Sophie von La Roche
Geschichte des Fräuleins von Sternheim
Von einer Freundin derselben aus OriginalPapieren und anderen zuverlässigen
Quellen gezogen
Herausgegeben von
C M Wieland
An D F G R V
Erschrecken Sie nicht meine Freundin anstatt der Handschrift von Ihrer
Sternheim eine gedruckte Kopei zu erhalten welche Ihnen auf einmal die ganze
Verräterei entdeckt die ich an Ihnen begangen habe Die Tat scheint beim ersten
Anblick unverantwortlich Sie vertrauen mir unter den Rosen der Freundschaft ein
Werk Ihrer Einbildungskraft und Ihres Herzens an welches bloß zu Ihrer eigenen
Unterhaltung aufgesetzt worden war »Ich sende es Ihnen schreiben Sie mir
damit Sie mir von meiner Art zu empfinden von dem Gesichtspunkt woraus ich mir
angewöhnt habe die Gegenstände des menschlichen Lebens zu beurteilen von den
Betrachtungen welche sich in meiner Seele wenn sie lebhaft gerührt ist zu
entwickeln pflegen Ihre Meinung sagen und mich tadeln wo Sie finden dass ich
unrecht habe Sie wissen was mich veranlasst hat einige Nebenstunden die mir
von der Erfüllung wesentlicher Pflichten übrig blieben dieser GemütsErholung
zu widmen Sie wissen dass die Ideen die ich in dem Charakter und in den
Handlungen des Fräuleins von Sternheim und ihrer Eltern auszuführen gesucht
habe immer meine LieblingsIdeen gewesen sind und womit beschäftigt man seinen
Geist lieber als mit dem was man liebt Ich hatte Stunden wo diese
Beschäftigung eine Art von Bedürfnis für meine Seele war So entstund unvermerkt
dieses kleine Werk welches ich anfing und fortsetzte ohne zu wissen ob ich es
würde zum Ende bringen können und dessen Unvollkommenheit Sie selbst nicht
besser einsehen können als ich sie fühle Aber es ist nur für Sie und mich
und wenn Sie wie ich hoffe die Art zu denken und zu handeln dieser Tochter
meines Geistes guteissen für unsre Kinder bestimmt Wenn diese durch ihre
Bekanntschaft mit jener in tugendhaften Gesinnungen in einer wahren
allgemeinen tätigen Güte und Rechtschaffenheit gestärket würden welche
Wollust für das Herz Ihrer Freundin« So schrieben Sie mir als Sie mir Ihre
Sternheim anvertrauten und nun meine Freundin lassen Sie uns sehen ob ich
Ihr Vertrauen beleidigt ob ich wirklich ein Verbrechen begangen habe da ich
dem Verlangen nicht widerstehen konnte allen tugendhaften Müttern allen
liebenswürdigen jungen Töchtern unsrer Nation ein Geschenke mit einem Werke zu
machen welches mir geschickt schien Weisheit und Tugend die einzigen großen
Vorzüge der Menschheit die einzigen Quellen einer wahren Glückseligkeit unter
Ihrem Geschlechte und selbst unter dem meinigen zu befördern
Ich habe nichts vonnöten Ihnen von dem ausgebreiteten Nutzen zu sprechen
welchen Schriften von derjenigen Gattung worunter Ihre Sternheim gehört
stiften können wofern sie gut sind Alle Vernünftigen sind über diesen Punkt
einer Meinung und es würde sehr überflüssig sein nach allem was Richardson
Fielding und so viele andere hierüber gesagt haben nur ein Wort zur Bestätigung
einer Wahrheit an welcher niemand zweifelt hinzuzusetzen Ebenso gewiss ist es
dass unsre Nation noch weit entfernt ist an OriginalWerken dieser Art welche
zugleich unterhaltend und geschickt sind die Liebe der Tugend zu befördern
Überfluss zu haben Sollte diese gedoppelte Betrachtung nicht hinlänglich sein
mich zu rechtfertigen Sie werden hoffe ich versucht werden dieser Meinung zu
sein oder wenigstens mir desto leichter verzeihen wenn ich Ihnen ausführlicher
erzähle wie der Gedanke Sie in eine Schriftstellerin zu verwandeln in mir
entstanden ist
Ich setzte mich mit allem Phlegma welches Sie seit mehreren Jahren an mir
kennen hin Ihre Handschrift zu durchlesen Das Sonderbare so Sie gleich in
den ersten Blättern der Mutter Ihrer Heldin geben war meinem besonderen
Geschmack nach geschickter mich wider sie als zu ihrem Vorteil einzunehmen
Aber ich las fort und alle meine kaltblütige Philosophie die späte Frucht
einer vieljährigen Beobachtung der Menschen und ihrer grenzenlosen Torheit
konnte nicht gegen die Wahrheit und Schönheit Ihrer moralischen Schilderungen
aushalten mein Herz erwärmte sich ich liebte Ihren Sternheim seine Gemahlin
seine Tochter und sogar seinen Pfarrer einen der würdigsten unter allen
Pfarrern die ich jemals kennengelernt habe Zwanzig kleine Misstöne welche der
sonderbare und an das Entusiastische angrenzende Schwung in der Denkungsart
Ihrer Sternheim mit der meinigen macht verloren sich in der angenehmsten
Übereinstimmung ihrer Grundsätze ihrer Gesinnungen und ihrer Handlungen mit den
besten Empfindungen und mit den lebhaftesten Überzeugungen meiner Seele Möchten
doch so dacht ich bei hundert Stellen möchten meine Töchter so denken so
handeln lernen wie Sophie Sternheim Möchte mich der Himmel die Glückseligkeit
erfahren lassen diese ungeschminkte Aufrichtigkeit der Seele diese sich immer
gleiche Güte dieses zarte Gefühl des Wahren und Schönen diese aus einer innern
Quelle stammende Ausübung jeder Tugend diese ungeheuchelte Frömmigkeit welche
anstatt der Schönheit und dem Adel der Seele hinderlich zu sein in der ihrigen
selbst die schönste und beste aller Tugenden ist dieses zärtliche
mitleidsvolle wohltätige Herz diese gesunde unverfälschte Art von den
Gegenständen des menschlichen Lebens und ihrem Werte von Glück Ansehen und
Vergnügen zu urteilen kurz alle Eigenschaften des Geistes und Herzens welche
ich in diesem schönen moralischen Bilde liebe dereinst in diesen
liebenswürdigen Geschöpfen ausgedrückt zu sehen welche schon in ihrem
kindischen Alter die süßeste Wollust meiner itzigen und die beste Hoffnung
meiner künftigen Tage sind Indem ich so dachte war mein erster Einfall eine
schöne Abschrift von Ihrem Manuskripte machen zu lassen um in einigen Jahren
unsrer kleinen Sophie denn Sie sind so gütig sie auch die Ihrige zu nennen
ein Geschenke damit zu machen und wie erfreute mich der Gedanke die
Empfindungen unsrer vieljährigen wohlgeprüften und immer lauter befundenen
Freundschaft auch durch dieses Mittel auf unsre Kinder fortgepflanzt zu sehen
An diesen Vorstellungen ergötzte ich mich eine Zeitlang als mir ebenso
natürlicherweise der Gedanke aufsteigen musste Wie manche Mutter wie mancher
Vater lebt jetzt in dem weiten Umfange der Provinzen Germaniens welche in diesem
Augenblicke ähnliche Wünsche zum Besten ebenso zärtlich geliebter ebenso
hoffnungsvoller Kinder tun Würde ich diesen nicht Vergnügen machen wenn ich
sie an einem Gute welches durch die Mitteilung nichts verliert Anteil nehmen
ließe Würde das Gute welches durch das tugendhafte Beispiel der Familie
Sternheim gewürkt werden kann nicht dadurch über viele ausgebreitet werden Ist
es nicht unsre Pflicht in einem so weiten Umfang als möglich Gutes zu tun Und
wie viele edelgesinnte Personen würden nicht durch dieses Mittel den würdigen
Charakter des Geistes und des Herzens meiner Freundin kennenlernen und wenn Sie
und ich nicht mehr sind ihr Andenken segnen Sagen Sie mir meine Freundin
wie hätte ich mit dem Herzen welches Sie nun so viele Jahre kennen und unter
allen meinen äußerlichen und innerlichen Veränderungen immer sich selbst gleich
befunden haben solchen Vorstellungen widerstehen können Es war also sogleich
bei mir beschlossen Kopeien für alle unsre Freunde und Freundinnen und für
alle die es sein würden wenn sie uns kennten machen zu lassen ich dachte so
gut von unsern Zeitgenossen dass ich eine große Menge solcher Kopeien nötig zu
haben glaubte und so schickte ich die meinige an meinen Freund Reich ihm
überlassend deren so viele zu machen als ihm selbst belieben würde Doch nein
So schnell ging es nicht zu Bei aller Wärme meines Herzens blieb doch mein Kopf
kalt genug um alles in Betrachtung zu ziehen was vermögend schien mich von
meinem Vorhaben abzuschrecken Niemals dass ich wüsste hat mich das Vorurteil
für diejenige die ich liebe gegen ihre Mängel blind gemacht Sie kennen diese
Eigenschaft an mir und Sie sind ebensowenig fähig zu erwarten oder nur zu
wünschen dass man Ihnen schmeicheln soll als ich geneigt bin gegen meine
Empfindung zu reden Ihre Sternheim so liebenswürdig sie ist hat als ein Werk
des Geistes als eine dichterische Komposition ja nur überhaupt als eine
deutsche Schrift betrachtet Mängel welche den Auspfeifern nicht verborgen
bleiben werden Doch diese sind es nicht vor denen ich mich in Ihrem Namen
fürchte Aber die Kunstrichter auf der einen Seite und auf der andern die ekeln
Kenner aus der Klasse der Weltleute soll ich Ihnen gestehen meine Freundin
dass ich nicht gänzlich ohne Sorgen bin wenn ich daran denke dass Ihre Sternheim
durch meine Schuld dem Urteil so vieler Personen von so unterschiedlicher
Denkungsart ausgestellt wird Aber hören Sie was ich mir selbst sagte um mich
wieder zu beruhigen Die Kunstrichter haben es in Absicht alles dessen was an
der Form des Werkes und an der Schreibart zu tadeln sein kann lediglich mit mir
zu tun Sie meine Freundin dachten nie daran für die Welt zu schreiben oder
ein Werk der Kunst hervorzubringen Bei aller Ihrer Belesenheit in den besten
Schriftstellern verschiedener Sprachen welche man lesen kann ohne gelehrt zu
sein war es immer Ihre Gewohnheit weniger auf die Schönheit der Form als auf
den Wert des Inhalts aufmerksam zu sein und schon dieses einzige Bewusstsein
würde Sie den Gedanken für die Welt zu schreiben allezeit haben verbannen
heißen Mir dem eigenmächtigen Herausgeber Ihres Manuskripts wäre es also
zugekommen den Mängeln abzuhelfen von denen ich selbst erwarte dass sie den
Kunstrichtern wo nicht anstößig sein doch den Wunsch sie nicht zu sehen
abdringen könnten Doch indem ich von Kunstrichtern rede denke ich an Männer
von feinem Geschmack und reifem Urteil an Richter welche von kleinen Flecken
an einem schönen Werke nicht beleidigt werden und zu billig sind von einer
freiwillig hervorgekommenen Frucht der bloßen Natur und von einer durch die
Kunst erzogenen mühsam gepflegeten Frucht wiewohl was den Geschmack
anbetrifft diese nicht selten jener den Vorzug lassen muss einerlei
Vollkommenheit zu fordern Solche Kenner werden vermutlich ebensowohl wie ich
der Meinung sein dass eine moralische Dichtung bei welcher es mehr um die
Ausführung eines gewissen lehrreichen und interessanten Hauptcharakters als um
Verwicklungen und Entwicklungen zu tun ist und wobei überhaupt die moralische
Nützlichkeit der erste Zweck die Ergötzung des Lesers hingegen nur eine
Nebenabsicht ist einer künstlichen Form um so eher entbehren könne wenn sie
innerliche und eigentümliche Schönheiten für den Geist und das Herz hat welche
uns wegen des Mangels eines nach den Regeln der Kunst ausgelegten Plans und
überhaupt alles dessen was unter der Benennung AutorsKünste begriffen werden
kann schadlos halten Eben diese Kenner werden oder ich müsste mich sehr
betrügen in der Schreibart des Fräuleins von Sternheim eine gewisse
Originalität der Bilder und des Ausdrucks und eine so glückliche Richtigkeit und
Energie des letztern oft gerade in Stellen mit denen der Sprachlehrer
vielleicht am wenigsten zufrieden ist bemerken welche die Nachlässigkeit des
Stils das Ungewöhnliche einiger Redensarten und Wendungen und überhaupt den
Mangel einer vollkommnern Abglättung und Rundung einen Mangel dem ich nicht
anders als auf Unkosten dessen was mir eine wesentliche Schönheit der
Schreibart meiner Freundin schien abzuhelfen gewusst hätte reichlich zu
vergüten scheinen Sie werden die Beobachtung machen dass unsre Sternheim
ungeachtet die Vorteile ihrer Erziehung bei aller Gelegenheit hervorschimmern
dennoch ihren Geschmack und ihre Art zu denken zu reden und zu handeln mehr der
Natur und ihren eigenen Erfahrungen und Bemerkungen als dem Unterricht und der
Nachahmung zu danken habe dass es eben daher komme dass sie so oft anders denkt
und handelt als die meisten Personen ihres Standes dass dieses Eigene und
Sonderbare ihres Charakters und vornehmlich der individuelle Schwung ihrer
Einbildungskraft natürlicherweise auch in die Art ihre Gedanken einzukleiden
oder ihre Empfindungen auszudrücken einen starken Einfluss haben müsse und dass
es eben daher komme dass sie für einen Gedanken den sie selbst gefunden hat
auch selbst auf der Stelle einen eigenen Ausdruck erfindet dessen Stärke der
Lebhaftigkeit und Wahrheit der anschauenden Begriffe angemessen ist aus welchen
sie ihre Gedanken entwickelt und sollten die Kenner nicht geneigt sein mit
mir zu finden dass eben diese völlige Individualisierung des Charakters unsrer
Heldin einen der seltensten Vorzüge dieses Werkes ausmacht gerade denjenigen
welchen die Kunst am wenigsten und gewiss nie so glücklich erreichen würde als
es hier wo die Natur gearbeitet hat geschehen ist Kurz ich habe eine so gute
Meinung von der feinen Empfindung der Kunstrichter dass ich ihnen zutraue sie
werden die Mängel wovon die Rede ist mit so vielen und so vorzüglichen
Schönheiten verwebt finden dass sie es mir verdenken würden wenn ich das
Privilegium der Damen welche keine Schriftstellerinnen von Profession sind zum
Vorteil meiner Freundin geltend machen wollte Und sollten wir uns etwan vor dem
feinen und verwöhnten Geschmacke der Weltleute mehr zu fürchten haben als vor
den Kunstrichtern In der Tat die Singularität unsrer Heldin ihr Enthusiasmus
für das sittliche Schöne ihre besonderen Ideen und Launen ihre ein wenig
eigensinnige Prädilektion für die Mylords und alles was ihnen gleich sieht und
aus ihrem Lande kommt und was noch ärger ist als dies alles der beständige
Kontrast den ihre Art zu empfinden zu urteilen und zu handeln mit dem
Geschmack den Sitten und Gewohnheiten der großen Welt macht scheint ihr nicht
die günstigste Aufnahme in der letztern vorherzusagen Gleichwohl gebe ich noch
nicht alle Hoffnung auf dass sie nicht eben darum weil sie eine Erscheinung
ist unter dem Namen der liebenswürdigen Grillenfängerin ansehnliche
Eroberungen sollte machen können In der Tat bei aller ihrer moralischen
Sonderlichkeit welche zuweilen nahe an das Übertriebene oder was einige
Pedanterei nennen werden zu grenzen scheint ist sie ein liebenswürdiges
Geschöpfe und wenn auf der einen Seite ihr ganzer Charakter mit allen ihren
Begriffen und Grundsätzen als eine in Handlung gesetzte Satyre über das Hofleben
und die große Welt angesehen werden kann so ist auf der andern ebenso gewiss
dass man nicht billiger und nachsichtlicher von den Vorzügen und von den Fehlern
der Personen welche sich in diesem schimmernden Kreise bewegen urteilen kann
als unsre Heldin Man sieht dass sie von Sachen spricht welche sie in der Nähe
gesehen hat und dass die Schuld weder an ihrem Verstand noch an ihrem Herzen
liegt wenn sie in diesem Lande wo die Kunst die Natur gänzlich verdrungen hat
alles unbegreiflich findet und selbst allen unbegreiflich ist
Vergeben Sie mir meine Freundin dass ich Ihnen so viel über einen Punkt
worüber Sie Ursache haben sehr ruhig zu sein vorschwatze Es gibt Personen bei
denen gar niemals eine Frage sein soll ob sie auch gefallen werden und ich
müsste mich außerordentlich irren wenn unsre Heldin nicht in diese Klasse
gehörte Die naive Schönheit ihres Geistes die Reinigkeit die unbegrenzte Güte
ihres Herzens die Richtigkeit ihres Geschmacks die Wahrheit ihrer Urteile die
Scharfsinnigkeit ihrer Bemerkungen die Lebhaftigkeit ihrer Einbildungskraft und
die Harmonie ihres Ausdrucks mit ihrer eigenen Art zu empfinden und zu denken
kurz alle ihre Talente und Tugenden sind mir Bürge dafür dass sie mit allen
ihren kleinen Fehlern gefallen wird dass sie allen gefallen wird welche dem
Himmel einen gesunden Kopf und ein gefühlvolles Herz zu danken haben und wem
wollten wir sonst zu gefallen wünschen Doch der liebste Wunsch unsrer Heldin
ist nicht der Wunsch der Eitelkeit nützlich zu sein wünscht sie Gutes will
sie tun und Gutes wird sie tun und dadurch den Schritt rechtfertigen den ich
gewaget habe sie ohne Vorwissen und Erlaubnis ihrer liebenswürdigen Urheberin
in die Welt einzuführen Ich bin usw
Der Herausgeber
Geschichte des Fräuleins von Sternheim
Erster Teil
Sie sollen mir nicht danken meine Freundin dass ich so viel für Sie abschreibe
Sie wissen dass ich das Glück hatte mit der vortrefflichen Dame erzogen zu
werden aus deren Lebensbeschreibung ich Ihnen Auszüge und Abschriften von den
Briefen mitteile welche Mylord Seimour von seinen englischen Freunden und
meiner Emilia sammelte Glauben Sie es ist ein Vergnügen für mein Herz wenn
ich mich mit etwas beschäftigen kann wodurch das geheiligte Andenken der Tugend
und Güte einer Person welche unserm Geschlechte und der Menschheit Ehre
gemacht in mir erneuert wird
Der Vater meiner geliebten Lady Sidnei war der Oberste von Sternheim
einziger Sohn eines Professors in W von welchem er die sorgfältigste Erziehung
genoss Edelmut Größe des Geistes Güte des Herzens waren die Grundzüge seines
Charakters Auf der Universität L verband ihn die Freundschaft mit dem jüngeren
Baron von P so sehr dass er nicht nur alle Reisen mit ihm machte sondern auch
aus Liebe zu ihm mit in Kriegsdienste trat Durch seinen Umgang und durch sein
Beispiel wurde der vorher unbändige Geist des Barons so biegsam und wohldenkend
dass die ganze Familie dem jungen Mann dankte der ihren geliebten Sohn auf die
Wege des Guten gebracht hatte Ein Zufall trennte sie Der Baron musste nach dem
Tode seines älteren Bruders die Kriegsdienste verlassen und sich zu Übernehmung
der Güter und Verwaltung derselben geschickt machen Sternheim der von
Offizieren und Gemeinen auf das vollkommenste geehrt und geliebt wurde blieb im
Dienste und erhielt darin von dem Fürsten die Stelle eines Obersten und den
Adelstand »Ihr Verdienst nicht das Glück hat Sie erhoben« sagte der General
als er ihm im Namen des Fürsten in Gegenwart vieler Personen das OberstenPatent
und den Adelsbrief überreichte und nach dem allgemeinen Zeugnisse waren alle
Feldzüge Gelegenheiten wo er Großmut Menschenliebe und Tapferkeit in vollem
Maß ausübte
Bei Herstellung des Friedens war sein erster Wunsch seinen Freund zu sehen
mit welchem er immer Briefe gewechselt hatte Sein Herz kannte keine andere
Verbindung Schon lange hatte er seinen Vater verloren und da dieser selbst ein
Fremdling in W gewesen war so blieben seinem Sohne keine nahe Verwandte von
ihm übrig Der Oberste von Sternheim ging also nach P um daselbst das ruhige
Vergnügen der Freundschaft zu genießen Der Baron P sein Freund war mit einer
liebenswürdigen Dame vermählt und lebte mit seiner Mutter und zwoen Schwestern
auf den schönen Gütern die ihm sein Vater zurückgelassen sehr glücklich Die
Familie von P als eine der angesehensten in der Gegend wurde von dem
zahlreichen benachbarten Adel öfters besucht Der Baron P gab wechselsweise
Gesellschaft und kleine Feste die einsamen Tage wurden mit Lesung guter Bücher
mit Bemühungen für die gute Verwaltung der Herrschaft und mit edler anständiger
Führung des Hauses zugebracht
Zuweilen wurden auch kleine Konzerte gehalten weil das jüngere Fräulein das
Klavier die ältere aber die Laute spielte und schön sang wobei sie von ihrem
Bruder mit etlichen von seinen Leuten akkompagniert wurde Der Gemütszustand des
älteren Fräuleins störte dieses ruhige Glück Sie war das einzige Kind welches
der Baron P mit seiner ersten Gemahlin einer Lady Watson die er auf einer
Gesandtschaft in England geheuratet erzeugt hatte Dieses Fräulein schien zu
aller sanften Liebenswürdigkeit einer Engländerin auch den melancholischen
Charakter der diese Nation bezeichnet von ihrer Mutter geerbt zu haben Ein
stiller Gram war auf ihrem Gesichte verbreitet Sie liebte die Einsamkeit
verwendete sie aber allein auf fleissiges Lesen der besten Bücher ohne
gleichwohl die Gelegenheiten zu versäumen wo sie ohne fremde Gesellschaft mit
den Personen ihrer Familie allein sein konnte
Der Baron ihr Bruder der sie zärtlich liebte machte sich Kummer für ihre
Gesundheit er gab sich alle Mühe sie zu zerstreuen und die Ursache ihrer
rührenden Traurigkeit zu erfahren
Etlichemal bat er sie ihr Herz einem treuen zärtlichen Bruder zu entdecken
Sie sah ihn bedenklich an dankte ihm für seine Sorge und bat ihn mit tränenden
Augen ihr ihr Geheimnis zu lassen und sie zu lieben Dieses machte ihn unruhig
Er besorgte irgendein begangener Fehler möchte die Grundlage dieser Betrübnis
sein beobachtete sie in allem auf das genaueste konnte aber keine Spur
entdecken die ihn zu der geringsten Bestärkung einer solchen Besorgnis hätte
leiten können
Immer war sie unter seinen oder ihrer Mutter Augen redete mit niemand im
Hause und vermied alle Arten von Umgang Einige Zeit überwand sie sich und blieb
in Gesellschaft und eine ruhige Munterkeit machte Hoffnung dass der
melancholische Anfall vorüber wäre
Zu diesem Vergnügen der Familie kam die unvermutete Ankunft des Obersten von
Sternheim von welchem diese ganze Familie so viel reden gehört und in seinen
Briefen die Vortrefflichkeit seines Geistes und Herzens bewundert hatte Er
überraschte sie abends in ihrem Garten die Entzückung des Barons und die
neugierige Aufmerksamkeit der übrigen ist nicht zu beschreiben Es währte auch
nicht lange so flößte sein edles liebreiches Betragen dem ganzen Hause eine
gleiche Freude ein
Der Oberste wurde als ein besonderer Freund des Hauses bei allen Bekannten
vom Adel aufgeführt und kam in alle ihre Gesellschaften
In dem Hause des Barons machte er die Erzählung seines Lebens worin er ohne
Weitläuftigkeit das Merkwürdige und Nützliche was er gesehen mit vieler Anmut
und mit dem männlichen Tone der den weisen Mann und den Menschenfreund
bezeichnet vortrug Ihm wurde hingegen das Gemälde vom Landleben gemacht wobei
bald der Baron von den Vorteilen welche die Gegenwart des Herrn den Untertanen
verschafft bald die alte Dame von demjenigen Teil der ländlichen Wirtschaft
der die Familienmutter angeht bald die beiden Fräulein von den angenehmen
Ergötzlichkeiten sprachen die das Landleben in jeder Jahreszeit anbietet Auf
diese Abschilderung folgte diese Frage
»Mein Freund wollten Sie nicht die übrigen Tage Ihres Lebens auf dem Lande
zubringen«
»Ja lieber Baron aber es müsste auf meinen eignen Gütern und in der
Nachbarschaft der Ihrigen sein«
»Das kann leicht geschehen denn es ist eine kleine Meile von hier ein
artiges Gut zu kaufen ich habe die Erlaubnis hinzugehen wenn ich will wir
wollen es morgen besehen«
Den Tag darauf ritten die beiden Herren dahin in Begleitung des Pfarrers
von P eines sehr würdigen Mannes von welchem die Damen die Beschreibung des
rührenden Auftritts erhielten der zwischen den beiden Freunden vorgefallen war
Der Baron hatte dem Obersten das ganze Gut gewiesen und führte ihn auch in
das Haus welches gleich an dem Garten und sehr artig gelegen war Hier nahmen
sie das Frühstück ein
Der Oberste bezeugte seine Zufriedenheit über alles was er gesehen und
fragte den Baron ob es war sei dass man dieses Gut kaufen könne
»Ja mein Freund gefällt es Ihnen«
»Vollkommen es würde mich von nichts entfernen was ich liebe«
»O wie glücklich bin ich teurer Freund« sagte der Baron da er ihn
umarmte »ich habe das Gut schon vor drei Jahren gekauft um es Ihnen
anzubieten ich habe das Haus ausgebessert und oft in diesem Kabinette für Ihre
Erhaltung gebetet Nun werde ich den Führer meiner Jugend zum Zeugen meines
Lebens haben«
Der Oberste wurde außerordentlich gerührt er konnte seinen Dank und seine
Freude über das edle Herz seines Freundes nicht genug ausdrücken er versicherte
ihn dass er sein Leben in diesem Hause zubringen würde aber zugleich verlangte
er zu wissen was das Gut gekostet habe Der Baron musste es sagen und es auch
durch die Kaufbriefe beweisen Der Ertrag belief sich höher als es nach dem
Ankaufsschilling sein sollte Der Baron versicherte aber dass er nichts als
seine eigne Auslage annehmen würde
»Mein Freund sagte er ich habe nichts getan als seit drei Jahren alle
Einkünfte des Guts auf die Verbesserung und Verschönerung desselben verwendet
Das Vergnügen des Gedanken du arbeitest für die Ruhetage des Besten der
Menschen hier wirst du ihn sehen und in seiner Gesellschaft die glücklichen
Zeiten deiner Jugend erneuern sein Rat sein Beispiel wird zu der
Zufriedenheit deiner Seele und dem Besten deiner Angehörigen beitragen Diese
Gedanken haben mich belohnt«
Wie sie nach Hause kamen stellte der Baron den Obersten als einen neuen
Nachbar seiner Frau Mutter und seinen Schwestern vor Alle wurden sehr froh über
die Versicherung seinen angenehmen Umgang auf immer zu genießen
Er bezog sein Haus sogleich als er Besitz von der kleinen Herrschaft
genommen hatte die nur aus zweien Dörfern bestund Er gab auch ein Festin für
die kleine Nachbarschaft fing gleich darauf an zu bauen setzte noch zween
schöne Flügel an beide Seiten des Hauses pflanzte Alleen und einen artigen
Lustwald alles in englischem Geschmack Er betrieb diesen Bau mit dem größten
Eifer Gleichwohl hatte er von Zeit zu Zeit eine düstere Miene die der Baron
wahrnahm ohne anfangs davon etwas merken zu lassen bis er in dem folgenden
Herbst einer Gemütsveränderung des Obersten überzeugt zu sein glaubte bei
welcher er nicht länger ruhig sein konnte Sternheim kam nicht mehr so oft
redete weniger und ging bald wieder weg Seine Leute bedauerten die
ungewöhnliche Melancholie die ihren Herrn befallen hatte
Der Baron wurde um so viel mehr bekümmert als sein Herz von der
zurückgefallnen Traurigkeit seiner älteren Schwester beklemmt war Er ging zum
Obersten fand ihn allein und nachdenkend umarmte ihn mit zärtlicher Wehmut und
rief aus »O mein Freund wie nichtig sind auch die edelsten die lautersten
Freuden unsers Herzens Lange fehlte mir nichts als Ihre Gegenwart nun seh
ich Sie jetzt habe ich Sie in meinen Armen und sehe Sie traurig Ihr Herz Ihr
Vertrauen ist nicht mehr für mich haben Sie vielleicht der Freundschaft zu viel
nachgegeben indem Sie hier einen Wohnsitz nehmen Liebster bester Freund
quälen Sie sich nicht Ihr Vergnügen ist mir teurer als mein eigenes ich nehme
das Gut wieder an es wird mir wert sein weil es mir Ihr schätzbares Andenken
und Ihr Bild an allen Orten erneuern wird«
Hier hielt er inne Tränen füllten sein Auge welches auf dem Gesicht seines
Freundes geheftet war Er sah die größte Bewegung der Seele in dernselben
ausgedrückt
Der Oberste stund auf und umfasste den Baron »Edler P glauben Sie ja
nicht dass meine Freundschaft mein Vertrauen gegen Sie vermindert sei noch
weniger denken Sie dass mich die Entschließung gereue meine Tage in Ihrer
Nachbarschaft hinzubringen O Ihre Nachbarschaft ist mir lieber als Sie sich
vorstellen können Ich habe eine Leidenschaft zu bekämpfen die mein Herz zum
erstenmal angefallen hat Ich hoffte vernünftig und edelmütig zu sein aber ich
bin es noch nicht in aller der Stärke welche der Zustand meiner Seele
erfordert Doch ist es nicht möglich dass ich mit Ihnen davon spreche mein Herz
und die Einsamkeit sind die einzigen Vertrauten die ich haben kann«
Der Baron drückte ihn an seine Brust »ich weiß« sagte er »dass Sie in
allem wahrhaft sind ich zweifle also nicht an den Versicherungen Ihrer alten
Freundschaft Aber warum kommen Sie so selten zu mir Warum eilen Sie so kalt
wieder aus meinem Hause«
»Kalt mein Freund Kalt eile ich aus Ihrem Hause O P wenn Sie das
brennende Verlangen kennten das mich zu Ihnen führt das mich Stunden lang an
meinem Fenster hält wo ich das geliebte Haus sehe in welchem alle mein
Wünschen all mein Vergnügen wohnt ach P «
Der Baron P wurde unruhig weil ihm auf einige Augenblicke der Gedanke
kann sein Freund möchte vielleicht seine Gemahlin lieben und meide deswegen
sein Haus weil er sich zu bestreiten suche Er beschloss achtsam und
zurückhaltend zu sein Der Oberste hatte still gesessen und der Baron war auch
aus seiner Fassung Endlich fing der letztere an »Mein Freund Ihr Geheimnis
ist mir heilig ich will es nicht aus Ihrer Brust erpressen Aber Sie haben mir
Ursache gegeben zu denken dass ein Teil dieses Geheimnisses mein Haus angehe
Darf ich nicht nach diesem Teile fragen«
»Nein Nein fragen Sie nichts und überlassen Sie mich mir selbst« Der
Baron schwieg und reiste traurig und tiefsinnig fort
Den andern Tag kam der Oberste bat den Baron um Vergebung dass er ihn
gestern so trocken heimreisen lassen und sagte dass es ihn den ganzen Abend
gequält hätte »Lieber Baron« setzte er hinzu »Ehre und Edelmut binden meine
Zunge Zweifeln Sie nicht an meinem Herzen und lieben Sie mich«
Er blieb den ganzen Tag in P Fräulein Sophie und Fräulein Charlotte
wurden von ihrem Bruder gebeten alles zu Ermunterung seines Freundes
beizutragen Der Oberste hielt sich aber meistens um die alte Dame und die
Gemahlin des Barons auf Abends spielte Fräulein Charlotte die Laute der Baron
und zween Bediente akkompagnierten sie und Fräulein Sophie wurde so inständig
gebeten zu singen dass sie endlich nachgab
Der Oberste stellte sich in ein Fenster wo er bei halb zugezogenem Vorhang
das kleine FamilienKonzert anhörte und so eingenommen wurde nicht
wahrzunehmen dass die Gemahlin seines Freundes nahe genug bei ihm stund um ihn
sagen zu hören »O Sophie warum bist du die Schwester meines Freundes Warum
bestreiten die Vorzüge deiner Geburt die edle die zärtliche Neigung meines
Herzens «
Die Dame wurde bestürzt und um die Verwirrung zu vermeiden in die er
geraten sein würde wenn er hätte denken können sie habe ihn gehört entfernte
sie sich froh ihrem Gemahl die Sorge benehmen zu können die ihn wegen der
Schwermut des Obersten plagte Sobald alles schlafen gegangen war redete sie
mit ihm von dieser Entdeckung Der Baron verstund nun was ihm der Oberste sagen
wollte da er sich wegen des vermeinten Kaltsinns verteidigte dessen er
beschuldigt wurde »Wäre Ihnen der Oberste als Schwager ebenso lieb wie er es
Ihnen als mein Freund ist« fragte er seine Gemahlin
»Gewiss mein Liebster Sollte denn das Verdienst des rechtschaffnen Mannes
nicht so viel Wert haben als die Vorzüge des Namens und der Geburt«
»Werte edle Hälfte meines Lebens« rief der Baron »so helfen Sie mir die
Vorurteile bei meiner Mama und bei Sophien überwinden«
»Ich fürchte die Vorurteile nicht so sehr als eine vorgefasste Neigung die
unsre liebe Sophie in ihrem Herzen nährt Ich kenne den Gegenstand nicht aber
sie liebt und liebt schon lange Kleine Aufsätze von Betrachtungen von Klagen
gegen das Schicksal gegen Trennung die ich in ihrem Schreibetische gefunden
habe überzeugten mich davon Ich habe sie beobachtet aber weiter nichts
entdecken können« »Ich will mit ihr reden« sagte der Baron »und sehen ob ihr
Herz nicht durch irgendeine Lücke auszuspähen ist«
Den Morgen darauf ging der Baron zu Fräulein Sophie und nach vielen
freundlichen Fragen um ihre Gesundheit nahm er ihre Hände in die seinigen
»Liebe teure Sophie« sprach er »du gibst mir Versicherung deines Wohlseins
aber warum bleibt dir die leidende Miene warum der Ton des Schmerzens warum
der Hang zur Einsamkeit warum entfliehen diesem edelen gütigen Herzen so viele
Seufzer O wenn du wüsstest wie sehr du mich diese lange Zeit deiner
Melancholie durch bekümmert hast du würdest mir dein Herz nicht verschlossen
haben «
Hier wurde ihre Zärtlichkeit überwältigt Sie zog ihre Hände nicht weg
sie drückte ihres Bruders seine an ihre Brust und ihr Kopf sank auf seine
Schulter »Bruder du brichst mein Herz ich kann den Gedanken nicht ertragen
dir Kummer gemacht zu haben Ich liebe dich wie mein Leben ich bin glücklich
ertrage mich und rede mir niemals vom Heiraten«
»Warum das mein Kind Du würdest einen rechtschaffenen Mann so glücklich
machen«
»Ja ein rechtschaffener Mann würde auch mich glücklich machen aber ich
kenne « Tränen hinderten sie mehr zu sagen
»O Sophie hemme die aufrichtige Bewegung deiner Seele nicht schütte ihre
Empfindungen in den treuen Busen deines Bruders aus Kind ich glaube es gibt
einen Mann den du liebst mit dem dein Herz ein Bündnis hat«
»Nein Bruder mein Herz hat kein Bündnis «
»Ist dieses wahr meine Sophie«
»Ja mein Bruder ja «
Hier schloss sie der Baron in seine Arme »Ach wenn du die entschlossne
die wohltätige Seele deiner Mutter hättest«
Sie erstaunte »Warum mein Bruder was willst du damit bin ich übeltätig
gewesen«
»Niemals meine Liebe niemals aber du könntest es werden wenn Vorurteile
mehr als Tugend und Vernunft bei dir gälten«
»Bruder du verwirrest mich in was für einem Falle sollte ich der Tugend
und Vernunft entsagen«
»Du musst es nicht so nehmen Der Fall den ich denke ist nicht wider Tugend
und Vernunft und doch könnten beide ihre Ansprüche bei dir verlieren«
»Bruder rede deutlich ich bin entschlossen nach meinen geheimsten
Empfindungen zu antworten«
»Sophie die Versicherung dass dein Herz ohne Bündnis sei erlaubt mir dich
zu fragen was du tun würdest wenn ein Mann voll Weisheit und Tugend dich
liebte um deine Hand bäte aber nicht von altem Adel wäre«
Sie geriet bei diesem letzten Wort in Schrecken sie zitterte und wusste sich
nicht zu fassen Der Baron wollte ihr Herz nicht lange quälen sondern fuhr
fort »Wenn dieser Mann der Freund wäre dem dein Bruder die Güte und
Glückseligkeit seines Herzens zu danken hätte Sophie was würdest du tun«
Sie redete nicht sondern ward nachdenkend und wechselsweise rot und blass
»Ich beunruhige dich meine Schwester der Oberste liebt dich Diese
Leidenschaft macht seine Schwermut denn er zweifelt ob er werde angenommen
werden Ich bekenne dir freimütig dass ich wünschte alle seine mir erwiesne
Wohltaten durch dich zu vergelten Aber wenn dein Herz darwider ist so vergiss
alles was ich dir sagte«
Das Fräulein bemühete sich einen Mut zu fassen schwieg aber eine gute
Weile endlich fragte sie den Baron »Bruder ist es gewiss dass der Oberste mich
liebt« Der Baron erklärte ihr hierauf alles was er durch seine Unterredungen
mit dem Obersten und endlich durch die Wünsche welche seine Gemahlin gehört
hatte von seiner Liebe wusste
»Mein Bruder« sprach Sophie »ich bin freimütig und du verdienst alle mein
Vertrauen so sehr dass ich nicht lange warten werde dir zu sagen dass der
Oberste der einzige Mann auf Erden ist dessen Gemahlin ich zu werden wünsche«
»Der Unterschied der Geburt ist dir also nicht anstößig«
»Gar nicht sein edles Herz seine Wissenschaft und seine Freundschaft für
dich ersetzen bei mir den Mangel der Ahnen«
»Edelmütiges Mädchen du machst mich glücklich durch deine Entschließung
liebste Sophie Aber warum batest du mich dir nichts vom Heiraten zu sagen«
»Weil ich fürchtete du redetest von einem andern« sagte sie mit leisem
Ton indem ihr glühendes Gesicht auf der Schulter ihres Bruders lag
Er umarmte sie küsste ihre Hand »diese Hand« sagte er »wird ein Segen für
meinen Freund sein von mir wird er sie erhalten Aber mein Kind die Mama und
Charlotte werden dich bestreiten wirst du standhaft bleiben«
»Bruder du sollst sehen dass ich ein engländisches Herz habe Aber da ich
alle deine Fragen beantwortete so muss ich auch eine machen Was dachtest du von
meiner Traurigkeit weil du mich so oft fragtest«
»Ich dachte eine heimliche Liebe und ich fürchtete mich vor dem
Gegenstand weil du so verborgen warst«
»Mein Bruder glaubte also nicht dass die Briefe seines Freundes die er uns
vorlas und alles übrige was er von dem teuren Mann erzählte einen Eindruck
auf mein Herz machen könnte«
»Liebe Sophie es war also das Verdienst meines Freundes was dich so
beunruhigte Glücklicher Mann den ein edles Mädchen wegen seiner Tugend
liebt Gott segne meine Schwester für ihre Aufrichtigkeit nun kann ich das
Herz meines Freundes von seinem nagenden Kummer heilen«
»Tu alles mein Bruder was ihn befriedigen kann nur schone meiner dabei
du weißt dass ein Mädchen nicht ungebeten lieben darf«
»Sei ruhig mein Kind deine Ehre ist die meinige«
Hier verließ er sie ging zu seiner Gemahlin und teilte ihr das Vergnügen
dieser Entdeckung mit Sodann eilte er zum Obersten welchen er traurig und
ernstaft fand Mancherlei Unterredungen die er anfing wurden kurz
beantwortet Eine tödliche Unruhe war in allen seinen Gebärden »Habe ich Sie
gestört Herr Oberster« sagte der Baron mit der Stimme der zärtlichsten
Freundschaft eines jungen Mannes gegen seinen Führer indem er den Obersten
zugleich bei der Hand fasste
»Ja lieber Baron Sie haben mich in der Entschließung gestört auf einige
Zeit wegzureisen«
»Wegzureisen und allein «
»Lieber P ich bin in einer Gemütsverfassung die meinen Umgang unangenehm
macht ich will sehen was die Zerstreuung tun kann«
»Mein bester Freund darf ich nicht mehr in Ihr Herz sehen kann ich nichts
zu Ihrer Ruhe beitragen«
»Sie haben genug für mich getan Sie sind die Freude meines Lebens Was
mir jetzt mangelt muss die Klugheit und die Zeit bessern«
»Sternheim Sie sagten letzt von einer zu bekämpfenden Leidenschaft Ich
kenne Sie Ihr Herz kann keine unanständige keine böse Leidenschaft nähren es
muss Liebe sein was die Qual Ihrer Tage macht«
»Niemals P niemals sollen Sie wissen was meinen itzigen Kummer
verursacht«
»Rechtschaffner Freund ich will Sie nicht länger täuschen ich kenne den
Gegenstand Ihrer Liebe Ihre Zärtlichkeit hat einen Zeugen gefunden ich bin
glücklich Sie lieben meine Sophie« Der Baron hielt den Obersten der ganz
außer sich war umarmt er wollte sich loswinden es war ihm bange
»P was sagen Sie was wollen Sie von mir wissen«
»Ich will wissen ob die Hand meiner Schwester ein gewünschtes Glück für Sie
wäre«
»Unmöglich denn es wäre für Sie alle ein Unglück«
»Ich habe also Ihr Geständnis aber wo soll das Unglück sein«
»Ja Sie haben mein Geständnis Ihre Fräulein Schwester ist das erste
Frauenzimmer welches die beste Neigung meiner Seele hat aber ich will sie
überwinden man soll Ihnen nicht vorwerfen dass Sie Ihrer Freundschaft die
schuldige Achtung für Ihre Voreltern aufgeopfert haben Fräulein Sophie soll
durch mich keinen Anspruch an Glück und Vorzug verlieren
Schwören Sie mir kein Wort mit ihr davon zu reden oder Sie sehen mich
heute zum letztenmal«
»Sie denken edel mein Freund aber Sie sollen nicht ungerecht werden Ihre
Abreise würde nicht allein mich sondern Sophien und meine Gemahlin betrüben
Sie sollen mein Bruder sein«
»P Sie martern mich mit diesem Zuspruch mehr als mich die Unmöglichkeit
marterte die meinen Wünschen entgegen ist«
»Freund Sie haben die freiwillige die zärtliche Zusage meiner Schwester
Sie haben die Wünsche meiner Gemahlin und die meinige Wir haben alles bedacht
was Sie bedenken können soll ich Sie bitten der Gemahl von Sophien von P zu
werden«
»O Gott wie hart beurteilen Sie mein Herz Sie glauben also dass es
eigensinniger Stolz sei der mich unschlüssig macht«
»Ich antworte nichts umarmen Sie mich und nennen Sie mich Ihren Bruder
morgen sollen Sie es sein Sophie ist die Ihrige Sehen Sie sie nicht als das
Fräulein von P sondern als ein liebenswürdiges und tugendhaftes Frauenzimmer
an dessen Besitz alle Ihre künftigen Tage beglücken wird und nehmen Sie diesen
Segen von der Hand Ihres neuen Freundes mit Vergnügen an«
»Sophie mein mit einer freiwilligen Zärtlichkeit mein Es ist genug Sie
geben alles ich kann nichts tun als auf alles freiwillig entsagen«
»Entsagen nach der Versicherung dass Sie geliebt sind O meine Schwester
wie übel bin ich mit deinem vortrefflichen Herzen umgegangen«
»P was sagen Sie und wie können Sie mein Herz durch einen solchen Vorwurf
zerreißen Wenn Sie edelmütig sind soll ich es nicht auch sein soll ich die
Augen über die Mienen des benachbarten Adels zuschliessen«
»Sie sollen es wenn die Frage von Ihrer Freude und Ihrem Glück ist«
»Was wollen Sie dann dass ich tun soll«
»Dass Sie mich mit dem Auftrage zurückreisen lassen mit meiner Mutter von
meinem Wunsche zu sprechen und dass Sie zu uns kommen wollen wenn ich Ihnen ein
Billett schicke«
Der Oberste konnte nicht mehr reden er umarmte den Baron Dieser ging
zurück gerade zu seiner Frau Mutter bei welcher die beiden Fräulein und seine
Gemahlin waren Er führte die ältere Fräulein in ihr Zimmer weil er ihr den
Bericht von seinem Besuch allein machen wollte und bat sie ihn eine Zeitlang
bei der Frau Mutter und Charlotten zu lassen Hier tat er einen förmlichen
Antrag für seinen Freund Die alte Dame wurde betroffen er sah es und sagte
»Teure Frau Mutter alle Ihre Bedenklichkeiten sind gegründet Der Adel soll
durch adelige Verbindungen fortgeführt werden Aber die Tugenden des Sternheim
sind die Grundlagen aller großen Familien gewesen Man hatte nicht unrecht zu
denken dass große Eigenschaften der Seele bei Töchtern und Söhnen erblich sein
könnten und dass also jeder Vater für einen Sohn eine edle Tochter suchen
sollte Auch wollt ich der Einführung der Heiraten außer Stand nicht gerne das
Wort reden Aber hier ist ein besonderer Fall ein Fall der sehr selten
erscheinen wird Sternheims Verdienste mit dem Charakter eines wirklichen
Obersten der schon als adelig anzusehen ist rechtfertigen die Hoffnung die
ich ihm gemacht habe«
»In Wahrheit mein Sohn ich habe Bedenklichkeiten Aber der Mann hat meine
ganze Hochachtung erworben Ich würde ihn gern glücklich sehen«
»Meine Gemahlin Was sagen Sie«
»Dass bei einem Mann wie dieser ist eine gerechte Ausnahme zu machen sei
Ich werde ihn gerne Bruder nennen«
»Ich nicht« sagte Fräulein Charlotte
»Warum meine Liebe«
»Weil diese schöne Verbindung auf Unkosten meines Glücks gemacht wird«
»Wie das Charlotte«
»Wer wird denn unser Haus zu einer Vermählung suchen wenn die ältere
Tochter so verschleudert ist«
»Verschleudert bei einem Mann von Tugend und Ehre bei dem Freunde deines
Bruders«
»Vielleicht hast du noch einen Universitätsfreund von dieser Tugend der
sich um mich melden wird um seiner aufkeimenden Ehre eine Stütze zu geben und
da wirst du auch Ursachen zu deiner Einwilligung bereit haben«
»Charlotte meine Tochter was für eine Sprache«
»Ich muss sie führen weil in der ganzen Familie niemand auf mich und seine
Voreltern denkt«
»So Charlotte und wenn man an die Voreltern denkt muss man den Bruder und
einen edelmütigen Mann beleidigen« sagte die junge Frau von P
»Ich habe Ihre Ausnahme schon gehört die Sie für den edelmütigen Mann
machen Andre Familien werden auch Ausnahmen haben wenn ihr Sohn Charlotten zur
Gemahlin haben wollte«
»Charlotte wer dich um Sternheims willen verlässt ist deiner Hand und einer
Verbindung mit mir nicht wert Du siehst dass ich auf die böse jüngere Schwester
noch stolz bin wenn ich schon die gute ältere an einen Universitätsfreund
verschleudere«
»Freilich muss die jüngere Schwester böse sein wenn sie sich nicht zum
Schuldenabtrag will gebrauchen lassen«
»Wie unvernünftig boshaft meine Schwester sein kann Du hast nichts von
meinen Anträgen zu besorgen Ich werde für niemand als einen Sternheim reden
und für diesen ist ein Gemütscharakter wie der deinige nicht edel genug wenn
du auch eine Fürstin wärest«
»Gnädige Mama Sie hören zu wie ich wegen des elenden Kerls gemisshandelt
werde«
»Du hast die Geduld deines Bruders gemissbraucht Kannst du deine
Einwendungen nicht ruhiger vorbringen«
Sie wollte eben reden aber der Bruder fiel ihr ins Wort »Charlotte rede
nicht mehr der Ausdruck elender Kerl hat dir deinen Bruder genommen Die Sachen
meines Hauses gehen dich nichts mehr an Dein Herz entehrt die Ahnen auf deren
Namen du stolz bist O wie klein würde die Anzahl des Adels werden wenn sich
nur die dazu rechnen dürften die ihre Ansprüche durch die Tugenden der edlen
Seele des Stifters ihres Hauses beweisen könnten«
»Lieber Sohn werde nicht zu eifrig es wäre wirklich nicht gut wenn unsre
Töchter so leichte geneigt wären außer Stand zu heiraten«
»Das ist nicht zu befürchten Es gibt selten eine Sophie die einen Mann nur
wegen seiner Klugheit und Großmut liebt«
Fräulein Charlotte entfernte sich
»Hast du aber nicht selbst einmal deine dir so lieben Engländer angeführt
welche die Heirat außer Stand den Töchtern viel weniger vergeben als den Söhnen
weil die Tochter ihren Namen aufgeben und den von ihrem Manne tragen muss
folglich sich erniedriget«
»Dies bleibt alles wahr aber in England würde mein Freund tausendmal von
diesem Grundsatz ausgenommen werden und das Mädchen das ihn liebte würde den
Ruhm eines edeldenkenden Frauenzimmers erhalten«
»Ich sehe wohl mein Sohn dass diese Verbindung eine schon beschlossene
Sache ist Aber hast du auch überlegt dass man sagen wird du opferst deine
Schwester einer übertriebenen Freundschaft auf und ich handle als Stiefmutter
da ich meine Einwilligung gebe«
»Liebe Mama lassen Sie es immer geschehen unser Beweggrund wird uns
beruhigen und das Glück meiner Schwester wird neben den Verdiensten meines
Freundes allein so deutlich in die Augen glänzen dass man aufhören wird übel
zu denken«
Hierauf wurde Fräulein Sophie von ihrem Bruder geholt Sie warf sich ihrer
Frau Mutter zu Füßen die gute Dame umarmte sie »Liebe Fräulein Tochter«
sprach sie »Ihr Bruder hat mich versichert dass dieses Band nach Ihren Wünschen
wäre sonst hätte ich nicht eingewilliget Es ist wahr es fehlt dem Manne
nichts als eine edle Geburt Aber Gott segne Sie beide«
Indessen war der Baron fort er holte den Obersten welcher halb außer sich
in das Zimmer trat aber gleich zu der alten Dame ging ihr mit gebognem Knie
die Hände küsste und mit männlichem Anstand sagte
»Gnädige Frau glauben Sie immer dass ich Ihre Einwilligung als eine
herablassende Güte ansehe bleiben Sie aber auch versichert dass ich dieser Güte
niemals unwürdig sein werde«
Sie war so liebreich zu sagen »Es erfreut mich Herr Oberster dass Ihre
Verdienste in meinem Hause eine Belohnung gefunden haben« Er küsste hierauf die
Hände der Gemahlin seines Freundes »wieviel Dank und Verehrung« rief er aus
»bin ich der großmütigen Vorsprecherin der Angelegenheiten meines Herzens
schuldig«
»Nichts Herr Oberster ich bin stolz zu dem Glück Ihres Herzens etwas
beizutragen Ihre brüderliche Freundschaft soll meine Belohnung sein«
Er wollte mit seinem Freunde reden aber dieser wies ihn an Fräulein Sophie
Bei dieser kniete er stillschweigend und endlich sprach der edle Mann
»Gnädiges Fräulein mein Herz ist in Verehrung der Tugend geboren wie war es
möglich eine vortreffliche Seele wie die Ihrige mit allen äußerlichen
Annehmlichkeiten begleitet zu sehen ohne dass meine Empfindungen lebhaft genug
wurden Wünsche zu machen Ich hätte diese Wünsche erstickt aber die treue
Freundschaft Ihres Bruders hat mir Mut gegeben um Ihre Zuneigung zu bitten Sie
haben mich nicht verworfen Gott belohne Ihr liebreiches Herz und lasse mich die
Tugend niemals verlieren die mir Ihre Achtung erworben hat«
Fräulein Sophie antwortete nur mit einer Verbeugung und reichte ihm die Hand
mit dem Zeichen aufzustehen darauf näherte sich der Baron und führte beide an
seinen Händen zu seiner Frau Mutter
»Gnädige Mama« sagte er »die Natur hat Ihnen an mir einen Sohn gegeben
von welchem Sie auf das vollkommenste geehrt und geliebt werden das Schicksal
gibt Ihnen an meinem Freunde einen zweiten Sohn der aller Ihrer Achtung und
Güte würdig ist Sie haben oft gewünscht dass unsre Sophie glücklich sein
möge Ihre Verbindung mit dem geistvollen rechtschaffenen Mann wird diesen
mütterlichen Wunsch erfüllen Legen Sie Ihre Hand auf die Hände Ihrer Kinder
ich weiß dass der mütterliche Segen ihren Herzen heilig und schätzbar ist«
Die Dame legte ihre Hand auf und sagte »Meine Kinder wenn euch Gott so
viel Gutes und Vergnügen schenkt als ich von ihm für euch erbitten werde so
wird euch nichts mangeln« Und nun umarmte der Baron den Obersten als seinen
Bruder und auch die glückliche Braut welcher er für die Gesinnungen die sie
gegen seinen Freund bezeugt hatte zärtlich dankte Der Oberste speiste mit
ihnen Fräulein Charlotte kam nicht zur Tafel Die Trauung geschah ohne vieles
Gepränge Etliche Tage nach der Hochzeit schrieb
Frau von Sternheim an ihre Frau Mutter
Da mich das schlimme Wetter und eine kleine Unpässlichkeit abhalten meiner
gnädigen Mama selbst aufzuwarten so will ich doch meinem Herzen das edle
Vergnügen nicht versagen mich schriftlich mit Ihnen zu unterhalten
Die Gesellschaft meines teuren Gemahls und die Überdenkung der Pflichten
welche mir in dem neuen Kreise meines Lebens angewiesen sind halten mich in
Wahrheit für alle andre Zeitvertreibe und Vergnügungen schadlos aber sie
erneuern auch mit Lebhaftigkeit alle übrigen edlen Empfindungen die mein Herz
jemals genährt hat Unter diese gehört auch die dankvolle Liebe welche Ihre
Güte seit so vielen Jahren von mir verdient hat da ich in Ihrer vortrefflichen
Seele alle treue und zärtliche Sorgfalt gefunden habe die ich nur immer von
meiner wahren Mutter hätte genießen können Und doch muss ich bekennen dass Ihre
gnädige Einwilligung in mein Bündnis mit Sternheim die größte Wohltat ist die
Sie mir erzeigt haben Dadurch ist das ganze Glück meines Lebens befestiget
worden welches ich in nichts anderm suche noch erkenne als in Umständen zu
sein worin man nach seinem eignen Charakter und nach seinen Neigungen leben
kann Dieses war mein Wunsch und diesen hab ich von der Vorsehung erhalten
Einen nach seinem Geist und Herzen aller meiner Verehrung würdigen Mann und
mittelmässiges aber unabhängiges Vermögen dessen Größe und Ertrag hinreichend
ist unser Haus in einer edlen Genügsamkeit und standesgemäss zu erhalten dabei
aber auch unsern Herzen die Freude gibt viele Familien des arbeitsamen
Landmanns durch Hilfe zu erquicken oder durch kleine Gaben aufzumuntern
Erlauben Sie dass ich eine Unterredung wiederhole welche der teure Mann mit
mir gehalten dessen Namen ich trage
Nachdem meine gnädige Mama mein Bruder meine Schwester und meine
Schwägerin abgereiset waren empfand ich sozusagen das erstemal die ganze
Wichtigkeit meiner Verbindung
Die Veränderung meines Namens zeigte mir zugleich die Veränderung meiner
Pflichten die ich alle in einer Reihe vor mir sah Diese Betrachtungen welche
meine ganze Seele beschäftigten wurden denke ich durch die äußerlichen
Gegenstände lebhafter Ein anderer Wohnplatz alle mit denen ich von Jugend auf
gelebt von mir entfernt die erste Bewegung über ihre Abreise usw
Alles dieses gab mir ich weiß nicht welch ein ernsthaftes Ansehen das dem
Auge meines Gemahls merklich wurde
Er kam mit dem Ausdruck einer sanften Freudigkeit in seinem Gesichte zu mir
in mein Kabinett wo ich gedankenvoll saß blieb in der Mitte des Zimmers
stehen betrachtete mich mit zärtlicher Unruhe und sagte
»Sie sind nachdenklich liebste Gemahlin darf ich Sie stören«
Ich konnte nicht antworten reichte ihm aber meine Hand Er küsste sie und
nachdem er sich einen Stuhl zu mir gerückt hatte fing er an
»Ich verehre Ihre ganze Familie doch muss ich sagen dass mir der Tag lieb
ist wo alle Gesinnungen meines Herzens allein meiner Gemahlin gewidmet sein
können Gönnen Sie mir Ihr Vertrauen so wie Sie mir Ihre Hochachtung geschenkt
haben und glauben Sie dass Sie mit dem Mann den Sie andern so edelmütig
vorgezogen haben nicht unglücklich sein werden Ihr väterlich Haus ist nicht
weit von uns entfernt und in diesem hier wird Ihr wohlgesinntes Herz sein
Vergnügen finden mich meine und Ihre Bediente meine und Ihre Untertanen
glücklich zu machen Ich weiß dass Sie seit vielen Jahren bei Ihrer Frau Mutter
die Stelle einer Hauswirtin versehen haben Ich werde Sie bitten dieses Amt
mit allem was dazu gehört auch in diesem Hause zu führen Sie werden mich
dadurch sehr verbinden indem ich gesinnt bin alle meine Musse für das Beste
unsrer kleinen Herrschaft zu verwenden Ich setze dieses nicht allein darin
Güte und Gerechtigkeit auszuüben sondern auch in der Untersuchung ob nicht die
Umstände meiner Untertanen in andrer Austeilung der Güter in Besorgung der
Schulen des Feldbaues und der Viehzucht zu verbessern seien Ich habe mir von
allen diesen Teilen einige Kenntnis erworben denn in dem glücklichen
Mittelstande der menschlichen Gesellschaft worin ich geboren wurde sieht man
die Anbauung des Geistes und die Ausübung der meisten Tugenden nicht nur als
Pflichten sondern auch als den Grund unsers Wohlergehens an und ich werde mich
dieser Vorteile allezeit dankbarlich erinnern weil ich Ihnen das unschätzbare
Glück Ihrer Liebe schuldig bin Wäre ich mit dem Rang und Vermögen geboren
worden die ich jetzt besitze so wäre vielleicht mein Eifer mir einen Namen zu
machen nicht so groß gewesen Was ich aber in dem Schicksal meiner verflossnen
Jahre am meisten liebe ist der Vater den es mir gab weil ich gewiss in andern
Umständen keinen so treuen und weisen Führer meiner Jugend gehabt hätte als er
für mich war Er verbarg mir aus weiser Überlegung und Kenntnis meines Gemüts
vielleicht des ganzen menschlichen Herzens überhaupt den größten Teil seines
Reichtums einmal um der Nachlässigkeit vorzubeugen mit welcher einzige und
reiche Söhne den Wissenschaften obliegen und dann die Verführung zu vermeiden
denen diese Art junger Leute ausgesetzt ist und weil er dachte wann ich einmal
die Kräfte meiner Seele für mich und andere wohl zu gebrauchen gelernt hätte
so würde ich einst auch von den Glücksgütern einen klugen und edelen Gebrauch zu
machen wissen Daher suchte mich mein Vater zuerst durch Tugend und Kenntnisse
moralisch gut und glücklich zu machen ehe er mir die Mittel in die Hände gab
durch welche man alle Gattungen von sinnlichem Wohlstand und Vergnügen für sich
und andre erlangen und austeilen kann Die Liebe und Übung der Tugend und der
Wissenschaften sagte er geben ihrem Besitzer eine von Schicksal und Menschen
unabhängige Glückseligkeit und machen ihn zugleich durch das Beispiel das seine
edle und gute Handlungen geben durch den Nutzen und das Vergnügen das sein Rat
und Umgang schaffen zu einem moralischen Wohltäter an seinen Nebenmenschen
Durch solche Grundsätze und eine darauf gegründete Erziehung machte er mich zu
einem würdigen Freund Ihres Bruders und wie ich mir schmeichle zu dem nicht
unwürdigen Besitzer Ihres Herzens Die Hälfte meines Lebens ist vorbei Gott sei
Dank dass sie weder mit sonderbaren Unglücksfällen noch Vergehungen wider meine
Pflichten bezeichnet ist Der gesegnete Augenblick wo das edle gütige Herz
der Sophie P zu meinem Besten gerührt war ist der Zeitpunkt in welchem der
Plan für das wahre Glück meiner übrigen Tage vollführt wurde Zärtliche
Dankbarkeit und Verehrung wird die stete Gesinnung meiner Seele für Sie sein«
Hier hielt er inne küsste meine beiden Hände und bat mich um Vergebung dass
er so viel geredet hätte
Ich konnte nichts anders als ihn versichern dass ich mit Vergnügen zugehört
und ihn bäte fortzufahren weil ich glaubte er hätte mir noch mehr zu sagen
»Ich möchte Sie nicht gerne ermüden liebste Gemahlin aber ich wünsche dass
Sie mein ganzes Herz sehen könnten Ich will also weil Sie es zu wünschen
scheinen nur noch einige Punkte berühren
Ich habe mir angewöhnt in allen Stücken die ich in Erlernung der
Wissenschaften oder in meinen MilitärDiensten zu ersteigen hatte mich
sorgfältig nach allen Pflichten umzusehen die ich darin in Absicht auf mich
selbst meine Obern und die übrigen zu erfüllen verbunden war Nach dieser
Kenntnis teilte ich meine Aufmerksamkeit und meine Zeit ab Mein Ehrgeiz trieb
mich alles was ich zu tun schuldig war ohne Aufschub und auf das
Vollkommenste zu verrichten War es geschehen so dachte ich auch an die
Vergnügungen die meiner Gemütsart die gemässesten waren Gleiche Überlegungen
habe ich über meine itzigen Umstände gemacht und da finde ich mich mit
vierfachen Pflichten beladen Die erste gegen meine liebenswürdige Gemahlin
welche mir leicht ist weil immer mein ganzes Herz zu ihrer Ausübung bereit sein
wird Die zwote gegen Ihre Familie und den übrigen Adel denen ich ohne
jemals schmeichlerisch und unterwürfig zu sein durch alle meine Handlungen den
Beweis zu geben suchen werde dass ich der Hand von Sophien P und der Aufnahme
in die freiherrliche Klasse nicht unwürdig war Die dritte Pflicht geht die
Personen von demjenigen Stande an aus welchem ich herausgezogen bin Diese will
ich niemals zu denken veranlassen dass ich meinen Ursprung vergessen habe Sie
sollen weder Stolz noch niederträchtige Demut bei mir sehen Viertens treten die
Pflichten gegen meine Untergebene ein für deren Bestes ich auf alle Weise
sorgen werde um ihrem Herzen die Unterwürfigkeit in welche sie das Schicksal
gesetzt hat nicht nur erträglich sondern angenehm zu machen und mich so zu
bezeugen dass sie mir den Unterschied welchen zeitliches Glück zwischen mir und
ihnen gemacht hat gerne gönnen sollen
Der rechtschaffene Pfarrer in P will mir einen wackeren jungen Mann zum
Seelsorger in meinem Kirchspiele schaffen mit welchem ich gar gerne einen schon
lang gemachten Wunsch für einige Abänderungen in der gewöhnlichen Art das Volk
zu unterrichten veranstalten möchte Ich habe mich gründlich von der Güte und
dem Nutzen der großen Wahrheiten unsrer Religion überzeugt aber die wenige
Wirkung die ihr Vortrag auf die Herzen der größten Anzahl der Zuhörer macht
gab mir eher einen Zweifel in die Lehrart als den Gedanken ein dass das
menschliche Herz durchaus so sehr zum Bösen geneigt sei als manche glauben Wie
oft kam ich von Anhörung der Kanzelrede eines berühmten Mannes zurück und wenn
ich dem moralischen Nutzen nachdachte den ich daraus gezogen und dem welchen
der gemeine Mann darin gefunden haben könnte so fand ich in Wahrheit viel
Leeres für den letztern dabei und derjenige Teil welchen der Prediger dem
Ruhme der Gelehrsamkeit oder dem ausführlichen aber nicht allzuverständlichen
Vortrag mancher spekulativer Sätze gewidmet hatte war für die Besserung der
meisten verloren und das gewiss nicht aus bösem Willen der letztern
Denn wenn ich der von Jugend auf meine Verstandskräfte geübt hatte und mit
abstrakten Ideen bekannt war Mühe hatte nützliche Anwendungen davon zu machen
wie sollte der Handwerksmann und seine Kinder damit zurechte kommen Da ich nun
weit von dem unfreundlichen Stolz entfernt bin der unter Personen von Glück und
Rang den Satz erdacht hat man müsse dem gemeinen Mann weder aufgeklärte
Religionsbegriffe geben noch seinen Verstand erweitern so wünsche ich dass mein
Pfarrer aus wahrer Güte gegen seinen Nächsten und aus Empfindung des ganzen
Umfangs seiner Obliegenheiten zuerst bedacht wäre seiner anvertrauten Gemeinde
das Maß von Erkenntnis beizubringen welches ihnen zu freudiger und eifriger
Erfüllung ihrer Pflichten gegen Gott ihre Obrigkeit ihren Nächsten und sich
selbst nötig ist Der geringe Mann ist mit der nämlichen Begierde zu Glück und
Vergnügen geboren wie der größere und wird wie dieser von den Begierden oft
auf Abwege geführt Daher möchte ich ihnen auch richtige Begriffe von Glück und
Vergnügen geben lassen Den Weg zu ihren Herzen glaube ich könne man am
ehesten durch Betrachtungen über die physikalische Welt finden von der sie am
ersten gerührt werden weil jeder Blick ihrer Augen jeder Schritt ihrer Füße
sie dahin leitet Wären erst ihre Herzen durch Erkenntnis der wohltätigen Hand
ihres Schöpfers geöffnet und durch historische Vergleichungen von ihrem
Wohnplatz und ihren Umständen mit dem Aufenthalt und den Umständen andrer
Menschen die ebenso wie sie Geschöpfe Gottes sind zufriedengestellt so
zeigte man ihnen auch die moralische Seite der Welt und die Verbindlichkeiten
welche sie darin zu einem ruhigen Leben für sich selbst zum Besten der Ihrigen
und zur Versicherung eines ewigen Wohlstands zu erfüllen haben Wenn mein
Pfarrer nur mit dem guten Bezeugen der letzten Lebenstage seiner Pfarrkinder
zufrieden ist so werde ich sehr unzufrieden mit ihm sein Und wenn er die
Besserung der Gemüter nur durch sogenannte Gesetz und Strafpredigten erhalten
will ohne den Verstand zu öffnen und zu überzeugen so wird er auch nicht mein
Pfarrer sein Wenn er aufmerksamer auf den Fleiß im Kirchengehen ist als auf
die Handlungen des täglichen Lebens so werde ich ihn für keinen wahren
Menschenfreund und für keinen guten Seelsorger wahren Menschenfreund und für
keinen guten Seelsorger halten
Auf die Schule der guten Einrichtung derselben und die angemessene Belohnung
des Schulmeisters werde ich alle Sorge tragen mit der nötigen Nachsicht
verbunden welche die Schwachheit des kindlichen Alters erfordert Es soll darin
ein doppelter Katechismus gelehrt werden nämlich von den Christenpflichten wie
er eingeführt ist und bei jedem Hauptstück eine deutliche einfache Anwendung
dieser Grundsätze auf ihr tägliches Leben und dann ein Katechismus von
gründlicher Kenntnis des Feld und Gartenbaues der Viehzucht der Besorgung der
Gehölze und Waldungen und dergleichen als Pflichten des Berufs und der
Wohltätigkeit gegen die Nachkommenschaft Überhaupt wünsche ich meine
Untertanen erst gut gegen ihren Nächsten zu sehen ehe sie einen Anspruch an das
Lob der Frömmigkeit machen
Dem Beamten den ich hier angetroffen werde ich seinen Gehalt und die
Besorgung der Rechnung lassen aber zur Justizverwaltung und Aufsicht auf die
Befolgung der Gesetze und auf Polizei und Arbeitsamkeit werde ich den wackeren
jungen Mann gebrauchen dessen Bekanntschaft ich in P gemacht habe Diesem und
mir selbst will ich suchen das Vertrauen meiner Untertanen zu erwerben um
alle ihre Umstände zu erfahren und als wahrer Vater und Vormünder ihre
Angelegenheiten besorgen zu können Guter Rat freundliche Ermahnung auf
Besserung nicht auf Unterdrückung abzielende Strafen sollen die Hilfsmittel
dazu sein und mein Herz müsste sich in seiner liebreichen Hoffnung sehr traurig
betrogen finden wenn die sorgfältige Ausübung der Pflichten des Herrn auf
meiner und eine gleiche Bemühung des Pfarrers und der Beamten auf ihrer Seite
nebst dem Beispiel der Güte und Wohltätigkeit nicht einen heilsamen Einfluss auf
die Gemüter meiner Untergebenen hätte«
Hier hörte er auf und bat mich um Vergebung so viel und so lange geredt zu
haben
»Sie müssen müde worden sein teure Sophie« sagte er indem er einen seiner
Arme um mich schlang
Was blieb mir in der vollen Regung meines Herzens übrig zu tun als ihn mit
Freudentränen zu umarmen
»Müde mein liebster Gemahl Wie könnte ich müde werden über die glückliche
Aussicht in meine künftigen Tage die von Ihrer Tugend und Menschenliebe
bezeichnet sein werden«
Geliebte Frau Mutter wie gesegnet ist mein Los Gott erhalte Sie noch
lange um ein Zeuge davon zu sein
Niemand war glücklicher als Sternheim und seine Gemahlin deren Fußstapfen von
ihren Untertanen verehrt wurden Gerechtigkeit und Wohltätigkeit wurde in dem
kleinen Umkreis ihrer Herrschaft in gleichem Masse ausgeübt Alle Proben von
LandbauVerbesserung wurden auf herrschaftlichen Gütern zuerst gemacht alsdann
den Untertanen gelehrt und dem Armen der sich am ersten willig zur Veränderung
zeigte der nötige Aufwand umsonst dazu gereicht weil Herr von Sternheim wohl
einsah dass der Landmann auch das Nützlichste wenn es Geldauslagen und die
Missung eines Stücks Erdreichs erforderte ohne solche Aufmunterungen niemals
eingehen werde Aber was ich ihnen anfangs gebe sagte er trägt mir mit der
Zeit der vermehrte Zehnte ein und die guten Leute werden durch die Erfahrung am
besten überzeugt dass es wohl mit ihnen gemeint war
Ich kann nicht umhin ungeachtet es mich von dem Hauptgegenstand meiner
Erzählung noch weiter entfernt Ihnen zu einer Probe der gemeinnützlichen und
wohltätigen Veranstaltungen in deren Erfindung und Ausführung dieses
vortreffliche Paar einen Teil seiner Glückseligkeit setzte einige Nachricht von
dem Armenhause zu S zu geben welches nach meinem Begriff ein Muster guter
Einrichtung ist und ich kann es nicht besser tun als indem ich Ihnen einen
Auszug eines Schreibens des Baron von P an seine Frau Mutter über diesen
Gegenstand mitteile
Wie getreu erfüllt mein Freund das Versprechen welches ich Ihnen für das Glück
unsrer Sophie gemacht habe Wie angenehm ist der Eintritt in dieses Haus
worin die edelste Einfalt und ungezwungenste Ordnung der ganzen Einrichtung ein
Ansehen der Größe geben Die Bedienten mit freudiger Ehrerbietung und Emsigkeit
auf Ausübung ihrer Pflichten bedacht Der Herr und die Frau mit dem Ausdruck
der Glückseligkeit die aus Güte und Klugheit entspringt beide mich für meine
entschlossene Verwendung für ihr Bündnis segnend Und wie sehr unterscheiden
sich die zwei kleinen Dörfer meines Bruders von allen größeren und volkreichern
die ich bei meiner zurückreise von Hofe gesehen habe Beide gleichen durch die
muntere und emsige Arbeitsamkeit ihrer Einwohner zween wohlangelegten
Bienenstöcken und Sternheim ist reichlich für die Mühe belohnt die er sich
gegeben eine schicklichere Einteilung der Güter zu machen durch welche jeder
von den Untertanen just so viel bekommen hat als er Kräfte und Vermögen haue
anzubauen Aber die Verwendung des neu erkauften Hofguts von dem Grafen A
welches gerade zwischen den zweien Dörfern liegt dies wird ein segensvoller
Gedanke in der Ausführung sein
Es ist zu einem Armenhause für seine Untertanen zugerichtet worden Auf
einer Seite unten die Wohnung für einen wackeren Schulmeister der zu alt
geworden dem Unterricht der Kinder noch nützlich vorzustehen und nun zum
Oberaufseher über Ordnung und Arbeit bestellt wird oben die Wohnung des Arztes
welcher für die Kranken des Armenhauses und der beiden Dörfer sorgen muss
Arbeiten sollen alle nach Kräften zur Sommerszeit in einer nahe daran
angelegten Sämerei und einem dazu gehörigen Gemüsgarten Beider Ertrag ist für
die Armen bestimmt An Regen und Wintertagen sollen die Weibsleute Flachs und
die dazu taugliche Männer Wolle spinnen welche auch für ihr und anderer
Notleidenden Leinen und Kleidung verwandt wird Sie bekommen gut gekochtes
gesundes Essen Der Hausmeister betet morgens und abends mit ihnen Die
Weibspersonen arbeiten in einer und die Mannspersonen in der andern Stube
welche beide durch einen Ofen erwärmt werden In der von den Weiblseuten isst
man denn weil diese den Tisch decken und für die Näharbeit und die Wäsche
sorgen müssen so ist ihre Stube größer Diejenige arme Witwe oder alte ledige
Weibsperson welche das beste Zeugnis von Fleiß und gutem Wandel in den Dörfern
hatte wird Oberaufseherin und Anordnerin so wie es der arme Mann der ein
solches Zeugnis hat unter den Männern ist Zu ihrem Schlafplatz ist der obere
Teil des Hauses in zween verschiedene Gänge durch eine volle Mauer geteilt auf
deren jedem fünf Zimmer sind jedes mit zween Betten und allen Notdürftigkeiten
für jedes insbesondere auf einer Seite gegen den Garten die Männer und auf
der gegen das Dorf die Weiber je zwei in einem Gemach damit wenn einem was
zustösst das andere Hilfe leisten oder suchen kann Von der Mitte des Fensters
an geht eine hölzerne Schiedwand von der Decke bis auf den Boden etliche Schuh
lang über die Länge der Bettstellen so dass beide auf eine gewisse Art allein
sein können und auch wenn eines krank wird das andre seinen Teil gesunde Luft
besser erhalten kann Auf diese zween Gänge führen zwo verschiedene Stiegen
damit keine Unordnung entstehen möge
Unter dem guten Hausmeister stehen auch die Knechte die den Bau des
Feldguts besorgen müssen und da ihnen ein besserer Lohn als sonstwo bestimmt
ist so nimmt man auch die besten und des Feldbaues verständigsten Arbeiter
wobei zugleich auf solche die einen guten Ruf haben vorzüglich gesehen wird
Fremden Armen soll ein mässiges Almosen abgereicht und dabei Arbeit angeboten
werden wofür sie Taglohn bekommen und eine Stunde früher aufhören dürfen um
das nächste fremde Dorf so fünfviertel Stunden davon liegt noch bei Tag
erreichen zu können Sternheim hat auf seine Kosten einen schnurgeraden Weg mit
Bäumen umpflanzt dahin machen lassen so wie er auch von dem einen seiner Dörfer
zum andern getan hat Nachts müssen die bestellten Wächter der beiden
Ortschaften wechselsweise bis ans Armenhaus gehen und die Stunden ausrufen
Meine Schwester will ein klein Findelhaus für arme Waisen dabei stiften um
Segen für das Kind zu sammeln welches sie unter ihrem liebreichen wohltätigen
Herzen trägt Mein Gedanke gnädige Mama ist in meiner größeren und
weitläuftigern Herrschaft auch eine solche Armenanstalt zu machen und womöglich
mehrere Edelleute ein gleiches zu tun zu überreden
Fremde und einheimische Bettler bekommen bei keinem Bauern nichts Diese
geben bloß nach Vermögen und freiem Willen nach jeder Ernte ein Almosen in das
Haus und so werden alle Armen menschlich und ohne Missbrauch der Wohltäter
versorgt Auf Säufer Spieler Ruchlose und Müßiggänger ist eine Strafe teils an
Fronarbeit teils an Geld gelegt welches zum Nutzen des Armenhauses bestimmt
ist Künftigen Monat werden vier Manns und fünf Weibspersonen das Haus
beziehen meine Schwester fährt alle Tage hin um die völlige Einrichtung zu
machen In der Sonntagspredigt wird der Pfarrer über die Materie von wahrem
Almosen und von würdigen Armen eine Rede halten und der ganzen Gemeinde die
Stiftung und die Pflichten derer welche darin aufgenommen werden vorlesen
Sodann ruft er die Angenommene mit ihrem Namen vor den Altar und redt ihnen
insbesondere zu über die rechte Anwendung dieser Wohltat und ihr Verhalten in
den letzten Tagen ihres Lebens gegen Gott und ihren Nächsten dem Hausmeister
dem Arzt und der Hausmeisterin desgleichen über ihre obliegenden Pflichten Zu
diesem Vorgang werden wir alle von P aus kommen ich bins gewiss
Der benachbarte Adel ehrte und liebte den Obersten Sternheim so sehr dass man
ihn bat auf einige Zeit junge Edelleute in sein Haus zu nehmen welche von
ihren Reisen zurückgekommen waren und nun vermählt werden sollten um den Stamm
fortzuführen Da wollte man sie die wahre Landwirtschaft eines Edelmanns
einsehen und lernen lassen Unter diesen war der junge Graf Löbau welcher in
diesem Hause die Gelegenheit hatte das endlich ruhig gewordene Fräulein
Charlotte P kennenzulernen und sich mit ihr zu verbinden
Herr von Sternheim nahm die edle Beschäftigung diesen jungen Herren
richtige Begriffe von der Regierung der Untertanen zu geben recht gerne auf
sich Seine Menschenliebe erleichterte ihm diese Mühe durch den Gedanken
vielleicht gebe ich ihnen den so nötigen Teil von Mitleiden gegen Geringe und
Unglückliche deren hartes und mühseliges Leben durch die Unbarmherzigkeit und
den Stolz der Großen so oft erschwert und verbittert wird Überzeugt dass das
Beispiel mehr würkt als weitläuftige Gespräche nahm er seine junge Leute
überall mit sich und wie es der Anlass erforderte handelte er vor ihnen Er
machte ihnen die Ursachen begreiflich warum er dieses verordnet jenes
verboten oder diese oder jene andere Entscheidung gegeben und je nach der
Kenntnis die er von den Gütern eines jeden hatte fügte er kleine Anwendungen
für sie selbst hinzu Sie waren Zeugen von allen seinen Beschäftigungen und
nahmen Anteil an seinen Ergötzlichkeiten bei Gelegenheit der letztern bat er
sie oft inständig die ihrigen ja niemals auf Unkosten ihrer armen Untertanen zu
suchen wozu vornehmlich die Jagd einen großen Anlass gebe Er nannte sie ein
anständiges Vergnügen welches aber ein liebreicher menschlicher Herr allezeit
mit dem Besten seiner Untertanen zu verbinden suche Auch die Liebe zum Lesen
war eine von den Neigungen die er ihnen zu geben suchte und besonders gab ihm
die Geschichte Gelegenheit von der moralischen Welt ihren Übeln und
Veränderungen zu reden die Pflichten der Hof und Kriegsdienste auszulegen und
ihren Geist in der Überlegung und Beurteilung zu üben Die Geschichte der
moralischen Welt sagte er macht uns geschickt mit den Menschen umzugehen sie
zu bessern zu tragen und mit unserm Schicksal zufrieden zu sein aber die
Beobachtung der physikalischen Welt macht uns zu guten Geschöpfen in Absicht
auf unsern Urheber Indem sie uns unsre Unmacht zeigt hingegen seine Größe
Güte und Weisheit bewundern lehrt lernen wir ihn auf eine edle Art lieben und
verehren außer dem dass uns diese Betrachtungen sehr glücklich über mancherlei
Kummer und Verdrießlichkeiten trösten und zerstreuen die in der moralischen Welt
über dem Haupte des Großen und Reichen oft in größerer Menge gehäuft sind als in
der Hütte des Bauern den nicht viel mehr Sorgen als die für seine Nahrung
drücken
So wechselte er mit Unterredungen und Beispiel ab In seinem Hause sahen
sie wie glücklich die Vereinigung eines rechtschaffenen Mannes mit einer
tugendhaften Frau sei Zärtliche edle Achtung war in ihrem Bezeugen und die
Dienerschaft ehrfurchtsvoll und bereit ihr Leben für die ebenso gnädige als
ernstliche Herrschaft zu lassen
Sternheim hatte auch die Freude dass alle diese junge Herren erkenntliche
und ergebene Freunde von ihm wurden welche in ihrem Briefwechsel sich immer bei
ihm Rats erholten Der Umgang mit dem verehrungswürdigen Baron P der ihnen
öfters kleine Feste gab hatte viel zu ihrer Vollkommenheit beigetragen
Seine Gemahlin hatte ihm eine Tochter gegeben welche sehr artig heranwuchs
und von ihrem neunten Jahr an da Sternheim das Unglück hatte ihre Mutter in
einem Wochenbette zugleich mit dem neugebornen Sohne zu verlieren der Trost
ihres Vaters und seine einzige Freude auf Erden war nachdem auch der Baron P
durch einen Sturz vom Pferde in so schlechte Gesundheitsumstände geraten dass er
wenige Monate darauf ohne Erben verstorben war Dieser hatte in seinem
Testamente nicht nur seine vortreffliche Frau wohl bedacht sondern nach den
Landsrechten die Gräfin von Löbau seine jüngere Schwester und die junge Sophie
von Sternheim als die Tochter der älteren Schwester zu Haupterben eingesetzt
welches zwar dem Grafen und der Gräfin als unrecht vorkam aber dennoch Bestand
hatte
Die alte Frau von P von Kummer über den frühen Tod ihres Sohnes beinahe
ganz niedergedrückt nahm ihren Wohnplatz bei dem Herrn von Sternheim und diente
dem jungen Fräulein zur Aufsicht Der Oberste machte ihr durch seine
ehrerbietige Liebe und sein Beispiel der geduldigsten Unterwerfung viele
Erleichterung in ihrem Gemüte Der edeldenkende Pfarrer und seine Töchter waren
beinahe die einzige Gesellschaft in welcher sie Vergnügen fanden Gleichwohl
genoss das Fräulein von Sternheim die vortrefflichste Erziehung für ihren Geist
und für ihr Herz Eine Tochter des Pfarrers die mit ihr gleiches Alter hatte
wurde ihr zugegeben teils einen Wetteifer im Lernen zu erregen teils zu
verhindern dass die junge Dame nicht in ihrer ersten Jugend lauter düstere
Eindrücke sammeln möchte welches bei ihrer Großmutter und ihrem Vater leicht
hätte geschehen können Denn beide weinten oft über ihren Verlust und dann
führte Herr von Sternheim das zwölfjährige Fräulein bei der Hand zu dem Bildnis
ihrer Mutter und sprach von ihrer Tugend und Güte des Herzens mit solcher
Rührung dass das junge Fräulein kniend bei ihm schluchzte und oft zu sterben
wünschte um bei ihrer Frau Mutter zu sein Dieses machte den Obersten fürchten
dass ihre empfindungsvolle Seele einen zu starken Hang zu melancholischer
Zärtlichkeit bekommen und durch eine allzusehr vermehrte Reizbarkeit der Nerven
unfähig werden möchte Schmerzen und Kummer zu ertragen Daher suchte er sich
selbst zu bemeistern und seiner Tochter zu zeigen wie man das Unglück tragen
müsse welches die Besten am empfindlichsten rührt und weil das Fräulein eine
große Anlage von Verstand zeigte beschäftigte er diesen mit der Philosophie
nach allen ihren Teilen mit der Geschichte und den Sprachen von denen sie die
englische zur Vollkommenheit lernte In der Musik brachte sie es auf der Laute
und im Singen zur Vollkommenheit Das Tanzen soviel eine Dame davon wissen
soll war eine Kunst welche eher von ihr eine Vollkommenheit erhielt als dass
sie dem Fräulein welche hätte geben sollen denn nach dem Ausspruch aller Leute
gab die unbeschreibliche Anmut welche die junge Dame in allen ihren Bewegungen
hatte ihrem Tanzen einen Vorzug den der höchste Grad der Kunst nicht erreichen
konnte
Neben diesen täglichen Übungen erlernte sie mit ungemeiner Leichtigkeit
alle Frauenzimmerarbeiten und von ihrem sechszehnten Jahre an bekam sie auch
die Führung des ganzen Hauses wobei ihr die Tagund Rechnungsbücher ihrer Frau
Mutter zum Muster gegeben wurden Angeborne Liebe zur Ordnung und zum tätigen
Leben erhöht durch eine entusiastische Anhänglichkeit für das Andenken ihrer
Mutter deren Bild sie in sich erneuern wollte brachten sie auch in diesem
Stücke zu der äußersten Vollkommenheit Wenn man ihr von ihrem Fleiß und von
ihren Kenntnissen sprach war ihre bescheidene Antwort willige Fähigkeiten
gute Beispiele und liebreiche Anführungen haben mich so gut gemacht als tausend
andre auch sein könnten wenn sich alle Umstände so zu ihrem Besten vereinigt
hätten wie bei mir
Übrigens war zu allem was Engländisch hieß ein vorzüglicher Hang in ihrer
Seele und ihr einziger Wunsch war dass ihr Herr Vater einmal eine Reise dahin
machen und sie den Verwandten ihrer Großmutter zeigen möchte
So blühte das Fräulein von Sternheim bis nach ihrem neunzehnten Jahre fort
da sie das Unglück hatte ihren würdigen Vater an einer auszehrenden Krankheit
zu verlieren der mit kummervollem Herzen seine Tochter dem Grafen Löbau und dem
vortrefflichen Pfarrer in S als Vormündern empfahl An den letztern hat er
einige Wochen vor seinem Tode folgenden Brief geschrieben
Herr von St an den Pfarrer zu S
Bald werde ich mit der besten Hälfte meines Lebens wieder vereinigt werden Mein
Haus und die Glücksumstände meiner Sophie sind bestellt dies war das Letzte und
Geringste was mir für sie zu tun übrig geblieben ist Ihre gute und gesegnete
Erziehung als die erste und wichtigste Pflicht eines treuen Vaters habe ich
nach dem Zeugnis meines Herzens niemals verabsäumt Ihre mit der Liebe zur
Tugend geborene Seele lässt mich auch nicht befürchten dass Sie in meine Stelle
eintretender väterlicher Freund den Sorgen und Verdrießlichkeiten ausgesetzt
sein werden welche gemeindenkende Mädchen in ihren Familien machen Besonders
wird die Liebe bei aller der Zärtlichkeit die sie von ihrer würdigen Mutter
geerbt hat wenig Gewalt über sie erhalten es müsste denn sein dass das
Schicksal einen nach ihrer Phantasie tugendhaften Mann1 in die Gegend ihres
Aufenthalts führte Was ich Sie mein teurer Freund zu besorgen bitte ist dass
das edeldenkende Herz des besten Mädchens durch keine Scheintugend hingerissen
werde Sie fasst das Gute an ihrem Nebenmenschen mit so vielem Eifer auf und
schlüpft dann über die Mängel mit so vieler Nachsicht hinweg dass ich nur
darüber mit Schmerzen auf sie sehe Unglücklich wird keine menschliche Seele
durch sie gemacht werden denn ich weiß dass sie dem Wohl ihres Nächsten
tausendmal das ihrige aufopfern würde ehe sie nur ein minutenlanges Übel auf
andre legte wenn sie auch das Glück ihres ganzen eignen Lebens damit erkaufen
könnte Aber da sie lauter Empfindung ist so haben viele viele die elende
Macht sie zu kränken Ich habe bis jetzt meine Furcht vor dem Gemütscharakter
der Gräfin Löbau geheimgehalten aber der Gedanke meine Sophie bei ihr zu
wissen macht mich schaudern die äußerliche Sanftmut und Güte dieser Frau sind
nicht in ihrem Herzen der bezaubernd angenehme Witz der feine gefällige Ton
den ihr der Hof gegeben verbergen viele moralische Fehler Ich wollte meiner
Tochter niemals Misstrauen in diese Dame beibringen weil ich es für unedel und
auch solang ich meiner Gesundheit genoss für unnötig hielt Aber wenn meine
teure Frau Schwiegermutter auch unter der Last von Alter und Kummer erliegen
sollte so nehmen Sie meine Sophie in Ihren Schutz Gott wird Ihnen diese Sorge
erleichtern helfen indem ich hoffe dass er das letzte Gebet eines Vaters
erhören wird der für sein Kind nicht Reichtum nicht Größe sondern Tugend und
Weisheit erbittet Vorsehen und verhindern kann ich nichts mehr Also übergebe
ich sie der göttlichen Güte und der treuen Hand eines versuchten Freundes
Doch trenne ich mich leichter von der ganzen Erde als von dem Gedanken an meine
Tochter Ich erinnere mich hier an eine Unterredung zwischen uns von der Stärke
der Eindrücke die wir in unsrer Jugend bekommen Ich empfinde wirklich ein
Stück davon mit aller der Macht die die Umstände dazu beitragen Mein Vater
hatte mir zwo Sachen sehr eingeprägt nämlich die Gewissheit des
Wiedervergeltungsrechts und den Lehrsatz der Wohltätigkeit unsers Beispiels Die
Gründe welche er dazu anführte waren so edel sein Unterricht so liebreich
dass es notwendigerweise in meiner empfindlichen Seele haften musste Von dem
ersten bin ich seit langer Zeit wieder eingenommen weil er mir oft sagte dass
der Kummer oder das Vergnügen die ich ihm geben würde durch meine Kinder an
mir würde gerächt oder belohnt werden Gott sei Dank dass ich durch meine
Aufführung gegen meinen ehrwürdigen Vater den Segen verdient habe ein
gehorsames tugendvolles Kind zu besitzen welches mich an dem Ende meines
Lebens das Glück der Erinnerung genießen lässt dass ich die letzten Tage meines
Vaters mit dem vollkommensten Vergnügen gekrönt habe das ein treues väterliches
Herz empfinden kann nämlich zu sagen »Du hast mich durch keine böse Neigung
durch keinen Ungehorsam jemals gekränkt deine Liebe zur Tugend dein Fleiß
deinen Verstand zu üben und nützlich zu machen haben mein Herz so oft ich dich
ansah mit Freude erfüllt Gott segne dich dafür und belohne dein Herz für die
Erquickung die dein Anblick deinem sterbenden Vater durch die Versicherung
gibt dass ich meinen Nebenmenschen an meinem Sohn einen rechtschaffnen Mitbürger
zurücklasse« Dieses Vergnügen mein Freund fühle ich jetzt auch indem ich
meiner Tochter das nämliche Zeugnis geben kann in der ich noch eine traurige
Glückseligkeit mehr genossen habe Ich sage traurige Glückseligkeit weil sie
als das wahre Bild meiner seligen Gemahlin das Andenken meiner höchstglücklichen
Tage und den Schmerz ihres Verlusts bei jedem Anblick in mir erneuerte Wie oft
riss mich der Jammer von dem Tisch oder aus der Gesellschaft fort wenn ich in
den zwei letzten Jahren da sie den ganzen Wuchs ihrer Mutter hatte und Kleider
nach meinem Willen trug den eignen Ton der Stimme die Gebärden die ganze Güte
und liebenswürdige Fröhlichkeit ihrer Mutter an ihr sah
Gott gebe dass dieses Beispiel des Wiedervergeltungsrechts von meiner
Tochter bis auf ihre späteste Enkel fortgepflanzt werde denn ich habe ihr
ebensoviel davon gesprochen als mein Vater mir
Mit lebhafter Wehmut erinnere ich mich der letzten Stunden dieses edelen Mannes
und seiner Unterredungen während den Tagen seiner zunehmenden Krankheit Das
teure Fräulein konnte wenig weinen sie lag auf ihren Knien neben dem Bette
ihres Vaters aber der Ausdruck des tiefsten Schmerzens war in ihrem Gesicht und
in ihrer Stellung Die Augen ihres Vaters auf sie geheftet eine Hand in den
ihrigen ein Seufzer des Vaters »Meine Sophie« und dann die Arme des
Fräuleins gegen den Himmel ausgebreitet ohne einen Laut aber eine trostlose
bittende Seele in allen ihren Zügen O dieser Anblick des feierlichen
Schmerzens der kindlichen Liebe der Tugend der Unterwerfung zerriss uns allen
das Herz
»Sophie die Natur tut uns kein Unrecht sechzig Jahre sind nicht zu früh
Der Tod ist kein Übel für mich er vereinigt meinen Geist mit seinem liebreichen
Schöpfer und mein Herz mit deiner würdigen Mutter ihrem Gönne mir dieses Glück
auf Unkosten des Vergnügens das dir das längere Leben deines Vaters gegeben
hatte«
Sie überwand ihren Kummer sie selbst war es welche ihren Herrn Vater aufs
sorgfältigste und ruhigste pflegte Er sah diese Überwindung und bat sie ihm in
den letzten Tagen den Trost zu geben die Frucht seiner Bemühungen für sie in
der Fassung ihrer Seele zu zeigen Sie tat alles »Bester Vater Sie haben mich
leben gelernt Sie lernen mich auch sterben Gott mache Sie zu meinem
Schutzgeist und zum Zeugen aller meiner Handlungen und Gedanken Ich will Ihrer
würdig sein«
Wie er dahin war und sein ganzes Haus voll weinender Untertanen sein
Sterbezimmer voll kniender schluchzender Hausbedienten waren das Fräulein vor
seinem Bette die kalten Hände küssend nichts sagen konnte bald kniend bald
sich erhebend die Hände rang O meine Freundin wie leicht grub sich das
Andenken dieses Tages in mein Herz Wieviel Gutes kann eine empfindende Seele an
dem Sterbebette des Gerechten sammeln
Mein Vater sah stillschweigend zu er war selbst so stark gerührt dass er
nicht gleich reden konnte Endlich nahm er das Fräulein bei der Hand »Gott
lasse Sie die Erbin der Tugend Ihres Herrn Vaters sein zu deren Belohnung er
nun gegangen ist Erhalten Sie in diesen gerührten Herzen wobei er auf uns
wies das gesegnete Andenken Ihrer verehrungswürdigen Eltern durch die Bemühung
in ihren Fußstapfen zu wandeln«
Die alte Dame war auch da und dieser bediente sich mein Vater zum Vorwand
das Fräulein aus dem Zimmer zu bringen indem er sie bat ihre Frau Großmutter
zur Ruhe zu führen Wie das Fräulein anfing zu gehen machten wir alle Platz
Sie sah uns an und Tränen rollten über ihre Backen da drängten sich alle und
küssten ihre Hände ihre Kleider und gewiss es war nicht die Bewegung sich der
Erbin zu empfehlen sondern eine Bezeugung der Ehrfurcht für den Überrest des
besten Herrn den wir in ihr sahen
Mein Vater und der Beamte sorgten für die Beerdigung
Niemals ist ein solches Leichenbegängnis gewesen Es war vom Herrn von
Sternheim befohlen dass es nachts und ruhig sein sollte weil er seine Sophie
mit der Marter verschonen wollte ihn beisetzen zu sehen Aber die Kirche war
Voller Leute alle feierlich angezogen der Chor beleuchtet wie es die traurige
Ursache erforderte alle wollten ihren Herrn ihren Wohltäter noch sehen
Greise Jünglinge weinten segneten ihn und küssten seine Hände und Füße das
Leichentuch den Deckel des Sarges und erbaten von Gott er möchte an der
Tochter alles das Gute so ihnen der Vater bewiesen belohnen
Noch lange Zeit hernach war alles traurig zu S und das Fräulein so still
so ernstaft dass mein Vater ihrentalben in Sorgen geriet besonders da auch
die alte Dame welche gleich gesagt hatte dass ihr dieser Fall das Herz
gebrochen hätte von Tag zu Tag schwächlicher wurde Das Fräulein wartete sie
mit einer Zärtlichkeit ab welche die Dame sagen machte »Sophie die Sanftmut
die Güte deiner Mutter ist ganz in deiner Seele Du hast den Geist deines
Vaters du bist das glückseligste Geschöpf auf der Erde weil die Vorsicht die
Tugenden deiner Eltern in dir vereiniget hat Du bist nun dir selbst überlassen
und fängst den Gebrauch deiner Unabhängigkeit mit Ausübung der Wohltätigkeit an
deiner Großmutter an Denn es ist eine edlere Wohltat das Alter zu beleben und
liebreich zu besorgen als den Armen Gold zu schenken«
Sie empfahl sie auch dem Grafen und der Gräfin von Löbau auf das eifrigste
als sie von ihnen noch vor ihrem Ende einen Besuch erhielt Diese beiden
Personen waren dem Ansehen nach gegen das Fräulein sehr verbindlich und wollten
sie sogleich mit sich nehmen aber sie bat sich aus ihr Trauerjahr in unserm
Hause zu halten
In dieser Zeit bildete sich die vertraute Freundschaft welche sie in der
Folge allezeit mit meiner Schwester Emilia unterhielt Mit dieser ging sie oft
in die Kirche zum Grabstein ihrer Eltern kniete da betete redete von ihnen
»Ich habe keine Verwandten mehr als diese Gebeine« sagte sie »Die Gräfin Löbau
ist nicht meine Verwandtin ihre Seele ist mir fremde ganz fremde ich liebe
sie nur weil sie die Schwester meines Oheims war« Mein Vater suchte ihr diese
Abneigung als eine Ungerechtigkeit zu benehmen und war überhaupt bemüht alle
Teile ihrer Erziehung mit ihr zu erneuern und besonders auch ihr Talent für die
Musik zu unterhalten Er sagte uns oft Dass es gut und wahr wäre dass die
Tugenden alle an einer Kette gingen und also die Bescheidenheit auch mit dabei
sei Und was würde auch aus der Fräulein von Sternheim geworden sein wenn sie
sich aller ihrer Vorzüge in der Vollkommenheit bewusst gewesen wäre worin sie
sie besaß
Der Sternheimische Beamte ein rechtschaffener Mann heiratete um diese Zeit
meine älteste Schwester und sein Bruder ein Pfarrer der ihn besuchte nahm
meine Emilia mit sich mit dieser führte unser Fräulein einen Briefwechsel
welcher mir Gelegenheit geben wird sie künftig öfter selbst reden zu lassen
Aber vorher muss ich Ihnen noch das Bild meiner jungen Dame malen Sie müssen
aber keine vollkommene Schönheit erwarten Sie war etwas über die mittlere
Größe vortrefflich gewachsen ein länglich Gesicht voll Seele schöne braune
Augen voll Geist und Güte einen schönen Mund schöne Zähne Die Stirne hoch
und um schön zu sein etwas zu groß und doch konnte man sie in ihrem Gesichte
nicht anders wünschen Es war soviel Anmut in allen ihren Zügen soviel Edles in
ihren Gebärden dass sie wo sie nur erschien alle Blicke auf sich zog Jede
Kleidung ließ ihr schön und ich hörte Mylord Seimour sagen dass in jeder Falte
eine eigne Grazie ihren Wohnplatz hätte Die Schönheit ihrer lichtbraunen Haare
welche bis auf die Erde reichten konnte nicht übertroffen werden Ihre Stimme
war einnehmend ihre Ausdrücke fein ohne gesucht zu scheinen Kurz ihr Geist
und Charakter waren was ihr ein unnachahmlich edles und sanftreizendes Wesen
gab Denn ob sie gleich bei ihrer Kleidung die Bescheidenheit in der Wahl der
Stoffe auf das äußerste trieb so wurde sie doch hervorgesucht wenn die Menge
von Damen noch so groß gewesen wäre
So war sie als sie von ihrer Tante an den Hof nach D geführet wurde
Unter den Zubereitungen zu dieser Reise wozu sie mein Vater mit bereden
half muss ich nur eine anmerken Sie hatte die Bildnisse ihres Herrn Vaters und
ihrer Frau Mutter in Feuer gemalt und zu Armbändern gefasst welche sie niemals
von den Händen ließ Diese wollte sie umgefasst haben und es musste ein
Goldarbeiter kommen mit welchem sie sich allein beredete
Die Bildnisse kamen wieder mit Brillanten besetzt und zween Tage vor der
Abreise nahm sie meine Emilia und ging zum Grab ihrer Eltern wo sie einen
feierlichen Abschied von den geliebten Gebeinen nahm Gelübde der Tugend
erneuerte und endlich ihre Armbänder losmachte an welchen sie die Bildnisse
hatte hohl fassen lassen so dass sie mitten ein verborgenes Schloss hatten
Dieses machte sie auf und füllte den kleinen Raum mit Erde die sie in der
Gruft zusammenfasste
Tränen rollten über ihre Wangen indem sie es tat und meine Emilia sagte
»Liebes Fräulein was tun Sie Warum diese Erde« »Meine Emilie« antwortete
sie »ich tue nichts als was bei dem weisesten und edelsten Volke für eine
Tugend geachtet wurde den Stand der Rechtschaffenen zu ehren und ich glaube
es war ein empfindendes Herz wie das meinige welches in späteren Zeiten die
Achtung der Reliquien anfing Dieser Staub meine Liebe der die geheiligte
Überbleibsel meiner Eltern bedeckte ist mir schätzbarer als die ganze Welt und
wird in meiner Entfernung von hier das Liebste sein was ich besitzen kann«
Meine Schwester kam in Sorgen darüber und sagte uns es hätte sie eine
Ahndung von Unglück befallen sie fürchte das Fräulein nicht mehr zu sehen
Mein Vater beruhigte uns und dennoch wurde auch er bestürzt da er erfuhr das
Fräulein sei in den Dörfern die ihr gehörten von Haus zu Haus gegangen hätte
allen Leuten liebreich zugesprochen sie beschenkt zu Fleiß und
Rechtschaffenheit ermahnt die Almosen für Witwen Waisen Alte und Kranke
vermehrt dem Schulmeister eifrig zugeredet seine Besoldung verbessert und
Preise für die Kinder ausgesetzt meinen Schwager den Amtmann mit einer
Tabatiere und meine Schwester mit einem Ring zum Andenken beschenkt und den
ersten um wahre Güte und Gerechtigkeit für ihre Untertanen gebeten Wir weinten
alle über diese Beschreibung Mein Vater sprach uns Mut ein indem er sagte
Alle melancholischzärtliche Charakter hätten die Art ihren Handlungen eine
gewisse Feierlichkeit zu geben es wäre ihm lieb dass sie mit so starken
Eindrücken des wahren Edelen und Guten in die große Welt träte worin doch manche
von diesen Empfindungen geschwächt werden dürften also dass durch eine
unmerkliche Mischung von Leichtsinn und glänzender Munterkeit und die Vermehrung
ihrer Kenntnis von menschlichen Herzen der Enthusiasmus ihrer Seele gemildert
und in den gehörigen Schranken würde gehalten werden
Meine Emilia bekam ihr Bildnis und ein artiges Kästgen worin Geld zu einer
Haussteuer war Ihren Bedienten ließ sie zurück weil er verheiraet war und der
Graf von Löbau geschrieben hatte dass seine Leute zu ihren Diensten sein
sollten
Etliche Tage hernach kam der Graf ihr Onkel sie abzuholen und ich
begleitete sie wie sie sich ausgebeten hatte Der Abschied von meinem Vater war
rührend Sie haben ihn gekannt den ehrwürdigen Mann Sie wissen dass er alle
Hochachtung alle Liebe verdient Wir reisten erst auf das Löbauische Gut und
von da mit der Gräfin nach D wo sich nun der fatale Zeitpunkt anfängt worin
Sie diese liebenswürdige junge Dame in Schwierigkeiten und Umstände verwickelt
sehen werden die den schönen Plan eines glücklichen Lebens den sie sich
gemacht hatte auf einmal zerstörten aber durch die Probe auf welche sie ihren
innerlichen Wert setzten ihre Geschichte für die Besten unsers Geschlechts
lehrreich machen Ich glaube dass ich am besten tun werde wenn ich hier
anstatt die Erzählung fortzusetzen Ihnen eine Reihe von Originalberichten oder
Abschriften welche in der Folge in die Hände meines geliebten Fräuleins
gekommen sind vorlege aus denen Sie teils den Charakter ihres Geistes und
Herzens teils die Geschichte ihres Aufenthalts in D weit besser als durch
einen bloßen Auszug werden kennenlernen
Fräulein von Sternheim an Emilien
Ich bin nun vier Tage hier meine Freundin und in Wahrheit nach allen meinen
Empfindungen in einer ganz neuen Welt Das Geräusch von Wagen und Leuten habe
ich erwartet doch plagte es mein an die ländliche Ruhe gewöhntes Ohr die ersten
Tage über gar sehr Was mir noch beschwerlicher fiel war dass meine Tante den
Hoffriseur rufen ließ meinen Kopf nach der Mode zuzurichten Sie hatte die
Gütigkeit selbst mit in mein Zimmer zu kommen wo sie meine Haare losband und
ihm sagte »Monsieur le Beau dieser Kopf kann Ihrer Kunst Ehre machen wenden
Sie alles an aber haben Sie ja Sorge dass diese schönen Haare durch kein heißes
Eisen verletzt werden«
Diese Schmeichelei meiner Tante nahm ich noch mit Vergnügen an aber der
Friseur ärgerte mich mit seinen Lobsprüchen Es dünkte meinem Stolz der Mensch
hätte mich sorgfältig bedienen und stillschweigend bewundern sollen Aber der
Schneider und die Putzmacherin waren noch unerträglicher Fragen Sie meine
Rosine über ihr albernes Geschwätz und über die etwas boshafte Anmerkung die
mir einfiel Die Eitelkeit der Damen in D müsste sehr heisshungrig sein weil sie
diese Leute gewöhnt hätte ihr eine so grobe und mir sehr unschmackhafte Nahrung
zu bringen Das Lob des Schlössers welches der schönen Montbason so viel besser
gefiel als der Hofleute ihres war von einer ganz andern Art weil es das
Gepräge einer wahren Empfindung hatte die durch den Anblick dieser schönen Frau
in ihm entstund da er ganz mit seiner Arbeit beschäftigt ungefähr aufsah als
eben die Dame bei seiner Werkstatt vorbeifuhr Aber was heißt der Beifall derer
welche ihren Nutzen von mir suchen Und wie froh bin ich mit keiner besonderen
Schönheit bezeichnet zu sein weil ich diese Art von Ekel für allgemeinem Lob in
mir fühle
Diesen Nachmittag habe ich etliche Damen und Kavaliere gesehen denen meine
Tante ihre Ankunft hatte wissen lassen indem sie die Unterlassung ihres eignen
Besuchs mit dem Vorwand einer großen Müdigkeit von der Reise entschuldigte
Wiewohl die wahre Ursache nichts anders war als dass die Hof und Stadtkleider
noch nicht fertig sind in welchen ich meine Erscheinung machen soll Vielleicht
stutzen Sie über das Wort Erscheinung aber es wurde heute von einem witzigen
Kopf in der Tat sehr richtig gebraucht wiewohl er es nur auf mein Kleid und
meine erste Reise in die Stadt anwandte Sie wissen Emilia dass mein teurer
Papa mich immer in den Kleidern meiner Mama sehen wollte und dass ich sie auch
am liebsten trug Diese sind hier alle aus der Mode und ich konnte nach dem
Ausspruch meiner Tante der ich dieses Stück von Herrschaft über meinen
Geschmack gerne einräume kein anderes als das von weißem Taft tragen welches
sie mir zu Ende der Trauer hatte machen lassen Ende der Trauer meine Emilia O
glauben Sie es nicht so wörtlich die äußerlichen Kennzeichen davon habe ich
abgelegt aber sie hat ihren alten Sitz in dem Grunde meines Herzens behalten
und ich glaube sie hat einen Bund mit der geheimen Beobachterin unsrer
Handlungen ich meine das Gewissen gemacht denn bei der Menge Stoffe und
Putzsachen die mir letzthin vorgelegt wurden und wovon dieses zur nächsten
Gala jenes auf den bevorstehenden Ball ein anderes zur Assemblee bestimmt war
wendete sich indem ich das eine und andere betrachtete unter der Bewegung
meiner Hände das Bild meiner Mama an dem Armband und indem ich im
Zurechtemachen meine Augen darauf heftete und ihre feine Bildung mit dem
simpelsten Aufsatz und Anzug gezieret sah überfiel mich der Gedanke wie
unähnlich ich ihr in kurzer Zeit in diesem Stück sein werde Gott verhüte dass
diese Unähnlichkeit ja niemals weiter als auf die Kleidung gehe die ich als
ein Opfer ansehe welches auch die Besten und Vernünftigsten der Gewohnheit den
Umständen und ihrer Verhältnis mit andern bald in diesem bald in jenem Stücke
bringen müssen Dieser Gedanke dünkt mich ein gemeinschaftlicher Wink der Trauer
und des Gewissens zu sein Aber ich komme von meiner Erscheinung ab Doch Sie
mein väterlicher Freund haben verlangt ich soll wie es der Anlass gebe das
was mir begegnet und meine Gedanken dabei aufschreiben und das will ich auch
tun Ich werde von andern wenig reden wenn es sich nicht besonders auf mich
bezieht Alles was ich an ihnen selbst sehe befremdet mich nicht weil ich die
große Welt aus dem Gemälde kenne welches mir mein Papa und meine Grossmama davon
gemacht haben
Ich kam also in das Zimmer zu meiner Tante da schon etliche Damen und
Kavaliere da waren Ich hatte mein weißes Kleid an welches mit blauen
italienischen Blumen garniert worden war mein Kopf nach der Mode in D gar
schön geputzt Meinen Anstand und meine Gesichtsfarbe weiß ich nicht doch mag
ich blass ausgesehen haben weil kurz nachdem mich die Gräfin als ihre geliebte
Nichte vorgestellt hatte ein von Natur artig gebildeter junger Mann mit einem
verkehrt lebhaften Wesen sich näherte und Brust und Achseln mit einer seltsamen
Beugung gegen meine Tante den Kopf aber seitwärts gegen mich mit einer Art
Erschrockenheit gewendet ausrief »Meine gnädige Gräfin ist es wirklich ihre
Nièce« »Und warum wollen Sie meinem Zeugnis nicht glauben« »Der erste
Anblick ihrer Gestalt die Kleidung und der leichte Sylphidengang haben mich
auf den Gedanken gebracht es wäre die Erscheinung eines liebenswürdigen
Hausgespenstes«
»Armer F« sagte eine Dame »und Sie fürchten sich vielleicht vor
Gespenstern«
»Vor den hässlichen« versetzte der witzige Herr »habe ich natürlichen
Abscheu aber mit denen welche dem Fräulein von Sternheim gleichen getraue ich
mir ganze Stunden allein hinzubringen«
»So und Sie brächten mit diesem schönen Einfall mein Haus in den Ruf dass
es darin spüke«
»Das möchte ich wohl um alle übrige Kavaliere abzuhalten hieher zu kommen
aber dann würde ich auch den reizenden Geist zu beschwören suchen dass er sich
wegtragen ließe«
»Gut Graf F gut das ist artig gesagt« wurde in dem Zimmer von allen
wiederholt
»Nun meine Nichte würden Sie sich beschwören lassen«
»Ich weiß sehr wenig von der Geisterwelt« antwortete ich »doch glaube ich
dass für jedes Gespenst eine eigne Art von Beschwörung gewählt werden müsse und
die Entsetzung die ich dem Grafen bei meiner Erscheinung verursachte lässt mich
denken dass ich unter dem Schutz eines mächtigern Geistes bin als der ist der
ihn beschwören lernt«
»Vortrefflich vortrefflich Graf F Wie weiter« rief der Oberste von
Sch
»Ich habe doch mehr erraten als Sie alle« antwortete der Graf »denn
wenngleich das Fräulein kein Geist ist so sehe ich doch dass sie unendlich viel
Geist haben müsse«
»Das mögen Sie erraten haben und das war vermutlich auch der Grund warum
Sie in dieses Schrecken gerieten« sagte das Fräulein von C Hofdame bei der
Prinzessin von W die bisher sehr stille gewesen war
»Sie misshandeln mich immer meine ungnädige C Denn Sie wollen doch damit
sagen der kleine Geist hätte sich vor dem größeren zu fürchten angefangen«
Ja dachte ich in diesem Scherz ist in Wahrheit viel Ernst Ich bin wirklich
eine Gattung von Gespenstern nicht nur in diesem Hause sondern auch für die
Stadt und den Hof Jene kommen wie ich mit der Kenntnis der Menschen unter
sie und verwundern sich über nichts was sie sehen und hören machen aber wie
ich Vergleichungen zwischen dieser Welt und der woher sie kommen und jammern
über die Sorglosigkeit womit die Zukunft behandelt wird die Menschen aber
bemerken an ihnen dass diese Geschöpfe ob sie wohl ihre Form haben dennoch
ihrem innerlichen Wesen nach nicht unter sie gehören
Das Fräulein Von C ließ sich hierauf in eine Unterredung mit mir ein an
deren Ende sie mir viele Achtung bewies und den höflichen Wunsch äußerte öfters
in meiner Gesellschaft zu sein Sie ist sehr liebenswürdig etwas größer als
ich wohl gewachsen ein großes Ansehen in ihrem Gang und der Bewegung ihres
Kopfs ein länglicht Gesicht nach allen Teilen schön gebildet blonde Haare und
die vortrefflichste Gesichtsform einnehmende Züge von Sanftmut nur manchmal
dünkte mich wären ihre freimütige ganz liebreiche Augen zu lang und zu
bedeutend auf die Augen der Mannsleute geheftet gewesen Ihr Verstand ist
liebenswürdig und alle ihre Ausdrücke sind mit dem Merkmal des gutgesinnten
Herzens bezeichnet Sie war in der ganzen Gesellschaft die Person die mir am
besten gefiel und ich werde mir das Anerbieten ihrer Freundschaft zunutze
machen
Endlich kam die Gräfin F für welche mir meine Tante viele Achtung zu
haben empfohlen hatte weil ihr Gemahl meinem Onkel in seinem Prozesse viele
Dienste leisten könne Ich tat alles aber doch fühlte ich einen Unmut über die
Vorstellung dass die Gefälligkeit der Nichte gegen die Frau des Ministers die
Gerechtsamen des Oheims sollte stützen helfen An seinem Platze würde ich weder
meine noch des Ministers Frau in diese Sache mengen sondern eine männliche
Sache mit Männern behandeln Der Minister den seine Frau führt steht mir auch
nicht an doch ist alles dieses eine eingeführte Gewohnheitssache worüber der
eine nichts klagt und der andre nicht stutzig wird
Das Fräulein C und die Gräfin F blieben beim Abendessen Die
Unterredungen waren belebt aber so verflochten dass ich keinen Auszug machen
kann Die Frau von F schmeichelte mir bei allen Gelegenheiten ich mochte
reden oder vorlegen Wenn sie im Sinn hat sich dadurch bei mir beliebt zu
machen so verfehlt sie ihren Zweck Denn diese Frau werde ich nimmer lieben
wenn ich der Stimme meines Herzens folge und dann glaube ich nicht dass mich
eine Pflicht verbinde meine Abneigung gegen sie zu überwinden wie ich bei
meiner Tante getan habe wiewohl auch diese manchmal aufwachte Aber das
Fräulein C werde ich lieben Sie war mit mir auf meinem Zimmer wo wir so
freundlich redeten als kennten wir uns viele Jahre her Sie sprach viel von
ihrer Prinzessin und wie diese mich lieben würde indem ich ganz nach ihrem
Geschmack wäre Wie ich meine Laute und meine Stimme hören lassen musste gab sie
mir noch mehr Versicherungen darüber und ich erhielt überhaupt viele
Lobsprüche Der Ton und die Bezeugung der Hofleute sind in der Tat dadurch
angenehm weil die Eigenliebe eines jeden so wohl in acht genommen wird
Meine Tante war mit mir zufrieden wie sie sagte denn sie hatte befürchtet
ich würde ein gar zu fremdes gar zu ländliches Ansehen haben Die Gräfin F
hatte mich gelobt aber etwas stolz und trocken gefunden Ich war es auch Ich
kann die Versicherungen meiner Freundschaft und Hochachtung nicht enteiligen
Ich kann niemand betrügen und sie geben wenn ich sie nicht fühle Meine Emilia
mein Herz schlägt nicht für alle ich werde in diesem Stocke vor der Welt immer
ein Gespenst bleiben Dies ist meine Empfindung Kein fliegender unwilliger
Gedanke Ich war billig ich legte keinem nichts zum Argen aus Ich sagte zu
mir Eine Erziehung welche falsche Ideen gibt das Beispiel so sie ernährt
die Verbundenheit wie andere zu leben haben diese Personen von ihrem eignen
Charakter und von der natürlichen sittlichen Bestimmung wozu wir da sind
abgeführt Ich betrachte sie als Leute auf die eine Familienkränklichkeit
fortgepflanzt ist ich will liebreich mit ihnen umgehen aber nicht vertraut
weil ich mich der Sorge mit ihrer Seuche angesteckt zu werden nicht enthalten
kann
So wünschen Sie mir dann eine dauerhafte Seelengesundheit meine liebe
Freundin und lieben Sie mich Unserm ehrwürdigen Papa alles Gute wie wird er
sich von seiner ihn so zärtlich besorgenden Emilie trennen können Aber wie
glücklich treten Sie den Kreis des ehlichen Lebens an da Sie den treuen Segen
eines würdigen Vaters und alle Tugenden Ihres Geschlechts mit sich bringen
Grüssen Sie mir den auserwählten Mann dessen Eigentum Sie mit allen diesen
Schätzen werden
Zweiter Brief
Es ist mir lieb meine Emilia dass Sie diesen Brief noch in dem väterlichen
Hause erhalten weil er Ihnen eine scheinbare Verwirrung meiner Ideen zeigen
wird wo unser Papa das beste Mittel sie in Ordnung zu bringen anzeigen kann
Ich bin bei der Prinzessin von W und dem ganzen Adel zur Erscheinung gebracht
worden und kenne nun den Hof und die große Welt durch mich selbst
Ich habe Ihnen schon gesagt dass ich beide aus der Abschilderung kenne so
mir davon gemacht worden Lassen Sie mich dieses Gleichnis noch weiter brauchen
es war meinem Auge nichts fremde Aber denken Sie sich eine Person voll
Aufmerksamkeit und Empfindung die schon lange mit einem großen Gemälde von
reicher und weitläuftiger Komposition bekannt ist Oft hat sie es betrachtet
und über den Plan die Verhältnisse der Gegenstände und die Mischung der Farben
nachgedacht alles ist ihr bekannt aber auf einmal kommt durch eine fremde
Kraft das stillruhende Gemälde mit allem was es enthält in Bewegung
natürlicherweise erstaunt diese Person und ihre Empfindungen werden auf
mancherlei Art gerührt Diese erstaunte Person bin ich die Gegenstände und
Farben machen es nicht die Bewegung die fremde Bewegung ists die ich
sonderbar finde
Soll ich Ihnen sagen wie ich hier und da aufgenommen wurde Gut
allenthalben gut denn für solche Begebenheiten hat der Hof eine allgemeine
Sprache die der Geistlose ebenso fertig zu reden weiß als der
Allervernünftigste Die Prinzessin eine Dame von beinahe fünfzig Jahren hat
einen sehr feinen Geist in ihrem Bezeugen und in ihren Ausdrücken herrscht ein
Ton von Güte dessen allgemeine Gefälligkeit mir die Überbleibsel von einer Zeit
zu sein schienen wo sie die Freundschaft aller Arten von Leuten für nötig
halten mochte Denn ich sehe schlechterdings diesen Beweggrund allein für fähig
an jene Wirkung in einem edelen Herzen zu machen Die niederträchtige Begierde
sich allen ohne Unterschied beliebt zu machen kann ich ihr unmöglich
zuschreiben Sie unterredete sich lange mit mir und sagte viel Gutes von meinem
geliebten Papa den sie als Hauptmann und Obersten gekannt hatte Sie nennete
mich die würdige Tochter des rechtschaffenen Mannes und sagte sie wolle mich
öfters holen lassen Sie glauben nun gewiss meine Emilia dass ich diese Fürstin
um so mehr liebe weil das Andenken meines Vaters von ihr geehrt wird
Mehrere Charakter kann ich Ihnen nicht bezeichnen Die meisten sehen
einander ähnlich insofern man sie in dem Vorzimmer der Fürstin oder bei
gewöhnlichen Besuchen sieht
Gestern wurde ich im Schreiben unterbrochen weil Assemblee wie sie es
nennen bei der Prinzessin angesagt wurde Da musste ich die Zeit welche mein
Herz der Freundschaft gewidmet hatte vor dem Putztisch verschwenden
Glauben Sie wohl dass meine liebe Rosine ebenso ungeschickt ist eine
metodische Kammerjungfer zu sein als ich es bin meinen Damenstand durch die
lange Verweilung am Putztisch und durch unschlüssige ekle Wahl meiner Kleidung
und Schmucks zu beweisen Meine Tante sucht diesen Fehlern abzuhelfen und ich
muss alle Tage neben dem Friseur eine ihrer Jungfern um mich haben welche beide
durch ihr geziertes Wesen und die vielen Umstände die sie machen meine Geduld
in einer mir sehr unangenehmen Übung erhalten Doch diesmal war ich am Ende wohl
zufrieden weil ich wirklich artig gekleidet war
Dies ist eine Freude die Sie noch nicht an mir kannten Sie sollen auch die
Ursache dazu nicht lange suchen ich will sie aufrichtig sagen da sie mir
bedeutend scheint Ich war nur deswegen über meinen wohlgeratnen Putz froh weil
ich von zween Engländern gesehen wurde deren Beifall ich mir in allem zu
erlangen wünschte Der eine war Mylord G englischer Gesandter und der andere
Lord Seimour sein Neffe GesandtschaftsKavalier der sich unter der Anführung
seines Oheims zu dieser Art von Geschäften geschickt machen und die deutschen
Höfe kennenlernen will
Der Gesandte macht mit seiner Figur einer edelen und geistvollen Physionomie
und einer gewissen Würde die seine Höflichkeit begleitet seinem Charakter
Ehre Ich hörte ihn auch allgemein loben
Den jungen Lord Seimour sah ich eine halbe Stunde in Gesellschaft des
Fräuleins C mit der ich in Unterredung war und mit welcher er als ein
zärtlicher und hochachtungsvoller Freund umgeht Sie stellte mich ihm als ihre
neue aber liebste Freundin dar von der sie unzertrennlich sein würde wenn sie
über ihr eigenes und mein Schicksal zu gebieten hätte Mylord machte nichts als
eine Verbeugung aber seine Seele redete so deutlich in allen seinen Mienen dass
man zugleich seine Achtung für alles was das Fräulein C sagte und auch den
Beifall lesen konnte den er ihrer Freundin gab
Wenn ich den Auftrag bekäme den Edelmut und die Menschenliebe mit einem
aufgeklärten Geist vereinigt in einem Bilde vorzustellen so nähme ich ganz
allein die Person und Züge des Mylord Seimour und alle welche nur jemals eine
Idee von diesen drei Eigenschaften hätten würden jede ganz deutlich in seiner
Bildung und in seinen Augen gezeichnet sehen Ich übergehe den sanften
männlichen Ton seiner Stimme die gänzlich für den Ausdruck der Empfindungen
seiner edelen Seele gemacht zu sein scheint das durch etwas Melancholisches
gedämpfte Feuer seiner schönen Augen den unnachahmlich angenehmen und mit Größe
vermengten Anstand aller seiner Bewegungen und was ihn von allen Männern deren
ich in den wenigen Wochen die ich hier bin eine Menge gesehen habe
unterscheidet ist wenn ich mich schicklich ausdrücken kann der tugendliche
Blick seiner Augen welche die einzigen sind die mich nicht beleidigten und
keine widrige antipatetische Bewegung in meiner Seele verursachten
Der Wunsch des Fräuleins C mich immer um sich zu sehen verursachte bei
ihm die Frage Ob ich denn nicht in D bleiben würde Meine Antwort war ich
glaubte nicht weil ich nur auf die Zurückkunft meiner Tante der Gräfin R
wartete die mit ihrem Gemahl eine Reise nach Italien gemacht und mit welcher
ich alsdann auf ihre Güter ginge
»Es scheint mir unmöglich« sagte er »dass ein lebhafter Geist wie der
Ihrige bei den immer gleichen Szenen des Landlebens sollte vergnügt sein
können«
»Und mich dünkt unglaublich dass Mylord Seimour im Ernste denken sollte dass
ein lebhafter und sich also gern beschäftigender Geist auf dem Lande einem
Mangel von Unterhaltung ausgesetzt sei«
»Ich denke keinen gänzlichen Mangel gnädiges Fräulein aber den Ekel und
die Ermüdung welche notwendigerweise erfolgen müssen wenn wir unsere
Betrachtungen beständig auf einerlei Vorwurf eingeschränkt sehen«
»Ich bekenne Mylord dass ich seit meinem Aufenthalt in der Stadt bei den
Vergleichungen beider Lebensarten gefunden habe dass man auf dem Lande die
nämliche Sorge trägt seine Beschäftigungen und Ergötzlichkeiten abzuändern wie
ich hier sehe nur mit dem Unterschied dass bei den Arbeiten und Belustigungen
der Landleute eine Ruhe in dem Grunde der Seele bleibt die ich hier nicht
bemerkt habe und diese Ruhe dünkt mich etwas sehr Vorzügliches zu sein«
»Ich halte es auch dafür und ich glaube dabei sagte er gegen dem Fräulein
von C nach dem entschlossnen Ton Ihrer verehrungswürdigen Freundin dass sie
diese Ruhe behalten wird wenn auch hier Tausende durch sie in Unruh gesetzt
würden«
Da er mich nicht ansah als er dies sagte und das Fräulein nur lächelte so
blieb ich auch stille denn einmal fühlte ich bei dieser Höflichkeit eine
Verwirrung die ich ungern möchte gezeigt haben und dann wollte ich ihn nicht
länger mit mir in ein Gespräche halten sondern seiner älteren Freundin den
billigen Vorzug lassen zumal da er sich ganz beflissen gegen sie gewendet
hatte
Sie sagen ich höre es warum ältere Freundin Waren Sie denn auch schon
seine Freundin Sie die ihn erst eine halbe Stunde gesehen hatten
Ja meine liebe Emilia ich war seine Freundin eh ich ihn sah das Fräulein
C hatte mit mir von seinem vortrefflichen Charakter gesprochen ehe er von
einer kleinen Reise die er mit seinem Onkel während der Abwesenheit des Fürsten
machte zurückkam und was ich Ihnen von ihm geschrieben war nichts anders als
dass ich alles Edle alles Gute so mir das Fräulein von ihm erzählt in seiner
Physionomie ausgedrückt sah
Noch mehr Emilia rührte mich die tiefsinnige Traurigkeit mit welcher er
sich an den Pfeiler des Fensters setzte wo wir beide auf der kleinen Bank
waren und unsre Unterredung fortführten Ich deutete dem Fräulein C auf ihren
Freund und sagte leise »Geschieht dies oft«
»Ja dies ist Spleen«
Sie machte mir hierauf allerlei Fragen über die Art von Zeitvertreiben
welche ich mir im Ernst auf dem Lande machen könnte Ich erzählte ihr kurz
aber mit vollem Herzen von den seligen Tagen meiner Erziehung und von denen
welche ich in dem geliebten Hause meines Pflegvaters zugebracht und versicherte
sie dass ihre Person und Freundschaft das einzige Vergnügen sei welches ich in
D genossen hätte Sie drückte mir zärtlich die Hand und bezeugte mir ihre
Zufriedenheit Ich fuhr fort und sagte ich könnte das Wort Zeitvertreib nicht
leiden einmal weil mir in meinem Leben die Zeit nicht einen Augenblick zu lang
worden wäre auf dem Lande raunte ich ihr ins Ohr und dann weil es mir ein
Zeichen einer unwürdigen Bewegung der Seele zu sein scheine Unser Leben ist so
kurz wir haben so viel zu betrachten wenn wir unsre Wohnung die Erde kennen
und so viel zu lernen wenn wir alle Kräfte unsers Geistes die uns nicht
umsonst gegeben sind gebrauchen wollen wir können so viel Gutes tun dass es
mir einen Abscheu gibt wenn ich von einer Sache reden höre um welche man sich
selbst zu betrügen sucht
»Meine Liebe Ihre Ernsthaftigkeit setzt mich in Erstaunen und dennoch höre
ich Sie mit Vergnügen Sie sind in Wahrheit wie die Prinzessin sagte eine
außerordentliche Person«
Ich weiß nicht Emilia wie mir war Ich merkte wohl dass dieser Ton
meiner Gedanken gar nicht der wäre der sich in diese Gesellschaft schickte
aber ich konnte mir nicht helfen Es hatte mich eine Bangigkeit befallen eine
Begierde weit weg zu sein eine innerliche Unruh ich hätte sogar weinen mögen
ohne eine bestimmte Ursache angeben zu können
Mylord G näherte sich schleichend seinem Neffen fasste ihn beim Arm und
sagte »Seimour Sie sind wie das Kind das am Rande des Brunnens sicher
schläft Sehen Sie um sich Indem er auf uns beide wies Bin ich nicht das
Glück das Sie erweckt«
»Sie haben recht mein Onkel eine entzückende Harmonie die ich hörte nahm
mich ein und ich dachte an keine Gefahr dabei« Während er dies sagte waren
seine Augen mit dem lebhaftesten Ausdruck von Zärtlichkeit auf mich gewendet so
dass ich die meine niederschlug und den Kopf wegkehrte Darauf sagte Mylord auf
englisch »Seimour nimm dich in acht diese Netze sind nicht vergeblich so
schön und so ausgebreitet« Ich sah seine Hand die auf meinen Kopf und meine
Locken wies da wurde ich über und über rot Die Koketterie die er mir
zuschrieb ärgerte mich und ich empfand auch den Unmut den er haben musste
wenn er hörte dass ich Englisch verstünde Ich war verlegen doch um ihm und mir
mehrere Verwirrung zu ersparen sagte ich ganz kurz »Mylord ich verstehe die
englische Sprache« Er stutzte ein wenig lobte meine Freimütigkeit und Seimour
entfärbte sich doch lächelte er dabei und wandte sich gleich zum Fräulein C
»Wollen Sie nicht auch Englisch lernen«
»Von wem«
»Von mir gnädiges Fräulein und von dem Fräulein von Sternheim mein Onkel
hälfe auch Lektionen geben und Sie sollten bald reden können«
»Niemals so gut als meine Freundin der es angeboren ist denn sie ist eine
halbe Engländerin«
»Wie das« sagte Mylord G indem er sich zu mir wandte
»Meine Großmutter war eine Watson und Gemahlin des Baron P welcher mit der
Gesandtschaft in England war«
Das Fräulein C bat er möchte Englisch mit mir reden Er tat es und ich
antwortete so dass er meine Aussprache lobte und dem Fräulein C sagte sie
sollte von mir lernen ich spräche sehr gut Wie er sich entfernte so lag
Mylord Seimour dem Fräulein an sie möchte sich doch die Mühe nehmen nur lesen
zu lernen sie versprachs und sagte dabei alle Tage wo sie den Hofdienst
nicht ganz hatte wollte sie zu mir kommen
»Dann habe aber ich kein Verdienst dabei« sagte er traurig
»Sie sollen alle Wochen einmal zuhören wieviel ich gelernt habe«
Er antwortete mit einer bloßen Verbeugung
Die Fürstin ließ mich rufen Ich musste ihr in ihr Kabinett folgen »Da haben
Sie meine Laute liebe Sternheim« sagte sie »alles spielt lassen Sie mich
allein Ihre Stimme und Geschicklichkeit hören« Was konnte ich tun Ich spielte
und sang das erste Stück das mir in die Finger kam Sie umarmte mich
»liebenswürdiges Mädchen« sagte sie »wie beschämen Sie alle bei Hof erzogene
Damen durch die vielen Talente die Sie auf dem Lande gesammelt haben« Sie
führte mich an der Hand zurück in den Saal ich musste bis zu Ende der Assemblee
bei ihr bleiben und sie sprach von hundert Sachen mit mir Mylord Seimour sah
mich oft an und meine Emilia lesen Sie dies meinem lieben Pflegevater vor
seine Achtsamkeit freute mich Manche Augen gafften nach mir aber sie waren mir
zur Last weil mich immer dünkte es wäre ein Ausdruck darin welcher meine
Grundsätze beleidigte
Heute machten wir einen Besuch bei der Gräfin F gegen die ich mich bemühte
gefällig zu sein Man sieht wohl dass ihr Gemahl ein Liebling des Fürsten ist
denn sie sprach beinahe von nichts als von Gnadenbezeugungen welche sie
genössen machte auch viel Aufhebens von der Ergebenheit ihres Gemahls gegen
einen Herrn der alles würdig wäre Diesem folgten große Lobeserhebungen des
Prinzen sie rühmte die Schönheit seiner Person allerhand Geschicklichkeiten
seinen guten Geschmack in allem besonders in Festins seine prächtige
Freigebigkeit worin er eine fürstliche Seele zeigte Ich dachte die Dame möge
freilich Ursache haben diese letzte Eigenschaft so sehr anzupreisen Von
seiner Neigung gegen das schöne Geschlecht sagte sie »Wir sind Menschen es
sind freilich darin Ausschweifungen geschehen aber das Unglück war nur dass der
Herr noch keinen Gegenstand gefunden hat der seinen Geist ebensosehr als seine
Augen gefesselt hätte denn gewiss eine solche Person würde Wunder für das Land
und für den Ruhm des Herrn gewürkt haben«
Meine Tante stimmte mit ein Ich saß stille und fand in diesem Bilde eines
Landesherrn keinen einzigen Zug von demjenigen welches die Anmerkungen meines
Vaters über den wahren Fürsten bei Durchlesung der Historie in meinem
Gedächtnis gelassen hatten Zumal wenn ich es noch dabei nach den Grundzügen
des deutschen NationalCharakters beurteilte Ich war froh dass man meine
Gedanken nicht zu wissen verlangte denn da mich die Gräfin in ihr Zimmer
führte um mir sein Bildnis in Lebensgröße zu weisen konnte ich wohl sagen dass
die Figur schön sei wie sie es denn wirklich ist Ich soll auch gemalt werden
will meine Tante Ich kann es leiden und schicke dann meiner Emilia eine Kopie
ich weiß dass sie mir dafür dankt Ich bitte mir die Gedanken meines Pflegvaters
über diesen Brief aus
Dritter Brief
Alles was Sie in meinem letztern Briefe gesehen haben ist dass Mylord Seimour
seine beste Freundin in mir gefunden hat und mein lieber Pflegvater betet für
mich weil es für menschliche Kräfte das einzige ist das man nun für mich tun
kann
Emilia Sie lieben mich Sie kennen mich und Sie dachten nicht an den
Kummer den mir dieser so viel bedeutende Gedanke Ihres Vaters geben konnte
Ich erkenne alles die lebhafte Hochachtung welche ich für die Verdienste
für die Vorzüge des Charakters vom Mylord Seimour gezeigt habe machen Sie
besorgt für mich Sein Sie ruhig werte Freunde Aller Anteil den ich je an
Mylord Seimour nehmen kann ist der den mir meine Liebe für das Fräulein C
gibt denn diese ists die er liebt diese ists die er glücklich machen wird
Der Teil den ich davon genieße ist allein die Freude die ein edles Herz in
der Zufriedenheit seiner Freunde und in der Betrachtung der guten Eigenschaften
seiner Nebenmenschen findet
Noch eins meine Emilia ist für mich dabei Weil ich von der Wirklichkeit
eines vollkommenen edlen gütigen und weisen liebenswürdigen Mannes überzeugt
bin so wird der Niederträchtige oder der bloße Witzling und der nur allein
artige Mann niemals niemals keine Gewalt über mein Herz erhalten und dies ist
viel Vorteil den ich von der Bekanntschaft des Mylords habe
Ich bedaure dass die Krankheit des rechten Arms Ihres Papa ihm nicht zulässt
selbst an mich zu schreiben nicht weil ich mit Ihren Briefen unzufrieden bin
sondern weil er mir mehr von seinen eignen Gedanken über mich sagen würde als
Sie Ich hoffe der Zufall verliert sich und dann bitte ich ihn es zu tun
Gestern waren wir bei einer großen Mittagstafel bei Mylord G Der Graf F
kam nachmittags dazu und noch abends spät reisten alle zum Fürsten Der Graf
ist ein angenehmer Mann von vielem Verstand Seine Gemahlin führte ihn zu mir
»da reden Sie selbst mit meinem Liebling« sprach sie »und sagen ob ich
unrecht habe mir eine solche Tochter zu wünschen« Er sagte mir sehr viel
Höfliches beobachtete mich aber dabei mit einer Aufmerksamkeit die mich
sonderbar dünkte und mich beinahe aus aller Fassung brachte
Mylord Seimour hatte an der Tafel seinen Platz zwischen dem Fräulein C und
mir bekommen sich meistens nur mit uns unterhalten auch beim Kaffee uns beide
mit der liebenswürdigsten Galanterie bedient englische Verse auf Karten
geschrieben und mich gebeten sie dem Fräulein zu übersetzen Wie die Gräfin F
ihren Gemahl zu ihr führte entfernten sich beide in etwas und redeten lang an
einem andern Fenster Der Graf begab sich von mir zu Mylord G und nahm im
Weggehen Mylord Seimour am Arm mit sich zu dem ersten hin Das Fräulein C und
ich gingen die mit Gemälden und Kupferstichen ausgezierten Zimmer zu besehen
bis man uns zum Spielen holte In der Zwischenzeit redeten Graf F und Mylord G
mit mir von meinem Vater welchen F sehr wohl gekannt hatte und von meiner
Großmutter Watson die er gleich bei ihrer Ankunft gesehen hatte und von welcher
er behauptete dass ich viele Ähnlichkeiten mit ihr hätte Mylord S war neben
dem Fräulein C sah ernstaft und nachdenklich aus und es schien mir als ob
seine Augen einigemal mit einer Art von Schmerzen auf mich und die beiden Herren
geheftet wären Das Getrippel vieler Leute das man auf einmal in der Straße
hörte machte alles an die Fenster laufen Ich ging an das wo Mylord Seimour
und das Fräulein C stunden Es waren Leute die von einer kleinen aber sehr
artig angestellten Spazierfahrt des Fürsten auf dem Wasser zurücke kamen welche
zu sehen sie haufenweise gegangen waren Da ich sehr viele in armseliger Gestalt
und Kleidung und uns hingegen in möglichster Pracht und die Menge Goldes auf den
Spieltischen zerstreut sah das Fräulein C aber von einem dergleichen Festin
erzählte dessen Aufwand berechnete und auch die unzählige Menge Volks anführte
die von allen Orten herzugelaufen es zu sehen kam ich in Bewegung und sagte
»O wie wenig bin ich für diese Ergötzlichkeiten geschaffen«
»Warum das wenn Sie es einmal sehen werden Sie ganz anders denken«
Mylord Seimour war die ganze Zeit still und kalt »Nein meine liebe C ich
werde nicht anders denken sobald ich die Pracht des Festins des Hofes das auf
den Spieltischen verschleuderte Gold neben einer Menge Elender welche Hunger
und Bedürfnis im abgezehrten Gesichte und in den zerrissnen Kleidern zeigen
sehen werde Dieser Kontrast wird meine Seele mit Jammer erfüllen ich werde
mein eigenes glückliches Aussehen und das von andern hassen der Fürst und sein
Hof werden mir eine Gesellschaft unmenschlicher Personen scheinen die ein
Vergnügen in dem unermesslichen Unterschied finden der zwischen ihnen und
denenjenigen ist die ihrem Übermut zusehen«
»Liebes liebes Kind was für eine eifrige Strafpredigt halten Sie da«
sagte das Fräulein »reden Sie nicht so stark«
»Liebe C mein Herz ist aufgewallt Die Gräfin F machte gestern so viel
Rühmens von der großen Freigebigkeit des Fürsten und heute sehe ich so viele
Unglückliche«
Das Fräulein hielt meine Hände »st st« Mylord Seimour hatte mich mit
ernstem unverwandtem Blick betrachtet und erhob seine Hand gegen mich »Edles
rechtschaffenes Herz« sagte er »Fräulein C lieben Sie Ihre Freundin Sie
verdients Aber« setzte er hinzu »Sie müssen den Fürsten nicht verurteilen
man unterrichtet die großen Herren sehr selten von dem wahren Zustande ihrer
Untertanen«
»Ich will es glauben« versetzte ich »aber Mylord stand nicht das Volk am
Ufer wo die Schiffahrt war Hat der Fürst nicht Augen die ihm ohne fremden
Unterricht tausend Gegenstände seines Mitleidens zeigen konnten Warum fühlte er
nichts dabei«
»Teures Fräulein wie schön ist Ihr Eifer Zeigen Sie ihn aber nur bei dem
Fräulein C«
Hier rief Mylord G seinen Neffen ab und kurz darauf gingen wir nach Hause
Heute spielte meine Tante eine seltsame Szene mit mir Sie kam sobald ich
angezogen war in mein Zimmer wo ich schon bei meinen Büchern saß »Ich bin
eifersüchtig auf deine Bücher« sagte sie »du stehst früh auf und bist gleich
angezogen da könntest du zu mir kommen du weißt wie gern ich mich mit dir
unterrede Dein Onkel ist immer mit seinen düstern Prozesssachen geplagt ich
arme Frau muss schon wieder an ein Wochenbette denken und du unfreundliches
Mädchen bringst den ganzen Morgen mit deinen trocknen Moralisten hin Schenke
mir die Stunde und gib mir deine ernstaften Herren zum Unterpfand«
»Meine Tante ich will gerne zu Ihnen kommen aber meine besten Freunde kann
ich nicht von mir entfernt wissen«
»Komme immer mit wir wollen in meinem Zimmer zanken«
Sie setzte sich an ihren Putztisch da hatte ich auf eine Viertelstunde
Unterhalt mit ihren beiden artigen Knaben die um diese Tagszeit die Erlaubnis
haben ihre Mama zu sehen Aber sobald sie fort waren so blieb ich recht
einfältig da sitzen sah der außerordentlichen Mühe zu die sie sich um ihren
Putz gab und hörte Hoferzählungen an die mir missfielen Ehrgeiz und
LiebesIntrigen Tadel Satyren aufgetürmte Ideen zu dem Glücksbau meines
Onkels »Sei doch recht gefällig gegen die Gräfin F« setzte sie hinzu »du
kannst deinem Onkel große Dienste tun und selbst ein ahnsehnliches Glück
machen«
»Dies sehe und wünsche ich nicht meine Tante aber was ich für Sie tun
kann soll geschehen«
»Liebste Sophie du bist eines der reizendsten Mädchen aber der alte
Pfarrer hat dir eine Menge pedantische Ideen gegeben die mich plagen Lass dich
ein wenig davon zurückbringen«
»Ich bin überzeugt meine Frau Tante dass das Hofleben für meinen Charakter
nicht taugt mein Geschmack meine Neigungen gehen in allem davon ab und ich
bekenne Ihnen gnädige Tante dass ich froher abreisen werde als ich hergekommen
bin«
»Du kennest ja den Hof noch nicht wenn der Fürst kommt dann lebt alles
auf Dann will ich dein Urteil hören und mache dich nur gefasst du kommst vor
künftigem Frühjahr nicht aufs Land«
»O ja meine gnädige Tante auf den Herbst gehe ich zur Gräfin R sobald
sie zurückgekommen sein wird«
»Und mein Wochenbette soll ich allein ohne dich halten müssen«
Sie sah mich zärtlich an indem sie dies sagte und reichte mir die Hand
Ich küsste ihre Hand versicherte sie bei ihr zu bleiben wenn diese Zeit käme
Vor der Tafel ging ich in mein Zimmer Da fand ich mein Büchergestelle leer
»Was ist dies Rosine« Der Graf sagte sie wäre gekommen und hätte alles
wegnehmen lassen Es wäre ein Spaß von der Gräfin hätte er gesagt
Ein unartiger Spaß der sie nichts nützen wird denn ich will desto mehr
schreiben neue Bücher will ich nicht kaufen um sie nicht über meinen Eigensinn
böse zu machen O wenn nur meine Tante R bald käme Zu dieser Emilia zu
dieser geh ich mit Vergnügen Sie ist zärtlich ruhig sucht und findet in den
Schönheiten der Natur in den Wissenschaften und in guten Handlungen das Maß von
Zufriedenheit das man hier sucht wo man es nicht Endet und darüber das Leben
vertändelt
Mein Fräulein C hat Lektion im Englischen angenommen ich denke sie wird
es bald lernen Sie weiß schon viele lauter zärtliche Redensarten an denen ich
den Lehrmeister erkenne Sie hat mit uns gespeist Ich klagte meine Tante über
ihren Bücherraub im Scherz an Das Fräulein stund ihr bei »Das ist gut
ausgedacht« sagte sie »wir wollen sehen was der Geist unsrer Sternheim macht
wenn sie ohne Führer ohne Ausleger mit uns lebt« Ich lachte mit und sagte
»Ich verlasse mich auf den rechtschaffenen Gelehrten der einmal sagte Die
Empfindungen der Frauenzimmer wären oft richtiger als die Gedanken der Männer«
2 Darauf erhielt ich die Erlaubnis zu arbeiten Ich sagte es wäre mir
unmöglich am Putztisch immer zuzusehen nachmittags allezeit zu spielen oder
müßig zu sein und es wurde eine schöne Tapetenarbeit angefangen woran ich sehr
fleißig zu sein gedenke
Morgen kommt der Fürst und der ganze Hof mit ihm diesen Abend sind die
fremden Ministers angekommen Mylord G besuchte uns noch spät und brachte
Mylord Seimour nebst einem andern Engländer Lord Derby genannt mit den er als
einen Vetter vorstellte der durch ihn und Lord Seimour ein großes Verlangen
bekommen mich zu sehen besonders weil ich eine halbe Landsmännin von ihm wäre
Lord Derby redete mich sogleich auf englisch an Er ist ein feiner Mann von
ungemein vielem Geist und angenehmen Wesen Man bat diese Herren zum Abendessen
es wurde freudig angenommen und meine Tante schlug vor im Garten zu speisen
weil Mondschein sein würde und der Abend schön sei
Gleich war der kleine Saal erleuchtet und meine Tante fing bei der Türe da
sie mit Mylord G hinausging ganz zärtlich an »Sophie meine Liebe deine
Laute bei Mondschein wäre recht vielen Dank wert«
Ich befahl sie zu holen Lord Derby gab mir die Hand Seimour war schon mit
dem Fräulein C voraus Der kleine Saal war am Ende des Gartens unmittelbar am
Fluße so dass man lange zu gehen hatte Lord Derby unterhielt mich mit einem
ehrerbietigen Ton von lauter schmeichelhaften Sachen die er von mir gehört
hätte Mein Onkel kam zu uns und wie wir kaum etliche Schritte über den halben
Weg waren stieß er mich mit dem Arme und sagte »Seht seht wie der trockne
Seimour bei Mondschein so zärtlich die Hände küssen kann« Ich sah auf und
liebe Emilia es dünkte mich ich fühlte einen Schauer Es mag von der kühlen
Abendluft gekommen sein weil wir dem Wasser ganz nahe waren Aber da mich ein
Zweifel darüber ankam als ob dieser Schauer zweideutig wäre weil ich ihn nur
in diesem Augenblick empfand so mussten Sie es wissen
Der junge Graf F Neveu des Ministers kam auch noch und da er den
Bedienten der die Laute trug angetroffen und gefragt hatte für wen nahm er
sie und klimperte vor dem Saal bis mein Onkel hinaussah und ihn einführte Ich
musste gleich noch vor dem Essen spielen und singen Ich war nicht munter und
sang mehr aus Instinkt als Wahl ein Lied in welchem Sehnsucht nach ländlicher
Freiheit und Ruhe ausgedrückt war Ich empfand selbst dass mein Ton zu gerührt
war meine Tante rief auch »Kind du machst uns alle traurig warum willst du
uns zeigen dass du uns so gerne verlassen möchtest Singe was anders« Ich
gehorchte still und nahm eine Gärtnerarie aus einer Opera welche mit vielem
Beifall aufgenommen wurde Mylord G fragte ob ich nicht englisch singen könnte
ich sagte nein aber wenn ich was hörte so fiele mirs nicht schwer Derby
sang gleich seine Stimme ist schön aber zu rasch Ich akkompagnierte ihm sang
auch mit Daraus machte man viel Lobens von meinem musikalischen Ohr
Die Gräfin F sagte mir Zärtlichkeiten Lord Seimour nichts er ging oft in
den Garten allein und kam mit Zügen einer gewaltsamen Bewegung in der Seele
zurück redete aber nur mit Fräulein C die auch gedankenvoll aussah G sah
mich bedeutend an doch war Vergnügen in seinem Gesichte Lord Derby hatte ein
feuriges Falkenauge in welchem Unruhe war auf mich gerichtet Mein Onkel und
meine Tante liebkosten mir Um elf Uhr gingen wir schlafen und ich schrieb
noch diesen Brief Gute Nacht teure Emilia Bitten Sie unsern ehrwürdigen
Vater dass er für mich bete Ich finde Trost und Freude in diesem Gedanken
Ich wünsche dass meine Tante immer kleine Reisen machte ich würde sie mit viel
mehr Vergnügen begleiten als ich es unter dem immerwährenden Kreislauf unserer
Hof und Stadtvisiten tun kann Mein Onkel hat eine Halbschwester in dem
Damenstift zu G die er wegen einem reichen Erbe so ihr zugefallen ist zum
Besten seiner Kinder zu gewinnen sucht
Und aus dieser Ursache musste meine Tante mit ihren beiden Söhnen die Reise
zu ihr machen Sie nahm mich mit und verschafte mir dadurch einen Teil des
Vergnügens für welches ich am empfindlichsten bin abwechselnde Szenen der
Natur und Kunst in ihren mannigfaltigen Abänderungen zu betrachten Wäre es auch
nichts als der Anblick der auf und niedergehenden Sonne gewesen so würde ich
diese Ausflucht von D geliebt haben aber ich sah mehr Der Weg den wir
zurückzulegen hatten zeigte mir ein großes Stück unsers deutschen Bodens und
darin manchmal ein raues stiefmütterliches Land welches von seinen leidenden
geduldigen Einwohnern mit abgezehrten Händen angebaut wurde
Zärtliches Mitleiden Wünsche und Segen erfüllten mein Herz als ich ihren
sauren Fleiß und die traurigen doch gelassnen Blicke sah mit welchen sie den
Zug unsrer zwoen Chaisen betrachteten Die Ehrerbietung mit der sie uns als
Günstlinge der Vorsicht grüßten hatte etwas sehr Rührendes vor mich und ich
suchte durch Gegenzeichen meiner menschlichen Verbrüderung mit ihnen und auch
durch einige Stücke Gelds die ich den Nächsten an unserm Wege ungebeten zuwarf
ihnen einen guten Augenblick zu schaffen Besonders gab ich armen Weibern die
bei ihrer Arbeit hie und da ein Kind auf dem Felde sitzen hatten Ich dachte
meine Tante macht eine Reise zum verhofften Vorteil ihrer Söhne und diese Frau
verrichtet zum Besten der ihrigen eine kümmerliche Arbeit ich will diese Mutter
auch eine unerwartete Güte genießen lassen
Der reitende Bediente erzählte uns dann die Freude der armen Leute und den
Dank den sie uns nachriefen
Reiche Felder fette Triften und große Scheuren der Bauern in andern
Gegenden bewiesen mir das Glück ihrer günstigen Lage und ich wünsche ihnen
einen guten Gebrauch ihres Segens Meine Empfindungen waren angenehm wie sie es
allezeit beim ersten Anblick der Kennzeichen des Glücks zu sein pflegen bis
nach und nach aus ihrer Betrachtung der Gedanke der Vergleichung unserer minder
guten Umstände entspringt und der bitteren Unzufriedenheit einen Zugang in die
Seele gibt Wir kehrten unterwegs auf dem Schloss des Grafen von W ein dessen
Beschreibung ich unmöglich vorbeigehen kann Es ist an der Spitze eines Berges
erbaut und hat auf vierzehen Stunden weit die schönste Gegend eines mit Feldern
Wiesen und zerstreuten Bauerhöfen gezierten Tales vor sich liegen welches ein
fischreicher Bach durchfliesst und waldichte Anhöhen umfassen Auf dem Berge sind
weitläuftige Gärten und Spaziergänge nach dem edlen Geschmack des vorigen
Besitzers angelegt in welchem ich seinen Lieblingsgrundsatz »das Angenehme
immer mit dem Nützlichen zu verbinden« sehr schön ausgeführt sah
Dieses und die vollkommene EdelmannsLandwirtschaft die auserlesene
Bibliothek die Sammlung physikalischer Instrumenten die edle von Üppigkeit
und Kargheit gleich weit entfernte Einrichtung des Hauses die Stiftung eines
Arztes für die ganze Herrschaft der lebenslängliche Unterhalt dessen sich alle
Hausbedienten zu erfreuen haben die Wahl geschickter und rechtschaffener Männer
auf den Beamtungen und eine Menge kluger Verordnungen zum Besten der Untertanen
etc alles sind lebende Denkmale des Geschmacks der Einsichten und der edlen
Denkungsart des vormaligen Besitzers der nachdem er mit größtem Ruhm viele
Jahre die erste Stelle an einem großen Hofe bekleidet hatte seine letzten Tage
auf diesem angenehmen Landsitz verlebte Seine Güte und Leutseligkeit scheint
seinen Erben mit den Gütern eigen geworden zu sein daher sich immer die beste
Gesellschaft der umliegenden Einwohner bei ihnen versammelt Die sechs Tage
über welche wir da zubrachten kam ich durch das Spielen auf eine Idee die ich
gern von Herrn Br untersucht haben möchte Es waren viele Fremde gekommen zu
deren Unterhaltung man notwendigerweise Spieltische machen musste Denn unter
zwanzig Personen waren gewiss die meisten von sehr verschiedenem Geist und
Sinnesart welches sich bei der Mittagstafel und dem Spaziergang am stärksten
äußerte wo jeder nach seinen herrschenden Begriffen und Neigungen von allen
vorkommenden Gegenständen redete und wo öfters teils die feinern Empfindungen
der Tugend teils die Pflichten der Menschenfreundlichkeit beleidigt worden
waren Bei dem Spielen aber hatten alle nur einen Geist indem sie sich denen
dabei eingeführten Gesetzen ohne den geringsten Widerspruch unterwarfen keines
wurde unmutig wenn man ihm sagte dass hier und da wider die Regeln gefehlt
worden sei man gestund es und besserte sich sogleich nach dem Rat eines
Kunsterfahrnen
Ich bewunderte und liebte die Erfindung des Spielens da ich sie als ein
Zauberband ansah durch welches in einer Zeit von wenigen Minuten Leute von
allerlei Nationen ohne dass sie sich sprechen können und von Personen von ganz
entgegengesetzten Charaktern viele Stunden lang sehr gesellig verknüpft werden
da es ohne dieses Hilfsmittel beinahe unmöglich wäre eine allgemeine gefällige
Unterhaltung vorzuschlagen Aber ich konnte mich nicht enthalten der
Betrachtung nachzuhängen Woher es komme dass eine Person vielerlei Gattungen
von Spielen lernt und sehr sorgfältig allen Fehlern wider die Gesetze davon
auszuweichen sucht so dass alles was in dem Zimmer vorgeht diese Person zu
keiner Vergessenheit oder Übertretung der Spielgesetze bringen kann und eine
Viertelstunde vorher war nichts vermögend sie bei verschiedenen Anlässen von
Scherzen und Reden abzuhalten die alle Vorschriften der Tugend und des
Wohlstandes beleidigten Ein andrer der als ein edler Spieler gerühmt wurde und
in der Tat ohne Gewinnsucht mit einer gleich gelassnen und freundlichen Miene
spielte hatte einige Zeit vorher bei der Frage von Herrschaft und Untertan
von den letztern als Hunden gesprochen und einem jungen die Regierung seiner
Güter antretenden Kavalier die heftigste und liebloseste Maßregeln angeraten um
die Bauern in Furcht und Unterwürfigkeit zu erhalten und die Abgaben alle Jahre
richtig einzutreiben damit man in seinem standesgemässen Aufwand nicht gestöret
würde
Warum sagte mein Herz warum kostet es die Leute weniger sich den oft bloß
willkürlichen Gesetzen eines Menschen zu unterwerfen als den einfachen
wohltätigen Vorschriften die der ewige Gesetzgeber zum Besten unsrer
Nebenmenschen angeordnet hat Warum darf man niemand erinnern dass er wider
diese Gesetze fehle Meiner Tante hätte ich diesen zufälligen Gedanken nicht
sagen wollen denn sie macht mir ohnehin immer Vorwürfe über meine strenge und
zu scharf gespannte moralische Ideen die mich wie sie sagt alle Freuden des
Lebens misstönend finden ließ Ich weiß nicht warum man mich immer hierüber
anklagt Ich kann munter sein ich liebe Gesellschaft Musik Tanz und Scherz
Aber die Menschenliebe und den Wohlstand kann ich nicht beleidigen sehen ohne
mein Missvergnügen darüber zu zeigen und dann ist es mir auch unmöglich an
geist und empfindungslosen Gesprächen einen angenehmen Unterhalt zu finden oder
von nichtswürdigen Kleinigkeiten Tage lang reden zu hören
O fände ich nur in jeder großen Gesellschaft oder unter den Freunden unsers
Hauses in D eine Person wie die Stiftsdame zu man würde den Ton meines Kopfs
und Herzens nicht mehr mürrisch gestimmt finden Diese edelmütige Dame lernte
mich zu G kennen ihre erste Bewegung für mich war Achtung mich als eine
Fremde etwas mehr als gezwungene Höflichkeit genießen zu lassen Ich hatte das
Glück ihr zu gefallen und erhielt dadurch den Vorteil den liebenswürdigen
Charakter ihres Geistes und Herzens ganz kennenzulernen Niemals habe ich die
Fähigkeiten des einen und die Empfindungen des an dem in einem so gleichen Maß
fein edel und stark gefunden als in dieser Dame Ihr Geist und die angenehme
Laune die ihren Witz charakterisiert machen sie zu der angenehmsten
Gesellschafterin die ich jemals gesehen habe und beinahe möchte ich glauben
dass einer unsrer Dichter an sie gedacht habe da er von einer liebenswürdigen
Griechin sagte
Es hätt ihr Witz auch Wangen ohne Rosen
Beliebt gemacht ein Witz dem s nie an Reiz gebrach
Zu stechen oder liebzukosen
Gleich aufgelegt doch lächelnd wenn er stach
Und ohne Gift 3
Sie besitzt die seltene Gabe für alles was sie sagt und schreibt Ausdrücke zu
finden ohne dass sie das geringste Gesuchte an sich haben alle ihre Gedanken
sind wie ein schönes Bild welches die Grazien in ein leichtes natürlich
fliessendes Gewand eingehüllt haben Ernstaft munter oder freundschaftlich in
jedem Licht nimmt die Richtigkeit ihrer Denkungsart und die natürliche
ungeschmückte Schönheit ihrer Seele ein und ein Herz voll Gefühl und Empfindung
für alles was gut und schön ist ein Herz das gemacht ist durch die
Freundschaft glücklich zu sein und glücklich zu machen vollendet die
Liebenswürdigkeit ihres Charakters
Nur um dieser Dame willen habe ich mir zum ersten Male alte Ahnen gewünscht
damit ich Ansprüche auf einen Platz in ihrem Stifte machen und alle Tage meines
Lebens mit ihr hinbringen könnte Die Beschwerlichkeiten der Präbende würden mir
an ihrer Seite sehr leichte werden
Urteilen Sie selbst ob es mir empfindlich war diese liebenswürdige Gräfin
wieder verlassen zu müssen wiewohl sie die Gütigkeit hat mich durch ihren
Briefwechsel für den Verlust ihres reizenden Umgangs zu entschädigen Sie sollen
Briefe von ihr sehen und dann sagen ob ich zu viel von den Reizungen ihres
Geistes gesagt habe
Die Bescheidenheit welche einen besonderen Zug des Charakters ihrer
Freundin der Gräfin von G ausmacht soll mich da sie diesen Brief nicht zu
sehen bekommen kann nicht verhindern Ihnen zu sagen dass diese vortreffliche
Dame nächst jener den meisten Anteil an dem Wunsch hatte mein Leben wenn es
möglich gewesen wäre in dieser glücklichen Entfernung von der Welt
hinzubringen Stilles Verdienst das nur desto mehr einnimmt weil es nicht
glänzen will ein feiner durch Belesenheit und Kenntnisse ausgeschmückter
Geist verbunden mit ungefärbter Aufrichtigkeit und Güte des Herzens macht
dieser Dame der Hochachtung und der Freundschaft jeder edlen Seele wert Selbst
der dichte Schleier den ihre beinahe allzugrosse wiewohl unaffektierte
Bescheidenheit über ihre Vorzüge wirft erhöht in meinen Augen den Wert
derselben Selten legt sie diesen anderswo als in dem Zimmer der Gräfin G von
sich deren Beifall ihr eine Art von Gleichgültigkeit gegen alles andere Lob zu
geben scheint so wie sie auch der seltenen Geschicklichkeit womit sie das
Klavier spielt und welche genug wäre hundert andere stolz zu machen nur
darum weil sie ihrer Freundin dadurch Vergnügen machen kann einigen Wert
beizulegen scheint Ich kann nicht vergessen unter den übrigen würdigen Damen
dieses Stifts der Grafen T W welche alle ihre Tage mit übenden Tugenden
bezeichnet und einen Teil ihrer besonderen Geschicklichkeit zum Unterricht armer
Mädchen in allerlei künstlichen Arbeiten verwendet und besonders der Fürstin
welche die Vorsteherin des Stifts ist mit der zärtlichen Ehrerbietung zu
erwähnen welche sie durch die vollkommenste Leutseligkeit eine sich selbst
immer gleiche Heiterkeit der Seele und die Würde voll Anmut womit sich diese
Eigenschaften in ihrer ganzen Person ausdrücken allen die sich ihr nähern
einflößt Wenn ich etwas beneiden könnte so würde es das Glück sein unter der
Leitung der erfahrnen Tugend und Klugheit einer so würdigen mütterlichen
Vorsteherin meine Tage hinzubringen
Ich begnüge mich Ihnen was den Hauptpunkt meiner Tante bei dieser Reise
betrifft zu melden dass er vollkommen erreichet wurde wir sind nun wieder in
D und der Menge von Besuchen welche wir zu geben und anzunehmen hatten
messen Sie die Schuld bei dass Sie so lange ohne Nachricht von mir geblieben
sind
Mylord Seimour an den Doktor T
Lieber Freund ich hörte Sie oft sagen die Beobachtungen die Sie auf Ihren
Reisen durch Deutschland über den Grundcharakter dieser Nation gemacht hätten
in Ihnen den Wunsch hervorgebracht auf einer Seite den Tiefsinn unsrer
Philosophen mit dem metodischen Vortrag der Deutschen und auf der andern das
kalte und langsam gehende Blut ihrer übrigen Köpfe mit der feurigen
Einbildungskraft der unsern vereinigt zu sehen Sie suchten auch lang eine
Mischung in mir hervorzubringen wodurch meine heftigen Empfindungen möchten
gemildert werden indem Sie sagten dass dieses die einzige Hindernis sei warum
ich in den Wissenschaften die ich doch liebte niemals zu einer gewissen
Vollkommenheit gelangen würde Sie gingen sanft und gütig mit mir um weil Sie
durch die Zärtlichkeit meines Herzens den Weg zu der Biegsamkeit meines Kopfs
finden wollten ich weiß nicht mein teurer Freund wie weit Sie damit gekommen
sind Sie haben mich das wahre Gute und Schöne erkennen und lieben gelehrt ich
wollte auch immer lieber sterben als etwas Unedles oder Bösartiges tun und
doch zweifle ich ob Sie mit der Ungeduld zufrieden sein würden mit welcher ich
das Ansehen meines Oheims über mich ertrage Es deucht mir eine dreifache Last
zu sein die meine Seele in allen ihren Handlungen hindert Mylord G als Oheim
als reicher Mann den ich erben soll und als Minister dem mich meine Stelle
als Gesandtschaftsrat unterwirft Fürchten Sie dennoch nicht dass ich mich
vergesse oder Mylorden beleidige nein soviel Gewalt habe ich über meine
Bewegungen sie werden durch nichts anders sichtbar als eine tötende
Melancholie die ich vergebens zu unterdrücken suche aber warum mache ich so
viele Umschweife um Ihnen am Ende meines Briefs etwas zu sagen das ich gleich
anfangs sagen wollte dass ich in einer jungen Dame die schöne und glückliche
Mischung der beiden Nationalcharaktere gesehen habe Ihre Großmutter
mütterlicher Seite war eine Tochter des alten Sir Watson und ihr Vater der
verdienstvolle Mann dessen Andenken in dem edelsten Ruhme blühte Diese junge
Dame ist eine Freundin des Fräulein C von welchem ich Ihnen schon geschrieben
habe das Fräulein Sternheim ist aber erst seit einigen Wochen hier und zwar
zum erstenmal vorher war sie immer auf dem Lande gewesen Erwarten Sie keine
Ausrufungen über ihre Schönheit aber glauben Sie mir wenn ich sage dass alle
mögliche Grazien deren die Bildung und Bewegung eines Frauenzimmers fähig ist
in ihr vereinigt sind eine holde Ernsthaftigkeit in ihrem Gesicht eine edle
anständige Höflichkeit in ihrem Bezeugen die äußerste Zärtlichkeit gegen ihre
Freundin eine anbetungswürdige Güte und die feinste Empfindsamkeit der Seele
ist dies nicht die Stärke des englischen Erbes von ihrer Großmutter4 Einen mit
Wissenschaft und richtigen Begriffen gezierten Geist ohne das geringste
Vorurteil männlichen Mut Grundsätze zu zeigen und zu behaupten viele Talente
mit der liebenswürdigsten Sittsamkeit verbunden dieses gab ihr der
rechtschaffene Mann der das Glück hatte ihr Vater zu sein Nach dieser
Beschreibung mein Freund können Sie den Eindruck beurteilen welchen sie auf
mich machte Niemals niemals ist mein Herz so eingenommen so zufrieden mit der
Liebe gewesen Aber was werden Sie dazu sagen dass man dieses edle reizende
Mädchen zu einer Mätresse des Fürsten bestimmt dass mir Mylord verboten ihr
meine Zärtlichkeit zu zeigen weil der Graf F ohnehin befürchtet man werde
Mühe mit ihr haben Doch behauptet er dass sie deswegen an den Hof geführt
worden sei Ich zeigte meinem Onkel alle Verachtung die ich wegen dieser Idee
auf den Grafen Löbau ihren Onkel geworfen ich wollte das Fräulein von dem
abscheulichen Vorhaben benachrichtigen und bat Mylorden fussfällig mir zu
erlauben durch meine Vermählung mit ihr ihre Tugend ihre Ehre und ihre
Annehmlichkeiten zu retten Er bat mich ihn ruhig anzuhören und sagte mir er
selbst verehre das Fräulein und sei überzeugt dass sie das ganze schändliche
Vorhaben zernichten werde und er gab mir die Versicherung dass wenn sie ihrem
würdigen Charakter gemäß handle er sich ein Vergnügen davon machen wolle ihre
Tugend zu krönen »Aber solange der ganze Hof sie als bestimmte Mätresse
ansieht werde ich nichts tun Sie sollen keine Frau von zweideutigem Ruhme
nehmen halten Sie sich an das Fräulein C durch diese können Sie alles von den
Gesinnungen der Sternheim erfahren ich will Ihnen von den Unterhandlungen
Nachricht geben die der Graf F auf sich genommen hat Alle Züge des Charakters
der Fräulein geben mir Hoffnung zu einem Triumphe der Tugend Aber er muss vor
den Augen der Welt erlangt werden«
Mein Oheim erregte in mir die Begierde den Fürsten gedemütigt zu sehen
und ich stellte mir den Widerstand der Tugend als ein entzückendes Schauspiel
vor Diese Gedanken brachten mich dahin meine ganze Aufführung nach der
Vorschrift meines Oheims einzurichten Mylord Derby hat mir einen neuen
Bewegungsgrund dazu gegeben Er sah sie und fasste gleich eine Begierde nach den
seltenen Reizungen die sie hat denn Liebe kann man seine Neigung nicht nennen
Er ist mir mit seiner Erklärung schon zuvorgekommen wenn er sie rührt so ist
mein Glück hin ebenso hin als wenn sie der Fürst erhielte dann wenn sie einen
Ruchlosen lieben kann so hätte sie mich niemals geliebt Aber ich bin elend
höchst elend durch die zärtlichste Liebe für einen würdigen Gegenstand den ich
unglücklicherweise mit den Fallstricken des Lasters umgeben sehe Die Hoffnung
in ihre Grundsätze und die Furcht der menschlichen Schwachheit martern mich
wechselsweise Heute mein Freund heute wird sie in der Hofkomödie dem Blick
des Fürsten zum erstenmal ausgesetzt ich bin nicht wohl aber ich muss hingehen
wenn es mir das Leben kosten sollte
Ich lebe auf mein Freund der Graf von F zweifelt dass man etwas über den
Geist des Fräuleins gewinnen werde
Mylord befahl mir mich in der Komödie nahe an ihn zu halten Das Fräulein
kam mit ihrer unwürdigen Tante in die Loge der Gräfin F sie sah so
liebenswürdig aus dass es mich schmerzte Eine Verbeugung die ich zugleich mit
Mylord an die drei Damen machte war der einzige Augenblick wo ich mir
getrauete sie anzusehen Bald darauf war der ganze Adel und der Fürst selbst
da dessen lüsternes Auge sogleich auf die Loge der Gräfin F gewendet war das
Fräulein verbeugte sich mit so vieler Anmut dass ihn auch dieses hätte
aufmerksam machen müssen wenn es ihre übrige Reize nicht getan hätten Er
redete sogleich mit dem Grafen F und sah wieder auf das Fräulein die er jetzt
besonders grüßte Alle Augen waren auf sie geheftet aber eine kleine Weile
darauf verbarg sich das Fräulein halb hinter der Gräfin F Die Opera ging an
der Fürst redete viel mit F der endlich in die Loge seiner Gemahlin ging um
Mylorden und den Gräfinnen zu verweisen dass sie dem Fräulein den Platz
wegnähmen da sie beide das Spiel schon oft das Fräulein aber es noch niemals
gesehen hätte
Die Damen sein nicht Ursache Herr Graf sagte das Fräulein etwas
ernstaft »ich habe diesen Platz gewählt ich sehe genug und gewinne dabei das
Vergnügen weniger gesehen zu werden«
»Aber Sie berauben so viele des Vergnügens Sie zu sehen« Darüber hätte sie
nur eine Verbeugung gemacht die an sich nichts als Geringschätzigkeit seines
Kompliments angezeigt habe Er hätte ihre Meinung von der Komödie begehrt
darauf hätte sie wieder mit einem ganz eignen Ton gesagt Sie wundere sich
nicht dass diese Ergötzlichkeit von so vielen Personen geliebt würde
»Ich wünsche aber zu wissen wie es Ihnen gefällt was Sie davon denken Sie
sehen so ernstaft«
»Ich bewundere die vereinigte Mühe so vieler Arten von Talente«
»Ist das alles was Sie dabei tun empfinden Sie nichts für die Heldin oder
den Helden«
»Nein Herr Graf nicht das geringste« hätte Sie mit Lächeln geantwortet
Man speiste bei der Fürstin von W der Fürst die Gesandtschaften und
übrigen Fremde worunter der Graf Löbau Onkel des Fräulein Sternheims auch
gerechnet wurde Die Gräfin F stellte das Fräulein mit vielem Gepränge dem
Fürsten vor Dieser affektierte viel von ihrem Vater zu sprechen Das Fräulein
soll kurz und in einem gerührten Tone geantwortet haben Die Tafel war vermengt
immer ein Kavalier bei einer Dame Graf F ein Neffe des Ministers war an der
Seite des Fräuleins welche gerade so gesetzt wurde dass sie der Fürst im
Gesicht hatte er sah sie unaufhörlich an Ich nahm mich in acht nicht oft nach
dem Fräulein zu sehen doch bemerkte ich Unzufriedenheit an ihr Man hob die
Tafel bald auf um zu spielen die Prinzessin nahm das Fräulein zu sich ging
bei den Spieltischen mit ihr herum setzte sich auf den Sofa und redete sehr
freundlich mit ihr Der Fürst kam nachdem er eine Tour mit Mylorden gespielt
hatte auch dazu
Den zweeten Tag sagte Graf F zu Mylord er wünschte dem Löbau alles Böse
auf den Hals das Fräulein hieher gebracht zu haben Sie ist ganz dazu gemacht
um eine heftige Leidenschaft zu erwecken aber ein Mädchen das keine Eitelkeit
auf ihre Reize hat bei einem Schauspiel nichts als die vereinigte Mühe von
vielerlei Talenten betrachtet an einer ausgesuchten Tafel nichts als eine
ÄpfelKompotte isst Wasser dazu trinkt an einem Hofe nach dem Hause eines
Landpfarrers seufzet und bei allem dem voll Geist und voll Empfindung ist ein
solches Mädchen ist schwer zu gewinnen
Gott wolle es dacht ich lange kann ich den gewaltsamen Stand in dem ich
bin nicht aushalten
Schreiben Sie mir bald sagen Sie mir was Sie von mir denken und was ich
hätte tun sollen
Das Fräulein von Sternheim an Emilia
O meine Emilia wie nötig ist mir eine erquickende Unterhaltung mit einer
zärtlichen und tugendhaften Freundin
Wissen Sie dass ich den Tag an dem ich mich zu der Reise nach D bereden
ließ für einen unglücklichen Tag ansehe Ich bin ganz aus dem Kreise gezogen
worden den ich mit einer so seligen Ruhe und Zufriedenheit durchging Ich bin
hier niemanden am wenigsten mir selbst nütze das Beste was ich denke und
empfinde darf ich nicht sagen weil man mich lächerlichernstaft findet und
so viel Mühe ich mir gebe aus Gefälligkeit gegen die Personen bei denen ich
bin ihre Sprache zu reden so ist doch meine Tante selten mit mir zufrieden
und ich Emilia noch seltener mit ihr Ich bin nicht eigensinnig mein Kind in
Wahrheit ich bin es nicht ich fodere nicht dass jemand hier denken solle wie
ich ich sehe zu sehr ein dass es eine moralische Unmöglichkeit ist Ich nehme
keinem übel dass der Morgen am Putztische der Nachmittag in Besuchen der Abend
und die Nacht mit Spielen hingebracht wird Es ist hier die große Welt und
diese hat die Einrichtung ihres Lebens mit dieser Haupteinteilung angefangen
Ich bin auch sehr von der Verwunderung zurückgekommen in die ich sonst geriet
wenn ich an Personen die meine selige Grossmama besuchten einen so großen
Mangel an guten Kenntnissen sah da sie doch von Natur mit vielen Fähigkeiten
begabt waren Es ist nicht möglich meine Liebe dass eine junge Person in diesem
betäubenden Geräusche von lärmenden Zeitvertreiben einen Augenblick finde sich
zu sammeln Kurz alle hier sind an diese Lebensart und an die herrschenden
Begriffe von Glück und Vergnügen gewöhnt und lieben sie ebenso wie ich die
Grundsätze und Begriffe liebe welche Unterricht und Beispiel in meine Seele
gelegt haben Aber man ist mit meiner Nachsicht mit meiner Billigkeit nicht
zufrieden ich soll denken und empfinden wie sie ich soll freudig über meinen
wohlgeratnen Putz glücklich durch den Beifall der andern und entzückt über den
Entwurf eines Soupers eines Balls werden Die Opera weil es die erste war die
ich sah hätte mich außer mir selbst setzen sollen und der Himmel weiß was für
elendes Vergnügen ich in dem Lob des Fürsten habe Enden sollen Alle Augenblicke
wurde ich in der Komödie gefragt »Nun wie gefällts Ihnen Fräulein«
»Gut« sagte ich ganz gelassen »es ist vollkommen nach der Idee die ich
mir von diesen Schauspielen machte« Da war man missvergnügt und sah mich als
eine Person an die nicht wisse was sie rede Es mag sein Emilia dass es ein
Fehler meiner Empfindungen ist dass ich die Schauspiele nicht liebe und ich
halte es für eine Wirkung des Eindrucks den die Beschreibung des Lächerlichen
und Unnatürlichen eines auf dem Schlachtfeld singenden Generals und einer
sterbenden Liebhaberin die ihr Leben mit einem Triller schließt so ich im
Englischen gelesen habe auf mich machte Ich kann auch niemand tadeln der
diese Ergötzlichkeiten liebt Wenn man die Verbindung so vieler Künste ansieht
die für unser Aug und Ohr dabei arbeiten so ist schon dieses angenehm zu
betrachten und ich finde nichts natürlicher als die Leidenschaften die eine
Aktrice oder Tänzerin einflößt Die Intelligenz lassen Sie mir dieses Wort
mit welcher die erste ihre Rolle spielt da sie ganz in dem Charakter den sie
vorstellt eintritt von edlen zärtlichen Gesinnungen mit voller Seele redt
selbst schön dabei ist und die ausgesuchte Kleidung die affektvolleste Musik
mit allen Verzierungen des Theaters dabei zu Gehülfen hat wo will sich der
junge Mann retten der mit einem empfindlichen Herzen in den Saal tritt und da
von Natur und Kunst zugleich bestürmt wird
Die Tänzerin von munteren Grazien umgeben jede Bewegung voll Reiz in
Wahrheit Emilia man soll sich nicht wundern nicht zanken wenn sie geliebt
wird Doch dünkt mich der Liebhaber der Aktrice edler als der von der Tänzerin
Ich habe irgendwo gelesen dass die Linie der Schönheit für den Maler und
Bildhauer sehr fein gezogen sei geht er darüber so ist sie verloren bleibt er
unter ihr so fehlt seinem Werk die Vollkommenheit
Die Linie der sittlichen Reize der Tänzerin dünkt mich ebenso fein gezogen
dann sie schien mir sehr oft übertreten zu werden
Überhaupt bin ich es sehr zufrieden ein Schauspiel gesehen zu haben weil
die Vorstellung die ich davon hatte dadurch ganz bestimmt worden ist aber ich
bin es auch zufrieden wenn ich keines mehr sehe
Nach der Komödie speiste ich mit der Prinzessin von W da wurde ich dem
Fürsten vorgestellt Was soll ich Ihnen davon sagen Dass er ein schöner Mann und
sehr höflich ist dass er meinen werten Papa sehr gelobt hat und dass ich
missvergnügt damit war Ja meine Emilia ich kann nicht mehr so froh über die
Lobsprüche sein die man ihm gibt der Ton worin es geschieht klingt mir
gerade als wenn man sagte Ich weiß dass Sie von Ihrem Vater sehr eingenommen
sind ich sage Ihnen also Gutes von ihm Und dann mein Kind muss ich Ihnen
sagen dass die Blicke die der Fürst auf mich warf auch das Beste verdorben
hätten das er hätte sagen können
Was für Blicke meine Liebe Gott bewahre mich sie wieder zu sehen Wie
hasste ich die spanische Kleidung die mir nichts als eine Palatine erlaubte
Wäre ich jemals auf meine Leibesgestalt stolz gewesen so hätte ich gestern
dafür gebüßt Der bitterste Schmerz durchdrang mich bei dem Gedanken der
Gegenstand so hässlicher Blicke zu sein Meine Emilia ich mag nicht mehr hier
sein ich will zu Ihnen zu den Gebeinen meiner Eltern Die Gräfin R bleibt zu
lange weg
Heute erzählte mir die Gräfin F mit vielem Wortgepränge das Lob des Fürsten
über meine Person und meinen Geist
Morgen gibt der Graf ein großes Mittagessen und ich soll dabei sein
Niemals seitdem ich hier bin hatte ich die Empfindungen eines Vergnügens nach
meinem Geschmack Die Freundschaft des Fräulein C war das einzige was mich
erfreute aber auch diese ist nicht mehr was sie war Sie spricht so kalt sie
besucht mich nicht mehr wir kommen beim Spiel nicht mehr zusammen und wenn ich
mich ihr oder dem Mylord Seimour nähere welche immer zusammen reden so
schweigen sie und Mylord entfernt sich traurig bewegt und das Fräulein sieht
ihm nach und ist zerstreut Was soll ich denken Will das Fräulein nicht dass
ich Mylorden spreche Geht er weg um ihr seine vollkommene Ergebenheit zu
zeigen Denn er redt mit keiner andern Seele als mit ihr O mein Kind wie fremd
ist mein Herz in diesem Lande Ich die mein Glück für anderer ihres hingäbe
ich muss die Sorge sehen dass ich es zu stören denke Liebes Fräulein C ich
will Ihnen diese Unruhe nehmen denn ich werde meinen Augen das Vergnügen
versagen Mylord Seimour anzuschauen Meine Blicke waren ohnehin flüchtig genug
Ich will Sie selbst nicht mehr aufsuchen wenn Sie in einem glücklichen
Gespräche mit dem liebenswerten Manne begriffen sind Sie sollen sehen dass
Sophie Sternheim das Glück ihres Herzens durch keinen Raub zu erhalten sucht
Emilia eine Träne füllte mein Auge bei diesem Gedanken Aber der Verlust einer
geliebten Freundin der einzigen die ich hier hatte der Verlust des Umgangs
eines würdigen Mannes den ich hochschätze dieser Verlust verdient eine Träne
D wird mich keine andre kosten morgen mein Kind morgen wünsche ich
abzureisen
Warum sagt mir Ihr Brief nichts von meinem Pflegvater warum nichts von
Ihrer Reise und Ihrem Gesellschafter
Emilia Ihre Briefe Ihre Liebe und Vertrauen sind alles Gute so ich noch
erwarte
D hat nichts nichts für mich
Mylord Derby an seinen Freund in Paris
Bald werde ich deinen albernen Erzählungen ein Ende machen die ich bisher nur
deswegen geduldet weil ich sehen wollte wie weit du deine Prahlerei in dem
Angesichte deines Meisters treiben würdest Auch solltest du heute die Geissel
meiner Satyre fühlen wenn ich nicht im Sinne hätte dir den Entwurf einer
deutschgalanten Historie zu zeigen zu deren Ausführung ich mich fertig mache
Was wollen die Pariser Eroberungen sagen die du nur durch Gold erhältst Dann
was würde sonst eine Französin mit deinem breiten Gesicht und hageren Figürchen
machen die Eroberungen der Herren Mylords in Paris was sind die Eine Kokette
eine Aktrice beide artig einnehmend aber sie waren es schon für so viel Leute
dass man ein Tor sein muss sich darüber zu beloben War ich nicht auch da meine
schöne Herren und weiß ich nicht ganz sicher dass die wohlerzogene Tochter
eines angesehenen Hauses und die geistvolle achtungswerte Frau gar nicht die
Bekanntschaften sind die man uns machen lässt Also prahle mir nicht mehr mein
guter B denn von Siegen wie die eurige ist kein Triumphlied zu singen Aber
ein den Göttern gewidmetes Meisterstück der Natur und der Kunst zu erbeuten den
Argus der Klugheit und Tugend einzuschläfern Staatsminister zu betrügen alle
weitergesuchte Vorbereitungen eines gefährlichen und geliebten Nebenbuhlers zu
zernichten ohne dass man die Hand gewahr wird welche an der Zerstörung
arbeitet dies verdient angemerkt zu werden
Du weißt dass ich der Liebe niemals keine andere Gewalt als über meine
Sinnen gelassen habe deren feinstes und lebhaftestes Vergnügen sie ist Daher
war die Wahl meiner Augen immer fein daher meine Gegenstände immer
abgewechselt Alle Klassen von Schönheiten haben mir gefrönet ich wurde ihrer
satt und suchte nun auch die Hässlichkeit zu meiner Sklavin zu machen nach
dieser mussten mir Talente und Charakter unterwürfig werden Wieviel Anmerkungen
könnten nicht die Philosophen und Moralisten über die feinen Netze und Schlingen
machen in denen ich die Tugend oder den Stolz die Weisheit oder den Kaltsinn
die Koketterie und selbst die Frömmigkeit der ganzen weiblichen Welt gefangen
habe Ich dachte schon mit Salomo dass für mich nichts Neues mehr unter der
Sonne wäre Aber Amor lachte meiner Eitelkeit Er führte aus einem elenden
Landwinkel die Tochter eines Obersten herbei deren Figur Geist und Charakter
so neu und reizend ist dass meinen vorigen Unternehmungen die Krone fehlte wenn
sie mir entwischen sollte Wachsam muss ich sein Seimour liebt sie lässt sich
aber durch Mylord G leiten weil diese Rose für den Fürsten bestimmt ist bei
dem sie einen Prozess für ihren Oheim gewinnen soll Der Sohn des Grafen F
bietet sich zur Vermählung mit ihr an um den Mantel zu machen wenn sie ihn
aber liebt so will er die Anschläge des Grafen Löbau und seines Vaters zunichte
machen der schlechte Pinsel er soll sie nicht haben Seimour mit seiner
schwermütigen Zärtlichkeit die auf den Triumph ihrer Tugend wartet auch nicht
und der Fürst der ist sie nicht wert Für mich soll sie geblüht haben das ist
festgesetzt allem meinem Verstand ist aufgeboten ihre schwache Seite zu
finden Empfindlich ist sie ich hab es ihren Blicken angesehen die sie
manchmal auf Seimouren wirft wenn es gleich ich bin der mit ihr redet
Freimütig ist sie auch dann sie sagte mir es dünkte sie dass es meinem Herzen
an Güte fehle »Halten Sie Mylord Seimour für besser als mich« fragte ich sie
Sie errötete und sagte er wäre es Damit hat sie mir eine wütende Eifersucht
gegeben aber zugleich den Weg zu ihrem Herzen gezeigt Ich bin zu einer
beschwerlichen Verstellung gezwungen da ich meinen Charakter zu einer Harmonie
mit dem ihrigen stimmen muss Aber es wird eine Zeit kommen wo ich sie nach dem
meinigen bilden werde Dann mit ihr werd ich diese Mühe nehmen und gewiss sie
soll neue Entdeckungen in dem Lande des Vergnügens machen wenn ihr
aufgeklärter und feiner Geist alle seine Fähigkeiten dazu anwenden wird Aber
das Lob ihrer Annehmlichkeiten und Talenten rührt sie nicht die allgemeinen
Kennzeichen einer eingeflössten Leidenschaft sind ihr auch gleichgültig Hoheit
des Geistes und Güte der Seele scheinen in einem seltenen Grad in ihr verbunden
zu sein so wie in ihrer Person alle Reize der vortrefflichsten Bildung mit dem
ernstaften Wesen welches große Grundsätze geben vereinigt sind Jede
Bewegung die sie macht der bloße Ton ihrer Stimme lockt die Liebe zu ihr und
ein Blick ein einziger ungekünstelter Blick ihrer Augen scheint sie zu
verscheuchen so eine reine unbefleckte Seele wird man in ihr gewahr Halt
einmal wie komme ich zu diesem Geschwätz So lauteten die Briefe des armen
Seimour da er in die schöne Y verliebt war sollte mich diese Landjungfer
auch zum Schwärmer machen Soweit es zu meinen Absichten dient mag es sein
aber beim Jupiter sie soll mich schadlos halten Ich habe Mylords Gs zweiten
Sekretär gewonnen der Kerl ist ein halber Teufel Er hatte die Theologie
studiert aber sie wegen der strengen Strafe die er über eine Büberei leiden
müssen verlassen und seitdem sucht er sich an allen frommen Leuten zu rächen
Es ist gut wenn man ihren Stolz demütigen kann sagte er durch ihn will ich
Mylord Seimouren ausforschen Er kann den letzten wegen der Moral die er immer
predigt nicht ausstehen Du siehst dass der Teologe eine starke Verwandlung
erlitten hat aber so einen Kerl brauche ich jetzt weil ich selbst nicht frei
agieren kann heute nichts mehr man unterbricht mich
Fräulein von Sternheim an Emilia
Emilia ich erliege fast unter meinem Kummer mein Pflegvater tot warum
schrieben Sie mir oder doch Rosinen nichts als da alles vorbei war Die gute
Rosine vergeht vor Jammer Ich suche sie zu trösten und meine eigne Seele ist
niedergeschlagen Meine werte Freundin die Erde deckt nun das Beste das sie
uns gegeben hatte gütige verehrungswürdige Eltern Kein Herz kennt Ihren
Verlust so wohl als das meinige ich empfinde Ihren Schmerz doppelt Warum
konnte ich seinen Segen nicht selbst hören Warum benetzen meine Tränen seine
heilige Grabstätte nicht da ich mit gleichen kindlichen Gesinnungen wie seine
Töchter um ihn weine Die arme Rosine Sie knieet bei mir ihr Kopf liegt auf
meinem Schoße und ihre Tränen träufeln auf die Erde Ich umarme sie und weine
mit Gott lasse durch unsern Kummer Weisheit in unsrer Seele aufblühen und
erfülle dadurch den letzten Wunsch unserer Väter besonders den welchen mein
Pflegvater für seine Emilia machte da seine zitternde Hand noch ihre Ehe
einsegnete und sie so dem Schutz eines treuen Freundes übergab Tugend und
Freundschaft sei mein und Rosinens Teil bis die Reihe des Loses der
Sterblichkeit auch uns in einer glückseligen Stunde trifft Möchte alsdann ein
edles Herze mir Dank für das gegebene Beispiel im Guten nachrufen und ein durch
mich erquickter Armer mein Andenken segnen Dann würde der Weise der
Menschenfreund sagen können dass ich den Wert des Lebens gekannt habe
Ich kann nicht mehr schreiben unsre Rosine gar nicht sie bittet um ihres
Bruders und ihrer Schwester Liebe und will immer bei mir leben Ich hoffe Sie
sind es zufrieden und befestigen dadurch das Band unsrer Freundschaft Edelmut
und Güte soll es unzertrennlich machen Ich umarme meine Emilia mit Tränen Sie
glauben nicht wie traurig mir ist dass ich diesen Brief schließen muss ohne
etwas an meinen väterlichen Freund beizusetzen Ewige Glückseligkeit lohne ihn
und meinen Vater Lassen Sie uns meine Emilia meine Rosina so leben dass wir
ihnen einmal als würdige Erbinnen ihrer Tugend und Freundschaft dargestellt
werden können
Mylord Seimour an den Doktor B
Immer wird mir das Fräulein liebenswürdiger und ich ich werde immer
unglücklicher Der Fürst und Derby suchen ihre Hochachtung zu erwerben beide
sehen dass dies der einzige Weg zu ihrem Herzen ist Der doppelte Eigensinn den
meine Leidenschaft angenommen hindert mich ein Gleiches zu tun Ich bin nur
bemüht sie zu beobachten und eine untadelhafte Aufführung zu haben Sie
hingegen meidet mich und das Fräulein C Ich höre sie nicht mehr reden aber
die Erzählung des Derby dem sie Achtung erweiset sind mir beständige Beweise
des Adels ihrer Seele Ich glaube dass sie die erste tugendhafte Bewegung in
sein Herz gebracht hat Denn vor einigen Tagen sagt er mir er hätte das
Fräulein in eine Gesellschaft führen sollen und wie er in ihr Zimmer gegangen
sie abzuholen habe er ihre Kammerjungfer vor ihr knien gesehen das Fräulein
selbst halb angezogen ihre schönen Haare auf Brust und Nacken zerstreut ihre
Arme um das kniende Mädchen geschlungen deren Kopf sie an sich gedrückt
während sie ihr mit beweglicher Stimme von dem Wert des Todes der Gerechten und
der Belohnung der Tugend gesprochen Tränen wären aus ihren Augen gerollt die
sie endlich gen Himmel gehoben und das Andenken ihres Vaters und noch eines
Mannes für ihren Unterricht gesegnet hätte Dieser Anblick hätte ihn staunen
gemacht und wie das Fräulein ihn gewahr worden habe sie gerufen »O Mylord
Sie sind gar nicht geschickt mich in diesem Augenblicke zu unterhalten haben
Sie die Güte zu gehen und mich bei meiner Tante zu entschuldigen ich werde
heute niemand sehen« Das feierliche und rührende Ansehen so sie gehabt hätte
ihm ihren Vorwurf zweifach verbittert da er die Geringschätzung gefühlt die
sie für seine Denkungsart habe Er hätte auch geantwortet wenn sie die
Ehrfurcht sehen könnte die er in diesem Augenblicke für sie fühlte so würde
sie ihn ihres Vertrauens würdiger achten Da sie aber ohne ihm zu antworten
ihren Kopf auf den von ihrem Mädchen gelegt wäre er fortgegangen und hätte von
der Gräfin L gehört dass ihre Szene den Tod des Pfarrers von P anginge der
das Fräulein zum Teil erzogen und der Vater ihrer Kammerjungfer gewesen der
Graf Löbau und seine Gemahlin wären froh dass der schwärmerische Briefwechsel
den das Fräulein mit diesem Manne unterhalten nun ein Ende hätte und man sie
auf eine ihrem Stande gemässere Denkungsart leiten könne Sie wären auch beide
mit ihm zu dem Fräulein gegangen und hätten ihr ihre Traurigkeit und den
Entschluss verwiesen dass sie nicht in die Gesellschaft gehen wolle »Meine
Tante« habe sie geantwortet »so viele Wochen habe ich der schuldigen
Gefälligkeit gegen Sie und den Gewohnheiten des Hofes aufgeopfert die Pflichten
der Freundschaft und der Tugend mögen wohl auch einen Tag haben« »Ja« habe die
Gräfin versetzt »aber deine Liebe ist immer nur auf eine Familie eingeschränkt
gewesen du bist gegen die Achtung und Zärtlichkeit so man dir hier beweist zu
wenig empfindlich« Das Fräulein »Meine gnädige Tante es ist mir leid wenn
ich Ihnen undankbar scheine aber verdiente der Mann der meine Seele mit guten
Grundsätzen und meinen Geist mit nützlichen Kenntnissen erfüllte nicht ein
größeres Maß von Erkenntlichkeit als der höfliche Fremdling der mich nötigt an
seinen vorübergehenden Ergötzlichkeiten Anteil zu nehmen« Die Gräfin »Du
hättest schicklicher das Wort abwechselnde Ergötzlichkeiten gebrauchen können«
Das Fräulein »Alle diese Fehler beweisen Ihnen dass ich für den Hof sehr
untauglich bin« Die Gräfin »Ja heute besonders du sollst auch zu Hause
bleiben«
Derby erzählte mir dieses mit einem leichtsinnigen Ton aber gab genau auf
meine Bewegungen acht Sie wissen dass ich sie selten verbergen kann und in
diesem Falle war mirs ganz unmöglich Der Charakter des Fräuleins rührte mich
Ich missgönnte Derbyn sie gesehen und gehört zu haben Unzufrieden auf mich
meinen Onkel und den Fürsten brach ich in den Eifer aus zu sagen »Das
Fräulein hat den edelsten und seltensten Charakter wehe den Elenden die sie zu
verderben suchen« »Sie sind ein ebenso seltener Mann« erwiderte er »als das
Fräulein ein seltenes Frauenzimmer ist Sie wären der schicklichste Liebhaber
für sie gewesen und ich hätte ihr Vertrauter und Geschichtschreiber sein
mögen«
»Ich glaube nicht Mylord Derby dass Ihnen das Fräulein oder ich diesen
Auftrag gemacht hätte« sagte ich Über diese Antwort sah ich eine Miene an ihm
die mir gänzlich missfiel sie war lächelnd und nachdenkend aber mein Freund
ich konnte mich nicht enthalten in meinem Herzen zu sagen so lächelt Satan
wenn er sich eines giftigen Anschlags bewusst ist
Fräulein von Sternheim an Emilien
Ihr Stilleschweigen meine Freundin dünket mich und Rosinen sehr lange und
unbillig aber ich werde mich wegen der Unruhe die Sie mir dadurch gemacht
nicht anders rächen als Ihnen wenn ich einmal eine lange Reise mache auf
halbem Wege zu schreiben denn da ich weiß wie Sie mich lieben so könnte ich
den Gedanken nicht ertragen Ihrem zärtlichen Herzen den Kummer für mich zu
geben den das meinige in dieser Gelegenheit für Sie gelitten Aber Ihre
glückliche Ankunft in W und Ihr Vergnügen über Ihre Aussicht in die Zukunft hat
mich dafür belohnt Auch ohne dies wie sehr meine Emilia bin ich erfreut dass
mir mein Schicksal zu gleicher Zeit einen vergnügten Gegenstand zu etlichen
Briefen an Sie gegeben hat Denn hätte ich fortfahren müssen über verdrießliche
Begegnisse zu klagen so wäre Ihre Zufriedenheit durch mich gestört worden da
Ihr liebreiches Herz einen so lebhaften Anteil an allem nimmt was mich und die
seltene Empfindsamkeit meiner Seele betrifft Ich habe in dieser für mich so
dürren moralischen Gegend die ich seit drei Monaten durchwandre zwei angenehme
Quellen und ein Stück urbares Erdreich angetroffen wobei ich mich eine Zeitlang
aufhalten werde um bei dem ersten meinen Geist und mein Herz zu erfrischen und
für die Anpflanzung und Kultur guter Früchte bei dem letztern zu sorgen Doch
ich will ohne Gleichnis reden Sie wissen dass die Erziehung die ich genossen
meine Empfindungen und Vorstellungen von Vergnügen mehr auf das Einfache und
Nützliche lenkte als auf das Künstliche und nur allein Belustigende Ich sah die
Zärtlichkeit meiner Mama niemals in Bewegung als bei Erzählung einer edelen
großmütigen Handlung oder einer so von der Ausübung der Pflichten und der
Menschenliebe und andern Tugenden gemacht wurde Niemals drückte sie mich mit
mehr Liebe an ihr Herz als wenn ich etwas sagte oder etwas für einen Freund des
Hauses für einen Bedienten oder Untertanen unternahm so die Kennzeichen der
Wohltätigkeit und Freude über anderer Vergnügen an sich hatte und ich habe sehr
wohl bemerkt dass wenn mir wie tausend andern Kindern ungefähr eine feine und
schickliche Anmerkung oder ein Gedanke beigefallen worüber oft die ganze
Gesellschaft in Bewunderung und Lob ausgebrochen sie nur einen Augenblick
gelächelt und sofort die Achtung welche mir ihre Freunde zeigen wollten auf
die Seite des tätigen Lebens zu lenken gesucht indem sie entweder etwas von
meinem Fleiß in Erlernung einer Sprache des Zeichnens der Musik oder anderer
Kenntnisse lobte oder von einer erbetenen Belohnung oder Wohltat für jemand
redte und mir also dadurch zu erkennen gab dass gute Handlungen viel
ruhmwürdiger sein als die feinsten Gedanken Wie einnehmend bewies mein Papa mir
diesen Grundsatz da er mich in dem Naturreiche auf die Betrachtung führte dass
die Gattungen der Blumen welche nur zu Ergötzung des Auges dienten viel
weniger zahlreich und ihre Fruchtbarkeit weit schwächer wäre5 als der nützlichen
Pflanzen die zur Nahrung der Menschen und Tiere dienen und waren nicht alle
Tage seines Lebens mit der Ausübung dieses Satzes bezeichnet Wie nützlich
suchte er seinen Geist und seine Erfahrungen seinen Freunden zu machen Was tat
er für seine Untergebenen und für seine Untertanen Nun meine Emilie mit
diesen Grundsätzen mit diesen Neigungen kam ich in die große Welt worin der
meiste Teil nur für Aug und Ohr lebt wo dem vortrefflichen Geist nicht erlaubt
ist sich anders als in einem vorübergehenden witzigen Einfalle zu zeigen und
Sie sehen mit wie vielem Fleiße meine Eltern die Anlage zu diesem Talent in mir
zu zerstören suchten
Ganz ist es nicht von mir gewichen doch bemerkte ich seine Gegenwart
niemals mehr als in einem Anfalle von Missvergnügen oder Verachtung über jemands
Ideen oder Handlungen Urteilen Sie selbst darüber Letztin wurde ich durch
meine Liebe für Deutschland in ein Gespräch verflochten worin ich die
Verdienste meines Vaterlandes zu verteidigen suchte ich tat es mit Eifer meine
Tante sagte mir nachher ich hätte einen schönen Beweis gegeben dass ich die
Enkelin eines Professors sei Dieser Vorwurf ärgerte mich Die Asche meines
Vaters und Großvaters war beleidigt und meine Eigenliebe auch Diese antwortete
für alle dreie »Es wäre mir lieber durch meine Gesinnungen den Beweis zu
geben dass ich von edeldenkenden Seelen abstamme als wenn ein schöner Name
allein die Erinnerung gäbe dass ich aus einem ehemals edelen Blute entsprossen
sei« Dieses verursachte eine Kälte von einigen Tagen unter uns beiden doch
unvermerkt erwärmten wir uns wieder Meine Tante denke ich weil sie nach dem
alt adeligen Stolz fühlte wie empfindlich es sein müsse wenn einem der Mangel
von Ahnen vorgeworfen würde und ich weil ich meine rächende Antwort
missbilligte die mich just auf eben die niedere Stufe setzte auf welcher mir
meine Tante den unedlen Vorwurf gemacht hatte Doch es ist Zeit Sie zu einer
von den zwoen Quellen zu führen wovon ich Ihnen nach meiner Liebe zur
Bildersprache geredet habe
Die erste hat sich in Privatbesuchen gezeigt welche meine Tante empfängt
und ablegt worin ich eine Menge abwechselnder Betrachtungen über die unendliche
Verschiedenheit der Charakter und Geister machen kann die sich in
Beurteilungen Erzählungen Wünschen und Klagen abdrücken Aber was für einen
Zirkel von Kleinigkeiten damit durchloffen wird mit was für Hastigkeit die
Leute bemüht sind einen Tag ihres Lebens auf die Seite zu räumen wie oft der
Hofton der Modegeist die edelsten Bewegungen eines von Natur vortrefflichen
Herzen unterdrückt und um das Auszischen der Modeherren und Modedamen zu
vermeiden mit ihnen lachen und beistimmen heißt dies erfüllt mich mit
Verachtung und Mitleiden Der Durst nach Ergötzlichkeiten nach neuem Putz nach
Bewunderung eines Kleides eines Meubles einer neuen schädlichen Speise o
meine Emilia wie bange wie übel wird meiner Seele dabei zumute weil ich
gewöhnt bin allen Sachen ihren eigentlichen Wert zu geben Ich will von dem
falschen Ehrgeiz nicht reden der so viele niedrige Intrigen anspinnt vor dem
im Glücke sitzenden Laster kriecht Tugend und Verdienste mit Verachtung
ansieht ohne Empfindung Elende macht Wie glücklich sind Sie meine Freundin
Ihre Geburt Ihre Umstände haben Sie nicht von dem Ziel unserer moralischen
Bestimmung entfernt Sie können ohne Scheu ohne Hindernis alle Tugenden alle
edelen und nützlichen Talente üben in den Tagen Ihrer Gesundheit in den Jahren
Ihrer Kräfte alles Gute tun was die meisten in der großen Welt in ihren letzten
Stunden wünschen getan zu haben
Indessen genießen dennoch Religion und Tugend ganz schätzbare
Ehrenbezeugungen Die Hofkirchen sind prächtig geziert die besten Redner sind
zu Predigern darinnen angestellt die Gottesdienste werden ordentlich und
ehrerbietig besucht der Wohlstand im Reden im Bezeugen wird genau und
ängstlich beobachtet kein Laster darf ohne Maske erscheinen ja selbst die
Tugend der Nächstenliebe erhält eine Art von Verehrung in den ausgesuchten und
feinen Schmeicheleien die immer eines der Eigenliebe des andern macht Alles
dieses ist eine Quelle zu moralischen Betrachtungen für mich worden aus welcher
ich den Nutzen schöpfe in den Grundsätzen meiner Erziehung immer mehr und mehr
bestärkt zu werden Oft beschäftigt sich meine Phantasie mit dem Entwurf einer
Vereinigung der Pflichten einer Hofdame zu denen sie von ihrem Schicksal
angewiesen worden mit den Pflichten der vollkommenen Tugend welche zu dem
Grundbau unserer ewigen Glückseligkeit erfodert wird Es lässt sich eine
Verbindung denken allein es ist so schwer sie immer in einer gleichen Stärke
zu erhalten dass mich nicht wundert so wenig Personen zu sehen die darum
bekümmert sind Wie oft denke ich wenn ein Mann wie mein Vater war den
Platz des ersten Ministers hätte dieser Mann wäre der verehrungswürdigste und
glücklichste der Menschen
Es ist wahr viele Mühseligkeit würde seine Tage begleiten doch die
Betrachtung des großen Kreises in welchem er seine Talente und sein Herz zum
Besten vieler tausend Lebenden und Nachkommenden verwenden könnte diese
Aussicht die schönste für eine wahrhaft erhabene und gütige Seele müsste ihm
alles leicht und angenehm machen Die Kenntnis des menschlichen Herzens würde
seinem feinen Geiste den Weg weisen das Vertrauen des Fürsten zu gewinnen
seine Rechtschaffenheit tiefe Einsicht und Stärke der Seele fänden dadurch
ihre natürliche Obermacht unterstützt so dass die übrigen Hof und Dienstleute
sich für den Zügel und das Leitband des weisen und tugendhaften Ministers ebenso
lenksam zeigen würden als man sie täglich bei den Unvollkommenheiten des Kopfs
und den Fehlern des Herzens derjenigen sieht von welchen sie Glück und
Beförderung erwarten So meine Emilia beschäftigt sich meine Seele oft
seitdem ich von den Umständen dem Charakter und den Pflichten dieser oder jener
Person unterrichtet bin Meine Phantasie stellt mich nach der Reihe an den Platz
derer die ich beurteile dann messe ich die allgemeinen moralischen Pflichten
die unser Schöpfer jedem Menschen wer er auch sei durch ewige unveränderliche
Gesetze auferlegt hat nach dem Vermögen und der Einsicht ab so diese Person
hat sie in Ausübung zu bringen Auf diese Weise war ich schon Fürst Fürstin
Minister Hofdame Favorit Mutter von diesen Kindern Gemahlin jenes Mannes ja
sogar auch einmal in dem Platz einer regierenden und alles führenden Mätresse
und überall fand ich Gelegenheit auf mannigfaltige Weise Güte und Klugheit
auszuüben ohne dass die Charakter oder die politische Umstände in eine
unangenehme Einförmigkeit gefallen waren Bei vielen habe ich Ideen und
Handlungen angetroffen deren Richtigkeit Güte und Schönheit ich so leicht
nicht hatte erreichen noch weniger verbessern können aber auch bei vielen war
ich mit meinem Kopf und Herzen besser zufrieden als mit dem ihrigen
Natürlicherweise führte mich die Billigkeit nach diesen phantastischen Reisen
meiner Eigenliebe auf mich selbst und die Pflichten zurück die mir auszurichten
angewiesen sind Sie verband mich so genau und streng in Berechnung meiner
Talente und Kräfte für meinen Wirkungskreis zu sein als ich es gegen andre war
und dadurch meine Emilia habe ich eine Quelle entdeckt meine Aufmerksamkeit
auf mich selbst zu verstärken Kenntnisse Empfindung und Überzeugung des Guten
tiefer in mein Herz zu graben und mich von Tag zu Tag mehr zu versichern wie
sehr ein großer Beobachter der menschlichen Handlungen recht hatte zu
behaupten »dass sehr wenige Personen sein welche das ganze Maß ihrer
moralischen und physikalischen Kräfte nützten« Denn in Wahrheit ich habe viele
leere Stellen in dem Zirkel meines Lebens gefunden zum Teil auch solche die
mit verwerflichen Sachen und nichts werten Kleinigkeiten ausgefüllt waren Das
soll nun weggeräumt werden und weil ich nicht unter der glücklichen Klasse von
Leuten bin die gleich von Haus aus ganz klug ganz gut sind so will ich doch
unter die gehören die durch Wahrnehmungen des Schadens der andern weise und
rechtschaffen werden um ja nicht unter die zu geraten welche nur durch
Erfahrung und eigenes Elend besser werden können
Fräulein von Sternheim an Emilien
Ich danke Ihnen meine wahre Freundin dass Sie mich an den Teil meiner Erziehung
zurückgewiesen der mich anführte mich an den Platz der Personen zu stellen
wovon ich urteilen wollte aber nicht allein um zu sehen was ich in ihren
Umständen würde getan haben sondern auch mir die so nötige menschenfreundliche
Behutsamkeit zu geben »nicht alles was meinen Grundsätzen meinen Neigungen
zuwider ist als böse oder niedrig anzusehen« Sie haben mich daran erinnert
weil Ihnen meine Unzufriedenheit mit den Hofleuten zu unbillig und zu lebhaft
und beinahe ungerecht schien Ich habe Ihnen gefolgt und dadurch die zwote
Quelle meiner Verbesserung gefunden indem ich meine Abneigung vor dem Hofe
durch die Vorstellung gemässigt dass gleichwie in der materiellen Welt alle
mögliche Arten von Dingen ihren angewiesenen Kreis haben darin sie alles
antreffen was zu ihrer Vollkommenheit beitragen kann so möge auch in der
moralischen Welt das Hofleben der Kreis sein in welchem allein gewisse
Fähigkeiten unsers Geistes und Körpers ihre vollkommene Ausbildung erlangen
können als z E die höchste Stufe des feinen Geschmacks in allem was die
Sinnen rührt und von der Einbildungskraft abhängt dahin nicht allein die
unendliche Menge Sachen aller Künste und beinahe aller Notdürftigkeiten von
Nahrung Kleidung Gerätschaft nebst allen Arten von Verzierungen gehören deren
alle Gattungen von äußerlichen Gegenständen fähig sind sich beziehen Der Hof
ist auch der schicklichste Schauplatz die außerordentliche Biegsamkeit unsers
Geistes und Körpers zu beweisen eine Fähigkeit die sich daselbst in einer
unendlichen Menge feiner Wendungen in Gedanken Ausdruck und Gebärden ja selbst
in moralischen Handlungen äußert je nachdem Politik Glück oder Ehrgeiz von
einer oder andern Seite eine Bewegung in der Hofluft verursachen Viele Teile
der schönen Wissenschaften haben ihre völlige Auspolierung in der großen Welt zu
erhalten gleichwie Sprachen und Sitten allein von den da wohnenden Grazien eine
ausgesuchte angenehme Einkleidung bekommen Alles dieses sind schätzbare
Vorzüge die auf einen großen Teil der menschlichen Glückseligkeit ihren Einfluss
haben und wohl ganz sicher Bestandteile davon ausmachen Das Pflanzenund
Tierreich hat seine Züge von Schönheit und Zierlichkeit in Form Ebenmass und
Farbenmischung auch die rauhesten Nationen haben Ideen von Verschönerung Unser
Gesicht Geschmack und Gefühl sind auch nicht umsonst mit so großer
Empfindlichkeit im Vergleichen Wählen Verwerfen und Zusammensetzen begabt so
dass es ganz billig ist diese Fähigkeiten zu benutzen wenn nur die Menschen
nicht so leicht und so gerne über die Grenzen träten die für alles gezogen
sind Doch wer weiß ob nicht selbst dieses Überschreiten der Grenzen seine
Triebfeder in der Begierde nach Vermehrung der Vollkommenheit unsers Zustandes
hat Einer Begierde die der größte Beweis der Güte unsers Schöpfers ist weil
sie so sehr sie in gesunden und glücklichen Tagen irrig und übel verwendet
wird dennoch im Unglück in dem Zeitpunkt der Auflösung unsers Wesens ihre
Aussicht und Hoffnung auf eine andere Welt und dort immer dauernde
unabänderliche Glückseligkeiten und Tugenden wendet und dadurch allein einen
Trost erteilt welchen alle andre Hilfsmittel nicht geben können Sie denken
leicht meine Emilia in wieviel Stunden des Nachdenkens und Überlegens sich
alle diese hier nur flüchtig berührte Gegenstände abteilen lassen und Sie sehen
auch dass mir dabei neben den übrigen Zerstreuungen die mir das Haus meiner
Tante gibt kein Augenblick zu Langeweile bleibt
Nun will ich Sie zu dem Stück urbaren Erdreichs führen das ich angetroffen
habe Dieses geschah auf dem Landgute des Grafen von F Eine Brunnenkur deren
sich die Gräfin bedient gab Gelegenheit dass wir auf ein paar Tage zu einem
Besuch dahin reisten Meine Tante hatte die Gräfin B und das Fräulein R auch
hinbestellt und der Zufall brachte den Lord Derby dazu Gut Haus und Garten
ist sehr schön Die Damen hatten viele kleine weibliche Angelegenheiten unter
sich auszumachen man schickte also das Fräulein R und mich mit Herrn Derby auf
einen Spaziergang Erst durchliefen wir das ganze Haus und den Garten wo Mylord
in Wahrheit ein angenehmer Gesellschafter war indem er uns von der
Verschiedenheit unterhielt die der Nationalgeist eines jeden Volks in die
Bauart und die Verzierungen legte Er machte uns Beschreibungen und
Vergleichungen von englischen italienischen und französischen Gärten und
Häusern zeichnete auch wohl eines und das andre mit einer ungemeinen Fertigkeit
und ganz artig ab Kurz wir waren mit unserm Spaziergang so wohl zufrieden dass
wir Abrede nahmen den andern Tag nach dem Frühstück auf das freie Feld und in
dem Dorfe herumzugehen
Es waren zween glückliche Tage für mich Landluft freie Aussicht Ruhe
schöne Natur der Segen des Schöpfers auf Wiesen und Kornfeldern die Emsigkeit
des Landmanns Mit wieviel Zärtlichkeit und Bewegung heftete ich meine Blicke
auf dies alles Wieviel Erinnerungen brachte es in mein Herz von verflossenen
Zeiten von genossener Zufriedenheit Wie eifrig machte ich Wünsche für meine
Untertanen für Segen zu ihrer Arbeit und für die Zurückkunft meiner Tante R
Sie wissen meine Emilia dass mein Gesicht allezeit die Empfindungen meiner
Seele ausdrückt Ich mag zärtlich und gerührt ausgesehen haben der Ton meiner
Stimme stimmte zu diesen Zügen Aber Lord Derby erschreckte mich beinahe durch
das Feuer mit dem er mich betrachtete durch den Eifer und die Hastigkeit
womit er mich bei der Hand fasste und auf englisch sagte »Gott wenn die Liebe
einmal diese Brust bewegt und diesen Ausdruck von zärtlicher Empfindung in diese
Gesichtszüge legt wie groß wird das Glück des Mannes sein der «
Meine Verwirrung die Art von Furcht die er mir gab war ebenso sichtbar
als meine vorige Bewegungen sogleich hielt er in seiner Rede inne zog seine
Hand ehrerbietig zurück und suchte in allem seinem Bezeugen den Eindruck von
Heftigkeit seines Charakters zu mildern den er mir gegeben hatte
Wir gingen in die Hauptgasse des schönen Dorfs da wir in der Hälfte waren
mussten wir einem Karrn ausweichen der hinter uns gefahren kam Er war mit einer
dichten Korbflechte bedeckt doch sah man eine Frau mit drei ganz jungen Kindern
darin Die rührende Traurigkeit die ich auf dem Gesichte der Mutter erblickte
das blasse hagere Aussehen der Kinder die reinliche aber sehr schlechte
Kleidung von allen zeugte von Armut und Kummer dieser kleinen Familie Mein Herz
wurde bewegt die Vorstellung ihrer Not und die Begierde zu helfen wurden gleich
stark Froh sie an dem Wirtshause absteigen zu sehen bedacht ich mich nicht
lange Ich gab vor ich kennte diese Frau und wollte etwas mit ihr reden und
bat den Lord Derby das Fräulein R zu unterhalten bis ich wiederkäme Er sah
mich darüber mit einem ernstaften Lächeln an und küsste den Teil seines Ärmels
wo ich im Eifer meine Hand auf seinen Arm gelegt hatte Ich errötete und eilte
zu der armen Familie
Bei dem Eintritt in das Haus fand ich alle im Gang an einer Stiege sitzen
die Frau mit weinenden Augen beschäftigt aus einem kleinen Sack ein seiden
Halstuch und eine Schürze zu nehmen die sie der Wirtin zu kaufen anbot um Geld
genug zu bekommen den Fuhrmann zu bezahlen Zwei Kinder riefen um Brot und
Milch ich fasste mich so äußerst gerührt ich war näherte mich und sagte der
armen Frau mit der Miene einer Bekannten es wäre mir lieb sie wiederzusehen
Ich tat dieses um ihr die Verwirrung zu vermeiden die ein empfindliches Herz
fühlt wenn es viele Zeugen seines Elends hat und weil der Unglückliche eine
Art von Achtung so ihm Angesehene und Begüterte erweisen auch als einen Teil
Wohltat aufnimmt Ich sagte der Wirtin sie sollte mir ein Zimmer anweisen in
welchem ich mit der Frau allein reden könnte und bestellte den Kindern ein
Abendbrot zurechte zu machen Während ich dieses sagte machte die Wirtin ein
Zimmer auf und die gute arme Frau stund mit ihrem kleinen Kind im Arm da und
sah mich mit fremdem Erstaunen an Ich reichte ihr die Hand und bat sie in das
Zimmer zu gehen wohin ich die zwei älteren Kinder führte Da ich die Türe
zugemacht leitete ich die zitternde Mutter zu einem Stuhl mit dem Zeichen
sich zu setzen bat sie ruhig zu sein und mir zu vergeben dass ich mich ihr so
zudringe Ich wollte auch nicht unbescheiden mit ihr handeln sie solle mich für
ihre Freundin ansehen die nichts anders wünsche als ihr an einem fremden Orte
nützlich zu sein Eine Menge Tränen hinderten sie zu reden dabei sah sie mich
mit einem von Hoffnung und Jammer bezeichneten Gesichte an
Ich reichte ihr wehmütig die Hand »Sie leiden für Sie und Ihre Kinder unter
einem harten Schicksal« sagte ich »ich bin reich und unabhängig mein Herz
kennt die Pflichten welche Menschlichkeit und Religion den Begüterten auflegen
gönnen Sie mir das Vergnügen diese Pflichten zu erfüllen und Ihren Kummer zu
erleichtern« Indem ich dieses sagte nahm ich von meinem Gelde bat sie es
anzunehmen und mir den Ort ihres Aufenthalts zu sagen Die gute Frau rutschte
von ihrem Stuhle auf die Erde und rief mit äußerster Bewegung aus
»O Gott was für ein edles Herz lässt du mich antreffen«
Die zwei größeren Kinder liefen der Mutter zu fielen um ihren Hals und
fingen an zu weinen Ich umarmte sie hob sie auf umfasste die Kinder und bat
die Frau sich zu fassen und stille zu reden Es sollte hier niemand als ich ihr
Herz und ihre Umstände kennen sie sollte glauben dass ich mich glücklich achten
würde ihr Dienste zu beweisen vorjetzt aber wollte ich nichts als den Ort ihres
Aufenthalts wissen und ihr meinen Namen aufschreiben welches ich auch sogleich
mit Reissblei tat und ihr das Papier überreichte
Sie sagte mir dass sie wieder nach D wo ihr Mann wäre zurückginge
nachdem sie von einem Bruder zu dem sie Zuflucht hätte nehmen wollen
abgewiesen worden wäre Sie wollte mir alle Ursachen ihres Elends aufschreiben
und sich dann meiner Güte in Beurteilung ihrer Fehler empfehlen Nach diesem las
sie mein Papier »Sind Sie das Fräulein von Sternheim O was ist der heutige Tag
für mich Ich bin die Frau des unglücklichen Rats T Wenn Sie mich Ihrer Tante
der Gräfin L nennen so verliere ich vielleicht Ihr Mitleiden aber verdammen
Sie mich nicht ungehört« Dies sagte sie mit gefalteten Händen Ich versprach
es ihr gerne umarmte sie und die Kinder und nahm Abschied mit dem Verbot dass
sie nichts von mir reden und die Wirtin glauben lassen sollte dass wir einander
kenneten Im Weggehen befahl ich der Wirtin der Mutter und den Kindern gute
Betten Essen und den folgenden Morgen eine gute Kutsche zu geben ich wollte
für die Bezahlung sorgen Mylord und das Fräulein R waren in dem Garten des
Wirtshauses wo ich sie antraf und ihnen für die Gefälligkeit dankte dass sie
auf mich gewartet hatten Mein Gesicht hatte den Ausdruck des Vergnügens etwas
Gutes getan zu haben aber meine Augen waren noch rot von Weinen Der Lord sah
mich oft und ernstaft an und redete den ganzen übrigen Spaziergang sehr wenig
mit mir sondern unterhielt das Fräulein R dies war mir desto angenehmer weil
es mich an einen Entwurf denken ließ dieser ganzen Familie so viel mir möglich
aufzuhelfen und dies meine Emilia ist das Stück urbaren Erdreichs so ich
angetroffen wo ich Sorgen Freundschaft und Dienste aussäen will Die Ernte und
der Nutzen soll den drei armen Kindern zugute kommen Denn ich hoffe dass die
Eltern der Pflichten der Natur getreu genug sein werden um davon keinen andern
Gebrauch als zum Besten ihrer unschuldigen und unglücklichen Kinder zu machen
Gelingt mir alles was ich tun will und was mir mein Herz angibt so will ich
meinen Aufenthalt segnen dann nun achte ich die Zeit die ich hier bin nicht
mehr für verloren Ich soll in wenigen Tagen von den Ursachen des Unglücks
dieser Familie Nachricht erhalten nach dem werde ich erst eigentlich wissen
was ich zu tun habe Der Rat T ist sehr krank deswegen konnte die Frau noch
nicht schreiben Vorgestern kamen wir zurück
Mylord Derby an Mylord B in Paris
Du bist begierig den Fortgang meiner angezeigten Intrige zu wissen Ich will
dir alles sagen Weil man doch immer einen Vertrauten haben muss so kannst du
diese Ehrenstelle vertreten und dabei für dich selbst lernen
Lass dir nicht einfallen zur Unzeit ein dummes Gelächter anzufangen wenn
ich dir frei bekenne dass ich noch nicht viel würde gewonnen haben wenn der
Zufall nicht mehr als mein Nachdenken und die feinste Wendung meines Kopfs zu
Beförderung meiner Absichten beigetragen hätte Ich bin damit zufrieden denn
meine Liebesgeschichte steht dadurch in der nämlichen Klasse wie die
Staatsgeschäfte der Höfe der Zufall tut bei vielen das meiste und die Weisheit
manches Ministers besteht allein darin durch die Kenntnis der Geschichte der
vergangenen und gegenwärtigen Staaten diesen Augenblick des Zufalls zu benutzen
und die übrige Welt glauben zu machen dass es die Arbeit seiner tiefen
Einsichten gewesen sei6 Nun sollst du sehen wie ich diese Ähnlichkeit gefunden
und wie ich mir eine unvorgesehene Gelegenheit durch die Historie der
Leidenschaften und die Kenntnisse des weiblichen Herzens zu bedienen gewusst
habe
Ich war vor einigen Tagen in einer ungeduldigen Verlegenheit über die
Auswahl der Mittel die ich brauchen müsste um das Fräulein von Sternheim zu
gewinnen Hätte sie nur gewöhnlichen Witz und gewöhnliche Tugend so wäre mein
Plan leicht gewesen aber da sie ganz eigentlich nach Grundsätzen denkt und
handelt so ist alles wodurch ich sonst gefiel bei ihr verloren Besitzen muss
ich sie und das mit ihrer Einwilligung Dazu gehört dass ich mir ihr Vertrauen
und ihre Neigung erwerbe Nun bleibt mir nichts übrig als mir wie der
Minister zufällige Anlässe nützlich zu machen Von beiden erfuhr ich letzthin
die Probe auf dem Landgut der Gräfin F Ich wusste dass das Fräulein mit ihrer
Tante auf etliche Tage hinging und fand mich auch ein Ich kam zweimal mit
meiner Göttin und dem Fräulein R allein auf den Spaziergang und hatte Anlass
etwas von meinen Reisen zu erzählen Du weißt dass meine Augen gute Beobachter
sind und dass ich manche halbe Stunde ganz artig schwatzen kann Der Gegenstand
war von Gebäuden und Gärten Das Fräulein von Sternheim liebt Verstand und
Kenntnisse Ich machte mir ihre Aufmerksamkeit ganz vorteilhaft zunutze und habe
ihre Achtung für meinen Verstand so weit erhalten dass sie eine Zeichnung zu
sich nahm die ich währender Erzählung von einem Garten in England machte Sie
sagte dabei zu Fräulein R »Dieses Papier will ich zu einem Beweis aufheben
dass es Kavaliere gibt die zu ihrem Nutzen und zum Vergnügen ihrer Freunde
reisen« Dies ist ein wichtiger Schritt der mich weit genug führen wird Keine
lächerliche Grimasse dummer Junge dass du mich über diese Kleinigkeit froh
siehst da ich es sonst kaum über den ganzen Sieg war ich sage dir das Mädchen
ist außerordentlich Aus ihren Fragen bemerkte ich eine vorzügliche Neigung für
England die mir ohne meine Bemühung von selbst Dienste tun wird Ich redete
vergnügt und ruhig fort denn da sie durch die gleichgültige Gegenstände unserer
Unterredung zufrieden und vertraut wurde so hütete ich mich sehr meine Liebe
und eine besondere Aufmerksamkeit zu entdecken Aber bald wäre ich aus meiner
Fassung geraten weil ich eine Veränderung der Stimme und Gesichtszüge des
Fräuleins von Sternheim wahrnahm Sie schien bewegt ihre Antworten waren
abgebrochen ich redete aber mit Fräulein R soviel ich konnte gleichgültig
fort beobachtete aber die Sternheim genau Indem brachte uns ein erhöheter Gang
in dem Garten auf einen Platz wo man das freie Feld entdeckte Wir blieben
stehen Das bezaubernde Fräulein von Sternheim heftete ihre Blicke auf eine
gewisse Gegend eine feine Röte überzog ihr Gesicht und ihre Brust die von der
Empfindung des Vergnügens eine schnellere Bewegung zu erhalten schien Sehnsucht
war in ihrem Gesicht verbreitet und eine Minute darauf stund eine Träne in
ihren Augen B alles was ich jemals Reizendes an andern ihres Geschlechts
gesehen ist nichts gegen den einnehmenden Ausdruck von Empfindung der über
ihre ganze Person ausgegossen war Kaum konnte ich dem glühenden Verlangen
widerstehen sie in meine Arme zu schließen Aber ganz zu schweigen war mir
unmöglich Ich fasste eine ihrer Hände mit einem Arme der vor Begierde zitterte
und sagte ihr auf englisch ich weiß nicht mehr was aber die Wut der Liebe muss
aus mir gesprochen haben denn ein ängstlicher Schrecken nahm sie ein und
entfärbte sie bis zur Totenblässe Da wars Zeit mich zu erholen und ich befliss
mich den ganzen übrigen Abend recht ehrerbietig und gelassen zu sein Mein
Täubchen ist noch nicht kirre genug um das Feuer meiner Leidenschaft in der
Nähe zu sehen Dieses loderte die ganze Nacht in meiner Seele keinen Augenblick
schlief ich immer sah ich das Fräulein vor mir und meine Hand schloss sie
zwanzigmal mit der nämlichen Heftigkeit zu mit welcher ich die ihrige gefasst
hatte Rasend dachte ich Sehnsucht und Liebe in ihr gesehen zu haben die einen
Abwesenden zum Gegenstand hatten aber ich schwur mir sie mit oder ohne ihre
Neigung zu besitzen Wenn sie Liebe feurige Liebe für mich bekommt so kann es
sein dass sie mich fesselt aber auch kalt soll sie mein Eigentum werden
Der Morgen kam und fand mich wie einen tollen brennenden Narren mit offener
Brust und Verstörten Gesichtszügen am Fenster Der Spiegel zeigte mich mir unter
einer Satansgestalt die fähig gewesen wäre das gute furchtsame Mädchen auf
immer vor mir zu verscheuchen Wild über die Gewalt so sie über mich gewonnen
und entschlossen mich dafür schadlos zu halten warf ich mich aufs Bette und
suchte einen Ausweg aus diesem Gemische von neuen Empfindungen und meinen alten
Grundsätzen zu finden Geduld brauchte es auf dem langweiligen Weg den ich vor
mir sah weil ich nicht wissen konnte dass der Nachmittag mir zu einem großen
Sprung helfen würde Als ich wieder in ihre Gesellschaft kam war ich lauter
Sanftmut und Ehrfurcht das Fräulein stille und zurückhaltend Nach dem Essen
ließ man uns junge Leute wieder gehen weil die Tante und die Gräfin F die
Karte noch vollends zu mischen hatten mit welcher sie das Fräulein dem Fürsten
zuspielen wollten Nach unserer Abrede vom vorigen Tage gingen wir in das Dorf
Als wir gegen das Wirtshaus kamen wo meine Leute einquartieret waren begegnete
uns ein kleiner Wagen mit einer Frau und Kindern beladen der langsam vorbeiging
und uns hinderte vorzukommen Meine Sternheim sieht die Frau starr an wird rot
nachdenklich betrübt alles schier in einem Anblick und sieht dem Wagen
melancholisch nach Dieser hält an dem Wirtshause die Leute steigen aus die
Blicke des Fräuleins sind unbeweglich auf sie geheftet Unruhe nimmt sie ein
sie sieht mich und das Fräulein R an wendet die Augen weg endlich legt sie
ihre Hand auf meinen Arm und sagt mir auf englisch mit einem verschönerten
Gesichte und bittender zärtlicher Stimme »Lieber Lord unterhalten Sie doch das
Fräulein R einige Augenblicke hier ich kenne diese Frau und will ein paar
Worte mit ihr reden« Ich stutzte machte eine einwilligende Verbeugung und
küsste den Platz meines Rocks wo ihre Hand gelegen war und mich sanft gedrückt
hatte Sie sieht dieses Brennendrot und verwirrt eilt sie weg Was T dachte
ich muss das Mädchen mit dem Weibe haben sie mag wohl irgend einmal
Briefträgerin oder sonst eine dienstfertige Kreatur in einem verborgenen
Liebeshandel gewesen sein Gestern nach meiner zärtlichen Anrede war das Mädchen
stutzig heute den ganzen Tag trocken hoch sah mich kaum an ein Bettelkarrn
führt eine Art Kupplerin herbei und ihre Gesichtszüge verändern sich sie hat
mit sich zu kämpfen und endlich werde ich der liebe Lord auf den man die
schöne Hand legt seinen Arm zärtlich drückt die Stimme den Blick beweglich
macht um zu einer ungehinderten Unterredung mit diesem Weibe zu kommen Hm Hm
wie siehts mit dieser strengen Tugend aus Ich hätte das Fräulein R in der
Mistpfütze ersäufen mögen um mich in dem Wirtshause zu verbergen und zuzuhören
Diese sieht der Sternheim nach und sagt »Was macht das Fräulein in dem
Wirtshause« Ich antwortete kurz sie hätte mir gesagt dass sie diese Bettelfrau
kenne und mit ihr etwas zu reden hätte Sie lacht schüttelt den Kopf mit der
Miene des Affengesichts das lang über die Vorzüge der Freundin neidisch war
nichts tadeln konnte und nun eine innerliche Freude über den Schein eines
Fehlers fühlte »Es wird wohl eine alte gute Bekanntin vom Dorfe P sein«
zischte die Natter mit einem Ansehen als ob sie ganz unterrichtet wäre Ich
sagte ihr ich wollte einen meiner Leute horchen lassen denn ich wäre selbst
über diesen Vorgang in Erstaunen schickte auch einen nach ihr und suchte
indessen die R folgends auszulocken was sie wohl von Fräulein Sternheim denke
»Dass sie ein wunderliches Gemische von bürgerlichem und adeligem Wesen
vorstellt und ein wunderlich Gezier von Delikatesse macht die sie doch nicht
souteniert Denn was für ein Bezeugen von einer Person vom Stande ist das von
einer Dame und einem Kavalier wegzulaufen um ich weiß nicht wie ich sagen
soll eine Frau zu sprechen die sehr schlecht aussieht und die vielleicht am
besten die Art angeben könnte wie dieses Herz zu gewinnen ist ohne dass die
vielen Anstalten und Vorkehrungen nötig wären die man mit ihr macht«
Ich sagte wenig darauf doch so viel um sie in Atem zu halten
weiterzureden Die Genealogie des Fräuleins Sternheim wurde also vorgenommen
ihr Vater und ihre Mutter verleumdet und die Tochter lächerlich gemacht mehr
habe ich nicht behalten der Kopf war mir warm Die Sternheim blieb ziemlich
lange weg Endlich kam sie mit einem gerührten doch zufriednen Gesichte etwas
verweinten Augen und ruhigem Lächeln gegen uns und mit einem Ton der Stimme so
weich so voll Liebe dass ich noch toller als vorher wurde und gar nicht mehr
wusste was ich denken sollte
Das Fräulein R betrachtete sie auf eine beleidigende Weise und meine
Göttin mochte unsere Verlegenheit gemerkt haben denn sie schwieg wie wir in
einem fort bis wir wieder zu Hause kamen Ich eilte abends fort um meine
Nachrichten zu hören Da erzählte mir mein Kerl Er hätte die Wirtin und die
Frau heulend über die Güte des Fräuleins angetroffen die Frau sei dem Fräulein
ganz fremd gewesen hätte sich über das Anreden dieser Dame verwundert und wäre
ihr mit sorgsamem Gesicht in die Stube gefolgt wohin sie sie mit den Kindern
geführt Da hätte ihr das Fräulein zugesprochen sie um Vergebung für ihr
Zudringen gebeten und Hilfe angeboten auch wirklich Geld gegeben und nachdem
sie erfahren dass sie nach D gehe und dort wohne hätte sie ihren Namen und
Aufenthalt der Frau aufgeschrieben und ihr auf das liebreichste fernere Dienste
versichert auch bei der Wirtin eine gute Kutsche bestellt welche die Frau und
Kinder nach Hause bringen sollte
Ich dachte mein Kerl oder ich müsste ein Narr sein und widersprach ihm
alles aber er fluchte mir die Wahrheit seiner Geschichte und ich fand dass das
Mädchen den wunderlichsten Charakter hat Was Twird sie rot und verwirrt wenn
sie etwas Gutes tun will was hatte sie uns zu belügen sie kenne die Frau
besorgte sie wir möchten Anteil an ihrer Großmut nehmen
Aber diese Entdeckung das Ungefähr werde ich mir zunutze machen ich will
die Familie aufsuchen und ihr Gutes tun wie Engländer es gewohnt sind und
dieses ohne mich merken zu lassen dass ich etwas von ihr weiß Aber gewiss werde
ich keinen Schritt machen den sie nicht sehen soll Durch diese Wohltätigkeit
werde ich mich ihrem Charakter nähern und da man sich allezeit mit einer
gewissen zärtlichen Neigung an die Gegenstände seines Mitleidens und seiner
Freigebigkeit heftet so muss in ihr notwendigerweise eine gute Gesinnung für
denjenigen entstehen der ohne ein Verdienst dabei zu suchen das Glück in eine
Familie zurückrufen hilft Ich werde schon einmal zu sagen wissen dass ihr edles
Beispiel auf mich gewirkt habe und wenn ich nur eine Linie breit Vorteil über
ihre Eigenliebe gewonnen habe so will ich bald bei Zollen und Spannen
weitergehen
Sie beobachtet mich scharf wenn ich nahe bei ihr in ein Gespräch verwickelt
bin Dieser kleinen List mich ganz zu kennen setzte ich die entgegen
allezeit wenn sie mich hören konnte etwas Vernünftiges zu sagen oder den
Diskurs abzubrechen und recht altklug auszusehen Aber ob schon ihre
Zurückhaltung gegen mich schwächer geworden ist so ist es doch nicht Zeit von
Liebe zu reden die Waagschale zieht noch immer für Seimour Ich möchte wohl
wissen warum das gesunde junge Mädchen den blassen traurigen Kerl meiner
frischen Farbe und Figur vorzieht und seinen krächzenden Ton der Stimme lieber
hört als den munteren Laut der meinigen seine toten Blicke sucht und mein
redendes Auge flieht Sollte soviel Wasser in ihre Empfindungen gegossen sein
Das wollen wir beim Ball sehen der angestellt ist denn da muss eine Lücke ihres
Charakters zum Vorschein kommen wenigstens sind alle möglichen Anstalten
gemacht worden um die tiefschlafendsten Sinnen in eine muntere Geschäftigkeit
zu bringen Deinem Freund wird das Erwachen der ihrigen nicht entgehen und dann
will ich schon Sorge tragen sie nicht einschlummern zu lassen
Fräulein von Sternheim an Emilia
Ich komme von der angenehmsten Reise zurück die ich jemals mit meiner Tante
gemacht habe Wir waren zehn Tage bei dem Grafen von T auf seinem Schloss
und haben da die verwitibte Gräfin von Sch welche immer da wohnt zwei andere
Damen von der Nachbarschaft und zu meiner unbeschreiblichen Freude den Herrn
gefunden dessen vortreffliche Schriften ich schon gelesen und soviel Feines für
mein Herz und meinen Geschmack daraus erlernt hatte Der ungezwungene ruhige Ton
seines Umgangs unter welchen er seinen Scharfsinn und seine Wissenschaft
verbirgt und die Gelassenheit mit welcher er sich in Zeitvertreibe und
Unterredungen einflechten ließ die der Größe seines Genies und seiner
Kenntnissen ganz unwürdig waren erregten in mir für seinen leutseligen
Charakter die nämliche Bewunderung welche die übrige Welt seinem Geiste widmet
Immer hoffte ich auf einen Anlass den man ihm geben würde uns allen etwas
Nützliches von den schönen Wissenschaften von guten Büchern besonders von der
deutschen Literatur zu sagen wodurch unsere Kenntnisse und unser Geschmack
hätte verbessert werden können aber wie sehr meine Emilia fand ich mich in
meiner Hoffnung betrogen Niemand dachte daran die Gesellschaft dieses feinen
gütigen Weisen für den Geist zu benützen man missbrauchte seine Geduld und
Gefälligkeit auf eine unzählbare Art mit geringschätzigen Gegenständen auf
welchen der Kleinigkeitsgeist haftet oder mit neu angekommenen französischen
Broschüren wobei man ihm übelnahm wenn er nicht darüber in Entzückung geriet
oder wenn er auch andere Sachen nicht so sehr erhob als man es haben wollte O
wie geizte ich nach jeder Minute die mir dieser hochachtungswerte Mann
schenkte wenn er mit dem liebreichsten meiner Wissbegierde und Empfindsamkeit
angemessnen Tone meine Fragen beantwortete oder mir vorzügliche Bücher nannte
und mich lehrte wie ich sie mit Nutzen lesen könne Mit edler Freimütigkeit
sagte er mir einst Ob sich schon Fähigkeiten und Wissensbegierde in beinahe
gleichem Grade in meiner Seele zeigten so wäre ich doch zu keiner Denkerin
geboren hingegen könnte ich zufrieden sein dass mich die Natur durch die
glücklichste Anlage den eigentlichen Endzweck unsers Daseins zu erfüllen dafür
entschädigt hätte dieser bestehe eigentlich im Handeln nicht im Spekulieren7
und da ich die Lücken die andre in ihrem moralische Leben und in dem Gebrauch
ihrer Tage machen so leicht und fein empfände so sollte ich meine
Betrachtungen darüber durch edle Handlungen deren ich so fähig sei zu zeigen
suchen8
Niemals meine Emilia war ich glücklicher als zu der Zeit da dieser
einsichtsvolle Ausspäher der kleinsten Falten des menschlichen Herzens dem
meinigen das Zeugnis edler und tugendhafter Neigungen beilegte Er verwies mir
mit der achtsamsten Güte meine Zaghaftigkeit und Zurückhaltung in Beurteilung
der Werke des Geistes und schrieb mir eine richtige Empfindung zu welche mich
berechtigte meine Gedanken so gut als andre zu sagen Doch bat er mich weder
im Reden noch im Schreiben einen männlichen Ton zu suchen Er behauptete dass es
die Wirkung eines falschen Geschmacks sei männliche Eigenschaften des Geistes
und Charakters in einem Frauenzimmer vorzüglich zu loben Wahr sei es dass wir
überhaupt gleiche Ansprüche wie die Männer an alle Tugenden und an alle die
Kenntnisse hätten welche die Ausübung derselben befördern den Geist aufklären
oder die Empfindungen und Sitten verschönern aber dass immer in der Ausübung
davon die Verschiedenheit des Geschlechts bemerkt werden müsse Die Natur selbst
habe die Anweisung hiezu gegeben als sie z E in der Leidenschaft der Liebe
den Mann heftig die Frau zärtlich gemacht in Beleidigungen jenen mit Zorn
diese mit rührenden Tränen bewaffnet zu Geschäften und Wissenschaften dem
männlichen Geiste Stärke und Tiefsinn dem weiblichen Geschmeidigkeit und Anmut
in Unglücksfällen dem Manne Standhaftigkeit und Mut der Frau Geduld und
Ergebung vorzüglich mitgeteilt im häuslichen Leben jenem die Sorge für die
Mittel der Familie zu erhalten und dieser die schickliche Austeilung derselben
aufgetragen habe usw Auf diese Weise und wenn ein jeder Teil in seinem
angewiesnen Kreise bliebe liefen beide in der nämlichen Bahn wiewohl in zwoen
verschiedenen Linien dem Endzweck ihrer Bestimmung zu ohne dass durch eine
erzwungene Mischung der Charakter die moralische Ordnung gestört würde Er
suchte mich mit mir selbst und meinem Schicksale über welches ich Klagen
führte zufriedenzustellen und lehrte mich immer die schöne Seite einer Sache
zu suchen den Eindruck der widrigen dadurch zu schwächen und auf diese nicht
mehr Aufmerksamkeit zu wenden als vonnöten sei den Reiz und Wert des Schönen
und Guten desto lebhafter zu empfinden
O Emilia in dem Umgang dieses Mannes sind die besten Tage meines Geistes
verflossen Es ist etwas in mir das mich empfinden lässt dass sie nicht mehr
zurückkommen werden dass ich niemals so glücklich sein werde nach meinen
Wünschen und Neigungen so einfach so wenig fodernd sie sind leben zu können
Schelten Sie mich nicht gleich wieder über meine zärtliche Kleinmütigkeit
vielleicht ist die Abreise des Herrn daran Ursache die für mich eine
abscheuliche Leere in diesem Hause lässt Er kommt nur manchmal hieher Wie
Pilgrime einen verfallenen Platz besuchen wo ehemals ein Heiliger wohnte
besucht er dieses Haus um noch den Schatten des großen Mannes zu verehren der
hier lebte dessen großen Geist und erfahrne Weisheit er bewunderte der sein
Freund war und ihn zu schätzen wusste
Den Tag nach seiner Abreise langte ein kleiner französischer Schriftsteller
an den ein Mangel an Pariser Glück und die seltsame Schwachheit unsers Adels
»die französische Belesenheit immer der Deutschen vorzuziehen« in dieses Haus
führte Die Damen machten viel Wesens aus der Gesellschaft eines Mannes der
geraden Weges von Paris kam viele Marquisinnen gesprochen hatte und ganze
Reihen von Abhandlungen über Moden Manieren und Zeitvertreiber der schönen
Pariser Welt zu machen wusste der bei allen Frauenzimmerarbeiten helfen konnte
und der galanten Witib sein Erstaunen über die Delikatesse ihres Geistes und
über die Grazien ihrer Person und ihrer gar nicht deutschen Seele in allen Tönen
und Wendungen seiner Sprache vorsagte
So angenehm es mir anfangs war ein Urbild der Gemälde zu sehen die mir
schon oft in Büchern von diesen Mietgeistern der Reichen und Großen in
Frankreich vorgekommen waren so wurde ich doch schon am vierten Tag seiner
leeren und nur in andern Worten wiederholten Erzählungen von Meubles Putz
Gastereien und Gesellschaften in Paris herzlich müde Aber die Szene wechselte
bei der Rückkunft des Herrn der sich die Mühe nahm diesen aus Frankreich
berufenen Hausgeist an den Platz seiner Bestimmung zu setzen
Das Gepränge womit das sklavische Vorurteil so unser Adel für Frankreich
hat dem Herrn den Pariser vorstellte das Gezier die Selbstzufriedenheit
womit der Franzose sich als den Autor sehr artiger und beliebter Büchergen
anpreisen hörte würde meine Emilia wie mich geärgert haben
Aber wie schön leuchtete die Bescheidenheit unsers weisen Landmanns hervor
der mit der Menschenfreundlichkeit womit der echte Philosoph die Toren zu
ertragen pflegt den Eindruck verhehlte den der fade Belesprit auf ihn machen
musste ja sogar sich mit wahrer Herablassung erinnerte eines von seinen
Schriftchen gelesen zu haben
Mir schien der ganze Vorgang als ob ein armer Prahler mit lächerrlichem
Stolze den edelen Besitzer einer Goldmine ein Stückgen zackicht ausgeschnittenes
Flittergold zeigte es zwischen seinen Fingern hin und her wendete und sich viel
mit dem Geräusche zugute täte so er damit machen könnte und wozu freilich der
Vorrat gediegenen Goldes des edelmütigen Reichen nicht tauglich ist aber dieser
lächelte den Toren mit seinem Spielwerk leutselig an und dächte es schimmert
und tönt ganz artig aber du musst es vor dem Feuer der Untersuchung und dem
Wasser der Widerwärtigkeit9 bewahren wenn dein Vergnügen dauerhaft sein soll
Herr fragte den Belesprit nach den großen Männern in Frankreich deren
Schriften er gelesen hätte und hochschätzte aber er kannte sie wie wir andern
nur dem Namen nach und schob immer anstatt eines Mannes von gelehrten
Verdiensten den Namen eines reichen oder großen Hauses ein
Ich die schon lange über den übelen Gebrauch den man von der Gesellschaft
und Gefälligkeit des Herrn machte erbost war zumal da ihn dem ungeachtet
alle um sich haben wollten und mich wie neidischsumsende Wespen hinderten etwas
Honig für mich zu sammeln auch nur den Pariser immer reden machten ich warf
endlich die Frage auf Was für einen Gebrauch die französischen Damen von dem
Umgang ihrer Gelehrten machten Ich vernahm aus der Antwort sie lernten von
ihnen
Die Schönheiten der Sprache und des Ausdrucks
Von allen Wissenschaften eine Idee zu haben um hie und da etliche Worte in
die Unterredung mischen zu können die ihnen den Ruhm vieler Kenntnisse
erhaschen hälfen
Wenigstens die Namen aller Schriften zu wissen und etwas das einem Urteil
gleiche darüber zu sagen
Sie besuchten auch mit ihnen die öffentlichen physikalischen Lehrstunden wo
sie ohne viele Mühe sehr nützliche Begriffe sammelten
Ingleichem die Werkstätte der Künstler deren Genie für Pracht und Vergnügen
arbeitet und alles dieses trüge viel dazu bei ihre Unterredungen so angenehm
und abwechselnd zu machen
Da fühlte ich mit Unmut die vorzügliche Klugheit der französischen
Eigenliebe die sich in so edle nützliche Auswüchse verbreitet Immer genug
wenn man begierig ist die Blüte der Bäume zu kennen bald wird man auch den
Wachstum und die Reife der Früchte erforschen wollen
Wieviel hat diese Nation voraus denn nichts wird schneller allgemein als
der Geschmack des Frauenzimmers
Warum brachten seit so vielen Jahren die meisten unserer Kavaliere von ihren
Pariser Reisen ihren Schwestern und Verwandtinnen unter tausenderlei
verderblichen Modenachrichten nicht auch diese mit die alles andere verbessert
hätte Aber da sie für sich nichts als lächerliche und schädliche Sachen
sammeln wie sollten sie das Anständige und Nutzbare für uns suchen
Ich berechnete noch überdies den Gewinn den selbst das Genie des Gelehrten
durch die Fragen der lehrbegierigen Unwissenheit erhält die ihn oft auf
Betrachtung und Nachdenken über eine neue Seite gewisser Gegenstände führt die
er als gering übersah oder die weil sie allein an das Reich der Empfindungen
grenzte von einem Frauenzimmer eher bemerkt wurde als von Männern Gewiss ist
es dass die Bemühung andere in einer Kunst oder Wissenschaft zu unterrichten
unsere Begriffe feiner deutlicher und vollkommener macht Ja sogar des
Schülers verkehrte Art etwas zu fassen die einfältigsten Fragen desselben
können der Anlass zu großen und nützlichen Entdeckungen werden wie diese von dem
Gärtner zu Florenz über die bei abwechselnder Witterung bemerkte Erhöhung oder
Erniedrigung des Wassers in seinem Brunnen die vortreffliche Erfindung des
Baromets veranlasste Aber ich komme zu weit von dem liebenswürdigen Deutschen
weg dessen feines und mit unendlichen Kenntnissen bereichertes Genie in unserer
aus so verschiedenen Charaktern zusammengesetzten Gesellschaft moralische
Schattierfarben zu seinen reizenden Gemälden der Menschen sammelte Er sagte mir
dieses als ich seine Herablassung zu manchen nichtsbedeutenden Gesprächen
lobte
Mit Entzückung lernte ich in ihm das Bild der echten Freundschaft kennen da
er mir von einem hochachtungswürdigen Manne erzählte der von dem ehemaligen
Besitzer dieses Hauses erzogen worden und als ein lebender Beweis der unzähligen
Fähigkeiten unsers Geistes anzuführen sei weil er die Wissenschaft des feinsten
Staatsmannes mit aller Gelehrsamkeit des Philosophen des Physikers und des
schönen Geistes verbände alle Werke der Kunst gründlich beurteilen könnte die
Staatsökonomie und Landwirtschaft in allen ihren Teilen verstehe verschiedene
Sprachen gut rede und schreibe ein Meister auf dem Klavier und ein Kenner aller
schönen Künste sei und mit so vielen Vollkommenheiten des Geistes das edelste
Herz und den großen Charakter eines Menschenfreundes in seinem ganzen Umfang
verbindete
Sie sehen aus diesem Gemälde ob Herr Ursache hat die Freundschaft eines
solchen Mannes für das vorzügliche Glück seines Lebens zu halten Und Sie werden
sich mit mir über die Entschließung freuen welche er gefasst hat den ältesten
Sohn seines Freundes an den seit kurzem veränderten Ort seiner Bestimmung
mitzunehmen Durch die halbe Länge Deutschlands von den Freunden seines Herzens
entfernt will er alle die Gesinnungen die er für die Eltern hat auf das Haupt
dieses Knaben versammeln ihn zu einem tugendhaften Mann erziehn und dadurch
weit von seinen Freunden die Verbindung seines Herzens mit den ihrigen
unterhalten O Emilia Was ist Gold Was sind Ehrenstellen die die Fürsten
manchmal dem Verdienste zuteilen gegen diese Gabe der Freundschaft des Herrn
an den Sohn seiner glücklichen Freunde Wie sehr verehrt ihn mein Herz Wie
viele Wünsche mache ich für seine Erhaltung Und wie selig müssen seine
Abendstunden nach so edel ausgefüllten Tagen sein
Mein Brief ist lang aber meine Emilia hat eine Seele die sich mit Ergötzen
bei der Beschreibung einer übenden Tugend verweilt und mir Dank dafür weiß Herr
reiste abends weg und wir zu meinem Vergnügen den zweeten Morgen darauf
Denn jeder Platz des Hauses und Gartens wo ich ihn gesehen hatte und jetzt mit
Schmerzen vermisste stürzte mich in einen Abfall innerlicher Traurigkeit die
mir an unserm Hof nicht vermindert wird Doch ich will nach seinem Rat immer die
schöne Seite meines Schicksals suchen und Ihnen in Zukunft nur diese zeigen
Nun muss ich mich zu einem Fest anschicken welches Graf F auf seinem
Landgut geben wird Ich liebe die aufgehäuften Lustbarkeiten nicht aber man
wird tanzen und Sie wissen dass ich von allen andern Ergötzungen für diese die
meiste Neigung habe
Mylord Derby an seinen Freund B
Ich schreibe dir um der Freude meines Herzens einen Ausbruch zu schaffen denn
hier darf ich sie niemand zeigen Aber es ist lustig zu sehen wie alle
Anstalten die man dem Fürsten zu Ehren macht sich nur alleine dazu schicken
müssen das schöne schüchterne Vögelchen in mein verstecktes Garn zu jagen Der
Graf F der den Oberjägermeister in dieser Gelegenheit macht gab letzthin dem
ganzen Adel auf seinem Gute ein recht artig Festin wobei wir alle in
Bauerkleidungen erscheinen mussten
Wir kamen nachmittags zusammen und unsre Bauerkleider machten eine schöne
Probe was natürlich edle oder was nur erzwungene Anstalten waren Wie manchem
unter uns fehlte nur die Grabschaufel oder die Pflugschare um der Bauerknecht
zu sein den er vorstellte und gewiss unter den Damen war auch mehr als eine
die mit einem Hühnerkorbe auf dem Kopfe oder bei Melkerei nicht das geringste
Merkmal einer besonderen Herkunft oder Erziehung behalten hätte Ich war ein
schottischer Bauer und stellte den kühnen entschlossnen Charakter der den
Hochländern eigen ist ganz natürlich vor und hatte das Geheimnis gefunden ihn
mit aller der Eleganz die wie du weißt mir eigen ist ohne Nachteil meines
angenommenen Charakters zu verschönern Aber diese Zauberin von Sternheim war
in ihrer Verkleidung lauter Reiz und schöne Natur alle ihre Züge waren
unschuldige ländliche Freude ihr Kleid von hellblauem Taft mit schwarzen
Streifen eingefasst gab der ohnehin schlanken griechischen Bildung ihres Körpers
ein noch feineres Ansehen und den Beweis dass sie gar keinen erkünstelten Putz
nötig habe Alle ihre Wendungen waren mit Zauberkräften vereinigt die das
neidische Auge der Damen und die begierigen Blicke aller Mannsleute an sich
hefteten Ihre Haare schön geflochten und mit Bändern zurückgebunden um nicht
auf der Erde zu schleppen gaben mir die Idee sie einst in der Gestalt der
Miltonischen Eva zu sehen wenn ich ihr Adam sein werde Sie war munter und
sprach mit allen Damen auf das gefälligste Ihre Tante und die Gräfin F
überhäuften sie mit Liebkosungen sie dachten dadurch das Mädchen in der munteren
Laune zu erhalten in welcher sie ihre Gefälligkeit auch auf den Fürsten
ausbreiten könnte
Seimour fühlte die ganze Macht ihrer Reizungen verbarg aber nach der
politischen Verabredung mit seinem Onkel seine Liebe unter einem Anfall von
Spleen der den sauertöpfischen Kerl stumm und unruhig bald unter diesen bald
unter jenen Baum führte wohin ihm Fräulein C als seine Bäuerin wie ein
Schatten folgte Meine Leidenschaft kostete mich herkulische Mühe sie im Zügel
zu halten aber schweigen konnte ich nicht sondern haschte jede Gelegenheit wo
ich an dem Fräulein von Sternheim vorbeigehen und ihr auf englisch etwas
Bewunderndes sagen konnte Aber etlichemal hätte ich sie zerquetschen mögen da
ihre Blicke wiewohl nur auf das flüchtigste mit aller Unruh der Liebe nach
Seimour gerichtet waren Endlich entschlüpfte sie unter dem Volke und wir sahen
sie auf die Türe des Gartens vom Pfarrhofe zueilen man beredete sich darüber
und ich blieb an der Ecke des kleinen Milchhauses stehen um sie beim
Zurückkommen zu beobachten Ehe eine Viertelstunde vorbei war kam sie heraus
Die schönste Karminfarbe und der feinste Ausdruck des Entzückens war auf ihrem
Gesicht verbreitet Mit leutseliger Güte dankte sie für die Bemühung etlicher
Zuseher die ihr Platz geschafft hatten Niemals hatte ich sie so schön gesehen
als in diesem Augenblick sogar ihr Gang schien leichter und angenehmer als
sonst Jedermann hatte die Augen auf sie gewandt sie sah es schlug die ihre
zur Erden und errötete außerordentlich In dem nämlichen Augenblick kam der
Fürst auch mitten durch das Gedränge des Volks aus dem Pfarrgarten heraus Nun
hättest du den Ausdruck des Argwohns und des boshaften Urteils der Gedanken über
die Zusammenkunft der Sternheim mit dem Fürsten sehen sollen der auf einmal in
jedem spröden koketten und devoten Affengesicht sichtbar wurde und die
albernen Scherze der Mannsleute über die Röte da sie der Fürst mit Entzücken
betrachtete Beides wurde als ein Beweis ihrer vergnügten Zusammenkunft im
Pfarrhaus aufgenommen und alle sagten sich ins Ohr wir seien das Fest der
Übergabe dieser für unüberwindlich gehaltenen Schönen Die reizende Art mit
welcher sie dem Fürsten etwas Erfrischung brachte die Bewegung mit der er
aufstund ihr entgegenging und bald ihr Gesichte bald ihre Leibesgestalt mit
verzehrenden Blicken ansah und nachdem er den Sorbet getrunken hatte ihr den
Teller wegnahm und dem jungen F gab sie aber neben ihn auf die Bank sitzen
machte die Freude des alten von F der Stolz ihres Onkels und ihrer Tante der
sich schon recht sichtbar zeigte alles bestärkte unsre Mutmaßungen Wut nahm
mich ein und im ersten Anfall nahm ich Seimourn der außer sich war beim Arm
und redete mit ihm von dieser Szene Die heftigste äußerste Verachtung belebte
seine Anmerkungen über ihre vorgespielte Tugend und die elende Aufopferung
derselben über die Frechheit sich vor dem ganzen Adel zum Schauspiel zu machen
und die vergnügteste Miene dabei zu haben Dieser letzte Zug seines Tadels
brachte mich zur Vernunft Ich überlegte der Schritt wäre in Wahrheit zu frech
und dabei zu dumm die Szene des Wirtshauses in F Gel mir ein ein Zweifel der
sich darüber bei mir erhob machte mich meinen Will rufen Ich versprach ihm
hundert Guineen um die Wahrheit dessen zu erfahren was im Pfarrhause zwischen
dem Fürsten und der Sternheim vorgegangen In einer Stunde wovon mir jede
Minute ein Jahr dünkte kam er mit der Nachricht dass die Fräulein den Fürsten
nicht gesehen sondern allein mit dem Pfarrer gesprochen und ihm zehn Karolinen
für die Armen des Dorfs gegeben habe mit der inständigsten Bitte ja niemand
nichts davon zu sagen Der Fürst wäre nach ihr gekommen und hätte dem Adel von
weitem zusehen wollen wie sie sich belustigten ehe er komme um sie desto
ungestörter fortfahren zu machen
Da stund ich und fluchte über die Schwärmerin die uns zu Narren machte Und
dennoch war das Mädchen wirklich edler als wir alle die wir nur an unser
Vergnügen dachten während sie ihr Herz für die armen Einwohner des Dorfs
eröffnete um einen der Freude gewidmeten Tag bis auf sie auszudehnen Was war
aber ihre Belohnung davor Die niederträchtigste Beurteilung ihres Charakters
wozu sich das elendeste Geschöpf unter uns berechtigt zu sein glaubte In
Wahrheit eine schöne Aufmunterung zur Tugend Willst du mir sagen dass die
innerliche Zufriedenheit unsre wahre Belohnung sei so darf ich nur denken dass
just der Ausdruck dieser Zufriedenheit auf dem Gesichte des englischen Mädchens
da es vom Pfarrhof zurückkam zu einem Beweis ihres Fehlers gemacht wurde Aber
wie dankte ich meiner Begierde die Sache ganz zu wissen die mich berufenen
Bösewicht zu der besten Seele der ganzen Gesellschaft machte denn ich allein
wollte die Sache ergründen ehe ich ein festes Urteil über sie fasste und siehe
ich wurde auf der Stelle für diese Tugend mit der Hoffnung belohnt das
liebenswerte Geschöpfe ganz rein in meine Arme zu bekommen dann nun soll es nur
ihr oder mein Tod verhindern können mein ganzes Vermögen und alle Kräfte meines
Geistes sind zu Ausführung dieses Vorhabens bestimmt
Mit triumphierendem Gesichte eilte ich zur Gesellschaft nachdem ich Willen
verboten keiner Seele nichts von seiner Entdeckung zu sagen und ihm noch
hundert Guineen für sein Schweigen versprochen hatte Du wirst fodern dass ich
meine Entdeckung zum Besten des Fräuleins hätte mitteilen sollen Dann meinst
du wäre mein Triumph edel gewesen Sachte mein guter Herr sachte Ich konnte
auf dem Weg der guten Handlungen nicht so eilend fortwandern noch weniger
gleich mein ganzes Vergnügen aufopfern Und wozu hätte meine Entdeckung gedient
als des Fürsten und meine Beschwerlichkeiten zu vergrößern Wie vielen Spasses
hätte ich mich beraubt wenn ich die Unterredungen des vorigen Stoffs
unterbrochen hätte Denn indes ich weg war hatte eine missverstandne Antwort des
Fürsten die ganze Sache ins reine gebracht Denn da der Graf F den Fürsten
gefragt ob er das Fräulein im Pfarrgarten gesehen habe und der Fürst ihm ganz
kurz mit Ja antwortete und die Augen gleich nach ihr kehrte da war der Vorgang
gewiss ja sie war weil man doch auch dem Pfarrer eine Rolle dabei zu spielen
geben wollte zur linken Hand vermählt und viele bezeugten ihr schon besondere
Aufwartungen als der künftigen GnadenAusspenderin Der Graf F seine Frau der
Onkel und die Tante des Fräuleins führten den Reihen dieser wahnsinnigen Leute
Selbst Mylord G spielte die Rolle mit ob sie gleich etwas gezwungen bei ihm
war Aber Seimour durch die Beleidigung seiner Liebe und der Vollkommenheit des
Ideals das er sich von ihr in den Kopf phantasiert hatte in einen unbiegsamen
Zorn gebracht konnte sich kaum zu der gewöhnlichen Höflichkeit entschließen
einen Menuet mit ihr zu tanzen sein frostiges störriges Aussehen womit er die
freundlichsten Blicke ihrer schönen Augen erwiderte machte endlich dass sie ihn
nicht mehr ansah aber goss zugleich eine Niedergeschlagenheit über ihr ganzes
Wesen aus welche die edle Anmut ihres unnachahmlichen Tanzes auf eine
entzückende Art vergrößerte Jeder Vorzug den ihm ihr Herz gab machte mich
rasend aber verdoppelte meine Aufmerksamkeit auf alles was zu Erhaltung meines
Endzwecks dienen konnte Ich sah dass sie die außerordentlichen Bemühungen und
Schmeicheleien der Hofleute bemerkte und Missfallen daran hatte Ich nahm die
Partie ihr lauter edle feine Ehrerbietung zu beweisen es gefiel ihr und sie
redete in schönem Englischen mit mir recht artig und aufgeweckt vom Tanzen als
der einzigen Ergötzlichkeit die sie liebte Da ich die Vollkommenheit ihrer
Menuet lobte wünschte sie dass ich dieses von ihr bei den englischen Landtänzen
sagen möchte in denen sie die schöne Mischung von Fröhlichkeit und Wohlstand
rühmte die der Tänzerin keine Vergessenheit ihrer selbst und dem Tänzer keine
willkürliche Freiheiten mit ihr erlaubte wie es bei den deutschen Tänzen
gewöhnlich sei Mein Vergnügen über diese kleine freundschaftliche Unterredung
wurde durch die Wahrnehmung des sichtbaren Verdrusses den Seimour darüber
hatte unendlich vergrößert Der Fürst dem es auch nicht gefiel näherte sich
uns und ich entfernte mich um dem Grafen F zu sagen dass das Fräulein gerne
englisch tanze Gleich wurde die Musik dazu angefangen und jeder suchte seine
Bäuerin auf Der junge F als Kompagnon des Fräulein von Sternheim stellte
sich in der halben Reihe an aber sein Vater machte alle Paare zurücktreten um
dem Fräulein den ersten Platz zu geben die ihn mit Erstaunen annahm und die
Reihe mit der seltensten Geschwindigkeit und vollkommensten Anmut durchtanzte
Ich blieb bei der ersten Partie mit Fleiß zurück und ging an der Reihe mit
Mylord G und dem Fürsten auf und ab Dieser hatte kein Auge als für Fräulein
Sternheim und sagte immer tanzt sie nicht wie ein Engel Da nun Lord G
versicherte dass eine geborene Engländerin Schritt und Wendungen nicht besser
machen könnte so bekam der Fürst den Gedanken das Fräulein sollte mit einem
Engländer tanzen Ich trat in ein Fenster um zu warten auf wem die Wahl kommen
würde als einige Ruhezeit vorbei war ersuchte der Fürst das Fräulein um die
Gefälligkeit noch mit der zweiten Reihe aber mit einem von uns zween
Engländern zu tanzen Eine schöne Verbeugung und das Umsehen nach uns zeigte
ihre Bereitwilligkeit an Wie zärtlich ihr Bild den spröden Seimourn auffoderte
dem es F zuerst als Mylord G Nepoten antrug und der es verbat Die jähe
Errötung des Verdrusses färbte ihr Gesicht und ihre Brust aber sogleich war
eine freundliche Miene für mich da der ich mit ehrerbietiger Eilfertigkeit
meine Hand anbot aber diese Miene hielt mich nicht schadlos und presste mir den
Gedanken ab O Sternheim eine solche Empfindung für mich hätte dir und der
Tugend mein Herz auf ewig erworben Die Bemühung dich andern zu entreißen
vermindert meine Zärtlichkeit Begierde und Rache bleiben mir allein übrig
Mein äusserliches Ansehen sagte nichts davon ich war lauter Ehrfurcht Sie
tanzte vortrefflich man schrieb es der Begierde zu dem Fürsten zu gefallen
Ich wusste allein dass es eine Bemühung ihrer beleidigten Eigenliebe war um den
Seimour durch die Schönheit und Munterkeit ihres Tanzes über seine abschlägige
Antwort zu strafen Und gestraft war er auch Sein Herz voll Verdruss war froh
bei mir Klagen zu führen und sich selbst zu verdammen dass er ungeachtet sie
alle seine Verachtung verdiente sich dennoch nicht erwehren konnte die
zärtlichste Empfindlichkeit für ihre Reizungen zu fühlen
»Warum hast du denn nicht mit ihr getanzt«
»Gott bewahre mich« sagte er »ich wäre gewiss unter dem Kampfe zwischen
Liebe und Verachtung an ihrer Seite zu Boden gesunken« Ich lachte ihn aus und
sagte er sollte lieben wie ich so würde er mehr Vergnügen davon haben als ihm
seine übertriebene Ideen jemals gewähren würden
»Ich fühle dass du glücklicher bist als ich« sagte der Pinsel »aber ich
kann mich nicht ändern« Verdammt sei die Liebe dacht ich die diesen und mich
zu so elenden Hunden macht Seimour zwischen dem Schmerz der Verachtung für
einen angebeteten Gegenstand und allen Reizungen der Sinne herumgetrieben war
unglücklich weil er nichts von ihrer Unschuld und Zärtlichkeit wusste Ich der
meiner Hochachtung und Liebe nicht entsagen konnte war ein Spiel des Neides und
der Begierde mich zu rächen und genoss wenig Freude dabei als diese andern
die ihrige sicher zu zerstören es folge daraus was da wolle Arbeit habe
ich Denn so künstlich und sicher ich sonst meine Schlingen zu flechten wusste
so nützen mich doch meine vorigen Erfahrungen bei ihr nichts weil sie so viele
Entfernung von allen sinnlichen Vergnügungen hat Bei einem Ball wo beinahe
alle Weibspersonen Koketten und auch die Besten von der Begierde zu gefallen
eingenommen sind hängt sie der Übung der Wohltätigkeit nach Andre werden durch
die Versammlung vieler Leute und den Lärmen eines Festes durch die Pracht der
Kleider und Verzierungen betäubt durch die Musik weichlich gemacht und durch
alles zusammen den Verführungen der Sinnlichkeit blossgegeben sie wird auch
gerührt aber zum Mitleiden für die Armen und diese Bewegung ist so stark dass
sie Gesellschaft und Freuden verlässt um ein Werk der Wohltätigkeit auszuüben
Ha wenn diese starke und geschäftige Empfindlichkeit ihrer Seele zum Genuss des
Vergnügens umgestimmt sein wird und die ersten Töne für mich klingen werden
dann B dann werde ich dir aus Erfahrung von der feinen Wollust erzählen
können die Venus in Gesellschaft der Musen und Grazien ausgiesst Aber ich werde
mich dazu vorbereiten müssen Wie Schwärmer die in den persönlichen Umgang mit
Geistern kommen wollen eine Zeitlang mit Fasten und Beten zubringen muss ich
dieser entusiastischen Seele zu gefallen mich aller meiner bisherigen
Vergnügungen entwöhnen Schon hat mir meine Von ungefähr entdeckte Wohltätigkeit
an der Familie T große Dienste bei ihr getan nun muss ich sie einmal in diesem
Hause überraschen Sie geht manchmal hin den Kindern Unterricht und den Eltern
Trost zu geben Dennoch hat alle ihre Moral den Einfluss meiner Guineen nicht
verhindern können durch die ich bei diesen Leuten Gelegenheit Enden werde sie
zu sehen und einen Schritt zu ihrem Herzen zu machen während dass ich auf der
andern Seite die magische Sympatie der Schwärmerei zu schwächen suche die in
einem einzigen Augenblick zwischen ihr und Seimourn entstehen könnte wenn sie
jemals einander im Umgang nahe genug kämen den so gleich gestimmten Ton ihrer
Seelen zu hören Doch dem bin ich ziemlich zuvorkommen indem sich Seimour just
des Sekretärs seines Onkels der mein Sklave ist bedient um Nachrichten
einzuziehen die dieser bei mir holt ohne mit mir zu reden Denn wir schreiben
uns nur und stecken unsre Billetts hinter ein alt Gemälde im oberen Gang des
Hauses Dieser Jünger des Luzifers leistet mir vortreffliche Dienste Doch muss
ich Seimourn die Gerechtigkeit widerfahren lassen dass er uns die Mühe soviel
an ihm ist erleichtert Er flieht die Sternheim wie eine Schlange ungeachtet
er sich um alle ihre Bewegungen erkundigt und diese werden durch die Farbe
welche ihnen meine Nachrichten geben schielend und zweideutig genug um auf
seinen schon eingenommenen Kopf alle Wirkung zu machen die ich wünsche Den
Fürsten fürchte ich nicht jeder Schritt den er machen wird entfernt ihn vom
Ziel Von allem was Fürsten geben können liebt sie nichts Das Mädchen macht
eine ganz neue Gattung von Charakter aus
Mylord Seimour an den Doktor B
Ich bin seit vier Stunden von einem prächtigen und wohlausgesonnenen Feste
zurückgekommen und da ich ungeachtet der heftigen Bewegungen die meine
Lebensgeister erlitten keinen Schlaf Enden kann so will ich wenigstens die
Ruhe suchen welche eine Unterredung mit einem würdigen Freund einem bekümmerten
Herzen gibt Warum o mein teurer Lehrmeister konnte Ihre erfahrne Weisheit
kein Mittel Enden meine Seele gegen die Heftigkeit guter Eindrücke zu
bewaffnen so wie Sie eins gefunden haben mich gegen das Beispiel und die
Aufmunterung der Bosheit zu bewahren Ich will Ihnen die Ursache erzählen so
werden Sie selbst sehen wie glücklich ich durch eine vernünftige
Gleichgültigkeit geworden wäre
Der erste Minister des Hofs gab dem Adel oder vielmehr der Fürst gab unter
dem Namen des Grafen F dem Fräulein von Sternheim eine Fete auf dem Lande
welche die Nachahmung auf den höchsten Grad der Gleichheit führte denn die
Kleidungen die Musik der Platz wo die Lustbarkeit gegeben wurde alles
bezeichnete das Landfest Mitten auf einer Matte waren eigne Bauerhäuser und
eine Tanzscheure erbaut Der Gedanke und die Ausführung entzückte mich in den
ersten zwo Stunden da ich nichts als die Schönheit des Festes und die alles
übertreffende Liebenswürdigkeit des Fräuleins von Sternheim vor mir sah
Niemals mein Freund niemals wird das Bild der lautern Unschuld der reinen
Freude wieder so vollkommen erscheinen als es diese zwo Stunden durch in der
edelen schönen Figur von Sternheim abgezeichnet war Verdammt sein die Künste
welche es an ihr auszulöschen wussten Aber in einer Person von so vielem Geiste
von einer so vortrefflichen Erziehung muss der Wille dabei gewesen sein es war
unmöglich sie zu berücken unmöglich ist es auch dass es allein die Wirkung
ihrer von Musik Pracht und Geräusch empörten Sinnen gewesen sei Ich weiß wohl
dass man bei diesen Umständen unvermerkt von der Bahn der moralischen
Empfindungen abweicht und sie aus dem Gesichte verliert Aber da sie die letzte
Warnung ihres guten Genius verwarf und wenige Minuten darauf der angestellten
Unterredung mit dem Fürsten entgegeneilte und sich dadurch die Geringschätzung
des Elendesten unter uns zuzog da hatte ich Mühe den hohen Grad von Verachtung
und Abscheu die mich gegen sie einnahmen zu verbergen Ich muss Ihnen erklären
was ich unter dem letzten Wink ihres Genius verstehe Es war eine Bilderbude da
wo die Damen Lotteriezettel zogen sagen Sie ob es wohl ein bloßes Ungefähr
oder nicht ein letzter Wink der Vorsicht war dass das Fräulein von Sternheim die
vom Apollo verfolgte Daphne bekam Die Partie des Fürsten sah es nicht gerne
sie dachte es würde ihre Widerspenstigkeit bestärken Ihr gefiel es sie wies
es jedermann und redete es als eine gute Kennerin von der Zeichnung und
Malerei Meine Freude war nicht zu beschreiben ich hielt die Besorgnisse der
Hofleute gegründet und die Freude des Fräuleins bekräftigte mich in der Idee
dass sie durch ihre Tugend eine neue fliehende Daphne sein würde Aber wie
schmerzhaft wie niederträchtig hat mich nicht ihre Scheintugend betrogen da
sie sich gleich darauf dem Apollo in die Arme warf Ich sah sie mit ihrer
ehrlosen Tante und der Gräfin F einige Zeit auf und ab gehen die zwo elenden
Unterhändlerinnen schmeichelten ihr in die Wette Endlich merkte ich dass sie
mit einer zärtlichen und sorgsamen Miene bald die Gesellschaft bald die Türe
des Pfarrgartens ansah und auf einmal mit dem leichtesten freudigsten Schritt
durch die Zuseher drang und in den Garten eilte Lang war sie nicht darin aber
ihr Hineingehen hatte schon Aufsehen erweckt Wie vieles verursachte erst der
Ausdruck von Zufriedenheit und Beschämung mit welchem sie zurückkam da der
Fürst bald nach ihr heraustrat der sein Vergnügen über sie nicht verbergen
konnte und seine Leidenschaft in vollem Feuer zeigte Mit wieviel
niederträchtiger Gefälligkeit bot sie ihm Sorbet an schwatzte mit ihm tanzte
ihm zuliebe englisch mit einem Eifer den sie sonst nur für die Tugend zeigte
Und wie reizend o Gott wie reizend war sie Wie unnachahmlich ihr Tanz alle
Grazien in ihr vereinigt so wie es die Furien in meinem Herzen waren denn ich
fühlte es von dem Gedanken zerrissen dass ich der ihre Tugend angebetet hatte
der sie zu meiner Gemahlin gewünscht ein Zeuge sein musste wie sie Ehre und
Unschuld aufgab und im Angesichte des Himmels und der Menschen ein
triumphierendes Aussehen dabei hatte Unbegreiflich ist mir eine Beobachtung
über mein Herz in dieser Gelegenheit Sie wissen wie heftig ich einst eine
unserer Schauspielerinnen liebte ich wusste dass ihre Gunst zu erkaufen war und
dass sie für ihr Herz ganz keine Achtung verdiente Ich hatte auch keine und
dennoch dauerte meine Leidenschaft in ihrer ganzen Stärke fort Itzt hingegen
verachte verfluche ich diese Sternheim und ihr Bild Ihre Reize und meine Liebe
liegen noch in dem Grunde meiner Seele aber ich hasse beide und mich selbst
dass ich zu schwach bin sie zu vernichten
Mein Onkel redete mir im Nachhausefahren zu wie ein Mann dessen
Leidenschaften schon lange gesättigt sind und der wenn er als Minister zu
Vergnügung des Ehrgeizes seines Fürsten tausend Schlachtopfer für nichts achtet
natürlicherweise die Aufopferung der Tugend eines Mädchens zu Befriedigung der
Leidenschaft eines Großen für eine sehr wenig bedeutende Kleinigkeit ansehen
muss O wäre sie ein gemeines Mädchen mit PapageienSchönheit und
PapageienVerstand gewesen so könnte ich es ansehen wie er Aber die edelste
Seele und Kenntnisse zu besitzen an die Verehrung der ganzen Welt Anspruch zu
haben und sich hinzuwerfen Sie soll zur linken Hand vermählt worden sein
Elende lächerliche Larve eine verstellte Tugend vor Schande sicherzustellen
Alle schmeichelten ihr Sie mein Freund kennen mich genug um zu wissen ob
ich es tat Ich werde nicht an den Hof gehen bis ich ruhiger bin niemals
liebte ich das Hofleben ganz nun verabscheue ich es Die Reisen meines Onkels
will ich aushalten aber meine Frau Mutter soll nicht fodern dass ich Hofdienste
nehme oder mich verheirate das Fräulein von Sternheim hat mich beidem auf ewig
entsagen gemacht Derby der ruchlose Derby verachtet sie auch aber er hilft
sie betäuben denn er erzeigt ihr mehr Ehrerbietung als sonst Der Bösewicht
Fräulein von Sternheim an Emilien
Kommen Sie meine Emilia Sie sollen auch einmal eine aufgeweckte Erzählung von
mir erhalten Sie wissen dass ich gerne tanze und dass F einen Ball geben
wollte Dieser ist nun vorbei und ich war so vergnügt dabei dass das Andenken
davon mir noch jetzt angenehm ist Alle Anstalten dieses niedlichen Festins waren
völlig nach meinem Geschmack nach meinen eigensten Ideen eingerichtet
Ländliche Einfalt und feine Hofkünste fanden sich so artig miteinander verwebt
dass man sie nicht trennen konnte ohne dem einen oder dem andern seine beste
Annehmlichkeit zu rauben Ich will versuchen ob eine Beschreibung davon diese
Vorstellung bei Ihnen bekräftigen wird
Der Graf F wollte auf dem Gut wo seine Gemahlin die Kur gebraucht und die
Besuche des ganzen Adels empfangen hatte zum Beweis seiner Freude über das
Wohlsein der Gräfin und seines Danks für die ihr bewiesene Achtung an dem
nämlichen Orte eine Ergötzung für uns alle anstellen Wir wurden acht Tage
voraus geladen und gebeten paarweise in schönen Bauerkleidungen zu erscheinen
weil er ein Landfest vorstellen wollte Der junge Graf F sein Nepote wurde in
der Liste ein Bauer und ich bekam die Kleidung eines AlpenMädchens lichtblau
und schwarz die Form davon brachte meine Leibesgestalt in das vorteilhafteste
Ansehen ohne im geringsten gesucht oder gezwungen zu scheinen Das feine ganz
nachlässig aufgesetzte Strohhütgen und meine simpel geflochtnen Haare machten
meinem Gesicht Ehre Sie wissen dass mir viele Liebe für die Einfalt und die
ungekünstelten Tugenden des Landvolks eingeflößt worden ist Diese Neigung
erneuerte sich durch den Anblick meiner Kleidung Mein edel einfältiger Putz
rührte mich er war meinem die Ruhe und die Natur liebenden Herzen noch
angemessner als meiner Figur wiewohl auch diese damals in meinen Augen im
schönsten Lichte stund Als ich völlig angezogen den letzten Blick in den
Spiegel warf und vergnügt mit meinem ländlichen Ansehen war machte ich den
Wunsch dass wenn ich auch diese Kleidung wieder abgelegt haben würde doch
immer reine Unschuld und unverfälschte Güte meines Herzens den Grund einer
heitern wahren Freude in meiner Seele erhalten möchte Mein Onkel meine Tante
und der Graf F hörten nicht auf mein zärtliches und reizendes Aussehen zu
loben und so kamen wir auf das Gut wo wir in der halben Allee die auf schönen
Wiesengrund gepflanzt ist abstiegen und gleich den Ton der Schalmei hörten
verschiedene Paare von artigen Bauern und Bäuerinnen erblickten und im
Fortfahren bald eine Maultrommel bald eine kleine Landpfeife oder irgendein
andres Instrument dieser Art das völlige Landfest ankündigen hörten Simpel
gearbeitete hölzerne Bänke waren zwischen den Bäumen gesetzt und zwei artige
Bauerhäuser an beiden Seiten der Allee erbaut wo in einem auf alle mögliche Art
zubereitete Milch und andre Erfrischungen in kleinen porcelainen Schüsselchen
bereit waren Jedes hatte seinen hölzernen Teller und seinen Löffel von
Porcelain Unter der Türe dieses Hauses war die Gräfin F als Wirtin gekleidet
und bewillkommte die Gäste mit einer reizenden Gefälligkeit Alle Bedienten des
Hauses waren als Kellerjungen oder Schenkknechte und auch die Musikanten nach
bäuerischer Art angezogen auf einem Platz waren Bäcker und Bilderkrämer wo
unsre Bauern uns hinführten und eine Bäuerin eine Prezel oder sonst ein Stück
aus feiner Pastille gearbeitetes Brot bekam welches der Bauer zerbrach und dann
entweder ein Stück Spitzen Bänder oder andre artige Sachen darin fand Bei dem
Bilderkrämer bekamen wir niedliche MiniaturGemälde zu sehen welche wie aus
einer Lotterie gezogen wurden Ich bekam die vom Apollo verfolgte Daphne ein
feines niedliches Stück es schien auch dass mich andere darum beneideten weil
es für das schönste gehalten wurde Es dünkte mich vielerlei Veränderungen und
Ausdrücke auf den Gesichtern einiger Damen zu lesen da sie es ansahen
Wie der ganze Adel beisammen war wurden wir junge Fräulein gebeten die
älteren Damen und Kavaliere mit Erfrischungen bedienen zu helfen unsre
Geschäftigkeit war artig zu sehen für eine fremde Person aber müssten die
forschenden halb verborgenen Blicke die immer eine Dame nach der andern
schickte zu vielen kleinen Betrachtungen Anlass gegeben haben Ich war voll
herzlicher Freude es war Grasboden den ich betrat Bäume unter deren Schatten
ich eine Schüssel Milch verzehrte frische Luft was ich atmete ein heiterer
offener Himmel um mich her nur zwanzig Schritte von mir ein schöner Bach und
wohlangebaute reiche Kornfelder Mir schiens als ob die unbegrenzte Aussicht
in das Reich der Natur meinen Lebensgeistern und Empfindungen eine freiere
Bewegung verschafte sie von dem einkerkernden Zwang des Aufenthalts in den
Mauren eines Palastes voller gekünstelten Zieraten und Vergoldungen in ihre
natürliche Freiheit und in ihr angebornes Element setzte Ich redete auch mehr
und freudiger als sonst und war von den ersten die Reihentänze zwischen den
Bäumen anfingen Diese zogen alle Einwohner des Dorfs aus ihren Hütten um uns
zuzusehen Nach einigem Herumhüpfen ging ich mit meiner Tante und der Gräfin F
die mich sehr lobten und liebkosten auf und ab wo mir dann bald der fröhliche
und glänzende Haufen von Landleuten die wir vorstellten in die Augen fiel
bald auch der welchen unsre Zuseher ausmachten darunter ich viele arme und
kummerhafte Gestalten erblickte Ich wurde durch diesen Kontrast und das
gutherzige Vergnügen womit sie uns betrachteten sehr gerührt und sobald ich
am wenigsten bemerkt wurde schlüpfte ich in den Pfarrgarten der ganz nahe an
die Wiese stößt wo wir tanzten und gab dem Pfarrer etwas für die Armen des
Dorfs und ging mit einem glücklichen Herzen zurück in die Gesellschaft Mylord
Derby schien auf meine Schritte gelauert zu haben denn wie ich aus dem
Pfarrgarten heraustrat sah ich dass er an dem einen Ende des Milchhauses stand
und seine Augen unverwandt auf die Türe des Gartens geheftet hatte mit
forschenden und feurigen Blicken sah er mich an ging mir hastig entgegen um
mir einige außerordentliche ja gar verliebte Sachen über meine Gestalt und
Physionomie zu sagen Dieses und die neugierige Art womit mich alle ansahen
machte mich erröten und die Augen zur Erde wenden als ich sie in die Höhe hob
war ich einem Baume an welchen sich Mylord Seimour ganz traurig und zärtlich
aussehend lehnte so nahe dass ich dachte er müsste alles gehört haben was
Mylord Derby mir gesagt hatte Ich weiß nicht ganz warum mich diese Vorstellung
etwas verwirrte aber bestürzt wurde ich da ich alles aufstehen und sich in
Ordnung stellen sah weil der Fürst eben aus dem Pfarrgarten kam Der Gedanke
dass er mich da hätte antreffen können machte mir eine Art Entsetzen so dass ich
zu meiner Tante floh gleich als ob ich fürchtete allein zu sein Aber meine
innerliche Zufriedenheit half mir wieder zu meiner Fassung so dass ich dem
Fürsten meine Verbeugung ganz gelassen machte Er betrachtete und lobte meine
Kleidung in sehr lebhaften Ausdrücken Die Gräfin F welche mich nötigte ihm
eine Schale Sorbet anzubieten brachte mich in eine Verlegenheit die mir ganz
zuwider war denn ich musste mich zu ihm auf die Bank setzen wo er mir über
meine Person und zum Teil auch über den übrigen Adel ich weiß nicht mehr was
für wunderliches Zeug vorsagte Die meisten fingen an einsam spazieren zu gehen
Da ich ihnen mit Aufmerksamkeit nachsah fragte mich der Fürst Ob ich auch
lieber herumgehen als bei ihm sein wollte Ich sagte ihm ich dächte es würden
wieder Reihen getanzt und ich wünschte dabeizusein Sogleich stund er auf und
begleitete mich zu den übrigen Ich dankte mir den Einfall und mengte mich
eilends unter den Haufen junger Leute die alle beisammenstunden Sie lächelten
über mein Eindringen waren aber sehr höflich bis auf Fräulein C die immer
ganz mürrisch den Kopf nach einer Seite kehrte Ich wandte mich auch hin und
erblickte Seimourn und Derby die einander am Armfahrten und mit hastigen
Schritten am Bach auf und nieder gingen Indessen wurde es etwas dunkel und man
lud uns zu dem Abendessen welches in der andern Bauerhütte bereitstund Man
blieb nicht lange bei Tische denn alles eilte in den Tanzsal der in einer dazu
aufgebaueten Scheuer versteckt war Niemand konnte über das Ende der Tafel
froher sein als ich denn als die Ranglose gezogen wurden setzte mich mein
widriges Geschicke gleich an den Fürsten der beständig mit mir redte und mich
alle Augenblicke etwas kosten machte Dieser Vorzug des Ungefähr10 zeigte mir
die Hofleute in einem neuen aber sehr kleinen Lichte denn ihr Betragen gegen
mich war als ob ich eine große Würde erhalten hätte und sie sich mir gefällig
machen müssten Es war niemand der mir nicht irgendeine schickliche oder
unschickliche Schmeichelei sagte den einzigen Seimour ausgenommen welcher
nichts redete Sein Onkel G und Mylord Derby sagten mir dagegen desto feinere
Höflichkeiten vor besonders hatte dieser die gefälligste Ehrerbietung in seinem
ganzen Bezeugen gegen mich Er sprach vom Tanzen mit dem eigentlichen Ton der
für diesen Gegenstand gehört so dass er mir aufs neue Achtung für seine Talente
und Bedauern über die schlimme Verwendung derselben einflößte Ich fand bei dem
Tanzen dass es nicht für alle vorteilhaft ist dass der Ball sich mit Menuetten
anfängt weil dieser Tanz so viel Anmut in der Wendung und so viel Nettigkeit
des Schritts erfodert dass es manchen Personen sehr schwer fiel diesen Gesetzen
Genüge zu leisten Der außerordentliche Beifall den ich erhielt führte mein
Herz auf ein zärtliches Andenken meiner teuren Eltern zurück die unter andern
liebreichen Bemühungen für meine Erziehung auch das frühzeitige und öftere
Tanzen betrieben weil mein schnelles Wachsen eine große Figur versprach und
mein Vater sagte dass der frühe Unterricht im Tanzen einer großen Person am
nötigsten sei um durch die Musik ihre Bewegungen harmonisch und angenehm zu
machen indem es immer bemerkt worden sei dass die Grazien sich leichter mit
einer Person von mittlerer Größe verbinden als mit einer von mehr als
gewöhnlicher Länge Dieses war die Ursache warum ich alle Tage tanzen und bei
meinen Handarbeiten wenn wir alleine waren eine MenuetArie singen musste denn
mein Vater behauptete dass durch diese Übung unvermerkt alle meine Wendungen
natürliche Grazien erhalten würden Sollte ich alles Lob glauben das man meinem
Tanzen und Anstand gibt so sind seine Vermutungen alle eingetroffen so wie ich
seinen Ausspruch über den Vorzug der Anmut vor der Schönheit ganz wahr gefunden
habe weil ich gesehen dass die holdselige Miene der mit sehr wenig Schönheit
begabten Gräfin Zin ihr beinahe mehr Neiderinnen zuzog als die Fräulein von
B mit ihrer VenusFigur nicht hatte und die Neiderinnen waren selbst unter der
Zahl der Frauenzimmer von Verdiensten Woher dieses Emilia Fühlen etwan
vernünftige Personen den Vorzug der Anmut vor der Schönheit stärker als andre
und wünschen sie daher begieriger zu ihrem Eigentum Oder kam dieser Neid von
der Beobachtung dass die ganz anmutsvolle Gräfin Z die hochachtungswürdigste
Mannspersonen an sich zog Oder wagt die feine Eigenliebe eher einen Anfall auf
Reize des Angenehmen als auf die ganze Schönheit weil jene nicht gleich von
allen Augen bemerkt werden und der Mangel der äußersten Vollkommenheit sehr
leicht mit dem Gedanken eines fehlerhaften Charakters oder Verstandes verbunden
wird und also der Tadlerin wohl noch den Ruhm eines scharfen Auges geben kann
da hingegen die kleinsten Schmähungen über ein schönes Frauenzimmer von jedem
Zuhörer an die Rechnung des Neides kommen Edle und kluge Eigenliebe sollte sich
immer die Gunst der Huldgöttinnen wünschen weil sie ihre Geschenke niemals
zurücknehmen und weder Zeit noch Zufälle uns derselben berauben können Ich
gestehe ganz aufrichtig dass wenn ich in den schönen griechischen Zeiten geboren
gewesen wäre so hätte ich meine besten Opfer dem Tempel der Grazien geweiht
Aber ich sehe meine Emilia ich errate was sie denkt denn indem sie dieses
Schreiben liest fragt der Ausdruck ihrer Physionomie »War meine Freundin
Sternheim so fehlerfrei weil sie die von den andern so dreuste bezeichnet Neid
mag sie nicht gehabt haben denn der Plan dem sich ihre Eitelkeit nachzugehen
vorgenommen hatte meint durch nichts gestört worden zu sein der Dank für die
Tanzübungen in ihrer Erziehung zeigt es an oft ist es bloß ein großer Grad der
Zufriedenheit mit sich selbst was uns vom Neide frei macht anstatt dass es die
wahre Tugend tun sollte«
Sein Sie ruhig meine liebe strenge Freundin ich empfinde dass Sie recht
haben ich war eitel und sehr mit mir zufrieden aber ich wurde dafür gestraft
Ich hielt mich für ganz liebenswürdig aber ich war es nicht in den Augen
desjenigen bei dem ich es vorzüglich zu sein wünschte Ich befliss mich so sehr
gut englisch zu tanzen dass Mylord G und Derby zu dem Fürsten sagten eine
geborene Engländerin könnte den Schritt die Wendungen und den Takt nicht besser
treffen Man bat mich mit einem Engländer eine Reihe durchzutanzen Mylord
Seimour wurde dazu aufgefodert und Emilia er schlug es aus mit einer so
unfreundlichen beinahe verächtlichen Miene dass es mir eine schmerzliche
Empfindung gab Mein Stolz suchte diese Wunde zu verbinden doch beunruhigte
mich sein düstres Bezeugen gegen alle Welt am allermeisten er redete mit gar
niemand mehr als mit seinem Onkel und Herrn Derby welcher mit entzückter
Eilfertigkeit der Auffoderung entgegenging Ich suchte ihn auch dafür durch mein
bestes Tanzen zu belohnen und zugleich Seimourn durch meine Munterkeit zu
zeigen dass mich sein Widerwille nicht gerührt habe Sie kennen mich Sie
urteilen gewiss dass dieser Augenblick nicht angenehm für mich war aber meine
voreilige Neigung verdiente eine Strafe Warum ließ ich mich durch die Lobreden
der Liebhaberin des Mylord Seimour so sehr zu seinem Besten einnehmen dass ich
die Gerechtigkeit für andre darüber vergaß und auf dem Wege war die Achtung für
mich selbst zu vergessen Aber ich habe ihm Dank dass er mich zum Nachdenken und
Überlegen zurückführte ich bin nun ruhiger in mir selbst billiger für andre
und habe auch deswegen neue Ursache mit diesem Feste vergnügt zu sein Ich habe
für meinen Nächsten eine Pflicht der Wohltätigkeit ausgeübt und für mich eine
Lektion der Klugheit gelernt und nun hoffe ich meine Emilia ist mit mir
zufrieden und liebt mich wie sonst
Fräulein von Sternheim an Emilia
Nun habe ich den Brief den mir die arme Madam T auf dem Gute des Grafen F
versprochen und worin sie mir die Ursachen ihres Elends erzählt er ist so
weitläufig und auf so dichtes Papier geschrieben dass ich ihn nicht beischliessen
kann Sie werden aber aus dem Entwurf meiner Antwort das meiste davon sehen und
einige Hauptzüge will ich hier bemerken
Sie ist aus einer guten aber armen RatsFamilie entsprossen ihre Mutter
war eine rechtschaffene Frau und sorgfältige Hauswirtin die ihre Töchter sehr
gering in Speise und Kleidung hielt wenig aus dem Hause gehen ließ und zu
beständigem Arbeiten anstrengte auch ihnen immer von ihrem wenigen Vermögen
redete welches die Hindernis sei warum sie und die Ihrigen in Kleidung Tisch
und übrigem Aufwande andern die reicher und glücklicher wären nicht
gleichkäme Die Kinder ließ sichs wiewohl ungern gefallen Die Mutter
stirbt der Rat T wirbt um die zwote Tochter und erhält sie sehr leicht weil
man wusste dass er ein artiges Vermögen von seinen Eltern ererbt hatte Der junge
Mann will seinen Reichtum zeigen macht seiner Frau schöne Geschenke die
Einrichtung seines Hauses wird auch so gemacht sie geben Besuche laden Gäste
ein und diese werden nach der Art begüterter Leute bedient sie ziehen sich
dadurch eine Menge Tischfreunde zu und die gute Frau welche in ihrem Leben
nichts als den Mangel dieser Glückseligkeiten des Reichtums gekannt hatte
übergibt sich mit Freuden dem Genuss des Wohllebens der Zerstreuung in
Gesellschaften und dem Vergnügen schöner und abwechselnder Kleidung Sie bekommt
Kinder diese fängt man auch an standesmässig zu erziehen und das Vermögen wird
aufgezehrt man macht Schulden und führt mit entlehntem Gelde den gewohnten
Aufwand fort bis die Summe so groß wird dass die Gläubiger keine Geduld mehr
haben und sie mit ihren Mobilien und dem Hause selbst die Bezahlung machen
müssen und nun verschwanden auch alle ihre Freunde Die Gewohnheit eines guten
Tisches und die Liebe zu schöner Kleidung nahm ihnen das übrige Das Einkommen
von seinem Amte wurde in den ersten Monaten des Jahres verbraucht in den andern
fand sich Mangel und Kummer ein der Mann konnte seinen Stolz die Frau ihre
Liebe zur Gemächlichkeit nicht vergnügen bei ihm fehlte der Wille bei ihr die
Klugheit sich nach ihren Umständen einzurichten es wurden Wohltäter gesucht
es fanden sich einige aber ihre Hilfe war nicht zureichend Der Mann wurde
unmutig machte den Leuten welche seine Freunde gewesen Vorwürfe beleidigte
sie und sie rächten sich indem sie ihn seines Amts verlustig machten Nun war
Verzweiflung und Elend in gleichem Maß ihr Anteil beides wurde noch durch den
Anblick von sechs Kindern vergrößert Alle Verwandten hatten die Hände
abgezogen und da ihr Elend sie zu allerhand kleinen oft niederträchtigen
Hülfsmitteln zwang so wurden sie endlich ein Gegenstand der Verachtung und des
Hasses In diesem Zustande lernte ich sie kennen und bot ihnen meine Hilfe an
Geld Kleidung und Leinengeräte und andrer nötiger Hausrat war der Anfang davon
Ich sehe aber wohl dass dieses nicht hinreichen wird wenn das Übel nicht in der
Wurzel gehoben und ihre Denkensart von den falschen Begriffen von Ehre und Glück
geheilt wird Ich habe einen Entwurf dazu gemacht und Ihren rechtschaffenen
Mann den einsichtvollen Herrn Br bitte ich ihn auszuarbeiten und zu
verbessern Denn ich sehe wohl ein dass die Erfahrung und das Nachdenken eines
zwanzigjährigen Mädchens nicht hinreichend ist die dieser Familie auf allen
Seiten nötige Anweisung zu einer richtigen Denkungsart zu geben Sie meine
Emilia werden sehen dass meine Gedanken meistens Auszüge aus den Papieren
meiner Erziehung sind die ich auf diesen Fall anzupassen suchte Es ist für den
Reichen schwer dem Armen einen angenehmen Rat zu geben denn dieser wird den
Ernst des ersteren bei seinen moralischen Ideen immer in Zweifel ziehen und seine
Ermahnungen zu Fleiß und Genügsamkeit als Kennzeichen annehmen dass er seiner
Wohltätigkeit müde sei und dieser Gedanke wird alle gute Wirkungen verhindern
Zwei Tage von Zerstreuung haben mein Schreiben wo ich bei dem Rat T
stehenblieb unterbrochen Wollte Gott ich hätte ihn reich machen können und
hätte nur die Bitte zu dieser Gabe setzen dürfen sie mit Klugheit zu brauchen
Das Wohlergehn dieser Familie hat mich mehr gekostet als wenn ich ihnen die
Hälfte meines Vermögens gegeben hätte Ich habe ihr einen Teil meiner
Denkungsart aufgeopfert der Rat T lag mir sehr an ihm durch meinen Onkel
wieder ein Amt zu verschaffen Ich sagte es diesem und er antwortete mir er
könne die Gnade welche er wieder anfange bei dem Fürsten zu genießen für
niemand als seine Kinder verwenden indem er seinen FamilienProzess zu gewinnen
suchte Ich war darüber traurig aber meine Tante sagte mir ich sollte bei
nächster Gelegenheit selbst mit dem Fürsten sprechen ich würde finden dass er
gerne Gutes tue wenn man ihm einen würdigen Gegenstand dazu zeigte und ich
würde gewiss keine Fehlbitte tun Nachmittags kamen der Graf F und seine
Gemahlin zu uns mit diesen beredete ich mich auch und ersuchte beide sich bei
dem Fürsten dieser armen Familie wegen zu verwenden aber auch sie sagten mir
weil es die erste Gnade wäre die ich mir ausbäte so würde ich sie am
leichtesten durch mich selbst erhalten Zudem würde er es der Seltenheit wegen
zusagen weil sich noch niemals eine junge muntere Dame mit so vielem Eifer um
eine verunglückte Familie angenommen habe und dieser neue Zug meines Charakters
würde die Hochachtung vermehren die er für mich zeigte Ich wurde unmutig
keine Hand zu finden die sich mit der meinigen zu diesem Werk der Wohltätigkeit
vereinigen wollte mit dem Fürsten redete ich sehr ungern ich konnte auf seine
Bereitwilligkeit zählen denn seine Neigung für mich hatte ich schon deutlich
genug gesehen aber eben daher entstund meine Unschlüssigkeit ich wünschte
immer in einer Entfernung von ihm zu bleiben und meine Fürbitte seine Zusage
und mein Dank nähern mich ihm und seinen Lobsprüchen nebst den Erzählungen die
er mir schon von neuen ihm bisher unbekannten Gesinnungen die ich ihm
einflößte zweimal gemacht hat Etliche Tage kämpfte ich mit mir aber da ich
den vierten Abend einen Besuch in dem trostlosen Hause machte die Eltern froh
über meine Gaben das Haus aber noch leer von Notdürftigkeiten und mit sechs
teils großen teils kleinen Kindern besetzt sah o da hieß ich meine
Empfindlichkeit für meine Ruhe und Ideen derjenigen weichen welche mich zum
Besten dieser Kinder einnahm sollte die Delikatesse meiner Eigenliebe nicht der
Pflicht der Hilfe meines notleidenden Nächsten Platz machen und der Widerwille
den mir die aufglimmende Liebe des Fürsten erreget sollte dieser das Bild der
Freude verdrängen welche durch die Erhaltung eines Amts und Einkommens in diese
Familie kommen würde Ich war der Achtung gewiss die er für denselben hätte und
was dergleichen mehr war Man hatte mich der Hilfe versichert mein Herz wusste
dass mir die Liebe des Fürsten ohne meine Einwilligung nicht schädlich sein
konnte ich führte also gleich den andern Tag meinen Entschluss aus da wir bei
der Prinzessin von W im Konzert waren und ich meine Stimme hören lassen musste
Der Fürst schien entzückt und ersuchte mich einigemal mit ihm im Saal auf und
ab zu gehen Sie können denken dass er mir viel von der Schönheit meiner Stimme
und der Geschicklichkeit meiner Finger redete und dass ich diesem Lob einige
bescheidne Antworten entgegensetzte aber da er den Wunsch machte mir seine
Hochachtung durch etwas anders als Worte beweisen zu können so sagte ich dass
ich von seiner edelen und großmütigen Denkungsart überzeugt wäre und mir daher
die Freiheit nähme seine Gnade für eine unglückliche Familie zu erbitten die
der Hilfe ihres Landesvaters höchst bedürftig und würdig sei
Er blieb stillestehen sah mich lebhaft und zärtlich an »Sagen Sie mir
liebenswürdiges Fräulein Sternheim wer ist diese Familie was kann ich für sie
tun« Ich erzählte ihm kurz deutlich und so rührend als ich konnte das ganze
Elend in welchem sich der Rat T samt seinen Kindern befänden und bat ihn um
der letztern willen Gnade und Nachsicht für den ersteren zu haben der seine
Unvorsichtigkeit schon lange durch seinen Kummer gebüßt hätte Er versprach mir
alles Gute lobte mich wegen meinem Eifer und setzte hinzu wie gerne er
Unglücklichen zu Hilfe komme aber dass er wohl einsehe dass diejenigen die ihn
umgäben immer zuerst für sich und die Ihrigen besorgt wären ich würde ihm
vieles Vergnügen machen wenn ich ihm noch mehr Gegenstände seiner Wohltätigkeit
anzeigen wollte
Ich versicherte ihn dass ich seine Gnade nicht missbrauchen würde
wiederholte nochmals ganz kurz meine Bitte für die Familie T
Er nahm meine Hand drückte sie mit seinen beiden Händen und sagte mit
bewegtem Ton »Ich verspreche Ihnen meine liebe eifrige Fürbitterin dass alle
Wünsche Ihres Herzens erfüllt werden sollen wenn ich erhalten kann dass Sie gut
für mich denken«
Diesen Augenblick verwünschte ich beinahe mein mitleidendes Herz und die
Familie T denn der Fürst sah mich so bedeutend an und da ich meine Hand
wegziehen wollte so hielt er sie stärker und erhob sie gegen seine Brust »Ja
wiederholte er alles werde ich anwenden um Sie gut für mich denken zu machen«
Er sagte dieses laut und mit einem so feurigen und unruhvollen Ausdruck in
seinem Gesichte dass sich viele Augen nach uns wendeten und mich ein kalter
Schauer ankam Ich riss meine Hand los und sagte mit halb gebrochner Stimme dass
ich nicht anders als gut von dem Fürsten denken könne der so willig wäre
seinen unglücklichen Landeskindern väterliche Gnade zu beweisen machte dabei
eine große Verbeugung und stellte mich mit etwas Verwirrung hinter den Stuhl
meiner Tante Der Fürst soll mir nachgesehen und mit dem Finger gedroht haben
Mag er immer drohen ich werde nicht mehr mit ihm spazierengehen und will meinen
Dank für seine Wohltat an T nicht anders als mitten im Kreis ablegen den man
allezeit bei seinem Eintritt im Saal bei Hofe um ihn schließt
Alle Gesichter waren mit Aufmerksamkeit bezeichnet und noch niemals hatte
ich an den Spieltischen eine so allgemeine Klage über zerstreute Spieler und
Spielerinnen gehört Ich fühlte dass ihre Aufmerksamkeit auf mich und den
Fürsten Ursache daran war und konnte mich kaum von meiner Verwirrung erholen
Mylord Derby sah etwas traurig aus und schien mich mit Verlegenheit zu
betrachten er war in ein Fenster gelehnt und seine Lippen bewegten sich wie
eines Menschen der stark mit sich selbst redet er näherte sich dem Spieltische
meiner Tante just in dem Augenblick da sie sagte
»Sophie du hast gewiss mit dem Fürsten für den armen Rat T gesprochen denn
ich sehe dir an dass du bewegt bist«
Niemals war mir meine Tante lieber als diesen Augenblick da sie meinen
Wunsch erfüllte dass alle wissen möchten was der Inhalt meines Gesprächs mit
dem Fürsten gewesen sei Ich sagte auch ganz munter er hätte meine Bitte in
Gnaden angehört und zugesagt Die Düsternheit des Mylords Derby verlor sich und
blieb nur nachdenkend aber ganz heiter und die übrigen zeigten mir ihren
Beifall über meine Fürbitte mit Worten und Gebärden Aber was denken Sie meine
Emilia wie mir war als ich nach der Gesellschaft mich nur auszog und einen
Augenblick mit meiner Rosine in einem Tragsessel mich zum Rat T bringen ließ
der gar nicht weit von uns wohnt ich wollte den guten Leuten eine vergnügte
Ruhe verschaffen indem ich ihnen die Gnade des Fürsten versicherte Ich hatte
mich nahe an das Fenster welches in eine kleine Gasse gegen einen Garten geht
gesetzt Eltern und Kinder waren um mich versammelt der Rat T hatte auf mein
Zureden neben mir auf der Bank Platz genommen und ich zog die Frau mit meiner
Hand an mich indem ich beiden sagte »Bald meine lieben Freunde werde ich Sie
mit einem vergnügten Gesichte sehen denn der Fürst hat dem Herrn Rat ein Amt
und andre Hilfe versprochen«
Die Frau und die zwei ältesten Kinder knieten vor mich hin mit Ausrufung
voll Freude und Danks Im nämlichen Augenblick pochte jemand an den
Fensterladen der Rat T machte das Fenster und den Laden auf und es flog ein
Paket mit Geld herein das ziemlich schwer auffiel und uns alle bestürzt machte
Eilends näherte ich meinen Kopf dem Fenster und hörte ganz deutlich die Stimme
des Mylords Derby der auf englisch sagte »Gott sei Dank ich habe etwas Gutes
getan mag man mich wegen meiner Lustigkeit immer für einen Bösewicht halten«
Ich bekenne dass mich seine Handlung und seine Rede in der Seele bewegte
und mein erster Gedanke war Vielleicht ist Mylord Seimour nicht so gut als er
scheint und Derby nicht so schlimm als von ihm gedacht wird Die Frau T war
an die Haustüre geloffen und rief »Wer sind Sie« Aber er eilte davon wie ein
fliehender Vogel Das Paket wurde aufgemacht und funfzig Karolinen darin
gefunden Urteilen Sie von der Freude die darüber entstand Eltern und Kinder
weinten und drückten sich wechselsweise die Hände wenig fehlte dass sie nicht
das Geld küssten und an ihr Herz drückten Da sah ich den Unterschied zwischen
der Wirkung welche die Hoffnung eines Glücks und der die der wirkliche Besitz
desselben macht Die Freude über das versprochene Amt war groß doch deutlich
mit Furcht und Misstrauen vermengt aber fünfzig Karolinen die man in die Hände
fasste zählte und ihrer sicher war brachten alle in Entzückung Sie fragten
mich was sie mit dem Gelde anfangen sollten Ich sagte zärtlich »Meine lieben
Freunde gebrauchen Sie es sorgfältig als wenn Sie es mit vieler Mühe erworben
hätten und als ob es der ganze Rest Ihres Glücks wäre denn wir wissen noch
nicht wann oder wie der Fürst für Sie sorgen wird« Ich ging sodann nach Hause
und war mit meinem Tage vergnügt
Ich hatte durch meine Fürbitte die Pflicht der Menschenliebe ausgeübt und
den Fürsten zu einer Ausgabe der Wohltätigkeit gebracht wie ihn andre zu
Ausgaben von Wollust und Üppigkeit verleiteten Ich hatte die Herzen trostloser
Personen mit Freude erfüllt und das Vergnügen genossen von einem für sehr
boshaft gehaltenen Mann eine edle und gute Handlung zu sehen Denn wie schnell
hat Mylord D die Gelegenheit ergriffen Gutes zu tun An dem Spieltische meiner
Tante hört er ungefähr von einem mitleidenswürdigen Hause reden und erkundigt
sich gleich mit so vielem Eifer danach dass er noch den nämlichen Abend eine so
freigebige wahrhaftig engländische Hilfe leistet
Er dachte wohl nicht dass ich da wäre sondern zu Hause an der Tafel sitzen
würde sonst sollte er nicht englisch geredet haben In Gesellschaften hörte ich
ihn oft gute Gesinnungen äußern aber ich hielte sie für Heucheleien eines
feinen Bösewichts allein die freie allen Menschen unbekannte Handlung kann
unmöglich Heuchelei sein O möchte er einen Geschmack an der Tugend finden und
ihr seine Kenntnisse weihen Er würde einer der hochachtungswürdigsten Männer
werden
Ich kann mich nun nicht verhindern ihm einige Hochachtung zu bezeugen weil
er sie verdient Seinen feinen Schmeicheleien seinem Witz und der Ehrerbietung
die er mir beweist hätte ich sie niemals gegeben Es kann oft geschehen dass
äußerliche Annehmlichkeit uns die Aufwartung und vielleicht die stärkste
Leidenschaft des größten Bösewichts zuzieht Aber wie verachtungswert ist ein
Frauenzimmer die einen Gefallen daran bezeugt und sich wegen diesem armen
Vergnügen ihrer Eigenliebe zu einer Art von Dank verbunden hält Nein niemand
als der Hochachtungswürdige soll hören dass ich ihn hochschätze Zu meiner
Höflichkeit ist die ganze Welt berechtigt aber bessere Gesinnungen müssen durch
Tugenden erworben werden
Nun glaube ich aber nötig zu sagen dass mein ganzer Plan für die Familie T
umgearbeitet werden müsse wenn sie ein sicheres Einkommen erhalten Ich
überlasse es Ihrem gutdenkenden und aller Klassen der Moral und Klugheit
kundigen Manne diesen Plan brauchbar zu machen Ich bitte Sie aber bald darum
Und da meine Augen vor Schlaf zufallen wünsche ich Ihnen meine teure Emilia
gute Nacht
Fräulein von Sternheim an Frau T
Ich danke Ihnen werte Madam T für das Vergnügen welches Sie mir durch Ihre
Offenherzigkeit gemacht haben ich versichre Sie dagegen meiner wahren
Freundschaft und eines unermüdeten Eifers Ihnen zu dienen
Sie wissen von meinem letzten Besuch dass das Verlangen des Herrn T nach
einem Amte durch die gnädigen Gesinnungen Ihres Fürsten zufriedengestellt wird
Sie kennen meine Freude über den Gedanken Sie bald aus dem sorgenvollen Stande
gezogen zu sehen in welchem Sie schmachten Darf ich Ihnen aber auch sagen dass
diese Freude mit dem Wunsch begleitet ist dass Sie sich bemühen möchten Ihren
künftigen Wohlstand für Sie und Ihre Kinder dauerhaft zu machen Die
Vergleichung Ihres vorigen Wohlstandes und der kummervollen Jahre die darauf
erfolgten könnte die Grundlage eines Plans werden den Sie jetzt mit Ihren
Kindern befolgten Die Geschenke des Lord Derby haben Sie in den Stand gesetzt
sich mit Kleidung und Hausgeräte zu besorgen so dass das Einkommen Ihres Amts
ganz rein zu Unterhaltung und Erziehung Ihrer Kinder gewidmet werden kann
Ich trauete meinen jungen Einsichten nicht zu den Entwurf eines solchen
Plans zu machen und habe einen Freund geistlichen Standes darum gebeten der
mir folgendes zuschrieb
Bei den drei älteren Kindern ist wie ich aus der Nachricht ersehe der
Verstand und die Empfindung reif genug um jene Vergleichung in ihrer Stärke und
Nutzbarkeit einzusehen Wenn Sie ihnen sodann die Berechnung Ihres Einkommens
und der nötigen Ausgaben machen werden sie sich gerne nach Ihrem Plan führen
lassen Sagen Sie ihnen alsdann
Gott habe zwo Gattungen Glückseligkeit für uns bestimmt wovon die erste
ewig für unsre Seele verheißen ist und deren wir uns durch die Tugend würdig
machen müssen11 Die zwote geht unser Leben auf dieser Erde an Diese können wir
durch Klugheit und Kenntnisse erhalten Reden Sie ihnen von der Ordnung die
Gott unter den Menschen durch die Verschiedenheit der Stände eingesetzt hat
Zeigen Sie ihnen die höhere und reichere aber auch die ärmere und niedrigere
als Sie sind Reden Sie von den Vorteilen und Lasten die jede Klasse hat und
lenken Sie alsdenn Ihre Kinder zu einer ehrerbietigen Zufriedenheit mit ihrem
Schöpfer der sie durch die Eltern die er ihnen gab zu einem gewissen Stande
bestimmte und ihnen darin ein eigenes Maß besondrer Pflichten zu erfüllen
auflegte sagen Sie ihnen zu den Pflichten der Tugend und der Religion sei der
Fürst wie der Geringste unter den Menschen verbunden
Der erste Rang des Privatstandes habe die edle Pflicht durch nützliche
Kenntnisse und Gelehrsamkeit auf den verschiedenen Stufen öffentlicher
Bedienungen oder in der höheren Klasse des Kaufmannsstandes dem gemeinen Wesen
nützlich zu sein
Von diesem Begriffe machen Sie die Anwendung dass Ihre Söhne durch den Stand
des Herrn Rat T in den ersten Rang der Privatpersonen gehören darin sie nach
Erfüllung der Pflichten für ihr ewiges Wohl auch denen nachkommen müssen ihre
Fähigkeiten des Geistes durch Fleiß im Lernen und Studieren so anzubauen dass
sie einst als geschickte und rechtschaffene Männer ihren Platz in der
Gesellschaft einnehmen könnten Der Ursprung des Adels wäre kein besonderes
Geschenk der Vorsicht sondern die Belohnung der zum Nutzen des Vaterlandes
ausgeübten vorzüglichen Tugenden und Talente gewesen Der Reichtum sei die
Frucht des unermüdeten Fleißes und der Geschicklichkeit es stünde bei ihnen
sich auch auf diese Art vor andern ihresgleichen zu zeigen weil Tugend und
Talente noch immer die Grundsteine der Ehre und des Glücks sein
Ihren Töchtern sollen Sie sagen dass sie neben den Tugenden der Religion
auch die Eigenschaften edelgesinnter liebenswürdiger Frauenzimmer besitzen
müssen und dass sie dieses ohne großen Reichtum werden und bleiben könnten
Unser Herz und Verstand sind dem Schicksal nicht unterworfen Wir können
ohne eine adelige Geburt edle Seelen und ohne großen Rang einen großen Geist
haben ohne Reichtum glücklich und vergnügt und ohne kostbaren Putz durch unser
Herz unsern Verstand und unsre persönliche Annehmlichkeiten sehr liebenswürdig
sein und also durch gute Eigenschaften die Hochachtung unsrer Zeitgenossen als
die erste und sicherste Stufe zu Ehre und Glück erlangen
Dann sagen Sie ihnen ihre Einkünfte und die Anwendung die sie davon nach
den Pflichten für die Bedürfnisse ihres Körpers in Nahrung und Kleider für die
Bedürfnisse ihres Geistes und Vergnügens an Lehrmeistern Büchern und
Gesellschaften machen wollten Nennen Sie auch den zurücklegenden Pfennig als
eine Pflicht der Klugheit für künftige Zufälle
Wir brauchen Nahrung um die Kräfte unsers Körpers zu unterhalten Und
diesen Endzweck der Natur können wir durch die simpelsten Speisen am leichtesten
erreichen Diese werden von dem kleinen Einkommen nicht zuviel wegnehmen und wir
folgen dadurch der Stimme der Natur für unsre Gesundheit und geben zugleich
unserm Schicksal nach welches uns die Ausschweifungen unsrer Einbildung ohnehin
nicht erlaubte Und da der Reiche nach dem schwelgerischen Genuss des Überflusses
seine Zuflucht zu einfachen Speisen und Wasser nehmen muss um seine Gesundheit
wiederherzustellen warum sollten wir uns beklagen weil wir durch unser
Verhängnis gezwungen sind in gesunden Tagen den einfachen Foderungen der Natur
gemäß zu leben Kleider haben wir zur Bedeckung und zum Schutz gegen die Anfälle
der Witterung nötig diesen Dienst erhalten wir von den geringen und wohlfeilen
Zeugen wie von den kostbaren Die meinem Gesichte anständige Farbe und die
Schönheit der Form muss bei dem ersten wie bei dem letzten gesucht werden habe
ich diese so habe ich die erste Zierde des Kleides Ein edler Gang eine gute
Stellung die Bildung so mir die Natur gab können meinem netten einfachen Putz
ein Ansehen geben das der Reiche bei alle seinem Aufwand nicht allezeit erhält
und bei Vernünftigen wird mir meine Mäßigung ebensoviel Ehre machen als der
Reiche in dem Wechsel seiner Pracht immer finden kann
Müssen wir in unserm Hausgeräte den Mangel vieles Schönen und Gemächlichen
ertragen so wollen wir in dem höchsten Grade der Reinlichkeit den Ersatz des
Kostbaren suchen und uns gewöhnen wie der weise Araber froh zu sein dass wir
zu unserm Glück den Überfluss nicht nötig haben Und wie edel können einst die
Töchter des Herrn Rats die Würde ihres Hauses zieren wenn die Zimmer mit
schönen Zeichnungen die Stühle und Ruhebänke mit Tapetenarbeit von ihren
geschickten Händen bekleidet sein werden Sollten Sie nach dieser edelmütigen
Ergebung in Ihr Schicksal durch den Anblick des Reichen in eine traurige
Vergleichung zwischen Ihren und seinen Umständen verfallen so halten Sie sich
nicht bloß an die Idee des Vergnügens das der Reiche in seiner Pracht und
Wollust genießt sondern wenden Sie Ihre Gedanken auf den Nutzen den Kaufleute
Künstler und Handarbeiter davon haben denn bei dem ersten Gedanken fühlen Sie
nichts als Schmerzen der Unzufriedenheit mit Ihrem Geschicke welches Sie alle
dieser Freuden beraubte aber bei der zweiten Betrachtung empfinden Sie das
Vergnügen einer edelen Seele die sich über das Wohl ihres Nächsten erfreut und
je kleiner Ihr Anteil an allgemeinem Glück ist desto edler ist Ihre Freude
Prüfen Sie das Maß der Fähigkeiten Ihrer Kinder lassen Sie keines
unbebauet und so bescheiden sie in Kleidung und anderm Aufwand von Personen
Ihres Standes sein mögen so verwenden Sie alles auf die Erziehung Zeichnen
Musik Sprachen alle schönen Arbeiten des Frauenzimmers für Ihre Töchter für
Ihre Söhne alle Kenntnisse die man von wohlerzognen jungen Mannsleuten fodert
Flössen Sie beiden Liebe und Geschmack für die edle und unserm Geiste so
nützliche Beschäftigung des Lesens ein besonders alles dessen was zu der
besten Kenntnis unsrer Körperwelt gehört Es ist eine Pflicht des guten
Geschöpfs die Werke seines Urhebers zu kennen von denen wir alle Augenblicke
unsers Lebens soviel Gutes genießen da die ganze physikalische Welt lauter
Werke und Zeugnisse der Wohltätigkeit und Güte unsers Schöpfers in sich fasst
deren Anblick und Kenntnis das reinste und vollkommenste keinem Zufall keinem
Menschen unterworfene Vergnügen in unsre Seele gießt Je mehr Geschmack Ihre
Kinder an der natürlichen Geschichte unsers Erdbodens je mehr Kenntnisse sie
von seinen Gewächsen Nutzbarkeit und Schönheit erlangen je sanfter ihre
Gesinnungen Leidenschaften und Begierden sein und um so viel mehr wird ihr
Geschmack am Edelen und Einfachen gestärkt und befestigt werden und um so weiter
entfernen sie sich Von der Idee dass Pracht und Wollust das größte Glück sei
Die Geschichte der moralischen Welt sollen Ihre Kinder auch kennen die
Veränderungen welche ganze Königreiche und erhabene Personen betroffen werden
sie zu Betrachtungen leiten deren Wirkung die Zufriedenheit mit ihren
eingeschränkten Umständen sein und den Eifer für die Vermehrung der Tugend ihrer
Seele und der Kenntnisse ihres Geistes vergrößern wird weil sie durch die
Geschichte Enden werden dass Tugend und Talente allein die Güter sind welche
Verhängnis und Menschen nicht rauben können
Heute abend sollen Ihre Kinder alle Bücher erhalten welche zu Erlangung
dieses Nutzens erforderlich sind Der beste Segen meines Herzens wird den Korb
begleiten damit diese Arbeiten wohltätiger und liebenswürdiger Männer auch für
sie eine Quelle nutzbarer Kenntnisse und der besten Vergnügungen ihres Lebens
werden gleichwie sie es für mich sind
Noch eins bitte ich Sie teure Madam T Suchen Sie ja keine Tischfreunde
mehr Beweisen Sie denen so Ihnen in Ihrem Unglücke dienten Ihre Dankbarkeit
und Achtung Freundschaft und alle Gesinnungen der Ehre tun Sie nach allen
Ihren Kräften andern Notleidenden Gutes und leben Sie mit Ihren Kindern ruhig
und einsam fort bis Ihr Umgang von Rechtschaffnen gesucht wird Halten Sie Ihre
heranwachsende Töchter je mehr Schönheit je mehr Talente sie haben werden je
mehr zu Hause das Lob ihrer Lehrmeister und die Bescheidenheit und Klugheit
ihrer Lebensart soll sie bekannt machen ehe man mit ihren Gesichtern sehr
bekannt sein wird Ich bin überzeugt dass Sie einst sehr zufrieden sein werden
dieser Phantasie Ihrer Freundin gefolgt zu haben
Mylord Derby an seinen Freund in Paris
Heida Brüderchen rufen sich die Landsleute meiner Sternheim zu wenn sie sich
recht lustig machen wollen Und weil ich meine englischen Netze auf deutschem
Boden ausgesteckt habe so will ich dir auch zurufen Heida Brüderchen die
Schwingen meines Vögelchens sind verwickelt Zwar sind Kopf und Füße noch frei
aber die kleine Jagd welche auf der andern Seite nach ihr gemacht wird soll
sie bald ganz in meine Schlingen treiben und sie sogar nötigen mich als ihren
Erretter anzusehen Vortrefflich war mein Gedanke mich nach ihrem Geiste der
Wohltätigkeit zu schmiegen und dabei das Ansehen der Gleichgültigkeit und
Verborgenheit zu behalten Beinahe hätte ich es zu lange anstehen lassen und die
beste Gelegenheit versäumt mich ihr in einem vorteilhaften Lichte zu zeigen
aber die Geschwätzigkeit ihrer Tante half mir alles einbringen
In der letzten Gesellschaft bei Hofe wurden wir alle durch ein langes
Gespräch der Sternheim mit dem Fürsten besonders aufmerksam gemacht ich hatte
ihren Ton behorcht welcher süß und einnehmend gestimmt war und da ich
nachdachte was das Mädchen vorhaben möchte sah ich den Fürsten ihre Hände
ergreifen und wie mich dünkte eine küssen Der Kopf wurde mir schwindlicht
ich verlor meine Karten und legte mich voll Gift an ein Fenster aber wie ich
sie zum Spieltische ihrer Tante eilen und ihre Augen voller Bewegung und
verwirrt auf das Spiel richten sah näherte ich mich Sie warf einen heftigen
halbscheuen Blick nach mir Ihre Tante Eng an Sie sähe ihr an dass sie mit dem
Fürsten für den Rat T geredet habe das Fräulein bejahte es sagte freudig dass
er ihr Gnade für die Familie versprochen und setzte etwas von dem Notstande
dieser Leute hinzu Dieses fasste ich mir um gleich den andern Tag etwas für sie
zu tun ehe der Fürst die Bitte der Sternheim erfüllte Ich ging nach meiner
Gewohnheit in dem Überrock meines Kerls an die Fenster des Speisesaals vom
Grafen Löbau weil ich alle Tage wissen wollte wer mit meiner Schönen zu Nacht
esse kaum war ich in der Gasse so sah ich Tragsessel kommen die an dem Hause
hielten zwo ziemlich verkappte Frauenzimmer kamen an die Tür und ich hörte die
Stimme der Sternheim deutlich sagen zu Rat T am S Garten Ich wusste das
Haus lief in mein Zimmer holte mir Geld und warf es da sie noch da war bei
dem Rat T durchs Fenster an welchem das Fräulein saß murmelte einige Worte
von Freude über die Wohltätigkeit und als man an die Türe kam eilte ich davon
Zauberkraft war in meinen Worten denn da ich zween Tage darauf dem Fräulein in
Graf Fs Hause entgegenging um ihr meine angenommene Ehrerbietung zu bezeugen
bemerkte ich dass ihr schönes Auge sich mit einem Ausdruck von Achtung und
Zufriedenheit auf meinem Gesichte verweilte sie fing an mir etliche Worte auf
englisch zu sagen aber da sie sehr spät gekommen war wurde ihr gleich vom
jungen Grafen F eine Karte zu ziehen angeboten sie sah sich unschlüssig wie
durch eine Ahndung um und zog einen König der sie zur Partie des Fürsten
bestimmte
»Musste ich just diese ziehen« sagte sie mit unmutiger Stimme aber sie
hätte lange wählen können sie würde nichts als Könige gezogen haben dann der
Graf F hatte keine andre Karten in der Hand und ihre Tante war mit Bedacht
spat gekommen da alle Spieltische besetzt und der Fürst just als von ungefähr
in die Gesellschaft gekommen und so höfisch war keinem sein Spiel nehmen zu
wollen sondern dem Zufall unter der Leitung des diskreten F die Sorge
übertrug ihm jemand zu schaffen Der französische Gesandte und die Gräfin F
machten die Partie mit mein Pharaon erlaubte mir manchmal hinter den Stuhl des
Fürsten zu treten und meine Augen dem Fräulein etwas sagen zu lassen
bezaubernde unnachahmliche Anmut begleitete alles was sie tat der Fürst
fühlte es einst als sie mit ihrer schönen Hand Karten zusammenraffte so stark
dass er hastig die seinige ausstreckte einen ihrer Finger fasste und mit Feuer
ausrief »Ist es möglich dass in P alle diese Grazien erzogen wurden Gewiss
Herr Marquis Frankreich kann nichts Liebenswürdigers zeigen«
Der Gesandte hätte kein Franzose und kein Gesandter sein müssen wenn er es
nicht bekräftiget hätte wäre er auch nicht davon überzeugt gewesen und meine
Sternheim glühete von Schönheit und Unzufriedenheit Denn die Blicke des Fürsten
mögen noch lebhafter gewesen sein als der Ton mit welchem er redete Mein
Mädchen mischte die Karte mit niedergeschlagenem Auge fort Als sie selbige
austeilte machte ich eine Wendung sie blickte mich an ich zeigte ihr ein
nachdenkendes trauriges Gesichte mit welchem ich sie ansah meine Augen auf
den Fürsten heftete und mit schnellem Schritte mich an den PharaoTisch begab
wo sie mich spielen sehen konnte Ich setzte stark und spielte zerstreut meine
Absicht war die Sternheim denken zu machen dass meine Beobachtung der Liebe des
Fürsten gegen sie Ursache an der Nachlässigkeit für mein Glück und der
scheinbaren Zerstreuung meiner Gedanken sei Dieses konnte sie nicht anders als
der Stärke meiner Leidenschaft für sie zuschreiben und es ging wie ich es
haben wollte Sie war auf alle meine Bewegungen aufmerksam Als die Spiele
geendigt waren ging ich schwermütig zu dem Piquet eben da das Fräulein ihr
gewonnenes Geld zusammenfasste es war viel und alles von dem Fürsten
»Heute noch« sagte sie »sollen es die Kinder des Rats T bekommen denen
ich sagen werde dass Eure Durchlaucht ihnen zulieb es so großmütig verloren
haben«
Der Fürst sah sie lächelnd und vergnügt an und ich riss mich aus dem Zimmer
weg mit dem Entschluss auf sie zu lauren wenn sie zum Rat T ginge um mich
dort einzudringen und ihr von meiner Liebe zu reden Den ganzen Nachmittag hatte
sie mich mit Tiefsinn und Heftigkeit wechselsweise behaftet gesehen mein
Eindringen konnte auf die Rechnung meiner starken Leidenschaft geschrieben
werden Ich habe ohnehin während meinem Aufenthalt in Deutschland gefunden dass
ein günstiges Vorurteil für uns darin herrschet kraft dessen man von unsern
verkehrtesten Handlungen auf das gelindeste urteilt ja sie noch manchmal als
Beweise unsrer großen und freien Seelen ansieht
Bei dieser Kunst den Augenblick des Zufalls zu benutzen habe ich mehr
gewonnen als ich durch ein ganzes Jahr Seufzen und Winseln erhalten hätte Lies
diese Szene und bewundere die Gegenwart des Geistes und die Gewalt die ich über
meine sonst unbändige Sinnen in der ganzen halben Stunde hatte die ich allein
ganz allein mit meiner Göttin in einem Zimmer war und ihre schöne Figur in der
allerreizendsten Gestalt vor mir sah Sie war nach Hause gegangen um ihr
Oberkleid und ihren Kopfputz abzulegen und warf nur einen großen Mantel und eine
Kappe über sich als sie sich zu Rat T tragen ließ Die Kappe welche sie
abzog nahm allen Puder von ihren KastanienHaaren hinweg und brachte auch die
Locken etwas in Unordnung ein kurzes Unterkleid und die schöne erhöhete Farbe
die ihr mein Anblick und meine Unterredung gab machten sie unbeschreiblich
reizend
Als sie einige Minuten da war pochte ich an die Türe und rief sachte nach
der Madam T Sie kam ich sagte ihr dass ich Sekretär bei Mylord G wäre der
mich mit einem Geschenk für ihre Familie zu dem Fräulein von Sternheim geschickt
hätte der ich es selbst übergeben solle und mit ihr deswegen zu reden habe die
Frau hieß mich einen Augenblick warten und lief hin ihren Mann und ihre Kinder
in ein ander Zimmer zu schaffen sie winkte mir sodann Ich Narr zitterte
beinahe als ich den ersten Schritt in die Türe trat aber die kleine Angst die
das Mädchen befiel erinnerte mich noch zu rechter Zeit an die Oberherrschaft
des männlichen Geistes und eine überbleibende Verwirrung musste mir dazu dienen
mein gezwungenes Eindringen zu beschönen Ehe sie sich von ihrem Erstaunen mich
zu sehen erholen konnte war ich zu ihren Füßen machte in unsrer Sprache
einige lebhafte Entschuldigungen wegen des Überfalls und wegen des Schreckens
den ich ihr verursacht aber es sei mir unmöglich gewesen noch länger zu leben
ohne ihr das Geständnis der lebhaftesten Verehrung zu machen und dass da mir
durch Mylord G die vielen Besuche in dem Hause ihres Onkels untersagt worden
und ich gleichwohl mit Augen gesehen dass andere die Kühnheit hätten ihr ihre
Gesinnungen zu zeigen so wollte ich nur das Vorrecht haben ihr zu sagen dass
ich sie wegen ihrem seltenen Geist verehrte dass ich Zeuge von ihrer ausübenden
Tugend gewesen wäre und sie allein mich an den Ausspruch des Weisen erinnert
hätte der gesagt dass wenn die Tugend in sichtbarer Gestalt erschiene niemand
der Gewalt ihrer Reizungen würde widerstehen können dass ich dieses Haus als
einen Tempel betrachtete in welchem ich zu ihren Füßen die Gelübde der Tugend
ablegte welche ich durch sie in ihrer ganzen Schönheit hätte kennenlernen dass
ich mich nicht würdig schätzte ihr von Liebe zu reden ehe ich mich ganz
umgebildet hätte wobei ich ihr Beispiel zum Muster nehmen würde Meine
Erscheinung und der Jast der Leidenschaften in welchem ich zu ihr sprach hatte
sie wie betäubt und auch anfangs etwas erzürnt aber das Wort Tugend welches
ich etlichemal aussprach war die Beschwörung durch welche ich ihren Zorn
besänftigte und ihr alle Aufmerksamkeit gab die ich nötig hatte um mir ihre
Eitelkeit gewogen zu machen Ich sah auch wie mitten unter den Runzeln die der
Unmut der jungfräulichen Sittsamkeit über ihre Stirne gezogen hatte da sie mich
etlichemal unterbrechen und forteilen wollte mein Plato mit seiner sichtbar
gewordenen Tugend diese ernstaften Züge merklich aufheiterte und der feinste
moralische Stolz auf ihren zur Erde geschlagnen Augen saß Diese Bemerkung war
mir für diesmal genug und ich endigte meine ganz zärtlich gewordene Rede mit
einer wiederholten demütigen Abbitte meiner Überraschung
Sie sagte mit einer etwas zitternden Stimme Sie bekenne dass mein Anblick
und meine Anrede ihr sehr unerwartet gewesen sei und dass sie wünschte dass mich
meine Gesinnungen wovon ich ihr redete abgehalten hätten sie in einem fremden
Hause zu überraschen
Ich machte einige bewegliche Ausrufungen und mein Gesicht war mit der Angst
bezeichnet ihr missfallen zu haben sie betrachtete mich mit Sorgsamkeit und
sagte »Mylord Sie sind der erste Mann der mir von Liebe redt und mit dem ich
mich allein befinde beides macht mir Unruhe ich bitte Sie mich zu verlassen
und mir dadurch eine Probe der Hochachtung zu zeigen die Sie für meinen
Charakter zu haben vorgeben«
»Vorgeben O Sternheim wenn es vorgebliche Gesinnungen wären so hätte ich
mehr Vorsicht gebraucht um mich gegen Ihren Zorn zu bewahren Anbetung und
Verzweiflung wars die mich zu der Verwegenheit führten hieher zu kommen
sagen Sie dass Sie mir meine Verwegenheit vergeben und meine Verehrung nicht
verwerfen«
»Nein Mylord die wahre Hochachtung des rechtschaffenen Mannes werde ich
niemals verwerfen aber wenn ich die Ihrige erhalten habe so verlassen Sie
mich«
Ich erhaschte ihre Hand küsste sie und sagte zärtlich und eifrig
»Göttliches anbetungswürdiges Mädchen ich bin der erste Mann der dir von
Liebe redet O wenn ich der erste wäre den du liebtest«
Seimour fiel mir ein es war gut dass ich ging an der Tür legte ich mein
Paket Geld hin und sagte zurück »Geben Sie es der Familie«
Sie sah mir mit einer leutseligen Miene nach und seitdem habe ich sie
zweimal in Gesellschaften gesehen wo ich mich in einer ehrerbietigen Entfernung
halte und nur sehr gelegen etliche Worte von Anbetung Kummer oder so etwas sage
und wenn sie mich sehen oder hören kann mich sehr weislich und züchtig
aufführe
Von Mylord G weiß ich dass man bei Hof verschiedene Anschläge macht ihren
Kopf zu gewinnen das Herz denken sie haben sie schon weil sie gerne Gutes
tut und ihr der Fürst alles bewilligen wird Man hält in ihrer Gegenwart immer
Unterredungen von der Liebe und galanten Verbindungen die man leicht und was
man in der Welt philosophisch heißt beurteilt Alles dieses dient mir denn je
mehr sich die andern bemühen ihre Begriffe von Ehre und Tugend zu schwächen und
sie zum Vergessen derselben zu verleiten je mehr wird sie gereizt mit allem
weiblichen Eigensinn ihre Grundsätze zu behaupten Die trockne Höflichkeit des
Mylord G die argwöhnische und kalte Miene des Seimour beleidigt die
Überzeugung die sie von dem Werte ihrer Tugend hat Ich beweise ihr
Ehrerbietung ich bewundere ihren seltenen Charakter und achte mich nicht würdig
ihr von Liebe zu reden bis ich nach ihrem Beispiel umgebildet sein werde und
so werde ich sie in dem Harnisch ihrer Tugend und den Banden der Eigenliebe
verwickelt zum Streit mit mir untüchtig sehen wie man die Anmerkung von den
alten Kriegsrüstungen machte unter deren Last endlich der Streiter erlag und
mit seinem schönen festen Panzer gefangen wurde Sage mir nichts mehr Von der
frühen Sättigung in welche mich der so lange gesuchte Genuss der schönen frommen
brachte und dass mich nach aller Mühe mit dieser Tugend das nämliche
Schicksal erwarte Du bist weit entfernt eine richtige Idee von der seltenen
Kreatur zu haben von der ich dir schreibe Eine zärtliche Andächtige hat
freilich ebensoviel übertriebne Begriffe von der Tugend als meine Sternheim und
es ist angenehm alle diese Gespenster aus einer liebenswürdigen Person zu
verjagen aber der Unterschied ist dieser so wie die Devote bloß aus
Zärtlichkeit für sich selbst den schrecklichen Schmerzen der Hölle durch
Frömmigkeit zu entfliehen und hingegen den Genuss der ewigen Wonne zu erhalten
sucht folglich aus lauter Eigennutz tugendhaft ist und Furcht der Hölle und
Begierde nach dem Himmel allein aus dem feinen Gefühl ihrer Sinnen quillt so
kann auch ihre Ergebung an einen Liebhaber allein aus der Vorstellung des
Vergnügens der Liebe kommen denn wenn die Sinnen nicht so viel bei frommen
Leuten gälten woher kämen wohl die sinnlichen Beschreibungen ihrer himmlischen
Freuden und woher die entzückte Miene mit welcher sie Leckerbissen verkäuen
Aber meine Moralistin ist ganz anders gestimmt sie setzt ihre Tugend und
ihre Glückseligkeit in lauter Handlungen zum Besten des Nebenmenschen Pracht
Gemächlichkeit delikate Speisen Ehrenbezeugungen Lustbarkeiten nichts kann
bei ihr dem Vergnügen Gutes zu tun die Waagschale halten und aus diesem
Beweggrunde wird sie einst die Wünsche ihres Verehrers krönen und das nämliche
Nachdenken das sie hat alles Übel der Gegenstände ihrer Wohltätigkeit zu
erleichtern und neues Glück für sie zu schaffen dieses Nachdenken wird sie auch
zur Vergrößerung meines Vergnügens verwenden und ich halte für unmöglich dass
man ihr satt werden sollte Doch in kurzer Zeit werde ich dir Nachricht davon
geben können denn die Komödie eilt zum Schluße weil die Leidenschaft des
Fürsten so heftig wird dass man die Anstalten zu ihrer Verwicklung eifriger
betreibt und Feste über Feste veranstaltet
Fräulein von Sternheim an Emilia
Würden Sie liebste Emilia jemals geglaubt haben dass es eine Stunde meines
Lebens geben könnte in der mich reuete Gutes getan zu haben Und sie ist
gekommen diese Stunde in welcher ich mit dem warmen Eifer meines Herzens für
das verbesserte Wohlergehen meines Nächsten unzufrieden war und den Streit
zwischen Mein und Dein empfunden habe Sie wissen aus meinen vorigen Briefen
was es mich kostete den Fürsten um eine Gnade für die Familie T zu bitten Sie
kennen die Beweggründe meiner Abneigung und Überwindung derselben aber die
verdoppelte Beunruhigung die mir damit durch den Fürsten und Mylord Derby
zugekommen ist gab mir die Stärke des Unmuts der mich zur Unzufriedenheit mit
meinem Herzen brachte Der Fürst welcher mich in Gesellschaften mit seinen
Blicken und Unterredungen mehr als zuvor verfolgt scheute sich nicht bei einem
Piquet das ich mit ihm spielte Ausrufungen über meine Annehmlichkeiten zu
machen und dieses mit einem Ton worin Leidenschaft war und der alle Leute
aufmerksam machte Mylord Derby war eben vom PharaoTisch zu uns gekommen und
da ich in der Verwirrung in die ich aus Zorn und Verlegenheit über die
Aufführung des Fürsten geriet ungefähr meine Augen auf Derby richtete sah ich
wohl den Ausdruck einer heftigen Bewegung in seinem Gesicht und dass er sich
nachdem seine Augen den Fürsten etwas wild angesehen wegbegab und wie ein
verwirrter Mensch spielte Aber das konnte ich nicht sehen dass ich von ihm noch
den nämlichen Abend auf das äußerste beunruhigt werden sollte Der Fürst verlor
viel Geld an mich ich hatte bemerkt dass er mit Vorsatz schlecht spielte wenn
er allein gegen mich war dieses verdross mich seine Absicht mag gewesen sein
was sie will sein Geld freute mich nicht und ich sagte dass ich es den Kindern
des Rats T noch den Abend geben wollte Derby musste es gehört haben und fasste
den Entschluss mich zu belauschen und bei dem Rat T zu sprechen Listig fing er
es an denn als ich eine kleine Weile da war kam er an das Haus fragte nach
der Frau T und sagte dieser er sei Sekretär bei Mylord G und hätte mir etwas
für ihre Familie zu bringen Die Frau von der Hoffnung eines großen Geschenks
eingenommen holte ihren Mann und Kinder samt der Rosine aus dem Zimmer wo ich
war und ehe ich sie fragen konnte was sie wollte trat sie mit Mylord Derby
herein meldete mir ihn als Sekretär redete von seinem an sie habenden
Geschenke und begab sich weg Erstaunen und Unmut betäubten mich lange genug
dass Mylord zu meinen Füßen knien und mir seine Entschuldigungen und Abbitten
machen konnte ehe ich fähig war über sein Eindringen meine Klage zu führen
Ich tat es mit wenigen ernstaften Worten da fing er an von einer langen
verborgenen Leidenschaft und der Verzweiflung zu reden in welche ihn Mylord G
stürzte da er ihm verboten nicht mehr in unser Haus zu gehen und er doch
sehen müsste dass andre mir von ihrer Liebe redeten Mylords G Verbot machte
mich stutzend und nachdenkend Derby redete immer in der heftigsten Bewegung
fort ich dachte an den Jast worin ich ihn den ganzen Abend in der Gesellschaft
gesehen hatte und meine Verlegenheit vergrößerte sich dadurch Ich foderte dass
er mich verlassen sollte und wollte zugleich der Türe zugehen er widersetzte
sich mit sehr ehrerbietigen Gebärden aber mit einer Stimme und Blicken so voll
Leidenschaft dass mir bange und übel wurde Dies war der Augenblick wo ich böse
auf mein Herz war dass es mich gerade diesen Abend noch mein Spielgeld den
Kindern bringen hieß und mich dadurch dieser Verlegenheit ausgesetzt hatte
Ich erholte mich endlich da ich ihn den geheiligten Namen der Tugend
aussprechen hörte in welchem er mich beschwur ihn nur noch einen Augenblick
reden zu lassen Wiederholen kann ich nichts aber er redete gut wenig von
meinen äußerlichen Annehmlichkeiten aber er behauptete meinen Charakter zu
kennen den er als selten ansieht und am Ende legte er auf eine rührende Weise
eine feierliche Gelübde von Tugend und Liebe ab
Unzufrieden mit ihm und mit mir selbst bestürzt und bewegt machte ich an
ihn die Bitte mir den Beweis von seinen Gesinnungen zu geben dass er mich
verliesse Er ging gleich mit ermunterter Abbitte seines Überraschens und legte
an der Tür noch ein schweres Paket Geld für die arme Familie hin
Ein ungewöhnlicher Kummer beklemmte mein Herz das beste Glück das ich mir
in dieser Minute wünschte war einsam zu sein Aber die Frau T kam herein ich
übergab ihr das Geschenk samt dem gewonnenen Gelde Ihre Freude erleichterte
mich ein wenig aber ich eilte mit dem festen Vorsatz fort dieses Haus nicht
mehr zu betreten solange Mylord Derby in D sein würde Mein Onkel und meine
Tante spielten noch als ich nach Hause kam und ich legte mich zu Bette
Traurige Nächte hatte ich schon durch meinen an Eltern und Freunden erlittenen
Verlust gehabt aber die mit Unruhe und Schmerzen der Seele erfüllte schlaflose
Stunden habe ich niemals gekannt welche auf die Betrachtung folgten dass mein
Schicksal und meine Umstände meinen Wünschen und meinem Charakter völlig
entgegen sind Meine äußerste Bemühung war immer unsträflich in meiner
Aufführung zu sein und doch wurde ich durch Mylord Derby der Nachrede einer
Zusammenkunft ausgesetzt Mylord G dessen Achtung ich zu verdienen glaubte
verbietet seinen Verwandten den vorzüglichen Umgang mit mir Ich hatte die
Freundschaft eines tugendhaften Mannes gewünscht und dieser flieht mich
während dass mich der Fürst und der Graf F zu verfolgen anfangen Und was soll
ich von Mylord Derby sagen Ich bekenne die Liebe eines Engländers ist mir
vorzüglich angenehm aber Und doch warum wählte ich einen und verwarf den
andern ehe ich sie kannte ich war gewiss voreilig und unbillig Derby ist rasch
und unbesonnen aber voller Geist und Empfindsamkeit Wie schnell wie eifrig
tut er Gutes Sein Herz kann nicht verdorben sein weil er so viele
Aufmerksamkeit für gute Handlungen hat ich möchte bald hinzusetzen weil er
mich und meine Denkungsart lieben kann Aber alle halten ihn für einen bösen
Menschen er muss Anlass zu einer so allgemeinen Meinung gegeben haben und
gleichwohl hat die Tugend Ansprüche auf sein Herz Emilia wenn ihn die Liebe
ganz von Irrwegen zurückführte wenn sie es um meinetwillen unternähme Wäre ich
ihr da nicht das Opfer des Vorzugs schuldig den ich einem andern ohne sein
Verlangen gab Aber jetzt wünschte ich aller Wahl überhoben zu sein und dass
meine Tante R bald käme Vergeblicher Wunsch Sie ist in Florenz und wird da
ihre Wochen halten Sie sehen also dass alle Umstände wider mich sind Der
ländliche Frieden die Ruhe die edle Einfalt welche mein einsames S
bewohnen wären meinem armen Kopfe und Herzen so erquickend als Hofleuten der
Anblick einer freien Gegend ist wenn sie lange in Kunstgärten herumgeirrt und
ihr Auge durch Betrachtungen der gesuchten und gezwungenen Schönheiten ermüdet
haben Wie gerne stellten sie ihre durch zerstossnen Marmor ermattete Füße auf
ein mit Moos bewachsnes Stück Erde und sehen sich in dem unbegrenzten schönen
Gemische von Feld Waldungen Bächen und Wiesen um wo die Natur ihre besten
Gaben in reizender Unordnung verbreitet Bei vielen beobachtete ich in dieser
Gelegenheit die Stärke der reinen ersten Empfindungen der Natur Sogar ihr Gang
und ihre Gebärden wurden freier und ungezwungener als sie in den sogenannten
Lustgärten waren aber einige Augenblicke darauf sah ich auch die Macht der
Gewohnheit die durch einen einzigen Gedanken rege gemacht die sanfte
Zufriedenheit störte welche die Herzen eingenommen hatte Urteilen Sie meine
Emilia wie ermüdet mein moralisches Auge über den täglichen Anblick des
Erkünstelten im Verstande in den Empfindungen Vergnügungen und Tugenden ist
Dazu kommt nun der Antrag einer Verbindung mit dem jungen Grafen F die ich
wenn mir auch der Mann gefiele nicht annehmen würde weil sie mich an den Hof
fesseln würde So sehr auch diese Fesseln übergüldet und mit Blumen bestreut
wären so würden sie doch mein Herz nur desto mehr belästigen Ich leide durch
den Gedanken jemand eine Hoffnung von Glück zu rauben deren Erfüllung in
meiner Gewalt steht aber warum machen die Leute keine Vergleichung zwischen
ihrer Denkart und der meinigen Sie würden darin ganz deutlich die Unmöglichkeit
sehen mich jemals auf den Weg ihrer Gesinnungen zu lenken Mein Onkel und meine
Tante machen mich erstaunen Sie die meine Eltern und meine Erziehung kannten
sie die von der Festigkeit meiner Ideen und Empfindungen überzeugt sind sie
dachten mich durch glänzende Spielwerke von Rang Pracht und Ergötzlichkeiten
zur Übergabe meiner Hand und meines Herzens zu bewegen Ich kann nicht böse über
sie werden sie suchen mich nach ihren Begriffen von Glück durch eine vornehme
Verbindung glücklich zu machen und geben sich alle ersinnliche Mühe mir den Hof
von seiner verführerischen Seite vorzustellen Sie haben gesucht meine Liebe
zur Wohltätigkeit als eine Triebfeder anzuwenden Weil der Graf F versicherte
dass mich der Fürst sehr hochschätze dass er mit Vergnügen alle Gnaden bewilligen
würde die ich mir immer ausbitten könnte so haben sie denke ich Leute
angestellt mich um Fürsprache bei dem Herrn anzuflehen Ihre Vermutung dass
dieses die stärkste Versuchung für mich sei ist ganz richtig dann die Gewalt
Gutes zu tun ist das einzige wünschenswerte Glück das ich kenne
Zu meinem Vergnügen war die erste Bitte ein Wunsch von Eitelkeit welcher
etwas begehrte dessen man wohl entbehren konnte so dass ich ohne Unruhe mein
Vorwort versagen konnte Ich zeigte dabei meinen Entschluss an den Fürsten
niemals mehr zu beunruhigen indem mich nur die äußerste Not und Hülflosigkeit
der Familie T dazu veranlasst habe Ware es eine notleidende Person gewesen die
mich um Fürbitte angesprochen hätte so wäre mein Herz wieder in Verlegenheit
geraten zwischen meiner Pflicht und Neigung ihr zu dienen und zwischen meinem
Widerwillen dem Fürsten für eine Gefälligkeit zu danken einen Entschluss zu
machen Für meines Onkels Prozess muss ich noch reden und es soll auf einem
Maskenball geschehen dazu man schon viele Anstalten macht Eine allgemeine
Anstrengung der Erfindungskraft ist aus diesem Vorhaben erfolgt ein jedes will
sinnreich und gefällig gekleidet sein Hof und Stadtleute werden dazu geladen
es soll eine Nachahmung der englischen Maskenbälle zu Vauxhall werden Ich
bekenne dass der ganze Entwurf etwas Angenehmes für mich hat einmal weil ich
das Bild der römischen Saturnalien die ich Gleichheitsfeste nennen möchte
sehen werde und dann weil ich mir ein großes Vergnügen aus der Betrachtung
verspreche den Grad der Stärke und Schönheit der Einbildungskraft so vieler
Personen in ihren verschiedenen Erfindungen und Auswahlen der Kleidungen zu
bemerken Der Graf F sein Nepote mein Onkel meine Tante und ich werden eine
Truppe spanischer Musikanten vorstellen die des Nachts auf die Straße ziehen um
vor den Häusern etwas zu ersingen Der Gedanke ist artig unsre Kleidung in
Cramoisi mit schwarzem Taft sehr schön aber meine Stimme vor so vielen Leuten
erschallen zu lassen dies vergället meine Freude es scheint so zuversichtlich
auf ihre Schönheit und so begierig nach Lob Doch man will damit dem Fürsten
der mich gerne singen hört gefällig sein weil man glaubt der Prozess meines
Onkels gewinne dabei und ich will ihm lieber vor der ganzen Welt singen als
noch einmal in unsern Garten wie gestern wo ich darauf mit ihm spazierengehen
und ihn von Liebe reden hören musste Er hatte sie zwar in Ausdrücke der
Bewunderung meines Geistes und meiner Geschicklichkeit eingewickelt aber meine
Augen meine Gestalt und meine Hände hatten viel Verwirrung an seinem Hof
angerichtet ihm wäre es unmöglich Rat darin zu schaffen weil die Macht meiner
Reize den Herrn ebensowenig verschonet hätte als seine Diener
»Meine Entfernung wird also das beste Mittel wider diese Unordnung sein«
sagte ich
»Das sollen Sie nicht tun Sie sollen meinen Hof der Zierde nicht berauben
die er durch Sie erhalten einen Glücklichen sollen Sie wählen und sich niemals
von D entfernen«
Ich wusste ihm Dank dass er dieses hinzusetzte er muss es getan haben weil
er bemerkte dass ich in Verwirrung geraten war und auf einmal traurig und
ernstaft aussah Denn wie er von der Wahl eines Glücklichen redete wandte er
sich zu mir und blickte mich so sehnsuchtsvoll an dass ich mich vor seinen
weiteren Erklärungen fürchtete Er fragte mich zärtlich nach der Ursache meiner
Ernsthaftigkeit ich fasste mich und sagte ihm ziemlich munter Der Gedanke von
einer Auswahl wäre schuld daran weil ich in D nach meiner Phantasie keine zu
machen wüsste
»Gar keine Nehmen Sie den der Sie am meisten liebt und Ihnen seine Liebe
am besten beweisen kann« Mit diesem Gespräche kamen wir zur Gesellschaft an
Alle suchten etwas in den Gesichtszügen des Fürsten zu lesen er war sehr
höflich gegen sie ging aber bald darauf weg und sagte mir noch mit Lächeln ich
möchte seinen Rat nicht vergessen Ich redete mit meiner Tante ernstaft von den
Gesinnungen die ich bemerkt hätte und dass ich in keinem Menschen Liebe sehen
und ernähren würde die ich nicht billigen könnte dass ich also auf dem Ball
nicht singen wollte und sie bäte mich nach Sternheim zurück zu lassen
Da war Jammer über meine zu weit getriebne grillenhafte Ideen die nicht
einmal eine zärtliche Höflichkeit ertragen könnten ich möchte doch um des
Himmels und ihrer Kinder willen die BallPartie nicht verschlagen wenn ich nach
diesem unzufrieden wäre so versprach sie mir mich nach Sternheim zu begleiten
und den Überrest des Jahres dort zu bleiben Bei diesem Versprechen hielt ich
sie und erneuerte ihr das meinige
Dies ist also die letzte Tyrannie welche die Gefälligkeit für andre an mir
ausüben wird und dann werde ich mein Sternheim wiedersehen O Emilia mit was
für Entzücken der Freude werde ich dieses Haus betreten wo jeder Platz an die
aus geübten Tugenden meiner Eltern mich erinnern und aufmuntern wird ihrem
Beispiel zu folgen Tugenden und Fehler der großen Welt sind nichts für meinen
Charakter die ersten sind mir zu glänzend und die andern zu schwarz Ein
ruhiger Zirkel von Beschäftigung für meinen Geist und für mein Herz ist das mir
zugemessene Glück und dieses Ende ich auf meinem Gute Ehemals wurde es durch
den freundschaftlichen Umgang meiner Emilia vergrößert aber die Vorsicht wollte
ihre Tugenden in einer andern Gestalt leuchten lassen ließ mir aber ihren
Briefwechsel
Sehr lieb ist mir dass ich die große Welt und ihre Herrlichkeiten
kennengelernt habe Ich werde sie nun in allen Teilen richtiger zu beurteilen
wissen Ich habe ihr die Verfeinerung meines Geschmacks und Witzes durch die
Kenntnis des Vollkommnen in den Künsten zu danken Ihr Luxus ihre lärmende
ermüdende Ergötzungen haben mir die edle Einfalt und die ruhigen Freuden meines
Stammhauses angenehmer gemacht der Mangel an Freuden den sie mich erdulden
ließ hat mich den Wert meiner Emilie höher schätzen gelehrt und ob ich schon
gefühlt habe dass die Liebe Ansprüche auf mein Herz hat so freut mich doch dass
es allein durch den Sohn der himmlischen Venus verwundet werden kann und dass die
Tugend ihre Rechte ungestört darin erhalten hat Denn gewiss wird meine
Zärtlichkeit niemals einen Gegenstand wählen der sie verdrängen wird
Schönheit und Witz haben keine Gewalt über mein Herz ungeachtet ich den
Wert von beiden kenne eine feurige Leidenschaft und zärtliche Reden auch nicht
am wenigsten aber die Lobeserhebungen meiner persönlichen Annehmlichkeiten denn
da sehe ich in meinem Liebhaber nichts als die Liebe seines Vergnügens Die
Achtung für die guten Neigungen meines Herzens und für die Bemühungen meines
Geistes um Talente zu sammeln dieses allein rührt mich weil ich es für ein
Zeichen einer gleichgestimmten Seele und der wahren dauerhaften Liebe halte
aber es wurde mir von niemand gesagt von dem ich es zu hören wünschte Derby
hatte diesen Ton Aber nicht eine Saite meines Herzens hat darauf geantwortet
Auch dieses Mannes Liebe oder was es ist vermehrt meine Sehnsucht und Eile
nach Ruhe und Einsamkeit In acht Tagen ist der Ball vielleicht meine Emilia
schreibe ich Ihnen meinen nächsten Brief in dem Kabinette der Sternheim zu den
Füßen des Bildnisses meiner Mama dessen Anblick meine Feder zu einem andern
Inhalt meiner Briefe begeistern wird
Mylord Derby an seinen Freund
Die Komödie des Fürsten mit meiner Sternheim wovon ich dir letzthin
geschrieben ist durch die romantischen Grillen des Vetters Seimour zu einem so
tragischen Ansehen gestiegen dass nichts als der Tod oder die Flucht der Heldin
zu einer Entwicklung dienen kann das erste hoffe ich solle die Göttin der
Jugend verhüten und für das zweite mag Venus durch meine Vermittlung sorgen
Man hat weil des Fräulein gerne tanzt die Hoffnung gefasst sie durch
Ballustbarkeiten eher biegsam und nachgebend zu machen und da sie noch niemals
einen Maskenball gesehen so wurden auf den Geburtstag des Fürsten die Anstalten
dazu gemacht Man bewog das Mädchen zu dem Entschluss bei dieser Gelegenheit zu
singen und sie geriet auf den artigen Einfall in Gesellschaft etlicher
Personen einen Trupp spanischer Musikanten vorzustellen Der Fürst erhielt die
Nachricht davon und ersuchte den Grafen Löbau ihm das Vergnügen zu lassen die
Kleidung des Fräuleins zu besorgen um ihr dadurch unversehens ein Geschenk zu
machen Onkel und Tante nahmen es an weil ihre Masken zugleich angeschafft
wurden aber zween Tage vor dem Ball war dem Hof und der Stadt bekannt dass der
Fürst dem Fräulein die Kleidung und den Schmuck gäbe und auch selbst ihre Farben
tragen werde Seimour geriet in den höchsten Grad von Wut und Verachtung ich
selbst wurde zweifelhaft und nahm mir vor die Sternheim scharfer als jemals zu
beobachten
Nichts kann reizender sein als ihr Eintritt in den Saal gewesen ist Die
Gräfin Löbau als eine alte Frau bekleidet ging mit einer Laterne und etlichen
Rollen Musikalien voraus Der alte Graf H mit einer Bassgeige Löbau mit der
Flütetraverse und das Fräulein mit einer Laute kamen nach Sie stellten sich vor
die Loge des Fürsten Engen an zu stimmen die Tanzmusik musste schweigen und
das Fräulein sang eine Arie sie war in Cramoisi und schwarzen Taft gekleidet
ihre schönen Haare in fliegenden nachlässigen Locken verbreitet ihre Brust
ziemlich doch weniger als sonst verhüllt überhaupt schien sie mit vielem Fleiß
auf eine Art gekleidet zu sein die alle reizenden Schönheiten ihrer Figur
wechselsweise entwickelte denn der weite Ärmel war gewiss allein da um während
sie die Laute schlug zurückzufallen und ihren vollkommen gebildeten Armin sein
ganzes Licht zu setzen Die halbe Maske zeigte uns den schönsten Mund und ihre
Eigenliebe bemühete sich die Schönheit ihrer Stimme zu aller Zauberkraft der
Kunst zu erhöhen
Seimour in einem schwarzen Domino an ein Fenster gelehnt sah sie mit
konvulsivischen Bewegungen an Der Fürst in einem venezianischen Mantel in
seiner Loge Begierde und Hoffnung in seinen Augen gezeichnet klatschte
fröhlich die Hände zusammen und kam einen Menuet mit ihr zu tanzen nachdem er
vieles Lob von ihren Fingern gemacht hatte Mein Kopf fing an warm zu werden
und ich empfahl meinem Freunde John dem Sekretär von Mylord G seine
Aufmerksamkeit zu verdoppeln weil mein aufkochendes Blut nicht mehr Ruhe genug
dazu hatte Doch machte ich noch in Zeiten die Anmerkung dass unser Gesicht und
das was man Physionomie nennt ganz eigentlich der Ausdruck unsrer Seele ist
Denn ohne Maske war meine Sternheim allezeit das Bild der sittlichen Schönheit
indem ihre Miene und der Blick ihrer Augen eine Hoheit und Reinigkeit der Seele
über ihre ganze Person auszugiessen schien wodurch alle Begierden die sie
einflößte in den Schranken der Ehrerbietung gehalten wurden Aber nun waren
ihre Augenbraunen Schläfe und halbe Backen gedeckt und ihre Seele gleichsam
unsichtbar gemacht sie verlor dadurch die sittliche charakteristische Züge
ihrer Annehmlichkeiten und sank zu der allgemeinen Idee eines Mädchens herab
Der Gedanke dass sie ihren ganzen Anzug vom Fürsten erhalten ihm zu Ehren
gesungen hatte und schon lange von ihm geliebt wurde stellte sie uns allen als
wirkliche Mätresse vor besonders da eine Viertelstunde darauf der Fürst in
einer Maske von nämlichen Farben als die ihrige kam und sie da eben deutsch
getanzt wurde an der Seite ihrer Tante mit der sie stehend redte wegnahm und
einen Arm um ihren Leib geschlungen die Länge des Saals mit ihr durchtanzte
Dieser Anblick ärgerte mich zum Rasendwerden doch bemerkte ich dass sie sich
vielfältig sträubte und loswinden wollte aber bei jeder Bemühung drückte er
sie fester an seine Brust und führte sie endlich zurück worauf der Graf F ihn
an ein Fenster zog und eifrig redte Einige Zeit hernach stund eine weiße Maske
en ChauveSouris neben dem Fräulein die ich auf einmal eine heftige Bewegung
mit ihrem rechten Arm gegen ihre Brust machen und einen Augenblick darauf ihre
linke Hand nach der weißen Maske ausstrecken sah Diese entschlüpfte durch das
Gedränge und das Fräulein ging mit äußerster Schnelligkeit den Saal durch Ich
folgte der weißen Maske auf die Ecke eines Gangs wo sie die Kleider fallen ließ
und mir den Lord Seimour in seinem schwarzen Domino zeigte der in der stärksten
Bewegung die Treppe hinunterlief und mich über seine Unterredung mit dem
Fräulein in der größten Verlegenheit ließ John der sie nicht aus dem Gesichte
verlor war ihr nachgegangen und sah dass sie in das Zimmer wo ihr Onkel und
die Gräfin F waren ging gleich beim Eintritt allen Schmuck ihres Aufsatzes
vom Kopfe riss mit verachtungs und schmerzensvollen Ausdrücken zu Boden warf
ihren Onkel der sich ihr näherte mit Abscheu ansah und mit der kummervollesten
Stimme ihn fragte »Womit habe ich es verdient dass Sie meine Ehre und meinen
guten Namen zum Opfer der verhassten Leidenschaften des Fürsten machten«
Mit zitternden Händen band sie ihre Maske los riss die Spitzen ihres
Halskragens und ihre Manschetten in Stücken und streute sie vor sich her John
hatte sich gleich nach ihr an die Türe gedrungen und war Zeuge von allen diesen
Bewegungen Der Fürst eilte mit dem Grafen F und ihrer Tante herbei die
übrigen entfernten sich und John wickelte sich in den Vorhang der Türe welche
sogleich verschlossen wurde Der Fürst warf sich zu ihren Füßen und bat sie in
den zärtlichsten Ausdrücken ihm die Ursache ihres Kummers zu sagen sie vergoss
einen Strom von Tränen und wollte von ihrem Platz gehen er hielt sie auf und
wiederholte seine Bitten
»Was soll diese Erniedrigung von Ihnen Sie ist kein Ersatz für die
Erniedrigung meines guten Namens O meine Tante wie elend wie niederträchtig
sind Sie mit dem Kind Ihrer Schwester umgegangen O mein Vater was für Händen
haben Sie mich anvertraut«
Der feierliche schmerzvolle Ton mit welchem sie dieses sagte hätte das
Innerste seiner Seele bewegt Ihre Tante fing an Sie begreife kein Wort von
ihren Klagen und von ihrem Unmut aber sie wünschte sich niemals mit ihr
beladen zu haben
»Erweisen Sie mir die letzte Güte und führen Sie mich nach Hause Sie sollen
nicht lange mehr mit mir geplagt sein«
Dieses sprach meine Sternheim mit einer stotternden Stimme Ein
außerordentliches Zittern hatte sie befallen sie hielt sich mit Mühe an einem
Stuhl aufrecht der Fürst war mit der Zärtlichkeit eines Liebhabers bemüht sie
zu beruhigen Er versicherte sie dass seine Liebe alles in der Welt für sie tun
würde was in seiner Gewalt stünde
»O es ist nicht in Ihrer Gewalt« rief sie »mir die Ruhe meines Lebens
wiederzugeben deren Sie mich beraubt haben Meine Tante haben Sie Erbarmen
mit mir bringen Sie mich nach Hause«
Ihr Zittern nahm zu der Fürst geriet in Sorgen und ging selbst in das
Nebenzimmer um eine Kutsche anspannen und seinen Medicum rufen zu lassen
Die Gräfin Löbau hatte die Grausamkeit dem Fräulein Vorwürfe über ihr
Betragen zu machen Das Fräulein antwortete mit nichts als einen Strom von
Tränen die aus ihren gen Himmel gerichteten Augen flossen und ihre gerungenen
Hände benetzten
Der Fürst kam mit dem Medico der das Fräulein mit Staunen ansah ihr den
Puls fühlte und den Ausspruch tat dass das heftigste Fieber mit starken
Zückungen vorhanden wäre der Fürst empfohl sie seiner Aufsicht und Sorgfalt auf
das inständigste Als die angespannte Kutsche gemeldet wurde sah sich das
Fräulein sorgsam und erschrocken um fiel vor dem Fürsten nieder und indem sie
ihre Hände gegen ihn erhob rief sie
»O wenn es wahr ist dass Sie mich lieben lassen Sie mich nirgend
anderswohin führen als in mein Haus«
Der Fürst hob sie auf und sagte ihr bewegt Er schwöre ihr die
ehrerbietigsten Gesinnungen und hätte keinen Gedanken sie zu betrügen er bäte
sie nur dass sie sich fassen möchte der Doktor sollte sie begleiten
Sie gab dem Alten ihre Hand nachdem sie ihr Halstuch um ihren Hals gelegt
hatte und ging mit wankenden Füßen aus dem Zimmer Ihre Tante blieb und fing
an über das Mädchen zu reden Der Fürst hieß sie schweigen und sagte ihr mit
Zorn sie hätten ihm alle eine falsche Idee von dem Charakter des Fräuleins
gegeben und ihn lauter verkehrte Wege geführt Damit ging er fort die Gräfin
auch und John wurde seines Gefängnisses erlediget
Im Saal hatte man fortgetanzt aber daneben viel von der Begebenheit
gezischelt Fast bei allen wurde die Aufführung des Fräuleins als ein
übertriebenes Geziere getadelt »Man kann tugendhaft sein ohne ein großes
Geräusch zu machen Sollte man nicht denken der Fürst hätte noch keine Dame als
sie geliebt Aber es gibt eine sanftere und edlere Art von Verteidigung seiner
Ehre zu der man just nicht die ganze Welt zu Zeugen nimmt« und dergleichen12
Andre hielten es für eine schöne Komödie und waren begierig wie weit sie
die Rolle treiben würde
Ich war überzeugt dass Seimour die Ursache dieses aufwallenden Jastes von
Tugend gewesen sein müsse aber was er ihr gesagt und was für einen Eindruck er
dadurch auf sie gemacht hätte das wünschte ich zu wissen um meine Maßregeln
danach zu nehmen Ich verbarg diese Unruhe und spottete eins mit indem ich die
Zurückkunft des Johns erwartete der nach Hause geeilt war um den Seimour
auszuspähen
Aber stelle dir wenn du kannst das Erstaunen vor als mein John sagte
Seimour wäre gleich nach seiner Zurückkunft in einer PostChaise mit Sechsen und
einem einzigen Kerl davongefahren Was T konnte das anders bedeuten als eine
verabredete Entführung Ich riss John am Arm zum Saal hinaus warf auf der Straße
meine Maske ab und zog den Überrock meines Kerls an in welchem ich an das
Löbauische Haus eilte um Nachricht von der neuen Aktrice zu hören Eifersucht
Wut und Liebe jagten sich in meinem Kopfe herum und gewiss derjenige der mir
gesagt hätte sie wäre fort hätte es mit seinem Leben bezahlen müssen aber ehe
eine Viertelstunde um war lief jemand aus dem Hause nach der Apotek Die Tür
blieb offen ich schlich in den Hof und sah Licht in den Zimmern der Sternheim
Es wurde mir leichter aber meine Zweifel blieben diese Lichter konnten
Blendwerk sein Ich wagte mich in das Zimmer ihrer Kammerjungfer die Tür des
Kabinetts war offen und ich hörte mein Mädchen reden Also war Seimour allein
fort Ich sann auf eine taugliche Entschuldigung meines Daseins und gab dem
Kammermädchen ganz herzhaft ein Zeichen zu mir zu kommen Sie kannte mich
nicht rannte auf die Tür zu die sie den Augenblick hinter sich zuschloss und
fragte hastig wer ich sei was ich haben wollte
Ich gab mich zu erkennen bat sie in kummervollen ehrerbietigen Ausdrücken
um Nachricht von des göttlichen Fräuleins Befinden und beschwur sie auf den
Knien alle Tage einem meiner Leute etwas davon zu sagen Ich sagte ihr ich
wäre Zeuge gewesen wie edel und anbetungswürdig sich der Charakter des
Fräuleins gezeigt hätte ich verehrte und liebte sie über allen Ausdruck ich
sei bereit mein Leben und alles zu ihrem Dienste aufzuopfern aber mir sei für
ihre Gesundheit bange indem ich den Medicum von einem Fieber hätte reden hören
Die Katze war froh die Geschichte des Abends von mir zu hören indem wie
sie sagte das Fräulein fast nichts als weinte und zitterte Ich putzte die
Geschichte so sehr als mir möglich war zur Verherrlichung des Fräuleins aus und
nannte die weiße Maske da fiel mir das Mädchen ein O diese Maske ists die
mein Fräulein krank gemacht hat Denn sie sagte ihr ganz frei Ob sie denn alle
Gesetze der Ehre und Tugend so sehr unter die Füße getreten habe dass sie sich
in einer Kleidung und einem Schmuck sehen lasse welche der Preis von ihrer
Tugend sein werde dass es ihr alle Masken sagen würden dass alle sie
verachteten weil man von ihrem Geist und ihrer Erziehung etwas Bessers erwartet
hätte
»Und wer war diese Maske« Dies wisse das Fräulein nicht aber sie nenne sie
eine edle wohltätige Seele ungeachtet sie ihr das Herz zerrissen habe
Ich dachte Der Himmel segne den wohltätigen Seimour für seine Narrheit Sie
soll meinem Verstande schöne Dienste tun Ich versprach dem Mädchen mich um die
Entdeckung zu bemühen und erzählte ihr noch die Urteile der Gesellschaft mit
dem Zusatz dass ich der Verteidiger des Fräuleins werden wollte und sollte es
auch auf Unkosten meines Halses sein sie sollte mir nur sagen was ich für sie
tun könnte Das Mädchen war gerührt Mädchen sehen die Gewalt der Liebe gerne
sie nehmen Anteil an der Macht die ihr Geschlecht über uns ausübt und helfen
mit Vergnügen an den Kränzen flechten womit unsre Beständigkeit belohnt wird
Sie sagte mir den folgenden Abend eine zweite Unterredung zu und ich ging recht
munter und voller Anschläge zu Bette
Meine Hauptsorge war dem pinselhaften Seimour den Widerstand des Fräuleins
und die heroisch ausgezeichnete Wirkung seiner unartigen Vorwürfe zu verbergen
Aber da ich nicht erfahren konnte wo er sich aufhielt musste ich meine Guineen
zu Hilfe nehmen und einen PostOffizier gewinnen der mir alle Briefe zu liefern
versprochen hat die an das Fräulein an Löbau und an alle Bekannten des Seimour
einlaufen werden Dass sie in ihrem eignen Hause keine bekommen kann bin ich
sicher Sie wollte zwar unverzüglich auf ihre Güter aber ihr Onkel erklärte
dass er sie nicht reisen lasse Ihr Fieber dauert sie wünscht zu sterben sie
lässt niemand als den Doktor und ihre Katze vor sich Die letzte habe ich ganz
gewonnen ich sehe sie alle Nacht wo ich viel von den Tugenden ihres Fräuleins
muss erzählen hören »Sie ist sehr zärtlich aber sie wird niemand als einen
Gemahl lieben«
Merkst du den Wink
»Hat sie niemals geliebt« fragte ich unschuldig
»Nein ich hörte sie nicht einmal davon reden oder einen Kavalier loben als
im Anfang unsers Hierseins den Lord Seimour aber schon lange nennt sie ihn
nicht mehr Von Euer Gnaden Wohltätigkeit hält sie viel«
Ich tat sehr bescheiden und vertraut gegen das Tierchen und da sie mir im
Namen ihres Fräuleins alle Verteidigung ihrer Ehre die ich ihr angeboten
untersagte so setzte ich kläglich hinzu »Wird sie meine Anwerbung auch
verwerfen Ungeachtet ich sie auch wider den Willen des Lord G machen müsste so
würde ich doch alles wagen um sie aus den Händen ihrer unwürdigen Familie zu
ziehen und sie in England einer bessern vorzustellen« Ich musste diese Saite
anstimmen weil sie mir selbst den Ton dazu angegeben und weil ich ihren Ekel
für D und ihren Hang für Engelland benutzen wollte ehe der Jast von Seimour
verlöschen würde und er bei seiner Zurückkunft im Enthusiasmus der Belohnung
ihrer Tugend so weit ginge als ihn seine Verachtung geführt hatte Sie hatte
ihn sonst vorzüglich gelobt jetzt sprach sie nicht mehr von ihm sie nennte auch
den Lord G nicht Lauter Kennzeichen einer glimmenden Liebe Ich fand Wege ihr
kleine satyrische Briefchen zuzuschicken worin ihrer Krankheit und der Szene
die sie auf dem Ball gespielt hatte gespottet wurde Die Geringschätzung
welche Lord G für sie bezeugte wurde auch angemerkt Neben diesem wiederholte
ich beinahe alle Tage das Anerbieten meiner Hand da ich zugleich ihrer freien
Wahl überließ ob ich es bekanntmachen sollte oder ob sie sich meiner Ehre und
Liebe anvertrauen wollte Diese Mine überlasse ich nun dem Schicksal Lange kann
ich nicht mehr herumkriechen Zwo Wochen daurt es schon und ohne die Anstalten
die der Hof auf die Ankunft zweier Prinzen von macht hätte ich vielleicht
meine Arbeit unterbrechen müssen John ist ein vortrefflicher Kerl er will im
Fall der Not die TrauungsFormeln auswendiglernen und die Person des englischen
Gesandtschaftspredigers spielen Meine letzten Vorschläge müssen etwas fruchten
denn mit allen ihren strahlenden Vollkommenheiten ist sie doch nur ein
Mädchen Ihr Stolz ist beleidigt und es ist schwer der Gelegenheit zur Rache zu
entsagen Keine Seele nimmt sich ihrer an als ich auch findet sie mich
großmütig und weiß mir vielen Dank für meine Gesinnungen Niemals hätte sie dies
vermutet aber sie will mich nicht unglücklich machen es soll niemand in ihr
Elend verwickelt werden Meine Zurückhaltung dass ich auf keinen Besuch in ihrem
Zimmer dringe erfreut sie auch vielleicht deswegen weil sie sich nicht gerne
mit ihrer Fieberfarbe sehen lassen will
In wenig Tagen muss meine Mine springen und es dünkt mich sie soll geraten
Gibst du mir keinen Segen dazu
Mylord Derby an seinen Freund
Sie ist mein unwiderruflich mein nicht eine meiner Triebfedern hat ihren Zweck
verfehlt Aber ich hatte eine teuflische Gefälligkeit nötig um bei ihr gewisse
Gesinnungen zu unterhalten und daneben zu hindern dass andre keinen Gebrauch von
ihrer Empfindlichkeit machten Aber ihr guter Engel muss sie entweder verlassen
haben oder er ist ein phlegmatisches träges Geschöpfe denn er tat auf allen
Seiten nichts gar nichts für sie Sagte ich dir nicht dass ich sie durch ihre
Tugend fangen würde Ich habe ihre Großmut erregt da ich mich für sie aufopfern
wollte dafür war sie um nicht meine Schuldnerin zu bleiben so großmütig und
opferte sich auf Solltest du es glauben Sie willigte in ein geheimes Bündnis
einige Bedingungen ausgenommen die nur einer Schwärmerin wie sie ist
einfallen konnten Meine satyrischen Briefe hatten ihr gesagt dass ihr Onkel sie
dem Interesse seines Prozesses habe aufopfern wollen dass man sich um so weniger
darüber bedacht hätte weil man gesagt die Missheirat ihrer Mutter verdiene
ohnehin nicht dass man für sie die nämliche Achtung trüge als für eine Dame
Nun war alles aufgebracht Tugend Eigenliebe Eitelkeit und ich bekam das
ganze Paket satyrischer Briefe zu lesen Sie schrieb einen Auszug aus den
meinigen und fragte mich Ob ich durch meine Beobachtungen über ihren Charakter
genugsame Kenntnis ihres Herzens und Denkungsart hätte um von der Falschheit
dieser Beschuldigungen überzeugt zu sein Sie wisse dass man in England einem
Manne von Ehre keinen Vorwurf mache wenn er nach seinem Herzen und nach
Verdiensten heirate Sie könne an meiner Edelmütigkeit nicht zweifeln weil sie
solche mich schon oft gegen andre ausüben sehen sie hätte mich deswegen
hochgeschätzt und nun da das Schicksal sie zu einem Gegenstande meiner Großmut
gemacht habe so trüge sie kein Bedenken die Hilfe eines edelen Herzens
anzunehmen ich könnte auf ewig ihres zärtlichen Danks und ihrer Hochachtung
versichert sein sie ginge alle Bedenklichkeiten wegen der Bekanntmachung unsers
Bündnisses ein es wäre ihr selbst angenehm wenn alles stille bleiben könnte
und wenn sie mich nichts als die Sorgen der Liebe kostete Nur bäte sie mich um
die Gewährung von vier Bedingnissen davon die erste beschwerlich aber
unumgänglich nötig für ihre Ruhe sei nämlich zu sorgen dass ich mit ihr
vermählt würde ehe sie das Haus ihres Onkels verliesse indem sie nicht anders
als an der Hand eines würdigen Gemahls daraus gehen wolle Die zweite dass ich
ihr erlauben möchte von den Einkünften ihrer Güter auf drei Jahre eine
Vergabung zu machen Die gute Haustaube Drittens möchte ich sie gleich zu
ihrem Onkel dem Grafen R nach Florenz führen denn diesem wolle sie ihre
Vermählung sagen ihre Verwandten in D verdienten ihr Vertrauen nicht Von
Florenz aus wäre sie mein und würde in ihrem übrigen Leben keinen andern Willen
als den meinigen haben übrigens und viertens möchte ich ihre Kammerjungfer bei
ihr lassen
Ich machte bei dem ersten Artikel die Einwendung der Unmöglichkeit weil
Lord G oder der Fürst alles erfahren würde wir wollten uns an einem andern
sichern Orte trauen lassen Aber da war die entscheidende Antwort so bliebe sie
da und wollte ihr Verhängnis abwarten Nun rückte John an und ich schrieb
ihr in zween Tagen dass ich unsern GesandtschaftsPrediger gewonnen hätte der
uns trauen würde sie möchte nur ihre Jungfer schicken um abends selbst ihn zu
sprechen Dies geschah das Mädchen brachte ihm einen in englischer Sprache
geschriebnen Brief worin meine Heldin die Ursachen einer geheimen Heirat
auskramte und ihren Entschluss entschuldigte sich seinem Gebet und seiner
Fürsorge empfahl und einen schönen Ring beilegte
John der Teufel hatte die Kleider des Doktors an und seine Perucke auf
und redete gebrochen aber sehr pathetisch Deutsch Das Kätzchen kroch sehr
andächtig um ihn herum ich gab ihr eine Verschreibung mit die John
unterzeichnete und sagte ihr dass das bevorstehende Fest den besten Anlass geben
würde unser Vorhaben auszuführen weil man sie wegen ihrer andauernden
Kränklichkeit nicht einladen und nicht beobachten würde
Alles geschah nach Wunsche sie war froh über mein Papier und meine
Gefälligkeit gegen ihre Vorschriften Warum haben doch gute Leute soviel
Schafmässiges an sich und warum werden die Weibsbilder nicht klug ungeachtet
der unzähligen Beispiele unserer Schelmereien welche sie vor sich haben Aber
die Eitelkeit beherrscht sie unumschränkt dass eine jede glaubt sie hätte das
Recht eine Ausnahme zu fodern und sie sei so liebenswürdig dass man unmöglich
nur seinen Spaß mit ihr treiben könne Da mögen sie nun die angewiesne
natürliche Bestrafung ihrer Torheiten annehmen indessen wir die Belohnung
unsers Witzes genießen Gewiss da meine Sternheim keine Ausnahme macht so gibt
es keine in der Welt Indessen ist ihr Verderben deswegen nicht beschlossen
Wenn sie mich liebt wenn mir ihr Besitz alle die abwechselnden lebhaften
Vergnügungen gibt die ich mir verspreche so soll sie Lady Derby sein und mich
zum Stammvater eines neuen närrisch genug gemischten Geschlechts machen Für
mein erstes Kind ist es ein Glücke dass seine Mutter eine so sanfte fromme Seele
ist denn wenn sie von dem nämlichen Geist angefeurt würde wie ich so müsste der
kleine Balg zum Besten der menschlichen Gesellschaft in den ersten Stunden
erstickt werden aber so gibt es eine schöne Mischung von Witz und Empfindungen
welche alle Junge von unsrer Art auszeichnen wird Wie zum Henker komme ich zu
diesem Stücke von Hausphysik Freund es sieht schlimm aus wenn es fortdauert
doch ich will die Probe bis auf den letzten Grad durchgehen
Mein Mädchen ließ sich noch Medizin machen und packte daneben einen Koffer
mit Weißzeug und etwas leichten Kleidern voll den ich und John an einem Abend
fortschleppten Sie schrieb einen großen Brief im gigantischen Ton der hohen
Tugend worin sie sagt dass sie mit einem würdigen Gemahl von der Gefahr und
Bosheit fliehe Sie wies ihrem Onkel den dreijährigen Genuss aller ihrer
Einkünfte an um seinen Prozess damit zu betreiben sie hoffte sagte sie er
würde dadurch mehr Segen für seine Kinder erlangen als er durch die Grausamkeit
erhalten die er an ihr ausgeübt habe Von Florenz werde er Nachricht von ihr
erhalten Ihre reichen Kleider schenkte sie in die Pfarre für Arme Von dieser
Art von Testamente schickte sie auch dem Fürsten und dem Lord G Kopien zu
Den Tag wo das große Festin auf dem Lande gegeben wurde waren meine
Anstalten gemacht ich war den ganzen Tag bei Hofe überall mit vermengt Als das
Getümmel recht arg wurde schlich ich in meinen Wagen und flog nach D John
eilte mit mir in den kleinen Gartensaal des Grafen Löbau wo ich in Wahrheit mit
einem das erstemal pochenden Herzen das artige Mädchen erwartete Sie wankte
endlich am Arm ihres Kätzchens herein niedlich gekleidet und vom Haupt bis zu
den Füßen mit Adel und rührender Grazie bewaffnet Sie zagte einen Augenblick an
der Türe ich lief gegen ihr sie machte einen Schritt und ich kniete bei ihr
mit einer wahren Bewegung von Zärtlichkeit Sie gab mir ihre Hände konnte aber
nicht reden Tränen fielen aus ihren Augen die sich zu lächeln bemühten ich
konnte ihre Bestürzung genau nachahmen denn ich fühlte mich ein wenig beklemmt
und John sagte mir nachher dass es Zeit gewesen wäre ihm das Zeichen zu geben
sonst würde er nichts mehr geantwortet haben indem ihn seine Entschlossenheit
beinahe verlassen habe
Doch das waren leere Aufstossungen unserer noch nicht genug verdauten
jugendlichen Vorurteile
Ich drückte die rechte Hand meines Mädchens an meine Brust
»Ist sie mein diese segensvolle Hand Wollen Sie mich glücklich machen«
sagte ich mit dem zärtlichsten Tone
Sie sagte ein stotterndes Ja und zeigte mit ihrer linken Hand auf ihr Herz
John sah mein Zeichen und trat herbei tat auf englisch eine kurze Anrede
plapperte die Trauformel her segnete uns ein und ich hob meine halb
ohnmächtige Sternheim triumphierend auf drückte sie das erstemal in meine Arme
und küsste den schönsten Mund den meine Lippen jemals berührten Ich fühlte eine
mir unbekannte Zärtlichkeit und sprach ihr Mut zu Einige Minuten blieb sie in
ein stillschweigendes Erstaunen verhüllt Endlich legte sie mit einer
bezaubernden Vertraulichkeit ihren schönen Kopf an meine Brust erhob ihn
wieder drückte meine Hände an ihren Busen und sagte
»Mylord ich habe nun niemand auf der Erde als Sie und das Zeugnis meines
Herzens Der Himmel wird Sie für den Trost belohnen den Sie mir geben und
dieses Herz wird Ihnen ewig danken«
Ich umarmte sie und schwur ihr alles zu Nachdem musste sie mit ihrem Mädchen
beiseite gehen und Mannskleider anziehen Ich ließ sie allein dabei weil ich
meiner Leidenschaft nicht trauete und die Zeit nicht Verlieren durfte Wir kamen
unbemerkt aus dem Hause und da wegen des Festes welches man dem Prinzen von
gab viel Kutschen aus und ein fuhren achtete man die meinige nicht in welcher
ich meine Lady und ihr Mädchen fortschickte John der seine eigne Gestalt
wieder angenommen war ihr Begleiter Ich redete ihren Ruheplatz in dem Dorfe Z
unweit B mit ihm ab und eilte zum Ball zurück wo niemand meine Abwesenheit
wahrgenommen hatte13 Ich tanzte meine Reihen mit Fröhlichkeit durch und lachte
als der Fürst dem Englischtanzen nicht zusehen wollte indem ihn das Andenken
der Sternheim quälte
Das Gelärme Mutmassen und Nachschicken des zweiten Tages will ich dir in
einem andern Briefe beschreiben Ich reise jetzt auf acht Tage zu meiner Lady
die wie mir John schreibt sehr tiefsinnig ist und viel weint
Sie sehen meine Freundin aus den Briefen des ruchlosen Lords Derby was
für abscheuliche Ränke gebraucht wurden um die beste junge Dame an den Rand des
größten Elendes zu führen Sie können sich auch vorstellen wie traurig ich die
Zeit zugebracht habe von dem Augenblick an da sie vom Ball kam krank war und
dabei immer aus einer bekümmernden Unruhe des Gemüts in die andre gestürzt
wurde Da sie von keinem Menschen mehr Briefe bekam vermuteten wir der Fürst
und der Graf Löbau ließ sie auffangen Die Art mit welcher ihr abgeschlagen
wurde auf ihre Güter zu gehen und ein Besuch des Fürsten beförderten die
Absichten des Lord Derby Unglücklicherweise betäubte mich der unmenschliche
Mann auch dass ich zu allem half um meine Fräulein aus den Händen ihres Onkel
zu ziehen
Sie sehen aus seinen Briefen wieviel Arglist und Verstand er hatte Daneben
war er ein sehr schöner Mann und mein Fräulein freute sich ihre Begierde nach
England zu befriedigen
O wieviel werden Sie noch zu lesen bekommen worüber Sie erstaunen werden
Ich will so fleißig sein als mir immer möglich ist um Sie nicht lange darauf
warten zu lassen
Zweiter Teil
Seimour an Doktor T
Zween Monate sinds seit ich Ihnen schrieb seit ich von Zweifel und Argwohn
gemartert mich von aller Gesellschaft entielte und mich endlich durch einen
übelverstandenen Eifer für die Tugend zu dem elendesten Geschöpfe auf der Erde
machte O wär ich es allein ich würde mich glücklich dabei achten aber ich
habe die beste die edelste Seele zu einem Entschluss der Verzweiflung gebracht
ich bin die Ursache des Verderbens meines angebeteten Fräuleins von Sternheim
Kein Mensch kann mir was von ihrem Schicksal sagen aber mein Herz sagt mir dass
sie unglücklich ist Dieser Gedanke frisst das Herz in welchem er sich ernährt
Aber ich sage Ihnen unbegreifliche Dinge ich muss mich verständlich machen Sie
wissen wie missvergnügt ich von dem Feste des Grafen F zurückkam und dass ich
von diesem Augenblick mich aller Gesellschaft entäusserte Meine Liebe war
verwundet aber nicht getötet ich dachte sie würde durch Verachtung und
Fliehen geheilt werden ich wollte sogar nichts von dem Fräulein reden hören
als endlich mein Oheim meine Leidenschaften auf einmal zu löschen glaubte da er
mir die Nachricht gab dass auf das Geburtsfest des Fürsten ein Maskenball
angestellt wäre dass der Fürst die Maske des Fräuleins tragen würde und sie
Kleidung und Schmuck von ihm bekomme Ich könnte also schließen dass sie sich
aufgeopfert habe sie hätte schon vorher Gnaden von ihm erbeten und alles
erhalten was sie verlangt habe der Fürst käme abends in den Garten des Grafen
Löbau allein von seinem Liebling begleitet usw Mein Oheim erreichte seinen
Zweck die Sorge meiner Liebe verlor sich mit meiner Hochachtung und mit der
Hoffnung die ich immer blindlings behalten hatte Aber gleichgültig war ich
noch nicht meine Seele war durch das Andenken ihres Geistes und ihrer Tugend
gekränkt Wie glücklich o Gott wie glücklich hätte sie mich machen können
rief ich wenn sie ihrer Erziehung und ihrer ersten Anlage getreu geblieben
wäre Ohne Erinnerung und Bestrafung wollt ich sie nicht lassen und der
Maskenball dünkte mich ganz bequem zu meinem Vorhaben Ich machte eine doppelte
Maske In der ersten wollt ich mich noch von allem überzeugen was mir von der
Vergessenheit ihres Werts und ihrer Pflichten gesagt worden war Sie kam von
allen Grazien begleitet in den Saal sie trug den Schmuck welchen der
Hofjuwelierer dem Lord gewiesen hatte Sie war so niederträchtig gefällig ihre
schöne Stimme hören zu lassen und ihn nebst der Gesellschaft zur Freude
aufzumuntern Hätte ich Kräfte gehabt sie ihrer reizenden Gestalt und aller
ihrer Talenten zu berauben ich würd es in diesem Augenblick getan haben
Leichter wär es mir gewesen sie elend hässlich ja gar tot zu sehen als ein
Zeuge ihrer moralischen Zernichtung zu sein Der tiefste Schmerz war in meiner
Seele als ich sie singen hörte und mit dem Fürsten und mit andern Menuette
tanzen sah Aber als er sie um den Leib fasste an seine Brust drückte und den
sittenlosen frechen Wirbeltanz der Deutschen mit einer aller Wohlstandsbande
zerreissenden Vertraulichkeit an ihrer Seite daherhüpfte da wurde meine stille
Betrübnis in brennenden Zorn verwandelt ich eilte in meine zwote Maske näherte
mich ihrer darin und machte ihr bittere und heftige Vorwürfe über ihre
Frechheit sich mit so vieler Lustigkeit in ihrem schändlichen Putz zu zeigen
Ich setzte hinzu dass alle Welt sie verachtete sie die man angebetet habe
Meine erste Anrede brachte das vollkommenste Erstaunen in ihr hervor sie konnte
nichts sagen als ihre Hand gegen die Brust heben »ich ich « stotterte sie
mit der andern wollte sie mich haschen Aber ich Elender entfloh ohne auf die
Wirkung achten zu wollen die meine Rede machen würde Nach Hause eilte ich
ließ mir sechs Postpferde vor meine Chaise geben nahm meinen alten Dik mit und
fuhr sechs Tage ohne zu wissen wohin bis ich endlich in einem Dorfe
liegenbleiben musste wo ich Diken auf das äußerste verbot jemanden Nachricht
von mir zu geben Mein Gemütszustand ist nicht zu beschreiben gefühllos
geistlos war ich missvergnügt unruhig und dennoch versagt ich mir die einzige
Hilfe die meine Leiden erforderten Nachrichten von D zu haben Dieser
unselige Eigensinn legte den Grund zu der tiefen Traurigkeit die mich bis an
mein Ende begleiten wird Denn während ich das stumme Wüten meiner
unüberwindlichen Liebe in dem äußersten Winkel eines einsamen Dorfes verbarg um
die ersten Triumphtage des Fürsten vorbeirauschen zu lassen hatte das Fräulein
den edelsten Widerstand gemacht hatte aus Kummer beinahe das Leben verloren und
war endlich aus dem Hause ihres Oheims entwichen weil man sie nicht auf ihre
Güter gehen lassen wollte Einen Monat nach diesem Vorgang kam ich abgezehrt und
finster zurück Mylord empfing mich mit väterlicher Zuneigung er sagte mir alle
Sorgen die ich ihm verursacht hätte auch dass er auf den Gedanken geraten sei
ich möchte das Fräulein entführt haben
»Wollte Gott Sie hätten mirs erlaubt« rief ich »ich wäre nicht so elend
Aber reden Sie mir nicht mehr von ihr«
Er umarmte mich und sagte
»Lieber Karl du musst doch hören was geschehen ist Sie war doch edel
tugendhaft alles was uns zu ihrem Nachteil gesagt wurde war Betrug und sie
ist entflohen«
Meine Begierde alles zu wissen war nun so groß als vorher meine Sorge
darüber gewesen war
Das Fräulein soll geglaubt haben ihre Tante hätte ihren Schmuck neu fassen
lassen und lehnte ihn ihr zum Ball die Kleider habe sie ihrem Kaufmann schuldig
zu sein geglaubt ihr Singen wäre eine gezwungene Gefälligkeit gewesen und sie
hätte in einem Brief an den Fürsten eine weiße Maske gesegnet die ihr alle
Bosheiten entdeckt habe welche ihren Ruhm zernichtet hätten
»O Mylord« rief ich »diese weiße Maske war ich ich habe mit ihr
gesprochen und ihr Vorwürfe gemacht aber gleich nach dieser Unterhaltung eilt
ich fort« Er fuhr fort mir zu erzählen das Fräulein hätte noch auf dem Ball
dem Fürsten seinen Schmuck vor die Füße geworfen und wäre in der äußersten
Beängstigung nach Haus gefahren sie wäre aber acht Tage sehr krank gelegen und
hätte keinen Menschen vor sich gelassen Bei ihrer Wiederherstellung hätte sie
auf ihre Güter zu gehen verlangt ihr Onkel aber hätte sie nicht gehen lassen
und acht Tage darauf als man dem Prinzen von P zu Ehren bei Hofe Lustbarkeiten
angestellt sei sie mit ihrer Kammerjungfer verschwunden Der Graf und die
Gräfin Löbau die bis morgens bei dem Ball gewesen und ihre Leute welche auch
nicht früh munter geworden hätten nicht an das Fräulein gedacht bis
nachmittags da man die Tafel für den Grafen gedeckt hatte man erst angefangen
das Fräulein und ihr Mädchen zu vermissen aber als man ihre Zimmer
aufgesprengt an ihrer Statt bloß Briefe gefunden habe einen an den Fürsten
einen an Mylord C und einen an ihren Oheim dem sie noch ein Verzeichnis
angeschlossen von den Kleidern die sie an den Pfarrer geschickt habe um sie zu
verkaufen und das Geld den Armen des Kirchspiels zu geben Ihrem Oheim hätte sie
kurz aber mit vieler Würde und Rührung von den Klagen gesprochen die sie über
ihn und seine Frau zu führen habe und von den Ursachen warum sie sich von
ihnen entferne und sich in den Schutz eines Gemahls begebe den sie sich gewählt
hätte und mit welchem sie als seine vermählte Frau aus ihrem Hause gehe um sich
nach Florenz zum Grafen R zu begeben woher sie wieder Nachricht von ihr
erhalten sollten indessen überlasse sie ihm auch drei Jahre den Genuss aller
Einkünfte ihrer Güter um damit die Beendigung seines Rechtshandels zu
betreiben die er auf eine niederträchtige Art durch die Aufopferung ihrer Ehre
zu erhalten gesucht hätte es wäre ein Geschenk welches sie seinen zweenen
Söhnen machte und wodurch sie mehr Segen erhalten würden als durch den Entwurf
ihres Untergangs Dem Fürsten hätte sie geschrieben sie fliehe an der Hand
eines edelmütigen und würdigen Gemahls vor den Verfolgungen seiner verhassten und
entehrenden Leidenschaft sie habe inzwischen ihrem Onkel die Einkünfte von
ihren Gütern auf drei Jahre überlassen hoffe aber nach Verfluss dieser Zeit sie
von der Gerechtigkeit des Landesfürsten wieder zurückzuerlangen gegen Mylord
aber hätte sie sich erklärt dass sie seinen Geist und seinen Gemütscharakter
jederzeit verehrt und gewünscht habe einigen Anteil an seiner Achtung zu haben
es wäre sehr wahrscheinlich dass die Umstände in welche man sie gestellt ihre
Gemütsart mit einem so starken Nebel umhüllet hätten dass er sich keinen
richtigen Begriff davon habe machen können sie versichere ihn aber dass sie
seiner Hochachtung niemals unwürdig gewesen und seine harte nachteilige
Beurteilung nicht verdient habe und dieses möchte er auch seinen Neffen Seimour
lesen lassen Löbau sei nach dieser Entdeckung zum Fürsten geeilt der darüber
ins größte Erstaunen geraten und aller Orten habe nachschicken wollen aber Graf
F hätte es missraten und es wäre allein ein Kurier an den Grafen R nach
Florenz abgeschickt worden von wannen man aber bis jetzt keine Nachricht von dem
Fräulein erhalten habe
Solange die Erzählung von Mylord dauerte schienen alle Triebfedern meiner
Seele zurückgehalten zu sein aber als er aufhörte kamen sie in volle Bewegung
Er musste meine bittersten Klagen über seine Politik hören durch die er mich
verhindert hatte mich mit dem edelsten Herzen zu Verbinden Ihre großmütige
Wohltätigkeit an ihrem Onkel diese edle Rache für seine abscheuliche
Beleidigung ihr Andenken an die Arme und an mich bei dem sie gerechtfertigt
zu sein suchte wie viele Risse in mein Herz Wie verhasst wurde mir D wie
viele Mühe hatte ich die Ausdrücke meines Zorns zu verbergen wenn ich ihre
Feinde sah oder wenn mir jemand von ihr reden wollte Denn der herzhafte
Schritt welchen sie zu ihrer Rettung gemacht wurde von jedermann getadelt
alle ihre vortrefflichen Eigenschaften verkleinert und ihr Fehler und
Lächerrlichkeiten angedichtet deren sie gänzlich unfähig war Wie elend aber
auch wie allgemein ist das Vergnügen Fehler am Verdienst aufzuspähen Tausend
Herzen sind eher bereit sich zu der Bosheit zu erniedrigen an einer
vortrefflichen Person die Gebrechen der Menschheit zu entdecken als eines zu
finden ist das die edle Billigkeit hat einem andern den größten Anteil an
Kenntnissen und Tugend einzugestehen und ihn aufrichtig zu verehren
Ich schickte einen Kurier nach Florenz und schrieb dem Grafen R die
Geschichte seiner würdigen Nichte Aus der Antwort so ich von ihm erhielt
erfuhr ich dass er nicht das geringste von ihrem Aufenthalte wisse Alle
Bemühungen welche er bis jetzt angewandt sie auszuspähen sind vergeblich
gewesen und alles dies vergrößert die Vorwürfe die ich mir wegen meiner
übereilten Abreise von D mache Warum wartete ich nicht auf die Folge meiner
Unterredung wenn man bessern will ist es genug bittere Verweise zu geben
Mein ganzes Herz würde sich empören wenn ich einen Kranken schlagen oder
misshandeln sähe und ich gab einer Person die ich liebte die ich für
verblendet hielt Streiche die ihre Seele verwunden mussten Aber ich sah sie
als eine freiwillig weggeworfene meiner Achtung unwürdige Kreatur an und dünkte
mich berechtiget ihr auch so zu begegnen Wie grausam war meine Eigenliebe
gegen das liebenswerte Mädchen erst wollte ich nicht von meiner Liebe reden
bis sie sich ganz nach meinen Begriffen in dem vollen Glanz einer
triumphierenden Tugend gezeigt haben würde Sie ging ihren eigenen schönen Weg
und weil sie meinen idealischen Plan nicht befolgte eignete ich mir die Gewalt
zu sie darüber auf das empfindlichste zu bestrafen Wir beurteilten und
verdammten sie alle aber sie wie edel wie groß wird sie in dem Augenblick
da ich sie für erniedrigt hielt sie segnete in der weißen Maske mich wütenden
Menschen da sie an den Rand eines frühen Grabes gestoßen hatte O was kann
sie jetzt von dem Geschöpfe sagen durch dessen Unbesonnenheit sie in eine
übereilte und gewiss unglückliche Ehe gestürzt wurde die sie schon bereut und
nicht wieder brechen kann Sie schrieb meinen Namen noch sie wollte dass ich
Gutes von ihr glauben soll O Sternheim selbst in deinem von mir verursachten
Elende würde deine großmütige unschuldige Seele die Marter meines Herzens
beweinen wenn du darin das Bild meiner ersten Hoffnungen mit allen Schmerzen
der Selbstberaubung vereinigt sehen würdest
Derby ist nach einer Abwesenheit von acht Wochen wieder von einer Reise nach
H zurückgekommen und bewies mir eine ganz besondere Achtsamkeit ich goss allen
meinen zärtlichen Kummer bei ihm aus er belachte mich und behauptete dass er
mit dem Ruf seiner Bosheit Viel weniger schädlich sei als ich es durch diesen
Tugendeifer gewesen seine Bosheit führe eine Art von Verwarnung bei sich die
alle Menschen vorsichtig machen könne Die Strenge meiner Grundsätze hätte mir
eine Grausamkeit gegen die anscheinenden und unvermeidlichen Fehler der Menschen
gegeben welche die Widerspenstigkeit der Bösen vermehre und die guten Leute zur
Verzweiflung bringe Wie kommt Derby zu diesem Anspruch der Wahrheit ich
fühlte ja ich fühlte dass er recht hatte dass ich grausam war dass ich es war
ich Elender der die Beste ihres Geschlechts unglücklich gemacht
O mein Freund mein Lehrer das Maß meines Verdrusses ist voll alle Stunden
meines Lebens sind vergiftet John unser Sekretär ist zwei Tage vor der Flucht
des Fräuleins abgereiset und seitdem nicht mehr gekommen Die Kammerjungfer des
Fräuleins war einmal bei ihm und unter seinen Papieren hat man ein zerrissenes
Blatt gefunden wo mit der Hand meiner Sternheim geschrieben stund »ich gehe
in alle Ursachen ein die Sie wegen der Verborgenheit unserer Verbindung
angeben sorgen Sie nur für unsere Trauung denn ohnvermählt werd ich nicht
fortgehen ob ich gleich die Verbindung mit einem Engländer allen andern
vorziehe«
So ist sie also das Eigentum eines der verwerflichsten Menschen aller
Nationen geworden O ich verfluche den Tag wo ich sie sah wo ich die
sympatetische Seele in ihr fand und ewig verdamme Gott den Bösewicht dem
sie sich in die Arme warf Was für Ränke muss der Kerl gebraucht haben es ist
nicht anders möglich der Kummer hat ihren Verstand zerrüttet Aber die Briefe
die sie zurückließ sind in einem so wohltätigen so edlem Ton und mit so vielem
Geiste geschrieben doch dünkt mich einst gelesen zu haben dass just in
einer Zerrüttung der künstlichen und gelernten Bewegung des Verstandes die
Triebfedern an den Tag kämen durch welche er von unsern natürlichen und
vorzüglichen Neigungen gebraucht wird Urteilen Sie also von dem edlen Grund des
Charakters unsers Fräuleins
Fräulein von Sternheim an Emilia
Hier in einem einsamen Dorfe allen die mich sehen unbekannt denen die mich
kannten verborgen hier fand ich mich wieder nachdem ich durch meine
Eigenliebe und Empfindlichkeit so weit von mir selbst geführt worden dass ich
mit hastigen Schritten einen Weg betrat vor welchem ich in gelassenen denkenden
Tagen mit Schauer und Eifer geflohen wäre O wenn ich mir nicht sagen könnte
wenn meine Rosine wenn Mylord Derby selbst nicht zeugen müssten dass alle Kräfte
meiner Seele durch Unmut und Krankheit geschwächt und unterdrückt waren wo
meine Emilia wo nähme ich einen Augenblick Ruhe und Zufriedenheit bei dem
Gedanken dass ich heimliche Veranstaltungen getroffen ein heimliches Bündnis
gemacht und aus dem Hause entflohen bin in welches ich selbst durch meinen
Vater gegeben wurde
Es ist wahr ich wurde in diesem Hause grausam gemisshandelt es war
ohnmöglich dass ich mit Vertrauen und Vergnügen darin bleiben konnte gewiss war
meine Verbitterung nicht ungerecht denn wie konnte ich ohne den äußersten Unmut
denken dass mein Onkel und meine Tante mich auf eine so niederträchtige Weise
ihrem Eigennutze aufopferten und Fallstricke für meine Ehre flechten und legen
halfen
Ich hatte sonst keinen Freund in D mein Herz empörte sich bei der
geringsten Vorstellung die ich nach wiedererlangter Gesundheit Verwandte die
mich meines Ruhms beraubt und diejenigen wiedersehen müsste die über meinen
Widerstand und Kummer gespottet hatten und alle schon lange zuvor die Absichten
wussten welche man durch meine Vorstellung bei Hofe erreichen wollte Ja alle
wussten es sogar mein Fräulein C und keines von allem war edel und menschlich
genug mir nachdem man doch meinen Charakter kannte nur den geringsten
Fingerzeig zu geben mir die ich keine Seele beleidigte mich bemühte meine
Gesinnungen zu verbergen sobald sie die ihrige zu tadeln oder zu verdrießen
schienen Wie bereit war ich alles was mir Fehler deuchte zu entschuldigen
Aber sie dachten es wäre nicht viel an einem Mädchen aus einer ungleichen Ehe
verloren Konnte ich bei diesem vollen Übermasse von Beleidigungen die über
meinen Charakter meine Geburt und meinen Ruhm ausgegossen wurden den Trost von
mir werfen den mir die Achtung und Liebe des Mylord Derby anbot Die Entfernung
des Grafen und der Gräfin R ihr Stillschweigen auf meine letzten Briefe die
Unart mit welcher mir die Zuflucht auf meine Güter versagt wurde und meine
Emilia ich berge es Ihnen nicht meine Liebe zu England der angesehene Stand
zu welchem mich Mylord Derby durch seine Hand und seine Edelmütigkeit erhob
auch diese zwo Vorstellungen hatten große Reize für meine verlassene und
betäubte Seele Ich war vorsichtig genug nicht unvermählt aus meinem Hause zu
gehen ich schrieb es dem Fürsten dem Mylord Crafton und meinem Oheim Ich
nannte meinen Gemahl nicht wiewohl er so großmütig war mir die volle Freiheit
dazu zu lassen ungeachtet er damit die Gnade des Gesandten und seines Hofes
verwürkt hätte weil man den Gedanken fassen konnte Mylord Crafton hätte dazu
geholfen und dieser Argwohn widrige Folgen hätte haben können sollte ich da
nicht auch großmütig sein und denjenigen der mich liebte und rettete durch
mein Stillschweigen vor Verdruss und Verantwortung bewahren Es war genug dass er
den Gesandtschaftsprediger gewann dem ich die ganze Geschichte meiner geheimen
Trauung schrieb und welchem Mylord eine Pension gibt wovon er wird leben
können wenn er auch die Stelle bei dem Gesandten verliert Durch alles dieses
unterstützt reiste ich mit frohem Herzen von D ab von einem der getreuesten
Leute des Lords begleitet mein Gemahl musste um allem Verdacht auszuweichen
zurückbleiben und den Festen beiwohnen welche zween fremden Prinzen zu Ehren
angestellt wurden Dieser Umstand war mir angenehm denn ich würde an seiner
Seite gezittert und gelitten haben da ich hingegen mit unserer Rosine glücklich
und ruhig meinen Weg fortsetzte bis ich in diesem kleinen Dorfe meinen
Aufenthalt nahm wo ich vier Wochen war ehe Mylord den schicklichen Augenblick
finden konnte ohne Besorgnis zu mir zu eilen Mein erster Gedanke war immer
meine Reise nach Florenz zu verfolgen und Mylorden da zu erwarten aber ich
konnte seine Einwilligung dazu nicht erlangen und auch jetzt will er sich vorher
völlig von Mylord Crafton losmachen und erst alsdann mit mir zum Grafen R nach
diesem aber gerade in sein Vaterland gehen
In diesen vier Wochen da ich allein war hielt ich mich eingesperrt und
hatte keine andere Bücher als etliche englische Schriften von Mylord die ich
nicht lesen mochte weil sie übergebliebene Zeugnisse seiner durch Beispiel und
Verführung verderbten Sitten waren Ich warf sie auch alle an dem ersten kalten
Herbsttag der mich nötigte Feuer zu machen in den Ofen weil ich nicht
vertragen konnte dass diese Bücher und ich einen gemeinsamen Herrn und Wohnplatz
haben sollten Die Tage wurden mir lang meine Rosina nahm sich Näharbeit von
unsrer Wirtin und ich Eng an mit dem zunehmenden Gefühl der sich wieder
erholten Kräfte meines Geistes Betrachtungen über mich und mein Schicksal
anzustellen
Sie sind traurig diese Betrachtungen durch den Widerspruch der seit dem
Tod meines geliebten ehrwürdigen Vaters noch mehr aber seit dem Augenblick
meines Eintritts in die große Welt zwischen meinen Neigungen und meinen
Umständen herrschet
O hätte ich meinen Vater nur behalten bis meine Hand unter seinem Segen an
einen würdigen Mann gegeben gewesen wäre Meine Glücksumstände sind vorteilhaft
genug und da ich nebst meinem Gemahl den Spuren der edlen Wohltätigkeit meiner
Eltern gefolgt wäre so würde die selige Empfindung eines wohlangewandten Lebens
und die Freude über das Wohl meiner Untergebenen alle meine Tage gekrönt haben
Warum hörte ich die Stimme nicht die mich in P zurückhalten wollte als meine
Seele ganz mit Bangigkeit erfüllt sich der Zuredungen meines Oheims und Ihres
Vaters widersetzte Aber ich selbst dachte endlich dass Vorurteil und Eigensinn
in meiner Abneigung sein könnte und willigte ein dass der arme Faden meines
Lebens der bis dahin so rein und gleichförmig fortgeloffen war nun mit dem
verworrnen ungleichen Schicksal meiner Tante verwebt wurde woraus ich durch
nichts als ein gewaltsames Abreissen aller Nebenverbindungen loskommen konnte
Mit diesem vereinigte sich die Verschwörung wider meine Ehre und meine von
Jugend auf genährte Empfindsamkeit die nur ganz allein für meine beleidigte
Eigenliebe arbeitete O wie sehr hab ich den Unterschied der Wirkungen der
Empfindsamkeit für andere und der für uns allein kennengelernt
Die zwote ist billig und allen Menschen natürlich aber die erste allein ist
edel sie allein unterhält die Wahrscheinlichkeit des Ausdrucks dass wir nach
dem Ebenbild unsers Urhebers geschaffen sein weil diese Empfindsamkeit für das
Wohl und Elend unsers Nebenmenschen die Triebfeder der Wohltätigkeit ist der
einzigen Eigenschaft welche ein zwar unvollkommnes aber gewiss echtes Gepräge
dieses göttlichen Ebenbildes mit sich führt ein Gepräge so der Schöpfer allen
Kreaturen der Körperwelt eindrückte als in welcher das geringste Grashälmchen
durch seinen Beitrag zur Nahrung der Tiere ebenso wohltätig ist als der starke
Baum es auf so mancherlei Weise für uns wird Das kleinste Sandkörnchen erfüllt
seine Bestimmung wohltätig zu sein und die Erde durch Lockernheit fruchtbar zu
erhalten so wie die großen Felsen die uns staunen machen unsern allgemeinen
Wohnplatz befestigen helfen Ist nicht das ganze Pflanzen und Tierreich mit
lauter Gaben der Wohltätigkeit für unser Leben erfüllt Die ganze physikalische
Welt bleibt diesen Pflichten getreu durch jedes Frühjahr werden sie erneuert
nur die Menschen arten aus und löschen dieses Gepräge aus welches in uns viel
stärker und in größerer Schönheit glänzen würde da wir es auf so vielerlei
Weise zeigen könnten
Sie erkennen hier meine Emilia die Grundsätze meines Vaters meine
Melancholie rief sie mir sehr lebhaft zurück da ich in der Ruhe der Einsamkeit
mich umwandte und den Weg abmass durch welchen mich meine Empfindlichkeit gejagt
und so weit von dem Orte meiner Bestimmung verschlagen hatte O ich bin den
Pflichten der Wohltätigkeit des Beispiels entgangen14 Niemand wird sagen dass
Kummer und Verzweiflung Anteil an meinem Entschluss hatten aber jede Mutter wird
ihre Tochter durch die Vorstellung meiner Fehler warnen und jedes bildet sich
ein es würde ein edlers und tugendhafters Hilfsmittel gefunden haben Ich
selbst weiß dass es solche gibt aber mein Geist sah sie damals nicht und es
war niemand gütig genug mir eines dieser Mittel zu sagen Wie unglücklich ist
man meine Emilia wenn man Entschuldigungen suchen muss und wie traurig ist es
sie zu leicht und unzulänglich zu finden So lang ich für andere unempfindlich
war fehlte ich nur gegen die Vorurteile der fühllosen Seelen und wenn es auch
schien dass meine Begriffe von Wohltätigkeit übertrieben wären so bleiben sie
doch durch das Gepräge des göttlichen Ebenbildes verehrungs und
nachahmungswürdig Aber jetzt da ich nur für mich empfand fehlte ich gegen den
Wohlstand und gegen alle gesellschaftliche Tugenden eines guten Mädchens Wie
dunkel o wie dunkel ist dieser Teil meines vergangenen Lebens was bleibt mir
übrig als meine Augen auf den Weg zu heften den ich nun vor mir habe und
darin einen geraden Schritt bei klarem Lichte fortzugehen
Meine ersten Erquickungsstunden hab ich in der Beschäftigung gefunden zwo
arme Nichten meiner Wirtin arbeiten und denken zu lehren Sie wissen Emilia
dass ich gerne beschäftigt bin Mein Nachdenken und meine Feder machten mich
traurig ich konnte am Geschehenen nichts mehr ändern musste den Tadel der über
mich erging als eine gerechte Folge meiner irregegangenen Eigenliebe ansehen
und meine Ermunterung außer mir suchen teils in dem Vorsatze Mylord Derby zu
einem glücklichen Gemahl zu machen teils in der Bestrebung meinen übrigen
Nebenmenschen alles mögliche Gute zu tun Ich erkundigte mich nach den Armen des
Orts und suchte ihnen Erleichterung zu schaffen Bei dieser Gelegenheit sagte
mir die gute Rosina von zwoen Nichten der Wirtin armen verwaisten Mädchen die
der Wirt hasste und auch seiner Frau deren SchwesterTöchter sie sind wegen
dem wenigen so sie genießen sehr übel begegnete Ich ließ sie zu mir kommen
forschte ihre Neigungen aus und was jede schon gelernt hätte oder noch lernen
möchte beide wollten die Künste der Jungfer Rosine wissen ich teilte mich also
mit ihr in dem Unterricht der guten Kinder ich ließ auch beide kleiden und sie
kamen gleich den andern Tag um meinem Anziehen zuzusehen Vierzehn Tage darauf
bedienten sie mich wechselsweise Ich redete ihnen von den Pflichten des
Standes in welchen Gott sie und von denen in welchen er mich gesetzt habe
und brachte es so weit dass sie sich viel glücklicher achteten Kammerjungfern
als Damen zu sein weil ich ihnen sehr von der großen Verantwortung sagte die
uns wegen dem Gebrauch unsrer Vorzüge und unsrer Gewalt über andere aufgelegt
sei Ihre Begriffe von Glück und ihre Wünsche waren ohnehin begrenzt und die
kleinen Prophezeiungen die ich jeder nach ihrer Gemütsart machen kann
vergnügen sie ungemein sie glauben ich wisse ihre Gedanken zu lesen Ich zahle
dem Wirt ein Kostgeld für sie und kaufe alles was sie zu ihren Lehrarbeiten
nötig haben Ich halte ihnen Schreibe und Rechnungsstunden und suche auch
ihnen einen Geschmack im Putz einer Dame zu geben besonders lehre ich sie alle
Gattung von Charakter zu kennen und mit guter Art zu ertragen Die Wirtin und
ihre Nichten sehen mich als ihren Engel an und würden alle Augenblicke vor mir
knien und mir danken wenn ich es dulden wollte Süße glückliche Stunden die
ich mit diesen Kindern hinbringe Wie oft erinnere ich mich an den Ausspruch
eines neueren Weisen welcher sagte »Bist du melancholisch siehst du nichts zu
deinem Trost um dich her lies in der Bibel befreie dich von einem anklebenden
Fehler oder suche deinem Nebenmenschen Gutes zu tun so wird gewiss die
Traurigkeit von dir weichen «
Edles unfehlbares Hilfsmittel wie höchst vergnügt gehe ich mit meinen
Lehrmädchen spazieren und rede ihnen von der Güte unsers gemeinsamen Schöpfers
Mit welchem innigen Vergnügen erfüllt sich mein Herz wenn ich beide über meine
Reden bewegt ihre Augen mit Ehrfurcht und Dankbarkeit gen Himmel wenden seh
und sie mir dann meine Hände küssen und drücken in diesen Augenblicken Emilia
bin ich sogar mit meiner Flucht zufrieden weil ich ohne sie diese Kinder nicht
gefunden hätte
Fräulein von Sternheim an Emilien
O noch einmal so lieb sind mir meine Mädchen geworden seitdem Mylord da war
denn durch die Freude an den unschuldigen Kreaturen hat sich mein Geist und mein
Herz gestärkt Mylord liebt das Ernstafte meiner Gemütsart nicht er will nur
meinen Witz genährt haben meine schüchterne und sanfte Zärtlichkeit ist auch
die rechte Antwort nicht die ich seiner raschen und heftigen Liebe
entgegensetze und über das Verbrennen seiner Bücher hat er einen männlichen
Hauszorn geäußert Er war drei Wochen da Ich durfte meine Mädchen nicht sehen
seine Gemütsverfassung schien mir ungleich bald äußerst munter und voller
Leidenschaft bald wieder düster und trocken seine Blicke oft mit Lächeln oft
mit denkendem Missvergnügen auf mich geheftet Ich musste ihm die Ursachen meines
anfänglichen Widerwillens gegen ihn und meine Ändrung erzählen sodann fragte er
mich über meine Gesinnungen für Lord Seimour Mein Erröten bei diesem Namen gab
seinem Gesicht einen mir entsetzlichen Ausdruck den ich Ihnen nicht beschreiben
kann und in einer noch viel empfindlichern Gelegenheit merkte ich dass er
eifersüchtig über Mylord Seimour ist ich werde also beständig wegen anderer zu
leiden haben Mylord liebt die Pracht und hat mir viel kostbare Putzsachen
gegeben ich werde in seine Gesinnung eingehen ungeachtet ich mich lieber in
Bescheidenheit als in Pracht hervortun möchte Gott gebe dass dieses der einzige
Punkt sein möge in welchem wir verschieden sein aber ich fürchte mehrere O
Emilie beten Sie für mich Mein Herz hat Ahndungen ich will keine
Gefälligkeit keine Bemühung versäumen meinem Gemahl angenehm zu sein aber ich
werde oft ausweichen müssen wenn ich nur meinen Charakter und meine Grundsätze
nicht aufopfern muss
Ich wählte ihn ich übergab ihm mein Wohl meinen Ruhm mein Leben ich bin
ihm mehr Ergebenheit und mehr Dank schuldig als ich meinem Gemahl unter andern
Umständen schuldig wäre
O wenn ich einst in England in meinem eignen Hause bin und Mylord in
Geschäften sein wird die dem Stolz seines Geistes angemessen sind dann wird
hoffe ich sein wallendes Blut im ruhigen Schoße seiner Familie sanfter fließen
lernen sein Stolz in edle Würde sich verwandeln und seine Hastigkeit
tugendhafter Eifer für rühmliche Taten werden Diesen Mut werd ich unterhalten
und da ich nicht so glücklich war eine Griechin der alten Zeiten zu sein mich
bemühen wenigstens eine der besten Engländerinnen zu werden
Mylord Derby an seinen Freund
Verwünscht seist du mit deinen Vorhersagungen was hattest du sie in meine
Liebesgeschichte zu mengen Meine Bezauberung würde nicht lange dauern sagtest
du Wie zum Henker konnte dein Dummkopf dieses in Paris sehen und ich hier so
ganz verblendet sein Aber Kerl du hast doch nicht ganz recht Du sprachst
von Sättigung diese hab ich nicht und kann sie nicht haben weil mir noch viel
von der Idee des Genusses fehlt und dennoch kann ich sie nicht mehr sehen
Meine Sternheim meine eigene Lady nicht mehr sehen Sie die ich fünf Monate
lang bis zum Unsinn liebte Aber ihr Verhängnis hat mein Vergnügen und ihre
Gesinnungen gegeneinander gestellt mein Herz wankte zwischen beiden sie hat
die Macht der Gewohnheit misskannt sie hat die feurigen Umarmungen ihres
Liebhabers bloß mit der matten Zärtlichkeit einer frostigen Ehefrau erwidert
kalte mit Seufzen unterbrochene Küsse gab sie mir sie die so lebhaft
mitleidend sie die so geschäftig so brennend eifrig für Ideen für
Hirngespenster sein kann Wie süß wie anfesselnd hab ich mir ihre Liebe und
ihren Besitz vorgestellt wie begierig war ich auf die Stunde die mich zu ihr
führte Pferde Postknechte und Bedienten hätte ich der Geschwindigkeit meiner
Reise aufopfern wollen Stolz auf ihre Eroberung sah ich den Fürsten und seine
Helfer mit Verachtung an Mein Herz mein Puls klopften vor Freude als ich das
Dorf erblickte wo sie war und beinah hätt ich aus Ungeduld meine Pistole auf
den Kerl losgefeuert der meine Chaise nicht gleich aufmachen konnte In fünf
Schritten war ich die Treppe hinauf Sie stund oben in englischer Kleidung
weiß schön majestätisch sah sie aus mit Entzückung schloss ich sie in meine
Arme Sie bewillkommte mich stammelnd wurde bald rot bald blass Ihre
Niedergeschlagenheit hätte mich glücklich gemacht wenn sie nur einmal die Miene
des Schmachtens der Liebe gehabt hatte aber alle ihre Züge waren allein mit
Angst und Zwang bezeichnet Ich ging mich umzukleiden kam bald wieder und sah
durch eine Türe sie auf der Bank sitzen ihre beiden Arme um den Vorhang des
Fensters geschlungen alle Muskeln angestrengt ihre Augen in die Höhe gehoben
ihre schöne Brust von starkem tiefen Atemholen langsam bewegt kurz das Bild
der stummen Verzweiflung Sage was für Eindrücke musste das auf mich machen Was
sollt ich davon denken Meine Ankunft konnte ihr neue unbekannte Erwartungen
geben etwas bange mochte ihr werden aber wenn sie Liebe für mich gehabt hätte
war wohl dieser starke Kampf natürlich Schmerz und Zorn bemächtigten sich
meiner ich trat hinein sie fuhr zusammen und ließ ihre Arme und ihren Kopf
sinken ich warf mich zu ihren Füßen und fasste ihre Knie mit starren bebenden
Händen
»Lächeln Sie Lady Sophie lächeln Sie wenn Sie mich nicht unsinnig machen
wollen« schrie ich ihr zu
Ein Strom von Tränen floss aus ihren Augen Meine Wut vergrößerte sich aber
sie legte ihre Arme um meinen Hals und lehnte ihren schönen Kopf auf meine
Stirne
»Teurer Lord o sein Sie nicht böse wenn Sie mich noch empfindlich für
meine unglückliche Umstände sehen ich hoffe durch Ihre Güte alles zu
vergessen«
Ihr Hauch die Bewegung ihrer Lippen die ich indem ich redte auf meiner
Wange fühlte einige Zähren die auf mein Gesicht fielen löschten meinen Zorn
und gaben mir die zärtlichste die glücklichste Empfindung die ich in dreien
Wochen mit ihr genoss Ich umarmte ich beruhigte sie und sie gab sich Mühe den
übrigen Abend und beim Speisen zu lächeln Manchmal deckte sie mir mit allem
Zauber der jungfräulichen Schamhaftigkeit die Augen zu wenn ihr meine Blicke zu
glühend schienen
Reizende Kreatur warum bliebst du nicht so gesinnt warum zeigtest du mir
deine sympatetische Neigung zu Seimour
Die übrigen Tage suchte ich munter zu sein Ich hatte ihr eine Laute
mitgebracht und sie war gefällig genug mir ein artiges welsches Liedchen zu
singen welches sie selbst gemacht hatte und worin sie die Venus um ihren Gürtel
bat um das Herz so sie liebte auf ewig damit an sich zu ziehen Die Gedanken
waren schön und fein ausgedrückt die Melodie rührend und ihre Stimme so voll
Affekt dass ich ihr mit der süßesten und stärksten Leidenschaft zuhörte Aber
mein schöner Traum verflog durch die Beobachtung dass sie bei den zärtlichsten
Stellen die sie am besten sang nicht mich sondern mit hängendem Kopfe die
Erde ansah und Seufzer außstieß welche gewiss nicht mich zum Gegenstande hatten
Ich fragte sie am Ende ob sie dieses Lied heute zum ersten Male gesungen Nein
sagte sie errötend dieses veranlasste noch einige Fragen über die Zeit da sie
angefangen hätte gut für mich zu denken und über ihre Gesinnungen für Seimour
Aber verdammt sei die Freimütigkeit mit welcher sie mir antwortete denn damit
hat sie alle Knoten losgemacht die mich an sie banden Hundert Kleinigkeiten
und selbst die Mühe die es sie kostete zärtlich und fröhlich zu sein
überzeugten mich dass sie mich nicht liebte Ein wenig Achtung für meinen Witz
und für meine Freigebigkeit die Freude nach England zu kommen und kalter Dank
dass ich sie von ihren Verwandten und dem Fürsten befreit hatte dies war alles
was sie für mich empfand alles was sie in meine Arme brachte Ja sie war
unvorsichtig genug mir auf meine verliebte Bitte die Eigenschaften zu nennen
die sie am meisten an mir lieben würde nichts anders als ein Gemälde von
Seimour vorzuzeichnen und immer betrieb sie unsere Reise nach Florenz
deutliches Anzeigen dass sie nicht für das Glück meiner Liebe sondern für die
Befriedigung ihres Ehrgeizes bedacht war denn sie vergiftete alle Tage ihres
Besitzes durch diese Erinnerung welcher sie alle mögliche Wendungen gab sogar
dass sie mich versicherte sie würde mich erst in Florenz lieben können Sie
vergiftete sagt ich dir mein Glück aber auch zugleich mein Herz welches
närrisch genug war sich zuweilen meine falsche Heurat gereuen zu lassen und
sehr oft ihre Partie wider mich ergriff In der dritten Woche frass das Übel um
sich Ich hatte ihr englische Schriften gegeben die mit den feurigsten und
lebendigsten Gemälden der Wollust angefüllt waren Ich hoffte dass einige Funken
davon die entzündbare Seite ihrer Einbildungskraft treffen sollten aber ihre
widersinnige Tugend verbrannte meine Bücher ohne ihr mehr zu erlauben als sie
durchzublättern und zu verdammen Der Verlust der Bücher und meiner Hoffnung
brachte einen kleinen Ausfall von Unmut hervor den sie mit gelassener
Tapferkeit aushielt Zween Tage hernach kam ich an ihren Nachttisch just wie
ihre schönen Haare gekämmt wurden ihre Kleidung war von weißem Musselin mit
rotem Taft nett an den Leib angepasst dessen ganze Bildung das vollkommenste
Ebenmass der griechischen Schönheit ist wie reizend sie aussah Ich nahm ihre
Locken und wand sie unter ihrem rechten Arme um ihre Hüften Miltons Bild der
Eva kam mir in den Sinn Ich schickte ihr Kammermensch weg und bat sie sich auf
einen Augenblick zu entkleiden um mich so glücklich zu machen in ihr den
Abdruck des ersten Meisterstücks der Natur zu bewundern15 Schamröte überzog ihr
ganzes Gesicht aber sie versagte mir meine Bitte geradezu ich drang in sie
und sie sträubte sich so lange bis Ungeduld und Begierde mir eingaben ihre
Kleidung vom Hals an durchzureissen um auch wider ihren Willen zu meinem
Endzweck zu gelangen Solltest du glauben wie sie sich bei einer in unsern
Umständen so wenig bedeutenden Freiheit gebärdete »Mylord« rief sie aus
»Sie zerreißen mein Herz und meine Liebe für Sie niemals werd ich Ihnen diesen
Mangel feiner Empfindungen vergeben O Gott wie verblendet war ich« Bittere
Tränen und heftiges Zurückstossen meiner Arme begleiteten diese Ausrufungen Ich
sagte ihr trocken ich wäre sicher dass sie dem Lord Seimour diese
Unempfindlichkeit für sein Vergnügen nicht gezeigt haben würde »Und ich bin
sicher« sagte sie im hohen tragischen Ton »dass Mylord Seimour mich einer
edleren und feinern Liebe wert gehalten hätte«
Hast du jemals die Narrenkappe einer sonderbaren Tugend mit wunderlichern
Schell behangen gesehen als dass ein Weib ihre vollkommenste Reize nicht
gesehen nicht bewundert haben will Und wie albern eigensinnig war der
Unterschied den sie zwischen meinen Augen und meinem Gefühl machte
Ich wollt es nachmittags von ihr selbst erklärt wissen aber sie konnte mit
allem Nachsinnen nichts anders sagen als dass sie bei Entdeckung der besten
moralischen Eigenschaften ihrer Seele die nämliche Widerstrebung äußern würde
ungeachtet sie mir gestund dass sie mit Vergnügen bemerkte wenn man von ihrem
Geist und von ihrer Figur vorteilhaft urteile dennoch wolle sie lieber dieses
Vergnügen entbehren als es durch ihre eigene Bemühung erlangen16 Denkst du
wohl dass ich mit diesem verkehrten Kopfe vergnügt sollte leben können Dieses
Gemische von Verstand und Narrheit hat ihr ganzes Wesen durchdrungen und gießt
Trägheit und Unlust über alle Bewegungen meiner munteren Fibern aus Sie ist
nicht mehr die Kreatur die ich liebte ich bin also auch nicht mehr verbunden
das zu bleiben was ich ihr damals zu sein schien Sie selbst hat mir den Weg
gebahnt auf welchem ich ihren Fesseln entfliehen werde Der Tod meines Bruders
stimmt ohnehin die Saiten meiner Leier auf einen andern Ton ich muss vielleicht
bald nach England zurücke und dann kann Seimour sein Glücke bei meiner Witwe
versuchen denn ich denke sie wirds bald sein und bloß ihrem eigenen Betragen
wird sie dies zu danken haben Da sie sich für meine Ehefrau hält war es nicht
ihre Pflicht sich in allem nach meinem Sinne zu schicken Hat sie diese Pflicht
nicht gänzlich aus den Augen gesetzt Liebt sie nicht sogar einen andern Und
ist es also nicht billig und recht dass der Betrug den ihr Ehrgeiz an mir
begangen auch durch mich an ihrem Ehrgeiz gerächet werde Freudig seh ich um
mich her wenn ich bedenke dass ich das auserwählte Werkzeug war durch welches
die Niederträchtigkeit ihres Oheims die Lüsternheit des Fürsten und die
Dummheit der übrigen Helfer gestraft wurde Es ist ja ein angenommener Lehrsatz
dass die Vorsicht sich der Bösewichter bediene um die Vergehungen der Frommen zu
ahnden Ich war also nichts als die Maschine durch welche das Weglaufen der
Sternheim gebüßt werden sollte dazu wurde mir auch das nötige Pfund von Gaben
und Geschicklichkeit gegeben Meine Belohnung hab ich genossen Sie mögen sich
nun samt und sonders ihre erhaltne Züchtigung zunutz machen
Wisse übrigens dass ich wirklich der Vertraute von Seimourn geworden bin
Auf einem Dorfe saß er und beheulte den Verlust der Tugend des Mädchens
während dass ich es in aller Stille auf der andern Seite unter Dach brachte und
ihn belachte Er wollte von mir wissen wer wohl der Gemahl mit dem sie nach
ihrem Briefe entflohen wäre sein könnte Er hat Kuriere nach Florenz
abgeschickt aber ich hab ein Mittel gefunden seinen Nachspürungen Einhalt zu
tun da ich in dem letzten Billett das mir die Sternheim nach D geschrieben
hatte alle Worte abriss die mich hätten verraten können und das übrige Stück
unter die Papiere des Sekretärs John warf über dessen Ausbleiben man stutzig
wurde und sein Zimmer auf mein Anraten aussuchte Bei diesem Stück Papier wurden
dann die Vermutungen auf ihn festgesetzt und er für den Erlöser erklärt den
sich das feine Mädchen erwählt habe Eine Sache die man als den Beweis ansah
dass lauter bürgerliche Begriffe und Neigungen in ihrer Seele herrschen und ein
Text worüber nun die adeligen Mütter ihren Töchtern gegen die Heuraten außer
Stand Jahre lang predigen werden Seimours Liebe versinkt in Unmut und
Verachtung er nennt ihren Namen nicht mehr und schickt keine Kuriere mehr fort
ich aber erwarte einen aus England und dann wirst du erfahren ob ich zu dir
komme oder nicht
Rosina an ihre Schwester Emilia
O meine Schwester wie soll ich dir den entsetzlichen Jammer beschreiben der
über unser geliebtes Fräulein gekommen ist Lord Derby Gott wird ihn strafen
und muss ihn strafen der abscheuliche Mann er hat sie verlassen und ist allein
nach England gereist Seine Heurat war falsch ein gottloser Bedienter wie sein
Herr in einen Geistlichen verkleidet verrichtete die Trauung Ach meine Hände
zittern es zu schreiben der schändliche Bösewicht kam selbst mit dem
Abschiedsbriefe damit uns sein Gesicht keinen Zweifel an unserm Unglück
übriglassen sollte Der Lord sagt die Dame hätte ihn nicht geliebt sondern nur
immer Mylord Seimourn im Herzen gehabt dieses hätte seine Liebe ausgelöscht
sonst wäre er unverändert geblieben Der ruchlose Mensch Ewiger Gott Ich ich
habe auch zu der Heurat geholfen Wär ich nur zum Lord Seimour gegangen ach
wir waren beide verblendet ich darf unsere Dame nicht ansehen das Herz bricht
mir sie isst nichts sie ist den ganzen Tag auf den Knien vor einem Stuhl da
hat sie ihren Kopf liegen unbeweglich außer dass sie manchmal ihre Arme gen
Himmel streckt und mit einer sterbenden Stimme ruft »ach Gott ach mein Gott«
Sie weint wenig und nur seit heute die ersten zween Tage fürchtete ich wir
würden beide den Verstand verlieren und es ist ein Wunder von Gott dass es
nicht geschehen ist
Zwo Wochen hörten wir nichts vom Lord sein Kerl reiste weg und fünf Tage
danach kam der Brief der uns so unglücklich machte Der verfluchte Bösewicht
gab ihn ihr selbst Blass und starr wurde sie endlich ohne ein Wort zu sagen
zerriss sie mit der größten Heftigkeit seinen Brief und noch ein Papier warf
die Stücke zu Boden deutete mit einer Hand darauf und mit einem erbärmlichen
Ausdruck von Schmerzen sagte sie dem Kerl »geh geh« zugleich aber fiel sie
auf ihre Knie faltete ihre Hände und blieb über zwo Stunden stumm und wie halb
tot liegen Was ich ausstund kann ich dir nicht sagen Gott weiß es allein Ich
kniete neben sie hin fasste sie in meine Arme und bat sie so lange mit tausend
Tränen bis sie mir mit gebrochener matter Stimme und stotternd sagte Derby
verlasse sie ihre Heurat wäre falsch und sie hätte nichts mehr zu wünschen
als den Tod Sie will sich nicht rächen bei dir liebste Schwester will sie
sich verbergen Übermorgen reisen wir ab ach Gott sei uns gnädig auf unserer
Reise Du musst sie aufnehmen dein Mann wird es auch tun und ihr raten Wir
nehmen nichts mit was vom Lord da ist Seinen Wechselbrief von sechshundert
Karolinen hat sie zerrissen All ihr Geld beläuft sich auf dreihundert davon
gibt sie den zwoen Mädchen noch funfzig und den andern Armen noch funfzig Ihr
Schmuck und ein Koffre mit Kleidern ist alles was wir mitbringen Du wirst uns
nicht mehr kennen so elend sehen wir aus Sie spricht mit niemand mehr der
Bruder von den zwoen Mädchen führt uns den halben Weg zu dir Wir suchen Trost
bei dir liebe Schwester Sie möchte dir selbst schreiben und kann kaum die
lieben wohltätigen Hände bewegen Ich darf nicht nachdenken wie gut sie gegen
alle Menschen war und nun muss sie so unglücklich sein Aber Gott muss und wird
sich ihrer annehmen
Fräulein von Sternheim an Emilien
O meine Emilia wenn aus diesem Abgrunde von Elend die Stimme Ihrer
Jugendfreundin noch zu Ihrem Herzen dringt so reichen Sie mir Ihre liebreiche
Hand lassen Sie mich an Ihrer Brust meinen Kummer und mein Leben ausweinen O
wie hart wie grausam werde ich für den Schritt meiner Entweichung bestraft O
Vorsicht
Ach ich will nicht mit meinem Schicksal rechten Das erstemal in meinem
Leben erlaube ich mir einen Gedanken von Rache von heimlicher List muss ich es
nicht als eine billige Bestrafung annehmen dass ich in die Hände der Bosheit und
des Betrugs gefallen bin Warum glaubte ich dem Schein aber o Gott wo wo
soll ein Herz wie dies das du mir gabst wo soll es den Gedanken hernehmen bei
einer edelen bei einer guten Handlung böse Grundsätze zu argwohnen
Eigenliebe du machtest mich elend du hiessest mich glauben Derby würde
durch mich die Tugend lieben lernen Er sagt er hätte nur meine Hand ich
aber sein Herz betrogen Grausamer grausamer Mann was für einen Gebrauch
machst du von der Aufrichtigkeit meines Herzens das so redlich bemüht war dir
die zärtlichste Liebe und Achtung zu zeigen du glaubst nicht an die Tugend
sonst würdest du sie in meiner Seele gesucht und gefunden haben
Wahr ist es meine Emilia ich hatte Augenblicke wo ich meine Befreiung von
den Händen des Mylord Seimour zu erhalten gewünscht hätte aber ich riss den
Wunsch aus meinem Herzen Dankbarkeit und Hochachtung erfüllten es für den Mann
den ich zu meinem Gemahl nahm tötender Name wie konnte ich dich schreiben
aber mein Kopf meine Empfindungen sind verwüstet wie es mein Glück mein Ruhm
und meine Freude sind Ich bin in den Staub erniedriget auf der Erde liege ich
und bitte Gott mich nur so lange zu erhalten bis ich bei Ihnen bin und den
Trost genieße dass Sie die Unschuld meines Herzens sehen und eine mitleidige
Träne über mich weinen Alsdann o Schicksal dann nimm es dieses Leben
welches mit keinem Laster beschmutzt aber seit vier Tagen durch deine Zulassung
so elend ist dass es ohne die Hoffnung eines baldigen Endes unerträglich wäre
Derby an seinen Freund
Ich reise nach England und komme vorher zu dir Sage mir nichts von meiner
letzten Liebe ich will nicht mehr daran denken es ist genug an der unruhigen
Erinnerung die sich mir wider meinen Willen aufdringt Meine halbe Lady ist
fort aus dem Dorfe wo ihrem abenteuerlichen Charakter ein abenteuerliches
Schicksal zugemessen wurde mit stolzem Zorn ist sie fort meinen Wechselbrief
zerriss sie in tausend Stücke und alle meine Geschenke hat sie zurückgelassen
Ich hätte sie bald deswegen wieder eingeholt aber wenn sie mir meine Streiche
vergeben könnte so würde ich sie verachten Lieben kann sie mich nach allem
diesem unmöglich und ich hätte nicht mehr glücklich mit ihr sein können wozu
würde also die Verlängerung meiner Rolle gedient haben Sie muss doch immer meine
Wahrheitsliebe verehren und meine Kenntnisse der geheimsten Triebfedern unsrer
Seele bewundern Ich verließ sie unschlüssig was ich mit ihr und meinem
Bündnis machen sollte aber ihre unaufhörliche Anfoderung sie nach Florenz zu
führen und die Drohung auch ohne mich abzureisen brachte mich dahin ihr ganz
trocken zu schreiben
Ich sehe wohl dass sie sich meiner Liebe nur bedient habe um ihren Oheim
Löbau zu entgehen und ihren Ehrgeiz in Sicherheit zu setzen dass sie das Glück
meiner Liebe und meines Herzens niemals in Betrachtung gezogen indem sie mir
nicht den geringsten Zug meines eigenen Charakters zugut gehalten und mich nur
dann geachtet habe wenn ich mich nach ihren Phantasien gebogen und meine
Begriffe mit ihren Grillen geputzt es sei mir unmöglich dem Gemälde gleich zu
werden welches sie mir von den beliebten Eigenschaften ihre Mannes
vorgezeichnet indem ich nicht Seimour wäre für welchen allein sie die
zärtliche Leidenschaft nährte die ich von ihr zu verdienen gewünscht hätte
ihre Bestürzung wenn ich ihn genennt ihre Sorgsamkeit nicht von ihm zu reden
ja selbst die Liebkosungen die sie mir zu Vertilgung meines Argwohns gemacht
wären lauter Bekräftigungen der Fortdauer ihrer Neigung zu Seimour Sie wäre die
erste welche mich zu dem Entschlusse mich zu vermählen gebracht hätte dennoch
aber hatt ich noch so viel Vorsichtigkeit übrig behalten mich zuvor ihrer
ganzen Gesinnungen versichern zu wollen hierzu hätte mir die Maske des
Priesterrocks den einer meiner Leute angezogen die Gelegenheit verschafft
Meine Liebe und Ehre würde dadurch ebenso fest gebunden gewesen sein als durch
die Trauung und wenn sie der Primas von England oder der Papst selbst
verrichtet hatte aber da die Vereinigung unserer Gemüter als das erste
Hauptstück fehlte so wäre es gut dass wir uns ohne Zeugen und Gepränge
trennten wie wir uns verbunden hätten weil ich nicht niederträchtig genug sei
mich mit dem bloßen Besitz ihrer reizenden Person zu vergnügen ohne Anteil an
ihrem Herzen zu haben und nicht einfältig genug um sie für den Lord Seimour
nach England zu führen sie hätte nicht Ursache über mich zu klagen denn ich
wäre es der sie den Verfolgungen des Fürsten und der Gewalt ihres Onkels
entrissen ich hätte nur ihre Hand sie aber weil sie die Liebe nicht für mich
gefühlt habe welcher sie mich versichert hatte mein Herz betrogen und nun
schenke ich ihr ihre volle Freiheit wieder
Ich schickte den Kerl ab und ging nach B bei meiner Tänzerin ein
ohnfehlbares Mittel gegen alle Gattungen von unruhigen Gedanken zu suchen auch
gab sie mir einen guten Teil meiner Munterkeit wieder
Mein Bruder könnte zu keiner gelegnern Zeit gestorben sein als jetzt Meine
Gelder wurden seltener geschickt und dieser närrische Roman war ein wenig
kostbar doch sie verdiente alles Hätte sie mich nur geliebt und ihre
Schwärmerei abgeschworen Ich war närrisch genug mich meinen Brief gereuen zu
lassen und ließ vor zween Tagen nach ihr fragen aber weg war sie und alles
wohl erwogen hat sie recht daran getan wir können und sollen uns nicht mehr
sehen Ihre Briefe ihr Bildnis hab ich zerrissen wie sie meinen Wechsel aber
D wo alles von ihr spricht wo mich alles an sie erinnert ist mir
unerträglich Halte mir eine lustige Bekanntschaft zurechte wie sie für einen
englischen Erben gehört um meine wiedererhaltene Portion Freiheit mit ihr zu
verzehren Denn mein Vater wird mir das Joch über den Hals werfen sobald ich
ihm nahe genug dazu sein werde Er kann mir geben welche er will keine Liebe
bring ich ihr nicht zu Das wenige was von meinem Herzen noch übrig war hat
mein deutsches Landmädchen aufgezehrt der Platz ist nun völlig leer ich
fühle es hier und da schwärmen noch einige verirrte Lebensgeister herum und
wenn ich ihnen glaube so flüsterten sie mir was von dem Bilde meiner
vierzigtägigen Gemahlin zu deren Schatten noch darin herumwandern soll aber
ich achte nicht auf dieses Gesumse Meine Vernunft und die Umstände reden meinem
ausgeführten Plan das Wort und am Ende ist es doch nichts anders als die
Gewohnheit die mir ihr Bild in D zurückruft wo ich sie in allen
Gesellschaften zu sehen pflegte und immer von ihr reden höre Aber bei dem
allen schwör ich dir nimmermehr soll eine Metaphysikerin noch eine Moralistin
meine Geliebte werden Ehrgeiz und Wollust allein haben Leute in ihren Diensten
die Unternehmungen wagen und ausführen helfen auch sind dieses die einzigen
Gotteiten die ich künftig verehren will jener weil ich von ihm so viel
Ansehen und Gewalt zu erlangen hoffe um alle Gattungen des Vergnügens in meinen
Schutz zu nehmen und zu verteidigen bis ich einst die liebenswürdigste davon
bei einer Parlamentswahl ersaufe oder bei einem Pferderennen den Kopf
zerquetsche Ha siehst du wie schön die gewöhnlichen Lordseigenschaften in mir
erwacht sind erst durch alle seine Ranke ein artiges Mädchen an mich gezogen
und sie denen entrissen durch welche sie glücklich geworden wäre unsinnige
Verschwendungen gemacht und wenn man alles dessen satt ist den Ton eines
Patrioten bei Wetterennen und Wahlen angenommen und der Zeit überlassen was
nach diesen verschiedenen Aufgärungen in dem Fass Nützliches übrig bleiben mag
Hier meine Freundin muss ich selbst wieder das Wort nehmen und Ihnen von dem
was auf die unglückliche Veränderung in dem Schicksal meiner geliebten Dame
gefolget ist eine zusammenhangende Geschichte zu liefern
Das Haus meiner Schwester war jetzt der einzige Ort wohin wir in diesen
Umständen Zuflucht nehmen konnten Man durfte ihr weder von Rache noch von
Behauptung ihrer Rechte sprechen und der Gedanke auf ihre Güter zu gehen war
in diesen Umständen auch nicht zu fassen Ihr Kummer war so groß dass sie
hoffte er würde sie töten ich glaube auch dass es geschehen wäre wenn wir uns
langer in dem Hause aufgehalten hätten wo die unglückliche Heurat vollzogen
worden war Da ich bei den Zurüstungen auf unsre Abreise ein paarmal die Türe
des Wohnzimmers von Lord Derby öffnete und sie einen Blick hinwarf glaubte ich
ihr Schmerz würde sie auf der Stelle ersticken Sie blieb mit dem äußersten
Jammer beladen in meinem Zimmer während dass ich einpacken musste Aber alle
Geschenke von Lord Derby welche sehr schön und in großer Menge da waren musste
ich der Wirtin übergeben Wir nahmen nichts als das wenige zusammen so wir von
unsrer Flucht aus D mitgebracht hatten Die Wirtin welche auf einen Monat
vorausbezahlt war wollte uns noch behalten aber wir reisten den zweiten Tag
von ihrem Segen für uns und Flüchen über den gottlosen Lord begleitet morgens
um vier Uhr ab
Still und blass wie der Tod die Augen zur Erde geschlagen saß meine liebe
Dame bei mir kein Wort keine Träne erleichterte ihr beklemmtes Herz zween
Tage reisten wir durch herrliche Landschaften ohne dass sie auf etwas achtete
nur manchmal umfasste sie mich mit einer heftigen gichterischen Bewegung und
legte ihren Kopf einige Augenblicke auf meine Brust Ich wurde immer ängstiger
und weinte mit lauter Stimme darüber sah sie mich rührend an und sagte mit
ihrem himmlischen Ton indem sie mich an sich drückte
»O meine Rosina dein Kummer zeigt mir erst den ganzen Umfang meines Elends
Sonst lächeltest du wenn du mich sahst und nun betrübt mein Anblick dein Herz
O lass mich nicht denken dass ich auch dich unglücklich gemacht habe sei ruhig
du siehst ja mich ganz gelassen«
Ich war froh sie wieder so viel reden zu hören und einige Zähren aus ihren
erstorbnen Augen fallen zu sehen Ich antwortete
»Ich wollte gerne ruhig sein wenn ich Sie nicht so niedergeschlagen sähe
und wenn ich nur noch einige Funken der Zufriedenheit bei Ihnen bemerkte die
Sie sonst bei dem Anblick einer schönen Gegend fühlten«
Sie schwieg einige Minuten und betrachtete den Himmel um uns her dann sagte
sie unter zärtlichem Weinen
»Es ist wahr liebe Rosina ich lebe als ob mein Unglück alles Gute und
Angenehme auf Erden verschlungen hätte und dennoch liegt die Ursache meines
Jammers weder in den Geschöpfen noch in ihrem wohltätigen Urheber Warum bin ich
von der vorgeschriebenen Bahn abgewichen«
Sie fing darauf eine Wiederholung ihres Lebens und der merkwürdigsten
Umstände ihres Schicksals an Ich suchte sie mit sich selbst und den
Beweggründen ihrer Handlungen besonders mit den Ursachen ihrer heimlichen
Heurat und Flucht aus D zufriedenzustellen und gewann doch so viel dass sie
bei dem Anblick der vollen Scheuren und dem Gewühle der Herbstgeschäfte in den
Dörfern die wir durchfuhren vergnügt aussah und sich über das Wohl der
Landleute freute Aber der Anblick junger Mädchen besonders die in einerlei
Alter mit ihr zu sein schienen brachte sie in ihre vorige Traurigkeit und sie
bat Gott mit gefalteten Händen dass er ja jede reine wohldenkende Seele ihres
Geschlechts vor dem Kummer bewahren möge der ihr zärtliches Herz durchnage
Unter diesen Abwechslungen kamen wir glücklich in Vaels an Mein Schwager
und meine Schwester empfingen uns mit allem Trost der tugendhaften Freundschaft
und suchten meine liebe Dame zu beruhigen aber am fünften Tage wurde sie krank
und zwölf Tage lang dachten wir nichts anders als dass sie sterben würde Sie
schrieb auch einen kleinen Auszug ihres Verhängnisses und ein Testament Aber
sie erholte sich wider ihr Wünschen und als sie wieder aufsein konnte setzte
sie sich in die Kinderstube meiner Emilia und lehrte ihr kleines Patchen lesen
diese Beschäftigung und der Umgang mit meinem Schwager und meiner Schwester
beruhigten sie augenscheinlich so dass mein Schwager es einmal wagte sie über
ihre Entschließungen und Entwürfe für die Zukunft zu befragen Sie sagte
Sie hätte noch nichts bedacht als dass sie auf ihren Gütern ihr Leben
beschließen wollte aber bis zu Ende der drei Jahre für welche sie dem Graf
Löbau ihre Einkünfte versichert hätte wollte sie nichts von sich wissen lassen
und wir mussten ihrem eifrigen Anhalten hierin nachgeben Sie nahm eine fremde
Benennung an sie wollte in Beziehung auf ihr Schicksal Madam Leidens heißen und
als eine junge Offizierswitwe bei uns wohnen Sie verkaufte die schönen
Brillanten welche die Bildnisse ihres Herrn Vaters und ihrer Frau Mutter
umfasseten und entschloss sich auch den übrigen Teil ihres Schmucks zu Geld zu
machen und von den Zinsen zu leben daneben aber wollte sie Gutes tun und einige
arme Mädchen im Arbeiten unterrichten
Dieser Gedanke wurde nachher die Grundlage zu dem übrigen Teil ihres
Schicksals Denn eines dieser Mädchen welches von einer der reichsten Frauen in
der Gegend aus der Taufe gehoben worden ging zu ihrer Pate um ihr etwas von
der erlernten Arbeit zu weisen Diese Frau fragte nach der Lehrmeisterin und
drang hernach in meinen Schwager dass er die Madam Leidens zu ihr bringen
möchte um eine wohltätige Schule in ihrem Hause zu errichten und als
Gesellschafterin bei ihr zu leben Meine Dame wollte es anfangs nicht eingehen
indem sie fürchtete zuviel bekannt zu werden aber mein Schwager stellte ihr so
eifrig vor dass sie eine Gelegenheit versäume viel Gutes zu tun dass er sie
endlich überredte zumal da sie dadurch das Haus ihrer Emilia zu erleichtern
glaubte wo sie befürchtete Beschwerden zu machen ungeachtet sie Kostgeld
bezahlte
Sie kleidete sich bloß in streifige Leinwand zu Leibkleidern gemacht mit
großen weißen Schürzen und Halstüchern weil ihr noch immer etwas Engländisches
im Sinne lag ihre schöne Haare und Gesichtsbildung versteckte sie in
außerordentliche große Hauben sie wollte sich damit verstellen aber ihre
schöne Augen das Lächeln der edlen Güte so unter den Zügen des innerlichen
Grams hervorleuchtete ihre feine Gestalt und Stellung und der artigste Gang
zogen alle Augen nach sich und Madam Hills war stolz auf ihre Gesellschaft
Ihre Abreise schmerzte uns denn der Wohnort von Madam Hills war drei Stunden
entfernt aber ihre Briefe trösteten uns wieder Auch Sie werden sie gewiss
lieber lesen als mein Geschmier
Fräulein von Sternheim als Madam Leidens an Emilia
Erst den zehnten Tag meines Hierseins schreibe ich Ihnen meine schwesterliche
Freundin bisher konnte ich nicht meine Empfindungen waren zu stark und zu
wallend um den langsamen Gang meiner Feder zu ertragen Nun haben mir
Gewohnheit und zween heitere Morgen und die Aussicht in die schönste und
freieste Gegend das Maß von Ruhe wiedergegeben das nötig war um mich ohne
Schwindel und Beängstigung die Stufen betrachten zu lassen durch welche mein
Schicksal mich von der Höhe des Ansehens und Vorzugs heruntergeführt hat Meine
zärtlichsten Tränen flossen bei der Erinnerung meiner Jugend und Erziehung
Schauer überfiel mich bei dem Gedanken an den Tag der mich nach D brachte und
ich eilte mit geschlossenen Augen bei der folgenden Szene vorüber Nur bei dem
Zeitpunkte meiner Ankunft in Ihrem Hause verweilte ich mit Rührung denn nachdem
mir das Verhängnis alles geraubt hatte so war ich um so viel aufmerksamer auf
den Zufluchtsort den ich mir gewählt hatte und auf die Aufnahme die ich da
fand Zärtliches Mitleiden war in dem Gesichte meiner treuen Emilia Ehrfurcht
und Freundschaft in dem von ihrem Manne gezeichnet ich sah dass sie mich
unschuldig glaubten und mein Herz bedauerten Ich konnte sie als Zeugen meiner
Unschuld und Tugend ansehen O wie erquickend war dieser Gedanke für meine
gekränkte Seele Meine Tränen des ersten Abends waren der Ausdruck des Danks für
den Trost den mich Gott in der treuen Freundschaft meiner Emilia hatte finden
lassen Der zweite Morgen war hart durch die wiederholte Erzählung aller
Umstände meiner jammervollen Geschichte Die Betrachtungen und Vorstellungen
Ihres Mannes trösteten mich noch mehr aber meine Spaziergänge in Ihrem Hause
der armen übelgebauten Hütte worin mit Ihnen alle Tugenden unsers Geschlechts
und mit Ihrem Manne alle Weisheit und Verdienste des seinigen wohnen Ich aß mit
Ihnen ich sah Sie bei Ihren Kindern sah die edle Genügsamkeit mit Ihrem
kleinen Einkommen Ihre zärtliche mütterliche Sorgen die vortreffliche Art mit
der Ihr Mann seine arme Pfarrkinder behandelt Dieses meine Emilia goss den
ersten Tropfen des Balsams der Beruhigung in meine Seele Ich sah Sie die in
ihrem ganzen Leben alle Pflichten der Klugheit und Tugend erfüllt hatten mit
Ihrem Hochachtungswürdigen Manne und fünf Kindern unter der Last eines eisernen
Schicksals ohne dass Ihnen das Glück jemals zugelächelt hätte Sie ertrugen es
mit der rühmlichsten Unterwerfung und ich ich sollte fortfahren über mein
selbstgewebtes Elend gegen das Verhängnis zu murren Eigensinn und
Unvorsichtigkeit hatten mich ungeachtet meiner redlichen Tugendliebe dem
Kummer und der Verächtlichkeit entgegengeführt ich hatte vieles verloren
vieles gelitten aber sollte ich deswegen das genossene Glück meiner ersten
Jahre vergessen und die vor mir liegende Gelegenheit Gutes zu tun mit
gleichgültigem Auge betrachten um mich allein der Empfindlichkeit meiner
Eigenliebe zu überlassen Ich kannte den ganzen Wert alles dessen was ich
verloren hatte aber meine Krankheit und Betrachtungen zeigten mir dass ich noch
in dem wahren Besitz der wahren Güter unsers Lebens geblieben sei
Mein Herz ist unschuldig und rein
Die Kenntnisse meines Geistes sind unvermindert
Die Kräfte meiner Seele und meine guten Neigungen haben ihr Maß behalten
und ich habe noch das Vermögen Gutes zu tun
Meine Erziehung hat mich gelehrt dass Tugend und Geschicklichkeiten das einzige
wahre Glück und Gutes tun die einzige wahre Freude eines edlen Herzens sei
das Schicksal aber hat mir den Beweis davon in der Erfahrung gegeben
Ich war in dem Kreise der von großen und glänzenden Menschen durchloffen
wird nun bin ich in den versetzt den mittelmässiges Ansehen und Vermögen
durchwandelt und grenze ganz nahe an den wo Niedrigkeit und Armut die Hände
sich reichen Aber so sehr ich nach den gemeinen Begriffen von Glück gesunken
bin so viel Gutes kann ich diesen zween Kreisen ausstreuen
Meine reiche Frau Hills lass ich durch meinen Umgang und meine
Unterredungen das Glück der Freundschaft und der Kenntnisse genießen Meinen
armen Mädchen gebe ich das Vergnügen geschickt und wohl unterrichtet zu werden
und zeige ihnen eine angenehme Aussicht in ihre künftigen Tage
Madam Hills hat mir ein artiges Zimmer wovon zwei Fenster ins Feld gehen
eingeräumt von da geh ich in ihren Saal der für die Unterrichtsstunden meiner
dreizehn Mädchen bestimmt ist Sie ernährt und kleidet sie schafft Bücher und
Arbeitsvorrat an nicht eine Stunde versäumt sie und hört meinen Unterricht mit
vieler Zufriedenheit manchmal vergisst sie Tränen oder drückt mir die Hände
und wohl zwanzigmal nickt sie mir den freundlichsten Beifall zu Sooft es
geschieht fällt ein Strahl von Freude in mein Herz Es ist angenehm um sein
selbst willen geliebt zu werden Und nun hab ich einen Gedanken Emilia aber
Ihr Mann muss mir ihn ausarbeiten helfen
Madam Hills hat eine Art von Stolz aber er ist edel und wohltätig Sie
möchte ihr großes Vermögen zu einer ewig dauernden Stiftung verwenden aber sie
sagt es müsste eine Stiftung sein die ganz neu wäre und die ihr Ehre und Segen
brächte und sie will dass ich auf etwas sinne Könnte jetzt nicht meine
kleine Mädchenschule der Anlass dazu werden ein Gesindhaus zu stiften worin
arme Mädchen zu guten und geschickten Dienstmädchen gezogen würden Ich wollte
an meinen dreizehn Schülerinnen die Probe machen und teilte sie nach der Anlage
von Geist und Herzen in Klassen
1 Sanfte gutherzige Geschöpfe bildete ich zu Kinderwärterinnen
2 Die Anlage zu Witz und geschickte Finger zur Kammerjungfer
3 Nachdenkende und fleißige Mädchen zu Köchinnen und Haushälterinnen und
4 die letzte Klasse von Dienstfähigen zu Haus Küchen und Gartenmägden
Dazu muss ich nun ein schickliches Haus mit einem Garten haben einen
vernünftigen Geistlichen der sie die Pflichten ihres Standes kennen und lieben
lehrte und dann wackere und wohldenkende arme Witwen oder betagte ledige
Personen die den verschiedenen Unterricht in Arbeiten besorgten
Diese Idee beschäftigt mich genug um dem vergangenen schmerzhaften Teil
meines Lebens das meiste meines Nachdenkens zu entziehen und über meinen bitteren
Kummer den süßen Trost zu streuen dass ich die Ursache so vieler künftigen
Wohltaten werden könnte Aber hierbei fällt mir ein Gleichnis ein so ich mit
der Eigenliebe machen möchte dass sie von Polypen Art sei man kann ihr alle
Zweige und Arme nehmen ja sogar den Hauptstamm verwunden sie wird doch Mittel
finden sich in neue Auswüchse zu verbreiten Wie verwundet wie gedemütigt war
meine Seele und nun lesen Sie nur die Blätter meiner Betrachtungen durch und
beobachten Sie es was für schöne Stützen meine schwankende Selbstzufriedenheit
gefunden hat und wie ich allmählich zu der Höhe eines großen Entwurfs
emporgestiegen bin o wenn die wohltätige Nächstenliebe nicht so tiefe Wurzeln
in meinem Herzen gefasst hätte dass sie mit meiner Eigenliebe ganz verwachsen
wäre was würde aus mir geworden sein
Zweiter Brief von
Madam Leidens
Sie sind liebste Freundin mit dem Ton meines letzten Briefs besser zufrieden
als Sie es seit meiner Abreise aus D niemals waren Darf ich wohl meine Emilia
einer Ungerechtigkeit anklagen weil sie mir von der Veränderung meiner Ideen
und Ausdrücke spricht Ich fühle diese Verschiedenheit selbst aber ich Ende
auch dass sie eine ganz natürliche Wirkung der großen Abänderung meines
Schicksals ist Zu D war ich angesehen mit Glücksaussichten umgeben und mit
mir selbst zufrieden daher auch geschickter muntere Beobachtungen über fremde
Gegenstände zu machen Mein Witz spielte frei mit kleinen Beschreibungen und mit
Lob und Tadel alles dessen was mit meinen Ideen stimmte oder nicht Nach dem
wurde ich von Glück und Selbstzufriedenheit entfernt Tränen und Jammer sind
mein Anteil worden War es da möglich dass sich die Schwingen meiner
Einbildungskraft unbeschränkt und freudig hätten bewegen können da das Beste
was alle Kräfte meiner Seele tun konnten gelassene Ertragung meines Schicksals
war eine Tugend wobei der Geist wenig Geschäftigkeit äußern kann Ihr Mann
kannte mich er sah dass er mich gleichsam aus mir selbst herausführen und mir
beweisen musste dass es noch in meiner Gewalt stehe Gutes zu tun Dieser Gedanke
allein konnte mich ins tätige Leben zurückführen
Haben Sie Dank beste Freunde dass Sie meinen Entwurf zu einem Gesindhaus so
sehr billigen und erheben es dünkt mich als ob jemand meiner gebeugten Seele
die Hand reiche und sie liebreich ermuntere sich wieder zu erheben und mit
einem edlen Schritte vorwärts zu gehen da sie von dem kleinen dornichten Pfad
auf welchen sie durch einen blendenden Schein geraten war nun auf einen ebnen
Weg geleitet worden ist dessen Seiten freilich mit keinen glänzenden Palästen
und prächtigen Auftritten der großen Welt umfasst sind aber dagegen jedem ihrer
Blicke die reinen Reize der unverdorbenen Natur in ihren physischen und
moralischen Wirkungen zeigt
Diese Ermunterung hatte ich nötig meine Freunde weil ich schon so lange
dachte dass ich an dem edlen Stolz eines fehlerfreien Lebens keinen Anspruch
mehr zu machen habe indem ich die Hälfte meines widrigen Schicksals meiner
eignen Unbedachtsamkeit zuzuschreiben hätte und die Frucht dieser Betrachtung
war Unterwerfung und Geduld Hätte ich nach den Regeln der Klugheit gehandelt
und durch mein heimliches Verbindnis und Fliehn keine Gesetze beleidigt so
hätte ich in der Idee einer übenden Standhaftigkeit und Großmut schon eine
Stütze des edlen Stolzes gefunden welche der Schuldlose ergreift wenn er durch
Bosheit anderer und unvorgesehenes Unglück in dem Genuss seines Vergnügens
gestört wird Er kann seine Beleidiger mit Herzhaftigkeit ansehen oder seinen
Blick mit ruhiger Verachtung von ihnen wenden Er sieht sich nicht nach
Freunden die ihn bedauern sondern nach Zeugen seines bewundernswürdigen
Betragens um unter diesen Beschäftigungen seines Geistes stärkt sich seine
Seele und sammelt ihre Kräfte um den Berg der Ehre und des Wohlergehens auf
einer andern Seite zu ersteigen Ich aber musste mich durch die Erinnerung meiner
Unvorsichtigkeit in den Schleier der Verborgenheit hüllen ehe ich mich der
neueren Führung meines Geschickes überließ Dennoch sehe ich blühende Blumen
welche die Hoffnung eines guten Erfolgs zum Besten vieler Nachkommenden auf
meine nun betretenen Wege ausstreuet Ruhe und Zufriedenheit lächeln mir zu die
Tugend hoffe ich wird mein Flehen erhören und meine beständige Begleiterin
sein Das Glück meines Herzens wird größer und edler da es Anteil an dem
Wohlergehen so vieler anderer nimmt seine angenehmsten Gewohnheiten und Wünsche
vergisst und sein Leben und seine Talente zum Besten seines Nächsten verwendet
Aber bei jedem Schritte meines itzigen Lebens vergrößert sich das Glück meiner
genossenen Erziehung worin mir alles in den richtigen moralischen Gesichtspunkt
gestellt wurde Nach diesem bildete man meine Empfindungen währenddem mein
Verstand zu Beobachtungen über verkehrte Begriffe und dadurch eingewurzelte
Gewohnheiten geleitet wurde
Wie glücklich ist es für mein Herz dass mir die Wahrheit dass vor Gott kein
anderer als der moralische Unterschied unserer Seelen stattfinde so tief
eingeprägt wurde Was hätte ich in meinen itzigen Umständen zu leiden wenn ich
mit den gewöhnlichen Vorurteilen meiner Geburt behaftet wäre Wie
verehrungswürdig wie verdienstvoll ist der kluge Gebrauch den meine geliebte
Eltern von der uns allen angeborenen Eigenliebe bei meiner Erziehung machten
Wären kostbare Kleider und Putz jemals ein Teil meiner Glückseligkeit gewesen
wie schmerzhaft wäre mir der Anzug meiner gestreiften Leinwand Reinlichkeit und
wohlausgesuchte Form meiner Kleider lassen meine ganze Weiblichkeit zufrieden
vom Spiegel gehen und was bleibt meiner höchsten Einbildung noch zu wünschen
übrig da ich mich in dieser geringen Kleidung mit Liebe und Ehrfurcht
betrachtet sehe und diese Gesinnungen allein dem Ausdruck meines moralischen
Charakters zu danken habe
Ich stehe früh auf ich lege mich an mein Fenster und sehe wie getreu die
Natur die Pflichten des ihr aufgelegten ewigen Gesetzes der Nutzbarkeit in allen
Zeiten und Witterungen des Jahres erfüllt Der Winter nähert sich die Blumen
sind verschwunden und auch bei den Strahlen der Sonne hat die Erde kein
glänzendes Ansehen mehr aber einem empfindsamen Herzen gibt auch das leere Feld
ein Bild des Vergnügens Hier wuchs Korn denkt es und hebt ein dankbares Auge
gen Himmel der Gemüsgarten die Obstbäume stehen beraubt da und der Gedanke
des Vorrats von Nahrung den sie gegeben mischet unter den Schauer des
anfangenden Nordwindes ein warmes Gefühl von Freude Die Blätter der Obstbäume
sind abgefallen die Wiesen verwelkt trübe Wolken gießen Regen aus die Erde
wird locker und zu Spaziergängen unbrauchbar das gedankenlose Geschöpf murret
darüber aber die nachdenkende Seele sieht die erweichende Oberfläche unsers
Wohnplatzes mit Rührung an Dürre Blätter und gelbes Gras werden durch
Herbstregen zu einer Nahrung der Fruchtbarkeit unsrer Erde bereitet diese
Betrachtung lässt uns gewiss nicht ohne eine frohe Empfindung über die Vorsorge
unsers Schöpfers und gibt uns eine Aussicht auf den nachkommenden Frühling
Mitten unter dem Verlust aller äußerlichen Annehmlichkeiten ja selbst dem
Widerwillen ihrer genährten und ergötzten Kinder ausgesetzt fängt unsere
mütterliche Erde an in ihrem Innern für das künftige Wohl derselben zu
arbeiten Warum sag ich dann warum ist die moralische Welt ihrer Bestimmung
nicht ebenso getreu als die physikalische Die Frucht der Eiche brachte niemals
was anders als einen Eichbaum hervor der Weinstock allezeit Trauben warum ein
großer Mann kleindenkende Söhne warum der nützliche Gelehrte und Künstler
unwissende elende Nachkömmlinge tugendhafte Eltern Bösewichter Ich denke
über diese Ungleichheit und der Zufall zeigt mir eine unzählige Menge
Hindernisse die in der moralischen Welt so wie es auch öfters in der
physikalischen begegnet Ursache sind dass der beste Weinstock aus Mangel guter
Witterung saure unbrauchbare Trauben trägt und vortreffliche Eltern schlechte
Kinder erwachsen sehen Etliche Schritte weiter in meiner Vorstellung stehe ich
still kehre in mich selbst zurück und sage ist nicht die helle Aussicht meiner
glücklichen Tage auch trübe geworden und der äußerliche Schimmer wie
vertrocknetes Laub von mir abgefallen vielleicht hat unser Schicksal auch
Jahreszeiten Ist es so will ich die Früchte meiner Erziehung und Erfahrung
während dem traurigen Winter meines Verhängnisses zu meiner moralischen Nahrung
anwenden und da die Ernte davon so reich war dem Armen dessen kleiner
ungebesserter Boden wenig trug davon mitteilen was ich kann Wirklich hab ich
einen Teil guter Samenkörner in eine dritte Hand gelegt um einen mageren dürren
Boden anzubauen Der sanften Freundschaft ist die Pflege anvertraut und ich
werde acht Tage lang die Oberaufsicht haben Leben Sie wohl
Madam Hills an
Herrn Prediger Br
Erschrecken Sie nicht lieber Herr Prediger dass Sie anstatt eines Briefes von
Madam Leidens einen von mir bekommen Sie ist nicht krank gewiss nicht aber die
liebe Frau hat mich auf vierzehn Tage verlassen und wohnt in einem ganz fremden
Hause wo sie viel arbeitet und was mir leid tut auch gar schlecht isst
hören Sie nur wie dies zuging O ein solcher Engel ist noch nie in eines
Reichen noch in eines Armen Hause gewesen Ich kann das nicht so sagen was ich
denke und schreiben kann ich gar nicht Doch sehen Sie Ihre Frau weiß wie arm
der Herr G nach Verlust seines Amts mit Frau und Kindern gewesen ist Nun ich
gab immer was aber ich konnte die Leute nicht dulden jedermann sagte auch dass
er hochmütig und sie nachlässig wäre und dass alles Gute an ihnen verloren sei
Dies machte mich böse und ich redte davon mit der Jungfer Lene der ich auch
Hilfe gebe sie arbeitet aber auch Madam Leidens war dabei und fragte die
Jungfer nach den Leuten und sie erzählte ihr den ganzen Lebenslauf weil sie
von Kind auf beisammen gewesen waren Den andern Tag besuchte Madam Leidens die
Frau G und kam sehr gerührt nach Hause Beim Nachtessen sagte sie mir von den
Leuten so viel Bewegliches dass ich über sie weinte und ihnen so gut wurde dass
ich gleich sagte ich wollte Eltern und Kinder versorgen Aber dies wollte sie
nicht haben Den folgenden Morgen aber brachte sie mir dies Papier Sie müssen
mirs wiedergeben es soll bei meinem Testamente liegen mit meiner Unterschrift
und ein Lob auf Madam Leidens von meiner eigenen Hand und noch etwas für Madam
Leidens das ich jetzt nicht sage Sie ging zu ihren Mädchen und ließ mir das
Papier Ich habe mein Tage nichts klüger ausgedacht gesehen Zween Fische mit
einer Angel zu fangen und die Leute klug und geschickt zu machen nun dies
versteht sie recht schön Ich verwunderte mich und weinte zweimal weil ich es
zweimal durchlesen musste um es recht zu fassen Ich schrieb darunter alles
alles bewilligt und gleich auf morgen aber dies sagte ich ihr mündlich und
ich schrieb es auch auf das Papier wenn ichs zum Testament lege dass sie mich
nicht ihre Wohltäterin nennen soll Was gab ich ihr dann ein bisschen Essen
und ein Zimmerchen Aber warten Sie nur ich will schon was aussinnen sie
soll nicht aus meinem Hause kommen wie sie meint Wenn ich nur noch den Bau
meines Gesindhauses erlebe da lass ich ihren Namen zu dem meinigen in Stein
hauen und da heiße ich sie meine angenommene Tochter und da wird sich jeder
wundern dass sie mein Geld nicht für sich behalten und einen andern hübschen
Mann genommen habe und da lobt man mich und sie zusammen und dies gönn ich
ihr recht wohl Sie muss mir auch arme Kinder aus der Taufe heben damit es
Kinder mit ihrem Namen hier gibt und diese sollen wie meine Ännchens
vorzüglich in mein Gesindhaus kommen
Meine Brille machte mich müde ich konnte heute früh nicht weiterschreiben
und da mir die Zeit nach Madam Leidens lang war so ging ich schnurgerad hin ins
Haus der Frau G Es reute mich weil mir die Leute so viel dankten und
vielleicht geglaubt haben ich wäre deswegen gekommen und es geschah doch bloß
um meine Tochter zu sehen denn ich sag Ihnen wenn sie zurückkömmt muss sie
mich ihre Mutter nennen
Ich ließ mein Aufwartmädchen die Türe ein wenig aufmachen und es war gewiss
schön in dem Zimmer durch die Leute darin nicht durch die Möbeln denn es sind
keine schöne da Strohstühlchen und ein Paar Tische In einer Ecke war der Vater
mit dem ältesten Sohne der bei ihm schrieb und rechnete im halben Zimmer der
andre Tisch Frau G strickte Jungfer Lene saß zwischen den zwo kleinen Mädchen
und lehrte sie nähen Madam Leidens hatte ein Bouquet italienischer Blumen vor
sich die sie für Stühle zum Verkauf abzeichnet Der jüngere Sohn und die
älteste Tochter sahen ihr auf die Finger und sie redte recht süß und freundlich
mit ihnen Ich musste über sie weinen und auch über die Kinder die sie so lieb
haben und mir so dankten Der wilde Mann wurde rot wie er mir dankte und die
Frau lachte ganz leichtsinnig dabei das tut aber nichts ich will ihnen wie es
Madam Leidens veranstaltete aufhelfen bis sie ganz auf den Beinen sind und
Jungfer Lene soll den ersten Platz der Lehrmeisterinnen für Kammerjungfern
haben Ich ließ zartes Abendbrot und gutes Obst holen Sie können nicht glauben
wie die Kinder Freude daran hatten aber Madam Leidens war nicht damit
zufrieden Sie fürchtet die geringen Speisen welche das wenige Vermögen
zulässt möchten jetzt den Kindern nicht mehr so lieb sein sie sagt sie wolle
sie nicht durch den Magen belohnen und jetzt gebe ich nichts wieder Sie aß auch
nur einen Apfel und ein Stück Hausbrot Ich fragte sie darum und sie sagte zu
der Tochter solche Äpfel können wir in unserm Garten ziehen aber dies Brot
kann nur eine Madam Hills backen lassen Da hatte ichs Aber ich wurde nicht
böse sie hatte recht Sie will nicht dass man gewöhnliches Brot essen für
Unglück halte Nun sind acht Tage vorbei dass sie bei den Leuten ist künftige
Woche kommt sie wieder zu mir und da wird sie Ihnen schreiben Beten Sie für
das liebe Kind und für mein Leben O niemals werde ich vergessen dass Sie mir
diese Person anvertrauten ich war mein Tage nicht so fröhlich mit allem meinem
Gelde als ich es bin seit ich sie bei mir habe
Plan der Hilfe für die Familie G und die Jungfer Lene
Meine liebe Wohltäterin hat mir aufgetragen meine Gedanken der Hilfe für die
Familie G aufzuschreiben Ich möchte mit diesen aus eigener Schuld elend
gewordenen Leuten gerne umgehen wie der Arzt mit einem Kranken der seine
Gesundheit mutwillig verdorben hat er tut alles was zur Hilfe nötig ist aber
er verbindet seine Verordnungen zugleich mit Ausübung einer Diät die er ihm
durch Vorstellung der künftigen Gefahr und der vergangenen Leiden
augenscheinlich notwendig macht durch eine langsame aber anhaltende Kur hilft
er ihm zu neuen Kräften so dass er endlich wieder ohne Arzt leben kann Zu sehr
stärkende Mittel gleich anfangs gebraucht würden das Übel in dem Körper
befestigen und also für die Zukunft schädlich sein Der Familie G würde es mit
großen Geschenken auch so ergehen wir wollen ihr also mit Vorsicht zu Hilfe
kommen und die Wurzel des Übels zu heilen suchen
Die wohltätige Güte der Madam Hills gibt anfangs die nötigen Kleider Leinen
und Hausgeräte Von den ersten wurden nur die allerunentbehrlichsten Stücke
schon verfertigt gegeben das übrige aber im Ganzen damit die Frau und ihre
Töchter es mit eigener Handarbeit zurechte machen und wenn sie damit fertig
sind so bekommen sie einen Vorrat an Flachs und Baumwolle um selbige zu
verarbeiten und in Zukunft das Abgehende an Leinen und baumwollenen Zeuge
ersetzen zu können und dieses ist die Sache der Mütter und Töchter
Die Talente und den Stolz des Herrn G will ich dahin zu bringen suchen
seinen zerfallenen Ruhm durch die Bemühung einer guten Kinderzucht wieder
aufzubauen Erziehung ist er seinen Kindern schuldig das Vermögen hat er nicht
Lehrmeister zu bezahlen wie edel wär es wenn er mit Fleiß und Vatertreue den
Schaden des verschwendeten Vermögens ersetzte und seinen Kindern Schreib und
Rechnungsunterricht gäbe Für das Latein der Söhne erhalten Madam Hills zween
Plätze welche armen Schülern bestimmt sind Herr G hält aber die Lehr und
Wiederholungsstunden selbst mit ihnen und gewiss würde man einem Mann der seine
väterliche Pflichten so getreu erfüllte mit der Zeit ein Amt des Vaterlandes
anvertrauen Nun kommt die Betrachtung dass die beschuldigte Nachlässigkeit der
Frau G alles wieder zugrunde richten würde diesem Übel hoffe ich durch die
Jungfer Lene zuvorzukommen
Sie war die Jugendfreundin der Frau G und hat von ihren Eltern Gutes
genossen Ich denke sie würde es der Tochter gerne vergelten wenn sie nicht
selbst arm wäre da sie aber einen vorzüglichen Reichtum an Geschicklichkeit
besitzt so könnte sie dadurch eine Wohltäterin ihrer Freundin werden wenn sie
das Amt einer Aufseherin über den Gebrauch der Wohltaten und der Lehrmeisterin
bei den Töchtern der Frau G verwalten wollte
Madam Hills tun der Jungfer Lene Gutes ich weiß dass sie dankbar sein
möchte und wie kann sie es auf eine rühmlichere Art werden als wenn sie ihrer
eignen Beschützerin die Hände reicht um ihre unglückliche Freundin aus dem
Verderben zu ziehen Und mit wie vieler Achtung wird sie von den besten
Einwohnern angesehen werden wenn sie durch die Güte ihres Herzens die Grundlage
der Wohlfahrt von drei unschuldigen Kindern befestigen und bauen hilft
Wenn meine teure Frau Hills mit diesen Gedanken zufrieden sind so will ich
sie dem Herrn und der Frau G wie auch der Jungfer Lene vortragen und dann
bitte ich mir zu erlauben auf zwo Wochen in dem Hause des Herrn G zu wohnen
um ihnen zu zeigen dass diese Vorschriften zu der Verwendung ihres Lebens nicht
hart und nicht unangenehm sind Denn ich will durch gute Worte und Achtung den
Mann an sein Haus und an seine Familie gewöhnen und dann einige Tage die Stelle
der Mutter und wieder einige die Stelle der Jungfer Lene bekleiden und daneben
die Herzen der Kinder zu guten Neigungen zu lenken und ihre Fähigkeiten
ausfindig zu machen suchen um sie mit der Zeit nach ihrem besten Geschick
anzubauen Aber in Kleidung Essen Hausgeräte sollen sie noch den Mangel fühlen
und durch dieses Gefühl zu Erkenntnis und Aufmerksamkeit kommen bis sie durch
Genügsamkeit Fleiß und gute Gesinnungen wieder in die Klasse eintreten können
aus der sie durch Verschwendung und Sorglosigkeit gefallen sind Vorwürfe werde
ich ihnen nicht machen aber ich werde ihnen durch Erzählung einiger Umstände
meines Lebens die Zufälligkeit des Glücks beweisen und den Kindern sagen dass
mir nichts als meine Erziehung übriggeblieben sei welche mir die Freundschaft
von Madam Hills und die Gelegenheit gegeben hätte ihnen Dienste zu leisten
Dann werde ich auch von dem Stolze reden können der uns bloß führen soll einen
edlen Gebrauch von Glück und Unglück zu machen Denn ich möchte nicht bloß ihren
Körper ernährt und gekleidet sehen sondern auch die schlechten Gesinnungen
ihrer Seele gebessert und ihren Verstand mit schicklichen Begriffen erfüllt
wissen
Madam Leidens an Emilien
Nun bin ich wieder zu Haus und wollte Ihnen von der Aussaat reden wovon mein
letzter Brief sagte dass ich sie einer dritten Hand anvertrauen würde aber
Madam Hills erzählt mir dass sie Ihnen alles geschrieben habe O meine Freundin
wie schön wäre der moralische Teil unsers Erdkreises wenn alle Reichen so
dächten wie Madam Hills die sich freut wenn man ihr Gelegenheit gibt ihre
Glücksgüter wohl anzuwenden Sie meine Emilia sollen die Beweggründe sehen
die mich dazu brachten der Jungfer Lene das Verwaltungsamt zu geben Sie
wissen wie ich die arme Familie kennenlernte eben diese Person redte bei Frau
Hills von ihren Umständen Ich bemerkte in ihrem halb mitleidigen halb
anklagenden Ton eine Art von Neid über die Wohltaten welche jene genossen und
die Begierde sie allein an sich zu ziehen Sie sprach zugleich viel davon wie
sie es an der Stelle von Frau G machen würde Ich ärgerte mich so kalte und
übeltätige Überbleibsel einer so stark gewesenen Jugendfreundschaft anzutreffen
und hatte Mut genug den Plan zu fassen dieses halb vermoderte Herz zu dem
Nutzen seiner ersten Freundin brauchbar zu machen Ich ließ sie nichts von
meinen Betrachtungen über sie merken und sagte ihr nur dass sie mich in das Haus
führen sollte Der Anblick des Elends und die Zärtlichkeit welche ihr die Frau
bewies rührte sie und in dieser Bewegung nahm ich sie in mein Zimmer las ihr
meinen Plan vor und malte mit den lebhaftesten Farben die Schönheit der Rolle
die ich ihr auftrüge worin sie sich das Wohlgefallen Gottes und die Achtung und
die Segnungen aller Rechtschaffenen zu versprechen hätte Ich überzeugte sie
dass sie mehr Gutes tue als Frau Hills welche bei ihren Geldgaben nur das
Vergnügen genösse von ihrem Überflusse von Zeit zu Zeit etwas abzugeben da
hingegen ihre tägliche Bemühungen und ihre Geduld die Tugenden des edelsten
Herzens sein würden Ich gewann sie um desto leichter weil ich ihr das Lob der
Madam Hills dadurch zuzog dass ich sagte der Einfall wäre ihr selbst gekommen
Mein Plan wurde bewilligt und ich führte ihn die ersten zwo Wochen selbst aus
Die Annahme einer Verwalterin schien beschwerlich aber ich erhielt doch die
Einwilligung besonders da ich sagte dass ich selbst vierzehn Tage bei ihnen
wohnen würde
Den ersten Tag legte ich ihnen die Geschenke von Madam Hills vor teilte
jedem das seinige mit Ermahnung zur Sorgfalt zu und sagte ihnen dass sie durch
Schonen und sparsamen Gebrauch der Wohltaten teils ihre Dankbarkeit teils ein
edles Herz zeigen würden welches die Güte die man ihm beweist nicht
missbrauchen möchte Hierauf sagte ich wie ich ihre Umstände ansähe und was ich
für einen Plan ihres Lebens und ihrer Beschäftigungen daraus gezogen hätte bat
aber jedes mir seine Wünsche und Einwendungen zu sagen
Ehe ich diese beantwortete machte ich ihnen einen kurzen und nützlichen
Auszug meiner eigenen Geschichte Ich blieb besonders bei dem Artikel des
Ansehens und Reichtums stehen worin ich geboren und erzogen worden sagte ihnen
meine ehemaligen Wünsche und Neigungen auch wie ich mir sie jetzt versagen
müsse und schloss diese Erzählung mit freundlichen Anwendungen und Zusprüchen
für sie Durch dieses öffnete sich ihr Herz zum Vertrauen und zur
Bereitwilligkeit meinem Rate zu folgen Die besten Sachen so eine reiche und
glückliche Person gesagt hätte würden wenig Eindruck gemacht haben aber der
Gedanke dass auch ich arm sei und andern unterworfen leben müsse brachte
Biegsamkeit in ihre Gemüter Ich fragte was sie an meiner Stelle würden getan
haben Sie fanden aber meine Moral gut und wünschten auch so zu denken Darauf
ging ich in den Vorschlag ein was ich an ihrem Platze tun würde und sie waren
es herzlich zufrieden O dacht ich wenn man bei Beweggründen zum Guten
allezeit in die Umstände und Neigungen der Leute einginge und der uns allen
gegebenen Eigenliebe nicht schnurstracks Gewalt antun wollte sondern sie mit
eben der Klugheit zum Hilfsmittel verwände wodurch der schmeichelnde Verführer
sie zu seinem Endzweck zu lenken weiß so würde die Moral schon langst die
Grenzen ihres Reichs und die Zahl ihrer Ergebenen vergrößert haben
Eigenliebe angenehmes Band welches die liebreiche Hand unsers gütigen
Schöpfers dem freien Willen anlegte um uns damit zu unsrer wahren
Glückseligkeit zu ziehen wie sehr hat dich Unwissenheit und Härte verunstaltet
und die Menschen zu einem unseligen Missbrauch der besten Wohltat gebracht
Lassen Sie mich zurückkommen
Am zweiten Tag stellte ich die Frau G vor und in ihrer Person sprach ich
mit Jungfer Lene von unsrer alten Liebe und wie gern ich ihr die Stelle gönnte
die sie in meinem Hause zu vertreten hätte da ich glaubte sie würde den
Gebrauch eines guten Herzens davon machen Ich sagte was ich nach dem Willen
der Frau G mit der ich allein vorher gesprochen hatte von ihr wünschte wies
die Töchter an sie an und setzte hinzu dass wir allezeit alles gemeinschaftlich
überlegen und vornehmen wollten Sodann war ich zween Tage Jungfer Lene und
die folgenden drei in der Stelle der drei Töchter
Unter dem Arbeiten machte ich sie durch Hilfe der Religion mit dem
beruhigenden Vergnügen bekannt welches die Betrachtung der Natur in
verschiedenem Masse in unser Herz gießt Frau Hills schaffte Bücher an die ich
ausgesucht hatte und die beiden Söhne mussten wechselsweise etwas daraus
vorlesen wobei ich die Kinder immer Betrachtungen und Anwendungen machen
lehrte Die zwo ältesten Mädchen haben viel Geschicke und Verstand Ich lehrte
sie meine Tapetenarbeit und die Älteste Zeichnungen dazu zu machen Ich
ermunterte ihren Fleiß durch den Stolz indem ich ihnen sagte dass sie diese
Arbeit entweder ganz an Kaufleute verhandeln oder sich um die Hälfte wieder neue
Wolle schaffen und für die andre etwas eintauschen könnten so ihnen nötig wäre
ich versprach ihnen auch diese Arbeit sonst niemanden zu lehren Nun sitzen des
Tags die zwo Mädchen und die Mutter daran weil die Vorstellung vom Verhandeln
ihrer Eitelkeit schmeichelt
Jungfer Lene sagt dass alles gut fortgehe und ist daselbst ungemein
vergnügt da sie wegen ihrer Aufsicht und Probe einer wahren Freundschaft so
sehr gelobt wird
Ich habe das Haus mit Tränen verlassen und werde alle Wochen zween halbe
Tage hingehen Die vierzehn Tage die ich da zubrachte flossen voll Unschuld
und Friede dahin eine jede Minute davon war mit einer übenden Tugend erfüllt
da ich Gutes tat und Gutes lehrte Nun bitten Sie Gott liebste Emilia dass er
diese kleine Saat meiner verarmten Hand zur reichen Ernte für das Wohl dieser
Familie werden lasse Niemals nein niemals haben mir die Einkünfte meiner
Güter welche mich instand setzten dem Armen durch Geldgaben zu Hilfe zu
kommen soviel wahre Freude gegeben als der Gedanke dass mein Herz ohne Gold
allein durch Mitteilung meiner Talente meiner Gesinnungen und etlicher Tage
meines Lebens das Beste für diese Familie getan hat
Meine kleinen Zeichnungen sind Ursache dass der zweite Sohn zu einem
Mignatürmaler kommt weil der junge Knabe sie mit der größten Pünktlichkeit und
außerordentlich fein nachahmte
Die ganze Familie liebt und segnet mich Madam Hills lässt bereits die Steine
zum Gesindhaus führen und behauen Denken Sie nicht beste Freundin dass sich zu
gleicher Zeit dauerhafte Grundteile eines neuen moralischen Glücksbaues in
meiner Seele sammlen worin meine Empfindungen Schutz und Nahrung finden werden
bis der Sturm von sinnlichem Unglück vorüber sein wird der den Wohnplatz meines
äußerlichen Wohlergehens zerstörte
Madam Leidens an Emilien
Emilia fragen Sie den metaphysischen Kopf Ihres Mannes woher der Widerspruch
käme der sich zwischen meinen stärksten immerwährenden Empfindungen und meinen
Ideen zeigte als ich von Frau Hills gebeten wurde ihre liebste Freundin die
schöne anmutsvolle Witwe von C zu einem gütigen Entschluss für einen ihrer
Verehrer bereden zu helfen Woher kam es dass ich der Liebe und dem aus ihr
kommenden Glück irgendeines Mannes das Wort reden konnte da die Fortdauer
meiner durch die Liebe erfahrnen Leiden mich eher zur Unterstützung der
Kaltsinnigkeit der schönen Witwe hätte dringen sollen Ich kann nicht denken
dass allein der Geist des Widerspruchs durch welchen es uns natürlich ist
anders zu denken als andre Leute daran Ursache sei Oder wäre es möglich dass
in einem Stücke meines durch die Hände der Liebe zerrissenen Herzens noch ein
Abdruck der wohltätigen Gestalt geblieben wäre worunter ich mir einst in den
heitern Tagen meiner lächelnden Jugend ihr Bild vormalte Oder konnte wohl der
lange Gram meine junge Vernunft zu dem Grade der Reife gebracht haben welcher
nötig ist mich über die Umstände einer andern Person ohne alle Einmischung
meiner eignen Empfindungen nachdenken und urteilen zu lassen Sie sehen dass ich
über mich zweifelhaft bin helfen Sie mir zurechte
Hier ist mein Gespräch mit der Witwe
»Vier rechtschaffene Männer bewerben sich um Ihre Gunst woher kommt es
teuerste Frau von C dass Sie so lange wählen«
»Ich wähle nicht ich will meine Freiheit genießen die ich durch so viele
Bitterkeit erkaufen musste«
»Sie haben nicht unrecht Ihre Freiheit zu lieben und auf alle Weise zu
genießen der edelste Gebrauch davon wäre aber doch derjenige aus freiem Willen
jemanden glücklich zu machen«
»O das Glück wovon Sie reden ist meistens nur in der feurigen Phantasie
eines jetzt brennenden Liebhabers und verschwindet sobald die erloschene Flamme
ihr Zeit gibt sich wieder abzukühlen«
»Dieses meine geliebte Frau von C kann wahr sein wenn die Liebe eines
jungen Mannes allein durch die Augen entstanden ist und an der Seite des
blühenden Mädchens lodert deren unausgebildeter Charakter diesem Feuer keine
dauerhafte Nahrung geben kann Aber Sie die wegen Ihrem Geist wegen Ihrem
edlen Herzen geliebt werden Sie sind sicher es unauslöschlich zu machen«
»Meine Verdienste hätten also die Eigenschaft des persischen Naphta aber
in welchem meiner Liebhaber liegt das Herz welches ein gleichdauerndes Feuer
aushalten könnte«
»In jedem denn Liebe und Glückseligkeit sind der unverzehrbare Stoff
woraus unsere Herzen gebaut sind«17
»Jeder hat aber auch eine eigene Idee von der Glückseligkeit ich könnte
also bei meiner zwoten Wahl wieder just das Herz treffen dessen Begriffe von
Glückseligkeit nicht mit meinem Charakter übereinstimmten und da verlören wir
beide«
»Ihre Ausflucht ist fein aber nicht richtig Zehn Jahre welche zwischen
der ersten und letzten Wahl stehen haben durch viele Erfahrungen Ihren
Einsichten die Kraft gegeben die Verschiedenheit der Personen und Umstände zu
beurteilen und besonders die Gewalt zu bemerken mit welcher die letztere Sie in
Ihre erste Verbindung hineingezogen«
»Wie genau Sie alles hervorsuchen Aber sagen Sie liebe Madam Leidens wen
würden Sie wählen wenn Sie an meiner Stelle wären«
»Den von dem ich hoffte ihn am meisten glücklich machen zu können«
»Und dies wäre in Ihren Augen «
»Der liebenswürdige Gelehrte dessen schöner und aufgeklärter Geist Ihnen
das Vergnügen gewährte dass nicht die geringste Schattierung Ihrer Verdienste
ungefühlt und ungeliebt blieben in dessen Umgang der edelste Teil Ihres Wesens
unendliche Vorteile genießen könnte indem er Sie an der Hand der Zärtlichkeit
durch das weite Gebiet seiner Wissenschaft führen würde wo sich Ihr Geist so
angenehm unterhalten und stärken könnte Wie glücklich würde sein gefühlvolles
Herz durch das Vergnügen durch die Verdienste und die Liebe seiner schätzbaren
Gattin werden und wie glücklich würde Ihre empfindsame Seele durch das von
Ihnen geschaffene Glück dieses würdigen Mannes sein wie süß wäre Ihr Anteil an
seinem Ruhm und an seinen Freunden«
»O Madam Leidens wie stark malen Sie die schöne Seite Soll ich nicht
sehen dass alle Stärke dieser schätzbaren Empfindlichkeit sich auch bei meinen
wahren und zufälligen Fehlern zeigen würde und wohin neigt sich da die
Waagschale der Glückseligkeit«
»Dahin wo Ihre angeborene Sanftmut und Gefälligkeit sie festhalten wird«
»Gefährliche Frau wie viele Blumen Sie auf die versteckte Kette streuen«
»Sie tun mir unrecht ich zeige nur den Vorrat von Blumen deren Wert ich
kenne und die Ihnen die Liebe anbietet um eine Kette von Zufriedenheit daraus
zu binden «
»Und übersehen die Menge von Dornen welche unter diesen Rosen verborgen
sind «
»Darauf antworte ich nicht ich würde Ihre Klugheit und Billigkeit
beleidigen«
»Werden Sie nicht böse und weisen Sie mir noch die schönen Farben der
übrigen Bänder wovon Sie mir Schleifen knüpfen wollen«
»Kommen Sie vielleicht wird der artige Übermut den Ihnen Ihre vorzügliche
Liebenswürdigkeit gibt durch die Eigenschaften der Geburt und Person eines der
edelsten Söhne des preußischen Kriegesgotts leichter gezähmt als durch die
sanfte Hand der Musen dies Band ist schön ein glänzender Name Edelmütigkeit
der Seele wahre Liebe und Verehrung Ihres Charakters ist darin verwebt
goldene Streifen des angesehenen Rangs des neuen schönen Kreises in den Sie
dadurch versetzt werden liegen im Grunde Blicke in angenehme Gegenden wo
Ihnen die Briefe der hochachtungswürdigen Frau von zeigen dass seine Liebe
Ihnen schon Freundinnen und Verehrer bereitet hat und verdiente nicht schon die
großmütige Aufopferung aller Vorrechte des alten Adels das Gegenopfer Ihrer
Unschlüssigkeit und Ihres Misstrauens«
»Zauberin wie künstlich mischen Sie Ihre Farben«
»Warum Zauberin liebste Frau von C fühlen sie den starken Reiz der
strahlenden Fäden womit der Zufall dies Band umwunden hat«
»Ja aber dem Himmel sei Dank Sie schrecken mich just deswegen weil Sie
mich blenden«
»Liebenswürdige Schüchternheit o könnte ich dich in die Seele jedes
gefühlvollen Geschöpfs legen welches von den schönen Farben eines Kunstfeuers
angelockt verblendet und auf einmal in der grausamen Finsternis eines traurigen
Schicksals verlassen wird«
»Liebe Frau wie rührend loben Sie mich wie sehr erwecken Sie die
mütterliche Sorgen für meine anwachsende Tochter«
Zärtlich umarmte ich sie für diese edle Bewegung ihres von wahrer Güte
belebten Herzens »gönnen Sie mir sagte ich in diesem der Empfindung
geweiheten Augenblicke Ihre Aufmerksamkeit für die in Wahrheit wenig
schimmernde aber fest gegründete Zufriedenheit die Sie in dem artigen
Landhause des Herrn T erwartet worin Sie durch einen edelmütigen Entschluss
zugleich drei der heiligsten Pflichten erfüllen könnten die sehnlichen Wünsche
eines verdienstvollen angenehmen Mannes zu krönen der Sie nicht um der Reize
Ihrer Person willen denn diese kennt er nicht sondern wegen dem reizenden
Bilde liebt so ihm von Ihrer Seele gemacht wurde der nachdem er allen
Ausdruck seiner Empfindungen für Sie erschöpft hatte mit der edelsten Bewegung
die jemals das Herz eines Reichen erschütterte hinzusetzte Ihre Tochter sollte
das Kind ihres Herzens werden und alles sein Vermögen ihr zugewandt sein Würden
Sie nicht dadurch zugleich der mütterlichen Pflicht auch für die äußerliche
Glückseligkeit ihres Kindes zu sorgen genugtun Und konnte die gehorsame
Ergebung des Willens Ihrer jugendlichen Jahre dem Herzen Ihres ehrwürdigen
Vaters jemals so viele Freude machen als Sie ihm in den letzten Jahren Ihrer
Freiheit machen würden wenn Sie seinen Rat seine zärtlichen Wünsche für eine
Verbindung befolgten wodurch Sie ihm genähert und in den Stand gesetzt würden
sein väterliches Herz in dem letzten Teile seines Lebens für alle Mühe der
Erziehung seiner Kinder zu belohnen Bedenken Sie sich liebreiche und gegen
alle Menschen leutselige und wohltätige Frau Ich will Ihnen nichts von der
hochachtungswürdigen Hand sagen die in einer unsrer schönsten Residenzstädte
auf den gütigen Wink der Ihrigen wartet wo eine Anzahl verdienstvoller Personen
Ihnen Bürge für die Tugend des Herzens für die Kenntnisse des Geistes und für
die zärtliche Neigung sind die einer der schönsten und besten Männer für Sie
ernährt und der darum der Glücklichste wurde weil er in Ihnen die beste
würdigste Mutter für seine zwei Kinder zu erhalten hoffte Sie wissen dass er
ein edler Besitzer eines schönen Vermögens ist und kennen alle
gesellschaftlichen Annehmlichkeiten die in dieser Stadt auf Sie warten
Aber tun Sie liebenswürdige Frau von C was Sie wollen ich habe Ihnen die
Beweggründe meines Herzens gesagt ich weiß wohl dass wir alle einen
verschiedenen Gesichtspunkt über den nämlichen Gegenstand haben und unser Gefühl
danach richten doch ist eine Seite die wir alle betrachten müssen die
Glückseligkeit unsers Nächsten ebensosehr als die unsrige zu lieben und sie
nicht aus kleinen Beweggründen verzögern«
»Sie haben mein Herz in die äußerste Verlegenheit gebracht sagte sie mir
mit Tränen aber meine traurige Erfahrung empört sich wider jede Idee von
Verbindung ich wünsche diesen Männern würdigere Gattinnen als Sie sich mich
abschildern aber mein Nacken ist von dem ersten Joche so verwundet worden dass
mich das leichteste Seidenband drücken würde«
»Ich habe die Bitte Ihrer Freundin erfüllt und nichts anders bei Ihrem
Entschlusse zu sagen als dass Sie immer glücklich sein mögen«
Sie umarmte mich und ich bat Madam Hills bei meiner Zurückkunft die liebe
Frau ruhig zu lassen wunderte mich aber in meinem Zimmer über den Eifer womit
ich mich in diese Sache gemischt hatte
Klaren Sie mir das Dunkle in meiner Seele darüber auf es dünkt mich dass
ich lauter unrechte Ursachen hasche
Lord Seimour an Doktor T
Bester Freund geben Sie mir Ihren Rat um mich in dem Kummer zu erhalten in
welchen ich aufs neue und gewiss auf ewig gefallen bin Sie wissen dass ich
meine Leidenschaft für das Fräulein von Sternheim ganz unterdrückt hatte weil
die Versicherung ihres niederträchtigen Bündnisses mit John ihren Geist und
Charakter aller meiner Hochachtung beraubte Ich Eng auch an eine ruhige und
reizende Liebe zu kosten indem ich meine ganze Zärtlichkeit dem Fräulein von C
widmete und der ihrigen völlig versichert war als mein Oheim unversehens den
Befehl vom Hofe erhielt eine Reise nach W zu machen Die Empfindlichkeit des
liebenswürdigen Fräuleins von C hatte vieles bei unserer Trennung zu leiden
und ich war ebenso traurig als sie Missvergnügt und murrend über die Fesseln
welche mir der Ehrgeiz meiner Familie und die Zuneigung von Mylord Crafton
anlegten saß ich stumm und finster neben dem liebreichsten Manne dessen feste
Ruhe des Geistes meinen empörten Empfindungen ärgerlich war so dass ich der
Geduld nicht achtete mit welcher er meine Unart ertrug Aber mein Freund
stellen Sie sich wenn es möglich ist die Bewegung vor in die ich geriet als
wir den zweiten Tag abends bei sehr schlimmen Wetter durch Versehen des
Postillions auf ein Dorf kamen wo wir übernachten mussten am Wirtshause
anfuhren und eben aussteigen wollten als die Wirtin auf einmal anfing »Was
Sie sind Engländer fahren Sie fort ich lasse Sie nicht in mein Haus Sie
können meinetwegen im Walde bleiben aber meine Schwelle soll kein Engländer
mehr betreten« Wahrend dem letztem Worte zog sie ihren Sohn der wie ein
wackerer Mensch aussah und ihr immer zuredete beim Arme gegen die Türe des
Hauses so sie zuschliessen wollte Der schreiende Unwille dieser Frau war
seltsam genug um mich aufmerksam zu machen unsere Kerls schrien und zankten
wieder die Postillions auch Mylord befahl unsern Leuten zu schweigen und sagte
zu mir »Hier muss etwas Ernstaftes vorgegangen sein da es wichtig genug ist
die gewöhnliche Gewinnbegierde dieser Leute zu unterdrücken«
Er rief der Frau freundlich zu sie möchte ihm die Ursache sagen warum sie
uns nicht aufnehmen wollte
»Weil die Engländer gewissenlose Leute sind die sich nichts aus dem
Unglücke der besten Menschen machen und ich meine Tage keinen mehr beherbergen
will fahren Sie mit Ihren schönen Worten nur fort Sie können alle so schöne
Worte geben« Sie wandte sich von uns weg und sagte zu ihrem Sohne der ihr
vermutlich wegen dem Gewinn zuredete »Nein und wenn sie meine Stube voll Gold
steckten so brech ich mein Gelübde nicht das ich der lieben Dame wegen tat «
Ich kochte vor Ungeduld aber Mylord der von seiner Parlamentsstelle her
gewohnt war den wütenden Aufwallungen des Pöbels nachzugeben winkte ganz ruhig
dem Sohne und fragte ihn um die Ursache der Abneigung und der Vorwürfe seiner
Mutter
»Vor einem halben Jahre« antwortete dieser »führte ein Engländer seine
Frau eine schöne gütige Dame zu uns er ging weg und kam wieder nachdem er
viele Wochen weggewesen indessen hatte die junge Frau die immer sehr
traurig war meine Basen gekleidet sie viele hübsche Sachen gelehret und den
Armen viel Gutes getan o sie war so sanft als ein Lamm sogar mein Vater wurde
sanft seit sie in unserm Hause war wir mussten sie alle lieben Aber einen Tag
da der böse Lord lange weggewesen kam einer seiner Leute geritten und sagte er
hätte Briefe an die Dame wir fragten ob sein Herr bald käme nein sagt er
er kommt nicht wieder hier ist noch Geld für den übrigen Monat und dies sagte
er wild und trotzig wie ein böser Hund Meiner Mutter ahndete nichts Gutes und
sie schlich sich in eine Nebenkammer um auf den Brief zu horchen da sah sie
unsre liebe schöne Dame auf der Erde knien und weinen und ihrem Kammermädchen
erzählen in dem Briefe stünde ihre Heurat wäre falsch gewesen der Bote der
ihn gebracht wäre in einen Geistlichen verkleidet gewesen und hätte sie
eingesegnet sie könne hin wo sie wolle da ist sie auch zwei Tage darauf fort
aber sie muss unterwegs gestorben sein so krank und betrübt war sie da will nun
meine Mutter keinen Engländer mehr ins Haus aufnehmen«
Mylord sah mich gerührt an
»Karl was sagt dein Herz zu dieser Erzählung«
»O Mylord es ist mein Fräulein Sternheim« schrie ich »aber der Bösewicht
soll es bezahlen Aufsuchen will ich ihn es ist Derby kein andrer ist dieser
Grausamkeit fähig«
»Junger Freund« sagte Mylord dem Sohne der Wirtin »sag Er seiner Mutter
sie hätte recht den bösen Engländer zu hassen auch soll er vom König nach der
Schärfe abgestraft werden Aber mach Er dass ich ins Haus komme«
»Steigen Sie aus ich will meine Mutter befriedigen«
Er lief hinein und bald darauf kam uns die Frau selbst entgegen »Wenn Sie
den abscheulichen Mann recht strafen wollen wie Sie sagen so kommen Sie ich
will Ihnen alles erzählen wie es war Sie sind ein alter Herr gnädiger Lord
Sie können das Unrecht junger Leute gut einsehen machen Sie ein Exempel aus dem
bösen Mann er könnte noch viele Streiche anfangen«
Still und langsam folgte ich ihr und Mylorden die Treppe hinauf »Hier«
sagte sie oben »hier ist der liebe Engel gestanden wie ihr Herr das erstemal
kam sie zu besuchen nun er herzte sie recht schön und sie hatte ihre lieben
Hände so hübsch nach ihm ausgestreckt dass mich ihre Einigkeit freute aber sie
redete so sanft und wenig und er so laut seine Augen waren so groß und
beschauten sie so geschwind er rufte auch gleich so viel nach seinen Kerls dass
man wohl daraus hätte etwas vermuten können Mein Mann war wild doch hat er im
Anfange allezeit leise und freundlich geredt und geblinzelt aber man denkt
jeder Mensch hat seine Weise und wie sollte einem einfallen dass man ein
schönes frommes Tugendbild betrügen könne«
Nun waren wir im Zimmer wo ihre Kammerfrau gewohnt hatte hernach wies sie
uns das von der Dame sie rufte Gretchen die sich hinsetzen und zeigen musste
wo die Dame gesessen wie sie die Mädchen gelehrt hätte hernach nahm sie ein
Bild von der Wand und sagte »Da mein Gärtchen meine Bienengestelle und das
Stück Matte wo meine Kühe auf der Weide gingen zeichnete sie« Indem sie es
Mylorden hingab küsste sie das Stück und sagte mit Weinen »Du liebe liebe
Dame Gott habe dich selig denn du lebst gewiss nicht mehr«
Ein einziger Blick überzeugte mich völlig dass es die Sternheim gemacht
hatte die richtigen Umrisse die feinen Schattierungen erkannte ich mein Herz
wurde beklemmt ich musste mich setzen Tränen füllten meine Augen das Schicksal
des edlen Mädchens die raue aber herzliche Liebe dieser Frau rührte mich es
gefiel ihr sie klopfte mich auf die Achsel »Das ist recht dass Sie betrübt
sind bitten Sie Gott um ein gutes Herz dass Sie niemanden verführen denn Sie
sind auch ein Engländer und ein hübscher Mensch Sie können einem in die Augen
gehen«
Nun musste das Mädchen und der Sohn und die übrigen Leute erzählen wie gut
die Dame gewesen und was sie gemacht hatte dann wies sie uns das Schlafzimmer
»Seit dem Brief« fuhr sie fort »ist sie nicht mehr hineingegangen sondern
schlief im Bette ihrer Jungfer ich denke es wohl wer möchte noch unter der
Decke eines Spitzbuben schlafen Hier ist der Schrank worein sie alle
Kostbarkeiten von Gold von Geschmeide o gar viele Sachen legte die er ihr
mitgebracht hatte und die ich ihm zurückgeben sollte denn sie nahm nichts davon
mit zween Tage nachdem sie weg war kam wieder ein Brief er wolle kommen
sagte der Mensch aber ich gab ihm seinen Pack Sachen und schaffte ihn aus dem
Hause«
Mylord fragte sie noch genauer um alles was geschehen war halb hörte
ichs halb nicht ich war außer mir und da die Frau nicht sagen konnte wo die
Dame hingereiset wäre so war mir am übrigen nichts gelegen Ich hatte genug
gehört um in Mitleiden zu zerschmelzen und das geliebte Bild der leidenden
Tugend mit erneuerter Zärtlichkeit in meine Seele zu fassen Ich nahm das Zimmer
ihrer Jungfer weil ich darin den Platz bemerket hatte wo sie gekniet wo sie
den unaussprechlichen Schmerzen gefühlt hatte betrogen und verlassen zu sein
Derbys Schlafzimmer gab mir den nämlichen Abscheu wie ihr selbst und ich warf
mich unausgekleidet mit halb zerrütteten Sinnen auf das Bette worin Sternheim
so kummervolle Nächte zugebracht hatte Trostlose Zärtlichkeit und ein Gemische
von bitterem Vergnügen bemächtigten sich meiner mit der Empfindung welche mir
sagte hier lag das liebenswürdige Geschöpfe in dessen Armen ich alle meine
Glückseligkeit gefunden hatte hier beweinte ihr blutendes Herz die
Treulosigkeit des verruchtesten Bösewichts Und ich O Sternheim ich beweine
dein Schicksal deinen Verlust und meine verdammte Saumseligkeit deine Liebe
für mich zu gewinnen Vergnügen ja ein schmerzhaftes Vergnügen genoss ich bei
dem Gedanken dass meine verzweiflungsvolle Tränen noch die Spuren der ihrigen
antreffen und sich mit ihnen vereinigen würden Ich stund auf ich kniete auf
den nämlichen Platz wo der stumme zerreissende Jammer über ihre Erniedrigung
sie hingeworfen hatte wo sie sich Vorwürfe über das blinde Vertrauen machte
womit sie sich dem grausamsten Manne ergab und wo ich ihrem Andenken schwur
sie zu rächen
O mein Freund warum warum konnte Ihre Weisheit meinen Mut nicht stählen
Wie elend wie beklagenswert war ich da ich mit ihr jeden Augenblick
verfluchte worin sie das Eigentum von Derby war alle ihre Schönheit alle ihre
Reize sein Eigentum waren Sie liebte ihn sie empfing ihn mit offenen Armen an
der Treppe Wie war es möglich dass die edle reine Güte ihres Herzens den
gefühllosen boshaften Menschen lieben konnte
Ich habe das kleine Hauptküssen vom Sohn der Wirtin gekauft ihr Kopf hatte
sich mit der nämlichen Bedrängnis darauf gewälzt wie meiner ihre und meine
Tränen haben es benetzt ihr Unglück hat meine Seele auf ewig an sie gefesselt
von ihr getrennt vielleicht auf immer getrennt mussten sich in dieser armen
Hütte die sympatetischen Bande ganz in meine Seele verwinden welche mich
stärker zu ihr als zu allem was ich jemals geliebt habe zogen
Mylord fand mich am Morgen in einem Fieber sein Wundarzt musste mir eine
Ader öffnen und eine Stunde hernach folgte ich ihm in den Wagen nachdem ich
die kleine Zeichnung des Gärtchens geraubt und dem Mädchen welches die
Schülerin meiner Sternheim gewesen einige Guineen zugeworfen hatte
Die Kälte welche die Politik unvermerkt bald in größerem bald in kleinerem
Masse auch in das wärmste Herz zu gießen pflegt und es über einzelne Übel
hinausgehen heißt gab Mylorden eine Menge Vernunftgründe ein womit er mich zu
zerstreuen und gegen meinen Kummer und Zorn zu bewaffnen suchte Ich musste ihn
anhören und schweigen aber nachts hielt mich mein Küssen schadlos ich zehrte
mich ab und erschöpfte mich Mein Schmerz ist ruhiger und meine Kräfte erholen
sich in dem Vorsatze das Unglück des Fräuleins an Derby zu rächen wenn er auch
den ersten Rang des Königreichs besitzen sollte Beobachten Sie ihn wenn Sie
nach London kommen ob Sie nicht Spuren von Unruhe und quälender Reue an ihm
sehen Ewigkeiten durch möchte ich ihm die Marter der Reue empfinden lassen dem
ewig hassenswürdigen Mann
Ich gebe mir alle mögliche Mühe die Folgen des Schicksals des Fräuleins zu
erfahren aber bis jetzt war alles vergeblich so wie Ihre Bemühungen vergeblich
sein werden wenn Sie ihr Andenken in mir auslöschen wollten mein Kummer um
sie ist meine Freude und mein einziges Vergnügen geworden
Graf R an Lord Seimour
Sie geben mir Nachricht von meiner teuren unglücklichen Nichte Aber o Gott
was für Nachrichten Mylord das edelste beste Mädchen der Raub eines
teuflischen Bösewichts Ich dachte wohl als Sie mir den Sekretär Ihres Oheims
nannten dass ein gemeiner schlecht denkender Mensch ihre Hand niemals hätte
erhalten können Ein Heuchler ein die Klugheit und Tugend lebhaft spielender
Heuchler musste es sein der ihren Geist blendete und sie aus den Schranken zu
führen wusste Ich flehe den Lord Crafton um seine Beihilfe an den
nichtswürdigen Mann auch unter dem Schutze der ganzen Nation zur Verantwortung
zu ziehen
Nichts als die schlechten Gesundheitsumstände meiner Gemahlin und meines
einzigen Sohns hindern meine Abreise von hier aber ich habe für das Andenken
dieser liebenswürdigen Person doch dieses getan von dem Fürsten zu begehren
dass er ihre Güter durch einen fürstlichen Rat besorgen lasse Die Einkünfte
sollen ihrer Gesinnung gemäß für die Kinder des Grafen Löbau gesammlet werden
aber der Vater und die Mutter sollen nichts davon genießen sie die zuerst das
Herz des guten Kindes zerrissen haben und allein die Ursache sind dass sie von
Angst betäubt ihrem Verderben zulief
Käme ich nur bald nach D und hätten wir nur einiges Licht von ihrem
Aufenthalt Aber es geschehe das eine und das andere wenn es will so soll der
Elende der ihren Wert nicht zu schätzen wusste Rechenschaft von ihrer
Entführung und Verlassung geben
Ich bedaure Sie Mylord wegen der Leiden Ihres Gemüts die nun durch die
wiederkehrende Liebe vergrößert sind Aber wie konnte ein Mann dem die
weibliche Welt bekannt sein muss dieses auserlesene Mädchen misskennen und den
allgemeinen Maßstab vornehmen um ihre Verdienste zu prüfen Unterschied sie
sich nicht in allem Verzeihen Sie Mylord es ist unbillig Ihren Kummer zu
vermehren die Zärtlichkeit meiner nahen Verwandtschaft übertrieb meinen Unmut
und machte mich das Geschehene und Ungeschehene mit gleichem Hass verfolgen
Fliehen Sie keinen Aufwand um den Aufenthalt des geliebten Kindes zu
erfahren ich fürchte o ich fürchte dass wir sie nur tot wiederfinden werden
Wehe dem Lord Derby wehe Ihnen wenn Sie nicht Ihre Hand mit der meinigen
vereinigen um sie zu rächen Aber alles was Sie tun werden um Ihre edelmütige
Liebe obwohl zu spät zu beweisen soll Sie in dem Oheim des edelsten Mädchens
den besten Freund und Diener finden lassen Allen Aufwand teile ich mit Ihnen
wie ich alle Ihre Sorgen und Schmerzen teile Hier halte ich alles geheim
weil ich meiner Gemahlin zärtliches Herz nicht mit unmässigem Jammer beladen
will
Madam Leidens an Emilien
Meine liebenswürdige Witwe Frau von C hat eine schöne Seele voll zärtlicher
Empfindungen Sie bemerkte letzthin das kurz abgebrochene Ende meiner
Vorstellungen sehr genau und kam etliche Tage nachher zu mir um mit
freundlicher Sorgsamkeit nach der Ursache davon zu fragen Ich hatte die
stutzige Art meines schnellen Stillschweigens selbst empfunden aber da meine
Beweggründe so stark in mir arbeiteten und ich ihren Empfindungen nicht zu nahe
treten wollte so sah ich keinen andern Weg als abzubrechen und nach Hause zu
gehen wo ich den Unmut recht deutlich fühlte den ich bloß deswegen über sie
hatte weil sie den Aussichten von Wohltätigkeit nicht so eifrig zueilte als
ich an ihrer Stelle würde getan haben Es freut mich auch dass der Mann meiner
Emilie den warmen Ton meiner Fürsprache zum Besten der Liebe allein in meiner
Neigung zum Wohltun suchte ob er mich schon einer Schwärmerei in dieser Tugend
beschuldigt
O möchte doch dieses Übermaß einer guten Leidenschaft der einzige Fehler
meiner künftigen Jahre sein
Ich antwortete der lieben Frau von C ganz aufrichtig
Dass es mich sehr befremdet hätte eine Seele voller Empfindlichkeit so
frostige Blicke in das Gebiete der Wohltätigkeit werfen zu sehen Sie
antwortete
»Ich erkenne ganz wohl dass Ihr tätiger Geist missvergnügt über meine
Unentschlossenheit werden musste Sie wussten nicht dass die Idee des Wohltuns
meine erste Wahl bestimmte aber ich habe so sehr erfahren dass man andere
glücklich machen kann ohne es selbst zu werden dass ich nicht Herz genug habe
mich noch einmal auf diesen ungewissen Boden zu wagen wo die Blumen des
Vergnügens so bald unter dem Nebel der Sorgen verblühen«
Der äußerste Grad der Rührung war in allen Zügen der reizenden Bildung
dieser sanften Blondine ausgedrückt ihr Ton stimmte mit ein und rief in mir die
Erinnerung des jähen Verderbens zurück welches meine kaum ausgesäete Hoffnung
betroffen hatte Meine eignen Leiden haben die Empfindung der Menschlichkeit in
mir erhöhet und ich fühlte nun ihre Sorgen so stark als ich die Vorstellung
der Glückseligkeit der andern empfunden hatte
»Vergeben Sie mir liebe Madam C sagte ich ich erkenne dass ich gegen
Sie die beinahe allgemeine Unbilligkeit ausübte zu fodern dass Sie in alle
Gründe meiner Denkensart eingehen sollten und ich foderte es um so viel
eifriger als ich von der innerlichen Güte meiner Bewegursachen überzeugt war
Warum hab ich mich nicht früher an Ihren Platz gestellt die Seite welche Sie
von meinen Vorschlagen sehen hat in Wahrheit viel Abschreckendes und ich
werde ohne Ihnen unrecht zu geben nichts mehr von allem diesem reden«
»Es freut mich dass Sie mit mir zufrieden scheinen aber Sie haben mir viele
Unruhe und Missvergnügen über mich selbst gegeben«
Ich fragte sie eilig wie und worin
»Durch die Vorstellung aller dieser Gelegenheiten glückliche Personen zu
machen Mein Widerwille und Ausweichen schmerzt mich ich möchte es in irgend
etwas anders ersetzen Können Sie mir nichts bei Ihrem Gesindhause zu tun
geben«
Sie bekam ein freimütiges Nein zur Antwort »Aber« sagte ich lächelnd da
ich sie bei der Hand nahm »ich möchte mir bald das Gefühl Ihrer Reue und die
Begierde des Ersatzes zunutze machen und Sie verbinden dass da Sie durch Ihr
eigen Herz keinen Mann mehr glücklich machen wollen Sie die liebreiche Mühe
nähmen durch Ihren Umgang und gefällten Unterricht den Töchtern Ihrer
Verwandten und Freunde Ihre edle Denkungsart mitzuteilen und dadurch Ihrem
Wohnorte liebenswürdige Frauenzimmer zu bilden und für der Madam Hills gute
Mädchen auf Ihrer Seite gute Frauen zu ziehen«
Dieser Vorschlag gefiel ihr aber gleich wollte sie von mir einen Plan dazu
haben
»Das werde ich nicht tun Madam C ich kann mich nicht von meinem Selbst so
losmachen dass der Plan zu Ihrer Absicht und Ihrem Vergnügen zugleich passte Sie
haben Klugheit Erfahrung Kenntnis der Gewohnheiten des Orts und ein Herz voll
Freundlichkeit Diese vereinigte Stücke werden Ihnen alles anweisen was zu
diesem Plan das Beste sein kann«
»Daran zweifle ich sehr sagen Sie mir nur ein Buch darin ich eine Ordnung
für meinen Unterricht finden würde«
»Nach der Ordnung eines Buchs zu verfahren würde Sie und Ihre junge
Freundinnen bald müde machen Diese sind nach verschiedener Art erzogen die
Umstände der meisten Eltern leiden keine metodische Erziehung auch
funfzehnjährige Mädchen wie die Gespielinnen Ihrer Tochter gewöhnen sich nicht
gerne mehr daran Sie sollen auch keine Schule halten nur einen zufälligen
abwechselnden Unterricht in dem Umgange mit dem jungen Frauenzimmer ausstreuen
Zum Beispiel es klagte eine über den Schnee der während der Zeit fiel da sie
bei Ihnen zum Besuch wäre und sie wegen ihres Zurückgehens ungeduldig über die
Beschwerde machte so würden Sie fragen ob sie nicht wissen möchte woher der
Schnee kommt es kurz und deutlich erzählen die Nutzbarkeit davon nach der
weisen Absicht des Schöpfers anführen sanft von der Unbilligkeit ihrer Klagen
reden und ihr mit einem munteren liebreichen Ton in dem heut unangenehmen Schnee
nach etlichen Tagen das Vergnügen einer Schlittenfahrt zeigen Dieses wird Ihre
jungen Zuhörerinnen auf die Unterredungen von schöner Winterkleidung schöner
Gattung Schlitten usw führen Unterbrechen Sie selbige ja nicht durch
irgendeine ernste oder missvergnügte Miene sondern zeigen Sie dass Sie gerne
ihre verschiedenen Gedanken anhörten Sagen Sie etwas vom guten Geschmack in
Putz in Verzierungen und wie Sie ein Fest anstellen und halten würden lassen
Sie Ihren Witz alles dieses mit der Farbe der heitersten Freude malen Gestehen
Sie Ihren jungen Leuten das Recht ein diese Freude zu genießen und setzen Sie
mit einem zärtlichen rührenden Ton dazu dass Sie aber Sorge haben würden den
Schauplatz dieser Ergötzlichkeit durch die Fackeln der Tugend und des feinen
Wohlstandes zu beleuchten
Bei dieser ersten Probe können Sie die Herzen und Köpfe Ihrer Mädchen
ausspähen aber ich müsste mich sehr betrügen wenn sie nicht gerne wiederkämen
Sie von etwas reden zu hören«
»Das denke ich sicher aber erlauben Sie mir einen Zweifell Sie führen das
Mädchen zur physikalischen Kenntnis des Schnees und zum moralischen Gedanken der
Wohltätigkeit Gottes darüber aber wird nicht die Schlittenfahrt das Andenken
des ersteren auslöschen und also den Nutzen des ernsten Unterrichts verlieren
machen«
»Dies glaube ich nicht denn wir vergessen nur die Sachen gerne die mit
keinem Vergnügen verbunden sind und die lächelnde zu der Schwachheit der
Menschen sich herablassende Weisheit will daher dass man die Pfade der Wahrheit
mit Blumen bestreue Die Tugend braucht nicht mit ernsten Farben geschildert zu
werden um Verehrung zu erhalten ihr inneres Wesen jede Handlung von ihr ist
lauter Würde Würde ist ein unzertrennbarer Teil von ihr auch wenn sie in der
Kleidung der Freude und des Glücks erscheint In dieser Kleidung allein erhält
sie Vertrauen und Ehrfurcht zugleich Lassen Sie sie die Hand ja niemals zu
strengem Drohen sondern allein zu freundlichem Winken erheben Denn solange
wir in dieser Körperwelt sind wird unsere Seele allein durch unsere Sinnen
handeln wenn diese auf eine widerwärtige Weise und zu unrechter Zeit
zurückgestoßen werden so kommen aus dem Kontrast des Zwanges der Lehre und der
Stärke der durch die Natur in uns gelegten Liebe zum Vergnügen lauter schlimme
Folgen für den Wachstum unsers moralischen Lebens hervor Umsonst hat der
Schöpfer die süßen Empfindungen der Freude nicht in uns gelegt umsonst uns
nicht die Fähigkeit gegeben tausenderlei Arten des Vergnügens zu genießen
Mischen Sie nur eine fröhliche Tugend unter den Reihen der Ergötzlichkeiten und
sehen Sie ob die junge Munterkeit noch vor ihr fliehen und in entlegenen Orten
mit Unmässigkeit und wilder Lust vereinigt sich über versagten Freuden schadlos
halten wird Gibt nicht die göttliche Sittenlehre selbst reizende Aussichten in
ewige himmlische Glückseligkeiten wenn sie uns auf die Wege der Tugend und
Weisheit leitet«
Das schöne Auge der Madam C war mit einem staunenden Vergnügen auf mich
geheftet Ich bat sie um Verzeihung so viel geredet zu haben sie versicherte
mich aber ihrer Zufriedenheit und wollte wissen warum ich nicht lieber gesucht
hatte als Hofmeisterin junger Frauenzimmer zu erscheinen als eine Lehrerin von
angehenden Dienstmädchen abzugeben
Ich sagte ihr weil ich in Vergleichung des Anteils von Glückseligkeit so
jedem Stande zugemessen wurde den von der niedrigen Gattung so klein und
unvollständig gefunden dass ich mich freute etwas dazuzusetzen »Die Großen und
Mittlern haben mündlichen und schriftlichen Unterricht neben allen Vorteilen des
Reichtums und Ansehens und die geringe so nützliche Klasse bekommt kaum den
Abfall des Überflusses von Kenntnissen und Wohlergehen«
»Sie reden von Kenntnissen soll ich suchen meine junge Frauenzimmer gelehrt
zu machen«
»Gott bewahre Sie vor diesem Gedanken der unter tausend Frauenzimmern des
Privatstandes kaum bei einer mit ihren Umständen passt Nein liebe Madam C
halten Sie sie zur Übung jeder häuslichen Tugend an aber lassen Sie sie daneben
eine einfache Kenntnis von der Luft die sie atmen von der Erde die sie
betreten der Pflanzen und Tiere von welchen sie ernähret und gekleidet werden
erlangen einen Auszug der Historie damit sie nicht ganz fremde dasitzen und
Langeweile haben wenn Männer sich in ihrer Gegenwart davon unterhalten und
damit sie sehen dass Tugend und Laster beständig einen Kreislauf durch das ganze
menschliche Geschlecht gemacht haben lassen Sie sie jedes Wort so eine
Wissenschaft bezeichnet verstehen Zum Ex was Philosophie was Mathematik sei
aber von der Bedeutung des Ausdrucks edle Seele von jeder wohltätigen Tugend
geben Sie ihnen den vollkommensten Begriff teils durch Beschreibung teils und
am meisten durch Beispiele von Personen welche diese oder jene Tugend auf eine
vorzügliche Art ausgeübt haben«
»Soll ich sie auch Romane lesen lassen«
»Ja zumal da Sie es ohnehin nicht werden verhindern können Aber suchen
Sie soviel Sie können nur solche worin die Personen nach edlen Grundsätzen
handeln und wo wahre Szenen des Lebens beschrieben sind Wenn man das
Romanenlesen verbieten wollte so müsste man auch in Gesellschaft vermeiden vor
jungen Personen bald einen kurzen bald weitläufigen Auszug von einer
Liebesgeschichte zu erzählen die in der nämlichen Stadt oder Straße wo man
wohnt vorging unsere Vater Männer und Brüder müssten nicht so viel von ihren
artigen Begebenheiten und Beobachtungen auf Reisen usw sprechen sonst machte
auch dieses Verbot und die Gegenübung wieder einen schädlichen Kontrast Ein
vortrefflicher Mann und Kenner des Menschen wünscht dass man jungen Personen
beiderlei Geschlechts zur Stillung der Neugierde die meisten großen
Reisebeschreibungen gäbe wo von der Naturhistorie und den Sitten des Landes
viel vorkömmt weil dadurch viele nützliche Wissenschaft in ihnen ausgebreitet
würde Moralische Gemälde von Tugenden aller Stände besonders von unsrem
Geschlechte möchte ich gesammlet haben und darin sind die Französinnen
glücklicher als wir Das weibliche Verdienst erhält unter ihnen öffentliche und
dauernde Ehrenbezeigungen«
»Vielleicht aber verdienen wir mehr als sie weil wir uns auch ohne
Belohnung um Verdienste bemühen«
»Dies ist wahr aber nur für die kleine Anzahl von Seelen die sich über
alle Schwierigkeiten erheben die sie antreffen und worüber andre durch nichts
als Ermunterungen siegen Ich möchte daher in jeder Standesklasse Beispiele
aufstellen die aus ihrem Mittel gezogen waren damit man sagen könnte ihre
Geburt ihre Umstände waren wie die eurige der Eifer der Tugend und die gute
Verwendung ihres Verstandes haben sie verehrungswert gemacht Ein vorzüglicher
Platz in einer öffentlichen Versammlung ein besonderes Stück Kleidung könnte
den Wert der Belohnung erhalten wie es die alten großen Kenner der menschlichen
Herzen gemacht haben Aber wir sind nicht mit dem Auftrag beladen diese
Einrichtung anzuordnen sondern allein mit der Pflicht so viel Gutes zu tun
als wir können Ich stehe wirklich in dem Kreise armer und dienender Personen
also achte ich mich verbunden diese durch Unterricht und Beispiel zu ihrem Maß
von Tugend und Glück zu führen wobei ich aber sehr vermeiden werde ihnen
Begriffe oder Gesinnungen einzuflößen die meinen glänzenden und angesehenen
Umständen gemäß waren weil ich fürchten würde dass aus der vermischten
Denkensart vermischte Begierden und Wünsche mit allen ihren Fehlern entstehen
möchten Sie sind eine Witwe von erstem Range Ihres Orts Ihre Leutseligkeit
Ihr vernünftiger angenehmer Umgang macht dass Sie von allen Personen Ihres
Standes gesucht werden Sie haben eine Tochter zu erziehen Sie würden also an
allen Mädchen ihres Alters und Standes Edelmütigkeit ausüben wenn diejenigen
unter denselben mit bei den Lehrstunden Ihrer Tochter wären deren Mütter durch
Haussorgen oder kleinere Kinder verhindert sind mit ihren Töchtern viel zu
lesen oder zu reden Machen Sie sie denken und handeln wie Frauenzimmer vom
Privatstande es sollen um in ihrer Klasse vortrefflich zu werden Dieses wird
das einzige Mittel sein womit Sie den Schaden ersetzen können welchen Sie
durch den Vorsatz verursachen unverheiratet zu bleiben« Sie lächelte über
dieses und über meine Abbitte ihr eine Vorschrift gemacht zu haben und gab mir
alle Merkmale von Freundschaft und Zufriedenheit
Madam Leidens an Emilien
Ungern sehr ungern meine Emilia begleite ich die Madam Hills ins Bad Es ist
wahr meine Gesundheit zerfällt und ich erkenne dass ich die Hilfe brauche die
mir die Wasserkur verspricht denn mein stillschweigender Gram benagt die Kräfte
meines Körpers und der jastige Eifer den ich diese Zeit über in mein
moralisches Leben legte hat auch vieles zu der Schwächlichkeit beigetragen
über welche Sie liebe Freundin so jammerten als ich die letzten zehn
glücklichen Tage bei Ihnen zubrachte Ihr Mann hat gestern meinen Widerwillen
überwältigt aber allein damit dass er die erste Woche bei uns bleiben wird bis
dahin hofft er werde mein Hass gegen große und fremde Gesellschaft gemindert
sein Er behauptet auch dass mein Herz diesen Winter über alle Kräfte meines
Geistes in Dienstbarkeit gehalten und ermüdet hatte und dass dieser sich allein
in freier Luft und durch Umgang erholen würde Ich bin so hager und blass meine
Augen denen man Anzüglichkeit zuschrieb erheben sich so selten und meine
Kleidung ist so einfach dass ich keine Verfolgungen von Mannsleuten zu
befürchten habe Also auf zwei Monate adieu liebste Freundin morgen früh
reisen wir mit Ihrem Manne einem Aufwartmädchen und einem Bedienten ab
Madam Leidens an Emilien aus Spaa
Sagen Sie mir meine Freundin woher kommt die Gewalt mit welcher Ihr Mann über
meine Seele herrschet Erst führte er mich in den geschäftigen Kreis den ich
bei Madam Hills durchlief dann brachte er mich ungeachtet meines Widerstandes
nach Spaa macht mich den vierten Tag mit Lady Summers bekannt und nun meine
Liebe bin ich durch seine Hände an die Lady gebunden und ich werde mit ihr
nach England gehen Sie wissen von ihm dass unsere Reise glücklich war dass der
Reichtum der Madam Hills uns vier sehr bequeme Zimmer verschafte und uns ein
Ansehen gibt so wir nicht einmal suchten Er ging gleich den ersten Abend zur
Lady den zweiten Tag wies er mir sie auf dem Spaziergang Ihre Gestalt ist
edel obgleich sehr schwächlich ihre Gesichtsbildung lauter Leutseligkeit ihr
schönes großes Auge voller Empfindung und alle ihre Bewegungen Würde voller
Anmut Sie grüßte und betrachtete uns zwei Frauenzimmer mit Aufmerksamkeit ohne
uns etwas zu sagen ob sie schon den Herrn B von uns wegrief Den folgenden Tag
nahm sie ihn auch von unsrer Seite weg zum Mittagsessen und sagte nur auf
englisch zu mir »Diesen Abend sollen Sie meine Gesellschaft sein« Als ich
mich verbeugt hatte und antworten wollte war sie schon weit weg Aber ich würde
auch gestottert haben denn Sie können nicht glauben was für einen Schmerzen
der Seele ich bei dem wahren Akzent der englischen Sprache fühlte schnell wie
die Wirkung des Blitzes fühlte ich ihn und ebenso schnell drangen sich traurige
Erinnerungen und Bilder in meine Seele Gut war es Emilia dass die Lady mich
nicht gleich mit sich begehrte meine Verlegenheit war zu sichtbar Abends
speisete Madam Hills und Herr B mit mir bei der Lady sie war sehr gütig aber
mit untersuchenden Blicken war ihr Auge bei allem was ich vornahm und redete
Sie lobte Madam Hills wegen der Stiftung des Gesindhauses und setzte hinzu dass
sie ihrem Beispiel folgen und auch eins in England errichten wollte Herr B
welcher der Madam Hills dieses übersetzte machte der guten Frau viele Freude
damit und ihr redliches Herz lächelte durch tränende Augen da sie schnell
meine Hand nahm und zu Herrn B sagte er möchte die Lady unterrichten dass sie
nur ein überflüssiges Geld ich aber die Erfindung dazu gegeben hätte Ich
errötete außerordentlich dabei und die Lady streichelte meine Wangen indem sie
sagte »Das ist gut meine Tochter wahre Tugend muss bescheiden sein«
Die Achtsamkeit welche ich hatte Madam Hills zu unterhalten und ihr alles
zu übersetzen wovon die Lady mit mir oder Herrn B in gleichgültigen Dingen
redte erhielt auch den ganzen Beifall der Lady
»Sie muss noch gute Tage erleben« sagte sie »weil ihre Tugend das Alter
glücklich zu machen sucht«
Diese Anweisung auf meine künftige Tage bewegte mein Innerstes und
unmöglich wars meine Augen trocken zu erhalten Die Lady sah es und neigte
sich gegen mich mit festem zärtlichem Blick
»Arme gute Jugend« sagte sie »ich weiß eine Hand die alle deine künftige
Zähren abwischen wird«
Ich verbeugte mich und sah Herrn B an er antwortete mir mit munteren
Nicken die Lady winkte ihm »Heute nichts« sagte sie »aber morgen sollen Sie
alles versichern«
Und dieser Morgen war vor sechs Tagen wo mein Herz zwischen Vorschlägen und
Entschließungen wankte und endlich auf dem Gedanken befestigt wurde dieses Jahr
bei der Lady auf ihrem Landhause zuzubringen und künftige Wasserszeit wieder mit
ihr zurückzukommen
Nach London würde ich nicht gegangen sein Gott bewahre mich vor der
Gelegenheit Engländer die ich schon kenne zu sehen Aber keiner von diesen
wird eine alte Frau in ihrem einsamen Wohnorte suchen und ich kann ruhig meine
lange Begierde stillen dieses Land zu sehen und nach der Familie Watson mich zu
erkundigen Herr B hat der Madam Hills eine Pflicht daraus gemacht mich nicht
aufzuhalten weil ich ein Gesindhaus einrichten solle und hat sie am meisten
durch den Gedanken beruhiget dass es in England heißen werde es sei nach dem
Plan des ihrigen und durch ihr edles Beispiel erbauet worden
Meine Lady Emilia o diese ist ein Engel der lange Jahre unter den
Menschen wandelte um den süßen Balsam der edelsten Freundschaft in fühlbare
Seelen zu gießen Meine Seele lebt wieder ganz auf
Madam Leidens an
Emilia aus Summerhall
Mein erster Brief hat Ihnen schon gesagt dass ich glücklich sehr glücklich mit
der gütigen Lady angelangt bin Ich hoffe auch meine Rosine und Herr B sind
ebenso wohl zurückgekommen Es war mir leid dass Rosina nicht über die See
wollte Übelkeit macht sie aber es ist leicht zu überstehen
Gewiss haben Sie schon Beschreibungen von englischen Landhäusern gelesen
Denken Sie sich das schönste im alten Geschmacke davon und nennen es Summerhall
legen Sie aber an die Seite des Parks ein großes hübsches Dorf und stellen Sie
sich meine Lady und mich vor wie wir einander im Arme die Gassen durchgehen
mit Kindern oder Arbeitern reden einen Kranken besuchen und den Bedürftigen
Hilfe reichen Dies ist nachmittags und abends das Geschäfte meiner Lady
morgens lese ich ihr vor und besorge ihr Haus Besuche die sie von der wenigen
Nachbarschaft erhält und der Umgang mit dem vortrefflichen Pfarrherrn des Orts
füllen das übrige der Zeit so aus dass mir wenig zu meinem besonderen Lesen übrig
bleibt Die Bücher welche sich meine Lady ausgesucht hat bezeichnen den
Nationalgeist und die Empfindung der sich immer nähernden Grenzen ihres Lebens
Jenes Fach füllen die Geschichtschreiber von England und die Hofzeitungen
dieses die besten englischen Prediger aus Ich habe mir die Naturhistorie von
England dazugenommen und hievon reden wir in den Spaziergängen mit des Pfarrers
Familie weil seine Frau und zwo Töchter sehr vernünftig sind und ich meine
Lieblingskenntnisse gern vermehre und ausbreite Ich bin wohl und genieße einer
sanften Zufriedenheit die aber eher einer Beruhigung als einem Vergnügen
gleichet indem ich die eifrige Geschäftigkeit nicht in mir fühle welche sonst
meine Empfindungen und Gedanken beherrschte Vielleicht hat mich der Hauch der
sanften Schwermut getroffen welche die besten Seelen der britischen Welt
beherrschet und die lebhaften Farben des Charakters wie mit einem feinen Duft
überzieht Ich habe meine Laute und meine Stimme wieder hervorgesucht beide
sind mir unschätzbar wenn ich bei meinem Singen meine Lady mir einen Kuss
zuwerfen oder bei einem wohlgespielten Adagio ihre Hände falten sehe Aber
urteilen Sie überhaupt wie stark meine Liebe zu England sein musste da ich
ungeachtet der grausamen Erinnerungen die ich von einem Eingebornen habe
dennoch mit einiger Freude die Luft eines Parks atme und dieses Land für mein
väterliches Land ansehe Ich habe die Kleidung und den Ton der Sprache ganz und
wünschte auch das Tun und das Bezeigen der Engländerinnen zu haben aber meine
Lady sagt dass alle meine Bemühungen den liebenswürdigen fremden Genius nicht
verjagen würden der jede meiner Bewegungen regierte Das Vertrauen ihrer Leute
welches ich erworben die außerordentliche Aufmerksamkeit auf ihre Lady und die
Ergebenheit die sie ihr beweisen welches sie als Folgen von jenem ansieht und
meinem Einfluss auf ihre Gemüter zuschreibt dies ist von allem was ich für sie
tue dasjenige wovon sie am meisten gerührt scheint und wofür sie mir die
zärtliche Dankbarkeit bezeugt Wenige Abende bin ich hier ohne Empfindung einer
reinen Glückseligkeit schlafen gegangen wenn mich die gute alte Lady aus ihrem
Bette segnete und ihre Hausbediente mit zufriedner Miene und einem liebenden Ton
mir gute Ruhe wünschten und mit einer süßen Bewegung gehe ich morgens bei
Aufgang der Sonne in den Park wo der Hirt mich wundernd ansieht und mir mit
seinem Knaben guten Morgen gute Miss zuruft Dieser Zuruf dünkt mich in dem
Augenblick wo ich auf der Flur die Wohltaten Gottes verbreitet sehe ein
Zeugnis zu sein dass ich auch gerne die Pflicht des Wohltuns übe mit tränenden
Augen danke ich dann unserm Urheber dass er mir diese Macht meines Herzens
gelassen hat Sie wissen dass mir ein Mooswäldchen und die geringsten Arten von
Blümchen vergnügte Stunden geben können und sie denken also wohl dass ich in
unserm Park diese alten Freunde meiner besten Lebenszeit aufsuche und mit
Rührung betrachte Denn immer binden sich in mir die Ideen des Vergangenen mit
der Empfindung des Gegenwärtigen bei allen Anlässen zusammen Ein freundliches
Moos und Zweige die aus der Wurzel eines gestürzten Baums aufgewachsen waren
machten mich sagen bin ich nicht wie ein junger Baum der in seiner vollen
Blüte durch Schläge eines unglücklichen Schicksals seiner Krone und seines
Stammes beraubt wurde Lange Zeit steht der Überrest traurig und trocken da
endlich aber sprossen aus der Wurzel neue Zweige hervor die unter dem Schutz
der Natur wieder stark und hoch genug werden können in einem gewissen Zeitlauf
wieder wohltätige Schatten um sich zu verbreiten Mein Ruhm mein glückliches
Aussehen meine Stelle in der großen Welt hab ich verloren lange betäubte der
Schmerz meine Seele bis die Zeit meine Empfindlichkeit verringerte die Wurzeln
meines Lebens welche mein Schicksal unberührt ließ neue Kräfte sammelten und
die guten Grundsätze meiner Erziehung frische obwohl kleine Zweige von
Wohltätigkeit und Nutzen für meine Nebenmenschen emportrieben Sie sind wie die
Wurzelzweige meines Ebenbildes bei niedrigem Moos und kleinen Grasarten
aufkeimten auch unter der geringen Klasse meiner Nebenmenschen entsprossen
aber es erfreut mich diese Klasse in der Nahe gesehen zu haben denn ich habe
manche schöne Blume darunter entdeckt die dem erhabenen Haupte eines großen
hochgewachsenen Baums unbekannt verblühet und kann ich nicht zu meinem süßesten
Troste sagen dass unter dem Schatten meines Umgangs und meiner Sorgen die
freigebige Aussaat der liebreichen Stifterin des Gesindhauses so viele nützliche
Kreaturen erwachsen macht Und nun ruht das edle Herz meiner geliebten Lady
Summers von großen und kleinen Lebenssorgen ungestört unter der Vereinigten
Bemühung aller meiner Fähigkeiten und meiner Dankbegierde von den mühsamen
Schritten aus welche das sechzigste Jahr unsers Alters zwischen fliehenden
Freuden und ankommenden Schwächlichkeiten zu machen hat
Madam Leidens an Emilien
Nicht wahr meine Emilia es gibt Reiche die eine Art von Mangel fühlen
welchen sie durch Häufung aller Arten von Ergötzlichkeiten zu heben suchen und
dennoch dem Übel nicht abhelfen können weil sie von niemand unterrichtet
wurden dass unser Geist und Herz auch ihre Bedürfnisse haben zu deren
Befriedigung alles Gold von Indien und alle schönen wollüstigen Kostbarkeiten
Frankreichs nichts vermögen weil die wahren Hilfsmittel dagegen allein in der
Hand eines empfindungsvollen Freundes und in einem lehrreichen und
unterhaltenden Umgang zu finden sind Wie klein ist die Anzahl glücklicher
Reichen welche diese Vorteile kennen Würklich bin ich im Besitze mancher
angenehmen Güter des Lebens ich fühle den vergnügenden Reiz welcher darin
liegt ich genieße die Geschenke des Glücks mit aller Empfindung welche das
Schicksal für diese Gaben fordern kann aber es mangelt meinem Herzen der Busen
einer vertrauten Freundin in den es das Übermaß seiner Empfindungen ausgiessen
könnte Ich bin beliebt meine hie und da mit Bescheidenheit erscheinende
Grundsätze ziehen mir Verehrung zu das Gefühl der Schönheiten Shakespeares
Tomsons Addisons und Popes haben meinem Geiste eine neue lebendige Nahrung in
den Unterhaltungen unsers Pfarrers und eines sehr philosophisch denkenden
Edelmanns in der Nachbarschaft erworben Die älteste Tochter des Pfarrers ist
sanft gefühlvoll und dabei mit wahrem Verstande begabt ich liebe sie aber
mitten in einer zärtlichen Umarmung empfinde ich wie viel mein Herz noch zu
wünschen hat um den Ersatz für meine Emilia zu erhalten Schelten Sie mich
deswegen nicht undankbar ich weiß dass ich Ihre Freundschaft noch besitze und
die von der liebenswürdigen Emma zugleich habe Ihnen schreibe ich von dem Teile
meiner Seele den ich hier nicht zeigen kann und mit Emma rede ich von dem der
in dem Zirkel meines englischen Aufenthalts sichtbar wird aber ich kann mich
nicht verhindern die Lange des Weges abzumessen den meine armen Briefe
durchlaufen müssen bis sie zu Ihnen kommen und zu fühlen dass diese Entfernung
der liebsten Gewohnheit meines Herzens schmerzlich fallt Vielleicht meine
Emilia bin ich bestimmt die ganze Reihe moralischer Empfindnisse durchzugehen
und werde dadurch geschickt mit schneller Genauigkeit ihre mannigfaltige Grade
und Nüancen im Bittern und Süssen zu bemerken Ich will mich auch diesem Teile
meines Geschickes gerne unterwerfen wenn ich nur zugleich den nämlichen Grad
von Fühlbarkeit für alles Weh und Wohl meines Nächsten behalte und so viel ich
kann seine Leiden zu vermindern suche
Lady Summers hat zu gleicher Zeit für ihre Ehre und für meinen vermuteten
Stolz zu sorgen geglaubt da sie mich als eine Person von sehr edlem Herkommen
dargestellt hat welche elternlos sich mit wenigem Vermögen verheiratet und
ihren Mann gleich wieder verloren hätte Meine Hände meine feine Wasche und
Spitzen die in Feuer so schön gemalten Bildnisse meiner Eltern und der Ton
meines gesellschaftlichen Bezeugens haben mehr zu Bekräftigung dieser Idee
beigetragen als meine eigentliche Denkungsart hätte tun können Aber ein
schönes und für die Tugend der Lady Summers fest errichtetes Denkmal ist der
Glaube an die Reinigkeit meiner Sitten in welche weil sie mich liebt keine
Seele den geringsten Zweifel setzt denn sagt der Pfarrer die Luftsäule in
welcher die Lady atme wäre so moralisch geworden dass der Lasterhafte sich ihr
niemals nähern würde Denken Sie nicht mit mir dass dieses die erhabenste Stelle
des wahren Ruhms ist O was für ein Kenner der Menschen des Guten und Edlen ist
Ihr Mann der mir in den ehrwürdigen Falten der Stirne meiner Lady alles dies
zeigte als er mir in ihrem Hause die Bestärkung meiner Tugend und Übung meiner
Geisteskräfte versprach Lord Rich der philosophische Edelmann von dem ich im
Anfange dieses Briefes schrieb hat sein Haus nur eine Meile von hier es ist
ganz einfach aber in dem edelsten Geschmacke gebaut Die besten Auszierungen
des Innern bestehen aus verschiedenen schönen Sammlungen von Naturalien aus
einem vollständigen Vorrat matematischer Instrumenten und einer großen
Büchersammlung worunter zwanzig Folianten sind in denen er beinahe alle
merkwürdige Pflanzen des Erdbodens mit eigener Hand getrocknet hat Sein
wohlangelegter Garten in welchem er selbst arbeitet und sein Park der an den
unsern stößt haben uns das erstemal angelockt hinzugehen Aber die simple
deutliche Art womit er uns alle seine Schätze vorlegte und benennete die
großen asiatischen Reisen welche er gemacht und seine weitläuftige Kenntnis
schöner Wissenschaften machen seinen Umgang so reizend dass die Lady selbst
entschlossen ist ihn öfters zu besuchen weil es ihr wie sie sagt sehr
erfreulich ist nah an dem Abend ihres Lebens so ergötzende Blicke in die
Schöpfung zu tun Lord Rich der bisher ganz einsam gelebet und niemand als den
Pfarrer zu sehen pflegte ist sehr vergnügt über unsre Bekanntschaft und kommt
oft zu uns Sein Tun und Lassen scheint mit lauter Ruhe bezeichnet zu sein
gleich als ob seine Handlungen die Natur der Pflanzenwelt angenommen hätten die
unmerksam aber unablässig arbeitet doch dünkt mich auch dass sein Geist den
moralischen Teil der Schöpfung nun ebenso untersuchend betrachtet wie ehemals
den physikalischen Meine Emma und meine Lady Summers gewinnen viel dabei aber
mich hat er schüchtern gemacht Da ich letzthin seine Meinung über meine
Gedanken wissen wollte sagte er »Gerne möchte ich von den Wurzeln der schönen
Früchte Ihrer Empfindungen reden aber wir erhalten sie nur von der Hand Ihrer
Gefälligkeit welche sie uns mitten aus dem dichten Nebel darbietet der Ihr
ursprüngliches Land beständig umgibt« Ich fand mich in Verlegenheit und wollte
mir durch den Witz helfen lassen der ihn fragte ob er denn meinen Geist für
benebelt hielte Er sah mich durchdringend und zärtlich an »gewiss nicht auf
die Art wie Sie meinen« sagte er »beweist nicht diese Träne in Ihren Augen
dass ich recht hatte da ich Ihren Geist für umwölkt hielte Denn warum kann die
kleinste Bewegung Ihrer Seele diesen Nebel wovon ich rede in Wassertropfen
verwandeln Aber liebe Madam Leidens ich will niemals mehr davon sprechen aber
fragen Sie auch mein Herz nicht mehr um sein Urteil von dem Ihrigen«
Sehen Sie Emilia wieviel mir mit Ihnen fehlt alle Empfindungen die sich
in mir zusammendringen würde ich Ihnen sagen da wäre mein Herz erleichtert und
schien nicht durch diesen bemerkten Nebel hindurch Ich war froh mich genug zu
fassen um ihm in seinem physikalischen Ton zu antworten dass er glauben möchte
diese Wolken würden durch meine Umstände und nicht durch die Natur meines
Herzens hervorgebracht »Ich bin es überzeugt« sagte er »auch sein Sie ruhig
es gehört alle meine Beobachtung dazu dieses feine Gewölke zu sehen Andere
sind nicht so aufmerksam und erfahren als ich es bin« Unsere Unterredung wurde
durch Miss Emma unterbrochen und Mylord Rich trägt seitdem Sorge dass er mich
nicht zu genau betrachtet
Madam Leidens an Emilia
Sagen Sie meine Emilia woher kommt es dass man auch bei der besten Gattung
Menschen eine Art von eigensinniger Verfolgung eines Vorurteils antrifft Warum
darf ein edeldenkendes tugendhaftes Mädchen nicht zuerst sagen diesen würdigen
Mann liebe ich Warum vergibt man ihr nicht wenn sie ihm zu gefallen sucht und
sich auf alle Weise um seine Hochachtung bemüht18
Den Anlass dieser Fragen gab mir Lord Rich dessen Geist alle Fesseln des
Wahns abgeworfen zu haben scheint und der allein der wahren Weisheit und Tugend
zu folgen denkt Er bezeugt eine Art Widerwillen gegen die zärtliche Neigung der
Miss Emma von welcher er doch allezeit mit der größten Achtung sprach ihren
Verstand ihr Herz rühmte alle ihre Handlungen seines Beifalls würdigte und den
ihrigen liebte Nun setzt er der sanften Glut die seine Verdienste in ihrem
Herzen angefacht haben nichts als die kälteste Heftigkeit entgegen und gewiss
aus dem nämlichen Eigensinne fängt er an mir die ich außer meiner Hochachtung
für seine Kenntnisse ganz gleichgültig gesinnt bin eine anhaltende zärtliche
Aufmerksamkeit die mir Zwang antut zu bezeugen Ich unterdrücke zehnmal die
Aussprüche einer Empfindung oder eines Gedankens nur um seinen Beifall zu
vermeiden und nicht einen Tropfen Öl wissentlich in das anglimmende Feuer zu
gießen Denn da ich nicht geneigt bin seine Liebe anzunehmen warum sollte ich
sie meiner weiblichen Eitelkeit zu gefallen vergrößern Wir werden heute nach
Mittag zu ihm gehen um einem neuen Versuch von Besäung der Äcker mit einer
Maschine zuzuschauen Meine liebe Lady ist gar zu gerne dabei wenn etwas
umgegraben oder gepflanzet wird jeder Tag sagt sie führt mich näher zu der
Vereinigung mit unserer mütterlichen Erde und ich glaube dass dieses meine
innerliche Neigung gegen sie bestärkt Ich würde liebste Emilia einen
glücklichen Tag gehabt haben wenn nicht der Zufall wider mich und den guten
Lord Rich gearbeitet hätte Der Pfarrer war da ich kam neben ihm zu sitzen als
uns Lord Rich von dem Feldbau und der Verschiedenheit der Erde und der nachher
erfoderlichen Verschiedenheit des Anbaues redte Sein Ton war edel einfach und
deutlich er erzählte uns von den vielfachen Empfindungen wozu der schlechte
Ertrag der Güter die Landleute dieser und jener Nation getrieben hätte und wie
weit ihre Mühe belohnt worden sei Da er zu reden aufhörte konnte ich mich
nicht hindern den Pfarrer zuzulispeln dass ich wünschte die Moralisten möchten
durch ihre Kenntnis der verschiedenen Stärke und Gattung angeborner Neigungen
und Leidenschaften auch auf Vorschriften der mannigfaltigen Mittel geraten wie
alle auf ihre Art nützlich und gut gemacht werden könnten
»Es ist schon lang geschehen« sagte er »aber es gibt zu viel
unverbesserlichen moralischen Boden wo der beste Bau und Samen verloren ist«
»Es ist mir leid« erwiderte ich »dass ich denken muss es gebe in der
moralischen Welt auch sandige Striche in denen nichts wächst Heiden die kaum
kleines trocknes Gesträuche hervorbringen und morastige Gegenden welche die
allgemeine moralische Verbesserung ebenso weit hinaussetzen wie in der
physikalischen viele Menschenalter vorbeigehen ehe Not und Umstände sich
vereinigen den Sand mit Bäumen und Hecken durchzuziehen um dadurch wenigstens
zu verhindern dass ihn der Wind nicht auf gutes Land treibe und auch dieses
verderbe Lange brauchts bis man Heiden anbaut Morästen ihr Wasser abzapft
und sie nützlich macht dennoch beweisen alle Ihre Versuche dass die Tugend der
Nutzbarkeit in der ganzen Erde liege wenn man nur die Hindernisse ihrer Wirkung
wegnimmt Der Grundstoff der moralischen Welt hält gewiss auch durchgehends die
Fähigkeiten der Tugend in sich aber sein Anbau wird oft vernachlässiget oft
verkehrt angefangen und dadurch Blüte und Früchte verhindert Die Geschichte
beweist es wie mich dünkt Barbarische Völker werden edel tugendhaft andere
die es waren durch Nachlässigkeit wieder verwildert wie ein Acker der einst
Weizen trug und eine ganze Familie ernährte durch Unterlassung des Anbaues
Dornbüsche und schädliches Gehecke zu tragen anfängt« Mit ruhiger Geduld
hörte der Pfarrer mir zu aber Lord Rich der sich hinter uns gesetzt hatte
stund auf einmal lebhaft auf und indem er mich über meinen Stuhl bei den Armen
fasste sagte er gerührt »O Madam Leidens was haben Sie mit dem Ton Ihres
Herzens in der großen Welt gemacht Sie können nicht glücklich darin gewesen
sein« »Dannoch Mylord« antwortete ich »man lernt da die wahre
Verschiedenheit zwischen Geist und Herz kennen und sieht dass der erste als ein
schöner Garten angelegt werden kann« Mit Enthusiasmus sagte er »Edelangebaute
Seele in einer gesegneten Gegend bist du erwachsen und die schöne
Menschlichkeit pflegte dich«
Aus Bewegung meines Herzens küsste ich die Bildnisse meiner Eltern die ich
immer an meinen Händen trage Tränen fielen auf sie ich ging ans Fenster Lord
Rich folgte mir eine anteilnehmende Traurigkeit war in seinen Zügen als ich
nach einigen Minuten ihn ansah und er seine Blicke auf die Bilder heftete »Dies
sind die Bildnisse Ihrer Eltern Madam Leidens leben sie noch« sagte er
sanft »O nein Mylord sonst wäre ich nicht hier und meine Augen würden nur
Freudentränen zu vergießen haben« »Also hat Sie ein Sturm nach England
geführt« »Nein Mylord denn Freundschaft und freie Wahl ist kein Sturm«
versetzte ich indem ich mich zu lächeln bemühte Lebhaft sagte Lord Rich »Dank
sei Ihrer halben Aufrichtigkeit dass Sie mich Ihrer Freiheit zu wählen
versichert Die edelste Neigung welche jemals ein Mann ernährte wird auf
diesen Grund ihre Hoffnung bauen« »Das kann nicht sein Mylord denn ich sage
Ihnen dass die Eigentümerin dieses Grunds auf ewig mit der Hoffnung entzweiet
ist« Lady Summers war bei uns als ich dieses sagte und streckte bei den
letzten Worten ihre Hand aus mir den Mund zuzuhalten »das sollen Sie nicht
sagen« sprach sie »wollen Sie eigenmächtig die künftigen Tage zu den
vergangenen werfen Die Vorsicht wird Ihrer nicht vergessen meine Liebe machen
Sie nur keine eigensinnigen Foderungen an sie« Dieser Vorwurf machte mich aus
Empfindlichkeit erröten ich küsste die Hand der Lady mit welcher sie meinen
Mund hatte zuhalten wollen und fragte sie zärtlich »teure Lady wenn Sie mich
eigensinnig in meinen Foderungen gefunden« »In Ihrer beständigen Traurigkeit
über das Vergangene wo Sie Zurückfoderungen aus dem Reiche der Toten machen«
war ihre Antwort »O meine geliebte würdige Lady Summers warum ach warum
« Diese Ausrufung entfloh mir weil ich gerührt über ihre Güte innig
bedauerte dass wir sie durch eine falsche Erzählung betrügen mussten aber sie
nahm es anders und fiel mir ein »Meine Tochter sagen Sie mir kein Ach warum
mehr leiten Sie das Gefühl Ihres Herzens auf die Gegenstände der Zufriedenheit
die sich Ihnen anbieten und zählen Sie auf meine mütterliche Zärtlichkeit
solange Sie sie genießen mögen« Ich drückte ihre Hand an meine Brust und sah
sie voll Rührung an mit dem vollkommensten Gefühle kindlicher Liebe ihr Herz
empfand es und belohnte mich durch eine mütterliche Umarmung Lord Rich hatte
uns mit Bewegung betrachtet und ich sah den nämlichen Augenblick die schönen
Augen der Emma voll schmelzender Liebe auf ihn geheftet Ich sagte ihm auf
italienisch dort wären unvermischte Empfindungen die allein fähig sein die
Tage eines edeldenkenden Mannes mit der feinsten Glückseligkeit zu erfüllen Er
antwortete in nämlicher Sprache »Nicht so Madam Leidens denn diese Art
Empfindlichkeit ist nicht diejenige welche eine einsam wohnende Person
beglücken kann« Was wollte er damit sagen Ich schüttelte den Kopf halb
missvergnügt und sagte nur »O Mylord von was für einer Farbe sind Ihre
Empfindungen« »Von der allerdauerhaftesten denn sie sind aus übender Tugend
entstanden« Ich gab keine Antwort sondern wandte mich nach einer Verbeugung
gegen ihn zur Emma die an meinem Arm aber ganz in ein trauriges
Stillschweigen gehüllt nach Summerhall zurückging und nun höre ich dass sie
wegreisen wird
Madam Leidens an Emilia
Überfluss ist wenn Sie ihm die Gewalt der Wohltätigkeit nehmen kein Glück
meine liebe Emilia er zerstört den echten Gebrauch der Güter er zerbricht in
der Seele des Leichtsinnigen die Schranken unserer Begierden schwächt das
Vergnügen des Genusses und setzt wie ich erfahre ein grausames Herz und seine
mäßigen Wünsche in eine Art unangenehmer Verlegenheit Sie wissen vermutlich
nicht meine Freundin wo Sie die Ursache dieses Ausfalls auf einen Zustand der
von meinem dermaligen so weit entfernt ist suchen sollen Aber Sie wissen doch
dass mich alle Gegenstände auf eine besondere Art rühren und werden sich nicht
wundern wenn ich Ihnen sage dass die Gesinnungen des Lord Rich der eigentliche
Anlass zu meiner unmutigen Betrachtung des Überflusses waren Er verfolgte mich
mit Liebe mit Bewunderung mit Vorschlägen und was mir Kummer macht mit der
Überzeugung dass ich ihn glücklich machen würde O hatte ich denken können dass
die Sympatie unsers Geschmacks an den Vergnügungen und Beschäftigungen des
Geistes in ihm die Idee hervorbringen würde dass ich auch eine sympatetische
Liebe empfinden müsste so sollte er nicht die Hälfte der Gewalt gesehen haben
womit die Reize der Schöpfung auf meine Seele würken und niemals hätte ich mich
in Gespräche mit ihm eingelassen Aber ich war um so ruhiger da ich wusste dass
er ein niedliches Bild griechischer Schönheiten von der Insel Scio mit sich
gebracht und in seinem Hause hatte Ich hielt lange Zeit sein Ansuchen meiner
Gesellschaft und das Ausfragen meiner Gedanken für nichts anders als für die
Lust der Befriedigung meiner Lieblingsideen weil ich ohne die geringste
Zerstreuung mit ununterbrochener Aufmerksamkeit bald die Historie eines Landes
bald einer Pflanze bald eines griechischen Ruins bald eines Metalls bald
eines Steins anhörte nicht müde wurde und ihm also die Freude gab seine
Kenntnisse zu zeigen und zu sehen dass ich die edle Verwendung seines Reichtums
und Lebens zu schätzen und zu loben wusste Sein Umgang war mir durch seine
Wissenschaft und Erzählungen unendlich wert sein Entschluss nach zehnjährigen
Reisen durch die allerentferntesten Gegenden des Weltkreises seine übrigen Tage
in Anbauung eines Teils seiner mütterlichen Erde zuzubringen machte mir ihn
vorzüglich angenehm dieses erfreute mich aber seine Liebe ist der Überfluss
davon der mich belästigt und in Verlegenheit setzt Er hat sich bei der Lady um
mich erkundiget ihre Antwort hat seinen Eifer nicht vermehrt aber anhaltender
gemacht und ein einziges Wort von mir gegen die Lady brachte ihn zu dem
Entschluss seine Griechin zu verheuraten und mit ihrem Manne nach London zu
schicken Sie können nicht glauben wie schwer meinem Herzen dieses vermeinte
Opfer wiegt da er wegen leerer Hoffnungen des künftigen Vergnügens meiner
Gesellschaft die Ermunterung von ihm entfernt welche der Besitz des reizenden
Mädchens ihm gegeben hatte Sein Sekretär liebte sie sagt er schon lang und
das Mädchen ihn auch beide hätten ihn auf den Knien für ihre Vereinigung
gedankt Er fühlt aber das Leere so ihre Abreise in seinem Herzen gelassen hat
denn er ist seitdem mit aufgehender Sonne in unserm Park und beraubt mich der
Morgenluft weil ich ihn vermeiden will da er eine Anfoderung von Ersatz an
mich zu machen scheint Niemals nein niemals mehr werde ich den Witz um Hilfe
bitten mich aus einer Verwirrung zu reißen Die Lady Summers hatte mit mir über
die angehende Liebe des Lords gescherzt ich widersprach ihr lange in gleichem
Ton und behauptete es wäre nichts als Selbstliebe weil ich ihm so gerne
zuhörte Sie bestrafte mich ganz ernstaft über diese Anklage »Lord Rich
verehret Ihre edle Wissbegierde er sucht sie durch Mitteilung seiner Kenntnisse
zu befriedigen und seine Belohnung soll in dieser beissenden Beschuldigung
bestehen « Ich war gerührt weil ich nicht einmal das Ansehen einer
Ungerechtigkeit dulden kann und nun selbst eine ausübte aber meine Lady fuhr
ganz gütig fort mir viele Beweise seiner zärtlichen Hochachtung zu wiederholen
die ich als wahre Kennzeichen der edelsten Neigung ansehen musste Ich gestund
auch dass sie eine Rückgabe verdienten aber da sie bei allem was ich von
meinen freundschaftlichen Gegengesinnungen sagte immer den Kopf schüttelte und
mehr für den Lord foderte so versicherte ich sie dass es unmöglich sei dass
Lord Rich mehr von mir wünschen könnte da er bei seiner schönen Griechin alles
fände was die Liebe beitragen könne ihn glücklich zu machen Sie schwieg
freundlich und ließ mich nicht merken sie dächte das einzige Hindernis meiner
Verbindung mit Lord Rich entdeckt zu haben Dieser war auch einige Tage still
von seiner Liebe und sehr munter besonders an dem wo er mit dem ruhigsten und
ungezwungensten Ton von der Heurat und Abreise seiner Assy redte Ich war
betroffen und fürchtete mich vor dem Erbteil seines ganzen Herzens welches ihm
ihre Heurat rückfällig machte er sagt mir nichts die Lady aber desto mehr
»Warum liebste Lady wollen Sie Ihre angenommene Tochter von sich entfernen
Bin ich Ihnen unangenehm geworden« sagte ich Sie reichte mir die Hand »nein
mein Kind Sie sind mir unendlich wert und ich werde die zärtliche Besorgerin
meines Alters gewiss vermissen aber ich habe für den Herbst meines Lebens
Früchte genug gesammlet ohne nötig zu haben Ihren Frühling seiner schönsten
Blüte zu berauben Sie sind jung reizend und fremde was wollen Sie nach meinem
Tode machen« »Wenn ich dieses Unglück erlebe so gehe ich zu meiner Emilia
zurück«
»Liebe Leidens bedenken Sie sich ein Frauenzimmer von Ihrer Geburt und
Liebenswürdigkeit muss entweder bei nahen Verwandten oder unter dem Schutz eines
würdigen Mannes sein Lord Rich hat Ihre ganze Hochachtung der edle Mann
verdient sie auch Sie wissen dass Sie ihn glücklich machen können seine
Freundschaft sein Umgang ist Ihnen angenehm Ihr Wille Ihre Person ist frei
die edelsten Beweggründe leiten Sie zu dieser Verbindung machen Sie Ihrer
gefundenen Mutter die Freude in Ihnen und dem Lord Rich die echten Bildnisse
männlicher und weiblicher Tugend vereint zu sehen«
So nahe drang die teure Lady in mich Ich legte meinen Kopf auf ihre Hand
die ich küsste und mit den zärtlichsten Tränen benetzte es war in meiner Seele
als ob ich den Widerhall der Stimme meiner geliebten zärtlichen Mutter gehört
hätte Ach diese Tugenden waren das Band ihrer Ehe Wie ungleich hatte ich
gewählt Die Verdienste des Lord Rich konnten Sie an die Seite der
vortrefflichen Eigenschaften meines Vaters setzen mein Glück wäre wie das
ihrige gewesen aber meine Verwicklung meine unselige Verwicklung O Emilia
schreiben Sie mir bald recht bald Ihre Gedanken Aber ich kann nicht mehr
lieben ich kann mich nicht mehr verschenken ja die zärtliche Achtung selbst
welche ich für den Lord Rich habe empört sich wider diesen Gedanken Mein
Schicksal hat mich durch die Hand der Bosheit in den Staub geworfen die
Menschenfreundlichkeit nahm mich auf an diese allein habe ich Ansprüche meine
Leichtgläubigkeit hat mich aller übrigen beraubet und ich will kein fremdes
kein unverdientes Gut an mich ziehen
Madam Leidens an Emilia
O meine Freundin ein neues unerwartetes Übel drängt sich mir zu Ich zweifle
ob alle meine Standhaftigkeit hinreichen wird es zu ertragen da ich ohnehin
gezwungen bin zu meiner gehässigsten Feindin der Verstellung meine Zuflucht
zu nehmen Aber weil in meinen itzigen Umständen mehr Aufrichtigkeit mir nichts
nützen und andern schaden würde so will ich den fressenden Kummer in meine
Brust verschließen und selbst für das Vergnügen des Urhebers meiner Leiden die
Überreste einer ehemals lächelnden Einbildungskraft verwenden Hören Sie meine
Emilia hören Sie was für eine Rückkehr das Unglück macht das Ihre
Jugendfreundin verfolgt Vor einigen Tagen musste ich die ganze Geschichte von
Lord Richs Herzen anhören ihr letzter Teil enthielt die Abschilderung seiner
Liebe für mich »Es ist« spricht er »die Leidenschaft eines
fünfundvierzigjährigen Mannes die durch die Vernunft in sein Herz gebracht
wurde alle Kräfte meiner Erfahrung meiner Kenntnis der Menschen bestärken
sie« »Teurer Lord Rich Sie betrügen sich niemals hat die Vernunft für die
Liebe gegen die Freundschaft gesprochen Sie besitzen den höchsten Grad dieser
edlen Neigung in meinem Herzen lassen Sie « »Nichts mehr Madam Leidens ehe
Sie mich angehört haben Meine Vernunft machte mich zu Ihrem Freund und wies
Ihnen in meiner Hochachtung einen Platz an den ich auch dem Verdienste eines
Mannes würde gegeben haben« Hier rechnete er mir Tugenden und Kenntnisse zu
wovon ich sagen musste dass ich sie für nichts anders als schöne Gemälde
liebenswürdiger Fremdlinge betrachten könnte »Und ich fuhr er fort muss Ihnen
in erhöhetem Masse das feine Lob zurückgeben welches die Bescheidenheit meiner
schönen Landsmänninnen von einem Fremden erhielt da Ihnen die Vorzüge Ihres
Geistes ebenso unbekannt sind als jenen die Reize ihrer Gestalt« Hierauf
beschrieb er meine mir eigenen Weiblichkeiten wie er sie nannte als Früchte
eines feurigen Genie und einer sanften empfindsamen Grazie und machte aus
diesem allen den Schluss dass der Ton meines Kopfs und Herzens just derjenige
wäre welcher mit dem seinigen so genau zusammenstimmte als nötig sei die
vollkommenste Harmonie einer moralischen Vereinigung zu machen Das Bild
seiner Glückseligkeit folgte mit so rührenden Zügen dass ich überzeugt wurde er
kenne alle Triebfedern meiner Seele und wisse wohin mich der Gedanke vom
Wohltun führen könne Mit aller Feinheit der Empfindung zeichnete er einen
flüchtigen Entwurf davon O meine Emilia es war der Abdruck meiner ehemaligen
Wünsche und Hoffnungen im ehelichen Leben Äusserst gerührt und bestürzt konnte
ich meine Tränen nicht zurückhalten Er stund von der Rasenbank auf und ergriff
meine beiden Hände eine vieldenkende männliche Zärtlichkeit war in seinem
Gesichte als er mich betrachtete und meine Hände an seine Brust drückte »O
Madam Leidens« sagte er »was für ein Ausdruck von tiefem Kummer ist in Ihren
Gesichtszügen Entweder hat der Tod Ihrem Herzen alle Freuden des Lebens und der
Jugend entrissen oder es liegt in Ihren Umständen irgendeine Quelle von bitterem
Jammer verborgen Sagen Sie teure geliebte Freundin wollen Sie nicht können
Sie nicht dieser Quelle einen Ausfluss in den Busen Ihres treuen Ihres Sie
anbetenden Freundes verschaffen« Mein Kopf sank auf seine Hände die noch immer
die meinigen hielten Mein Herz war beklemmter als jemals in meinem Leben Das
Bild meines Unglücks die Verdienste dieses edelmütigliebenden Mannes die
schwere Kette meiner wiewohl falschen Verbindung mein auf ewig verlornes
Vergnügen bedrängten auf einmal meine Seele Reden konnte ich nicht schluchzen
und seufzen musste ich Er schwieg tiefsinnig und mit einer zitternden Bewegung
seiner Hände sagte er in dem traurigsten aber sanftesten Ton indem er seinen
Kopf sachte gegen den meinigen neigte »O dieser Sie quälende Kummer gibt mir
ein trauriges Licht Ihr Gemahl ist nicht tot Eine Seele wie die Ihrige würde
durch einen Zufall den die Gesetze der Natur herbeibringen nicht zerrissen
sondern nur niedergeschlagen Aber der Mann ist Ihrer unwürdig und das Andenken
dieser Fesseln verwundet Ihre Seele Hab ich recht o sagen Sie ob ich nicht
recht habe« Seine Rede machte mich schauern ich konnte noch weniger die
Sprache wiederfinden als vorher Er war so gütig mir zu sagen
»Heute nichts mehr beruhigen Sie sich lassen Sie mich nur Ihr Vertrauen
erwerben« Ich erhob meine Augen und drückte aus einer unwillkürlichen
Bewegung seine Hände »O Lord Rich « war alles was ich aussprechen konnte
»Bestes weibliches Herz was für ein Unmensch konnte dich misskennen und elend
machen« »Lieber Lord Sie sollen alles alles wissen Sie verdienen mein
Vertrauen« Dies sagte ich als ein Bedienter der Lady Summers kam mich zu
rufen weil wichtige Briefe von London angekommen waren Ich suchte mich
soviel als möglich zu fassen und eilte zur Lady die mir gleich die angesehene
Heurat ihrer einzigen Nichte mit Mylord N anzeigte und sich auf den Besuch
freute den ihr Bruder und die Neuvermählten in vierzehn Tagen bei ihr ablegen
würden »Wir müssen auf ein artiges Landfest sinnen« sagte sie »um den jungen
Leuten Freude bei ihrer alten Tante zu machen« Hierauf gab sie mir im Aufstehen
einen Brief zu lesen den das junge Paar ihr zusammen geschrieben hatte und
entfernte sich um den Bedienten wieder abzufertigen Was für ein Grauen
überfiel mich meine Emilia als ich die Hand des Lord Derby erblickte der nun
wirklicher Gemahl der jungen Lady Alton war Mit bebenden Füßen eilte ich in
mein Zimmer um meine Betäubung vor der Lady Summers zu verbergen Weinen konnte
ich nicht aber ich war dem Ersticken nahe Wie fühlte ich meine
Unvorsichtigkeit nach England gegangen zu sein Meinen Schutzort musste ich
verlieren unmöglich wars in Summerhall zu bleiben Ach ich gönnte dem
Bösewicht sein Glück aber warum musste ich abermals das Opfer davon werden Ich
ging ans Fenster um Atem zu schöpfen und erhob meine Augen gen Himmel O Gott
mein Gott der du alles zulässt erhalte mich in diesem Bedrängnis Was soll ich
tun O meine Emilia beten Sie für mich Ein Wunder ja ein Wunder ists dass
ich mich sammlen konnte Ich beschloss mich zu verstellen der Lady alle
Anstalten des Empfangs machen zu helfen und dann eine Krankheit und Ermattung
vorzuschützen solang die Gäste da sein würden und in meinem Zimmer bei
zugezogenen Vorhängen zu liegen als ob der Tag meinem Kopf und meinen Augen
schmerzte Ich fand in dieser äußersten Not kein anders Mittel ich
unterdrückte also meinen Jammer und ging zur Lady die ich noch aus dem Fenster
dem zurückkehrenden Abgeschickten freundlich zurufen hörte Die Lady erzählte
mir die Größe des Reichtums und Ansehen des Hauses von Lord N der durch den
Tod seines Bruders einziger Erbe war Nun sagte sie würde ihr Bruder vergnügt
sein der sonst keinen Fehler als den Ehrgeiz hätte seine Freude machte die
ihrige Dankbarkeit und Freundschaft ihr unterstützet mich Denn wo hatte
sonst meine Vernunft meine völlig zerstörte Seele die Kraft gehabt mich
aufrecht zu erhalten mich lächeln zu lassen Der Anteil den ich an der Freude
meiner Wohltäterin nahm stärkte mich Alles Übel war geschehen wenn ich
geredet hatte würde nur das Gute nicht das Böse unterbrochen worden sein Die
erste Stunde war voll der größten Qual die mein Herz jemals betroffen hatte
aber grausam würde ich gewesen sein wenn ich das Herz der lieben Lady durch
meine Entdeckungen geängstiget hätte Sie liebt mich sie ist gerecht und
tugendhaft der heftigste Abscheu würde sie gegen den bösen Menschen erfüllen
der nun ihr Neffe der geliebte Gemahl ihrer Nichte ist Vielleicht ist er auf
dem Wege der Besserung und gewiss wäre er selbst in der äußersten Sorge wenn
er wüsste dass ich hier bin Er kannte mich niemals niemals dachte er dass das
Schicksal mir einst die Gewalt geben würde ihm so sehr zu schaden Aber ich
will sie nicht gebrauchen diese Gewalt ungestört soll er das Glück genießen
welches ihm das Verhängnis gibt und meinem Herzen soll es nicht umsonst die
Probe angeboten haben in welcher die Tugend ihre wahren Ergebenen erkennt den
Feinden wohlzutun Lass mich o Vorsicht lass mich dieses Gepräge der wahren
Größe der Seele erhalten Viele aber milde Tränen überströmten nach diesem
Gebet meine Lagerstätte Die Wohltätigkeit die ich meinen größten Feind
gelobte wurde durch die seligste Empfindung belohnt mein Herz fühlte den Wert
der Tugend es fühlte dass es durch sie edel und erhaben war Nun falteten sich
meine Hände mit der reinen Bewegung des Danks da sie wenige Stunden vorher der
Schmerz der Verzweiflung ineinander gewunden hatte Sanft schlief ich ein
ruhig wachte ich auf ruhig hab ich schon einen Plan des Landfestes aufgesetzt
das die Lady geben will Aber bemerken Sie meine Emilia wie leicht sich
Böses mit Gutem mischt Einige Minuten lang war der Gedanke in mir das Fest
in kleinem so zu veranstalten wie das vom Grafen F auf seinem Landgut war um
den Lord in ein kleines Staunen zu setzen Aber auch dieses verwarf ich als eine
maskierte Rache die sich in meine Einbildung schleichen wollte da sie aus
meinem Herzen verbannet war Ich glaube Emilia Rich sieht beinahe was ich
denke Er kam erst den vierten Tag nach meiner Unterredung mit ihm zu uns Die
Lady erzählte ihm bei dem Mittagessen die Ursache warum wir alle so
beschäftigt sein und führte ihn nachmittags in die schon bereiteten Zimmer
Ich musste sie begleiten und auch die Veranstaltungen für das Pachterfest
vorlesen Lord Rich schien sehr aufmerksam lobte alles aber sehr kurz und
begleitete alle meine Bewegungen mit Blicken welche Neugierde und Unruhe in
sich zeigten Lady Summers verließ uns einige Minuten und er kam an den
Tisch wo ich italienische Blumen aussuchte und zusammenband Mit einer
sorgsamen zärtlichen Miene nahm er eine meiner Hände »Sie sind nicht wohl
meine Freundin Ihre Hände arbeiten zitternd eine gewisse Hastigkeit ist in
Ihren Bewegungen welche durch die angenommene Munterkeit wider Ihren Willen
hervorbricht Ihr Lächeln kommt nicht aus dem Herzen was bedeutet dieses«
»Lord Rich Sie machen mir bange mit Ihrer Scharfsicht« antwortete ich »Ich
sehe also doch gut« »Fragen Sie mich nicht weiter Mylord meine Seele hat
den äußersten Kampf erlitten aber ich will jetzt dem Vergnügen der Lady Summers
alles was mich angeht aufopfern« »Ich besorge nur Sie opfern sich selbst
dabei auf« sagte der Lord »Fürchten Sie nichts« antwortete ich »das
Schicksal hat mich zum Leiden bestimmt es wird mich dazu erhalten« Ich sagte
dies wie mich dünkte ruhig und lächelnd aber Lord Rich sah mich mit
Bestürzung an »Wissen Sie Madam Leidens dass dies was Sie sagen den größten
Grad von Verzweiflung anzeigt und mich in die tödlichste Unruhe wirft Reden
Sie reden Sie mit der Lady Summers Sie werden ein mütterliches Herz in ihr
finden« »Ich weiß es bester Lord aber es kann jetzt nicht sein bleiben Sie
unbesorgt über mich mein Zittern ist nichts anders als die letzte Bewegung
eines Sturms dem bald eine ruhige Stille folgen wird« »O Gott« rief er aus
»wie lange werden Sie die Marter dauern lassen die mir der Gedanke von Ihrem
Kummer macht« Die Lady kam zurück und zog mich aus der Sorge weichherzig zu
werden Lord Rich ging mit einem Ansehen von trotzigem Missvergnügen hinweg Wir
bemerkten es beide Lady Summers sagte mir lächelnd »Können Sie gutherzig sein
und gute Leute plagen O wenn ich denken könnte dass eine dieser Blumen Sie als
die Braut von Lord Rich zum Altare schmücken würde Mein Bruder soll die
Vaterstelle vertreten so wie ich die Mutter sein werde« »Liebste Lady«
antwortete ich in der äußersten Bewegung »meine Widersetzung wird mir immer
schmerzhafter aber noch immer ist es mir unmöglich eine Entschließung zu
fassen Dulden Sie mich so wie ich bin noch einige Zeit« Ein Strom von
Tränen den ich nicht zurückhalten konnte machte die Lady gleichfalls weinen
aber sie versprach mir nicht weiter in mich zu setzen
Auszug aus einem Briefe von
Lord N an Lord B
Du weißt dass ich mit der reichen zierlichen Alton vermählt bin und dass sie
stolz darauf ist mich in Hymens Fesseln gebracht zu haben Einfältig brüstet
sie sich wenn ich um das Maß ihrer albernen Denkensart zu ergründen mit einer
Miene voller Gefälligkeit nach ihren neuen Wünschen frage Ich wollte damit eine
Zeitlang meinen Scherz haben um mein Register über weibliche Narrheiten
vollzumachen und ich habe mir einen sehr wesentlichen Dienst dadurch getan
Denn nachdem das elende Gepränge vorbei war womit Neuvermählte einander im
Triumphe herumzuführen scheinen fragte ich meine Lady ob sie nicht irgendeine
Landreise machen wollte und sie schlug mir einen Besuch bei ihrer Tante Summers
vor die eine langweilige Frau aber reich und angenehm zu erben sei Wir
schrieben ihr und ich schickte den John mit unserm Briefe unsern Besuch zu
melden Die Matrone nahm ihn sehr freundlich auf während sie mit der Antwort
beschäftigt war ging John mit ihrem Hausmeister in einem Zimmer auf und ab die
Lady hatte gleich um eine Madam Leidens geschickt Eine Viertelstunde darauf
tritt mit eilfertigem Schritte eine feine englisch gekleidete Weibsperson in den
Vorsaal und geht mit beinahe geschlossenen Augen ins Zimmer der Lady John wie
vom Blitz gerührt erkennt die Sternheim in ihr erholt sich aber gleich und
fragt wer diese Lady sei Der Hausmeister erzählt dass sie mit der Lady aus
Deutschland gekommen wäre und dass die Lady sie außerordentlich liebte sie sei
ein Engel von Güte und Klugheit und Lord Rich dessen Güter an der Lady ihre
grenzten würde sie heiraten Mein armer Teufel John zitterte vor Ängsten zu
der Lady gerufen zu werden und betrieb seine Abfertigung Die Alte kam aber
allein John ließ sich so schnell als möglich abfertigen und jagte zurück
Urteile selbst wie ich von dieser Nachricht überrascht wurde Über keinen
meiner kleinen Streiche bin ich jemals so verlegen gewesen als diesen Augenblick
über den welchen ich dieser Schwärmerin gespielt hatte Wo mag sie die
Verwegenheit genommen haben sich in England zu zeigen Aber gehts nicht
allezeit so Die furchtsamste Kreatur wird in den Armen eines Mannes herzhaft
gemacht Ich hatte ihr also etwas von meiner Unverschämtheit mitgeteilt welches
sie mir in dem Hause der Lady Summers wieder zurückgeben konnte Diesem wollte
ich mich nicht aussetzen indem meine Absichten unumgänglich die Beobachtung des
Wohlstandes erfoderten Ich wusste mir Dank den John bei mir behalten zu haben
denn der listige Hund fand eher einen Ausweg als ich Er schlug mir vor sie
entführen zu lassen dies musste aber bald geschehen und der Ort ihres
Aufenthalts musste sehr entfernt sein Ich bestimmte ihr den nämlichen Platz in
den schottischen Gebürgen auf Hoptons Gütern wo ich vor einigen Jahren die
Nancy aufgehoben habe und da diese von ihrem Vater der ein Advokat war nicht
gefunden werden konnte wer sollte eine Ausländerin da suchen Ich gestehe dir
es ist ein verfluchtes Schicksal für eines der artigsten Mädchen dass sie so
viele hundert Meilen von ihrem Geburtsort bei einem armen Bleiminenknecht in
Schottland Haberbrot fressen muss Aber was zum T hatte sie mir auf meinem Weg
nach England zu begegnen Es ist billig dass sie diese Frechheit bezahle Sie
ist bereits sicher an Ort und Stelle angekommen und ich habe Befehl gegeben
dass man gut mit ihr umgehen soll John machte die Anstalten und weil er vom
Hausmeister der Lady Summers wusste dass Lord Rich und die Töchter und Frau des
Pfarrers öfters mit meiner Heldin im Park Unterredungen hatten so ließ er sie
im Namen der Miss Emma auf einen Augenblick in den Park rufen Sie kam er packte
sie auf und brachte sie wie er sagt mit Mühe lebendig nach Schottland Den
ganzen Weg über hat sie nichts als ein paar Gläser Wasser zu sich genommen und
eine Ausrufung über mich unter dem Namen Derby ausgenommen wie ein totes Bild
in der Chaise gesessen Wenn du toller Narr hier gewesen wärst so hätte ich sie
dir in Verwahrung gegeben und gewiss wenn der heulende Genius der dich ehemals
regierte um sie geschwebt wäre hättest du sie zahm machen können und noch eine
bessere Beute an ihr gemacht als alles dein Gold in den Galanteriebuden zu
Paris nicht erkaufen kann Denn sie ist eine der schönsten Blumen von allen die
an dem feurigen Busen deines Freundes verwelkt sind Sobald ich Nachricht von
ihrer zweitägigen Abreise hatte ging ich mit meiner Lady und ihrem Vater nach
Summerhall wo die Matrone im Bette lag und um ihre Pflegetochter wehklagte
Alle Leute im Hause und im Orte die Familie des Pfarrers besonders Lord Rich
ein alter Knabe der den Philosophen spielt bejammerten den Verlust von Madam
Leidens Lady Summers flehte mich um Hilfe an ich gab mir auch das Ansehen
aller Bewegungen sie suchen zu helfen und erfuhr bei dieser Gelegenheit wie
sie nach England gekommen war Jedermann rühmte ihre Reize ihre Talente und ihr
gutes Herz die Narren machten mich toll und müde damit besonders Rich der
Weise der mich zum Vertrauten seiner Leidenschaft machte und so weise ist sich
einzubilden dass sie sich vor ihm geflüchtet habe weil er sie so weit gebracht
hätte ihm die Erzählung ihrer Geschichte zu versprechen die gewiss besonders
sein müsse indem das junge Frauenzimmer alle Merkmale der edelsten Erziehung
der vollkommensten Tugend und der feinsten weiblichen Zärtlichkeit in ihrem
Betragen hätte Er vermutete ein Bösewicht habe ihre Gutherzigkeit betrogen und
dadurch den Grund des Kummers gelegt mit welchem er sie immer kämpfen sehen
War es nicht eine verdammte Sache alles dieses anzuhören und fremde zu
scheinen Er wies mir ihr Bildnis wohl getroffen vor einem Tische wo ein
Gestelle mit Schmetterlingen war von denen sie ich weiß nicht welchen
Gebrauch zu einem Fest machen wollte so mir zu Ehren angestellt werden sollte
und wovon sie die Erfinderin war Der Einfall war nicht gut gewählt sie
verstund sich wenig auf die Schmetterlingsjagd sonst hätte sie meine Fittiche
nicht freigelassen Aber ihr Bild machte mehr Eindruck auf mich als alle Züge
von ihrem Charakter Es ist bei meinem Leben schade um sie und ich möchte
wissen was sie bei der Vorsicht die sie doch so stark verehrt verschuldet
haben mag dass sie in der schönsten Blüte ihres Lebens aus ihrem Vaterlande
gerissen zugrunde gerichtet und in den elendsten Winkel der Erde geworfen
werden musste Und was wollte das Verhängnis mit mir dass ich der Henkerbube sein
musste der diese Verurteilung vollzog O ich schwör es wenn ich jemals eine
Tochter erziehe so soll sie alle Stricke kennenlernen womit die Bosheit unsers
Geschlechts die Unschuld des ihrigen umringt Aber was hilft dies die arme
Sternheim Komm zurück wir wollen im Frühjahre sie einmal besuchen diesen
Winter muss sie ausharren ob sie mich schon jammert
Einschaltung der Abschreiberin
Hier meine Freundin müssen Sie noch etwas von meiner Feder lesen um eine
Lücke auszufüllen welche sich in den Papieren wovon ich Ihnen die Auszüge
mitteile Endet Meine liebe Dame wurde nach dem Anschlage des gottlosen Lords
in den Garten zu den Töchtern des Pfarrers gerufen just da sie eben ihren
letzten Brief an meine Emilia endigte sie steckte die ganze Rolle des Papiers
zu sich um zu verhindern dass man nichts zum Nachteil des Lords finden möchte
ging gegen den Park zu und da sie sich zwanzig Schritte weit an der Seite des
Gartens gegen das Dorf umgesehen hatte und niemand erblickte ging sie zurück
Aber plötzlich zeigte sich im Park eine Weibsperson die ihr winkte sie eilte
gegen ihr diese Person eilte gleichfalls auf sie zu und fasste sie an der Hand
Im nämlichen Augenblicke kamen noch zwo vermummte Personen warfen ihr eine
dichte runde Kappe über den Kopf und schleppten sie mit Gewalt fort Ihr
heftiges Sträuben ihre Bemühung zu rufen war vergebens man warf sie in eine
Halbchaise und jagte die ganze Nacht mit ihr fort Essen und Trinken bot man ihr
in einem Walde an sie konnte aber und mochte nichts als ein Glas Wasser nehmen
Gleich jagte man wieder weiter äußerst traurig und abgemattet saß sie neben
einer Person in Weibskleidern von welcher sie fest umfasst gehalten wurde Sie
bat einmal auf den Knien um Erbarmen erhielt aber keine Antwort und wurde
endlich in der Hütte eines schottischen Bleiminenknechts auf ein elendes Bette
gesetzt Dies war alles was sie von ihrer Entführung zu sagen wusste denn sie
war beinahe sinnlos Ihr Tagebuch kann zum Beweis dienen wie sehr ein heftiger
Schmerz des Gemüts das edelste Herz zerrütten kann Aber eben dieses Tagebuch
beweist dass sobald ihre Kräfte sich erholten auch die vortrefflichen
Grundsätze ihrer Erziehung wieder ihre volle Wirksamkeit erhielten
Den Kummer in welchen durch diesen Zufall die Lady Summers gesetzt wurde
und den Jammer meiner Emilia und den meinigen über die Nachricht von ihrem
Unsichtbarwerden könnten Sie sich leichter selbst vorstellen als ich ihn
beschreiben könnte zumal da alles mögliche um auf ihre Spur zu kommen
vergebens angewandt wurde Unvermeidliche Zufälle hielten meinen Schwager den
Winter durch zurück selbst nach England zu gehen um der Lady Summers seine
Vermutungen gegen Lord Derby zu entdecken und dieser Winter war der längste und
traurigste den jemals eine kleine Familie erlebt hat welche durch das Unglück
einer innigst geliebten Freundin elend gemacht wurde
Madam Leidens in den schottischen
Bleigebürgen
Emilia teurer geliebter Name Ehemals warst du mein Trost und die Stütze meines
Lebens jetzt bist du eine Vermehrung meiner Leiden geworden Die klagende
Stimme die Briefe deiner unglücklichen Freundin dringen nicht mehr zu dir
alles alles ist mir entrissen und noch musste mein Herz mit der Last des
bitteren Kummers beschweret werden die Angst meiner Freunde zu fühlen Beste
Lady liebste Emilia warum musste euer liebreiches Herz mit in das Los von
Qual der Seele fallen welches das Verhängnis mir Unglücklichen zuwarf O
Gott wie hart strafest du den einzigen Schritt meiner Abweichung von dem Pfade
der bürgerlichen Gesetze Kann meine heimliche Heurat dich beleidigt haben
arme Gedanken wo irret ihr umher Niemand hört euch niemand wird euch lesen
diese Blätter werden mit mir sterben und verwesen niemand als mein Verfolger
wird meinen Tod erfahren und er wird froh sein die Zeugnisse seiner
Unmenschlichkeit mit mir begraben zu wissen O Schicksal du siehst meine
Unterwerfung du siehst dass ich nichts von dir bitte du willst mich langsam
zermalmen tue es rette nur die Herzen meiner tugendhaften Freunde von dem
Kummer der sie meinetwegen beängstiget
Dritter Monat meines Elendes
Noch einen Monat hab ich durchgelebt und finde mein Gefühl wieder um den
ganzen Inbegriff meines Jammers zu kennen Selige Tage wo seid ihr an denen
ich bei dem ersten Anblick des Morgenlichts meine Hände dankbar zu Gott erhob
und mich meiner Erhaltung freute Itzt benetzen immer neue Tränen mein Auge und
mit neuem Händeringen bezeichne ich die erste Stunde meines erneuerten Daseins
O mein Schöpfer solltest du wohl die bittere Zähre meines Jammers lieber sehen
als die überfliessende Träne der kindlichen Dankbarkeit
Hoffnungslos aller Aussichten auf Hilfe beraubt kämpfe ich wider mich selbst
ich werfe mir meine Traurigkeit als ein Vergehen vor und folge dem Zug zum
Schreiben Eine Empfindung von besserer Zukunft regt sich in mir Ach redete
sie nicht noch lauter in meinen vergangenen Tagen Täuschte sie mich nicht
Schicksal hab ich mein Glück gemissbraucht
Hing mein Herz an dem Schimmer der mich umgab Oder ist der Stolz auf die
Seele die ich von dir empfing mein Verbrechen gewesen Arme arme Kreatur
mit wem rechte ich Ich beseelte Handvoll Staubes empöre mich wider die Gewalt
die mich prüft und erhält Willt du o meine Seele willt du durch Murren und
Ungeduld das ärgste Übel in den Kelch meines Leidens gießen Vergib o Gott
vergib mir und lass mich die Wohltaten aufsuchen mit denen du auch hier mein
empfindliches Herz umgeben hast
Komm du treue Erinnerung meiner Emilia komm und sei Zeuge dass das Herz deiner
Freundin seine Gelübde der Tugend erneuert dass es zu dem Wege seiner Pflichten
zurückkehrt seiner eigensinnigen Empfindlichkeit absagt und vor den Merkmalen
einer liebreichen immerdauernden Vorsicht nicht mehr die Augen verschließt
Beinahe drei Monate sinds dass ich durch einen betrügerischen Ruf in dem Park
von Summerhall anstatt meiner gefühlvollen freundlichen Emma einem der
grausamsten Menschen in die Gewalt kam der mich Tag und Nacht reisen machte um
mich hieher zu bringen Derby Niemand als du war dieser Barbarei fähig In der
Zeit wo ich für dein Vergnügen arbeitete zetteltest du ein neues Gewebe von
Kummer für mich an Ehre und Großmut müssen dir sehr unbekannt sein weil du
nicht denken konntest dass sie mich deinen Augen entziehen und mich schweigen
heißen würden Was für ein Spiel machst du dir aus der Trübsal eines Herzens
dessen ganze Empfindsamkeit du kennst Warum o Vorsicht warum mussten alle
boshafte Anschlage dieses verdorbenen Menschen in Erfüllung kommen und warum
alle guten Entwürfe der Seele die du mir gabst in diese traurige Gebirge
verstoßen werden
Wie unstet macht die Eigenliebe den Gang unserer Tugend Vor zween Tagen wollte
mein Herz voll edler Entschlüsse geduldig auf dem dornichten Pfade meines
unglücklichen Schicksals fortgehen und meine Eigenliebe führt die
Wiedererinnerung dazu welche meine Blicke von dem Gegenwärtigen und Künftigen
entfernt und allein auf das unveränderliche Vergangene heftet Tugendlehre
Kenntnisse und Erfahrung sollen also an mir verloren sein und ein
niederträchtiger Feind soll die verdoppelte Gewalt haben nicht nur mein
äusserliches Ansehen von Glück wie ein Räuber ein Kleid von mir zu reißen
sondern meine Gesinnungen die Übung meiner Pflichten und die Liebe der Tugend
selbst in meiner Seele zu zerstören
Glückliche ja allerglücklichste Stunde meines Lebens in der ich mein ganzes
Herz wiedergefunden habe in welcher die selige Empfindung wieder in mir
erwachte dass auch hier die väterliche Hand meines Schöpfers für die besten
Güter meiner Seele gesorget hat Er ist es der meinen Verstand von dem
Wahnsinne errettete welcher in den ersten Wochen sich meiner bemeistern wollte
Er gab meinen rauen Wirten Leutseligkeit und Mitleiden für mich das reine
moralische Gefühl meiner Seele erhebt sich allmählich über die Düsternheit
meines Grams Die Heiterkeit des Himmels der diese Einöde umgibt gießt ob ich
ihn schon seufzend anblicke ebensoviel Hoffnung und Friede in mein Herz als der
zu Sternheim Vaels und Summerhall Diese aufgetürmten Berge reden mir von der
allmächtigen Hand welche sie schuf überall ist die Erde mit den Zeugnissen
seiner Weisheit und Güte erfüllt und überall bin ich sein Geschöpf Er wollte
hier meine Eitelkeit begraben und die letzten Probestunden meines Lebens sollen
allein vor seinen Augen und vor dem Zeugnis meines Herzens verfliessen
Vielleicht werden sie nicht lange dauern Soll ich denn nicht suchen sie mit
dem Überrest von Tugend auszufüllen deren Ausübung noch in meiner Gewalt
geblieben ist Gedanke des Todes wie wohltätig bist du wenn du von der
Versicherung der Unsterblichkeit unserer Seele begleitet zu uns kommst wie
lebhaft erweckest du das Gefühl unserer Pflichten und wie eifrig machst du
unsern Willen Gutes zu tun Dir danke ich die Überwindung meines Grams und die
erneuerten Kräfte der Tugend meiner Seele Du machtest mich mit Lebhaftigkeit
den Entschluss fassen meine letzten Tage mit edlen Gesinnungen auszufüllen und
zu sehen ob ich nicht auch hier Gutes tun kann
Ja ich kann ich will noch Gutes tun o Geduld du Tugend des Leidenden nicht
des Glücklichen dem alle Wünsche gewähret sind wohne bei mir und leite mich zu
ruhiger Befolgung der Ratschlüsse des Schicksals Mühsam und einzeln sammlet
man die Wurzeln und Kräuter welche unsere leiblichen Übel heilen Ebenso
besorgt sollte man die Hilfsmittel unserer moralischen Krankheiten suchen sie
finden sich oft wie jene am nächsten Fusssteige von unserem Aufenthalt Aber
wir sind gewohnt das Gute immer in der Ferne zu suchen und das an der Hand
liegende mit Verachtung zu übersehen Ich machte es so meine Wünsche und meine
Klagen führten meine Empfindung weit von dem was mich umgab wie spät erkenne
ich die Wohltat eine ganze Rolle Papier mit mir gebracht zu haben die mir
bisher in den Sammlungsstunden meines Geistes so große Dienste getan hat War es
nicht Güte der Vorsicht die mich auf meiner beschwerlichen Reise hieher vor
aller Beleidigung schützte und mir alles erhielt was mir in den Zeiten meiner
Ruhe nützen konnte
Emilia heilige Freundschaft geliebtes Andenken dein Bild steigt aus dem
Schutte meiner Glückseligkeit lächelnd empor Tränen viele Tränen kostest du
mich Aber komm diese Blätter sollen dir geweihet sein Von Jugend auf
ergossen sich meine geheimsten Empfindungen in dein treues zärtliches Herz der
Zufall kann diese Papiere erhalten sie können dir noch zukommen und du sollst
darin sehen dass mein Herz die Tugend des deinigen und seine Güte für mich
niemals vergessen hat Vielleicht benetzt einst die Zähre deiner
freundschaftlichen Liebe diese Überbleibsel deiner unglücklichen Sophie Auf
meinem Grabe wirst du sie nicht weinen können denn ich werde das Schlachtopfer
sein welches die Bosheit des Derby hier verscharret und da der Gedanke an Tod
und Ewigkeit meine Klagen und Wünsche endiget so will ich dir noch den jähen
Umsturz beschreiben der mich in meine frühe Grube bringt Ich konnte es nicht
eher tun ich wurde zu sehr erschüttert so oft ich daran dachte
Halb leblos bin ich hier angelangt und drei Wochen in einer Gemütsverfassung
gewesen die ich nicht beschreiben kann was ich in dem zweiten und dritten
Monat meines Aufenthalts war zeigen die Stücke die ich in meinen
Erquickungsstunden schrieb Urteilen Sie aber Emilia von der Zerrüttung meiner
Empfindnisse weil ich nicht beten konnte ich rief auch den Tod nicht aber in
dem vollen Gefühl des Übermasses von Unglück so mich betroffen würde ich dem
auf mich fallenden Blitz nicht ausgewichen sein Ganze Tage war ich auf meinen
Knien nicht aus Unterwerfung nicht um Gnade vom Himmel zu erflehen Stolz
empörter Stolz war mit dem Gedanken des unverdienten Elends in meine Seele
gekommen Aber o meine Emilia dieser Gedanke vermehrte mein Übel und verschloss
jeder übenden Tugend meiner Umstände mein Herz und übende Tugend allein kann
den Balsam des Trosts in die Wunden der Seele träuflen Ich empfand dieses das
erstemal als ich das arme fünfjährige Mädchen die auf mich acht haben musste
mit Rührung ansah weil sie sich bemühte meinen niedergesunknen Kopf mit ihren
kleinen Händen aufzurichten ich verstund ihre Sprache nicht aber ihr Ton und
der Ausdruck ihres Gesichts war Natur und Zärtlichkeit und Unschuld ich schloss
sie in meine Arme und vergoss einen Strom von Tränen es waren die ersten
Trosttränen die ich weinte und in die Dankbarkeit meines Herzens gegen die
Liebe dieses Geschöpfs mischte sich die Empfindung dass Gott diesem armen Kinde
die Gewalt gegeben hätte mich die Süßigkeit des Mitleidens schmecken zu lassen
Von diesem Tage an rechne ich die Wiederherstellung meiner Seele Ich fing nun
an dankbar die kleinen Brosamen von Glückseligkeit aufzusammlen die hier neben
mir im Staube lagen Meine erschöpften Kräfte die Schmerzen welche mir das
Haberbrot verursachte ließ mich meinen Tod nahe glauben ich hatte keinen
Zeugen meines Lebens mehr um mich ich wollte meinem Schöpfer ein gelassenes
ihn liebendes Herz zurückgeben und dieser Gedanke gab den tugendhaften
Triebfedern meiner Seele ihre ganze Stärke wieder Ich nahm meine kleine
Wohltäterin zu mir in den armen abgesonderten Winkel den ich in der Hütte
besitze ich teilte mein Lager mit ihr und von ihr nahm ich die erste
Unterweisung der armen Sprache die hier geredet wird Ich ging mit ihr in die
Stube meiner Hauswirte der Mann hatte lang in den Bleiminen gearbeitet und ist
nun aus Kränklichkeit unvermögend dazu geworden bauet aber mit seiner Frau und
Kindern ein kleines Stück Feld das ihm der Graf Hopton nah an einem alten
zerfallenen Schloss gegeben mit Haber und Hanf an den Haber stoßen sie mit
Steinen zum Gebrauch klein und der Hanf muss sie kleiden Es sind arme gutartige
Leute deren ganzer Reichtum wirklich in den wenigen Guineen besteht welche sie
für meine Verwahrung erhalten haben Es freute sie dass ich ruhiger wurde und zu
ihnen kam jedes befliss sich mir Unterricht in ihrer Sprache zu geben und ich
lernte in vierzehn Tagen so viel davon um kurze Fragen zu machen und zu
beantworten Die Leute wissen wie weit sie mich außer dem Hause lassen dürfen
und der Mann führte mich an einem der letzten Herbsttage etwas weiter hinaus O
wie arm ist hier die Natur man sieht dass ihre Eingeweide bleiern sind Mit
tränenden Augen sah ich das raue magere Stück Feld auf dem mein Haberbrot
wächst und den über mich fließenden Himmel an die Erinnerung machte mich
seufzen aber ein Blick auf meinen abgezehrten Führer hieß mich zu mir selbst
sagen ich habe mein Gutes in meiner Jugend reichlich genossen und dieser gute
Mann und seine Familie sind so lange sie leben in Elend und Mangel gewesen
sie sind Geschöpfe des nämlichen göttlichen Urhebers ihrem Körper fehlt keine
Sehne keine Muskel die sie zum Genuss physikalischer Bedürfnisse nötig haben
da ist kein Unterschied unter uns aber wie viele Teile der Fähigkeiten ihrer
Seele schlafen und sind untätig geblieben Wie verborgen wie unbegreiflich sind
die Ursachen die in unsrer körperlichen Einrichtung keinen Unterschied
entstehen ließ und im moralischen Wachstum und Handeln ganze Millionen
Geschöpfe zurücklassen wie glücklich bin ich heute noch durch den erhaltenen
Anbau meines Geistes und meiner Empfindung gegen Gott und Menschen Wahres
Glück einzige Güter die wir auf Erden sammlen und mit uns nehmen können ich
will aus Ungeduld euch nicht von mir stoßen ich will die Gutherzigkeit meiner
armen Wirte durch meine Freundlichkeit belohnen Eifrig lernte ich an ihrer
Sprache fort und erfuhr beim Nachforschen über ihre manchmalige Härte gegen das
junge Mädchen dass es nicht ihr Kind sondern des Lords Derby wäre dass die
Mutter des Kindes bei ihnen gestorben sei und der Lord nichts mehr zu dessen
Unterhalt hergäbe Ich musste bei dieser Nachricht in meinen Winkel ich empfand
mit Schmerzen mein ganzes Unglück wieder Die arme Mutter sie war schön wie ihr
Kind und jung und gut bei ihrem Grabe wird das meinige sein O Emilia
Emilia wie kann o wie kann ich diese Prüfung aushalten Das gute Mädchen kam
und nahm meine Hand die über mein armes Bette hing während mein Gesicht gegen
die Wand gekehrt war Ich hörte sie kommen ihr Anrühren ihre Stimme machte
mich schauern und widerwillig entriss ich ihr meine Hand Derbys Tochter war mir
verhasst Das arme Mädchen ging mit Weinen an den Fuß meines Lagers und
wehklagte Ich fühlte mein Unrecht die unglückliche Unschuld leiden zu machen
ich gelobte mir meinen Widerwillen zu unterdrücken und dem Kinde meines Mörders
Liebe zu erweisen Wie froh war ich da ich mich aufrichtete und sie rief Auf
ihre kleine Brust gelehnt legte ich das Gelübde ab ihr Güte zu erweisen Ich
werde es nicht brechen ich hab es zu teuer erkauft
O Derby wie voll wie voll machst du das Maß deiner Härte gegen mich heute
kommt ein Bote und bringt einen großen Pack Vorrat zur Tapezerei niederträchtig
spottet er da mir bei Hofe die Zeit ohne Tapetenarbeit zu lang gewesen so
möchte es hier auch so sein er schickte mir also Winterarbeit im Frühjahre
würde er es holen lassen Es ist zu einem Kabinett die Risse liegen dabei
Ich will sie anfangen ja ich will er wird nach meinem Tode die Stücke kriegen
er soll die Überreste seiner an mir verübten Barbarei sehen und sich erinnern
wie glücklich ich war als er das erstemal meine Finger arbeiten sah er wird
auch denken müssen in was für einen Abgrund von Elend er mich stürzte und darin
zugrunde gehen machte
Niemals mehr o Schicksal Niemals mehr will ich mich dem Murren meiner
Eigenliebe überlassen wie verkehrt heißt sie uns urteilen Ich klagte über das
was mein Vergnügen geworden ist Meine Arbeit erheitert meine trüben Wintertage
meine Wirte sehen mir mit roher Entzückung zu und ich gebe ihrer Tochter
Unterweisung darin Mit frohem Stolz sah das Mädchen um sich als sie das erste
Blättchen genäht hatte Unglück und Mangel hat schon viele erfindsam gemacht
ich bin es auch worden Ich weiß dass der Graf von Hopton dem die Bleiminen
zugehören einige Meilen von hier ein Haus hat und dass er manchmal auf einige
Tage hinkömmt Auf der letzten Reise hatte er seine Schwester bei sich die er
sehr liebt und die als Witwe oft bei ihm ist Auf diese Dame baue ich
Hoffnungen die mit der Dauer meines Lebens wieder rege in mir sind Ich habe
meinen Wirten den Gedanken gegeben ihre Tochter Maria in die Dienste dieser
Dame zu bringen ich versprach sie alles zu lehren was dazu nötig sei Schon
lehre ich sie Englisch reden und schreiben die Tapetenarbeit kann sie und da
mich der Mangel dazu trieb aus den Spitzen meines Halstuchs noch zwo Hauben zu
machen so hat sie auch diese Kunst gerlernt Vom übrigen gebe ich ihr
Unterricht bei der Arbeit Das Mädchen ist so geschickt zum Fassen und Urteilen
dass ich oft darüber erstaune Diese soll mir den Weg zur Freiheit bahnen denn
durch sie hoffe ich der Lady Douglas bekannt zu werden O Schicksal lass mir
diese Hoffnung
Ich will meiner Emilia noch ein Nebenstück meines quälenden Schicksals erzählen
Sie wissen wie reinlich ich immer in Wäsche war und hier zog ich mich ich
weiß nicht wie lang gar nicht aus endlich kam mit meiner Überlegung das
Missvergnügen über den Kleidermangel und beim Nachdenken war ich sehr froh dass
ich bei meiner Entführung ein ganz weißes leinen Kleid anhatte welches ich
gleich auszog und der modischen Üppigkeit für die vielen Falten dankte die sie
darin gemacht hatte denn ich konnte füglich drei Hemden daraus schneiden und
ein kurz Kleid daneben behalten meine Schürze machte ich zu Halstüchern und aus
dem ersten Rock Schürzen so dass ich mit ein wenig leichter Lauge meine Kleidung
recht reinlich halten kann und abzuwechseln weiß Ich plätte sie mit einem
warmen Stein Die kleine Lidy hab ich auch nähen gelernt und sie macht recht
artige Stiche in meinem Tapetengrund Meine Wirte säubern ihre Wohnung mir
zulieb alle Tage sehr ordentlich und mein gekochtes Haberbrot fängt an mir
wohl zu bekommen Die Bedürfnisse der Natur sind klein meine Emilia ich stehe
satt von dem mageren Tische auf und meine Wirte hören mich mit Erstaunen von den
übrigen Teilen der Welt erzählen Ich habe die Bildnisse meiner Eltern noch ich
wies sie den Leuten und erzählte ihnen von meiner Erziehung und ehemaligen
Lebensart was sie fassen konnten und ihnen gut war Ungekünstelte mitleidige
Zähren träufelten aus ihren Augen da ich von meinem genossenen Glücke sprach
und ihnen die Geduld erklärte die wirklich in meinem Herzen ist Ich rede wenig
von Ihnen meine Liebe Ich bin nicht stark genug oft an Ihren Verlust zu
denken an Ihren Kummer um mich zu denken Könnte ich durch mein Leiden nur
Ihres um mich und meiner gütigen Lady ihres loskaufen ich wollte mich bemühen
nicht mehr zu sagen dass ich leide aber das Schicksal wusste was mich am
meisten quälen würde es wusste dass mich meine Unschuld und meine Grundsätze
trösten und beruhigen würden es wusste dass ich Armut und Mangel ertragen lernen
würde daher gab es mir das Gefühl von dem Weh meiner Freunde ein Gefühl
dessen Wunde unheilbar ist weil es ein Vergehen wäre wenn ich mich davon
loszumachen suchte Wie glücklich machte mich dieses Gefühl ehemals da ich
im Besitz meiner Güter jeden belauschten Wunsch meiner Freunde befriedigen und
jeden bemerkten Schmerzen lindern konnte Zwei Jahre sind es dass ich glänzend
unter den schimmernden Haufen trat und Aussichten von Glück vor mir hatte mich
geliebt sah und wählen oder verwerfen konnte O mein Herz warum hütetest du
dich so lange vor dieser Erinnerung Niemals mehr getrautest du dir den Namen
Seimour zu denken nun fragst du was würde er sagen und weinst über seine
Vergessenheit O nimm diesen Teil weg lass ihn nimmer in mein Gedächtnis
kommen sein Herz kannte das meine für ihn niemals und nun ist es zu spät
Mein Papier ach Emilia mein Papier geht zu Ende ich darf nun nicht mehr viel
schreiben der Winter ist lange ich will den Überrest auf Erzählung meiner noch
dunklen Hoffnungen erhalten O mein Kind einige Bogen Papier waren mein Glück
und ich darf es nicht mehr genießen Ich will Kannevas sparen und Buchstaben
hineinnähen
Im April
O Zeit wohltätigstes unter allen Wesen wieviel Gutes hab ich dir zu danken
du führtest allmählich die tiefen Eindrücke meiner Leiden und verlorenen
Glückseligkeit von mir weg und stelltest sie in den Nebel der Entfernung
während du eine liebreiche Heiterkeit auf die Gegenstände verbreitetest die
mich umgeben Die Erfahrung welche du an der Hand führest lehrte mich die
übende Weisheit und Geduld kennen Jede Stunde da ich mit ihnen vertrauter
wurde verminderte die Bitterkeit meines Grams Du alle Wunden des Gemüts
heilende Zeit wirst auch den Balsam der Beruhigung in die Seele meiner wenigen
Freunde gießen und sie in Umstände setzen worin sie die frohen Aussichten ihres
Geschickes ohne den vergällenden Kummer um mich genießen können Du hast die
Trostgründe der Güte meines Schöpfers die das geringste Erdwürmchen unter den
Schutz kleiner Sandkörner begleitet wieder in meine Seele gerufen du hast mich
sie in diesen rauen Gebürgen finden lassen den Gebrauch meiner Kenntnisse in
mir erneuert und die im Schoße des Glückes schlafenden Tugenden erweckt und
geschäftig gemacht Hier wo die physikalische Welt wenige Gaben sparsam unter
ihre traurigen Bewohner austeilt hier habe ich den moralischen Reichtum von
Tugenden und Kenntnissen in der Hütte meiner Wirte verbreitet und mit ihnen
genieße und koste ich ihre Süßigkeit Von allem was den Namen von Glück
Ansehen und Gewalt führt völlig entblößt mein Leben den Händen dieser
Fremdlinge anvertraut wurde ich ihre moralische Wohltäterin indem ich ihre
Liebe zu Gott erweiterte ihren Verstand erleuchtete und ihre Herzen beruhigte
da ich durch Erzählungen von andern Weltteilen und von den Schicksalen ihrer
Einwohner in den Erholungsstunden meiner armen Wirte Vergnügen um sie hergoss
Ich habe die traurigen unschuldsvollen Tage einer doppelt unglücklichen Waise
durch Liebe Sorge und Unterricht mit Blumen bestreut von dem Genuße alles
dessen was die Menschen als Wohlsein betrachten entfernt genieße ich die
wahren Geschenke des Himmels die Freude wohlzutun und die Ruhe des Gemüts als
Früchte der wahren Menschenliebe und erfahrner Tugend Reine Freude wahre
Güter ihr werdet mich in die Ewigkeit begleiten und für euren Besitz wird
meine Seele das erste Danklied anstimmen
Zu Ende des Brachmonats
Emilia haben Sie sich jemals in den Platz eines Menschen stellen können der in
einem elenden Kahn auf der stürmenden See ängstlich sein Leben fühlt und mit
zitternder Hoffnung hin und her um Anschein der Hoffnung sieht Lange stoßen ihn
die Wellen herum und lassen ihn Verzweiflung fühlen endlich erblickt er eine
Insel die er zu erreichen hofft mit gefalteten Händen ruft er »O Gott ich
sehe Land« Ich mein Kind ich fühle alles dieses ich sehe Land Der Graf
von Hopton ist in seinem Haus auf dem Gebirge und Lady Douglas seine Schwester
hat die Tochter meiner Wirtin zu sich genommen Sie ging mit ihrem Bruder und
einer Tapete zur Lady ihre Dienste anzubieten Voller Verwunderung über ihre
Arbeit und ihre Antworten hat die Lady gefragt wer sie unterrichtet hätte und
das dankbare Herz des guten Mädchens erzählte ihr von mir was sie wusste und
empfand Die edle Dame wurde bis zu Tränen gerührt sie versprach dem Mädchen
sogleich sie zu nehmen ließ den jungen Leuten zu essen geben und schickte den
Sohn allein nach Hause mit zwo Guineen für seine Eltern und dem Versprechen sie
wollte vor ihrer Abreise noch selbst zu ihnen kommen Mich ließ sie besonders
grüßen und für meine Mühe mit ihrem Mädchen segnen Ich habe sie um Papier
Feder und Tinte bitten lassen ich will mich dieser Gelegenheit bedienen um an
meine Lady Summers zu schreiben aber ich will der Lady Douglas den Brief offen
geben um ihr meine Aufrichtigkeit zu zeigen Ich würde strafbar sein wenn ich
nicht alle Gelegenheit anwendete um meine Freiheit zu erlangen da sich edle
Mittel dazu anbieten Ich will auch den Lord Hopton um seine Gnade für meine
armen Wirte bitten die guten Leute wissen sich vor Freude über die Versorgung
ihrer Tochter und über das Geld so sie bekommen haben nicht zu fassen sie
liebkosen und segnen mich wechselsweise Meine Waise lasse ich nicht zurück das
Kind würde nun da ich sie an gutes Bezeigen gewöhnt habe durch den Verlust
doppelt unglücklich sein und alle meine Tage würden durch ihr Andenken
beunruhiget wenn ich zum Glücke zurückkehrte und sie dem offenbaren Elend zum
Raube ließe
O Meine Freundin es war Vorbedeutung die mich in meinem letzten Blatte das
Gleichnis eines auf der tobenden See irrenden Kahns finden ließ ich war
bestimmt die höchsten Schmerzen der Seele zu fühlen und dann in dem Augenblick
der Hoffnung zu sterben Die unaussprechliche Bosheit meines Verfolgers reißt
mich dahin wie eine schäumende Welle Kahn und Menschen in den Abgrund reißt
Diese Gewalt wurde ihm gelassen und mir alle Hilfsmittel entzogen bald wird ein
einsames Grab meine Klagen endigen und meiner Seele die Endzwecke zeigen warum
ich dieses grausame Verhängnis erdulden musste Ich bin ruhig ich bin zufrieden
mein letzter Tag wird der freudigste sein den ich seit zwei Jahren hatte
Ihnen meine bis in den letzten Augenblick zärtlich geliebte Freundin wird die
Lady Summers mein Paket Papiere schicken und Ihr Herz bei dem Gedanken dass
alles mein Leiden sich in einer seligen Ewigkeit verloren hat beruhiget werden
Meine letzten Kräfte sind Ihnen gewidmet Sie waren die Zeugin meines
glücklichen Lebens Sie sollen auch soviel ich es tun kann von dem Ende meiner
trübseligen Tage wissen
Ich war voller Hoffnungen und mit fröhlichen Aussichten umgeben als der
vertrauteste Bösewicht des Derby anlangte um mir den verhassten Vorschlag zu
tun ich sollte mich zu dem Lord nach London begeben er liebe seine Gemahlin
nicht wäre auch selbst kränklich geworden und halte sich meistens auf einem
Landhause zu Windsor auf wo ihm mein Umgang sehr angenehm sein würde Er selbst
schrieb in einem Billett wenn ich freiwillig kommen wollte und ihn lieben
würde so denke er sich von Lady Alton scheiden zu lassen und unsere Heurat zu
bestätigen wie es die Gesetze und meine Verdienste erfoderten aber wenn ich
aus einer meiner ehemaligen Wunderlichkeiten diesen Vorschlag verwerfe so
möchte ich mir mein Schicksal gefallen lassen wie er es für gut finden würde
Dies musste ich anhören denn lesen wollte ich das Billett nicht das Ärgste von
dieser unerträglichen Beleidigung war dass ich den unseligen Kerl sehen musste
durch dessen Hand meine falsche Verbindung geschehen war Auf das äußerste
betrübt und erbittert verwarf ich alle diese unwürdigen Vorschläge und der
Barbar rächte seinen Herrn indem er mich nach der zweiten förmlichen Absage mit
der heftigsten Bosheit beim Arm und um den Leib packte zum Hause hinaus gegen
den alten Turm hinschleppte und mit Wüten und Fluchen zu einer Türe hineinstiess
mit dem Ausdruck dass ich da krepieren möchte damit sein Herr und er einmal
meiner los würden Mein Sträuben und die entsetzliche Angst so ich hatte ich
möchte mit Gewalt nach London geführet werden hatte mich abgemattet und halb
von Sinnen gebracht ich fiel nach meiner ganzen Länge in das mit Schutt und
Morast angefüllte Gewölbe wo ich auf den Steinen meine linke Hand und das halbe
Gesicht beschädigte und heftig aus der Nase und Mund blutete Ich weiß nicht
wie lang ich ohne Bewusstsein dalag als ich mich wieder fühlte war ich ganz
entkräftet und voll Schmerzen die faule dünstige Luft die ich atmete
beklemmte in kurzer Zeit meine Brust so sehr dass ich an dem letzten Augenblicke
meines Lebens zu sein glaubte Ich sah nichts aber ich fühlte mit der einen
Hand dass der Boden stark abhängig war und besorgte daher bei der geringsten
Bewegung gar in einen Keller zu fallen wo ich nicht ohne Verzweiflung meinen
Geist aufgegeben hätte Mein Jammer und die Empfindungen die ich davon hatte
ist nicht zu beschreiben die ganze Nacht lag ich da es regnete stark das
Wasser floss unter der Türe herein auf mich zu so dass ich ganz nass und starr
wurde und von meinem Unglück gänzlich darniedergeschlagen mir den Tod
wünschte Ich bekam wie mich deucht innerliche Zückungen Soviel weiß ich
noch als ich mich wieder besinnen konnte war ich auf meinem Bette um welches
meine armen furchtsamen Wirte stunden und wehklagten Meine Waise hatte meine
Hand und ächzte ängstlich ich fühlte mich sehr übel und bat die Leute mir den
Geistlichen des Grafen von Hopton zu holen weil ich sterben würde Mit
aufgehobenen Händen bat ich sie der Sohn ging fort und die Eltern erzählten
mir dass sie mir nicht hatten helfen dürfen bis Sir John wie sie ihn nannten
abgereiset gewesen wäre Schreckliches Los der Armut dass sie selten Herz genug
hat sich der Gewalt des reichen Lasters entgegenzusetzen Der Regen hatte den
Bösewicht aufgehalten doch sagen sie sei er noch an die Türe des Turns
gegangen hätte sie aufgemacht und gehorcht den Kopf verdrießlich in die Höhe
geworfen und ohne die Türe zuzuschliessen oder ihnen noch etwas zu sagen wäre
er davongegangen Sie hätten aus Furcht vor ihm noch eine Stunde gewartet und
wären dann mit einem Licht zu mir gekommen da sie mich denn für tot angesehen
und herausgetragen hätten Der Geistliche kam und die Lady Douglas mit ihm
beide betrachteten mich aufmerksam und mitleidend Ich reichte der Lady meine
Hand der sie die ihrige mit Güte entgegengab »Edle Lady« sagte ich mit
tränenden Augen »Gott wird diese menschenfreundliche Bemühung um mich an Ihrer
Seele belohnen glauben Sie nur auch dass ich es würdig bin« Ich bemerkte dass
ihre Augen auf meine Hand und das Bildnis meiner Mutter geheftet waren da
sagte ich ihr »es ist meine Mutter eine Enkelin von Lord David Watson und
hier« indem ich die andere Hand erhob »ist mein Vater ein würdiger Edelmann
in Deutschland schon lange sind beide in der Ewigkeit und bald bald hoffe
ich bei ihnen zu sein« setzte ich mit gefalteten Händen hinzu Die Dame weinte
und sagte dem Geistlichen er solle meinen Puls fühlen er tats und
versicherte dass ich sehr übel wäre Mit liebreichem Eifer sah sie um sich und
fragte ob ich nicht weggebracht werden könnte »Nicht ohne Lebensgefahr«
sagte der Geistliche »ach das ist mir leid« sprach die liebe Dame indem sie
mir die Hand drückte Sie ging hinaus und der Geistliche fing an mit mir zu
reden ich sagte ihm kurz dass ich aus einer edlen Familie stammte und durch den
schändlichen Betrug einer falschen Heurat aus meinem Vaterlande gerissen worden
sei Mylady Summers unter deren Schutz ich gestanden könnte ihnen Zeugnisse
von mir geben Ich hieß ihn zugleich die Papiere nehmen welche ich an Sie
geschrieben hatte und die hinter einem Brette lagen Ich setzte selbst ohne
sein Fragen ein Bekenntnis meiner Grundsätze hinzu und bat ihn sich mit Ihrem
Mann in Briefwechsel einzulassen Die Dame klopfte an und kam mit Maria der
Tochter meiner Wirte die eine Schachtel trug zu meinem Bette Sie hatte
allerlei Labsale und Arzneien darin wovon sie mir gab Die kleine Lidy kam auch
herein und warf sich bei meinem Bette auf die Knie Die Dame betrachtete das
Mädchen und mich mit zunehmender Traurigkeit Endlich nahm sie Abschied ließ
die Maria bei mir und der Geistliche versprach den Morgen wieder dazusein
Aber er kam den ganzen Tag nicht doch wurde zweimal nach mir gefragt Ich war
diesen Morgen besser als ich gestern gewesen war daher schrieb ich Ihnen Nun
ists bald sechs Uhr abends und ich werde zusehens schlechter meine zitternde
ungleiche Schrift wird es Ihnen zeigen Wer weiß was heute nacht aus mir wird
ich danke Gott dass ich sterblich bin und dass mein Herz mit dem Ihrigen noch
reden konnte Ich bin ganz gefasst und dem Augenblicke nah wo Glück und Elend
gleichgültig ist
Nachts um neun Uhr
Das letzte Mal meine Emilia habe ich meine schwachen entkräfteten Arme nach
der Gegend ausgestreckt wo Sie wohnen Gott segne Sie und belohne Ihre Tugend
und Ihre Freundschaft gegen mich Sie werden ein Papier bekommen das Ihr Mann
meinem Onkel dem Grafen G selbst übergeben soll Es betrifft meine Güter
Alles was von der Familie von P da ist soll des Grafen Löbaus Söhnen
gegeben werden Ihr Schwager der Amtmann hat das Verzeichnis davon
Was ich von meinem geliebten Vater habe davon soll die Hälfte zu Erziehung
armer Kinder gewidmet sein Einen Teil der andern Hälfte gebe ich Ihren Kindern
und meiner Freundin Rosina Von dem andern Teil soll meinen armen hiesigen
Hauswirten tausend Taler und der unglücklichen Lidy auch so Viel gegeben von
dem Überrest aber mir zu den Füßen der Grabmäler meiner Eltern ein Grabstein
errichtet werden mit der simplen Aufschrift
Zum Andenken ihrer nicht unwürdigen
Tochter Sophia von Sternheim
Ich will hier unter den Baume begraben werden an dessen Fuß ich dieses
Frühjahr oft gekniet und Gott um Geduld angeflehet habe Hier wo mein Geist
gemartert wurde soll mein Leib verwesen Es ist auch mütterliche Erde die mich
decken wird bis ich einst in verklärter Gestalt unter den Reihen der
Tugendhaften treten und auch Sie meine Emilia wiedersehen werde Rette
indessen o meine Freundin rette mein Andenken von der Schmach des Lasters
Sage dass ich der Tugend getreu aber unglücklich in den Armen des bittersten
Kummers meine Seele voll kindlichen Vertrauens auf Gott und voll Liebe gegen
meine Mitgeschöpfe ihrem Schöpfer zurückgegeben dass ich zärtlich meine Freunde
gesegnet und aufrichtig meinen Feinden vergeben habe Pflanzen Sie meine Liebe
in Ihrem Garten eine Zypresse um die ein einsamer Rosenstock sich winde an
einem nahen Felsstein Weihen Sie diesen Platz meinem Andenken gehen Sie
manchmal hin vielleicht wird es mir erlaubt sein um Sie zu schweben und die
zärtliche Träne zu sehen mit der Sie die abfallende Blüte der Rose betrachten
werden Sie haben auch mich blühen und welken gesehen nur das letzte Neigen
meines Hauptes und den letzten Seufzer meiner Brust entzog das Schicksal Ihrem
Blick Es ist gut meine Emilia du würdest zu viel leiden wenn du mich sehen
könntest Der Grund meiner Seele ist lauter Ruhe ich werde sanft einschlafen
denn das Verhängnis hat mich müde sehr müde gemacht Lebe wohl beste
freundschaftliche Seele lass deine Tränen um mich ruhig sein wie die die um
dich in meinen trüben Augen schwimmet
Lord Seimour an Doktor T
O Gott warum hindert Ihre Krankheit Sie mich auf zween Tage zu sehen Ich bin
dem Unsinn und der Wut ganz nahe
Mein Bruder Rich den Sie noch aus dem Hause des ersten Gemahls meiner
Mutter kennen ist mit aller seiner stoischen Philosophie durch eben den Streich
zur Erde gedrückt In zween Tagen reisen wir in die schottischen Bleigebürge um
o tötender Gedanke um das Grab des ermordeten Fräuleins von Sternheim
aufzusuchen und ihren Körper in Dumfries prächtig beerdigen zu lassen Wie
konntest du ewige Vorsicht wie konntest du dem verruchtesten Bösewicht das
Beste so du jemals der Erde gabst preisgeben Meine Leute machen Anstalten zu
unserer Reise ich kann nichts tun ich ringe meine Hände wie ein tobender
Mensch und schlage sie tausendmal wider meine Brust und meinen Kopf Derby der
Elende hat die Frechheit zu sagen um meinetwillen aus Eifersucht über mich
habe er das edelste liebenswürdige Geschöpfe betrogen unglücklich gemacht und
getötet Er beheult es nun der wütende Hund er beheult es Seine Ruchlosigkeit
hat ihn an den Rand des frühen Grabes geführet vor welchem er zittert und das
ihn vor der Rache schützt die ich an ihm ausüben würde Hören Sie mein Freund
hören Sie das Fürchterlichste so jemals der Tugend begegnete und das Ärgste
so jemals die Bosheit ausüben konnte Sie wissen dass ich vor vier Monaten
krank mit Mylord Crafton nach England zurückkam und gleich zu meiner Frau Mutter
nach Seimour House ging dem Übel meines Körpers und meiner Seele
nachzuhängen Ich fragte endlich nach Derby itzo Lord N man sagte mir dass er
auf seinem Landhause zu Windsor krank liege Ich wollte seine und meine Genesung
abwarten aber etliche Tage nach meiner Frage um ihn ließ er mich zu sich
bitten Ich war nicht wohl und schlug es ab Einige Tage hernach reiste ich zu
meinem Bruder Rich den ich freundschaftlich ebenso finster fand als ich es
selbst war Die brüderliche Vertraulichkeit wurde ohnehin schon durch die
fünfzehn Jahre gehindert die er älter ist als ich und seine trockne Stille
munterte mich nicht auf eine Erleichterung bei ihm zu suchen Wir brachten
vierzehn Tage hin ohne von was anders als unsern Reisen und auch dieses nur
abgebrochen zu reden bis wir endlich in einer Minute zur offenherzigen Sprache
kamen da ein Kammerdiener von Lord N einen Brief an mich brachte worin er
mich bat mit Lord Rich zu ihm zu kommen in einer Sache welche das Fräulein
Sternheim beträfe ich sollte dem Lord Rich nur sagen dass es die Dame wäre
welche er bei Lady Summers gesehen und welche von da entführt worden sei Ich
fuhr wie aus einem schreckenden Traume auf und schrie nur dem Kerl zu ich würde
kommen Meinen Bruder packte ich beim Arme und fragte ihn auf eine hastige Art
nach der jungen Dame die er in Summerhall gesehen Mit Bewegung fragte er ob
ich sie kenne und was ich von ihr wisse Ich zeigte ihm das Billett und
erzählte ihm kurz von allem was das ewig teure geliebte Fräulein anging Ebenso
kurz so unterbrochen erzählte er wie er sie gesehen und geliebt hätte ging
mir ein Bildnis von ihr zu holen und konnte mir nicht genug von ihrem Geiste
von ihren edlen Gesinnungen von der Traurigkeit womit sie beladen gewesen
sagen besonders zur Zeit da Derbys Heurat mit Lady Alton bekannt worden Wir
waren bald entschlossen abzureisen und kamen in Windsor an Lord Rich
tiefsinnig aber gesetzt ich voll Unruh voller Vorsätze und Entschlüsse
Schauer und Hitze eines wütenden Fiebers befielen mich beim Eintritt in Derbys
Haus Mein Hass gegen ihn war so aufgebracht dass ich seines elenden Ansehens und
der sichtbaren Schwachheit die ihn im Bette hielt nicht achtete Mit stummer
Feindseligkeit sah ich ihn an er heftete seine erstorbenen Augen mit einem
flehenden Blick auf mich und streckte seine abgezehrte rotbrennende Hand gegen
mich »Seimour« sagte er »ich kenne dich aller Hass deines Herzens liegt auf
mir aber du weißt nicht wieviel wütende Szenen in dieser Brust wegen dir
entstanden sind« Ich hatte ihm meine Hand nicht gegeben und sagte mit
Widerwillen und trotzigem Kopfschütteln »Ich weiß keinen Anlass dazu als die
Ungleichheit unsrer Grundsätze« Derby antwortete »Seimour diesen Ton hättest
du nicht wenn ich gesund wäre und der Stolz mit dem du von deinen Grundsätzen
sprichst ist ein ebenso großes Vergehen als der Missbrauch den ich von meinen
Talenten machte« Lord Rich fiel ein dass von allem diesen die Frage nicht sein
könnte und dass Lord Derby nur Nachricht von der entführten Dame geben möchte
»Ja Lord Rich Sie sollen sie haben« sagte er »es liegt mehr Menschlichkeit
in Ihrer Kälte als in Seimours kochender Empfindlichkeit Er mag Ihnen sagen
was in der ersten Zeit unserer Bekanntschaft mit dem Fräulein von Sternheim
vorging Wir liebten sie beide zum Unsinn aber ich bemerkte zuerst ihren
vorzüglichen Hang für ihn und wandte alles an ihn zu zerstören Durch
Verstellung und Ränke gelung es mir sie unter der Verfolgung des Fürsten und
der dummen Bedenklichkeit des Seimours durch eine falsche Vermählung in meine
Gewalt zu bekommen Aber mein Vergnügen dauerte nicht lange ihr zu ernsthafter
Charakter ermüdete mich und ihre geheime Neigung gegen Seimour regte sich
sobald nur meine Gedanken im geringsten von den ihrigen entfernet waren Die
Eifersucht macht mich rachgierig und die Veränderung meiner Umstände durch den
Tod meines Bruders gab mir Anlass sie auszuüben Ich verließ sie doch reute es
mich wenige Tage hernach und ich schickte nach dem Dorfe wo sie sich
aufgehalten hatte aber sie war fort Lange wusste ich nichts von ihr bis ich
sie in England bei der Tante meiner Lady fand wo ich sie nicht lassen konnte
und entführen ließ Es jammerte mich ihrer schon damals aber es war kein anders
Mittel Mein Missvergnügen mit der Lady Alton brachte die Sternheim in meine
Erinnerung zurück Ich dachte sie ist mein und um von dem elenden Leben im
Gebirge loszukommen wird sie gern in meine Arme eilen Ich dachte es um so
mehr als ich wusste dass sie mein von der Nancy Hatton zurückgelassenes Mädchen
liebreich besorgte und erzog ich schrieb es einer Art Neigung zu und schickte
ihr darauf mit angenehmen Vorschlägen meinen vertrauten Kerl ab aber sie
verwarf alles mit äusserstem Stolz und Bitterkeit« Hier hielt er mit Stocken
und Bewegung inne sah bald mich bald den Lord Rich an bis ich mit stampfenden
Füßen und mit Schreien den Verfolg seiner Erzählung foderte »Seimour Rich
« sagte er mit tiefem traurigen Ton mit ringenden Händen und stotternd »o
wäre ich Elender selbst hin und hätte ihre Vergebung und Liebe erflehet Mein
Kerl der Hund wollte sie zwingen zurückzugehen Er wusste wie glücklich mich
ihre Gesellschaft gemacht hätte er sperrte sie in ein altes verfallenes
Gewölbe worin sie zwölf Stunden lag und aus Kummer starb« »Sie starb «
schrie ich »Teufel
Unmensch und du lebst noch nach diesem Mord Du lebst noch« Lord Rich
sagt ich hätte die Stimme und das Ansehen der Raserei gehabt Er fiel mir in
die Arme und riss mich weg in ein anderes Zimmer lange brauchte er mich zu
besänftigen und zu dem Versprechen zu bringen dass ich nicht reden wollte Er
sagte »Derby liegt auf der Folter der Reue und der Erinnerung
unwiederbringlicher übel verwendeter Lebenstage willst du deine Hand an den
Gegenstand des göttlichen Gerichts legen Glaube mein Bruder unser Schmerz ist
süß gegen die Pein seiner Seele« »Mein Herz blutet über das unglückliche
Schicksal der Sternheim aber die Tugend und die Natur rächet sie an ihrem
Verfolger lass mich ihn ich bitte dich noch fragen was er von uns gewollt
hat überwinde dich sei großmütig sei auch gegen das unglückliche Laster
mitleidig« Ich versprachs ihm wollte aber bei der Unterredung zugegen sein
Der elende Mensch heulte da wir wieder zu ihm kamen und foderte dass wir
nach Schottland reisen den Körper des Engels ausgraben lassen und ihn in einem
zinnernen Sarg zu Dumfries beisetzen lassen sollten Zweitausend Guineen will er
auf ihr Grabmal verwenden worauf die Beschreibung ihrer Tugenden und ihres
Unglücks neben den Merkmalen seiner ewigen Reue aufgezeichnet werden soll Er
bat uns nach D Bericht davon zu geben übergab uns alle Briefe die er über
sie an seinen Freund B geschrieben hatte und flehte uns ihm zu schwören dass
wir unverzüglich abreisen wollten damit er noch den Trost erleben möchte dass
dem Andenken der edelsten Seele eine öffentliche Ehrenbezeugung widerfahren sei
Lord Rich redete ihm hierauf wenige patetische Worte zu und ich bezwang
meinen mit der Wut kämpfenden Kummer wir reisten sogleich ab Morgens gehen
wir nach Dumfries Was für eine Reise o Gott was für eine Reise
Lord Rich aus den Bleigebürgen an Doktor T
Ich glaube Sie kennen mich nicht mehr aber die starke Seite meiner Seele ist
mit der Ihrigen verwandt und Seimour ist mein Bruder Von diesem und von dem
Gegenstand seiner Schmerzen soll ich Ihnen reden Wir kamen heute abend hier an
unsere Reise war traurig und jeder nähernde Schritt zu dieser Gegend beklemmte
unser Herz Die ganze Erde hat keinen Winkel mehr der so elend so rau sein
kann wie der Zirkel um diese Hütte Mit Grausamkeit hat das Schicksal in dieser
Landschaft dem Boshaftesten unter allen Menschen die Hand geboten die
empfindsamste Seele zu martern Wenn ich an die edle kindliche Bewegung ihres
Herzens denke die sie bei den Schönheiten der Natur gegen ihren Schöpfer
zeigte so fühle ich das Maß des Leidens so diese unfruchtbare Steine für sie
enthielten und die Hütte worin sie eine so lange Zeit wohnte ihre arme
Lagerstätte wo sie den edelsten Geist aushauchte der jemals eine weibliche
Brust belebte O Doktor selbst Ihr teologischer Geist würde wie mein
philosophischer Mut in Tränen ausgebrochen sein wenn Sie dieses wenn Sie den
Sandhügel gesehen hätten der an dem Fuße eines einsamen mageren Baums die
Überbleibsel des liebenswürdigsten Frauenzimmers bedeckt Der arme Lord Seimour
sank darauf hin und wünschte seine Seele da auszuweinen und neben ihr begraben
zu werden ich musste ihn mit unsern zween Leuten davon wegziehen Im Hause
wollt er sich auf ihr Sterbebette werfen ich ließ es aber wegnehmen und führte
ihn auf den Platz wo die Leute sagen dass sie meistens gesessen wäre da liegt
er seit zwo Stunden unbeweglich auf seine Arme gestützt sieht und hört nichts
Die Leute scheinen mir keine guten Leute zu sein ich fürchte sie haben ihre
Hände auch zu dem Einkerkern geboten Sie sehen scheu aus sie beredeten sich
schon etlichemal vor der Hütte allein haben auf meine Fragen nach der Dame kurz
und verwirrt geantwortet und waren sehr betroffen wie ich sagte das Grab müsste
morgen geöffnet werden Ich zittre selbst davor ich befürchte Merkmale eines
gewaltsamen Todes zu finden Was würde da aus meinem Bruder werden Ich sage
nichts von mir selbst ich verberge meinen Jammer um Seimours seinen nicht zu
vergrößern aber gewiss hat die Angst des Untergangs in einem Sturm und die Qual
eines lechzenden Durstes in den sandigten Gegenden von Asien meine Seele nicht
so heftig angegriffen als der Gedanke an den Leiden dieses weiblichen Engels
Mein Bruder ist aus Mattigkeit eingeschlafen er liegt auf den Kleidern unsrer
Leute die sie auf den Boden gebreitet haben immer fährt er auf und stößt
ächzende Seufzer aus doch beruhiget mich unser Wundarzt wegen seiner
Gesundheit Ich kann nicht schlafen der morgende Tag quält mich voraus ich
sammle Mut um Seimouren zu stützen aber ich bin selbst wie ein Rohr und ich
fürchte bei dem Anblick dieser Leiche mit ihm zu sinken Denn ich liebte sie
nicht mit der jugendlich aufwallenden Leidenschaft meines Bruders meine Liebe
war von der Art Anhänglichkeit welche ein edeldenkender Mann für
Rechtschaffenheit Weisheit und Menschenliebe fühlt Niemals hab ich Verstand
und Empfindungen so moralisch gesehen als beide in mir waren niemals das Große
mit einem so richtigen Maß wahrer Würde und das Kleine mit einer so reizenden
Leichtigkeit behandeln gesehen Ihr Umgang hätte das Glück eines ganzen Kreises
geistvoller und tugendliebender Personen gemacht und hier musste sie unter
aufgetürmten Steinen bei ebenso gefühllosen Menschen unter der höchsten Marter
des Gemüts ihren schönen Geist aufgeben O Vorsicht du siehst die Frage
welche in meiner Seele schwebt aber du siehst auch die Ehrerbietung für das
Unergründliche deiner Verhängnisse welche ihren Ausdruck zurückhält
Fortsetzung den zweiten Tag
Doktor Menschenfreund nehmen Sie teil an unserer Freude Der Engel
Sternheim lebt noch Eine göttliche Schickung hat sie erhalten Seimour weint
Tränen der Freude und umfasst die armen Wirte dieser Hütte unaufhörlich Vor
einer Stunde schleppten wir uns bleich traurig mit einer Totenstille gegen den
kleinen Garten wo man uns gestern das Grab gewiesen hatte Der Mann und sein
Sohn gingen unentschlossen und mit einem merklichen Widerwillen mit uns Als wir
nahe an der Stelle des Sandbügels waren und ich den Leuten kurz sagte grabt
auf sank mein Bruder an meinen Hals und umfasste mich indem er mit Schmerz »o
Rich« ausrief und seinen Kopf auf meiner Achsel verbarg Diese Bewegung von
ihm just da die erste Schaufel voll Sand durch einen meiner Leute vom Grab
gehoben wurde durchbohrte meine Seele ich schloss meine Arme um ihn und erhob
meine Augen zum Himmel um Stärke für ihn und mich zu erflehen Den nämlichen
Augenblick aber fielen Mann Frau und Sohn vor uns auf die Knie und baten um
unsern Schutz Ich geriet in die äußerste Bestürzung weil ich mich vor der
Entdeckung eines an der Dame verübten Mords fürchtete »Leute was wollt ihr
was soll euer Rufen um Schutz« »Wir haben unsern Lord betrogen« riefen sie
»die Frau ist nicht gestorben sie ist fort« »Wohin Leute wohin« rief ich
»betrügt ihr uns nicht« »Nein guter Lord sie ist bei des Grafen Hoptons
Schwester diese hat sie zu sich genommen und gesagt wir sollten dem Lord
melden sie wäre tot wir hatten die Frau lieb und ließ sie gehen aber wenn
es nun der Lord erfährt so wird er Rache an uns nehmen« Seimour umarmte den
Mann mit lautem Freudengeschrei und sagte »O mein Freund du sollst mit mir
kommen ich will dich beschützen und belohnen Wo ist der Graf Hopton Wie ist
dies zugegangen Rich lieber Bruder Rich wir wollen gleich abreisen«
Ich versicherte ihn dass ich ebenso begierig sei wie er die Dame selbst zu
sehen er solle Anstalten zur Reise machen ich wollte indessen mit den Leuten
reden Ich beruhigte sie mit dem Verspruch dass der Lord sie für ihre Liebe zu
der Frau selbst belohnen würde denn er habe gar nicht gerne gehört dass John so
übel mit ihr umgegangen sei dabei gab ich ihnen eine Handvoll Guineen und
fragte sie nach dem Leben und Bezeugen der Dame O Doktor wieviel Glanz
breitete die einfache abgekürzte Erzählung dieser Leute über die Tugend meiner
Freundin aus Gestern murrte ich über ihr hartes Schicksal und jetzt möchte ich
der Vorsicht für das edle Beispiel danken welches sie den übrigen Menschen
durch die Prüfung dieser großen Seele gegeben hat Tief unauslöschlich sind die
Züge ihres Charakters in mein Herz gegraben Wir reisen ab Am Fuße des Berges
schickte ich einen meiner Leute an Lord Derby mit der für ihn gewiss trostvollen
Nachricht Denn da er sich dem Zeitpunkt nähert wo man alles versäumte Gute
möchte einholen und alles verübte Böse auslöschen können so muss es eine
Erquickung für ihn sein die Summe seiner Vergehungen um ein so großes
vermindert zu sehen
Madam Leidens an Emilia
Tweedale Sitz des Grafen von DouglasMarch
Ich schreibe auf meinen Knien um meine Dankbarkeit gegen Gott für das
entzückende Gefühl von Freiheit Leben und Freundschaft in kindlicher Demut
auszudrücken O meine geliebte meine teure Freundin durch wieviel Schmerzen
bin ich gegangen und wie sehr erfreut es mich Ihren Kummer und die Sorgen
meiner Lady Summers endigen zu können Morgen schickt die Gräfin Douglas einen
Kurier an meine Lady dieser wird auch gleich mit einem Paket an Ihren Mann nach
Harwich abgehen um ja Ihre Unruhe nicht einen Augenblick zu verlängern Die
Auszüge von meinen mit Reissblei geschriebenen Papieren werden Ihnen zeigen wie
hart und dornicht der Weg war welchen ich in dem letztern Jahre zu gehen hatte
Aber wie angenehm ist mir der Ausgang davon geworden da ich von der Hand der
leutseligsten Tugend daraus geführt wurde Ist dieses nicht die Probe dass ich
mich in den Tagen meiner Prüfung der Vorsorge Gottes nicht unwürdig machte weil
sie eine der edelsten Seelen zu meiner Hilfe schickte Auf meinem letzten
Blatte glaubte ich die letzte Nacht meines Lebens angebrochen zu sehen und
dachte auch von der Gräfin Douglas verlassen zu sterben aber um elf Uhr kam
der Geistliche mit einem Wundarzt und Morgens darauf ein von zwei Pferden
getragenes Bette mit der Lady Douglas selbst die mir auf die liebreichste Art
ihr Haus ihre Vorsorge und Freundschaft anbot Bald wäre mir das Übermaß meiner
Freude schädlich geworden denn indem ich der Lady Hand an meine Brust drückte
und von meinem Dank und von meiner Freude sprechen wollte sank ich zurück als
ich erwachte baten sie mich ruhig zu bleiben und sagten dass sie mit meinen
Wirten verabredet hätten sie sollten ein Grab im Garten aufwerfen und dem Lord
Derby wissen lassen ich wäre tot die Leute waren es zufrieden und sie wollte
mich nun in des Grafen von Hoptons Haus bringen Nachmittags um vier Uhr fühlte
ich mich stark genug um aufzustehen Molly kleidete mich in Gegenwart der Lady
Douglas an ich nahm die fünf Guineen so ich bei mir hatte und machte sie
zusammen um sie meinen Wirten zu geben Den Augenblick als ich aufstund der
Lady eine Bitte wegen der guten Waise zu machen kroch die arme kleine Lidy auf
ihren Knien herein und bat mit Schluchzen und aufgehobenen Händchen ich sollte
sie doch mitnehmen innig gerührt sah ich sie und die Lady an welche nach einem
Augenblick Nachdenken dem Mädchen die Hand bot und mit mitleidiger Stimme sagte
»Ja meine Kleine du sollst auch mitkommen« »Gott segne Sie teure Lady«
sagte ich »für Ihre großmütige Menschenliebe ich wollte Sie um Erlaubnis
bitten dieses unschuldige Opfer auch zu retten« »Gerne« antwortete sie »sehr
gerne es erfreut mich dass Sie so zärtlich für sie sorgen« Ich umarmte meine
weinende Wirte mit Tränen sah noch seufzend mich in der traurigen Gegend um und
reiste mit der Lady ab Graf Hopton empfing mich mit vieler Höflichkeit aber
seine Blicke durchspürten zugleich meine ganze Person mit einem Ausdruck als ob
er abwägen wollte ob ich mehr die Nachstellungen eines Liebhabers oder des
Mitleidens einer tugendliebenden Dame verdiente Eine Bewegung seiner Augen von
Betrachtung der Lidy auf mich machte mich erröten und dieses ihn lächeln ich
erriet dass er mich für ihre Mutter hielt und empfand die Verringerung seiner
für mich vorteilhaft gefassten Begriffe Lady Douglas führte mich in ein artiges
Zimmer und hieß mich zu Bette gehen Molly war dabei und fragte die Dame wo die
kleine Lidy hin sollte »Hieher« sagte Lady Douglas »denn Sie werden die
Kleine am liebsten bei sich haben und es gefällt mir sehr dass Sie auch im
Unglück den Pflichten der Natur getreu geblieben sind« »Beste Lady« fiel ich
ein »Sie « »Keine Unruhe meine Liebe« sprach sie mit lebhaftem aber
liebreichem Tone »legen Sie sich ich komme dann zurück aber von allem
unangenehmen Vergangenen sollen Sie nicht reden« und damit ging sie weg Ich
warf mich aufs Bette mit der traurigen Betrachtung dass ich den ersten freien
Atemzug durch Erduldung eines widrigen Urteils bezahlen müsse Ich wollte diese
Begriffe keine Wurzeln in der Lady Douglas fassen lassen und verlangte
Schreibzeug und Papier Ich schrieb den andern Tag der Lady die Erklärung ihrer
Zweifel wegen der kleinen Lidy und zeigte die Beweggründe an warum ich mich des
Kindes angenommen hatte Ich bat sie daneben mir bald Gelegenheit zu geben
Nachrichten an Lady Summers gelangen zu lassen denn durch diese Dame würde sie
auch überzeuget werden dass alles was ich ihr sagte die Wahrheit sei und dass
sie ihre bisherige Güte für mich nicht zu bereuen haben würde Sie konnte die
drei Blätter kaum gelesen haben so kam sie zu mir und bat mich gleich beim
Eintritt in das Zimmer ihr die Unruhe zu vergeben die sie mir gemacht hätte
aber es wäre nicht leicht möglich gewesen bei einer fremden Person einen
solchen Grad von Liebe und Sorge für das Kind eines Feindes zu denken und ich
könne glauben dass da sie mich wegen meiner vermeinten Muttertreue geliebt
habe sie mich wegen meiner großmütigen Liebe gegen das Blut meines unwürdigen
Verfolgers desto mehr liebe und bewundere Zwo Stunden redte sie mit mir von
vielen Sachen in einem feinen zärtlichen Tone fort Die teure Lady besitzt eine
bei den Großen seltene Eigenschaft sie nimmt Anteil an den Leiden der Seele und
sucht mit der edelsten feinsten Empfindung Trostworte und Hilfsmittel aus In
den Zeiten meines ehemaligen Umganges mit der großen glücklichen Welt
beobachtete ich dass ihr Mitleiden meistens für äußerliche Übel Krankheiten
Armut usw in Bewegung kam Kummer des Gemüts Schmerzen der Seele von denen
man ihnen redete oder die sie verursachten machten wenig Eindruck und brachten
selten eine anteilnehmende Bewegung hervor Aber sie werden auch selten
gewöhnt an den innerlichen Wert oder die wahre Beschaffenheit der Sachen zu
denken durch äußerlichen Glanz verblenden sie und werden verblendet Witz hat
die Stelle der Vernunft eine kalte gezwungene Umarmung heißt Freundschaft
Pracht und Aufwand Glück O mein Kind sollte ich jemals wieder diesem Kreise
mich nähern so will ich mit einiger Sorge alles vermeiden was mich in den
Stufen meiner Erinnerung und meines Unglücks an den Großen und Glücklichen
schmerzte Die Gräfin Douglas nimmt die kleine Lidy zu sich sie sagt ich hatte
genug für das Kind getan und es solle niemand mehr Anlass haben die Übung der
größten Tugend als die Folge eines Fehltritts zu beurteilen am allerwenigsten
aber Derby auch nicht vermuten können dass eine Anhänglichkeit für ihn auf
irgendeine Weise an meinem Mitleiden gewesen sei Ich sah alles Edle ihrer
Beweggründe und dankte ihr zärtlich dass sie mich nicht nur für künftigen
falschen Beurteilungen schützte sondern auch der Belästigung des Lobs entöbe
das man meiner sogenannten Großmut noch einmal geben könnte Meine Briefe an
Lady Summers hat die Gräfin gelesen sie wollte es nicht tun um mich von ihrem
Vertrauen in mich zu überzeugen Die Briefe an Sie hab ich ihr durchgeblättert
weil sie aber ganz deutsch sind so hätte die Übersetzung viele Zeit gekostet
ich redete ihr also kurz von dem Inhalt eines jeden Blatts denn ich eilte zu
sehr Ihnen Nachrichten zu geben und gerne schlüpfte ich über das Gute darin
hinweg weil mich dünkte dass das Vergnügen mich loben zu hören die Summe
meiner innerlichen Zufriedenheit vermindert Möchte ich doch bald Nachrichten
von Lady Summers haben und zu ihr reisen können um mich bald bald in die Arme
meiner Emilia zu werfen Mein Enthusiasmus für England ist erloschen es ist
nicht wie ich geglaubt habe das Vaterland meiner Seele Ich will auf meine
Güter einsam will ich da leben und Gutes tun Mein Geist meine Empfindungen
für die gesellschaftliche Welt sind erschöpft ich kann ihr auch zu nichts mehr
gut sein als einigen Unglücklichen eine kleine Lehrschule von Ertragung
widriger Schicksale zu halten In Wahrheit es ist bei der neu erheiterten
Aussicht in meine künftigen Tage einer der ersten Wünsche meiner Seele gewesen
dass bei jedem Anbau eines jungen Herzens diejenigen Samenkörner meiner Erziehung
eingestreuet würden deren erquickende Früchte in der Zeit meiner härtesten
Leiden reif wurden die mein anfängliches Murren besänftigten und mir die Stärke
gaben alle Tugenden des Unglücklichen auszuüben Mein erneuertes Gefühl der
Schönheiten unsrer physikalischen Welt kann ich Ihnen unmöglich in seiner Stärke
beschreiben es war groß mannigfaltig wie die schöne Aussicht dieses
Edelsitzes wo man über einen jähen Absturz an dem Fluße Tweda die
fruchtbarsten Hügel von ganz Schottland übersieht die von Schafen wimmeln Die
Sehkraft meiner Augen dünkt mich vervielfältigt wird verfeinert so wie sie
mich in den Bleigebürgen vermindert und stumpf gemacht dünkte Können nicht
meine Emilia alle Kräfte meiner Seele wieder so aufleben wie das Gefühl für die
wohltätigen Wunder der Schöpfung und das von der frohen Hoffnung die Freundin
meines Herzens bald wieder zu umarmen
Lord Rich von Tweedale an Doktor T
Wenn es billig ist dass der Stärkere nicht nur seine eigene volle Last sondern
auch die Bürde des Schwächern trage so erfülle ich meine Pflicht indem ich
nicht nur unter dem gehäuften Maß meiner Empfindungen seufze sondern auch das
überströmende Gefühl von meinem Bruder zusammenfassen muss Meine Briefe an Sie
sind die Stütze die meine Seele erleichtert Seimour sitzt wirklich zu den
Füßen des Gegenstandes meiner Wünsche ich entfernte mich ihre Augen sagten mir
zwar dass sie mich gerne bleiben sähe aber mein Bruder hielt ihre Hand sein
Herz fühlte den sanften Druck den die ihrige ihm vielleicht ohne ihr Wissen
gab das einige fühlte ich auch und dieses Gefühl hieß mich gehen Zwei Tage
sinds dass wir hier angekommen Sechs Pferde machten Aufsehen im Schlosshofe
und die Bedienten liefen zusammen mein Bruder warf sich vom Pferde und rief
»Ist die Gräfin Douglas mit der Lady aus den Bleigebürgen hier« Auf die
Antwort Ja zog er mich am Arm mit einem eifrigen »kommen Sie Bruder kommen
Sie« »Wen muss ich melden« rief ein Diener »Lord Rich Lord Seimour« rief
mein Bruder hastig und eilte dem Kerl nach der kaum klopfen konnte als wir
schon in der Türe waren Die Gräfin Douglas saß der Türe gegenüber Lady
Sternheim aber mit dem Rücken gegen uns und las der Dame etwas vor Seimours
Eindringen und das eilende Rufen des Bedienten wer wir wären machte die Gräfin
stutzen und meine englische Freundin den Kopf wenden Sie fuhr mit Schrecken
zusammen »O Gott« rief sie und ließ das Buch auf die Erde fallen als Seimour
sich zu ihren Füßen warf »O die ehrlichen Leute sie lebt O mein göttliches
mein angebetetes Fräulein Sternheim« rief er mit ausgestreckten Armen Sie sah
halb außer sich ihn und mich an wendete aber den Augenblick den Kopf weg und
ließ ihn auf ihren zitternden Arm sinken Die Gräfin Douglas sah mit Staunen
hin und her ich musste reden aber mein erstes war auf die Sternheim zu
zeigen »Teure Gräfin unterstützen Sie den Engel den Sie bei sich haben Ich
bin Lord Rich hier ist Lord Seimour« Die Gräfin hatte sich eilends meiner
Freundin genähert die ihre beiden Armen um sie schlug und ihr Gesicht einige
Minuten an der Gräfin Busen verbarg Seimour konnte dieses Abwenden ihres
Gesichts nicht ertragen und rief in vollem Schmerzen aus »O mein Onkel warum
musste ich meine Liebe verbergen Alle Qual alle Zärtlichkeit meines Herzens
kann mich nun nicht von dem Widerwillen schützen den mir meine Nachlässigkeit
zuzog O Sternheim Sternheim was soll aus mir werden wenn ich in dem
Augenblicke der Freude Sie wiedergefunden zu haben Ihren Unmut auf mir legen
sehe Gönnen Sie mir o gönnen Sie mir nur einen gütigen Blick« Mit dem
Anblick eines Engels und der ganzen Würde der sich fühlenden Tugend richtete
Lady Sternheim sich auf reichte errötend meinem Bruder die Hand und mit
gedämpfter Stimme sagte sie »Stehen Sie auf Lord Seimour ich versichere Sie
dass ich nicht den geringsten Unmut über Sie habe« und seufzend setzte sie
hinzu »wo wäre mein Recht dazu gewesen« Feurig zärtlich küsste er ihre Hand
meine Augen sanken zur Erde aber sie näherte sich mir mit freundschaftlichen
Blicken nahm meine Hand »Teurer Lord was für Freundschaft wie haben Sie mich
finden können Hat Lady Summers es Ihnen gesagt Was macht sie meine
liebreiche Mutter« Ich küsste die Hand auch die sie mir gegeben hatte »Lady
Summers ist wohl« antwortete ich »und wird glücklich sein Sie wiederzusehen
aber nicht Lady Summers hat mich hergeleitet Reue und Gerechtigkeit riefen
meinen Bruder und mich auf« Mit einer erhöheten Gesichtsfarbe fragte sie
mich »ist Lord Seimour Ihr Bruder« »Ja und dies von der edelsten Mutter
die jemals lebte« Sie antwortete mir nur mit einem bedeutenden Lächeln und
wandte sich zur Gräfin Douglas »Meine großmütige Erretterin« sprach sie
»sehen hier zween unverwerfliche Zeugen der Wahrheit dessen was ich Ihnen von
meiner Geburt und meinem Leben sagte ich danke Gott dass er mich den Augenblick
erleben lassen wo Ihr Herz die Zufriedenheit fühlen kann dass Ihre Güte für
mich nicht verloren ist« »Nein« fiel Seimour ein »niemals lebte eine Seele
welche der Verehrung der ganzen Erde würdiger wäre als die Dame welche die
Gräfin errettet haben solang ich atmen werde sollen Sie edelmütige Gräfin
Douglas den ewigen Dank dieses Herzens haben« Mit tränenden Augen drückte er
zugleich die Hand der Gräfin an seine Brust Ich hatte mich indessen gefasst um
etwas von unserem Überfall zu erklären Einige Miauten waren wir alle stille
Ich nahm die Hand der Lady Sternheim »Können Sie« fragte ich »ohne Schaden
Ihrer Ruhe und Gesundheit von Ihrem Verfolger reden hören Er ist am Ende seines
Lebens und die größte Sorge seiner Seele windet sich unaufhörlich um das
Andenken Ihrer Tugend und seiner Ungerechtigkeit gegen Sie Sein Kummer über
Ihren vermeinten Tod ist unaussprechlich er hat mich und Lord Seimour zu sich
gebeten und uns schwören lassen in die Bleigebürge zu reisen um Ihre Leiche da
aufzuheben und mit allen Zeugnissen Ihrer Tugend und seiner Reue in Dumfries
beizusetzen Ich will nicht sagen wie traurig dieses Amt uns war Nachdem wir
so lange Zeit vergebens nach Ihnen gesucht hatten sollten wir Sie tot
wiedersehen Mein armer Bruder und ich konnte mich nicht verhindern
dazuzusetzen Ihr armer Freund Rich« Eine Träne zitterte in ihren Augen indem
sie sagte »Lord Derby ist grausam sehr grausam mit mir umgegangen Gott
vergebe es ihm ich will es von Herzen gerne tun aber sehen kann ich ihn
niemals wieder sein Anblick würde mir tödlich sein« Ihr Kopf sank mit ihrer
sinkenden Stimme bei den letzten Worten auf ihre Brust Mein Seimour fühlte die
rührende Verlegenheit dieser reinen Seele und ging mit sich kämpfend ins
Fenster Lady Sternheim stund auf und verließ uns Seimour und ich sahen ihr
bewundernd nach Nur in schottische Leinwand gekleidet war sie reizend schön
durch ihren nach dem vollkommensten Ebenmass gebildeten Wuchs und den schönsten
Anstand in Gang und Bewegung und ob sie schon hager und blass geworden so war
dennoch ihre ganze Seele mit aller ihrer Schönheit und Würde in ihren Zügen
ausgedrückt Seimour und ich sagten der Gräfin Douglas alles was die Lady
Sternheim anging und sie erzählte uns hingegen was sie von ihr wusste seitdem
sie die Tochter des Bleiminenknechts zu sich genommen und wie sie gleich
gedacht hatte diese Person müsse eine edle Erziehung haben und in einer
unglücklichen Stunde von ihrer Bestimmung entfernt worden sein zärtliches
Mitleiden habe sie eingenommen besonders da sie ihre Sorge für das Kind gesehen
habe und sie wäre gleich entschlossen gewesen sie zu sich zu nehmen wenn sie
mit ihrem Bruder zurückginge die Krankheit der Dame hätte es aber früher
erfodert Sie freute sich ihrem Herzen gefolgt zu haben Sie ging hierauf nach
ihrem Gast zu sehen und wir blieben allein Gedankenvoll blieb ich sitzen
Seimour kam und fiel mir mit Weinen um den Hals »Rich lieber Bruder ich bin
mitten im Glück elend und werde es bleiben Ich sehe deine Liebe und deine
Verdienste um sie Ich fühle dass sie missvergnügt mit mir ist sie hat
recht tausend recht es zu sein Sie hat recht dir mehr Vertrauen mehr
Freundschaft zu zeigen aber ich fühle es mit einem tötenden Kummer Meine
Gesundheit leidet schon lang auf allerlei Weise unter dieser Liebe Ich habe
sie nun gesehen ich werde um ihretwillen sterben und dies ist mir genug« Ich
drückte ihn mit einer sonderbaren Bewegung an meine Brust und ich glaube ihm
etwas kalt und rau gesagt zu haben »Ja Seimour du bist im Glück unglücklich
aber andere sinds ganz Warum müssen deine Nebenbuhler allezeit mehr Licht
sehen als du Derby hat recht sie zieht dich vor Ihr Zurückhalten beweist
mir alles was er sagte Sei ihrer würdig und beneide mir ihre Achtung ihr
Vertrauen nicht« »O Rich o mein Bruder ist dieses kann dieses wahr sein
betrügt dich deine Leidenschaft nicht wie mich die meinige O Gott ich muss
sie erhalten oder sterben wer wird für mich reden wer Ich kann nichts sagen
und du« »Ich will es tun« erwiderte ich »aber heute noch nicht wir
müssen ihre Empfindlichkeit und geschwächte Gesundheit schonen« Zu meinen Füßen
war er er umfasste sie »Bester edelster Bruder« rief er »fodre mein Leben
alles ich kann nicht genug für dich tun du willt du willt für mich reden
Gott segne dich ewig mein treuester mein gütigster Freund« »Ich will
nichts liebster Seimour als sei glücklich sei deines Glücks würdig du kennst
den ganzen Umfang davon nicht so wie ich aber ich gönne ich wünsche dir es so
groß es ist« Die Damen kamen zurück wir redeten von Tweedale und unsere
Freundin erzählte wie gerührt sie gewesen Gottes schöne Erde wiederzusehen
Dann sprach sie von ihrer Entführung und ihren ersten Tagen im Gebirge Abends
gab sie mir ihre Papiere ich las sie mit Seimour durch O Freund was für eine
Seele malt sich darin Wie unermesslich wäre meine Glückseligkeit gewesen Aber
ich ersticke meine Wünsche auf ewig Mein Bruder soll leben Seine Seele kann
den Verlust ihrer Hoffnungen nicht noch einmal ertragen meine Jahre und
Erfahrung werden mir durchhelfen Seimour muss das Maß der Zufriedenheit voll
haben sonst genießt er nichts mir reicht ein Teil davon zu dessen Wert ich
kenne Schicken Sie uns Seimours Briefe an Sie gleich sie müssen gelesen werden
und für ihn reden
Von Sternheim an Emilia
Was wird die Vorsicht noch aus mir machen In widrigen Begegnissen in den
empfindlichsten Erschütterungen aller Kräfte der Seele und des Lebens erhält sie
mich Gewiss nicht zum Unglück aber zu jeder möglichen Prüfung Allein o meine
Liebe ganz allein von niemand als zuredenden Freunden umgeben stund ich an
meinem Scheideweg Lord Derby ist tot diese beiliegenden Blätter meines
Tagebuchs von Tweedale sagen Ihnen Seimours und Richs Ankunft und den Ersatz
welchen Derby mir machen wollte Gott lasse seine ewigen Tage glücklicher sein
als er die meinigen machte die ihm hier in seine Gewalt gegeben waren Lord
Seimour verfolgt mein Herz er liebte mich o meine Emilia er liebte mich
zärtlich rein von dem ersten Tage da er mich sah Der Stolz seines Oheims
seine Abhänglichkeit von ihm und eine übertriebne feine Empfindung von Tugend
und Ehre wollte dass er schwieg bis ich die Versuchungen des Fürsten überwunden
hätte Sie wissen was dieses Schweigen mir zuzog aber Sie wissen nicht was
Lord Seimour darunter gelitten hatte Hier lesen Sie seine Briefe mit denen
vom Lord Derby und senden Sie sie mir mit allen den meinen an Sie zurück Sie
werden bei Derbys Briefen über den Missbrauch von Witz Tugend und Liebe
schaudern Hätte ich nicht selbst böse sein müssen wenn ich seine Ränke hätte
argwöhnen sollen Was ist Seimours Herz dagegen Ihren Rat hätte ich gewünscht
durch einen gemeinsamen Geist erhalten zu können Die Gräfin Douglas ist
eingenommen Lord Rich der edle unschätzbare Lord Rich bittet mich seine
Schwester zu werden Der liebenswürdige Seimour ist täglich zu meinen Füßen
alle Einwendungen meiner Delikatesse werden bestritten und o Freundin meines
Herzens du die du alle seine Bewegungen von Jugend auf kanntest dir kann ich
dir will ich es nicht verbergen dass eine innerliche Stimme mich meine
Vermählung mit Lord Seimour als ein von dem Schicksal gegebenes Mittel ergreifen
heißt um meiner unsteten Wanderschaft ein Ende zu machen Und war er nicht der
Mann den mein Herz sich wünschte Er weiß es soll ich nun zurücke Lord Rich
fürchte ich würde an seinen Platz eintreten wollen Seimour zeigte mir viele
Tage die heftigste zärtlichste Liebe Lord Rich hatte lange Unterredungen mit
ihm war aber kalt ruhig sah oft tiefdenkend lange mich an und brachte mich
dadurch zu dem Entschluss unverheuratet zu bleiben Aber zwei Tage nach Seimours
Briefe brachte er mir ein Tagebuch und die noch dabei gelegenen letzten Briefe
aus Summerhall in mein Zimmer und mit einer rührenden vielbedeutenden Miene
trat er zu mir küsste die Blätter meines Tagebuchs drückte sie an seine Brust
und bat mich um Vergebung eine Abschrift davon genommen zu haben welche er
aber mit der Urschrift in meine Gewalt gebe »Aber erlauben Sie mir« fuhr er
fort »Sie um dieses Urbild Ihrer Empfindungen zu bitten lassen Sie meine
englische Freundin mich diese Züge Ihrer Seele besitzen und erhören Sie meinen
Bruder Seimour Das Paket seiner Briefe wird Ihnen die unerfahrne Redlichkeit
seines Herzens bewiesen haben Sie werden ihn durch Annehmung seiner Hand zu dem
glücklichsten und rechtschaffensten Mann machen« Nach einigem Stillschweigen
legte er seine Hand auf die Brust sah mich zärtlich und ehrerbietig an und fuhr
mit gerührtem Ton fort »Sie kennen die unbegrenzte Verehrung die ewig in
diesem Herzen für Sie leben wird Sie kennen die Wünsche die ich machte die
nicht aufgehört haben aber unterdrückt sind Ich würde gewiss meine seligsten
Tage dafern es nur Hoffnungstage wären nicht aufopfern wenn ich nicht mitten
unter der Anbetung unter dem Verlangen meiner Seele sagen müsste und sagen
könnte Seimour sei Ihrer würdig er verdiene Ihre Achtung und Ihr Mitleiden«
Er sah mich hier sehr aufmerksam an und hielt inne Mit einem halb erstickten
Seufzer sagte ich »O Lord Rich« und er fuhr mit einem männlich freundlichen
Tone fort »Sie haben die Gewalt einen edlen jungen Mann in der Marter einer
verworfenen Liebe vergehen zu machen wenden Sie beste weibliche Seele diese
Gewalt zu dem Glück einer ganzen Familie an Sie können meiner Mutter einer
würdigen Frau den Kummer abnehmen ihre Söhne unverheuratet zu sehen Ihre
schwesterliche Liebe wird mich glücklich machen und Sie werden alle Ihre
Tugenden in einem großen wirksamen Kreis gesetzt sehen« »Teurer Lord Rich«
antwortete ich gerührt »wie nahe dringen Sie in mich Sehen Sie meine
Bedenklichkeiten nicht« Ich verbarg mein Gesicht mit meinen Händen er schloss
mich in seine Arme und küsste meine Stirne »Beste geliebteste Seele ja ich
kenne Ihre feinen Bedenklichkeiten Sie verdienen die vermehrte Anbetung meines
Bruders aber Sie sollen den Bau seiner Hoffnung nicht zerstören Lassen Sie
mich ich bitte Sie ihm die Erlaubnis bringen zu hoffen« Mit tränenden Augen
sah der würdige Mann mich an eine Zähre der meinigen fiel ihm auf seine Hand
er betrachtete sie mit inniger Rührung als aber das anfangende Zittern seiner
Hände sie bewegte so küsste er sie hinweg und seine Blicke blieben einige
Minuten auf die Erde geheftet Ich nahm das Original meiner Briefe und des
Tagebuchs und reichte es ihm mit der Anrede »Nehmen Sie dieses würdigster
Mann was Sie das Urbild meiner Seele nennen zum Unterpfand der zärtlichen und
reinen Freundschaft« »Meine Schwester« fiel er mir ins Wort »Keine List
Lord Rich Ich will ohne Kunst werden was Sie so sehnlich wünschen dass ich
sein möge« Er ließ sich auf ein Knie nieder segnete mich küsste meine Hände
mit eifriger Zärtlichkeit und eilte weg »Sagen Sie noch nichts« rief ich ihm
nach »ich bitte Sie« Da war ich und weinte und entschloss mich Lady Seimour
zu werden ich bekräftigte diesen Entschluss am Ende eines Gebets an die
göttliche Vorsicht
Nachschrift Nun weiß es Lord Seimour Seine Entzückungen gehen über die
Kräfte meiner Feder Meine Gräfin Douglas umarmte mich mütterlich Lord Rich als
ein zärtlicher Bruder Der gute Lord Seimour bewacht mich als ob er besorgte
es möchte jemand meine Entschließung ändern Sein Kammerdiener ist an seine Frau
Mutter geschickt welche an Tugend und Geist eine zweite Lady Summers sein muss
O segnen Sie mich meine Freunde Mein Herz schlägt ruhig Wie selig macht eine
Entschließung die von Tugend Weisheit und Rechtschaffenheit gebilliget wird
Nun freue ich mich auf die Reise zu dem Grabe meiner Eltern Zu den Füßen ihres
Leichensteins will ich mit meinem Gemahl knien und ihren himmlischen Segen auf
diese Verbindung erflehen Tränen des Danks will ich auf ihre Asche vergießen
für die Liebe der Tugend und der Wohltätigkeit die sie in meine Seele gossen
und für die Sorge die sie nahmen mir richtige Begriffe von wahrem Glück und
Unglück zu geben Meine Emilia werd ich umarmen meine Untertanen sehen O
glückliche selige Aussichten Mein lieber Lord Seimour sucht seinem Bruder
nachzufolgen in allem fragt er ihn und mit wie vieler zärtlicher
Erkenntlichkeit sehe ich Lord Richs Bemühung um meine Glückseligkeit indem er
alles versucht den ungleichen und oft reißenden Lauf von Seimours Charakter ins
Gleiche und Sanfte zu ändern Er ist sagt er ein schöner aber stark
rauschender Bach der im Grund eine Menge reiner Goldkörner führt
Lord Rich an Doktor T
Ich komme vom Altar wo mein Bruder eine ewige Verbindung und ich eine ewige
Freiheit meiner Hand geschworen Ich gab ihm jene Hand die mein Herz sich lange
wünschte und von deren Mitwerbung ich abstund weil ich mehr Stärke in mir
fühlte einen Verlust zu ertragen als er hat Es war die Seele die Gesinnungen
der Lady Seimour die ich liebte Ihre Papiere die sie in der vollen
Aufrichtigkeit ihres Herzens schrieb beweisen mir dass sie das Beste mir
schenkte so in ihrer Gewalt war wahre Hochachtung für meinen Charakter wahres
Vertrauen zärtliche Wünsche für mein Glück Der unauflöslich rätselhafte
Eigensinn eines einmal gefassten Vorzugs hatte schon lange und unwillkürlich die
Neigung ihres Herzens gefesselt Ich kenne den hohen Wert ihrer Seele ihre
Freundschaft ist zärtlicher als die Umarmungen der Liebe einer andern Person
Die Herbstjahre des Lebens in denen ich mich befinde lassen mich alle reine
Süßigkeit der Freundschaft mit Ruhe genießen Ich werde bei diesen Glücklichen
leben der zweite Sohn soll Lord Rich soll der Sohn meines Herzens sein Alle
Tage werde ich mit Lady Seimour sprechen und die Schönheit ihres Geistes ist
mein Eigentum ich trage zu ihrer Glückseligkeit bei Meine Mutter segnet mich
über den Entschluss von ihrem geliebten Seimour und mein Glück haftet an dem von
den würdigsten und liebsten Personen die ich kenne Bald mein Freund sehe
ich Sie und spreche Sie
Lady Seimour aus Seimourhouse an Emilia
Die erste freie Stunde meiner Bewohnung eines Familienhauses gebührte dem Dank
an die Vorsicht die allen meinen Kummer und die fürchterlichen Irrwege meines
Geschicks in dem Umfang vollkommener Glückseligkeit endigte aber die zweite
Stunde gehört der treuen Freundin die alles Leiden mit mir teilte die mir es
durch ihren Trost und ihre Liebe erleichterte und deren Beispiel und Rat ich die
Stärke meiner Anhänglichkeit an Tugend und Klugheit zu danken habe Emilia ich
bin glücklich ich bin es vollkommen denn ich kann die seligsten die
heiligsten Pflichten alle Tage meines Lebens erfüllen Meine tugendhafte
Zärtlichkeit macht das Glück meines Gemahls meine kindliche Verehrung und Liebe
wird von seiner würdigen Mutter als die Belohnung ihrer geübten Tugenden
angesehen Meine schwesterliche Freundschaft gießt Zufriedenheit in das große
aber sehr empfindliche Herz meines geliebten Lords Rich Lord Seimour hat
weitläuftige Güter er ist reich und hat mir eine unumschränkte Gewalt zum
Wohltun gegeben O mein Kind es war gut dass alle meine Empfindungen durch
widrige Begebenheiten aufgeweckt und geprüft wurden ich bin um so viel fähiger
geworden jeden Tropfen meines Masses von Glückseligkeit zu schmecken Sie
wissen dass ich Gott dankte dass er in meinem Elende mir den Gebrauch meiner
Talente zu Verminderung desselben gelassen hatte und meinem Herzen die Freude
nicht entzog wohltätig zu sein Ich fühle nun mit aller Stärke die verdoppelten
Pflichten des Glücklichen nun muss meine Gelassenheit Demut und meine
Unterwerfung zur Dankbegierde werden Meine Kenntnisse die die Stütze meiner
leidenden Eigenliebe und die Hilfsmittel waren durch welche ich hier und da
einzelne Teile von Vergnügen erreichte sollen dem Dienst der Menschenliebe
geweihet sein sie zum Glück derer die um mich leben und zu Ausspähung jedes
kleinen jedes verborgenen Jammers meiner Nebenmenschen zu verwenden um bald
große bald kleine liebreiche Hilfe ausfindig zu machen Kenntnisse des Geistes
Gute des Herzens die Erfahrung hat mir bis an dem Rande meines Grabes
bewiesen dass ihr allein unsere wahre irdische Glückseligkeit ausmachet An euch
stützte meine Seele sich als der Kummer sie der Verzweiflung zuführen wollte
Ihr sollt die Pfeiler meines Glücks werden auf euch will ich in der Ruhe des
Wohlseins mich lehnen und die ewige Güte bitten mich fähig zu machen an der
Seite meines edelmütigen menschenfreundlichen Gemahls ein Beispiel
wohlverwendeter Gewalt und Reichtümer zu werden
Sie sehen meine Freundin dass alle meine Bedenklichkeiten meinen
Empfindungen weichen mussten Ich sah das Vergnügen so vieler rechtschaffenen
Herzen an das Glück des meinigen gebunden dass ich meine Hand gerne zum
Unterpfand meiner Liebe für ihre Zufriedenheit gab Mylord will ein Schulhaus
und ein Hospital nach der Einrichtung der Sternheimischen erbauen lassen er
betreibt den Plan weil er den Bau während unsrer deutschen Reise führen lassen
will Künftige Woche gehen wir nach Summerhall dort wollen wir die Briefe
meines Onkels von R erwarten und dann sagen Seimour und Rich wollen sie jede
heilige Statte besuchen wo mich mein Kummer herumgeführt habe Sie werden also
meine Emilia sehen und überzeugt werden dass die erste und stärkste Neigung
meines Herzens der würdigsten Person meines Geschlechts gewidmet war Morgen
kommen Mylord Crafton und Sir Thomas Watson meiner Großmutter Bruders Sohn zu
uns ich werde aber meine übrigen Verwandten London und den großen Kreis meiner
Nachbarn erst nach unserer Zurückkunft aus Deutschland sehen
Mylord Rich an Doktor T
Ich bin wieder in Seimourhouse weil mir ohne die Familie meines Bruders die
ganze Erde leer ist Mit tausendfachen geistigen Banden hat mich die Lady
Seimour gefesselt und die Herbsttage meines Lebens wurden so glühend dass
unsere Reise mich beinahe mein Leben kostete Ich sah sie in Summerhall zu
Vaels bei ihrer Emilia in ihrem Gesindhause in D bei Hofe in Sternheim bei
ihren Untertanen bei dem Grabe ihrer Eltern die anbetungswürdige Frau In
allen Gelegenheiten in allen Stellen wohin der Lauf des Lebens sie führt
zeigt sie sich als das echte Urbild des wahren weiblichen Genies und der übenden
Tugenden ihres Geschlechts Auf unserer Rückreise wurde sie Mutter und was
für eine Mutter O Doktor ich hätte mehr viel mehr als Mensch sein müssen
wenn der Wunsch sie zu meiner Gattin zu der Mutter meiner Kinder zu haben
nicht tausendmal in meinem Herzen entstanden wäre Mit wie vielem Recht besitzt
die Tugend der großmütigen Aufopferung unsers Glücks die erste Stelle des Ruhms
Wie teuer kostet sie auch ein edelgewöhntes Herz Wundern Sie sich ja nicht
wenn sie selten ist Doch eine Probe wie diejenige die ich machte hat nicht
leicht statt Mit Vergnügen hab ich das Glück meines Bruders dem meinigen
vorgezogen Die Handlung reuet mich nicht ich litt nicht nur niederträchtigen
Neid sondern allein durch das gezwungene Stillschweigen meiner Empfindungen
die ich keinem Unheiligen anvertrauen will um die falsche Beurteilungen meiner
ehrerbietigen Leidenschaft zu vermeiden und die reine Freundschaft meiner edlen
Schwester in kein zweideutiges Licht zu bringen Ich fiel in eine düstere
Melancholie und entzog mich Seimours Hause auf einige Monate Die Stille meines
Landguts wo ich ehemals von meiner großen Reise ausruhete gab mir diesmal kein
ganzes Maß von Frieden ich wollte mich überwinden aber ich bin an den süßen
Umgang der fühlbarsten Seele gewöhnt ihre schönen Briefe sind nicht sie selbst
Mein Lord Rich wurde geboren und ich flog nach Seimourhouse eine selige Stunde
war es in welcher Lady Seimour mir dieses Kind auf die Arme gab und mit allem
Reiz ihrer seelenvollen Physionomie und Stimme sagte »Hier haben Sie Ihren
jungen Rich Gott gebe ihm mit Ihrem Namen Ihren Geist und Ihr Herz« Ein
entzückender Schmerz durchdrang meine Seele Er ruht in mir niemand soll jemals
eine Beschreibung von ihm haben Der kleine Rich hat die Züge seiner Mutter
diese Ähnlichkeit schließt ein großes Glück für mich in sich Wenn ich das Leben
behalte soll dieser Knabe keinen andern Hofmeister keinen andern Begleiter auf
seinen Reisen haben als mich Alle Ausgaben für ihn sind meine seine Leute
sind doppelt belohnt ich schlafe neben seinem Zimmer ja ich baue ein Haus am
Ende des Gartens in das ich mit ihm ziehen werde wenn er volle zwei Jahre alt
sein wird Indessen bilde ich mir die Leute die um ihn sein werden Dieses Kind
ist die Stütze meiner Vernunft und meiner Ruhe geworden Wie wert macht ihn mir
jede Umarmung jede zärtliche Sorge die er von seiner Mutter erhält und wie
glücklich wächst er und sein Bruder auf Jede Handlung ihrer Eltern sind
Beispiele von Güte und Edelmütigkeit Segen und Freude blühen in jedem Gefilde
der Gebiete meines Bruders Danksagungen und Wünsche begleiten jeden Schritt
den er mit seiner Gattin macht Mit einer Hand stützen sie das leidende
Verdienst und helfen andrer Elende ab mit der andern streuen sie Verzierungen
in der ganzen Herrschaft aus aber dies mit der feinsten Unterscheidung Denn
die Lady Seimour sagt niemals müsse auf dem Lande die Kunst die Natur
beherrschen man solle nur die Fußstapfen ihrer flüchtigen Durchreise und hier
und da einen kleinen Platz sehen wo sie ein wenig ausgeruhet hätte Unsere
Abende und unsere Mahlzeiten sind reizend ein munterer Geist und die Mäßigkeit
beleben und regieren sie Fröhlich treten wir in die Reihen der Landtänze
unserer Pächter deren Freude wir durch unsern Anteil verdoppeln Die
Gesellschaft der Lady Seimour wird von dem Verdienst gesucht so wie Laster und
Dummheit vor ihr fliehen Sie können hoffen in unserem Hause wechselsweise jede
Schattierung von Talenten und Tugenden zu finden die in dem Kreise von etlichen
Meilen um uns wohnen Und hier hat der Charakter meiner geliebten Lady Seimour
einen neuen Glanz dadurch erhalten dass sie die Verdienste anderer Personen
ihres Geschlechts so lebhaft fühlt und schätzt Mein Bruder ist der beste
Ehemann und würdigste Gebieter von etlichen hundert Untertanen geworden
Seligkeit ist in seinem Gesichte wenn er seinen Sohn an der Brust der besten
Frau Tugend einsaugen sieht und jeder Tag nimmt etwas von dem lodernden Feuer
hinweg welches in alle seine Empfindungen gedrungen wäre Er hat die schwere
Kunst gelernt sein Glück zu genießen ohne irgend jemand durch ein
außerordentliches Geräusche mit seinem Glücke Schmerzen zu machen Das einfache
obgleich edle Aussehen unserer Kleidung und unsers Hauses lässt auch die ärmste
Familie unserer Nachbarschaft mit Zuversicht und Freude zu uns kommen Von
diesen Familien nimmt Lady Seimour von Zeit zu Zeit ein paar Töchter zu sich und
flösst durch Beispiel und liebreiches Bezeugen die Liebe der Tugend und schönen
Kenntnisse in sie Der reizende Enthusiasmus von Wohltätigkeit die lebendige
Empfindung des Edlen und Guten beseelt jeden Atemzug meiner geliebten Schwester
Sie begnügt sich nicht gut zu denken alle ihre Gesinnungen müssen Handlungen
werden Gewiss ist niemals kein inniger Gebet zum Himmel gegangen als die
Danksagung war welche ich die Lady Seimour für die Empfindsamkeit ihres Herzens
und für die Macht Gutes zu tun mit tränenden Augen aussprechen hörte Wieviel
Segen wie viele Belohnung verdienen die welche uns den Beweis geben dass
alles was die Moral fodert möglich sei und dass diese Übungen den Genuss der
Freuden des Lebens nicht stören sondern sie veredeln und bestätigen und unser
wahres Glück zu allen Zufällen des Lebens sind
Fußnoten
1 Der Verfolg und der ganze Zusammenhang dieser Geschichte gibt die Auslegung
über diesen Ausdruck Er soll ohne Zweifel nichts anders sagen als einen Mann
der dem besonderen Ideal von Tugend und moralischer Vollkommenheit welches sich
in ihrer Seele ausgebildet hatte bis auf die kleinsten Züge ähnlich wäre A d
H
2 Eine Bemerkung welche der Herausgeber aus vieler Erfahrung an sich und andern
von Herzen unterschreibt
3 Um die vortreffliche Schreiberin für nichts responsabel zu machen was nicht
wirklich von ihr kommt gesteht der Herausgeber dass die in eingeschlossenen
Zeilen von ihm selbst eingeschoben worden da er das Glück hat die Dame deren
getreues Bildnis hier entworfen wird persönlich zu kennen
4 Ich habe der kleinen Parteilichkeit des Fräulein von Sternheim für die
englische Nation bereits in der Vorrede als eines Fleckens erwähnt den ich von
diesem vortrefflichen Werke hätte wegwischen mögen wenn es ohne zu große
Veränderungen tunlich gewesen wäre Wenn wir den weisesten Engländern selbst
glauben dürfen so ist eine Dame von so schöner Sinnesart als Fräulein
Sternheim in England nicht weniger selten als in Deutschland Doch hier
spricht ein junger Engländer welcher billig für seine Nation eingenommen sein
darf und ein Entusiast der das Recht hat zuweilen unrichtig zu räsonieren
A d H
5 Man kann schwerlich sagen dass es Gattungen von Blumen oder Pflanzen gebe
welche nur zu Ergötzung des Auges dienten und soviel mir bekannt ist kennt
man keine einzige Gattung welche nicht entweder einen ökonomischen oder
offizinalischen Nutzen für den Menschen hätte oder zum Unterhalt einiger Tiere
Vögel Insekten und Gewürm diente folglich in Absicht des ganzen Systems unsers
Planeten wirklich einen Nutzen hätte A d H
6 Es gehört immer noch viele Einsicht dazu den Zufall so wohl zu benutzen und
vielleicht mehr als einen wohlausgedachten Entwurf zu machen Aber das ist der
große Haufe nicht fähig zu begreifen und daher pflegt man ihn immer gerne
glauben zu lassen was seinen Begriffen nach denen die ihn regieren die meiste
Ehre macht Die Welt wird nur darum so viel betrogen weil sie betrogen sein
will A d H
7 Wohlverstanden dass die Spekulationen der Gelehrten sobald sie einigen Nutzen
für die menschliche Gesellschaft haben eben dadurch den Wert von guten
Handlungen bekommen A d H
8 Herr den wir zu kennen die Ehre haben hat uns auf Befragen gesagt seine
Meinung sei eigentlich diese gewesen Er habe an dem Fräulein von St eine
gewisse Neigung über moralische Dinge aus allgemeinen Grundsätzen zu
räsonieren Distinktionen zu machen und ihren Gedanken eine Art von
systematischer Form zu geben wahrgenommen und zugleich gefunden dass ihr gerade
dieses am wenigsten gelingen wolle Ihn habe bedünkt das worin ihre Stärke
liegt sei die Feinheit der Empfindung der Beobachtungsgeist und eine
wunderbare und gleichsam zwischen allen ihren Seelenkräften abgeredete
Geschäftigkeit derselben bei jeder Gelegenheit die Güte ihres Herzens tätig zu
machen und dieses habe er eigentlich dem Fräulein von St sagen wollen H
9 Ich habe so viel Wahres und zugleich dem eigentümlichen Charakter des Geistes
der Fräulein von St so Angemessenes in diesem Gleichnisse gefunden dass ich
mich nicht entschließen konnte etwas davon zu ändern ungeachtet ich sehr wohl
empfinde dass das Feuer der Untersuchung und das Wasser der Widerwärtigkeit
keine Gnade vor der Kritik finden können und wirklich in Bunyans Pilgrimsreise
besser an ihrem Platze sind als in diesem Buche H
10 Wenige Leser werden der Erinnerung bedürfen dass es der Unschuld und
Unerfahrenheit des Fräulein von St in den Wegen der Welt ganz natürlich war
für eine Wirkung des Zufalls zu halten was Absicht und Kunst war An Höfen
versteht man keine Kunst besser als ungefähre Zufälle zu machen wenn die
Absicht ist die Leidenschaften des Herrn auf eine feine Art zu befördern H
11 Der Herausgeber überlässt dem Herrn Pfarrer von welchem diese Distinktion
herrühren soll die Rechtfertigung derselben Seiner Meinung nach welche nichts
Neues ist lässt sich auch in diesem Leben weder öffentliche noch
PrivatGlückseligkeit ohne Tugend denken und nach den Grundsätzen der
Offenbarung gehört noch etwas mehr als nur Tugend zur Erlangung der ewigen
Glückseligkeit
12 Und diejenigen welche dieses sagten hatten an sich selbst eben nicht so gar
unrecht H
13 Heureusement
14 Aber werden nicht eben durch dieses warnende Beispiel ihre Fehler selbst
wohltätig Warum findet sie nichts Tröstendes in dieser Betrachtung Weil auch
die edelmütigsten Seelen nicht auf Unkosten ihrer Eigenliebe wohltätig sind H
15 Welche Zumutung Mylord Derby Konnten Sie ihre Zeit nicht besser nehmen H
16 In der Tat löset diese Antwort das Rätsel gar nicht auf Mylord Derby
ersparte ihr ja diese eigene Bemühung Warum wurde sie dennoch so ungehalten
Warum sagte sie er zerreisse ihr Herz da er doch nur ihr Deshabillé zerriss
Vermutlich weil sie ihn nicht liebte nicht zu einer solchen Szene durch die
gehörige Gradation vorbereitet und überhaupt in einer Gemütsverfassung war
welche einen zu starken Absatz von der seinigen machte um sich zur Gefälligkeit
für einen Einfall in welchem mehr Mutwillen als Zärtlichkeit zu sein schien
herabzulassen H
17 Der ziemlich ins Preziöse fallende und von der gewöhnlichen schönen
Simplizität unsrer Sternheim so stark abstechende Stil dieses Dialogen scheint
zu beweisen dass sie bei dieser Unterredung mit Frau von C nicht recht à son
aise war A d H
18 Diese Frage ist eben nicht schwer zu beantworten das edeldenkende
tugendhafte Mädchen darf dies nicht weil man keine eigene Moral für sie machen
kann A d H