Philalethes Nach Beendigung meiner Geschäfts in England und Rückkehr von
dort habe ich gleich daran gedacht Sie mein Herr zu besuchen um unsere alte
Freundschaft fortzusetzen und uns über die Dinge zu unterhalten welche uns
beiden so sehr am Herzen liegen und über die ich während meines Aufenthaltes in
London neue Aufschlüsse erlangt zu haben glaube Als wir einst zu Amsterdam ganz
nahe beieinander wohnten machte es uns allen beiden viel Vergnügen
Untersuchungen über die Grundsätze und Mittel anzustellen um in das Wesen der
Dinge einzudringen Waren unsere Ansichten auch oft verschieden so vermehrte
diese Verschiedenheit eben nur unsere Befriedigung wenn wir miteinander
verhandelten ohne dass der Gegensatz der sich mitunter zeigte etwas
Unangenehmes einmischte Sie waren für Descartes und für die Meinungen des
berühmten Verfassers der »Erforschung der Wahrheit« und ich für meinen Teil
fand die durch Bernier erläuterten Ansichten Gassendis leichter fasslich und
natürlicher Gegenwärtig fühle ich mich durch das ausgezeichnete Werk ganz
besonders bestärkt welches ein berühmter Engländer den ich persönlich zu
kennen die Ehre habe seitdem veröffentlicht hat und welches mehrmals in
England unter dem bescheidenen Titel der »Abhandlung über den menschlichen
Verstand« wieder gedruckt worden ist Man versichert sogar dass es binnen kurzem
in Latein und Französisch erscheint worüber ich mich sehr freue denn es kann
so von ausgebreiteterem Nutzen sein Ich habe aus der Lektüre dieses Werkes und
selbst aus der Unterhaltung mit dem Verfasser großen Nutzen gezogene oft bin ich
mit ihm zu London und mitunter zu Oates bei Mylady Masham zusammengetroffen der
würdigen Tochter des berühmten Cudworth eines großen englischen Philosophen und
Theologen und Verfassers des Intellektualsystems dessen spekulativen Geist und
dessen Liebe zu höherer Erkenntnis sie geerbt hat welche besonders in der mit
dem Verfasser der besagten Abhandlung unterhaltenen Freundschaft erscheint und
als er von einigen verdienstvollen Gelehrten angegriffen worden ist habe ich
auch mit Vergnügen die Verteidigungsschrift gelesen welche eine sehr gescheute
und geistreiche Dame für ihn verfasst hat außer denen welche er selbst verfasst
hat Im ganzen folgt er dem System Gassendis welches im Grunde das des Demokrit
ist Er ist für den leeren Raum und für die Atome er glaubt dass die Materie
lenken könne dass es keine angeborenen Vorstellungen gebe dass unser Geist eine
Tabula rasa sei und dass er nicht beständig denke auch bezeigt er sogar Lust
die Einwürfe welche Gassendi gegen Descartes erhoben größtenteils zu billigen
Er hat dies System mit zahlreichen vortrefflichen Bemerkungen bereichert und
verstärkt und ich zweite nicht dass gegenwärtig unsere Partei über ihre Gegner
die Peripatetiker und Kartesianer den entschiedenen Sieg davontrage Dies ist
der Grund warum ich Sie wenn Sie dieses Buch noch nicht gelesen haben dazu
auffordere und wenn Sie es gelesen haben mir Ihre Ansicht darüber zu sagen
inständig bitte
Theophilus Ich freue mich Sie nach langer Abwesenheit wieder zurückgekehrt
zu sehen nach glücklichem Ablauf Ihres wichtigen Geschäftes gesund in Ihrer
Freundschaft für mich beständig und immer mit gleichem Eifer auf die Erforschung
der wichtigsten Wahrheiten gerichtet Ich habe mein Nachdenken nicht minder in
demselben Geiste fortgesetzt und glaube ohne mir zu schmeicheln ebensoweit
und vielleicht weiter als Sie gekommen zu sein Es war auch für mich nötiger als
für Sie denn Sie waren mir voraus Sie hatten mehr Umgang mit den spekulativen
Philosophen und ich mehr Neigung zur Moral Aber ich habe mehr und mehr gelernt
wieviel Stärke die Moral aus den wohlbefestigten Grundsätzen der wahren
Philosophie empfängt Darum habe ich sie seitdem mit größerem Eifer studiert und
bin auf ganz neue Gedanken gekommen Es wird uns also ein gegenseitiges und
langdauerndes Vergnügen machen wenn wir uns einander die erhaltenen
Aufklärungen mitteilen Ich muss Ihnen aber als etwas Neues mitteilen dass ich
nicht mehr Kartesianer bin und gleichwohl mehr als jemals von Ihrem Gassendi
mich entfernt habe dessen Wissen und Verdienst ich übrigens anerkenne Ich bin
auf ein neues System gestoßen wovon ich etwas in den gelehrten Zeitschriften
von Paris Leipzig und Holland und in dem bewundernswürdigen Wörterbuch Bayles
art Rorarius gelesen habe Seitdem glaube ich einen neuen Anblick des inneren
Wesens der Dinge gewonnen zu haben Dies System scheint Plato mit Demokritus
Aristoteles mit Descartes die Scholastiker mit den Neueren die Theologie und
Moral mit der Vernunft zu versöhnen Von allen Seiten scheint es das Beste zu
nehmen und dann weiterzukommen als man jemals gekommen ist Ich habe darin eine
verständliche Erklärung der Einheit von Seele und Leib gefunden etwas an dem
ich bisher verzweifelt war Die wahren Gründe der Dinge finde ich in der von
diesem System eingeführten Einheit der Substanzen und in deren durch die
Ursubstanz vorherbestimmter Harmonie Ich habe darin eine so erstaunliche
Einfachheit und Übereinstimmung gefunden dass man sagen kann es sei alles und
immer nach verschiedenen Graden der Vollkommenheit dasselbe jetzt begreife ich
was Plato darunter verstand wenn er die Materie für ein unvollkommenes und
wandelbares Wesen nahm was Aristoteles durch seine Entelechie sagen wollte was
jenes Versprechen eines anderen Lebens sagen will das nach Plinius selbst
Demokritus machte wieweit die Skeptiker recht hatten wenn sie sich gegen die
Sinne aussprachen wie die Tiere nach Descartes Automaten sind und wie sie nach
der allgemeinen Meinung der Menschen doch Seelen und Empfindung haben wie man
diejenigen welche allen Dingen Leben und Wahrnehmung verliehen haben
vernunftgemäß erklären kann wie Cardan Campanella und besser als sie die
verstorbene Gräfin von Connaway eine Anhängerin Platos und unser verstorbener
Freund Franz Mercurius van Helmont der übrigens freilich durch viele
unverständliche und paradoxe Meinungen dunkel bleibt mit seinem verstorbenen
Freund Heinrich Morus wie die Gesetze der Natur wovon man vor dem Auftreten
dieses Systems einen guten Teil nicht kannte ihrem Ursprung nach aus
Grundsätzen hergeleitet werden müssen welche über das Materielle hinausgehen
wenn sich gleich im Materiellen alles auf mechanische Weise vollzieht Im
letzteren Punkte haben die spiritualisierenden Schriftsteller die ich eben
genannt habe mit ihren »Archeen« und selbst mit den Kartesianern gefehlt indem
sie glaubten dass die immateriellen Substanzen wo nicht die Kraft so doch
wenigstens die Richtung oder Bestimmung der Bewegung der Körper änderten
während nach dem neuen System die Seele und der Körper ihre Gesetze jedes von
beiden die seinigen vollkommen einhalten und nichtsdestoweniger doch soviel es
nötig ist einander folgen Endlich hat mich das Nachdenken über dies System
aufzufinden veranlasst wie die Annahme von Seelen und sinnlichen Empfindungen
bei den Tieren gegen die Unsterblichkeit der menschlichen Seele nicht spricht
oder vielmehr wie nichts geeigneter ist unsere natürliche Unsterblichkeit zu
sichern als die Annahme dass alle Seelen unvergänglich sind morte carent
animae ohne dass wir deshalb doch die Seelenwanderungen zu fürchten hätten da
nicht allein die Seelen sondern auch die Tiere lebend empfindend handelnd
bleiben und bleiben werden Es ist überall wie hier und immer und überall wie
bei uns gemäß dem was ich Ihnen schon gesagt habe nur dass die Zustände der
Tiere mehr oder weniger vollkommen und entwickelt sind ohne dass man je ganz und
gar vom Körper getrennte Seelen anzunehmen braucht während wir
nichtsdestoweniger immer eine soviel wie möglich reine Geistigkeit haben
unbeschadet unserer Organe die durch ihren Einfluss nie die Gesetze unserer
Spontaneität stören können Ich finde den leeren Raum und die Atome ganz anders
als durch den Trugschluss der Kartesianer ausgeschlossen welcher sich auf die
angebliche Gleichbedeutung der Vorstellung des Körpers und der Ausdehnung
gründet Ich erblicke alles in Ordnung und Harmonie mehr als man es bis jetzt
jemals begriffen hat überall organische Materie nichts Leeres Unfruchtbares
und Vernachlässigtes nichts zu Einförmiges alles mannigfaltig aber in
Ordnung und was über die Phantasie hinausgeht das ganze Weltall im kleinen
jedoch von einem ganz verschiedenen Anblick in jedem seiner Teile und selbst in
jeder seiner substantiellen Einheiten Außer dieser neuen Analyse der Dinge habe
ich die der Begriffe oder Vorstellungen und der Wahrheiten besser begriffen Ich
verstehe was eine wahre klare bestimmte und wenn ich dies Wort gebrauchen
darf adäquate Vorstellung ist Ich verstehe welches die ursprünglichen
Wahrheiten und die wahren Grundsätze sind die Unterscheidung der notwendigen
und der tatsächlichen Wahrheiten des Vernunftgebrauchs der Menschen und der
Folgerungen der Tiere die nur ein Schatten von jenem sind Kurz Sie werden
erstaunt sein alles zu hören was ich Ihnen zu sagen habe und vor allen Dingen
zu erkennen wie die Erkenntnis der Größe und der Vollkommenheit Gottes dadurch
erhöht wird Denn ich kann Ihnen nicht verhehlen da ich vor Ihnen kein
Geheimnis habe wie ich gegenwärtig von Bewunderung und wenn wir uns dieses
Ausdruckes zu bedienen wagen von Liebe für diese oberste Quelle aller Dinge und
Schönheiten durchdrungen bin nachdem ich gefunden habe dass diejenigen
Vollkommenheiten Gottes welche dieses System enthüllt alles übertreffen was
man bis jetzt davon begriffen hat Sie wissen dass ich ehemals ein wenig zu weit
gegangen bin und mich auf die Seite der Spinozisten zu schlagen anfing die Gott
nur eine unendliche Macht beilegen ohne Vollkommenheiten und Weisheit bei ihm
anzuerkennen und indem sie die Erforschung der Zweckursachen vernachlässigen
alles von einer blinden Notwendigkeit ableiten Aber diese neue Aufklärung hat
mich davon geheilt und seitdem nehme ich mitunter den Namen Theophilus an Ich
habe das Buch jenes berühmten Engländers gelesen wovon Sie eben gesprochen
haben Ich schätze es sehr und habe Vortreffliches darin gefunden man muss aber
weitergehen und sich sogar seiner Ansichten entschlagen weil er oft solche
angenommen hat welche uns mehr als nötig beschränken und nicht allein die
Stellung des Menschen sondern auch die des Weltalls ein wenig zu sehr
herabsetzen
Philalethes Sie setzen mich in der Tat durch alle die Wunder in Erstaunen
von denen Sie mir Bericht abstatten er klingt etwas zu günstig als dass ich so
leicht daran glauben könnte Indessen will ich hoffen dass unter so viel Neuem
von dem Sie mich unterrichten wollen etwas haltbares sein wird In diesem Falle
werden Sie mich ganz gelehrig finden Sie wissen dass es immer meine Neigung
war mich an die Vernunft zu halten und ich mir mitunter den Namen Philalethes
gab Deswegen wollen wir uns jetzt wenn es Ihnen recht ist dieser beiden
Namen die so viel Beziehung haben bedienen Um zum Ziele zu gelangen schlage
ich Ihnen ein Mittel vor Da Sie das Buch des berühmten Engländers gelesen
haben welches mir so viel Befriedigung gewährt und er darin die Gegenstände
wovon wir eben gesprochen haben großenteils behandelt und vor allem die
Analyse unserer Vorstellungen und Erkenntnisse so wird es das kürzeste sein
dem Faden desselben zu folgen und zuzusehen was Sie zu bemerken haben
Theophilus Ich billige Ihren Vorschlag Hier ist das Buch
1 Philalethes Ich habe es so oft gelesen dass ich es bis auf die
Ausdrücke im Gedächtnisse habe denen ich sorgfältig folgen werde Ich werde
also nur nötig haben bei gewissen Streitfragen wo wir es für notwendig
erachten werden nachzuschlagen Zuerst wollen wir von dem Ursprung der
Vorstellungen oder Begriffe reden erstes Buch darauf von den verschiedenen
Arten der Vorstellungen zweites Buch und der Worte deren wir uns um sie
auszudrücken bedienen drittes Buch endlich von den Erkenntnissen und
Wahrheiten die daraus folgen viertes Buch und zwar wird dieses letzte Buch
uns am meisten beschäftigen
Was den Ursprung der Vorstellungen betrifft so glaube ich mit diesem
Schriftsteller und vielen andern Gelehrten dass es ebensowenig angeborene
Vorstellungen als angeborene Grundsätze gibt Und um den Irrtum derjenigen
welche solche annehmen zu widerlegen genügt es wie in der Folge sich zeigen
wird nachzuweisen dass man derselben gar nicht bedarf und dass die Menschen
alle ihre Erkenntnisse ohne die Hilfe irgend eines angeborenen Eindruckes
erlangen können
Theophilus Sie wissen Philalethes dass ich seit langer Zeit anderer
Meinung bin dass ich beständig wie auch jetzt noch für die angeborene
Vorstellung Gottes bin wie sie Descartes aufrechterhalten hat und folglich
auch für andere angeborene Vorstellungen die von den Sinnen nicht stammen
können Gegenwärtig gehe ich im Anschluss an das neue System noch viel weiter und
glaube sogar dass alle Gedanken und Tätigkeiten unserer Seele aus ihrem eigenen
Innern stammen da sie ihr wie Sie in der Folge sehen werden nicht durch die
Sinne gegeben werden können Gegenwärtig jedoch will ich diese Untersuchung
beiseite setzen und mich den einmal angenommenen Ausdrücken anbequemen da sie
in der Tat gut und haltbar sind und man in einem gewissen Sinne sagen kann dass
die äußeren Sinne zum Teil Ursache unserer Gedanken sind um zu prüfen wie
man meiner Ansicht nach auch bei dem gewöhnlichen System indem man von der
Tätigkeit der Körper auf die Seele redet wie die Anhänger des Copernicus mit
den übrigen Menschen von der Bewegung der Sonne und zwar mit Grund reden
sagen muss dass es Vorstellungen und Grundsätze gibt die nicht von den Sinnen
stammen und welche wir in uns ohne sie zu bilden verenden wenngleich die
Sinne uns Gelegenheit geben uns derselben bewusst zu werden Wie ich mir denke
hat unser gelehrter Schriftsteller die Bemerkung gemacht dass man unter dem
Namen angeborener Grundsätze häufig seine Vorurteile festhält und sich damit der
Mühe der Untersuchungen überheben will und dieser Missbrauch wird seinen Eifer
gegen jene Voraussetzung entzündet haben Er wird die Trägheit und
oberflächliche Denkungsart derer haben bekämpfen wollen die unter dem
gleitenden Vorwand angeborener Vorstellungen und dem Geiste von Natur
eingeprägter Wahrheiten denen wir ohne Schwierigkeit beistimmen sich nicht die
Mühe nehmen die Quellen Verbindungen und die Gewissheit dieser Kenntnisse zu
erforschen und zu untersuchen Darin bin ich ganz seiner Ansicht und gehe sogar
noch weiter Ich wünschte dass man unsere Analyse gar nicht beschränkte von
allen Bezeichnungen die dessen fähig sind die Begriffsbestimmungen gäbe und
alle Grundsätze die nicht fundamental sind bewiese oder zu beweisen Anstalt
machte ohne auf die Meinung der Menschen darüber zu sehen und sich darum zu
bekümmern ob sie damit übereinstimmen oder nicht Damit würde mehr Nutzen
verbunden sein als man denkt Mir scheint aber dass der Verfasser durch seinen
sonst sehr löblichen Eifer zu weit nach der anderen Seite geführt worden ist Er
hat meiner Ansicht nach den Ursprung der notwendigen Wahrheiten deren Quelle im
Verstande ist nicht genug von den tatsächlichen unterschieden die man aus den
Erfahrungen der Sinne und selbst aus den in uns vorhandenen verworrenen
Wahrnehmungen gewinnt Sie sehen also ich gebe nicht zu was Sie als Tatsache
hinstellen dass wir alle unsere Erkenntnisse ohne angeborene Eindrücke nötig zu
haben erlangen können und die Folge wird zeigen wer von uns recht hat
2 Philalethes Das werden wir in der Tat sehen Ich gebe Ihnen zu lieber
Theophil dass es keine allgemeiner angenommene Meinung gibt als die wonach
gewisse Grundsätze der Wahrheit vorhanden sind über welche die Menschen
allgemein übereinkommen darum werden sie Gemeinbegriffe koinai ennoiai
genannte man schließt daraus dass diese Grundsätze ebensoviel Eindrücke seien
welche unsere Seelen mit dem Dasein empfangen
3 Aber falls die Tatsache sicher wäre dass es von dem ganzen
Menschengeschlecht angenommene Grundsätze gibt so würde diese allgemeine
Übereinstimmung doch nicht beweisen dass sie angeboren sind wenn man wie ich
glaube einen anderen Weg zeigen kann auf dem die Menschen zu dieser
Übereinstimmung in ihrer Ansicht haben gelangen können
4 Was aber noch viel schlimmer ist diese allgemeine Übereinstimmung
endet gar nicht statt selbst nicht in Bezug auf jene beiden berühmten
Grundsätze der Spekulation denn von denen der Praxis werden wir nachher
sprechen dass alles was ist ist und dass etwas zur selben Zeit unmöglich sein
und nicht sein kann denn einem großen Teil des Menschengeschlechts sind diese
beiden Grundsätze die Ihnen ohne Zweifel als notwendige Wahrheiten und
Grundsätze gelten nicht einmal bekannt
Theophilus Ich gründe die Gewissheit der angeborenen Grundsätze nicht auf
die allgemeine Übereinstimmung denn ich habe Ihnen schon gesagt Philalethes
dass man meiner Meinung nach darauf hinarbeiten müsse alle Grundsätze die nicht
fundamentale sind beweisen zu können Auch gebe ich Ihnen zu dass eine sehr
allgemeine Übereinstimmung die aber nicht ganz durchgängig ist aus einer über
das ganze Menschengeschlecht verbreiteten Überlieferung stammen könne wie die
Sitte des Tabakrauchens von fast allen Völkern in weniger als einem Jahrhundert
angenommen worden ist obgleich man einige Inselbewohner gefunden hat die da
sie nicht einmal das Feuer kannten auch nicht rauchen konnten So haben einige
Gelehrte selbst unter den Theologen jedoch von der Sekte des Arminius
geglaubt dass die Gotteserkenntnis aus einer sehr alten und sehr allgemeinen
Überlieferung stammte und ich bin in der Tat zu glauben geneigt dass der
Unterricht diese Kenntnis befestigt und berichtigt hat Gleichwohl scheint es
dass die Natur auch ohne Lehre dazu anleite die Wunder des Weltalls sind die
Ursache gewesen an eine höhere Macht zu denken Man hat ein taubstumm geborenes
Kind dem Vollmond seine Anbetung bezeugen sehen und Völker gefunden die nichts
anderes kannten und wieder andere Völker welche sich vor unsichtbaren rächten
fürchteten Ich gebe Ihnen zu lieber Philalethes dass dies noch nicht die Idee
Gottes sei wie wir sie haben und fordern diese Idee ist jedoch
nichtsdestoweniger im Grunde unserer Seele ohne wie wir sehen werden
hineingebracht zu sein Auch die ewigen Gesetze Gottes sind zum Teil auf eine
noch lesbarere Art und durch eine Art von Instinkt derselben eingeprägt Aber
dies sind Grundsätze des Handelns von denen wir noch zu reden Gelegenheit haben
werden Man muss indessen gestehen dass unsere Neigung zur Anerkennung der Idee
Gottes in der menschlichen Natur liegt Und wenn wir den ersten Unterricht darin
auch der Offenbarung zuschreiben wollten so kommt doch immer die Leichtigkeit
welche die Menschen in der Annahme dieser Lehre gezeigt haben aus der
Naturanlage ihrer Seele Aber wir werden in der Folge zu dem Urteil gelangen
dass die äußere Lehre dabei das was in uns ist hier nur erwecke Ich schließe
also dass eine allgemeine Übereinstimmung unter den Menschen ein Zeichen und
nicht ein Beweis für einen angeborenen Grundsatz ist der strikte und
entscheidende Beweis dieser Grundsätze aber darin besteht aufzuzeigen dass
deren Gewissheit nur von dem uns Innewohnenden stammt Um noch auf das zu
antworten was Sie gegen die allgemeine Zustimmung zu den beiden großen
Grundsätzen der Spekulation geltend machen die doch aufs beste festgestellt
sind so kann ich Ihnen sagen dass sie seihst wenn sie nicht bekannt wären
doch angeboren wären weil man sie anerkennt sobald man sie vernommen hat Aber
ich will noch hinzufügen dass im Grunde genommen jedermann sie kennt und man
sich zB jeden Augenblick des Grundsatzes des Widerspruchs ohne besonders
darauf acht zu haben bedient Kein Mensch ist so roh dass er nicht in einer
ernsten Sache von dem Betragen eines Lügners der sich selbst widerspricht
verletzt werden sollte So wendet man diese Grundsätze an ohne sie ausdrücklich
ins Auge zu fassen und das ist ungefähr wie wenn man in den Enthymemen die
nicht ausgedrückten Vordersätze nur der Möglichkeit nach im Geiste hat indem
man sie nicht nur im Ausdruck sondern selbst im Denken beiseite lässt
5 Philalethes Was Sie von diesen möglichen Kenntnissen und dem inneren
Unterdrücken derselben sagen überrascht mich denn zu behaupten dass es in die
Seele eingeprägte Wahrheiten gibt deren sie sich nicht bewusst ist das scheint
mir wahrlich ein Widerspruch
Theophilus Wenn Sie in diesem Vorurteil befangen sind so wundere ich mich
nicht dass Sie die angeborenen Erkenntnisse verwerfen Aber ich bin erstaunt
wie es Ihnen noch nicht eingefallen ist dass wir unendlich viele Erkenntnisse
haben deren wir uns nicht immer bewusst sind selbst nicht wenn wir sie
brauchen das Gedächtnis muss sie aufbewahren und die Wiedererinnerung sie uns
darbieten wie nach Bedürfnis oft aber nicht immer geschieht Man nennt dies
sehr gut »beikommen« denn die Wiedererinnerung verlangt Beistand Und
sicherlich müssen wir bei dieser Menge unserer Erkenntnisse durch etwas bestimmt
werden eine davon eher als die andere wieder zu erwecken weil es unmöglich
ist an alles was wir wissen ganz zu derselben Zeit deutlich zu denken
Philalethes Darin glaube ich haben Sie recht und diese zu allgemeine
Vorstellung dass wir uns immer aller Wahrheiten die in unserer Seele sind
bewusst seien ist mir entgangen ohne dass ich hinlänglich Aufmerksamkeit darauf
gehabt habe Aber Sie werden etwas mehr Mühe haben auf das was ich Ihnen jetzt
vorlegen will zu erwidern Wenn man nämlich von einem einzelnen Satz sagen
kann dass er angeboren ist so wird man mit demselben Grunde behaupten können
dass alle Sätze welche vernunftgemäß sind und die der Geist jemals als solche
wird betrachten können der Seele bereits eingeprägt sind
Theophilus Ich gebe Ihnen dies hinsichtlich der reinen Vorstellungen zu
die ich den phantastischen Erscheinungen der Sinne entgegensetze sowie in
betreff der notwendigen oder Vernunftwahrheiten welche ich den tatsächlichen
Wahrheiten entgegensetze In diesem Sinne muss man sagen dass die ganze
Arithmetik und die ganze Geometrie angeboren und auf eine potentielle Weise in
uns sind dergestalt dass man sie wenn man aufmerksam das im Geiste schon
Vorhandene betrachtet und ordnet darin auffinden kann ohne sich irgend einer
durch die Erfahrung oder Überlieferung von einem anderen lernten Wahrheit zu
bedienen wie Plato dies in einem Gespräch gezeigt hat wo er den Sokrates ein
Kind durch bloße Fragen ohne es etwas zu lehren zu fernliegenden Wahrheiten
führen lässt Man kann also diese Wissenschaften in seinem Zimmer und sogar mit
geschlossenen Augen sich bilden ohne durch das Gesicht oder selbst das Gefühl
die nötigen Wahrheiten zu lernen obgleich man allerdings die Vorstellungen um
die es sich handelt nicht gewahr werden würde wenn man niemals etwas gesehen
oder berührt hätte Denn durch eine bewunderungswürdige Einrichtung der Natur
geschieht es dass wir niemals abstrakte Gedanken haben können ohne dazu etwas
Sinnliches zu bedürfen wären es auch nur solche reichen wie die Gestalten der
Buchstaben oder die Töne sind wenngleich zwischen solchen willkürlichen Zeichen
und jenen Gedanken keine notwendige Verknüpfung besteht Und wenn die sinnlichen
Spuren nicht erforderlich wären so würde die vorherbestimmte Harmonie zwischen
der Seele und dem Körper womit ich Sie noch ausführlicher zu unterhalten
Gelegenheit haben werde nicht stattfinden Dies hindert aber keineswegs dass
der Geist die notwendigen Wahrheiten aus sich selbst schöpfe Auch sieht man
mitunter wie weit er ohne irgend eine Hilfe durch eine rein natürliche Logik
und Arithmetik kommen kann wie jener schwedische Knabe durch Ausbildung der
seinigen bis zu großen Rechnungen die er sofort im Kopfe macht gekommen ist
ohne die gewöhnliche Rechenkunst noch selbst lesen und schreiben gelernt zu
haben wenn ich mich dessen was man mir davon erzählt hat recht erinnere
Allerdings könnte er nicht mit der Auflösung so schwieriger Probleme fertig
werden welche das Ausziehen der Wurzeln erfordern Aber das hindert nicht dass
er sie nicht durch irgend einen neuen Kunstgriff des Geistes aus sich selbst
hätte lösen können Also beweist das nur dass es in der Schwierigkeit sich
dessen was in uns ist bewusst zu werden verschiedene Grade gibt Es gibt
angeborene Grundsätze die allen bekannt und sehr leicht fasslich sind es gibt
Lehrsätze die man auch gleich entdeckt und aus denen die natürlichen
Wissenschaften bestehen welche bei dem einen ausgebreiteter sind als bei dem
anderen Endlich können in einem noch weiteten Sinne den anzuwenden gut ist um
umfassendere und bestimmtere Begriffe zu haben alle diejenigen Wahrheiten
angeborene genannt werden die man aus den ursprünglichen angeborenen
Erkenntnissen ziehen kann weil der Geist sie aus seinem eigenen Innern zu
schöpfen vermag was freilich oft keine leichte Sache ist Wenn aber jemand den
Ausdrücken einen anderen Sinn beilegt so will ich nicht mit ihm über Worte
streiten
Philalethes Ich habe Ihnen zugegeben dass man in der Seele manches dessen
man sich nicht bewusst ist haben kann denn man erinnert sich nicht immer wenn
es gerade ein muss alles dessen was man weiß Aber man muss es doch einmal
gelernt und vordem ausdrücklich gekannt haben Wenn man also sagen kann dass
etwas in der Seele ist obgleich diese es noch nicht gekannt hat so kann dies
nur dadurch sein dass sie die Fähigkeit oder das Vermögen es zu erkennen
besitzt
Theophilus Warum könnte dies nicht noch eine andere Ursache haben nämlich
die dass die Seele etwas in sich haben kann ohne dass man sich desselben bewusst
wäre Denn da eine erworbene Erkenntnis mittels des Gedächtnisses darin
verborgen sein kann wie Sie es zugeben warum sollte nicht auch die Natur eine
ursprüngliche Erkenntnis darin haben verbergen können muss denn alles was einer
sich erkennenden Substanz natürlich ist sogleich wirklich von ihr erkannt
werden Kann und muss nicht eine Substanz wie unsere Seele verschiedener
Eigenschaften und Regungen haben welche alle sofort und alle gleich gewahr zu
werden unmöglich ist Die Platoniker meinten dass alle unsere Erkenntnisse aus
der Erinnerung und zwar so herrühren dass die Wahrheiten welche die Seele mit
der Geburt des Menschen auf die Welt gebracht hat und die man angeborene nennt
Reste einer ausdrücklichen vorhergegangenen Erkenntnis sein müssen Aber diese
Meinung ist ohne Grund und es ist leicht einzusehen dass die Seele schon in dem
vorhergegangenen Zustand wenn die Präexistenz stattfand so entfernt er auch
sein mochte ganz wie hier bereits angeborene Erkenntnisse haben musste diese
müssten sich also auch aus einem vorhergegangenen Zustand herschreiben wo sie am
Ende angeboren oder wenigstens mit anerschaffen sein würden oder aber man müsste
bis ins Unendliche gehen und die Seele als von Ewigkeit her annehmen in welchem
Falle diese Kenntnisse in der Tat angeboren sein würden weil sie dann in der
Seele niemals einen Anfang gehabt haben würden Wollte jemand noch behaupten
dass jeder frühere Zustand etwas von einem noch früheren gehabt habe was er den
folgenden nicht zurückgelassen hat so würde man ihm antworten dass offenbar
gewisse evidente Wahrheiten allen diesen Zuständen hätten zukommen müssen und
dass wie man die Sache auch nehme in allen Zuständen der Seele die notwendigen
Wahrheiten ganz gewiss angeboren seien und aus dem Inneren bewiesen werden da
sie durch Erfahrungen wie man durch solche die tatsächlichen Wahrheiten
begründet nicht begründet werden konnten Warum sollte mau denn auch in der
Seele nichts besitzen können wovon mau niemals Gebrauch gemacht hat Ist es
denn einerlei etwas haben ohne es zu gebrauchen und nur das Vermögen es sich
anzueignen besitzen Wäre dies der Fall so würden wir immer nur das besitzen
was wir gebrauchen Statt dessen weiß man dass außer dem Vermögen und dem
Gegenstande oft eine gewisse Anlage in der Fähigkeit oder in dem Gegenstande
oder in allen beiden nötig ist damit die Fähigkeit sich auf den Gegenstand
anwenden lasse
Philalethes Wenn man es auf diese Art nimmt wird man behaupten können es
seien der Seele gewisse Wahrheiten eingeprägt welche sie gleichwohl niemals
gekannt hat und sogar niemals erkennen würde was mir befremdlich erscheint
Theophilus Ich sehe darin nichts Widersinniges obgleich man auch nicht
versichern kann dass es solche Wahrheiten gibt Denn es möchten sich dereinst
noch erhabenere Dinge als wir im gegenwärtigen Lebenslauf erkennen können in
unseren Seelen entwickeln wenn sie in eisern anderen Zustande sein werden
Philalethes Gesetzt nun es gebe Wahrheiten welche dem Verstande ohne dass
er sich ihrer bewusst ist eingeprägt sein können so sehe ich nicht ein wie sie
hinsichtlich ihrer Entstehung von den Wahrheiten welche zu erkennen er allein
fähig ist verschieden sein können
Theophilus Der Geist ist nicht allein fähig sie zuerkennen sondern auch
sie in sich aufzufinden und hätte nur die bloße Fähigkeit die Erkenntnisse in
sich aufzunehmen oder die leidende Möglichkeit dazu die so unbestimmt wäre als
die des Wachses formen anzunehmen und die der leeren Tafel Buchstaben
aufzunehmen so würde er nicht die Quelle der notwendigen Wahrheiten sein wie
er sie doch nach meinem eben gelieferten Beweis ist denn es ist unbestreitbar
dass die Sinne nicht ausreichen um deren Notwendigkeit einzusehen und dass also
der Geist eine sowohl tätige als leidende Anlage hat sie aus seinem eigenen
Inneren selbst zu schöpfen wenn auch die Sinne notwendig sein mögen um ihm
Gelegenheit dazu und Aufmerksamkeit dafür zu geben und ihn auf die einen eher
als auf die anderen zu lenken Sie sehen also dass diejenigen sonst sehr
gescheiten Leute welche anderer Ansicht sind nicht genug über die Tragweite
des Unterschiedes nachgedacht zu haben scheinen der wie ich schon bemerkt
habe und wie unser ganzer Streit zeigt zwischen den notwendigen oder ewigen
Wahrheiten und den ErfahrungsWahrheiten obwaltet Der ursprüngliche Beweis der
notwendigen Wahrheiten kommt allein vom Verstande und die übrigen Wahrheiten
stammen aus den Erfahrungen oder Beobachtungen der Sinne Unser Geist ist fähig
die einen und die anderen zu erkennen aber er ist die Quelle der ersteren und
so zahlreiche einzelne Erfahrungen man von einer allgemeinen Wahrheit haben mag
so kann man sich doch derselben durch Induktion nicht für immer versichern ohne
ihre Notwendigkeit durch die Vernunft zu erkennen
Philalethes Wenn aber diese Worte im Verstande sein etwas Positives in sich
schließen müssen sie dann nicht so viel bedeuten als dass der Verstand ihrer
sich bewusst ist und sie begreift
Theophilus Sie bedeuten für uns etwas ganz anderes es genügt dass das was
im Verstande ist auch darin gefunden werden könne und dass die ursprünglichen
beweise der Wahrheiten um die es sich handelt nur im Verstande seien die Sinne
können diese Wahrheiten anregen rechtfertigen und bestätigen aber nicht ihre
unfehlbare und immerwährende Gewissheit beweisen
Philalethes Gleichwohl werden alle die welche sich die Mühe geben mit
einiger Aufmerksamkeit auf das Verfahren des Verstandes zu achten finden dass
diese vom Geiste ohne weiteres gewissen Wahrheiten erteilte Zustimmung von dem
Vermögen des menschlichen Geistes abhängt
Theophilus Ganz rechte aber eben dieses besondere Verhältnis des
menschlichen Geistes zu diesen Wahrheiten macht die Anwendung des Vermögens auf
sie leicht und natürlich und bewirkt dass man sie angeborene nennt Es ist also
kein nacktes Vermögen welches in der bloßen Möglichkeit sie zu begreifen
besteht es ist eine Anlage eine Fertigkeit eine Keimbildung welche unsere
Seele bestimmt und bewirkt dass sie aus ihr gewonnen werden können Ganz so wie
es zwischen den Gestalten welche man dem Stein oder dem Marmor willkürlich
gibt und zwischen denen welche seine Adern schon bezeichnen oder zu bezeichnen
angelegt sind wenn der Künstler davon Gebrauch machen will einen Unterschied
gibt
Philalethes Ist es aber nicht wahr dass die Wahrheiten den Vorstellungen
aus denen sie hervorgehen nachfolgen Es stammen also die Vorstellungen von den
Sinnen ab
Theophilus Die intellektuellen Vorstellungen welche die Quelle der
notwendigen Wahrheiten sind stammen nicht von den Sinnen ab und Sie müssen
anerkennen dass es Vorstellungen gibt welche der Reflexion des Geistes verdankt
werden wenn er über sich selbst nachdenkt Es ist übrigens wahr dass die
deutliche Erkenntnis der Wahrheiten der deutlichen Erkenntnis der Vorstellungen
tempore vel natura nach Zeit und Wesen erst folgt wie das Wesen der
Wahrheiten von dem der Vorstellungen abhängt ehe man die einen und die anderen
deutlich bildet und wie die Wahrheiten zu denen die aus den Sinnen stammenden
Vorstellungen mitwirken wenigstens zum Teil von den Sinnen abhangen Es sind
aber die aus den Sinnen stammenden Vorstellungen verworren und die davon
abhängigen Wahrheiten zum Teil wenigstens auch während die intellektuellen
Vorstellungen und die davon abhängigen Wahrheiten deutlich bestimmt sind und
weder die einen noch die anderen ihren Ursprung aus den Sinnen haben obgleich
wir allerdings ohne die Sinne niemals an sie denken würden
Philalethes Nach Ihrer Meinung sind jedoch die Zahlen intellektuelle
Vorstellungen und dennoch hängt die dabei vorkommende Schwierigkeit von der
deutlichen Bildung der Vorstellungen ab Ein Erwachsener zB weiß dass 18 und
19 zusammen gleich 37 sind mit derselben Evidenz wie er weiß dass 1 und 2
zusammen 3 machen gleichwohl erkennt aber ein Kind den ersteren Satz nicht so
reicht als den zweiten weil es die Vorstellungen nicht so schnell gebildet hat
als die Worte
Theophilus Ich kann Ihnen zugeben dass die Schwierigkeit in der deutlichen
Bildung der Wahrheiten oft von der abhängt welche man bei der deutlichen
Bildung der Vorstellungen hat Gleichwohl glaube ich dass es in Ihrem Beispiel
sich darum handelte schon gebildete Vorstellungen anzuwenden denn die welche
bis 10 zu zählen und die Art mittels einer gewissen Verdoppelung der Zehner
weites zu gehen gelernt haben verstehen ohne Mühe dass 18 und 19 37 nämlich
ist nämlich ein zwei oder dreimal 10 mit 8 oder 9 oder 7 aber um daraus zu
schließen dass 18 und 19 37 macht bedarf es mehr Aufmerksamkeit als um zu
wissen dass 1 und 2 3 sind was im Grunde nur die Definition von 3 ist
18 Philalethes Es ist kein den von Ihnen intellektuell genannten Zahlen
oder Vorstellungen anhaftendes Vorrecht Sätze zu liefern denen man sobald man
sie hört unfehlbar beistimmt Es gibt deren auch in der Physik und in allen
anderen Wissenschaften und selbst die Sinne liefern uns solche So zB ist der
Satz Zwei Körper können nicht zugleich an demselben Orte sein eine Wahrheit
von der man auf keine andere Weise überzeugt ist als von folgenden Grundsätzen
Unmöglich kann etwas zu der nämlichen Zeit sein und nicht sein Weiß ist nicht
Rot ein Viereck ist kein Kreise die gelbe Farbe ist nicht die Süßigkeit
Theophilus Diese Sätze enthalten doch Unterschiede Der erste welcher die
Unmöglichkeit der Durchdringlichkeit der Körper ausspricht bedarf eines
Beweises In der Tat verwerfen ihn alle die welche wie die Peripatetiker und
der verstorbene Ritter Digby an wirkliche und im eigentlichen Sinn genommene
Verdichtungen und Verdünnungen glauben ohne von den Christen zu sprechen
welche meistens das Gegenteil glauben dass nämlich die Durchdringung des
Ausgedehnten für Gott möglich die anderen Sätze aber sind identische oder doch
beinahe und die identischen oder unmittelbaren bedürfen keines Beweises Was
diejenigen betrifft welche von den Sinnen geliefert werden wie der welcher
aussagt dass die gelbe Farbe nicht die Süßigkeit ist so wenden diese nur den
allgemeinen Identitätssatz auf besondere Fälle an
Philalethes Jeder aus zwei verschiedenen Vorstellungen gebildete Satz
deren eine die andere aufhebt wie zB dass das Viereck kein Kreis ist das
Gelbsein nicht Süßsein ist wird ebenso sicher als unzweifelhaft angenommen
werden sobald man die Ausdrücke darin versteht wie jener allgemeine Grundsatz
»Unmöglich kann etwas zur nämlichen Zeit sein und nicht sein«
Theophilus Dies kommt daher dass der eine nämlich der allgemeine
Grundsatz und der andere nämlich die Aufhebung einer Vorstellung durch eine
andere entgegengesetzte davon die Anwendung ist
Philalethes Mir scheint vielmehr dass der Grundsatz von jener Aufhebung
welche ihn begründet abhängig ist und dass er noch leichter zu verstehen ist
als der Satz Was dasselbe ist ist nicht verschieden oder der Grundsatz des zu
vermeidenden Widerspruches Auf diese Weise würde man ja eine zahllose Menge von
Sätzen dieser Art welche eine Vorstellung der anderen absprechen ohne von den
übrigen Wahrheiten zu reden als angeborene Wahrheiten annehmen müssen Dazu
kommt dass weil kein Satz angeboren sein kann wenn nicht die ihn bildenden
Vorstellungen angeboren sind man voraussetzen müsste dass alle Vorstellungen
welche wir von Farben Tönen Geschmäcken Gestalten usw haben angeboren sind
Theophilus Ich sehe gar nicht ein wie der Satz »Einerlei ist nicht
verschieden« der Ursprung des Grundsatzes des Widerspruches und leichter
begreiflich als er sein sollte denn mir scheint man nimmt sich mehr
Freiheit wenn man behauptet dass A nicht B ist als wenn man sagt dass A nicht
A ist Der Grund der A B zu sein hindert ist dass B nicht A in sich enthält
Übrigens ist nach dem Sinne welchen wir diesem Ausdruck »angeborene Wahrheit«
gegeben haben der Satz »Das Süße ist nicht das Bittere« nicht angeboren Denn
die Empfindungen des Süßen und des Bitteren stammen von den äußeren Sinnen Also
ist es ein gemischter Schluss hybrida conclusio wo der Grundsatz auf eine
sinnliche Wahrheit angewendet worden ist Was aber jenen Satz anbetrifft »Das
Viereck ist kein Kreis« so kann man sagen dass er angeboren ist denn indem man
ihn ins Auge fasst macht man eine Subsumtion oder Anwendung des Grundsatzes des
Widerspruchs auf das was der Verstand selbst liefert sobald man sich bewusst
ist dass diese angeborenen Vorstellungen Begriffe in sich schließen die
miteinander unverträglich sind
19 Philalethes Wenn Sie annehmen dass diese besonderen und durch sich
selbst evidenten Sätze deren Wahrheit man erkennt sobald man sie aussprechen
hört wie zB dass das Grüne nicht das Rote ist als Folgerungen jener anderen
noch allgemeineren Sätze welche man als ebenso viele angeborene Grundsätze
betrachtet angenommen werden so scheinen Sie nicht in Erwägung zu ziehen dass
diese besonderen Sätze von denen welche keine Erkenntnis jener allgemeineren
Grundsätze haben als unzweifelhafte Wahrheiten angenommen werden
Theophilus Darauf habe ich bereits vorhin geantwortet man beruft sich auf
diese allgemeinen Grundsätze wie man sich auf die Obersätze beruft welche man
beim Schließen durch Enthymeme voraussetzte denn obgleich man gar häufig beim
Schließen nicht deutlich an das was man tut denkt ebensowenig wie an das was
man beim Gehen und beim Springen tut so ist doch immer wahr dass die Kraft des
Schlusses zum Teil in dem besteht was man unterdrückt und was nirgends sonst
her gewonnen werden kann wie man finden wird wenn man ihn zu rechtfertigen
sucht
20 Philalethes Es scheint aber dass die allgemeinen und abstrakten
Vorstellungen unserem Geiste fremder sind als die besonderen Begriffe und
Wahrheiten also müssen diese besonderen Wahrheiten dem Geiste natürlicher sein
als der Grundsatz des Widerspruchs von dem sie Ihrer Meinung nach nur die
Anwendung sein sollen
Theophilus Allerdings beginnen wir früher der besonderen Wahrheiten uns
bewusst zu sein sowie wir mit den zusammengesetzteren und gröberen Vorstellungen
beginnen dies hindert aber nicht dass die Ordnung der Natur mit dem Einfachsten
beginne und die Begründung der besonderen Wahrheiten von den allgemeineren
abhange wovon sie nur die Beispiele sind Und wenn man in Betracht ziehen will
was in uns der Anlage nach und jedwedem Bewusstsein voraus liegt so hat man
Ursache mit dem Einfachsten anzufangen Denn die allgemeinen Grundsätze sind in
unserem Denken enthalten und bilden deren Seele und Zusammenhalt Sie sind so
notwendig wie die Muskeln und Sehnen zum Gehen sind wenn man auch nicht daran
denkt Der Geist stützt sich jeden Augenblick auf diese Grundsätze aber es
gelingt ihm nicht so leicht sie sich klar zu machen und sich deutlich und
gesondert vorzustellen weil dies eine große Aufmerksamkeit auf sein Tun
erfordert welche die meisten Menschen zum Nachdenken wenig gewöhnt nicht
besitzen Haben nicht die Chinesen artikulierte Laute wie wir Und dennoch sind
sie bei ihrer Gewöhnung an eine andere Schreibweise noch nicht darauf gekommen
von diesen Lauten ein Alphabet zu machen So haben wir vieles in unserem Besitz
ohne es zu wissen
21 Philalethes Wenn der Geist gewissen Wahrheiten so schnell zustimmt
könnte das nicht eher von der Betrachtung der Natur der Dinge selbst herkommen
die ihm anders zu urteilen nicht erlaubt als davon dass diese Sätze von Natur
unserem Geist eingepflanzt sind
Theophilus Eines und das andere ist richtig Die Natur der Dinge und die
Natur des Geistes tragen dazu bei Und wenn Sie die Betrachtung der Sache dem
Bewusstsein des unserem Geist Eingepflanzten entgegensetzen so zeigt dieser
Einwand selbst dass die deren Partei Sie ergreifen unter den angeborenen
Wahrheiten nur das verstehen was man von Natur wie durch Instinkt und sogar bei
nur verworrener Erkenntnis gutheißen würde Es gibt Wahrheiten von dieser Art
und wir werden davon zu sprechen noch Gelegenheit haben was man jedoch das
natürliche Licht nennt setzt eine deutliche Erkenntnis voraus und sehr oft ist
die Betrachtung des Wesens der Dinge nichts anderes als die Betrachtung des
Wesens unseres Geistes und jener angeborenen Vorstellungen die man auswärts zu
suchen nicht nötig hat Also nenne ich diejenigen Wahrheiten angeboren welche
nur einer solchen Inbetrachtnahme bedürfen um als wahr anerkannt zu werden Auf
den 22 gemachten Einwurf habe ich schon im 5 geantwortet Dieser Einwurf
besagt dass wenn man behauptet die angeborenen Begriffe seien implicite im
Geiste dies nur bedeuten dürfe er habe sie zu erkennen das Vermögen ich habe
dagegen die Bemerkung gemacht dass er außerdem sie in sich zu finden das
Vermögen und wenn er sie gehörig denkt sie anzuerkennen die Neigung hat
23 Philalethes Wie es scheint nehmen Sie also an dass diejenigen
welchen man jene allgemeinen Grundsätze zuerst vorträgt nichts erfahren was
ihnen völlig neu ist Es ist aber klar dass sie zuerst die Bezeichnung darauf
die Wahrheiten und selbst die Vorstellungen von denen diese Wahrheiten
abhangen lernen
Theophilus Es handelt sich hier nicht um die Bezeichnungen welche
gewissermaßen willkürlich sind während die Vorstellungen und die Wahrheiten
natürlich sind Was aber diese Vorstellungen und Wahrheiten anbetrifft so
messen sie uns eine Lehre bei von der wir weit entfernt sind denn ich gebe zu
dass wir die angeborenen Vorstellungen und Wahrheiten sei es durch Aufmerken auf
ihre Quelle sei es durch Bestätigung aus der Erfahrung kennen lernen Ich
mache also gar nicht die von Ihnen erwähnte Voraussetzung als ob wir in dem von
Ihnen besprochenen Fall nichts Neues lernten und würde auch den Satz »Alles
was man lernt ist nicht angeboren« nicht zugeben Die arithmetischen Wahrheiten
sind in uns und dennoch lernt man sie indem man sie entweder aus ihrer Quelle
auf dem Wege demonstrativen Nachweises herleitet was ihr Angeborensein zeigt
oder durch Beispiele erhärtet wie die gewöhnlichen Rechner es tun die weil
sie die Gründe nicht wissen ihre Regeln nur durch Überlieferung lernen und
höchstens ehe sie sie lehren durch die Erfahrung rechtfertigen welche sie so
weit treiben als sie für angemessen erachten Und mitunter ist selbst ein sehr
geschickter Mathematiker wenn er die Quelle der Entdeckung eines anderen nicht
kennt gezwungen sich zu ihrer Prüfung mit dieser Induktionsmethode zu
begnügen So verfuhr ein berühmter Schriftsteller zu Paris als ich dort war der
die Untersuchung meines arithmetischen Tetragonismus durch Vergleichung mit den
Ludolphschen Zahlen in dem Glauben sehr weit trieb einen Fehler darin zu finden
und er hatte auch Grund zu zweifeln bis ihm der Beweis davon mitgeteilt wurde
der uns solcher Untersuchungen die man immer fortsetzen könnte ohne jemals
vollkommen sicher zu sein überhebt Und selbst das letztere nämlich die
Unvollkommenheit der Induktionen kann man noch durch die Beispiele aus der
Erfahrung ausgleichen denn es gibt Progressionen in denen man sehr weit
vorwärts gehen kann ehe man die darin vorkommenden Veränderungen und Gesetze
bemerkt
Philalethes Wäre es aber nicht möglich dass nicht allein die Ausdrücke oder
Worte deren man sich bedient sondern auch die Vorstellungen uns von außen
kommen
Theophilus Dann müssten wir ja selbst außer uns sein da die intellektuellen
oder ReflexionsVorstellungen aus unserem Geiste hergeleitet werden und ich
möchte wohl wissen wie wir die Vorstellung des Seins haben könnten wenn wir
nicht selbst Seiendes wären und so das Sein in uns fänden
Philalethes Was sagen Sie aber zu dieser Herausforderung eines meiner
Freunde Wenn jemand so sagt er einen Satz finden kann worin die
Vorstellungen angeborene sind so nenne er ihn mir er könnte mir keinen
größeren Gefallen erweisen
Theophilus Ich würde ihm die Sätze der Arithmetik und Geometrie nennen
welche alle von dieser Art sind und auf dem Gebiete der notwendigen Wahrheiten
würde man gar keine anderen finden
25 Philalethes Das wird vielen Leuten sonderbar vorkommen Kann man
sagen dass die schwierigsten und tiefsten Wissenschaften angeboren sind
Theophilus Ihre wirkliche Erkenntnis ist es nicht wohl aber das was man
die mögliche Erkenntnis nennen kann wie die durch die Adern des Marmors
vorgezeichnete Gestalt im Marmor ist ehe man sie beim Arbeiten entdeckt
Philalethes Aber ist es möglich dass die Kinder wenn sie die ihnen von
außen kommenden Begriffe empfangen und ihnen zustimmen keine Erkenntnis von
denjenigen haben welche man als ihnen angeboren und gleichsam einen Teil ihres
Geistes bildend voraussetzt wo sie so sagt man in unauslöschlichen Zügen
um als Grundlage zu dienen eingeprägt sind Wäre das der Fall so hätte sich
die Natur unnütze Mühe gegeben oder wenigstens diese Züge schlecht eingeprägt
da sie von Augen die anderes doch sehr gut sehen nicht bemerkt werden können
Theophilus Das Bewusstsein dessen was in uns liegt hängt von einer
bestimmten Aufmerksamkeit und Ordnung ab Nun ist es nicht allein möglich
sondern selbst angemessen dass die Kinder den gegriffen der Sinne mehr
Aufmerksamkeit schenken weil die Aufmerksamkeit durch das Bedürfnis geleitet
wird Indessen zeigt die Erfahrung in der Folge dass die Natur sich nicht unnütz
die Mühe gegeben hat uns angeborene Erkenntnisse einzuprägen da es ohne diese
kein Mittel geben würde zur wirklichen Erkenntnis der notwendigen Wahrheiten in
den demonstrativen Wissenschaften und zu den Erkenntnisgründen der Tatsachen zu
gelangen und wir würden nichts vor den Tieren voraushaben
26 Philalethes Wenn es angeborene Wahrheiten gibt muss es dann nicht
auch angeborene Gedanken geben
Theophilus Durchaus nicht denn die Gedanken sind Handlungen und die
Erkenntnisse oder die Wahrheiten sofern sie selbst dann in uns sind wenn man
nicht an sie denkt sind nur Wertigkeiten oder Anlagen und gar viele Dinge
wissen wir an die wir nicht denken
Philalethes Es ist schwer zu begreifen dass im Geiste eine Wahrheit sei
wenn er an diese Wahrheit niemals gedacht hat
Theophilus Das ist ebenso wie wenn jemand sagen wollte es ist schwer zu
begreifen dass es im Marmor Adern gibt bevor man sie entdeckt Dieser Einwurf
scheint sich auch einem Zirkelschluss allzusehr zu nähern Alle diejenigen
welche angeborene Wahrheiten annehmen ohne sie auf die Platonische
Wiedererinnerung zu begründen nehmen auch solche an an die man noch nicht
gedacht hat Übrigens beweist dieser Schluss zu viel denn wenn die Wahrheiten
Gedanken sind so wird man nicht nur der Wahrheiten an die man niemals gedacht
hat sondern auch deren beraubt werden an die man gedacht hat und an die man
gegenwärtig nicht mehr denkt und wenn die Wahrheiten nicht Gedanken sondern
natürliche oder erworbene Fertigkeiten oder Geschicklichkeiten sind so hindert
nichts dass solche in uns seien an die man niemals gedacht hat noch jemals
denken wird
27 Philalethes Wenn die allgemeinen Grundsätze angeboren wären so
müssten sie im Geiste gewisser Menschen mit größerer Helligkeit erscheinen
worin wir doch davon keine Spur sehen ich meine der Kinder Blödsinnigen und
Wilden denn von allen Menschen ist bei diesen der Geist am wenigsten durch die
Gewohnheit und den Eindruck fremder Meinungen verfälscht und verderbt
Theophilus Man muss glaube ich hier ganz anders urteilen Die angeborenen
Grundsätze treten nur durch die Aufmerksamkeit welche man ihnen schenkt ans
Licht aber die haben jene Menschenklassen nicht oder haben sie nur für etwas
ganz anderes Sie denken fast nur an die körperlichen Bedürfnisse und es ist
vernunftgemäß dass die reinen und übersinnlichen Gedanken der Preis edlerer
Bemühungen seien Allerdings ist in Kindern und Wilden der Geist durch die
Gewohnheiten weniger verderbt aber dafür auch durch die geistige Bildung
welche Aufmerksamkeit verleiht weniger gehoben Es würde sehr ungerecht sein
wenn die lebendigsten Erkenntnisse in denjenigen Geistern mehr glänzten welche
sie weniger verdienen und in dickeren Nebel gehüllt sind Ich wünschte also
nicht dass man der Unwissenheit und Roheit so viel Ehre antäte wenn man so
gescheit ist wie Sie Philaleth und wie unser trefflicher Autor Das würde die
Gaben Gottes erniedrigen heißen Sonst würde man sagen können je unwissender
einer ist desto mehr nähert er sich dem Vorzug eines Marmorblockes oder eines
Stückes Holz die unfehlbar und sündlos sind Aber unglücklicherweise nähert man
sich auf diese Weise jenen Eigenschaften nicht und sündigt insofern man der
Erkenntnis fähig ist dadurch dass man sie zu erwerben vernachlässigt und wird
je weniger man unterrichtet ist es desto leichter darin fehlen lassen
Philalethes Die Moral ist eine demonstrative Wissenschaft hat aber dennoch
keine angeborenen Grundsätze Es würde sogar schwer sein eine moralische
Vorschrift von der Art aufzustellen dass sie mit einer so allgemeinen und so
schnellen Zustimmung wie der Satz Was da ist ist aufgenommen würde
Theophilus Es ist schlechthin unmöglich dass es so evidente
Vernunftwahrheiten wie die identischen oder unmittelbaren gebe Und obgleich
man in Wahrheit sagen kann dass die Moral unerweisbare Grundsätze hat und davon
einer der ersten und der brauchbarsten der ist dass man die Lust suchen und die
Unlust fliehen solle so muss man doch hinzufügen dass dies keine durch die
Vernunft allein erkannte Wahrheit ist da sie sich auf die innere Erfahrung oder
auf verworrene Erkenntnis gründet denn was Lust und Unlust ist lässt sich nicht
empfinden
Philalethes Nur durch Vernunftbetrachtungen Verhandlungen und eine gewisse
Geistesanstrengung kann man sich der praktischen Wahrheiten versichern
Theophilus Wenn dies der Fall wäre so würden sie darum nicht weniger
angeboren sein Indessen scheint die Maxime welche ich eben angezogen habe von
einer anderen Art zu sein man kennt sie nicht durch die Vernunft sondern
sozusagen durch einen Instinkt Es ist ein angeborener Grundsatz aber er macht
keinen Teil des natürlichen Lichtes aus denn man kennt ihn nicht auf eine
lichtvolle Art Indes wenn dieser Grundsatz einmal aufgestellt ist so kann man
wissenschaftliche Folgerungen daraus ziehen und ich stimme dem was Sie soeben
von der Moral als einer demonstrativen Wissenschaft gesagt haben durchaus
bei Wie wir denn auch sehen lehrt sie so evidente Wahrheiten dass Räuber
Piraten und Banditen sie unter sich zu beobachten gezwungen sind
2 Philalethes Aber die Banditen beobachten unter sich die Regeln der
Gerechtigkeit ohne sie als angeborene Grundsätze zu betrachten
Theophilus Was liegt daran Kümmert sich die Welt etwa um diese
theoretischen Fragen
Philalethes Jene beobachten die Gesetze der Gerechtigkeit nur als
angemessene Regeln deren Ausübung für die Erhaltung ihrer Gemeinschaft
schlechthin notwendig ist
Theophilus Sehr richtig Man kann sich hinsichtlich aller Menschen im
allgemeinen gar nicht besser ausdrücken Also sind diese Gesetze der Seele
eingeprägt nämlich als Folgerungen aus unserer Selbsterhaltung und unseren
wahren Gütern Soll man nun die Annahme machen dass in unserem Verstande die
Wahrheiten wie unabhängig voneinander sich verenden und gleichsam so wie die
Edikte des Prätors in seinem Anschlag oder Album verzeichnet waren Ich setze
dabei den sogleich zu besprechenden Instinkt welcher den einen Menschen treibt
den anderen zu lieben beiseite denn jetzt will ich nur von den Wahrheiten
reden insofern sie von der Vernunft erkannt werden Auch erkenne ich an dass
gewisse Regeln der Gerechtigkeit in ihrer ganzen Ausdehnung und Vollkommenheit
nur unter der Voraussetzung des Daseins Gottes und der Unsterblichkeit der Seele
bewiesen werden können und diejenigen zu denen der Instinkt der Menschlichkeit
uns nicht anhält sind der Seele nur wie andere abgeleitete Wahrheiten
eingeprägt Diejenigen indessen welche die Gerechtigkeit nur auf die
Notwendigkeiten dieses Lebens und das Bedürfnis gründen statt auf die Lust
welche sie darin finden sollen eine Lust welche da Gott den Grund davon
bildet eine der größten ist die freilich sind einigermaßen mit der
Gesellschaft der Banditen zu vergleichen
Sit spes fallendi miscebunt sacra profanis
An schlimmsten Übeltaten wirds nicht fehlen
Ist Hoffnung nur der Welt sie zu verhehlen
3 Philalethes Ich gebe zu dass die Natur in alle Menschen den Wunsch
glücklich zu sein und eine starke Abneigung gegen das Elend gelegt hat Das
sind also wahrhaft angeborene praktische Grundsätze welche nach der Bestimmung
aller praktischen Prinzipien einen beständigen Einfluss auf alle unsere
Handlungen haben Aber sie sind doch Neigungen der Seele gegen das Gute und
nicht Eindrücke irgend einer unserem Verstand eingeprägten Wahrheit
Theophilus Ich freue mich außerordentlich zu sehen dass Sie in der Tat wie
ich gleich erläutern werde angeborene Wahrheiten anerkennen Dieser Grundsatz
kommt mit dem dessen ich eben erwähnt habe wohl überein demgemäß wir der Lust
nachzugehen und die Unlust zu meiden getrieben werden Denn das Glück ist nichts
anderes als eine beständige Lust Indessen geht unsere Neigung nicht eigentlich
auf das Glück sondern auf die Lust dh in der Gegenwart während uns die
Vernunft auf die Zukunft und das Beständige richtet Nun geht die durch den
Verstand sich ausdrückende Neigung in eine Vorschrift oder in eine praktische
Wahrheit über und wenn die Neigung angeboren ist ist es also die Wahrheit
auch da es in der Seele nichts gibt was sich nicht im Verstande ausdrückte
wenn auch nicht immer mittelst einer tatsächlichen deutlich bestimmten
Betrachtung wie ich schon genugsam gezeigt habe Auch sind die Instinkte nicht
immer praktischer Art einige davon enthalten theoretische Wahrheiten und
dieser Art sind die inneren Grundsätze der Wissenschaften und des
Vernunftgebrauchs wenn wir sie ohne den Grund davon zu erkennen aus
natürliches Instinkt anwenden Und in diesem Sinne können Sie sich der
Anerkennung angeborener Grundsätze nicht entschlagen selbst wenn Sie leugnen
wollten dass die abgeleiteten Wahrheiten angeboren sind Aber das würde nach der
von mir gegebenen Erklärung dessen was ich angeboren nenne nur ein Streit um
Worte sein Und will jemand diese Bezeichnung nur denjenigen Wahrheiten geben
welche man sofort durch Instinkt empfängt so würde ich ihm nicht widersprechen
Philalethes Ich bin damit zufrieden Wenn es aber in unserer Seele gewisse
von Natur eingeprägte Züge als ebenso viele Erkenntnisgrundsätze gäbe so würden
wir uns derselben nur bewusst werden wenn sie in uns wirken wie wir den Einfluss
der beiden Grundsätze welche beständig in uns wirken nämlich den Wunsch
glücklich zu sein und die Furcht elend zu sein empfinden
Theophilus Es gibt Erkenntnisgrundsätze welche ebenso beständig auf
unseren Vernunftgebrauch Einfluss haben als die praktischen auf unseren Willen
so wendet zB jedermann die Regeln des Schließens durch eine natürliche Logik
an ohne sich dessen bewusst zu sein
Philalethes Die Moralgesetze müssen bewiesen werden also sind sie nicht
angeboren wie jenes Gesetz welches die Quelle aller gesellschaftlichen
Tugenden ist Was du nicht willst dass dir geschieht das tue auch dem andern
nicht
Theophilus Sie wiederholen immer den von mir schon widerlegten Einwand Ich
gebe Ihnen zu dass es Moralgesetze gibt welche keine angeborenen Grundsätze
sind aber das hindert sie nicht angeborene Wahrheiten zu sein denn eine
abgeleitete Wahrheit ist angeboren wenn wir sie aus unserem Geiste schöpfen
können Es gibt aber angeborene Wahrheiten welche wir auf zwei Arten in uns
finden durch das Licht der Vernunft und durch Instinkt Die welche ich soeben
bezeichnet haben werden aus unseren Vorstellungen bewiesen welches Sache des
natürlichen Lichtes ist Aber es gibt Folgerungen aus dem natürlichen Lichte
welche in Beziehung auf den Instinkt Grundsätze sind So werden wir zu
Handlungen der Menschlichkeit durch den Instinkt getrieben weil uns dies
angenehm ist und durch die Vernunft weil es recht ist Es gibt in uns also
instinktmäßige Wahrheiten welche angeborene Grundsätze sind die man auch ohne
den Beweis dafür zu haben empfindet und anerkennt welchen Beweis man
gleichwohl aber erhält wenn man sich von diesem Instinkt Rechenschaft ablegt
So bedient man sich der Gesetze des Schließens infolge einer verworrenen
Erkenntnis und gleichsam aus Instinkt die Logiker aber zeigen den Grund
derselben auf wie auch die Mathematiker von dem was man beim Gehen und
Springen ohne daran zu denken tut den Grund angeben Was jenes Gesetz
anbetrifft wonach man den anderen nur das antun darf was man von ihnen getan
haben mag so bedarf dies nicht allein eines Beweises sondern auch noch einer
Erklärung Wenn man Herr wäre würde man von den anderen zu viel verlangen sind
wir ihnen dann aber auch zu viel schuldig Man wird mir einwenden dass dies
Gesetz nur von einem gerechten Willen zu verstehen ist Dann wäre aber diese
Regel weit entfernt zu genügen als Maßstab zu dienen eines solchen vielmehr
bedürftig Der wahre Sinn derselben ist dass um billig zu urteilen der Platz
des anderen der wahre Gesichtspunkt ist auf den man sich stellen muss
9 Philalethes Man begeht oft schlechte Handlungen ohne Gewissensbisse
zB wenn man Städte mit Sturm nimmt begehen die Soldaten ohne sich zu
bedenken die schlimmsten Handlungen Gebildete Völker haben ihre Kinder
ausgesetzt einige Karaibenstämme kastrieren die ihrigen um sie zu mästen und
zu verzehren Garcilasso de la Vega erzählt dass gewisse Völker in Peru Weiber
gefangen nehmen um sie zu Konkubinen zu machen und die Kinder bis zum 13
Jahre erzögen worauf sie sie verzehrten und es mit den Müttern ebenso machten
sobald sie nicht mehr Kinder bekämen In Baumgartens Reise ist erzählt dass es
in Ägypten einen Derwisch gegeben habe der für einen Heiligen galt weil er
sich niemals zu Weibern oder Knaben sondern nur zu Eselinnen und Mauleselinnen
gehalten habe
Theophilus Die Moralwissenschaft die Instinkte ausgenommen wie den der
Lust nachzutrachten und die Unlust zu fliehen ist nicht auf andere Weise als
die Arithmetik angeboren denn auch sie hängt von Beweisen ab welche das innere
Licht darbietet Und da die Beweise nicht sofort ins Auge springen so ist es
kein großes Wunder wenn die Menschen nicht immer und sofort sich alles dessen
was sie in sich besitzen bewusst sind und nicht immer schnell genug die Züge
des natürlichen Gesetzes welches Gott nach St Paulus in ihr Herz gegraben
hat lesen Da indessen die Moral wichtiger als die Arithmetik ist hat Gott dem
Menschen Instinkte gegeben die ihn sofort und ohne vernünftige Überlegung auf
das Vernunftgemäße leiten So gehen wir auch nach den Gesetzen der Mechanik
einher ohne dieser Gesetze zu gedenken und essen nicht allein weil das uns
nötig ist sondern auch und erst recht darum weil das Essen uns Vergnügen macht
Aber diese Instinkte treiben uns nicht auf eine unwiderstehliche Weise zum
Handeln man leistet ihnen durch die Leidenschaften Widerstand aber man
verdunkelt sie durch die Vorurteile und verderbt sie durch widrige Gewohnheiten
Indessen erkennt man diese Instinkte des Bewusstseins meistens an und folgt ihnen
sogar wenn nicht stärkere Eindrücke sie überwinden Der größte und sittlich
gesundeste Teil des menschlichen Geschlechts zeugt für sie Orientalen und
Griechin oder Römer Bibel und Alkoran stimmen darin überein die Polizei der
Mohammedaner bestraft gewöhnlich das was Baumgarten erzählt und man müsste
ebenso vertiert wie die wilden Amerikaner sein um ihre Sitten deren
Grausamkeit selbst die der Tiere übertrifft gut zu heißen Gleichwohl fühlen
diese Wilden bei anderen Gelegenheiten recht gut was Gerechtigkeit ist und mag
es vielleicht auch keine schlimme Handlungsweise geben die nicht irgendwo und
bei gewissen Vorfällen Billigung erfährt so gibt es doch deren wenige welche
nicht in den meisten Fällen und von dem größten Teil der Menschheit verurteilt
werden Das geschieht zwar nicht ohne Vernunft da es aber nicht durch den
bloßen Gebrauch derselben geschieht muss es zum Teil natürlichen Instinkten
zugeschrieben werden Die Gewohnheit die Überlieferung die Erziehung tragen
dazu bei aber das Naturell ist die Ursache dass die Sitte sich in Bezug auf
diese Reichten allgemeiner nach dem Rechten wendet Das Naturell ist auch
Ursache dass die Überlieferung vom Dasein Gottes entstanden ist Nun gibt die
Natur dem Menschen und selbst den meisten Tieren Liebe und Sanftmut gegen die
welche ihres Geschlechts sind Selbst der Tiger »parcit cognatis maculis«
schont seinesgleichen Daher kommt das schöne Wort eines römischen Juristen
quia inter omnes homines natura cognationem constituit inde hominem homini
insidiari nefas esse weil die Natur unter allen Menschen Verwandtschaft
gestiftet hat ist es Unrecht dass ein Mensch dem anderen Nachstellungen
bereite Fast die Spinnen allein machen davon eine Ausnahme und fressen sich
untereinander auf so zwar dass das Weibchen das Männchen frisst nachdem es mit
ihm der Lust gepflogen hat Nach diesem allgemeinen SozialInstinkt welchen man
beim Menschen Menschenliebe nennen kann gibt es noch besondere wie die Liebe
zwischen Mann und Weib die Liebe der Väter und Mütter gegen ihre Kinder welche
die Griechen storgên nennen und andere ähnliche Neigungen welche jenes
natürliche Recht oder vielmehr jenes Bild des Rechts bilden das den römischen
Juristen zufolge die Natur die lebendigen Wesen gelehrt hat Aber besonders im
Menschen findet sich eine gewisse Sorge um Würde und Anstand welche uns
antreibt das was uns erniedrigt zu verbergen schamhaft zu sein gegen
Blutschande Widerwillen zu haben die Leichname zu begraben Menschen Überhaupt
nicht und keine lebendigen Tiere zu essen Man ist auch geneigt für seinen Ruf
Sorge zu tragen selbst über Bedürfnis und Leben hinaus Gewissensbissen
unterworfen zu sein und jene laniatus et ictus jene Martern und Schmerzen von
denen Tacitus nach Platos Vorgange spricht zu fühlen außerdem noch Furcht vor
der Zukunft und einer höchsten Macht die gleichfalls ganz natürlich entsteht
In dem allen ist etwas Wirkliches aber im Grunde sind diese Eindrücke so
natürlich sie auch sein können nur Hilfen für die Vernunft und Zeichen eines
von der Natur erteilten Rates Die Gewohnheit die Erziehung die Überlieferung
die Vernunft trügen viel dazu bei aber die menschliche Natur hat nicht weniger
teil daran Allerdings würden diese Hilfen ohne die Vernunft nicht hinreichen
um der Moral eine vollständige Gewissheit zu verleihen Will man endlich leugnen
dass der Mensch von Natur getrieben werde zB von hässlichen Dingen sich
fernzuhalten unter dem Vorwande dass es Leute gibt die nur gern von
unflätigen Dingen reden dass es selbst solche gibt deren Lebensberuf sie
veranlasst mit Unrat umzugehen und dass es Völker in Butan gibt welche die
Exkremente des Königs für wohlriechend halten Ich denke mir dass Sie in
Hinsicht dieser natürlichen Instinkte für das sittlich Gute der Ehrbarkeit im
Grunde meiner Ansicht sind wenn Sie vielleicht auch wie Sie in Hinsicht auf
den Instinkt des Strebens nach Glück erklärt haben sagen werden dass jene
Eindrücke nicht angeborene Wahrheiten sind Aber ich habe schon darauf
geantwortet dass jedes Gefühl die Wahrnehmung feiner Wahrheit ist und dass das
natürliche Gefühl das einer angeborenen aber sehr oft verworrenen Wahrheit ist
wie die Erfahrungen der äußeren Sinne auch man kann also die angeborenen
Wahrheiten von dem natürlichen Licht welches nur deutlich Erkennbares enthält so
unterscheiden wie der Geschlechtsbegriff vom Artbegriff unterschieden werden
muss da die angeborenen Wahrheiten sowohl die Instinkte als das natürliche Licht
in sich begreifen
11 Philalethes Wer die natürlichen Grenzen von Recht und Unrecht kennte
und sich dennoch nicht enthielte sie untereinander zu wirren der könnte nur
als ein erklärter Feind der Ruhe und des Glücks der Gesellschaft an welcher er
teilnimmt betrachtet werden Da aber die Menschen sie in jedem Augenblick
verwirren kennen sie sie also nicht
Theophilus Das heißt die Sachen doch ein wenig zu theoretisch nehmen
Täglich geschieht es dass die Menschen ihren Erkenntnissen indem sie dieselben
vor sich selbst verbergen zuwiderhandeln wenn sie um ihren Leidenschaften zu
folgen ihrem Geist eine andere Richtung geben Sonst würden wir niemals die
Leute das essen und trinken sehen was ihnen doch wie sie wissen Krankheiten
und selbst den Tod bringen muss sie würden ihre Geschäfte nicht vernachlässigen
sie würden nicht handeln wie in mancher Hinsicht doch ganze Nationen getan
haben Die Zukunft und die Vernunft haben selten soviel Gewalt über uns wie die
Gegenwart und die Sinne Das wusste jener Italiener sehr wohl welcher als er
auf die Tortur gebracht werden sollte sich vornahm beständig den Galgen vor
Augen zu halten und den man öfter sagen hörte Jo ti vedo ich sehe dich was
er nachher als er freigekommen war erklärte Ohne den festen Entschluss zu
ergreifen das wahrhaft Gute und das wahrhaft Schlechte immer ins Auge zu
fassen um ihnen nachzustreben oder sie zu vermeiden findet man sich
fortgerissen und erfährt in Hinsicht der wichtigsten Aufgaben dieses Lebens
dasjenige was in Hinsicht auf Paradies und Hölle denen begegnet welche am
meisten daran glauben
Cantantur haec laudantur haec
Dicuntur audiuntur
Scribuntur haec leguntur haec
Et lecta negliguntur
Man singt es und man lobt es viel
Man sagts und hörts in jedem Stil
Man schreibt davon und ließt es
Man liessts und doch vergisst es
Philalethes Jeder Grundsatz welchen man als angeboren voraussetzt muss von
einem jeden als recht und vorteilhaft erkannt werden
Theophilus Das heißt ja immer auf die von mir so oft widerlegte
Voraussetzung zurückkommen dass jede angeborene Wahrheit immer und allgemein
bekannt sein müsse
12 Philalethes Aber eine öffentliche Erlaubt das Gesetz zu verletzen
beweist dass dies Gesetz nicht angeboren ist so ist zB das Gesetz die Kinder
zu lieben und zu erhalten bei den Alten verletzt worden als sie die Aussetzung
derselben erlaubten
Theophilus Auch diese Verletzung einmal vorausgesetzt folgt daraus nur
dass man jene in unsere Seelen gegrabenen aber mitunter durch unsere
Übertretungen ganz verhüllten Züge der Natur nicht recht gelesen hat außerdem
muss man um die Notwendigkeit der Pflichten auf unüberwindliche Art
wahrzunehmen deren Beweis ins Auge fassen was nicht ganz gewöhnlich ist Wenn
die Geometrie unseren Leidenschaften und gegenwärtigen Interessen ebenso wie die
Moral zuwider liefe würden wir sie nicht weniger bestreiten und verletzen
trotz aller Beweise des Euklides und Archimedes die man als Träumereien
behandeln und als voll von logischen Fehlern ansehen würde und Joseph Scaliger
Hobbes und andere die gegen Euklides und Archimedes geschrieben haben würden
nicht so wenige Nachfolger finden wie es der Fall ist Nur die Ruhmsucht
welche diese Schriftsteller in der Quadratur des Kreisen und anderen schwierigen
Aufgaben zu befriedigen glaubten war es was Männer von so großem Verdienst bis
zu solchem Grade verblenden konnte Und wenn andere dasselbe Interesse hätten
würden sie es ebenso machen
Philalethes Jede Pflicht führt auf die Vorstellung des Gesetzes und wie
man annimmt kann es nicht ein Gesetz ohne einen Gesetzgeber geben der es
vorgeschrieben hat ebensowenig wie ohne Belohnung und Strafe
Theophilus Er kann natürliche Belohnungen und Strafen ohne Gesetzgeber
geben so wird die Unmäßigkeit zB durch Krankheiten bestraft Wie sie indessen
nicht allen sogleich schadet gebe ich auch zu dass keine Vorschrift an die man
unwiderruflich gebunden wäre bestehen könnte wenn es nicht einen Gott gäbe
der kein Verbrechen ungestraft und keine gute Handlung unbelohnt lässt
Philalethes Also müssen die Vorstellungen von Gott und einem zukünftigen
Leben auch angeboren sein
Theophilus In dem von mir schon erklärten Sinne bin ich damit
einverstanden
Philalethes Aber diese Ideen sind so weit entfernt von Natur in den Geist
aller Menschen eingegraben zu sein dass sie selbst nicht einmal sehr klar und
deutlich in dem Geiste mancher Gelehrten und solcher Männer erscheinen die ein
Geschäft daraus machen die Dinge genau zu untersuchen so viel fehlt daran dass
sie jedem menschlichen Wesen bekannt seien
Theophilus Das heißt wieder auf dieselbe Voraussetzung zurückkommen nach
deren Vorgäben das was nicht bekannt ist auch nicht angeboren sein soll die
ich indessen schon oft widerlegt habe Das Angeborene ist nicht von vornherein
klar und deutlich als solches bekannt man hat oft viel Aufmerksamkeit und
Methode nötig um sich desselben bewusst zu werden Solche wird aber nicht immer
von den Geloben angewendet und von den anderen Menschen noch weniger
13 Philalethes Wenn aber die Menschen das was angeboren ist ignorieren
oder bezweifeln können so redet man vergebens von angeborenen Grundsätzen und
gibt vergebens deren Notwendigkeit zu zeigen vor Weit entfernt dass sie dazu
dienen könnten uns wie man vorgibt von der Wahrheit und Gewissheit der Dinge
zu unterrichten würden wir mit diesen Grundsätzen uns in demselben Zustand von
Ungewissheit befinden als wenn wir sie gar nicht in uns hätten
Theophilus Man kann gar nicht alle angeborenen Grundsätze in Zweifel
ziehen Sie haben dies hinsichtlich der identischen oder des Grundsatzes vom
Widerspruch zugegeben indem Sie gestanden dass es unbestreitbare Grundsätze
gebe obgleich Sie dieselben damals nicht als angeboren anerkannten aber es
folgt daraus nicht dass alles was angeboren und mit diesen angeborenen
Grundsätzen notwendig verbunden ist auch sofort von zweifelloser Evidenz sei
Philalethes Soviel ich weiß hat bisher noch niemand unternommen von
diesen Grundsätzen ein genaues Verzeichnis zu entwerfen
Theophilus Hat man uns denn etwa ein vollständiges und genaues Verzeichnis
der Grundsätze der Geometrie entworfene
15 Philalethes Lord Herbert hat einige dieser Grundsätze aufzeichnen
wollen nämlich folgendes 1 es gibt ein höchstes göttliches Wesen 2 man muss
diesem dienen 3 die mit der Frömmigkeit verbundene Tugend ist der beste
Gottesdienst 4 man muss seine Sünden bereuen 5 es gibt Belohnungen und
Strafen nach diesem Leben Ich gebe zu dies sind Wahrheiten von Evidenz und
von solcher Art dass wenn man sie recht erklärt kein vernünftiges Geschöpf
umhin kann ihnen zuzustimmen Aber nach unserer Ansicht fehlt noch viel daran
dass sie ebensoviel angeborene Eindrücke sind Und wenn diese fünf Sätze
allgemeine Begriffe sind welche Gottes Ringer in unsere Merzen prägte so gibt
es deren noch andere welchen man gleichen Rang zuerkennen muss
Theophilus Ich gebe dies zu denn ich halte alle notwendigen Wahrheiten für
angeboren und füge sogar die Instinkte hinzu Aber ich gestehe dass jene fünf
Sätze keine angeborenen Grundsätze sind denn ich halte dafür dass man sie
beweisen kann und muss
18 Philalethes Im dritten Satz dass die Tugend der Gott angenehmste
Dienst ist bleibt es dunkel was man unter Tugend versteht Versteht man sie in
dem Sinne welchen man ihr am gewöhnlichsten gibt ich meine in dem was nach
den verschiedenen Meinungen die in verschiedenen Ländern herrschen für löblich
gilt so ist dieser Satz so weit entfernt evident zu sein dass er nicht einmal
wahr ist Nennt man Tugend die Handlungen welche dem Willen Gottes gemäß sind
so wäre dies fast ein idem per idem dasselbige für dasselbige und wir würden
aus dem Satze nicht viel lernen denn er würde nur besagen dass Gott das
angenehm ist was seinem Willen gemäß ist Es verhält sich dies mit dem Begriff
der Sünde im vierten Satze ebenso
Theophilus Ich erinnere mich nicht bemerkt zu haben dass man das Wort
Tugend gemeiniglich für etwas von den Meinungen Abhängiges annimmt wenigstens
nehmen es die Philosophen nicht so Allerdings hängt der Name Tugend von der
Meinung derer ab welche ihn verschiedenen Wertigkeiten oder Handlungsweisen
beilegen je nachdem sie sie für gut oder schlimm erachten und von ihrer
Vernunft Gebrauch machen aber alle stimmen über den begriff der Tugend im
allgemeinen genugsam überein wenn sie auch in dessen Anwendung verschiedener
Meinung sind Nach Aristoteles und mehren anderen ist die Tugend eine
Wertigkeit die Leidenschaften durch die Vernunft zu mäßigen und noch
einfacher eine Wertigkeit nach der Vernunft zu handeln Und dies ist ohne
Zweifel demjenigen angenehm welcher die oberste und letzte Ursache der Dinge
ist dem nichts gleichgültig ist und die Handlungen aller vernünftigen Geschöpfe
weniger als aller übrigen gleichgültig sind
20 Philalethes Man sagt gewöhnlich dass die Sitten die Erziehung und
die allgemeinen Meinungen derer mit denen man verkehrt diese als angeboren
vorausgesetzten Grundsätze der Moral verdunkeln können Ist aber dieser Satz
richtig so vernichtet er den Beweis den man aus der allgemeinen Zustimmung zu
ziehen vorgibt Das Beweisverfahren vieler Leute lässt sich auf folgendes
zurückbringen Die Grundsätze welche Menschen von gesundem Verstande
anerkennen sind angeboren wir und die von unserer Partei sind Leute von
gesundem Verstande also sind unsere Grundsätze angeboren Eine lustige Manier
Schlüsse zu machen welche auf Unfehlbarkeit gerade losgeht
Theophilus Was mich anbetet so bediene ich mich der allgemeinen Zustimmung
nicht als eines eigentlichen Beweises sondern nur als einer Bestätigung denn
die angeborenen Wahrheiten sofern man sie für das natürliche Licht der Vernunft
nimmt tragen ihre Charakterzüge wie die Geometrie an sich denn sie sind in
den unmittelbaren Grundsätzen welche Sie selbst als unbestreitbar betrachten
gleichsam eingehüllt Ich gestehe aber dass es schwerer ist die Instinkte und
einige andere natürliche Wertigkeiten von den Gewohnheiten zu unterscheiden
obgleich dies meistenteils möglich zu sein scheint Mir scheinen übrigens die
Völker welche ihren Geist ausgebildet haben Grund zu haben sich den Gebrauch
des gesunden Menschenverstandes vor den rohen Völkern zuzuschreiben da sie
durch deren fast ebenso leichte Unterwerfung wie die der Tiere ihre
Überlegenheit zeigen Wenn man mit ihnen nicht immer zum Ziele kommen kann so
geschieht dies weil sie sich wie die wilden Tiere in dichte Wälder retten wo
es schwer ist sie zu bezwingen und der Preis nicht der Mühe lohnt Ohne
Zweifel ist es ein Vorteil seinen Geist ausgebildet zu haben und wenn es
erlaubt ist für die Roheit gegen die Kultur zu sprechen so wird man auch das
Recht haben die Vernunft zugunsten der wilden Tiere zu bekämpfen und die
geistreichen Scherze Despréaux in einer seiner Satiren für bare Münze zu
nehmen wo er um dem Menschen seinen Vorzug vor den Tieren streitig zu machen
fragt
Flieht wohl der Bär den Wanderer oder dieser ihn
Und würden auf Befehl der Hirten Lybiens
Die Liebe aus Numidiens Waldgebirgen ziehen
Man muss indessen zugeben dass in wichtigen Stücken die rohen Völker uns
überlegen sind vor allem in Betracht der körperlichen Stärke und selbst in
Bezug auf die Seele kann man sagen dass in gewisser Hinsicht ihre praktische
Moral besser ist als die unserige weil sie weder den Geiz zusammenzuscharren
noch die Lust zu herrschen haben Man kann sogar noch hinzufügen dass der
Verkehr mit den Christen sie in vielen Dingen schlimmer gemacht hat Man hat
sie indem man ihnen Branntwein zuführte sich zu betrinken zu schwören zu
lästern und andere Laster gelehrt die ihnen wenig bekannt waren Bei uns gibt
es mehr Gutes und mehr Schlimmes als bei ihnen ein schlechter Europäer ist
schlimmer als ein Bilder da er das Böse durch Verfeinerung verschlimmert
Indessen hindert nichts die Menschen die Vorteile welche die Natur jenen
Völkern gibt mit denen welche die Vernunft verleiht zu verbinden
Philalethes Aber wie wollen Sie folgendem Dilemma eines meiner Freunde
antworten Ich wünschte sagt er dass die Verfechter der angeborenen
Vorstellungen mir sagten ob diese Grundsätze durch Erziehung und Gewohnheit
vertilgt werden können oder nicht können sie es nicht so müssen wir sie bei
allen Menschen finden und sie müssen im Geiste eines jeden einzelnen Menschen
im besonderen klar erscheinen können sie aber durch fremde Begriffe verderbt
werden so müssen sie deutlicher und glänzender erscheinen wenn sie noch ihrer
Quelle näher sind ich meine bei den Kindern und Unwissenden auf welche die
fremden Meinungen am wenigsten Eindruck gemacht haben Welche Partei sie auch
ergreifen wollen so werden sie schließlich klar sehen dass sie durch die immer
gleichen Tatsachen und eine beständige Erfahrung Lügen gestraft wird
Theophilus Ich bin erstaunt dass Ihr scharfsinniger Freund verdunkeln und
vertilgen miteinander verwechselt hat wie man auf Ihrer Seite nicht sein und
nicht erscheinen miteinander verwechselt Die angeborenen Vorstellungen und
Wahrheiten können nicht vertilgt aber bei allen Menschen wie sie gegenwärtig
sind durch ihre Neigung zu körperlichen Bedürfnissen und oft nach mehr durch
die dazukommenden schlimmen Angewohnheiten verdunkelt werden Diese Züge inneren
Lichtes würden den Verstand immer erleuchten den Willen immer erwärmen wenn
die verworrenen Wahrnehmungen der Sinne sich nicht unserer Aufmerksamkeit
bemächtigten Das ist jener Streit von dem die heilige Schrift nicht weniger
als die alte und neuere Philosophie redet
Philalethes Wir beenden uns also in ebenso dichter Finsternis und in einer
ebenso großen Ungewissheit als wenn es eine solche Erleuchtung gar nicht gäbe
Theophilus Gott bewahret wir würden dann weder Wissenschaften noch Gesetze
und würden sogar keine Vernunft haben
21 22 Philalethes Hoffentlich werden Sie wenigstens die Macht der
Vorurteile zugeben Diese lassen oft das als natürlich erscheinen was von
schlechtem Unterricht dem man die Kinder ausgesetzt hat oder von schlechten
Gewohnheiten welche die Erziehung und der Umgang ihnen gegeben haben herrührt
Theophilus Ich gebe zu dass der vortreffliche Autor dem Sie folgen
darüber viel Schönes und wenn man es richtig nimmt Wertvolles sagt aber ich
glaube nicht dass er der recht verstandenen Lehre vom Naturell oder den
angeborenen Wahrheiten widerspricht Und sicherlich wird er mit seinen
Bemerkungen nicht zu weit gehen wollen wie ich denn ebenso überzeugt bin dass
viele Meinungen als Wahrheiten gelten die nur die Wirkungen der Gewohnheiten
und der Leichtgläubigkeit sind als dass es auch deren viele gibt welche gewisse
Philosophen als Vorurteile gelten lassen wollen und die gleichwohl in der
gesunden Vernunft und in der Natur begründet sind Man hat ebensoviel oder mehr
Ursache sich vor denen zu hüten welche meist aus Ehrgeiz Neuerungen anstreben
als gegen alte Eindrücke Misstrauen zu hegen Und nachdem ich lange genug über
das Alte und das Neue nachgedacht habe habe ich gefunden dass die meisten
angenommenen Lehren einen guten Sinn zulassen Ich wünschte daher die
geistreichen Leute möchten ihren Ehrgeiz lieber damit zu befriedigen suchen dass
sie sich mit Bauen und Vorwärtsgehen als mit Zurückschreiten und Zerstören
beschäftigten Mich verlangt auch dass man mehr den Römern die so schöne
öffentliche Bauwerke errichteten als jenem VandalenKönige gleichen möchte dem
seine Mutter empfahl da er nicht auf den Ruhm rechnen könne diese großen
Bauwerke zu erreichen sie lieber zu zerstören zu suchen
Philalethes Der Zweck derjenigen Gelehrten welche die angeborenen
Wahrheiten bekämpft haben ist gewesen zu verhindern dass man unter diesem
schönen Namen Vorurteile gewähren lasse und die Trägheit damit zu verdecken
trachte
Theophilus Über diesen Punkt sind wir einige denn weit entfernt zu
billigen dass man sich zweifelhafte Grundsätze bilde wünsche ich dass man mit
den Beweisen bis zu Euklides Axiomen zu gelangen suche wie einige Alte auch
getan haben Und wenn man nach dem Mittel fragt die angeborenen Grundsätze zu
erkennen und zu prüfen so antworte ich gemäß dem schon vorhin bemerkten dass
man sie mit Ausnahme der Vernunftinstinkte deren Grund unbekannt ist auf erste
Grundsätze dh auf identische oder unmittelbar Axiome mittels der Definitionen
zurückzuführen suchen müsse welche Definitionen nichts anderes als eine
deutliche Auseinandersetzung der Vorstellungen sind Ich zweifle selbst nicht
dass Ihre Freunde welche bisher den angeborenen Vorstellungen entgegen waren
diese Methode billigen die ihrem Hauptzweck zu entsprechen scheint
3 Philalethes Sie wollen die Wahrheiten auf die erstes Grundsätze
zurückgeführt haben und ich gestehe dass wenn es einen Grundsatz gibt es ohne
Widerrede folgender ist Ein Ding kann zur nämlichen Zeit unmöglich sein und
nicht sein Indessen scheint es schwierig zu behaupten dass er angeboren ist da
man zugleich überzeugt sein muss dass die Vorstellungen der Unmöglichkeit und der
Identität angeboren seien
Theophilus Freilich müssen diejenigen welche für die angeborenen
Wahrheiten sind behaupten und überzeugt sein dass diese Vorstellungen es auch
sind und ich gestehe ihrer Ansicht zu sein Die Vorstellungen des Seins des
Möglichen des Selbigen sind so sehr angeboren dass sie an allen unseren
Gedenken und Schlüssen teilhaben und ich betrachte sie als unserem Geiste
wesentlich aber ich habe schon gesagt dass man ihnen nicht immer eine besondere
Aufmerksamkeit schenkt und sie nur mit der Zeit unterscheiden lernt Ich habe
schon ausgesprochen dass wir sozusagen uns selbst angeboren sind und dass die
Erkenntnis des Seins in derjenigen welche wir von uns selbst haben
eingewickelt ist Etwas Ähnliches findet bei anderen Gemeinbegriffen statt
4 Philalethes Wenn die Vorstellung der Identität natürlich und folglich
so evident und dem Geiste so gegenwärtig ist dass wir sie von der Wiege an
kennen müssten so möchte ich gern von einem Kinde von 7 Jahren und selbst von
einem Greise von 70 Jahren hören ob ein Mensch der ein aus Leib und Seele
zusammengesetztes Geschöpf ist derselbe bleibt wenn sein Körper gewechselt
hat und ob die Seelenwanderung vorausgesetzt Euphorbus derselbe ist wie
Pythagoras
Theophilus Ich habe schon hinlänglich erklärt dass das was uns natürlich
ist uns darum nicht von der Wiege an bekannt ist und eine Vorstellung uns
selbst bekannt sein kann ohne dass wir sogleich alle Fragen die man daran
knüpfen kann zu beantworten imstande wären Das wäre so als wenn jemand
behauptete ein Kind könne nicht wissen was das Quadrat und seine Diagonale
sei weil es zu erkennen Mühe haben wird dass die Diagonale mit der Seite des
Quadrates inkommensurabel ist Was die Frage an sich selbst betritt so scheint
sie mir durch die Monadenlehre die ich an anderer Stelle deutlich gemacht habe
auf dem Wege des Beweises gelöst zu sein Von diesem Gegenstande werden wir in
der Folge weitläufiger sprechen
Philalethes Ich sehe wohl dass ich Ihnen vergebliche den Einwurf machen
würde der Grundsatz das Ganze ist größer als sein Teil sei nicht angeboren
weil die Vorstellungen des Ganzen und des Teiles relativ und von denen der Zahl
und der Ausdehnung abhängig sind da Sie sicherlich behaupten werden dass es
angeborene Relativvorstellungen gibt und auch die der Zahlen und der Ausdehnung
angeboren sind
Theophilus Sie haben recht und ich glaube sogar dass der Vorstellung der
Ausdehnung die des Ganzen und des Teiles vorausgeht
8 Philalethes Was sagen Sie von der Wahrheit dass Gott verehrt werden
müsse Ist sie angeborene
Theophilus Meines Erachtens bedeutet die Pflicht der Gottesverehrung dass
man bei jeder Gelegenheit bemerken muss wir ehren ihn mehr als jeden anderen
Gegenstand und dass dies eine notwendige Folge aus seiner Vorstellung und seinem
Dasein ist was bei mir das Angeborensein dieser Wahrheit bedeutet
Philalethes Die Atheisten scheinen durch ihr Beispiel zu beweisen dass die
Vorstellung Gottes nicht angeboren ist Und von denen nicht zu sprechen deren
die Alten erwähnt haben hat man nicht ganze Völker entdeckt die von Gott keine
Vorstellung hatten und auch nicht Worte Gott oder die Seele zu bezeichnen wie
im soldanischen Meerbusen in Brasilien auf den karaibischen Inseln in
Paraguay
Theophilus Der selige Fabricius ein berühmter Heidelberger Theologe hat
eine Apologie des Menschengeschlechts geschrieben um es von dem Vorwurfe des
Atheismus zu reinigen Es war das ein Schriftsteller von vieler Genauigkeit und
über viele Vorurteile weit erhabene indessen will ich auf diese Untersuchung von
Tatsachen mich nicht einlassen deinetwegen mögen ganze Völker niemals an das
höchste Wesen noch an das was die Seele ist gedacht haben Und ich erinnere
mich dass als man auf meine von dem berühmten Witsen unterstützte Bitte in
Holland für mich eine Übersetzung des Vaterunsers in der Sprache von Barantola
anfertigen wollte man bei der Stelle Dein Name werde geheiligt stecken blieb
weil man den Barantolern nicht begreiflich machen konnte was »heilig« bedeuten
solle Auch erinnere ich mich dass in dem für die Hottentotten angefertigten
Glaubensbekenntnis man den heiligen Geist durch die Worte der Landessprache
auszudrücken gezwungen war welche einen sanften und angenehmen Wind bezeichnen
was nicht ohne Grund war denn unsere griechischen und lateinischen Worte pneuma
anima Spiritus bezeichnen ursprünglich nur die Luft oder den Wind den man
einatmet als einen der feinsten durch die Sinne uns bekannten Stoffe und durch
die Sinne beginnt man die Menschen nach und nach zu dem was über die Sinne
hinausgeht zu führen Diese ganze Schwierigkeit indessen zu abstrakten
Erkenntnissen zu gelangen spricht nicht gegen die angeborenen Erkenntnisse Es
gibt Völker welche kein dem Sein entsprechendes Wort haben zweifelt man nun
dass sie wissen was das Sein ist obgleich sie nicht besonders daran denken
Übrigens finde ich das was ich bei unserem vortrefflichen Autor über die Idee
Gottes gelesen habe so schön und mir zusagend Abh über den Verstand B I c
3 9 dass ich es anzuführen nicht umhin kann Es lautet »Die Menschen können
nicht umhin eine gewisse Vorstellung von dem zu haben womit die mit denen sie
umgehen sie unter gewissen Namen oft zu unterhalten Gelegenheit haben und wenn
dies etwas ist was die Vorstellung der Vortrefflichkeit Größe oder irgend
einer anderen außerordentlichen Eigenschaft mit sich bringt was irgendwie
interessiert und sich dem Geiste unter der Vorstellung einer absoluten und
unwiderstehlichen Macht einprägt die man zu fürchten nicht umhin kann ich füge
hinzu und unter der Vorstellung einer allergrößten Güte die man zu lieben
nicht umhin kann so muss eine solche Vorstellung allem Anschein nach die
stärksten Eindrücke liefern und sich weiter als irgendwelche andere verbreiten
zumal wenn es eine Vorstellung ist welche sich mit den einfachsten
VernunftWahrheiten verträgt und aus jedem Teile unserer Erkenntnis auf
natürliche Weise folgt Nun ist die Vorstellung von Gott eine solche denn die
in die Augen springenden Wichen einer außerordentlichen Weisheit und Macht
erscheinen in allen Werken der Schöpfung so sichtlich dass jedes vernünftige
Geschöpf welches sein Nachdenken darauf richtet den Urheber aller dieser
Wunder zu entdecken nicht verfehlen kann und der Eindruck welchen die
Entdeckung eines solchen Wesens naturgemäß auf die Seele aller derer machen muss
die ein einziges Mal davon sprechen gehört haben ist so groß und bringt
Gedanken von so großem Gewicht und so allgemeiner Verbreitungsfähigkeit mit
sich dass es mir ganz sonderbar vorkommt wenn sich auf der Erde ein ganzes Volk
von so geistesarmen Menschen finden soll dass sie keine Vorstellungen von Gott
haben Dies sage ich scheint mir ebenso erstaunlich als sich Menschen zu
denken die keine Vorstellung von den Zahlen oder dem Feuer haben«
Ich wünschte dass es mir stets vergönnt wäre Wort für Wort eine Anzahl
anderer vortrefflicher Stellen unseres berühmten Antors abzuschreiben die wir
zu übergehen gezwungen sind Ich will hier nur sagen dass der Verfasser wenn er
von den einfachsten Vernunftwahrheiten spricht die mit der Vorstellung von Gott
sich vertragen und von dem was naturgemäß daraus folgt sich von meiner
Ansicht über die angeborenen Wahrheiten nicht zu entfernen scheint und darüber
dass es ihm ebenso sonderbar erscheint dass es Menschen ohne eine Vorstellung von
Gott gibt als es überraschend sein würde Menschen zu finden die keine
Vorstellung von den Zahlen oder dem Feuer haben will ich bemerken dass die
Einwohner der marianischen Inseln denen man den Namen der Königin von Spanien
welche die Mission dort begünstigte gegeben hat keine Kenntnis vom Feuer
hatten als man sie entdeckte wie dies aus dem Gericht hervorgeht den P
Gobien ein französischer mit der Sorge für die entfernten Missionen betrauter
Jesuit veröffentlicht und mir zugesandt hat
16 Philalethes Wenn man daraus dass alle verständigen Leute die
Vorstellung Gottes gehabt haben zu schließen das Recht hat dass diese
Vorstellung angeboren ist so muss die Tugend auch angeboren sein weil die
verständigen Leute davon stets eine wahrhaftige Vorstellung gehabt haben
Theophilus Nicht die Tugend sondern die Vorstellung der Tugend ist
angeboren und vielleicht wollen Sie nur das sagen
Philalethes Dass es einen Gott gibt ist ebenso gewiss als es gewiss ist dass
die durch das Sichschneiden zweier geraden Linien entstehenden Winkel einander
gleich sind Auch hat niemals ein vernünftiges Geschöpf gegeben welches sich
aufrichtig mit der Prüfung der Wahrheit dieser beiden Sätze abgegeben und ihnen
seine Zustimmung zu geben verfehlt hat Gleichwohl ist es außer Zweifel dass es
viele Menschen gibt welchen da sie ihre Gedanken nicht dahin gerichtet haben
diese beiden Wahrheiten in gleicher Weise unbekannt sind
Theophilus Ich gebe es zu doch hindert dies nicht dass sie angeboren sind
ohne dass man sie in sich finden kann
18 Philalethes Es würde auch ersprießlich sein eine angeborene
Vorstellung von der Substanz zu haben aber es zeigt sich dass wir sie weder als
angeboren noch als erworben besitzen da wir sie weder durch die Sinnlichkeit
noch aus der Reflexion haben
Theophilus Ich bin der Meinung dass die Region hinreicht um die
Vorstellung der Substanz in uns selbst zu finden die wir ja Substanzen sind
Und zwar ist dieser begriff einer der wichtigsten Wir werden aber vielleicht in
der Folge unserer Zusammenkunft noch weiter davon sprechen
20 Philalethes Gibt es angeborene Vorstellungen die im Geiste sein
sollen ohne dass der Geist wirklich daran denkt so müssen sie wenigstens im
Gedächtnis sein aus dem sie mit Hilfe der Wiedererinnerung gezogen werden dh
wenn man sich ihr Andenken zurückruft als ebensoviel Wahrnehmungen erkannt
werden müssen die vordem in der Seele gewesen sind sonst müsste die
Wiedererinnerung ohne Wiedererinnerung sein können Denn diese innerlich
vorhandene Überzeugung dass die und die Vorstellung vordem in unserem Geiste
gewesen ist unterscheidet recht eigentlich die Wiedererinnerung von jeder
anderen Art des Denkens
Theophilus Es ist gar nicht nötig dass damit die Erkenntnisse
Vorstellungen oder Wahrheiten in unserem Geiste seien wir jemals wirklich an
sie gedacht haben es sind nur natürliche Fertigkeiten dh tätige und
leidendliche Anlagen und Zustände jedoch mehr als eine tabula rasa Die
Platoniker haben allerdings geglaubt dass wir schon wirklich einmal das gedacht
hätten was wir in uns verenden und um sie zu widerlegen genügt nicht zu
sagen dass wir uns nicht daran erinnern denn es lehren uns sicherlich unendlich
viele Gedanken ins Bewusstsein zurück die wir gehabt zu haben vergessen haben
Es ist vorgekommen dass jemand einen neuen Vers zu machen geglaubt hat von dem
sich fand dass er ihn lange vorher Wort für Wort in irgend einem alten Dichter
gelesen hatte Und oft haben wir eine ungewöhnliche Leichtigkeit Dinge zu
begreifen weil wir sie früher ohne dass wir uns dessen erinnern begriffen
hätten So kann ein blindgewordenes Kind das Licht und die Farben jemals gesehen
zu haben vergessen wie es im Alter von 2 12 Jahren durch die blättern dem
berühmten Ulrich Schönberg geschah der zu Weide in der Oberpfalz gebürtig im
Jahre 1649 zu Königsberg in Preußen starb wo er die Philosophie und die
mathematischen Wissenschaften zur Bewunderung aller Welt gelehrt hatte Einem
solchen können auch die Wirkungen der alten Eindrücke verbleiben ohne dass er
sich daran erinnert Ich glaube dass die Träume auf diese Weise uns oft alte
Gedanken wieder erneuern Als Julius Scaliger die berühmten Männer Versen in
Versen verherrlicht hatte erschien ihm ein gewisser Brugnolus mit Namen der
von Geburt ein Bayer später in Verona sich niedergelassen hatte im Traume und
beklagte sich vergössen worden zu sein Julius Scaliger erinnerte sich zwar
nicht von ihm vorher reden gehört zu haben unterlass aber nicht auf diesen
Traum hin zu seiner Ehre elegische Verse zu machen Endlich erfuhr sein Sohn
Joseph Scaliger auf einer Reise durch Italien das Nähere dass es ehemals zu
Verona einen berührten Grammatiker oder gelehrten Kritiker dieses Namens gegeben
habe der zur Wiederherstellung der schönen Wissenschaften in Italien
beigetragen diese Geschichte findet sich in den Gedichten des Scaliger Vater
mit der Elegie und in den Gedichten des Sohnes Auch ist sie in den Scaligerana
welche aus den Unterhaltungen des Joseph Scaliger gesammelt worden sind
mitgeteilt Wahrscheinlich hatte Julius Scaliger vom Brugnolus etwas gewusst
dessen er sich nicht mehr erinnerte und war der Traum zum Teil nur die
Wiedererinnerung einer alten Vorstellung obgleich nicht eine eigentlich
sogenannte Wiedererinnerung dabei stattgefunden hatte welche uns kundgibt dass
wir schon diese nämliche Idee gehabt haben wenigstens sehe ich keine
Notwendigkeit welche uns zu glauben zwingt dass von einer Vorstellung keine
Spur übrig bleibt wenn nicht mehr so viel davon da ist um sich zu erinnern
dass man sie schon gehabt hat
24 Philalethes Ich muss anerkennen dass Sie den Schwierigkeiten die wir
gegen die angeborenen Wahrheiten ausgestellt haben auf recht natürliche Weise
begegnen Vielleicht bestreiten auch die Schriftsteller unserer Partei dieselben
nicht in dem Sinne in welchem Sie sie behaupten Ich komme also nur darauf
zurück Ihnen zu sagen dass man zu befürchten Ursache hat die Meinung von den
angeborenen Wahrheiten werde den Trägen zum Vorwand dienen sich der Mühe der
Untersuchungen zu entschlagen und Lehrern und Schulmeistern die Bequemlichkeit
verschaffen als Grundsatz aller Grundsätze hinzustellen dass die
Grundwahrheiten nicht in Frage gestellt werden dürfen
Theophilus Ich habe schon bemerkt dass wenn es der Vorsatz Ihrer
Gesinnungsgenossen ist zu verlangen dass man Beweise für diejenigen Wahrheiten
sucht welche solche zulassen ohne Unterschied ob sie angeboren sind oder
nicht wir miteinander vollkommen einig sind Die Annahme angeborener Wahrheiten
in der Weise wie ich sie verstehe darf niemand davon abwendig machen denn
außerdem dass man gut daran tut die Ursache der Instinkte auszusuchen ist es
für mich eine maßgebende Maxime dass die Beweise auch der ersten Grundsätze
aufzusuchen wichtig ist und ich erinnere mich dass als man sich zu Paris über
den seligen damals schon alten Herrn Roberval deswegen lustig machte weil er
nach dem Beispiele des Apollonius und des Proclus die Grundsätze des Euklides
beweisen wollte ich den Nutzen dieser Untersuchung zeigte Was den Grundsatz
derjenigen betrifft welche sagen dass man gegen den die Grundsätze Leugnenden
nicht streiten müsse so gilt er nur hinsichtlich derjenigen Prinzipien die
weder Zweifel noch beweis zulassen Allerdings kann man um Ärgernis und
Unordnungen zu vermeiden Regeln für öffentliche Disputationen und anderweitige
Konferenzen aufstellen auf Grund deren es verboten ist gewisse anerkannte
Wahrheiten zum Gegenstand des Streites zu machen Aber das gehört mehr in das
Gebiet der Polizei als der Philosophie
1 Philalethes Nachdem wir untersucht haben ob die Vorstellungen
angeboren sind wollen wir ihr Wesen und ihre Unterschiede betrachten Nicht
wahr die Vorstellung ist der Gegenstand des Denkens
Theophilus Ich gebe es zu wenn Sie hinzufügen dass es ein unmittelbarer
innerer Gegenstand und dieser Gegenstand ein Ausdruck des Wesens oder der
Eigenschaften der Dinge ist Wenn die Vorstellung die Form des Denkens wäre so
würde sie mit den wirklichen Gedanken die ihr entsprechen entstehen und
aufhören aber indem sie deren Gegenstand ist wird sie den Gedanken voraussehen
und nachfolgen können Die äußeren sinnlichen Gegenstände sind nur mittelbare
weil sie nicht unmittelbar auf die Seele wirken können Gott allein ist der
unmittelbare äußere Gegenstand Man könnte sagen dass die Seele selbst ihr
unmittelbarer innerer Gegenstand ist aber sie ist dies insofern sie die
Vorstellungen oder das was den Dingen entspricht enthält denn sie ist eine
kleine Welt worin die deutlichen Vorstellungen ein Bild Gottes und die
verworrenen ein Bild des Universums sind
2 Philalethes Unsere Partei fragt in der Voraussetzung dass die Seele zu
Anfang eine tabula rasa ist leer von allen Schriftzügen und ohne irgend eine
Vorstellung wie sie dazu komme Vorstellungen zu enthalten und durch welches
Mittel sie deren eine so außerordentliche Menge erwerbe Darauf antwortet sie
mit einem Wortes durch die Erfahrung
Theophilus Diese tabula rasa von der man so viel spricht ist nach meiner
Meinung nichts als ein Phantasiegebilde das in der Natur nicht vorkommt und nur
in den unvollständigen Begriffen der Philosophen begründet ist ebenso wie der
leere Raum die Atome die unbedingte oder die relative Ruhe zweier Teile eines
Ganzen gegeneinander oder ebenso wie die erste Materie die man sich ohne
Formen denkt Das einförmige und keine Mannigfaltigkeit in sich Schließende ist
immer nur eine Abstraktion wie die Zeit der Raum und die übrigen Wesen der
reinen Mathematik Es gibt keinen Körper dessen Teile in Ruhe sind und es gibt
keine Substanz die sich nicht in irgend etwas von jeder anderen unterschiede
Die menschlichen Seelen sind nicht allein von den Seelen anderer Wesen sondern
auch untereinander verschieden obgleich dieser Unterschied nicht von derjenigen
Art ist welchen man spezifisch nennt Und nach den Beweisen welche ich zu
haben glaube hat jedes substantielle Wesen es sei Seele oder Körper zu allem
übrigen ein ihm eigentümliches Verhältnis und das eine muss sich von dem anderen
immer durch innerliche Bestimmungen unterscheiden Diejenigen aber welche von
jener tabula rasa reden können nachdem sie ihr die Vorstellungen genommen
haben nicht sagen was ihr dann noch bleibt wie die Schulphilosophen ihrer
ersten Materie auch nichts Übrig lassen Man wird mir vielleicht entgegnen
diese tabula rasa der Philosophen wolle sagen dass die Seele von Natur und
ursprünglich nur nackte Vermögen habe Aber die Vermögen ohne irgend eine
Handlung mit einem Worte die bloßen Möglichkeiten der Schule sind auch nur
Nabeln von welchen die Natur nichts weiß und die man nur durch Abstraktionen
erhält Denn wo wird man jemals in der Welt ein Vermögen finden das die bloße
Möglichkeit ohne irgend eine Handlung auszuüben in sich enthält Es gibt immer
eine besondere Disposition zur Handlung und zwar zu einer Handlung mehr als zu
einer anderen Und außer der Disposition gibt es noch eine Strebung zum handeln
deren es sogar stets eine unendliche Menge in jedem Subjekte zugleich gibt und
diese Strebungen sind niemals gänzlich ohne Wirkung Ich gebe zu dass die
Erfahrung notwendig ist damit die Seele zu diesen oder jenen Gedanken bestimmt
werde und auf die in uns vorhandenen Vorstellungen acht habe aber wie können
denn Erfahrung und Sinnlichkeit Vorstellungen geben Hat die Seele Fenster
gleicht sie einer Tafel ist sie wie Wachs Es ist einleuchtend dass alle die
welche so von der Seele denken sie im Grunde für körperlich halten Man wird
mir den von den Philosophen angenommenen Grundsatz entgegenhalten dass in der
Seele nichts sei das nicht von den Sinnen kommt Aber man muss die Seele und
ihre Zustande selbst davon ausnehmen Nihil est in intellectu quod non fuerit in
sensu excipe nisi ipse intellectus das Denken selbst ausgenommen Die Seele
enthält also das Sein die Substanz das Eine das Selbige die Ursache die
Wahrnehmung das Denken und eine Menge anderer Vorstellungen welche die Sinne
nicht verleihen können Dies stimmt recht gut mit Ihrem Verfasser der
Abhandlung welche einen guten Teil der Vorstellungen in der Reflexion des
Geistes über sein eigenes Wesen sucht
Philalethes Ich hoffe doch Sie werden diesem gelehrten Schriftsteller
zugeben dass alle Vorstellungen aus der Sinnlichkeit oder aus der Reflexion
stammen dh aus den Beobachtungen die wir entweder über die äußeren und
sinnlichen Gegenstände oder über die inneren Verrichtungen unserer Seele machen
Theophilus Um einen Streit der uns schon allzulange aufgehalten hat zu
vermeiden erkläre ich Ihnen zum voraus dass wenn Sie sagen die Vorstellungen
stammen auf der einen oder anderen dieser Ursachen ich dies von ihrer
wirklichen Wahrnehmung verstehe da ich gezeigt zu haben glaube dass sie in uns
sind ehe man sich ihrer sofern sie nur etwas für sich Besonderes haben bewusst
ist
9 Philalethes Hierauf wollen wir zusehen wann man sagen müsse dass die
Seele anfange Wahrnehmung zu haben und wirklich an die Vorstellungen zu denken
Ich weiß wohl dass die Behauptung aufgestellt wird die Seele denke immer und
dass das wirkliche Denken von der Seele ebenso untrennbar sei als die wirkliche
Ausdehnung untrennbar vom Körper 10 Aber ich kann nicht begreifen dass es
für die Seele notwendiger sein soll immer zu denken als für die Körper immer
in Bewegung zu sein indem nämlich die Wahrnehmung für die Seele das ist was
die Bewegung für den Körper Dies scheint mir wenigstens sehr vernünftig und
ich möchte gern Ihre Ansicht darüber wissen
Theophilus Sie haben sie eben ausgesprochen Die Tätigkeit ist nicht mehr
mit der Seele als mit dem Körper verknüpft und ein Zustand ohne Denken in der
Seele und eine unbedingte Ruhe im Körper scheint mir gleich sehr naturwidrig und
beispiellos in der Welt Eine Substanz die einmal in Tätigkeit ist wird es
immer sein denn alle Eindrücke dauern fort und vermischen sich nur mit anderen
neuen Wenn man einen Körper anstößt so erregt man oder bringt man vielmehr zum
Ausdruck eine unendliche Menge von Wirbelbewegungen wie in einer Flüssigkeit
denn im Grunde hat jeder feste Körper einen Grad von Flüssigkeit und jede
Flüssigkeit einen Grad von Festigkeit und man kann diese inneren
Wirbelbewegungen niemals ganz aufhören machen Man kann daher glauben dass wenn
der Körper niemals in Ruhe ist die ihm entsprechende Seele auch niemals ohne
Wahrnehmung sein werde
Philalethes Vielleicht ist es aber ein besonderes Vorrecht des Urhebers und
Erhalters aller Dinge dass er als in seinen Vollkommenheiten unendlich niemals
schläft und schlummert Einem endlichen Wesen oder wenigstens einem solchen
Wesen wie der Seele des Menschen kommt dies aber nicht zu
Theophilus Sicherlich schlafen und schlummern wir und Gott nicht aber
daraus folgt nicht dass wir im Schlummer ohne irgend welche Wahrnehmung seien
Vielmehr findet wenn man wohl darauf achtet das Gegenteil statt
Philalethes Es gibt in uns etwas was das Vermögen zu denken hat aber
daraus folgt nicht dass wir stets in wirklicher Denktätigkeit seien
Theophilus Die wahren Vermögen sind niemals bloße Möglichkeiten Mit ihnen
ist immer Strebung und Tätigkeit verbunden
Philalethes Aber dieser Satz Die Seele denkt immer ist nicht durch sich
selbst evident
Theophilus Das sage ich auch nicht Man hat ihn zu finden ein wenig
Aufmerksamkeit und Nachdenken nötig Der gemeine Mann ist sich desselben
ebensowenig bewusst als des Druckes der Luft oder der Kugelgestalt der Erde
Philalethes Ich zweifle daran dass ich in der vergossenen Nacht gedacht
habe Es handelt sich dabei um eine Untersuchung der Tatsache man muss darüber
durch sinnliche Erfahrungen entscheiden
Theophilus Man entscheidet darüber wie man beweist dass es nicht
wahrnehmbare Körper und unsichtbare Bewegungen gibt obgleich gewisse Leute dies
als lächerlich betrachten Ebenso gibt es unklare Wahrnehmungen welche sich
nicht so viel voneinander unterscheiden dass man sich derselben bewusst werden
oder erinnern könnte aber durch gewisse Resultate werden sie erkannt
Philalethes Ein gewisser Schriftsteller hat uns den Vorwurf gemacht dass
wir behaupteten die Seele höre auf zu sein weil wir ihr Dasein während des
Schlafes nicht fühlen aber dieser Einwurf kann nur aus einem seltsamen
Vorurteil entspringen denn wir sagen nicht dass der Mensch keine Seele in sich
habe weil wir ihr Dasein während des Schlafes nicht empfinden sondern
behaupten nur dass der Mensch nicht denken kann ohne sich desselben bewusst zu
sein
Theophilus Ich habe das Buch nicht gelesen welches diesen Einwurf enthält
aber man würde nicht unrecht daran haben ihn zu machen weil daraus dass man
sich des Denkens nicht bewusst ist nicht folgt dass es darum aufhöre denn sonst
könnte man mit demselben Grunde sagen es gebe keine Seele solange man sich
derselben nicht bewusst ist Und um diesen Vorwurf zurückzuweisen müsste man
besonders vom Denken zeigen dass es ihm wesentlich ist ins Bewusstsein zu
fallen
11 Philalethes Es ist nicht leicht sich vorzustellen dass ein Wesen
denken kann und nicht merkt dass es denkt
Theophilus Darin steckt ohne Zweifel der Knoten der Frage und die
Schwierigkeit welche auch gescheite Leute in Verlegenheit gesetzt hat Aber nun
auch das Mittel herauszukommen man muss erwägen dass wir an eine Menge Dinge
zugleich denken aber nur auf diejenigen Gedanken welche am meisten
hervortreten achthaben und anders kann es sich nicht verhalten denn wenn wir
auf alles achtgäben müssten wir an unendlich vieles zu gleicher Zeit mit
Aufmerksamkeit denken was wir alles empfinden und was auf unsere Sinne Eindruck
macht Ich behaupte noch mehr von allen unseren vergangenen Gedanken bleibt
etwas übrig und keiner derselben kann jemals vollständig ausgelöscht werden
Wenn wir also ohne Traum schlafen oder durch einen Schlag Fall
Krankheitszustand oder anderen Zufall betäubt sind so bildet sich in uns eine
unendliche Menge von kleinen verworrenen Empfindungen und der Tod selbst könnte
auf die Seelen der Tiere keine andere Wirkung hervorbringen da sie ohne Zweifel
früher oder später denn in der Natur geht alles ordentlich zu zu deutlich
bestimmten Wahrnehmungen zurückkehren müssen Indessen gebe ich zu dass in jenem
Zustand von Verwirrung die Seele ohne Lust und ohne Schmerz sein wird denn das
sind merkbare Wahrnehmungen
12 Philalethes Nicht wahr diejenigen mit welchen wir gegenwärtig zu
tun haben nämlich die Kartesianer die da glauben dass die Seele immer denke
gestehen allen vom Menschen verschiedenen Tieren das Leben zu ohne ihnen eine
erkennende und denkende Seele zu geben und finden ebenso keine Schwierigkeit
darin zu behaupten dass die Seele ohne an einen Körper gebunden zu sein
denken könne
Theophilus Ich für meinen Teil bin anderer Ansicht denn obgleich ich darin
der der Kartesianer folge dass sie behaupten die Seele denke beständig
entferne ich mich doch von ihnen in zwei anderen Punkten Ich glaube dass die
Tiere unvergängliche Seelen haben und dass die menschlichen Seelen wie die
anderen alle niemals ohne allen Körper sind ich nehme sogar an dass Gott
allein da er reine Tätigkeit ist davon gänzlich befreit ist
Philalethes Wenn Sie der Ansicht der Kartesianer wären so hätte ich in
Ihrem Sinne geschlossen dass die Körper des Kastor und Pollux da sie bald mit
bald ohne Seele sein können obwohl sie immer leben bleiben und ihre Seele bald
in einem Körper und bald außer demselben sein kann nur eine einzige Seele
hätten die abwechselnd den Körper dieser beiden Menschen da sie umwechselnd
einschlafen und erwachen regierte folglich würden sie zwei so verschiedene
Personen wie Kastor und Herkules sein könnten ausmachen dürfen
Theophilus Ich will Ihnen meinerseits eine viel natürliche scheinende
Annahme vorschlagen Nicht wahr man muss immerhin zugeben dass man nach irgend
einer Zwischenzeit oder einer großen Veränderung in ein vollständiges Vergessen
sinken kann So sagt man dass Sleidan vor seinem Tode alles was er wusste
vergab Und es gibt noch andere zahlreiche Beispiele dieses traurigen Halles
Nehmen wir nun an dass ein solcher Mensch wieder jung würde und alles von neuem
kennen lernte Wird er dann ein anderer Mensch sein Das Gedächtnis also ist es
nicht was gerade denselbigen Menschen ausmacht Indessen ist die phantastische
Annahme einer Seele die abwechselnd verschiedene Körper belebt ohne dass das
was ihr in dem einen dieser Körper begegnet den anderen angeht eine jener
naturwidrigen Erdichtungen die aus den unvollständigen Begriffen der
Philosophen stammen wie der Raum ohne Körper und der Körper ohne Bewegung Sie
verschwinden wenn man ein wenig tiefer eindringt denn man muss wissen dass jede
Seele alle vergangenen Eindrücke bewahrt und sich auf eben berührte Art nicht
zweiteilen kann In jener Substanz hat die Zukunft eine vollständige Verbindung
mit der Vergangenheit Darin besteht die Identität des Individuums indessen ist
sich zu erinnern gar nicht nötig und wegen der Menge der gegenwärtigen und
vergangenen Eindrücke welche mit unseren gegenwärtigen Gedanken sich verbinden
selbst nicht immer möglich denn es gibt meiner Überzeugung nach im Menschen
keine Gedanken die nicht irgend eine wenigstens verwegene Wirkung haben und
einen den folgenden Gedanken beigemischten Rest bilden Man kann wohl etwas
vergessen aber man kann sich auch immer aus noch so werter Ferne wieder daran
erinnern wenn man in der richtigen Weise darauf zurückgeführt wird
13 Philalethes Wer ohne irgendwelchen Traum geschlafen hat wird sich
niemals überzeugen lassen dass seine Gedanken in Tätigkeit gewesen seien
Theophilus Man ist niemals ohne irgend eine schwache Empfindung wenn man
schläft selbst wenn man dabei nicht träumt Dies zeigt selbst das Erwachen und
je näher man dem Erwachen ist desto mehr Empfindung hat man von dem was sich
außer uns zuträgt obgleich diese Empfindung nicht immer stark genug sein mag
uns zu erwecken
14 Philalethes Es erscheint mir sehr schwer begreiflich dass die Seele
in diesem Augenblick in einem schlafenden und im nächsten Augenblick in einem
wachenden Menschen denke ohne sich daran zu erinnern
Theophilus Das ist nicht nur sehr leicht zu begreifen sondern es lässt sich
sogar tagtäglich wahrend man wacht etwas Ähnliches beobachten denn alsdann
wirken fortwährend Gegenstände auf unsere Augen oder Ohren und folglich ist
ohne dass wir darauf achtgeben auch die Seele davon berührt weil unsere
Aufmerksamkeit von anderen Gegenständen in Anspruch genommen ist bis der
Gegenstand mächtig genug wird sie durch Verstärkung seiner Tätigkeit oder durch
irgendeine andere Ursache auf sich zu ziehen das wäre gleichsam ein teilweiser
Schlaf in Bezug auf solchen Gegenstand und dieser Schlaf wird ein allgemeiner
wenn unsere Aufmerksamkeit in Bezug auf alle Gegenstände zusammen aufhört Es
ist ja auch ein Mittel sich einzuschläfern dass man die Aufmerksamkeit
verteilt um sie zu schwächen
Philalethes Ich habe von einem Menschen gehört der sich in seiner Tugend
dem Studium gewidmet und ein sehr glückliches Gedächtnis gehabt hatte dass
diesem ehe er das Fieber gehabt hatte niemals geträumt habe und davon war er
in der Zeit als ich mit ihm sprach im Alter von etwa 25 oder 26 Jahren gerade
geheilt worden
Theophilus Man hat mir auch von einem Gelehrten von noch viel
vorgerückterem Alter erzählt der niemals einen Traum gehabt hatte Aber man muss
nicht auf die Träume allein die ununterbrochene Stetigkeit der Wahrnehmung der
Seele gründen da ich schon gezeigt habe wie sie selbst im Schlaf eine gewisse
Wahrnehmung dessen was außer ihr vorgeht besitzt
15 Philalethes Oft denken und nicht einen einzigen Augenblick das
Andenken dessen was man denkt sich erhalten heißt recht unnütz denken
Theophilus Alle Eindrücke haben ihre Wirkung aber nicht alle Wirkungen
sind immer bemerkbar wenn ich mich eher nach der einen Seite wende als nach der
anderen so geschieht dies wohl häufig durch die Verkettung kleiner Eindrücke
deren ich mir nicht bewusst bin und welche die eine Bewegung ein wenig unbequemer
als die andere machen Alle von uns ohne Überlegung ausgeführten Handlungen sind
Resultate eines Zusammenwirkens schwacher Wahrnehmungen und selbst unsere
Gewohnheiten und Leidenschaften die auf unsere Entschlüsse so viel Einfluss
haben stammen daher denn diese Angewöhnungen entstehen nach und nach und man
würde folglich ohne die schwachen Wahrnehmungen zu merklichen Neigungen gar
nicht kommen Ich habe schon einmal bemerkt dass wenn man diese Wirkungen in
der Moral leugnen wollte man den schlecht unterrichteten Leuten gleichen würde
die in der Physik die unsichtbaren Körperchen leugnen und gleichwohl gibt es
darunter wie ich bemerke solche welche ohne auf diese unmerklichen
Eindrücke die doch imstande sind die Wage nach einer Seite zu neigen
achtzuhaben von der Freiheit sprechen indem sie phantastischerweise eine
vollständige Indifferenz in den moralischen Handlungen annehmen wie die des
Buridanschen Esels zwischen seinen zwei Wiesen ist Aber diesen Punkt werden wir
in der Folge noch mehr reden Ich gebe allerdings zu dass diese Eindrücke uns
nur nach einer Seite neigen machen ohne Zwang auszuüben
Philalethes Vielleicht wird man sagen dass in einem wachen Menschen der
denkt der Körper etwas dabei leistet und das Gedächtnis durch die Spuren im
Gehirn sich erhält dass aber wenn er schläft die Seele ihre Gedanken für sich
allein hat
Theophilus Dies zu behaupten bin ich weit entfernt da ich vielmehr
glaube dass stets eine genaue Übereinstimmung zwischen Körper und Seele
stattfindet und ich nach der Eindrücke des Körpers deren man weder im Erwachen
noch im Schlaf sich bewusst ist bediene um zu beweisen dass die Seele ähnliche
hat Ich halte sogar dafür dass in der Seele etwa der Blutzirkulation und allen
inneren Bewegungen der Eingeweide Entsprechendes geschieht dessen man sich
freilich gar nicht bewusst ist ganz so wie diejenigen welche neben einer
Wassermühle wohnen des Lärmes den sie macht sich auch gar nicht bewusst sind
Gäbe es in der Tat Eindrücke im Körper während des Schlafens oder Wachens wovon
die Seele überhaupt gar nicht berührt oder getrogen würde so müsste man die
Einheit der Seele und des Körpers einschränken als ob die körperlichen
Eindrücke eine bestimmte Gestalt und Größe haben müssten damit die Seele
dieselben bemerken könnte dies ist aber wenn die Seele unkörperlich ist nicht
aufrechtzuerhalten denn zwischen einer unkörperlichen Substanz und dieser oder
jener Modifikation der Materie gibt es kein Proportionsverhältnis Mit einem
Worte der Glaube dass es in der Seele keine anderen Wahrnehmungen gibt als
die deren sie sich bewusst ist ist eine große Quelle von Irrtümern
16 Philalethes Die meisten Träume deren wir uns erinnern sind
unordentlich und schlecht verbunden man müsste also behaupten dass die Seele das
Vermögen vernünftig zu denken dem Körper verdankt oder von ihren vernünftigen
Selbstgesprächen nichts behält
Theophilus Der Körper entspricht allen Gedanken der Seele mögen sie
vernünftig sein oder nicht Und die Träume haben ebensogut ihre Spuren im
Gehirn wie die Gedanken der Wachenden
17 Philalethes Da Sie so sicher sind dass die Seele wirklich immer
denkt so möchte ich von Ihnen hören welches denn die Vorstellungen sind die
in der Seele eines Kindes ehe sie mit dem Körper verbunden ist oder gerade in
der Zeit ihrer Verbindung mit ihm ehe sie irgend eine Vorstellung auf dem Wege
der sinnlichen Empfindung erhalten hat vorkommen
Theophilus Nach unseren Prinzipien ist es leicht Ihnen zu genügen Die
Wahrnehmungen der Seele entsprechen natürlicherweise immer der Verfassung des
Körpers und wenn es im Gehirn eine Menge verworrener und wenig deutlicher
Bewegungen gibt wie bei denen der Fall ist welche wenig Erfahrung haben so
können die Gedanken der Seele nach der Ordnung der Dinge nicht deutlicher sein
Die Seele ist indessen der Unterstützung durch die Sinnlichkeit niemals beraubt
weil sie immer ihren Körper ausdrückt und dieser Körper stets durch andere
Körper die ihn umgeben auf unendlich mannigfache Weise aber oft nur mit der
Wirkung eines verworrenen Eindrucks in Bewegung gesetzt wird
Philalethes Aber da wirft der Verfasser der Abhandlung noch eine andere
Frage auf Ich möchte gerne sagt er von denen welche mit so viel Zuversicht
behaupten dass die Seele des Menschen oder was dasselbe ist der Mensch immer
denkt erfahren woher Sie das wissen
Theophilus Ich weiß nicht ob man nicht mehr Zuversicht bedarf um zu
leugnen dass sich in der Seele etwas zuträgt dessen wir uns nicht bewusst sind
denn damit etwas bemerkbar sei muss es aus Teilen bestehen die nicht bemerkbar
sind weil nichts der Gedanke so wenig wie die Bewegung auf einmal entstehen
kann Übrigens klingt dies so als wenn heutzutage jemand fragte wie wir die
unsichtbaren Körperchen erkennen
19 Philalethes Ich erinnere mich nicht dass diejenigen welche
behaupten dass die Seele immer denke uns jemals sagen dass der Mensch immer
denke
Theophilus Ich meine dies geschieht weil sie es auch von der vom Körper
gesonderten Seele verstehen Indessen werden sie leicht zugeben dass während der
Vereinigung beider der Mensch immer denkt Ich für meinen Teil der ich daran
festzuhalten Gründe habe dass die Seele niemals von aller Körperlichkeit
geschieden ist glaube man könne schlechthin sagen dass der Mensch denkt und
immer denken wird
Philalethes Zu sagen dass der Körper ausgedehnt sei ohne Teile zu haben
und dass ein Ding denke ohne sich seines Denkens bewusst zu sein sind zwei
Behauptungen welche mir gleich sehr unverständlich scheinen
Theophilus Verzeihen Sie mir ich bin gezwungen Ihnen zu sagen dass wenn
Sie behaupten es gebe in der Seele nichts dessen sie sich nicht bewusst sei
dies ein Zirkelschluss ist der schon während unserer ganzen ersten Zusammenkunft
geherrscht hat wo er zur Widerlegung der angeborenen Vorstellungen und
Wahrheiten dienen sollte Geben wir dies Prinzip zu so würden wir nicht nur
gegen Erfahrung und Vernunft zu verstoßen glauben sondern auch ohne Grund
unserer Ansicht entsagen die ich doch hinreichend verständlich gemacht zu haben
glaube Außerdem aber dass unsere Gegner trotz aller ihrer Geschicklichkeit
keinen beweis dessen beigebracht haben was sie in dieser Hinsicht so oft und so
positiv behaupten ist es auch leicht ihnen das Gegenteil zu zeigen dh dass
es für uns nicht möglich ist über alle unsere Gedanken immer ausdrücklich zu
reflektieren sonst würde der Geist über jede Reflexion eine neue Reflexion bis
ins Unendliche anstellen ohne jemals zu einem neuen Gedanken übergehen zu
können Indem ich mir zB irgend einer gegenwärtigen Empfindung bewusst wäre
müsste ich immer denken dass ich daran denke und wieder auch denken dass ich
daran zu denken denke und so bis ins Unendliche Aber ich muss wohl über alle
diese Reflexionen zu reflektieren aufhören und endlich einmal einen Gedanken
haben den man ohne daran zu denken vorüberlässt sonst würde man immer bei
derselben Sache bleiben
Philalethes Würde es dann aber nicht ebensowohl begründet sein zu
behaupten dass der Mensch immer hungert indem man sagt es sei möglich zu
hungern ohne sich dessen bewusst zu sein
Theophilus Dabei ist ein großer Unterschieds der Junger hat besondere
Gründe die nicht immer obwalten Gleichwohl ist es doch wahr dass man auch
Hunger haben kann ohne jeden Augenblick daran zu denken aber wenn man daran
denkt ist man sich dessen bewusst da er eine sehr bemerkbare Stimmung ist Es
gibt immerfort Irritationen im Magen aber sie müssen ziemlich stark werden um
den Junger zu verursachen Dieselbe Unterscheidung muss man zwischen dem Denken
überhaupt und den merkbaren Gedanken machen So dient dass was man vorbringt um
unsere Ansicht ins Lächerliche zu ziehen dazu sie zu bestätigen
23 Philalethes Man kann nun fragen wann der Mensch in seinem Denken
Vorstellungen zu haben anfange Und mir scheint man muss antworten es geschehe
sowie er Empfindung hat
Theophilus Ich bin derselben Ansicht aber das ist ein etwas eigentümlicher
Grundsatz ich glaube nämlich dass wir niemals ohne Denken und auch niemals ohne
Empfindung sind Ich unterscheide nur zwischen Empfindungen und Gedanken denn
wir haben stets alle unsere Gedanken rein oder von den Sinnen unabhängig
bestimmt aber die Gedanken entsprechen immer irgend einer Empfindung
25 Philalethes Leidend aber ist der Geist doch nur in der Wahrnehmung
der einfachen Vorstellungen welche die Fundamente oder Materialien der
Erkenntnis sind während er tätig ist wenn er zusammengesetzte Vorstellungen
bildet
Theophilus Wie kann er denn hinsichtlich der Wahrnehmung aller einfachen
Vorstellungen leidend sein da es nach Ihrem eigenen Geständnis einfache
Vorstellungen gibt deren Wahrnehmung aus der Reflexion stammt und der Geist
sich also wenigstens die Gedanken der Reflexion selbst gibt denn er ist es ja
doch welcher reflektiert Ob er sie sich versagen kann das ist eine andere
Frage ohne Zweifel kann er es nicht ohne irgend einen Grund der ihn auf
gegebene Veranlassung davon entfernt
Philalethes Bis jetzt haben wir wie es scheint ex professo verhandelt
Nunmehr wo wir zu den Vorstellungen im einzelnen kommen wollen hoffe ich
werden wir miteinander einiger sein und nur in gewissen Besonderheiten
voneinander abweichen
Theophilus Mich soll es freuen gescheite Männer an den Ansichten welche
ich für wahr halte teilnehmen zu sehen denn sie sind dazu angetan jenen
Geltung zu verschaffen und sie in das rechte Licht zu setzen
Philalethes Ich hoffe also Sie werden mir darin beistimmen dass es einfache
und zusammengesetzte Vorstellungen gibt so liefern uns Warme und Weichheit im
Wachs und Kälte im Eise einfache Vorstellungen denn die Seele hat davon einen
einförmigen Begriff der nicht verschiedene Vorstellungen zerlegt werden kann
Theophilus Man kann glaube ich sagen dass diese empfindbaren
Vorstellungen dem Anscheins nach einfach sind weil sie dem Geiste nicht das
Mittel bieten das Verworrene zu unterscheiden was sie enthalten Das verhält
sich so wie wenn uns das Entfernte rund erscheint weil man die Ecken daran
nicht unterscheiden kann da man einen verworrenen Eindruck davon empfängt Es
ist zB offenbar dass das Grüne aus der Mischung des Blauen und Gelben
entsteht so kann man also auch glauben dass die Vorstellung des Grünen aus
diesen beiden Vorstellungen zusammengesetzt ist Und doch erscheint uns die
Vorstellung des Grünen ebenso einfach als die des Blauen oder die des Warmen
Also ist zu glauben dass diese Vorstellungen des Blauen oder des Warmen auch nur
dem Anscheine nach einfach sind Gleichwohl will ich gern dem zustimmen dass man
diese Vorstellungen als einfache behandelt weil unser Bewusstsein wenigstens sie
nicht teilte man muss aber in dem Maße als man sie verständlicher machen kann
aus anderen Erfahrungen und Gründen zu ihrer Analyse schreiten Und daraus sieht
man auch dass es Wahrnehmungen gibt deren man sich nicht bewusst ist Denn die
Wahrnehmungen der scheinbar einfachen Vorstellungen sind zusammengesetzt aus den
Vorstellungen der Teile aus denen jene Wahrnehmungen bestehen ohne dass der
Geist sich dessen bewusst ist denn jene verworrenen Vorstellungen erscheinen ihm
als einfache
Man kann nun die einfachen Vorstellungen nach den Mitteln ordnen welche uns
ihre Wahrnehmungen gewähren denn dies geschieht entweder 1 mittels eines
Sinnes oder 2 mittels mehr als eines Sinnes oder 3 durch die Reflexion oder
4 auf allen Wegen der Sinnlichkeit so gut wie durch die Reflexion Was die
anbetrifft welche durch einen einzigen Sinn uns zukommen der besonders dazu
angelegt ist sie aufzunehmen so kommen uns das Licht und die Farben einzig
durch die Augen zu alle Arten Geräusch Klänge und Töne durch die Ohren die
verschiedenen Geschmäcke durch den Gaumen und die Gerüche durch die Nase Die
Organe oder Nerven bringen sie zum Gehirn und wenn das eine oder andere dieser
Organe zerstört worden ist können diese sinnlichen Empfindungen nur durch eine
Hintertür eingelassen werten Die wichtigsten Beschaffenheiten für das Gefühl
sind die Kälte die Wärme und die Dichtigkeit Die anderen bestehen entweder in
der Anordnung der sinnlich empfindbaren Teile die das Glatte und das Raue
oder in ihrer Verbindung die das Feste Weiche Harte Zerbrechliche ausmacht
Theophilus Ich gebe was Sie sagen bereitwillig zu obgleich ich bemerken
könnte dass es nach dem Experiment des verstorbenen Mariotte über das fehlen des
Sehens an der Stelle des Gesichtsnerven scheint dass die Membranen mehr als die
Nerven die sinnliche Empfindung erhalten sowie dass es für das Hören und für
den Geschmack eine Hintertür gibt da die Zähne und der Scheitel dazu beitragen
einen Ton vernehmlich zu machen und die Geschmäcke sich wegen der inneren
Verbindungen dieser Organe einigermaßen durch die Nase erkennen lassen Aber
dies alles ändert hinsichtlich der Erklärung der Vorstellungen im Grunde nichts
Und was die fühlbaren Beschaffenheiten angeht so kann man sagen dass das Glatte
oder Raue und das Harte oder Weiche nur Modifikationen des Widerstandes oder
der Dichtigkeit sind
Philalethes Sie werden zweifelsohne auch zugeben dass die Empfindung der
Dichtigkeit durch den Widerstand verursacht wird den wir an einem Körper
finden bis er die von ihm eingenommene Stelle verlassen hat wenn ein anderer
Körper wirklich dieselbe hinnimmt Also nenne ich Dichtigkeit das was das
Nachgeben zweier Körper wenn sie sich gegeneinander bewegen verhindert Findet
jemand es passender es Undurchdringlichkeit zu nennen so habe ich auch nichts
dagegen Aber ich glaube dass der Ausdruck Dichtigkeit etwas Bestimmteres
bedeutet Diese Vorstellung scheint die wesentlichste und dem Körper am engsten
verbundene und man kann sie nur in der Materie finden
Theophilus Allerdings finden wir bei der Berührung Widerstand wenn es
einem anderen Körper Mühe kostet dem unserigen Platz zu machen und es
widerstrebt allerdings auch den Körpern an einem und demselben Orte zusammen zu
sein Dennoch zweifeln manche an der Unüberwindlichkeit dieses Widerstandes und
freilich ist es nicht unwichtig zu bemerken dass der Widerstand den die Materie
leistet von verschiedener Art sein und aus sehr verschiedenen Ursachen
herrühren kann Ein Körper leistet dem anderen Widerstand wenn er entweder den
schon eingenommenen Platz räumen muss oder wenn er einen Platz in welchen er zu
treten bereit war deswegen nicht einnehmen kann weil auch ein anderer in ihn
zu treten sich bestrebte in welchem Falle es sich ereignen kann dass wenn der
eine dem anderen nicht weicht sie beide stille stehen oder sich einander
zurückstoßen Der Widerstand wird in der Veränderung dessen erkannt dem
Widerstand geleistet wird sei es dass er von seiner Kraft verliert sei es dass
er seine Richtung ändert sei es dass beides zu gleicher Zeit eintritt Nun kann
man im allgemeinen sagen dass dieser Widerstand daher kommt dass zwischen zwei
Körpern ein Widerstreben an demselben Orte zu sein stattfindet welches man
Undurchdringlichkeit nennen könnte Wenn also der eine in einen Ort zu treten
sich bestrebt so bestrebt er sich zugleich den anderen daraus zu verdrängen
oder ihn am Eintritt zu hindern Aber diese Art von Unverträglichkeit welche
den einen vor dem anderen oder beide zusammen weichen macht einmal
vorausgesetzt gibt es außer diesem noch mehrere andere Gründe aus welchen ein
Körper dem welcher ihn zu verdrängen strebte Widerstand leistet Sie liegen
entweder in ihm selbst oder in den benachbarten Körpern Deren die in ihm
selbst liegen gibt es zwei der eine ist passiv und immerwährend der andere
tätig und wechselnd Der erste ist das was ich nach Kepler und Descartes die
Trägheit nenne welche Ursache ist dass die Materie der Bewegung widersteht und
man Kraft verlieren muss um einen Körper zu bewegen wenn weder Schwere noch
Anhaften dabei stattfände So muss ein Körper welcher einen anderen zu
verdrängen strebt deswegen einen sollen Widerstand erfahren Die andere
Ursache welche tätig und wechselnd ist besteht in der Impetuosität dem
Bewegungsdrang des Körpers selbst der nicht weicht ohne einem Augenblick dass
seine eigene Impetuosität ihn in einen Ort treibt Widerstand zu leisten
Dieselben Gründe finden auch für die benachbarten Körper statt wenn der Körper
welcher widerstrebt nicht weichen kann ohne noch andere weichen zu machen
Aber dabei kommt dann noch eine andere Beobachtung in Betracht nämlich die der
Festigkeit oder des Umstandes dass ein Körper dem anderen anhaftet Dies
Anhaften ist häufig die Ursache dass man einen Körper nicht forttreiben kann
ohne zu gleicher Zeit einen anderen ihm anhaftenden mit zu bewegen was
hinsichtlich dieses anderen eine Art von Anziehung ergibt Dies Anhaften macht
auch dass selbst dann noch wenn man die bemerkbare Trägheit und Impetuosität
beiseite setzen wollte Widerstand da sein würde denn hat man sich den Raum von
einer vollkommen flüssigen Materie voll gedacht und setzt einen einzigen festen
Körper hinein vorausgesetzt dass in der Flüssigkeit weder Trägheit noch
Impetuosität statthat so wird er ohne irgend einen Widerstand zu finden
darin bewegt werden war aber der Raum voll kleiner Würfel so würde der
Widerstand den der fest zwischen den Würfeln zu bewegende Körper finden würde
daher kommen dass die kleinen harten Würfel eben ihrer Härte wegen oder wegen
des Anhaftens ihrer Teile aneinander sich nur mühsam soviel als nötig ist
teilen würden um einen Bewegungskreis zu bilden und den Platz des beweglichen
Körpers sobald er weiterrückt auszufüllen Wenn aber beide Körper zu gleicher
Zeit in eine zu beiden Seiten offene Röhre an den beiden Enden einträten und die
Höhlung gleichmäßig erfüllten so würde die in dieser Röhre handliche
Flüssigkeit so flüssig sie auch sein möchte wessen ihrer Undurchdringlichkeit
allein Widerstand leisten Also muss man in dem Widerstand um den es sich hier
handelt die Undurchdringlichkeit der Körper die Trägheit die Impetuosität und
das Anhaften in Betracht ziehen Allerdings kommt dies Anhaften der Körper
meiner Meinung nach aus einer feineren Bewegung des einen Körpers gegen den
anderen her aber da dies ein bestreitbarer Punkt ist so muss man ihn nicht von
vornherein voraussetzen Und aus demselben Grunde darf man ebensowenig von
vornherein voraussetzen dass es eine ursprüngliche wesentliche Dichtigkeit gibt
welche dem Körper den von ihm eingenommenen Raum immer gleich macht dh dass
die Unverträglichkeit oder um richtiger zu reden die Unmöglichkeit der Körper
an demselben Ort zu sein eine vollständige Undurchdringlichkeit ist welche
kein Mehr und kein Weniger zulässt während mehrere behaupten dass die sinnlich
empfindbare Dichtigkeit von dem Widerstreben der Körper sich an demselben Orte
zu beenden kommen kann die aber nicht unüberwindlich zu sein braucht Denn
alle die gewöhnlichen Peripatetiker und manche andere glauben dass eine und
dieselbe Materie mehr oder weniger Raum einnehmen kann was sie Verdünnung und
Verdichtung nennen und zwar nicht bloß eine scheinbare wie wenn man durch das
Zusammendrücken eines Schwammes das Wasser heraustreibt sondern eine ganz
eigentliche wie die Schule sie sich hinsichtlich der Luft denkt Ich bin zwar
nicht dieser Ansicht finde aber nicht dass man von vornherein die
entgegengesetzte Ansicht voraussetzen darf da die Sinne ohne Vernunftgebrauch
nicht hinreichen um diese vollständige Undurchdringlichkeit auszumachen welche
ich wohl für richtig in der Ordnung der Natur halte die man aber durch die
sinnliche Empfindung allein nicht kennen lernt Auch könnte jemand behaupten
dass der Widerstand der Körper beim Zusammendrücken von einer Anstrengung
herkomme mit welcher die Teile wenn sie nicht ihre ganze Freiheit haben sich
auszudehnen streben Um diese Eigenschaften noch zu beweisen helfen übrigens
die Augen viel indem sie dem Gefühl zu Hilfe kommen Und im Grunde begreift man
die Dichtigkeit sofern sie einen deutlich bestimmten Begriff gibt durch die
bloße Vernunft obgleich die Sinne der Vernunft das Beweismittel liefern dass
sie in der Natur vorkommt
4 Philalethes Wir sind wenigstens darüber einig dass die Dichtigkeit
eines Körpers bedeutet er erfülle den von ihm eingenommenen Platz dergestalt
dass er jeden anderen Körper schlechthin davon ausschließt wenn er nicht einen
Platz finden kann wo er vorher nicht war während die Härte oder vielmehr die
Konsistenz welche einige Festigkeit nennen eine enge Vereinigung gewisser
Teile der Materie ist die in der Weise Haufen von sinnlich wahrnehmbarem Umfang
bilden dass die ganze Masse ihre Gestalt nicht leicht verändert
Theophilus Diese Konsistenz wie ich bereits bemerkt habe ist eigentlich
das was einen Teil eines Körpers ohne den anderen zu bewegen erschwert
dergestalt dass wenn man den einen anstößt es vorkommt dass der andere der
nicht angestoßen ist und gar nicht in die Richtungslinie fällt
nichtsdestoweniger auch nach derselben Seite hin durch eine Art von Anziehung
sich zu bewegen veranlasst ist und ferner wenn dieser letztere Teil einem
Hindernis begegnet das ihn zurückhält oder zurückstößt so zieht oder hält er
auch den ersteren zurück und zwar ist dies stets wechselseitig Dasselbe
begegnet mitunter zweien Körpern die sich nicht berühren und keinen
zusammenhängenden Körper bilden wovon sie zusammenhängende Teile wären und
dennoch macht der Anstoß des einen dass der andere ohne Anstoß sich bewegt
soweit die Sinne es erkennbar machen Davon geben der Magnet die elektrische
und diejenige Anziehung welche man früher der Furcht vor dem leeren Raum
zuschrieb Beispiele ab
Philalethes Wie es allgemein scheint sind das Harte und das Weiche
Bezeichnungen welche wir den Dingen nur hinsichtlich unserer besonderen
Körperbeschaffenheit beizulegen pflegen
Theophilus Auf diese Art würden aber viele Philosophen ihren Atomen nicht
die Härte zuschreiben Der Begriff der Härte hängt nicht von den Sinnen ab und
man kann deren Möglichkeit durch die Vernunft begreifen obgleich wir auch durch
die Sinne überzeugt werden dass sie sich tatsächlich in der Natur vorfindet
Indessen würde ich den Ausdruck Festigkeit wenn es mir erlaubt wäre mich
desselben in diesem Sinne zu bedienen dem der Härte vorziehen denn es gibt
immer noch einige Festigkeit auch in den weichen Körpern Ich suche sogar ein
noch bequemeres und allgemeineres Wort wie Konsistenz oder Kohäsion Also würde
ich das Harte dem Weichen und das Feste dem Flüssigen gegenüber setzen denn das
Wachs ist weich aber ohne durch die Hitze geschmolzen zu werden ist es nicht
flüssig und bewahrt seine Gestalt und in den Flüssigkeiten sogar gibt es
gewöhnlich Kohäsion wie die Wasser und Quecksilbertropfen zeigen Ich bin auch
der Meinung dass alle Körper einen gewissen Grad von Kohäsion haben ebenso wie
ich glaube dass es keine Körper gibt welche nicht eine gewisse Flüssigkeit
enthalten und deren Kohäsion unüberwindlich wäre so dass nach meiner Ansicht die
Atome Epikurs deren Härte als unüberwindlich vorausgesetzt wird ebensowenig
statthaben können als die vollständig flüssige feine Materie der Kartesianer
Aber es ist hier nicht der Ort diese Ansicht zu rechtfertigen oder die Ursache
der Kohäsion aufzuklären
Philalethes Die vollkommene Dichtigkeit der Körper scheint sich aus der
Erfahrung rechtfertigen zu lassen So drang das Wasser da es nicht ausweichen
konnte durch die Poren einer hohlen goldenen Kugel worin man es
eingeschlossen hindurch als man diese Kugel zu Florenz unter die Presse
brachte
Theophilus Aber die Folgerung welche Sie aus diesem Experiment und dem
ziehen was dem Wasser geschehen ist lässt sich noch etwas sagen Auch die Luft
ist ein Körper so gut wie das Wasser und ist gleichwohl wenigstens ad sensum
für den Sinn zusammendrückbar und diejenigen welche eine eigentliche
Verdünnung und Verdichtung aufrechterhalten wollen werden sagen dass das Wasser
schon zu sehr zusammengedrückt ist um unseren Maschinen zu weichen wie eine
sehr zusammengedrückte Luft auch einer weiteren Pressung Widerstand leisten
würde Ich gestehe andererseits dennoch zu dass wenn man eine kleine
Veränderung des Volumens am Wasser bemerken würde man sie der darin
eingeschlossenen Luft zuschreiben müsste ohne auf die Streitfrage ob das reine
Wasser nicht selbst zusammendrückbar ist wie man es ausdehnbar findet wenn es
verdunstet gegenwärtig einzugehen bin ich im Grunde doch der Ansicht derer
welche glauben dass die Körper vollkommen undurchdringlich sind und dass alle
Verdichtung und Verdünnung nur scheinbar ist Aber Experimente dieser Art sind
so wenig imstande es zu beweisen wie die Röhre Toricellis oder die Maschine
Guerickes genügen um einen vollkommen leeren Raum nachzuweisen
Philalethes Wäre der Körper im eigentlichen Sinne verdünnbar und
verdichtbar so könnte er sein Volumen oder seine Ausdehnung ändern aber da
dies nicht der Fall ist so wird er immer in demselben Raume gleich und seine
Ausdehnung dennoch stets von der des Raumes bestimmt unterschieden sein
Theophilus Der Körper könnte eine ihm eigene Ausdehnung haben aber daraus
folgt nicht dass sie immer bestimmt oder demselben Raume gleich wäre Obgleich
man indessen wenn man den Körper denkt allerdings etwas mehr als den bloßen
Raum denkt so folgt daraus doch keineswegs dass es zwei Ausdehnungen gibt die
des Raumes und die des Körpers denn das wäre wie wenn man indem man mehrere
Dinge zugleich denkt noch etwas mehr als die Zahl nämlich die res numeratas
gezählten Dinge begriffe während es doch nicht zwei Mehrheiten gibt die eine
abstrakte nämlich die der Zahl die andere konkrete nämlich die der gezählten
Dinge Ebenso kann man sagen dass man sich nicht zwei Ausdehnungen in der
Einbildung vorstellen darf die eine abstrakte des Raumes und die andere
konkrete des Körpers indem die konkrete nur durch die abstrakte eine solche ist
Und wie der Körper von einer Stelle des Raumes zur anderen übergehen nämlich in
ihrer Ordnung untereinander wechseln so gehen auch die Dinge von einer Stelle
der Ordnung oder der Zahl zur anderen über wenn zB das erste das zweite wird
und das zweite das dritte usw In der Tat sind Zeit und Raum nur Weisen der
Ordnung und in diesen Ordnungen würde der freie Platz den man in Bezug auf den
Raum das Leere nennt wenn es einen solchen gäbe nur die Möglichkeit dessen
bezeichnen was in Bezug auf die Wirklichkeit fehlt
Philalethes Ich bin immer sehr erfreut wenn Sie mit mir im Grunde darin
eins sind dass die Materie im Volumen sich nicht verändert Sie scheinen mir
aber zu weit zu gehen wenn Sie nicht zwei Ausdehnungen anerkennen und den
Kartesianern sich zu nähern welche den Raum von der Materie gar nicht
unterscheiden Wenn sich nun Leute fänden welche diese deutlichen Vorstellungen
vom Raume und der ihn füllenden Dichtigkeit nicht hätten sondern sie
vermischten und daraus nur eine machten so sehe ich nicht wie dieselben sich
mit den anderen verständigen könnten Sie verhielten sich wie der Blinde in
Hinsicht auf einen anderen Menschen der ihm von der Scharlachfarbe spricht
sich verhalten würde während dieser Blinde glaubte sie gleiche dem Ton einer
Trompete
Theophilus Ich nehme aber zugleich an dass die Vorstellungen der Ausdehnung
und der Dichtigkeit nicht wie die des Scharlachs in einem undenkbaren Etwas
bestehen Gegen die Ansicht der Kartesianer unterscheide ich Ausdehnung und
Materie Indessen glaube ich nicht dass es zwei Ausdehnungen gibt und da
diejenigen welche über die Verschiedenheit der Ausdehnung und der Wichtigkeit
miteinander streiten über diesen Gegenstand in mehreren Wahrheiten
übereinkommen und bestimmte Begriffe haben so können sie dadurch das Mittel
finden ihre Uneinigkeit fahren zu lassen So sollte die angebliche
Misshelligkeit über die Vorstellungen ihnen nicht zum Vorwande dienen die
Streitigkeiten zu verewigen wie ich weiß dass einige Kartesianer die doch
sonst recht gescheit sind sich hinter ihren vermeinten Vorstellungen zu
verschanzen die Gewohnheit haben Wenn sie sich jedoch des von mir vordem
angegebenen Mittels bedienen wollten um die Richtigkeit und Unrichtigkeit der
Vorstellungen zu erkennen wovon wir auch in der Folge reden werden so würden
sie ihren unhaltbaren Standpunkt verlassen
Philalethes Die Vorstellungen deren Wahrnehmung aus mehr als einem Sinne
stammt sind die des Raumes der Ausdehnung der Gestalt der Bewegung und der
Ruhe
Theophilus Diese Vorstellungen von denen man sagt dass sie aus mehr als
einem Sinne stammen wie die des Raumes der Gestalt der Bewegung stammen für
uns vielmehr aus dem Gemeinsinn her dh aus dem Geiste selbst denn sie sind
Vorstellungen des reinen Verstandes die sich aber auf das Äußere beziehen und
deren wir durch die Sinne uns bewusst werden auch sind sie fähig definiert und
nachgewiesen zu werden
Philalethes Die einfachen Vorstellungen welche aus der Reflexion stammen
sind die Vorstellungen des Verstandes und des Willens denn wir werden uns ihrer
nur bewusst indem wir über uns selbst reflektieren
Theophilus Man kann zweifeln ob alle die Vorstellungen einfach sind denn
es ist zB klar dass die Vorstellung des Willens die des Verstandes in sich
schließt und die Idee der Bewegung die der Gestalt enthält
1 Philalethes Es gibt einfache Vorstellungen welche im Geiste auf allen
Wegen der sinnlichen Empfindung und auch der Reflexion zum Bewusstsein gelangen
nämlich der Lust der Schmerz die Kraft das Dasein und die Einheit
Theophilus Die Sinne scheinen uns ohne die Hilfe der Vernunft nicht von dem
Dasein der sinnlichen Dinge überzeugen zu können Auch möchte ich glauben dass
die Erwägung des Daseins aus der Reflexion stammt Die der Kraft und der Einheit
stammen auch aus der nämlichen Quelle und wie mir Einheit sind diese
Vorstellungen von einer ganz anderen Art als die Wahrnehmungen der Lust und des
Schmerzes
2 Philalethes Was werden wir von den Vorstellungen der negativen
Eigenschaften sagen Mir scheint dass die Vorstellungen der Ruhe der Finsternis
und der Kälte ebenso positiv sind wie die der Bewegung des Lichtes und der
Wärme Wenn man indessen diese Negationen als Ursachen der positiven
Vorstellungen hinstellt bin ich der gewöhnlichen Meinung aber im Grunde wird
es zu bestimmen schwer sein ob wirklich eine Vorstellung dabei ist welche aus
einer negativen Ursache stammt bis man nämlich bestimmt hat ob die Ruhe eher
als die Bewegung eine Negation ist
Theophilus Ich hätte nicht geglaubt dass man an dem negativen Wesen der
Ruhe zu zweifeln Veranlassung haben könnte Es genügt dazu dass man die Bewegung
beim Körper aufhebt aber zur Bewegung genügt nicht dass man die Ruhe aufhebt
denn man muss noch etwas anderes hinzufügen um den Grad der Bewegung zu
bestimmen weil es zu ihrem Wesen gehört davon mehr oder weniger zu erhalten
während alle Arten Ruhe gleich sind Etwas anderes ist es von der Ursache der
Ruhe zu reden welche in der zweiten Materie oder Masse positiv sein muss Ich
möchte auch glauben dass selbst die Vorstellung der Ruhe negativ ist dh dass
sie nur in einer Negation besteht Allerdings ist die Handlung des Verneinens
etwas Positives
9 Philalethes Da die Eigenschaften der Dinge die Vermögen sind in uns
die Wahrnehmung der Vorstellungen hervorzubringen so ist es zweckmäßig sie
voneinander zu unterscheiden Es gibt erste und zweite Eigenschaften Die
Ausdehnung die Dichtigkeit die Gestalt die Zahl die Beweglichkeit sind
ursprüngliche und vom Körper untrennbare Eigenschaften welche ich erste nenne
10 Aber zweite Eigenschaften nenne ich die Vermögen oder Kräfte des
Körpers gewisse sinnliche Empfindungen in uns oder gewisse Wirkungen in anderen
Körpern hervorzubringen wie zB das Feuer im Wachs hervorbringt indem es
dasselbe schmelzt
Theophilus Man könnte glaube ich sagen dass wenn die Kraft wohl zu
verstehen ist und deutlich erklärt werden kann sie unter die ersten
Eigenschaften gerechnet werden müsse wenn sie aber nur sinnlich ist und nur
eine verworrene Vorstellung bietet wird man sie unter die zweiten Eigenschaften
setzen müssen
11 Philalethes Diese ersten Eigenschaften zeigen wie die Körper
aufeinander wirken Nun wirken die Körper nur durch Anstoß wenigstens soweit
als wir es begreifen können denn unmöglich ist zu begreifen dass die Körper auf
das was sie nicht berühren wirken können was ebensoviel wäre als sich
einbilden der Körper könne wirken wo er nicht ist
Theophilus Ich bin auch der Ansicht dass die Körper nur durch Anstoß
wirken Indessen liegt in dem soeben vernommenen Beweis noch eine Schwierigkeit
denn die Anziehung findet nicht immer ohne Berührung statt und man kann
berühren und fortbewegen ohne sichtbaren Anstoß wie ich oben als ich von der
Härte sprach gezeigt habe Wenn es die Atome des Epikur gäbe so würde ein
angestoßener Teil den anderen mit sich fortbewegen und ihn berühren indem er
ihn ohne Anstoß in Bewegung setzte und bei der gegenseitigen Anziehung der
einander naheliegenden Dinge kann man nicht sagen dass das was ein anderes mit
sich fortbewegt da wo es nicht ist wirkt Dieser Grund würde nur gegen die
Anziehung aus der Ferne streiten wie auch hinsichtlich dessen was man die
vires centripetas zentripetalen Kräfte nennt die von einigen Gelehrten
vorgebracht worden sind
13 Philalethes Gewisse Teile die auf eine gewisse Art unsere Organe
treffen verursachen in uns gewisse Empfindungen von Farben oder Geschmäcken
oder anderen sekundären Eigenschaften welche das Vermögen haben diese
Empfindungen hervorzubringen Und es ist nicht schwerer zu begreifen dass Gott
solche Vorstellungen wie die der Wärme mit Bewegungen verknüpfen könne mit
denen sie keine Ähnlichkeit haben als zu begreifen schwer ist dass er die
Vorstellung des Schmerzes mit der Bewegung eines Stückes Eisen verbunden hat
das unser Fleisch zerteilt einer Bewegung welcher der Schmerz in keiner Weise
gleicht
Theophilus Man darf sich nicht einbilden dass diese Vorstellungen der Farbe
oder des Schmerzes willkürlich und ohne Beziehung oder natürliche Verbindung mit
ihren Ursachen sind mit so wenig Ordnung und Vernunft zu handeln ist nicht
Gottes Gewohnheit Ich möchte vielmehr sagen dass dabei eine Art von Ähnlichkeit
ist zwar keine gänzliche und sozusagen in terminis aber doch eine in Ausdruck
zu fassende oder eine Art von Beziehung der Anordnung wie eine Ellipse und
selbst eine Parabel oder Hyperbel in gewisser Beziehung dem Kreise gleichen
dessen Projektion auf der Ebene sie sind da zwischen dem was projiziert wird
und der Projektion die davon gemacht wird jeder Punkt des einen jedem Punkte
der anderen nach einer gewissen Beziehung entspricht Dies beachten die
Kartesianer nicht genüge und Sie haben diesmal ihnen mehr als gewöhnlich
nachgegeben und mehr als Grund dazu war
15 Philalethes Ich nehme an was mir richtig erscheint und der
Augenschein lehrt dass die Vorstellungen der ersten Eigenschaften der Körper
diesen Eigenschaften gleichen aber dass die in uns durch die zweiten
Eigenschaften erzeugten Vorstellungen ihnen in keiner Weise gleichen
Theophilus Ich habe eben bemerkt wie in Hinsicht der zweiten ebensogut als
in Hinsicht der ersten Eigenschaften Ähnlichkeit und genaue Beziehung
stattfindet Es ist ganz vernünftig dass die Wirkung ihrer Ursache entspreche
und wie kann man das Gegenteil versichern da man weder die sinnliche Empfindung
des Blauen noch die Bewegungen welche sie hervorrufen genau kennt Allerdings
gleicht der Schmerz nicht den Bewegungen einer Nadel er kann aber sehr wohl den
Bewegungen welche diese Nadel in unserem Körper verursacht gleichen und diese
Bewegungen in der Seele darstellen wie ich gar nicht zweite dass es der Fall
ist Deswegen sagen wir auch dass der Schmerz in unserem Körper und nicht in der
Nadel ist Wir sagen aber das Licht ist im Feuer weil es im Feuer Bewegungen
gibt die zwar nicht auf bestimmte Art besonders wahrnehmbar sind aber deren
Vermischung oder Verbindung wahrnehmbar wird und durch die Vorstellung des
Lichtes sich uns darstellt
21 Philalethes Wenn aber die Beziehung zwischen Gegenstand und
sinnlicher Empfindung natürlich wäre wie könnte es doch geschehen dass wie wir
in der Tat wahrnehmen das nämliche Wasser der einen Hand warm und der andern
kalt erscheinen kann Was auch zeigt dass die Wärme nicht mehr im Wasser ist
als der Schmerz in der Nadel
Theophilus Das Angeführte zeigt höchstens dass die Wärme keine sinnlich
empfindbare Qualität oder Kraft ist welche ganz und gar für sich empfunden
werden kann sondern dass sie sich auf die ihr angemessenen Organe bezieht denn
eine eigene Bewegung in der Hand kann sich damit verbinden und ihre Erscheinung
ändern Auch erscheint das Licht Augen von schlechter Beschaffenheit nicht und
wenn sie selbst schon von starkem Licht erfüllt sind ist ein schwächeres für
sie nicht mehr empfindbar Selbst die nach Ihrer Bezeichnung ersten
Eigenschaften zB die Einheit und die Zahl brauchen nicht immer in gehöriger
Weise zu erscheinen Denn wie schon Descartes erwähnt hat erscheint eine mit
den Fingern auf eine gewisse Art berührte Kugel doppelt und die fazettiert
geschliffenen Spiegel oder Gläser vervielfältigen den Gegenstand Es folgt
daraus also nicht dass das was immer ebenso erscheint eine Beschaffenheit des
Gegenstandes sei und dass sein Bild ihm gleiche Und was die Wärme anbetrifft so
lässt sich wenn unsere Hand sehr heiß ist die mittlere Wärme des Wassers nicht
bemerken und mäßigt vielmehr die der Hand und das Wasser erscheint uns folglich
kalt wie das Salzwasser des Baltischen leeres wenn es mit dem Wasser des
Portugiesischen leeres gemischt wird dessen spezifischen Salzgehalt vermindert
obgleich das erstere selbst salzhaltig ist So kann man in einer Hinsicht sagen
dass die Wärme dem Wasser eines Bades angehört obgleich es jemand kalt
erscheinen kann wie der Honig schlechthin süß genannt wird und das Silber weiß
obgleich manchem Kranken der eine bitter das andere gelb erscheint denn die
Bezeichnung geschieht nach dem Gewöhnlichsten Dennoch bleibt es wahr dass wenn
das Organ und das Mittel gehörigermaßen beschaffen sind die inneren Bewegungen
und die der Seele sie darstellenden Vorstellungen den Bewegungen des
Gegenstandes gleichen welche die Farbe den Schmerz usw bewirken oder was
hierbei dasselbe ist ihn durch einen ganz genauen Rapport ausdrücken obgleich
dieser Rapport uns nicht deutlich erscheint weil wir jene Menge kleiner
Eindrücke weder in unserer Seele noch in unserem Körper noch in dem was außer
uns ist voneinander unterscheiden können
24 Philalethes Die Eigenschatten der Sonne das Wachs zu bleichen und zu
erweichen oder den Kot zu verhärten betrachten wir nur als einfache Kräfte
ohne in der Sonne etwas vorzustellen was dieser Weiße oder dieser Weichheit
oder dieser Härte gleicht die Wärme aber und das Licht werden gemeiniglich als
wirkliche Eigenschaften der Sonne betrachtet Erwägt man indessen die Sache
wohl so sind diese Eigenschaften des Lichts und der Wärme welche in mir
Wahrnehmungen sind auf keine andere Art in der Sonne als die im Wachs
hervorgebrachten Veränderungen wenn es gebleicht oder geschmolzen wird
Theophilus Diese Lehre haben einige so weit getrieben dass sie uns haben
überreden wollen jemand der die Sonne berühren könne würde darin gar keine
Wärme finden Die nachgeahmte Sonne welche sich im Fokus eines Spiegels oder
eines Brennglases fühlbar macht kann diesen Irrtum widerlegen Was aber die
Vergleichung zwischen dem Vermögen des Erwärmens und dem des Schmelzens
anbetrifft so wage ich zu behaupten dass wenn das geschmolzene oder gebleichte
Wachs Empfindung hätte es auch etwas dem Ähnliches empfinden würde was wir
empfinden wenn die Sonne uns wärmt und wenn es könnte würde es sagen dass
die Sonne heiß sei nicht weil seine Weiße der Sonne ähnlich ist denn wenn
die Gesichter von der Sonne gebrannt werden würde deren dunkle Farbe ihr auch
gleichen müssen sondern weil im Wachs Bewegungen geschehen welche zu den sie
verursachenden der Sonne eine Beziehung haben Seine Weiße könnte aus einer
anderen Ursache stammen aber nicht die Bewegungen welche es gehabt hat als es
jene von der Sonne empfing
1 Philalethes Wir wollen jetzt zu den ReflexionsVorstellungen im
besonderen kommen Die Wahrnehmung ist das erste Vermögen der mit unseren
Vorstellungen beschäftigten Seele Sie ist auch die erste und einfachste
Vorstellung die wir von der Reflexion empfangen Das Denken bezeichnet oft die
Wirkung des Geistes auf seine eigenen Vorstellungen wenn er tätig ist und etwas
mit einem gewissen Grad freiwilliger Aufmerksamkeit betrachtet aber in dem was
man Wahrnehmung nennt verhält der Geist sich gewöhnlich rein leidend da er
sich dessen bewusst zu sein nicht vermeiden kann wessen er sich augenblicklich
bewusst ist
Theophilus Vielleicht könnte man hinzufügen dass die Tiere Wahrnehmungen
haben und dass sie nicht notwendigerweise denken dh Reflexion oder das haben
was deren Gegenstand sein kann Wir haben auch selber schwache Wahrnehmungen
deren wir uns in unserem gegenwärtigen Zustand nicht bewusst werden Allerdings
könnten wir uns sehr wohl derselben bewusst werden und darauf reflektieren wenn
wir nicht durch deren Menge die uns zerstreut macht davon abgelenkt oder wenn
sie nicht durch stärkere verwischt oder vielmehr verdunkelt würden
4 Philalethes Ich gestehe dass wenn der Geist stark damit beschäftigt
ist gewisse Gegenstände zu betrachten er sich in keiner Weise des Eindruckes
bewusst wird den gewisse Körper auf das Gehörorgan machen obgleich dieser
Eindruck ziemlich stark sein mag er bringt aber keine Wahrnehmung hervor wenn
die Seele nicht davon Notiz nimmt
Theophilus Ich würde vorziehen zwischen Wahrnehmung und Bewusstsein zu
unterscheiden Die Wahrnehmung des Lichts oder der Farbe zB deren wir uns
bewusst sind ist aus einer Menge kleiner Wahrnehmungen zusammengesetzt deren
wir uns nicht bewusst sind und ein Geräusch von dem wir Wahrnehmung haben aber
auf das wir nicht achtgeben wird durch eine kleine Zugabe oder Vermehrung
fähig ins Bewusstsein zu fallen Denn wenn das was vorhergeht nicht auf die
Seele wirkte so würde diese kleine Zugabe auch nicht darauf wirken und das
Ganze auch nicht Ich habe diesen Punkt schon 11 12 15 usw des zweiten
Kapitels dieses Buches berührt
8 Philalethes Es ist hier der Ort zu bemerken dass die Vorstellungen
welche aus der Sinnlichkeit stammen bei Erwachsenen oft durch das Urteil des
Geistes ohne dass sie sich dessen bewusst sind verändert werden Die Vorstellung
einer Kugel von gleichmäßiger Farbe stellt einen dachen Kreis von verschiedener
Schattierung und Beleuchtung dar Aber da wir die Bilder der Körper und die
Veränderungen der Lichtreflexe nach der Gestaltung ihrer Oberfläche zu
unterscheiden gewohnt sind so setzen wir an Stelle dessen was uns erscheint
die Ursache des Bildes selbst und verwechseln so das Urteil mit dem Anblick
Theophilus Dies ist vollkommen wahr und darin besteht das Mittel der
Malerei uns durch den Kunstgriff einer richtig verstandenen Perspektive zu
täuschen Wenn die Ränder des Körpers platt sind so kann man sie darstellen
ohne Schatten anzuwenden indem man sich nur der Konturen bedient und die
Malereien einfach nach der Weise der Chinesen aber mit besserer Proportion als
jene entwirft Auf eben diese Art pflegt man Medaillen zu zeichnen damit der
Zeichner sich weniger von den genauen Zügen der Antiken entferne Aber genau
lässt sich das innere eines Kreises von dem Innern einer von diesem Kreise
begrenzten sphärischen Fläche ohne Hilfe von Schatten nicht unterscheiden da
das Innere des einen wie der anderen weder hervorstehende Punkte noch
unterscheidende Züge hat obgleich zwischen ihnen freilich ein sehr großer
bemerkenswerter Unterschied besteht Herr v Argues hat deswegen über die Stärke
der Farbentöne und Schatten eigene Vorschriften gegeben Wenn uns also ein
Gemälde täuscht so irren wir auf zweifache Art in unserem Urteil Zuerst
nämlich setzen wir die Ursache für die Wirkung und glauben das was die Ursache
des Bildes ist unmittelbar zu sehen worin wir ein wenig jenem Bunde gleichen
welcher gegen einen Spiegel anbellt Denn eigentlich sehen wir nichts weiter als
das Bild und werden nur von den Strahlen affiziert Da nun die Lichtstrahlen
eine wenn auch nur geringe Zeit bedürfen so ist es möglich dass der Gegenstand
in dieser Zwischenzeit zerstört und nicht mehr da ist wenn der Strahl zum Auge
gelangte was aber nicht mehr ist kann auch nicht ein dem Gesichte gegenwärtiger
Gegenstand sein Zweitens täuschen wir uns auch indem wir die eine Ursache für
die andere setzen und etwa glauben dass das was nur von einem dachen Gemälde
kommt von einem Körper abgeleitet sei dergestalt dass in diesem Falle unsere
Urteile zugleich eine Metonymie und eine Metapher begehen denn auch die
rhetorischen Figuren werden zu Sophismen wenn sie uns täuschen Diese
Verwechslung der Wirkung mit der Ursache sei sie die wahre oder die vorgebliche
kommt auch sonst noch bei unseren Urteilen vor So glauben wir wenn wir unseren
Körper oder das was ihn berührt fühlen oder wenn wir durch einen
unmittelbaren physischen Einguss unsere Arme bewegen dass darin die Verbindung
der Seele mit dem Körper erscheine während wir in Wahrheit nur das dabei fühlen
und verändern was in uns selbst enthalten ist
Philalethes Bei dieser Gelegenheit will ich Ihnen ein Problem vorlegen
welches der gelehrter Molineux der seinen herrlichen Geist so nützlich dem
Fortschritt der Wissenschaften widmet dem berühmten Locke mitgeteilt hat
Folgendes sind ungefähr seine eigenen Worte Denken wir uns einen
Blindgeborenen der jetzt erwachsen ist Diesen hat man gelehrt durch Berührung
einen Würfel von einer Kugel desselben Metalls und fast von gleicher Größe zu
unterscheiden so dass er wenn er den einen oder die andere berührt sagen kann
was der Würfel und was die Kugel ist Man nehme nun an dass wenn der Würfel und
die Kugel auf einen Tisch gesetzt sind dieser Blinde plötzlich das Glicht
erhalte Es fragt sich ob er sie nun wo er so sieht ohne sie zu berühren
unterscheiden und sagen kann dies ist der Würfel dies ist die Kugel Ich bitte
Sie mir Ihre Meinung darüber zu sagen
Theophilus Diese Frage zu überlegen die mir sehr merkwürdig erscheint
würde ich mir Bedenkzeit ausbitten müssen da Sie mich aber sofort zu antworten
drängen will ich Ihnen aufs Geratewohl unter vier Augen als meine Ansicht
bekennen dass der blinde wenn er weiß das die von ihm erblickten zwei Figuren
die des Würfels und der Kugel sind sie wird unterscheiden und ohne sie zu
berühren sagen können dies ist die Kugel dies der Würfel
Philalethes Ich fürchte man wird Sie unter diejenigen zählen müssen
welche Herrn Molineux falsch geantwortet haben Denn in dem diese Frage
enthaltenden Schreiben bemerkt er dass nachdem er sie bei Gelegenheit der
Lockeschen Schrift über den menschlichen Verstand verschiedenen höchst
scharfsinnigen Männern vorgelegt habe kaum einer ihm darauf so geantwortet
habe wie seiner Meinung nach darauf geantwortet werden muss wenngleich sie
sich nachdem sie seine Gründe vernommen von ihrem Irrtum überzeugt hätten Die
Antwort dieses scharfsinnigen und durchdringenden Schriftstellers ist
verneinend denn fügt er hinzu mag auch jeder Blinde durch Erfahrung gelernt
haben auf welche Weise die Kugel und der Würfel seinen Tastsinn affizieren so
weiß er doch noch nicht dass das was den Tastsinn auf diese oder jene Weise
affiziert den Augen so oder so erscheinen müsse noch dass die vorspringende
Ecke eines Würfels welche seine Hand auf ungleiche Weise drückt seinen Angen
so erscheinen müsse wie sie am Würfel erscheint Der Verfasser des Versuchs
erklärt dass er ganz derselben Ansicht ist
Theophilus Vielleicht sind Molineux und der Verfasser des Versuchs über den
menschlichen Verstand von meiner Meinung nicht so weit entfernt als es von
vornherein scheint und die Gründe ihrer Ansicht in dem Briefe des ersteren
offenbar enthalten der sich derselben mit Erfolg bedient hat um die Leute von
ihrem Irrtum zu überzeugen sind im zweiten eigens unterdrückt worden um den
Lesern Übung des Nachdenkens zu verschalen Wenn Sie meine Antwort erwägen
wollen so werden Sie finden dass ich eine Bedingung hinzugefügt habe welche
man als in der Frage inbegriffen betrachten kann dass es sich nämlich nur um die
Unterscheidung handle und dass der Blinde wisse dass die beiden Körper die er
unterscheiden soll vor ihm seien und dass somit von den beiden Erscheinungen
welche er sieht die eine die des Würfels oder die andere die der Kugel sei In
diesem Falle scheint es mir unzweifelhaft dass der Blinde welcher blind zu sein
aufgehört hat sie durch die Grundsätze der Vernunft unterscheiden kann wenn er
diese mit dem was ihm an sinnlicher Erkenntnis der Tastsinn vorher geliefert
hat verbindet Denn ich rede nicht von dem was er in der Tat und auf der
Stelle tun wird da er vielleicht durch die Neuheit geblendet und verwirrt oder
sonst wenig daran gewöhnt ist Schlüsse zu ziehen Der Grund meiner Ansicht ist
dass bei der Kugel an ihrem Rande keine hervortretenden Punkte vorkommen da
alles daran einförmig und ohne Ecken ist während an dem Würfel acht von allen
andern unterschiedene Punkte sind Gäbe es nicht dies Mittel die Gestalten zu
unterscheiden so könnte ein Blinder nicht die Anfangsgründe der Geometrie durch
den Tastsinn lernen Gleichwohl sehen wir dass die geborenen Blinden imstande
sind die Geometrie zu erlernen und sie besitzen sogar immer gewisse
Anfangsgründe einer natürlichen Geometrie und dass man meistens die Geometrie
bloß durch den Blick erlernt ohne sich des Tastsinns zu bedienen wie ein
Gelähmter oder jemand dem das Tasten so gut wie versagt ist es machen könnte
und müsste Und diese zwei Arten der Geometrie nun die des Blinden und des
Gelähmten müssen sich begegnen und zueinander stimmen und sogar auf dieselben
Vorstellungen zurückkommen obgleich sie keine gemeinsamen Bilder haben Dies
lässt auch erkennen wie man die Bilder und die in Definitionen gefassten genau
bestimmten Vorstellungen unterscheiden muss Es würde in der Tat etwas sehr
Merkwürdiges und Unterrichtendes sein die Vorstellungen eines blind Geborenen
wohl zu untersuchen und die Beschreibungen die er von den Gestalten macht zu
vernehmen Denn so weit kann er kommen und selbst die Wissenschaft der Optik
verstehen insofern sie von deutlichen und mathematischen Vorstellungen abhängig
ist obschon er nicht dazu gelangen kann zu begreifen was gebrochenes Licht
ist dh das Bild des Lichts und der darben Deshalb antwortete ein gewisser
blind Geborener nachdem er Unterricht in der Optik gehabt hatte den er wohl zu
verstehen schien jemand der ihn nach seiner Meinung über das Licht fragte dass
er sich einbilde es müsse etwas Angenehmes sein wie der Zucker Es würde sogar
sehr wichtig sein die Vorstellungen zu prüfen welche ein taubstumm Geborener
von den nicht mit Gestalt versehenen Dingen haben kann von denen wir die
Beschreibung gewöhnlich in Worten haben und die er auf eine durchaus
verschiedene Art haben muss obgleich sie mit der unserigen gleiche Geltung haben
mag wie die Schrift der Chinesen eine unserem Alphabete gleiche Bedeutung hat
obgleich sie davon unendlich verschieden ist und durch einen Tauben erfunden zu
sein scheinen könnte Ich erfahre durch die Güte eines großen Fürsten dass in
Paris ein geborener Taubstummer der endlich den Gebrauch der Ohren
wiedererlangt und gegenwärtig das Französische gelernt hat denn man hat ihn vor
kurzem von seifen des französischen Hofes kommen lassen sehr merkwürdige Dinge
über die Vorstellungen die er in seinem früheren Zustand hatte und über die
Veränderung seiner Vorstellungen als der Gehörsinn geübt zu werden anfing
erzählen kann Diese geborenen Taubstummen können weiter kommen als man denkt
Es gab einen solchen zu Oldenburg zur Zeit des letzten Grafen der ein guter
Maler geworden war und sich auch sonst sehr intelligent zeigte Ein großer
Gelehrter von Geburt ein Bretone hat mir erzählt dass es 10 französische
Meilen von Nantes zu Blainville das dem Herzog von Rohan gehört ungefähr um
1690 einen Armen gab der in einer Hütte nahe am Schloss vor der Stadt wohnte
und ein geborener Taubstummer Briefe und andere Gegenstände in die Stadt trug
Er fand die Häuser indem er gewissen Zeichen folgte welche ihm die Leute
gaben die ihn zu benutzen pflegten Endlich wurde der arme Mensch noch blind
hörte aber nicht auf gewisse Dienste zu leisten und die Briefe in die Stadt zu
tragen auf das hin was man ihm durch den Tastsinn bemerklich machte Er hatte
in seiner Hütte ein Brett welches von der Tür bis zu dem Orte lief wo er die
Füße hatte und das ihm durch die Bewegung welche es empfing erkennen ließ ob
jemand bei ihm eintrat Es ist eine große Nachlässigkeit sich nicht eine genaue
Kenntnis der Weise wie solche Menschen denken zu verschaffen Wenn er nicht
mehr lebt so würde allem Anschein nach jemand an Ort und Stelle noch darüber
Nachricht geben und uns wissen lassen können wie man ihm das was er ausführen
sollte bezeichnete Aber um auf das zurückzukommen was jener Blindgeborene
der zu sehen anfängt von der Kugel und dem Würfel urteilen würde wenn er sie
sieht ohne sie zu berühren so antworte ich dass er sie wie ich eben gesagt
habe unterscheiden werde wenn ihm jemand angibt dass die eine oder die andere
Erscheinung oder Wahrnehmung die er davon hat der Kugel oder dem Würfel
zukommt aber ohne diese vorgängige Anweisung wird er gestehe ich nicht
sogleich darauf verfallen zu denken dass diese Arten von Bildern welche er sich
in der Tiefe seiner Angen davon macht und die von einer dachen Zeichnung auf dem
Tische herrühren können Körper darstellen bis der Tastsinn ihn davon
überzeugt oder er infolge des Nachdenkens über die Strahlen auf Grund der Optik
durch die Lichter und Schatten begreifen wird dass etwas da sein muss was diese
Strahlen aufhält und dass dies gerade das sein muss was ihm beim Betagten bleibt
dann wird er endlich dazu gelangen wenn er diese Kugel und diesen Würfel sich
wird bewegen sehen und der Bewegung gemäß Schatten und Erscheinungen wechseln
oder selbst dann wenn das Licht das diese Körper erleuchtet während sie
selbst in Ruhe verharren seinen Platz wechselt oder seine Augen in ihrer Lage
sich ändern Denn das sind ungefähr die Mittel mit denen wir von fern ein Bild
oder eine Perspektive die einen Körper darstellt von dem wirklichen Körper
unterscheiden können
11 Philalethes Kommen wir nun zur Wahrnehmung im allgemeinen Sie
unterscheidet die Tiere von den niedrigen Wesen
Theophilus Ich bin zu glauben geneigt dass auch die Pflanzen eine gewisse
Wahrnehmung und Begehrung haben der großen Analogie wegen die zwischen den
Pflanzen und Tieren obwaltete gibt es wie die allgemeine Meinung ist eine
Pflanzenseele so muss diese Wahrnehmung haben Indessen schreibe ich doch alles
was in dem Körper der Pflanzen und Tiere geschieht dem Mechanismus zu ihre
erste Bildung ausgenommen Ich gebe also zu dass diejenige Bewegung der Pflanze
welche man sensitiv nennt vom Mechanismus stammt und billige es nicht wenn
man zur Seele seine Zuflucht nimmt sobald es sich darum handelt die
Erscheinungen bei Pflanzen und Tieren im einzelnen zu erklären
14 Philalethes Ich kann mich selbst nicht enthalten zu glauben dass
solche Tierarten wie die Austern und Muscheln sind nur einige schwache
Wahrnehmung haben denn lebhafte Empfindungen würden ein Tier nur belästigen
das gezwungen ist stets an dem Orte zu bleiben wohin der Zufall es gesetzt hat
und wo es von kaltem oder warmem Wasser reinem oder trübem je nachdem es zu
ihm gelangt benetzt wird
Theophilus Ganz recht und ich glaube dass man fast dasselbe von den
Pflanzen sagen kann was aber den Menschen anbetrifft so sind seine
Wahrnehmungen von dem Reflexionsvermögen begleitet welches sobald sich dazu
Gelegenheit bietet in Wirksamkeit tritt Wenn er aber in einen Zustand
verfällt wo er wie in einer Lethargie und fast ohne Empfindung sich beendet
hören Reflexion und Bewusstsein auf und man denkt dann nicht mehr an die
allgemeinen Wahrheiten Die angebotenen und erworbenen Fähigkeiten und
Dispositionen und selbst die Eindrücke welche man in diesem Zustand der
Verwirrung empfängt hören indes darum doch nicht auf und verwischen sich nicht
obwohl man sie vergisst sie können selbst an die Reihe kommen um einmal zu
einer merkbaren Wirkung beizutragen denn in der Natur ist nichts unnütz jede
Verwirrung muss sich lösen die lebendigen Wesen sogar nachdem sie in einen
Zustand der Stumpfheit gelangt sind müssen wieder einmal zu höheren
Wahrnehmungen zurückkehren und da die einfachen Substanzen immer währen darf
man nicht aus der Erfahrung einiger Jahre über die Ewigkeit urteilen
1 2 Philalethes Das andere Geistesvermögen wodurch derselbe in der
Erkenntnis der Dinge mehr vorwärts kommt als durch die bloße Wahrnehmung ist
das was ich das Behalten nenne Dies bewahrt die durch die Sinne oder die
Reflexion empfangenen Erkenntnisse Das Behalten geschieht auf zwei Weisen
indem man die gegenwärtige Vorstellung behält was ich Betrachtung
contemplation nennen und indem man die Möglichkeit bewahrt sie die
Vorstellungen wieder vor den Geist zurückzuführen das was ich das Gedächtnis
nenne
Theophilus Man behält auch und betrachtet kontempliert die angeborenen
Erkenntnisse und kann sehr oft das Angeborene vom Erworbenen nicht
unterscheiden Es gibt auch eine Wahrnehmung der Bilder sowohl derer welche
uns schon einige Zeit innewohnen als derer die sich neu in uns bilden
2 Philalethes Unsere Partei glaubt dass diese Bilder oder Vorstellungen
etwas zu sein aufhören wenn sie nicht mehr tatsächlich bemerkt werden und dass
die Behauptung von im Gedächtnis aufbewahrten Vorstellungen im Grunde nichts
anderes bedeutet als dass die Seele bei verschiedenen Gelegenheiten die Macht
hat Wahrnehmungen wieder zu erwecken welche sie schon mit einer Empfindung
gehabt hat durch welche sie zugleich überzeugt sein kann solcherlei
Wahrnehmungen bereits früher gehabt zu haben
Theophilus Wenn die Vorstellungen nur die Normen oder Gestalten der
Gedanken wären so würden sie mit ihnen aufhören Sie haben aber selbst
anerkannt dass sie deren innere Gegenstände sind und auf diese Art bestehen
bleiben können Ich wundern mich wie Sie immer von diesen bloßen Vermögen oder
Fähigkeiten reden können welche Sie bei den Schulphilosophen sicherlich
verwerfen würden Man müsste ein wenig deutlicher erklären worin diese Fähigkeit
besteht und wie sie ausgeübt wird dies würde zeigen dass es Dispositionen gibt
welche Reste der früheren Eindrücke sowohl in der Seele als im Körper sind
deren man sich aber nur dann bewusst ist wenn das Gedächtnis dazu Anlass findet
Und wenn nichts von den früheren Gedanken übrig bliebe sobald man nicht mehr
daran denkt so würde es nicht möglich sein zu erklären wie man das Andenken
daran bewahren kann deswegen heißt auf jene bloße Fähigkeit zurückgehen etwas
Unverständliches behaupten
1 Philalethes Von der Unterscheidung der Vorstellungen hängt die Evidenz
und Gewissheit mehrerer Sätze ab die für angeborene Wahrheiten gelten
Theophilus Ich gebe zu dass man um diese angeborenen Vorstellungen zu
denken und klar einzusehen Unterscheidung nötig hat darum hören sie aber nicht
auf angeboren zu sein
2 Philalethes Die Lebendigkeit des Geistes nun besteht darin
Vorstellungen sich schnell zu vergegenwärtigen aber es gehört Urteil dazu sie
sich deutlich zu vergegenwärtigen und genau voneinander zu unterscheiden
Theophilus Vielleicht ist das eine oder das andere Lebendigkeit der
Einbildungskraft und besteht das Urteil in der vernunftgemäßen Prüfung der
Sätze
Philalethes Ich stehe dieser Unterscheidung von Geist und Urteil gar nicht
fern Mitunter besteht das Urteil darin es nicht zu sehr anzuwenden Es wäre
zB für manche geistreiche Gedanken gewissermaßen ein Schaden wenn man sie
nach den strengen Regeln der Wahrheit und des triftigen Urteils prüfen wollte
Theophilus Das ist eine gute Bemerkung Geistreiche Gedanken müssen eine
gewisse wenigstens scheinbare Begründung in der Vernunft haben aber man muss
sie nicht mit allzugroßer Ängstlichkeit zerlegen wie man ein Gemälde nicht
allzunahe betrachten darf In diesem Punkte scheint mir P Bonhours mehr als
einmal in seinem Buche über die Art und Weise über Werke des Geistes richtig zu
denken zu fehlen wie wenn er das schöne Wortspiel des Lucan verächtlich
behandelt Victrix causa Diis placuit sed victa Catoni
4 Philalethes Ein anderes Verfahren des Geistes hinsichtlich seiner
Vorstellungen ist die Vergleichung zwischen einer Vorstellung und einer zweiten
in Absicht der Ausdehnung der Grade der Zeit des Ortes oder irgend eines
anderen Umstandes davon hängt jene große Zahl von Vorstellungen ab die unter
der Benennung der Relation Beziehung begriffen werden
Theophilus Meinem Sinne nach ist die Relation Beziehung allgemeiner als
die Vergleichung Denn die Relationen sind entweder Beziehungen der Vergleichung
oder des Zusammenhanges Die ersten betroffen die Übereinstimmung oder
Nichtübereinstimmung ich nehme diese Ausdrücke in einem weniger ausgedehnten
Sinne was die Ähnlichkeit Gleichheit Ungleichheit usw umfasst Die anderen
beziehen sich auf irgendeine Verknüpfung wie der Ursache und Wirkung des
Ganzen und der Teile der Lage Ordnung usw
6 Philalethes Die Zusammenstellung der einfachen Vorstellungen zu
zusammengesetzten ist auch noch eine Vefahrungsweise unseres Geistes Man kann
darauf das Vermögen beziehen die Vorstellungen zu erweitern indem man
diejenigen verbindet welche von derselben Art sind wie wenn man zB aus
mehreren Einheiten ein Dutzend bildet
Theophilus Ohne Zweifel ist auch die eine ebensogut zusammengesetzt wie die
andere aber die Zusammenstellung gleicher Vorstellungen ist einfacher als die
verschiedener
7 Philalethes Eine Hündin ernährt wohl junge Füchse schwatzt mit ihnen
und hat für sie ganz dieselbe Leidenschaft wie für ihre Zungen wenn man es nur
bewirken kann dass die Füchslein ganz wie es sein muss an ihr sangen damit die
Milch sich durch ihren ganzen Körper verbreitet Auch scheint es nicht dass die
Tiere welche mehrere Zungen zu gleicher Zeit haben irgend eine Kenntnis von
deren Zahl besitzen
Theophilus Die Liebe der Tiere stammt aus einem Lustgefühl welches durch
die Gewohnheit erhöht wird Was jedoch die genaue Zahl betrifft so können
selbst die ansehen die Zahlen der Dinge nur durch irgend ein künstliches
Hilfsmittel erkennen wie wenn sie sich der Zahlwörter zum Zählen bedienen
welche gleich ohne Zählen erkennen lassen ob etwas fehlt
10 Philalethes Ebensowenig bilden die Tiere Abstraktionen
Theophilus Ich bin derselben Meinung Sie erkennen augenscheinlich die
Weiße und bemerken sie in der Kreide wie im Schnee aber das ist noch keine
Abstraktion denn diese fordert eine Auffassung des von dem Besonderen
getrennten Gemeinsamen und folglich gehört die Erkenntnis der allgemeinen
Wahrheiten dazu die den Tieren nicht verliehen ist Auch bemerkt man sehr wohl
dass die Tiere welche sprechen sich der Worte nicht bedienen um allgemeine
Vorstellungen auszudrücken und dass die des Gebrauchs der Sprache und der Worte
beraubten Menschen deswegen doch nicht unterlassen sich andere allgemeine
Zeichen zu machen Ich freue mich außerordentlich Sie hier wie auch sonst die
Vorzüge der menschlichen Natur so richtig bemerken zu sehen
11 Philalethes Wenn die Tiere Vorstellungen haben und nicht bloße
Maschinen sind wie einige es vorgeben so können wir nicht leugnen dass sie bis
zu einem gewissen Grade Vernunft haben Und was mich anbetrifft so scheint es
mir ebenso klar dass sie Vernunft gebrauchen als mir scheint dass sie Gefühl
haben Aber ihr Vernunftgebrauch bezieht sich allein auf die besonderen
Vorstellungen je nachdem ihre Sinne sie ihnen darstellen
Theophilus Die Tiere gehen von einem Phantasiebild zu einem anderen durch
die Verknüpfung über welche sie früher bemerkt haben wenn zB der Herr einen
Stock nimmt fürchtet der Hund geschlagen zu werden Und in vielen Fällen haben
die Kinder ebenso wie die übrigen Menschen bei ihrem Übergang von einem Gedanken
zum anderen kein anderes Verfahren Dies könnte man in einem sehr erweiterten
Sinn Folgerung und Vernunftgebrauch nennen Aber ich ziehe vor mich dem einmal
angenommenen Gebrauch zu fügen indem ich diese Worte den Menschen weihe und sie
der Erkenntnis eines Grundes bei der Verknüpfung der Wahrnehmungen vorbehalte
welche die bloßen sinnlichen Empfindungen nicht geben können Denn deren Wirkung
ist nur dass man naturgemäß ein anderes Mal dieselbe Verknüpfung die man vorher
bemerkt hat erwartet wenn auch die Gründe vielleicht nicht mehr dieselben
sind ein Umstand welcher diejenigen oft täuscht die sich nur durch die Sinne
leiten lassen
13 Philalethes Die Geistesschwachen entbehren der Lebhaftigkeit
Tätigkeit und Beweglichkeit im Denkvermögen wodurch sie sich des Gebrauchs der
Vernunft beruht finden Die Narren scheinen in dem entgegengesetzten Extrem zu
sein denn mir scheint nicht dass sie das Vermögen des vernünftigen Denkens
verloren haben sondern sie nehmen gewisse von ihnen falsch verbundene
Vorstellungen für Wahrheiten und täuschen sich auf dieselbe Art wie diejenigen
welche auf Grund falscher Prinzipien richtig schließen So sehen Sie dass ein
Narr welches König zu sein sich einbildet durch eine richtige Folgerung
verlangt seiner Würde gemäß Bedienung Ehre und Gehorsam zu finden
Theophilus Die Geistesschwachen gebrauchen nicht die Vernunft und
unterscheiden sich darin von den Dummen eines gewissen Schlages welche zwar ein
gutes Urteil haben aber da sie nicht schnell fassen verachtet und unbequem
sind wie derjenige sein würde welcher mit angesehenen Leuten Lhombre spielen
wollte und zu lange und zu oft darüber nachdenken müsste was er spielen soll
Ich erinnere mich dass ein gescheiter Mann welcher durch den Gebrauch starker
Medikaments sein Gedächtnis verloren hatte in diesen Zustand vorbei aber seine
Urteilskraft ließ sich immer erkennen Einem Narren schlechthin fehlt dagegen
fast bei jeder Gelegenheit das Urteil Es gibt indessen Narren in Einzelheiten
welche sich eine falsche Voraussetzung über einen bedeutenden Punkt ihres Lebens
bilden und darüber wie Sie sehr gut bemerkt haben richtig weiter denken Solch
einer ist ein wohlbekannter Mann an einem gewissen Hofe welcher sich dazu
bestimmt glaubt die Angelegenheiten der Protestanten zu ordnen und Frankreich
zur Vernunft zu bringen und dass Gott zu diesem Zweck die größten
Persönlichkeiten durch seinen Körper hindurchgehen lässt um ihn zu veredeln er
verlangt alle ihm bekannten heiratsfähigen Prinzessinnen zu heiraten aber erst
nachdem er sie heilig gemacht hat damit er eine heilige Nachkommenschaft
erhalte welche die Erde beherrschen soll Er schreibt alle Übel des Krieges der
geringen Beachtung seiner Ratschläge zu Spricht er mit einem Souverän so
trifft er alle nötigen Maßregeln um seiner Würde nichts zu vergeben Wenn man
mit ihm in Unterhaltung tritt verteidigt er sich endlich so gut dass ich mehr
als einmal ungewiss gewesen bin ob seine Narrheit nicht Verstellung ist denn er
macht es gar zu gut Die ihn indessen besser kennen versichern mir dass es
ehrlich gemeint sei
Philalethes Der Verstand lässt sich nicht übel mit einem ganz dunklen Zimmer
vergleichen welches nur einige kleine Öffnungen hat um von außen die äußeren
sichtbaren Bilder einzulassen dergestalt dass wenn diese Bilder welche sich in
dem dunklen Zimmer abbilden dort bleiben und in Ordnung aufgestellt werden
könnten so dass man sie gelegentlich finden könnte zwischen diesem Zimmer und
dem menschlichen Verstande große Ähnlichkeit sein würde
Theophilus Um die Ähnlichkeit noch zu vergrößern müsste man annehmen dass
in dem dunklen Zimmer eine Leinwand die Bilder aufzunehmen ausgespannt wäre
die aber nicht eine ganz ebene sondern eine durch Halten welche die
angeborenen Erkenntnisse darstellen unterbrochene Fläche bildete dass weiter
diese ausgespannt Leinwand oder Haut eine Art Elastizität oder Wirkungskraft und
selbst eine sowohl den älteren Falten als den neugekommenen Eindrücken der
Bilder angepasste Tätigkeit oder Reaktionskraft habe Und zwar müsste diese
Tätigkeit in gewissen Schwingungen oder Oszillationen bestehen wie man solche
an einer ausgespannten Saite bemerkt wenn man sie berührt dergestalt dass sie
eine Art von musikalischem Ton von sich gäbe Denn wir empfangen nicht allein
Bilder oder Spuren in unserem Gehirn sondern formen auch neue wenn wir
zusammengesetzte Vorstellungen auffassen So muss also die unser Gehirn
veranschaulichende Leinwand tätig und elastisch sein Diese Vergleichung würde
das was im Gehirn vor sich geht ziemlich gut erklären was aber die Seele
anbetrifft welche eine einfache Substanz oder Monade ist so stellt diese ohne
Ausdehnung dieselben Mannigfaltigkeiten der ausgedehnten Massen vor und hat eine
Wahrnehmung desselben
3 Philalethes Die zusammengesetzten Vorstellungen sind nun entweder Modi
oder Substanzen oder Relationen Beziehungen
Theophilus Diese Unterscheidung der Gegenstände unseres Denkens in
Substanzen Modi und Relationen Beziehungen hat ganz meinen Beifall Ich
glaube dass die Eigenschaften nur Modifikationen der Substanzen sind und diesen
fügt der Verstand die Relationen noch hinzu Es folgt daraus mehr als man
denkt
Philalethes Die Modi sind entweder einfache wie ein Dutzend ein Schock
welche aus einfachen Vorstellungen derselben Art dh aus Einheiten gebildet
sind oder gemischte wie die Schönheit zu denen einfache Vorstellungen
verschiedener Arten gehören
Theophilus Vielleicht sind Dutzend und Schock nur Relationen und nur durch
das Verhältnis zum Verstande gebildet Die Einheiten sind für sich und der
Verstand fasst sie zusammen mögen sie auch noch so zerstreut sein Obgleich
jedoch die Relationen aus dem Verstande stammen sind sie doch nicht ohne Grund
und Wirklichkeit Denn der erste Verstand ist der Ursprung der Dinge und selbst
die Wirklichkeit aller Dinge die einfachen Substanzen ausgenommen besteht nur
auf Grund der Wahrnehmungen der Erscheinungen der einfachen Substanzen
hinsichtlich der gemischten Modi verhält es sich häufig ebenso dh man muss sie
lieber den Relationen zuweisen
6 Philalethes Die Vorstellungen der Substanzen sind gewisse
Verknüpfungen einfacher Vorstellungen durch welche man besondere und bestimmte
Dinge dargestellt werden lässt die durch sich selbst bestehen unter wichen
Vorstellungen man immer als den ersten und ursprünglichen den dunklen Begriff
der Substanz betrachtet die man was sie auch an und für sich sein mag ohne
sie zu erkennen voraussetzt
Theophilus Die Vorstellung der Substanz ist nicht so dunkel als man denkt
Man kann von ihr erkennen was nötig ist und was man an anderen Dingen auch
erkennt auch ist die Erkenntnis des Konkreten sogar immer früher als die des
Abstrakten man erkennt das Warme eher als die Wärme
7 Hinsichtlich der Substanzen gibt es noch zwei Arten von Vorstellungen
Die eine ist die der einzelnen Substanzen wie die eines Menschen oder eines
Schafes die andere die von mehreren Substanzen zusammengenommen wie die eines
Heeres von Menschen oder einer Schafherde diese Sammelvorstellungen bilden auch
eine einzige Vorstellung
Theophilus Mit dieser Vorstellungseinheit der Aggregate hat es ganz seine
Richtigkeit aber im Grunde muss man gestehen dass solche Einheit von
Sammelvorstellungen nur ein Rapport oder eine Relation ist deren Begründung in
dem liegt was jede der einzelnen Substanzen für sich hat So haben also diese
aus Aggregation entstandenen Wesen keine andere völlige Einheit als eine
geistige und folglich ist auch ihre Wesenheit gewissermaßen eine geistige oder
Erscheinungswesenheit wie die des Regenbogens am Himmel
3 Philalethes Der Raum wenn er hinsichtlich der Länge welche zwei
Körper trennt betrachtet wird heißt Entfernung hinsichtlich der Länge Breite
und Tiefe kann man ihn Raumerfüllung Kapazität nennen
Theophilus Um genauer zu sprechen so ist die Entfernung zweier in
räumlicher Lage befindlichen Dinge mögen es Punkte oder Flächen sein die Länge
der möglich kleinsten Linie welche man von dem einen zum andern ziehen kann
Diese Entfernung kann man entweder für sich oder in einer gewissen Figur die
die beiden voneinander entfernten Dinge mit in sich begreift betrachten Die
gerade Linie zB ist für sich genommen die Entfernung zwischen zwei Punkten
Aber sind diese beiden Punkte in derselben Kugeloberfläche so ist die
Entfernung dieser beiden Punkte auf dieser Oberfläche die Länge des kleinsten
Kreisbogens welchen man von dem einen Punkte zum andern ziehen kann Auch ist
wichtig zu bemerken dass die Entfernung nicht bloß zwischen zwei Körpern
sondern auch zwischen den Flächen Linien und Punkten stattfindet Man kann
sagen dass die Raumerfüllung oder vielmehr der Zwischenraum zwischen zwei
Körpern oder zwei anderen Flächen oder zwischen einer Flache und einem Punkte
der durch alle diejenigen kürzesten Linien hergestellte Raum ist welche man
zwischen den Punkten des einen oder des anderen Gegenstandes ziehen kann Dieser
Zwischenraum ist erfüllt ausgenommen wenn die beiden in räumlicher Lage
befindlichen Gegenstände in derselben Fläche liegen und die kürzesten Linien
zwischen den Punkten der in räumlicher Lage befindlichen Gegenstände müssen auch
in diese Fläche fallen wo sie für sich genommen werden müssen
4 Philalethes Außer dem was es in der Wirklichkeit gibt haben die
Menschen in ihrem Geiste die Vorstellungen gewisser bestimmter Längen
festgesetzt wie die eines Zolles oder Fußes
Theophilus Das können sie nicht Denn es ist unmöglich die deutlich
bestimmte Vorstellung einer Länge zu haben Man kann mittels des Geistes weder
sagen noch begreifen was ein Zoll oder ein Fuß ist Und man kann die Bedeutung
dieser Namen auch nur durch die wirklichen Maße berechnen welche man als
unveränderlich annimmt und durch die man sie immer wieder finden kann Darum hat
der englische Mathematiker Greave sich der ägyptischen Pyramiden die schon
lange gedauert haben und sicherlich noch eine Zeit dauern werden zur Erhaltung
unserer Masse bedienen wollen indem er der Nachwelt die Verhältnisse bemerkte
welche sie zu gewissen bestimmten auf einer dieser Pyramiden verzeichneten
Längen haben Allerdings hat man seit kurzem gefunden dass die Pendel dazu
dienen die Masse zu verewigen mensuris rerum ad posteros transsmittendis wie
die Herren Huygens Ponton und Buratini weiland Münzmeister von Polen zu
zeigen unternommen haben indem sie das Verhältnis unserer Längenmaße zur Länge
eines Pendels berechneten welches genau eine Sekunde lang schwingt dh den
86400 sten Teil einer Drehung des Fixsternhimmels oder eines astronomischen
Tages worüber Buratini eine besondere Schrift abgefasst hat welche ich im
Manuskript gesehen habe Aber bei diesem Pendelmaß findet noch die
Unvollkommenheit statt dass man sich auf gewisse Länder beschränken muss denn um
die gleiche Zeit zu schwingen bedürfen die Pendel unter dem Äquator eine
kleinste Länge Auch muss man noch die beständige Gleichheit des wirklichen
Fundamentalmaßes voraussetzen dh der Tagesdauer oder der Dauer einer
Achsendrehung der Erde und sogar der Ursache ihrer Schwere von anderen
Umständen nicht zu reden
5 Philalethes Indem wir bemerken wie die äußersten Grenzen entweder
durch gerade Linien welche bestimmte Winkel bilden oder durch krumme Linien
wobei man keinen bestimmten Winkel bemerken kann endigen bilden wir die
Vorstellung der Figur
Theophilus Eine Flächenfigur wird durch eine oder mehrere Linien begrenzt
aber die Figur eines Körpers kann ohne bestimmte Linien begrenzt werden wie
zB die einer Kugel Eine einzige gerade Linie oder ebene Fläche kann keinen
Raum einschließen oder eine Figur ausmachen Aber eine einzige Linie kann eine
Flächenfigur einschließen zB den Kreis das Oval ebenso wie eine einzige
krumme Oberfläche eine körperliche Figur umschließen kann wie die Kugel oder
das Sphaeroid Indessen können nicht allein mehrere gerade Linien oder ebene
Oberflächen sondern auch mehrere krumme Oberflächen zusammentreffen und sogar
miteinander Winkel bilden wenn die eine nicht die Tangente der anderen ist Es
ist nicht leicht von der Figur im allgemeinen nach dem Gebrauch der Geometer
die Definition zu geben Zu sagen sie sei ein begrenztes Ausgedehntes würde zu
allgemein sein denn eine gerade Linie zB wenngleich sie au beiden Enden
begrenzt ist ist keine Figur und selbst zwei gerade Linien können nicht eine
solche bilden Zu sagen sie sei ein durch ein Ausgedehntes begrenztes
Ausgedehntes ist nicht allgemein genug denn die gesamte Kugeloberfläche ist
eine Figur und dennoch ist sie nicht durch irgend ein Ausgedehntes begrenzt
Man kann ferner sagen dass die Figur ein solches begrenztes Ausgedehntes ist in
welchem es unendlich viel Wege von einem Punkte zum anderen gibt Dies umfasst
die ohne Begrenzungslinien endigenden Oberflächen welche die vorhergehende
Definition nicht umfasste und schließt die bloßen Linien aus weil es von einem
Punkte zum anderen bei einer Linie nur einen Weg oder doch eine bestimmte Anzahl
von Wegen gibt Aber noch besser wird es sein zu sagen dass die Figur ein
solches begrenztes Ausgedehntes ist welches einen ausgedehnten Schnitt zulässt
oder auch welches Breite hat ein Ausdruck von dem man bis jetzt auch noch
keine Definition gegeben hat
6 Philalethes Wenigstens sind alle Figuren nichts anderes als einfache
Modi des Raumes
Theophilus Die einfachen Modi wiederholen Ihrer Ansicht nach dieselbe
Vorstellung aber bei den Figuren kommt nicht immer die Wiederholung desselbigen
vor Die krummen sind von den geraden Linien und untereinander sehr verschieden
Somit weiß ich nicht wie die Definition des einfachen Modus hier passt
7 Philalethes Man muss unsere Definitionen nicht allzustreng nehmen
Gehen wir aber von der Figur auf den Ort über Wenn wir alle die Schachfiguren
auf denselben Geldern des Schachbrettes wiederfinden wo wir sie gelassen haben
so sagen wir dass sie alle an derselben Stelle sind obgleich das Schachbrett
selbst versetzt sein mag Wir sagen auch dass das Schachbrett an demselben Orte
steht falls es an derselben Stelle der Kajüte des Schiffes bleibt wenn auch
das Schiff weitergesegelt ist Man sagt auch dass das Schiff an demselben Orte
ist vorausgesetzt dass es dieselbe Entfernung hinsichts der benachbarten
Länderteile innehält wenn die Erde sich auch vielleicht gedreht hat
Theophilus Der Ort ist entweder ein besonderer wenn man ihn hinsichtlich
bestimmter Körper in Betracht zieht oder ein allgemeiner wenn er sich auf das
Ganze bezieht und hinsichtlich dessen alle Veränderungen in Bezug auf jeden
beliebigen Körper in Rechnung gezogen werden Und wenn es auch nichts Festes in
der Welt gäbe so würde der Ort eines jeden Dinges darum doch durch
Vernunftschluss bestimmt werden können wenn es möglich wäre alle Veränderungen
zu verzeichnen oder wenn das Gedächtnis eines Geschöpfes dazu genügen könnte
wie man sagt dass die Araber aus dem Gedächtnis und im Reiten Schach spielen
Auch was wir nicht begreifen können kann darum dennoch durch die Wahrheit der
Dinge bestimmt sein
15 Philalethes Wenn mich jemand fragt was der Raum ist so bin ich ihm
das zu sagen bereit wenn er mir erst sagt was die Ausdehnung ist
Theophilus Ich würde ebensogut zu sagen wissen was das Fieber oder irgend
eine andere Krankheit ist als ich glaube dass die Natur des Raumes klar ist
Ausdehnung ist das Abstraktum von Ausgedehnt Das Ausgedehnte ist aber ein
Zusammenhangendes dessen Teile koexistent sind oder zugleich da sind
17 Philalethes Wenn man fragt ob der Raum körperlos ist ob er Substanz
oder Akzidenz ist so antworte ich ohne Zögern dass ich davon nichts weiß
Theophilus Ich habe Ursache zu fürchten dass ich der Eitelkeit angeklagt
werde indem ich bestimmen will was Sie nicht zu wissen gestehen Aber man kann
mit Grund annehmen dass Sie davon mehr wissen als Sie sagen oder glauben
Einige haben geglaubt dass Gott der Ort der Dinge ist Dieser Ansicht waren
Lessius und Guericke wenn ich nicht irre aber dann enthält der Ort etwas mehr
als wir dem Raum zuschreiben dem wir jede Tätigkeit abzusprechen pflegen und
auf diese Weise ist er nicht mehr eine Substanz als die Zeit und wenn er Teile
hat kann er nicht Gott sein Er ist eine Beziehung eine Ordnung nicht allein
für die wirklichen sondern auch für die möglichen Dinge wie wenn sie wären
Aber seine Wahrheit und Wirklichkeit ist in Gott begründet wie alle die ewigen
Wahrheiten
Philalethes Ich stehe Ihrer Ansicht nicht fern und Sie kennen den Spruch
des h Paulus dass wir in Gott leben weben und sind So kann man den
verschiedenen Betrachtungsweisen gemäß sagen dass der Raum Gott ist und ebenso
kann man sagen dass er nur eine Ordnung oder Relation ist
Theophilus Das Beste wird also sein zu sagen dass der Raum eine Ordnung
Gott aber deren Quelle ist
19 Philalethes Um jedoch zu wissen ob der Raum eine Substanz ist müsste
man wissen worin die Natur der Substanz im allgemeinen besteht Aber das hat
seine Schwierigkeit Wenn Gott die endlichen Geister und die Körper gemeinsam
an demselben Wesen der Substanz teilnehmen folgt daraus nicht dass sie nur
durch die verschiedene Modifikation dieser Substanz sich voneinander
unterscheiden
Theophilus Wenn diese Folgerung gälte so würde auch daraus folgen dass
Gott die endlichen Geister und die Körper da sie gemeinschaftlich an demselben
Wesen des Seins teilnehmen nur durch die verschiedene Modifikation dieses Seins
sich voneinander unterscheiden
19 Philalethes Diejenigen welche zuerst darauf gekommen sind die
Akzidenzien als eine Art realer Wesen zu betrachten welche eines Dinges
bedürfen dem sie verknüpft sein müssen sind gezwungen gewesen das Wort
Substanz zu ermüden um den Akzidenzien als Stütze zu dienen
Theophilus Glauben Sie also dass die Akzidenzien ohne Substanz bestehen
könnend Oder wollen Sie dass sie keine realen Wesen sein sollen Es scheint dass
Sie sich ohne Grund Schwierigkeiten machen auch habe ich schon darüber bemerkt
dass die Substanzen oder Concreta eher als die Akzidenzien oder Abstracta
begriffen werden
Philalethes Die Worte Substanz und Akzidenz sind meiner Ansicht nach in der
Philosophie von geringem Nutzen
Theophilus Ich gestehe anderer Meinung zu sein und glaube dass die
Betrachtung der Substanz einer der bedeutendsten und fruchtbarsten Punkte der
Philosophie ist
21 Philalethes Wir haben jetzt von der Substanz nur gelegentlich der
Frage gesprochen ob der Raum eine Substanz ist Aber es genügt hier dass er
kein Körper ist Auch wird niemand wagen den Körper unendlich zu machen wie
den Raum
Theophilus Descartes und seine Anhänger haben gleichwohl erklärt dass die
Substanz keine Schranken hat indem sie die Welt unbestimmt unendlich machten
dergestalt dass es uns nicht möglich sei ihre äußersten Grenzen zu begreifen
Sie haben auch den Ausdruck unendlich mit einigem Grunde in unbestimmt
unendlich verändert denn es gibt niemals ein unendliches Ganze in der Welt
obgleich es darin immer bis ins Unendliche Ganze gibt von denen das eine größer
ist als das andere Sogar das Universum kann nicht für ein Ganzes gelten wie
ich anderswo gezeigt habe
Philalethes Diejenigen welche die Materie und das Ausgedehnte für ein und
dasselbe nehmen behaupten dass die inneren Wände eines leeren hohlen Körpers
sich berühren müssten Der Raum aber zwischen zwei Körpern genügt um ihre
gegenseitige Berührung zu verhindern
Theophilus Ich bin Ihrer Meinung denn obwohl ich keinen leeren Raum
zugebe unterscheide ich doch die Materie von der Ausdehnung und gestehe dass
wenn es in einer Kugel einen leeren Raum gäbe die entgegengesetzten Pole in der
Höhlung sich dann doch nicht berühren würden Ich glaube aber dass dies kein
Fall ist den die göttliche Vollkommenheit zulässt
23 Philalethes Dennoch scheint die Bewegung den leeren Raum zu beweisen
Wenn der geringste Teil des geteilten Körpers so groß ist wie ein Senfkorn so
muss es einen leeren der Größe eines Senfkornes gleichen leeren Raum geben um
zu bewirken dass die Teile dieses Körpers zu freier Bewegung Platz haben Es
würde sich ebenso verhalten wenn die Teile der Materie hundertmillionenmal
kleiner wären
Theophilus Wenn die Welt voll harter Körperchen wäre die nicht nachgeben
noch geteilt werden könnten wie man die Atome beschreibt so würde es
allerdings unmöglich sein dass Bewegung stattfände Aber es gibt in Wahrheit
keine ursprüngliche Härter im Gegenteil ist die Flüssigkeit ursprünglich und
teilen die Körper sich nach Bedürfnis wenn nichts ist was sie daran hindert
Dieser Umstand raubt dem von der Bewegung hergenommenen Argument für den leeren
Raum jede Bedeutung
10 Philalethes Der Ausdehnung entspricht die Dauer Und einen Teil der
Dauer in dem wir keine Abfolge von Vorstellungen bemerken nennen wir einen
Augenblick
Theophilus Diese Definition des Augenblicks muss wie ich glaube von dem
volkstümlichen Begriff verstanden werden wie die welche der gemeine Mann vom
Punkt hat Denn streng genommen sind Punkt und Augenblick keine Teile von Raum
und Zeit und haben ebensowenig Teile Es sind nur äußerste Grenzen
16 Philalethes Nicht die Bewegung sondern eine beständige Reihenfolge
von Vorstellungen gibt uns die Vorstellung der Dauer
Theophilus Eine Reihenfolge von Wahrnehmungen erweckt in uns die
Vorstellung der Dauer bringt sie aber nicht hervor Unsere Wahrnehmungen haben
niemals eine so beständige und regelmäßige Folge um der der Zeit zu
entsprechen welche ein einförmiges einfaches Kontinuum ist wie eine gerade
Linie Die Veränderung der Vorstellungen gibt uns Gelegenheit an die Zeit zu
denken und man misst sie durch gleichmäßige Veränderungen aber wenn es auch
nichts Gleichmäßiges in der Natur gäbe so würde die Zeit dann doch bestimmt
sein wie der Ort darum nicht weniger bestimmt sein würde wenn es keinen festen
oder unbeweglichen Körper gäbe Der Grund ist dass wenn man die Gesetze der
ungleichmäßigen Bewegungen kennt man dieselben immer auf denkbare gleichmäßige
Bewegungen zurückbringen und mittels dessen voraussehen kann was durch die
verschiedenen miteinander verbundenen Bewegungen herauskommen wird In diesem
Sinne ist denn auch die Zeit das Maß der Bewegung dh die gleichmäßige
Bewegung ist das Maß der ungleichmäßigen
21 Philalethes Man kann nicht auf sichere Weise erkennen dass zwei
Zeitteile an Dauer einander gleich sind und man muss gestehen dass die
Beobachtungen nur auf das Ungefähre gehen können Nach genauer Untersuchung hat
man entdeckt dass in den täglichen Sonnenumläufen Unregelmäßigkeit vorkommt und
wir gewissen nicht ob nicht die jährlichen Umläufe auch ungleich sind
Theophilus Der Pendel hat die Ungleichheit der Tage von einem Mittag zum
anderen sinnlich bemerkbar und sichtbar gemacht solem dicere falsum audet Man
wusste es allerdings schon und auch dass diese Ungleichheit ihre Regeln habe Was
den jährlichen Umlauf anbetrifft welcher die Ungleichheiten der Sonnentage
ausgleicht so könnte er in der Folgezeit wechseln Die Umwälzung der Erde um
ihre Achse die man gewöhnlich dem Primum mobile zuschreibt ist bis jetzt unser
bestes Maß und die Uhren und Zeiger dienen dazu sie einzuteilen Indessen kann
selbst auch diese tägliche Umwälzung der Erde in der Folgezeit wechseln und
wenn irgend eine Pyramide lange genug dauern könnte oder wenn man deren wieder
neue baute so könnte man es bemerken indem man darauf die Länge der Pendel
aufbewahrte von denen eine bekannte Zahl von Schwingungen jetzt während dieser
Umwälzung stattfindet man würde auch einigermaßen die Veränderung erkennen
indem man diese Umwälzung mit anderen vergliche wie mit dem Umlauf der
Jupitertrabanten denn es scheint unwahrscheinlich dass wenn in den einen oder
in den anderen Veränderung vorkommt diese stets proportional sein werde
Philalethes Unser Zeitmaß würde richtiger sein wenn man einmal einen
vergangenen Tag aufbewahren könnte um ihn mit den zukünftigen Tagen zu
vergleichen wie Man die räumlichen Maße aufbewahrt
Theophilus Statt dessen sind wir aber darauf angewiesen die Körper
aufzubewahren und zu beobachten die ihre Bewegungen in einer ungefähr gleichen
Zeit vollziehen Auch werden wir nicht behaupten können dass ein räumliches Maß
wie zB eine Elle welche man in Holz oder Metall aufbewahrt vollkommen
dieselbe bleibe
22 Philalethes Da nun alle Menschen die Zeit sichtbarlich durch die
Bewegung der himmlischen Körper wessen ist es gar seltsam dass man die Zeit als
Maß der Bewegung zu definieren nicht aufhört
Theophilus Ich sagte eben 16 wie das verstanden werden muss Allerdings
sagt Aristoteles dass die Zeit die Zahl und nicht das Maß der Bewegung ist Und
Man kann in der Tat behaupten dass die Dauer durch die Zahl der periodischen
gleichen Bewegungen erkannt wird von denen eine anfängt wenn die andere
schließt zB durch so und so viel Umläufe der Erde oder der Gestirne
24 Philalethes Indessen antizipiert man hinsichts dieser Umläufe und
sagen dass Abraham im Jahre 2712 der Julianischen Periode geboren wurde heißt
ebenso unverständlich sprechen als wenn man vom Beginn der Welt an rechnen
wollte obschon man voraussetzt dass die Julianische Periode mehrere hundert
Jahre eher angefangen hat als es durch irgend einen Sonnenumlauf bezeichnete
Tage Nächte oder Jahre gab
Theophilus Diese Leere welche man in der Zeit denken kann zeigt wie die
des Raumes dass Zeit und Raum ebensogut auf das Mögliche als auf das Wirkliche
gehen Übrigens ist von allen chronologischen Methoden die die Jahre seit dem
Anfang der Welt zu rechnen die ungeeignetste wäre es auch nur wegen des
starken Widerspruchs zwischen den Septuaginta und dem hebräischen Texte anderer
Gründe nicht zu gedenken
26 Philalethes Man kann den Anfang der Bewegung denken obgleich man den
der Dauer dieselbe in ihrer ganzen Ausdehnung genommen nicht begreifen kann
Ebenso kann man dem Körper Grenzen geben aber nicht ebenso hinsichtlich des
Raumes verfahren
Theophilus Darum weil wie ich eben bemerkt habe die Zeit und der Raum
Möglichkeiten über die Annahme von Wirklichkeiten hinaus zeigen Die Zeit und
der Raum haben die Natur ewiger Wahrheiten welche sich ebensowohl auf das
Mögliche wie auf das Wirkliche beziehen
27 Philalethes In der Tat stammt die Vorstellung Zeit und die der
Ewigkeit aus derselben Quelle denn wir können in unserem Geiste bestimmte
Längen der Zeitdauer soviel es uns gefällt aneinanderfügen
Theophilus Aber um den Begriff der Ewigkeit daraus zu ziehen muss man
ferner bedenken dass derselbe Grund immer bleibt um weiter zu gehen Diese
Erwägung der Gründe vollendet den Begriff des Unendlichen oder des
UnbestimmtUnendlichen in dem mögliche fortschreiten Die Sinne allein also
können nicht genügen um die Bildung dieser Begriffe zu bewerkstelligen Und im
Grunde kann man sagen dass die Vorstellung des Absoluten in der Natur der Dinge
der der hinzugefügten Schranken vorausgeht Aber wir bemerken die erstere nur
indem wir mit dem beginnen was beschränkt ist und uns in die Sinne fällt
4 Philalethes Man lässt leichter eine unendliche Zeitdauer zu als eine
unendliche Ausdehnung des Raumes weil wir eine unendliche Dauer in Gott denken
und Ausdehnung nur der Materie die endlich ist zuschreiben die Räume
außerhalb des Weltalls aber als bloß eingebildete betrachten Aber 2 Salomon
scheint andere Gedanken zu haben indem er von Gott redend sagt Die Himmel und
die Himmel der Himmel fassen dich nicht und ich für meinen Teil glaube dass
sich derjenige eine zu hohe Vorstellung von der Fassungsgabe seines eigenen
Verstandes macht welcher sich einbildet mit seinen Gedanken weiter gehen zu
können als an den Ort wo Gott ist
Theophilus Wenn Gott ausgedehnt wäre würde er Teile haben Aber die Dauer
gibt nur seinen Wirkungen Teile Indessen muss man ihm rücksichtlich des Raumes
die Unmöglichkeit zuschreiben welche auch den unmittelbaren Wirkungen Gottes
Teile und Ordnungen gibt Er ist die Quelle der Möglichkeiten wie der
Wirklichkeiten der einen durch sein Wesen und der anderen durch seinen Willen
So hat der Raum wie die Zeit ihre Wirklichkeit nur von ihm und er kann das
Leere nach seinem Belieben ausfüllen In dieser Hinsicht ist er also überall
11 Philalethes Wir wissen nicht welche Beziehungen die Geister zu dem
Raum haben noch wie sie daran teilnehmen Wir wissen aber dass sie an der Dauer
teilnehmen
Theophilus Alle endlichen Geister sind immer mit irgend einem organischen
Körper verbunden und stellen die übrigen Körper durch Beziehung zu den ihrigen
dar So ist ihre Beziehung zum Raum ebenso offenbar als die der Körper
Übrigens möchte ich ehe wir diesen Gegenstand verlassen eine Vergleichung der
Zeit und des Orts zu den von Ihnen gegebenen hinzufügen dass man nämlich wenn
es im Raum ein Leeres gäbe wie zB wenn eine Kugel innerlich hohl wäre man
die Größe davon bestimmen könnte aber wenn es in der Zeit eine Leere gäbe dh
eine Dauer ohne Veränderungen deren Länge zu bestimmen unmöglich sein würde
Deshalb kann man denjenigen widerlegen welcher sagen würde dass zwei Körper
zwischen denen es eine Leere gibt sich berühren denn zwei einander
entgegengesetzte Pole einer leeren Kugel können sich nicht berühren das
verbietet die Geometrie man würde aber denjenigen nicht widerlegen können
welcher sagte dass zwei Welten von denen die eine nach der anderen ist sich
hinsichtlich der Dauer berühren dergestalt dass die eine notwendig beginnt
wann die andere endet ohne dass es dabei einen Zwischenraum gibt Man würde ihn
nicht widerlegen können sage ich weil dieser Zwischenraum sich nicht bestimmen
lässt Wenn der Raum nur eine Linie und der Körper unbeweglich wäre so würde es
ebensowenig möglich sein die Länge des leeren Raumes zwischen zwei Körpern zu
bestimmen
4 Philalethes Bei den Zahlen sind die Vorstellungen bestimmter und eher
zur Unterscheidung voneinander geeignet als bei der Ausdehnung wo man nicht
jede Gleichheit oder Ungleichheit der Größe so leicht wie bei den Zahlen
beobachten oder messen kann aus dem Grunde dass wir im Raum durch das Denken
nicht bis zu einer bestimmten geringen Größe gelangen können über welche wir
nicht hinausgehen könnten wie die Einheit in der Zahl eine solche ist
Theophilus Das muss von den ganzen Zahlen verstanden werden Denn sonst ist
die Zahl in ihrer ganzen Ausdehnung gefasst mit Einschluss der irrationalen
gebrochenen und transzendenten und allem was sich als zwischen zwei ganzen
Zahlen liegend auffassen lässt der Linie proportional und findet dabei
ebensowenig ein Kleinstes statt wie im Kontinuierlichen Auch gilt jene
Definition dass die Zahl eine Menge Einheiten ist nur für die ganzen Die
genaue Unterscheidung der Vorstellungen in der Ausdehnung besteht nur in der
Größe denn um die Größe bestimmt zu erkennen muss man auf die ganzen Zahlen
oder zu den anderen zurückgehen welche man mittels der ganzen erkannt hat wie
man von der kontinuierlichen Größe zur diskreten seine Zuflucht nehmen muss um
eine deutliche Erkenntnis der Größe zu erlangen Die Modifikationen der
Ausdehnung können also wenn man sich nicht der Zahlen bedient nur durch die
Gestalt unterschieden werden wenn man dabei dies Wort so allgemein nimmt dass
es alles das bezeichnet was bewirkt dass zwei ausgedehnte Dinge nicht einander
gleich sind
5 Philalethes Wenn man die Vorstellung der Einheit wiederholt und zu
einer Einheit eine andere fügt so machen wir daraus eine Kollektivvorstellung
welche wir zwei nennen Und wer dies tun und immer eins weiter bis zur letzten
Kollektivvorstellung gehen kann welcher er einen besonderen Namen gibt kann
zählen solange es eine Folge von Namen gibt und er Gedächtnis genug hat um
dieselbe zu behalten
Theophilus Auf diese Art allein wird man nicht weit kommen Denn das
Gedächtnis würde zu sehr beschwert werden wenn man für jede Zuzählung einer
neuen Einheit einen ganz neuen Namen behalten müsste Daher ist eine gewisse
Ordnung und eine bestimmte Wiederholung in diesen Namen nötig indem man einer
bestimmten Progression gemäß wieder von neuem anfängt
Philalethes Die verschiedenen Modi der Zahlen sind keiner anderen
Verschiedenheit fähig als der des Mehr oder Weniger darum sind es einfache
Modi wie die der Ausdehnung
Theophilus Das kann man von der Zeit und von der geraden Linie sagen aber
keineswegs von den Figuren und noch weniger von den Zahlen die nicht allein an
Größe verschieden sondern auch einander unähnlich sind Eine gerade Zahl kann
in zwei gleiche geteilt werden aber nicht eine ungerade Drei und sechs sind
Dreieckszahlen vier und neun sind Quadratzahlen acht ist eine Kubikzahl usw
und das gilt von den Zahlen noch mehr als bei den Figuren denn zwei ungleiche
Figuren können einander vollkommen ähnlich sein niemals aber zwei ungleiche
Zahlen Aber ich wundere mich nicht dass man sich so oft darüber tuscht weil
man gewöhnlich keine deutliche Vorstellung von dem hat was ähnlich und
unähnlich ist Sie sehen also dass Ihre Vorstellung oder Ihre Anwendung der
einfachen und gemischten Modifikationen einer bedeutenden Abänderung bedarf
6 Philalethes Sie haben recht zu bemerken dass es gut sei den Zahlen
Eigennamen zu geben um sie zu behalten Ich halte es also für passend dass man
beim Zählen statt Million mal Million zu sagen der Abkürzung wegen Billion
sage und statt Million mal Million mal Million oder Million mal Billion
Trillion sage und so fort bis zur Nonillion denn beim Gebrauch der Zahlen
weiter zu gehen hat man nicht nötig
Theophilus Diese Bezeichnungen sind ganz gut Wenn x 10 ist so wäre eine
Million x6 eine Billion x12 eine Trillion x18 usw und eine Nonillion x
54
1 Philalethes Einer der wichtigsten Begriffe ist der des Endlichen und
des Unendlichen welche als Modi der Größe betrachtet werden
Theophilus Eigentlich zu sprechen gibt es allerdings eine Unendlichkeit
von Dingen dh stets mehr als man bezeichnen kann Aber es gibt keine
unendliche Zahl noch Linie noch irgend eine andere unendliche Menge wenn man
sie für wirkliche Ganze nimmt wie leicht zu zeigen ist Das haben die Schulen
sagen wollen oder sollen indem sie ein syncategorematisches Unendliches wie
sie sich ausdrücken zuließen Das wahre Unendliche ist strenggenommen nur im
Absoluten welches jeder Zusammensetzung vorausgeht und nicht durch
Zusammenfügen von Teilen gebildet ist
Philalethes Wenn wir unsere Vorstellung des Unendlichen auf das erste
Seiende anwenden so tun wir es gewöhnlich in Hinsicht auf seine Dauer und seine
Allgegenwart und figürlicher hinsichtlich seiner Macht Weisheit Güte und
seiner übrigen Attributs
Theophilus Nicht figürlicher sondern weniger unmittelbar weil die anderen
Attribute ihre Größe durch die Beziehung zu denen erkennbar machen bei denen
die Inbetrachtnahme der Teile stattfindet
2 Philalethes Ich nahm es für ausgemacht dass der Geist das Endliche und
das Unendliche als Modifikationen der Ausdehnung und der Dauer betrachtet
Theophilus Ich finde nicht dass dies ausgemacht wäre Die Inbetrachtnahme
des Endlichen und des Unendlichen findet überall da statt wo es Größe und Menge
gibt Auch ist das wahrhafte Unendliche keine Modifikation es ist das Absoluter
dagegen so wie man modifiziert beschränkt man sich oder bildet ein Endliches
3 Philalethes Wir haben geglaubt dass da die Macht des Geistes seine
Vorstellung des Raumes durch neue Zusätze ohne Ende auszudehnen immer dieselbe
ist er die Vorstellung des unendlichen Raumes daher entlehnt
Theophilus Man tut wohl dabei hinzuzufügen dass dies der Fall ist weil
man sieht dass dasselbe Verhältnis immer bleibt Nehmen wir eine gerade Linie
und verlängern wir sie dergestalt dass sie das Doppelte von der ersten ist so
ist klar dass die zweite welche der ersten vollkommen gleich ist ebenso
verdoppelt werden kann um eine dritte zu haben welche auch den früheren gleich
ist und da dasselbe Verhältnis immer statt hat so wird man unmöglich jemals
aufgehaltene es kann also die Linie bis ins Unendliche dergestalt verlängert
werden dass die Anschauung des Unendlichen aus der der Ähnlichkeit oder des
nämlichen Verhältnisses entspringt und ihr Ursprung derselbe ist wie der der
allgemeinen und notwendigen Wahrheiten Dies zeigt dass dasjenige welche dem
Begreifen dieser Vorstellung Vollzug gibt sich in uns findet und aus
Sinneserfahrungen nicht kommen kann ganz so wie die notwendigen Wahrheiten
weder durch Induktion noch durch Sinnlichkeit bewiesen werden können Die
Vorstellung des Absoluten ist innerlich in uns wie die des Seins Diese
Bestimmungen des Absoluten sind nichts anderes als die Attribute Götter und man
kann sagen dass sie nicht weniger die Quelle der Vorstellungen sind als Gott
selbst das Prinzip der Wesen ist Die Vorstellung des Absoluten hinsichtlich des
Raumes ist nichts anderes als die der Unermesslichkeit Gottes und so der
anderen Aber man täuscht sich wenn man sich einen absoluten Raum in der
Einbildung vorstellen will der ein aus Teilen zusammengesetztes unendliches
Ganze sein soll So etwas gibt nicht Es ist das ein Begriff der in sich
widersprechend ist und jene unendlichen Ganzheiten und ihr Gegenteil die
unendlichen Kleinheiten haben nur in der mathematischen Berechnung Sinn ganz
wie die eingebildeten Wurzeln der Algebra
6 Philalethes Man erkennt auch die Größe ohne in derselben Teile außer
den Teilen anzunehmen Wenn ich meiner vollkommensten Vorstellung vom
blendendsten Weiß eine andere von gleichem nicht minder lebhaftem Weiß
hinzufüge denn ich kann derselben nicht die Vorstellung eines mehr Weißen als
dessen wovon ich schon die Vorstellung habe hinzufügen da ich das schon als
das blendendste voraussetze was ich wirklich vorzustellen vermag so vermehrt
oder vergrößert dies meine Vorstellung in keiner Weiser man nennt darum die
verschiedenen Vorstellungen des Weißen Grade
Theophilus Ich verstehe nicht die Beweiskraft dieser Betrachtung denn es
hindert doch nichts dass man die Wahrnehmung einer noch blendenderen Weiße
empfangen mag als die welche man wirklich hat Die wahre Ursache warum man
Grund zu glauben hat dass die Weiße nicht bis ins Unendliche gesteigert werden
kann ist dass es keine ursprüngliche Eigenschaft ist indem die Sinne nur eine
verwirrte Erkenntnis davon geben und man wenn man eine deutliche davon haben
würde sehen würde dass sie von der Struktur der Körper stammt und sich auf die
des Sehorgans beschränkt Hinsichtlich der ursprünglichen oder deutlich
erkennbaren Eigenschaften sieht man aber dass man mitunter bis zum Unendlichen
nicht nur da gehen kann wo Ausdehnung Extension stattfindet oder wenn Sie
wollen Ausbreitung Diffusion oder das was die Schule partes extra partes
nennt Teile außer den Teilen wie bei der Zeit und dem Orte sondern auch da
wo Intension ist oder Grade sind wie zB hinsichtlich der Schnelligkeit
8 Philalethes Wir haben nicht die Vorstellung eines unendlichen Raumes
und nichts ist klarer als der Widersinn einer wirklichen Vorstellung einer
unendlichen Zahl
Theophilus Ich bin derselben Ansicht Aber das ist nicht der Fall weil man
nicht die Vorstellung des Unendlichen haben kann sondern weil ein Unendliches
nicht ein wahres Ganze sein kann
16 Philalethes Aus dem nämlichen Grunde haben wir also keine positive
Vorstellung einer unendlichen Dauer oder der Ewigkeit ebensowenig wie der
Unermesslichkeit
Theophilus Ich glaube dass wir die positive Vorstellung der einen und der
anderen haben und dass diese Vorstellung wahr ist falls man sie nicht als ein
unendliches Ganze versteht sondern als ein absolutes oder schrankenloses
Attribut welches sich hinsichtlich der Ewigkeit in der Notwendigkeit des
Daseins Gottes findet ohne dass man darin Teile wahrnimmt oder den Begriff davon
durch eine Zusammenzählung der Zeiten bildet Man sieht daraus auch wie ich
schon gesagt habe dass der Ursprung des Begriffs des Unendlichen aus derselben
Quelle stammt wie der der notwendigen Wahrheiten
Philalethes Es gibt noch viele einfache Modi welche aus einfachen
Vorstellungen gebildet werden Solcher Art sind 2 die Modi der Bewegung
wie gleiten rollen die der Töne 3 welche durch die Noten und Melodien
modifiziert werden wie die darben durch die Grade ohne von den Geschmäcken und
Gerüchen zu sprechen 6 Es gibt dabei ebensowenig immer bestimmte Maße und
Namen wie bei den zusammengesetzten Modi 7 weil man sich nach dem
Gebrauche richtet Wir werden weiter davon sprechen wenn wir zu den Worten
kommen werden
Theophilus Die meisten Modi sind nicht so einfach und könnten unter die
zusammengesetzten gerechnet werden zB um zu erklären was gleiten oder rollen
ist muss man außer der Bewegung noch den Widerstand der Oberfläche in Betracht
ziehen
1 Philalethes Von den aus den Sinnen stammenden Modi wollen wir zu denen
übergehen welche die Region uns gibt Die Sinnlichkeit ist sozusagen der
wirkliche Eingang der Vorstellung in den Verstand mittels der Sinne Wenn
dieselbe Vorstellung in den Geist zurückkehrt ohne dass der äußere Gegenstand
der sie zuerst entstehen ließ auf unsere Sinne wirkt so heißt dieser Akt des
Geistes Wiedererinnerung wenn der Geist sie sich zurückzurufen sucht und
endlich nach einiger Anstrengung sie findet und sich vergegenwärtigt so ist
das Sich auf etwas besinnen Wenn der Geist lange mit Aufmerksamkeit die
Vorstellung verfolgt so ist das Betrachtung Kontemplation wenn die
Vorstellung welche wir im Geiste haben daselbst sozusagen schwankt ohne dass
der Verstand darauf merkt so kann man das Träumen nennen Wenn er auf die
Vorstellungen reflektiert die sich von selbst darbieten und man sie im
Gedächtnis sozusagen einregistriert so ist das Aufmerksamkeit und wenn der
Geist sich auf eine Idee mit viel Nachdenken vertieft so dass er sie von allen
Seiten betrachtet und sich nicht von ihr wenden will trotzdem dass andere
Vorstellungen ihm in die Quere kommen so nennt man das Studium oder Anspannung
des Geistes Der von keinem Traum begleitete Schlaf ist ein Auf hören von diesem
allem und träumen heißt Vorstellungen im Geiste haben während die äußeren
Sinne verschlossen sind so dass sie den Eindruck der äußeren Gegenstände nicht
mit derjenigen Lebhaftigkeit empfangen welche ihnen gewöhnlich ist Träumen
ist sage ich Vorstellungen haben ohne dass sie durch irgend einen Gegenstand
von außen oder durch irgend eine bekannte Veranlassung dargeboten und ohne dass
sie vom Verstand gewählt oder in irgend einer Weise bestimmt worden sind Was
die sogenannte Ekstase anbetrifft so überlasse ich anderen darüber zu
urteilen wenn es nicht etwa ein Träumen mit offenen Augen ist
Theophilus Es ist wichtig diese Begriffe klar zu machen und ich will dazu
beizutragen versuchen Ich sage also Sinnliche Wahrnehmung ist wenn man eines
äußeren Gegenstandes sich bewusst wird die Wiedererinnerung aber ist die
Wiederholung davon ohne dass der Gegenstand wiederkehrte wenn man aber weiß dass
man sie gehabt hat so ist es Angedenken Man nimmt gewöhnlich das Sichbesinnen
in einem anderen als in dem von Ihnen aufgestellten Sinne nämlich für einen
Zustand wo man sich von Handlungen fernhält um sich mit Nachdenken zu
beschäftigen Da es aber soviel ich weiß kein Wort gibt das mit Ihrem
Begriffe übereinstimmt so könnte man das von Ihnen angewandte dazu gebrauchen
Wir haben auf diejenigen Gegenstände Aufmerksamkeit welche wir von den übrigen
unterscheiden und ihnen vorziehen Wenn die Aufmerksamkeit im Geiste andauert
mag nun der äußere Gegenstand verharren oder nicht und gleichviel ob er selbst
vorhanden sein mag oder nicht so heißt das Betrachtung welche wenn sie zur
bloßen Erkenntnis ohne Beziehung zum handeln strebt Kontemplation heißen mag
Diejenige Aufmerksamkeit deren Zweck ist zu lernen dh Erkenntnisse zu
erwerben um sie zu behalten heißt Studium Betrachtung um irgend einen
Entwurf zu bilden heißt Nachdenken Meditieren aber Träumen scheint nichts
anderes zu sein als gewissen bedanken des Vergnügens wegen das man an ihnen
hat nachgehen ohne einen anderen Zweck dabei zu haben Damm kann das Träumen
zur Narrheit führen man vergisst sich vergisst das dic cur hic gelangt an
Traumbilder und Chimären und baut Luftschlösser Wir können die Träume von den
sinnlichen Empfindungen nur dadurch unterscheiden dass sie mit ihnen nicht
verbunden sind sondern eine besondere Welt für sich bilden Der Schlaf ist ein
Aufhören sinnlicher Empfindungen und auf diese Weise ist die Ekstase ein sehr
tiefer Schlaf aus dem man nur mühsam geweckt werden kann und der aus einer
vorübergehenden inneren Ursache stammt Dies wird hinzugefügt um dadurch jenen
tiefen Schlaf auszuschließen der von einem narkotischen Mittel oder irgend
einer dauernden Verletzung der Lebensverrichtungen herkommt wie es in der
Lethargie der Fall ist Die Ekstasen sind mitunter von Gesichtern begleitet aber
deren gibt es auch ohne Ekstase und das Gesicht ist wie es scheint nichts
anderes als ein Traum welcher für eine sinnliche Wahrnehmung gilt als ob er
uns wahrhaftige Gegenstände darstellte Und wenn diese Gesichte göttliche sind
so ist in der Tat Wahrheit darin enthalten was erkannt werden kann wenn sie
zB ins einzelne eingehende Weissagungen enthalten welche der Ausgang
bestätigt
4 Philalethes Aus den verschiedenen Graden der Anspannung oder
Abspannung des Geistes folgt dass der Gedanke die Handlung und nicht die
Wesenheit der Seele ist
Theophilus Zweifelsohne ist der Gedanke eine Handlung und kann nicht das
Wesen sein aber er ist eine wesentliche Handlung und alle Substanzen haben
dergleichen Ich habe vorhin gezeigt dass wir immer eine Unendlichkeit von
schwachen Wahrnehmungen haben ohne uns derselben bewusst zu sein Wir sind
niemals ohne Wahrnehmungen aber wir sind notwendigerweise oft ohne Bewusstsein
derselben wenn wir nämlich nicht deutlich hervortretende Wahrnehmungen haben
Aus mangelnder Erwägung dieses wichtigen Punktes hat eine mattherzige und ebenso
unedle wie oberflächliche Philosophie bei so vielen wackeren Geistern dazu
geführt dass wir bisher fast nichts von dem Allerbesten was es in den Seelen
gibt gewusst haben Dies ist auch der Grund dass man in jenem Irrtum welcher
die Vergänglichkeit der Seelen lehrt so viele Wahrscheinlichkeit gefunden hat
1 Philalethes Ebenso wie die Empfindungen des Körpers sind auch die
Gedanken des Geistes entweder dem Gefühle gleichgültig oder aber von Lust oder
Schmerz begleitet Die Vorstellungen davon kann man ebensowenig als alle anderen
einfachen Vorstellungen beschreiben noch eine Definition der Ausdrücke geben
deren man sich zu ihrer Bezeichnung bedient
Theophilus Ich glaube es gibt keine Wahrnehmungen welche uns ganz und gar
gleichgültig sind aber es ist genug dass um sie so nennen zu können ihre
Wirkung nicht merkbar sei denn die Lust oder der Schmerz scheint in einer
merkbaren Hilfe oder in einem merkbaren Hindernis zu bestehen Ich gebe zu dass
diese Definition keine nominale ist und man auch keine solche geben kann
2 Philalethes Gut ist dasjenige welches in uns Lust hervorzubringen und
zu vermehren oder Schmerz zu vermindern und abzukürzen dient Schlimm ist das
was den Schmerz in uns hervorzurufen oder zu vermehren oder eine Lust zu
vermindern dient
Theophilus Ich bin auch dieser Meinung Man teilt das Gute in das Ehrbare
Angenehme und Nützliche ein aber im Grunde glaube ich dass es entweder selbst
angenehm sein oder zu etwas anderem dienen müsse was uns eine angenehme
Empfindung verleihen kann dh das Gute ist das Angenehme oder Nützliche und
das ehrbare selbst besteht in einer Lust des Geistes
4 5 Philalethes Von der Lust und dem Schmerz stammen die
Leidenschaften Liebe hat man zu dem was Lust hervorbringen kann und der
Gedanke der Unlust oder des Schmerzes welchen eine gegenwärtige oder abwesende
Ursache hervorrufen kann ist der Hass Aber derjenige Hass und diejenige Liebe
die sich auf des Glückes oder des Unglücks fähige Wesen beziehen sind oft eine
Lust oder eine Befriedigung die wir in uns selbst als durch die Betrachtung
ihres Daseins oder des Glückes das sie genießen in uns entstanden fühlen
Theophilus Auch ich habe fast dieselbe Definition der Liebe gegeben als
ich in der Vorrede meines Codex juris gentium diplomaticus die Grundsätze der
Gerechtigkeit erläuterte nämlich dass Lieben sei getrieben werden an der
Vollkommenheit dem Wohl oder Glück des geliebten Gegenstandes Lust zu haben
Und deshalb erwägt und verlangt man in der Liebe keine andere eigene Lust als
die welche man in dem Wohlsein oder der Lust dessen was man liebt findet
aber in diesem Sinne lieben wir das was der Lust oder des Glückes unfähig ist
eigentlich nicht und genießen Dinge dieser Art ohne sie darum zu lieben es sei
denn durch eine phantastische Personifizierung und wie wenn wir uns
einbildeten dass sie selbst ihrer Vollkommenheit genießen Es ist also
eigentlich nicht Liebe wenn man sagt dass man ein schönes Gemälde um der Lust
willen liebt welche man beim Empfinden seiner Vollkommenheiten erfährt Es ist
aber erlaubt den Sinn der Ausdrücke zu erweitern und der Gebrauch ist darin
wandelbar Die Philosophen und selbst die Theologen unterscheiden auch zwei
Gattungen der Liebe nämlich diejenige Liebe welche sie die der Begehrlichkeit
nennen die nichts anderes ist als das Bestreben oder das Gefühl für alles das
was uns Lust verschafft ohne dass wir uns darum bekümmern ob es seihst deren
empfängt und die Liebe des Wohlwollens welche das Gefühl für dasjenige ist
das uns durch seine Lust oder sein Glück Lust und Glück gewährt Die erstere
lässt uns unsere Lust die zweite die des anderen im Auge halten jedoch so dass
sie die unsrige macht oder vielmehr ausmachte denn wenn sie nicht in irgend
einer Art auf uns zurückginge würden wir uns nicht dafür interessieren können
da sage man was man wolle es unmöglich ist sich von seinem eigenen Wohlsein
loszulösen Auf diese Weise aber muss man die uneigennützige und nicht nach
Lohnhaschende Liebe verstehen um ihren Adel wohl zu begreifen und dennoch nicht
auf Chimären zu verfallen
6 Philalethes Das Unbehagen auf Englisch uneasiness welches jemand
in sich wegen des Mangels eines Dinges das ihm Lust erwecken würde wenn es
gegenwärtig wäre empfindet wird das Verlangen genannt Dieses Unbehagen ist
der erste um nicht zu sagen einzige Antrieb welcher den Fleiß und die
Tätigkeit der Menschen aufstachelte denn welches Gut man auch immer dem Menschen
vorhalten mag wenn die Abwesenheit desselben weder von Unlust noch von Schmerz
begleitet ist und derjenige welcher desselben beraubt ist ohne es zu
besitzen zufrieden sein und sich wohlbefinden kann so wird er auch nicht
danach verlangen und noch weniger Anstrengungen machen um es zu genießen Er
empfindet für diese Art von Gut nur eine bloße Willensneigung welchen Ausdruck
man angewendet hat um den untersten Grad des Verlangens auszudrücken der sich
demjenigen Zustand am meisten nähert in welchem sich die Seele hinsichtlich
eines ihr gänzlich gleichgültigen Dinges befindet wenn die Unlust über die
Abwesenheit eines Dinges so unbedeutend ist dass sie nur zu schwachen Wünschen
führt ohne zu veranlassen sich der Mittel es zu erhalten zu bedienen Das
Verlangen ist noch tot oder aufgehalten durch die noch vorhandene Ansicht dass
das gewünschte Gut nur in dem Maße als das Unbehagen der Seele durch diese
Erwägung geheilt oder vermindert wird erlangt werden kann Übrigens habe ich
was ich jetzt von dem Unbehagen rede in dem berühmten englischen
Schriftsteller dessen Ansichten ich Ihnen vielfach vortrage gefunden Ich habe
in der Bedeutung des englischen Wortes uneasiness ein wenig Schwierigkeit
gefunden Der französische Übersetzer aber dessen Geschicklichkeit in der
Erledigung seiner Aufgabe nicht in Zweifel gezogen werden kann bemerkt am Ende
der Seite Kap 20 6 dass der Verfasser durch dies englische Wort den Zustand
eines Menschen bezeichne der sich nicht wohlbefindet den Mangel an Wohlsein
und Ruhe der in dieser Hinsicht rein leidenden Seele und dass er dies Wort durch
den Ausdruck Unbehagen inquiétude habe wiedergebend müssen der zwar nicht
dieselbe Vorstellung ausdrückt sich ihr aber am meisten nähert Diese
Bemerkung wie er hinzufügt ist vor allem nötig in Bezug auf das folgende
Kapitel über die Macht wo der Verfasser über diese Art von Unbehagen viel
spricht denn wenn man mit diesem Worte die eben bezeichnete Vorstellung nicht
verbindet so würde es nicht möglich sein die Gegenstände ordentlich zu fassen
die in diesem Kapitel abgehandelt werden und welche die bedeutendsten und die
schwierigsten des ganzen Werkes sind
Theophilus Der Übersetzer hat recht und die Lektüre seines trefflichen
Antors hat mir gezeigt dass diese Erwägung des Unbehagens ein Hauptpunkt ist wo
der Verfasser ganz besonders den Scharfsinn und die Tiefe seines Geistes zeigt
Aus diesem Grunde habe ich meine Aufmerksamkeit darauf gewendet und nachdem ich
die Sache wohl erwogen habe scheint es mir fast dass das Wort Unbehagen wenn
es den Sinn des Verfassers nicht hinlänglich ausdrückt meiner Meinung nach doch
hinlänglich mit der Natur der Sache übereinkommt und das Wort uneasiness wenn
es eine Unlust einen Verdruss eine Unannehmlichkeit mit einem Wort irgend einen
wirklichen Schmerz bezeichnete würde damit nicht übereinkommen Denn ich würde
lieber sagen dass in dem Verlangen an sich eher eine Disposition und eine
Vorbereitung zum Schmerze als Schmerz selbst liegt Allerdings unterscheidet
sich diese Empfindung mitunter von der welche man im Schmerze hat nur durch
das Weniger gegen das Mehr aber das Wesen des Schmerzes besteht eben im Grade
denn er ist eine bemerkbare Empfindung Man sieht dies auch an dem Unterschiede
zwischen dem Appetit und dem Hunger denn wenn die Erregung des Magens zu stark
wird so wird sie störend so dass man also auch hier unsere Lehre von den für
das Bewusstsein zu geringen Wahrnehmungen anwenden muss denn wenn das was in uns
vorgeht sobald wir Appetit und Verlangen haben hinlänglich angewachsen ist
würde es uns Schmerz verursachen Aus diesem Grunde hat der unendlich weise
Urheber unseres Daseins es zu unseres lösten so eingerichtet dass wir uns oft in
der Unwissenheit und in verworrenen Vorstellungen beenden damit wir um so
schneller aus Instinkt handeln und nicht durch die zu deutlichen Empfindungen
einer Menge von Gegenständen belästigt werden die uns nicht eigentlich angehen
und deren doch die Natur zur Erreichung ihrer Zwecke nicht hat entbehren können
Wie viele Insekten verschlucken wir nicht ohne es gewahr zu werden wie viele
Personen sehen wir nicht dadurch in Missbehagen versetzt dass sie einen zu feinen
Geruch haben und wie viele ekelerregende Gegenstände würden wir sehen wenn
unser Gesicht durchdringend genug wäre Aus eben dieser Kunst hat uns die Natur
den Antrieb des Verlangens wie die Anfänge oder Elemente des Schmerzes oder
sozusagen halbe Schmerzen oder wenn Sie missbräuchlich reden wollen um sich
stärker auszudrücken geringe unbewusste Schmerzen gegeben damit wir den
Vorteil des Übels genießen ohne dessen Unbequemlichkeit zu erfahren denn man
würde sonst wenn diese Wahrnehmung zu deutlich wäre in Erwartung des Guten
immer elend sein statt dass dieser beständige Sieg über jene halben Schmerzen
welche man empfindet indem man seinem Verlangen folgt und in irgend einer Art
diesem Triebe oder diesem Reize genugtut uns eine Menge halber Lustempfindungen
gewährt deren Fortsetzung und Anhäufung wie bei der Fortsetzung des Anstoßes
eines schweren im Fall begriffenen und dadurch an Geschwindigkeit zunehmenden
Körpers endlich eine ganze und wahrhafte Lust wird Und ohne diese halben
Schmerzen würde es im Grunde genommen keine Lust und kein Mittel geben sich
dessen bewusst zu werden dass uns etwas unterstützt und Erleichterung verschafft
wenn Widerstand vorhanden ist der uns zum Wohlbefinden zu gelangen verhindert
Auch erkennt man gerade darin die nahe Verwandtschaft von Lust und Schmerz die
Sokrates in Platos Phaedo bemerkt als die Füße ihm versagen Diese
Inbetrachtnahme der kleinen Hilfen oder kleinen Befreiungen und unmerklichen
Auslösungen des aufgehaltenen Strebens woraus endlich eine merkbare Lust sich
ergibt dient auch dazu eine deutlichere Erkenntnis der verworrenen Vorstellung
zu gewähren die wir von der Lust und dem Schmerz haben und haben müssen ganz
wie die Empfindung der Wärme oder des Lichtes aus einer Menge von kleinen
Bewegungen folgt welche gemäß dem oben von mir Bemerkten Kap IX 13 die
der Gegenstände ausdrücken und sich davon nur dem Scheine nach und weil wir uns
dieser Analyse nicht bewusst werden unterscheiden Freilich glauben heutzutage
mehrere dass unsere Vorstellungen der sinnlichen Eigenschaften von den
Bewegungen selbst und dem was in den Gegenständen vorgeht gänzlich verschieden
und etwas Ursprüngliches und Unerklärliches ja selbst etwas Willkürliches sind
als wenn Gott der Seele nach bloßer Willkür Empfindungen gäbe und nicht nach
dem was im Körper vorgeht eine von der wahren Analyse unserer Vorstellungen
sehr entfernte Ansicht der Sache
Um aber zum Unbehagen zurückzukehren dh zu jenen kleinen unmerklichen
Erregungen die uns beständig in Atem erhalten so sind dies verworrene
Bestimmungen dergestalt dass wir oft nicht wissen was uns fehlt während wir
bei den Neigungen und Leidenschaften wenigstens wissen was wir wollen obschon
die verworrenen Wahrnehmungen auch auf die ihnen eigene Art zu handeln
einwirken und die Leidenschaften selbst auch noch diese Unruhe oder Reizung
verursachen Diese Antriebe sind gleichsam ebensoviel Federn die sich
abzuspannen versuchen und unsere Maschine in Gang setzen Ich habe auch darüber
schon bemerkt dass wir aus diesem Grunde niemals ganz gleichgültig sind wenn
wir es am meisten zu sein scheinen wie wenn wir uns zB am Ende einer Allee
auf die rechte statt auf die linke Seite wenden Denn die von uns ergriffene
Entscheidung kommt von diesen unmerklichen aus den Wirkungen der Gegenstände
und des Innern unseres Körpers gemischten Entschlüssen her wonach wir es für
uns leichter finden uns nach der einen als nach der anderen Seite zu kehren Im
Deutschen nennt man den Pendel einer Uhr die Unruhe Man kann sagen dass es sich
mit unseres Körper ebenso verhält der sich auch niemals vollkommen im
Wohlbehagen beendet weil wenn ein neuer Eindruck von Gegenständen eine kleine
Veränderung in den Organen in den Eingeweiden in den Gefäßen vorkäme dies
sofort das Gleichgewicht verändern und sie zu irgend einer kleinen Anstrengung
um sich in den möglich besten Zustand zu versetzen führen würde Dies bringt
aber einen beständigen Kampf hervor der sozusagen die Unruhe unseres
Uhrwerkes macht daher ich diese Benennung ganz nach meinem Geschmack finde
7 Philalethes Die Freude ist eine Lust welche die Seele empfindet wenn
sie den Besitz eines gegenwärtigen oder zukünftigen Gutes als gesichert
betrachtet und wir sind im Besitz eines Gutes wenn wir es dergestalt in
unserer Macht haben dass wir wenn wir wollen dasselbe genießen können
Theophilus In den Sprachen fehlen die Ausdrücke die geeignet sind
einander naheliegende Begriffe gehörig zu unterscheiden Vielleicht nähert sich
dieser Definition der Freude das lateinische Gaudium mehr als Laetitia die man
auch durch das Wort Freude wiedergibt aber dann scheint sie mir einen Zustand
zu bezeichnen wo die Lust in uns vorherrscht denn während der tiefstes
Traurigkeit und inmitten der quälendsten Ärgernisse kann man sich eine gewisse
Lust verschaffen wie wenn man trinkt oder Musik hört während freilich die
Unlust vorherrschte und selbst inmitten der heftigsten Schmerzen kann der Geist
doch freudig sein wie den Märtyrern geschah
8 Philalethes Die Traurigkeit ist eine Unruhe der Seele wenn sie an ein
verlorenes Gut denkt dessen sie länger hätte genießen können oder wenn sie von
einem wirklich gegenwärtigen Übel gequält wird
Theophilus Nicht allein das gegenwärtige wirkliche Übel sondern auch die
Furcht vor einem zukünftigen Übel kann traurig machen so dass ich glaube dass
die Definition der Freude und der Traurigkeit die ich oben gegeben habe mit
dem Sprachgebrauch mehr zusammenstimmen Was die Unruhe betrifft so ist im
Schmerz und folglich in der Traurigkeit etwas mehr und die Unruhe ist selbst
bei der Freude denn sie macht den Menschen munter tätig voll Hoffnung
weiterzuschreiten Die Freude hat sich schon fähig erwiesen durch zu heftige
Aufregung zu töten und dabei war dann in ihr noch mehr als bloße Unruhe
9 Philalethes Die Hoffnung ist die Befriedigung der Seele wenn sie an
den Genuss denkt den sie der Wahrscheinlichkeit nach von etwas haben muss was
ihr Lust zu gewähren geeignet ist und die Furcht ist eine Unruhe der Seele
wenn sie an ein zukünftiges Übel denkt das sich ereignen kann
Theophilus Wenn die Unruhe eine Unlust bezeichnet so gestehe ich dass sie
die Furcht immer begleitete nimmt man sie aber für jenen unmerklichen Antrieb
der uns vorwärts treibt so kann man sie auch mit der Hoffnung verbünde denken
Die Stoiker nahmen die Leidenschaften für Meinungen So war ihnen die Hoffnung
die Meinung von einem zukünftigen Gute und die Furcht die Meinung von einem
zukünftigen Übel Aber lieber sage ich dass die Leidenschaften weder
Befriedigungen noch Missbehagen noch Meinungen sind sondern Strebungen oder
vielmehr Modifikationen von Strebungen die aus der Meinung oder dem Gefühl
stammen und von Lust oder Unlust begleitet sind
11 Philalethes Die Verzweiflung ist der Gedanke den man hat dass ein
Gut nicht zu erlangen ist was Betrübnis und mitunter Gefühllosigkeit
verursachen kann
Theophilus Nimmt man die Verzweiflung als eine Leidenschaft an so wird sie
eine Art starker Strebung sein welche sich auf einmal angehalten endete dies
verursacht einen heftigen Kampf und viel Unlust Wenn aber die Verzweiflung von
Ruhe und Gefühllosigkeit begleitet wird wird sie mehr eine Meinung als eine
Leidenschaft sein
12 Philalethes Der Zorn ist diejenige Unruhe oder Unordnung welche wir
empfinden nachdem wir irgend eine Beleidigung empfangen haben und die von dem
augenblicklichen Verlangen uns zu rächen begleitet wird
Theophilus Der Zorn scheint etwas Einfacheres und Allgemeineres zu sein da
die Tiere desselben fähig sind denen man doch keine Beleidigung zufügt Im
Zorne liegt eine gewaltsame Anstrengung welche sich des Übels zu entschlagen
strebt Das Verlangen der Rache kann auch bei kaltem Blute bleiben und wenn man
viel mehr Hass als Zorn hat
13 Philalethes Der Neid ist die Unruhe die Unlust der Seele welche
aus der Betrachtung eines von uns erstrebten aber von einem anderen besessenen
Gutes kommt der unserer Ansicht nach es nicht vor uns hätte haben sollen
Theophilus Nach dieser Fassung würde der Neid stets eine löbliche und
wenigstens unserer Meinung nach immer auf der Gerechtigkeit begründete
Leidenschaft sein Aber ich weiß nicht ob man nicht mitunter auf ein
anerkanntes Verdienst neidisch ist das man wenn man es besäße zu missachten
sich nicht scheuen würde Man beneidet andere selbst um ein Gut das zu haben
man sich gar nicht wünschen würde Man wäre zufrieden sie desselben beraubt zu
sehen ohne daran zu denken das von ihnen Verlorene zu gewinnen und selbst
ohne dies hoffen zu können Denn manche Güter sind wie Freskogemälde welche man
wohl zerstören aber nicht wegnehmen kann
17 Philalethes Die meisten Leidenschaften verursachen bei manchen
Personen Eindrücke auf den Körper und bringen in ihm verschiedene Veränderungen
hervor aber diese Veränderungen sind nicht Turner bemerkbar So ist zB die
Scham nicht immer vom Erröten begleitet jene Unruhe der Seele welche man
fühlt wenn man etwas Unanständiges oder sonst etwas was uns in der Achtung
anderes heruntersetzt getan zu haben innewird
Theophilus Wenn die Menschen sich die äußeren Bewegungen mehr zu beobachten
bemühten welche die Leidenschaften begleiten so würde es schwer sein sie zu
verheimlichen Was die Scham anbetrifft so ist es der Bemerkung wert dass
sittsame Menschen mitunter Bewegungen welche denen der Scham ähnlich sind
empfinden wenn sie nur Zeugen einer unanständigen Handlung sind
1 Philalethes Indem der Geist beobachtet wie ein Ding zu sein aufhört
und wie ein anderes das vorher nicht war da zu sein anfängt und indem er
schließt dass es mit gleichen Dingen die durch gleiche Mittel hervorgebracht
werden ebenso sein werde kommt er dabei auf den Gedanken es sei möglich dass
in einem Dinge eine seiner einfachen Vorstellungen sich ändere und wiederum es
sei möglich dass ein anderes diese Veränderung hervorbringe dadurch bildet der
Geist sich die Vorstellung der Macht
Theophilus Wenn die Macht dem lateinischen Potentia entspricht so ist sie
der Tatsache entgegengesetzt und der Übergang von der Macht zur Tatsache ist
die Veränderung Das ist es was Aristoteles unter dem Ausdruck Bewegung
versteht wenn er sagt sie sei die Tatsache oder vielleicht die Betätigung
dessen was eine Macht hat Man kann also sagen dass die Macht im allgemeinen
die Möglichkeit der Veränderung sei Da nun die Veränderung oder die Betätigung
dieser Möglichkeit in einem Subjekt Handlung und in einem anderen Leiden ist so
wird es auch zwei Arten von Macht geben die eine leidend und die andere tätig
Die tätige wird Vermögen genannt werden können und die leidende könnte
vielleicht Fähigkeit oder Rezeptivität genannt werden Allerdings wird die
tätige Macht mitunter in einem noch höheren Sinne genommen wenn außer dem
einfachen Vermögen noch eine Strebung dabei ist und so nehme ich sie in meinen
dynamischen Betrachtungen Man könnte ihr den Ausdruck Kraft besonders beilegen
und die Kraft würde entweder Entelechie oder Kraftäußerung effort sein denn
die Entelechie obgleich Aristoteles sie so allgemein nimmt dass sie noch die
ganze Tätigkeit und Kraftäußerung umfasst scheint mir eher den ursprünglichen
wirkenden Kräften zuzukommen und das Wort Kraftäußerung den abgeleiteten Es
gibt selbst auch noch eine Art leidender Macht die noch spezieller und von
Realität erfüllter ist dies ist diejenige welche in der Materie waltet worin
nicht allein die Beweglichkeit vorhanden ist welches die Tätigkeit oder
Rezeptivität der Bewegung ist sondern auch die Widerstandskraft welche die
Undurchdringlichkeit und die Trägheit umfasst Die Entelechien dh die
ursprüngliches oder substantiellen Strebungen sofern sie mit Wahrnehmung
verbunden sind sind die Seelen
3 Philalethes Die Vorstellung der Macht drückt etwas Relatives aus Aber
haben wir irgend eine Vorstellung von welcher Art sie auch immer sei die nicht
etwas Relatives in sich schließt Unsere Vorstellungen von Ausdehnung Dauer
Zahl enthalten sie nicht alle in sich eine stillschweigende Beziehung auf
Teile Dasselbe lässt sich auf eine noch sichtbarere Weise bei der Gestalt und
der Bewegung bemerken Sind die sinnliches Eigenschaften etwas anderes als die
Machtäußerungen verschiedener Körper in Bezug auf unsere Wahrnehmung und nicht
an sich selbst von der Größe Gestalt der inneren Bildung und der Bewegung der
Teile abhängig Dies bewirkt eine Art von Beziehung unter ihnen So kann denn
meiner Meinung nach die Vorstellung der Macht sehr wohl unter die übrigen
einfachen Vorstellungen gesetzt werden
Theophilus Im Grunde genommen sind die Vorstellungen welche soeben
aufgezählt wurden zusammengesetzt Die der sinnlichen Eigenschaften behaupten
ihren Rang unter den einfachen Vorstellungen nur infolge unserer Unwissenheit
und die übrigen welche man deutlich erkennt behalten ihre Stelle dort nur
durch eine Nachsicht welche man lieber nicht ausüben sollte Es verhält sich
damit ungefähr wie in betreff der gewöhnlichen Grundsätze welche unter den
Lehrsätzen stehen könnten und bewiesen zu werden verdienten und welche man
dennoch als Grundsätze gelten lässt als ob es ursprüngliche Wahrheiten wären
Diese Nachsicht ist schädlicher als man denkt aber man ist allerdings nicht
immer imstande ihrer zu entbehren
4 Philalethes Wenn wir dabei recht achtgeben so gewähren uns die Körper
mittels der Sinne keine so klare und deutliche Vorstellung von der tätigen
Macht als wir sie durch die Reflexionen haben die wir über die Wirkungen
unseres Geistes anstellen Es gibt meiner Überzeugung nach nur zwei Arten von
Handlungen wovon wir Vorstellung haben nämlich Denken und Bewegen Was das
Denken anbetrifft so gibt uns der Körper davon keine Vorstellung und wir haben
sie nur durch Vermittlung der Reflexion Ebensowenig haben wir durch
Vermittlung des Körpers irgend eine Vorstellung vom Anfang der Bewegung
Theophilus Diese Betrachtungen sind sehr triftig sind obgleich das Denken
dabei auf so allgemeine Weise genommen wird dass es jede Wahrnehmung umfasst so
will ich doch den Gebrauch der Worte nicht anfechten
Philalethes Wenn der Körper selbst in Bewegung ist so ist diese im Körper
eher eine Tätigkeit als ein Leiden Aber wenn eine Billardkugel dem Stoß des
Queues nachgibt so ist dies keine Tätigkeit der Kugel sondern ein bloßes
Leiden
Theophilus Darüber ließe sich etwas sagen denn die Körper würden durch den
Anstoß keine Bewegung empfangen gemäß den dabei zu bemerkenden Gesetzen wenn
sie nicht schon in sich Bewegung hätten Wir wollen jedoch jetzt diesen Punkt
übergehen
Philalethes Ebenso wenn ein Ball einen anderen der sich auf seinem Wege
findet anstößt und in Bewegung setzt so teilt er ihm nur die empfangene
Bewegung mit und verliert ganz ebensoviel
Theophilus Ich sehe dass diese irrige Meinung welche die Kartesianer
aufgebracht haben wie wenn die Körper so viel Bewegung verlören als sie
abgeben die heutzutage durch die Erfahrungen und die Vernunftgründe zerstört
und selbst von dem berühmten Verfasser der Untersuchung über die Wahrheit
aufgegeben worden ist der eine kleine Abhandlung ganz besonders zu dem Zweck
hat drucken lassen sie zurückzunehmen dennoch nicht unterlässt vielen
einsichtigen Leuten Gelegenheit zu Missverständnis zu geben indem sie auf so
gebrechlichem Grunde ihr Lehrgebäude errichten
Philalethes Das Übertragen der Bewegung gibt nur eine ganz dunkle
Vorstellung von einer tätigen Macht der Bewegung im Körper indem wir nichts
weiter sehen als dass der Körper die Bewegung ohne sie irgendwie
hervorzubringen überträgt
Theophilus Ich weiß nicht ob hier behauptet wird Maß die Bewegung von
Körper zu Körper übergeht und dieselbe Bewegung idem numero dabei übertragen
wird Ich weiß dass einige gegen die Ansicht der ganzen Schule so weit gegangen
sind unter anderen der Jesuitenpater Casati Ich zweifle jedoch dass dies Ihre
Meinung oder die Ihrer gelehrten Freunde ist die in der Regel von solchen
Einbildungen weit entfernt sind Wenn indessen dieselbe Bewegung nicht
übertragen wird so muss man zugeben dass sich in dem Körper der sie empfängt
eine neue Bewegung erzeugte also würde der welcher sie erteilt wirklich tätig
sein obwohl er zu gleicher Zeit Kraftverlust erleiden würde Denn obgleich der
Körper allerdings nicht so viel Bewegung verliert als er erteilte so bleibt es
doch immer wahr dass er deren verliert und zwar so viel Kraft verliert als er
abgibt wie ich anderswo erklärt habe so dass man stets in ihm Kraft oder tätige
Macht zugeben muss Ich verstehe die Macht in einen höheren Sinne den ich ein
wenig vorher erläutert habe wo nämlich die Strebung mit dem Vermögen sich
verbindet Indessen stimme ich mit Ihnen immer darin überein dass wir die
klarste Vorstellung der tätigen Macht durch den Geist empfangen Auch ist sie
nur in desjenigen Wesen welche mit dem Geiste Analogie haben nämlich in den
Entelechien denn der Stoff bezeichnet eigentlich nur die leidende Macht
5 Philalethes Wir finden in uns selbst die Macht gewisse Handlungen
unserer Seele und gewisse Bewegungen unseres Körpers anzufügen oder nicht
anzufangen fortzusetzen oder abzubrechen und zwar einfach durch einen Gedanken
oder eine Wahl unseres Geistes der sozusagen bestimmt und befehlt dass solch
eine besonders Handlung geschehe oder nicht geschehe Diese Macht nennen wir den
Willen Die tatsächliche Ausübung dieser Macht nennt man Wollen das Abbrechen
oder hervorbringen der einem solchen Befehl der Seele folgenden Handlung nennen
wir das Freiwillige und jede Handlung die ohne eine solche Leitung der Seele
geschielt heißt unfreiwillig
Theophilus Ich finde dies alles sehr gut und richtig Um es indessen runder
auszudrücken und vielleicht ein wenig weiterzugehen möchte ich sagen dass das
Wollen die Anstrengung oder Strebung conatus ist auf das was man für gut
hält loszugehen und sich von dem zu entfernen was man für schlimm hält so dass
diese Strebung unmittelbar aus dem Bewusstsein welche man von ihr hat folgt
und das Korollarium dieser Definition ist der berühmte Grundsatz dass aus dem
Wollen und Können zusammengenommen die Handlung folgt da aus jeder Strebung die
Handlung folgt wenn sie nicht Hindernis findet So folgen vermöge der Einheit
von Seele und Leib wovon ich anderswo die Begründung gegeben habe nicht allein
die inneren freiwilligen Handlungen unseres Geistes sondern auch die äußeren
aus diesem Conatus dh die freiwilligen Bewegungen unseres Körpers Es gibt
auch noch aus unmerklichen Wahrnehmungen entspringende Anstrengungen deren man
sich nicht bewusst ist ich möchte diese lieber Begehrungen als Wollen obgleich
auch dabei bemerkbare Begehrungen vorkommen nennen denn freiwillige Handlungen
nennt man nur solche deren man sich bewusst sein und auf welche unsere Reflexion
bei der Erwägung dessen was gut und schlimm ist verfallen kann
Philalethes Die Macht des Bewusstseins nennen wir Verstand dieser besitzt
die Wahrnehmung der Vorstellungen die der Bedeutung der Zeichen und endlich die
der Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung unter einigen unserer
Vorstellungen
Theophilus Wir sind uns vieler Dinge in uns und außer uns bewusst die wir
nicht verstehen und wir verstehen sie wenn wir in uns deutliche Vorstellungen
davon haben nebst dem Vermögen zu reflektieren und die notwendigen Wahrheiten
daraus zu gewinnen Darum haben die Tiere keinen Verstand wenigstens in diesem
Sinne obgleich sie das Vermögen haben sich der bemerklichsten und
hervortretendsten Eindrücke bewusst zu sein wie das Wildschwein jemand bemerkt
der ihm zuruft und auf ihn losgeht von dem es schon vorher eine bloße aber
nur verworrene Wahrnehmung wie von allen den übrigen Gegenständen hatte die ihm
in die Augen fielen und deren Strahlen seine Kristalllinse trafen So entspricht
denn nach meiner Erklärung der Verstand dem was bei den Lateinern intellectus
heißt und die Ausübung dieses Vermögens heißt das Verstehen welches eine mit
dem Vermögen der Reflexion verbundene bestimmte Wahrnehmung ist welche sich bei
den Tieren nicht findet Jede mit diesem Vermögen verbundene Wahrnehmung ist
Denken welches ich den Tieren ebensowenig zusprechen kann als den Verstand so
dass man sagen darf das Verstehen finde dann statt wenn das Denken deutlich
ist Übrigens verdient die Wahrnehmung der Bedeutung der Zeichen von der
Wahrnehmung der bezeichneten Vorstellungen hier gar nicht unterschieden zu
werden
6 Philalethes Gewöhnlich sagt man dass Verstand und Wille zwei Vermögen
der Seele sind ein ganz bequemer Ausdruck wenn man sich desselben bedient wie
man sich aller Worte bedienen muss indem man sich davor in acht nimmt dass sie
im menschlichen Denken Verwirrung anrichten was wie ich fürchte hier beim
Seelenleben geschehen ist Und wenn man uns sagt dass der Wille jene höhere
Fähigkeit der Seele sei welche alles regelt und anordnet dass er frei sei oder
nicht dass er die unteren Vermögen bestimme dass er dem Gebot des Verstandes
folge obgleich auch diese Ausdrücke in einem klaren und bestimmten Sinn
verstanden werden können so fürchte ich doch dass sie bei verschiedenen Leuten
die verworrene Idee von ebensoviel besonderen tätigen Wesen die in uns jedes
für sich wirken hervorgerufen haben
Theophilus Das ist eine Streitfrage welche den Schulen schon lange zu tun
gemacht hat Nämlich ob zwischen der Seele und deren Vermögen ein realer
Unterschied obwalte und ob das eine Vermögen von den anderen real verschieden
sei Die Realisten haben es bejaht die Nominalisten verneint Und dieselbe
Streitfrage ist über das wirkliche dasein von noch mehreren anderen abstrakten
Wesen die demselben Schicksal anheimfallen müssen angestellt worden Ich meine
aber nicht dass hier diese Frage zu entscheiden und sich in diese dornige
Untersuchung zu vertiefen nötig sei obgleich wie ich mich erinnere Episcopius
sie für so wichtig erachtet hat dass er glaubte man könne die Freiheit des
Menschen nicht aufrecht erhalten wenn die Seelenvermögen wirkliche Wesen seien
Indessen wenn sie auch wirkliche und voneinander verschiedene Wesen wären so
dürften sie doch nicht als reale wirkende Wesen gelten wenn man sich nicht ganz
missbräuchlich ausdrücken will Nicht die Vermögen oder Eigenschaften sind es
welche wirken sondern die Substanzen mittels der Vermögen
8 Philalethes Sofern der Mensch die Macht hat zu denken oder nicht zu
denken sich entsprechend der vorziehenden Entscheidung oder Wahl seines eigenen
feistes zu bewegen oder nicht zu bewegen sofern ist er frei
Theophilus Der Ausdruck Freiheit ist sehr zweideutig Es gibt eine Freiheit
des Rechts und eine tatsächliche Nach der des Rechts ist ein Sklave nicht frei
und ein Untertan nicht ganz aber ein Armer ist so frei wie ein Reicher Die
tatsächliche Freiheit besteht entweder in der Macht zu wollen wie man soll
oder in der Macht zu handeln wie man kann Das ist die Freiheit des Handelns
von der Sie sprechen und diese hat ihre Grade und Verschiedenheiten Im
Allgemeinen ist derjenige welcher mehr Mittel hat freier das zu tun was er
will aber im besonderen versteht man die Freiheit von dem Gebrauch der Dinge
welche man gewöhnlich in seiner Gewalt hat und vor allem von deren freien
Gebrauch unseres Körpers So beeinträchtigen der Kerker und die Krankheiten
unsere Freiheit indem sie uns verhindern unserem Körper und unseren Gliedern
diejenige Bewegung zu geben die wir ihnen geben wollen und gewöhnlich geben
können also ist auf diese Weise ein Gefangener und ein Gelähmter der keinen
freien Gebrauch seiner Glieder hat unfrei Die Freiheit des Wollens wird auch
in zwei verschiedenen Bedeutungen genommen Die eine findet statt wenn man sie
der Unvollkommenheit oder demjenigen Gebrauch des Geistes entgegensetzt der ein
Zwang oder ein Hindernis aber ein inneres ist wie dasjenige welches von den
Leidenschaften stammt Die andere findet statt wenn man die Freiheit der
Notwendigkeit entgegensetzt Im ersten Sinne sagten die Stoiker dass der Weise
allein frei sei und man hat in der Tat keinen freien Geist wenn er von einer
großen Leidenschaft in Anspruch genommen ist denn alsdann kann man nicht
wollen wie man sollte dh mit der nötigen Überlegung Auf diese Weise ist
Gott allein vollkommen frei und die erschaffenen Geister sind es nur in dem
Maße als sie über die Leidenschaften erhaben sind Und diese Freiheit betrifft
eigentlich unseren Verstand Diejenige Freiheit des Geistes aber welche der
Notwendigkeit entgegengesetzt ist betrifft bloß den Willen und zwar sofern er
vom Verstande sich unterscheidet Diese ist was man die freie Willkür nennt
womit gemeint sein soll dass die stärksten Gründe oder Eindrücke welche der
Verstand dem Willen vorhält den Willensakt nicht verhindern zufällig zu sein
und ihm nicht eine absolut und sozusagen metaphysische Notwendigkeit verleihen
Und in diesem Sinne pflege ich zu sagen dass der Verstand den Willen gemäß dem
Vorwiegen der Wahrnehmungen und Gründe bestimmen kann jedoch auf eine Art dass
er wenn auch sicher und untrüglich doch nur geneigt macht ohne mit
Notwendigkeit zu wirken
9 Philalethes Wie dabei zu bemerken gut ist hat sich noch niemand
herbeigelassen eine Kugel mag sie nun durch den Anstoß einer Rakete in
Bewegung gesetzt oder in Ruhe sein für ein frei wirkendes Wesen zu nähmen Dies
kommt daher dass wir einem Ball weder Denken noch irgend einen Willensakt
demgemäß er die Bewegung der Ruhe vorzieht beimessen
Theophilus Wenn das frei wäre was ohne Hindernis wirkt so würde die
Kugel wenn sie in einem gleichmäßigen Horizont einmal in Bewegung wäre ein
frei wirkendes Wesen sein Aber Aristoteles hat schon richtig bemerkt dass um
die Handlungen frei zu nennen wir nicht allein verlangen dass sie spontan
sondern auch dass sie überlegt seien
Philalethes Aus diesem Gründe betrachten wir die Bewegung oder die Ruhe der
Kugeln unter der Vorstellung eines Notwendigen
Theophilus Die Bezeichnung notwendig fordert ebensoviel Umsicht als die
von frei Jene bedingungsweise geltende Wahrheit nämlich Gesetzt dass die
Kugel in einem gleichmäßigen Horizont einmal ohne Hindernis in Bewegung ist so
wird sie dieselbe Bewegung fortsetzen kann gewissermaßen für notwendig
angesehen werden obgleich diese Folgerung im Grunde genommen nicht ganz
geometrisch ist da sie sozusagen nur unter einer Voraussetzung angenommen und
auf die Weisheit Gottes gegründet ist der ohne vernünftigen Grund seinen
Einfluss nicht ändert welcher jetzt vermutlich nicht eintreten wird Aber jener
schlechthin aufgestellte Satz Die Kugel hier ist gegenwärtig in dieser Ebene in
Bewegung ist nur eine zufällige Wahrheit und in diesem Sinne ist die Kugel ein
zufälliges nicht frei wirkendes Wesen
10 Philalethes Nehmen wir an dass man einen Menschen während eines
tiefen Schlafes in ein Zimmer trägt wo sich jemand beendet den er sehr zu
sehen und zu sprechen wünscht und dass man die Tür hinter ihm zuschließt so
wird dieser Mensch beim Erwachen froh sein mit jener Person sich zu treffen
und also mit Vergnügen im Zimmer bleiben Ich denke nicht dass man darüber in
Ungewissheit sein werde ob er an jenem Orte freiwillig bleibt Gleichwohl steht
es ihm nicht frei sich wenn er will daraus zu entfernen Also ist die
Freiheit keine Vorstellung die dem Willen zukommt
Theophilus Ich finde das Beispiel sehr gut gewählt um zu zeigen dass in
einem gewissen Sinne eine Handlung oder ein Zustand freiwillig sein kann ohne
frei zu sein Indessen wenn die Philosophen und Theologen über die freie
Willkür streiten haben sie einen ganz anderen Sinn im Auge
11 Philalethes Die Freiheit fehlt wenn die Lähmung die Beine
verhindert der Bestimmung des Geistes zu gehorchen obgleich es in dem
Gelähmten selbst etwas freiwilliges sein kann sitzen zu bleiben solange er das
Sitzen der Ortsveränderung vorzieht Freiwillig ist also nicht dem Notwendigen
sondern dem Unfreiwilligen entgegengesetzt
Theophilus Diese Genauigkeit im Ausdruck würde mir schon gefallen wenn
nicht der Sprachgebrauch sich dass von entfernter diejenigen welche die Freiheit
der Notwendigkeit entgegensetzen wollen dies nicht von den äußeren Handlungen
sondern von dem Willensakte selbst verstanden wissen
12 Philalethes Ein wachender Mensch besitzt nicht mehr Freiheit zu
denken oder nicht zu denken als er frei ist zu verhindern oder nicht zu
verhindern dass sein Körper einen anderen Körper berührt Aber seine Gedanken
von einer Vorstellung zur anderen übertragen das steht oft zu seiner
Disposition Und in diesem Fall hat er soviel Freiheit in Hinsicht seiner
Vorstellungen als in Hinsicht der Körper auf welche er sich stützt indem er
wie es ihm in den Sinn kommt sich von dem einen zum anderen fortbewegen kann
Gleichwohl gibt es Vorstellungen welche wie gewisse Bewegungen dergestalt dem
Geiste eingepflanzt sind dass man sie in gewissen Umständen man mag sich
anstrengen wie man will nicht entfernen kann Ein Mensch auf der Folter hat
nicht die Freiheit der Vorstellung des Schmerzes sich zu entschlagen und
mitunter wirkt eine heftige Leidenschaft auf unseren Geist wie der wütendste
Wind auf unseren Körper wirkt
Theophilus In den Vorstellungen findet Ordnung und Zusammenhang statt wie
in den Bewegungen denn das eine entspricht dem anderen vollkommen obgleich die
Bestimmung in den Bewegungen ohne Bewusstsein geschieht frei aber oder mit Wahl
im denkenden Wesen welchem die Güter und die Übel nur Neigung verursache ohne
es zu zwingen Denn indem die Seele die Körper vorstellt bewahrt sie ihre
Vollkommenheiten und obgleich sie wohlverstanden in den unfreiwilligen
Handlungen vom Körper abhängig ist so ist sie doch in den übrigen unabhängig
und macht den Körper von sich abhangen Aber diese Abhängigkeit ist nur
metaphysisch und besteht in den Rücksichten Gottes auf die eine intern er den
anderen regelt oder mehr auf die eine als auf den anderen nach Maßgabe der
ursprünglichen Vollkommenheiten eines jeden während die physische Abhängigkeit
in einem unmittelbaren Einguss bestehen würde den der eine vor der anderen von
welcher er abhängt empfangen müsste Übrigens kommen uns unfreiwillige Gedanken
teils von außen durch die Gegenstände welche unsere Sinne treffen teils von
innen auf Grund der oft unmerklichen Eindrücke welche von den früheren
Wahrnehmungen zurückgeblieben sind die ihre Wirksamkeit fortsetzen und sich mit
den neu hinzukommenden vermischen In dieser Hinsicht verhalten wir uns leidend
und selbst wenn wir wachen kommen uns ungerufen Bilder worunter ich nicht
allein die Darstellungen von Gestalten sondern auch der Töne und anderer
sinnlicher Eigenschatten begreife wie in den Träumen Die deutsche Sprache
nennt sie fliegende Gedanken die nicht in unserer Macht sind und wobei mitunter
Widersinnigkeiten vorkommen die wohlgesinnten Leuten Bedenken erregen und den
Kasuisten und Gewissensräten zu schaffen machen Das ist wie in einer Laterna
magica welche die Gestalten auf der Mauer erscheinen lässt je nachdem man
inwendig etwas vorbeischiebt Aber wenn unser Geist sich eines Bildes bewusst
wird das ihm kommt kann er ihm Halt gebieten und es sozusagen festhalten
Ferner kann der Geist wenn es ihm gut scheint auf gewisse Gedanken näher
eingehen die ihn zu anderen führen Aber dies gilt nur wenn die inneren oder
äußeren Eindrücke nicht das Übergewicht haben Allerdings sind die Menschen
darin sehr verschieden sowohl ihrem Temperamente als der Übung in der
Selbstbeherrschung nach dergestalt dass der eine die Eindrücke überwinden kann
wo der andere sich hingibt
13 Philalethes Notwendigkeit hat überall da statt wo das Denker fehlte
Und wenn diese Notwendigkeit sich in einem des Wollens fähigen wirkenden Wesen
findet und der Anfang oder die Fortsetzung einer Handlung seiner inneren Wahl
widerspricht so nenne ich das Zwang und wenn die Verhinderung oder das
Aufhören einer Handlung dem Wollen dieses wirkenden Wesens zuwiderläuft so
erlaube man mir dies Einhalten Kohibition zu nennen Was aber die Wesen
betrifft welche durchaus kein Denken und kein Wollen haben so sind diese in
jeder Hinsicht aus Notwendigkeit wirkende Wesen
Theophilus Mögen die Willensakte auch zufällig sein so scheint doch
eigentlich zu reden die Notwendigkeit nicht dem Wollen sondern dem Zufall
entgegengesetzt werden zu müssen wie ich schon in 9 bemerkt habe und die
Notwendigkeit nicht mit dem Bestimmtsein Determination verwechselt werden zu
dürfen denn beim Denken findet nicht weniger Verknüpfung oder Bestimmtsein
statt als bei den Bewegungen Bestimmt determiniert zu werden ist etwas
ganz anderes als mit Gewalt gestoßen oder durch Zwang vergewaltigt zu werden
Und wenn wir nicht immer die Ursache bemerken welche uns bestimmt oder um
derentwillen wir uns bestimmen so ist der Grund davon dass wir ebensowenig
fähig sind uns des ganzen Spieles unseres Geistes und unserer meist
unvernehmlichen und verworrenen Gedanken bewusst zu werden als wir den ganzen
Mechanismus welchen die Natur in unserem Körper spielen lässt erkennen können
Wenn man daher unter der Notwendigkeit das feste Bestimmtwerden des Menschen
verstände welches durch eine vollkommene Erkenntnis aller Umstände von dem was
in und außer dem Menschen vorgeht einen vollkommenen Geist zur Voraussicht
bringen könnte so würde jeder freie Akt ein notwendiger sein da die Gedenken
sicherlich ebensogut wie die von ihnen dargestellten Bewegungen bestimmt
werden Aber man muss das Notwendige von dem wenn auch bestimmten Zufälligen
unterscheiden und nicht allein die zufälligen Wahrheiten sind nicht notwendig
sondern auch ihre Verknüpfungen haben nicht immer eine absolute Notwendigkeit
denn in der Art und Weise die Konsequenzen zu bestimmen die in notwendigen
Verhältnissen stattfinden und denen die in zufälligen stattfinden gibt es
ohne Zweifel einen Unterschied Die geometrischen und metaphysischen
Konsequenzen bestimmen mit Notwendigkeit die physischen und moralischen aber
machen nur geneigt ohne mit Notwendigkeit zu bestimmen indem das Physische
selbst etwas Moralisches und Gewolltes ist hinsichtlich Gottes da die Gesetze
der Bewegung keine andere Notwendigkeit als die Wahl des Besten haben Nun
wählt Gott frei obgleich er das Beste zu wählen bestimmt wird und da die
Körper selbst keine Wahl haben indem Gott für sie gewälzt hat so hat der
Sprachgebrauch gewollt dass man sie notwendig Wirkendes nennt Ich widersetze
mich dem nicht sofern man nur nicht das Notwendige und das Bestimmte
verwechselt und so weit geht sich einzubilden dass die freien Wesen auf
unbestimmte Weise wirken ein Irrtum der bei manchem sich geltend gemacht hat
und die wichtigsten Wahrheiten ja sogar jenen fundamentalen Satz zerstört dass
nichts ohne Ursache geschieht ohne welchen weder das Dasein Gottes noch
andere große Wahrheiten recht bewiesen werden können Was den Zwang anbetrifft
so ist es gut zwei Arten desselben zu unterscheiden den einen physischen wie
wenn man einen Menschen gegen seinen Willen ins Gefängnis bringt oder in einen
Abgrund wirft den anderen moralischen wie zB den Zwang mittels Androhung
eines größeren Übels denn die Handlung welche dadurch veranlasst wird hört
nicht auf freiwillig zu sein Man kann auch durch die Erwägung eines größeren
Gutes gezwungen werden wie wenn man einen Menschen durch Versprechen eines
unverhältnismäßig großen Vorteils in Versuchung führt obgleich man dies
gewöhnlich nicht Zwang zu nennen pflegt
14 Philalethes Sehen wir jetzt zu ob man nicht den seit so lange
geführten meines Erachtens aber sehr unvernünftigen weil unverständlichen
Streit endigen kann ob der Wille des Menschen frei ist oder nicht
Theophilus Man hat alle Ursache sich über das sonderbare Verfahren der
Menschen zu wundern die sich durch Aufwerfen schlecht verstandener Streitfragen
quälen Sie suchen was sie wissen und wissen nicht was sie suchen
Philalethes Die Freiheit welche bloß eine Macht ist gehört einzig und
allein wirkenden Wesen an und kann nicht ein Attribut oder eine Modifikation des
Willens sein der selbst nichts anderes als eine Macht ist
Theophilus Nach der eigentlichen Wortbedeutung haben Sie recht Indessen
kann man den angenommenen Sprachgebrauch auch einigermaßen entschuldigen In
derselben Weise pflegt man ja auch der Wärme oder anderen Eigenschaften die
Macht zuzuschreiben nämlich dem Körper sofern er diese Eigenschaften besitzt
und ebenso ist hier die Absicht zu fragen ob der Mensch frei ist indem er
will
15 Philalethes Die Freiheit besteht in der Macht des Menschen eine
Handlung seinem Willen gemäß zu tun oder zu unterlassen
Theophilus Wenn die Menschen nur das unter Freiheit verständen wenn sie
fragen ob der Wille oder die Willkür frei sei so würde ihre Streitfrage in der
Tat widersinnig sein aber man wird bald sehen was sie eigentlich wollen und
ich habe es sogar schon berührt Allerdings fordern sie hierbei aber kraft
eines anderen Grundsatzes etwas Widersinniges und Unmögliches indem sie eine
durchaus nur eingebildete und nicht zu verwirklichende Freiheit des
Gleichgewichts verlangen die ihnen auch nichts nützen würde wenn es möglich
wäre dass sie sie hätten dh die Freiheit besitzen könnten im Gegensatz zu
allen Eindrücken die aus dem Verstande stammen können zu wollen Dies würde
die wahre Freiheit zugleich mit der Vernunft zerstören und uns unter die Tiere
erniedrigen
17 Philalethes Wer da sagen wollte dass die Macht zu sprechen die Macht
zu singen leite und dass die Macht zu singen der Macht zu reden gehorche würde
sich ebenso schicklich und ebenso verständlich ausdrücken als wer sagte wie
man zu sagen pflegt dass der Wille den Verstand leitet und der Verstand dem
Willen gehorcht oder nicht gehorcht 18 Indessen hat diese Art zu reden den
Vorzug erhalten und wenn ich nicht irre viel Verwirrung verursacht obgleich
die Macht zu denken ebensowenig auf die Macht zu wählen wirkt wie die Macht zu
singen auf die Macht zu tanzen 19 Ich gestehe zu dass dieser oder jener
Gedanke dem Menschen Gelegenheit geben kann seine Macht des Wählens zu
gebrauchen und dass die Wahl des Geistes Ursache sein kann dass er an dies oder
jenes wirklich denkt ebenso wie das Singen einer gewissen Melodie die wirkliche
Veranlassung sein kann einen bestimmten Tanz zu tanzen
Theophilus Es kommt hier noch auf etwas mehr an als auf das Darbieten von
Gelegenheiten da eine gewisse Abhängigkeit dabei stattfindet denn man kann nur
das wollen was man für gut hält und je nachdem das Verstandesvermögen
fortgeschritten ist fällt die Wahl des Wissens besser aus wie auf der anderen
Seite der Mensch je nachdem er im Wollen kräftig ist die Gedanken nach seiner
Wahl bestimmt statt durch unfreiwillige Wahrnehmungen bestimmt und fortgerissen
zu werden
Philalethes Die Macht ist eine Relation und kein wirkendes Wesen
Theophilus Wenn die wesentlichen Vermögen nur Relationen sind und der
Wesenheit nichts mehr hinzufügen so sind die zufälligen oder der Veränderung
unterworfenen Eigenschaften und Fähigkeiten etwas ganz anderes Man kann von
diesen letzteren sagen dass die einen in der Ausübung ihrer Verrichtungen von
den anderen oft abhangen
21 Philalethes Meines Erachtens darf nicht gefragt werden ob der Wille
frei sei was eine unangemessene Ausdrucksweise ist sondern ob der Mensch frei
sei Dies einmal gesetzt behaupte ich dass jemand so lange frei ist als er
durch die Richtung oder die Wahl seines Geistes das Dasein einer Handlung dem
Nichtdasein dieser Handlung vorziehen kann und umgekehrt dh so lange als er
machen kann dass sie seinem Willen gemäß sei oder nicht sei Und wir würden kaum
die Möglichkeit behaupten können ein noch freieres Wesen zu denken als ein
solches das fähig wäre das zu tun was es will so dass der Mensch ebenso frei
zu sein scheint hinsichtlich der Handlungen welche von diesen in ihm sich
verendenden Vermögen abhangen als es der Freiheit wenn ich mich so ausdrücken
darf ihn frei zu machen möglich ist
Theophilus Wenn man über die Freiheit des Willens oder über die freie
Willkür spricht so fragt man nicht ob der Mensch tun kann was er will
sondern ob er in seinem Willen selbst Unabhängigkeit hat Man fragt nicht ob er
freie Füße und Hände hat sondern ob sein Geist frei ist und worin dies
besteht In dieser Beziehung wird das eine geistige Wesen freier sein können als
das andere und der höchste Geist wird in einer vollkommenen Freiheit sich
beenden deren die Kreaturen nicht fähig sind
22 Philalethes Die Menschen von Natur neugierig und bestrebt soviel
sie können aus ihrem Geist den Gedanken zu entfernen dass sie schuldbefleckt
seien obgleich sie sich dadurch in einen Zustand schlimmer als den einer
Schicksalsnotwendigkeit versetzen sind dennoch damit nicht zufrieden Wenn die
Freiheit sich nicht noch weiter erstreckt so sind sie nicht damit zufrieden
und ihrer Ansicht nach ist es eine sehr starke Probe dass der Mensch überhaupt
nicht frei ist wenn er nicht ebenso gut die Freiheit hat zu wollen als die was
er will zu tun
23 Darüber glaube ich dass der Mensch hinsichtlich dieses besonderen
Aktes eine Handlung zu wollen die in seiner Macht steht nicht frei sein kann
wenn er diese Handlung einmal in seinem Geists sich vorgesetzt hat Die Ursache
davon ist ganz klar denn da die Handlung von seinem Willen abhängt so muss sie
ganz notwendigerweise sein oder nicht sein und da ihr Sein oder ihr Nichtsein
nicht umhin kann der Bestimmung und der Wahl seines Willens zu folgen so kann
er es nicht vermeiden das Sein oder Nichtsein dieser Handlung zu wollen
Theophilus Ich möchte glauben dass man seine Wahl suspendieren kann und dass
dies auch recht oft geschieht besonders wenn anderweitige Gedanken die
Überlegung unterbrechen Wenn daher auch die Handlung welche man überlegt sein
oder nicht sein muss so folgt daraus nicht dass man notwendig deren Sein oder
Nichtsein beschließen müsse denn das Nichtsein kann auch aus Mangel eines
Beschlusses eintreten Das wäre so wie die Areopagiten in der Wirklichkeit
jenen freisprachen dessen Prozess zu entscheiden sie zu schwierig gefunden
hatten indem sie ihn auf einen sehr entfernten Zeitpunkt verschoben und sich
hundert Jahre zur Überlegung nahmen
Philalethes Wenn man den Menschen auf diese Art frei macht ich meine
indem man die Handlung des Wollens vom Willen abhängig macht so muss er einen
anderen Willen oder ein anderes Vermögen des Wollens vorher haben um die Akte
dieses Willens zu beschließen und wieder einen anderen um dieses zu
beschließen und so bis ins Unendliche fort denn wo man auch immer anhält
können die Handlungen des letzten Willens nicht frei sein
Theophilus Allerdings spricht man ungenau wenn man sagt wir wollten was
wir wollen Wir können nicht wollen wollen sondern wir wollen handeln und wenn
wir wollen wollen könnten so würden wir wollen wollen wollen können und das
würde bis ins Unendliche fortgehen indessen dürfen wir uns nicht verhehlen dass
wir durch freiwillige Handlungen oft indirekt zu anderen freiwilligen Handlungen
beitragen und obwohl man das was man will nicht wollen kann wie man selbst
nicht über das urteilen kann was man will so kann man dennoch dies dergestalt
im voraus tun dass man nämlich in der Folge das urteile oder wolle was man in
der Gegenwart wollen oder urteilen zu können wünschen möchte Man gewöhnt sich
an Menschen an Lektüre an Lieblingsbetrachtungen an einen gewissen
Gesichtspunkt man beachtet nicht was vom entgegengesetzten Gesichtspunkt
kommt und gewinnt durch diese Mittel und tausend andere Umstände die man
meistens ohne bestimmten Vorsatz und ohne daran zu denken anwendet es über
sich sich zu täuschen oder wenigstens zu ändern und sich nach seinen
Begegnissen zu bessern oder zu verschlimmern
25 Philalethes Da es also ausgemacht ist dass der Mensch nicht die
Freiheit hat zu wollen dass er will oder nicht will so ist jetzt zunächst zu
fragen ob der Mensch die Freiheit hat dasjenige von zweien Dingen zu wollen
was ihm gefällt zB die Bewegung oder die Ruhe Aber diese Frage ist in sich
selbst so offenbar widersinnig dass sie genügt jeden welcher darüber
nachdenkst zu überzeugen dass die Freiheit in keinem Falle den Willen angeht
Denn fragen ob der keusch die Freiheit habe zu wollen was ihm gefällt die
Bewegung oder die Ruhe das Reden oder das Schweigen das heißt fragen ob ein
Mensch das wollen kann was er will oder ob ihm das gefällt was ihm gefällt
eine Frage die meiner Ansicht nach keiner Beantwortung bedarf
Theophilus Trotz alledem schaden die Menschen allerdings sich hierin eine
Schwierigkeit welche gelöst zu werden verdient Sie sagen dass nachdem sie
alles erkannt und erwogen haben es noch in ihrer flacht stehe nicht nur das zu
wollen was am meisten zusagt sondern auch das grade Gegenteil bloß um ihre
Freiheit zu zeigen Man muss aber dabei bedenken dass wenn diese Laune oder
dieser Eigensinn oder wenigstens dies Motiv welches sie den übrigen Motiven zu
folgen hindert in die Waagschale geworfen wird und sie das anzunehmen veranlasst
was ihnen sonst nicht annehmbar erscheinen würde ihre Wahl doch noch immer
durch die Wahrnehmung bestimmt ist Man will also nicht das was man wollen
möchte sondern was gefällt obgleich der Wille indirekt und gleichsam von ferne
dazu beitragen kann zu machen dass etwas gefalle oder nicht gefalle wie ich
schon bemerkt habe Und da die Menschen diese verschiedenen Erwägungen nicht
gehörig zu sondern wissen so ist es nicht zu verwundern dass der Verstand sich
über diesen Gegenstand der viele verborgene Schwierigkeiten enthält in
Unklarheit verwirrt
29 Philalethes Wenn man fragt was denn den Willen bestimme so besteht
die wahre Antwort darin zu sagen dass der Geist es ist welcher ihn bestimmt
Wenn diese Antwort nicht genügt so ist klar dass der Sinn dieser Frage sich
darauf zurückführen lässt was denn den Geist bei jeder besonderen Gelegenheit
antreibt seine allgemeine Macht womit er seine Fähigkeiten auf diese Ruhe oder
auf jene Bewegung richtet zu einer solchen Bewegung oder einer solchen Ruhe zu
bestimmen Ich antworte darauf dass das was uns veranlasst in demselben Zustand
zu bleiben oder dieselbe Handlung fortzusetzen allein die gegenwärtige
Befriedigung sei welche man darin findet Im Gegenteil ist das Motiv zur
Veränderung immer eine gewisse Unruhe
Theophilus Diese Unruhe wie ich schon im vorigen Kapitel gezeigt habe ist
nicht immer ein Missvergnügen wie die ruhige Stimmung in der man sich befindet
nicht immer eine Befriedigung oder ein Vergnügen ist Oft veranlasst uns eine
unmerkliche Wahrnehmung die man nicht klar und deutlich unterscheiden kann uns
eher nach der einen als nach der anderen Seite zu neigen ohne dass man sich
darüber Rechenschaft ablegen kann
30 Philalethes Der Wille und das Verlangen dürfen nicht miteinander
verwechselt werden Jemand hat das Verlangen von der Gicht befreit zu sein da
er aber begreift dass die Entfernung dieses Schmerzes die Übertragung eines
gefährlichen Krankheitsstoffes in einen edleren Teil verursachen kann so wird
sein Wille sich zu keiner Handlung bestimmen lassen die diesen Schmerz zu
entfernen dienen kann
Theophilus Dieses Verlangen ist eine Art von Willensneigung im Vergleich
mit dem vollen Wollen man möchte zB wollen wenn man nicht ein viel größeres
Übel zu fürchten hätte im Fall man das was man will erlangte oder man nicht
ein viel größeres Gut zu hoffen hätte wenn man sich dessen entschlüge Man kann
indessen sagen dass der Mensch mit einem gewissen Grad des Willens von der Gicht
befreit sein will der aber nicht bis zur entscheidend letzten Anstrengung
reicht Diese Art Willen nennt man Velleität insofern er eine gewisse
Unvollkommenheit oder Ohnmacht in sich schließt
31 Philalethes Man muss indessen bemerken dass dasjenige was den Willen
zum handeln bestimmt nicht das größte Gut ist wie man gewöhnlich annimmt
sondern vielmehr eine gewisse gerade vorhandene Unruhe und für gewöhnlich
diejenige welche am meisten drängt Diese kann man Verlangen nennen welches in
der Tat eine Unruhe des Geistes ist verursacht durch die Entbehrung eines
abwesenden Gutes außer dem Verlangen vom Schmerze befreit zu werden Nicht
jedes abwesende Gut erzeugt einen dem Grade der in ihm liegenden oder von uns
bei ihm vorausgesetzten Vortrefflichkeit angemessenen Schmerz während jeder
Schmerz ein ihm gleiches Verlangen verursachte denn die Abwesenheit eines Gutes
ist nicht immer ein Übel wie es die Anwesenheit des Schmerzes ist Dies ist der
Grund warum man ein abwesendes Gut ohne Schmerz betrachten und ins Auge fassen
kann aber in dem Maße als es irgendwo Verlangen gibt gibt es dabei auch
Unruhe 32 Wer sollte nicht beim Verlangen das empfunden haben was der
Weise von der Hoffnung sagt Sprichw Salom XIII 12 Die Hoffnung die da
verziehet ängstigt das Herz Rahel ruft aus 1 Buch Mos XXX 1 Schaffe mir
Kinder oder ich sterbe 34 Wenn der Mensch in dem Zustande in welchem er
sich findet vollständig befriedigt ist oder wenn er vollkommen von aller
Unruhe frei ist was kann ihm dann noch für ein Wille bleiben als der in
diesem Zustande zu verharren So hat der weise Urheber unseres Wesens die
Unbequemlichkeit des Hungers und des Durstes und die anderen natürlichen Triebe
in die Menschen gepflanzt um ihren Willen zur Selbsterhaltung und Fortpflanzung
ihres Geschlechtes aufzuregen und zu bestimmen Es ist besser freien denn
Brunst leiden sagt St Paulus 1 Cor VII 9 So wahr ist es dass die
gegenwärtige Empfindung einer kleinen Wunde mehr Gewalt über uns hat als der
Reiz der größten Vergnügungen wenn man dieselben von fern betrachtet
35 Allerdings ist der Grundsatz dass das Gute und zwar das größte Gut den
Willen bestimme ein so allgemein angenommener dass ich mich gar nicht darüber
wundere ihn sonst als unzweifelhaft vorausgesetzt zu haben Indes bin ich nach
einer gründlichen Untersuchung zu schließen gezwungen dass das Gute und zwar das
größte Gut wenn es auch als solches beurteilt und anerkannt wird nicht den
Willen bestimmt wenn uns nicht indem wir auf eine seiner Vortrefflichkeit
angemessene Art danach verlangen dies Verlangen darüber beunruhigt dass wir
desselben entbehren müssen Setzen wir den Fall ein Mensch sei von dem Nutzen
der Tugend so sehr überzeugte dass er sie für jeden welcher etwas Großes in
dieser Welt sich vorsetzt oder in der anderes glücklich zu sein hofft für
notwendig erachtet so wird sich doch der Wille dieses Menschen bevor ihn noch
hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit niemals zu irgend einer Handlung
bestimmen die ihm zur Verfolgung dieses vortrefflichen Gutes dient und irgend
eine andere Unruhe die ihm in die Quere kommt wird seinen Willen zu anderen
Dingen fortreißen Setzen wir auf der anderen Seite den Fall jemand der dem
Trunk ergäben ist erwäge dass er durch die Lebensweise welche er führt seine
Gesundheit zerstöre und sein Vermögen vergeude dass er sich vor der Welt
entehre sich Krankheiten zuziehe und endlich so weit in Mangel fallen werde um
nicht einmal seiner festgewurzelten Leidenschaft des Trunkes mehr nachhangen zu
können gleichwohl bringt ihm die Wiederkehr der von ihm darüber gefühlten
Unruhe dass er von seinen Zechbrüdern entfernt sein soll ins Wirtshaus zurück
zu den Stunden an welchen er dorthin zu gehen gewohnt ist obgleich er dann den
Verlust seiner Gesundheit und seines Vermögens und vielleicht sogar den des
Glückes im anderen Leben vor Augen hat eines Glückes das er gewiss nicht als
ein an sich unbedeutendes Gut betrachten kann weil es nach seinem eigenen
Geständnis viel vortrefflicher ist als das Vergnügen zu trinken und das leere
Geschwätz einer Gesellschaft von Trinkern Nicht also weil er seine Augen auf
dass höchste Gut zu richten unterlässt beharrt er in seinem unordentlichen Leben
denn er versteht die Vortrefflichkeit jenes und erkennt sie an soweit dass er
während der Zeit die zwischen den zum Trinken angewandten Stunden verstreicht
sich entschließt der Verfolgung dieses höchsten Gutes nachzuleben sondern wenn
das Unbehagen des gewohnten Vergnügens zu entbehren ihn zu quälen kommt so
hat dies Gut welches er als viel vortrefflicher anerkennt als das des Trinkens
keine Gewalt mehr über seinen Geist und diese augenblickliche Unruhe bestimmt
seinen Willen zur gewohnten Handlung Ja sie macht eben dadurch noch einen
stärkeren Eindruck und überwiegt bei der ersten Gelegenheit obgleich er sich
zur selben Zeit sozusagen durch geheime Gelübde selbst angelobt nicht mehr
dasselbe zu tun und sich einbildet dies werde das letzte Mal sein dass er
gegen sein höchstes Interesse handelt So findet er sich denn von Zeit zu Zeit
darauf angewiesen zu sagen
Video meliora proboque
Deteriora sequor
Ich sehe das Bessere und billige es folge aber dem Schlechteren Dieser
Spruch den man als wahrhaftig kennt und der nur zu sehr durch fortlaufende
Erfahrung bestätigt wird ist auf diesem Wege leicht zu begreifen in irgend
einem anderen Sinne aber vielleicht nicht
Theophilus In diesen Betrachtungen liegt etwas Richtiges und
Wohlbegründetes Ich möchte indessen nicht dadurch zu dem Glauben veranlassen
dass man jene alten Grundsätze fahren lasse wonach der Wille dem größten Gute
folgt oder das größte Übel vermeidet das er Empfindet Der Umstand dass man den
wahren Gütern wenig zugetan ist kommt zum guten Teile daher dass bei den
Gegenständen und den Umständen wo die Sinne nicht wirken unsere meisten
Gedanken sozusagen taub sind auf Latein nenne ich sie cogiatationes caecas
blinde Gedanken dh leer von Verständnis und Gefühl und in der bloßen
Anwendung von reichen bestehend wie es denjenigen ergeht die algebraische
Berechnungen machen ohne daran zu denken dass die geometrischen Figuren und die
Wörter von Zeit zu Zeit dabei dieselbe Wirkung haben wie die arithmetischen oder
algebraischen Zeichen Man denkt oft in Worten fast ohne den Gegenstand nur im
Geiste zu haben Nun hat diese Art von Erkenntnis nichts Rührende es ist etwas
Lebendiges nötig um ergriffen zu werden Indessen ist dies die Art wie die
Menschen meistens an Gott die Tugend die Glückseligkeit denken sie reden und
denken ohne bestimmt ausgeprägte Vorstellungen Dies ist nicht deswegen der
Fall weil sie keine haben könnten sie sind ja ihrem Geiste innewohnend aber
sie geben sich nicht die Mühe die Analyse weit genug zu treiben Sie haben
mitunter die Vorstellungen eines abwesenden Gutes oder Übels aber nur sehr
schwache Kein Wunder also dass sie davon nicht berührt werden Wenn wir also
das Schlechtere vorziehen so geschieht es weil wir das darin enthaltene Gute
empfinden ohne das darin enthaltene Übel und das ihm entgegengesetzte Gute zu
fühlen Wir nehmen an und glauben oder vielmehr wir wiederholen nur auf fremden
Glauben oder höchstens auf Glauben an das Andenken unserer früheren Gedanken
dass das größte Gut auf der besseren Seite und das größte Übel auf der
entgegengesetzten sei Fassen wir sie aber nicht fest ins Auge so sind unsere
Gedanken und Räsonnements entgegengesetzt dem Gefühle eine Art von
Psittacismus der im Augenblicke für den Geist nichts ausmacht und wenn wir
nicht Maßregeln zur Abhilfe dagegen ergreifen so sind sie wie im Winde
verlogen was ich schon oben bemerkt habe B I Kap 2 11 Die schönsten
Vorschriften der Moral nebst den besten Klugheitsregeln haften nur in einer
Seele welche dafür empfindet entweder direkt oder weil dies nicht immer
geschehen kann wenigstens indirekt wie ich bald zeigen werde und für das
Gegenteil nicht mehr empfindet Cicero sagt irgendwo sehr gut dass wenn unsere
Augen die Schönheit der Tugend sehen könnten wir sie mit Inbrunst lieben
würden aber da weder dies noch etwas Dementsprechendes geschieht so muss man
sich nicht wundern wenn in dem Kampfe zwischen Fleisch und Geist der Geist so
oft unterliegt weil er seiner Vorteile nicht lebendig innegeworden ist Dieser
Kampf ist nichts anderes als der Gegensatz der verschiedenen Strebungen welche
aus verworrenen und aus deutlichen Gedanken hervorgehen Die verworrenen
Gedanken lassen sich oft sehr klar empfinden aber unsere deutlichen Gedanken
sind gewöhnlich nur der Möglichkeit nach klar Sie könnten es freilich sein
wenn wir uns die Mühe geben wollten in den Sinn der Worte oder Zeichen
einzudringen aber da man es entweder aus Nachlässigkeit oder wegen der Kürze
der Zeit nicht tut so setzt man bloße Worte oder wenigstens zu schwache Bilder
lebhaften Empfindungen entgegen Ich habe einen in der Kirche und im Staate
bedeutenden Mann gekannt den sein schwächlicher Zustand veranlasst hatte sich
mit bloßer Pflanzenkost zu begnügen aber er gestand dass er dem Geruch der
Fleischspeisen nicht habe widerstehen können die man an seinem Zimmer vorbei
den anderen auftrug Das ist ohne Zweifel eine schmähliche Schwäche aber so
sind die Menschen nun einmal angetane Wenn indessen der Geist seiner Vorteile
sich recht bedienen wollte so würde er den entschiedensten Sieg davontragen
Man müsste mit der Erziehung den Anfang machen welche in der Art geregelt werden
sollte dass man die wahren Güter und die wahren Übel so viel als möglich ist
zur Empfindung brühte indem man die über sie gebildeten Begriffe auf die zu
diesem Zweck möglichst passenden Umstände anwendete und ein schon Erwachsener
dem eine solche treuliche Erziehung fehlt muss lieber spät als niemals
erleuchtete und vernünftige Vergnügungen zu suchen beginnen um sie denen der
Sinne welche verworren aber eindringlich sind entgegenzusetzen Auch ist in
der Tat die göttliche Gnade selbst eine Lust welche Erleuchtung verleiht Wenn
also ein Mensch gute Regungen hat so muss er sich für die Zukunft Gesetze und
Regeln machen und sie mit Strenge durchführen sich den Umständen welche ihn
verderben könnten entziehen sei es auf einmal oder allmählich je nach der
Natur der Sache Eine ganz besonders zu diesem Zweck unternommene Reise kann
einen Verliebten heilen ein Rückzug in die Einsamkeit uns vom Umgang befreien
welcher uns in irgend einer schlechten Neigung festhielt Der Jesuitengeneral
Franz von Borgia welcher schließlich kanonisiert worden ist war gewohnt stark
zu zechen als er noch in der großen Welt lebte nach und nach aber als er sich
zurückzuziehen gedachte gewöhnte er sich an Mäßigkeit indem er täglich einen
Tropfen Wachs in den Pokal tröpfelte welchen er zu leeren gewohnt war
Gefährlichen sinnlichen Vergnügungen muss man irgend ein anderes unschuldiges
sinnliches Vergnügen wie Ackerbau oder Gärtnerei entgegensetzen man muss den
Müßiggang fliehen Merkwürdigkeiten der Natur und der Kunst sammeln Erfahrungen
und Untersuchungen machen sich zu einer Beschäftigung der man sich nicht
entziehen darf verpachten wenn man keine hat oder irgend eine nützliche und
angenehme Unterhaltung oder Lektüre anstellen Mit einem Worte man muss die
guten Regungen als Gottes Stimme die uns ruft benutzen um wirksame Beschlüsse
zu fassen Und da man nicht immer die Begriffe die wahren Güter und die wahren
Übel bis zur Wahrnehmung der in ihnen enthaltenen Lust und des in ihnen
enthaltenen Schmerzes um davon ergriffen zu werden analysieren kann so muss
man es sich ein für allemal zum Gesetz machen auf die Schlüsse der gesunden
Vernunft zu achten und ihnen zu folgen nachdem man sie einmal gut begriffen
hat selbst wenn man sich ihrer in der Folge und gewöhnlich nicht oder nur
mittels tauber und von sinnlichen Reizen entblößter Gedanken bewusst ist Dadurch
wird man sich endlich ebensosehr in den Besitz der Herrschaft über die
Leidenschaften als über die unmerklichen Neigungen oder Unruhen setzen indem
man jene Wertigkeit erlangt der Vernunft gemäß zu handeln welche die Tugend
angenehm und gleichsam natürlich machte Aber es handelt sich hier nicht darum
moralische Vorschriften oder geistliche Ratschläge und Aufforderungen zur Übung
wahrer Frömmigkeit zu erteilen es ist genug dass bei der Betrachtung der
Vorgänge in unserer Seele die Quelle unserer Schwächen deren Erkenntnis zu
gleicher Zeit die Heilmittel dagegen gewährt erblickt werde
36 Philalethes Die uns in der Gegenwart bedrängende Ursache wirkt allein
auf den Willen und bestimmt ihn auf natürliche Weise hinsichtlich des Glückes
nach dem wir alle in allen unseren Handlungen streben weil jeder den Schmerz
und die uneasiness dh die Unruhe oder vielmehr Unannehmlichkeit welche uns
nicht zum Gefühl der Behaglichkeit kommen lässt als mit der Glückseligkeit
unverträgliche Dinge ansieht Ein geringer Schmerz reicht hin alles Vergnügen
dessen wir genießen zu verderben folglich wird was die Wahl unseres Willens
zur folgenden Handlung unaufhörlich bestimmt immer die Entfernung des Schmerzes
sein solange wir noch einen Angriff desselben fühlen diese Entfernung ist der
erste Schritt zum Glück
Theophilus Wenn Sie Ihre uneasiness oder Unruhe für eine wahre Unlust
nehmen so gebe ich nicht zu dass sie die alleinige Triebfeder sei Dies sind am
häufigsten jene geringen unmerklichen Wahrnehmungen welche man unbewusste
Schmerzen nennen könnte wenn der Begriff des Schmerzes nicht das Bewusstsein
einschlösse Diese kleinen Anregungen bestehen darin sich fortwährend von
kleinen Hemmungen zu befreien woran unsere Natur ohne dass man daran denkt
immer arbeitet Darin besteht in Wahrheit jene Unruhe die man ohne sie zu
erkennen empfindet die uns in den Leidenschaften ebensogut als wenn wir am
ruhigsten erscheinen tätig macht denn wir sind niemals ohne irgendwelche
Handlung und Bewegung was nur daher kommt dass die Natur immer darauf
hinarbeitet sich in einen befriedigenderen Zustand zu versetzen Und sie
bestimmt uns denn auch vor jeder Beratschlagung in denjenigen Fällen welche uns
die gleichgültigsten scheinen weil wir niemals vollkommen im Gleichgewicht sind
und nie zwischen zwei Fällen genau in der Mitte uns beenden können Wenn uns
diese Elemente des Schmerzes die in wahren Schmerz oder in wahre Unlust
mitunter ausarten wenn sie zu sehr anwachsen wahre Schmerzen wären so würden
wir stets elend sein indem wir das Gute das wir mit Unruhe und Eifer suchen
verfolgen Aber es findet ganz das Gegenteil statt indem wie ich darüber schon
gesagt habe 6 des vorigen Kapitels die Anhäufung dieser kleinen beständigen
Erfolge der Natur die sich immer je mehr und mehr bequem macht indem sie auf
das Gute hinzielt und dessen Schattenbild genießt oder das Gefühl des Schmerzes
vermindert selbst schon eine bedeutende Lust und oft mehr wert ist als der
Genuss eines Gutes selbst Weit entfernt also dass man diese Unruhe als etwas mit
dem Glück Unverträgliches betrachten darf finde ich sie vielmehr als zum Glück
der erschaffenen Kreaturen wesentlich Denn diese besteht niemals in einem
vollkommenen Besitze welcher sie unempfindlich und gleichsam stumpfsinnig
machen würde sondern in einem beständigen ununterbrochenen Fortschritt zu
größeren Gütern der nicht umhin kann mit einem immerwährenden Verlangen oder
wenigstens einer unaufhörlichen Unruhe verbunden zu sein aber einer solchen
wie ich eben erläutert habe die nicht so weit geht beschwerlich zu fallen
sondern sich auf jene teilweise unbewussten Elemente oder Rudimente des Schmerzes
beschränkt welche zum Antrieb zu dienen und den Willen zu erregen hinreichen
Ebenso macht es bei einem gesunden Menschen der Appetit wenn er nicht bis zu
jener Unbequemlichkeit geht die uns ungeduldig macht und durch eine zu starke
Eingabe an die Vorstellung dessen plagt was uns fehlt Diese schwachen oder
starken Begehrungen nennt man in den Schulen motus primo primi sie sind in
Wahrheit die ersten Schritte welche uns die Natur nicht sowohl auf das Glück
als die Lust zu tun lässt da man dabei nur die Gegenwart im Auge hält aber
Erfahrung und Vernunft lehren diese Begehrungen regeln und mäßigen damit sie
zum Glück führen mögen Ich habe davon schon etwas gesagt Bd I K 2 3
diese Begehrungen sind wie das Streben eines Steins der zwar immer den geraden
aber nicht immer den besten Weg gegen den Mittelpunkt der Erde zu geht da er
nicht voraussehen kann dass er reisen auf seinem Wege treten wird an denen er
zerschellen muss während er sich seinem Ziele mehr genähert haben würde wenn er
den Geist und das Mittel einen Umweg zu nehmen gehabt hätte So fallen wir
mitunter indem wir auf eine gegenwärtige Lust gerade losgehen in den Abgrund
des Elends Deswegen hält uns die Vernunft dabei die Bilder größerer zukünftiger
Güter oder Übel und einen festen Entschluss sowie die Gewohnheit entgegen zu
überlegen ehe wir handeln und dann dem zu folgen was wir als das Beste
erkannt haben werden selbst dann wenn die empfindbaren Gründe unserer
Entschlüsse unserem Geiste nicht mehr gegenwärtig sein und fast nur in schwachen
Bildern oder selbst tauben Gedanken bestehen sollten die uns nur Worte oder
Zeichen ohne tatsächliche Erklärung derselben geben Demnach besteht alles in
dem Bedenke es wohl und in dem Sei eingedenk das erste um sich die Gesetze
zu machen das zweite um ihnen selbst dann zu folgen wenn man nicht mehr an
den Entstehungsgrund derselben denkt Es ist inzwischen gut daran so viel als
möglich zu denken um die Seele von einer vernunftgemäßen Freude und einer
erleuchteten Lust erfüllt zu haben
37 Philalethes Diese Vorsichtsmaßregeln sind ohne Zweifel um so nötiger
als die Vorstellung eines abwesenden Gutes die Empfindung von Unruhe und Unlust
wovon wir gerade belästigt werden nur insofern aufwiegen können als jenes Gut
in uns Verlangen erweckt Wieviel Leute gibt es nicht denen man die
unaussprechlichen Freuden des Paradieses in lebhaften Bildern darstellt welche
sie für möglich und wahrscheinlich anerkennen die sich gleichwohl gern mit der
Glückseligkeit deren sie in dieser Welt genießen begnügen würden Weil nämlich
die Unruhe ihres gegenwärtigen Verlangens die Oberhand behält und sich der Lust
dieses Lebens mit Ungestüm zukehrt so beschließt ihr Wille diese zu verfolgen
und so sind sie mittlerweile ganz unempfindlich gegen die Güter des anderen
Lebens
Theophilus Zum Teil kommt dies daher dass die Menschen oft wenig überzeugt
sind und im Grunde ihrer Seele was sie auch sagen mögen eine verborgene
Ungläubigkeit herrscht denn sie haben nie die guten Gründe begriffen welche
jene der Gerechtigkeit Gottes des wahren Grundpfeilers der wahren Religion
würdige Unsterblichkeit der Seelen beweisen oder sie erinnern sich nicht mehr
sie begriffen zu haben wovon doch das eine oder andere der Fall sein muss damit
man überzeugt sei Wenige fassen selbst dass ein zukünftiges Leben wie die
wahre Religion und selbst die wahre Vernunft ein solches lehrt möglich sei
weit entfernte die Wahrscheinlichkeit um nicht zu sagen die Gewissheit
desselben zufassen Alles was sie darüber denken ist nur Psittazismus oder es
sind grobsinnliche eitle Bilder nach mohammedanischer Weise denen sie selbst
wenig Glauben beimessen denn sie sind weit entfernt davon ergriffen zu werden
wie es nach der Sage die Krieger des Assassinenfürsten waren des Alten vom
Berge welche im tiefen Schlafe an einen reizenden Ort gebracht wurden wo sie
sich im Paradies des Mohammed wähnten und durch zu Engeln oder zu heiligen
Verkleidete solche Lehren empfingen wie ihr Fürst sie bei ihnen wünschte und
welche dann wieder eingeschläfert an den Ort zurückgebracht wurden woher man
sie genommen hatte dies gab ihnen alsdann die Kühnheit alles zu unternehmen
sogar Angriffe auf das Leben der Fürsten welche ihrem Herrn feind waren Ich
weiß nicht ob man diesem Alten vom Berge nicht unrecht getan hat denn man kann
eben nicht viele bedeutende dürsten nennen die er hätte töten lassen man müsste
denn den ihm zugeschriebenen Brief bei den englischen Geschichtsschreibern in
Betracht ziehen durch welchen er König Richard I von der Ermordung eines
Grafen oder dürsten von Palästina freispricht den dieser Alte vom Borge
gesteht töten gelassen zu haben weil er von ihm beleidigt worden war Dem sei
nun wie ihm wolle es war vielleicht ein großer Eifer für die Religion der
Grund dass dieser Fürst der Assassinen seinen Leuten eine vorteilhafte
Vorstellung vom Paradiese geben wollte welche deren Gedanken stets begleitete
und diese taub zu sein verhinderte ohne darum zu verlangen dass sie glauben
müssten sie seien wirklich im Paradies gewesen Aber gesetzt dass er es verlangt
hätte so dürfte man sich nicht wundern dass dieser fromme Betrug mehr Wirkung
gehabt habe als die schlecht angebrachte Wahrheit Gleichwohl würde nichts
stärker sein als die Wahrheit wenn man sich ihrer Erkenntnis und Geltendmachung
widmete und es würde ohne Zweifel Mittel geben ihr die Menschen kräftig
zuzuführen Wenn ich in Betracht ziehe was Ehrgeiz oder Habsucht bei allen
denen vermag die sich einmal auf solche Lebensführung eingelassen haben welche
doch von sinnlichen und lebendigen Reizen fast ganz bar ist so verzweifle ich
an nichts mehr und behaupte dass die Tugend begleitet wie sie ist von so vielen
echten Gütern unendlich mehr Wirkung haben würde wenn irgend eine glückliche
Umwälzung der Menschheit sie einmal empor und sogar in die Mode bringen würde
Es ist ganz gewiss dass man die Tugend daran gewöhnen könnte in der Ausübung der
Tugend ihre größte Lust zu suchen Und selbst die Erwachsenen könnten sich
Gesetze und eine Gewohnheit daraus machen ihr zu folgen was sie wenn sie
davon abgebracht würden ebenso stark und mit ebensoviel Unruhe ihr
nachzuleben veranlassen müsste als ein Trunkenbold empfindet wenn er ins
Wirtshaus zu gehen verhindert ist Diese Betrachtungen über die Möglichkeit und
selbst über die Leichtigkeit der Heilmittel gegen unsere Übel habe ich gern
hinzugefügt uni nicht dazu beizutragen die Menschen in der Verfolgung der
wahren Güter durch die bloße Darlegung unserer Schwachheiten mutlos zu machen
39 Philalethes Fast alles kommt darauf an dass man das Verlangen nach
den wahren Gütern erweckt Und selten geschieht es dass eine freiwillige
Handlung in uns zustande kommt ohne von irgend einem Verlangen begleitet zu
sein darum werden der Wille und das Verlangen so oft miteinander verwechselt
Indessen darf man die Sache nicht so ansehen als ob die Unruhe welche an den
meisten Leidenschaften teilhat oder wenigstens deren Folge ist wie gänzlich
dabei ausgeschlossen sei denn Hass Furcht Zorn Neid und Scham haben jedes
seine Unruhe und wirken dadurch auf den Willen Dass irgend eine dieser
Leidenschaften ganz allein bestehe bezweifle ich ich glaube sogar dass man
Mühe haben würde eine Leidenschaft zu finden die nicht vom Verlangen begleitet
wäre Und da unsere Ewigkeit nicht vom gegenwärtigen Augenblick abhängt so
werfen wir unseren Blick welches auch die Lust sein möge die wir gerade
genießen über das Jetzt hinaus und das Verlangen das diese die Zukunft im
voraus umfassenden Anschauungen begleitet zieht den Willen immer nach sich so
dass selbst inmitten der Freude der Wunsch die Lust fortzusetzen und die Furcht
derselben beraubt zu werden die Handlung unterhält von der diese gegenwärtige
Lust abhängt und so oft eine größere Unruhe als jene sich des Geistes zu
bemächtigen kommt bestimmt sie sogleich den Geist zu einer neuen Handlung und
die gegenwärtige Lust wird hintangesetzt
Theophilus Zur Bildung eines vollkommenen Willensaktes gehören mehrere
Wahrnehmungen und Neigungen aus deren Kampf er als Resultat hervorgeht Es gibt
darunter solche die für sich nicht wahrzunehmen sind deren Zusammenwirken eine
Unruhe erzeugt die uns ohne dass man den Grund davon sieht vorwärts treibt
mehrere von ihnen zusammengenommen lenken uns auf einen Gegenstand zu oder
entfernen uns von ihm und das ist dann Verlangen oder Furcht die auch von
einer Unruhe begleitet sind aber niemals bis zur Lust geht Endlich gibt es
Antriebe die von Lust und Schmerz tatsächlich begleitet sind und alle diese
Wahrnehmungen sind entweder neue sinnliche Empfindungen oder Phantasiebilder
welche eine frühere sinnliche Empfindung zurückgelassen hat und die mit
Wiedererinnerung verbunden sind oder nicht Diese indem sie die Reize erneuern
welche eben diese Bilder bei jenen früheren sinnlichen Empfindungen hatten
erneuern auch nach Maßgabe der Lebendigkeit der Einbildungskraft die alten
Eindrücke Und endlich folgt aus allen diesen Antrieben jene durchschlagende
Kraftanstrengung welche den vollen Willen ausmacht Indessen werden die Akte
des Verlangens und die Strebungen deren man sich bewusst ist oft auch
Willensakte genannt wenn auch nicht volle mögen sie nun das Übergewicht
erhalten und uns zum Handels bringen oder nicht Daraus lässt sich leicht
schließen dass der Willensakt ohne Verlangen und ohne Abkehr nicht bestehen
kann denn so glaube ich kann man das Gegenteil des Verlangens nennen Die
Unruhe ist nicht allein mit den unbequemen Leidenschaften verbunden wie dem
Hass der furcht dem Zorn dem Neide der Scham sondern auch mit den
entgegengesetzten wie der Liebe der Hoffnung der Gunst und dem Ruhm Man kann
sagen dass überall wo Verlangen ist auch Unruhe sei aber das Gegenteil ist
nicht immer wahr weil man oft Unruhe hat ohne zu wissen was man will und
dann das Verlangen noch nicht fertig ist
40 Philalethes Gewöhnlich bestimmt die stärkst Unruhe von der man sich
dann zu befreien imstande zu sein glaubt den Willen zur Handlung
Theophilus Da das Resultat des Abwägens die schließliche Entscheidung
ergibt so kann es glaube ich geschehen dass die stärkste Unruhe nicht das
Übergewicht erhält denn wenn sie auch einer jeden der entgegengesetzten
Strebungen sie einzeln genommen überlegen wäre so können doch die übrigen
miteinander verbunden sie übersteigen Der Geist kann sogar des Kunstgriffs der
Dichotomien sich bedienen um bald die einen bald die anderen vorherrschend zu
machen wie man in einer Versammlung irgend eine Partei durch die Mehrheit der
Stimmen vorherrschend machen kann je nachdem man die Ordnung der Fragen bildet
Allerdings muss der Geist schon im voraus dafür sorgen denn im Augenblick des
Kampfes ist es nicht mehr Zeit diese Kunstgriffe anzuwenden Alles was sich
dann im Innern meldet drückt auf die Wage und trägt dazu bei eine Richtung zu
bilden die beinahe wie in der Mechanik eine zusammengesetzte ist und sich ohne
eine schleunige Abwehr nicht aufhalten lässt
Fertur equis auriga nec audit currus habenas
41 Philalethes Fragt man außerdem was denn das Verlangen errege so
antworten wir das Glück und weiter nichts Das Glück und das Unglück sind die
Namen der beiden äußersten Punkte deren letzte Grenzen uns unbekannt sind Sie
sind was kein Auge gesehen kein Ohr gehört und das Herz des Menschen niemals
begriffen hat Aber wir erhalten in unserem Inneren lebhafte Eindrücke von dem
einen und dem anderen durch verschiedene Arten von Befriedigung und Freude von
Qual und Verdruss die ich der Kürze wegen unter den Namen der Lust und des
Schmerzes begreife Diese kommen dem Geiste ebensogut als dem Körper zu oder
gehören genauer zu reden nur dem Geiste an obgleich sie bald im Geiste bei
Gelegenheit gewisser Gedanken bald im Körper bei Gelegenheit gewisser
Modifikationen der Bewegung ihren Ursprung haben
42 So ist das Glück in seinem ganzen Umfang genommen die größte Lust
deren wir fähig sind und das Unglück ebenso genommen der größte Schmerz den
wir fühlen können Und der unterste Grad dessen was man Glück nennen kann ist
derjenige Zustand wo man von jedem Schmerze frei ein solches Maß
gegenwärtiger Lust genießt dass man mit einem geringeren nicht zufrieden sein
kann Ein Gut nennen wir das was in uns Lust hervorzubringen und ein Übel das
was in uns Schmerz hervorzubringen geeignet ist Indessen geschieht es häufig
dass wir es nicht so nennen wenn das eine oder andere dieser Güter oder Übel
sich mit einem größeren Gute oder größeren Übel in Wettstreit beendet
Theophilus Ich weiß nicht ob eine größte Lust möglich ist und möchte
vielmehr glauben dass sie bis ins Unendliche wachsen kann denn wir wissen
nicht bis wohin unsere Erkenntnisse und Organisation in jener ganzen Ewigkeit
die uns erwartet gelangen können Ich möchte also annehmen dass das Glück eine
dauernde Lust sei die ohne ein beständiges Fortschreiten zu immer neuer Lust
nicht stattfinden kann So wird von zweien von denen der eine unvergleichlich
schneller und durch größere Lust als der andere fortschreitet ein jeder in sich
selbst glücklich sein obgleich ihr Glück sehr ungleich sein mag Das Glück ist
also um so zu sagen ein Weg von Lust zu Lust und die Lust ist nur ein Schritt
und eine Annäherung zum Glück der kürzeste der sich infolge der jedesmaligen
Eindrücke machen lässt aber nicht immer der beste wie ich gegen das Ende des
36 gesagt habe Man kann den wahren Weg verfehlen indem man den kürzesten
aufsucht wie der geradeaus fallende Stein nur zu bald Hindernissen begegnen
kann die ihn verhindern sich dem Mittelpunkt der Erde hinlänglich anzunähern
Dies lässt uns erkennen worin Vernunft und Wille bestehen die uns zum Glucke
führen dass aber das Gefühl und die Begierde uns nur der Lust zuführen Obgleich
nun die Lust ebensowenig wie das Licht oder die Farbe eine Nominaldefinition
zulässt so lässt sie doch wie sie eine genetische Definition zu und so glaube
ich dass die Lust im Grunde genommen ein Gefühl der Vollkommenheit und der
Schmerz ein Gefühl der Unvollkommenheit ist wenn er nämlich so weit merklich
ist dass man sich desselben bewusst werden kann Denn die kleinen unmerklichen
Wahrnehmungen irgend einer Vollkommenheit oder Unvollkommenheit die gleichsam
die Elemente von Lust und Schmerz sind und von denen ich schon so oft
gesprochen habe bilden die Triebe und Neigungen aber noch nicht die
Leidenschaften selbst So gibt es unmerkliche und unbewusste Neigungen so gibt
es merkliche deren Vorhandensein und Gegenstand man kennt deren Bildung man
aber nicht merkt und das sind die verworrenen Neigungen die wir dem Körper
zuschreiben obgleich immer etwas dabei ist was im Geists damit parallel geht
endlich gibt es deutliche Empfindungen welche die Vernunft uns verleiht deren
Stärke und Bildung wir empfinden und die Freuden dieser Art welche mit der
Erkenntnis und Erzeugung von Ordnung und Harmonie verbunden sind sind die
schätzbarsten Man hat Grund zu erklären dass im allgemeinen alle diese
Neigungen Leidenschaften diese Freuden und Schmerzen nur dem Geiste oder der
Seele angehören ich möchte sogar hinzufügen dass ihr Ursprung in der Seele
selbst liegt wenn man die Dinge in einem gewissen streng metaphysischen Sinne
nimmt dass man aber nichtsdestoweniger zu sagen recht hat die verworrenen
Gedanken kämen vom Körper her weil über sie die Betrachtung des Körpers und
nicht die der Seele etwas Bestimmtes und Erklärliches bietet Ein Gut ist das
was zur Lust dient oder beiträgt wie ein Übel das was zum Schmerz beiträgt
Aber im Kampfe mit einem größeren Gut würde dasjenige Gut das uns desselben
berauben würde in Wahrheit ein Übel werden insofern es zu dem Schmerze
beitragen würde der daraus hervorgehen müsste
47 Philalethes Die Seele hat die Macht den Vollzug einiger dieser
Begierden aufzuschieben und besitzt folglich die Freiheit sie eine nach der
anderen zu betrachten und miteinander zu vergleichen Darin besteht die Freiheit
des Menschen und was wir freilich meines Erachtens nach sehr uneigentlich die
Willkür nennen und der schlechte Gebrauch den wir davon machen ist die
Ursache aller der verschiedenen Verirrungen Irrtümer und Fehler in welche wir
fallen wenn wir unseren Willen zu schnell oder zu langsam entscheiden
Theophilus Die Ausübung unserer Begierde wird aufgeschoben oder
aufgehalten wenn diese Begierde nicht stark genug ist uns in Bewegung zu
setzen und die Mühe oder Unbequemlichkeit bei ihrer Befriedigung zu überwinden
und diese Mühe besteht mitunter nur in einer unmerklichen Trägheit oder
Schlaffheit welche uns unvermerkt zurückhält und welche größer ist bei Personen
von weichlicher Erziehung oder phlegmatischem Temperament und bei solchen
welche durch das Alter oder ihre schlechten Erfolge verkümmert sind Aber auch
wenn das Verlangen an sich stark genug ist um in Bewegung zu setzen wenn ihm
nichts in den Weg tritt so kann es durch entgegengesetzte Neigungen aufgeholten
werden mögen sie nun in einem bloßen Hange bestehen der gleichsam der Urstoff
oder der Anfang des Verlangens ist oder sei es dass sie bis zum Verlangen
selbst gehen Da sich indessen diese entgegengesetzten Arten von Neigung Hang
und Verlangen schon in der Seele vorfinden müssen so hat sie dieselben nicht in
ihrer Macht und würde folglich nicht auf eine freie und spontane Weise woran
die Vernunft teilhaben kann Widerstand leisten können wenn sie nicht noch ein
anderes Mittel hätte nämlich den Geist anderswohin abzulenken Wie soll man es
aber anfangen im Notfalle dies zu tun Denn das ist gerade der Punkt vor
allem wenn man von einer starken Leidenschaft erfüllt ist Der Geist muss also
im voraus gerüstet sein und sich schon im Gange beenden von Gedanken zu
Gedanken fortzuschreiten um sich nicht mit ausgleitendem und unsicherem Tritt
zu sehr aufzuhalten Es ist darum gut sich im allgemeinen anzugewöhnen an
gewisse Dinge gleichsam nur im Vorübergehen zu decken um sich die
Geistesfreiheit besser zu erhalten Das Beste aber ist an methodisches Vorgehen
sich zu gewöhnen und in einen Gedankengang einzuleben dessen Verbindung die
Vernunft und nicht der Zufall dh die unmerklichen und zufälligen Eindrücke
stiften Und darum ist die Gewohnheit gut sich von Zeit zu Zeit zu sammeln und
sich über den jedesmaligen Tumult der Eindrücke zu erhebe sich von der Stelle
wo man sich gerade beendet sozusagen zu entfernen und sich zu sagen Die cur
hic respice finem wo sind wir denn Schreiten wir zur Tat Die Menschen hätten
oft jemand mit einer Art amtlicher Befugnis nötig wie Philipp der Vater
Alexanders des Großen einen solchen hatte um sie zu unterbrechen und sie zu
ihrer Reicht zurückzurufen Aber in Ermangelung eines solchen Beamten ist es
gut dass wir dazu angetan seien dies Amt für uns selbst zu übernehmen Denn
sind wir einmal imstande die Wirkung unserer Begierden und Leidenschaften
aufzuhalten dh die Handlung aufzuschieben so können wir auch die Mittel
finden sie zu bekämpfen sei es durch entgegengesetzte Begierden und Neigungen
sei es durch Abkehr dh durch Beschäftigungen anderer Art Durch diese
Verfahrungsweisen und Kunstgriffe werden wir gleichsam Herren unserer selbst und
können uns mit der Zeit dazu bringen zu denken und zu handeln wie wir zu
wollen wünschen und die Vernunft uns gebietet Indessen geschieht es immer durch
bestimmte gewiesene Wege und niemals ohne Grund oder etwa durch das
phantastische Prinzip einer vollkommenen Indifferenz oder eines Gleichgewichts
in welches manche das Wesen der Freiheit setzen als ob man sich ohne Grund und
selbst gegen jeden Grund bestimmen und geradezu gegen alles Übergewicht der
Eindrücke und Neigungen angehen könnte Ohne Grund sage ich dh ohne den
Gegensatz anderer Neigungen oder ohne dass man im voraus im Zuge sei den Geist
davon abzuwenden und ohne irgend ein anderes ähnliches erklärliches Mittel
Sonst hieße das zu einer Chimäre seine Zuflucht nehmen wie bei den bloßen
Vermögen oder verborgenen Eigenschaften der Scholastiker die keinen Sinn und
Verstand haben der Fall war
48 Philalethes Auch ich bin für diese vernunftgemäße Bestimmung des
Willens durch das was in der Wahrnehmung und im Verstände ist Zu wollen und
dem letzten Resultate einer ernstlichen Prüfung gemäß zu handeln ist eher eine
Vollkommenheit als ein Fehler unserer Natur Und so viel fehlt daran dass
dadurch unsere Freiheit erstickt oder verkürzt werde dass sie vielmehr gerade
dadurch vollkommener und vorteilhafter wird Auch sind wir je mehr wir uns von
dieser Weise uns zu bestimmen entfernen desto näher dem Unglück und der
Knechtschaft Setzt man im Geiste eine vollständige und absolute Indifferenz
die durch ein letztes Urteil über das was Gut und Böse sein soll nicht
bestimmt werden kann so bringt man ihn in einen sehr unvollkommenen Zustand
Theophilus Alles das ist ganz nach meinem Sinne und zeigt dass der Geist
nicht eine volle und direkte Macht habe seine Begierden stets anzuhalten denn
sonst würde er niemals sich bestimmen soviel er auch Prüfungen anstellen und so
gute Gründe oder wirksame Gedanken er haben möchte er würde immer
unentschlossen bleiben und zwischen Furcht und Hoffnung ewig schwanken Endlich
muss er sich doch entschließen und daher kann er sich seinen Begierden nur
indirekt widersetzen indem er sich im voraus die Waffen bereitet welche sie
wie ich eben erklärt habe nach Bedürfnis bekämpfen
Philalethes Indes besitzt der Mensch die Freiheit seine Hand auf den Kopf
zu legen oder sie in Ruhe zu lassen Er ist vollständig gleichgültig in Hinsicht
auf das eine und das andere von beiden und es würde bei ihm eine
Unvollkommenheit sein wenn diese Macht ihm fehlte
Theophilus Genau zusprechen ist man niemals gleichgültig in Hinsicht auf
zwei Dinge zB sich nach rechts oder links zu wenden denn wir tun das eine
oder andere ohne daran zu denken und es ist das ein Zeichen dass ein
Zusammenwirken innerer Zustände und äußerer Eindrücke wenngleich unmerklich
uns zu der Entscheidung die wir ergreifen bestimmt freilich ist das
Übergewicht nur gering und fast sieht es aus als ob wir in dieser Hinsicht
gleichgültig wären da der geringste sinnlich wahrnehmbare Gegenstand der sich
uns darbietet imstande ist uns ohne Schwierigkeit zu dem einen statt zum
anderen zu bestimmen und mag es auch eine kleine Mühe sein den Arm zu erheben
um die Hand auf den Kopf zu legen so ist sie doch so gering dass wir sie ohne
Schwierigkeit überwinden sonst gestehe ich würde es eine große
Unvollkommenheit sein wenn der Mensch dabei weniger gleichgültig wäre und ihm
die Macht fehlte sich bis zum Erheben oder Nichterheben des Armes zu bestimmen
Philalethes Nicht weniger aber würde es eine große Unvollkommenheit sein
wenn er dieselbe Gleichgültigkeit in allen Begegnissen hätte wie zB wenn er
Kopf oder Augen vor einem Schlage schützen wollte von dem er sich bedroht sähe
dh wenn es ihm eben so leicht wäre diese Bewegung wie die anderen von denen
wir gesprochen haben anzuhalten bei denen es fast gleichgültig ist denn das
würde bedeuten dass er nicht kräftig und schnell genug im Notfalle dazu
schreiten würde Also ist das Bestimmtwerden für uns nützlich und sehr oft sogar
notwendig und wenn wir bei jeder Art von Begegnungen wenig bestimmt und
gleichsam gegen die Gründe unempfindlich wären die aus der Wahrnehmung von Gut
und Schlimm stammen so würden wir ohne wirksame Wahl sein ebenso wie wir
nicht frei sein würden wenn wir durch etwas anderes als durch das letzte in
unserem Geiste gemäß unserem Urteil über das Gute und Böse einer gewissen
Handlung gebildete Resultat bestimmt würden
Theophilus Das ist vollständig wahr und wer eine andere Freiheit sucht
weiß nicht was er will
49 Philalethes Die höheren Wesen welche eine vollkommene Glückseligkeit
genießen werden stärker als wir zur Wahl des Guten bestimmt und wir haben
gleichwohl keinen Grund uns vorzustellen dass sie weniger frei seien als wir
Theophilus Deswegen sagen die Theologen dass diese seligen Wesen im Guten
befestigt und von jeder Gefahr des Falles frei sind
Philalethes Ich glaube sogar dass wenn es so armseligen Geschöpfen wie
wir sind darüber zu urteilen zukäme was eine unendliche Weisheit und Güte tun
kann wir sagen könnten dass Gott selbst nichts wählen könnte was nicht gut
ist und dass die Freiheit dieses allmächtigen Wesens es nicht verhindert durch
das was das Beste ist bestimmt zu werden
Theophilus Ich bin von dieser Wahrheit dergestalt überzeugt dass ich
glaube wir können sie dreist als gesichert behaupten so armselige und
beschränkte Kreaturen wir immer sein mögen und würden sogar sehr unrecht tun
daran zu zweifeln denn wir würden eben dadurch seiner Weisheit Güte und seinen
übrigen unendlichen Vollkommenheiten Abbruch tun Indessen darf diese Wahl so
sehr sie auch durch den Willen bestimmt sein mag doch nicht im eigentlichen
Sinne absolut notwendig genannt werden da das Übergewicht der bewussten Güter
den Willen lenkt ohne ihn mit Notwendigkeit zu zwingen mag auch alles in
Betracht gezogen diese Lenkung bestimmend sein und niemals ihre Wirkung
hervorzubringen verfehlen
50 Philalethes Durch die Vernunft zum Besten bestimmt werden heißt am
freisten sein Wer würde deswegen geistesschwach sein wollen weil ein
Geistesschwacher durch weise Überlegungen weniger bestimmt wird als ein Mensch
von gesundem Geister Wenn die Freiheit darin besteht das Joch der Vernunft
abzuschütteln so sind die Narren und Unsinnigen allein frei aber ich glaube
nicht dass aus Liebe zu einer solchen Freiheit jemand ein Narr werden möchte
den ausgenommen welcher es schon ist
Theophilus Heutzutage gibt es Leute welche es für geistreich halten gegen
die Vernunft zu predigen und sie als eine unbequeme Pedantin zu behandeln Ich
sehe kleine Broschüren inhaltlose Gespräche die sich damit groß tun und
mitunter sogar Verse welche zu schön sind um zu so unrechten Gedanken
gebraucht zu werden Wenn diejenigen welche die Vernunft verspotten im ernste
redeten so wäre das in der Tat eine neue den vergangenen Jahrhunderten
unbekannte Verirrung Gegen die Vernunft sprechen heißt gegen die Wahrheit
sprechen denn die Vernunft ist die Verkettung von Wahrheiten Es heißt gegen
sich selbst sprechen gegen sein eigenes Wohl da der Hauptzweck der Vernunft
darin besteht es zu erkennen und ihm nachzuleben
51 Philalethes So wie also die höchste Vollkommenheit eines vernünftigen
Wesens darin besteht sich sorgfältig und beständig der Verfolgung seines wahren
Glückes zu widmen so ist die Sorge welche wir anwenden müssen um nicht eine
eingebildete Glückseligkeit für eine wirkliche zu nehmen der Grund unserer
Freiheit Je mehr wir zur unablässigen Verfolgung des Glückes im allgemeinen
verbunden sind das niemals der Gegenstand unseres Verlangens zu sein aufhört
desto mehr findet sich unser Wille von der Notwendigkeit entbunden durch das
Verlangen bestimmt zu werden das uns auf irgend ein besonderes Gut hinrichtet
bis wir untersucht haben ob es sich auf unser wahres Glück bezieht oder dagegen
ist
Theophilus Das wahre Glück sollte immer der Gegenstand unseres Verlangens
sein aber man muss zweifeln ob es das sei denn oft denkt man nicht daran und
ich habe schon mehr als einmal bemerkt dass der Trieb es sei denn dass er
durch die Vernunft gelenkt wird auf die gerade gegenwärtige Lust und nicht
auf das Glück dh auf die dauernde Lust geht mag er auch danach streben sie
dauerhaft zu machen Siehe 36 und 41
53 Philalethes Wenn irgend eine außerordentlich starke Störung sich
unserer Seele ganz bemächtigt wie zB der Schmerz einer grausamen Tortur sein
würde so sind wir nicht hinlänglich Herren unseres Geistes Um indessen unsere
Leidenschaften so viel als möglich zu mäßigen müssen wir unseren Geist den
Geschmack an dem wirklichen und wirksamen Guten und Schlimmen annehmen lassen
und nicht zugeben dass ein vortreffliches und bedeutendes Gut unserem Geiste
entgehe ohne ihm einigen Geschmack zurückzulassen bis wir in uns ein seiner
Vortrefflichkeit entsprechendes Verlangen erweckt haben dergestalt dass dessen
Abwesenheit uns ebensogut ruhig macht als die furcht es zu verlieren wenn wir
es genießen
Theophilus Dies kommt ganz mit den Bemerkungen überein welche ich bei den
31 35 gemacht habe und mit dem was ich mehr als einmal über die
erleuchteten Lustgefühle gesagt habe woraus man erkennt wie sie uns
vervollkommnen ohne uns in die Gefahr einer größeren Unvollkommenheit zu
bringen wie die verworrenen Lustgefühle der Sinne Vor diesen letzteren muss man
sich hüten besonders wenn man nicht durch die Erfahrung erkannt hat dass man
sich derselben auf sichere Weise bedienen kann
Philalethes Niemand sage dabei dass er seine Leidenschaften nicht
beherrschen noch verhindern könne dass sie ausbrechen und ihn zum handeln
zwingen denn was er in Gegenwart eines Fürsten oder eines angesehenen Cannes
tun kann das kann er auch wenn er will falls er allein oder in Gottes
Gegenwart ist
Theophilus Diese Bemerkung ist sehr gut und verdient dass man oft darüber
nachdenke
54 Philalethes Indessen beweisen die verschiedenen Wahlen welche die
Menschen in dieser Welt vornehmen dass nicht dasselbe für jeden von ihnen gleich
gut ist Und wenn die Interessen der Menschen sich nicht über dies Leben hinaus
erstreckten so würde die Ursache dieser Verschiedenheit welche zB bewirkt
dass die einen sich in Luxus und Schwelgerei stürzen und die anderen die
Mäßigkeit der Wollust vorziehen einzig daher kommen dass sie ihr Glück in
verschiedene Dinge setzen
Theophilus Sie kommt auch jetzt noch daher obgleich alle diesen
gemeinsamen Vorwurf des zukünftigen Lebens vor den Angen haben oder haben
müssen Allerdings würde die Betrachtung des wahren Glückes selbst dieses
Lebens hinreichen um die Tugend den uns von ihr entfernenden Wollüsten
vorzuziehen obwohl die Verpflichtung weder so stark noch so entscheidend dabei
sein würde Auch das ist wahr dass der Geschmack der Menschen verschieden ist
und man sagt über den Geschmack dürfe man nicht streiten Aber da er nur in
verworrenen Wahrnehmungen besteht so darf man sich ihm nur in Bezug auf solche
Dinge hingeben die man als sittlich gleichgültig und unschädlich erprobt hat
sonst würde es zB lächerlich sein zu sagen wenn jemand an Giften Geschmack
fände die ihn töten oder elend machen würden dürfe man ihm seinen Geschmack
nicht streitig machen
55 Philalethes Wenn es jenseits des Grabes nichts zu hoffen gibt so ist
ohne Zweifel jener Schluss sehr richtig Lasset uns essen und trinken lasst uns
alles genießen was uns Freude macht denn morgen sind wir tot
Theophilus Meiner Meinung nach lässt sich über diesen Schluss noch manches
sagen Aristoteles und die Stoiker und mehrere andere alte Philosophen waren
anderer Ansicht und ich glaube in der Tat dass sie recht hatten Wenn es auch
nichts jenseits dieses Lebens gäbe so würde dennoch die Ruhe der Seele und die
Gesundheit des Körpers darum nichtsdestoweniger den ihnen schädlichen
Vergnügungen vorzuziehen sein Dass ein Gut nicht immer dauern wird ist kein
Grund es zu vernachlässigen Ich gestehe aber dass es Fälle gibt wo man
unmöglich beweisen kann dass das Ehrenvollste zugleich auch das Nützlichste ist
Also ist es allein die Rücksicht auf Gott und die Unsterblichkeit welche die
Verpflichtungen zur Tugend und zur Gerechtigkeit absolut unentbehrlich macht
58 Philalethes Mir scheint dass das jedesmalige Urteil über Gut und
Schlimm das wir fällen stets das richtige ist Und was das gegenwärtige Glück
oder gegenwärtige Unglück betrifft so wählt der Mensch wenn die Reflexion
nicht weitergeht und alle Folgen gänzlich beiseite gesetzt werden niemals
falsch
Theophilus Das heißt wenn alles auf diesen gegenwärtigen Augenblick sich
beschränkte so würde es keinen Grund geben die sich darbietende Lust
zurückzuweisen In der Tat habe ich darüber schon bemerkt dass jede Lust ein
Gefühl der Vollkommenheit ist Aber es gibt gewisse Vollkommenheiten welche
größere Unvollkommenheiten nach sich ziehen Wenn sich jemand zB sein ganzes
Leben damit beschäftigte Erbsen gegen Nadeln zu werfen um zu lernen ihre Öhre
nicht zu verfehle nach dem Vorbilde dessen dem Alexander der Große zur
Belohnung einen ganzen Scheffel Erbsen geben ließ so würde dieser Mensch zu
einer gewissen Vollkommenheit gelangen die aber sehr winzig ist und mit so
vielen anderen sehr nötigen Vollkommenheiten die er würde versäumt haben nicht
in Vergleich gestellt werden kann So muss denn die Vollkommenheit die sich in
gewissen Lustgefühlen des Augenblicks findet vor allem der Fürsorge für die
Vollkommenheiten weichen welche nötig sind damit man nicht in das Unglück
verfalle dh in jenen Zustand wo man von Unvollkommenheit zu Unvollkommenheit
von einem Schmerz zum anderen übergeht Aber wenn es nur die Gegenwart gäbe so
müsste man sich mit der Unvollkommenheit genügen lassen die sich in ihr gerade
darbietet dh mit der gegenwärtigen Lust
62 Philalethes Niemand würde seinen Zustand freiwillig unselig machen
wenn er nicht durch falsche Urteile dazu gebracht würde Ich rede nicht von
denjenigen Täuschungen welche die Folgen eines unüberwindlichen Irrtums sind
und kaum den Namen falscher Urteile verdienen sondern von demjenigen falschen
Urteil welches dem eigenen Bekenntnis nach ein solches ist das ein jeder
darüber in seinem eigenen Innern fällen muss 63 Zuerst also irrt die Seele
wenn wir die gegenwärtige Lust oder Unlust mit einer zukünftigen Lust oder
Unlust vergleichen die wir nach der Verschiedenheit des Abstandes hinsichtlich
unser messen dem verlorenen Sohn ähnlich der um des augenblicklichen Besitzes
von wenigem willen einer großen Erbschaft die ihm nicht entgehen konnte
entsagte Jeder muss dies falsche Urteil anerkennen denn die Zukunft wird zur
Gegenwart werden und alsdann denselben Vorteil der größten Nähe haben Wenn in
dem Augenblick wo der Mensch das Glas in die Hand nimmt die Lust des Trinkens
mit dem Kopfschmerz und Magenleiden begleitet wäre das in wenigen Stunden sich
einstellen wird so würde er nicht im geringsten vom Wein kosten wollen Wenn
ein so kleiner Zeitunterschied so viel Täuschung verursachen kann so wird mit
um so viel mehr Recht eine größere Entfernung dieselbe Wirkung haben
Theophilus Zwischen der Entfernung des Ortes und der Zeit besteht eine
gewisse Übereinstimmung Aber es findet auch der Unterschied statt dass die
sichtbaren Gegenstände ihre Wirkung auf das Gesicht ungefähr nach Verhältnis der
Entfernung äußern und dass hinsichtlich der zukünftigen Gegenstände welche auf
die Phantasie und den Geist wirken dies nicht ebenso der Fall ist Die
sichtbaren Strahlen sind gerade Linien die sich nach Verhältnis entfernen aber
es gibt krumme Linien die nach einiger Entfernung mit den geraden
zusammenzufallen scheinen und sich nicht mehr sichtbar davon entfernen wie die
Asymptoten deren scheinbarer Intervall von der geraden Linie verschwindet
obgleich sie in Wirklichkeit bis ins Unendliche davon geschieden bleiben Wir
machen sogar die Erfahrung dass die erscheinenden Gegenstände sich nicht nach
Verhältnis des Anwachsens der Entfernung verkleinern denn ihre Erscheinung
verschwindet gänzlich wenn auch die Entfernung keine unendliche ist Ebenso
geschieht es dass eine kleine Zeitentfernung uns die Zukunft ganz entzieht ganz
wie wenn der Gegenstand verschwunden wäre Oft bleibt davon im Geiste nur das
Wort und jene von mir bereits besprochene Art von Gedanken übrig die taub und
zu rühren unfähig sind wenn man nicht methodisch und gewohnheitsmäßig dafür
gesorgt hat
Philalethes Ich spreche hier nicht von jener Art falschen Urteils durch
welches das Abwesende im menschlichen Geiste nicht nur verringert sondern
gänzlich vernichtet wird wenn man alles was man in der Gegenwart erreichen
kann genießt und dabei den Schluss macht dass kein Übel daraus erfolgen wird
Theophilus Das ist eine andere Art falschen Urteils wenn die Erwartung des
Guten oder Bösen vernichtet ist indem man die aus der Gegenwart gezogene Folge
leugnet oder in Zweifel zieht aber außerdem ist der Irrtum welcher die
Empfindung des Zukünftigen vernichtet dasselbe wie jenes falsche Urteil von
dem ich bereits gesprochen habe das nämlich von einer zu schwachen Vorstellung
der Zukunft die man nur wenig oder gar nicht in Betracht zieht herstammt Man
könnte übrigens hier vielleicht zwischen schlechtem Geschmack und falschem
Urteil unterscheiden denn oft stellt man nicht einmal die Untersuchung darüber
an ob das zukünftige Gute vorgezogen werden müsse und handelt nur nach dem
Eindruck ohne sich auf die Prüfung einzulassen Denkt man aber daran so muss
von zwei Dingen eines geschehen dass man entweder nicht fortfährt genug daran
zu denken und darüber hinweggeht ohne die angefangene Untersuchung
weiterzuführen oder dass man die Untersuchung verfolgt und daraus einen Schluss
zieht Und mitunter bleibt in dem einen und anderen Fall eine mehr oder minder
große Reue zurück mitunter findet sich auch ganz und gar keine formido oppositi
Furcht des Gegenteils oder Bedenklichkeit sei es nun dass der Geist sich ganz
und gar davon abwendet oder durch Vorurteile irregeleitet ist
64 Philalethes Die beschrankte Fassungskraft unseres Geistes ist die
Ursache der falschen Urteile die wir bei der Vergleichung der Güter und der
Übel fällen Wir können nicht gut zweierlei Lust zugleich genießen und noch
weniger können wir zu einer Zeit wo wir von Schmerz überwältigt sind irgend
eine Lust genießen Ein dem Becher beigemischter bitterer Tropfen hindert uns
dessen Süßigkeit zu schmecken Das Übel das Man gerade fühlt ist uns immer das
ärgster man ruft Lieber jeden anderen Schmerz als diesen
Theophilus Bei diesem allen besteht je nach dem Temperament je nach der
Kraft der Empfindung und den angenommenen Gewohnheiten der Menschen ein großer
Unterschieds Ein Mensch der die Gicht hat kann in Freude geraten weil ihm ein
großes Vermögen zufällt und ein Mensch der in allen Vergnügungen schwimmt und
behaglich auf seinen Gütern leben könnte wird wegen einer Ungnade bei Hofe in
Trauer gestürzt Freude und Traurigkeit entstehen aus dem Resultate oder dem
Übergewicht der Lust oder des Schmerzes wenn eine Mischung stattfindet Leander
achtete nicht auf die Unannehmlichkeit und die Gefahr einer nächtlichen
Schwimmfahrt durch das Meer da die Reize der schönen Hero ihn dazu trieben Es
gibt Leute die wegen irgend einer Krankheit oder eines Gebrechens nicht essen
oder trinken dürfen und dennoch ihren Appetit über die Grenzen des Notwendigen
und Richtigen hinaus befriedigen Andere sind so weichlich oder so verzärtelt
dass sie die Vergnügungen mit denen irgend ein Schmerz Ekel oder eine
Unbequemlichkeit verbunden ist von sich stoßen Es gibt Menschen welche sich
über die gegenwärtigen mittelmäßigen Schmerzund Lustgefühle ganz hinwegsetzen
und fast nur aus Furcht oder Hoffnung handeln Andere sind so verweichlicht dass
sie sich über das kleinste Ungemach beklagen oder fast den hindern gleich der
kleinsten sinnliches Lust der Gegenwart nacheilen Das sind diejenigen denn der
Schmerz oder die Lust der Gegenwart immer die größte scheint sie sind wie
unbedachtsame Prediger oder Lobredner bei denen das Sprichwort gilt Der
Heilige den sie loben ist immer der größte heilige des Paradieses So groß
indessen die Mannigfaltigkeit unter den Menschen sein mag so bleibt es immer
wahr dass sie nur den gegenwärtigen Wahrnehmungen gemäß handeln und dass wenn
die Zukunft sie bewegt dies entweder durch das Bild das sie von ihr haben
geschieht oder durch den gefassten Entschluss und die angenommene Gewohnheit ihr
bis auf das bloße Wort oder ein anderes willkürliches Zeichen zu folgen ohne
davon ein Bild oder natürliches Zeichen zu haben weil dies nicht ohne Unruhe
und mitunter ohne schmerzliche Empfindung abgehen würde welche sie einem schon
gefassten festen Entschluss und vor allem einer Gewohnheit entgegensetzen müssten
65 Philalethes Die Menschen sind sehr geneigt die zukünftige Lust zu
zerkleinern und bei sich den Schluss zu machen dass wenn es auf die Probe
ankommen würde sie der von ihr erregten Hoffnung oder der im allgemeinen davon
gehegten Meinung vielleicht nicht entsprechen würde Sie haben nämlich oft aus
ihrer eigenen Erfahrung gefunden dass nicht allein die Lust welche andere
gepriesen haben ihnen sehr geschmacklos erschienen ist sondern dass auch das
was ihnen selbst zu einer Zeit viel Lust verursacht hat zu einer anderen sie
zurückgestoßen und ihnen missfallen hat
Theophilus Das sind die Ansichten besonders der Lüstlinge aber gewöhnlich
findet man dass die Ehrgeizigen und habsüchtigen von Ehre und Reichtum ganz
anders urteilen obgleich sie von eben diesen Gütern wenn sie sie besitzen nur
einen mäßigen und oft sogar sehr geringen Genuss haben da sie immer weiter zu
eilen beschäftigt sind Ich finde dies eine schöne Ermüdung der schöpferischen
Natur den Menschen so viel Empfindung für das was die Sinne so wenig berührt
verliehen zu haben und wenn die Menschen nicht ehrgeizig oder habsüchtig werden
könnten so würde es im gegenwärtigen Zustand ihrer Natur schwer halten
hinlänglich tugendhaft und vernünftig werden zu können um trotz der Lüste des
Augenblicks welche sie von ihrer Vollkommenheit abwendig machen daran zu
arbeiten
66 Philalethes Was nun diejenigen Dinge anbetrifft welche in ihren
Folgen gut oder böse und zwar darum sind weil sie uns Gutes oder Böses zu
verschaffen sich eignen so urteilen wir darüber auf verschiedene Weise indem
wir entweder urteilen dass sie unfähig sind uns wirklich so viel Übles
zuzufügen oder dass die Sache wenn auch ihre Folge von Wichtigkeit ist nicht
so sicher sei dass es nicht auch anders kommen oder dass Man sie wenigstens durch
irgendwelche Mittel wie durch Fleiß Geschicklichkeit oder Änderung des
Lebenswandels oder Reue vermeiden könnte
Theophilus Wenn man unter der Wichtigkeit der Folge die des Erfolgenden
versteht dh die Größe des Guten oder des Übels welches erfolgen kann so muss
man wie es mir scheint in die vorhergehende Art des falschen Urteilens
verfallen wo das zukünftige Gute oder Böse schlecht vorgestellt wird So bleibt
denn nur die zweite Art von falschem Urteil übrig um die es sich hier handelt
nämlich die wo die Folge in Zweifel gezogen wird
Philalethes Es würde leicht sein im einzelnen zu zeigen dass die eben
berührten Arten des Ausweichens ebensoviel vernunftwidrige Urteile sind jedoch
begnüge ich mich im allgemeinen zu bemerken dass es geradezu gegen die Vernunft
handeln heißt wenn man ein größeres Gut gegen ein kleineres aufs Spiel setzt
oder sich dem Unglück aussetzt um ein kleineres Gut zu erwerben und ein
kleines Übel zu vermeiden und zwar auf unsichere Vermutungen hin und ehe man
eine gehörige Untersuchung angestellt hat
Theophilus Da die Erwägung der Größe der Folge und der Größe des
Erfolgenden zwei heterogene und nicht miteinander zu vergleichende Dinge sind
so haben sich die Moralisten bei deren Vergleichung vielfach verwirrt wie bei
denen zutage tritt die von der Probabilität gehandelt haben Die Wahrheit ist
dass hierbei wie bei anderen disparaten und heterogenen und sozusagen aus mehr
denn einer Dimension bestehenden Schätzungen die Größe dessen worum es sich
handelt aus der einen und anderen Schätzung zusammengesetzt ist und einem
Rechteck gleicht wobei zwei Schätzungen nämlich die der Länge und die der
Breite stattfinden und was die Größe der Folge und die Grade der Probabilität
anbetrifft so fehlt uns noch derjenige Teil der Logik der ihre Schätzung
lehren soll So haben denn die meisten Kasuisten welche über die Probabilität
geschrieben haben nicht einmal deren Wesen begriffen indem sie es mit
Aristoteles auf die Autorität gründeten statt sie wie sie hätten tun sollen
auf die Wahrscheinlichkeit zu gründen da die Autorität nur einen Teil der
Gründe ausmacht welche die Wahrscheinlichkeit bilden
67 Philalethes Hier einige der gewöhnlichen Ursachen dieses falschen
Urteilens Die erste ist die Unwissenheit die zweite die Unachtsamkeit wenn
ein Mensch nicht einmal auf das wovon er unterrichtet ist merkt Das ist eine
angenommene und augenblickliche Unwissenheit die das Urteil ebensosehr wie den
Willen irreleitet
Theophilus Sie ist stets eine augenblickliche aber nicht immer eine
angenommene denn man denkt nicht immer wenn es sein muss an das was man weiß
und dessen Andenken man sich zurückrufen sollte wenn man davon Herr wäre Die
angenommene Unwissenheit ist während der Zeit dass man sie annimmt immer mit
einer gewissen Achtsamkeit gemischte in der Folge kann allerdings gewöhnlich
dabei Unachtsamkeit eintreten Die Kunst sich nach Bedürfnis dessen was man
weiß zu bedienen wäre eine der wichtigsten wenn sie erfunden wäre aber ich
sehe noch nicht dass man bis jetzt auch nur daran gedacht habe deren Anfänge zu
bildet denn die Gedächtniskunst über welche so viel Autoren geschrieben haben
ist etwas ganz anderes
Philalethes Wenn man also auf der einen Seite verworren und hastig die
Gründe zusammenhält und sich dabei aus Nachlässigkeit mehrere Summen entgehen
lässt welche einen Teil der Rechnung bilden müssen so bringt solch eine
Übereilung nicht weniger falsche Urteile hervor als wenn es eine vollständige
Unwissenheit gewesen wäre
Theophilus Wenn es sich um das Abwägen der Gründe handelt ist in der Tat
vielerlei nötige um gehörig zu verfahren es ist damit beinahe so wie bei den
Rechnungsbüchern der Kaufleute Denn da darf man keine Summe auslassen man muss
jede Summe besonders wohl berechnen man muss sie wohl ordnen und endlich genau
zusammenziehen Aber man pflegt dabei mehrere wichtige Punkte zu versäumen sei
es dass man überhaupt daran zu denken versäumt sei es dass man zu leicht
darüber hinweggeht oder man gibt nicht jedem seinen wahren Wert ähnlich jenem
Buchführer der wohl Sorge trug die Kolumnen jeder Seite richtig zu rechnen
aber die einzelnen dummen jeder Linie oder jedes Postens sehr falsch berechnete
ehe er sie in die Kolumne setzte um damit die Revisoren zu täuschen die
besonders auf das was in den Kolumnen steht achten Endlich wenn man auch
alles gut bemerkt hat kann man sich auch noch beim Zusammenziehen der Summen
der Kolumnen und selbst in der endlichen Zusammenzählung wo die Summe aller
Summen erscheint irren So müssten wir also noch die Kunst des Sichbesinnens und
die der Abschätzung der Probabilitäten und ferner die Erkenntnis des Wertes der
Güter und der Übel besitzen um die Kunst der Schlüsse wohl anzuwenden und nach
dem allem hätten wir auch noch Aufmerksamkeit und Geduld nötig um bis zum
Abschluss zu gelangen Endlich bedarf es eines festen und unveränderlichen
Entschlusses um das was beschlossen worden ist auszuführen und Kunstgriffe
Methoden besonderer Gesetze und durchgebildeter Fertigkeiten um ihn auch in
der Folge aufrechtzuerhalten wenn die Erwägungen um derentwillen er ergriffen
wurde dem Geiste nicht mehr gegenwärtig sind Man hat Gott sei Dank in dem was
das Wichtigste ist und das Oberste betrifft Glück und Unglück allerdings nicht
so viel Kenntnisse Hilfen und Kunstgriffe nötig wie man wohl haben müsste um
in einem Staats oder Kriegsrat in einem Justizhofe bei einer ärztlichen
Konsultation in einer theologischen oder historischen Kontroverse oder bei
einem mathematischen und mechanischen Streitpunkte richtig zu urteilen dafür
braucht man aber in dem was jenen wichtigen Punkt des Glücks und der Tugend
anbetrifft mehr Festigkeit und Fertigkeit um immer gute Entschlüsse zu fassen
und ihnen zu folgen Mit einem Worte genügt für das wahre Glück weniger
Erkenntnis mit mehr gutem Willen so dass der größte Idiot ebenso leicht dazu
gelangen kann als der Gelehrteste und Gescheiteste
Philalethes Man sieht also dass der Verstand ohne Freiheit von keinem
Nutzen sein und die Freiheit ohne Verstand nichts bedeuten würde Wenn ein
Mensch das erblicken könnte was ihm Gutes oder Übles bringen kann ohne
imstande zu sein einen Schritt zu machen um sich dem einen zu nähern oder von
dem anderen sich zu entfernen würde er dann um der Gabe dieses Blickes willen
besser daran sein Er würde sogar unglücklicher sein denn er würde
unnützerweise nach dem Guten schmachten und das Üble fürchten was er als
unvermeidlich erblicken würde und derjenige welcher die Freiheit hat inmitten
vollständiger Dunkelheit hierhin und dorthin zu laufen worin ist er besser
daran als wenn er vom Winde hin und her geworfen würde
Theophilus Seinem Gelüste geschähe ein wenig mehr Befriedigung aber er
würde dennoch nicht besser imstande sein das Gute zu finden und das Üble zu
vermeiden
68 Philalethes Eine andere Quelle des falschen Urteilens Zufrieden mit
der ersten Lust die uns entgegenkommt oder welche die Gewohnheit angenehm
gemacht hat sehen wir nicht weiter um uns Dies ist also auch noch eine
Veranlassung für die Menschen schlecht zu urteilen wenn sie das nicht als zu
ihrem Glücke notwendig betrachten was in der Tat dazu nötig ist
Theophilus Diese Art falschen Urteils scheint mir unter der vorherigen Art
begriffen zu sein wenn man sich hinsichtlich der Folgen täuscht
69 Philalethes Zu untersuchen ist noch ob es in der Macht eines
Menschen steht das Angenehme oder Unangenehme das irgend eine besondere
Handlung begleitet zu verändern Es ist in mehreren Fällen möglich Die
Menschen können und müssen ihren Gaumen verbessern und ihm Geschmack beibringen
Man kann auch den Geschmack der Seele verändern Eine gehörige Untersuchung
Übung Fleiß Gewohnheit haben diese Wirkung Auf solche Weise gewöhnt man sich
an den Tabak den Gewohnheit oder Gebrauch endlich angenehm finden lassen
Ebenso steht es hinsichtlich der Tugend Die Gewohnheiten haben großen Reiz und
man kann sich nicht ohne Unruhe von ihnen trennen Vielleicht wird man die
Behauptung als widersinnig betrachten die Menschen könnten es dahin bringen
dass Dinge oder Handlungen ihnen mehr oder weniger angenehm seien so sehr
vernachlässigt man diese Pflicht
Theophilus Dasselbe habe ich schon oben bemerkt in 37 gegen das Ende und
47 auch gegen das Ende Man kann machen dass man etwas will und sich seinen
Geschmack bilden
70 Philalethes Die auf ihren wahren Grundlagen aufgeführte Moral kann
nur zur Tugend bestimmen es genügt dass ein ewiges Glück und ein ewiges Unglück
nach diesem Leben möglich seien Man muss zugeben dass ein mit der Erwartung
einer möglichen ewigen Glückseligkeit verbundenes gutes Leben einem schlimmen
Leben vorzuziehen ist das von der Furcht vor einem entsetzlichen Unglück oder
wenigstens von der schrecklichen und unsicheren Hoffnung vernichtet zu werden
begleitet wird Alles dies ist von der äußersten Klarheit selbst wenn die
Rechtschaffenen in dieser Welt nur Übel zu erdulden hätten und die Bösen in ihr
eine ewige Glückseligkeit genossen während es doch für gewöhnlich sich ganz
anders verhält Denn wenn man alles wohl erwägt so haben sie glaube ich
selbst in diesem Leben den schlimmsten Teil
Theophilus So würde also wenn es auch nichts jenseits des Grabes gäbe das
Leben eines Epikureers nicht das vernunftgemäßeste sein Ich freue mich dass Sie
auf diese Weise das was Sie darüber 55 Gegenteiliges gesagt haben
berichtigen
Philalethes Wer würde närrisch genug sein um bei ruhigem Nachdenken sich
dazu zu entschließen sich einer möglichen Gefahr auszusetzen ewig unglücklich
zu werden so dass er dabei nichts für sich zu gewinnen hat als dies einfache
Nichts statt sich in den Zustand des Rechtschaffenen zu versetzen der auch nur
die Vernichtung zu fürchten und eine ewige Glückseligkeit zu hoffen hat Ich
habe von der Gewissheit oder Wahrscheinlichkeit des zukünftigen Zustandes zu
reden vermieden weil ich bei dieser Gelegenheit keine andere Absicht hege als
das falsche Urteil zu zeigen dessen sich ein jeder seinen eigenen Grundsätzen
nach schuldig bekennen muss
Theophilus Die Bösen sind sehr geneigt zu glauben dass ein anderes Leben
unmöglich ist Aber sie haben dafür keinen anderen Grund als dass man sich auf
dasjenige beschränken müsse was man durch die Sinne erfahrt und dass ihres
Wissens noch niemand aus der anderen Welt zurückgekommen sei Es gab eine Zeit
wo man nach demselben Grundsatz die Antipoden verwerfen konnte als man die
Mathematik mit den Volksvorstellungen nicht verbinden wollte und man konnte es
mit ebensoviel Grund als man jetzt haben kann um das andere Leben zu
verwerfen wo man die wahre Metaphysik mit den Vorstellungen der Phantasie nicht
vereinigen kann Denn es gibt drei Stufen der Begriffe oder Vorstellungen
nämlich Volksvorstellungen mathematische und metaphysische Die erste Klasse
genügte nicht um den Glauben an die Antipoden hervorzubringen und die erste und
zweite genügt noch nicht um den Glauben an die andere Welt hervorzubringen
Allerdings liefern sie schon günstige Mutmaßungen aber wenn die zweite Klasse
die Antipoden vor der Erfahrung gewiss gemacht hat die man jetzt darüber hat
ich rede nicht von den Bewohnern sondern wenigstens von der Stelle welche die
Erkenntnis der Kugelform der Erde ihnen bei Geographen und Astronomen anwies
so gibt die letzte Klasse über ein anderes Leben schon jetzt und ehe noch jemand
dahin gegangen ist es zu besuchen nicht weniger Gewissheit
72 Philalethes Kommen wir jetzt auf die Macht zurück welches eigentlich
der allgemeine Gegenstand dieses Kapitels ist da die Freiheit nur eine Spezies
derselben ausmacht aber freilich eine der wichtigsten Um von der Macht
bestimmtere Vorstellungen zu gewinnen wird es nicht unpassend oder unnütz sein
eine genauere Kenntnis dessen was man Tätigkeit nennt sich zu verschaffen Ich
habe zu Anfang unserer Unterhaltung über die Macht gesagt dass es nur zwei Arten
von Tätigkeit gibt von denen wir eine Vorstellung haben nämlich Bewegung und
Denken
Theophilus Ich glaube man könnte einen allgemeineren Ausdruck als den des
Denkens gebrauchen nämlich den der Wahrnehmung indem man das Denken nur den
Geistern zuschreibt während die Wahrnehmung allen Entelechien zukommt Aber ich
will dennoch niemand die Freiheit streitig machen den Ausdruck lenken in
derselben Allgemeinheit zu nehmen Und ich selbst mag es mitunter getan haben
ohne darauf zu achten
Philalethes Obwohl man nun diesen beiden Dingen den Namen Tätigkeit gibt
wird man doch finden dass er auf sie nicht immer vollkommen passt und dass man in
gewissen Fällen sie vielmehr als Leiden anerkennen muss Denn in diesen Fällen
empfängt die Substanz in der sich Bewegung oder Denken findet lediglich von
außen den Eindruck durch welchen ihr die Tätigkeit mitgeteilt wird und sie ist
allein tätig durch ihre Fähigkeit diesen Eindruck aufzunehmen was nur eine
leidende Macht ist Mitunter setzt sich die Substanz oder das wirkende Wesen
durch seine eigene Macht in Tätigkeit und dies ist eigentlich eine tätige
Macht
Theophilus Ich habe schon gesagt dass wenn man mit metaphysischer Strenge
das Wort Tätigkeit für das annimmt was der Substanz auf spontane Weise und aus
ihrem eigenen Innern geschieht alles was eigentlich eine Substanz ist nur
tätig ist denn nächst Gott kommt ihr alles von ihr selbst indem es unmöglich
ist dass eine erschaffene Substanz auf die anders Einguss hat Nehmen wir aber
Tätigkeit als eine Ausübung der Vollkommenheit und Leiden für das Gegenteil so
gibt es in den wirklichen Substanzen nur dann Tätigkeit wenn ihre Wahrnehmung
denn diese lege ich allen bei sich entwickelt und deutlicher wird wie es
Leiden nur dann gibt wenn sie verworrener wird so dass in den der Lust und des
Schmerzes obigen Substanzen jede Handlung eine Beförderung der Lust und jedes
Leiden eine Beförderung des Schmerzes ist Was die Bewegung anbetrifft so ist
sie ihrem Wesen nach eine wirkliche Erscheinung weil die Materie und Masse der
die Bewegung zukommt nicht im eigentlichen Sinn eine Substanz ist Indessen
bietet die Bewegung das Bild einer Tätigkeit dar wie die Masse ein Bild der
Substanz und in dieser Beziehung kann man sagen dass der Körper tätig ist wenn
in seiner Veränderung Spontaneität herrscht und dass er leidend ist wenn er
durch einen anderen getrieben oder aufgehalten wird wie man in der wirklichen
Tätigkeit oder Leidenheit einer eigentlichen Substanz die Veränderung wodurch
sie ihrer Vollkommenheit zustrebt für ihre Tätigkeit welche man ihr als
solcher zuschreiben muss nehmen kann Und ebenso kann man die Veränderung
wodurch ihr das Gegenteil widerfährt für Leiden nehmen und einer fremden
Ursache zuschreiben obgleich diese keine unmittelbare ist weil im ersten Falle
die Substanz selbst und im zweiten die fremden Dinge dazu dienen diese
Veränderung auf verständliche Weise zu erklären Ich teile den Körpern nur das
Bild der Substanz und Tätigkeit zu weil genau gesprochen das aus Teilen
Zusammengesetzte ebensowenig für eine Substanz gelten kann wie eine Herde
indessen kann Man sagen dass etwas Substantielles darin ist dessen Einheit die
daraus gleichsam ein Wesen macht aus dem Denken stammt
Philalethes Ich hatte geglaubt dass die Macht Vorstellungen oder Gedanken
durch die Wirksamkeit einer fremden Substanz zu erhalten Macht zu denken
genannt werde obgleich dies im Grunde nur eine passive Macht oder einfache
Fähigkeit ist wenn man von den Reflexionen und inneren Veränderungen absieht
welche das aufgenommene Bild immer begleiten Denn der in der Seele vorhandene
Ausdruck ist so wie der eines lebendigen Spiegels sein würde unser Vermögen
aber nichts gegenwärtige Vorstellungen nach unserer Wahl zurückzurufen und
diejenigen untereinander zu vergleichen die wir für geeignet erachten ist in
Wahrheit ein aktives Vermögen
Theophilus Dies stimmt auch mit den von mir gegebenen Begriffen denn dabei
findet ein Übergang zu einem vollkommeneren Zustand statt Indessen möchte ich
glauben dass auch bei den sinnlichen Empfindungen Tätigkeit sei insofern sie
uns deutlichere Wahrnehmungen und folglich die Gelegenheit geben Bemerkungen zu
machen und uns sozusagen zu entwickeln
73 Philalethes Man wird jetzt glaube ich die ursprünglichen und
originalen Vorstellungen auf folgende kleine Anzahl zurückbringen können die
Ausdehnung die Dichtheit die Beweglichkeit dh die leidende Macht oder auch
Fähigkeit bewegt zu werden die unser Geist auf dem Wege der Reflexion erhält
und endlich das Dasein die Dauer und die Zahl welche wir auf den beiden Wegen
der sinnlichen Empfindung und der Reflexion erhalten denn durch diese
Vorstellungen würden wir wenn ich mich nicht täusche das Wesen der Farben
Töne Geschmäcke Gerüche und aller unserer anderen Vorstellungen erklären
können wenn unsere Organe fein genug wären der verschiedenen Bewegungen der
kleinen Körper welche diese sinnlichen Empfindungen erzeugen bewusst zu werden
Theophilus Um die Wahrheit zu sagen so glaube ich dass diese
Vorstellungen welche hier ursprüngliche und originale genannt werden es zum
größten Teile nicht ganz sind da sie meiner Ansicht nach einer weiteren
Auflösung fähig sind indessen tadle ich Sie nicht sich auf sie beschränkt und
die Analyse nicht weitergetrieben zu haben Ist es übrigens wahr dass deren Zahl
durch dies Mittel verringert werden kann so glaube ich dass sie auch durch die
Hinzufügung anderer noch originalerer oder ebenso originaler Vorstellungen
vermehrt werden könnte Was ihre Anordnung anbetrifft so möchte ich der
Ordnung der Analyse zufolge das Dasein als den übrigen vorausgehend ansehen
die Zahl der Ausdehnung die Dauer der Motivität oder Beweglichkeit obgleich
diese analytische Ordnung gewöhnlich nicht die der äußeren Gelegenheiten ist
welche uns an sie zu denken veranlassen
Die Sinne liefern uns den Stoff zum Nachdenken und wir würden gar nicht
einmal an das Denken denken wenn wir nicht an etwas anderes dächten nämlich an
die Besonderheiten welche die Sinne liefern Auch bin ich überzeugt dass die
Seelen und geschaffenen Geister niemals ohne Organe und niemals ohne sinnliche
Empfindungen sind wie sie niemals ohne Zeichen denken können Diejenigen
welche eine gänzliche Loslösung und solche Denkweisen in der losgetrennten Seele
haben aufrechterhalten wollen die durch nichts im Umkreise unserer Erkenntnis
erklärbar sind und nicht allein von unserer gegenwärtigen Erfahrung sondern
was noch viel schlimmer ist von der allgemeinen Ordnung der Dinge sich
entfernen haben den vermeintlich starken Geistern in die Hände gearbeitet und
vielen die schönsten und größten Wahrheiten verdächtig gemacht indem sie sich
dadurch sogar einiger guter Beweismittel welche diese Ordnung der Dinge uns
liefert beraubt haben
1 Gehen wir zu den gemischten Modi über Ich unterscheide sie von den
einfacheren Modi die nur aus einfachen Vorstellungen derselben Gattung
zusammengesetzt sind Übrigens sind die gemischten Modi gewisse Verbindungen
einfacher Vorstellungen die man nicht als charakteristische Merkmale irgend
eines wirklichen Wesens das ein beständiges Dasein hat sondern als lose und
unabhängige Vorstellungen betrachtet welche der Geist zusammenfasst und dadurch
sind sie von den zusammengesetzten Vorstellungen der Substanzen verschieden
Theophilus Um dies richtig zu verstehen muss man sich die vorher gemachten
Einteilungen zurückrufen Ihrer Ansicht nach sind die Vorstellungen einfach oder
zusammengesetzt Die zusammengesetzten sind entweder Substanzen oder Modi oder
Relationen Die Modi sind entweder einfache aus einfachen Vorstellungen
derselben Art zusammengesetzte oder gemischte Ihrer Ansicht nach gibt es also
einfache Vorstellungen Vorstellungen von Modi sowohl der einfachen als der
gemischten Vorstellungen von Substanzen und Vorstellungen von Relationen
Vielleicht könnte man die Bezeichnungen oder Objekte der Vorstellungen in
abstrakte und konkrete einteilen die abstrakten in absolute und in solche
welche die Relationen ausdrücken die absoluten in Attribute und Modifikationen
die einen wie die anderen in einfache und zusammengesetzte die konkreten in
Substanzen und in substantielle zusammengesetzte oder aus wirklichen einfachen
Substanzen gebildete Dinge
2 Philalethes Lediglich leidend ist der Geist in betreff seiner
einfachen Vorstellungen die er empfängt je nachdem die sinnliche Empfindung
und die Reflexion sie ihm darbieten Aber oft ist er aus sich selbst in betreff
der gemischten Modi tätig denn er kann die einfachen Vorstellungen miteinander
verbinden indem er zusammengesetzte bildet ohne in Betracht zu ziehen ob sie
so vereinigt in der Natur vorhanden sind Aus diesem Grunde gibt man solchen
Arten von Vorstellungen den Namen Begriff
Theophilus Die Reflexion aber welche uns einfache Vorstellungen denken
macht ist oft auch freiwillig und es können ferner die Verbindungen welche
die Natur nicht gemacht hat wie von selbst in uns durch das bloße Gedächtnis in
den Träumen und Phantasien gebildet werden ohne dass der Geist dabei mehr als in
den einfachen Vorstellungen tätig ist Was aber das Wort Begriff anbetrifft so
wenden mehrere dasselbe bei allen Arten von Vorstellungen oder Denkbildern an
sowohl bei den ursprünglichen als den abgeleiteten
4 Philalethes Die Bezeichnung mehrerer in eine einzige verknüpfter
Vorstellungen heißt Name
Theophilus Das heißt wenn sie verbunden werdende können worin man oft
fehlt
Philalethes Da das Verbrechen einen Greis zu töten keinen Namen wie der
Vatermord hat so betrachtet man das erstere nicht als eine zusammengesetzte
Vorstellung
Theophilus Der Grund warum der Mord eines Greises keinen Namen hat ist
dass er da die Gesetze keine besondere Strafe darauf gesetzt haben von geringem
Nutzen sein würde Indessen hangen die Vorstellungen nicht von den Namen ab Ein
Moralist der für das Verbrechen einen erfinden und in einem besonderen Kapitel
vom Greisenmord der Gerontophonie handeln wollte indem er zeigte was man den
Greisen schuldig ist und welch eine barbarische Handlungsweise es ist sie nicht
zu verschonen würde uns darum keine neue Vorstellung verschaffen
6 Philalethes Der Umstand dass die Sitten und Gebräuche einer Nation die
ihr gewöhnlichen Verbindungen zuwege bringen macht allerdings dass jede Sprache
besondere Ausdrücke hat und man wörtliche Übersetzungen nicht machen kann So
waren der Ostrazismus bei den Griechen und die Proskription beiden Römern Worte
welche die anderen Sprachen durch entsprechende Worte nicht ausdrücken können
Deshalb bringt die Veränderung der Sitten auch neue Wörter hervor
Theophilus Daran hat auch der Zufall seinen Teil denn wenn zB die
Franzosen sich der Pferde so gut wie andere benachbarte Völker bedienen so sind
sie doch gezwungen da sie ihr altes Wort das dem cavalcar der Italiener
entsprach aufgegeben haben mit einer Umschreibung zu sagen aller à cheval
9 Philalethes Wir gewinnen die Vorstellungen der gemischten Modi durch
die Beobachtung wie wenn man zwei Menschen kämpfen sieht wir gewinnen sie
ferner durch Erfindung oder freiwillige Zusammensetzung einfacher
Vorstellungen wie derjenige welcher die Buchdruckerkunst erfand die
Vorstellung davon hatte bevor diese Kunst bestand Endlich erwerben wir sie
durch die Erklärung der den Handlungen die man niemals gesehen hat beigelegten
Ausdrücke
Theophilus Man kann sie auch noch gewinnen durch Träumen und Phantasieren
ohne dass die Verknüpfung freiwillig ist zB wenn man im Traume goldene Paläste
sieht ohne vorher daran gedacht zu haben
10 Philalethes Die am meisten modifizierten einfachen Vorstellungen sind
die des Denkens der Bewegung und der Macht von der man die Tätigkeiten
herkommend vorstellt denn die große Angelegenheit des menschlichen Geschlechts
besteht in der Tätigkeit Alle Tätigkeiten sind Gedanken oder Bewegungen Die
Macht oder Fähigkeit etwas zu tun welche sich bei einem Menschen findet
bildet diejenige Vorstellung welche wir Fertigkeit nennen wenn man diese Macht
dadurch erlangt hat dass man oft dasselbe tut und wenn man sie bei jeder sich
darbietenden Gelegenheit ausüben kann nennen wir sie Disposition So ist die
Zärtlichkeit eine Disposition zur Freundschaft oder zur Liebe
Theophilus Unter Zärtlichkeit verstehen Sie hier glaube ich das zärtliche
Herz aber übrigens scheint mir betrachtet man die Zärtlichkeit als eine
Eigenschaft welche man als Liebender besitzt wodurch der Liebende für die
Güter und Übel des geliebten Gegenstandes sehr empfindlich gestimmt ist darin
wie mir scheint besteht die Rolle des Zärtlichen in dem trefflichen Roman
Clelia Und da die Liebreichen ihren Nächsten mit einem gewissen Grad von
Zärtlichkeit lieben so sind sie gegen die Güter und Übel des Nächsten
empfindlich und überhaupt haben diejenigen welche ein zärtliches Herz haben
die Disposition mit Zärtlichkeit zu lieben
Philalethes Die Kühnheit ist das Vermögen vor den anderen zu tun oder zu
sagen was man will ohne sich einschüchtern zu lassen welches Selbstvertrauen
in Bezug auf diesen letzteren Punkt welcher das Reden betrifft bei den
Griechen einen besonderen Namen hatte
Theophilus Man würde gut tun wenn man demjenigen Begriff welchem man hier
den Namen der Kühnheit beilegt den man aber oft ganz anders anwendet wie bei
der Bezeichnung »Karl der Kühner« ein besonderes Wort gäbe Sich nicht
einschüchtern zu lassen ist eine Geistesstärke welche aber die Bösen
missbrauchen wenn sie bis zur Unverschämtheit gehen wie sich zu schämen eine
wenn auch entschuldbare und unter gewissen Umständen selbst löbliche Schwäche
ist Was die Parrhesie betrifft welche Sie vielleicht mit dem griechischen
Ausdruck meinen so schreibt man sie auch den Schriftstellern zu welche die
Wahrheit ohne Scheu sagen obgleich sie dann nicht vor den Leuten sprechen und
also keine Veranlassung haben eingeschüchtert zu sein
11 Philalethes Wie die Macht die Quelle ist aus der alle Tätigkeiten
fließen so gibt man den Namen Ursache den Substanzen welche der Sitz der Macht
und wenn sie ihre Macht betätigen und Wirkungen nennt man die auf diese Art
hervorgebrachten Substanzen oder vielmehr die einfachen Vorstellungen dh
Gegenstände einfacher Vorstellungen welche durch die Ausübung der Macht einem
Subjekt zugeführt worden sind Die Wirksamkeit wodurch eine neue Substanz oder
Vorstellung Eigenschaft hervorgebracht wird wird in dem dies Vermögen
ausübenden Subjekt Handlung genannt und in einem Subjekt wo eine einfache
Vorstellung Eigenschaft verändert oder hervorgebracht wird nennt man sie
Leiden
Theophilus Wenn die Macht für die Quelle der Handlung genommen wird so
bedeutet sie etwas mehr als eine Fertigkeit oder Leichtigkeit durch welche die
Macht im vorigen Kapitel erklärt worden ist denn sie schließt auch die Strebung
noch in sich wie ich schon mehr als einmal bemerkt habe In diesem Sinne pflege
ich ihr darum den Ausdruck Entelechie beizulegen welche entweder ursprünglich
ist und der Seele entspricht wenn man sie für etwas Abstraktes ansieht oder
abgeleitet so wie man sie in dem Versuch Conatus und der Kraft und
Strebsamkeit betrachtet Der Ausdruck Ursache wird hier nur von der wirklichen
Ursache causa efficiens verstanden aber man versteht sie auch noch von den
Endursachen oder dem Motiv um hier nicht von dem Stoffe und der Form zu reden
die man in den Schulen auch Ursache nennt Ich weiß nicht ob man sagen kann
dass dasselbe Wesen in dem Tätigen Handlung und in dem Leidenden Leiden genannt
werden und sich so in zwei Subjekten zugleich vorfinden kann wie es bei der
Beziehung der Fall ist und ob es nicht vorzuziehen ist zu sagen dass es zwei
Wesen sind eines in dem Tätigen und das andere in dem Leidenden
Philalethes Verschiedene Worte welche eine Handlung auszudrücken scheinen
bedeuten nur die Ursache und die Wirkung wie die Schöpfung und Vernichtung
keine Vorstellung von der Handlung oder Art und Weise zu handeln sondern
einfach von der Ursache und dem hervorgebrachten Dinge in sich schließen
Theophilus Ich gebe zu dass wenn man an die Schöpfung denkt man darunter
nicht eine näherer Auseinandersetzung fähige Art und Weise zu handeln die dabei
gar nicht stattfinden kann versteht sondern weil wir etwas Mehreres als bloß
Gott und die Welt damit ausdrücken denn man denkt dass Gott die Ursache und
die Welt die Wirkung ist oder eigentlich dass Gott die Welt hervorgebracht hat
so denkt man offenbar noch an die Handlung
1 Philalethes Der Geist bemerkt dass eine gewisse Anzahl von einfachen
Vorstellungen beständig zusammengeht welche da sie als einem einzigen Dinge
angehörig betrachtet werden wenn sie so in einem Subjekt vereinigt sind mit
einem einzigen Namen bezeichnet werden Daher kommt es dass wenn dies auch in
Wahrheit eine Zusammenhäufung mehrerer miteinander verbundener Vorstellungen
ist wir in der Folge aus Unachtsamkeit davon als von einer einfachen
Vorstellung zu reden geneigt sind
Theophilus In den gangbaren Ausdrücken sehe ich nichts was als
Unachtsamkeit getadelt zu werden verdient und obschon man nur ein Subjekt und
eine Vorstellung annimmt so nimmt man doch damit noch nicht eine einfache
Vorstellung an
Philalethes Da wir uns nicht vorstellen können wie diese einfachen
Vorstellungen durch sich selbst bestehen können so gewöhnen wir uns daran
etwas vorauszusetzen was sie trägt substratum auf dem sie ruhen und woher
sie stammen dem man zu diesem Zweck den Namen Substanz gibt
Theophilus Ich glaube dass man so zu denken recht hat und wir uns nur
daran zu gewöhnen oder es so vorauszusetzen haben da wir von vornherein mehrere
Prädikate desselben Subjektes denken und jene metaphorischen Worte von Träger
oder Substrat nur dies bedeuten Ich sehe also nicht warum man hierbei
Schwierigkeit erhebt Im Gegenteil ist es eher das Konkrete wie gelehrt warm
leuchtend welches uns in den Sinn kommt als die Abstraktionen oder
Eigenschaften denn diese sind es welche in dem Objekt substantiell sind und
nicht die Vorstellungen wie Gelehrsamkeit Wärme Licht usw die viel
schwerer zu begreifen sind Man kann sogar bezweifeln ob diese Akzidenzien
wirkliche Wesen sind wie sie in Wirklichkeit sehr oft nur Beziehungen sind
Auch weiß man dass gerade diese Abstraktionen am meisten Schwierigkeiten machen
wenn man sie auflösen will Das wissen diejenigen welche mit den
Spitzfindigkeiten der Scholastiker bekannt sind deren dornigste
Bedenklichkeiten auf einmal wegfallen wenn man die abstrakten Wesen verbannt
und sich entschließt in der Regel nur in Concreto zu reden und in der Darlegung
der Wissenschaften keine anderen Ausdrücke zuzulassen als diejenigen welche
substantielle Subjekte bezeichnen So heißt dies dann ein nodum quaerere in
scirpo wenn ich es zu sagen wage und die Sache umkehren wenn man die
Eigenschaften und andere abstrakte Ausdrücke für das Leichteste und die
konkreten Wesen für etwas sehr Schweres nimmt
2 Philalethes Es gibt keinen anderen Begriff von der bloßen Substanz im
allgemeinen als von einem gänzlich unbekannten Subjekt von dem man
voraussetzt dass es der Träger der Eigenschaften sei Wir drücken uns dabei wie
Kinder aus welche man nicht sobald gefragt hat was eine gewisse ihnen
unbekannte Sache sei als sie die ihrer Meinung nach sehr befriedigende Antwort
geben es sei etwas was aber in dieser Weise angewendet besagt dass sie nicht
wissen was es sei
Theophilus Wenn man in der Substanz zweierlei unterscheidet die Attribute
oder Prädikate und das gemeinsame Subjekt dieser Prädikate so ist kein Wunder
dass man bei diesem Subjekt sich nichts Besonderes denken kann Es muss wohl so
sein weil man ja alle Attribute davon getrennt hat durch die man etwas
Besonderes dabei denken könnte In diesem bloßen Subjekt überhaupt etwas mehr
verlangen als nötig ist um zu denken dass es dasselbige sei dh welches
vorstellt und will Phantasie und Denkkraft ausübt heißt Unmögliches verlangen
und seiner eigenen Voraussetzung widersprechen der gemäß man abstrahiert und
das Subjekt von seinen eigenen Eigenschaften oder Akzidenzien gesondert
aufgefasst hat Diese vorgebliche Schwierigkeit könnte man ebenso beim Begriff
des Seins geltend machen und überhaupt bei allen ganz klaren ursprünglichen
Begriffen denn man könnte die Philosophen fragen was sie sich denken indem
sie das bloße Ding überhaupt denken da man auch davon nachdem dadurch jede
Besonderheit ausgeschlossen ist ebensowenig zu sagen wissen wird als auf jene
Frage was die reine Substanz überhaupt sei Ich glaube also dass die
Philosophen nicht verspottet zu werden verdienen wie hierbei geschieht indem
man sie mit jenem indischen Weisen vergleicht welcher auf die Frage wodurch
die Erde gehalten würde antwortete durch einem großen Elefanten und dann auf
die Frage was den Elefanten halte antwortete es wäre eine große Schildkröte
und endlich als man ihn zu sagen drängte worauf die Schildkröte sich stütze
zu erklären gezwungen war es sei etwas was er nicht wisse Indessen ist diese
Betrachtung von der Substanz so unwichtig sie auch scheinen mag nicht so leer
und unfruchtbar wie man denkt Es gehen daraus für die Philosophie die
bedeutendsten Folgerungen hervor die ihr ein neues Aussehen zu geben fähig
sind
4 Philalethes Von der Substanz überhaupt haben wir keine klare
Vorstellung und 5 vom Geiste haben wir eine ebenso klare Vorstellung wie vom
Körper denn die Vorstellung einer körperlichen Substanz in der Materie ist
unseren Begriffen ebenso fern wie die einer geistigen Substanz Es geht uns
damit beinahe so wie jenem jungen Doktor der Rechte dem der Promovent als er
ihm bei der Feierlichkeit zurief zu sagen utriusque »beider« antwortete Sie
haben recht denn Sie wissen von dem einen ebensoviel wie von dem anderen
Theophilus Was mich angeht so glaube ich dass diese Meinung von unserer
Unwissenheit daher kommt dass man eine Art der Erkenntnis fordert welche der
Gegenstand nicht zulässt Das sichere Merkmal eines klaren und deutlichen
Begriffes von einem Dinge ist dass man daraus durch Beweise a priori viel
Wahrheiten erkennen kann wie ich in einer Abhandlung über die Wahrheiten und
die Vorstellungen welche in die Acta Lipsiensia des Jahres 1684 eingerückt ist
gezeigt habe
12 Philalethes Wären unsere Sinne scharf genug so würden die sinnlichen
Eigenschaften zB die gelbe Farbe des Goldes verschwinden und wir statt
deren eine gewisse bewunderungswürdige Fügung der Teile sehen Das zeigt sich
ganz augenscheinlich durch die Vergrößerungsgläser Diese unsere gegenwärtige
Erkenntnis entspricht dem Zustande in welchem wir uns befinden Eine
vollkommene Erkenntnis dessen was uns umgibt übersteigt vielleicht die
Fähigkeit eines jeden endlichen Wesens Unsere Geistesvermögen genügen uns den
Schöpfer erkennen zu lassen und uns über unsere Pflichten zu unterrichten Wenn
unsere Sinne sehr viel lebhafter würden so würde eine solche Veränderung mit
unserer Natur unverträglich sein
Theophilus Das alles ist wahr und ich habe darüber schon etwas gesagt
Indessen hört die gelbe Farbe darum nicht auf eine Wirklichkeit zu sein wie
der Regenbogen und augenscheinlich sind wir zu einem über den jetzigen weit
erhabenen Zustande bestimmt und werden selbst bis ins Unendliche fortschreiten
denn es gibt in der körperlichen Natur keine eigentlichen Elemente Gäbe es
Atome wie der Verfasser an einer anderen Stelle anzunehmen schien so würde die
vollkommene Erkenntnis der Körper nicht für jedes endliche Wesen zu hoch sein
Wenn übrigens manche Farben oder Eigenschaften unseren besser bewaffneten oder
schärfer gewordenen Augen verschwinden würden so würden offenbar andere
entstehen und ein neues Wachstum unserer Erkenntnisschärfe würde nötig sein
auch sie verschwinden zu machen und das würde bis ins Unendliche so fortgehen
wie die Teilung der Materie tatsächlich so fortgeht
13 Philalethes Vielleicht besteht einer der großen Vorteile gewisser
Geister über uns darin dass sie sich selbst Sinnesorgane bilden können welche
ihrem Zwecke in der Gegenwart entsprechen
Theophilus Wir tun es auch indem wir uns Vergrößerungsgläser machen aber
andere Geschöpfe werden vielleicht noch weiter gehen können Wenn wir unsere
Augen selbst verwandeln könnten wie wir in gewisser Weise tatsächlich tun je
nachdem wir in der Nähe oder aus der Ferne sehen wollen so müssten wir da der
Geist nicht unmittelbar auf die Körper wirken kann und alles auf mechanische
Art sich zutragen muss etwas uns noch Eigentümlicheres als sie besitzen um sie
durch dies Mittel zu bilden Übrigens bin auch ich der Meinung dass die Geister
die Dinge auf eine der unserigen einigermaßen ähnliche Weise bemerken selbst
wenn sie den angenehmen Vorteil hätten den der phantasiereiche Cyrano gewissen
beseelten Naturen in der Sonne zuschreibt die aus einer unendlichen Menge von
kleinen fliegenden Wesen bestehen und durch deren nach dem Gebote der
herrschenden Seele geschehenden Wechsel alle Arten von Körpern bilden Es gibt
nichts so Wunderbares was der Mechanismus der Natur nicht imstande ist
hervorzubringen und ich glaube dass die gelehrten Kirchenväter recht gehabt
haben den Engeln Leiber zuzuschreiben
15 Philalethes Die Vorstellungen des Denkens und der Körperbewegung
welche wir in der des Geistes finden können ebenso klar und deutlich verstanden
werden wie die der Ausdehnung der Dichtheit und der Beweglichkeit welche wir
in der Materie vorfinden
Theophilus Was die Vorstellung des Denkens anbetrifft so stimme ich bei
Aber ich bin nicht dieser Ansicht hinsichtlich der Vorstellung der
Körperbewegung denn meinem System der vorherbestimmten Übereinstimmung zufolge
sind die Körper so eingerichtet dass sie einmal in Bewegung gesetzt von selbst
darin verharren je nachdem die Tätigkeiten des Geistes es fordern Diese
Hypothese ist verständlich die andere nicht
Philalethes Jeder Empfindungsakt gibt uns in gleicher Weise Erkenntnis des
Körperlichen und des Geistigen denn während das Gesicht und das Gehör mich
erkennen lässt dass es ein körperliches Sein außer mir gibt weiß ich auf noch
gewissere Art dass es in mir ein geistiges Wesen gibt welches sieht und hört
Theophilus Sehr richtig es ist ganz wahr dass das Dasein des Geistes
sicherer ist als das der sinnlichen Gegenstände
19 Philalethes Die Geister können wie die Körper nur wirken wo sie sind
und in verschiedener Zeit und an verschiedenen Orten daher muss ich auch die
Ortsveränderung allen endlichen Geistern zuschreiben
Theophilus Das geschieht glaube ich mit Recht da der Ort nur die Ordnung
der zusammen existierenden Dinge ist
Philalethes Man braucht nur die Trennung von Seele und Körper im Tode zu
erwägen um von der Bewegung der Seele überzeugt zu werden
Theophilus Die Seele könnte aufhören in einem sichtbaren Körper zu wirken
und wenn sie zu denken gänzlich aufhören könnte wie der Verfasser oben
behauptet hat so könnte sie sich von einem Körper trennen ohne mit einem
anderen vereinigt zu werden so dass ihre Trennung ohne Bewegung sein würde Was
mich aber anbetrifft so glaube ich dass sie immer denkt und empfindet dass sie
immer mit einem Körper verbunden ist und selbst dass sie niemals gänzlich und
mit einem Mal den Körper verlässt mit dem sie verbunden ist
21 Philalethes Wenn jemand sagt dass die Geister nicht in loco sed in
aliquo ubi dh nicht an einem Orte sondern in irgend einem Wo sind so
glaube ich nicht dass man heutzutage auf eine solche Redensart viel Gewicht
legen wird Wenn sich aber jemand einbildet dass sie einen vernünftigen Sinn
annehmen kann so bitte ich ihn in gewöhnlicher verständlicher Sprache
denselben auszudrücken und dann einen Grund herauszuziehen welcher dartut dass
die Geister zur Bewegung nicht fähig sind
Theophilus Die Schulen haben drei Arten von Ubietät Woheit oder Arten
irgendwo zu sein angenommen Die erste wird circumscriptive umschließend
beschreibende genannt welche man denjenigen im Raume befindlichen Körpern
zuschreibt welche punctatim Punkt für Punkt darin sind dergestalt dass sie
durch Bezeichnung der Grenzpunkte der im Raum befindlichen Sache die den
Punkten des Raumes entsprechen gemessen werden können Die zweite Art ist die
definitive bezeichnende nach der man bezeichnen dh bestimmen kann dass die
örtlich vorhandene Sache sich in einem solchen Raume befindet ohne die genauen
Punkte oder die Stellen angehen zu können welche dem daselbst Befindlichen
ausschließlich eigen sind Auf diese Weise hat man geurteilt dass die Seele im
Körper ist indem man nicht an die Möglichkeit glaubte einen bestimmten Punkt
anzugeben wo die Seele oder ein Teil der Seele sei ohne dass sie auch an irgend
einem anderen Punkte ist Viele gescheite Leute denken darüber noch so
Allerdings hat Descartes der Seele engere Schranken geben wollen indem er ihr
die Zirbeldrüse als eigentlichen Sitz anwies aber er hat gleichwohl nicht zu
sagen gewagt dass sie ausschließlich in einem Punkt dieser Drüse sich befinde
er hat damit also gar nichts gewonnen und es ist gerade ebenso als wenn man
ihr den ganzen Körper zum Kerker oder Aufenthaltsorte anwiese Ich glaube dass
das was man von den Seelen sagt sich ungefähr auch von den Engeln behaupten
lässt von denen der große Lehrer von Aquino annahm dass sie nur der Wirksamkeit
nach an einem Orte wären welche Wirksamkeit meiner Ansicht nach keine
unmittelbare ist und sich auf die vorherbestimmte Übereinstimmung zurückführen
lässt Die dritte Woheit ist die repletive erfüllende welche man Gott
zuschreibt der das ganze Universum in noch eminenterem Sinne erfüllt als die
Geister ihre Körper denn er wirkt unmittelbar auf alle Geschöpfe indem er sie
fortwährend hervorbringt während die endlichen Geister einen unmittelbaren
Einfluss oder eine unmittelbare Wirksamkeit nicht ausüben können Ob diese Lehre
der Schulen ins Lächerliche gezogen zu werden verdient wie man sich so scheint
es zu tun bestrebt weiß ich nicht immer wird man indessen den Seelen eine
gewisse Art von Bewegung wenigstens in Beziehung auf die mit ihnen verbundenen
Körper oder hinsichtlich ihrer Weise wahrzunehmen zuschreiben können
23 Philalethes Wenn jemand sagte er wisse nicht wie er denkt so würde
ich antworten dass er auch nicht wisse wie die festen Körperteile
aneinandergefügt sind um ein ausgedehntes Ganzes zu bilden
Theophilus Die Erklärung der Kohäsion hat ihre große Schwierigkeit aber
diese Kohäsion der Teile scheint doch nicht nötig zu sein um ein ausgedehntes
Ganzes zu bilden da man sagen kann dass die vollkommen feine und flüssige
Materie sich zu einem Ausgedehnten zusammensetzt ohne dass die Teile dabei
aneinander haften Um aber die Wahrheit zu sagen glaube ich dass die
vollkommene Flüssigkeit nur der ersten Materie zukommt dh in der Abstraktion
und als eine ursprüngliche Eigenschaft ebenso wie die Ruhe nicht aber der
zweiten Materie so wie sie sich in der Wirklichkeit findet mit ihren
abgeleiteten Eigenschaften bekleidet Ich glaube nämlich nicht dass es eine
Masse von äußerster Feinheit gibt und dass überall mehr oder weniger
Zusammenhang vorkommt der aus denjenigen Bewegungen stammt welche miteinander
übereinstimmen und behufs der Trennung gestört werden müssen was ohne
Gewaltsamkeit und Widerstand nicht abgehen kann Übrigens liefert das Wesen der
Wahrnehmung und weiter des Denkens einen der ursprünglichsten Begriffe Wie ich
glaube wird indessen die Lehre von den substantiellen Einheiten oder Monaden
ihn bedeutend aufklären
Philalethes Was die Kohäsion betrifft so erklären manche sie durch die
Oberflächen an denen zwei Körper die durch eine Umhüllung zB die Luft
gegeneinander gepresst werden sich berühren Allerdings kann der Druck 24
einer Umhüllung verhindern dass man zwei glatte Oberflächen voneinander in
perpendikulärer Richtung entfernt er kann aber nicht hindern dass man sie durch
eine diesen Oberflächen parallele Bewegung trennt
Gäbe es keine andere Ursache der Kohäsion der Körper so würde es darum
leicht sein alle Teile derselben dadurch voneinander zu sondern dass man sie so
zur Seite gleiten ließe indem man irgend eine Fläche welche einen Teil der
Materie schneidet dazu nimmt
Theophilus Ohne Zweifel ja wenn alle die flachen aufeinanderliegenden
Teile sich in derselben Fläche oder in parallelen Flächen befänden da dies aber
nicht stattfindet und nicht stattfinden kann so ist offenbar dass indem man
versucht die einen gleiten zu machen man auf eine unendliche Menge anderer
ganz anders wirkt deren Fläche mit der ersten einen Winkel bildet denn man muss
wissen dass man um zwei aneinanderpassende Oberflächen zu trennen Mühe
anwenden muss nicht allein wenn die Richtung der Bewegung behufs der Trennung
perpendikulär ist sondern auch wenn sie gegen die Oberfläche schräg ist So
muss man in den vielseitigen Körpern welche die Natur in den Bergwerken und
sonst bildet auf blätterartige Schichten schließen die in jeder Hinsicht
aneinander haften Ich gebe indessen zu dass der Druck der Umhüllung auf die
glatten aneinanderhaftenden Oberflächen nicht genügt um den Grund der Kohäsion
überhaupt zu erklären denn man setzt stillschweigend dabei voraus dass diese
aneinanderschließenden Tafeln schon Kohäsion haben
27 Philalethes Ich hatte angenommen dass die Ausdehnung des Körpers
nichts anderes als die Kohäsion der festen Teile ist
Theophilus Dies scheint mir mit Ihren eigenen vorhergegangenen Erklärungen
nicht übereinzukommen Mir scheint dass ein Körper welcher innerliche
Bewegungen hat oder dessen Teile in der Tätigkeit sich voneinander zu lösen
begriffen sind wie meiner Überzeugung nach dies immer der Fall ist darum
nicht aufhört ausgedehnt zu sein Somit scheint mir der Begriff der Ausdehnung
von dem der Kohäsion gänzlich verschieden
28 Philalethes Eine andere Vorstellung die wir vom Körper haben ist
das Vermögen die Bewegung durch Anstoß mitzuteilen und eine andere welche wir
von der Seele haben ist das Vermögen durch das Denken Bewegung
hervorzubringen Die Erfahrung liefert uns tagtäglich diese beiden Vorstellungen
auf eine überzeugende Art wenn wir aber tiefer nachforschen wollen wie dies
geschieht so finden wir uns gleichfalls im Dunkeln Denn in Hinsicht der
Mitteilung der Bewegung wodurch ein Körper so viel Bewegung verliert als ein
anderer empfängt welches der gewöhnlichste Fall ist verstehen wir darunter
weiter nichts als eine aus einem Körper in den anderen übergehende Bewegung
was ich für ebenso dunkel und unbegreiflich halte als die Art wie unser Geist
durch das Denken unseren Körper bewegt oder anhält Noch schwieriger ist es die
Zunahme der Bewegung mittels des Anstoßes zu erklären wie man sie beobachtet
oder in gewissen Fällen geschehen zu sehen glaubt
Theophilus Ich wundere mich nicht wenn man da unübersteigliche Hindernisse
findet wo man etwas so Unbegreifliches vorauszusetzen scheint wie den Übergang
eines Akzidenz von einem Subjekt ins andere ich sehe aber keinen Grund welcher
uns zu einer Voraussetzung nötigt die nicht weniger befremdend ist als die der
Scholastiker von Akzidenzien ohne Subjekt welche sie gleichwohl sich hüten nur
der wunderbaren Tätigkeit der göttlichen Allmacht zuzuschreiben während jener
Übergang hier nur ein gewöhnlicher sein würde Ich habe darüber oben schon etwas
gesagt Kap 21 4 wo ich auch bemerkt habe dass der Körper keineswegs
soviel Bewegung verliert wie er einem anderen gibt was man anzunehmen scheint
als ob die Bewegung etwas Substantielles wäre und im Wasser aufgelöstem Salze
gliche was wenn ich nicht irre die Vergleichung ist deren Rohhaut sich
bedient hat Ich füge hier hinzu dass dies nicht einmal der gewöhnlichste Fall
ist denn ich habe anderswo gezeigt dass dieselbe Quantität der Bewegung sich
nur dann erhält wenn die beiden aufeinander treffenden Körper vor dem
Zusammenstoße nach derselben Richtung gehen wie nach demselben Allerdings
werden die wahren Gesetze der Bewegung von etwas Höherem als die Materie ist
abgeleitet Was das Vermögen durch das Denken Bewegung hervorzubringen
betrifft so haben wir meiner Überzeugung nach davon so wenig eine Vorstellung
als wir eine Erfahrung davon haben Die Kartesianer selbst gestehen zu dass die
Seelen der Materie keine neue Kraft verleihen können sie behaupten aber dass
sie derselben eine neue Bestimmung oder Richtung der von ihr schon besessenen
Kraft geben Ich für meinen Teil behaupte dass die Seelen weder in der Kraft
noch in der Richtung der Körper etwas ändern dass das eine so unbegreiflich und
widersinnig ist wie das andere und dass man sich der vorherbestimmten
Übereinstimmung bedienen muss um die Einheit von Seele und Leib zu erklären
Philalethes Es ist allerdings nichts unserer Untersuchung Unwürdiges
zuzusehen ob die tätige Kraft das eigentliche Attribut der Geister und die
leidende Kraft das der Körper ist Daraus ließe sich die Vermutung gewinnen dass
die geschaffenen Geister da sie sowohl tätig als leidend sind nicht gänzlich
von der nur leidenden Materie getrennt sind und dass diejenigen anderen Wesen
welche zugleich tätig und leidend sind an beiden teilnehmen
Theophilus Diese Gedanken sagen mir ungemein zu und drücken ganz meine
Meinung aus wenn man nur das Wort Geist so allgemein versteht dass es alle
Seelen umfasst oder vielmehr um noch allgemeiner sich auszudrücken alle
diejenigen substantiellen Entelechien oder Einleiten welche mit den Geistern
Analogie haben
31 Philalethes Ich wünschte wohl dass man mir in unserem Begriff von
Geist etwas Verworrenes oder dem Widerspruch Näherliegendes zeigte als was der
Begriff selbst des Körpers ich meine die Teilbarkeit ins Unendliche in sich
schließt
Theophilus Was Sie da sagen um zu zeigen dass wir die Natur des Geistes
ebenso oder besser als die des Körpers verstehen ist sehr wahr und Fromond
der eigens ein Buch De compositione continui Über die Bildung des
Zusammenhangenden geschrieben hat hat dasselbe mit Recht Labyrinth betitelt
Das kommt aber von einer falschen Vorstellung her welche man wie vom Raume so
von der körperlichen Natur hat
33 Philalethes Selbst die Vorstellung von Gott entsteht uns ebenso wie
die anderen indem diese unsere zusammengesetzte Vorstellung von Gott aus den
einfachen Vorstellungen gebildet wird die wir durch die Region empfangen und
durch unsere Vorstellung von der Unendlichkeit erweitern
Theophilus In Hinsicht dessen beziehe ich mich auf das was ich schon
mehrmals gesagt habe um zu zeigen dass alle diese Vorstellungen und besonders
die von Gott ursprünglich in uns sind und wir nur auf sie zu achten haben
sowie vor allem dass die der Unendlichkeit sich nicht durch eine Erweiterung der
endlichen Vorstellungen bilden lässt
37 Philalethes Die meisten einfachen Vorstellungen welche unsere
zusammengesetzten Vorstellungen von den Substanzen bilden sind recht betrachtet
nur Kräfte wenn wir auch noch so geneigt sind sie für positive Eigenschaften
zu halten
Theophilus Ich denke dass die Kräfte welche der Substanz nicht wesentlich
sind und nicht bloß eine Fertigkeit sondern auch eine gewisse Strebung in sich
schließen gerade das sind was man unter realen Eigenschaften versteht oder
verstehen muss
1 Philalethes Nach den einfachen Substanzen wollen wir zu den
zusammengesetzten kommen Ist die Vorstellung desjenigen Menschenhaufens
welcher ein Heer bildet nicht ebensogut eine einzige Vorstellung wie die eines
Menschen es ist
Theophilus Man hat recht zu sagen dass dieses Aggregat ens per
aggregationem um sich schulgemäß auszudrücken eine einzige Vorstellung
ausmacht obgleich eigentlich zu reden dieser Haufe Substanzen nicht wirklich
eine Substanz bildet Es ist das vielmehr ein Resultat dem die Seele durch ihre
Wahrnehmung und ihr Denken den letzten Vollzug der Einheit verleiht Man kann
gleichwohl in gewisser Weise sagen dass es etwas Substantielles sei insofern es
nämlich Substanzen in sich begreift
1 Philalethes Es ist noch übrig die Vorstellungen der Relationen in
Betracht zu ziehen welche von Wirklichkeit das Geringste enthalten Wenn der
Geist ein Ding neben einem anderen ins Auge fasst so ist das eine Relation oder
Beziehung und die darüber gebildeten Benennungen oder Relationsbezeichnungen
sind wie ebenso viele Zeichen welche unsere Gedanken über das Subjekt hinaus
auf etwas davon Verschiedenes zu richten dienen dies beides nennt man Subjekte
der Relation Relata
Theophilus Die Relationen und die Ordnungen haben etwas vom Gedankenwesen
an sich obgleich sie in den Dingen selbst ihren Grund haben denn man kann
sagen dass ihre Realität wie die der ewigen Wahrheiten und die der
Möglichkeiten aus der höchsten Vernunft stammt
5 Philalethes Gleichwohl kann dabei eine Veränderung der Relation
vorkommen ohne dass in dem Subjekt irgend eine Veränderung geschieht Titius
den ich heute als Vater betrachte hört morgen ohne dass sich in ihm irgend eine
Veränderung zuträgt allein dadurch auf es zu sein dass sein Sohn stirbt
Theophilus Man kann dies ganz mit Recht sagen Hinsicht auf das dessen man
sich bewusst ist obgleich metaphysisch streng genommen es allerdings zufolge der
wirklichen Verknüpfung aller Dinge keine gänzlich äußerliche Bezeichnung
denominatio pure extrinseca gibt
6 Philalethes Ich meine dass die Relation nur zwischen zwei Dingen
stattfindet
Theophilus Gleichwohl gibt es Beispiele von einer Relation zwischen
mehreren Dingen zugleich wie die der Ordnung oder die eines Stammbaumes welche
den Rang und die Verknüpfung aller Teile oder Ahnen ausdrücken und sogar eine
Figur wie zB die eines Vielecks schließt das gegenseitige Verhältnis aller
Seiten in sich
8 Philalethes Es ist auch gut in Betracht zu ziehen dass die
Vorstellungen der Relationen oft viel klarer sind als die der Dinge welche die
Subjekte der Relation sind So ist das Verhältnis des Vaters viel klarer als das
des Menschen
Theophilus Dies ist der Fall weil diese Relation so allgemein ist dass sie
auch anderen Substanzen zukommen kann Wie übrigens ein Subjekt Klarheit und
Dunkelheit haben kann so wird auch die Relation auf der Klarheit begründet sein
können Wenn aber das Formelle selbst der Relation die Erkenntnis dessen was in
dem Subjekt dunkel ist in sich enthielte so würde sie an dieser Dunkelheit
teilnehmen
10 Philalethes Die Ausdrücke welche den Geist notwendig auf andere
Vorstellungen bringen als diejenigen sind welche man in dem Dinge als wirklich
vorhanden voraussetzt auf das sich der Ausdruck oder das Wort bezieht sind
relativ und die anderen sind absolut
Theophilus Sie haben jenes »notwendig« mit Recht hinzugefügt und man
könnte »ausdrücklich« oder »von vornherein« hinzufügen denn man kann zB an
das Schwarze denken ohne an dessen Ursache zu denken Dies kommt daher dass man
innerhalb der Schranken einer Erkenntnis sich hält die sich von vornherein
darbietet und verworren oder wenn auch klar doch unvollständig ist das
erstere wenn die Vorstellung keine Analyse erfahren hat und das letztere wenn
man sie einschränkt Übrigens gibt es keinen so absoluten er so abgegrenzten
Ausdruck der nicht Relationen in sich schließt und dessen vollständige Analyse
nicht auf anderes und sogar auf alles andere führt dergestalt dass man sagen
kann die Relationsausdrücke bezeichnen ausdrücklich die Beziehung welche sie
enthalten Ich setze dabei das Absolute dem Relativen entgegen und zwar in einem
anderen Sinne als ich es oben dem Beschränkten entgegengesetzt habe
1 2 Philalethes Ursache ist dasjenige was eine einfache oder nicht
zusammengesetzte Vorstellung hervorbringt und Wirkung ist das was
hervorgebracht wird
Theophilus Ich sehe dass Sie unter Vorstellung oft die objektive Realität
der Vorstellung oder die von ihr vorgestellte Eigenschaft verstehen Sie
definieren nur die wirkende Ursache wie ich schon oben bemerkt habe Man muss
zugehen dass wenn man sagt Wirkende Ursache ist das was hervorbringt und
Wirkung das was hervorgebracht wird man nur gleichbedeutende begriffe
braucht freilich habe ich Sie ein wenig deutlicher sagen hören Ursache sei
was da macht dass etwas anderes dazusein anfange obwohl auch dies Wort »macht«
die hauptsächliche Schwierigkeit noch ganz bestehen lässt Aber dies wird sich
ein andermal besser erläutern lassen
Philalethes Um noch einige andere Relationen zu berühren so bemerke ich
dass es Ausdrücke gibt die man zur Bezeichnung der Zeit anwendet Man betrachtet
diese gewöhnlich als nur positive Vorstellungen bezeichnend die indessen doch
relative sind wie jung alt usw denn sie schließen eine Beziehung zur
gewöhnlichen Dauer der Substanz welcher man sie zuschreibt in sich So wird
ein Mensch im Alter von 20 Jahren jung genannt und sehr jung im Alter von 7
Jahren Alt nennen wir indessen ein Pferd von 20 und einen Hund von 7 Jahren
Aber wir sagen nicht die Sonne und die Sterne ein Rubin oder ein Diamant seien
alt oder jung weil wir die gewöhnlichen Zeitabschnitte ihrer Dauer nicht
kennen 5 Dasselbe findet hinsichtlich des Ortes und der Ausdehnung statt
wie wenn man sagt dass etwas hoch oder niedrig groß oder klein sei So
erscheint einem Flamänder ein Pferd sehr klein welches nach der Vorstellung
eines Wallisers groß wäre jeder denkt an die Pferde welche man in seinem
Vaterlande zieht
Theophilus Diese Bemerkungen sind sehr triftig Allerdings entfernen wir
uns mitunter ein wenig von dieses Sinn wie wenn wir sagen dass etwas alt ist
indem wir es nicht mit Dingen seiner Art sondern mit anderen Arten vergleichen
Wir sagen zB dass die Welt oder die Sonne sehr alt ist Jemand fragte Galilei
ob er glaubte dass die Sonne ewig sei Er antworteten Eterno nò ma ben antico
Nicht ewig aber sehr alt
1 Philalethes Eine der wichtigsten relativen Vorstellungen ist die der
Identität und der Verschiedenheit Wir finden niemals und können nicht als
möglich begreifen dass zwei Dinge derselben Art zu gleicher Zeit an demselben
Orte seien Wenn wir deshalb fragen ob etwas dasselbe ist oder nicht so
bezieht sich dies immer auf etwas was in einer bestimmten Zeit an einem
bestimmten Orte ist woraus folgt dass hinsichtlich der Zeit und des Ortes etwas
nicht zwei Anfänge der Existenz noch zweierlei einen einzigen Anfang haben
kann
Theophilus Außer der Verschiedenheit von Zeit und Ort ist immer das
Vorhandensein eines inneren Prinzips der Unterscheidung vonnöten und obwohl es
mehrere Dinge derselben Art gibt bleibt es dennoch wahr dass es niemals zwei
vollkommen gleiche gibt obgleich also Zeit und Ort dh die Beziehung nach
außen uns dazu dienen die Dinge zu unterscheiden die wir für sich selbst
nicht gut unterscheiden so sind die Sachen darum doch an und für sich
unterscheidbar Das eigentliche Wesen der Identität und der Verschiedenheit
besteht also nicht in der Zeit und dem Orte obgleich die Verschiedenheit der
Dinge allerdings von der der Zeit oder des Ortes begleitet ist weil sie
verschiedene Eindrücke über die Sache mit sich bringen um nicht zu sagen dass
man vielmehr eine Zeit oder einen Ort von einem anderen durch die Dinge
unterscheiden muss denn an sich selbst sind sie vollkommen gleich aber doch
sind sie nicht vollständige Substanzen oder Realitäten Die Unterscheidungsart
welche Sie hier als die bei den Dingen derselben Art einzige vorzuschlagen
scheinen ist auf jene Voraussetzung begründet dass die Durchdringlichkeit nicht
der Natur entspreche Diese Voraussetzung ist vernunftgemäß aber sogar die
Erfahrung zeigt dass man hier nicht daran gebunden ist wo es sich um die
Unterscheidung handelt Wir sehen zB zwei Schatten oder zwei Lichtstrahlen
die einander durchdringen und könnten uns eine Phantasiewelt wo die Körper es
ebenso machten ausdenken Indessen unterscheiden wir dennoch einen Strahl von
dem anderen selbst dann wenn sie sich kreuzen gerade durch die Verfolgung
ihres Weges
3 Philalethes Das was man in den Schulen Prinzip der Individuation
nennt wo man sich so viel quält zu erfahren was es sei besteht in dem Dasein
selbst welches jedes Wesen zu einer besonderen Zeit an einen bestimmten Ort
setzt der zweien Wesen derselben Art nicht gemeinsam sein kann
Theophilus Das Prinzip der Individuation kommt in den Individuen auf das
Prinzip der Unterscheidung zurück wovon ich eben gesprochen habe Wenn zwei
Individuen vollkommen ähnlich und gleich und mit einem Worte an sich selbst
ununterscheidbar wären so würde es kein Prinzip der Individuation geben und
ich wage selbst zu behaupten dass es unter dieser Bedingung keine individuelle
Unterscheidung oder verschiedene Individuen geben würde Darum ist der Begriff
der Atome schimärisch und stammt nur aus den unvollständige Vorstellungen der
Menschen Denn wenn es Atome dh vollkommen harte und vollkommen
unveränderliche oder zu innerem Wechsel unfähige und nur an Größe und Gestalt
voneinander verschiedene Körper gäbe so würde es offenbar bei der Möglichkeit
dass sie von gleicher Gestalt und Größe sind dann unter ihnen solche geben
welche an sich ununterscheidbar nur durch äußere Bezeichnungen ohne inneren
Grund voneinander getrennt werden könnten was den wichtigsten
Vernunftgrundsätzen zuwiderläuft In Wahrheit ist aber jeder Körper veränderlich
und wird sogar stets wirklich verändert dergestalt dass er an sich selbst von
jedem anderen sich unterscheidet Ich erinnere mich dass eine geistvolle hohe
Fürstin einmal auf einem Spaziergange in ihrem Garten sagte sie glaube nicht
dass es zwei vollkommen gleiche Blätter gäbe Ein gescheiter Edelmann welcher
den Spaziergang mitmachte glaubte es sei leicht solche zu finden aber
obschon er viel danach suchte musste er sich durch seine eigenen Augen
überzeugen dass man stets dabei Verschiedenheit bemerken konnte Man sieht aus
diesen bisher vernachlässigten Betrachtungen wie sehr man sich in der
Philosophie von den natürlichsten Begriffen entfernt hat und wie sehr man von
den wichtigsten Prinzipien der wahren Metaphysik fern ist
4 Philalethes Die Einheit einer und derselben Pflanze besteht darin
eine solche Organisation von Teilen in einem einzelnen an einem gemeinsamen
Leben teilnehmenden Körper zu haben dass sie so lange dauert als die Pflanze
wenn sie in ihren Teilen sich auch ändert bestehen bleibt
Theophilus Die Organisation oder Ausgestaltung ohne ein subsistierendes
Lebensprinzip welches ich Monade nenne würde nicht genügen um ein idem numero
der Zahl nach eins oder dasselbe Individuum beharren zu machen denn die
Ausgestaltung kann auf spezifische Art beharren ohne auf individuelle Art zu
beharren Wenn sich ein Hufeisen in einem bestimmten Mineralwasser Ungarns in
Kupfer verhandelt so bleibt dieselbe Gestalt der Art nach nicht aber bleibt
dasselbe dem Individuum nach denn das Eisen löst sich auf und das Kupfer mit
dem das Wasser geschwängert ist schlägt sich nieder und tritt unmerklich an
seinen Platz Nun ist die Gestalt nur ein Akzidenz welches nicht von einem
Subjekt zum anderen de subjecto in subjectum übergeht Man muss also sagen dass
die organisierten Körper ebensogut wie die übrigen nur der Erscheinung nach
beharren und nicht wenn man es mit dem Ausdruck streng nimmt Es ist das wie
mit einem Fluss dessen Nasser stets wechselt oder wie mit dem Fahrzeug des
Wesens welches die Athener stets erneuerten Was aber die Substanzen
anbetrifft die in sich selbst eine wahrhafte und wirkliche substantielle
Einheit besitzen der die eigentlich sogenannten Lebensverrichtungen zukommen
können und was die substantiellen Wesen betrifft quae uno spiritu continentur
die von einem Geiste zusammengehalten werden wie sich ein alter Rechtslehrer
ausdrückt dh welche ein gewisser unteilbarer Geist bereit so hat man das
Recht zu behaupten dass sie vermittels dieser Seele oder dieses Geistes welcher
in den Seelen die denken das Ich ausmacht vollständig dasselbe Individuum
bleiben
5 Philalethes Bei den Tieren und Pflanzen ist der Fall kein besonders
davon verschiedener
Theophilus Wenn die Pflanzen und die Tiere keine Seele haben so ist ihre
Identität nur scheinbare sie haben aber eine solcher die individuelle Einheit
findet ganz streng genommen bei ihnen wirklich statt obgleich ihre organischen
Körper dieselbe nicht behalten
6 Philalethes Dies zeigt auch worin die Identität eines und desselben
Menschen besteht nämlich allein darin dass er das nämliche durch die
materiellen Teilchen fortgesetzte Leben genießt welche in einem fortwährenden
Fluss begriffen aber in dieser Aufeinanderfolge denselben organisierten Körper
auf eine zu dessen Leben dienende Art verknüpft sind
Theophilus Das lässt sich auch in meinem Sinne verstehen In der Tat ist der
organisierte Körper länger als einen Augenblick nicht derselbe er behält nur
gleiche Geltung Und wenn man die Seele nicht berücksichtigt so findet auch
nicht mehr dasselbe Leben und ebensowenig dieselbe Lebenseinheit statt Diese
Identität würde also nur eine scheinbare sein
Philalethes Wer die Identität des Menschen in etwas anderem sucht als in
einem zu einem bestimmten Moment wohlorganisierten Körper welcher fortan in
dieser Lebensorganisation durch eine Aufeinanderfolge verschiedener mit ihm
verbundener Teilchen der Materie fortdauert wird es schwerlich durchführen
können dass ein Embryo und ein Erwachsener ein Wahnsinniger und ein Weiser
derselbe Mensch sind ohne dass übrigens aus dieser Voraussetzung die Möglichkeit
fließt dass Seth Ismael Sokrates Pilatus St Augustin ein und derselbe
Mensch seien Dies würde sich noch schlechter mit den Begriffen derjenigen
Philosophen vertragen welche die Seelenwanderung anerkannten und da glaubten
dass die Seelen der Menschen zur Strafe ihrer Übertretungen in Tierleiber gebannt
werden können denn ich glaube nicht dass jemand der überzeugt wäre dass die
Seele Heliogabals in einem Schweine fortlebte behaupten würde dass dies Schwein
ein Mensch und derselbe Mensch wie Heliogabal sei
Theophilus Es handelt sich dabei um eine Untersuchung des Wortes und um
eine der Sache Was die der Sache anbetrifft so kann die Identität derselben
individuellen Substanz nur durch die Fortdauer derselben Seele aufrechterhalten
werden denn der Körper ist in einem beständigen Fluss und die Seele wohnt nicht
in bestimmten ihr zugewiesenen Atomen noch in einem kleinen unverweslichen
Gebein wie im sogenannten Luz der Rabbiner Indessen gibt es keine
Seelenwanderung mittels deren die Seele ihren Körper gänzlich verlässt und in
einen anderen übergeht Sie behält immer selbst im Tode einen organisierten
Leib einen Teil des früheren obgleich das was sie behält stets unmerklicher
Zerstreuung und Wiederherstellung und selbst großer zu gewisser Zeit zu
erleidender Veränderung unterworfen ist So findet also statt einer
Seelenwanderung Wandelung Einhüllung oder Entwickelung und endlich ein fließen
des Körpers dieser Seele statt Der jüngere van Helmont glaubte dass die Seelen
von Körper zu Körper aber immer in ihrer Art bleibend wandern so dass es immer
dieselbe Zahl von Seelen derselben Art und folglich dieselbe Zahl Menschen und
Wölfe gibt und dass die Wölfe wenn sie in England vermindert und vernichtet
werden sich entsprechend anderswo vermehren müssten Gewisse in Frankreich
veröffentlichte Betrachtungen scheinen eben dahin zu gehen Wenn die
Seelenwanderung nicht im strengen Sinne genommen wird dh wenn jemand glaubte
dass die in demselben feinen Körper bleibenden Seelen nur den gröberen Körper
wechseln so würde sie möglich sein sogar bis zum Übergänge derselben Seele in
einen Körper anderer Art wie die Ansicht der Brahmanen und der Pythagoreer ist
Aber alles was möglich ist ist darum nicht der Ordnung der Dinge entsprechend
Indessen die Frage ob im Falle dass eine solche Seelenwanderung wirklich
stattfände Kain Ham und Ismael vorausgesetzt dass sie nach der Lehre der
Rabbiner dieselbe Seele hätten derselbe Mensch genannt zu werden verdienten
beträfe nur einen Wortstreite und ich habe bemerkt dass der berühmte
Schriftsteller dessen Ansichten Sie aufrechterhalten haben dies anerkennt und
sehr gut erklärt im letzten Paragraphen dieses Kapitels Die Identität der
Substanz würde dann stattfinden aber im Falle dass kein Zusammenhang der
Erinnerung unter den verschiedenen Persönlichkeiten stattfände welche von
derselben Seele gebildet würden würde auch nicht soviel moralische Identität
dabei stattfinden um zu sagen es sei dieselbe Person Und wenn Gott wollte
dass die menschliche Seele in den Leib eines Schweines führe des Menschen
vergessend und vernünftige Handlungen nicht ausübend so würde sie nicht einen
Menschen ausmachen Wenn sie aber in dem Tierleib die Gedanken eines Menschen
hätte und zwar desjenigen Menschen den sie vor der Veränderung beseelte wie
der goldene Esel des Apulejus so würde man vielleicht keine Schwierigkeit
machen zu sagen dass derselbe Lucius der seine Freunde zu besuchen nach
Thessalien gekommen war unter der Haut des Esels wohin ihn Photis ohne es zu
wollen gebannt hatte derselbe blieb und von einem Herrn zum andern wanderte
bis dass die verzehrten Rosen ihm seine natürliche Gestalt wiedergaben
8 Philalethes Ich glaube dreist behaupten zu können dass wer von uns
ein Geschöpf sähe wie er selbst gemacht und gestaltet wenn dies auch niemals
mehr Vernunft zeigte als eine Katze oder ein Papagei darum nicht unterlassen
würde es Mensch zu nennen oder wenn er einen Papageien vernünftig und
philosophisch sprechen hörte würde er ihn doch nur einen Papageien nennen und
dafür halten er würde vom ersteren dieser Wesen sagen es sei ein einfältiger
stumpfer und von Vernunft verlassener Mensch und von letzterem dass es ein
geistvoller und gescheiter Papagei sei
Theophilus Ich würde über den zweiten Punkt eher derselben Meinung sein
als über den ersten obgleich sich darüber noch etwas sagen lässt Wenige
Theologen würden kühn genug sein ein Wesen von menschlicher Gestalt aber ohne
bemerkbare Vernunft sofort und unbedingt zur Taufe zuzulassen wenn man es im
Walde fände und ein katholischer Priester würde vielleicht mit Hinzufügung
einer Bedingung sagen wenn du ein Mensch bist so taufe ich dich denn man
würde nicht wissen ob es von menschlichem Geschlecht wäre und eine vernünftige
Seele in ihm wohnte es könnte ein OrangUtan sein jener dem menschlichen
Äußeren so nahekommende Affe solch einer wie derjenige von dem Tulpius redet
der ihn gesehen hat und solch einer wie derjenige dessen Anatomie ein
gelehrter Arzt veröffentlicht hat Ich gebe allerdings zu dass der Mensch
sicherlich so dumm werden kann wie ein OrangUtan aber das Innere der
vernünftigen Seele würde in ihm bleiben trotz der einstweiligen Aufhebung des
Vernunftgebrauches wie ich das oben erläutert habe das also ist der Punkt wo
man nicht nach dem äußeren Scheine urteilen darf Was den zweiten Fall angeht
so hindert nichts dass es vernünftige Tiere einer von der unserigen
verschiedenen Art gebe wie jene Bewohner des poetischen Vogelreichs in der
Sonne wo ein aus dieser Welt nach seinem Tode hingekommener Papagei dem
Reisenden das Leben rettete der ihm hienieden wohlgetan hatte Wenn es sich
indessen zutrüge wie im Lande der Feen und meiner Mutter Gans sich zuträgt dass
ein Papagei eine verwandelte Prinzessin wäre und sich durch die Sprache als
solche zu erkennen gäbe so würden ohne Zweifel Vater und Mutter ihn als ihre
Tochter liebkosen indem sie sie zu haben glaubten wenngleich sie unter dieser
fremdartigen Gestalt versteckt wäre Gleichwohl würde ich mich demjenigen nicht
widersetzen welcher sagte dass in dem goldenen Esel wie das Selbst oder
Individuum wegen der Einheit immateriellen Geistes so Lucius oder die Person
wegen des Bewusstseins dieses Ich geblieben aber dass dies nicht mehr ein Mensch
sei wie es in der Tat scheint dass man der Definition des Menschen etwas von
der Gestalt und Körperbildung hinzufügen muss wenn man sagt es sei ein
vernünftiges lebendiges Wesen sonst würden meiner Ansicht nach auch die Geister
Menschen sein
9 Philalethes Das Wort Person bedeutet ein denkendes und vernünftiges
der Vernunft und Religion fähiges Wesen welches sich selbst als ein Selbiges
als dasselbe Wesen betrachten kann das zu verschiedenen Zeiten und an
verschiedenen Grien denkt dies geschieht einzig und allein durch das Bewusstsein
seiner eigenen Handlungen Und diese Erkenntnis begleitet immer unsere
sinnlichen Empfindungen und gegenwärtigen Wahrnehmungen wenn sie deutlich genug
sind wie ich schon vorhin mehr als einmal bemerkt habe und aus diesem Grunde
ist jeder für sich selbst das was er das eigene Ich nennt Man zieht bei dieser
Gelegenheit nicht in Betracht ob dasselbe Ich in derselben Substanz oder in
verschiedenen Substanzen sich fortsetzt denn da das Bewusstsein consciousness
oder Konsciosität das Denken immer begleitet und darin die Ursache liegt dass
jeder das ist was er sein eigenes Ich nennt und wodurch er sich von jedem
anderen denkenden Dinge unterscheidet so besteht darin auch allein die
persönliche Identität oder das wodurch ein vernünftiges Wesen immer dasselbe
ist und so weit dies Bewusstsein sich auf die schon vergangenen Handlungen oder
Gedanken erstrecken kann so weit erstreckt sich die Identität dieser Person
und das Ich ist jetzt dasselbe welches es damals war
Theophilus Auch ich bin dieser Meinung dass die Konsciosität oder das
Selbstbewusstsein eine moralische persönliche Identität beweist Und hierin
unterscheide ich das Nichtaufhören einer Tierseele von der Unsterblichkeit der
Menschenseele die eine wie die andere behält die physische und wirkliche
Identität aber was den Menschen anbetrifft so bewahrt gemäß den Regeln der
göttlichen Vorsehung dessen Seele gewiss noch die moralische Identität die uns
selbst als solche erscheint um dieselbe Persönlichkeit zu bilden welche
folglich die Strafen und Belohnungen zu empfinden fähig ist Sie scheinen
anzunehmen dass diese erscheinende Identität bewahrt bleiben kann wenn es keine
wirkliche geben sollte Ich möchte glauben dass dies vielleicht durch die
Allmacht Gottes geschehen kann aber nach der Ordnung der Dinge setzt die der
Person welche sich als dieselbe empfindet selbst erscheinende Identität die
wirkliche Identität bei jedem nächsten Übergang der von Reflexion und
Selbstgefühl begleitet wird voraus da eine so innerliche unmittelbare
Wahrnehmung von Natur nicht täuschen kann Könnte der Mensch nur Maschine sein
und dabei Konsciosität haben so müsste man Ihrer Ansicht sein aber ich
behaupte dass dieser Fall wenigstens auf natürliche Weise nicht möglich ist
Ebensowenig möchte ich auch sagen dass die persönliche Identität und selbst das
Ich uns nicht bleiben und dass ich nicht dieses Ich bin das ich in der Wiege
gewesen bin unter dem Vorwand dass ich mich alles dessen was ich damals getan
habe nicht mehr erinnere Um die moralische Identität durch sich selbst zu
finden genügt es dass ein mittlerer Zusammenhang des Bewusstseins eines
benachbarten oder selbst eines etwas entfernten Zustandes wenn ein vergessener
Sprung oder Zwischenraum dabei unterläuft mit dem anderen stattfindet Wenn
zB eine Krankheit eine Unterbrechung in dem Zusammenhang der Verbindung des
Bewusstseins herbeigeführt hätte so dass ich nicht wüsste wie ich in den
gegenwärtigen Zustand gelangt bin obschon ich mich noch entfernterer Dinge
erinnere könnte das Zeugnis der anderen die Lücke meiner Wiedererinnerung
ausfüllen Man könnte auf dieses Zeugnis hin mich selbst strafen wenn ich in
einer Zwischenzeit etwas absichtlich gedachtes Böses getan was ich kurz darauf
durch jene Krankheit vergessen hätte Und wenn ich alles Vergangene vergessen
hätte so dass ich gezwungen wäre es mich von neuem lehren zu lassen bis auf
meinen Namen und bis aufs Lesen und Schreiben so könnte ich immerhin von den
anderen mein vergangenes Leben in meinem früheren Zustand erfahren wie meine
Rechte mir bewahrt bleiben ohne dass ich mich in zwei Personen zu teilen und
mich zu meinem eigenen Erben zu machen nötig habe Alles das genügt die
moralische Identität aufrecht zu erhalten welche dieselbe Person ausmacht Wenn
sich die anderen verschwören wollten mich zu täuschen wie ich sogar selbst
getäuscht werden kann durch irgend eine Vision einen Traum oder eine
Krankheit wenn ich glaube dass das was ich geträumt habe mir wirklich
widerfahren sei so würde der Schein allerdings falsch sein aber es gibt Fälle
wo man der Wahrheit in Umsicht auf einen anderen moralisch sicher sein kann und
bei Gott mit dem verknüpft zu sein den Hauptpunkt der Moralität für uns
ausmacht kann der Irrtum nicht statthaben Was das Ich anbetrifft so wird es
gut sein zwischen dessen Erscheinung und dem Bewusstseinszustand zu
unterscheiden Das Ich macht die reale und physische Identität und die von
Wahrheit begleitete Erscheinung des Ich fügt die persönliche Identität hinzu
Will ich also nicht sagen dass die persönliche Identität sich nicht weiter
erstreckt als die Erinnerung so werde ich noch weniger sagen können dass das
Ich oder die physische Identität davon abhängig ist Die reale und persönliche
Identität lässt sich auf die bei tatsächlichen Dingen möglich sicherste Weise
durch die gegenwärtige unmittelbare Reflexion beweisen sie lässt sich für
gewöhnlich hinlänglich durch unsere Erinnerung an die Zwischenzeit oder durch
das übereinstimmende Zeugnis der anderen beweisen Wenn aber Gott auf
außerordentliche Weise die reale Identität veränderte so würde die persönliche
bleiben falls der Mensch die Erscheinungen der Identität bewahrte sowohl die
inneren dh des Bewusstseins als die äußeren sowie die welche in dem den
anderen Erscheinenden bestehen So ist das Bewusstsein nicht das einzige Mittel
die persönliche Identität zu bilden und das Verhältnis zu den anderen oder
selbst andere Zeichen können dafür eintreten Schwierigkeit entsteht aber wenn
unter diesen verschiedenen Erscheinungen sich Widerspruch findet Das Bewusstsein
kann schweigen wie beim Vergessen wenn es aber ganz deutlich Dinge sagte die
den übrigen Erscheinungen zuwider wären so würde man bei der Entscheidung in
Verlegenheit und mitunter zwischen zwei Möglichkeiten gleichsam in der Schwebe
sein der des Irrens in unserem Gedächtnis und der irgend einer Täuschung in den
äußeren Erscheinungen
11 Philalethes Man wird sagen dass die Gliedmaßen des Körpers eines
jeden Menschen ein Teil von ihm sind und der Mensch also da der Körper sich in
einem beständigen Fluss beendet nicht derselbe bleiben kann
Theophilus Ich würde lieber sagen dass das Ich und das Er ohne Teile sind
weil man sagt und zwar mit Recht dass dieselbe Substanz oder dasselbe physische
Ich sich wirklich erhält Man kann aber nicht sagen wenn man der genauen
Wahrheit der Dinge gemäß redet dass dasselbe Ganze sich erhält wenn ein Teil
zugrunde geht Was also körperliche Teile hat kann nicht umhin in jedem
Augenblick deren zu verlieren
13 Philalethes Das Bewusstsein der früheren Handlungen kann nicht von
einer denkenden Substanz auf die andere übertragen werden und es wäre gewiss
dass dieselbe Substanz bleibt da wir uns als dieselben empfinden wenn dies
Bewusstsein eine einzige und selbige individuelle Handlung wäre dh wenn die
Handlung des Reflektierens dieselbe wäre wie die Handlung über welche man
indem man sich ihrer bewusst wird reflektiert Aber da sie nur eine tatsächliche
Darstellung einer früheren Handlung ist so bleibt noch die Unmöglichkeit zu
beweisen dass das was niemals stattgefunden hat sich dem Geiste so darstellen
könne als ob es wirklich stattgefunden hätte
Theophilus Eine Erinnerung an einen der Vergangenheit angehörigen
Zwischenfall kann täuschen man erfährt dies oft und kann sich einen natürlichen
Grund dieses Irrtums denken Aber die gegenwärtige und unmittelbare Erinnerung
oder die Erinnerung dessen was sich soeben erst zugetragen hat dh das
Bewusstsein oder die Reflexion welche die innere Tätigkeit begleitet kann von
Natur nicht täuschen sonst würde man selbst nicht sicher sein dass man dies
oder jenes denkt denn man sagt sich dies innerlich auch nur von der vergangenen
Handlung und nicht bei der Handlung selbst Wenn die inneren unmittelbaren
Erfahrungen nicht gewiss sein sollen so gibt es gar keine tatsächliche Wahrheit
deren man versichert sein könnte Und ich habe schon gesagt dass es von dem
Irrtum welcher bei den mittelbaren und äußeren Wahrnehmungen begangen wird
eine verständliche Ursache gibt dass man aber in den inneren unmittelbaren
Wahrnehmungen keine solche finden kann man müsste denn auf die göttliche
Allmacht zurückgehen
14 Philalethes Was die Frage betritt ob es beim Fortbestehen derselben
unkörperlichen Substanz zwei verschiedene Personen in ihr geben könne so
gründet sie sich auf Folgendes nämlich ob dasselbe immaterielle Wesen
jedweder Empfindung seines früheren Daseins beraubt werden und sie gänzlich
einbüßen kann ohne sie jemals wiedererlangen zu können dergestalt dass es beim
Anfing sozusagen einer neuen Rechnung seit einer neuen Lebensperiode ein
Bewusstsein hat das sich über diesen neuen Zustand nicht hinaus erstrecken kann
Alle diejenigen welche an die Präexistenz der Seele glauben folgen
augenscheinlich diesem Gedanken Ich habe einen Menschen gesehen der überzeugt
war dass seine Seele die des Sokrates gewesen war und ich kann versichern dass
er in dem Posten welchen er bekleidete und der von keiner geringen Bedeutung
war für einen sehr verständigen Mann gegolten hat und durch die von ihm
herausgegebenen Werke zeigte dass es ihm weder an Geist noch an Wissen fehlte
Sind also die Seelen hinsichtlich irgend eines Teiles der Materie soweit wir es
aus ihrem Wesen erkennen können gleichgültig so schließt jene Voraussetzung
dass eine und dieselbe Seele in verschiedene Leiber eingeht keinen Widersinn
wie es scheint in sich Derjenige indessen welcher gegenwärtig keine
Empfindung von irgend etwas das Nestor oder Sokrates jemals getan oder gedacht
haben hat begreift er oder kann er denken er sei dieselbe Person wie Nestor
oder Sokrates Kann er an den Handlungen dieser beiden alten Griechen
teilnehmen Kann er sie sich zuschreiben oder denken dass sie eher seine eigenen
Handlungen seien als die irgend eines anderen Menschen der schon dagewesen
ist Er ist nicht mehr dieselbe Person wie einer von ihnen als wenn die
gegenwärtig in ihm lebende Seele damals geschaffen worden wäre als sie den
Körper welchen sie gegenwärtig innehat zu beleben anfing Dies würde nicht
mehr dazu beitragen ihn zu derselben Person wie Nestor zu machen als wenn
einige Teilchen der Materie die einmal am Nestor teilhatten gegenwärtig einen
Teil dieses Menschen bildeten Denn dieselbe körperliche Substanz ohne das
nämliche Bewusstsein macht nicht mehr dieselbe Person aus um mit diesem oder
jenem Körper vereint zu werden als dieselben Teilchen der Materie die zu
irgend einem Körper ohne gemeinsames Bewusstsein verbunden sind dieselbe Person
ausmachen können
Theophilus Ein körperloses Wesen oder ein Geist kann nicht jeder
Wahrnehmung seines früheren Auslandes beraubt werden Es bleiben ihm Eindrücke
von allem dem was ihm einstmals begegnet ist und er hat sogar Vorempfindungen
von allem dem was ihm widerfahren wird aber diese Empfindungen sind sehr
häufig zu gering um vernehmlich zu sein und um ihrer bewusst werden zu können
obwohl sie sich vielleicht einmal entwickeln mögen Diese Fortsetzung und
Verknüpfung von Wahrnehmungen macht dasselbe Individuum in Wirklichkeit aus
aber die Bewusstseinsakte dh wenn man sich der früheren Empfindungen bewusst
ist beweisen noch die moralische Identität und lassen die wirkliche erscheinen
Die Präexistenz der Seelen tritt nicht durch unsere Wahrnehmungen in die
Erscheinung aber wenn sie in der Wahrheit begründet wäre so könnte sie
dereinst erkannt werden Es ist also nicht der Vernunft gemäß dass die
Wiederherstellung des Gedächtnisses auf immer unmöglich werde da die
unmerklichen Wahrnehmungen deren Nutzen ich bei so viel anderen wichtigen
Gelegenheiten schon gezeigt habe auch hier dazu dienen die Keime davon zu
bewahren Der verstorbene Henry Morus Theologe der englischen Kirche war von
der Präexistenz überzeugt und hat sie literarisch verteidigt Der verstorbene
van Helmont Sohn ging noch weiter wie ich eben gesagt habe und glaubte an die
Seelenwanderung aber immer in die Körper derselben Gattung so dass nach seiner
Meinung die menschliche Seele immer einen Menschen beseelte Er glaubte mit
einigen Rabbinern an den Übergang der Seele Adams in den Messias als in den
neuen Adam Und vermutlich glaubte er auch selbst irgend ein Alter gewesen zu
sein so gescheit er auch sonst war Wenn also dieser Übergang der Seelen in der
Wahrheit gegründet wäre wenigstens in der vorher von mir erläuterten möglichen
Weise die aber nicht wahrscheinlich erscheint dh dass die Seelen indem sie
feine Körper behalten plötzlich in andere gröbere Körper übergingen so wurde
dasselbe Individuum immer im Nestor im Sokrates und in irgend einem Menschen
der neueren Zeit da sein und er könnte selbst seine Identität demjenigen
erkennbar machen der hinlänglich in sein Wesen eindringen würde auf Grund der
Eindrücke oder Zeichen die daselbst von allem dem was Nestor oder Sokrates
getan haben geblieben sind und welche ein genugsam scharfsinniger Geist auch da
lesen könnte Wenn der Mensch der neuen Zeit indessen kein inneres oder äußeres
Mittel hätte um zu erkennen was er gewesen ist so würde dies hinsichtlich der
moralischen Welt gerade so sein wie wenn er es nicht gewesen wäre Aber es hat
den Anschein dass im Universum nichts versäumt wird gerade wegen der
moralischen Welt weil Gott dessen Herrschaft eine vollkommene ist darüber
Monarch ist Meinen Annahmen nach sind die Seelen nicht gleichgültig
hinsichtlich irgend eines Teiles der Materie wie es Ihnen zu sein scheint sie
drücke im Gegenteil ursprünglich diejenigen Teile aus denen sie der Ordnung
nach verknüpft sind und verknüpft sein müssen Wenn sie also in einen neuen
groben oder sinnlich wahrnehmbaren Körper übergingen würden sie immer den
Ausdruck alles dessen wovon sie in den alten Körpern eine Wahrnehmung gehabt
haben bewahren und der neue Körper müsste dies sogar immer empfinden so dass
die individuelle Fortdauer immer ihre wirklichen Spuren haben wird Aber welches
auch immer unser vergangener Zustand gewesen sein mag die von ihm hinterlassene
Wirkung kann uns nicht immer vernehmbar sein Der geschickte Verfasser der
Abhandlung über den Verstand dessen Ansichten Sie zu den Ihrigen gemacht haben
hatte bemerkt im zweiten Buch Kapitel von der Identität 27 dass ein Teil
seiner als möglich vorgestellten Annahmen oder Fiktionen vom Durchgang der
Seelen sich darauf gründet dass man den Geist gemeiniglich nicht allein als
unabhängig von der Materie sondern auch als gleichgültig gegen jegliche Art
derselben betrachtet Ich hoffe aber dass dasjenige was ich Ihnen über diesen
Gegenstand hie und da gesagt habe diesen Beitel aufzuklären und was von Natur
möglich ist besser erkennen zu lassen dienen wird Man begreift dadurch wie
die Handlungen eines Alten einem Menschen der Neuzeit angehören würden der
dieselbe Seele hätte wenn er sich dessen auch nicht bewusst wäre Wenn man sie
aber als solche erkannt haben würde würde überdies noch eine persönliche
Identität daraus folgen Übrigens macht ein von einem Körper in den anderen
übergehender Teil der Materie nicht dasselbe menschliche Individuum aus noch
das was man das Ich nennt sondern die Seele ist es die es ausmacht
16 Philalethes Dennoch ist es wahr dass ich für eine Handlung die mir
in der Gegenwart durch dies Bewusstsein Konsciosität oder conciousness das ich
davon habe als durch mich selbst vollbracht zugesprochen wird wenn sich auch
vor tausend Jahren begangen worden ist dasselbe Interesse und dieselbe gerechte
Verantwortung habe als ich sie für das habe was ich im eben verflossenen
Augenblick getan habe
Theophilus Diese Meinung etwas getan zu haben kann bei entfernten
Handlungen täuschen Man hat infolge häufiger Wiederholung für wirklich
genommen was man geträumt oder was man erfunden hatte diese falsche Meinung
kann in Verlegenheit setzen aber nicht machen dass man strafbar wird wenn
andere nicht damit übereinkommen Auf der anderen Seite kann man für das was
man getan hat verantwortlich sein wenn man es auch vergessen hätte falls die
Handlung nur sonst sich beglaubigen lässt
17 Philalethes Jedermann erfährt es tagtäglich dass klänge sein kleiner
Finger in diesem Bewusstsein inbegriffen ist er an dem Ich ebensogut teilnimmt
wie ein beliebiger größter Teil
Theophilus Ich habe schon bemerkt 11 warum ich nicht behaupten möchte
dass mein Finger ein Teil seines Ichs ist aber allerdings gehört er mir zu und
macht einen Teil meines Körpers aus
Philalethes Die welche anderer Meinung sind werden sagen dass wenn
dieser kleine Finger vom übrigen Körper getrennt wird falls jenes Bewusstsein
ihn begleitete und den übrigen Körper verließe der kleine Finger dann offenbar
die Person dieselbe Person sein und das Ich alsdann mit dem übrigen Körper
nichts zu schaffen haben würde
Theophilus Die Natur lässt dergleichen erdichtete Fälle nicht zu Diese
zerfallen in sich durch das System der vorherbestimmten Übereinstimmung oder des
vollkommenen Entsprechens von Seele und Leib
18 Philalethes Dennoch scheint es dass wenn der Körper zu leben und
sein besonderes Bewusstsein zu haben fortführe an dem der kleine Finger keinen
Anteil hätte und dabei die Seele im Finger wäre dieser Finger keine Handlung
des übrigen Körpers als die seinige in Anspruch nehmen könnte und man ihm
dieselbe auch nicht zurechnen dürfte
Theophilus Die Seele die im Finger wäre würde diesem Körper auch nicht
angehören Ich gebe zu dass wenn Gott machte dass die Bewusstseinszustände auf
andere Seelen übertragen würden man sie nach den gegriffen der Moral so
behandeln müsste als ob sie dieselben wären aber das würde heißen die Ordnung
der Dinge ohne Ursache verwirren und zwischen dem Bemerkbaren und der durch die
unbemerkbaren Wahrnehmungen sich erhaltenden Wahrheit eine Scheidewand
aufrichten welche nicht in der Vernunft begründet wäre weil die für den
Augenblick unbemerkbaren Wahrnehmungen sich einmal entwickeln können denn es
gibt nichts Unnützes und die Ewigkeit bietet zu Veränderungen ein großes Feld
20 Philalethes Die menschlichen Gesetze bestrafen nicht einen
Geisteskranken für die Handlungen welche er als Mensch von gesundem Verstande
begangen hat noch einen Menschen von gesundem Verstande für das was er als
Geisteskranker getan hat dadurch machen wie zwei Personen aus ihm Es ist das
so wie man sagt er ist außer sich
Theophilus Die Gesetze drohen Strafen und verheißen Belohnungen um die
schlimmen Handlungen zu verhüten und die guten zu fördern Nun kann ein
Geisteskranker in dem Maße ein solcher sein dass Drohungen und Belohnungen nicht
gehörig auf ihn wirken da die Vernunft nicht mehr die Meisterin ist also muss
nach dem Maß der Geistesschwäche die Strenge der Strafe nachlassen Auf der
anderen Seite will man dass der Verbrecher die Wirkung des von ihm begangenen
Bösen empfinde damit man von vornherein Verbrechen zu begehen fürchte da aber
der Geisteskranke nicht hinlänglich Verständnis dafür hat so wartet man gern
eine gehörige Zwischenzeit zur Ausführung des Urteils ab das ihn für das bei
gesundem Verstande Begangene bestraft Demnach kommt was die Gesetze oder die
Richter bei solchen Gelegenheiten tun nicht daher dass man sich zwei Personen
dabei denkt
22 Philalethes Man macht sich in der Tat auf seifen derjenigen deren
Ansichten ich vor Ihnen vertrete den Einwurf dass wenn jemand der betrunken
ist und es nachher nicht mehr ist nicht dieselbe Person sein soll man ihn dann
auch nicht für das bestrafen dürfe was er in der Trunkenheit getan hat weil er
davon nichts mehr weiß Aber die Antwort darauf lautet dass er doch ganz ebenso
dieselbe Person ist wie jemand der während seines Schlummerns umherwandelt und
allerlei anders Handlungen ausübt und für allen den Schaden welchen er in
diesem Zustande angerichtet hat verantwortlich ist
Theophilus Zwischen den Handlungen eines Betrunkenen und denen eines
wirklichen und als solchen anerkannten Nachtwandlers waltet ein Unterschied ob
Man straft die Betrunkenen weil sie die Trunkenheit meiden und selbst während
ihrer Trunkenheit eine gewisse Erinnerung an die Strafe haben können Es ist
aber nicht ebenso in der Macht der Nachtwandler sich ihres nächtlichen Ganges
und dessen was sie tun zu enthalten Könnte man aber allerdings dadurch dass
man ihnen auf der Stelle die Rute gäbe sie im Bette halten so würde man dazu
das Recht haben und auch nicht verfehlen es zu tun obgleich das mehr ein
Heilmittel als eine Züchtigung wäre In der Tat soll dies Mittel geholfen
haben
Philalethes Die menschlichen Gesetze bestrafen den einen wie den andern
gemäß einer der Art entsprechenden Gerechtigkeit wie die Menschen die Dinge
erkennen weil sie in dieser Art Fällen zwischen dem was wirklich ist und dem
was nur vorgegeben ist nicht sicher unterscheiden können also wird das
Nichtwissen nicht als Entschuldigung für das was man in der Trunkenheit oder im
Schlaf getan hat angenommen Die Tatsache ist gegen den der sie begangen hat
bewiesen und man kann nicht zu seinen Gunsten den Mangel an Bewusstsein
beweisen
Theophilus Es handelt sich nicht so sehr darum als um das was man tun
muss wenn es sicher festgestellt ist dass der Trunkene oder der Nachtwandler
außer sich gewesen sind wie dies der Fall sein kann In diesem Falle kann der
Nachtwandler nur als ein Geisteskranker betrachtet werden aber da die
Trunkenheit freiwillig ist die Krankheit jedoch nicht so bestraft man den
einen und nicht den andern
Philalethes An dem großen und furchtbaren Tage des Gerichts aber wo die
Geheimnisse aller Herzen aufgedeckt werden sollen hat man recht zu glauben dass
niemand dasjenige zu verantworten haben wird was ihm gänzlich unbekannt ist
und dass jeder empfangen wird was er nach dem Zeugnis seines eigenen Gewissens
verdient
Theophilus Ich halte es nicht für nötig dass das Gedächtnis des Menschen am
Tage des Gerichts so weit gesteigert werde dass er sich alles dessen erinnert
was er vergessen hatte und glaube dass die Erkenntnis der anderen und vor allem
des gerechten Richters der sich nicht täuschen lässt genügen werde Man könnte
einen der Wahrheit freilich wenig entsprechenden erdichteten Fall denken der
sich aber doch vorstellen lässt nämlich dass ein Mensch am Tage des Gerichts
schlecht gewesen zu sein glaubte und dass allen übrigen geschaffenen Geistern
die darüber zu urteilen in der Lage wären dasselbe als wahr erschiene ohne dass
es wahr wäre würde man nun sagen können dass der höchste gerechte Richter der
allein das Gegenteil weiß diesen Menschen verdammen und seinen Taten entgegen
richten könnte Und doch würde dies aus dem von Ihnen über die moralische
Persönlichkeit aufgestellten Begriff zu folgen scheinen Man wird vielleicht
sagen dass wenn Gott gegen den Schein richtet er nicht genug Ruhm erhalten und
den übrigen Unmut bereiten wird aber man kann darauf erwidern dass er sich
selbst das einzige und höchste Gesetz ist und in diesem Falle die übrigen
urteilen müssen dass sie sich getäuscht haben
23 Philalethes Könnten wir entweder voraussetzen dass zwei verschiedene
und miteinander nicht in Verbildung stehende Bewusstseinsvermögen abwechselnd in
demselben Körper tätig sind das eine beständig ehrend des Tages und das andere
während der Nacht oder dass dasselbe Bewusstsein in Zwischenräumen in zwei
verschiedenen Körpern tätig wäre frage ich oh im ersteren Falle der
Tagesmensch und der Nachtmensch dass ich mich so auszudrücken wage nicht zwei
ebenso verschiedene Personen wären wie Sokrates und Plato und ob er nicht im
zweiten Fall eine einzige Person in zwei verschiedenen Körpern ist Es
verschlägt nichts dass das nämliche Bewusstsein welches zwei verschiedene Körper
beherrscht und jene beiden Bewusstseinsvermögen die denselben Körper zu
verschiedenen Zeiten beherrsche einer und derselben immateriellen Substanz und
die beiden anderen zwei verschiedenen immateriellen Substanzen angehören welche
diese verschiedenen Bewusstseinsvermögen in jene Körper einführen da die
persönliche Identität in gleicher Weise durch das Bewusstsein bestimmt sein
würden es dass dies Bewusstsein mit irgend einer individuellen unkörperlichen
Substanz verbunden wäre oder nicht Übrigens muss ein unkörperliches Wesen das
denkt mitunter sein vergangenes Bewusstsein aus dem Gesicht verlieren und es
sich aufs neue zurückrufen Nun nehme man an dass diese Zwischenzeiten von
Gedächtnis und Vergessen den ganzen Tag und die ganze Nacht wiederkehren so
wird man zwei Personen mit demselben unkörperlichen Geist haben Daraus folgt
dass das Ich nicht durch die Identität oder Verschiedenheit der Substanz bestimmt
wird deren man nicht sicher sein kann sondern nur durch die Identität des
Bewusstseins
Theophilus Ich gebe zu dass wenn alle Erscheinungen gewechselt und von
einem Geist auf den anderen übertragen würden oder wenn Gott einen Tausch
zwischen zwei Geistern machte indem er den sichtbaren Leib und die
Erscheinungen und das Bewusstsein des einen auf den anderen übertrüge die
persönliche Identität statt an die der Substanz geknüpft zu sein den sich
gleichbleibenden Erscheinungen folgen würde welche die menschliche Moral im
Auge halten muss aber diese Erscheinungen werden nicht bloß in den
Bewusstseinsakten bestehen und Gott würde nicht allein die
Bewusstseinserscheinungen oder vermögen der in Rede stehenden Individuen
miteinander vertauschen müssen sondern auch diejenigen Erscheinungen welche
sich anderen in Hinsicht auf diese Personen darbieten sonst würde zwischen den
Bewusstseinsvermögen der einen und dem Zeugnis der anderen Widerspruch
stattfinden was die moralische Weltordnung verwirren würde Man muss mir
indessen zugeben dass die Scheidung zwischen der unsinnlichen und der sinnlichen
Welt dh zwischen den unmerklichen Wahrnehmungen die in denselben Substanzen
bleiben würden und den Bewusstseinsakten die vertauscht werden würden ein
Wunder sein müsste wie wenn man voraussetzt dass Gott einen leeren Raum
hervorbringt denn ich habe vorher gesagt warum dies nicht der Naturordnung
gemäß ist Hier eine annehmbarere Voraussetzung Möglicherweise findet sich an
einer anderen Stelle des Universums oder zu einer anderen Zeit eine Weltkugel
die auf bemerkbare Weise nicht von der von uns bewohnten Erdkugel sich
unterscheidet und wo sich jeder der sie bewohnenden Menschen auf keine
bemerkbare Weise von jedem von uns der ihm entspricht unterscheidet So gibt
es zugleich mehr als hundert Millionen Paare einander gleicher Menschen dh von
Menschen derselben äußeren Erscheinung und desselben Bewusstseins und Gott
könnte die Geister allein oder mit ihrem Körper von einer Kugel auf die andere
ohne dass sie es gewahr würden übertragen aber sei es dass sie übertragen oder
belassen werden was wird man von ihrer Person oder ihrem Ich nach der Meinung
Eurer Partei sagen Sind es zwei Personen oder eine und dieselbe da das
Bewusstsein und die inneren und äußeren Erscheinungen der Menschen auf diesen
Kugeln keinen Unterschied machen könnend Allerdings würden Gott und diejenigen
Geister welche die Zwischenräume und äußeren Beziehungen der Zeiten und der
Orte und selbst die inneren den Menschen der beiden Kugeln unmerklichen
Verhältnisse zu erkennen fähig sind sie unterscheiden können aber da nach
Euren Voraussetzungen der Umstand des Bewusstseins allein die Personen
unterscheidet ohne dass man sich um die wirkliche Identität oder Verschiedenheit
der Substanz oder selbst dessen was den anderen erscheinen würde zu bekümmern
braucht wie kann man umhin zu sagen dass diejenigen zwei Personen welche zu
gleicher Zeit auf den beiden einander entsprechenden aber auf eine nicht
auszudrückende Entfernung auseinandergelegenen Weltkugeln sich beenden eine und
dieselbe Person seien was doch ein handgreiflicher Widersinn ist Spricht man
übrigens von dem was von Natur möglich ist so würden die beiden gleichen
Weltkugeln und die beiden gleichen Seelen auf denselben es nur für eine Zeit
bleiben Denn da eine individuelle Verschiedenheit stattfindet muss dieser
Unterschied wenigstens in den unmerklichen Verhältnissen welche sich in der
Folge der Zeiten entwickeln müssen bestehen
26 Philalethes Denken wir einen Menschen der in der Gegenwart für das
was er in einem anderen Leben getan hat und worüber er durchaus nicht zum
Bewusstsein gebracht werden kann bestraft wird welchen Unterschied gibt es
zwischen solcher Behandlung und diejenigen bei welcher man ihn unglücklich
erschaffen hätte
Theophilus Die Platoniker Origenisten einige Juden und andere Verteidiger
der Präexistenz der Seelen haben geglaubt dass die Seelen dieser Welt in
unvollkommen Körper gesetzt wären zur Strafe für die Verbrechen welche sie in
einer früheren Welt begangen haben Aber wenn man darüber das Wahre weder weiß
noch jemals erfahren wird weder durch die Erinnerung des Gedächtnisses noch
durch gewisse Spuren noch durch das Wissen anderer so wird man dies allerdings
nicht eine Strafe nach den gewöhnlichen Begriffen nennen können Wenn man
indessen von der Strafe im allgemeinen spricht so ist man zu zweifeln befugt
ob es absolut notwendig ist dass diejenigen welche leiden selbst einmal die
Ursache davon erfahren und ob es nicht sehr oft genügen würde dass andere
besser unterrichtete Geister daraus Veranlassung nähmen die göttliche
Gerechtigkeit zu preisen Es ist inzwischen wahrscheinlicher dass die leidenden
wenigstens im allgemeinen das Warum davon erfahren
29 Philalethes Sie werden vielleicht beim Rechnungsabschluss mit meinem
Gewährsmann sich einverstanden erklären der sein Kapitel von der Identität
folgendermaßen endet dass die Frage ob der Mensch derselbe bleibe eine
Wortfrage ist je nachdem man unter Mensch den vernünftigen Geist allein
versteht oder den Körper allein in derjenigen Form welche Mensch genannt wird
oder endlich den mit einem solchen Körper verbundenen Geist Im ersten Falle
wird der abgetrennte Geist wenigstens der von dem gröberen Körper abgetrennte
Geist noch der Mensch sein im zweiten wird ein OrangUtan der uns mit
Ausnahme der Vernunft vollständig gliche auch ein Mensch sein und wenn der
Mensch seiner vernünftigen Seele beraubt würde und eine Tierseele empfinge so
würde er derselbe Mensch bleiben Im dritten Falle muss der eine und der andere
in derselben Vereinigung bleiben derselbe Geist und derselbe Körper zum Teil
oder wenigstens ein entsprechender was die sinnliche körperliche Form betrifft
So könnte man als dasselbe Wesen physisch oder moralisch verharren dh dieselbe
Person bleiben ohne Mensch zu bleiben im Fall dass man diese Gestalt diesem
letzteren Sinne gemäß als dem Menschen wesentlich betrachtet
Theophilus Ich gestehe dass es sich dabei um eine Wortfrage handelt und
dass es im dritten Falle so ist wie wenn dasselbe Tier bald Raupe oder
Seidenwurm und bald Schmetterling ist und wie nach der Einbildung gewisser
Leute die Engel dieser Welt Menschen in einer früheren Welt gewesen sind Aber
wir sind in dieser Zusammenkunft mit wichtigeren Untersuchungen als mit den über
die Wortbedeutungen beschäftigt Ich habe Ihnen die Quelle der wahren physischen
Identität gezeigt ich habe dargetan wie die Moral ebensowenig wie das
Gedächtnis dagegen spricht dass sie nicht immer die psychische Identität
derselben Person die es sich handelt auch nicht denen welche mit ihr in
Verkehr stehen anzeigen können dass gleichwohl aber sie der psychischen
Identität niemals widersprechen und sich von ihr niemals trennen dass es immer
erschaffene Geister gibt welche erkennen oder doch erkennen können wie es
damit steht aber dass man zB anzunehmen Grund hat das was hinsichtlich der
Personen Gleichgültiges dabei ist könne nur für eine Zeit gelten
1 Philalethes Außer den auf die Zeit den Ort und die Kausalität
gegründeten Relationen mit denen wir uns eben beschäftigt haben gibt es noch
unendlich viele andere von denen ich einige vorführen will Jede einfache der
Teilung und der Steigerungsgrade fähige Vorstellung gibt Gelegenheit die
Gegenstände an denen sie sich findet zu vergleichen zB die Vorstellung des
mehr oder weniger oder gleich Weißen Diese Relation kann proportional genannt
werden
Theophilus Gleichwohl gibt es ein Übermaß ohne Proportion und zwar
hinsichtlich einer Größe die ich unvollkommen nenne wie zB wenn man sagt
dass der Winkel welchen der Radius mit seinem Kreisbogen macht kleiner sei als
ein Rechter denn es ist nicht möglich dass zwischen diesen beiden Winkeln oder
zwischen dem einen von ihnen und ihrem Unterschiede welches der Nebenwinkel
ist eine Proportion stattfinde
2 Philalethes Eine andere Gelegenheit zum Vergleich wird durch die
Umstände des Ursprungs gegeben aus denen die Relationen von Vater und Kind
Brüdern Vettern Landsleuten entspringen Bei uns denkt man nicht daran zu
sagen Dieser Stier ist der Großvater dieses Kalbes oder Diese beiden Tauben
sind rechte Geschwisterkinder denn die Sprachen richten sich nach dem Gebrauch
Aber es gibt Länder wo die Menschen weniger um ihre eigene Genealogie
bekümmert als um die ihrer Pferde nicht nur Namen für jedes Pferd besonders
sondern auch für deren verschiedene Verwandtschaftsgrade haben
Theophilus Denen der Verwandtschaft kann man noch die Vorstellung der
Familie und die Familiennamen hinzufügen Man bemerkt allerdings unter der
Regierung Karls des Großen und ziemlich lange vorher oder nachher noch nicht
dass es in Deutschland Frankreich und der Lombardei Familiennamen gibt Es ist
noch nicht lange her dass es selbst adlige Familien im Norden gegeben hat die
keinen Namen hatten und wo man jemand an seinem Geburtsorte nur damit
bezeichnete dass man seinen Namen und den seines Vaters nannte und übrigens
wenn er sich anderswohin begab seinem Namen den des Ortes woher er kam
hinzufügte Die Araber und Turkomanen haben wie ich glaube noch jetzt
denselben Gebrauch da sie keine besonderen Familiennamen haben und sich
begnügen den Vater und den Großvater usw jemandes zu nennen und dieselbe Ehre
erzeigen sie ihren kostbaren Pferden die sie bei ihrem Namen und dem des Vaters
und selbst noch weiter hinauf benennen Auf diese Art sprach man von den
Pferden welche der Großherr der Türken dem Kaiser nach dem Frieden von
Carlowitz geschickt hatte und der selige Graf von Oldenburg der letzte seines
Stammes dessen Marställe berühmt waren und der ein hohes Alter erreichte
hatte Stammbäume von seinen Pferden so dass sie ihren Adel nachweisen konnten
und sogar die Porträts ihrer Vorfahren imagines majorum besaßen ein bei den
Römern so gesuchter Artikel Aber um auf die Menschen zurückzukommen so gibt es
bei den Arabern und Tataren Namen von Stämmen welche wie große Familien sind
die sich im Laufe der Zeiten ausgebreitet haben Und diese Namen sind entweder
von dem Stammvater wie aus der Zeit des Moses oder von dem Wohnort oder irgend
einem anderen Umstand hergenommen Ein wissbegieriger Reisender Worsley der sich
von dem gegenwärtigen Zustand des wüsten Arabiens wo er sich eine Zeitlang
aufgehalten unterrichtet hat versichert dass in dem ganzen Lande zwischen
Ägypten und Palästina und wo Moses durchzog es heutzutage nur drei Stämme gibt
die sich zusammen auf 5000 Menschen belaufen können Der eine dieser Stämme
nennt sich Sali von dem Stammvater her glaube ich dessen Nachkommenschaft das
Grab wie das eines Heiligen verehrt indem es davon Staub nimmt den die Araber
auf ihren Kopf und den ihrer Kamele streuen Übrigens findet Blutsverwandtschaft
da statt wo derselbe Ursprung ist wie zwischen denen deren Relation wir
betrachten aber man wird sagen können dass verwandtschaftlicher Zusammenhang
oder Affinität zwischen zwei Personen stattfindet wenn sie mit der nämlichen
Person Blutsverwandtschaft haben können ohne sie deswegen untereinander zu
haben was sich durch Vermittlung der Heiraten so macht Wie man jedoch nicht
die Gewohnheit hat zu sagen dass zwischen Mann und Frau Affinität stattfindet
obgleich deren Ehe Ursache der Affinität in Hinsicht auf andere Personen sein
mag so wird es vielleicht besser sein zu sagen dass unter denjenigen Affinität
ist die untereinander blutsverwandt sein würden wenn Mann und Frau für eine
und dieselbe Person genommen würden
3 Philalethes Die Gründung einer Beziehung ist mitunter ein moralisches
Recht wie die eines Heerführers oder eines Bürgers Diese Arten von Relationen
von den Verbindungen abhängig welche die Menschen unter sich gemacht haben
sind freiwillige oder eingeführte die man von den natürlichen unterscheiden
kann Mitunter haben die beiden gegeneinander in Relation also in Korrelation
stehenden jeder seinen besonderen Namen die Patron und Klient General und
Soldat Aber dies ist nicht immer so wie man zB keinen Ausdruck für die hat
welche zu einem Kanzler in Beziehung stehen
Theophilus Es gibt mitunter natürliche Relationen welche die Menschen mit
moralischen Relationen bekleidet und bezeichnet haben wie zB die Kinder das
Recht haben den gesetzlichen Teil an der Hinterlassenschaft ihrer Väter oder
Mütter zu beanspruchen junge Leute haben gewisse Beschränkungen und alte Leute
gewisse Freiheiten Indessen geschieht es auch dass man das für natürliche
Relation nimmt was es nicht ist wie wenn die Gesetze sagen dass derjenige der
Vater ist welcher mit der Mutter sich innerhalb der Zeit verheiratet hat dass
das Kind ihm zugeschrieben werden kann und dieses Setzen dessen was
eingeführte Sitte ist an die Stelle des Natürlichen ist mitunter nur
Voraussetzung Präsumtion also ein Urteil wodurch das als wahr angenommen
wird was es vielleicht nicht ist so lange man nur nicht das Gegenteil beweisen
kann Und in diesem Sinne wird der Satz pater est quem nuptiae demonstrant
derjenige ist Vater den die Eheschließung als solchen nachweist im römischen
Recht und bei den meisten Völkern genommen die ihn angenommen haben In England
aber wie man mir mitgeteilt hat nutzt es nichts sein Alibi zu beweisen wenn
man nur in einem der drei Königreiche gewesen ist so dass die Voraussetzung sich
in diesem Falle in eine Fiktion oder in das verwandelt was einige Rechtslehrer
praesumtio juris et de jure nennen
4 Philalethes Moralische Relation ist die Übereinstimmung oder
Nichtübereinstimmung zwischen den freiwilligen Handlungen der Menschen und einer
Regel welche das Urteil bestimmt ob sie moralisch gut oder schlecht sind
5 und das moralisch Gute oder moralisch Schlechte ist die Übereinstimmung oder
der Gegensatz zwischen den freiwilligen Handlungen und einem bestimmten Gesetz
das uns nach Willen und Macht des Gesetzgebers oder dessen der das Gesetz
aufrecht erhalten will physisches Gutes oder Übles zuzieht und dies ist
dasjenige was wir Belohnung und Strafe nennen
Theophilus So trefflichen Schriftstellern wie der dessen Ansichten Sie
vertreten ist erlaubt die Ausdrücke nach Belieben zu wählen Allein ebenso
wahr ist dass nach dem aufgestellten Begriff eine und dieselbe Handlung zu
gleicher Zeit bei verschiedenen Gesetzgebern moralisch gut und moralisch schlimm
sein kann ganz wie unser vortrefflicher Autor vorher die Tugend für das
erklärte was gelobt wird und folglich die nämliche Handlung je nach den
Meinungen der Leute tugendhaft oder nicht sein mag Da dies nun der gewöhnliche
Sinn nicht ist welchen man den moralisch guten und tugendhaften Handlungen
gibt so würde ich für mich vorziehen als Maßstab des moralischen Guten und der
Tugend die unveränderliche Vernunftregel zu nehmen welche aufrecht zu erhalten
Gottes Amt ist Auch kann man versichert sein dass durch seine Vermittlung jedes
moralische Gut ein physisches wird oder wie die Alten sagten dass jedes
rechtschaffene handeln nützlich sei statt dass man um den Begriff des Autors
auszudrücken sagen müsste dass das moralische Gute oder Schlimme ein auferlegtes
oder eingeführtes Gut oder Übel sei welchem derjenige der die Gewalt in Händen
hat durch Strafen oder Belohnungen Nachfolge oder Vermeiden zu verschaffen
sucht Das Gute ist dass das was aus Gottes allgemeiner Gesetzgebung stammt
der Natur oder der Vernunft entspricht
7 Philalethes Es gibt drei Arten von Gesetzen das göttliche Gesetz das
bürgerliche Gesetz und das Gesetz der Meinung oder des guten Namens Das erste
ist die Regel der Sünden oder der Pflichten das zweite der verbrecherischen
oder unschuldigen Handlungen das dritte der Tugenden oder Laster
Theophilus Dem gewöhnlichen Wortsinne nach unterscheiden sich die Tugenden
oder Laster von den Pflichten und den Sünden nur wie die Gewohnheiten sich von
den Handlungen unterscheiden man betrachtet die Tugend und das Laster nicht für
etwas von der Meinung Abhängiges Eine große Sünde nennt man ein Verbrechen und
setzt das Unschuldige nicht dem Verbrecherischen sondern dem Schuldigen
entgegen Das göttliche Gesetz ist von zweierlei Art natürliches und positives
Das bürgerliche Gesetz ist positiv Das Gesetz des guten Namens verdient den
Namen Gesetz nur uneigentlich oder ist unter dem natürlichen Gesetz befasst wie
wenn ich sagte das Gesetz der Gesundheit das Gesetz der Wirtschaft wenn die
Handlungen naturgemäß ein Gutes oder Übles nach sich ziehen wie die Billigung
der anderen die Gesundheit den Gewinn
10 Philalethes Inder Tat behauptet man in der ganzen Welt dass die Worte
Tugend und Laster Natur gute und schlimme Handlungen bedeuten und sofern sie
wirklich in diesem Sinne angewendet werden kommt die Tugend vollständig mit dem
göttlichen natürlichen Gesetz überein Aber welches auch immer die Ansprüche
der Menschen sein mögen so ist klar dass diese Worte in ihrer besonderen
Anwendung betrachtet beständig und einzig solchen oder solchen Handlungen
beigelegt werden die in jedem Lande oder in jeder Gesellschaft als ehrenhaft
oder schändlich betrachtet werden sonst würden die Menschen sich selbst
verdammen Also ist der Maßstab dessen was man Tugend oder Laster nennt jene
Billigung oder jene Verachtung jenes Lob oder jener Tadel der sich durch eine
heimliche und stillschweigende Übereinstimmung bildet Denn wenn auch die in
politischen Gesellschaften vereinigten Menschen den freien Gebrauch aller Kräfte
dergestalt den Händen des öffentlichen Wesens anheimgestellt haben dass sie
dieselben gegen ihre Mitbürger nicht über das hinaus was durch das Gesetz
erlaubt ist anwenden können so behalten sie doch immerhin die Macht für sich
gut oder schlimm von jemand zu denken zu loben oder zu tadeln
Theophilus Wenn der treffliche Schriftsteller der sich mit Ihnen in dieser
Weise ausdrückt erklärte dass es ihm gefallen habe diese in Rede stehende
willkürliche Nominaldefinition den Worten Tugend und Lasten zu geben so könnte
man nur sagen dass es in der Theorie zur Bequemlichkeit ihm erlaubt ist sich
vielleicht aus Mangel an anderen Ausdrücken so auszudrücken aber es wird nötig
sein hinzuzufügen dass diese Bedeutung dem Gebrauch nicht entspricht dass sie
selbst nicht zur Erbauung dient und in den Ohren vieler übel klingen würde wenn
sie jemand in die Praxis des Lebens und den mündlichen Verkehr einführen wollte
wie jener Schriftsteller es in der Vorrede selbst anzuerkennen scheint Aber das
würde hier zu weit gegangen sein und wenn Sie auch zugeben dass die Menschen
von dem was nach unveränderlichen Gesetzen von Natur tugendhaft oder lasterhaft
ist zu reden vorgeben so behaupten Sie doch dass sie in der Tat und Wahrheit
nur von dem zu sprechen verstehen was von der Meinung abhängt Es scheint mir
aber dass man mit demselben Grunde auch behaupten könnte dass die Wahrheit und
die Vernunft und alles was man sonst noch Wesenhaftes nennen mag von der
Meinung abhängt weil die Menschen indem sie darüber urteilen der Täuschung
unterworfen sind Ist es daher nicht in jeder Hinsicht besser zu sagen dass die
Menschen unter Tugend wie unter Wahrheit das verstehen was der Natur
entspricht dass sie sich aber oft in der Anwendung täuschen wobei sie sich aber
doch weniger täuschen als man denkt Denn was sie loben verdient gewöhnlich in
gewisser Hinsicht gelobt zu werden Die Tugend zu trinken dh den Wein gut zu
vertragen ist ein Vorteil welcher dem Bonosus dazu diente die Barbaren sich
geneigt zu machen und ihre Geheimnisse aus ihnen herauszubringen Die
nächtlichen Kräfte des Herkules worin Bonosus auch ihm zu gleichen behauptete
waren nicht minder eine Vollkommenheit Die List der Diebe wurde bei den
Lazedämoniern belobt und tadelnswert ist dabei nicht die Geschicklichkeit
sondern der übel angebrachte Gebrauche und diejenigen welche man in
Friedenszeit rädert könnten mitunter in Kriegszeiten ausgezeichnete
Parteigänger abgeben So hängt alles von der Anwendung und von dem guten oder
üblen Gebrauch der Vorteile die man besitzt ab Auch ist es sehr oft wahr und
muss nicht für etwas besonders Befremdendes genommen werden dass die ansehen sich
selbst verdammen wie wenn sie das tun was sie an den anderen tadeln und oft
kommt ein Widerspruch zwischen den Handlungen und den Worten vor der dem
Publikum Ärgernis gibt da das was ein Beamter oder ein Prediger tut und
verbietet aller Welt in die Augen springt
12 Philalethes Überall gilt gerade dasjenige als Tugend was man für
lobenswürdig erachtet Die Tugend und das Lob werden oft mit denselben Worten
bezeichnet Sunt hic etiam sua praemia laudi sagt Virgil lib I der Äneis v
461 und Cicero sagt Nihil habet natura praestantius quam honestatem quam
dignitatem quam decus Quaest Tusc l II c 20 und er fügt ein wenig darauf
hinzu Hisce ego pluribus nominibus unam rem declarare volo
Theophilus Allerdings haben die Alten die Tugend durch das Wort der
Ehrenhaftigkeit bezeichnet wie wenn sie lobten inococtum generoso pectus
honesto Und wahr ist auch dass das Ehrenhafte seinen Namen von der Ehre und vom
Lobe trägt Aber das will nicht sagen dass Tugend das ist was man lobt sondern
dass sie das ist was lobenswert ist und von der Wahrheit nicht aber von der
Meinung abhängt
Philalethes Manche denken nicht ernstlich an das Gesetz Gottes oder hoffen
sich mit dem Urheber desselben dereinst noch versöhnen zu können und
hinsichtlich des Staatsgesetzes schmeicheln sie sich ungestraft zu bleiben
Aber man denke nicht dass derjenige welcher etwas den Meinungen der Menschen
seiner Umgebung und derer denen er sich empfehlenswert machen will entgegen
tut der Strafe ihres Tadels und ihrer Missbilligung entgehen kann niemand dem
noch einige Empfindung seiner eigenen Natur bleiben mag kann unter beständiger
Verachtung in Gesellschaft leben dies ist die Stärke des Gesetzes des guten
Namens
Theophilus Ich habe schon bemerkt dass dies nicht sowohl die Strafe eines
Gesetzes als eine natürliche Strafe ist welche die Handlung sich von selbst
zuzieht Freilich kümmern sich indessen viele nicht darum weil sie gewöhnlich
wenn sie von den einen infolge irgend einer getadelten Handlung verachtet
werden Teilnehmer oder wenigstens Parteigänger finden welche sie nicht
verachten wenn sie nur auf irgend einer anderen Seite wenn auch noch so wenig
lobenswert sind Man drückt selbst über ganz ehrlose Handlungen die Augen zu
und oft genügt es frech und schamlos wie jener Phormio im Terenz zu sein
damit einem alles hingehe Wenn die Exkommunikation eine wirkliche beständige
und allgemeine Verachtung hervorbringen könnte so würde sie die Kraft eines
solchen Gesetzes haben von dem unser Autor redet und in der Tat hatte sie bei
den ersten Christen diese Wirkung und ersetzte ihnen die ihnen fehlende
Gerechtigkeitspflege um die Schuldigen zu bestrafen ungefähr so wie die
Handwerker unter sich gewisse Gewohnheiten trotz der Gesetze aufrechterhalten
bloß durch die Verachtung welche sie denen die sie nicht beobachten bezeigen
Und dies hat auch die Duelle gegen die Gesetzesbestimmungen aufrechterhalten Es
wäre zu wünschen dass das Publikum in seinem Lob und Tadel mehr mit sich selber
und der Vernunft einig wäre und dass vor allem die Großen nicht die Schlechten
durch Belachen schlechter Handlungen in Schutz nehmen wo meistens nicht der
welcher sie begangen sondern der welcher darunter gellten hat durch
Verachtung gestraft und ins Lächerliche gezogen zu werden scheint Man wird auch
gemeiniglich sehen dass die Menschen nicht sowohl das Laster verachten als die
Schwäche und das Unglück So hat das Gesetz des guten Namens wohl nötig
berichtigt und auch besser beobachtet zu werden
19 Philalethes Ehe ich die Betrachtung der Relationen verlasse will ich
bemerken dass wir gewöhnlich einen ebenso klaren oder noch klareren Begriff von
der Relation haben als von dem was deren Grund ist Wenn ich glaubte dass
Sempronia den Titus aus einem Busch geholt hat wie man den kleinen Kindern zu
sagen pflegt und sie nachher Gajus auf dieselbe Art bekommen hat so hätte ich
einen ebenso klaren Begriff von dem brüderlichen Verhältnis zwischen Titus und
Gajus als wenn ich alles Wissen der Hebammen besäße
Theophilus Als man aber einmal einem Kinde sagte dass sein kleiner eben
geborener Bruder aus einem Brunnen geholt worden sei eine Antwort der man sich
in Deutschland bedient um die Neugier der Kinder zu befriedigen so antwortet
das Kind es wundere sich dass man ihn nicht wieder in denselben Brunnen würfe
weil er so schrie und die Mutter belästigte Jene Erklärung konnte ihm nämlich
keinen Grund zu der Liebe welche die Mutter für das Kind bezeugte anzeigen
Man kann also sagen dass diejenigen welche die Gründe der Relation nicht
wissen darüber nur teilweise taube und unzureichende Gedanken haben wie ich
sie nenne welche Gedanken indessen in gewissen Beziehungen und bei gewissen
Gelegenheiten genügen können
2 Philalethes Wir wollen jetzt zu einigen Unterschieden der
Vorstellungen kommen Unsere einfachen Vorstellungen sind klar wenn sie ebenso
sind wie die Gegenstände selbst von denen man sie empfängt und dieselben mit
allen zu einer wohlgeordneten Empfindung oder Wahrnehmung erforderlichen
Umständen darstellen oder darstellen können Wenn das Gedächtnis sie auf diese
Art bewahrt so sind es in diesem Falle klare Vorstellungen und in dem Maße
als es ihnen an dieser ursprünglichen Genauigkeit fehlt oder sie sozusagen
von ihrer ersten Frische verloren haben und mit der Zeit getrübt und verwelkt
sind in dem Maße sind sie dunkel Die zusammengesetzten Vorstellungen sind
klar wenn die sie bildenden einfachen klar sind und Zahl und Ordnung dieser
einfachen Vorstellungen feststeht
Theophilus Ich habe in einer kleinen in die Leipziger Acta im Jahre 1684
eingerückten Abhandlung über die wahren und falschen klaren und dunklen
deutlichen und verworrenen Vorstellungen eine Definition von den klaren
Vorstellungen gegeben die den einfachen und zusammengesetzten gemeinsam
zukommend über das hier gesagte Rechenschaft gibt Ich nenne also eine
Vorstellung klar wenn sie genügt etwas zu erkennen und zu unterscheiden wie
ich zB wenn ich eine ganz klare Vorstellung von einer Farbe habe nicht eine
andere für die von mir gemeinte nehmen werde und wenn ich eine klare
Vorstellung von einer Pflanze habe sie von andern ähnlichen unterscheiden kann
sonst ist die Vorstellung dunkel Ich glaube dass wir von den sinnlichen Dingen
nicht vollständig klare Vorstellungen haben Es gibt Farben die einander so
nahe stehen dass man sie im Gedächtnis nicht voneinander unterscheiden kann und
die man gleichwohl mitunter unterscheidet wenn man die eine neben die andere
hält Und wenn wir eine Pflanze gut beschrieben zu haben glauben so wird man
eine solche aus Indien uns bringen können die alles das haben wird was wir in
unserer Beschreibung gesagt haben und die sich dennoch als eine andere Spezies
zeigen mag somit werden wir niemals vollkommen die untersten Spezies species
infimas bestimmen können
4 Philalethes So wie eine klare Vorstellung diejenige ist von welcher
der Geist eine volle und evidente Wahrnehmung der Art hat wie er sie von einem
äußeren Objekt empfängt das auf ein richtig gestimmtes Werkzeug gehörig wirkt
ebenso ist eine deutliche Vorstellung diejenige wo der Geist einen dieselbe von
jeder anderen Vorstellung unterscheidenden Unterschied bemerkt und eine
verworrene Vorstellung diejenige welche man nicht hinlänglich von einer
anderen von der sie verschieden sein soll unterscheiden kann
Theophilus Nach dem von Ihnen gegebenen Begriff der deutlichen Vorstellung
sehe ich kein Mittel sie von der klaren Vorstellung zu unterscheiden Ich
pflege darum hierbei dem Sprachgebrauch Descartes zu folgen bei welchem eine
Vorstellung zugleich klar und verworren sein kann und solcher Art sind die
Vorstellungen der den Sinnesorganen sich darbietenden sinnlichen Beschaffen
heilen wie die der Farbe oder der Wärme Sie sind klar denn man erkennt sie
wieder und unterscheidet sie leicht voneinander aber sie sind nicht deutlich
denn man unterscheidet nicht das was sie in sich schließen Daher kann man von
ihnen keine Definition geben Man zeigt sie nur durch Beispiele auf und muss
übrigens sagen dass es ein unbekanntes Etwas ist bis man ihre innere
Beschaffenheit entziffert Obgleich also die deutliches Vorstellungen nach
unserer Definition den Gegenstand von einem anderen unterscheiden so nennen wir
doch da die klaren aber in sich verworrenen Vorstellungen es auch tun
deutlich nicht alle diejenigen welche wohl unterscheidende sind oder welche die
Gegenstände unterscheiden sondern diejenigen welche wohl unterschieden sind
dh welche in sich selbst deutlich sind und in dem Gegenstande die ihn
kenntlich machenden Merkmale unterscheiden was die Analyse oder Definition
ergibt sonst nennen wir sie verworren Und in diesem Sinne kann die in unseren
Vorstellungen herrschende Verwirrung da sie eine Unvollkommenheit unserer Natur
ist nicht getadelt werden denn wir können zB die Ursache der Gerüche und
Geschmäcke nicht unterscheiden noch was diese Beschaffenheiten in sich
schließen Tadelnswert kann jedoch diese Verworrenheit sein wenn es wichtig und
in meiner Gewalt stehend ist deutliche Vorstellung zu haben wie wenn ich zB
falsches Gold für echtes ansehe indem ich die notwendigen Versuche zu machen
unterlasse welche die Zeichen des guten Goldes angeben
5 Philalethes Man wird aber sagen dass es nach Ihrem Wortsinn gar keine
verworrene oder vielmehr dunkle Vorstellung gibt denn sie kann immer nur so
sein wie sie vom Geiste wahrgenommen wird und dies unterscheidet sie
hinlänglich von allen übrigen 6 Und um diese Schwierigkeit zu heben muss man
wissen dass die Mangelhaftigkeit in den Vorstellungen aus den Bezeichnungen
stammt und das was sie fehlerhaft macht der Umstand ist dass sie mitunter
ebensogut durch einen anderen Namen bezeichnet werden können als durch
denjenigen dessen man sich um sie auszudrücken bedient hat
Theophilus Mir scheint dass man dies nicht von der Bezeichnung abhängig
machen dürfe Alexander der Große hatte der Sage nach im Traum eine Pflanze
gesehen welche den Lysimachus zu heilen imstande sein wollte Sie wurde nachher
Lysimachea genannt weil sie diesen Freund des Königs in der Tat heilte Als nun
Alexander sich einen ganzen Haufen Pflanzen bringen ließ unter denen er
diejenige wiedererkannte welche er im Traume gesehen hatte so würde offenbar
wenn er glücklicherweise nicht eine genügende Vorstellung von ihr um sie
wiederzuerkennen gehabt und wie Nebukadnezar einen Daniel um sich seinen Traum
wieder ins Gedächtnis zurückzurufen nötig gehabt hätte die Vorstellung welche
er davon gehabt hatte dunkel und unvollkommen gewesen sein denn so möchte ich
sie lieber nennen als verworren nicht etwa weil er auf irgend eine Benennung
sie richtig zu beziehen versäumt hätte denn es gab eine solche gar nicht
sondern aus Mangel an Beziehung auf die Sache dh auf die zur Teilung bestimmte
Pflanze In diesem letzteren Falle würde sich Alexander gewisser Umstände
erinnert haben aber über andere wäre er im Zweifel gewesen und da die
Benennung uns dazu dient etwas zu bezeichnen so irren wir uns wenn wir uns in
der Beziehung auf die Benennung irren gewöhnlich hinsichtlich der Sache die
man sich unter dieser Benennung vorstellt
7 Philalethes Da die zusammengesetzten Vorstellungen diesem Mangel am
meisten unterworfen sind so mag er daher stimmen dass eine Vorstellung aus zu
wenig Vorstellungen besteht wie zB die Vorstellung eines Tieres mit
geflecktem Fell zu allgemein ist und nicht genügt um den Luchs Leopard oder
Panther zu unterscheiden welche man doch durch besondere Namen unterscheidet
Theophilus Befänden wir uns auf dem Standpunkte welchen Adam einnahm
bevor er den Tieren Namen gegeben hatte so würde dieser Mangel
nichtsdestoweniger stattfinden Denn angenommen man wüsste dass es unter den
gedeckten Tieren eines von außerordentlich scharfem Gesicht gäbe von dem man
aber nicht wüsste ob es ein Tiger oder ein Luchs oder eine andere Art wäre so
ist das eine Unvollkommenheit sie nicht unterscheiden zu können Es handelt
sich also nicht sowohl um den Namen als um das was dessen Gegenstand sein kann
und das Tier einer besonderen Bezeichnung würdig macht Man ersieht auch daraus
dass die Vorstellung eines gedeckten Tieres an sich selbst gut und ohne
Verworrenheit und Dunkelheit ist wenn sie nur zur Bezeichnung der Gattung
dienen soll aber wenn sie mit einer anderen Vorstellung deren man sich nicht
hinreichend erinnert verbunden die Art bezeichnen soll so ist die daraus
zusammengesetzte Vorstellung dunkel und unvollkommen
8 Philalethes Es gibt einen entgegengesetzten Mangel wenn die einfachen
Vorstellungen welche die zusammengesetzte Vorstellung bilden zwar in
hinreichender Anzahl aber zu verwirrt und vermengt miteinander sind wie es
Gemälde gibt die auch verworren erscheinen wie wenn sie nur die Darstellung
des mit Wolken bedeckten Himmels sein sollten in welchem Falle man auch nicht
sagen würde dass Verwirrung darin wäre ebensowenig als wenn dies ein anderes
jenes nachzuahmen gemachtes Gemälde wäre aber wenn man sagt dass dies Gemälde
ein Porträt zeigen soll so wird man zu sagen ein Recht haben es sei verworren
weil man nicht bestimmen kann ob es das eines Menschen oder Affen oder Fisches
ist Indessen kann die Verwirrung möglicherweise verschwinden wenn man es durch
einen zylindrischen Spiegel betrachtet und erkennt es sei ein Julius Cäsar So
kann auch keines der geistigen Bilder wenn ich mich so auszudrücken wagen darf
verworren genannt werden wie auch immer seine Teile miteinander verbunden sein
mögen denn wie diese Bilder auch immer beschaffen sind so werden sie offenbar
von jedem anderen unterschieden werden können bis sie unter einen gewöhnlichen
Ausdruck gebracht sind von dem man nicht einsehen kann dass sie ihm mehr als
irgend einem anderen Ausdruck von anderweitiger Bedeutung angehören
Theophilus Jenes Gemälde dessen Teile man deutlich sieht ohne aber das
Ganze zu erkennen wenn man sie nicht auf eine bestimmte Art betrachtet gleicht
der Vorstellung eines Steinhaufens welche in der Tat nicht allein in Ihrem
sondern auch in meinem Sinne verworren ist bis man Anzahl und andere
Eigentümlichkeiten deutlich aufgefasst hat Wären zB 36 Steine darin so würde
man indem man sie aufeinandergehäuft sieht ohne dass sie geordnet sind nicht
erkennen können dass sie ein Dreieck ebensogut als ein Viereck geben können wie
sie es in der Tat können weil sechsunddreißig sich durch vier teilen lässt wie
durch drei So wird man auch wenn man eine Figur von 1000 Seiten betrachtet
nur eine verworrene Vorstellung davon haben bis man die Zahl der Seiten weiß
welche die Kubikzahl von 10 ist Also handelt es sich nicht um Worte sondern um
bestimmte Eigenschaften die sich in der Vorstellung finden müssen wenn man
deren Verworrenheit aufgelöst hat Und mitunter ist es auch schwer den
Schlüssel davon zu finden oder die Art von einem bestimmten Standpunkt aus oder
durch die Vermittlung eines gewissen Spiegels oder Glases sie zu betrachten um
den Zweck dessen der das Ding gemacht hat zu erkennen
9 Philalethes Man kann gleichwohl nicht leugnen dass in den
Vorstellungen noch eine dritte Art von Mangel verkommt welche in Wahrheit von
dem schlechten Gebrauch der Ausdrücke abhängt wann nämlich unsere Vorstellungen
ungewiss oder unbestimmt sind So kann man alle Tage Leute sehen welche indem
sie ohne Schwierigkeit sich der in ihrer Muttersprache gebräuchlichen Worte
bedienen ehe sie deren genauen Sinn gelernt haben die Vorstellung welche sie
damit verbinden fast ebensooft wechseln als sie sie in ihrer Rede anwenden
10 So sieht man wie sehr die Worte zu jener Bezeichnung deutlicher und
verworrener Vorstellungen beitragen und dass ohne die Inbetrachtnahme bestimmter
Ausdrücke welche als Zeichen bestimmter Dinge gebraucht werden es sehr schwer
sein würde zu sagen was eine verworrene Vorstellung ist
Theophilus Dennoch habe ich das eben erklärt ohne die Worte in Betracht zu
ziehen sei es in dem Falle dass Verworrenheit mit Ihnen für das genommen wird
was ich Dunkelheit nenne sei es in dem wo sie in meinem Sinne für den Mangel
der Analyse des Begriffs den man hat genommen wird Und ich habe auch gezeigt
dass jede dunkle Vorstellung in der Tat undeutlich und unsicher ist wie in jenem
angezogenen Beispiel von dem gedeckten Tiere wo wie man weiß diesem
allgemeinen Begriff noch etwas hinzugefügt werden muss dessen man sich nicht
klar erinnert dergestalt dass der erste und dritte der von Ihnen bezeichneten
Fehler auf dasselbe hinausläuft Allerdings ist der Missbrauch der Worte noch
eine bedeutende Quelle von Irrtümern denn es entsteht eine Art Rechnungsfehler
daraus wie wenn man beim Rechnen einen Zahlpfennig nicht an den rechten Ort
setzte oder die Zahlzeichen so schlecht hinschriebe dass man eine 2 nicht von
einer 7 unterscheiden könnte oder wenn man sie ausließe oder aus Versehen
verwechselt Dieser Missbrauch der Worte besteht darin dass wir entweder gar
keine Vorstellungen oder nur eine unvollkommene teilweise leere und sozusagen
offen gebliebene damit verbinden und in diesen beiden Fällen gibt es etwas
Leeres und Taubes im Denken was nur durch das Wort ausgefüllt wird Oder
endlich der Fehler ist mit dem Worte verschiedene Vorstellungen zu verbinden
sei es dass man unsicher ist welche davon gewählt werden muss was die
Vorstellung ebensogut dunkel macht als wenn ein Teil davon taub ist sei es
dass man sie wechselweise wählt und sich bald der einen bald der anderen
Vorstellung für den Sinn desselben Wortes in demselben Gedankenzusammenhang auf
eine Art bedient welche Irrtum zu verursachen fähig ist ohne zu bedenken dass
die Vorstellungen nicht zueinander passen So ist das unsichere Denken entweder
leer und ohne Vorstellung oder zwischen mehr als einer Vorstellung schwankend
Dies ist schädlich sei es dass man dem Worte einen gewissen Sinn beilegen will
welcher dem bereits gebrauchten entspricht oder dem dessen sich die anderen
besonders in der gewöhnlichen allen oder den Leuten vom Fach gemeinsamen
Sprache bedienen Daraus entstehen denn auch unendlich viele vage und leere
Streitigkeiten in der Unterhaltung in den Hörsälen und in den Büchern die man
mitunter durch Distinktionen beschwichtigen will aber diese dienen meistens nur
dazu die Sache noch mehr zu verwirren indem sie an die Stelle eines vagen und
dunklen Ausdrucks andere noch vagere und noch dunklere setzen wie häufig durch
diejenigen geschieht welche von den Philosophen in ihren Distinktionen
angewandt werden ohne dass sie gute Definitionen davon haben
12 Philalethes Wenn es noch eine andere Art Verworrenheit in den
Vorstellungen gibt als die welche eine geheime Beziehung zu den Bezeichnungen
hat so bringt diese wenigstens mehr als irgend eine andere in den Gedanken und
Gesprächen der Menschen Unordnung hervor
Theophilus Das gebe ich zu aber es mischt sich meistens irgend ein Begriff
der Sache und der Absicht in welcher man sich des Ausdrucks bedient hat dabei
ein wie zB wenn man von der Kirche spricht einige eine Regierungsgewalt im
Auge haben während andere an die Wahrheit der Lehre denken
Philalethes Das Mittel dieser Verirrung zuvorzukommen besteht darin
stets denselben Ausdruck auf einen gewissen Sammelbegriff einfacher in
bestimmter Zahl und festgesetzter Ordnung vereinigter Vorstellungen anzuwenden
Aber da dies weder der Trägheit noch der Eitelkeit der Menschen zusagt es auch
nur zur Entdeckung und Verteidigung der Wahrheit dienen kann welches nicht
immer das ihnen vorgesteckte Ziel ist so ist eine solche Genauigkeit eines von
den Dingen die man mehr wünschen als hoffen muss Die vage Beziehung der
Ausdrücke auf undeutliche veränderliche und fast bloßen Nichtigkeiten in den
tauben Gedanken gleichende Vorstellungen dient auf der einen Seite dazu unsere
Unwissenheit zu bemänteln und auf der anderen Seite die übrigen zu verwirren
und in Verlegenheit zu bringen was dann als wahres Wissen und Zeichen
überlegener Gelehrsamkeit gilt
Theophilus Zu dieser Sprachverwirrung hat auch noch das affektierte Streben
nach Eleganz und gutem Ausdruck viel beigetragen denn um die Gedanken auf eine
schöne und angenehme Weise auszudrücken trägt man kein Bedenken den Worten
durch eine Art von Tropen einen von dem gewöhnlichen ein wenig abweichenden Sinn
zu geben der bald allgemeiner bald beschränkter was man Synekdoche nennt
bald nach der Beziehung der Dinge deren Bezeichnung man wechselt übertragen
ist was bei der Zusammenstellung Metonymie bei der Vergleichung Metapher
heißt nicht zu reden von der Ironie deren man sich beim Gegensatz des einen
gegen das andere bedient So nennt man diese Veränderungen wenn man sie
wirklich entdeckt aber man entdeckt sie nur selten Und bei dieser
Unbestimmtheit der Sprache wo man jene Art von Gesetzen vermisst welche die
Wortbedeutung regeln wie es etwas derartiges in dem Digestentitel des Römischen
Rechtes de verborum significationibus über die Wortbedeutungen gibt würden
die urteilsvollsten Leute wenn sie für gewöhnliche Leser schreiben sich
dessen was ihrem Ausdruck Reiz und Kraft verleiht berauben sofern sie sich an
feste Bedeutungen der Ausdrucke strenge halten wollten Sie müssen sich nur in
acht nehmen dass ihre Abwechslung keinen Irrtum und keine falsche
Gedankenverknüpfung hervorbringe Hier hat die Unterscheidung der Alten zwischen
der exoterischen dh populären Schreibweise und der acroamatischen dh
derjenigen statt welche für die mit der Entdeckung der Wahrheit Beschäftigten
ist Und wenn jemand in der Metaphysik oder in der Moral als Mathematiker
schreiben wollte so würde ihn nichts hindern dies mit aller Strenge zu tun
Manche haben sich dies zur Aufgabe gemacht und uns mathematische Beweise
außerhalb der Mathematik vorgelegt aber es ist nur sehr selten geglückt Ich
glaube man ist der Mühe überdrüssig geworden welche man für einen kleinen
Leserkreis aufwenden musste wo man wie bei Persius fragen konnte Qui leget hoec
und antworten Vel duo vel nemo Gleichwohl glaube ich dass wenn man es
gehörig angriffe man nicht Ursache haben würde es zu bereuen Auch ich bin in
Versuchung gewesen es zu probieren
13 Philalethes Sie werden mir indessen beipflichten dass die
zusammengesetzten Vorstellungen auf der einen Seite sehr klar und sehr bestimmt
und auf der anderen sehr dunkel und verworren sein können
Theophilus Daran ist nicht zu zweifeln Wir haben zB von einem großen
Teile der festen sichtbaren Teile des menschlichen Körpers sehr deutliche
Vorstellungen aber von den Flüssigkeiten welche durch denselben gehen haben
wir solche nicht
Philalethes Wenn jemand von einer tausendseitigen Figur spricht kann deren
Vorstellung in seinem Geiste sehr dunkel sein obschon darin die der Zahl sehr
deutlich sein mag
Theophilus Dies Beispiel passt hier nicht Ein regelmäßiges tausendseitiges
Vieleck kann ebenso deutlich erkannt werden wie die Zahl tausend weil man darin
alle Arten Wahrheit entdecken und beweisen kann
Philalethes Man hat aber keine genaue Vorstellung von einer tausendseitigen
Figur so dass man sie von einer anderen unterscheiden könnte die nur 999 Seiten
hat
Theophilus Dies Beispiel zeigt dass hier Vorstellung und Bild verwechselt
werden Zeigt mir jemand ein regeln mäßiges Vieleck so lassen mich Blick und
Einbildungskraft nicht die Tausendzahl die darin ist fassen ich habe nur eine
verworrene Vorstellung sowohl von der Figur als von ihrer Zahl bis ich die
letztere durch Zählen unterscheide Habe ich sie aber gefunden so kenne ich
sehr gut die Natur und die Eigenschaften des vorliegenden Vielecks sofern sie
die des Tausendecks sind und folglich habe ich diese Vorstellung davon aber
das Bild des Tausendecks kann ich nicht haben und man müsste feinere und
geübtere Sinne und Einbildungskraft besitzen um durch sie das Tausendeck von
einem Polygon von weniger Seiten zu unterscheiden Aber die Kenntnis der Figuren
hängt ebensowenig wie die der Zahlen von der Einbildungskraft ab obgleich sie
dazu diente und ein Mathematiker kann die Natur eines Neunecks und eines
Zehnecks genau erkennen weil er sie zu konstruieren und zu untersuchen
versteht wenn er sie auch nicht durch das Gesicht zu unterscheiden imstande
ist Allerdings wird ein Arbeiter oder ein Ingenieur der ihre Natur vielleicht
nicht erkennt über einen großen Mathematiker den Vorteil haben dass er sie bloß
durch das Gesicht ohne sie zu messen unterscheiden kann wie es Lastträger
gibt welche das Gewicht dessen was sie trügen müssen angeben können ohne
sich um ein Pfund zu irren worin sie den geschicktesten Statistiker der Welt
übertreffen werden Diese durch eine lange Übung erworbene erfahrungsmäßige
Erkenntnis kann zum schnellen Handeln großen Nutzen haben was ein Ingenieur der
Gefahr wegen welcher er sich durch Zögern aussetzt oft nötig hat Indessen
besteht dies klare Bild oder diese Empfindung die man von einem regelmäßigen
Zahneck oder einem Gewicht von 99 Pfund haben kann nur in einer verworrenen
Vorstellung da sie nicht dazu dient die Natur und die Eigentümlichkeiten jenes
Gewichts oder jenes regelmäßigen Zehnecks zu enthüllen wie eine deutliche
Vorstellung dies verlangt Jenes Beispiel dient auch dazu den Unterschied der
Vorstellungen oder vielmehr den zwischen Vorstellung und Bild besser zu
verstehen
15 Philalethes Ein anderes Beispiel Wir sind zu glauben geneigt dass
wir eine positive und vollständige Vorstellung von der Ewigkeit haben was
ebensoviel ist als wenn wir sagten dass es in dieser Zeitlänge keinen Teil
gibt der in unserer Vorstellung nicht klar erkannt werde aber so groß die
vorgestellte Dauer auch sein mag so ist da es sich um eine schrankenlose
Ausdehnung handelt immer ein Teil der Vorstellung über das wirklich
Vorgestellte hinaus übrig der dunkel und unbestimmt bleibt und daher kommt es
dass wir in den die Ewigkeit oder anderes Unendliche betreffenden Streitigkeiten
und Vernunftbetrachtungen dem Übel unterworfen sind uns in offenbare
Widersinnigkeiten zu verstricken
Theophilus Dies Beispiel scheint mir auch nicht besser für Ihren Zweck zu
passen wohl aber für den meinigen welcher darin besteht Ihre Begriffe über
diesen Punkt zu berichtigen Denn es herrscht darin dieselbe Verwechslung des
Bildes mit der Vorstellung Wir haben eine vollständige oder richtige
Vorstellung der Ewigkeit weil wir deren Definition haben obschon wir davon
kein Bild haben aber man bildet nicht die Verteilung des Unendlichen durch
Zusammensetzung der Teile und die bei der denkenden Betrachtung über das
Unendliche begangenen Irrtümer kommen nicht vom Fehlen des Bildes her
16 Philalethes Haben wir aber nicht wenn wir von der Teilbarkeit der
Materie ins Unendliche reden falls wir auch klare Vorstellungen von der Teilung
haben doch nur sehr dunkle und sehr verworrene Vorstellungen der Teile selbst
Denn ich frage ob jemand wenn er den kleinsten Staubteil den er jemals
gesehen hat nimmt eine deutliche Vorstellung von dem Unterschiede zwischen dem
zehntausendsten und dem zehnmillionsten Teil dieses Stäubchens hat
Theophilus Das ist wieder dieselbe Vertauschung des Bildes mit der
Vorstellung welche ich mich wundere so verwechselt zu sehen es handelt sich
gar nicht darum ein Bild von so großer Kleinheit zu haben Ein solches ist
unserer gegenwärtigen Körperbeschaffenheit zufolge unmöglich und wenn wir es
haben könnten so würde es ungefähr so sein wie dasjenige von den Dingen die
uns jetzt bewusstbar erscheinen dafür würde aber das was gegenwärtig Gegenstand
unserer Einbildung ist uns entgehen und zu groß werden um Gegenstand derselben
zu sein Die Größe an sich hat keine Bilder und die Bilder welche man davon
hat hangen nur von der Vergleichung zwischen den Organen und anderen
Gegenständen ab und es ist dabei unnütz die Einbildungskraft anzuwenden Aus
allem was Sie mir hier noch gesagt haben geht also hervor dass man sich
Schwierigkeiten ohne Grund zu machen erfinderisch ist indem man mehr fragt als
nötig ist
1 Philalethes In Hinsicht der Dinge sind die Vorstellungen wirkliche
oder chimärische vollständige oder unvollständige wahre oder falsche Unter
wirklichen Vorstellungen verstehe ich diejenigen welche in der Natur begründet
sind und einem wirklichen Wesen dem Dasein der Dinge oder den Urbildern
entsprechen Sonst sind sie phantastische oder chimärische
Theophilus In dieser Erklärung ist ein wenig Dunkelheit Die Vorstellung
kann in der Natur einen Grund haben ohne diesem Gründe zu entsprechen wie wenn
man behauptet dass die sinnlichen Empfindungen der Farbe oder der Wärme keinem
Originale oder Urbilde gleichen Eine Vorstellung kann auch wirklich sein wenn
sie möglich ist ohne dass ihr ein vorhandenes Wesen entspricht sonst würde
wenn alle Individuen einer Art aussterben die Vorstellung derselben zu einer
chimärischen werden
2 Philalethes Die einfachen Vorstellungen sind alle wirklich denn
obgleich nach der Ansicht mancher die Weiße und die Kälte ebensowenig im Schnee
sind wie der Schmerz so sind doch deren Vorstellungen in uns die Wirkungen von
Kräften welche den äußeren Dingen zukommen und diese immer gleichen Wirkungen
dienen uns ebenso sehr die Dinge zu unterscheiden als wenn sie die genauen
Bilder dessen wären was in den Dingen selbst vorhanden ist
Theophilus Ich habe diesen Punkt schon oben geprüft aber es scheint
danach dass nicht immer eine Übereinstimmung mit einem Urbilde verlangt wird
und nach der von mir übrigens nicht gebilligten Ansicht derer welche
annehmen dass uns Gott willkürlicherweise Ideen zugemessen hat welche die
Eigenschaften der Gegenstände zu bezeichnen bestimmt sind ohne dass dabei
Ähnlichkeit oder selbst nur natürliche Beziehung stattfindet würde ebensowenig
dabei Übereinstimmung zwischen unseren Vorstellungen und den Urbildern sein wie
zwischen den Worten deren man sich in den Sprachen nach Übereinkunft bedient
und den Vorstellungen oder den Dingen selbst
3 Philalethes Der Geist ist hinsichtlich der einfachen Vorstellungen
leidend dagegen hat die Verbindung die er mit ihnen vornimmt um
zusammengesetzte Vorstellungen zu bilden wobei mehrere einzelne unter demselben
Namen zusammengefasst werden etwas Willkürliches denn der eine nimmt bei der
zusammengesetzten Vorstellung die er von dem Gold oder von der Gerechtigkeit
hat einfache Vorstellungen hinzu die der andere nicht dazu nimmt
Theophilus Der Geist verhält sich auch hinsichtlich der einfachen
Vorstellungen tätig indem er sie voneinander absondert um sie getrennt in
Betracht zu ziehen was ebenso Sache der freien Willkür ist wie die Verbindung
mehrerer Vorstellungen mag es nun deshalb geschehen um auf eine
zusammengesetzte Vorstellung zu achten welche daraus entspringt oder mag er
sie unter dem der Verbindung gegebenen Namen zu umfassen beabsichtigen Dabei
kann auch der Geist sich nicht täuschen wenn er nur keine damit unverträglichen
Vorstellungen dazu tut und wenn dieser Name nur sozusagen ganz unberührt ist
dh dass man nur nicht schon einen Begriff damit verbunden hat welcher eine
Vermengung mit demjenigen welchen man neuerdings damit verbindet verursachen
kann Denn daraus würden entweder unmögliche Begriffe hervorgehen indem man
Dinge verbindet die nicht zusammengehören oder überflüssige und irgend eine
Erschleichung enthaltende Begriffe indem man Vorstellungen verbindet von denen
die eine aus der anderen auf demonstrative Weise abgeleitet werden kann und muss
4 Philalethes Da die gemischten Modi und die Relationen keine andere
Wirklichkeit als im Geiste des Menschen besitzen so ist zur Wirklichkeit dieser
Art von Vorstellungen nur die Möglichkeit erforderlich zusammen dazusein und
zusammenzustimmen
Theophilus Die Relationen haben eine vom Geiste abhängige Wirklichkeit wie
die Wahrheiten jedoch nicht vom menschlichen Geiste da es eine höchste
Vernunft gibt welche sie alle zu jeder Zeit bestimmt Die gemischten Modi die
sich von den Relationen unterscheiden können wirkliche Akzidenzien sein Mögen
sie nun aber vom Geiste abhangen oder nicht so genügt es für die Wirklichkeit
ihrer Vorstellungen dass diese Modi möglich oder was dasselbe bedeutet dass
sie deutlich zu begreifen seien Und zu diesem Zweck müssen ihre Bestandteile
zusammen möglich sein dh miteinander bestehen können
5 Philalethes Die zusammengesetzten Vorstellungen der Substanzen aber
da sie allesamt durch den Bezug auf die uns äußerlichen Dinge und um die
Substanzen so wie sie in Wirklichkeit vorhanden sind darzustellen gebildet
werden sind nur insofern wirklich als sie die Verbindungen einfacher
Vorstellungen sind welche mit den außer uns zugleich vorhandenen Dingen
verknüpft und zugleich vorhanden sind Im Gegenteil sind diejenigen chimärische
welche aus solchen Sammlungen einfaches Vorstellungen zusammengesetzt sind die
niemals wirklich vereinigt gewesen und niemals in irgend einer Substanz
zusammengefunden waren wie diejenigen welche einen Zentauren einen mit
Ausnahme des Gewichtes dem Golde ähnlichen Körper und leichter als Wasser einen
Körper welcher für die Sinne aus gleichmäßigem Stoff besteht und doch mit
Wahrnehmung und freies Bewegung begabt ist usw bilden
Theophilus Wenn ich auf diese Weise den Ausdruck wirklich und chimärisch
anders in Bezug auf die Vorstellungen der Modi nehme als in Bezug auf
diejenigen welche ein substantielles Ding bilden so sehe ich nicht welcher
von Ihnen den wirklichen oder chimärischen Vorstellungen gegebene Begriff in dem
einen und anderen Falle der gemeinsame sein kann denn die Modi gelten Ihnen
dann als wirklich wenn sie möglich sind und die substantiellen Dinge haben bei
Ihnen wirkliche Vorstellungen nur dann wenn sie wirklich vorhanden sind Wenn
sich aber nun an das dasein hält kann man nicht bestimmen ob eine Vorstellung
chimärisch ist oder nicht weil das Mögliche wenn es auch an dem Orte oder zu
der Zeit wo wir sind sich nicht verendet doch vormals dagewesen sein kann
oder vielleicht dereinst da sein wird oder sich sogar schon in der Gegenwart auf
einer anderen Welt oder selbst auf der unsrigen ohne dass man es weiß verenden
mag wie Demokrit schon von der Milchstraße eine Vorstellung hatte welche die
Fernröhre später bestätigt haben Demnach scheint es am besten zu sein zu
sagen dass die möglichen Vorstellungen nur dann chimärische werden wenn man mit
ihnen ohne Grund die Vorstellung tatsächlichen Daseins verbindet wie diejenigen
es machen welche den Stein der Philosophen finden zu können meinen oder wie
diejenigen es gemacht haben die an eine Nation von Zentauren glaubten Sonst
würde man sich wenn man sich nur nach dem Dasein richtete ohne Not von dem
angenommenen Sprachgebrauch entfernen demzufolge jemanden welcher im Winter
von Rosen und Nelken spricht keine Chimäre beigemessen wird sofern er sich
nicht einbildet sie in seinem Garten finden zu können wie man es von Albertus
Magnus oder irgend einem anderen angeblichen Zauberer erzählt
1 Philalethes Wirkliche Vorstellungen sind vollständig wenn sie die
Originale aus denen der Geist sie entnommen zu haben voraussetzt und worauf er
sie zurückbezieht vollkommen darstellen Die unvollständigen Vorstellungen
stellen nur einen Teil davon dar Unsere einfachen Vorstellungen sind
vollständige Die Vorstellung der Weiße oder der Süßigkeit die man am Zucker
bemerkt ist vollständig weil dazu genügt dass sie den Kräften die Gott diesem
Körper um jene Empfindungen hervorzubringen verliehen hat gänzlich
entspricht
Theophilus Wie ich sehe nennen Sie vollständige oder unvollständige
Vorstellungen solche die Ihr Lieblingsautor adäquate oder nicht adäquate
Vorstellungen nennt man könnte sie fertige oder unfertige nennen Früher habe
ich die adäquate Vorstellung die fertige als diejenige definiert welche so
deutlich ist dass alle ihre Bestandteile deutlich sind Von dieser Art ist etwa
die der Zahl Wenn eine Vorstellung aber auch deutlich ist und die Definition
oder die bezüglichen Merkmale des Gegenstandes enthält so kann sie doch
inadäquat oder unfertig sein wenn nämlich jene Merkmale oder Bestandteile auch
nicht alle deutlich erkannt werden So ist zB das Gold ein Metall welches der
Kapelle und dem Scheidewasser Widerstand leistete das ist eine deutliche
Vorstellung denn sie gibt Merkmale oder die Definition des Goldes an sie ist
aber unfertig weil die Natur des Prozesses in der Kapelle und der Wirksamkeit
des Scheidewassers uns nicht hinlänglich bekannt sind Dies ist der Grund
weshalb derselbe Gegenstand bei einer unfertigen Vorstellung mehrerer
voneinander unabhängiger Definitionen fähig ist so dass man nicht immer die eine
aus der anderen ableiten noch voraussehen kann dass sie demselben Subjekt
zugehören müssen und dann lehrt uns die Erfahrung allein dass sie ihm alle
zugleich angehören So kann das Gold auch als der schwerste oder der dehnbarste
der uns bekannten Körper diniert werden ohne von anderen Definitionen zu reden
die man sich noch ausdenken könnte Aber erst wenn die Menschen tiefer in die
Natur der Dinge eingedrungen sein werden wird man sehen können warum es dem
schwersten der Metalle zukommt jenen beiden Proben der Experimentatoren zu
widerstehen während es sich in der Geometrie wo wir fertige Vorstellungen
haben ganz anders verhält denn da können wir beweisen dass die durch eine
ebene Fläche gemachten Kegel und Zylinderschnitte dieselben sind nämlich
Ellipsen und dies kann uns wenn wir darauf acht geben nicht verborgen sein
weil unsere Begriffe davon fertige sind Bei mir ist die Teilung der
Vorstellungen in fertige und unfertige nur eine Unterabteilung der deutlichen
Vorstellungen und mir scheinen die verworrenen Vorstellungen wie diejenige
welche wir von der Süßigkeit haben diesen Namen nicht zu verdienen denn obwohl
sie die die sinnliche Empfindung hervorbringende Kraft ausdrücken so drücken
sie sie doch nicht ganz aus oder wir können es wenigstens nicht wissen denn
wenn wir begriffen was in dieser unserer Vorstellung der Süßigkeit enthalten
ist so könnten wir beurteilen ob sie hinreicht um von dem allen was die
Erfahrung darin bemerken lässt Rechenschaft zu geben
3 Philalethes Von den einfachen Vorstellungen kommen wir zu den
zusammengesetzten sie sind entweder Modi oder Substanzen Die der Modi sind
willkürliche Verbindungen von einfachen Vorstellungen welche der Geist
zusammenfügt ohne auf gewisse Urbilder oder wirkliche und tatsächlich
vorhandene Vorbilder zu achten Sie sind vollständig und können anders nicht
sein weil ihnen da sie eben keine Abbilder sondern Urbilder sind welche der
Geist um sich ihrer behufs der Einordnung der Dinge unter gewisse Kategorien zu
bedienen bildet nichts fehlen kann denn eine jede umschließt eine solche
Ideenverbindung welche der Geist hat bilden wollen und hat folglich eine
solche Vollendung als er ihr zu geben beabsichtigt hat und unmöglich kann der
Verstand irgend jemandes eine vollständigere oder vollkommenere Vorstellung von
einem Dreieck haben als die von drei Seiten und drei Winkeln Derjenige
welcher die Vorstellungen der Gefahr der Ausführung der von der Furcht
verursachten Verwirrung einer ruhigen Erwägung dessen was zu tun vernünftig
sein würde und eines schnellen Entschlusses zur Ausführung ohne sich von der
Gefahr erschrecken zu lassen verknüpfte der bildete die Vorstellung des Mutes
und hatte damit das Gewollte nämlich eine vollständige seinem Wunsche
entsprechende Vorstellung Anders ist es mit den Vorstellungen von den
Substanzen bei denen wir uns das was wirklich vorhanden ist denken
Theophilus Die Vorstellungen des Dreiecks oder des Mutes haben in der
Möglichkeit der Dinge ebensogut ihre Vorbilder als die Vorstellung des Goldes
Auch ist es hinsichtlich des Wesens der Vorstellung gleichgültig ob man sie vor
aller Erfahrung erfunden oder nach der Wahrnehmung einer von der Natur gemachten
Verbindung behalten hat Auch diejenige Verbindung aus welcher die Modi
hervorgehen ist nicht ganz freiwillig oder willkürlich denn man könnte nach
der Weise derer welche Maschinen von immerwährender Bewegung ermüden wollen
dasjenige miteinander verknüpfen was sich nicht zusammen verträgt während
wieder andere gute und ausführbare Maschinen erfinden die unserer Ansicht nach
keine anderen Urbilder als die Vorstellung des Erfinders haben welche selbst
wieder zum Urbild die allgemeine Möglichkeit oder die göttliche Vorstellung hat
Diese Maschinen haben also etwas Substantielles Man kann auch unmögliche Modi
aussinnen wie wenn man sich den Parallelismus der Parabeln vorstellt indem man
sich denkt zwei einander parallele Parabeln finden zu können wie zwei rechte
Winkel oder zwei Kreise Eine Vorstellung also kann mag sie nun die eines Modus
oder eines substantiellen Dinges sein vollständig oder unvollständig sein je
nachdem man die Teilvorstellungen welche die Gesamtvorstellung bilden richtig
oder falsch versteht und das Zeichen einer fertigen Vorstellung ist wenn man
die Möglichkeit ihres Gegenstandes durch sie vollständig erkennt
1 Philalethes Da die Wahrheit und die Falschheit sich nur auf die Sätze
beziehen so folgt daraus dass wenn die Vorstellungen wahr oder falsch genannt
werden stillgestanden ein Satz oder eine Behauptung dabei gemeint ist 3
oder eine stillschweigende Voraussetzung ihrer Übereinstimmung mit etwas 5
besonders mit allem dem was andere mit diesem Namen bezeichnen wie wenn sie
von der Gerechtigkeit reden sowie mit dem was wirklich vorhanden ist zB
das ist ein Mensch und nicht ein Zentaur sowie mit der Wesenheit von der die
Eigenschaften der Sache abhangen und in diesem Sinne sind unsere gewöhnlichen
Vorstellungen von den Substanzen falsch wenn wir uns die Phantasiebilder
gewisser substantieller formen machen Übrigens wäre es besser wenn die
Vorstellungen richtig oder unrichtig als wahr oder falsch genannt würden
Theophilus Man könnte glaube ich darunter auch die wahren oder falschen
Vorstellungen verstehen aber da diese verschiedenen Bedeutungen miteinander
nicht übereinkommen und nicht bequem unter einen allgemeinen Begriff gebracht
werden können so ziehe ich es vor die Vorstellungen wahr oder falsch zu nennen
in Bezug auf eine andere stillschweigende Bejahung welche sie alle aufhalten
nämlich die der Möglichkeit So gefasst sind die möglichen Vorstellungen wahr
und die unmöglichen falsch
1 Philalethes Man bemerkt oft im Denkverfahren der Menschen etwas
Sonderbares und jedermann ist dem unterworfen Das ist nicht bloß Eigensinn
oder Eigenliebe denn oft machen die wackersten Leute sich dieses Fehler
schuldig Selbst das genügt nicht immer ihn der Erziehung und den Vorurteilen
beizumessen 4 vielmehr ist es eine Art Wahnsinn und wenn man immer so
handelte würde man närrisch sein 5 Dieser Fehler nun kommt von einer
unnatürlichen Verbindung der Vorstellungen die ihren Ursprung im Zufall oder in
der Gewohnheit hat 6 Die Neigungen oder Interessen tragen dazu bei
Gewisse Spuren des häufigen Laufs der Lebensgeister werden gebahnte Wege wie
wenn man eine bestimmte Melodie die man verfolgt findet wenn man sie einmal
angefangen hat 7 Daher kommen die Sympathien und Antipathien die mit uns
nicht geboren werden Ein Kind hat zu viel Honig gegessen sich danach übel
befunden und kann nun nachdem es erwachsen ist das Wort Honig nicht hören
ohne Ekel zu bekommen Die Kinder sind solchen Eindrucken außerordentlich leicht
zugänglich worauf zu achten wichtig ist Diese unregelmäßige Assoziation der
Vorstellungen hat auf alle unsere Handlungen und Leidenschaften natürliche wie
moralische einen großen Einfluss Finsternis erweckt bei Kindern die Vorstellung
von Gespenstern wegen der ihnen von diesen gemachten Erzählungen Man denkt an
jemand den man hat nicht ohne zugleich an das Üble das er uns zugefügt hat
oder zufügen kann zu denken Man meidet das Zimmer worin man einen Freund
sterben gesehen hat Eine Mutter die ein sehr teures Kind verloren hat
verliert mit ihm zuweilen alle ihre Freudigkeit bis dass die Zeit den Eindruck
dieser Vorstellung verwischt was mitunter niemals geschieht Ein Mensch der
durch eine äußerst schmerzliche Operation von der Raserei geheilt worden war
hielt sich sein Lebenlang dem verpflichtet welcher die Operation vollzogen
hatte aber dessen Anblick zu ertragen war ihm unmöglich Manche hassen die
Bücher ihr ganzes Leben der schlechten Behandlung wegen welche sie in den
Schulen erfahren haben Jemand der über einen anderen bei einer gewissen
Gelegenheit eine Überlegenheit gewonnen hat behauptet sie wohl für immer Es
ist vorgekommen dass jemand ganz gut tanzen gelernt hatte aber es doch nicht
ausführen konnte wenn er in dem Zimmer nicht einen Koffer hatte demjenigen
ähnlich welcher sich in dem Zimmer wo er gelernt befunden hatte 17
Derselbe nicht natürliche Zusammenhang der Vorstellungen findet sich bei den
intellektuellen Fertigkeiten man verknüpft zB die Materie dergestalt mit dem
Sein als ob es nichts Immaterielles gäbe 18 Man verknüpft mit seinen
Meinungen den Parteistandpunkt in der Philosophie Religion und im Staate
Theophilus Diese Bemerkung ist wichtig und ganz nach meinem Geschmack und
man könnte sie durch unzählige Beispiele erhärten Descartes hatte in seiner
Jugend eine Neigung für eine schielende Person gehabt und konnte sich sein
ganzes Leben nicht enthalten Personen von gleichem Fehler zugetan zu sein Ein
anderer großer Philosoph Hobbes konnte wie man sagt nicht allein an einem
dunklen Ort bleiben ohne durch die Bilder von Gespenstern erschreckt zu werden
obgleich er nicht daran glaubte da ihm dieser Eindruck von den Erzählungen
wie man sie den Kindern vormacht geblieben war Manche gelehrte und verständige
Leute die durchaus über dem Aberglauben stehen würden sich nicht entschließen
zu dreizehn bei einem Mahle zu sein ohne dadurch aufs äußerste beunruhigt zu
werden da sie im Voraus von der Einbildung dass einer davon im Laufe des Jahres
sterben müsse eingenommen sind Es hat einen Edelmann gegeben der weil er
vielleicht in seiner Jugend von einer schlecht gesteckten Nadel verwundet worden
war nicht mehr eine solche an ähnlicher Stelle sehen konnte ohne mit Ohnmacht
zu kämpfen Ein erster Minister welcher am Hofe seines Herrn den Rang eines
Präsidenten hatte fand sich durch den Titel des Buches von Ottavio Pisani
Lycurgus genannt beleidigt und ließ dagegen schreiben weil der Verfasser
indem er gegen die von ihm für überflüssig gehaltenen großen Justizbeamten
redete auch die Präsidenten genannt hatte obgleich diese Bezeichnung in der
Person jenes Ministers etwas ganz anderes bezeichnete so hatte er dergestalt das
Wort mit seiner Person verknüpft dass er dadurch beleidigt war Und dies ist
einer der gewöhnlichsten Fälle von nicht natürlichen leicht zu Täuschungen
veranlassenden Assoziationen bei diesen Beziehungen der Worte auf die
Gegenstände sogar dann wenn eine Zweideutigkeit dabei stattfindet
Um die Quelle der nichtnatürlichen Verbindung der Vorstellungen besser zu
verstehen muss man das von mir schon oben als ich von dem Denken der Tiere
sprach Kap XI 11 Bemerkte in Betracht ziehen dass der Mensch so gut wie
das Tier dem Gesetz unterworfen ist in seinem Gedächtnis und seiner
Einbildungskraft das miteinander zu verbinden was er in seinen Wahrnehmungen
und seinen Erfahrungen als miteinander verluden bemerkt hat Darin besteht der
Denkprozess der Tiere wenn es ihn so zu nennen erlaubt ist und oft auch der der
Menschen sofern sie sich an die Erfahrung halten und nur durch Sinnlichkeit und
Beispiele geleitet werden ohne zu prüfen ob noch derselbe Grund obwaltet Und
da uns die Gründe oft unbekannt sind so müssen wir auf die Beispiele in dem
Maße Bezug nehmen als sie häufig sind denn dann ist die Erwartung oder
Wiedererinnerung einer anderen gewöhnlich damit verbundenen Wahrnehmung
vernünftig vor allem wenn es sich darum handelt vorsichtig zu sein Aber da
die Wucht eines sehr starken Eindruckes oft ebensoviel Wirkung auf einmal hat
als die Häufigkeit und Wiederholung mehrerer mittelmäßiger Eindrücke in längerer
Zeit hätten haben können so geschieht es dass diese Wucht in die Phantasie ein
ebenso tiefes und lebhaftes Bild eingräbt als die lange Erfahrung hätte
verursachen können Daher kommt es dass ein zufälliger aber gewaltsamer
Eindruck in unserer Einbildungskraft und in unserem Gedächtnis zwei
Vorstellungen verbindet die schon vorher darin verbunden waren und uns
dieselbe Neigung gibt sie zu verbinden und das Eintreten der einen nach der
anderen zu erwarten als wenn eine lange Gewohnheit ihre Verknüpfung bestätigt
hätte Also zeigt sich dabei dieselbe Wirkung der Assoziation obgleich nicht
derselbe Grund dabei stattfindet Autorität und Gewohnheit haben auch dieselbe
Wirkung wie die Erfahrung und die Vernunft und es ist nicht leicht sich von
solchen Neigungen loszumachen Aber es würde nicht sehr schwer zu vermeiden
sein in seinen Urteilen davon getäuscht zu werden wenn die Menschen sich mit
rechtem Ernste der Erforschung der Wahrheit befleißigten oder mit Methode
verfahren wollten wenn sie erkennen dass diese aufzufinden für sie von
Wichtigkeit ist
1 Philalethes Da Gott den Menschen zu einem geselligen Geschöpf gemacht
hat hat er ihm nicht nur den Wunsch gegeben und ihn in die Notwendigkeit
versetzt mit seinesgleichen zu leben sondern ihm auch das Vermögen der Sprache
verliehen welche das große Hilfsmittel und das gemeinsame Band dieser
Gesellschaft sein sollte Das ist der Ursprung der Worte welche dazu dienen
die Vorstellungen zu vertreten und sogar zu erklären
Theophilus Ich freue mich Sie von der Ansicht des Hobbes fern zu finden
der nicht zugeben wollte dass der Mensch für die Gesellschaft gemacht sei indem
er sich vorstellte dass man nur durch die Notwendigkeit und durch die Bosheit
von seinesgleichen dazu gezwungen worden Er erwog aber nicht dass die besten
von jeder Bosheit freien Menschen sich um ihnen Zweck besser zu erreichen
vereinigen würden wie die Vögel um in Gesellschaft besser zu reisen sich
zusammenscharen und wie die Biber sich zu Hunderten vereinigen um große Dämme
zu bauen was eine kleine Zahl dieser Tiere nicht zustande bringen könnte und
diese Dämme sind ihnen nötig um damit Wasserbehälter oder kleine Seen zu
machen in denen sie ihre Hütten erbauen und Fische fangen von denen sie sich
nähren Das ist der Grund der Geselligkeit der Tiere die dazu gemacht sind und
keineswegs die Furcht vor ihresgleichen welche bei den Tieren nicht vorkommt
Philalethes Ganz recht und um diese Geselligkeit besser zu pflegen sind
von Natur die Organe des Menschen in der Art geformt dass sie artikulierte Töne
zu bilden geeignet sind die wir Worte nennen
Theophilus Was die Organe betrifft so haben die Affen dem Scheine nach
ebenso geeignete wie wir um Worte zu bilden und doch trifft man bei ihnen
nicht die geringste Annäherung dazu an Es muss ihnen also dazu etwas was nicht
in die Sinne fällt fehlen Man muss auch in Betracht ziehen dass man sprechen
dh durch die Laute des rundes sich vernehmlich machen könnte wenn man sich
der Töne der Musik zu diesem Zwecke bediente Aber um eine Sprache der Töne zu
finden würde es mehr Kunst bedürfen während die der Worte nach und nach durch
Menschen die sich in der natürlichen Einfachheit bewegen hat gebildet und
vervollkommnet werden können Indessen gibt es Völker wie die Chinesen welche
mittelst der Töne und Akzente ihre Worte vermannigfaltigen da sie deren nur
eine kleine Zahl haben Dies war denn auch der Gedanke des Golius eines
berühmten Mathematikers und großen Sprachkenners dass die Sprache der Chinesen
künstlich sei dh dass sie auf einmal durch irgend einen klugen Mann erfunden
worden sei um einen Wortverkehr zwischen einer Menge von verschiedenen Nationen
herzustellen welche jenes große Land welches wir China nennen bewohnen wenn
diese Sprache sich auch jetzt durch den langen Gebrauch verändert haben könnte
2 Philalethes Wie der OrangUtan und andere Affen die Organe haben ohne
Worte zu bilden so kann man sagen dass die Papageien und einige andere Vögel
Worte haben ohne Sprache zu haben denn man kann diese und einige andere
Vögelgattungen abrichten ganz deutliche Worte zu bilden dennoch sind sie
keineswegs der Spräche fähig Nur der Mensch ist imstande sich dieser Laute als
Zeichen innerer Vorstellungen zu bedienen um sie dadurch anderen kund tun zu
können
Theophilus Ich glaube dass wir ohne den Wunsch uns verständlich zu machen
in der Tat niemals die Sprache gebildet haben würden nachdem sie aber gebildet
worden ist dient sie den Menschen noch dazu über sich selbst nachzudenken
sowohl durch das Mittel welches ihm die Worte gewähren sich abstrakter
Gedanken zu erinnern als durch den Nutzen welchen man beim Nachdenken im
Gebrauch von Charakteren und tauben Gedanken findet Denn es würde zu viel Zeit
erfordern wenn man alles erklären und die Definition immer an die Stelle der
Ausdrücke setzen wollte
3 Philalethes Da aber die Vervielfältigung der Worte deren Gebrauch
verwirrt haben würde wenn man zur Bezeichnung jedes besonderen Dinges ein
bestimmtes Wort nötig gehabt hätte so ist die Sprache durch den Gebrauch
allgemeiner Ausdrücke die da die allgemeinen Vorstellungen bezeichnen noch
vervollkommnet worden
Theophilus Die allgemeinen Ausdrücke dienen nicht allein zur Vollkommenheit
der Sprachen sondern sind sogar notwendig um ihr Wesen herzustellen Denn wenn
man unter den besonderen Dingen die individuellen Dinge versteht so würde es
unmöglich sein zu sprechen wenn es nur Eigennamen und keine Appellativa gäbe
dh wenn es nur Worte für das Individuelle gäbe da in jedem Augenblick Neues
wiederkehrt wenn es sich um individuelle Zufälligkeiten und besonders um
Handlungen handelt welche man gerade am meisten bezeichnete wenn man aber unter
den besonderen Dingen die niedrigsten Arten species infimas versteht so ist
es außer der häufig vorkommenden Schwierigkeit sie fest zu bestimmen auch
offenbar dass sie schon auf die Ähnlichkeit begründete allgemeine Begriffe sind
Da es sich also nur um die größere oder geringere Ähnlichkeit handelt je
nachdem man von Gattungen oder Arten spricht so ist es natürlich jede Art von
Ähnlichkeit oder Übereinstimmung zu bezeichnen und folglich allgemeine Worte
jeglichen Grades anzuwenden und selbst die allgemeinsten da sie in Hinsicht
der von ihnen umfassten Vorstellungen oder Wesenheiten mögen sie auch
umfassender sein weniger in sich enthalten waren sehr oft in Hinsicht auf die
Individuen denen sie zukommen leichter zu bilden und sind die nützlichsten So
sehen Sie auch dass die Kinder und diejenigen die von der Sprache welche sie
sprechen wollen oder von dem Gegenstand wovon sie sprechen nur wenig wissen
allgemeiner Worte sich bedienen wie Sache Pflanze Tier statt besondere Worte
anzuwenden die ihnen fehlen Und es ist sicher dass alle Eigennamen oder
individuelle Bezeichnungen ursprünglich Appellativa oder allgemeine Worte
gewesen sind
4 Philalethes Es gibt sogar Worte welche die Menschen anwenden nicht
um eine Vorstellung sondern um den Mangel oder die Abwesenheit einer gewissen
Vorstellung zu bezeichnen wie Nichts Unwissenheit Unfruchtbarkeit
Theophilus Ich sehe nicht ein warum man nicht sagen könnte dass es
negative Vorstellungen gibt wie es negative Wahrheiten gibt denn die Handlung
des Verneinens ist positiv Ich habe dies schon vorher einigermaßen berührt
5 Philalethes Ohne darüber zu streiten wird es um sich dem Ursprunge
aller unserer Begriffe und Erkenntnisse ein wenig mehr zu nähern zu bemerken
nützlich sein wie die Worte welche man zum Ausdruck für den Sinnen ganz
entrückte Handlungen und Begriffe anwendet ihren Ursprung aus den sinnlichen
Vorstellungen gewinnen von woher sie zu abstruseren Bezeichnungen übertragen
worden sind
Theophilus Unsere eigenen Bedürfnisse zwingen uns die natürliche Ordnung
der Vorstellungen zu verlassen denn wenn wir nicht auf unsere Interessen
Rücksicht nähmen würde diese Ordnung Engeln und Menschen und allen Geistern im
allgemeinen gemeinsam sein und von uns befolgt werden müssen Wir haben uns also
dem anpassen müssen was Gelegenheiten und Zufälle denen unser Geschlecht
einmal unterworfen ist uns geliefert haben und diese Ordnung gibt nicht den
Ursprung der Begriffe sondern sozusagen die Geschichte unserer Entdeckungen
Philalethes Sehr richtig und zwar kann uns die Analyse der Worte mittelst
der Namen selbst die Verkettung lehren welche die Analyse der Begriffe aus dem
von Ihnen schon angeführten Grunde nicht geben kann So sind folgende Worte
sich einbilden begreifen anhangen verstehen eingeben sich ekeln
Verwirrung Ruhe alle von den Wirkungen sinnlicher Dinge entlehnt und gewissen
Denkmodi angepasst Das Wort Geist ist in seiner ersten Bezeichnung der Wind und
das Wort Engel bedeutet Bote Daraus können wir abnehmen welche Art von
Begriffen diejenigen hatten welche jene Sprache zuerst redeten und wie die
Natur den Menschen den Ursprung und Anfang aller ihrer Erkenntnisse durch die
Worte selbst unbewussterweise darbot
Theophilus Ich habe Ihnen schon bemerklich gemacht dass man in dem
Glaubensbekenntnis der Hottentotten den heiligen Geist durch ein Wort bezeichnet
hat das bei ihnen einen wohltätigen und sanften Windeshauch bezeichnet Ebenso
verhält es sich in Bezug auf die meisten anderen Worte und man erkennt das
sogar nicht immer weil die wahren Wortableitungen in den meisten Fällen
verloren gegangen sind Ein gewisser der Religion wenig zugetaner Holländer hat
von dieser Wahrheit dass nämlich die Ausdrücke der Theologie Moral und
Metaphysik ursprünglich von gemeinsinnlichen Dingen hergenommen sind den
schlimmen Gebrauch gemacht die Theologie und den christlichen Glauben in einem
kleinen flamändischen Wörterbuche lächerlich zu machen worin er in boshafter
Wendung den Ausdrücken nicht solche Definitionen und Erklärungen gab wie der
Sprachgebrauch es verlangt sondern wie die ursprüngliche Bedeutung der Vierte
zu ergeben schiene und da er auch sonst Zeichen von Gottlosigkeit gegeben hatte
wurde er wie man sagt im Raspelhaus dafür bestraft Indessen ist es gut diese
Analogie der sinnlichen und unsinnlichen Dinge in Betracht zu ziehen welche den
Übertragungen als Grund gedient hat man wird dies besser verstehen wenn man
ein solches sich weit erstreckendes Beispiel in Betracht zieht das uns der
Gebrauch der Präpositionen liefert wie zu mit von vor in außer durch
für über gegen die alle vom Ort der Entfernung und der Bewegung hergenommen
und nachher auf alle Arten von Veränderungen Ordnungen Folgen
Verschiedenheiten Übereinstimmungen übertragen worden sind Zu bedeutet sich
einer Sache nähern wie wenn man sagt Ich gehe zur Stadt Wie man aber wenn
man ein Ding mit einem anderen verbinden will es demselben da nähert wo die
Vereinigung geschehen soll so sagen wir dass ein Ding zu einem anderen gefügt
werde und ferner da sozusagen eine übersinnliche Verknüpfung stattfindet wenn
etwas von einem anderen nach moralischen Gründen folgt sagen wir dass das
welches den Bewegungen und Willensakten jemandes folgt dieser Person zugehöre
oder ihr eigen sei wie wenn man es auf diese Person abgesehen hätte zu ihr
oder mit ihr zu gehen Ein Körper ist mit einem anderen wenn sie sich an
demselben Orte beenden Aber man sagt auch ein Ding sei mit einem anderen das
sich mit ihm zu derselben Zeit in derselben Ordnung oder einem Teil derselben
Ordnung beendet oder mit ihm an derselben Handlung teilnimmt Wenn man von einem
Orte kommt so ist dieser Ort der sinnlichen Dinge wegen welche er uns
dargeboten hat unser Gegenstand gewesen und ist noch Gegenstand unseres von ihm
ganz erfüllten Gedächtnisses und daher kommt es dass der Gegenstand mit dem
Vorworte von bezeichnet wird wie wenn man sagt es handelt sich davon nämlich
wie wenn man davon käme Und da das was in einem Orte oder einem Ganzen
eingeschlossen ist sich darauf stützt und mit ihm aufgehoben wird so werden
die Akzidenzien ebenso angesehen als gleichsam in dem Subjekte sunt in
subjecto als dem Subjekt inhärierend inhaerent subjecto Das Wörtchen über
wird auch von dem Gegenstande gebraucht man sagt Man ist über einer Materie
ungefähr wie ein Arbeiter über dem Holz oder über dem Stein ist den er
schneidet und formt Da nun diese Analogien außerordentlich veränderlich sind
und von deutlichen Begriffen gar nicht abhangen so sind aus diesem Grunde die
Sprachen sehr verschieden in dem Gebrauch der Partikeln und Fälle welche die
Vorwörter regieren oder in welchen sie sich als gemeint und eingeschlossen
finden
1 Philalethes Da die Worte nun von den Menschen angewandt werden um
ihre Vorstellungen zu bezeichnen so kann man gleich fragen wie diese Worte
jene Bestimmung erlangt haben und man ist darüber einig dass dies nicht durch
eine natürliche Verknüpfung gesteht die zwischen bestimmten artikulierten
Lauten und bestimmten Vorstellungen stattfindet denn in diesem Falle würde es
unter den Menschen nur eine Sprache geben sondern durch eine willkürliche
Einrichtung auf Grund deren ein solches Wort zum Zeichen einer solchen
Vorstellung gewählt worden ist
Theophilus Ich weiß dass man in den Schulen und sonst überhaupt zu sagen
pflegt die Bedeutung der Worte sei willkürlich ex instituto und allerdings
sind sie nicht durch eine natürliche Notwendigkeit bestimmt aber sie sind es
nichtsdestoweniger bald durch natürliche Gründe an denen der Zufall mitwirkt
bald durch moralische Gründe wobei eine Wahl eintritt Vielleicht gibt es auch
künstliche Sprachen die ganz aus der Wahl hervorgehen und vollständig
willkürliche sind wie man glaubt dass die chinesische eine solche gewesen ist
oder wie die des Georgius Dalgarnus und des verstorbenen Bischofs von Chester
Wilkins es sind Aber diejenigen von welchen man weiß dass sie aus schon
bekannten Sprachen gemacht worden sind sind willkürliche mit Beimischung
dessen was in den dabei zugrunde liegenden Sprachen Natur und Zufall ist So
verhält es sich mit denen welche die Diebe gemacht haben um nur von den
Mitgliedern ihrer Bande verstanden zu werden was die Deutschen Rotwelsch die
Italiener Lingua Zerga die Franzosen das Narquois nennen Man bildet dieselben
gewöhnlich aus den ihnen bekannten gemein üblichen Sprachen indem sie entweder
die gebräuchliche Wortbedeutung durch Übertragungen verändern oder neue Wörter
durch eine Zusammensetzung oder Ableitung auf ihre Art bilden Es bilden sich
auch Sprachen durch den Umgang verschiedener Völker miteinander sei es dass man
benachbarte Sprachen ohne Unterschied vermischt sei es dass man wie am
häufigsten geschieht eine derselben zur Grundlage nimmt die man durch
Vernachlässigung und Abänderung ihrer Gesetze und selbst durch Hinzufügung neuer
Worte verstümmelt ändert mischt und verdirbt Die Lingua Franca deren man
sich am mittelländischen Meere im Handel bedient ist aus dem Italienischen
gemacht und man hält sich darin nicht an die grammatischen Regeln Ein
armenischer Dominikaner den ich in Paris sprach hatte sich eine Art von Lingua
Franca die aus dem Latein gemacht war gebildet oder sie von seinesgleichen
gelernt ich fand sie ganz verständlich obgleich es darin weder Fälle noch
Zeiten noch andere Flexionen gab und da er derselben gewohnt war sprach er
sie mit Leichtigkeit Der sehr gelehrte durch so viele andere Werke bekannte
französische Jesuit Pater Labbé hat eine Sprache gebildet deren Grundlage das
Latein ist die bequem und weniger gezwungen ist als unser Latein aber
regelmäßiger als die Lingua Franca Er hat ein besonderes Buch darüber
geschrieben Was diejenigen Sprachen anbetrifft welche wie man findet seit
langer Zeit gebildet sind so gibt es darunter wenige die heutzutage nicht
außerordentlich verändert wären Dies zeigt sich wenn man sie mit den alten
Büchern und Denkmälern vergleicht wie davon übrig sind Das alte Französische
nähert sich mehr dem Provenzalischen und Italienischen und wie das Deutsche
mit dem Französischen oder vielmehr Romanischen sonst Lingua Romana Rustica
genannt im neunten Jahrhundert nach Jesus Christus beschaffen war sieht man
aus den Eidesformeln der Söhne des Kaisers Ludwig des Frommen welche uns deren
Anverwandter Nithardt aufbewahrt hat Man findet sonst nirgends so altes
Französisch Italienisch oder Spanisch Für das Teutonische oder das alte
Deutsche gibt es das Evangelium des Otfried eines Weißenburger Mönches aus
derselben Zeit welches Flacius veröffentlicht hat und Schiller von neuem
herausgeben wollte Und noch ältere Bücher haben uns die nach Großbritannien
gezogenen Sachsen hinterlassen Es gibt eine durch einen gewissen Caedmon
gemachte Übersetzung oder Paraphrase des Anfangs der Genesis und anderer Teile
der heiligen Geschichte deren Beda schon erwähnt Aber das älteste Buch nicht
nur in deutscher Sprache sondern in allen europäischen Sprachen die
griechische und lateinische ausgenommen ist das Evangelienbuch der Goten vom
schwarzen Meere bekannt unter dem Namen des Codex Argenteus und in ganz
besonderen Schriftzügen abgefasst Dies fand sich in einem alten
Benediktinerkloster zu Werden in Westphalen und ist nach Schweden gebracht
worden wo man es begreiflicherweise ebenso sorgfältig aufbewahrt als die
Urschrift der Pandekten zu Florenz obgleich diese Übersetzung für die Ostgoten
und in einem von der skandinavischen Germanensprache sehr fernstehenden Dialekt
abgefasst war Der Grund aber ist dass man mit einiger Wahrscheinlichkeit glaubt
die Goten des schwarzen leeres seien ursprünglich aus Skandinavien oder
wenigstens vom baltischen Meere hergekommen denn die Sprache oder der Dialekt
dieser alten Goten ist vom neuen Deutschen sehr verschieden obgleich der
Grundzug der Sprache der nämliche ist Das alte Gallische war davon noch mehr
verschieden wenn man aus der dem wahren Gallischen ähnlichsten Sprache urteilt
welche die von Wales von Cornwallis und das Bas Breton ist Das Irländische
aber ist davon noch verschiedener und zeigt uns die Spuren einer noch älteren
britischen gallischen und deutschen Sprache Indessen alle diese Sprachen
stammen aus einer Quelle und können als Variationen der nämlichen Sprache
angenommen werden welche man das Keltische nennen könnte Auch die Alten
nannten sowohl die Germanen als die Gallier Kelten und wenn man höher
hinaufgeht um die Anfänge sowohl des keltischen und Lateinischen als des
Griechischen zu umfassen die mit den germanischen oder keltischen Sprachen
viele Wurzeln gemein haben so könnte man vermuten dass dies von dem gemeinsamen
Ursprung aller dieser Völker herkommt die von den vom schwarzen Meere
hergekommenen Skythen abstammen Diese Skythen haben die Donau und Weichsel
überschritten und ein Teil davon mag nach Griechenland gegangen sein der
andere mag Deutschland und Gallien erfüllt haben eine Folgerung der
Voraussetzung dass die Europäer aus Asien eingewandert sind Das Sarmatische
vorausgesetzt dass es slawisch ist ist zur Hälfte wenigstens entweder deutschen
oder mit dem Deutschen gemeinsamen Ursprungs Etwas Ähnliches zeigt sich sogar
in der finnischen Sprache welche die der ältesten Skandinavier ist bevor die
germanischen Völker nämlich die Dänen Schweden und Norweger dort den besten
und dem Meere zunächst gelegenen Teil des Landes besetzt hatten Die Sprache der
Finnen oder des Nordosten unseres Weltteiles welche auch die der Lappen ist
erstreckt sich vom deutschen oder norwegischen Meere bis gegen das kaspische
Meer indem sie freilich durch die slawischen Völker unterbrochen wird die sich
dazwischen geschoben haben Sie hat auch Beziehung zum Ungarischen welches aus
Ländern stammt die gegenwärtig zum Teil unter Russland stehen Die tatarische
Sprache aber welche mit allen ihren verschiedenen Verzweigungen das
nordöstliche Asien erfüllt scheint die der Hunnen und humanen gewesen zu sein
wie sie die der Usbeken oder Türken der Kalmücken und der Mugallen ist Alle
diese skythischen Sprachen nun haben untereinander und mit unseren Sprachen
viele Wurzeln gemein und selbst im Arabischen unter das man das Hebräische
das Altpunische das Chaldäische das Syrische und das äthiopische der
Abessinier begreifen muss finden sich deren so viele und von so offenbarer
Übereinstimmung mit den unserigen dass man es nicht dem bloßen Zufall
zuschreiben kann noch selbst dem bloßen Verkehr sondern vielmehr den
Völkerwanderungen Also findet man hierin keinen Grund welcher der Ansicht von
dem gemeinschaftlichen Ursprunge aller Völker und einer ursprünglichen
Grundsprache widerstritte und sie nicht vielmehr begünstigte Wenn das
Hebräische oder Arabische sich derselben am meisten nähert so muss es sich
wenigstens stark verändert haben und das Deutsche scheint mehr Ursprüngliches
und um die Sprache des Jacob Böhme zu reden Adamitisches bewahrt zu haben
Denn wenn wir die ursprüngliche Sprache in ihrer Reinheit oder so weit erhalten
hätten um sie noch wieder zuerkennen so müssten die Gründe der Verbindungen
darin klar erscheinen mögen diese nun von der Natur oder aus einer
willkürlichen weisen und des ersten Urhebers würdigen Einrichtung stammen Aber
gesetzt auch dass unsere Sprachen abgeleitete sind so haben sie
nichtsdestoweniger doch im Gründe etwas Ursprüngliches in sich welches
hinsichtlich der Wurzelworte und der neuen später bei ihnen durch Zufall aber
auf natürliche Gründe hin gebildeten Wurzeln bei ihnen entstanden ist
Diejenigen welche die Stimme der Tiere bezeichnen oder daher genommen sind
dienen dafür zum Beispiel Solches ist zB das lateinische Wort coaxare was
von den Fröschen gesagt wird und mit dem deutschen Quaken in Beziehung steht
Das Geräusche dieser Tiere scheint überhaupt die ursprüngliche Quelle auch
anderer Worte der deutschen Sprache zu sein Denn da diese Tiere großen Lärm
machen so wendet man es heutzutage für die Reden leerer Schwätzer an welche
man mit dem Verkleinerungswort Quakeler nennt aber offenbar wurde dieselbe
Wort quaken sonst im guten Sinne genommen und bezeichnete jede Art von Lauten
die man mit dem Munde machte sogar ohne die Sprache dabei auszunehmen Und da
diese Laute oder Geräusche der Tiere ein Lebenszeichen sind und man durch sie
ohne zu sehen erkennt dass etwas Lebendiges dahinter ist so kommt es dass »
quek« im Altdeutschen Leben oder Lebendiges bezeichnet wie man es in den
ältesten Büchern bemerken kann und auch in der neueren Sprache noch gibt es
davon Spuren denn Quecksilber ist lebendiges Silber und erquicken bedeutet
stärken gleichsam wiederbeleben oder sich nach einer Ohnmacht oder schwerer
Arbeit wieder erholen Man nennt auch im Plattdeutschen ein gewisses Unkraut
Quecken die sozusagen lebendig sind und fortlaufen wie man auf Deutsch sagt
die sich auf den Äckern zum Schaden des Getreides ausdehnen und leicht
fortkommen und im Englischen bedeutet quickly schnell und mit Lebhaftigkeit
Man kann also das Urteil fällen dass die deutsche Sprache hinsichtlich dieser
Worte als ursprünglich gelten kann da die Alten nicht nötig hatten anderswoher
einen Laut zu entleihen um den der Frösche nachzuahmen Es gibt noch viele
andere wobei dasselbe stattfindet Denn die alten Deutschen Kelten und andere
mit ihnen verwandte Völker scheinen aus einem Naturinstinkt den Buchstaben R
gebraucht zu haben um eine heftige Bewegung und ein Geräusch wie das dieses
Buchstabens zu bezeichnen Dies sieht man in rheô fließen rinnen rühren
rutir Rhein Rhone Roer Rhenus Rhodanus Eridanus Rura rauben rapere
ravir Rad rota radere raser rauschen ein schwer zu übersetzendes Wort es
bezeichnet ein Geräusch wie das der Blätter oder Bäume welches der Wind oder
ein durchstreifendes Tier darin macht oder den ein Schleppkleid verursacht
recken gewaltsam ausdehnen Daher kommt es dass reichen berühren ist dass der
Rick einen langen Stock oder eine Stange die zum Aufhängen von etwas dient in
jener Art von Plattdeutsch oder Niedersächsisch bezeichnet das bei Braunschweig
gesprochen wird dass Rige Reihe regula regere sich auf eine Länge oder gerade
Linie bezieht und dass Reck eine sehr ausgedehnte lange Sache oder Person
bezeichnet hat besonders einen Riesen und sodann einen reichen und mächtigen
Mann wie im »reich« der Deutschen und im riche oder ricco der romanischen
Völker erscheint Im Spanischen bezeichnet ricos hombres die Adligen oder
Vornehmen was zugleich verständlich macht wie die Metaphern Synekdochen und
Metonymien die Worte von einer Bedeutung in die andere übergehen machen ohne
dass man immer die Spur davon verfolgen kann Geräusch und gewaltsame Bewegung
bemerkt man auch in »Riss« womit das lateinische rumpo das griechische rhêgnymi
das französische arracher das italienische straccio in Verbindung stehen Wie
nun der Buchstabe R von Natur eine heftige Bewegung bezeichnet so der Buchstabe
L eine sanftere So sehen wir dass die Kinder und diejenigen denen das R zu
hart und zu schwierig auszusprechen ist an dessen Stelle den Buchstaben L
setzen wie wenn man zB sagt Mon levelend pèle Diese sanfte Bewegung
erscheint in leben laben lind lenis lentus lieben laufen dh schnell
dahingleiten wie gießendes Wasser labi gleiten labitur uncta vadis abies
legen leicht hinsetzen woher liegen kommt lage oder laye ein Bett zB ein
Steinlager Laystein Tonschieferlage lego lese dh was da steht sammle
ich das Gegenteil von legen Laub etwas leicht sich Bewegendes wohin auch
gehören lap liel lenken luo lyô lien im Niedersächsischen sich auflösen
schmelzen wie Schnee daher der Name des Flusses Leine im Hannöverschen der aus
dem Gebirge kommend durch geschmolzenen Schnee stark anschwillt Wir haben
nicht nötig noch eine zahllose Menge anderer Bezeichnungen hinzuzufügen die
beweisen dass in dem Ursprung der Worte etwas Natürliches waltet was den
Zusammenhang zwischen den Dingen und den Lauten und Bewegungen der Sprachorgane
zeigt worin auch der Grund liegt dass der Buchstabe L mit anderen Worten
verbunden bei den Lateinern den Romanen und den Hochdeutschen die
Verkleinerung bezeichnet Indessen muss man nicht behaupten dass jene Beziehung
sich überall bemerken lässt denn der Löwe der Luchs der Wolf auf französisch
loup sind nichts weniger als sanft Aber man kann sich dabei an einen anderen
Umstand gehalten haben nämlich die Schnelligkeit den Lauf die sie furchtbar
macht oder zum Laufen zwingt wie wenn der welcher ein solches Tier kommen
sieht den anderen zuruft Lauft dh Flieht Überdies sind die meisten Worte
durch verschiedene Zufälle und Veränderungen außerordentlich modifiziert und von
ihrer ursprünglichen Aussprache und Bedeutung abgewichen
Philalethes Ein ferneres Beispiel würde dies noch besser verständlich
machen
Theophilus Da haben Sie eins das klar genug ist und zugleich mehrere
andere in sich fasst Das Wort Auge und seine Verwandtschaft kann dazu dienen
was zu zeigen ich ein wenig weiter ausholen will Aus A dem ersten Buchstaben
wenn man eine kleine Aspiration folgen lässt wird Ah und da dies ein Aushauchen
der Luft ist das einen anfangs ziemlich hellen und darauf verschwindenden Ton
gibt so bezeichnet dieser Ton natürlicherweise einen gelinden Hauch spiritus
lenis wenn A und H nicht besonders stark sind Daher haben aô aer aura
haugh halare haleine atmos Atem Odem im Deutschen ihren Ursprung Da nun
das Wasser auch eine Flüssigkeit ist und Geräusch macht so ist es wie mir
scheint gekommen dass Ah nachdem man es durch Verdoppelung stärker gemacht
hat also aha oder ahha für das Wasser genommen wurde Die Teutonen und übrigen
Kelten haben um die Bewegung besser zu bezeichnen dem einen wie dem anderen
ihr W vorgesetzt darum bezeichnen Wehen Wind vent die Bewegung der Luft und
waten vadum water die Bewegung des Wassers oder im Wasser Um aber auf Aha
zurückzukommen so scheint es wie ich gesagt habe eine Art Wurzel zu sein
welche Wasser bezeichnet Die Isländer die von dem alten skandinavischen
Teutonismus etwas übrig behalten haben schwächten die Aspiration und sagten Aa
andere welche Aken sprechen indem sie Aix Aquas grani verstanden haben sie
verstärkt wie auch die Lateiner in ihrem Aqua und die Deutschen an gewissen
Stellen indem sie Ach in den Zusammensetzungen gebrauchen um das Wasser zu
bezeichnen wie wenn Schwarzach schwarzes Wasser Biberach Biberwasser
bezeichnet Und statt Wiser oder Weser sagte man in den alten Rechtsurkunden
Wiseraha und Wisurach bei den alten Einwohnern woraus die Lateiner Visurgis
gemacht haben wie sie aus Iler Ilerach Ilargus gemacht haben Aus Aqua
Aiugues Auue haben die Franzosen endlich ihr Eau gemacht welches sie Oo
aussprechen wobei dann vom Ursprünglichen nichts mehr bleibt Auwe Auge bei
den Deutschen ist heutzutage ein Ort den das Wasser oft überschwemmt und der
zur Viehweide geeignet ist locus irriguus pascuus in noch engerer Bedeutung
aber bezeichnet es eine Insel wie im Namen des Klosters Reichenau Augia dives
und in vielen anderen Und dies muss bei vielen teutonischen und keltischen
Völkern stattgefunden haben denn daher ist es gekommen dass alles was in einer
Art Ebene wie abgesondert ist Auge oder Ouge oculus genannt worden ist So
nennt man auch bei den Deutschen die Öltropfen auf dem Wasser und bei den
Spaniern ist ojo ein Loch Indessen sind Auge Ooge oculus occhio usw
vorzugsweise auf das Sehorgan angewandt worden welches jene hervorstehende
gesonderte Vertiefung im Gesicht ausmacht und ohne Zweifel kommt das
französische oeil auch daher aber dessen Ursprung ist ganz und gar nicht
erkennbar wenn man nicht der soeben gegebenen Verkettung nachgeht und omma und
ophis der Griechen scheint aus derselben Quelle zu stammen Oe oder Oeland ist
eine Insel bei den Nordländern und davon gibt es eine Spur im Hebräischen wo
Ai Ai eine Insel ist Bochart nahm an dass die Phönizier den Namen welchen
sie seiner Ansicht nach dem von Inseln erfüllten ägäischen Meere gegeben hatten
daher bezogen hätten Augere vermehren kommt auch von Auue oder Auge dh
von der Wasserausschüttung wie ooken auken im Altsächsischen vermehren
bedeutete und Augustus wenn man darunter den Kaiserverstand wurde durch Ooker
übersetzt Der Fluss bei Braunschweig welcher aus dem Erzgebirge kommt und
folglich Anschwellungen sehr unterworfen ist wird Ocker genannt und hieß
ehemals Ouacra Auch bemerke ich im Vorbeigehen dass die Flussnamen weil sie in
der Regel aus dem höchsten bekannten Altertum stammen am besten auf die alte
Sprache und die alten Bewohner hindeuten daher sie eine besondere Untersuchung
verdienten Und da die Sprachen im allgemeinen die ältesten Denkmäler der Völker
noch vor der Schrift und den Künsten sind so zeigen sie auch am besten den
Ursprung der Verwandtschaften und Wanderungen an Aus diesem Grunde würden die
Etymologien richtig verstanden merkwürdig und bedeutsam sein man muss nur die
Sprachen mehrerer Völker zusammennehmen und nicht von einer Nation zu einer
anderen sehr entfernten zu viel Sprünge machen ohne hinlängliche Begründungen
dafür zu haben wobei es vor allem darauf ankommt die Völker dazwischen als
Gewährsmänner zu haben Und im allgemeinen darf man den Etymologien keinen
Glauben schenken als wenn man eine Menge zusammenstimmender Zeugnisse hat
sonst goropisiert man
Philalethes Goropisiert man Was heißt das
Theophilus Man sagt so weil die seltsamen und oft lächerlichen Etymologien
des Goropius Becanus eines gelehrten Arztes im sechzehnten Jahrhundert
sprüchwörtlich geworden sind obgleich er übrigens nicht so ganz unrecht gehabt
hat zu behaupten dass die deutsche Sprache welche er die cimbrische nennt
ebensoviel und mehr Zeichen von etwas Ursprünglichem bietet als seihst das
Hebräische Ich erinnere mich dass der verstorbene Clauberg der ausgezeichnete
Philosoph eine kleine Abhandlung über den Ursprung der deutschen Sprache
geschrieben hat welche den Verlust dessen was er über diesen Gegenstand
versprochen hatte bedauern lässt Ich selbst habe einige Gedanken dazugegeben
und außerdem den verstorbenen Gerard Meier einen Bremischen Theologen darüber
zu arbeiten veranlasst was er auch getan hat aber er wurde durch den Tod
unterbrochen Gleichwohl hoffe ich dass die Welt noch einmal davon ebensogut
Nutzen haben wird als von den ähnlichen Arbeiten des berühmten Juristen
Schiller zu Straßburg der aber nun auch gestorben ist
Wenigstens ist sicher dass die Sprache und Altertümer der Teutonen in den
meisten Untersuchungen über den Ursprung die Sitten und Altertümer Europas von
Gewicht sind Und ich möchte wünschen dass die Gelehrten ebenso in der
walisischen biscaischen slawonischen finnischen türkischen persischen
armenischen georgischen und anderen Sprachen arbeiteten um deren
Übereinstimmung zu entdecken was wie ich eben gesagt habe besonders dazu
dienen würde den Ursprung der Nationen aufzuklären
2 Philalethes Dieser Vorschlag ist von Wichtigkeit aber gegenwärtig ist
es an der Zeit das Materielle der Worte zu verlassen und auf das Formelle
zurückzukommen dh auf die verschiedenen Sprachen gemeinsame Bedeutung Da
werden Sie mir nun zuerst zugeben dass wenn ein Mensch mit dem anderen spricht
er von seinen eigenen Vorstellungen Zeichen geben will da die Worte von ihm
nicht auf das was er nicht kennt angewandt werden können Und sofern jemand
Vorstellungen von eigener Ermüdung hat kann er nicht annehmen dass sie mit den
Eigenschaften der Dinge oder den Begriffen anderer Leute übereinstimmen
Theophilus Dennoch ist es wahr dass man sehr oft vielmehr das bezeichnen
will was andere denken als was man auf eigene Hand denkt wie es nur zu oft
Laien begegnet deren Glaube blind ist Ich gebe indessen zu dass man immer
etwas Allgemeines versteht mag der Gedanke auch noch so taub und von
Verständnis bar sein und sich wenigstens bemüht die Worte nach der Gewohnheit
der anderen zu ordnen mit dem Glauben zufrieden im Notfall den Sinn davon
lernen zu können So ist man mitunter nur der GedankenDolmetscher oder
Worthandlanger eines anderen ganz wie ein Brief sein würde und das ist man
sogar öfter als man denkt
3 Philalethes Sie haben recht mit dem Zusatze dass man immer etwas
Allgemeines versteht mag man noch so einfältig sein Wenn ein Kind in dem was
es Gold nennen hört nur eine glänzende gelbe Farbe bemerkt hat so gibt es den
Namen Gold derselben Farbe welche es im Schweif eines Pfauen sieht während
andere die bedeutende Schwere Schmelzbarkeit Dehnbarkeit hinzudenken werden
Theophilus Das gebe ich zu indessen ist oft die Vorstellung eines in Rede
stehenden Gegenstandes noch allgemeiner als die jenes Kindes und ich zweifle
nicht dass ein Blinder von den Farben angemessen sprechen und eine Lobrede auf
das Licht halten kann das er nicht kennt weil er nämlich dessen Wirkungen und
Umstände kennen gelernt hat
4 Philalethes Was Sie da bemerken ist sehr wahr Es geschieht oft dass
die Menschen ihre Gedanken mehr auf die Worte als auf die Sachen richten und da
man die meisten dieser Worte vor der Kenntnis der mit ihnen bezeichneten
Vorstellungen gelernt hat so gibt es nicht bloß Kinder sondern auch
Erwachsene welche oft wie die Papageien sprechen 5 Indessen behaupten die
Menschen gewöhnlich ihre eigenen Gedanken zu bezeichnen und messen weiter den
Worten noch eine geheime Beziehung zu den Vorstellungen anderer Leute und zu den
Dingen selbst bei Denn wenn die Laute von demjenigen mit welchem wir uns
unterhalten einer anderen Vorstellung verknüpft würden so hieße das zwei
Sprachen reden allerdings hält man sich nicht allzuviel dabei auf zu prüfen
welches die Vorstellungen der anderen sind und nimmt an dass unsere Vorstellung
diejenige ist welche der große Haufe und die Gebildeten eines Landes mit
demselben Wort verbinden 6 Dies findet im besonderen hinsichtlich der
einfachen Vorstellungen und der Modi statt was aber die Substanzen anbetrifft
so glaubt man dabei noch spezieller dass die Worte auch die Wirklichkeit der
Dinge bezeichnen
Theophilus Substanzen und Modi werden in gleicher Weise von den
Vorstellungen dargestellt und die Sachen ebensogut wie die Vorstellungen in dem
einen und anderen Falle durch die Worte bezeichnet Ich sehe also keinen
Unterschied sonst dabei als dass die Vorstellungen der substantiellen Dinge und
der sinnlichen Eigenschaften mehr feststehen Es kommt übrigens zuweilen vor
dass unsere Vorstellungen und Gedanken der Gegenstand unserer Unterredungen sind
und dasjenige was man bezeichnen will selbst ausmachen und dass die
Reflexionsbegriffe mehr als man denkt an den Begriffen der Wirklichkeit
teilnehmen Mitunter spricht man sogar von den horten materiellerweise ohne in
diesem Falle an Stelle des Wortes die Bedeutung oder die Beziehung zu den
Vorstellungen oder Dingen bestimmt setzen zu können Dies geschieht nicht
allein wenn man als Grammatiker sondern auch wenn man als Lexikograph
spricht indem man die Erklärung des Wortes gibt
1 Philalethes Obgleich es nur besondere Dinge gibt so besteht der
größte Teil der Wörter nichtsdestoweniger in allgemeinen Ausdrücken weil es
unmöglich ist 2 dass jede besondere Sache einen besonderen und bestimmten
Namen für sich hat und außerdem dazu ein wunderbares Gedächtnis nötig wäre
gegen welches dasjenige gewisser Feldherren die alle ihre Soldaten bei Namen
nennen konnten nichts sein würde Die Sache wächst sogar bis ins Unendliche
wenn jedes Tier jede glänze und selbst jedes Pflanzenblatt jedes Korn endlich
jedes Sandkörnchen dass man zu nennen nötig hätte seinen Namen haben müsste Und
wie soll man die für die Sinnlichkeit gleichartigen Teile der Dinge wie des
Wassers des Feuers benennen 3 Zudem wären diese besonderen Namen unnütz
weil der Hauptzweck der Sprache darin besteht im Geiste dessen der mich hört
eine der meinigen ähnliche Vorstellung zu erwecken Also genügt die Ähnlichkeit
welche durch die allgemeinen Ausdrücke bezeichnet wird 4 Auch würden die
besonderen Worte allein nicht dazu dienen unsere Erkenntnisse zu erweitern
noch uns von der Vergangenheit auf die Zukunft oder von einem Individuum auf
ein anderes schließen zu lassen 5 Da man indes oft nötig hat gewisse
Individuen besonders unserer Art zu erwähnen so bedient man sich der
Eigennamen diese gibt man auch den Ländern Städten Bergen und anderen
Ortsunterscheidungen Geben doch die Rosshändler so gut wie Alexander seinem
Bucephalus eigene Namen um dies oder jenes besondere Pferd wenn es aus ihren
Augen entfernt ist unterscheiden zu können
Theophilus Diese Bemerkungen sind gut und darunter solche welche mit den
eben von mir gemachten zusammenstimmen Aber ich möchte im Verfolg dessen was
ich schon bemerkt habe hinzufügen dass die Eigennamen gewöhnlich Appellativa
gewesen sind dh allgemeine Ausdrücke wie Brutus Cäsar Augustus Capito
Lentulus Piso Cicero Elbe Rhein Ruhr Leine Ocker Bucephalus Alpen
Brenner oder Pyrenäen denn man weiß dass der erste Brutus diesen Namen von
seinem anscheinenden Stumpfsinn hatte dass Caesar den Namen eines Kindes hatte
welches durch einen Schnitt aus dem Mutterschoß gezogen worden ist dass Augustus
ein Ehrenname war dass Capito Dickkopf bedeutet wie auch Bucephalus dass
Lentulus Piso und Cicero ursprünglich denjenigen Personen gegebene Namen
gewesen sind welche besonders gewisse Gemüsearten bauten Was die Namen jener
Flüsse Rhein Ruhr Leine Ocker bedeuten habe ich schon gesagt Man weiß
auch dass in Skandinavien noch alle Flüsse »Elbe« genannt werden Endlich sind
Alpen solche Berge die mit Schnee bedeckt sind womit album dh weiß stimmt
und Brenner oder Pyrenäen bedeutet eine große Höhe denn bren war im Keltischen
hoch oder Haupt wie Brennus wie noch bei den Niedersachsen Brinck die Höhe
ist und es zwischen Deutschland und Italien einen Brenner gibt und wie die
Pyrenäen zwischen Gallien und Spanien gelegen sind Demnach möchte ich zu
behaupten wagen dass fast alle Worte ursprünglich Gemeinausdrücke sind weil es
sehr selten vorkommen wird dass man einen Namen Express ohne Grund erfindet um
dies oder jenes Individuum zu bezeichnen Man kann also sagen dass die Namen der
Individuen Gattungsnamen waren welche man vorzugsweise oder sonstwie irgend
einem Individuum beilegte wie den Namen Dickkopf demjenigen in der ganzen
Stadt welcher den größten hatte oder von allen dicken Köpfen die man könnte
der am meisten beachtete war So gibt man sogar die Geschlechtsnamen den Arten
dh man begnügt sich mit einem allgemeinen oder unbestimmten Worte um mehr
besondere Arten zu bezeichnen wenn man sich um die Unterschiede dabei nicht
kümmert So begnügt man sich zB mit dem allgemeinen Namen Wermut obgleich es
davon so viel Arten gibt dass einer der Bauhins darüber ein eigenes Werk
vollgeschrieben hat
6 Philalethes Ihre Bemerkungen über den Ursprung der Eigennamen sind
sehr richtige um aber auf die Appellativa oder allgemeinen Ausdrücke zu kommen
so werden sie ohne Zweifel zugeben dass die Worte allgemein werden wenn sie
Zeichen von allgemeinen Vorstellungen sind und dass die Vorstellungen allgemein
werden wenn man durch Abstraktion die Zeit den Ort oder diejenigen anderen
Umstände davon abtrennt welche sie zu diesem oder jenem besonderen Dasein
bestimmen können
Theophilus Ich leugne diese Anwendung der Abstraktionen nicht aber sie
gilt viel mehr beim Aufsteigen von den Arten zu den Gattungen als von den
Individuen zu den Arten Denn es ist uns unmöglich so widersinnig dies
erscheinen mag die Erkenntnis der individuellen Wesen zu haben und das Mittel
zur genauen Bestimmung der Individualität irgend einer Sache zu finden ohne sie
selbst festzuhalten denn alle Umstände können wiederkehren die kleinsten
Unterschiede bleiben für uns unbemerkt Ort und Zeit weit entfernt von sich
aus zu bestimmen müssen vielmehr selbst durch die Dinge welche sie enthalten
bestimmt werden Das Bemerkenswerteste dabei ist dass die Individualität die
Unendlichkeit in sich schließt und dass nur derjenige welcher dies zu erkennen
imstande ist die Erkenntnis des Prinzips der Individuation dieser oder jener
Sache haben kann Dies kommt von dem richtig zu verstehenden Einfluss aller
Dinge des Weltalls aufeinander her Allerdings würde es nicht so sein wenn es
demokritische Atome gäbe aber dann würde es auch keinen Unterschied zwischen
zwei verschiedenen Individuen derselben Gestalt und Größe geben
7 Philalethes Dennoch ist ganz klar dass die Vorstellungen welche sich
die Kinder von denjenigen Personen bilden mit denen sie umgehen um bei diesem
Beispiel zu verweilen den Personen selbst ähnlich und eben nur besondere sind
Die Vorstellungen welche sie von ihrer Amme oder ihrer Mutter haben sind ihrem
Geiste wohl eingeprägt und die Namen »Amme« oder »Mama« deren die Kinder sich
bedienen beziehen sich nur auf diese Personen Wenn nachher die Zeit sie hat
bemerken lassen dass es mehrere andere Wesen gibt die ihrem Vater oder ihrer
Mutter gleichen so bilden sie eine Vorstellung an der wie sie finden alle
diese besonderen Wesen gleichzeitig teilhaben und geben ihr dann wie andere
auch den Namen Mensch 8 Auf dem nämlichen Wege erwerben sie allgemeinere
Namen und Begriffe so wird zB die neue Vorstellung »lebendes Wesen« nicht
durch Addition gebildet sondern nur durch Aufhebung der Gestalt oder besonderer
Eigenschaften der Menschen und durch Festhaltung des mit Leben Gefühl und
selbständiger Bewegung versehenen Körpers
Theophilus Sehr gut aber dies beweist nur das soeben von mir Bemerkte
denn wie das Kind durch Abstraktion von der Auffassung der Vorstellung des
Menschen zu der der Vorstellung des lebenden Wesens fortgeht ist es von der
mehr spezifischen Vorstellung welche es an seiner Mutter oder seinem Vater oder
anderen ansehen auffasste zu der der menschlichen Natur gekommen Denn um zu
schließen dass es keine genaue Vorstellung des Individuums hatte braucht man
nur zu erwägen dass eine mäßige Ähnlichkeit es leicht täuschen und veranlassen
würde eine andere Frau für seine Mutter zu halten die es nicht wäre Sie
kennen die Geschichte von dem falschen Martin Guerra welcher sogar die Frau des
wirklichen und dessen nächste Verwandte durch die mit Gewandtheit verbundene
Ähnlichkeit betrog und die Richter lange in Verlegenheit setzte selbst nachdem
der wahre dazugekommen war
9 Philalethes So kommt dies ganze Geheimnis von der Gattung und den
Arten wovon man in den Schulen so viel Lärm macht das aber außerhalb derselben
mit Recht so wenig beachtet wird dies ganze Geheimnis sage ich kommt einzig
auf die Bildung mehr oder minder weiter abstrakter Vorstellungen zurück denen
man gewisse Namen gibt
Theophilus Die Kunst die Dinge in Geschlechter und Arten zu ordnen ist
von nicht geringer Bedeutung und dient sowohl dem Urteil als dem Gedächtnis
erheblich Sie wissen von welcher Wichtigkeit dies in der Botanik ist nicht zu
reden von den Tieren und anderen Substanzen und auch von den moralischen und
rationalen Wesen wie einige sie nennen Ein guter Teil der Ordnung hängt davon
ab und mehrere gute Schriftsteller drücken sich so aus dass ihr ganzer Vortrag
sich auf Einteilungen oder Untereinteilungen beschränkt gemäß einer Methode
nach welcher man sich an Geschlechter und Arten hält und die nicht nur dazu
dient die Dinge zu behalten sondern sie sogar zu finden Auch diejenigen
welche alle Arten von Begriffen unter gewisse in Unterabteilungen zerfällte
Titel oder Kategorien verteilt haben haben etwas sehr Nützliches vollbracht
10 Philalethes Indem wir die Worte definieren bedienen wir uns des
nächsten Geschlechtes oder allgemeinen Ausdruckes und zwar geschieht dies um
sich die Mühe zu sparen die verschiedenen einfachen Vorstellungen aufzuzählen
welche dies Geschlecht bezeichnet oder vielleicht mitunter auch um uns die
Schande zu sparen diese Aufzählung nicht machen zu können Obgleich aber der
kürzeste Weg zu definieren durch das Mittel des Geschlechts und des
artbildenden Unterschiedes wie die Logiker sprechen erreicht wird so kann
man meines Erachtens zweifeln ob es der beste sei wenigstens ist er nicht der
einzige In der Definition welche besagt dass der Mensch ein vernünftiges
lebendes Wesen sei welche vielleicht die genaueste nicht ist aber dem
vorliegenden Zweck hinlänglich dient könnte man an die Stelle von »lebendes
Wesen« dessen Definition setzen Dies zeigt wie unnötig die Regel ist dass eine
Definition aus Geschlecht und Artunterschied bestehen müsse und wie
unvorteilhaft es ist sie sorgfältig zu beobachten Ferner sind die Sprachen
nicht immer dergestalt nach den Regeln der Logik gebildet dass die Bedeutung
eines jeden Ausdruckes durch zwei andere genau und klar ausgedrückt werden kann
Auch haben die welche diese Regel gemacht haben unrecht gehabt uns so wenig
Definitionen welche damit übereinstimmen zu geben
Theophilus Ich bin mit Ihren Bemerkungen einverstanden gleichwohl würde es
aus vielen Gründen vorteilhaft sein dass die Definitionen aus zwei Ausdrücken
bestehen könnten Dies würde ohne Zweifel die Sache sehr abkürzen und alle
Einteilungen könnten auf Dichotomien zurückgeführt werden welche die beste Art
der Einteilungen sind und für die Erfindung das Urteil und das Gedächtnis
vorzugsweise dienen Indessen glaube ich nicht dass die Logiker immer das
Geschlecht oder den Artunterschied in einem Worte ausgedrückt verlangen So kann
zB der Ausdruck regelmäßiges Polygon für die Gattung des Quadrats gelten und
in der Figur des Kreises kann die Gattung eine flache krummlinige Figur sein
und der Artunterschied würde dann darin bestehen dass alle Punkte der
Umkreislinie gleichmäßig von einem bestimmten Punkte als Mittelpunkt entfernt
sind Übrigens ist noch gut zu bemerken dass das Geschlecht oft mit dem
Artunterschied und dieser mit dem Geschlecht vertauscht werden kann zB das
Quadrat ist ein regelmäßiges Viereck oder eine vierseitige Figur die regulär
ist so dass also Geschlecht und Artunterschied nur wie Substantiv und Adjektiv
sich voneinander unterscheiden wie wenn man anstatt zu sagen der Mensch ist
ein vernünftiges Lebewesen der Sprache zu sagen verstattete dass der Mensch ein
lebendiges Vernunftwesen ist dh eine vernünftige Substanz die mit einer
natürlichen Lebenskraft begabt ist wahrend die Geister vernünftige Substanzen
sind deren Wesen aber nicht das Leben in dem gewöhnlichen Sinne wie bei den
Tieren ist Und zwar hängt die Möglichkeit dieses Wechsels von Gattungen und
Artunterschieden von der Veränderung der Ordnung in den Unterabteilungen ab
11 Philalethes Aus dem was ich eben gesagt habe folgt dass das was
man allgemein und universell nennt nicht zum Dasein der Dinge gehört sondern
das Werk des Verstandes ist 12 Und die Wesenheiten jeder Art sind nur
abstrakte Vorstellungen
Theophilus Ich sehe diese Folgerung nicht ein Denn die Allgemeinheit
besteht in der Ähnlichkeit der einzelnen Dinge untereinander und diese
Ähnlichkeit ist eine Realität
13 Philalethes Ich wollte Ihnen schon selbst sagen dass diese Arten auf
der Ähnlichkeit beruhen
Theophilus Warum sollen wir denn also nicht auch das Wesen der Gattungen
und Arten darin suchen
14 Philalethes Man wird sich über den von mir ausgesprochenen Satz
weniger wundern dass die Wesenheiten das Werk des Verstandes sind wenn man in
Betracht zieht dass es wenigstens zusammengesetzte Vorstellungen gibt die im
Geiste verschiedener Personen häufig verschiedene Vereinigungen einfacher
Vorstellungen bilden und so ist das was im Geist des einen Menschen Geiz ist
nicht dasselbe im Geist eines zweiten
Theophilus Ich gestehe Ihnen dass ich in wenige Punkten die Gültigkeit
Ihrer Folgerungen weniger eingesehen habe als hierbei und das tut mir leid
Wenn die Menschen über das Wort nicht einige sind ändert denn das die Dinge
selbst oder deren Ähnlichkeiten Wenn der eine das Wort Geiz der einen
Ähnlichkeit der andere einer anderen leiht so sind das zwei verschiedene durch
das nämliche Wort bezeichnete Arten
Philalethes Bei derjenigen Art von Substanzen die uns die vertrauteste
ist und welche wir auf die genaueste Art kennen hat man mitunter gezweifelt
ob die von einer Frau zur Welt gebrachte Frucht ein Mensch sei so dass man sogar
darüber uneinig wurde ob man sie erziehen und taufen sollte dies könnte nicht
der Fall sein wenn die abstrakte Vorstellung oder das Wesen dem der Name des
Menschen zukommt das Werk der Natur wäre und nicht eine davon verschiedene
unsichere Verknüpfung einfacher Vorstellungen welche der Verstand
zusammengefügt hat und welcher er einen Namen beilegt nachdem er sie auf dem
Wege der Abstraktion allgemein gemacht Dergestalt ist im Grunde genommen eine
jede bestimmte durch Abstraktion entstandene Vorstellung für sich eine bestimmte
Wesenheit
Theophilus Verzeihen Sie mir die Bemerkung dass Ihre Rede mich in
Verlegenheit setzt weil ich darin keinen Zusammenhang sehe Wenn wir nicht
immer von den äußeren Ähnlichkeiten auf die inneren schließen können sind diese
denn darum weniger wirklich Wenn man ungewiss ist ob eine Missgeburt ein Mensch
ist so kommt dies daher dass man an ihrer Vernunft zweifelt Sobald sich
findet dass sie eine solche hat werden die Theologen den Ausspruch tun dass sie
getauft werde und die Juristen dass sie erzogen werde Freilich kann man über
die im logischen Sinne genommen niedrigsten Arten miteinander streiten die
sich durch Zufälligkeiten innerhalb derselben physischen Art oder in demselben
Zeugungsstamme abändern man hat aber gar nicht nötig sie zu bestimmen man
kann sie sogar bis ins Unendliche abändern wie man an der großen
Verschiedenheit der Orangen Apfelsinen und Zitronen sieht welche die
Sachkundigen zu benennen und zu unterscheiden wissen Ebenso sah man es an den
Tulpen und Nelken als diese Blumen in der Mode waren Ob übrigens die Menschen
diese oder jene Vorstellungen damit verbinden oder nicht und selbst ob die
Natur sie wirklich oder nicht damit verbindet hat auf die Wesenheiten
Geschlechter oder Arten keinen Einfluss weil es sich dabei nur um Möglichkeiten
handelt die von unserem Denken unabhängig sind
15 Philalethes Gewöhnlich setzt man voraus dass die Art eines jeden
Dinges in der Wirklichkeit begründet ist und dass es etwas geben müsse von dem
jede Vereinigung einfacher Vorstellungen oder zugleich vorhandener Eigenschaften
in einem bestimmten Dinge abhangen muss ist ohne Zweifel Aber da
augenscheinlich die Dinge nur insofern unter bestimmten Namen in Klassen und
Arten geordnet sind als sie mit gewissen abstrakten Vorstellungen
übereinkommen denen wir diesen bestimmten Namen beigelegt haben so ist auch
das Wesen eines jeden Geschlechtes oder jeder Art nichts anderes als die durch
den allgemeinen oder besonderen Namen bezeichnete abstrakte Vorstellung und wir
werden finden dass dies der gewöhnlichste Gebrauch des Wortes Wesenheit ist
Meiner Meinung nach würde es nicht übel sein diese zwei Arten von Wesenheiten
mit zwei verschiedenen Namen zu bezeichnen und die erstere reale Wesenheit die
andere nominale Wesenheit zu nennen
Theophilus Mir scheint dass unsere Sprache in ihren Ausdrucksweisen
außerordentlich viel Neuerungen einführt Man hat bisher wohl von nominalen und
von kausalen oder Real Definitionen nicht aber dass ich es wüsste von anderen
als realen Wesenheiten gesprochen wenigstens würde man unter nominalen
Wesenheiten falsche und unmögliche verstanden haben die Wesenheiten zu sein nur
scheinen aber es nicht sind wie zB die eines regelmäßigen Dekaeders dh des
von 10 Flächen umschlossenen regelmäßigen Körpers Die Wesenheit ist im Grunde
nichts anderes als die Möglichkeit dessen was man denkt Was man als möglich
voraussetzt wird durch die Definition ausgedrückt aber diese Definition ist
nur nominal wenn sie nicht zugleich die Möglichkeit ausdrückt Denn dann kann
man zweifeln ob eine solche Definition etwas Wirkliches dh Mögliches
ausdrückt bis die Erfahrung uns zu Hilfe kommt um uns diese Wirklichkeit a
posteriori zu zeigen wenn die Sache sich tatsächlich in der Welt findet was da
in Ermangelung des Grundes genügt der die Wirklichkeit a priori zeigen würde
indem er die mögliche Ursache der Entstehung des definierten Dinges angibt Es
hängt also nicht von uns ab die Vorstellungen nach unserem Belieben zu
verknüpfen wenn diese Verknüpfung nicht entweder durch die Vernunft welche sie
als möglich zeigt oder durch die Erfahrung welche sie als tatsächlich und
folglich auch als möglich zeigt gerechtfertigt wird Um Wesenheit und
Definition besser zu unterscheiden muss man auch erwägen dass es nur eine
Wesenheit des Dinges aber mehrere Definitionen davon gibt welche die nämliche
Wesenheit ausdrücken wie dasselbe Bauwerk oder dieselbe Stadt von verschiedenen
Seiten aus denen man sie betrachtet durch verschiedene Ansichten dargestellt
werden kann
19 Philalethes Ohne Zweifel denke ich werden Sie mir zugeben dass das
Reale und das Nominale in den einfachsten Vorstellungen und in den Vorstellungen
der Modi stets dasselbe ist in den Vorstellungen der Substanzen aber sind sie
immer ganz verschieden Eine Figur welche einen Raum mit drei Linien
einschließt ist sowohl die reale als die nominale Wesenheit des Dreiecks denn
sie ist nicht allein die abstrakte Vorstellung mit der der allgemeine Name
verbunden ist sondern die Wesenheit oder das eigentümliche Sein der Sache oder
der Grund aus dem ihre Eigenschaften hervorgehen und mit dem sie alle verknüpft
sind Ganz anders aber verhält es sich mit dem Golde Der wirkliche Zusammenhang
seiner Teile von der die Farbe die Schwere die Schmelzbarkeit die
Feuerfestigkeit abhangen ist uns unbekannt und da wir davon keine Vorstellung
haben haben wir auch kein dieselbe bezeichnendes Wort Gleichwohl machen es
jene Eigenschaften dass dieser Stoff Gold genannt wird und sind seine nominale
Wesenheit dh dasjenige was zum Namen ein Recht gibt
Theophilus Ich würde lieber nach dem eingeführten Sprachgebrauch sagen die
Wesenheit des Goldes ist das was dasselbe bildet und ihm jene sinnlichen
Eigenschaften gibt die es erkennen lassen und seine Nominaldefinition
ausmachen während wir die Real und Kausaldefinition dann haben würden wenn
wir diese innere Bildung oder Verfassung erklären könnten Indessen wird hierbei
die Nominaldefinition auch als reale gefunden zwar nicht durch sie selbst denn
sie lässt die Möglichkeit oder Entstehung der Körper a priori nicht erkennen
sondern durch die Erfahrung indem wir erfahren dass es einen Körper gibt in
dem jene Eigenschaften sich zusammenfinden Sonst könnte man doch zweifeln ob
so viel Schwere und so viel Dehnbarkeit zusammen bestehen könnten wie man bis
zur Stunde zweifeln kann ob es Glas gibt das unerhitzt sich hämmern lässt
Übrigens bin ich nicht Ihrer Meinung dass es hier zwischen den Vorstellungen der
Substanzen und denen der Prädikate einen Unterschied gibt als wenn die
Definitionen der Prädikate dh der Modi und der Gegenstände der einfachen
Vorstellungen immer zugleich reale und nominale wären und die der Substanzen
nur nominale Ich gebe freilich gern zu dass es schwerer ist Realdefinitionen
von den Körpern zu haben welche substantielle Wesen sind weil ihre innere
Bildung weniger bemerkbar ist Aber nicht mit allen Substanzen verhält es sich
ebenso denn wir haben von den wahren Substanzen oder Einheiten wie von Gott
oder von der Seele eine ebenso genaue Erkenntnis wie von den meisten der Modi
Übrigens gibt es auch Prädikate die ebensowenig bekannt sind wie die innere
Körperbildung es ist denn das Gelbe oder das Bittere zB sind die Gegenstände
einfacher Vorstellungen oder Phantasiebilder und dennoch hat man davon nur eine
verworrene Erkenntnis Sogar in der Mathematik ist dies der Fall wo derselbe
Modus ebensogut eine Nominal als Realdefinition haben kann Worin der
Unterschied dieser beiden Definitionen besteht welcher auch den Unterschied der
Wesenheit und der Eigenschaft setzen muss haben wenige richtig erklärt Meiner
Meinung nach besteht dieser Unterschied darin dass die Realdefinition die
Möglichkeit des Definierten zeigt was die Nominaldefinition nicht tut Die
Definition von zwei geraden Parallellinien welche besagt dass sie in derselben
Fläche sind und sich nicht begegnen wenn man sie auch bis in das Unendliche
verlängert ist nur nominal und man könnte zunächst zweifeln ob so etwas
möglich ist Sobald man aber begriffen hat dass man eine gerade Linie in einer
Fläche mit einer anderen gegebenen geraden Linie parallel ziehen kann wenn man
nur darauf achtet dass die Spitze des Stiftes welcher die Parallele beschreibt
von den gegebenen Graden stets gleich weit entfernt bleibt so sieht man
zugleich dass die Sache möglich ist und warum die Linien jene Eigenschaft
haben sich niemals zu begegnen was zwar ihre Nominaldefinition ausmacht aber
das Kennzeichen des Parallelismus nur dann ist wenn die beiden Linien gerade
sind während wenn nur eine davon krumm wäre sie ihrer Natur nach sich niemals
zu begegnen brauchten und dessenungeachtet darum doch nicht miteinander
parallel wären
19 Philalethes Wenn die Wesenheit etwas anderes wäre als eine abstrakte
Vorstellung so würde sie nicht unerschaffbar und unvergänglich sein Ein
Einhorn eine Sirene ein vollkommener Kreis sind vielleicht gar nicht in der
Welt vorhanden
Theophilus Ich habe Ihnen schon gesagt dass die Wesenheiten ewig sind weil
dabei bloß von Möglichkeiten die Rede ist
2 Philalethes Ich gestehe die Bildung von Modi immer für willkürlich
gehalten zu haben habe mich aber überzeugt dass was die einfachen
Vorstellungen und die der Substanzen anbetrifft diese Vorstellungen außer der
Möglichkeit auch ein wirkliches Dasein bezeichnen müssten
Theophilus Ich sehe nicht ein dass dies notwendig ist Gott hat die
Vorstellungen vor der Schöpfung der Gegenstände derselben und nichts hindert
dass er verständigen Kreaturen solche Vorstellungen auch mitteilen könne es gibt
selbst nicht einmal einen bündigen Beweis welcher die Gegenstände unserer Sinne
und der einfachen Vorstellungen welche die Sinne uns vergegenwärtigen als
außer uns vorhanden dartut Dies gilt vor allem hinsichtlich derer welche mit
den Kartesianern und unserem berühmten Autor glauben unsere einfachen
Vorstellungen der sinnlichen Eigenschaften hätten keine Ähnlichkeit mit dem
außer uns in den Gegenständen Vorhandenen es würde danach keinen zwingenden
Grund geben dass diese Vorstellungen in irgend einem wirklichen Dasein begründet
wären
4 5 6 7 Philalethes Wenigstens werden Sie mir diesen zweiten
Unterschied zwischen den einfachen und den zusammengesetzten Vorstellungen
zugeben dass die Namen der einfachen Vorstellungen nicht definiert werden
können während die der zusammengesetzten Vorstellungen es wohl werden können
denn die Definitionen müssen mehr als einen Ausdruck erhalten wovon ein jeder
eine Vorstellung bezeichnet So sieht man was definiert werden kann und was
nicht und warum die Definitionen nicht in das Unendliche gehen können was bis
jetzt niemand dass ich wüsste bemerkt hat
Theophilus In einer kleinen Abhandlung über die Vorstellungen die vor
ungefähr zwanzig Jahren in die Acta zu Leipzig eingerückt wurde habe ich auch
schon bemerkt dass die einfachen Ausdrücke keine Nominaldefinition haben können
aber zugleich habe ich auch hinzugefügt dass wenn die Ausdrücke nur
hinsichtlich unser einfach sind indem wir nicht das Mittel haben sie zu
analysieren um zu den ursprünglichen sie bildenden Wahrnehmungen zu gelangen
wie heiß kalt gelb grün sie eine Realdefinition erhalten können welche ihre
Ursache erklären würde So ist die Realdefinition von Grün das Zusammengesetzte
aus dem inniggemischten Blauen und Gelben zu sein Indessen mag dabei das Grüne
einer Nominaldefinition nicht mehr fähig sein aus der man erkennt was das
Blaue und Gelbe ist Dagegen können die an sich einfachen Ausdrucke dh solche
von denen man einen klaren und deutlichen Begriff hat keine Definition
empfangen weder eine nominale noch eine reale Sie werden in jener kleinen in
die Acta von Leipzig eingerückten Abhandlung die Begründung eines großen Teils
der den Verstand betretenden Theorie kurz erläutert finden
7 8 Philalethes Es wäre gut diesen Punkt zu erläutern und zu
bemerken was definiert werden könnte und was nicht Ich bin zu glauben
versucht dass sehr oft großer Streit sich erhebt und viel Unsinn sich in die
Reden der Menschen einschleicht weil man nicht daran denkt Jene berühmten
Streitpunkte von denen man in den Schulen so viel Wesens macht sind daher
gekommen dass man auf diesen Unterschied in den Vorstellungen nicht gehörig
geachtet hat Auch die größten Meister in der Methode sind genötigt gewesen den
größten Teil der einfachen Vorstellungen undefiniert zu lassen und wenn sie es
zu tun unternommen haben ist es ihnen nicht geglückt Hätte zB wohl der
menschliche Geist ein künstlicheres Gallimathias erfinden können als jenes das
in folgender Definition des Aristoteles enthalten ist die Bewegung ist die
Tätigkeit eines Wesens in der Möglichkeit sofern es in derselben ist 9 und
die Neueren welche die Bewegung so erklären dass sie der Übergang aus einem Ort
in den anderen sei setzen nur ein gleichbedeutendes Wort an die Stelle des
anderen
Theophilus Ich habe schon in einer unserer früheren Unterredungen bemerkt
dass bei Ihnen häufig Vorstellungen als einfache gelten die es nicht sind Zu
dieses gehört die Bewegung welche ich für definierbar halte und die
Definition welche sie als Ortsveränderung erklärt ist nicht zu verachten Die
Definition des Aristoteles ist nicht so widersinnig als man denkt wenn man
begreift dass das griechische Wort kinêsis bei ihm nicht das bezeichnete was
wir Bewegung nennen sondern was wir durch das Wort Veränderung ausdrücken
würden Daher kommt es dass er ihm eine so abstrakte und metaphysische
Definition gibt während das was wir Bewegung nennen bei ihm phora latio
genannt wird und unter die Arten der Bewegung tês kinêseôs fällt
10 Philalethes Sie werden aber die Definition desselben Schriftstellers
vom Licht doch wenigstens nicht entschuldigen dass sie nämlich der Akt oder die
Wirklichkeit des Durchsichtigen ist
Theophilus Ich finde sie mit Ihnen nicht stichhaltig er bedient sich des
Ausdrucks »Akt« Wirklichkeit zu oft der uns doch nicht viel sagt Das
Durchsichtige ist bei ihm ein Medium durch welches man hindurchsehen kann und
das Licht ihm zufolge dasjenige was in dem wirklichen Durchgang besteht Das
versteht sich
11 Philalethes Wir sind also darüber einverstanden dass sich von unseren
einfachen Vorstellungen keine Nominaldefinitionen geben lassen wie wir den
Geschmack der Ananas aus der Schilderung der Reisenden nicht erkennen könnten
wir müssten denn die Dinge durch die Ohren schmecken können wie Sancho Pansa das
Vermögen besaß die Dulcinea durch Hörensagen zu sehen oder wie jener Blinde
welcher von dem Glanz des Scharlachs so viel hatte reden hören glaubte er
müsse dem Schall der Trompete gleichen
Theophilus Ganz recht Alle Reisenden der Welt würden durch ihre
Schilderungen nicht das geben können was wir einem Edelmann dieses Landes
verdanken welcher drei Meilen von Hannover fast an dem Ufer der Weser Ananas
mit Erfolg zieht und das Mittel gefunden hat sie dergestalt zu vermehren dass
wir sie vielleicht einst ebensogut wie die portugiesischen Apfelsinen auf
unserem Grund und Boden haben können wenn dabei auch der Geschmack sich
einigermaßen zu verschlechtern scheint
12 13 Philalethes Ganz anders verhält es sich mit den zusammengesetzen
Vorstellungen Ein Blinder kann verstehen was Statue sagen will und ein
Mensch der niemals den Regenbogen gesehen hätte würde begreifen können was
das ist wenn er nur die Farben gesehen hätte aus denen er besteht 15
Während aber die einfachen Vorstellungen nicht definierbar sind sind sie
deshalb dennoch die am wenigsten zweifelhaften denn die Erfahrung leistet mehr
als die Definition
Theophilus Gleichwohl findet sich hinsichtlich der Vorstellungen die nur
rücksichtlich unserer einfach sind eine gewisse Schwierigkeit Es würde zB
schwierig sein die Grenzlinien des Blauen und des Grünen genau zu bestimmen und
überhaupt die einander sehr naheliegenden Farben zu unterscheiden während wir
genaue Begriffe der Ausdrücke deren man sich in der Arithmetik und Geometrie
bedient haben können
16 Philalethes Auch haben die einfachen Vorstellungen noch die
Eigentümlichkeit dass sie hinsichtlich der Prädikamentallinie wie die Logiker
sie nennen von der untersten Art bis zum höchsten Geschlecht sehr geringe
Unterordnung zeigen Die Ursache davon ist dass da die unterste Art nur eine
einfache Vorstellung ist man von ihr nichts abtrennen kann man kann zB von
den Vorstellungen des Weißen und des Roten nichts abtrennen um eine gemeinsame
Erscheinung übrig zu behalten in der sie übereinstimmen Darum fasst man sie mit
dem Gelben und anderen unter dem Geschlechtsbegriff oder dem Namen Farbe
zusammen Will man dann einen noch allgemeineren Ausdruck bilden der auch die
Töne die Geschmäcke und die durch Berührung fühlbaren Eigenschaften umfassen
soll so bedient man sich des allgemeinen Ausdrucks Eigenschaft in dem Sinne
welchen man ihm gewöhnlich leiht um diese Eigenschaften von der Ausdehnung der
Zahl der Bewegung der Lust und dem Schmerze zu unterscheiden die alle auf den
Geist wirken und ihre Vorstellungen durch mehr als einen Sinn ihm zuführen
Theophilus Ich habe über diese Bemerkung noch etwas zu sagen in der
Hoffnung Sie werden mir hier und anderswo die Gerechtigkeit widerfahren lassen
zu glauben dass es nicht aus einem Geist des Widerspruchs geschieht sondern dass
der Gegenstand selbst es zu fordern scheint Es ist kein Vorteil dass die
Vorstellungen der sinnlichen Eigenschaften sich so wenig unterordnen lassen und
so wenig der Untereinteilungen fähig sind denn das kommt nur daher dass wir sie
so wenig kennen Indessen gerade das was alle Farben miteinander gemein haben
dass sie alle mit den Augen gesehen werden alle durch die Körper dringen durch
welche eine und die andere unter ihnen scheint und dass sie von den glatten
Körperoberflächen welche sie nicht durchlassen zurückgeworfen werden zeigt
dass man doch etwas von unseren Vorstellungen über sie abtrennen kann Man kann
sogar die Farben mit vielem Recht in äußerste von denen die eine nämlich das
Weiße die positive und die andere nämlich das Schwarze die negative ist und
in mittlere welche man noch in einem spezielleren Sinne Farben nennt teilen
Diese letzteren entstehen mittelst der Refraktion aus dem Licht und man kann
sie noch weiter in solche der konvexen und solche der konkaven Seite des
gebrochenen Lichtstrahls einteilen Diese Einteilungen und Untereinteilungen der
Farben sind von nicht geringer Wichtigkeit
Philalethes Wie kann man aber Gattungen in den einfachen Vorstellungen
finden
Theophilus Da sie nur dem Anscheine nach einfach sind so werden sie von
Umständen begleitet welche mit ihnen in Verknüpfung stehen wenn auch diese
Verknüpfung von uns nicht verstanden werden mag Diese Umstände nun liefern uns
etwas was der Erklärung und der Analyse fähig ist was auch einige Hoffnung
gewährt dass man einst die Gründe dieser Erscheinungen wird finden können Daher
kommt es dass in unseren Wahrnehmungen der sinnlichen Eigenschaften ebensowohl
als der sinnlichen Massen eine Art von Pleonasmus ist und dieser ist dass wir
mehr als einen Begriff von dem nämlichen Gegenstande haben Das Gold kann auf
nominale Weise verschiedenartig definiert werden man kann sagen es ist der
schwerste der uns bekannten Körper es ist der dehnbarste es ist ein
schmelzbarer Körper welcher der Kapelle und dem Scheidewasser widersteht usw
Jedes dieser Merkmale ist gut und genügt zur Erkennung des Goldes wenigstens
vorläufig und im gegenwärtigen Zustande der uns bekannten Körper bis sich ein
noch schwererer findet wie einige Chemiker es von ihrem Stein der Weisen
behaupten oder bis man jene Luna fixa aufzeigen kann ein Metall das die Farbe
des Silbers und fast alle die übrigen Eigenschaften des Goldes haben soll und
welches der Ritter Boyle wie er zu sagen scheint hergestellt hat Auch könnte
man sagen dass für alle Gegenstände welche wir auf dem Wege der Erfahrung
kennen alle unsere Definitionen nur vorläufig sind wie ich schon vorher
bemerkt zu haben glaube Wir wissen also wahrhaftig nicht auf Grund eines
Beweises ob nicht eine Farbe durch die bloße Reflexion ohne Refraktion
entstehen kann und ob nicht die Farben welche wir bisher an der konkaven Seite
des gewöhnlichen Refraktionswinkels bemerkt haben sich an der konvexen Seite
einer bisher unbekannten Refraktionsweise vorfinden und umgekehrt So würde die
einfache Vorstellung des Blauen von dem Gattungsbegriff welchen wir ihr auf
unsere Erfahrungen hin zugewiesen haben getrennt werden müssen Aber gut ist
es uns an das Blaue wie wir es haben und an die es begleitenden Umstände zu
halten Auch ist es etwas wert dass sie uns Anhaltspunkte geben um Gattungen
und Arten zu bilden
17 Philalethes Was sagen Sie aber zu der Bemerkung wonach die einfachen
Vorstellungen die von dem Dasein der Dinge hergenommen sind nicht willkürlich
sein sollen während die der gemischten Modi dies gänzlich und die der
Substanzen es wenigstens in einem gewissen Sinne sind
Theophilus Ich glaube das Willkürliche ist nur in den Worten und gar nicht
in den Vorstellungen Denn diese drücken nur Möglichkeiten aus So würde zB
wenn es auch niemals einen Vatermord gegeben hätte und alle Gesetzgeber davon
ebensosehr wie Solon davon zu sprechen sich gehütet hätten der Vatermord
dennoch ein mögliches Verbrechen und die Vorstellung davon eine wirkliche sein
Denn die Vorstellungen sind in Gott von aller Ewigkeit und sind sogar in uns
ehe wir tatsächlich daran denken wie ich in unserer Unterredung gezeigt habe
Wenn jemand sie für wirkliche Gedanken der Menschen nehmen will so steht ihm
das frei aber er würde dann ohne Grund sich dem angenommenen Sprachgebrauch
widersetzen
2 3 folg Philalethes Allein bildet der Geist nicht die gemischten
Vorstellungen durch Zusammensetzungen der einfachen nach seiner Willkür ohne
ein wirkliches Muster nötig zu haben während ihm die einfachen Vorstellungen
der Dinge ohne seine Wahl durch das wirkliche Dasein der Dinge zukommen Sieht
man nicht oft die gemischte Verteilung ehe die Sache selbst da ist
Theophilus Wenn sie die Vorstellungen für wirkliche Gedanken nehmen so
haben Sie recht aber ich sehe nicht die Notwendigkeit ein Ihre Unterscheidung
auf das anzuwenden was die Form selbst oder die Möglichkeit dieser Gedanken
betrifft und doch ist dies eben das um was es sich in der idealen Welt
handelt die man von der wirklichen Welt unterscheidet Das wirkliche Dasein der
Dinge die nicht notwendig sind ist eine Tatsache oder ein historisches Faktum
aber die Erkenntnis der Möglichkeiten und Notwendigkeiten denn notwendig ist
das dessen Gegenteil nicht möglich ist macht die demonstrativen Wissenschaften
aus
Philalethes Aber findet nicht eine nähere Verbindung zwischen den
Vorstellungen des Tötens und des Menschen statt als zwischen den Vorstellungen
des Tötens und des Schafes Ist Vatermord aus enger verbundenen Begriffen
zusammengesetzt als Kindesmord und ist es natürlicher dass das was die
Engländer Stabbing nennen dh Mord durch einen Stoß oder durch Verwundung mit
der Spitze was bei ihnen ein schlimmeres Verbrechen ist als wenn man durch
einen Schlag mit der Degenscheide tötet einen besonderen Namen und eine
Vorstellung verdient hat welche man zB der Handlung ein Schaf zu töten oder
einen Menschen durch einen Schwertstreich zu töten nicht zugestanden hat
Theophilus Wenn es sich nur um Möglichkeiten handelt so sind alle diese
Vorstellungen gleich natürlich Wer Schafe töten gesehen hat hat eine
Vorstellung dieser Handlung in Gedanken gehabt obgleich er ihr keinen Namen
gegeben und sie seiner Aufmerksamkeit nicht weiter gewürdigt haben mag Warum
sollen wir uns denn auf die Namen beschränken wenn es sich um die Vorstellungen
selbst handelt und warum uns mit dem Wert der gemischten Modi besonders
beschäftigen wenn es sich um diese Vorstellungen im allgemeinen handelt
6 Philalethes Da die Menschen die verschiedenen Arten gemischter Modi
willkürlich bilden so findet man infolgedessen in der einen Sprache Worte
denen es in einer anderen Sprache nichts Entsprechendes gibt Es gibt keine
Worte in anderen Sprachen welche dem unter den Römern gebräuchlichen Wort
Versura oder dem Ausdruck Corban entsprechen dessen sich die Juden bedienten
Man übersetzt dreist die lateinischen Wörter Hora Pes und Libra mit Stunde Fuß
und Pfund aber die Vorstellungen des Römers waren dabei von den unserigen sehr
verschieden
Theophilus Wie ich sehe kommt jetzt zu Gunsten der Namen dieser
Vorstellungen viel von dem wieder vor was wir besprochen haben als es sich um
die Vorstellungen selbst und deren Arten handelte Die Bemerkung ist gut was
die Namen und Gebräuche der Menschen anbetrifft aber sie ändert nichts in den
Wissenschaften und in der Natur der Dinge wer eine allgemeine Grammatik
schreiben wollte würde allerdings gut tun von dem Wesen der Sprache absehend
ihre wirkliche Beschaffenheit aufzufassen und die Grammatiken mehrerer Sprachen
zu vergleichen ebenso wie ein Autor welcher eine allgemeine aus der Vernunft
geschöpfte Jurisprudenz schreiben wollte wohl daran tun würde Parallelen der
Gesetze und Gebräuche der Völker damit zu verbinden was nicht allein in der
Praxis sondern auch in der philosophischen Betrachtung von Nutzen sein und dem
Autor sogar Gelegenheit geben würde verschiedene Erwägungen anzustellen die
ihm ohne dies entgangen sein würden Indessen kommt es bei der von ihrer
Geschichte oder ihrem wirklichen Dasein getrennten Wissenschaft nicht darauf an
ob die Völker sich dem Vernunftgebot gefügt haben oder nicht
9 Philalethes Die zweifelhafte Bedeutung des Wortes Art ist schuld dass
manche daran Anstoß nehmen wenn sie die Erklärung hören dass die Arten der
gemischten Modi durch den Verstand gebildet werden Ich überlasse es indessen
anderen auszudenken womit die Grenzen von jeder Sorte oder Art zu bestimmen
sind denn für mich sind diese Worte vollkommen gleichbedeutend
Theophilus Gewöhnlich bestimmt die Natur der Dinge diese Grenzen der Arten
zB zwischen Mensch und Vieh zwischen Stoßdegen und Haudegen Indessen gebe
ich zu dass bei gewissen Begriffen wirklich etwas Willkürliches mitwirkt zB
wenn es sich darum handelt einen Fuß zu bestimmen denn da die gerade Linie
einförmig und unbestimmt ist so gibt die Natur darauf keine Abschnitte an
Ebenso gibt es auch unbestimmte und unvollkommene Wesenheiten bei deren
Bestimmung die Meinung mitwirkt wie wenn man fragt wie viele Haare man
wenigstens einem Menschen lassen muss damit er nicht kahl sei welches ein
Sophisma der Alten war wenn man den Gegner in die Enge treibt
Dum cadat elusus ratione ruentis acervi
Die wahre Antwort aber ist dass die Natur diesen Begriff nicht bestimmt hat
und die Meinung daran ihren Anteil hat dass es Leute gibt von denen man
zweifelhaft sein kann oh sie kahl sind oder nicht und dass es solche gibt
welche zweideutig bei den einen als kahl gelten nicht aber bei den anderen wie
Sie bemerkt hatten dass ein Pferd was man in Holland als klein ansieht in
Wales für groß gehalten werden wird Es gibt selbst etwas der Art bei den
einfachen Vorstellungen ich habe in dieser Hinsicht schon bemerkt dass die
äußersten Grenzen der Farben ungewiss sind es gibt auch Wesenheiten die halb
und halb nominal sind wo der Name auf die Definition der Sache von Einfluss ist
So erkennt man zB den Grad oder die Würde eines Doktors Ritters
Botschafters Königs wenn jemand das anerkannte Recht sich dieses Namens zu
bedienen erworben hat Kein fremder Minister wenn er auch noch so viel Macht
und Gefolge haben mag wird als Botschafter gelten wenn ihm nicht sein Kreditiv
diesen Namen verleiht Aber diese Wesenheiten und Vorstellungen sind unbestimmt
zweifelhaft willkürlich nominal in einem von dem bisher erwähnten etwas
verschiedenen Sinne
10 Philalethes Der Name scheint aber oft das Wesen der gemischten Modi
welche Sie für nicht willkürlich halten zu enthalten wir würden zB ohne den
Namen Triumph kaum die Vorstellung von dem haben was bei den Römern zu dieser
Gelegenheit geschah
Theophilus Ich gebe zu dass der Name dazu dient die Aufmerksamkeit auf die
Dinge zu lenken um deren Andenken und wirkliche Erkenntnis zu bewahren aber
dies hat nichts mit dem worum es sich handelt zu tun und macht die Wesenheiten
nicht zu Namenwesen Ich begreife auch nicht warum die Anhänger Ihrer Meinung
mit aller Gewalt wollen dass die Wesenheiten selbst von der Wahl und den Namen
abhängen Es wäre zu wünschen gewesen dass euer berühmter Autor statt darauf zu
bestehen sich lieber mehr auf das Einzelne der Vorstellungen und der Modi
eingelassen und deren Spielarten geordnet und entwickelt hätte Auf diesem Wege
würde ich ihm mit Vergnügen und Nutzen nachgewandelt sein denn er würde uns
ohne Zweifel viel Licht verschafft haben 12 Philalethes Wenn wir von einem
Pferde oder von Eisen reden so betrachten wir sie als Sachen welche uns die
ursprünglichen Muster unserer Vorstellungen bieten aber wenn wir von den
gemischten Modi oder wenigstens von den bedeutendsten derjenigen Modi reden
welche die moralischen Wesen sind zB von der Gerechtigkeit der Dankbarkeit
so sehen wir deren ursprüngliche Muster als in unserem Geiste befindlich an
Darum sprechen wir von einem Begriff der Gerechtigkeit und der Mäßigkeit nicht
aber redet man von dem Begriff eines Pferdes und eines Steines
Theophilus Die Muster der Vorstellungen sind für die einen ebenso real wie
die Muster der Vorstellungen für die anderen Die Eigenschaften des Geistes sind
nicht weniger real als die des Körpers freilich sieht man nicht die
Gerechtigkeit wie ein Pferd aber man versteht sie nicht weniger oder vielmehr
man versteht sie besser Sie ist nicht weniger in den Handlungen als das Gerade
und das Schiefe in den Bewegungen mag man sie nun beachten oder nicht Und um
Ihnen zu zeigen dass die Menschen meiner Meinung sind und zwar gerade die in
den menschlichen Dingen Fähigsten und Erfahrensten brauche ich mich nur der
Autorität der römischen Juristen zu bedienen diese hierin von allen übrigen
gefolgt nennen diese gemischten Modi oder moralischen Wesen Sachen und
insbesondere unkörperliche Sachen So sind die Servituten zB wie das des
Durchgangs durch des Nachbars Grundstück bei ihnen Res incorporales
unkörperliche Sachen worauf es ein Eigentumsrecht gibt welches man durch
langen Gebrauch erwerben das man besitzen und geltend machen kann Was das Wort
Begriff angeht so haben sehr gescheite Leute dasselbe für eben so weit genommen
als das Wort Vorstellung Der lateinische Sprachgebrauch ist dem nicht entgegen
und ebensowenig so viel ich weiß der der Engländer und der Franzosen
16 Philalethes Es ist noch zu bemerken dass man eher die Namen als die
Vorstellungen der gemischten Modi lernt indem der Name erkennen lässt dass diese
Vorstellung bemerkt zu werden verdient
Theophilus Diese Bemerkung ist gut obgleich allerdings heutzutage die
Kinder mit Hilfe der Wörterbücher die Worte nicht allein der Modi sondern auch
der Substanzen vor den Dingen und sogar die Namen der Substanzen eher als der
Modi lernen Denn man stellt fehlerhafterweise in diesen nämlichen Wörterbüchern
nur die Nennwörter und nicht die Verba auf ohne zu bedenken dass die
Zeitwörter wiewohl sie Modi bezeichnen in dem sprachlichen Verkehr notwendiger
sind als die meisten Hauptwörter welche besondere Substanzen bezeichnen
1 Philalethes Die Gattungen und Spezies der Substanzen wie der anderen
Wesen sind nur Arten Die Sonnen zB sind eine Art von Sternen dh es sind
Fixsterne denn man glaubt nicht ohne Grund dass jeder Fixstern sich für jemand
der in richtiger Entfernung sich befindet als eine Sonne zeigen würde 2 Nun
ist das was jede Art bestimmt ihre Wesenheit 3 Diese wird erkannt entweder
durch das Innere der Bildung oder durch äußere Merkmale die uns dieselbe
erkennen und mit einem bestimmten Namen benennen lassen So kann man die Uhr von
Straßburg entweder als der Uhrmacher welcher sie verfertigt hat oder als ein
Zuschauer der ihre Verrichtungen sieht erkennen
Theophilus Wenn Sie sich so ausdrücken habe ich nichts dagegen
einzuwenden
Philalethes Ich drücke mich auf eine Weise aus die geeignet ist unsere
Streitigkeiten nicht wieder aufleben zu lassen Ich füge jetzt hinzu dass sich
die Wesenheit nur auf die Arten bezieht und dass den Individuen nichts wesentlich
ist Ein Unglücksfall oder eine Krankheit kann meine Hautfarbe oder meine
Gestalt verändern ein Fieber oder ein Fall kann mir die Vernunft oder das
Gedächtnis rauben Ein Schlagfluss kann mich dazu bringen dass ich weder
Empfindung noch Verstand noch leben habe Fragt man mich ob es mir wesentlich
ist Vernunft zu haben so werde ich mit Nein antworten
Theophilus Ich glaube dass den Individuen etwas Wesentliches beiwohnt und
zwar mehr als man denkt Es ist den Substanzen wesentlich tätig zu sein den
geschaffenen Substanzen zu leiden den Geistern zu denken den Körpern
Ausdehnung und Bewegung zu haben dh es gibt Arten oder Spezies denen ein
Individuum wenigstens natürlicherweise nicht aufhören kann zuzugehören wenn
es einmal dazu gehört hat welche Umwälzungen auch in der Natur vorfallen mögen
Es gibt aber auch Arten oder Spezies welche ich gestehe es zu den Individuen
zufällig sind die ihnen anzugehören aufhören können So kann man aufhören
gesund schön weise und selbst sichtbar und fühlbar zu sein man hört aber
nicht auf Leben Organe und Wahrnehmungen zu haben Ich habe darüber genug
gesagt warum es den Menschen so scheint dass das Leben und das Denken mitunter
aufhören obgleich sie nicht aufhören zu dauern und Wirkungen zu haben
8 Philalethes Zahlreiche Individuen die unter einen gemeinsamen Namen
gebracht als eine einzige Art betrachtet werden haben doch sehr verschiedene
Eigenschaften die von ihren wirklichen besonderen inneren Bildungen
abhangen Dies bemerken ohne Mühe alle diejenigen welche die natürlichen Körper
prüfen und Chemiker überzeugen sich oft davon durch trübselige Erfahrungen
indem sie vergeblich in einem Stück Spiesglanz Schwefel und Vitriol die
Eigenschaften suchen die sie in anderen Stücken dieser Mineralien gefunden
haben
Theophilus Das ist vollkommen richtig und ich könnte selbst Neues
hinzufügen auch hat man ganze Bücher geschrieben »über den unsicheren Erfolg
chemischer Experimente« Die Täuschung geschieht aber dadurch dass man diese
Körper für gleichartig oder einförmig nimmt während sie mehr als man denkt
gemischt sind denn in den ungleichmäßigen Körpern wundert man sich nicht
Verschiedenheiten zwischen den einzelnen Exemplaren wahrzunehmen und die Ärzte
wissen nur gar zu wohl wie verschieden die Temperamente und das Naturell der
menschlichen Körper sind Man kann mit einem Worte niemals die letzten logischen
Arten finden wie ich schon früher bemerkt habe und niemals sind zwei wirkliche
und vollständige Individuen derselben Art einander vollkommen gleich
Philalethes Wir bemerken nicht alle diese Unterschiede weil wir nicht alle
die kleinen Teile folglich auch nicht die innere Bildung der Dinge kennen auch
können wir uns derselben nicht bedienen um die Arten oder Spezies der Dinge zu
bestimmen und wenn wir es durch jene Wesenheiten oder was die Schulen
substantielle Formen nennen tun wollten so würden wir wie ein Blinder sein
welcher die Körper nach den Farben ordnen wollte 11 Wir erkennen nicht
einmal die Wesenheiten der Geister wir können nicht verschiedene spezifische
Vorstellungen von den Engeln uns bilden obschon wir wohl wissen dass es
verschiedene Arten von Geistern geben müsse Auch scheinen wir in unseren
Vorstellungen keinen Unterschied zwischen Gott und den Geistern mittels irgend
einer Anzahl einfacher Vorstellungen zu machen ausgenommen die dass wir Gott
die Unendlichkeit beilegen
Theophilus Es gibt in meinem Systeme noch einen anderen Unterschied
zwischen Gott und den geschaffenen Geistern dass nämlich meiner Ansicht nach
alle geschaffenen Geister Körper haben müssen ganz wie unsere Seele einen
solchen hat
12 Philalethes Wenigstens glaube ich dass zwischen den Körpern und den
Geistern die Analogie stattfindet dass wie es in den Abwandelungen der
körperlichen Welt keine Lücke gibt es nicht weniger Verschiedenheit unter den
vernünftigen Geschöpfen gibt Fängt man von uns an und geht bis zu den
niedrigsten Wesen so ergibt sich eine Stufenleiter von sehr kleinen Abstufungen
und mittels einer ununterbrochenen Reihe von Dingen die in jeglichem Abstande
sehr wenig voneinander verschieden sind Es gibt Fische die Flügel haben und
denen die Luft nicht fremd ist und es gibt Vögel die im Wasser wohnen kaltes
Blut wie die Fische haben und deren Fleisch ihnen im Geschmack so gleicht dass
man gewissenhaften Leuten erlaubt während der Fastentage davon zu essen Es
gibt Tiere welche sich der Art der Vögel und der der Säugetiere so nähern dass
sie zwischen ihnen die Mitte halten Die Amphibien gleichen den Landtieren
ebenso wie den Wassertieren Die Seekälber leben auf der Erde und im Meer und
die Meerschweine haben heißes Blut und Eingeweide wie ein Schwein Um nicht
davon zu sprechen was man von den Seemenschen erzählt so gibt es Tiere welche
ebensoviel Erkenntnis und Vernunft zu haben scheinen als manche Wesen die man
Menschen nennt und zwischen den Tieren und den Pflanzen ist eine so große
Verwandtschaft dass wenn Sie das Unvollkommenste von den einen und das
Vollkommenste von den anderen nehmen Sie kaum eine bedeutende Verschiedenheit
zwischen ihnen bemerken werden Bis wir also zu den niedrigsten und am wenigsten
organisierten Teilen der Materie kommen werden wir überall die Arten
miteinander verbunden und nur durch fast unmerkliche Abstufungen voneinander
verschieden finden Und wenn wir die unendliche Weisheit und Macht des Urhebers
aller Dinge erwägen so haben wir Grund zu denken es sei etwas der prachtvollen
Harmonie des Weltalls und dem großen Plane sowohl als der unendlichen Güte
dieses obersten Baumeisters Angemessenes dass die verschiedenen Arten der
Geschöpfe sich so allmählich von uns bis zu seiner unendlichen Vollkommenheit
erheben Wir haben also Ursache überzeugt zu sein dass es weit mehr Arten von
Geschöpfen über uns gibt als unter uns weil wir von Gottes unendlichem Wesen
an Vollkommenheitsgraden viel weiter entfernt sind als von dem was sich dem
Nichts am meisten nähert Indessen haben wir keine klare und deutliche
Vorstellung von allen diesen verschiedenen Arten
Theophilus Ich hatte den Plan an einer anderen Stelle etwas dem von Ihnen
soeben Auseinandergesetzten Ähnliches zu sagen ich freue mich aber dass Sie mir
zuvorgekommen sind da ich sehe dass Sie die Dinge besser sagen als ich es zu
tun hätte hoffen können Einsichtsvolle Philosophen haben jene Frage behandelt
utrum detur vacuum formarum dh ob es mögliche Arten gibt die gleichwohl
nicht wirklich existieren und welche die Natur vergessen zu haben scheinen
könnte Ich habe Ursachen zu glauben dass alle logisch möglichen Arten doch
nicht wirklich mögliche compossibiles in dem Weltall sind so groß es auch
ist und zwar nicht allein hinsichtlich der Dinge die zur nämlichen Zeit
zusammen da sind sondern sogar hinsichtlich der ganzen Reihenfolge der Dinge
dh es gibt glaube ich notwendig Arten die niemals gewesen sind und niemals
sein werden da sie sich mit derjenigen Reihenfolge der Geschöpfe welche Gott
gewählt hat nicht vertragen Ich glaube aber dass alle Dinge welche die
vollkommene Harmonie des Weltalls in sich aufnehmen konnte darin enthalten
sind Dieser nämlichen Harmonie entspricht dass es Geschöpfe mittlerer Art gibt
außer denen die einander fernstehen wenn dies auch nicht immer auf demselben
Weltall oder System stattfindet Auch ist das Mittlere zwischen zwei Arten dies
mitunter nur hinsichtlich gewisser Umstände nicht aber hinsichtlich anderer
Die vom Menschen in anderen Dingen so verschiedenen Vögel nähern sich ihm doch
durch die Sprache aber wenn die Affen wie die Papageien sprechen könnten
würden sie doch viel weiter gelangen Das Gesetz der Stetigkeit lässt in der
Natur keine Lücke in der von ihr befolgten Ordnung zu aber nicht jede Form oder
Art passt für jedwede Ordnung Was die Geister oder Genien betrifft so nehme ich
an dass wie alle geschaffenen Geister organische Körper haben deren
Vollkommenheit der der Intelligenz oder des in diesem Körper gemäß der vorher
bestimmten Harmonie befindlichen Geistes entspricht so auch um etwas von den
Vollkommenheiten der höheren Geister zu begreifen viel dazu dient sich auch
Vollkommenheiten in den körperlichen Organen vorzustellen welche die des
unsrigen übertreffen An diesem Punkte kann die lebendigste und reichste
Phantasie und um mich eines italienischen Ausdrucks zu bedienen den ich nicht
gut anders ausdrücken kann linvenzione la più vaga Veranlassung sein uns
über uns selbst zu erheben Auch das was ich gesagt habe um mein System der
Harmonie zu rechtfertigen welches die göttlichen Vollkommenheiten über das
hinaus erhebt worauf das Denken bisher gekommen ist wird gleichfalls dazu
dienen dass man auch von den Geschöpfen unvergleichlich viel großartigere
Vorstellungen als bisher haben wird
14 Philalethes Um auf die geringe Wirklichkeit der Arten selbst in den
Substanzen zurückzukommen frage ich Sie ob Wasser und Eis von verschiedener
Art ist
Theophilus Und ich frage meinerseits ob das im Tiegel geschmolzene Gold
und das zu einem Barren wieder erstarrte Gold von derselben Art sind
Philalethes Der antwortet nicht auf die Frage welcher eine neue aufwirft
und »litem lite resolvit« den Streit mit dem Streit auflöst Sie werden
indessen daraus erkennen dass die Zurückführung der Dinge auf Arten sich einzig
und allein auf unsere Vorstellungen von ihnen bezieht was genügt um sie durch
Benennungen zu unterscheiden wenn wir aber voraussetzen dass diese
Unterscheidung sich auf ihre wirkliche innere Bildung begründet und die Natur
die vorhandenen Dinge nach ihren wirklichen Wesenheiten in ebensoviel Arten
unterscheidet so wie wir selbst sie durch diese oder jene Bezeichnungen in
Arten unterscheiden so würden wir großen Täuschungen unterworfen sein
Theophilus In dem Ausdruck Art oder Wesen von verschiedener Art liegt eine
gewisse Zweideutigkeit welche alle diese Schwierigkeiten verursacht und wenn
wir die gehoben haben werden wir uns nicht mehr darüber streiten als
vielleicht über das Wort Man kann Art im mathematischen und physischen Sinne
nehmen Im streng mathematischen Sinne macht der geringste Unterschied wonach
zwei Dinge nicht in allem einander gleich sind dass sie der Art nach sich
unterscheiden So sind in der Geometrie alle Kreise von derselben Art denn sie
sind alle vollkommen gleich und aus demselben Grunde sind auch alle Parabeln
von derselben Art aber es verhält sich nicht ebenso mit den Ellipsen und
Hyperbeln denn davon gibt es eine unendliche Menge von Klassen oder Arten
wobei es wieder auch unendlich viel verschiedene in jeder Art gibt Alle die
unzähligen Ellipsen in denen die Entfernung der Brennpunkte zur Entfernung der
Scheitel dasselbe Verhältnis hat sind von derselben Art Da aber die
Verhältnisse dieser Entfernungen sich nur der Größe nach ändern so folgt dass
alle diese unendlichen Arten von Ellipsen nur eine Gattung ausmachen und es
darin keine Unterteilungen gibt während ein Oval mit drei Brennpunkten wieder
sogar eine unendliche Menge solcher Gattungen und eine unendlich unendliche Zahl
von Arten haben würde indem jede Gattung deren eine einfach unendliche Zahl
hat Auf diese Art werden zwei physische Einzelwesen niemals einander vollkommen
gleich sein ja was mehr sagen will dasselbe Einzelwesen wird von einer Art
zur anderen übergehen denn es ist sich selbst niemals länger als einen
Augenblick in allem gleich Wenn aber physische Arten aufgestellt werden so
verbindet man damit nicht diesen strengen Sinn und es hängt von uns ab zu
sagen dass eine Masse welche wir unter ihre erste Form zurückkehren lassen
können in dieser Beziehung auch von derselben Art bleibt So sagen wir dass das
Wasser das Gold das Quecksilber das gewöhnliche Kochsalz dies bleiben und
unter den gewöhnlichen Veränderungen sich nur verstecken In den organischen
Körpern aber oder in den Pflanzen und Tierarten definieren wir die Art durch die
Abkunft so dass jedes Gleiche welches aus demselben Ursprung oder Samen kommt
oder gekommen sein könnte von derselben Art wäre Beim Menschen hält man sich
außer an die menschliche Abkunft noch an seine Eigenschaft ein Vernunftwesen zu
sein und wenn es auch Menschen gibt die ihr ganzes Leben lang den Tieren
ähnlich bleiben so setzt man doch voraus dass dies nicht aus Mangel des
Vermögens oder des Prinzips der Fall ist sondern aus Hindernissen welche jenes
Vermögen bannen aber man hat sich noch nicht hinsichtlich aller der äußeren
Bedingungen entschieden die man für hinreichend annehmen will um solche
Voraussetzung zuzugeben Was indessen die Menschen immer für Regeln hinsichtlich
ihrer Bezeichnungen und der den Namen beigelegten Rechte aufstellen mögen wenn
nur ihre Einrichtung zusammenhängend oder einheitlich und verständlich ist so
wird sie in der Wirklichkeit begründet sein und sie werden sich keine Arten
bilden können als solche welche die bis zu den Möglichkeiten alles umfassende
Natur schon vor ihnen gemacht oder unterschieden hat Was das Innere anbetrifft
so kann wenngleich es keine äußere Erscheinung gibt die nicht in der inneren
Beschaffenheit begründet ist nichtsdestoweniger doch mitunter dieselbe
Erscheinung aus zwei verschiedenen Beschaffenheiten entspringen Dabei wird
freilich immer etwas Gemeinschaftliches sein was wir in der Philosophie die
nächste formelle Ursache nennen
Aber wenn diese auch nicht da wäre wie wenn zB nach Mariotte das Blau des
Regenbogens einen ganz anderen Ursprung als das Blau eines Türkises hätte ohne
dass eine gemeinsame formelle Ursache dabei obwaltete worin ich nicht seiner
Meinung bin und man zugäbe dass gewisse Naturen in ihrer Erscheinung die uns
zum Benennen veranlassen miteinander nichts Inneres gemein hätten so würden
unsere Definitionen dennoch in den wirklichen Arten begründet sein denn die
Phänomene selbst sind Realitäten Wir können also sagen dass alles was wir mit
Wahrheit unterscheiden oder vergleichen die Natur auch unterscheidet oder
knüpft wiewohl sie viele Unterscheidungen oder Vergleichungen haben mag die
wir nicht kennen und die besser sein können als die unserigen Auch wird es
noch vieler Mühe und Erfahrung bedürfen um die Geschlechter und Arten auf eine
der Natur annähernd gleiche Weise zu bestimmen Die neueren Botaniker glauben
dass die von den Formen der Blumen hergenommenen Unterscheidungen der natürlichen
Ordnung am nächsten kommen Aber sie finden dabei doch noch viel Schwierigkeit
und es würde passend sein Vergleichungen und Anordnungen nicht nur nach einem
einzigen Grunde zu machen wie der eben von mir erwähnte von den Blumen
hergenommene sein würde welcher bis jetzt vielleicht der angemessenste für ein
erträgliches und den Lernenden bequemes System ist sondern auch nach den
anderen Gründen welche von anderen Teilen und Verhältnissen der Pflanzen
hergenommen sind Ein jeder Vergleichungsgrund verdient seine besonderen
Tabellen ohne deren Hilfe man viele untergeordnete Gattungen und viele
Vergleichungspunkte Unterscheidungen und nützliche Bemerkungen sich entgehen
lassen würde Aber je mehr man in die Entstehung der Arten eindringen und je
mehr man bei der Einteilung den dazu nötigen Bedingungen folgen wird desto mehr
wird man ach der natürlichen Ordnung nähern Wenn daher die Vermutung einiger
einsichtigen Leute sich als wahr herausstellen sollte dass es in der Pflanze
außer dem Korn oder dem bekannten dem Ei des Tieres entsprechenden Samen noch
einen anderen Samen gibt welcher den Namen des männlichen Samens verdienen
würde nämlich einen sehr oft sichtbaren wenngleich mitunter vielleicht wie
das Samenkorn selbst es bei gewissen Pflanzen ist unsichtbaren Staub Pollen
den der Wind oder andere gewöhnliche Umstände verbreiten um ihn mit dem
Samenkorn in Verbindung zu bringen und der mitunter von der nämlichen Pflanze
kommt mitunter aber auch wie beim Hanf aus einer benachbarten Pflanze
derselben Art entsteht welche folglich mit dem männlichen Anteile in Analogie
stehen würde wenngleich die weibliche nicht immer ganz dieses männlichen
Pollens entbehrt wenn das sage ich sich als wahr herausstellen würde so
zweifle ich nicht dass die dabei zu bemerkenden Unterschiede einen Grund zu sehr
natürlichen Einteilungen abgeben würden und wenn wir den durchdringenden
Scharfblick höherer Geister hätten und die Sachen tief genug erkennten so
würden wir vielleicht feststehende Attribute für jede Spezies finden die allen
ihren Individuen gemeinsam und immer in demselben lebendigen Organismus als
feststehend vorhanden sind welche Veränderungen oder Umwandlungen ihm auch
begegnen mögen wie in der bekanntesten physischen Spezies der menschlichen
nämlich die Vernunft ein solches feststehendes Attribut ist welches jedem
Individuum und immer unverlierbar zukommt obschon man es nicht immer bemerken
kann Aber in Ermangelung dieser Erkenntnisse bedienen wir uns derjenigen
Attribute welche uns die bequemsten scheinen um die Dinge zu unterscheiden und
zu vergleichen und mit einem Wort ihre Arten und Klassen zu erkennen und diese
Attribute haben immer ihre reellen Gründe
14 Philalethes Um die substantiellen Wesen nach der gewöhnlichen
Voraussetzung zu unterscheiden wonach es bestimmte Wesenheiten oder eigene
Formen der Dinge gibt durch welche alle bestehenden Individuen von Natur in
Arten unterschieden werden müsste man erstlich versichert sein 15 dass die
Natur sich bei der Hervorbringung der Dinge immer vorsetzt sie an bestimmten
und feststehenden Wesenheiten wie an Musterbildern teilnehmen zu lassen und
zweitens 16 dass die Natur diesen Zweck immer erreicht Die Missgeburten aber
lassen uns an dem einen und dem anderen zweifeln 17 Drittens müsste man
bestimmen ob diese Missgeburten wirklich eine besondere neue Art bilden denn
wir finden dass wenige oder gar keine von ihnen an den Eigenschaften teilhaben
welche man von der Wesenheit derjenigen Art herleitet aus der sie ihren
Ursprung haben und der sie kraft ihrer Geburt anzugehören scheinen
Theophilus Wenn es sich darum handelt zu bestimmen ob die Missgeburten
eine besondere Art ausmachen so ist man oft auf Vermutungen angewiesen Dies
zeigt dass man sich da nicht auf das Innere beschränkt weil man vielmehr
erraten will ob die den Individuen einer bestimmten Art gemeinsame innere Natur
wie zB die Vernunft im Menschen wie die Abkunft es vermuten lässt auch
denjenigen Individuen zukommt denen ein Teil der äußeren Zeichen fehlt die
sich bei dieser Art gewöhnlich finden Aber unsere Ungewissheit hat mit der Natur
der Dinge nichts zu schaffen und wenn es eine solche innere Naturbeschaffenheit
gibt so wird sie sich bei der Missgeburt finden oder nicht finden wir mögen es
nun wissen oder nicht Wenn nun die innere Natur keiner Art sich darin findet
so wird die Missgeburt eine eigene Art bilden aber wenn es in den Arten um die
es sich handelt keine solche innere Natur gibt und man ebensowenig bei der
Herkunft stehen bliebe so würden dann die inneren Merkmale allein die Art
bestimmen und die Missgeburten derjenigen von welcher sie sich entfernen nicht
angehören man müsste sie denn auf eine unbestimmte und einigermaßen erweiterte
Weise nehmen und in diesem Falle auch wäre unsere Mühe die Art erraten zu
wollen vergeblich Das haben Sie vielleicht mit allem dem sagen wollen was Sie
gegen die von den inneren wirklichen Wesenheiten hergenommenen Arten einwerfen
Sie müssten also beweisen dass es dann kein gemeinschaftliches inneres
spezifisches Kennzeichen gibt wo das äußere gänzlich vermisst wird Aber das
Gegenteil findet sich bei der menschlichen Spezies wo mitunter Kinder die
etwas Missgeborenes haben bis zu einem Alter gelangen wo sie Vernunft zeigen
Warum könnte bei anderen Arten nicht etwas Ähnliches vorkommen Allerdings
können wir aus Mangel an Kenntnis derselben uns dessen nicht bedienen um sie zu
definieren aber das Äußere vertritt die Stelle davon wenngleich wir anerkennen
müssen dass es zu einer genauen Definition nicht genügt und selbst die
Nominaldefinitionen in solchen Fällen nur Vermutungen sind und wie ich schon
vorher gesagt habe mitunter nur als vorläufige gelten So könnte man z B das
Mittel finden das Gold dergestalt nachzumachen dass es allen bis jetzt damit
gemachten Proben genügte Aber man könnte auch eine neue Art des Probierens
entdecken welche das Mittel gewährte das natürliche Gold von diesem künstlich
gemachten Gold zu unterscheiden Alte Urkunden schreiben dem Kurfürsten August
von Sachsen das eine und das andere zu aber ich erlaube mir nicht diese
Tatsache zu verbürgen Hätte es indessen damit seine Richtigkeit so könnten wir
vom Golde eine vollkommenere Definition haben als gegenwärtig und wenn das
künstliche Gold in Menge und billig gemacht werden könnte wie die Alchimisten
es behaupten so würde diese neue Probe von Wichtigkeit sein denn man würde der
Menschheit dadurch den Vorteil erhalten welchen das natürliche Gold durch seine
Seltenheit im Handel gibt indem es uns einen dauerhaften gleichförmigen
leicht zu teilenden und wiederzuerkennenden und auch im kleinen Umfange
wertvollen Stoff darbietet Ich will mich dieser Gelegenheit bedienen um eine
Schwierigkeit zu heben man sehe den 50 des Kapitels über die Namen der
Substanzen bei dem Verfasser der Abhandlung über den Verstand Der Einwurf ist
Wenn man sagt alles Gold ist feuerbeständig und man unter der Vorstellung des
Goldes eine Masse von gewissen Eigenschaften versteht worin die
Feuerbeständigkeit mit einbegriffen ist so bildet man nur einen identischen und
leeren Satz wie wenn man sagte das Feuerbeständige ist feuerbeständig
versteht man aber darunter ein substantielles mit einer gewissen inneren
Wesenheit begabtes Ding wovon die Feuerbeständigkeit eine Folge ist so wird
man unverständlich sein denn diese wirkliche Wesenheit ist gänzlich unbekannt
Darauf antworte ich dass der mit dieser inneren Beschaffenheit begabte Körper
durch andere äußere Kennzeichen bestimmt ist bei denen die Feuerbeständigkeit
nicht mit inbegriffen ist wie wenn jemand sagte der schwerste aller Körper ist
auch einer der feuerbeständigsten Aber alles dies ist nur vorläufig denn man
könnte einmal einen flüchtigen Körper finden der wie ein neues Quecksilber
schwerer sein könnte als das Gold und auf dem das Gold schwämme wie das Blei
auf unserem Quecksilber schwimmt
19 Philalethes Allerdings können wir auf diese Art niemals die Zahl der
Eigenschaften welche von der wirklichen Wesenheit des Goldes abhangen genau
erkennen es sei denn dass wir die Wesenheit des Goldes selbst erkennten 21
Wenn wir uns indessen bestimmt auf gewisse Eigenschaften beschränken so wird
das für uns hinreichen um genaue Nominaldefinitionen in erhalten welche uns
für die Gegenwart dienen wobei es uns frei steht die Bedeutung der Worte zu
verändern wenn ein neuer nützlicher Unterscheidungsgrund entdeckt werden
sollte Aber diese Definition muss wenigstens dem Wortgebrauch entsprechen und an
dessen Stelle gesetzt werden können Dies dient dazu diejenigen zu widerlegen
nach deren Behauptung die Ausdehnung die Wesenheit des Körpers ausmacht denn
sagt man dass ein Körper dem anderen einen Anstoß gibt so würde dies eine
offenbare Ungereimtheit sein wenn man die Ausdehnung dafür setzend sagen würde
dass eine Ausdehnung eine andere Ausdehnung mittels eines Anstoßes in Bewegung
setzt denn man braucht dazu noch die Dichtheit Ebensowenig kann man sagen dass
die Vernunft oder das was den Menschen vernünftig macht Unterhaltung pflegt
denn die Vernunft macht ebensowenig das ganze Wesen des Menschen aus es sind
die vernünftigen lebendigen Wesen die miteinander der Unterhaltung pflegen
Theophilus Ich glaube Sie haben recht denn die Gegenstände der abstrakten
und unvollständigen Vorstellungen genügen nicht um von allen Handlungen der
Dinge die Gründe anzugeben Indessen glaube ich dass allen Geistern die
einander ihre Gedanken mitteilen können die Unterhaltung zukommt Die
Scholastiker sind darüber in großer Verlegenheit wie die Engel dies tun können
aber wenn sie ihnen wie ich nach dem Vorgang der Alten feine Körper
zuschrieben so würde darin keine Schwierigkeit mehr sein
22 Philalethes Es gibt Geschöpfe die eine der unsrigen ähnliche Gestalt
haben aber mit Haaren bedeckt sind und nicht den Gebrauch der Sprache und der
Vernunft haben Es gibt unter uns Schwachsinnige die vollkommen die nämliche
Gestalt wie wir haben aber denen die Vernunft fehlt und von denen einige nicht
den Gebrauch der Sprache haben Es gibt wie man sagt Geschöpfe welche mit dem
Gebrauch der Sprache und der Vernunft und einer der unsrigen in jedem anderen
Stück gleichen Gestalt haarige Schweife haben wenigstens ist es nicht
unmöglich dass es solche Geschöpfe gebe Andere gibt es bei denen die Männchen
keinen Bart haben und wiederum andere bei denen die Weibchen einen solchen
haben Fragt man nun ob alle diese Geschöpfe Menschen sind oder nicht ob sie
zur menschlichen Spezies gehören so bezieht sich offenbar die Frage nur auf die
Nominaldefinition oder auf die zusammengesetzte Vorstellung welche wir uns
bilden um sie mit diesem Namen zu bezeichnen Denn die innere Wesenheit ist uns
vollständig unbekannt obgleich wir Grund haben anzunehmen dass da wo die
Fähigkeiten oder auch die äußere Gestalt so unterschieden sind die innere
Beschaffenheit nicht dieselbe ist
Theophilus Ich glaube dass wir hinsichtlich des Menschen eine Definition
haben welche zugleich real und nominal ist denn nichts kann dem Menschen so
wesentlich sein als die Vernunft und sie lässt sich gewöhnlich wohl erkennen
Darum können neben ihr der Bart und der Schweif nicht in Betracht kommen Ein
Waldmensch sowohl als ein behaarter Mensch lassen als Menschen sich erkennen
und Haare wie die des Affen sind kein Grund jemand von der Menschheit
auszuschließen Die Blödsinnigen ermangeln des Gebrauches der Vernunft da wir
aber aus Erfahrung wissen dass die Vernunft oft gebunden ist und sich nicht
zeigen kann und dies Menschen widerfährt welche sie schon gezeigt haben und
künftig noch zeigen werden so fällen wir nach der Wahrscheinlichkeit das
nämliche Urteil über diese Blödsinnigen auf Grund anderer Kennzeichen nämlich
der körperlichen Gestalt Auf Grund dieser mit der Abkunft verbundenen Zeichen
nimmt man an dass die Kinder Menschen sind und Vernunft zeigen werden und man
täuscht sich darin selten Gäbe es aber vernünftige lebendige Wesen von einer
von der unserigen ein wenig verschiedenen Gestalt so würden wir in Verlegenheit
sein Man sieht daraus dass wenn unsere Definitionen von der Äußerlichkeit der
Körper abhangen sie unvollkommene und vorläufige sind Wenn sich jemand für
einen Engel ausgäbe und Dinge wüsste oder zu verrichten wüsste die über uns
hinausgehen so würde er sich Glauben verschaffen können Wenn ein anderer wie
Gonzales mittels einer außerordentlichen Maschine aus dem Monde käme und uns
glaubhafte Dinge von seinem Geburtslande erzählte so würde er für einen
Mondbewohner gelten und doch könnte man ihm so fremd er auch unserer Weltkugel
wäre den Indigenat und die Bürgerrechte mit dem Titel eines Menschen
bewilligen wenn er aber die Taufe verlangte und als Proselyt unseres Glaubens
aufgenommen werden wollte so glaube ich dass man unter den Theologen unseres
Glaubens große Streitigkeiten sich erheben sehen würde Und wenn der Verkehr mit
jenen Planetenmenschen die nach Huygens Meinung denen unserer Erde ganz
ähnlich sind offen wäre so würde die Frage ein allgemeines Konzil verdienen
um zu entscheiden ob wir die Ausbreitung des Glaubens über unsere Erdkugel
hinaus weiter zu treiben Sorge tragen müssten Manche würden ohne Zweifel dabei
behaupten dass da die vernünftigen lebendigen Wesen jenes Landes nicht von
Adams Rasse wären sie auch an der Erlösung durch Jesus Christus keinen Teil
hätten andere aber würden vielleicht sagen dass wir weder genug wissen wo Adam
immer gewesen ist noch was aus seiner Nachkommenschaft geworden ist wie es
denn sogar Theologen gegeben hat die geglaubt haben dass der Mond der Ort des
Paradieses gewesen sei Man würde daher vielleicht durch Stimmenmehrheit als das
Sicherste beschließen jene zweifelhaften Menschen unter der Bedingung zu
taufen wenn sie der Taufe fällig sind ich zweifle aber dass man in der
römischen Kirche Priester aus ihnen machen würde weil ihre Weihen immer ungewiss
sein würden und man nach der Voraussetzung dieser Kirche das Volk der Gefahr
eines materiellen Götzendienstes aussetzen würde Glücklicherweise sichert uns
die Natur vor allen diesen Verlegenheiten indessen haben solche sonderbare
Erdichtungen in der Spekulation ihren Nutzen um das Wesen unserer Vorstellungen
recht erkenntlich zu machen
23 Philalethes Vielleicht würden sich manche nicht allein in den
theologischen Streitfragen sondern auch bei anderen Gelegenheiten nach der
Rasse richten und erklären dass bei den Tieren die Fortpflanzung durch die
Begattung des Männchens und des Weibchens und bei den Pflanzen mittelst des
Samens die vorausgesetzten wirklichen Arten als besondere und in ihrer Ganzheit
erhält aber dies wurde nur dazu dienen die Arten der Tiere und der
Vegetabilien festzusetzen Was soll man mit den übrigen machen Es reicht auch
nicht einmal hinsichtlich jener aus denn wenn man der Geschichte glauben darf
sind Frauen durch Affen geschwängert worden Da entsteht also eine neue Frage
zu welcher Art ein solches Erzeugnis gehören soll Man sieht oft Maulesel und
Jumarts man vergleiche das etymologische Lexikon von Menage die ersteren
erzeugt von einem Esel und einer Stute die letzteren von einem Stier und einer
Stute Ich habe ein von einer Katze und einer Ratte erzeugtes Tier gesehen
welches sichtbare Kennzeichen dieser beiden Tiere hatte Nimmt man dazu noch
missgeborene Erzeugnisse so wird man finden dass es gar schwer hält die Art
durch die Zeugung zu bestimmen und wenn man sie nur auf diese Weise machen
könnte müsste man da nicht nach Indien gehen um Vater und Mutter eines Tigers
und den Samen der Teepflanze zu sehen Oder lässt es sich nicht auf andere Weise
beurteilen oh die zu uns kommenden Individuen zu jenen Arten gehören
Theophilus Die Abkunft oder Rasse ergibt wenigstens eine starke Vermutung
dh einen vorläufigen Beweis und ich habe schon gesagt dass unsere Kennzeichen
gar oft nur mutmaßliche sind Mitunter wird die Rasse durch die Gestalt Lügen
gestraft wenn das Kind dem Vater und der Mutter unähnlich ist und die Mischung
in der Gestalt ist nicht immer das Kennzeichen der Mischung der Rassen denn es
kann geschehen dass ein Muttertier ein Wesen zur Welt bringt das einer fremden
Art anzugehören scheint und dass die bloße Einbildung der Mutter diese
Abweichung verursacht hat Nicht einmal dessen zu erwähnen was man Mondkalb
nennt Aber da man doch vorläufigerweise aus der Rasse die Art beurteilt so
beurteilt man auch aus der Art die Rasse Als man einmal dem König Johann
Kasimir von Polen ein unter den Bären gefundenes Kind aus dem Walde brachte
welches von deren Manieren viel an sich hatte endlich aber als ein vernünftiges
Wesen erkannt wurde hat man kein Bedenken getragen es als der adamitischen
Rasse zugehörig anzuerkennen und auf dem Namen Joseph zu taufen wiewohl
vielleicht unter der Bedingung si baptizatus non es wenn da noch nicht getauft
bist nach dem Gebrauch der römischen Kirche weil es ja nach der Taufe durch
einen Bären hätte geraut sein können Man kennt noch nicht genug die Wirkungen
der Vermischungen von Tieren und tötet oft die Missgeburten statt sie
aufzuziehen da sie doch ohnehin nicht lange zu leben pflegen Man glaubt dass
die gemischten Tierarten sich nicht vermehren indessen schreibt Strabo den
Mauleseln von Kappadozien die Fortpflanzung zu und aus China schreibt man mir
dass es in der benachbarten Tatarei eine besondere Rasse von Mauleseln gebe Auch
sehen wir dass die gemischten Arten bei den Pflanzen fähig sind ihre neue Art
zu erhalten Bei den Tieren weiß man nicht immer recht ob es das Männchen oder
das Weibchen oder beide oder keins von beiden ist was am meisten die Art
bestimmt Die Lehre von dem weiblichen Ei welche der verstorbene Kerkring so
berühmt gemacht hatte schien den männlichen Teil bei der Zeugung auf die Rolle
des Staubregens hinsichtlich der Pflanzen zu beschränken welcher dem Samen das
Mittel gibt aufzugehen und sich aus der Erde zu erheben nach den Versen des
Virgil welche die Priscillianer anzuführen pflegten
Dum Pater omnipotens fecundis imbribus aether
Conjugis in laetae gremium descendit et omnes
Magnus alit magno commissus corpore foetus
Mit einem Worte würde nach dieser Hypothese der Mann nichts mehr als der
Regen sein aber Leeuwenhoeck hat die Ehre des männlichen Geschlechts
wiederhergestellt und seinerseits das weibliche heruntergesetzt als ob es nur
die Leistung der Erde hinsichtlich des Samens hätte indem es ihm den Ort und
die Nahrung gibt was selbst dann stattfinden könnte wenn man die Theorie von
den Eiern aufrechterhielte Dies hindert aber nicht dass die Einbildungskraft
der Frau auf die Form des Fötus einen großen Einfluss hat auch wenn man
voraussetzen wollte dass das Wesen selbst von dem Mann abstammt denn er
befindet sich in einem Zustand welcher schon für gewöhnlich zu großer
Veränderung bestimmt und darum auch um so mehr für außerordentliche
Veränderungen empfänglich ist Man versichert dass die Einbildungskraft einer
Dame vom Stande welche durch den Anblick eines Verstümmelten verletzt wurde
dem der Geburt schon sehr nahen Fötus die Hand abgetrennt habe welche Hand sich
nachher bei der Nachgeburt gefunden haben soll doch verdient dies erst
Beglaubigung Vielleicht könnte jemand mit der Behauptung kommen dass wenn auch
die Seele nur von einem Geschlecht herkommen kann doch das eine wie das andere
Geschlecht etwas Organisches hergäbe und aus beiden Körpern ebenso einer werde
wie wir sehen dass der Seidenwurm gleichsam ein doppeltes Tier ist und unter der
Form der Raupe ein fliegendes Insekt in sich schließt so sehr sind wir noch
über einen so wichtigen Gegenstand im dunklen Vielleicht wird uns einmal die
Analogie der Pflanzen darüber Licht geben aber gegenwärtig sind wir über die
Erzeugung der Pflanzen selbst noch nicht unterrichtet die Mutmaßung über den
Staub der sich dabei bemerken lässt als oh derselbe dem menschlichen Samen
entsprechen könnte ist noch nicht recht aufgeklärt Übrigens ist oft genug ein
Pflanzenschößling imstande eine ganz neue Pflanze zu geben wofür man noch
keine Analogie bei den Tieren kennt auch kann man nicht sagen dass der Fuß des
Tieres ein Tier ist wie jeder Zweig eines Baumes eine des Fruchtbringens fähige
Pflanze für sich ist Auch gelingen die Mischungen der Arten und selbst die
Veränderungen innerhalb derselben Art bei den Pflanzen oft mit vielem Erfolge
Vielleicht sind oder waren die Tierarten zu irgend einer Zeit oder an irgend
einem Ort des Universums der Veränderung mehr unterworfen als sie es
gegenwärtig unter uns sind oder künftig sein werden Manche Tiere die etwas von
der Katze haben wie der Löwe der Tiger und der Luchs könnten von der
nämlichen Rasse gewesen sein und gegenwärtig gleichsam neue Unterabteilungen der
alten Katzenarten bilden So komme ich immer auf das schon mehr als einmal
Gesagte zurück dass unsere Bestimmungen der physischen Arten vorläufige und
unseren Kenntnissen entsprechende sind
24 Philalethes Wenigstens haben die Leute als sie ihre Einteilung der
Arten vornahmen niemals an die substantiellen Formen gedacht diejenigen
ausgenommen welche hierzulande wo wir sind unsere Schulsprache gelernt haben
Theophilus Seit kurzem scheint der Ausdruck substantielle Formen bei
gewissen Leuten in Verruf gekommen zu sein und man schämt sich von ihnen zu
reden Indessen ist dabei vielleicht immer noch mehr Mode als Vernunft Die
Scholastiker gebrauchten einen allgemeinen Begriff fälschlich wenn es sich
darum handelte besondere Erscheinungen zu erklären aber dieser Missbrauch hebt
die Sache selbst nicht auf Die menschliche Seele bringt die Zuversichtlichkeit
einiger unserer neueren Philosophen ein wenig in Verlegenheit Einige derselben
erklären sie für die Form des Menschen aber zugleich auch für die einzige
substantielle Form der uns bekannten Natur Descartes drückt sich ebenso darüber
aus und erteilt dem Regius eine Rüge dafür dass er der Seele diese
Beschaffenheit einer substantiellen Form bestritt und leugnen wollte dass der
Mensch ein unum per se ein mit einer wahrhaften Einheit begabtes Wesen sei
Manche glauben jener ausgezeichnete Mann habe aus Politik so gehandelt Ich
zweifle ein wenig daran weil ich glaube dass er darin recht hatte Aber man
sollte nicht dem Menschen allein dies Vorrecht geben wie wenn die Natur übers
Knie gebrochen wäre wir haben Grund zu dem Schluss dass es eine Unendlichkeit
von Seelen oder um allgemeiner zu reden von ursprünglichen Entelechien gibt
die etwas mit der Wahrnehmung und dem Triebe Analoges besitzen und die alle
substantielle Formen der Körper sind und stets bleiben Scheinbar gibt es
freilich manche Arten die nicht eigentlich ein unum per se sind dh Körper mit
einer wahrhaften Einheit oder mit einem unteilbaren Wesen begabt das ihr ganzes
Tätigkeitsprinzip ausmacht ebensowenig wie eine Mühle oder eine Uhr dies sein
könnten Von dieser Art könnten die Salze die Mineralien und die Metalle sein
dh einfache Zusammenhäufungen oder Massen Ton einer gewissen Regelmäßigkeit
Aber die Körper der einen und der anderen Art dh die beseelten Körper sowohl
wie die unbelebten Zusammenhäufungen werden durch ihren inneren Bau spezifiziert
sein da in denen selbst welche belebt sind die Seele und die Maschine jede
für sich zur Bestimmung genügen denn sie stimmen vollkommen miteinander überein
und drücken sich obgleich sie keinen unmittelbaren Einfluss aufeinander haben
wechselweise aus indem die eine alles das was die andere in der Vielheit
verteilt hat in eine vollkommene Einheit zusammengefasst hat Wenn es sieh also
um die Anordnung der Arten handelt so ist der Streit um die substantiellen
Formen unnütz wenn es auch aus anderen Gründen wichtig sein mag zu erkennen
ob und wie es deren gibt denn sonst wurde man in der intellektuellen Welt ein
Fremdling sein Übrigens haben die Griechen und Araber von diesen Formen
ebensogut wie die Europäer gesprochen und wenn der gemeine Mann nicht davon
redet so redet der ebensowenig von der Algebra oder von inkommensurablen
Größen
25 Philalethes Die Sprachen sind vor den Wissenschaften gebildet worden
und das unwissende ungelehrte Volk hat die Dinge unter gewisse Arten gebracht
Theophilus Allerdings aber die Gelehrten berichtigen die volkstümlichen
Begriffe Die Chemiker haben sichere Mittel gefunden die Metalle zu
unterscheiden und zu trennen die Botaniker haben die Wissenschaft von den
Pflanzen wunderbar bereichert und die über die Insekten erhaltenen Erfahrungen
haben uns in der Kenntnis der Tiere eine neue Bahn eröffnet indessen sind wir
noch weit von der Hälfte unserer Laufbahn entfernt
26 Philalethes Wenn die Arten ein Werk der Natur wären so könnten sie
von verschiedenen Personen nicht so verschieden aufgefasst werden Der Mensch
erscheint dem einen als ein zweifüßiges lebendiges Wesen ohne Federn mit großen
Nägeln und der andere fügt nach tieferer Untersuchung noch die Vernunft dazu
Viele Leute bestimmen indessen die Arten der Tiere mehr nach ihrer äußeren
Gestalt als nach ihrer Abkunft weil man mehr als einmal in Frage gestellt hat
ob gewisse menschliche Geburten zur Taufe zugelassen werden sollten oder nicht
bloß aus dem Grunde dass ihre äußere Bildung von der gewöhnlichen Form der
Kinder abwich ohne dass man wusste ob sie nicht ebensogut zur Vernunft fähig
wären wie Kinder die in einer anderen Form gegossen sind unter denen man
manche findet die wenn auch von anerkannter Gestalt ihr ganzes Leben lang
niemals so viel Vernunft zu zeigen imstande sind als in einem Affen oder
Elefanten vorkommt und die niemals ein Zeichen geben dass sie von einer
vernünftigen Seele regiert werden Hieraus ergibt sich offenbar dass die äußere
Form von der man allein hat reden wollen und nicht die Fähigkeit der Vernunft
von der niemand wissen kann ob sie zu ihrer Zeit fehlen durfte zum
wesentlichen Merkmal gemacht worden ist In diesen Fällen sind denn auch die
gescheitesten Theologen und Juristen gezwungen von ihrer hochverehrten
Definition eines vernünftigen lebendigen Wesens abzugehen und an deren Stelle
irgend eine andere Wesensbestimmung der Menschenart zu setzen Menage Menagiana
Tom I pag 278 der holländischen Ausgabe von 1649 führt uns das Beispiel
eines gewissen Abbé de St Martin an was erzählt zu werden verdient Als dieser
Abbé de St Martin zur Welt kam sagt er hatte er so wenig eine menschliche
Gestalt dass er eher einer Missgeburt glich Man beratschlagte einige Zeit ob
man ihn taufen sollte Indessen er wurde getauft und man erklärte ihn vorläufig
für einen Menschen dh bis die Zeit erkennen lassen würde was er wäre Er war
von Natur so missgestaltet dass man ihn sein ganzes Leben den Abbé Malotru
nannte Er war von Caen Da haben wir ein Kind welches einfach wegen seiner
Gestalt nahe daran war von der Menschenart ausgeschlossen zu werden so wie es
war kam es mit genauer Not davon und sicherlich würde eine noch etwas
ungestaltetere Form es ins Verderben gestürzt haben als ein Wesen welches
nicht für einen Menschen gelten dürfe Und doch kann man keinen Grund angeben
warum eine vernünftige Seele nicht in ihm hätte wohnen können wenn seine
Gesichtszüge ein wenig mehr verzerrt gewesen wären warum ein etwas längeres
Gesicht oder eine plattere Nase oder ein größerer Mund nicht ebensogut wie das
ihrige seiner hässlichen Gestalt mit einer Seele und Eigenschäften hätten
zusammenbestehen können die ihn so ungestaltet er immer war fähig machten
eine kirchliche Würde zu bekleiden
Theophilus Bisher hat man noch kein vernünftiges lebendiges Wesen gefunden
dessen äußere Gestalt von der unseren sehr verschieden gewesen wäre darum
wurden wenn es sich darum handelte ein Kind zu taufen Abstammung und Gestalt
immer nur als Kennzeichen angesehen um zu entscheiden ob es ein vernünftiges
Wesen sei oder nicht So haben denn die Theologen und Juristen nicht nötig
deshalb ihrer hochgehaltenen Definition zu entsagen
27 Philalethes Wenn aber jene Missgeburt von der Licetus im 3 Kap des
1 Buches redet die den Kopf eines Menschen und den Leib eines Schweines hatte
oder andere Missgeburten welche auf Menschenleibern Hunde und Pferdeköpfe usw
hatten am Leben erhalten worden wären und hätten reden können so würde die
Schwierigkeit viel größer gewesen sein
Theophilus Ich gebe das zu und wenn es vorkäme und jemand so angetan wäre
wie ein gewisser Schriftsteller ein Mönch aus alter Zeit Hans Kalb genannt
der sich in einem von ihm geschriebenen Buche mit einem Kalbskopf malte die
Feder in der Hand was einige lächerlicherweise glauben machte dass dieser
Schriftsteller wirklich einen Kalbskopf gehabt hätte wenn sage ich dies
vorkäme so würde man künftig behutsamer sein Missgeburten abzutun Denn die
Vernunft würde allem Anschein nach bei Theologen und Juristen trotz der Gestalt
und sogar trotz der Schwierigkeiten das Übergewicht behalten welche die
Anatomie dabei den Ärzten bereiten könnte Letztere würden ebensowenig der
Menschenwürde schaden wie jene Umkehrung der Eingeweide bei dem Menschen
dessen Obduktion zu Paris Bekannte von mir mitgemacht haben welche Aufsehen
erregt hat wo die Natur
Als hatte sie sich dran ergötzt
Die Leber hatte links gesetzt
Und rechte das Herz im Widerspiel
Sie trank vielleicht einmal zu viel
wenn ich mich recht der Verse erinnere welche der verstorbene Alliot ein
wegen seiner geschickten Behandlung des Krebses berühmter Arzt über dieses
Wunder gemacht hatte und mir zeigte Es versteht sich dass die Verschiedenheit
der Bildung bei den vernünftigen Wesen nicht zu weit gehen und man nicht in die
Zeit zurückkommen darf wo die Tiere sprachen denn sonst würden wir den uns
besonders eigenen Vorzug der Vernunft verlieren und aufmerksamer auf die
Abstammung und das Äußere sein um die Abkömmlinge Adams von denen unterscheiden
zu können welche von einem Könige oder Patriarchen irgend eines afrikanischen
Affenstaates abstammen mögen Unser gelehrter Autor hat recht mit der Bemerkung
29 dass wenn die Eselin des Bileam ihr ganzes Leben lang ebenso vernünftig
geredet hätte wie das eine Mal mit ihrem Herrn vorausgesetzt dass es nicht
eine prophetische Vision gewesen ist sie doch immer Mühe gehabt haben würde
Sitz und Stimme unter den Frauen zu erhalten
Philalethes Wie ich sehe lachen Sie und vielleicht lachte der Verfasser
auch aber ernstlich gesprochen Sie begreifen dass man nicht immer bestimmte
Grenzen für die Arten festsetzen kann
Theophilus Das habe ich Ihnen schon zugegeben denn wenn es sich um
Erdichtungen und die bloße Möglichkeit der Dinge handelt können die Übergänge
von Art zu Art unmerklich sein und sie unterscheiden wollen würde mitunter
ungefähr so sein wie wenn man entscheiden wollte wieviel Haare man einem
Menschen lassen muss damit er nicht kahlköpfig sei Diese Unentschiedenheit
würde selbst dann wahr sein wenn wir das Innere der Geschöpfe um die es sich
handelt vollständig kennten Aber ich sehe nicht ein wie sie verhindern soll
dass die Dinge unabhängig von dem Verstande wirkliche Wesenheiten haben und wir
diese auch erkennen können Freilich würden sich die Benennungen und die Grenzen
der Arten mitunter wie die Benennungen der Maße und Gewichte verhalten wo man
um feste Grenzen zu erhalten seine Wahl treffen muss Für gewöhnlich ist
indessen so etwas nicht zu fürchten da die einander zu nahe stehenden Arten
sich nicht leicht zusammenfinden
28 Philalethes Wie es scheint stimmen wir hier im Grunde überein
wiewohl wir ein wenig in den Bezeichnungen voneinander abweichen Auch gebe ich
Ihnen zu dass in der Benennung der Substanzen weniger Willkür herrscht als in
den Namen der zusammengesetzten Modi Denn man wird nicht darauf fallen das
Blöken eines Schafes mit der Gestalt des Pferdes oder die Farbe des Bleies mit
der Schwere und Feuerfestigkeit des Goldes zu verbinden Lieber kopiert man die
Natur
Theophilus Dies kommt nicht sowohl daher dass man bei den Substanzen nur
auf das achtet was wirklich da ist als dass man in den physischen
Vorstellungen die man nicht ganz bis auf den Grund versteht unsicher ist ob
ihre Verknüpfung möglich und nützlich ist wenn das wirkliche Dasein uns nicht
dabei Gewähr bietet Dies findet aber auch noch bei den Modi statt nicht
allein wenn deren Dunkelheit uns wie mitunter in der Physik vorkommt
undurchdringlich ist sondern auch wenn sie zu durchdringen nicht leicht ist
wovon es in der Geometrie genug Beispiele gibt Denn in der einen und der
anderen dieser Wissenschaften steht es bei uns nach Belieben Kombinationen zu
machen sonst hätte man das Recht von regelmäßigen Dekaëdern zu reden und
könnte in einem Halbkreise einen Mittelpunkt der Größe aufsuchen wie es einen
Mittelpunkt der Schwere darin gibt Denn es ist in der Tat auffallend dass der
eine dabei vorkommt und der andere nicht dabei vorkommen sollte Wie nun bei
den Modi die Kombinationen nicht immer willkürlich sind so findet sich im
Gegensatz dazu dass sie dies mitunter bei den Substanzen sind und oft hängt es
von uns ab Kombinationen der Eigenschaften zu machen um noch vor angestelltem
Versuch substantielle Wesen zu definieren wenn man diese Eigenschaften
hinlänglich kennt um über die Möglichkeit der Kombination zu urteilen So
können in der künstlichen Blumenzucht erfahrene Gärtner mit Recht und Erfolg
sich irgend eine neue Art zu erzielen vorsetzen und ihr im voraus einen Namen
geben
29 Philalethes Sie werden mir immer zugestehen müssen dass wenn es sich
um die Definition der Arten handelt die Zahl der Vorstellungen welche man
kombiniert von dem verschiedenen Fleiße dem Eifer oder der Phantasie dessen
abhängt welcher diese Kombination bildet Wie zur Bestimmung der Pflanzen und
Tierarten man sich am häufigsten nach der Gestalt richtet ebenso hält man sich
bei den meisten der nicht durch Samen hervorgebrachten natürlichen Körper am
meisten an die Farbe 10 In der Tat gibt das sehr oft nur verworrene grobe
und ungenaue Begriffe und es fehlt viel daran dass man über die bestimmte Zahl
der einfachen Vorstellungen oder der Eigenschaften miteinander übereinstimme
die einer bestimmten Art oder Benennung angehören sollen denn zur Auffindung
der einfachen Vorstellungen die beständig miteinander verbunden sind hat man
Mühe Geschick und Zeit nötig Indessen genügen in der Unterhaltung gewöhnlich
wenige Eigenschaften welche diese ungenauen Definitionen bilden aber trotz des
Geschreies über die Gattungen und Arten sind doch die Formen von denen man in
den Schulen so viel gesprochen hat nur Chimären die keineswegs dazu dienen um
uns in die Erkenntnis spezifischer Wesenheiten einzuführen
Theophilus Wer immer eine mögliche Kombination macht begeht insofern
keinen Irrtum auch nicht wenn er ihr eine Benennung gibt er irrt aber wenn
er glaubt dass dasjenige was er sich vorstellt alles das ist was andere
Erfahrenere unter demselben Namen oder in demselben Körper sich vorstellen Er
denkt sich vielleicht eine zu allgemeine Gattung statt einer anderen
spezielleren In diesem allen liegt nichts was der Schulmeinung widerspricht
und ich sehe nicht ein warum Sie jetzt gegen die Gattungen Arten und Formen
Ihren Angriff wiederholen da Sie doch selbst Gattungen Arten und selbst innere
Wesenheiten oder Formen anerkennen müssen die man übrigens wenn man sie noch
nicht zu kennen zugestehen muss zur Erkenntnis des spezifischen Wesens der Sache
gar nicht anzuwenden behauptet
30 Philalethes Wenigstens ist klar dass die von uns den Arten
angewiesenen Grenzen nicht genau denen entsprechen welche durch die Natur
gesetzt sind Denn bei unserem Bedürfnis allgemeiner Namen zum augenblicklichen
Gebrauch bemühen wir uns nicht ihre Eigenschaften zu entdecken welche uns ihre
wesentlichen unterschiede und Übereinstimmungen besser erkennen lassen würden
sondern wir selbst teilen sie in Arten auf Grund gewisser jedermann in die
Angen fallender Erscheinungen ein um dadurch mit anderen leichter verkehren in
können
Theophilus Wenn wir Vorstellungen die miteinander verbunden werden können
verbinden so sind die von uns den Arten angewiesenen Grenzen immer genau mit
der Natur übereinstimmend und wenn wir solche Vorstellungen miteinander zu
verbinden uns bemühen die sich wirklich zusammenfinden so stimmen unsere
Begriffe auch noch mit der Erfahrung überein Betrachten wir sie nur als
vorläufig hinsichtlich der wirklichen Körper vorbehaltlich gemachter oder zu
machender Erfahrung um mehr darin zu entdecken und gehen wir auf Sachkundige
zurück wenn es sich um etwas Bestimmtes handelt hinsichtlich dessen was man
öffentlich unter dem es bezeichnenden Worte versteht so werden wir uns
darin nicht irren So kann die Natur vollständigere und passendere Vorstellungen
liefern aber sie wird die unsrigen die gut und natürlich sind nicht Lügen
strafen mögen sie vielleicht auch nicht die besten und die natürlichsten sein
32 Philalethes Unsere Gattungsbegriffe von den Substanzen wie zB die
des Metalls folgen nicht genau den ihnen von der Natur dargebotenen Mustern da
man keinen Körper finden kann welcher einfach die Dehnbarkeit und
Schmelzbarkeit ohne andere Eigenschaften besitzt
Theophilus Solche Muster verlangt man auch nicht und würde auch nicht Grund
haben sie zu verlangen sie finden sich auch nicht in den deutlichsten
Begriffen Man findet niemals eine Zahl an der nichts als die Vielheit
Überhaupt zu bemerken wäre kein Ausgedehntes worin nur Dichtigkeit und keine
anderen Eigenschaften vorkommen und wenn die spezifischen Unterschiede positiv
und einander entgegengesetzt sind so muss die Gattung unter ihnen Partei
ergreifen
Philalethes Wenn also jemand sich einbildet dass ein Mensch ein Pferd
eine Pflanze etc sich durch wirkliche von der Natur gebildete Wesenheiten
voneinander unterscheiden so muss er sich die Natur als sehr freigebig mit
dergleichen wirklichen Wesenheiten vorstellen wenn sie deren eine für den
Körper eine andere für das Tier und noch eine andere für das Pferd hervorbringt
und alle diese Wesenheiten freigebig dem Bucephalus mitteilt Vielmehr sind
Gattungen und Arten nichts weiter als mehr oder weniger in sich begreifende
Zeichen
Theophilus Wenn Sie die wirklichen Wesenheiten für diejenigen
substantiellen Muster nehmen welche ein Körper und weiter nichts ein Tier und
nichts Spezielleres ein Pferd ohne individuelle Eigenschaften sein würden so
haben Sie recht sie als Chimären zu behandeln Niemand aber denke ich selbst
nicht die größten Realisten der Vergangenheit hat behauptet dass es so viel auf
die Gattung sich beschränkende Substanzen gebe als es Gattungen gibt Daraus
folgt jedoch nicht dass wenn die allgemeinen Wesenheiten dies nicht sind sie
bloße Zeichen sind denn ich habe Ihnen schon mehrmals bemerklich gemacht dass
sie Möglichkeiten in den Ähnlichkeiten der Dinge sind Dies ist ebenso wie aus
dem Umstände dass die Farben nicht immer Substanzen oder extrahierbare Tinkturen
sind nicht folgt dass sie bloß in der Einbildungskraft bestehen Übrigens kann
man sich die Natur nicht zu freigebig denken sie ist dies über alle unsere
möglichen Erfindungen hinaus und alle im voraus denkbaren Möglichkeiten finden
sich auf der großen Bühne ihrer Darstellungen verwirklicht Früher gab es bei
den Philosophen zwei Hauptthesen die der Realisten wollte die Natur
verschwenderisch machen die der Nominalisten sie für geizig erklären Der eine
behauptet dass die Natur kein Leeres duldet und der andere dass sie nichts
umsonst tut Diese beiden Grundsätze sind gut wenn man sie recht versteht denn
die Natur ist wie ein guter Haushalter der wo es sein muss spart um zu
rechter Zeit und am gehörigen Orte freigebig zu sein In ihren Wirkungen ist sie
freigebig und in den von ihr angewandten Ursachen sparsam
34 Philalethes Ohne uns weiter mit dem Streite über die wirklichen
Wesenheiten aufzuhalten genügt es den Zweck der Sprache und den Gebrauch der
Worte festzuhalten welcher darin besteht unsere Gedanken abgekürzt
auszudrücken Wenn ich zu jemand über eine Art Vögel drei bis vier Fuß hoch
reden will deren Haut mit etwas zwischen Federn und Haaren in der Mitte
Stehendem bedeckt ist von dunkelbrauner Farbe ohne Flügel an deren Stelle
aber zwei oder drei dem Pfriemenkraut gleiche Äste sich befinden die ihnen bis
unten hin hangen mit großen und dicken Schenkeln und Füßen von nur drei Klauen
und ohne Schwanz so bin ich genötigt diese Beschreibung zu geben um mich
dadurch anderen verständlich zu machen Sagt man mir aber dass der Name dieses
Tieres Kasuar ist so kann ich mich dann dieses Namens bedienen um im Gespräch
jene ganze zusammengesetzte Vorstellung zu bezeichnen
Theophilus Vielleicht würde aber eine recht genaue Vorstellung von der
Hautbedeckung oder irgend eines anderen Teiles ganz allein genügen um dies Tier
von allen anderen Tieren zu unterscheiden wie man den Herkules an seiner
Fußspur erkannte und den Löwen nach dem lateinischen Sprichwort an seiner Klaue
erkennt Je mehr man aber Unterscheidungszeichen zusammenhäuft desto haltbarer
ist die Definition
35 Philalethes In diesem Falle können wir ohne Nachteil für die Sache
etwas von der Vorstellung fallen lassen wenn aber die Natur etwas davon nimmt
so ist dann die Frage ob die Art noch bleibt Wenn es zB einen Körper gäbe
der alle Eigenschaften des Goldes ausgenommen die Dehnbarkeit hätte würde es
Gold sein Dies zu entscheiden hängt von den Menschen ab Sie also sind es
welche die Arten der Dinge bestimmen
Theophilus Keineswegs sie würden nur den Namen bestimmen Indessen würde
diese Erfahrung uns lehren dass die Dehnbarkeit mit allen den übrigen
Eigenschaften des Goldes zusammengenommen nicht in notwendiger Verbindung steht
Sie würde uns also eine neue Möglichkeit und folglich eine neue Art kennen
lehren Was aber das brüchige und spröde Gold anbetrifft so kommt dies nur von
den Zusätzen her und hat mit den anderen Proben des Goldes nichts gemein denn
die Probierkapelle und das Antimon nehmen ihm diese Sprödigkeit
36 Philalethes Aus unserer Lehre folgt etwas augenscheinlich sehr
Seltsames dass nämlich jede abstrakte Vorstellung die einen bestimmten Namen
hat eine bestimmte Art bildet Aber was will man dabei tun wenn die Natur es
so verlangt Ich möchte wohl wissen warum ein Bologneser Hund und ein Windhund
nicht ebenso verschiedene Arten sind als ein Hühnerhund und ein Elefant
Theophilus Ich habe vorher die verschiedenen Bedeutungen des Wortes Art
festgesetzt Nimmt man es logisch oder vielmehr mathematisch so kann die
geringste Unähnlichkeit genügen Jede verschiedene Vorstellung wird also eine
andere Art liefern und ob sie einen Namen hat oder nicht ist gleichgültig
Aber im physischen Sinne hält man sich nicht bei jedweder Abweichung auf und
redet entweder bestimmt wenn es sich nur um die Erscheinungen handelt oder
vermutungsweise wenn es sich um die innere Wahrheit der Dinge handelt indem
man dabei eine wesentliche und unveränderliche Natur voraussetzt wie beim
Menschen die Vernunft Man setzt also voraus dass dasjenige was nur durch
zufällige Veränderungen voneinander verschieden ist wie das Wasser und das Eis
das Quecksilber in seiner Flüssigkeit und als Sublimat von derselben Art ist
und bei den organischen Körpern setzt man gewöhnlich das vorläufige Merkmal
derselben Art in die Abstammung oder Rasse wie bei den gleichförmigsten Körpern
in die Reproduktion Allerdings kann man darüber aus Mangel an Erkenntnis des
Inneren der Dinge kein sicheres Urteil fällen Man urteilt aber wie ich schon
mehr als einmal gesagt habe auf vorläufige und oft bloß vermutende Weise Wenn
man indessen aus Vorsicht nur Gewisses sagen zu wollen bloß vom Äußeren reden
will so ergibt es einen weiteren Sinn und in diesem Falle darüber zu streiten
ob ein Unterschied spezifisch ist oder nicht wäre ein Wortstreit In diesem
Sinne findet unter den Hunden ein so großer Unterschied statt dass man sehr wohl
sagen kann die englischen Doggen und die Bologneser Hündchen seien von
verschiedenen Arten Demungeachtet könnten sie von der einen und selbigen
entfernten Kasse sein die man auffinden würde wenn mau höher aufsteigen
könnte und ihre Voreltern könnten einander ähnlich oder dieselben gewesen nach
großen Veränderungen aber einige aus der Nachkommenschaft größer andere kleiner
geworden sein Man kann sogar auch glauben ohne der Vernunft zu nahe zu treten
dass sie eine innere feststehende spezifische Wesenheit gemein haben die nun
nicht mehr in weitere Unterabteilungen zerfällt oder die man nicht bei mehreren
anderen Naturen der Art antrifft und die folglich nur durch Zufälligkeiten
weiter verändert wird obgleich wir freilich auch keinen Grund zu dem Schlusse
haben dass dies so bei allem dem was wir die unterste Art species infima
nennen notwendig stattfinden müsse Dass aber ein Hühnerhund und ein Elefant zu
derselben Kasse gehören und eine solche gemeinsame spezifische Natur haben ist
ganz unwahrscheinlich So kann man bei den verschiedenen Hundesorten wenn man
von den Erscheinungen spricht die Arten unterscheiden und wenn man von der
inneren Wahrheit spricht unentschieden bleiben vergleicht man aber den Hund
und den Elefanten so ist kein Grund ihnen äußerlich das zuzuschreiben was sie
als Wesen derselben Rasse erscheinen lassen konnte Also ist kein Grund
vorhanden sich gegen die Präsumtion unentschieden zu verhalten Auch beim
Menschen könnte man wenn man im logischen Sinne redet die Arten unterscheiden
und wenn man beim Äußeren stehen bliebe Verschiedenheiten im physischen Sinne
ausfinden welche als spezifische gelten konnten So hat es einen Reisenden
gegeben welcher annahm dass die Neger die Chinesen und endlich die Amerikaner
weder untereinander noch mit den uns gleichenden Völkern von gleicher Rasse
wären Aber sobald man die innere Wesenheit des Menschen dh die Vernunft
welche bei demselben Menschen verharrt und sich bei allen Menschen findet
erkennt und sonst nichts festes Innerliches unter uns bemerkt das eine
Unterabteilung ausmacht so haben wir keinen Grund zu dem Urteil dass es unter
den Menschen dem wahren Innern nach einen spezifischen inneren Unterschied gibt
während sich zwischen Mensch und Tier ein solcher findet vorausgesetzt dass
die Tiere dem vorhin von mir Auseinandergesetzten zufolge nur sinnliche
Erkenntnis besitzen wie in der Tat die Erfahrung uns darüber zu keinem anderen
Urteil Grund gibt
39 Philalethes Nehmen wir das Beispiel von einem Werke der Kunst dessen
innerer Bau uns bekannt ist Eine Uhr die nur die Stunden zeigt und eine Uhr
welche schlägt sind hinsichtlich derer welche sie zu bezeichnen nur einen
Namen haben von derselben Art aber hinsichtlich dessen welcher um die erste
zu bezeichnen den Namen Zeiger und um die letztere zu bezeichnen den Namen
Schlaguhr hat sind sie für ihn verschiedene Arten Also der Name und nicht
die innere Einrichtung ist es was eine neue Art gibt sonst würde es zu viele
Arten geben Es gibt Uhren mit vier Bädern und andere mit fünf einige haben
Schnüre und Spindeln und andere nicht in einigen geht die Unruhe frei in
anderen wird sie durch eine Spiralfeder und in noch anderen durch
Schweineborsten in Bewegung gesetzt Welcher dieser Umstände genügt nun um
einen spezifischen Unterschied zu bilden Ich sage keiner solange diese Uhren
im Namen übereinkommen
Theophilus Und ich würde es doch behaupten denn ohne mich bei den
verschiedenen Namen aufzuhalten würde ich die Verschiedenheiten des Werkes und
vor allem den Unterschied der Unruhen in Erwägung ziehen Denn seitdem man eine
Springfeder dabei angewendet hat welche die Bewegungen der Uhr nach den ihrigen
regelt und sie folglich gleichmäßiger macht haben sich die Taschenuhren ganz
umgewandelt und sind unvergleichlich richtiger geworden Ich habe früher einmal
sogar auf ein anderes Prinzip der Gleichmäßigkeit aufmerksam gemacht das man
auf die Uhren anwenden konnte
Philalethes Will jemand Einteilungen machen welche auf die ihm bekannten
Unterschiede in der inneren Gestaltung sich gründen so kann er es tun das
würden indessen nicht verschiedene Arten sein für Leute welche jenen inneren
Bau nicht kennen
Theophilus Ich sehe nicht ein warum man bei Ihnen die Vermögen die
Wahrheiten und die Arten von unserer Meinung oder Erkenntnis abhängig machen
will Sie liegen in der Natur mögen wir es nun wissen und anerkennen oder
nicht Wollte man sich anders ausdrücken so würde man die Namen der Dinge und
den angenommenen Sprachgebrauch ohne Not ändern Bis jetzt haben die Menschen
immer geglaubt dass es verschiedene Arten von Uhren gibt ohne sich darum zu
bekümmern worin die Verschiedenheit derselben besteht und wie man sie nennen
könnte
Philalethes Gleichwohl haben Sie kurz vorher anerkannt dass wenn man die
physischen Arten nach der äußeren Erscheinung unterscheiden will man dabei mit
willkürlicher Beschränkung verfährt so wie man es gerade zweckmäßig findet
dh je nachdem man den Unterschied mehr oder weniger bedeutend findet und nach
dem Gesichtspunkt welchen man hat Auch haben Sie sich selbst des Vergleichs
mit Gewichten und Maßen bedient welche man nach dem Belieben der Menschen
regelt und benennt
Theophilus Jawohl seitdem ich Sie zu verstehen angefangen habe Zwischen
den spezifischen Unterschieden bloß logischer Art zu denen die geringste
Änderung einer anwendbaren Definition so zufällig sie sein mag genügt und den
spezifischen Unterschieden die bloß physisch sind und sich auf das Wesentliche
oder Unveränderliche gründen kann man ein Mittelding setzen das sich aber
freilich nicht genau bestimmen lässt man richtet sich dann nach den wichtigsten
Erscheinungen die nicht gänzlich unwandelbar sind sich aber auch nicht leicht
ändern indem die eine sich dem Wesentlichen mehr als die andere nähert Da nun
ein Kenner weiter gehen kann als ein anderer so scheint die Sache freilich
willkürlich und hinsichtlich der Menschen relativ auch erscheint es bequem die
Namen nach diesen hauptsächlichen Verschiedenheiten einzurichten Man könnte
also auch sagen dass dies spezifische Unterschiede des bürgerlichen Lebens und
nominelle Arten sind die man nicht verwechseln muss was ich vorher
Nominaldefinitionen genannt habe welche bei den spezifischen Unterschieden
sowohl logischer wie physischer Art vorkommen Übrigens können außer dem
gewöhnlichen Sprachgebrauch die Gesetze selbst zu Wortbedeutungen berechtigen
und dann würden die Arten gesetzliche werden wie in denjenigen Verträgen
welche man nominati nennt dh solchen die auf einen besonderen Namen gehen
Dies ist so wie wenn das römische Recht die Mannbarkeit mit zurückgelegtem
vierzehnten Jahr anfangen lässt Diese ganze Erwägung ist zwar nicht zu
verachten indessen sehe ich nicht ein dass sie hier von großem Nutzen ist denn
außerdem dass Sie dieselbe mitunter da wo sie gewiss keinen hatte angewendet zu
haben scheinen wird man ungefähr die nämliche Wirkung auch erreichen wenn man
erwägt dass es von den Menschen abhängt so weit als sie es angemessen finden
in den Unterabteilungen weiterzugehen um von noch weitergehenden Unterschieden
abzusehen ohne dass man sie zu leugnen nötig hat und dass es auch von ihnen
abhängt das Gewisse für das Ungewisse zu wählen um Begriffe und Maße dadurch
dass man ihnen Namen gibt festzusetzen
Philalethes Ich freue mich dass wir jetzt einander viel näher gekommen
sind als den Anschein hatte 41 Sie werden mir auch wie ich sehe gegen die
Ansicht gewisser Philosophen zugegeben dass die Werke der Kunst ebensogut wie
die der Natur Arten bilden 42 aber bevor wir die Namen der Substanzen
verlassen will ich noch hinzusetzen dass von allen unseren verschiedenen
Vorstellungen die der Substanzen allein eigene oder individuelle Namen haben
denn es geschieht selten dass die Menschen nötig hätten eine individuelle
Eigenschaft oder irgend eine andere individuelle Zufälligkeit häufig zu
erwähnen Außerdem vergehen die individuellen Handlungen sogleich und die dabei
stattfindende Kombination der Umstände dauert nicht so wie bei den Substanzen
der Fall ist
Theophilus Es gibt indessen Fälle wo wir uns eines individuellen Akzidens
erinnern müssen und man ihm eine Bezeichnung gegeben hat somit ist ihre Regel
im ganzen genommen richtig aber sie erleidet Ausnahmen deren uns die Religion
liefert So feiern wir zB jährlich das Andenken an die Geburt Jesu Christi
die Griechen nannten diese Begebenheit Theogonie und die Anbetung der Weisen
Epiphanie So nannten die Hebräer Passah das Fest von dem Umgang des Engels
welcher die Erstgeburt der Ägypter tötete ohne die der Hebräer anzurühren
wovon sie das Andenken alle Jahre feiern mussten Was die Arten der künstlich
erzeugten Dinge betrifft so haben die scholastischen Philosophen sie unter ihre
Prädikamente aufzunehmen Bedenken getragen Aber ihre Bedenklichkeit war dabei
kaum nötig weil jene Tafeln der Prädikamente eben dazu dienen sollten eine
allgemeine Musterung unserer Vorstellungen in liefern Es ist indessen nützlich
den Unterschied zwischen den vollständigen Substanzen und denjenigen
Verbindungen der Substanzen aggregata zu erkennen welche durch die Natur oder
durch die menschliche Kunst zusammengesetzte substantielle Wesen sind Denn die
Natur liefert auch solche Verbindungen wie zB die Körper deren Mischung um
die Sprache unserer Philosophen zu reden unvollkommen ist imperfecte mixta
die kein unum per se bilden und keine vollkommene Einheit in sich darstellen
Meiner Meinung nach sind freilich die vier von ihnen »Elemente« genannten
Körper welche sie für einfach hielten und die Salze Metalle und andere
Körper welche sie für vollständig vermischt hielten und denen sie ihre
sogenannten Temperamente beimaßen auch kein unum per se um so weniger als man
urteilen muss dass sie nur dem Scheine nach einförmig und gleichartig sind und
selbst ein in sich gleichartiger Körper darum doch eine Mischung sein mag Die
vollkommene Einheit muss mit einem Wort den beseelten oder mit ursprünglichen
Entelechien begabten Körpern allein zugeschrieben werden denn diese Entelechien
haben mit den Seelen Analogie und sind auch unteilbar und unvergänglich wie sie
ich habe auch sonst schon das Urteil ausgesprochen dass ihre organischen Körper
in der Tat Maschinen sind welche aber die künstlichen von unserer Erfindung so
weit übertreffen als der Erfinder der natürlichen uns übertrifft Denn diese
natürlichen Maschinen sind so unvergänglich wie die Seelen selbst und mit der
Seele besteht auch immer der Organismus wie um mich durch ein ganz
lächerliches Gleichnis besser zu erklären wenn man Harlekin auf dem Theater
entkleiden wollte aber damit nicht Zustandekommen könnte weil er ich weiß
nicht wie viel Kleider anhätte Freilich sind diese ins Unendliche gehenden
Entwicklungen der organischen Körper die in einem lebendigen Wesen stecken
nicht so einander gleich und nicht so aufeinander passend wie Kleidungsstücke
da die Kunst der Natur von einer ganz anderen Feinheit ist Aus alledem erkennen
wir dass die Philosophen durchaus nicht unrecht gehabt haben zwischen den
Werken der Kunst und den mit einer wahrhaften Einheit begabten natürlichen
Körpern einen so großen Unterschied zu machen Aber unserer Zeit erst war es
vorbehalten dies Geheimnis zu enthüllen und dessen Wichtigkeit und Folgen
begreiflich zu machen um die natürliche Theologie und das was man die Lehre
vom Geist nennt in einer Weise zu begründen die in der Tat natürlich und dem
was wir erfahrungsmäßig feststellen und verstehen können entsprechend ist
welche uns ferner von den wichtigen Betrachtungen nichts verloren gehen lässt
die jene Wissenschaften liefern müssen oder sie vielmehr im Werte erhöht wie
durch das System der vorherbestimmten Harmonie geschieht Besser als so glaube
ich können wir diese lange Besprechung über die Namen der Substanzen nicht
enden
1 Philalethes Außer den Worten welche dazu dienen die Vorstellungen zu
benennen hat man solche nötig welche den Zusammenhang der Vorstellungen oder
der Sätze bezeichnen Das ist das ist nicht sind die allgemeinen Zeichen der
Bejahung oder der Verneinung Der Geist verbindet aber außer den Gliedern der
Sätze noch ganze Sentenzen oder Sätze 2 indem er sich derjenigen Worte
bedient welche diesen Zusammenhang der verschiedenen Bejahungen und
Verneinungen ausdrücken und Umstandswörter genannt werden In deren richtigem
Gebrauch besteht hauptsächlich die Kunst des Wohlredens Damit also die
Schlussfolgerungen methodische Folgerichtigkeit haben braucht man Ausdrücke
welche den Zusammenhang die Einschränkung den Unterschied den Gegensatz den
Nachdruck usw zeigen Und wenn man sich dabei irrt verwirrt man den
Zuhörenden
Theophilus Ich gestehe dass die Umstandswörter von großem Nutzen sind aber
ob die Kunst des Wohlredens auf ihnen hauptsächlich beruht weiß ich doch nicht
Wenn jemand nur Aphorismen gäbe oder abgerissene Thesen wie auf den
Universitäten oft geschieht oder bei dem was bei den Juristen artikuliertes
Libell genannt wird oder wie in den den Zeugen vorgelegten Artikeln so wird
man wenn man nur die Sätze gut ordnet fast dieselbe Wirkung erzielen um sich
verständlich zu machen als wenn man Verbindungen und Umstandswörter beigefügt
hätte denn der Leser ergänzt sie dabei Dagegen gestehe ich dass er verwirrt
werden würde wenn man die Umstandswörter schlecht anwenden wollte und zwar
viel mehr als wenn man sie ausließe Auch scheinen mir die Umstandswörter nicht
allein die Teile der aus Sätzen bestehenden Rede und die aus Vorstellungen
bestehenden Teile des Satzes zu verbinden sondern auch die Teile der auf
verschiedene Arten durch die Kombination anderer Vorstellungen gebildeten
Vorstellung Und zwar wird diese letztere Verknüpfung durch die Präpositionen
bezeichnet während die Adverbien auf Bejahung und Verneinung im Zeitwort
Einfluss üben und die Bindewörter zur Verbindung verschiedener Bejahungen oder
Verneinungen dienen Aber das alles haben Sie ohne Zweifel schon selbst bemerkt
wenn auch Ihre Worte anders zu lauten scheinen
3 Philalethes Der die Umstandswörter behandelnde Teil der Grammatik ist
weniger bearbeitet als der welcher die Fälle die Geschlechter die Modi die
Zeiten die Gerundien und Supina der Reihe nach darstellt Allerdings hat man in
einigen Sprachen auch die Umstandswörter mittels bestimmter Untereinteilungen
mit scheinbar großer Genauigkeit unter Titel gebracht Aber diese Listen
durchzulaufen genügt noch nicht man muss über seine eigenen Gedanken
reflektieren um die Formen welche der Geist beim Denken gebraucht zu
beobachten denn die Umstandswörter sind ganz ebensogut Merkzeichen der
geistigen Tätigkeit
Theophilus Allerdings ist die Lehre von den Umstandswörtern wichtig und
ich wünsche man möchte sie mehr im einzelnen bearbeiten Denn nichts würde
geeigneter sein die verschiedenen Formen des Verstandes erkennbar zu machen
Die Geschlechter bedeuten für die philosophische Grammatik nichts die Kasus
aber entsprechen den Präpositionen und oft steckt die Präposition im Worte
selbst und ist davon gleichsam verschlungen und sind andere Umstandswörter in
den Flexionen der Verba versteckt
4 Philalethes Um die Umstandswörter richtig zu erklären genügt es nicht
wie man in einem Wörterbuche häufig es macht sie mit den Worten einer anderen
Sprache die ihnen am nächsten kommen zu übersetzen weil es ebenso schwer ist
ihren genauen Sinn in der einen Sprache wie in der anderen zu begreifen und
außerdem die Bedeutungen der verwandten Wörter beider Sprachen nicht immer genau
dieselben sind und auch in derselben Sprache wechseln Ich erinnere mich dass es
in der hebräischen Sprache ein Umstandswort von einem einzigen Buchstaben gibt
von dem man mehr als fünfzig Bedeutungen aufzählt
Theophilus Es haben sich Gelehrte damit befasst Abhandlungen über die
Umstandswörter des Lateinischen Griechischen und des Hebräischen zu machen und
der berühmte Jurist Strauchius hat ein Buch eigens über den Gebrauch der
Umstandswörter in der Jurisprudenz geschrieben wo die Bedeutung von nicht
geringem Gewicht ist Indessen findet man dass man sie gewöhnlich mehr durch
Beispiele und Synonyme zu erklären versucht als durch deutliche Begriffe Auch
kann man nicht immer für sie eine allgemeine oder formelle Bedeutung wie der
verstorbene Bohlius es nannte die allen Beispielen Genüge leisten könnte
finden aber dessenungeachtet könnte man immer alle Gebrauchsarten eines Wortes
auf eine beschränkte Zahl von Bedeutungen zurückführen Und das eben müsste
geschehen
5 Philalethes In der Tat übertrifft die Zahl der Bedeutungen die der
Umstandswörter bedeutend Im Englischen hat das Wörtchen but sehr verschiedene
Bedeutungen 1 wenn ich sage but to say no more so bedeutet das aber um
nicht mehr zu sagen als wenn dieses Umstandswort bezeichnete dass der Geist in
seinem Fortschritt anhielte nachdem er seinen Lauf eröffnet hatte Aber wenn
ich sage 2 I saw but two planets dh ich sah nur zwei Planeten so schränkt
der Geist den Sinn dessen was er sagen will auf das gerade Ausgedrückte mit
Ausschluss alles übrigen ein Und wenn ich sage 3 you pray but it is not that
God would bring you to the true religion but that he would confirm you in your
own dh »Ihr bittet Gott aber nicht dass er Euch zur Erkenntnis der wahren
Religion bringen wolle sondern in der eurigen befestige« so bezeichnet das
eiste dieser but oder aber eine Voraussetzung im Geiste die anders ist als sie
sein sollte und die zweite zeigt dass der Geist einen direkten Gegensatz
zwischen dem Folgenden und dem Vorausgehenden setzt 4 All animals have sense
but a dog is an animal dh alle Tiere haben Empfindung nun ist der Hund ein
Tier Da bezeichnet die Partikel die Verbindung des Untersatzes mit dem
Obersatze
Theophilus Das französische mais kann in allen diesen Fällen den zweiten
ausgenommen dafür gesetzt werden das deutsche »allein« aber als Partikel
genommen welches eine Mischung von mais und seulement bedeutet kann
zweifelsohne an Stelle des but in allen jenen Beispielen das letzte
ausgenommen wo man noch ein wenig zweifelhaft sein könnte gesetzt werden Auch
wird mais im Deutschen bald durch aber bald durch sondern wiedergegeben
welches letztere eine Trennung oder Scheidung bezeichnet und sich dem
Umstandswort allein annähert
Um die Umstandswörter richtig zu erklären genügt es nicht eine abstrakte
Erklärung davon zu geben wie wir hier eben getan haben sondern man muss zu
einer Umschreibung schreiten welche an ihre Stelle gesetzt werden kann wie die
Definition an Stelle des Definierten treten kann Wenn man sich bemühen wollte
diese stellvertretenden Umschreibungen bei allen Umstandswörtern so weit sie
dessen fähig sind zu suchen und festzusetzen so würde man ihre Bedeutungen
damit bestimmen Versuchen wir in unseren Tier Beispielen uns dem zu nähern Im
ersten will man sagen Bis jetzt soll bloß von dem geredet sein und nicht mehr
non più im zweiten Ich sah nur zwei Planeten und nicht mehr im dritten Ihr
bittet Gott nur darum nämlich in eurer Religion befestigt zu werden und nicht
mehr usw im vierten als wenn man sagte Alle Tiere haben Empfindungen das
allein hat man in Betracht zu ziehen und braucht nicht mehr Der Hund ist ein
Tier also hat er Empfindung Somit bezeichnen alle diese Beispiele
Beschränkungen und ein Non plus ultra sei es in den Dingen sei es in der Rede
Auch bedeutet but ein Ende eine Grenze des Laufes wie wenn man sagte Halt da
sind wir wir sind bei unserem But angelangt But Bute ist ein altes deutsches
Wort welches etwas Festes einen Standort bedeutet Beuten ein veraltetes
Wort welches sich noch in einigen Kirchengesängen findet heißt verweilen Das
mais hat seinen Ursprung von magis wie wenn jemand sagen wollte »Was das
weitere angeht so muss man das lassen« was so viel ist als sagen es braucht
nicht mehr es ist genug kommen wir zu etwas anderem oder das ist etwas
anderes Da aber der Sprachgebrauch auf wunderliche Art wechselt so müsste man
mit den Beispielen sehr ins einzelne gehen um die Bedeutungen der
Umstandswörter ordentlich zu bestimmen Im Französischen vermeidet man das
doppelte mais durch ein cependant und würde sagen Vous priez cependant ce
nest pas pour obtenir la vérité mais pour être confirmé dans votre opinion
Ihr bittet indessen nicht um die Wahrheit zu erlangen sondern um in eurer
Meinung befestigt zu werden Das sed der Lateiner wurde früher oft durch ains
ausgedrückt welches das anzi der Italiener ist und die Franzosen haben bei
ihrer Sprachverbesserung dieselbe um einen vorteilhaften Ausdruck gebracht ZB
Il ny avait rien de sûr cependant on était persuadé de ce je vous ai mandé
parce quon aime à croire ce quon souhaite mais il sest trouvé que ce nétait
pas cela ains plutôt etc
6 Philalethes Meine Absicht war diesen Gegenstand nur ganz leicht zu
berühren Ich will noch hinzufügen dass die Umstandswörter oft entweder
beständig oder in einer gewissen Satzbildung den Sinn eines ganzen Satzes
umfassen
Theophilus Wenn das aber ein vollständiger Sinn ist so geschieht es
glaube ich durch eine Art Ellipse sonst können meiner Ansicht nach die
Ausrufungswörter allein für sich stehen und in einem Wort alles sagen wie Ach
Wehe Denn wenn man »aber« sagt ohne etwas anderes hinzuzufügen so ist es eine
Ellipse wie um zu sagen Aber da können wir noch lange warten und brauchen uns
nicht vergeblich etwas vorzureden Etwas dem Ähnliches gibt es im nisi der
Lateiner si nisi non esset wenn es kein Aber gäbe Übrigens wäre es mir ganz
recht gewesen wenn Sie auf die Wendungen des Geistes welche im Gebrauch der
Umstandswörter wunderbar hervortreten etwas näher eingegangen wären Aber da
wir Ursache haben uns mit dem Abschluss dieser Untersuchung der Worte und der
Rückkehr zu den Dingen zu beeilen so will ich Sie hier nicht weiter aufhalten
obwohl ich wirklich glaube dass die Sprachen der beste Spiegel des menschlichen
Geistes sind und eine genaue Analyse der Wortbedeutungen mehr als jedes andere
die Verrichtungen des Verstandes erkennen lassen würde
1 Philalethes Noch ist zu bemerken dass die Ausdrücke entweder abstrakt
oder konkret sind Jede abstrakte Vorstellung ist deutlich so dass die eine von
zweien niemals die andere sein kann Der Geist muss durch seine intuitive
Erkenntnis den unterschied zwischen ihnen bemerken und folglich können niemals
zwei dieser Vorstellungen die eine von der anderen bejaht werden Jedermann
sieht sogleich die Falschheit dieser Sätze die Menschheit ist die organische
Wesenheit oder Vernünftigkeit dies ist von so großer Evidenz wie irgend einer
der am allgemeinsten angenommenen Grundsätze
Theophilus Dennoch lässt sich darüber etwas sagen Man kommt darin überein
dass die Gerechtigkeit eine Tugend eine Fertigkeit habitus eine Eigenschaft
ein Akzidens ist usw Also können zwei abstrakte Ausdrucke voneinander
prädiziert werden Ich pflege auch noch zwei Arten von Abstrakta zu
unterscheiden Es gibt abstrakte logische Ausdrücke und auch abstrakte reale
Ausdrücke Die realen oder wenigstens als solche gedachten Abstrakta sind
entweder Wesenheiten oder Teile von Wesenheiten oder Akzidenzien dh der
Substanz Beigelegtes Die abstrakten logischen Ausdrücke sind auf einen
sprachlichen Ausdruck zurückgebrachte Bezeichnungen wie wenn ich zB sagte
Mensch sein organisches Wesen sein und in diesem Sinne kann man sie einen vom
andern prädizieren und sagen Mensch sein ist organisches Wesen sein Aber bei
den Realitäten findet dies nicht statt Denn man kann nicht sagen dass die
Menschheit oder Homoität wenn man will welche das ganze Wesen des Menschen
ist die organische Wesenheit ist da diese nur einen Teil jenes Wesens bildet
indessen haben diese abstrakten und unvollständigen Wesen welche durch
abstrakte reale Ausdrücke bezeichnet werden auch ihre Geschlechter und Arten
die nicht minder durch abstrakte reale Ausdrücke ausgedrückt werden also findet
ein Prädizieren unter ihnen statt wie ich am Beispiele der Gerechtigkeit der
Tugend gezeigt habe
2 Philalethes Man kann immerhin sagen dass die Substanzen nur wenig
abstrakte Namen haben man hat in den Schulen kaum von der organischen
Wesenheit Körperlichkeit geredet Aber im großen Publikum hat sich dies nicht
durchgesetzt
Theophilus Weil man diese Ausdrücke nur sehr wenig nötig hatte um als
Beispiel zu dienen und den allgemeinen Begriff den nicht gänzlich zu
vernachlässigen geboten war zu erklären Wenn die Alten sich des Wortes »
Menschheit« im Sinne der Schule nicht bedienten so sagten sie die menschliche
Natur was dasselbe ist Auch sagten sie sicherlich Gottheit oder wenigstens
göttliche Natur und da die Theologen nötig hatten von diesen beiden Naturen
und realen Akzidenzien in reden so hat man sich in den philosophischen und
theologischen Schulen mit diesen abstrakten Wesenheiten und vielleicht mehr als
passend war vertraut gemacht
1 Philalethes Wir haben schon von dem doppelten Gebrauch der Worte
geredet Der eine besteht darin zur Unterstützung unseres Gedächtnisses
welches uns mit uns selbst reden macht unsere eigenen Gedanken einzuprägen der
andere mittels der Worte unsere Gedanken anderen mitzuteilen Diese beiden
Arten des Gebrauchs lassen uns die Vollkommenheit oder Unvollkommenheit der
Worte erkennen 2 Wenn wir nur mit uns sprechen ist es gleichgültig welche
Worte man anwendet wenn man sich nur ihres Sinnes erinnert und ihn nicht ändert
Aber 3 der Mitteilungsgebrauch ist noch von zwei Arten ein bürgerlicher und
ein philosophischer Der bürgerliche besteht in der Unterhaltung und im Umgange
des bürgerlichen Lebens der philosophische Gebrauch ist der dass man Worte
vorbringen muss um genaue Begriffe anzugehen und gewisse Wahrheiten in
allgemeinen Sätzen auszudrücken
Theophilus Sehr wahr die Worte sind nicht weniger Merkzeichen Notae für
uns wie die Zahlen oder algebraischen Zeichen sein konnten als Zeichen für
andere und der Gebrauch der Worte als Zeichen findet sowohl dann statt wenn es
sich darum handelt die allgemeinen Vorschriften auf das Leben und die
Individuen anzuwenden als wenn es sich darum handelt diese Vorschriften zu
finden oder zu bewahrheiten der erstere Gebrauch der Zeichen ist der
bürgerliche und der zweite der philosophische
5 Philalethes Nun ist es schwer besonders in folgenden Fällen die von
jedem Wort bezeichnete Vorstellung zu erkennen und zu behalten 1 wenn diese
Vorstellungen sehr zusammengesetzt sind 2 wenn diese Vorstellungen die eine
neue bilden keinen natürlichen Zusammenhang unter sich haben so dass es in der
Natur kein festes Maß oder Muster gibt sie zu berichtigen oder zu regeln 3
wenn das Muster nicht leicht zu erkennen ist 4 wenn die Bedeutung des Wortes
und das wirkliche Wesen nicht genau dasselbe sind Die Bezeichnungen der Modi
sind dem Zweifel und der Unvollkommenheit mehr um der ersten beiden Gründe
willen ausgesetzt und die der Substanzen mehr um der beiden letzten willen
6 Wenn die Vorstellung der Modi sehr zusammengesetzt ist wie die der meisten
Ausdrücke in der Moral so haben sie selten genau dieselbe Bedeutung wie die
Geister zweier verschiedener Personen 7 Auch macht das Fehlen der Muster
diese Art Worte zweideutig Der welcher zuerst das Wort »brusquer« anfahren
erfunden hat hat darunter verstanden was er für entsprechend ansah ohne dass
die welche sich desselben wie er bedienten von dem was er eigentlich sagen
wollte sich unterrichtet hätten und ohne dass er ihnen irgend ein stehendes
Modell gezeigt hätte 8 Der allgemeine Gebrauch regelt hinlänglich den Sinn
der Worte für die gewöhnliche Unterhaltung aber Genauigkeit ist nicht dabei
und man streitet täglich über die der Eigentümlichkeit der Sprache angemessenste
Bedeutung Viele Leute reden von Ruhm und doch gibt es wenige die sich darüber
miteinander verstehen 9 In vieler Munde sind es nur einfache Laute oder
bleiben wenigstens die Bedeutungen ganz unbestimmt Und in einer Rede oder einer
Unterhaltung wo man von der Ehre dem Glauben der Gnade der Religion der
Kirche redet und vor allem in einer Kontroverse bemerkt man gleich dass die
Leute verschiedene Begriffe haben welche sie mit denselben Ausdrücken
verbinden Und wenn es schwierig ist den Sinn der Ausdrücke der Menschen
unserer Zeit zu verstehen so ist die Schwierigkeit noch viel größer die alten
Bücher zu verstehen Das Gute dabei ist dass man sich dessen entschlagen kann
ausgenommen wenn sie das was wir zu glauben oder zu tun haben enthalten
Theophilus Diese Bemerkungen sind gut aber was die alten Bücher
anbetrifft so müssen wir da wir die heilige Schrift in allen Stücken zu
verstehen nötig haben und die römischen Gesetze in einem großen Teil Europas im
Gebrauch sind eben deswegen eine Menge anderer alter Bücher zu Bäte ziehen die
Rabbiner die Kirchenväter sogar die Profanhistoriker Übrigens verdienen auch
die alten Ärzte vernommen zu werden Die Ausübung der Heilkunst der Griechen ist
von den Arabern bis zu uns gekommen das Quellwasser ist in den Bächen der
Araber getrübt und in vielen Dingen wieder geklärt worden nachdem man
angefangen hat auf die alten Griechen selbst wieder zurückzugehen Indessen
sind diese Araber darum doch nützlich und man versichert zB dass Ebenbitar
der in seinen Büchern über die Heilmittel Dioscorides ausgeschrieben hat oft
ihn zu erklären dient Auch finde ich dass nach der Religion und Geschichte
besonders in der Medizin soweit sie empirisch ist die schriftlich erhaltene
Überlieferung der Alten und überhaupt die Bemerkungen anderer nützlich sein
können Darum habe ich immer die noch mit der Kenntnis des Altertums vertrauten
Ärzte sehr verehrt und hat es mir sehr leid getan dass der in beiden Fächern
ausgezeichnete Reinesius sich mehr dazu gewendet hat die Gebräuche und
Geschichten der Alten aufzuhellen als einen Teil ihrer Naturerkenntnis wieder
herzustellen was ihm wie er gezeigt hat ganz ausnehmend gut gelungen sein
würde Wenn die Lateiner Griechen Hebräer und Araber einmal ausgebeutet sein
werden werden die mit alten Werken noch versehenen Chinesen an die Reihe kommen
und der Wissbegierde unserer Kritiker Stoff geben Ohne noch von gewissen alten
Büchern der Perser der Armenier der Kopten und Brahmanen zu reden die man mit
der Zeit aus der Verborgenheit ziehen wird um keine Aufklärung zu
vernachlässigen welche das Altertum durch die Überlieferung der Lehrmeinungen
und die Geschichte der Tatsachen liefern kann Und wenn es kein altes Buch mehr
zu prüfen geben wird werden die Sprachen die Stelle der Bücher einnehmen denn
sie sind die ältesten Denkmale des menschlichen Geschlechts Man wird mit der
Zeit alle Sprachen des Weltalls buchen sie in Wörterbücher und Grammatiken
bringen und miteinander vergleichen was von sehr großem Nutzen sowohl zur
Erkenntnis der Dinge sein wird weil die Namen oft deren Eigenschaften
entsprechen wie man an den Benennungen der Pflanzen bei den verschiedenen
Völkern sieht als auch zur Erkenntnis unseres Geistes und der wunderbaren
Mannigfaltigkeit seiner Verrichtungen Nicht zu reden von dem Ursprung der
Völker den man mittels begründeter Etymologien welche die Sprachvergleichung
am besten liefern kann erkennen wird Aber davon habe ich bereits gesprochen
Alles dies lässt ferner den Nutzen und den Wirkungskreis der Kritik erkennen
die bei manchen sonst gescheiten Philosophen wenig in Ansehen steht Diese
suchen sich darüber zu erheben indem sie mit Verachtung von der Rabbinage und
überhaupt der Philologie sprechen Man sieht auch dass die Kritiker noch lange
Zeit Stoff finden werden sich mit Nutzen zu üben und sie würden gut tun sich
nicht allzusehr mit Kleinigkeiten die Zeit zu vertreiben da sie so viel mehr
anmutende Gegenstände zu behandeln haben Freilich weiß ich wohl dass auch die
Kleinigkeiten bei den Kritikern sehr oft notwendig sind um die wichtigsten
Erkenntnisse zu entdecken Und da die Kritik sich großenteils auf die Bedeutung
der Worte und die Auslegung der Schriftsteller vor allem der Alten bezieht so
hat diese unsere Besprechung der Worte verbunden mit der von Ihnen getanen
Erwähnung der Alten mich diesen wichtigen Punkt zu berühren veranlasst
Um aber auf Ihre vier Mängel der Bezeichnung zurückzukommen so muss ich
Ihnen sagen dass man sie alle beseitigen kann vor allem seitdem die Schrift
erfunden ist und dass sie nur unserer Nachlässigkeit wegen da sind Denn es
hängt von uns ab die Bezeichnungen wenigstens in irgend einer Gelehrtensprache
festzustellen und sich darüber zu verständigen um vor allen Dingen jenen Turm
von Babel zu zerstören Aber zwei Fehler gibt es die zu heilen schwieriger sein
dürfte wovon der eine in der uns treffenden Unsicherheit besteht ob
Vorstellungen einstimmig sind wenn die Erfahrung sie uns nicht alle in dem
nämlichen Gegenstande verbunden liefert der andere in der Notwendigkeit von
den sinnlichen Dingen vorläufige Definitionen zu machen wenn man noch nicht
genug Erfahrungen hat um vollständigere Definitionen davon zu haben Ich habe
indessen schon mehr als einmal von dem einen wie von dem anderen dieser Mängel
gesprochen
Philalethes Ich gehe dazu über Ihnen anzugeben was noch dazu dienen kann
die von Ihnen eben bezeichneten Mängel in gewisser Weise aufzuhellen Der dritte
der von mir bezeichneten Mängel ist wie mir scheint die Ursache dass jene
Definitionen vorläufige sind wenn wir nämlich unsere sinnlichen Muster nicht
genug erkennen dh die substantiellen Wesen körperlicher Natur Dieser Mangel
macht auch dass wir nicht wissen ob es erlaubt ist die sinnlichen
Eigenschaften welche die Natur nicht verbunden hat zu verbinden weil man sie
nämlich nicht bis auf den Grund versteht Wenn nun die Bedeutung der Worte
welche für die zusammengesetzten Modi dienen aus Mangel an Mustern welche
dieselbe Zusammensetzung zeigen zweifelhaft ist so ist die der Worte für die
substantiellen Wesen aus einem ganz entgegengesetzten Grunde zweifelhaft weil
sie nämlich das bezeichnen müssen was als der Realität der Dinge entsprechend
vorausgesetzt wird und sich auf von der Natur gebildete Muster bezieht
Theophilus Ich habe schon mehr als einmal in unseren früheren
Unterhaltungen bemerkt dass dies für die Vorstellungen der Substanzen nicht
wesentlich ist gestehe aber dass die der Natur nachgebildeten Vorstellungen die
zuverlässigsten und nützlichsten sind
12 Philalethes Wenn man also den ganz und gar von der Natur gemachten
Mustern folgt ohne dass die Phantasie etwas anderes nötig hat als deren
Abbilder zu behalten so haben die Worte für die substantiellen Wesen wie ich
schon gezeigt habe im gewöhnlichen Gebrauch eine doppelte Beziehung Die erste
ist dass sie die innere und reale Bildung der Dinge bezeichnen das Muster davon
kann jedoch nicht erkannt werden und folglich auch nicht dazu dienen die
Bedeutungen zu regeln
Theophilus Darum handelt es sich hier nicht weil wir von den Vorstellungen
sprechen von welchen wir Muster haben die innere Wesenheit ist in der Sache
es muss aber zugegeben werden dass sie nicht als Prägstock dienen könne
13 Philalethes Die zweite Beziehung ist also die welche die Namen der
substantiellen Wesen unmittelbar auf die einfachen Vorstellungen haben die
zugleich in der Substanz sind Aber da die Zahl dieser in dem nämlichen Subjekt
vereinigten Vorstellungen groß ist werden indem man von demselben Subjekt
spricht sehr verschiedene Vorstellungen davon gebildet sowohl durch die
verschiedene Verknüpfung der gebildeten einfachen Vorstellungen als weil der
größte Teil der Eigenschaften der Körper die von diesen besessenen Kräfte sind
Veränderungen in anderen Körpern hervorzubringen und deren zu empfangen wie
dies zB diejenigen Veränderungen bezeugen welche eines der niedrigsten
Metalle durch die Wirkungen des Feuers zu erleiden fähig ist und deren es noch
viel mehr unter den Händen eines Chemikers durch die Anwendung anderer Körper
empfängt Übrigens begnügt der eine sich mit dem Gewicht und der Farbe bei der
Erkenntnis des Goldes während der andere noch die Dehnbarkeit und die
Feuerfestigkeit dazu nimmt der dritte aber noch in Betracht ziehen will dass
man es in Königswasser auflösen kann
14 Da die Dinge auch häufig Ähnlichkeit unter sich haben so ist es
mitunter schwer die Verschiedenheiten genau zu bezeichnen
Theophilus Da die Körper hauptsächlich dem unterworfen sind verändert
versteckt verfälscht nachgemacht zu werden so ist es eine große Hauptsache
sie unterscheiden und wiedererkennen zu können Das Gold versteckt sich in der
Auflösung aber man kann es daraus zurückerhalten sei es durch Präzipitation
sei es durch Destillation des Wassers und das nachgemachte oder falsche Gold
wird durch die Kunst der Probierer erkannt oder gereinigt die weil sie nicht
der ganzen Welt bekannt ist uns der Verwunderung darüber enthebt dass die
Menschen nicht alle dieselbe Vorstellung vom Golde haben Und gewöhnlich sind es
nur die Sachkundigen welche von den Dingen ganz richtige Vorstellungen haben
15 Philalethes Gleichwohl richtet diese Verschiedenheit im bürgerlichen
Verkehr nicht so viel Unordnungen an als in den wissenschaftlichen
Untersuchungen
Theophilus Sie würde erträglicher sein wenn sie nicht auf die Praxis
Einfluss hätte wo es oft wichtig ist nicht ein Quiproquo zu bekommen und also
die Merkzeichen der Dinge zu kennen oder Leute welche sie kennen bei der Hand
zu haben Und das ist vor allem wichtig hinsichtlich der Drogen und kostbarer
bei wichtigen Vorfällen nötiger Stoffe Die wissenschaftliche Unordnung lässt
sich mehr beim Gebrauch der allgemeinen Ausdrücke bemerken
18 Philalethes Die Namen der einfachen Vorstellungen sind der
Zweideutigkeit weniger unterworfen und selten täuscht man sich über die
Ausdrücke für Weiß Bitter usw
Theophilus Dennoch bleibt es wahr dass diese Ausdrücke nicht ganz frei von
Unsicherheit sind und ich habe schon das Beispiel der einander nahestehenden
Farben angemerkt welche sich auf den Grenzen zwischen zwei Grundfarben befinden
und deren Grundfarbe ungewiss ist
19 Philalethes Nächst den Namen der einfachen Vorstellungen sind die der
einfachen Modi am wenigsten ungewiss wie zB die der Figuren und der Zahlen
Aber 20 die zusammengesetzten Modi und die Substanzen verursachen die ganze
Schwierigkeit 21 Man könnte sagen dass statt den Namen die Schwierigkeiten
zuzuschreiben man sie vielmehr auf Rechnung unseres Verstandes setzen müsse
ich antworte aber dass die Worte sich dergestalt zwischen unseren Geist und die
Wahrheit der Dinge einschieben dass man die Worte mit dem Mittel vergleichen
kann durch welches die Strahlen der sichtbaren Gegenstände hindurchgehen und
das oft vor unseren Augen Nebel verbreitet Ich bin daher zu glauben geneigt
dass wenn man die Unvollkommenheiten der Sprache gründlicher prüfen wollte der
größte Teil der Streitigkeiten von selbst wegfiele und der Weg der Erkenntnis
und vielleicht des Friedens den Menschen offener werden wurde
Theophilus Ich glaube man könnte damit bei Verhandlungen schon jetzt
schriftlich zustande kommen wenn die Leute über gewisse Regeln miteinander
Übereinkommen und sie sorgfältig ausführen wollten Aber um mündlich und
schlagfertig in gründlicher Weise vorschreiten zu können würde es einer
Veränderung in der Sprache bedürfen Übrigens habe ich mich mit dieser
Untersuchung beschäftigt
22 Philalethes Ehe diese Reform welche nicht so bald eintreten wird
zustande kommt sollte diese Unbestimmtheit der Worte uns lehren gemäßigt zu
sein besonders wenn es sich darum handelt anderen den Sinn welchen wir den
alten Schriftstellern zuschreiben anzubefehlen weil es bei den griechischen
Schriftstellern sich findet dass beinahe jeder von ihnen eine besondere Sprache
redet
Theophilus Ich bin vielmehr erstaunt gewesen zu sehen dass griechische
Schriftsteller hinsichtlich der Zeiten und Orte so weit voneinander entfernt
wie Homer Herodot Strabo Plutarch Lucian Eusebius Procopius Photius
einander so nahe kommen statt dass die Lateiner so viel geändert haben und noch
mehr die Deutschen Engländer und Franzosen Der Grund davon ist dass die
Griechen seit der Zeit Homers und mehr noch als die Stadt Athen in einem
blühenden Zustande war gute Schriftsteller gehabt haben welche die späteren
wenigstens beim Schriftstellern sich zum Muster genommen haben Denn ohne
Zweifel musste die Volkssprache der Griechen schon unter der Herrschaft der Römer
sehr verändert sein und eben dieser Grund macht dass das Italienische nicht so
sehr wie das Französische sich verändert hat weil die Italiener die früher
Schriftsteller von dauerndem Ruhm gehabt Dante Petrarca Boccaccio und andere
Autoren nachgeahmt haben und noch verehren zu einer Zeit wo die der Franzosen
sich nicht sehen lassen dürfen
1 Philalethes Außer den natürlichen Unvollkommenheiten der Sprache gibt
es deren noch willkürliche die aus der Nachlässigkeit stammen Man missbraucht
die Worte wenn man sie schlecht anwendet Der erste und sichtbarste Missbrauch
ist 2 dass man keine klare Vorstellung damit verbindet Was diese Art Worte
anbetrifft so gibt es deren zwei Arten Die einen haben niemals eine bestimmte
Vorstellung enthalten weder ihrem Ursprunge noch ihrem gewöhnlichen Gebrauch
nach Die meisten Sekten in der Philosophie und Religion haben dergleichen
eingeführt um irgend eine seltsame Meinung aufrechtzuerhalten oder irgend einen
schwachen Punkt ihres Systems zu verbergen Dennoch sind dies die
unterscheidenden Charaktermerkmale im Munde der Parteigänger 3 Es gibt
zweitens andere Worte welche in ihrem ersten und gewöhnlichen Gebrauch eine
klare Vorstellung erhalten haben die man hinterher aber sehr wichtigen
Gegenständen zugeeignet hat ohne mit ihnen irgend eine bestimmte Vorstellung zu
verbinden Auf diese Weise sind die Worte Weisheit Ruhm Gnade oft im Munde der
Menge
Theophilus Ich glaube es gibt nicht so viel bedeutungsvolle Worte wie man
denkt und man kann mit ein wenig Sorgfalt und gutem Willen entweder die Leere
darin ausfüllen oder die Unbestimmtheit festmachen Die Weisheit scheint nichts
anderes zu sein als die Wissenschaft des Glückes Die Gnade ist ein denjenigen
verliehenes Gut welche es nicht verdient haben sich aber in einem Zustande
befinden wo sie desselben bedürfen Und der Ruhm ist der Ruf der
Vortrefflichkeit eines Menschen
4 Philalethes Ich will jetzt nicht untersuchen ob über diese
Definitionen etwas zu sagen ist um lieber die Ursachen des Missbrauchs der Worte
anzumerken Zuerst lernt man die Worte früher kennen ehe man die zu ihnen
gehörigen Vorstellungen kennen lernt und die von der Wiege an daran gewöhnten
Kinder bedienen sich ihrer ebenso während ihres ganzen Lebens um so mehr als
sie nicht umhin können sich im Gespräch hören zu lassen ohne jemals ihre
Vorstellung befestigt zu haben indem sie sich verschiedener Ausdrücke bedienen
um den anderen das was sie sagen wollen begreiflich zu machen Dies füllt
insofern oft ihr Gespräch mit einer Menge leeren Schalles besonders im Fache
der Moral Die Menschen nehmen die Worte welche sie im Gebrauche bei ihren
Nächsten vorfinden um nicht als unwissend hinsichtlich dessen zu erscheinen
was sie bedeuten und wenden sie mit Zuversicht an ohne ihnen einen bestimmten
Sinn beizulegen und wie in dieser Art der Unterhaltung ihnen selten widerfährt
dass sie recht haben so werden sie auch selten überzeugt dass sie unrecht haben
und sie aus dem Irrtum reißen heißt einem Vagabunden Besitztum nehmen wollen
Theophilus In der Tat nimmt man sich so selten die Mühe welche man sich
doch geben müsste ein Verständnis der Ausdrücke oder Worte zu erzielen dass ich
mich mehr als einmal gewundert habe wie die Kinder so schnell die Sprache
lernen können und wie die Menschen noch so richtig reden in Anbetracht dass
man sich so wenig bemüht die Kinder in ihrer Muttersprache zu unterrichten und
auch die übrigen so wenig daran denken klare Definitionen sich zu verschaffen
während diejenigen welche man in den Schulen lernt gewöhnlich nicht die Worte
welche im öffentlichen Gebrauch sind betreffen Übrigens gestehe ich dass es
den Menschen häufig widerfährt selbst dann unrecht zu haben wann sie ernstlich
streiten und ihrer Überzeugung gemäß reden indessen habe ich auch oft genug
bemerkt dass sie in ihren spekulativen Streitigkeiten über Dinge welche sie zu
beurteilen imstande sind alle von beiden Seiten recht haben ausgenommen in den
Gegensätzen welche sie widereinander geltend machen wo sie die Ansicht des
Gegners falsch verstehen Dies kommt vom üblen Gebrauch der Ausdrücke und auch
mitunter von dem Widerspruchsgeist und der Selbstüberhebung her
5 Philalethes Zweitens ist der Gebrauch der Worte mitunter unbeständig
das kommt unter den Gelehrten nur zu oft vor Indessen ist das eine offenbare
Täuschung und wenn sie mit Willen geschieht eine Narrheit oder Bosheit Wenn
jemand in seinen Rechnungen so verfahren wollte zB ein X für ein V zu nehmen
wer würde dann noch mit ihm zu tun haben wollen
Theophilus Da dieser Missbrauch nicht allein unter den Gelehrten sondern
auch in der großen Welt so allgemein ist so halte ich es eher für eine
schlechte Gewohnheit und Unachtsamkeit als für Bosheit was ihn verursacht
Gewöhnlich haben die verschiedenen Bedeutungen desselben Wortes eine gewisse
Verwandtschaft dies macht dass eine für die andere genommen wird und man sich
nicht die Zeit nimmt mit aller wünschenswerten Genauigkeit das was man sagt
in Betracht zu ziehen Man ist an Tropen und Redefiguren gewöhnt und eine
gewisse Eleganz oder etwas Flitterglanz imponiert uns leicht Denn am häufigsten
sucht man das Vergnügen die Unterhaltung und den Schein mehr als die Wahrheit
wozu noch die Einmischung der Eitelkeit kommt
6 Philalethes Der dritte Missbrauch ist eine affektierte Dunkelheit
entweder indem man gewöhnlichen Ausdrücken ungewöhnliche Bedeutungen gibt oder
indem man neue Ausdrücke einführt ohne sie zu erklären Die alten Sophisten
welche Lucian so vernünftigerweise lächerlich macht die über alles zu sprechen
sich anheischig machten bedeckten ihre Unwissenheit mit dem Schleier der
Dunkelheit der Worte Unter den Sekten der Philosophen hat sich die
peripatetische durch diesen Fehler berühmt gemacht aber auch die übrigen
Sekten selbst unter den neueren sind nicht ganz und gar davon frei Es gibt
zB Leute welche den Ausdruck Ausdehnung missbrauchen und ihn mit dem Ausdruck
Körper zu verwechseln für nötig halten
7 Die vielgeschätzte Logik oder Disputierkunst hat das Dunkel zu
unterhalten gedient 8 Diejenigen welche sich ihr ergeben haben sind für
das Gemeinwesen unnütz oder vielmehr schädlich gewesen 9 während die Männer
der mechanischen Künste welche von den Gelehrten so verachtet werden dem
menschlichen Leben genützt haben Inzwischen sind jene unnützen Doktoren von den
Unwissenden bewundert worden und man hat sie für unbesiegbar gehalten weil sie
mit Disteln und Dornen gepanzert waren mit welchen sich einzulassen kein
Vergnügen war dabei konnte die Dunkelheit allein der Ungereimtheit zur
Verteidigung dienen 12 Das Übel ist dass diese Kunst die Worte zu
verdunkeln die beiden großen Richtmaße der menschlichen Handlungen die
Religion und das Rechtswesen verwirrt hat
Theophilus Ihre Klagen sind großenteils gerecht indessen gibt es
allerdings wenn auch selten verzeihliche und selbst löbliche Dunkelheiten wie
wenn man ausdrücklich rätselhaft sein will und das Rätsel in der Ordnung ist
Pythagoras hat sich auf diese Weise derselben bedient und es ist viel die Sitte
der Orientalen Die Alchimisten welche sich Adepten nennen erklären nur von
den Kindern der Kunst verstanden werden zu wollen Aber es wäre gut wenn diese
angeblichen Kinder der Kunst den Schlüssel der Geheimschrift hätten Eine
gewisse Dunkelheit könnte erlaubt sein indessen muss sie etwas verbergen was
geahnt zu werden verdient und das Rätsel muss zu lösen sein Aber die Religion
und die Justiz verlangen klare Vorstellungen Der Mangel an Ordnung welchen man
beim Unterricht derselben angewandt hat hat deren Lehre verwirrt gemacht und
die Unbestimmtheit der Ausdrücke kann dabei schädlicher sein als die Dunkelheit
Wenn nun die Logik die Kunst ist die Ordnung und den Zusammenhang der Gedanken
zu lehren so sehe ich keinen Grund sie zu tadeln Im Gegenteil geschieht es
aus Mangel an Logik dass die Menschen sich irren
14 Philalethes Der vierte Missbrauch ist wenn man die Worte für Dinge
hält dh wenn man glaubt dass die Ausdrücke der wirklichen Wesenheit der
Substanzen entsprechen Wer ist wohl in der peripatetischen Philosophie groß
geworden und bildet sich nicht ein dass die zehn Worte welche die Kategorien
bezeichnen der Natur der Dinge genau entsprechen Dass die substantiellen Formen
die Pflanzenseelen der Horror vacui die intentionellen Arten etwas
Wirkliches sind Die Platoniker haben ihre Weltseele und die Epikureer die
Neigung ihrer Atome zur Bewegung während dieselben in Ruhe sind Wenn die Luft
oder Ätherwagen des Dr Morus irgendwo in der Welt zur Geltung gekommen wären
so würde man sie nicht weniger für wirklich angesehen haben
Theophilus Eigentlich ist das nicht die Worte für die Sachen nehmen
sondern das für wahr halten was es nicht ist Ein nur zu gewöhnlicher Irrtum
aller Menschen der aber nicht allein vom Missbrauch der Worte abhängt sondern
in etwas ganz anderem besteht Der Zweck der Kategorien ist sehr nützlich und
man sollte statt sie zu verwerfen lieber daran denken sie zu verbessern Die
Substanzen Quantitäten Qualitäten Handlungen oder Leidenheiten und
Relationen dh fünf Allgemeinbegriffe der Dinge könnten mit denen welche aus
ihrer Zusammensetzung gebildet werden genügen und haben Sie nicht selbst bei
der Anordnung der Vorstellungen sie als Kategorien geben wollen Über die
substantiellen Formen habe ich schon oben gesprochen Auch weiß ich nicht ob
man hinlänglich Grund hat die Pflanzenseelen zu verwerfen weil sehr gewiegte
und urteilsvolle Leute zwischen Pflanzen und Tieren eine große Analogie
anerkennen und Sie selber wie es scheint die Tierseele zugelassen haben Der
horror vacui kann einen haltbaren Sinn haben dh vorausgesetzt dass die Natur
einmal die Arten alle ausgefüllt hat und die Körper undurchdringlich und nicht
zusammendrückbar sind so kann sie keine Leere zulassen und ich halte jene drei
Voraussetzungen für wohlbegründet Aber die intentionellen Spezies welche den
Verkehr der Seele und des Leibes bewirken sollen leisten dies nicht man kann
vielleicht nur die sinnlichen Spezies entschuldigen welche vom Objekt zu dem
entfernten Organ übergehen sollen die Fortpflanzung der Bewegungen dabei
vorausgesetzt Ich gebe zu dass es keine platonische Weltseele gibt denn Gott
ist über der Welt als extramundana oder vielmehr supramundana intelligentia
außerweltliche überweltliche Intelligenz Ich weiß nicht ob Sie unter der
Neigung zur Bewegung der Atome der Epikureer nicht die Schwere verstehen welche
sie ihnen zuschrieben und die ohne Zweifel unbegründet war weil sie
behaupteten dass die Körper alle von selbst nach der einen Seite fallen Der
verstorbene Henry Morus Theologe der englischen Kirche zeigte sich so gescheit
er sonst war ein wenig zu geneigt im Schmieden von Hypothesen die weder
verständlich noch wahrscheinlich waren wovon sein hylarchisches Prinzip der
Materie als die Ursache der Schwere der Elastizität und der anderen dabei
vorkommenden Wunder zeugt Über seine ätherischen Fahrzeuge habe ich Ihnen
nichts zu sagen da ich deren Wesen nicht geprüft habe
16 Philalethes Ein Beispiel über das Wort Materie wird Ihnen meinen
Gedanken näher legen Man nimmt die Materie für ein vom Körper verschiedenes
wirklich in der Materie vorhandenes Wesen was in der Tat von äußerster Evidenz
ist sonst könnten diese beiden Vorstellungen unterscheidungslos die eine an die
Stelle der anderen gesetzt werden Denn man kann sagen dass eine und dieselbe
Materie alle Körper bildet nicht aber dass ein einziger Körper alle Materien
bildet Man wird auch nicht wie ich denke sagen dass eine Materie größer ist
als die andere Die Materie drückt die Substanz und Solidität des Körpers aus
also begreifen wir nicht mehr verschiedene Materien als verschiedene
Soliditäten Seitdem man indes die Materie für den Namen eines unter dieser
Bestimmtheit daseienden Dinges genommen hat hat dieser Gedanke unverständliche
Reden und verworrene Streitigkeiten über die erste Materie hervorgerufen
Theophilus Wie mir scheint dient dies Beispiel eher dazu die
peripatetische Philosophie zu entschuldigen als zu tadeln Wenn alles Silber
gestaltet wäre oder vielmehr weil alles Silber durch die Natur oder die Kunst
gestaltet ist wird es darum weniger erlaubt sein zu sagen dass das Silber ein
in der Natur wirklich vorhandenes Wesen sei verschieden wenn man es genau
nimmt vom Geschirr oder vom Gelde Man wird darum nicht sagen dass das Silber
nichts anderes ist als einige Eigenschaften des Geldes Auch ist es nicht
unnützlich dass man in der allgemeinen Physik sich über die erste Materie
Verständnis zu schaffen und deren Natur zu bestimmen sucht um zu wissen ob sie
immer einförmig ist ob sie noch eine andere Eigenschaft als die
Undurchdringlichkeit hat wie ich in der Tat nach Kopier gezeigt habe dass sie
noch das hat was man Trägheit nennen kann usw obwohl sie sich niemals ganz
nackt findet wie es uns erlaubt wäre wissenschaftlich vom reinen Silber zu
reden auch wenn es auf Erden kein solches gäbe und wir nicht das Mittel es
rein darzustellen hätten Ich missbillige es also nicht dass Aristoteles von der
ersten Materie geredet hat aber man kann sich nicht enthalten diejenigen zu
tadeln welche sich zu viel dabei aufgehalten und Chimären über schlecht
verstandene Worte dieses Philosophen geschmiedet haben der auch vielleicht
mitunter zu viel Gelegenheit zu diesem Missverständnis und Gallimathias gegeben
bat Man soll aber nicht die Fehler dieses berühmten Schriftstellers so sehr
vergrößern weil man weiß dass mehrere seiner Werke von ihm selbst nicht
vollendet oder veröffentlicht worden sind
17 Philalethes Der fünfte Missbrauch ist die Worte an die Stelle der
Sachen zu setzen welche sie in keiner Art bezeichnen oder bezeichnen können
Dies geschieht wenn wir durch die Namen der Substanzen etwas mehr als dies
sagen wollen was ich Gold nenne ist dehnbar wiewohl das Gold dann im Grunde
genommen nichts anderes bezeichnet als das was dehnbar ist womit ich
verstanden haben will dass die Dehnbarkeit von der wirklichen Wesenheit des
Goldes abhängt So sagen wir es sei richtig mit Aristoteles den Menschen als
vernünftiges Wegen und unrichtig ihn mit Plato als ein Wesen mit zwei Füßen
ohne Federn und mit großen Nägeln zu definieren 18 Es findet sich kaum
jemand der nicht voraussetzt dass diese Worte etwas Wirkliches und Wesenhaftes
bezeichnen von dessen Wesen diese Eigenschaften abhangen Dies ist indessen ein
klarer Missbrauch da jenes nicht in der zusammengesetzten Vorstellung welche
durch dieses Wort bezeichnet wird enthalten sein kann
Theophilus Und ich möchte vielmehr glauben dass es offenbar unrecht ist
diesen allgemeinen Gebrauch zu tadeln weil es sehr wahr ist dass in der
zusammengesetzten Vorstellung des Goldes der Begriff einer Sache enthalten ist
die eine wirkliche Wesenheit hat deren innere Bildung uns im besonderen nicht
anders bekannt ist als dass Qualitäten wie die Dehnbarkeit davon abhangen
Aber um die Dehnbarkeit ohne Identität davon auszusagen und ohne in den Fehler
des Coccysmus oder der Wiederholung zu verfallen siehe Kap VIII 18 muss man
dies Ding aus anderen Eigenschaften erkennen wie wenn man sagte dass ein
gewisser schmelzbarer gelber und sehr gewichtiger Körper welchen man Gold
nennt eine Wesenheit hat die ihm auch die Eigenschaft gibt unter dem Hammer
sehr weich zu sein und außerordentlich dünn geschlagen werden zu können Was die
dem Plato zugeschriebene Definition des Menschen anbetrifft welche er nur zur
Übung gefertigt zu haben scheint und welche Sie selbst glaube ich nicht im
Ernst mit der allgemein angenommenen werden vergleichen wollen so ist sie
offenbar ein wenig zu äußerlich und zu vorläufig denn wenn jener Kasuar von
dem Sie kürzlich gesprochen haben sich zufällig mit langen Nägeln gefunden
hätte so würde er ein Mensch sein denn man würde ihm nicht erst die Federn
auszureißen haben wie jenem Hahn den Diogenes nach der Erzählung zu einem
Menschen des Plato machen wollte
19 Philalethes In den zusammengesetzten Modi erkennt man auch sogleich
so wie eine dazu gehörige Vorstellung wechselt dass man etwas anderes erhält
wie augenscheinlich in folgenden Wörtern der Fall ist murder welches auf
Englisch wie Mord in Deutschland einen vorbedachten Totschlag bedeutet
manslaughter ein in seinem Ursprunge dementsprechendes Wort welches einen
freiwilligen aber nicht vorbedachten Totschlag bedeutet chancemedly ein
zufällig eingetretenes Handgemenge in der Bedeutung des Wortes Totschlag aber
eines unbedachten das was durch diese Worte ausgedrückt wird und was ich also
als in der Sache liegend annehme ist dabei dasselbe Ich nannte es früher
nominale und reale Wesenheit Aber anders ist es mit den Namen der Substanzen
denn wenn einer in die Vorstellung des Goldes das hineinlegt was der andere
dabei auslässt zB die Dehnbarkeit und die Löslichkeit in Königswasser so
glauben die Menschen darum doch nicht dass man die Spezies gewechselt habe
sondern nur dass der eine vollkommenere Vorstellung als der andere von dem
hat was die verborgene wirkliche Wesenheit ausmacht welcher man den Namen Gold
beilegt mag diese geheime Beziehung auch ohne Nutzen sein und nur uns zu
verwirren dienen
Theophilus Ich glaube es schon gesagt zu haben aber will Ihnen jetzt noch
einmal ordentlich zeigen dass sich das was Sie eben bemerkt haben in den Modi
findet wie in den substantiellen Wesen und dass man keine Ursache hat diese
Beziehung auf die innere Wesenheit zu tadeln Hier ein Beispiel davon Man kann
eine Parabel im Sinne der Geometer als eine Figur definieren in welcher alle
einer bestimmten geraden Linie parallelen Radien durch die Reflexion in einen
bestimmten Punkt oder Brennpunkt zusammenfallen Aber durch diese Vorstellung
oder Definition wird eher das Äußere und die Wirkung als die innere Wesenheit
dieser Figur oder das was sofort ihren Ursprung zeigen könnte ausgedrückt Man
kann anfangs sogar zweifeln ob eine solche verlangte Figur welche diese
Wirkung haben etwas Mögliches ist und daran lässt sich meiner Ansicht nach
erkennen ob eine Definition nur nominal und von den Eigenschaften hergenommen
oder ob sie auch real ist Derjenige indessen welcher die Parabel nennt und sie
nur gemäß der eben genannten Definition kennt versteht darunter freilich wenn
er davon spricht eine Figur welche eine bestimmte Gestaltung oder
Beschaffenheit hat von der er nichts weiß aber die er um sie konstruieren zu
können kennen zu lernen wünscht Ein anderer der sie gründlicher kennt wird
irgend eine andere Eigenschaft hinzufügen und an ihr zB entdecken dass in der
verlangten Figur der Teil der Achse welcher zwischen der Ordinate und der nach
demselben Punkt der krummen Linie gezogenen Perpendikularlinie liegt stets
konstant und der Entfernung des Scheitels vom Brennpunkte gleich ist Somit wird
er eine vollkommenere Vorstellung als der erste haben und leichter damit
zustande kommen die Figur zu ziehen wenn er es auch noch nicht kann Und doch
wird man zugeben dass dies dieselbe Figur ist deren Wesen aber noch verborgen
ist Sie sehen also dass alles was Sie im Gebrauch der substantielle Dinge
bezeichnenden Worte finden und teilweise tadeln sich auch im Gebrauch der
zusammengesetzte Modi bedeutenden Worte findet und sich offenbar rechtfertigen
lässt Aber was Sie glauben macht dass zwischen den Substanzen und den Modi ein
Unterschied stattfindet ist der Umstand dass Sie hierbei nicht die
verstandesmäßigen Modi von schwieriger Erkennbarkeit in Betracht gezogen haben
welche man in dem allem den Körpern ähnlich findet die noch schwerer zu
erkennen sind
20 Philalethes So fürchte ich also dass ich das zurückziehen muss was
ich Ihnen über die Ursache des von mir für einen Missbrauch Gehaltenen sagen
wollte Das war der meiner Ansicht nach falsche Glaube dass die Natur immer
regelrecht handelt und jeder Art ihre Grenzen durch diejenige spezifische
Wesenheit oder innere Bildung setzt welche wir darin voraussetzen und welcher
stets derselbe spezifische Name beigelegt wird
Theophilus Sie sehen doch nun wohl am Beispiel der geometrischen Modi dass
man nicht unrecht hat sich an die inneren und spezifischen Wesenheiten zu
halten wenngleich zwischen den sinnlichen Dingen mögen sie Substanzen oder
Modi sein von denen wir nur vorläufige Nominaldefinitionen haben und bei denen
wir nicht leicht auf Realdefinitionen hoffen dürfen und zwischen den
verstandesmäßigen Modi von schwierigem Verständnisse ein großer Unterschied ist
weil wir schließlich bis zur inneren Bildung der geometrischen Figuren uns
durcharbeiten können
21 Philalethes Ich sehe endlich dass ich unrecht gehabt habe diese
Beziehung auf innere Wesenheiten und Bildungen unter dem Vorwande zu tadeln dass
wir dadurch unsere Worte zu Zeichen eines Nichts oder eines Unbekannten machten
Denn was in gewisser Beziehung unbekannt ist kann auf eine andere Art erkannt
werden und das Innere zeigt sich teilweise durch die daraus entspringenden
Erscheinungen Und was die Frage anbetrifft ob ein monströser Fötus ein Mensch
ist oder nicht so scheint es wohl dass wenn man nicht sofort darüber
entscheiden kann dies nicht hindert dass die Art in sich selbst fest bestimmt
sei da unsere Unwissenheit an der Natur der Dinge nichts ändert
Theophilus In der Tat ist es sehr gescheiten Geometern begegnet dass sie
nicht vollständig gewusst haben welches die Figuren seien von denen sie mehrere
Eigenschaften kannten die ihnen den Gegenstand zu erledigen schienen Es gab
zB Linien welche man Perlen nannte von denen man selbst Quadrationen und
Messungen ihrer Oberfläche und der durch ihre Drehung entstandenen Körper
machte ehe man wusste dass sie nur eine Zusammensetzung aus gewissen kubischen
Paraboloiden seien Indem man also diese Perlen als eine besondere Art bildend
betrachtete hatte man von ihnen nur eine vorläufige Erkenntnis Wenn dies in
der Geometrie vorkommen kann darf man sich da wundern wenn es schwer ist die
Arten in der körperlichen Natur zu bestimmen die unvergleichlich mehr
zusammengesetzt sind
22 Philalethes Gehen wir zum sechsten Missbrauch über um die angefangene
Aufzählung fortzusetzen obwohl ich schon sehe dass ich einige davon aufgeben
muss
Dieser allgemeine aber wenig bemerkte Missbrauch besteht darin dass die
Menschen nachdem sie gewisse Vorstellungen durch einen langen Gebrauch mit
gewissen Worten verknüpft haben sich einbilden dass dieser Zusammenhang evident
sei und jedermann damit übereinstimme Daher kommt dass sie es sonderbar finden
wenn man sie nach der Bedeutung der von ihnen angewandten Worte fragt selbst
wenn es absolut notwendig ist Es gibt wenige welche es nicht als eine
Beleidigung aufnähmen wenn man sie fragte was sie darunter verständen wenn
sie vom Leben reden Indes genügte die vage Vorstellung die sie davon haben
mögen dann nicht wenn es sich darum zu wissen handelt ob eine schon im Samen
vorgebildete Pflanze oder ein Huhn das in einem noch nicht bebrüteten Ei
steckt oder auch ein Mensch in der Ohnmacht ohne Empfindung und Bewegung
Leben hat Und wenngleich die Menschen nicht so kurzsichtig oder nicht so
unbescheiden erscheinen wollen um einer Nachfrage zur Erklärung der gebrauchten
Ausdrücke zu bedürfen noch als so unbequeme Kritiker um andere wegen ihres
Gebrauchs der Worte unaufhörlich zu tadeln so muss man gleichwohl wenn es sich
um eine genaue Untersuchung handelt zur Erklärung schreiten Oft reden die
Gelehrten der verschiedenen Parteien in ihren gegeneinander ausgesponnenen
Räsonnements durchaus verschiedene Sprachen und denken doch dasselbe obwohl
ihre Interessen vielleicht verschieden sind
Theophilus Ich glaube mich hinlänglich über den Begriff des Lebens
ausgelassen zuhaben das immer von Wahrnehmung in der Seele begleitet sein muss
sonst würde es nur ein Schein davon sein wie dasjenige Leben welches die
Wilden Amerikas den Zeigern oder Uhren zuschreiben oder welches jene
obrigkeitlichen Personen den Marionetten zuschrieben welche sie als von Dämonen
beseelt annahmen als sie denjenigen der dies Schauspiel zierst in ihrer Stadt
aufgeführt hatte als Zauberer strafen wollten
23 Philalethes Um zu schließen es dienen die Worte 1 unsere Gedanken
verständlich zu machen 2 dies zu erleichtern und 3 in die Erkenntnis der
Dinge einzuführen Man fehlt im ersten Punkt wenn man keine bestimmte und
feststehende keine von anderen angenommene oder verstandene Vorstellung von den
Worten hat 23 Man verfehlt sich leicht verständlich zu machen wenn man
sehr zusammengesetzte Vorstellungen hat ohne deutliche Namen dazu zu haben
dies ist oft der Fehler der Sprachen selbst wenn ihnen die bezüglichen
Ausdrücke fehlen oft auch des Menschen der sie nicht kennt man hat alsdann
große Umschreibungen nötig 24 Wenn aber die durch die Worte bezeichneten
Vorstellungen mit der Wirklichkeit nicht zusammenstimmen so fehlt man im
dritten Punkt 26 Derjenige welcher die Ausdrücke ohne Vorstellungen hat ist
wie einer der nur ein Verzeichnis von Büchern hätte 27 Derjenige welcher
sehr zusammengesetzte Vorstellungen hat würde wie ein Mensch sein welcher eine
Menge von Büchern in einzelnen Blättern ohne Titel hätte und das Buch nicht
anders geben kann als indem er die Blätter eines nach dem anderen reicht 28
Derjenige welcher im Gebrauch der Zeichen sich nicht gleich bleibt würde wie
ein Kaufmann sein der verschiedene Dinge unter demselben Namen verkaufte 29
Der welcher besondere Vorstellungen von den einmal angenommenen Wortbedeutungen
trennt würde andere durch die Erkenntnisse welche er haben mag nicht
aufklären können 30 Derjenige welcher Vorstellungen von Substanzen die
niemals gewesen sind im Kopfe hat kann in den wirklichen Erkenntnissen keine
Fortschritte machen 33 Der erste würde vergeblich von der Tarantel oder der
christlichen Liebe sprechen Der zweite sieht vielleicht neue Tiere ohne sie
anderen Menschen auf leichte Art zu erklären Der dritte wird den Körper bald
für das Solide nehmen und bald für das nur Ausgedehnte unter der Genügsamkeit
wird er bald die verwandte Tugend bald das verwandte Laster bezeichnen Der
vierte wird einem Maulesel den Namen Pferd geben und der welchen die ganze
Welt einen Verschwender nennt wird ihm als freigebig gelten und der fünfte
wird auf die Autorität des Herodot in der Tatarei eine Nation von Einäugigen
suchen Ich bemerke dass die vier ersten Fehler den Namen der Substanzen und
Modi gemeinsam sind der letzte aber den Substanzen eigen ist
Theophilus Ihre Bemerkungen sind sehr unterrichtend Ich möchte noch
hinzufügen dass es wie mir scheint auch in unseren Vorstellungen von den
Akzidenzien oder Daseinsformen noch Chimärisches gibt und dass also der fünfte
Fehler den Substanzen und Akzidenzien noch gemeinsam ist Der ausschweifende
Schäfer war dies nicht nur weil er glaubte es seien hinter den Bäumen Nymphen
versteckt sondern weil er auch stets auf romantische Abenteuer aus war
34 Philalethes Ich hatte zu schließen vor aber ich erinnere mich noch
des siebenten und letzten Missbrauchs welcher der der figürlichen Ausdrücke oder
Anspielungen ist Man wird indes Mühe haben an diesen Missbrauch zu glauben weil
das was man Geist und Phantasie nennt besser als die trockne Wahrheit
aufgenommen wird Das gilt wohl bei den Unterhaltungen wo man nur zu gefallen
sucht aber im Grunde dienen in der gesamten rhetorischen Kunst alle diese
künstlichen und figürlichen Anwendungen der Worte die Ordnung und
Beschaffenheit ausgenommen nur dazu falsche Vorstellungen beizubringen die
Leidenschaften zu erregen und das Urteil irrezuführen so dass es nur bloße
Täuschungen sind Gleichwohl gibt man dieser trügerischen Kunst den eisten Rang
und die größten Belohnungen weil die Menschen sich nicht viel um die Wahrheit
kümmern und es vorziehen zu täuschen und sich täuschen zu lassen Dies ist so
wahr dass ich nicht zweifle man werde das soeben gegen jene Kunst Gesagte als
die Wirkung einer maßlosen Kühnheit betrachten Denn die Beredsamkeit hat wie
das schöne Geschlecht zu mächtige Beize als dass ein Widerstand dagegen in der
Ordnung gefunden würde
Theophilus Weit entfernt Ihren Eifer für die Wahrheit zu tadeln finde ich
ihn gerecht Und zu wünschen wäre dass er Wirkung hätte Ich verzweifle nicht
gänzlich daran weil Sie die Beredsamkeit durch ihre eigenen Waffen zu bekämpfen
und selbst eine andere Art derselben zu haben scheinen jener trügerischen
überlegen wie es eine Venus Urania die Mutter der himmlischen Liebe gab vor
welcher jene andere Bastardvenus die Mutter der blinden Liebe nebst ihrem
Sohne mit verbundenen Augen nicht zu erscheinen wagte Aber gerade das beweist
dass Ihre These einer gewissen Mäßigung bedarf und gewisse Zierraten der
Beredsamkeit jenen ägyptischen Gefäßen zu vergleichen sind deren man sich zum
Dienste des wahren Gottes bedienen konnte Es ist damit wie mit der Malerei und
der Musik die man missbraucht und von denen die eine oft groteske und selbst
schädliche Phantasien darstellt und die andere das Gemüt verweichlicht alle
beide gewähren ein eitles Vergnügen aber sie können dennoch nützlich angewendet
werden die eine um die Wahrheit klar die andere um sie ergreifend zu machen
welche letztere Wirkung auch die der Poesie sein muss die zwischen der
Rhetorik und Musik die Mitte hält
1 Philalethes Es ist hier nicht der Ort sich in diese Untersuchung über
den Nutzen einer wahrhaften Beredsamkeit zu vertiefen und noch weniger auf Ihr
verbindliches Lob zu antworten weil wir darauf denken müssen diesen
Gegenstand die Worte abzuschließen indem wir Mittel gegen die dabei bemerkten
Unvollkommenheiten aufsuchen
2 Es würde lächerlich sein eine Reform der Sprachen zu versuchen und die
Menschen zwingen zu wollen nur in dem Maße als sie Erkenntnis haben zu
sprechen 3 Das aber wird kein zu großes Verlangen sein dass die Philosophen
sorgfältig sprechen wenn es sich um eine ernstliche Untersuchung der Wahrheit
handelt sonst würde alles voll Irrtümer Einseitigkeiten und leeren Streites
sein 8 Das erste Mittel ist sich keines Wortes zu bedienen ohne eine
Vorstellung damit zu verbinden statt dass man oft Worte anwendet wie Instinkt
Sympathie Antipathie ohne irgend einen Sinn damit zu verbinden
Theophilus Die Regel ist gut aber ob die Beispiele passen ist mir
zweifelhaft Unter Instinkt pflegt alle Welt die Neigung eines Tieres zu dem ihm
Zuträglichen zu verstehen ohne dass es die Ursache davon begreift und selbst
die Menschen sollten diese Instinkte weniger vernachlässigen die auch bei ihnen
sich entdecken lassen obwohl ihre künstliche Lebensweise sie meistens fast
gänzlich verwischt hat Derjenige welcher sein eigener Arzt ist wird dies wohl
bemerkt haben Die Sympathie und Antipathie bezeichnet das was in den der
Empfindung entbehrenden Körpern dem bei den Tieren sich findenden Instinkt der
Vereinigung oder Trennung entspricht Und obwohl man nicht das wünschenswerte
Verständnis der Ursache dieser Neigungen oder Strebungen hat so hat man doch
einen ausreichenden Begriff davon um verständlich darüber reden zu können
9 Philalethes Das zweite Hilfsmittel ist die Vorstellungen der Namen
der Modi wenigstens bestimmt und die der Namen der Substanzen der Wirklichkeit
angemessener zu machen Wenn jemand sagt die Gerechtigkeit ist ein dem Gesetze
entsprechendes Verhalten hinsichtlich des Wohles eines anderen so ist diese
Vorstellung nicht genug bestimmt wenn man keine deutliche Vorstellung dessen
hat was Gesetz genannt wird
Theophilus Da könnte man sagen dass das Gesetz eine Vorschrift der Weisheit
oder der Wissenschaft des Glücks ist
11 Philalethes Das dritte Hilfsmittel ist die Ausdrücke so viel als
möglich dem angenommenen Gebrauch gemäß zu gebrauchen
12 Das vierte ist zu erklären in welchem Sinne man die Worte nimmt sei
es dass man neue macht oder dass man die alten in einem neuen Sinne anwendet
oder sei es dass man die Bedeutung durch den Gebrauch nicht hinlänglich
festgesetzt findet 13 Es gibt dabei aber verschiedene Fälle 14 Die Worte
für die einfachen Vorstellungen welche nicht definiert werden können werden
durch synonyme Worte wenn diese bekannter sind oder durch Hinweis auf die
Sache erklärt Durch diese Mittel kann man einem Bauer begreiflich machen was
die »Tote Blatt«Farbe bedeutet indem man ihm sagt dass es die Farbe der im
Herbst herabfallenden trockenen Blätter ist 15 Die Namen für die
zusammengesetzten Modi müssen durch die Definition erklärt werden denn das ist
möglich 16 Dadurch ist die Moral des Beweises fähig Man wird in ihr den
Menschen als körperliches und vernünftiges Wesen ohne sich um die äußerliche
Figur zu bekümmern nehmen müssen 17 Denn mittels der Definitionen können
die Gegenstände der Moral klar behandelt werden Man wird besser tun die
Gerechtigkeit nach der in unserem Geiste vorhandenen Vorstellung zu definieren
als ein Muster derselben wie den Aristides außer uns zu suchen und sie danach
zu bilden 18 Und da die meisten zusammengesetzten Modi nirgends zusammen da
sind so kann man sie nur durch Definieren festsetzen durch Aufzählung dessen
was darin zusammengefasst ist 19 Bei den Substanzen gibt es gewöhnlich
leitende oder charakteristische Eigenschaften welche wir als die
entscheidendste Vorstellung der Art betrachten und mit denen wir die übrigen die
zusammengesetzte Vorstellung der Art bildenden Vorstellungen verbunden denken
Bei Pflanzen und Tieren ist dies die Gestalt bei den leblosen Körpern die Farbe
und bei einigen die Farbe und Gestalt zusammen 20 Darum ist die von Plato
gegebene Definition des Menschen charakteristischer als die des Aristoteles
wenigstens dürfte man sonst nicht die Missgeburten töten 21 Oft auch dient
der Blick ebensogut wie irgend eine andere Prüfung so unterscheiden die mit der
Prüfung des Goldes vertrauten Leute durch den Blick das echte oft vom falschen
das reine von dem verfälschten
Theophilus Ohne Zweifel kommt alles auf die Definitionen zurück welche bis
zu den ursprünglichen Vorstellungen gehen können Dasselbe Subjekt kann mehrere
Definitionen haben um aber zu wissen welche einem und demselben Dinge
zukommen muss man darüber von der Vernunft belehrt werden indem man eine
Definition durch die andere beweist oder durch die Erfahrung indem man
erprobt welche beständig zusammengehen Was die Moral anbetrifft so ist ein
Teil derselben auf der Vernunft begründet aber es gibt auch einen anderen
welcher von den Erfahrungen abhängt und sich auf die Temperamente bezieht Um
die Substanzen zu erkennen geben uns Gestalt und Farbe dh das Sichtbare die
ersten Vorstellungen weil man dadurch die Dinge von weitem erkennt aber sie
sind gewöhnlich zu oberflächlich bei den für uns wichtigen Dingen sucht man die
Substanzen näher kennen zu lernen Ich wundere mich übrigens dass Sie noch
einmal auf die dem Plato zugeschriebene Definition des Menschen zurückkommen
nachdem sie selbst soeben gesagt haben dass man in der Moral den Menschen als
ein körperliches und vernünftiges Wesen ohne sich um die äußerliche Gestalt zu
bekümmern nehmen muss Übrigens tut freilich eine große Übung viel dazu auf
einen Blick Dinge zu entscheiden welche ein anderer durch schwierige Versuche
kaum zu wissen vermag Auch erkennen Ärzte von großer Erfahrung welche einen
scharfen Blick und ein gutes Gedächtnis haben oft beim ersten Anblick des
Kranken was ein anderer ihm durch Fragen und Pulsfühlen mühsam entreißen muss
Aber es ist gut alle die Zeichen welche man haben kann miteinander zu
verbinden
22 Philalethes Ich gebe zu dass der welchem ein guter Probierer alle
Eigenschaften des Goldes zeigt davon eine bessere Erkenntnis erhalten muss als
der bloße Anblick geben kann Könnten wir aber die innere Bildung desselben
erkennen so würde die Bedeutung des Wortes Gold ebenso leicht wie die des
Wortes Dreieck bestimmt werden
Theophilus Sie kann ganz ebenso bestimmt werden es braucht darin nichts
Vorläufiges zu sein aber sie wird sich nicht so leicht bestimmen lassen Denn
es wird meiner Ansicht nach dazu eine etwas weitläufige Festsetzung nötig sein
um die Bildung des Goldes zu erklären wie es sogar in der Geometrie Figuren
gibt deren Definition lang ist
23 Philalethes Die von den Körpern getrennten Geister haben ohne Zweifel
vollkommenere Erkenntnisse als wir obschon wir keinen Begriff von der Art und
Weise haben wie sie sie erwerben können Sie könnten indessen von der innersten
Bildung der Körper ebenso klare Vorstellungen haben als wir von einem Dreieck
Theophilus Ich habe Ihnen schon bemerkt dass ich Ursachen habe anzunehmen
es gebe keine geschaffenen Geister welche gänzlich vom Körper los wären
indessen gibt es ohne Zweifel solche deren Organe und Verstand unvergleichlich
vollkommener als die unsrigen sind und welche uns in jeder Art der
Begriffsbildung soweit überragen und noch mehr als Frenicle oder der von mir
erwähnte schwedische Knabe die gewöhnlichen Menschen im Kopfrechnen übertrifft
24 Philalethes Wir haben schon bemerkt dass die Definitionen der
Substanzen die dazu dienen können die Namen zu erklären in Hinsicht der
Sacherkenntnis unvollkommen sind Denn gewöhnlich setzen wir den Namen an Stelle
der Sache deren Namen mehr als die Definitionen besagt um also die Substanzen
gut zu definieren muss man die Naturgeschichte studieren
Theophilus Sie sehen also dass der Name des Goldes zB nicht allein das
bezeichnet was derjenige welcher ihn ausspricht vom Golde weiß zB dass es
ein sehr schwerer gelber Körper ist sondern auch was nicht er aber vielleicht
ein anderer weiß dh dass es ein mit einer gewissen inneren Beschaffenheit
versehener Körper ist aus der die Farbe und Schwere sich ergeben und noch
andere Eigenschaften entspringen welche wie er zugibt den Sachkennern besser
bekannt sind
25 Philalethes Es wäre gegenwärtig zu wünschen dass diejenigen welche
in naturwissenschaftlichen Untersuchungen geübt sind die einfachen
Vorstellungen in welchen ihrer Beobachtung zufolge die Individuen jeder Art
vollständig miteinander übereinkommen aufstellen wollten Aber um ein
Wörterbuch dieser Art anzufertigen welches sozusagen die Naturgeschichte
enthält braucht es zu viel Leute zu viel Zeit und zu viel Mühe und zu viel
Scharfsinn als dass man auf ein solches Werk jemals hoffen könnte Indessen
würde es gut sein die Worte hinsichtlich der Dinge welche man durch ihre
äußerliche Figur erkennt mit kleinen Abbildungen zu begleiten Ein solches
Wörterbuch würde der Nachkommenschaft von großem Nutzen sein und den künftigen
Kritikern viel Mühe ersparen Kleine Bilder wie von dem Eppich apium oder von
einem Steinbock ibex eine Art Alpenbock würden besser sein als lange
Beschreibungen dieser Pflanze oder dieses Tieres Und um zu erkennen was die
Lateiner strigiles und sistrum tunica und pallium nannten würden Zeichnungen
am Rande unvergleichlich mehr aufklären als die angeblichen Synonyma Striegel
Cymbale Robe Kleid Mantel die sie nicht deutlich machen Übrigens will ich
mich nicht beim siebenten Hilfsmittel gegen den Missbrauch der Worte aufhalten
das darin besteht beständig denselben Ausdruck in demselben Sinne anzuwenden
oder wenn man ihn wechselt es anzuzeigen Denn davon haben wir schon genug
geredet
Theophilus Pater Grimaldi Präsident der Gesellschaft der Mathematiker zu
Peking hat mir gesagt dass die Chinesen Wörterbücher haben welche mit Bildern
versehen sind Es gibt ein kleines zu Nürnberg gedrucktes Wortverzeichnis wo
bei jedem Worte solche Bilder stehen die recht gut sind Ein solches
illustriertes Universallexikon wäre zu wünschen und es herzustellen würde nicht
sehr schwierig sein Was die Beschreibung der Spezies anbelangt so ist das
eigentlich die Sache der Naturwissenschaft und nach und nach kommt man an diese
Arbeit Ohne die Kriege welche Europa seit den ersten Gründungen der
königlichen Gesellschaften oder Akademien beunruhigt haben würde man weit
gekommen und schon imstande sein von unseren Arbeiten Nutzen zu ziehen aber
die Großen wissen meistenteils nichts von deren Wichtigkeit noch welcher Güter
sie sich berauben indem sie den Fortschritt der gründlichen Kenntnisse
vernachlässigen außerdem sind sie gewöhnlich durch die Sorgen für den Krieg zu
sehr in Anspruch genommen um die Dinge welche ihnen nicht gleich von
vornherein in die Augen stechen richtig zu würdigen
1 Philalethes Bis hierher haben wir von den Vorstellungen und den sie
vertretenden Worten gesprochen jetzt wollen wir auf die Erkenntnisse kommen
welche die Vorstellungen liefern denn auf diesen beruhen jene 2 Die
Erkenntnis nun ist nichts anderes als die Wahrnehmung der Verbindung und
Übereinstimmung oder des Gegensatzes und der Nichtübereinstimmung zwischen
zweien unserer Vorstellungen Mag man auch phantasieren vermuten oder glauben
es ist doch immer so Wir werden dadurch zB inne dass das Weiße nicht das
Schwarze ist und dass die Winkel eines Dreiecks und der Umstand dass sie zweien
Rechten gleich sind eine notwendige Verbindung miteinander haben
Theophilus Erkenntnis hat noch eine all gemeinere Bedeutung Es gibt eine
solche auch in den Vorstellungen oder Ausdrücken ehe man noch in den Sätzen
oder Wahrheiten kommt und man kann sagen dass derjenige welcher mit
Aufmerksamkeit mehr Abbildungen von Pflanzen und Tieren mehr Figuren von
Maschinen mehr Beschreibungen oder Darstellungen von Häusern oder Festungen
gesehen wer mehr geistreiche Romane nämlich mehr interessante Erzählungen
gelesen hat dieser sage ich wird auch mehr Erkenntnis als ein anderer haben
wenn auch kein Wort eigentlicher Wahrheit in dem allem was man ihm vorgemalt
oder erzählt hat enthalten war denn seine Übung sich im Geiste viele Begriffe
oder ausdrückliche und willkürliche Vorstellungen zu vergegenwärtigen macht ihn
geeigneter das was man ihm vorlegt zu begreifen und er wird sicherlich
unterrichteter und fähiger sein als ein anderer der nichts gesehen gelesen
oder gehört hat wenn er nur in jenen Geschichten und Darstellungen nicht das
für wahr annimmt was nicht wahr ist und jene Eindrücke ihn nicht auch sonst
verhindern das Wahre von dem Eingebildeten oder das Wirkliche vom Möglichen zu
unterscheiden Aus diesem Grunde haben gewisse Logiker des
Reformationszeitalters die sich einigermaßen der Partei der Ramisten
anschlossen nicht unrecht zu sagen dass die Topen oder loca inventionis die
Argumenta wie sie sie nannten sowohl zur Erklärung oder weitläufigen
Beschreibung eines zusammengesetzten Gedankens dh eines Dinges oder einer
Vorstellung als zum Beweis eines zusammengesetzten Gedankens dienen dh einer
Behauptung eines Urteils oder einer Wahrheit Und eine Behauptung kann sogar
um ihrem Sinn und ihrer Geltung nach verstanden zu werden erklärt werden ohne
dass es sich dabei um die Wahrheit und den Beweis handelt wie man an den
Predigten oder Homilien sieht welche gewisse Stellen der Heil Schrift
erklären oder an dem Wiederholen oder den Vorlesungen über gewisse Sätze des
bürgerlichen oder kanonischen Rechts deren Wahrheit dabei vorausgesetzt wird
Man kann sogar sagen dass es Gedankenvorwürfe gibt welche zwischen einer
Vorstellung und einem Satz die Mitte halten Dies sind diejenigen Fragesätze
welche nur ja und nein als Antwort fordern und diese stehen den Urteilen am
nächsten Allein es gibt auch solche in welchen es auf das Wie und die Umstände
ankommt um davon Urteile zu bilden Man kann allerdings sagen dass bei den
Beschreibungen selbst der rein idealen Dinge eine stillschweigende Annahme der
Möglichkeit stattfindet aber ebenso wahr ist es auch dass man die Erklärung und
den Beweis einer Unwahrheit unternehmen kann was mitunter am besten dazu dient
dieselben zu widerlegen Ferner lassen sich noch von dem Unmöglichen
Beschreibungen geben Damit ist es so wie mit den Erdichtungen des Grafen
Scandiano dem Ariosto gefolgt ist auch dem Amadis von Gallien und anderen
alten Romanen auch den Feenmärchen die vor kurzem wieder in die Mode gekommen
sind mit der wahrhaften Geschichte des Lucian und den Reisen Cyranos von
Bergerac um von dem Grotesken in der Malerei nicht zu reden Ebenso weiß man
dass bei den Rhetorikern die Fabeln unter die Progymnasmata oder Vorübungen
gezählt werden
Nimmt man aber die Erkenntnis in einem engeren Sinne dh als
Wahrheitserkenntnis wie Sie es hier tun so sage ich dass allerdings die
Wahrheit immer auf Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung sich gründet aber
das ist nicht allgemein wahr dass unsere Erkenntnis der Wahrheit eine
Wahrnehmung der Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung ist Denn wenn wir die
Wahrheit nur empirisch wissen weil wir sie erfahren haben ohne die Verknüpfung
und den Grund der Sachen zu kennen welcher das von uns Erfahrene beherrscht
haben wir von dieser Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung keine
Wahrnehmung wenn man nicht das darunter versteht dass wir sie verworren
empfinden ohne uns derselben deutlich bewusst zu sein Ihre Beispiele aber
deuten wie mir scheint darauf hin dass Sie immer da eine Erkenntnis fordern
wo mau sich der Verbindung oder des Gegensatzes bewusst ist und das kann ich
Ihnen nicht zugeben Ferner kann man einen zusammengesetzten Gedanken nicht
allein so abhandeln dass man die Beweise für seine Wahrheit sucht sondern auch
indem man ihn auf andere Weise wie ich es schon bemerkt habe der Topik gemäß
erläutert und erklärt Endlich habe ich über Ihre Definition noch eine Bemerkung
zu machen dass sie nämlich nur auf kategorische Wahrheiten zu passen scheint
wobei zwei Vorstellungen das Subjekt und das Prädikat vorkommen es gibt aber
noch eine Erkenntnis der hypothetischen Wahrheiten oder derjenigen die sich wie
die disjunktiven und andere darauf zurückfahren lassen Bei diesen findet
zwischen einem zweiten als Antezedens und einem zweiten als Konsequenz eine
Verknüpfung statt es können also mehr als zwei Vorstellungen dabei vorkommen
3 Philalethes Wir wollen uns jetzt auf die Erkenntnis der Wahrheit
beschränken und um die kategorischen und die hypothetischen Urteile
zusammenzufassen das was von der Verbindung der Vorstellungen zu sagen sein
wird auch auf die der Urteile anwenden Ich glaube nun dass man diese
Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung auf vier Arten zurückführen kann
nämlich 1 Einerleiheit oder Verschiedenheit 2 Relation 3 Zugleichsein oder
notwendige Verknüpfung 4 wirkliches Dasein 4 Denn dass die eine
Vorstellung nicht die andere ist zB dass das Weiße nicht das Schwarze ist
bemerkt der Geist unmittelbar 5 weil er ihre Beziehung bemerkt indem er
sie miteinander vergleicht zB dass zwei Dreiecke deren Grundlinie gleich ist
und die zwischen zwei Parallellinien liegen einander gleich sind 6 Dann
kommt das Zugleichsein in Betracht oder vielmehr der Zusammenhang wie zB
die Feuerbeständigkeit alle die anderen Vorstellungen vom Golde begleitet
7 Endlich gibt es noch ein wirkliches Dasein außer dem Geiste wie wenn man
sagt Gott ist
Theophilus Man kann wie ich glaube sagen dass die Verbindung nichts
anderes ist als die Beziehung oder Relation dieselbe allgemein genommen Auch
habe ich vorhin bemerklich gemacht dass jede Beziehung entweder eine Beziehung
des Vergleiches oder des Zusammenhanges ist Die des Vergleichs ergibt die
Verschiedenheit und die Einerleiheit sei es die durchgängige oder teilweise
wodurch sich die Begriffe des Nämlichen und Verschiedenen des Ähnlichen oder
Unähnlichen bilden Der Zusammenhang begreift dasjenige in sich was Sie das
Zugleichsein nennen nämlich die DaseinsVerknüpfung Wenn man aber sagt dass
ein Ding da ist oder dass es wirkliches Dasein hat so ist dies Dasein selbst
das Prädikat dh es hat einen mit der Vorstellung um welche es sich handelt
verbundenen Begriff und zwischen diesen beiden Begriffen findet Zusammenhang
statt Auch kann man das Dasein des Gegenstandes einer Vorstellung als den
Zusammenhang dieses Gegenstandes mit dem Ich sich denken Ich glaube also man
kann sagen dass es nur Vergleichung oder Zusammenhang gibt aber dass die
Vergleichung welche Einerleiheit oder Verschiedenheit bezeichnet und der
Zusammenhang des Dinges mit dem Ich Beziehungen sind welche unter den übrigen
hervorgehoben zu werden verdienen Vielleicht könnte man noch genauere und
tiefere Untersuchungen darüber anstellen doch begnüge ich mich hier bloß
Bemerkungen zu machen
8 Philalethes Es gibt eine Erkenntnis in der Gegenwart welche die
jedesmalige Wahrnehmung der Beziehung der Vorstellungen ist und eine auf
Gewohnheit beruhende wann der Geist sich der Übereinstimmung oder
Nichtübereinstimmung der Vorstellungen so klar bewusst geworden ist und sie
dergestalt in sein Gedächtnis eingeordnet hat dass er jedesmal wenn er über den
Satz nachdenkt sofort der darin enthaltenen Wahrheit ohne im geringsten daran
zu zweifeln sicher ist Denn da man immer nur eine einzige Sache zu gleicher
Zeit klar und deutlich zu denken imstande ist so würden die Menschen wenn sie
nur den jedesmaligen Gegenstand ihrer Gedanken erkennten alle sehr unwissend
sein und der welcher das meiste erkennte würde nur eine einzige Wahrheit
erkennen
Theophilus Allerdings muss unsere Wissenschaft selbst die am meisten auf
Beweisen beruhende da man sie sehr häufig durch eine lange Kette von Schlüssen
erwerben muss das Andenken an eine frühere Beweisführung welche man nach
gemachtem Schluss nicht mehr deutlich übersieht in sich enthalten sonst würde
man dieselbe Beweisführung immer wiederholen müssen Und selbst wahrend ihrer
Bauer würde man sie nicht ganz auf einmal umfassen können denn nicht alle ihre
Teile können zu gleicher Zeit dem Geiste gegenwärtig sein Indem man also immer
den vorhergehenden Teil sich vor Augen hält würde man niemals bis zum letzten
der den Schluss vollendet fortschreiten können Aus diesem Grunde würde es auch
schwer sein ohne Schrift die Wissenschaften herzustellen da das Gedächtnis
nicht sicher genug ist Hat man aber eine lange Beweisführung schriftlich
aufgesetzt wie zB die des Apollonius sind und sie allen ihren Teilen nach
durchlaufen wie wenn man eine Kette Ring für Ring untersuchte so kann man
seinem Vernunftgebrauch vertrauen wozu auch die Proben dienen und endlich
rechtfertigt der Erfolg das Ganze Dabei erkennt man denn auch dass da der
Glaube stets in der Erinnerung an den getanen Überblick der Beweise oder Gründe
besteht es nicht in unserer Macht oder in unserem freien Willen gelegen ist zu
glauben oder nicht zu glauben weil das Gedächtnis nicht von unserem Willen
abhängig ist
9 Philalethes Allerdings enthält unsere auf Gewohnheit beruhende
Erkenntnis zwei Arten oder Stufen Mitunter erkennt unser Geist wenn die
gleichsam im Gedächtnis aufbewahrten Wahrheiten sich ihm darstellen sofort die
Beziehung welche zwischen den dazu gehörigen Vorstellungen stattfindet aber
mitunter begnügt sich der Geist der Überzeugung sich zu erinnern ohne die
Beweise davon zu behalten und oft sogar ohne sie wenn er wollte sich wieder
zurückrufen zu können Man könnte dabei auf den Gedanken geraten dies wäre mehr
ein Glaube an das Gedächtnis als ein wirkliches Erkennen der in Frage stehenden
Wahrheit und vordem ist mir dies als ein Mittleres zwischen der Meinung und der
Erkenntnis erschienen und als eine Gewissheit welche den einfachen auf das
Zeugnis eines anderen gegründeten Glauben übertrifft Nachdem ich indes reiflich
die Sache überdacht finde ich dass diese Erkenntnis eine vollständige Gewissheit
in sich schließt Ich erinnere mich dh ich erkenne da die Erinnerung ja nur
die Wiederauffrischung eines früheren Dinges ist dass ich einmal der Wahrheit
dieses Satzes dass die drei Winkel eines Dreiecks zweien Rechten gleich sind
sicher gewesen bin Nun bildet die Unveränderlichkeit derselben Beziehungen
zwischen denselben unveränderlichen Dingen augenblicklich die vermittelnde
Vorstellung welche mir zeigt dass wenn sie einmal gleich gewesen sind sie es
noch immer sein werden Auf dieser Grundlage liefern in der mathematischen
Wissenschaft die besonderen Beweisführungen allgemeine Erkenntnisse sonst würde
die Erkenntnis eines Geometers sich nicht über diejenige besondere Figur
hinauserstrecken welche er sich beim Beweisen vorgezeichnet hat
Theophilus Die vermittelnde Vorstellung von welcher Sie reden setzt die
Treue unseres Gedächtnisses voraus aber mitunter geschieht es dass unsere
Erinnerung uns täuscht und wir nicht alle nötige Sorgfalt angewendet haben
obgleich wir es gerade jetzt glaubten Dies zeigt sich klar bei der Revision der
Rechnungen Es gibt mitunter amtlich bestellte Revisoren wie bei unseren
Bergwerken im Harz und man hat um die Einnehmer der einzelnen Bergwerke
aufmerksamer zu machen auf jeden Rechnungsfehler eine bestimmte Geldstrafe
gesetzt und trotzdem kommen dergleichen vor Je sorgfältiger man indessen dabei
verfährt desto mehr kann man den früheren Berechnungen trauen Ich habe eine
Art die Rechnungen zu schreiben entworfen wonach der welcher die Summen der
Kolonnen zusammenzieht auf dem Papier die Spuren der Fortschritte seiner
Berechnungen auf eine solche Art zurücklässt dass kein Schritt unnütz gemacht
wird Er kann stets revidieren und die letzten Fehler verbessern ohne dass sie
auf die ersten zurückwirken auch die Revision welche ein anderer darüber
vornehmen kann kostet auf diese Art fast keine Mühe weil er dieselben Spuren
mit einem Überblick prüfen kann Außerdem gibt es noch Mittel auch die
Rechnungen jedes einzelnen Artikels durch eine sehr bequeme Probe zu
verifizieren ohne dass diese Bemerkungen die Arbeit des Rechnens sonderlich
vermehren Dies alles macht wohl begreiflich dass man auf dem Papier strikte
Beweisführungen haben kann und deren zweifelsohne in unendlicher Zahl hat Aber
ohne sich zu erinnern dabei eine vollkommene Strenge gebraucht zu haben kann
man in seinem Innern diese Gewissheit nicht haben Und diese Strenge besteht in
einem ordnungsmäßigen Verfahren dessen Beobachtung jedem Teil eine Sicherheit
für das Ganze ist wie in der Ring für Ring geschehenden Prüfung der Kette wo
man durch Untersuchung eines jeden um zu sehen ob er fest ist und durch
Messen mit der Hand um keinen zu überspringen sich von der Güte der Kette
überzeugt Durch dies Mittel erhält man alle diejenige Gewissheit deren die
menschlichen Dinge überhaupt fähig sind
Aber ich gebe nicht zu dass in der Mathematik die besonderen Beweisführungen
für die Figur welche man zeichnet jene allgemeine Gewissheit gewähren wie Sie
es zu fassen schienen Denn man muss wissen dass nicht die Figuren es sind
welche bei den Geometern die Beweise liefern obgleich der Stil des Vertrags
dies glauben machen kann Die Kraft der Beweisführung ist von der gezeichneten
Figur ganz unabhängig welche nur dazu dient das Verständnis dessen zu
erleichtern was man sagen will und die Aufmerksamkeit zu fesseln die
allgemeinen Sätze dh die Definitionen Grundsätze und die schon bewiesenen
Lehrsätze sind es welche den Beweis bilden und ihn auch wenn keine Figur dabei
wäre aufrecht erhalten würden Aus diesem Grunde hat ein gelehrter Geometer
Scheubelius die Figuren des Euklid ohne ihre Buchstaben gegeben weil man sich
dieselben mit der von ihm beigefügten Beweisführung verknüpft denken könnte und
ein anderer Herlinus hat eben diese Beweise in Syllogismen und Prosyllogismen
aufgelöst
1 Philalethes Die Erkenntnis ist also intuitiv wenn der Geist sich der
Übereinstimmung zweier Vorstellungen unmittelbar durch sie selbst ohne
Dazwischenkunft irgend einer anderen bewusst ist In diesem Falle hat der Geist
keine Mühe nötig um die Wahrheit zu beweisen oder zu prüfen Es ist so wie das
Auge das Licht sieht wie der Geist sieht dass das Weiße nicht das Schwarze ein
Kreis nicht ein Dreieck ist zwei und eins drei sind Diese Erkenntnis ist
die klarste und gewisseste deren die menschliche Schwäche fähig ist sie wirkt
auf eine unwiderstehliche Art ohne dem Geiste Zögerung zu verstatten Man
erkennt intuitiv wenn die Vorstellung so im Geiste ist wie man sich ihrer
bewusst ist Wer eine größere Gewissheit verlangt weiß nicht was er verlangt
Theophilus Die Grundwahrheiten welche man durch Intuition weiß sind wie
die abgeleiteten von zwei Klassen Sie sind entweder Vernunftwahrheiten oder
tatsächliche Wahrheiten Die Vernunftwahrheiten sind notwendige und die
tatsächlichen sind zufällige Die Grundwahrheiten unter den Vernunftwahrheiten
sind solche welche ich mit einem Gesamtnamen identische nenne weil sie nur
dasselbe zu wiederholen scheinen ohne uns etwas zu lehren Sie sind bejahend
oder verneinend die bejahenden sind wie die folgenden Jedes Ding ist was es
ist Und in sovielen Beispielen als man will ist A A B B Ich werde sein
was ich sein werde Was ich geschrieben habe habe ich geschrieben Und Nichts
in Versen wie in Prosa ist nichts oder sehr wenig Ein gleichseitiges Rechteck
ist ein Rechteck Die Kopulativ Disjunktiv und andere Sätze sind gleichfalls
dieser Identitätsform fähig und ich rechne unter die bejahenden sogar folgenden
Satz Nicht A ist Nicht A Und folgenden hypothetischen Wenn A Nicht B ist
so folgt dass A nicht B ist Ebenso Wenn Nicht A BC ist so folgt dass Nicht
A BC ist Wenn eine Figur die keinen stumpfen Winkel hat ein regelmäßiges
Dreieck sein kann so kann eine Figur die keinen stumpfen Winkel hat
regelmäßig sein
Ich komme jetzt zu den identischen Verneinungssätzen die entweder unter das
Prinzip des Widerspruches fallen oder disparate sind Das Prinzip des
Widerspruchs ist im allgemeinen Ein Satz ist entweder wahr oder falsch dies
schließt zwei andere Urteile ein zuerst dass das Wahre und das Falsche in
demselben Satze nicht zusammen bestehen können oder dass ein Satz nicht zugleich
wahr und falsch sein kann zweitens dass das Entgegengesetzte oder die
Verneinung des Wahren und Falschen nicht zugleich stattfindet oder dass es
zwischen Wahrem und Falschem kein Mittleres gibt oder auch dass ein Satz
unmöglich zugleich weder wahr noch falsch sein kann Dies alles nun ist ebenso
im besonderen wahr in allen nur denkbaren Sätzen zB Was A ist kann nicht
Nicht A sein Ebenso es ist wahr dass wenn sich ein Mensch findet er kein
Tier ist Man kann diese Urteile auf viele Arten abändern und sie mit
Kopulativ Disjunktiv und anderen Sätzen verbinden
Was die disparaten Sätze betrifft so sind dies solche welche besagen dass
der Gegenstand einer Vorstellung nicht Gegenstand eines anderen sei zB dass
die Wärme nicht dasselbe ist wie die Farbe ebenso dass der Mensch und das
lebende Wesen nicht dasselbe sind obgleich der Mensch ein lebendes Wesen ist
Alles dies lässt sich bejahen unabhängig von jeder Probe oder jeder
Zurückführung auf das Entgegengesetzte oder auf das Prinzip des Widerspruchs
wenn die Vorstellungen hinlänglich verstanden werden um nicht eine Analyse
dabei nötig zu machen sonst ist man Irrtümern unterworfen denn wenn man sagt
ein Dreieck und eine dreiseitige Figur ist nicht dasselbe so würde man sich
irren weil man bei richtiger Betrachtung findet dass die drei Seiten und die
drei Winkel immer beisammen sind Wenn man sagt ein vierseitiges Rechteck und
ein Rechteck ist nicht dasselbe würde man sich auch irren denn man findet dass
bloß die Figur mit vier Seiten alle ihre Winkel als rechte haben kann Indessen
kann man immer in abstracto sagen dass ein Dreieck keine dreiseitige Figur ist
oder dass die formellen Gründe für das Dreieck und die dreiseitige Figur wie die
Philosophen sagen nicht dieselben sind Es sind verschiedene Beziehungen
derselben Sache
Wenn nun jemand das was wir bisher gesagt haben mit Geduld angehört hat
wird er sie am Ende verlieren und sagen dass wir uns mit leeren Sätzen die Zeit
vertreiben und alle identischen Wahrheiten zu nichts dienen Aber man würde so
nur urteilen wenn man über diese Gegenstände nicht gehörig nachgedacht hat Die
logischen Folgerungen werden zB durch die identischen Grundsätze bewiesen und
die Geometer haben das Prinzip des Widerspruchs in ihren Beweisführungen nötig
welche aufs Unmögliche zurückführen
Begnügen wir uns hier die Anwendung der identischen Sätze in den Beweisen
aus den logischen Folgerungen zu zeigen Ich sage also dass das bloße Prinzip
des Widerspruchs genügt um die zweite und die dritte syllogistische Figur durch
die erste nachzuweisen Man kann zB in der ersten Figur nach Modus Barbara
schließen
Alles B ist C
Alles A ist B
also Alles A ist C
Setzen wir dass der Schluss falsch sei oder es sei wahr dass einiges A nicht
C ist so muss auch einer der beiden Vordersätze falsch sein Setzen wir dass
der Untersatz wahr ist so muss der Obersatz falsch sein welcher behauptet dass
alles B C ist Es muss also das Gegenteil wahr sein Einiges B ist nicht C Und
dies ist der Schlusssatz eines neuen Syllogismus der aus der Falschheit des
Schlusssatzes und der Wahrheit des einen Vordersatzes des vorhergehenden gezogen
wird Folgendes ist der neue Syllogismus
Einiges A ist nicht C
Dies ist das Gegenteil des als falsch angenommenen vorherigen Schlusssatzes
Alles A ist B
Dies ist der vorher als wahr angenommene Untersatz
Also ist Einiges B nicht C
Dies ist der nunmehrige wahre Schlusssatz welcher dem früheren falschen
Vordersatz entgegengesetzt ist Dieser Syllogismus ist aus dem Modus Disamis der
dritten Figur welcher also offenbar und auf den ersten Blick aus dem Modus
Barbara der ersten Figur sich ableiten lässt ohne etwas anderes als das Prinzip
des Widerspruchs anzuwenden Schon in meiner Jugend als ich diese Dinge genauer
untersuchte machte ich die Bemerkung dass alle Modi der zweiten und dritten
Figur durch diese Methode allein aus der ersten hergeleitet werden können indem
man voraussetzt dass der Modus der ersten richtig ist und folglich wenn der
Schlusssatz falsch oder sein kontradiktorisches Gegenteil als wahr angenommen und
auch einer der Vordersätze als wahr angenommen wird das kontradiktorische
Gegenteil des anderen Vordersatzes wahr sein muss Allerdings bedient man sich in
den logischen Schulen lieber der Umkehrungen um die weniger ursprünglichen
Figuren aus der ersten welche die ursprüngliche ist abzuleiten weil dies für
die Schüler bequemer scheint Für diejenigen aber welche die Beweisgründe
suchen wo man so wenig als möglich Voraussetzungen anwenden muss wird man nicht
durch die Voraussetzung der Umkehrung dasjenige beweisen was man durch das
Grundprinzip allein beweisen kann und dies ist das des Widerspruchs welches
weiter nichts voraussetzt Ich habe sogar folgende bemerkenswerte Beobachtung
gemacht dass nämlich allein diejenigen weniger ursprünglichen Figuren welche
man direkte nennt nämlich die zweite oder dritte ganz allein durch das Prinzip
des Widerspruchs bewiesen werden können die weniger ursprüngliche indirekte
Figur aber welches die vierte ist und deren Erfindung die Araber dem Galen
zuschreiben obwohl wir in dessen uns noch übrigen Schriften nichts davon finden
und auch nicht in den übrigen griechischen Autoren diese vierte sage ich hat
den Nachteil dass sie aus der ersten oder ursprünglichen nicht durch diese
Methode allein gezogen werden kann sondern dass man noch eine andere
Voraussetzung nämlich die Umkehrungen anwenden muss so dass sie um einen Grad
ferner steht als die zweite und dritte welche sich gleich verhalten und von
der ersten gleichmäßig entfernt sind während die vierte noch die zweite und
dritte nötig hat um bewiesen zu werden Denn es trifft sich gerade dass die
Umkehrungen deren sie nötig hat aus der zweiten und dritten Figur bewiesen
werden welche ihrerseits von Umkehrungen unabhängig sind wie ich soeben
gezeigt habe Schon Petrus Ramus hatte diese Bemerkung über die Beweisbarkeit
der Umkehrung durch diese Figuren gemacht und warf wenn ich mich nicht irre
den Logikern welche sich der Umkehrung bedienen um diese Figuren zu beweisen
einen Zirkelschluss vor obgleich es nicht sowohl ein Zirkelschluss war den er
ihnen hätte vorwerfen sollen denn sie bedienten sich ihrerseits gar nicht
dieser Figuren um die Umkehrungen zu rechtfertigen als ein Hysteron Proteron
oder das Spätere früher weil die Umkehrungen eher durch diese Figuren als
diese Figuren durch die Umkehrungen nachgewiesen zu werden nötig hätten Da aber
dieser Nachweis der Umkehrungen noch die Anwendung der bejahenden
Identitätssätze welche einige für ganz nichtig ansehen zeigt so wird es um so
passender sein sie hierher zu setzen Ich will nur von den Umkehrungen ohne
Kontraposition sprechen die mir hier genügen und welche entweder einfache
oder wie man sie nennt per accidens sind
Die einfachen Umkehrungen sind von zwei Arten die der allgemeinen Negation
zB kein Quadrat hat einen stumpfen Winkel also ist keine Figur mit stumpfem
Winkel ein Quadrat und die der besonderen Bejahung zB einige Dreiecke haben
einen stumpfen Winkel also sind einige Figuren mit stumpfem Winkel dreieckig
Die Umkehrung per accidens aber wie man sie nennt betrifft die allgemeine
Bejahung zB jedes Quadrat ist ein Rechteck also sind einige Rechtecke
Quadrate Hier versteht man unter einem Rechteck immer eine Figur deren Winkel
sämtlich rechte sind und unter einem Quadrat ein regelmäßiges Viereck
Jetzt handelt es sich darum diese drei Arten von Umkehrungen zu zeigen wie
folgt
1 Kein A ist B also kein B ist A
2 Einiges A ist B also einiges B ist A
3 Alles A ist B also einiges B ist A
Nachweis der ersten Umkehrung im Modus Cesare welcher der zweiten Figur
angehört
Kein A ist B
Alles A ist B
also Kein B ist A
Nachweis der zweiten Umkehrung im Modus Datisi welcher der dritten Figur
angehört
Alles A ist A
Einiges A ist B
also Einiges B ist A
Nachweis der dritten Umkehrung im Modus Darapti welcher der dritten Figur
angehört
Alles A ist A
Alles A ist B
also Einiges B ist A
Dies zeigt dass die reinsten und scheinbar unnützesten identischen Sätze
einen großen Nutzen im abstrakten und allgemeinen haben und dies lehrt uns dass
man keine Wahrheit verachten darf Was jenen von Ihnen noch als ein Beispiel
intuitiver Erkenntnisse angeführten Satz anbetrifft dass drei so viel ist als
zwei und eins so will ich bemerken dass dies nur die Definition des Ausdrucks
drei ist denn die einfachsten Definitionen der Zahlen werden so gebildet zwei
ist eins und eins drei ist zwei und eins vier ist drei und eins usw fort
Allerdings steckt darin ein verhülltes Urteil wie ich schon bemerkt habe
nämlich dass diese Vorstellungen möglich sind und dies wird hier intuitiv
erkannt Man kann daher sagen dass eine intuitive Erkenntnis in den Definitionen
enthalten ist wenn ihre Möglichkeit sofort einleuchtet Und auf diese Art
enthalten alle adäquaten Definitionen ursprüngliche Vernunftwahrheiten und
folglich intuitive Erkenntnisse Endlich kann man im allgemeinen sagen dass alle
ursprünglichen Vernunftwahrheiten als unmittelbare aus einer Unmittelbarkeit von
Vorstellungen stammen
Was die ursprünglichen tatsächlichen Wahrheiten anbetrifft so sind dies
die unmittelbaren inneren Erfahrungen aus einer Gefühlsunmittelbarkeit Hierher
gehört die erste Wahrheit der Kartesianer oder des heiligen Augustin Ich denke
also bin ich dh ich hin ein Wesen das denkt Man muss aber wissen dass ebenso
wie die identischen Sätze allgemeine oder besondere und wie die einen ebenso
klar als die anderen sind weil es ebensoviel ist zu sagen dass A A ist als
zu sagen dass ein Ding das ist was es ist dies mit den ersten tatsächlichen
Wahrheiten sich ebenso verhält Denn mir ist nicht allein unmittelbar klar dass
ich denke sondern es ist mir ganz ebenso klar dass ich verschiedene Gedanken
habe dass ich bald A und bald B denke usw Also ist das Kartesianische Prinzip
gültig aber es ist nicht das einzige seiner Art Man sieht daraus dass alle
ursprünglichen Vernunft oder auch tatsächlichen Wahrheiten dies miteinander
gemein haben dass man sie nicht durch etwas Gewisseres beweisen kann
2 Philalethes Ich bin ganz damit einverstanden dass Sie das was ich
hinsichtlich der intuitiven Erkenntnisse nur angedeutet habe weiter ausführen
Die demonstrative Erkenntnis ist also nur eine Verkettung der intuitiven
Erkenntnisse in allen Verknüpfungen der mittelbaren Vorstellungen Denn oft kann
der Geist die Vorstellungen nicht miteinander verbinden vergleichen oder in
unmittelbare Beziehung setzen was ihn nötigt sich anderer vermittelnder
Vorstellungen einer oder mehrerer zu bedienen um die Übereinstimmung oder
Nichtübereinstimmung welche gesucht wird zu entdecken und dies nennt man eben
schließen um zB zu beweisen dass die drei Winkel eines Dreiecks zweien
rechten gleich sind sucht man einige andere Winkel welche man als entweder den
drei Winkeln des Dreiecks oder den beiden rechten gleich erkennt 3 Diese
Vorstellungen welche man dazwischen treten lässt heißen Beweise und die Anlage
des Geistes sie zu finden Scharfsinn 4 Und selbst wenn sie gefunden sind
erwirbt mäh solche Erkenntnis nicht ohne Mühe und Aufmerksamkeit auch nicht
durch einen bloßen flüchtigen Blick denn man maß sich auf eine fortschreitende
Reihe von Vorstellungen einlassen die nur allmählich und schrittweise entsteht
5 Auch geht dem Beweisverfahren der Zweifel voraus 6 Diese demonstrative
Erkenntnis ist weniger klar als die intuitive Wie das durch mehrere Spiegel von
dem einen zum andern geworfene Bild bei jeder Zurückwerfung schwächer wird und
nicht mehr gleich so erkennbar ist besonders für schwache Augen ebenso
verhält es sich mit einer durch eine lange Folge von Beweisen hervorgebrachten
Erkenntnis 7 Und obwohl jeder Schritt den die Vernunft beim Beweisen tut
eine intuitive oder einfach anschauende Erkenntnis ist so nehmen
nichtsdestoweniger die Menschen in dieser langen Folge von Beweisen da das
Gedächtnis diese Verbindung von Vorstellungen nicht so genau behalt häufig
Falschheiten für Beweise
Theophilus Außer dem natürlichen oder durch Übung erlangten Scharfsinn gibt
es eine Kunst die mittleren Vorstellungen den Medius zu finden und diese
Kunst ist die Analyse Nun ist zu bemerken dass es sich hierbei bald darum
handelt die Wahrheit oder Falschheit eines gegebenen Satzes zu finden was
nichts anderes ist als die Beantwortung der Frage An dh ist es so oder
nicht Bald handelt es sich auf die unter übrigens gleichen Umständen
schwerere Frage zu antworten wo man zB fragt wodurch und wie und wo man
noch mehr zu ergänzen hat Dies sind eigentlich die von Mathematikern »Probleme«
genannten Fragen welche einen Teil des Satzes unentschieden lassen wie wenn
man einen Spiegel zu finden verlangt der alle Sonnenstrahlen auf einen Punkt
vereinigt dh man fragt nach seiner Gestalt oder wie er sein muss Was die
erste Art von Fragen anbetrifft wo es sich bloß um das Wahre und Falsche
handelt und im Subjekt oder Prädikat nichts weiter zu ergänzen ist findet
weniger Erfindung statt indessen doch einige und das bloße Urteil genügt dazu
nicht Allerdings kann jemand der Urteil hat dh welcher der Aufmerksamkeit
und Überlegung fähig ist und die nötige Muße Geduld und Freiheit des Geistes
hat den schwersten Beweis verstehen wenn er ihm gehörig vorgelegt wird Aber
der scharfsinnigste Mensch auf Erden wird ohne andere Hilfe niemals diesen
Beweis zu finden imstande sein Also ist auch noch Erfindung dabei und ihrer
gab es bei den Geometern sonst mehr als jetzt Denn als die Analyse noch weniger
geübt wurde brauchte man mehr Scharfsinn um zum Ziel zu gelangen und deshalb
haben noch einige Geometer vom alten Schlage oder andere welche in den neuen
Methoden noch nicht genug geübt sind Wunder was zu tun geglaubt wenn sie den
Beweis irgend eines Lehrsatzes fanden den andere vor ihnen erfunden hatten
Aber die in der Kunst des Erfindens Geübten wissen wann dies schätzbar ist oder
nicht Wenn zB jemand die Quadratur eines von einer krummen und einer geraden
Linie eingeschlossenen Baumes veröffentlicht welche in allen ihren Segmenten
gelingt und die ich eine allgemeine nenne so ist es nach unseren Methoden
immer in unserer Macht den Beweis davon zu finden wenn man sich nur die Mühe
dazu nehmen will Es gibt aber besondere Quadraturen gewisser Abschnitte wo die
Sache so verwickelt sein kann dass man es nicht immer in seiner Gewalt hat sie
zu entwirren Auch geschieht es dass die Induktion uns in den Zahlen und Figuren
auf Wahrheiten bringt deren allgemeinen Grund man noch nicht entdeckt hat Denn
es fehlt viel daran dass man zur Vollendung der Analyse in der Geometrie und
Zahlentheorie gelangt sei wie mehrere auf die Prahlereien einiger sonst
ausgezeichneter aber ein wenig vorschneller oder zu ehrgeiziger Männer hin sich
eingebildet haben
Viel schwerer aber ist es bedeutende Wahrheiten zu finden und noch mehr
die Mittel zu finden das was man sucht gerade dann wann man es sucht zu
vollbringen als den Beweis der von einem anderen entdeckten Wahrheiten Man
gelangt oft zu schönen Wahrheiten durch die Synthese indem man vom Einfachen
zum Zusammengesetzten fortschreitet aber wenn es sich darum handelt gerade das
Mittel zu finden um das was man sich vorsetzt zu vollbringen so genügt
gewöhnlich die Synthese nicht und oft würde dies heißen ein Meer austrinken
wenn man alle die erforderlichen Kombinationen machen wollte Freilich könnte
man sich dabei häufig durch die Methode der Ausschließungen helfen welche einen
guten Teil der unnützen Kombinationen fortschafft und oft lässt die Natur der
Sache keine andere Methode zu Aber man hat nicht immer die Mittel sie
fördersam anzuwenden Die Analyse also hat uns in diesem Labyrinth den Faden zu
geben wenn dies möglich ist denn es gibt Fälle wo die Natur der Frage selbst
fordert dass man überall herumtasten geht indem die Abkürzungen nicht immer
möglich sind
8 Philalethes Da man nun beim Beweisen immer die intuitiven Erkenntnisse
voraussetzt so hat dies denke ich zu dem Grundsatze Veranlassung gegeben dass
jeder Schluss aus schon Bekanntem und Zugestandenem hervorgeht ex praecognitis
et praeconcessis Wir werden aber Gelegenheit haben die in diesem Grundsätze
enthaltene Unrichtigkeit zu besprechen wenn wir von den Maximen handeln werden
welche man fälschlich für die Grundlage unserer Beweise nimmt
Theophilus Ich bin neugierig in vernehmen welche Unrichtigkeit Sie in
einem Grundsatze finden können der so vernünftig scheint Musste man immer alles
auf intuitive Erkenntnisse zurückfahren so würden die Beweise oft von
unerträglicher Weitschweifigkeit sein Aus diesem Grunde haben die Mathematiker
die Geschicklichkeit gehabt die Schwierigkeiten zu teilen und die
dazwischenfallenden Sätze besonders zu beweisen Und auch dabei gibt es noch
Kunstgriffe denn da die vermittelnden Wahrheiten welche man die Lemmata
hinzugenommene Lehrsätze nennt da sie nebenher zu gehen scheinen auf
mancherlei Weise ausgefunden werden können so ist es zur Unterstützung der
Fassungskraft und des Gedächtnisses gut diejenigen davon auszuwählen welche
zur Abkürzung dienen und für sich allein behaltenswert und des Beweises würdig
erscheinen Aber es gibt noch ein anderes Hindernis dass es nämlich nicht leicht
ist alle Grundsätze zu beweisen und die Schlüsse gänzlich auf intuitive
Erkenntnisse zurückzuführen Hätte man auch darauf warten wollen so würden wir
vielleicht die Wissenschaft der Geometrie noch nicht besitzen Aber wir haben
darüber schon in unseren ersten Unterredungen gesprochen und werden Gelegenheit
haben noch mehr davon zu reden
9 Philalethes Wir werden bald dazu kommen jetzt werde ich nur noch
bemerken was ich schon mehr als einmal berührt habe dass der allgemeinen
Meinung nach nur die mathematischen Wissenschaften einer auf Beweis beruhenden
Gewissheit fähig seien aber da die Übereinstimmung und Nichtübereinstimmung
welche intuitiv erkannt werden kann nicht ein den Vorstellungen der Zahlen und
Figuren allein anhaftendes Privilegium ist so mag es vielleicht aus einem
Mangel an Fleiß von unserer Seite geschehen sein dass die Mathematik allein auf
Schlüsse gebracht ist 10 Verschiedene Gründe haben dazu beigetragen Die
mathematischen Wissenschaften sind von sehr allgemeinem Nutzen und der
geringste Unterschied der Größe ist sehr leicht zu erkennen 11 Diejenigen
übrigen einfachen Vorstellungen welche in uns hervorgerufene Erscheinungen oder
Zustände sind haben zwar kein genaues Maß hinsichtlich ihrer verschiedenen
Grade 12 aber wenn die Verschiedenheit solcher zB sinnlichen Qualitäten
groß genug ist um im Geiste klar unterschiedene Vorstellungen zu erwecken wie
etwa die des Blauen und Boten so sind auch diese des Beweises ebenso fähig als
die der Zahl und der Ausdehnung
Theophilus Es gibt recht ansehnliche Beispiele von Schlussverfahren außer
der Mathematik und man kann sagen dass Aristoteles deren schon in seiner ersten
Analytik gegeben hat In der Tat ist die Logik ebenso beweisfähig als die
Geometrie und man kann sagen dass die Logik der Geometer oder die
Schlussmethoden welche Euklides bei seiner Lehre von den Sätzen erläutert und
aufgestellt hat eine besondere Erweiterung oder Entwickelung der allgemeinen
Logik bilden Archimedes ist der erste der in seinen uns erhaltenen Schriften
die Kunst des Beweisens bei einer Gelegenheit ausgeübt hat wo er Physik
behandelt wie er in seinem Buch vom Gleichgewicht getan hat Ferner kann man
sagen dass die Rechtsgelehrten mehrere gute Beweisführungen enthalten vor allem
die alten römischen Juristen deren Bruchstücke uns in den Pandekten aufbewahrt
worden sind Ich bin durchaus der Ansicht des Laurentius Valla der diese
Schriftsteller nicht genug bewundern kann unter anderem weil sie alle sich so
richtig und präzis ausdrücken und in der Tat auf eine Weise argumentieren die
sich der beweisenden gar sehr nähert und oft gänzlich die beweisende ist Auch
weiß ich keine Wissenschaft außer der des Rechte und des Krieges in welcher
die Römer etwas Bedeutendes dem von den Griechen Empfangenen hinzugefügt hätten
Tu regere imperio populos Romane memento
Hae tibi erunt artes pacisque imponere morem
Parcere subjectis et debellare superbos
Diese Präzision des Ausdrucks ist der Grund dass alle diese Juristen der
Pandekten obgleich sie der Zeit nach mitunter einander ganz fern stehen doch
ein einziger Autor in sein scheinen und man viel Mähe haben würde sie zu
unterscheiden wenn die Schriftstellernamen nicht an der Spitze der Auszüge
ständen wie man Euklides Archimedes und Apollonius auch mit Mühe unterscheiden
würde wenn man ihre Beweise über Gegenstände liest welche der eine ebensogut
wie der andere berührt hat Man muss gestehen dass die Griechen in der Mathematik
mit aller nur möglichen Schärfe argumentiert und dem Menschengeschlecht die
Vorbilder der Kunst zu beweisen hinterlassen haben denn wenn die Babylonier und
Ägypter eine ein wenig mehr als erfahrungsmäßige Geometrie gehabt haben so ist
davon wenigstens nichts mehr übrig aber zum Erstaunen ist es dass eben diese
Griechen sobald sie sich nur ein wenig von den Zahlen und Figuren entfernten
gleich so weit davon abgekommen sind indem sie zur Philosophie übergingen Denn
auffallenderweise sieht man im Plato und im Aristoteles die erste Analytik
ausgenommen nicht einen Schatten vom Beweise und ebensowenig bei allen übrigen
alten Philosophen Proklus war ein guter Geometer aber wenn er von Philosophie
spricht scheint er ein anderer Mensch zu sein Aus diesem Grunde ist es denn
auch viel leichter gewesen in der Mathematik mit Beweisverfahren zu
argumentieren und zwar hauptsächlich darum weil dabei die Erfahrung in jedem
Augenblick für die Argumentation Gewähr leistet wie es auch bei den
Schlussfiguren der Fall ist Aber in der Metaphysik und Moral findet dieser
Parallelismus von Gründen und Erfahrungen nicht statt und in der Physik
erfordern die Erfahrungen Mühe und Ausgaben So haben denn die Menschen gleich
von vornherein in ihrer Aufmerksamkeit nachgelassen und sind folglich in die
Irre geraten nachdem sie sich von diesem treuen Führer der Erfahrung entfernt
hatten welcher sie auf ihrem Wege unterstützte und aufrechthielt wie jene
kleine rollende Maschine welche die Kinder verhindert beim Gehen zu fallen
Dabei fand eine gewisse Stellvertretung statt was man aber nicht genug bemerkt
hat und noch jetzt nicht genug bemerkt Ich werde seiner Zeit davon reden
Übrigens sind Blau und Rot nicht imstande Gelegenheit zu Beweisen mittels der
Vorstellungen die wir von ihnen haben zu liefern weil diese Vorstellungen
eben verworrene sind Diese Farben liefern zu Schlüssen nur insofern
Veranlassung als man sie erfahrungsmäßig von gewissen deutlichen Vorstellungen
begleitet findet deren Zusammenhang aber mit den sie betreffenden Vorstellungen
nicht klar ist
14 Philalethes Außer der Intuition und Demonstration Beweisführung
welches die zwei Stufen unserer Erkenntnis sind ist alles übrige Glaube oder
Meinung und nicht Erkenntnis wenigstens hinsichtlich aller allgemeinen
Wahrheiten Aber der Geist hat noch eine andere Art der Wahrnehmung welche das
besondere Dasein der endlichen Wesen außer uns betrifft und das ist die
sinnliche Erkenntnis
Theophilus Diejenige Meinung welche in der Wahrscheinlichkeit begründet
ist verdient vielleicht auch den Namen der Erkenntnis sonst würden fast die
gesamte historische Erkenntnis und viele andere wegfallen Aber ohne über Worte
zu streiten nehme ich an dass die Untersuchung der Wahrscheinlichkeitsgrade
sehr wichtig sein würde und uns noch fehlt was ein großer Mangel in unseren
Logiken ist Denn wenn man nicht schlechthin eine Frage entscheiden kann so
könnte man immerhin den Grad der Wahrscheinlichkeit aus den vorliegenden
Umständen ex datis bestimmen und folglich vernunftgemäß entscheiden welche
Wahl zu empfehlen ist Wenn die jetzigen Moralisten ich verstehe darunter die
weisesten solche wie den neuen Jesuitengeneral das Gewisseste mit dem
Wahrscheinlichsten verbinden und das Gewisse sogar dem Wahrscheinlichen
vorziehen so entfernen sie sich in der Tat nicht von dem Wahrscheinlichsten
denn die Frage der Gewissheit dabei ist eben die nach der geringen
Wahrscheinlichkeit des zu befürchtenden Übels Der Fehler der in diesem Artikel
fahrlässigen Moralisten hat zum großen Teile darin bestanden dass sie einen zu
beschränkten und zu unzureichenden Begriff des Wahrscheinlichen gehabt haben
welches sie mit dem Endoxon oder dem Angenommenen des Aristoteles verwechselt
haben denn Aristoteles hat in seiner Topik sich nur den Meinungen anderer wie
Redner und Sophisten anbequemen wollen »Endoxon« ist ihm das was von der
größten Zahl oder von den besten Autoritäten angenommen ist er hat Unrecht
seine Topik darauf beschränkt zu haben und dieser Gesichtspunkt ist der Grund
dass er sich nur an angenommene größtenteils unsichere Grundsätze gehalten hat
als ob man nur mittels eines Quodlibets oder Sprichwörter Schlüsse ziehen
wollte Das Wahrscheinliche aber hat einen größeren Umfang man muss es aus der
Natur der Dinge gewinnen und die Meinung derer deren Autorität von Gewicht
ist ist nur einer der Umstände welche dazu beitragen können eine Meinung
wahrscheinlich zu machen aber nicht von der Art die Wahrscheinlichkeit in
ihrer Ganzheit voll zu machen Während Kopernikus fast allein seiner Meinung
war war sie immerhin unvergleichlich wahrscheinlicher als die der übrigen
Menschheit Ich weiß also nicht ob die Aufrichtung der Kunst die
Wahrscheinlichkeiten abzuschätzen nicht nützlicher sein möchte als ein guter
Teil unserer demonstrativen Wissenschaften und ich habe mehr als einmal an sie
gedacht
Philalethes Die sinnliche Erkenntnis oder diejenige welche das Dasein der
besonderen Wesen außer uns dartut geht über die bloße Wahrscheinlichkeit
hinaus aber sie hat nicht die ganze Gewissheit der beiden eben besprochenen
Erkenntnisgrade Dass die von uns empfangene Vorstellung eines äußeren
Gegenstandes in unserem Geiste sei nichts ist sicherer als das und dies ist
eine intuitive Erkenntnis aber zu wissen ob wir von da aus sicher schließen
dürfen auf ein dieser Vorstellung entsprechendes Dasein eines Dinges außer uns
das kann nach der Meinung gewisser Leute in Zweifel gezogen werden weil die
Menschen dergleichen Vorstellungen ihres Geistes haben können wenn nichts davon
in der Wirklichkeit da ist Was mich anbetrifft so glaube ich dennoch dass
damit ein Grad von Evidenz verbunden ist welcher uns über den Zweifel erhebt
Man ist unwiderstehlich davon überzeugt dass zwischen den Vorstellungen welche
man hat wenn man am Tage die Sonne betrachtet und wenn man nachts an dies
Gestirn denkt ein großer Unterschied obwaltet und die mit Hilfe des
Gedächtnisses wiedererneuerte Vorstellung ist sehr verschieden von derjenigen
welche uns durch die Vermittlung der Sinne tatsächlich entsteht Will jemand
sagen dass ein Traum die nämliche Wirkung haben kann so antworte ich zuerst
dass nicht viel daran gelegen ist diesen Zweifel zu heben weil
Vernunftschlüsse wenn alles ein Traum ist ohne Nutzen sind da Wahrheit und
Erkenntnis dann gar nicht mehr stattfinden An zweiter Stelle wird er meiner
Ansicht nach den Unterschied zwischen Träumen in einem Feuer zu sein und dem
wirklich im FeuerSein anerkennen Und wenn er dabei bleibt als Skeptiker sich
zu zeigen so werde ich ihm sagen es genüge die sichere Beobachtung dass Lust
und Schmerz die Folge der Einwirkung gewisser Gegenstände wahrer oder
erträumter auf uns sind und dass diese Gewissheit ebenso groß wie unser Glück
und unser Unglück ist zwei Dinge über welche unser Interesse nicht hinausgeht
So glaube ich denn dass wir drei Arten von Erkenntnissen rechnen dürfen die
intuitive die demonstrative und die sinnliche
Theophilus Ich glaube Sie haben recht und denke sogar dass sie diesen
Arten der Gewissheit oder der gewissen Erkenntnis die des Wahrscheinlichen
hinzufügen können so wird es zwei Arten von Erkenntnissen geben wie es zwei
Arten von Beweisen gibt davon die einen die Gewissheit hervorrufen und die
anderen nur bis zur Wahrscheinlichkeit reichen Aber lassen Sie uns zu dem
Streite kommen welchen die Skeptiker mit den Dogmatikern über das Dasein der
Dinge außer uns haben Wir haben denselben schon berührt müssen aber jetzt
darauf zurückkommen Ich habe ehemals mündlich und schriftlich darüber sehr viel
mit dem seligen Abbé Foucher Kanonikus von Dijon gestritten einem gelehrten
und scharfsinnigen aber ein wenig zu sehr für seine Akademiker eingenommenen
Manne deren Schule er gern wiederbelebt hätte wie Gassendi die der Epikureer
wieder auf die Bühne gebracht hatte Seine Kritik der »Untersuchung der
Wahrheit« und die übrigen kleinen nachher von ihm veröffentlichten Abhandlungen
haben ihren Verfasser von einer sehr vorteilhaften Seite bekannt gemacht Er hat
auch in das Journal des Savans Einwürfe gegen mein System der vorherbestimmten
Harmonie einrücken lassen als ich dasselbe nach mehrjähriger Überlegung in die
Öffentlichkeit brachte aber der Tod hat ihn verhindert auf meine Antwort zu
erwidern Er predigte immer dass man sich vor Vorurteilen hüten und große
Genauigkeit anwenden müsse aber außerdem dass er selbst es sich nicht zur
Pflicht machte das was er anderen riet auszuführen worin er wohl zu
entschuldigen war schien er mir auch nicht darauf acht zu haben ob ein anderer
es tat ohne Zweifel voraussetzend dass niemand es je tun würde Ihm nun machte
ich bemerklich dass die Wahrheit der sinnlichen Dinge nur in der Verknüpfung der
Erscheinungen die ihren Grund haben müsste bestände und dass dieser Umstand sie
von den Träumen unterschiede aber dass die Wahrheit unseres Daseins und der
Ursache der Erscheinungen von einer anderen Beschaffenheit sei weil sie auf die
Annahme von Substanzen führe und dass die Skeptiker das was sie Gutes
behaupteten dadurch wieder verdürben dass sie es zu weit trieben und ihre
Zweifel selbst auf die unmittelbaren Erfahrungen und bis auf die geometrischen
Wahrheiten was Foucher übrigens nicht tat und auf die übrigen
Vernunftwahrheiten ausdehnen wollten was etwas zu weit gegangen ist
Um aber zu Ihnen zurückzukehren so haben Sie recht zu sagen dass für
gewöhnlich zwischen sinnlichen Empfindungen und Phantasiebildern ein Unterschied
sei aber die Skeptiker werden sagen dass das Mehr oder Weniger dabei im
Wesentlichen nichts ändert Obgleich übrigens die sinnlichen Empfindungen
lebhafter als die Phantasiebilder zu sein pflegen so weiß man doch dass es
Fälle gibt wo Personen von starker Einbildungskraft durch ihre Phantasiebilder
ebenso oder vielleicht mehr als ein anderer durch die Wirklichkeit gefesselt
werden Ich halte daher für das wahre Kriterion hinsichtlich der
Sinnengegenstände den Zusammenhang der Erscheinungen dh die Verknüpfung
dessen was an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten und in der
Erfahrung der verschiedenen Menschen vor sich geht welche in dieser Hinsicht
einander selbst sehr wichtige Erscheinungen sind Die Verbindung der
Erscheinungen aber welche die tatsächlichen Wahrheiten in Hinsicht der
sinnlichen Dinge außer uns verbürgt wird mittels der Vernunftwahrheiten
bewährt wie die Erscheinungen der Optik durch die Geometrie ihre Aufklärung
erhalten Allerdings muss man zugeben dass diese ganze Gewissheit nicht eine des
höchsten Grades ist wie Sie ganz richtig anerkannt haben Denn es ist
metaphysisch gesprochen nicht unmöglich dass es einen so konsequenten und
langandauernden Traum geben kann wie das Leben eines Menschen aber das ist
etwas so Vernunftwidriges als wenn man sich ein Buch denken wollte das durch
Zufall gebildet würde indem man die Drucklettern bunt durcheinander wirft
Übrigens ist wenn die Erscheinungen nur verbunden sind wirklich auch nichts
daran gelegen ob man sie Träume nennt oder nicht weil die Erfahrung zeigt dass
man sich in den um der Erscheinungen willen genommenen Maßregeln nicht täuscht
wenn sie nach Maßgabe der Vernunftwahrheiten genommen werden
15 Philalethes Übrigens ist die Erkenntnis nicht immer klar wenngleich
die Vorstellungen es sein mögen Jemand welcher von den Winkeln eines Dreiecks
und dem Gleichsein derselben mit zwei rechten so klare Vorstellungen hat wie
irgend ein Mathematiker in der Welt kann gleichwohl eine sehr dunkle Erkenntnis
ihrer Übereinstimmung miteinander haben
Theophilus Wenn die Vorstellungen gründlich verstanden werden leuchten
gewöhnlich auch ihre Übereinstimmungen und Nichtübereinstimmungen ein Indessen
gibt es wie ich zugestehe dabei mitunter so zusammengesetzte dass es viel Mühe
macht das darin Verborgene zu entwickeln und insofern können gewisse
Übereinstimmungen oder Nichtübereinstimmungen noch dunkel bleiben Was Ihr
Beispiel betrifft so bemerke ich dass wenn man die Winkel des Dreiecks in der
Phantasie hat man darum noch nicht eine klare Vorstellung davon zu haben
braucht Die Einbildungskraft kann uns kein gemeinsames Bild von spitz und
stumpfwinkligen Dreiecken liefern und doch ist beiden die Vorstellung des
Dreiecks gemeinschaftlich also besteht diese Vorstellung nicht in den
Phantasiebildern und es ist auch nicht so leicht wie man denken könnte die
Winkel eines Dreiecks gründlich zu verstehen
1 Philalethes Unsere Erkenntnis geht nicht weiter als unsere
Vorstellungen 2 auch nicht weiter als die Wahrnehmung ihrer Übereinstimmung
oder Nichtübereinstimmung 3 Sie kann nicht immer intuitiv sein weil man die
Dinge nicht immer unmittelbar vergleichen kann zB die Größen zweier Dreiecke
welche von gleicher Basis aber sonst ganz verschieden sind 4 Unsere
Erkenntnis kann auch nicht immer demonstrativ sein denn man kann nicht immer
die vermittelnden Vorstellungen finden 5 Endlich betrifft unsere sinnliche
Erkenntnis nur das Dasein derjenigen Dinge welche tatsächlich unsere Sinne
treffen 6 So sind nicht allein unsere Vorstellungen sehr beschränkt sondern
ist auch unsere Erkenntnis noch beschränkter als unsere Vorstellungen
Gleichwohl zweifle ich nicht dass die menschliche Erkenntnis viel weiter
gebracht werden kann wenn die Menschen sich aufrichtig der Auffindung der
Mittel zur Vervollkommnung der Wahrheit mit völliger Geistesfreiheit und mit
allem dem Fleiß und aller der Emsigkeit widmen wollten welche sie zur
Beschönigung oder Aufrechterhaltung des Falschen und der Verteidigung eines
Systems anwenden für welches sie sich erklärt haben oder auch einer bestimmten
Partei und gewisser Interessen an denen sie beteiligt sind Aber trotzdem kann
unsere Erkenntnis niemals alles dasjenige umfassen was wir in Betreff unserer
Vorstellungen zu erkennen wünschen können Wir werden zum Beispiel vielleicht
niemals fähig sein ein einem Kreise gleiches Quadrat zu finden und sicher zu
wissen ob es ein solches gibt
Theophilus Es gibt verworrene Vorstellungen bei denen wir uns keine
völlige Erkenntnis versprechen können welcher Art die mancher sinnlicher
Eigenschaften sind Aber wenn die Vorstellungen deutlich sind so darf man alles
davon hoffen Was das dem Kreise gleiche Quadrat anbetrifft so hat schon
Archimedes gezeigt dass es ein solches gibt Es ist nämlich dasjenige dessen
Seite die mittlere Proportionale zwischen dem Halbmesser und dem Halbkreis ist
Er hat sogar auch vermittelst einer geraden Tangente der Spirallinie wie andere
durch die Tangente der Quadratlinie eine dem Kreisumfange gleiche gerade Linie
bestimmt mit welcher Art von Quadratur Clavius ganz zufrieden war ohne eines
an den Umkreis befestigten und darauf ausgestreckten Fadens oder des Umkreises
welcher eine Cycloïde zu beschreiben sich entrollt und in eine gerade Linie sich
verwandelt zu gedenken Einige verlangen dass die Konstruktion nur mittels
Lineals und Zirkels gemacht werde aber die meisten Probleme der Geometrie
können durch dies Mittel nicht konstruiert werden Es handelt sich also viel
mehr darum das Verhältnis zwischen Quadrat und Kreis zu finden Da nun aber
dies Verhältnis sich durch keine endlichen Rationalzahlen ausdrücken lässt so
hat man um nur Rationalzahlen anzuwenden dieses selbige Verhältnis durch eine
unendliche Reihe solcher Zahlen ausdrücken müssen wie ich dies auf eine sehr
einfache Weise zu tun vorgeschlagen habe Nun handelt es sich darum zu wissen
ob es nicht irgend eine endliche Größe gibt welche diese unendliche Reihe
ausdrücken kann möge sie auch irrational oder mehr als das sein dh wenn man
gerade eine Abkürzung dafür finden kann Aber die endlichen besonders die
irrationalen Ausdrücke können wenn man zu den allerirrationalsten geht auf zu
viel Arten abgeändert werden als dass man davon eine Herzählung vornehmen und
alle Möglichkeiten dabei leicht bestimmen könnte Es gäbe vielleicht noch ein
Mittel es zu vollbringen wenn diese Irrationalität durch eine gewöhnliche oder
selbst auch ungewöhnliche Gleichung auszudrücken ist die das Irrationale oder
selbst das Unbekannte in den Exponenten einführte wozu freilich auch eine
weitläufige Berechnung erforderlich wäre zu welcher man sich nicht so leicht
entschließen wird wenn man nicht einst noch zur Überwindung dieser
Schwierigkeit eine Abkürzung findet Aber alle endlichen Ausdrücke
auszuschließen ist unmöglich das habe ich erfahren und gerade den letzten
Ausdruck zu bestimmen ist eine schwierige Sache Alles dies zeigt dass der
menschliche Geist sich so sonderbare Probleme setzt besonders wenn das
Unendliche dabei im Spiel ist dass man sich nicht wandern darf wenn man damit
zustande zu kommen Mühe hat zumal da oft alles in diesen geometrischen Dingen
Ton einer Abkürzung abhängt auf die man sich nicht immer Rechnung machen kann
gerade wie man nicht immer die Brüche auf kleinste Ausdrücke zurückfahren oder
die Divisoren einer Zahl finden kann Man kann freilich diese Divisoren an sich
betrachtet immer haben weil ihre Zahl endlich ist aber wenn der Gegenstand der
Untersuchung bis ins Unendliche veränderlich ist und von Stufe zu Stufe zeigt
so ist man nicht immer Herr darüber wenn man es will und zu mühsam ist es
alle nötigen Versuche zu machen um auf methodische Weise zu derjenigen
Abkürzung oder Progressionsregel zu gelangen welche der Notwendigkeit noch
weiter zu gehen überhebt Und da der Nutzen nicht der Mühewaltung entspricht
so überlässt man die Auflösung davon lieber der Nachwelt die davon Gebrauch
machen wird wenn diese Mühe oder Weitläufigkeit durch neue Vorbereitungen und
Entdeckungen welche die Zeit liefern kann verringert sein wird Damit soll
nicht gesagt sein dass wenn diejenigen welche sich von Zeit zu Zeit diesen
Studien widmen gerade das Nötige um weiter zu kommen tun wollten man mit der
Zeit nicht bedeutend fortzuschreiten hoffen könnte Man darf sich auch nicht
einbilden dass alles schon getan sei da man ja selbst in der niederen Geometrie
noch keine Methode hat die besten Konstruktionen zu bestimmen wenn die
Probleme ein wenig zusammengesetzt sind Ein gewisser Fortschritt der Synthese
müsste mit unserer Analyse verbunden werden um einen besseren Erfolg zu
erzielen Wie ich mich erinnere erfahren zu haben hatte der Ratspensionär de
Wit mit diesem Gegenstand sich beschäftigt
Philalethes Eine ganz andere Schwierigkeit ist es herauszubringen ob ein
bloß materielles Wesen denken kann oder nicht Wir werden das vielleicht niemals
auszumachen imstande sein obgleich wir die Vorstellungen der Materie und des
Denkens haben aus dem Grunde weil es uns unmöglich ist durch die Betrachtung
unserer eigenen Vorstellungen ohne die Offenbarung zu entdecken ob nicht Gott
irgend welchen nach seinem Willen geordneten materiellen Massen das Vermögen des
Bewusstseins und Denkens verliehen oder ob er nicht einer so geordneten Materie
eine immaterielle denkende Substanz verknüpft und verbunden hat Denn was unsere
Begriffe angeht so ist es für uns nicht schwerer zu begreifen dass Gott nach
seinem Wohlgefallen unserer Vorstellung von der Materie das Denkvermögen
hinzufügen kann als zu fassen dass er eine andere mit dem Denkvermögen begabte
Substanz damit verknüpft hat weil wir nicht wissen worin das Denken besteht
und welcher Art von Substanz dies allmächtige Wesen solch ein Vermögen zu
verleihen beliebt hat das sich in einem geschaffenen Wesen nur auf Grund des
freien Willens und der Güte des Schöpfers finden kann
Theophilus Diese Frage ist zweifelsohne unvergleichlich wichtiger als die
vorhergehende aber ich wage Ihnen zu erklären dass ich wünschen möchte es wäre
ebenso leicht die Seelen zum Rechttun zu bewegen und die Leiber von ihren
Krankheiten zu heilen als es meiner Ansicht nach in unserer Macht steht sie zu
entscheiden Hoffentlich werden Sie mir zugeben dass ich dies wenigstens
behaupten kann ohne die Bescheidenheit zu verletzen und aus Mangel guter Gründe
absprechend zu sein denn nicht allein dass ich nur der angenommenen und
allgemeinen Ansicht nachspreche habe ich der Sache auch eine ungewöhnliche
Aufmerksamkeit geschenkt Zuerst gebe ich Ihnen zu dass wenn man wie dies
gewöhnlich der Fall ist nur verworrene Vorstellungen vom Denken und von der
Materie hat man sich nicht wundern darf wenn man solche Fragen zu entscheiden
außerstande ist Ebensowenig wird jemand wie ich schon kurz vorher bemerkt
habe der nur solche Vorstellungen von den Winkeln eines Dreiecks hat wie man
sie gewöhnlich zu haben pflegt jemals zu der Entdeckung gelangen dass sie stets
zwei rechten Winkeln gleich sind Man muss in Betracht ziehen dass die Materie
wenn man sie für ein vollständiges Wesen nimmt dh die der ersten Materie
entgegengesetzte zweite Materie welche etwas rein Leidendes und folglich
unvollständiges ist nur eine Zusammenhäufung oder deren Resultat ist und dass
jedes wirkliche Zusammengesetzte einfache Substanzen oder reale Einheiten
voraussetzt Erwägt man ferner was das Wesen dieser realen Einheiten ist
nämlich die Wahrnehmung und deren Folgen so wird man sozusagen in eine andere
Welt versetzt nämlich in die intelligible Welt der Substanzen während man
vorher nur unter den sinnlichen Erscheinungen gewesen war Und diese Erkenntnis
des Inneren der Materie zeigt hinlänglich wessen sie von Natur fähig ist und
dass so oft Gott ihr angemessene Organe die Vernunfttätigkeit auszudrücken
verleiht die immaterielle Substanz welche denkt ihr auch nicht fehlen
sondern gegeben sein wird kraft jener Harmonie die auch eine natürliche Folge
der Substanzen ist Die Materie kann ohne immaterielle Substanzen dh ohne die
Einheiten nicht bestehen daher man nicht mehr fragen darf ob es Gott frei
steht ihr jenes Vermögen zu geben oder nicht Und wenn jene Substanzen nicht in
sich die Korrespondenz oder Harmonie von der ich eben gesprochen habe hätten
so würde Gott nicht nach der Ordnung der Natur handeln Wenn man ganz einfach
vom Geben oder Verleihen der Vermögen spricht so kehrt man damit zu den »
nackten Vermögen« der Scholastiker zurück und bildet sich kleine für sich
bestehende Wesen die wie die Tauben zum Schlag kommen und wieder daraus gehen
können Das heißt Substanzen machen ohne dass man darüber denkt Die
ursprünglichen Kräfte machen die Substanzen selbst aus und die abgeleiteten
Kräfte oder wenn Sie wollen Vermögen sind nur Arten des Seins welche man von
den Substanzen ableiten muss aus der Materie jedoch lassen sie sich nicht
ableiten sofern sie nur etwas Mechanisches ist dh sofern man sie mittels
Abstraktion nur als das unvollständige Sein der ersten Materie oder das ganz und
rein Leidende betrachtet Das aber denke ich werden Sie mir zugeben dass es
nicht in der Macht einer bloßen Maschine steht die Wahrnehmung Empfindung
Vernunft entstehen zu lassen Sie müssen also aus irgend einem anderen
substantiellen Dinge hervorgehen Wollen dass Gott anders handeln und den Dingen
Akzidenzien geben solle die nicht Arten des Seins oder aus den Substanzen
abgeleitete Modifikationen sind heißt zu Wundern und zu dem seine Zuflucht
nehmen was die Scholastik potentia obedientalis nannte durch eine Art
übernatürlicher Versteigung wie wenn gewisse Theologen behaupten dass das Feuer
der Hölle die vom Körper getrennten Seelen brenne in welchem Falle man sogar
bezweifeln kann ob das Feuer das dabei Tätige ist und nicht Gott selbst indem
er an Stelle des Feuers tätig ist diese Wirkung hervorbringt
Philalethes Sie überraschen mich ein wenig durch Ihre Aufklärungen und
kommen mir in gar manchem zuvor was ich Ihnen über die Schranken unserer
Erkenntnisse sagen wollte Ich würde Ihnen gesagt haben dass wir nicht im
Zustande des Schauens sind wie die Theologen sich ausdrücken dass der Glaube
und die Wahrscheinlichkeit uns für viele Dinge genügen müssen und besonders
hinsichtlich der Immaterialität der Seele dass alle die großen Endzwecke der
Moral und Religion auf hinlänglich festem Grunde ohne Hilfe der aus der
Philosophie gezogenen Gründe für diese Immaterialität ruhen und dass offenbar
derjenige welcher uns den Anfang unseres Daseins hienieden als
sinnlichvernünftiger Wesen gegeben und uns eine Reihe von Jahren in diesem
Zustande erhalten hat die Macht und den Willen besitzt uns im anderen Leben
den Genuss eines ähnlichen Zustandes von Empfindung zu verleihen und uns in
demselben des Empfanges der Vergeltung fähig zu machen die er den Menschen
gemäß dem wie sie in diesem Leben sich aufgeführt haben bestimmt hat dass man
endlich ebendadurch schließen kann die Entscheidung für und gegen die
Immaterialität der Seele sei nicht von entschiedener Notwendigkeit wie einige
für ihre eigenen Meinungen zu leidenschaftlich eingenommenen Leute es haben
glauben machen wollen Alles das wollte ich Ihnen sagen und in diesem Sinne noch
mehr aber jetzt sehe ich welch ein Unterschied es ist zu behaupten dass wir
sinnlich empfindend denkend und unsterblich von Natur und dass wir es nur durch
ein Wunder sind Allerdings erkenne ich an dass man ein Wunder annehmen muss
wenn die Seele nicht immateriell ist aber diese Meinung von einem Wunder ist
nicht nur unbegründet sondern macht auch auf viele Leute keinen besonders guten
Eindruck Auch sehe ich wohl dass man auf die Art wie Sie die Sache nehmen
über die vorliegende Frage sich vernünftigerweise entscheiden kann ohne nötig
zu haben den Zustand des Schauens zu Hilfe zu nehmen und sich in die
Gesellschaft jener höheren Genien zu begeben welche in das innere Wesen der
Dinge tief eindringen und deren lebhafter und durchdringender Blick und
ausgedehntes Erkenntnisgebiet uns vermutungsweise ein Bild des Glückes dessen
sie genießen müssen verstatten kann Ich hatte geglaubt dass es gänzlich über
unsere Erkenntnis hinausgehe die sinnliche Empfindung mit einer ausgedehnten
Materie und das Dasein mit einem Dinge das durchaus keine Ausdehnung hat zu
verbinden Ich war aus dem Grunde überzeugt dass diejenigen welche dafür Partei
nehmen die unvernünftige Methode gewisser Leute befolgen welche sich nachdem
sie erkannt haben dass die Dinge von einer gewissen Seite angesehen
unbegreiflich sind sieh mit geschlossenen Augen zur entgegengesetzten Partei
schlagen obwohl dies nicht weniger unbegreiflich ist Dies kam meines Erachtens
daher dass die einen die ihren Geist zu tief in die Materie versenkt haben
dem was nicht materiell ist kein Dasein zuerteilen mögen und die anderen
welche nicht annehmen dass das Denken in dem natürlichen Vermögen der Materie
beschlossen ist daraus schlossen dass selbst Gott einer körperlichen Substanz
das Leben und die Wahrnehmung nicht geben könne ohne eine immaterielle Substanz
hineinzulegen während ich jetzt sehe dass wenn er es täte dies durch ein
Wunder geschehen müsste und dass diese Unbegreiflichkeit der Einheit von Seele
und Körper oder der Verknüpfung sinnlicher Empfindung mit Materie durch Ihre
Hypothese von der zwischen den verschiedenen Substanzen vorherbestimmten
Harmonie zu verschwinden scheint
Theophilus In der Tat gibt es in dieser neuen Hypothese nichts
Unbegreifliches weil sie der Seele und dem Körper nur solche Modifikationen
zuschreibt welche wir in uns und in ihnen erfahren und weil sie dieselben nur
in besserer Ordnung und Verbindung als man es bisher geglaubt hat aufstellt
Die noch übrig bleibende Schwierigkeit findet nur rücksichtlich derer statt
welche das was nur durch den Verstand erkennbar ist mit der Einbildungskraft
auffassen wollen wie wenn sie die Töne sehen oder die Farben hören wollten und
zwar sind dies diejenigen welche allem nicht Ausgedehnten das Dasein absprechen
was sie eigentlich nötigt es Gott selbst abzusprechen dh den Ursachen und
Gründen der Veränderungen und zwar solcher Veränderungen zu entsagen da diese
Gründe nicht von der Ausdehnung und von bloß leidenden Wesen ja nicht einmal
gänzlich von den besonderen und niederen tätigen Wesen ohne den reinen und
allgemeinen Akt der obersten Substanz herstammen können
Philalethes Hinsichtlich der Dinge deren Materie dem Gefühlsreize
zugänglich ist bleibt mir noch ein Einwurf übrig Der Körper soweit wir ihn
uns vorstellen können ist nur fähig einen Körper zu treffen und zu affizieren
und die Bewegung kann nichts anderes als Bewegung erzeugen so dass wenn wir
darin übereinkommen dass der Körper die Lust oder den Schmerz oder wenigstens
die Vorstellung einer Farbe oder eines Tones erzeugt wir gezwungen zu sein
scheinen unsere Vernunft aufzugeben und über unsere eigenen Vorstellungen
hinausgehend diese Hervorbringung der bloßen Willkür unseres Schöpfers
zuzuschreiben Welchen Grund werden wir also zu dem Schlusse haben dass es mit
der Wahrnehmung in der Materie sich ebenso verhält Ich sehe ungefähr was man
darauf erwidern kann und obwohl Sie darüber schon mehr als einmal etwas gesagt
haben so verstehe ich Sie erst jetzt besser als früher Ich werde mich indessen
freuen zu hören was Sie mir bei dieser wichtigen Gelegenheit darauf zu
antworten haben
Theophilus Ich werde wie Sie richtig urteilen erklären dass die Materie
nicht Lust Schmerz oder Empfindung in uns erzeugen kann Die Seele ist es
welche diese selbst für sich erzeugt entsprechend dem was in der Materie
vorgeht Und einige tüchtige Männer unter den Neueren fangen an sich dahin zu
erklären dass sie die Gelegenheitsursachen nur so wie ich verstehen Dies nun
vorausgesetzt ist nichts Unbegreifliches mehr dabei außer dass wir nicht allen
Inhalt unserer verworrenen Wahrnehmungen welche selbst vom Unendlichen etwas an
sich haben und der Ausdruck der in den Körpern vor sich gehenden einzelnen
Vorgänge sind uns klar machen können Was ferner die freie Willkür des
Schöpfers betrifft so ist sie wie man sagen muss dergestalt den Wesenheiten
der Dinge gemäß geordnet dass sie darin nichts hervorbringt und erhält als was
ihnen zukommt und sich durch ihre Wesenheiten wenigstens im allgemeinen erklären
lässt denn das Einzelne geht oft über unsere Kräfte so wie etwa die Arbeit
und das Vermögen die Sandkörner eines Berges nach der Ordnung der Figuren zu
legen obwohl es dabei nichts Schwieriges zu verstehen gibt als die Masse
Wenn diese Erkenntnis an sich selbst genommen uns entginge und wir nicht
einmal den Grund der Beziehungen der Seele und des Körpers im allgemeinen
begreifen könnten wenn endlich Gott den Dingen zufällige von ihren Wesenheiten
abgesonderte und mithin der Vernunft im allgemeinen fremde Kräfte gäbe würde
dies sonst nur eine Hintertür sein jene zu verborgenen Beschaffenheiten welche
kein Geist verstehen kann zurückzubringen und jene kleinen grundlosen Geister
von Vermögen
Et quidquid schola finxit otiosa
Und was sonst der müßige Schulwitz erdachte
die dienstbaren Geisterlein welche wie die Götter auf dem Theater oder die Feen
im Amadis erscheinen und wenn es nötig ist alles was ein Philosoph verlangen
kann ohne Umstände und Werkzeuge verrichten Aber den Ursprung davon dem freien
Belieben Gottes zuzuschreiben das scheint demjenigen der die oberste Vernunft
ist bei welchem alles geregelt alles in Harmonie ist nicht besonders zu
geziemen Solches freie Belieben würde sogar weder etwas Gutes noch etwas
Liebliches sein während doch zwischen der Macht und der Weisheit Gottes ein
beständiger Parallelismus stattfinden muss
8 Philalethes Unsere Erkenntnis der Einerleiheit und Verschiedenheit
geht ebensoweit als unsere Vorstellungen aber die der Verknüpfung unserer
Vorstellungen 9 und 10 hinsichtlich des gleichzeitigen Vorhandenseins
derselben in demselben Subjekt ist sehr unvollständig und fast keine 11 vor
allem hinsichtlich der Eigenschaften zweiten Ranges wie der Farben Töne
Geschmäcke 12 weil wir ihre Verknüpfung mit den ersten Eigenschaften nicht
kennen dh wie sie von der Größe der Figur oder der Bewegung abhangen Ein
wenig mehr wissen wir von der Unverträglichkeit dieser Eigenschaften zweiter
Klasse miteinander denn ein Gegenstand kann zB nicht zwei Farben zu gleicher
Zeit haben und wenn es scheint dass man solche in einem Opal oder einem Aufguss
von Lignum nephriticum sieht so gilt dies doch nur von den verschiedenen Teilen
des Gegenstandes 16 Ebenso verhält es sich mit den tätigen und leidenden
Kräften der Körper In diesem Falle müssen unsere Untersuchungen von der
Erfahrung abhangen
Theophilus Die Vorstellungen der sinnlichen Eigenschaften sind verworren
und die Kräfte welche sie hervorbringen sollen gewähren folglich auch nur
Vorstellungen in denen Verworrenes vorkommt so kann man denn die Verbindungen
dieser Vorstellungen nicht anders als durch Erfahrung erkennen insofern man sie
auf bestimmte sie begleitende Vorstellungen zurückführt wie man zB
hinsichtlich der Farben des Regenbogens und der Prismen getan hat Und diese
Methode führt gewissermaßen in die Analyse ein welche in der Physik von großem
Nutzen ist durch deren Verfolg wie ich nicht zweifle die Medizin mit der Zeit
sich bedeutend vorgeschritten finden wird besonders wenn das Publikum sich ein
wenig mehr als bisher dafür interessiert
18 Philalethes Was die Erkenntnis der Beziehungen betrifft so ist dies
das weiteste Feld unserer Erkenntnisse und es ist schwer zu bestimmen wie weit
es sich ausdehnen kann Die Fortschritte hangen von dem Scharfsinn ab die
vermittelnden Vorstellungen zu finden Diejenigen welche die Algebra nicht
kennen können sich die erstaunlichen Dinge nicht vorstellen welche man in
diesem Felde vermittelst dieser Wissenschaft verrichten kann Und ich sehe nicht
ein dass sich leicht bestimmen ließe welche neuen Mittel zur Vervollkommnung
der anderen Teile unserer Erkenntnisse durch einen durchdringenden Geist noch
erfunden werden können Wenigstens sind die die Größe betreffenden Vorstellungen
nicht die einzigen des Beweises fähigen es gibt andere welche vielleicht den
wichtigsten Teil unserer Betrachtungen bilden von denen man sichere
Erkenntnisse ableiten könnte wenn die Laster Leidenschaften und herrschenden
Interessen sich der Ausführung einer solchen Unternehmung nicht geradezu
widersetzten
Theophilus Was Sie da sagen ist unbedingt wahr Was gibt es Wichtigeres
vorausgesetzt dass es wahr ist als das was wir so nehme ich an über das
Wesen der Substanzen über die Einheiten und Vielheiten über die Einerleiheit
und Verschiedenheit über die innere Bildung der Individuen über die
Unmöglichkeit des leeren Raumes und der Atome über den Ursprung der Kohäsion
über das Kontinuitätsgesetz und über die übrigen Naturgesetze vorzüglich aber
über die Harmonie der Dinge die Immaterialität der Seelen die Einheit der
Seele und des Körpers die Erhaltung der Seelen und selbst des Tieres bis über
den Tod hinaus festgestellt haben Und in dem allem ist nichts was ich nicht
für bewiesen oder beweisbar halte
Philalethes Allerdings scheint Ihre Hypothese außerordentlich konsequent
und von großer Einfachheit ein Gelehrter welcher sie in Frankreich hat
widerlegen wollen gesteht öffentlich davon überrascht worden zu sein Und zwar
ist die Einfachheit soviel ich sehen kann eine äußerst fruchtbare Es wird
sich empfehlen diese Lehre mehr und mehr ins rechte Licht zu stellen Aber wenn
wir von Dingen reden die uns am wichtigsten sind so habe ich an die Moral
gedacht für welche Ihre Metaphysik wie ich zugebe die vortrefflichsten
Stützen gibt aber ohne soweit vorzugehen hat die Moral doch hinlänglich
sichere Stützen obschon sie sich vielleicht nicht soweit erstrecken wie Sie
soviel ich mich erinnere bemerkt haben wenn eine natürliche Theologie wie
die Ihrige nicht die Grundlage davon bildet Es dient ja schon die bloße
Inbetrachtnahme der Güter dieses Lebens dazu wichtige Folgerungen für die
Anordnung der menschlichen Gesellschaften festzusetzen Man kann über das Rechte
und Unrechte ebenso unbestreitbare Urteile fällen als in der Mathematik der
Satz zB Es kann da keine Ungerechtigkeit geben wo es kein Eigentum gibt ist
ebenso gewiss wie irgend ein Beweis aus dem Euklid da das Eigentum das Recht auf
eine gewisse Sache ist und die Ungerechtigkeit die Verletzung eines Rechts
Ebenso verhält es sich mit dem Satze Keine Regierung bewilligt eine unbedingte
Freiheit Denn die Regierung ist die Festsetzung gewisser Rechte deren
Ausführung sie fordert Und die unbedingte Freiheit ist die Macht welche jeder
hat zu tun was ihm beliebt
Theophilus Für gewöhnlich bedient man sich des Wortes Eigentum in etwas
anderem Sinne denn man versteht darunter ein Recht des einen auf etwas mit
Ausschluss des Rechtes eines anderen Wenn es also auch kein Eigentum gäbe wie
wenn alles gemeinschaftlich wäre so könnte es dabei doch Ungerechtigkeit geben
Ferner muss in der Definition von Eigentum unter »Sache« auch Handlung verstanden
werden denn wenn man auf die Sachen kein Recht hätte so würde es doch immer
eine Ungerechtigkeit sein die Menschen zu verhindern dass sie handeln wo sie
es nötig haben Allein nach dieser Erklärung ist es unmöglich dass es kein
Eigentum gibt Was aber den Satz von der Unvereinbarkeit einer Regierung mit der
absoluten Freiheit betrifft so gehört er zu den Folgesätzen dh den Sätzen
welche nur anzumerken nötig ist In der Rechtsgelehrsamkeit gibt es noch
zusammengesetzte Wahrheiten wie zB hinsichtlich dessen was man das jus
accrescendi nennt hinsichtlich der Bedingungen und verschiedener anderer
Gegenstände Ich habe dies bei Veröffentlichung der Thesen über die Bedingungen
in meiner Jugend gezeigt wo ich einige derselben bewiesen habe Und wenn ich
Zeit hätte würde ich sie noch einmal überarbeiten
Philalethes Dies würde den Wissbegierigen Vergnügen machen und dazu dienen
jemand zu verhindern sie etwa wieder auflegen zu lassen ohne dass sie neu
bearbeitet wären
Theophilus Wie dies meiner Ars combinatoria widerfahren ist worüber ich
mich schon beklagt habe Es war die Frucht meiner frühesten Jünglingszeit und
dennoch druckte man sie lange nachher wieder ab ohne mich um Rat zu fragen und
selbst ohne zu bemerken dass es eine zweite Auflage sei was einige Leute zu
meinem Schaden glauben machte dass ich fähig wäre eine solche Arbeit im
vorgerückten Alter zu veröffentlichen denn obwohl darin Gedanken von einiger
Wichtigkeit sind die ich noch billige so gab es darin gleichwohl auch solche
die nur einem jungen Anfänger zustehen konnten
19 Philalethes Ich finde dass die Figuren ein großes Hilfsmittel gegen
die Ungewissheit der Worte sind was bei den sittlichen Begriffen nicht
stattfinden kann Überdies sind die sittlichen Begriffe zusammengesetzter als
die Figuren welche man gewöhnlich in der Mathematik seinen Betrachtungen
zugrunde legt Daher hat der Geist Mühe die scharfen Kombinationen dessen was
zu den sittlichen Vorstellungen gehört auf eine so vollkommene Art zu behalten
als es nötig sein würde wo lange Deduktionen eintreten müssen Und wenn man in
der Arithmetik die verschiedenen Posten nicht durch Ziffern bezeichnete deren
Bedeutung genau bekannt ist und die da vor den Augen stehen bleiben so würde
es fast unmöglich sein große Rechnungen zu machen 20 Die Definitionen
helfen etwas wenn man sie in der Moral beständig anwendet Übrigens ist es
nicht leicht vorauszusehen welche Methoden durch die Algebra oder irgend ein
anderes Mittel dieser Art dargeboten werden können um die übrigen
Schwierigkeiten zu verbannen
Theophilus Der selige Erhard Weigel ein Mathematiker von Jena in
Thüringen erfand mit vielem Geiste Figuren zur Darstellung moralischer
Gegenstände Und als der selige Samuel von Puffendorf welcher sein Schüler war
seine mit den Gedanken Weigels viel übereinstimmenden »Grundzüge der allgemeinen
Jurisprudenz« veröffentlichte fügte man denselben in der Jenaischen Ausgabe die
»moralische Sphäre« dieses Mathematikers hinzu Aber diese Figuren sind eine Art
von Allegorie etwa wie die der Tafel des Cebes wenngleich weniger populär und
dienen mehr dem Gedächtnis um die Vorstellungen zu behalten und zu ordnen als
dem Urteile um demonstrative Erkenntnisse zu erwerben Übrigens haben sie darum
doch ihren Nutzen den Geist zu wecken Die geometrischen Figuren erscheinen
einfacher als die moralischen Gegenstände aber sie sind es nicht weil das
Kontinuierliche die Unendlichkeit in sich schließt aus dem dabei eine Wahl
getroffen werden muss Ein Dreieck zB in vier gleiche Teile durch zwei gerade
miteinander perpendikulare Linien zu teilen ist ein Problem dessen Lösung
einfach scheint und doch recht schwer ist Mit den moralischen Problemen verhält
es sich nicht ebenso weil sie ganz allein durch die Vernunft bestimmbar sind
Übrigens ist hier nicht der Ort von der »Grenzerweiterung der Wissenschaft des
Beweisverfahrens« zu reden und die wahren Mittel anzugeben die Kunst des
Beweisens über ihre alten Schranken auszudehnen welche bisher fast dieselben
geblieben sind wie die des mathematischen Gebietes Ich hoffe wenn Gott mir
die dazu nötige Zeit schenkt einmal darüber eine Anweisung erscheinen zu
lassen indem ich die Mittel dazu in wirkliche Ausübung bringe ohne mich auf
die bloßen Vorschriften zu beschränken
Philalethes Wenn Sie diesen Plan und zwar gehörigermaßen ausführen so
werden Sie alle Philalethen wie mich unendlich verbinden dh diejenigen
welche die Wahrheit zu erkennen aufrichtig begehren Auch ist sie von Natur für
die Geister anmutend und es gibt nichts so Abstoßendes und so mit dem Verstande
Unverträgliches als die Lüge Man darf indessen nicht hoffen dass man sich auf
diese Entdeckungen viel legen werde so lange die Sacht und die Wertschätzung
der Reichtümer oder der Macht die Menschen antreiben wird die von der Mode
angenommenen Meinungen zu den ihrigen zu machen und hinterher noch Gründe
aufzusuchen um sie als richtig darzustellen oder sie zu beschönigen und ihre
Hässlichkeit zu verdecken Und so lange die verschiedenen Parteien ihre Meinungen
von allen denjenigen angenommen haben wollen welche sie in ihrer Macht haben
können ohne zu prüfen ob sie falsch oder richtig sind was für ein neues Licht
kann man in den der Moral zugehörigen Wissenschaften da noch erhoffen Statt
dessen müsste derjenige Teil des menschlichen Geschlechts welcher unter dem Joch
ist in den meisten Gegenden der Welt ebenso dicke Finsternis wie die
ägyptische war gewärtigen wenn das Licht des Herrn nicht selber dem Geiste des
Menschen gegenwärtig wäre jenes heilige Licht welches alle menschliche Macht
nicht gänzlich auslöschen kann
Theophilus Ich verzweifle nicht daran dass zu einer ruhigeren Zeit oder an
einem ruhigeren Orte die Menschen sich mehr als bisher geschehen ist nach der
Vernunft richten werden Denn man darf in der Tat an nichts verzweifeln und ich
glaube dass dem Menschengeschlecht große Veränderungen in Gutem und Schlimmem
aufbehalten sind aber schließlich mehr im Guten als im Schlimmen Gesetzt dass
einmal ein großer Fürst der wie die alten Könige von Assyrien oder von Ägypten
oder wie ein anderer Salomo lange in tiefem Frieden regiert erscheint und dass
dieser Fürst aus Liebe zur Tugend und Wahrheit und mit großem und tüchtigem
Geiste begabt sich vornimmt die Menschen glücklicher und unter sich
friedfertiger und mächtiger über die Natur zu machen welche Wunder würde er
nicht in wenig Jahren vollbringen Denn sicherlich würde man in diesem Falle in
zehn Jahren mehr ausrichten als sonst in hundert oder vielleicht in tausend
wenn man die Dinge ihren gewöhnlichen Weg gehen lässt Ohnehin aber würden wenn
einmal die Bahn ordentlich gebrochen wäre viele sie beschreiten wie in der
Mathematik wäre es auch nur zu ihrem Vergnügen oder um Ruhm zu erwerben Das
besser aufgeklärte Publikum wird sich einstens mehr der Förderung der Medizin
als bisher zuwenden man wird in allen Ländern Naturgeschichten wie
Musenalmanache oder galante Merkure herausgeben man wird keine gute Beobachtung
vorübergehen lassen ohne sie zu registrieren man wird diejenigen unterstützen
welche sich darauf legen werden man wird die Kunst solche Beobachtungen zu
machen verbessern und auch die sie anzuwenden um Aphorismen zu verfassen Es
wird eine Zeit geben wo die Zahl der guten Ärzte größer und die Zahl von Leuten
eines gewissen Schlages deren man dann weniger bedarf im Verhältnis kleiner
geworden sein wird so dass das Publikum imstande ist der Naturforschung mehr
Aufmunterung zu schaffen und vor allem dem Fortschritte der Medizin und dann
wird diese wichtige Wissenschaft sehr bald über ihren jetzigen Standpunkt sich
erheben und zusehends wachsen Ich glaube in der Tat dass dieser Teil der
Staatsverwaltung der Gegenstand größerer Sorge für die welche regieren sein
sollte nächst der für die Tugend und dass einer der größten Erfolge der wahren
Sittlichkeit oder Politik die Herstellung einer besseren Medizin sein wird wenn
die Menschen weiser als jetzt zu sein angefangen und die Großen ihre Reichtümer
und ihre Macht für ihr eigenes Glück besser anzuwenden gelernt haben werden
21 Philalethes Was die Erkenntnis des wirklichen Daseins der vierten
Art der Erkenntnisse angeht so muss man sagen dass wir von unserem Dasein eine
intuitive von dem Gottes eine demonstrative und von den übrigen Dingen eine
sinnliche Erkenntnis haben Davon werden wir in der Folge weitläufig reden
Theophilus Nichts kann treffender gesagt sein
22 Philalethes Nachdem wir jetzt von der Erkenntnis gesprochen haben
scheint es passend dass wir um den gegenwärtigen Zustand unseres Geistes besser
zu entdecken auch ein wenig seine dunkle Seite in Betracht ziehen und von
unserer Unwissenheit Einsicht nehmen welche die Erkenntnis unendlich
übersteigt Folgende sind die Ursachen dieser Unwissenheit 1 dass uns
Vorstellungen fehlen 2 dass wir die Verknüpfung zwischen unseren Vorstellungen
nicht zu entdecken wissen und 3 dass wir ihnen zu folgen und sie genau zu
prüfen vernachlässigen 23 Was den Mangel an Vorstellungen betrifft so haben
wir von einfachen Vorstellungen nur diejenigen welche uns durch unsere inneren
oder äußeren Sinne zukommen Daher sind wir hinsichtlich einer unendlichen Zahl
von Geschöpfen des Weltalls und ihrer Eigenschaften wie die Blinden
hinsichtlich der Farben nicht einmal im Besitze der zu ihrer Erkenntnis nötigen
Geistesvermögen und allem Anscheine nach nimmt der Mensch unter allen
vernünftigen Wesen den untersten Rang ein
Theophilus Ich weiß nicht ob es nicht noch dergleichen gibt die unter uns
stehen Warum wollten wir uns ohne Not erniedrigen Vielleicht nehmen mir unter
den vernünftigen Wesen einen recht ehrenvollen Rang ein denn höhere Geister
könnten Körper von anderer Beschaffenheit haben so dass der Name »lebende« Wesen
für sie nicht passen würde Man kann nicht sagen ob unsere Sonne unter der
großen Zahl anderer mehr über als unter sich hat und wir sind in ihrem System
wohl gestellt denn die Erde nimmt die Mitte unter den Planeten ein und ihre
Entfernung scheint für ein denkendes Wesen das sie bewohnen sollte wohl
gewählt Übrigens haben wir unendlich mehr Grund uns über unser Los zu freuen
als zu klagen da die meisten unserer Übel unserer eigenen Schuld zugerechnet
werden müssen Und vor allem würden wir sehr Unrecht haben uns über die Fehler
unserer Erkenntnis zu beklagen da wir uns ja derjenigen Kenntnisse welche die
liebreiche Natur uns schenkt so wenig bedienen
24 Philalethes Indessen entzieht allerdings die außerordentliche
Entfernung fast aller uns sichtbaren Teile der Welt sie unserer Erkenntnis und
offenbar ist diese sichtbare Welt nur ein kleiner Teil des unendlichen Weltalls
Wir sind in einem kleinen Winkel des Raumes eingeschlossen dh in dem System
unserer Sonne und dennoch wissen wir selbst das nicht was auf den anderen
Planeten sich zuträgt die ebenso gut wie unsere Erdkugel sich um sie drehen
25 Diese Kenntnisse entgehen uns wegen der Größe und Entfernung aber
andere Körper sind uns ihrer Kleinheit wegen verborgen und das sind diejenigen
welche zu erkennen uns am wichtigsten wäre denn aus deren innerer Bildung
würden wir den Nutzen und die Wirkungsart derer welche uns sichtbar sind
erschließen und wissen können warum der Rhabarber abführt der Schierling tötet
und das Opium einschläfert So weit also auch immer der menschliche
Forschungsgeist die Experimentalwissenschaft über die natürlichen Dinge bringen
kann so bin ich doch zu glauben versucht dass wir niemals zu einer
wissenschaftlichen Erkenntnis über diese Stoffe werden kommen können
Theophilus Ich glaube gern dass wir niemals so weit gelangen können als es
zu wünschen wäre mir scheint es indessen dass man mit der Zeit einige
bedeutende Fortschritte in der Erklärung mancher Erscheinungen machen werde
weil die größte Zahl der Erfahrungen welche wir zu machen imstande sind uns
mehr als hinlängliche Data liefern kann so dass nur die Kunst sie anzuwenden
fehlt Dass man aber deren kleine Anfänge weiter bringen wird daran verzweifle
ich nicht seitdem wir in der Infinitesimalrechnung das Mittel besitzen die
Geometrie mit der Physik zu vermählen und die Dynamik uns die allgemeinen
Naturgesetze geliefert hat
27 Philalethes Die Geister stehen unserer Erkenntnis noch ferner wir
können uns keine Vorstellungen ihrer verschiedenen Klassen bilden und dennoch
ist sicherlich die geistige Welt größer und schöner als die materielle
Theophilus Diese beiden Welten sind einander immer parallel was die
bewirkenden Ursachen anbetrifft aber nicht was die Endursachen angeht Denn in
dem Maße als die Geister über die Materie herrschen bringen sie darin
wunderbare Ordnungen hervor
Dies ist klar aus den Veränderungen welche die Menschen zur Verschönerung
der Erdoberfläche gemacht haben wie kleine Götter welche dem großen Baumeister
des Weltalls nachahmen obgleich dies nur durch die Anwendung der Körper und
deren Gesetze geschieht Was kann man nicht über diese unendliche Menge von
Geistern die über uns erhaben sind vermuten Und da die Geister alle zusammen
eine Art von Staat unter Gott bilden dessen Regierung vollkommen ist so sind
wir weit entfernt das System dieser geistigen Welt zu begreifen und die Strafen
und Belohnungen zu fassen welche denen die sie nach genauester Erwägung
verdienen bereitet sind sowie uns vorzustellen was kein Auge gesehen und kein
Ohr gehört hat und niemals in des Menschen Herz gekommen ist Alles dies zeigt
indessen dass wir alle uns nötigen deutlichen Vorstellungen um die Körper und
die Geister zu erkennen jedoch nicht das hinlängliche Detail der Tatsachen noch
so durchdringende Sinne besitzen um die verworrenen Vorstellungen zu
entwickeln noch soviel Ausdehnung der Erkenntnis sich ihrer aller bewusst zu
werden
28 Philalethes Was die Verknüpfung anbetrifft deren Erkenntnis uns bei
unseren Vorstellungen fehlt so wollte ich sagen dass die mechanischen
Körperreize keinerlei Verbindung mit den Vorstellungen der Farben der Töne der
Gerüche und Geschmäcke der Lust und des Schmerzes haben und dass deren
Verknüpfung nur vom Belieben und der Willkür Gottes abhängt Wie ich mich aber
erinnere urteilen Sie dass dabei eine vollständige Korrespondenz stattfindet
obgleich das nicht immer eine vollständige Ähnlichkeit ist Indessen erkennen
Sie selbst an dass das übergroße Detail der dabei vorkommenden Kleinigkeiten uns
das darin Verborgene zu entdecken verhindert wenngleich Sie noch die Hoffnung
hegen dass wir der Sache uns bedeutend nähern werden Sie werden also nicht wie
mein berühmter Autor die Behauptung zulassen dass es 29 verlorene Mühe sei
sich auf eine solche Untersuchung einzulassen aus Furcht dass dieser Glaube dem
Wachstum der Wissenschaft Abbruch tue Ich würde auch von der Schwierigkeit
gesprochen haben welche man bisher gehabt hat die Verbindung von Seele und
Leib zu erklären da man nicht begreifen konnte dass ein Gedanke eine Bewegung
im Körper erzeugt oder eine Bewegung einen Gedanken im Geiste aber seit ich
Ihre Hypothese von der vorherbestimmten Harmonie kenne scheint mir diese
Schwierigkeit an deren Lösung man verzweifelte mit einem Schlag und wie durch
einen Zauber gehoben
30 Also bleibt noch die dritte Ursache unserer Unwissenheit übrig dass
wir nämlich die Vorstellungen welche wir haben oder doch haben können nicht
gehörig verfolgen und uns der Auffindung der Mittelbegriffe nicht befleißigen
auf diese Weise entgehen uns zB die mathematischen Wahrheiten obgleich dabei
weder Unvollkommenheit in unseren Geisteskräften noch irgend eine Unsicherheit
in den Dingen selbst stattfindet Der üble Gebrauch der Worte hat am meisten
dazu beigetragen uns an der Auffindung der Übereinstimmung und
Nichtübereinstimmung der Vorstellungen zu verhindern und die Mathematiker
welche ihre Gedanken unabhängig von den Worten bilden und gewohnt sind ihrem
Geiste die Vorstellungen selbst anstatt der Laute vorzustellen haben dadurch
einen großen Teil der Schwierigkeit vermieden Wenn die Menschen bei ihren
Entdeckungen in der materiellen Welt ebenso gehandelt hätten wie sie es
hinsichtlich der die geistige Welt betreffenden gewohnt gewesen sind und alles
in ein Chaos von Ausdrücken unbestimmter Bedeutung eingehüllt hätten so würden
sie ohne Ende über die Zonen Ebbe und Fiat den Bau der Schiffe und die Seewege
gestritten haben man würde niemals über die Linie hinausgegangen sein und die
Antipoden wären noch jetzt so unbekannt als damals wo man erklärt hatte dass
daran zu glauben eine Ketzerei sei
Theophilus Diese dritte Ursache unserer Unwissenheit ist die allein
tadelnswerte Und Sie sehen dass die Verzweiflung weiter zu kommen darin
einbegriffen ist Diese Mutlosigkeit schadet viel und gescheite und bedeutende
Menschen haben die Fortschritte der Medizin durch die falsche Überzeugung
aufgehalten dass daran zu arbeiten verlorene Mühe wäre Wenn Sie die
aristotelischen Philosophen der vergangenen Zeit von den Meteoren wie zB vom
Regenbogen reden hören so werden Sie finden dass sie glaubten man dürfe nicht
einmal daran denken diese Erscheinung genau zu erklären und die Unternehmungen
eines Maurolycus und darauf des Marcus Antonius de Dominis erschienen ihnen als
ein Ikarusflug Die Folgezeit hat indessen die Welt darüber aufgeklärt
Allerdings hat der üble Gebrauch der Ausdrücke einen großen Teil der Unordnung
verursacht der sich in unseren Erkenntnissen vorfindet nicht allein in der
Moral und Metaphysik oder in dem was Sie die geistige Welt nennen sondern auch
in der Medizin wo dieser Missbrauch der Ausdrücke mehr und mehr zunimmt Wir
können uns nicht immer durch Figuren wie in der Geometrie helfen aber die
Algebra zeigt dass man große Entdeckungen machen kann ohne immer auf die
Vorstellungen der Dinge selbst zurückzugehen
Hinsichtlich der angeblichen Ketzerei der Antipoden wollte ich noch im
Vorübergehen bemerken dass Bonifacius Erzbischof von Mainz den Vigilius von
Salzburg allerdings in einem über diesen Gegenstand gegen ihn dem Papste
geschriebenen Briefe angeklagt hat und dass der Papst in einer Weise darauf
antwortet die zeigt dass er nach dem Sinne des Bonifacius dachte man findet
aber nicht dass diese Beschuldigung Folgen gehabt habe Vigilius hat sich immer
behauptet Die beiden Gegner galten für Heilige und die Gelehrten von Bayern
welche Vigilius als einen Apostel Kärntens und der benachbarten Länder
betrachten haben sein Andenken in Ehren gehalten
1 Philalethes Wenn jemand die Wichtigkeit des Besitzes richtiger
Vorstellungen und des Verständnisses ihrer Übereinstimmung und
Nichtübereinstimmung nicht begriffen hat so wird er glauben dass wir wenn wir
darüber mit soviel Sorgfalt handeln Luftschlösser bauen und dass in unserem
ganzen System nur Transzendentes und Eingebildetes vorkomme Ein Phantast von
erhitzter Einbildungskraft kann den Vorteil voraushaben lebhaftere und
zahlreichere Vorstellungen zu besitzen also würde er auch mehr Erkenntnisse
haben In den Visionen eines Enthusiasten würde also ferner auch ebensoviel
Gewissheit sein als in den vernünftigen Erwägungen eines Menschen von gesunden
Sinnen wenn der Enthusiast nur zusammenhängend spricht und es würde ebenso
wahr sein zu sagen dass eine Harpye nicht ein Zentaur ist als zu sagen dass ein
Quadrat nicht ein Kreis ist 2 Ich antworte darauf dass unsere Vorstellungen
mit den Dingen übereinstimmen 3 Aber man wird ein Kriterium dafür fordern
4 Ich antworte noch einmal dass 1 diese Übereinstimmung hinsichtlich der
einfachen Vorstellungen unseres Geistes offenbar ist denn da er sie nicht
selbst bilden kann müssen sie durch die Dinge hervorgebracht sein welche auf
unseren Geist wirken und 2 dass 5 alle unsere zusammengesetzten
Vorstellungen ausgenommen die der Substanzen da sie Musterbilder sind welche
der Geist selbst gebildet und weder Kopien von irgend etwas zu sein bestimmt
noch auf das Dasein irgend eines Dinges als auf ihre Originale bezogen hat
sie nicht umhin können alle diejenige Übereinstimmung mit den Dingen zu haben
die zu einer realen Erkenntnis gehört
Theophilus Unsere Gewissheit würde gering oder vielmehr nichtig sein wenn
sie für die einfachen Vorstellungen keine andere Begründung als die von den
Sinnen stammende darböte Sie haben meinen Nachweis vergessen dass die
Vorstellungen ursprünglich unserem Geiste innewohnen und dass selbst unsere
Gedanken aus unserem eigenen Innern kommen ohne dass die übrigen Geschöpfe einen
unmittelbaren Einfluss auf die Seele haben können Übrigens liegt der Grund
unserer Gewissheit hinsichts der allgemeinen und ewigen Wahrheiten in den
Vorstellungen selbst unabhängig von den Sinnen wie auch die reinen
Vernunftvorstellungen nicht von den Sinnen abhangen wie zB die des Seins des
Einen des Selbigen usw Aber die Vorstellungen der sinnlichen Eigenschaften
wie der Farbe des Geschmacks usw welche in der Tat nur
PhantasieErscheinungen sind kommen uns aus der Sinnlichkeit dh von unseren
verworrenen Wahrnehmungen Und der Grund der Wahrheit der zufälligen und
einzelnen Dinge liegt in der Aufeinanderfolge wonach die Erscheinungen der
Sinne geradeso verbunden sind wie die Vernunftwahrheiten es fordern Das ist
der Unterschied den man dabei machen muss während der von Ihnen hier zwischen
den einfachen und zusammengesetzten den Substanzen und den Akzidenzien
zugehörigen Vorstellungen gemachte mir nicht begründet scheint weil alle
Vernunftvorstellungen ihre Urbilder in der ewigen Möglichkeit der Dinge haben
5 Philalethes Allerdings brauchen unsere zusammengesetzten Vorstellungen
nur dann Urbilder außer dem Geiste wenn es sich um eine wirklich daseiende
Substanz handelt welche außer uns die einfachen Vorstellungen aus denen jene
zusammengesetzten bestehen tatsächlich vereinigen muss Die Erkenntnis der
mathematischen Wahrheiten ist eine reale obgleich sie sich nur an unsere
Vorstellungen hält und man zB nirgends vollkommene Kreise findet Man ist
indessen überzeugt dass die daseienden Dinge mit unseren Vorbildern
übereinstimmen in dem Maße als das was man dabei voraussetzt sich als
wirklich ausweist 7 Dies dient auch noch dazu die Realität der moralischen
Verhältnisse zu rechtfertigen 8 Die Offizien Ciceros sind darum nicht
weniger mit der Wahrheit übereinstimmend weil es niemand in der Welt gibt der
sein Leben genau nach dem Muster eines solchen Rechtschaffenen einrichtet wie
ihn Cicero uns beschreibt 9 Aber wird man sagen wenn die moralischen
Vorstellungen von unserer Erfindung sind welchen sonderbaren Begriff werden wir
von der Gerechtigkeit und Mäßigkeit haben 10 Ich antworte dass die
Ungewissheit nur in der Sprache ist weil man nicht immer versteht was man sagt
oder nicht immer dasselbe darunter versteht
Theophilus Sie könnten auch und meiner Ansicht nach viel besser antworten
dass die Vorstellungen der Gerechtigkeit und Mäßigkeit nicht von unserer
Erfindung sind ebensowenig wie die des Kreises oder Vierecks Ich glaube das
hinlänglich gezeigt zu haben
11 Philalethes Was die Vorstellungen der Substanzen die außer uns
vorhanden sind anbetrifft so ist unsere Erkenntnis soweit real als sie jenen
Urbildern entspricht und in dieser Hinsicht darf der Geist die Vorstellungen
nicht willkürlich verbinden um so weniger als er nur sehr wenige einfache
Vorstellungen hat von denen wir sicher behaupten könnten dass sie über das
hinaus was durch sinnliche Beobachtungen klar ist in der Natur zusammen sein
oder nicht zusammen sein können
Theophilus Weil wie ich schon mehr als einmal erklärt habe diese
Vorstellungen wenn die Vernunft ihre Zusammenstimmung oder Verknüpfung nicht
beurteilen kann verworren sind ebenso wie die der besonderen Eigenschaften der
Sinne
13 Philalethes Es ist auch empfehlenswert sich hinsichtlich der
daseienden Substanzen nicht auf Namen oder auf Arten welche man durch die Namen
oder bestimmt hält zu beschränken Dies lässt mich wieder auf das zurückkommen
was wir schon ziemlich oft hinsichtlich der Definition des Menschen besprochen
haben Denn wenn man von einem Blödsinnigen spricht der vierzig Jahre gelebt
hat ohne das geringste Zeichen von Vernunft zu geben könnte man nicht sagen
dass er die Mitte zwischen Menschen und Tier einnimmt Dies würde vielleicht für
ein sehr kühnes Paradoxon oder selbst für einen Irrtum von sehr gefährlichen
Folgen gelten Indessen kam es mir sonst vor und kommt es noch einigen meiner
Freunde vor die ich noch nicht eines Besseren belehren kann dass dies nur
infolge eines auf jene falsche Voraussetzung gegründeten Vorurteils geschieht
wonach diese beiden Worte Mensch und Tier verschiedene durch wirkliche
Wesenheiten in der Natur so wohlbezeichnete Arten ausdrücken dass keine andere
Art zwischen sie fallen kann wie wenn alle Dinge genau nach der Zahl jener
Wesenheiten gleichsam in Formen gegossen wären 14 Wenn man diese Freunde
fragt welche Art von lebenden Wesen jene Blödsinnigen sind wenn sie weder
Menschen noch Tiere sein sollen so antworten sie dass es Blödsinnige sind und
damit gut Fragt man noch was aus ihnen in der anderen Welt werden solle so
antworten unsere Freunde dass es ihnen nicht darauf ankommt es zu wissen oder
zu erforschen Dass »sie stehen und fallen ihrem Herrn« Römerbrief Kap 10 V
4 der gut und treu ist und über seine Kreaturen nicht nach den engen Schranken
unseres Denkens oder unserer besonderen Meinungen bestimmt und sie nicht
entsprechend den Namen und Arten welche uns auszusinnen gefällt unterscheidet
dass es uns genügt wenn die der Unterweisung Fähigen Rechenschaft von ihrem
Wandel abzulegen aufgerufen und ihren Lohn empfangen werden nach dem was sie
bei Leibesleben getan haben 2 Corinth Kap 5 V 10 15 Ich will Ihnen
den Schluss Ihrer Argumentation darlegen Die Frage so sagen Sie ob man den
Blödsinnigen dies zukünftige Leben absprechen solle beruht auf zwei in gleicher
Weise falschen Voraussetzungen die erste davon ist dass jedes Wesen das die
Form und äußere Erscheinung des Menschen hat für einen Zustand der
Unsterblichkeit nach diesem Leben bestimmt ist und die zweite dass alles was
von menschlicher Abkunft ist dies Vorrecht genießen muss Nehmt diese
Einbildungen weg und ihr werdet sehen dass diese Art Probleme lächerlich und
unbegründet ist Und ich glaube in der Tat dass man die erste Voraussetzung
aufgeben muss und den Geist nicht so in Materie versenkt haben wird um zu
glauben das ewige Leben komme irgend einer Gestalt von materiellem Stoffe
dergestalt zu dass der Stoff in Ewigkeit Bewusstsein haben müsse weil er in eine
solche Gestalt geformt worden ist 16 Aber die zweite Voraussetzung hilft
vielleicht Man wird sagen jener Blödsinnige komme von vernunftbegabten Eltern
und müsse deswegen eine vernunftbegabte Seele haben Ich weiß nicht auf welche
Regel der Logik man eine solche Folgerung gründen kann und wie man nachher
schlecht geformte und monströse Geburten zu zerstören wagen darf O das sind
Monstra wird man sagen Gut es sei Aber wird der Blödsinnige für immer
unheilbar sein Soll denn ein leiblicher Fehler ein Monstrum ausmachen und nicht
ein geistiger Das heißt zu der schon widerlegten ersten Voraussetzung
zurückkehren dass das Äußere genügt Ein wohlgeformter Blödsinniger ist ein
Mensch sofern man glaubt dass er eine vernünftige Seele hat mag sie sich auch
nicht zeigen Aber macht die Ohren ein wenig länger und spitzer und die Nase ein
wenig platter als gewöhnlich so fangt ihr schon ungewiss zu werden an Macht das
Gesicht enger platter und länger dann seid ihr völlig entschieden Und wenn
der Kopf vollkommen der irgend eines Tieres ist so ists ohne Zweifel ein
Monstrum und das ist euch ein Beweis dass er keine vernünftige Seele hat und
aus der Welt geschafft werden muss Ich frage euch wo das rechte Maß und die
letzten Grenzen finden welche eine vernünftige Seele noch zulassen Es gibt
menschliche Fötus die halb Tier halb Mensch sind es haben andere drei Viertel
vom Tier ein Viertel vom Menschen Wie soll man nun auf gerechte Weise die
Charakterzüge bestimmen welche die Vernunft bezeichnen Wird ferner ein solches
Monstrum nicht eine Mittelart zwischen Mensch und Tier sein Und gerade ein
solches ist der Blödsinnige um den es sich handelt
Theophilus Ich wundere mich dass Sie zu dieser Streitfrage zurückkehren
welche wir doch hinlänglich und zwar mehr als einmal untersuchten und dass Sie
Ihre Freunde nicht besser unterrichtet haben Wenn wir den Menschen vom Tier
durch das Vermögen des vernünftigen Denkens unterscheiden so gibt es kein
Mittleres das lebende Wesen um das es sich handelt muss jenes Vermögen haben
oder nicht aber da es sich mitunter nicht zeigt so urteilt man aus Anzeichen
darüber welche freilich nicht einen strikten Beweis liefern bis die Vernunft
sich zeigt denn man weiß aus Erfahrung von denen die sie verloren oder die
endlich den Gebrauch derselben erlangt haben dass ihre Ausübung zeitweise
aufgehoben werden kann Die Abkunft und die Leibesgestalt geben von dem noch
Verborgenen ein vorläufiges Urteil Aber dies von der Abkunft hergenommene
Vorurteil wird durch eine von der menschlichen sehr verschiedene Gestalt
entkräftet wie eine solche zB dasjenige Wesen hatte welches von einer Frau
in Zeeland bei Levinus Lemnius I l Kap 8 geboren war und das einen krummen
Schnabel einen langen runden Hals funkelnde Augen einen spitzen Schwanz und
sogleich eine große Fertigkeit besaß durch das Zimmer zu laufen Man könnte
aber sagen dass es Monstra oder sogenannte lombardische Brüder gäbe wie die
Ärzte sie sonst nannten auf Grund der Sage dass die Frauen in der Lombardei
solchen Arten von Geburten unterworfen waren die sich der menschlichen Figur
mehr annähern Gut es sei Wie also werdet Ihr sagen kann man die Grenzen der
Gestalt welche für eine menschliche gelten muss gerade so richtig bestimmen
Ich antworte dass bei einem Gegenstande der nur Vermutungen zulässt man keine
genauen Grenzen hat Und damit ist die Sache zu Ende Man wirft ein der
Blödsinnige zeige keine Vernunft und gelte dennoch für einen Menschen aber wenn
er eine monströse Gestalt hat würde er es nicht sein und nehme man also mehr
Rücksicht auf die Gestalt als auf die Vernunft Aber zeigt denn jenes Monstrum
Vernunft Freilich nicht Ihr seht also dass ihm mehr fehlt als dem
Blödsinnigen Der Mangel in der Anwendung der Vernunft dauert oft eine Zeitlang
hört aber nicht bei denen auf wo er von einem Hundekopf begleitet ist Wenn
übrigens dies Wesen von menschlicher Gestalt kein Mensch ist so ists nicht
schlimm es während der Unsicherheit über sein Schicksal zu erhalten Und mag es
eine vernünftige Seele haben oder eine solche die das nicht ist so wird es
Gott doch nicht umsonst gemacht haben und man wird von solchen Menschen die in
einem dem ersten Kindesalter ähnlichen Zustande verharren sagen dass ihr
Schicksal dasselbe sein möge als das der Seelen derjenigen Kinder welche in
der Wiege sterben
1 Philalethes Viele Jahrhunderte hat man schon gefragt was die Wahrheit
ist Die Unsrigen glauben dass es die Verbindung oder Trennung der Zeichen gemäß
der Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung der Dinge unter sich ist Unter
der Verbindung oder Trennung der Zeichen muss verstanden werden was man sonst
einen Satz Urteil nennt
Theophilus Aber ein Beiwort macht noch keinen Satz zB der weise Mensch
obgleich dabei eine Verbindung zweier Ausdrücke stattfindet Auch ist Negation
etwas ganz anderes als Trennung denn wenn ich sage Mensch und nach einem
kleinen Zwischenraume ausspreche weise so negiere ich nicht Die
Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung ist auch nicht eigentlich das was man
durch den Satz ausdrückt Zwei Eier stehen in Übereinstimmung zwei Feinde in
Nichtübereinstimmung Es handelt sich hier um eine ganz besondere Art des
Übereinkommens oder Nichtübereinkommens Ich glaube also dass jene Definition
den Punkt um welchen es sich handelt nicht erklärt Aber was mir an Ihrer
Definition der Wahrheit am wenigsten gefällt ist dass man dabei die Wahrheit in
den Worten sucht Also würde derselbe Sinn in Latein Deutsch Englisch
Französisch ausgedrückt nicht dieselbe Wahrheit sein und man würde mit Hobbes
sagen müssen dass die Wahrheit vom menschlichen Belieben abhängt was doch auf
eine sehr sonderbare Art sprechen wäre Man schreibt die Wahrheit sogar Gott zu
welcher wie Sie mir glaube ich zugeben werden keine Zeichen nötig hat
Endlich habe ich mich schon mehr als einmal über die Grille Ihrer Freunde
gewundert dass sie sich darin gefallen die Wesenheiten Arten und Wahrheiten zu
etwas Nominellem zu machen
Philalethes Übereilen Sie sich nicht Unter den Zeichen verstehen sie die
Vorstellungen Also werden die Wahrheiten entweder Gedanken oder nominelle
Wahrheiten sein je nach den Arten der Zeichen
Theophilus Wir werden also auch noch Buchstabenwahrheiten bekommen die man
wieder in Papieroder Pergamentwahrheiten in Wahrheiten gewöhnlicher
Schreibtinte oder Druckerschwärze unterscheiden könnte wenn man die Wahrheiten
nach den Zeichen unterscheiden muss Es ist also vorzuziehen die Wahrheiten in
die Beziehung welche unter den Gegenständen der Vorstellungen stattfindet zu
setzen wonach die eine in der anderen enthalten oder nicht enthalten ist Dies
hängt von den Sprachen nicht ab und ist uns mit Gott und den Engeln gemein und
wenn Gott uns eine Wahrheit offenbart so erlangen wir diejenige welche seinem
Verstande innewohnt denn obgleich zwischen seinen und unseren Vorstellungen ein
unendlicher Unterschied stattfindet sowohl was Vollendung als was Umfang
anbetrifft so bleibt doch immer wahr dass wir in derselben Beziehung mit ihm
übereinstimmen Also muss man die Wahrheit in diese Beziehung setzen und wir
können zwischen den von unserem Belieben unabhängigen Wahrheiten und zwischen
den Ausdrücken unterscheiden welche wir wie es uns gut scheint erfinden
3 Philalethes Es ist nur zu wahr dass die Menschen selbst in ihrem
Innern die Worte an die Stelle der Dinge setzen besonders wenn die
Vorstellungen zusammengesetzt und unbestimmt sind Aber wie Sie bemerkt haben
ist es auch ebenso wahr dass der Geist sich alsdann begnügt nur die Wahrheit zu
bezeichnen ohne sie für den Augenblick zu verstehen weil er überzeugt ist dass
es sie zu verstehen von ihm abhängt wenn er will Übrigens ist die Handlung
welche man beim Bejahen oder Verneinen ausübt leichter zu begreifen indem man
das was in uns vorgeht überdenkt als es leicht ist es in Worten klar zu
machen Wollen Sie es darum nicht übel finden wenn man in Ermangelung eines
Besseren von Zusammenfügen oder Trennen gesprochen hat 8 Auch werden Sie
zugeben dass die Sätze wenigstens als Wortsätze bezeichnet werden können und
dass wenn sie wahr sind sie zugleich Wortsätze und Realsätze sind denn 9
die Falschheit besteht darin die Worte anders zu verbinden als die Begriffe
davon miteinander übereinkommen oder nicht übereinkommen Wenigstens 10 sind
die Worte wichtige Förderungsmittel der Wahrheit 11 Auch gibt es eine
moralische Wahrheit die darin besteht von den Dingen unserer Überzeugung gemäß
zureden endlich eine metaphysische Wahrheit welche das reale Dasein der Dinge
ist wie es unseren Vorstellungen davon entspricht
Theophilus Die moralische Wahrheit wird von einigen Wahrhaftigkeit genannt
und die metaphysische Wahrheit pflegen die Metaphysiker gewöhnlich als ein
Attribut des Seins zu betrachten aber es ist ein sehr unnützes und fast
sinnloses Attribut Begnügen wir uns die Wahrheit in der Übereinstimmung der in
unserem Geiste vorhandenen Vorstellungen mit den Dingen um die es sich handelt
zu suchen Allerdings habe ich auch die Wahrheit den Vorstellungen beigelegt
indem ich sagte dass die Vorstellungen wahr oder falsch sind aber dann verstehe
ich das in der Tat von der Wahrheit der Sätze welche die Möglichkeit des
Gegenstandes der Vorstellung bejahen Und in diesem selbigen Sinne kann man auch
sagen dass ein Wesen wahr ist dh der Satz der sein wirkliches oder wenigstens
mögliches Dasein bejaht
2 Philalethes Alle unsere Erkenntnis betrifft allgemeine oder besondere
Wahrheiten Die ersteren welche die wichtigsten sind würden wir niemals zum
rechten Verständnis bringen noch selbst als in den seltensten Fällen begreifen
können wenn sie nicht in Worte gefasst und ausgedruckt wären
Theophilus Ich glaube dass auch andere Zeichen noch diese Wirkung haben
könnten dies zeigen die Charaktere der Chinesen So könnte man eine sehr leicht
verständliche und noch bessere Universalcharakteristik als die ihrige einführen
wenn man anstatt der Worte kleine Figuren anwendete welche die sichtbaren Dinge
durch ihre Züge und die unsichtbaren durch die sie begleitenden sichtbaren
darstellten wozu man noch gewisse zusätzliche die Flexionen und Partikeln
anzudeuten geeignete Zeichen fügen müsste Dies würde sofort dazu dienen mit
entfernten Nationen bequem zu verkehren aber auch wenn man es unter uns
einführte ohne deshalb der gewöhnlichen Schrift zu entsagen so würde der
Gebrauch dieser Schreibweise von großem Nutzen sein um die Phantasie zu
bereichern und weniger taube und weniger leere Gedanken als man jetzt hat zu
bringen Da die Zeichenkunst nicht von allen verstanden wird so folgt daraus
allerdings dass die auf diese Art gedruckten Bücher ausgenommen welche
jedermann bald lesen lernen würde man sich derselben nicht anders bedienen
könnte als durch eine Art von Druckverfahren dh indem man alle Figuren
geschnitten und vorrätig hätte um sie auf Papier zu drucken und nachher mit
der Feder die Zeichen der Flexionen oder Partikeln hinzufügte Aber mit der Zeit
würde jedermann das Zeichnen von Jugend auf lernen um nicht der Bequemlichkeit
dieses Figurencharakterikums beraubt zu sein welches in Wahrheit zu den Augen
sprechen und dem gemeinen Manne sehr angenehm sein würde wie in der Tat das
Landvolk schon gewisse Kalender hat die ihm ohne Worte einen großen Teil
dessen wonach es fragt sagen Auch erinnere ich mich in Stichen gedruckte
Satiren die einigermaßen an Rätsel erinnerten gesehen zu haben worin mit
Worten untermischte an sich selbst bedeutsame Figuren vorkamen statt dass
unsere Buchstaben und die chinesischen Charaktere ihre Bedeutung nur durch den
Willen der Menschen ex instituto empfangen
3 Philalethes Ich glaube dass Ihr Gedanke einmal zur Ausführung kommen
wird so anmutend und natürlich scheint mir diese Schrift und sie scheint mir
von nicht geringer Wichtigkeit zu sein um die Vollkommenheit unseres Geistes zu
vermehren und unsere Begriffe solider zu machen Aber um auf die allgemeinen
Erkenntnisse und ihre Gewissheit zurückzukommen so ist hier zu bemerken dass es
eine Gewissheit der Wahrheit nach und auch eine Gewissheit der Erkenntnis nach
gibt Wenn die Worte in den Sätzen dergestalt miteinander verbunden sind dass
sie die Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung wie sie in Wirklichkeit
stattfindet genau ausdrücken so ist das eine Gewissheit der Wahrheit nach und
die Gewissheit der Erkenntnis nach besteht darin sich der Übereinstimmung oder
Nichtübereinstimmung der Vorstellungen bewusst zu sein sofern sie in den Sätzen
ausgedrückt ist Das ist es was wir gewöhnlich eines Satzes gewiss sein nennen
Theophilus In der Tat wird diese letztere Art von Gewissheit auch ohne den
Gebrauch der Worte genügen und sie ist nichts anderes als eine vollständige
Erkenntnis der Wahrheit während die letztere Art von Gewissheit nichts anderes
als die Wahrheit selbst zu sein scheint
4 Philalethes Da wir nun von der Wahrheit irgend eines allgemeinen
Satzes nicht anders versichert sein können als indem wir die genauen Grenzen
der Bedeutung der Ausdrücke aus denen er besteht erkennen so müssten wir
notwendigerweise die Wesenheit jeder Art kennen was hinsichtlich der einfachen
Vorstellungen und der Modi keine Schwierigkeit hat Aber bei den Substanzen wo
vorausgesetzt wird dass eine wirkliche von der nominellen verschiedene
Wesenheit die Arten bestimme ist der Umfang des Ausdrucks »Allgemein« sehr
unbestimmt weil wir jene wirkliche Wesenheit nicht kennen und folglich können
wir in diesem Sinne keines allgemeinen Satzes sicher sein welcher in Hinsicht
solcher Substanzen gebildet wird Aber wenn man voraussetzt dass die Arten der
Substanzen nichts anderes sind als die Zurückführung der substantiellen
Individuen auf gewisse unter verschiedenen allgemeinen Namen geordnete Klassen
je nachdem sie mit den verschiedenen abstrakten Vorstellungen welche wir durch
diese Namen bezeichnen übereinkommen so kann man nicht zweifelhaft sein ob
ein genugsam wohlbekannter Satz wahr ist oder nicht
Theophilus Ich weiß nicht warum Sie noch einmal auf einen zwischen uns
hinlänglich durchgesprochenen Gegenstand den ich erledigt glaubte
zurückkommen Schließlich aber freue ich mich darüber weil Sie mir eine wie mir
scheint sehr angemessene Gelegenheit geben Sie von neuem Ihres Irrtums zu
überführen Ich erkläre Ihnen also dass wir zB von tausend Wahrheiten
überzeugt sein können welche das Gold oder denjenigen Körper betreffen deren
Wesen durch die größte hienieden bekannte Schwere oder durch die größte
Dehnbarkeit oder durch andere Zeichen erkannt wird Denn wir können sagen dass
der Körper von der größten bekannten Dehnbarkeit auch der schwerste aller
bekannten Körper ist Es würde allerdings nicht unmöglich sein dass alles was
man bis jetzt am Golde bemerkt hat sich einmal in zwei durch andere neue
Eigenschaften unterscheidbaren Körpern vorfindet und dies also nicht mehr die
unterste Art wäre wie man es bis jetzt vorläufig so annimmt Auch könnte man
wenn die eine Art selten bliebe und die andere sehr alltäglich wäre es für
passend erachten den Namen des wahren Goldes nun für die seltene Art allein zu
sparen um es mittels neuer ihm angemessener Versuche zum Münzgebrauch zu
behalten Man wird alsdann auch nicht mehr zweifeln dass das innere Wesen dieser
beiden Arten verschieden ist und selbst wenn die Definition einer wirklich
vorhandenem Substanz nicht in jeder Hinsicht wohl bestimmt ist wie in der Tat
die des Menschen es hinsichtlich der äußeren Figur nicht ist so würde man darum
doch eine Unzahl allgemeiner Sätze in Hinsicht auf ihn haben die aus der
Vernunft und den anderen bei ihm erkennbaren Eigenschaften folgen würden Alles
was man über diese allgemeinen Sätze sagen kann ist dass man falls man den
Menschen für die unterste Art nimmt und ihn auf die Nachkommenschaft Adams
beschränkt von den Eigenschaften des Menschen alsdann diejenigen nicht haben
wird welche man in quarto modo nennt oder welche man von ihm durch einen
Reziprok oder einfach umkehrbaren Satz aussagen könnte wenn es nicht bloß
vorläufig ist wie wenn man sagt der Mensch ist das einzige vernünftige
Naturwesen Und indem man als Menschen die Wesen unserer Abstammung nimmt
besteht das Vorläufige darin darunter zu verstehen dass er von allen uns
bekannten das einzige vernünftige Wesen ist denn es könnten sich einmal andere
lebende Wesen finden denen mit der Nachkommenschaft der Menschen von heute
alles das gemeinsam wäre was wir bis jetzt an ihnen bemerken aber die von
anderer Herkunft wären Das wäre so wie wenn die phantastischerweise
angenommenen Australier unsere Gegenden überschwemmen würden wo man alsdann
allem Anscheine nach irgend ein Mittel sie von uns zu unterscheiden finden
müsste Aber im Falle dies nicht geschähe und vorausgesetzt dass Gott die
Vermischung dieser Rassen verboten und Jesus Christus nur die unsrige erlöst
hätte so müsste man den Versuch machen künstliche Merkmale zu ihrer
Unterscheidung voneinander zu finden Ohne Zweifel würde es einen innerlichen
Unterschied geben aber da dieser unerkennbar sein würde so wäre man auf das
bloße äußere Kennzeichen der Abkunft angewiesen welches man mit einem
bleibenden künstlichen Merkzeichen zu begleiten versuchen müsste das ein inneres
Kennzeichen und ein stehenden Mittel unsere Rasse von den übrigen in
unterscheiden abgeben würde Das sind alles erdichtete Fälle denn wir brauchen
nicht auf solche Unterscheidungen zurückzugehen da wir die einzigen
vernünftigen Wesen auf dieser Weltkugel sind Indessen dienen solche künstlichen
Fälle dazu das Wesen der Vorstellungen von den Substanzen und allgemeinen
Wahrheiten hinsichtlich ihrer zu erkennen Wenn aber der Mensch nicht für die
unterste Art noch für die der vernünftigen Wesen von adamitischer Abstammung
genommen würde und statt dessen ein mehreren Arten gemeinsames Geschlecht
bezeichnete das gegenwärtig einer einzigen bekannten Rasse zukommt aber auch
anderen voneinander entweder durch die Abkunft oder selbst durch andere
natürliche Merkzeichen unterscheidbaren zukommen könnte wie zB den
vorausgesetzten Australiern dann sage ich würde dieser Geschlechtsbegriff
umkehrbare Sätze zulassen und die gegenwärtige Definition des Menschen würde
nicht eine vorläufige sein Ebenso verhält es sich mit dem Golde denn gesetzt
dass man davon einmal zwei unterscheidbare Sorten hätte die eine seltene und
bisher bekannte und die andere gewöhnliche und vielleicht künstliche in der
Folgezeit etwa gefundene alsdann gesetzt dass der Name des Goldes der
gegenwärtigen Spezies verbleiben müsste dh dem natürlichen und seltenen Golde
um dadurch die Bequemlichkeit der auf die Seltenheit dieses Stoffes sich
gründenden Goldmünze zu erhalten so würde dessen bis jetzt durch innerliche
Kennzeichen bekannte Definition nur eine vorläufige gewesen sein und nunmehr
durch neue Merkmale vermehrt werden müssen die man entdecken würde um das
seltene Gold oder das Gold alter Art von dem neuen künstlichen Golde zu
unterscheiden Wenn aber der Name des Goldes alsdann beiden Arten
gemeinschaftlich bleiben sollte dh wenn man unter Gold einen
Geschlechtsbegriff verstehen würde von dem wir bis jetzt keine Unterabteilung
kennen und daher gegenwärtig als die unterste Art betrachten aber bloß
vorläufig bis dass die Unterabteilung bekannt ist und wenn man davon einmal
eine neue Art fände dh ein künstliches leicht zu machendes und leicht
allgemein zu verbreitendes Gold so sage ich dass in diesem Sinne die
Definition dieses Geschlechtes nicht als eine vorläufige sondern als eine
bleibende erachtet werden maß Und selbst ohne sich um die Namen des Menschen
und des Goldes zu kümmern welchen Namen man auch immer dem Geschlechte oder der
untersten bekannten Art gibt und selbst wenn man ihnen keinen gäbe so würde
doch das eben Bemerkte immer wahr sein von den Vorstellungen den Geschlechtern
oder den Arten und die Arten würden mitunter durch die Definition der
Geschlechter nur vorläufig definiert werden Indessen wird es immer erlaubt und
vernünftig sein anzunehmen dass es eine innere wirkliche mittels eines
umkehrbaren Satzes sei es dem Geschlecht sei es den Arten angehörige Wesenheit
gebe welche sich gewöhnlich durch äußere Merkmale erkennen lässt Ich habe dabei
bisher immer vorausgesetzt dass die Rasse nicht ausartet oder sich nicht ändert
wenn aber dieselbe Rasse in eine andere Art überginge so würde man um so mehr
genötigt sein auf andere Merkmale und innere oder äußere Klassifikationen
zurückzugehen ohne sich an die Rasse zu halten
7 Philalethes Die zusammengesetzten Vorstellungen welche durch die von
uns den Arten der Substanzen gegebenen Namen sich rechtfertigen lassen sind
Zusammenstellungen von Vorstellungen gewisser Eigenschaften welche wir als in
einem unbekannten Träger zusammenbestehend wahrgenommen haben den wir Substanz
nennen Aber welche andere Eigenschaften mit solchen Kombinationen notwendig
zusammenbestehen vermögen wir nicht sicher zu erkennen wir müssten denn ihre
Abhängigkeit hinsichtlich ihrer ersten Eigenschaften entdecken können
Theophilus Schon früher habe ich bemerkt dass sich dasselbe bei den
Vorstellungen der Akzidenzien findet deren Wesen ein wenig versteckt ist wie
zB die Figuren der Geometrie sind denn wenn es sich zB um die Gestalt eines
Spiegels handelt der alle parallelen Strahlen in einen Punkt als Fokus sammelt
so kann man mehrere Eigenschaften dieses Spiegels finden ehe man die
Konstruktion desselben erkennt aber man wird über viele andere Beziehungen die
er haben kann in Ungewissheit sein bis man das in ihm findet was der inneren
Beschaffenheit der Substanzen entspricht dh die Konstruktion jener Gestalt
des Spiegels welche gleichsam den Schlüssel der weiteren Erkenntnis ausmacht
Philalethes Wenn wir aber die innere Beschaffenheit dieses Körpers erkannt
hätten würden wir darin doch nur finden wie die ersten oder die von Ihnen als
bekannt bezeichneten Eigenschaften davon abhangen können dh man würde
erkennen welche Größen Gestalten und bewegenden Kräfte davon abhangen aber
niemals würde man die Verbindung erkennen welche sie mit den Eigenschaften
zweiter Klasse oder den verworrenen Eigenschaften dh mit den sinnlichen
Qualitäten wie Farben Geschmäcken usw haben können
Theophilus Sie nehmen also noch immer an dass diese sinnlichen Qualitäten
oder vielmehr die Vorstellungen die wir davon haben nicht naturgemäß von den
Gestalten und Bewegungen sondern bloß von dem Belieben Gottes der uns diese
Vorstellungen gibt abhangen Sie scheinen also vergessen zu haben was ich
schon mehr als einmal gegen diese Meinung dargetan habe um Sie vielmehr zu
überzeugen dass diese sinnlichen Vorstellungen von dem Detail der Gestalten und
Bewegungen abhangen und sie genau ausdrücken obgleich wir dabei dies Detail in
der Verworrenheit einer zu bedeutenden Menge und Kleinheit der mechanischen
Wirkungen welche unsere Sinne treffen nicht entwirren können Wenn wir
indessen zu der inneren Beschaffenheit einiger Körper vorgedrungen wären würden
wir auch sehen wann sie diese Eigenschaften haben müssten die ihrerseits selbst
auf ihre vernünftigen Gründe zurückgeführt werden würden selbst wenn es
niemals in unserer Macht stehen würde sie in diesen sinnlichen Vorstellungen
welche ein verworrenes Resultat der Wirkungen der Körper auf uns sind sinnlich
zu erkennen wie wir zB jetzt wo wir die vollkommene Analyse des Grünen in
Blau und Gelb besitzen und in Bezug darauf fast nichts mehr zu fragen haben als
hinsichtlich dieser Ingredienzien doch nicht imstande sind die Vorstellungen
des Blauen und des Gelben in unserer sinnlichen Vorstellung des Grünen zu
scheiden eben deswegen weil es eine verworrene Vorstellung ist Das ist
ungefähr ebenso als wie man die Vorstellung der Zähne eines Rades dh der
Ursache in der Wahrnehmung eines künstlichen Transparentes welches ich bei den
Uhrmachern bemerkt habe nicht auflösen kann das durch die rasche Drehung eines
gezahnten Bades entsteht welche die Zähne desselben verschwinden und an deren
Stelle ein kontinuierliches von der Phantasie gebildetes Transparent erscheinen
lässt zusammengesetzt aus den hintereinander folgenden Erscheinungen der Zähne
und ihrer Zwischenräume wobei aber die Aufeinanderfolge so schnell ist dass
unsere Phantasie sie nicht mehr unterscheiden kann Man findet also wohl diese
Zähne in dem deutlichen Begriff dieses Transparents nicht aber in der
verworrenen sinnlichen Wahrnehmung deren Natur es ist verworren zu sein und zu
bleiben sonst würde wenn die Verworrenheit aufhörte wie wenn die Bewegung so
langsam wäre dass man die einzelnen Teile und deren Aufeinanderfolge
unterscheiden könnte es nicht mehr dasselbe sein dh nicht mehr diese
PhantasieErscheinung eines Transparentes Und da man nicht nötig hat sich
vorzustellen dass Gott durch sein Belieben uns diese Phantasievorstellung gibt
und sie von der Bewegung der Zähne des Bades und ihrer Zwischenräume unabhängig
ist und man im Gegenteil begreift dass es nur ein verworrener Ausdruck dessen
ist was in dieser Bewegung geschieht ein Ausdruck sage ich der darin
besteht dass die aufeinanderfolgenden Dinge in ein scheinbares Zugleichsein
verschmolzen sind so ist leicht einzusehen dass es sich hinsichtlich der
übrigen sinnlichen Erscheinungen von denen wir noch keine so vollkommene
Analyse haben wie die Farben Geschmäcke usw sind ebenso verhalten werde
denn um die Wahrheit zu sagen verdienen sie viel mehr diesen Namen der
Erscheinungen als den der Eigenschaften oder gar der Vorstellungen Und in jeder
Hinsicht muss es uns genügen sie ebensogut wie jenes künstliche Transparent zu
verstehen ohne dass es vernünftig oder möglich ist davon mehr wissen zu wollen
denn zu verlangen dass jene Erscheinungen verworren bleiben und man doch die sie
bildenden Teile durch die Phantasie selbst analysiere ist ein Widerspruch ist
das Vergnügen haben wollen durch eine angenehme Perspektive getäuscht zu werden
und zugleich wollen dass das Auge den Betrug sehe was denselben verderben
wurde Kurz das ist ein Fall wo
Du nichts anderes tust
Als mit Vernunft um Unvernunft dich mühen
Aber es geschieht oft in der Welt dass man sich Schwierigkeiten schafft wo
keine sind indem man Unmögliches verlangt und sich nachher über seine Ohnmacht
und die Beschränktheit seines Wissens beklagt
8 Philalethes Alles Gold ist feuerbeständig das ist ein Satz dessen
Wahrheit wir auf sichere Art nicht erkennen können Denn wenn das Gold eine Art
von Dingen bezeichnet die durch eine von Natur ihnen verliehene reale Wesenheit
sich von anderen unterscheidet so weiß man doch noch nicht welche besondere
Substanzen zu dieser Art gehören man kann es also nicht mit Sicherheit bejahen
obgleich es Gold sein mag Und wenn man unter Gold einen Körper versteht der
mit einer gewissen gelben Farbe begabt der hämmerbar schmelzbar und schwerer
als irgend ein bekannter Körper ist so lässt sich unschwer erkennen was Gold
ist und was nicht aber bei alledem kann keine andere Eigenschaft mit Gewissheit
vom Golde bejaht oder verneint werden als das was mit dieser Vorstellung
dergestalt verbunden ist dass man die Verbindung oder die Unverträglichkeit
beider entdecken kann Da nun die Feuerfestigkeit keine bekannte Verbindung mit
der Farbe der Schwere und den anderen einfachen Vorstellungen hat welche
meiner Voraussetzung nach die zusammengesetzte Vorstellung die wir vom Golde
haben ausmachen so können wir unmöglich die Wahrheit dieses Satzes dass alles
Gold feuerfest ist auf sichere Weise erkennen
Theophilus Dass der schwerste unter allen uns hienieden bekannten Körpern
feuerfest ist wissen wir fast ebenso gewiss als dass es morgen Tag werden wird
Denn weil man es hunderttausendmal erfahren hat ist es eine erfahrungsmäßige
oder faktische Wahrheit obgleich wir die Verbindung der Feuerfestigkeit mit den
übrigen Eigenschaften dieses Körpers nicht kennen Übrigens muss man zwei Dinge
die zusammenstimmen und auf dasselbe hinauskommen nicht einander
entgegensetzen Denke ich an einen Körper welcher zu gleicher Zeit gelb
schmelzbar und der Kapelle widerstehend ist so denke ich an einen solchen
dessen spezifische Wesenheit wenn sie auch in ihrem Innern unbekannt ist jene
Eigenschaften aus ihrem Schoß hervorgehen und sich wenigstens verworren durch
sie erkennen lässt Ich sehe nichts Unrechtes darin noch was verdiente dass man
so oft darauf zurückkommt um es anzugreifen
10 Philalethes Ich begnüge mich jetzt damit dass diese Erkenntnis der
Feuerfestigkeit des schwersten der Körper uns nicht durch die Übereinstimmung
oder Nichtübereinstimmung der Vorstellungen bekannt ist Auch glaube ich für
meinen Teil dass man unter den zweiten Eigenschaften und den sich darauf
beziehenden Kräften der Körper nicht zwei nennen kann deren notwendiges
Zugleichsein oder Unverträglichsein sicher erkannt werden könnte diejenigen
Eigenschaften ausgenommen welche demselben Sinne zugehören und sich einander
notwendig ausschließen wie wenn man sagt was weiß ist ist nicht schwarz
Theophilus Dennoch glaube ich dass man dergleichen vielleicht finden könnte
zB jeder fühlbare oder durch den Tastsinn wahrnehmbare Körper ist sichtbar
Jeder harte Körper macht Geräusch wenn man in der Luft auf ihn schlägt Die
Töne der Saiten oder Fäden stehen in verdoppeltem Verhältnis der Gewichte
welche ihre Spannung verusachen Allerdings gelingt was Sie verlangen nur
insofern als man es von deutlichen Vorstellungen versteht die mit den
verworrenen sinnlichen Vorstellungen sich verbinden
11 Philalethes Immerhin muss man sich nicht einbilden dass die Körper ihre
Eigenschaften durch sich selbst unabhängig von anderen Dingen haben Ein dem
Druck und Einfluss aller anderen Körper entzogenes Stück Gold würde sofort seine
gelbe Farbe und seine Schwere verlieren vielleicht würde es auch oxydierbar
werden und seine Dehnbarkeit einbüßen Man weiß wie die Pflanzen und Tiere von
der Erde Luft Sonne abhängig sind wer weiß ob die soweit entfernten
Fixsterne nicht auf uns noch Einfluss haben
Theophilus Eine sehr triftige Bemerkung Wenn der innere Bau gewisser Körper
uns auch bekannt wäre so würden wir ihre Wirkungen doch nicht hinlänglich
beurteilen können ohne das Innere derer welche sie berühren und durchdringen
zu kennen
13 Philalethes Indessen kann unser Urteil weiter reichen als unsere
Erkenntnis Denn Leute die Beobachtungen zu machen emsig sind können weiter
dringen und häufig vermittelst irgendwelcher Wahrscheinlichkeiten einer genauen
Beobachtung und gewisser glücklich zusammengestellter Erscheinungen richtige
Vermutungen über das anstellen was ihnen die Erfahrung noch nicht entdeckt hat
aber das heißt doch immer nur vermuten
Theophilus Wenn aber die Erfahrung diese Schlüsse auf konstante Weise
rechtfertigt finden Sie dann nicht dass man durch dies Mittel sichere Sätze
erlangen kann Wenigstens soweit sicher meine ich als die welche zB uns
darüber vergewissern dass der schwerste der uns bekannten Körper feuerfest ist
und der nach ihm schwerste flüchtig Es scheint nämlich dass die Gewissheit
versteht sich die moralische oder physische nicht aber die Notwendigkeit
oder metaphysische Gewissheit derjenigen Sätze welche man durch die Erfahrung
allein und nicht durch die Analyse und die Verknüpfung der Vorstellungen gelernt
hat für uns und zwar mit Recht feststeht
1 Philalethes Es gibt eine Art von Sätzen welche unter dem Namen von
Maximen oder Axiomen als Grundsätze der Wissenschaften gelten und man hat sich
weil sie durch sich selbst evident sind begnügt sie angeborene zu nennen ohne
dass jemand jemals dass ich wüsste versucht hätte die Ursache und den Grund
ihrer außerordentlichen Klarheit die uns sozusagen zwingt ihnen unseren
Beifall zu schenken anzugeben Gleichwohl ists nicht unnütz auf diese
Untersuchung einzugehen und zuzusehen ob diese große Evidenz jenen Sätzen
allein eigen ist wie auch zu prüfen inwieweit sie zu unseren übrigen
Erkenntnissen beitragen
Theophilus Diese Untersuchung ist sehr nützlich und sogar wichtig Aber man
muss sich nicht einbilden dass sie gänzlich vernachlässigt worden ist Sie werden
an hundert Stellen finden dass die Schulphilosophen von jenen Sätzen behaupten
sie seien ex terminis evident sobald man die Termini dh die Ausdrücke
versteht dass sie also sicher waren die Kraft der Überzeugung sei auf dem
Verständnis der Ausdrücke begründet dh bestehe im Zusammenhang ihrer
Vorstellungen Aber die Geometer haben viel mehr geleistet sie haben sehr
häufig unternommen die Axiome zu beweisen Proklus schreibt schon dem Thales
von Milet einem der ältesten aller bekannten Mathematiker die Absicht zu die
Sätze welche Euklides nachher als evident vorausgesetzt hat zu beweisen Man
berichtet dass Apollonius andere Axiome bewiesen hat und Proklus tut es auch
Roberval wollte noch achtzig Jahre oder ungefähr so alt neue Grundsätze der
Geometrie veröffentlichen wovon ich Ihnen schon einmal geredet zu haben glaube
Vielleicht hatten die »neuen Elemente« Arnaulds welche damals Aufsehen
erregten dazu beigetragen Er zeigte etwas davon in der Kgl Akademie der
Wissenschaften vor und einige machten dagegen Einwendungen dass er mit
Voraussetzung des Axioms »Gleiches zu Gleichem hinzugefügt gibt Gleiches«
jenes andere Axiom welches als von gleicher Evidenz angenommen wird beweisen
wollte dass wenn man Gleiches von Gleichem abzieht Gleiches bleibt Man
bemerkte dass man alle beide Sätze voraussetzen oder beide beweisen müsste Ich
aber war nicht dieser Meinung und glaubte es sei schon immer etwas gewonnen
wenn man die Zahl der Axiome vermindert hätte Und zweifelsohne geht die
Addition der Subtraktion voraus und ist einfacher weil die beiden Ausdrücke in
der Addition einer wie der andere gebraucht werden was bei der Subtraktion
nicht der Fall ist Arnauld tat das Gegenteil von dem was Roberval tat er
machte noch mehr Voraussetzungen als Euklides Was nun die Maximen anbetrifft
so nimmt man sie mitunter für festgestellte Sätze mögen sie nun evident sein
oder nicht Für Anfänger mag das gut sein welche die Bedenklichkeit aufhält
aber wenn es sich um die Begründung der Wissenschaft handelt ist es etwas
anderes So fasst man sie auch oft in der Moral und selbst in den Topiken der
Logiker wo man einen guten Vorrat derselben findet wovon aber ein Teil recht
unbestimmt und dunkel ist Übrigens habe ich schon längst öffentlich und
privatim gesagt dass es wichtig sei alle unsere sekundären Axiome zu beweisen
deren man sich gewöhnlich bedient indem man sie auf die ursprünglichen die
unmittelbaren und unbeweislichen Axiome zurückführt welche ich neulich und
sonst die identischen nannte
2 Philalethes Die Erkenntnis ist durch sich selbst evident wenn man der
Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung der Vorstellungen sich unmittelbar
bewusst ist 3 Aber es gibt Wahrheiten die man nicht als Axiome anerkennt
und welche doch nichtsdestoweniger durch sich selbst evident sind Wir wollen
nun einmal zusehen ob die vier Arten der Übereinstimmung von denen wir
unlängst gesprochen haben Kap l 3 und Kap 3 7 nämlich die
Einerleiheit die Verknüpfung die Relation und das wirkliche Dasein uns solche
liefern 4 Was die Einerleiheit und die Verschiedenheit betrifft so haben
wir soviel evidente Sätze als wir deutliche Vorstellungen haben denn wir
können die eine von der anderen verneinen wie zB wenn wir sagen der Mensch
ist kein Pferd das Rote ist nicht blau usw Übrigens ist es ebenso evident zu
sagen was ist ist als zu sagen ein Mensch ist ein Mensch
Theophilus Allerdings und ich habe schon bemerkt es sei ebenso evident
auf ekthetische Weise im besonderen zu sagen A ist A als im allgemeinen zu
sagen Man ist das was man ist Aber man ist nicht immer sicher wie ich auch
schon bemerkt habe die Subjekte der verschiedenen Vorstellungen eines vom
anderen zu verneinen wie wenn man sagen wollte Das Dreiseitige oder das was
drei Seiten hat ist nicht dreiwinklig weil in der Tat die Dreiseitigkeit nicht
die Dreieckigkeit ist ebenso wenn jemand gesagt hätte »Die Perlen des Slusius
von denen ich vorlängst gesprochen habe sind nicht Linien der kubischen
Parabel« so würde er sich geirrt haben und dies doch gar vielen evident
erschienen sein Der selige Hardy Rat am Pariser Châtelet ein ausgezeichneter
Mathematiker und Orientalist und wohl bewandert in den alten Mathematikern
welcher den Kommentar des Marinos zu den Data des Euklides veröffentlicht hat
war von der falschen Ansicht dass der schiefe Kegelschnitt welchen man Ellipse
nennt von dem schiefen Zylinderschnitt verschieden sei dergestalt eingenommen
dass der Beweis des Serenus ihm unlogisch schien und ich ihm durch meine
Gegenvorstellungen in dieser Hinsicht nichts abgewinnen konnte Auch war er
damals als ich ihn besuchte fast im Lebensalter Robervals und ich ein noch
sehr junger Mann ein Unterschied der mir ihm gegenüber keine große
Überredungskraft geben konnte obwohl ich sonst mich sehr gut mit ihm stand
Beiläufig zeigt dies Beispiel was ein Vorurteil auch bei gescheiten Leuten
vermag denn das war er wirklich wie denn von ihm in Descartes Briefen mit
Achtung gesprochen wird Ich habe es aber nur angeführt um zu zeigen wie man
sich täuschen kann indem man eine Vorstellung von der anderen verneint wenn
man sie nicht hinlänglich da wo es nötig war ergründet hat
5 Philalethes Hinsichtlich der Verknüpfung oder Koexistenz haben wir
sehr wenig an sich selbst evidente Sätze gleichwohl gibt es dergleichen und
solch ein durch sich evidenter Satz scheint der zu sein dass zwei Körper nicht
zugleich an demselben Orte sein können
Theophilus Das machen Ihnen wie ich schon bemerkt habe viele Gelehrte der
christlichen Zeit streitig und sogar Aristoteles und diejenigen welche mit ihm
wirkliche Verdichtungen im eigentlichen Sinne annehmen wodurch der nämliche
Körper in seiner Ganzheit auf einen kleineren Raum als den welchen er vorher
erfüllt hatte zurückgebracht werden soll und diejenigen welche wie der
verstorbene Comenius in einem kleinen eigens dazu geschriebenen Buche getan
hat behaupten die neuere Naturlehre werde durch die mit der Windbüchse
gemachte Erfahrung umgestoßen können auch nicht darin einstimmen Wenn Sie den
Körper für eine undurchdringliche Masse nehmen so ist Ihr Satz wahr weil er
dann ganz oder fast ganz identisch sein wird aber man kann es leugnen dass der
wirkliche Körper von solcher Art sei Wenigstens kann man sagen dass Gott ihn
anders machen könnte so dass man nur diese Undurchdringlichkeit als der
natürlichen Ordnung der Dinge entsprechend zugesteht welche Gott eingerichtet
und von der die Erfahrung uns überzeugt hat obgleich man übrigens zugeben maß
dass sie auch der Vernunft ganz entspricht
6 Philalethes Was die Relationen der Modi anbetrifft so haben die
Mathematiker mehrere Axiome bloß über die Relation der Gleichheit gebildet wie
das vorher erwähnte dass wenn man Gleiches von Gleichem abzieht der Rest
gleich bleibt Es ist aber denke ich nicht weniger evident dass eins und eins
gleich zwei sind und wenn man von den fünf Fingern einer Hand zwei fortnimmt
und auch zwei von den fünf Fingern der anderen Hand wird die Zahl der Finger
die gleiche bleiben
Theophilus Dass eins und eins zwei macht ist eigentlich gesprochen nicht
eine Wahrheit sondern die Definition von Zwei Freilich ist darin das wahr und
evident dass es die Definition eines Möglichen ist Hinsichtlich des auf die
Finger angewendeten Axioms des Euklides will ich zugeben dass das was Sie von
den Fingern sagen ebenso leicht zu begreifen als es von A und B einzusehen
ist aber um nicht dasselbe oft zu wiederholen bezeichnet man es allgemein und
begnügt sich dann darunter zu subsummieren Sonst würde es so sein als wenn
man die Rechnung in besonderen Zahlen den allgemeinen Regeln vorzöge wodurch
man weniger erlangen würde als möglich ist Denn es ist vorzuziehen diese
allgemeine Aufgabe zu lösen Zwei Zahlen zu finden deren Summe eine gegebene
Zahl gibt und deren Unterschied auch eine gegebene Zahl gibt als nur zwei
Zahlen zu suchen deren Summe zehn und deren Unterschied sechs ausmacht Denn
wenn ich bei der zweiten Aufgabe nach der Rechnungsart der niederen Arithmetik
zusammen mit der Algebra verfahre so wird die Berechnung so sein Es sei a b
10 a b 6 Addiert man nun die rechte Seite mit der rechten und die linke
mit der linken so ergibt sich a b a h 10 6 dh da b und b
einander aufheben 2a 16 oder a 8 Und zieht man die eine rechte Seite von
der anderen rechten ab die eine linke von der anderen linken da a b abziehen
dasselbe ist als a b dazu zu addieren so kommt heraus a b a b 10
6 dh 2b 4 oder b 2 So würde ich in Wahrheit die verlangten a und b
haben welche gleich 8 und 2 sind Diese lösen die Aufgabe dh deren Summe
macht 10 und deren Unterschied 6 Aber ich habe dadurch nicht die allgemeine
Methode für irgendwelche andere Zahlen die man an Stelle von 10 oder 6 setzen
könnte und wollte welche Methode ich gleichwohl mit derselben Leichtigkeit wie
die zwei Zahlen 8 und 2 finden könnte wenn ich x und v an Stelle der Zahlen 10
und 6 setzte Denn verfährt man ebenso wie vorher so wird man erhalten 10 a b
a b x v dh 2a x v oder a 12 x v und ferner a b a b
x v dh 2b x v oder b 12 x v Und diese letztere Rechnung gibt
den allgemeinen Lehrsatz oder Kanon dass wenn man zwei Zahlen sucht deren Summe
und Differenz gegeben ist man für die größere der verlangten Zahlen nur die
Hälfte der aus der gegebenen Summe und Differenz gewonnenen Summe für die
kleinere die Hälfte der Differenz zwischen gegebener Summe und Differenz nehmen
muss Man sieht auch dass ich mich der Buchstaben hätte entschlagen können wenn
ich die Zahlen wie Buchstaben behandelt hätte dh wenn ich statt 2a 16 und
2b 4 zu setzen geschrieben hätte 2a 10 6 und 2b 10 6 was gegeben
haben würde a 12 10 6 und b 12 10 6 So würde ich in der
besonderen Berechnung die allgemeine gehabt haben indem ich die Zeichen 10 und
6 als allgemeine Zahlen genommen hätte wie wenn es die Buchstaben a und v
gewesen wären um eine allgemeinere Wahrheit oder Methode zu erhalten und
nehme ich dann wieder dieselben Zeichen 10 und 6 für die Zahlen welche sie in
der Regel bezeichnen habe ich ein ähnliches Beispiel das selbst zur Probe
dienen kann Wie nun Vieta die Buchstaben an Stelle der Zahlen gesetzt hat um
mehr Allgemeinheit zu haben so habe ich die Zahlencharaktere wieder einführen
wollen weil sie sogar in der Algebra brauchbarer sind als die Buchstaben Ich
habe dies bei großen Rechnungen von bedeutendem Nutzen gefunden um Irrtümer in
verhüten und selbst um Proben anzustellen wie zB die Auslassung der Nenn
inmitten der Rechnung ohne dabei das Resultat abzuwarten wenn nur Zahlen statt
Buchstaben vorkommen was sich oft anwenden lässt wenn man bei den Aufstellungen
mit Geschick verfährt so dass die Voraussetzungen sich im besonderen als wahr
ausweisen des Nutzens gar nicht zu gedenken der darin liegt dass man dabei
Zusammenhänge und Gesetze bemerkt welche die Buchstaben allein niemals so
leicht dem Geiste enthüllen können Dies habe ich schon anderswo gezeigt
nachdem ich gefunden dass eine gute Charakteristik eines der größten Hilfsmittel
des menschlichen Geistes ist
7 Philalethes Was das wirkliche Dasein betrifft das ich als die vierte
Art des bei den Vorstellungen zu bemerkenden Übereinkommens gerechnet hatte so
kann uns dasselbe kein Axiom liefern denn wir haben nicht einmal eine
demonstrative Erkenntnis der Wesen außer uns Gott allein ausgenommen
Theophilus Man kann immerhin sagen dass der Satz ich bin da er ein
solcher ist der durch keinen anderen bewiesen werden kann von äußerster
Evidenz oder auch eine unmittelbare Wahrheit ist Und sagen ich denke also bin
ich heißt nicht das Dasein durch das Denken beweisen weil denken und denkend
sein dasselbe ist und sagen ich bin denkend schon sagen ist ich bin
Indessen können Sie diesen Satz aus der Zahl der Axiome mit einigem Grunde
auslassen denn es ist ein faktischer auf eine unmittelbare Erfahrung
begründeter Satz nicht aber ein notwendiger dessen Notwendigkeit in der
unmittelbaren Übereinstimmung der Vorstellungen erkannt wird Im Gegenteil sieht
nur Gott allein wie die beiden Ausdrucke Ich und das Dasein verbunden sind
dh warum ich da bin Aber wenn man Axiome allgemeiner für unmittelbare oder
unbeweisbare Wahrheiten nimmt so kann man sagen dass der Satz ich bin ein
Axiom ist und auf jeden Fall sicher sein dass er eine primitive Wahrheit ist
oder auch unum ex primis cognitis inter terminos complexos dh einer der
ersten bekannten Sätze welcher in der natürlichen Ordnung unserer Erkenntnis
sich findet denn möglicherweise mag jemand niemals daran gedacht haben diesen
Satz ausdrücklich zu bilden der ihm gleichwohl angeboren ist
8 Philalethes Ich hatte immer geglaubt dass die Axiome wenig Einfluss auf
die übrigen Teile unserer Erkenntnisse ausüben Aber Sie haben mich davon
zurückgebracht da Sie mir sogar einen wichtigen Nutzen selbst der identischen
Sätze gezeigt haben Erlauben Sie mir aber doch Ihnen vorzutragen was mir über
diesen Punkt vorschwebte denn Ihre Erläuterungen können noch dazu dienen
andere von ihrem Irrtum zurückzubringen 8 Es ist eine berühmte Schulregel
dass alle Beweisführung aus schon Bekanntem und Zugegebenem herkommt ex
praecognitis et praeconcessis Dieser Regel nach scheint man jene Maximen als
Wahrheiten nehmen zu sollen welche dem Geiste vor den übrigen bewusst sind und
die übrigen Teile unserer Erkenntnis als von den Axiomen abhängige Wahrheiten
Ich glaubte gezeigt zu haben Liv 1 cap 1 dass jene Axiome nicht das zuerst
Erkannte sind indem ein Kind viel eher erkennt dass die ihm gezeigte Rute nicht
der Zucker ist den es gekostet hat als irgend ein beliebiges Axiom Doch Sie
haben zwischen den besonderen Erkenntnissen oder faktischen Erfahrungen und
zwischen den Prinzipien einer allgemeinen und notwendigen Erkenntnis wobei man
wie ich anerkenne auf die Axiome zurückgehen muss wie auch zwischen zufälliger
und natürlicher Ordnung unterschieden
Theophilus Ich hatte auch hinzugefügt dass in der natürlichen Ordnung eher
gesagt werden muss ein Ding ist was es ist als es ist kein anderes denn es
handelt sich hier nicht um die Geschichte unserer Entdeckungen die bei
verschiedenen Menschen verschieden ist sondern um die Verknüpfung und
natürliche Ordnung der Wahrheiten welche immer dieselbe ist Ihre Bemerkung
aber dass nämlich was das Kind sieht nur eine Tatsache ist verdient noch
weitere Überlegung denn die Erfahrungen der Sinne geben nach Ihrer eigenen
unlängst gemachten Bemerkung keine absolut gewissen Wahrheiten noch solche bei
denen jede Gefahr einer Täuschung ausgeschlossen ist Denn wenn es erlaubt ist
metaphysisch mögliche Erdichtungen zu machen so könnte sich der Zucker auf
unmerkliche Weise um das Kind wenn es unartig gewesen zu strafen in eine
Rute verwandeln wie sich das Wasser bei uns am Weihnachtsabend in Wein
verwandelt wenn es artig gewesen ist Aber der Schmerz werden Sie einwerfen
den die Rute verursacht wird niemals das Vergnügen sein welches der Zucker
gibt Ich antworte das Kind wird ebenso spät darauf kommen einen
ausdrücklichen Satz daraus zu machen als das Axiom zu bemerken dass man in
Wahrheit nicht behaupten könne das was ist sei zu gleicher Zeit nicht obwohl
es des Unterschiedes von Lust und Schmerz sich sehr wohl bewusst sein kann
ebensowohl als des Unterschiedes von Bewusstsein und Nichtbewusstsein
10 Philalethes Indessen gibt es eine Menge anderer Wahrheiten welche
ebenso wie jene Maximen durch sich selbst evident sind ZB ist der Satz Eins
und zwei sind so viel als drei ebenso evident als das Axiom das besagt dass
das Ganze allen seinen Teilen zusammengenommen gleich ist
Theophilus Sie scheinen vergessen zu haben wie ich Ihnen mehr als einmal
gezeigt habe dass der Satz Eins und zwei sind drei nur die Definition des
Ausdrucks drei ist so dass zu sagen eins und zwei ist gleich drei ebensoviel
ist als sagen dass etwas sich selbst gleich ist Was jenes Axiom betrifft dass
das Ganze allen seinen Teilen zusammengenommen gleich ist so hat Euklides sich
desselben nicht ausdrücklich bedient Auch bedarf dieses Axiom der
Einschränkung denn man muss hinzufügen dass diese Teile selbst keinen
gemeinsamen Teil haben dürfen denn 7 und 8 sind Teile von 12 aber geben
zusammen mehr als 12 Büste und Rumpf zusammengenommen sind mehr als ein Mensch
insofern die Brust allen beiden gemeinsam ist Euklides aber sagt das Ganze ist
größer als sein Teil wobei keine weitere Vorsicht nötig ist Und zu sagen dass
der Körper größer ist als der Rumpf macht nur insofern einen Unterschied gegen
das Axiom des Euklides als dieses Axiom sich auf das Notwendige beschränkt
aber indem man exemplifiziert und ihm gleichsam einen Körper gibt erreicht man
dass das Verstandesmäßige auch sinnlich wird denn zu sagen dass dies bestimmte
Ganze größer ist als dieser sein bestimmter Teil ist in der Tat ein Satz dass
ein Ganzes größer ist als sein Teil dessen Züge aber durch einige Beleuchtung
oder Zugabe verstärkt sind gerade so wie der welcher A B sagt auch A sagt
Man muss also hier nicht Axiom und Beispiel als in dieser Hinsicht verschiedene
Wahrheiten zueinander in Gegensatz stellen sondern das Axiom als in dem
Beispiel verkörpert und das Beispiel bewahrheitend ansehen Etwas anderes ist
es wenn die Evidenz im Beispiele selbst nicht bemerkt wird und die Bejahung
des Beispiels eine Folge und nicht bloß eine Subsumption des allgemeinen Satzes
ist wie dies auch in Hinsicht der Axiome vorkommen kann
Philalethes Unser gelehrter Verfasser sagt hier Ich möchte diejenigen
welche jede andere Erkenntnis als die der Tatsachen von allgemeinen
angeborenen und aus sich evidenten Prinzipien abhängig sein lassen fragen aus
welchem Prinzip sie zu beweisen nötig haben dass zwei und zwei vier ist Denn
seiner Ansicht nach erkennt man die Wahrheit derartiger Sätze ohne die Hilfe
irgend welcher Probe Was sagen Sie dazu
Theophilus Ich sage dass ich wohl vorbereitet diese Frage erwartet habe Es
ist nicht eine ganz unmittelbare Wahrheit dass zwei und zwei vier sind
vorausgesetzt dass vier soviel bedeutet als drei und eins Man kann den Satz
also beweisen und zwar folgendermaßen
Definitionen
1 Zwei ist eins und eins
2 Drei ist zwei und eins
3 Vier ist drei und eins
Axiom
Wenn man Gleiches substituiert bleibt gleiches
Beweis
2 und 2 ist 2 und 1 und 1 nach Def 1
2 und 1 und 1 ist 3 und 1 nach Def 2
3 und 1 ist 4 nach Def 3
Also nach dem Axiom ist 2 und 2 4 Was zu beweisen war Ich konnte
statt zu sagen dass 2 und 2 2 und 1 und 1 ist setzen dass 2 und 2 gleich ist 2
und 1 und 1 und so das übrige Aber man kann es durchweg um leichter
davonzukommen zugleich mitverstehen und zwar auf Grund eines anderen Axioms
wonach jedes Ding sich selbst gleich oder das was dasselbe ist auch gleich
ist
Philalethes So wenig nötig dieser Beweis auch im Hinblick auf seinen
allbekannten Schlusssatz sein mag so dient er doch zu zeigen wie die Wahrheiten
von den Definitionen und Axiomen abhangen Ich sehe mithin schon voraus was Sie
auf noch mehrere Einwürfe gegen die Anwendung der Axiome erwidern werden Man
macht den Einwurf dass es eine zahllose Menge von Prinzipien geben müsste aber
das ist nur der Fall wenn man die Folgesätze welche sich mit Hilfe irgend
eines Axioms aus den Definitionen ergeben unter die Grundsätze rechnet und da
der Definitionen oder Vorstellungen unzählige sind so müssen es die Axiome in
diesem Sinne genommen auch sein sogar bei der von Ihnen geteilten
Voraussetzung dass die unbeweislichen Grundsätze identische Axiome sind Sie
werden auch durch die Exemplifikation unzählig aber im Grunde genommen kann man
die Sätze A ist A B ist B als ein und dasselbe verschieden ausgedrücktes Axiom
rechnen
Theophilus Zudem verhindert mich diese Verschiedenheit der Grade der
Evidenz Ihrem berühmten Autor zuzugeben dass alle jene Wahrheiten welche man
Prinzipien nennt und welche als von selbst evident gelten weil sie den ersten
unbeweisbaren Axiomen so nahe stehen voneinander ganz unabhängig und unfähig
sind voneinander irgend Licht oder Beweis zu empfangen Denn man kann sie immer
entweder auf die Axiome selbst oder auf andere den Axiomen näher liegende
Wahrheiten zurückführen wie jener Satz dass zwei und zwei vier sind Ihnen
gezeigt hat Auch habe ich Ihnen eben schon erzählt wie Roberval die Zahl der
euklidischen Axiome verringerte indem er mitunter das eine auf das andere
zurückbrachte
11 Philalethes Der scharfsinnige Schriftsteller welcher zu unseren
Unterredungen die Veranlassung gegeben hat gesteht den Nutzen der Maximen zu
aber glaubt dass er vielmehr darin besteht den Widerspenstigen den Mund zu
stopfen als die Wissenschaften aufzurichten Ich würde mich sehr freuen sagt
er dass man mir eine jener auf die allgemeinen Axiome gegründeten Wissenschaften
zeigte von der man nicht zeigen konnte dass sie sich ebensogut auch ohne Axiome
aufrechterhalten lässt
Theophilus Die Geometrie ist ohne Zweifel eine von diesen Wissenschaften
Euklides wendet die Axiome ausdrücklich in den Beweisen an und jenes Axiom dass
zwei homogene Größen einander gleich sind wenn die eine weder größer noch
kleiner als die andere ist ist die Grundlage der Beweise des Euklides und des
Archimedes hinsichts der Größe krummliniger Figuren Archimedes hat Axiome
angewendet deren Euklides nicht bedurfte zB dass von zwei Linien von denen
jede ihre Krümmung stets an derselben Seite hat diejenige die größere ist
welche die andere umschließt Auch kann man in der Geometrie die identischen
Axiome nicht entbehren wie zB das Prinzip des Widerspruchs oder die
indirekten Beweise Und was die anderen Axiome betrifft welche sich daraus
beweisen lassen könnte man sich ganz eigentlich gesprochen derselben
entschlagen und die Folgerungen unmittelbar aus den identischen Sätzen und
Definitionen ziehen aber die Länge der Beweise und die endlosen Wiederholungen
in welche man dann verfiele würden eine furchtbare Verwirrung verursachen wenn
man immer wieder von vorn anfangen müsste statt dass man bei Voraussetzung der
schon bewiesenen mittleren Lehrsätze leicht weiter kommt Und zwar ist diese
Voraussetzung schon bekannter Wahrheiten besonders hinsichtlich der Axiome
nützlich denn sie kehren so oft wieder dass die Geometer in jedem Augenblick
sich derselben zu bedienen genötigt sind ohne sie zu zitieren so dass man sich
wenn man glaubte dass sie nicht mitwirken weil man sie vielleicht nicht immer
am Bande angeführt sieht täuschen würde
Philalethes Aber er braucht das Beispiel der Theologie zum Einwurf Aus der
Offenbarung sagt unser Autor stammt uns die Kenntnis dieser heiligen Religion
und ohne deren Hilfe würden die Maximen niemals fähig gewesen sein uns mit ihr
bekannt zu machen Die Erleuchtung kommt uns also unmittelbar aus den Sachen
selbst oder unmittelbar aus der unfehlbaren Wahrhaftigkeit Gottes
Theophilus Der Fall ist so als ob ich sagte die Medizin gründet sich auf
die Erfahrung also dient die Vernunft dabei zu nichts Die christliche
Theologie welche die wahre Medizin für die Seelen ist gründet sich auf die
Offenbarung welche der Erfahrung entspricht aber um daraus ein vollständiges
Ganze zu machen maß man die natürliche Theologie damit verbinden welche aus
den Axiomen der ewigen Vernunft gewonnen wird Ist nicht selbst jener Grundsatz
dass die Wahrhaftigkeit ein Attribut Gottes ist auf welchem wie Sie anerkennen
die Gewissheit der Offenbarung beruht eine aus der natürlichen Theologie
hergenommene Maxime
Philalethes Unser Verfasser verlangt dass man zwischen dem Mittel die
Erkenntnis zu erlangen und dem sie zu lehren oder auch zwischen lehren und
mitteilen unterscheide Nachdem man die Schulen errichtet und Professoren um
die Wissenschaften welche andere erfunden hatten zu lehren angestellt hat
haben diese Professoren sich jener Maximen um die Wissenschaften dem Geiste
ihrer Schüler einzuprägen und sie mittels der Axiome von gewissen besonderen
Wahrheiten zu überzeugen bedient statt dass die besonderen Wahrheiten den
ersten Erfindern dazu gedient haben die Wahrheiten ohne die allgemeinen Maximen
zu finden
Theophilus Ich wollte dass man uns dieses vorgebliche Verfahren durch
Beispiele einiger besonderer Wahrheiten gerechtfertigt hätte Aber wenn man die
Sachen recht erwägt wird man es bei der Gründung der Wissenschaften gar nicht
angewendet finden Und wenn der Erfinder nur eine besondere Wahrheit findet ist
er nur halb und halb ein Erfinder Wenn Pythagoras nur die Beobachtung gemacht
hätte dass das Dreieck dessen Seiten 3 4 5 sind die Eigenschaft habe dass
das Quadrat seiner Hypotenuse denen seiner beiden Katheten gleich sei dh dass
9 16 25 mache würde er deswegen der Entdecker jener großen Wahrheit gewesen
sein welche alle rechtwinklige Dreiecke umfasst und bei den Geometern zu einer
Maxime geworden ist Allerdings kann häufig ein durch Zufall ins Auge gefasstes
Beispiel einem geistreichen Manne zur Veranlassung dienen sich des Aufsuchens
der allgemeinen Wahrheit zu befleißigen aber es macht noch oft genug
Schwierigkeit sie zu finden Außerdem ist dieser Weg des Entdeckens nicht der
beste noch der von denen am meisten angewandte welche ordentlich und
methodisch verfahren und diese bedienen sich desselben nur bei solchen
Gelegenheiten wo bessere Methoden mangeln
Das wäre so wie Archimedes nach dem Glauben einiger die Quadratur der
Parabel dadurch gefunden haben soll dass er ein parabolisch geschnittenes Stück
Holz wog und diese besondere Erfahrung ihn die allgemeine Wahrheit finden ließ
Wer aber den Scharfsinn dieses großen Mannes kennt sieht wohl ein dass er
solche Hilfe nicht nötig hatte Wäre indessen dieser empirische Weg der
besonderen Wahrheiten die Veranlassung gewesen die Entdeckungen zu machen so
wäre er doch nicht genügend gewesen sie zu geben und die Entdecker selbst sind
lebhaft befriedigt die Maximen und allgemeinen Wahrheiten zu bemerken wenn sie
zu denselben haben gelangen können sonst wären ihre Entdeckungen sehr
unvollkommen gewesen Alles was man also den Schulen und den Professoren als
Verdienst anrechnen kann ist die Maximen und die anderen allgemeinen
Wahrheiten gesammelt und geordnet zu haben und wollte Gott dass man es noch
mehr und mit mehr Sorgfalt und Auswahl gemacht hätte dann würden die
Wissenschaften sich nicht in so schlechtem Zusammenhange und so großer
Verwirrung befinden Übrigens gebe ich zu dass zwischen der Methode deren man
sich zur Unterweisung in den Wissenschaften bedient und der durch welche man
sie findet oft ein Unterschied stattfindet das ist aber nicht der Punkt um
welchen es sich handelt Wie ich schon bemerkt habe hat der Zufall mitunter
Gelegenheit in Entdeckungen gegeben Wenn man diese Veranlassungen bemerkt und
das Andenken daran der Nachwelt aufbewahrt hätte was sehr nützlich gewesen
wäre so würden diese Einzelheiten ein sehr wichtiger Teil der Geschichte der
Künste gewesen sein jedoch nicht geeignet um darauf Systeme zu gründen
Mitunter sind auch die Entdecker zwar vernunftgemäß zur Wahrheit vorgeschritten
aber auf großen Umwegen Ich finde dass bei wichtigen Fällen die Schriftsteller
dem Publikum einen Dienst geleistet haben würden wenn sie in ihren Schriften
die Spuren ihrer Versuche aufrichtig angemerkt hätten aber wenn das System der
Wissenschaft nach diesem Maße hätte gearbeitet werden sollen so würde dies so
sein als ob man in einem fertigen Hause das ganze Baugerüst das der Baumeister
zur Aufrichtung desselben nötig gehabt hat aufbewahren wollte Die guten
Unterrichtsmethoden sind immer diejenigen welche die Wissenschaft auf ihrem
Wege sicherlich hätte finden können und wenn sie alsdann nicht empirisch sind
dh wenn die Wahrheiten durch Gründe oder durch aus den Vorstellungen gewonnene
Beweise gelehrt werden so wird dies immer durch Axiome Theoreme Richtsätze
Canones und andere solche allgemeine Sätze geschehen Etwas anderes ist es
wenn die Wahrheiten Aphorismen sind wie die des Hippokrates dh faktische
Wahrheiten welche entweder ganz allgemein oder mindestens in den meisten Fällen
richtig sind die durch Beobachtung gewonnen werden oder auf Erfahrung sich
gründen und für die man nicht durchweg überführende Gründe hat Aber darum
handelt es sich hier nicht denn diese Wahrheiten werden nicht durch die
Ideenverknüpfung erkannt
Philalethes Die Art in welcher nach der Ansicht unseres geistreichen
Autors das Bedürfnis nach Maximen sich geltend gemacht hat ist diese Da die
Schulen als Probierstein der Geschicklichkeit der Gelehrten die Disputierkunst
aufgestellt hatten so schrieben sie demjenigen den Sieg zu der den Kampfplatz
behauptete und dem das letzte Wort blieb Um aber die Widerspenstigen zu
überzeugen musste man als Mittel dazu die Maximen aufstellen
Theophilus Die Schulen der Philosophie hätten ohne Zweifel besser daran
getan die Praxis mit der Theorie zu verbinden wie es die Schulen der Medizin
der Chemie und der Mathematik machen und lieber demjenigen den Preis zu
erteilen der es am besten gemacht hätte besonders in der Moral als dem
welcher am besten gesprochen hätte Da es indessen Gegenstände gibt wo die
Disputation selbst schon ein Erfolg ist und mitunter der einzige Erfolg und das
Meisterstück aus dem sich die Geschicklichkeit jemandes erkennen lässt wie in
den metaphysischen Gegenständen so hat man in einigen Fällen recht gehabt die
Geschicklichkeit der Gelehrten nach dem Erfolg zu beurteilen welchen sie in
Besprechungen gehabt haben Bekanntlich haben sogar zu Anfang der Reformation
die Protestanten ihre Gegner herausgefordert zu Unterredungen und Disputationen
zu kommen und aus dem Erfolg dieser Dispute hat die öffentliche Meinung
mitunter einen Schluss auf die Reform gemacht Man weiß auch was die Kunst zu
reden und den Gründen Licht und Kraft zu verleihen und wenn man sie so nennen
kann die Disputierkunst in einem Staats oder Kriegsrate an einem
Gerichtshofe bei einer ärztlichen Konsultation und selbst in einer Unterhaltung
vermag Man ist auch genötigt zu diesem Mittel seine Zuflucht zu nehmen und bei
dergleichen Vorfällen sich mit Worten statt der Taten eben deswegen zu begnügen
weil es sich dann um eine Begebenheit oder eine Tatsache handelt wobei die
Wahrheit durch den Erfolg zu erfahren zu spät sein würde Daher ist die Kunst
des Disputierens oder des durch Gründe Bekämpfens unter welche ich hier das
Anführen von Autoritäten und Beispielen befasse von sehr großer Wichtigkeit
aber unglücklicherweise ist sie sehr schlecht auf Regeln gebracht und darum
macht man auch entweder gar keine oder falsche Schlüsse Aus diesem Grunde habe
ich mehr als einmal den Plan gefasst Anmerkungen zu den Kolloquien der Theologen
zu machen über welche wir Berichte haben um die Fehler welche man darin
bemerken kann und die dagegen anwendbaren Mittel zu zeigen Wenn bei
geschäftlichen Beratschlagungen diejenigen welche die meiste Macht haben nicht
einen sehr zuverlässigen Verstand haben so haben gewöhnlich Autorität oder
Beredsamkeit die Oberhand wenn sie gegen die Wahrheit gerichtet sind Mit einem
Worte die Kunst zu beraten und zu disputieren müsste völlig umgearbeitet
werden Was den Vorteil desjenigen anbetrifft welcher zuletzt spricht so
findet er fast nur in freien Umgangsgesprächen statt denn bei Beratschlagungen
gehen die Stimmen der Ordnung nach mag man nun mit dem im Range Letzten
anfangen oder endigen Freilich ist es gewöhnlich Sache des Präsidenten
anzufangen und zu endigen dh den Vorschlag und den Ausschlag zu geben aber
den letzteren gibt er nach der Mehrheit der Stimmen In den akademischen
Disputationen aber ist der Respondent oder Verteidiger derjenige welcher
zuletzt spricht und er behauptet den Kampfplatz nach stehender Sitte fast
immer Es handelt sich darum ihn auf die Probe zu stellen und nicht ihn zu
widerlegen sonst würde man als Feind auftreten Und die Wahrheit zu sagen so
handelt es sich bei diesen Gelegenheiten fast gar nicht um die Wahrheit daher
man zu verschiedenen Zeiten entgegengesetzte Thesen auf dem nämlichen Katheder
verteidigt Man zeigte dem Casaubonus einmal den Saal der Sorbonne und sagte
ihm Das ist der Ort wo man so viele Jahrhunderte lang disputiert hat Er
antwortete Was hat man nun da herausgebracht
Philalethes Gleichwohl hat man verhindern wollen dass die Disputation bis
ins Unendliche gehe und ein Mittel schaffen um zwischen zwei gleich erfahrenen
Gegnern zu entscheiden damit der Streit sich nicht in eine endlose Reihe von
Schlüssen verliere Dies Mittel nun ist gewesen gewisse allgemeine meist durch
sich selbst evidente Sätze einzuführen die von Natur dazu angetan von allen
Menschen mit gänzlicher Übereinstimmung angenommen zu werden als allgemeine
Maßstäbe der Wahrheit betrachtet werden und die Stelle von Prinzipien wenn die
Disputierenden keine anderen aufgestellt hatten einnehmen mussten über die man
nicht hinausgehen durfte und an die man sich beiderseits zu halten verpflichtet
war Nachdem diese Maximen so den Namen von Prinzipien empfangen hatten die man
bei der Disputation nicht verleugnen durfte und welche den Streit endeten so
nahm man sie irrtümlicherweise meinem Gewährsmanne nach für die Quelle der
Erkenntnisse und für die Grundlagen der Wissenschaften
Theophilus Wollte Gott dass man sie in Streitigkeiten so gebrauchte
dagegen wäre nichts zu bemerken denn man würde doch etwas entscheiden Und was
könnte man Besseres tun als den Streit dh die bestrittenen Wahrheiten auf
evidente und unbestreitbare Wahrheiten zurückbringen Würde man sie dadurch
nicht auf demonstrative Weise begründen Und wer kann zweifeln dass diese
Grundsätze welche die Streitigkeiten mit Begründung der Wahrheit endigen
würden zugleich die Quellen der Erkenntnisse wären Denn wenn das logische
Verfahren gut ist bleibt es sich gleich ob man sie stillschweigend in seinem
Studierzimmer zustande bringt oder Öffentlich auf dem Katheder begründet Und
selbst wenn diese Prinzipien mehr Heischesätze als Axiome wären erstere nicht
im Sinne des Euklides sondern des Aristoteles genommen dh als für so lange
zugegebene Voraussetzungen bis sie zu beweisen Gelegenheit ist so würden
diese Prinzipien immer den Nutzen haben dass alle die übrigen Streitfragen
dadurch auf eine kleine Anzahl von Voraussetzungen zurückgebracht werden würden
Ich bin also ganz außerordentlich erstaunt aus ich weiß nicht welch einem
Vorurteil etwas Löbliches getadelt zu sehen und dessen machen sich wie man an
dem Beispiel Ihres Autors sieht die gescheitesten Leute aus Unachtsamkeit
schuldig Unglücklicherweise aber geht es bei den akademischen Disputationen
ganz anders zu Statt allgemeine Axiome aufzustellen tut man alles Mögliche um
sie durch nichtige und schlecht verstandene Distinktionen zu schwächen und
gefällt sich darin gewisse philosophische Regeln anzuwenden von denen zwar
dicke Bücher gefüllt die aber recht unsicher und unbestimmt sind und welchen
man durch Distinktionen beliebig ausweicht Das ist nicht das Mittel die
Streitigkeiten zu schlichten sondern sie endlos zu machen und den Gegner
schließlich zu ermüden Es ist das so als wenn man ihn an einen dunklen Ort
führte wo man blindlings darauf losschlägt und niemand über die Streiche
urteilen kann Das ist eine wundervolle Erfindung für die Respondenten welche
sich verbindlich gemacht haben gewisse Thesen zu verteidigen Es ist ein Schild
des Vulkan der sie unverwundbar macht es ist ein Helm des Orkus oder Pluto
der sie unsichtbar macht Sie müssen sehr ungeschickt oder sehr unglücklich
sein wenn man sie trotzdem beim Irrtum ertappen kann Allerdings gibt es Regeln
mit Ausnahmen besonders bei Streitigkeiten wo viele Umstände mit in Betracht
kommen wie in der Jurisprudenz Um aber deren Gebrauch sicher zu machen müssen
diese Ausnahmen ihrer Zahl und ihrem Sinne nach soviel als möglich bestimmt
sein und dann kann es kommen dass die Ausnahme wieder selbst ihre
Unterausnahmen dh ihre Repliken hat und die Replik Dupliken usw aber beim
Rechnungsschlusse müssen alle diese Ausnahmen und Unterausnahmen wohl bestimmt
und mit der Regel verbunden das Ganze herstellen Davon liefert die
Jurisprudenz sehr bemerkenswerte Beispiele Allein wenn diese mit Ausnahmen und
Unterausnahmen beladenen Arten von Regeln bei den akademischen Disputationen in
Anwendung gebracht werden sollten so müsste man immer die Feder in der Hand
disputieren indem man gleichsam ein Protokoll darüber hielte was von der einen
und der anderen Seite gesagt wird Und dies wurde auch sonst nötig sein wenn
man immer durch mehrere von Zeit zu Zeit mit Distinktionen vermischte
Syllogismen hindurch förmlich disputieren wollte wobei das beste Gedächtnis von
der Welt in Verwirrung geraten müsste Aber man hütet sich diese Mühe sich zu
geben in Syllogismen formell vorwärts angehen und sie zu registrieren um die
Wahrheit zu entdecken wenn sie ohne Belohnung ist und man sogar selbst wenn
man wollte nicht zum Zweck gelangen würde es sei denn dass die Distinktionen
ausgeschlossen oder besser geregelt wären
Philalethes Dennoch ist es wahr wie unser Verfasser bemerkt dass die
Schulmethode auch in die Unterredungen außerhalb der Schulen eingeführt worden
ist um auch den Nörglern den Mund zu stopfen und da eine schlimme Wirkung
gehabt hat Denn sobald man die vermittelnden Vorstellungen hat kann man deren
Verknüpfung ohne Hilfe der Maximen und ehe sie vorgebracht worden sind
erkennen was für aufrichtige und verträgliche Leute genügen würde Aber da die
Methode der Schulen die Leute berechtigt und ermuntert hat sich evidenten
Wahrheiten zu widersetzen und zu widerstehen darf man sich nicht wundern dass
sie in der gewöhnlichen Unterhaltung sich nicht schämen zu tun was ein
Gegenstand des Ruhmes ist und in den Schulen als Vorzug gilt Der Verfasser fügt
hinzu dass vernünftige Leute welche sonst in der Welt bekannt und durch die
Erziehung nicht verdorben worden sind große Mühe haben werden zu glauben dass
eine solche Methode jemals von Personen befolgt worden sei die die Wahrheit zu
lieben behaupten und ihr Leben im Studium der Religion oder der Natur
hinbringen Ich will hier nicht untersuchen sagt er wie diese Unterrichtsweise
geeignet ist den Geist der Jugend von der Liebe und aufrichtigen Verfolgung der
Wahrheit abzuwenden oder sie vielmehr zweifelhaft zu machen ob es wirklich
Wahrheit in der Welt gibt oder wenigstens eine solche die umfasst in werden
verdient Aber was ich stark glaube fügt er hinzu ist dass die Orte
ausgenommen welche die peripatetische Philosophie in ihren Schulen zugelassen
haben wo sie viele Jahrhunderte lang geherrscht hat ohne die Welt etwas
anderes als die Disputierkunst zu lehren man diese Maximen nirgends als die
Grundpfeiler der Wissenschaften und als bedeutende Hilfen zur Förderung in der
Erkenntnis der Dinge betrachtet hat
Theophilus Euer gelehrter Autor behauptet dass die Schulen allein geneigt
sind Maximen zu bilden und doch ist das der allgemeine und sehr vernünftige
Instinkt des menschlichen Geschlechts Das können Sie aus den Sprichwörtern
schließen welche bei allen Nationen in Gebrauch sind und die in der Regel nur
die Maximen sind über welche die öffentliche Meinung übereingekommen ist Wenn
indessen urteilsfähige Leute etwas aussprechen was uns wahrheitswidrig
erscheint so muss man ihnen die Gerechtigkeit widerfahren lassen zu vermuten
dass mehr in ihren Ausdrücken als in ihren Ansichten Irrtum steckt was sich bei
unserem Autor hier bestätigt dessen ihn gegen die Maximen stimmendes Motiv ich
zu verstehen beginne Dies ist dass es in den gewöhnlichen Unterredungen wo es
sich nicht bloß wie in den Schulen darum handelt sich zu üben als eine
Schikane erscheint überzeugt sein zu wollen um sich zu ergeben Sonst aber ist
es bei weitem gefälliger die sich von selbst verstehenden Obersätze zu
unterdrücken und sich mit Enthymemen zu begnügen und selbst ohne Prämissen zu
bilden genügt es oft den einfachen Medius terminus oder die Mittelvorstellung
vorzubringen wobei dann der Geist den Zusammenhang auch ohne dass man ihn
ausdrückt hinlänglich fasst Das geht gut wenn dieser Zusammenhang
unbestreitbar ist aber Sie werden mir auch zugeben dass man häufig zu schnell
dazu fortgeht ihn vorauszusetzen und daraus Paralogismen entstehen
dergestalt dass man beim Ausdruck besser tut sich der Sicherheit zu
befleißigen als ihr die Kürze und Eleganz vorzuziehen Indessen hat die
Voreingenommenheit unseres Verfassers gegen die Maximen ihn vermocht deren
Nutzen für die Begründung der Wahrheit gänzlich zu verwerfen er geht so weit
sie zu Mitschuldigen der Unordnungen in der Unterredung zu machen Allerdings
haben die jungen Leute welche sich an die akademischen Übungen gewöhnt haben
wo man sich ein wenig zu viel mit der bloßen Übung beschäftigt und nicht genug
damit aus der Übung die größtmögliche Frucht zu gewinnen Mühe sich im
praktischen Leben dessen zu entschlagen Und eine ihrer Schikanen besteht darin
sich der Wahrheit nicht eher ergeben zu wollen als bis man sie ihnen ganz und
gar greifbar gemacht hat obwohl die Aufrichtigkeit und selbst der Anstand sie
verpflichten sollte nicht auf dies äußerste zu warten was sie unbequem
erscheinen lässt und eine Üble Meinung von ihnen gibt Man muss freilich
zugestehen dass dies ein Fehler ist mit dem die Gelehrten sich häufig behaftet
finden Indessen besteht der Fehler nicht darin dass man die Wahrheiten auf
Maximen zurückfahren sondern dass man dies zu unrechter Zeit und ohne Not tun
will Denn der menschliche Geist übersieht viel auf einmal und man hemmt ihn
wenn man ihn zwingen will bei jedem Schritt den er tut anzuhalten und alles
was er denkt auszudrücken Das ist gerade so als wenn man bei seiner
Berechnung mit einem Kaufmann oder mit einem Wirte ihn nötigen wollte um
sicherer zu gehen alles an den Fingern herzuzählen Das zu fordern müsste man
entweder dumm oder eigensinnig sein In der Tat findet man mitunter dass Petron
recht gehabt hat zu sagen »dass die Jünglinge in den Schulen ganz dumm würden«
und bisweilen an den Orten den Verstand einbüßten welche die Schulen der
Weisheit sein sollten Corruptio optimi pessima Je besser etwas ist desto
schlimmer sein Verderbnis Aber noch öfter werden sie eitel händelsüchtig und
unverschämt störrig unbequem und das hängt oft von der Laune ihrer Lehrer ab
Übrigens finde ich dass es bei der Unterredung viel größere Fehler gibt als
den zu viel Klarheit zu verlangen Denn gewöhnlich fällt man in den
entgegengesetzten Fehler und gibt oder fordert nicht Klarheit genug Ist das
eine unbequem so ist das andere schädlich und gefährlich
12 Philalethes Das ist mitunter auch die Anwendung der Maximen wenn man
sie mit falschen schwankenden und unsicheren Begriffen verbindet denn dann
dienen die Maximen dazu uns in unseren Irrtümern zu stärken und sogar
Widersprechendes zu beweisen Wer zB mit Descartes sich eine Vorstellung von
dem was man Körper nennt als einem nur ausgedehnten Dinge bildet kann mittels
der Maxime was ist ist leicht zeigen dass es keinen leeren Raum dh Raum
ohne Körper gibt Denn er erkennt seine eigene Vorstellung er erkennt dass sie
das ist was sie ist und keine andere Vorstellung da nun Ausdehnung Körper
und Raum bei ihm drei Worte sind welche dasselbe bedeuten so ist es für ihn
ebenso wahr zu sagen dass der Raum Körper ist als zu sagen dass der Körper
Körper ist 13 Ein anderer aber dem Körper ein ausgedehntes solides Ding
bedeutet wird ebenso schließen dass der Satz der Raum ist nicht Körper gerade
so sicher ist wie irgend ein anderer Satz den man durch die Maxime Unmöglich
kann etwas zugleich sein und nicht sein beweisen kann
Theophilus Der schlechte Gebrauch der Maximen darf nicht ihren Gebrauch
überhaupt tadelnswert machen diesem Übelstande sind alle Wahrheiten
unterworfen dass man durch Verbindung derselben mit Falschem Falsches und selbst
Widersprüche daraus schließen kann In unserem Beispiele hat man auch nicht jene
identischen Axiome nötig denen man den Grund des Irrtums und des Widerspruchs
zuschreibt Das würde sich zeigen wenn das Argument derer welche aus ihren
Definitionen schließen dass der Raum Körper ist oder dass der Raum nicht Körper
ist förmlich aufgestellt würde Es liegt sogar etwas zu viel in diesem Schluss
der Körper ist ausgedehnt und solide folglich ist die Ausdehnung dh das
Ausgedehnte kein Körper und ist die Ausdehnung kein körperliches Ding denn ich
habe schon bemerkt dass es überflüssige Ausdrücke der Vorstellungen gibt oder
solche die die Sachen selbst nicht vermehren wie wenn zB jemand sagte unter
einem Triquatrum verstehe ich ein dreiseitiges Dreieck und daraus schlösse dass
nicht jede dreiseitige Figur ein Dreieck sei So könnte auch ein Kartesianer
sagen dass die Vorstellung des soliden Ausgedehnten von derselben Art ist sie
enthalte nämlich etwas Überflüssiges wie in der Tat wenn man die Ausdehnung
für etwas Substantielles nimmt jedwede Ausdehnung solide sein oder auch jede
Ausdehnung körperlich sein muss Was den leeren Raum betrifft so wird ein
Kartesianer freilich das Recht haben aus seiner Vorstellung oder
Vorstellungsweise zu schließen dass es keinen solchen gebe vorausgesetzt dass
seine Idee richtig ist aller ein anderer wird nicht gleich recht haben aus der
seinigen zu schließen dass es einen solchen gibt wie ich in der Tat obschon
ich nicht für die kartesische Ansicht bin doch glaube dass es keinen leeren
Raum gibt und finde man mache in diesem Beispiel einen schlimmeren Gebrauch
von den Vorstellungen als von den Maximen
15 Philalethes Wenigstens scheint es dass wie man auch bei den in
Worten gefassten Urteilen die Maximen gebrauchen mag sie uns doch von den außer
uns befindlichen Substanzen nicht die geringste Erkenntnis geben können
Theophilus Ich bin ganz anderer Meinung Jene Maxime zB dass die Natur
immer die kürzesten oder wenigstens die bestimmtesten Wege einschlage genügt
allein um von fast der ganzen Optik Katoptrik und Dioptrik dh von dem was
sich außer uns bei den Lichtwirkungen zuträgt Rechenschaft zu geben Ich habe
dies früher einmal gezeigt und Molineux hat es in seiner Dioptrik welche ein
sehr gutes Buch ist durchaus gebilligt
Philalethes Gleichwohl wird behauptet dass wenn man sich der identischen
Prinzipien bedient um Sätze zu beweisen welche Worte von der Bedeutung
zusammengesetzter Vorstellungen wie Mensch oder Tugend enthalten deren Gebrauch
äußerst gefährlich ist und die Menschen veranlasst das Falsche wie eine
offenbare Wahrheit zu betrachten und anzunehmen Und zwar weil die Menschen
glauben dass wenn man dieselben Ausdrücke beibehält die Sätze sich auf die
nämlichen Dinge beziehen wenn auch die von diesen Ausdrücken bezeichneten
Vorstellungen verschieden sein mögen so dass dann den Menschen welche wie
gewöhnlich geschieht die Worte für die Dinge nehmen die Maximen in der Regel
dazu dienen widersprechende Sätze zu beweisen
Theophilus Welche Ungerechtigkeit die armen Maximen dafür in tadeln was
dem schlechten Gebrauch der Ausdrücke und deren Doppelsinnigkeiten zugeschrieben
werden muss Man kann die Syllogismen aus demselben Grunde tadeln weil man bei
doppelsinnigen Ausdrücken falsch schließt Aber der Syllogismus ist daran
unschuldig weil man alsdann in der Tat vier Termini gegen die Gesetze der
Syllogismen vor sich hat Aus demselben Grunde könnte man auch die Rechnung der
Arithmetiker oder der Algebristen tadeln weil man wenn man aus Versehen X für
V setzt oder a für b nimmt falsche und widersprechende Schlussfolgerungen daraus
zieht
19 Philalethes Wenigstens möchte ich die Maximen dann für wenig nützlich
halten wenn man klare und deutliche Vorstellungen hat und andere wollen sogar
dass sie dann von durchaus keinem Nutzen sind sie behaupten dass wer in diesen
Fällen das Wahre und Falsche ohne diese Art von Maximen nicht unterscheiden
kann es auch durch ihre Vermittlung nicht werde tun können und unser Verfasser
16 und 17 zeigt sogar dass sie nicht zu entscheiden dienen ob dieses oder
jenes Wesen Mensch ist oder nicht
Theophilus Wenn die Wahrheiten sehr einfach und evident und den identischen
Sätzen und Definitionen ganz nahe verwandt sind so hat man nicht nötig
ausdrücklich Maximen anzuwenden um diese Wahrheiten herauszuziehen denn der
Geist wendet sie unbewusst an und zieht ohne Zwischengedanken sofort seine
Schlussfolgerung Aber ohne die schon erkannten Grund und Lehrsätze würden die
Mathematiker große Mühe haben vorwärts in kommen denn bei den langen
Schlussketten ist es gut von Zeit zu Zeit anzuhalten und sich gleichsam
Meilensteine mitten am Wege zu machen die auch anderen dazu dienen sollen ihn
zu bezeichnen Sonst würden diese langen Wege zu unbequem werden und selbst
verwirrt und dunkel erscheinen ohne dass man etwas darin unterscheiden und die
Stelle wo man ist hervorheben kann Es würde dann sein wie wenn man in einer
dunkeln Nacht ohne Kompass aufs Meer ginge ohne Grund Ufer oder Sterne zu
sehen wie wenn man auf weiter Steppe wanderte wo es nicht Bäume nicht Hügel
nicht Bäche gibt es wäre auch wie eine zum Längemaß bestimmte Kette mit Ringen
die aus einigen hundert unter sich ganz gleichen Ringen besteht ohne irgend
eine Unterbrechung wie bei einem Rosenkränze oder durch größere Körner oder
größere Ringe oder andere Abteilungen welche die Füße die Ruten usw
bezeichnen könnten Der Geist welcher die Einheit in der Vielheit liebt fügt
also einige der Folgerungen zusammen um daraus vermittelnde Schlüsse zu bilden
dies ist der Nützen der Maximen und Lehrsätze Mittels dessen gibt es dabei mehr
Lust mehr Licht mehr Erinnerung mehr Aufmerksamkeit und weniger Wiederholung
Wenn irgend ein Analytiker bei der Rechnung die beiden geometrischen Maximen
dass das Quadrat der Hypotenuse dem der beiden Katheten gleich und dass die
gleichnamigen Seiten ähnlicher Dreiecke proportional sind nicht voraussetzen
wollte im Glauben dass weil man den Beweis dieser beiden Lehrsätze durch die
Verknüpfung der in ihnen enthaltenen Vorstellungen gewinnt er sich derselben
leicht entschlagen könnte indem er an ihre Stelle die Vorstellungen selbst
setzte so würde er schwerlich zu einem Abschluss gelangen Damit Sie aber nicht
denken dass der nützliche Gebrauch dieser Maximen sich auf die Grenzen der
bloßen mathematischen Wissenschaften beschränkt so können Sie finden dass er in
der Rechtswissenschaft kein geringeres und eins der vorzüglichsten Mittel ist
dieselbe leichter zu machen und deren weiten Ozean wie auf einer geographischen
Karte zu überschauen dh eine Menge besonderer Entscheidungen auf allgemeinere
Prinzipien zurückzubringen Man wird zB finden dass eine Menge Gesetze der
Digesten Klagen oder Exzeptionen von denen welche man in factum nennt von
der Maxime abhangen ne quis alterius damno fiat locupletior dh niemand darf
von dem Schaden der einem anderen daraus entstehen kann Vorteil ziehen was
man freilich ein wenig genauer ausdrücken müsste Allerdings muss man unter den
Rechtsregeln einen großen Unterschied machen Ich spreche von denen die gut
sind und nicht von gewissen durch die Rechtslehrer eingeführten
unverständlichen brocardica die unbestimmt und dunkel sind obschon auch
diese Regeln oft gut und nützlich werden könnten wenn man sie verbesserte
statt dass sie mit ihren endlosen Distinktionen cum suis fallaciis nur dazu
dienen zu verwirren Die brauchbaren Kegeln sind also entweder Aphorismen oder
Maximen und unter Maximen begreife ich sowohl Grund als Lehrsätze Sind es
Aphorismen welche durch Induktion und Beobachtung nicht aber durch Räsonnement
a priori entstehen und welche tüchtige Gelehrte nach einer Übersicht des
bestehenden Rechtes geschaffen haben so hat der Satz des Rechtsgelehrten Paulus
in dem Titel der Digesten welcher von den Rechtsregeln handelt statt non ex
regula jus sumi sed ex jure quod est regulam fieri dh man ziehe die Regeln
aus einem schon gekannten Rechte um sich dessen besser zu erinnern aber man
gründe nicht das Recht auf diese Regeln Es gibt aber Fundamentalmaximen die
das Recht selbst bilden und die Klagen Exzeptionen und Repliken und so weiter
ausmachen welche wenn sie durch die reine Vernunft gelehrt werden und nicht
von der Willkürmacht des Staats stammen das Naturrecht bilden und eine solche
ist die eben erwähnte Regel welche den Vorteil auf anderer Leute Kosten
verbietet Auch gibt es Regeln wobei Ausnahmen selten sind und die folglich
für allgemeingültig gehalten werden Solche ist die Regel der Institutionen des
Kaisers Justinian im 2 des Titels von den Klagen wonach wenn es sich um
körperliche Dinge handelt der Kläger nicht im Besitze ist einen einzigen Fall
ausgenommen von dem der Kaiser sagt dass er in den Digesten angemerkt sei Aber
man ist noch dahinter diesen zu suchen Allerdings wollen einige statt sane uno
casu lesen sane non uno und aus einem Fall kann man zuweilen deren mehrere
machen
Bei den Medizinern behauptet der verstorbene Barner welcher uns durch
Herausgabe seines Prodromus Hoffnung auf einen neuen Sennert oder ein den neuen
Entdeckungen oder Meinungen angepasstes System der Medizin gemacht hatte dass die
von den Ärzten in ihren Systemen der Praxis gewöhnlich beobachtete Methode darin
bestehe die Heilkunst auseinanderzusetzen indem man von einer Krankheit nach
der anderen handelt gemäß der Ordnung der Teile des menschlichen Körpers oder
sonst wie ohne allgemeine Vorschriften der Praxis gegeben zu haben die
mehreren Krankheiten und Symptomen gemeinsam sind und dass sie dies zu unendlich
vielen Wiederholungen nötige dergestalt dass ihm zufolge man drei Viertel des
Sennert aufgeben und die Wissenschaft durch allgemeine Sätze und vor allen
Dingen durch solche unendlich abkürzen könne denen das katholou prôton des
Aristoteles das Allgemeine im ersten eigentlichen Sinne des Wortes zukomme
dh die reziprok sind oder sich dem annähern Ich glaube er hat recht zu
dieser Methode zu raten vor allem hinsichtlich der Vorschriften wo die Medizin
sich auf Vernunftschlüsse stützt Aber in dem Maße als sie empirisch ist ist
es weder leicht noch sicher allgemeine Sätze zu bilden Auch kommen ferner in
den besonderen Krankheiten gewöhnlich Komplikationen vor die gleichsam eine
Nachahmung der Substanzen ausmachen dergestalt dass eine Krankheit wie eine
Pflanze oder ein Tier erscheint welches eine besondere Geschichte für sich
verlangt dh es sind Modi oder Arten des Seins denen das zukommt was wir von
den Körpern oder Substanzen gesagt haben So ist ein viertägiges Fieber zu
ergründen ebenso schwer wie das Gold oder Quecksilber Daher ist es unbeschadet
der allgemeinen Vorschriften nützlich für die verschiedenen Arten der
Krankheiten Kurmethoden und Heilmittel die mehreren Symptomen sind
Komplikationen von Ursachen genügen aufzusuchen und vor allem die zu sammeln
welche die Erfahrung bewährt hat Dies hat Sennert gar nicht recht getan denn
tüchtige Sachkenner haben die Bemerkung gemacht dass die Zusammensetzungen der
von ihm vorgeschlagenen Rezepte oft mehr aus dem Kopfe nach Abschätzung gebildet
als durch die Erfahrung bewährt sind wie es sein müsste wenn man seiner Sache
sicherer sein wollte Ich glaube also dass das Beste sein wird beide Wege zu
verbinden und sich in einem so schwierigen und wichtigen Gegenstande wie die
Medizin ist nicht über Wiederholungen zu beklagen wo wie ich finde uns
gerade das fehlt was wir meiner Meinung nach in der Jurisprudenz zu viel haben
nämlich Bücher mit besonderen Fällen und Repertorien dessen was schon
beobachtet worden ist Denn ich glaube dass der tausendste Teil der Bücher der
Rechtsgelehrten uns genügen könnte dass wir aber in Sachen der Medizin nichts zu
viel hätten wenn wir tausendmal mehr ausführlich dargestellte Beobachtungen
hätten weil sich die Rechtsgelehrsamkeit ganz und gar auf Vernunftgründe
hinsichtlich dessen stützt was nicht ausdrücklich durch die Gesetze oder das
Gewohnheitsrecht bestimmt worden ist Denn man kann es immer entweder aus dem
Gesetz oder wenn dies versagt aus dem Naturrecht mittels der Vernunft
gewinnen Auch sind die Gesetze jedes Landes fest und bestimmt oder können es
werden während in der Medizin die Erfahrungsprinzipien dh die Beobachtungen
nicht zu sehr vervielfältigt werden können um der Vernunft mehr Veranlassung zu
bieten das was die Natur uns nur halb zu erkennen gibt zu entziffern
Übrigens wüsste ich niemand der die Grundsätze in der Art anwendet wie der
gelehrte Autor von dem Sie reden es geschehen lässt 16 17 wie zB als ob
jemand um einem Kinde zu zeigen dass ein Neger ein Mensch ist sich des
Grundsatzes Was ist ist bedienen würde indem er sagte Ein Neger hat eine
vernünftige Seele nun ist die vernünftige Seele und der Mensch ein und
dasselbe und wenn folglich er der eine vernünftige Seele hat nicht ein Mensch
wäre so würde es falsch sein dass das was ist ist oder es würde dann auch
das Nämliche zu gleicher Zeit sein und nicht sein Denn ohne diese Maximen zu
brauchen die hier nicht herpassen und nicht direkt zum Schlussverfahren gehören
wie sie denn auch dabei nichts fördern wird sich jedermann so zu schließen
begnügen Ein Neger hat eine vernünftige Seele jeder der eine vernünftige
Seele hat ist ein Mensch folglich ist der Neger ein Mensch Und wenn jemand in
der vorgefassten Meinung dass es keine vernünftige Seele gibt wenn sie uns nicht
erscheint schließen wollte dass die eben erst geborenen Kinder und die
Blödsinnigen nicht zum Menschengeschlecht gehören wie in der Tat der Verfasser
berichtet mit ganz verständigen Personen die es leugneten darüber verhandelt
zu haben so glaube ich nicht dass der schlechte Gebrauch der Maxime
Unmöglich kann etwas zu derselben Zeit sein und nicht sein sie zu dieser
Annahme verleiten würde oder dass sie auch nur bei diesem Schlusse daran
dächten Die Quelle ihres Irrtums würde eine Ausdehnung des Prinzips unseres
Autors sein welcher leugnet dass es in der Seele etwas gibt dessen sie sich
nicht bewusst ist während jene so weit gehen würden die Seele selbst
abzuleugnen weil andere dieselbe nicht wahrnehmen
Philalethes Ich will gern glauben dass vernünftige Leute sich hüten werden
die identischen Grundsätze in der eben besprochenen Art und Weise anzuwenden
2 Es scheint auch dass jene rein identischen Maximen nur inhaltsleere oder
nugatorische alberne Sätze sind wie sogar die Schulen sie nennen Und ich
würde mich nicht mit der Erklärung begnügen dass dies ein bloßer Schein ist
wenn Ihr überraschendes Beispiel von dem durch Vermittlung der identischen Sätze
vollzogenen Beweise der Urteilsumkehrung mich nicht seitdem zur Behutsamkeit
anhielte sobald es sich darum handelt etwas gering zu schätzen Indessen will
ich Ihnen vortragen was man geltend macht um sie für gänzlich inhaltsleer zu
erklären Dies 3 geschieht weil man auf den ersten Blick erkennt dass sie
keine Belehrung enthalten es sei denn um mitunter jemand die Ungereimtheit in
welche er sich verwickelt hat klar zu machen
Theophilus Rechnen Sie das für nichts und erkennen Sie nicht an dass einen
Satz ins Ungereimte ad absurdum zu führen soviel ist als sein
kontradiktorisches Gegenteil beweisen Freilich glaube ich dass man jemand
dadurch nicht unterrichtet dass man ihm sagt er dürfe nicht das nämliche zu
gleicher Zeit leugnen und bejahen aber man unterrichtet ihn wenn man ihm durch
die Folgerungen nachweist dass er ohne daran zu denken so verfährt Es ist
meines Erachtens schwierig sich dieser apagogischen Beweise dh derer welche
aufs Ungereimte ad absurdum führen in jedem Falle zu entschlagen wie alles
durch ostensive oder direkte Beweise wie man sie nennt darzutun und die
Mathematiker welche daran viel Interesse haben erfahren es hinlänglich
Proklus bemerkt es von Zeit zu Zeit wenn er sieht dass gewisse alte Geometer
die nach Euklid gekommen sind einen vermeintlich direkteren Beweis als den
seinigen gefunden haben Das Stillschweigen dieses alten Kommentators zeigt
jedoch hinlänglich dass man es nicht immer gekonnt hat
3 Philalethes Wenigstens werden Sie mir zugeben dass man eine Million
Sätze mit wenig Mühe aber auch sehr wenig Nutzen bilden kann denn ist es nicht
zB leere Mühe zu bemerken dass die Auster Auster ist und dass dies zu leugnen
falsch ist oder zu sagen dass die Auster keine Auster ist Witzig sagt unser
Verfasser darüber dass jemand der aus dieser Auster bald das Subjekt bald das
Prädikat machen wollte gerade wie ein Affe sein würde der sich damit
unterhielte eine Auster aus einer Hand in die andere zu werfen was seinen
Hunger gerade so stillen könnte als diese Sätze dem Verstande des Menschen
genug zu tun imstande sind
3 Theophilus Ich halte dafür dass unser ebenso geist als urteilsvoller
Verfasser alle möglichen Ursachen hat gegen diejenigen sich auszusprechen
welche einen solchen Gebrauch davon machen würden Aber Sie erkennen wohl wie
man die identischen Sätze anwenden muss um sie nützlich zu machen indem man
nämlich auf Grund von Folgerungen und Definitionen zeigt dass andere Wahrheiten
welche man aufstellen will sich darauf zurückführen lassen
4 Philalethes Ich erkenne das an und sehe wohl dass man es mit noch mehr
Grund auf diejenigen Sätze anwenden kann die inhaltsleer zu sein scheinen und
es in vielen Fällen auch sind wo nämlich ein Teil der zusammengesetzten
Vorstellung von dem Gegenstand dieser Vorstellung bejaht wird wie wenn man
sagt das Blei ist ein Metall und dies zu einem Menschen sagt der die
Bedeutung dieser Ausdrücke kennt und weiß dass das Blei einen sehr schweren
schmelzbaren und dehnbaren Körper bezeichnet wobei der Nutzen eben nur darin
besteht dass man ihm indem man Metall sagt auf einmal mehrere einfache
Vorstellungen bezeichnet statt sie ihm eine nach der anderen aufzuzählen 6
Dasselbe findet statt wenn ein Teil der Definition von dem definierten Ausdruck
bejaht wird wie wenn man sagt Alles Gold ist schmelzbar vorausgesetzt dass
man das Gold definiert hat dass es nämlich ein gelber schmelz und dehnbarer
Körper ist Ebenso dient die Erklärung dass das Dreieck drei Seiten hat dass der
Mensch ein lebendes Wesen ist dass ein Zelter ein altes Wort ein Tier ist das
wiehert dazu die Worte zu definieren nicht aber außer der Definition etwas zu
lehren Aber wir lernen etwas wenn man uns sagt dass der Mensch einen Begriff
von Gott hat und dass das Opium ihn in Schlaf versetzt
Theophilus Außer dem was ich von denjenigen identischen Sätzen gesagt
habe die dies ganz und gar sind wird man finden dass die halb identischen noch
einen besonderen Nutzen haben Zum Beispiel Ein weiser Mensch ist immer ein
Mensch gibt zu erkennen dass er nicht unfehlbar dass er sterblich ist usw
Jemand hat in einer Gefahr eine Pistolenkugel nötig ihm fehlt Blei um solche
in die Form die er hat zu gießen da sagt ihm ein Freund Erinnere dich dass
das Silber das du in deiner Börse hast schmelzbar ist Dieser Freund lehrt ihn
nicht eine Eigenschaft des Silbers kennen aber veranlasst ihn an einen Gebrauch
zu denken den er davon machen kann um bei diesem dringenden Bedürfnis
Pistolenkugeln zu haben Ein großer Teil der moralischen Wahrheiten und der
schönsten Sentenzen der Schriftsteller ist von dieser Art Sie lehren uns sehr
oft nichts Neues aber veranlassen uns an das was wir wissen zur rechten Zeit
zu denken Jener sechsfüßige Jambus der römischen Tragödie
Cuivis potest accidere quod cuiquam potest
Geschehen kann jedem was dem einen kann geschehen
den man wenngleich weniger hübsch so ausdrücken könnte
Was einem mal geschehen kann
Das kann geschehen jedermann
bewirkt nur uns an die menschliche Lage überhaupt zu erinnern
Quod nihil humani a nobis alienum putare debemus
Dass wir nichts Menschliches von uns fern annehmen dürfen
Jene Regel der Rechtslehrer qui jure suo utitur nemini facit injuriam der
welcher sein Recht gebraucht tut dadurch niemand unrecht scheint inhaltsleer
sie hat indessen bei gewissen Gelegenheiten einen sehr wichtigen Nutzen und lässt
uns gerade an das denken woran wir denken sollen Wenn zB jemand sein Haus
soweit erhöhte als es durch statutarisches und Gewohnheitsrecht erlaubt ist
und seinem Nachbar auf diese Weise eine Aussicht nähme so würde man diesen
Nachbar gleich mit eben dieser Rechtsregel abweisen wenn er sich zu beklagen
Lust hätte Übrigens bringen uns die faktischen Sätze oder Erfahrungen wie der
dass das Opium schlaferregend ist weiter als die reinen Vernunftwahrheiten die
uns niemals einen Schritt über das Gebiet unserer deutlichen Vorstellungen
hinaus machen lassen Was jenen Satz anbetrifft dass jeder Mensch einen Begriff
von Gott hat so ist das ein Vernunftsatz wenn unter Begriff Vorstellung zu
verstehen ist Denn nach meiner Ansicht ist die Vorstellung von Gott allen
Menschen angeboren aber wenn dieser Begriff eine Vorstellung an die man
tatsächlich denkt bedeutet so ist es ein faktischer Satz welcher von der
Geschichte des Menschengeschlechts abhängt 7 Wenn man endlich sagt dass ein
Dreieck drei Seiten hat so ist das nicht so identisch als es scheint denn man
hat ein wenig Überlegung dazu nötig einzusehen dass eine mehrseitige Figur
ebensoviel Winkel als Seiten hat Es würde also eine Seite mehr darin vorkommen
wenn die mehrseitige Figur nicht als geschlossen vorausgesetzt würde
9 Philalethes Die allgemeinen über die Substanzen gebildeten Sätze
scheinen größtenteils nichtig zu sein wenn sie sicher sind Wer die Bedeutungen
der Worte Substanz Mensch Tier Form vegetative empfindende
vernunftbegabte Seele kennt wird daraus mehrfache zweifellose aber unnütze
Sätze besonders über die Seele bilden von der man oft spricht ohne zu
wissen was sie eigentlich ist Jeder kann eine zahllose Menge von Sätzen
Vernunftbetrachtungen und Schlüssen dieser Art in den Büchern über Metaphysik
scholastische Theologie und eine gewisse Art Physik ersehen deren Lektüre ihn
über Gott Geister und Körper nichts mehr lehren wird als das was er schon
wusste ehe er jene Bücher durchlaufen hatte
Theophilus Allerdings lehren die Kompendien über Metaphysik und andere
solche Bücher dieser Art wie man sie gewöhnlich sieht nur Worte ZB zu
sagen dass die Metaphysik die Wissenschaft des Seins im allgemeinen ist welche
die Prinzipien dieses Seins und die daraus fließenden Affektionen erklärt dass
die Prinzipien des Seins das Wesen und Dasein sind und dass die Affektionen
entweder ursprüngliche sind nämlich das Eine Wahre und Gute oder abgeleitete
nämlich das Selbige und Verschiedene das Einfache und Zusammengesetzte usw
und bei der Anführung jedes dieser Ausdrücke nur unbestimmte Begriffe und
Wortunterscheidungen geben das heißt mit dem Namen der Wissenschaft nur
Missbrauch treiben Indessen muss man den tieferen Scholastikern wie Suarez von
dem Grotius so viel hielt die Gerechtigkeit widerfahren lassen anzuerkennen
dass bei ihnen mitunter bedeutende Untersuchungen vorkommen zB über das
Kontinuum das Unendliche die Zufälligkeit die Realität der Abstrakta über
das Prinzip der Individuation über den Ursprung und das Leere der Formen über
die Seele und deren Vermögen über die Einwirkung Gottes auf die Kreaturen usw
und selbst in der Moral über die Natur des Willens und die Prinzipien der
Gerechtigkeit mit einem Worte man muss gestehen dass es doch noch Gold in
diesen Schlacken gibt aber nur Leute von Einsicht können Nutzen daraus ziehen
und die Jugend mit einem Haufen unnützer Dinge zu belasten weil hie und da
etwas Gutes darin steckt hieße das kostbarste aller Dinge die Zeit schlecht
zu Rate halten
Übrigens gebricht es uns nicht ganz und gar an allgemeinen Sätzen über die
Substanzen welche gewiss sind und gewusst zu werden verdienen Es gibt große
vortreffliche Wahrheiten über Gott und die Seele welche unser gelehrter
Verfasser entweder auf eigene Hand oder zum Teil nach anderen gelehrt hat Wir
haben dem vielleicht auch etwas hinzugefügt Und was die allgemeinen
Erkenntnisse hinsichtlich der Körper anbetrifft so hat man recht bedeutende
denjenigen hinzugefügt die Aristoteles hinterlassen hatte so dass man sagen
kann die Physik selbst die allgemeine sei zu größerer Vollendung gekommen
als sie ehemals war Und was die echte Metaphysik betrifft so fangen wir eben
an sie herzustellen und finden bedeutende in der Vernunft gegründete und durch
die Erfahrung bestätigte Wahrheiten welche sich auf die Substanzen im
allgemeinen beziehen Ich hoffe auch die allgemeine Erkenntnis der Seele und
der Geister ein wenig vorwärts gebracht zu haben Eine solche Metaphysik ist
das was Aristoteles forderte die Wissenschaft welche bei ihm Zêtoumenê die
ersehnte oder welche er suchte heißt welche hinsichts der anderen
theoretischen Wissenschaften das sein muss was die Wissenschaft der
Glückseligkeit für die zu ihrer Herstellung erforderlichen praktischen
Disziplinen und was der Baumeister für die Arbeiter ist Darum sagte
Aristoteles dass die übrigen Wissenschaften von der Metaphysik als der
allgemeinsten abhangen und von ihr ihre durch sie bewiesenen Prinzipien
entlehnen müssten Auch muss man wissen dass die wahre Moral sich zur Metaphysik
verhält wie die Praxis zur Theorie weil von der Lehre der Substanzen die
Erkenntnis der Geister und besonders Gottes und der Seele gemeinsam abhängt
welche Erkenntnis der Gerechtigkeit und Tugend den ihnen zukommenden Umfang
gibt Denn wie ich anderswo bemerkt habe würde der Weise wenn es weder
Vorsehung noch zukünftiges Leben gäbe in der Ausübung der Tugend beschränkter
sein denn er würde alles nur auf seine gegenwärtige Zufriedenheit beziehen und
selbst diese Zufriedenheit die schon bei Sokrates beim Kaiser Mark Antonin
bei Epiktet und anderen Alten vorkommt würde ohne jene schönen und großen
Aussichten welche die Ordnung und Harmonie des Weltalls uns bis zu einer
unbegrenzten Zukunft eröffnen nicht immer so wohl begründet sein Sonst wird
die Seelenruhe nur das sein was man erzwungene Geduld nennt so dass man sagen
kann die natürliche Theologie mit ihren zwei Teilen dem theoretischen und dem
praktischen enthalte zugleich die echte Metaphysik und die vollkommenste
Sittenlehre
12 Philalethes Das sind ohne Zweifel Erkenntnisse die weit davon
entfernt sind nichtssagend oder bloß aus Worten bestehend zu sein Es scheint
aber dass diese letzteren diejenigen sind wo zwei Abstrakta das eine vom
anderen bejaht werden zB dass das Sparen Mäßigkeit dass die Dankbarkeit
Gerechtigkeit ist und blendend solche und andere dergleichen Sätze mitunter auf
den ersten Blick erscheinen so finden wir doch wenn wir ihren Sinn genau
erwägen dass dies alles weiter nichts besagt als die Bedeutung der Ausdrücke
Theophilus Indessen drücken die Bedeutungen der Ausdrücke dh die
Definitionen mit den identischen Axiomen verbunden die Prinzipien aller
Beweise aus und da diese Definitionen zugleich die Vorstellungen und deren
Möglichkeit erkennen lassen so ist klar dass das davon Abhängige nicht immer
bloß in Worten besteht Was das angeführte Beispiel betrifft dass die
Dankbarkeit Gerechtigkeit oder vielmehr ein Teil der Gerechtigkeit ist so ist
es nicht zu verachten denn es lässt erkennen dass das was man actio ingrati
oder die Klage nennt welche man gegen Undankbare anstellen kann in den
Gerichtshöfen weniger vernachlässigt werden sollte Die Körner ließen diese
Klage gegen die Liberti oder Freigelassenen zu und auch heutzutage sollte sie
hinsichtlich des Widerrufs von Schenkungen gelten Übrigens habe ich schon an
einer anderen Stelle gesagt dass von den abstrakten Vorstellungen die eine von
der anderen der Geschlechtsbegriff vom Artbegriff noch ausgesagt werden kann
zB wenn man sagt die Dauer ist ein Kontinuum die Tugend ist eine Fertigkeit
die allgemeine Gerechtigkeit aber ist nicht allein eine Tugend sondern ist
sogar die ganze sittliche Tugend
1 Philalethes Bisher haben wir nur die Wesenheiten der Dinge betrachtet
und da unser Geist sie nur durch Abstraktion erkennt indem er sie von jedem
besonderen Dasein ablöst welches ein anderes ist als das in unserem Verstande
vorkommende so geben sie uns durchaus keine Erkenntnis irgend eines wirklichen
Daseins Die allgemeinen Sätze von denen wir eine gewisse Erkenntnis haben
können beziehen sich auch nicht auf das Dasein So oft man übrigens einem
Individuum eines Geschlechts oder einer Art etwas durch einen Satz der nicht
gewiss ist beilegt selbst wenn dasselbe dem Geschlecht oder der Art im
allgemeinen zukommt so bezieht sich der Satz nur auf das Dasein und zeigt nur
eine zufällige Verbindung in diesen besonders daseienden Dingen an wie wenn man
zB sagt dieser oder jener ist gelehrt
Theophilus Sehr richtig in diesem Sinne beziehen die Philosophen indem
sie so oft zwischen dem unterscheiden was zur Wesenheit und was zum Dasein
gehört auf das letztere alles was akzidentell oder zufällig ist Sehr oft weiß
man nicht einmal ob diejenigen allgemeinen Sätze welche wir nur aus Erfahrung
wissen vielleicht nicht auch akzidentell sind weil eben unsere Erfahrung
beschränkt ist wie in den Ländern wo das Wasser nicht friert jener dort etwa
gebildete Satz »Das Wasser ist immer in flüssigem Zustande« nicht das Wesen
ausdrückt wie man erkennt wenn man in kältere Länder kommt Man kann indessen
das Akzidentelle meinem beschränkteren Sinne nehmen so dass es ein Mittleres
zwischen ihm und dem Wesentlichen gibt und zwar ist dieses Mittlere das
Natürliche dh dasjenige was dem Dinge nicht mit Notwendigkeit angehört ihm
indessen aber an sich zukommt wenn kein Hindernis eintritt So könnte jemand
behaupten dass das Flüssigsein in Wahrheit dem Wasser nicht wesentlich sei dass
es ihm aber wenigstens natürlich ist Man könnte es sage ich behaupten aber
es ist gleichwohl nichts Bewiesenes und vielleicht hätten die Einwohner des
Mondes wenn es deren gäbe Grund sich nicht minder berechtigt zu der Erklärung
zu halten dass es dem Wasser natürlich ist gefroren zu sein Indessen gibt es
andere Fälle wo das Natürliche weniger zweifelhaft ist So geht zB ein
Sonnenstrahl immer gerade durch dasselbe Medium wenn er nicht zufällig irgend
einer Oberfläche begegnet die ihn zurückwirft Übrigens pflegt Aristoteles die
Quelle der zufälligen Dinge in die Materie zu verlegen alsdann muss man aber
darunter die zweite Materie verstehen dh den Haufen oder die Masse der
Körper
2 Philalethes Ich habe schon entsprechend dem vortrefflichen englischen
Schriftsteller der die Abhandlung über den Verstand geschrieben hat bemerkt
dass wir unser Dasein durch Intuition das Gottes durch Beweis und das der
übrigen Dinge durch sinnliche Wahrnehmung erkennen 3 Jene Intuition nun
welche uns unser eigenes Dasein erkennen lässt macht auch dass wir es mit
vollständiger Evidenz erkennen welche nicht fähig ist und nicht nötig hat
bewiesen zu werden dergestalt dass selbst wenn ich an allem zu zweifeln mich
unterfange selbst dieser Zweifel mir nicht verstattet an meinem Dasein zu
zweifeln Kurz hierüber haben wir den überhaupt größtmöglichen Grad der
Gewissheit
Theophilus Mit allem dem bin ich vollkommen einverstanden und füge noch
hinzu dass das unmittelbare Bewusstsein unseres Daseins und unseres Denkens uns
die ersten aposteriorischen oder faktischen Wahrheiten dh die ersten
Erfahrungen liefert wie die identischen Sätze die ersten apriorischen oder
Vernunftwahrheiten dh die ersten Erleuchtungen aus dem Innern enthalten Die
einen wie die anderen sind keines Beweises fähig und können unmittelbare genannt
werden jene weil zwischen dem Verstande und seinem Gegenstande diese weil
zwischen dem Subjekt und dem Prädikat Unmittelbarkeit stattfindet
1 Philalethes Gott welcher unserer Seele die Vermögen gegeben hat mit
denen sie ausgerüstet ist hat sich nicht unbezeugt gelassen denn die Sinne
der Verstand und die Vernunft liefern uns offenbare Proben seines Daseins
Theophilus Gott hat nicht allein der Seele ihn zu erkennen geeignete
Vermögen gegeben sondern ihr auch Charakterzüge eingeprägt welche auf ihn
hinweisen obgleich sie dieser Züge sich bewusst zu werden Vermögen nötig hat
Ich will aber nicht wiederholen was unter uns über die angeborenen
Vorstellungen und Wahrheiten unter die ich die Vorstellung von Gott und die
Wahrheit seines Daseins zähle verhandelt worden ist kommen wir lieber zur
Sache
Philalethes Mag nun auch das Dasein Gottes die durch die Vernunft am
leichtesten zu erweisende Wahrheit sein und deren Evidenz wenn ich mich nicht
täusche der der mathematischen Beweise gleichkommen so fordert sie doch
Aufmerksamkeit Es ist zunächst nötig auf uns selbst und auf unser eigenes
unzweifelhaftes Dasein zu reflektieren 2 Somit setze ich voraus dass jeder
erkennt es gebe etwas wirklich Daseiendes und also ein wirkliches Wesen Wenn
es jemand gibt der an seinem eigenen Dasein zweifeln kann so erkläre ich mit
ihm nicht zu verhandeln 3 Wir wissen ferner durch eine Erkenntnis einfacher
Art dass das bloße Nichts kein wirkliches Wesen hervorbringen kann Daraus folgt
mit mathematischer Evidenz dass von aller Ewigkeit her etwas dagewesen ist weil
alles was einen Anfang hat durch irgend etwas anderes erzeugt worden sein muss
4 Nun empfängt jedes Wesen das sein Dasein von einem anderen erhält von
diesem auch alles das was es hat und alle seine Vermögen Darum ist die ewige
Quelle aller Wesen auch das Prinzip aller ihrer Kräfte dergestalt dass dies
ewige Wesen auch allmächtig sein muss 5 Weiter findet der Mensch in sich
Erkenntnis Also gibt es ein mit Verstand begabtes Wesen Nun ist unmöglich dass
ein der Erkenntnis und Wahrnehmung gänzlich entbehrendes Ding ein mit Verstand
begabtes Wesen hervorbringe und der Vorstellung des der Empfindung baren
Stoffes ist es zuwider in sich selbst Empfindung hervorzubringen Darum ist die
Quelle der Dinge mit Verstand begabt und es hat ein mit Verstand begabtes Wesen
von aller Ewigkeit her gegeben 6 Ein ewiges höchst mächtiges und
verständiges Wesen ist das was man Gott nennt Sollte sich jemand finden der
unvernünftig genug wäre vorauszusetzen dass der Mensch das einzige Wesen ist
das Erkenntnis und Weisheit besitzt trotzdem aber durch den bloßen Zufall
gebildet worden sei und dass dies nämliche blinde und erkenntnislose Prinzip es
sei welches das ganze übrige Weltall leite so fordere ich ihn auf den
durchaus begründeten und nachdrücklichen Tadel Ciceros über die Gesetze Buch
II mit Muße zu prüfen Sicherlich so sagt dieser darf niemand von so
törichtem Stolze sein sich einzubilden dass es in ihm einen Verstand und eine
Vernunft gibt und es doch keinen Verstand gebe der dies ganze weite Weltall
regiere Aus dem eben Bemerkten folgt klar dass wir von Gott eine sicherere
Erkenntnis als von irgend einem anderen Dinge außer uns haben
Theophilus Wie ich mit vollkommener Aufrichtigkeit versichere tut es mir
außerordentlich leid etwas gegen diese Beweisführung sagen zu müssen ich tue
es aber nur um Ihnen Gelegenheit zu geben eine Lücke darin auszufüllen Und
zwar besonders an der Stelle wo Sie schließen dass etwas von aller Ewigkeit her
dagewesen ist Ich finde darin etwas Zweideutiges wenn es sagen will dass es
niemals eine Zeit gegeben hat wo nichts da war Das gestehe ich zu und es
folgt in Wahrheit aus den vorausgehenden Sätzen mittels einer ganz
mathematischen Konsequenz Denn wenn es jemals nichts gegeben hätte so würde es
immer nichts gegeben haben da das Nichts kein Seiendes hervorbringen kann wir
würden also nicht sein was gegen die erste Erfahrungswahrheit streitet Aber
die Folge zeigt sofort dass wenn Sie sagen es sei etwas von aller Ewigkeit her
dagewesen Sie darunter ein ewiges Etwas verstehen Das folgt indessen nicht auf
Grund dessen was Sie bis dahin vorgebracht haben dass wenn es immer etwas
gegeben hat dies ein gewisses Etwas dh ein ewiges Wesen gewesen ist Denn
gewisse Gegner werden sagen dass das Ich durch andere Dinge hervorgebracht
worden sei und diese Dinge wieder durch andere Wenn ferner einige die Annahme
ewiger Wesen machen wie die Epikureer die ihrer Atome so werden sie sich
deswegen noch nicht für verbunden halten ein ewiges Wesen zuzugestehen welches
allein die Quelle aller übrigen ist Denn wenn sie auch anerkennen würden dass
das was das Dasein verleiht auch die anderen Eigenschaften und Kräfte der
Sache verleiht so können sie doch leugnen dass ein einziges Ding den übrigen
das Dasein gibt und sogar behaupten dass zu jedem Dinge mehrere andere
beitragen müssen So werden wir dadurch allein niemals zu einer Quelle aller
Kräfte gelangen Gleichwohl ist es sehr vernünftig anzunehmen dass es nur eine
und dieselbe gibt und das Weltall mit Weisheit regiert wird Wenn man aber den
Stoff für der Empfindung fähig hält so wird man auch geneigt sein es nicht für
unmöglich zu halten dass er dieselbe hervorbringen könne Wenigstens wird es
schwer sein einen Beweis beizubringen welcher zugleich zeigt dass sie dazu
gänzlich unfähig ist und gesetzt dass unser Denken von einem denkenden Wesen
ausgebt kann man ohne Nachteil des Beweises als zugestanden annehmen dass
dies Gott sein muss
7 Philalethes Ich zweifle nicht dass der ausgezeichnete Mann von dem
ich diesen Beweis entlehnt habe imstande ist ihn zu vervollkommnen und ich
will versuchen ihn dazu zu veranlassen weil er der Welt keinen größeren Dienst
leisten könnte Sie selbst wünschen es Dies macht mich glauben dass Sie nicht
annehmen man müsse um den Atheisten den Mund zu schließen alles auf das
Dasein der Vorstellung Gottes in uns begründen wie einige tun die sich an
diese ihre Lieblingsentdeckung allzu stark halten und soweit gehen alle die
übrigen Beweise des Daseins Gottes zu verwerfen oder wenigstens sie
abzuschwächen zu versuchen und deren Anwendung zu verbieten als wenn sie
schwach oder falsch wären Und doch sind im Grunde genommen dies die Beweise
welche uns so klar und auf eine so überzeugende Weise das Dasein dieses höchsten
Wesens durch die Erwägung unseres eigenen Daseins und der sinnlich wahrnehmbaren
Teile des Universums zeigen dass meiner Meinung nach kein weiser Mann ihnen
widerstehen kann
Theophilus Obschon ich für die angeborenen Vorstellungen und besonders die
Gottes eingenommen bin so glaube ich doch nicht dass die aus der Vorstellung
von Gott hergenommenen Beweise der Kartesianer vollkommen sind Ich habe
hinlänglich anderswo gezeigt in den Acta Lipsiensia und in den Memoiren von
Trevoux dass derjenige welchen Descartes dem Anselm Erzbischof von
Canterbury entlehnt hat in Wahrheit sehr schön und geistreich ist dass es
darin aber noch eine Lücke auszufüllen gibt Jener berühmte Erzbischof der ohne
Zweifel einer der fähigsten Männer seiner Zeit gewesen ist wünscht sich nicht
ohne Grund Glück ein Mittel gefunden zu haben das Dasein Gottes a priori
durch seinen eigenen Begriff gefunden zu haben ohne auf die Wirkungen
zurückzugehen Folgendes etwa ist der Gang seines Beweises Gott ist das größte
oder wie Descartes es ausdrückt das vollkommenste der Wesen oder auch ein
Wesen von äußerster Größe und Vollkommenheit das alle Grade derselben in sich
schließt Dies also ist der Begriff Gottes Sehen wir nun wie aus diesem
Begriffe das Dasein folgt Es ist etwas mehr da zu sein als nicht da zu sein
oder auch das Dasein fügt der Größe oder der Vollkommenheit einen Grad hinzu
und wie Descartes es ausspricht das Dasein ist selbst eine Vollkommenheit
Darum ist dieser Grad von Größe und Vollkommenheit oder auch diese
Vollkommenheit welche im Dasein besteht in diesem höchsten durchaus großen
ganz vollkommenen Wesen denn sonst würde ihm ein Grad fehlen was gegen seine
Definition wäre Und folglich ist dies höchste Wesen da Die Scholastiker ohne
selbst ihren doctor angelicus auszunehmen haben diesen Beweis verachtet und
ihn als einen Paralogismus betrachtet worin sie sehr unrecht gehabt haben und
Descartes welcher die scholastische Philosophie im Kolleg der Jesuiten zu La
Flèche lange genug studiert hatte hat sehr recht gehabt ihn wieder zu Ehren zu
bringen Es ist nicht ein Paralogismus sondern ein unvollständiger Beweis der
etwas voraussetzt was man noch hätte beweisen sollen um ihm mathematische
Evidenz zu verleihen nämlich dass man dabei stillschweigend voraussetzt diese
Vorstellung des durchaus großen oder durchaus vollkommenen Wesens sei möglich
und enthalte keinen Widerspruch Und es ist schon etwas dass man durch diese
Bemerkung beweist gesetzt dass Gott möglich ist so ist er was das Privilegium
der Gottheit allein ist Man hat recht die Möglichkeit eines jeden Wesens
anzunehmen und vor allem die Gottes bis ein anderer das Gegenteil beweist
Somit gibt dieser metaphysische Beweis schon einen moralischen zwingenden Schluss
ab wonach wir dem gegenwärtigen Stande unserer Erkenntnisse zufolge urteilen
müssen dass Gott da sei und demgemäß handeln Es wäre aber doch zu wünschen
dass gescheite Männer den Beweis mit der Strenge einer mathematischen Evidenz
vollendeten ich glaube anderswo etwas ausgesprochen zu haben was dazu dienen
könnte Der andere Beweis Descartes welcher das Dasein Gottes darzutun
unternimmt weil dessen Vorstellung in unserer Seele ist und sie von ihrem
Urbild herstammen muss ist noch weniger bündig Denn erstlich hat dieser Beweis
den mit dem vorhergehenden gemeinsamen Fehler vorauszusetzen dass sich eine
solche Vorstellung in uns findet dh dass Gott möglich ist Denn was Descartes
dafür anführt dass wir wenn wir von Gott sprechen wissen was wir sagen und
folglich die Vorstellung davon in uns haben ist ein trügerisches Kennzeichen
weil wir wenn wir zB von der immerwährenden mechanischen Bewegung sprechen
auch wissen was wir sagen und diese immerwährende Bewegung doch etwas
Unmögliches ist wovon man folglich nur scheinbar eine Vorstellung haben kann
Und zweitens zeigt dieser nämliche Beweis gar nicht dass die Vorstellung von
Gott wenn wir sie haben von ihrem Urbilde herkommt Ich will mich jedoch jetzt
nicht damit aufhalten Sie werden mir sagen dass wenn wir in uns die angeborene
Vorstellung Gottes anerkennen ich nicht sagen dürfe es könne zweifelhaft sein
ob es eine solche gibt Ich lasse aber diesen Zweifel nur zu hinsichtlich einer
strikten Beweisführung die ganz allein auf die Vorstellung begründet ist Denn
man ist auch sonst der Vorstellung und des Daseins Gottes hinlänglich
versichert Auch werden Sie sich erinnern dass ich gezeigt habe wie die
Vorstellungen in uns sind nicht immer auf die Art dass man derselben sich
bewusst ist aber immer so dass man sie aus seinem eigenen Innern hervorziehen
und ins Bewusstsein erheben kann Und dies glaube ich auch von der Vorstellung
Gottes dessen Möglichkeit und Dasein ich auf mehr als eine Art für bewiesen
halte Und die vorherbestimmte Harmonie liefert dazu ein neues unbestreitbares
Mittel Übrigens glaube ich dass fast alle zum Beweise des Daseins Gottes
angewandten Mittel gut sind und dienen mögen wenn man sie vervollkommnete und
bin keineswegs der Meinung dass man den aus der Ordnung der Dinge zu gewinnenden
Beweis vernachlässigen dürfe
9 Philalethes Es wird vielleicht angemessen sein ein wenig bei der
Frage stehen zu bleiben ob ein denkendes Wesen von einem nicht denkenden und
aller Empfindung und Erkenntnis baren Wesen einem solchen wie die Materie sein
könnte herstammen kann 10 Nun ist selbst das klar dass ein Teil der Materie
unfähig ist aus sich etwas hervorzubringen und sich Bewegung zu verleihen Also
muss seine Bewegung entweder ewig oder ihm durch ein mächtigeres Wesen eingeprägt
sein Wenn nun diese Bewegung ewig wäre so würde sie doch immer unfähig sein
Erkenntnis hervorzubringen Man teile sie in so viel kleine Teile als man will
gleichsam um sie zu spiritualisieren man gebe ihr alle Gestalten und alle
Bewegungen die man ihr geben kann man mache daraus eine Kugel einen Würfel
ein Prisma einen Zylinder usw deren Durchmesser nur den millionsten Teil
eines Gry beträgt welches der zehnte Teil einer Linie des zehnten Teiles eines
Zolls des Zehntels eines Fußes ist der das Drittel eines Pendels ausmacht von
dem jede Schwingung unter dem 45 Breitengrade eine Sekunde dauert Mag dieses
Stoffteilchen noch so klein sein so wird es auf Körper von einer ihm
proportionalen Größe nicht anders wirken als die Körper von einem Zoll oder Fuß
Durchmesser aufeinander wirken Und man darf mit ebensoviel Grund hoffen
Empfindung Gedanken und Erkenntnis dadurch hervorzubringen dass man die groben
Stoffteile von gewisser Gestalt und Bewegung zusammenfügt als mittels der
kleinsten Stoffteilchen die es auf der Welt gibt Diese letzteren hemmen
stoßen und widerstehen einander gerade wie die groben und das ist alles was
sie vermögen Wenn aber die Materie aus ihrem Innern die Empfindung die
Wahrnehmung und die Erkenntnis unmittelbar und ohne Hilfsmittel oder ohne Hilfe
der Gestalten und der Bewegungen hervorrufen könnte so müsste in diesem Falle
sie zu besitzen eine von der Materie und allen ihren Teilen untrennbare
Eigenschaft sein Dem könnte man hinzufügen dass auch die allgemeine und
besondere Vorstellung welche wir von der Materie haben uns von ihr zu reden
veranlasst als wenn sie ein der Zahl nach Einziges wäre während die gesamte
Materie eigentlich kein individuelles Ding ist das wie ein materielles Wesen da
ist oder als ein besonderer Körper den wir kennen oder uns denken können Ware
daher die Materie das erste ewige denkende Wesen so würde es nicht ein
einziges ewiges unendliches und denkendes Wesen geben sondern eine unendliche
Zahl ewiger unendlicher denkender Wesen die voneinander unabhängig wären
deren Kräfte beschränkt und deren Gedanken voneinander verschieden sein würden
und die folglich niemals diejenige Ordnung Harmonie und Schönheit hervorrufen
könnten welche man in der Natur bemerkt Daraus folgt notwendig dass das erste
ewige Wesen nicht die Materie sein kann Hoffentlich werden Sie von dieser dem
berühmten Urheber der vorhergehenden Beweisführung entnommenen Darstellung mehr
befriedigt sein als Sie von seiner Beweisführung gewesen zu sein schienen
Theophilus Ich finde die jetzige Darstellung durchaus triftig und nicht
allein scharf sondern auch tief und ihres Verfassers würdig Ich bin durchaus
seiner Meinung dass es keine Kombination und Modifikation der Teile der Materie
gibt mögen sie noch so klein sein die Wahrnehmung hervorbringen könnte
während die großen Teile wie man offenbar erkennt sie nicht verleihen können
und dass alles in den kleinen Teilen dem was in den großen vorgehen kann
proportional ist Auch ist die vom Verfasser hierbei gemachte Bemerkung über die
Materie wichtig dass man sie nicht für ein der Zahl nach einziges Ding nehmen
darf oder wie ich zu sagen pflege für eine wahre und vollkommene Monade oder
Einheit weil sie nur eine Anhäufung einer unendlichen Zahl von Wesen ist Hier
hätte es für diesen vortrefflichen Schriftsteller nur noch eines Schrittes
bedurft um bei meinem System anzulangen Denn ich messe in der Tat allen diesen
unendlichen Wesen Wahrnehmung bei von denen ein jedes gleichsam ein Organismus
ist begabt mit einer Seele oder einem analogen Tätigkeitsprinzip welches
seine wahre Einheit ausmacht nebst dem was solch ein Wesen bedarf um
leidentlich und mit einem organischen Körper begabt zu sein Nun haben diese
Wesen ihre teils tätige teils leidende Natur dh das was sie Immaterielles
und Materielles haben von einer allgemeinen und obersten Ursache empfangen
weil sie sonst wie der Verfasser sehr richtig bemerkt da sie voneinander
unabhängig sind niemals diejenige Ordnung diejenige Harmonie diejenige
Schönheit hätten hervorbringen können welche man in der Natur bemerkt Dieser
Beweis aber welcher uns von moralischer Gewissheit zu sein scheint wird durch
die von mir eingeführte neue Art von Harmonie welche die vorherbestimmte
Übereinstimmung ist zu einer durchaus metaphysischen Notwendigkeit gesteigert
Denn da jede dieser Seelen das was außer ihr vorgeht auf ihre Art ausdrückt
und diese nicht durch irgend welchen Einfluss der anderen besonderen Wesen
erhalten haben kann vielmehr diesen Ausdruck aus dem eigenen Innern ihrer Natur
hervorbringen muss so maß eine jegliche notwendig diese Natur oder diesen
inneren Grund das für sie Äußere auszudrücken von einer allgemeinen Ursache
empfangen haben von der diese Wesen alle abhangen und welche das eine mit dem
anderen vollkommen in Übereinstimmung und Korrespondenz setzt Dies kann nicht
ohne unendliche Erkenntnis und Macht und nur durch eine so große Kunst vor
allem hinsichtlich der spontanen Mitwirkung des mechanischen Teils mit den
Handlungen der vernünftigen Seele geschehen dass ein berühmter Schriftsteller
welcher in seinem bewundernswürdigen Wörterbuch dagegen Einwendungen machte
fast zweifelte ob es nicht über alle mögliche Weisheit hinausginge indem er
sagte dass die Weisheit Gottes ihm für eine solche Veranstaltung nicht zu groß
erschiene und so wenigstens anerkannte dass man von den schwachen Begriffen
die wir von der göttlichen Vollkommenheit haben können noch niemals einen so
erhabenen Ausdruck gegeben habe
12 Philalethes Wie erfreuen Sie mich durch ihre Übereinstimmung Ihrer
Gedanken mit denen meines Autors Hoffentlich werden Sie mir nicht übel nehmen
dass ich Ihnen noch seine fernere Betrachtung über diesen Gegenstand mitteile
Zuerst prüft er ob das denkende Wesen von dem alle übrigen verstandesbegabten
Wesen abhangen und also um so mehr noch alle die übrigen Wesen materiell ist
oder nicht 13 Er macht sich den Einwurf dass ein denkendes Wesen materiell
sein könne Aber er antwortet auch dass wenn dies auch der Fall wäre es genug
sei dass dies ein ewiges Wesen ist welches eine unendliche Wissenschaft und
Macht hat Wein ferner das Denken und die Materie getrennt werden können so
würde das ewige Dasein der Materie nicht die Folge des ewigen Daseins eines
denkenden Wesens sein 14 Man kann noch diejenigen welche Gott in einem
materiellen Wesen machen fragen ob sie glauben dass jeder Teil der Materie
denkt In diesem Fall würde daraus folgen dass es so viel Götter gäbe als Teile
der Materie Wenn aber nicht jeder Teil der Materie denkt so bekommen wir
wieder ein denkendes aus nicht denkenden Teilen zusammengesetztes Wesen das
schon widerlegt worden ist Sagen dass nur irgend ein Atom der Materie denkt und
die anderen obwohl in gleicher Weise ewigen Teile derselben nicht denken heißt
ohne Grund behaupten dass ein Teil der Materie unendlich über den anderen
erhaben ist und denkende nicht ewige Wesen hervorbringt 16 Will man dass
das denkende ewige und materielle Wesen eine bestimmte besondere
Zusammenhäufung von Materie ist deren Teile nicht denkende sind so fällt man
in das schon widerlegte zurück denn die Teile der Materie mögen immerhin
verbunden sein sie können dadurch doch nur eine neue örtliche Beziehung
gewinnen die ihnen die Erkenntnis nicht mitteilen kann 17 Es ist dabei
gleichgültig ob diese Anhäufung in Buhe oder in Bewegung ist Wenn sie in Buhe
ist so ist sie nur ein untätiger Haufen welcher kein Vorrecht vor einem
einzelnen Atom hat wenn sie in Bewegung ist so müssen da diese vor anderen
Teilen sich auszeichnende Bewegung das Denken hervorbringen soll alle diese
Gedanken zufällig und beschränkt sein denn jeder Teil für sich ist ohne
Gedanken und besitzt nichts was seine Bewegungen regelt So würde es also dabei
weder Freiheit noch Wahl noch Weisheit geben ebensowenig als in der einfachen
vernunftlosen Materie
18 Andere mögen glauben dass die Materie mit Gott wenigstens gleich ewig
sei Aber sie sagen nicht warum auch ist die Erzeugung eines denkenden Wesens
die sie zugeben noch weit schwieriger als die der weniger vollkommenen Materie
Und wenn wir uns sagt der Verfasser vielleicht ein wenig von den gewöhnlichen
Vorstellungen entfernen unserem Geiste Schwung geben und uns auf eine tiefere
Untersuchung die wir über die Natur der Dinge anstellen könnten einlassen
wollten so würden wir so weit kommen auf eine wenn auch unvollkommene Art zu
begreifen wie die Materie anfänglich geschaffen worden sei und wie sie durch
die Macht dieses ersten ewigen Wesens dazusein angefangen hat Aber zugleich
würde man sehen dass einem Geiste das Sein zu verleihen eine viel schwerer zu
begreifende Wirkung dieser ewigen und unendlichen Macht ist Aber weil mich
dies fügt er hinzu vielleicht zu weit von den Begriffen entfernen würde auf
welche die Philosophie gegenwärtig in der Welt gegründet ist so würde es
unverzeihlich sein mich so viel davon zu entfernen und zu untersuchen so viel
als die Grammatik es verstatten mag ob im Grunde die gewöhnlich angenommene
Meinung jener besonderen Ansicht zuwiderläuft ich würde unrecht haben sage
ich mich auf diese Untersuchung einzulassen besonders auf diesem Fleck der
Erde wo die angenommene Lehre für meinen Zweck gut genug ist weil sie als
etwas Unzweifelhaftes hinstellt dass wenn man einmal die Schöpfung oder das
Anfangen irgend einer aus dem Nichts hervorgetretenen Substanz setzt man mit
derselben Leichtigkeit die Schöpfung jeder anderen Substanz den Schöpfer selbst
ausgenommen annehmen kann
Theophilus Sie haben mir ein wahres Vergnügen damit bereitet mir von einem
tiefen Gedanken Ihres gelehrten Autors etwas berichtet zu haben den ganz und
gar vorzubringen seine nur zu peinliche Vorsicht ihn verhindert hat Es wäre
sehr schade wenn er ihn unterdrückte und uns da stehen ließe nachdem er uns
das Verlangen danach so heftig erregt Ich versichere Sie meiner Überzeugung
dass unter dieser Art von Rätsel etwas Schönes und Bedeutendes verborgen ist Das
groß gedruckte »Substanz« lässt mich argwöhnen dass er die Hervorbringung der
Materie sich so wie die der Akzidenzien denkt welche aus dem Nichts zu ziehen
keine Schwierigkeit hat und wenn er sein besonderes Denken von der gegenwärtig
in der Welt oder auf diesem Fleck der Erde begründeten Philosophie
unterscheidet so hat er vielleicht die Platoniker im Auge welche die Materie
für etwas nach der Art der Akzidenzien Flüchtiges und Vorübergehendes nahmen und
von den Geistern und Seelen eine ganz andere Vorstellung hatten
19 Philalethes Wenn endlich einige die Schöpfung durch welche die Dinge
aus nichts gemacht sind weil sie sie nicht begreifen können leugnen so hält
unser Autor der eher geschrieben hat als er von Ihrer Entdeckung hinsichts der
Ursache der Einheit von Seele und Leib wusste ihnen entgegen dass sie auch nicht
begreifen wie die willkürlichen Bewegungen in den Körpern durch den Willen der
Seele hervorgebracht werden an welche sie durch die Erfahrung überzeugt zu
glauben nicht umhin können und mit Recht erwidert er denen welche antworten
dass die Seele da sie keine neue Bewegung hervorbringen kann nur eine neue
Bestimmung der Lebensgeister hervorbringt er erwidert ihnen sage ich dass das
eine so unbegreiflich ist als das andere Und nichts kann besser gesagt sein
als was er bei dieser Gelegenheit hinzufügt dass Gott in dem was er tun kann
auf das für uns Begreifliche beschränken wollen unserer Fassungskraft eine
unendliche Ausdehnung geben oder Gott selbst endlich machen heißt
Theophilus Wiewohl gegenwärtig die Schwierigkeit hinsichts der Einheit von
Leib und Seele meiner Ansicht nach gehoben ist so bleiben doch noch andere
übrig Ich habe a posteriori durch die vorherbestimmte Harmonie gezeigt dass
alle Monaden ihren Ursprung aus Gott gewonnen haben und von ihm abhangen
Indessen kann man das Wie im einzelnen nicht begreifen und ihre Erhaltung ist
im Grunde nichts anderes als eine fortwährende Schöpfung wie die Scholastiker
ganz richtig anerkannt haben
1 Philalethes Da also das Dasein Gottes allein in einem notwendigen
Zusammenhange mit dem unsrigen steht so beweisen unsere Vorstellungen die wir
von etwas haben können nicht mehr das Dasein dieses Dinges als das Bild eines
Menschen sein wirkliches Dasein beweist 2 Die Gewissheit indessen welche ich
mittels der sinnlichen Wahrnehmung von dem Weißen und Schwarzen auf diesem
Papier habe ist ebenso groß als die meiner Handbewegung welche aus der
Erkenntnis unseres Daseins und der Gottes entsteht 3 Diese Gewissheit
verdient den Namen der Erkenntnis Denn ich glaube nicht dass jemand im Ernst so
skeptisch sein könnte um über das Dasein der Dinge welche er sieht und
empfindet ungewiss zu sein Wenigstens wird derjenige welcher seine Zweifel so
weit treiben kann niemals mit mir in Streit geraten weil er niemals wird
sicher sein können dass ich irgend etwas gegen seine Ansicht äußere
Die Wahrnehmungen der sinnlichen Dinge sind 4 durch äußere Ursachen
hervorgebracht welche unsere Sinne affizieren denn wir erhalten diese
Wahrnehmungen nicht ohne die Organe und wenn die Organe ausreichten würden sie
dieselben immer hervorbringen 5 Ferner mache ich mitunter die Erfahrung dass
ich ihre Hervorbringung in meinem Geiste nicht verhindern kann wie zB das
Licht wenn ich die Augen an einem Orte wo der Tag hineinscheinen kann offen
halte während ich die in meinem Gedächtnis vorhandenen Vorstellungen verlassen
kann Also muss es irgend eine äußere Ursache dieses lebhaften Eindrucks geben
deren Wirksamkeit ich nicht überwinden kann
6 Einige dieser Wahrnehmungen werden von uns mit Schmerz hervorgebracht
obgleich wir uns hinterher ihrer erinnern ohne die geringste Unbequemlichkeit
zu verspüren Wenn nun auch die mathematischen Beweise nicht von den Sinnen
abhangen so trägt doch die mittels der Figuren auf sie gerichtete Untersuchung
viel dazu bei die Evidenz unseres Blickes darzutun und sie scheint ihm eine
Sicherheit zu verleihen welche der der Beweisführung selbst nahe kommt
7 In manchen Fällen legen auch unsere Sinne voneinander Zeugnis ab Der
welcher das Feuer sieht kann auch wenn er daran zweifelt es fühlen Und
während ich dies schreibe sehe ich dass ich die Erscheinung des Papiers ändern
und zum voraus sagen kann welche neue Erscheinung es dem Geiste darbieten wird
wenn aber diese Zeichen niedergeschrieben sind kann ich nichtmehr vermeiden
sie zu sehen wie sie da sind Überdies würde der Anblick dieser Charaktere
einen anderen dieselben laute hervorbringen lassen
8 Wenn jemand glaubt dass dies alles nur ein langer Traum ist so mag er
auch träumen wenn es ihm beliebt dass ich ihm darauf erwidere unsere auf das
Zeugnis der Sinne begründete Gewissheit sei so vollkommen als unsere Natur es
zulässt und unsere Lebenslage es fordert Wer eine Kerze brennen sieht und die
Hitze der Flamme erfährt die ihm Schmerz verursacht wenn er den Finger nicht
zurückzieht wird keine größere Gewissheit fordern um seine Handlungsweise
danach einzurichten und wenn dieser Träumer es nicht so machte würde er sich
bald erweckt finden Also genügt uns eine solche Sicherheit die ebenso gewiss
ist wie die Lust oder der Schmerz zwei Dinge über welche hinaus wir kein
Interesse an der Erkenntnis oder dem Dasein der Dinge haben 9 Aber über
unsere augenblickliche Sinneswahrnehmung hinaus gibt es keine Erkenntnis
sondern nur Wahrscheinlichkeit wie zB wenn ich glaube dass es in der Welt
Menschen gibt dafür ist die äußerste Wahrscheinlichkeit obgleich ich jetzt da
ich in meinem Zimmer allein bin keinen sehe 10 Auch würde es eine Torheit
sein für alles einen Beweis zu erwarten und nicht den klaren und evidenten
Wahrheiten gemäß zu handeln wenn sie nicht gerade beweisbar sind Ein Mensch
welcher so verfahren wollte könnte über nichts anderes sicher sein als in sehr
kurzer Zeit zugrunde zu gehen
Theophilus Ich habe schon in unseren früheren Besprechungen bemerkt dass
die Wahrheit der sinnlichen Dinge durch ihren Zusammenhang gerechtfertigt wird
welcher von in der Vernunft begründeten Verstandeswahrheiten und sich
gleichbleibenden Beobachtungen an den sinnlichen Dingen selbst sogar wenn die
Gründe nicht einleuchtend sind abhängt Und da diese Gründe und Beobachtungen
uns das Mittel geben in Bezug auf unser Interesse über die Zukunft zu urteilen
und der Erfolg unserem vernünftigen Urteil entspricht so kann man eine größere
Gewissheit über diese Gegenstände nicht verlangen und selbst nicht einmal
erhalten Man kann sogar auch von den Träumen und ihrem geringen Zusammenhange
mit anderen Erscheinungen Rechenschaft geben Indessen glaube ich dass man die
Bezeichnung der Erkenntnis und Gewissheit über die jedesmaligen sinnlichen
Wahrnehmungen hinaus ausdehnen könnte da die Klarheit und Evidenz darüber
hinausgehen die ich als eine Art der Gewissheit betrachte und es würde ohne
Zweifel eine Narrheit sein im Ernst daran zu zweifeln oh es Menschen auf der
Welt gebe weil wir gerade keine sehen Im Ernst zweifeln ist hinsichtlich der
Praxis zweifeln und man könnte die Gewissheit für eine Erkenntnis der Wahrheit
nehmen an der man hinsichtlich der Praxis nicht zweifeln kann ohne närrisch zu
sein und mitunter nimmt man sie noch allgemeiner und wendet sie auf diejenigen
Fälle an wo man ohne starken Tadel zu verdienen nicht zweifeln darf Die
Evidenz aber würde eine lichtvolle Gewissheit sein dh wo man wegen des
Zusammenhanges welchen man unter den Vorstellungen sieht nicht zweifelt
Dieser Definition der Gewissheit gemäß sind wir sicher dass Konstantinopel in der
Welt ist dass Konstantin Alexander der Große und Krösus gelebt haben
Allerdings könnte ein Bauer aus den Ardennen mit Recht daran zweifeln weil ihm
der Unterricht fehlt aber ein gelehrter und gebildeter Mann könnte es ohne eine
große Geistesverwirrung nicht
11 Philalethes Wir sind in Wahrheit durch unser Gedächtnis von vielem
Vergangenen versichert aber ob es noch vorhanden ist können wir nicht wohl
beurteilen Ich sah gestern Wasser und eine gewisse Zahl schöner Farben auf den
Blasen welche sich darüber bildeten Ich bin gegenwärtig gewiss dass diese
Blasen ebensogut als das Wasser dagewesen sind aber ich erkenne das
gegenwärtige Dasein des Wassers auf nicht gewissere Art als das der Blasen
obgleich das erstere unendlich mehr wahrscheinlich ist und man beobachtet hat
dass das Wasser dauernd ist die Blasen aber verschwinden 12 Außer uns und
Gott endlich erkennen wir andere Geister nur durch die Offenbarung und haben
darüber nur die Gewissheit des Glaubens
Theophilus Ich habe schon bemerkt dass unser Gedächtnis uns mitunter
täuscht Und zwar messen wir ihm Glauben bei oder nicht je nachdem es mehr oder
weniger lebhaft und mit den Dingen von denen wir wissen mehr oder weniger
verknüpft ist Und oft können wir an den Nebenumständen zweifeln wenn wir der
Hauptsache sicher sind Ich erinnere mich einen Menschen gekannt zu haben denn
ich empfinde dass sein Bild mir ebensowenig neu ist als seine Stimme und dies
doppelte Zeichen ist mir eine bessere Garantie als eines von beiden aber wo ich
ihn gesehen habe kann ich mich nicht erinnern Indessen kommt es wiewohl
selten vor dass man jemand im Traume sieht ehe man ihn leibhaftig gesehen hat
Man hat mich versichert dass eine wohlbekannte Hofdame den welchen sie nachher
heiratete im Traume sah und ihren Freundinnen beschrieb und auch den Saal wo
die Hochzeit gefeiert wurde und zwar eher als sie den Mann und den Ort gesehen
und gekannt hatte Man schrieb dies ich weiß nicht welchem geheimen Vorgefühl
zu aber der Zufall kann diese Wirkung hervorbringen weil es gar selten ist
dass so etwas vorkommt Außerdem hat man weil die Traumbilder ein wenig dunkel
sind hinterher mehr Freiheit sie auf andere Erscheinungen zu übertragen
13 Philalethes Wir können also damit schließen dass es zwei Arten von
Sätzen gibt die einen besondere und auf das Dasein bezügliche wie zB dass es
einen Elefanten gibt die anderen allgemeine über die Abhängigkeit der
Vorstellungen wie zB dass die Menschen Gott gehorchen müssen 14 Die
meisten dieser allgemeinen und gewissen Sätze führen den Namen ewiger Wahrheiten
und sind es in der Tat alle Nicht weil es Sätze sind die von aller Ewigkeit
her irgendwo wirklich gebildet oder nach irgend einem Muster das immer da war
dem Geiste eingeprägt worden wären sondern weil wir überzeugt sind dass wenn
ein zu diesem Zweck mit Vermögen und Mitteln begabtes Geschöpf sein Denken der
Erwägung seiner Vorstellungen zuwendet es die Wahrheit dieser Sätze findet
Theophilus Ihre Einteilung scheint auf die meinige von tatsächlichen und
Vernunftsätzen hinauszukommen Auch die tatsächlichen Sätze können irgendwie
allgemein werden aber dies geschieht durch Induktion oder Beobachtung und zwar
in der Art dass dabei nur eine Vielheit gleicher Fälle gegeben ist wie wenn man
beobachtet dass alles Quecksilber durch die Kraft des Feuers verdunstet was
keine vollkommene Allgemeinheit gibt weil man die Notwendigkeit davon nicht
einsieht Die allgemeinen Vernunftwahrheiten sind notwendig obgleich die
Vernunft auch solche liefert die nicht schlechthin allgemein und nur
wahrscheinlich sind wie zB wenn wir annehmen dass eine Vorstellung möglich
ist bis dass das Gegenteil durch eine genauere Untersuchung entdeckt wird
Endlich gibt es gemischte Sätze welche aus Vordersätzen gezogen sind von denen
einige aus Tatsachen und Beobachtungen stammen andere notwendige Sätze sind
von solcher Art sind viele geographische und astronomische Schlüsse über die
Erdkugel und den Sternenlauf die durch die Kombination der Beobachtungen von
Reisenden und Astronomen mit den Lehrsätzen der Geometrie und Arithmetik
entstehen Da aber nach der Regel der Logiker die Schlussfolgerung dem
schwächsten der Vordersätze folgt und nicht mehr Gewissheit als sie haben kann
so haben diese gemischten Sätze nur die Gewissheit und Allgemeinheit welche den
Beobachtungen zukommt Was die ewigen Wahrheiten anbetrifft so muss man
bemerken dass sie im Grunde alle bedingt sind und in der Tat besagen Wenn
solches gesetzt ist findet solches andere statt Wenn ich zB sage Jede
Figur die drei Seiten hat hat auch drei Winkel so sage ich nichts anderes
als Gesetzt dass es eine Figur mit drei Seiten gibt hat diese nämliche Figur
auch drei Winkel Ich sage diese nämliche und darin unterscheiden sich eben
die kategorischen Sätze welche bedingungslos ausgedrückt werden können obwohl
sie im Grunde auch bedingt sind von denen welche man hypothetische nennt wie
folgender Satz sein würde Wenn eine Figur drei Seiten hat so sind ihre Winkel
zweien Rechten gleich wo man sieht dass der bedingende Satz nämlich die Figur
mit drei Seiten und der bedingte nämlich die Winkel der dreiseitigen Figur
sind zweien Rechten gleich nicht dasselbe Subjekt haben wie sie es in dem
vorigen Falle hatten wo der bedingende Satz war diese Figur hat drei Seiten
und der bedingte die genannte Figur hat drei Winkel Freilich kann der
hypothetische Satz oft in einen kategorischen verwandelt werden aber indem man
die Termini ein wenig verändert wie wenn ich statt des hypothetischen
Vordersatzes sagte die Winkel jeder dreiseitigen Figur sind zweien Rechten
gleich Die Scholastiker haben de constantia subjecti über das Mitbestehen des
Subjekts wie sie es nannten viel gestritten dh wie ein über ein Subjekt
gebildeter Satz wirklich wahr sein kann wenn dies Subjekt gar nicht existiert
Die Wahrheit ist aber nur eine bedingte und besagt dass wenn das Subjekt jemals
da ist man es immer so finden wird Man könnte jedoch noch fragen worauf diese
Verbindung begründet ist weil darin doch eine Realität steckt die nicht
täuscht Die Antwort wird sein sie gründet sich auf den Zusammenhang der
Vorstellungen Aber man wird demgegenüber vielleicht fragen wo diese
Vorstellungen sein würden wenn es keinen Geist gäbe und was dann aus der
realen Grundlage dieser Gewissheit der ewigen Wahrheiten werden würde Das führt
uns endlich zur letzten Grundlage der Wahrheiten nämlich auf jenen obersten und
allgemeinen Geist dessen Dasein notwendig und dessen Verstand in Wirklichkeit
wie St Augustin es anerkannt und auf eine sehr lebhafte Weise ausdrückt der
Ort der ewigen Wahrheiten ist Und damit man nicht denke dass darauf
zurückzugehen nicht notwendig sei muss man erwägen dass diese notwendigen
Wahrheiten den Bestimmungsgrund und das Regulativprinzip alles Daseienden selbst
und mit einem Worte die Gesetze des Weltalls enthalten Gehen also diese
notwendigen Wahrheiten dem Dasein der zufälligen Wesen voraus so müssen sie in
dem Dasein einer notwendigen Substanz begründet sein Dort finde ich das Urbild
der Vorstellungen und Wahrheiten welche unserer Seele eingeprägt sind nicht in
Form von Sätzen sondern wie Quellen aus deren Anwendung und Gelegenheiten
wirkliche Urteile hervorgehen
1 Philalethes Wir haben von den Arten unserer Erkenntnis gesprochen
Jetzt wollen wir zu den Mitteln übergehen die Erkenntnis zu vermehren oder die
Wahrheit zu finden Es ist eine unter den Gelehrten angenommene Meinung dass
die Maximen die Grundlagen aller Erkenntnis sind und jede Wissenschaft im
besonderen auf gewisse schon vorher bekannte Dinge Praecognita sich gründet
2 Ich gestehe zu dass die Mathematik diese Methode durch ihren guten Erfolg zu
begünstigen scheint und Sie haben sich auch vielfach darauf gestützt Aber es
ist noch ungewiss ob es nicht vielmehr die Vorstellungen sind die durch ihren
Zusammenhang dazu gedient haben viel mehr als zwei oder drei allgemeine
Maximen welche man zu Beginn aufgestellt hat Ein junger Knabe erkennt dass
sein Körper größer ist als sein kleiner Finger aber nicht auf Grund jenes
Axioms dass das Ganze größer ist als sein Teil Die Erkenntnis hat mit
besonderen Sätzen angefangen aber hinterher hat man das Gedächtnis mittels der
allgemeinen Begriffe von einem verwirrenden Haufen besonderer Vorstellungen
entlasten wollen Wenn die Sprache so unvollkommen wäre dass sie die
Relativausdrücke Ganzes und Teil nicht besäße könnte man dann etwa nicht
erkennen dass der Körper größer als der Finger ist Ich lege Ihnen wenigstens
die Gründe meines Autors vor obgleich ich vorauszusehen glaube was Sie in
Übereinstimmung mit dem schon von Ihnen Bemerkten darüber sagen könnten
Theophilus Ich weiß nicht warum Sie den Maximen um sie von neuem wieder
anzugreifen so übel begegnen wenn sie doch dazu dienen das Gedächtnis von
einer Menge besonderer Vorstellungen zu entlasten wie Sie es anerkennen so
müssen sie sehr nützlich sein wenn sie auch sonst keinen anderen Nutzen hätten
Aber ich füge hinzu dass sie auf die angegebene Weise nicht entstehen denn man
findet sie nicht durch Induktion aus Beispielen Derjenige welcher erkennt dass
zehn mehr ist als nenn dass der Körper größer ist als der Finger und das Haus
zu groß um durch die Tür davonlaufen zu können erkennt jeden dieser besonderen
Sätze durch denselben allgemeinen Grund der darin gleichsam verkörpert und
klargemacht wird ganz wie man mit Farben aufgemalte Züge sieht wo die
Proportion und Gestaltung eigentlich in den Zügen besteht mag die Farbe sein
welche sie wolle Nun dieser gemeinsame Grund ist eben der Grundsatz der
sozusagen auf verhüllte Weise implicite erkannt wird obwohl das nicht sofort
auf abstrakte und versinnlichte Weise geschieht Die Beispiele ziehen ihre
Wahrheit aus dem verkörperten Grundsatz aber der Grundsatz hat nicht seine
Begründung durch die Beispiele Und da dieser gemeinsame Grand jener besonderen
Wahrheiten im Geiste aller Menschen ist so sehen Sie wohl dass es für ihn nicht
nötig ist dass sich die Worte Ganzes und Teil in der Sprache dessen finden
welcher von ihm durchdrungen ist
4 Philalethes Ists aber nicht gefährlich unter dem Verwande von
Grundsätzen Vollmacht zu Hypothesen zu geben Der eine wird mit einigen Alten
die Hypothese machen dass alles materiell sei der andere mit Polemo dass die
Welt Gott sei ein dritter wird als Tatsache aufstellen dass die Sonne die
oberste Gottheit sei Urteilen Sie welche Religion wir haben würden wenn das
erlaubt wäre So wahr ist es dass es Gefahr bringt Grundsätze ohne sie der
Prüfung zu unterwerfen anzunehmen besonders wenn sie die Moral angehen Denn
mancher würde ein zukünftiges Leben erwarten mehr dem des Aristipp ähnlich
welcher die Glückseligkeit in die körperlichen Lüste setzte als dem des
Antisthenes welcher behauptete dass die Tugend hinreiche um glücklich zu
machen Und Archelaus der als Prinzip aufstellt dass Recht und Unrecht Ehrbar
und Schändlich allein durch die Gesetze und nicht von der Natur bestimmt werden
würde ohne Zweifel andere Maße des moralisch Guten und Bösen haben als
diejenigen welche den menschlichen Festsetzungen vorausliegende Verpflichtungen
anerkennen 5 Die Prinzipien müssen also gewiss sein 6 Aber diese
Gewissheit kommt nur aus dem Vergleiche der Vorstellungen wir haben also keine
anderen Prinzipien nötig und werden wenn wir dieser Regel allein folgen weiter
kommen als wenn wir unseren Geist der Willkür eines anderen unterwerfen
Theophilus Ich bin erstaunt dass Sie gegen die Maximen dh gegen die
evidenten Grundsätze dasjenige geltend machen was man gegen die ohne Grund als
Grundsätze betrachteten Sätze sagen kann und maß Wenn man Vorhererkanntes in
den Wissenschaften verlangt oder vorausgehende Erkenntnisse welche dazu dienen
die Wissenschaft zu gründen so fordert man bekannte Grundsätze und nicht
willkürliche Aufstellungen deren Wahrheit nicht bekannt ist Aristoteles selbst
versteht es auch so dass die niedrigeren und untergeordneten Wissenschaften ihre
Prinzipien von anderen höheren Wissenschaften in denen sie bewiesen worden
sind entlehnen ausgenommen die erste der Wissenschaften welche wir die
Metaphysik nennen Diese verlangt ihm zufolge von den anderen nichts und liefert
ihnen die Prinzipien deren sie bedürfen und wenn er sagt dei pisteuein ton
manthanonta der Lernende muss dem Lehrer glauben so ist seine Ansicht dabei
die dass er es nur einstweilen tun solle weil er in den höheren Wissenschaften
noch nicht unterrichtet ist so dass jenes nur vorläufig geschieht So bin ich
also gar weit davon entfernt willkürliche Prinzipien zuzulassen Ich muss dem
hinzufügen dass selbst Grundsätze deren Gewissheit nicht vollständig ist ihren
Nutzen haben können wenn man nur durch Beweisführung darauf weiter baut Denn
obwohl in diesem Falle alle Schlussfolgerungen nur bedingte sind und allein unter
der Voraussetzung gelten dass jenes Prinzip wahr ist so würden
nichtsdestoweniger dieser Zusammenhang selbst und diese bedingten Urteile
wenigstens logisch gültige sein so dass sehr zu wünschen wäre wir hätten viele
auf diese Art geschriebene Bücher wobei keine Gefahr zu irren wäre wenn der
Leser oder Lernende von der Bedingung unterrichtet ist Und die Praxis würde man
nach diesen Schlussfolgerungen nur in dem Maße einrichten als die Voraussetzung
sich anderweitig gerechtfertigt findet Diese Methode dient ferner selbst sehr
oft dazu die Voraussetzungen oder Hypothesen zu rechtfertigen wenn viele
Schlussfolgerungen daraus hervorgehen deren Wahrheit anderweitig erkannt worden
ist und das gibt mitunter eine vollständige Umkehrung welche die Wahrheit der
Hypothese zu beweisen genügt Conring von Beruf ein Arzt aber in jeder Art der
Gelehrsamkeit tüchtig vielleicht die Mathematik allein ausgenommen hatte einem
Freund einen Brief geschrieben der damit beschäftigt war zu Helmstädt das Buch
des Viottus eines geschätzten peripatetischen Philosophen welcher das
Beweisverfahren und die beiden letzten Bücher der Analytik des Aristoteles zu
erklären sucht wieder aufdrucken zu lassen Dieser Brief wurde dem Bach
hinzugefügt Conring tadelte darin den Pappus dass er sagt Die Analyse
beabsichtigt das Unbekannte zu finden indem sie es voraussetzt und von da
durch Folgerung zu bekannten Wahrheiten fortschreitet dies ist gegen die Logik
sagte er welche lehrt dass man aus Falschem Wahres schließen kann Ich
zeigte ihm aber später dass die Analyse sich der Definitionen und anderer
reziproker Sätze bedient welche das Mittel an die Hand geben die Umkehrung zu
machen und synthetische Beweise zu finden Und selbst wenn diese Umkehrung nicht
beweisend ist wie in der Physik so ist sie nichtsdestoweniger von großer
Wahrscheinlichkeit wenn die Hypothese viele Erscheinungen leicht erklärt die
sonst schwierig und voneinander unabhängig sind Ich halte in Wahrheit dafür
dass gewissermaßen der Grundsatz aller Grundsätze der richtige Gebrauch der
Vorstellungen und Erfahrungen ist aber wenn man sich darein vertieft so wird
man finden dass hinsichtlich der Vorstellungen er nichts anderes ist als die
Verknüpfung der Definitionen mittels identischer Axiome Es ist indessen nicht
immer ein leichtes zu dieser letzteren Analyse zu gelangen und so viel Lust
auch die Mathematiker wenigstens die alten bezeigt haben im damit zustande zu
kommen so haben sie es doch noch nicht vollbringen können Der berühmte
Verfasser der Abhandlung über den menschlichen Verstand würde ihnen viel
Vergnügen bereiten wenn er diese Untersuchung die bedeutend schwerer ist als
man vielleicht denkt abschließen wollte Euklid hat zB unter die Axiome eines
gesetzt welches darauf hinausläuft dass zwei gerade Linien sich nur einmal
treffen können Das von der sinnlichen Erfahrung hergenommene Phantasiebild
erlaubt uns nicht uns mehr als eine Begegnung zweier Graden vorzustellen aber
darauf darf die Wissenschaft nicht begründet werden Und wenn jemand glaubt dass
dies Phantasiebild den Zusammenhang der bestimmten Vorstellungen gewährt so ist
er über die Quelle der Wahrheiten nicht wohl unterrichtet und sehr viele Sätze
die nur durch andere Vordersätze beweisbar sind wurden ihm für unmittelbare
gelten Das haben viele welche Euklid getadelt haben nicht gehörig erwogen
Jene Arten von Phantasiebildern sind nur verworrene Vorstellungen und wer die
gerade Linie nur auf diese Weise erkennt wird nicht imstande sein etwas von
ihr zu beweisen Aas Mangel einer deutlich ausgedrückten Vorstellung dh einer
Definition der Geraden denn die von ihm vorläufig gegebene ist dunkel und hilft
ihm bei seinen Beweisen nicht ist darum Euklid gezwungen auf zwei Axiome
zurückzukommen welche ihm statt Definitionen gedient haben und die er in
seinen Beweisen anwendet das eine dass zwei Grade nichts miteinander gemein
haben und das zweite dass sie keinen Raum einnehmen Archimedes hat eine Art
Definition der geraden Linie gegeben indem er sagt dass sie der kürzeste Weg
zwischen zwei Paukten ist Aber er setzt dabei stillschweigend voraus indem er
in den Beweisen solche Elemente anwendet wie die des Euklid welche auf die
beiden von mir erwähnten Axiome gegründet sind dass die Affektionen von denen
diese Axiome reden der von ihm definierten Linie zukommen Wenn Sie also mit
Ihren Gesinnungsgenossen glauben dass man unter dem Vorwande der Übereinstimmung
und Sichtübereinstimmung der Vorstellungen in der Geometrie das annehmen durfte
und noch darf was die Bilder uns angeben ohne jene Strenge der Beweise durch
die Definitionen und Axiome anzustreben welche die Alten in dieser Wissenschaft
gefordert haben wie glaube ich viele ohne untersucht zu haben urteilen
durften so gestehe ich Ihnen dass man sich damit hinsichtlich derer
zufriedenstellen kann welche sich nur um die gewöhnliche praktische Geometrie
bemühen nicht aber hinsichtlich derer welche die Wissenschaft mit der man die
Praxis selbst zu vervollkommnen hat haben wollen Und wenn die Alten dieser
Meinung gewesen und in diesem Punkte lässig gewesen wären so glaube ich wären
sie nicht vorwärts gekommen und hätten uns nur eine solche praktische Geometrie
hinterlassen wie die der Ägypter augenscheinlich war und die der Chinesen noch
zu sein scheint Dies hätte sie der schönsten physischen und mechanischen
Erkenntnisse beraubt welche die Geometrie sie auffinden ließ und die überall da
unbekannt sind wo es unsere Geometrie ist Es hat auch den Anschein dass man
wenn man den Sinnen und deren Bildern gefolgt wäre in Irrtümer verfallen sein
würde ungefähr so wie man sieht dass alle diejenigen welche nicht in der
wissenschaftlichen Geometrie unterrichtet sind auf das Zeugnis ihrer
Einbildungskraft bin als eine unzweifelhafte Wahrheit annehmen dass zwei sich
beständig einander nähernde Linien zuletzt zusammenkommen müssen während die
Mathematiker mit gewissen Linien welche sie Asymptoten nennen Beispiele vom
Gegenteil geben Aber wir würden außerdem dessen beraubt sein was ich in der
Geometrie in Absicht der Spekulation am meisten schätze dass sie nämlich die
wahre Quelle der ewigen Wahrheiten und des Mittels uns deren Notwendigkeit
begreiflich zu machen erblicken lässt welche die verworrenen Bilder der Sinne
nicht deutlich zu zeigen vermögen Sie werden mir sagen dass Euklid gleichwohl
gezwungen gewesen ist sich auf gewisse Axiome zu beschränken deren Evidenz man
nur verworren mittels der Bilder erkennt Ich gebe Ihnen zu dass er sich auf
diese Axiome beschränkt hat aber es war besser sich auf eine kleine Anzahl von
Wahrheiten dieser Art zu beschränken die ihm als die einfachsten erschienen
und daraus die übrigen abzuleiten welche ein anderer von geringerer
wissenschaftlicher Schärfe gleichfalls ohne Beweis für sicher angenommen hätte
als viele unbewiesen zu lassen und was noch schlimmer ist den Leuten die
Freiheit zu lassen nach eigener Laune ihre Nachlässigkeit weiter zu treiben
Sie sehen also dass das was Sie mit Ihren Freunden über den Zusammenhang
der Vorstellungen als wahre Quelle der Wahrheiten bemerkt haben der Aufklärung
bedarf Wenn Sie sich begnügen wollen diesen Zusammenhang verworren zu
erkennen so schwächen Sie die Strenge der Beweise und Euklid hat
unvergleichlich besser getan alles auf Definitionen und eine kleine Zahl von
Axiomen zurückzubringen Wollen Sie aber dass dieser Zusammenhang der
Vorstellungen deutlich gesehen und ausgedrückt werde so werden Sie genötigt
sein auf die Definitionen und identischen Grundsätze wie ich es verlange
zurückzugehen und mitunter werden Sie genötigt sein sich wie Euklides und
Archimedes mit einigen weniger ursprünglichen Grundsätzen zufrieden zu geben
wenn Sie Mühe haben werden zu einer vollständigen Analyse zu gelangen und
daran werden Sie besser tun als schöne Entdeckungen welche Sie durch deren
Vermittlung bereits finden können zu vernachlässigen oder aufzuschieben Sonst
würden wir in der Tat wie ich Ihnen schon ein anderes Mal gesagt habe keine
Geometrie ich verstehe darunter keine demonstrative Wissenschaft haben wenn
die Alten bevor sie die Grundsätze zu deren Anwendung sie genötigt waren
bewiesen hatten nicht hätten dazu fortschreiten wollen
7 Philalethes Ich fange zu verstehen an was ein bestimmt erkannter
Zusammenhang von Vorstellungen ist und sehe wohl dass auf diese Art die
Grundsätze notwendig sind Auch sehe ich wohl wie die Methode welche wir bei
unseren Untersuchungen befolgen wenn es sich um die Prüfung der Vorstellungen
handelt nach dem Beispiele der Mathematiker geregelt werden muss die von
gewissen sehr klaren und leichten Ausgangspunkten aus die nichts anderes als
die Grundsätze und Definitionen sind in kleinen Schritten und mittels einer
ununterbrochenen Verkettung von Beweisen zur Entdeckung und zum Beweise der
Wahrheiten die anfangs über die menschliche Fassungskraft hinauszugehen
scheinen emporsteigen Die Kunst Beweise und jene bewundernswürdigen Methoden
aufzufinden welche sie zur Auseinandersetzung und Anordnung der Mittelbegriffe
erfunden haben hat so erstaunliche und unverhoffte Entdeckungen hervorgebracht
Ob man aber mit der Zeit nicht irgend eine ähnliche Methode wird erfinden
können welche für die übrigen Vorstellungen so gut als für die zur Größe
gehörigen dient darüber will ich nicht entscheiden Wenigstens werden wir wenn
andere Vorstellungen nach der den Mathematikern gewöhnlichen Methode geprüft
werden in unserem Denken dadurch weiter kommen als wir uns vorzustellen
vielleicht geneigt sind 8 Und dies könnte besonders in der Moral geschehen
wie ich schon mehr als einmal gesagt habe
Theophilus Ich glaube dass Sie recht haben und bin seit lange geneigt
alles zu tun um ihre Voraussetzungen zu erfüllen
9 Philalethes Hinsichtlich der Erkenntnis der Körper muss man einen
gerade entgegengesetzten Weg einschlagen denn da wir keine Vorstellungen von
deren wirklichen Wesenheiten haben sind wir genötigt auf die Erfahrung
zurückzugehen 10 Ich leugne indessen nicht dass wer vernünftige und
regelmäßige Erfahrungen zu machen gewohnt ist fähig ist richtigere Vermutungen
als ein anderer über deren noch unbekannte Eigenschaften aufzustellen Aber das
ist urteilen und meinen nicht aber erkennen und sicher wissen Dies veranlasst
mich zu glauben dass die Physik nicht fähig ist unter unseren Händen
Wissenschaft zu werden Indessen können die historischen Erfahrungen und
Beobachtungen uns hinsichtlich der körperlichen Gesundheit und der
Bequemlichkeiten des Lebens Dienste leisten
Theophilus Ich stimme dem bei dass die ganze Physik niemals eine
vollkommene Wissenschaft bei uns sein wird aber wir können nichtsdestoweniger
eine physische Wissenschaft besitzen und besitzen davon sogar schon jetzt
Proben Die Magnetologie kann zB für eine solche Wissenschaft gelten denn
indem wir wenige in der Erfahrung gegründete Voraussetzungen machen können wir
daraus mit sicherer Folgerung eine Menge Erscheinungen nachweisen die
tatsächlich so vorkommen wie wir sie durch die Vernunft angegeben sehen Wir
dürfen nicht hoffen von allen Erfahrungen Rechenschaft abzulegen wie selbst
die Geometer noch nicht alle ihre Grundsätze bewiesen haben aber wie sie
zufrieden sind eine große Zahl von Lehrsätzen aus einer kleinen Anzahl von
Vernunftprinzipien abzuleiten ist es auch genug dass die Physiker mittelst
einiger Erfahrungsgrundsätze von einer großen Menge von Erscheinungen
Rechenschaft ablegen und sie in der Praxis sogar vorhersehen können
11 Philalethes Weil aber unsere Geisteskräfte nicht dazu angetan sind
uns die innere Bildung der Körper deutlich zu machen müssen wir es als
hinlänglich erachten dass sie uns das Dasein Gottes und eine genügende
Selbsterkenntnis erschließen um uns über unsere Pflichten und über unsere
wichtigsten Interessen hinsichtlich der ganzen Ewigkeit zu unterrichten Und so
glaube ich im Recht zu sein daraus zu folgern dass die Moral die eigentliche
Wissenschaft und die große Angelegenheit der Menschen im allgemeinen ist wie
andrerseits die verschiedenen Künste welche verschiedene Teile der Natur
betreffen einzelnen zukommen Man kann zB sagen dass die Unwissenheit im
Gebrauch des Eisens Ursache ist dass in den Ländern von Amerika wo die Natur
alle Arten von Gütern ausgebreitet hat die meisten Bequemlichkeiten des Lebens
fehlen Weit entfernt also die Wissenschaft der Natur zu verachten 12
halte ich dafür dass dies Studium wenn es gehörig geleitet wird von größerem
Nutzen für das Menschengeschlecht sein kann als alles was man bisher gemacht
hat und derjenige welcher die Buchdruckerei erfand den Gebrauch des Kompasses
entdeckte und die Heilkraft der Quinquinarinde zeigte mehr zur Verbreitung des
Wissens und zur Förderung der dem Leben nützlichen Bequemlichkeiten beigetragen
und mehr Menschen vom Tode gerettet hat als die Gründer von Schulen und
Hospitälern und anderen mit großen Kosten errichteten Denkmalen rühmlichster
Menschenliebe
Theophilus Sie können nichts sagen was mir mehr zusagte Die wahre Moral
oder Frömmigkeit weit entfernt die Trägheit gewisser fauler Quietisten zu
begünstigen muss uns dazu treiben die Künste zu pflegen Und wie ich vorlängst
gesagt habe würde eine bessere Staatskunst imstande sein uns dereinst eine
viel bessere Medizin als wie wir jetzt haben zu verschaffen Nächst der Sorge
für die Sittlichkeit kann man dies nicht genug predigen
13 Philalethes Obwohl ich die Erfahrung empfehle verachte ich doch die
wahrscheinlichen Hypothesen keineswegs Sie können zu neuen Entdeckungen führen
und sind wenigstens dem Gedächtnis eine große Hilfe Aber unser Geist ist sehr
geneigt zu schnell fortzueilen und sich mit einigen leichten
Wahrscheinlichkeiten zufrieden zu geben ohne sich die nötige Mühe und Zeit zu
nehmen sie auf viele Erscheinungen anzuwenden
Theophilus Die Kunst die Ursachen der Erscheinungen oder die wirklichen
Hypothesen zu entdecken ist wie die Dechiffrierkunst wo eine sinnreiche
Vermutung ein großes Stück Weges abkürzt Lord Bacon hat den Anfang gemacht die
Kunst zu experimentieren auf Vorschriften zu bringen und der Ritter Boyle hat
ein großes Talent sie auszuüben gehabt Aber verbindet man nicht damit die
Kunst die Erfahrungen anzuwenden und Folgerungen daraus zu ziehen so wird man
mit königlichem Kostenaufwande nicht dahin kommen was ein Mann von großem
Scharfsinn sogleich entdecken konnte Descartes der dies sicherlich war hat in
einem seiner Briefe bei Gelegenheit der Methode des Kanzlers von England eine
ähnliche Bemerkung gemacht und Spinoza den zu zitieren ich mich nicht scheue
wenn er etwas Gutes sagt macht in einem seiner Briefe an den verstorbenen
Oldenburg Sekretär der Royal Society von England welche unter den
nachgelassenen Werken dieses scharfsinnigen Juden gedruckt sind eine verwandte
Reflexion über ein Werk Boyles der die Wahrheit zu sagen sich ein wenig zu
lange damit aufhält aus einer unendlichen Zahl schöner Erfahrungen keinen
anderen Schluss zu ziehen als den welchen er als Grundsatz hätte annehmen
können dass nämlich in der Natur alles auf mechanische Art geschieht ein
Grundsatz dessen man sich durch die bloße Vernunft und niemals durch die
Erfahrungen so viel man auch deren mache versichern kann
14 Philalethes Nachdem man klare und deutliche Vorstellungen mit
bestimmten Namen aufgestellt hat besteht das große Mittel zur Ausbreitung
unserer Erkenntnisse in der Kunst die Mittelbegriffe zu finden welche uns die
Verknüpfung oder die Unverträglichkeit der einander fernstehenden Begriffe
zeigen können Die Maximen wenigstens dienen nicht dazu sie uns zu verschaffen
Gesetzt dass jemand keine genaue Vorstellung von einem rechten Winkel hat so
wird er sich vergeblich quälen etwas über das rechtwinklige Dreieck zu
beweisen und welche Maximen man auch anwende man wird Mühe haben mit ihrer
Hilfe dahin zu gelangen zu beweisen dass die Quadrate der den rechten Winkel
einschließenden Seiten dem Quadrat der Hypothese gleich sind Es könnte jemand
lange über die Grundsätze nachdenken ohne jemals in der Mathematik klarer zu
sehen
Theophilus Über die Grundsätze nachzudenken hilft nichts wenn man nicht
sie anzuwenden Gelegenheit hat Die Grundsätze dienen oft dazu die
Vorstellungen zu verknüpfen wie zB jene Maxime dass die ähnlichen Strecken
zweiter und dritter Dimension sich wie die Quadrate und Kuben der entsprechenden
Stücke erster Dimension verhalten von größtem Nutzen ist Daraus entsteht zB
die Quadratur des Möndchens des Hippokrates wenn man eine Anwendung auf Kreise
macht und eine zweckmäßige Anordnung der Figuren damit verbindet
1 Philalethes Vielleicht wird es noch hinzuzufügen passend sein dass
unsere Erkenntnis wie noch in anderen Dingen mehr so auch darin mit dem
Gesichte sich analog verhält dass sie weder ganz notwendig noch ganz freiwillig
ist Man kann nicht umhin zu sehen wenn man die Augen dem Lichte geöffnet hat
aber man kann sie gewissen Gegenständen zuwenden 2 und sie mit mehr oder
weniger Aufmerksamkeit betrachten Ist das Vermögen also einmal in Anwendung
gebracht so hängt es nicht mehr vom Willen ab die Erkenntnis zu bestimmen
ebensowenig wie jemand das was er sieht zu sehen sich enthalten kann Man
soll aber seine Vermögen gehörig anwenden um sich zu unterrichten
Theophilus Wir haben über diesen Punkt bereits früher gesprochen und
festgestellt dass es vom Menschen nicht abhängt diese oder jene sinnliche
Empfindung in der Gegenwart in haben aber es hängt von ihm ab sich darauf
vorzubereiten um sie in der Folge zu haben und nicht zu haben und somit sind
die Meinungen nur auf indirekte Art freiwillig
1 Philalethes Der Mensch würde sich in den meisten Handlungen seines
Lebens unentschieden befinden wenn er in dem Falle wo eine sichere Erkenntnis
ihm mangelt zu seiner Leitung weiter nichts hätte 2 Er muss sich oft mit
einer einfachen Wahrscheinlichkeitsdämmerung begnügen 3 Das Vermögen sich
ihrer zu bedienen ist das Urteil Man begnügt sich oft damit aus Notwendigkeit
aber oft auch aus Mangel an Fleiß Geduld und Geschicklichkeit Man nennt es
Zustimmung oder Verwerfung und es findet statt wenn man etwas vermutet dh
wenn man etwas vor dem Beweise als wahr annimmt Geschieht dies der Wirklichkeit
entsprechend so ist es ein richtiges Urteil
Theophilus Andere nennen Urteilen diejenige Handlung welche man allemal
vollzieht wenn man gemäß einer Erkenntnis der Ursache sich entscheidet und
noch andere mag es geben welche das Urteil von der Meinung unterscheiden da es
nicht so unbestimmt sein dürfe Ich will aber mit niemand über den Gebrauch der
Worte streiten und es steht Ihnen frei das Urteil für eine wahrscheinliche
Ansicht zu nehmen Was die Vermutung Präsumtion anbetrifft so ist das ein
Ausdruck der Juristen bei denen die richtige Anwendung sie von der Konjektur
unterscheidet Dann ist sie etwas mehr und soll vorläufig für die Wahrheit
gellen bis das Gegenteil bewiesen ist statt dass ein Anzeichen und eine
Konjektur oft gegen eine andere Konjektur abgewogen werden muss So wird von
demjenigen welcher von einem anderen Geld geliehen zu haben gesteht vermutet
präsumiert dass er es bezahlen müsse wenn er nicht nachweist dass er es schon
getan habe oder dass die Schuld aus irgend einem anderen Rechtsgrunde aufhöre
Vermuten ist also in diesem Sinne nicht etwas annehmen ehe es bewiesen ist
was nicht erlaubt ist sondern es im voraus annehmen aber mit Grund indem
man unterdes einen Beweis des Gegenteils abwartet
1 Philalethes Wenn das Beweisverfahren den Zusammenhang der
Vorstellungen aufzeigt so ist die Wahrscheinlichkeit nichts anderes als der
auf Beweise gegründete Anschein dieses Zusammenhanges von Vorstellungen bei
denen man keine unveränderliche Verknüpfung gewahr wird Es gibt verschiedene
Grade der Zustimmung von der Sicherheit bis zur Konjektur zum Zweifel zum
Misstrauen 3 Wenn man Gewissheit hat so ist in allen Teilen des
Schlussverfahrens welche dessen Zusammenhang bezeichnen klare Erkenntnis
vorhanden was mich aber glauben macht ist etwas Fremdes 4 Die
Wahrscheinlichkeit nun gründet sich auf die Gleichförmigkeit mit dem was wir
wissen oder auf das Zeugnis derer welche es wissen
Theophilus Eher würde ich behaupten dass sie immer in der Ähnlichkeit oder
in der Übereinstimmung mit der Wahrheit begründet ist und das Zeugnis von
anderen ist auch etwas was die Wahrheit hinsichtlich naheliegender Tatsachen
für sich zu haben pflegt Man kann also sagen dass die Ähnlichkeit des
Wahrscheinlichen mit dem Wahren entweder von der Sache selbst hergenommen wird
oder von etwas Fremdem Die Rhetoriker nehmen zwei Arten von Beweismitteln
Argumenten an die künstlichen welche durch das Beweisverfahren von den
Sachen selbst hergenommen sind und die nicht künstlichen welche sich nur auf
das ausdrückliche Zeugnis entweder eines Menschen oder vielleicht auch der Sache
selbst stützen Aber es gibt auch noch gemischte denn das Zeugnis kann selbst
eine Tatsache liefern welche zur Bildung eines künstlichen Beweises dient
5 Philalethes Es geschieht aus Mangel an Ähnlichkeit mit dem Wahren dass
wir nicht leicht dasjenige glauben was sich dem von uns Gesagten nicht anpassen
lässt So antwortete der König von Siam einem Gesandten als dieser ihm sagte
dass das Wasser sich bei uns im Winter so verhärte dass ein Elefant darauf
hinschreiten könnte ohne einzubrechen Bisher habe ich Euch für einen ehrlichen
Mann gehalten aber jetzt sehe ich dass Ihr lügt 6 Wenn aber das Zeugnis der
anderen eine Tatsache wahrscheinlich machen kann so darf die Meinung der
anderen nicht an ihr selbst für eine richtige Begründung der Wahrscheinlichkeit
gelten Denn unter den Menschen gibt es mehr Irrtum als Erkenntnis und wenn der
Glaube derer die wir kennen und achten ein rechtmäßiger Grund für die
Zustimmung wäre so hatten die Menschen recht in Japan Heiden in der Türkei
Mohammedaner Papisten in Spanien Calvinisten in Holland und Lutheraner in
Schweden zu sein
Theophilus Das Zeugnis der Menschen ist ohne Zweifel von größerem Gewicht
als ihre Meinung und man widmet demselben mit Recht auch größere Beachtung
Indessen weiß man dass der Richter mitunter einen Eid de credulitate wie man es
nennt ablegen lässt und in den Verhören fragt man die Zeugen oft nicht aus nach
dem was sie gesehen haben sondern nur nach ihrem Urteil indem man sie
zugleich nach den Ursachen ihres Urteils fragt und stellt dann die gebührende
Erwägung desselben an Auch richten sich die Richter sehr nach den Ansichten und
Meinungen der Sachverständigen in jedem Fach und dasselbe sind die Privatleute
nicht minder zu tun verpflichtet in dem Maße als es ihnen nicht zu eigener
Prüfung zu schreiten passt So ist ein Kind und auch sonst jemand dessen Stand
in dieser Hinsicht nicht mehr gilt selbst wenn er sich in einer gewissen
Stellung befindet genötigt der Landesreligion so lange zu folgen als er darin
kein Übles sieht und er nicht imstande ist zu untersuchen ob es keine bessere
gibt Und mag ein Pagenmeister einer Religionspartei angehören welcher er wolle
so wird er jeden von ihnen in diejenige Kirche zu gehen veranlassen welche die
Angehörigen des von dem jungen Menschen bekannten Glaubens besuchen Man kann
die Streitigkeiten zwischen Nicole und anderen über den Beweisgrund aus der
Mehrzahl in Glaubenssachen zu Rate ziehen wobei mitunter der eine ihm zu viel
einräumt und der andere ihm nicht genug Beachtung schenkt Es gibt andere
Vorurteile durch welche die Menschen sich der Untersuchung gern entziehen
möchten Dies nennt Tertullian in einem eigens dazu geschriebenen Traktat
Praescriptiones indem er sich eines Ausdrucks bedient den die alten Juristen
deren Sprache ihm nicht unbekannt war von verschiedenen Arten fremder und
auffallender Exzeptionen und Allegationen gebrauchten den man aber heutzutage
nur von der zeitlichen Präskription Verjährung versteht die man geltend
macht um eines anderen Forderung zurückzuweisen weil sie nicht innerhalb der
gesetzlich festgestellten Zeit gemacht worden ist Deswegen hat man auch sowohl
von Seiten der römischen Kirche als der Protestanten gesetzliche Vorurteile
bekannt machen können Man hat darin das Mittel gefunden sowohl den einen als
den anderen in gewisser Hinsicht Neuerungen vorzuwerfen wie zB als die
Protestanten größtenteils die Form der alten Weihungen der Geistlichen
verließen oder als die Römischen den alten Kanon der Bücher der Heiligen
Schrift Alten Testamentes veränderten Dies habe ich ganz klar in einem Streit
bewiesen welchen ich schriftlich und in Zwischenräumen mit dem Bischof von
Meaux welchen man nach den vor einigen Tagen angelangten Nachrichten soeben
verloren hat geführt habe Da diese Vorwürfe also gegenseitig waren so ist die
Neuerung wenn sie gleich einigen Verdacht des Irrens in diesen Gegenständen
zulässt doch nicht ein sicherer Beweis davon
1 Philalethes Was die Grade der Zustimmung anbetrifft so muss man sich
hüten die Wahrscheinlichkeitsgründe welche man hat darin nicht über diejenige
Stufe des Anscheins hinaus wirken zu lassen welche man darin findet oder bei
vorgängiger Prüfung darin gefunden hat Denn man muss zugeben dass die Zustimmung
nicht immer auf einer wirklichen Einsicht in die den Geist bestimmenden Gründe
ruht und selbst denen welche ein bewundernswürdiges Gedächtnis haben würde es
sehr schwer sein immer alle die Beweise zu behalten welche sie zu einer
gewissen Ansicht bestimmt haben und die mitunter einen Band über eine einzige
Frage füllen konnten Es genügt dass sie die Sache einmal aufrichtig und
sorgfältig durchdacht und sozusagen die Rechnung gezogen haben 2 Sonst
müssten die Menschen sehr skeptisch sein oder in jedem Augenblick ihre Ansicht
ändern um sich einem jeden hinzugeben der die Frage vor kurzem geprüft hat und
ihnen neue Gründe vorlegt auf die sie aus Mangel an Gedächtnis oder Muße zu
fleißiger Erwägung nicht gleich vollständig antworten können 3 Man muss
zugeben dass dies die Menschen oft hartnäckig im Irren macht der Fehler ist
aber nicht dass sie sich auf ihr Gedächtnis verlassen sondern dass sie früher
falsch geurteilt haben Denn oft tritt bei den Menschen an die Stelle der
Prüfung und der Vernunft die Bemerkung dass sie niemals anders gedacht haben
Gewöhnlich aber sind diejenigen welche ihre Meinungen am wenigsten geprüft
haben denselben am meisten zugetan Während nun löblich ist dem was man
gesehen hat zugetan zu sein ist es nicht immer so mit dem was man geglaubt
hat weil man irgend eine Erwägung ausgelassen haben kann die alles umzustoßen
imstande ist Und es gibt vielleicht niemand in der Welt welcher die Muße die
Geduld und die Mittel hätte alle die Beweise der einen wie der anderen Seite
über die Streitfragen welche seine Meinungen angehen zu sammeln um sie zu
vergleichen und so sicher zu schließen dass ihm für eine weitere Kenntnisnahme
nichts mehr zu wissen bleibt Die Sorge für unseren Lebensunterhalt und unsere
wichtigsten Interessen leidet indessen keinen Aufschub und es ist durchaus
notwendig dass unser Urteil über diejenigen Punkte in denen wir zu einer
sicheren Erkenntnis zu gelangen unfähig sind eine Entscheidung treffe
Theophilus Alles was Sie eben sagten ist durchaus richtig und
stichhaltig Indessen wäre es zu wünschen dass die Menschen in manchen Fällen
schriftliche Entwürfe in Form von Gedächtnisbüchern der Gründe besäßen welche
sie zu irgend einer bedeutsamen Ansicht veranlasst haben und welche sie in der
Folge noch oft vor sich oder anderen zu rechtfertigen genötigt sind Obgleich es
übrigens in Rechtsangelegenheiten gewöhnlich nicht erlaubt ist die ergangenen
Urteile umzustoßen und die Rechnungen zu revidieren sonst müsste man immerfort
in Unruhe sein was um so unerträglicher sein würde als man die Notizen aus der
Vergangenheit nicht immer bewahren kann so wird mitunter auf Grund neuer
Entdeckungen zugelassen dass man sich Gerechtigkeit verschaffe und sogar das
erlange was man restitutio in integrum Wiedereinsetzung in den dem Prozess
vorausgehenden Stand gegenüber dem nennt was angeordnet worden ist ebenso
dürfen in unseren eigenen Angelegenheiten besonders bei sehr wichtigen
Gegenständen wo es noch frei ist sich zu binden oder zurückzuziehen und es
unschädlich ist die Ausführung aufzuschieben oder wenig zu fördern die auf
Wahrscheinlichkeiten gegründeten Urteilssprüche unseres Innern niemals so in rem
judicatam übergehen wie die Juristen sagen dh als ein für allemal
feststehend gelten so dass man nicht zur Revision des Gedankenzusammenhanges
geneigt wäre wenn neue gewichtige Gründe sich dagegen darbieten Ist es aber
keine Zeit mehr zu überlegen so muss man dem einmal gefällten Urteil mit so
viel Festigkeit folgen als wenn es unfehlbar wäre wenn auch nicht immer mit
gleicher Strenge
4 Philalethes Da die Menschen also nicht vermeiden können sich beim
urteilen dem Irrtum auszusetzen und verschiedene Ansichten zu hegen wenn sie
die Sachen nicht von der gleichen Seite betrachten können so müssen sie in
dieser Meinungsverschiedenheit untereinander den Frieden und die
Humanitätspflichten bewahren ohne zu verlangen dass ein anderer auf unsere
Einwendungen hin eine festgewurzelte Meinung sogleich umtauschen solle
besonders wenn er sich vorzustellen Ursache hat dass sein Gegner aus Interesse
oder Ehrgeiz oder aus irgend einem anderen besonderen Motiv handelt Auch haben
sich häufig diejenigen welche den anderen die Notwendigkeit auferlegen wollen
sich ihren Ansichten zu fügen die Dinge nicht wohl geprüft Denn die welche in
die Untersuchung so tief eingedrungen sind um über den Zweifel hinauszukommen
sind in so geringer Zahl und finden so wenig Veranlassung andere zu verdammen
dass man sich von ihrer Seite eines gewaltsamen Auftretens nicht zu versehen
braucht
Theophilus Was man an den Menschen wirklich am meisten zu tadeln das Recht
hat ist nicht ihre Meinung sondern ihr verwegenes Urteil die der anderen zu
tadeln als ob man einfältig oder schlecht sein müsste um andere wie sie zu
urteilen es ist dies bei den Urhebern jener von ihnen im Publikum verbreiteten
Leidenschaften und Feindseligkeiten die Wirkung eines hochfahrenden und
unbilligen Gemütes das zu herrschen wünscht und keinen Widerspruch dulden kann
Damit ist nicht geleugnet dass es nicht in Wahrheit gar oft Gelegenheit gibt
die Meinungen anderer zu kritisieren aber dies muss man im Geiste der Billigkeit
und des Mitleids für die menschliche Schwäche tun Man hat allerdings recht
gegen die schlimmen Lehren welche auf die Sitten und die Ausübung der
Frömmigkeit Einfluss haben Vorkehrungen zu treffen aber ohne weitere Beweise
davon zu haben soll man sie den Leuten nicht zum Verbrechen anrechnen Wenn die
Billigkeit verlangt die Person zu schonen so macht es die Frömmigkeit zur
Pflicht darzutun inwiefern ihre Dogmen eine schlimme Wirkung haben wenn sie
schädlich sind wie zB diejenigen welche gegen die Vorsehung eines vollkommen
weisen guten und gerechten Gottes und gegen die Unsterblichkeit der Seele sind
welche sie für die Wirkungen seiner Gerechtigkeit empfänglich macht um nicht
von anderen hinsichtlich der Moral und Politik gefährlichen Meinungen zu reden
Ich weiß dass vortreffliche und wohlgesinnte Männer behaupten diese
theoretischen Meinungen hätten in der Praxis weniger Einfluss als man denkt und
weiß auch dass es Leute von trefflichem Naturell gibt die durch ihre Meinungen
niemals dahin kommen werden etwas ihrer Unwürdiges zu tun wie übrigens
diejenigen welche durch die Spekulation zu dergleichen Irrtümern gekommen sind
von Natur aus den Lasten ferner zu sein pflegen für welche die große Masse der
Menschen empfänglich ist während sie außerdem noch für die Würde der Sekte der
sie gleichsam als Häupter vorstehen Sorge tragen müssen und man kann sagen
dass Epikur und Spinoza zB ein ganz exemplarisches Leben geführt haben Aber
diese Gründe hören bei ihren Schülern oder Nachahmern meistens auf welche sich
von der unbequemen Furcht vor einer wachsamen Vorsehung und einer drohenden
Zukunft befreit glaubend ihren tierischen Leidenschaften den Zügel schießen
lassen und ihren Geist darauf richten andere zu verführen und zu verderben und
wenn sie ehrgeizig und von etwas hartem Naturell sind so sind sie imstande für
ihr Vergnügen oder ihren Vorteil die Welt an allen vier Ecken anzuzünden wie
ich Leute dieses Schlages gekannt habe welche der Tod entfernt hat Ich finde
sogar dass ähnliche Meinungen wie sie sich nach und nach in das Gemüt der
Männer der vornehmen Welt welche die anderen regieren und von denen die
Geschäfte abhangen und in die gangbaren Schriften einschleichen alle Dinge zu
der allgemeinen Revolution mit der Europa bedroht ist vorbereiten und damit
endigen das zu zerstören was noch in der Welt von den edlen Gesinnungen der
alten Griechen und Römer übrig ist welche die Liebe zum Vaterland und zur
öffentlichen Wohlfahrt und die Sorge für die Zukunft dem Glück und seihst dem
Leben vorzogen Jene public spirits wie die Engländer sie nennen nehmen
außerordentlich ab und sind nicht mehr in der Mode und sie werden noch mehr
aufhören wenn sie nicht mehr durch die richtige Sittenlehre und die wahre
Religion welche die natürliche Vernunft selbst uns lehrt unterstützt sein
werden Die Besten von entgegengesetztem Charakter welcher zu herrschen
beginnt haben kein anderes Prinzip mehr als das was sie das der Ehre nennen
Aber das Zeichen des ehrenhaften Mannes und des Mannes von Ehre bei ihnen ist
allein keine Niederträchtigkeit wie sie dieselbe verstehen zu begehen Und
wenn jemand für die Größe oder aus Eigensinn Ströme Blutes vergösse wenn er
alles kopfüber stürzte so würde man das für nichts rechnen und ein antiker
Herostrat oder ein Don Juan der Oper würde als Held gelten Man spottet ganz
laut über die Liebe zum Vaterlande man verlacht diejenigen welche für das
öffentliche Wohl sorgen und wenn irgend ein Wohlgesinnter von dem spricht was
aus der Nachkommenschaft werden sollte so antwortet man kommt Zeit kommt Rat
Aber solchen Leuten könnte widerfahren dass sie selbst die Übel erproben welche
sie anderen aufbehalten wähnen Wenn man jetzt noch von dieser epidemischen
Geisteskrankheit deren schlimme Wirkungen sichtbar zu werden beginnen sich
heilte so könnte jenen Übeln vielleicht noch vorgebeugt werden aber wenn sie
immer mehr wächst so wird die Vorsehung die Menschen durch die Revolution
selbst die daraus entstehen muss strafend bessern denn was auch geschehen
möge so wird stets alles am Ende der Rechnung sich zum besten wenden wenn
schon dies nicht ohne Züchtigung derer welche durch ihre schlimmen Handlungen
selbst zum Guten beigetragen haben geschehen darf und kann Ich komme jedoch
von einer Abschweifung zurück zu der mich die Betrachtung der schädlichen
Meinungen und des Rechtes sie zu tadeln geleitet hat Da nun in der Theologie
die Zensuren noch viel weiter gehen als anderswo und die welche ihre
Rechtsgläubigkeit geltend machen oft die Gegner verdammen wogegen sich in
ihrer Partei selbst diejenigen setzen welche von ihren Gegnern Synkretisten
genannt werden so hat diese Meinung Bürgerkriege zwischen den Strenggläubigen
und den Nachgiebigen in einer und derselben Partei erregt Da indessen denen
welche anderer Meinung sind die ewige Seligkeit abzusprechen ein Eingriff in
die Rechte Gottes ist so verstehen dies die Weisesten unter den Verdammern nur
von der Gefahr in welcher sie die irrenden Seelen zu sehen glauben und
überlassen der besonderen Gnade Gottes diejenigen deren Bosheit sie nicht
unfähig macht jene Gnade zu empfangen und glauben sich ihrerseits
verpflichtet alle erdenkbaren Anstrengungen zu machen um sie einem so
gefährlichen Zustand zu entreißen Wenn diese Leute welche so über die Gefahr
anderer urteilen zu jener Ansicht nach einer angemessenen Prüfung gekommen
sind und es kein Mittel gibt sie ihres Irrtums zu überführen so kann man ihr
Verfahren nicht tadeln solange sie nur die Woge der Sanftmut wandeln Aber
sobald sie weiter gehen so heißt das die Gesetze der Billigkeit verletzen Denn
sie müssen bedenken dass andere ebenso überzeugt wie sie gerade soviel Recht
haben ihre Ansichten aufrechtzuerhalten und selbst zu verbreiten wenn sie
dieselben für wichtig halten Man muss die Meinungen ausnehmen welche Verbrechen
lehren diese darf man nicht dulden und man hat das Recht sie auf dem Wege der
Strenge zu ersticken selbst wenn derjenige welcher sie vertritt sich in
Wahrheit derselben nicht entschlagen kann wie man das Recht hat ein giftiges
Tier zu vertilgen mag es auch ganz unschuldig sein Ich spreche aber vom
Vertilgen der Sekte und nicht der Menschen weil man sie verhindern kann zu
schaden und Lehrsätze zu verbreiten
5 Philalethes Um auf den Grund und die Grade der Zustimmung
zurückzukommen so ist es am Platze zu bemerken dass es Sätze von zwei Arten
gibt die einen betreffen Tatsachen die da sie von der Beobachtung abhangen
auf ein menschliches Zeugnis gegründet werden können die anderen sind
spekulativ und sind da sie Dinge angehen welche unsere Sinne nicht entdecken
können eines ähnlichen Zeugnisses nicht fähig 6 Wenn eine einzelne Tatsache
unseren stets gleichbleibenden Beobachtungen und den einstimmigen Berichten
anderer entspricht verlassen wir uns so fest darauf als ob es eine sichere
Erkenntnis wäre und wenn es dem Zeugnis aller Menschen in allen Jahrhunderten
soweit es gekannt werden kann entspricht so ist dies der erste und höchste
Grad der Wahrscheinlichkeit zB dass das Feuer erwärmt dass das Eisen im Wasser
untersinkt Unser auf solchen Gründen ruhender Glaube erhebt sich bis zur
Gewissheit 7 Zweitens wenn alle Historiker erzählen dass dieser oder jener
seinen eigenen Vorteil dem öffentlichen vorgezogen hat so ist da man
beobachtet hat dass dies die Gewohnheit der meisten Menschen ist eine solchen
Erzählungen gegebene Zustimmung ein Vertrauensakt 8 Drittens wenn die Natur
der Dinge nichts enthält was dafür oder dagegen ist so wird eine durch das
Zeugnis Unverdächtiger bezeugte Tatsache zB dass ein Julius Caesar gelebt hat
mit einem festen Glauben daran aufgenommen Aber wenn die Zeugnisse dem
gewöhnlichen Naturlauf oder untereinander widersprechend sind so können die
Wahrscheinlichkeitsgrade sich bis ins Unendliche vervielfältigen Daher stammen
jene Grade welche wir Glauben Vermutung Zweifel Ungewissheit Misstrauen
nennen und da ist denn strenge Prüfung nötig um ein richtiges Urteil zu bilden
und unsere Zustimmung den Graden der Wahrscheinlichkeit anzupassen
Theophilus Die Juristen haben bei ihrer Behandlung der Beweise
Präsumtionen Konjekturen und Merkmale viel Richtiges über diesen Gegenstand
gesagt und sind viel auf das einzelne eingegangen Sie beginnen mit dem
Ortskundigen Notorischen wobei man keinen Beweis nötig hat Darauf kommen sie
zu den vollständigen Beweisen oder solchen die dafür gelten auf Grund deren
man wenigstens in Zivilsachen Entscheidungen ergehen lässt aber bei anderen
Fällen in Kriminalsachen zurückhaltender ist Man hat auch nicht unrecht dafür
mehr als volle Beweise und namentlich je nach der Natur der Tatsache das zu
verlangen was man corpus delicti nennt Es gibt also mehr als volle Beweise und
auch gewöhnlich volle Beweise Ferner gibt es Präsumtionen Annahmen welche
als vorläufig vollständige Beweise gelten dh so lange als das Gegenteil nicht
nachgewiesen ist Ferner gibt es mehr als halb volle Beweise eigentlich zu
reden wo man dem der sich darauf stützt zu schwören erlaubt um sie zu
vervollständigen dies ist das juramentum suppletorium Es gibt dann wieder
andere weniger als halb volle Beweise wo man ganz im Gegenteil denjenigen zum
Reinigungseid lässt welcher die Tatsache leugnet dies ist das juramentum
purgationis Außerdem gibt es noch viele Grade von Konjekturen und Merkmalen
Und besonders gibt es in Kriminalsachen Merkmale ad torturam um zur
peinlichen Frage zu schreiten welche selbst wieder ihre durch die
Verhaftungsformeln bezeichneten Grade hat es gibt Merkmale ad terrendum bei
welchen es hinreicht die Marterinstrumente sehen zu lassen und die Tortur
vorzubereiten als ob man dazu schreiten wollte Es gibt deren ad capturam um
sich eines Verdächtigen zu versichern und ad inquirendum um sich unter der
Hand und ohne Aufheben zu unterrichten Diese Unterschiede können auch bei
anderen entsprechenden Gelegenheiten brauchbar sein und das ganze
Gerichtsverfahren in der Justiz ist in der Tat nichts anderes als eine auf die
Rechtsfragen angewendete Art Logik Auch die Ärzte haben eine Menge Grade und
Unterschiede ihrer Symptome und Indikationen welche man in ihren Büchern
nachsehen kann Die Mathematiker unserer Zeit haben bei Gelegenheit der Spiele
angefangen die Glückschancen abzuschätzen Der Ritter de Meré dessen »
Belustigungen« und andere Werke gedruckt sind ein Mann von durchdringendem
Geist der ein Spieler und Philosoph war gab dazu Veranlassung indem er Fragen
aber die Partien aufstellte um zu erfahren was das Spiel wenn es in diesem
oder jenem Punkte unterbrochen würde wert sei Er veranlasste dadurch seinen
Freund Pascal diese Dinge ein wenig zu untersuchen Die Frage machte Lärm und
gab Huygens Gelegenheit seinen Traktat de Alea über das Würfelspiel
abzufassen Andere Gelehrte nahmen gleichfalls teil Man setzte einige
Grundregeln fest die auch der Ratspensionär de Wit in einer Meinen auf
Holländisch geschriebenen Abhandlung über die lebenslänglichen Renten benutzte
Der Grund auf welchem man gebaut hat kommt auf die Prosthaphaeresis dh
darauf zurück dass man zwischen mehreren gleich annehmbaren Voraussetzungen ein
arithmetisches Mittel nimmt dessen sich unsere Bauern schon lange mit ihrer
natürlichen Mathematik bedient haben Wenn zB eine Erbschaft oder ein Landgut
verkauft werden soll bilden sie drei Gruppen von Abschätzern diese Gruppen
werden im Niedersächsischen Schurzen genannt und jede davon macht eine
Abschätzung des fraglichen Gutes Setzen wir dass die eine es zu dem Werte von
1000 Tlr die andere zu 1400 Tlr die dritte zu 1500 Tlr schätzt so nimmt
man die Summe dieser drei Abschätzungen mit 3900 und davon weil drei Gruppen
gewesen sind den dritten Teil der für den verlangten Mittelwert 1300 ist
oder was dasselbe ist man nimmt die Summe des dritten Teils jeder Schätzung
Das ist der Grundsatz aequalibus aequalia Gleiches für Gleiches bei gleichen
Voraussetzungen muss man gleiche Folgerungen machen Wenn aber die
Voraussetzungen ungleich sind vergleicht man sie miteinander Vorausgesetzt
zB dass mit zwei Würfeln der eine Spieler gewinnen soll wenn er 7 Punkte hat
der andere wenn er 9 hat so fragt sich welches Verhältnis findet zwischen
ihren Wahrscheinlichkeiten zu gewinnen statt Ich antworte dass die
Wahrscheinlichkeit für den letzteren nur zwei Drittel der Wahrscheinlichkeit für
den ersteren wert ist denn mit zwei Würfeln kann der erstere 7 auf drei Arten
machen nämlich mit 1 und 6 oder 2 und 5 oder 3 und 4 und der andere kann 9 nur
auf zwei Arten machen indem er entweder 3 und 6 oder 4 und 5 wirft Und alle
diese Würfe sind gleich möglich Also werden die Wahrscheinlichkeiten welche
wie die Zahlen der gleichen Möglichkeiten sind sich wie 3 zu 2 oder wie 1 zu
23 verhalten Ich habe mehr als einmal gesagt dass eine neue Art Logik nötig
sein würde welche die Wahrscheinlichkeitsgrade behandeln müsste da Aristoteles
in seiner Topik nichts weniger als das gemacht sich vielmehr begnügt hat
gewisse leichtfassliche nach den Gemeinplätzen eingeteilte Regeln in eine
gewisse Ordnung zu bringen die in den Fällen dienen können wo es sich darum
handelt den Vortrag zu erweitern und ihm einige Wahrscheinlichkeit zu geben
ohne sich zu bemühen den notwendigen Maßstab zur Abwägung der
Wahrscheinlichkeiten und zur Bildung eines gründlichen Urteils darüber
hinzuzufügen Gut wäre es wenn derjenige welcher diesen Gegenstand behandeln
wollte die Prüfung der Hazardspiele fortsetzte und überhaupt möchte ich
wünschen dass ein geschickter Mathematiker ein großes weitläufiges und recht
gründliches Werk über alle Arten von Spielen machen wollte Dies würde von
großem Nutzen sein um die Erfindungskunst zu vervollkommnen da der menschliche
Geist sich mehr in den Spielen als in den ernsteren Gegenständen zeigt
10 Philalethes Das Gesetz Englands beobachtet die Regel dass die
Abschrift eines Gesetzesaktes welche durch Zeugen als authentisch anerkannt
worden ist ein guter Beweis ist dass aber die Abschrift einer Abschrift möge
sie auch noch so beglaubigt sein und zwar durch die glaubwürdigsten Zeugen vor
Gericht niemals als Zeugnis zugelassen wird Ich habe noch niemand diese weise
Vorsicht tadeln hören Wenigstens kann man die Bemerkung daraus ziehen dass ein
Zeugnis in dem Maße weniger Kraft hat als es von der ursprünglichen Wahrheit
sich entfernt die in der Sache selbst besteht während freilich bei manchen
Leuten man ein schnurstracks entgegengesetztes Verfahren angewendet findet Die
Meinungen erhalten durch das Altwerden Kraft und was vor tausend Jahren einem
vernünftigen Zeitgenossen dessen welcher es zuerst bezeugt hat nicht
wahrscheinlich vorgekommen sein würde gilt gegenwärtig für gewiss weil es
mehrere auf jenes Zeugnis hin nacherzählt haben
Theophilus Die Kritiker im historischen Fach legen großes Gewicht auf die
zeitgenössischen Zeugen der Begebenheiten indessen verdient selbst ein
Zeitgenosse besonders nur hinsichtlich der öffentlichen Angelegenheiten Glauben
spricht er aber von Motiven Geheimnissen verborgenen Triebfedern und
streitigen Dingen wie zB von Vergiftungen Mordtaten so erfährt man
wenigstens was mehrere geglaubt haben Procopius ist sehr glaubwürdig wenn er
vom Krieg des Belisar gegen die Vandalen und Goten spricht wenn er aber in
seinen Anecdota schlimme Lästerreden gegen die Kaiserin Theodora auftischt so
mag sie glauben wer will Man muss im allgemeinen sehr zurückhaltend sein den
Satiren zu glauben wir kennen deren welche man zu unserer Zeit veröffentlicht
hat und die wenngleich aller Wahrscheinlichkeit entgegen dennoch von den
Unwissenden gierig verschlungen worden sind Und vielleicht wird man noch einmal
sagen Ists möglich dass man solche Dinge zu jener Zeit zu veröffentlichen
gewagt haben würde wenn nicht irgend ein Wahrscheinlichkeitsgrund dafür war
Aber wenn man dies einmal sagt wird man sehr falsch urteilen Indessen ist die
Welt geneigt sich der Satire hinzugeben und um nur ein Beispiel davon
anzuführen so haben nachdem der verstorbene Mr du Maurier Sohn in seinen vor
einigen Jahren gedruckten Memoiren der Wahrheit zuwider in den Tag hinein
gewisse schlecht begründete Dinge gegen den unvergleichlichen Hugo Grotius
schwedischen Gesandten in Frankreich veröffentlicht hat gegen das Andenken
dieses berühmten Freundes seines Vaters durch irgend einen Umstand
augenscheinlich aufgebracht so haben sage ich viele Schriftsteller wie ich
bemerkt habe dies wiederholt obwohl die Staatshandlungen und Briefe des großen
Mannes hinlänglich das Gegenteil zeigen Man geht sogar so weit in der
Geschichte Romane zu schreiben und der welcher zuletzt ein Leben von Cromwell
angefertigt hat hielt es für erlaubt um den Gegenstand auszuschmücken indem
er von dem damals noch privaten Leben des gescheiten Usurpators sprach ihn nach
Frankreich reisen zu lassen wohin er ihm in die Wirtshäuser von Paris folgt
als ob er sein Reisemarschall gewesen wäre Es geht jedoch auch aus der von
Carrington geschriebenen Geschichte Cromwells hervor dass dieser niemals die
britischen Inseln verlassen hat Carrington war aber wohl unterrichtet und mit
Cromwells Sohn Richard als er noch den Protektor machte vertraut Vor allem
sind Einzelheiten wenig sicher Man hat fast gar keine guten Beschreibungen von
Schlachten die meisten derselben im Titus Livius scheinen aus der Phantasie
geschöpft zu sein ebenso wie die des Quintus Curtius Man müsste von beiden
Parteien die Berichte genauer und fähiger Männer haben die sogar Pläne
entwerfen müssten wie diejenigen welche der Graf Dahlberg welcher schon mit
Auszeichnung unter König Karl Gustav von Schweden gedient hatte und als
Generalgouverneur von Livland Riga vor kurzem verteidigt hat über die
Kriegstaten und Schlachten dieser Fürsten stechen ließ
Man muss indessen nicht gleich einen guten Geschichtsschreiber um eines Wortes
irgend eines Fürsten oder Ministers willen der bei irgend einer Gelegenheit
gegen ihn auftritt oder wegen irgend eines Punktes verschreien der nicht
gefällt und allerdings vielleicht irgend einen Fehler enthält Man erzählt dass
Karl der Fünfte wenn er sich etwas aus Sleidan vorlesen lassen wollte sagte
Bringt mir meinen Lügner und dass Carlowiz ein in jener Zeit wohl bewanderter
sächsischer Edelmann erklärte die Geschichte Sleidans zerstöre bei ihm alle
die gute Meinung welche er von den alten Geschichten gehabt habe Dies sage
ich darf bei wohlunterrichteten Personen von keinem Gewicht sein um das
Ansehen der Sleidanschen Geschichte umzustürzen deren bester Teil aus den
Staatsakten der Reichstage und Versammlungen und aus durch die Fürsten
beglaubigten Staatsschriften zusammengesetzt ist und wenn noch der geringste
Zweifel darüber bleiben sollte so wird er gerade jetzt durch die ausgezeichnete
Geschichte meines berühmten Freundes des verstorbenen Herrn von Seckendorf
gehoben bei dem ich indessen mich nicht enthalten kann den Ausdruck
»Luthertum« auf dem Titel zu missbilligen den eine schlechte Gewohnheit in
Sachsen zu Ansehen gebracht hat Dort wird das meiste durch zahllose aus den
sächsischen Archiven gewonnene Beweisstücke welche er zur Verfügung hatte
gerechtfertigt mag auch der Bischof von Meaux der dabei angegriffen wird und
dem ich das Bach schickte mir antworten es sei von einer fürchterlichen
Weitschweifigkeit Ich wünschte nur dass es in demselben Verhältnis zweimal
größer wäre Je weitläufiger es ist desto mehr müsste es Gelegenheit geben sich
mit ihm zu beschäftigen da man nur zu wählen brauchte wo man anfinge auch
gibt es sonst sehr geschätzte historische Werke welche noch viel größer sind
Übrigens verachte man nicht immer die Schriftsteller welche nach der Zeit
von der sie sprechen gelebt haben wenn nur was sie erzählen auch sonst
bestätigt wird Mitunter kommt es auch vor dass sie die ältesten Stücke
aufbewahren Man war zB in Ungewissheit aus welcher Familie Suibert Bischof
von Bamberg nachher Papst unter dem Namen Clemens II stammte Ein anonymer
braunschweigischer Geschichtsschreiber der im 14 Jahrhundert gelebt hat hatte
seine Familie genannt aber die in unserer Geschichte bewanderten Gelehrten
hatten darauf keine Rücksicht genommen Ich habe aber eine viel ältere noch
ungedruckte Chronik gehabt wo dasselbe mit mehr Einzelheiten gesagt ist woraus
hervorgeht dass er von der Familie der alten Feudalherren von Homburg in der
Nähe von Wolfenbüttel stammte deren Land durch den letzten Besitzer dem
Halberstädter Dom geschenkt wurde
11 Philalethes Man soll auch nicht von mir glauben dass ich das Ansehen
und den Nutzen der Geschichte durch meine Bemerkung habe herabsetzen wollen Aus
dieser Quelle erhalten wir mit überzeugender Klarheit einen großen Teil der uns
nützlichen Wahrheiten Ich kenne nichts Schätzenswerteres als die aus dem
Altertum uns übrig gebliebenen Memoiren und wollte gern dass wir deren noch
eine größere Zahl und weniger verfälschte hätten Aber es bleibt immer wahr dass
keine Abschrift sich über die Gewissheit der ersten Urschrift erhebt
Theophilus Wenn man nur einen alten Schriftsteller als Gewährsmann einer
Tatsache hat so fügen sicherlich alle diejenigen welche ihn ausgeschrieben
haben demselben kein Gewicht hinzu oder müssen vielmehr für nichts gerechnet
worden Dies muss sich dann ganz ebenso verhalten als ob das von ihnen Bemerkte
zur Zahl der hapax legomena gehörte dessen was nur einmal gesagt worden ist
worüber Menagius ein Buch verfassen wollte Wenn hunderttausend kleine
Schriftsteller die Schmähreden Bolsecs zB wiederholen wollten würde auch
heute noch ein vernünftiger Mensch sich ebensowenig daran kehren als an das
Geschrei der Sperlinge Juristen haben de fide historica über die historische
Glaubwürdigkeit geschrieben aber dieser Gegenstand verdiente eine tiefer
eingehende Untersuchung und einige von jenen Schriftstellern sind zu
nachsichtig gewesen Was das hohe Altertum betrifft so sind einige der
hervorstechendsten Tatsachen zweifelhaft Gescheite Leute haben mit Grund
gezweifelt ob Romulus der erste Gründer der Stadt Rom gewesen ist Man streitet
über den Tod des Cyrus und außerdem hat der Widerspruch zwischen Herodot und
Ktesias über die Geschichte der Assyrier Babylonier und Perser Ungewissheit
verbreitet Die von Nebukadnezar von Judith und selbst diejenige des Ahasveros
aus dem Buch Esther leidet an großen Schwierigkeiten Die Römer widersprechen
mit ihrer Geschichte vom Gold von Toulouse dem was sie über die Niederlage der
Gallier durch Camillus erzählen Vor allem verdient die eigene und private
Geschichte der Völker keinen Glauben wenn sie nicht sehr alten Quellenschriften
entnommen ist und mit der allgemeinen Geschichte übereinstimmt Darum gilt
alles was man uns von den alten deutschen gallischen britischen
schottischen polnischen und anderen Königen erzählt mit Recht für fabelhaft
Jener Trebeta Ninus Sohn Gründer von Trier jener Brutus der Stammvater der
Britonen oder Briten sind gerade so viel wert als die Amadis Die aus
Romanschreibern hergeholten Erzählungen welche Trithemius Aretin und selbst
Albin und Sifrid Petri über die alten Fürsten der Franken Bojer Sachsen
Friesen aufzutischen sich die Freiheit genommen haben und das was Saxo
Grammaticus und die Edda uns von den fernsten nordischen Altertümern erzählen
kann nicht mehr Gewicht haben als was Kadlubko der erste polnische
Geschichtsschreiber von einem ihrer Könige erzählt welcher Eidam des Julius
Cäsar gewesen sein soll
Wenn aber die Erzählungen verschiedener Völker sich in den Fällen begegnen
wo es keinen Anschein hat dass der eine den anderen abgeschrieben habe so ist
das ein bedeutendes Zeichen für die Wahrheit Solcher Art ist die Übereinstimmung
des Herodotus mit der Geschichte im Alten Testament in vielen Fällen wenn er
zB von der Schlacht von Megiddo zwischen dem Könige von Ägypten und den
Syriern Palästinas spricht dh den Juden wo nach dem Bericht der Heiligen
Schrift welche wir von den Hebräern haben der König Josias tödlich verwundet
wurde Auch die Übereinstimmung der arabischen persischen türkischen mit den
griechischen römischen und anderen abendländischen Schriftstellern ist denen
welche den Tatsachen nachforschen sehr willkommen wie denn auch die Zeugnisse
welche die aus dem Altertum übrigen Münzen und Inschriften den auf uns
gekommenen antiken Schriftstellern geben und die im Grunde Abschriften von
Abschriften sind Was die Geschichte von China uns noch lehren wird bleibt
abzuwarten bis wir besser imstande sein werden darüber zu urteilen und sie
sich Glauben verschafft haben wird
Der Nutzen der Geschichte besteht hauptsächlich in dem Genuss den Ursprung
der Völker zu erkennen dass man ferner denen welche sich um die übrige
Menschheit wohl verdient gemacht haben Gerechtigkeit widerfahren lässt in der
Gründung einer historischen Kritik und vor allem der heiligen Geschichte welche
das Fundament der Offenbarung bildet und endlich wenn wir die Genealogien und
Fürsten wie Potentatenrechte beiseite setzen in den nützlichen Unterweisungen
welche die Beispiele uns liefern Ich halte es nicht für überflüssig die
Altertümer bis auf die kleinsten Kleinigkeiten genau zu untersuchen denn
mitunter kann die von den Kritikern daraus gezogene Kenntnis zu den wichtigsten
Dingen nützen Ich stimme zB ganz damit überein dass man sogar die gesamte
Geschichte der Kleidungen und der Schneiderkunst von den Anzügen der hebräischen
Hohenpriester oder wenn man will von den Pelzröcken aus die Gott den ersten
Ehegatten bei ihrem Abschiede aus dem Paradiese gab bis zu den Fontangen und
Falbalas unserer Zeit schreibe und dass man dem alles hinzufüge was man aus den
alten Skulpturen und den seit einigen Jahrhunderten gemachten Gemälden gewinnen
kann Auf Verlangen würde ich sogar die Memoiren eines Augsburgers aus dem
verflossenen Jahrhundert liefern der sich mit allen den Kleidern welche er
seit seiner Kindheit bis zum dreiundsechzigsten Jahre trug gemalt hat Auch hat
mir jemand erzählt dass der verstorbene Herzog von Aumont ein großer Kenner der
schönen Altertümer eine ähnliche Merkwürdigkeit gehabt hat Dies würde
vielleicht dazu dienen die wirklichen Altertümer von denen die es nicht sind
zu unterscheiden von manchem anderen Nutzen nicht zu reden Und weil es den
Menschen zu spielen erlaubt ist so würde es ihnen auch erlaubt sein sich mit
dieser Art von Arbeiten wenn die wesentlichen Pflichten nicht darunter leiden
zu unterhalten Aber ich wünschte auch dass es Leute gäbe die sich besonders
darauf legten das Nützlichste aus der Geschichte zu ziehen wie zB
außerordentliche Beispiele von Tugend Bemerkungen über die Bequemlichkeiten des
Lebens politische und Kriegslisten Auch möchte ich dass man eigens eine Art
von Universalgeschichte gründete die nur solche Sachen anmerkte und einige
andere von der höchsten Wichtigkeit denn mitunter kann man ein großes
Geschichtsbuch lesen gelehrt gut geschrieben dem Zwecke des Verfassers selbst
entsprechend und ausgezeichnet in seiner Art aber das keine nützlichen
Unterweisungen enthält unter denen ich hier aber nicht bloße Tugendlehren
verstehe von denen das Theatrum vitae humanae und andere solche Blumenlesen
angefüllt sind sondern Geschicklichkeiten und Kenntnisse an welche im Notfall
niemand gleich denken würde Auch wünschte ich dass man aus den Büchern der
Reisenden möglichst viele Dinge dieser Art zöge aus denen man Nutzen gewinnen
könnte und dass man sie nach der Ordnung der Gegenstände mitteilte Aber
erstaunlicherweise vergnügen sich die Menschen während so viel Nützliches zu
tun bleibt fast immer nur mit dem was schon getan ist oder mit bloßem
Unnützlichem oder wenigstens mit dem was am unbedeutendsten ist und dagegen
sehe ich kein Mittel bis die öffentliche Meinung sich bei ruhigeren Zeiten mehr
darein mischen wird
12 Philalethes Ihre Abschweifungen gewähren so viel Vergnügen wie
Vorteil Von den Wahrscheinlichkeiten der Tatsachen wollen wir aber zu denen der
Meinungen über die nicht sinnenfälligen Dinge übergehen Diese sind keines
Zeugnisses fähig zB über das Dasein und Wesen der Geister Engel Dämonen
usw über die körperlichen Stoffe welche auf den Planeten und anderen
Wohnplätzen des großen Weltgebäudes vorkommen endlich über die Wirkungsart der
meisten Werke der Natur und alles dessen was wir nur mit Vermutungen erfassen
können wobei die Analogie die große Wahrscheinlichkeitsregel ist Denn da sie
nicht bezeugt werden können so können sie nur insofern wahrscheinlich sein als
sie mit den feststehenden Wahrheiten mehr oder weniger übereinkommen Wenn die
starke Reibung zweier Körper Wärme und selbst Feuer hervorbringt wenn die
Refraktionen durchscheinender Körper Farben erscheinen lassen so schließen wir
dass das Feuer in einer heftigen Bewegung unsichtbarer Stoffteilchen bestehe und
dass die Farben deren Ursprung wir nicht bemerken aus einer ähnlichen
Refraktion stammen und wenn wir finden dass in allen Teilen der Schöpfung eine
stufenweise Verknüpfung herrscht welche ohne irgend eine beträchtliche Lücke
unter sich der menschlichen Beobachtung unterworfen sind so haben wir alle
Ursache zu denken dass die Dinge sich auch nach und nach und in unmerklichem
Grade zur Vollkommenheit erheben Es ist schwer zu sagen wo das Empfindende und
Vernünftige beginnt und welches die tiefste Stufe der lebenden Wesen ist
gerade wie in einem regelmäßigen Regel die Größe zu oder abnimmt Zwischen
manchen Menschen und manchen Tieren gibt es einen außerordentlichen Unterschied
aber wenn wir den Verstand und die Fähigkeit mancher anderen Menschen und
mancher Tiere vergleichen wollten würden wir darin so wenig unterschied finden
dass es sehr schwer wäre sich zu vergewissern ob der Verstand dieser Menschen
stärker oder umfassender sei als solcher Tiere Wenn wir also eine solche
unmerkliche Steigerung zwischen den Teilen der Schöpfung vom Menschen bis zu den
niedrigsten Teilen die unter ihm sind bemerken so lässt uns die Regel der
Analogie als wahrscheinlich betrachten dass es eine ähnliche Steigerung in den
Dingen gibt die über uns und außerhalb des Gesichtskreises unserer
Beobachtungen sind und diese Art von Wahrscheinlichkeit ist die große Grundlage
vernunftgemäßer Hypothesen
Theophilus Auf Grund dieser Analogie urteilt Huygens in seinem
Cosmotheoros dass der Zustand der anderen Hauptplaneten dem des unsrigen ganz
ähnlich sei ausgenommen dass der verschiedene Abstand der Sonne Verschiedenheit
verursachen muss und darüber hat Herr von Fontenelle welcher schon früher seine
geistvollen und gelehrten Unterhaltungen über die Mehrheit der Welten
herausgegeben hatte hübsche Dinge gesagt und die Kunst erfanden einen
schwierigen Gegenstand angenehm zu machen Man möchte beinahe sagen dass es in
Harlekins Mondreiche ganz wie hier zugeht Allerdings urteilt man von den
Monden welche bloß Trabanten sind ganz anders als von den Hauptplaneten
Kopier hat ein kleines Buch hinterlassen das über den Zustand des Mondes eine
sinnreiche Erdichtung enthält und ein Engländer von Geist hat die spaßhafte
Beschreibung von einem Spanier seiner Erfindung gegeben den die Zugvögel nach
dem Monde entführten Cyranos nicht zu erwähnen der diesen Spanier nachher
holen ging Einige geistreiche Leute die vom anderen Leben ein schönes Bild
geben wollten lassen die seligen Geister von Welt zu Welt herumspazieren und
unsere Einbildungskraft findet darin einen Teil der schönen Beschäftigungen
welche man den Geistern zuschreiben kann Aber welche Mühe sie sich auch geben
mag so zweifle ich doch dass sie ihren Zweck erreichen kann wegen des großen
Abstandes zwischen uns und jenen Geistern und deren großer Mannigfaltigkeit Und
bis wir Brillen erfinden welche Descartes uns in Aussicht stellte um Teile der
Mondscheibe nicht größer als unsere Häuser zu unterscheiden können wir nicht
bestimmen was auf einer von der unsrigen verschiedenen Weltkugel vor sich geht
Nützlicher und wahrheitsgemäßer würden unsere Vermutungen über die inneren Teile
irdischer Körper sein
Ich hoffe man wird in vielen Fällen über die bloße Vermutung hinauskommen
und glaube schon jetzt dass wenigstens die heftige Bewegung der Teile des
Feuers welche wir soeben besprochen haben nicht unter diejenigen Dinge
gerechnet werden darf die nur wahrscheinlich sind Schade dass die Hypothese
Descartes über die innere Bildung des sichtbaren Metalls sich durch die seitdem
gemachten Untersuchungen und Entdeckungen so wenig bestätigt hat oder dass
Descartes nicht 50 Jahre später gelebt hat um uns eine ebenso geistvolle
Hypothese auf Grund der jetzigen Kenntnisse zu geben wie die welche er auf
Grund der Kenntnisse seiner Zeit gab
Was die gradweise Verknüpfung der Arten anbetrifft so haben wir darüber in
einer früheren Unterredung schon etwas gesagt wo ich bemerkte dass schon
Philosophen über Lücken in den Formen oder Arten Betrachtungen angestellt haben
Alles geht in der Natur stufenweise und nichts sprungweise vor sich eine Regel
hinsichtlich der Veränderungen die einen Teil meines Gesetzes der Kontinuität
ausmacht Die Schönheit der Natur aber welche deutliche Wahrnehmungen will
fordert scheinbare Sprünge und sozusagen musikalische Intervalle in den
Erscheinungen und findet ihre Lust daran die Arten zu vermischen So hat die
Natur wenngleich es in irgend einer anderen Welt mittlere Arten zwischen Mensch
und Tier je nachdem man den Sinn dieser Worte nimmt geben mag und es
wahrscheinlich irgendwo vernunftbegabte Wesen die über uns stehen gibt es für
gut befunden sie von uns fernzuhalten um uns die unstreitige Überlegenheit zu
geben welche wir auf unserem Erdball haben Ich rede von den Mittelarten und
will mich hier nicht auf die menschlichen Individuen welche sich den Tieren
nähern einlassen weil dabei offenbar nicht ein Mangel an Vermögen sondern ein
Hindernis der Ausübung ist dergestalt dass ich glaube der einfältigste Mensch
der nicht durch Krankheit oder durch einen anderen der Krankheit gleichen
dauernden Fehler in einem naturwidrigen Zustande sich befindet sei
unvergleichlich viel vernünftiger und gelehriger als das klügste aller Tiere
obwohl man mitunter aus Scherz das Gegenteil behauptet Übrigens billige ich
sehr die Erforschung der Analogien die Pflanzen Insekten und die vergleichende
Anatomie der Tiere werden uns deren mehr und mehr liefern besonders wenn man
fortfahren wird sich des Mikroskops noch mehr als bisher zu bedienen Und in
noch allgemeinerem Sinne wird man finden dass meine Ansichten über die überall
verbreiteten Monaden über ihre endlose Dauer über die Erhaltung des lebendigen
Wesens mit der Seele über die in einem gewissen Zustand kaum noch
hervortretenden Wahrnehmungen wie der Tod der einfachen Tiere ein solcher ist
über die der Vernunft gemäß den Geistern zuzuschreibenden Körper über die
Übereinstimmung der Seelen und der Körper der zufolge ein jeder seinen eigenen
Gesetzen vollkommen folgt ohne durch den anderen gestört zu werden und ohne
dass Freiheit und Unfreiheit dabei unterschieden zu werden brauchen man wird
sage ich finden dass alle diese Ansichten ganz und gar der Analogie der von uns
bemerkten Dinge entsprechen und ich sie nur über unsere Beobachtungen hinaus
ausdehne ohne sie auf bestimmte Teile des Stoffes oder auf bestimmte Arten der
Tätigkeit zu beschränken und dass dabei kein anderer Unterschied obwaltet als
der des Größeren und Kleineren des Wahrnehmbaren und nicht Wahrnehmbaren
13 Philalethes Nichtsdestoweniger gibt es einen Fall wo wir der durch
die Erfahrung erkannten Analogie der natürlichen Dinge weniger Glauben schenken
als dem entgegengesetzten Zeugnisse einer auffallenden sich davon entfernenden
Tatsache Denn wenn übernatürliche Begebenheiten den Zwecken desjenigen welcher
den Lauf der Natur zu verändern die Macht hat entsprechen so haben wir keinen
Grund den Glauben daran zu verweigern wenn sie wohl bezeugt sind und das ist
der Fall bei den Wundern welche nicht allein durch sich selbst Glauben finden
sondern ihn auch anderen Wahrheiten mitteilen die einer solchen Bestätigung
bedürfen 14 Endlich gibt es ein Zeugnis welches über jede andere Zustimmung
hinausgeht das ist die Offenbarung also die Bezeugung Gottes der weder
täuschen noch getäuscht werden kann und die ihr erteilte Beistimmung nennen wir
Glauben welcher allen Zweifel ebenso vollständig ausschließt wie die gewisseste
Erkenntnis Aber der Punkt ist überzeugt zu sein dass die Offenbarung göttlich
ist und zu wissen dass wir deren wahren Sinn begreifen sonst setzt man sich
dem Fanatismus und den Irrtümern einer falschen Auslegung aus und wenn das
Vorhandensein und der Sinn der Offenbarung nur wahrscheinlich ist so kann die
Beistimmung keine größere Wahrscheinlichkeit haben als die welche sich in den
Beweisen vorfindet Aber davon wollen wir noch weiter sprechen
Theophilus Die Theologen unterscheiden zwischen den Motiven der
Glaubhaftigkeit wie sie sie nennen nebst der natürlichen Zustimmung die
daraus hervorgehen muss und nicht mehr Wahrscheinlichkeit haben kann als diese
Motive und zwischen der übernatürlichen Zustimmung welche eine Wirkung der
göttlichen Gnade ist Man hat eigene Bücher über die Analyse des Glaubens
verfasst die nicht ganz miteinander übereinstimmen aber da wir in der Folge
davon reden werden so will ich jetzt nicht vorwegnehmen was wir an seinem Orte
darüber zu sagen haben werden
1 Philalethes Ehe wir vom Glauben besonders reden wollen wir von der
Vernunft handeln Sie bezeichnet mitunter klare und wahrhafte Grundsätze
mitunter aus diesen Grundsätzen gezogene Schlüsse und mitunter die Ursache und
insbesondere die Zweckursache Hier wollen wir sie als ein Vermögen betrachten
durch das wie vorausgesetzt wird der Mensch sich von den Tieren unterscheidet
und worin er sie offenbar bedeutend übertrifft Wir haben ihrer nötig sowohl um
unsere Erkenntnis zu erweitern als um unsere Meinung zu regeln und sie bildet
wohlverstanden zwei Vermögen welche da sind der Scharfsinn um die
Mittelvorstellungen zu finden und das Vermögen Schlüsse zu ziehen oder zu
schließen Ferner können wir bei der Vernunft folgende vier Stufen in Betracht
ziehen 1 die Entdeckung der Beweise 2 die Anordnung derselben welche deren
Verbindung zeigt 3 das Innewerden der Verbindung in jedem Teile der
Beweisführung 4 das Ziehen des Schlusses daraus Diese Stufen kann man bei den
mathematischen Beweisen beobachten
Theophilus Vernunft ist die erkannte Wahrheit deren Zusammenhang mit einer
anderen weniger bekannten bewirkt dass wir der letzteren beistimmen Aber
besonders und vorzugsweise nennt man das Vernunftgrund was nicht nur die
Ursache unseres Urteils sondern auch der Wahrheit selbst ist was man auch
Grund a priori nennt und die Ursache in den Dingen entspricht dem Vernunft
Grunde in den Wahrheiten Darum wird die Ursache oft seihst Vernunft Grund
genannt und in diesem Sinne gebrauchen Sie den Ausdruck hier Dies Vermögen
der Vernunft nun ist hienieden dem Menschen allein verliehen und kommt bei
anderen irdischen Wesen nicht vor denn ich habe schon früher gezeigt dass der
Schatten der Vernunft welcher in den Tieren erscheint nur die Erwartung eines
ähnlichen Vorkommens in einem Falle ist der einem erlebten gleich scheint ohne
dass erkannt wird ob derselbe Grund stattfindet Selbst die Menschen handeln in
den Fällen wo sie bloß Empiriker sind nicht anders Aber insofern erheben sie
sich über die Tiere als sie die Zusammenhänge der Wahrheiten sehen die
Zusammenhänge sage ich die selbst noch notwendige und allgemeine Wahrheiten
bilden Diese Zusammenhänge sind sogar notwendig wenn sie auch nur eine Meinung
erzeugen da wo nach einer genauen Untersuchung das Vorwiegen einer
Wahrscheinlichkeit soweit man urteilen kann nachgewiesen werden kann so dass
alsdann Beweisführung stattfindet wenn auch nicht hinsichtlich des eigentlichen
Sachverhaltes so doch der Seite welche die Klugheit zu ergreifen fordert
Wenn wir dies Vernunftvermögen einteilen so glaube ich dass man einer
ziemlich allgemein angenommenen Ansicht zufolge nicht übel zwei Teile derselben
anerkennt wonach die Erfindung und das Urteil unterschieden werden Was die
vier in den Beweisführungen der Mathematiker von Ihnen bemerkten Grade betrifft
so finde ich dass der erste davon welcher darin besteht die Beweise zu
entdecken dabei nicht vorkommt wie doch zu wünschen wäre Es sind das
Synthesen welche mitunter ohne Analyse gefunden worden sind und mitunter ist
die Analyse unterdrückt worden Die Geometer setzen in ihren Beweisen zuerst den
zu beweisenden Satz und um zum Beweise zu gelangen setzen sie das Gegebene
durch eine Figur auseinander Diese nennt man Ekthesis Danach kommen sie zur
Vorbereitung und ziehen neue Linien deren sie für die Beweisführung bedürfen
und oft besteht die größte Kunst darin diese Vorbereitung zu finden Ist dies
geschehen so geben sie die Beweisführung selbst indem sie aus dem in der
Ekthesis Gegebenen und durch die Vorbereitung noch Hinzugefügten die Folgerungen
ziehen und kommen dadurch dass sie zu diesem Zweck die schon bekannten oder
bewiesenen Wahrheiten anwenden zum Schlusssatz Es gibt aber Fälle wo man sich
die Ekthesis und die Vorbereitung spart
4 Philalethes Man glaubt allgemein dass der Syllogismus das große
Werkzeug der Vernunft und das beste Mittel ist dies Vermögen auszuüben Was
mich anbetrifft so zweifle ich daran denn er dient nur dazu die Verknüpfung
der Beweise in einem einzigen Beispiele und nicht darüber hinaus sehen zu
lassen aber dies sieht der Geist leicht auch ohnedies und vielleicht besser
Auch setzen diejenigen welche sich der Schlussfiguren und Modi zu bedienen
wissen sehr oft den Nutzen derselben aus einem ungeprüften Glauben an ihre
Lehrer voraus ohne den Grund davon einzusehen Wenn der Syllogismus notwendig
ist so erkannte vor dessen Erfindung niemand das Geringste aus Vernunft und
man müsste sagen dass Gott nachdem er eine zweibeinige Kreatur zum Menschen
gemacht dem Aristoteles die Sorge überlassen hätte ein vernünftiges Wesen
daraus zu machen ich meine aus derjenigen kleinen Anzahl die er dazu vermögen
konnte die Begründungen der Syllogismen zu prüfen wobei von mehr als sechzig
Arten die drei Figuren zu bilden es nur ungefähr vierzehn sichere gibt Gott
hat jedoch für die Menschen viel mehr Güte gehabt er hat ihnen einen des
Vernunftgebrauches fähigen Geist gegeben Ich sage dies nicht um Aristoteles
herabzusetzen den ich als einen der größten Männer des Altertums betrachte dem
wenige an Umfang Feinheit Scharfsinn des Geistes und Stärke der Urteilskraft
gleichkommen und der gerade dadurch dass er jenes kleine System der
syllogistischen Formen erfunden hat den Gelehrten einen großen Dienst gegen
diejenigen welche sich nicht schämen alles zu leugnen geleistet hat Jene
Formen sind indessen doch weder das einzige noch das beste Mittel zu schließen
und Aristoteles selbst fand sie nicht mittels der Formen selbst sondern auf dem
ursprünglichen Wege der offenbaren Zusammengehörigkeit der Vorstellungen und
die Erkenntnis welche man dabei durch die natürliche Ordnung in den
mathematischen Beweisen erhält kommt ohne die Hilfe irgend eines Syllogismus
besser zum Vorschein
Schließen heißt einen Satz aus einem anderen als wahr bereits hingestellten
Satz als wahrem ziehen indem man eine gewisse Verknüpfung von Mittelbegriffen
voraussetzt Dass zB die Menschen in der anderen Welt werden gestraft werden
wird man daraus schließen dass sie sich hienieden selbst bestimmen können
Folgendes ist dabei die Urteilsverknüpfung Die Menschen werden gestraft werden
und Gott ist derjenige welcher sie bestraft also ist die Strafe gerecht also
ist der Gestrafte schuldig also hätte er anders handeln können also besitzt er
Freiheit also endlich hat er das Vermögen sich zu bestimmen Man sieht hier
den Zusammenhang besser als wenn man daraus fünf oder sechs ineinander
verschlungene Schlüsse machte wo die Vorstellungen transponiert wiederholt und
in künstliche Formen eingepfercht werden Es handelt sich darum zu wissen
welche Verknüpfung eine Mittelvorstellung im Schluss mit den beiden äußeren habe
aber das ist der Punkt den kein Schluss zeigen kann Der Geist ist es welcher
diese Vorstellungen durch eine Art von Nebeneinanderstellung als sich also
verhaltende bemerken kann und zwar durch seinen eigenen Blick Wozu dient also
der Schluss Er ist in den Schulen von Nutzen wo man sich nicht scheut die
Übereinstimmung solcher Vorstellungen die augenscheinlich miteinander
übereinkommen zu leugnen Woher kommt es dass die Menschen niemals bei sich
selbst Syllogismen machen wenn sie die Wahrheit suchen oder denen welche sie
aufrichtig zu erkennen wünschen vortragen Es ist auch deutlich genug dass
folgende Ordnung natürlicher ist
Mensch organisches Wesen lebendig
dh der Mensch ist ein organisches Wesen und ein organisches Wesen ist
lebendig also ist der Mensch lebendig als die des Schlusses
Organisches Wesen lebendig Mensch organisches Wesen Mensch lebendig
dh das organische Wesen ist lebendig der Mensch ist ein organisches Wesen
also ist der Mensch lebendig Allerdings können die Schlüsse dazu dienen eine
Falschheit zu entdecken welche sich unter dem blendenden Glanz eines der
Rhetorik entlehnten Flitterstaates verbirgt und ich habe ehemals geglaubt dass
der Schluss notwendig wäre um sich wenigstens vor den unter blumigem Vortrage
verhüllten Sophismen zu hüten aber nach einer schärferen Prüfung habe ich
gefunden dass man nur die Vorstellungen von denen der Schlusssatz abhängt von
den übrigen zu trennen und sie in einer natürlichen Ordnung aufzureihen hat um
deren Nichtzusammenhang zu zeigen Ich habe jemand gekannt dem die Regeln des
Schlusses vollständig unbekannt waren der aber sofort die Schwäche und die
falschen Folgerungen eines langen künstlichen und annehmbar klingenden
Vortrages bemerkte von welchem andere in allen Feinheiten der Logik geübte
Leute sich hintergehen ließen und ich glaube dass es unter meinen Lesern wenige
gibt die solche Personen nicht kennen Und wenn dies nicht so wäre so würden
die Fürsten bei den Gegenständen welche ihre Krone und Würde angehen nicht
verfehlen in den wichtigsten Verhandlungen Schlüsse zur Anwendung zu bringen
wo es doch nach aller Welt Ansicht sich deren zu bedienen etwas Lächerliches
wäre In Asien Afrika und Amerika hat unter den von den Europäern unabhängigen
Völkern fast niemand jemals davon reden hören Endlich findet sich um
abzuschließen dass diese scholastischen Formen nicht weniger dem Irrtum
unterworfen sind und selten werden die Leute durch diese scholastische Methode
zum Schweigen gebracht und noch seltener überzeugt und gewonnen Sie würden
höchstens anerkennen dass ihr Gegner geschickter ist aber darum bleiben sie
nichtsdestoweniger von der Gerechtigkeit ihrer Sache überzeugt Und wenn man in
der Schlussform trügerische Folgen verhüllen kann so muss der Trug durch irgend
ein anderes Mittel als das der Schlussform entdeckt werden können Indessen bin
ich doch nicht der Meinung dass man die Schlussformen verwerfen noch sich irgend
eines Mittels berauben solle das den Verstand zu unterstützen fähig ist Es
gibt Augen die Brillen nötig haben aber wer sich derselben bedient soll nicht
sagen dass ohne Brille niemand gut sehen kann Das hieße die Natur zugunsten
eines Kunststücks dem man vielleicht Dank schuldet zu sehr herabsetzen Wenn
ihnen nicht gerade im Gegenteil begegnet ist was viele Leute erfahren haben
die sich der Brille zu viel oder zu früh bedienten so dass sie sich dadurch ihre
Augen so verdorben haben dass sie ohne deren Hilfe nicht mehr sehen konnten
Theophilus Ihre Ausführung über den geringen Nutzen des Schlussverfahrens
enthält eine Fülle richtiger und schöner Bemerkungen Man muss es auch zugeben
dass die scholastische Form der Vernunftschlüsse wenig in der Welt angewendet
wird und dass sie zu lang sein und Verwirrung stiften würde wenn man sie
ernstlich anwenden wollte Und wollen Sie dennoch glauben dass ich die Erfindung
der Schlussform für eine der schönsten und selbst eine der wichtigsten
Erfindungen des menschlichen Geistes halte Sie ist eine Art allgemeiner
Mathematik deren Bedeutsamkeit noch nicht hinlänglich erkannt ist und man kann
sagen dass sie eine Unfehlbarkeitskunst enthält wenn man nur was nicht immer
angeht sich derselben wohl zu bedienen weiß und versteht Nun muss man wissen
dass ich unter den förmlichen Schlüssen Argumenten in forma nicht allein jene
scholastische Art des Vernunftverfahrens deren man sich in den Schulen bedient
verstehe sondern jedes Räsonnement das kraft der Form erschließt und wobei man
kein Glied zu ergänzen nötig hat dergestalt dass ein sogenannter Sorites
Haufenschluss eine andere syllogistische Reihe welche die Wiederholung
vermeidet sogar eine wohl aufgestellte Rechnung eine algebraische Berechnung
eine Infinitesimalanalyse mir allenfalls auch als »Argumente in Form« gelten
weil die Verfahrungsweise dabei in der Art vorher aufgezeigt worden ist dass man
sicher ist sich darin nicht zu täuschen Und fast sind auch die Beweise des
Euklides meistens förmliche Argumente denn wenn er scheinbare Enthymeme macht
so wird das unterdrückte Urteil das zu fehlen scheint durch Bandverweisung
hinzugefügt wodurch das Mittel geboten wird jenes Urteil als schon bewiesen zu
finden Dadurch wird eine große Kürze erreicht ohne dass der Beweiskraft Abbruch
geschieht
Diese Umkehrungen Zusammensetzungen und Teilungen der Gründe deren er sich
bedient sind nur Arten von Beweisformen wie sie den Mathematikern und ihrer
Behandlungsweise besonders eigen sind und sie beweisen diese Formen mit Hilfe
der allgemeinen Formen der Logik Ferner muss man wissen dass es richtige
nichtsyllogistische Folgerungen gibt die man durch keinen Syllogismus streng
beweisen kann ohne die Termini ein wenig zu verändern und selbst diese
Veränderung der Termini ist die nichtsyllogistische Folgerung Es gibt deren
mehrere wie unter anderen a recto ad obliquum zB Jesus Christus ist Gott
also ist die Mutter Jesu Christi die Mutter Gottes Ebenso diejenige welche
gescheite Logiker Umkehrung der Beziehung genannt haben wie zB die Folgerung
Wenn David der Vater Salomons ist so ist Salomon ohne Zweifel Davids Sohn Und
diese Folgerungen sind ebensogut beweisbar durch die Wahrheiten von denen die
gewöhnlichen Schlüsse abhängen Diese Schlüsse sind ferner nicht nur
kategorisch sondern auch hypothetisch wobei die disjunktiven mitinbegriffen
sind Und von den kategorischen kann man sagen dass sie einfach oder
zusammengesetzt sind Die einfachen kategorischen Schlüsse sind solche welche
man für gewöhnlich aufzählt dh nach den Modi der Figuren und ich habe
gefunden dass die vier Figuren jede sechs Modi haben so dass es im ganzen 24
Modi gibt Die vier gewöhnlichen der ersten Figur sind nur das Resultat der
Zeichen Alle keiner irgend einer und die um nichts auszulassen
hinzugefügten beiden sind nur die Sabalternationen der allgemeinen Sätze Denn
aus den beiden gewöhnlichen Modi Jedes B ist C und jedes A ist B also ist
jedes A C ebenso kein B ist C jedes A ist B also ist kein A C kann man
folgende zwei zusätzliche Modi machen Jedes B ist C jedes A ist B also ist
einiges A C ebenso Kein B ist C jedes A ist B also ist einiges A nicht C
Denn es ist nicht nötig die Subalternation zu beweisen und die Folgerungen
daraus darzutun Jedes A ist C also ist einiges A C ebenso kein A ist C also
ist einiges A nicht C obschon man sie durch die mit den schon angenommenen Modi
der ersten Figur verbundenen identischen Sätzen folgendermaßen dartun kann
Jedes A ist C einiges A ist A also ist einiges A C Ebenso kein A ist C
einiges A ist A also ist einiges A nicht C Dergestalt werden die zwei
zusätzlichen Modi der ersten Figur durch die beiden ersten gewöhnlichen Modi der
ersten Figur mit Hilfe der Subalternation bewiesen welche selbst durch die
beiden anderen Modi derselben Figur bewiesen werden Und auf dieselbe Weise
empfängt auch die zweite Figur zwei neue Modi Die erste und zweite Figur haben
deren also sechs die dritte hat deren sechs von jeher gehabt bei der vierten
gab man deren fünf aber es findet sich dass auch sie nach demselben Prinzip der
Addition deren sechs hat
Man muss aber wissen dass die logische Form uns keineswegs zu jener Ordnung
der Sätze zwingt deren man sich gewöhnlich bedient und ich bin ganz Ihrer
Meinung dass folgende anderweitige Anordnung besser ist Jedes A ist B jedes B
ist C also ist jedes A C was besonders durch die Soriten die eine Kette
solcher Schlüsse sind geschehen würde Denn es kam noch einer vor Jedes A ist
C jedes C ist D also ist jedes A D Man kann aus diesen beiden Schlüssen eine
Kette machen welche die Wiederholung durch folgende Fassung vermeidet Jedes A
ist B jedes B ist C jedes C ist D also ist jedes A D wo man sieht dass der
unnütze Satz jedes A ist C ausgelassen und die unnütze Wiederholung dieses
nämlichen Satzes den die beiden Schlüsse forderten vermieden worden ist denn
dieser Satz ist nunmehr unnütz und die Kette bildet ein vollständiges und
formell richtiges Argument ohne diesen selbigen Satz wenn die Beweiskraft der
Schlusskette ein für allemal mittels dieser beiden Syllogismen bewiesen worden
ist Es gibt noch eine unendliche Menge anderer mehr zusammengesetzter
Schlussketten nicht allein weil eine größere Zahl einfacher Schlüsse dazu
gehört sondern auch weil die sie bildenden Schlüsse unter sich verschiedener
sind denn man kann nicht allein kategorische Schlüsse hineinziehen sondern
auch kopulative und nicht bloß kategorische sondern auch hypothetische und
nicht bloß förmliche Schlüsse sondern auch Enthymeme wobei die für evident
gehaltenen Sätze unterdrückt sind Alles dies nun zusammengenommen mit
nichtsyllogistischen Folgerungen und mit zahlreichen Wendungen und Gedanken
welche durch die natürliche Neigung des Geistes zur Abkürzung und durch die
teilweise im Gebrauch der Partikeln erscheinenden Spracheigentümlichkeiten diese
Sätze verhüllen ergibt eine Kette des Vertrages welche selbst die ganze
Argumentation eines Redners darstellen würde aber ihrer Zierraten entkleidet und
beraubt und auf die logische Form zurückgeführt nicht auf scholastische Weise
jedoch immer genügend um die Beweiskraft nach den Gesetzen der Logik zu
erkennen Diese sind keine anderen als die des gesunden Menschenverstandes die
man in Ordnung gebracht und aufgeschrieben hat sie unterscheiden sich davon
nicht mehr als das Gewohnheitsrecht einer Provinz sich von dem früheren
unterscheidet als es aus nicht Geschriebenem ein Geschriebenes wurde was
geschah damit es sich auf einmal besser übersehen lasse und dadurch mehr Licht
gebe wenn es vorgebracht und angewendet wird Denn der natürliche gesunde
Menschenverstand wird mit der Analyse eines Räsonnements beschäftigt ohne
Hilfe der Kunst mitunter ein wenig wegen der Geltung der Folgerungen in
Verlegenheit sein wenn er zB solche findet die einen zwar gültigen aber
gewöhnlich minder gebrauchten Modus enthalten Wenn aber ein Logiker verlangte
man solle sich einer solchen Reihe nicht bedienen oder sich derselben selbst
nicht bedienen wollte unter dem Vorwande dass man alle zusammengesetzten Beweise
stets auf einfache Schlüsse von denen jene in der Tat abhangen zurückführen
müsse so würde er nach dem von mir schon Bemerkten wie jemand sein welcher die
Handelsleute zwingen wollte von denen er etwas kauft ihm die Zahlen eine nach
der anderen vorzuzählen wie man an den Fingern abzählt oder die Stunden nach
der Stadtuhr zählt Es würde das seine Beschränktheit anzeigen wenn er nicht
anders rechnen und nur an den Fingern finden könnte dass 5 und 3 8 ausmachen
oder es würde gar seinen Eigensinn zeigen wenn er diese Abkürzungen kennte und
sich derselben nicht bedienen oder nicht erlauben wollte sie anzuwenden Er
würde auch wie jemand sein der nicht zulassen wollte dass man die Grundsätze
und schon bewiesenen Lehrsätze anwendete unter dem Vorgeben man müsse jedes
Räsonnement stets auf die ersten Prinzipien zurückführen wo der unmittelbare
Zusammenhang der Vorstellungen von der in der Tat die Mittelsätze abhängen
erscheint
Nachdem ich den Nutzen der logischen Formen auf die Art wie er meiner
Ansicht nach gefasst werden muss erklärt habe komme ich zu Ihren Betrachtungen
Da sehe ich nun nicht ein dass der Schluss wie Sie wollen nur dazu diene die
Verknüpfung der Beweise in einem einzigen Beispiel zu zeigen Dass der Geist die
Folgerungen stets leicht übersieht wird man nicht nachweisen können denn es
kommen deren mitunter vor wenigstens in den Beweisführungen anderer wo man
anfangs zu zweifeln veranlasst ist so lange man den eigentlichen Beweis noch
nicht durchschaut In der Regel bedient man sich der Beispiele um die
Folgerungen zu rechtfertigen das ist aber nicht immer hinlänglich sicher
obwohl es eine Kunst gibt Beispiele zu wählen die sich wenn die Folgerung
nicht richtig wäre als unrichtig ausweisen würden ich glaube dass in gut
geleiteten Schulen es nicht erlaubt sein wird schamloserweise offenbare
Folgerungen aus den Vorstellungen abzuleugnen und man wendet meiner Ansicht
nach nicht das Schlussverfahren an um sie darzutun Wenigstens ist das nicht
sein einziger und hauptsächlicher Gebrauch Man wird öfter als man denkt
finden wenn man die Fehlschlüsse der Schriftsteller prüft dass sie gegen die
Regeln der Logik gefehlt haben und ich habe es selbst mitunter erfahren sogar
wenn ich schriftlich mit redlichen Männern stritt dass man sich erst zu
verständigen anfing wenn man in förmlichen Schlüssen argumentierte um ein
Chaos von Räsonnements zu entwirren Es wäre ohne Zweifel lächerlich in
wichtigen Verhandlungen auf scholastische Art mit Schlüssen zu verfahren denn
die Weitschweifigkeiten dieser Art des Räsonnements sind widerwärtig und
verwirrend und es wäre das wie an den Fingern zu zählen Indessen ist es aber
nur zu wahr dass die Menschen in den wichtigsten Verhandlungen die das Leben
den Staat und die Seligkeit betreffen sich oft durch das Gewicht der Autorität
durch den Glanz der Beredsamkeit durch schlecht angebrachte Beispiele durch
Enthymeme welche fälschlich die Evidenz des von ihnen Nichtausgedrückten
voraussetzen und selbst durch unrichtige Folgerungen verblenden lassen so dass
eine strenge Logik aber von einem anderen Gepräge als die schulmäßige ihnen
nur zu notwendig wäre unter anderem um zu entscheiden auf welcher Seite die
größte Wahrscheinlichkeit ist Dass übrigens der gemeine Mann die künstliche
Logik nicht kennt und trotzdem richtig und mitunter besser als die in der Logik
Geübten zu schließen weiß beweist deren Überflüssigkeit ebensowenig als man
die der künstlichen Arithmetik damit beweisen kann dass man manche Leute bei
gewöhnlichen Vorfällen gut rechnen sieht ohne dass sie lesen oder schreiben
gelernt haben und die ohne die Feder oder Zahlpfennige führen zu können sogar
die Fehler eines anderen der zu rechnen gelernt hat sich aber in den
Zahlzeichen oder Merkzeichen versehen oder verwirren mag verbessern können
Allerdings können die Schlüsse auch sophistisch werden aber dies zu
entdecken dienen dann ihre eigenen Gesetze auch bekehren und überzeugen die
Schlüsse selbst nicht immer aber es kommt dies daher dass der Missbrauch der
falsch verstandenen Unterscheidungen und Ausdrücke den Gebrauch derselben so
weitläufig macht dass es unerträglich wird wenn man es bis zum Ende durchführen
sollte
Mir bleibt jetzt nur übrig Ihr Argument in Betracht zu ziehen und zu
ergänzen welches Sie angeführt haben um als Beispiel eines klaren
Schlussverfahrens ohne logische Form in dienen Gott straft den Menschen dies
ist eine angenommene Tatsache Gott straft den welchen er straft gerecht
dies ist eine Vernunftwahrheit welche man als bewiesen annehmen kann also
straft Gott den Menschen gerecht das ist eine schlussgemäße Folgerung welche
aber anschlussmäßig a recto ad obliquum ausgedehnt wird also wird der Mensch
gerecht bestraft dies ist eine Umkehrung der Relation welche man aber ihrer
Evidenz wegen auslässt also ist der Mensch schuldig dies ist ein Enthymem
wobei man folgenden Satz der in der Tat nur eine Definition ist auslässt der
welchen man gerecht straft ist schuldig also hätte der Mensch anders handeln
können man lässt den Satz aus der welcher schuldig ist hätte anders handeln
können also ist der Mensch frei gewesen man lässt ferner aus wer anders hätte
handeln können ist frei gewesen also nach der Definition des Freien hat er
die Macht gehabt sich selbst zu bestimmen Dies war zu beweisen Ich bemerke
noch dass jenes »Also« selbst in der Tat sowohl den mit darunter verstandenen
Satz dass der welcher frei ist die Macht der Selbstbestimmung hat
einschließt und die Wiederholung der Begriffe zu vermeiden dient Und in diesem
Sinne ist darin nichts ausgelassen und könnte das Argument insofern als
vollständig gelten Man sieht dasselbe ist eine Schlussreihe welche der Logik
gänzlich entspricht denn ich will jetzt nicht den Inhalt dieses Räsonnements in
Betracht ziehen wo es vielleicht Bemerkungen zu machen oder Aufklärungen zu
verlangen gibt Wenn zB ein Mensch nicht anders handeln kann gibt es Fälle
wo er doch vor Gott schuldig sein kann wie wenn es ihm lieb wäre seinem
Nächsten nicht helfen zu können um eine Entschuldigung zu haben Ich gestehe
schließlich dass die scholastische Form des Schlussverfahrens gewöhnlich
unbequem ungenügend schlecht zu handhaben ist aber ich behaupte zugleich dass
es nichts Wichtigeres gibt als die Kunst der wahren Logik gemäß förmlich zu
argumentieren dh vollständig dem Inhalt nach und klar der Ordnung und
Gültigkeit der Folgerungen nach mögen sie an sich evident oder vorher bewiesen
sein
5 Philalethes Ich glaubte dass der Schluss noch weniger nützlich oder
vielmehr ohne allen Nutzen bei dem Wahrscheinlichen sei weil er nur ein
einziges topisches Argument zutage fördert Aber jetzt sehe ich ein dass man
das was im topischen Argument selbst Sicheres ist dh die darin liegende
Wahrscheinlichkeit immer gründlich beweisen muss und dass die Kraft der
Folgerung auf der Form beruht 6 Wenn indessen die Schlüsse dem Urteile
dienen so zweifle ich doch dass sie zur Erfindung dienen können dh dazu
Beweise zu finden und neue Entdeckungen zu machen Ich glaube zB nicht dass
die Entdeckung des 47 Lehrsatzes des ersten Buches von Euklid den Regeln der
gewöhnlichen Logik verdankt wird denn zuerst erkennt man und dann ist man
imstande in syllogistischer Form zu beweisen
Theophilus Begreift man unter den Schlüssen auch die Schlussreihen und
alles was ich förmliche Argumentation genannt habe so kann man sagen dass die
Erkenntnis welche nicht an sich evident ist durch die Folgerungen erlangt
wird welche nur richtig sind wenn sie ihre gebührende Form haben Beim Beweis
des genannten Satzes welcher das Quadrat der Hypotenuse den beiden Quadraten
der Seiten gleich erklärt teilt man das große Quadrat in Stücke und auch die
beiden kleineren und es findet sich dann dass die Stücke der beiden kleinen
Quadrate gerade ganz auf das große gehen nicht mehr oder weniger Das heißt die
Gleichheit förmlich beweisen und die Gleichheiten der Stücke werden auch durch
Gründe in gültiger Form bewiesen Nach Pappus bestand die Analyse der Alten
darin das anzunehmen was man verlangt und so lange Folgerungen daraus zu
ziehen bis man zu etwas Gegebenem oder Erkanntem kommt Ich habe bemerkt dass
zu diesem Zweck die Sätze reziprok sein müssen damit der synthetische Beweis
auf den Spuren der Analyse wieder rückwärts geführt werden könne aber es ist
das immer ein Ziehen von Folgerungen Indessen wird hier zu bemerken gut sein
dass bei den astronomischen oder physischen Hypothesen die Umkehrung nicht
statthat aber da beweist der Erfolg auch nicht die Wahrheit der Hypothese Er
macht sie allerdings wahrscheinlich aber weil diese Wahrscheinlichkeit gegen
die Regel der Logik zu verstoßen scheint wonach Wahres aus Falschem erschlossen
werden kann so wird man sagen dass die logischen Regeln bei den
Wahrscheinlichkeitsfragen nicht durchweg Geltung haben Ich antworte es sei
zwar möglich dass Wahres aus Falschem geschlossen werde aber nicht immer
wahrscheinlich besonders wenn eine einfache Voraussetzung den Grund von vielen
Wahrheiten angibt ein freilich seltener und schwer zu findender Fall Man
könnte mit Cardanus sagen dass die Logik des Wahrscheinlichen andere Folgerungen
zieht als die Logik der notwendigen Wahrheiten Es muss aber die
Wahrscheinlichkeit selbst dieser Folgerungen aus den Folgerungen der Logik des
Notwendigen bewiesen werden
3 Philalethes Sie scheinen die Verteidigung der gemeinen Logik zu
führen aber ich sehe wohl dass was Sie vorbringen einer höheren Logik
angehört zu der sich die gemeine verhält wie das ABC zur Wissenschaft Mich
erinnert das an eine Stelle des scharfsinnigen Hooker welcher in seinem Buche
die Kirchenpolitik betitelt Buch I 6 die Überzeugung ausspricht dass wenn
man die rechten Hilfsmittel des Wissens und der Kunst des Räsonnements liefern
könnte welche man im gegenwärtigen für aufgeklärt geltenden Zeitalter nicht
besonders kennt und sich auch nicht sehr zu erreichen bestrebt hinsichts der
Gründlichkeit des Urteils zwischen denen welche sich derselben bedienen würden
und dem was die Menschen jetzt sind ein ebenso großer Unterschied sein würde
wie zwischen den jetzigen Menschen und den Schwachsinnigen Ich wünsche dass
unsere Unterhaltung jemand Gelegenheit gäbe diese wahren Hilfsmittel derjenigen
Kunst zu finden von welcher jener große Mann redet welcher einen so
durchdringenden Geist hatte Das werden nicht die Nachahmer sein welche wie das
Vieh dem betretenen Wege imiatores servum pecus folgen Dennoch wage ich zu
behaupten dass es in diesem Jahrhundert Männer von so starkem Urteile und so
großem Umfange des Geistes gibt dass sie behufs des Fortschritts der Erkenntnis
neue Wege eröffnen könnten wenn sie sich die Mühe nehmen wollten ihre Gedanken
diesem Gegenstande zuzuwenden
Theophilus Sie haben mit dem verstorbenen Hooker richtig bemerkt dass die
Welt sich gar wenig darum kümmert übrigens glaube ich dass es Leute gegeben hat
und noch gibt welche darin etwas zu leisten imstande sind Man muss indessen
gestehen dass wir gegenwärtig bedeutende Hilfe sowohl seitens der Mathematik als
der Philosophie erhalten wobei der »Versuch über den menschlichen Verstand« von
Ihrem ausgezeichneten Freunde nicht die kleinste ist Wir wollen sehen ob wir
nicht daraus Nutzen ziehen können
8 Philalethes Ich muss Ihnen noch einmal sagen dass ich geglaubt habe es
sei darin eine sichtliche Missachtung der syllogistischen Regeln bemerkbar aber
seit unserem Gespräche haben Sie mich wankend gemacht Gleichwohl will ich Ihnen
mein Bedenken dartun Man sagt kein syllogistisches Verfahren könne die Kraft
des Schlusses haben wenn es nicht wenigstens einen allgemeinen Satz enthält
Nun gibt es aber offenbar nur besondere Dinge welche der unmittelbare
Gegenstand unserer Räsonnements und Erkenntnisse sind diese beschäftigen sich
nur mit der Übereinstimmung und Nichtübereinstimmung der Vorstellungen von
denen jede nur ein besonderes Dasein hat und nur ein einzelnes Ding darstellt
Theophilus Indem Sie sich die Ähnlichkeit der Dinge vorstellen denken Sie
sich noch etwas mehr dabei und nur darin besteht eben die Allgemeinheit Sie
werden nimmermehr eines unserer Argumente vorbringen können ohne dabei
allgemeine Wahrheiten anzuwenden Gleichwohl ist wichtig zu bemerken dass man
hinsichtlich der Form die besonderen Sätze unter die allgemeinen begreift Denn
obwohl in Wahrheit es nur einen Apostel Petrus gegeben hat so kann man doch
sagen dass wer auch immer der Apostel Petrus gewesen ist dieser seinen Herrn
und Meister verleugnet hat Man fällt daher das Urteil dass der Schluss »Petrus
hat seinen Herrn und Meister verleugnet Petrus ist Jünger gewesen also hat ein
Jünger seinen Herrn und Meister verleugnet« obgleich er nur besondere Sätze
enthält sie als allgemein bejahende enthält und unter den Modus Darapti der
dritten Figur fällt
Philalethes Ich wollte Ihnen noch sagen dass es mir besser schiene die
Prämissen der Syllogismen zu versetzen und zu sagen Jedes A ist B jedes B ist
C also ist jedes A C als zu sagen jedes B ist C jedes A ist B also ist
jedes A C Nach dem was Sie gesagt haben scheint es aber dass man sich nicht
davon entfernt und das eine wie das andere zu demselben Modus zählt Allerdings
ist wie Sie bemerkt haben die davon abweichende Einteilung der gewöhnlichen
Logik mehr dazu geeignet eine Kette von mehreren Syllogismen zu bilden
Theophilus Ich bin durchaus Ihrer Ansicht Man scheint indessen geglaubt zu
haben dass es für den Lehrzweck besser sei mit allgemeinen Sätzen anzufangen
wie die Obersätze in der ersten und zweiten Figur sind und es gibt auch Redner
die diese Gewohnheit haben Aber der Zusammenhang erscheint doch besser so wie
Sie es uns darstellen Ich habe früher schon bemerkt dass Aristoteles einen
besonderen Grund für die gewöhnliche Einteilung gehabt haben kann Denn statt zu
sagen A ist B sagt er gewöhnlich B ist in A Und von dieser Art des Urteils
ans könnte die von Ihnen verlangte Begriffsverbindung in die gebräuchliche
Stellung von ihm eingeführt werden Denn statt zB zu sagen B ist C A ist B
also ist A C würde er sagen C ist in B B ist in A also ist C in A ZB
statt zu sagen Das Rechteck ist isogon oder hat gleiche Winkel das Quadrat
ist ein Rechteck folglich ist das Quadrat isogon wird Aristoteles ohne die
Sätze umzustellen dem Medius terminus durch folgende Art die Sätze
auszusprechen welche die Termini umstellt die Mittelstelle erhalten und sagen
Das Isogon ist ein Rechteck das Rechteck ist ein Quadrat also ist das Isogon
ein Quadrat Auch ist diese Art der Urteilsbildung nicht zu verachten denn in
der Tat ist das Prädikat im Subjekt oder auch die Vorstellung des Prädikats in
der des Subjekts inbegriffen ZB das Isogon ist ein Rechteck denn das
Rechteck ist diejenige Figur deren sämtliche Winkel rechte sind nun sind alle
rechten Winkel einander gleich also ist in der Vorstellung des Rechtecks die
einer Figur inbegriffen von der alle Winkel gleich sind was eben die
Vorstellung des Isogonen ist Die gewöhnliche Art der Urteilsstellung nimmt mehr
auf die Individuen Rücksicht die des Aristoteles dagegen berücksichtigt mehr
die Vorstellungen oder Allgemeinheiten Denn sage ich Jeder Mensch ist ein
lebendes Wesen so will ich sagen dass alle Menschen unter die lebenden Wesen
fallen aber ich verstehe zugleich darunter dass die Vorstellung des lebenden
Wesens in der des Menschen inbegriffen ist Lebendes Wesen umfasst mehr
Individuen als Mensch aber Mensch umfasst mehr Vorstellungen oder mehr
Formelles das eine hat mehr Exemplare der andere mehr Realitätsstufen das
eine hat mehr Umfang das andere mehr Inhalt Man kann auch der Wahrheit gemäß
sagen dass die ganze Lehre vom Schluss durch die Lehre de continente et contento
dh von dem Enthaltenden und dem Enthaltenen bewiesen werden könnte welche
von der Lehre vom Ganzen und Teil verschieden ist denn das Ganze ist immer
größer als der Teil aber das Enthaltende und das Enthaltene sind sich mitunter
gleich wie in den reziproken Sätzen der Fall ist
9 Philalethes Ich fange an mir eine ganz andere Vorstellung von der
Logik zu bilden als ich früher hatte Ich nahm sie für ein Schülerspiel aber
sehe jetzt dass auf die Art wie Sie sie verstehen eine allgemeine Mathematik
darin enthalten ist Gebe Gott dass man sie noch zu etwas mehr mache als sie
jetzt ist damit wir darin jene wahren Hilfsmittel der Vernunft finden können
von denen Hooker sprach welche die Menschen über ihren gegenwärtigen Zustand
hinausheben würden Und die Vernunft ist ein Vermögen welches deren um so mehr
bedarf als ihr Umfang recht beschränkt ist und sie uns bei vielen
Gelegenheiten im Stich lässt Dies ist der Fall 1 weil uns oft schon die
Vorstellungen fehlen 10 und dann 2 sind diese oft dunkel und unvollkommen
während wir da wo sie klar und bestimmt sind wie bei den Zahlen keine
unübersteiglichen Schwierigkeiten finden und in keinen Widerspruch geraten
11 Ferner kommt 3 die Schwierigkeit oft davon dass uns die Mittelbegriffe
fehlen Man weiß wie vor der Entdeckung der Algebra dieses großen Werkzeuges
und dieser ausgezeichneten Probe des menschlichen Scharfsinns die Menschen
manche Beweise der alten Mathematiker mit Staunen betrachteten 12 Auch das
kommt vor dass man auf falschen Grundsätzen fußt was in Schwierigkeiten bringen
kann wo die Vernunft mehr verwirrt als aufklärt 13 Endlich setzen auch die
Ausdrücke von unbestimmter Bedeutung die Vernunft in Verlegenheit
Theophilus Ich weiß nicht ob wir so wenig Vorstellungen haben als man
glaubt dh deutliche Vorstellungen Was die verworrenen Vorstellungen oder
vielmehr Bilder oder wenn Sie wollen Eindrücke betrifft wie Farben
Geschmäcke usw die ein Resultat mehrerer unbedeutender an sich deutlicher
Vorstellungen sind die man aber nicht deutlich wahrnimmt so haben wir deren
unzählige nicht die vielmehr anderen Geschöpfen mehr als uns zukommen Aber
diese Eindrücke dienen auch mehr dazu uns Triebe zu erwecken und
Erfahrungsbeobachtungen zu begründen als der Vernunft Stoff zu liefern es sei
denn dass sie von deutlichen Wahrnehmungen begleitet sind Also hält uns
hauptsächlich die mangelhafte Erkenntnis dieser zwar deutlichen aber mit den
verworrenen vermischten Vorstellungen auf und selbst wenn unseren Sinnen oder
unserem Geiste alles bestimmt dargelegt worden ist verwirrt uns mitunter die
Masse der in Betracht zu ziehenden Dinge Wenn man zB einen Haufen von 1000
Kugeln vor Augen hat so dient offenbar um die Zahl und die Eigenschaften
dieser Masse zu übersehen viel dazu sie in Figuren zu ordnen wie man in den
Magazinen tut um deutliche Vorstellungen davon zu haben und sie sogar
dergestalt festzustellen dass man sich die Mühe ersparen kann sie mehr als
einmal zu zählen Die Menge der Erwägungen gerade macht auch dass sogar in der
Wissenschaft der Zahlen sehr große Schwierigkeiten vorkommen denn man sucht
darin nach Abkürzungen und weiß mitunter nicht ob die Natur in ihren geheimen
Tiefen deren für den Fall hat um den es sich handelt Gibt es zB dem Anschein
nach etwas Einfacheres als den Begriff der Primzahl dh der ganzen durch
keine andere ausgenommen durch die Einheit und sie selbst teilbaren Zahl
Dennoch sucht man noch immer nach einem positiven und leichten Merkmal um sie
sicher zu erkennen ohne die Grunddivisoren anzuwenden welche kleiner sind als
die Quadratwurzel der gegebenen Primzahl Es gibt eine Menge Merkmale welche
ohne viel Rechnen zeigen dass irgend eine Zahl keine Primzahl ist aber man
verlangt eines das leicht und sicher anzeigt dass eine Zahl eine Primzahl ist
wenn sie eine ist Aus diesem Grunde ist die Algebra noch so unvollkommen
obgleich es nichts besser Bekanntes gibt als die von ihr gebrauchten
Vorstellungen weil sie nur die Zahlen im allgemeinen bezeichnen denn bis jetzt
ist noch keine Methode bekannt die irrationalen Wurzeln irgend einer Gleichung
über den 4 Grad hinaus einen sehr beschränkten Fall ausgenommen auszuziehen
Auch sind die Methoden deren sich Diophantes Scipio Du Fer und Louis von
Ferrara hinsichtlich des zweiten dritten und vierten Grades bedient haben um
sie auf den ersten zurückzubringen oder um eine unreine Gleichung in eine reine
zu verwandeln alle untereinander verschieden dh diejenige welche für einen
Grad gilt ist um einen Grad von der welche für einen anderen gilt
verschieden Denn der zweite Grad oder der der quadratischen Gleichung wird
dadurch auf den ersten zurückgeführt dass man nur das zweite Glied aufhebt Der
dritte Grad oder der der kubischen Gleichung wird dadurch gelöst dass durch die
Zerlegung des Unbekannten in Teile glücklicherweise eine Gleichung des zweiten
Grades sich herausbringen lässt Und im vierten Grad oder bei den biquadratischen
Gleichungen fügt man beiden Seiten der Gleichung etwas hinzu um sie hier und
dort ausziehbar zu machen und glücklicherweise findet sich dass man um zu
diesem Zweck zu gelangen nur eine kubische Gleichung nötig hat Aber dies alles
ist nur eine Mischung von Glück und Zufall mit der Kunst oder Methode und wenn
man bei den beiden letzteren Graden einen Versuch anstellt bleibt es ungewiss
ob er gelingt Auch ist noch ein anderer Kunstgriff nötig um im fünften oder
sechsten Grade zum Ziel zu kommen der sich auf die des vierten und die
bikubischen Gleichungen bezieht und obwohl Descartes geglaubt hat die Methode
deren er sich beim vierten Grade bediente indem er nämlich die Gleichung als
aus zwei anderen quadratischen Gleichungen entstanden betrachtet die aber im
Grunde nicht mehr leisten kann als die des Louis von Ferrara würde auch beim
sechsten gelingen so ist dies doch ein Fehlgriff gewesen Diese Schwierigkeit
zeigt dass auch die klarsten und bestimmtesten Vorstellungen uns nicht immer
alles geben was man verlangt und daraus gewinnen kann Und dies begründet auch
das Urteil dass die Algebra weit entfernt ist die Erfindungskunst zu sein weil
sie selbst einer noch allgemeineren Kunst bedarf und man kann sogar sagen dass
die Kunst der Zeichen im allgemeinen dh die Kunst der Charaktere ein ganz
außerordentliches Hilfsmittel ist weil sie die Phantasie unterstützt
Man kann nicht zweifeln dass die Alten etwas dieser Art gehabt haben wenn
man die Arithmetik des Diophantes und die geometrischen Bücher des Apollonius
und Pappus sieht Vieta hat ihr eine größere Ausdehnung gegeben indem er nicht
nur das Gesuchte sondern auch die gegebenen Zahlen durch allgemeine Charaktere
ausdrückte und so beim Rechnen es ebenso machte wie schon Euklid beim Beweisen
und Descartes hat die Anwendung dieser Rechnung auf die Geometrie ausgedehnt
indem er die Linien durch die Gleichungen bezeichnete Jedoch noch nach der
Entdeckung unserer modernen Algebra betrachtete Bouillaud Ismael Bullialdus
ein ohne Zweifel ausgezeichneter Mathematiker welchen ich noch zu Paris gekannt
habe nur mit Bewunderung des Archimedes Beweisführungen über die Spirale und
konnte nicht begreifen wie dieser große Mann darauf gekommen war die Tangente
dieser Linie zur Dimension des Kreises zu gebrauchen Der Pater Gregor von St
Vincent scheint es durch richtige Vermutung gefunden zu haben indem er annahm
dass er durch den Parallelismus der Spirale mit der Parabel darauf gekommen sei
Aber diese Methode ist nur eine spezielle während die neue
Infinitesimalrechnung welche mittels der Differenzen fortschreitet auf welche
ich gekommen bin und welche ich mit Erfolg veröffentlicht habe einen
allgemeinen Weg angibt dem gegenüber jene Entdeckung durch die Spirale nur ein
Spiel und ein ganz leichter Versuch ist wie fast alles was man bisher über die
Dimensionen der krummen Linien gefunden hatte Der Vorteil dieser neuen
Rechnungsart besteht noch darin dass sie die Phantasie bei den Problemen aus dem
Spiel bringt welche Descartes unter dem Vorwande aus seiner Geometrie
ausgeschlossen hatte dass sie größtenteils zur Mechanik führten im Grunde aber
weil sie auf seine Rechnung nicht passten Was die Irrtümer anbetrifft welche
aus zweideutigen Ausdrücken entstehen so hängt es von uns ab sie zu vermeiden
Philalethes Es gibt noch einen Fall wo die Vernunft nicht angewandt werden
kann aber wo man sie auch nicht nötig hat und wo der Blick mehr gilt als die
Vernunft Dies ist bei der intuitiven Erkenntnis der Fall wo der Zusammenhang
der Vorstellungen und Wahrheiten unmittelbar angeschaut wird Eine solche ist
die Erkenntnis der unzweifelhaften Grundsätze und ich bin zu glauben versucht
dass dies derjenige Grad der Evidenz ist welchen die Engel schon jetzt haben
und den die Geister der zur Vollendung gelangten Gerechten in einem zukünftigen
Stande über Unzähliges was gegenwärtig unserem Verstande entgeht haben werden
15 Aber das Beweisverfahren welches sich auf Mittelbegriffe gründet gibt
eine Vernunfterkenntnis Diese vollzieht sich nämlich durch den notwendigen
Zusammenhang eines Mittelbegriffs mit den äußeren und wird durch den Zusatz
Juxtaposition einer Evidenz erreicht ähnlich wie der einer Elle ist welche
man bald an dies Stück Tuch bald an jenes anlegt um deren Gleichheit zu
zeigen 16 Wenn aber der Zusammenhang nur wahrscheinlich ist so ergibt das
Urteil nur eine Meinung
Theophilus Gott allein hat den Vorzug nur intuitive Erkenntnisse zu haben
Die seligen Geister aber wenn sie auch von unseren groben Körpern losgelöst
sind und selbst die Genien mögen sie noch so erhaben sein müssen trotzdem
sie eine unvergleichlich intuitivere Erkenntnis als wir haben und oft mit einem
Blicke durchschauen was wir nur auf Grund von Folgerungen mit der Zeit und mit
Mühe finden doch auch auf ihrem Erkenntniswege Schwierigkeiten finden ohne
welche sie nicht die Lust haben würden Entdeckungen zu machen welche zu den
größten gehört Und immer muss man anerkennen dass es eine unzählige Menge
Wahrheiten gibt die ihnen entweder gänzlich oder zeitweise verborgen sind zu
denen sie mittelst Folgerungen und durch die Beweisführung oder oft selbst durch
Vermutung gelangen
Philalethes Also sind diese Genien nur Wesen wie wir bloß vollkommener es
ist als ob Sie mit dem Kaiser im Monde sagen wollten Alles ist so wie hier
Theophilus Das will ich auch sagen zwar nicht ganz und gar so aber was
den Grund der Dinge anbetrifft denn die Arten und Stufen der Vollkommenheit
sind bis ins Unendliche verschieden Der Grund ist indessen überall derselbe
was in meinem System der Hauptgrundsatz ist und meine ganze Philosophie
beherrscht Auch begreife ich die unbekannten oder nur verworren bekannten Dinge
nur nach Maßgabe derer welche deutlich bekannt sind was die Philosophie leicht
macht und meiner Überzeugung nach so gebraucht werden muss wenn aber diese
Philosophie in der Grundlage die einfachste ist so ist sie auch in den
Einzelheiten die reichste weil die Natur diese ins Unendliche abändern kann
wie sie auch wirklich mit so viel Fülle Ordnung und Zierraten tut als man sich
nur vorstellen kann Aus diesem Grunde glaube ich dass es keinen auch noch so
erhabenen Geist gibt welcher nicht unendlich viel andere über sich hat Obschon
wir nun aber so vielen vernünftigen Wesen nachstehen so haben wir doch den
Vorteil auf diesem unserem Erdballe wo wir ohne Widerrede den ersten Rang
einnehmen nicht auf sichtbare Weise überwacht zu werden wir haben bei aller
Unwissenheit in der wir stecken immerhin das Vergnügen nichts zu erblicken
was uns übertrifft Und wenn wir eitel wären könnten wir wie Cäsar denken
welcher lieber der Erste in einem Flecken als in Rom der Zweite sein wollte
Übrigens rede ich hier nur von den natürlichen Erkenntnissen dieser Geister und
nicht von dem beseligenden Gesicht oder von den übernatürlichen Erleuchtungen
welche ihnen Gott gewähren kann
10 Philalethes Da ein jeder seine Vernunft entweder für sich allein oder
einem anderen gegenüber gebraucht so wird es nicht überflüssig sein einige
Betrachtungen über vier Arten von Argumenten anzustellen deren sich die
Menschen zu bedienen pflegen um die anderen für ihre Ansicht zu gewinnen oder
sie wenigstens in einer Art von Respekt welcher sie am Widerspruch verhindert
inerhalten Das erste Argument kann das des Respekts Argumentum ad verecundiam
genannt werden wenn man die Meinung derer anführt welche durch ihr Wissen
ihren Rang ihre Macht oder sonstwie Ansehen gewonnen haben denn wenn ein
anderer sich daraufhin nicht gleich ergibt so ist man geneigt ihn als von
Eitelkeit erfüllt zu tadeln oder ihn selbst der Unverschämtheit zu zeihen 20
Es gibt zweitens ein argumentum ad ignorantiam des Nichtbesserwissens dh
die Forderung dass der Gegner den Beweis annehme oder einen besseren vorbringe
21 Es gibt 3 ein argumentum ad hominem des Beimwortnehmens wenn man
jemand durch das was er selbst gesagt hat in die Enge treibt 22 Endlich
gibt es 4 ein argumentum ad judicium durch Urteile welches darin besteht
Beweismittel anzuwenden die aus irgend einer Quelle der Erkenntnis oder
Wahrscheinlichkeit stammen und dieses ist das einzige von allen was uns
vorwärts bringt und belehrt denn wenn ich vor Respekt nicht zu widersprechen
wage oder nur nichts Besseres zu sagen weiß oder mir selbst widerspreche so
folgt daraus gar nicht dass der andere recht hat Ich kann bescheiden
unwissend im Irrtum sein und der andere kann sich dabei doch auch noch
täuschen
Theophilus Man muss ohne Zweifel zwischen dem was zu sagen gut ist und
dem was man als wahr zu glauben hat unterscheiden Da indessen die meisten
Wahrheiten dreist behauptet werden können so besteht gegen eine Meinung die
man verhehlen muss ein gewisses Vorurteil Das Argument ad ignorantiam ist gut
in den Fällen in denen man mutmaßt wobei es vernünftig ist sich so lange an
eine Meinung zu halten bis das Gegenteil bewiesen wird Das Argument ad hominem
hat die Wirkung zu zeigen dass die eine oder andere Behauptung falsch ist und
der Gegner wie man es auch nehme sich geirrt hat Man könnte noch andere
Argumente anführen deren man sich bedient zum Beispiel das welches man ad
vertiginem das vom Schwindel nennen könnte wobei man so schließt Wenn dieser
Beweis nicht angenommen wird haben wir gar kein Mittel über den Punkt um den
es sich handelt zur Gewissheit zu kommen was man als eine Ungereimtheit
betrachtet Dieses Argument ist in gewissen Fällen brauchbar wie wenn jemand
die ursprünglichen und unmittelbaren Wahrheiten ableugnen wollte zB dass
nichts zu derselben Zeit sein und nichtsein kann denn wenn er recht hätte
würde es kein Mittel geben irgend etwas zu erkennen Aber wenn man sich gewisse
Prinzipien gemacht hat und sie aufrechterhalten will weil sonst das ganze
System der einmal angenommenen Lehre zusammenfallen würde so ist das Argument
nicht entscheidend denn man muss zwischen dem unterscheiden was zur
Aufrechterhaltung unserer Erkenntnisse notwendig ist und dem was unseren
angenommenen Meinungen oder praktischen Grundsätzen als Stütze dient Man hat
sich bei den Juristen mitunter eines ähnlichen Verfahrens bedient um die
Verurteilung oder Tortur angeblicher Zauberer auf die Aussagen anderer desselben
Verbrechens Angeklagter hin zu rechtfertigen denn man sagte wenn dies Argument
fällt wie wollen wir sie überführen Und manche Schriftsteller in
Kriminalsachen behaupten dass bei den Tatsachen wo die Überführung noch
schwerer ist leichtere Beweise als genügend gelten können Aber das ist noch
kein vernünftiger Grund Es beweist nur dass man mehr Sorgfalt anwenden muss
nicht aber dass man leichter glauben dürfe ausgenommen in Fällen äußerst
gefährlicher Verbrechen wie in Sachen des Hochverrats wo diese Erwägung von
Gewicht ist nicht um jemand zu verdammen sondern um ihn zu verhindern Schaden
anzurichten Dabei kann es also ein Mittelding nicht zwischen Schuldig und
Unschuldig sondern zwischen Verurteilung und Landesverweisung in solchen
Untersuchungen geben wo das Gesetz und die Gewohnheit es gestatten
Eines ähnlichen Argumentes hat man sich seit einiger Zeit in Deutschland
bedient um das Schlagen schlechter Münze zu beschönigen denn sagte man
wenn man sich an die vorgeschriebenen Regeln halten müsste würde man nicht ohne
Verlust Münzen schlagen können Es muss also erlaubt sein den Metallgehalt zu
verschlechtern Außerdem aber dass man nur das Gewicht und nicht den
Metallgehalt oder den Münzwert verringern dürfte um Betrügereien besser zu
verhüten setzt man die Notwendigkeit eines Verfahrens voraus die gar nicht
stattfindet denn es gibt weder ein göttliches Gebot noch ein menschliches
Gesetz welches diejenigen Geld zu schlagen nötigt welche weder Bergwerke noch
Gelegenheit haben Silber in Barren zu besitzen und Geld aus Geld zu schlagen
ist ein schlechter Gebrauch der natürlicherweise die Verschlechterung nach sich
zieht Aber wie wollen wir sagen sie unser Münzregal ausüben Die Antwort
ist leicht Begnügt euch damit etwas Weniges in gutem Silber auszumünzen
selbst mit einem kleinen Verlust wenn ihr glaubt es sei euch so wichtig unter
den Prägstock gebracht zu werden ohne das Bedürfnis oder das Recht zu haben
die Welt mit dem schlechten Gelde zu überschwemmen
23 Philalethes Nachdem wir ein Wort über die Beziehung unserer Vernunft
zu anderen Menschen gesagt haben wollen wir etwas über ihre Beziehung zu Gott
hinzufügen bei der wir zwischen dem was gegen die Vernunft und dem was über
der Vernunft ist unterscheiden Von der ersteren Art ist alles was mit unseren
klaren und bestimmten Vorstellungen sich nicht verträgt von der zweiten Art
jede Ansicht von der wir nicht einsehen dass ihre Wahrheit oder
Wahrscheinlichkeit aus der Sinnlichkeit oder der Reflexion mit Hilfe der
Vernunft abgeleitet werden kann So ist das Dasein von mehr als einem Gott gegen
die Vernunft und die Auferstehung der Toten über der Vernunft
Theophilus Über ihre Definition dessen was über der Vernunft ist
wenigstens wenn Sie sie in dem allgemein angenommenen Sinn dieser Phrase
wiedergeben finde ich noch etwas zu bemerken denn mir scheint dass auf die
Art wie diese Definition gefasst ist sie einerseits zu weit und andrerseits
nicht weit genug geht Wenn wir ihr folgen würde alles was wir nicht wissen
und in unserem gegenwärtigen Zustand zu erkennen nicht imstande sind über der
Vernunft sein zB dass irgend ein Fixstern größer oder kleiner ist als die
Sonne oder dass der Vesuv in diesem oder jenem Jahre Feuer speien wird das sind
Tatsachen deren Erkenntnis uns zu hoch ist aber nicht weil sie über die Sinne
gehen denn wir könnten sehr wohl darüber urteilen wenn wir vollkommenere
Organe und mehr Kenntnis der Umstände hätten Es gibt noch Schwierigkeiten
welche über unser gegenwärtiges Vermögen hinausgehen aber nicht über die
Vernunft überhaupt es gibt zB hier auf Erden keinen Astronomen der eine
Sonnenfinsternis im Zeiträume eines Paternosters und ohne die Feder zur Hand zu
nehmen genau berechnen könnte während es doch Genien geben könnte denen das
nur ein Spielwerk sein würde So könnten alle diese Dinge durch die Hilfe der
Vernunft bekannt oder ausführbar gemacht werden wenn man mehr Bekanntschaft mit
den Tatsachen vollkommenere Organe und einen erhabeneren Geist voraussetzt
Philalethes Dieser Einwurf fällt weg wenn ich meine Definition nicht
allein von unserer Sinnlichkeit oder Reflexion sondern auch von der eines jeden
anderen möglichen geschaffenen Geistes verstehe
Theophilus Wenn Sie es so nehmen haben Sie recht Aber es wird dann noch
eine andere Schwierigkeit übrig bleiben dass nämlich dann Ihrer Definition
zufolge nichts mehr über die Vernunft geht weil Gott immer Mittel gewähren
könnte durch die Sinnlichkeit und Reflexion irgend eine Wahrheit zu erwerben
wie in der Tat die größten Mysterien uns durch das Zeugnis Gottes bekannt
werden was man durch die Beweggründe der Glaubwürdigkeit auf denen unsere
Religion ruht anerkennt Und diese Beweggründe hangen ohne Zweifel von der
Sinnlichkeit und der Reflexion ab Die Frage scheint also zu sein nicht ob das
Vorhandensein einer Tatsache oder die Wahrheit eines Satzes aus Grundsätzen
abgeleitet werden kann deren sich die Vernunft bedient dh aus der
Sinnlichkeit und der Reflexion oder aus dem äußeren und inneren Sinne sondern
ob ein erschaffener Geist das Wie dieser Tatsache oder den apriorischen Grund
dieser Wahrheit zu erkennen fähig ist so dass man sagen kann das was über der
Vernunft ist könne wohl auf Wegen und durch Künste der geschaffenen Vernunft
ergriffen aber nicht begriffen werden mag sie auch noch so groß und erhaben
sein Gott allein ist es vorbehalten es zu verstehen wie es ihm allein
zukommt es auszuüben
Philalethes Diese Betrachtung scheint mir triftig und auf diese Weise will
ich meine Definition genommen wissen Und zwar bestärkt mich diese Betrachtung
selbst auch in meiner Meinung dass die Ausdrucksweise wonach die Vernunft dem
Glauben entgegengesetzt wird obgleich sie sich auf große Autorität stützt
ungehörig ist denn durch die Vernunft eben verifizieren wir das was wir
glauben müssen Der Glaube ist eine feste Zustimmung und eine wohlbegründete
Zustimmung kann nur auf gute Gründe hin gegeben werden So kann derjenige
welcher ohne irgend eine Ursache zum Glauben zu haben glaubt in seine
Einbildungen verliebt sein aber die Wahrheit sucht er darum doch sicherlich
nicht noch leistet er seinem göttlichen Meister den angemessenen Gehorsam nach
dessen Willen er die ihm zum Schutz gegen den Irrtum verliehenen Vermögen
gebrauchen muss Sonst ist es aus Zufall wenn er auf dem rechten Wege ist und
ist er auf dem falschen so ist er Gott dafür verantwortlich
Theophilus Ich stimme Ihnen durchaus bei wenn Sie verlangen dass der
Glaube auf der Vernunft begründet sei warum sollten wir sonst die Bibel dem
Koran oder den alten Büchern der Brahmanen vorziehen Dies haben unsere
Theologen und andere Gelehrte auch richtig erkannt und dieser Umstand hat uns
auch so schöne Werke über die Wahrheit der christlichen Religion und so viel
schöne Beweise zuwege gebracht welche man den Heiden und anderen alten und
neuen Ungläubigen gegenüber geltend gemacht hat Auch haben die verständigen
Leute stets diejenigen für verdächtig gehalten welche vorgegeben haben dass wo
es sich um den Glauben handele man sich um Gründe und Beweise nicht zu bemühen
brauche etwas in der Tat Unmögliches wenn Glaube nicht Nachsprechen oder
Wiederholen und Hingehenlassen ohne sich zu bemühen bedeutet wie bei vielen
Leuten der Fall und selbst der Charakter einiger Nationen mehr als anderer ist
Als einige aristotelische Philosophen des 15 und 16 Jahrhunderts deren Spuren
noch lange nachher vorhanden gewesen sind wie man aus den Briefen des
verstorbenen Naudé und den Naudeana urteilen kann zwei einander
entgegengesetzte Wahrheiten eine philosophische und eine theologische behaupten
wollten hat das letzte lateranische Konzil unter Leo X sich dem mit Recht
widersetzt wie ich schon bemerkt zu haben glaube Auch erhob sich früher ein
ganz ähnlicher Streit zu Helmstädt zwischen dem Theologen Daniel Hoffmann und
dem Philosophen Cornelius Martin jedoch mit dem Unterschiede dass der Philosoph
die Philosophie mit der Offenbarung vereinigte und der Theologe den Nutzen davon
ableugnen wollte Der Herzog Julias aber der Gründer der Universität erklärte
sich für den Philosophen Allerdings hat zu unserer Zeit ein Mann von sehr hoher
Stellung erklärt dass man in Glaubenssachen sich die Augen ausreißen müsse um
klar zu sehen und Tertuilian sagt irgendwo es ist wahr denn es ist unmöglich
man muss es glauben denn es ist eine Ungereimtheit Aber wenn die Absicht derer
welche sich auf diese Weise aussprechen gut ist so sind doch immerhin ihre
Ausdrücke übertrieben und können Unheil stiften St Paul redet viel richtiger
wenn er sagt dass die Weisheit Gottes vor den Menschen Torheit ist weil nämlich
die Menschen die Sachen nur nach ihrer Erfahrung die äußerst beschränkt ist
beurteilen und alles damit nicht Übereinstimmende ihnen als eine Ungereimtheit
erscheint Aber dies Urteil ist sehr verwegen denn es gibt sogar in der Natur
unendlich vieles was für ungereimt gelten würde wenn man es uns erzählte wie
das Eis dem König von Siam erschien von welchem man ihm sagte dass es unsere
Flüsse bedecke Aber die Ordnung der Natur selbst da sie nicht von
metaphysischer Notwendigkeit ist ist nur auf der Willkür Gottes begründet so
dass er aus höheren Ursachen der Gnade sich davon entfernen kann obgleich man
dies nur auf gültige Beweise hin annehmen darf die nur von Gottes Zeugnis
selbst herrühren dürfen Ist dies gehörig bewährt so muss man sich ihm völlig
unterwerfen
1 Philalethes Wir wollen uns indessen der angenommenen Sprechweise fügen
und in einem gewissen Sinne leiden dass man den Glauben von der Vernunft
unterscheidet Dann ist es aber billig dass man diesen Sinn ganz genau erklärt
und die Grenzen zwischen beiden festsetzt denn die Ungewissheit über diese
Grenzen hat sicherlich in der Welt große Streitigkeiten hervorgerufen und
vielleicht sogar große Unordnungen verursacht Es ist wenigstens offenbar dass
bis man sie bestimmt hat alles Streiten vergeblich ist weil man wenn man über
den Glauben streitet die Vernunft anwenden muss 2 Ich finde dass sich jede
Sekte mit Vergnügen der Vernunft bedient so lange sie daraus einigen Nutzen
ziehen zu können glaubt sobald indessen die Vernunft zu versagen angefangen
hat ruft man das ist ein Glaubensartikel welcher über der Vernunft steht
Aber der Gegner könnte sich derselben Entschuldigung bedienen wenn man gegen
ihn mit Vernunftgründen zu streiten versuchen wollte falls man ihm nicht
wenigstens bemerkt warum ihm das in einem gleichscheinenden Falle nicht erlaubt
wäre Ich setze dabei voraus dass die Vernunft hier die Entdeckung der Gewissheit
oder Wahrscheinlichkeit der Sätze ist welche wir aus den von uns durch den
Gebrauch unserer natürlichen Fähigkeiten dh durch Sinnlichkeit und durch
Reflexion erworbenen Erkenntnissen gewonnen haben und dass der Glaube die
Zustimmung ist welche man einem auf die Offenbarung dh auf eine
außerordentliche Mitteilung Gottes welche er die Menschen zu wissen getan hat
gegründeten Satze gibt 3 Aber ein von Gott inspirierter Mensch kann den
übrigen keine neue einfache Vorstellung mitteilen weil er sich nur der Worte
oder anderer Zeichen welche in uns einfache durch die Gewohnheit damit
verbundene Vorstellungen erwecken oder deren Verbindung bedient Mochte auch
St Paul noch so viel neue Vorstellungen empfangen haben als er in den dritten
Himmel entrückt wurde so ist doch alles was er davon sagen konnte nur es
sind Dinge die kein Auge gesehen kein Ohr gehört und die nie in eines Menschen
Herz gekommen sind Gesetzt es seien auf dem Jupitersballe mit sechs Sinnen
versehene Geschöpfe und Gott gebe einem Menschen unter uns die Vorstellungen
dieses sechsten Sinnes auf übernatürliche Weise so würde er sie doch nicht
durch Worte im Geiste der übrigen Menschen entstehen lassen können Man muss also
zwischen ursprünglicher und überlieferter Offenbarung unterscheiden Die erstere
ist ein Eindruck welchen Gott unmittelbar auf den Geist macht und diesem
können wir keine Schranken setzen die andere kommt uns nur auf den gewöhnlichen
Wegen der Mitteilung zu und kann keine neuen einfachen Vorstellungen geben 4
Allerdings können noch die Wahrheiten welche man durch die Vernunft entdecken
kann uns durch eine überlieferte Offenbarung mitgeteilt werden wie wenn Gott
den Menschen geometrische Lehrsätze hätte mitteilen wollen aber dies würde
nicht mit ebensoviel Sicherheit geschehen als wenn wir den aus dem Zusammenhang
der Vorstellungen gewonnenen Beweis davon hätten So hatte auch Noah eine
sicherere Erkenntnis der Sündflut als die wir durch das Buch Mosis erhalten
und so war die Gewissheit dessen welcher sah dass Moses wirklich schrieb und die
Wunder tat welche seine göttliche Eingebung rechtfertigen größer als die
unsrige 5 Daher kann die Offenbarung nicht gegen die klare Evidenz der
Vernunft gehen weil man selbst dann wenn die Offenbarung unmittelbar und
ursprünglich ist mit Evidenz wissen muss dass wir uns nicht irren indem wir sie
Gott zuschreiben und den Sinn davon fassen und diese Evidenz kann niemals
größer sein als die unserer intuitiven Erkenntnis und folglich kann kein Satz
als göttliche Offenbarung angenommen werden wenn er dieser unmittelbaren
Erkenntnis kontradiktorisch entgegengesetzt ist Sonst würde in der Welt kein
Unterschied zwischen der Wahrheit und Falschheit kein Maßstab des Glaubhaften
und des Unglaubhaften übrig bleiben Auch ist nicht zu begreifen dass von Gott
diesem wohltätigen Urheber unseres Daseins etwas komme was wenn es als
wahrhaft angenommen ist die Grundlagen unserer Erkenntnisse umstürzen und alle
unsere Geistesvermögen unnütz machen muss 6 Auch haben diejenigen welche die
Offenbarung nur mittelbar oder durch Überlieferung von Mund zu Mund oder auf
schriftlichem Wege haben die Vernunft noch nötiger um sich dessen zu
versichern 7 Indessen ist es immer wahr dass diejenigen Dinge welche über
das von unseren natürlichen Fähigkeiten möglicherweise zu Entdeckende
hinausgehen die eigentlichen Gegenstände des Glaubens sind wie der Fall der
aufrührerischen Engel die Auferstehung der Toten 9 Darin muss man allein die
Offenbarung hören und selbst hinsichtlich der wahrscheinlichen Sätze wird eine
evidente Offenbarung uns gegen die Wahrscheinlichkeit entscheiden
Theophilus Wenn Sie den Glauben nur für das nehmen was auf den Motiven der
Glaubwürdigkeit wie man sie nennt beruht und Sie ihn von der inneren Gnade
welche den Geist unmittelbar dazu bestimmt trennen so ist alles von Ihnen
Gesagte unbestreitbar Man muss zugestehen dass es viel evidentere Urteile als
die von diesen Motiven abhängigen gibt Die einen gehen dabei weiter als die
anderen und es gibt sogar eine Menge von Leuten welche niemals erkannt und
noch weniger erwogen haben was für ein Motiv der Glaubwürdigkeit gelten könnte
Aber die innere Gnade des H Geistes tritt dabei als unmittelbare Ergänzung auf
übernatürliche Weise ein und dies ist es was die Theologen eigentlich einen
göttlichen Glauben nennen Allerdings gibt ihn Gott stets nur wenn das was er
glauben macht auf der Vernunft begründet ist sonst würde er die Mittel zur
Erkenntnis der Wahrheit zerstören und dem Enthusiasmus die Tür öffnen aber es
ist nicht nötig dass alle diejenigen welche diesen göttlichen Glauben haben
diese Gründe erkennen und noch weniger dass sie sie immer vor Augen haben
Sonst würden die Einfältigen und die schwachen Köpfe wenigstens heutzutage
niemals den wahren Glauben haben und die Aufgeklärtesten würden ihn auch nicht
haben wenn sie dessen am meisten bedürfen könnten denn sie können sich nicht
immer der Gründe des Glaubens erinnern Die Frage vom Gebrauch der Vernunft in
der Theologie ist eine der am meisten verhandelten gewesen sowohl zwischen den
Sozinianern und denen welche man in einem allgemeinen Sinne Katholiken nennen
kann als zwischen den Reformierten und Evangelischen wie man in Deutschland
vorzugsweise diejenigen nennt welche manche sehr unpassend als Lutheraner
bezeichnen Ich erinnere mich einmal eine Metaphysik eines Sozinianers Stegmanus
gelesen zu haben eines von Josua Stegmann der sogar gegen die Sozinianer
geschrieben hat wohl zu unterscheidenden Schriftstellers welche noch nicht
dass ich wusste gedruckt worden ist auf der anderen Seite hat ein sächsischer
Theologe Kessler eine Logik und einige andere philosophischen Disziplinen
ausdrücklich gegen die Sozinianer abgefasst Man kann im allgemeinen sagen dass
die Sozinianer zu hastig in der Verwerfung alles dessen sind was der Ordnung
der Natur nicht entspricht selbst wenn sie die Unmöglichkeit davon nicht
beweisen können Aber auch ihre Gegner gehen mitunter zu weit und treiben das
Geheimnisvolle bis zu den Grenzen des Widerspruchs worin sie der Wahrheit
welche sie zu verteidigen trachten Abbruch tun Ich war einmal überrascht in
der Summa theologiae des Pater Honoré Fabry der sonst einer der gescheitesten
seines Ordens gewesen ist zu sehen dass er in göttlichen Dingen wie noch
einige andere Theologen gleichfalls jenes Prinzip leugnete wonach die Dinge
welche mit einem dritten identisch sind unter sich selbst identisch sind Das
heißt den Gegnern gewonnenes Spiel geben ohne es zu denken und jeder
vernünftigen Überlegung alle Sicherheit nehmen Man müsste lieber sagen dass
dieses Prinzip schlecht dabei angewendet worden ist Derselbe Schriftsteller
verwirft in der Philosophie die virtuellen Unterschiede welche die Scotisten in
den erschaffenen Dingen annehmen weil sie sagt er das Prinzip des
Widerspruchs umstoßen würden und wenn man ihm einwirft dass man diese
Unterscheidungen in Gott annehmen muss so antwortet er dass der Glaube es
befiehlt Wie kann aber der Glaube irgend etwas befehlen was ein Prinzip
umwirft ohne das jeder Glaube jede Bejahung oder Verneinung eitel wäre
Unmöglich können also zwei wahre Sätze zu gleicher Zeit ganz einander
widersprechen und wenn A und C nicht dasselbe sind so muss wohl B welches mit
A identisch ist als etwas anderes genommen werden als das B welches mit C
identisch ist
Nicolaus Vedelius Professor in Genf und später in Deventer hat ehedem ein
Buch geschrieben unter dem Titel rationale theologicum Über den Gebrauch der
Vernunft in der Theologie dem Johann Musaeus von Jena welches eine
evangelische Universität in Thüringen ist ein anderes Buch über denselben
Gegenstand dh über den Gebrauch der Vernunft in der Theologie entgegensetzte
Ich erinnere mich sie ehedem in Betracht gezogen und bemerkt zu haben dass die
Hauptstreitfrage durch die einschlägigen Nebenfragen verwickelt gemacht worden
war wie zB wenn man fragt was ein theologischer Schluss ist und ob man
darüber aus den Begriffen welche ihn bilden oder aus dem Beweismittel urteilen
solle und folglich ob Occam recht gehabt habe oder nicht zu sagen dass das
Wissen einer und derselben Folgerung dasselbe ist als das dazu angewendete
Beweismittel Sie halten sich auch bei noch viel anderen noch unbedeutenderen
Nebensachen auf die nur die Ausdrücke betreffen Indessen gab Musaeus selbst
zu dass die zu einer logischen Notwendigkeit nötigen Vernunftprinzipien dh
die deren Gegenteil auf Widerspruch führt in der Theologie mit Sicherheit
angewendet werden müssen und können aber er hatte Grund zu leugnen dass das
was bloß mit physischer Notwendigkeit notwendig dh begründet ist auf einem
Schluss aus dem was in der Natur geschieht oder auf den Naturgesetzen die
sozusagen von göttlicher Einsetzung sind den Glauben an ein Mysterium oder an
ein Wunder zu widerlegen hinreicht weil es von Gott abhängt den gewöhnlichen
Lauf der Dinge zu verändern So kann man der Naturordnung gemäß versichern dass
nicht dieselbe Person zu gleicher Zeit Mutter und Jungfrau sein oder dass ein
menschlicher Körper nicht umhin kann sinnenfällig zu sein obgleich das
Gegenteil des einen oder anderen Gott möglich ist Auch Vedelius scheint mit
dieser Unterscheidung einverstanden zu sein Man streitet aber mitunter über
gewisse Prinzipien ob sie logisch oder nur physisch notwendig sind Solches ist
der Streit mit den Sozinianern ob die Substanz vervielfältigt werden kann wenn
die einzelne Wesenheit nicht vervielfältigt wird und der Streit mit den
Zwinglianern ob ein Körper nur an einer Stelle sein kann Nun muss man zugeben
dass allemal wenn die logische Notwendigkeit nicht bewiesen ist man in einem
Satz nur eine physische Notwendigkeit annehmen kann Aber es bleibt meiner
Meinung nach noch eine Streitfrage übrig welche die von mir eben erwähnten
Schriftsteller nicht genug geprüft haben Es ist folgende Gesetzt es findet
sich auf der einen Seite der wörtliche Sinn eines Teiles der Heiligen Schrift
und auf der anderen eine starke Wahrscheinlichkeit einer logischen Unmöglichkeit
oder wenigstens einer anerkannten physischen Unmöglichkeit ist es dann
vernünftiger dem wörtlichen Sinn zu entsagen oder dem philosophischen Prinzip
Sicherlich gibt es Stellen wo man ohne Schwierigkeit den Wortsinn verlässt wie
zB wo die Schrift Gott Hände gibt und ihm Zorn Reue und andere menschliche
Affekte zuschreibt sonst müsste man sich zu den Anthropomorphisten schlagen oder
zu gewissen englischen Fanatikern die da glaubten dass Herodes tatsächlich in
einen Fuchs verwandelt worden war als Jesus Christus ihn mit diesem Namen
nannte Hier müssen die Auslegungsregeln eintreten und wenn sie nichts bieten
was den buchstäblichen Sinn bestreitet um den philosophischen Grundsatz zu
begünstigen und wenn der wörtliche Sinn übrigens nichts enthält was Gott eine
Unvollkommenheit beimisst oder in der Ausübung der Frömmigkeit Gefahr bringt so
ist es sicherer und sogar vernünftiger ihm zu folgen
Diese beiden eben genannten Schriftsteller streiten noch über das
Unternehmen Kekermanns welcher die Trinität durch die Vernunft nachweisen
wollte wie Raimundus Lullus dies zu tun auch früher versucht hatte Aber
Musaeus erkannte mit großer Billigkeit an dass wenn der Nachweis des
reformierten Schriftstellers gut und richtig gewesen wäre nichts darüber zu
sagen gewesen wäre und er recht gehabt hätte hinsichtlich dieses Punktes zu
behaupten das Licht des heiligen Geistes könne durch die Philosophie entzündet
werden
Sie haben auch die berühmte Frage verhandelt ob diejenigen welche ohne
Erkenntnis von der Offenbarung des Alten oder Neuen Testaments zu haben in den
Gesinnungen einer natürlichen Frömmigkeit gestorben sind dadurch gerettet
werden und Vergebung ihrer Sünden erlangen könnten Man weiß dass Clemens von
Alexandria Justinus Martyr und der h Chrysostomus sich einigermaßen dazu
hingeneigt haben und ich selbst habe einst Pelisson gezeigt dass viele
ausgezeichnete Lehrer der römischen Kirche weit entfernt die nicht
hartnäckigen Protestanten zu verdammen sogar die Heiden von der Seligkeit nicht
haben ausschließen und behaupten wollen dass die eben erwähnten durch einen Akt
der Zerknirschung dh der auf die Liebe zum Guten gegründeten Reue hätten
gerettet werden können der gemäß man Gott über alle Dinge liebt weil diese
Vollkommenheiten ihn höchst liebenswert machen Man wird dadurch von ganzem
Herzen getrieben sich nach seinem Willen zu richten und seine Vollkommenheiten
nachzuahmen um sich mit ihm besser zu vereinigen weil es gerecht erscheint
dass Gott seine Gnade denen nicht versage die solche Gesinnungen hegen Und ohne
von Erasmus und Ludovico Vives zu sprechen führte ich die Ansicht des Jakob
Payva Andradius eines sehr berühmten portugiesischen Lehrers seiner Zeit an
welcher einer der Theologen des Tridentiner Konzils gewesen war und sogar gesagt
hatte dass diejenigen welche nicht damit übereinstimmten Gott im höchsten
Grade grausam sein ließen neque enim inquit immanitas deterior ulla esse
potest Pelisson hatte Mühe dies Buch in Paris zu finden zum Zeichen dass die
zu ihrer Zeit geehrten Schriftsteller später oft vernachlässigt werden Dies
veranlasste Bayle zu dem Urteil dass viele den Andradius nur auf Treu und Glauben
seines Gegners Chemnitius anführen Dies mag wohl so sein was aber mich
betrifft so hatte ich ihn gelesen ehe ich ihn anführte Sein Streit mit
Chemnitius hat ihn auch in Deutschland berühmt gemacht denn er hatte für die
Jesuiten gegen diesen Autor geschrieben und man findet in seinem Buche einige
Spezialitäten über den Ursprung dieses berühmten Ordens Ich habe bemerkt dass
einige Protestanten diejenigen Andradier nannten welche über den erwähnten
Gegenstand seiner Meinung waren Es hat Autoren gegeben welche eigens über die
Seligkeit des Aristoteles auf Grund dieser nämlichen Prinzipien unter Billigung
der Zensoren geschrieben haben Auch sind die Bücher des Collins in Latein und
La Mothe le Vayers im Französischen über die Seligkeit der Heiden sehr bekannt
Ein gewisser Fr Puccius aber ging zu weit Der h Augustin so gescheit und
scharfsinnig er gewesen ist hat sich auf ein anderes Extrem geworfen und sogar
die ohne Taufe gestorbenen Kinder verdammt und die Scholastiker scheinen recht
gehabt zu haben ihn zu verlassen Freilich haben einige sonst gescheite Männer
und darunter solche von großem Verdienst aber in dieser Hinsicht ein wenig
menschenfeindlich gestimmt diese Lehre jenes Kirchenvaters wieder aufbringen
wollen und haben sie vielleicht noch übertrieben
Auch kann dieser Geist einigen Einfluss in der Streitigkeit zwischen mehreren
allzuheftigen Lehrern gehabt haben und als die Jesuiten als Missionare Chinas
berichtet hatten dass die alten Chinesen die wahre Religion ihrer Zeit und der
wahren Heiligen gehabt hätten und dass die Lehre des Konfuzius nichts
Abgöttisches oder Atheistisches enthielte scheint man in Rom richtiger
gehandelt zu haben dass man eine der größten Nationen nicht verdammen wollte
ohne sie gehört zu haben Wohl uns dass Gott mehr Menschenliebe besitzt als die
Menschen Ich kenne Leute welche im Glauben ihren Eifer durch Härte der
Ansichten zu beweisen sich einbilden man könne die Erbsünde nicht glauben ohne
ihrer Meinung zu sein aber darin irren sie sich Auch folgt nicht dass
diejenigen welche die Heiden oder andere der gewöhnlichen Heilsmittel
Entbehrenden retten es den bloßen Naturkräften zuschreiben müssen obwohl
vielleicht einige Kirchenväter dieser Ansicht gewesen sind weil man behaupten
kann dass wenn Gott ihnen die Gnade schenkt einen Akt der Zerknirschung zu
erwecken er ihnen auch stets sei es tatsächlich sei es der Anlage nach aber
immer übernatürlich vor dem Tode wenn es auch nur in den letzten Augenblicken
wäre das ganze Licht des Glaubens und die ganze Glut der Liebe welche ihnen
zur Seligkeit nötig ist gibt So erklären auch die Reformierten bei Vedelius
die Ansicht Zwinglis welcher sich über diesen Punkt der Seligkeit tugendhafter
Heiden ebenso deutlich ausgedrückt hatte als die Lehrer der römischen Kirche es
nur immer tun konnten Auch hat diese Lehre darin nichts mit der besonderen
Lehre der Pelagianer oder Semipelagianer gemein von der wie man weiß Zwingli
weit entfernt war Und da man im Gegensatz zu den Pelagianern bei allen denen
welche den Glauben haben eine übernatürliche Gnade lehrt worin die drei
anerkannten Religionen übereinstimmen ausgenommen vielleicht die Schüler
Pajons und sogar entweder den Glauben oder wenigstens ähnliche Bewegungen den
die Taufe empfangenden Kindern zugibt so ist es nicht sehr außerordentlich
dasselbe wenigstens in der Todesstunde Leuten von gutem Willen zuzugestehen
die nicht das Glück gehabt haben auf die gewöhnliche Weise im Christentum
unterrichtet zu sein Aber das Weiseste ist über so wenig bekannte Punkte
nichts zu bestimmen und sich im allgemeinen mit dem Urteil zu begnügen dass Gott
nichts tun könne was nicht voller Güte und Gerechtigkeit ist melius est
dubitare de occultis quam litigare de incertis Besser über das Verborgene
ungewiss sein als über das Ungewisse hadern Augustin L 8 Gen ad litt c
5
1 Philalethes Wollte Gott dass alle Theologen und der heil Augustin
selbst immer den in diesem Satze ausgedrückten Grundsatz ausgeübt hätten Die
Menschen glauben aber dass der Geist des Dogmatismus ein Zeichen ihres Eifers
für die Wahrheit sei und doch findet ganz das Gegenteil statt Man liebt sie
wahrhaft nur im Verhältnis wie man die Beweise zu prüfen liebt welche sie als
das zeigen was sie ist Und wenn man sein Urteil überstürzt so wird man immer
durch weniger reine Beweggründe getrieben 2 Die Herrschsucht ist einer der
gewöhnlichsten und ein zweiter ist eine gewisse Vorliebe für eigene
Träumereien Daraus geht der Enthusiasmus hervor 3 Mit diesem Namen
bezeichnet man den Fehler derjenigen welche sich einbilden sie hätten eine
unmittelbare Offenbarung wenn diese nicht auf der Vernunft begründet ist 4
Und da man sagen kann dass die Vernunft eine natürliche Offenbarung ist deren
Urheber Gott ist sowie er der der Natur ist so kann man auch sagen dass die
Offenbarung eine übernatürliche Vernunft ist dh eine durch eine neue Summe von
unmittelbar von Gott ausgegangenen Entdeckungen erweiterte Vernunft Aber diese
Entdeckungen setzen voraus dass wir das Mittel sie als solche zu erkennen
haben und dies ist die Vernunft selbst sie verbannen wollen um der
Offenbarung Platz zu machen hieße sich die Augen ausreißen um die Trabanten
des Jupiter besser durch ein Teleskop zu sehen 5 Die Quelle des Enthusiasmus
ist der Umstand dass eine unmittelbare Offenbarung bequemer und kürzer ist als
ein langes und mühsames Vernunftverfahren welches auch nicht immer von
glücklichem Erfolge begleitet ist Man hat zu allen Zeiten Menschen gesehen
deren mit Frömmigkeit gemischte und mit Selbstgefälligkeit verbundene Schwermut
sie hat glauben machen dass sie eine ganz andere Vertrautheit mit Gott hätten
als die anderen Menschen Sie setzen voraus dass er sie den Seinigen verheißen
hat und glauben vorzugsweise vor den übrigen sein Volk zu sein 6 Ihre
Phantasie wird eine Erleuchtung und göttliche Autorität und ihre Pläne sind
eine unfehlbare Lenkung des Himmels welcher sie zu folgen verpflichtet sind
7 Diese Meinung hat große Wirkungen hervorgebracht und große Übel verursacht
denn ein Mensch handelt kräftiger wenn er seinen eigenen Antrieben folgt und
die Annahme einer göttlichen Autorität durch unsere Neigung aufrechterhalten
wird 8 Es ist schwer ihn davon loszumachen weil diese angebliche Gewissheit
ohne Beweis der Eitelkeit und Lust am Ungewöhnlichen schmeichelt Die Fanatiker
vergleichen ihre Meinung mit dem Blick und der Empfindung Sie sehen das
göttliche Licht wie wir das der Sonne am hellen Mittag sehen ohne nötig zu
haben dass die Dämmerung der Vernunft es ihnen zeigt 9 Sie sind überzeugt
weil sie überzeugt sind und ihre Überzeugung ist recht weil sie stark ist
denn darauf lässt sich ihre bilderreiche Sprache zurückfuhren 10 Wenn es nun
aber zwei Arten des Erkennens gibt die des logischen Urteilens und die der
Offenbarung so kann man sie fragen wo die Klarheit ist Ist diese ein
Auffassen des logischen Urteils wozu dient dann die Offenbarung Sie muss also
in dem Empfinden der Offenbarung sein Wie können sie aber bemerken dass es Gott
ist welcher offenbart und nicht ein Irrlicht das sie in jenem Zirkel
herumführt Das ist eine Offenbarung weil ich sie fest glaube und ich glaube
daran weil es eine Offenbarung ist 11 Gibt es etwas was mehr dazu gemacht
ist sich in Irrtum zu stürzen als wenn man die Einbildung zum Führer nimmt
12 St Paul hatte einen großen Eifer als er die Christen verfolgte und
täuschte sich darum doch Man weiß dass der Teufel seine Märtyrer gehabt hat
und wenn es hinreicht fest überzeugt zu sein so kann man die Täuschungen
Satans nicht mehr von den Eingebungen des heiligen Geistes unterscheiden 14
Also ist es die Vernunft was uns die Wahrheit der Offenbarung erkennen macht
15 Wenn aber unser Glaube sie bezeugen sollte so würde der eben erwähnte
Zirkel eintreten Die Heiligen welche von Gott Offenbarungen empfingen hatten
äußere Zeichen welche sie von der Wahrheit des inneren Lichtes überzeugten
Moses sah einen brennenden Busch der sich nicht verzehrte und hörte eine
Stimme aus der Mitte des Busches und Gott gebrauchte um ihn im voraus seiner
Sendung zu vergewissern als er ihn zur Befreiung seiner Brüder nach Ägypten
schickte dabei das Wunder des in eine Schlange verwandelten Stabes Gideon ward
durch einen Engel gesendet das Volk Israel vom Joch der Midianiter zu befreien
Gleichwohl forderte er ein Zeichen um überzeugt zu sein dass ihm dieser Auftrag
von seiten Gottes gegeben wäre 16 Ich leugne indessen nicht dass nicht
mitunter Gott den Geist der Menschen erleuchte um ihnen gewisse wichtige
Wahrheiten begreiflich zu machen oder um sie durch unmittelbaren Einfluss und
Beistand des h Geistes ohne irgend welche außerordentliche diesen Einfluss
begleitende Zeichen zu guten Handlungen zu bewegen Aber auch in diesen Fällen
haben wir die Vernunft und die Schrift zwei untrügliche Regeln als
Richterinnen dieser Erleuchtungen denn wenn sie mit diesen Regeln stimmen
laufen wir wenigstens keine Gefahr wenn wir sie als von Gott eingegeben
ansehen auch wenn dies vielleicht keine unmittelbare Offenbarung ist
Theophilus Enthusiasmus war anfangs ein Name von guter Bedeutung Und wie
Sophisma eigentlich eine Weisheitsübung bedeutet so bezeichnet Enthusiasmus
dass eine Gottheit in uns walte Est Deus in nobis In uns waltet ein Gott
Sokrates behauptete auch dass ihm ein Gott oder Dämon innere Kundgebungen mache
so dass Enthusiasmus ein göttlicher Instinkt wäre Nachdem aber die Menschen ihre
Leidenschaften Phantasien und Träume ja sogar ihren Wahnsinn als etwas
Göttliches heilig gesprochen hatten begann Enthusiasmus eine Geistesstörung zu
bezeichnen welche man der Wirksamkeit einer in den davon Befallenen
angenommenen Gottheit zuschrieb denn die Wahrsager und Wahrsagerinnen zeigten
eine Geistesstörung wenn ihr Gott sich ihrer bemächtigte wie die Sibylle von
Cumae bei Vergil Seitdem schreibt man sie denen zu welche ohne Grund glauben
dass ihre Bewegungen von Gott kommen Nisus bei demselben Dichter da er sich
durch einen fremdartigen Antrieb zu einer gefährlichen Unternehmung fortgerissen
fühlt in der er mit seinem Freunde umkommt schlägt ihm diese in folgenden von
vernünftigem Zweifel erfüllten Worten vor
Dine hunc ardorem mentibus addunt
Euryale an sua cuisque Deus fit dira cupido
Pflanzten die Götter o Freund mir die treibende Glut in die Seele
Oder wird jedem zum Gott nur die eigene wilde Begierde
Er folgte dennoch seinem Trieb von dem er nicht wusste ob er von Gott oder
einer unglücklichen Lust sich auszuzeichnen herrührte Aber wenn es ihm
geglückt wäre würde er nicht ermangelt haben sich in einem anderen Falle für
auserwählt und durch irgend eine göttliche Macht getrieben zu glauben Die
Enthusiasten heutzutage glauben auch von Gott Lehrsätze zu ihrer Erleuchtung zu
empfangen Die Quäker sind dieser Überzeugung und Barclay ihr erster
methodischer Gründer behauptet dass sie in sich ein gewisses Licht fänden das
sich durch sich selbst zu erkennen gäbe Aber warum das Licht nennen was nichts
sehen macht Ich weiß wohl dass es Leute von solcher Geistesbeschaffenheit gibt
welche Funken und selbst noch Leuchtenderes sehen aber dies Bild des
körperlichen Lichts das sich bei der Erhitzung ihrer Lebensgeister zeigt gibt
dem Geiste kein Licht Manche einfältige Personen von aufgeregter Phantasie
bilden sich Vorstellungen die sie vorher nicht hatten sie sind imstande sich
in ihrem Sinne schon oder wenigstens sehr lebhaft auszudrücken sie bewundern
sich selbst und lassen von anderen diese Fruchtbarkeit bewundern welche als
Eingebung gilt Dieser Vorteil kommt für sie zum guten Teile von einer starken
durch die Leidenschaft belebten Phantasie her und von einem glücklichen
Gedächtnis welches die Redeweise der prophetischen durch Lesen oder Vortrag
anderer ihnen vertraut gewordener Bücher gut behalten hat
Antoinette de Bourignon bediente sich ihrer Redeund Schreibfertigkeit als
eines Beweises ihrer göttlichen Sendung Auch kenne ich einen Schwärmer welcher
den seinigen auf sein Talent gründet ganz laut fast einen ganzen Tag ohne zu
ermüden oder heiser zu werden zu reden und zu beten Es gibt Menschen welche
nach durchgemachter harter Lebensweise oder nach einem Zustand des Trübsinns in
ihrer Seele einen entzückenden Frieden und Trost schmecken und darin finden sie
so viel Süßigkeit dass sie es für eine Wirkung des h Geistes halten Allerdings
ist die Befriedigung welche man in der Betrachtung der Größe und Güte Gottes
in dem Vollbringen seines Willens in der Ausübung der Tugenden findet eine
Gnade Gottes und zwar eine der größten aber es ist nicht immer eine Gnade
welche einer neuen übernatürlichen Hilfe bedarf wie viele dieser guten Leute es
behaupten Es hat vor noch nicht langer Zeit ein sonst ganz kluges Mädchen
gegeben welches von seiner Jugend an mit Jesus Christus zu reden und auf eine
ganz besondere Weise seine Gattin zu sein glaubte Die Mutter desselben war wie
man erzählte ein wenig zum Enthusiasmus geneigt gewesen aber die Tochter
welche früh angefangen hatte noch viel weiter gegangen Ihre Befriedigung und
Freudigkeit war unaussprechlich ihre Tugendhaftigkeit zeigte sich in ihrem
Wandel und ihr Geist in ihren Gesprächen Indessen ging das Ding doch so weit
dass sie Briefe entgegennahm welche man an unseren Herrn adressierte und welche
sie versiegelt wie sie sie empfangen hatte mit der Antwort zurückschickte die
mitunter ganz angemessen und immer vernünftig abgefasst war Aber endlich hörte
sie auf deren anzunehmen aus Furcht zu viel Aufsehen zu erregen In Spanien
würde sie eine zweite heilige Theresa gewesen sein Aber nicht alle Personen
welche ähnliche Gefühle haben haben einen gleichen Wandel Es gibt deren
welche Sekten zu stiften und selbst Unruhen zu erregen suchen und davon hat
England schlimme Beweise gehabt Wenn diese Leute in gutem Glauben handeln ist
es schwer sie zur Vernunft zu bringen mitunter führt der Umsturz aller ihrer
Pläne sie zur Besserung aber häufig ist es dann zu spät Es gab einen vor
kurzem gestorbenen Schwärmer welcher sich für unsterblich hielt weil er sehr
alt war und sich wohl befand und ohne das vor kurzem veröffentlichte Buch eines
Engländers gelesen zu haben welches glauben machen wollte dass Jesus Christus
auch deswegen in die Welt gekommen wäre um die wahren Gläubigen vom
körperlichen Tode zu befreien war er seit langen Jahren ungefähr derselben
Ansicht als er aber den Tod fühlte ging er so weit nun die ganze Religion
anzuzweifeln weil sie seiner Chimäre nicht entsprach Der Schlesier Quirinus
Kulman ein unterrichteter Mann von Geist der aber nachher in zweierlei gleich
gefährliche Schwärmereien geraten war in die der Enthusiasten und die der
Alchimisten und welcher in England Holland und bis nach Konstantinopel
Aufsehen gemacht hatte endlich aber auf den Gedanken gekommen war nach Russland
zu gehen und sich in gewisse Intriguen gegen das Ministerium zu mischen zu der
Zeit als die Prinzessin Sophie dort regierte wurde zum Feuer verdammt und
starb nicht wie ein von dem was er gepredigt hatte Überzeugter
Die Meinungsverschiedenheiten dieser Leute untereinander müssten sie auch
überführen dass ihr vorgebliches inneres Zeugnis nicht göttlich sei und dass
andere Zeichen dazu gehören es zu rechtfertigen Die Labbadisten zB verstehen
sich nicht mit Antoinette Bourignon und obwohl William Penn bei seiner Reise
nach Deutschland von der man einen Bericht veröffentlicht hat den Plan gehabt
zu haben scheint eine Art von Einverständnis zwischen denen herbeizuführen
welche auf diesem Zeugnis fußen so scheint es ihm doch nicht geglückt zu sein
Es wäre in Wahrheit zu wünschen dass die redlichen Menschen sich miteinander
verständen und einträchtig handelten nichts wäre mehr imstande das menschliche
Geschlecht besser und glücklicher zu machen aber sie müssten dann selbst in
Wahrheit redliche Menschen sein dh rechtschaffen und außerdem gelehrig und
vernünftig statt dass man die welche man heutzutage Fromme nennt der Härte
Herrschsucht und des Eigensinns anklagt Ihre Misshelligkeiten zeigen wenigstens
dass ihr inneres Zeugnis einer äußeren Beglaubigung bedarf um geglaubt zu
werden und sie hätten Wunder nötig um mit Recht für Propheten und Inspirierte
zu gelten
Gleichwohl gibt es einen Fall wo diese Inspirationen ihren Beweis mit sich
bringen würden Das wäre wenn sie in der Tat den Geist durch die bedeutsame
Entdeckung irgend einer außerordentlichen Erkenntnis aufklärten welche über die
Kräfte desjenigen hinausginge der sie ohne äußere Hilfe erworben hätte Wenn
der berühmte Lausitzer Schuster Jakob Böhme dessen Schriften unter dem Namen
des Philosophus teutonicus in andere Sprachen übersetzt sind die in der Tat
etwas Großartiges und Schönes für einen Mann dieser Lebensstellung haben hätte
Gold machen können wie einige es sich einreden oder wie der Evangelist
Johannes es konnte wenn wir das glauben was ein zu seiner Ehre gemachter
Hymnus sagt
Inexhaustum fert thesaurum
Qui di virgis fecit aurum
Gemmas de lapidibus
Unermeßnen Schatz besitzt
Der aus Ruten Gold gemacht
Und aus Kieseln Edelstein
so würde man Anlass haben diesem außerordentlichen Schuster mehr Glauben zu
schenken Und wenn Antoinette Bourignon dem französischen Ingenieur Bertrand La
Coste in Hamburg das Licht in den Wissenschaften welches er von ihr empfangen
zu haben glaubte geliefert hätte wie er es in seiner Dedikation des Werkes
über die Quadratur des Zirkels bemerkt wo er auf Antoinette und Bertrand
anspielend sie das A in der Theologie nannte wie er sich selbst als das B in
der Mathematik bezeichnet so würde man nicht wissen was man dazu sagen
sollte Aber man sieht keine Beispiele eines bedeutenden Erfolges dieser Art
noch auch wohl detaillierte Voraussagungen die solchen Leuten geglückt wären
Die Prophezeiungen der Poniatovia des Drabitius und anderer welche der gute
Comenius in seiner Lux in Tenebris Licht in der Finsternis veröffentlichte und
welche zu Unruhen in den kaiserlichen Erblanden beitrugen erwiesen sich als
falsch und diejenigen welche ihnen Glauben schenkten machten sich
unglücklich Der Fürst von Siebenbürgen Ragozky wurde von Drabitius zur
Unternehmung gegen Polen angetrieben in welcher er sein Heer und infolgedessen
seine Staaten mit dem Leben verlor und dem armen Drabitius wurde lange nachher
im Alter von 80 Jahren endlich auf Befehl des Kaisers der Kopf abgeschlagen
Indessen zweifle ich nicht dass es jetzt Leute gibt welche diese Voraussagungen
zu übler Stunde in der gegenwärtigen Konjunktur der Unruhen in Ungarn wieder
beleben wollen indem sie nicht in Betracht ziehen dass diese angeblichen
Propheten von Ereignissen ihrer Zeit sprachen worin sie es ungefähr machten wie
der welcher nach der Beschießung von Brüssel ein fliegendes Blatt
veröffentlichte worin eine aus einem Buche der Antoinette Bourignon genommene
Stelle vorkam die nicht in diese Stadt kommen wollte weil wenn ich mich
recht erinnere sie geträumt hatte dieselbe in Feuer gesehen zu haben aber
jene Beschießung erfolgte lange Zeit nach ihrem Tode Ich habe einen Menschen
gekannt welcher während des durch den Frieden von Nymwegen geendeten Krieges
nach Frankreich ging um die Herren von Montausier und von Pomponne wegen der
angeblichen Wahrheit der von Comenius veröffentlichten Prophezeiungen zu
belästigen und ich glaube er wäre sich selbst als inspiriert vorgekommen wenn
er seine Gedanken in einer Zeit wie die unsrige hätte vorbringen können Hieraus
lässt sich nicht nur die Unbegründetheit sondern auch das Gefährliche solcher
Einbildungen erkennen Die Geschichte ist voll von der üblen Wirkung falscher
oder unrichtig verstandener Prophezeiungen wie man in einer gelehrten und
scharfsinnigen Abhandlung de officio viri boni circa futura contingentia über
die Pflicht des Rechtschaffenen hinsichtlich zukünftiger Ereignisse ersehen
kann welche der verstorbene Jakob Thomasius ein berühmter Leipziger Professor
vormals veröffentlicht hat Mitunter haben diese Glaubensartikel eine gute
Wirkung und dienen zu großen Dingen denn Gott kann sich des Irrtums bedienen
um die Wahrheit aufzurichten oder aufrechtzuerhalten Aber ich glaube nicht dass
es uns so leicht verstattet ist frommen Betrug zu einem guten Zweck anzuwenden
Und was die Lehrsätze der Religion anbetrifft so haben wir keine neuen
Offenbarungen nötig es reicht hin dass man uns die Heilsgesetze vorlegt damit
wir verpflichtet seien ihnen zu folgen mag auch der welcher sie vorlegt kein
Wunder tun und obgleich Jesus Christus damit ausgerüstet war verweigerte er
mitunter doch solche zu verrichten um einem verkehrten Geschlecht das Zeichen
verlangte zu willfahren während er nur die Tugend und das was schon durch die
natürliche Vernunft und die Propheten gelehrt worden war predigte
1 Philalethes Nachdem wir genugsam von allen den Mitteln welche uns die
Wahrheit erkennen oder ahnen lassen gesprochen haben wollen wir noch etwas von
unseren Irrtümern und unrichtigen Urteilen sagen Die Menschen müssen sich wohl
oft irren weil es so viele Misshelligkeiten unter ihnen gibt
Die Ursachen davon können auf folgende vier zurückgeführt werden 1 den
Mangel an Beweisen 2 die geringe Geschicklichkeit sich derselben zu bedienen
3 den Mangel an gutem Willen davon Gebrauch zu machen 4 die falschen
Wahrscheinlichkeitsregeln
2 Wenn ich von dem Mangel an Beweisen spreche so begreife ich auch noch
diejenigen darunter welche man finden könnte wenn man dazu die Mittel und die
bequeme Gelegenheit hätte aber deren gerade entbehrt man am häufigsten Der
Zustand der Menschen ist so dass ihr Leben im Aufsuchen dessen wovon sie leben
müssen hingeht sie sind von dem was in der Welt vorgeht so wenig
unterrichtet wie ein Lasttier welches immer denselben Weg geht auf der
Landkarte bewandert werden kann Sie müssten Sprachen Lektüre Unterhaltung
Naturbeobachtungen und technische Erfahrungen haben 3 Da nun aber dies alles
ihre Lebensverhältnisse nicht angeht können wir da leugnen dass der große Haufe
der Menschen zum Glück und zum Unglück nur durch einen blinden Zufall geführt
wird Müssen sie sich den herrschenden Meinungen und den in ihrem Vaterlande
autorisierten Führern überlassen selbst hinsichtlich ihres ewigen Glücks oder
Unglücks Oder soll man ewig unglücklich sein weil man statt in diesem in
einem anderen Lande geboren ist Gleichwohl muss man zugeben dass niemand von der
Sorge für seinen Unterhalt so sehr in Anspruch genommen ist dass er nicht eine
gewisse Ruhezeit hätte um an seine Seele zu denken und sich in dem was die
Religion betrifft zu unterrichten mag er auch noch so sehr mit unwichtigeren
Sachen beschäftigt sein
Theophilus Angenommen dass die Menschen nicht immer imstande sind sich
selbst zu unterrichten und dass sie da sie die Sorge für den Unterhalt ihrer
Familie aus Fürsorge nicht aufgeben können um schwierige Wahrheiten
aufzusuchen genötigt sind den in ihrer Heimat autorisierten Meinungen zu
folgen so müsste man doch immer urteilen dass bei denen welche die wahre
Religion auch ohne sie erwiesen zu haben besitzen die innere Gnade den Mangel
der Motive zur Gläubigkeit ersetzt und die Liebe heißt uns ferner urteilen wie
ich Ihnen schon bemerkt habe dass Gott für die Menschen von gutem Willen wenn
sie auch in der dichten Finsternis der gefährlichsten Irrtümer groß geworden
sind alles tut was seine Güte und Gerechtigkeit erheischen obwohl vielleicht
auf eine uns unbekannte Weise Es gibt in der römischen Kirche mit Beifall
aufgenommene Geschichten von Leuten die besonders auferweckt worden sind um
heilbringender Hilfe nicht zu entbehren Aber Gott kann den Seelen durch die
innere Wirksamkeit des heiligen Geistes zu Hilfe kommen ohne ein so großes
Wunder nötig zu haben und das Beste und Tröstlichste für das Menschengeschlecht
besteht darin dass um sich in den Stand der Gnade Gottes zu setzen man nur
guten Willen nötig hat aber aufrichtigen und ernsten Ich erkenne an dass man
selbst auch diesen guten Willen nicht ohne Gottes Gnade hat sofern alles
natürliche oder übernatürliche Gute von ihm kommt aber es ist immer genug dass
man nur den Willen zu haben braucht und Gott unmöglich eine leichtere und
vernünftigere Bedingung verlangen könnte
4 Philalethes Es gibt Menschen welche gut genug gestellt sind um alle
geeigneten Bequemlichkeiten zur Aufklärung ihrer Zweifel zu haben aber sie
werden davon durch allerlei künstliche Hindernisse abwendig gemacht die zu
bemerken leicht genug ist ohne dass es notwendig wäre sich an dieser Stelle
über sie zu verbreiten Ich will lieber von denen reden welchen es an
Geschicklichkeit fehlt um die Beweise welche sie sozusagen an der Hand haben
geltend zu machen und welche weder eine lange Reihe von Folgerungen behalten
noch alle Umstände abwägen können Es gibt Leute die nur einen Schluss und es
gibt deren die nur zwei machen können Es ist hier nicht der Ort festzustellen
ob diese Unvollkommenheit von einer natürlichen Verschiedenheit der Seelen
selbst oder der Organe herrührt oder ob sie vom Mangel an Übung welche die
natürlichen Fähigkeiten schärft abhängt Es genügt uns hier dass sie
ersichtlich ist und man nur vom Palast oder von der Börse in die Hospitäler
oder Irrenhäuser zu gehen braucht um sie wahrzunehmen
Theophilus Es sind die Armen nicht allein in der Not manchen Reichen
mangelt mehr als ihnen weil solche Reiche zuviel verlangen und sich freiwillig
in eine Art von Dürftigkeit versetzen welche sie wichtigen Erwägungen
obzuliegen verhindert Das Beispiel tut dabei viel Man bemüht sich dem von
seinesgleichen zu folgen das man auszuüben verpflichtet ist wenn man sich
nicht als Querkopf zeigen will und dies bewirkt leicht dass man ihnen ähnlich
wird Es ist gar schwer zugleich der Vernunft und der Sitte zu genügen Was
diejenigen anbetrifft denen Fähigkeit fehlt so gibt es deren vielleicht
weniger als man denkt ich glaube dass der gesunde Menschenverstand mit Fleiß
verbunden für alles ausreichen kann was nicht gerade Schlagfertigkeit
erfordert Ich stelle den gesunden Menschenverstand voran weil ich nicht
glaube dass Sie die Untersuchung der Wahrheit von den Bewohnern der Irrenhäuser
verlangen wollen Allerdings gibt es deren nicht viele welche nicht wieder zu
sich kommen könnten wenn wir die Mittel dazu kennten und welcher ursprüngliche
Unterschied zwischen unseren Seelen auch stattfinden mag wie ich in der Tat an
einen solchen glaube so könnte sicherlich immerhin die eine so weit kommen
wie die andere aber vielleicht nur nicht so schnell wenn sie nur richtig
geleitet würde
6 Philalethes Es gibt eine andere Art von Menschen denen es nur am
guten Willen fehlt Eine heftige Sucht zum Vergnügen eine beständige
Beschäftigung mit dem was ihr Vermögen betrifft eine allgemeine Trägheit oder
Nachlässigkeit eine besondere Abneigung gegen das Stadium und Nachdenken
verhindern sie ernstlich an die Wahrheit zu denken Es gibt sogar solche
welche fürchten dass eine von jeder Parteilichkeit freie Untersuchung den
Meinungen welche sich am besten mit ihren Vorurteilen und ihren Plänen
vertragen nicht günstig sei Man kennt Personen welche einen Brief nicht lesen
wollen von dem sie vermuten dass er schlechte Neuigkeiten bringe und viele
Leute vermeiden ihre Rechnungsbilanz aufzustellen oder sich von dem Zustande
ihres Vermögens zu unterrichten aus Furcht zu erfahren was sie lieber für
immer nicht wissen möchten Es gibt Leute welche große Einkünfte haben und sie
alle auf Genussmittel für den Leib wenden ohne an die Mittel zu denken den
Verstand zu vervollkommnen Sie geben sich große Mühe immer in einer schönen
und glänzenden Equipage zu erscheinen und dulden es unbekümmert dass ihre Seele
mit schlechten Lumpen des Vorurteils und des Irrtums bedeckt sei und die Blöße
dh die Unwissenheit durchscheine Ohne von dem Interesse zu sprechen welches
sie am zukünftigen Leben nehmen sollten vernachlässigen sie nicht weniger das
was in dem auf dieser Welt zu führenden Leben zu erkennen ihr Interesse ist
Auch ist es etwas Seltsames dass sehr oft diejenigen welche die Macht und das
Ansehen als eine ihrer Geburt oder ihrem Vermögen zukommende Berechtigung
betrachten sie nachlässigerweise Leuten von niedrigerer Stellung als die
ihrige ist welche sie aber an Wissen überragen preisgeben denn die Blinden
müssen freilich durch die Sehenden geführt werden sonst fallen sie in den
Graben und eine schlimmere Knechtschaft gibt es nicht als die des Verstandes
Theophilus Es gibt keinen deutlicheren Beweis von der Nachlässigkeit der
Menschen hinsichtlich ihrer wahren Interessen als ihre geringe Sorge für die
Erkenntnis und Ausübung dessen was der Gesundheit einem unserer größten Güter
zuträglich ist und obwohl die Großen ebenso und noch mehr als die übrigen die
schlimmen Wirkungen dieser Versäumnis empfinden kommen sie doch nicht davon
zurück Was den Glauben anbetrifft so betrachten manche das Denken was sie zur
Untersuchung bringen könnte als eine Versuchung des Teufels welche sie nicht
besser überwinden zu können glauben als indem sie den Geist auf jedwedes andere
richten Die Menschen welche nur die Vergnügungen lieben oder sich irgend einer
Beschäftigung widmen pflegen die übrigen Dinge zu vernachlässigen Ein Spieler
ein Jäger ein Trinker ein Lüstling und selbst ein Liebhaber von Kleinigkeiten
wird eher sein Vermögen und sein Gut einbüßen als dass er sich die Mühe gibt
einen Prozess anzustrengen oder mit sachverständigen Leuten Rücksprache zu
nehmen Es gibt Leute wie der Kaiser Honorius war der als man ihm die
Nachricht brachte dass Rom verloren sei glaubte es wäre sein Huhn das diesen
Namen trug was ihn mehr schmerzte als die Wahrheit Es wäre zu wünschen dass
diejenigen welche Macht haben in gleichem Verhältnisse auch Erkenntnis hätten
aber wenn sie auch das einzelne in den Wissenschaften den Künsten der
Geschichte und den Sprachen nicht besäßen so würde doch ein solides und geübtes
Urteil und eine Kenntnis des zugleich Großen und Allgemeinen mit einem Wort
eine summa rerum Summe des Wissenswertesten genügen können Und wie der Kaiser
Augustus einen kurzen Abriss der Kräfte und Bedürfnisse des Staates hatte
welchen er breviarium imperii Reichsbrevier nannte so könnte man einen Abriss
der Interessen des Menschen haben welcher Enchiridion sapientine Handbuch der
Weisheit genannt zu werden verdiente wenn die Menschen für das was ihnen am
wichtigsten ist Sorge tragen wollten
7 Philalethes Endlich kommen unsere meisten Irrtümer von dem falschen
Wahrscheinlichkeitsmaße her welches man dadurch erhält dass man entweder sein
Urteil trotz offenbarer Bestimmungsgründe zurückhält oder es trotz
entgegengesetzter Wahrscheinlichkeiten fällt Dieses falsche Maß besteht 1 in
zweifelhaften als Prinzipien angenommenen Sätzen 2 in angenommenen Hypothesen
und 3 in der Autorität 8 Wir urteilen gewöhnlich über die Wahrheit aus der
Übereinstimmung mit dem was wir als unzweifelhafte Grundsätze betrachten und
dies lässt uns das Zeugnis anderer und selbst unserer Sinne verachten wenn sie
dem entgegengesetzt sind oder scheinen aber ehe man sich mit so viel Sicherheit
darauf verlässt sollte man sie mit der äußersten Strenge prüfen 9 Die Kinder
nehmen Sätze in sich auf welche ihnen von Vater und Mutter Wärterinnen
Lehrern und anderen Personen ihrer Umgebung eingeflößt werden und wenn diese
Sätze einmal Wurzel gefasst haben so gelten sie für heilig wie ein Urim und
Thummim das Gott selbst ihnen in die Seele gelegt hätte 10 Man kann das
was gegen diese inneren Orakelsprüche verstößt kaum ertragen während man die
größten Abgeschmacktheiten wenn sie sich damit vertragen verdaut Man ersieht
dies aus der unendlichen Hartnäckigkeit die man bei verschiedenen Personen
hinsichtlich des festen Glaubens an schnurstracks entgegengesetzte Meinungen als
Glaubensartikel wahrnimmt obwohl sie sehr oft gleich sehr abgeschmackt sind
Nehmen Sie einen Menschen von gesundem Verstande aber von demselben Grundsatz
durchdrungen dass man glauben muss was in der Kirchengemeinschaft geglaubt wird
sowie man in Wittenberg oder in Schweden lehrt welche Neigung hat derselbe
nicht ohne Mühe die Lehre von der Konsubstantialität anzunehmen und zu glauben
dass ein und dasselbe Ding zugleich Fleisch und Brot ist
Theophilus Sie scheinen von den Lehrsätzen der Evangelischen nicht gehörig
unterrichtet zu sein welche die reale Gegenwart des Leibes unseres Herrn im
Abendmahl annehmen Tausendmal haben sie sich darüber erklärt dass sie keine
Konsubstantialität des Brotes und des Weines mit dem Fleisch und Blut Jesu
Christi geglaubt haben wollen und noch weniger dass eine und dieselbe Sache
zusammen Fleisch und Brot ist Sie lehren nur dass man durch den Empfang des
sinnlichen Symbols auf eine unsichtbare und übernatürliche Weise den Leib des
Heilands empfängt ohne dass er in dem Brote eingeschlossen ist Und die von
ihnen gemeinte Gegenwart ist nicht eine lokale oder sozusagen räumliche dh
eine durch die Ausdehnung des gegenwärtigen Körpers bestimmte so dass was die
Sinne dagegen haben können sie nichts angeht Und um zu zeigen dass die aus der
Vernunft möglicherweise gezogenen Schwierigkeiten sie nicht berühren erklären
sie dass das was sie unter der Substanz des Körpers verstehen nicht in der
Ausdehnung oder Dimension besteht und es macht ihnen keine Schwierigkeit
zuzugestehen dass der verklärte Leib Jesu Christi eine gewisse regelmäßige und
örtliche aber seinem Zustand in dem erhabenen von ihm eingenommenen Platze
angemessene Gegenwart behauptet die von derjenigen sakramentalen Gegenwart um
welche es sich hier handelt oder von seiner wunderbaren Gegenwart mit welcher
er die Kirche regiert verschieden ist durch welche er zwar nicht wie Gott
überall ist aber da wo er sein will Dies ist die Ansicht der Gemäßigsten so
dass um den Widersinn ihrer Lehre zu zeigen man erst zeigen müsste dass jede
Wesenheit des Körpers nur in der Ausdehnung und dem was einzig und allein durch
sie gemessen wird besteht was meines Wissens noch niemand getan hat Auch
trifft diese ganze Schwierigkeit nicht weniger die Reformierten welche der
gallikanischen und niederländischen Konfession ferner der der sächsischen
Konfession entsprechenden für das Konzil von Trient bestimmten von Männern
beider Konfessionen der Augustanischen und Helvetischen abgefassten Erklärung
der Versammlung von Sendomir dem Glaubensbekenntnis der unter der Autorität des
Königs Wladislas von Polen zum Kolloquium nach Thorn gerufenen Reformierten und
der stehenden Lehre des Calvin und Beda folgen welche auf das Bestimmteste und
Stärkste erklärt haben dass die Symbole tatsächlich das was sie darstellen
gewähren und dass wir der eigenen Substanz des Leibes und Blutes Jesu Christi
teilhaftig werden Calvin nachdem er diejenigen widerlegt hat welche sich mit
einer metaphorischen Teilnahme des Gedankens oder der Besiegelung und einer
Glaubenseinheit begnügen fügt noch hinzu es gäbe keinen noch so starken
Ausdruck um die Realität festzustellen den er nicht zu unterzeichnen bereit
sei wenn man nur alles vermeide was die Umschreibung der Orte oder die
Verbreitung der Ausdehnung betreffe es scheint im Grunde also seine Lehre die
Melanchthons und sogar Luthers gewesen zu sein wie Calvin es selbst in einem
seiner Briefe voraussetzt ausgenommen dass er außer der Bedingung der
Wahrnehmung des Symbols mit welcher Luther sich begnügt noch die Bedingung des
Glaubens fordert um die Teilnahme der Unwürdigen auszuschließen Ich habe
Calvin an hundert Stellen seiner Werke und selbst in seinen Briefen wo er es
nicht nötig hatte über diese reale Gemeinschaft so bestimmt gefunden dass ich
keine Veranlassung sehe ihn hier eines bloßen Kunstgriffs zu verdächtigen
11 Philalethes Ich bitte um Verzeihung wenn ich von diesen Herren der
gewöhnlichen Ansicht gemäß geredet habe Auch erinnere ich mich jetzt bemerkt zu
haben dass hervorragende Theologen der anglikanischen Kirche für diese reale
Teilnahme gewesen sind
Gehen wir nun aber von den festgestellten Prinzipien zu den angenommenen
Hypothesen über Diejenigen welche anerkennen dass es nur Hypothesen sind
halten sie dennoch oft hitzig aufrecht fast als ob es gesicherte Grundsätze
wären und übersehen die entgegengesetzten Wahrscheinlichkeiten Es würde für
einen gelehrten Professor unerträglich sein seine Autorität in einem Augenblick
durch den ersten besten der seine Hypothesen verwirft umgestürzt zu sehen
seine Autorität sage ich die seit 30 bis 40 Jahren in der Mode ist durch so
viele Nachtwachen erworben mit so viel Griechisch und Latein aufrechterhalten
worden ist welche die allgemeine Tradition und ein ehrwürdiger Bart bekräftigt
Alle Gründe welche man anwenden könnte um ihn von der Falschheit seiner
Hypothese zu überzeugen sind ebensowenig fähig auf seinen Geist zu wirken als
die Anstrengungen des Boreas den Reisenden zwingen konnten seinen Mantel fahren
zu lassen den er nur um so fester hielt mit je mehr Heftigkeit der Wind blies
Theophilus In der Tat haben die Kopernikaner an ihren Gegnern erfahren dass
auch Hypothesen die als solche anerkannt werden doch um nichtsdestoweniger mit
brennendem Eifer aufrechterhalten werden Und die Kartesianer sind nicht weniger
ihrer kannelierten Stoffteilchen und kleinen Kugeln des zweiten Elementes sicher
als wenn es Lehrsätze des Euklid wären Es scheint dass der Eifer für unsere
Hypothesen nur eine Wirkung unserer Leidenschaft ist Achtung für uns einflößen
zu wollen Allerdings haben diejenigen welche Galilei verurteilten den
Stillstand der Erde für mehr als eine Hypothese gehalten denn sie hielten ihn
für schrift und vernunftgemäß Aber hinterher hat man bemerkt dass die Vernunft
wenigstens diese Lehre nicht stützte und was die h Schrift anbetrifft so hat
der P Fabry Pönitentiarius von St Peter ein ausgezeichneter Theologe und
Philosoph in einer zu Rom selbst veröffentlichten Apologie der Beobachtungen
des berühmten Optikers Eustachio Divini sich nicht gescheut zu erklären dass die
wirkliche Bewegung der Sonne in dem heiligen Texte nur vorläufig zu verstehen
sei und dass wenn die Ansicht des Kopernikus sich bewahrheiten sollte man es
ohne Schwierigkeit so erklären dürfte wie jene Stelle des Vergil
terraeque urbesque recedunt
es entweichen die Länder und Städte
Indessen fährt man in Italien und Spanien und selbst in den Erbstaaten des
Kaisers unaufhörlich fort die Lehre des Kopernikus zum großen Schaden jener
Völker zu unterdrücken deren Geist sich zu den schönsten Entdeckungen erheben
könnte wenn sie eine vernünftige und philosophische Freiheit genössen
12 Philalethes Die herrschenden Leidenschaften scheinen wie sie sagen
in der Tat die Quelle unserer Liebe für die Hypothesen zu sein aber sie
erstrecken sich noch viel weiter Die größtmögliche Wahrscheinlichkeit wird
nicht dazu dienen einem Geizigen oder Ehrsüchtigen sein Unrecht begreiflich zu
machen und ein Liebender wird sich mit der größten Leichtigkeit von der Welt
von seiner Geliebten anführen lassen so wahr ist der Satz dass wir leicht
glauben was wir wünschen und nach der Bemerkung des Vergil
qui amant sibi somnia fingunt
erschaffen sich Träume die lieben
Man bedient sich aus diesem Grunde zweier Mittel um den augenscheinlichsten
Wahrscheinlichkeiten wenn sie unsere Leidenschaften und Vorurteile bekämpfen
auszuweichen 13 Das erste ist der Gedanke dass in dem uns entgegengehaltenen
Beweisgründe irgend ein Trugschluss verborgen sei 14 Und das zweite ist die
Voraussetzung dass wir ebenso gute und selbst bessere Gründe um den Gegner zu
schlagen auf die Bahn bringen könnten wenn wir die bequeme Gelegenheit
Geschicklichkeit oder Hilfe hätten die sie aufzufinden nötig ist 15 Diese
Mittel sich gegen das Überzeugtwerden zu wehren sind mitunter gut aber
mitunter auch Sophismen wenn der Gegenstand hinlänglich klargemacht worden ist
und man alles in Rechnung gezogen hat denn nachdem dies geschehen ist kann man
im ganzen erkennen auf welcher Seite die Wahrscheinlichkeit sich findet Auf
diese Art ist zB keine Veranlassung zu zweifeln dass die organischen Wesen
viel mehr durch die von einem vernünftigen Agens geleiteten Bewegungen als durch
das zufällige Zusammentreffen der Atome gebildet worden sind so wie es niemand
gibt welcher im allergeringsten darüber ungewiss ist ob die vom Druck
herrührenden Buchstaben welche eine verständige Rede bilden durch einen
aufmerksamen Menschen oder durch eine verworrene Mischung so zusammengebracht
worden sind Ich möchte also annehmen dass es nicht von uns abhängt bei solchen
Gelegenheiten unsere Zustimmung aufzuschieben aber wir können das wenn die
Wahrscheinlichkeit weniger ersichtlich ist und mögen uns dann selbst mit den
schwächsten Beweisen begnügen die mit unserer Neigung sich am besten vertragen
16 Es scheint mir sogar wirklich nicht ausführbar dass ein Mensch sich auf
die Seite neigt wo ihm die geringste Wahrscheinlichkeit erscheint die
Wahrnehmung die Erkenntnis und Zustimmung sind nicht willkürlich wie es nicht
von mir abhängt die Übereinstimmung zweier Vorstellungen zu sehen oder nicht zu
sehen wenn mein Geist darauf gerichtet ist Gleichwohl können wir den
Fortschritt unserer Untersuchungen freiwillig aufhalten sonst könnten
Unwissenheit und Irrtum in keinem Fall eine Sünde sein In dieser Hinsicht üben
wir also unsere Freiheit aus Allerdings nimmt man in den Fällen wobei kein
Interesse obwaltet die allgemeine Meinung oder die Ansicht des ersten besten
an aber in den Punkten wo unser Glück oder Unglück im Spiel ist lässt sich
unser Geist ernstlicher darauf ein die Wahrscheinlichkeiten zu wägen und ich
meine dass in diesem Falle dh wenn wir Aufmerksamkeit haben wir nicht die
Wahl haben uns für diejenige Seite zu entscheiden welche wir wollen wenn
zwischen den beiden Parteien ganz und gar sichtbare Unterschiede vorhanden sind
und dann wird vielmehr die größte Wahrscheinlichkeit unsere Zustimmung bestimmen
müssen
Theophilus Ich bin im Grunde ihrer Ansicht auch haben wir uns in unseren
früheren Gesprächen als wir von der Freiheit redeten hinlänglich darüber
erklärt Damals habe ich gezeigt dass wir niemals das glauben was wir wollen
sondern vielmehr das was wir als das Wahrscheinlichste erblicken und dass wir
nichtsdestoweniger uns indirekt dasjenige können glauben machen was wir wollen
indem wir nämlich die Aufmerksamkeit von einem missliebigen Gegenstande abwenden
um sie auf einen anderen zu richten der uns gefällt wodurch es geschieht dass
wir durch fortgesetztes Erfassen der Gründe für einen Lieblingssatz endlich an
ihn als den wahrscheinlichsten glauben Was die Meinungen anbetrifft welche uns
nicht interessieren und die wir auf oberflächliche Gründe hin annehmen so
geschieht dies wenn man beinahe nichts bemerkt was dem widerspricht und wir
finden dass die uns im günstigen Lichte dargestellte Meinung die
entgegengesetzte Ansicht welche in unserer Auffassung nichts für sich hat
ebensoviel und mehr übertrifft als wenn für die eine und andere Seite viele
Gründe vorhanden gewesen wären Denn der Unterschied zwischen 0 und 1 oder
zwischen 2 und 3 ist ebenso groß wie der zwischen 9 und 10 und wir bemerken
dieses Übergewicht ohne an die Prüfung zu denken welche zum Urteilen noch
nötig sein würde aber wozu uns nichts einladet
17 Philalethes Das letzte falsche Wahrscheinlichkeitsmaß an das ich zu
erinnern die Absicht habe ist die falsch verstandene Autorität welche mehr
Menschen in der Unwissenheit und im Irrtum hält als alle die übrigen zusammen
Wieviel Leute sieht man die für ihre Ansicht keinen anderen Grund haben als
die unter ihren Freunden und unter ihren Standesoder Partei oder
Landesgenossen angenommenen Meinungen Irgend eine Meinung ist von dem
ehrwürdigen Altertum gebilligt gewesen sie kommt mir unter dem Freibrief der
früheren Jahrhunderte zu andere gehen sich ihr hin darum bin ich vor dem
Irrtum geschützt wenn ich sie annehme Es wäre ebenso begründet das Los zu
werfen um seine Meinungen zu fassen als auf solche Regeln hin sie zu wählen
Außer dem dass alle Menschen dem Irrtum unterworfen sind würden wir glaube
ich wenn wir die geheimen Triebfedern sehen könnten welche die gelehrten und
Parteihäupter in Bewegung setzen oft etwas ganz anderes finden als die reine
Liebe zur Wahrheit Es gibt wenigstens sicherlich keine so abgeschmackte
Meinung welche nicht auf diesen Grund hin angenommen werden könnte da es
keinen Irrtum gibt der nicht seine Parteigänger hat
Theophilus Man muss indessen zugeben dass man in vielen Fällen nicht umhin
kann sich der Autorität hinzugeben St Augustinus hat ein recht hübsches Buch
de utilitate credendi über den Nutzen des Glaubens geschrieben welches über
diesen Gegenstand gelesen zu werden verdient und was die angenommenen Meinungen
angeht so haben sie etwas Ähnliches für sich als das was die Juristen
Präsumtion günstiges Vorurteil nennen Obgleich man nicht genötigt sein mag
ihnen immer ohne Beweis zu folgen so ist man doch ebensowenig berechtigt sie
im Geiste eines anderen zu zerstören ohne gegenteilige Beweise zu haben Es ist
nämlich nicht erlaubt ohne Grund etwas zu verändern Man hat viel über den
Beweis gestritten welcher von der großen Zahl der Bekenner einer Ansicht
hergenommen wird seitdem der verstorbene Nicole sein Buch über die Kirche
veröffentlicht hat aber alles was man aus diesem Beweis ziehen kann wenn es
sich darum handelt einen Grund anzuerkennen nicht aber eine Tatsache zu
beglaubigen kommt nur auf das was ich eben bemerkt habe zurück Und wie
hundert Pferde nicht schneller laufen als ein Pferd obwohl sie mehr ziehen
können so ist es ebenso mit hundert Menschen verglichen mit einem sie können
nicht schneller gehen aber erfolgreicher arbeiten sie können nicht besser
urteilen aber sie werden imstande sein mehr Stoff zu liefern an dem das
Urteil geübt werden kann Das ist der Sinn des Sprüchworts plus vident oculi
quam oculus vier Augen sehen mehr als zwei Man bemerkt das in den
Versammlungen wo in Wahrheit viele Betrachtungen auf die Bahn gebracht werden
die vielleicht einem oder zweien entgehen man läuft aber die Gefahr indem man
über alle diese Zweifel beschließt nicht das beste Teil zu ergreifen wenn
nicht gescheite Leute dabei sind welche mit dem Durcharbeiten und Erwägen
derselben betraut werden Darum haben verschiedene urteilsvolle Theologen der
römischen Glaubenspartei in der Einsicht dass die Autorität der Kirche dh die
der an Würde höchsten und von der großen Masse am meisten gestützten in Sachen
der Vernunft auch unsicher sein könne dieselbe auf die bloße Bezeugung von
Tatsachen unter dem Namen der Tradition zurückgeführt Dies war die Meinung
Heinrich Holdens eines Engländers und Lehrers an der Sorbonne Verfassers eines
»Analyse des Glaubens« betitelten Werkes worin er gemäß den Prinzipien des
Kommonitoriums Vincents von Lerina den Satz aufstellt dass man in der Kirche
keine neuen Entscheidungen geben dürfe und dass alles was die im Konzil
versammelten Bischöfe tun können darin besteht die Tatsache der in ihren
Diözesen allgemein angenommenen Lehre zu bezeugen Das Prinzip ist ansprechend
solange man bei den Allgemeinheiten bleibt aber wenn man zur Sache kommt so
findet sich dass verschiedene Länder verschiedene Meinungen seit langer Zeit
angenommen haben und dass man noch dazu in den nämlichen Ländern von dem einen
zum entgegengesetzten anderen trotz der Arnauldschen Argumente gegen die
unmerklichen Veränderungen übergegangen ist dass man sich überdies oft ohne
sich auf die bloße Beglaubigung zu beschränken in das Urteilen selbst
eingemischt hat Im Grunde ists auch die Meinung des gelehrten bayerischen
Jesuiten Gretser Verfassers einer von den Theologen seines Ordens anerkannten
Glaubensanalyse dass die Kirche über die Streitpunkte richten kann indem sie
neue Glaubenssätze gründet da ihr der Beistand des heiligen Geistes verheißen
ist obwohl man diese Ansicht meistens zu verhüllen trachtet besonders in
Frankreich wie wenn die Kirche nur die schon aufgestellten Lehren zu erläutern
hättet Aber die Erläuterung ist ein schon angenommener Satz oder ein neuer den
man aus der angenommenen Lehre zu gewinnen glaubt Die Praxis widersetzt sich
meistens dem ersteren Sinn und was kann im zweiten Sinne der aufgestellte neue
Satz anderes als ein neuer Glaubenssatz sein
Ich bin indessen nicht der Ansicht dass man das Altertum in Religionssachen
verachten dürfe und glaube sogar man dürfe sagen dass Gott die wirklich
ökumenischen Konzilien bisher vor jedem Irrtum welcher der Heilslehre zuwider
läuft bewahrt hat Übrigens ist Parteivorurteil ein wunderliches Ding Ich habe
Leute mit Eifer eine Meinung umfassen sehen allein aus dem Grunde dass sie in
ihrem Stande angenommen war oder selbst allein deshalb weil sie der eines
Mitgliedes einer Religionsgemeinschaft oder eines Volkes die sie nicht liebten
zuwider war wenn auch die betreffende Frage mit der Religion und dem
Volksinteresse fast nichts gemein hatte Sie kannten vielleicht nicht einmal die
wahre Quelle ihres Eifers aber ich merkte dass sie auf die erste Nachricht dass
der oder jener dies oder jenes geschrieben habe in den Bibliotheken
herumwühlten und sich aufstachelten um etwas zur Widerlegung zu finden Dies
geschieht auch oft von denen welche auf den Universitäten Thesen verteidigen
und sich gegen ihre Gegner auszuzeichnen suchen Was sollen wir aber von den in
den symbolischen Büchern selbst unter den Protestanten vorgeschriebenen Lehren
sagen welche man oft zu beschwören genötigt ist Und von denen einige glauben
sie bedeuteten bei uns nur die Verpflichtung zu dem Bekenntnis dessen was diese
Bücher oder Formulare von der heiligen Schrift enthalten worin wieder andere
ihnen widersprechen Und in den religiösen Orden der römischen Kirche schreibt
man indem man mit den in der Kirche geltenden Lehren sich nicht begnügt den
Lehrern noch engere Schranken vor wie die von dem General der Jesuiten Claudius
Aquaviva wenn ich mich nicht irre in deren Schulen verbotenen Lehrsätze es
bezeugen Gut wäre es um dies im Vorübergehen zu bemerken wenn man eine
systematische Sammlung der durch Konzilien Päpste Bischöfe Oberen Fakultäten
entschiedenen und verworfenen Sätze machte welche der Kirchengeschichte zum
Nutzen sein würde Man kann zwischen Lehren und Annehmen einer Ansicht
unterscheiden Es gibt auf der ganzen Welt keinen Eid und kein Verbot welches
jemand bei derselben Ansicht zu verbleiben zwingen könnte denn die
Überzeugungen sind an sich unwillkürlich aber eine Lehre zu lehren welche für
gefährlich gilt kann und muss man sich enthalten wenn es nicht gegen die
Gewissenspflicht läuft und im letzteren Falle muss man sich aufrichtig erklären
und falls man zu lehren berufen ist seine Stelle niederlegen immer
vorausgesetzt dass man es tun könne ohne sich einer äußersten Gefahr
auszusetzen die einen zwingen könnte sich ohne Aufsehen zu entfernen Ein
anderes Mittel aber die Rechte des Publikums und des einzelnen zu vereinigen
gibt es nicht da das eine verhindern muss was es für schlimm erachtet und der
andere der von seinem Gewissen geforderten Pflichten sich nicht entschlagen
kann
18 Philalethes Dieser Gegensatz zwischen dem Publikum und dem einzelnen
und selbst zwischen den öffentlichen Meinungen der verschiedenen Parteien ist
ein unvermeidliches Übel Aber oft sind eben diese Gegensätze nur scheinbar und
bestehen nur in den Formeln Ich bin auch zu erklären verpflichtet um dem
menschlichen Geschlechte Gerechtigkeit widerfahren zu lassen dass es nicht so
viel im Irrtum verstrickte Leute gibt als man gewöhnlich voraussetzt nicht dass
ich glaube sie besitzen die Wahrheit sondern weil sie in der Tat über die
Lehren von denen man soviel Aufhebens macht absolut keine feste Meinung haben
und ohne etwas zu prüfen und nur mit den oberflächlichsten Vorstellungen über
die betreffende Angelegenheit im Kopfe entschlossen sind sich fest zu ihrer
Partei zu halten wie Soldaten welche die von ihnen verteidigte Sache nicht
prüfen und wenn das Leben eines Menschen zeigt dass er keine aufrichtige
Rücksicht auf die Religion nimmt so genügt es ihm Hand und Zunge zur
Behauptung der gemeinsamen Meinung bereit zu halten um sich denen welche ihm
Unterstützung gewähren können zu empfehlen
Theophilus Diese von Ihnen dem menschlichen Geschlechte zugestandene
Gerechtigkeit gereicht ihm nicht zum Lobe und die Menschen wären eher zu
entschuldigen wenn sie aufrichtig ihren Meinungen folgten als wenn sie sie aus
Interesse erheucheln Indessen ist in ihrem Ton vielleicht doch noch mehr
Aufrichtigkeit als Sie zu verstehen zu geben scheinen Denn sie können ohne
irgend welche Erkenntnis des Grundes zu einem blinden Glauben gekommen sein
indem sie sich allgemein und bisweilen blindlings aber häufig ohne Arg dem
Urteile anderer unterwerfen deren Autorität sie einmal anerkannt haben
Allerdings trägt das Interesse das sie darin finden zu dieser Unterwerfung
bei aber das hindert nicht dass sich endlich die Meinung bildet In der
römischen Kirche begnügt man sich fast mit diesem dunklen Glauben da es in ihr
keinen aus der Offenbarung herstammenden Lehrsatz gibt der in ihr für absolut
grundlegend erachtet wird und für notwendig gilt »necessitate medii« dh an
den zu glauben eine zur Seligkeit notwendige Bedingung ist Sie sind es aber
alle »necessitate praecepti« durch die Notwendigkeit dass darin gelehrt wird
der Kirche zu gehorchen wie man es nennt und der darin aufgestellten Lehre
alle gebührende Aufmerksamkeit zu widmen alles unter der Strafe der Todsünde
Aber diese Notwendigkeit erheischt nur eine vernünftige Neigung sich belehren zu
lassen und verpflichtet nach den gelehrtesten Kirchenlehrern nicht unbedingt zur
Zustimmung Indessen glaubte selbst der Kardinal Bellarmin dass nichts besser
wäre als dieser Kinderglaube der sich einer geltenden Autorität unterwirft und
mit Genugtuung erzählt er die Anrede eines Sterbenden an den Teufel welchen er
durch diesen von ihm oft wiederholt gehörten Zirkelspruch verscheuchte
Ich glaube was die Kirche glaubt
Die Kirche glaubt was ich glaube
1 Philalethes Da sind wir nun am Ende unseres Weges alle die
Verrichtungen des Verstandes sind erläutert Unsere Absicht ist nicht auf das
einzelne unserer Erkenntnisse selbst einzugehen Indessen wird es hier
vielleicht vor dem Schluss eine allgemeine Übersicht von ihnen zu geben passend
sein indem wir die Einteilung der Wissenschaften in Betracht ziehen
Alles was in den Umkreis des menschlichen Verstandes eintreten kann ist
entweder das Wesen der Sachen an sich oder an zweiter Stelle der Mensch in
seiner Eigenschaft als handelndes Wesen der auf sein Ziel und besonders auf
sein Glück ausgeht oder es sind drittens die Mittel Erkenntnis zu erlangen und
mitzuteilen So wird also die Wissenschaft in drei Fächer geteilt 2 Das
erste ist die Physik oder die Naturphilosophie welche nicht allein die Körper
und deren Affektionen umfasst wie Zahl Gestalt sondern auch die Geister selbst
Gott und die Engel 4 Das zweite ist die praktische Philosophie oder die
Moral welche die Mittel lehrt das Gute und Nützliche zu erlangen und nicht
allein die Erkenntnis der Wahrheit sondern auch die Ausübung der Gerechtigkeit
zum Vorwurf hat 4 Das dritte endlich ist die Logik oder die Zeichenkunde
denn Logos bedeutet Wort Wir haben nämlich Zeichen unserer Vorstellungen nötig
um uns einander unsere Gedanken mitzuteilen ebensogut wie um sie zu unserem
eigenen Gebrauch zu verzeichnen Und wenn man deutlich und mit aller möglichen
Sorgfalt in Betracht zöge dass dieses letztere Fach der Wissenschaft sich auf
die Vorstellungen und Worte bezieht so würden wir vielleicht eine von der
bisher bekannten verschiedene Logik und Kritik erhalten Diese drei Fächer nun
Physik Moral und Logik sind wie drei große Gebiete in der intellektuellen
Welt gänzlich voneinander geschieden und getrennt
Theophilus Diese Einteilung ist schon bei den Alten berühmt gewesen denn
unter der Logik umfassten sie noch alles wie Sie was sich auf die Worte und die
Auslegung unserer Gedanken bezieht die »artes dicendi« dh Künste der Rede
Indessen liegen darin noch Schwierigkeiten denn die Wissenschaft das
Schlussverfahren anzuwenden zu urteilen und zu erfinden scheint sehr
verschieden von der Erkenntnis der Etymologien der Worte und des
Sprachgebrauches der etwas Unbestimmbares und Willkürliches ist Man ist ferner
bei der Auslegung der Worte genötigt in den Wissenschaften selbst sich
umzusehen wie aus den Wörterbüchern erhellt und kann auf der anderen Seite die
Wissenschaft nicht treiben ohne zugleich die Definition der Ausdrücke zu geben
Die hauptsächlichste Schwierigkeit aber welche sich bei dieser Einteilung der
Wissenschaften findet ist dass jeder Teil das Ganze zu verschlingen droht
zunächst werden Moral und Logik mit der Physik zusammenfallen wenn man sie so
allgemein nimmt wie eben geschehen ist denn indem man von den Geistern
spricht dh von den mit Verstand und Willen begabten Substanzen und diesen
Verstand gründlich erörtert muss man die ganze Logik mit hineinziehen und wenn
man in der Lehre vom Geiste das was den Willen betrifft auseinandersetzt
müsste man von dem Guten und Schlimmen von dem Glück und dem Unglück reden und
es hängt nur von der Darstellung ab diese Lehre so weit auszudehnen um die
ganze praktische Philosophie dabei unterzubringen Wiederum könnte alles in die
praktische Philosophie hineingezogen werden als zu unserem Glück dienend Sie
wissen dass man die Theologie mit Recht als eine praktische Wissenschaft
betrachten kann und die Jurisprudenz sowohl wie die Medizin sind es nicht
weniger so dass die Lehre vom menschlichen Glück oder dem für uns Guten und
Schlimmen alle diese Kenntnisse in sich aufnehmen muss wenn man alle die Mittel
welche zu dem von der Vernunft vorgesetzten Zwecke dienen genügend erklären
wollte Auf diese Art hat Zwinger in seiner methodischen Schaubühne des
menschlichen Lebens die Beyerling durch Einführung alphabetischer Anordnung
verunstaltet hat alles umfasst Und behandelt man wieder alle Gegenstände in
Wörterbüchern nach alphabetischer Ordnung so wird die Sprachwissenschaft
welche Sie mit den Alten in die Logik stellen dh bei diskursiver
Darstellung sich ihrerseits des Gebietes der beiden anderen bemächtigen So
sind denn also Ihre drei großen Gebiete der Enzyklopädie in beständigem Kriege
weil das eine immer Anspruch auf die Rechte der anderen erhebt Die Nominalisten
haben geglaubt dass es so viel besondere Wissenschaften als Wahrheiten gebe
welche sie nach Gruppen je nachdem man sie anordnete zusammensetzten und
andere vergleichen wieder das ganze Korpus unserer Erkenntnisse einem Ozean
welcher ganz aus einem Stücke ist und der in ein Kaledonisches Atlantisches
Äthiopisches Indisches Meer nur durch willkürliche Linien eingeteilt wird Es
kommt gewöhnlich vor dass die nämliche Wahrheit an verschiedene Stellen gebracht
werden kann je nach den Ausdrücken welche sie enthält und selbst nach den
Mittelbegriffen oder Ursachen von denen sie abhängt und nach den Folgen und
Wirkungen welche sie haben kann Ein einfaches kategorisches Urteil hat nur
zwei Begriffe aber ein hypothetisches Urteil kann deren vier haben ohne von
den zusammengesetzten Urteilen zu sprechen Eine merkwürdige Begebenheit kann in
die Annalen der allgemeinen Geschichte und in die besondere Geschichte des
Landes wo sie geschehen und endlich in die Lebensgeschichte dessen welcher
daran beteiligt ist gesetzt werden Und gesetzt es handle sich dabei um irgend
eine schöne Sittenvorschrift um irgend eine Kriegslist um irgend eine
Erfindung in den Künsten welche der Bequemlichkeit des menschlichen Lebens oder
der Gesundheit dienen so kann diese nämliche Geschichte passend bei der
Wissenschaft oder der Kunst welche sie betrifft angeführt werden und man kann
selbst an zwei Stellen dieser Wissenschaft ihrer erwähnen nämlich in der
Geschichte der Wissenschaft um ihr wirkliches Wachstum zu erzählen und auch
bei den Vorschriften um sie durch die Beispiele zu bestätigen oder zu
erläutern Was man zB ganz passend im Leben des Kardinals Ximenes erzählt dass
ihn ein maurisches Weib bloß durch Einreibungen von einer fast hoffnungslosen
Brustkrankheit heilte verdient noch eine Stelle in einem System der Medizin
sowohl beim Kapitel vom hektischen Fieber als wo es sieh um die medizinische
Diät mit Einschluss der körperlichen Übungen handelt und diese Bemerkung wird
dann dazu dienen die Ursachen dieser Krankheit besser zu entdecken Man könnte
aber noch in der medizinischen Logik davon reden wo es sich um die Kunst
handelt die Heilmittel zu finden und in der Geschichte der Medizin um zu
zeigen wie die Heilmittel zur Kenntnis der Menschen gelangt sind was sehr
häufig mit Hilfe einfacher Empiriker und selbst von Scharlatans der Fall war
Beverovicius würde mit seinem hübschen Buche über die antike Medizin welches
fast ganz aus nicht medizinischen Schriftstellern gezogen ist noch etwas viel
Besseres geleistet haben wenn er bis auf die neueren fortgegangen wäre Man
sieht daraus dass eine und dieselbe Wahrheit nach ihren verschiedenen
Beziehungen viele Stellen einnehmen kann Auch wissen diejenigen welche eine
Bibliothek ordnen sehr häufig nicht wo sie dies und jenes Buch hinstellen
sollen indem sie zwischen zwei oder drei gleich passenden Stellen hin und her
schwanken Sprechen wir aber jetzt nur von den allgemeinen Wissenschaften mit
Beiseitesetzung der besonderen Tatsachen der Geschichte und Sprachen
Ich nehme zwei Hauptanordnungen aller Lehrwahrheiten an von denen eine jede
ihren Vorzug hat und welche miteinander zu verbinden gut sein würde Die eine
würde synthetisch und theoretisch sein indem sie wie die Mathematiker die
Wahrheiten nach der Ordnung der Beweise aneinanderreiht so dass jeder Satz
hinter die zu stehen kommt von denen er abhängt Die andere Anordnung wurde
analytisch und praktisch sein indem sie mit dem menschlichen Zweck anfängt dh
mit den Gütern deren oberstes die Glückseligkeit ist und der Reihe nach die
Mittel aufsucht welche diese Güter zu erlangen oder die entgegengesetzten Übel
zu vermeiden dienen Und zwar gehören diese beiden Methoden in die Enzyklopädie
im allgemeinen wie auch einige sie in den besonderen Wissenschaften angewendet
haben denn selbst die von Euklid als eine Wissenschaft synthetisch behandelte
Geometrie ist von einigen anderen als eine Kunst behandelt worden und könnte
nichtsdestoweniger unter dieser Form demonstrativ behandelt werden die sogar
ihre Entstehung zeigen würde wie wenn jemand alle Arten ebener Figuren zu
messen sich vornähme und mit den geradlinigen beginnend davon ausginge dass man
sie in Dreiecke teilen kann dass jedes Dreieck die Hälfte eines Parallelogramms
ist und die Parallelogramme auf Rechtecke zurückgeführt werden können deren
Messung leicht ist Schreibt man aber die Enzyklopädie nach beiden Anordnungen
nieder so könnte man um die Wiederholungen zu vermeiden sich der Verweisungen
bedienen
Mit diesen beiden Anordnungen müsste man noch die dritte den Ausdrücken gemäß
verbinden die in der Tat nur eine Art von Repertorium sein würde sei es ein
systematisches wenn man die Ausdrücke nach gewissen Kategorien die allen
Nationen gemeinsam sind anordnet sei es alphabetisch nach der unter den
Gelehrten allgemein angenommenen Sprache Dies Repertorium nun würde nötig sein
um alle die Sätze zusammenzufinden worin der Ausdruck sich als solcher
besonders bemerkbar macht denn nach den beiden vorherbesprochenen Weisen wobei
die Wahrheiten nach ihrem Ursprung oder Gebrauch geordnet sind können
diejenigen Wahrheiten welche denselben Ausdruck betreffen sich nicht
zusammenfinden Beispielsweise ist dem Euklid nicht erlaubt wo er die Hälfte
eines Winkels zu finden lehrt das Mittel hinzufügen den dritten Teil desselben
zu finden weil er dann von den Kegelschnitten hätte sprechen müssen deren
Kenntnis man an jener Stelle noch nicht empfangen haben konnte Das Repertorium
aber kann und muss die Stellen anzeigen wo sich die wichtigen Sätze die ein und
denselben Gegenstand betreffen finden Es fehlt uns noch ein solches
Repertorium für die Geometrie welches ein großes Hilfsmittel wäre um selbst
die Erfindung zu erleichtern und die Wissenschaft vorwärts zu bringen denn es
würde das Gedächtnis unterstützen und uns oft die Mühe sparen das schon einmal
Gefundene von neuem zu suchen Und diese Repertorien würden mit noch mehr Grund
in den anderen Wissenschaften von Nutzen sein wo die Kunst des Schließens
weniger Macht hat und wäre besonders in der Medizin von äußerster Wichtigkeit
Aber die Kunst solche Repertorien anzufertigen würde keine geringe sein
Betrachte ich nun diese drei Anordnungen so finde ich dabei das merkwürdig
dass sie der alten Einteilung entsprechen welche Sie erneuert haben die nämlich
die Wissenschaft oder Philosophie in theoretische praktische und diskursive
scheidet oder auch in physische moralische und logische Denn die synthetische
Anordnung entspricht der theoretischen die analytische der praktischen und die
des Repertoriums den Ausdrücken gemäß der logischen so dass diese alte
Einteilung sehr wohl passt wenn man sie nur so versteht wie ich jene
Anordnungen eben erklärt habe dh nicht als verschiedene bestimmte
Wissenschaften sondern als verschiedene Weisen der Anordnung derselben
Wahrheiten sofern man sie zu wiederholen für angemessen erachtet
Es gibt auch noch eine bürgerliche Einteilung der Wissenschaften nach den
Fakultäten und dem Lebensberufe Deren bedient man sich auf den Universitäten
und beim Anordnen von Bibliotheken und Draudius mit seinem Fortsetzer Lipenius
die uns den weitschichtigsten wenn auch nicht besten Bücherkatalog hinterlassen
haben haben statt der ganz systematischen Methode der Gesnerschen Pandekten zu
folgen sich damit begnügt ähnlich wie die Bibliothekare sich der großen
Einteilung der Gegenstände nach den sogenannten vier Fakultäten der Theologie
der Jurisprudenz der Medizin und der Philosophie zu bedienen Sie tun dies nach
der alphabetischen Ordnung der hauptssächlichsten Ausdrücke welche in den
Aufschriften der Bücher vorkommen was für jene Schriftsteller eine
Erleichterung war weil sie nicht nötig hatten das Buch zu sehen oder den
Inhalt zu verstehen von welchem es handelt aber anderen Leuten hilft das
nicht wenn man nicht wenigstens Rückweisungen der Titel auf andere von
ähnlicher Bedeutung gibt denn um von vielen durch sie begangenen Fehlern nicht
in reden sieht man dass oft dasselbe unter verschiedenen Namen vorkommt wie
zB observationes juris miscellanea conjectanea electa semestria
probabilia benedicta und eine Menge ähnlicher Aufschriften solche juristischen
Bücher bedeuten nur vermischte Gegenstände aus dem römischen Recht Darum ist
die systematische Anordnung der Gegenstände ohne Zweifel die beste und man kann
damit hinlänglich umfassende alphabetische Anzeiger nach den Ausdrücken und den
Autoren verbinden Die allgemein angenommene bürgerliche Einteilung nach den
vier Fakultäten ist also nicht zu verachten Die Theologie handelt von der
ewigen Glückseligkeit und allem was sich darauf bezieht soweit es von der
Seele und dem Gewissen abhängt Sie ist gleichsam eine Jurisprudenz die das
betrifft was man dem Forum internum dem des Gewissens zuschreibt und was
sich auf die unsichtbaren Substanzen und Geister bezieht Die Jurisprudenz hat
die Regierung und die Gesetze zum Gegenstand deren Zweck das Glück der Menschen
insofern ist als man durch das Äußere und Sinnliche dazu beitragen kann aber
sie betrifft nicht vorherrschend das was von der Natur des Geistes abhängt und
lässt sich auch bei den körperlichen Dingen nicht besonders auf das einzelne ein
dessen Natur sie voraussetzt um es als Mittel anzuwenden Sie entledigt sich
also gleich von vornherein eines wichtigen Punktes welcher die Gesundheit
Kraft und Vollkommenheit des menschlichen Körpers betrifft wofür zu sorgen der
Fakultät der Medizin zugewiesen ist Einige haben mit einem gewissen Grunde
geglaubt dass man eine ökonomische Fakultät den übrigen hinzufügen könnte
welche die mathematischen und mechanischen Künste und alles was den Unterhalt
der Menschen und die Lebensbequemlichkeiten im einzelnen angeht worin der
Ackerbau und die Baukunst mit inbegriffen sein würden enthielte Aber man
überlässt der philosophischen Fakultät alles was nicht in den drei Fakultäten
die man die höheren nennt enthalten ist Dies hat man schlecht genug gemacht
da man den Mitgliedern dieser vierten Fakultät nicht die Mittel gegeben hat
sich durch die Praxis zu vervollkommnen wie die Lehrer der übrigen Fakultäten
es können Man betrachtet also mit vielleicht alleiniger Ausnahme der Mathematik
die philosophische Fakultät nur als eine Einführung zu den übrigen Darum will
man dass die Jugend die Geschichte die sprachlichen Künste und einige
Anfangsgründe der natürlichen Theologie und Jurisprudenz welche von göttlichen
und menschlichen Gesetzen unabhängig unter dem Titel der Metaphysik oder
Pneumatik der Moral und Politik begriffen werden mit noch etwas Physik lerne
was für die jungen Mediziner dienen soll
Das wäre aber die bürgerliche Einteilung der Wissenschaften nach den
Korporationen und Berufsständen der sie lehrenden Gelehrten ohne von den
Professionen derer zu reden welche für das Publikum anders arbeiten als durch
ihre Rede und welche wenn die Maßregeln des Wissens richtig getroffen würden
durch die wahren Gelehrten geleitet werden müssten Und selbst bei den edleren
Handwerken ist das Wissen sehr gut mit der Ausübung verbunden worden und könnte
es noch mehr werden Wie man in der Tat bei der Medizin beides vereinigt nicht
allein ehemals bei den Alten wo die Ärzte noch Chirurgen und Apotheker waren
sondern auch heutzutage noch bei den Chemikern Diesen Bund der Praxis und der
Theorie sieht man auch im Kriege und bei den Lehrern dessen was man die Übungen
nennt wie auch bei den Malern oder Bildhauern und Musikern und bei einigen
anderen Klassen ausübender Künstler Virtuosi Und wenn die Grundsätze aller
dieser Berufsarten und Künste und selbst der Handwerke praktisch in der
philosophischen oder in irgend einer beliebigen anderen Fakultät von Gelehrten
gelehrt würden so würden diese in Wahrheit die Lehrer des menschlichen
Geschlechts sein Aber man müsste in vielen Dingen den gegenwärtigen Zustand der
Literatur und Jugenderziehung und folglich der Staatsverwaltung verändern Und
wenn ich erwäge wie seit einem oder zwei Jahrhunderten die Menschen in der
Erkenntnis vorgeschritten sind und wie leicht es ihnen wäre unvergleichlich
weiter zu kommen um sich glücklicher zu machen so verzweifle ich nicht daran
dass man in einer ruhigeren Zeit unter irgend einem großen Fürsten welchen Gott
zum Besten des menschlichen Geschlechtes erwecken kann zu einer bedeutenden
Verbesserung gelange