand
durfte sich zu einem Schriftsteller aufwerfen ohne vom Hofe dazu
bevollmächtiget zu sein und seine Schrift der Beurteilung desselben unterworfen
zu haben und ein paar ehrliche Entusiasten welche der Anblick ihres
Vaterlandes dahin gebracht hatte in einem Anstoß von Verzweiflung Wahrheiten zu
sagen welche man nur unter guten Fürsten sagen darf wurden so grausam wegen
dieser aufrührerischen Vermessenheit gezüchtiget dass einem jeden dem seine
Ohren und seine Nase lieber waren als sein Vaterland die Lust vergehen musste
ihrem Beispiele nachzufolgen
    Inzwischen herrschte am Hofe Isfandiars und unter den verschiedenen Klassen
und Ordnungen der Werkzeuge seiner Tyrannei eine alle Einbildung übersteigende
Üppigkeit Alle Künste welche der Wollust dienstbar sind wurden nach dem Masse
ihrer Unnützlichkeit in eben dem Verhältnise hochgeschätzt und aufgemuntert wie
die nützlichern Künste nach dem Grad ihrer Nützlichkeit verachtet gehemmt und
abgeschreckt wurden Und weil die Bestrebung dem verzärtelten Geschmack und den
stumpfen Sinnen der Großen neue Bequemlichkeiten neue Ersparungen des kleinsten
Aufwands ihrer ausgenutzten Kräfte neue Mittel ihre schlaffen Nerven reizbar zu
machen anzubieten beinahe der einzige Weg war der dem Volke zu Verbesserung
seines Zustandes noch offen stand so wurden täglich neue Künste oder
wenigstens neue Werkzeuge der üppigen Weichlichkeit erfunden und während dass
der Ackerbau im kläglichsten Verfalle lag stiegen jene zu einem Grade von
Vollkommenheit wovon man in den Zeiten der schönen Lili noch keinen Begriff
hatte Eblis triumphierte bei jeder Gelegenheit über diese herrliche Wirkung
seiner Grundsätze Was für Wunderwerke pflegte er zu sagen kann Hunger und
Gewinnsucht tun Ich biete allen Zauberern und Feen Trotz mit allen ihren
Stäben und Talismanen auszurichten was ich ganz allein durch diese zwei
mächtigen Triebräder der menschlichen Natur bewerkstelligen will
    In der Tat gewannen die meisten welche Tag und Nacht für die Üppigkeit des
scheschianischen Hofes arbeiten mussten wenig mehr dabei als den notdürftigsten
Unterhalt Aber auch hier vergaß Eblis seine Grundsätze nicht Von Zeit zu Zeit
erhielt ein Mann von Talenten wie man diese Leute nannte eine Belohnung
welche die Begierde der übrigen so heftig anfachte dass sich Tausende in der
Hoffnung eines ähnlichen Glückes zu Tode arbeiteten Indessen hütete man sich
doch sorgfältig kein Talent zu belohnen bei welchem es nur im mindesten
zweideutig sein konnte dass es nicht etwann wegen eines Vorzugs in demjenigen
was die eigentliche Vollkommenheit desselben ausmacht sondern bloß als ein
Werkzeug der Üppigkeit Isfandiars und seiner Günstlinge belohnt werde
    Der beliebteste Maler der Mann dessen Arbeit mit Entzücken angepriesen und
mit Golde aufgewogen wurde war nicht der größte Meister in der Kunst sondern
derjenige welcher leichtfertige Gegenstände auf die wollüstigste Weise zu
behandeln wusste und eine Sängerin welche in der Sprache dieses Hofes zu
reden albern genug war nur durch die Vollkommenheiten einer schönen Stimme und
den Gebrauch derselben zum Ausdruck hoher Empfindungen und tugendhafter
Leidenschaften gefallen zu wollen hatte die Freiheit im Besitz einer frostigen
Bewunderung unbedauert zu verhungern während eine andre durch die anziehende
Kraft ihrer Augen durch ein gewisses wollüstiges Girren und hinsterbende Töne
üppige Bilder in der Phantasie ihrer Zuhörer rege zu machen mit einem unendlich
kleineren Talent der Abgott der Leute von Geschmack war und den Aufwand einer
Prinzessin machen konnte
    Die Weissagungen der verdrießlichen Alten welche dem scheschianischen
Reiche von der goldnen Zeit der Königin Lili Unglück und Verderben angedrohet
hatten waren nun in ihre vollständigste Erfüllung gegangen Der kleinste Teil
der Nation führte das Eigentum und den Erwerb des größeren gleich einem dem
Feind abgejagten Raub durch die ungeheuerste Verschwendung im Triumph auf Ein
größerer Teil suchte durch seine Bereitwilligkeit im Dienste der Großen jedes
Laster zu begehen sich ein Recht an das beneidete Glück den Raub mit ihnen zu
teilen zu erwerben Aber der größte Teil schmachtete in einem Zustande den nur
die lange Gewohnheit alles zu leiden und die sklavische Mutlosigkeit eines
stufenweise zum Vieh herab gewürdigten Volkes dem Tode vorziehen konnte Die
Verderbnis der Sitten war so groß dass selbst den wenigen welche noch einen
Überrest von Rechtschaffenheit wie aus einem allgemeinen Schiffbruche gerettet
hatten alle Hoffnung verging dem Strom entgegen zu schwimmen Alle Stände
hatten ihre wahre Bestimmung vergessen oder waren unfähig gemacht worden sie zu
erfüllen Die niedrigste Klasse hörte auf zu arbeiten das Land und die Städte
wimmelten von ungestümen Bettlern welche ihren Müßiggang zur Schande der
Regierung mit dem Mangel der Arbeit entschuldigten Gleichwohl wurden die
fruchtbarsten Provinzen des Reichs aus Mangel an Anbauung nach und nach zu
Wildnissen Die Gewerbe nahmen zusehens ab der Kreislauf der Lebenssäfte des
Staats war allenthalben gehemmt und die Hauptstadt selbst die schon so lange
der Schlund gewesen war in welchen alle Reichtümer desselben sich
unwiderbringlich verloren hatten stellte den empörenden Kontrast der äußersten
Üppigkeit und des äußersten Elendes in einem Grade der die Menschheit
beleidigte dar Eine halbe Million hungernder Menschen schrie den Sultan um
Brot an wenn er sich in einem schimmernden Palankin zu einem seiner Großen
tragen ließ um den Ertrag etlicher Provinzen in einem einzigen abscheulichen
Gastmahle verschlingen zu helfen  und der Lärm der Trompeten und Pauken der
dem unglücklichen Volke die grausame Fröhlichkeit seiner Tyrannen ankündigte
machte ihr Murren ihre Verwünschungen unhörbar Die Großen die Günstlinge
Isfandiar selbst konnten bei aller Bemühung einander vorsetzlich zu
verblenden sich selbst die schreckliche Wahrheit nicht verbergen dass sich das
Reich seinem Untergang nähere Auch mangelte es nicht an Vorschlägen und
Entwürfen den schädlichsten Missbräuchen abzuhelfen das Finanzwesen zu
verbessern den Untertanen ihre Last zu erleichtern den Fleiß wieder
aufzumuntern und so ferner Aber die einzigen von diesen Entwürfen die der
Ausführung wert waren wurden entweder als patriotische Träume verworfen oder
unter allerlei Vorwänden dem Privatvorteile gewisser Leute aufgeopfert Einige
angebliche Verbesserungen wurden zwar ins Werk gesetzt aber sie bestanden in
bloßen Palliativen welche die Ausbrüche des Übels eine Zeit lang verbargen
ohne die Wurzel desselben auszurotten Die missverstandene Maxime dass man dem
allzu tief eingedrungenen Luxus nicht Einhalt tun könne ohne die ganze Maschine
des Staats in die gefährlichste Stockung zu setzen war immer die Antwort womit
sich diejenigen abfertigen lassen mussten welche augenscheinlich bewiesen dass
es lächerlich sei eine Krankheit die man vorsetzlich ernährt durch
schmerzlindernde Mittel heilen zu wollen Doch gesetzt auch Isfandiar da ihn
endlich die ersten Erschütterungen des Trones dessen Grundfeste untergraben
war geneigt machten zu allen Rettungsmitteln die Hand zu bieten gesetzt er
hätte einen großen durchdachten das Ganze umfassenden Entwurf einer
allgemeinen Verbesserung unternehmen wollen so mangelte es ihm an geschickten
und redlichen Männern denen er die Ausführung anvertrauen konnte Wo hätte er
solche Männer suchen sollen In welcher Schule durch welche Beispiele hätten
sie sollen gebildet werden Es war schon lange seit der Geist der Tugend die
Scheschianer verlassen hatte Niemand bekümmerte sich um das gemeine Beste der
Name Vaterland setzte das Herz in keine Wallung ein jeder sah in seinem
Mitbürger in seinem Bruder selbst nichts als einen heimlichen Feind einen
Nebenbuhler einen Menschen dessen Anteil den seinigen kleiner machte Jeder
dachte nur auf seinen eigenen Vorteil und wenige Unbekannte welche das
Verderben ihres Volkes im verborgenen beweinten ausgenommen war niemand der
nicht alle Augenblicke bereit gewesen wäre einen beträchtlichen Privatvorteil
mit dem Untergang der halben Nation zu erkaufen Der Luxus hatte die ganze Masse
dieses unglücklichen Reiches mit einem so wirksamen Gift angesteckt dass der
Kopf und das Herz der Geschmack und die Sitten die Leiber und die Seelen
seiner Einwohner gleich ungesund und da das Übel seiner Natur nach langwierig
ist durch die Länge der Zeit so daran gewöhnt waren dass dieser abscheuliche
Zustand ihnen zur andern Natur geworden war Die Gefühllosigkeit für das Elend
ihrer Mitbürger herrschte nicht nur in den verhärteten Herzen der Großen sie
hatte sich aller Stände bemeistert Jedermann dachte nur darauf wie er die
allgemeine Not zu seinem eigenen Vorteil benutzen wolle und das Übel nahm
täglich zu so wie sich diejenigen vermehrten die bei dem Untergange des Staats
zu gewinnen hofften Alle Rechtschaffenen hatten sich so weit als möglich von
einem Hof entfernt wo die Weisheit lächerlich und die Tugend ein Verbrechen
war und der unglückliche Isfandiar sah sich zu einer Zeit da die Weisesten und
Besten kaum hinreichend gewesen wären den Staat zu retten von einer Bande von
Witzlingen Lustigmachern Gauklern Kupplern und Schelmen umgeben welche je
näher der Augenblick des allgemeinen Untergangs heran nahte in diesem Gedanken
selbst eine neue Aufmunterung zu jedem fröhlichen Bubenstücke zu finden und
entschlossen zu sein schienen dem Verderben in einem Rausch von sinnloser
Betäubung entgegen zu taumeln
    Unter den unzulänglichen Mitteln mit welchen Eblis die Ausbrüche der
tödlichen Krankheit des Staats zu verstopfen suchte war eines welches durch
seine unvermeidlichen Folgen das Übel dem es abhelfen sollte unendlich
verschlimmerte In allen großen Staaten die man jemals auf der Fläche des
Erdbodens entstehen und verschwinden gesehen hat zog der äußerste Luxus
übermäßige Üppigkeit unter den Großen und Reichen und übermässiges Elend unter
den Armen nach sich Beides bringt in Absicht auf die Sitten einerlei Wirkung
hervor Die Reichen stürzen sich durch Verschwendung und Müßiggang in die Gefahr
arm zu werden der Anblick dieser Gefahr ist ihnen unerträglich und um ihr zu
entgehen ist kein Verbrechen keine Schandtat keine Unmenschlichkeit welche
sie nicht zu begehen bereit sein sollten Und warum sollten sie nicht da der
Witz der bei ihnen die Stelle der Vernunft vertritt dem Laster schon lange den
Weg gebahnt und mit Hilfe eines verzärtelten Geschmackes gearbeitet hat den
Unterschied zwischen Recht und Unrecht aufzuheben und das angenehme oder
nützliche Verbrechen mit tausend Reizungen ja selbst mit dem Schein der Tugend
auszuschmücken Die Armen bringt die Verzweiflung einen andern Ausweg aus ihrem
gegenwärtigen Elend zu finden zu dem unglücklichen Entschluss es durch
lasterhafte Mittel zu versuchen Ein Elender der nichts zu verlieren hat lässt
sich um seinen Zustand zu verbessern zu allem gebrauchen er wird ein
Betrüger ein falscher Zeuge ein Giftmischer ein Meuchelmörder sobald etwas
dabei zu gewinnen ist Andre welche die Unterdrückung mutlos und die
Mutlosigkeit faul gemacht hat stürzen sich auf dem abhängigen Wege des
Müssiggangs bis in die schändlichsten Laster hinab Sie werden aus Bettlern
Diebe aus Dieben Strassenräuber und Mordbrenner Andere finden in dem
schimmernden Zustande worein sie Leute die eben so wenig Ansprüche an Glück zu
machen hatten als sie selbst durch Aufopferung der Tugend versetzt sehen einen
Reiz den die Vergleichung desselben mit ihrem gegenwärtigen Elend
unwiderstehlich macht Ist es Wunder wenn der Anblick einer mit Diamanten
behangenen Lais die in einem vergoldeten Triumphwagen den Gewinn ihrer Unzucht
zur Schau trägt tausend junge Dirnen zu Priesterinnen der Venus oder wenn der
Anblick eines zu den höchsten Würden im Staat empor gestiegenen Kupplers tausend
Kuppler macht Es ging also sehr natürlich zu wenn zu Isfandiars Zeiten alle
Arten von Lastern in Scheschian im Schwange gingen nichts als ein
unaufhörliches Wunderwerk hätte die natürlichen Wirkungen täglich anwachsender
Ursachen hemmen können Der Übergang von einer Stufe des Lasters zur andern ist
unmerklich es kostet unendlich mehr Mühe sich zu der kleinsten vorsetzlichen
Übeltat wenn es die erste ist zu entschließen als das Ärgste zu begehen wenn
man einmal die unglückliche Leichtigkeit Böses zu tun erlangt hat Kommt dann
noch die Ansteckung verdorbener Sitten bei einem ganzen Volke und das häufige
Schauspiel der unterdrückten Tugend und des siegprangenden Lasters hinzu sehen
wir den Fürsten und die Großen selbst die Verachtung der Gesetze und der Tugend
durch ihr Beispiel aufmuntern dann ist wahrhaftig der Fall da wo es eben so
barbarisch ist Verbrechen zu bestrafen als es ungerecht wäre einem Menschen
den man hinterlistiger Weise trunken gemacht die Ausschweifungen zur Last zu
legen die er in der Abwesenheit seiner Vernunft begangen hätte
    Eblis machte diese Betrachtung nicht Er sah nur das Übel die Quelle wollt
er nicht sehen Aber das Übel erheischte schleunige Mittel Die geringeren
Verbrechen hatten für die Scheschianer nichts Abschreckendes mehr denn die
ungeheuersten fingen an alltäglich zu werden Giftmischerei und Vatermord wurden
so gewöhnlich dass sich niemand mehr getraute mit seinem Erben unter Einem Dache
zu wohnen Alle Bande der Gesellschaft waren los und wie hätten die
bürgerlichen Gesetze einem Volke welches die Natur selbst zu misshandeln fähig
war Ehrfurcht einprägen sollen Keine öffentliche Sicherheit keine Scheu vor
der Schande mehr Es war leichter unter der Klasse welche sich Leute von Ehre
nennen einen falschen Zeugen oder einen Meuchelmörder als unter dem Pöbel
einen Tagelöhner zu mieten Die allgemeine Verderbnis hatte auch die schönere
Hälfte der Nation alles dessen beraubt was die Schönheit veredelt und sogar den
Mangel derselben vergüten kann Schamhaftigkeit und Unschuld die lieblichsten
Grazien dieses Geschlechts waren den Scheschianerinnen fremde  noch mehr sie
waren ihnen lächerlich geworden Es war unmöglich eine ehrliche Frau von einer
Metze an etwas anderm zu unterscheiden als an der seltsamen Affektation womit
diese sich bemühten wie ehrliche Frauen und jene wie Metzen auszusehen Mit
einem Buhler davon zu laufen oder einem Manne der nicht so viel Gefälligkeit
hatte als ein Mann von Lebensart haben sollte Rattenpulver einzugeben waren
Verbrechen denen sich ein jeder der das Unglück hatte vermählt zu sein
täglich ausgesetzt sah Die Justiz hatte ihr möglichstes getan den unleidlichen
Ausbrüchen dieses sittlichen Verderbens Einhalt zu tun Alle Gefängnisse und
alle Galgen in Scheschian waren angefüllt aber man verspürte keine Abnahme des
Übels Die Hauptstadt selbst ungeachtet der künstlichen und scharfen Polizei
welche Eblis darin eingeführt hatte sah mehr einem ungeheueren Haufen von
schändlichen Häusern und Mördergruben als dem Mittelpunkt eines großen Reichs
ähnlich Verzweifelte Übel erheischen verzweifelte Heilungsmittel sagten die
politischen Quacksalber an Isfandiars Hofe Man schärfte also die Strafgesetze
man vermehrte sie ins unendliche man erfand neue Todesarten man ermunterte die
Angeber geheimer Verbrechen durch ansehnliche Belohnungen man bemächtigte sich
der Personen auf den leichtesten Argwohn  und man war ungemein betroffen oder
stellte sich doch wenigstens so da man gewahr wurde dass eine so vortreffliche
Justiz  die Scheschianer nicht besser machte Im Gegenteil zeigte sich bald
dass die Kur ärger als die Krankheit selbst war Man wollte die öffentliche
Sicherheit wieder herstellen und die allgemeine Gefahr vermehrte sich Man
wollte dem Verbrechen Einhalt tun und man öffnete ihm tausend neue Pforten
Zuvor hatten die Scheschianer nur vor Räubern und Mördern gezittert jetzt
zitterte man auch noch vor den Angebern Zuvor kannte der Unmensch der durch
eines andern Tod gewinnen wollte kein andres Mittel zu seinem Zwecke zu
gelangen als Gift und Dolch nun gab es ein gesetzmässiges Mittel wobei wenig
Gefahr und viel zu gewinnen war man machte sich zum Angeber und ging mit seinem
Anteile an dem Raube der Justiz im Triumphe davon Die Scheschianer merkten
bald dass die Profession der Angeber einträglicher war als irgend eine andre
Sie gab häufige Gelegenheiten sich um die Großen verdient zu machen und
verschiedene Beispiele eines schleunigen und blendenden Glückes welches auf
diesem Wege war gefunden worden reizten die allgemeine Begierlichkeit
Jedermann ward zum Angeber Das Laster verlor in der Tat die Sicherheit die es
so lange genossen aber zum Unglück hatte die Unschuld hierin keinen Vorteil vor
ihm Die Scheschianer fanden alles gegen einander abgewogen mehr Vorteil
dabei wenn sie fortführen lasterhaft zu sein und so zeigte sich am Ende dass
man durch diese übel bedachten Veranstaltungen die Verbrechen nicht
abgeschreckt aber wohl den kleinen Überrest von Unschuld und Tugend der den
verdorbenen Staat noch vor der Fäulnis und gänzlichen Auflösung bewahrte völlig
vernichtet hatte
    Ärger konnte wohl eine Staatsoperation von solcher Wichtigkeit nicht
misslingen Aber der schlaue Eblis hatte doch etwas dabei gewonnen wodurch er
überflüssig entschädigt zu sein glaubte Die unendliche Vermehrung der
Strafgesetze hatte ihm unter dem Schein einer preiswürdigen Fürsorge für die
Sitten einen Weg gezeigt die Sünden der Scheschianer zu einer reichen Quelle
von Einkünften zu machen Die Ergiebigkeit derselben hatte etwas so Anreizendes
dass man täglich auf die Vervollkommnung dieses edlen Zweiges der Finanzen
bedacht war Insonderheit schien das Verbrechen der beleidigten Majestät ein
herrliches Mittel sich der Güter der Großen und Reichen mit guter Art zu
bemächtigen Die Rechtsgelehrten von Scheschian Leute welche für einen
leidlichen Preis alles was der Hof gern sah zu Recht erkannten erschöpften
daher alle ihre Scharfsinnigkeit die Theorie eines so einträglichen Verbrechens
aufs feinste auszuarbeiten sie setzten alle seine Äste und Zweige bis auf die
allerkleinsten Fäserchen sehr künstlich aus einander und bewiesen zum Schrecken
der armen Scheschianer dass man zu gewissen Zeiten kaum ein Glied rühren kaum
Atem holen könnte ohne sich dieses furchtbaren Lasters schuldig zu machen
    Es konnte mit einem bloßen Worte mit einer Miene in Gedanken ja sogar im
Traume  es konnte an dem elendesten Gemälde das den König vorstellte an einem
Bedienten der königlichen Küche an einem königlichen Hunde an dem Napfe worein
der König spuckte begangen werden Der behutsamste Tadel der Maßregeln des
Hofes der kleinste Seufzer den das Mitleiden mit sich selbst einem Unrecht
leidenden Scheschianer auspresste die leiseste Berufung auf die Rechte der
Menschheit war ein Majestätsverbrechen Zum Beweise dass man des Vergnügens zu
strafen nicht satt werden könne schien man nichts Angelegners zu haben als der
Nation täglich neue Gelegenheiten zu geben sich strafbar zu machen und
niemand ach niemand ließ sich in den Sinn kommen dass das strafwürdigste das
ungeheuerste aller Verbrechen  die Beleidigung der Menschheit sei«
    »Danischmend« rief der Sultan aus »ich bin deines Isfandiars müde Der
Sultan sein Günstling sein Hof und seine Untertanen sind samt und sonders
nicht würdig länger von der Sonne beschienen zu werden Wie wenn du eine
hübsche Sündflut kommen ließest und die ganze ekelhafte Brut vom Erdboden
wegspültest«
    »Sire« sagte Danischmend »dies ist die Sache des Himmels er wird seine
Ursache haben warum er einer verbrecherischen Welt so lange zusieht«
    »Keine Metaphysik Herr Doktor Höre was ich dir sagen werde Ich gebe dir
bis morgen Bedenkzeit ob du sie durch ein Erdbeben oder durch eine Sündflut
oder durch Heuschrecken und Pest vertilgen willst Genug wenn sie mir nur je
eher je lieber aus den Augen kommen«
 
                                       4
»Die Lebenskräfte eines großen Reiches« so fuhr Danischmend des folgenden
Abends fort »sind beinahe unerschöpflich und eine Nation kann sich
Jahrhunderte lang ihrem Untergange nähern kann oft unmittelbar an dem Rande
desselben schwanken und noch Kräfte genug haben sich wieder aufzuraffen und
den schrecklichen Augenblick etliche Jahre weiter hinaus zu setzen Ein
weitläufiges unter einem günstigen Himmel liegendes Land welches eine lange
Zeit aufs fleissigste angebaut worden ist muss lange verwahrloset werden bis es
zur Wildnis wird und Menschen welche einmal an gewisse Gesetze an einen
gewissen Grad von Unterwürfigkeit gewöhnt sind können unendlich viel leiden
bis das Unvermögen ihren Zustand länger auszustehen die Bezauberung auflöst
oder Verzweiflung ihnen wenigstens den Mut gibt  zu sterben
    Diese Betrachtung pflegt die Werkzeuge einer ungerechten Regierung bei dem
Anblick der zerstörenden Folgen ihrer Tyrannei gleichgültig und sicher zu
machen Das Übel ist noch nicht so groß denken sie der Esel schleppt sich noch
immer unter seiner Last fort er kann noch mehr tragen und so wird immer noch
mehr aufgelegt bis er zu Boden sinkt und stirbt35 Indessen ist wahrscheinlich
dass sich eine Wissenschaft erfinden ließe wie man unter gegebenen Umständen
für jedes Land den Tag die Stunde und den Augenblick ausrechnen könnte wo der
Staat unter einer gewissen Summe von Übeln  die Dazwischenkunft irgend eines
wohltätigen Wunderwerks ausbedungen  einsinken müsste und nichts ist mehr zu
wünschen als dass zum Besten des menschlichen Geschlechts ein Preis auf
Erfindung eines solchen politischen Barometers gesetzt werden möchte«
    SchachGebal hatte wie man vielleicht schon bemerkt haben wird gewisse
Launen worin er bei allem seinem Witz Dinge zu sagen fähig war welche seinem
Oheim SchachBaham Ehre gemacht hätten Die Wahrheit zu sagen er hörte zuweilen
nur mit halbem Ohr und dies war gerade was ihm diesmal begegnete Sobald er
hörte dass Danischmend seinen Diskurs mit einer Reflexion anfing überließ er
sich ohne ganz unachtsam darauf zu sein den Gedanken die sich von ungefähr
anboten bis ihn der politische Barometer wie ein elektrischer Schlag auf
einmal wieder zur Aufmerksamkeit weckte Die Idee gefiel ihm »Höre
Danischmend« rief er »der Einfall den du da hattest ist vortrefflich Wenn
es nur an einem Preise liegt so setze ich zehntausend Bahamd or für den
Erfinder aus Du kannst morgen dem Präsidenten meiner Akademie Nachricht davon
geben«
    Nurmahal und Danischmend sahen einander verstohlner Weise an aber der Ton
des Sultans war zu ernstlich als dass es ratsam gewesen wäre ihn mit Lächeln zu
beantworten Sie zogen sich also mit Hilfe einer kleinen Grimasse so gut aus der
Sache als es in der Eile möglich war Danischmend versicherte Seine Hoheit der
zehente Teil des versprochnen Preises werde hinlänglich sein die Philosophen
von Indostan in Tätigkeit zu setzen und SchachGebal ergetzte sich nicht wenig
an dem Gedanken seine Regierung durch eine so sinnreiche und nützliche
Erfindung verherrlicht zu sehen Nach einer kleinen Weile fuhr Danischmend auf
Befehl des Sultans in seiner Erzählung fort
    »Aus Mangel des politischen Lastenmessers welcher das Glück gehabt hat den
Beifall Ihrer Hoheit zu erhalten lässt sich dermalen nicht genau bestimmen wie
lange Scheschian unter Isfandiars Regierung noch hätte schmachten können wofern
dieser unweise Fürst durch einen Schritt der in den damaligen Umständen des
Reichs durch nichts gerechtfertiget werden konnte die fatale Stunde nicht
selbst herbei gerufen hätte
    Ihre Hoheit erinnern Sich ohne Zweifel noch der Blauen und Feuerfarbnen die
unter der Regierung Azors so gefährliche Unruhen in Scheschian angezündet
hatten Isfandiar der sich bei seiner Tronbesteigung das Gesetz gemacht zu
haben schien alles zu hassen was sein Vater geliebt hatte nahm einige Jahre
lang die Feuerfarbnen aus keinem andern Grund in seinen besonderen Schutz als
weil unter der vorigen Regierung die Blauen die Oberhand gehabt hatten Damit ja
niemand an dem Beweggrunde seines Betragens zweifeln könnte spottete er
öffentlich und ohne Zurückhaltung über den Glauben der einen und der andern
Eblis hatte ihn angewöhnt die Religion überhaupt in einem falschen Lichte zu
betrachten Nichts konnte kürzer sein als die Metaphysik dieses Günstlings war 
Notwendigkeit und Ungefähr sagte er haben sich in die Regierung der Welt
geteilt Der Mensch schwimmt wie ein Sonnenstaub im Unermesslichen sein Dasein
ist ein Augenblick dieser Augenblick ist alles was er sein nennen kann und
sich diesen Augenblick zu Nutze zu machen ist alles was er zu tun hat  Auf
solche Trugschlüsse hatte er die ruchlose Sittenlehre und die tyrannische
Staatskunst gebaut wovon der Untergang seines Vaterlandes die Folge war Die
Religion sagte man öffentlich an Isfandiars Hofe ist eine nützliche Erfindung
der ältesten Gesetzgeber um unbändige Völker an ein ungewohntes Joch
anzugewöhnen Sie ist ein Zaum für das Volk die Beherrscher desselben müssen
den Zügel in ihrer Hand haben aber den Zaum sich selbst anlegen zu lassen wäre
lächerlich
    Wenn diese Sätze auch in gewisser Masse auf das was man Staatsreligion
nennt anwendbar wären so konnte doch nichts unbesonnener sein als sie laut
genug zu sagen um von jedermann gehört zu werden Wiewohl Eblis die Religion
nur für ein politisches Mittel gegen die Unbändigkeit des Pöbels hielt so hätte
er doch einsehen sollen dass die gute Wirkung dieses Mittels lediglich von dem
Glauben an seine Kraft abhängt so wie die Amulette womit die Braminen und
Bonzen ihre Anhänger in Ostindien und Sina zu beschenken pflegen nur durch die
hartnäckige Zuversicht zu ihren geheimnisvollen Kräften einige Wirkung tun
können Dem Volk öffentlich sagen dass man es nur betrüge und erwarten dass es
sich dem ungeachtet immerfort betrügen lassen werde setzt eine Geringschätzung
des gemeinen Menschenverstandes voraus welche der Klugheit des witzigen Eblis
wenig Ehre macht Dieses Betragen musste nach der damaligen Lage der Sachen in
Scheschian notwendig einen gedoppelten Schaden tun Auf der einen Seite schlich
die Verachtung der Religion von den Großen und Gelehrten sich nach und nach bis
zum Pöbel herab welcher froh zu sein schien dass seine Beherrscher töricht
genug waren den Damm der ihnen noch einige Sicherheit gegen den Schwall der
allgemeinen Verderbnis verschaffen konnte selber zu durchstechen Auf der
andern Seite ließ die Bonzen von der blauen Partei wie leicht zu erachten
ist diesen Anlass ihre verfallenen Angelegenheiten wieder herzustellen nicht
unbenützt Je näher die Gefahr andrang welche dem scheschianischen Aberglauben
den Untergang drohte desto eifriger waren sie kein Mittel unversucht zu
lassen das Volk aus seiner schlafsüchtigen Gleichgültigkeit aufzuwecken und in
das wilde Feuer einer fanatischen Andacht zu setzen Unter den Händen einer
weisen Regierung würde die Gleichgültigkeit der Scheschianer gegen den
ungereimten Glauben ihrer Väter das Mittel geworden sein eine große
Verbesserung ohne gewaltsame Erschütterungen und auf eine beinahe unmerkliche
Weise zu bewerkstelligen Aber die Unbesonnenheit der anmasslichen Philosophen
dieser Zeit das alte Gebäude einzureissen ohne ein anderes von festerem Grunde
bessern Materialien und edlerer Bauart auszuführen ließ nicht nur diese
glückliche Gelegenheit entschlüpfen sondern vermehrte noch die Übel welche die
unmittelbaren Früchte des Unglaubens sind mit allen den unseligen Folgen des
Fanatismus der wie uns die Jahrbücher der Menschheit belehren allemal wenn
Gottlosigkeit und sittliche Verwilderung am höchsten gestiegen sind seine
verwüstende Fackel am heftigsten geschwungen und oft ganze Weltteile das
grausame Schicksal eines Landes das von Feinden und Freunden zugleich verheeret
wird hat erfahren lassen
    Der Hof dessen einzige Beschäftigung war die allgemeinen Übel des Staats
in seinen besonderen Nutzen zu verwenden unterließ nicht alle Bewegungen der
Blauen aufs schärfste zu beobachten und fand desto leichter Gelegenheit ihnen
beizukommen da sie durch ihre schwärmerische Hitze verblendet sich stark
genug glaubten ihre Gegner die Feuerfarbnen und den Hof der sie beschützte
selbst heraus zu fordern Wiewohl sie der Zahl nach die kleinere Partei
ausmachten so schien ihnen doch der Reichtum ihrer vornehmsten Glieder eine
desto gewissere Überlegenheit zu geben da ordentlicher Weise der Reichste
derjenige ist der sich die meisten Anhänger zu verschaffen weiß Aber eben
diese Reichtümer waren das was die Raubsucht Isfandiars und seiner Gehülfen
reizte Man beschloss sich derselben unter einem Vorwande zu bemächtigen den man
entstehen lassen konnte sobald man wollte Man stellte sich als ob man über die
Bewegungen der Blauen unruhig würde man sprach viel von Gefahren welche über
dem Nacken des Staats schweben sollten man flüsterte von einer übel gesinnten
Partei von geheimen Anschlägen von verdächtigen Zusammenkünften und man
endigte damit dass es vonnöten sein werde mit einiger Strenge gegen die Blauen
zu verfahren Man hielt mehr als man versprochen hatte in Hoffnung die Blauen
würden sich nicht geduldig genug misshandeln lassen um keine Gelegenheit zu
größeren Misshandlungen zu geben und man fand sich nicht betrogen Kurz man
ruhte nicht bis man sie zu einigen Bewegungen aufgereizt hatte denen man den
Namen von Aufruhr und Empörung geben konnte und nun hatte Eblis seinen Zweck
erreicht Aber er und der unglückliche Isfandiar genossen diese Freude nicht
lange Die Blauen angeflammt von einigen schwärmerischen Anführern welche
desto mehr zu gewinnen hofften je weniger sie zu verlieren hatten empörten sich
endlich im ganzen Ernste Eine unendliche Menge von Missvergnügten aller Arten
schlug sich zu ihrer Partei Das Volk welches schon lange mit Ungeduld auf ein
öffentliches Zeichen zum Aufruhr gewartet hatte rottete sich in verschiedenen
Provinzen von Scheschian zusammen riss allenthalben die Bildsäulen Isfandiars
nieder plünderte seine Kassen und ermordete alle die es als Werkzeuge seiner
tyrannischen Regierung verabscheute Der Taumel worin man am Hofe zu Scheschian
zu leben gewohnt war machte dass man die ersten Ausbrüche eines Aufstandes von
welchem so leicht vorher zu sehen war dass er allgemein werden würde mit
Verachtung ansah und Eblis glaubte einen großen Streich gemacht zu haben da er
die Anführer einer zusammen gelaufnen Rotte welche in der Hauptstadt selbst
Unruh erregt hatte mit Strafen belegen ließ bei deren bloßer Erzählung allen
übrigen wie er sagte die Waffen aus den Händen fallen sollten Aber er kannte
die menschliche Natur nur halb Das unmittelbare Anschauen dieser Strafen und
der Anblick einiger tausend gedungener Mörder bereit auf den ersten Wink wie
eben so viele wilde Tiere unter ein friedsames und schüchternes Volk
einzufallen hätte diese Wirkung allerdings getan aber die Nachrichten welche
sich von diesen neuen Beweisen der Grausamkeit Isfandiars in den Provinzen
verbreiteten taten eine ganz entgegen gesetzte auf die Einbildungskraft der
Scheschianer Ihr Missvergnügen verkehrte sich in Wut die Anführer der Empörung
fanden sich nun in der unumgänglichen Notwendigkeit zu siegen oder wenigstens
nicht ungerochen zu sterben Der Aufstand dessen Gefahr Eblis so lang es
möglich war seinem betrogenen Herrn verborgen hatte gewann in kurzem eine
solche Gestalt dass man sich gezwungen sah Isfandiarn die Augen zu öffnen
    Dieser Prinz dem es weniger an Mut als an der Geschicklichkeit ihn zu
regieren fehlte machte sich fertig an der Spitze eines Kriegsheers dessen
Treue er durch große Geschenke und noch größere Versprechungen erkauft zu haben
glaubte zum ersten Mal in seinem Leben  gegen seine eigenen Untertanen zu
Felde zu ziehen Die Häupter der Empörung hatten inzwischen Zeit genug gehabt
sich in Verfassung zu setzen Abrede mit einander zu nehmen und nach einem
gemeinschaftlichen Plane zu handeln Da sie entschlossen waren die Waffen nicht
eher niederzulegen bis sie die Wohlfahrt des Staats und die Rechte seiner
Bürger gegen die Anmassungen der willkürlichen Gewalt auf eine dauerhafte Art
sicher gestellt hätten so fanden sie nötig alles so viel möglich zu vermeiden
was ihrem Unternehmen das Ansehen eines strafbaren Aufruhrs geben könnte Das
ganze Scheschian sollte überzeugt werden dass sie die Waffen nicht gegen ihren
rechtmäßigen König sondern bloß zu notgedrungner Beschützung ihrer
wesentlichsten Rechte gegen die Eingriffe seiner Ratgeber ergriffen hätten In
dieser Absicht ließ sie eine Art von Manifest an Isfandiarn gelangen worin
sie nach einer lebhaften Vorstellung aller ihrer Beschwerden sich erklärten
dass sie sogleich wieder aus einander gehen wollten sobald der König diesen
Beschwerden abgeholfen und zum Beweise seiner Aufrichtigkeit den Günstling
Eblis der gerechten Rache einer ganzen beleidigten Nation ausgeliefert haben
würde«
    »Dies« sagte SchachGebal »war eine Zumutung wozu ein Fürst der auf
seine Ehre hält sich nie verstehen wird«
    »Auch war Isfandiar weit von einem solchen Gedanken entfernt« fuhr
Danischmend fort »Aber es währte nicht lange so bekam er Ursache sich reuen zu
lassen dass er die Erhaltung eines Einzigen  die auf der Waage der Klugheit ein
Atom ist wenn die Wohlfahrt des Staats und die Sicherheit des Trones in der
andern Schale liegt  für wichtig genug angesehen hatte sie so teuer zu
erkaufen Eblis wurde bald gewahr dass die Sachen seines Herrn und seine eigene
einer furchtbaren Entscheidung nahe waren Er fand es zu gefährlich für sich
selbst seine eigene Sicherheit von dem Ausgang eines Treffens abhangen zu
lassen von welchem er sich in jeder Betrachtung wenig versprechen konnte Er
bedachte sich also nicht lange Treue Dankbarkeit Freundschaft konnten ihn
nicht verhindern eine schändliche Tat zu tun denn sie waren für ihn bloße
Namen ohne Bedeutung Er ließ sich in geheime Unterhandlungen mit den Häuptern
der Missvergnügten ein und machte sich anheischig mit dem größten Teile des
königlichen Kriegsheeres zu ihnen überzugehen wofern sie ihm die Ehre auf
gleichen Fuß mit ihnen selbst an der Wiederherstellung der öffentlichen Ruhe zu
arbeiten zugestehen und hinlänglich versichern würden Die Empörten gingen
alles ein und Eblis arbeitete inzwischen mit eben so viel Eifer als
Behutsamkeit daran die Truppen und ihre vornehmsten Anführer teils in seinen
Anschlag zu ziehen teils zu unwissenden Werkzeugen desselben zu machen und
dies tat er zu eben der Zeit da er seinen Herrn durch den Schein der feurigsten
Ergebenheit und durch eine Menge falscher Nachrichten in die tiefste Sicherheit
zu versenken wusste Sein Anschlag ging so glücklich von Statten dass er in
einem Anstosse des Schwindelgeistes welcher große Verbrecher schon so oft zu
Werkzeugen ihres eigenen Untergangs gemacht hat auf einmal sich die stolze
Hoffnung träumen ließ in dem Augenblicke da Isfandiar vom Throne herab stürzen
würde sich selbst hinauf zu schwingen Die Empörten hatten bisher noch immer
geneigt geschienen die königliche Würde in dem verhassten Isfandiar zu schonen
Aber Eblis stellte ihnen vor dass es unmöglich sei so lange der Tyrann lebe an
eine dauerhafte Staatsverbesserung zu denken oder nur Sicherheit für ihre
eignen Personen und Güter zu hoffen Er wusste ihnen die Notwendigkeit das Übel
wie er sagte durch einen kühnen Streich an der Wurzel abzuhauen so
eindringend vorzustellen dass man ihn auf alle mögliche Weise zu unterstützen
versprach wofern er die Ausführung dieses Streiches übernehmen wollte
    Alles schien sich zu vereinigen den Verräter Eblis des glänzenden Ziels
seiner Wünsche teilhaftig zu machen als er auf einmal aber zu seinem Unglück
erst da es zu spät war die Erfahrung machte dass der Lasterhafte sehr unrecht
tut wenn er von den Werkzeugen seiner Übeltaten Tugend erwartet Eblis hatte
gehofft die Wenigen denen er sein Geheimnis anzuvertrauen genötigt war durch
Eidschwüre Belohnungen und Erwartungen eines schimmernden Glückes gefesselt zu
haben Aber er betrog sich Einer von ihnen machte die Bemerkung dass
wahrscheinlicher Weise noch mehr zu gewinnen sei wenn er dem Sultan die
Treulosigkeit seines Vertrauten entdecken würde Er tat es eine Stunde zuvor
ehe der Anschlag gegen das Leben des Sultans ausgeführt werden sollte Es war um
Mitternacht Isfandiar von wütendem Grimm über die Undankbarkeit eines
Günstlings für den er sich selbst aufgeopfert hatte hingerissen verschmähte
den bloßen Gedanken der Flucht Der Emir der ihm die Verschwörung entdeckte
hatte nicht vergessen sich vorher eines Teils der Leibwache zu versichern Von
diesen und von allen auf deren Treue er sich am meisten verlassen zu können
glaubte umgeben befahl Isfandiar den Verräter Eblis und die übrigen
Zusammenverschwornen in Verhaft zu nehmen Sie hatten sich eben an einem
abgeredeten Orte versammelt um zur Ausführung ihres Vorhabens zu schreiten als
sie gewahr wurden dass sie verraten waren Es brauchte nur einen Augenblick um
das Schreckliche ihrer Lage in seiner ganzen Größe zu übersehen Die
Verzweiflung allein konnte ihnen den einzigen Ausweg öffnen der noch möglich
war Sie entschlossen sich zum hartnäckigsten Widerstand Der schrecklichste Tod
ist uns gewiss rief Eblis mit den Waffen in der Hand können wir im
unglücklichsten Falle nur sterben aber es ist eben so wohl möglich dass wir
die Oberhand erhalten Wütend schlugen sie sich durch die Trabanten Isfandiars
hindurch drangen mit großem Geschrei in den Palast ein und stießen alles
nieder was sich ihnen entgegen setzte In wenigen Augenblicken war der ganze
Palast in Aufruhr die meisten schlugen sich auf die Seite der Verschwornen Der
Augenblick kam da derjenige zu dessen Füßen vor kurzem Millionen Sklaven im
Staube sich wälzten in angstvoller Betäubung nach Hilfe nach Mitleiden umher
sah und nicht einen einzigen fand welcher Tugend genug gehabt hätte seine
Brust zum Schilde eines verabscheuten Königs zu machen Ja rief er den auf ihn
eindringenden Verschworenen entgegen ich will sterben aber ich will nicht
ungerochen fallen Mit diesen Worten stürzte er sich mit gezücktem Dolch auf
Eblis hin doch eh er ihn erreichen konnte fiel er von unzähligen Stichen
durchbohrt zu Boden Inzwischen hatte der Lärm den dieser wilde Auftritt im
Palaste verursachte einen großen Teil der Hauptstadt aus dem Schlaf erweckt
Das Volk stürmte haufenweise herbei Dumpfes grässliches Geschrei Freiheit
Freiheit weg mit dem Tyrannen und seinen Gehülfen schallte furchtbar durch die
Hallen des Palasts Eblis mit dem Haupte Isfandiars an der Spitze seines
Schwerts hoffte durch diesen Anblick die Raserei des Pöbels zu besänftigen
aber das abgerissene Haupt des Sultans in der Hand seines treulosen Günstlings
zu sehen dieser Anblick veränderte auf einmal den Gegenstand ihrer Wut Der
Verräter wurde in Stücken zerrissen Alle die ihn verteidigen oder rächen
wollten fielen Der Palast wurde geplündert und in Flammen gesetzt Das Feuer
ergriff einen Teil der Stadt und frass desto schneller um sich da niemand daran
dachte seinen Verwüstungen Einhalt zu tun Alle Greuel eines allgemeinen
Aufruhrs vereinigten sich die unglückliche Stadt Scheschian etliche Tage lang
zu einem Schauplatz von Taten zu machen von welchen die Menschlichkeit
schaudernd ihr Antlitz wendet Gleichwohl war dies alles nur der Anfang und so
zu sagen das Zeichen zur allgemeinen und völligen Auflösung aller Bande
wodurch die Nation bisher noch zusammen gehalten worden war Isfandiar
hinterließ keinen gesetzmässigen Tronfolger denn er hatte seine Brüder und
seine Neffen die Söhne eines jüngeren Bruders von Azorn bald nach seiner
Tronbesteigung unter verschiedenem Vorwande aus dem Wege geräumt Die
vornehmsten Städte des Reichs machten Anstalten sich in Freiheit zu setzen
konnten aber über die Gestalt der Verfassung welche sie sich geben wollten so
wenig einig werden dass sie entweder durch bürgerliche Unruhen zu Grunde gingen
oder bald diesem bald jenem von fünf oder sechs der mächtigsten Emirn welche um
die Krone stritten sich unterwerfen mussten Während dieses Streites der mit
aller Wut und Langwierigkeit eines Bürgerkrieges geführt wurde erfuhr
Scheschian die Drangsale der Anarchie zum zweiten Mal in einem Grade der
entsetzlich gewesen sein muss da er mit der Stufe der Verderbnis zu welcher die
Nation herab gesunken war in Verhältnis stand Etliche Jahre lang schien alles
Gefühl von Moralität in jeder Seele bis auf den letzten Funken erloschen zu
sein und den ungeheueren Leichnam des Staats einer scheußlichen Verwesung
überlassen zu haben Auch würde dies allem Ansehen nach das Schicksal von
Scheschian gewesen sein wofern nicht der Schutzgeist der Menschheit zu einer
Zeit da man alle Hoffnung aufzugeben anfing den unglücklichen Rest einer einst
so großen und blühenden Nation mit mitleidigen Augen angesehen hätte«
    »Ich danke dir Danischmend« sagte SchachGebal »für die gute Justiz
welche du zur Ehre des Trones und zur Warnung aller künftigen Isfandiarn und
Eblissen wenn anders die Natur jemals wieder ihresgleichen hervorbringen
sollte an diesen Ungeheuern ausgeübet hast Im übrigen will ich dir nicht
verhalten dass du uns eine Art von Genugtuung dafür schuldig bist uns seit dem
ehrlichen OgulKan der bei allem dem gleichwohl einige große Untugenden hatte
mit lauter namenlosen oder schwachen Königen unterhalten und die Reihe zuletzt
gar mit einem Taugenichts beschlossen zu haben der in der Tat so hassenswürdig
ist dass der verdienstloseste unter seinen Vorgängern bloß dadurch weil man gar
nichts von ihm sagen kann in Vergleichung mit ihm zu einem guten Fürsten wird
Es ist unangenehm einen so missgestalteten Charakter nur für möglich zu halten«
    »Und noch unangenehmer« sagte Danischmend »dass schwerlich eine Nation auf
dem Erdboden ist welche sich des Glückes rühmen könnte unter ihren Fürsten
keinen Isfandiar gehabt zu haben Gleichwohl deucht mir sogar dieser schlimmste
unter den Königen von Scheschian weniger Hass als Bedauern verdient zu haben
Alle Umstände in welchen er lebte schienen von irgend einem feindseligen
Genius zu seinem Verderben zusammen geordnet zu sein Kein tugendhafter kein
ehrlicher Mann unter seinem ganzen Volke welcher Menschlichkeit genug gehabt
hätte dem verblendeten Fürsten wenigstens aus Mitleiden die Wahrheit zu sagen
Lauter abschätzige Sklaven zu seinen Füßen lauter schändliche der Schamröte
unfähige Schmeichler an seinem Ohr Sollte man es für möglich halten dass ein
Isfandiar ein gekrönter Missetäter dessen Leben eine Kette von lasterhaften
und unsinnigen Ausschweifungen war von einer Menge von Rednern und
Schriftstellern seiner Zeit mit allen Lobsprüchen die nur immer der beste König
verdienen kann überhäuft worden sein könnte Sollte man glauben dass ein
Scheschianer unverschämt genug habe sein können diesen nämlichen Isfandiar in
Gegenwart von Tausenden deren Blicke und Mienen ihn Lügen straften den
würdigsten und geliebtesten unter den Fürsten den Vater seines Volkes den
wohltätigen Schutzgott seines Reiches zu nennen Gleichwohl gab es unter den
Gelehrten unter den angeblichen Weisen der Nation solche Elende und was
beinahe eben so erstaunlich ist Isfandiar war fähig solchen Unsinn mit
Vergnügen anzuhören und die dreifachen Sklaven welche die Verwegenheit hatten
mit Wahrheit Tugend und Ehre ein so freches Gespötte zu treiben auf der Stelle
mit Belohnungen zu überhäufen welche zu geben und verdient zu haben in gleichem
Grade schändlich war Konnte Isfandiar alles Gefühl von Recht und Unrecht so
gänzlich verloren haben um die ausschweifendsten Lobreden Lobreden welche den
bittersten Satiren so ähnlich tönten ohne vor Scham zu vergehen anzuhören Und
wenn er es konnte wie unwürdig der menschlichen Gestalt musste der erst sein
den die Hoffnung eines ehrlosen Gewinsts fähig machte die Sprache der
Empfindung wissentlich zu missbrauchen um einen weltkündigen Tyrannen in seiner
Verhärtung zu bestärken Was für Elende mussten es sein welche solche Lobreden
anhören konnten ohne in allgemeinem Aufstand dem ungeheueren Lügner ins Gesicht
zu widersprechen welche sogar fähig waren ihm lauten Beifall zuzuklatschen
Man muss gestehen die Scheschianer verdienten einen König wie Isfandiar und man
braucht sich nur einen Augenblick vorzustellen wer sie waren um das Mitleid
welches der Anblick des Leidens unsrer Mitgeschöpfe natürlicher Weise in uns
erweckt in Freude über die Zerstörung einer so hässlichen Brut ausgearteter
Menschen verwandelt zu fühlen«
 
                                       5
»Danischmend hat uns die Verdorbenheit der scheschianischen Nation so groß und
so allgemein vorgestellt« sagte die Sultanin »dass ich nicht begreife wo er
den Mann hernehmen will der aus diesem Chaos eine neue Welt zu erschaffen fähig
sein sollte Dies bin ich wenigstens gewiss dass dieser Mann sich nicht am Hofe
zu Scheschian gebildet haben kann«
    »Der beste unter allen sinesischen Königen36 bildete sich unter einem
Strohdache« versetzte Danischmend »Und wie hätte sagt ein sinesischer
Schriftsteller der tugendhafte Landmann Chun nicht der beste unter den Königen
werden sollen Sein erster Stand hatte ihn vorher zum Menschen gebildet Dies
ist die Hauptsache Wie wenige unter denjenigen die von der Wiege an zu
künftigen Herrschern erzogen werden können sich dieses Vorteils rühmen
    Tifan der Wiederhersteller seines Vaterlandes Tifan der Gesetzgeber der
Held der Weise der Vater seines Volkes der geliebteste und der glücklichste
unter allen Königen  mit dessen Geschichte ich im Begriff bin den Sultan
meinen Herrn zu unterhalten würde wahrscheinlicher Weise alles dies nicht
gewesen sein wenn er an dem Hofe seines Vetters Isfandiar oder an irgend einem
andern asiatischen Hofe seiner Zeit wäre gebildet worden
    Von der Natur selbst auf ihrem Schoße erzogen fern von dem ansteckenden
Dunstkreise der großen Welt in einer Art von Wildnis zu einer kleinen
Gesellschaft von unverdorbenen arbeitsamen und mäßigen Menschen verbannt ohne
einen Schatten von Vermutung dass er mehr sei als der geringste unter ihnen
brachte er die ersten dreißig Jahre seines Lebens in einem Stande zu worin sein
Herz ohne es zu wissen zu jeder königlichen Tugend gebildet wurde
    Dieses sonderbare Glück ohne welches er schwerlich der Stifter der
allgemeinen Glückseligkeit seiner Nation geworden wäre hatte Tifan der
Grausamkeit Isfandiars und einem andern eben so glücklichen als ungewöhnlichen
Zufalle zu danken nämlich dem Umstande dass seine erste Jugend dem einzigen
tugendhaften Manne der vielleicht damals im ganzen Scheschian lebte anvertraut
worden war
    Isfandiar hatte bald nach seiner Tronbesteigung alle seine Brüder nebst
den Kindern welche Temor der einzige Bruder seines Vaters hinterlassen hatte
aus dem Wege geräumt Tifan der jüngste unter den letztern war damals etwann
sieben Jahre alt und befand sich unter der Aufsicht eines bejahrten Visirs den
sein Vater vorzüglich geliebt hatte Dschengis so nannte man diesen Visir
hatte einen einzigen Sohn von gleichem Alter mit dem Sohne des Prinzen Temor
und das einzige Mittel wodurch er das Leben des jungen Tifan retten konnte
war seinen eigenen Sohn den von Isfandiarn abgesendeten Mördern Preis zu geben
Dschengis hatte den Mut der Tugend ein so großes Opfer zu bringen
    Er gab sein eigenes Kind hin und zog sich mit dem jungen Tifan der nun für
seinen Sohn gehalten wurde in eine unbekannte Gegend der mittäglichen Grenze
von Scheschian zurück Es war ein fruchtbares aber unangebautes Tal von
Gebirgen und Wildnissen eingeschlossen und wie er glaubte von der Natur
selbst zu seiner Freistätte bestimmt für den Tugendhaften der sein Glück in
sich selbst findet und für einen jungen Prinzen den das Glück seine
Unbeständigkeit in so zarter Jugend schon erfahren ließ
    Hier legte Dschengis eine Art von Pflanzstätte an indem er einer Anzahl
Sklaven beiderlei Geschlechts die er von den benachbarten Tschirkassiern zu
diesem Ende gekauft hatte die Freiheit unter der Bedingung schenkte dass sie
ihm helfen sollten diese öden Gegenden anzubauen Die Natur belohnte seinen
Fleiß mit dem glücklichsten Erfolge In wenigen Jahren verwandelte sich der
größte Teil dieser angenehmen Wildnis in Kornfelder Gärten und Auen von
tausend kleinen Bächen gewässert welche Dschengis und seine Gehülfen aus den
benachbarten Gebirgen in ihre aufblühenden Pflanzungen ableiteten Die frohen
Bewohner lebten im Überflusse des Notwendigen und in dieser glücklichen Armut
an entbehrlichen Dingen welche für den Weisen oder für den Unwissenden Reichtum
ist Dschengis wiewohl sie alle seine Sklaven gewesen waren masste sich keiner
Herrschaft über sie an
    Alle Ungleichheit welche nicht von der Natur selbst herrührt war aus den
Hütten dieser Glückseligen verbannt Die Väter der sämtlichen Haushaltungen
machten zusammen eine Art von Gericht aus das sich über Dinge welche die
allgemeine Wohlfahrt betrafen beratschlagte und die kleinen Streitigkeiten
schlichtete die unter einem so wenig zahlreichen so fröhlichen und so armen
Völkchen entstehen konnten
    Im Schoße dieser kleinen Kolonie wuchs als unter seinesgleichen der Neffe
des größten und üppigsten aller morgenländischen Könige in einer Unwissenheit
seines Standes auf welche der weise Dschengis für nötig hielt was auch das
Schicksal über seinen königlichen Pflegesohn beschlossen haben möchte Ist er
zum Throne bestimmt dachte er so werden die Völker die er einst glücklich
machen wird die Asche des ehrlichen Dschengis dafür segnen dass er ihnen einen
König erzogen hat der in der Gewohnheit die niedrigste Klasse von Menschen als
seinesgleichen anzusehen  in der Gewohnheit nichts von andern zu erwarten was
sie nicht auch von ihm fodern können  in der Gewohnheit seinen Unterhalt
seinem eigenen Fleiße zu danken zu haben  aufgewachsen des sinnlosen Wahnes
unfähig ist dass Millionen Menschen nur darum in der Welt seien damit er allein
müßig gehen und sich allen seinen Gelüsten überlassen könne Ist es hingegen
sein Schicksal sein Leben in der Dunkelheit zuzubringen so ist die Unwissenheit
seiner Abkunft ein Gut für ihn selbst ihm den wohltätigen Irrtum sich für den
Zustand worin er lebt geboren zu glauben benehmen wollen wäre in diesem Falle
Grausamkeit
    Tifan ließ sich also wenn er hinter seinen Herden herging wenig davon
träumen dass ihn die Geburt bestimmt habe statt des Schäferstabes einen Zepter
zu führen und das fürstliche Blut das in seinen Adern floss sagte ihm so wenig
von irgend einem angeborenen Vorzuge vor den Leuten mit denen er lebte dass er
vielmehr einen jeden mit einem Gefühl von Ehrerbietung ansah welcher besser
arbeiten konnte und also nützlicher war als er Oft wenn Dschengis den jungen
Prinzen in seinem Kittel von grober Leinwand mit beschwjetzter Stirne von der
Feldarbeit zurück kommen sah lachte er bei sich selbst über die Unverschämtheit
jener Schmeichler welche die Großen der Welt bereden wollen als ob sogar in
ihrem Blute ich weiß nicht was für eine geheimnisvolle Zauberkraft walle die
ihrer ganzen Person und allen ihren Trieben und Handlungen eine gewisse Hoheit
mitteile welche sie von gemeinen Menschen unterscheide und diese letztern zu
einer unfreiwilligen Ehrfurcht zwinge Wer dächte dass dieser junge Bauer ein
Königssohn wäre sagte er zu sich selbst Er ist wohl gebildet seine Augen sind
voller Feuer seine Züge bezeichnen eine gefühlvolle und wirksame Seele aber
bei dem allen erkennt außer mir selbst niemand der ihn sieht etwas anders in
ihm als einen zum Karst und Pfluge geborenen Bauernsohn und er selbst ist
vollkommen überzeugt dass Hysum unser Nachbar ein ungleich besserer Mann ist
als er«
    »Diese Betrachtung schmeichelt den Fürstensöhnen nicht« sagte SchachGebal
»und ich gestehe dass ich sie nie gemacht habe aber nun da sie gemacht ist
deucht mir sie hat recht Die Poeten und Romanschreiber die uns solche Dinge
weismachen wollen verdienten etliche Dutzend Streiche auf die Fusssohlen dafür
denn ich wette sie glauben selbst kein Wort davon«
    »Der junge Tifan verlor bei der Lebensart worin ihn sein Pflegevater erzog
die feine Lilienfarbe und das schwächliche Ansehen welches wenn er am Hofe zu
Scheschian erzogen worden wäre ihn vermutlich von gemeinen Erdensöhnen
unterschieden hätte Aber er gewann dafür einen starken und dauerhaften Körper
eine männliche Sonnenfarbe frisches Blut und Lippen in welche er nicht nötig
hatte zu beißen um sie röter als reife Kirschen zu machen
    Indessen war der weise Dschengis weit davon entfernt die angeborene
Bestimmung seines Pflegesohns aus den Augen zu verlieren Tifan hatte ihm zu
viel gekostet als dass er sich hätte begnügen sollen ihn bloß zu einem guten
Landmanne zu bilden denn alles was der betörte Isfandiar tat um die Nation so
schnell als möglich zu Grunde zu richten machte es mehr als wahrscheinlich dass
Tifan vielleicht eher als er dazu tüchtig wäre sich aufgefordert finden könnte
sein Recht an die Krone geltend zu machen Dschengis setzte sich also nichts
Geringeres vor  und der bloße Vorsatz klingt schon widersinnig so sehr hat er
das allgemeine Vorurteil wider sich  als den jungen Tifan ohne ihm bis es
Zeit wäre das Geringste von seinem Vorhaben merken zu lassen mitten unter
lauter Hirten und Ackerleuten zu einem guten Fürsten zu bilden Überzeugt dass
Güte des Herzens ohne Weisheit eben so wenig Tugend als Wissenschaft ohne
Tugend Weisheit ist bemühte er sich zu eben der Zeit da er sein Gefühl für
das Schöne und Gute und jede sympatische und menschenfreundliche Neigung zu
nähren und in Fertigkeit zu verwandeln suchte seinen Verstand von den
eingeschränkten Begriffen die sich von den Gegenständen die ihn umgaben in
seiner Seele abdruckten stufenweise zu den erhabenen Ideen der bürgerlichen
Gesellschaft des menschlichen Geschlechts der Natur des Ganzen und seines
geheimnisvollen aber anbetenswürdigen Urhebers zu erheben Alle sittliche
Vollkommenheit eines Menschen zu welchem besonderen Beruf er immer geboren sein
mag hängt davon ab dass diese Ideen in seinem Verstande und die Gesinnungen
welche sich aus ihnen bilden in seinem Herzen die Herrschaft führen Aber für
keinen Menschen ist dies unentbehrlicher als für denjenigen der dazu berufen
ist sittliche Ordnung in irgend einem besonderen Teile der allgemeinen
menschlichen Gesellschaft zu unterhalten Wehe seinen Untergebenen und ihm
selbst wenn seine Seele von dem Bilde einer allgemeinen Harmonie und
Glückseligkeit nicht in Entzücken gesetzt wird wenn ihm die Rechte der
Menschheit nicht heiliger und unverletzlicher sind als seine eigenen wenn die
Gesetze der Natur mit tiefen unauslöschlichen Zügen in seine Seele gegraben
ihn nicht in allen seinen Handlungen leiten Mit Einem Worte wehe dem Volke
dessen Beherrscher nicht lieber der Beste unter den Menschen als der Mächtigste
unter den Königen sein möchte  Diese Begriffe sind keine Grillen
einsiedlerischer Weltbeschauer Unglücklich genug für das menschliche
Geschlecht wenn sie von den Großen und Mächtigen dafür gehalten werden Aber
die Natur der Dinge hängt nicht wie das Glück oder Unglück der Menschheit von
den Begriffen der Großen ab Sie können nicht verhindern dass die Strafen der
Natur nicht unfehlbar auf die Verachtung eines jeden Gesetzes der Natur folgen
37 und wenn die bisherige Gestalt des Erdbodens noch Jahrtausende dauern sollte
so wird die Geschichte aller künftigen Alter sich mit der Geschichte aller
vergangenen vereinigen die Könige zu belehren dass jeder Zeitpunkt worin jene
großen Grundbegriffe mit Dunkel bedeckt gewesen jene wohltätigen Grundgesetze
nicht für das was sie sind für das unverletzliche Gesetz des Königs der Könige
anerkannt worden sind ein Zeitpunkt des öffentlichen Elends der sittlichen
Verderbnis der Unterdrückung und der allgemeinen Verwirrung eine unglückliche
Zeit für die Völker und eine gefährliche für die Könige gewesen ist«
    Danischmend war wie wir sehen in einer vortrefflichen Stimmung den
Königen Moral zu predigen aber zum Unglück ermangelten seine Predigten niemals
den Sultan seinen Herrn einzuschläfern Der gute Doktor wollte eben einen neuen
Anlauf nehmen als er gewahr wurde dass seine Zuhörer jeder in einer eigenen
Stellung in tiefem Schlummer lagen »Dass doch meine Moral immer und allezeit
eine so narkotische Kraft hat« sprach er zu sich selbst »ich begreife nichts
davon Einer von den Zauberern meinen Feinden muss die Hand im Spiele haben es
ist nicht anders möglich«
 
                                       6
»Die Begriffe« so fuhr Danischmend in der Erzählung von Tifans Erziehung fort
»welche dieser junge Prinz von dem weisen Dschengis erhielt konnten nicht
anders als auf seinen Verstand und auf sein Herz mit ihrer vollen Kraft wirken
und jenem alles das Licht so wie diesem alle die Rechtschaffenheit mitteilen
welche sie vermöge der Natur der Sache einer unverdorbenen Seele mitteilen
müssen Die Grundsätze 
I Alle Menschen sind Brüder und haben von Natur gleiche Bedürfnisse gleiche
    Rechte und gleiche Pflichten
II Die wesentlichen Rechte der Menschheit können weder durch Zufall noch
    Gewalt noch Vertrag noch Verzicht noch Verjährung sie können nur mit der
    menschlichen Natur verloren werden und eben so gewiss lässt sich keine
    notwendige noch zufällige Ursache denken welche einen Menschen unter was
    für Umständen er sich auch befinde von seinen wesentlichen Pflichten los
    zählen könnte
III Ein jeder ist dem andern schuldig was er in den gleichen Umständen von ihm
    erwarten würde
IV Kein Mensch hat ein Recht den andern zu seinem Sklaven zu machen
V Gewalt und Stärke gibt kein Recht die Schwachen zu unterwerfen sondern legt
    ihren Besitzern bloß die natürliche Pflicht auf sie zu beschützen
VI Ein jeder Mensch hat um einen gerechten Anspruch an Wohlwollen Mitleiden
    und Hilfe von Seiten eines jeden Menschen zu haben keinen andern Titel
    vonnöten als dass er ein Mensch ist
VII Der Mensch welcher von andern verlangen wollte dass sie ihn köstlich
    nähren und kleiden  mit einer prächtigen Wohnung und allen ersinnlichen
    Bequemlichkeiten versehen  ihm auf Unkosten ihrer Ruhe Bequemlichkeit
    und Notdurft alles nur mögliche Vergnügen gewähren  unaufhörlich arbeiten
    um ihn aller Bemühung zu überheben  sich bloß mit dem Unentbehrlichen
    behelfen damit er seine üppigsten Begierden bis zur Ausschweifung
    befriedigen könne  kurz dass sie nur für ihn leben und um ihm alle diese
    Vorteile zu erhalten jeden Augenblick bereit sein sollten sich allen Arten
    des Ungemachs und Elends dem Hunger und dem Durst dem Frost und der Hitze
    der Verstümmelung ihrer Gliedmaßen und den schrecklichsten Gestalten des
    Todes für ihn auszusetzen  der einzelne Mensch der an zwanzig Millionen
    Menschen eine solche Forderung machen wollte ohne sich schuldig zu halten
    ihnen sehr große und mit solchen Diensten in gehörigem Ebenmasse stehende
    Gegendienste dafür zu leisten  wäre ein Wahnsinniger und müsste seine
    Forderung an Leute machen die es noch mehr als er selbst wären wenn er
    Gehör finden sollte
Diese und tausend andre Sätze welche sich aus ihnen ableiten lassen fand der
junge Tifan gleichsam mit der eigenen Hand der Natur in seine Seele geschrieben
Es waren eben so viele Gefühle welche ihn der weise Dschengis in Grundsätze
verwandeln lehrte deren überzeugender Kraft seine Vernunft eben so wenig
widerstehen konnte als es in seiner Willkür stand den Tag für Nacht oder warm
für kalt zu halten Er fand keine Vorurteile in seinem Gemüte welche der vollen
Wirkung dieser Wahrheiten entgegen gearbeitet hätten Alles was ihn umgab weit
entfernt sie zu bestreiten und auszulöschen erläuterte und bestätigte sie und
da sich Dschengis sorgfältig hütete ihm die unselige und hassenswürdige
Nachricht zu geben dass der größte Teil der Menschen durch eine beinahe
unbegreifliche Verderbnis des Verstandes und Willens von jeher so gehandelt und
sich so habe behandeln lassen als ob das Gegenteil aller dieser Wahrheiten wahr
wäre so gewöhnte sich seine Seele dergestalt an diese Art zu denken dass ihm
diejenige welche damals an dem Hofe zu Scheschian herrschte eben so
widersinnig und ungeheuer vorgekommen wäre als wenn ihm jemand hätte zumuten
wollen den Schnee für schwarz anzusehen oder sich von der Mittagssonne in
einem glühenden Ofen abzukühlen
    Er war schon achtzehn Jahre alt eh er noch einen Begriff davon hatte dass
man anders denken könne als die Natur und Dschengis ihn denken lehrte eh er
wusste was Mangel und Unterdrückung sei oder sich die mindeste Vorstellung von
einer erkünstelten und auf anderer Elend gebauten Glückseligkeit machen konnte
Dschengis hatte sein Gedächtnis mit einer Menge von Erzählungen und mit Liedern
und Sprüchen aus den besten Dichtern in Scheschian angefüllt aber diese
Erzählungen schilderten lauter unschuldige Sitten diese Lieder waren lauter
Ergiessungen eines unverdorbenen Herzens diese Sprüche lauter Gesetze der Natur
und der unverfälschten Vernunft alles war des goldnen Alters würdig
    Der junge Prinz hatte nun die Jahre erreicht wo die Natur durch die
Entwicklung des süßesten und mächtigsten aller unsrer Triebe gleichsam die
letzte Hand an ihr Werk an den Menschen legt und indem sie ihn durch das
nämliche Mittel zum Urheber seiner eigenen Glückseligkeit und der Erhaltung
seiner Gattung macht ihn auf die überzeugendste Weise belehrt sie habe sein
besonderes Glück mit dem allgemeinen Besten dergestalt verwebt dass es unmöglich
sei eines von dem andern abzulösen ohne beide zu zerstören Die Liebe  dieser
bewundernswürdige Instinkt den die Natur zur stärksten Triebfeder der besonderen
und allgemeinen Glückseligkeit der Menschen bestimmt hat  gesellt sich jetzt
auf einmal gleich einem himmlischen Genius zu ihm um ihn auf den Weg seiner
irdischen Bestimmung zu leiten und diesen Weg mit Rosen zu bestreuen Durch sie
erhält er die ehrwürdigen Namen eines Ehegemahls und Vaters Sie konzentriert
alle seine sympatetischen Neigungen in der Liebe zu einem Weibe welches die
Hälfte seines Selbsts wird und zu Kindern in denen er dies Selbst verjüngt und
vervielfältiget sieht Sie wird auf diese Weise die Stifterin der
Familiengesellschaften welche die Elemente der bürgerlichen sind und von deren
Beschaffenheit das Wohl eines Staates dergestalt abhängt dass die Verblendung
der Gesetzgeber welche für dieses große Institut der Natur weder so viel
Ehrfurcht als sie ihm schuldig waren getragen noch alle die Vorteile die
davon zu ziehen sind daraus gezogen haben unbegreiflich ist
    Der tugendhafte und weise Dschengis kannte und ehrte die Natur Mit
Vergnügen sah er dem stufenweisen Fortgange der Neigung zu welche die Schönheit
und Unschuld einer jungen Schäferin deren Eltern seine Nachbarn waren dem
jungen Prinzen eingeflößt hatte Er besorgte nicht dass sie seinem Pflegesohn im
Wachstum in jeder Tugend und Vollkommenheit seines künftigen Berufs hinderlich
sein würde und der Gedanke ihr deswegen Einhalt zu tun weil Tifan ein Prinz
und Tili die Tochter eines gemeinen Landmannes war konnte ihm um so weniger
einfallen weil die Könige von Scheschian sich allezeit mit Töchtern ihrer
Untertanen vermählt hatten Tili war wirklich so liebenswürdig als es eine
Tochter der Natur sein kann Eine besondere Sympatie welche von ihrer Kindheit
an sich zwischen ihnen geäußert hatte schien der Beweis dass sie bestimmt seien
eines durch das andere glücklich zu sein Dschengis unterließ nicht sich diese
Stimmung seines Pflegesohns zu Nutze zu machen um die Früchte der eben so
einfachen als erhabenen Philosophie womit er seine Seele bisher genähret hatte
zur Reife zu bringen Er entwickelte in freundschaftlichen Unterredungen die
neuen Empfindungen des jungen Tifan er zeigte ihm in denselben die Stimme der
Natur die ihn zur Erfüllung eines wichtigen Teils seiner Bestimmung rufe und
unterrichtete ihn in den ehrwürdigen und süßen Pflichten desselben Tifan wurde
Gemahl ohne weniger Liebhaber zu sein er wurde Vater und in dem Augenblick
da er die ersten Früchte einer keuschen Liebe an seine Brust drückte fühlte er
dass er selbst in den Armen der schönen Tili die süßeste Regung der Natur noch
nicht gekannt hatte
    Man hat längst bemerkt der begeisterte Stand in welchen eine schöne Seele
durch die erste Liebe gesetzt wird erhöhe sie in jeder Betrachtung weit über
das was ein Mensch gewöhnlicher Weise ist und es scheint dass einige Weise des
Altertums eben dadurch bewogen worden in der Liebe eine Art von Genius zu
sehen durch welchen gleichsam neue Sinne für das Schöne und Gute in der Seele
eröffnet und eine Art von unmittelbarer Gemeinschaft zwischen ihr und allem was
göttlich ist hergestellt werde Dies wenigstens scheint gewiss zu sein dass wir
in dieser Art von Bezauberung eine größere Empfindlichkeit für alles Schöne
eine größere Leichtigkeit jede Tugend auszuüben einen höheren Grad von
allgemeiner Sympatie einen mehr als gewöhnlichen Hang zu erhabenen weit
grenzenden und wunderbaren Ideen in uns erfahren und daher scheint auch kein
bequemerer Zeitpunkt zu sein um begeisternde Vorstellungen von dem höchsten
Wesen in einer jungen Seele hervor zu bringen als eben dieser
    Der weise Dschengis musste diese Betrachtung gemacht haben denn er wählte
mit Vorsatz diese Zeit um seinem Pflegesohn die geläuterten und erhabenen
Empfindungen der Religion einzuflößen welche er für nötig hielt um der Seele
einen unbeweglichen Ruhepunkt den Leidenschaften ein mächtiges Gegengewicht
und der Tugend die kräftigste Aufmunterung zu verschaffen Die richtigsten
Begriffe welche wir aus der Quelle der Natur schöpfen können sind ohne die
Idee eines unendlich vollkommenen Urhebers und Vorstehers der Natur äußerst
mangelhaft Welch ein Unterschied zwischen dem engen Kreis in welchen die
tierische Sinnlichkeit eingeschlossen ist und dem grenzenlosen All in welches
der erstaunte Geist hinaus sieht sobald er einen Schöpfer der Welt erkennt
dessen wohltätige Macht ebenso unbegrenzt ist als sein Verstand Dschengis hegte
von dem höchsten Wesen eben diese reinen Begriffe welche die Weisen der
ältesten Zeiten einer langen Betrachtung der Natur und vielleicht einem
unmittelbaren Umgang mit höheren Wesen zu danken hatten Begriffe die sich unter
den Philosophen des östlichen Teils der Erde eine lange Zeit erhalten haben und
selbst durch alle Ungereimteiten des Aberglaubens und des Götzendienstes nicht
gänzlich ausgelöscht werden konnten
    Das höchste Wesen sagte Dschengis zu dem jungen Tifan ist zwar den äußern
körperlichen Sinnen aber nicht dem Geist unsichtbar der sobald er reif genug
worden ist Ordnung und Zusammenstimmung allgemeine Gesetze wohltätige
Endzwecke und weislich gewählte Mittel in dem großen Schauplatze der Natur der
uns umgibt wahrzunehmen an dem Dasein einer höchsten Weisheit und Güte welche
gleichsam die allgemeine Seele des Ganzen ist eben so wenig als an dem Dasein
seiner eignen Seele die ihm nicht sichtbarer ist als jene zweifeln kann Die
Welt ist in allen ihren uns bekannten Teilen zu unvollkommen um selbst das
höchste Wesen zu sein und im ganzen betrachtet zu groß und vortrefflich um
nicht das Werk eines höchsten Wesens zu sein Ist sie dieses so ist unser
Dasein so sind die Fähigkeiten zu empfinden zu denken zu handeln und durch
den rechten Gebrauch derselben in einem hohen Grade glücklich zu sein so sind
die Beziehungen der ganzen Natur auf die Erhaltung das Vergnügen und den Nutzen
des Menschen eben so viele unschätzbare Wohltaten welche wir dem Urheber der
Welt zu danken haben und so weiset uns das Verhältnis eines allgemeinen
Wohltäters den ersten Gesichtspunkt an aus welchem wir das höchste Wesen zu
betrachten haben
    Die Erwägung der wunderbaren Ordnung in welcher dieses aus einer so
unendlichen Menge verschiedener Teile zusammen gesetzte allgemeine Ganze
erhalten wird leitet uns auf den Begriff eines besonderen Endzwecks für jede
besondere Gattung und eines allgemeinen Zwecks für das ganze System der
Schöpfung Diese Verbindung zu gemeinschaftlichen Zwecken führt uns auf die
mannigfaltigen Verhältnisse der Wesen gegen einander und aus beiden entwickelt
sich der Begriff besonderer und allgemeiner Gesetze der Natur Der Mensch der
auf dem besonderen Schauplatz auf den er sich gesetzt befindet keine
vollkommnere Gattung erblickt als seine eigene sieht sich doch bei allen seinen
Fähigkeiten und Vorzügen in einer unvermeidlichen Abhänglichkeit von allem was
ihn umgibt Die ganze Natur muss ihre Kräfte vereinigen um ihn von Augenblick zu
Augenblick im Dasein zu erhalten das elendeste Insekt das kleinste Sandkorn
ist vermögend ihn im Genuss seiner Glückseligkeit zu stören ihn zu quälen ja
seinem Leben ein Ende zu machen Es ist wahr die ganze Natur ist ihm dienstbar
aber er muss sie gleichsam nötigen es zu sein und ohne seine Hände ohne seinen
Witz ohne seinen unverdrossenen Fleiß würde dieser Planet der ihm zur
Anbauung angewiesen ist bald zu einer unwirtbaren Wildnis werden Aber wie
sollte der einzelne Mensch einem solchen Geschäfte gewachsen sein Es ist
augenscheinlich dass die ganze Gattung sich vereinigen muss um ihre natürliche
Herrschaft über den Erdboden zu behaupten und dass ein jeder seine besondere
Sicherheit sein besonderes Wohlsein nur in dem vollkommensten und
glücklichsten Zustande der ganzen Gattung findet Daher diese allgemeinen
Gesetze der menschlichen Natur welche durch die Absonderung der Menschen in
besondere Gesellschaften zwar verdunkelt und auf mannigfaltige Weise verfälscht
worden sind aber so lange der Mensch kein Mittel findet sich eine andere Natur
zu geben notwendig allgemein verbindliche Gesetze für die ganze Gattung
bleiben Ein sehr fühlbarer Beweis dass sie es sind liegt darin weil die
Menschen für jede Übertretung dieser Gesetze durch die notwendigen Folgen dieser
Übertretung gestraft weil sie in eben dem Grade wie sie den Pflichten der
Natur untreu sind unglücklich und elend werden Diese Betrachtung zeigt das
höchste Wesen aus einem neuen Gesichtspunkte Der Urheber der Natur ist auch der
Gesetzgeber der Natur und eben dadurch weil die Beobachtung oder Übertretung
seiner Verordnungen die unumgängliche Bedingung der Glückseligkeit oder des
Elendes unsrer Gattung ist erkennen wir in seiner Gesetzgebung zugleich den
Urheber der Natur den Wohltäter des Menschen und den vollkommensten Verstand
    Aber auch hier steht die Vernunft noch nicht still Der Mensch erfährt
mitten im Genuss derjenigen Glückseligkeit welche ihm der weiseste Genuss der
Dinge außer ihm geben kann dass sie unfähig sind ihm die vollkommne
Glückseligkeit zu geben die er wünscht und seine so oft betrogene Hoffnung
erhebt ihre Augen endlich nach einem unvergänglichen Gute nach demjenigen
welches das Urbild und die Quelle alles Schönen und Guten ist In ihm glaubt sie
das letzte Ziel aller ihrer Wünsche und in der unmittelbaren Vereinigung mit
ihm den höchsten Endzweck des Daseins aller empfindenden Wesen zu sehen Die
Seele fühlt bei diesem großen Gedanken den Kreis ihrer Tätigkeit sich erweitern
und jenseits der Grenzen dieses Lebens wovon immer nur der gegenwärtige
Augenblick wirklich der zukünftige ungewiss und alles Vergangene Traum ist
entdeckt sich ihrem verlangenden Auge eine bessere Zukunft Und so zeigt sich
ihr das Wesen der Wesen aus einem dritten Gesichtspunkte als das höchste Gut
und letzte Ziel aller erschaffenen Geister
    Jedes dieser Verhältnisse der Gottheit gegen die Menschen beweiset bis zum
Augenschein dass die Idee des unendlichen Geistes in dem innern System unsrer
Seele eben das ist und sein soll was die Sonne in dem großen Kreise der
Schöpfung der uns umgibt  dass sie es sein soll die der Seele Licht und Wärme
gibt um jede Tugend jede Vollkommenheit hervor zu treiben und zur Reife zu
bringen Jener süße Zug der Sympatie der uns geneigt macht uns mit andern
Geschöpfen zu erfreuen oder zu betrüben wird nun etwas ganz anderes als ein
bloßer animalischer Trieb Allgemeine Güte zärtliche Teilnehmung an den
Schicksalen der Wesen unsrer Gattung sorgfältige Vermeidung alles
Zusammenstosses wodurch wir ihre Ruhe ihren Wohlstand verletzen würden
lebhafte Bestrebung ihr Bestes zu befördern und mit dem unsrigen zu vereinigen
alles dies in dem Lichte betrachtet welches die Idee der Gottheit über uns
verbreitet sind Gesetze des allmächtigen und wohltätigen Beherrschers aller
Welten Gesetze von deren Verbindlichkeit uns nichts los zählen kann Gesetze
von deren Befolgung die Erfüllung des ganzen Endzwecks unsers Daseins abhängt
    So waren die Begriffe von Religion beschaffen welche der weise Dschengis in
der Seele des jungen Tifan entwickelte und solchen Begriffen entsprach der
Unterricht den er ihm von dem Dienste des höchsten Wesens gab Dankbarer Genuss
seiner Wohltaten und aufrichtiger Gehorsam gegen seine Gesetze sagte
Dschengis sind der einzige wahre Dienst den wir einem Wesen leisten können
das unser bloß in so fern bedarf in so fern es uns zu Werkzeugen seiner großen
wohltätigen Absichten erschaffen hat«
    »Bewundern Sie nicht auch die mannigfaltigen Gaben unsres Freundes
Danischmend« sagte SchachGebal zu der schönen Nurmahal »Ich sehe dass er im
Notfall einen so guten Iman abgeben könnte als vielleicht jemals einer am Hofe
eines Sultans gewesen ist Aber für heute lass es immer genug sein Danischmend
und das nächste Mal wenn von deinem Tifan wieder die Rede sein wird erinnre
dich dass du mir einen Gefallen erweisen würdest so bald als möglich auf die
Hauptsache zu kommen«
 
                                       7
»So viel ich mich von allem was du uns mit deiner gewöhnlichen Weitläuftigkeit
von der Erziehung des jungen Tifan erzählt hast erinnern kann« sagte
SchachGebal als Danischmend sich zu gewöhnlicher Zeit anschickte seine
Erzählung fortzusetzen »so mag unter den Händen des ehrlichen Dschengis eine
ganz gute Art von Jungen aus ihm geworden sein aber noch sehe ich mit deiner
Erlaubnis nicht wie er dadurch der große König werden konnte den du uns
erwarten gemacht hast«
    »Sire« versetzte Danischmend »alles warum ich Ihre Hoheit bitte ist noch
ein wenig Geduld zu haben und ich bin überzeugt es wird Ihnen in wenig Tagen
kein Zweifel über diesen Punkt übrig bleiben
    Die Größe und Erhabenheit wozu Dschengis die Begriffe seines Lehrlings
empor zu treiben sich bemüht hatte machten es notwendig dass er ihm zu gleicher
Zeit eine vollständige Kenntnis von dem gesellschaftlichen Leben von dem was
man einen Staat nennt und von der Einrichtung Polizei und Verwaltung desselben
geben musste Er tat es und nachdem er dem jungen Tifan gezeigt hatte wie
dieser Erdball vermöge der richtigen Begriffe von der Natur und Bestimmung des
Menschen aussehen und regiert sein sollte so machte er ihm nach und nach
begreiflich wie es zugehen könnte dass alles ganz anders wäre als es sein
sollte Von dem anschauenden Begriffe der kleinen Kolonie in welcher er
aufgewachsen war brachte er ihn stufenweise bis zu dem verwickelten Begriff
einer großen Monarchie von dem ländlichen Hausvater bis zu dem großen Hausvater
von Scheschian Der Prinz folgte ihm in allen diesen Erörterungen ohne
sonderliche Mühe Aber desto größere Schwierigkeit hatte es ihm begreiflich zu
machen wie aus dem allgemeinen Vater einer Nation ein willkürlich gebietender
Herr und aus diesem Herren mit einer kleinen Veränderung ein Tyrann habe
werden können
    Der junge Prinz erschrak nicht wenig wie er vernahm dass die schönen Ideen
von unschuldigen Menschen und goldnen Zeiten die mit ihm aufgewachsen waren
nur goldne Träume seien aus denen ihn eine kleine Reise durch die Welt auf eine
sehr unangenehme Art erwecken würde
    Sein Verlangen eine Reise welche ihn so viel Neues lehren würde zu machen
nahm mit der heftigsten Begierde allen Drangsalen seiner Mitgeschöpfe
abzuhelfen täglich zu und Dschengis trug um so weniger Bedenken diesem
Verlangen nachzugeben je notwendiger es war ihm eine ausführliche und
anschauende Kenntnis von allen den Missbräuchen Unordnungen und daher
erwachsenden Übeln zu verschaffen welchen wenigstens in einem beträchtlichen
Teile des Erdbodens ein Ende zu machen seine große Bestimmung war Überdies
hatten die gesunden Grundsätze seiner Erziehung zu tiefe Wurzeln in seiner Seele
gefasst als dass von der Ansteckung der Welt etwas für ihn hätte zu besorgen sein
sollen Im Gegenteil erwartete er dass der Anblick alles des mannigfaltigen
Elends welches sich die Menschen durch Entfernung von den Gesetzen der Natur
zugezogen haben den jungen Tifan von der unumgänglichen Notwendigkeit ihrer
Befolgung nur desto lebhafter überzeugen werde
    So viel Mühe Tifan hatte sich von seiner Geliebten und von seinem kleinen
Sohne los zu reißen so überwältigte doch die Ungeduld seiner Neugier die Welt
besser kennen zu lernen die zärtlichen Regungen der Natur Er entfernte sich
also zum ersten Male von den friedsamen Hütten worin er der Welt unbekannt
die glückliche Einfalt seiner Jugend verlebt hatte und durchwanderte in der
Gesellschaft des getreuen Dschengis drei Jahre lang einen großen Teil von Asien
Er lernte die Natur unter tausend neuen Gestalten kennen und erstaunte über die
mannigfaltigen Wunder wodurch die Kunst sie nachzuahmen ja selbst zu
übertreffen und zu verbessern sucht Aber er erstaunte noch mehr wie er sah
dass der elende Zustand der Völker durchgehens desto größer war je mehr Natur
und Kunst sich zu vereinigen schienen sie glücklich zu machen Die schönsten und
fruchtbarsten Provinzen waren immer diejenigen in welchen das Volk auf die
unbarmherzigste Weise unterdrückt wurde Tifan sah mit Entsetzen Könige welche
das Vermögen ihrer Untertanen wie einen dem Feind abgejagten Raub in den
ungeheuersten Ausschweifungen der Üppigkeit verprassten Könige welche das
kostbare Blut der Menschen in mutwilligen Kriegen verschwendeten und sechs
blühende Provinzen zu Einöden verwüsteten um die siebente zu erobern deren
Behauptung es ihnen unmöglich machte ihren Völkern die Vorteile des Friedens
jemals auf zehn Jahre zu versichern Er sah Könige welche aus tiefer
Untüchtigkeit zu allen ihren Pflichten die Verwaltung des Staats Kebsweibern
und Günstlingen überlassen mussten und während dass sie ihr unrühmliches Leben
in Müßiggang und sinnlichen Wollüsten verträumten sich nicht schämten von
hungrigen oder raubgierigen Schmeichlern mit den besten unter den Fürsten ja
mit der Gottheit selbst sich vergleichen zu lassen Er sah kleine Rajas die
ihre Untertanen und sich selbst zu Bettlern machten um sich eine Zeit lang
unter dem allgemeinen Naserümpfen der Welt das lächerliche Ansehen zu geben
mit den größten Monarchen Asiens in die Wette geschimmert zu haben Er sah einen
sehr guten sehr liebenswürdigen Fürsten das Unglück seiner Staaten bloß dadurch
vollkommen machen weil ihm sein böser Genius ein allgemeines Misstrauen gegen
alles was ihn umgab eingeflößt hatte Kurz er lernte die Sultanen Visire
Omras Mandarinen Mollas Derwischen und Bonzen seiner Zeit kennen und
verwunderte sich nun nicht mehr warum er den größten Teil von Asien in einem
Verfall sah welcher einen baldigen allgemeinen Umsturz ankündigte Bei allem
dem machte er tausend nützliche Beobachtungen und hier und da oft unter einem
unscheinbaren Dache die Bekanntschaft eines weisen und rechtschaffenen Mannes
oder eines unbekannten und unbenützten Talents Dschengis ließ keine Gelegenheit
vorbei wo er ihn die Anwendung seiner Grundsätze zu machen lehren konnte Er
führte ihn allenthalben von den äußerlichen Zufällen auf die Quelle des Übels
und zeigte ihm wie vergebens man jenen abzuhelfen sucht so lange diese nicht
verstopft ist oder  welches der Fall vieler Staaten ist  nicht verstopft
werden kann Er zeigte ihm durch Beispiele welche desto lehrreicher sein mussten
weil sie unmittelbar unter ihren Augen lagen dass nichts einfacher sei als die
Kunst weislich zu regieren und dass es weniger Mühe koste ein Volk geradezu
glücklich zu machen als es durch tausend krumme Wege mit einigem Schein von
Recht und Billigkeit zu Grunde zu richten Er zeigte ihm dass überall wo das
Volk unterdrückt und der Staat übel verwaltet wurde der Fürst selbst von
rastloser Gemütsunruhe herum getrieben von tausend Besorgnissen geängstiget
von allen Seiten mit Schwierigkeiten umringt zu einer schimpflichen
Abhänglichkeiten von der eigennützigen Treue und den schelmischen Ränken der
nichtswürdigsten seiner Sklaven verurteilt belastet mit dem Hasse seiner
Untertanen und mit der Verachtung der Welt  unter allen Unglücklichen die er
machte selbst der Unglücklichste war Kurz diese Reise wurde für den jungen
Tifan eine Schule worin er sich ohne es selbst zu wissen zum künftigen
Regenten ausbildete und was hierbei nicht das unbeträchtlichste ist eine
Reise welche für ihn so lehrreich und für Scheschian so nützlich war kostete
in drei ganzen Jahren kaum so viel als alle die Kebsweiber Mohren Gaukler und
Elefanten welche den König von Siam von einem seiner Landhäuser zum andern
begleiten in acht Tagen aufzuzehren pflegen«
    Hier unterbricht sich der sinesische Autor dem wir folgen selbst um uns
zu sagen dass die Reisen des Prinzen Tifan eine Unterredung zwischen dem Sultan
Gebal der schönen Nurmahal und dem Philosophen Danischmend über die Reisen
junger Fürsten veranlasst habe welche er da die sinesischen Prinzen einem
uralten Herkommen zu Folge niemals außer Landes zu reisen pflegten zu
übersetzen für überflüssig erachtet habe Alles was er uns davon meldet ist 
dass nachdem SchachGebal sich aus vielen Gründen sehr ernstlich gegen
dergleichen fürstliche Wanderungen erklärt und bei dieser Gelegenheit seiner
Galle durch ziemlich bittere Spöttereien über gewisse Könige seiner Zeit Luft
gemacht welche ihre Blödigkeit und ihre schlechte Erziehung mit ungeheueren
Kosten in den vornehmsten Reichen Asiens zur Schau getragen  Danischmend als
ob er plötzlich aus einem Traum erwache an den Sultan seinen Herrn sich
gewendet und gesagt habe »Aber was würden Ihre Hoheit von einem großen Fürsten
sagen der den Mut hätte den Ergetzungen seines Hofes den Reizungen der Jugend
und der Allgewalt und dem wollüstigen Müssiggange worin junge Fürsten die
schönste Zeit des Lebens zu verlieren pflegen sich zu entreißen und in
Gestalt eines Privatmannes weitläufige und beschwerdenvolle Reisen zu
unternehmen  um weiser und besser zu werden um die Menschen die ein Fürst
gewöhnlicher Weise nie anders als in Masken sieht in ihrer natürlichen Gestalt
kennen zu lernen  und um selbst des Vergnügens ein Mensch zu sein und seiner
persönlichen Eigenschaften wegen geliebt zu werden ungestörter und vollkommener
genießen zu können Was würden Sie sagen wenn dieser Fürst in Begleitung
weniger Freunde ohne Pracht ohne Aufwand ohne den zwanzigsten Teil des
Geschleppes welches die Großen gewöhnlich nach sich zu ziehen pflegen in allen
seinen Staaten herum reiste überall selbst sich erkundigte wie die Gesetze
beobachtet wie das Recht gehandhabet wie die Staatswirtschaft bestellt würde
die Beschwerden eines jeden der sich an ihn wendete selbst anhörte und durch
seine Leutseligkeit jedermann zu gleichem Vertrauen einlüde bei den prächtigen
Schlössern seiner Omras wo jedes Vergnügen ihn erwartete vorbei eilte um
raue Gebirge zu besteigen oder durch unwegsame schneebedeckte Wälder in die
armseligen Hütten der Dürftigkeit hinein zu kriechen und beim Anblick des
elenden Brotes dessen nur genug zu haben ein Teil seiner nützlichsten
Untertanen sich glücklich achten würde Tränen der Menschheit zu weinen Und was
würden Ihre Hoheit sagen wenn dieser liebenswürdigste unter den Fürsten gleich
einer zu den Menschen herab gestiegenen Gottheit jeden seiner Tritte mit
Wohltaten bezeichnete und bei jedem seiner Blicke irgend ein Missbrauch
abgestellt irgend ein Gebrechen verbessert eine Übeltat bestraft ein
Verdienst aufgemuntert würde« 
    »Danischmend Danischmend« rief der Sultan »was ich sagen würde  Ich
würde«  hier hielt Seine Hoheit eine ziemliche Weile ein und der schönen
Nurmahal pochte das Herz vor Furcht für den ehrlichen wohl meinenden aber in
der Tat gar zu unbedachtsamen Danischmend  »Ich würde sagen« fuhr der Sultan
endlich fort »dass du mir den großen Fürsten auf der Stelle nennen sollst der
dies alles getan hat«
    »Sire« antwortete Danischmend ganz demütig »ich gestehe freimütig dass
ich wofern Ihre Hoheit Sich nicht entschließen es selbst zu sein weder unter
Ihren Vorgängern noch unter Ihren Zeitgenossen einen kenne der dies alles getan
hätte Aber mein Herz sagt mir dass die Idee eines solchen Fürsten die ich in
diesem Augenblick wie durch eine Art von Eingebung auf einmal in meiner Seele
fand kein Hirngespenst ist Er wird kommen und sollt es auch erst in vielen
Jahrhunderten sein ganz gewiss wird er kommen um zu gleicher Zeit die Ehre der
Vorsehung der Menschheit und des Fürstenstandes zu retten und der Trost eines
unglücklichen Zeitalters das Vorbild der Könige und die Liebe und Wonne aller
Menschen zu sein«
    »Gute Nacht Danischmend« sagte der Sultan lächelnd »ich sehe du rappelst
Unser Prophet befiehlt uns Leute in deinen Umständen mit Ehrerbietung
anzusehen aber gleichwohl könnte deucht mich eine Prise Niesewurz nichts
schaden Freund Danischmend«
 
                                       8
Ungeachtet der launischen Art wie SchachGebal seinen so genannten Freund
Danischmend zu Bette geschickt hatte fand er doch so viel Belieben an der
Unterhaltung die ihm die scheschianische Geschichte gab dass er die Zeit die
dazu ausgesetzt war diesmal gegen seine Gewohnheit beschleunigte weil er
neugierig war zu hören wie Danischmend es anfangen würde um aus dem jungen
Tifan einen so großen König zu machen als er versprochen hatte Danischmend fuhr
also in seiner Erzählung fort wie folgt
    »Der junge Tifan hatte auf seiner zweijährigen Reise viel gelernt denn er
kannte nun die Menschen wie sie sind und die Festigkeit zu welcher ehe sich
Dschengis mit ihm in die Welt hinaus wagte seine aus der Natur eingesogenen
Grundsätze gelanget waren sicherte seinen Kopf und sein Herz gegen alle die
schädlichen Eindrücke welche gewöhnlich die Folgen des Kontrastes zwischen dem
was ist und dem was sein sollte in jungen Gemütern zu sein pflegen Er
überzeugte sich bis zum innigsten Gefühl dass die Menschen unrecht hätten so zu
sein wie sie sind
    Wenn man ihnen sagte er zu seinem Mentor den Vorzug der Vernunft vor den
übrigen Tieren nicht absprechen kann so muss man doch gestehen dass sie sich
derselben so schlecht bedienen dass es beinahe besser für sie wäre dieses
gefährlichen Vorzuges gar zu ermangeln Denn welches Tier ist nicht in seiner
Art weniger elend als der Mensch Sie sind weise in Kleinigkeiten und Toren in
Sachen wovon das Glück ihres Lebens abhängt sinnreich wo es darum zu tun ist
sich selbst zu hintergehen und blöde genug sich von andern mit offenen Augen
betrügen zu lassen Sie könnten frei sein sind geboren es zu sein beweisen
sichs selbst dass Freiheit eine unentbehrliche Bedingung zur Glückseligkeit und
Vollkommenheit vernünftiger Wesen sei und sind bei allem dem Sklaven sind es
so sehr dass sogar unter zwanzig unumschränkten Sultanen kaum Einer sich
erwehren kann der Knecht seiner Weiber oder desjenigen der ihm seine Weiber
hütet oder irgend eines andern noch verächtlichern Geschöpfes zu sein«
    »Wohl beobachtet Tifan« rief der Sultan Gebal weil ihm in diesem
Augenblick ein paar Sultanen einfielen die das Unglück hatten sich in diesem
Falle zu befinden und weil Seine Hoheit über dem Vergnügen in eben diesem
Augenblick über allen solchen Schwachheiten empor zu schwimmen Sich nicht
erinnerte wie oft in Seinem Leben dies auch Sein eigener Fall gewesen war
    »Die Freiheit fuhr Tifan fort womit sich die Menschen so viel wissen ist
so wenig für sie gemacht dass sie sobald sie Mittel finden sich ihrer zu
bemächtigen ein so kostbares Gut zu nichts zu gebrauchen wissen als sich
selbst und andern Schaden damit zu tun Die einzigen freien Menschen die wir
auf unsrer Reise gesehen haben waren Räuber oder herum streichende Bonzen 
Eben so widersinnig gehen sie mit den Gesetzen um von welchen sie zu glauben
vorgeben dass ohne sie keine Ordnung keine Sittlichkeit kein besonderer noch
allgemeiner Wohlstand möglich sei In allen Staaten die wir gesehen haben
fanden wir die kleinere Zahl einzig bemüht die Gesetze zu durchbrechen und die
größere unbemerkt unter ihnen wegzuschlüpfen Die Religion hörten wir sagen
ist das Ehrwürdigste das Beste was der Himmel den Sterblichen geben konnte
aber mir deucht sie spielen mit ihrer Religion wie sie mit ihren Gesetzen
spielen Unter allen diesen unzählbaren Braminen und Bonzen wovon wir die
Länder um den Indus und Ganges wimmeln sahen mögen wohl einige sehr ehrwürdige
Personen sein aber die meisten widerlegen ihre Lehren so augenscheinlich durch
ihre Handlungen dass man keine andre Wahl hat als sie entweder für wissentliche
Betrüger oder für Unsinnige zu halten die das Gift selbst verschlucken vor
welchem sie andre warnen
    Von welcher Seite ich die Menschen ansehe finde ich sie in Widerspruch mit
sich selbst und immer machen sie von dem wodurch sie besser und glücklicher
werden könnten einen so ungeschickten oder unbescheidenen Gebrauch dass es in
ihren Händen ein Werkzeug ihres Elendes wird Sie stellen sich als ob sie die
sinnlichen Wollüste verachteten und überfüllen sich damit so oft sie nur
können Die Tugend sagen sie ist des Menschen höchstes Gut und bei jeder
Gelegenheit verkaufen sie ihr höchstes Gut um  verächtlichen Gewinst oder um
einen angenehmen Augenblick Sie haben sich ihrer Sicherheit wegen in große
Gesellschaften vereiniget und verlieren in ihnen unvermerkt alles das was sie
in Sicherheitbringen wollten Sie schmeicheln sich die Herren der übrigen
Geschöpfe zu sein alle Elemente sind uns dienstbar sagen sie die Welt ist
unser und unter jeder Million dieser Herren der Welt sind wenigstens neunmal
hunderttausend welche ihren Anteil an diesem prächtigen Titel um den Zustand
der Elefanten des Königs von Siam gern vertauschen würden
    Was soll man von einer so seltsamen Gattung von Geschöpfen denken Liegt
ihre Ähnlichkeit mit den unschuldigen und gutartigen Menschen unter welchen ich
aufgewachsen bin nur in der äußerlichen Gestalt Oder wie war es möglich von
ihrer ursprünglichen Natur so sehr abzuarten Was nützen ihnen alle ihre
vermeinten Verbesserungen des natürlichen Zustandes ihre Gesetze ihre Polizei
ihre Künste wenn sie nur desto unglücklicher sind je mehr sie Mittel zum
glücklichen Leben haben
    Der Mensch antwortete Dschengis kommt unvollendet aber mit einer Anlage
zu bewundernswürdigen Vollkommenheiten aus den Händen der Natur Die nämliche
Bildsamkeit macht ihn gleich fähig sich die Form eines Gottes  oder die
Missgestalt eines Ungeheuers aufdrucken zu lassen Alles hängt von den Umständen
ab in welche er beim Eintritt in die Welt versetzt wurde und von den
Eindrücken die sein wächsernes Gehirn in der ersten Jugend empfing Bleibt er
sich selbst überlassen so wachsen seine Neigungen in wilder Üppigkeit mit ihm
auf und seine edelsten Kräfte bleiben unentwickelt Lebt er in Gesellschaft so
nimmt er unvermerkt die Sprache die Manieren die Sitten die Meinungen das
Interesse und den Geist der besonderen Gesellschaft an die ihn umgibt und so
verbreitet sich das Gift der physischen und sittlichen Verderbnis wenn es
einmal den Zugang in diese Gesellschaft gefunden hat unvermerkt durch die ganze
Masse aus Der Mensch wird gut oder schlimm aufrichtig oder falsch sanft oder
ungestüm blödsinnig oder witzig träg oder tätig je nachdem es diejenigen
sind von welchen er sich immer umgeben sieht Und wiewohl keiner ist der nicht
etwas von der besonderen Anlage zu einem eigentümlichen Charakter womit ihn die
Natur gestempelt hat beibehielte so dient doch dies in großen Gesellschaften
meistens nur die Anzahl der übel gebildeten und grotesken sittlichen Formen zu
vermehren Je größer diese Gesellschaften und je größer die Menge der kleineren
ist aus welchen sie wie die Zirkel in dem Weltsystem unsrer Sternseher
zusammen gesetzt sind je mehr diese verschiedenen kleinen Kreise einander
drücken und pressen je häufiger die Leidenschaften Vorteile und Ansprüche in
diesem allgemeinen Gewimmel an einander stoßen desto mehr geht von der
ursprünglichen Gestalt des Menschen verloren Eine sehr kleine und von der
übrigen Welt abgeschnittene Gesellschaft erhält sich ohne Mühe bei der
angeborenen Einfalt und Güte der Natur Hingegen ist es eine schlechterdings
unmögliche Sache dass etliche Millionen welche zusammen in Einem Staate von
mäßiger Größe oder etliche hunderttausend welche in Eine Stadt zusammen
gedrängt leben einander nicht in ziemlich kurzer Zeit sehr verderben sollten
wofern der Gesetzgeber nicht ganz besondere Sorge getragen hat dem Übel des
Zusammenstosses der Interessen und dem noch größeren Übel der sittlichen
Ansteckung durch weise Einrichtungen zuvorzukommen
    Und wie könnte dies geschehen fragte Tifan
    Durch eine sehr einfache Veranstaltung antwortete Dschengis Es geschieht
indem man verhindert dass die Hauptstadt eines ganzen Reiches zu keiner
übermäßigen Größe anwächst indem man die Stände deren Unterschied aus der
Natur der bürgerlichen Gesellschaft entspringt wohl von einander absondert und
dafür sorget dass jeder Ursache habe mit dem seinigen zufrieden genug zu sein
um zu den höheren ohne Neid hinauf zu sehen indem man allen Ursachen einer allzu
großen Ungleichheit zuvorzukommen oder doch zu wehren sucht und was das
wichtigste ist indem man die Vermehrung der Einwohner auf alle nur ersinnliche
Weise zu befördern hingegen Müßiggang Üppigkeit und allzu große Verfeinerung
des Geschmacks und der Lebensart eben so eifrig zu verhindern bemüht ist
    Aber wendete Tifan ein wenn die Menschen desto mehr zur Verderbnis geneigt
werden je zahlreicher sie sind wie kann die möglichste Bevölkerung des Staats
unter die Mittel gegen die Verderbnis gehören
    Nicht die Menge der Bürger an sich selbst erwiderte Dschengis sondern die
allzu große Verwicklung ihrer Interessen der häufige und starke Zusammenstoß
ihrer Forderungen die verhältniswidrige Ungleichheit unter den Ständen sowohl
als unter den Gliedern des nämlichen Standes und die übermäßige Bevölkerung
einer einzigen Hauptstadt und Provinz auf Unkosten der übrigen  sind die
Ursachen dieser allzu großen Gärung welche den Staat zur Fäulnis geneigt macht
Ein zahlreicher Adel von mittelmässigem Vermögen ist einem großen Reiche eben so
nützlich als ihm der unmässige Reichtum einiger wenigen und die Armut der
meisten übrigen schädlich ist Eben so zieht der Staat viel mehr Vorteile davon
wenn ein Vermögen von zehn Millionen unter hundert Handelsleute verteilt als
wenn es in den Händen eines einzigen ist und eine Million arbeitsamer Leute
welche Mühe haben das Notwendige zu erwerben sind dem gemeinen Wesen nützlicher
als hunderttausend welche im Überflusse leben In einem großen und von der
Natur reichlich begabten Staate wie Scheschian zum Beispiel ist können wenn
er wohl organisiert ist schwerlich zu viel Menschen sein Alles kommt darauf
an sie gehörig zu verteilen und durch Unterhaltung eines Kreislaufs der jedem
Teile seine erforderliche Nahrung zuführt zu verhindern dass kein Teil auf
Unkosten der übrigen zu einer verhältniswidrigen Größe anschwelle
    Unter tausend solchen Gesprächen welche so nützlich sie für den jungen
Tifan waren Seiner Hoheit nicht anders als lange Weile machen könnten«  »Weiß
der Himmel« rief der Sultan gähnend  »kamen Tifan und Dschengis in Scheschian
an wo nach dem Entwurfe des weisen Alten ihre Wanderungen sich endigen sollten
Die unglücklichen Folgen der tyrannischen Regierung Isfandiars hatten damals
eben ihre höchste Stufe erreicht Tifan so viel Missbräuche so viel Torheit so
viel Ungerechtigkeit er auch in andern Ländern gesehen hatte konnte sich kaum
aus der Bestürzung erholen in welche ihn der elende Zustand von Scheschian
setzte Sein Begleiter versäumte nichts ihm den ausführlichsten und
vollständigsten Begriff davon zu verschaffen Er führte ihn von Provinz zu
Provinz er zeigte ihm den gegenwärtigen Verfall er machte ihm begreiflich in
welchem blühenden Zustande sich jede nach Verhältnis ihrer natürlichen
Beschaffenheit Lage und Beziehung auf die übrigen unter einer weisen
Staatsverwaltung hätte befinden können und entwickelte den Zusammenhang der
Ursachen welche dieses große Reich in allen seinen Teilen zu Grunde gerichtet
hatten Bei dieser Gelegenheit erzählte er ihm die wichtigsten Veränderungen
welche es seit einigen Jahrhunderten erlitten hatte schilderte den Geist der
verschiedenen Regierungen und zeichnete die wichtigsten Fehler aus welche seit
den Zeiten der Königin Lili gemacht worden waren Er zeigte ihm wie leicht es
gewesen wäre jedem Missbrauche zu rechter Zeit abzuhelfen wie natürlich es
zugehe dass diese Missbräuche durch den Aufschub der schicklichsten Hilfsmittel
endlich unverbesserlich werden und wie unvermeidlich der Untergang auch des
mächtigsten Staates sei wenn der Luxus seinem eigenen Lauf überlassen und den
verderblichen Folgen desselben nicht eher als bis sie die Eingeweide des Staats
angefressen haben und auch alsdann nicht anders als durch hitzige Mittel und
gewaltsame Operationen begegnet werde«
    Hier unterbrach SchachGebal die Erzählung durch einen Einwurf der
vermutlich auch auf der Zunge mancher Leser schwebt »Alles dies« sagte er
»ist ganz gut aber ich begreife doch nicht recht wie der ehrliche Tifan der
von seiner Geburt und vermutlichen Bestimmung nichts wusste alle diese
politischen Untersuchungen interessant genug und überhaupt wie er begreiflich
finden konnte dass Dschengis sich so viele Mühe gab ihn aus einem Bauer zu
einem Staatsmanne umzubilden«
    »Ich gestehe« sagte Danischmend »dass ich diesem Einwurfe hätte zuvorkommen
sollen Tifan zeigte von seiner ersten Jugend an ungewöhnliche Fähigkeiten Eine
glückliche Empfindlichkeit entwickelte frühzeitig alle Kräfte seiner Seele Sein
Verstand kam den Unterweisungen seines Lehrmeisters auf halbem Wege entgegen
Sein Herz war zur Dankbarkeit zur Freundschaft und zum Wohltun aufgelegt Immer
empfand er die Freude oder die Schmerzen derjenigen die er liebte stärker als
seine eigenen Er kannte keine süssern Augenblicke als diejenigen worin er ihnen
Vergnügen machen oder irgend eine Unlust von ihnen entfernen konnte Mit einer
solchen Seele fühlt man sobald man einige Kenntnis der Welt erlangt hat einen
innerlichen Beruf zu der edelsten Art von Tätigkeit Ich glaube schon bemerkt zu
haben dass der junge Tifan von der Stunde an da ihm Dschengis einen Begriff
von dem wirklichen Zustande der menschlichen Gattung gegeben hatte den
Geschmack an seinem eigenen Glücke verlor und vor Begierde brannte dem Elende
seiner Mitgeschöpfe abzuhelfen  einer Begierde die in gewissem Sinn etwas
Romanhaftes hat38 aber dem ungeachtet die Leidenschaft großer Seelen und die
Mutter der schönsten Taten ist Dschengis bediente sich dieser Augenblicke den
Prinzen zur künftigen Entdeckung seines Standes vorzubereiten Er machte ihm
Hoffnung dass er vielleicht bestimmt sein könnte seines Wunsches in einem
höheren Grade als er nach seinen itzigen Umständen hoffen dürfte gewähret zu
werden und bestätigte diese Hoffnung durch eine Menge von Beispielen großer
Männer welche aus der Dunkelheit hervor gegangen waren um Wohltäter des
menschlichen Geschlechtes zu werden Die edlen Triebe die du in dir fühlst
sagte er zu ihm sind ein angeborner Beruf zu einer erhabenen und wohltätigen
Bestimmung Vielleicht hat die Vorsehung dich zum Werkzeuge großer Dinge
ausersehen Ist dies ihre Absicht so wird sie uns Wege dazu eröffnen von
welchen wir uns jetzt nichts träumen lassen Dermalen kommt alles darauf an dass
wir nichts unterlassen was von uns abhängt Bemühe dich mein lieber Tifan die
Kenntnisse die Geschicklichkeiten die Tugenden zu erwerben die eine solche
Bestimmung voraussetzt das übrige ist die Sache des Himmels
    Tifan kann also da er seine Reisen unternahm als ein junger Mensch
betrachtet werden der eine zwar noch unbestimmte aber doch entschlossene
Neigung in sich fühlt irgend eine edle Rolle auf dem Schauplatze der Welt zu
spielen und so ist wie mich deucht der Einwurf gehoben den Ihre Hoheit gegen
die Schicklichkeit der politischen Erziehung meines jungen Helden zu machen
geruht haben«
    »Aufrichtig zu sein Danischmend« sagte der Sultan »alles was mich an der
Sache verdriesst ist dass ich nicht so glücklich war in meiner Jugend einen
Dschengis zu finden Der arme SchachBaham Ihm kam es zu einen solchen Mann
für mich zu suchen Aber es hätten zehen tausend Dschengisse in Indostan leben
können ohne dass er einen einzigen von ihnen ausfündig gemacht hätte Für ihn
waren alle Menschen gleich diejenigen ausgenommen welche Märchen erzählen und
Bilder ausschneiden konnten denn diese waren die großen Männer in seinen Augen
 Fortgefahren Herr Danischmend«
    »Dschengis hatte nach einem Aufenthalte von etlichen Monaten in Scheschian
hohe Zeit mit seinem Untergebenen unsichtbar zu werden denn die Kundschafter
deren Eblis eine große Menge in allen Teilen des Reiches unterhielt hatten ihm
Nachricht von unsern Wanderern gegeben welche seine argwöhnische Aufmerksamkeit
rege machten Aber durch die Vorsichtigkeit des alten Mentors waren sie in ihrer
unbekannten Freistätte schon wieder geborgen als der Befehl zu ihrem Verhaft
anlangte
    Der junge Tifan ruhte einige Tage in den Armen seiner geliebten Tili von den
Beschwerden einer mühsamen Reise aus Der Genuss der lang entbehrten häuslichen
Glückseligkeit das Vergnügen die Gespielen seiner Kindheit und die Gegenden
wo seine Seele die ersten angenehmen Eindrücke bekommen hatte wieder zu sehen
schien eine Zeit lang diejenigen ausgelöscht zu haben welche seine Wanderungen
durch Scheschian in seinem Gemüte zurück gelassen hatten Aber diese
Erinnerungen wachten bald nur desto lebhafter auf sie verfolgten ihn
allenthalben und verbitterten die Wonne seines Lebens Sein Herz machte ihm
Vorwürfe so oft er sich der Freude überließ es war ihm als ob er einen Genius
in seine Seele flüstern höre O Tifan kannst du dich freuen da Millionen
Geschöpfe deiner Gattung so elend sind
    Bald nach seiner Zurückkunft brachen die öffentlichen Unruhen in Scheschian
aus Dschengis welcher Gelegenheit gefunden hatte mit einem zuverlässigen
alten Freunde das vertraute Verständnis ihrer jüngeren Jahre wieder zu erneuern
erhielt von ihm durch geheime Wege die genaueste Nachricht von allem was
vorging Er teilte sie wieder mit dem jungen Tifan der vor Ungeduld brannte
die gemisshandelten Scheschianer an ihren Tyrannen gerochen zu sehen und nun
glaubte der Alte dass es Zeit sei einen neuen Schritt zu tun um den Prinzen zur
Mitteilung seines großen Geheimnisses vorzubereiten Er entdeckte ihm also dass
er selbst aus einem edelen Geschlechte in Scheschian abstamme dass er ehmals
öffentliche Würden am Hofe des Königs Azor bekleidet habe und ein Vertrauter
des einzigen Bruders dieses Fürsten gewesen sei aber bald nach dem Tode des
letztern weniger um seiner persönlichen Sicherheit willen als aus gänzlicher
Überzeugung von seiner Unnützlichkeit unter der neuen Regierung sich in dieses
Gebirge zurück gezogen habe um in ungestörter Ruhe der Erziehung seines
geliebten Tifan sich widmen zu können
    Aber nun rief Tifan mit aller der Wärme worein ihn diese Entdeckung
gesetzt hatte was säumen wir unser Blut einem Vaterlande anzubieten welches
in den letzten Zügen liegt und alle seine Kinder um Hilfe oder wenn Hilfe zu
spät kommt wenigstens um Rache anruft
    Dschengis hatte einige Mühe dem Prinzen begreiflich zu machen dass
Rechtschaffenheit eben sowohl als Klugheit ihnen nicht eher gestatten könne
eine Partei zu ergreifen bis auf eine zuverlässige Art entschieden sei auf
welcher Seite sich das stärkste Recht befinde Isfandiar sagte er hat wie ein
Tyrann regiert aber sein Erbrecht an die Krone ist unstreitig und unverletzlich
 Die Nation ist schuldig ihn für ihren König zu erkennen Es ist wahr sie hat
Rechte welche eben so heilig sind als die seinigen und sie ist so wenig
verbunden alles zu leiden als er berechtigt ist alles zu tun Aber vielleicht
geht Isfandiar in sich vielleicht gibt er billigen Vorschlägen Gehör und
vielleicht ist mehr Erbitterung Rachsucht und Eigennutz als wahre
Vaterlandsliebe in den Bewegungsgründen der Häupter der Empörung Die Zeit muss
uns hierüber Licht geben Sobald Pflicht und Ehre uns auf die eine oder auf die
andere Seite rufen werden dann wollen wir gehen
    Der junge Tifan sah einer entscheidenden Nachricht mit Ungeduld entgegen
Aber die Zwischenzeit wurde nicht ungenützt vorbei gelassen Dschengis der sich
in seiner Jugend den Ruhm eines guten Offiziers erworben hatte las unter den
Gespielen seines Pflegesohns einige der stärksten und gewandtesten aus um sie
nebst Tifan in allen Arten von kriegerischen Übungen zu unterweisen Er
vermehrte sie mit einer Anzahl auserlesener junger Tatarn welche er durch
Geschenke und Hoffnungen in seine Dienste zog Tifan tat sich bald unter dieser
mutvollen Jugend hervor er gewann ihre Liebe in einem so hohen Grade und
schien ihnen allen so unstreitig der wackerste und beste aus ihrem Mittel zu
sein dass sie ihn einmütig zu ihrem Anführer erwählten ein Umstand der in den
Augen des erfreuten Alten von glücklicher Vorbedeutung war Nach einiger Zeit
langte die Nachricht von dem Tode des Königs an und von der Zerrüttung in
welche das erbenlose Reich dadurch gestürzt worden sei Nun war es nicht länger
möglich den jungen Tifan zurück zu halten und nun glaubte Dschengis dass es
Zeit sei sich seines Geheimnisses zu entledigen«
    SchachGebal dem dieses Geheimnis schon bekannt war erklärte sich dass er
für diesmal genug habe und entließ Danischmenden mit der Versicherung dass es
ihm nicht zuwider sein würde der Fortsetzung dieser Geschichte zuzuhören
 
                                       9
Zur gewöhnlichen Zeit setzte Danischmend die Geschichte des Prinzen Tifan
folgender Massen fort
    »Dschengis sah mit innerlichem Frohlocken das Feuer welches in Tifans Seele
brannte und die Entschlossenheit mit welcher er bereit war sein Leben für die
Sache eines Vaterlandes zu wagen zu dessen Verteidigung er als der vermeinte
Sohn eines Edelen von Scheschian einen angeborenen Beruf zu haben glaubte und
seine Ungeduld über jeden Tag der die Ausübung dieser Pflicht verzögerte Er
genoss des reinen und alle andre Wollust übertreffenden Vergnügens seine
großmütigen Bemühungen dem glücklichsten Erfolge sich täglich nähern zu sehen
Er hatte den Sohn eines Fürsten der sein Freund gewesen war nicht nur
gerettet er hatte ihn zu einem der besten Menschen gebildet Jede Tugend jede
Fähigkeit deren edler Gebrauch den großen Mann macht entwickelte sich bei der
kleinsten Veranlassung in seiner schönen Seele Die Natur schien etwas Großes
mit ihm vorzuhaben und das Glück eröffnete ihm bei seinem Eintritt in das
männliche Alter einen Schauplatz wo die Notwendigkeit selbst jedem seine Rolle
anweist wo der Zufall das wenigste tut und jedes große Verdienst in seinem
eigentümlichen Glanz erscheint Meine Ahnungen sind erfüllt sagte Dschengis zu
sich selbst Tifan ist dazu bestimmt ein neues besseres Scheschian aus den
Trümmern des alten hervor zu ziehen Es ist Zeit ihm zu entdecken wer er ist
und ihn auf den Weg zu bringen worauf er werden kann was er sein soll
    Die neuesten Nachrichten welche Dschengis von seinem Freund erhalten hatte
sprachen von einer öffentlichen Verbindung einiger Städte gegen die Edelen
welche sich zu Nebenbuhlern um den Thron aufgeworfen hatten Die Verbundenen
nannten sich die vaterländische Partei und wiewohl sie über die Art und Weise
wie die Verfassung des Reiches fürs künftige eingerichtet werden sollte unter
sich selbst nicht einig waren so stimmten sie doch alle in dem Hasse der
Tyrannei und in dem Grundsatz überein keinen König zu erkennen der kein
besseres Recht als die Obermacht seiner Waffen hätte
    Die Krone in Scheschian ist aus Mangel eines gesetzmässigen Tronfolgers der
Nation anheim gefallen sagte Tifan diejenigen welche sich derselben mit
Gewalt bemächtigen wollen haben keinen andern Beruf dazu als die Sucht zu
herrschen Die Partei der verbundenen Städte ist die Partei der Nation und die
Nation allein hat das Recht die Verfassung festzusetzen durch welche sie sich
des Besitzes ihres gerechten Anspruchs an Freiheit und Glückseligkeit am besten
versichern zu können glaubt Dschengis kann es nicht missbilligen wenn ich gehe
meinem Vaterlande Dienste anzubieten die ich ihm schuldig bin
    Aber was wirst du dazu sagen Tifan sprach der Alte wenn ich dir entdecke
dass noch ein Prinz aus dem Hause OgulKans übrig ist dessen Ansprüche um so
weniger zweifelhaft sein können da er ein Sohn des einzigen Bruders des Sultans
Azor ist
    Und wo ist dieser Prinz fragte Tifan mit einer Miene welche sehr deutlich
verriet dass ihn Dschengis mit einer unwillkommnen Nachricht überrascht hatte
    Unsre Nachrichten melden uns nichts von ihm
    Wie kann das Dasein eines Prinzen dessen bloßer Name alle Unruhen in
Scheschian stillen würde ein Geheimnis sein
    Jedermann glaubt war die Antwort des Alten dass dieser Prinz so wie die
übrigen von Azors Hause ein Opfer der misstrauischen Grausamkeit des Tyrannen
Isfandiar geworden sei Aber man betrügt sich er lebt und  was dich noch mehr
in Verwunderung setzen wird mein Sohn  ich bin der Einzige der um das
Geheimnis seiner Erhaltung weiß
    O mein Vater rief Tifan mit einer immer zunehmenden Unruhe welch ein
Geheimnis ist dies Vielleicht ein unglückliches für Scheschian Wie wenn dieser
Prinz die Eigenschaften nicht hätte die ein Fürst haben muss der ein so sehr
zerrüttetes so tief herunter gebrachtes Reich wieder aufrichten wieder aufs
neue blühend machen soll Wie wenn er ein zweiter Isfandiar oder wenigstens ein
zweiter Azor würde Wär es in diesem Falle nicht Pflicht  Pflicht gegen das
Vaterland gegen die Nachwelt gegen lebende und ungeborne Millionen  ein so
gefährliches Geheimnis mit ewigem Stillschweigen zu bedecken
    Der junge Prinz hat eine sehr gute Anlage erwiderte Dschengis und sein
Recht 
    O mein Vater fiel ihm Tifan ein welches Recht kann heiliger sein als das
Recht einer ganzen Nation an Glückseligkeit Welch ein fürchterlicher Gedanke
das Schicksal so vieler von der zweifelhaften Entscheidung des Charakters eines
Einzigen abhangen zu lassen
    Aber die Nation muss einen König haben erwiderte Dschengis die Regierung
vieler Köpfe taugt nichts in einem so weit grenzenden Staate und Scheschian in
eine Menge kleiner Freistaaten zu zerstücken und diese wieder durch einen so
schwachen Faden als ein gemeinschaftliches Bündnis in ein Ganzes zusammen
binden zu wollen wäre für die Ruhe und den Wohlstand der Nation gefährlicher
als alles was wir bei einem jungen Monarchen wagen können Mir deucht dieser
Punkt wurde schon lange zwischen uns ausgemacht
    Gut sagte Tifan aber würde die Nation nicht besser tun wenn sie durch
eine freie Wahl die Regierung demjenigen auftrüge zu dem sie das beste
Vertrauen hätte demjenigen der sich eines solchen Vertrauens am würdigsten
gezeigt hätte Der junge Prinz weiß vielleicht nichts von seinem Rechte 
    Er weiß nichts davon sagte Dschengis 
    Und der Nation ist wie du sagtest sogar sein Dasein unbekannt fuhr Tifan
fort Es kann also nichts Böses daraus entstehen wenn man sein Recht ihm selbst
und dem Volke unbekannt bleiben lässt Mir deucht dies wäre doch immer das
Sicherste
    Aber versetzte Dschengis wenn mich nicht alles betrügt so können wir uns
selbst keinen bessern Fürsten geben als diesen den uns der Himmel gegeben hat
Er ist der edelmütigste der liebenswürdigste der tugendhafteste junge Prinz
den die Welt vielleicht jemals sehen wird
    Du sagst dies mit einem so zuversichtlichen Ton erwiderte Tifan wie war es
möglich dass du ihn so genau kennen lerntest
    Sehr möglich antwortete Dschengis da ich ihn selbst erzogen habe
    Du selbst rief Tifan mit einer Bestürzung welche zeigte dass seine Seele
der Entwicklung des Geheimnisses aus innerlicher Ahnung entgegen sah
    Ich selbst Tifan unter meinen Augen ist er aufgewachsen und seit mehr als
zwanzig Jahren bin ich nicht von seiner Seite gekommen  Mit Einem Worte Tifan
  Du bist dieser Prinz Du bist der einzige übrig gebliebene Bruderssohn
Azors und der rechtmäßige Erbe des scheschianischen Trones
    Du bist also nicht mein Vater sagte Tifan mit einem traurigen Tone der
Stimme indem seine Augen sich mit Tränen erfüllten
    Nein bester Tifan versetzte der alte Dschengis indem er seine Arme um
seinen Hals warf und ihn etlichemal mit großer Bewegung auf die Stirne küsste
auf welche eine seiner Tränen fiel Du bist der Sohn meines Freundes Dein Vater
war eines Trones wert Er hinterließ dich mir als ein kostbares Unterpfand und
teuer  teuer bester Tifan aber nicht zu teuer hab ich das Recht eines
zweiten Vaters an dich erkauft denn um dein Leben zu erhalten gab ich dem
Isfandiar meinen einzigen Sohn hin Er glaubte dich erwürgt zu haben und ich
entfloh mit dir in diese Freistätte Unwissend was der Himmel über dich
beschlossen haben könnte erzog ich deine erste Jugend als ob der Privatstand
dein Los bleiben würde Wer alles ist was ein Mensch sein muss wenn er diesen
edelen Namen in seiner würdigsten Bedeutung führen soll wird allezeit einen
guten Fürsten abgeben sprach ich zu mir selbst Indessen sah ich wohl vorher
dass Isfandiars sinnlose Regierung zu einer Zeit wo die behutsame
Staatswirtschaft kaum vermögend gewesen wäre das sinkende Reich zu erhalten
sich endlich mit dem Umsturz der gegenwärtigen Verfassung endigen würde Meine
Vermutungen sind in Erfüllung gegangen Scheschian ist ohne Haupt alles Elend
und alle Greuel der Anarchie schlagen über dem unglücklichen Lande zusammen
Itzt ist die Zeit da wo die Tugend eines einzigen Mannes das Schicksal der
ganzen Nation entscheiden kann Frage dein Herz Tifan was sagt es dir in
diesem Augenblicke
    Ich fühle eine Verwirrung in mir erwiderte Tifan aus welcher mich zu
sammeln Zeit vonnöten ist Ich wollte du hättest mich in einem Irrtum gelassen
bei dem ich glücklich war  Und doch O mein Vater er drückte sein
schlagendes Herz an die Brust des Alten indem er dies sagte ich fühl es mein
Herz wird immer eben dasselbe bleiben Ich wollte als Sohn des edelen Dschengis
gehen mein Leben für die Ruhe meines Vaterlandes zu wagen könnt ich als Temors
Sohn weniger tun Temors Sohn sagt ich O du ehrwürdiger bester alter Mann
lass mich deinen Sohn bleiben Ich kann es ohne Undankbarkeit gegen denjenigen
sein dem ich das Leben zu danken habe Niemand weiß von unserm Geheimnis als
du und wer würde dir glauben wenn du es entdecken wolltest Lass mich deinen
Sohn bleiben Dir hab ich es zu danken dass ich mich fähig fühle eine Krone zu
verachten Du bist mein wahrer Vater und ich will die Ehre verdienen dein Sohn
zu sein Mein höchster Stolz geht nicht weiter
    Eine Krone verachten Tifan rief Dschengis indem er sich plötzlich aus
seinen Armen los machte Nein Tifan dies ist nicht der Weg mich für das zu
belohnen was ich für dich getan habe Verachte die wollüstige Trägheit den
Müßiggang die Üppigkeit den Übermut die Schwachheiten und die Laster wovon
die meisten welche Kronen getragen haben Sklaven gewesen sind Sei des Trones
wert für welchen du geboren bist Aber sage nicht dass du den erhabensten
Auftrag verachtest womit der Himmel einen Sterblichen beehren kann
    O mein Vater erwiderte Tifan indem eine edle Schamröte seine männlichen
Wangen überzog vergib den unbedachten Ausdruck eines Gefühls das du nicht
missbilligen kannst Du kennest meine Seele die du selbst gebildet hast die
durch deine Einflüsse durch dein Beispiel die Tugend lieb gewonnen hat und
allem was schön und groß ist mit ausgespannten Flügeln entgegen eilt Ich bin
alles was du willst Aber mein Vater wer anders als der weiseste und beste
Mann im Reich verdient die Ehre an der Spitze der Nation zu stehen Und wenn
dies ist wer verdient König zu sein wofern es Dschengis nicht verdient
    Deine Liebe zu mir macht dich parteiisch erwiderte der Alte und überdies
ist es nicht um die Ehre der Erste zu sein sondern um ein Amt zu tun dessen
Last jüngere Schultern erfordert als die meinigen Meine Erfahrung kann dir
nützen aber das Feuer die Tätigkeit das Anhalten in der Arbeit wozu dich
deine Jugend fähig macht könntest du mir nicht mitteilen
    Indessen bleibt noch eine große Schwierigkeit unaufgelöst sagte Tifan Wie
willst du den Adel und das Volk von Scheschian überzeugen dass ich Temors Sohn
sei
    Ich antwortete Dschengis das will ich nicht Du selbst Tifan Du musst sie
überzeugen Du hast dein eigenes Urteil gesprochen Die Nation weiß nichts von
deinem Geburtsrecht und es würde mir unmöglich sein wenn ich es auch wollte
sie davon zu überzeugen Eine freie Wahl muss den Würdigsten zum Throne rufen
Gehe Tifan hilf der Nation dies ihr großes Recht gegen diejenigen behaupten
welche sich den Weg zum Thron auf den Trümmern der Freiheit bahnen und mit
Gewalt an sich reißen wollen wozu sie kein Recht zu haben fühlen Verdiene von
deinen Mitbürgern für den besten Mann der Nation erkannt zu werden  und wehe
ihnen wenn sie den misskennen der wofern mich nicht alles betrügt sie
glücklich machen wird wenn sie ihr Glück in seine Hände stellen«
    »Danischmend« sagte SchachGebal  »ich fange an zu merken dass du im Sinne
hast uns mit einem Romane zu beschenken Bisher klang der größte Teil deiner
Erzählung so ziemlich wie eine Geschichte aus dieser Welt Aber dieser Dschengis
 dieser Tifan Man erinnert sich nicht solche Leute gekannt zu haben Nicht
als ob ich etwas dawider einzuwenden hätte dass sie so gute Leute sind Aber ich
hasse alles was einem Märchen ähnlich sieht Danischmend«
    »Wenn Ihre Hoheit dies im Ernste meinen« versetzte der Philosoph »so bin
ich genötigt demütigst um meine Entlassung anzusuchen Denn ich muss gestehen je
weiter wir in der Geschichte Tifans kommen werden desto weniger wird sie die
Miene einer Geschichte aus dieser Welt haben Aber dem ungeachtet kann ich mir
nicht aus dem Kopfe bringen dass sie eine so wahre Geschichte ist als immer die
Geschichte von Azorn oder Isfandiarn Tifan ist kein Geschöpf der Phantasie es
liegt dem ganzen Menschengeschlechte daran dass er keines sei Entweder er ist
schon gewesen oder wenn er wie ich denke nicht unter den jetzt Lebenden ist
wird er ganz gewiss künftig einmal sein«
    »Immerhin« sagte der Sultan lächelnd »wenn dein Tifan auch ein Traum wäre
so wollen wir wenigstens sehen ob es sich vielleicht der Mühe verlohnet ihn
wahr zu machen« »Ich habe Ihrer Hoheit noch so viel davon zu sagen was Tifan
tat als er König war dass ich wohl zu tun glaube desto kürzer über das zu sein
was er tat um es zu werden«
    »Gut Danischmend wir kennen einander Langweilige Erzählungen haben die
Gabe nicht mich einzuschläfern sie machen mich ungehalten Wir wissen nun
einmal dass du aus deinem Tifan einen König machen willst und da die Sache bloß
von dir abhängt so kannst du mich nicht mehr verbinden als wenn du die
Zurüstungen abkürzest so viel nur immer möglich sein wird«
    »Der Name Dschengis« fuhr Danischmend fort »welcher bei allen die noch
aus Azors Zeiten übrig waren in Ansehen stand trug nicht wenig bei den jungen
Tifan bei seinem ersten Auftritt in Scheschian in ein vorteilhaftes Licht zu
stellen Die vaterländische Partei empfing ihn mit offenen Armen und da er bei
jeder Gelegenheit die Meinung rechtfertigte die man beim bloßen Anblick von ihm
fasste so gewann er bald das Vertrauen und die Hochachtung seiner Mitgenossen
Das Unglück der Zeit schien das erschlaffte sittliche Gefühl der Scheschianer
wieder erweckt zu haben Tifan stellte ihnen in einem Alter mit welchem
Weisheit beinahe unverträglich scheint ein Muster der Vollkommenheit dar dem
sie anfangs ihre Bewunderung und zuletzt ihre Liebe nicht versagen konnten Er
war tapfer ohne Verwegenheit behutsam ohne Unschlüssigkeit behend ohne
Übereilung Er forderte immer mehr von sich selbst als von andern und regierte
seine Untergebenen mehr durch sein Beispiel als durch Befehle Sein Geist
entwickelte bei jeder Gelegenheit die Geschicklichkeiten die das Geschäft
voraus setzte Musste ein Entwurf gemacht werden Tifan übersah die ganze Lage
der Sache sah das Verhältnis seiner Mittel zu den Hindernissen begegnete zum
voraus den Zufällen die seine Anschläge durchkreuzen konnten und bemächtigte
sich aller Vorteile die sein scharfer Blick in den Umständen des Geschäftes
entdeckte War es um die Ausführung zu tun niemand übertraf ihn an Feuer an
Standhaftigkeit an unermüdlicher Geduld an Geschicklichkeit unvorhergesehene
Zufälle seinem Plane förderlich zu machen die Fehler seiner Gegner zu benutzen
oder seine eigenen zu vergüten Mit allen diesen Talenten verband er die
reinsten Sitten unverzärteltes Gefühl Geringschätzung der körperlichen
Wollüste Gleichgültigkeit gegen alle Reizungen zur Untreue an seinen Pflichten
Leutseligkeit und Sanftmut gegen seine Untergebenen Ehrerbietung gegen Alter
Weisheit und geprüfte Tugend einnehmende Gefälligkeit gegen seinesgleichen
wiewohl er in der Tat mit allen diesen Eigenschaften der einzige in seiner Art
war Und was seinem Verdienste die Krone aufsetzte er fand das Geheimnis mit
so vielen Vollkommenheiten von jedermann geliebt zu werden«
    »Dies Geheimnis braucht doch wohl keines für uns zu sein« sagte Gebal mit
einem Blicke wodurch er den Erzähler in Verlegenheit setzen zu wollen schien
    »Auf keine Weise« erwiderte Danischmend »das ganze Geheimnis besteht in
einem Hausmittel das leicht zu entdecken aber nicht leicht zu gebrauchen ist
Eine ungezwungene Bescheidenheit zog einen Schleier über seine Vorzüge der
ihren Glanz milderte ohne verhindern zu können dass sie Aufmerksamkeit und
Bewunderung erregten Seine Bemühung gegen jedermann gerecht zu sein geringere
Verdienste zu sich empor zu heben und den Belohnungen welche ihn suchten
auszuweichen so lange noch jemand da war der ein näheres Recht zu haben glauben
konnte seine Bereitwilligkeit unter Männern zu dienen die er an Talenten weit
übertraf seine Geschicklichkeit ihnen bei entscheidenden Gelegenheiten seine
Gedanken als ob es die ihrigen wären unterzulegen und die Uneigennützigkeit
sie den Ruhm genießen zu lassen den er für sie verdient hatte zufrieden wenn
nur das Gute getan wurde der Anteil den er selbst daran hatte mochte bekannt
werden oder unbekannt bleiben alles dies versöhnte den Neid und die Eifersucht
mit seinen Vorzügen Seine Tugend warf so viel Glanz auf diejenigen die um ihn
waren dass jedermann stolz darauf war in irgend einem Verhältnisse mit ihm zu
stehen Dies hat Tifan auf meinen Befehl getan sagte ein alter Feldherr  ich
focht an seiner Seite sagte der junge Befehlshaber  wir hatten Tifan an unsrer
Spitze sagten die Gemeinen  und jeder glaubte sich selbst durch nichts mehr
Ehre machen zu können als etwas durch Tifan oder mit Tifan oder unter Tifan
getan zu haben«
    »Wisst Ihr Danischmend« sagte der Sultan »dass mir Euer Tifan zu gefallen
anfängt Es ist wahr man merkt je länger je mehr dass er nur der phantasierte
Held eines politischen Romans ist Aber beim Bart des Propheten man kann sich
nicht erwehren zu wünschen dass man dreißig Jahre jünger sein möchte um eine so
schöne Phantasie wahr zu machen«
    Niemals hatte SchachGebal etwas gesagt das ein recht schönes Kompliment
von Seiten seiner Gesellschaft besser verdient hätte Danischmend der bei
solchen Gelegenheiten nicht sparsam zu sein pflegte trieb vermöge der
gewöhnlichen Wärme seines Herzens die Sache beinahe zu weit Aber SchachGebal
erklärte sich darüber auf eine Art die ihn wenigstens in unsern Augen
wirklich hochachtungswürdig macht »Ich wünschte« sagte er »so vollkommen zu
sein dass ihr Schmeichler in die Unmöglichkeit gesetzt wäret zu viel Gutes von
mir zu sagen Aber seid versichert ich täusche mich selbst nicht Ich weiß was
an der Sache ist mehr ist unnötig zu sagen  Wo blieben wir Danischmend«
    »Bei dem was nach der damaligen Lage der Umstände die notwendige Folge von
Tifans seltenen Verdiensten war Tifan tat sich unter seiner Partei zu welcher
alles was noch einen Funken von Redlichkeit und Vaterlandsliebe in sich fühlte
sich geschlagen hatte so sehr hervor dass er in ziemlich kurzer Zeit von Stufe
zu Stufe bis zur Würde eines Feldherrn stieg und da derjenige der bisher die
Seele der Partei gewesen war in einem Treffen blieb ward er einhellig und
ohne einen Nebenbuhler zu haben an dessen Platz gestellt
    So groß Tifans Vorzüge und Verdienste waren so muss man doch gestehen dass
er auch von den Umständen die zu seiner Erhebung mitwirken mussten ungewöhnlich
begünstigt wurde Das Glück schien aus Liebe zu ihm seiner natürlichen
Unbeständigkeit entsagt zu haben um ihm in allen seinen Unternehmungen den Weg
zu bahnen alle widrige Zufälle von ihm zu entfernen und die übrigen zu Mitteln
seiner Erhöhung zu machen Gleichwohl konnte alles was diese für ihn allein
nicht launische Göttin zu seinem Vorteil tat nicht verhindern dass nicht der
Erfolg mehr die natürliche Frucht seiner Tugend als ein Geschenk des Zufalls zu
sein geschienen hätte Unser Held war nicht nur selbst tugendhaft er hatte die
Gabe auch diejenigen so zu machen die um ihn waren Was bei edleren Seelen ein
sympatetischer Trieb und ein tiefes Gefühl der Göttlichkeit der Tugend die in
ihm vermenschlicht schien zuwege brachte wirkte bei andern die Begierde seinen
Beifall zu verdienen und eine Eifersucht die durch ein edles Ziel zu einer
rühmlichen Leidenschaft wird Sein Anblick sein bloßer Name setzte seine
Freunde und Gefährten in Begeisterung Von Tifan angeführt glaubten sie mehr als
gemeine Menschen zu sein  und waren auch mehr Seine Beredsamkeit vollendete
das Werk seines Beispiels Die Scheschianer  gleich einem armen Fündling der
nachdem er sich lange für einen verwahrloseten Auswurf der Natur angesehen
unverhofft von einem edelen und zärtlichen Vater erkannt wird  empfanden wieder
das Glück ein Vaterland zu haben ihre Seelen entzündeten sich bei diesem
Gedanken jeder vergaß darüber sein besonderes Selbst fühlte dies Selbst nur im
Vaterlande und verlor unvermerkt allen Begriff anders als durch das allgemeine
Glück glücklich sein zu können
    Tifan indem er auf diese Weise die Scheschianer wieder zum Gefühl der
Tugend erweckte schien in der Tat eine Art von Wunderwerk gewirkt zu haben
denn was war dies anders als den erstorbenen Staatskörper wieder ins Leben
zurück rufen
    Dies machte die Grundlage von allem übrigen aus was er in der Folge zum
Besten der Nation zu Stande brachte ohne dies würden alle seine Bemühungen von
geringem Erfolge gewesen sein Aber nachdem es ihm gelungen war seine Mitbürger
mit der Liebe des Vaterlandes zu begeistern so machte sich alles übrige
gleichsam von selbst Die Anzahl der Wohlgesinnten nahm täglich zu ein großer
Teil derjenigen welche das Gift der verdorbenen Sitten zu lange bei sich
getragen hatten als dass man zur ihrer Genesung sich hätte Hoffnung machen
dürfen war in den Flammen des Bürgerkriegs verzehrt worden Die Häupter der
Gegenparteien fanden sich zu schwach der Nation welche wieder unvermerkt in
ein Ganzes zusammen geflossen und von Tifans Geiste beseelt war sich länger mit
Gewalt aufzudringen sie wählten den Weg der Unterhandlung und vereinigten sich
endlich mit den Städten und mit dem Überreste des Adels die großen
Angelegenheiten des Reiches der Entscheidung einer allgemeinen
Nationalversammlung zu überlassen
    Dschengis hatte alles so gut vorbereitet dass der Ränkesucht keine Zeit
gelassen wurde ihre geheimen Maschinen anzulegen Der Reichstag kam in kurzer
Zeit zu Stande die Freunde des Vaterlandes machten die größere Anzahl aus und
Tifan der über ihre Herzen schon lange König war wurde durch die allgemeine
Stimme seiner Mitbürger für den Würdigsten erklärt eine Nation zu regieren die
es ihm zu danken hatte dass sie noch eine Nation war und im Taumel der Freude
womit die Hoffnung bessrer Zeiten sie begeisterte nicht zu viel zu tun glaubte
wenn sie sich ohne Bedingung in die Arme ihres Erretters würfe
    Dschengis erhielt den Auftrag ihm vor der ganzen Versammlung der Stände den
Willen der Nation zu eröffnen und jetzt glaubte der ehrwürdige Alte dass der
Augenblick gekommen sei sein Geheimnis öffentlich bekannt zu machen Das
allgemeine Vertrauen welches er sich erworben hatte die große Meinung von
seiner Redlichkeit der Ton der Wahrheit mit welchem er sprach die väterliche
Träne die über seine ehrwürdigen Wangen herab rollte indem er der Aufopferung
seines eignen Sohnes erwähnte alles dies stopfte jedem Zweifel den Mund Die
Nation war entzückt in ihrem Liebling den Sohn eines Prinzen zu finden dessen
Andenken sie ehrte Viele welche Temorn gekannt hatten glaubten die Züge
seines Vaters in Tifan zu erkennen Selbst das Wunderbare welches in der Sache
zu liegen schien beförderte den allgemeinen Glauben Man überzeugte sich dass
eine für Scheschian wachende Gottheit es so gefügt habe dass die Nation indem
sie bloß den Besten zu ihrem Haupte zu erwählen dachte unwissend auf eben
denjenigen sich vereinigen musste welchen die Geburt zum Thron berechtigte
    Tifan wurde also an dem glücklichsten Tage den Scheschian jemals gesehen
unter den frohlockenden Segnungen eines unzählbaren Volkes zum König von
Scheschian ausgerufen Dschengis der ihm seine Erwählung ankündigte tat es auf
eine Art welche selbst aus Augen die noch nie geweint hatten Tränen presste
    Endlich ist er gekommen rief er aus der glückliche der feierliche Tag
der mich für die Arbeit für die Sorgen so vieler Jahre für das größte Opfer
welches ein Vater der Liebe zu seinem Fürsten bringen kann belohnen sollte O
Tifan o du dessen Leben ich mit dem Blute meines einzigen Sohnes bezahlen
musste sieh in meinen halb erloschnen Augen diese Tränen der Freude und der
Zärtlichkeit Ich hab ihn erlebt den großen Tag um dessentwillen es der Mühe
wert ist gelebt zu haben Ich sehe deine Tugend von einem ganzen Volke
anerkannt mit unbegrenztem Vertrauen mit dem göttlichsten Lose das einem
Sterblichen zufallen kann mit uneingeschränkter Macht Gutes zu tun bekrönt O
Tifan ich höre auf dein Vater zu sein um an Liebe an Treue der erste deiner
Untertanen zu werden Ich kenne dein großes wohltätiges Herz Welche Lehren
könnte die Weisheit dir geben die nicht der Finger der Natur selbst in deine
Seele geschrieben hat Aber o mein Tifan geliebtester bester der Menschen wie
könnt ich vergessen dass du mit allen deinen Tugenden mit allen deinen
Vorzügen doch nur  ein Mensch bist dass du Schwachheiten und Bedürfnissen
Irrtümern und Leidenschaften eben so wie der geringste deiner Untertanen
ausgesetzt bist Möchtest du uns dies durch die Menge deiner guten Taten durch
den unbefleckten Glanz eines der Tugend geheiligten Lebens vergessen machen
Möchten wir immer in dir das sichtbare Ebenbild einer weisen und wohltätigen
Gottheit erkennen und nur alsdann wenn wir an deine Sterblichkeit zu denken
gezwungen sind mit Zittern fühlen dass du weniger als eine Gottheit bist Aber
o Tifan wenn jemals  Himmel lass meine Augen sich auf ewig am Anbruche des
traurigen Tages schließen  wenn jemals deine Seele ihrer eigenen Würde und
ihrer glorreichen Pflichten vergessen jemals zu einer unedeln Leidenschaft oder
zu einer ungerechten Tat herab sinken wollte  o Sohn meines königlichen
Freundes und der meinige möchte dich dann die Erinnerung an deinen Dschengis
wie der Arm eines Genius vom Rande des Abgrundes zurück ziehen Möchte dir dann
  doch nein niemals niemals soll  ich schwör es bei der Tugend für die ich
dich gebildet habe niemals wird die schreckliche Stunde kommen wo dich das
Bild deines Dschengis  wie er vom Blute seines einzigen Sohnes bespritzt
unter der furchtbaren Hülle der Nacht dich auf seinen bebenden Armen tragend
aus Scheschians Mauern entflieht  wo dies um Rache rufende Bild vonnöten wäre
den Vater seines Volkes den Besten der Fürsten zur Tugend zurück zu schrecken
Nein bessere Ahnungen frohe lichtvolle Aussichten stellen sich meiner beruhigten
Seele dar Mit den Segnungen deines Volkes und mit meinen Freudentränen
bezeichnet wird jeder Tag deines königlichen Lebens zum Himmel empor steigen
die guten Taten womit du ihn erfüllt hast zu den Füßen des Königs der Könige
niederzulegen Ich  diese Edlen von Scheschian die Mitgenossen deines Ruhms
und deine Gehülfen in dem großen Werke dein Volk glücklich zu machen  dieses
unzählbare Volk welches sein Wohl in deine Hände gelegt hat  wir alle werden
uns selig preisen deine Zeiten erlebt zu haben und mit einem belohnenden
Blick auf mein glückliches Vaterland und dich werden sich einst die Augen
deines alten Dschengis schließen
    Eine feierliche Stille hielt die ganze Versammlung gefesselt und Tränen
funkelten in jedem auf Dschengis und Tifan gehefteten Auge Der neue König von
der Begeisterung seiner Empfindungen auf einen Augenblick überwältigt warf sich
mit ausgebreiteten Armen zur Erde seine Augen mit den Zeugen der innigsten
Rührung erfüllt starrten gen Himmel  Höre mich rief er in einer heftigen
Bewegung der Seele höre mich alles vermögender Herr der Schöpfung Wenn jemals

    Hier hielt er inne als ob seine große Seele durch eine plötzliche
Wiederkehr zu sich selbst gefühlt hätte dass es einem Könige nicht gezieme
eine so heftige wiewohl tugendhafte Bewegung als diejenige wovon sein Herz
erschüttert war vor den Augen seines Volkes ausbrechen zu lassen Er schwieg
auf einmal  aber man sah in seinen aufgehobnen Augen dass sein Geist unter
großen Empfindungen arbeitete
    Noch immer schwebte stilles Erwarten auf der Versammlung Endlich raffte
sich Tifan wieder auf er stand mit dem ganzen Anstand eines Königes der die
Majestät seines übernommenen Amtes fühlt sah mit einem ernsten Blick voll Liebe
über sein Volk hin und dann sprach er
    Die Empfindungen die mein Herz in dieser feierlichen Stunde erfüllen sind
zu groß mit Worten ausgedruckt zu werden In eben diesem entscheidenden
Augenblicke da ihr einst meine Brüder und nun meine Kinder mich für euren
König anerkannt habt wurde mir von dem unsichtbaren Herrn des Himmels und der
Erde die Handhabung seiner Gesetze unter euch aufgetragen dies ist der
Augenblick wo ich in eurer StimmeGottes Stimme höre Ihm werd ich von nun an
von der Gewalt Rechenschaft geben müssen die er durch euch mir anvertraut hat
Ich bin berufen einen jeden unter euch bei jedem geheiligten Rechte der
Menschheit und des bürgerlichen Standes zu schützen aber ich bin auch berufen
einen jeden unter euch zur Erfüllung seiner Bürgerpflichten anzuhalten Ich
kenne und fühle die ganze Wichtigkeit meines Amtes und im Angesichte der Erde
und des Himmels weihe ich ihm alle Kräfte meines Lebens Ihm in seinem ganzen
Umfange genug zu tun erforderte die Kräfte einer Gottheit und ich bin nur ein
Mensch  Ohne eure Mitwirkung ohne eifriges Bestreben eines jeden unter euch
nach den besonderen Verhältnissen seines Standes mir das gemeine Beste befördern
zu helfen würden alle meine Bemühungen fruchtlos sein Vergebens würd ich mich
unter den Sorgen für euer Glück verzehren wenn ihr nicht so lebhaft als ich
selbst von der großen Wahrheit überzeugt wäret dass ohne Liebe des Vaterlandes
ohne Gehorsam gegen die Gesetze ohne Emsigkeit in den Pflichten unsers Berufes
ohne Mäßigung unsrer Begierden und Leidenschaften kurz ohne Tugend und Sitten
keine Glückseligkeit möglich ist Euch und eure Kinder zu guten Menschen und zu
guten Bürgern zu machen soll mein erstes und angelegenstes Geschäft sein und
mein Beispiel soll euch überzeugen dass euer König der erste Bürger von
Scheschian ist Euer Vertrauen zu meiner Tugend hat mir eine eben so
unumschränkte Macht anvertraut als die Könige meine Vorfahren besessen haben
aber ich kenne die Menschheit zu gut um von dieser gefährlichen Macht einen
andern Gebrauch zu machen als mir selbst und meinen Nachfolgern die Schranken
zu setzen die zu unsrer beiderseitigen Sicherheit vonnöten sind Der beste
König kann seiner Pflicht vergessen ein ganzes Volk kann sein eigenes Bestes
misskennen Ich würde das Amt für das eurige zu sorgen schlecht verwalten wenn
ich euren Königen die Macht benehmen wollte die einem Vater über seine Kinder
zusteht Aber ich würde auch in dem ersten Augenblicke da ich euer König bin
meiner Menschheit vergessen wenn ich nicht auf Mittel bedacht wäre mir selbst
und meinen Nachfolgern so viel als möglich die Freiheit Böses zu tun zu
entziehen Eine vorsichtige Bestimmung der Staatsverfassung und eine
Gesetzgebung welche die Befestigung der Ruhe der Ordnung und des allgemeinen
Wohlstandes in diesem Reiche zur Absicht haben wird soll die einzige Ausübung
der Vollmacht sein die ihr mir überlassen habt und auch hierin sollen die
Weisesten und Besten mir ihre Hände bieten Ja ich selbst von den Gesinnungen
die in meinem Herzen herrschen ermuntert ich wag es zu hoffen redlicher
Dschengis dass deine Sorgfalt mich zur Tugend zu bilden dass das Opfer womit du
mein Leben erkauft hast nicht verloren sein wird Möcht es in dem nämlichen
Augenblick aufhören dieses dem Vaterlande geweihte Leben wo ich unglücklich
genug wäre dem Geringsten meines Volkes einen unverschuldeten Seufzer
auszupressen«
    »Danischmend« rief SchachGebal »ich habe für diese Nacht genug Deine
Leute sprechen nicht übel aber bei dem allen deucht mir ich wollte lieber
hören was Tifan getan als was er gesprochen hat«
    »Sire« erwiderte Danischmend »wer so spricht wie Tifan macht sich
anheischig sehr viel zu tun«
    »Das wollen wir sehen« sagte der Sultan
 
                                      10
»Nach allem was ich von dem Könige Tifan schon gemeldet habe« fuhr Danischmend
fort »kann man sich für berechtiget halten große Taten von ihm zu erwarten
Gleichwohl muss ich gestehen und es ist wohl am besten ich tu es gleich
anfangs dass wenn Tifan ein großer Fürst war er es in einem ganz andern Sinn
und auf eine ganz andre Weise war als die Sesostris die Alexander die Cäsar
die Omar die Mahmud Gasni die DschingisKan und andre Helden und Eroberer
unter deren Größe die Welt gleichsam eingesunken ist Tifans Größe war stille
Größe und seine Taten den Taten der Gottheit ähnlich welche geräuschlos und
unsichtbar uns mit den Wirkungen überrascht ohne dass wir die Kraft welche sie
hervorbringt gewahr werden
    Tifans Taten hatten noch eine andre Eigenschaft mit den Verrichtungen der
Natur gemein Sie entwickelten sich so langsam sie durchliefen so viele kleine
Stufen und erreichten den Punkt ihrer Reife durch eine so unmerkliche
Verbindung unzähliger auf Einen Hauptzweck zusammen arbeitender Mittel dass man
ein schärferes Auge als gewöhnlich haben musste um den Geist der alles dies
anordnete und lenkte und die Hand welche allem die erste Bewegung gab nicht
zu misskennen Eine kurzsichtige Aufmerksamkeit hätte geglaubt dass sich alles
von selbst mache oder würde wenigstens nicht wahrgenommen haben wie viel Mühe
es kostete den Bewegungen eines großen Staats so viele Leichtigkeit und eine so
schöne Harmonie zu geben
    Das erste wozu sich Tifan anheischig gemacht hatte war eine genauere
Bestimmung der Staatsverfassung«
    »Gut« rief SchachGebal »dies ist gerade wo ich ihn erwarte Ich erinnere
mich dessen noch ganz wohl was du ihn gestern davon sagen ließest Er will sich
der Macht nicht berauben die einem Vater über seine Kinder zusteht  aber er
will so wenig als möglich ist Freiheit haben Böses zu tun Noch verstehe ich
nicht recht was er will oder nicht will Ich begreife nicht wie ein Fürst
unabhängig sein und Freiheit haben kann alles Gute zu tun was er will ohne
auch die traurige Freiheit Böses zu tun zu behalten«
    »Vielleicht wird das was ich in der Folge melden werde die Zweifel Ihrer
Hoheit auflösen« erwiderte Danischmend »Tifan folgte in dieser ganzen Sache
dem Rate des weisen Dschengis Ohne diesen würde er aus einem zu weit
getriebenen Misstrauen gegen sich selbst und seine Nachfolger den größten Fehler
begangen haben den ein Monarch begehen kann denn er war im Begriff dem Adel
und dem Volke von Scheschian die gesetzgebende Macht auf ewig abzutreten
    Der Himmel verhüte sagte Dschengis da sie sich mit einander über diese
Sache besprachen dass Tifan aus der Verfassung seines Vaterlandes ein
unförmliches Mittelding von Monarchie und Demokratie mache welches eben darum
weil es beides sein will weder das eine noch das andere ist Die Nation von
Scheschian muss den König als ihren Vater und sich selbst in Beziehung auf den
König als unmündig betrachten Will sie mehr sein will sie das Recht haben den
König einzuschränken ihm und dem Staat Gesetze vorzuschreiben und ihre
wichtigsten Angelegenheiten selbst zu besorgen so muss sie sich gar keinen König
geben Wer sich selbst regieren kann hat keinen Vormund keinen Hofmeister
vonnöten Erkennt sie aber den König für ihren Vater und sich selbst als Nation
für unmündig welche Ungereimteit wär es gerade den wichtigsten Teil der
Staatsverwaltung ihrer Willkür überlassen zu wollen Welche Ungereimteit es
auf die Weisheit oder auf das gute Glück des Unmündigen ankommen zu lassen was
für Gesetzen unter welchen Bedingungen und wie lang er gehorchen wollte Es
geziemt also allein dem Könige zugleich der Gesetzgeber und der Vollzieher der
Gesetze zu sein Die Regierung eines Einzigen nähert sich durch ihre Natur
derjenigen Teokratie welche das ganze unermessliche All zusammen hält Wenn wir
uns ganz richtig ausdrücken wollen so müssen wir sagen Gott ist der einzige
Gesetzgeber der Wesen  der bloße Gedanke Gesetze geben zu wollen welche
nicht aus den seinigen entspringen oder mit den seinigen nicht zusammen stimmen
 ist der höchste Grad des Unsinns und der Gottlosigkeit Die Natur und unser
eigenes Herz sind gleichsam die Tafeln in welche Gott seine unwandelbaren
Gesetze mit unauslöschlichen Zügen eingegraben hat Der Regent als Gesetzgeber
betrachtet hat wofern er diesen ehrwürdigen Namen mit Recht führen will
nichts andres zu tun als den Willen des obersten Gesetzgebers auszuspähen und
daraus alle die Verhaltungsregeln abzuleiten wodurch die göttliche Absicht
Ordnung und Vollkommenheit mit ihren Früchten der Harmonie und der
Glückseligkeit unter seinem Volke am gewissesten und schicklichsten erlangt
werden können
    Hat er mit diesen erhabenen Nachforschungen das besondere Studium seines
eigenen Volkes des Temperaments der Lage der Bedürfnisse kurz des ganzen
physischen und sittlichen Zustandes desselben verbunden so wird es ihm nicht zu
schwer sein auch die Anstalten ausfündig zu machen wodurch jene große Absicht
 in welcher das Glück des einzelnen Menschen das Wohl jeder Nation das Beste
der menschlichen Gattung und das allgemeine Beste des Ganzen wie in Einem
Punkte zusammen fließen  auf die möglichste Weise befördert werden könne Die
Geschicklichkeit alles dieses zu bewerkstelligen ist leichter bei einem
Einzigen als bei einem ganzen Volk oder bei einem zahlreichen Ausschusse
desselben zu finden und auch aus diesem Grund ist es der Sache gemässer die
gesetzgebende Macht dem Fürsten allein zu überlassen«
    »Aber wie wenn unter Tifans Nachfolgern ein neuer Azor oder Isfandiar
aufstände« sagte SchachGebal
    »Unstreitig« erwiderte Danischmend »ist die gesetzgebende Macht in den
Händen eines Kindes oder eines Unsinnigen ein fürchterliches Übel Aber diesem
Unheil glaubte Dschengis könne durch ein gedoppeltes Mittel hinlänglich
vorgebogen werden nämlich durch die Unverbrüchlichkeit der einmal von allen
angenommenen Gesetzgebung und durch eine gewisse Anordnung über die Erziehung
der Prinzen des königlichen Hauses welche ein Hauptstück im Gesetzbuche Tifans
ausmachen sollte
    Diesen Grundsätzen zu Folge wurde bald nachdem Tifan die Regierung
angetreten hatte eine königliche Erklärung dieses Inhalts kund gemacht
    1 Da eine mit den unveränderlichen und wohltätigen Absichten des Urhebers
der Natur übereinstimmende Gesetzgebung sowohl dem Fürsten als seinen
Untergebenen zur unverbrüchlichen Richtschnur dienen muss So wird der König vor
allen Dingen sein Hauptgeschäft sein lassen mit Beihilfe derjenigen welche die
Nation selbst für ihre weisesten und besten Männer erkennt ein Gesetzbuch zu
verfassen in welchem die Pflichten und Rechte des Königs der Nation und jedes
besonderen Standes aufs genaueste bestimmt und alle die Anordnungen welche
nach der gegenwärtigen Beschaffenheit des Reichs zu dessen Widerherstellung und
Wohlstand am zuträglichsten erachtet werden zu jedermanns Wissenschaft gebracht
werden sollen
    2 Dieses allgemeine Gesetzbuch soll in der scheschianischen Sprache mit
einer solchen Deutlichkeit abgefasst werden dass der gewöhnlichste Grad des
Menschenverstandes und der Erfahrenheit zureichend sein möge es zu verstehen
Nichts desto weniger soll veranstaltet werden dass dieses Gesetzbuch hinfür
nicht nur einen Hauptgegenstand der öffentlichen Erziehung ausmache sondern
auch von den Priestern jedes Ortes an gewissen dazu bestimmten Tagen dem Volke
öffentlich erklärt und eingeschärfet werde
    3 Nicht nur alle Edle Priester und übrige Einwohner von Scheschian
sondern auch der König und seine Nachfolger sollen schwören dass sie dieses
Gesetzbuch nach allen seinen Artikeln unverletzlich in Ausübung bringen und
weder selbst demselben entgegen handeln noch so viel an ihnen ist zugeben
wollen dass von jemand dagegen gehandelt werde Diese Unveränderlichkeit soll
ein allgemeiner und unauslöschlicher Charakter aller in dem Buche der Pflichten
und Rechte entaltenen Gesetze sein diejenigen Polizei und
StaatswirtschaftsGesetze allein ausgenommen die wegen ihrer Beziehung auf
zufällige und der Veränderung unterworfene Umstände dem Gutbefinden des Königs
und des Staatsrates unterworfen bleiben müssen jedoch mit dem ausdrücklichen
Vorbehalte dass die Veränderungen welche der Hof jemals in besagten Gesetzen zu
machen für nötig erachten wird den Grundgesetzen des Buches der Pflichten und
Rechte niemals auf einige Weise zuwider laufen dürfen
    4 Weil aber geschehen könnte dass die obrigkeitlichen Personen welchen der
König einen Teil seiner großen Pflicht die Gesetze zu handhaben und zu
vollziehen anvertrauen muss in Verwaltung ihres Amtes saumselig werden oder
gar wissentlich und mutwillig demselben entgegen handeln möchten nicht weniger
weil besondere Umstände die Aufmerksamkeit des Gesetzgebers auf diese oder jene
einzelne Stadt Gegend oder Provinz notwendig machen können So soll in jeder
Provinz von Scheschian alle fünf Jahre ein Ausschuss des Adels der
Priesterschaft der Städte und des Landvolks aus einer bestimmten Anzahl von
freiwillig erwählten und vom Hof unabhängigen Vertretern dieser vier Stände
bestehend in der Hauptstadt der Provinz zusammen kommen um die Beschwerden der
Nation überhaupt oder eines jeden Standes insonderheit in Erwägung zu ziehen
und im Namen der Provinz schriftlich an den König gelangen zu lassen Und sollte
sich wider Verhoffen zutragen dass der König auf einen solchen Vortrag der
öffentlichen Beschwerden nicht achtete oder zu Abstellung derselben nicht die
schleunigste Hilfe leistete so soll derselbe von dem Ausschuss der Stände seiner
königlichen Pflicht nachdrücklichst erinnert werden Falls aber der Hof
fortführe die Beschwerden der Stände mit Gleichgültigkeit anzusehen so soll es
ihnen gestattet sein auf diejenige Weise die für solche Fälle im Gesetzbuche
bestimmt werden soll sich selbst zu helfen
    5 Jede Verordnung der königlichen Stattalter und des Königs selbst soll
ehe sie die Kraft eines Gesetzes haben kann von den Vorstehern der Stände in
der Provinz die es angehet vorher untersucht und mit dem Buche der Pflichten
und Rechte genau verglichen werden Würde befunden werden dass die neue
Verordnung mit dem Gesetze nicht bestehen könnte so haben die Vorsteher der
Stände bei Strafe des Hochverrats wider den Staat solches dem Stattalter oder
dem Könige selbst mit den Gründen ihres Widerspruchs anzuzeigen Und falls der
Hof nichts desto weniger auf der Rechtmässigkeit seiner Verordnung bestände so
sollen die Vorsteher schuldig sein die Stände selbst zusammen zu berufen diese
aber wofern sie durch drei Viertel der Stimmen den Widerspruch der Vorsteher
für gegründet und gesetzmässig erkannt haben würden sollen hierüber eine
förmliche Erklärung an den Hof gelangen lassen und berechtigt sein die
Kundmachung einer solchen widergesetzlichen Verordnung im Notfall sogar mit
Gewalt zu verhindern Denn in Scheschian soll nicht der König durch das Gesetz
sondern das Gesetz durch den König regieren
    Ihre Hoheit stellen Sich leicht vor« fuhr Danischmend fort »wie zufrieden
die Nation mit dieser Erklärung ihres neuen Königs gewesen sein muss aus welcher
so stark in die Augen fiel dass er nichts Angelegners habe als unverzüglich
sich selbst und seine Nachfolger in die Unmöglichkeit zu setzen Böses zu tun
oder nach bloßer Willkür zu regieren«
    »Ohne Zweifel« sagte SchachGebal »Ich stelle mirs eben so leicht vor
als ich mir vorstelle dass ich lieber ein Strauss oder ein Trutahn wie der
König der grünen Länder und sein Neffe als ein Sultan sein wollte wenn ich
mich alle Augenblicke mit meinen Untertanen darüber zanken müsste wer recht
hätte ich oder sie«
    »Allerdings würde dies ein gleich unglücklicher Zustand für einen König und
für sein Volk sein« versetzte Danischmend »Aber wenigstens befand sich Tifan
nie in diesem Falle«
    »Das kam vermutlich daher weil er unter einem besonders glücklichen Zeichen
geboren war« sagte der Sultan »Denn gewöhnlicher Weise pflegt ein Volk sobald
es das Recht hat seinem Herrn zu widersprechen sich der Erlaubnis mit solchem
Übermut und so lange zu bedienen bis das Verhältnis umgekehrt ist  der Herr
der Unmündige und seine getreuen Untertanen der Hofmeister«
    »Ich dächte doch« sagte Danischmend »die Geschichte zeigte uns viel
weniger Beispiele wo das Volk sein Recht zu widergesetzlichen Verordnungen
nein zu sagen so gröblich gemissbraucht hätte  als solche wo Könige denen
niemand widersprechen durfte Verordnungen machten welchen nur Strausse und
Trutähne zu gehorchen würdig sein können«
    »Herr Danischmend«  sagte der Sultan und hielt inne
    »Wie dem aber auch sein mag« fuhr der Philosoph ganz gelassen fort »unter
Tifans Regierung und dies war nicht weniger als in einem Laufe von funfzig
Jahren ereignete sichs kaum zwei oder dreimal dass die Stände für nötig
erachtet hätten dem Könige eine solche Vorstellung zu tun Und jedesmal betraf
es bloß Verbesserungen welche unter den besonderen Umständen der Provinz worin
sie vorgenommen werden sollten nicht zu raten waren Sobald Tifan verständiget
wurde dass die abgezielte Verbesserung wider seine Absicht Schaden tun würde so
nahm er seine Verordnung zurück und die Vorsteher erhielten ein eigenhändiges
Danksagungsschreiben« »Du würdest mir einen Gefallen tun« sagte SchachGebal
»wenn du mir eine Abschrift von einem solchen Danksagungsschreiben verschaffen
könntest«
    Danischmend versprach sich alle Mühe deswegen zu geben und fuhr fort
»Diese glückliche Harmonie zwischen Tifan und seinem Volke war eben so sehr die
Frucht der vortrefflichen Regierungsart dieses Fürsten als der weisen Gesetze
auf die er sie gegründet hatte Die Scheschianer waren weder lenksamer noch
besser als irgend ein andres Volk in der Welt Noch vor kurzem hatten sie sich
in einem so tiefen Grade von Verderbnis befunden dass ein Wunderwerk vonnöten
schien um sie wieder zu geselligen Menschen und guten Bürgern zu machen und es
äußerten sich ungeachtet der bessern Seele welche Tifan ihnen bereits
eingehaucht hatte allenthalben noch die Wirkungen des sittlichen Giftes wovon
die ganze Masse des Staats so lange durchdrungen gewesen war Tifans Nachfolger
hatte in diesem Stücke einen großen Vorteil Ihm kostete es wenig Mühe ein wohl
gesittetes an die Ordnung gewöhntes und ein halbes Jahrhundert lang von dem
Geist eines weisen und guten Fürsten beseeltes Volk nach Gesetzen die dem
größten Teil durch die Erziehung zur andern Natur geworden waren zu regieren
Aber Tifan dem niemand vorgearbeitet hatte der das Reich in einem Zustande von
Zerrüttung und Verwilderung übernahm der so vielfältigen und großen Übeln
abzuhelfen hatte der nicht etwann bloß ein wildes Volk zahm oder ein
barbarisches gesittet machen sondern einen durchaus verdorbenen Staat mit
frischem Blut und neuen Lebenskräften versehen musste Tifan konnte ein so großes
Werk nicht anders als durch einen Grad von Tugend der selten das Los eines
Sterblichen ist zu Stande bringen Jede Schwachheit jedes Laster womit er
behaftet gewesen wäre würde seinen ganzen Plan vereitelt haben
    Aber Natur Erziehung und standhafter Vorsatz alle seine Pflichten in der
möglichsten Vollkommenheit zu erfüllen vereinigten sich bei ihm ihn von den
gewöhnlichen Schwachheiten und Ausschweifungen der meisten Personen seines
Ranges frei zu erhalten Der Natur hatte er ein Herz zu danken das im Wohltun
und in der Freundschaft sein höchstes Vergnügen fand und seiner Erziehung den
unschätzbaren Vorteil wenig Bedürfnisse zu haben Nüchternheit Mäßigkeit und
Gewohnheit sich immer nützlich zu beschäftigen machten ihm Arbeiten vor
welchen andre Fürsten gezittert hätten beinahe zum Spiele Seine
Ergetzlichkeiten waren bloß Erholungen von der Arbeit Er suchte sie bei den
schönen Künsten oder im Schoße der Natur und in dem Vergnügen eines
zwangfreien freundschaftlichen Umgangs Wenig um die Meinung bekümmert die der
unverständige Haufe von ihm haben könnte und zu groß um durch äußerlichen Pomp
und Schimmer diesen Pöbel verblenden zu wollen aber äußerst empfindlich für das
Vergnügen geliebt zu werden kannte er keinen andern Ehrgeiz als den Wunsch
der geliebte Vater eines glücklichen Volkes zu sein Keine Anstrengung keine
Mühe keine Nachtwache war ihm beschwerlich um diesen schönsten unter allen
fürstlichen Titeln zu verdienen39
    Zu allem diesem kam ein Umstand ohne welchen der beste Wille den
tugendhaftesten Fürsten von dem Unglück übel zu regieren nicht verwahren kann
Tifan hatte beinahe lauter rechtschaffene Leute Männer von eben so aufgeklärtem
Geist als edlem Herzen zu Dienern und wenn sich auch hier oder da ein Heuchler
mit einzuschleichen wusste so musste ein solcher doch sein Spiel so behutsam
spielen dass der Schade den er tun konnte sehr unbeträchtlich war«
    »Auch dies ist sehr glücklich« sagte SchachGebal »Dein Tifan hatte gut
alles zu sein was du willst die ganze Natur scheint sich zum Vorteile seines
Ruhms zusammen verschworen zu haben«
    »Vielleicht ließe sich wohl behaupten« erwiderte der ehrliche Danischmend
»dass manche Fürsten in diesem Stücke mehr glücklich als weise gewesen sind Zu
gutem Glück für sie und für ihre Untertanen traf sichs gerade dass sie meistens
ehrliche Leute aus dem Glückstopfe zogen denn so wie sie es anfingen hätte das
Gegenteil eben so leicht begegnen können Aber von Tifan kann man sagen dass er
außerordentlich unglücklich gewesen sein müsste wenn er und der Staat nicht wohl
bedient gewesen wären Er war zu sorgfältig in der Wahl seiner Leute und
verstand sich zu gut auf den Wert der Menschen um leicht betrogen zu werden Er
war zu sehr Meister von sich selbst um sich durch den Schein einnehmen zu
lassen und wusste zu gut was für ein Charakter was für Geschicklichkeiten und
Tugenden zu jedem Amt erforderlich waren um in den Fehler so vieler Fürsten zu
fallen welche mit den besten Dienern bloß deswegen nichts ausrichten weil sie
keinen an seinen rechten Platz zu stellen wissen
    Schwache und sorglose Regenten verdienen ihr gewöhnliches Schicksal von dem
Abschaum des menschlichen Geschlechtes umgeben zu sein Das bescheidne Verdienst
steht von ferne es scheuet sich vor dem ungestümen Gedränge oder den geheimen
Ränken derjenigen welche den Hof der Fürsten nur suchen um ihr eigenes Glück zu
machen es will eingeladen sein Aber wie sollte ein schwacher Regent es
entdecken können Unter einem schlimmen geht es noch ärger Jener übersieht die
Tugend nur vor diesem muss sie sich verbergen bei jenem ist sie kein Verdienst
weil er sie nicht kennt bei diesem ist sie ein Verbrechen weil er sie zu gut
kennt
    Tifans Charakter seine Grundsätze seine Tugenden sein einnehmendes
Betragen zogen wie durch eine magnetische Kraft nach und nach alle
verständige und redliche Leute von Scheschian das ist alle die ihm ähnlich
waren an sich Kein Verdienst kein Talent blieb ihm verborgen er war zu
aufmerksam um sie nicht zu entdecken und die Begierde einem so vortrefflichen
Fürsten bekannt zu werden erleichterte ihm die Mühe sie zu suchen Überdies
vermied er in Absicht auf diejenigen die zunächst um ihn waren einen
gedoppelten Fehler welchen viele Große zu begehen pflegen Um zu zeigen dass
sie keinen Günstling haben um keine Eifersucht unter ihren Dienern zu
veranlassen um ihre vollkommne Unparteilichkeit zu beweisen begegnen sie einem
ungefähr wie dem andern und das größte Talent das wichtigste Verdienst sieht
sich mit einer Menge mittelmässiger und verdienstloser Leute in Einen Klumpen
zusammen geworfen Oft geschieht es dass ein Regent bloß durch übertriebene
Zurückhaltung oder durch das Vorurteil dass ein Diener wenn er auch alles
getan habe doch nur seine Schuldigkeit getan habe seinen redlichsten und
besten Dienern den Mut benimmt ihren Eifer niederschlägt und eben deswegen
nicht die Hälfte des Nutzens erhält den er und der Staat von ihnen ziehen
könnten Noch andre berauben sich der guten Dienste würdiger Männer durch die
unglückliche Gemütsart wegen kleiner Fehler den Wert der wichtigsten Vorzüge zu
verkennen durch immer währendes Misstrauen und Geneigteit bei allem was
Menschen tun immer die unedelsten Bewegursachen vorauszusetzen durch die
Gewohnheit ihre Diener um der unerheblichsten Dinge willen zu schikanieren
ihnen kein Verdienst anders als gezwungener Weise und nur wenn es unmöglich ist
noch eine Einwendung dagegen aufzubringen einzugestehen usf In allen diesen
Betrachtungen verdiente Tifan von den Regenten zum Vorbilde genommen zu werden
Seine unermüdete Aufmerksamkeit sein aufmunternder Beifall seine Geneigteit
eher einen Fehler als ein Verdienst zu übersehen seine Klugheit jeden in sein
gehöriges Licht zu stellen jeden zu demjenigen zu gebrauchen wozu er die
meiste Tüchtigkeit hatte die Gerechtigkeit womit er sein Vertrauen jedem nach
dem Grade des persönlichen Wertes und der wirklichen Verdienste zumass sein
Bemühen das Unangenehme in einem Auftrage durch die Leutseligkeit seines Tons
oder durch eine verbindliche Wendung zu versüßen die Achtung womit er seinen
Dienern überhaupt zu begegnen pflegte und womit er sie desto stärker
aufmunterte selbige zu verdienen weil er gegen alle Fehler die aus einem
schlimmen Herzen oder aus Mangel an Empfindung für Ehre und Rechtschaffenheit
entsprangen sehr streng war  alle diese Eigenschaften brachten bei seinen
Untergebenen eine beinahe wundertätige Wirkung hervor Niemals ist ein Fürst von
bessern Leuten und muntrer sorgfältiger redlicher bedient worden als Tifan
Wer wollte nicht einem so liebenswürdigen Fürsten dienen sagte man er besitzt
das Geheimnis die beschwerlichsten Pflichten zum Vergnügen zu machen und ein
einziger Blick von ihm belohnt besser als die reichsten Belohnungen eines
andern Kein Wunder also dass Tifans Regierung ein Muster einer weisen und
glücklichen Staatsverwaltung war dass er so große Dinge zu Stande brachte dass
Scheschian unter ihm von der untersten Stufe des Elends bis zum Gipfel der
Nationalglückseligkeit empor stieg Kein Wunder da er die Besten seiner
Zeitgenossen zu Gehülfen hatte da er kein Talent unbenützt kein Verdienst
unbelohnt aber auch mit eben so vieler Aufmerksamkeit keine Saumseligkeit
ungeahndet und keine Bosheit unbestraft ließ da jede wichtigere Stelle mit dem
tüchtigsten und redlichsten Manne den er finden konnte besetzt war kurz da
alle Kräfte des Staats in der schönsten Übereinstimmung einander unterstützten
und förderten um den gemeinschaftlichen Zweck der öffentlichen Wohlfahrt zu
bearbeiten«
    »Danischmend« sagte der Sultan »ich bin noch nie besser mit dir zufrieden
gewesen als heute Ich fühle wohl dass es in gewissem Sinn eine sehr nachteilige
Sache ist Sultan zu sein Aber ich bin doch nicht so sehr Sultan dass ich mich
schämen sollte noch immer etwas zu lernen Wenn du mir einen Dienst tun willst
so lass mir die vornehmsten Maximen deines Tifan über die Wahl seiner Diener und
sein Betragen gegen sie mit goldnen Buchstaben in ein schönes Buch zusammen
schreiben Ich gebe dir mein Wort darauf dass es  immer neben meinem Kopfküssen
liegen soll«
 
                                      11
Der sinesische Übersetzer bedauert dass er alles Nachforschens ungeachtet das
Buch mit den goldnen Buchstaben welches Danischmend für den Sultan Gebal
verfertigen lassen musste nicht habe zu Gesichte bekommen können Er vermutet
man habe am Hofe zu Dehly ein Staatsgeheimnis daraus gemacht oder welches
allerdings noch wahrscheinlicher ist dass es der goldnen Buchstaben und des
prächtigen Bandes wegen in die königliche Kunstkammer gelegt und durch diese
gar zu große Hochschätzung der Welt eben so unnütz gemacht worden sei als wenn
man es unter eine von den Pyramiden bei Kairo vergraben hätte Da wir also außer
Stande sind die vermutliche Neugier unsrer Leser durch Mitteilung eines Buches
zu befriedigen welches wenn es anders bei der bekannten Ausraubung des
mogolischen Schatzes durch Tamas KuliKan nicht nach Ispahan gekommen ist
vielleicht noch immer in irgend einem Winkel der kaiserlichen Schatzkammer zu
Agra verborgen liegt so bleibt uns nichts übrig als den wohl meinenden
Danischmend seine Erzählung von der Regierung des Königs Tifan fortsetzen zu
lassen so gut er kann
    »Alle Nachrichten« fuhr er fort »welche sich aus den blühenden Zeiten des
scheschianischen Reiches erhalten haben vereinigen sich den Zustand desselben
unter Tifans Regierung als den glückseligsten worin sich jemals eine Nation
befunden habe abzuschildern Alles was uns die alten Fabeln oder
Überlieferungen von dem wonnevollen Leben der ältesten Menschen unter der
Regierung der Götter melden wurde in dieser bewundernswürdigen Regierung wahr
gemacht Die Fremden welche Scheschian zu Isfandiars Zeit gesehen hatten und
im dreissigsten Jahre der Regierung Tifans wieder dahin kamen konnten kaum sich
selbst bereden dass dies das nämliche Land und das nämliche Volk sei Alle
Provinzen dieses weit grenzenden Reichs standen in voller Blüte das Land und
die Städte wimmelten von fleißigen wohl gesitteten und fröhlichen Einwohnern
und unter diesem fast unzählbaren Volke herrschte eine Ruhe eine Sicherheit
eine Eintracht welche in Verbindung mit der immer regen Tätigkeit und
allgemeinen innerlichen Bewegung unbegreiflich schien Das Volk ehrte seine
Obern und liebte seinen eignen Zustand der Adel schien seiner Vorzüge durch
die Tugenden würdig womit er den Gemeinen vorleuchtete Kein Richter bog das
Recht kein Finanzeinnehmer stahl kein Stattalter sog seine Provinz aus Die
Gelehrten hatten  Menschenverstand die Kaufleute  Gewissen und was Ihre
Hoheit zu glauben Mühe haben werden sogar die Priester  Verträglichkeit und
Menschenliebe «
    »Nun wahrhaftig« rief SchachGebal »wenn dies nicht durch Feerei zuging
so möchte ich wohl wissen wie Tifan es machte solche Verwandlungen zu
bewerkstelligen«
    »Durch die einfachste und natürlichste Operation von der Welt« sagte
Danischmend  »vorausgesetzt dass ein Fürst die Macht die Einsichten und den
guten Willen Tifans und einen Ratgeber wie Dschengis habe  mit Einem Worte
durch gute Gesetze
    Dieser erhabenste Teil des königlichen Amtes und in den damaligen Umständen
Scheschians der wichtigste beschäftigte den Sultan Tifan in den ersten Jahren
seiner Regierung mehr als alles übrige Er bediente sich hierbei anfangs fast
ganz allein der Beihilfe seines alten Freundes Denn so ein weitschichtiges Werk
die Gesetzgebung für ein ganzes Volk ist so schickt sich doch kein andres
Geschäft weniger dazu von vielen Köpfen bearbeitet zu werden40
    Die erste Frage war Ob man sich begnügen sollte die alten Gesetze und
Gewohnheiten des Reichs zu verbessern oder ob zu Erzielung der allgemeinen
Wohlfahrt eine ganz neue Gesetzgebung vonnöten sei
    Dschengis war für die letzte Meinung Ein altes übel gebautes und beinahe
schon gänzlich zerfallnes Gebäude sagte Dschengis muss nicht geflickt es muss
vollends eingerissen und nach einem bessern Plane neu aufgeführt werden
    Nach diesem Begriffe arbeiteten Tifan und Dschengis das Gesetzbuch aus
dessen ich gestern bereits erwähnte und sobald mit Zuziehung eines Ausschusses
der rechtschaffensten Männer welche die Regierung Tifans aus der Verborgenheit
hervor gelockt hatte die letzte Hand daran gelegt worden war wurde es im
dritten Jahre Tifans öffentlich kund gemacht und  weil der König Mittel
gefunden hatte den ansehnlichsten Teil der Priesterschaft auf seine Seite zu
bringen  ohne einigen Widerstand in allen Provinzen des Reiches eingeführt«
    »Du verstehst unter der Priesterschaft vermutlich keine andre« sagte
SchachGebal »als die Priester des blauen und des feuerfarbnen Affen Wir
kennen diese Herren und ich begreife alles eher als wie es Tifan anfing um
sie auf die Seite der gesunden Vernunft zu bringen Dein Tifan konnte ein wenig
hexen das lass ich mir nicht ausreden«
    »Freilich trugen die Umstände vieles bei sein Unternehmen zu erleichtern«
versetzte Danischmend »Die ältesten und eifrigsten Verfechter beider Parteien
waren teils durch die Verfolgung unter Isfandiarn teils durch die bürgerlichen
Unruhen aufgerieben worden Die jungen Priester welche nun den größten Teil des
Ordens ausmachten glaubten an die Gottheit des blauen oder feuerfarbnen Affen
nicht stärker als die ehmaligen ägyptischen Priester an die Gottheit des Apis
und des Krokodills hingegen hatten sie große Ursache zu glauben dass der Rest
von Ansehen worin sie noch bei dem Volke standen in kurzem völlig verschwinden
würde wenn sie sich der gesunden Vernunft und dem gemeinen Besten welche
offenbar aus Tifans ganzer Gesetzgebung atmeten entgegen stemmen wollten Zudem
hatte man nicht vergessen sie in den geheimen Unterhandlungen welche vorher
mit ihnen gepflogen wurden zu überzeugen dass sie bei der neuen Einrichtung
mehr gewinnen als verlieren würden und wirklich machte sie die neue
Gesetzgebung zu einer so unentbehrlichen ehrwürdigen und in jeder Betrachtung
so glücklichen Klasse dass sie ohne offenbar wider sich selbst und den Staat
zugleich zu arbeiten sich nicht entbrechen konnten die Absichten des Königs zu
befördern
    Das Buch der Pflichten und Rechte wurde also«  
    »Ohne Unterbrechung Herr Danischmend« rief der Sultan »besitzt Ihr ein
Exemplar von diesem Buche«
    »Bisher« antwortete der Philosoph »hab ich unter allen indianischen
Handschriften in der Bibliothek Ihrer Hoheit weiter nichts als einen
unvollständigen Auszug davon hervor stochern können der aber wie es scheint
von guter Hand herrühret Indessen halte ichs für keine Unmöglichkeit dass sich
nicht in irgend einem Teile der Welt das Buch selbst oder wenigstens eine
Übersetzung davon auftreiben lassen sollte«
    »Ich zahle zehntausend Bahamdor um ein vollständiges Exemplar davon« sagte
SchachGebal
    Danischmend war nicht geldgierig und wenn er es auch gewesen wäre so
kannte er den Sultan seinen Herrn Ich zahle zehntausend Bahamdor für dies
Buch wollte in seiner Sprache weiter nichts sagen als Weil es wie ich höre
nicht zu haben ist so möcht ich es haben es koste was es wolle
    Der Philosoph versprach also  nicht das Unmögliche zu versuchen wie man
bei einer gewissen Nation die in allen ihren Komplimenten sehr hyperbolisch
ist zu sagen pflegt aber doch alles Mögliche anzuwenden um die preiswürdige
Neugier Seiner Hoheit zu befriedigen »Inzwischen« fuhr er fort »da es
gleichwohl ungewiss ist ob dieses Buch überhaupt noch in der Welt zu finden sein
mag so wird es Ihrer Hoheit wie ich hoffe nicht zuwider sein aus dem
besagten Auszug einen ziemlich umständlichen und wenn mich nicht alles
betrügt interessanten Begriff von den vornehmsten Gesetzen und Anordnungen des
Königs Tifan zu erhalten«
    »Keinesweges« sagte SchachGebal »je eher je lieber«
    »Das ganze Gesetzbuch war in zwei Hauptteile abgeteilt Der erste begriff
die Pflichten und Rechte des Königes der andere die Pflichten und Rechte der
Nation sowohl überhaupt als in allen ihren besonderen Gliedern betrachtet
    Der erste Teil bestand aus mehr als zwanzig Hauptstücken Nichts war darin
vergessen was zur genauesten Bestimmung der königlichen Vorrechte gehörte Dem
Könige waren darin alle die Grundregeln vorgeschrieben welchen er in Ausübung
dieser von seinem Amte unzertrennlichen Vorrechte genugzutun hatte Sogar seine
Hofhaltung und die Einrichtung seines häuslichen Lebens wurde darin an eine
gewisse Form gebunden welche ohne die Könige mit einem unanständigen und
unleidlichen Zwange zu belegen ihren Begierden Schranken setzte und ihnen
gegen die Weichlichkeit und Untätigkeit der meisten morgenländischen Fürsten zum
Verwahrungsmittel diente
    Es ist sagte Tifan im Eingange des ersten und wichtigsten Teiles seiner
Gesetze es ist ungereimt während dass man die Rechte und Schuldigkeiten der
Bürger aufs genaueste aus einander setzt die Rechte und Pflichten des Fürsten
von welchen doch das Wohl des ganzen Staats abhängt unentschieden und
schwankend seiner eigenen Willkür oder der Auslegung und Bestimmung
unzuverlässiger und mit keinem entscheidenden Ansehen bekleideter
Rechtsgelehrten zu überlassen Es ist ungereimt während dass dem Privatmanne
vorgeschrieben ist wie er sich in jedem möglichen Verhältnisse mit seinen
Mitbürgern zu betragen habe die besonderen Beziehungen des Fürsten gegen den
Staat zweideutig zu lassen und indessen das Gesetz den Bürgern in Erwerbung
und Verwaltung ihrer Güter alle mögliche Schranken setzt dem Monarchen das
Eigentum seines ganzen Volkes preis zu geben Belehren uns nicht die Jahrbücher
des menschlichen Geschlechtes wie gefährlich diese widersinnige Nachlässigkeit
insgemein für das Glück der Völker und von Zeit zu Zeit auch für die Ruhe der
Fürsten und für die Sicherheit ihrer Tronen gewesen ist Es ist falsche
Politik sich einzubilden dass es gefährlich sein könnte der Majestät durch die
genaueste Bestimmung ihrer Rechte die Hände zu binden und das Volk zu einer
beständigen Vergleichung der Handlungen seiner Obern mit der Richtschnur
derselben zu berechtigen Weise Gesetze schränken die königliche Macht in keine
andre Grenzen ein als ohne welche das gemeine Wesen dessen oberste Diener die
Könige sind immer in Gefahr wäre von ihnen selbst oder wenigstens von den
Dienern seiner Diener gemisshandelt zu werden Die ganze Schöpfung wird von ihrem
Urheber wiewohl er und Er allein im eigentlichsten Verstande ein
unumschränkter Herr ist nach Gesetzen regiert Welcher irdische Monarch kann
sich für berechtigt halten willkürlicher regieren zu wollen als Gott selbst
Und wenn dieser oberste Monarch seine Wirksamkeit bloß darum an Gesetze gebunden
hat weil er vollkommen weise und gut ist aus welchem Bewegungsgrunde könnten
Könige die doch nur Menschen sind und über ihresgleichen herrschen ungebundene
Hände verlangen  Etwann um Gutes zu tun Das Gesetz zeichnet ihnen dazu die
sichersten Wege vor Es erspart ihnen die Mühe und die Gefahr aus tausend
Abwegen die vor ihnen liegen den rechten Weg auszusuchen und anstatt sie dem
Tadel des Volkes auszusetzen dient es ihnen zum Schilde gegen alle
Missdeutungen Vorwürfe und Anmassungen desselben
    Diesem Grundsatze gemäß erklärt und bestimmt Tifan im ersten Kapitel die
Pflichten und Rechte des königlichen Amtes überhaupt Die monarchische
Verfassung in so ferne sie durch weise Gesetze eingeschränkt ist verdient den
Namen der vollkommensten Regierungsart eben darum weil sie der göttlichen am
nächsten kommt Da es vergebens sein würde eine vollkommnere erfinden zu
wollen so verordnet Tifan dass Scheschian zu ewigen Zeiten durch einen König
regiert werden solle Der König sagt er ferner hat seine Majestät nicht von
der Willkür des Volkes sondern von dem erhabenen Charakter eines sichtbaren
Stattalters des obersten Weltbeherrschers Alle seine Pflichten entspringen aus
diesem Charakter und alle seine Rechte aus  seinen Pflichten Denn jede
Pflicht schließt ein Recht an alles dasjenige ohne welches sie nicht ausgeübt
werden kann in sich Sobald ein König von Scheschian unglücklich genug wäre
seine Pflichten abzuschütteln so hätte er in dem nämlichen Augenblick auch
seine Rechte verloren
    Der Vorzug selbst der Schöpfer seiner Untertanen zu sein ist ein
unterscheidendes Vorrecht der Gottheit Nichts desto weniger kann der König in
gewissem Sinne der Schöpfer seines Volkes werden indem er die Vermehrung
desselben so viel immer möglich ist begünstiget und dies ist seine erste
Pflicht
    Die zweite worin er sich nicht weniger als einen Nachahmer der Gottheit
zeigt ist die unverwandte Vorsorge seinem Volke vorausgesetzt dass dieses es
an der pflichtmässigen Anwendung seiner eigenen Kräfte nicht ermangeln lässt
Unterhalt und Überfluss des Unentbehrlichen zu verschaffen Wenn auf diesem
ganzen Erdenrunde Menschen sind die an dem Unentbehrlichen Mangel leiden so
liegt es wahrlich nicht an der Kargheit der Natur denn diese hat Vorrat genug
zehnmal mehr Menschen als sich jemals zugleich auf ihrer Oberfläche befunden
haben reichlich zu ernähren An den Stattaltern der Gottheit ganz allein liegt
die Schuld denn in ihren Händen liegt die Macht einer allzu großen
Ungleichheit vorzubauen dem Müßiggang keine Duldung zu bewilligen den Fleiß
aufzumuntern für den möglichsten Anbau der Ländereien zu sorgen Vorratshäuser
für künftige Notfälle zu unterhalten den Provinzen zum Umsatz und Vertrieb
ihrer Produkte alle von ihnen abhangende Bequemlichkeit zu verschaffen und was
die unentbehrlichste Bedingung der Bevölkerung sowohl als des Wohlstandes eines
jeden Staates ist die Sitten ihrer Völker zu bilden und wenn sie einmal gut
sind sie rein und unverdorben zu erhalten
    Auf diese Weise entwickelt Tifan nach und nach alle übrige Pflichten welche
aus der großen Pflicht der Vorsorge für den Staat entspringen und deren jeder
in der Folge ein eigenes Hauptstück gewidmet ist Er bezeichnet sie durch kurze
allgemeine Formeln in welchen mit eben so viel starken Zügen als Worten der
König als Gesetzgeber als Richter als Verwalter der Staatswirtschaft als
Beschützer des Staats als Aufseher der Religion und der Sitten als Beförderer
der Wissenschaften und Künste und was den Grund zu allen diesen Verhältnissen
legt als der allgemeine Vater und Pfleger der Jugend des Staats dargestellt
wird
    Nichts kann feierlicher sein als die Apostrophe an die Könige seine
Nachfolger womit er dieses Hauptstück schließt  Welch ein Umfang von großen
von äußerst wichtigen Pflichten ruft der erhabene Gesetzgeber aus Wisst ihr
Könige die ihr einst auf Tifans Stuhle sitzen und den furchtbaren Eid der
Treue gegen den König der Könige und gegen das Volk das seine Vorsehung euch
anvertraut hat auf dieses geheiligte Gesetzbuch schwören werdet wisst dass
meine Hand zitterte da ich diese Pflichten niederschrieb dass ein Schauer meine
Seele durchfuhr da ich ihren ganzen Umkreis überdachte Diese Gesetze welche
wir beschworen haben werden unsre Richter sein Je nachdem wir unser großes Amt
wohl oder übel verwaltet haben wird eine Nachwelt die uns nichts als
Gerechtigkeit schuldig ist unser Andenken ehren und segnen oder unsre
ruhmlosen Namen mit Verachtung aus dem Buche der Könige auslöschen und wegen
alles Guten welches wir zu tun unterlassen wegen alles Bösen welches wir
getan haben wird dereinst ein unerbittlicher Richter Rechenschaft von unserer
Seele fordern
    In den nächst folgenden Hauptstücken werden die besonderen Pflichten des
königlichen Amtes einzeln genauer entwickelt und die Art und Weise wie sie
auszuüben durch besondere Gesetze bestimmt Dieser Ordnung zu Folge macht die
gesetzgebende Macht des Königs den Gegenstand des zweiten Hauptstückes aus Es
werden darin die Fälle angegeben in welchen der König berechtiget ist neue
Gesetze zu geben nachdem sie von den Vorstehern der Stände geprüft und dem
Buche der Pflichten und Rechte nicht entgegen stehend befunden worden
Hauptsächlich aber beschäftigt sich Tifan darin mit Anordnung der Mittel
wodurch die Gesetze in jener immer lebhaften Wirksamkeit erhalten werden können
ohne welche der Staat von der besten Gesetzgebung wenig Nutzen ziehen würde Zu
diesem Ende wird nicht nur wie oben bereits erwähnt worden dem Ausschusse der
sämtlichen Stände des Reiches das Recht zugestanden in ihren gesetzmässigen
Versammlungen die Beschwerden welche durch Übertretung oder Missbrauch eines
Gesetzes veranlasst würden dem Könige vorzulegen sondern es werden auch für
jede Stadt und jeden der kleinen Bezirke in welche die Provinzen zu diesem
Ende abgeteilt worden besondere Aufseher angeordnet deren Amt ist auf die
Befolgung der Gesetze genaue Acht zu haben jede Verletzung derselben
anzumerken und alle Monate darüber an den Oberaufseher der ganzen Provinz
umständlichen Bericht zu erstatten damit von diesem sogleich an den König
selbst berichtet und dem Übel mit den gehörigen Mitteln in Zeiten begegnet
werden könne
    Übrigens wird in diesem Hauptstücke allen und jeden Einwohnern von
Scheschian bei Strafe der ewigen Landesverweisung untersagt Auslegungen oder
Glossen über das Buch der Pflichten und Rechte zu verfassen oder irgend ein
darin entaltenes Gesetz unter welchem Vorwand es auch geschehen könnte zu
einem Gegenstande der Privatuntersuchung zu machen Und falls jemals über den
Verstand eines Gesetzes oder die Anwendung desselben in einem besonderen Falle
ein billiger Zweifel entstehen sollte so kommt zwar dem Könige das Recht der
Auslegung oder Erklärung zu jedoch soll dieselbe in keinem andern wiewohl
ähnlichen Falle angezogen oder zur Richtschnur genommen werden es wäre denn
dass sie mit Einwilligung der Stände des Reichs die Form und Kraft eines ewig
gültigen Gesetzes erhalten hätte
    Im dritten Hauptstück wird die Bevölkerung des Staats als einer der
wichtigsten Gegenstände der königlichen Vorsorge betrachtet Die ganze bisherige
Verfassung von Scheschian sagt Tifan der Despotismus der Regierung die
Religion der Bonzen die unmässige Größe der Hauptstadt der Mangel an
Aufmerksamkeit auf den Zustand der Provinzen die Unterdrückung und
Ausplünderung des Volkes durch Abgaben die der Einnahme desselben nicht gemäß
waren und durch die bloße Art des Bezugs schon unerträglich wurden endlich der
zügellose Luxus und die Verderbnis der Sitten dieser Zusammenfluss von Übeln
hatte das Reich binnen einem Jahrhundert unvermerkt auf die Hälfte seiner
ehemaligen Einwohner herab geschmelzt als die letzten Jahre Isfandiars und die
darauf erfolgte Zerrüttung das allgemeine Elend vollendeten Die Entvölkerung
der Städte und der verödete Zustand ganzer Provinzen hat die Einführung fremder
Kolonien unentbehrlich gemacht Aber weder dieses noch irgend ein anderes von
den Mitteln die von einigen Fürsten in solchen Fällen angewandt worden sind
kann die abgezielte Wirkung tun so lange jene Übel fortdauern von welchen die
Entvölkerung eines Staates die notwendige Folge ist oder sobald ihnen der
Zugang wieder eröffnet würde Das gründlichste und unfehlbarste
Bevölkerungsmittel ist demnach eine Gesetzgebung durch welche nicht die Zufälle
der Entvölkerung überpflastert sondern die Ursachen derselben mit der Wurzel
ausgerottet werden  Dieses war eine der großen Absichten der Gesetze Tifans
und da das ganze System derselben alle zu Hervorbringung dieser Absicht
erforderlichen Mittel in sich fasste so blieb den folgenden Königen nichts
übrig als mit der genauesten Sorgfalt über der Beobachtung dieser Gesetze zu
halten und jeden Missbrauch der sie unvermerkt hätte unkräftig machen und
untergraben können sogleich im Keime zu ersticken
    Übrigens lässt sich aus einer Stelle dieses Kapitels schließen dass Tifan
auch in den Ehegesetzen der Scheschianer beträchtliche Änderungen vorgenommen
habe Allein da sie ein besonderes Hauptstück des zweiten Teils seines
Gesetzbuchs ausmachen so lässt sich bis man eine vollständige Abschrift
desselben gefunden haben wird weiter nichts davon sagen als dass der ehelose
Stand durch Tifans Gesetze niemanden verstattet wurde der nicht eine angeborene
oder zufällige körperliche Untüchtigkeit von der unverbesserlichen Art
gerichtlich erweisen konnte«
    »Aber Herr Danischmend« sagte der Sultan »ich möchte wohl wissen wie du
mir den Zweifel auflösen wolltest der mir in diesem Augenblicke gegen Tifans
Grundsätze über die Bevölkerung einfällt Ich setze voraus was doch in der Tat
kaum zu glauben ist dass er wirklich alle physischen politischen und
sittlichen Hindernisse welche der Vermehrung eines Volkes nachteilig sind
glücklich aus dem Wege geräumt habe was wird die Folge davon sein Seine
Scheschianer werden sich vermehren wie die Kaninchen in kurzem werden sie nicht
mehr Raum genug haben neben einander zu wohnen und der bloße Mangel an
Unterhalt wird endlich eine ärgere Verwüstung unter ihnen anrichten als
Despotismus Schwelgerei Bonzen Tänzerinnen Ärzte und Apotheker zusammen
genommen nicht anzurichten vermocht hätten  Wie oft sagt man muss sich ein
Volk ordentlicher Weise verdoppeln Danischmend«
    »Die Auflösung dieser Frage« versetzte Danischmend »hängt von einer Menge
zufälliger Umstände ab welche das verlangte allgemeine Zeitmass in so fern es
richtig sein soll unmöglich zu machen scheinen Gleichwohl da sich mit gutem
Grunde voraussetzen lässt dass unter einem Volke wie wir uns das neue Geschlecht
von Menschen welches die Gesetzgebung Tifans in Scheschian bildete vorstellen
müssen das ist unter der gesundesten nüchternsten mässigsten fröhlichsten
und gutartigsten Nation von der Welt die Leute natürlicher Weise ungleich
länger leben und die Ehen viel länger fruchtbar sind als bei allen andern
Völkern so können wir deucht mich ohne Bedenken annehmen dass sich die Anzahl
der Einwohner Scheschians unter besagten Umständen in hundert Jahren wenigstens
zweimal verdoppelt haben müsse und dies macht freilich in zweihundert Jahren
eine ungeheure Summe aus«
    »Und woher sollen alle diese Menschen ihren Unterhalt nehmen«
    »Ich setze vermöge einer Berechnung womit es unschicklich wäre Ihrer
Hoheit beschwerlich zu fallen voraus dass Scheschian auf dem Grade der
Vollkommenheit wozu Tifan den Anbau des Landes brachte vermögend war
wenigstens hundert Millionen arbeitsamer und mäßig lebender Menschen zu
ernähren«
    »Dies nenn ich viel Herr Danischmend wofern Ihr Euch nicht verrechnet
habt Aber setzen wir immer dass es so gewesen sei woher sollen zweihundert
vierhundert achthundert sechzehnhundert und alle die unzähligen Millionen
welche am Ende der zwanzigsten Generation vorhanden sein werden ihren Unterhalt
bekommen Ich wollte wetten dass zuletzt nicht einmal Luft genug in der Welt
wäre sie zu nähren wenn sie auch von bloßer Luft leben könnten«
    »Und dazu kommt noch ein Umstand« sagte die schöne Nurmahal »der dem armen
Danischmend eine Gelegenheit entzieht wodurch er die Anzahl seiner Scheschianer
von Zeit zu Zeit merklich hätte vermindern können Wenn Tifans Nachfolger ihrem
Vorbilde nur einiger Massen ähnlich waren und wenn sich also die Verfassung
welche dieses Reich von Tifan empfing einige Jahrhunderte erhalten hat wie man
von so einer vollkommenen Gesetzgebung nicht anders erwarten kann so ist nicht
begreiflich wie Scheschian in dieser ganzen Zeit in einen Krieg von einiger
Bedeutung hätte sollen verwickelt werden können Wer hätte sich unterstehen
wollen einen solchen Staat anzugreifen oder sich ihn zum Feinde zu machen Und
was in der Welt hätte einen König von Scheschian bewegen können selbst der
Angreifer zu sein«
    »Die Ehre seiner Krone kann den besten König nötigen einen Krieg
anzufangen oder an den Händeln seiner Nachbarn Anteil zu nehmen« sagte
SchachGebal41 »Doch wir wollen diese Betrachtung gelten lassen was sie kann
immer seh ich nicht ab wie sich Freund Danischmend diesmal aus der Sache ziehen
wird«
    »Bald würden mir Ihre Hoheit bange machen« erwiderte der Doktor
»Gleichwohl ist diese Bevölkerungssache so schlimm nicht als sie beim ersten
Anblicke scheint Je mehr sich die Bewohner von Scheschian vervielfältigen je
mehr Hände haben wir die Natur zu bearbeiten eine Quelle welche desto
ergiebiger ist je größer die Zahl derer ist die aus ihr schöpfen Und wer kann
das Maß und die Grenzen ihrer Fruchtbarkeit bestimmen Überdies nimmt auf der
einen Seite mit der Zahl der Menschen auch die Summe ihrer Bedürfnisse und
folglich auch der Hände zu die ihrentwegen in Arbeit gesetzt werden müssen und
von dieser Arbeit leben so wie auf der andern Seite Fleiß und Erfindsamkeit
durch die immer nahe Gefahr des Mangels angespornt werden die Künste zu einer
Vollkommenheit zu bringen wodurch ihnen vermittelst des auswärtigen Handels
eine Menge andrer Völker zinsbar wird Reicht endlich alles dies nicht zu nun
so werden wir uns freilich entschließen müssen die Bienen zum Muster zu nehmen
und von Zeit zu Zeit die jungen Schwärme zu nötigen sich andre Wohnsitze
auszusuchen es sei nun indem ein großer Teil der Scheschianer sich einzeln in
fremde Länder zerstreut wo fleißige und geschickte Ankömmlinge allezeit
willkommen sein werden oder indem der Staat selbst Kolonien aussendet welche
sich auf entlegnen Küsten niederlassen Künste und Sitten zu barbarischen
Völkern tragen und durch das nämliche Mittel wodurch sie ihren eigenen Zustand
verbessern zugleich Wohltäter des menschlichen Geschlechts werden Wie viele
und große Inseln wie viele bewohnbare Gegenden des festen Landes liegen
entweder noch ganz öde oder sind doch lange nicht so bewohnt und angebaut dass
sie nicht noch Raums genug für viele Millionen neuer Ankömmlinge haben sollten
welche anstatt ihren Unterhalt durch die Jagd in unermesslichen Wildnissen zu
suchen die Werkzeuge des Ackerbaues und der Künste mit sich bringen wodurch
der zehnte Teil des Bezirks worin hundert Wilde kümmerlich ihrem Hunger wehren
zu einer reichen Vorratskammer für hundertmal so viel gesittete Familien gemacht
wird«
    »Sehr wohl sehr wohl« sagte der Sultan lächelnd »und wenn auch dies nicht
zureicht Herr Danischmend nun so haben wir ja auf den Notfall noch
Heuschrecken Pestilenz Erdbeben und Überschwemmungen welche uns die Mühe
ersparen können eine kleine Abänderung in den Gesetzen des weisen Tifan zu
machen«
    »Ich hoffe wir werden nicht vonnöten haben die Natur um eine so grausame
Hilfe anzurufen Sie hat schon auf eine andre Weise dafür gesorgt dass bei
allen möglichen sittlichen Beförderungsmitteln der Bevölkerung dennoch nicht
leicht ein gefährliches Übermaß derselben zu besorgen ist Die Vermehrung steht
nach einer allgemeinen Beobachtung in einem selten ungleichen Verhältnisse mit
der mehreren oder mindern Leichtigkeit die das Volk hat seinen Unterhalt zu
gewinnen Und gesetzt auch einer von Tifans Nachfolgern hätte sich endlich
genötigt gesehen dem Verbot des ehelosen Standes etwas weitere Grenzen zu
setzen würde nicht diese Notwendigkeit selbst den stärksten Beweis von der
Vortrefflichkeit der Gesetze Tifans ausgemacht haben«
    »Bei allem dem« fuhr SchachGebal in seinem einmal angenommenen Tone fort
»mag es in Scheschian jährlich eine hübsche Anzahl Fündelkinder gegeben haben
Herr Danischmend«
    »Eine sehr ansehnliche allem Vermuten nach« sagte der Philosoph »aber
desto besser für den König oder eigentlicher zu reden für den Staat«
    »Wie so« fragte der Sultan
    »Um Ihre Hoheit nicht mit Rätseln aufzuhalten muss ich sagen dass es von
Tifans Zeiten an eigentlich gar keine Fündelkinder in Scheschian gab  denn
von unehelichen war die Rede nicht mehr Tifans Gesetze hatten dafür gesorgt
dass Natur und Liebe sich niemals in der traurigen Notwendigkeit befinden
konnten das Süsseste und Werteste was beide haben verleugnen zu müssen Aber
in allen Städten und andern schicklichen Plätzen waren Häuser angelegt wo die
Kinder der Tagelöhner und der Dürftigen sobald die Last der Ernährung und
Erziehung derselben den Eltern zu schwer fiel auf Unkosten des Königs erzogen
wurden«
    »Dein Tifan war ein seltsamer Kameralist« rief SchachGebal aus
    »Dies war er auch in der Tat wie Ihre Hoheit aus einem der folgenden
Kapitel seiner Gesetze sehen werden Indessen fiel diese Einrichtung durch die
Art wie sie veranstaltet war dem Staate gar nicht schwer und verschafte ihm
hingegen einen vielfachen beträchtlichen Nutzen In den meisten andern Staaten
vereinigen sich Dürftigkeit ungesunde Nahrung und durchgängige Verwahrlosung
der Leiber und der Seelen aus den Kindern der Tagelöhner und der untersten
Klasse der Handwerksleute eine Art von Geschöpfen zu machen die von der
dümmsten Art von Vieh kaum durch etwas andres als einige wiewohl öfters sehr
unvollkommene Ähnlichkeit mit der menschlichen Gestalt zu unterscheiden sind
In Scheschian war es ganz anders Da die Eltern dieser Kinder außer einem
geringen Beitrage den sie zum Unterhalt derselben bis ins siebente Jahr  das
ist bis sie durch die Arbeit wozu sie angehalten wurden ihre Nahrung selbst
verdienen konnten  von ihrem Verdienste abgeben mussten bloß für ihren eigenen
Unterhalt zu sorgen hatten den sie durch eine nicht übermäßige Arbeit reichlich
erwerben konnten so brachten sie zu einem Geschäfte welches die Natur zum
Besten der Menschheit mit so vielem Reize verbunden hat mehr Lust Munterkeit
und Kräfte als man von andern ihresgleichen unter den elenden und drückenden
Umständen worin sie in den meisten Ländern schmachten erwarten kann Sie
zeugten also auch gesundere stärkere und schönere Kinder und die weisen
Anstalten welche Tifan zu Erziehung derselben getroffen hatte waren eben so
viele Pflanzschulen worin dem gemeinen Wesen nützliche Mitglieder von allen
Arten gebildet wurden
    In den meisten andern Staaten würden solche Anstalten aus Mangel kluger
Einrichtung und guter Aufsicht in kurzem ausarten und den gemeinnützigen Zweck
nur auf eine sehr unvollkommene Weise befördern Aber hier hatte Tifan für alles
gesorgt Alle in dergleichen öffentlichen Erziehungshäusern sonst gewöhnliche
Missbräuche waren unmöglich gemacht Diese Kinder genossen unter dem Namen der
Pflegekinder des Königs den unmittelbaren königlichen Schutz Die Könige selbst
welche das Gesetz nach dem Beispiele Tifans zu beständigen Reisen durch die
verschiedenen Provinzen des Reichs verpflichtete kamen von Zeit zu Zeit den
Zustand ihrer Pflegekinder zu untersuchen und die geringste Untreue oder
Saumseligkeit auf Seiten der Personen welche als Bediente oder als Lehrmeister
und Aufseher bei diesen Häusern angestellt waren wurde so scharf bestraft ein
pflichtmässiges Betragen hingegen nach Verfluss einer gewissen Zeit so wohl
belohnt dass Fremde welche diese sonderbaren Stiftungen sahen sich nicht genug
darüber wundern konnten  dass es so leicht sei gute Anstalten in der besten
Ordnung zu erhalten«
    »In der Tat ich lasse mir diese Einrichtung gefallen« sagte SchachGebal
»Aber was machte Tifan mit so vielen Pflegekindern«
    »Es scheint nicht dass er jemals über ihre Menge verlegen gewesen sei«
antwortete Danischmend »Die stärksten aus ihnen wurden zum Soldatenstand oder
zu andern Verrichtungen welche vorzügliche Leibeskräfte erfordern erzogen und
die unfähigsten waren doch immer zu irgend einer mechanischen Arbeit gut genug
Ein großer Teil ging als Dienstboten in die Häuser der Edelen und Begüterten
über mit einem andern Teile wurden die Fabriken besetzt welche Tifan in großer
Anzahl angelegt hatte und diejenigen bei denen man eine Anlage zu höheren
Talenten oder den Genie irgend einer schönen Kunst entdeckte wurden in dem
gehörigen Alter ausgeschossen und in andern ihrer Fähigkeit angemessenen
Anstalten zu ihrer Bestimmung zubereitet«
    »Danischmend« sagte der Sultan »merke dir dass wir nächstens das weitere
von dieser Sache sprechen wollen Du sollst mir einen Plan vorlegen  verstehst
du mich Gute Beispiele verdienen Nachfolger Für heute haben wir genug«
 
                                      12
Der sinesische Übersetzer ohne der besonderen Unterredungen des Sultans Gebal
mit seinem Hofphilosophen und der Entwürfe oder wirklichen Anstalten welche
vermutlich die Früchte davon waren weiter Erwähnung zu tun begnügt sich auf
seinem bisherigen Wege fortzuschreiten und berichtet uns dass der Sultan des
folgenden Abends da die Rede wieder von Tifan und seiner Gesetzgebung gewesen
das Gespräch auf seinen Lieblingsgegenstand auf die Staatswirtschaft gelenkt
und ein großes Verlangen bezeigt habe zu wissen wie dieser Fürst so große
Ausgaben als er nach einigen Proben zu urteilen sich selbst aufgelegt habe
bestreiten können Diese Neugier Seiner Hoheit hätte zu einer sehr umständlichen
Erörterung der Sache geführt wovon er da einem sinesischen Prinzen über diese
Rubrik nichts gesagt werden könne was er nicht zu Hause eben so gut finde sich
begnügen würde folgenden Auszug zu liefern
    »Die Schriftsteller« sagte Danischmend »aus welchen ich meine Nachrichten
von Tifans Grundsätzen über das Finanzwesen und die Staatsökonomie gezogen habe
erzählen uns davon Dinge die beim ersten Anblicke sehr seltsam wo nicht gar
unglaublich klingen Tifan rühmte sich sagen sie wenige Tage vor seinem Tode
gegen seinen Nachfolger dass er ihm einen Schatz hinterlasse dergleichen kein
einziger von allen Königen Asiens aufzuweisen habe Es ist wahr sagte er in
meiner Kasse wirst du keinen großen Vorrat antreffen aber ich hinterlasse dir
sechzig Millionen vergnügte wohl genährte wohl gekleidete wohl gesittete
fleißige und unsrer Regierung wohl geneigte Untertanen welche sobald du sie
zum Besten des Staats vonnöten hast mit allen ihren Fähigkeiten mit allem
ihrem Vermögen mit allem Blut in ihren Adern freiwillig dein eigen sind Ich
hinterlasse dir Städte die von arbeitsamen und geschäftigen Menschen wimmeln
und Landschaften die einem blühenden Garten ähnlich sind Wie sehr anders sah
dies alles aus als ich König wurde Aber funfzig Jahre mein Sohn sind eine
schöne Zeit für einen König der den Willen hat Gutes zu tun und der alle seine
Untertanen zu Gehülfen zu machen weiß Auch hoffe ich du wirst in diesem ganzen
Reiche keine verfallene Stadt wieder herzustellen keinen Sumpf auszutrocknen
keine Einöde zu bevölkern und anzupflanzen übrig finden Die Provinzen deines
Reichs sind wie die Glieder eines gesunden und voll blühenden Körpers ein
gemeinschaftlicher Lebenssaft strömet durch sie hin jede dient der andern jede
unterstützt die andre jede trägt das ihrige bei das Ganze vollkommen zu
machen und erhält vom Ganzen Lebenswärme und Nahrung und jeden Beistand dessen
sie benötigt sein kann Jede Klasse des Staates ist was sie sein soll und Ein
durch sie alle ausgegossener Geist der Eintracht und Vaterlandsliebe verbindet
sie zum allgemeinen Besten Die Jugend einer jeden Klasse wird zu ihrer
künftigen Bestimmung erzogen Alle eitle Gelehrsamkeit ist aus Scheschian
verbannt die Akademie der Wissenschaften ist in eine Werkstatt nützlicher
Erfindungen in eine Schule der Weisheit der Tugend und des Geschmacks
verwandelt Nenne mir eine Geschicklichkeit und Kunst die zum Wohlstand eines
Volkes anwendbar ist und in Scheschian nicht Aufmunterung und Belohnung finde
Und nun mein Sohn gestehe dass dein Vater ein guter Wirtschafter war und
folge seinem Beispiele
    Die Wahrheit von der Sache war dass Tifans Nachfolger an dem Tage da er den
Thron bestieg  zwar keine Schulden aber wirklich kaum so viel Geld in der
Schatzkammer fand als der reichste Kaufmann zu Scheschian in seiner Kasse
liegen hatte Welch eine Wirtschaft
    Bei den meisten andern Fürsten ist nichts willkommner als ein Projekt aus
hundert Taels die in die Schatzkammer fließen zweihundert zu machen Bei Tifan
würde mit allen Projekten wobei es darauf ankam die Untertanen ärmer zu machen
nichts als ein Platz im Zuchtause zu verdienen gewesen sein Bringt mir
Vorschläge pflegte er zu sagen die Scheschianer klüger besser arbeitsamer
geschickter und glücklicher zu machen Je mehr sie alles dies sind desto
reicher werden sie sein und bin ich nicht reich genug wenn es meine
Scheschianer sind
    Noch eine Seltsamkeit In allen andern Staaten oder doch beinahe in allen
pflegen die Auflagen auf das Volk unvermerkt oft auch sehr merklich zuzunehmen
 Die Bedürfnisse des Staats sagt man werden immer größer und da in den
meisten das Vermögen des Volkes in eben der Masse abnimmt wie die
Staatsbedürfnisse zunehmen so kommt zuletzt der Augenblick wo das Volk gerade
wann der Staat am meisten bedarf nichts mehr zu geben hat In Scheschian war
dies ganz anders eingerichtet Tifan verstand die Kunst große Dinge mit wenigen
Kosten zu tun welches ungefähr eben so viel ist als die Kunst der alten
Helden mit kleinen Heeren große Siege zu erfechten Gleichwohl war es nicht
anders möglich als dass die Scheschianer anfangs alle ihre Kräfte aufbieten
mussten um die großen Summen zu erschwingen die zur Ausführung seiner Anstalten
zum gemeinen Besten vonnöten waren Aber schon im zehnten Jahre seiner Regierung
sah er sich im Stande die Last des Volkes merklich zu vermindern und in den
letzten Jahren bezahlten die Scheschianer dem Staate kaum den dritten Teil
dessen was ihnen unter Sultan Azorn abgenommen worden war und gleichwohl war
der öffentliche Schatz nicht um eine Unze leichter als in den ersten Jahren
Tifans und wenigstens um neunzehn Teile von zwanzig reicher als unter Azorn«
    »Wie ging dies zu« fragte Gebal
    »Durch die einfachste Operation von der Welt« antwortete Danischmend »Im
zehnten Jahre Tifans waren ungefähr dreißig Millionen Menschen in Scheschian
welche zusammen zweihundert Millionen Unzen Silbers in die Schatzkammer
bezahlten Im funfzigsten Jahr eben dieses Königs zählte man über sechzig
Millionen Einwohner welche um die nämliche Summe zusammen zu bringen nur halb
so viel bezahlten als ihre Vorgänger aber noch immer in die Schatzkammer
Hingegen befanden sich in den letzten Jahren Azors vierzig Millionen Einwohner
in Scheschian welche drei und zuletzt viermal so viel bezahlen mussten aber
unglücklicher Weise das meiste weder an die Schatzkammer noch an den König
sondern an die ungeheure Anzahl der Pachter und Einnehmer an die Mätressen des
Königs an die Günstlinge und Höflinge an die königliche Küche an die
königliche Garderobe an die königlichen Pferde Hunde Katzen Elefanten
Riesen Zwerge Affen und Papageien und an eine unendliche Menge anderer
entbehrlicher Geschöpfe die zum Hofstaat Seiner Majestät gehörten und
insgesamt sehr große Bedürfnisse hatten Alle diese Teilnehmer an den
Staatseinkünften nahmen soviel davon zum voraus weg dass ein mäßig starker Esel
wenig Mühe hatte den Rest in die königliche Schatzkammer zu tragen und dieser
einzige Umstand löset deucht mich das ganze Geheimnis auf«
    Es gefiel dem Sultan Gebal bei dieser Stelle in ein so starkes Gelächter
auszubrechen dass Danischmend inne halten musste »Der arme Azor« rief er einmal
über das andere aus »der arme Mann Kann man auch ein ärmerer Schelm sein als
Azor«
    »In der Tat« sagte Danischmend »der gute Azor war beinahe noch ärmer als
seine armen Untertanen« »Du hast recht Danischmend« versetzte SchachGebal
»die guten Leute sind wirklich zu bedauern  Aber wo blieben wir Die Wahrheit
zu sagen ich sehe noch nicht sehr hell in der Haushaltung deines Tifan«
    »In kurzem hoffe ich soll Ihrer Hoheit alles sehr deutlich werden«
erwiderte der Philosoph »Sultan Tifan machte in seinem Gesetzbuch eine
merkwürdige Distinktion zwischen den Bedürfnissen des Königs und den
Bedürfnissen des Staats und folglich auch zwischen dem Beutel des einen und des
andern Zu jenen bestimmte er eine beträchtliche Anzahl von Krongütern welche
seit den Zeiten OgulKans die Domänen des Königs ausgemacht hatten Er vermehrte
sie mit Bewilligung der Nation durch einen Teil der verödeten Gegenden
welche von den bürgerlichen Unruhen her aus Mangel an Bewohnern unangebaut
lagen und als dem Staat anheim gefallen betrachtet von Tifan aber mit fremden
Kolonisten bevölkert und in wenig Jahren in einen sehr ergiebigen Stand gesetzt
wurden Außerdem waren die Einkünfte von den Bergwerken und Salzgruben von jeher
als königliche Güter angesehen worden und Tifan ließ es um so mehr dabei
bewenden weil er sich und seinen Nachfolgern das Vermögen auch willkürlich
Gutes zu tun nicht entziehen wollte eine Idee welche sich mit der menschlichen
Schwachheit vielleicht entschuldigen lässt wiewohl sie durch ihre Folgen in
späteren Zeiten dem scheschianischen Reiche verderblich geworden ist
    Alle diese Einkünfte betrugen durch die gute Wirtschaft des Königs Tifan in
seinen letzten Jahren ungefähr neun bis zehn Millionen Unzen Silbers welche der
König verwalten konnte wie er wollte ohne jemand deswegen Rechenschaft zu
geben Hingegen musste er davon seine ganze Hofhaltung alle seine
Privatausgaben und nach Tifans ausdrücklicher Verordnung selbst alle
diejenigen bestreiten welche die Majestät des Trones erfordert Da nun diese
Summe so beträchtlich sie war gar leicht für die Begierden eines schwachen
oder ausschweifenden Fürsten unzulänglich hätte sein können so verordnete Tifan
in einem besonderen Abschnitte seines Gesetzbuches wie der Hofstaat des Königs
seine Tafel und alles was zu seiner Haushaltung gehörte eingerichtet sein
sollte Eine edle Einfalt und eine sehr große Mäßigung war der Geist dieser
Verordnungen Wenn der Luxus sagte Tifan einem wohl eingerichteten Staate
verderblich und nur in einem sehr verdorbenen eine Zeit lang ein notwendiges
Übel ist wenn der größte Reichtum desselben in der Menge arbeitsamer Einwohner
besteht und die Bevölkerung ohne Mäßigung der Begierden und des Aufwands
unmöglich so weit gehen kann als sie sonst natürlicher Weise gehen würde so
fällt in die Augen wie notwendig es ist dass der Hof dem ganzen Staat ein
fortdauerndes Beispiel einer Tugend gebe welche die stärkste Schutzwehre der
guten Sitten ist Nach dem Hofe bilden sich die Großen und der Adel und
vereinigen sich diese dem Volke mit dem Beispiel einer einförmigen in die
Schranken der Anständigkeit und einer guten Wirtschaft eingeschlossenen
Lebensart vorzuleuchten so wird das Volk desto weniger der Gefahr ausgesetzt
sein den Geist seines Standes und den Geschmack an der Einfalt seiner eigenen
Lebensart zu verlieren Diese Einförmigkeit ist nur solchen Leuten zuwider in
welchen der Müßiggang ausschweifende Begierden und einen grillenhaften Geschmack
ausbrütet in Scheschian kann es keine solche Leute geben denn das Gesetz
duldet keine Müßiggänger Vom König an bis zum Tagelöhner ist jedermann mit den
Pflichten seine Standes oder mit der Ausübung seiner Talente beschäftigt und
beschäftigte Leute für welche die bloße Ruhe schon eine Art von Vergnügen ist
haben nur einfache und ungekünstelte Ergetzungen vonnöten weil die Ergetzungen
für sie keine Beschäftigung sondern nur Erholungsmittel nach der Arbeit sind
    Eine nach diesen Begriffen eingerichtete Hofhaltung konnte wiewohl das
Anständige und bei gewisser Gelegenheit selbst das Glänzende nirgends vermisst
wurde nicht so viel kosten dass der König nicht noch große Summen in Händen
behalten hätte wovon er einen edelen wohltätigen und gemeinnützigen Gebrauch
machen konnte Tifan zum Beispiel der ein großer Liebhaber der Naturforschung
war wendete einen beträchtlichen Teil seiner eigenen Einkünfte auf physische
Versuche auf matematische Werkzeuge und auf Belohnung derjenigen welche in
diesem Fache sich vorzüglich verdient machten Er stiftete aus seiner eigenen
Kasse eine Akademie der schönen Künste deren immer zunehmendes Wachstum eine
seiner angenehmsten Ergetzungen ausmachte Überdies setzte er für alle Arten
nützlicher Bemühungen jährlich eine beträchtliche Anzahl von Preisen aus Alle
Unternehmungen von welchen dem Staat Ehre oder irgend ein andrer Nutzen zugehen
konnte fanden in ihm einen großmütigen aber zugleich einsichtsvollen
Beförderer welcher Schein und Wahrheit sehr genau zu unterscheiden wusste
Hauptsächlich aber standen alle jungen Leute welche sich durch Proben
außerordentlicher Fähigkeiten hervortaten unter seinem unmittelbaren Schutze
Er hielt ein Verzeichnis über alle die zu dieser Klasse gehörten er
verschafte ihnen Gelegenheit sich vollkommen zu machen und da er sie genau
genug kennen lernte um ihre mannigfaltigen Talente aufs beste benützen zu
können so mag es wohl diesem Umstande vornehmlich zuzuschreiben sein dass er im
Stande war die vortreffliche Staatswirtschaft zu führen deren er sich gegen
seinen Nachfolger rühmte
    Bei einem solchen Gebrauch als Tifan von seinen eigenen Einkünften machte
lässt sich leicht begreifen warum er seinem Sohne keinen großen Vorrat an barem
Gelde hinterließ wiewohl unter allen Rubriken seiner Ausgaben keine einzige
war über die er zu erröten Ursache gehabt hätte Aber dass es auch mit dem
öffentlichen Schatze die nämliche Bewandtnis hatte würde gegen seine gute
Wirtschaft einigen Verdacht erwecken können wenn Tifan sich nicht zum Grundsatz
gemacht hätte die Einnahme und Ausgabe des Staats so genau gegen einander
abzuwägen dass beim Schluße jedes Jahres nach Abzug der letzten von der
ersten wenig oder nichts übrig blieb42 Dieser öffentliche Schatz bestand aus
den Abgaben welche teils von den Eigentümern aller liegenden Grundstücke teils
von dem beweglichen Vermögen und Erwerb aller übrigen Einwohner des Reichs
erhoben wurden Er betrug unter Tifans Regierung ordentlicher Weise niemals über
zweihundert Millionen Unzen Silbers und durfte auf nichts andres als die
unumgänglichen Ausgaben des Staats oder auf solche welche augenscheinlich zum
Besten desselben gereichten und im Gesetzbuch ausdrücklich benannt waren
verwendet werden Der König sagt Tifan hat nicht die mindeste willkürliche
Gewalt über das Vermögen seiner Untertanen er ist schuldig sie dabei zu
schützen aber er ist so wenig als irgend ein andrer Mensch befugt ihnen nur
den Wert einer Stecknadel wider ihren Willen wegzunehmen Hingegen sind die
sämtlichen Bürger des Staats verbunden zu den Bedürfnissen desselben und zu
gemeinnützigen Anstalten nach Verhältnis ihres Vermögens oder Einkommens
beizutragen und da keiner ohne Unsinn diese Schuldigkeit misskennen noch ohne
ein Verbrechen gegen den Staat sich derselben entziehen kann so kommt alles
bloß darauf an
    dass der Nation dieser Beitrag auf alle mögliche Art erleichtert und dass ihr
    die vollständigste Sicherheit wegen gesetzmässiger Verwendung desselben
    gegeben werde
Die Verordnungen Tifans zu Erreichung dieser zweifachen Absicht sind so einfach
als man sie von einem Gesetzgeber erwarten kann der immer den nächsten Weg
gehen konnte weil keine Hindernisse die er hätte schonen müssen in seinem
Wege lagen und weil er keine andre Absicht hatte als je eher je lieber zum
Zweck zu gelangen Vermöge dieser Verordnungen mussten alle Klassen der Einwohner
von Scheschian dem Staate jährlich einen festgesetzten sehr mäßigen Beitrag
entrichten der überhaupt so bestimmt war dass die reichste Klasse am meisten
die ärmste hingegen beinahe nichts bezahlte In jedem Dorfe und Flecken so wie
in jeder kleinen Stadt war in der Vorhalle des Tempels ein wohl verwahrter
Kasten in welchen jeder Kontribuent monatlich seinen Beitrag in einem Papier
auf welchem sein Name angemerkt war durch eine zu diesem Zweck angebrachte
Öffnung hinein steckte43 Wer sich hierin saumselig finden ließ ohne eine von
den wenigen im Gesetze für gültig anerkannten Ursachen zum Erlass anführen zu
können wurde sofort mit Gewalt zu seiner Schuldigkeit gebracht Zwei besonders
hierzu angestellte obrigkeitliche Personen führten Rechnung über diese Einnahme
und lieferten das Eingegangene alle Monate von den Dörfern und Flecken in die
nächste Stadt an welche sie angewiesen waren Aus den kleineren Städten wurde
diese Kontribution in die Hauptstadt der Provinz geliefert und von da alle drei
Monate an die Schatzkammer des Staats zu Scheschian Rechnung abgelegt An jedem
Ort in jeder Stadt und Provinz hatten die bestellten Einnehmer ein Verzeichnis
der Kontribuenten ihres Ortes ihrer Stadt und ihrer Provinz so wie die
Obereinnehmer zu Scheschian das ihrige von dem was jede Provinz nach dem einmal
festgesetzten Anschlage beizutragen schuldig war Dieser Anschlag bezog sich
teils auf die Ländereien und Häuser welche nach Tifans Verordnung so lange
auf dem nämlichen Fuß angesetzt blieben bis der König und die Stände der Nation
gemeinschaftlich eine Erhöhung desselben dem Staate zuträglich oder notwendig
finden würden teils auf alle einzelne Bewohner des Staats mit Ausnahme der
Dienstboten und der Kinder in den untersten Klassen deren jeder nach der
Klasse zu welcher er gehörte mit einer unveränderlichen Schatzung belegt war
Da nun alle Monate ein genaues Verzeichnis aller Gebornen und Gestorbenen jedes
Ortes an die Vorsteher jeder Provinz und von diesen jedesmal nach Verfluss
dreier Monate an den Hof eingeschickt werden musste so war nichts leichter als
die Berichtigung dessen was jede Provinz monatlich zu bezahlen hatte Und weil
keine Reste geduldet sondern in gewissen Fällen wo das Unvermögen des
Kontribuenten erweislicher Massen unverschuldet war der monatliche Ansatz lieber
gänzlich erlassen wurde so ging die ganze Operation immer in gleicher Ordnung
fort ließ sich immer gleichsam mit Einem Blicke übersehen und war von allen
nachteiligen Folgen einer verwickeltern Art von Einrichtung frei«
    »Herr Danischmend« sagte der Sultan »es wäre sehr viel über diese Sache zu
sprechen Simplizität ist in allen mechanischen Veranstaltungen eine schöne
Eigenschaft Aber Tifans Finanzeinrichtung setzt etwas voraus welches sich
nirgends als in einem idealen Staate voraussetzen lässt Wenn nicht alle seine
Kontribuenten und Einnehmer die ehrlichsten Leute von der Welt waren so wollte
ich ihm keinen küpfernen Baham um seine ganze Operation gegeben haben«
    »In der Tat« erwiderte Danischmend »ist Tifans ganze Gesetzgebung und
Staatsverwaltung auf die Sitten gebaut aber man muss auch gestehen dass er
nichts unterlassen hat um seinen Untertanen Sitten zu geben Liebe zum
Vaterlande zu den Gesetzen zur Ordnung waren Tugenden zu welchen die
Scheschianer unter seiner Regierung von Kindheit an gebildet wurden Die
Verbindung des Begriffs der Ehre mit der genauesten Erfüllung jeder bürgerlichen
Pflicht und des Gefühls der Schande mit jeder Unterlassung derselben wurde
ihnen zuletzt so natürlich und mechanisch dass der gemeinste Mann im Notfall
sich lieber etwas von seiner Nahrung entzogen als der Schande sich ausgesetzt
hätte zur Entrichtung des Beitrags den er dem Staate schuldig war mit Gewalt
angehalten zu werden Was die Einnehmer der Staatseinkünfte betrifft so wurden
sie aus einer Klasse gezogen bei welcher das Gefühl der Ehre eine vorzüglich
starke Triebfeder ist Aber wenn es auch bei einigen weniger wirksam gewesen
wäre so war es nach Tifans Einrichtung nicht leicht sich einer Untreue
schuldig zu machen und sehr schwer unentdeckt zu bleiben In diesem Falle
wartete eine äußerst schimpfliche Strafe auf sie und so wie Tifan die
Scheschianer gewöhnt hatte gab es wenige welche nicht lieber das Leben als
ihre Ohren hätten verlieren wollen
    Es ist vielleicht niemals eine Monarchie gewesen worin die Untertanen der
Schatzkammer weniger bezahlt hätten als die Scheschianer unter Tifan und seinem
ersten Nachfolger Aber der Hauptgrundsatz worauf dieser Fürst seine
Staatsökonomie gründete war Der höchste Wohlstand eines so großen Staates als
der scheschianische hange von der möglichsten Bevölkerung ab die möglichste
Bevölkerung von der Leichtigkeit Unterhalt zu finden diese von dem möglichst
geringen Preise aller Erfordernisse des Lebens und das letztere zu erzielen
hielt er für das einfachste Mittel die Abgaben des Volkes so leicht zu machen
als möglich die unentbehrlichsten Lebensmittel hingegen auf einen festen Preis
zu setzen welchen die Eigentümer der Ländereien ohne ausdrückliche Bewilligung
des Königs und der Stände nicht erhöhen durften
    Während der Regierungen Azors und Isfandiars hatten die Scheschianer unter
unzähligen Titeln und Rubriken welche zu unzähligen Bedrückungen des Volkes
Anlass gaben nach und nach vierzig dann funfzig und zuletzt sechzig bis
siebzig vom Hundert ihres jährlichen Einkommens oder Verdienstes abgeben müssen
Tifan schaffte alle diese Rubriken ab Ein Fürst sagte er der alles was seine
Untertanen besitzen für sein Eigentum ansieht mag wohl vonnöten haben auf
Kunstgriffe zu denken wie er sich desselben auf die unmerklichste Art
bemächtigen wolle und freilich ist ein Unterschied ob ich einen Körper durch
kleine aber oft widerholte Ausleerungen langsam abmergele oder ob ich ihm sein
Blut auf Einmal abzapfe aber am Ende erfolgt in jenem Falle was in diesem ein
wenig Zeit ist alles was man dabei gewinnt Nach meinen Grundsätzen fügte er
hinzu ist die Frage niemals was ist des Hofes Interesse Aber wenn ich auch
wie Isfandiar alle Einwohner von Scheschian mit den Rindern und Schafen auf den
Triften meiner Kammergüter in die nämliche Klasse setzte so müsste ich dennoch
anders mit ihnen verfahren als Isfandiar Bin ich mit hunderttausend Untertanen
deren jeder mir ohne sich zu entkräften dreimal so viel geben könnte als ich
von ihm fordre nicht unendliche Mal reicher als mit funfzigtausend Bettlern
die mir endlich nichts mehr zu geben haben als die Haut die noch um ihre
marklosen Knochen hängt
    Außer den besagten Personal und Vermögenssteuern hatte die Schatzkammer in
Scheschian keine Einkünfte Alle Zölle auf ein und ausgeführte Waren waren mit
Tifans wirtschaftlichen Begriffen unverträglich Getreide und andere Naturalien
oder unverarbeitete Waren in fremde Länder auszuführen war bei angemessnen
Strafen verboten denn der ersteren hatte ein so weitläufiger und volkreicher
Staat wie Scheschian für sich selbst vonnöten und ohne die äußerste
Verarbeitung aller möglichen Produkte der Natur würde es unmöglich gewesen sein
ein unzählbares Volk hinlänglich zu beschäftigen Hingegen konnte seiner
Meinung nach ein Zoll auf die ausgeführten verarbeiteten Waren zu nichts
dienen als die Manufakturen und den Handel zu kränken und zu hemmen welche
doch von einer weisen Regierung auf alle nur ersinnliche Art aufgemuntert
werden Auf der andern Seite blieb die Einführung fremder verarbeiteter Waren
aus einem doppelten Grunde frei erstens weil die scheschianischen wohlfeiler
und besser waren und dann weil Tifan die begüterten Scheschianer durch ein
solches Verbot nicht unnötiger Weise zum Ungehorsam reizen wollte Die
Einführung aber solcher rohen Waren an welchen sein Land Mangel hatte mit
Abgaben zu belegen hielt er für unschicklich weil es vorteilhafter war sie
zum Behuf der einheimischen Manufakturen und Gewerbe auf alle mögliche Weise zu
begünstigen Endlich hatte Tifan noch einen vortrefflichen Grund für die
Abschaffung aller Arbeiten von Abgaben außer der einzigen monatlichen Steuer
und dieser war  weil der Staat ihrer nicht vonnöten hatte Denn zu allen
gewöhnlichen Ausgaben reichten die ordentlichen Einkünfte zu und bei
außerordentlichen Erfordernissen waren die Stände bereit dem König alles zu
bewilligen was er nötig haben konnte«
    »Tifan hatte doch auch ein Kriegsheer« fragte SchachGebal
    »Die nötige Beschützung eines so weitläufigen Reiches erforderte nicht
weniger als ein stehendes Heer von zweimal hunderttausend Mann welche gut
diszipliniert und besoldet waren aber ihren Unterhalt wie billig dem Staate
durch die friedsamen Dienste abverdienten wozu sie sich da ein
ununterbrochener Friede ihre Arme zur Verteidigung desselben unnötig machte
gebrauchen lassen mussten Landstraßen dergleichen man erst in späteren Zeiten
unter der Römer Herrschaft wieder sah schiffbare Kanäle zum Vorteil des
einheimischen Handels abgeleitete Flüsse ausgetrocknete Sümpfe ausgestockte
Wälder und dergleichen waren die rühmlichen Beweise dass Tifan wusste wozu
zweimal hunderttausend starke wohl genährte Müßiggänger brauchbar sind«
    »Abermal ein Notabene in Eure Schreibtafel gemacht Herr Danischmend« sagte
der Sultan »Man lernt doch immer etwas woran man nicht gedacht hatte Dieser
Tifan war wirklich ein Mann wie  ich einen Minister haben möchte«
    »Außerdem machte er« 
    »Gut gut« rief der Sultan »er hat die Miene noch sehr viel gemacht zu
haben aber für heute genug«
 
                                      13
Danischmend hatte sich vorgesetzt den Sultan seinen Herrn das nächste Mal noch
mit verschiedenen Anordnungen Tifans die sich auf die Staatswirtschaft in
Scheschian bezogen zu unterhalten aber SchachGebal dem sobald er ihn
ansichtig wurde die zweimal hunderttausend starke wohl genährte Müßiggänger
wieder zu Kopfe stiegen ließ ihm keine Zeit dazu »Herr Danischmend« sagte der
Sultan »bei Gelegenheit der Müßiggänger von welchen gestern die Rede war  was
machte wohl mein guter Bruder Tifan mit der ungeheueren Menge von Yafaou die
wenn ich mich noch recht erinnere unter dem schwachen Azor das Land ausfressen
halfen Und was wurde aus den blauen und feuerfarbnen Bonzen überhaupt Ihr
wisst ich interessiere mich für die guten Leute und ich will keinen Augenblick
länger über ihr Schicksal in Ungewissheit schweben«
    »Eh ich Ihre Hoheit über die erste Frage befriedigen kann« war Danischmends
Antwort »muss ich bemerken dass eine von Tifans ersten Sorgen war die Bewohner
seines Staates zu klassifizieren und sowohl die Pflichten als die Gerechtsamen
einer jeden Klasse genau zu bestimmen Ein großer Teil seines Gesetzbuches ist
mit diesem wichtigen Gegenstand angefüllt Die Landleute das ist alle die
sich mit dem Feldbaue der Viehzucht und irgend einem andern zur Landwirtschaft
gehörigen Teile hauptsächlich beschäftigten machten den größten Teil der ersten
Klasse aus Sie genossen der Ehre dass der König selbst zu ihrer Zunft gehörte
indem er zum öffentlichen Zeichen dass der Bauerstand als die wahre Grundlage
der ganzen bürgerlichen Gesellschaft vorzüglich ehrenwert sei jährlich an
einem der ersten Frühlingstage in eigener Person einen Baum pflanzte und ein
Stück Feldes ackerte Dieser Tag mit welchem alle Feldarbeiten in Scheschian
angefangen wurden war einer ihrer höchsten Festtage und der oberste Vorsteher
jedes Ortes durch das ganze Reich war verbunden an demselben das nämliche zu tun
was der König dessen Person er bei dieser feierlichen Handlung vorstellte Die
Landleute in Scheschian genossen durch Tifans Gesetzgebung aller Vorzüge frei
geborner Bürger und wiewohl sie großen Teils eine Art von Pachtern der
Edelleute oder des Königs selbst waren so machten sie doch durch die Befreiung
von aller willkürlichen und tyrannischen Gewalt und durch die Mäßigkeit der
Abgaben die sie dem Staat und ihren Grundherren zu entrichten hatten ohne
Zweifel die glücklichste Klasse der Einwohner von Scheschian aus besonders in
einigen Provinzen wo ein milderer Himmel den Geist der Freude und der sanfteren
Gefühle über das Landvolk ausgegossen hatte und die ungemeine Fruchtbarkeit der
Natur ihre Arbeiten beinah in Spiele verwandelte
    Die zweite Klasse die aus allen den Bürgern bestand welche sich mit den
Handwerken und mechanischen Künsten beschäftigten und in den Flecken und
Städten ihren eigentlichen Sitz hatten war zwar besserer Ordnung wegen in so
viele besondere Zünfte als es verschiedene Arten der mechanischen Künste und
Hantierungen gibt abgeteilt aber alle alte Gebräuche oder Gesetze welche die
Ausübung derselben mit einem Zwange belegten der das Talent fesselte den Fleiß
niederschlug und den Fortgang der Kunst hemmte fanden eben so wenig Schutz bei
Tifan als die anmasslichen Freiheiten wodurch jedes Handwerk ehmals ein kleiner
Staat im Staate und berechtiget gewesen war alle übrige Bürger nach Gefallen zu
bedrücken Tifans hauptsächliches Augenmerk bei der Polizei dieser Klasse war
auf der einen Seite den Vorteil zu erhalten dass alle Arten von Manufakturen so
gut als möglich gearbeitet zugleich aber auch ihrer Verfeinerung gewisse
Schranken gesetzt würden Der Luxus verwandelt unvermerkt die Handwerke welche
ganz allein oder doch hauptsächlich zur Verfertigung der unentbehrlichsten
Bequemlichkeiten bestimmt sind in schöne Künste der Grobschmied der
Schlösser der Tischler wird durch ihn zum Nebenbuhler des Goldarbeiters des
Bildschnitzers des Malers usf Die Künste arten aus das Nützliche wird dem
Schönen das Zweckmässige dem Launischen der Mode die einfältige Zierlichkeit
der Formen einer übertriebenen Feinheit der Ausarbeitung aufgeopfert Diese
Üppigkeit der Künste unterhält den Luxus der sie ausbrütete und die Kunst
selbst gerät in Verfall Tifan in dessen Augen der Luxus ein auszehrendes
Fieber für jeden Staat war ließ sich nicht daran genügen alle Künste welche
keinen andern Zweck noch Nutzen als die Beförderung des Müssiggangs und der
Üppigkeit haben aus Scheschian zu verbannen er bemühte sich auch die Ausartung
derjenigen welche nützlich und unentbehrlich waren zu verhindern und eine
Frucht dieses Zweiges seiner Polizei war dass man alle Arten von Hausgeräte
Werkzeuge Eisen und Stahlarbeit Wollen und SeidenManufakturen und selbst
solche Verarbeitungen welche bloß zur Pracht und Zierlichkeit dienen nirgends
weder besser noch in geringerm Preise haben konnte als in Scheschian Die
Scheschianischen Künstler lernten die innere und wesentliche Güte mit dem
Schönen und Gefallenden vereinigen und daher erhielten sich ihre Arbeiten auch
außer Landes lange Zeit in dem Besitz eines Vorzugs den ihnen keine andre
Nation streitig machen konnte
    Die dritte Klasse«  
    »Bestand sie aus Bonzen und Yafaou« fiel SchachGebal ungeduldig ein 
    »Nein Sire«  
    »So erweise mir den Gefallen« sagte der Sultan »und springe über sie weg
und über alle andre so viel ihrer noch sein mochten mit deren Polizei du mich
hier sehr unnötiger Weise aufhältst während dass ich ganz andre Dinge wissen
will In welcher Klasse waren die Yafaou  Dies ist der große Punkt«
    »Die Wahrheit zu sagen gnädigster Herr in gar keiner Klasse« versetzte
Danischmend »und der Grund warum Tifan für nötig oder wenigstens für sehr
nützlich hielt sie aus dem Verzeichnisse der Geschöpfe die in Scheschian
geduldet wurden denn Bürger waren sie nie gewesen auszulöschen scheint in
der Tat nicht unerheblich Ein Staat sagt er in seinem Gesetzbuche kann mit
nichts füglicher verglichen werden als mit einer großen Pflanzung Diese besteht
aus einer Menge von allerlei Arten von Gewächsen Bäumen Stauden Blumen
Kräutern und Gräsern Einige Bäume geben Bauholz andere dienen zum Brennen
andere zu Verfertigung allerlei nötiger Gerätschaft andere tragen Früchte zur
Erfrischung des Menschen andere Speise für das Vieh Einige Pflanzen dienen zur
Nahrung andere zur Arznei viele nützen bloß zum Vergnügen sie ergetzen das
Auge und den Geruch ein schlechtes Kräutchen verbirgt oft unter einer
unscheinbaren Gestalt die herrlichsten Kräfte Alles was zum Nutzen oder zur
Verschönerung der ganzen Pflanzung etwas beiträgt hat seinen Wert und wird ein
Gegenstand der aufmerksamen Sorgfalt des Besitzers Aber Unkraut und Trespe und
schmarutzerische Pflanzen welche bloß darum sich um die nützlichen Gewächse
herum winden um ihnen die besten Nahrungssäfte zu entziehen kurz alles was
nicht nur an sich selbst zu nichts taugt sondern im Gegenteile durch seine
Ausbreitung das Wachstum und die Vermehrung der nützlichen Gewächse hemmet wird
sorgfältig ausgerauft und bis auf die kleinsten Fäserchen seiner Wurzeln
ausgerottet Eben so verhält es sich mit einem wohl geordneten Staate Ein Teil
der Bürger beschäftigt sich die übrigen zu nähren ein andrer sie zu bekleiden
ein dritter ihre Wohnungen zu erbauen ein vierter sie mit tausend nötigen
Gerätschaften und Bequemlichkeiten zu versehen ein fünfter den Umsatz und
Vertrieb dieser Dinge zu erleichtern einige dienen dem gemeinen Wesen mit ihren
Händen andre mit ihrem Kopfe andre sogar mit ihrem Blut und Leben
Verschiedene wenn sie auch keine andere Kunst gelernt haben besitzen
wenigstens die Gabe ihren Mitbürgern Vergnügen zu machen Alle diese Arten von
Einwohnern sind dem gemeinen Wesen entweder unentbehrlich oder doch zu irgend
etwas gut aber wozu ein Yafaou in so fern er ein Yafaou ist gut sei dies
sagt Tifan habe ich mit allem Nachsinnen nicht heraus bringen können Ich sehe
alle Plätze worin man dem Staate Dienste leisten kann schon besetzt und indem
ich alle mögliche Arten von Bedürfnissen überzähle find ich keines worauf der
Stand der Yafaou sich bezöge Vielleicht mögen sie zu einer Zeit da die
Scheschianer noch zwischen Wildheit und Barbarei schwebend an Vernunft und
Sitten wenig besser als die übrigen Tiere waren vielleicht mögen sie damals
einigen zweideutigen Nutzen geleistet haben Aber diese elenden Zeiten wo die
Verwilderung und Abwürdigung der menschlichen Natur groß genug war um die
Dienste der Yafaou vonnöten zu haben sind Dank sei dem Himmel vorbei In dem
angebauten gesitteten aufgeklärten und polizierten Scheschian müssen sie
entweder gleich müßigen Hummeln verdienstlos die Früchte des Fleißes der
arbeitsamen Bürger verzehren oder wenn sie etwas tun wollten würde ihre
Geschäftigkeit schädlicher als ihr Müßiggang sein Der größte Teil von ihnen hat
durch seine rohe Unwissenheit durch die Verachtung und Verunglimpfung alles
dessen was ein Mittel zur Verbesserung des Nationalzustandes werden konnte
durch die eifrigste Beförderung des Aberglaubens der Dummheit und einer
knechtischen Unterwürfigkeit der Geister unter das Joch sinnloser Vorurteile
den Fortgang alles Guten in Scheschian gehemmt ihre Grundsätze ihr Beispiel
und ihre Bemühungen vereinigten sich dem gesunden Menschenverstande der Tugend
und den Sitten auf ewig den Zutritt in dieses unglückliche Land zu versperren 
 und Tifan sollte sie dulden Nein bei allem was heilig und gut ist Sie
sollen verschwinden aus unsern Grenzen und ihre Stätte soll nicht mehr gefunden
werden  Aber setzt der weise und menschenfreundliche Gesetzgeber hinzu
verhüte der Himmel dass indem wir die ganze Gesellschaft der Yafaou zum
Nichtsein verdammen wir gegen die einzelnen Mitglieder derselben ungerecht sein
sollten Ohne Zweifel gibt es Männer von Verdiensten eines bessern Namens und
Platzes würdige Männer unter ihnen würdig des Schutzes der Gesetze und der
Achtung ihrer Mitbürger denen sie nützlich zu sein eben so fähig als willig
sind Fern sei es von uns diese Rechtschaffenen das Schicksal oder die
Zusammenkettung von Zufälligkeiten wodurch sie unter die Yafaou sich verirret
haben entgelten zu lassen Sie sollen aus einer Gemeinschaft die ihrer so
unwürdig ist heraus gehoben und in einer Gestalt worin sie den übrigen
Bürgern von Scheschian ähnlich sehen an Plätze gestellt werden wo sie ihre
Fähigkeiten und Tugenden ungehindert unverfolgt vom Neid und von der Dummheit
ihrer Mitbrüder in völliger Tätigkeit zum gemeinen Besten anwenden können Auch
den übrigen wofern sie lieber in die Zahl der guten Bürger zurückkehren als
sich freiwillig aus ihrem Vaterlande verbannen wollen soll der Eintritt in
irgend eine für sie schickliche Klasse unbenommen sein Es soll ihnen frei
stehen ob sie den Karst oder die Axt oder den Hammer ergreifen ob sie
graben weben oder spinnen wollen wozu uns immer die Stärke ihrer Gliedmaßen
oder die Beschaffenheit ihres Geistes sie am tüchtigsten macht Aber Bürger
sollen sie sein und gute Bürger oder Scheschian hat weder Luft noch Erde für
sie«
    »Danischmend« rief der Sultan in völliger Entzückung »lass deine erste
Sorge sein mir das Bildnis dieses unvergleichlichen Mannes zu verschaffen Dies
nenn ich einen König Ich muss schlechterdings sein Bildnis haben Ich will es in
allen ersinnlichen Größen und Stellungen malen lassen es soll in allen meinen
Zimmern stehen es soll mir aus Marmor gehauen und von Golde gegossen werden
ich will es in meinem Ring und in meiner Beteldose tragen ich will es auf meine
Kleider sticken und sogar in meine Schnupftücher wirken lassen« 
    »Vortrefflich« dachte Danischmend »und noch besser wär es wenn Ihre
Hoheit den Mut hätten selbst ein Tifan zu sein«
    »Der anbetenswürdige Mann« rief SchachGebal von neuem  »Aber wie
gebärdeten sich die armen Yafaou dabei Gab es keine Bewegungen zu ihrem
Vorteil Es soll mich sehr wundern wenn Tifan eine so schwierige Unternehmung
ohne gewaltsame Erschütterung des Staats ausführen konnte«
    »Er hatte seine Maßregeln so gut genommen« sagte Danischmend »dass die
Aufhebung des ganzen Ordens nicht mehr Bewegung machte als wenn alle
Raupennester in Scheschian auf Einen Tag vernichtet worden wären Alles war dazu
vorbereitet Die Klassifikation aller Einwohner des Reiches war gemacht und
einer jeden Klasse ihr gehöriger Rang und ihr eigener Kreis der Wirksamkeit
angewiesen Die Scheschianer fingen jetzt von selbst an die Betrachtung zu
machen dass die Yafaou entbehrliche Leute sein könnten und nun war es leicht
sie nach und nach auf die Bemerkung zu bringen dass diese entbehrlichen
Geschöpfe nicht nur sehr beschwerlich sondern wirklich sehr schädlich wären
Die Verachtung welche sie schon seit den Zeiten Azors und Isfandiars drückte
erleichterte die natürliche Wirkung aller dieser Bemerkungen Kurz die Nation
wurde gewahr dass das womit sie so lange gebunden gewesen keine Fesseln
sondern nur eine Menge einzelner Faden waren indem man einen nach dem andern
entzwei riss fand sich  zu allgemeiner Verwunderung  dass man frei war und nun
erstaunte man erst wie man so lange hatte warten können sich selbst diese
Erleichterung zu verschaffen«
    »Freund Danischmend« sprach der Sultan »so ein weiser Mann du bist so
wollt ich doch wetten dass du dir nicht einfallen lässest wie viel das was du
eben sagtest zu bedeuten hat«
    »Ich dächte doch« wollte der Philosoph zu antworten anfangen wenn ihm
SchachGebal Zeit gelassen hätte  
    »Alles was du willst Danischmend aber gewiss nicht dass dir diese Bindfaden
 die du mich zerreißen gelehrt hast die Stelle meines Itimadulet eintragen
würden Sultanin« fuhr Seine Hoheit zu der schönen Nurmahal fort »ich bin
schon seit etlichen Wochen in Verlegenheit den Mann zu finden der für einen so
wichtigen Platz gemacht ist und nun geht es mir gerade wie den Scheschianern
mich wundert wie ich nicht schon lange gewahr wurde dass er bereits gefunden
ist«
    »Ihre Hoheit hätten keine Wahl treffen können welche Ihrer Regierung mehr
Ehre machte« erwiderte die Sultanin
    »Beim großen Propheten« rief Danischmend indem er dem Sultan zu Füßen
fiel »ich beschwöre Ihre Hoheit zu bedenken was Sie tun wollen Ich 
Itimadulet Ich zittre vor dem bloßen Gedanken Machen Sie mich zu allem andern
zum Aufseher über Ihr Schmetterlingskabinett oder zum Vorsteher Ihrer Akademie
oder zum Vorsteher  Ihrer Trutühner wofern ich ja ein Vorsteher sein soll zu
allem in der Welt nur nicht zum Itimadulet Ich sehe den ganzen Umfang eines
solchen Amtes zu sehr ein«  
    »Närrischer Mensch« rief der Sultan »eben darum sollst du es haben Du
hast meinen Willen gehört morgen stell ich dich im Divan vor und kein Wort
weiter«
 
                                      14
Die Welt wird durch so wenig Weisheit als nur immer möglich ist oder um uns
gelehrt auszudrücken durch ein Minimum von Weisheit regiert  Dies ist ein
Satz der von Nimrod und seinem Itimadulet an bis auf diesen Tag durch eine
ununterbrochene Überlieferung von einem Sultan und Itimadulet auf den andern
fortgepflanzt worden sein soll und der wofern er so richtig ist als
diejenigen die es am besten wissen können behaupten vermöge des berühmten
Grundsatzes der möglichsten Ersparung in der Tat beweisen würde dass die Welt
unverbesserlich regiert werde In der Tat gehen die Kenner so weit uns zu
versichern Wenn es auch zuweilen begegne dass ein Epiktet unter dem Namen
Antoninus ein Imperator oder unter dem Namen Thomas Morus ein Grosskanzler
werde so lehre die Erfahrung dass trotz aller Weisheit dieser vortrefflichen
Männer die Sachen in der Welt gleichwohl nicht merklich besser gingen als unter
den gewöhnlichen Imperatoren und Grosskanzlern zum offenbaren Beweise dass eine
gewisse Fatalität welche aller menschlichen Weisheit zu stark ist die Umstände
und mitwirkenden Ursachen so fein zu verbinden wisse dass die Weisheit der
besagten Epiktete immer oder doch meistens  wie eine Kugel die durch den
unterwegs erlittenen Widerstand entkräftet worden  wenige Schritte vor dem
Ziele matt und kraftlos zu Boden sinke und also am Ende dennoch das oben
bemeldete Minimum heraus komme welches nach den Gesetzen und dem ordentlichen
Laufe der Natur hinlänglich ist die Welt im Gange zu erhalten
    Dieses vorausgesetzt wird man es wenigstens nicht ganz unbegreiflich finden
dass der neue Itimadulet Danischmend  ungeachtet er die Wahrheit zu sagen von
allen zu diesem hohen Amte erforderlichen Eigenschaften die Gutherzigkeit und
Aufrichtigkeit ausgenommen wenig oder nichts besaß und wie unsre
scharfsichtigen Leser bemerkt haben werden von der Regierungskunst nicht viel
mehr verstand als ein Blinder von Farben  mit Hilfe seines guten Genius und des
Zufalls gleichwohl seine Rolle ganz erträglich spielte und sie vielleicht mit
der Zeit wohl gar vortrefflich zu spielen gelernt haben würde wenn die
Derwischen und Bonzen die sichs nicht aus dem Kopfe bringen ließ dass er
böse Absichten wider sie im Schilde führe nicht Mittel gefunden hätten ihn dem
Sultan seinem Herrn verdächtig zu machen In der Tat geschah dem ehrlichen
Danischmend Unrecht denn niemand konnte von irgend einer übeltätigen Absicht
gegen sie entfernter sein als er er der den bloßen Schatten des Unrechts
tödlich verabscheuete und nicht fähig gewesen wäre den geringsten unter allen
Fakirn ohne Regungen der Menschlichkeit leiden zu sehen Aber bei diesen Herren
war es eine ausgemachte Sache dass ein Mann der sie gern zu bessern Leuten
machen wollte als sie zu sein Lust hatten ihr geschworner Feind sei44 und da
sie unter SchachGcbals Regierung einen desto größeren Einfluss hatten je
abgeneigter ihnen der Sultan war so war es noch immer viel Glück für den guten
Danischmend dass er mit dem Verlust seiner Ehrenstelle und einer kleinen
Entschädigung davon kam die ihn in den Stand setzte in seinen alten Tagen
fern vom Hofe und vom Geräusche des geschäftigen Lebens seinen Betrachtungen
über eine Welt die ihn vergessen hatte nachzuhängen und oft bei sich selbst
so herzlich als Demokritus zu lachen wenn er sich an alles was er gesehen
hatte erinnerte besonders wenn ihm wieder einfiel dass er Hofphilosoph bei
SchachGebal Aufseher über die Bonzen und über das königliche Theater Biograph
der Könige von Scheschian und was das Lustigste unter allen war etliche
Monate lang sogar Itimadulet von Indostan gewesen war
    Wir hoffen Freund Danischmend werde sich durch seine Betrachtungen durch
die Episode von dem Emir und den Kindern der Natur und durch den guten Willen
der aus seiner Erzählung von den Königen in Scheschian allenthalben
hervorsticht dem geneigten Leser schon so wohl empfohlen haben dass diese
kleine Abschweifung wozu er uns veranlasst hat keiner Abbitte vonnöten haben
werde Und so lenken wir ohne weiteres wieder in den Weg unsrer Geschichte ein
    Die Beförderung des weisen Danischmend zum ersten Minister machte keine
Veränderung in seinem Amte den Schlaf des Sultans seines Herrn durch Erzählung
der Denkwürdigkeiten von Scheschian zu befördern Die Geschichte der von Tifan
ausgeführten Staatsverbesserung wurde also bei der ersten Gelegenheit wieder
vorgenommen und da SchachGebal nochmals sein Verlangen äußerte zu hören wie
es den blauen und feuerfarbnen Bonzen dabei ergangen sei so befriedigte
Danischmend seinen Willen durch folgenden Bericht
    »Die Grundsätze und die gereinigten Empfindungen welche der weise Dschengis
seinem Pflegesohn über den erhabensten Gegenstand der die menschliche Seele
beschäftigen kann über die Religion beigebracht hatte lassen nicht weniger
erwarten als dass Tifan sobald er den öffentlichen Ruhestand im Reiche
hergestellt und die dringendsten Angelegenheiten desselben besorgt hatte sich
mit allem Eifer einer aufgeklärten Frömmigkeit dazu verwendet haben werde den
Völkern von Scheschian statt des elenden Aberglaubens worin sie seit so vielen
Jahrhunderten von ihren Priestern unterhalten worden waren eine vernünftige und
dem wahren Besten der Menschheit angemessene Religion zu geben und man muss
gestehen dass er hierin alles getan hat was man billiger Weise von einem
Gesetzgeber fordern kann dessen Schuld es nicht war etliche tausend Jahre vor
der Geburt unsers großen Propheten in die Welt gekommen zu sein
    Um zu seinem Zwecke zu gelangen musste er zwei große Dinge zu Stande
bringen  den Aberglauben vernichten der noch immer dem größeren Teile seines
Volkes in dem feuerfarbnen oder in dem blauen Affen den geheiligten Gegenstand
einer verjährten Anbetung zeigte  und schickliche Mittel finden die
Scheschianer an würdige Begriffe von dem höchsten Wesen und an einen
vernünftigen Gottesdienst zu gewöhnen Beides würde manchem andern Regenten
unendlich schwer und vielleicht ganz unmöglich gefallen sein Aber Tifan der in
dieser wichtigen Sache ohne Nebenabsichten nach Grundsätzen die aus der
tiefsten Kenntnis des Menschen geschöpft waren und nach einem durchdachten
Plane langsam aber anhaltend und standhaft verfuhr Tifan erreichte seinen
Zweck und  was in einem Geschäfte dieser Art das Ausserordentlichste ist aber
die natürliche Folge seines klugen Verfahrens war  erreichte ihn ohne dass eine
so große Veränderung die geringste Erschütterung im Staate verursacht oder
irgend einem Scheschianer einen Tropfen Blut gekostet hätte
    Der erste Schritt den er zu diesem Ende tat war eine Verordnung in
welcher beide Teile Blaue und Feuerfarbne zum Frieden und zu gegenseitiger
Duldung angewiesen wurden Tifan schilderte darin mit wenigen aber starken Zügen
den Abgrund von Elend worein die Nation unter Azorn und Isfandiarn durch
schwärmerischen Eifer und unduldsame Grundsätze gestürzt worden Er stellte den
Geist der Verfolgung in seiner ganzen abscheulichen Ungestalt dar er führte an
dass die Begriffe der Menschen weder von ihrer eigenen Willkür noch von den
Befehlen eines Obern abhangen dass Irrtum niemals ein Verbrechen sei dass kein
Mensch kein Priester keine Obrigkeit in der Welt ein Recht haben könne andere
zu zwingen ihrer Überzeugung und ihrem Gewissen zuwider zu handeln und dass der
Weg des sanftesten Unterrichts und eines guten Beispiels der einzige sei auf
welchem Verirrete in die Arme der Wahrheit und der Tugend zurück geführt werden
können Diesen Grundsätzen zu Folge versicherte er nicht nur beiden Teilen
seinen königlichen Schutz für die ungekränkte Ausübung desjenigen
Gottesdienstes zu welchem sie sich in ihrem Gewissen verbunden hielten sondern
gewährte auch einem jeden welcher jetzt oder künftig von der besten Art das
höchste Wesen zu verehren andere Begriffe hegen würde als diejenigen welche
bisher in Scheschian geherrschet hätten aus gleichem Grunde völlige Freiheit
hierin seinem Gewissen zu folgen indem er sich ein für allemal erklärte dass
alle Meinungen welche mit der Ruhe des Staats und mit den guten Sitten nicht
unverträglich wären sich seines Schutzes auf gleiche Weise zu erfreuen haben
sollten
    Von dieser allgemeinen Duldung waren diejenigen allein ausgenommen welche
unglücklich genug sein sollten sich verbunden zu glauben die Duldung welche
sie für sich selbst verlangten niemandem der anders dächte als sie angedeihen
zu lassen Solche allein sagt Tifan sprechen sich ihr Urteil selbst indem sie
ihre störrige Unverträglichkeit öffentlich zu Tage legen beweisen sie auf die
unleugbarste Weise ihre gänzliche Unfähigkeit zum geselligen Leben Ferne sei es
gleichwohl von uns sie die durch eine solche Denkungsart schon elend genug
sind mit einiger Strafe an Vermögen Ehre oder Freiheit deswegen zu belegen
Aber dass wir sie für Glieder unsers gemeinen Wesens erkennen dies können sie
ohne offenbare Unbilligkeit nicht erwarten Sie mögen so viel ihrer sind ohne
einige Bedrückung von uns und unsern Untertanen mit Hab und Gut aus unsern
Grenzen ziehen und sich Wohnungen suchen wo sie wollen Aber in Scheschian kann
und soll niemand geduldet werden der nicht bereit ist seinen Nebenmenschen und
Mitbürgern alles Gute zu erweisen was er will dass sie ihm erweisen sollen«
»Itimadulet« sagte SchachGebal »die Verordnungen meines guten Bruders Tifan
haben einen ganz eigenen Ton der nicht der gewöhnliche Kanzleiton ist aber ich
dächte dass dies der gute Ton ist Er begnügt sich nicht zu befehlen er
überzeugt den Menschenverstand dass seine Befehle gerecht und billig sind Dies
muss notwendig eine gute Wirkung tun«
    »Tifans Verordnung tat eine sehr gute« versetzte Danischmend »Sie bahnte
ihm den Weg zu seinem großen Vorhaben und setzte die Gemüter unvermerkt in die
Fassung Neuerungen zu welchen ein Teil der Scheschianer ohnehin schon gestimmt
war ohne Widerwillen anzusehen
    Bald darauf ging er weiter Er hatte seitdem er in Scheschian lebte unter
den Bonzen und sogar unter den Yafaou selbst nicht wenige angetroffen welche
besser dachten als die übrigen und nicht ohne innerliche Beschämung sich als
die niedrigen Werkzeuge betrachteten wodurch Dummheit und Aberglauben in ihrem
Vaterlande verewiget würden Es kostete ihm wenig Mühe alle Priester von diesem
Schlage in kurzer Zeit zu seinem Vorhaben zu gewinnen und nachdem er sich
einmal einer ziemlichen Anzahl derselben völlig versichert hatte konnte er sie
ohne Bedenken den Anfang machen lassen dem Volke stufenweise Begriffe
beizubringen von welchen man mit der Zeit eine heilsame Umstimmung der Gemüter
hoffen konnte Aber auch hier ging er mit aller der Vorsicht zu Werke womit man
verfahren muss wenn man eingewurzelte Vorurteile ohne gewaltsame Mittel
ausrotten will Eine Zeit lang begnügte man sich durch Unterricht in denjenigen
Wahrheiten die zum Glauben des Daseins und der Vollkommenheiten des höchsten
Wesens und seines Verhältnisses gegen die Menschen leiten und durch Verbindung
dieser Wahrheiten mit einer gereinigten Sittenlehre einen höheren Grad von Licht
und Wärme in die Seelen der Scheschianer zu bringen und erst dann da man
gewahr wurde dass sie über die Ungereimteit ihres bisherigen Götzendienstes
selbst betroffen zu sein anfingen erleichterte man ihrer noch ungeübten
Vernunft die Arbeit und bewies ihnen geradezu dass sie bisher irre geführt
worden seien Dieses konnte nun freilich ohne einige Bewegungen nicht geschehen
So unbegreiflich es einem jeden scheinen muss der die Macht der Vorurteile nicht
genugsam erwogen hat so ist doch gewiss dass die beiden Affen noch immer Anhänger
behielten welche für ihre Erhaltung mit einem Eifer arbeiteten der einer
bessern Sache würdig war Aber Tifan begnügte sich sie zu beobachten und ihrem
Eifer sobald er die Schranken der Mäßigung überschreiten wollte durch die
gelindesten Mittel Einhalt zu tun hingegen trug er kein Bedenken sie mit
gleicher Unparteilichkeit gegen alle Störungen ihrer Gegner zu schützen und
anstatt dass dieses kluge Betragen den Fortgang der guten Sache gehemmt haben
sollte war es derselben vielmehr beförderlich indem dadurch die Hindernisse
unvermerkt aus dem Wege geräumt wurden und was bei einem andern Verfahren ein
Werk des Zwanges oder einer schwärmerischen Hitze gewesen wäre nun das langsam
reifende aber desto vollkommnere und dauerhaftere Werk der Überzeugung war
    Die Geschichtschreiber von Scheschian erwähnen bei dieser Gelegenheit eines
geheimen Gottesdienstes welchen Tifan mit Hilfe der Priester seiner Partei
für alle diejenigen welche sich geneigt erklärten den Dienst der beiden Affen
zu verlassen angeordnet habe Sie drücken sich aber so dunkel über diese Sache
aus dass es unmöglich ist etwas Genaues davon zu sagen Alles was sich davon
vermuten lässt ist dass dieser geheime Gottesdienst mit den Mysterien bei den
Ägyptern und Griechen viele Ähnlichkeit und zum hauptsächlichen Gegenstand
gehabt habe diejenigen welche in dieselben eingeführt wurden teils durch
symbolische Vorstellungen teils durch deutlichen Unterricht von der Eitelkeit
des Götzendienstes zu überzeugen und vermittelst einer Art von feierlicher
Verpflichtung auf die Grundwahrheiten der natürlichen Religion zu besserer
Erfüllung ihrer menschlichen und bürgerlichen Pflichten verbindlich zu machen
Insbesondere mussten die Eingeweihten eine allgemeine Sanftmut und Duldung der
Irrenden in Absicht alles andern aber was sie bei diesen Mysterien gesehen und
gehört hatten so lange bis die Abgötterei aus Scheschian verschwunden sein
würde ein unverletzliches Stillschweigen angeloben Diese Veranstaltung sagen
die Geschichtschreiber wirkte mehr als alles übrige die große Absicht des
weisen Tifan zu befördern Die Begierde zu diesen Mysterien zugelassen zu
werden wurde nach und nach eine Leidenschaft bei den Scheschianern und je mehr
Schwierigkeiten ihnen dabei gemacht wurden desto heftiger war das Verlangen
Anteil an einer Sache zu nehmen die ihnen durch die geheimnisvolle und
feierliche Art womit sie behandelt wurde von unendlicher Wichtigkeit zu sein
schien In der Tat musste Tifan indem er daran arbeitete den Scheschianern die
sinnlichen Gegenstände ihres bisherigen vermeinten Gottesdienstes zu entziehen
etwas anderes welches ihre Sinne und ihre Einbildungskraft gehörig zu rühren
geschickt war an dessen Stelle setzen und ich zweifle sehr ob er in dieser
Absicht auf ein zweckmässigeres und zugleich unschuldigeres Mittel hätte
verfallen können Vielleicht möchten seine Mysterien in der Folge diese letztere
Eigenschaft verloren haben wenn er nicht die Vorsicht gebraucht hätte von dem
Augenblick an da der Dienst des höchsten Wesens in Scheschian der herrschende
war die Pflicht des Stillschweigens aufzuheben Und glücklich wär es für dieses
Reich gewesen wofern er eben so viele Behutsamkeit in Bestimmung des Amtes der
Priester gezeigt und nicht durch eben dasjenige wodurch er sie zu nützlichen
Bürgern des Staates zu machen dachte ihnen die gefährliche Gelegenheit gegeben
hätte in der Folge sich unvermerkt zu Herren desselben zu machen«
    »Ei ei ei« sagte SchachGebal den Kopf schüttelnd »was höre ich Wer
hätte so etwas von einem Sultan wie Tifan vermutet«
    »In der Tat lässt sich nicht leugnen dass ihn seine gewöhnliche Klugheit in
diesem Stück ein wenig verlassen habe Indessen kann gleichwohl zu seiner
Entschuldigung dienen dass es in seinen Umständen schwer war es besser zu
machen und wenn auch dies nicht zureicht welcher Gesetzgeber hat Weisheit
genug gehabt jeden möglichen Missbrauch seiner Anordnungen voraus zu sehen und
durch entgegen wirkende Mittel im Keime zu ersticken Tifan hatte aus
erheblichen Gründen den Bonzen die Mühe der öffentlichen Erziehung der Jugend
abgenommen und glaubte verbunden zu sein sie dafür durch ein anderes Amt zu
entschädigen welches sie bei gebührendem Ansehen erhalten aber zugleich in die
Notwendigkeit setzen würde gern oder nicht das gemeine Beste zu befördern Er
bestellte sie also wie ich neulich schon erwähnt zu haben glaube zu
öffentlichen Lehrern des Buchs der Pflichten und Rechte Er glaubte den Gesetzen
den Charakter der Unverletzlichkeit nicht tiefer eindrücken zu können als indem
er den Unterricht in denselben zu einem wesentlichen Teile des Gottesdienstes
machte und die nachteiligen Folgen die von dieser Einrichtung etwa zu besorgen
sein möchten glaubte er verhütet zu haben indem er im Gesetzbuche selbst die
Priester gemessenst anwies sich aller willkürlichen Auslegungen Ausdehnungen
oder Einschränkungen so wie aller spitzfündigen Fragen und Unterscheidungen
gänzlich zu enthalten und sich bloß auf die buchstäbliche Erklärung der
Gesetze auf eine ihrem Geiste gemässe praktische Anwendung derselben und auf
die Sorge einzuschränken die Beweggründe zu ihrer getreuen Erfüllung dem Volke
mit der rührendsten Beredsamkeit einzuschärfen Kurz nach seiner Vorschrift
sollte das Gesetzbuch bloß der Text zum moralischen Unterrichte der Bürger sein
Aber da es schwer wo nicht ganz untulich war die Priester in eine physische
Unmöglichkeit zu setzen aus den ihnen vorgeschriebenen Grenzen heraus zu
treten so begab sichs wiewohl sehr lange nach Tifans Zeiten dass die
Priester Mittel fanden aus Lehrern des Gesetzes unvermerkt Ausleger aus
Auslegern Richter und aus Richtern zu großem Nachteile der Scheschianer
zuletzt selbst Gesetzgeber zu werden  wie ich wofern Ihre Hoheit an der
Fortsetzung dieser Geschichte Gefallen tragen sollten zu seiner Zeit
umständlich zu erzählen die Ehre haben werde
    Indessen scheint Tifan alles dies wenigstens einiger Massen vorausgesehen
und daher die Notwendigkeit empfunden zu haben alle Glieder eines Ordens der
einen so wichigen Einfluss in den Staat hatte so viel nur immer möglich zu
rechtschaffenen Bürgern zu bilden Er wendete deswegen nachdem er die
Erblichkeit des Priesterstandes auf ewig aufgehoben hatte eine ganz besondere
Vorsorge auf die Erziehung der künftigen Priester und seinen unverbesserlichen
Anstalten ist es ohne Zweifel zuzuschreiben dass er selbst noch in seinem Alter
das Vergnügen hatte eine Zucht von Priestern aus seiner Schule hervor gehen zu
sehen dergleichen die Welt vor ihm und nach ihm nur selten gesehen hat Würdige
Diener einer wohltätigen Gottheit schienen sie keinen andern Wunsch zu kennen
als Gutes zu tun Die Wichtigkeit ihres Amtes erhob und veredelte ihren
sittlichen Charakter ohne sie aufzublähen und das Beispiel ihres Lebens machte
beinahe allen andern Unterricht überflüssig Ihre Weisheit war bescheiden
sanft herablassend ihre Tugend unerkünstelt ungefärbt und ohne hinterlistige
Absichten die Frucht der glücklichen Harmonie ihres Herzens mit ihrer
Überzeugung sie leuchtete andern vor ohne Begierde gesehen zu werden und hatte
der Folie eines gleisnerischen Ernstes nicht vonnöten Menschenliebe und
patriotischer Geist waren die allgemeine Seele ihres ganzen Ordens Jedes
gemeinnützige Unternehmen fand in ihnen seine eifrigsten Beförderer Die sich
selbst immer gleiche Heiterkeit ihres Geistes die großen und edelen Gesinnungen
wovon sie belebt waren die Gewohnheit sich in einem von allen Sorgen des Lebens
befreiten Zustande bloß mit Betrachtung der Wahrheit und Ausübung der Tugend zu
beschäftigen die Leichtigkeit womit sie jede Pflicht ausübten und der
sittliche Reiz der sich dadurch über ihr ganzes Leben ausbreitete vereinigten
sich sie zu würdigen Lehrern der Nation zu wahren Weisen zu Vorbildern einer
unverfälschten Tugend zu Schutzgöttern der guten Sitten und zu Gegenständen
der allgemeinen Verehrung zu machen« »Itimadulet« sagte SchachGebal »schaffe
mir solche Priester und dann soll man sehen ob ich ein Feind ihres Ordens bin
wie boshafte Leute vorgeben Du hast das Rezept wie man sie machen kann warum
sollte in Indostan nicht möglich sein was in Scheschian möglich war«
    »Sire« versetzte Danischmend »was ich im Begriffe bin zu sagen wird Ihrer
Hoheit einer von den paradoxesten Sätzen scheinen die vielleicht jemals von
einem Philosophen behauptet worden sind aber nichts desto weniger hat es seine
völlige Richtigkeit damit Sollten Ihre Hoheit wohl glauben dass eben dieser
vortreffliche Charakter der scheschianischen Priesterschaft in der Folge eine
der wirksamsten Ursachen des Untergangs der Gesetzgebung Tifans wurde und durch
eine lange Reihe von Mittelursachen zuletzt den Untergang des ganzen Reichs
beförderte«
    »Und wie kann dies zugegangen sein Herr Danischmend«
    »Auf die natürlichste Weise von der Welt Priester die so weise so
rechtschaffen so liebenswürdig waren als diejenigen welche Tifans
Veranstaltungen hervorbrachten mussten durch eine unfehlbare Notwendigkeit nach
und nach zu einer Stufe von Ansehen gelangen welche sie unvermerkt zu Meistern
aller Herzen machte Man beeiferte sich um ihre Freundschaft man suchte ihren
Umgang man erbat sich ihren Rat man unternahm endlich weder Großes noch
Kleines ohne einen Priester beizuziehen Sie wurden die Schiedsrichter aller
Zwistigkeiten die Ratgeber der Großen und einige von ihnen stiegen durch den
Ruf ihrer Tugend und ihrer Talente sogar zu den höchsten Würden des Reiches Ich
denke dies ist genug gesagt das Rätsel auflöslich zu machen Man weiß nun wie
es weiter ging  Die Priester von Scheschian waren Menschen  was wollen wir
mehr«
    »Verzweifelt« rief SchachGebal indem er eine gewisse Miene von komischem
Unwillen annahm welche Seiner Hoheit nicht übel zu lassen pflegte »man ist
doch wirklich übel mit diesen Herren dran Sind sie schlimm so  sind sie es
insgemein in einem so hohen Grade dass man nicht weiß wie man ihnen genug
wehren soll sind sie gut so werden sie dem Staate durch ihre Tugenden
gefährlich In der Tat ich wollte zu Gott  aber was hilft wünschen
Unentbehrlich sind sie nun einmal  Denn unter uns Danischmend ich habe mir
schon mehr als Eine Nacht in meinem Leben mit Nachdenken verdorben wie es
anzufangen wäre damit man sich für ihre ferneren Dienste ein für allemal
bedanken könnte aber ich bin überzeugt dass nicht weiter daran zu denken ist
man kann ihrer eben so wenig entübriget sein als«  hier hielt der Sultan ein
und setzte nach einer langen Pause  nichts weiter hinzu
    »Ihre Hoheit wollen sagen als aller andern Stände von den Sultanen und
ihren Visiren an bis zu den Wasserträgern und Holzhackern Aber welche Klasse
von Menschen kann lange das bleiben was sie sein sollte Die Priester von
Scheschian waren nicht die einzigen im Staate welche nach und nach ausarteten
und nimmermehr würden sie ihm so verderblich geworden sein wenn die übrigen
Klassen ihrem Charakter und ihren Pflichten treu geblieben wären Indessen ist
zur Ehre des Priesterstandes und der Gesetzgebung Tifans genug dass sie mehr als
hundert Jahre nach seinem Tode noch immer die besten unter allen Scheschianern
und überhaupt wenn man das Landvolk ausnimmt die letzten waren die dem Hange
zur Verderbnis nachgaben der sich unter den Nachfolgern Tifans allmählich des
Hofes der Hauptstadt und endlich der ganzen Nation bemächtigte
    Die Verbesserung welche Tifan in der Religion seines Reiches so glücklich
zu Stande brachte war ohne Zweifel der wichtigste Dienst den er seinen
Untertanen leisten konnte Er stellte dadurch eine friedsame Eintracht zwischen
Religion und Staat zwischen den Pflichten der ersten und dem Interesse des
andern zwischen Glauben Vernunft und Sitten her eine Eintracht welche die
Quelle von unendlich vielem Guten und dadurch allein schon ein unschätzbares
Gut war weil sie alles das Böse verschwinden machte was der Mangel einer
solchen Harmonie in den meisten Staaten zu verursachen pflegt Man muss auch
gestehen dass die Klugheit womit er in dieser Sache zu Werke ging die
Aufmerksamkeit aller Fürsten verdient welche sich in einem ähnlichen Falle
befinden könnten Indessen würde er dennoch seinen Zweck entweder gar nicht oder
nur sehr unvollkommen erreicht haben wenn er nicht durch eine der
merkwürdigsten Verordnungen seines Gesetzbuches alle darin nicht gebilligte
Klassen und Gemeinheiten unter welchen die Yafaou die ersten waren gänzlich
aufgehoben hätte
    So viel sich aus einigen Umständen abnehmen lässt müsste eine ausführliche
Erzählung wie er dieses bewerkstelligte etwas sehr Unterhaltendes sein aber
unglücklicher Weise findet sich hier in den Handschriften eine Lücke«  
    »Schon wieder eine Lücke« rief SchachGebal ungeduldig »und immer eine
Lücke wo mir am meisten daran gelegen ist die Sachen recht zu wissen Ich
erkläre hiermit dass ich dieser Lücken äußerst überdrüssig bin und  mit Einem
Worte Freund Danischmend ich will nichts dabei verlieren verstehst du mich
Wenn eine Lücke in deinen Handschriften ist so magst du sie ergänzen wie du
kannst kurz  ich will binnen drei Tagen den ganzen Entwurf wie Tifan in
dieser Sache zu Werke gegangen auf meinem Tische liegen haben oder  ich
wasche meine Hände über die Folgen die daraus entstehen mögen«
    Der Itimadulet versprach indem er seine Hand auf seinen Kopf legte dem
Willen seines gebietenden Herrn Genüge zu tun und er entwarf zu diesem Ende
einen weitläufigen Plan worüber der Sultan da er ihn durchblätterte und die
Anzahl der Blätter zählte ein großes Behagen äußerte Gleichwohl ist
zweifelhaft ob Seine Hoheit diesen Plan jemals zu lesen Zeit gewinnen konnte
So viel ist gewiss dass der Derwisch Zikzak der dem weisen Danischmend in der
Würde eines Itimadulet folgte diesen nämlichen Plan unter den Papieren welche
der Sultan von Zeit zu Zeit von seinem Tische wegräumen ließ unversehrt und in
vergoldetes Leder eingebunden liegen fand und dass von diesem Augenblick an
weiter nichts davon gehört worden ist
 
                                      15
In einigen der folgenden Nächte unterhielt Danischmend den Sultan seinen Herrn
mit einer ziemlich umständlichen Erzählung wie Tifan die öffentliche Erziehung
eingerichtet habe Dieser Gegenstand der wichtigste in den Augen des
scheschianischen Lykurgus machte einen beträchtlichen Teil seines Gesetzbuches
aus In den Tagen worin die gegenwärtige Geschichte ans Licht tritt ist über
diese Sache so viel geschrieben worden dass es unmöglich scheint etwas Neues
davon zu sagen und beinahe sollte man Bedenken tragen irgend etwas davon zu
sagen da nicht ohne Grund zu besorgen ist das mit Schriften von der
Erziehungskunst überfüllte Publikum möchte sich zuletzt des Ekels der eine
natürliche Folge der Überladung ist nicht länger erwehren können und gar
nichts mehr davon hören wollen welches denn ein sehr einfaches Mittel wäre die
Früchte aller der großen Bemühungen die bisher auf die Verbesserung dieses
wichtigen Teils der Staatsökonomie verwendet worden in der Blüte zu ersticken
Aus dieser Betrachtung sowohl als weil wirklich alles Gute was sich von dieser
Materie überhaupt sagen lässt unsern Lesern schon aus andern Quellen bekannt
sein muss glauben wir sie uns verbindlich zu machen wenn wir die weitläufigen
Nachrichten des schwatzhaften Danischmend so kurz als nur immer möglich sein
wird zusammen ziehen
    »Ein Staat sagt Tifan im Eingange des Kapitels von der Erziehung könnte
mit den besten Gesetzen mit der besten Religion bei dem blühendsten Zustande
der Wissenschaften und der Künste dennoch sehr übel bestellt sein wenn der
Gesetzgeber die Unweisheit begangen hätte einen einzigen Punkt zu übersehen
auf welchen in jedem gemeinen Wesen alles ankommt  die Erziehung der Jugend
Die vortrefflichste Einrichtung des Justizwesens macht einen Sachwalter nicht
gewissenhaft einen Richter nicht unbestechlich die beste Religion kann nicht
verhindern von unwürdigen Dienern zum Deckmantel der hässlichsten Laster
gemacht und zur Beförderung der schädlichsten Absichten gemissbraucht zu werden
die herrlichsten Polizeigesetze können wenig Wirkung tun wenn Vaterlandsliebe
Liebe zur Ordnung Mäßigung Redlichkeit und Aufrichtigkeit den Bürgern fremde
Tugenden sind und die weiseste Staatsverfassung kann dem Monarchen nicht
verwehren durch einen unruhigen Geist oder durch Trägheit und Schwäche der
Seele oder irgend eine ausschweifende Leidenschaft seine Völker unglücklich zu
machen Alles hängt davon ab dass ein jeder zu den Tugenden seines Standes und
Berufs gebildet werde und wann soll wann kann diese Bildung vorgenommen
werden wofern es nicht in dem Alter geschieht wo die Seele jedem Eindruck
offen und zwischen Tugend und Laster unschlüssig in der Mitte schwebend sich
eben so leicht mit edelen Gesinnungen erfüllt an richtige Grundsätze gewöhnt in
tugendhaften Fertigkeiten bestärkt  als dem Mechanismus der sinnlichen Triebe
dem Feuer der Leidenschaften und der Ansteckung verführerischer Beispiele
überlassen die unglückliche Fertigkeit der Torheit und des Lasters annimmt Der
Wohlstand eines Staates die Glückseligkeit einer Nation hängt schlechterdings
von der Güte der Sitten ab Gesetzgebung Religion Polizei Wissenschaften
Künste können zwar zu Beförderungsmitteln und Schutzwehren der Sitten gemacht
werden aber sind erst die Sitten verdorben so hören auch jene auf wohltätig zu
sein der Strom der Verderbnis reißt diese Schutzwehren ein entkräftet die
Gesetze verunstaltet die Religion hemmt den Fortgang jeder nützlichen
Wissenschaft und würdiget die Künste zu Sklavinnen der Torheit und Üppigkeit
herab Die Erziehung allein ist die wahre Schöpferin der Sitten durch sie muss
das Gefühl des Schönen die Gewohnheit der Ordnung der Geschmack der Tugend
durch sie muss vaterländischer Geist edler Nationalstolz45 Verachtung der
Weichlichkeit und alles Geschminkten Gekünstelten und Kleinfügigen Liebe der
Einfalt und des Natürlichen mit jeder andern menschenfreundlichen geselligen
und bürgerlichen Tugend von den Herzen der Bürger Besitz nehmen durch sie
müssen die Männer zu Männern die Weiber zu Weibern jede besondere Klasse des
Staats zu dem was sie sein soll gebildet werden Die Erziehung  hört es o
ihr die nach Tifan auf seinem Throne sitzen werden sie ist die erste die
wichtigste die wesentlichste Angelegenheit des Staats die würdigste die
angelegenste Sorge des Fürsten Alles übrige wird ein Spiel wenn die
öffentliche Erziehung die möglichste Stufe ihrer Vollkommenheit erreicht hat
Die Gesetze gehen alsdann von selbst die Religion in ihrer Majestät voll
Einfalt bleibt was sie ewig bleiben sollte die Seele der Tugend und der feste
Ruhepunkt des Gemütes die Wissenschaften werden zu unerschöpflichen Quellen
wahrer Vorteile für das gemeine Wesen die Künste verschönern das Leben
veredeln die Empfindung werden zu Aufmunterungsmitteln der Tugend Jede Klasse
von Bürgern bleibt ihrer Bestimmung treu allgemeine Emsigkeit von Mäßigkeit
und guter Haushaltung unterstützt verschafft einem unzählbaren Volke Sicherheit
vor Mangel und Zufriedenheit mit seinem Zustande Von dem Augenblick an da ihr
die Veranstaltungen von deren vollkommenster Einrichtung und öfterer
Wiederbelebung so große Vorteile abhangen vernachlässiget werden unvermerkt
alle übrige Räder des Staats in Unordnung geraten der Verfall der Erziehung
wird die Ausartung der Sitten und diese wofern ihr nicht weise genug sein
werdet die Quelle des Übels in Zeiten zu entdecken und zu verstopfen unfehlbar
den Verfall des Staats nach sich zu ziehen
    Nach Tifans Begriffen war es also bei der Erziehung viel weniger darum zu
tun den künftigen Bürgern gewisse Kenntnisse und Geschicklichkeiten
beizubringen  wiewohl auch dieser Teil nach Massgebung der künftigen Bestimmung
eines jeden keinesweges verabsäumt wurde  als jede besondere Klasse zu den
Tugenden ihres künftigen Standes und überhaupt Alle zu jeder Tugend des
gesellschaftlichen und politischen Lebens zu bilden Auf diesen großen Zweck war
der ganze Erziehungsplan angelegt Alles in demselben war praktisch die Schule
machte nicht wie in den meisten übrigen Staaten ein besonderes für sich
bestehendes Institut aus welches mit dem gemeinen Wesen nur durch einzelne
schwache Faden zusammen hängt alles bezog sich in den scheschianischen Schulen
auf den künftigen Gebrauch und die Jugend wurde nichts gelehrt was sie ohne
Schaden wieder vergessen konnte
    Tifan verordnete dass in dem ganzen scheschianischen Reiche die Knaben
öffentlich die Töchter hingegen deren Bestimmung ordentlicher Weise in den
engeren Zirkel des häuslichen Lebens eingeschränkt ist absonderlich von ihren
Müttern oder nächsten Verwandten erzogen werden sollten Unter jenen waren nur
die Söhne des Königs und unter diesen allein diejenigen welche in besonderem
Verstande die Pflegetöchter der Königin genannt wurden von der allgemeinen
Regel ausgenommen Denn diese letztern wurden eben so wie die Knaben in
besonders dazu eingerichteten Erziehungshäusern unter eigener oberster Aufsicht
der Königin zu der einfältigen arbeitsamen und schuldlosen Lebensart die
ihrer Bestimmung angemessen war und zu allen Tugenden ohne welche es unmöglich
ist eine rechtschaffene Ehegattin und eine gute Mutter zu sein auferzogen
Alles was man gemeiniglich gegen dergleichen Anstalten einzuwenden pflegt fand
bei diesen nicht Statt sie waren so vorsichtig und in allen Betrachtungen so
zweckmäßige eingerichtet dass den Fall einer allgemeinen Verderbnis der Sitten
in Scheschian ausgenommen eine merkliche Verschlimmerung derselben unmöglich
war
    Die Hauptquelle der Gebrechen solcher öffentlichen Anstalten liegt darin
dass man so wenig als möglich darauf verwenden will Die Leute die dabei
gebraucht werden sind oft selbst rohe und mit den Eigenschaften zu einem so
edelen Beruf gar nicht begabte Leute Sie haben so wenig Anspruch an einige
Achtung der Welt zu machen dass es kein Wunder ist wenn sie meistens schlecht
denkende Geschöpfe sind und sie werden so armselig belohnt dass es noch weniger
zu verwundern ist wenn Leute ohne Grundsätze und Tugend ihren eigenen Zustand
auf Unkosten ihrer Untergebenen zu verbessern suchen welches denn da diesen
letztern ohnehin alle ihre Bedürfnisse so sparsam als möglich zugemessen werden
nicht geschehen kann ohne sie an dem Unentbehrlichen Mangel leiden zu lassen
Tifans Veranstaltungen für die Erziehung armer Kinder von beiderlei Geschlecht
verdienten den Namen königlicher Anstalten im eigentlichen Verstande Nichts
was zu ihrer Vollkommenheit gehörte war dabei gespart Die dazu gewidmeten
Häuser waren weitläufige wohl eingeteilte Gebäude von gesunder Lage mit Gärten
und Spaziergängen versehen Jedes derselben hatte seinen eigenen Arzt der
zugleich der oberste Aufseher der ganzen Anstalt und ein Mann von geprüftem
Werte war Die Nahrung der Kinder war gesund zureichend und wohl zubereitet
ihre Kleidung einfach aber zierlich und für ihre Gesundheit und Reinlichkeit
wurde wiewohl sie nur die Kinder von Tagelöhnern und armen Leuten waren eben
so viele Sorge getragen als ob sie von dem besten Adel in Scheschian gewesen
wären denn Reinlichkeit sagte der weise Tifan ist eine notwendige Bedingung
der Gesundheit und ohne Gesundheit ist ein Mensch sich selbst und der Welt zu
nichts gut
    Mir deucht Tifan zeigte sich in allem diesem als ein wahrer Vater seines
Volkes und den Fürsten welche bei Anstalten von dieser Art weniger
Aufmerksamkeit auf die Einrichtung derselben wenden als er wollte ich demütig
raten sie lieber gar eingehen zu lassen46
    Außer diesem ordnete Tifan für jede wichtigere Klasse der Bürger eine
besondere Erziehung an Die Kinder der Landleute hatten seiner Meinung nach
keiner künstlichen Bildung vonnöten Die Natur tut bei ihnen das beste Die
Verderbnis der Sitten in einem Staate rührt niemals von ihnen her Alle
Tugenden deren sie vonnöten haben sind gewisser Massen die natürlichen Früchte
ihrer Lebensart und wenn sie nicht durch Härte und Unterdrückung boshaft
gemacht oder durch das böse Beispiel der Städte angesteckt werden sind sie mit
den einfältigen aber gesunden Begriffen und Gesinnungen die sie der Natur und
dem Menschenverstand allein zu danken haben die unschuldigsten Leute von der
Welt Ihre Unwissenheit selbst ist für sie ein Gut weil sie eine notwendige
Bedingung der Tugenden ihres Standes und ihrer Zufriedenheit mit demselben ist
Entwickelte Begriffe verfeinerte Empfindungen physische und mechanische
Kenntnisse oder eine gelehrte Theorie der Landwirtschaft sind entweder gar
nicht für sie gemacht oder würden ihnen doch wenig nützen Der junge Bauer kann
die Regeln des Feldbaues und der ländlichen Wirtschaft von seinem Vater und
Großvater besser lernen als von dem gelehrtesten Naturforscher und ihm diese
Regeln auf eine wissenschaftliche Art beizubringen wäre weniger weise
gehandelt als wenn man ihn die Redekunst und die Logik lehren wollte damit er
sich ausdrücken und Schlüsse machen lerne Diesen Begriffen zu Folge schränkte
Tifan den Schulunterricht der sich für das Landvolk schickt auf die Kunst zu
lesen zu schreiben und zu rechnen auf die einfachsten Begriffe und Maximen der
Religion und Sittlichkeit und auf die Erklärung eines sehr vortrefflichen
Kalenders ein den er durch die Akademie der Wissenschaften für sie machen ließ
Alles übrige was zu tun war um die Landleute von ihrem Verhältnis gegen den
Staat von ihren Gerechtsamen und von ihren bürgerlichen sowohl als häuslichen
Pflichten zu belehren war dem Priester übertragen mit welchem Tifan jedes Dorf
versah Dieser Priester stellte zugleich die erste obrigkeitliche Person des
Dorfes vor und war durch eine sehr genau bestimmte Vorschrift angewiesen wie
er sein zweifaches Amt zu verwalten habe
    Was hingegen die Bewohner der Städte betrifft welche durch ihre Lebensart
und Bestimmung viel weiter als das Landvolk von dem ursprünglichen Stande der
Natur entfernt werden von diesen urteilte Tifan dass sie überhaupt einen höheren
Grad der Aufklärung mehr Entwickelung Verfeinerung und Polierung vonnöten
hätten Je größer die Anzahl der Menschen ist spricht er die in einerlei
Ringmauern beisammen leben je stärker die innerliche Gärung und der
Zusammenstoß ist welche aus der Verschiedenheit ihrer Neigungen
Leidenschaften Absichten und Vorteile entspringen müssen je schwerer es ist
mitten unter so vielerlei Dissonanzen die zum Wohl des Ganzen nötige Harmonie zu
erhalten je leichter jede Art von Verderbnis sich unter sie einschleicht und
je schneller sie durch die sittliche Ansteckung fortgepflanzt und bösartig
gemacht wird desto augenscheinlicher ist die Notwendigkeit die Erziehung in
den Städten zu einem politischen Institut zu machen und alles darin auf den
großen Zweck zu richten die städtische Jugend aufs sorgfältigste zu geselligen
Menschen und zu guten Bürgern zu bilden  Aus diesem Grunde machte der
Unterricht in der Sittenlehre und in der Verfassung den Gesetzen und der
Geschichte von Scheschian den wesentlichsten Teil derjenigen Erziehung aus
welche allen jungen Bürgern gemein war und obgleich die Art des Vortrags und
die Grade der Ausführlichkeit des Unterrichts dem Unterschied der Stände und der
künftigen Bestimmung angemessen waren so wurde doch selbst bei der Jugend von
den unteren Klassen auf keinen geringeren Zweck gearbeitet als sie  zu eifrigen
Liebhabern eines Vaterlandes dessen gegenwärtiger Zustand sich dem Ideal der
öffentlichen Glückseligkeit näherte  zu gehorsamen Befolgern einer
Gesetzgebung deren Weisheit ihrem Verstand einleuchtete  und zu willigen
Beförderern des gemeinen Besten mit welchem sie ihr eigenes unzertrennlich
verbunden sahen zu machen
    Außerdem hielt Tifan für nötig und anständig dass alle Bürger zu welcher
Klasse sie gehören möchten in ihrer Muttersprache unterrichtet und gelehrt
würden einige der besten Nationalschriftsteller die er zu diesem Ende für
klassisch erklärte mit Verstand und Geschmack zu lesen Er urteilte mit sehr
gutem Fuge dass ein Volk welches berechtiget sein wolle sich für besser als
Samojeden und Kamtschadalen anzusehen seine eigene Nationalsprache richtig und
zierlich zu reden gelernt haben müsse und da die jungen Scheschianer das Glück
hatten keine fremde Sprache erlernen zu müssen so war es um so viel leichter
von ihrer eigenen in einem Grade Meister zu werden dessen sich bei andern
Völkern sogar unter den Gelehrten nur die wenigsten rühmen können
    Noch ein andrer Umstand der die Schulen von Tifans Einsetzung auszeichnet
war dass dieser Gesetzgeber den Unterricht und die Übung in der Höflichkeit zu
einem wesentlichen Teile der öffentlichen Erziehung machte Er sah die
Höflichkeit für eine Vormauer der öffentlichen Ruhe für den stärksten Damm
gegen alle Arten von Beleidungen und gewalttätigen Ausbrüchen der
Leidenschaften und also für das sicherste Mittel an der Obrigkeit die
unangenehme Mühe  und dem Staate den schädlichen Einfluss  häufiger
Bestrafungen zu ersparen und man muss gestehen unter einem sehr zahlreichen
Volke scheint sie besonders für die geringeren Klassen eine der notwendigsten
politischen Tugenden zu sein In dieser Rücksicht verfasste Tifan ein besonderes
Ceremonial für alle Stände Klassen Geschlechter Alter Verhältnisse und
Vorfallenheiten an welches die Scheschianer so mechanisch und pünktlich
angewöhnt wurden dass es ihnen endlich zur andern Natur ward Vielleicht haben
die Sineser welche dieses Institut von jenen borgten die Sache nach Art aller
Nachahmer zu weit getrieben aber die großen Vorteile die ihrer Polizei davon
zugehen können uns begreiflich machen wie schön und nützlich dieser Teil von
Tifans Gesetzgebung in seiner ursprünglichen Beschaffenheit gewesen sein müsse
    Vermöge eines zur Grundverfassung von Scheschian gehörigen Gesetzes blieben
die Kinder ordentlicher Weise in der Hauptklasse ihres Vaters Diese
Hauptklassen waren auf sieben festgesetzt Sie bestanden aus dem Adel oder den
Nairen den Gelehrten den Künstlern den Kaufleuten den Handwerkern dem
Landvolke und den Tagelöhnern und jede der sechs ersteren teilte sich wieder in
verschiedene besondere die letzte aber welche Tifan als die vornehmste
Werkstätte der Bevölkerung ansah und deren Kinder als dem Staate vorzüglich
angehörig wie schon gemeldet worden auf öffentliche Unkosten erzogen wurden
waren auf gewisse Weise von besagtem Gesetz ausgenommen Der Adel der sich
wieder in den höheren und niederen teilte konnte von dem Könige niemanden
mitgeteilt werden Wenn ein adeliches Geschlecht erlosch so versammelten sich
die Häupter aller übrigen und erwählten aus der zweiten oder dritten Klasse den
Mann der sich durch die größten Verdienste und den edelsten Charakter der Ehre
in ihren Orden aufgenommen zu werden am würdigsten gezeigt hatte Dieser ging
dann sofort in die Klasse der Edelen über und füllte die Lücke durch ein neues
Geschlecht aus welches von dem Augenblicke seiner Aufnahme an alle Rechte des
Adels eben so vollständig genoss als ob es so alt als die Welt gewesen wäre
Hingegen hatte der König das Recht an den Platz jedes erloschenen Stammes aus
dem höheren Adel denjenigen aus dem niederen den er für den Würdigsten achtete
eigenmächtig auszuwählen Die Kinder aus den vier folgenden Hauptklassen waren
nur in dem Falle einer erweislichen Untüchtigkeit zu den Bestimmungen ihrer
Klasse oder einer entschiedenen Neigung und Tüchtigkeit zu den Geschäften einer
andern von dem Gesetze losgezählt und aus der sechsten Klasse war es ohne
ausdrückliche königliche Erlaubnis welche im Gesetz auf besondere Fälle
eingeschränkt war gar nicht erlaubt in die zweite dritte oder vierte
überzugehen Und auf gleiche Weise waren auch die Heiraten aus einer Hauptklasse
in die andere durch ein Grundgesetz von welchem der König nur selten befreien
konnte untersagt
    Da nun solcher Gestalt die Stände in diesem Reiche gehörig abgesondert waren
 welches Tifan für unumgänglich nötig hielt wenn jeder den ihm eigentümlichen
Charakter unvermischt beibehalten sollte so war eine notwendige Folge hiervon
dass auch jede Klasse ihre eigene Erziehung bekommen musste
    Die Söhne aus der dritten vierten und fünften erhielten die ihrige teils in
dem väterlichen Hause teils in den für sie angeordneten öffentlichen Schulen
teils bei den Meistern ihrer Profession bei welchen sie sich außerhalb ihres
Geburtsortes sechs Jahre lang vom sechzehnten an gerechnet in derselben üben
mussten Für die Kaufleute Künstler und feinern Handarbeiter war überdies in
allen größeren Städten des Reichs eine Art von Akademie angelegt wo jeder die
Theorie seiner Kunst mit der wirklichen Ausübung verbunden in möglichster
Vollkommenheit und unter Anführung der erfahrensten Meister zu erlernen
Gelegenheit hatte Aber die Besuchung dieser Akademie war vom Gesetze nur
denjenigen als eine Schuldigkeit auferlegt welche sich in einer von den
Hauptstädten des Reichs niederlassen wollten
    Die Klasse der Gelehrten oder wie sie der sinesische Übersetzer nennt der
Mandarinen begriff wieder sechs besondere Ordnungen unter sich die Akademisten
 die Priester die Schullehrer die Ärzte die Richter Polizeiaufseher und
andre obrigkeitliche Personen und die Sachwalter Die Ordnung in welcher sie
hier genannt werden bestimmte in Scheschian ihren Rang Diese sämtlichen
Abteilungen genossen vom zehnten bis zum sechzehnten Jahre einer
gemeinschaftlichen öffentlichen Erziehung in besonders dazu gestifteten Häusern
deren äußerliche Einrichtung von denjenigen worin die Pflegekinder des Königs
und der Königin erzogen wurden wenig unterschieden war Jedes derselben hatte
einen Akademisten einen Priester und einen Arzt zu Oberaufsehern Eine der
vornehmsten Obliegenheiten dieser Aufseher war die Gemütsart den Genie und das
Maß der Fähigkeiten der jungen Leute aufs genaueste zu erforschen Ihre
Wahrnehmungen darüber mussten sie mit eben so vieler Genauigkeit als ob es
atmosphärische oder astronomische Beobachtungen gewesen wären von Tag zu Tag
aufzeichnen und daraus zu Ende der beiden letzten Jahre einen mit
verschiedenen Probestücken begleiteten Bericht an den Stattalter der Provinz
einsenden Dieser setzte eine Kommission von sechs Akademisten zu Untersuchung
derselben nieder und nach dem Gutachten der letztern wurde jeder Jüngling in
diejenige unter den sechs vorbenannten Ordnungen zu welcher ihn Neigung und
Fähigkeit vorzüglich bestimmten und zugleich in diejenige höhere Schule
versetzt worin die besondere Ordnung in welche er nun gehörte zu ihrem
künftigen Amte ausgebildet und vollkommen gemacht wurde
    In der Auswahl der künftigen Priester wurde vornehmlich auf diejenige
glückliche Mischung des Temperaments gesehen welche ihrem Besitzer eine
vorzügliche Anlage zu Weisheit und Tugend gibt Alle sehr feurige unruhige
ruhmbegierige und unternehmende Geister alle junge Leute von außerordentlich
lebhafter Empfindung und Einbildungskraft wurden von einem Stande
ausgeschlossen dessen wesentlichste Pflicht war dem Volke mit dem Beispiel
untadeliger Sitten vorzuleuchten und die Religion durch ihren Wandel ehrwürdig
zu machen Auf diesen Hauptzweck war ihre ganze Erziehung eingerichtet Von den
Wissenschaften welche nicht unmittelbar weiser und besser machen wurde ihnen
nur so viel beigebracht als vonnöten war um keine Verächter derselben zu sein
Hingegen wurde auf die Bildung ihres Geschmacks besondere Aufmerksamkeit
gewendet denn Tifan behauptete dass ein feines und gelehrtes Gefühl des Schönen
und Guten ein wesentliches Stück der Weisheit sei Die Religion zu deren
besonderem Dienste sie in diesen Schulen vorbereitet wurden war nicht mehr der
alte armselige Affendienst der Scheschianer es war diejenige welche Dschengis
ehmals dem jungen Tifan eingeflößt und dieser zur Grundfeste seiner ganzen
Gesetzgebung gemacht hatte Da sie durchaus praktisch war da alles Grübeln über
die Natur des höchsten Wesens durch ein ausdrückliches Strafgesetz untersagt
war so machte sie auf einer Seite bloß ein politisches Institut und auf der
andern eine Angelegenheit des Herzens aus oder mit andern Worten es war bloß
darum zu tun durch sie ein besserer Bürger und ein glücklicherer Mensch zu
werden als man ohne sie hätte sein können Aus diesen Gesichtspunkten allein
lehrte man die jungen Priester die Religion von Scheschian betrachten und aus
eben diesem Grunde machte die Moralphilosophie und das Studium der Gesetze die
Hauptbeschäftigung ihrer Vorbereitungszeit aus
    Gleich sorgfältig wurden auch die Schullehrer in besonderen für sie
angeordneten Pflanzschulen zu ihrer künftigen Bestimmung zubereitet Diejenigen
welche zu diesem Stande ausgewählt wurden mussten Beweise der größten
Fähigkeiten eines scharfen Beobachtungsgeistes einer großen Geschmeidigkeit
der Seele und eines edelen Herzens gegeben haben Tifan glaubte dass man nur den
vortrefflichsten Männern der Nation die Sorge für den kostbarsten Schatz
derselben anvertrauen könne Aber eben darum machten sie auch eine der
angesehensten Klassen aus wurden nächst den Akademisten und Priestern als die
vornehmsten Staatsbedienten betrachtet waren für ihre Arbeit reichlich belohnt
und genossen wenn sie dem Staate fünfundzwanzig Jahre lang gedient hatten für
ihr übriges Leben einer zwar nicht ganz unbeschäftigten aber doch ruhigen und
mit großem Ansehen verknüpften Unabhängigkeit Diejenigen welche man einem so
wichtigen Stande widmete wurden von ihrem sechzehnten Jahr an zehn Jahre lang
in allen Wissenschaften die zu einer vollständigen Kenntnis des Menschen
gehören und in allen nur möglichen Fertigkeiten wodurch sie zu ihrem Amte
geschickter gemacht werden konnten geübt Sie waren überhaupt in zwei Ordnungen
abgeteilt in die Lehrer der niederen und in die Lehrer der höheren Schulen und
für jede Ordnung waren in jeder Provinz besondere Vorbereitungsanstalten
    Da Tifan sich eine so große Angelegenheit daraus machte jeder wichtigern
Klasse von Bürgern und besonders denjenigen welche zur Verwaltung ihres Amtes
einen gelehrten Unterricht in den Wissenschaften oder in den Gesetzen von
Scheschian vonnöten hatten ihre eigene Erziehung zu geben so stellt man sich
leicht vor dass er für die Erziehung des jungen Adels nicht weniger Sorge
getragen haben werde Die Adelichen in Scheschian besaßen nicht nur den größten
Teil der Ländereien eigentümlich wiewohl ohne Gerichtsbarkeit sondern ihre
ehmals sehr übertriebenen unter Azorn und Isfandiarn aber nach und nach
unendlich verminderten Vorzüge waren durch Tifans Gesetzgebung wieder zu einem
solchen Glanze hergestellt worden dass sie nun sowohl durch ihren Reichtum als
durch ihre Vorrechte die ansehnlichste Kaste im Staate ausmachten Außer dem
wesentlichen Anteil der ihnen an der Garantie der Gesetze und Nationalrechte
zukam hatte der hohe Adel in Scheschian der aus den ältesten und begütertsten
Familien bestand ein angebornes Recht an alle obersten Staatsund
Kriegsbedienungen Der König erwählte zwar dazu wen er wollte aber das Gesetz
verband ihn aus dem Adel zu wählen So vorzügliche Rechte konnten nach den
Begriffen unsers Gesetzgebers nicht anders als mit eben so großen Pflichten
verbunden sein Weil die Edelen in Scheschian die reichste Klasse ausmachten so
trugen sie auch zu den Bedürfnissen des Staats am meisten bei und weil sie die
vornehmsten Gehülfen des Königes in der Regierung waren so mussten sie auch die
Geschicklichkeiten und die Tugenden besitzen die eine so edle Bestimmung
voraussetzt Tifan fand dass es etwas mit dem Besten des Staats ganz
Unverträgliches wäre dem freien Belieben der Edelleute zu überlassen ob sie
müßig gehen oder sich nützlich beschäftigen  ob sie rohe Verächter der
Wissenschaften deren Wert sie nicht verstehen und anmassliche Despoten der
schönen Künste deren erste Grundbegriffe ihnen fremde sind  oder aufgeklärte
Freunde und Kenner der einen und der andern ob sie ungeschliffen und
ausgelassen in ihren Sitten verdorben in ihren Grundsätzen anstößig und
übeltätig in ihren Handlungen  oder ob sie tugendhafte nach großen
Grundsätzen handelnde Patrioten und Menschenfreunde sein  mit Einem Wort ob
sie ihrem innern Werte nach die verächtlichste oder ihrer Bestimmung gemäß
die schätzbarste Klasse des Reichs vorstellen wollten Er glaubte verzehren was
andre arbeiten sei kein genugsames Verdienst um den Staat und es sei
widersinnig mit einer niedrigen Seele an den Ruhm und die Rechte edler
Voreltern Anspruch machen und unerträglich wenn ein verdienstloser Mensch
bloß um eines von ungefähr ihm zugefallnen adelichen Namens willen auf die
nützlichen und an innerlichem Wert edlen Glieder des Staats verächtlich herab zu
sehen sich berechtigt hält Um den Adel von Scheschian vor einer so
schimpflichen Ausartung zu verwahren um ihn wirklich zu dem was er sein sollte
zu bilden ordnete Tifan für die adeliche Jugend seines Reichs eine öffentliche
Erziehung an bei welcher die Mittel die zu ihrer Vervollkommnung angewandt
wurden den ganzen Umfang seines großen Zweckes umfassten Nicht Sklaven aber
zuverlässige Stützen des Trons weise Vorsteher der Nation mutige Verteidiger
ihrer Ruhe und standhafte Vertreter ihrer Rechte voll edlen Gefühls ihrer
Unabhängigkeit gegen alle Anmassungen einer willkürlichen Gewalt aber gehorsam
gegen die Gesetze unfähig eine Unwahrheit zu sagen oder eine Niederträchtigkeit
zu tun großmütig und bescheiden in Verwendung ihres Vermögens aber Verächter
des Reichtums der ein Sold der Knechtschaft und des geschmeidigen Lasters ist
und stolz auf eine Armut welche durch den Schatten den sie auf die Tugend
wirft den Glanz derselben mehr erhebt als verdunkelt Beförderer aller
nützlichen Künste aber vorzüglich geborene Beschützer des Ackerbaues dem sie
ihre eigene Unabhängigkeit zu danken haben mit Einem Worte Vorbilder der
übrigen Stände in jeder Tugend des geselligen und bürgerlichen Lebens und
geschickt die Vorzüge ihres Standes wofern sie ihnen nicht angeerbt gewesen
wären durch persönliche Verdienste zu erwerben  dies sollten die Edelen von
Scheschian sein und dies wurden sie durch Tifans weise Veranstaltung Die
Schulen in welchen sie erzogen wurden standen unter der unmittelbaren Aufsicht
des Königs und der Reichsstände Die geschicktesten Akademisten wurden zu ihren
Lehrern und Aufsehern bestellt Nichts was den Körper den Geist und das Herz
vervollkommnen kann wurde in ihrer Erziehung verabsäumt Sie fing sich mit dem
fünften Jahre des Alters an und endigte sich erst mit dem einundzwanzigsten
Kein Sohn eines scheschianischen Edelen war einiger Beförderung fähig der diese
öffentliche Erziehung nicht genossen hatte In den fünf letzten Jahren derselben
mussten dem Könige von Zeit zu Zeit die Beobachtungen der Aufseher über die
Fähigkeiten und Sitten ihrer Untergebenen und Proben ihres Fleißes eingeschickt
werden Alle Jahre wurden diejenigen deren Zubereitungszeit verflossen war dem
Könige vorgestellt Er behielt die vorzüglichsten an seinem Hofe und die
übrigen wurden jeder in seiner Provinz stufenweise zu den Geschäften und
Ehrenstellen die ihrem Stande zukamen befördert«
    »Itimadulet« sagte SchachGebal »was mir an den Erziehungsanstalten deines
Tifan am besten gefällt ist die Anordnung dieser mit wirklichen Proben belegten
Berichte über die Talente und Sitten der jungen Leute von den höheren Klassen
Auf diese Weise blieb ihm kein guter Kopf kein vorzüglicher Charakter in seinem
ganzen Reiche unbekannt Er war nicht in dem Falle worin wir andern uns zu
befinden pflegen seine Leute aus einem Glückstopfe ziehen zu müssen wie du
neulich sagtest Sein Staat glich einer künstlichen Maschine von deren Wirkung
der Meister gewiss ist weil er weiß dass er seine Federn Hebel Räder
Schrauben und wie alle die Dinge heißen jedes an seinen Platz gestellt hat Ich
denke Freund Danischmend diese Kunst sollte sich ihm ablernen lassen  denn
wir wollen uns nicht zu weise dünken von einem solchen Meister zu lernen«
    »Unstreitig« erwiderte der neue Itimadulet »sind unter seinen Verordnungen
und Anstalten manche wovon sich auch in den Staaten des Sultans meines Herren
guter Gebrauch machen ließe zum Beispiel« setzte er mit einer halb ironischen
Miene hinzu »die vortreffliche Art wie er Scheschian von dem schädlichen
Ungeziefer den Yafaou« 
    »Aber bei allem dem« fiel Gebal plötzlich ein »muss diese treffliche
Kunstmaschine deren Lob ich so eben aus vollem Herzen anstimmte irgend einen
verborgenen Kapitalfehler gehabt haben dass sie wie du schon mehr als Einmal
etwas voreilig zu verstehen gegeben hast in so kurzer Zeit ins Stocken geriet
und endlich gar so gänzlich zu Grunde ging dass weder Tifan noch sein Reich
unsern Universalhistorikern auch nur dem Namen nach bekannt ist«
    »In der Tat« versetzte Danischmend »war es wie Ihre Hoheit sagen etwas
voreilig von mir« 
    »Hat nichts zu bedeuten Herr Danischmend Im Gegenteil du hast mir einen
Gefallen getan mich auf diesen Punkt aufmerksam zu machen Ich glaube nun
deinen Tifan und seine Gesetzgebung mit seiner ganzen Art zu regieren so gut zu
kennen als  meine eignen Angelegenheiten« 
    »Das mag wohl sein« dachte Danischmend mit einem Seufzer den er noch zu
rechter Zeit in einen kleinen Husten verwandelte
     »Seine Staatseinrichtung wie gesagt ist ein Meisterwerk« fuhr der
Sultan fort »aber ohne mir selbst ein Kompliment zu machen ich hatte eine Art
von Ahndung dass sie von keiner langen Dauer sein könnte Indessen muss es doch
die Mühe verlohnen von dir zu hören wie es damit zuging und dies ist unter
uns gesagt das einzige was mich an deiner Geschichte von Scheschian noch
interessieren kann Richte dich also darauf ein Itimadulet wenn ich dich
wieder rufen lasse meine Neugier hierüber zu befriedigen«
 
                                      16
»Es ist ein trauriges Los aller guten Dinge in der Welt« fing Danischmend an
als er nach einigen Tagen wieder an das Bette Seiner Hoheit gerufen wurde »dass
sie unter den Händen der Menschen nicht lange unbeschädigt und unverdorben
bleiben können Leider gilt dies von Gesetzgebungen Staatsverfassungen und
Regierungen ganz vorzüglich Wie vollkommen auch die gesetzmässige Verfassung
eines Staats sein mag bei der Vollziehung kommt alles auf die Beschaffenheit
der Menschen an in deren Händen die Gewalt ist welche der Staat dem Fürsten
und der Fürst wieder teilweise denen die ihm regieren helfen sollen
anzuvertrauen genötigt ist Wie angelegen ließ sichs nicht der guten Tifan
sein seiner Gesetzgebung eben dadurch die Krone der Vollkommenheit aufzusetzen
dass er ihr die möglichste Dauerhaftigkeit zu geben suchte Eben darum weil er
einsah wie sehr alles auf die sittliche Beschaffenheit der Regierten sowohl als
der Regierenden ankommt machte er die moralische Bildung der Scheschianer zum
Hauptzweck seiner Erziehungsanstalten und die Erhaltung der Sitten in der
möglichsten Lauterkeit zum Augenmerk aller seiner Verordnungen Aber eben darum
weil es unmöglich ist unter einem großen Volke die Sitten lange unverdorben zu
erhalten konnt er mit aller seiner Vorsicht mehr nicht bewirken als dass es mit
der sittlichen Verderbnis seines Volkes langsamer zuging und also der Zeitpunkt
des politischen Todes welchem sich jeder Staat mit immer zunehmender
Geschwindigkeit nähert von dem seinigen etwas weiter entfernt wurde als es
ohne seine Vorkehrungen geschehen wäre
    Ohne Zweifel liegt diese Tendenz zum schlechter werden so tief in der
menschlichen Natur dass ihre Wirkung durch keine menschliche Veranstaltung
gänzlich aufgehoben werden kann Auf diesen Punkt scheint der gute Tifan zu
wenig Rücksicht genommen und überhaupt den Menschen die er ohne sich dessen
vielleicht bewusst zu sein zu viel nach seinem eigenen Herzen beurteilte bei
aller seiner Vorsicht noch immer mehr Gutes zugetraut zu haben als er mit
Recht erwarten konnte und dieser Umstand ist vielleicht allein der Grund warum
einige seiner Gesetze den Keim ihrer Verderbnis bereits in sich trugen und die
Entwicklung desselben unvermerkt beförderten So hatte er zum Beispiel in der
besten Absicht von der Welt die scheschianische Priesterschaft um sie zu
veredeln und dem Staate nützlich zu machen zu öffentlichen Lehrern des
Gesetzbuches bestellt und zu diesem Endzweck alle nur ersinnliche Sorge
getragen sie zu vortrefflichen Menschen und guten Bürgern zu bilden Aber was
er nicht vorher gesehen hatte war dass er gerade dadurch diesem Stand ein
Ansehen und einen Einfluss verschafte dessen sich in der Folge  wenn die
Sitten nach und nach schlaffer geworden sein und die Gesetze also einen Teil
der Kraft die sie von jenen erhalten verloren haben würden  ehrgeizige und
heuchlerische Menschen bedienen würden selbstsüchtige Plane zum Nachteil des
Staats durchzusetzen Aus einer ähnlichen Ursache hatte er wiewohl anfangs eine
gänzliche Umschaffung der scheschianischen Landesverfassung zu seiner großen
Absicht nötig schien den erblichen Adel als eine besondere Klasse von
Staatsbürgern beibehalten und ihn nicht nur im Besitz eines Teils seiner
ehmaligen Vorzüge gelassen sondern ihn noch durch das ausschliessliche Recht an
die obersten Staats und Kriegsbedienungen so hoch über alle übrige Klassen
erhoben dass es kaum begreiflich ist wie Tifan die künftigen Folgen einer so
auffallenden Ungleichheit sich selbst habe verbergen können Was auch immer über
diesen Punkt zu seiner Rechtfertigung oder Entschuldigung gesagt werden könnte
gewiss ist dass dies einer der größten Fehler seiner Gesetzgebung war und
vielleicht mehr als alle übrige zum Untergang derselben beitrug Denn wie konnte
er erwarten dass ein Volk das durch eben diese Staatseinrichtung zu der
höchsten Stufe der Ausbildung deren die Menschheit fähig scheint gelangen
musste ein so unbilliges Vorrecht einer verhältnismäßig kleinen Anzahl in die
Länge dulden oder dass diejenigen die im Besitz desselben waren sich dessen
gutwillig begeben würden
    Endlich ist nicht zu leugnen dass Tifan wiewohl es sein ernstlicher Wille
war sich selbst und seinen Nachfolgern die Freiheit Böses zu tun so viel
möglich zu entziehen dennoch durch Betrachtungen an welchen sein Herz mehr
Anteil hatte als seine Vorsicht sich verleiten ließ den Königen von Scheschian
eine größere Macht einzuräumen als mit der Sicherheit seiner Gesetzgebung von
welcher doch die Sicherheit seines Volkes abhing in die Länge bestehen konnte«
    »Wie meinst du das Freund Danischmend« fragte SchachGebal mit einem
bedenklichen Zucken der Augenbraunen
    »Ich will damit so viel sagen Als Tifan sich und seinen Tronfolgern das
Vermögen auch willkürlich viel Gutes zu tun nicht entziehen wollte und diesem
zu Folge der Krone ein unabhängiges jährliches Einkommen von zehen Millionen
Unzen Silbers zueignete worüber der König nach seinem Belieben schalten konnte
so geschah es unstreitig aus dem löblichsten Bewegungsgrund und konnte so
lange sein Geist auf seine Nachfolger forterbte dem Staate nicht anders als
erspriesslich sein Nur scheint er vergessen zu haben dass eine große
willkürliche Macht Gutes zu tun ihrem Besitzer notwendiger Weise auch eine eben
so große Macht Böses zu tun erteilt und dass also alle Könige nach ihm lauter
Tifane gewesen sein müssten wenn dieser Teil seiner Anordnungen nicht zu
verderblichen Missbräuchen Anlass und Mittel hätte geben sollen«
    »Was du da sagst Itimadulet gilt wohl von der ganzen Gesetzgebung und
Staatsverwaltung deines Tifan Augenscheinlich war alles auf seine persönliche
Denk und Sinnesart berechnet Die Scheschianer um das zu bleiben was er aus
ihnen machte hätten immer einen Tifan an ihrer Spitze haben müssen Wie konnte
er so übermäßig bescheiden sein so etwas als möglich vorauszusetzen«
    »In der Tat« versetzte Danischmend »glaubte er durch die äußerst
sorgfältige Erziehung welcher die künftigen Tronfolger nach dem Gesetz
unterworfen sein sollten sein möglichstes getan zu haben um seinem Reich eine
lange Folge eben so guter Könige als er selbst war zu versichern Aber auch
dies hing doch gänzlich von der Beschaffenheit derjenigen ab denen die
Vollziehung dieses wichtigsten Teils seiner Gesetzgebung anvertraut werden
musste Es lässt sich kaum denken dass er alles dies und was daraus folgt nicht
vorher gesehen haben sollte Aber vermutlich war seine Meinung auch nur selbst
das möglichste Gute zu schaffen und nachdem er alle Vorsicht deren ein weder
unfehlbares noch allvermögendes Wesen fähig war für die Zukunft angewandt
hatte es nun dem Schicksal zu überlassen wie lange sein Werk und die Bewegung
die er ihm einmal gegeben hatte dauern würde Zum Unglück für Scheschian blieb
der eben so weise als gute und eben so tätige als weise Tifan der wie Ihre
Hoheit so richtig urteilten gleich dem Phönix der Fabel in jedem seiner
Nachfolger wieder hätte aufleben müssen« 
    »Ich bedanke mich in Parentesi für die Verschönerung meiner Anmerkung«
sagte der Sultan mit einem etwas zweideutigen Lächeln
     »unter zweiundzwanzig Königen aus welchen die Tifanische Dynastie
bestand der einzige in seiner Art seinen Sohn Temor ausgenommen der unter der
langen Regierung seines Vaters Zeit genug gehabt hatte sich zu überzeugen dass
er wenn die Reihe dereinst an ihn käme gegen die Gewohnheit der Tronfolger
nichts besseres tun könne als sich so zu betragen dass die Scheschianer noch
immer von Tifan regiert zu werden glauben möchten Dieser Temor würde seiner
vortrefflichen Erziehung ungeachtet in einer Epoke wie jene worin sein Vater
einen so großen Charakter entfaltet hatte nur eine mittelmäßige Rolle gespielt
haben in den glücklichen Umständen hingegen worin er den Thron bestieg war er
gerade deswegen weil er funfzig Jahre lang Tifans bester Untertan gewesen war
der würdigste Nachfolger dieses großen Königs Allein mit ihm endigte sich auch
das wirkliche goldne Alter der Scheschianer Nach einer dreissigjährigen
Regierung hinterließ Sultan Temor den Thron seinem Sohne Turkan der das Feuer
des Geistes den Mut und die Tätigkeit seines Großvaters geerbt zu haben schien
aber da ihm sowohl die Anlage zu den sanftern Tugenden als der Vorteil von
einem Dschengis in der Dunkelheit des Privatstandes erzogen zu sein mangelte
eben darum weil er nur zur Hälfte Tifan war der glücklichen Verfassung seines
Vaterlandes die erste Wunde schlug Nach den Versuchen zu urteilen die er in
den ersten Jahren seiner Regierung machte die Reichsstände zu verschiedenen
Änderungen in den Gesetzen Tifans zu bewegen  Änderungen welche unter dem
Anschein des gemeinen Besten die Macht der Krone beträchtlich vermehrt haben
würden  hätte sein unruhiger Geist sich schwerlich an dem bescheidenen Ruhme
seines Vaters begnügt wenn ihm ein langwieriger Krieg mit dem Könige von Katay
nicht einen andern Tummelplatz eröffnet hätte Er hörte sich zwar gern den
zweiten Tifan nennen aber er wollte es auf seine eigene Art sein« 
    »Was du ihm doch nicht übel nehmen wirst« fiel SchachGebal ein 
    »Ich nicht aber die Scheschianer hatten gegen diese eigene Art manches
einzuwenden«
    »Danischmend mein Freund von einem Itimadulet sollte man billig erwarten
dass er das Volk besser kennen müsste um aus diesem Umstand etwas zum Nachteil
Turkans zu folgern Deine Scheschianer machten es denke ich wie alle
ihresgleichen wenn es ihnen zu wohl geht sie wurden übermütig«
    »Sire« erwiderte Danischmend »wofern dies der Fall war so ließ es Turkan
nicht an sich fehlen den Exzess ihres Wohlbefindens nach Möglichkeit zu mäßigen
Denn er führte Krieg beinahe seine ganze Regierungszeit durch und Scheschian
hatte den ganzen Wohlstand vonnöten der die Frucht einer achtzigjährigen Ruhe
unter der besten Staatsverwaltung war um von den Folgen seiner glänzenden
Unternehmungen nicht zu Boden gedrückt zu werden Katay war damals nach
Scheschian das mächtigste Reich im Osten es besaß wie jenes einen großen
Überfluss an den kostbarsten Naturgütern aber seiner innern Verfassung nach
stand es weit hinter jenem zurück und der große Handelsverkehr der zwischen
beiden Völkern vorwaltete war gänzlich zum Vorteil der Scheschianer Übrigens
konnte man diesen Krieg in so fern gerecht auf Seiten der Scheschianer nennen
als die erste Veranlassung nicht von ihnen herrührte aber wahrscheinlich würde
Tifan an dem Platze seines Enkels Mittel gefunden haben auf eine oder andere
Weise den Ausbruch desselben zu verhüten«
    »Herr Danischmend« fiel der Sultan ein »wenn der Hof von Katay die
Gelegenheit gegeben hatte so erforderte doch wohl die Ehre der scheschianischen
Krone eine Beleidigung nicht ungestraft hingehen zu lassen Aber worin bestand
denn die Beleidigung«
    »Eine von den tatarischen Horden die unter dem Schutze des Königs von Katay
standen hatte eine scheschianische Karawane geplündert Turkan forderte im
Namen seiner Untertanen Genugtuung der Hof von Katay zögerte Turkan erneuerte
seine Forderungen mit Hitze und Stolz und da er immer kältere Antworten
erhielt so eilte er in der Tat viel rascher als er getan haben würde wenn es
ihm um Beibehaltung des Friedens zu tun gewesen wäre seinen nicht weniger
stolzen Nachbar die Überlegenheit seiner Macht auf die nachdrücklichste Art
fühlen zu lassen Nach der Grundverfassung des Reichs konnte der König keinen
Krieg ohne Einstimmung der Nation unternehmen Aber diesmal fand Turkan eine
große Mehrheit derselben willig seinen Antrag aus allen Kräften zu
unterstützen das Volk weil es die erlittene Beleidung um so höher empfand je
lebhafter es seine Vorzüge über die Katayer fühlte und den Adel weil ein
großer Teil desselben sich Ruhm Ehrenstellen und andere ansehnliche Vorteile
von dieser Gelegenheit versprach Der Krieg wurde also beschlossen und die in
Feuer gesetzten Scheschianer beeiferten sich ihren jungen König der an der
Spitze seines Heers die Miene hatte einem gewissen Sieg entgegen zu eilen durch
Verdoppelung der gewöhnlichen Kriegsmacht und freudige Bewilligung
außerordentlicher Beiträge so lange zu unterstützen bis er den gedemütigten
Feind zu einem rühmlichen Frieden gezwungen haben würde Dieser würde auch
vermutlich in wenigen Feldzügen erhalten worden sein wenn Turkan und sein Volk
sich der Vorteile die ihnen das Glück anfangs zuwandte mit etwas mehr Mäßigung
hätten bedienen wollen Aber kaum hatte ihnen der erste Sieg einen Teil der
feindlichen Grenzen unterworfen so mischte sich schon die Eroberungssucht ins
Spiel und eine der schönsten Provinzen des Katayschen Reichs welche Turkan dem
seinigen einzuverleiben beschlossen hatte und die er wechselsweise bald einnahm
bald wieder verlor blieb nicht nur das Ziel eines Krieges der mit
abwechselndem Glücke beinahe seine ganze Regierung durch währte sondern auch
nachdem sie ihm abgetreten worden war auf lange Zeit die Quelle eines
unversöhnlichen Hasses und oft erneuerter Fehden zwischen den Königen von Katay
und Scheschian
    Turkan genoss die Ruhe nicht lange die er seinem erschöpften Volk endlich
wieder verschafft hatte Von seinen vier Söhnen waren drei auf dem Bette der
Ehre gestorben und so folgte ihm Akbar der jüngste in einem Alter worin es
selbst bei einer Erziehung wie die scheschianischen Königssöhne erhielten
schwer ist ein großes Volk  und noch schwerer sich selbst zu regieren«
    »Keine Satiren mehr Herr Danischmend« unterbrach der Sultan den Erzähler
abermals »vergiss nicht dass mich nach dem Ende deiner Erzählung verlangt« 
    »Wenn dies ist« sagte Danischmend dem die sonderbare Laune seines Herren
aufzufallen anfing »so verdient Sultan Akbar Dank denn seine Regierung war ein
starker Schritt wo nicht zum Ende der Geschichte von Scheschian wenigstens zu
einer Abänderung seiner Verfassung die dasselbe nicht wenig beschleunigte
Akbar liebte die Künste die nur im Frieden gedeihen nicht weniger
leidenschaftlich als sein Vater die kriegerischen geliebt hatte aber er
begnügte sich nicht die Spuren der Verwüstungen eines langwierigen Krieges in
seinem Reich auszulöschen und dessen ehmaligen Wohlstand wieder herzustellen Er
wollte noch mehr tun als Tifan und Temor und wurde nicht gewahr dass er
während er sich überredete den höchsten Flor des Reichs zum einzigen Augenmerk
zu haben bloß für seine Lieblingsleidenschaften arbeitete Von lauter Künstlern
und Virtuosen Kennern und Dilettanten umgeben deren Interesse war seine
Leidenschaft vielmehr anzufeuern als zu mäßigen hörte er in seinem ganzen Leben
nichts was ihn aus dieser süßen Täuschung hätte wecken können Azor Lili und
Alabanda selbst blieben in allem was sie für die schönen Künste taten weit
hinter ihm zurück denn man musste ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen dass
er sie nicht nach Gewohnheit der meisten Fürsten zu bloßen Sklaven seines
Vergnügens herab würdigte sondern sie um ihrer selbst willen liebte und nur an
der Vollkommenheit ihrer Werke Vergnügen fand Auch darüber hatte sich keine zu
beklagen dass er sie etwa aus Vorliebe zu einer andern vernachlässige jede
schien vielmehr berechtigt sich für die vorzüglich begünstigte zu halten
Indessen war doch gewiss dass die Baukunst weil sie mit seiner Liebe zum Schönen
zugleich seine Prachtliebe und Eitelkeit am meisten befriedigte den ersten Rang
in seiner Zuneigung behauptete wenigstens konnte man nicht anders urteilen
wenn man die Menge und Herrlichkeit aller Arten von öffentlichen Gebäuden sah
womit er die Residenz Scheschian und alle Hauptstädte seiner Provinzen angefüllt
hatte Natürlich reichten die Einkünfte der königlichen Domänen so groß sie
auch waren bei weitem nicht zu eine so kostbare und unersättliche Leidenschaft
zu befriedigen und kaum fühlte man diese Unzulänglichkeit so entstand eben so
natürlich das Verlangen ihr abzuhelfen Das kürzeste Mittel war einen kleinen
Bruch in das Gesetzbuch Tifans zu machen und Seiner Hoheit nicht nur die
willkürliche Verwaltung des öffentlichen Schatzes sondern auch die Macht nach
Gutdünken neue Zuflüsse in denselben zu leiten auf eine gute Art in die Hände
zu spielen Die Sache lag dem guten Akbar zu sehr am Herzen als dass sich unter
den Kunstliebhabern von welchen sein Hof wimmelte nicht gar bald einer
gefunden hätte der sein Haupt nicht eher zur Ruhe legte bis er ein wohl
berechnetes Plänchen wie das alles am sichersten zu bewerkstelligen wäre
ausgearbeitet hatte Alles kam darauf an den Adel und die Priesterschaft dahin
zu bringen dass sie sich gegen eine billige Entschädigung eine so ungeheure
Ausdehnung der königlichen Gewalt gefallen ließ Denn diese beiden mussten
schlechterdings gewonnen werden der Adel wegen des entscheidenden Einflusses
den ihm die Staatsverfassung gab die Priesterschaft weil sie unmittelbarer auf
das Volk wirkte und durch ihr Ansehen alles über dasselbe vermochte Beides
hatte große Schwierigkeiten wofern Akbar versucht worden wäre seine Absichten
durch gewaltsame Mittel erreichen zu wollen aber beide Stände konnte man zu
gewinnen hoffen wenn man ihre Mitwirkung unter keiner andern Bedingung
verlangte als in so fern sie ihnen selbst vorteilhafter wäre als die
Anhänglichkeit an die Tifanische Konstitution In dieser Rücksicht glaubte man
von den zehen Millionen Unzen Silbers die der König aus seinen unabhängigen
Domänen zog keinen nützlichern Gebrauch machen zu können als dass man sie zu
Hebung der Skrupel verwendete welche sich natürlicher Weise beim Antrag einer
so wesentlichen Verschlimmerung der beschwornen Staatsverfassung in dem zarten
Gewissen derjenigen erheben mussten deren erste Pflicht die Erhaltung dieser
Verfassung war In der Tat hätten beide Stände eines höheren Grades von
Uneigennützigkeit als man von gewöhnlichen Menschen erwarten darf vonnöten
gehabt wenn sie eine so günstige Gelegenheit hätten versäumen sollen  die
einen ihre durch den letzten Krieg und durch die Nachahmung der Kunst und
Prachtliebe des jungen Königs erschöpften Finanzen wieder herzustellen  die
andern welche sich seit Tifans Zeiten mit sehr spärlich zugemessnen Einkünften
behelfen mussten die ihrigen zu verbessern und ihren Wünschen so viel möglich
gleich zu machen Man trat also in aller Stille mit den vornehmsten Gliedern des
Ausschusses der Reichsstände in geheime Unterhandlungen die Herren machten ihre
Bedingungen man wurde des Handels eins Aber was der Hof als den ersten
Präliminarpunkt zugestehen musste war Dass es um die Nation nicht zu sehr zu
erschrecken schlechterdings nötig sei die alte Form der Verfassung
beizubehalten und sich vor der Hand an der unbegrenzten Bereitwilligkeit der
Stände dem König alles was er verlangen würde zu bewilligen um so mehr zu
begnügen da die zugleich stillschweigend erteilte Freiheit den Staat mit so
viel Schulden zu belasten als die väterliche Sorge Seiner Hoheit für den
möglichsten Flor desselben bei Gelegenheit etwa für nötig erachten möchte die
zu Dero gnädigstem Befehl stehenden Summen nach Gutbefinden duplieren und
triplieren konnte
    Die edelen und ehrwürdigen Patrioten mit welchen dieser geheime Traktat
geschlossen wurde nahmen es auf sich ihre übrigen Kollegen unter den
zugestandenen Bedingungen auf ihre Seite zu bringen und fanden weniger
Widerstand als sie sich selbst vorgestellt hatten so viel hatten bereits seit
Tifans Zeiten die Sitten an ihrer Einfalt und die Gesetze an ihrer Energie
verloren
    Akbar berief nun die Stände um wie er sagte über die gegenwärtige Lage
und Bedürfnisse des Vaterlandes sich mit ihnen zu beraten Der Friede hieß es
in der königlichen Rede vom Throne habe zwar zu großer Freude Seines
väterlichen Herzens alle Quellen des gemeinen Wohlstandes wieder reichlicher
als jemals fließen gemacht aber die gänzliche Ausheilung aller Wunden die ein
beinahe zwanzigjähriger Krieg dem Staate geschlagen habe und sowohl die
Sicherstellung desselben gegen seine natürlichen Feinde die nur durch eine
entschiedene Überlegenheit von neuen Unternehmungen abgeschreckt werden könnten
als die Erhaltung der so teuer errungenen Früchte des Sieges machten mehr als
gewöhnliche wiewohl die Kräfte der Nation nicht übersteigende Anstrengungen
vonnöten zu welchen Seine Hoheit Ihre getreuen Stände um so bereitwilliger zu
finden hofften da Sie es ihrer Weisheit gänzlich überließen für die nötige
Vermehrung der Staatseinkünfte durch solche Mittel und Wege zu sorgen die den
Untertanen besonders der ehrwürdigen Klasse der Landleute die wenigste
Beschwerde verursachen würden
    Die Stände blieben Seiner Hoheit in ihrer Antwort nichts schuldig denn
wiewohl der Geist der Zeiten Tifans von Scheschian gewichen war so hatte man
doch die Sprache derselben beibehalten und der Kanzleistil jener Zeit blieb
immer eben derselbe auch nachdem es so weit gekommen war dass man durch die
wechselseitigen Komplimente die der König dem Volke und die Repräsentanten des
Volkes dem Könige machten des öffentlichen Elendes nur zu spotten schien Seine
getreuen Stände fühlten sich unvermögend sagten sie einem so huldreichen und
so unermüdet für das Glück Seiner Völker arbeitenden Monarchen den ganzen Umfang
des Vertrauens und der Anhänglichkeit wovon sie durchdrungen wären zu
beweisen Was könnten sie um nicht gar zu weit hinter ihrer Pflicht zurück zu
bleiben weniger tun als den Beschluss fassen Sein Vermögen Gutes zu tun Seiner
grenzenlosen Tätigkeit gleich zu machen  Diesem zu Folge übertrugen sie ihm
volle Machtgewalt über die Verwendung des öffentlichen Schatzes eben so
unbeschränkt zu gebieten als über seine eigene Kasse und um den grossmütigsten
der Fürsten in den Stand zu setzen seinen wohltätigen Wünschen einen desto
freiern Spielraum zu geben ordneten sie verschiedene neue Abgaben an wovon man
zwar seit mehr als hundert Jahren in Scheschian nichts gewusst hatte die sich
aber um so leichter rechtfertigen ließ da das Reich durch die natürlichen
Folgen der Tifanischen Einrichtungen sich augenscheinlich auf einer Stufe von
allgemeinem Wohlstand befand der eine namhafte Vermehrung der Staatseinkünfte
ohne merkliche Bedrückung des Volkes möglich und zulässig zu machen schien
Dagegen bewies aber auch Sultan Akbar seine Dankbarkeit für das in ihn gesetzte
Vertrauen durch die schönsten  Versprechungen und als eine tätige Probe seines
guten Willens gab er sogleich zwei Gesetze wovon das eine den Adel zu einiger
Entschädigung für die großen Opfer die er dem Staat in dem Katayschen Kriege
gebracht hatte auf eine unbestimmte Zeit von allen Abgaben befreite das andere
den Verdiensten des Priestertums durch verhältnismässige Erhöhung des Einkommens
der verschiedenen Priesterklassen und Stiftung einer Anzahl neuer reich begabter
Tempel und Ordenshäuser gebührende Gerechtigkeit widerfahren ließ«
    »Vortrefflich« rief SchachGebal »das konnt ich mir voraus vorstellen dass
die Herren die Baulust meines guten Bruders Akbar nicht unbenutzt lassen würden
Aber das Volk auf dessen Unkosten dieser ganze schöne Handel abgeschlossen
wurde was sagte das dazu«
    »Sire« erwiderte Danischmend »das Volk ist wie Ihre Hoheit wissen ein
gar launiges grillenhaftes Tier zur einen Zeit duldet es die auffallendsten
Eingriffe in seine Rechte mit der kaltblütigsten Gleichgültigkeit zur andern
gerät es über die unbedeutendste Kleinigkeit in Feuer heute kann man alles von
ihm erhalten morgen vielleicht gar nichts Die Scheschianer hatten sich in
einigen ruhigen Jahren völlig wieder hergestellt Akbars Prachtliebe und die
großen Werke wodurch er alle Arten von Künstlern und Arbeitern in Beschäftigung
und ungeheure Summen in den schnellsten Umlauf setzte machten seinen Namen und
seine Regierung der Nation beliebt der allgemeine Wohlstand der für den
Augenblick dadurch befördert wurde erhöhte ihren Mut und machte sie geneigt
dem Fürsten und den seinem Beispiele nacheifernden Großen einen Teil dessen
was sie von ihnen gewannen ohne eine allzu genaue Berechnung wieder zu geben
Überdies hielt man es für billig dass der Adel der im Kriege sich um die Nation
verdient gemacht und zum Teil wirklich viel dabei eingebüßt hatte belohnt und
entschädiget würde und die Priesterschaft stand ihrer Weisheit und reinen
Sitten wegen in einem so hohen Ansehen bei dem Volke dass es von freien Stücken
noch mehr für sie zu tun geneigt war als Akbar vorschlug Bei allem dem fehlte
es doch hier und da nicht an Widerspruch und Missvergnügen und viele Alte die
von ihren Vätern das Glück der Zeiten Tifans rühmen gehört hatten weissagten
der Nachkommenschaft wenig Gutes von der kühnen Anmassung eine Konstitution
welche mehr das Werk einer wohltätigen Gottheit als eines Sterblichen schien so
leichtsinnig verbessern zu wollen Aber sie wurden überstimmt und manche
Generation ging vorbei ehe die Folgen der Übel zu welchen jetzt der Grund
gelegt wurde den Scheschianern zu spät die Augen öffneten
    Es bedarf vielleicht vieler Jahrhunderte bis so ein Gebäude wie Tifan
errichtet hatte vor Alter und Baufälligkeit zusammen sinkt Gleichwohl hätte
dieser Augenblick endlich kommen müssen denn dass eine unzerstörbare
Staatsverfassung unter die unmöglichen Dinge gehöre ist noch von niemand
geleugnet worden«
    »So hätte ich große Lust der erste zu sein« sagte Gebal lachend »Warum wär
es denn so unmöglich ein Staatsgebäude aufzuführen das wenigstens eben so
dauerhaft wäre als die Pyramiden in Ägypten die schon einige tausend Jahre
stehen und wahrscheinlich so lange stehen werden als der Elefant der die Erde
trägt auf der großen Schildkröte und die Schildkröte auf der zusammen
geringelten Schlange«
    »O gewiss« sagte Danischmend »man brauchte zur Aufführung eines solches
Staats nur die Pyramiden zum Muster zu nehmen Auch ist dies dünkt mich bei
unsern östlichen Staatsverfassungen bereits geschehen und es erklärt sich
daraus warum zum Beispiele das sinesische Reich wiewohl es schon so oft
durch Eroberung unter fremde Oberherren gekommen ist dennoch seine innere
Verfassung bei jeder Revolution unverändert erhalten hat Ich hätte mich also
genauer ausdrücken und sagen sollen dass meine Behauptung nur von Staaten
gelte deren Bürger wie die Scheschianer unter Tifan freie Menschen sind Ich
zweifle sehr ob für solche jemals eine bessere Konstitution als die Tifanische
diesseits des Mondes gesehen worden ist und doch ist leicht zu zeigen dass
gerade in dem was ihre Vortrefflichkeit ausmachte die Ursache ihres Untergangs
lag«
    »Wie käme das« fragte der Sultan mit einer ironischen Miene von unglaubiger
Verwunderung
    »Die Tifanische Konstitution« antwortete Danischmend »gründete sich einer
Seits auf die Einschränkung der Monarchie durch eine solche Verteilung der
höchsten Gewalt zwischen dem König dem Adel und den Stellvertretern des Volks
wodurch keines dieser politischen Gewichte von deren richtigem Zusammenwirken
der Wohlstand des Staats abhing ein merkliches Übergewicht über die andern
sollte erhalten können andrer Seits auf die Güte der Sitten und auf eine
Kultur wodurch Tifan die Dauer seiner Gesetze zu einer natürlichen Folge der
freien Überzeugung des Volkes von ihrer einleuchtenden Vernunftmässigkeit zu
machen hoffte Auf diesen zwei Hauptpfeilern ruhte sein ganzes Gebäude aber
jeder dieser Pfeiler selbst stand auf einem sandigen Grunde der unter einem so
schweren Gewicht unvermerkt weichen musste Niemals wird in irgend einem Staate
derjenige der mit irgend einem Anteil an Macht und Ansehen bekleidet ist sich
lange in der Einschränkung halten die ihm das Gesetz vorgeschrieben hat Gibt
das Gesetz die höchste Gewalt in die Hand eines Einzigen so wird dieser Einzige
nicht ruhen bis er sich über das Gesetz erhoben und es dahin gebracht hat dass
sein Wille nicht der allgemeine das höchste Gesetz ist Verteilt es dieselbe
unter mehrere durch einander eingeschränkte Mächte so wird jede von ihnen so
gut wie jener Einzige sich so lange auszudehnen streben bis sie den Damm der
sie einzwängen soll durchbrochen hat und ist das Gesetz einer jeden für sich
allein zu mächtig so werden sie sich gegen dasselbe vereinigen oder in
geheime Unterhandlungen mit einander treten und  unter der Bedingung sich in
die Vorteile die sich keine allein zuzueignen vermag brüderlich zu teilen 
die schicklichsten Mittel das Gesetz unkräftig zu machen mit einander abreden
Dieser Umstand ist für sich allein schon mehr als hinlänglich den immer
zunehmenden Verfall und endlich die gänzliche Auflösung jeder politischen
Gesellschaft zu bewirken aber auch ohne ihn würde bloß die Kultur ich meine
eine solche wozu Tifan durch seine Gesetze den Grund legte mit der Zeit die
nämliche Wirkung hervorbringen«
    »Danischmend ist heute zu paradoxen Behauptungen aufgelegt« sagte der
Sultan »aber ich seh ihn kommen« 
    »Ihre Hoheit halten mir zu Gnaden« fuhr dieser fort »wenn ich Ihnen etwas
sehr Einfältiges zu sagen scheinen werde das aber darum nicht weniger wahr ist
Damit ein Volk sich gutwillig einer Regierung unterwerfe welche vermöge der
Natur der Sache und des Menschen ewig nach ungebundener Willkürlichkeit strebt
muss besagtes Volk sich in einem Zustande von Dumpfheit Einfalt und Unmündigkeit
befinden der genau so lange und keinen Augenblick länger dauern kann als es in
Unwissenheit und Vorurteile gleich einem Wickelkinde um und um eingewickelt
bleibt und wofern ein gewisser Grad von Kultur sich mit diesem Zustande
vertragen soll so muss die vereinigte Gewalt der Gesetze der Erziehung der
Sitten und der Gebräuche im Notfall durch die Schrecken eines eisernen
Despotismus verstärkt zusammen wirken jeden Fortschritt zu höheren Stufen
unmöglich zu machen Ist aber dieser Fortschritt frei gelassen wird er durch
die Verfassung sogar befördert so ist nichts natürlicher als dass endlich die
Zeit kommen muss wo das besagte Volk mit seinen Befugnissen und Rechten und
überhaupt mit seinem wahren Interesse so bekannt wird dass es sich nicht länger
zum leidenden Gehorsam bequemen will geschweige dass die Blendwerke Gaukeleien
und Zauberformeln länger bei ihm anschlagen sollten womit es sich ehmals in
seiner Dumpfheit bemaulkorben und nach der Pfeife seines Führers tanzen machen
ließ Es wird also« 
    »Erspare dir die Mühe uns zu sagen was es tun wird Itimadulet« fiel ihm
der Sultan ins Wort  »wir kennen das Aber meinst du nicht auch dass sich aus
dem was du uns eben da zu sagen beliebt hast ein vortreffliches Argument gegen
deine fortschreitende Kultur ziehen ließe«
    »O gewiss ein vortreffliches« sagte Danischmend mir einer lächelnden
Grimasse die nicht ganz so ehrerbietig war als einem ersten Minister der
seinem Gebieter antwortet geziemen will
    »Nicht dass ich etwas gegen die Kultur hätte« fuhr der Sultan ganz
kaltblütig fort »im Gegenteil  Nur mit deiner fortschreitenden Kultur Herr
Danischmend die so lange fortschreitet bis sich die Leute gar nicht mehr
regieren lassen wollen mit der würde ich mich schwerlich recht vertragen
können Ich liebe Ordnung und Ruhe in meinem Lande das Ei soll nicht klüger
sein wollen als die Henne und wer zum Dreschflegel zum Hammer zur Nadel und
zur Ahle geboren ist soll sich den Kopf nicht damit zerbrechen was er tun
wollte wenn er Oberrichter Stattalter Itimadulet oder Herr des weißen
Elefanten wäre Das ist meine Meinung von der Sache und nun weiter im Text
Freund Danischmend«
    »Die gar zu schöne gar zu gute gar zu vernünftige und eben darum wie
Ihre Hoheit weislich bemerkt haben für so alberne Tiere als die Menschen sind
gar nicht passende Verfassung welche Tifan der Einzige den Scheschianern gab
würde also wenn man sie auch ihre natürliche Zeit hätte ausleben lassen
endlich doch ein Ende genommen haben sagte ich aber die Maßregeln die der
Pracht und Kunst liebende Akbar mit seinen getreuen Ständen nahm ließ es dazu
nicht kommen sondern beschleunigten den fatalen Zeitpunkt um einige
Jahrhunderte Der erste und gefährlichste Schritt war nun glücklich gemacht Der
Hof hatte das Vergnügen zu sehen dass ein so gewaltiger Bruch in die Tifanische
Grundverfassung nicht nur ohne die geringste Erschütterung sondern sogar mit
fast allgemeinem Beifall gemacht worden war so eifrig hatten sichs die
dankbaren und in aller Stille nach höheren Dingen strebenden Priester angelegen
sein lassen das Glück der Regierung Akbars und die unendlichen Vorteile die
dem Reich aus den neuen Einrichtungen zuwachsen würden dem gläubigen Volke von
ihren Lehrstühlen sowohl als bei allen andern Gelegenheiten anzupreisen Von nun
an wusste der Hof der Adel und die Klerisei wie sie mit einander ständen jener
wusste dass er durch diese diese dass sie durch jenen erhalten könnten was sie
wollten Das alles machte sich anfangs mit der größten Leichtigkeit Die höchst
einfachen Formeln  Was wird uns für unsre Gefälligkeit und was verlangen die
Herren  machten die ganze Prozedur aus Nichts war tröstlicher als die
Harmonie und Eintracht zu sehen die zwischen dem Hof und dem Ausschusse der
getreuesten Stände vorwaltete nichts bewundernswürdiger als der leichte und
rasche Gang aller Unternehmungen des ersteren die ohne die geringste Friktion
von Statten gingen und in der möglichst kürzesten Zeit in größter Vollkommenheit
zu Stande kamen nichts auffallender als der Glanz die blühende Gestalt das
Ansehen von Wohlhabenheit Überfluss und Reichtum welche Akbars Regierung über
das ganze Reich verbreitete Unglücklicher Weise konnte nur alle diese
Herrlichkeit von keiner langen Dauer sein Denn wie hätten nicht beide Teile
bald genug ausfündig machen sollen dass ihr besonderes Interesse bei diesem
Handel den sie auf Unkosten des allgemeinen Besten mit einander geschlossen
hatten nicht so ganz eben dasselbe sei Augenscheinlich erforderte es der
Vorteil des Hofes die Gefälligkeiten die er verlangte recht wohlfeil zu
haben umgekehrt hingegen verhielt es sich mit dem Interesse der Stände und
ihrer Stellvertreter denn dieses war natürlicher Weise ihre Ware so teuer zu
verkaufen als möglich In der Tat war der Appetit der letztern so stark dass das
Doppelte von allen Einkünften des Königs kaum zugereicht hätte ihre
bescheidenen Wünsche zu befriedigen Dagegen hatte auf der andern Seite der Hof
dessen Kasse dem Fasse der Danaiden glich immer so viele und dringende
Bedürfnisse dass die Reichtümer des ganzen Staates zu ihrer Befriedigung noch
unzulänglich schienen Es konnte also nicht fehlen dass jene gute Harmonie in
der Folge von beiden Seiten durch Schwierigkeiten Zögerungen und Verweigerungen
von Zeit zu Zeit unterbrochen werden musste Die Kunst einander auf eine feine
Art wechselseitig zu hintergehen und zu übervorteilen wurde nun das
Hauptstudium der Höflinge und der Stellvertreter der Nation aber auch diese
verächtliche Art von Politik reichte nicht lange zu und die Herren des
Ausschusses durch die gutmütige Geduld des Volkes immer kühner gemacht fanden
zu wichtige Vorteile bei einer unbegrenzten Gefälligkeit gegen die Forderungen
des Hofes als dass die Betrachtung wie wohl oder übel die ärmern Volksklassen
sich dabei befänden sie länger zurück gehalten hätte Im Gegenteil man suchte
sich selbst über diesen Punkt durch die gewöhnlichen Trugschlüsse zu täuschen
Der Augenschein zeigt ja sagte man dass die Quellen sich mit den Abgaben
zugleich vermehren Ein zu großer Wohlstand ist den unteren Klassen mehr
nachteilig als vorteilhaft denn er reizt sie nur zu Müßiggang und Üppigkeit
Sie arbeiten immer nur so viel sie müssen Grössere Abgaben ermuntern die
Industrie und dies in dem Masse wie sie die Wohlhabenheit und selbst die
Subsistenz erschweren  und was dergleichen halb wahre Kameralweidsprüche mehr
sind In der Tat schien die noch immer zunehmende Lebhaftigkeit der Zirkulation
die hohe Vollkommenheit wozu die Fabriken und Handarbeiten getrieben wurden und
der blühende Zustand des auswärtigen Handels die neuen Maximen eine Zeit lang
zu bestätigen Was für Tifans Zeiten schicklich und sogar notwendig war hieß
es passt nicht mehr auf die unsrige Unvermerkt gewöhnte man sich daran die
Quelle aus welcher man immer unbescheidener schöpfte für unerschöpflich zu
halten und so erschwerte man die Subsistenz der Armen in der wohltätigen
Absicht ihre Emsigkeit aufzumuntern so lange bis endlich Mangel übermäßige
Arbeit und die Verzweiflung sich jemals zu einem bessern Zustand hinauf zu
arbeiten ihnen zuletzt das Dasein selbst unerträglich zu machen anfing ein
fürchterlicher Augenblick der bei einer großen Nation sich gewöhnlich damit
endiget dass sie in einem allgemeinen Aufstand ihre letzten Kräfte zusammen
rafft um sich entweder selbst zu helfen oder sich zugleich mit ihren
Unterdrückern unter den Trümmern des Staats zu begraben
    Von diesem verzweifelten Zustande waren die Scheschianer zwar unter Akbars
glänzender Regierung noch weit entfernt aber nachdem durch ihre eigene
unverzeihliche Nachlässigkeit die Schranken in welche Tifan die königlichen
Prärogative eingeschlossen hatte einmal durchbrochen waren eilte der Staat
unter seinen Nachfolgern dem Untergange mit immer schnellern Schritten entgegen
Denn nun folgte eine Reihe namenloser Könige die das Ruder der Regierung
welches sie selbst zu führen unvermögend oder unlustig waren bald einer Bande
zusammen verschworner Minister bald einem unersättlichen Günstlinge bald einer
ausschweifenden Buhlerin bald einem herrschsüchtigen Priester bald dem ersten
besten der sich dessen bemächtigen wollte überließen Tifans öffentliche
Anstalten gerieten zusehens in Verfall seine wichtigsten Gesetze kamen nach und
nach außer Übung und wurden zuletzt ein bloßer Gegenstand akademischer
Streitfragen und was etwa von seinen Einrichtungen noch beibehalten wurde
erhielt unter den Händen der Priester unvermerkt eine so veränderte Form und
Richtung dass der reine wohltätige Geist des Stifters gänzlich dabei verloren
ging und vielmehr gerade das Gegenteil von dem heraus kam was er dadurch hatte
bewirken wollen
    Wenn die Priesterschaft von Scheschian wie ich neulich bereits erwähnte
unter die letzten gehörte die dem einbrechenden Schwall der Sittenverderbnis
nachgaben so darf ich nicht vergessen zur Steuer der Wahrheit hinzu zu setzen
dass es schwer gewesen wäre den Zeitpunkt zu bestimmen worin diese ehrwürdigen
exemplarischen Lehrer des Tifanischen Gesetzbuchs die Bemerkung machten dass man
mit dem äußerlichen Scheine der Weisheit und Heiligkeit beim Volk ungefähr eben
so weit und oft noch weiter komme als mit der Realität und dass das erstere den
Neigungen und Leidenschaften der menschlichen Natur ungleich bequemer sei
Genug die scheschianischen Bonzen machten diese Bemerkung ungefähr um eben die
Zeit oder bald nachher da der großmütige Akbar sich ihres guten Willens durch
die vorerwähnten ansehnlichen Vermehrungen ihres Anteils an den Gütern dieser
Welt versichert hatte und nachdem sie einmal gemacht war währte es nicht
lange dass mit der Sinnesart und den Tugenden der ehmaligen Priester von Tifans
Schöpfung auch die letzte Stütze seiner Gesetze verschwand und diese Klasse von
Staatsbürgern durch die Heuchelei und den blendenden Schein womit sie ihre
unbändige Herrschsucht und ihre übrigen Laster zu verdecken wusste dem Reiche
wieder eben so schädlich wurde als ihre Vorfahren unter Azor und Isfandiar
    Indessen da es damit vermöge der Natur der Sache langsamer herging und die
Priester ihr Spiel mehr als andere verbergen mussten gewann der scheschianische
Adel einen starken Vorsprung Sein Reichtum und sein Ansehen stieg unter jeder
neuen Regierung er bemächtigte sich aller Civil und Militärämter die ihm
Gelegenheit verschaften noch reicher zu werden er besetzte alle subalterne
Stellen mit seinen Kreaturen und übte über den Hof selbst eine Art von Tyrannei
aus die endlich sogar einem der schwächsten unter allen namenlosen Königen
unerträglich zu werden anfing Dieser König zu seiner Zeit Tifan der Zweite
genannt wurde solang er lebte von der Königin seiner Gemahlin und die Königin
seine Gemahlin« 
    »Wie hieß sie« fragte SchachGebal 
    »Dulika wenn Ihrer Hoheit etwas an ihrem Namen gelegen ist« 
    »Warum nicht da man mir sogar den namenlosen König ihren Gemahl genannt
hat Ich liebe Konsequenz auch selbst in Kleinigkeiten Herr Danischmend«
    »Wollte Gott« dachte Danischmend »Ihre Hoheit liebten sie in wichtigern
Dingen«  Aber er hütete sich diesmal es laut zu denken
    »Der König also wurde wie gesagt von seiner Gemahlin Dulika und die
Königin Dulika die ihrem Gemahl an Beständigkeit in ihren Zuneigungen nichts
nachgab ihre ganze Regierung durch fast eben so unbeschränkt von Kolaf dem
Oberbonzen der Stadt Scheschian regiert«
    Gebal warf einen Blick auf die Sultanin Nurmahal öffnete den Mund biss sich
in die Lippen und sagte  nichts
    Danischmend fuhr fort ohne zu tun als ob er es bemerkt hätte »Tifan der
Zweite gehörte weder unter die bösartigen noch unter die blödsinnigsten Fürsten
seiner Zeit im Gegenteil er war ein strenger Freund von Zucht Ordnung und
Gerechtigkeit hasste den Müßiggang und liebte sein Volk aber zum Unglück war
er ein noch größerer Liebhaber von  Schmetterlingen Der schlaue Bonze bediente
sich dieser unschuldigen Schwachheit Seiner Hoheit beizubringen dass es keine
königlichere Leidenschaft gebe als die Liebe zur Naturgeschichte dafür gestand
er aber auch sehr gern dass die Schmetterlingsgeschichte der interessanteste
Zweig dieser weitläufigen Wissenschaft sei und dass eine vollständige Sammlung
aller Schmetterlingsarten in der Welt ein beneidenswürdiger Schatz wäre wodurch
sich ein König von Scheschian über alle Völkerhirten gegen Morgen und Abend
erheben würde Die Naturgeschichte war um diese Zeit gerade das Lieblingsstudium
der Gelehrten und Ungelehrten in Scheschian Der Oberbonze Kolaf hatte also
wenig Mühe mit Hilfe aller jungen Bonzen denen an seiner Gunst gelegen war das
Schmetterlingskabinett Seiner Hoheit in kurzer Zeit ansehnlich zu erweitern
Tifan der Zweite beschäftigte sich in eigener Person sowohl mit allen zur
Aufbehaltung seiner Sommervögel nötigen Arbeiten als mit ihrer Anordnung und
zierlichen Aufstellung
    Nach und nach dehnte sich seine Liebhaberei über alle übrigen Insekten und
als er auch damit fertig war erst über die zweifüssigen Vögel und zuletzt wie
es mit solchen Leidenschaften zu gehen pflegt über alle lebendige und leblose
Naturprodukte auf über und unter der Erde aus und das alles machte dem guten
Könige so unendlich viel zu tun dass er täglich dem Himmel dafür dankte die
Sorge für sein Reich einer so klugen Frau wie seine Gemahlin in seinen Augen
war mit ruhigem Herzen überlassen zu können
    Kolaf bediente sich inzwischen seiner Gewalt über den Geist der Königin sie
auf das ungeheure Übergewicht des Adels und die Abnahme des königlichen Ansehens
aufmerksam zu machen und sie zu überzeugen wie notwendig es sei den Übermut
dieser stolzen Untertanen zu dämpfen und der Krone die verlorne Obermacht
wieder zu verschaffen Er schlug dazu zwei sehr zweckmässige Mittel vor Das eine
war einen Krieg anzufangen der den zahlreichen Adel vermindern und ihm
Gelegenheit geben würde sich durch seine auch im Felde nicht eingeschränkte
Üppigkeit und Prachtliebe zu Grunde zu richten das andere den Priesterstand
dessen Ansehen beim Volke seine Anhänglichkeit an die Krone um so
verdienstlicher mache mehr als bisher zu begünstigen und die ansehnlichern
Civilbedienungen die bisher größten Teils in den Händen unwissender schlecht
erzogener und lasterhafter Menschen übel genug verwaltet worden mit würdigen
Männern aus dem gelehrten Stande zu besetzen Zum ersteren fand sich gar bald
eine Veranlassung denn nichts ist leichter als Händel zu haben wenn man sie
sucht und zum letztern wusste Kolaf ebenfalls zu rechter Zeit Rat zu schaffen
    In der Tat hatte er dem größten Teile des scheschianischen Adels durch die
Beschuldigung der Unwissenheit und schlechten Erziehung kein Unrecht getan
Schon lange waren die Gesetze Tifans die sich auf die Erziehung des Adels
bezogen außer Übung gekommen Diese von jenem weisen Fürsten mehr als dem
Staate und ihr selbst zuträglich war begünstigte Kaste hatte seit der
Regierung der Könige Turkan und Akbar ihre erhabene Bestimmung den einzigen
Grund ihrer Vorrechte gänzlich aus den Augen verloren Zu hoch über ihre
Mitbürger hinauf gesetzt um nicht hoffärtig und zu reich um nicht übermütig zu
sein überließen sich die scheschianischen Nairen in den Jahren worin sie zur
Erfüllung ihrer künftigen großen Pflichten gebildet werden sollten dem
üppigsten Müßiggang und allen Ausschweifungen einer unbändigen Jugend Sie
blieben unwissend und gewöhnten sich Gelehrsamkeit und alles was Fleiß und
Anstrengung des Geistes erfordert als Dinge die weit unter ihnen wären
anzusehen Alle Zweige der Wissenschaften blieben also den Priestern und übrigen
Gelehrten von Profession überlassen und da die ersteren vermöge der Konstitution
zu Lehrern des Tifanischen Gesetzbuches bestellt waren und durch ihre
vielfachen Verhältnisse gegen das Volk die beste Gelegenheit hatten sowohl den
Charakter als die jedesmalige Lage Bedürfnisse und Gesinnungen desselben besser
als andere kennen zu lernen so konnte der Oberbonze Kolaf mit gutem Fug
erwarten dass sein Plan die Bonzen die das Vertrauen des Volkes besaßen nach
und nach an die Plätze des allgemein verhassten Adels zu bringen den vollen
Beifall des größeren Teils der Nation erhalten würde
    Sobald er also einen ansehnlichen Teil der Nairen durch einen Krieg den er
selbst in geheim angezettelt hatte aus Scheschian entfernt sah wusste er es
durch seine im ganzen Reiche verbreiteten Freunde und Ordensgenossen so
einzuleiten dass von allen Seiten große Klagen einliefen über Untüchtigkeit
Unredlichkeit Missbrauch der obrigkeitlichen Gewalt Versagung der Justiz
Verdrehung der Gesetze Bestechungen kurz über alle Arten von Verbrechen deren
die bisherigen Justiz und PolizeiStellen Distriktsaufseher Stattalter der
Provinzen und andere Staatsbeamte aus der Kaste der Nairen sich schuldig gemacht
hatten Da es töricht gewesen wäre die Habichte bei den Geiern zu verklagen so
wurden alle diese Beschwerden unmittelbar vor den Thron gebracht Sie
verursachten scharfe Untersuchungen man fand sowohl des Beispiels wegen als
um das aufgebrachte Volk zufrieden zu stellen für nötig gegen die schuldig
Befundenen mit der äußersten Strenge zu verfahren und das letzte Resultat von
allen diesen mit vieler Klugheit in einander gepassten Operationen war dass Kolaf
zum ersten Minister des Königs oder eigentlicher zu reden der Königin erhoben
wurde und dass binnen wenig Jahren die ansehnlichsten und einträglichsten
Staatsbedienungen in den Händen solcher Priester waren die sich durch Talente
Wissenschaft und einen Schein strenger Tugend und tadelloser Sitten
ausgezeichnet hatten Die Wahl des Hofes wurde dadurch in den Augen der Nation
so vollständig gerechtfertigt dass die Königin unter dem Schirm der allgemeinen
Liebe welche sie sich durch diese Staatsverbesserung erwarb nun freie Hände
hatte die wieder hergestellte königliche Autorität so weit auszudehnen als sie
wollte
    Dieses Ungewitter zu welchem Kolaf und seine Anhänger die Zurüstungen in
größter Stille gemacht hatten fand bei seinem Ausbruche die Herren von der
adelichen Kaste so wenig vorbereitet dass ihnen nichts übrig blieb als sich in
die Zeit zu schicken und durch das zweideutige Verdienst des leidenden
Gehorsams womit sie sich den Verfügungen des Hofes unterwarfen von ihren
ehmaligen Vorrechten noch so viel zu retten dass sie unter günstigern Umständen
auch das Verlorne wieder zu gewinnen hoffen konnten«
    So weit war Danischmend als der Bramine der Sultanin Nurmahal welcher seit
einigen Tagen die Erlaubnis hatte bei dieser Unterhaltung zugegen zu sein ihn
bemerken ließ dass der Sultan unter seiner Erzählung unvermerkt eingeschlafen
war Der Erzähler empfahl sich also und schlich in aller Stille nach Hause um
über eine und andere Bemerkung die er diesen Abend gemacht hatte seine
Betrachtungen anzustellen Es hatte ihm nicht entgehen können dass SchachGebals
Angesicht und Benehmen gegen ihn seit kurzem nicht mehr war wie sonst und
besonders an diesem Abend war die Laune womit er ihn öfter als gewöhnlich
unterbrach so auffallend gewesen der Sultan hatte so wenig verbergen können
oder verbergen wollen dass er etwas gegen ihn auf dem Herzen habe auch hatte er
in Nurmahals Gesicht etwas so zurück Gehaltenes und an dem übermäßig
freundlichen Braminen von Zeit zu Zeit eine so tückische Schadenfreude aus den
halb geschlossenen Augen hervor blicken sehen Das alles waren keine Zeichen von
guter Vorbedeutung Je mehr er allen Umständen nachdachte desto mehr Licht ging
ihm auf und desto weniger blieb es ihm zweifelhaft dass man über einem geheimen
Anschlag gegen ihn brüte und dass seine Itimaduletschaft allem Ansehen nach
ihrem Ende nahe sei
    Danischmend hatte diese ihm von SchachGebal in einem seltsamen Anstoß von
sultanischer Laune aufgedrungene hohe Ehrenstelle zwar noch nicht lange genug
bekleidet um etwas getan zu haben was ihm die Ungnade seines Herren oder der
schönen Nurmahal und ihres Braminen hätte zuziehen können aber er hatte desto
mehr gedacht und gesprochen und wenn die Derwischen Bonzen und Fakirn nicht
viel Gutes von ihm erwarteten so sagte ihm sein Gewissen dass sie alle Ursache
dazu hätten Er hatte sogar bereits von seinen Anschlägen gegen diese wackeren
Leute  von welchen er wie wir wissen nicht so günstig dachte als sie es von
einem Itimadulet von Indostan billig wünschen mochten  manches gegen den Sultan
fallen lassen und er kannte Seine Hoheit zu gut um nicht voraus zu sehen dass
sein Geheimnis unverzüglich in den Schoss der schönen Nurmahal niedergelegt
worden sei Er begab sich also mit einer Art von Gewissheit zu Bette dass es eine
zwischen der Sultanin und dem Braminen bereits abgekartete Sache sei ihn
baldmöglichst vom Hofe zu entfernen aber dass der Augenblick der Ausführung
schon so nahe sei das hatte er sich nicht träumen lassen
    Die Überraschung war daher nicht gering als er um die Zeit des ersten
Morgengebets durch ein großes Getümmel in seinem Hause aus einem sehr ruhigen
Schlummer geweckt wurde und gleich darauf die Tür seines Schlafzimmers aufgehen
und einen Offizier von der Leibwache hereintreten sah der ihm im Namen des
Sultans ankündigte dass er sein Gefangener sei
    Da auf ein solches Kompliment nichts anders zu antworten war so stand
Danischmend beinahe so ruhig als er sich niedergelegt hatte auf kleidete sich
hurtig an und folgte dem Offizier der ihn durch einen Labyrinth von Gängen
Treppen und Gewölben endlich in einem kleinen mit eisernen Gittern verwahrten
Zimmerchen absetzte ihm wohl zu leben wünschte und nachdem er die Tür
abgeschlossen hatte ein paar so schwere Riegel vorschob dass er von dieser
Seite seines Gefangenen halben völlig sicher sein konnte
    Danischmend der sich gleich bei seiner Erhebung zum Itimadulet vorgestellt
hatte dass die Komödie ungefähr einen solchen Ausgang nehmen würde schickte
sich in seine neue Lage wiewohl er das Unangenehme derselben so lebhaft als ein
andrer fühlte wie ein weiser Mann hoffte das Beste war auf das Ärgste gefasst
und fand bei dieser raschen Veränderung seines Schicksals wenigstens den Umstand
tröstlich dass er dadurch des Frondienstes Seine Hoheit mit der Geschichte der
Könige von Scheschian einzuschläfern überhoben wurde
    Desto unzufriedener bezeigt sich darüber der sinesische Übersetzer dieser
Geschichte dem die dadurch verursachte Unvollständigkeit eines so wichtigen
Werkes so sehr zu Herzen geht dass er sich nicht enthalten kann in eine bittere
Strafrede gegen die Sultanen Tschirkassierinnen Braminen Fakirn und Bonzen
auszubrechen die an diesem Unheil wie er sagt ungefähr zu gleichen Teilen
Schuld waren
    Wiewohl nun fährt er nachdem er seiner Galle Luft gemacht in einem
ruhigern Tone fort der Verlust den die Welt dadurch erleide unersetzlich sei
so habe er sich doch um die Wissbegierde der Leser nicht ganz unbefriedigt zu
lassen alle nur ersinnliche Mühe gegeben über den Ausgang dieser Geschichte
die sich nicht eher als mit dem scheschianischen Reiche selbst hätte enden
sollen einiges Licht zu erhalten und es sei ihm endlich geglückt aus alten
Sagen und glaubwürdigen Urkunden so viel davon heraus zu bringen dass er sich im
Stande finde nachdenkenden Lesern einiger Massen begreiflich zu machen wie
besagtes Reich unter der ungeheueren Last von Übeln die von einer langen Reihe
namenloser oder heilloser Könige über demselben zusammen gehäuft worden endlich
notwendig habe einsinken und zu Grunde gehen müssen
    Ob der lateinische Übersetzer diesen von seinem sinesischen Vorgänger mit so
mühsamem Fleiß ausgearbeiteten Anhang nicht für interessant genug gehalten habe
oder ob er durch irgend einen Zufall an Verdolmetschung desselben gehindert
worden ist unbekannt Genug dass wir in seiner Handschrift nichts als eine Note
am Schluss des Werkes gefunden haben worin er sich begnügt seinen Lesern die
Resultate der Geschichtserzählung des Sinesers in einem kurzen Auszuge folgender
Massen mitzuteilen
Der Oberpriester Kolaf und seine Ordensbrüder genossen des Sieges den sie über
den scheschianischen Adel erhalten hatten nicht so lange als sie zu Ausführung
aller ihrer Plane wünschten der unvermutete Tod der Königin Dulika beraubte sie
einer Stütze die ihnen dazu unentbehrlich war
    Vermög eines von Tifan gegebenen Gesetzes musste sich der König eine neue
Gemahlin aus den zwölf schönsten Mädchen wählen welche von den Stellvertretern
der zwölf Hauptprovinzen des Reichs nach einer vorgeschriebenen Ordnung für ihn
ausgesucht wurden
    Kolaf konnte und wollte auf die Wahl der neuen Königin keinen Einfluss haben
aber er besaß ein unfehlbares Mittel das Herz des Königs für diejenige zu
bestimmen zu welcher er selbst das beste Vertrauen hatte Der Gewohnheit nach
mussten die zwölf Jungfrauen dem Könige bei ihrer Vorstellung ein kleines
Geschenk darbringen Zili die Tochter eines Oberpriesters der ein vertrauter
Freund des ersten Ministers war beglückte Seine Hoheit mit einem äußerst
seltenen  Schmetterling der seiner prächtigen Sammlung noch fehlte und dem er
schon lange nachgetrachtet hatte und Tifan der Zweite vor Freude außer sich
erklärte die schöne Zili auf der Stelle zur Königin seines Herzens und des
Reichs
    Kolaf rechnete wie billig auf die Dankbarkeit der neuen Königin welche
den Talisman dem sie ihre Erhebung schuldig war heimlich von ihm empfangen
hatte Aber die Hofleute machten bald die schwache Seite der jungen Zili
ausfündig Ein wunderschöner junger Nair der auf einmal durch ihre
Veranstaltung am Hof erschien bemächtigte sich der Zuneigung der Königin Zili
durch seine Gestalt und durch ein Geheimnis die Federn ausgestopfter Vögel in
ihrer ganzen Schönheit zu erhalten der Gunst des Königs in einem so hohen
Grade dass Kolaf seinen Platz nicht länger haltbar fand und sich mit einem
großen Gehalt und der Würde eines Hohenpriesters von ganz Scheschian welche
ausdrücklich für ihn kreiert wurde vom Hofe zurück zog
    Von dieser Zeit an stellte der Adel sein verlornes Ansehen nach und nach so
gut wieder her dass die Priesterschaft wiewohl sie sich vom Hofe fast ganz
unabhängig gemacht hatte es doch der Klugheit am gemässesten fand sich an der
billigen Teilung zu begnügen welche ihr von ihren Nebenbuhlern um die
Oberherrschaft angeboten wurde ein Vertrag der wie leicht zu erachten von
beiden Seiten nicht so gewissenhaft gehalten wurde dass nicht jeder Teil
beflissen gewesen sein sollte den andern so oft sich die Gelegenheit dazu
anbot nach Möglichkeit zu übervorteilen und auszustechen
    Solcher Gestalt bildete sich aus diesem geheimen Einverständnis der
mächtigsten Familien des Adels und der Oberpriester eine Art von Aristokratie
worin der Name des Königs und die äußern Formen der Monarchie nur deswegen
beibehalten wurden weil man sich des königlichen Ansehens bedienen konnte das
Volk desto bequemer und ungestrafter zu unterdrücken
    Die Regierung Tifans des Zweiten war eine der längsten in dieser Dynastie
und die neue Ordnung oder Unordnung der Dinge hatte nicht nur Zeit genug sich zu
befestigen sondern erhielt sich auch durch die Klugheit der Häupter beider
Parteien in einem ziemlichen Gleichgewichte
    Aber unter seinen Nachfolgern wurde diese friedliche Eintracht häufig
unterbrochen Der Hof des Königs und der geheiligte Palast des Hohenpriesters
waren fast immer bald in geheimer bald in öffentlicher Opposition das
Übergewicht der Macht schwankte zwischen beiden hin und her einige Male kam es
sogar zu einem Bruch der die Ruhe des Reichs erschütterte Indessen musste doch
zuletzt wieder Friede gemacht werden und immer war es das Volk ganz allein das
die Unkosten der Aussöhnung tragen musste
    Die schlechte Haushaltung des Hofes  die kostbaren Launen und grenzenlosen
Verschwendungen der Günstlinge von beiderlei Geschlechte  die unersättliche
Habsucht der Großen als natürliche Folge eines übermütigen Luxus der wiewohl
von dem Blut und Mark des Volkes genährt niemals genug an sich ziehen konnte um
einen bodenlosen Schlund zu füllen  unnötige und ungerechte Kriege wobei nur
Feldherren Kommissarien und Lieferanten sich bereicherten während Myriaden
unschuldiger Familien zu Grunde gerichtet und der Staat durch die Eroberungen
selbst immer ärmer wurde  törichte aber kostspielige Unternehmungen wobei man
ohne Plan und Überschlag des Aufwands und der Kräfte verfuhr und oft dreimal
mit großen Unkosten wieder einreissen musste was man mit noch größeren gebaut
hatte  diese und hundert andere Artikel von gleichem Schlage vermehrten die so
genannten Staatsbedürfnisse auf eine so ungeheure Art dass ungeachtet die
Abgaben womit das Volk nach und nach unter allen nur ersinnlichen Titeln
belastet worden war den arbeitenden Klassen zu ihrem notdürftigsten Auskommen
kaum das Unentbehrlichste übrig ließ die Zinsen der Staatsschulden zuletzt
beinahe die ganze Summe der Einkünfte aufzehrten und zu Bestreitung der übrigen
Ausgaben täglich neue Schulden gemacht werden mussten
    Die Unzufriedenheit des Volkes welche man lange keiner Aufmerksamkeit
würdigte die immer näher kommende Gefahr eines unvermeidlichen Staatsbankrutts
und die schrecklichen Folgen die er nach sich ziehen musste machten endlich
einige redliche Männer denen das Vaterland am Herzen lag so kühn sich zu
Vormündern der Nation aufzuwerfen und ihre Beschwerden der Regierung in einem
anständigen aber männlichen Tone vorzutragen Man verglich den gegenwärtigen
Zustand von Scheschian mit dem was er in den Zeiten des großen Tifan gewesen
war und was er noch jetzt in einem ungleich höheren Grade sein könnte wenn der
Ehrgeiz und Eigennutz derjenigen denen die Nation ihre Wohlfahrt anvertraute
das wohltätige Joch seiner Gesetze nicht abgeschüttelt hätte man sprach laut
und nachdrücklich von den Rechten des Volks und von den Pflichten der Regenten
man ließ keinen Missbrauch ungerügt keine Quelle des allgemeinen Elends
unentdeckt man zeigte deutlich und gründlich was anders werden müsse und wie
es besser werden könne Aber diejenigen die man dadurch zum Nachdenken erwecken
wollte hörten und lasen entweder nichts oder hatten zu viel Eigendünkel um
sich raten zu lassen oder affektierten wohl gar Warnungen für Drohungen
anzusehen und ermächtigten sich die Stimme der Vernunft und der
Vaterlandsliebe in dumpfen Kerkern ungehört verhallen zu lassen
    Bald wurde die kleine Zahl der redlich gesinnten Fürsprecher des Volks von
einer Menge andrer verdrängt die nach ihren Grundsätzen und nach dem Ton ihres
Vertrags zu urteilen keine andre Absicht haben konnten als die Missvergnügten
noch mehr aufzuhetzen und eine Revolution zu beschleunigen in welcher sie eine
bedeutende Rolle zu spielen hofften
    Die Gärung der Gemüter wurde nun zusehens immer stärker und allgemeiner das
Volk fand seinen Zustand unerträglich und fing an furchtbare Zeichen zu geben
dass es ihn nicht länger ertragen wolle Die Regierung hatte sein Zutrauen
unwiederbringlich verloren alle Bande des gesellschaftlichen Vereins waren
aufgelöst alle Springfedern der Regierung ohne Spannung der Adel und die
Häupter der Priesterschaft vom allgemeinen Hasse zu den ersten Opfern seiner
Rache bestimmt mit Einem Worte das Maß des Unsinns des Übermuts der
Verbrechen der Tyrannei und  der Geduld war voll nur Ein Tropfen mehr und
es lief über
    Sollte man es für möglich halten dass diejenigen die am Ruder des Staats
saßen unter solchen Umständen während ein jeder der sich die Ohren nicht
geflissentlich zustopfte den Orkan schon von ferne brausen hörte sorgloser als
jemals schlummerten und von keiner Gefahr sich träumen ließ Aber sie wurden
auf eine schreckliche Art erweckt
    Ein Edikt worin unter dem Vorwande dringender Staatsbedürfnisse dem Volk
eine neue Abgabe zugemutet wurde und welches der Hof in einem Zeitpunkt ergehen
ließ da entweder zufälliger Weise oder durch geheime Veranstaltungen der
Übelgesinnten ein schnell überhand nehmender Mangel der notdürftigsten
Lebensmittel die unteren Volksklassen in die lebhafteste Unruhe setzte  dieses
Edikt war das Signal zum allgemeinen Aufstande Im ganzen Reiche drängte sich
der Pöbel in großen Massen zusammen schwärmte von den Verwegensten und
Ruchlosesten aus seinem Mittel angeführt überall umher ermordete alle die es
für seine Tyrannen oder für Werkzeuge der Tyrannei ansah plünderte und
zerstörte die Schlösser und Landsitze der Nairen verbrannte die Zollhäuser
raubte die öffentlichen Kassen aus und beging alle Arten von Ausschweifungen
und Greueltaten Die Hauptstadt in welcher die Empörung zuerst ausgebrochen
war ging in allem diesem den übrigen mit ihrem Beispiele vor Die ihrer Schuld
sich bewussten und durch Weichlichkeit und Ausschweifungen entnervten Nairen
hatten weder Mut noch Kraft zum Widerstand viele retteten ihr Leben durch eine
schnelle Flucht die meisten fielen ihren Feinden in die Hände und starben eines
schmählichen Todes Der namenlose König der letzte und verdienstloseste von
Tifans Abkömmlingen wurde mit den wenigen die ihn nicht verlassen hatten in
seinem eigenen Palast eingekerkert und bei einem misslungenen Versuch zu
entfliehen der Wut des Pöbels Preis gegeben
    Das Volk das sich anfangs ohne Plan und Zweck bloß den ungestümen
Eingebungen der Verzweiflung der Rache und Mordlust überlassen hatte fing
endlich an der Stimme einiger Männer von Talenten und Einsichten Gehör zu
geben die sich zu Wiederherstellung der Ordnung zusammen taten und durch ihre
Popularität das Vertrauen desselben gewonnen hatten Aber da war kein Dschengis
 kein Tifan mehr der mit überwiegenden Geisteskräften Weisheit und Tugend
genug vereinigt hätte um sich alle Gemüter zu unterwerfen und diese Obermacht
ohne eigennützige Absichten bloß zum Besten des Ganzen anzuwenden Der kleinen
Anzahl der Wohlgesinnten fehlte es teils an Mut und Beharrlichkeit teils
hofften sie irriger Weise durch die Macht der Vernunft auszurichten was ihre
Gegner die sich aus Ehrgeiz und Herrschsucht zu Anführern des Volks aufgeworfen
hatten auf einem viel kürzern Wege dadurch erhielten dass sie sich alles
erlaubten und vor keiner Abscheulichkeit zurück bebten wenn sie nur ein Mittel
zu ihrer Absicht war
    Notwendig behielten also die letztern die Oberhand aber da jeder nur seinen
eigenen Zweck verfolgte keiner dem andern traute jeder allein herrschen und
keiner gehorchen keiner der Zweite oder Dritte sein wollte so zerfielen sie
unter sich selbst und während das Reich von einer Menge Faktionen zerrissen
wurde wovon immer eine die andre aufrieb fielen die benachbarten Könige nach
einem in geheim abgeredeten Plane zu gleicher Zeit über das zerrüttete und an
seinen selbstmörderischen Wunden sich verblutende Scheschian her und
bemächtigten sich beinahe ohne Widerstand der Provinzen die sich ein jeder zu
seinem Anteil ausbedungen hatte
    Die unglücklichen Scheschianer teils unter hundert fremde Völker zerstreut
teils stückweise den angrenzenden Staaten einverleibt verloren mit ihrer
politischen Existenz zugleich ihren uralten Namen und eines der mächtigsten
Königreiche des Orients verschwand so gänzlich von der Erde dass es schon zu
den Zeiten des sinesischen Kaisers TaiTsu den gelehrtesten Altertumsforschern
unmöglich war die ehmaligen Grenzen desselben zuverlässig anzugeben
                           Ende des goldnen Spiegels
 
                                    Fußnoten
1 Hier bin ich genötigt gewesen eine Lücke zu lassen welche sich zwar in
meinem sinesischen Exemplare nur zufälliger Weise befand die ich aber aus
Mangel eines andern Exemplars nicht ergänzen konnte Allem Ansehen nach wird
das was HiangFuTsee noch sagen wollte  eine Rodomontade gegen den bekannten
Zoilus sein woran es die sinesischen Autoren eben so wenig als die unsrigen in
ihren Vorreden fehlen zu lassen pflegen und der Leser verliert also nichts
durch diesen Mangel
                                                 Anmerk des latein Übersetzers
2 Ein gewisser persischer Autor gerät bei Erwähnung dieser Stiftungen
SchachLolos in eine seltsame Aufwallung »Kann man« ruft er aus »sich sogar
im heißesten Fieber einfallen lassen solche Stiftungen zu machen Es gehört
doch wohl zum Wesen einer Stiftung dass sie dem Staate nützlich sei Sultan
Lolos Stiftungen mussten gerade die entgegen gesetzte Wirkung tun Hätte er seine
Derwischen und seine Katzen ihrem Schicksal überlassen so ist Hundert an Eins
zu setzen jene hätten arbeiten müssen und diese Ratten gefangen und so hätten
beide dem Staat Dienste getan Welch ein Einfall sie fett zu machen damit sie
müßig gingen Gleichwohl was die Katzen betrifft möcht es noch hingehen ihr
Fett ist doch zu etwas nütze Aber Derwischenfett Was soll man mit
Derwischenfett anfangen«
                                                            Schek Seif al Horam
                                        Geschichte der Torheit 364 Teil S 538
3 Wir können nicht umhin die Anmerkung zu machen dass die Neigung sich zu
beschäftigen und ein anhaltender Fleiß unter die seltensten und schätzbarsten
Tugenden gehören die ein großer Herr besitzen kann Nur um dieser willen
verdient unsers Erachtens SchachDolka einen Platz unter den besten Fürsten
die jemals den Thron gezieret haben Was hätte er erst verdient wenn er diesen
unverdrossenen Fleiß auf die Ausübung seiner königlichen Pflichten zu verwenden
hätte geruhen wollen  Seine königlichen Pflichten  Gegen wen Wo hätte
SchachDolka hernehmen sollen dass ein König Pflichten habe Anmerk des
lateinÜbersetzers
4 Allgemeiner Name der ersten Minister der indostanischen Könige der Zeiten
wovon hier die Rede ist
5 Die Wahrheit ist dass es weit größer war aber die schöne Tschirkassierin
hatte zu viel Lebensart um dem Sultan eine solche Unhöflichkeit zu sagen
Beinahe so groß ist alles was man in dergleichen Fällen wagen darf
                                                  Anmerk des sines Übersetzers
6 S Kämpfers Beschreibung des japanischen Reichs IT 7 Kap S 112
7 Die schöne Nurmahal oder ihre Chronik irrt sich in der Person Wenn sie sich
die Mühe hätte geben wollen den ehrlichen Gregor von Tours selbst
nachzuschlagen so würde sie im sechsten Buche wir erinnern uns nicht in
welchem Kapitel gefunden haben dass es der König Chilperich war wiewohl man
gestehen muss dass ihr und dem Sultan Gebal und dem ganzen Indien Dagobert und
Chilperich völlig gleich viel sein konnten
                                                 Anmerk des latein Übersetzers
8 »Hier« sagt der sinesische Übersetzer »habe ich eine Anmerkung des indischen
Herausgebers dieses Werkes gefunden die ich mich nicht entschließen kann
auszulassen ungeachtet meine Leser keinen unmittelbaren Gebrauch davon machen
können Ich wünschte sind die Worte des Indiers dass alle unsre Großen und
Edelen dieser Periode von den Worten Eine allgemeine usw bis zu Verzweiflung
ein die Ehre antun möchten sich derselben zu Prüfung der Fakirn denen sie
ihre Söhne anvertrauen wollen zu bedienen Sie haben dazu weiter nichts nötig
als dem Fakir die Periode vorzulegen und sich eine Erklärung derselben und die
Entwicklung der darin entaltnen Begriffe und Sätze von ihm auszubitten
Allenfalls könnten sie um ihrer Sache desto gewisser zu sein einen Philosophen
von unverdächtigen Einsichten mit zu dieser Prüfung ziehen Versteht der Fakir
die Periode nun so sei es denn Versteht er sie nicht oder räsoniert er
darüber wie ein Trutahn so können Sich Ihre Exzellenzen Gnaden Hoch und
Wohlgeboren usw darauf verlassen dass er ein vortreffliches Subjekt ist wenn
Ihre Absicht dahin geht dass Ihr Sohn nicht zu vernünftig werden solle«
9 Es bedarf kaum der Anmerkung dass SchachGebal der nüchternste Sultan seines
Jahrhunderts und ein tödlicher Feind der Trunkenheit an andern war Seine
Feinde haben nicht unterlassen auch von dieser Tugend welche sie ihm nicht
absprechen konnten wenigstens den Wert zu verringern indem sie ihr alles
raubten was sie hätte verdienstlich machen können Aber wir finden nicht nötig
die Wirkung ihrer Bosheit durch Anführung ihrer unartigen Vermutungen
fortzupflanzen Der arme SchachGebal besaß nicht so viel Tugenden dass es
billig sein könnte ihm auch die wenigen die er besaß zweifelhaft machen zu
wollen Anmerk des sines Übersetzers
10 Gewissen sinnreichen Köpfen zum besten müssen wir hier eine dreifache
Anmerkung machen nämlich erstens dass die Worte Bonze Fakir und Derwisch so
oft sie in dieser Geschichte vorkommen allezeit in der engsten Bedeutung
genommen werden und weiter nichts bedeuten als Bonzen Fakirn und Derwischen
zweitens dass Danischmend hier nicht von allem Verdacht einer schmeichlerischen
Gefälligkeit gegen die unbillige Denkungsart seines Herrn frei gesprochen werden
könne und drittens dass die angebliche Demonstration des Sultans sich
augenscheinlich auf einen Trugschluss gründet und also die Bonzen welche wir
übrigens verteidigen zu wollen weit entfernt sind keineswegs treffen könne
                                                 Anmerk des latein Übersetzers
Gleichwohl konnte alles wohl erwogen dem Sultan nicht zugemutet werden anders
zu schließen Er schloss so Meine Bonzen reden übel von mir und ich mache mir
eine Ehre aus ihrem Tadel also ist ihr Lob unrühmlich denn wär es rühmlich so
wäre mirs Schande es nicht zu verdienen Nun ist dies aber ein Gedanke den
ich nicht leiden kann er ist also falsch und was von mir gilt das gilt auch
von OgulKan denn erweise ich ihm nicht die äußerste Ehre die nur möglich
ist wenn ich ihn für meinesgleichen gelten lasse  Diese Art zu schließen lässt
sich freilich weder durch die Logik des Aristoteles noch der Herren von
PortRoyal rechtfertigen Aber seit die Welt in ihren Angeln geht hat die
Eigenliebe nie bessere Schlüsse gemacht
                                               Anmerk des deutschen Übersetzers
11 Diese Periode sagt beinahe mit den nämlichen Worten was Xenophon seinen
Cyrus im I Buche der Cyropädie pm 52 sagen lässt Vielleicht hat Psammis
diese Stelle wirklich im Sinne gehabt Wenigstens ist dies nicht die einzige
aus welcher sich erweisen ließe dass seine Moral echte sokratische Moral ist
12 Wiewohl nicht zu leugnen ist dass der Iman hier einige Wahrheiten oder
Halbwahrheiten vorbringt so können wir doch nicht unangemerkt lassen dass
dieser letzte Satz ganz falsch ist Solon Pisistratus Alcibiades Demetrius
Poliorcetes Julius Cäsar Antonius und zehen tausend andre Beispiele haben zu
allen Zeiten das Gegenteil bewiesen Aber freilich mochte dieser Iman wie viele
seinesgleichen nicht sonderlich in der Geschichte bewandert sein Anmerk des
latein Übersetzers
13 Es ist aus den Reisebeschreibungen und MissionsNachrichten bekannt dass das
Institut der Derwischen sowohl als der Bonzen und Talapoinen sich auf eine
aftermystische schwärmerische Moral gründet deren Torheit in den Berichten
unsrer Missionarien häufig gerüget wird Die strengern unter den Bonzen haben
bei ihren Andachtsübungen und Kasteiungen nichts geringers im Sinne als Pagoden
 di Götter nach ihrem Tode zu werden Anmerk des latein Übersetzers
14 Wofern Danischmend sich hier nicht überzählt hat so ist wenigstens zu
vermuten dass die meisten Fürsten alsdann wenn der Tod im Begriff ist die
Gleichheit zwischen ihnen und dem geringsten ihrer Untertanen wieder
herzustellen so denken wie Ludwig VI von Frankreich da er sterbend zu seinem
jungen Tronfolger sagte Vergiss niemals mein Sohn dass die königliche
Autorität nur ein öffentliches Amt ist wovon du nach deinem Tode Gott und der
Nachwelt eine genaue Rechnung abzulegen hast
                                                 Anmerk des latein Übersetzers
15 Das Vertrauen eines Fürsten zu einem Minister für welchen er keine besondere
persönliche Zuneigung hat macht ordentlicher Weise denn es gibt auch hier
Ausnahmen sowohl dem Fürsten als dem Minister Ehre Es beweiset bei diesem
vorzügliche Verdienste bei jenem die Fähigkeit sie zu schätzen und die
königliche Tugend seine Privatneigungen dem Nutzen des Staates nachzusetzen
                                                  Anmerk des sines Übersetzers
16 Dieses Bild erinnert uns an eines der vollkommensten Gemälde des Tasso auf
welches man diese Stelle für eine Anspielung halten würde wenn Nurmahal nicht
etliche Jahrhunderte früher gelebt hätte als der wälsche Dichter
Ecco tra fronde e fronde il guardo avante
Penetra e vede o pargli di vedere
Vede pur certo il vago e la diletta
Ch egli è in grembo a la donna essa a lerbetta
Ella dinanzi al petto hà il vel diviso
El crin sparge incomposto al vento estivo
Langue per vezzo el suo infiammato viso
Fan biancheggiando i bei sudor più vivo
Qual raggio in onda le scintilla un riso
Ne gli umidi occhi tremulo e lascivo
Sovra lui pende ed ei nel grembo molle
Le posa il capo el volto al volto attolle
E i famelici sguardi avidamente
In lei pascendo si consuma e strugge etc
                                                   GOFFREDO C XVI 17 18 19
17 Vermutlich sind die Kalifen Harun Al Raschid und sein Sohn Almamon hier
gemeint unter welchen wie bekannt ist die griechischen Wissenschaften und
Künste in das sarazenische Reich verpflanzt wurden
                                                 Anmerk des latein Übersetzers
18 Die meisten alten Gewohnheiten sind verderblich bloß weil sie alte
Gewohnheiten sind Sie mochten zu ihrer Zeit unter gewissen Umständen gut oder
doch zu rechtfertigen sein aber diese Umstände haben aufgehört und die
Gewohnheit welche dennoch fortdauert wird schädlich Daher ist überhaupt
nichts so albern als das gewöhnliche Geschrei der Dummköpfe über Neuerungen
                                                       Anmerk eines Ungenannten
19 Man kann aus Mangel zuverlässiger Nachrichten nicht für gewiss sagen ob die
Scheschianer das Geld nach Unzen Silbers wie die Sinesen berechnet oder ob
sie sich goldner und silberner Münzen bedient haben Wenigstens finden sich
unsers Wissens keine scheschianischen Münzen in irgend einem europäischen
Münzkabinette Vermutlich aber hat der sinesische Übersetzer um seinen
Landsleuten verständlich zu sein die scheschianische Art das Geld zu berechnen
auf die sinesische reduziert und wir haben es dabei gelassen weil es wirklich
in Berechnungen die bequemste unter allen ist
                                                 Anmerk des latein Übersetzers
20 Dieses Zuvorkommen ist ein Wort von wichtiger Bedeutung welches wir den
Großen zu gelegentlichem Nachdenken bestens empfehlen »Wenn sie« sagt unser
göttlicher Konfucius »solchen Übeln die sich durch menschliche Klugheit nicht
vorher sehen lassen mit Hilfe entgegen eilen so bald sie von dem Dasein
derselben benachrichtiget sind so ist dies in solchen Fällen alles was man von
ihnen fodern kann Aber es gibt eine Menge unglücklicher Zufälle welche sich
erraten lassen und Übel welche man mit Gewissheit vorher sagen kann weil sie
die notwendigen Folgen unsrer eigenen Begehungen oder Unterlassungen sind
Diesen erst alsdann abzuhelfen suchen wenn sie den größten Teil ihrer
schädlichen Wirkungen schon getan haben ist das Betragen einer unweisen
Obrigkeit Es ist die Schuldigkeit unsrer Obern solchen Übeln zuvorzukommen
und eben darin liegt eine von den wesentlichsten Ursachen warum man Obrigkeiten
vonnöten hat«
                                                  Anmerk des sines Übersetzers
21 Der indische Verfasser spricht hier der herrschenden Meinung gemäß nach
welcher man sich ich weiß nicht welchen seltsamen Begriff von der Weisheit der
Ägypter macht weil dieses Volk wenn man das sinesische ausnimmtA1 das erste
war welches Gesetze Religion und Sitten hatte In dieser Voraussetzung hat man
freilich Ursache sich zu wundern wie eine so weise Nation so unweise habe sein
können Aber würde es nicht einer natürlichern Art zu schließen gemäß sein wenn
wir sagten ein Volk welches fähig war Kälber Affen und Krokodille anzubeten
usw war kein weises sondern ein sehr albernes Volk Freilich hörte dann die
Gelegenheit sich zu wundern auf und viele Leute finden ein so großes Behagen
daran wenn sie den Mund aufreißen und sich wundern können
                                                  Anmerk des sines Übersetzers
22 Danischmend scheint hier die berühmte Inschrift vor Augen gehabt zu haben
welche zu Sais im Tempel der Isis gelesen wurde »Ich bin alles was ist was war
und was sein wird und meinen Schleier hat noch kein Sterblicher aufgedeckt« In
diesem Falle hat er unrecht gehabt nicht zu empfinden dass uns diese Inschrift
von der unermesslichen Größe und der majestätischen Unbegreiflichkeit der Natur
das erhabenste Bild gibt das jemals in der Seele eines Sterblichen entworfen
worden ist
23 Von der Wahrheit des seltsamen Aberglaubens den die Mohren mit ihren
Fetischen oder Schutzgöttern treiben kann sich wer daran zweifeln sollte aus
der Allgemeinen Geschichte der Reisen und aus der gelehrten Abhandlung du Culte
des Dieux fetiches überzeugen Übrigens können wir diese Reflexion des
Philosophen Danischmend nicht ohne eine Anmerkung lassen Der Satz dass keine
Nation an dem Platz und in den Umständen welches andern Volkes man will viel
klüger als dieses andere Volk sein würde scheint seine unzweifelhafte
Richtigkeit zu haben und wenn man keinen andern Gebrauch davon macht als den
unbescheidenen Stolz einiger Völker auf Vorzüge welche nichts weniger als das
Werk ihrer eignen Weisheit sind dadurch zu demütigen und sie empfinden zu
machen wie sehr eine gegenseitige Duldung auch aus diesem Gesichtspunkte
betrachtet in der natürlichen Billigkeit gegründet sei so scheint er unter die
Wahrheiten zu gehören an welche es nützlich ist die Menschen zuweilen zu
erinnern Allein es ist in unsern Tagen gewöhnlich worden von eben diesem
Satze mittelst gewisser Wendungen einen sehr schlimmen Gebrauch zu machen Man
hat daraus folgern wollen die verschiedenen Völker hätten keine andre als
subjektive Gründe ihres verschiedenen Glaubens und alle Religionen könnten daher
als gleichgültig angesehen werden oder es schicke sich für keinen weisen Mann
sich für irgend eine Religion mehr zu interessieren als in so weit es die
Gesetze seines Landes und seine übrige Konvenienz erforderten Diese
verderblichen Grundsätze welche beinahe zu allen Zeiten die Religion eines
großen Teils der Weltleute ausgemacht haben sind indessen nichts weniger als
notwendige Folgen aus der Reflexion des weisen Danischmend Eine Religion aus
allen kann nichts desto weniger aus innerlichen sowohl als äußerlichen
überzeugenden Beweisgründen die wahre sein oder unbetrügliche Kennzeichen
eines göttlichen Ursprungs haben und da wir Christen mit dem größten Grade der
Gewissheit behaupten können dass unsre Religion wirklich die einzige sei welche
mit allen diesen Kennzeichen versehen ist so sind wir nicht nur wohl
berechtiget sondern schlechterdings verbunden alle übrigen in so weit sie der
unsrigen entgegen stehen für irrig und verwerflich zu erklären Die
Betrachtung dass wir zum Beispiel in den Umständen der alten Ägypter oder
unsrer eigenen abgöttischen Vorfahren eben so abgöttisch und abergläubisch als
sie gewesen sein würden kann und soll also vernünftiger Weise zu nichts
anderm dienen als eines Teils uns Mitleiden mit den Gebrechen der Menschheit
und Nachsicht gegen die Irrenden und Verführten einzuflößen andern Teils uns zu
Gemüte zu führen dass wir es nicht den Vorzügen unsers Verstandes sondern bloß
der göttlichen Güte beizumessen haben dass wir so glücklich sind eine reinere
Erkenntnis des höchsten Wesens und wie der Heil Paul sagt einen vernünftigen
Gottesdienst vor so vielen andern Völkern des Erdkreises zu besitzen
                                                 Anmerk des latein Übersetzers
24 Siehe den Auszug aus des Marko Polo Reisen in der Allgem Hist der Reisen
T VII S 472 Auch die Religion der Mantschuischen Tatarn kommt in der
Hauptsache mit dieser überein S Dü Halde Beschr des sines Reichs T IV S
37
25 Wenn man von einem rohen tatarischen Heerführer wie OgulKan war
Belesenheit vermuten könnte so sollte man glauben dass hier eine Anspielung auf
den Tyrannen Dionysius von Syrakus wäre der den Marsyas einen seiner
Staatsbedienten hinrichten ließ weil diesem Marsyas geträumt hatte er habe
dem Tyrannen die Kehle abgeschnitten Plutarch im Leben Dions Tom Vp 167
edit Londin de 1724 Plutarch gibt zum Grunde dieses strengen Verfahrens an
Dionysius habe geglaubt Marsyas würde schwerlich so gefährlich geträumt haben
wenn er nicht wachend mit dergleichen Gedanken umgegangen wäre und Montesquieu
findet diesen Grund wenn der unbündige Schluss auf den er sich stützt auch
richtig wäre nicht hinlänglich das Verfahren des Dionysius zu entschuldigen
Esprit des Loix Tom IL XII ch XI Der Gedanke sagt er müsste um strafbar
zu werden mit irgend einer Handlung verbunden gewesen sein Aber dies war eben
die Sache Woher konnte Dionys wissen was Marsyas träumte Marsyas hatte seinen
Traum erzählt und dies schien entweder einen bösen Willen gegen den Fürsten
oder doch einen Grad von Unvorsichtigkeit voraus zu setzen den ein so
argwöhnischer und furchtsamer Fürst wie Dionysius war strafwürdig finden
musste Es war ihm daran gelegen den Syrakusern zu zeigen dass man sich auch
sogar im Traume nicht ungestraft an seiner Person vergreifen könne
26 Es gibt mit Erlaubnis des Sultans Fälle wo man sich nicht entbrechen kann
spekulative Meinungen als eine Staatssache zu behandeln Aber desto größer muss
auch alsdann die Vorsichtigkeit sein um einen Funken durch allzu große
Geschäftigkeit ihn zu ersticken nicht erst zu einer Flamme aufzustieren
27 Die Geschichte der außerordentlichen Bemühungen welche Jamblichus Plotinus
Porphyrius und ihre Anhänger in einer Art von Verzweiflung fruchtlos angewandt
dem unterliegenden Heidentum gegen die siegreiche Obermacht der christlichen
Religion zu Hilfe zu kommen ist das vollständigste Beispiel das uns die
Historie an die Hand gibt um den Charakter und das Betragen der Bonzen von
Scheschian in einem gewisser Massen ähnlichen Falle zu erläutern Was ließ
diese von dem seltsamsten Eifer glühen Schwärmer unversucht um wenigstens die
letzten Augenblicke des sterbenden Aberglaubens zu verlängern Orakel Wunder
wiederkommende Seelen alles was außerordentlich war wurde aufgeboten
Pythagoras und Apollonius wurden zu göttlichen Männern und Teurgen erhoben um
sie mit einigem Schein dem großen Stifter der wahren Religion entgegen zu
setzen Das ganze Heidentum wurde umgeschmolzen die ungereimtesten Fabeln zu
allegorischen Hüllen der erhabensten Wahrheiten gemacht und das Werk des
Betrugs und des Aberglaubens in eine Teosophie verwandelt deren Entdeckungen
und Versprechungen einen blendenden Glanz von sich warfen und unbehutsame
Gemüter durch den Schein eines göttlichen Ursprungs täuschten Man belegte die
christlichen Weisen welche allen diesen Blendwerken Vernunft entgegen setzten
mit dem verhassten Namen der Freigeister und Ateisten kurz man wagte in der
Verzweiflung alles Aber vergebens traten Aberglauben Schwärmerei und
Philosophie in ein unnatürliches Bündnis die Wahrheit siegte und eben dieser
Sieg bewies dass sie Wahrheit war
                                                 Anmerk des latein Übersetzers
28 Ein sehr nachdrückliches Beispiel hiervon ist der Satz dass es Antipoden
oder Gegenfüssler gebe welcher dem Bischof zu Salzburg Virgilius wofern es
nicht ein andrer Virgilius war wie aus einigen Umständen sich vermuten lässt so
schlimme Händel machte Diese Lehre war so unerhört und dem damaligen gemeinen
Menschenverstande so anstößig dass selbst die weisesten Männer sich nicht darein
finden konnten »Man legte es ihm so aus« sagt Aventinus in seinen Baierischen
Jahrbücher »als ob er eine andre Welt andre das ist vermutlich nicht von
Adam und Eva entsprungne Menschen eine andre Sonne und einen andern Mond
behaupte Bonifacius widerlegt diese Sätze als gottlos und der christlichen
Philosophie entgegen laufend bestraft Virgilen deswegen öffentlich und
absonderlich verlangt von ihm dass er diese albernen Kindereien Naenias
widerrufe und die einfältige und lautere Weisheit des Christentums nicht länger
mit dergleichen unsinnigen Träumen beflecke« Der damalige Papst Zacharias vor
welchen diese Sache ihrer vermeintlichen Wichtigkeit wegen gebracht wurde sah
sie nicht mit gelindern Augen an als Bonifacius Er nennt die Lehre von andern
Menschen unter der Erde eine verkehrte Lehre welche Virgilius gegen Gott und
seine Seele ausgesprochen habe und mutet in sehr ernstlichen Evocatoriis dem
Herzog Utilo zu der wie es scheint den guten Virgil in seinen Schutz genommen
hatte den gefährlichen Mann nach Rom zu senden damit er aufs schärfste
examiniert und wenn er seines Irrtums überwiesen worden wäre nach den
kanonischen Gesetzen gestraft werden könne Baron ad annum 748
Uns dünkt nicht dass man hinlängliche Ursache habe den ehrwürdigen Bischöfen
welche diese Antipodensache mit so vieler Strenge behandelt haben deswegen so
hässliche Vorwürfe zu machen als viele getan haben Man hat nicht einmal
vonnöten zu ihrer Entschuldigung die Wendung zu gebrauchen deren sich der
berühmte Augsburgische Patrizier Marx Welser in seiner Baierischen Geschichte
bedient nämlich zu sagen dass diejenigen welche den Virgilius behaupten
gehört die Erde sei rund und auch auf der andern Halbkugel bewohnt usw seine
Meinung unrecht verstanden und sie also dem Heil Bonifacius fälschlich
hinterbracht hätten Es ist genug dass in den damaligen Zeiten das allgemeine
Vorurteil selbst der Gelehrten in dem Begriffe von Antipoden etwas höchst
Ungereimtes fand Lange zuvor hatte Kosmas der Indienfahrer ein ägyptischer
Mönch in seiner christlichen Topographie welche uns Montfaucon im zweiten
Teile seiner Sammlung griechischer Kirchenskribenten geliefert hat versichert
dass die Erde platt sei und das himmlische Gewölbe an ihren äußersten Enden
aufstehe Dies war zu einer Zeit wo das Studium der Natur als eitel und profan
gänzlich vernachlässiget wurde die allgemeine Meinung und ein Satz wie der
den Virgilius behauptet haben soll musste notwendig frommen Ohren anstößig sein
                                                 Anmerk des latein Übersetzers
29 Gegen irgend einen Zweig der Freiheit von dem Missbrauche der davon gemacht
werden kann argumentieren ist eben so viel als gegen die Freiheit überhaupt
schließen denn alles kann gemissbraucht werden sagt der weise Verfasser der
Letters from a Persian in England p 159
30 Wir wollen nicht hoffen dass sich jemand unter unsern Lesern in dem Falle
befinden könne in welchen der ehrliche Klaus Zettel in Shakspeares
MidSummerNightsDream die Damen zu Athen zu setzen besorgt wenn er in dem
Schauspiele von Pyramus und Tisbe welches er und seine Gesellen an dem
Hochzeitfeste des Teseus aufführen wollen als Löwe auf den Schauplatz kommen
und seine furchtbare Stimme hören lassen würde »Ich werde« spricht er »nicht
ermangeln ihnen zu sagen Erschrecken Sie nicht meine schönen Damen ich bin
kein wirklicher Löwe wie Sie etwann denken möchten sondern wirklich und bei
meiner Ehre Klaus Zettel der Weber und ein Mann der sich das größte Gewissen
daraus machen würde das Herz einer schönen Dame zu betrüben« Aus eben dieser
Gemütszärtlichkeit erklären wir also auf allen Fall dass dies Wetter womit uns
Kalaf erschrecken will bloß gemachtes Wetter war
31 Plutarch in seiner Abhandlung von Isis und Osiris Juvenal macht uns von
einem ähnlichen Religionskriege zwischen den Ombiten und Tentyriten welcher
daher entstand
Quod numina vicinorum
Odit uterque locus cum solos credat habendos
Esse Deos quos ipse colit  
in seiner fünfzehnten Satire ein schreckliches Gemälde Die eine dieser Städte
überfiel die andre zur Zeit eines großen Festes wo man sich eines feindlichen
Überfalls am wenigsten versah Die Partie war sehr ungleich sagt der Dichter
die guten Ombiten waren wohl bezecht rosenbekränzt von Salben triefend und
vom Tanzen müde ihre Feinde hingegen desto erbitterter weil sie nüchtern waren
hinc jejunum odium Der Anfang der Feindseligkeiten wurde mit Worten gemacht
von den Worten kam es bald zu den Fäusten auf beiden Seiten blieben wenig Nasen
unbeschädigt usw »Aber dies« fährt der Dichter fort »deucht den Unsinnigen
nur ein Spiel sie wollen nicht nur Blut sie wollen Leichen sehen Man wirft
also eine Zeit lang mit Steinen auf einander endlich ziehen die Tentyriten ihre
Schwerter Die Ombiten fliehen in zitternder Verwirrung die Furcht beflügelt
ihre Flucht nur Einer hat das Unglück den erbosten Feinden in die Hände zu
fallen dieser Unglückselige wird sofort in Stücke zerrissen und mit Haut und
Haar bis auf die Knochen aufgegessen Sie nehmen sich nicht einmal die Zeit ihn
zu kochen sie fressen ihn mit hungriger Gierigkeit roh hinein und wer
glücklich genug ist ein Stückchen von diesem abscheulichen Frass zu erwischen
glaubt niemals was Wohlschmeckenderes gekostet zu haben«   Ob übrigens dieser
Religionskrieg der Ombiten und Tentyriten von jenem zwischen den Kynopoliten und
Oxyrynchiten verschieden gewesen oder ob nicht Juvenal vielmehr den letztern
unter dem Namen der ersteren weil sie besser in den Vers passen geschildert
habe wie Salmasius aus sehr gelehrten Gründen vermutet in Solin TIp
31721 ist eine Aufgabe die wir primo occupanti überlassen wofern sie anders
ihren Meister nicht schon gefunden hat
                                                 Anmerk des latein Übersetzers
32 Wiewohl unstreitig etwas Wahres an diesem Gedanken des Philosophen
Danischmend ist so bleibt darum auf der andern Seite nicht weniger wahr dass
die Geschichte mit beobachtenden Augen durchforscht und mit philosophischem
Blick aus erhabenen Standpunkten übersehen eine Quelle sehr nützlicher
Kenntnisse für den Bürger für den Staatsmann und selbst für den bloßen
Weltbeschauer ist Ein gelassner und aufgeklärter Geist sieht durch das
verworrene Gewebe der menschlichen Torheiten hindurch und entdeckt in dem
Zusammenhang und in der stufenweisen Entwicklung der großen Weltbegebenheiten
den festen Plan einer alles leitenden höheren Weisheit er ergetzt ermuntert
und bessert sich bei dem Anblick des immer währenden Kampfes der Tugend mit dem
Laster der Vernunft mit den Leidenschaften der Wahrheit mit dem Irrtum und
Betrug der Wissenschaften mit der Unwissenheit des Geschmacks mit der
Barbarei und erkennt mit Anbetung die verborgene Hand des großen Urhebers der
Natur der aus diesem ewigen Streit in den Teilen Ordnung und Harmonie im
Ganzen hervorzubringen weiß Die Geschichte des menschlichen Verstandes die
Geschichte der Tugend die Geschichte der Religion der Gesetzgebung der Künste
 der Handelschaft des Geschmacks des Luxus und so ferner sind eben so viele
fruchtbare Gegenden der allgemeinen Geschichte deren besserer Anbau die
herrlichsten Vorteile für die spekulativen und praktischen Wissenschaften
verspricht Weit entfernt also die Gesschichtskunde gering zu achten wünschten
wir vielmehr es allen Studierenden und überhaupt allen welche weiser und
besser zu werden wünschen einleuchtend machen zu können dass die Geschichte
mit wahrer Sokratischer Philosophie verbunden das höchste und wichtigste
Studium eines Menschen ist der mehr als eine tierische Maschine sein will und
wir haben diese Anmerkung bloß darum beigefügt um so viel an uns ist zu
verhindern dass niemand einen unbescheidenen und übertriebenen Hang zu Romanen
und Feenmärchen mit dieser Stelle des weisen Danischmend zu rechtfertigen
vermeine So gewiss indessen der hohe Wert der Geschichtskunde ist so ist doch
nicht zu leugnen dass die gerümpfte Nase womit gewisse Geschichtsforscher auf
alles was die Form der Erdichtung hat herab sehen Unbilligkeit und lächerliche
Pedanterei ist Den Wenigen denen ihr Beruf zu erforschen was geschehen ist
keine Erholungsstunden übrig lässt ist es wohl zu gönnen wenn sie abgehärtet
genug sind die Abscheulichkeiten der Byzantinischen Historie oder der Regierung
einer Maria von England mit eben dem kalten Blute zu lesen womit ein
Zeitrechner untersucht in welchem Jahre der Welt der König Misfragmutosis zu
Diospolis regiert habe Aber ihr Beispiel oder ihr Geschmack macht keine Regel
und empfindsame Seelen werden  beim Anblick alles des Bösen was auf diesem
Sonnenstaube den wir bewohnen Geschöpfe von einerlei Gattung getan haben um
einander ein Leben von etlichen Augenblicken zu rauben oder zu verbittern  sich
nur allzu oft genötigt fühlen mit dem weisen Danischmend in die möglichen
Welten der Dichter zu fliehen und sie können deswegen hinlänglich
gerechtfertiget werden auch ohne dass man den Platonischen Grundsatz welchen
Bacon von Verulam zum Vorteile der Dichtkunst geltend macht dazu vonnöten hat
vermöge dessen das was wir hier nur für ein Erholungsmittel geben sogar zu
einer sehr wesentlichen Beschäftigung wird
33 So wie der Vernünftige natürlicher Weise des Toren Meister ist so hat der
vollkommenste Mann ein angebornes Recht über die übrigen zu herrschen es ist
ein Gesetz der Natur sagte Aristoteles der Lehrer des größten unter den
Königen
34 Siehe den vortrefflichen Diskurs von der Freundschaft in Montaignes Essays
LI ch 27 besonders die Stellen wo er von seinem Freunde spricht Zum
Exempel »En lamitié de quoy je parle les ames se meslent et se confondent
lune et lautre dun meslange si universel quelles effacent et ne retrouvent
plus la cousture qui les a jointes Si on me presse dire pourquoy je laymois
je sens que cela ne se peut exprimer quen respondant parceque cetoit luy
parceque cetoit moy« Die Freundschaft ist Eine Seelein zwei Leibern
sagtnicht der schwärmerische Plato sondern der gründliche der tiefsinnige
der kalte Aristoteles und von allem was dieser große Mann gesagt hat macht
nichts seinem Herzen mehr Ehre als dies
35 Wir finden den nämlichen Gedanken unter dem nämlichen Bilde in einem vor
kurzem ans Licht getretenen wunderbaren Buche welches seinem Verfasser
vielleicht im Jahre 2440 mehr Ehre als im Jahre 1772 Nutzen bringen wird
Dieses ungefähre Zusammentreffen wird wie wir hoffen dem guten Danischmend
nicht zur Sünde angerechnet werden Der ehrliche Träumer dessen wir erwähnten
mag wohl ein wenig mehr schwarze Galle in seinem Blute haben als ein Mann dem
seine Ruhe lieb ist sich wünschen soll Aber es ist doch immer schwer einem
Menschen nicht gut zu sein der seine Mitgeschöpfe so lieb hat dass ihn weder
Bastille noch Bicetre abhalten kann alles heraus zu sagen was er auf dem Herzen
hat  Der Leser beliebe nie zu vergessen dass diese Anmerkung so wie dieses
ganze Werk im Jahre 1771 und 72 geschrieben ist
36 Chun der Mitregent und Nachfolger des guten Kaisers Yao Siehe Dü Haldes
Beschreibung des sinesischen Reichs ITS 263 der deutschen Übersetzung Im
übrigen ist nicht zu bergen dass die Geschichte der sinesischen Kaiser Yao und
Chun allem Ansehen nach nicht mehr historische Wahrheit hat als die
Geschichte des scheschianischen Königs Tifan
37 »Die vollkommensten Gesetze« sagte Sokrates »sind diejenigen welche man
nicht ungestraft übertreten kann weil sie uns durch die natürlichen und
unvermeidlichen Folgen ihrer Übertretung bestrafen« und er beweiset dem
Sophisten Antiphon dass die Gesetze der Natur oder welches eben so viel sei
die allgemeinen Gesetze Gottes diese unterscheidende Eigenschaft haben Siehe
Xenophons Charakter und merkwürdige Reden des Sokrates B IV Die Gesetze der
Natur und des gesellschaftlichen Lebens sind die Regel der Könige von welcher
sie niemals ungestraft abweichen können Die ganze allgemeine Staatsgeschichte
ist ein Kommentarius über diese große Wahrheit und ohne weit in die alten
Zeiten zurück zu gehen wird uns zum Exempel das Leben eines Philipps II und
Ludwigs XIV der tragische Tod Karls I von England und der Fall seines Sohnes
Jakobs II Beispiele genug darstellen sie zu erläutern und zu bestärken
38 In der Tat fällt das Ungereimte in dem Verhältnis der Kräfte eines einzelnen
Menschen gegen die ungeheure Unternehmung allen Unbilden und Fehden in der Welt
steuern zu wollen einem jeden in die Augen Und gleichwohl ist nichts
wahrscheinlicher als dass ein Dutzend Don Quichotten die sich mit einander
verständen und anstatt auf die Feinde des Don Gaiferos und der schönen
Melisandra auf die Feinde des menschlichen Geschlechtes mit eben dem Mute mit
welchem der Held von Mancha seine schimärischen Gegner bekämpfte nur freilich
mit einem gesundern Kopfe als der seinige war los gingen  die Gestalt unsrer
sublunarischen Welt binnen einem Menschenalter mächtig ins Bessere verändern
würden
39 Sollt es möglich sein dass unter allen künftigen Regenten denen diese
Geschichte in einem Alter da ihr Kopf noch nicht zu sehr verschroben und ihr
Herz noch nicht ganz versteinert ist in die Hände käme auch nur Einer wäre
der nachdem er diesen Tifan kennen gelernt den Gedanken ertragen könnte einen
solchen Charakter ein bloßes Ideal bleiben zu lassen
                                                       Anmerk eines Ungenannten
40 Die Erfahrungen welche die französische Nation hiervon seit fünf Jahren
gemacht hat bestätigen die Wahrheit dieses Satzes auf die einleuchtendste
Weise
41 Die Erfahrungen welche die französische Nation hiervon seit fünf Jahren
gemacht hat bestätigen die Wahrheit dieses Satzes auf die einleuchtendste
Weise
42 Man würde die Absicht des Herausgebers dieser Geschichte sehr verfehlen wenn
man dasjenige was hier und an andern Stellen von den Einrichtungen oder Maximen
des Königs Tifan gesagt wird für einen indirekten Tadel weiser und mit den
tiefsten Einsichten in die Regierungskunst begabter Fürsten ansehen wollte In
einem idealen Staate kann man alles einrichten wie man will in einem wirklichen
ist der größte Monarch nicht allezeit noch in allen Stücken Herr über die
Umstände Was in Scheschian schicklich war oder es durch Tifans Gesetzgebung
wurde ja was an sich selbst und im allgemeinen als vorteilhaft für alle
Staaten gelten kann kann in einem gewissen Staate besonderer Umstände und
Verhältnisse wegen nachteilig unschicklich oder gar unmöglich sein
43 Im Jahre 2440 soll wenn Merciers patriotischer Traum noch in Erfüllung
ginge eine ähnliche Einrichtung in Frankreich zu sehen sein Vielleicht hat die
Revolution welche sich der Träumer wohl nicht so nahe vorstellte die 645
Jahre die bis dahin noch hätten verfliessen sollen beträchtlich abgekürzt
44 Es gibt noch mehr Klassen bei denen dies eine eben so ausgemachte Sache ist
Jeder greife in seinen eigenen Busen und richte sich selbst
45 Es gibt einen albernen kindischen Nationalhochmut der unstreitig ein eben
so lächerliches als schädliches und also ein sehr hässliches Nationallaster ist
aber es gibt auch einen edelen tugendhaften Nationalstolz ohne welchen die
Griechen niemals die Zeiten des Perikles die Römer niemals die Zeiten der
Scipionen die Engländer niemals die Zeiten ihrer guten Königin Elisabet
gesehen hätten ohne welchen eine Nation nur eine große Rotte von Menschen ist
die sich von ungefähr wie Reisende auf einer Landkutsche beisammen finden ein
verächtlicher Haufe ohne Charakter ohne Stärke ohne Mut ohne Geschmack ohne
irgend etwas das sie aus dem Dunkel das schon so viele Völker verschlungen
hat hervorstechen machen könnte
46 Es gibt in der Haushaltungskunst gewisse höchst einfältige Regeln deren
Verachtung gleichwohl von großer Beträchtlichkeit ist Ein Regent wendet zum
Beispiele zehntausend Taler zu einer gewissen Absicht an welche durch diese
Summe nur sehr unvollkommen di wenig besser als gar nicht erreicht wird
Zweitausend Taler mehr würden alles gut machen aber diese will man ersparen
man muss sich behelfen heißt es und überlegt nicht dass man um diese
zweitausend Taler zu behalten zehen tausend verliert weil die Vorteile die
man damit zu gewinnen sucht nicht gewonnen werden
A1
        Hier betrügt vielleicht den ehrlichen Hiang FuTsee sein Patriotismus
        ein wenig Die Sineser haben wie uns ein großer Kenner der ägyptischen
        Altertümer bewiesen hat eben sowohl wie die Griechen ihre Polizei und
        Wissenschaften ägyptischen Kolonien oder auf Abenteuer ausgehenden
        Wanderern dieser Nation zu danken gehabt
                                                 Anmerk des latein Übersetzers
Die größten Kenner der ägyptischen Altertümer wissen im Grunde bei aller ihrer
Belesenheit und Scharfsinnigkeit nicht viel mehr davon als andere Ihre
Hypotesen sind daher auch eben der Hinfälligkeit unterworfen welche von jeher
das Schicksal der wissenschaftlichen Hypotesen gewesen ist Vor wenigen Jahren
bewies man uns dass die Sineser von den Ägyptern abstammeten nun hat uns Herr
vP bewiesen »dass weder diese von jenen noch jene von diesen abstammen« und
so gewinnen wir doch so viel dabei zu wissen dass wir nichts von der Sache
wissen und dies ist nach dem Urteil des weisen Sokrates immer viel gewonnen