1915_Braun_Lebenssucher.html




        
                                   Lily Braun
                                  Lebenssucher
                                  Erstes Kapitel
          Wie Konrad Hochsess zuerst das Leben suchte und was er fand
Es gibt Jahre in denen der Frühling nicht fröhlich ist die wenigen Blumen die
er über die Wiesen streut sind blass und welken rasch nur zögernd fast als
fürchteten sie sich kriechen die jungen Blätter an den Bäumen aus der braunen
Hülle das dürr raschelnde Herbstlaub im Walde wird kaum jemals ganz von einem
frischen Moosteppich verdrängt und auch der klarste blaue Himmel trägt einen
feinen grauen Schleier wie die jungen Nonnen bei der letzten Weihe
    Solch ein Frühling strich mit seiner schlaffen weichen Luft über die Höhen
des fränkischen Jura spielte im Vorüberstreifen flüchtig mit der zerbrochenen
Äolsharfe auf dem grauen Turm von Hochsess tanzte ein wenig über dem
ausgetrockneten zwischen Nesseln träumenden Ziehbrunnen um schließlich die
schmale Wange und die blonden glatten Haarsträhnen des schlanken Knaben kosend
zu streicheln der auf der alten efeuumsponnenen Mauer saß und unbewegt in das
Land hinausstarrte Weitin breitete es sich aus vor ihm von dem engen Tale an
das drunten schlief eingewiegt vom Murmeln und Plätschern des breiten Baches
und dem Klappern der Wassermühle deren Räder er trieb Blasse Wiesen schmiegten
sich sehnsüchtig an den zärtlichen Freund als erwarteten sie von seiner
Umarmung ihr buntes Blumenleben und in zahllosen Windungen umschlang er sie
als ob er zögere sich von ihnen zu trennen Sträucher von wilden Rosen
Schlehen und Rotdorn die zum Himmel empor ihre Ästchen streckten nach heißer
Sonne verlangend die ihre Blüten wecken sollte umkränzten sie ehe die
Bergwände steil emporstiegen
    Buchen und Eichen Tannen und Eschen überzogen alle Hänge bis zum Gipfel
hinauf Ihre Stämme vom silbernen Grau bis zum tiefsten Schwarz standen gegen
den matten Himmel wie Marmorsäulen Da und dort aber wich der Wald zurück
Felsmauern und Türme überragten ihn finster drohend in wildverwitterten
Gebilden Zwischen ihnen so hatte der Knabe einst geträumt  und die Erinnerung
daran zauberte ein verlorenes Lächeln auf seine Züge  hausten die Götter und
Helden der Vorzeit und Sonntagskindern zeigten sie sich in Maiennächten Sie zu
suchen war er einmal heimlich ausgezogen ein kleines Bübchen noch dorthin wo
in gewaltigen Quadern wie von Zyklopen erbaut die Riesenburg silbern in der
Sonne leuchtete Sein Auge blieb an ihr haften wie war damals sein Atem
geflogen im steilen weglosen Anstieg wie hatte sein Herz geklopft im Glauben an
das Große das seiner wartete Und dann  unwillkürlich hob er die geballte
Faust wider die fernen Felsen  dann als das mächtige Tor sich über ihm wölbte
und fiebernde Erwartung die Brust zu sprengen drohte hörte er Mädchenkichern
und die dozierende Stimme des Lehrers der die bunte Schar auf gebahnten Wegen
emporgeführt hatte sah um den Rand des höchsten Felsens der ihm als unnahbarer
Wachtturm erschienen war ein schmächtiges Drahtgitterlein gespannt sah ein
Fähnchen hoch oben flattern darunter eine Bank mit hundert Namen bedeckt 
und in einer der schmalen Felsenhöhlen barg er seine Verzweiflung Dort hatte er
die Nacht erwartet ach die götterlose Nacht war dann hinaufgeklettert hatte
die Fahnenstange mit Anspannung all seiner von der Wut gesteigerten Kräfte aus
der Erde gerissen und hinab geschleudert hatte die wurmstichige Bank zum Kippen
gebracht und sich am Drahtgeländer die kleinen Hände blutig gerissen In
Gedanken an die erste bitterste Enttäuschung seiner Kindheit zog grausamer
Spott über sich selbst seine Mundwinkel abwärts so dass er sekundenlang ganz alt
erschien
    Ein Blick in die sonnenüberglänzte Ferne verklärte sein Antlitz wieder Er
folgte dem Bach und dem sich weiter und weiter dehnenden Tal wo die Wiesen in
buntgestreifte Felder sich verwandelten wo in Obstgärten gebettet von
Kastanien überragt rote behäbige Dächer und alte kunstvolle Fachwerkbauten mit
spitzen Giebeln um schlankturmige Kirchen sich scharten Er sah die Schlösser
auf den Höhen die dem toten Felsen gleich gewesen wären wenn ihre Fenster
nicht in der Sonne wie lebendige Augen gefunkelt hätten Und ganz ganz fern im
Nebelgrau wie ein phantastisches Traumgebilde am Fluss gelagert sich mit
Mauern und vielen Türmen zu den Hügeln emporstreckend lag sie die Stadt  die
großen schwarzen Augen des Knaben verdunkelten sich noch mehr seine sehr
blassen Hände krampften sich ineinander so dass die Fingerspitzen sich röteten
 die Stadt deren strahlender Glanz die Nacht und ihre Gespenster besiegte
deren brausender auf und abschwellender Ton die unheimlichen Stimmen der
Stille verschlang die Stadt über die der Dom einer Königsfeste gleich sich
erhob und tote Kaiser in seinen hohen Hallen dem Raunen alter in goldene Roben
gehüllter Priester und dem hellen Gesang weissgekleideter Chorknaben lauschten
    An einem Pfeiler stand eine steinerne Madonna Der Knabe faltete die Hände
seine Augen glänzten wie von innen erhellt Heimlich dachte er an sie und betete
zu ihr wenn sie ihn Sonntags drunten im Dorf in die kahle luterische Kirche
führten Und an einem anderen stand auf hohem Ross der gekrönte Ritter dessen
Namen er trug  
    »Konrad« rief eine Stimme die klang als klopfe jemand an ein
zersprungenes Glas Der Knabe hob ein wenig den Kopf »der Lehrer« dachte er
und sah wieder regungslos sinnend ins Land hinaus Vor dem dunklen Bilde des
Ahnherrn droben im Saal hatte der Führer seiner Kindheit ihn heute feierlicher
als sonst an das Heldenbeispiel dieses Mannes mit dem großen schwarzen Kreuz auf
dem weißen Mantel erinnert Er reckte seine schlanke Gestalt als prüfe er ihre
Muskeln ein Ritter wie jener würde er sein  wenn sie nur erst vor ihm stünden
die Feinde
    »Konrad« rief es noch einmal seltsam wie die letzte Silbe in einem hohen
Vogelton lange nachzitterte Ein weiches Lächeln wissend und gütig fast wie
das eines reifen Mannes überflog die Züge des Knaben und seine rasche
Phantasie für die eine Farbe ein Ton genügte um den Vorhang vor einer Welt
der Märchen und Wunder emporschnellen zu lassen zauberte ihm im gleichen
Augenblick all die Bilder vor Augen die jene Stimme so lange er denken konnte
heraufbeschworen hatte weiße von üppigen Rosen umsponnene Schlösser unter
dunkelblauem Himmel schwarzäugige Frauen in königlichen Sälen eine Stadt von
Palästen bewohnt von einem Volk der Mediceer und seine heiße Sehnsucht spannte
ihre Flügel weit  weit
    Er glitt von der Mauer herunter
    »Die Großmutter« flüsterte er im Weitergehen
    »Konrad« klang es zum dritten Male Und wieder eine andere Stimme wie das
Meckern einer Ziege Jetzt aber lachte der Gerufene hell auf und war mit ein
paar Sätzen  die Muskeln der langen schlanken Beine spielten unter den dünnen
Strümpfen wie die eines Vollblutpferdes  unter den Kastanien an denen die
roten Blüten leuchteten vor dem Haus
    »Bin ich zu spät Giovanni« Der Angeredete ein spindeldürres Männchen um
dessen krummgezogenen Körper die ausgewaschene Sommerjacke in tausend Falten
schlotterte meckerte fröhlich auf seine Augen winzige schwarze Kohlenpunkte
im braungelben verknitterten Pergament des Gesichts umfassten den Knaben mit
einem Ausdruck leidenschaftlicher Zärtlichkeit
    »Tut nix tut nix bambino mio« sagte er und streichelte seinen Arm mit
jener scheuen Bewegung mit der der Sammler seinen kostbarsten Schatz zu
betasten pflegt »wir träumten einmal wieder«
    Konrad streckte die Arme mit gespreizten Fingern weit aus als gelte es die
Welt zu umarmen
    »Vom Frühling nicht wahr« flüsterte der Alte mit einer vor Erregung
vibrierenden Stimme »von unserem Frühling Von heißer Sonne und roten Rosen
Von  daheim«
    »Von daheim« wiederholte Konrad mit einem verlorenen Blick Dann strich er
sich mit den langen schlanken Händen über die Stirn und lachte auf »Nein nein
Ich dachte nur an morgen Dann bin ich fort fort in der Stadt bei den vielen
Buben die alle jung sind wie ich mit denen ich toben kann und mich balgen und
tanzen und reiten und schwimmen Wo ich nicht immer allein sein werde wie hier
zwischen lauter  lauter «
    Er stockte und senkte übergossen von Schamröte die Stirn
    »Zwischen lauter Alten« ergänzte Giovanni sein Kopf nickte ruckweise wie
der einer Marionette er zog das dünne Röckchen fester um die Schultern als
fröre ihn »In der Stadt hört freilich das Träumen auf Da arbeiten sie und
schwitzen über den Büchern Da sind auch die Jungen alt«
    Auf dem Antlitz des Knaben erlosch die Freude er warf einen ängstlich
fragenden scheuen Blick auf den Gefährten der mehr zu sich selbst als zu ihm
zu sprechen schien »Niente  niente bambino mio  du wirst frieren noch mehr
frieren als hier wirst sehen wie sie in den Straßen hin und her laufen um
warm zu werden wie sie alle suchen  und längst vergessen haben was sie
suchen Nur Träume leben «
    Seine Stimme verlor sich in ein heiseres Flüstern und verklang wie ein ferne
plätschernder Bach Über Konrads Züge flog ein halb selbstbewusstes halb
mitleidiges Lächeln
    »Einen Sack voll Träume die ich erlebte bringe ich dir mit wenn ich
heimkomme« sagte er überlaut mit seiner noch unschön mutierenden Knabenstimme
als wollte er durch den starken Ton den Eindruck des gehörten Geflüsters
überwinden Neckend zupfte er den in sich Versunkenen an den spärlichen
Haarlöckchen den Körper des Alten durchzuckte es Er reckte sich auf und strich
sich beglückt über diese Liebesbezeugung über den spitzen Schädel
    »Konrad« klang die weiche Frauenstimme noch einmal Der Gerufene lief ihr
entgegen
    »Ein echter Savelli« murmelte Giovanni stolz den schönen Knaben mit den
Blicken zärtlich verfolgend »ein echter « und er verstummte jäh Gerade hatte
ein Sonnenstrahl Konrads Haupt getroffen die Haare blitzten goldig auf
»Zweierlei Blut  zweierlei Blut 
Das tut nicht gut  das tut nicht gut «
zischelte er kopfschüttelnd Seine Gestalt knickte wieder zusammen Hinter dem
Ziehbrunnen verschwand er Dann ächzte und knarrte noch von ferne die Turmtür
    Auf der Terrasse wo in großen weißen Kübeln runde Lorbeerbäume standen und
sehnsuchtkranke Glyzinen an der Hauswand mühsam emporkletterten saß die Gräfin
Savelli in viele weiche bunte Kissen geschmiegt am Teetisch
    »Verzeih Grossmama « mit der Gebärde aufrichtiger Hingabe beugte sich der
Knabe über die dargebotene Hand Weiß und schmal und schmucklos mit
perlmutterglänzenden Nägeln an den spitzen Fingern streckte sie sich ihm
entgegen »Wie schön sie ist« sagte er erstaunt als sähe er sie zum erstenmal
und vergaß darüber den Kuss Die alte Frau zog ihn an sich so dass der Duft ihrer
weichen weißen Haare ihn umschmeichelte Dann warf sie einen raschen
triumphierenden Blick auf den kleinen Kreis um sich Die beiden
glattgescheitelten Damen neben ihr die sich glichen wie ein Ei dem anderen 
sie trugen sogar dieselben grauen schwarzgetupften Satinkleider auf den dürren
langen Gestalten dieselben schwarzen Zwirnhandschuhe über den mageren
breitkuppigen Fingern  sahen einander mit hochgezogenen Brauen an Der alte
Schulmeister der trotz des Jahrzehnts das er hier oben verlebt hatte nicht
anders als auf der äußersten Kante des Stuhles zu sitzen vermochte lächelte
pflichtschuldigst
    »Unsere letzte Teestunde Konrad« hub die Gräfin an und über ihre
schwarzen noch immer lang umwimperten Augen legte es sich wie ein Schleier Dem
Knaben stieg das Blut in die Schläfen durfte er seiner Seligkeit Ausdruck geben
oder musste er Abschiedsschmerz heucheln
    »Dummer Junge« fuhr sie mit erhobener Stimme fort als empfände sie seine
Gedanken und ihre Augen blickten wieder klar »sind wir sentimental wie die
Deutschen« Ihre Worte pfiffen wie ein Peitschenhieb über den Köpfen der
anderen die beiden grauen Fräulein senkten die hellen blonden Scheitel
    »Er ist und bleibt ein Hochsess« sagte die eine von ihnen scharf ohne den
Blick zu erheben Die Gräfin lachte ein helles klingendes Mädchenlachen
    »Kein Zweifel Tante Natalie kein Zweifel« Und dann mit geschürzten
Lippen »Sind wir nicht alle stolz auf die Mischung« Natalie räusperte sich
vielsagend Elise ihre Schwester setzte mit lauterem Geräusch als es der
guten Form entsprochen hätte ihre Tasse auf den Tisch
    »Kommt er nicht in eine deutsche Pension Hat er nicht in unserm lieben
Habicht einen echten deutschen Schulmeister gehabt« frug die Gräfin halb
spöttisch halb gelangweilt es war in den acht Jahren seitdem sie Konrads
Erziehung allein zu leiten hatte nicht das erste Gespräch der Art »und zwei
deutsche Tanten die wenn mans ihnen nicht auf das bloße Ansehen hin glauben
würde ihre Reinheit von jedem Tropfen welschen Blutes bis ins zwölfte
Jahrhundert hinein nachweisen können«
    »Und  « Tante Elisens Stimme zitterte
    »Ich weiß  ich weiß« lachte die Gräfin »und eine italienische Großmutter
die alles wieder verdirbt«
    »Nein o nein« widersprach Natalie mit betonter Höflichkeit »aber einen
italienischen Komödianten der dem Jungen nichts als phantastische Geschichten
in den Kopf gesetzt hat und seine evangelische Seele mit Heiligenlegenden
vergiftet«
    Konrad wurde noch einen Schein blasser Er warf einen heißen Blick voll Hass
auf die grauen Tanten Seiner Großmutter schöne Hände die auf der Armlehne
ruhten schlossen und öffneten sich abwechselnd und ihre Fussspitze ging im
gleichen raschen Takt auf und nieder
    »Der arme Giovanni« Die Gräfin schien vollkommen ruhig während ihr Blick
sich ganz in der Ferne verlor »Vergesst ihr immer wieder dass er meiner Lavinia
letzte Freude war Unter den Kastanien lag sie in Decken gewickelt ganz
ausgestreckt schon vom Tode gezeichnet und freute sich doch wie ein Kind als
der gelbe Kasten mit dem schwarzäugigen Volk in den Hof rumpelte Die hellen
Tränen liefen ihr über die blassen Wangen als sie unsere Lieder unsere weichen
sehnsüchtigen Lieder sangen Was wisst ihr davon wie das unsereinem tut  es
sind gar keine Töne es sind die Schläge unseres Herzens die Stimme unseres
Blutes  Und die Tänze dann Nicht euer stumpfsinniges Drehen mit gesenkten
Lidern sondern ein Kampf zwischen Mann und Weib «
    »Aber meine Beste« tönten wie aus einem Munde die scharfen Stimmen der
alten Fräuleins
    »Ach so  das Kind« sagte die Gräfin der spöttische Ton den sie
anschlagen wollte gelang ihr nicht Sie erhob sich rasch »Gehen wir es wird
kühl«
    Aber schon war der Knabe der inzwischen unruhig hin und her gerückt war
aufgesprungen und hatte sich mit beiden Händen auf den Tisch gestützt dass die
Gläser leise klirrten
    »Jetzt  jetzt muss ich es sagen« brach es mit rauer Stimme tief aus seiner
Brust hervor
    »Konrad« mahnte der Lehrer ein verweisender Blick der Tanten traf ihn nur
die Großmutter schaute ihn an eine große heiße Erwartung in den Augen
    Dann aber als sie ihn zittern sah legte sie ihm mit rasch aufsteigender
Angst die Hand beruhigend auf den Arm Seit der Arzt ihr gesagt hatte dass des
Enkels Herz schwach sei verdoppelte sich ihre Sorge um ihn
    »Ich muss es  weil ich morgen gehe Weil ihr Giovanni nicht leiden könnt
weil  weil « seine Knabenstimme überschlug sich in den Schläfenadern pochte
sichtbar das Blut während die Wangen nur um so tiefer erblassten »ich leide es
nicht dass ihr ihn höhnt und zankt Mit seinen Spässen und Kunststücken hat er
die Mutter lachen gemacht Ich hatte es nie nie gehört Ich horchte verwundert
auf und ich lachte mit ihr zum allererstenmal lachte ich mit meiner Mutter
Dann brachte man sie in ihr Zimmer hinauf in ihr weißes großes kaltes Bett«
ein Schluchzen drohte ihm die Stimme zu ersticken aber er bezwang sich »die
Kunstreiter zogen davon  nur Giovanni blieb Er spannte ein Seil vom Turm über
den Hof bis zum Torweg Da konnte die Mutter vom Bett aus sehen wenn er seine
Sprünge machte seine Gesichter schnitt Wie sie lachte wie sie froh sein
konnte Der Vater « ein harter Zug grub sich mit tiefen Falten in das weiche
Knabenantlitz  »der Vater war nicht da «
    »Konrad du versündigst dich « Tante Natalie stand drohend dicht vor ihm
    »Weil ich sage was ihr wisst so gut wie ich dass der Vater nicht da war
als  als « seine Stimme erstickte in wildem Weinen
    Gräfin Savelli zog ihn an ihr Herz »Mio caro amore « sie überschüttete ihn
mit Schmeichelnamen aber sein Körper zuckte von der Erregung geschüttelt in
ihren Armen
    »Guten Abend« sagten Elise und Natalie und verschwanden nach einigem
geräuschvollen Stühlerücken hinter der Glastür des Gartensaales
    »Guten Abend« sagte der Schulmeister er hatte feuchte Augen und strich mit
einer bebenden Hand über seines Zöglings blondes Haupt
    Nun waren die beiden allein Vom Tale her stiegen in feinen Schleiern die
Nebel auf
    Konrad warf einen zögernden Blick um sich um gleich darauf die großen
angstvoll aufgerissenen Augen fragend der Großmutter zuzuwenden
    »Willst du mir nicht sagen  jetzt am letzten Abend sagen  wie es kam dass
 dass er nicht da war«
    Die Gräfin richtete sich gerade auf in ihren Augen entzündete sich ein
grausamer gelber Funken wie in der Pupille der Löwin die zum Sprunge bereit
vor dem Feinde ihrer Jungen auf der Lauer liegt Sie sprach wie immer wenn sie
mit dem Knaben allein war italienisch aber ihre Stimme kam tief und rau aus
der Kehle so dass die vollen Laute von den Zähnen durch die sie gepresst wurden
zerrissen schienen
    »Drüben auf dem Eckartshof war er zur Jagd geladen Bleibe bei mir Manfredo
 nur heute verlass mich nicht flehte Lavinia  sie war an jenem Tage so weiß
wie das Linnen das sie deckte nur ihre Haare lagen um sie wie ein schwerer
schwarzer Trauerschleier  und ich sah dass dem Mann der den ganzen
Frühlingsduft der Erde mit sich hineintrug vor ihr grauste Ich kann nicht
sagte er gequält küsste ihr flüchtig die kalte kraftlose Hand und ging Sie
aber lag von da an regungslos in den Kissen die Tränentropfen allein die
unaufhaltsam unter den langen Wimpern ihrer geschlossenen Lider hervorquollen
bewiesen mir dass sie noch lebte Giovanni spannte indessen sein Seil vor ihren
Fenstern Aber sie sah seine Sprünge und Grimassen nicht Da begann er den Tanz
mit Gesang zu begleiten und sie schlug die Augen groß auf Welche Augen Als
laure der Tod in ihrer Tiefe
    Ich schickte nach dem Eckartshof Aber sie saßen an der Frühstückstafel und
ließ sich nicht stören Da ging ich selbst Und geradenwegs an den
verblüfften Dienern vorbei in den Saal Blond und weiß mit Rosen auf den
Lippen und den Wangen saß die Hausfrau neben ihm Lavinia stirbt rief ich in
ihr Gelächter und wandte mich wieder zum Gehen Ich sah wie das Blut das eben
noch von Lebenslust gepeitschte aus den Gesichtern wich und fühlte die Stille
die ich zurückließ
    Er folgte mir  langsam widerwillig er der sich einmal verzweifelnd mir
zu Füßen gewunden hatte als ich ihm Lavinia versagte
    Wir stiegen stumm den Berg hinauf Plötzlich aber schoss er an mir vorbei
der helle Schweiß stand ihm auf der Stirne es war als jage ihn der Schrecken
Meine Hoffnung begleitete seinen Lauf Erwachte nicht vielleicht mit der Liebe
das Leben wieder
    Ich betrat den Hof Er war voller Menschen Sie schwiegen alle den
entsetzten Blick auf einen Punkt geheftet da lag Giovanni unter dem Seil in
seinem Blut Lavinia aber war tot«
    Die Gräfin Savelli schwieg Sie war nun ganz zusammengesunken und sah sehr
klein und sehr alt aus Der Knabe zitterte dass die Zähne ihm aufeinander
schlugen
    »Sieh dort hinaus« mahnte die Großmutter ihre weiße in die unbestimmte
Ferne weisende Hand schimmerte wie von innen erleuchtet »und nicht zurück Dort
suche das Leben«
Am nächsten Morgen fuhr der alte wappengeschmückte Wagen den letzten Junker von
Hochsess zum Hoftor hinaus nach dem Bahnhof Es regnete ein lautloser
gleichmässiger Regen von einem gleichmäßig weissgrauen Himmel herab Unter der
Haustür standen die Tanten in den mageren schwarzbehandschuhten Händen hatten
sie weiße Tüchlein die aber nicht recht wehen wollten als sie sie hochhoben
der alte Lehrer stand hinter ihnen und schluchzte Giovanni hatte sich in sein
Turmzimmer eingeschlossen
    Die Gräfin Savelli begleitete den Enkel in die Stadt und ging mit ihm hinauf
in den Dom um dessen Säulen und Arkaden die Dämmerung ihren feinen Schleier
wob Sie sprachen kein Wort miteinander aber zu dem königlichen Jüngling
erhoben sich zu gleicher Zeit ihre Blicke den ein unbekannter Künstler in Stein
gemeisselt hatte ein Vorbild reiner Ritterschaft Konrad war als sähe er sich
selbst im Spiegel und als lächle der Doppelgänger ihm freundlich zu Stumm
drückten Großmutter und Enkel einander die Hände
    Dann gingen sie Und die Gräfin Savelli übergab ihn mit ein paar
freundlichkühlen Worten dem Gymnasialdirektor Professor Traeger und seiner
Ehefrau deren behäbige Fülle und betonte Matronenhaftigkeit von seinen langen
dürren Gliedern und sorgfältig frisierten Haaren seltsam abstachen Die allzu
tiefen und allzu häufigen Bücklinge mit denen beide die Großmutter
bewillkommneten und dann zur Türe geleiteten als sie ging hatten Konrads
Urteil über sie unwiderruflich festgelegt
    Das war seine erste Enttäuschung Denn in seinen Träumen war ihm der
Direktor als ein Mann von Würde erschienen
    An der Abendtafel sah er die anderen Pensionäre zum erstenmal Sie kamen ihm
klein und dürftig vor der eine hatte zerbissene Nägel der andere hässliche rote
Pünktchen im Gesicht der dritte kratzte sich bei jedem Wort das er sprach den
dicken Schädel mit den gelben Borstenhaaren und alle miteinander überboten sich
in lächerlichen Dienstleistungen gegenüber dem Ankömmling
    Das war seine zweite Enttäuschung
    Nur der vierte Schüler  »ein Judenjunge« flüsterte ihm augenzwinkernd sein
Tischnachbar zu  hatte kaum einen Gruß für ihn Damit gewann er sein Interesse
Drei Jahre blieb Konrad Hochsess in der Pension
    Als er zum erstenmal zu den Ferien nach Hause kam stürzten ihm bei
Giovannis ängstlich fragendem Blick die hellen Tränen aus den Augen Der
Großmutter gegenüber lächelte er nur als ihre Hand beim Willkommen kosend über
seine Haare strich zuckte es schmerzlich um seine schmaler gewordenen Lippen
Eines Tages forderte ihn Giovanni mit einem geheimnisvollen Lächeln zu einem
Spaziergang auf Sie gingen weit durch den Park bis er sich im Walde verlor Da
lag ein haushoher Felsblock dessen Fuß von Brombeerranken dicht umwuchert war
    »Willst du mich daran erinnern dass ich einmal als kleiner Knirps da oben
saß und verzweifelt heulte weil ich nicht zurück konnte« lachte Konrad
»Damals wusste ich nicht dass es ein unfehlbares Mittel gibt um von allen Höhen
hinunterzukommen fallen« fügte er mit dunklerer Stimme hinzu
    »Unsinn Unsinn« antwortete fröhlich meckernd der Alte »Wozu ist denn der
alte Seiltänzer da Der holt noch immer den Buben herab oder hält den Sack auf
wenn er abstürzt Aber jetzt jetzt heißts kriechen  nicht klettern Den
Tanzsaal der Mondgeister hat der alte Giovanni für sein Goldkind gefunden  den
Tanzsaal der Mondgeister« Und er bog weit die stachligen Ranken auseinander
hinter denen der Fels eine dunkle Spalte aufwies
    »Eine Höhle« jauchzte Konrad »eine Höhle die keiner kennt«
    Eine Zauberwelt voll phantastischer Tropfsteingebilde öffnete sich ihm die
des Alten Blendlaterne mit hin und her flackerndem Licht seltsam beleuchtete
Sie wurde von nun an der Schlupfwinkel seiner Träume die geheimnisvolle
Erweckerin allen Frohsinns Hohe gelbe Kerzen von Wachs wie die Bauern sie
alljährlich in psalmodierenden Prozessionen nach Vierzehnheiligen zu tragen
pflegen stellte Konrad hier unten auf ein altes holzgeschnjetztes Heiligenbild
es mochte wohl eine Magdalena gewesen sein  eine vor der Busse denn die langen
Haare deckten nur spärlich den jungen blühenden Mädchenkörper  das Giovanni in
einem Bodenwinkel gefunden hatte prangte in der großen Nische hinter der einen
gewaltigen Säule die das ganze Gewölbe zu tragen schien Ihr zu Füßen breitete
ein schwarzes Bärenfell sich aus  Konrads Lager wenn er all die schwülen
Bücher mit den bunten Umschlägen verschlang durch die seine Pensionskollegen
die steife Zurückhaltung des hochmütigen Junkers endlich überwunden hatten Um
ihretwillen hatte er sich sogar herbeigelassen und war Arm in Arm mit dem der
sich die Nägel biss über den Grünen Markt gegangen um ihretwillen hatte er mit
dem hässlichen Dickschädel auf der Altenburg Schmollis getrunken und die
rotaarige Kellnerin unter dem Beifallsgebrüll der anderen in den Arm gekniffen
    Als er das zweitemal den heimatlichen Boden betrat hatte sich eine feine
Falte zwischen seinen Brauen eingegraben Walter Warburg der »Judenjunge«
begleitete ihn Professor Traeger hatte den jungen Mann als den klügsten und
anständigsten unter seinen Schülern bezeichnet daraufhin hatte die Gräfin
Savelli nicht ohne starkes inneres Widerstreben dem Wunsche Konrads ihn
mitzubringen nachgegeben
    Die beiden strichen von früh bis spät über Berg und Tal sie suchten Steine
und Pflanzen und Tiere und saßen an Regentagen unermüdlich über ihren
Sammlungen Für Giovanni dessen Haut nur noch wie ein zerknittertes Pergament
in tausend Falten über seinen Knochen hing schien Konrad keine Zeit zu haben
Einmal fing er den heißen Blick tückischen Hasses auf mit dem der Alte seinen
Freund durchbohren zu wollen schien als dieser gerade entzückt vom köstlichen
Fang einen großen Trauermantel auf das Spannbrett spiesste
    Ein seltsames Gefühl aus Scham und Zorn gemischt zwang Konrad von nun an
dem greisen Seiltänzer noch mehr aus dem Wege zu gehen Es kam sogar vor dass er
es wie eine Erleichterung empfand wenn die Tanten ihm von Giovannis gestörtem
Geist allerlei Hässliches glauben machen wollten Aber auch von der Großmutter
zog er sich mit auffälliger Absicht zurück und behandelte sie mit der fremden
Höflichkeit eines wohlerzogenen jungen Mannes Die Freunde schienen völlig
ineinander aufzugehen und der anderen nicht zu bedürfen Und doch hatte Konrad
ein Geheimnis vor Walter seine Höhle Es kam vor dass er nachts aus dem
Schloss schlich um bei Kerzenglanz vor der heiligen Magdalena mit sich allein
zu sein Nur zwei Augen zu alt um des Schlafs noch viel zu bedürfen kleine
schwarze Augen verfolgten ihn sie sahen dass er keine Bücher mehr in sein
Versteck trug wohl aber eine kranke Sehnsucht die müde aus seinen umränderten
Augen sprach
    Der Kummer um des Enkels verändertes Wesen trieb die Gräfin Savelli bis in
Giovannis Turmstübchen Erschrocken durch den ungewohnten Besuch sprang er von
seinem alten Lehnstuhl auf so dass selbst die stillen kleinen Eulen auf der
Stange über dem Ofen unruhig mit den Flügeln schlugen und die große gelbe Katze
die er getreten hatte zu seinen Füßen kläglich aufschrie
    »Was ists nur mit dem Konrad Giovanni« und seufzend setzte sie sich auf
den dreibeinigen Schemel ohne zu bemerken wie eifrig ihr der Alte den bequemen
Sessel anbot
    »Frau Gräfin« stotterte er die Finger verlegen aneinander reibend »der
junge Herr Baron  unser  unser bambino « Er stockte das gelbe Gesicht
blutübergossen um in einem gezwungenen geschäftsmässigen Ton die Worte
überstürzend wobei der charakteristische Kehllaut des Florentiner Dialekts der
die Gräfin von Anfang an so heimatlich berührt hatte besonders stark
hervortrat rasch fortzufahren »Wenn Frau Gräfin vielleicht jetzt des Müllers
Liese in Dienst nehmen wollten  sie ist ein hübsches Ding und gesund ganz
gesund« Die Schweißtropfen standen dem Alten auf der Stirn wie nach schwerer
Arbeit er bückte sich und las eine Feder vom Boden auf Die Gräfin war
aufgestanden sie atmete schwer
    »So  so « sagte sie gedehnt in Gedanken verloren Sie wusste es das war
der Brauch in Italien wenn die Söhne mannbar wurden sorgten die Mütter für 
Sie schüttelte sich In ihrer Eltern altem Palast war es nicht anders gewesen
sie erinnerte sich der Marietta recht gut des kleinen Küchenmädchens die ihres
Bruders Geliebte geworden war eines schönen Tages war sie plötzlich
verschwunden gewesen um dann nach ein paar Monden als blühende Bauersfrau mit
dem Säugling an der straffen Brust von dem ältlichen Gatten begleitet der
Mutter einen Dankbesuch abzustatten Der Bruder aber der Giulio war trotzdem 
oder deshalb  ein Schürzenjäger geworden Nein  nein Niemals würde sie mit
eigener Hand ihren lieben Jungen ihren Konrad in den Sumpf hinabstossen Und
die Liese das süße junge Ding War es wirklich jemals möglich gewesen ein
Weib zu opfern um einem Mann über ein paar qualvolle Monde hinwegzuhelfen
    »Nein Giovanni« erklärte die Gräfin bestimmt »das ist des Landes hier
nicht der Brauch« Und erhobenen Hauptes schritt sie zur Tür hinaus
    »Nicht der Brauch  nicht der Brauch« wiederholte der Alte kopfschüttelnd
Als er wieder im Lehnstuhl saß in der Dämmerung und die Augen der kleinen Eulen
über dem Ofen zu glühen begannen bewegten sich seine Lippen noch lange in
endlosem Selbstgespräch »Und hätt ich selbst eine Tochter  mit eigener Hand
führte ich sie ihm zu  ihm Monna Lavinias Sohn«
    Am gleichen Abend Konrad war eines verstauchten Fußes wegen zu Hause
geblieben stürmte Walter in einer ihm sonst ganz fremden Erregung die Treppen
hinauf in sein Zimmer Atemlos schüttelte er den vollen Sammelsack auf dem Tisch
vor dem Freunde aus Dann gab er ihm scherzend einen Schlag auf die Wange
    »Duckmäuser du elender Heuchler« rief er lachend »solch einen Schatz
eine Fundgrube kostbarster Dinge deinem Intimus zu verstecken« Er merkte im
Eifer gar nicht dass Konrads Augen größer wurden und seine Lippen zitterten
»Hier  das ist unzweifelhaft ein Bärenknochen  ein einziger aus einem ganzen
Haufen den ich fand Hier sieh nur diese Pfeilspitze  wie scharf der Stein
geschliffen ist Und da « er hob mit beiden Händen ein großes Stück weissgrauen
Tropfsteins hoch empor  »welch unvergleichlicher Stalaktit Ich habe ihn selbst
« Aber schon hatte ihn Konrad an den Armen gepackt so dass der Stein mit
dröhnendem Gepolter seinen Händen entfiel glühende Augen funkelten wild dicht
vor dem erblassten Antlitz Walters
    »Du  du hast es gewagt« schrie eine raue fremde Stimme ihn an »hast
meine Säulen zerschlagen bist in deiner ekelhaften schnüffelnden Neugier in
mein Heiligtum eingedrungen Jetzt jetzt weiß ich was für ein Teufel du bist
setzst Käfer in Spiritus und hast nie einem Vogellied zugehört klebst mit
genauester Klassifizierung Blumen in dein Herbarium und hast den Wald niemals
gesehen suchst Bärenknochen und entweihst mein Letztes  das wohin ich mich
flüchtete mit meinen Träumen meinem letzten bisschen Frommsein Tempelschänder«
Und er hob seiner nicht mächtig die Hand  Walter rührte sich nicht er sah
den Wütenden an sehr blass sehr ruhig Und die Hand die ihn hatte schlagen
wollen fiel zurück
    Walter ging wortlos zog leise die Türe ins Schloss und schritt eine
Viertelstunde später den Rucksack über den Schultern über den Hof den Berg
hinab Konrad sah ihm nach wie er auf der hellen Straße neben dem schimmernden
Bach kräftig ausschritt ohne sich auch nur ein einziges Mal umzusehen Ein
nicht mehr zu unterdrückendes Schluchzen erschütterte des Zurückgebliebenen
schlanken Körper
    Den Rest der Ferien wurde er immer blasser immer unzugänglicher Seine
Sammlungen warf er auf den Kehrichtaufen vor den schmalen Höhleneingang
spannte er ein dichtes Netz von Stacheldraht Dann saß er in dem feuchten
sonnenlosen Ahnensaal der von den vielen Folianten auf den braunen Regalen so
seltsam nach Moder roch Den Ordensritter mit dem weißen Mantel und dem großen
schwarzen Kreuze darauf starrte er mit brennenden Augen an Warum bin ich nicht
seinesgleichen dachte er ingrimmig und hab eine Fahne der ich folgen für
die ich leben und sterben kann Jeden Kongoneger beneide ich um seinen Götzen
    Die Gräfin grämte sich um ihn und scheute sich doch durch ein
unvorsichtiges Wort das leicht verletzbare Gemüt noch tiefer zu verwunden
    Nur zuletzt vor seiner Abreise zog sie ihn in ihr Zimmer  einen dunkel
getäfelten Raum mit schweren alten Renaissancemöbeln und großen rotsamtenen
Stühlen wie Sitze für Könige oder Kondottieri  und er träumte wieder zu ihren
Füßen wie einst wenn sie dem atemlos Horchenden von der fernen sonnigen Heimat
und dem stolzen alten Palazzo der Savelli erzählte
    »Was fehlt dir Konrad Sag mir was ists« frug sie ihn
    »Nichts  nichts« und er wich ihren forschenden Augen aus
    »Du bist der Alte nicht mehr«
    Ein hartes »Nein« kam von seinen Lippen und er sprang auf »Da draußen
Großmutter zieht man uns eine Haut nach der anderen ab bis es auf unserem
Körper keine Stelle mehr gibt die nicht jeder Luftzug mit Messerschärfe
schmerzhaft träfe« Und er ging mit großen Schritten hinaus ohne eine Antwort
abzuwarten
    Als die alten Füchse das drittemal den schaukelnden Landauer mit dem jungen
Gebieter darin den Schlossberg aufwärts zogen stand die grade Falte tief
eingemeisselt wie eine Narbe zwischen seinen Brauen Die Großmutter war krank
Sehr weiß sehr durchsichtig saß sie tagaus tagein in ihrem roten hohen Sessel
sie war stets in ganz weiche spinnwebdünne schneeige Wollentücher gewickelt
und leuchtete vor den finsteren Wänden und schwarzen Schränken wie der irrende
Schatten einer Ahnfrau nächtlicherweile in den dunklen Gängen alter Schlösser
leuchten mochte Aber ihr Geist lebte das intensivste Leben Sie sprach nur noch
in knappen Worten als hätte sie zu langen Sätzen keine Zeit mehr
    »Wir haben viel zu tun miteinander« sagte sie ihrem Enkel statt jeder
zärtlichen Begrüßung Sie ließ ihm kaum Zeit sich umzukleiden Dann saß er
stunden und tagelang vor ihr an dem großen mit Papieren voll endloser
Zahlenreihen bedeckten Eichentisch und hörte mit einem Staunen das sich immer
mehr zur Bewunderung steigerte von der Arbeit ihres Lebens
    Aus tiefster Zerrüttung hatte diese schöne Frau mit den weißen Händen von
der er wenn sie in ihren Gemächern verborgen geblieben war nichts anderes
geglaubt hatte als dass sie sich in ihre geliebten Dichter vergrub oder ihren
Körper pflegte der nie eine Altersspur verriet den großen Besitz der Hochsess
zu neuer ungeahnter Blüte emporgeführt Dokumente um Dokumente legte sie dem
Enkel vor und erklärte sie mit sachlicher Kühle Ein sarkastisches Lächeln
kräuselte nur einmal ihre Lippen als auf die regelmäßigen Auszahlungen an die
Tanten die Rede kam Sie blieben stets gleich niedrig trotz des wachsenden
Reichtums
    »Natalie und Elise Hochsess« sagte sie »hüten seit fünf Jahrzehnten die
hohen Traditionen dieses Hauses Sie haben niemals ihre Kleider niemals ihre
Zimmer niemals ihre Gesinnungen geändert Sie werden dir die Wäscheschränke des
Schlosses die ich ihrer Verwaltung überließ in tadelloser Ordnung mit stets
erneuten Häkelspitzen geschmückt übergeben Sie haben auch bereits um dir alle
Mühe zu sparen in der kleinen Hilde Rotausen die Schlossfrau für dich
ausgesucht Sie werden sich zu ihren Vätern versammeln ohne einen Flecken auf
ihrer jungfräulichen Ehre ohne eine Narbe auf ihren Herzen Auch ohne eine
Schwiele die von harter Ackerarbeit zeugte an ihren Händen Von dem was ich
geschaffen habe ich der sie jedes Kleid heimlich als einen Raub an der Familie
Hochsess nachrechneten wissen sie nichts  brauchen sie nichts zu wissen«
    Konrad nickte nur Seit seiner Kindheit hatte ihn nichts so sehr entsetzt
wie die Fledermäuse die abends lautlos den Turm umkreisten und wenn der
Vollmond hell am Himmel stand große schwarze Schatten warfen In seinen Träumen
vermischte sich das Bild der Nachtgeschöpfe mit dem der Tanten Er spielte nie
mit den Geschenken die von ihnen kamen Und so verstand er die Großmutter nicht
nur er dankte ihr für ihr Verständnis
    Während seines Aufenthaltes erholte sich die Gräfin Savelli zusehends Sie
erschien wieder wie einst auf der Terrasse unter den Lorbeerbäumen Noch um
einiges dürrer geworden und noch steifer im Rückgrat saßen die Tanten am
Teetisch die schmalen Lippen fest zusammengekniffen  ein lebendiger Vorwurf
Von der Einweihung Konrads in die Geschäfte des Hauses hatte man ihnen weder
eine Mitteilung gemacht noch waren sie wie es Familienrücksicht geboten hätte
zugezogen worden Der alte Schulmeister der auf dem Schloss das Gnadenbrot aß
erfuhr von dem Ereignis durch Konrads harmlose Bemerkungen und erzählte es
ihnen Er war ein guter luterischer Christ und hatte sich seit seines Zöglings
Fortzug den Fräuleins von Hochsess die allsonntäglich in der Dorfkirche saßen
und jeden Karfreitag pünktlich zum Abendmahl gingen auch nicht versäumten
täglich in ihrem Wohnzimmer mit den blank gescheuerten Dielen und der sehr
bunten Kopie der Sixtina an der Wand eine Andacht zu lesen mehr und mehr
angeschlossen und saß auch jetzt mit der Wahrung respektvollen Abstandes
zwischen ihnen
    »Es ist Ihnen Frau Gräfin als einer Ausländerin wohl unbekannt
geblieben« begann Natalie spitz »dass es der Tradition fränkischer
Adelsgeschlechter widerspricht einen Knaben von achtzehn Jahren in die
Geschäfte einzuführen«
    »Noch dazu ohne Beisein der Schwestern seines in Gott ruhenden Vaters«
ergänzte Elise Hektische rote Flecke malten sich dabei auf ihren spitzen
Backenknochen
    Die Gräfin lehnte sich noch tiefer noch behaglicher in ihre Kissen zurück
und ließ ihre schwarzen Augensterne sichtlich belustigt von einer zur anderen
wandern
    »Der Knabe« sagte sie und griff Konrad unter das Kinn »ja seht ihn nur
genauer an er könnte so bärtig sein wie seine Väter  ist so viel ich weiß
der Herr von Hochsess und hat ein Recht auf die von mir vermittelten Kenntnisse
Auch wollte ich als Ausländerin  es bedurfte Ihrer freundlichen Ermahnung
nicht um meine Erinnerung daran lebendig zu erhalten  nicht länger allein alle
Verantwortung tragen Es kann jeden Augenblick mit mir zu Ende gehen «
    Ein halb bedauerndes halb überraschtes »Oh« der Schwestern unterbrach sie
während der Schulmeister sein Gesicht in feierliche Falten legte Die Gräfin hob
spöttisch abwehrend die Rechte
    »Bitte verschwenden Sie Ihre liebevolle Teilnahme nicht zu früh Der Sommer
und diese Jugend neben mir hielten mich noch einmal von der Italienreise
zurück«
    »Von der Italienreise« frug Konrad erstaunt
    »Ich möchte nicht gern im Ausland begraben sein« antwortete sie in fast
geschäftsmässigem Ton »doch das nur nebenbei Es hat keine aktuelle Bedeutung
Ich bin gesund Ich habe mir selbst ein Mittel verschrieben das mich dem lieben
Familienkreise noch lange erhalten wird«
    »Darf man wissen « Natalie stellte die Frage ohne die Augen von ihrer
Häkelarbeit zu erheben nur das leichte Zittern ihrer Finger verriet dass eine
Ahnung sie folterte
    »Man darf« Frohlockend wie bei einer Siegesbotschaft klang die Stimme der
Gräfin »Wollen Sie mir folgen Ich glaube wir sind alle sehr lange nicht auf
dem Turm gewesen« Damit erhob sie sich und schritt auf den Arm des Enkels
gestützt hoch aufgerichtet voraus
    Auf ihr Klopfen öffnete Giovanni die immer noch kreischende Pforte
Gegenüber dem hellen Tage draußen erschien hier alles in nächtiges Dunkel
gehüllt In engen Windungen stieg die Treppe empor
    »Ich habe sie gekehrt und das Geländer befestigt« krächzte der Alte aus der
Finsternis
    »Führe uns« antwortete die Gräfin
    Mit hart aufklappenden Sohlen deren Ton vom Geräusch seines stöhnenden
Atems begleitet wurde stieg er voran Das Seidenkleid der Gräfin rauschte über
die Steinfliesen dahinter klang das astmatische Hüsteln der Fräuleins und des
Schulmeisters breiter schwerer Tritt Nur Konrad schien unhörbar emporzusteigen
Er ging auf den Fußspitzen dem Licht entgegen das oben durch die schmale
offene Falltür schräg wie missgünstig hereinbrach Unter den vorspringenden
Sparren und Balken hingen reihenweise die grauen Leiber zahlloser Fledermäuse
    In blendender Klarheit öffnete sich oben der Himmel über den Kommenden Von
plötzlichem Schwindel ergriffen setzten sich die Tanten mit dem Rücken gegen
die blaue Ferne auf die oberste der Stufen Der Schulmeister steckte nur den
Kopf ins Freie hinaus Giovanni stand dicht am Rande der Plattform der Wind
klebte ihm die Kleider um die Glieder und sträubte seine graugrünen Haare rings
um den Schädel Die Gräfin lehnte die linke Hand nur leicht auf des Enkels
Schulter
    »Schwindelt dich« frug sie lächelnd
    Er reckte sich in seiner ganzen schlanken Größe kräftig empor
    »Auf der Höhe  in der Sonne  vor solch einem Ausblick  wie sollte mir
schwindeln« sagte er
    »Gedachten Sie durch diesen seltsamen Spaziergang nur Ihre Kräfte an den
unseren zu messen um sich des vollen Triumphs bewusst zu werden Frau Gräfin«
Natalie knüpfte sich bei der spitzen Frage das graue Wolltuch fester um die
fröstelnden Schultern
    »Nein meine Lieben« antwortete die Angeredete freundlich »Ich erbat Ihre
Begleitung um mir nicht wieder Ihren Tadel zuzuziehen denn nur von hier aus
kann ich Ihnen zeigen  falls Sie die Güte hätten auf einen Augenblick Umschau
zu halten  um welch kostbaren Besitz ich das Eigentum meines Enkels Ihres
Neffen habe vergrößern dürfen Sie von der Freude daran auszuschliessen wäre
bitteres Unrecht gewesen«
    Nun standen die beiden grauen Gestalten eng aneinander gedrängt doch auf dem
Turm und in ihre farblosen Augen stieg ein Funke von Neugier
    »Siehst du dort im Tal dicht an der Grenze unseres Waldes das rote Dach
mit den vier dünnen Türmchen an jeder Ecke« wandte sich die Gräfin an Konrad
ohne die übrigen von da ab noch der geringsten Beachtung zu würdigen
    »Eckartshof« antwortete Konrad und grub gleich darauf die Zähne heftig in
die Unterlippe
    »Eckartshof « Giovanni wiederholte es nähertretend Er streckte dabei die
gelben Hände vor sie zu Krallen spreizend als ob er das friedliche Bild da
unten zwischen ihnen zermalmen wollte
    »Von heute ab ist es dein« mit einem langgezogenen Vogelton tönte dies
»dein« der Gräfin Savelli in die Ferne
    »Ah« ein tiefer Atemzug hob Konrads Brust
    »Und der Freiherr  Und die Baronin« stießen die Schwestern mehr entsetzt
als erfreut hervor
    »Sind ruiniert Er hat sich zugrunde gespielt und getrunken Ich kündigte
ihm als Konrads Vormund das Darlehen seines Vaters« Das selige Lächeln das der
Gräfin Antlitz verklärte ließ sie um Jahrzehnte jünger erscheinen Sie legte
den linken Arm um des Enkels Schultern und ihr heißer Atem umhüllte ihn ganz
während sie sich flüsternd zu seinem Ohre neigte »Auf den Knien lag sie vor
mir die weiße Schlange  auf den Knien«
    In diesem Augenblick näherte sich ihnen Giovanni und zog in demütiger
Gebärde die weiße Schleppe der Gräfin an seine Lippen
    »Nun lächelt Madonna Lavinia« sagte er verträumt und all seine Falten
schienen sich zu glätten
    Wortlos schlichen die Fräuleins die Wendeltreppe herab Sie fürchteten sich
    Das war vor dem Examen Konrads letzter Besuch in Hochsess
 
                                Zweites Kapitel
                         Von der Fahrt in die Freiheit
In der Bahnhofshalle von Bamberg brütete die Septembersonne in breiten heißen
Strahlen Sie schien die kurzen Minuten verzauberter Stille benutzen zu wollen
um jeden Rest von Rauch herauszudrängen sie tanzte lustig über alles Blanke und
ließ selbst auf den Steinplatten des Perrons Millionen winziger Sternchen
strahlen
    Drei Männer traten hinaus mit elastischem raschen Schritt der eine so wie
sorglose Menschen gehen mit schweren an der Erde klebenden Sohlen der andere
wie solche die unsichtbare Lasten tragen und hastig trippelnd der letzte als
wäre er ein Greis oder ein Kind
    »Eine halbe Stunde zu früh Verrückt« brummte der zweite eine untersetzte
Gestalt mit den typischen feinen Zügen des Semiten von alter Kultur
    »Weise sehr weise mein Freund« entgegnete lachend der erste ein
hochgewachsener blonder Jüngling der gewohnt sich zu allen anderen
niederbücken zu müssen die Schultern ein wenig nach vorn fallen ließ »und zwar
nach deiner eigenen Theorie lieber Walter Heißt es nicht die Vorfreude
auskosten bis aufs letzte wenn wir hier in steigender Erwartung die Minuten
verstreichen sehen«
    Ein leise meckerndes Lachen antwortete ihm Rasch wandte er sich nach dem
anderen Gefährten um
    »Jetzt steht der Mensch wahrhaftig hinter mir wie eine Leibwache« rief er
halb ärgerlich halb belustigt
    »Euer Gnaden haben geruht mich als Kammerdiener mitnehmen zu wollen«
antwortete der Alte mit einem tiefen Bückling während seine schwarzen Äuglein
zärtlich zu ihm aufblinzelten
    »Damit du vor der Welt ein Amt hast Giovanni du weißt ein Kerl ohne
Titulatur hat keine Existenzberechtigung Aber unter uns« und über des
Jünglings gebräuntes Antlitz huschte ein weiches Kinderlächeln »unter uns bist
du was du immer warst mein Freund« Der Alte drückte die dürren Hände flach
aneinander wie zu einem Gelöbnis
    »Wollen wir nicht wenigstens aus der Sonne gehen« sagte Walter noch immer
voll Missmut
    »Freu dich doch dass sie scheint Sieh nur wie sie selbst diesen öden Bau
in einen Märchenpalast verwandelt«
    »Träumer«
    In diesem Augenblick schien das Leben erwacht Dort rasselte schwerfällig
ein langer Lastzug vorüber hier rangierte mit schrillem Pfeifen eine
Lokomotive drüben klingelte gellend der Telegraph dazwischen sauste ein
Expresszug stolz durch die Halle dass sie bis in ihre Fundamente erbebte das
alles kreischte und fauchte und dröhnte und schrie den Harrenden und Hinund
Widerhastenden in gleichem Allegrotempo sein Vorwärts  Vorwärts entgegen
während dunkle Rauchschwaden alle Sonne verschluckten
    Es läutete Um den langsam hereinstampfenden Personenzug drängten sich die
Landleute Eine grauhaarige Alte die schwer bepackte Kiepe auf dem krummen
Rücken keuchte im letzten Augenblick auf den Perron »Mach rasch Mutter« rief
ein junger Bursche ärgerlich aus dem Koupéfenster
    Konrad Hochsess Stirnadern schwollen »Bande« knirschte er zwischen den
Zähnen und sprang hilfreich zu die Last der armen Frau mit beiden Händen
stützend als sie die Stufen des Waggons emporstieg
    »Wirst du nun einsehen dass das weibliche Geschlecht sich in keinen
einheitlichen Begriff zusammenfassen lässt« sagte Walter »es gibt Damen und
Lastträgerinnen  von alters her«
    »Glaubst du ich werde jemals eine Tatsache als berechtigt anerkennen nur
weil sie die sogenannte Würde des Alters für sich hat« brauste Konrad heftig
auf »Die Würde des Alters Ach« er schüttelte sich wie im Ekel »ich brauche
bloß an unseren Magister zu denken er predigte uns mit eindringlicher
Spekulation auf unsere Tränendrüsen Enthaltsamkeit und betrank sich dass seine
arme Dicke ihn nächtlicherweile auf der Treppe auflesen musste«
    »Was ereiferst du dich Seine Predigten waren nichts anderes als
Schuldbekenntnisse«
    »Ein Schwächling ist noch ekelhafter als ein Heuchler«
    Es läutete abermals der Eilzug Hinter den Freunden klappten die Koupétüren
auf und zu Da lief ein Mädchen mit langen wehenden Zöpfen und glühenden Wangen
ein kleines von Seidenpapier umhülltes Paketchen in der ausgestreckten Hand
über den Bahnsteig Sie suchte Vergebens Niemand sah hinaus Keiner schien für
die Stadt aus der der Zug ihn entführte einen Abschiedsblick zu haben Nur
hinter einem Fenster tauchte etwas auf wie eine Fratze gelb faltig mit tief
heruntergezogenen Mundwinkeln wie nur unauslöschlicher Gram sie zeichnet Das
Mädchen riss bei diesem Anblick entsetzt die hellen blauen Augen auf und starrte
noch auf denselben Fleck als der Zug sich schon in Bewegung setzte erst der
gelle Pfiff brachte sie zu sich Und plötzlich schien sie entdeckt zu haben was
sie suchte ein scharfgeschnittenes Profil  schwarze gerade gezogene
Augenbrauen weiche rote Lippen  blonde Haare Aber der Kopf an dem ihre
Blicke sehnsüchtig hingen wandte sich ihr nicht zu obwohl sie atemlos neben
dem schon rascher fahrenden Zuge herlief Da warf sie ihr Paketchen gegen das
Fenster das Seidenpapier löste sich eine blasse Rose fiel unter die Räder
    Walters dunkler Kopf bog sich einen Augenblick lang hinaus »Das Klärchen«
sagte er zu dem Freunde gewandt
    »Ich weiß« stieß er zwischen den Zähnen hervor
    »Und hast keinen Gruß für sie Gabst du nicht früher dein ganzes Taschengeld
für ihre Eitelkeit aus machtest Fensterpromenaden und Liebesgedichte«
    Der andere warf dem spottenden Freunde einen Blick zu dessen drohender
Ausdruck zu dem Geschehenen in keinem Verhältnis zu stehen schien
    »Erinnere mich nicht Du weißt so gut wie ich dass sie sich an den Egon den
dummen Bengel hängte «
    »Ganz einfach weil er der Durchgefallene in Bamberg blieb und du nicht
rasch genug den Ranzen packen konntest Erwartetest du etwa ewige Treue von dem
Mädchen oder gedachtest du Konrad Freiherr von und zu Hochsess das Fräulein
Klärchen Werber als dein ehelich Gemahl heimzuführen«
    Der junge Mann überhörte diesmal den Spott
    »Ich hatte sie lieb« flüsterte er wie im Selbstgespräch »Wie oft wäre ich
davongelaufen aus Ekel über die Gemeinheit der Bengels um mich aus Wut über
den öden Stumpfsinn den man uns als aller Weisheit letzten Schluss
eintrichterte aus Sehnsucht  ich wusste selbst nicht wonach  wenn die
Kleine nicht gewesen wäre Kaum dass ich ihr die Hand zu drücken wagte  Esel
der ich war  nur dass sie in einer Stadt mit mir lebte dass ich sie hier und
da sehen grüßen ein paar Worte mit ihr wechseln konnte genügte mir«
    Er schwieg minutenlang ein Lächeln um die Lippen um dann aufgerichtet
den Kopf dem Freunde abgewandt als wäre er allein mit sich in steigender
Erregung weiter zu reden
    »Gib uns armen hinausgestossenen mutterlosen Buben solch eine Liebe
gütiges Geschick lass uns solch einem süßen zarten Ding begegnen und es bedarf
all eurer Strafpredigten nicht liebwerte Priester und Professoren Wenn ich
halbwegs gerade wuchs in diesen Jahren  dem Klärchen verdank ichs Nicht
weil sie mich mit guten Ratschlägen fütterte  weiß Gott nicht  nur weil sie
da war«
    Er setzte sich wieder die Ellbogen auf den Knien das Kinn in die Hände
gegraben dem Freunde gerade ins Gesicht starrend »Und schließlich stieß sie 
sie  mich in den Schmutz dass ich mich vor mir selber graue« Aufstöhnend
schlug er die Hände vor das Gesicht
    »Konrad  Konrad« und der Freund suchte vergebens sie zu lösen um ihm ins
Antlitz zu schauen »wie kannst du dem unschuldigen Mädel daran die Schuld
zuschieben«
    Der junge Mann sah auf mit Augen die erloschen schienen »Glaubst du ich
wäre jemals mit den anderen gegangen wenn ich ihrer sicher gewesen wäre Ich
wäre solch ein Schweinigel gewesen unsere Liebe zu beschmutzen Gelacht hätt
ich wie bisher triumphierend gelacht wenn die Kameraden den heiligen Konrad
gehänselt hätten«
    »Früher oder später musste es kommen« meinte der andere zögernd ohne
aufzusehen
    »Es musste  meinst du« Mit bitter geschürzten Lippen sah er auf »Aus
hygienischen Gründen wohl wie die Gelehrten sagen Neulich hat sich einer das
Leben genommen als er von einer Dirne kam Ich verstehs Nur dass ich auch
dafür zu schwach bin«
    »Oder zu stark« warf Walter mit Betonung ein
    »Du glaubst« Konrad zuckte die Achseln »Pah Schütteln wirs ab Wie
alles übrige Jetzt gehts in ein neues Leben«
    Und sie schwiegen beide
    Walter sah zum Fenster hinaus »Die Türme des Doms« unterbrach er lebhaft
die Stille »Dort ganz fern  zum letztenmal So schau doch hinaus«
    »Nein« ungewöhnlich hart kam es über die weichen Lippen »denn nichts aber
auch gar nichts hat diese Stadt mir gegeben was sie nicht mit Wucherzinsen
wieder genommen hätte wenn es nicht dieser erste Tag reiner Freude ist und
jener andere vielleicht vor drei Jahren als ich sie alle Wunder von ihr
erwartend zuerst betrat«
    »Und dankst ihr doch so viel an Wissen und Werden  um mit unserem würdigen
Professor zu sprechen«
    Konrad lachte aber es war sein frohes Lachen nicht »Ins Gesicht hätt ich
ihm springen mögen als er all sein Patos auf diese unvergleichliche
Alliteration verwendete War nicht das Wissen mit dem er und seinesgleichen
unser Hirn belastete und unser Herz einschnürte der mörderische Feind allen
Werdens Wie reich war ich als ich zum erstenmal aller Andacht alles
Wunderglaubens voll da droben vor dem Hochaltar stand zu Füßen des steinernen
Reiters um dessen ritterliches Haupt ich meine Märchenträume spann Und jetzt
«
    Er brach ab Die Falte zwischen seinen Augenbrauen vertiefte sich
    »Jetzt« fiel Warburg ein »jetzt hat man uns in die Welt und in die
Freiheit entlassen um das eigene Leben zu erkämpfen«
    »Mit der Reifeprüfung in der Tasche und doch unreifer als je« spottete
Konrad
    Warburg nickte »Selbstverständlich Denn jede Altersstufe hat ihre eigene
Reife die uns niemand fix und fertig mit auf den Weg geben kann Oder hast du
erwartet sie würde dir sauber verpackt und etikettiert wie irgendein
ApothekerElixier mit auf den Weg gegeben werden«
    Konrads Stirn rötete sich »Wenn dus denn wissen willst ja Ein Elixier 
eins das als Wärme durch die Adern rinnt als Kraft die Muskeln schwellt  das
hab ich unbewusst vielleicht erwartet Nicht goldvortäuschendes dreckiges
Papiergeld das nur den Hunger von alten Geizhälsen stillen kann Freilich«
fuhr er mit einem sarkastischen Lächeln fort »die meisten unserer lieben
Kameraden das stellten wir ja erst neulich fest sind alt geboren darum konnte
ihnen der Wust trockner naturwissenschaftlicher Erkenntnisse zur Weltanschauung
werden darum geraten sie in Ekstase  Begeisterung ist ein viel zu edles Wort
dafür  über jede neueste Luftschiffkonstruktion verwechseln ständig Technik
mit Kultur machen den Beruf zum letzten Lebensideal «
    »Und« ergänzte Warburg »sind doch vielleicht beneidenswert um den festen
Boden unter den Füßen das klare Ziel vor Augen«
    Konrad schüttelte heftig den Kopf »Unser alter Streit Wozu ihn aufwärmen
Du weißt lieber verlier ich mich in den Wolken und stürze zerschmettert hinab
als dass ich jenen festen Boden betrete solch klares Ziel für das meine
erkläre«
    Er lehnte sich mit geschlossenen Lidern in die Kissen zurück
    Beide schwiegen Eintönig ratterte der Zug
    Stunden vergingen Es dämmerte schon als der alte Giovanni vor der Tür
auftauchte
    »Frische Orangen ganz frische Orangen Herr Baron« sagte er und hielt dem
jungen Mann ein Körbchen voll blutroter Früchte entgegen Sie leuchteten
förmlich Konrad griff mit beiden Händen danach und hob sie empor
    »Sieh nur die Pracht« rief er strahlend »Die Äpfel der Hesperiden Die
ewige Jugend Komm Walter lass uns wieder glauben dass wir Götter sind«
    Walter warf einen misstrauischen Blick auf Giovanni »Wo der Kerl nur die
wieder her hat« brummte er Aber der Italiener war ebenso leise verschwunden
wie er gekommen war
Die Freunde hatten beschlossen die erste Nacht ihres Berliner Aufenthalts in
einem Hotel nahe am Bahnhof zuzubringen und sich gleich am nächsten Morgen nach
geeigneten Quartieren umzusehen Dass Konrad den Gedanken an eine gemeinsame
Wohnung auch nicht einen Augenblick zu erwägen schien hatte Walter gekränkt Er
war überempfindlich und um so mehr geneigt eine absichtliche Zurücksetzung
seiner Person anzunehmen als er noch immer nicht zu glauben vermochte dass
Konrads Freundschaft an seiner Abstammung keinen Anstoß nahm Es erschien ihm
darum nunmehr als gewiss dass die äußere Trennung das erste Zeichen der inneren
sei Je näher sie dem Ziele kamen desto missmutiger und einsilbiger wurde er
während Konrad ohne eine Ahnung von den Empfindungen des Gefährten in
wachsender Erregung von Fenster zu Fenster lief
    Wie allmählich aus dem Dunkel der Nacht die Lichter Berlins auftauchten in
glänzender Perspektive ganze Strassenzüge da und dort sich öffneten und der
schwarze Himmel sich allmählich mit einem rosigen Glanz überzog als strahle von
den Häusermassen zaubrische Helle aus da klopfte sein Herz immer ungebärdiger
Weit so weit als wäre es seine eigene nicht lag die Vergangenheit hinter ihm
diese Lichter leuchteten seiner Zukunft
    Er sprang als erster aus dem Zuge und atmete die rauchgeschwängerte Luft
die ihm entgegenschlug mit demselben Entzücken wie der Bergsteiger den reinen
Hauch der Gipfel Traumbefangen lief er die Bahnhofstreppen hinab kaum
bemerkend dass der Freund alle praktischen Erfordernisse der Ankunft für ihn
erledigt hatte Sie standen schon vor dem nahen Gasthaus als er zu sich kam
    »In den Hühnerstall« lachte er »und gleich jetzt Hast du wirklich in
diesem Augenblick nichts anderes zu denken In dieser Nacht sieht mich kein
Hotel Wir wollen frei sein Walter«
    »Morgen wenn wir gegessen und geschlafen haben  du solltest übrigens
nicht vergessen dass der Arzt dich vor Überanstrengungen warnte«
    »Pedant Du machst dich zum Sklaven der Uhr als gingen wir noch ins
Gymnasium und willst mich zum Sklaven einer dummen Muskel machen die nicht
ganz vorschriftsmässig funktioniert«
    »Ich bin müde und das Herz ist mehr als eine dumme Muskel«
    »So geh schlafen« lachte Konrad »morgen früh weck ich dich Philister«
Und schon bog er mit großen elastischen Schritten in die Königgrätzer Straße
ein
    Dass Giovanni ihm hastig trippelnd folgte während seine lebhaften schwarzen
Äuglein unruhig hin und her fuhren schien er vergessen zu haben Mitten auf dem
Potsdamer Platz blieb er stehen Um ihn brauste die Weltstadt Eine endlose
Kette leuchtender Perlen hingen die Bogenlampen der wie Sternzacken nach allen
Richtungen weisenden Straßen am dunklen Himmel unten flogen gelbe braune und
weiße Autos mit großen Lichtaugen vorüber von den Höhen der Häuser warfen
glühende Schriften bunte Pfeile kreisende Ringe ihre wechselnden Farben auf
das Gewühl der Wagen der Pferde und Menschen unter ihnen
    Wie der Schwimmer dem das Meer zum vertrautesten Element geworden ist sich
jauchzend immer höheren Wogen entgegenwirft so eilte Konrad leichtfüssig durch
die abwechselnd sich stauenden und sich vorwärts schiebenden Massen keines
warnenden Zurufs achtend Plötzlich aber sah er auch seinen Schritt gehemmt
denn alles um ihn schien durch einen einzigen Wink des die Straße beherrschenden
Polizisten gefesselt und in den leeren Raum vor ihm ergoss sich von der anderen
Richtung kommend der Strom von Menschen und Wagen Schon suchte er dem jede
Unterordnung unter allgemeine Gesetze verhasst war sich dem Zwang zu entziehen
als der schlanke wie Firnschnee schimmernde Leib eines Autos langsam und fast
unhörbar dicht an ihm vorüberkam zu gleicher Zeit flammte in seinem Innern das
Licht auf und umstrahlte schmeichelnd die üppige Gestalt eines Weibes das
lässig in den blauen Polstern lehnte Die Menschen die Wagen die Pferde
draußen verschluckte die Nacht Nur sie leuchtete ihr Goldhaar und die
Perlenschnüre darin die Haut ihres entblößten Halses das lockende grünlich
schillernde Augenpaar der volle sehr rote Mund der sich über starken weißen
Zähnen lächelnd öffnete Konrad starrte sie an selbstvergessen  war sie ein
Fabelwesen Dem Schoße der schillernden Stadt entsprungen Im nächsten
Augenblick erlosch das Licht die Nacht schlug ihren Mantel um sie mit einem
langgezogenen Klageton wie der Sturm wenn er durch alte Kamine heult glitt der
weiße Wagen vorüber
    Vorwärts schoben sich alle Räder um Konrad tobte aufs neue der Lärm der
Stadt Widerstandslos ließ er sich weitertreiben Durch lange Straßen an hellen
großen Fenstern vorbei hinter denen dichtgedrängt an kleinen Tischen die
Menschen saßen
    Sein Gang verlor an Elastizität sein Blick wurde nüchtern diese bunten
Reklamelichtbilder waren doch eigentlich ein dummer kindischer Witz und wie
müde sahen im Grunde die Menschen aus das Lächeln auf den Gesichtern der Damen
die ihm begegneten war doch nur ein Grinsen Ach auch er war müde Und
irgendeinen Ton hatte er im Ohr der ihn störte den er los werden musste etwas
wie einen unregelmässigen und doch niemals aussetzenden Schritt hinter sich
Zuweilen hatte er sich danach umgedreht sein Blick war aber immer nur
gleichgültigen ausdruckslosen Gesichtern begegnet Er hastete vorwärts durch
eine lange Straße die das Licht der großen Bogenlampen auf halber Höhe der
Häuser ganz zu verschlucken schien während der Menschenstrom unten schwarz
dahinflutete nur hie und da von den Lampen eines Restaurants grell erleuchtet
 so grell dass auch die jüngsten Gesichter die rotgeschminktesten Wangen von
fahler Leichenfarbe überzogen waren
    »Ich habe einen meiner schweren Träume« dachte Konrad und strich sich
mechanisch mit der kalten Hand über die Stirn Dann lachte er hell auf so dass
die neben ihm Schreitenden ihn ängstlich ansahen »Hunger nichts als Hunger«
und er bog mit raschem Entschluss in das nächste Kaffeehaus ein aus dem heitere
Musik und wirrer Stimmenlärm ihm entgegenklang Wie gut es tat still zu sitzen
und bei Essen und Trinken zur Wirklichkeit zurückzukehren Wohin hatten seine
Träume ihn wieder einmal getrieben Die Nixe in der blauen Woge  »eine
geschminkte Dirne« würde Freund Walter gesagt haben Sein ausdrucksvoller Mund
zuckte schmerzhaft Herr Gott wie allein er doch eigentlich war Wo war einer
ein einziger der ganz mit ihm gefühlt ihn ganz verstanden hätte Seine Scheu
vor dem Leben und seine große Sehnsucht nach ihm sein Wünschen ins Weite und
sein Erschrecken wenn das Ferne nahe kam sein Liebesverlangen und seine
rasche grässliche Ernüchterung Was wird die große fremde in diesem Augenblick
von ihm fast als feindselig empfundene Stadt aus ihm machen Er brachte sich ihr
dar war er Marmor für dessen Gestaltung der Künstler schon lebte oder ein
Opfer bestimmt auf den Altären fremder wilder Götter zu bluten Wer einen
Menschen hätte nur einen einzigen Menschen in dieser Wirrnis
    Einen Menschen Wo war Giovanni Er erschrak hatte er den alten Mann mit
dem geheimnisvolle Fäden des Erlebens des Träumens und Erinnerns ihn
verknüpften schon am ersten Abend im Gewühl verloren Er sah sich suchend um
sein Blick tauchte in zwei kleine schwarze Augensterne die mit einem Ausdruck
mütterlicher Liebe und sklavischer Ergebenheit unverwandt ohne die Lider zu
bewegen auf ihm ruhten Er sprang auf »Giovanni  verzeih« und beide Hände
streckte er ihm entgegen Der lächelte nur
    »Jetzt suchen wir uns eine Schlafstelle« damit schob er des Tuschelns
ringsum nicht achtend seinen Arm unter den des Alten
    Sie traten ins Freie Es war tief in der Nacht Und noch ratterten die
Autos rollten die Wagen strömten die Menschen auf und ab Gab es in dieser
Stadt keinen Schlummer
    Ein paar Mädchen mit hochgeschljetzten Kleidern und hauchdünnen Strümpfen
durch die das rosige Fleisch leuchtete strichen dicht vorbei
    »Hast dir wohl den Urjrossvater als Jardedame mitjenommen« lachte die eine
keck das blitzende Gebiss eines jungen Raubtieres zeigend
    »Du  die Blumenjule dort nimmt ihn dir jerne ab« flüsterte die andere die
sehr groß und gertenschlank war dicht an seinem Ohr ihr Mantel schlug
sekundenlang auseinander die weiße schimmernde Brust entüllend aus der eine
Woge starken Duftes emporstieg In Konrads Schläfen pochte das Blut
    Ein blutjunges schmächtiges Ding mit großen übernächtigen Augen um die
das Laster schwere schwarze Ringe gezogen hatte in einem schmalen
Kindergesichtchen vertrat ihm den Weg sich wortlos anbietend Er schob sie
beiseite
    »Ach so einer sind Sie  sooo einer« knirschte sie rachsüchtig Zwei junge
Männer noch ganz knabenhaft die Schirmmützen über das lockige Haar keck nach
hinten geschoben drängten sich dazwischen ein langer vielsagender Blick aus
vier Augen von unten herauf streifte Konrad von einem gedehnten »na  « und
einer Bewegung begleitet die ihn beinahe zwang mit der Faust in die frechen
Gesichter zu fahren Fluchend stob das Paar auseinander
    Er hastete weiter ihm war als müsse er dumpfer stickiger Luft entfliehen
Aber sie folgte ihm Die Nebenstrassen die Mietshäuser die Torbogen hauchten
sie aus und alles was sich schämte und ängstigte kroch hervor Kinder mit
fahler sonnenentwöhnter Haut Streichhölzer in den dünnen Händen die sie
automatenhaft einem jeden entgegenhielten alte Weiber aus deren faltigem
Antlitz rot umränderte lidlose Augen schauten Von Ekel gepackt gegen das
vergebens sein Mitleid kämpfte machte Konrad einen weiten Bogen um sie Schon
atmete er auf hier endlich war die Straße breit und leer
    Plötzlich aber stand eine neben ihm groß und schattenhaft grau umhüllt
Trug sie heimlich die Peitsche der Furien unter dem Tuche Konrad drängte
vorwärts Der Alte dagegen  war es Neugierde wars Erschöpfung  hielt ihn
zurück
    »Komm Giovanni komm« rief er ungeduldig und wollte an der Grauen vorüber
die ihn schaudern machte
    Doch Giovanni hörte nicht er stand jetzt dicht vor ihr
    »So kriechen sie auch daheim des Nachts auf den Straßen« flüsterte er und
griff nach seinem Beutel
    Da schlug die Graue das Tuch auseinander ein winziger Kopf braunrot
verschrumpft wie das Greisenhaupt eines Erdgeistes zeigte sich aus einem
klaffenden Mund drang ein Gewimmer in schneidendem Falsett aus ausdruckslosen
Augen strömten Tränen als ob der ganze winzige elende Kinderkörper sich
auflösen wollte in ihrer Flut Giovannis Augen weiteten sich mit verstörtem
Blick starrte er die Mutter an und den Säugling während seine Hand den Arm
Konrads umkrampfte
    »So schlich die Mutter umher mit mir « kam es wie in verhaltenem
Schluchzen aus seiner Kehle
    Schon sammelten sich Vorübergehende um die Gruppe mit jener lüsternen
Neugierde der Grossstädter die für ihre schlaffen Nerven in jedem Ereignis eine
aufpeitschende Sensation zu wittern pflegen Aber ehe sie noch Zeit hatten
ihrem Spott über das Schauspiel verletzenden Ausdruck zu geben hatte Konrad den
Alten in den nächsten vorüberkommenden Wagen gezogen
    Er brachte den ganz Verstörten vorsorglich bis hinauf in sein Hotelzimmer
und stand von der Sorge um ihn erfüllt noch minutenlang lauschend an der Türe
»O madre mia« murmelte leise weinend eine Greisenstimme dann war es still
Helle Herbsttage die in Berlin wie junger Frühling wirken so mild so
blütenreich sind sie verscheuchten alle Nachtgespenster Ihrer Klarheit schien
nur das Wirkliche stand zu halten Konrads Seele die einem See geglichen hatte
dessen Tiefe von jedem Luftzug aufgewühlt wurde so dass die Bilder der Außenwelt
sich in seinen Wellen und Kreisen und Strudeln nur verwischt und verzerrt
wiedergaben wurde mehr und mehr zu einem Spiegel der alles ihm Begegnende
scharf umrissen zurückwarf
    »Lass mich zunächst nur sehen nichts als sehen« sagte er zu Walter der nun
schon seit Wochen in Arbeit und Studium steckte und ihm seine Untätigkeit zum
Vorwurf machte
    »Du wirst verliedern wenn du dir kein Ziel steckst da das Leben dir leider
keins aufzwingt« antwortete der
    »Im Augenblick weiß ich kein schöneres als glücklich sein« meinte Konrad
Sie saßen zusammen vor einem Kaffeehaus des Westens und die Sonne tanzte in
lauter goldenen Strahlen über die bunten Bäume über den blinkenden Asphalt
über die vielfarbigen Kleider der vorüberwandernden Frauen Und nun warf sie
einen Schatten über den weißen Tisch der in seiner plötzlichen Kühle an den
Herbst erinnerte Zwei Menschen ein Mädchen und ein Mann waren herzugetreten
Walter begrüssend Des Mädchens ernste ruhige Augen hatten sich Konrad
zugewandt »Es gibt nur ein würdiges Ziel allen Strebens glücklich machen«
sagte sie herb Konrad erhob sich halb erstaunt halb verlegen
    »Herr Pawlowitsch Fräulein Gerstenbergk  mein Freund Baron Hochsess«
stellte Walter Warburg vor Sie kamen rasch ins Gespräch Das Mädchen hatte mit
einer gewissen Absichtlichkeit wie es schien den Rücken der Straße zugewandt
    »War es der Ausdruck einer Laune oder der einer Überzeugung der Sie vom
schönsten Ziel dem Glücklichsein sprechen ließ« begann sie Ihre Frage
verletzte Konrad ebensosehr wie ihre erste Anrede Wie kam dieses fremde Mädchen
dazu alle Stufen und Stationen des Bekanntwerdens zu überspringen die solchen
Unterhaltungen vorangehen müssten dabei lag nichts Aufdringliches nichts intim
sein Wollendes in ihrem Wesen
    »Keines von beiden« entgegnete er zurückhaltend »sondern der eines
momentanen Wohlbefindens« Eine leise Enttäuschung malte sich in ihren Zügen
Sie antwortete nicht sondern sah von nun an an ihm vorbei
    »Ich würde den Ausspruch des Herrn Barons als Überzeugung hochschätzen und
mit Ihrem Ziele für identisch halten« meinte Pawlowitsch mit dem scharfen
Akzent des Russen zu Else Gerstenbergk gewandt »Ihr Glücklichsein ist glücklich
machen«
    »Unser alter Streit« rief sie lebhaft »Sie wollen negieren was groß und
stark ist Aufopferung Selbstverleugnung Hingabe«
    »Negieren  nein Nur ihrer Erhabenheit entkleiden«
    In Elses blasse Wangen stieg das Rot der Erregung »Wollen Sie vielleicht
behaupten dass die Jahre auf der PeterPaulsFestung die Ihre Gesundheit
untergruben dass der Aufenthalt Ihrer Freunde und einstigen Kampfgefährten in
Sibirien dass der Tod von Tausenden für die Sache der Freiheit nichts als Folgen
egoistischer Handlungen sind«
    »Egoistisch Sie lieben es Worte zu brauchen deren Inhalte feststehen wie
Bronzeguss in der Form,« entgegnete mit einem fast geringschätzigen Achselzucken
Pawlowitsch »wir sollten andere suchen solche denen erst der Inhalt Form zu
verleihen vermag«
    Die beiden Freunde hatten zuhörend dabeigesessen
    »Sie gehen wie mir scheint Fräulein Gerstenbergks Frage aus dem Wege«
warf Warburg dazwischen Pawlowitsch sah mit vielsagendem Blick ringsum der
enge Garten mit den dicht aneinander gerückten Tischen hatte sich gefüllt man
berührte den Nachbarn mit Rücken und Ellenbogen
    »Sie kennen das Sprichwort von den Perlen und den Säuen« spottete Else »es
gehört zu den wenigen Grundsätzen von Pawlowitsch«
    »Ich hasse es« fiel Konrad mit so starker Betonung ein dass sich aller
Blicke ihm zuwandten »Von Perlen verstehen die Schweine nichts was schadet es
also den Perlen wenn sie vor ihre Füße fallen Aber vielleicht wäre ein armer
Dichter Hungers gestorben wenn er sie nicht im Vorübergehen gefunden hätte Wer
nicht verschwenden kann wie die Natur die Milliarden von Lebenskeimen
verstreut damit Hunderte aufgehen der«  er stockte es schien ihm unhöflich
seiner feindseligen Stimmung gegen den Russen Ausdruck zu geben
    »Nun« lächelte Pawlowitsch sarkastisch »Sie strafen Ihre eigene Theorie
Lügen wenn Sie die letzte Ihrer Perlen verschlucken«
    » ist selbst ein Bettler« vollendete Konrad scharf
    Der Russe maß ihn statt aller Antwort von oben bis unten und wandte sich mit
einer Wendung die den Stuhl ins Wanken brachte an Warburg
    »Sie sind stets der Klügere Sie schweigen« sagte er »Kommen Sie morgen
abend in meine Vorlesung Nicht um ihrer selbst willen Ich spreche über
deutsche Literatur Eine alte Liebe aus meiner Berliner Studentenzeit Aber
eigentlich eine Unverschämtheit von einem Ausländer Trotzdem wird Sies
interessieren Wegen des Publikums Ich habe ein paar klare Köpfe unter den
Hörern Arme Grossstadtjungens Mit festen Zielen ohne Träume«
    Warburg nickte »Gern Jede neue Welt die sich eröffnet ist eine
Bereicherung«
    »Das hätten Sie nicht tun sollen« flüsterte Else indessen Konrad zu »Er
opferte alles seinen Idealen und was er jetzt zuweilen sagt enthüllt nur sein
verbittertes Gemüt Gerade Ihnen könnte er vieles geben«
    Konrads Stirn rötete sich Er bereute seine Schroffheit Mit welchem Recht
hatte er sich ein Urteil herausgenommen er der nichts gar nichts war
    »Wie meinen Sie das« frug er in aufrichtiger knabenhafter Bescheidenheit
    »Ich sehe nur dass Sie sehr jung sind« antwortete sie
    »Und töricht und leer wollen Sie sagen«
    »Töricht  vielleicht Aber wie einer der nach Weisheit verlangt Und leer
wie einer der ganz erfüllt sein möchte«
    Die Worte fielen ruhig fast geschäftsmässig von des Mädchens blassen
schmalen Lippen und wirkten trotzdem auf Konrad wie ein plötzlich aufgerissener
Fensterladen auf die übernächtigen Augen des Kranken Wer war sie Forschend
strich sein Blick an ihr entlang Sie war nicht hübsch klein zart und blass
und eine Kühle umgab sie die sich abwehrend zwischen sie und alle anderen
schob Ihre Hände aber die übereinandergelegt auf der weißen Tischplatte lagen
schienen ihr ganzes Wesen Lügen zu strafen an ihnen blieb Konrads Blick haften
Sehr weich und weiß waren sie wie knochenlos die Nägel an den spitzen Fingern
so durchsichtig zart wie ein Rosenblättchen im Spätherbst  Hände zum
Streicheln geschaffen Empfanden sie wie ein Mädchen das arglos seine Schönheit
enthüllt und sich plötzlich fremden Augen gegenüber sieht Konrads Staunen Sie
glitten vom Tisch und versteckten sich in nonnengrauen Kleiderfalten Konrad sah
auf
    »Erfüllt sein so erfüllt von einem einzigen großen Gedanken einem einzigen
beherrschenden Gefühl dass nichts anderes Platz hat daneben dass es nur einen
Weg ein Ziel gibt  wie herrlich muss das sein« sagte er
    Pawlowitsch der kaum zugehört zu haben schien wandte sich ihm ebenso rasch
wieder zu als er sich abgewandt hatte
    »Die größte Grausamkeit ist es Selbstmord Nur ein hirnloser Spieler setzt
alles auf eine Karte«
    »Oder ein Held« rief Konrad lebhaft
    Pawlowitsch schnitt eine Grimasse wie einer dem eine Mücke aufs Augenlid
sticht
    »Held Vermeiden wir doch die großen Worte Übrigens wenn Ihr Held alles
verliert«
    »Er behält sich selbst und hat damit im Grunde nichts verloren« In
Pawlowitsch Augen blitzte es flüchtig auf Er streckte Konrad über dem Tisch
die Hand entgegen
    »Sie scheinen ja wer zu sein« sagte der Russe »nicht bloß ein Körnchen
mehr das unsere große Mühle in den allgemeinen Mehlbrei stampft Aber was zum
Teufel hat Sie in der Blüte Ihrer Jugend in diese Hölle verdammt«
    »Die Sehnsucht nach dem Leben« entgegnete Konrad
    Als ob er des Freundes patetische Frage ins alltäglich Verständliche
übersetzen müsste fügte Warburg hinzu »Schon seit zwei Jahren waren wir
entschlossen gemeinsam in Berlin zu studieren Sie ahnen wohl kaum wie schwer
die Luft einer Stadt wie Bamberg auf jungen Köpfen lasten muss«
    »Einbildung nichts als Einbildung« rief Pawlowitsch »Bamberg eine Stadt
bis zum Rande gefüllt mit Traditionen voll ehrwürdiger Schönheit und
Heimlichkeit mit stillen Winkeln zum Träumen Was für ein Kerl könnte aus einem
Menschen werden der in solch einem Neste wurzelt Aber Berlin  die Großstadt 
der die jüngsten der Gelbschnäbel jetzt ihre Maienlieder singen Haben Sie
einmal von der afrikanischen Zauberschlange gehört Sie rollt ihren gleissenden
Leib in der Sonne zusammen wenn sie Hunger hat streckt den zierlichen Kopf in
die Höhe lässt die großen funkelnden Augen rollen und das spitze feuerrote
Zünglein spielen während ihrem Körper ein berauschender Duft entströmt wie «
In diesem Augenblick ging draußen mit einem leichten Wiegen der üppigen Hüften
eine Frau vorüber ein weißer Seidenrock umspannte eng ihre Formen während der
faltige schwarze Tüll der darüber fiel wie der Schleier der Türkin wirkte
der statt zu verhüllen nur zum genaueren Sehen verlockt Pawlowitsch stockte
sekundenlang zog den Hut ein wenig lässig und lächelte ihr zu um dann während
sie ganz langsam weiterging mit lauter Stimme fortzufahren »Ein Duft wie von
der Haut eines sehr reifen sehr üppigen Weibes Alles Getier taumelt der
Schlange solange sie hungert von selber zu Und Berlin hungert immer«
    Er schwieg sichtlich zerstreut Die Sonne hatte sich gesenkt Fröstelnd und
um einen Schein blässer erhob sich Else »Wir wollen gehen« sagte sie Keiner
achtete darauf
    Konrad starrte mit großen Augen die Straße herunter das weiße Auto die
Nixe mit den Perlen im Haar Nein  nein Wie konnte er die Schöne nur durch
diesen Vergleich beleidigen
    Pawlowitsch stand auf Else erhob sich zu gleicher Zeit als wäre das
selbstverständlich
    »Kann ich Sie beide morgen abend erwarten« frug er nun wieder ganz Herr
seiner selbst »Gewerkschaftshaus Kleiner Saal Fragen Sie nur nach dem
Vortragskurs Literaturgeschichte« Die Freunde nickten zustimmend Am Ausgang 
Konrad hielt die weiche Hand Elsens in der seinen  schien sie zu zögern den
Mund zu einem Wort öffnen zu wollen Es blieb unausgesprochen
    Als sie gegangen waren wandte sich Konrad fragend an Warburg »Wie stehen
die zueinander«
    »Sie ist so sagt man seine Frau Eine der vielen freien Ehen die hier
gang und gäbe sind Nur dass für den weiblichen Teil wie mir scheint« und er
knipste sich nachdenklich ein paar Brotkrümchen vom Ärmel »die Freiheit
illusorisch ist«
    In diesem Augenblick betrat eine Gruppe junger Leute den Garten sie waren
fast alle im Tennisdress hatten schlanke oft überschlanke Gestalten bartlose
gebräunte Gesichter Einer der stattlichste von ihnen fuchtelte mit dem Racket
in der Luft herum auf das voranschreitende Mädchen lebhaft einsprechend
    Warburg zog vor der Näherkommenden den Hut Im Kolleg des berühmten
Mediziners war sie seine Nachbarin
    »Sie sind es« rief sie lebhaft ihm die Hand kameradschaftlich
entgegenstreckend Sie stellte ihn ihren Begleitern vor »Mein
Gesinnungsgenosse« fügte sie triumphierend hinzu um zu Warburg gewendet
erklärend fortzufahren »Eben haben sie noch das Blaue vom Himmel herunter
geredet um mir zu beweisen dass Frauenstudium ein Widerspruch in sich ist Ich
bin schon ganz heiser vor lauter Verteidigung denn Männer müssen wenn sie sich
mit unsereinem streiten mehr überschrien als überzeugt werden Jetzt überlasse
ich Ihnen die Waffen Sie haben schon gestern nach dem Kolleg bewiesen dass Sie
fechten können«
    Warburg fühlte sich sichtlich befangen denn aller Augen ruhten nicht ohne
leisen Spott auf ihm
    »Ich finde die Frage so einfach dass ich sie als solche gar nicht mehr
ansehen kann« sagte er zögernd »Wenn die Frauen etwas leisten und das haben
sie in der Medizin zum Beispiel schon bewiesen so kann die Berechtigung zum
Studium ihnen nicht mehr abgesprochen werden«
    Der den die Studentin als Rolf Eulenburg vorgestellt hatte lachte »Sie
machen sichs leicht mein Lieber Ich werde nächstens im Seminar nach Ihrem
Beispiel die Tese verfechten weil die Weiber im Bergbau unzweifelhaft mal was
geleistet haben müssen sie wieder in die Erde kriechen Nein  das ist alles
Blech « fuhr er dann ernster werdend fort »fadenscheinige Beweise Sehen Sie
sich nur das Mädel an teuerster Frauenlob Vor zwei Jahren sprangen wir
zusammen als fidele Wandervögel über das Johannisfeuer ich ein schlaksiger
blasser Bengel sie eine rote Herzkirsche Und jetzt Ich bin « er reckte die
Arme dass der breite Brustkasten hervortrat und drehte den Kopf mit der
gebräunten Stirne den frischen Lippen und hellen Augen siegesbewusst nach allen
Seiten »sie aber ist kreideweiss hat mit ihren zwanzig Jahren schon son Stich
um den Mund wie die Frauenrechtlerinnen wenn sie die Männer begeifern und
fängt an  nimms mir nicht übel Hedwig  dem schlaksigen Bengel von damals
verdammt ähnlich zu sehen«
    »Deine Beweise zeugen von echtester Männerlogik« rief sie mit blitzenden
Augen »wenn ich wie du die Hörsäle nur von außen betrachten würde meine Tage
beim Reiten und Schwimmen bei Tennis und Fussball vertrödelte dann wäre ich die
zu einem bloßen Muskelmenschen passende Kuhmagd «
    »Also ein Weib« warf Eulenburg heftig ein
    »Dafür aber bedanken wir uns« klang ihre scharfe Entgegnung »wir wollen
erobern was bisher euer alleiniges Besitztum war und was ihr gering schätzen
lerntet weil es euch niemand streitig machte das Reich der Wissenschaft Aus
dem Überschuss brachliegender geistiger Kraft heraus ringen wir um unsere
Menschwerdung«
    »Und wir« der Mann und das Mädchen standen sich einen Augenblick lang wie
zwei sprungbereite Raubtiere gegenüber »aus dem Überschuss unserer
brachliegenden Körperkräfte um die unsere Wir haben es satt bloße
Gehirnmenschen zu sein das heißt Väter von Trotteln« Hedwig Mendel wandte
sich ab während Eulenburg zu den anderen gewendet ruhiger weiter sprach »Da
habt ihr ihn wieder den unheilvollen Gegensatz der Geschlechter während wir
uns endlich unserer Männlichkeit erinnern werden die Weiber « Er vollendete
nicht
    »Es entwickelt sich naturgemäß ein anderer geistiger in seiner Art
schönerer Frauentypus« sagte Warburg durch einen dankbaren Blick Hedwigs
belohnt
    »Waren Sie schon mal auf einem Frauenkongress« frug der starrköpfige
Widersacher Warburg schüttelte den Kopf »Na also« meinte der andere
sarkastisch
    »Sie reden wien Tauber vom Flötenspiel« sekundierte ihm ein schmächtiger
Jüngling sich mit den langen Fingern an denen die Nägel auffallend glänzten
durch die spärlichen blonden Haare fahrend »Eine denkende Frauenstirn wird
faltig ein Frauenmund der doziert wird herb«
    »Die Studentinnen die ich bisher gesehen habe beweisen das Gegenteil«
erwiderte Warburg sehr bestimmt
    »Glauben Sie denn dass der Norden seine Erfahrungen an Ort und Stelle
gesammelt hätte«
    »Der weiß nicht mal wo die Universität ist« lachte es vielstimmig
durcheinander Eine allgemeine Unterhaltung entspann sich Diesen Augenblick
schien Eulenburg erwartet zu haben Er wandte sich ganz dem Mädchen zu und
beugte im Eifer der Rede den Oberkörper immer weiter vor während seine Stimme
zu einem Flüstern herabsank
    »Weißt du woran du dich zur Mitschuldigen machst An einer Sünde wider die
Natur so einer die nicht vergeben werden kann Ihr wollt unsre Kameradinnen
sein unsre Arbeitskollegen  seis drum Das gelingt vielleicht Wir werden
mit euch über Gott und Welt debattieren euch unsre Seelenkämpfe anvertrauen 
mit heißem Kopf aber mit kaltem Herzen« Er sah sich um Die anderen waren so
vertieft im Gespräch dass sie seiner kaum noch achteten Er rückte ihr ganz nahe
und schien sie mit den Augen zu umfassen »denn lieben weißt du lieben  in
die Arme nehmen und küssen und herzen werden wir die anderen die dummen
weichen runden Mädels«
    Sie bog sich mit einer energischen Gebärde weit zurück ihre Augen
funkelten »Für dich und deinesgleichen magst du recht haben« sagte sie
hochmütig und ohne die Stimme zu senken so dass die Tischgesellschaft
unwillkürlich aufhorchte »wer von uns würde euch aber auch eine Träne
nachweinen« Und sie wandte sich die Möglichkeit einer Antwort abschneidend an
Konrad den einzigen der bisher stumm geblieben war »Sie denken in der
Frauenfrage wie Ihr Freund« Es entspann sich eine Unterhaltung ohne inneren
Anteil Konrad fühlte dass sie ihr eine Hilfe war und ging mit erzwungener
Lebhaftigkeit darauf ein
    »Kellner einen Whisky« rief Rolf Eulenburg grimmig und stürzte das
Getränk sobald es ihm gereicht wurde hastig hinunter Dann stand er
geräuschvoll auf ohne dass Hedwig es zu beachten schien stieß heftig seinen
Stuhl zur Seite und wandte sich die Hände in den Hosentaschen zwei Mädchen zu
die mit vielsagendem Lächeln und langen Blicken schon längst die Verbindung mit
den jungen Leuten am Tisch vor ihnen hergestellt hatten
    »Süss ist die Nini heute« hatte Konrad den blassen Jüngling mit den breiten
Nasenlöchern neben sich flüstern hören
    »Totschick« sekundierte ein anderer das reizende Persönchen gegenüber in
dem engen feuerroten Kleid von den schmalen Lackschuhen und dünnen Strümpfen bis
zu der kecken Zipfelmütze über dem Bubengesicht sachkundig musternd Und sie
reckte und streckte sich fuhr mit der gepflegten nur etwas zu kurzen Hand über
die runde Hüfte wippte mit den ein wenig zu breiten Füßchen so dass das
ebenmässige Bein das nur an der Fessel hätte schlanker sein müssen bis zu den
Knien sichtbar wurde nestelte dann an dem tiefen Ausschnitt ihrer Bluse bis
die beobachtenden Augen drüben dem Spiel ihrer Finger folgten und den Leberfleck
entdeckten der herausfordernd zwischen dem Ansatz ihrer Brüste saß
    Man unterhielt sich über sie zuerst leise dann lauter es klang aufreizend
wie das Gesumme eines Bienenschwarmes
    »Jetzt hat sie der Grote «
    »Und tanzt mit ihr Tango «
    »Und füttert mit Versen das hungrige Mäulchen «
    »Die süße Muse erotischer Dichtung «
    Man lachte zwinkerte mit den Augen paffte Zigarettendampf in breiten
Ringen in die nach Welken und Modern duftende Herbstluft Dann fiel leise
Eulenburgs Name  einmal  ein zweites Mal Und man lachte wieder
    »Ihnen widerstrebt also der Gedanke an eine gelehrte Frau« sagte Hedwig mit
einem abwesenden gezwungenen Lächeln ihre Hände spielten nervös mit der
Schleife an ihrem Gürtel ihre Stimme zitterte leise
    »Meiner Empfindung gewiss« antwortete Konrad gequält  er hatte die
Unterhaltung krampfhaft aufrecht erhalten um das Mädchen von der Szene
abzulenken die sich vor ihm abspielte  »wenn auch nicht meinem Verstande Das
sind stets die beiden unversöhnlichen Gegner in mir«
    Doch sie hörte nicht mehr was er sagte Sie stand auf wobei sie mit dem
Knie gegen den Tisch stieß Gläser und Tassen klirrten aneinander Sie ging
ohne sich umzusehen Die jungen Männer senkten die Köpfe einige erröteten wie
ertappte Sünder Eulenburg der bisher am Tisch nebenan überlaut geschwatzt und
gelacht hatte verstummte warf ein paar böse Blicke hinüber und rief »Hat ihr
einer von euch weh getan«
    »Wer anders als du selbst« klang es dagegen
    »Ich hab ein Recht dazu dass ihrs wisst aber ihr  ihr«  er stand jetzt
mitten unter ihnen und hob die Faust  »hütet euch«
    Mit einem spöttischen Lächeln sah der Sommersprossige dem Zornigen in das
rote Gesicht
    »Du bist mir gar der Rechte sie auszulachen« fuhr Eulenburg fort »läufst
als ein Sportsmann also als ein Nichtstuer herum und hast keinen Respekt vor
einem armen Mädel das sich schindet Ich werd ihn dir beibringen hörst du«
Die anderen suchten ihn zu beruhigen er aber machte mit Ellenbogen und
Schultern ein paar verächtliche Bewegungen
    »Soupier noch mal mit dem Grote Nini« rief er mit einer halben Wendung
des Kopfes und streckte gleich darauf Warburg die Hand entgegen »Sie standen
ihr bei« und zu Konrad gewandt »Sie auch Ich danke Ihnen« Er sah ihm gerade
ins Gesicht »Wie wohltuend jung Sie sind Kommen Sie Ich muss mir den Ärger
verlaufen«
    Und sie gingen als wären sie alte Freunde Eulenburg sprach wie ein
entfesselter Sturzbach »Ich zanke mich immer mit ihr  immer Aber ich wüte im
Grunde nur gegen mich selbst weil ich nicht los kann Ist es nicht ein gültiger
Beweis für den teuflischen Ursprung unserer Weltordnung dass zwei wie wir ein
Dutzend Prachtexemplare der Menschheit in die Welt setzen könnten « Konrads
halb erstaunter halb verletzter Blick traf ihn Er lachte »Ach so Bei Ihnen
spricht man noch augenverdrehend von Rosen und Vergissmeinnicht wenn man liebt
Wir sind wahrhaftig geworden brutal wenn Sie wollen wie die Wirklichkeit die
scheussliche Wirklichkeit die das Mädel wie ein saftloses Blatt«  er stieß mit
dem Fuß an einen Haufen raschelnden Herbstlaubs  »vom Baum des Lebens fallen
lässt und den Mann zwingt sich an perverse Frauenzimmer wegzuwerfen«
    »Zwingt« wiederholte Konrad gedehnt
    Und Warburg meinte bedächtig »Ist es nicht ein Zeichen von Dekadenz den
Regungen der Sinne so haltlos folgen zu müssen sie überhaupt so wichtig zu
nehmen«
    »Ganz im Gegenteil« antwortete der andere »Was als Dekadenz erscheint 
Sie haben wohl auch draußen im Reich von braven Philistern die die eigentlich
dekadenten sind schaudernd von ihr reden hören  ist nur französelnder
Firnis krampfhaft eingeführt weil wir nun mal Narren der Kultur sind und
alles was drüben glänzt mit ihr verwechseln Unsere erwachte Sinnenfreude ist
Bejahung des Lebens Dass wir dabei über die Stränge schlagen ist auch nur ein
Zeichen von Kraft  einer überschüssigen leider weil uns in dieser dummen Welt
nirgends Gelegenheit geboten wird sie in Leistungen umzusetzen«
    In diesem Augenblick strömten den Wandernden aus den langsam sich
schliessenden Kauf und Bureauhäusern die Scharen der männlichen und weiblichen
Angestellten entgegen
    »Wie« rief Warburg unwillkürlich stehen bleibend »in dieser Stadt
rastloser Arbeit klagen Sie um den Mangel an Leistungsmöglichkeiten«
    »Die verschiedenen Metoden grossstädtischen Gelderwerbs sind doch keine
Leistungsmöglichkeiten in meinem Sinn« antwortete Eulenburg »Glauben Sie dass
die Mädels durch Leistungen die ihren natürlichen Wünschen und Fähigkeiten
entsprächen bleichsüchtig und schmalbrüstig würden wie die da Und sich nun
denken zu müssen dass solche wie die Hedwig sich in die Unnatur auch noch
krampfhaft hineinsteigern Wenn der Verstand den letzten Rest von Instinkt auch
in den Weibern vernichtet hat und sie umherlaufen wie wohlkonstruierte
Rechenmaschinen deren Exempel immer stimmt dann möcht ich bei Gott an dem
Ast da baumeln und dem gesamten Kurfürstendamm die blau angelaufene Zunge
entgegenstrecken«
    Es war dunkler geworden Die drei Gefährten standen abschiednehmend auf dem
Platz vor dem großen Kaufhaus hinter dessen Spiegelscheiben es von Seide und
Spitzen Blumen und Federn gleisste und glänzte Sie tauschten in der Absicht
häufigen Verkehrs ihre Adressen aus
    »Bei der Wanda Fennrich wohnen Sie« sagte Eulenburg sichtlich überrascht zu
Konrad »Wie gefällt es Ihnen«
    »Ich soll es selbst noch erfahren« antwortete dieser »Bis jetzt war ich im
Hotel« Eulenburg zwinkerte vielsagend mit den Augen »Na  wohl bekomms«
sagte er
    Sie trennten sich Konrad nahm ein Auto und fuhr in die innere Stadt Die
neugierige Ungeduld die ihn je weiter er kam desto stärker beherrschte ließ
Vergangenes und Gegenwärtiges mehr und mehr als Nebelbilder erscheinen die
schließlich am Horizont seiner Gedanken träumerisch ineinander verschmolzen
Sein eigenes Heim erwartete ihn  nach Wochen unruhigen Hotellebens zum
erstenmal Er hatte Giovanni der sich mit erstaunlicher Schnelle in Berlin
zurechtfand das Suchen danach überlassen und ihn von da ab kaum mehr gesehen
Zuweilen nur entdeckte er ihn irgendwo im Strassengewühl wie er sich eilig und
scheinbar ohne rechts und links zu sehen hindurchwand Hie und da erschien er am
frühen Morgen an seinem Bett um ihm nichts als ein »niente« achselzuckend
zuzuflüstern
    Heute aber war er wie ein Sieger gekommen das ganze Gesicht von Lachen
erhellt und hatte alle Kammerdienerallüren vergessen als er dem noch
Verschlafenen in überstürzender Hast von seiner Entdeckung erzählte »eine
bildsaubere Wirtin schwarz und stattlich  und wie sie sich freute Nicht wie
die anderen alten Hexen die einen schon an der Türe musterten als wäre man ein
Strolch Nur ein paar komische kleine Hunde hat sie  der Mann ist tot  und
eine Tochter Die Zimmer mit großen Stühlen und breitem Bett Gut sollst dus
haben bambino mio  sehr gut« dabei hatte er Konrad als wäre er der Knabe
von einst den blonden Kopf gestreichelt Der hatte kaum hingehört und von allem
Geschwätz nur eins verstanden dass der stille Winkel gefunden war nach dem er
sich sehnte
    Jetzt  endlich  würde er zu sich selber kommen Er war sich bewusst dass
dies eine Notwendigkeit war wenn er den Wirbelwinden Berlins nicht zum
haltlosen Spielzeug werden sollte
    Irgend etwas dessen er sich nicht bewusst wurde ließ ihn aus seinen Träumen
auffahren es war wohl die Stille nachdem eben erst der Lärm der Stadt in
Räderrollen Klingeln Tuten und Traben um ihn getobt hatte hier auf dem
schmalen Platz in den die große Straße plötzlich mündete spielten kleine
Kinder größere umkreisten ihn auf Rollschuhen und vor den Vorgärten saßen
rundliche Frauen die Hände im Schoss verschlungen und behäbige Männer die Füße
in gestickten Pantoffeln behaglich von sich streckend Sie sahen alle auf 
verwundert erschrocken ja geärgert als die Hupe des Autos das Konrad
brachte ihre Feierabendruhe unterbrach Noch ehe er ausstieg fiel sein Blick
auf den großen tiefen Garten der den Platz erst zu einem Platze machte denn
sein Gitterwerk mit den hohen Büschen dahinter war wie ein Damm an dem der
Strom der Straße sich brach gezwungen zurückzufluten woher er gekommen war
»Die Sternwarte« sagte der Chauffeur Aus dem Grünen ragte eine große Kuppel
hervor die hell erleuchtet war alle anderen Häuser standen ringsum in ihren
einfachen glatten grauen Kleidern und sahen aus vielen kleinen Lichtaugen in
ehrfürchtigem Staunen auf sie
    Giovanni kam seinem Herrn entgegen Er schien hier schon ganz heimisch denn
die Kinder unterbrachen ihr Spiel als sie ihn sahen und drängten sich um ihn
    »Ein Kunststück Onkel« quälten sie »das mit dem Ball«  »Nein mit den
Karten«  »Oder dem Groschen« Und ein kleines Ding hielt ihm in gläubiger
Bitte die zerbrochene Puppe entgegen »mach sie wieder ganz« Aber er schob sie
von sich  vorsichtig väterlich um keines zu verletzen  und führte Konrad ins
Haus die Treppen hinaufeilend wie ein Junger
    »Ist das die Himmelsleiter Alter« rief dieser ihm lachend zu »Jakob hat
sie sicher weniger hoch geträumt«
    Oben öffnete sich eine Tür die Silhouette einer brünetten üppigen Frau
stand scharf umrissen vor dem hellen Hintergrunde Aber noch ehe Konrad sie
begrüßt hatte schlüpfte eine Gestalt aus der Tiefe des Flurs an der sein Blick
hängen blieb etwas zwerghaft Kleines in ein buntes Tuch gehüllt ein schmales
sehr weißes Gesicht aus dessen Oval zwei große traurige Augen strahlten die
sich entsetzt zu weiten schienen als sie des Gastes ansichtig wurden
    »Gina« rief die Frau an der Türe drohend das kleine Wesen zuckte
schmerzhaft zusammen und machte eine Bewegung wie zu rascher Flucht aber die
Füße schleppten sie nur langsam rückwärts dabei fiel das Licht der Lampe auf
einen Höcker den es als schwere Last über den Schultern trug Zwischen zwei
Vorhängen die es mit einer weissleuchtenden Kinderhand nur ein wenig zur Seite
schob verschwand es
    »Meine Tochter« sagte die Frau nach sekundenlanger verlegener Stille wie
entschuldigend und öffnete eilfertig die nächste Türe hinter der das Licht
aufflammte Sie war vorausgegangen und wandte im gleichen Augenblick als wäre
die Wirkung der plötzlichen Helle im voraus berechnet gewesen den Kopf ihr
blühend schönes Gesicht von dem rosigen Schimmer der Wangen dem feurigen Rot
der Lippen dem Aufblitzen der goldbraunen Augen durchleuchtet war Konrad so
nahe dass er das Ausstrahlen seines Glanzes wie prickelndes Feuer zu fühlen
meinte aber zu gleicher Zeit hatte er den harten Ton noch in den Ohren vor dem
die kleine Bucklige davongeschlichen war Die Frau empfand mit dem förmlichen
Dank den der junge Mieter aussprach war sie entlassen
    Jetzt erst sah er sich um ein Zimmer voll alter Teppiche In sattem Grün
hing einer an der Wand wie ein Blick in Waldestiefe in verblichenem Blau lag
ein anderer auf dem Boden wie sehr stilles flaches Gewässer in mattem Gelb
deckte ein dritter den Diwan wie am Frühlingsabendhimmel der ferne Horizont
Ganz dunkle schwere Schränke standen dazwischen und mitten im Zimmer groß und
breit wie der Altar eines fremden Götzen der den ganzen Raum mit seiner
grotesken Form beherrschte ein mächtiger Schreibtisch Zu gigantischen
Frauenbrüsten wölbten sich seine geschnitzten Laden um die Schlangen und
Eidechsen sich ringelten und schmiegten die spitzen Zünglein saugend an der
harten Kuppe Nur die Phantasie eines Wahnsinnigen konnte dieses monströse Werk
geschaffen haben
    Ein dunkler Blick aus Konrads Augen traf Giovanni fragend fast
vorwurfsvoll
    »Fennrich war Bildhauer Herr Baron« sagte der unterwürfig und mit leisem
Kichern und vielsagendem Augenaufschlag »die Frau sein Modell« dann hob er den
grünen Teppich »Das Schlafzimmer«
    Hier schien alles weiß und glatt und kühl »Es ist gut« nickte Konrad müde
um gleich darauf als besänne er sich in hellerem Tone fortzufahren »Du bist
und bleibst ein Hexenmeister Giovanni Hab Dank Ich hätte dergleichen nie
gefunden Doch hast du für dich gesorgt«
    Der Alte öffnete eine Tapetentür »Hier« Konrad sah in einen schmalen Raum
dessen Wände mit Kränzen und welken Blumen behängt waren wie eine Totenkammer
»So wirf doch zuerst das Zeug heraus« sagte er ärgerlich
    Giovanni schien nicht hinzuhören Er fuhr mit der Hand wie kosend über die
raschelnden Blätter
    »Die Sehnsucht meiner Jugend wars einmal unter solchen Trophäen zu
schlafen Dass es die Zeugen der Triumphe einer toten Tänzerin sind was tuts«
Und er lachte leise
    »Das alles  ist auch von ihr« frug Konrad indes seine Augen von
irgendeiner dunklen Erinnerung gebannt an den Seidenfetzen hingen die aus der
alten Truhe neben dem Bette hervorquollen
    »Das« Des alten Mannes Stimme überschlug sich um dann zur Tonlosigkeit
herabzusinken »Das« Er zog den Anzug ganz hervor ein Pierrotkostüm vergilbt
vom Alter die Ärmel zerrissen mit großen grauen Flecken besäet an vielen
Stellen wie von der ätzenden Farbe zerfressen »Darin tanzte ich als Monna
Lavinia starb  Gute Nacht«
    Konrad war als ob er dem Eindruck entfliehen müsse in das Zimmer mit den
Teppichen und den Fratzen zurückgekehrt Gedankenlos öffnete er die Schränke und
Laden Da stand und lag in guter Ordnung was er von Hochsess und Bamberg
mitgenommen hatte und vielerlei liebgewonnene heimatliche Dinge daneben die
seine Gedanken dankbar und gerührt zu der alten weisshaarigen Frau wandern
ließ deren Güte und Treue noch immer seines Herzens einziger Reichtum war
    Er wollte ihr schreiben  gleich heute noch dachte er in überquellender
Empfindung Er suchte sein Briefpapier das mit dem Wappen der roten Rose im
silbernen Felde und griff nach der Lade des Sekretärs Um den aufwärts
gerichteten Schlangenleib legten sich seine Finger und berührten das
seidenglatte gewölbte Holz darunter Es war ganz kühl seine Hand aber war sehr
heiß er drückte ihre ganze Fläche dagegen dann lehnte er sich in den Stuhl
zurück und seine Finger glitten träumerisch streichelnd über das Holz Und
wärmer und weicher wurde es
    Seine Gedanken verwirrten sich Alles Erlebte wirbelte in wüstem Reigen um
seinen heißen Kopf
    Berlin  das Weib im weißen Wagen  Wanda die Wirtin 
    Er riss die Augen auf  krampfhaft gewaltsam Dass es ihn stets aufs neue
packte Dass das heimlich schwelende Feuer seiner Sinne immer wieder auflodernd
über ihm zusammenschlug Aber er wollte nicht daran verbrennen  wollte nicht
Nur seine Kraft entzünden und seinen Willen Er reckte sich gerade auf um im
nächsten Augenblick wieder müde zusammenzusinken das »Warum« das »Wofür«
drückte ihn mit Zentnerschwere nieder Da  wer hatte ihm diesen Streich
gespielt  stand das Bild seines Vaters vor ihm auf dem Schreibtisch ein
Gesicht kraftstrotzend lebenslustig mit dem Siegerlächeln in den lachenden
Augen Noch lagen seine Finger auf der Wölbung der Lade doch ihm schien als
fasse er Stellen die rau andere die klebrig waren Er bückte sich die
elektrische Lampe herunterziehend die braune Beize war vielfach abgerieben 
von allzu vielen Händen gestreichelt  betastet 
    Ein Frösteln durchlief seinen Körper
    Er sah das Zimmer wieder vor sich mit den roten Plüschsofas den
Rokokostühlchen und der Batterie geleerter Flaschen auf dem Tisch  das Zimmer
in das sie ihn den halb Betrunkenen gröhlend geschleppt hatten »Weil er ein
Mann werden sollte «
    Er sprang auf von Ekel geschüttelt So mochte auch sein Vater zum Manne
geworden sein
    Er riss das Fenster auf Die Kuppel der Sternwarte leuchtete noch immer
einsam durch die Herbstnacht An ihren Glaswänden zeichnete sich der Schatten
eines großen dunklen Rohres ab und dann der eines Mannes Das Licht erlosch
Dort drüben saß nun wohl ein stiller Forscher und erhob sich zu den Sternen
    Mit kühler Hand strich die Nacht über Konrads Stirne Tiefe Ruhe überkam
ihn
    Auch er wollte neue Welten suchen und im Dunkel dem Lichte nachgehen
    Aufatmend wühlte er sich in die weißen Kissen Und das ferne leise Weinen
eines Kindes sang ihn ein
 
                                Drittes Kapitel
        Vom Suchen nach Erkenntnis und von der kleinen Gina Vollendung
Gleich am nächsten Tage  er konnte den Beginn seines Studiums kaum mehr
erwarten  besuchte er einen der Professoren an die er empfohlen worden war
und dessen Rat er einzuholen gedachte Der alte Herr stellte ihn gleich nach der
Begrüßung vor die Frage auf welchen Beruf er sich vorzubereiten wünsche
    »Darauf soll mir die Universität die Antwort geben« erwiderte er freimütig
wenn auch in seinem Eifer ein wenig abgekühlt durch die geschäftsmässige Art des
Gelehrten »Ich muss erst finden wofür es sich lohnt das Leben einzusetzen«
    Der Professor lächelte belustigt im Grunde überzeugt einen jener
begüterten jungen Leute vor sich zu haben die das Studium zum Vorwand für
einige ungebundene Jahre Grossstadtlebens benutzen und war innerlich mit dem
jungen Gelbschnabel fertig der noch dazu so große Worte brauchte um seine
Absichten zu beschönigen Die Antwort bestand denn auch nur in der Empfehlung
einiger bekannten Dozenten »Tout Berlin besucht ihre Vorlesungen besonders der
weibliche Teil soweit er hübsch und berufslos ist« fügte er schmunzelnd hinzu
durch sein weiteres Schweigen bekundend dass er nichts mehr zu sagen habe
Konrad verbeugte sich steif und ging
    Irgendeine klassische Erinnerung an das Verhältnis des Meisters zum Jünger
mochte ihm vorgeschwebt haben als er die Treppe zu dem berühmten Mann
emporgestiegen war und nun war er erledigt weil er sich nicht von vornherein
in ein abgestempeltes Fach einschachteln ließ nicht einmal der Versuch eines
näheren Eingehens auf seine Wünsche und Fähigkeiten war gemacht worden
    Eulenburg dem er davon erzählte lachte ihn aus »Die Leute werden dafür
bezahlt dass sie uns Kenntnisse beibringen sie haben wenn sie halbwegs
anständig sind genug damit zu tun und sollten sich noch mit unseren
Seelenleiden beschäftigen«
    Daraufhin begann er die erste kleine Enttäuschung rasch abschüttelnd sich
auf eigene Faust ein Programm zu machen Er belegte ohne Warnung und Rat
Wohlwollender irgend zu beachten eine Menge verschiedener Vorlesungen
philosophische nationalökonomische literarische und kunstistorische ja
naturwissenschaftliche sogar für die er durch Warburgs Berichte Interesse
gewann und mit dem ganzen Hochgefühl eines Pilgers der an der Schwelle des
Heiligtums steht von dem er das Wunder erwartet betrat Konrad Hochsess das
ehrwürdige Gebäude der Frideriziana Wilhelma
    Er hätte sich für den Schwung seiner Seele die Kuppel eines gotischen Doms
gewünscht die niedrigen grauen Decken drückten ihn nieder und als er in den
Hörsaal trat wo eine dichtgedrängte Schar von Studenten des berühmten
Professors harrte dessen philosophische Vorlesungen ihm über Deutschlands
Grenzen hinaus einen Namen gemacht hatten da erinnerte ihn der Anblick des
weissgetünchten Raums der braungestrichenen Pulte der schwarzen Tafel und des
Kateders darin so schmerzhaft an die öden Klassenzimmer dass es ihm eiskalt
über den Rücken kroch
    Lautes Getrampel empfing den Dozenten Alle Blicke richteten sich auf sein
Mephistoantlitz ein paar elegante Damen hielten die langgestielten goldenen
Lorgnetten vor die Augen Dann begann er zu sprechen sehr leise und langsam
zuerst schließlich mit wachsender scharfer Betonung der Konsonanten was seine
Stimme ungewöhnlich hart erscheinen ließ und begleitet von seltsam verrenkten
Arm und Handbewegungen Es war als müsse er den Faden seiner Gedanken mühsam
auseinanderwickeln und ziehen und diese Anstrengung beschäftigte manche der
Zuhörer mehr als ihre Resultate
    Konrad verstand wenig die für sein Ohr gekünstelte Sprechweise störte ihn
und die vielen geistreichen Bemerkungen auf die alles mit glänzenden Augen
wartete um sie dann trampelnd zu quittieren schienen ihm der Würde der Sache
nicht angemessen Er fühlte sich leer und müde als er herauskam Wie hungrig
war er gekommen wie überhungert ging er fort
    Auf dem Gang begegnete ihm Else Gerstenbergk Er freute sich inmitten der
Scharen Unbekannter die sich nach ihren Gesprächen zu schließen jetzt schon
auf Grund ihrer Berufe sonderten jemanden zu treffen dem er sich mitteilen
konnte
    »Professor Görne ist ein Gehirnequilibrist dessen fabelhafter
Geschicklichkeit zuzusehen die Nerven angenehm aufpeitscht« sagte sie »Da Sie
jedoch zunächst nicht Seiltanzen lernen wollen sondern gerade gehen rate ich
Ihnen fürs erste zu weniger glänzenden Namen und weniger vollen Hörsälen« und
mit warmer Anteilnahme gab sie ihm ihre Ratschläge
    »Sie studieren wohl schon lange« frug er sie erstaunt über ihre
Sachkenntnis
    »Ja und nein« entgegnete sie mit einem Lächeln »als ich noch den Dr phil
als letztes Ziel all meines Strebens ansah war ich von unstillbarem
Wissenshunger erfüllt und verzichtete lieber auf alles Ruhe Vergnügen Freude
als dass ich eine meiner Vorlesungen versäumt hätte« Sie machte eine kleine
Pause »Jetzt komme ich nur noch wenn Pawlowitsch nicht kommen kann Sehen Sie
hier« und sie zeigte ihm ein mit statistischen Berechnungen gefülltes Heft
»ich schreibe diese Zahlen für ihn nach« Ein Glockenzeichen schreckte sie auf
»So spät schon«  und mit einem eiligen Händedruck lief sie davon Dass sie so
wenig Zeit für ihn hatte Gerade in diesem Augenblick hätte er sich an sie
klammern mögen wie ein ermatteter Schwimmer
    In der nächsten Vorlesung traf er der Verabredung gemäß Warburg Er fand
ihn wie stets wenn er ihn wiedersah in steigendem Masse erfüllt von der Freude
an seinem Studium Das reizte ihn zu einem Gefühl gemischt aus Neid und
Enttäuschung Jede neue Tatsache die der Dozent vom Katheder herunter mit
monotoner Stimme aus dem abgegriffenen vielfach benutzten Manuskript vorlas
hinterließ einen hellen Glanz auf dem farblosen Gesicht des Freundes und
lebhafter als es sonst seine Art war sprach er nach dem Kolleg während sie
Arm in Arm vor der Universität auf und nieder schritten von der quellenden
Fülle des Wissens die von diesem ehrwürdigen Hause seit einem Jahrhundert in
die Welt ströme und durch die großen Entdeckungen der letzten Jahrzehnte an
Reichtum immer noch zugenommen habe
    »Das Unglück ist nur dass des Geistes Gefäß zu eng ist um alles
aufzunehmen« schloss er entusiastisch
    »Und selbst wenn es groß genug dafür wäre« meinte Konrad »was hättest du
davon jeden Stern benennen die Liebesregungen jedes Wurms beobachten die
Wirkungen jedes Elements berechnen zu können«
    »Was ich davon habe du griesgrämiger Träumer« rief Walter »was ich weiß
besitze ich zum Herrn der Welt macht mich die Erkenntnis«
    »Die Erkenntnis vielleicht Aber du begeisterst dich nur für Kenntnisse «
    Walter blieb mitten auf der Straße stehen um dem Freunde gerade ins Gesicht
zu sehen »Versuchs einmal Konrad« sagte er eindringlich »versuchs
ernstaft konsequent dir diese gering geachteten Kenntnisse anzueignen die
aller Erkenntnis Grundlage sind Man muss überall von der Pieke auf dienen wenn
man etwas Tüchtiges werden will du hast nach einem Gipfel stürmen und die
ermüdende Talwanderung vermeiden wollen«
    »Ganz richtig« antwortete Konrad heiter  der goldene Herbstglanz in der
Luft der die Baumreihen der einzigen königlichen Straße Berlins umspielte
hatte auch an seinem Himmel die Wolken verscheucht so dass er in der Ferne
traumhaft die siegkündende Göttin über dem Säulentor verheissungsvoll leuchten
sah  »mit achtzig Pferdekräften durch die Täler sausen nur auf die Gletscher
und Felsen zu Fuß das entspräche meiner Begierde Aber du weißt ja ich füge
mich da dieses Zeitalter das der Herden ist und marschiere in Reih und Glied«
Er blätterte in seinem Notizbuch und zog den Freund mit sich fort »Rasch  ich
versäume den Anschluss Einführung in die Nationalökonomie«
    Er wurde ein ungewöhnlich fleißiger Student der seinen Lehrern auffiel
aber es lag etwas Krampfhaftes in seinem Fleiß und wenn Warburg erstaunt über
die Zähigkeit die er entwickelte seiner Freude darüber Ausdruck gab sah er
ihn mit spöttisch gekräuselten Lippen und einem eigenen Lächeln an hinter dem
eine wesenlose Trauer sich zu verbergen schien Eulenburg erklärte ihm in seiner
derben Weise wiederholt dass es ein Zeichen beginnenden Irrsinns sei morgens
Philosoph mittags Nationalökonom nachmittags ein Sozio Physio Zoo oder
sonst ein Loge zu sein  statt dem Feuergott lieber in irgendeiner Form
persönlich zu dienen  und nachts infolgedessen eine Schlafmütze Seine
dringenden Einladungen ihn in die Bars und Kabaretts zu begleiten schlug
Konrad ab statt dessen saß er zu Hause über den Büchern die er sich fast
täglich wenn irgendein neues Thema ihn gepackt hatte aus den Bibliotheken
heimbrachte oder besuchte von Pawlowitsch angeregt die Bildungskurse der
Arbeiter wobei ihn wie er ehrlich gestand die Zuhörer mehr interessierten als
die Vorträge und der Vortragende mehr als das was er vortrug
    Gleich an jenem ersten Abend zu dem er durch den Russen eingeladen worden
war hatte er sich in seinen tiefgewurzelten Neigungen verletzt gefühlt und der
Aufruhr in den er dadurch geraten war hatte ihn die eigenartige Umgebung in
der er sich befand fast vergessen lassen
    Pawlowitsch sprach über die deutsche Literatur nach Goethe und kritisierte
dabei die Romantiker als reaktionäre aller Wirklichkeit abholde Träumer die
von ungreifbaren Sehnsüchten erfüllt zu schwach um sich kämpfend den elenden
Verhältnissen der Zeit entgegenzuwerfen in der Weltflucht ihr Heil gesucht und
das Leben zum Spiel gemacht hätten Das Bild des alten Habicht seines in
Hochsess fast ein wenig geringschätzig behandelten Lehrers tauchte in Konrads
Erinnerung auf wie er dem Knaben zuerst mit vor Rührung zitternder Stimme
Hölderlins Hyperion vorgelesen hatte Seitdem war der Dichter ihm ein Freund
geworden die ganze Periode der Romantik eine so vertraute dass er sich unter
den Schlegel und Tieck den Brentano und Hardenberg heimisch fühlte und ihre
Bücher ihn in der Bamberger Pension die kalte Fremde der Gegenwart oft genug
verschmerzen ließ Und Pawlowitsch kannte einen Hölderlin kaum und die
Gestalten einer Bettina Arnim einer Karoline Schlegel erschienen in seiner
Schilderung wie Typen überspannter Weiber
    Kaum hatten sie sich nach dem Vortrag im Speisesaal des Gewerkschaftshauses
wieder zusammengefunden  einem überaus nüchternen schlecht erleuchteten und
noch schlechter gelüfteten Raum der an jenem Tage infolge des endlos
plätschernden Regens draußen und der vielen tropfenden Kleider und Schirme
drinnen besonders düster und ungastfreundlich war  als Konrad seiner
Empfindungen nicht mehr Herr blieb und ihnen lebhaften Ausdruck geben musste
Pawlowitsch lächelte überlegen
    »Die neue Jugend« sagte er »sie ähnelt verzweifelt der von mir nach Ihrer
Ansicht so übel behandelten von damals Aber selbst wenn Sie recht hätten wenn
ich mich wirklich einer Geringschätzung großer Künstler schuldig gemacht hätte
 was ich bestreite denn es kommt auch in der Kunst nicht auf Inhalte sondern
auf Wirkungen an  und Sie mich davon überzeugen könnten ich würde meinen
Vortrag nicht um einen Satz ändern«
    »Also gegen Ihre Überzeugung sprechen« unterbrach ihn Konrad entrüstet
    Pawlowitsch machte eine abwehrende Handbewegung »Ruhe Ruhe junger Freund
Geschmack hat noch dazu wenn er schlecht ist mit Überzeugung nichts zu tun
Wohl aber stehen meine Vorträge wie unsere ganze Bildungsarbeit innerhalb des
Proletariats überhaupt im Dienste einer Überzeugung der des Sozialismus der
des Klassenkampfes Besser hundertmal besser « seine Augen begannen zu funkeln
und sein Gesicht verlor den Ausdruck versteinter Ruhe der es sonst beherrschte
 »ich vermittle meinen Hörern einen schlechten Geschmack als dass ich sie auch
nur einen Augenblick lang an ihrer Weltanschauung irre mache«
    Ein paar Arbeiter die dem Vortrag beigewohnt hatten traten von der
lebhaften Unterhaltung angezogen hinzu man rückte zusammen und sie setzten
sich
    »Ganz richtig ganz richtig« nickte der eine ein älterer Mann mit harten
Fäusten und verwitterten Zügen »Kunst und Dichtung sind für uns Mittel der
Zerstreuung Genüsse für die Feierstunden statt der Kneipe oder der blöden Witze
der Possenreisser Es ziemen uns nicht mehr die Laster der Unterdrückten noch
die müßigen Zerstreuungen der Gedankenlosen sagt schon Lassalle« Er hatte
langsam und dozierend gesprochen ohne Wärme Konrad wandte sich ihm zu
    »Grade von diesem Gesichtspunkt aus dass Sammlung statt Zerstreuung
Anregung statt Einlullung des Geistes notwendig ist« sagte er »dürften Ihnen
Dichter wie Hölderlin nicht vorenthalten werden Eine Erhebung der Seele eine
Bereicherung des Gemüts geht von ihnen aus «
    »Bleiben Sie uns doch mit dem Gemüt vom Leibe« warf Pawlowitsch heftig ein
»diesem Alpdruck des Deutschtums der auf allem lastet was sich aus Schlaf und
Traum befreien will Gemüt  Die Fessel am Fuß an der ihr die Traditionen und
Sitten der Vergangenheit mit euch schleppt Gemüt  das euch an Scholle und
Familie an Kirche und Krone kettet Wissen Sie nun warum ich die Romantiker
ablehne ablehnen muss All unsere Bildungsarbeit wird durch die Erfordernisse
des Klassenkampfs bestimmt Was ihn schwächen kann darf keine Rolle spielen«
    Wieder nickte der Arbeiter »Nur solche Wissensgebiete sind für uns von
Bedeutung die uns unsere Stellung im Klassenkampf besser erkennen lehren uns
für ihn fähiger machen« dozierte er
    »Aber Wissen und Kunst sind doch zweierlei haben im Grunde gar nichts
miteinander zu tun« sagte Konrad lebhaft wobei er sich bittend nach Warburg
und Else Gerstenbergk umsah die bisher geschwiegen hatten Beide lächelten ihn
auch jetzt nur wortlos an der eine in seiner versonnenen Art die andere mit
einem leisen Kopfneigen wie dem der Zustimmung
    »Ich verstehe den Herrn nicht« mischte sich jetzt der jüngere Arbeiter ins
Gespräch ein blasser schmalbrüstiger Mensch mit zusammengekniffenen Lippen
»Was ist uns heute zum Beispiel anderes vermittelt worden als Wissen und was
will der Herr anders als dass wir auch von den Dichtern die er liebt etwas
erfahren also noch mehr wissen sollen«
    Konrad blieb die Antwort schuldig Er sah eine Kluft vor sich aufgerissen
viel breiter und tiefer als die welche er als zwischen den Klassen bestehend
angenommen hatte War sie wirklich nur ein Abgrund zwischen zwei Bergen
derselben Erde oder der Weltraum zwischen zwei Sternen
    Die Freunde verabschiedeten sich Es regnete noch immer Auf der Straße vor
dem roten Hause standen die Wasserlachen schwarz und träge floss der Kanal
vorüber selbst über den Laternen hing der Regen wie ein Trauerschleier
    »Diese Vergötterung des Verstandes ist die Entgötterung der Erde« sagte
Konrad »Warum schweigst du übrigens immer Du wenigstens hättest mir beistehen
können dann hätte ich auch nicht schmählich die Flucht ergriffen«
    »Mich packte das Schauspiel zu sehr als dass ich Mitwirkender hätte sein
mögen«
    »Bequeme Ausrede«
    »Diese bewusste Beschränkung diese Überzeugungstreue die sich selbst zur
Einseitigkeit verdammt hat etwas Grandioses« fuhr Warburg unbeirrt fort
    In Konrads Kopf klopfte das Blut »Und das sagst du du der du all deine
Klugheit all deine Verstandeskühle daran setztest um mich den Frevel bewusster
Beschränkung einseitiger Überzeugungstreue einsehen zu lehren auf der die
katholische Kirche ihre Geisteszwingburg baute«
    »Noch freue ich mich dass es gelang« entgegnete Warburg »trotzdem werde
ich historisch betrachtet auch die Grossartigkeit ihrer Politik anerkennen
Vielleicht« fügte er in zögerndem Nachdenken hinzu »ist sie die notwendige
Voraussetzung allen Erfolgs«
    »Damit gibst du zu dass von Rechts wegen eine Tyrannis die andere abzulösen
hätte« rief Konrad
    »Ich hüte mich wohl vor solch voreiligen Schlussfolgerungen Ich konstatiere
nur Tatsachen« meinte Warburg der die Arme im Rücken verschränkt den Kopf
vorgebeugt mit den gesenkten Augen gleichsam an der Erde suchend neben dem
Freunde herging dessen Blicke hin und her flackerten sich hier an einem
Gesicht dort an einem Wolkengebilde festsaugend um es rasch wieder
loszulassen
    Jetzt blieb Konrad mit einem leichten Aufstampfen des Fußes stehen Erstaunt
sah Warburg auf
    »Zum Teufel mit deiner Objektivität Überlass doch so was den Mummelgreisen
die weil sie selbst eine Brille auf der Nase tragen das kalte Auge der
Wissenschaft preisen Ich will nicht anschauen ich will erleben  erleben Ich
forsche nicht nach dem Ding an sich sondern danach was es für mich ist für
mich sein kann«
    Warburg lächelte ein wenig überlegen »Darum bist du ja auch wie ich schon
immer sagte von Natur awissenschaftlich« sagte er »hättest ein Kriegsmann
oder ein Künstler werden sollen«
    Konrad schwieg verletzt und grub die Zähne tief in die Unterlippe Der
Freund dachte er hätte wissen müssen dass er eine seiner wundesten Stellen
traf Soldat  Das hatte ihn zeitenweise in Träume von Krieg und Ruhm verwoben
ihm als köstlichstes Ziel vorgeschwebt aber dann sah er die Wirklichkeit
Uniformprotzen Rekrutendriller die Wunsch und Sehnsucht rasch erstickte
Künstler  Leidenschaftlich hatte er ein paar Jahre lang Geige gespielt  mit
viel Talent sagten die Lehrer  um das Instrument schließlich als er sich
ohne Erfolg mit einer eigenen Komposition gequält hatte fast mit einem Gefühl
von Ekel beiseite zu legen Auch Gedichte hatte er gemacht  er betonte wenn
er davon sprach sich selbst verhöhnend das »gemacht«  und hütete sich später
ängstlich irgendeinen rhytmischen Einfall zu Papier zu bringen weil er »nicht
geworden und gewachsen war«
    Die Freunde trennten sich ernstlich verstimmt und sahen sich in der nächsten
Zeit nur flüchtig
    Auf Konrads Schreibtisch der ihm im kühlen Lichte dieser Tage nicht einmal
grotesk erschien sondern in seiner absurden Hässlichkeit einen beinahe
lächerlichen Eindruck machte häuften sich danach Bücher sozialistischen
Inhalts Lange Zeit hindurch stand er unter dem berauschenden Einflusse
Lassalleschen Patos Er wälzte abenteuerliche Pläne im heißen Kopf Die
Gefesselten befreien die Entrechteten zur Würde sich selbst bestimmenden
Menschentums erheben  welch eine Aufgabe wäre das Doch wenn er dann ganz
erfüllt mit vor Tatenfieber klopfenden Pulsen andere sozialistische Zeitungen
und Broschüren zur Hand nahm oder in Versammlungen ging bei deren Besuch er
sich allmählich von Pawlowitsch emanzipierte der ihn zu leiten ja zu
beherrschen suchte so wurde der Eindruck immer stärker dass das reine Gold der
ursprünglichen großen Ideen auf der einen Seite gegen die Kupfermünzen
alltäglicher Sorgen und Erlösungen auf der anderen Seite gegen die
abgegriffenen gedruckten Anweisungen auf illusorische Schätze eingetauscht
worden war
    »Ideen werden altersschwach sobald man sie auf die Flaschen des sogenannten
gesunden Menschenverstandes zieht« sagte er einmal in einer Stunde tiefer
Depression zu Pawlowitsch »so geht das Christentum am Protestantismus
zugrunde«
    »Und der Sozialismus  woran« frug der Russe während sein rechter
Mundwinkel sich sarkastisch in die Höhe zog
    »Das vermag ich nicht zu bezeichnen es ist auch wohl vermessen angesichts
der Millionen seiner Anhänger vom Zugrundegehen überhaupt zu sprechen«
entgegnete Konrad »nur  es wirkt so entmutigend ernüchternd wenn man die
Nachkommen seiner Helden und Märtyrer sieht trockne Schulmeister korrekte
Beamte«
    »Entmutigend Ernüchternd« wiederholte Pawlowitsch mit hartem Auflachen
»Sie sind sehr massvoll Herr Baron Eher sollte der Sozialismus ganz zugrunde
gehen als dass er nach den Idealen jener Schulmeister und Beamten etwa in
Konsumvereinen und Baugenossenschaften seine sogenannte Erfüllung fände Aber
noch sind wir da  wir« und ein triumphierendes Leuchten glitt über seine Züge
    »Wir« das war der Freundeskreis des Russen eine Gruppe radikaler
Sozialdemokraten fast nur Slawen und Juden mit der auch Konrad zuweilen
zusammenkam Hier war Leidenschaft hier war Empörung  aber jene kalte und
verbissene die nur das Resultat einer ununterbrochenen Kette von
Unterdrückungen sein können hier war Überzeugungstreue aber eine die
religiöse Wärme in die Eisluft grausamen Fanatismus wandelt Hier war Sehnsucht
aber vor allem jene negative der Hassenden deren deutlichstes Ziel Rache ist
und Zerstörung
    Stets war es ein Gefühl des Fröstelns das Konrad aus dieser Umgebung
heimwärts trieb Mit einem erleichterten Aufatmen pflegte er dann nach seinen
geliebten Dichtern zu greifen bald alles um sich her vergessend in
rhytmischem Tonfall fast ein wenig psalmodierend wie die katholischen
Priester las er erst leiser dann lauter und lauter sprechend die tönenden
Verse vor sich hin im Takt im Zimmer auf und nieder schreitend Wenn Giovanni
ihm den Tee servierte  eine alte Hochsesser Gewohnheit die er wieder
aufgenommen hatte  unterbrach er sich kaum das Summen der Flamme das Brodeln
des Wassers erschien ihm vielmehr wie die Begleitung seiner Melodien
    Einmal  Giovanni war in ein Varietéteater gegangen Erinnerungen an die
eigene Kunst schienen ihn immer häufiger hinzuziehen was Konrad lächelnd
geschehen ließ gönnte er doch dem alten Manne dies bisschen wiedererwachende
Lebensfreude  brachte Gina die Bucklige den abendlichen Imbiss vergebens
hatte sie vorher an der Türe geklopft er hatte von den musikalischen Akkorden
Georgescher Verse hingerissen ihr Pochen überhört Leise dass nichts dazwischen
klirrte deckte sie den Tisch mit den feinen Fingerchen Glas und Porzellan
Brot und Obst zierlich ordnend Erst als das Wasser im Kessel zu rauschen
begann bemerkte Konrad die Kleine Sie stand bewegungslos die blassen Lippen
halb geöffnet die großen Augen auf ihn gerichtet in ihrem roten Kleidchen an
den grünen Teppich gelehnt die braunen lockigen Haare bedeckten barmherzig den
Höcker so dass sie einem Elflein glich das dem Walde entsprungen war um der
tiefen Menschenstimme zu lauschen
    »Du Gina« sagte Konrad lächelnd Wie gut passte dies hauchzarte Kind in die
Stimmung des Abends Sie stammelte eine Entschuldigung um gleich darauf aus
dem Erstaunen erwachend den nunmehr am Tisch Sitzenden mit ruhiger Grazie zu
bedienen Ihre Füßchen versanken lautlos im Teppich und jede Bewegung schien
bei all ihrer Natürlichkeit doch von großer Kunst diktiert denn niemals wandte
sie dem jungen Mann den verunstalteten Rücken zu Eine wohlige Behaglichkeit
breitete sich um ihn aus die Mahlzeit dauerte länger als sonst denn Konrad
musste immer wieder auf die zarten Hände in das strahlende Gesichtchen auf die
weichen Locken des Mädchens schauen in denen Goldreflexe spielten und es trieb
ihn den wehmütigen Mund lächeln zu sehen
    »Liebst du Gedichte« frug er sie
    »Ich hörte sie nie« sagte sie
    »Auch nicht in der Schule« forschte er weiter
    »Nie ging ich zur Schule«  voll Beschämung den Blick gesenkt gestand
sies »Nach dem Sturz war ich jahrelang krank erst jetzt lernt ich gehen«
    »Dem Sturz Wann war das und wie«
    Noch tiefer fiel ihr Köpfchen auf die schmale Brust die Haare glitten zur
Seite und entüllten den Höcker »Ich lernte turnen auf ihren Schultern«
flüsterte sie stockend »oh sie war böse damals Sie hatte so sehr auf die neue
Nummer gehofft«
    »Die Mutter« staunte er
    Sie nickte »Doch nun ist sie gut weil Sie hier sind« ein schwärmerischer
Blick heftete sich auf ihn »weil Giovanni ihr mit den Hunden eine neue viel
schönere Nummer lehrt«
    Darum also war der Alte stundenlang bei Frau Wanda im Zimmer aus dem dann
ein vielstimmiges Konzert von Hundegebell Weibergekreisch und dem Gelächter
eines zahnlosen Mundes hervordrang
    Konrads Schweigen rief in des Kindes Zügen den Ausdruck jäher Angst hervor
»Sie werden doch nicht fortziehen« murmelte sie die Hände ineinander ringend
»weil die Mutter eine Jongleuse ist«
    Er strich ihr beruhigend die Haare aus dem Gesichtchen seltsam wie heiß es
war und doch unverändert schneeweiß »Ich bleibe und wenn du willst lehr ich
dich lesen«
    »Oh« wie heller Jubel klangs von einem großen dankbaren Blick begleitet
    Von nun an brachte sie ihm regelmäßig den Tee ohne dass der sonst so
eifersüchtige Giovanni sie daran gehindert hätte Er schien in den Unterricht
der gelehrigen Schülerin in die Beobachtung ihrer Erfolge auf der Bühne ganz
vertieft er veränderte sich aber auch zusehends im Äußeren indem er auf seine
Toilette größere Sorgfalt verwendete und sich krampfhaft gerade zu halten
suchte Eines Tages entdeckte Konrad sogar dass er sich die Haare wieder gefärbt
hatte Das widerte ihn an und um so lieber ließ er sich des Kindes Dienste
gefallen Eine Atmosphäre zarter Sorgfalt verbreitete sich um ihn mit der nur
die Zärtlichkeit eines Weibes den Geliebten zu umgeben vermag Sie lernte um
seinetwillen die Treppen gehen und erschien wovor sie sich stets so sehr
gefürchtet hatte ohne Scheu unter dem aufkreischenden Kindervölkchen des
Enckeplatzes um täglich mit frischen Blumen seine Tafel zu schmücken ja sie
wagte es schließlich sogar bis zur Marktalle zu gehen um mit sicherem Blick
die schönsten Früchte für ihn auszusuchen Blieb er dem Hause fern so kauerte
sie vor seinem Schreibtisch eifrig Lettern malend und buchstabierend bis sie
ihn eines Abends strahlend mit dem Vorlesen eines Gedichtes überraschte seinen
Tonfall und seinen Rhythmus genau nachahmend Und jede Nacht er mochte
heimkommen wann er wollte kroch sie vom leisesten Geräusch seines Schritts
erwachend aus dem Bett warf sich ihr rotes Kittelchen über und brachte ihm
frisches Wasser Sie hatte bemerkt dass er es sich sonst selbst zu holen
pflegte
    Alle Ereignisse ihres kurzen Lebens vertraute sie ihm allmählich an
Erlebtes und Geträumtes dabei seltsam durcheinander mischend
    Wer der Vater eigentlich gewesen war wusste sie nicht so viele Männer seien
immer aus und ein gegangen lärmende Leute die alle Sprachen durcheinander
schwatzten Kunstreiter und Klowns Ein alter Mann mit einem bösen Gesicht 
vielleicht wars der Vater gewesen  habe sie einmal alle hinausgeworfen die
Treppe hinunter ganz gewiss Sie erinnere sich genau wie sie hinabgekollert
wären einer über den anderen und wie der Klown schließlich grinsend auf den
Händen gegangen sei Und dann war die Tänzerin dagewesen die einzige die die
kleine Gina lieb gehabt hatte Süßigkeiten brachte sie ihr mit und nähte Kleider
für ihre Puppen und küsste sie  ach seitdem sie den Höcker hatte mochte sie
niemand mehr küssen niemand Sie sei gestorben sagten die Leute aber sie
wisse es besser mit eigenen Augen habe sie gesehen wie die Gute Schöne in
heller Mondnacht in ihren vielen vielen weißen Röckchen zum Fenster
hinausgeflogen sei  »zu den Sternen die der alte weiße Zaubrer drüben in sein
großes Glashaus fangen kann«
    Konrad hörte ihr zu und störte sie mit keinem Wort in ihren Träumen Er
wusste wie weh das tut und er war doch ein gesundes Kind gewesen
    Manchmal wenn es dunkelte fuhr er mit ihr durch die Stadt in den
Tiergarten Sie hatte niemals andere Bäume gesehen als die des Gartens der
Sternwarte nie andere Straßen als die dunklen schmutzigen der nächsten Nähe
Er schämte sich vor sich selbst dass er am hellen Tage das Gelächter der anderen
über seine seltsame Gefährtin fürchtete aber er fühlte bald wie die Dunkelheit
auch das Kind vor den zudringlich mitleidigen Blicken schützte die sie roh aus
der Traumwelt in die sie versetzt wurde gerissen haben würden Jetzt war ihr
der Tiergarten eine Welt voller Wunder die schwarzen kahlen Bäume verhexte
Riesen die stillen Wasser der Nixenpaläste schimmernde Dächer und die bunten
Lichter der Stadt der Nacht kostbares Geschmeide
    Mehr als er es sich selbst gestand erfüllte dies Kind sein Leben und ließ
ihn das unstillbare Sehnen vergessen das ihn so oft zu verzehren gedroht hatte
    Wie seine reine Seele sich vor ihm erschloss sein unbeirrbarer Verstand sich
entwickelte sein Herz gleich einer Wasserrose die auch aus dem tiefsten
Schlamm in weißem Gewande leuchtend emporsteigt ihm entgegenblühte  das alles
ward ihm zur täglichen Freude zu um so größerer als er sie tief in sich
verschloss
    Niemand auch Warburg nicht wusste von seinem Umgang Gina verkroch sich
sobald Konrad Gäste hatte Seine gleichmässigere Stimmung die Heiterkeit seines
Wesens die auch trübe Stunden durchleuchtete schob der Freund auf die
Befriedigung die das Studium ihm mehr und mehr gewährte auch auf den
anregenden Umgang der sich allmählich entwickelt hatte
    Trotz aller Gegensätze oder vielleicht grade um ihretwillen  denn das ist
der Unterschied der Jugend vom Alter dass sie Widerstände aufsucht die das
Alter zu vermeiden sucht wie sie aus lauter Kraftgefühl Felsen erklettert
statt gebahnte Wege zu gehen  hatten sich die Beziehungen zu Pawlowitsch mehr
und mehr zu freundschaftlichen gestaltet Sie saßen oft stundenlang debattierend
beieinander besuchten sich auch bald in ihren Wohnungen wobei Konrad die
Entdeckung machte dass der Russe dessen freie Ehe mit Else Gerstenbergk bekannt
war nicht mit ihr zusammenwohnte Er hauste in ein paar Stuben von
puritanischer Einfachheit die erst bei näherem Zusehen den bizarren Geschmack
des Bewohners merken ließ an den Wänden hingen neben Photographien
Rubensscher Gemälde  die üppigsten Frauenleiber leuchteten in hundert
verschiedenen Stellungen daraus hervor  Radierungen von Käte Kollwitz aus
denen das Elend grinste und der Blutrausch schrie und über dem schmalen
Feldbett befand sich eine goldumrahmte Kopie der schwarzen russischen Madonna
an der die Opfergabe eines silbernen Herzens hing
    »Glauben Sie« sagte Pawlowitsch »ich würde so heftig gegen Gemüt und
Traditionen wettern wenn ich sie nicht noch in mir zu bekämpfen hätte Das da
gehörte meiner Mutter Dies Herz opferte sie um meinetwillen als ich mich von
ihr und ihrem frommen Glauben schied Sie starb während ich auf der
PeterPaulsfestung war Nicht einmal ihren letzten Wunsch mich segnen zu
dürfen erfüllte man ihr Darum laufe ich wohl auch « schloss er mit rauhem
Lachen  »als ein Gezeichneter durch die Welt«
    Zuweilen lud er die Freunde zu Else Gerstenbergk ein dann wussten sie im
voraus dass er in jener seltenen weichen Stimmung war die einen anderen
Menschen aus ihm machte
    Mit einem freudigen Rot auf den Wangen das sie fast schön erscheinen ließ
trat ihnen dann die Hausfrau entgegen sie in das Zimmer führend das sie mit
den alten Möbeln ihrer verstorbenen Eltern ungemein behaglich eingerichtet
hatte Familienbilder die verrieten dass die Bewohnerin einer Sippe von Beamten
und Offizieren entstammte hingen an den Wänden auf den Fensterbrettern blühten
Hyazinten der Nähtisch davor zeugte von vieler Benutzung
    »Sie hätte zu Ihrer Zeit leben müssen« sagte Pawlowitsch den Arm um ihre
Schultern gelegt als er Konrad das erstemal bei ihr willkommen hieß »das heißt
zur Zeit der Schlegel und Tieck natürlich Und sollte eigentlich um irgendeinen
königlich preußischen gefallenen Freiheitshelden trauern Statt dessen ist sie
im Zorn des Himmels eines lebendigen Revoluzers Liebste geworden Eine tapfere
Liebste« fügte er ihr ritterlich die Hand küssend hinzu
    An jenem Abend war er besonders mitteilsam Draußen tanzten die
Schneeflocken gegen die Fensterscheiben um sich auf der Straße in nassgrauem
Schmutz aufzulösen in dem altmodischen Kachelofen der breit und behäbig eine
Ecke des Zimmers völlig einnahm brannte das Feuer Der Russe lehnte daran
während Else ab und zu ging um das Abendessen aufzutragen
    »Wie gemütlich es bei Ihnen ist« sagte Warburg
    Pawlowitsch lachte »Wenn es nicht Winter wäre ich würde imstande sein Sie
auf Ihr liebenswürdiges Urteil hin das ich leider als berechtigt anerkennen
muss ohne Umstände der gütigen Wirtin allein zu überlassen Wissen Sie warum
die Engländer trotz aller Demokratie so fest mit ihren Traditionen verwachsen
sind warum die Deutschen trotz aller umstürzlerischen Ideen Philister bleiben
und die Russen trotz der leidenschaftlichsten Freiheitsbegeisterung die
Revolution nicht durchgeführt haben Weil der lange Winter die häusliche
Gemütlichkeit gezeitigt hat weil das Herdfeuer ein wahres Symbol besonders des
Germanentums die Menschen von der schmutzigen Straße und der rauen
Öffentlichkeit weg in den Schoss der Familie zieht Ein alter allgemeiner Brauch
bestätigt meine Auffassung im Frühling freit der Bauer damit er im Winter
unter Dach und Fach ist«
    Else kam mit der Obstschale und bat zum Essen Sie setzten sich um den
runden Tisch
    »Auch den Liebeskünsten dieser Frau ist der Winter der beste Bundesgenosse
gewesen« sagte Pawlowitsch sie mit einem zärtlichen Lächeln betrachtend
»Erfroren innerlich und äußerlich kam ich aus Russland Diese Frau öffnete mir
die Tür zum warmen Zimmer Es bedurfte des ganzen Restes meiner Energie um mich
dem Sturme draußen nicht ganz zu entwöhnen«
    »Danach wäre die Ehe die kostbarste Waffe des Staates im Kampfe gegen die
Revolution« meinte Warburg
    »Sicherlich« erwiderte der Russe mit scharfer Betonung »sie ist das Mittel
für alle Unterdrückung geistige und physische der junge Mann der eben noch
strotzend von Kraft glühend von Begeisterung eine Welt zu erobern oder eine zu
vernichten gedachte wird in ihren Armen zum gesitteten Bürger der vor jedem
Idol staatlicher Macht den Rücken krümmt und mit saurem Schweiß jedem rollenden
Pfennig nachläuft und die junge Frau wird unter ihrer Peitsche zur Sklavin die
ihre Liebe für das Brot und das Bett verkauft und in ständiger Prostitution
Kinder gebärt«
    »Und der Weg um diese Wirkungen aufzuheben« frug Konrad obwohl er die
Antwort voraussah Es lag ihm aber an der Fortsetzung dieses Gesprächs
    »Die freie Ehe natürlich  unsere Ehe« rief Pawlowitsch und legte die
breite Faust auf die weiche kleine Hand Elsens die neben ihm auf dem Tisch
ruhte und unter der seinen nun völlig verschwand
    Konrad verlangte danach mehr zu hören »Würde nicht von Ausnahmen
abgesehen für die Masse eine Zügellosigkeit ohnegleichen die Folge sein«
    Pawlowitsch lachte hell auf »Nun sind Sie fast ein halbes Jahr in Berlin
atmen sogar die vergiftete Luft die ich um mich verbreite und reden noch wie
ein fränkischer Landpfarrer Zügellosigkeit  Wann werden verständige Leute
aufhören erotische Bedürfnisse unserer Physis und ihre Befriedigung mit
moralischem Maßstab zu messen und körperliche Treue der seelischen  jener
einzig notwendigen Folge wahrer das heißt geistiger Gemeinschaft zwischen Mann
und Weib  nicht etwa nur überzuordnen sondern sie sogar für die Treue an sich
zu erklären Wenn ein Weib einen Mann erotisch entflammt und er ihren Leib
begehrt den er erkannte muss er dann zugleich ihre Seele lieben von der er
nichts weiß Oder soll er verzichten wie ein Wüstenheiliger und sie und sich um
eine Stunde rasenden Rausches betrügen der vielleicht in seinem Hirn ein
unsterbliches Werk erzeugt in ihrem Schoss einen Helden«
    Er war aufgestanden seine Brust hob und senkte sich auf seinen
Backenknochen die breit aus den eingesunkenen Wangen herausstachen brannten
rote Flecken und die kleinen Augen sprühten Minutenlang war kein anderer Laut
im Zimmer zu hören als das Verknistern der letzten Flamme im Ofen Else saß
still vor dem verwüsteten Tisch den Reste der Mahlzeit bedeckten ihre Augen
hielt sie gesenkt ihren Mund fest geschlossen aber ihre Hand die noch immer
auf dem weißen Tischtuch neben dem Teller lag ihre Hand sprach zuerst
durchlief sie ein Zittern das jeden Finger einzeln ergriff dann ballte sie
sich wie von schmerzhaftem Krampf zusammengezogen um schließlich nach einem
wehen Zucken sich lang auszustrecken blass und müde wie eine Sterbende
    Erst die Stimme des Russen belebte sie wieder »Sing uns ein Lied« sagte er
rau Schwankend wie nach schwerem Traum erhob sie sich trat ans Klavier und
schlug noch blass vor Erregung ein paar Akkorde an die allmählich voller und
voller anschwollen während ihre Stimme immer sieghafter darüber schwebte In
leidenschaftlicher Melodie schien ihr ganzes Wesen sich aufzulösen Das war das
blasse Mädchen nicht mehr das die Roheit des Mannes traf wie die Wiesenblume
der Herbststurm das war das Weib dessen entfesselte Leidenschaft sie in den
Purpurmantel der Herrscherin hüllte Wie schön sie war Mit einem Blick
stürmischen Verlangens den sie mit einem zärtlichen Aufleuchten in ihren Augen
beantwortete beugte sich Pawlowitsch über sie
    Als die Freunde sich verabschiedet hatten verfolgte sie noch lange das Bild
des Paares wie es zuletzt unter dem weißen Flurlicht vor ihnen gestanden hatte
der starke große Mann mit dem Arm um die Schulter der schlanken Frau beide
strahlend im Glück vollen Besitzes
    Eiskalt schlug der Schnee den Wandernden ins Gesicht Sie schwiegen lange
    Vor dem großen Weinhaus in der Leipziger Straße dessen Drehtüren sich trotz
der späten Stunde noch unaufhörlich bewegten blieb Konrad stehen
    »Die Kehle ist mir wie ausgedörrt als ob ich allein die Kosten der
Unterhaltung getragen hätte« sagte er gezwungen lachend »komm wir wollen
noch ein paar Flaschen die Hälse brechen« Warburg suchte einen versteckten
Platz in einem der stillen oberen Säle aber Konrad zog ihn in die dichteste
Menge der Tafelnden »Mitten darin wollen wir sein wo sie lachen und lieben«
Er bestellte weißen Burgunder »Napoleons Wein« Und als der goldne Trank in den
Gläsern glänzte meinte er grübelnd »Pawlowitsch hat unrecht Dieser der
größte der Helden wurde im Bett der Ehe gezeugt«
    »Und doch gewiss im Rausch der Leidenschaft« sagte Warburg »Karlo Bonaparte
war ein Korse mehr an die freie Luft als an den warmen Ofen gewöhnt«
    »Du stimmst Pawlowitsch Theorien zu« frug Konrad mit gespanntem Ausdruck
die dunklen Augen voll auf den Gefährten gerichtet
    »Sie scheinen mir zunächst in größerem Einklang mit den Forderungen der
Natur zu sein als die strengen Gesetze der Treue die wohl nur ein Ergebnis
moralischer Überlegungen sind« entgegnete Walter vorsichtig
    »Das bedeutet eine Zerreissung des Menschen in Geist und Körper eine
Erniedrigung der Liebe auf das Niveau des Tierschen « und heftig dass der Wein
in aufleuchtenden Perlen überfloss setzte Konrad das Glas zum Munde
    »Du vergisst dass wir unsere erotischen Bedürfnisse mit den Tieren gemeinsam
haben unsere geistigen dagegen nicht die Spaltung in uns ist daher von
vornherein gegeben«
    »Damit öffnest du der Freiheit der Gelüste Tür und Tor«
    »Der Freiheit  nicht der Zügellosigkeit die wiederum nur eine
ausschließlich menschliche der Natur fremde Verirrung ist«
    »Du statuierst aufs neue Gesetze die doch zu vage sind um brausendes Blut
am Überschäumen zu hindern Wo wenn Freiheit die Norm sein soll hört sie auf
Freiheit zu sein Und wenn der von Natur Nüchterne mit zwei Glas Wein die
Freiheit zu trinken auskostet wie stehts mit dem dessen Durst jeder Tropfen
nur steigert dessen Glut nur immer verzehrender um sich greift weil was für
die anderen löschendes Wasser für ihn jenes Feuerwasser ist das wenn es
brennend in kühle Quellen fließt ihren ganzen Lauf in lodernde Flammen
wandelt«
    »Konrad « rief Walter erschrocken durch die Leidenschaft die ihm
entgegenschlug die aus des Freundes sprühenden Blicken noch wilder als aus
seinen Worten sprach
    Jener lächelte »Du wähntest jene Kette des Wissens aus Zahlen und Namen
Regeln und Theorien geschmiedet mit der ich mühsam Tag für Tag meine Glieder
umschnüre habe mein ungebärdiges Selbst in Fesseln geschlagen« Immer rascher
leerte er sein Glas und füllte es wieder  »Ich will dir etwas anvertrauen
etwas das ich mir selbst nur in den dunkelsten Stunden sage Meine Angst ists
jene grässlichste Angst die es gibt die vor sich selbst Bist du dir nie wie
dein eigenes Gespenst erschienen Hast du dich nie vor den fremden wilden
Mächten in dir gefürchtet wie der Vesuv sich vor dem Feuer in seinem Innern
fürchten muss das ihn zu zerreißen zu verbrennen droht Es ist in uns immer
etwas das hungert Wir müssen der Bestie von Zeit zu Zeit blutigen Frass
vorwerfen oder sie einsperren  ganz fest  ganz fest Du siehst Die Feigheit
macht mich sittsam wie einen Philister und  der Ekel« Wieder und wieder
setzte er das volle Glas zum Munde
    »Konrad « Walter legte die Hand mahnend auf Konrads heiße Rechte Der sah
ihn an mit einem weiten leeren Blick als sähe er an ihm vorbei durch ihn
hindurch in die Ferne »Oder des blassen Kindes silberweisse Reinheit die selbst
alles andere Weiß schmutzig erscheinen lässt «
    Ein Gelächter gell und misstönend schlug an sein Ohr Durch den Dunst von
Menschenatem Zigarrenrauch dampfenden Speisen und süßen Gerüchen vieler Weine
blickten Gesichter unwahrscheinlich in roter Gedunsenheit verzerrt durch
freches Grinsen Männer und Frauen die am Tage korrekt und gesittet hinter dem
Ladentisch standen an der Nähmaschine oder auf dem Drehstuhl saßen Rekruten
kommandierten oder Kinder erzogen Wie sie einander lüstern betrachteten wie
die Augen der Männer an den durchsichtigen Blusen der Mädchen an den krachenden
Seidentaillen allzu üppiger Frauen forschend hängen blieben Da lag ein Arm über
einer Stuhllehne an die sich schmachtend der runde Rücken eines Weibes lehnte
 sicherlich eine tugendhafte Gattin und gute Mutter bei Tage  dort unter dem
Tisch zerdrückte eine rote Hand das dünne Gelenk einer blassen Jungfer drüben
versanken zwei Augenpaare verzehrend ineinander und das feiste Knie eines
Glatzköpfigen zwängte sich an das der kokettierenden Nachbarin Und über alledem
das Gelächter  gell und misstönend Gröhlten irgendwo kleine Teufel
triumphierend über die Demaskierung da unten Oder waren es vielleicht doch nur
die alten Herren mit weißen Bärten und blauroten Wangen die sich an dem langen
Tisch unter der blanken Säule mit flackernden Augen unsaubere Geschichten
erzählten
    Konrad hörte nur noch wie sie fröhlich waren sah nur noch Blicke von
Liebe trunken fühlte nur noch die große Glut die über allen zusammenschlug
    Als er nach Hause kam lauter als sonst den Schlüssel im Schloss drehend
drang ein Lichtstreif aus dem Zimmer der Wirtin und Flüstern Lachen
Hundewinseln Unbezähmbare Neugierde beherrschte Konrad plötzlich angestachelt
durch das Bild Frau Wandas das er in seinem dunklen Reiz so greifbar deutlich
vor sich zu haben meinte wie er es in Wirklichkeit nie gesehen hatte Er stieß
die Türe auf und sah in einen roten Nebel aus dem zuerst Giovannis schwarze
Gestalt hervorkroch
    »Der Herr Baron« grinste er mit einem tiefen Bückling und nach rückwärts
gewandt im Tone eines Befehlshabers »Schrei nicht Wanda  wir wiederholen die
Probe  Chin  Mao  Sem  Ysi  Jo  hierher« Eine Peitsche pfiff durch die
Luft aufheulend stürzten fünf winzige schwarzgraue Hunde von jener nackten
Rasse mit den übergrossen vorstehenden Augen aus dem Hintergrund wo sie
nebeneinander Konrad steif anglotzend wie Götzen gesessen hatten und unter
der großen runden Lichtkugel aus rotem Glas die von der Decke herabhing reckte
sich der Körper der Jongleuse von oben bis unten in rotem Trikot der ihre
vollen Formen eng umschloss
    »Auch die Lichteffekte versuchten wir heut « krähte des Alten Stimme dann
kauerte er sich mit hochgezogenen Knien auf das breite Bett im Hintergrund
griff nach dem Tamburin das darauf lag und schlug es im Takt mit den
knöchernen Fingern
    Mit kleinen schwarzen Kugeln spielte das Weib Sie leuchteten sie sahen sie
an sehnsüchtig wenn sie über ihrem Kopfe tanzten trunken wenn sie an ihr
niederrieselten  waren es nicht Pupillen herausgerissen aus den Augenhöhlen
Lebendiger Das Tamburin dröhnte einen Siegesmarsch Und zu Füßen der Spielerin
hockten die Hunde zusammengedrängt und starrten sie an unbewegt Da klingelten
die Glöckchen an Giovannis Instrument und eilig wie hungrige Affen kletterten
sie von allen Seiten an der roten Gestalt empor bis sie oben auf Brust und
Schultern hingen die schwarzen feuchten Schnäuzchen dicht an ihrem Gesicht
Mit einer Bewegung hingebungsvoller Ermattung ließ sie die Kugeln fallen sie
schlugen klingelnd auf dann lagen sie vor ihr aufwärts schauend erloschenen
Blicks Die Hunde aber wurden immer lebendiger auf ihrem Kopf saß der eine und
wühlte den nackten Körper in das üppige Nest ihrer schwarzen Haare aus ihren
Armhöhlen lugten zwei andere mit hängenden Zungen hervor um ihre Hüften hüpften
die letzten der eine den glatten langen Schwanz des anderen im Maul In
rasendem Rhythmus dröhnte das Tamburin
    Und in Konrads Kopf brausten die Geister des Weins in seinen Adern pochte
das Blut Im nächsten Augenblick würde er die eklen schwarzen Geschöpfe von den
prangenden Gliedern reißen und würgen
    Da öffnete sich die Tür hinter ihm  klirrend fiel etwas zu Boden  Glas
splitterte  Wasser rieselte dazwischen Die Hunde sprangen zur Erde und
bellten
    »Du  du« schrie die Spielerin mit erhobenen Fäusten vorwärtsstürmend
    Konrad wandte den Kopf Todblassen Gesichts in dem nichts lebte als die
hasserfüllten Augen den frostschauernden mageren Körper nur von ihrem weißen
Nachtgewand umhüllt stand die kleine Bucklige vor ihm Und das Blut ebbte
zurück die Geister des Weins entflohen Mit einem Schritt war er zwischen dem
Kinde und der wütenden Mutter »Sie rühren das Mädchen nicht an oder  bei
Gott « und er griff nach der Peitsche am Boden
    Das alles war nichts als ein wüster Traum gewesen dachte er am nächsten
Morgen Aber Gina war krank und als er an ihr Bettchen trat und die Hand auf
ihre Stirne legte fühlte er das Fieber Wanda schlug als er kam mit einem
bösen Blick die Türe hinter sich zu Es musste also doch wohl wahr gewesen sein
Am liebsten wäre er umgezogen  sofort aber die Augen des Kindes die eine
Bitte waren hielten ihn fest Stundenlang saß er an ihrem Bettchen und las ihr
vor während ihr schmales Gesichtchen von unbeschreiblicher Seligkeit strahlte
Waren es Goethes Gedichte die sie nicht oft genug hören konnte so flüsterte
sie leise mit es klang wie zweistimmiger Gesang aus der Ferne
    »Du wirst einmal eine schöne Stimme haben Gina« sagte er
    »Wirklich« lächelte sie glücklich und summte träumerisch das Lied vom
Heidenröslein vor sich hin »Es ist viel schöner wie das vom Monde« meinte sie
    »Warum denn« frug der Jüngling
    »Röslein wehrte sich und stach  musst es eben leiden « sang sie und zwei
schelmische Grübchen erschienen wie kleine Kobolde in ihren Wangen »Glauben Sie
nicht Herr Konrad« fuhr sie dann ernstaft fort »dass das Röslein sich nur zum
Scheine wehrte Es litt doch diesen Tod so gerne Der andere aber der vom Monde
sang  rausche rausche lieber Fluss Nimmer werd ich froh so verrauschte
Scherz und Kuss und die Treue so  der hat nie nie mehr gelacht und wenn er
über die Straße geht weinen die Kinder die ihn sehen«
    Sie richtete sich jäh in den Kissen auf geschüttelt von Angst
    »Es war ein König von Tule gar treu bis an das Grab « klang tief
gleichmäßig beruhigend Konrads Stimme während seine Hand sie vorsichtig
bettete und seine Augen auf ihr ruhten Noch ein Aufseufzen und sie schlief
ein
    Niemand wusste was ihr fehlte Es kamen Tage wo sie aufzustehen vermochte
und sichs nicht nehmen ließ wie früher Konrads Tisch zu decken Dann aber
trug ihr Giovanni die Teller und Schüsseln die ihre mageren Ärmchen nicht mehr
heben konnten zu und brachte ihr sogar heimlich Blumen zum Schmuck fremde
farbenfrohe die lange gereist waren um hier im Norden zu sterben
    Seit jenem Abend hatte der Alte sich verwandelt Er ging umher wie ein
Schuldbeladener Stumm in steter Dienstbereitschaft bettelte er um Konrads
Gunst Frau Wanda ging er scheu aus dem Wege Abends war er stets zu Haus und
spielte mit dem kranken Kinde wenn es allein war Sein Jauchzen hatte Konrad
einmal in ihr Zimmer gelockt da stand der Alte hinter einem Wandschirm über
dem er auf seinen Fingern mit bunten Lappen geschmückte Puppen agieren ließ 
ein improvisiertes Kasperlteater das Gina entzückte Konrad war in sein
fröhliches Knabenlachen ausgebrochen und hatte ihm mit einem liebevollen »Du
bist ein guter Kerl« die runzlige Wange getätschelt Von da an konnte sich
Giovanni nicht genug tun um der Kleinen Freude zu machen
    Nur zuweilen wenn keiner ihn sah und das Kind was immer häufiger vorkam
auf seinem Stuhle eingeschlafen war wobei das Köpfchen ihm tief auf die Brust
sank und der Höcker hoch hervortrat streifte es sein Blick voll Abscheu und
des Nachts drückte er sich verstohlen hinter die Falten des Flurvorhangs um
wenn Wanda aus dem Theater nach Hause kam die Sekunde zu erhaschen wo sie
seine Augen mit dem Ausdruck verzehrenden Schönheitshungers umfassen konnten
    Konrad der sich der kleinen Kranken in der ersten Zeit ganz gewidmet hatte
ging nun da er sie wohler und gut aufgehoben glaubte mit lebhaftem Eifer und
wachsender innerer Anteilnahme seinen Studien nach Jener Wissensdurst hatte ihn
allmählich ganz in seinen Bann geschlagen der der Neugierde so nahe verwandt
und darum so spezifisch jugendlich ist Jede neue Kenntnis die er erwarb trug
schon die Frage nach einer weiteren in sich nur dass diese Jagd nach Wissen die
dumpfe in keine Formeln zu fassende Sehnsucht nach höheren Zielen nicht zu
unterdrücken vermochte
    Wenn er sich mit Warburg darüber aussprach pflegte ihn dieser immer wieder
darauf hinzuweisen dass ein Beruf ein Pläne und Gedanken auf sich
konzentrierendes Ziel ein Mittel sei dem unruhigen Hinund Herflattern seiner
Seele abzuhelfen Der aber empörte sich stets aufs neue gegen diese Auffassung
    »Schlimm genug wenn der Beruf das Ziel zu ersetzen vermag« sagte er
»Schlimmer noch wenn der Mensch es nötig hätte wozu das Tier nur gezwungen
werden kann in Käfige gesperrt zu werden und ohne sie in der Freiheit  und
sei es selbst die Freiheit der Wüste  nicht imstande wäre sich die Nahrung zu
erkämpfen deren Geist und Seele bedarf«
    Pawlowitsch dagegen suchte mit allen Mitteln seines Verstandes und seiner
Überredungskunst diesem unbestimmten Sehnen im Sozialismus Ziel und Richtung zu
geben und seine Vorträge denen Konrad regelmäßig beiwohnte schienen ihrem
Inhalt nach oft nur für diesen Adepten bestimmt zu sein Nachher debattierten
sie
    »Die Jugend von heute ist von Geburt an altersschwach« polterte
Pawlowitsch als Konrad wieder einmal ganz kühl und von nichts als von Zweifeln
und Widersprüchen beladen mit den Freunden aus dem Gewerkschaftshaus trat die
frische schon frühlingsduftige Luft in tiefen Zügen einatmend
    »Oder so stark wie JungSiegfried der sich sein eigenes Schwert schmieden
musste« antwortete er dem Russen
    Sie fuhren nach dem Westen hinaus bis zu dem Café wo sie sich an jenem
Herbstnachmittag zuerst getroffen hatten Pawlowitsch bestand darauf obwohl
Else Gerstenbergk die Freunde zu sich gebeten hatte
    »Der Tisch ist schon für euch gedeckt« wagte sie noch einmal mit einem
schüchternen Lächeln das ihr sonst so fremd war einzuwenden
    »Wir werden die Freiheit unserer Entschließung doch nicht einem gedeckten
Tisch opfern« rief der Russe unwirsch und sie fügte sich stumm
    Am Ziele angelangt knüpfte er den Faden des Gesprächs aufs neue an und
erzählte sich immer mehr an der Glut der eigenen Erinnerung erwärmend von
jener Zeit im Anfang der neunziger Jahre wo er als junger Mensch zum erstenmal
nach Berlin gekommen sei  »auch einer wie Sie zum Revolutionär nicht geboren«
 und in den starken alles mit sich fortreissenden Strom sozialistischer Ideen
hineingetrieben worden wäre
    »Damals besaßen wir den kostbaren durch nichts zu ersetzenden Schatz eines
Ideals für das Titel Vermögen Vergangenheit und Zukunft wegzuwerfen nicht
nur kein Opfer sondern eine Seligkeit war Während Sie und Ihresgleichen«  er
schürzte verächtlich die Lippen »Zugvögel seid ihr die das Ziel verloren haben
und umherirrend schließlich kraftlos ins Meer stürzen«
    »Sie vergessen nur dass seitdem zwei Jahrzehnte verflossen sind dass die
Träume von damals Wirklichkeiten von heute wurden« warf Konrad ein
    »Unsinn Unsinn « wehrte Pawlowitsch ab »haben wir vielleicht den
Sozialismus«
    »Nein Aber wir machten scheint mir viele Schritte in seiner Richtung und
sehen mehr und mehr dass der Weg nicht nur gangbar sondern notwendig ist«
    Pawlowitsch trommelte mit den Fingern auf dem Tisch
    »Die Bourgeoissöhnchen waren also nur gerade kräftig genug sich für eine
Idee zu begeistern um das Proletariat jetzt wo es zähe Arbeit gänzlich
unromantische Anstrengung gilt im Stich zu lassen«
    »Verzeihen Sie« antwortete Konrad sehr ruhig dem Erregten »es handelt sich
doch wohl um zwei verschiedene Generationen von denen Sie sprechen Die eine 
die Ihre  ist so kommt es mir vor gerade diejenige die den Rausch der
Jugend überwunden hat und jetzt nüchtern für all jene Einzelziele kämpft  deren
Notwendigkeit ich gar nicht bestreiten will  für die Sie uns die neue Jugend
aber um so weniger begeistern können als  Sie müssen auch diese Offenheit
entschuldigen  Sie selbst nicht mehr begeistert sind« Pawlowitsch biss sich
heftig auf die Lippen und warf ihm unter gerunzelter Stirn einen bösen Blick zu
»Für Sie« fügte Konrad der ihn ruhig auffing hinzu »ist doch das alles nur
noch ein Rechenexempel «
    »Und das letzte Ziel die Aufhebung der Klassenherrschaft die
Sozialisierung der Welt« frug Pawlowitsch mechanisch in dem Glase löffelnd
das vor ihm stand
    Konrad zögerte mit der Antwort »Deren Voraussetzung die Diktatur des
Proletariats sein soll  nicht wahr« Pawlowitsch nickte spottend »Haben Sie
vielleicht dagegen etwas einzuwenden«
    »Ja« entgegnete Konrad bestimmt
    »Wie« rief Else mit einem Ungestüm einfallend das ihrem Interesse bei
diesen Fragen gar nicht zu entsprechen schien und einem ängstlich flehenden Zug
um den Mund den Konrad nicht verstand »Wie Sie könnten den Glauben von
Millionen zerstören wollen« Und ihre Augen suchten die des Russen der
hartnäckig in den Schoss sah
    »Wer ihn wirklich besitzt dem wird er durch einen jungen Menschen der kaum
die Nase in die Welt gesteckt hat auch nicht zerstört werden können« meinte
Konrad »ich aber hab ihn nicht  leider  ich kann seine Verwirklichung nicht
einmal für wünschenswert halten Vielleicht  vielleicht wäre sogar « zwischen
jedem Wort entstand eine Pause und seine Augen richteten sich aufwärts glitten
wie suchend über die Köpfe der Menschen hinweg in die Ferne  »der Kampf dagegen
ein  Ziel wenn man dabei zugleich für etwas kämpfen könnte«
    Er erwartete einen heftigen Angriff aber statt dessen wandte Pawlowitsch
das Gesicht in das sich zwischen Mund und Nase zwei tiefe Falten gegraben
hatten Elsen zu und sagte mit einer von Wehmut leise durchzogenen Ironie
»Schau ihn dir an Else diesen Knaben aus den fränkischen Wäldern mit der
großen Sehnsucht im Blut Kein Vorurteil hat ihn von vornherein krummgebogen
keine Grossstadtdekadenz hat ihn abgestumpft all meine Überredungskunst die
freilich greisenhaft genug geworden sein mag verwandte ich auf ihn und doch 
kann er nicht glauben Genau wie bei uns wo dieselbe Generation die sich vor
wenigen Jahren für die Revolution massakrieren ließ sich heute höchstens über
Fragen der Erotik den Kopf  nicht einmal das Herz  zerbricht« Seine Stimme
sank Er ließ es sich ruhig gefallen dass Else seine große Hand zwischen die
ihren nahm
    »Du musst einlenken« mahnte Warburg leise während Konrad den starken Mann
sich gegenüber erschüttert ansah und vor dem wehen vorwurfsvollen Blick Elsens
beschämt den seinen senkte Alles war er zu tun bereit um den Eindruck den er
gemacht hatte wieder zu verwischen Schon öffnete er den Mund doch der Russe
fiel ihm ins Wort »Still Nehmen Sie keine Rücksicht auf solche Rückfälle in
die GemütsKrankheit Erklären Sie mir lieber nicht etwa die Gründe Ihres
Unglaubens  das interessiert mich nicht  sondern warum Sie die
Verwirklichung unserer Ideen nicht für wünschenswert halten«
    Konrad errötete heftig »Das alles was ich sage lieber Herr Pawlowitsch
sind doch nur Augenblickseindrücke Ich bin wirklich nicht so vermessen meine
Ansichten für irgendwie feststehende zu halten« Else dankte ihm mit einem
warmen Blick
    »Gewiss gewiss  das glaub ich gern Sie müssen mir aber demgegenüber
gestatten gerade von den ersten Eindrücken helläugiger Jugend oft mehr zu
halten als von den späteren schablonenhaften Resultaten sogenannt tiefgründiger
Studien Also«
    »Wenn Sie es denn durchaus wissen wollen  aber nicht wahr Sie glauben mir
ohne weiteres dass ich all Ihren Gegenargumenten zugänglich bin« Pawlowitsch
nickte ungeduldig »Sehen Sie mir scheint dass uns den physisch Satten das
Proletariat als die Klasse geistig Saturierter gegenübersteht Freilich sie
scharen sich durstig um jeden kleinsten Born des Wissens Aber was ihnen
zufliesst ist ihnen ein Höchstes ein Evangelium Sie sind Besitzende die stolz
auf ihren geistigen Geldsäcken ruhen Erinnern Sie sich wie neulich Ihr Freund
 ein führender Genosse war es glaube ich  unter dem dröhnenden Beifall der
Menge erklärte von allen alten Banden der Religiosität von all jenen
mystischen Phantasien und Sehnsüchten die nur diejenigen beschäftigen können
welche zu faul oder zu feige sind sich realen Dingen zu widmen haben wir uns
endgültig frei gemacht und wie man ihn umjubelte als er schließlich ausrief
auch Likörtrinken ist schön und gehörte einst zum Leben wir wissen aber dass
wir ohne das auskommen und dasselbe gilt von allen geistigen Schnäpsen die uns
Pfaffen Philosophen und Ästetiker vorsetzen Solche Menschen die für alle
Fragen schon die Antwort wissen die weiter hinaus ins Unbekannte keine
Sehnsucht mehr haben  solche Menschen können uns weder Führer noch dürfen sie
der Zukunft Herrscher sein Sie würden mehr Fesseln anlegen als brechen mehr
Saat zertreten als säen«
    Konrad brach ab er fürchtete schon wieder zu weit gegangen zu sein und
sah erwartungsvoll zu dem Russen hinüber Der aber lächelte nur gutmütig »Ist
das Ihre ganze Sorge junger Mann Doch selbst wenn Sie recht hätten glauben
Sie die Menschheit wäre nicht Manns genug sich solcher Führer wieder zu
entledigen Und glauben Sie wirklich die Befreiung von Millionen armer Menschen
aus Not und Elend wöge nicht reichlich die paar sogenannten Kulturgüter auf Man
ist ja heute von tränenreicher Sentimentalität in bezug auf sie die vielleicht
im Strudel der großen Umwälzung verloren gehen werden« Er unterbrach sich und
sah nach der Uhr »Wir werden die Fortsetzung unseres Gespräches auf ein anderes
Mal verschieben müssen« sagte er »Ich habe noch eine Verabredung«
    Auf der Straße trennten sie sich Else war sehr blass und beim Aufstehen
schien es Konrad als habe sie geschwankt »Ich möchte Sie nicht allein gehen
lassen« sagte er besorgt Sie nahm wortlos seine Begleitung an
    Ihm fiel ein was ihm in letzter Zeit von Pawlowitsch vielfach zu Ohren
gekommen war  mit den Grundsätzen die er entwickelt hatte stimmte es überein
 dass er ein wüstes Leben führe mit der und jener stadtbekannten Schönen
gesehen worden sei und gegenwärtig mit einer verheirateten Frau ein Verhältnis
habe Er sah Else an wie sie gesenkten Hauptes neben ihm schritt und sein Herz
krampfte sich zusammen Hatte er sie nicht kürzlich erst voll strahlenden Glücks
gesehen
    Bis vor die Tür ihres Hauses schwiegen beide »Ich habe Angst um Sie
Fräulein Else« sagte er schließlich »Ich auch« erwiderte sie wehmütig
lächelnd Und dann »Kommen Sie mein Tisch ist noch gedeckt Ich fürchte heute
die Einsamkeit« Er folgte ihr
    Ein kleiner Teller mit Erdbeeren stand zwischen den anderen Schüsseln auf
dem runden Tisch Sie schob sie dem Gaste zu »Nehmen Sie bis morgen sind sie
welk Sie waren für ihn bestimmt Die ersten« Zwei große Tränen rollten über
ihre Wangen Konrad griff nach ihrer Hand und führte sie an die Lippen »Else
liebe Else« flüsterte er Mit einer mütterlichen Bewegung strich sie ihm die
Haare aus der Stirn »Großes Kind«
    Dann saßen sie vor dem Ofen dessen Feuer sie rasch noch einmal entzündet
hatte denn sie fror trotz der Frühlingsluft
    »Das ist die freie Ehe« begann sie leise und schwieg wieder
    »Sie sind allein  zu viel allein« meinte er Ein verlorenes Lächeln
spielte um ihren blassen Mund »Eheleute meinen Sie wohl müssten immer
beieinander sein Dass die Ehe sie dazu zwingt ist ihr Fluch Ich glaube
aneinandergekettete Sklaven müssen sich schließlich hassen selbst wenn sie die
zärtlichsten Brüder gewesen waren Auch ich will frei sein wie ich seine
Freiheit achtete nur« ganz vergrämt sah sie in die spielenden Flammen um erst
nach sekundenlangem Verstummen aufs neue fortzufahren »Sie kennen seine
Grundsätze  er hat keine die er nicht lebte die das Leben ihm nicht zuerst
diktiert hätte Er liebt mich er kann nicht los von mir Er kommt immer wieder
zu mir zurück  immer wieder  seit Jahren Vielleicht hat er recht  in allem
Mein Verstand sagt ja Aber mein Herz wird niemals aufhören nein zu sagen
nein«
    »Sie glauben auch an die  andere Treue« frug er Wie seltsam ihm zumute
war Die dunkle Nacht das dämmrige Zimmer allein mit dem Mädchen die im
Schein der kleinen verhängten Lampe vor ihm saß ein süßes Traumbild Nur auf
ihren Händen den kleinen weichen Händen deren Berührung auf seinem Haar er
noch spürte lag das volle Licht
    »Glauben Wie sollte ich« spottete sie wehmütig »Ich weiß nur dass ich sie
halten muss dass Liebe Eins ist für mich vielleicht für alle Frauen Das ist ja
gerade das Grässliche über das ich nie hinweg kann ist sie wirklich beim Manne
zwiespältig ist für ihn ein Spiel eine Befriedigung flüchtigen Begehrens was
für uns Gipfel ist und Erfüllung dann gibt es nur den Kampf und nie die
glückliche Einheit der Geschlechter«
    »Ich möchte glauben« meinte er in Erinnerung an seine Kämpfe seine
Niederlage und seinen Sieg dunkel errötend »dass wir uns zu Ihrer Auffassung
erziehen könnten und  müssten« Sie sah auf neuen Glanz in den Augen
    »Und das sagt ein Mann wie Sie in der Blüte der Jugend« Nun stockte sie
wieder
    In ihm tobte es von den widerstreitendsten Gefühlen wie ein Bruder hätte er
sie an sich ziehen mit linden Worten um ihres Leidens willen trösten mögen wie
ein Liebender wünschte er sehnsüchtig ihr Stirn und Hände  die schönen schönen
Hände  zu küssen ach und wie ein Kind verlangte er danach den Kopf in ihrem
Schoss alles sagen zu dürfen was er litt Er streckte die Hände aus die
gewölbten Handflächen nach oben wie ein Bettler »Wenn Sie mich ein wenig lieb
haben könnten«
    Sie schüttelte den Kopf »Mit ein wenig Liebe sollten Sie sich nie begnügen
Ganz und groß muss sie sein dann ist sie selbst wenn sie ins tiefste Elend
führt doch immer Glück  das einzige Glück gewesen Manchmal wie vorher bin
ich schwach  weibisch vergessen Sies bitte Selbst wenn er  nicht
wiederkäme bin ich doch reich überreich gewesen«
    Er sah sie an Müdigkeit und Trauer auf dem jungen Gesicht »Sie fühlen es
doppelt gegenüber meiner Armut«
    »Erlebe die Liebe selbst wenn du vorher weißt dass du an ihr zugrunde gehst
 möchte ich jedem sagen Und wenn ich es sage ich die sich nicht einmal
sondern hundertmal kreuzigen lässt « ihre Augen umdunkelten sich von Leid
überschattet  »so muss es wohl wahr sein Wäre die Liebe nur Glück sie wäre
wenig Aber sie ist Erlösung Menschwerdung ist Sonne die alle geschlossenen
Blüten wach küsst ist Regen der alle verborgenen Keime zum Spriessen bringt
Gewittersturm unter dem die verschmachtete Erde zu neuem Leben erwacht In ihr
findet alle Unruhe Gleichmass alle Sehnsucht Erfüllung Gott ist die Liebe
sagen die Frommen und wissen nicht was sie tun wenn sie den verdammen der da
sagt Die Liebe ist Gott« Sie war aufgestanden leuchtend in der eigenen
Begeisterung
    »Dass ich ein Weib wie Sie zu finden vermöchte« rief Konrad hingerissen
    Ein Schatten flog über ihr Gesicht »Einmal stand einer vor mir wie Sie
jung und schön und gut« murmelte Else nachdenklich »und Pawlowitsch sagte zu
mir beglücke ihn Ich weinte drei Tage lang vor Verzweiflung «
    »Und der Jüngling«
    »Nahm eine Kokotte«
    Sie schwiegen beide In die Stille hinein schlug die Uhr
    »Sie müssen gehen sonst büßen Sie die Nachtwache mit einem müden Tag«
sagte das Mädchen »aber vorher will ich Ihnen etwas zeigen  mein Geheimnis«
    Sie führte ihn ins Nebenzimmer Da lagen auf Tischen und Stühlen viele
Puppen mit runden Kindergesichtern von denen keines dem anderen glich vom
stupsnasigen Bauernbübchen bis zum blässlichen Stadtschulmädchen schienen alle
Physiognomien vertreten Else machte eine wegwerfende Bewegung »Das ist nichts
Mittel zum Erwerb« und auf seinen fragenden Blick »wir müssen leben  alle
beide  und er hat keine Ahnung vom Geldverdienen desto mehr aber vom Ausgeben
Als ich anfing tat ichs aus Herzensdrang ich arbeitete für mein Kind gab den
Puppen Gesichter wie ich sie mir für mein Mädel oder meinen Jungen erträumte
dann « sie brach ab und trat vor einen großen Glasschrank den sie öffnete
»jetzt ist mein Geheimnis hier«
    Mit mattblauem Samt waren Wände und Regale ausgeschlagen von denen die
hellen Figuren davor sich duftig abhoben Waren es Puppen Elfen verzauberte
Märchengestalten Sie trugen Kleider von Brokat und vergilbter Seide und
Spinnwebentüll Schleier und Kronen Blumenkränze und Nonnenhauben auf dem
flachsgelben Seidenhaar ihre Gesichter waren blass kränklich übernächtig mit
großen stummen Augen und mattrosa Lippen ihre mageren Arme liefen in
langfingrige Hände aus  solche Hände die nichts mehr halten können so schwach
sind sie  und ihre Beine waren schlank und dünn in den Fesseln dass
Generationen von Königen nötig gewesen sein mussten um diese Feinheit
hervorzubringen Nie hätten diese Frauen Mütter diese Männer Krieger sein
können Sie waren nur schön von letzter vergeistigter Schönheit Mitten unter
ihnen als wäre sie die Herrscherin saß auf hochlehnigem Stuhl ein Prinzesschen
in kurzem Spitzenkleid goldbraune üppige Locken von zartem Perlenkrönchen
geschmückt umrahmten das Gesicht das noch blasser noch schmaler war als das
der anderen und die Beinchen waren auch viel viel dünner als die der Könige
und Königinnen ringsum das Prinzesschen war viel zu vornehm um ihre Füße mit
der rauen Erde in Berührung bringen zu können sie war die letzte Blüte des
alten Stammes
    Konrads Blick blieb allein an ihr hängen Vorsichtig nahm er sie in die
Hand drehte und wendete sie sanft wie etwas sehr Liebes »Gina« flüsterte er
selbstvergessen Dann erst entsann er sich der Schöpferin dieser Traumwelt Mit
einem Blick der Frage und Staunen und Bewunderung zugleich ausdrückte sah er
sie an
    »Muss nicht jeder Mensch wenn er nicht verarmen will sich auf diesem allzu
hellen allzu lauten Planeten einen Winkel schaffen in dem seine verfolgte
Phantasie Alleinherrscher ist Müssen wir nicht den Quellen in uns denen die
Blumenwiese versagt wurde die sie tränken sollten irgendwo einen Brunnen
schaffen damit sie uns nicht zersprengen« antwortete sie ihm er hielt noch
immer das Prinzesschen auf dem roten Stuhl in der Hand »Mögen Sie die Kleine«
Er streichelte mit dem Finger über das Köpfchen und den Rücken »Ihr fehlt nur
der Höcker« Else sah ihn verwundert an »Der Höcker« Und nun erzählte er ihr
von Gina und von allem was ihm das weiße Kinderseelchen war
    »Gleich morgen besuch ich sie und bring ihr meine Puppen« sagte Else
gerührt »und die kleine Perlengekrönte gehört Ihnen«
    »Wie gut Sie sind«
    »Ich glaube Sie sind besser «
    An der Türe zu der sie ihn begleitet hatte drehte er sich noch einmal um
»Ich muss Ihre Hände küssen Ihre Zauberhände« Aber er küsste sie nicht nur er
legte sie sich auf die Stirn auf die Augen auf das Herz
Als Else Gerstenbergk am nächsten Morgen in Frau Wanda Fennrichs Wohnung trat
erfuhr sie schon am Eingang von der heulenden Frau dass die Kleine in der Nacht
kränker geworden war Sie fand Konrad mit übernächtigen Augen an ihrem Bettchen
    »Sie schrie nach mir« sagte er leise »Giovanni hat mich vergebens gesucht
Jetzt seit ich ihren Kopf gestreichelt habe schläft sie«
    »Nein Herr Konrad nein« tönte ein feines Stimmchen aus den Kissen »wie
könnt ich schlafen wenn du mich streichelst  ich träume nur « und ein Paar
fieberglänzende kranke Augen richteten sich auf ihn
    »Gina« flüsterte er erschüttert
    Leise war Else nähergetreten ein paar ihrer Kinderpuppen in den Händen
Konrad schlang stützend den Arm um die Kranke »Sieh nur was du bekommen
sollst« Die Augen des Kindes bohrten sich in Elses Antlitz
    »Wer ist die fremde Frau«
    »Eine liebe Freundin «
    Um die Lippen der Kleinen zuckte es während ihre Augen noch immer an der
Besucherin hingen prüfend feindselig »Ich spiele nicht mehr mit Puppen«
sagte sie hart und schloss die Lider sich ins Bett zurückfallen lassend
    »Es ist wohl besser ich gehe« meinte Else Konrad erhob sich und reichte
ihr die Hand »Haben Sie Dank tausend Dank dass Sie kamen« Jetzt erst bemerkte
sie wie elend er aussah Sie erschrak »Ich komme wieder heute noch nur um
nach Ihnen zu sehen«
    Ein wimmernder Wehlaut ließ sie verstummen Gina saß hoch aufgerichtet in
den Kissen ihre Augen dunkle Brunnen eines Stroms von Tränen der über die
eingefallenen Wangen floss
    Konrad war im gleichen Augenblick wieder neben ihr während Else die Türe
leise hinter sich zuzog »Rausche rausche lieber Fluss  nimmer werd ich froh
« kam es stossweise von Ginas Lippen Konrads Hand lag wieder wie vorhin auf
ihrem Köpfchen das langsam langsam zurücksank
    Es wurde ganz still im Zimmer Frau Wanda war angstgeschüttelt in die Küche
geflohen die Hunde sprangen ihr schmeichelnd auf den Schoss Giovanni hockte
zusammengesunken an der Türe
    Konrad blieb allein mit dem Kinde Es atmete schwer Von Zeit zu Zeit
öffnete es die Augen und sah ihn an Jedesmal war ihr Ausdruck reifer tiefer
als entfalte sich das kleine Geschöpf in diesen Minuten zum Weibe
    »Küsse mich« hauchte es sehnsüchtig Und seine Lippen ruhten auf den ihren
vom Fieber zerrissenen Der glühende schmächtige Körper zuckte in seinen Armen
    Ein seliges Lächeln verklärte das zarte Gesichtchen »Musst  es  eben 
leiden « tönte es fast unhörbar an des Jünglings Ohr
    Und Gina war tot
 
                                Viertes Kapitel
                          Vom großen Hoffen ohne Ziel
Am Waldrand im Tale der Wiesent blühte der Rotdorn die weißen Schlehen und die
wilden Rosen von gelben Butterblumen leuchteten die Wiesen als habe der Himmel
mit vollen Händen sein Gold verstreut Konrad fuhr heim Er saß auf dem hohen
Selbstfahrer und lenkte die beiden feurigen Füchse mit denen er am Bahnhof
überrascht worden war Die Obstbäume an der Chaussee waren lauter üppige
Blütensträusse sie standen ganz still und steif wie geputzte Kinder in der
Kirche jedes Ästchen durch sein weißes Kleid breit und voll geworden spreizte
sich in seiner Pracht Von ferne flatterte vom Turme die Fahne der Hochsess im
weißen Felde die leuchtend rote Rose und über dem verwitterten Torweg prangte
ein Eichenkranz und die Kastanien im Hof glänzten im Schmuck roter
Blütenkerzen
    Ein Gefühl befreiten Aufatmens schwellte Konrads Brust Ihm war als sei
hinter ihm eine schwere eiserne Kerkertür ins Schloss gefallen
    Da standen sie alle und warteten seiner der alte Habicht die welken Wangen
in dem freundlichen von langem Prophetenbart umrahmten Greisengesicht freudig
gerötet die beiden Tanten vertrocknete Mumien deren heruntergezogene
Mundwinkel seine Ankunft doch zu etwas hoben das einem Lächeln glich und sie 
die Großmutter  die immer Schöne In weichen Falten von keiner Mode mehr
beeinflusst umfloss das weiße Gewand ihre hohe Gestalt über dem vollen
silberglänzenden Haar lag ein duftiger Schleier ein paar Brillanten blitzten in
den kleinen Ohren auf den schlanken Fingern und die nachtdunklen Augen
leuchteten vom Alter ungetrübt aus all dem Weiß wie zwischen Firnschnee der
tiefe See der Alpen
    Er sprang vom Bock kaum dass die Pferde noch unruhig stampfend standen er
umarmte sie alle stürmisch leidenschaftlich so dass dem alten Mann die Tränen
in die hellen blauen Augen traten die Tanten mit zitternden Knochenhänden dem
Ungestüm wehrten und die Gräfin Savelli all ihre vornehme Reserve vergessend
ihn minutenlang nicht losliess
    Sie führte ihn in sein Zimmer Er sah sich staunend um nichts war
verändert nichts vom Platz gerückt und doch erschien ihm alles neu fremd
fast feierlich War er wirklich immer von diesen schönen schweren
bronzebeschlagenen Mahagonimöbeln umgeben gewesen Hatten diese goldenen
ernsten Sphinxe immer die Sessel getragen hatten sich immer diese
Lorbeergirlanden um die Schränke gerankt
    »Du hast sehen gelernt mein Junge« sagte die Gräfin auf eine staunende
Bemerkung von ihm und streichelte zärtlich sein blasses Gesicht Er sah sie groß
an Wie verändert seine Augen waren »Und leben auch« fügte sie langsam hinzu
»Leben« wiederholte er fragend »Ich weiß nicht Großmutter Denn leben heißt
schaffen und ich « »Schaffst du zunächst nicht dich selbst« entgegnete sie
ihm mit gütigem Lächeln leise die Wange streichelnd
    Am nächsten Tage  die Rückkehr des jungen Hochsess wurde in der
Nachbarschaft um so mehr als ein Ereignis betrachtet als sie für eine
endgültige gehalten wurde  war der Vetter Rotausen vom Greifenstein der erste
der mit seinem Viererzug vorfuhr
    »Natürlich« dachte Konrad geringschätzig »vier armselige Klepper statt
zweier anständiger Gäule« und ihm fiel ein wie der Greifensteiner sich vor
fünf Jahren den Tanzsaal seines Schlosses der eben noch ein Heuboden gewesen
war von einem Malermeister aus Forchheim mit altdeutschen Figuren hatte bemalen
lassen die er stolz als eine Renovierung entdeckter Fresken ausgab die
Touristen verfehlten dann auch nicht sie gegen eine Mark Eintritt
pflichtschuldigst zu bewundern »Fortschritt  Fortschritt meine Herrschaften«
pflegte er den Eingeweihten lachend zu versichern »Mit der Plempe in der Faust
lockten meine biederen Vorfahren den wandernden Koofmichs im Tal die Batzen aus
der Tasche Wir machens milder«
    »Bist ja ein fescher Bursch geworden« damit begrüßte er Konrad während
dieser den Damen aus dem Wagen half der dicken astmatischen Baronin deren
Beiname »das Klageweib« von ihm stammte und dem Töchterchen der Hilde
    »Bist ja ein süßes Mädel geworden« hätte er beinahe ein Echo des Vaters
ausgerufen wenn ihm nicht rechtzeitig zum Bewusstsein gekommen wäre dass dieses
blonde weiße schlanke Ding nach den Wünschen der Tanten seine Frau werden
sollte Schließlich stieg der Stammhalter vom Bock Potsdamer Gardeulan der
eben auf Urlaub war
    »Ihnen ist wirklich zu dem Enkel Glück zu wünschen liebe Gräfin« sagte die
Baronin nachdem sie sich schwer atmend auf einen der tiefen Sessel des Salons
hatte fallen lassen »Denken Sie nur wie grässlich  eben erst schrieb mirs
meine Kousine die Vicky Heimburg  Der armen Prinzess Lyck ihr Ältester muss nun
auch nach Amerika Wenn den eine gute Partie nicht rausreisst Und doch ists ein
Jammer dass amerikanische Schweinezüchter immer wieder den Stammbaum verderben«
Sie hatte selbst eine bedenkliche Lücke in der Ahnenreihe  eine ehemalige
Kuhmagd oder so etwas  und suchte sie durch Ahnenstolz um so eifriger
auszugleichen als ihre Erscheinung einen peinlichen Atavismus darstellte
    Indessen versuchte Alex der Sohn mit Konrad Berliner Erfahrungen
auszutauschen Weiber  Kneipen  Pferde  der Vetter reagierte nicht »Ein
Stiesel oder ein Duckmäuser« dachte der junge Offizier geringschätzig Laut
aber sagte er mit gönnerhaftem Lächeln »Warum besuchst du mich nicht Könnte
dich überall einführen Wäre doch standesgemässer als dein Umgang« »Was weißt
denn du davon« meinte Konrad »Gott man munkelt so allerlei« antwortete der
andere ausweichend »für unsereins der überall soviel beschäftigungslose Tanten
und Onkels herumsitzen hat ist die Weltstadt doch nur ein Klatschnest«
    »Warum hinterm Berge halten Junge« mischte sich der alte Baron ins
Gespräch und fuhr Konrad derb auf die Schulter klopfend fort »Du bist nicht
staupefrei mein Bester und ich möchte dir gleich noch ehe der Hochsesser
Keller sich auftut ein bisschen auf den Zahn fühlen«
    »Bitte« lachte der Angeredete wobei sein tadelloses Gebiss sich enthüllte
»alle zweiunddreissig stehen dir zur Verfügung«
    »Ja wenns noch Weibergeschichten wären wie bei meinem Bengel« erwiderte
Rotausen »das machen wir schließlich alle durch ohne uns ernstaft zu
verplempern Aber statt Frauenzimmer zu karessieren was doch die reizvollste
Beschäftigung ist « er schnalzte mit der Zunge und verdrehte die Augen 
»fraternisierst du mit den Roten«
    »Bin ich dir teurer Vetter wirklich das Goldstück wert mit dem du den
Detektiv auf meine Fersen heftest« spottete Konrad
    »Nee mein Junge dafür giess ich mir lieber einen Pommery hinter die Binde
Doch Scherz beiseite ich habs von meinem Sprössling« »Berghof von unserer
Gesandtschaft sprach mir davon« warf Alex etwas verlegen ein Und der Alte fuhr
erregter fort »Man hat dich in zweifelhafter Gesellschaft gesehen mit einem
Russen vor allem dem die politische Polizei ständig auf den Fersen ist während
du unsere Kreise geradezu vermeidest Ich würde dir nicht so ohne weiteres mit
der Tür ins Haus fallen wenn wir nicht gerade in Bayern Exempel von Beispielen
hätten und das lebhafteste Interesse daran haben dass der letzte Hochsess ein
tadelloser Edelmann bleibt«
    Konrad stieg das Blut in die Stirn »Dafür zu sorgen lieber Onkel wirst du
gütig mir selber überlassen« sagte er scharf »Im übrigen gehen wie ich sehe
unsere Ansichten zu sehr auseinander als dass wir uns verständigen könnten denn
ich glaube bei meinem Verkehr die Würde meines Standes besser zu wahren als die
 anderen bei Suff und Spiel und Frauenzimmern«
    Der junge Rotausen hatte eine heftige Erwiderung auf den Lippen aber das
etwas gezwungene Gelächter des Vaters schnitt ihm das Wort ab
    Die Baronin räusperte sich vernehmlich Sie kannte ihren Mann ahnte er nur
das rote Tuch so stürmte er blindlings vorwärts gleichgültig was für mühsam
gezogene Hoffnungspflanzen dabei zertrampelt wurden
    »Du entziehst uns den lieben Hausherrn« sagte sie zu ihm ihre harte Stimme
zu den sanftesten Flötentönen zwingend und zu Konrad gewandt »Er hat Sie
sicher ins Gebet genommen Gott er hat so strenge Grundsätze « Konrad
unterdrückte ein Lächeln Der Skandal mit Hildens Gouvernante fiel ihm ein der
selbst ihm dem Knaben nicht verborgen geblieben war »Aber die Jugend von
heute will austoben nicht wahr« fuhr sie fort »natürlich ohne die ehrenhaften
Traditionen der Familie zu verletzen«
    Konrad sah unwillkürlich zu den Tanten hinüber »Die Traditionen der
Familie« bei dem geringfügigsten Anlass hatte er sie über dies Thema predigen
hören Sein Blick blieb an der Gruppe hängen die beiden dürren Gestalten mit
den farblosen Gesichtern und Hilde das blühende Leben zwischen ihnen Doch im
Augenblick da er sich an dem Gegensatz weiden wollte war ihm als fiele ein
Schleier von seinen Augen sie waren ja Blüten von einem Stamm die Natalie die
Elise und die Hilde Nur dass die eine im Frühling des Lebens stand Die
niedrige Stirne die leeren grünen Augen der schmale Mund das zurückfliehende
Kinn die schlanke Gestalt  nehmt ihnen die Farbe und die weiche Rundung der
Jugend und es bliebe nichts  nichts als Fledermäuse
    Die Baronin war Konrads Augen gefolgt sie lächelte vielsagend zu ihrem Mann
hinüber
    »Nun aber sind Sie wieder der Unsere und werden das Erbe der Väter
übernehmen das Ihnen die liebe Gräfin so treulich verwaltet hat« sagte sie
salbungsvoll ihm die kurze runde Hand auf den Arm legend Es war wie eine
Besitzergreifung
    »Nein Frau Baronin« antwortete er und lächelte die Großmutter an die
eben da die Flügeltüren zum Esssaal sich öffneten den Arm in den Rotausens
legte »dafür sind wir beide noch zu jung  die Großmutter und ich«
    Für die nächsten zehn Minuten schien der Redestrom der Baronin versiegt
Konrads gute Laune sprudelte dafür über Er fühlte sich auf einmal stark und
reich ein Gewachsener ein Freier vor allem für den keiner dieser Menschen
irgendeine Bindung bedeutete Auch dass er sich von der Heimat frei fühlte ganz
frei kam ihm zu frohem Bewusstsein Selbst die ruhige Hilde  man hält für
vornehme Zurückhaltung was oft Dummheit ist dachte er  wurde lebendiger
    Und Rotausen schon gerötet vom Wein spielte der Gräfin Savelli gegenüber
den Galanten was sie mit einem gnädigen ein ganz klein wenig spöttischen
Ausdruck entgegennahm während sich auf den Gesichtern der Tanten die seit
zwanzig Jahren nie überwundene Entrüstung über die »kokette Italienerin«
spiegelte
    »Welch eine Künstlerin ist die Sonne Italiens« sagte er ihre Hand an die
Lippen ziehend »dass sie den Frauen unsterbliche Lilienfinger wie diese wachsen
lässt «
    »Und Trauben wie jene« lächelte die Gräfin zur Türe weisend in der
Giovanni der sein Amt als Kellermeister wieder angetreten hatte erschien
einen flachen Korb mit zwei alten Flaschen Chianti im Arm Er trug ihn zärtlich
als wäre ein Kind darin und entkorkte die Flaschen langsam andachtsvoll und
ließ den dunkelgoldenen Wein feierlich in die Gläser fließen so dass er zuletzt
niedertropfte schwer wie Öl Rotausen verstummte in den Anblick des
köstlichen Trankes versunken Erst als Giovanni gegangen war hob er ihn an die
Lippen und frug nachdem er den Genuss vorbereitend den süßen Duft gesogen
hatte »Die schönsten Knaben von Kapri sollten seine Schenken sein Warum sind
Sie in diesem einzigen Falle so stillos Frau Gräfin und wählen dafür den
widrigen Zigeuner«
    Das Ausbleiben der Antwort ein vorwurfsvoller Blick seiner Gattin schienen
ihn an das Gespenst in diesem Hause plötzlich zu erinnern an den mysteriösen
Zusammenhang zwischen der Gräfin Lavinia und dem Seiltänzer Er würgte mit
einigen Bissen Brot seine Verlegenheit hinunter um bald darauf um so
gesprächiger und lauter zu werden so dass jede andere Unterhaltung notgedrungen
verstummte Die ganze Nachbarschaft wurde durchgehechelt kein Räuspern kein
vielsagender Blick auf die Tochter und die Baronessen die alle drei krampfhaft
auf ihre Teller sahen vermochte seinem Redeschwall Einhalt zu tun die Gräfin
Savelli verstand es schließlich mit der großen Kunst ihrer
Gesprächsbeherrschung ihn abzulenken An den Bericht einiger toller Streiche
junger Majoratserben knüpfte sie an
    »Abenteuerlust liegt nun einmal im Blute des Adels« sagte sie »und findet
heute so selten einen erlaubten Ausweg«
    Alex der sich bisher ganz in die Genüsse der Tafel vertieft hatte sah mit
einem aufleuchtenden Blick zur Gräfin hinüber
    »Nanu« brummte der alte Rotausen verwirrt durch die Abschweifung »uns
fehlts doch nicht an Möglichkeiten ihr zu frönen die Aeronautik der Sport «
    »Wobei man Kourage lernt und weiß nicht wozu und die Muskeln stählt und
weiß nicht warum« rief Alex mit unterdrückter Erregung aus »Oder ists
vielleicht ein unserer würdiges Ziel in der Luft oder auf dem grünen Rasen eine
neue Art Klown vor dem gaffenden Mob zu spielen«
    Konrad nickte und bat dem Vetter in der Stille ab was er an Groll gegen ihn
empfunden hatte »Wobei der Klown auch noch ein Geschäftsmann ist« ergänzte er
»und aus einstmals heldischen an idealen Aufgaben sich erprobenden
Eigenschaften Kapital schlägt«
    »Ich sympatisiere durchaus mit meinen jungen Freunden« sagte die Gräfin
»das alles ist ein für uns lebensgefährlicher Amerikanismus der wenn er nicht
noch durch irgendein Machtgebot mit Stumpf und Stiel ausgerottet zu werden
vermag uns des Besten und Höchsten berauben kann was wir haben  wir damit
meine ich alles was wahrhaft vornehm ist  der Fähigkeit nämlich uns für eine
große Sache nur um ihrer selbst willen einzusetzen Jenen
Abenteuermöglichkeiten die Sie vertreten lieber Baron« damit wendete sie sich
wieder ihrem ein wenig verdutzt dreinschauenden Nachbarn zu »fehlt die
Hauptsache ein fernes traumhaft verschwimmendes Ziel wie es zum Beispiel die
Kreuzfahrer hatten«
    Rotausen unterbrach sie mit schallendem Gelächter »Verzeihen Sie teuerste
Gräfin verzeihen Sie« sagte er dann sich die Tränen aus den Augen wischend
während sie ihn sehr kühl und sehr von oben herab betrachtete »ohne es zu
wissen haben Sie Ihrem Enkel eine kostbare Waffe zur Verteidigung etwaiger
späterer Seitensprünge geliefert und die rote Kouleur unserer liebwerten
Standesgenossen der Vollmar und Haller erklärt Der Zukunftsstaat ist gewiss
ein noch traumhafter verschwimmendes Ziel als die Eroberung des Heiligen Grabes
es jemals gewesen ist«
    Konrad war plötzlich ernst geworden seine unbestimmte Sehnsucht sein
Suchen ohne recht zu wissen wonach seine Ernüchterung sein Sichzurückziehen
sobald irgendein dunkel geahntes Ziel in greifbare Nähe geriet  war das
Abenteuerlust  nichts weiter »Kreuzfahrer und Sozialisten haben ein
Gemeinsames dass sie aus einer gefestigten Überzeugung in den Kampf gehen
während Abenteurer nur das Erlebnis suchen Das übersiehst du glaube ich
Großmutter« sagte er nachdenklich
    »Das klingt schöner heldischer  zweifellos« antwortete sie »aber für
Raubritterblut wird Abenteuerlust stets das Primäre sein Sie vergaßen
übrigens« damit wandte sie sich Rotausen zu »jener anderen Kategorie unserer
Standesgenossen die Ihnen am nächsten liegt der Vertreter konsequenter
Reaktion Sie sind desselben Geistes Oder wäre Patriarchalismus und
Absolutismus für uns Heutige nicht auch ein Märchen Echte Adlige werden Sie
immer in den Extremen sich bewegen sehen«
    »Sie anerkennen in einem Atem« warf Rotausen erheblich ernüchtert ein
»Reaktionäre und Revolutionäre Wenn das mehr ist als ein neues Zeichen Ihrer
unvergleichlichen Liebenswürdigkeit Ihres ausgleichenden Taktes als Wirtin so
«
    »Denken Sie beim Kaffee auf der Terrasse darüber nach lieber Baron«
entgegnete die Gräfin aufstehend »wir wollen uns doch den schönen Abend da
draußen nicht entgehen lassen«
    Beim Hinausgehen drückte Konrad die Hand des Vetters besonders herzlich
»Ich begreife nur eines nicht« sagte er dann »dass du bei deinen Ansichten
Offizier werden konntest Man lernt Kourage und weiß nicht wozu man stärkt die
Muskeln und weiß nicht warum  gilt das heute nicht in erster Linie für das
Soldatsein«
    »Im Augenblick könnts fast so aussehen« antwortete Alex »und doch ists
immer noch der einzige Edelmannsberuf Denn siehst du«  dabei legte er im
Weitergehen vertraulich den Arm in den Konrads  »er ist der einzige für den
man nicht bezahlt wird Bei den paar hungrigen Kröten die ein Offizier bekommt
würde selbst ein geborener Hungerleider darben Man gibt nicht nur sich selbst
man gibt auch seinen Mammon Und dann« seine wasserblauen Augen verdunkelten
sich »wir haben die Hoffnung auf das Große auf das Abenteuer wie deine
Großmutter sagt auf Säbelgeklirr und Kugelgepfeif dabei wärs mir
gleichgültig obs gegen deine Freunde die Roten oder gegen Franzosen und
Briten ginge«
    »Und wenn deine Hoffnung am Revisionismus der Roten und am Pazifismus
Europas lauter Symptomen der Altersschwäche zuschanden wird«
    Alex zuckte die Achseln »dann bleibt unsereinem als Lebensinhalt worüber
du erhaben zu sein behauptest« antwortete er »die Karten der Wein die
Weiber«
    »Klägliche Surrogate für Todesmut Siegesjubel Blutrausch«
    »Kläglich Na « und mit einem amüsierten Seitenblick auf den puritanischen
Vetter lachte Alex vielsagend Dann erzählte er ihm frivole Geschichten Als sie
schließlich im Park die anderen wiederfanden begannen die banalen allgemeinen
Unterhaltungen aufs neue
    Der Rotausensche Wagen stand schon vor der Türe aber noch gab es eine
phrasenreiche Auseinandersetzung zwischen den Tanten und der Baronin
    »Lassen Sie uns doch das Hildchen Kousine« flehten wie aus einem Munde
Elise und Natalie
    »Unmöglich Unmöglich Liebste Sie ist auf eine so gütige Einladung doch
nicht im mindesten vorbereitet« lautete die Antwort »Was macht das« meinte
Natalie den Arm um die Schulter des Mädchens legend »solch süßes Kind bedarf
doch nicht grossstädtischer Toilettenkünste ein Kamm ein Nachtemd findet sich
schon für sie und die Kinder hätten dann Zeit ihre alte Freundschaft zu
erneuern«
    Nach langem Zieren dem erst der raue Befehl des Vaters ein Ende machte
»Die Pferde werden unruhig«  ach sie standen mit krummen Knien mäuschenstill
 übergab die Baronin ihr »Kleinod« den Tanten Es zeigte sich dass sie doch
nicht so ganz unvorbereitet gewesen sein musste denn Hildes Pompadour enthielt
sogar die Brennschere mit der sie in ihre straffen Haare kleine regelmäßige
Wellen zu brennen pflegte
    Konrad seufzte Er erinnerte sich der leersten Stunden seiner Kindheit mit
dieser »Freundin« Das Wahnsinnigste hatte er behauptet nur um sie zum
Widerspruch zu reizen und immer war ihre Antwort von gläubigem Augenaufschlag
begleitet dasselbe »Ja« gewesen Sie schien sich in Gegenwart von Männern ihrer
eigenen Nichtigkeit in einem Masse bewusst zu sein dass alles Persönliche in ihr
auslöschte
    »Die alten Nachteulen« dachte er grimmig »müssen sie mir auch noch das
Zuhausesein verderben«
    Er kümmerte sich nur soweit um sie als es die Höflichkeit notwendig machte
aber es störte ihn schon wenn sie nachmittags mit ihrer unvermeidlichen
Weissstickerei am Teetisch saß und jeder Aufblick ihrer runden Augen ihm galt
    »Auf den Mann ist es dressiert das Gänschen« sagte er eines Abends
verärgert zur Großmutter
    »Musst es dem Mädchen nicht nachtragen Konrad« meinte diese »nicht sie
sondern die Eltern haben das zu ihrem einzigen Lebensinhalt gemacht Sie werden
es einmal grässlich büßen müssen« Ihr Gesicht versteinte sich förmlich in
rückschauendem Leid
    Von da an widmete er ihr hier und da ein freundliches Wort was ihm stets
ein verlegenes Lächeln eintrug Nur als er entdeckte dass die Greifensteiner mit
dem Karren der Botenfrau einen Reisekorb für das Fräulein herüberschickten der
auf eine Verlängerung ihres Aufenthaltes schließen ließ erstarb all sein guter
Wille und er zog sich hartnäckiger als vorher von ihr zurück
    Auf dem Turm saß er und träumte in die Welt hinaus Im Walde unter den
großen Buchen lag er und horchte in sich hinein Wie oft er Elses gedenken
musste ohne Sehnsucht freilich und ganz ohne Verlangen aber mit einer weichen
Zärtlichkeit die ihm das Herz warm machte Er sah ihr zartes Gesicht unschön
im Vergleich zu dem der Greifensteinerin und doch durch sein lebhaftes
Mienenspiel seinen wechselnden geistig belebten Ausdruck von unerschöpflichem
Reiz Warum sie nicht antwortete Schon zweimal hatte er ihr geschrieben Ob es
das Glück war das ihr keine Zeit dazu ließ oder der Kummer der sie verstummen
machte Er bat Warburg der den ganzen Sommer in Berlin bleiben wollte selbst
die Einladung nach Hochsess ablehnend sich nach ihr umzusehen Aber auch dieser
schrieb zunächst nicht Es war als sollte jene Welt für Konrad ganz versinken
    An einem gluteissen Maientag saß er beim alten Giovanni der neuerdings
allerlei seltsames Getier in seinem Stübchen züchtete und dressierte Eine große
exotische Eidechse der zuliebe er jetzt sogar den Ofen heizte beschäftigte ihn
besonders sie saß am liebsten auf des Alten Schulter oder kletterte auf seine
Glatze von wo aus sie mit der langen blauen Zunge Fliegen fing Auch eine
Schildkröte hatte er mit einem sonderbar verständigen alten Menschengesicht
sie watschelte schwerfällig auf Giovanni zu sobald er sie beim Namen rief und
schüttelte wehmütig den Kopf wenn ihr ein anderer als sein Herr Futter zu
reichen versuchte Und in einem Winkel des Zimmers gab es ein großes Gestell aus
alten Scheiben und Medizinflaschen in dem ein Volk fleißiger Ameisen
unermüdlich hin und her kroch
    »Bei den Tieren erholt sich so einer wie ich der nicht sterben kann von
den Menschen« murmelte der Alte vor sich hin Konrad scheinbar keinerlei
Beachtung schenkend »Zuerst möchte man die ganze Welt umarmen dann wird einem
ein Ameisenhaufen zur ganzen Welt«
    »Ist dies das Alter« dachte Konrad gequält »Wer suchte dann nicht als
Jüngling den Tod« Und laut sagte er »Du willst am Ende noch einmal auf den
Jahrmarkt gehen  Und die Tiere den Menschen vorführen«
    »Nein dazu sind sie mir zu schade« antwortete Giovanni die Blicke
zärtlich auf die Eidechse richtend die gerade langsam an seinem Arm emporkroch
während die Schildkröte geduldig mit eingezogenen Gliedern als Fussbank vor ihm
lag
    Da klang aus der Ferne Gitarrenton Der Alte fuhr auf so dass die Eidechse
herunterrutschte Konrad lachte Musik  und Giovannis Menschenverachtung war
verflogen Näher und näher kam es Sie gingen beide über den Hof bis zum
Torbogen und sahen die Straße hinab »Dort  dort  ein gelber Wagen 
Kunstreiter sinds« rief Giovanni aufgeregt und presste beide Hände auf das wild
klopfende Herz »Ich sehe nichts  gar nichts ich höre nur« antwortete Konrad
    Da kams um die Ecke ein bunter Zug von Mädchen und Knaben helle Stimmen
»Es steht ein Baum im Odenwald der hat viel dürre Äst «
    Eine ging voran kraftvoll ausschreitend im flatternden blauen Kleid mit
weißer Schürze am gelben Band die Laute über der Schulter die sonnengebräunte
Rechte spielte darauf über dem runden Gesicht glühend wie reife Pfirsiche
wehten von keinem Hut und keinem Kamm gehalten die roten Haare
    »Grüß Gott Herr Junker« rief sie lustig vor Konrad stehen bleibend
    »Grüß Gott Herr Junker« echote die ganze Schar
    »Gibts frisches Wasser und Mittagsschatten für uns hier droben« frug das
Mädel mit blitzenden Augen den vor ihr Stehenden freimütig musternd »Arm sind
wir am Beutel doch reich an Gesang Der solls Euch vergelten«
    »Wenn das alles ist was ihr wollt« lachte er fröhlich  es war ihm auf
einmal als wehe würzige Bergluft durch das altersgraue Tor in die Schwüle 
»dort habt ihrs beieinander den Brunnen und die Kastanien«
    Und singend zogen sie ein
    Alle Schlossbewohner liefen zusammen die Mägde aus der Küche die dicke
Mamsell noch mit dem Schaumlöffel in der Hand von dem die Sahne weiß
heruntertropfte die Burschen aus den Ställen Halfter und Striegel in den
Fäusten die Tanten aus dem Garten mit echauffierten Gesichtern die sich beim
Anblick der sich lagernden Jugend zu abwehrender Entrüstung verzogen
    »Wer erlaubte den Leuten « rief Natalie Sie sprach nicht zu Ende »Ich«
antwortete Konrad Und sie duckte den Kopf mit bösem Augenblinzeln
    Jetzt kam auch Hilde Rotausen aus der Haustür ganz weiß ohne Fleckchen
und Fältchen den großen Mullhut auf dem Scheitel Halbhandschuhe an den Händen
Mit erhobenen Armen trat ihr Elise entgegen »Geh Kind geh dass du mit der
Gesellschaft nicht in Berührung kommst« Sie wollte schon gehorchen warf nur
noch auf Konrad einen fragenden Blick Aber er sah an ihr vorüber nie war ihm
das Mädchen in seiner tadellosen Wohlerzogenheit so lächerlich vorgekommen
Gesenkten Kopfes folgte sie den Tanten
    Da erschien die Gräfin unter der Haustür mit einem Blick das Bild vor ihr
umfassend »Welch fröhliche Gäste haben wir heute« sagte sie freundlich Und
sie sprangen alle auf sie fühlten die Herrin Die Rotaarige trat aus dem
Kreise wohlgefällig blieben die Blicke der gütigen Frau auf ihr ruhen
    »Woher wohin ihr fahrenden Sänger« fragte sie lächelnd
    Das Mädchen griff in die Saiten der Laute und brausend fiel der Chor der
jungen Stimmen ein
»Ob Forchheim bei Kirchehrenbach
Wolln wir zu Berge steigen
Dort schwingt sich am Walpurgistag
Der Franken Mainachtsreigen «
Indessen brachten die Mägde Körbe mit Erdbeeren und Schüsseln voll süßer Sahne
Jubelgeschrei empfing sie
    »Fahrende Sänger zu bewirten ist alter Brauch auf Hochsess« damit wehrte
die Gräfin allzu stürmischem Dank »und gerade für euch scheint mir ließ die
Sonne so rasch unsere ersten Früchte reifen«
    »Noch heut bis nach Kirchehrenbach« staunte Konrad während die ganze
Schar behaglich gelagert schmauste
    »Wenns sein muss bis Nürnberg auch« rief keck ein Bürschlein mit vollem
Mund und eine schwarzhaarige Kleine fiel ihm ins Wort »Geleit uns«
    »Wenns erlaubt ist« entgegnete Konrad
    »Fahr die Mädchen hinüber« wandte sich die Gräfin an ihn
    Doch die Rote erhob sich rasch »Schönen Dank gnädge Frau doch wir
wandern« Und mit einem lachenden Blick auf Konrad »Wer mit uns tanzen will
der wandert mit« Sie streckte ihm die Hand entgegen er schlug ein der feste
Druck eines Kameraden wars den er spürte
    Durchs Tor hinaus mit Sang und Klang zog die Schar die roten Locken das
blaue Kleid flatterten wieder voran
»Wohlauf die Luft geht frisch und rein
Wer lange sitzt muss rosten
Den allersonnigsten Sonnenschein
Lässt uns der Himmel kosten«   «
Giovanni lehnte an der grauen Mauer bis weithin erkannte er noch an der hohen
Gestalt und dem federnden Gang den Konrad »Jugend« flüsterte er müde und
schlich zum Turm zurück zu den Eidechsen und der Schildkröte
»Drum reicht mir Stab und Ordenskleid
Der fahrenden Scholaren
Ich will zur guten Sommerzeit
Ins Land der Franken fahren «
Droben am Fenster stand die Gräfin Savelli Sie lauschte Am vollen Ton erkannte
sie unter allen Stimmen die ihres Enkels »Jugend« lächelte sie und
traumverloren glänzten die dunklen Augen
    Mit einem letzten aufleuchtenden Blick der des Tages Glanz in eine Glut
zusammenfasste  so wie Liebende sich trennen deren Abschied die ganze Wonne des
Erinnerns die ganze Vorfreude des Wiedersehens spiegelt  war die Sonne
untergegangen als auf dem sagenumwobenen Walberla der einsam und steil aus dem
Tal emporstieg das Leben erwachte Allerlei Landvolk nahte sich der kleinen
Kapelle der heiligen Walpurgis mit deren Gründung die ersten Verkünder des
Gekreuzigten den Kult des Sonnengottes an dieser uralten Weihestätte zu
vernichten glaubten Und von der anderen Seite das Graubachtal bergauf kamen
die Hochsesser Gäste Immer lauter mischte sich ihr Lied in das Gebetemurmeln
der Frommen bis sie es zuletzt jubelnd übertönten
    Konrad war der erste der auf der kahlen Kuppe erschien und sich aufatmend
ins Gras warf Nicht aus Müdigkeit denn drunten an der kleinen Mühle deren
Räder die silbernen Wellchen der Wiesent wie lustig spielende Kinder bewegten
hatten sie lange gerastet Aber da waren die Stimmen die im Gesang harmonisch
zusammenklangen im Gespräch schrill genug aneinander geraten Und nun verfiel
Konrad in missmutiges Grübeln über all das Bunte Widersprechende das er gehört
und durch das die Feierstimmung jäh unterbrochen worden war
    Einer hatte das Signal zum ersten Geplänkel gegeben »So lasst doch endlich
das Gegröl und Gezupfe« hatte er übellaunig gerufen »gerade als ob wir nichts
anderes könnten«
    Danach war der Streit über Ziel und Inhalt der Jugendbewegung als deren
Glied sie sich betrachteten losgebrochen Für die Freiheit der Persönlichkeit
für gemeinsame Erziehung der Geschlechter für freie Schule für Bodenreform und
Abstinenz waren die Fünfzehn und Sechzehnjährigen gegeneinander eifernd
eingetreten und das Erstaunen über ihr Wissen und Nachdenken hatte Konrad
zunächst den Vorgängen nur wie ein Zusehender folgen lassen Dann aber wurde der
Sturm zum Orkan gegen die Lehrer gegen die Eltern gegen Juden und
Sozialdemokraten gegen Schule und Religion tobten sie und überschrien einander
jeder das rote Tuch gegen das er wütete für den Feind an sich erklärend
gegen den alle sich verbinden sollten
    »Jetzt lachen und singen sie wieder« dachte Konrad verstimmt über sich
selbst »nur mein Lebensgefühl wirft jeder verquere Wind aus dem Sattel«
    »Hallo Sie Faulpelz« rief eine lustige Stimme neben ihm »wer nicht Holz
zum Scheiterhaufen trägt muss zusehen wenn wir tanzen«
    Er sprang auf die Füße und schichtete den Reisig um die Wette mit den
anderen Das lief und hüpfte im Dunkel herum das verkroch sich im Buschwerk und
tauchte daraus hervor das kletterte auf die Bäume und flog hinunter wie ein
Völkchen aufgescheuchter Nachtalben Stumm sah das Landvolk das von der Kapelle
aus neugierig zusammenlief dem Treiben zu bis es sich angesteckt vom Eifer
der anderen munter hineinmischte
    Hoch ragte bald der schwarze Holzstoss dann ein Schwelen ein Knistern
kleine Flammenzungen leckten gierig empor als wollten sie erst die Speise
versuchen die ihnen winkte Und plötzlich entfesselt stieg aus der Mitte
siegreich lodernd die Flamme Mit roter Glut malte sie die jungen Gesichter in
aller Augen spiegelte sie sich
    Und jetzt schleppte ein jeder noch die letzten schwarzen Scheite heran
    »Die Schulmeister«  »Die Philister«  »Die Protzen«  »Die
Vaterlandslosen«  »Die Ausbeuter«  »Die Dirnen«  Bei jedem Ruf prasselte
dürres Holz ins Feuer und der ganze Chor rief schmetternd »Sie brennen«
    Dann sprang einer hervor den ganzen Arm voll raschelnder Zweige Er
schleuderte sie weit ausholend in die Flammen
    »Die Intellektuellen« schrie er »Sie brennen  brennen« jubelte es
ringsum Dann ward es still Andächtig hoben sich die jungen Gesichter zu der
himmelan steigenden Feuersäule und die Augen strahlten von innen erleuchtet
durch eine Begeisterung die siegestrunken die schwarze Himmelskuppel zu
durchbrechen strebte
    »Lodre empor Allen Nachtalben ein Schrecken« klang es schließlich
feierlich durch die Runde wie die in einem Ton verschmolzene Stimme aller
    »Die Feuerrede« gings flüsternd von Mund zu Mund und um den Sprecher
einen Knaben noch mit schmaler Brust und langen Gliedern der bisher kaum
gesprochen aber mit großen Augen alles um sich her in sich gesogen hatte
sammelten sie sich
    »Wir haben uns gestritten wer wohl unserer Feinde ärgster sei Und haben
uns eben vereint sie gemeinsam zu vernichten Sammeln wir weiter trockene
Scheite dürre Blätter die junge Keime zu ersticken drohen Nehme jeder den
Feind aufs Korn dem er gewachsen ist und wir die große Armee der Jugend über
die schwarzrotgold die deutsche Fahne weht schlagen sie alle « Konrad
horchte auf sollte vom Munde des Unmündigen ihm kommen was er ersehnte 
»Wider Knuten und Ketten kämpfen wir Wider Autoritäten die uns wie die
Gärtner den jungen Obstbaum in ihre Formen an ihre künstlichen Spaliere
zwingen wollen Und Ungeziefer und Giftpflanzen rotten wir aus die jüdische
Gesinnung die uns dem Golde statt der Ehre nachjagen den welschen Geist der
uns Wollust statt Freundschaft wählen lässt Aber mit dem Namen der ärgsten
unserer Feinde das Feuer dieser Sonnwendnacht zu schüren blieb dem letzten der
Sprecher vorbehalten und wie sein Reisig in die Gluten fiel so fiel sein Ruf
in unsere Seelen dass sie hellauf loderten die Intellektuellen Wie sie die
Kräfte der Natur in Kessel und Flaschen und Drähte bannten so handeln sie an
unseren Seelen Wehe wenn wir ihnen zum Opfer fallen Dann ist des Germanentums
letzte Stunde gekommen Wir sind zähe Arbeiter  aber wir werden an der Arbeit
zugrunde gehen wenn wir verlernen freudig Feiernde zu sein Wir verstehen zu
erwerben und werden auf unserem Golde bei lebendigem Leibe verfaulen wenn wir
uns zu opfern nicht mehr vermögen Wir sind tiefe Grübler  und leer leer und
arm und kraftlos hinterlässt uns all unsere Weisheit wenn wir nicht große
Gläubige sind «
    »Glauben  woran« sagte jemand sehr leise Konrad wars als wäre es seine
Stimme gewesen
    Der Redner brach ab Man kicherte verstohlen Die Flamme sank Der Kreis
löste sich da und dort um dem Feuer neue Nahrung zu holen
    »Geloben wir einander in dieser Stunde « war das nicht der Tonfall des
Oberlehrers an Kaisers Geburtstag Konrads Stirnader schwoll dass jeder
Steigende heute vor dem Gipfel zum Absturz kam Wars Schwäche Feigheit
Verhängnis »Geloben wir Keuschheit Treue  mit einem Wort Deutschsein«
    Nur wenige hatten noch zugehört vereinzelt ertönte ein beifälliges Wort
verletzt beschämt verlor sich der Redner unter den Bäumen Konrad folgte ihm
irgend etwas hatte das Dunkel seiner Seele plötzlich erhellt wie der Blitzstrahl
in der Nacht der dem Verirrten den Weg zeigt Er reichte dem Knaben in dessen
Wimpern noch eine Träne des Zornes hing die Hand und ein paar andere die ihm
aus dem Wege gegangen waren wie das Publikum stets dem Erfolglosen gesellten
sich zögernd und neugierig wieder zu ihm
    »Lassen Sie sichs nicht anfechten« sagte Konrad »es geht uns allen nicht
anders wir möchten das Große sagen das wahrhaft Begeisternde Richtunggebende
aber  wir kennen es selbst noch nicht Und dann kommen uns die Worte zu Hilfe
 die leeren Worte Statt des brausenden Wassersturzes den alles erwartete das
ausgetrocknete Flussbett«
    »Sicher sicher« meinte einer der Umstehenden eifrig »das ists ja warum
wir immer wieder auseinander kommen«
    »Die leeren Worte « nickte traurig der Knabe
    »Das dürfte uns nicht entmutigen« fuhr Konrad fort »denn sehen Sie und
keine alte Weisheit ists sondern eine die ich in Ihrem Kreise  eben erst
lernte dass wir dass die ganze Jugend diese Leere fühlt ist doch schon ein
ungeheurer Gewinn Wissen Persönlichkeit Freiheit  das war die Parole von
gestern Wir suchen Unterordnung Unterordnung unter eine Idee Freilich wir
haben sie nicht doch dass wir sie suchen eint uns«
    Es war zuletzt wie ein Selbstgespräch er fühlte dass ihn die anderen kaum
noch verstanden Sie schauten schon wieder nach oben wo von vielen Armen
hineingeschleudert Holzbündel in die Gluten prasselten Nur der Redner von
vorhin stand noch wie angewurzelt neben ihm
    »Durch Himmel und Hölle such ich sie ich schwörs« rief er dann sich ihm
leidenschaftlich in die Arme werfend
    Hochauf strahlender als zuvor denn wie schwarzer Samt stand jetzt der
Himmel dahinter züngelten die Flammen Und in das Knistern hinein tönte eine
helle Mädchenstimme
    »Ein Gelöbnis forderte er wie der Priester vom Firmling wie der Kriegsherr
vom Rekruten Euer aller Antwort sei Nein  nein  nein Steigt zum Firmament
unser Feuer empor weil es gelobte nicht zu fallen Breitet die Eiche ihre
schwarzen Zweige aus weil sie versprach groß und stark zu sein Und zog der
Kirschbaum sein Blütenkleid an weil er den Schwur leistete fruchtbar zu
werden Nein  nein  nein Noch einmal sag ichs Nur wir lasst uns sein nur
wir Keine Sklaven auch die eines Eides nicht Und nicht nüchtern sondern
allzeit berauscht  berauscht vom Leben«
    Tosender Beifall Zuruf und Händegeklatsch umbrausten das Mädchen Kräftige
Jünglingsarme hoben sie hoch empor
    »Lotte  die rote Lotte«
    Ihre Locken wehten dem Feuer vermählt
    »Vorsicht« rief irgendein Ängstlicher
    »Ich und die Flamme sind Freunde« jauchzte sie
    Dann sprang sie zur Erde und führte den Reigen der in bacchantischem
Taumel getaucht in rotes gelbes und blaues Licht den Scheiterhaufen wild
aufjubelnd umtoste
    Keiner entzog sich dem Kreise Vergessen waren die Martern der heiligen
Walpurgis
    Atemlos mit klopfenden Pulsen standen die Tanzenden still An den Händen
hielten sich noch die einen Arm in Arm die Schultern zärtlich
aneinandergeschmiegt standen die anderen und manch ein Bauernbursch hatte
seinen Schatz umschlungen Mainachtluft keine Hochsommerschwüle umwehte die
heißen Wangen zarte Frühlingsliebe nicht die verzehrende Glut letzter
Sommertage glänzte aus den hellen jungen Augen
    Mit einem Lächeln voll siegreicher Lebenslust sah die rote Lotte sich um
»Wer springt mit mir durchs Feuer« »Ich  ich  ich« tönte die vielstimmige
Antwort Doch sie zog den Junker von Hochsess aus der Menge »Du« und ihre roten
Lippen wölbten sich über den weißen Zähnen
    Von irgendwoher aus dem Dunkel klang die Laute aufs neue
»Schatzkind halt Gürtel fest und Kleid 
Juchheisa  durch das Feuer«
    Die Paare sammelten sich hinter Konrad und Lotte Sie flogen voran einen
Augenblick lang waren ihre Körper eins mit den Flammen
    »Einen Kuss zum Dank dass ich dich nicht brennen ließ Walpurgishexe« rief
übermütig der Jüngling Und das Mädchen bot ihm lachend den frischen Mund
    »Schau den da drüben« sagte sie dann als sie nebeneinander im taufrischen
Grase saßen »den langen Braunen War ers nicht der drunten in der Mühle mit
sauertöpfischer Miene von der Erziehung zur Kameradschaft sprach Jetzt macht er
der Frieda zärtliche Augen«
    »Was hältst denn du von der Kameradschaft« frug er neckend und zog an der
ungebärdigen Locke die ihr tief auf die glühende Wange hing
    »Gar nichts« antwortete sie lustig und dann mit ernstem Gesicht
»Liebhaben sollen wir uns ohne Getue  liebhaben können ohne dass die Mädel
kokett und die Jungens gemein werden«
    Fern im Osten färbte sich der Himmel Das war die Schläferin die Sonne
die ausgeruht ihr rosiges Antlitz erhob und mit noch traumbefangenem Lächeln
die Bergspitzen grüßte In vielen jungen Augen fing sich ihr erster Strahl und
blieb beglückt von den klaren Spiegeln seiner Schöne in ihnen hängen Das
Opferfeuer der Nacht zog scheu und beschämt vor dem ewigen Licht über ihr seine
letzten Flämmchen in die schwarze Asche
»Vom Himmel hoch o Englein kommt
Kommt singt und klingt kommt pfeift und tromt«
tönte es feierlich in der Runde
    Händeschüttelnd als gälts einen Abschied von alten Freunden ging Konrad
von einem zum anderen Vor der Lotte die niedergeschlagenen Auges am Bande der
Laute nestelte blieb er stehen
    »Lebwohl« sagte er einfach Sie legte ihre Hand in die seine und hob die
Lider Ihre Augen waren feucht »Lebwohl «
    Und nach Ost und nach West stiegen sie ab zu Tal
    Konrad schritt kräftig aus Kein Schlaf hatte ihn je so frisch und froh ins
Freie entlassen
Zwei Briefe warteten seiner »Von Else « dachte er Aber so stark wie seine
Erwartung gewesen war empfand er im Augenblick ihre Erfüllung nicht Als hätte
er eben auf einem Berghange voll blühender Alpenrosen gestanden und träte
plötzlich in ein Treibhaus blasser Azaleen
    »Nur um uns vor schmerzhaftem Missverstehen zu bewahren schreibe ich Ihnen
heute« las er »aber Sie müssen sich an diesen wenigen Zeilen genügen lassen
Wer möchte einen lieben Freund der sich des blühenden Sommers freut an
vereiste Seen und entlaubte Bäume erinnern Sollte Ihnen Warburg der mich
neulich in meiner Klause überfiel allerlei Sentimentalitäten von mir erzählen
so schenken Sie dem keine allzu große Beachtung Er ist selbst verändert
wärmer ich möchte fast sagen menschlicher und sieht mit anderen Augen «
Konrad dessen volles Interesse wieder erwacht war riss den Umschlag von dem
anderen Brief Warburg schrieb
    »Für Deine und Deiner verehrten Frau Großmutter Einladung danke ich von
Herzen Aber ich möchte in diesem Sommer hier bleiben Ich will die Ferien
benutzen um mich mit einer Frage näher zu beschäftigen die je mehr sie
außerhalb meines Studiums liegt um so mehr meine Empfindung gefangen nimmt dem
Zionismus Frau Sara Rubner  Du erinnerst Dich vielleicht der jungen Frau mit
dem interessanten Mongolentypus aus dem SimmelKolleg  gewinnt mich mehr und
mehr dafür Für uns moderne Juden die wir uns immer stärker unserer seelischen
Heimatlosigkeit bewusst werden bietet sich hier vielleicht  vielleicht  ein
neuer Wurzelboden« Also auch er dachte Konrad verwundert auch er den das
Studium der kommende Beruf so ganz zu erfüllen schienen bedurfte noch eines
anderen Lebensinhalts »Doch nicht dies ist der Grund meines heutigen Briefes
Ich hätte wohl noch lange mit ihm gezögert wenn mein Besuch bei Else
Gerstenbergk mich nicht fast zu einem Telegramm an Dich bewogen hätte Es muss
etwas für sie geschehen Pawlowitsch scheint sie verlassen zu haben wenigstens
ließ er seit Monaten nichts von sich hören  man behauptet er sei mit Frau
Renetta Veit an der Riviera gesehen worden  und sie leidet unsäglich Jedes
Lächeln zu dem sie sich zwingt denn kein Wort der Klage kommt über ihre
Lippen schneidet ins Herz Man sollte sie der Einsamkeit der sie sich
widerstandslos ergibt gewaltsam entreißen und Du an dem sie mit rührendem
Vertrauen hängt wärst der rechte Mann dafür Lade sie statt meiner nach
Hochsess Mache es recht dringend als wäre ihr Kommen in Deinem Interesse
notwendig«
    Konrad legte den Bogen erregt beiseite Gewiss es musste geholfen werden er
musste helfen In Erinnerung an den um dessentwillen sie zugrunde ging ballte
er unwillkürlich die Hände Seine Freundschaft musste ihm dies Opfer entreißen
Freundschaft Lachte ihn nicht eben wieder die rote Lotte an  Mit raschem
Entschluss jedes Bedenken weit von sich weisend ging er zur Großmutter Er war
nicht ohne Sorge ob sie sich würde gewinnen lassen
    Rückhaltlos erklärte er ihr die Lage Elsens zeigte ihr auch Warburgs Brief
Die Gräfin antwortete zunächst nicht Sie ging ein paarmal im Zimmer auf und
nieder um schließlich vor dem Enkel stehen bleibend einen langen forschenden
Blick auf ihn zu werfen
    »Sie ist nicht deine Geliebte« fragte sie langsam
    »Nein Grossmama« antwortete er ihrem Blick begegnend
    »So mag sie kommen« lautete gleich danach der Bescheid Stürmisch zog
Konrad die Hände der Greisin an seine Lippen Ein Ausdruck plötzlich
aufsteigender Besorgnis huschte über ihr Antlitz Sie beherrschte sich jedoch
rasch »Ich schreibe selbst« sagte sie dann sich vor den Schreibtisch setzend
    »Wie gut du bist« er beugte sich über sie ihre weißen Haare mit einer
Bewegung scheuer Ehrfurcht streichelnd
    Sie sah auf »Gut Sie ist eine anständige Frau denke ich und würde nur
von dir geladen nicht kommen«
    Die nächsten Tage verlebte Konrad in wachsender Ungeduld bis schließlich 
endlich  der Brief mit der bekannten Schrift auf dem Teetisch lag Schon als
sie den Bogen auseinanderfaltete erhellte sich das Antlitz der Gräfin diese
zarten ein wenig fallenden Schriftzüge  eine Wiese deren feine Halme sich
unter dem Abendwind leise senken  gefielen ihr weit besser als jene großen
steilen mit denen die dümmsten Frauen Originalität vorzutäuschen vermochten
Und auch der Inhalt befriedigte sie sichtlich
    »Ein liebes Geschöpf warmherzig und einfach« sagte sie Konrad den Brief
hinüberreichend »du wirst sie am besten morgen selbst abholen«
    Die Tanten horchten auf »Ich erwarte einen Gast« fuhr die Gräfin fort
»eine mir sehr empfohlene junge Dame Fräulein Gerstenbergk die sich ein paar
Wochen bei uns erholen soll«
    Die Tanten wechselten einen ihrer vielsagenden Blicke nicht ohne Hilde
dabei bedauernd zu streifen »Von den sächsischen Gerstenbergs auf
Heiligensuhl« frug Natalie interessiert »eine der besten Familien« »Und durch
die Mutter eine Vierort sehr vermögend« ergänzte Elise voller Genugtuung
Hilde senkte den Kopf noch tiefer auf ihre Arbeit
    »Ganz und gar nicht meine Lieben« entgegnete die Gräfin mit jenem
spitzbübisschen Lächeln das ihrem Gesicht einen oft kindlichen Ausdruck verlieh
»es handelt sich um ein einfaches Fräulein Gerstenbergk eine Studentin« und
sie weidete sich an den langen Gesichtern der beiden Damen
    »Eine Emanzipierte« rief Natalie entsetzt
    »Da wird unsere liebe Hilde wohl Platz machen müssen« klagte Elise
    »Haben wir nicht genug Fremdenzimmer« meinte die Gräfin mit bewusstem
Missverstehen »der Umgang mit dem klugen Mädchen würde Ihnen liebe Hilde über
manche leere Stunde hinweghelfen«
    Die Angeredete sah errötend auf »Gewiss Frau Gräfin ich bleibe mit
Freuden wenn «
    Nataliens spitze Stimme schnitt jedes weitere Wort ab »Du wirst jedenfalls
die Erlaubnis deiner Mutter einholen müssen liebes Kind Nach deutschen
Begriffen « sie betonte das »deutschen« mit Nachdruck  »ist eine Person die
mit Männern zusammen studiert oder zu studieren behauptet kein erwünschter
Umgang für junge Damen unserer Kreise« Und alle drei standen auf
    Am nächsten Tage fuhr Konrad Hochsess mit seinen beiden Füchsen den Gast in
den Hof Hinter den Gardinen ihrer Fenster sah er die Gesichter der Tanten sich
an die Scheiben drücken und hinter der Küchentür verschwand im Augenblick als
er Else vom Wagen half Hilde Rotausens weißes Kleid
    Er lächelte wehmütig sie mochten beruhigt sein alle drei Die Gefürchtete
war wie das Silberwölkchen droben am Himmel das ein kräftiger Ost jeden
Augenblick auflösen konnte Selbst die rasche Fahrt hatte ihre farblosen Wangen
nur ein ganz klein wenig zu röten vermocht Sie wäre eine ihrer Märchenpuppen
gewesen wenn sich nicht allmählich in den Augen ein Lebensfunke entzündet
hätte
    »O der Lindenbaum«  »Und dort die Schwalben«  »Wie das Wasser
schwatzt«  »Wie die Rosen blühen«  hatte sie zwischen langen Pausen mit
immer hellerer Stimme ausgerufen Ganz zuletzt hatte sie Konrads Arm leise
berührt und ihm als wärs ein großes Geheimnis mit einem verirrten Lächeln um
die Mundwinkel zugeflüstert »Seit zehn Jahren war ich immer in Berlin immer«
    Gerührt schloss die Gräfin das blasse Mädchen in ihre Arme auch der letzten
leisen Besorgnis enthoben Das war keine die auszog Herzen zu brechen ihr
eigenes vielmehr mochte wohl schon gebrochen sein
    Es kamen jene stillen Sommertage erfüllt von weicher warmer Luft die sich
nur wie ein leises Atmen der Erde sanft bewegt überwölbt vom immer gleichen
milden Blau des reinen Himmels Das ferne Dengeln der Sensen das Plätschern des
Bachs Bienengesumm Grillengezirp Waldesrauschen und verhallendes
Vogelgezwitscher vereinigten sich von den Wellen der klaren Luft getragen zu
einem einzigen Schlummerlied der Seele und am Abend fielen im Chor die tiefen
Stimmen der Unken und der Frösche wie Orgelbegleitung ein
    Das ist die große Feierzeit des Jahres die Zeit die selbst auf harte
Gesichter einen Zug von Frommsein malt
    Auch über Else kam das Wunder
    Die Sonne malte das krankhafte Weiß ihrer Haut mit durchglutetem Braun die
Luft wischte die schweren salzigen Tropfen aus ihren Augen und der Gesang der
Natur lullte die Stürme des Herzens ein Sie ging umher wie der lebendige Geist
dieser Tage hell und still Einem jeden wurde warm ums Herz der sie in ihrem
schlichten Kleide durch Hof und Garten wandeln sah
    Es hielt sie nie lange im Zimmer Noch ehe die Mägde am Morgen mit den
klappernden Milcheimern zu den Ställen gingen war sie schon auf weichen Sohlen
leise hinausgeschlüpft Und noch ehe die Gräfin die nach Art alter Leute keinen
langen Schlaf hatte ihr Wohnzimmer betrat war sie wieder heimgekehrt und hatte
die schlanken vielfarbig schimmernden venetianischen Gläser auf den Tischen mit
blauen Glockenblumen gefüllt Selbst in die nüchternen Stuben der Tanten mit den
gescheuerten Böden und stets blank polierten stäubchenlosen gelben Holzmöbeln
wagte sie sich hinein und gab ihnen mit ein paar Sträusschen von Heckenrosen ein
frohes Gesicht
    Hilde die dem neuen Gast zunächst keine Beachtung geschenkt hatte erwachte
allmählich aus ihrer Letargie Sie fühlte die Woge voll Wohlwollen die der
Fremden entgegenkam Und sie fing an ihr nachzugehen sie zu imitieren Es
kamen Morgenstunden in denen Hildens Stimme im Wechselgespräch mit der ihren zu
den offenen Fenstern der noch Schlummernden emporklang Die Weissstickerei ruhte
verstaubt im Körbchen Die enge dumpfe Welt um die ihre kleinen Gedanken wie
kaum flügge Vögel um das Nest ängstlich geflattert hatten erweiterte sich Gab
es wirklich für ein Mädchen das auf den Mann wartete etwas anderes zu tun als
still bei der Handarbeit zu sitzen Sie horchte auf wenn Else erzählte und das
einzige für das sie bisher ein wenig Interesse gezeigt eine gewisse
spielerische Tätigkeit entfaltet hatte der Garten erschien ihr sogar im Lichte
einer ernsten Arbeit
    Aber auch allerlei Lustiges gab es zu tun das freundliche Worte und Blicke
eintrug im Walde Erdbeeren pflücken die mittags überraschend im weißen Weine
dufteten im Garten die sich erschliessenden Knospen von den verwelkenden
Nachbarinnen befreien und zuweilen heimlich ganz früh wenn es niemand sah in
das Knopfloch des Rocks der vor Konrads Türe hing die allerschönste stecken
    Zuerst hatte er sich wohl verwundert wenn er sie sah hatte sie sogar
ärgerlich beiseite geworfen da sie von Else nicht kommen konnte die sich kaum
um ihn kümmerte Dann aber kam auch über ihn eine so seltsam weiche Stimmung
die ihm gebot niemandem weh zu tun und er ließ sich den Morgengruß gefallen
mit der Geberin harmlos darüber scherzend Er bemerkte nicht wie ihre fahlen
Blauaugen dabei aufleuchteten wie sie sich bemühte durch allerlei kleine
Aufmerksamkeiten die sie Elsen ablauschte noch mehr Beachtung zu finden
    Wenn Konrad von Ritten und Wanderungen heimkam fehlte ihm das Gefühl das
ihn sonst in Gedanken an den Kreis um den Teetisch an die Tanten die
Fledermäuse die dem Himmel die Sonne nicht gönnten beschlichen hatte Jetzt
das wusste er schwebte siegreich über ihrem bösesten Stirnerunzeln ihrem
bittersten Mundverziehen das frohe Gespräch der anderen
    Einmal aber fauchte in die Nachmittagsstille wie Gewittersturm der
überraschende Besuch der Baronin Rotausen Die Baronessen und die Frau Gräfin
wolle sie sprechen sagte sie mit röchelndem Atem dem Diener der sie melden
wollte Von der Terrasse herein kamen die drei mit erstaunten Gesichtern
    »Ich will mein Kind mein armes missleitetes Kind« rief sie ihnen entgegen
so dass Konrad Else und Hilde es draußen hören konnten »Das muss ja eine
merkwürdige Dame sein Frau Gräfin die Sie meiner Tochter zur Gesellschaft so
dringend empfohlen haben Macht das Kind aufsässig lässt sie aller Würde
vergessen die sie ihrer Geburt schuldig ist« Sie schöpfte Atem
    »Aber « begann die Gräfin doch die Aufgeregte sprach bereits weiter
»Gärtnerin will sie werden  Gärtnerin Ist so etwas je erhört gewesen Eine
Rotausen die Dung karrt und Kartoffeln buddelt« Der Atem ging ihr aufs neue
aus »Ich will mein Kind zurück mein armes missleitetes Kind« schrie sie mit
überschnappender Stimme
    »Wir sind unschuldig« sagte Natalie achselzuckend »Ganz unschuldig«
wiederholte Elise mit einem schmerzbewegten Augenaufschlag
    »Ich weiß von der ganzen Sache nicht das mindeste liebe Frau Baronin«
sagte die Gräfin kühl »Es wird wohl das beste sein Sie sprechen Ihre Tochter
selbst« Draußen auf der Terrasse beruhigte sich die Erregte etwas Elsens
unscheinbare Erscheinung  Hilde hatte von ihr in einer Weise geschwärmt die
sie als eine bedenkliche Konkurrentin erscheinen ließ  und Konrads freundliche
Ritterlichkeit mit der er Hilde verteidigte dämpften ihren Zorn
    »Wir haben ja gar nichts dagegen lieber Baron« flötete sie »dass unser
Kind sich unter der Leitung unseres Gärtners und unserer Wirtschafterin über all
die Dinge näher orientiert die eine tüchtige Gutsfrau wissen sollte Aber eine
Schule Eine Gartenbauschule Unmöglich unmöglich Das Fräulein«  und sie
lorgnettierte Else neugierig  »ist sich natürlich nicht klar geworden wen sie
vor sich hat«
    »Ganz klar Frau Baronin« sagte Else ruhig »ein Mädchen wie viele das in
Gefahr steht vor lauter geschäftigem Nichtstun ein unglücklicher Mensch zu
werden«
    »Wie können Sie sich erlauben « fuhr Frau von Rotausen auf sie nahm sich
aber rasch wieder zusammen vor solchen Leuten durfte man sich keine Blössen
geben Sie lehnte sich steif in den Stuhl zurück und sagte feierlich »Den
einzigen Beruf der Frau wird meine Tochter in der Ehe finden mein Fräulein und
auch ihr einziges Glück Und nun mein Kind« damit wandte sie sich an Hilde
die abwechselnd rot und blass geworden war »bedanke dich bei deinen gütigen
Gastgebern packe dein Köfferchen und komm Der Vater kann deine Rückkehr gar
nicht erwarten«
    Das Mädchen stand auf krampfte die Hände ineinander sah sich wie
hilfeflehend nach allen Seiten um und sagte dann »Wenn ich noch bleiben dürfte
Fräulein Gerstenbergk ist  ist so viel für mich Nie  nie ist ein Mensch so
gut zu mir gewesen«
    »Unerhört« schrie die Baronin fassungslos »und das sagst du mir  mir
deiner Mutter«
    Hilde brach in Tränen aus »Ich meinte doch nicht dich nur die fremden
Menschen« schluchzte sie
    »Das ist Dankbarkeit« sagte Natalie spitz
    »Gott  das ist doch auch nur eine veraltete Tugend nicht wahr Fräulein
Gerstenbergk« meinte Elise
    Die aber hatte sich Hilden die nun noch verzweifelter weinte zugewandt
»Geh Hilde gehorche deiner Mutter« flüsterte sie ihr zu »beweise ihr wenn
du zu Hause bist dass du nicht verdorben wurdest Dann erreichst du weit eher
was du willst«
    Hilde starrte Else an entgeistert Ihre Tränen waren versiegt »So etwas
rätst du mir« rief sie »du die mir predigte stark zu sein Du« Und ihr
nichtssagendes Gesicht verzerrte sich plötzlich vor Hass und Hohn während ihr
Blick zwischen Else und Konrad hin und her flog
    »Ich werde selbstverständlich den Wünschen meiner Eltern Folge leisten« Es
war jetzt wieder die wohlerzogene junge Dame die aus ihr sprach Else bot ihr
beim Packen ihre Hilfe an »Danke ich habe dem Mädchen geklingelt« war die
hochmütige Antwort Und sie fuhr fort ohne ihr noch die Hand zu geben
    Von da ab schlug die Stimmung in Hochsess um Waren es die sich mehr und mehr
zusammenziehenden Gewitterwolken die schwer auf allen lasteten War es die
elektrische Spannung der Luft die in gereiztem Wesen in Ängstlichkeit und
Unsicherheit zum Ausdruck kam Die Tanten benutzten jeden Anlass zu spitzen
Bemerkungen gegen Else sie begegnete ihnen mit schwer zu versteckender
Verletzteit
    Häufiger als sonst kamen die Nachbarn nach Hochsess
    »Langweilen Sie sich auch nicht« frugen die Herren augenzwinkernd und
schnurrbartdrehend den jungen Hausherrn der die Faust in der Tasche ballte Und
dann wenn Else kam musterten sie das junge Mädchen prüfend abschätzend
    Der Klatsch ging um in der Gegend Auf dem Greifenstein war er zur Welt
gekommen das schattenhafte grossmäulige Ungeheuer ohne Knochen und Muskeln Es
wand sich durch alle Täler es kroch zu den Bergen hinauf es schlüpfte
zusammengezogen durch alle Türen um sich in den Zimmern breit und behäbig
auszubreiten
    Konrad fühlte dass irgend etwas die Freundin bedrohte kaum dass sie von der
alten Last befreit worden war Der Wunsch sie zu schützen ihr zur Seite zu
stehen wurde immer stärker wärmer Er der sonst gern in den Tag
hineinträumte horchte von der ersten Dämmerstunde an auf ihren leichten
Schritt im Flur
    Zuerst folgte er ihr nur von ferne
    Er sah ihr Kleid um die Baumstämme wehen sah wie sie auf den schmalen
Füßen elastisch von Stein zu Stein stieg wie ihre Arme sich in feiner Rundung
hoben um einen blütenschweren Ast zu sich niederzuziehen wie der Körper sich
bog bei aller Schlankheit weiche Formen verratend um die Blumen am Bach zu
erreichen Und einmal sah er auch hinter Büschen versteckt ihre Augen in
Träumen verloren ihren Mund in Erinnerung lächelnd Galten Träume und
Erinnerungen wohl immer noch ihm dem Ungetreuen
    Es hielt ihn nicht länger »Fräulein Else« sagte er leise
    »Konrad  Sie« und ein heller Schein flog über ihre Züge Wäre sie nicht
vor mir erschrocken wenn sie an Pawlowitsch gedacht haben würde fuhr es ihm
befreiend durch den Sinn
    Sie gingen nun oft miteinander ganz offen vor den Augen der Tanten Ihm
war als wäre sie jetzt erst angekommen Zu ihm Von der Vergangenheit sprach
keiner von den beiden
    Auf ihren gemeinsamen Wanderungen die sie mit eigensinniger Beharrlichkeit
über die Grenzen des Gutsbezirks nicht ausdehnen wollte wurde sie mehr und mehr
die Führende weil sie die Unterrichtete war Besser als er kannte sie Weg und
Steg hatte sich mit offenen Sinnen und liebevollem Eingehen in die
Eigentümlichkeiten der Natur in die Bedingungen und Forderungen des Grund und
Bodens in das Leben und Treiben der dünn gesäten Bevölkerung versenkt und mit
einem aus Scham und Staunen gemischten Gefühl lernte er durch sie die Heimat
kennen die ihm vor lauter gewohnheitsmässig gleichgültigem Anschauen im Grunde
die Fremde gewesen war In ihrem Eifer und ihrer Entdeckerfreude bemerkte sie
zunächst wenig davon nur manchmal entfuhr ihr ein Ausruf komischen Entsetzens
wenn er ihr über den eigenen Besitz und seine Bewohner so gar keine Auskunft zu
geben vermochte
    »Sie gehen wie ein Gast im eigenen Hause umher« sagte sie bei einer solchen
Gelegenheit »Der größte Teil der Menschheit krankt daran dass er entwurzelt
ist dass seinem Lebensatem die natürliche Nahrungsquelle fehlt und Sie besitzen
dieses unschätzbare Gut und wissen es nicht«
    »Sie vergessen ich hatte nie ein ungeteiltes Heimatsgefühl Im Lande meiner
Mutter lebte stets meine Phantasie dorthin führte mich meine Sehnsucht«
entgegnete er Erst jetzt war ihm was er sagte zu vollem Bewusstsein gekommen
Den Spuren der Großmutter ihrer Tatkraft ihrem Ordnungssinn begegnete er in
Haus und Dorf in Wald und Feld aber ihm wehte dabei etwas Kühles
Unpersönliches entgegen Und Else die mehr und mehr auch sein Schweigen
verstand meinte »Wie eine fremde Königin ist sie die das Reich treulich
verwaltet ohne sich ihm jemals zu eigen zu geben Und doch« fügte sie nach
einer kleinen nachdenklichen Pause hinzu »müsste es Seligkeit sein sich mit den
jungen Buchen dort um die Wette  tief in diesen Boden zu senken«
    Konrads Auge begegnete dem aufleuchtenden Blick den sie zu ihm erhob Es
strömte ihm heiß zum Herzen Und leise und zärtlich schob er seinen Arm in den
ihren als gehörten sie zueinander
    Die Landleute lächelten wenn sie die Wandernden sahen Sie fühlten sich dem
schlichten blonden Mädchen vertraut dessen Blick so warm war dessen Händedruck
keinen Handkuss forderte Ihre Anteilnahme an ihrem Ergehen war ohne Neugierde
ihr Mitleid mit ihren Nöten keine Ankündigung verletzender Almosen »Das wird
eine gute Frau« sagten sie
    In jedem auch dem ärmsten Oberfranken lebt etwas von echter
Edelmannsgesinnung Er bettelt nicht er darbt lieber und wenn er der kahlen
Hochebene entstammt so ist er rau und unzugänglich wie sie Konrad entsann
sich nicht hier oben je anders als zu Wagen oder zu Pferde gewesen zu sein
»Wie ein Grandseigneur nicht wie ein Landesvater« meinte Else mit leisem
Vorwurf als sie miteinander über die einsame Halde schritten Hier wo
Kalkstein und Dolomit die Oberfläche bilden und weder Teiche noch Bäche
vorhanden sind vermag selbst härteste Arbeit dem Boden nur wenig abzuringen
Neben den vereinzelten kleinen Häusern wird das Regenwasser in Lehmgruben
gesammelt um wenigstens einen armseligen Küchengarten erhalten zu können
Wetterdisteln und blasse Waldanemonen wachsen zwischen dem spärlichen Rasen
schwarz und einsam richten dazwischen hier und da Wacholderbüsche ihr Haupt
empor
    »Wie ein Totenacker« sagte Konrad schaudernd
    »Wenn man Wasser hinaufzuleiten vermöchte um wie Faust einem freien Volk
den freien Grund zu erobern« entgegnete sie »wäre das nicht eine Aufgabe
wert sich dafür einzusetzen«
    »Für diesen dürren Boden  das blühende Leben« rief er abwehrend aus
    »Beschränkung ist überall unser Los« warf sie leise und wehmütig ein
    »Gewiss gewiss« nickte er eifrig »aber erst nachdem wir für unser
beschränktes Wirken den höheren allgemeineren Zweck und Sinn gefunden haben
Wie in einem Gefängnis würd ich ersticken wenn ich dem Warum meines Lebens
nicht auf den Grund gekommen wäre«
    Es war ein weicher Sommerabend damals mit silbergrau verhängtem Himmel Sie
schwiegen lange Bis sie wieder leise zu plaudern begann Er hörte kaum was sie
sagte aber der Ton ihrer Stimme fiel wie sanfter Regen nach dem Sturm auf
Busch und Baum beruhigend auf seine bewegte Seele Sie sprach von der Gegenwart
und nur von ihr als wäre die Vergangenheit ganz und gar vergangen sie sprach
von Hochsess als wäre dies Stückchen Erde die Welt Und er wurde ganz still Ihm
war auf einmal als wüchse eine Mauer um die Grenzen seines Guts über die kein
Suchen und Sehnen jemals hinüber zu steigen vermöchte Er und sie  das war
Ausgang und Ziel Das war Glück
    »Liebe liebe Else« sagte er und legte den Arm um ihre Schultern
    War es der trübe Abend der ihre Züge so bleich erscheinen ließ 
    Dann saßen sie zu dritt vor dem großen Kamin im Zimmer der Gräfin denn ein
Wetter das in der Ferne noch grollte hatte die Luft erheblich abgekühlt und
die alte Dame benutzte gern jeden Vorwand um Hände und Füße die sich immer
schwerer erwärmen wollten der belebenden Wirkung des Feuers auszusetzen Ihre
Augen hingen an dem Relief des Kamingesimses einem feinen Gerank das das Bild
einer an den Felsen geschmiedeten Ariadne leicht umkränzte Der stark
herausgearbeitete Körper der Gefesselten wurde im Schein des Feuers lebendig
    »Ist sie nicht ein antikes Symbol der Knechtschaft aus der Sie die Frauen
befreien wollen« sagte sie und spann als keine Antwort kam den Faden ihres
Gedankens weiter »Sie sollten nur nicht vergessen dass es zwar ein Mann gewesen
ist der die Schöne ihrer Freiheit beraubte aber auch ein Mann der ihr
Befreier war Sie geht immer nur von einer Hand in die andere«
    Auch jetzt blieb es still
    »Nun Sie schweigen « und sie hob ein wenig den Schirm der vor ihr
stehenden Lampe um Elsen ins Gesicht zu sehen »Was ist Ihnen mein Kind« rief
sie ihn wieder fallen lassend und beugte sich besorgt zu dem Gast hinüber
    »Ich spürte die Druckstellen meiner Ketten wieder« sagte Else während ein
Frösteln ihren Körper durchlief
    »Der gesprengten nicht wahr« frug die Gräfin die kleine Hand des Mädchens
leise streichelnd Es war das erstemal dass sie das Schicksal ihres Gastes
berührte Wunden das wusste sie müssen erst vernarbt sein ehe man ihre
schützende Hülle lüften darf
    »Der gesprengten  ja« antwortete Else mit ungewöhnlich heller Stimme
    »Wirklich« fiel Konrad ein
    Forschend sah die Gräfin zu ihm hinüber War es nur die Teilnahme des
Freundes die seinem Ton eine so warme Färbung gab Aber Else schien ihn zu
überhören Mit tränenschimmernden Augen führte sie die Hand der Gräfin an ihre
Lippen
    »Alles danke ich Ihnen  alles Ich war erfroren war leblos Der Schmerz
der das Herz zerreißt uns die wildesten Gedanken der Selbstzerfleischung ins
Hirn hämmert ist ein gütiger Freund ist eine Art Reaktionserscheinung der
Seele  wie das Fieber etwa für den Körper  im Vergleich zu dem Gift das sie
zerstören will Nur die vollkommene Fühllosigkeit jenes grässliche Leersein in
Kopf und Herz jenes sich selbst zum Gespenste werden das ist die Hölle Ihr
Brief  der Brief einer Frau der ich fremd war der mein ganzes Denken Fühlen
und Sein fast wie etwas Feindseliges erscheinen musste und die mich dennoch zu
sich lud und das in einem Augenblick wo ich ganz verlassen war  Ihr Brief war
der erste Sonnenstrahl auf das Eis unter dem mein Leben schlief Und jeder Tag
ach was sage ich jedes gütige Lächeln das mir galt jeder Händedruck der
mehr sagte als hundert teilnehmende Worte sagen könnten  Worte deren Tonfall
schon zu beleidigen vermag  lockten aus dem erstarrten Boden neue Blüten
hervor Und nun  nun« in leidenschaftlicher Bewegung war sie der Gräfin zu
Füßen gesunken »lebe ich wieder«
    Zwei Hände legten sich um ihre Schläfen zwei Lippen ruhten auf ihrer Stirn
»Im Schoss der Mutter« dachte sie und meinte zu fühlen wie von Händen und
Lippen ein Strom von Ruhe ausging sie umfloss und durchdrang Sie hob den Kopf
Zwei Augen trafen sie  dunkel wie Weiher in der Nacht in deren Tiefen goldene
Schätze glühen Sie starrte sie an selbstvergessen waren es die der Gräfin
die Konrads
    Mit einem Lächeln das ihr eigenes nicht war erhob sie sich und sagte 
fast fröhlich sollte es klingen »Und nun ist es Zeit dass ich gehe«
    Es blieb still in dem Zimmer Jeder erwartete wohl vom anderen dass er
antworten würde Die Uhr die sonst niemand hörte tickte plötzlich ganz laut
    »Ich muss arbeiten ich büsse sonst die Winteraufträge ein« fuhr Else zögernd
fort Dann griff sie plötzlich wie von einem Schwindel gepackt nach der
Stuhllehne hinter sich Konrad sprang zu um die Wankende zu stützen
    »Sie sehen selbst dass es nicht Zeit ist  noch lange nicht  von uns zu
gehen« sagte er sehr weich Mit geweiteten Augen sah die Gräfin von einem zum
anderen in jenem Ton klang Mannesliebe jene echte reine schützende
    Else hatte sich schon wieder in voller Gewalt
    »Nur dass ich heute sprach von mir sprach hat mich so erschüttert« sagte
sie »Gestatten Sie mir Frau Gräfin dass ich mich ein wenig früher
zurückziehe«
    Noch ein Handkuss ein freundliches ein wenig zerstreutes »Gute Nacht« und
Else ging
    Ganz still mit gesenkten Lidern  als wolle sie niemanden durch die Fenster
ihrer Seele schauen lassen  saß die Gräfin zurückgelehnt in ihrem tiefen Stuhl
    »Willst du halbe Arbeit tun Großmutter« frug Konrad leise »willst du sie
wieder frieren lassen« Sie sah nicht auf Sie hörte nur welch rührend zartes
Beben war in dieser Stimme
    Es klopfte einmal zweimal Giovanni erschien unter der Türe »Was ists so
spät« herrschte ihn Konrad an Er machte einen tiefen Bückling
    »Der Wind riss die Fahne vom Turm Ich sagte längst dass die Stange morsch
ist«
    »Und damit erschreckst du uns jetzt«
    »Damit Frau Gräfin morgen früh nicht erschrecken« Er verschwand wieder
    Gräfin Savelli sah ihm nach auch als er schon gegangen war hafteten ihre
Blicke noch in derselben Richtung Was war es doch was der Alte ihr einmal vor
Jahren geraten hatte Die Liese hatte sie ins Haus nehmen sollen des Müllers
Liese als der Knabe zum Jüngling gereift war Pfui
    »Großmutter ich bitte dich mir zuliebe wenn du es um ihretwillen nicht
tun magst halte die Else fest« drängte Konrad
    »Um deinetwillen  gut« Sie erhob sich ihm die Hand reichend »Und nun
kein Wort mehr darüber« Eine fremde Härte lag auf ihrem Gesicht
In dieser Nacht fand Konrad Hochsess keinen Schlaf Er konnte es nicht erwarten
ihr zu sagen dass sie bleiben dürfe bleiben müsse Er lauschte angestrengt
jedes Knacken im Holz jedes Rascheln der Gardinen jedes Knarren des
Fensterladens ließ ihn auffahren war es ihre Zimmertüre ihr Kleid ihr
Schritt
    Aber auch als der Morgen dämmerte wartete er umsonst Schweissperlen standen
auf seiner Stirne war sie nicht totenblass gewesen gestern abend als sie
schlafen ging Vielleicht war sie über Nacht erkrankt lag hilflos und in
Schmerzen allein in ihrem Zimmer Oder sie hatte sich gar nicht niedergelegt
hatte heimlich das Haus verlassen
    Er sprang aus dem Bett und fuhr hastig in die Kleider Dann schlich er
hinaus Den langen Flur über die Galerie der Diele bis zum anderen Flügel wo
die Fremdenzimmer lagen musste er hinuntergehen an der Wohnung der Tanten an
der des alten Habicht vorbei Vor jeder Pforte horchte er ob nicht ein Laut das
Wachen der Bewohner verriete Doch alles war still
    Aus den großen Fenstern der Galerie sah er auf den Hof hinab nichts bewegte
sich Drückende Sommerschwüle ließ jedes Blatt am Baum reglos schlafen Schwer
hing das Fahnentuch von der niedergerissenen Stange am grauen Gemäuer des Turms
Wie blass die rote Rose auf dem weißen Grunde aussah Von der Sonne ausgezogen
vom Regen verwaschen  verwelkt
    
    Ein Fest wollen wir feiern ein großes Fest und eine neue Fahne hissen mit
einem strahlenden Symbol des Glücks dachte er freudig erregt und meinte Else
vor sich zu sehen im weißen Kleid mit Blumen im Haar wie ihre kleine Hand mit
silbernem Hammer das Tuch an die starke Stange nagelte
    Else Das Herz schnürte sich ihm zusammen An ihrer Türe stand er jetzt
    War es der Ton des brausenden Blutes in seinen Ohren oder bewegte sich
etwas hinter ihr
    Gewissheit  um Gottes willen Gewissheit
    Er drückte die Klinke herunter 
    »Wer ist da«  eine geängstigte Stimme
    »Ich« und schon stand er vor ihr
    Sekundenlang dunkelte es ihm vor den Augen Dann sah er ein unberührtes
Bett  einen halb gepackten Koffer und sie  sie
    »Du bleibst  bleibst« ein erstickter Schrei wars
    An jenem Morgen gab sie sich ihm
Die Gräfin Savelli saß an ihrem Frühstückstisch nachdenklich zerbröckelte sie
das Brot zwischen den Fingern und überflog abwesenden Blicks die Postsachen die
ihr eben gebracht worden waren
    »Ist der Herr Baron schon auf« frug sie den Diener
    »Als ich eben den Kaffee brachte schlief der Herr Baron noch« antwortete
er
    Sie nickte
    Also wusste Else noch nicht dass sie ihrem längeren Bleiben zugestimmt hatte
Ein befreiender Atemzug hob ihre Brust Wie hatte sie nur einen Augenblick lang
so grausam so unmenschlich sein können Dieses Mädchen musste gehütet nicht
preisgegeben werden
    Der Diener erschien schon wieder »Fräulein Gerstenbergk« meldete er
    »Ich lasse bitten« Mit ausgestreckter Hand ging sie ihr entgegen Mitten im
Zimmer aber stockte ihr Fuß
    Schwebenden Schritts als hätte ihr Körper keine Schwere war Else über die
Schwelle getreten Ihr Antlitz leuchtete Ob es auch bleicher und schmaler war
als sonst und die Augen dunkel umschattet Es war nicht der Glanz eines Sieges
nicht das Strahlen genossener Lust Es war wie alte Marienbilder aus Holz
geschnitzt in dunklen Kapellen über der ewigen Lampe leuchten
    »Ich möchte fort gleich jetzt Frau Gräfin« sagte sie ohne dass ihr
Ausdruck sich änderte
    Die Angeredete war zu benommen als dass sie hätte antworten können Sie sah
das Mädchen nur an
    »Sie haben mich länger behalten wollen« fuhr Else fort
    »Sie wissen« Der Blick der Gräfin war eine erstaunte Frage
    Ein Lächeln das weich ihren Mund umspielte ein großer freier
Augenaufschlag begegnete ihr Und die Blicke der beiden Frauen tauchten tief
ineinander Bis sich die dunklen Sterne der Gräfin tränengefüllt
niedersenkten
    »Setzen Sie sich zu mir  so  ganz nah mein liebes Kind« flüsterte sie
Else an sich ziehend
    »Ich möchte fort ehe Konrad erwacht« sagte das Mädchen mit bittend
erhobenen Händen auf dem Fussschemel kauernd »Er soll nicht wissen niemals
wissen wohin ich ging«
    »Heißt das nicht zu grausam sein Er  liebt Sie Else« antwortete die
Gräfin Das junge Antlitz vor ihr leuchtete noch heller
    »Er liebt mich Mit einer rührenden zarten Liebe frühlingshaft Er gab mir
den Glauben wieder den Glauben an die Menschen an mich Soll ich nun die weiße
Wiesenlilie seiner Liebe selbstsüchtig und töricht in einen Scherben verpflanzen
und die Hoffnung nähren sie würde den Herbst überdauern Ihren Duft will ich
mit mir nehmen reuelos«
    »Und  er«
    Des Mädchens Lippen zuckten »Wird leiden « murmelte sie um gleich darauf
festen Tons fortzufahren »Aber ein lebenslanges Unglück würde es wenn ich
bliebe Er verliesse mich nicht  aus Güte aus Mitleid Es würde eine jener Ehen
sein die wie mit einem Henkerschwert das Leben vom Körper trennten Er aber
soll leben soll das Leben erst finden das er so sehnsüchtig sucht Ich will
ihm die Türe öffnen nicht zusperren Darum muss ich fort  gleich fort Jetzt
bin ich stark in einer Stunde könnte ich schwach sein«
    »Mir aber werden Sie nicht verheimlichen wo Sie sind« frug die Gräfin
aufs tiefste erschüttert
    Elsens Lippen schlossen sich fest zusammen was ihren Zügen den Ausdruck
starren Willens verlieh »Doch  immer« entgegnete sie
    »Auch wenn Konrads Liebe Ihnen mehr bedeuten sollte als  eine Erinnerung«
Ein warmer mütterlicher Blick umfasste sie deren Wangen sich dunkel färbten
    »Auch  dann«
Der gelbe Postwagen rollte über den Hof  durch das graue Tor  ins Tal hinab
    Konrad öffnete die Augen um sie gleich darauf selig lächelnd wieder zu
schließen
 
                                Fünftes Kapitel
              Von Konrads Höllenfahrt und den Geisseln der Berolina
In der Bar »Aux Trois Grâces« spielten rotbefrackte Zigeuner sie saßen in einem
schmalen langgestreckten Raum der ganz in eine Farbe getaucht war dasselbe
giftige Grün leuchtete von den Tapeten den Teppichen den Bezügen der tiefen
Stühle um die kleinen Tische
    Es war leer  Mitternacht  noch viel zu früh für den Betrieb hier Das
Garderobenfräulein schlummerte an der Türe ihre schlaffen grauen Wangen hingen
herunter als wäre die Dreissigjährige eine alte Frau Die Kellner standen mit
zusammengeknickten Knien hinter den Portieren und gähnten
    Jetzt hörten die Musikanten zu spielen auf ihre Oberkörper fielen müde
vornüber Das schlummernde Garderobenfräulein  die knickebeinigen Kellner an
den Portieren  es war als grinste die grüne Farbe schadenfroh über den Opfern
ihres Gifts
    Da schlugen die Türen Das Fräulein fuhr auf Rasch die Puderquaste Eine
weiße Wolke stäubte über ihre Züge die Lippen zogen sich über das falsche Gebiss
zurück  das war ein Lächeln Geschäftig liefen die Kellner hin und her und
grinsten verbindlich mit kühner Künstlerbewegung warfen die Musikanten die
schwarzen Haarsträhnen aus der Stirne und polierten mit ein paar Gedanken an
fürstliche Trinkgelder die matten Augen
    Der grüne Raum füllte sich Damen in Reiherhüten und Pelzmänteln unter
denen die Chiffonschleppen wie bunte Schlangen über dem grünen Teppich
züngelten Mädchen in hochhackigen Bänderschuhen vorn gehobenen über den
Hüften bauschigen unten ganz engen Röckchen so dass ihre Gestalten aussehen wie
die der Frauen Holbeins die stolz über dem gesegneten Leib die Hände kreuzen
Und dann die Herren im Cutaway im Frack im Smoking sehr schlank von
gewollter Sehnigkeit mit aus der Stirn gestrichenen Haaren die noch die
Schärfe und Fleischlosigkeit der glattrasierten Züge betonten
    Sie begrüßten einander von Tisch zu Tisch freundlich gehalten Sie
konversierten  das deutsche Wort »sprechen« hätte einen zu lauten Ton vermuten
lassen  mit den Damen und tranken gelbe und rote grüne bunte und weiße
Flüssigkeiten aus phantastisch geformten Gläsern ohne dabei lauter zu werden
    Eine Gruppe neuer Gäste erschien Unter ihnen ein kleiner weissbärtiger
Alter den selbst das Garderobenfräulein mit verklärtem Lächeln empfing und
Konrad Hochsess dessen Gesicht jede Erinnerung an die Knabenzüge verloren hatte
    Man grüßte die Eintretenden lebhafter als bisher Der alte Herr besonders
war rasch umringt
    »Ihr habt mich wohl schon zu den Toten versammelt« lachte er den sie
Hofrat titulierten
    »Sie unterschätzen unsere Intelligenz« sagte ein kleiner Kerl mit einem
runden Kindergesichtchen »Wir wussten Sie und wenn Sie sich noch so
geheimnisvoll gebärden mitten im Leben«
    »Von dem Sie wieder einmal bussfertig zurückkehrten um sich in unserem
Krähwinkel auszuruhen« ergänzte ein anderer
    »Verflucht nötig haben Sies« meinte ein dritter den kleinen Alten
betrachtend der ernster geworden die Zigarette zwischen den Fingern drehte
    »Ihr habt natürlich wie immer alle recht« antwortete er während sein
rechtes Auge nervös zu zucken begann »Ungemütlich ists draußen ekelhaft
ungemütlich In Paris in Rom in London überall dieselben giftigen Blicke und
hämischen Bemerkungen die unsereinem folgen Man prüft unwillkürlich in jedem
Spiegel Rock und Krawatte ob sie nicht dreckig sind«
    »Bankrott des Europäertums Hofrätchen« mischte sich Eulenburg ins
Gespräch der eben an den Tisch getreten war »totaler Bankrott Weil wirs
nicht von selber gelernt haben wirds uns von den zärtlichen Nachbarn
eingeprügelt national zu werden«
    »Besser noch chauvinistisch« warf hitzig ein blutjunger blassblonder
Jüngling ein
    »Antisemitisch« sekundierte spöttisch einer der sichtlich ein Jude war
    Eulenburg drehte sich auf dem Absatz um und sah ihn an »Sicher Was
übrigens unserer persönlichen Freundschaft lieber Breslauer keinen Eintrag
tut Juden und Sozialdemokraten haben in den letzten Jahrzehnten unseren
internationalistischen Charakter geprägt«
    »Barer Unsinn« unterbrach ihn der Angeredete »er ist ein Ergebnis rein
wirtschaftlicher Erscheinungen der Industrie des Verkehrs der Mode«
    Der Hofrat lachte hell auf so dass alles sich nach ihm umsah »Nun ist mir
wieder wohl Kinder ganz wohl« sagte er »denn ich fühle dass ich zu Hause
bin Wer anders als der Deutsche könnte  so dekadent er sich gebärdet  so
urgesund sein um sich nachts um die zweite Stunde über Weltprobleme zu
erhitzen Der Engländer ist um die Zeit ein Schwein der Franzose ein Faun der
Russe ein Narr Wirklich in diesem Krähwinkel muss der zerschundenste Raubritter
wieder zu Kräften kommen«
    »Schade« brummte in komischer Verzweiflung der Kleine mit dem
Kindergesicht »Ich hatte schon den ehrenvollen Auftrag Ihnen ein Denkmal zu
setzen«
    Der Hofrat klopfte ihm beruhigend auf die Schulter »Führen Sies aus
teurer Meister Ich habe unsere Berühmteiten immer bedauert dass sie bei ihrer
Verewigung nicht mehr mitreden können Sie hätten gewiss irgendein Symbol ihrer
Lebensempfindung der eigenen Visage vorgezogen Ich jedenfalls« und er begrüßte
ringsum mit heiterem Nicken die Mädchen »wünsche mir die BarMuse  nichts als
Schwanenhals und Giraffenbein natürlich«
    Ein Mädchen das Lockenhaar hochgetürmt über der freien Stirne den
Oberkörper bis zur Taille die eine breite Schärpe mehrfach umwand in
durchsichtigen Chiffon gehüllt legte ihm vertraulich die Hand auf die Schulter
    »Papachen blamier dich nicht« neckte sie »dreiviertel Jahr fern von
Berlin bedeutet ein halbes Jahrhundert in der Kultur zurück sein«
    »Bist wohl immer noch die einzige die so etwas wie Geist hinter dem
sündigen Fleisch zu besitzen scheint« antwortete er und ging langsam da und
dorthin grüßend durch die Reihen um sich schließlich am Ende des Ganges neben
den Musikanten die tiefe Bücklinge machten niederzulassen
    »Tango« kommandierte er Das Mädchen das ihm gefolgt war lachte hell auf
    »Vieux jeu« sagte sie
    »Sei still Leonie« mahnte er »noch merkt es selbst ein Berliner dass du
Lene heißt und mit Spreewasser getauft bist Der da aber dem deine Augen
bereits Treue bis zum Grabe schwören « und er nickte zu Konrad hinüber
»übrigens Baron Hochsess Mademoiselle Leonie Doris  ist ein Franke von
unbestechlicher Tugend«
    Die Rotbefrackten setzten den Bogen an »Tanze lieber Deine Beine sind
impressionabler als dein Geist und deine Augen«
    Leonie stand auf mit der Bewegung eines Automaten ein anderes Mädchen
dessen Gesicht violetter Puder einen durchsichtigen Mondscheinglanz verlieh kam
ihr entgegen Sie senkten die Augen ineinander in stummem Gruß Unter dem
Einfluss weicher klagender Molltöne schienen ihre Glieder ihre Mienen zu
erstarren bis ein jäh einfallender starker Akkord sie leise erbeben ließ Sie
schritten vorwärts Das Instrument des Primgeigers klagte  es schrie  und nun
hämmerte hart ein rhytmischer Takt dazwischen Ein wenig rascher gleitender 
voneinander  zueinander  bewegten sich die Tanzenden
    Der alte Herr sah ihnen zu ungeduldig stirnrunzelnd »Ruhe« donnerte er
mitten in einer Variation die Geiger an Die Melodie riss ab »Sagt ichs euch
nicht hundertmal Raub und Mord sind Äußerungen der Tugend im Vergleich zur
einzigen Todsünde der Geschmacklosigkeit« rief er »Walzer und Polka und
ähnliche neckische Dinge mögt ihr untereinander tanzen der Tango ist eine
Angelegenheit zwischen Mann und Weib Denkt an Kowboys und Gauchos und
Strassenmädel  die Polizei ist ja nicht hier  So was muss fühlbar hinter der
Larve des gesitteten beherrschten Mitteleuropäers stecken sonst kehrt doch
lieber gleich zur Quadrille und zum Konter zurück«
    Alles lachte über des kleinen Mannes Erregung Aber im gleichen Augenblick
traten zwei Herren zu den Tänzerinnen Eulenburg und Bernhard der Bildhauer
Die Geigen schluchzten von neuem noch schmelzender als zuvor und barscher
leidenschaftlicher fiel der hämmernde Ton ein die Musik sang das Duett das die
Füße nein die Körper tanzten
    Jetzt bewegte der Herr sich langsam auf einem Fleck die Dame sich seinem
Arme fast entwindend den Oberkörper weit zurückgelehnt so dass die Brüste sich
aus dem Mieder hoben tanzte im Bogen um ihn wehrend und verführerisch lockend
zugleich und aufreizend stritt sich dazu auf den Geigen Dur und Moll Dur
siegte dröhnend der Herr die Armmuskeln gestrafft zog die Entfliehende an
sich  die Musik rauschte auf  ganz dicht Leib an Leib standen die Tänzer nun
voreinander und zwischen ihre nur leise gleitenden Füße schoben sich tanzend
die seinen Man applaudierte stürmisch
    »Ausgezeichnet« sagte der Hofrat sich befriedigt zurücklehnend »Sie haben
sich kolossal entwickelt Eulenburg Wenn der Rhythmus Ihrer Verse so gut wäre
wie der Ihrer Beine Und Leonie hatte vollkommen recht wenn sie mich auslachte
Euer plötzliches Bekenntnis zum Unterleib meine Lieben im gerafften Röckchen
und Cutaway predigt die Rückkehr zur Natur«
    Man lachte schon lauter an den Tischen Leonie saß auf der Armlehne von
Konrads Stuhl
    »Sie müssten tanzen können« sagte sie jedes Wort mit einem langen Blick
begleitend
    »Nimm ihn in die Lehre mein Täubchen« spottete der Hofrat
    Es war ein rauer Ton in Konrads Lachen mit dem er einfiel »Machen wirs
ab Fräulein Leonie in acht Tagen tanzen wir beide zusammen«
    Vom Tisch gegenüber klang wieherndes Lachen und Händeklatschen Ein Mädel
mit einer Pagenfrisur um das freche Bubengesicht hatte sich eben beineschwenkend
hinaufgeschwungen »Los  los Nini« krähte einer »Berlin« schrie sie alle
übertönend
»Die Friedrichstrasse trägt auf Stein
Die blassen Gewässer des Lichtes «
»Unsinn Olle Kamellen« unterbrach sie ein anderer und deklamierte salbungsvoll
weiter
»Die Dirnen umstehen mit Hirschgeweihn
Die Circe meines Gesichtes«
Sie begann aufs neue noch lauter
»Auf faulen Straßen lagern Häuserrudel
Um deren Buckel graue Sonne hellt
Ein parfümierter halbverrückter Pudel
Wirft wüste Augen in die große Welt «
»Du für den Blech sind wir noch zu nüchtern« klang es ihr mit lallender Stimme
entgegen
    »Lass mich ausreden du Dussel « antwortete sie und fuhr im Ton eines
skandierenden Schulbuben fort
»In Rummelplätzen wo Atleten ringen
Wird alles unklar und ungenau
Ein Leierkasten heult und Küchenmädchen singen
Ein Mann zertrümmert eine morsche Frau«
»Bravo bravo« lachten die Zunächstsitzenden
    »Wer ist denn die« fragte jemand
    »Nini Kops die jüngste Muse «
    In einer Ecke debattierte man über moderne Lyrik
    »Sollen wir Städtegeborenen ewig verdammt sein den Frühling zu besingen
den wir nicht kennen und die Nachtigallen die wir nie gehört haben«
    »Nieder mit der verlogenen Rührseligkeit vergissmeinnichtblauer
Neoromantiker«
    »Diese zusammengesuchten Füllsel lyrischer Hausputen sind bei weitem nicht
so gefährlich wie das weltfremde Patos der Priester an des heiligen Georges
Altar «
    »Im Griechentempel aus bemalter Leinwand «
    Ein blasser Langer der bisher still neben einem äterischen Mädchen das
ein Gewand statt eines Kleides trug gesessen hatte benutzte die Sekundenstille
und sagte ruhig »Ist die Religionslehrerlyrik monistischer Gemeinden die uns
mit unendlichem Weltgefühl erfüllen will indem sie Haeckels sämtliche gelöste
Welträtsel in Reime bringt vielleicht höhere Kunst«
    Man schwatzte durcheinander heftig ironisch feierlich Irgendwo fiel der
Name eines eben Gestorbenen Er machte alle verstummen Bis der blonde Lange im
Weggehen den Kopf wandte und sagte »Man braucht bloß eines unnatürlichen Todes
zu sterben um heute ein großer Dichter zu sein auch wenn man nichts war als
ein reimeschmiedender Primaner«
    Allgemeiner Tumult
    »Der Kerl hätte nur noch vom gewachsenen statt gemachten Gebild vom
Gestalteten statt bloß Geredeten deklamieren müssen« rief ihm Eulenburg nach
    »Was ereifert ihr euch eigentlich« meinte Konrad achselzuckend »setzt
denen da lieber ein Höheres entgegen das die Traumgrösse ihres Griechentums
übertrumpft Aber ihr habt nichts darum schreit ihr« Konrads Worte fielen wie
der Funke in ein Pulverfass Alles ereiferte sich und sprach durcheinander ohne
sich auf eine Diskussion von Argumenten noch einzulassen
    »Das Erleben des intellektuellen Städters wäre nichts die Offenbarung
unseres bewussten Nervenlebens in all seiner Komplizierteit  nichts« rief
einer
    Dann schlug nur noch ein Strom sich überstürzender Worte an Konrads Ohr
»Höhe der wissenschaftlichen Erkenntnis«  »Energetik«  »Monismus« 
»Weltanschauung«
    Er stand mit verschränkten Armen an die grüne Wand gelehnt und lächelte Die
Musik spielte einen Gassenhauer
    »Mokieren Sie sich nur« sagte der Hofrat »denn alle liefern Ihnen den
Beweis dass Sie recht haben«
    »Leider ich wäre Ihnen für das Gegenteil dankbar gewesen« entgegnete
Konrad
    Ein Wortwechsel an der Türe übertönte ihn
    »Was zu spät  Zu früh meint ihr wohl  Die Polizei  Unsinn noch
nie scherte mich Preußens heilige Hermandad« antwortete eine erregte
Männerstimme auf das eifrige Geflüster einer anderen
    Pawlowitsch trat mit langen Schritten herein Ohne rechts und links zu
sehen ging er auf Konrad zu der ihm mit einem feindseligen Aufblitzen in den
Augen entgegensah
    »Ich suche Sie Herr Baron« sagte der Ankömmling laut
    »Ich bin Ihnen nicht aus dem Wege gegangen« antwortete Konrad ebenso
    Ein Skandal
    Die angeheiterten Gäste horchten auf
    »So spielt doch weiter zum Donnerwetter« schrie der Hofrat die Musikanten
an Die Geigen warfen eine kreischende wilde Melodie in den grünen Saal Die
mit der Mondscheinhaut jetzt so blass wie ein weißer Nachtschmetterling rankte
und bog und wandte den geschmeidigen Körper in dem schmalen Gang zwischen den
Tischen bis es nur noch wenige gab die ihr Anblick nicht bannte
    »Wo ist Else« zischte Pawlowitsch Konrad an
    »Hat der ein Recht zu fragen der sie verließ« entgegnete dieser schroff
    »Ihnen lief sie nach Mein  mein war sie« Die Züge des Russen sahen in
diesem Augenblick wie verfallen aus
    »Sie war frei« Konrad erhob die Stimme ein wenig als er das sagte »Und
blieb es« fügte er langsam hinzu
    »Wo ist sie« wiederholte Pawlowitsch sein verzerrtes Gesicht dicht vor dem
des anderen so dass sein heißer Atem ihn traf
    »Fort«
    Der Russe hob die Faust »Sie haben meine  meine Frau ver«
    Der alte Hofrat der die beiden nicht aus dem Auge gelassen hatte trat
dazwischen »Ihr werdet eure ernste Sache doch nicht zum Getratsch dieses
Gesindels machen« Pawlowitsch wich einen Schritt zurück
    »Ich stehe Ihnen morgen zur Verfügung« sagte Konrad mit erzwungener Ruhe
    Die Musik brach ab das Mädel mit der Pagenfrisur saß wieder auf dem Tisch
Sie schwankte Die Augen blinzelten in dem aufgeschwemmten Bubengesicht Sie
gröhlte laut
»Wer weiß in welche Welten dein
Erstarktes Sternenauge schien
Stahlmasterblüte Stadt aus Stein
Der Erde weiße Blume  Berlin«
Pawlowitsch ließ nichts mehr von sich hören Seine alte Wohnung hatte er schon
seit langem aufgegeben Um ihn zu finden beschloss Konrad schließlich die Hilfe
der Polizei in Anspruch zu nehmen
    Da legte sich der Hofrat ins Mittel »Machen Sie den armen Kerl dem das
Herz mit der Theorie durchgegangen ist nicht unglücklicher als er ist« sagte
er »der Polizei ist er sowieso verdächtig hetzen Sie sie ihm nicht noch auf
die Fersen«
    So ließ Konrad die Sache auf sich beruhen und der Russe blieb für ihn
verschwunden
    Auch Else Gerstenbergk hatte er nach ein paar vergeblichen Versuchen die er
gegen den dringenden Rat der Großmutter unternommen hatte zu suchen
aufgegeben Er vermochte nicht anders als ihre Flucht trotz allem was die
Gräfin ihm von dem Mädchen berichtet hatte als Untreue aufzufassen In einem
Zustand der zwischen völliger Apathie und gereizter Nervosität wechselte war
er zurückgekommen sich kopfüber in den Strudel stürzend nicht um wie früher
als Suchender das ihm gemässe ruhige Fahrwasser schließlich zu erreichen sondern
um die Pein seines Erinnerns zu betäuben Die Großmutter durch Warburgs
Freundesbriefe unterstützt hatte ihm nahegelegt nach einer anderen
Universitätsstadt überzusiedeln Vergebens Was war es nur das ihn an Berlin
fesselte Die verborgene Hoffnung Else vielleicht doch noch wiederzufinden die
selbstquälerische Freude dem Schatten der kleinen Gina zugleich mit dem
Erinnern an sie nahe zu sein oder gar jener rätselvolle Magnetismus den der
starke Moschusduft der »weißen Blume Berlin« auf alle die einmal in ihrem
Bannkreis flattern ausübt
    Er fand Warburg in einem Zustand des Befriedigtseins wieder der ihn die
eigene Zerrissenheit nur noch stärker empfinden ließ Des Freundes Leben schien
ausgefüllt von der Vorbereitung zu einem ihm gemässen Beruf von der Neigung zu
einer geistig hochstehenden Frau und der Begeisterung  wenn sich die ruhige
Wärme seines Interesses mit diesem Wort vielleicht auch nicht bezeichnen ließ 
für die Ideen des Zionismus
    »Eine Heimat für die Heimatlosen ein Vaterland für die in jeder Nation sich
nur als Geduldete fühlenden ist selbst wenn es ein unerreichbares Ideal wäre
als Ziel von so zusammenschweissender Kraft dass keine Arbeit dafür umsonst sein
kann« sagte er einmal als Konrad ein wenig spöttisch von seinem Utopismus
sprach
    Es war in Frau Sara Rubners Salon in den ihn Warburg eingeführt hatte
einem stillen harmonischen Raum wo alles Holz von silberigem Grau aller Stoff
von verblichenem Grün war und matte Gobelins die beide Farben in sich
vereinigten zwischen den Türen hingen Das ganze Licht in dieser
Winterdämmerstunde ging von einer hohen gelben Kerze aus die wie in einem
Heiligenschrein einsam in einer Nische des Zimmers brannte
    »Wir sollten niemanden an seinem Utopismus irre machen und wenn es der
närrischste wäre« meinte die Hausfrau »er gibt dem Leben ein Ziel dem Streben
Stetigkeit«
    Überrascht wandte sich Konrad ihr zu Diese kleine Frau in dem
großblumigen phantastischen Seidenkleid mit den gebauschten glanzlosen
schwarzen Haaren um das weiße Negergesicht war ihm bisher kaum interessant ja
in ihrer typischen östlichjüdischen Rassenerscheinung wenig anziehend
erschienen Jetzt sprach sie wie aus seiner Seele denn sein zur Schau
getragener Skeptizismus dem Freunde gegenüber war von heimlichem Neide gezeugt
    »In Ihrem Tone liegt Resignation gnädige Frau« sagte Konrad »und doch
waren Sie es die Walter für diesen Utopismus gewonnen hat«
    »Gewiss Und ich freue mich dessen« entgegnete sie »er ist glücklicher als
ich er hat die große Begeisterungsfähigkeit die nicht wie ein Feuerwerk
verpufft«
    »Sie irren liebe Freundin« fiel Walter ein  noch nie schien es Konrad
hatte seine Stimme einen so vollen weichen Ton gehabt  »nur weil ich weniger
begeisterungsfähig bin als Sie und noch von keinem Spaziergang die Entdeckung
neuer Welten erwartete und auf keinem Stern das Paradies zu finden glaubte habe
ich ein starkes Beharrungsvermögen«
    Sie lachte »Denken Sie nur« sagte sie zu Konrad »dieser Mann hat den Zank
und Streit und kleinlichen Hader auf dem letzten Zionistenkongress der mir
zuerst Tränen der Wut dann Tränen unauslöschlichen Gelächters erpresste als
eine Stärke der Bewegung zu verteidigen vermocht«
    »Natürlich« bestätigte Warburg »Einigkeit ist wie Friede oft nur ein
Zeichen der Stagnation des Alterns«
    »Wenn das auch für den einzelnen gilt« rief sie aus »so kann ich mich
trösten Denn stets bin ich im Streit mit mir«
    Im Laufe des Gesprächs erzählte sie mit lächelnder Selbstverhöhnung von
ihren »Lebensversuchen« »Schon als Backfisch begann ich zuerst heimlich dann
mit rücksichtsloser Offenheit mich allen Bewegungen begeistert in die Arme zu
werfen und fand unglücklicherweise mit allzu scharfem Verstand begabt unter
meinen Gefährten mehr Maulhelden als Helden mehr Leute die im Trüben für sich
fischen als im Hellen für andere bauen wollten Einem der sich besonders
radikal gebärdete und mit Feuer und Schwert gegen die Laster der
kapitalistischen Gesellschaft zu Felde zog wäre ich in meiner Begeisterung für
die Tugend fast nachgelaufen wenn ich nicht rechtzeitig erfahren hätte dass
dieser Kato zu gleicher Zeit durch Herausgabe pornographischer Schriften zum
Krösus wurde«
    Dann hatte sie nach kurzer Ehe in bitterster Enttäuschung ihren Mann
verlassen  »leider hatte selbst die Liebe mich nicht mit Blindheit geschlagen«
 hatte es mit der Malerei versucht und Kunstgeschichte und Philosophie
studiert aber  und das ein wenig leichtfertige Lächeln auf ihrem Gesicht
erstarb dabei  »wir haben Talente aber kein Talent Wünsche aber keinen
Willen«
    »Sagten Sie nicht neulich« mischte sich Warburg wieder in das Gespräch  er
saß jetzt ganz im Schatten so dass nur seine Stimme die innere Bewegung verriet
 »dass den Frauen wohl nur eines beschieden sei worin ihr Denken und Fühlen
und Sein zu reiner Harmonie sich entfalten können die Liebe«
    Sie schwieg einen Augenblick Dann legte sie ihre bräunliche Hand die zu
breit war um schön zu sein mit einer gütigen und beschwichtigenden Geste auf
die seine und sagte
    »Den Frauen  ja Doch nur so lange als der kritische Verstand ihren
Instinkt nicht verdorben hat«
    »Seltsam« meinte Konrad als die Freunde aus dem stillen Salon miteinander
auf die Straße traten »das Lachen dieser Frau klingt nach Tränen Und warum nur
diese feierliche Kerze brannte«
    »Ein jüdischer Brauch« antwortete Warburg ruhig »sie feiert damit das
Gedächtnis ihrer Schwester die sich vor Jahren ein halbes Kind noch das Leben
nahm Aus  Lebensüberdruss All diese Menschen denen das Leben nichts versagte
sind wie ohne Hände geboren Sie verhungern indessen alles um sie voll Früchte
hängt«
    Konrad sah dem Freunde ins Gesicht »Gezeichnete sollte man meiden« sagte
er Der andere lächelte ganz ruhig und aufrichtig ein Lächeln das von innerer
Helle widerstrahlte »Oder sie erlösen«
    Mit einem Händedruck wärmer noch als sonst gingen sie voneinander
    Konrad wohnte nicht weit in einem der großen Hotels am Kurfürstendamm das
erst kürzlich seine prunkvollen Räume dem immer neuheitshungrigen gaffenden
Publikum eröffnet hatte Ganz oben so hoch ihn der Aufzug fahren konnte hatte
er sich ein paar helle Zimmer gewählt mit jenem künstlerischen
Intellektualismus ausgestattet der alle phantastischen Träume verbannt
    Die kleine gekrönte Wachspuppe auf dem roten Stuhl die einsam auf der
spiegelnden Platte des Schreibtisches stand betonte nirgends so stark ihren
Charakter einer verwunschenen Prinzessin
    Hier war alles modern praktisch höchste Kultur des naturwissenschaftlich
gebildeten aufgeklärten Verstandesmenschen
    »In dieser Umgebung« hatte Konrad sich selbst ob dieser Wahl verspottend
bei Warburgs erstem Besuch gesagt »muss jeder Dichter zum Journalisten jeder
Künstler zum aktuellen Illustrator jeder Verliebte zum Mitgiftjäger jeder
Phantast zum Börsenspekulanten werden«
    Statt Giovanni des Seiltänzers bediente ihn das Muster eines Kellners das
heißt eine namen und individualitätslose Maschine und die Krone
wohlgeschulter Hotelmädchen das sich für ein Trinkgeld zu jedem Dienst mit
demselben Gleichmut bereit finden würde
    Die Bekanntschaft mit Frau Sara hatte Konrad bis ins Innerste aufgewühlt
Wie in einem Spiegel glaubte er sich selbst begegnet zu sein »Talente kein
Talent  Wünsche kein Wille« klang es ihm halb kühle Feststellung einer
unabänderlichen Tatsache halb bitterer Vorwurf einer Schuld noch in den Ohren
Sollte er durch den kalten Regen und den fauchenden Sturm weiterwandern um
wieder ruhig zu werden
    Im breiten Lichtstrahl des Hotelportals blieb er stehen Zahllose Wagen und
Autos rollten heran Herren und Damen in großer Toilette schritten an ihm
vorüber in die Halle Alle Birnen brannten die großen Glastüren zu den
Festräumen standen weit offen eine bunte Menge bewegte sich hinter ihnen
    Er wandte sich an den betressten Türhüter »Was gibts hier heut abend«
    »Kostümfest Berolina zum Besten des Säuglingsheims« antwortete der und
fügte mit jenem aus Hochachtung und Vertraulichkeit gemischten Ausdruck den
gewiegte Hotelangestellte anzunehmen pflegen wenn von großen Kokotten
vornehmen Glücksrittern und reichen Parvenüs die Rede ist hinzu mit einer
Wendung des Kopfes hinüberdeutend »Der Kommerzienrat Siegmund Veit spielt den
Wirt« »Veit« dachte Konrad der Portier kam seiner Frage entgegen »Frau
Renetta Veit ist die Gründerin des Heims«
    Renetta Veit  die Nixe im weißen Auto  die Geliebte des Russen
    Ohne nachzudenken mit der Sicherheit eines Schlafwandelnden ließ Konrad
sich in sein Zimmer fahren vertauschte rasch den Smoking mit dem Frack um sich
wenige Minuten später die Eintrittskarte in der Hand vor den offenen Türen
wiederzufinden
    Ein kleiner Herr mit glänzender Glatze über dem farblosen Gesicht das zwei
kluge unruhig flackernde Augen belebten empfing ihn
    »Baron Hochsess«  »Kommerzienrat Veit« Eine sehr weiße Hand deren
Gepflegteit ihre ungewöhnlich viereckige Form nur noch schärfer hervortreten
ließ legte sich kühl weich und flüchtig in die seine die Augen glitten
sekundenlang forschend an ihm herab um sich gleich danach mit den schweren
Lidern zu bedecken
    »Wir kennen einander Herr Baron« sagte dann eine Stimme fein und
knarrend wie aus einem Grammophon »durch unseren gemeinschaftlichen Freund
Pawlowitsch«
    »Pawlowitsch« unterbrach ihn Konrad »ist er heute abend hier«
    »Wie Sie wissen noch nicht Der arme Kerl der eine Erholung dringend nötig
hatte war mit uns « er unterstrich die letzten drei Worte so dass niemand an
seiner Generosität zweifeln konnte  »in Ostende Währenddessen ging seine 
seine Mätresse durch«
    Konrad richtete sich in seiner ganzen Größe auf »Die Dame war seine Frau«
sagte er schroff
    »Nun nun« begütigte der Bankier »was man heute so Frau nennt natürlich
natürlich Meine Renetta macht den Rummel dieser Titulaturen selbstverständlich
auch mit aber in der Sache  na wir verstehen uns« Ein malitiöses Lächeln
kräuselte seine schmalen blutleeren Lippen und mit einem gönnerhaften Nicken
wandte er sich einem neuen Gaste zu ehe Konrad zu einer Erwiderung Zeit
gefunden hatte Ein Gefühl tiefen Unbehagens bemächtigte sich des jungen Mannes
Ob er nicht lieber umkehren sollte
    Da traf er unter der Menge seine Kaffeehausbekannten Sie lachten ihn aus
als sie seine Eintrittskarte sahen
    »Was« rief ihm einer von ihnen entgegen »Sie zahlen noch für das Opfer
Der Olle kann froh sein dass wir ihm gegen Sektpullen unsere Tanzbeine zur
Verfügung stellen«
    »Und seiner schönen Frau unsere Berühmteit für einen zärtlichen Blick«
sagte ein anderer
    »Für  mehr nicht« frug Konrad mit verächtlich geschürzten Lippen
    Man lächelte bedeutungsvoll zuckte die Achseln deutete allerlei an  auch
der Name Pawlowitsch fiel
    »Ob er ein Verhältnis mit ihr hatte« meinte jemand
    »Offen gestanden ich glaubs nicht Sie ist zu klug zu kühl  will sich
erst eine gesellschaftliche Position schaffen die ihre Vergangenheit vergessen
lässt«
    »Ihre Vergangenheit« Konrad wurde neugierig
    »Gott  es ist ja öffentliches Geheimnis der alte Halsabschneider kaufte
sie irgendwo in der Polackei einem verkrachten Kollegen ab Daher hat sie auch
die miese dunkelgehaltene Tochter«
    »Und Sie meinen Pawlowitsch «
    »Son russischer Revolutionär ein verkappter Fürst noch dazu wie man sagt
ist ein unentbehrliches Salonrequisit gerade so wie ein ahnenreicher Aristokrat
und ein berühmter Dichter zu dem sie den Eulenburg jetzt dressiert«
    »Eulenburg« wiederholte Konrad erstaunt »Ist er nicht neuerdings
Antisemit«
    Der andere lachte »Und kämpft für Rassenreinheit Aber was wollen Sie
Eine schöne Frau steht immer jenseits von Gut und Böse «
    »Besonders wenn sie wie unsere Renetta den Druck der Eulenburgschen echt
nationalen Lyrik bezahlt« spottete ein dritter
    »Frau Berolina verschlingt alle « mit einem tiefen tragischen Tonfall
sagte es irgendwer
    Konrad hörte kaum mehr zu was ging der Klatsch ihn an Nur eins
interessierte ihn noch »Fährt sie ein auffallend weißes Auto«
    »Gott bewahre Ein gelbes natürlich ein gelbes Damit der Berliner aus dem
Zweifel nicht herauskommt ists S M oder S V«
    Ein paar Gardeuniformen leuchteten zwischen den schwarzen Fräcken
    »Alex Rotausen« rief Konrad überrascht seinen Vetter den Gardeulanen
erkennend »was suchst du denn hier«
    »Erbinnen« lachte dieser »und du«
    »Nichts« entgegnete Konrad achselzuckend »das Totschlagen einer leeren
Stunde vielleicht«
    »Ich dachte schon « meinte der junge Offizier gedehnt
    »Was denn« frug Konrad
    »Na  du weißt doch« lautete die Antwort von forschenden Blicken
begleitet »das Weib  die Veit Kein Zweifel dass sich der kleine Prinz
Linsingen von den Gardedragonern ihretwegen eine Kugel durch den Kopf jagte Und
der Alte  Dem Herbert Wandlitz auf Vorberg hat er so lange hilfreich unter
die Arme gegriffen bis er ihn glücklich aus seiner Klitsche heraushob Ein
feudales Schloss hat er sich jetzt darauf bauen lassen Der Adel wird wohl auch
nicht ausbleiben Veit von Vorberg  nicht übel was« und er lachte
    »Und bei deiner Meinung von den Leuten bist du hier«
    »Ein Wohltätigkeitsfest Das verpflichtet zu nichts Und bietet Chancen «
    »Du suchst in diesem Milieu eine Frau«
    Alex verzog den Mund »Hast recht Vetter« sagte er mit einem unterdrückten
Seufzer »es ist ekelhaft Aber seit die Millionen besonders die amerikanischer
Provenienz hoffähig und ebenbürtig machen und die alten guten Familien im
Winter lieber auf ihrer Klitsche sitzen bleiben als sich von Schweineoder
GuanoPrinzessinnen in den Winkel drücken zu lassen  seitdem muss ein nur mit
Ahnen gesegneter Gardeleutnant an eine Aufmischung der Rasse denken um mich
gelehrt auszudrücken«
    »Mir scheint« entgegnete Konrad nicht ohne Heftigkeit »der Adel wenigstens
sollte vor dem Gelde nicht zu Kreuze kriechen«
    »Du bist wirklich noch jünger als deine Jahre« spottete Alex »Alle adligen
Eigenschaften sind außer Kurs Die Gesinnung des Industrieritters im besten
Fall die des Kaufmanns herrscht Es gibt bloß eine Hoffnung dass große
Ereignisse umwälzende meinetwegen die aristokratischen Tugenden wieder
notwendig machen«
    In diesem Augenblick kam der Bankier im Gespräch mit einem Herrn vorbei der
in devoter Haltung neben dem Kleinen ging Man hörte etwas von »orientalischen
Wirren«  »Balkanbahn« 
    »Retzau vom Auswärtigen Amt der trägt ein Ereignis mit sich herum«
flüsterte Rotausen erklärend »und überall hat der Alte seine Hände drin «
    Veit wandte den Kopf dem Ulanen freundlich zunickend um gleich darauf sein
Gesicht wieder in würdevolle Falten zu legen und die Augen zu senken wie es
stets seine Gewohnheit war wenn er von Geschäften sprach
    Es war inzwischen gedrängt voll geworden Bekannte Berliner Persönlichkeiten
tauchten auf Künstler Literaten Gelehrte Und man medisierte Dieser habe von
Veit ein Stipendium bekommen jener eine Reiseunterstützung den Maler dort habe
er durch das Porträt seiner Frau lanciert den Bildhauer hier durch den Brunnen
in seinem Schlosspark Der Bankier schien sich zu vervielfältigen  überall
grüßend vorstellend Trotz seiner Kleinheit blieb er stets sichtbar Vielleicht
weil alles den Rücken bog oder trotz dem Gedränge ein leerer Luftraum um ihn
blieb wo er auftauchte Konrads Hochmut empörte sich dass sich Geist und Adel
so widerlich vor dem Gelde krümmte Hier war sein Platz nicht Schon strebte er
dem Ausgang zu
    Da intonierte das Orchester einen Marsch
    Renetta Veit  Wenigstens sehen wollte er sie noch Der kleine Bankier
schien plötzlich aller Würde beraubt zu sein
    »Achtung Achtung meine Herren« rief er mit den kurzen Beinchen durch den
Saal chassierend Er schwitzte vor Aufregung
    Die Wand die den einen Saal von dem anderen trennte schob sich
auseinander Auf blanken Rädern fuhr eine Schar junger Mädchen als
MessengerBoys verkleidet herein
    »Platz für Berlin Platz für Berlin« schrien sie in weitem Bogen die
Neugierigen rückwärts drängend Und hinter ihnen lief und stieß und überpurzelte
sichs Lauter Jugend Pfadfinder und Pfadfinderinnen in Soldatenschritt bunte
Wandervögel mit ihren Gitarren Strassenkehrer und Milchmädchen Dann in
karikierten Masken bekannte Berliner Typen Künstler und Teaterdirektoren
Dichter und Kritiker Varietésterne und Tänzerinnen mit einem Dutzend
stirnrunzelnder Polizisten auf den Fersen
    Eine kurze Pause entstand Man wandte sich gelangweilt ab
    »Stets derselbe Kitsch« sagte einer ungeniert »Nu fehlt nur noch Santa
Berolina mit den süßen Kinderchen unter dem schützenden Mantel« spottete ein
anderer Alles lachte Die Musik ging in einen Walzer über
    Auf hochhackigen Schuhen die schlanken Körper von leichten
grünschillernden Schleiern umgeben die Perlenketten wie fliessende Wassertropfen
zu halten schienen bunte Lockenperücken über den Gesichtern flutete wie
getragen vom Rhythmus eine Schar lachender kokettierender Frauen in den Saal
 »Spreenixen« tönte es ihnen hundertfach entgegen
    Aber schon im nächsten Augenblick war es als wehe durch den Raum ein
eisiger Luftauch der die Lippen schloss
    An klirrenden Ketten zogen junge Männer im Frack und Damen in Balltoilette
verlumpte alte Weiber humpelnde Bettler aufgetakelte grell bemalte Dirnen und
barfüssige kleine Kinder ein graues von schwarzen Fensterhöhlen durchbrochenes
hoch aufragendes Gemäuer herein und ganz oben so dass das goldene Haar die
Kristallkugeln des Kronleuchters fast berührte saß sie  die Herrscherin 
Berolina den Körper in Spinnwebschleiern durch die das blühende Fleisch an
Hals und Beinen lockend durchschimmerte weit vorgebeugt wie ein ruhendes
Raubtier die nackten Ellbogen auf die Knie stützend und das Kinn in die Hände
vergraben die von großen Ringen geschmückt mit langen schimmernden
Krallennägeln die schneebleichen Wangen umschmiegten Unter vollen blutroten
Lippen blitzten starke Zähne hervor die breiten Nüstern der Nase bewegten sich
beutelüstern die Perlmutteraugen schillerten in allen Farben des Regenbogens
Von den üppigen tief entblößten Schultern wallte in königlichen Falten ein
Mantel weißen Hermelins So saß sie und starrte gierig unbeweglich ein
Götzenbild
    Es war totenstill im Saal Auch die Musik hatte aufgehört Man hörte nichts
als den keuchenden Atem der Gefesselten
Konrads Augen brannten auf der Sphinxgestalt er kannte sie lange schon  seit
jenem ersten Abend wo sie gespensterhaft neben ihm aufgetaucht war  in
fliessendem Wasserkleid mit Perlen im Haar  eine Nixe  eine Seelenlose 
    Er würde sie haben  heute noch  als sein Spielzeug für ein paar leere
Stunden sie Frau Berolina vor der die anderen alle als Sklaven winselten
    In Nischen von Lorbeerbäumen und Fächerpalmen aus denen phantastische
Lichtorchideen hundertfach opalisierend glühten waren kleine Tische gedeckt
Um die Büffette auf denen die Delikatessen sich häuften drängten sich die
Gäste Jene wüsten Schlachten entstanden die verhungerte Proletarier vor
gestürmten Bäckerläden nicht anders hätten liefern können Man sah ergraute
Berühmteiten um Hummern und Austern kämpfen sah tantiemenreiche Dramatiker in
Winkeln sitzen und gierig verschlingen was sie in beladenen Tellern vor sich
auf den Knien hielten und Gruppen junger Literaten entdeckte man die sich für
Wochen im voraus satt zu essen schienen Mit scheuen Blicken wie Diebe in der
Nacht schlichen andere mit Sektflaschen unter den Armen in halbdunkle
Nebenräume es genügte ihnen nicht dass die Kellner ohne Unterbrechung die
Gläser füllten
    Am Arme von Konrad Hochsess schritt Frau Renetta Veit durch die Säle Von
ihren Tellern und Gläsern sahen selbst die Versunkensten sekundenlang auf ihr
Hermelinmantel fegte den Boden aus ihrem vorgestreckten Gesicht höhnte der
Blick ihrer hellen Augen über der Menge Sie erreichte mit ihrem goldgepuderten
Scheitel die Stirne ihres schlanken Begleiters der sie hochmütig erhobenen
Hauptes geleitete
    »Wohin führen Sie mich« frug sie die Lider hebend
    »Wohin es mir gefällt« sagte er Und sie sahen wieder über die
Ballgesellschaft
    »Kulturträger« stieß sie wie im Selbstgespräch verächtlich zwischen den
Zähnen hervor
    »Was geht das uns an« antwortete er
    Atemlos kam in diesem Augenblick Eulenburg hinter ihnen hergelaufen »Ich
habe einen Tisch für Sie reserviert gnädigste Frau« rief er »Sie hatten mir
doch versprochen «
    »Was« gab sie über die Schulter weg zurück »Sie sehen dass ich engagiert
bin«
    Des Abgewiesenen große breite Gestalt knickte förmlich zusammen während das
Blut sein Gesicht dunkelrot färbte »Aber nachher darf ich « bettelte er
    »Vielleicht« warf sie ihm achselzuckend zu
    Konrad sah sie an spöttisch lächelnd »Behandeln Sie so Ihre Günstlinge«
    »Wenn sie sichs gefallen lassen«
    In einem kleinen nur matt erhellten Rokokosalon der am äußersten Ende der
Zimmerreihe lag und allzu weit von den Tafelgenüssen von den Gästen gemieden
worden war rückte er ihr einen Sessel an ein winziges Tischchen
    »Was befehlen Sie«
    »Obst und Sekt  nichts weiter« Er stand auf drückte den Klingelknopf und
gab dem Kellner seine Befehle
    »Sie sind eigenmächtig« meinte sie überrascht
    »Kein Bedienter wie Sie hoffentlich gleich bemerkt haben werden«
entgegnete er sich neben sie setzend »Vor deinen Wagen Berolina spannst du
mich nicht aber ich « und mit einem eisernen Griff umklammerte seine Rechte
ihr Handgelenk so dass sie leise aufschrie  »ich nehme dich«
    »Herr Baron Sie sind «
    Der Kellner kam mit dem Eiskübel und entfernte sich wieder
    »Nicht betrunken« ergänzte Konrad lächelnd »Der eine hat dich gekauft die
anderen hast du gehabt Ich weiß ich weiß Aber ich hörst du ich habe dich 
lange schon «
    Mit weit offenen Augen starrte sie ihn an die Finger um die Armlehne
krampfend wie zum Aufspringen bereit
    Er erwiderte ihren Blick mit einem spöttischüberlegenen Lachen
    »Ach so Wir sind wohlerzogene Europäer und « er lachte sein Knabenlachen
 »auf einem Wohltätigkeitsfest Verzeihen Sie also gnädigste Frau wenn ich im
Sinne Ihrer heutigen Rolle Komödie spielte«
    »Komödie« wiederholte sie unsicher Er goss ihr Sekt in das Glas und stieß
mit ihr an nur flüchtig an dem seinen nippend Dann frug er nach Pawlowitsch
    »Ein Verhör« frug sie sich mit einem leisen Lächeln in den Sessel
zurücklehnend die Arme hinter dem Kopf verschränkt so dass die roten Haare
unter ihren Achselhöhlen aufleuchteten
    »Sie irren« sagte er unbewegt »Es interessiert mich nur von welchem
Standpunkt aus Sie an ihm Gefallen fanden«
    »Ich liebe die Liebe« antwortete sie aus halbgeschlossenen Lidern einen
Blick auf ihn werfend lang und greifend wie die Zunge des Chamäleons die sich
nach dem Schmetterling streckt Es überlief ihn heiß Etwas erwachte in ihm auf
das er nicht gerechnet hatte Und ein erster leiser Triumph blitzte in ihren
Augen
    »Ich brauche als Lebensluft die von Männerleidenschaft gesättigte
Atmosphäre und darum«  rasch entschlossen stand sie auf wobei ihr bloßer Arm
wie zufällig seine Wange streifte  »bin ich schon viel zu lange hier allein
mit Ihnen«
    Er trat ihr in den Weg Auge in Auge standen sie einander gegenüber
    »Sie sehnen sich wirklich nach jenen die vor Fressen und Saufen Ihre
Herrlichkeit zu vergessen vermochten« flüsterte er während die überlegenkühle
Haltung die er zuerst gewahrt hatte ihn mehr und mehr verließ »nach jenen
die bestenfalls keuchend und angekettet an Ihrem Wagen ziehen  vor Wonne
winselnd wenn Ihre Peitsche sie trifft«
    Sie senkte den Kopf demütig wie eine Bezwungene so dass das Licht der
Lampen auf ihrem weißen Nacken glänzte
    »Du bist ein Weib Renetta das Weib« hauchte sein heißer Atem an ihr Ohr
»Du willst den Mann nicht den Knecht Ich weiß es seit dein Blick mich zum
erstenmal streifte  damals in der Herbstnacht  aus dem weißen Auto «
    Sie schreckte auf brennende Glut flog flüchtig über ihre Wangen aber er
sah nichts mehr auch nicht den kalten Blitz der sekundenlang aus ihren Augen
brach
    Er fühlte nur das weiche Nachgeben ihres Körpers und mit der Linken bog er
ihren Kopf nach vorn seine Zähne in ihren Nacken grabend  
    Sie gingen den Weg zurück den sie gekommen waren Arm in Arm hoch
aufgerichtet An der Schwelle des großen Saales zog er den Hermelinmantel über
ihre Schultern »Bedecke dich  du bist von mir gezeichnet« sagte er und mit
einem Lächeln zärtlicher Hingabe tat sie was er befahl
    Wieherndes Gelächter von kreischendem Aufschreien und wollüstigem Gekicher
unterbrochen empfing sie In dem Boskett ihnen zunächst saß eine rundliche
Schriftstellerin auf den dünnen Beinen eines Kritikers und ein atletischer
Dichter schleppte eben ein ausgelassen zappelndes Mädchen in die Fensternische
daneben Drüben kniete schweisstriefend die dicke lyrische Augenblicksberühmteit
vor der schlanken Frau des bekannten Bildhauers der selbst eng umschlungen
zwischen zwei Pfadfindermädchen saß In der Mitte tanzten sie verlassen von
allen Grazien nur beherrscht von entfesselter Geschlechtlichkeit
    Aus dem Rauchzimmer gegenüber trat der Kommerzienrat sehr kühl sehr ruhig
Ein kaum merklicher Zug von Hohn und Überlegenheit prägte sich um seine
Mundwinkel als er mit einem Blick das Bild vor sich streifte
    An die Kristallscheiben der Türen aber pressten sich die Gesichter der
Kutscher und Chauffeure mit einem Ausdruck von Neid und Gier ihre Herren
betrachtend
Von jenem Abend an fehlte Frau Renetta Veits glänzende Erscheinung auf den
Karnevalsfesten des Winters Sie sei leidend meinten bedauernd die einen die
anderen lächelten vielsagend
    In ihrem meerblauen Boudoir war Konrad Hochsess ein täglicher Gast
    »Unter hundert Schleiern möcht ich dich verstecken hinter hundert Türen
verschließen« hatte er ihr bebend in ungezügelter Leidenschaft zugeflüstert
als sie ihn das erstemal empfing Und »ich will nur dich  dich« hatte sie
ihm überwältigt von der Glut seines Besitzergreifens erwidert
    Von Berolina der Herrscherin dem gierigen Raubtier schien jede Spur in
ihr ausgelöscht Sie lebte nur für ihn für die Blicke aller anderen in ihren
Gemächern verborgen eine Odaliske Er aber trug wo er ging und stand wie
einen unsichtbaren Mantel den schwülen Duft ihrer Liebesstunden um sich Und ein
Gefühl von Lebensfülle beherrschte ihn wie die Julisonne den Sommertag Die
sprudelnde Heiterkeit die er zuerst an den Tag legte entwickelte sich bald zu
einem ausgelassenen fast genialischem Humor Er machte die Nacht zum Tage ein
jubelnd begrüsster Gast in den Bars in den Ballokalen wo er mit dem Gelde um
sich warf nur um überall strahlenden Gesichtern zu begegnen Die schöne Leonie
so meinte man vielfach sei seine Geliebte denn er versagte ihr kaum einen
Wunsch und beide wurden in jenem Winter zum bekanntesten Tangopaar Aber es war
nur der überströmende Reichtum seines Glücks den er verschwenderisch auf alles
was ihn umgab ausstreuen musste Die Quelle aus der er schöpfte und die ihn wie
Champagner je mehr er trank um so durstiger machte versteckte er als
kostbares Geheimnis vor aller Welt und bemerkte in dem Rausch aus dem er nie
erwachte die von Neid und Spott gemischten Blicke nicht die ihm folgten
    Warburg mied er denn er war der einzige vor dem ihn ein unbestimmtes
peinigendes Gefühl von Scham beschlich Bis der alte Freund ihn eines Tages in
»eigenen Angelegenheiten« dringend zu sprechen verlangte und ein Ausweichen
unmöglich war
    »Du schwänzest die Schule« versuchte Warburg zu scherzen als er bei ihm
eintrat und mit einem Blick das immer noch unbewohnt erscheinende Hotelzimmer
überflog
    »Vielleicht bin ich nur in eine  andere Klasse versetzt« entgegnete Konrad
ebenso vor den forschenden Augen ihm gegenüber die seinen senkend
    Unruhig schritt Warburg im Zimmer auf und ab Dann blieb er vor ihm stehen
ihm leise als berühre er einen sehr Wunden die Hand auf die Schulter legend
»Was soll nur daraus werden« sagte er aufrichtig bekümmert
    »Muss denn immer aus allem was ist etwas werden« meinte Konrad mit seinem
strahlendsten Lächeln »hat denn für euch ewig Nüchterne nur einen Wert was
Zweck was Zukunft hat«
    »Nun« warf Warburg ein »die natürlichste Folge einer so alles
beherrschenden Leidenschaft scheint mir doch der Wunsch nach dauernder
Vereinigung zu sein statt « er stockte
    »Sprich es nur ruhig aus« fuhr Konrad ernst geworden fort »statt nach
dauerndem Ehebruch wolltest du sagen« Warburg nickte »Von einem Ehebruch aber
ist doch nur die Rede wenn eine  Ehe besteht Das aber gilt für Renetta und
den Mann dessen Namen sie trägt nicht«  Warburg sah ungläubig auf  »hat
nie gegolten aus Mitleid kaufte er sie von einem Schurken frei«
    Warburg lachte »Der  und Mitleid«
    Konrad hob ungeduldig die Schultern »Aus Eitelkeit denn wenn du willst
Sie hat ihm dafür eine gesellschaftliche Position geschaffen«
    »Du denkst also nicht an eine künftige Heirat« frug Warburg vorsichtig
    Konrad lächelte mit überlegener Heiterkeit »Spannt man Vollblutpferde vor
einen Pflug Soll ich die Göttin dieser Liebe in das Kleid einer Dienstmagd
stecken«
    Warburg schwieg ohne den Ausdruck kummervollen Grübelns los zu werden
Konrad in seiner verfeinerten Empfindlichkeit für fremdes Leid dachte an des
Freundes stille Neigung
    »Bist du mir böse weil ich Frau Sara Rubner so lange gemieden habe« Er
begleitete seine Frage mit dem wärmsten Freundesblick »Weißt du wer Sonne
gewöhnt ist meidet den Schatten Der graue Salon das Totenlicht und die reine
Geistigkeit dieser Frau «
    Warburgs Gesicht war ganz hell geworden
    »Gerade dies wäre ein Gegengewicht Doch ehrlich gestanden es ist am Ende
besser so Ich wäre vielleicht eifersüchtig geworden Irgendein Rest von 
verzeih  barbarischem Lebensdurst zeigt sich zuweilen auch bei ihr Und jetzt«
 er legte die Hand über die Augen als wolle er einen zu deutlichen Ausdruck
seiner Hoffnungen verbergen »jetzt hört sie mit mir naturwissenschaftliche
Vorlesungen«
    Konrad war nachdenklich geworden »Ob nicht Frauen nur aus unterdrücktem
Lebensdurst studieren« meinte er Warburg blickte erstaunt
    »Muss ich dich an  Else erinnern« sagte er leise
    »Else « Konrad wandte sich ab tief erblasst und sah lange zum Fenster
hinaus auf den wirbelnden Schnee der sich auf der Straße unten in schwarzen
Schmutz wandelte
    Eine plötzliche Sehnsucht nach weißem frostkrachendem Winter überkam ihn
    »Ob wir beide uns nicht irgendwo im Gebirge Hirn und Herz durch
Gletscherwind kühlen lassen sollten« sagte er Aber der Freund machte eine sehr
heftige Abwehrbewegung »Mitten im Semester Und ich weiß Sara liebt das
Gebirge nicht«
    Ihn aber ließ der Gedanke nicht los In einem verschneiten Dorfe einsam
fern aller Welt träumte er sich mit Renetta Und ein Erlebnis das ihn
stürmisch erregte bestärkte ihn in seinem Plan Sie hatte eigensinnig darauf
bestanden den Besuch Eulenburgs zu einer Stunde anzunehmen die sonst nur ihm
allein gehörte und hatte ihm für ein Gedicht das in glühenden Farben ihre
Reize pries ein Lächeln geschenkt aus Dank Eitelkeit Verheißung gewoben 
    »Was hast du mit dem Menschen« rief er als Eulenburg nach einem wie ihm
schien allzu bedeutungsvollen Handkuss gegangen war In ihren Augen blitzte es
auf sie fühlte wie der Geliebte ihr Herr bisher an der Kette der Eifersucht
lag wie ein Sklave Und plötzlich überwältigte sie ein fassungsloses Weinen Mit
einem langen fremden Blick sah sie ihn an als er die vermeintlich durch seinen
unsinnigen Verdacht Gekränkte mit Anklagen seiner selbst und Bitten um ihre
Verzeihung zu beruhigen suchte Ihre Tränen versiegten Merkwürdig wie sie in
einer Empfindung von Schreck und Staunen gemischt ihr eigenes Ich aus sich
selbst heraustreten sah und neugierig betrachtete Eine Eishand presste ihr Herz
zusammen bis der letzte Tropfen roten Blutes daraus entwichen war Mit
absichtsvoller Bewussteit schmeichelte sie seine Erregung hinweg und schien
widerspruchslos ja mit freudigem Nachgeben auf seine Wünsche einzugehen
    Versunken in dem Gedanken an die neuen fremdartigen Reize die ihrem
Liebesleben bevorstanden  er sah sich mit ihr auf gleitenden Hölzern über weite
Schneeflächen fliegen träumte von einsamen Nächten auf verlassenen Hütten 
ging er von ihr heimlich durch Nebenstrassen schleichend um noch ganz im Bann
ihrer Nähe kein anderes bekanntes Gesicht sehen zu müssen Dass ein Neues
Fremdes zwischen ihnen gewesen war dass in ihre Hingabe etwas wie Empörung sich
eingeschlichen das Weibliche über das Männliche triumphiert hatte kam ihm nur
wie ein dumpfer vom Morgengrauen ausgelöschter Traum zum Bewusstsein
    Auch dass unter ihrem Schmeicheln das einsame Bergdorf zu einem
Wintersportplatz geworden war
    Und nun saß er im gleichen Koupé mit der ganzen Familie denn auch das Kind
ein kleiner dünngliederiger Backfisch mit kühlen geschlitzten Augen in dem
gelben Gesicht war mitgenommen worden War ihm schon die Gegenwart des Bankiers
eine Qual so steigerte sie sich durch die Anwesenheit der Tochter zur
Unerträglichkeit Die schöne junge Frau Gattin dieses Mannes das war schon
eine Karikatur Aber Renetta als Mutter dieses Mädchens bei dessen Anblick
seine Phantasie ihm das Bild des unbekannten scheußlichen Vaters heraufbeschwor
und die widerlichen Liebesstunden der Eltern deren Frucht sie war brachte ihn
fast in einen Zustand von Raserei
    »Warum diese Begleitung« stieß er wild hervor als der Bankier mit seiner
Stieftochter im Speisewagen verschwunden war
    »Er sagte er täte es nicht anders« antwortete sie gleichgültig »man müsse
die Dehors wahren«
    Die Dehors wahren Das schien ja fast als wisse er 
    Sie kamen an Bamberg vorbei
    »Ihre Heimat Baron« sagte Renetta lächelnd »Wie schön muss das sein«
    Konrad blickte mit gefurchter Stirne hinaus er dachte an den steinernen
Reiter im Dom und an seine keusche Ritterlichkeit An die alte Frau dachte er
droben auf Hochsess und errötete jäh niemals würde er Renetta Veit ihr zuführen
können
    Als er sich umwandte saß sie weit vorgeneigt die Arme auf die Knie
gestützt in die Hände mit den glänzenden spitzen Nägeln an den beringten
Fingern das Kinn vergraben und starrte ihn an mit jenem Blick der tronenden
Berolina voll Kälte und Feuer voll Hass und Leidenschaft
In dem großen Hotel des Wintersportplatzes sammelte sich ein internationales
Publikum um den Sport als den Mittelpunkt allen Interesses Bis über die
Teestunde hinaus waren die weiten Schneeflächen draußen belebt von Menschen für
die es kein Alter mehr zu geben schien der sehnige graubärtige Alte der in
weitem kühnem Bogen vom Berg herunterschoss gab an Kraft und Schönheit dem
Jüngling nichts nach der auf seinen Flügelbrettern aufjubelnd vom Sprunghügel
in die Tiefe flog und die reife Frau die auf dem spiegelnden Eise auf
blitzendem Stahl kunstvolle Kreise zog war um nichts weniger schön und
reizvoll als das junge schmalhüftige Mädchen das in sausender Fahrt den
kleinen Schlitten zu Tale lenkte
    Renetta Veit passte nicht hierher Ihre Grazie versagte wenn es galt sie
mit Kraft und Mut zu paaren Und wenn sie im strahlenden Wintermorgen der
grausam aller künstlichen Schönheitsmittel spottet hilflos mitten im Schnee auf
Skiern stand das Gesicht unter den Goldhaaren blau gefroren dann konnte sie
sogar hässlich sein Sie fühlte das bald und gab alle weiteren Versuche es den
anderen gleich zu tun auf es hätte sie ja auch nur eins gereizt sie zu
übertreffen Konrad fuhr allein befreit voll starkem Kraftbewusstsein zu den
Höhen empor und wieder hinab in die Tiefen
    Renetta sah ihm nach mit verschleiertem Blick und geneigtem Nacken wieder
ganz das lauernde Tier Drohte er ihr zu entgleiten Und sie ballte im
Bewusstsein ihrer Kraft die weißen Hände
    Es kamen Tage wo Konrad heimkehrend sie nicht wie sonst seiner wartend
im Hotel fand Statt ihrer begegnete ihm Nana die Tochter in der Halle
    »Mama ist mit Mr Morton«  einem schwerreichen Amerikaner  »fortgefahren«
sagte sie das eine Mal mit spöttisch verzogenem Munde »Graf Pechlarn«  der
Typus eines flotten österreichischen Offiziers  »hat sie im Schlitten
abgeholt« erklärte sie von grausamer Freude strahlend das andere Mal und
fügte halb frech halb altklug leise hinzu »Sie sollten doch wissen Herr
Baron Mama ist aus Prinzip untreu«
    Von wütender Eifersucht gequält gab er seine einsamen Fahrten auf und wich
kaum noch von ihrer Seite Und mit der Freude eines Vogelstellers der mit
girrendem Pfeifen und Trillern und mit grausamen Leimruten seine Opfer ins Netz
lockt peitschte sie seine Leidenschaft mit heimlichen Händedrücken und
gewährenden Blicken und reizte ihn durch raffinierte Koketterie mit anderen
Männern
    Zähneknirschend und doch von der Angst gefoltert sie an einen der vielen
anderen verlieren zu können unterwarf er sich täglich mehr ihren Launen Dass
etwas in ihr das Beste der Rest unverdorbenen Weibtums sich danach sehnte
ihrer selbst fast unbewusst unterworfen zu werden dass ihre Seele je mehr sein
Widerstand schwand um so verzweifelter am Totenbett ihrer sterbenden Liebe
weinte das sah er nicht Um das Wissen von ihren Seelen hatten sie nie Zeit
gehabt sich zu kümmern
    Abends wenn er mit ihr allein zu sein hoffte hatte sie stets einen
Hofstaat um sich und am Tage mehrten sich die Sportsleute die Skier und
Bobsleigh um ihretwillen vergaßen
    Einmal gelang es ihm sie im Schlitten der Schar ihrer Bewunderer zu
entführen »Ich ertrags nicht länger« sagte er ihr Handgelenk umklammernd
wie an jenem ersten Abend »willst du mich wahnsinnig machen«
    »Warum wahnsinnig« entgegnete sie mit einem dankbaren fast demütigen
Aufblick »Sagte ich es dir nicht gleich ich liebe die Liebe« und als er sich
mit finsterer Miene von ihr wandte fügte sie den Kopf an seine Schulter
legend so dass ihre Haare seine Wangen streichelten leise und schmachtend
hinzu »Bin ich nicht dein  nur dein Sind die anderen mir mehr als ein
Spielzeug«
    Er erzählte ihr noch immer voll Misstrauen von dem kecken Ausspruch ihrer
Tochter Sie lachte hell auf »Das Mädchen ersetzt durch Verstand was ihr an
Schönheit abgeht Sie bestätigt nur was ich vorhin sagte Spielzeug zerbricht
man oder wirfts weg wenn es langweilt«
    »Und  ich« frug er bebend mit seinem brennenden Blick die Rätsel ihres
Gesichts durchforschend
    »Du« sagte sie verwundert den Arm zärtlich um seine Schultern schlingend
»Du bist mein Geliebter« Und sie zog seinen Kopf heran um ihn zu küssen »Was
hat Liebe mit Treue zu tun« fuhr sie dann fort »Wer liebt ist treu  ohne
weiteres Treue aber ohne Liebe ist eine hündische Tugend«
    An jenem Tage fuhren sie weit und blieben bis tief in die Nacht in einem
kleinen Dorfwirtshaus dessen lustige Wirtin das »junge Paar« mit
freundlichderben Witzen empfing und sie in der Gaststube wo der große grüne
Kachelofen glühte im Glasschrank neben dem Myrtenkranz gemalte Tassen und bunte
Gnadenbilder glänzten und das hochaufgetürmte Bett in getäfelter Nische stand
ihre Mützen und Mäntel ablegen ließ Als die Kunde von den leutseligen Fremden
die ein Fässchen Tiroler hatten anstechen lassen sich im Dorf verbreitete
füllte sich das Wirtshaus mit Burschen und Mädchen und sie jodelten und tanzten
um die Wette und sangen ihre neckenden Liebeslieder im Weggehen zu den Fenstern
der Gaststube hinauf die noch lange glänzend in die Schneenacht sahen
    Von da an wurden die Stunden unvergifteten Glücks immer seltener Die
Leidenschaft die sie jetzt zueinander riss hatte etwas von der feindseligen
Gewalt des Hasses
Als sie nach Berlin zurückkehrten fegte der Märzwind durch die Straßen und an
den Büschen im Tiergarten streckten schon vorwitzige Frühlingstriebe ihre grünen
Fingerchen aus
    Müde und abgespannt mehr einer Gewohnheit als einem Wunsche folgend ging
Konrad noch am Abend seiner Ankunft in das Stammcafé seines Freundeskreises Als
er eintrat und durch Wolken Zigarettenrauchs die bekannten Gesichter auftauchen
sah erschrak er War er verwöhnt durch den Anblick luftgebräunter
sonnengeröteter Haut oder waren es wirklich Gespenster die ihm aus
tiefliegenden übernächtigen Augen entgegensahn
    Leonie war die erste die ihm sichtlich erstaunt eine blutleere Hand
entgegenstreckte
    »Endlich« sagte sie
    »Sind Sie krank gewesen« frug er mit einem Blick auf ihren Teint der
allen Puders zu spotten schien
    »Tangokrank« spottete einer
    »Ihr tanzt immer noch« staunte Konrad
    »Immer« antwortete das Mädchen »Aber bilden Sie sich nur nicht ein Baron
dass Sie besser aussehen als wir« Sie zog ihn auf den leeren Stuhl neben sich
und fuhr leiser fort »Warum bleiben Sie nicht bei uns Aus den Händen der
anständigen Frauen « sie schnitt dazu eine Strassenjungengrimasse  »kommt ihr
alle so käsebleich« Er machte eine ärgerliche Bewegung »Na nicht böse sein
Ich bin eine ehrliche Haut und sage wie ichs meine Was nehmt ihr die dumme
Liebe so tragisch«
    »Dumme Liebe« wiederholte er belustigt
    »Was denn sonst« antwortete sie »eine ganz nette Belustigung vielleicht
sogar eine Notwendigkeit wie Essen und Trinken aber doch nicht wert sie
wichtig zu nehmen« Man lachte ringsum
    »Was gibts denn Wichtigeres Fräulein Leonie« frug der alte Hofrat eine
neue Zigarette in den Mundwinkel schiebend
    Sie sah nachdenklich vor sich hin und meinte dann langsam »Wenn ihrs für
euch selbst nicht wisst die ihr euch über hunderterlei Ismen allabendlich die
Köpfe blutig schlagt schlimm genug für euch Soweit michs angeht weiß ichs
Da ist zum Beispiel die Lia  ihr kennt sie ja  sie ist krank liegt den ganzen
Tag zu Bett während ihre alte Mutter ihre paar Fähnchen zusammenflickt um sie
abends wieder auf neu ausputzen zu können wenn sie ausgeht«
    »Na  und« rief der Hofrat ungeduldig »eine sehr banale Geschichte«
    »Meinen Sie« sagte Leonie giftig »ists vielleicht banal dass dies fidele
Mädel mit den glänzenden Augen und dem leichtfertigen Leben nur eure Dummheit
ausnutzt um in ein paar Jahren  sofern sies aushält bis dahin  mit der
Mutter irgendwo in ein Häuschen ins Grüne zu ziehen  das ist nämlich für sie
das wichtigste  und auf die ganze sogenannte Liebe zu pfeifen«
    Die um den Tisch Sitzenden waren ernst geworden
    »Da soll sie sich nur jetzt an ihren Freund den Eulenburg halten« sagte
jemand »passt auf der wird noch heuer der tantiemenreichste Dichter«
    »Wird ihr wenig helfen« lachte Leonie mit einem Seitenblick auf Konrad
»jetzt wo Frau Renetta Veit wieder hier ist und die Premiere seines Dramas vor
der Türe steht«
    »Nimm dein Mundwerk in acht« fuhr sie Konrad an
    »Fällt mir nicht ein« antwortete sie achselzuckend »Jemand unter euch wird
doch wohl noch sagen dürfen was er denkt Der Eulenburg ist fällig«
    »Leonie« Konrad packte sekundenlang ihren Arm
    »Au« machte sie und fuhr gleichmütig fort »Als der arme kleine Prinz sich
erschossen hatte  grässlich muss es übrigens gewesen sein die Nini erzählte mir
erst neulich davon wie das weiße blutbesudelte Auto mit dem Toten durch die
Straßen raste «
    Konrad sah fragend auf »Ein weißes Auto«
    »Mit blauseidenen Sitzen  ja Aber was hast du denn« rief das Mädchen in
das blasse Gesicht des Mannes starrend
    Er ging hinaus ohne Antwort Sie war also damals als er sie das erstemal
sah von ihrem Geliebten gekommen Warum quälte ihn der Gedanke »Ich liebe die
Liebe « er wusste es ja längst  von ihr selbst
    Von da an mied Konrad die Tafelrunde
    Auch zur Erstaufführung von Eulenburgs Werk zu gehen das besonders in der
dem Kommerzienrat Veit nahestehenden Tagespresse schon wochenlang vorher als das
kommende »Ereignis« angekündigt und besprochen wurde  man verriet sogar mit
geheimnisvoller Miene Toilettendetails der mitwirkenden Künstlerinnen 
vermochte er sich nicht zu entschließen Er erfuhr aus den Zeitungen von dem
großen Erfolg und zugleich von »Frau Renetta Veit die im Kreise der Sterne des
geistigen Berlins die Proszeniumsloge inne hatte und deren berückende Schönheit
im Glanz unzähliger Brillanten mit dem genialen Werk unseres hoffnungsvollen
Dichters wetteifernd um die Aufmerksamkeit des Publikums rang«
    Er mied nun auch die Geliebte sich selbst einredend der Stolze
Zurückhaltende zu sein während sein Verlangen nach ihr ihn folterte und er nur
um ihren Duft zu spüren die violetten von steilen großen Schriftzügen
bedeckten Bogen mit denen sie ihn früher überschüttet hatte wenn er einmal
nicht zur verabredeten Zeit gekommen war vor sich ausbreitete Jetzt  und er
war schon eine volle Woche fern geblieben   hatte sie keine Zeile für ihn Er
ertrugs nicht länger und suchte sie auf Sie ließ sich wegen einer Migräne
verleugnen Er meinte hinter der Türe die Tochter boshaft kichern zu hören
Müde empfindungslos ging er wieder
    Ein Schimmer von hellem Grün lag wie ein Schleier über der langen Allee die
er durchschritt und die Luft war erfüllt von jener weichen warmen Feuchtigkeit
der Glashäuser für Tropenpflanzen Im neuesten Frühlingsputz promenierte die
elegante Welt über die Straßen den Schaustätten müßigen Lebens Arm in Arm in
kurzen Röcken kecke Löckchen vor dem Ohr auf den weichen Wangen kamen die
Mädchen vorüber ihre Augen glänzend von bewusstem Begehren hingen sekundenlang
an allem Lockenden Kleidern die leise rauschten Reihern die wie weisende
Fahnen wehten Männerblicken die auf der Suche waren Frauen traten aus den
Kaufhäusern und Kaffeehäusern erregt vom pikanten Klatsch oder heiß vom
galanten Abenteuer der letzten Stunde und andere deren erfrorenes Lächeln auf
geschminkten Lippen gleiche Erlebnisse wenigstens vortäuschen sollte Kleine
Mädchen mit langen bloßen Beinen von Bonnen begleitet  alten verbitterten
und jungen denen der Lebenshunger aus den Gesichtern sprach  übten sich schon
in der Kunst der Koketterie und fingen bereitwillig die Blicke der Knaben auf
Blasse Gymnasiasten mit blauen Rändern unter den Augen stolzierten hinter
hochbusigen Spreewälderinnen die langsam die weißen Kinderwagen vor sich
herschoben während ihre weiten Röcke um die runden Beine schwenkten
    Konrad fühlte einen schweren Druck auf dem Kopf und strebte rascher
vorwärts »Baron Hochsess« Eine bekannte Stimme hielt ihn auf er sah in Frau
Rubners erstaunt auf ihn gerichtete Augen Sie verrieten wie viel sie in seinen
Zügen entdeckten aber ihr Mund schwieg davon
    »Kommen Sie mit« sagte sie heiter »ich gehe zum Bostonklub Auch Warburg
wird dort sein«
    Warburg Bostonklub Er verstand nicht Sie lachte hell auf über die
Verblüffung die aus seinen Mienen sprach
    »Ja  auch mich hats gepackt Ich tanze« erklärte sie »Gerade wir
Gehirnmenschen sollten uns immer wieder unseres Körpers erinnern Sonst
vergessen wir dass wir jung sind« Und mit elastischem Schritt eilte sie
vorwärts
    Es war ein privater Zirkel an dem sie teilnahm Man übte unter Leitung
einer ehemals berühmten Tänzerin die neusten choreographischen Schlager Die
Schüler waren meist ältere Leute viele üppige Damen darunter die für Körper
und Herz offenbar eine zweite Jugend suchten Zu seinem Erstaunen traf Konrad
den Hofrat unter den Zuschauern
    »Für das Studium modernen Lebens« sagte ihm dieser nach einem
freundschaftlichen Händedruck »ist die Kenntnis dieses Klubs unentbehrlich
Sehen Sie nur die Frauen an Frau Rubner zum Beispiel von der ich heute eine
glänzende russische Übersetzung der Simmelschen Philosophie des Geldes bekommen
habe und Hedwig Mendel die eben ihren Doktor gemacht hat und auf allen
Frauenkongressen das große Wort führt sie tanzen mit größerer Hingebung als
unsere Mädels«
    »Warum sollten sie nicht« meinte Konrad »eine gesunde
Reaktionserscheinung«
    »Sicherlich« nickte der andere »nur vergessen Sie mit wem sie tanzen wem
sie sich so hingebungsvoll in die Arme schmiegen Der da Frau Rubners Partner
ist Gerhard Fink  der reine Apoll nicht wahr hat aber nicht mal das
Einjährige machen können  jetzt wie Sie wissen werden unser preisgekrönter
Flieger Jener dort mit dem das Fräulein Doktor walzt war bis vor einem Jahr
Chauffeur bei den Mercedeswerken irgendeine Prinzessin hat ihn mit ihrem Auto
gekauft und auf einigen Auslandsreisen so gut erzogen dass er jetzt in allen
internationalen Rennen seinen eigenen Wagen lenkt Und drüben der mit dem
Zigeunergesicht ist im Tattersall erster Stallmeister Ja ja « und er lachte
verächtlich  »die intellektuellen Weiber denen die geistigen Männer nicht mehr
imponieren suchen sich solche die ihnen durch ihre Körperlichkeit überlegen
sind Sie glauben nicht mit welch einem Gefühl der Erleichterung ich von hier
zu unsern Mädels zurückkehre«
    Konrad wollte heftig erwidern  mochte sein Nachbar auch vielfach recht
haben Frau Rubner das wusste er was über solchen Verdacht erhaben  als
Warburg eintrat Frau Sara ließ ihren Tänzer ohne weiteres stehen um den Freund
mit besonderer Herzlichkeit zu begrüßen Er strahlte noch vor Freude darüber
als er Konrad entgegentrat
    »Ist sie nicht wundervoll« flüsterte er ihm zu es war das erstemal dass er
sein Entzücken in dieser Weise aussprach Konrad überlegte noch ob er Hedwig
Mendel um ihr einen peinlichen Augenblick zu ersparen nicht besser ignorieren
solle als sie ihm im Vorübertanzen unbefangen zunickte
    »Auch Sie wundern sich« frug sie dann lächelnd »Ich dachte Sie würden
begreifen dass wir studierten Frauen nicht bloß auf dem Katheder stehen und am
Schreibtisch sitzen wollen«
    »Ich wundere mich ja auch nicht dass Sie tanzen sondern mit  wem Sie es
tun Fräulein Doktor« antwortete Konrad mit bewusster Schärfe
    Des Mädchens Augen in dem schmal und spitz gewordenen Gesicht verdunkelten
sich »Meinen Sie ich sollte dem nachlaufen der vor einer Renetta Veit seine
Kunst prostituiert« flüsterte sie Und laut sagte sie zu ihrem bescheiden
abseits stehenden Tänzer gewendet »Nicht wahr Wendrutzki jeder sucht das
Leben nach seiner Neigung Wir tanzen « Und mit einer fast ekstatischen
Leidenschaft die den ganzen übermäßig schlanken Körper in Schwingung versetzte
wirbelte sie davon
    Frau Sara Rubner ging mit den Freunden nach Hause nachdem sie Gerhard Fink
flüchtig vorgestellt hatte »Mögen Sie ihn« frug Konrad um ein Gespräch
anzuknüpfen die Worte Hedwigs klangen noch schmerzhaft in ihm nach
    »Er ist der beste Tänzer Berlins« antwortete Warburg statt ihrer »also für
Frau Saras neuste Leidenschaft gerade gut genug Sie konsumiert Menschen wie
Sie wissen je einen für jede Neigung«
    »Ich glaube Sie unterschätzen meinen Tänzer« fiel sie ruhig lächelnd ein
»freilich er hat nicht viel gelernt versteht auch keine geistreiche
Konversation zu machen dafür ist er eine so beruhigend unkomplizierte Natur und
ersetzt durch Innerlichkeit was ihm an Wissen abgeht« Dann brach sie das
Gespräch ab
    Konrad erfuhr nur noch dass sie sich als Autofahrerin ausbilden wollte und
den Besuch der Universität daher zunächst aufgeben würde Zwischen den drei
Wandernden trat eine beklemmende Pause ein wie immer wenn jeder eigenen ihn
weit von den anderen entfernenden Gedanken nachhängt Warum ging er hier
grübelte Konrad zwecklos und unfroh Während Renetta vielleicht  Eine wütende
Sehnsucht durch quälende Zweifel nur gesteigert packte ihn
    Er verabschiedete sich rasch und unvermittelt nur die Blässe seines
Freundes fiel ihm auf oder war es der Widerschein des gelben Gaslichts gewesen
    Mit immer schnellerem Schritt stürmte er durch die Straßen Sehen  nur
sehen muss ich sie dieser eine Gedanke bohrte sich in sein Hirn und hetzte
seinen Herzschlag Er stand vor ihrem Hause Wie Alle Fenster erleuchtet
    Gesellschaft Und er wusste von nichts Und heute nachmittag hatte sie ihn
abgewiesen
    Lachende und lärmende Gäste kamen die Treppe hinab das Mädchen schloss auf
er drückte sich in den Schatten des Torwegs
    »Ein göttliches Weib« hörte er sagen Das war Eulenburg Sein Blut siedete
Mit einem Sprung stand er an der Türe
    »Die Herrschaften erwarten mich noch« schrie er das verdutzte Mädchen an
das eben absperren wollte und jagte die Treppe empor Die Flurtüre stand offen
    Er hörte die Stimme des Hausherrn  kühl geschäftsmässig »Ich bin zufrieden
mit dir mein Kind Du lernst es allmählich mein Haus auf das Niveau zu heben
das der Position die ich mir eroberte entspricht«
    Die beiden traten in das Licht der Lampe Sie blieben stehen Des kleinen
Mannes Augen hafteten an dem halbentblössten Busen der junonischen Frau neben
ihm ein gieriges Feuer entzündete sich in ihnen weitete sie »Du hättest nicht
nötig gehabt Eulenburgs Rosen mit so beziehungsvoller Geste in den Ausschnitt
zu stecken« sagte er und seine breite weiße Hand legte sich auf ihre Schulter
glitt bebend über ihren Hals Sie regte sich nicht Ihr Blick nur musterte
höhnisch den vor ihr Stehenden den die Anstrengungen des Abends besonders
greisenhaft erscheinen ließ während ein hartes spöttisches Lachen in dem
engen Raume widerklang Der Glanz in seinen Augen erlosch seine Lider senkten
sich er trat einen Schritt zurück küsste ihr mit der Höflichkeit des Weltmanns
die Fingerspitzen und ging
    Konrad stand vor ihr keuchenden Atems Sie schrie auf um ihn im nächsten
Augenblick die Schritte des Mädchens auf der Treppe hörend mit sich in den
dunklen Salon zu ziehen Nur die Glühlampen von der Straße warfen breite
Lichtbündel durch die Fenster
    »Was willst du« zischte sie
    »Du lässt dir von dem Eulenburg hofieren« stieß er hervor sie mit der
Linken an sich reißend so dass sie wie in einem Schraubstock in seinem Arm lag
»und trägst seine Rosen«  er riss den Strauss duftender Blumen vom Ausschnitt
ihres Kleides so dass die Dornen rote Striemen auf ihrem weißen Halse zogen
»Umbringen werd ich dich umbringen «
    Mit ängstlich flackernden Augen während ihre Rechte heimlich nach seinen
Taschen griff  er sah entsetzlich aus und hatte doch vielleicht eine Waffe sie
aber fürchtete sich grässlich vorm Sterben so sehr wie vor der Armut  sprach
sie die Worte überstürzend auf ihn ein Er hörte nicht hin Er sah nur den
schimmernden Nacken den Rücken mit dem weichen Einschnitt zwischen den
Schulterblättern die weißen Arme die vom Licht getroffen glänzten als wären
sie Strahlen von ihm
    »Sei still  still« stöhnte er »rede nicht Ich weiß dass du lügst Wenn
diese Hände gemordet hätten ich früge nicht danach Nur lieben sollst du mich 
mich allein«
    Und während er neben ihr zusammensank den Kopf an ihre Knie gedrückt
reckte sie sich empor Alle Angst war aus ihrem Antlitz verschwunden zu einem
verächtlichen Lächeln öffnete sich der große blutigrote Mund
Über Nacht war es Frühling geworden Aber Konrad scheute die hellen Tage draußen
wie einer der keine reinen Kleider anzuziehen hat Wie gut es war dass niemand
sich um ihn kümmerte niemand auch Warburg nicht Eines Abends trat er doch
überraschend in sein Hotelzimmer Konrad setzte sich ihm gegenüber so dass sein
Gesicht beschattet blieb denn er schämte sich seiner übernächtigen Züge
Warburg indessen achtete seiner nicht Er sah selbst gealtert und müde aus
    »Ich wollte dir nur sagen damit du es von anderen nicht zuerst erfährst«
begann er stockend »dass Sara Rubner sich  verlobt hat  verlobt mit Gerhard
Fink «
    Seltsam dachte Konrad wie stumpf ich bin wie des Freundes Unglück mich
kalt lässt Und laut sagte er »Und du hast sie ihm so ohne weiteres so kampflos
überlassen«
    Warburg sah auf seine Augen erzählten von der Tiefe seiner Qual aber seine
Stimme war ganz ruhig und sein Mund lächelte sogar als er antwortete »Sie
gehörte mir nie  wie hätte ich sie halten können Ich werde nicht aufhören
ihr Freund zu sein und immer wünschen« fügte er mit einem leisen Seufzer hinzu
»dass sie meiner Freundschaft nicht bedürfen wird«
    Als Konrad die offizielle Anzeige der Verlobung erhalten hatte besuchte er
Frau Rubner aus bloßer Höflichkeit Wie konnte diese Frau ihm jemals
interessant ja bedeutend erschienen sein für die eine triviale Ehe mit einem
Durchschnittsmenschen die Lösung ihrer inneren Konflikte die Erfüllung ihrer
Sehnsüchte bedeutete Ihr Anblick jedoch überraschte und fesselte ihn aufs
neue Das Gesicht hatte einen ganz weichen fast demütig kindlichen Ausdruck
angenommen und aus ihren einst so kühlen klugen Augen leuchtete nichts als
reines Glück
    »Man wird fromm wenn man liebt« sagte Frau Sara nachdem sie die ersten
konventionellen Redensarten gewechselt hatten »fromm wie die Kinder denen ihr
Heiland das Himmelreich verheisst Man glaubt alles hofft und duldet alles
Selbst das Schwerste dass ich meinen besten Freund so tief verwunden musste« Ein
fragender Blick traf ihn dabei
    »Warburg leidet sehr  gewiss« entgegnete Konrad »aber er gehört nicht zu
den Menschen die an getäuschter Neigung zugrunde gehen«
    »Nein« bestätigte sie mit tiefernstem Gesicht »Starke Menschen gehen nur
zugrunde wenn sie sich selbst in ihrer Liebe täuschten nicht wenn sie
getäuscht worden sind Ich weiß das denn wir sind von gleicher Art darum hätte
ich auch nie seine Frau werden können ebenso wie ein normales Weib nicht ihres
Bruders Gattin werden kann«
    Vor dem Abschied erzählte sie ihm noch dass sie bald heiraten und im eigenen
Auto die Hochzeitsreise machen würden »Heute ist er bei seinen Eltern« fügte
sie lächelnd hinzu »alten einfachen Pfarrersleuten um sie für unsere
Verbindung günstig zu stimmen Und übermorgen wenn er heimkehrt wird er sein
neues Flugzeug zum ersten Male steuern Wie froh wird er sein« Und sie
klatschte in die Hände vor Freuden wie ein seliges Kind
    Konrad ging langsam von Schwermut beladen von der glücklichen Frau
»Starke Menschen gehen nur zugrunde wenn sie sich selbst in ihrer Liebe
täuschten« klang es ihm wieder und wieder in den Ohren wie eine Melodie die
man nicht los wird Und der Freund und Frau Sara waren vergessen Es stand für
ihn fest Um das Weib von dem er nicht lassen konnte zu ringen wenn es sein
musste auch gegen sie selbst Noch war sie ja sein  sein Er durfte er wollte
nicht zweifeln An dieser Gewissheit hing der Rest seiner persönlichen Würde
    Gerade heute das wusste er gab sie ein Fest Ihren Bitten gegenüber daran
teilzunehmen  die übrigens nicht allzu dringende gewesen waren dachte er
bitter  war er wie schon häufig standhaft geblieben Er hielt es nicht mehr
aus nur einer unter vielen zu sein  einer am Wagen Frau Berolinas
    Aber wenn er jetzt in die Bar ging dann würde er wohl  so nebenbei  von
einigen ihrer Gäste hören können wie sie ausgesehen hatte wer wohl heute der
Begünstigte gewesen war Das Blut stieg ihm in die Schläfen wie ekelhaft das
war wie unwürdig die anderen auszuhorchen wo es die Geliebte galt
    Nein  so gings nicht mehr weiter Ihm grauste vor sich selbst Morgen
würde er vor sie hintreten mit der einzigen Forderung die allen Schmutz unter
dem er erstickte abzuwaschen imstande wäre Scheidung 
In der Bar »Aux trois Grâces« spielten rotbefrackte Zigeuner
    Die Geigen schluchzten  ein hämmernder Ton fiel ein  aufpeitschend 
    Leonie lief Konrad entgegen »Bist du auch betrunken wie die andern« Und
ihr Blick forschte in seinem glühenden Antlitz
    »Nein« sagte er laut ihm war plötzlich als würde er sich seiner
überschäumenden Kraft wieder bewusst wie einst da er Frau Berolina zuerst umarmt
hatte
    »Schau nur den Kerl den Eulenburg« flüsterte Leonie »er wird sie
umbringen«
    »Eulenburg« Konrads Gesicht verfinsterte sich Ihm gegenüber saß er und
hielt die kranke Lia auf dem Schoss ihr ein großes Glas Sekt in den offenen Mund
schüttend
    »Du Konrad « gröhlte er »stell dir vor für jeden Kuss verlangt dieser
Fratz ein blankes Goldstück Merk dirs mein Junge und tausch beizeiten
deinen rosenroten Idealismus gegen ein Stück handfesten Erfolges ein« Er setzte
die Flasche an den Mund und trank in vollen Zügen »Übrigens Kinder wozu der
nicht alles gut ist Die schönsten Beine und die schmachtendsten Augen erreichen
nicht was er erreicht Nicht bloß so ne kleine Nachteule geht ihm auf den Leim
« Er schnalzte mit der Zunge und rülpste Die anderen drängten sich um ihn
    »Raus mit der Sprache Gevatter« schrien sie durcheinander
    »Warum so zimperlich« 
    »Früh um viere ist keine Zote zotig genug «
    Konrad war weiß geworden er wusste selbst nicht warum Leonie ließ ihn nicht
aus den Augen
    Eulenburg schüttelte sich vor Lachen einen violetten Briefbogen von
großen steilen Schriftzügen bedeckt in der erhobenen Hand haltend »Wisst ihr
was das ist ihr Affen Ne «
    Konrad war aufgesprungen sich mit beiden Händen zitternd auf den Tisch
stützend Eulenburg lallte so dass nur die allernächsten ihn noch verstanden
»Zwischen Knackmandeln und  und Kaffee  hab ich heut  heut  die  die
schönste Frau von Berlin «
    Mit einem raschen Griff entriss ihm Konrad den Zettel »Mein Dichter 
Deine Renetta « er brüllte auf wie ein zu Tode Getroffener und stürzte sich
auf den Rivalen
    Eulenburg starrte ihn an verständnislos mit gläsernen Augen  sah zwei
Fäuste  duckte sich heulend 
    Mit einer Kraft die niemand dem Mädchen zugetraut hätte riss Leonie den
Wütenden auf den Stuhl zurück
    »Haltung« zischte sie dicht an seinem Ohr »um so ein Weibsstück Mord und
Totschlag«
    Und zu den andern sagte sie laut »Ihr seid alle miteinander besoffen
Schert euch nach Hause«
    Sie senkten wie geschlagene Hunde die Köpfe
    Langsam als wäre nichts geschehen versuchte Konrad sich eine Zigarette
anzuzünden doch seine Finger zitterten zu sehr Da hielt ihm Leonie das
brennende Streichholz hin Die Zigarette glühte auf gleich darauf zerfiel ein
Stück violetten Papiers in Asche
    »Aus« sagte Konrad mit fester Stimme und zu Leonie gewandt »Was meinst
du wenn wir morgen beide zusammen Frau Berolina und der dummen Liebe den
Rücken kehrten«
 
                                Sechstes Kapitel
                       Vom Suchen nach der neuen Religion
Eine feuerrote Scheibe glühte die Sonne durch silbergraue Nebelschleier In der
Ferne grollte der Donner
    »Wer einmal wieder in sich selbst Donner und Blitz erleben könnte« murmelte
Konrad vor sich hin Er lag auf dem Rasen über den Nymphenburger Terrassen und
sah den kunstvoll gebändigten Wasserspielen zu Leonie saß neben ihm lange
grüne Grashalme durch die Zähne ziehend
    »Armes Mädel« sagte er dann laut nachdem er sie eine Weile betrachtet
hatte »du hast dir unsere Vergnügungsreise auch anders vorgestellt  Willst du
heim Oder willst du irgendwo vor dem internationalen Gesindel das in dieser
Stadt zusammenströmt deine Künste produzieren und eine bessere Gesellschaft
finden als ich es bin  So rede doch endlich  Weiß Gott ich nehms dir
nicht übel wenn es dir längst schon leid tut bei mir die barmherzige Schwester
zu spielen Könnte ichs ich liefe mir selbst davon«
    In ihrem Gesicht kämpfte es sie kniff die Augen krampfhaft zu um die
aufsteigenden Tränen zu verbergen
    »Du möchtest mich nur los sein was« entgegnete sie ihren Kummer mit
grober Rede verkleidend »um dann ungestört wie gestern im Morgengrauen an den
greulichen schmutzigen Fluss zu schleichen wo sie die Selbstmörder fischen 
Puh«
    Zwei dicke Tränen denen sie nicht mehr wehren konnte rollten über ihre
Wangen
    »Aber Leonie« rief er und griff nach ihrer Hand die er leise streichelte
»wer wird denn weinen Um so einen wie mich noch dazu der all deine Aufopferung
gar nicht verdient«
    Jetzt lachte sie ein helles klingendes Lachen so dass ein paar Soldaten
die vorübergingen lustig einstimmten »Du hast recht vollkommen recht
Verdienen tusts nicht dass ich in Sack und Asche neben dir herlaufe und deine
Schritte bewache wie eine zimperliche Grossmama das Enkelchen Jung gesund
reich und son Jammerlappen « Er wollte antworten aber sie hielt ihm noch
immer lachend den Mund zu »Nun hör schon zu Ende du weißt wenn ich mal im
Schwatzen bin dauert es seine Zeit Also gerad weil dus nicht verdienst
freuts mich so dir was sein zu können«
    »Bist eine gute Seele Leonie« meinte er mit einem Anflug aufrichtiger
Rührung in der Stimme
    »Hat sich was gut« sagte sie ärgerlich »Gute Menschen sind immer
grässlich sie protzen mit ihrem Gutsein indem sie durch ihre Leidensmiene
zeigen wie schwer es ihnen fällt Nein ich bin nicht gut gar nicht Mal
nützlich zu sein  freiwillig  kein Possenreisser oder Vergnügungsobjekt gegen
bare Bezahlung  ein Hochgenuss ists für unsereinen Wie ich in Stellung war 
ja guck mich nur an keine fünf Jahr ists her da wohnte ich noch in
herrschaftlichen Dienstbotenlöchern und putzte die Stiefel vom Herrn und ließ
mich von der Gnädigen kujonieren  hielt ichs nur aus wenn ein paar kleine
Würmer da waren denen ich hinter dem Rücken der grämlichen Mademoiselle etwas
zustecken konnte oder ein verliebter Backfisch dem ich die Liebesbriefe
besorgte Dafür bezahlte mich keiner das erinnerte mich daran dass ich nebenbei
auch noch ein Mensch geblieben war«
    In diesem Augenblick flog ein Ball von ein paar rotbäckigen Buben
geschleudert in Leoniens Schoss verlegen mit verlangenden Augen blieben sie
vor ihr stehen Neckend deutete sie an ihn konfiszieren zu wollen als einer
von ihnen sich auf sie stürzte um ihn ihr zu entreißen Sie sprang empor ein
regelrechtes Ringen entstand das schließlich zu wildem Spiele wurde sie
entwickelte dabei ausgelassene ursprüngliche Heiterkeit und konnte sich
schließlich der zudringlichen kleinen Bande nicht anders erwehren als indem sie
sich atemlos dicht neben Konrad ins Gras warf bei ihm Schutz suchend
    »Eigentlich bist du ein Stiesel dass du nicht mitspielst« meinte sie
    »Und du ein rechtes Kind« sagte er
    »Weil ich nie eins habe sein können wahrscheinlich« entgegnete sie mit
plötzlich verfinsterten Zügen Er sah sie teilnahmsvoll an »Ach so« fuhr sie
die Lippen spöttisch schürzend fort »du denkst weil ich so schon beim
Beichten war kanns nun weiter gehen Aber lassen wirs lieber Er gibt
Mädchen die in Schauergeschichten schwelgen Ich nicht«
    Sie erhob sich ein paarmal tief Atem holend »Es war scheusslich  einfach
scheusslich«
    »Und jetzt ist es besser« frug er sich gleichfalls erhebend
    »Besser« wiederholte sie »Dumme Frage Man merkts der Herr Baron ist
niemals Dienstbote gewesen Ich wundere mich dass es überhaupt noch welche gibt
Wegen dem bisschen sogenannter Anständigkeit meinst du wohl Wobei man
verhutzelt und verkommt und sich in den Bettelmantel des Tugendstolzes als des
einzigen Lohns für eine zerquälte Jugend hüllen kann«
    Er hörte ihr zu ohne dass sein Interesse ein allzu lebhaftes gewesen wäre
Seine Gedanken waren seit seiner fluchtartigen Abreise von Berlin wie ein
versprengter Bienenschwarm der seiner Königin beraubt zweck und ziellos hin
und her summt
    Es klang daher kühl und abwesend wenn er das Gespräch fortsetzend sagte
»Aber vielleicht tauschest du um die Schrecknisse der Vergangenheit los zu
werden Schrecknisse der Zukunft ein«
    Sie betrachtete ihn sekundenlang prüfend von der Seite während ein leichter
Schatten sich über ihre Züge legte Dann zog sie seinen Arm durch den ihren und
erwiderte kräftig ausschreitend
    »Kuponschneidende Philister meinen dass armen Proleten die jahrzehntelang
in unentwegter Tugendhaftigkeit Invalidenmarken kleben das trockene Brot für
das sie sie bestenfalls einmal eintauschen wie Himmelsmanna schmecken wird Ich
versichere dich aber dass wer schon mit dem Glauben an die ewige Seligkeit
aufgeräumt hat sich mit solch irdischer Zukunftshoffnung sicher nicht beruhigen
lässt Für uns gibts nur eins den Luxus der Zukunftspläne und Sorgen euch zu
überlassen Seitdem ich bei dir bin kommt er mir nicht einmal beneidenswert
vor Du spielst nie mit wenns gerade lustig ist wie vorhin «
    »Und beneide dich hinterher« meinte er trübsinnig
    Sie gingen unter alten rauschenden Buchen an einem Bach entlang der ganz
leise floss als fürchte er sich den Abendfrieden zu stören
    Mit dem sinkenden Tag mehrten sich die Wandernden ärmliche Leute meist
die als wäre es ein Geschenk von heute mit fröhlichen Gesichtern von dem alten
verträumten Garten Besitz ergriffen Leonie lächelte wie sie
    »Die Zukunft der Armen ist immer nur der nächste Tag« sagte sie
unvermittelt Ihr elastischer Gang  als führe er einer großen Freude entgegen
 ihr erhobener Kopf betonten noch die strahlende Zuversicht mit der sie
sprach Seine Hand ruhte plötzlich fester auf ihrem Arm während ein Gefühl der
Beschämung ihn beschlich Wie hatte sie doch vorhin gesagt »Jung gesund reich
und so ein Jammerlappen« An seinem Ohr war es vorbeigeklungen Jetzt
nachträglich traf es ihn
    »Was ist denn dein nächster Tag« frug er
    »Dir helfen fröhlich zu werden« antwortete sie ohne eine Spur von
Sentimentalität
    Ihm wurde warm ums Herz und die Empfindung dass wieder ein Stück seiner
Seelenzwangsjacke von ihm fiel ließ seinen Schritt sich federnd dem ihren
anpassen
    Durch alte Laubengänge kamen sie jetzt über breite in üppiger
Raumverschwendung als gelte es cäsarischen Prunkaufzügen Platz zu schaffen
sich dehnende Terrassen Liebespaare in jener naiven Lebensfreude
aneinandergeschmiegt die nichts von Schamlosigkeit an sich hat kamen vorüber
Aus üppigem Buschwerk das die Schere des Gärtners längst nicht mehr zu starren
Formen bändigte lugten lächelnd Dianen und Amoretten auf ein Volk das von
ihnen nichts mehr wusste und stille von grauem Sandstein gefasste Wasserflächen
in denen sich einst gepuderte Köpfchen eitel spiegelten warfen neckend die
bunten Kattunröckchen kleiner Vorstadtmädchen zurück
    Der Himmel war jetzt wolkenlos von einem matten Blau das fern am Horizont
wo der Park sich in die Felder verlor in zartes Rosa überging Nichts Grelles
nichts Schreiendes war in diesem Bilde selbst unten der kleine See mit den
feierlich und lautlos schwimmenden Schwänen hatte nichts Leuchtendes nur einen
Ton wie von altem Silber und das kleine zart geschwungene Rokokoschlösschen mit
den geschlossenen Fenstern hinter denen verborgene Geheimnisse träumen mussten
lugte wie der verirrte Geist alter Zeiten zwischen den Stämmen hervor halb
ängstlich weil die Welt so anders war wie einst halb glücklich weil er
heimgefunden hatte Und hinter ihm drängte sichs in üppigem Blättergerank und
über ihm wölbten die Äste sich zärtlich schirmend zum Dach
    Und nun bog der Weg wieder ins Helle und vom freien Platze aus überflog das
Auge noch einmal die grüne Pracht vom saftigen Rasen über die Hecken bis zu den
hohen Bäumen hinüber Grün War die Sprache so arm dass sie für die vielfachen
Farben des Frühlings nur ein einziges kleines Wort besaß Silberne und goldene
schwarze blaue und rote Töne strahlten von den Buchen und Eichen den Tannen
Eschen und Ahornen  es war wie ein Konzert in Farben wie eine Mozartsche
Melodie
    Konrad schwieg erfüllt von jener Schönheit die zwar alle unbewusst
empfinden die aber nur wenigen zu schauen vergönnt ist wie etwa die
Vornehmheit eines Menschen allen wohltut die sich ihm nähern aber nur
einzelne nur gleiche sie zu erkennen vermögen Leonie sah ihn von der Seite an
verwundert fast furchtsam Sie fühlte immer wenn er weit fort war von ihr und
lernte rasch dass jedes Wort aus ihrem Munde ihn dann verletzte
    Er bemerkte wie sie zögernd hinter ihm zurückblieb wie sie bemüht war
sich völlig auszulöschen nur um sein Fühlen und Schauen dem sie nicht zu
folgen vermochte nicht zu stören Arme Leonie dachte er
    War sie nicht viel viel ärmer als er Waren es nicht dieselben durch eine
lange Ahnenreihe von Herren immer mehr verfeinerten Fühlfäden der Seele die ihn
zu einem überschwenglich Geniessenden machten wie zu einem so tief zu
Verletzenden
    Sie fuhren im Wagen zurück denn er war ganz plötzlich sehr müde geworden
Leonie saß neben ihm ihre Hände ruhten lässig handschuhlos auf ihrem Schoße
Sie waren groß und kräftig wie die antiker Göttinnen dabei sehr weiß Es
frappierte ihn dass sie  nackt waren Er betrachtete die seinen schlanke
nervöse Hände mit sehr langen spitzen Fingern  Hände die wenn er blind
gewesen wäre Schönheit tastend hätten empfinden können aber keine Hände zum
Zupacken oder Waffenführen Er seufzte verstohlen  selbst ein teilnehmender
Blick seiner Nachbarin der immer gleich von einem Helfenwollen sprach wäre ihm
verletzend gewesen Aber nun verstand er auch warum die Weiße ihrer starken
Hand ihm fast schamlos erschien
    »Du hast schöne Hände Leonie aber sie sollten braun sein« wollte er
sagen als sie plötzlich wie erschrocken aus ihrem langen Stummsein auffuhr
    »Herr Gott« rief sie »da fällt mir ja ein dass ich eine alte Bekannte
besuchen könnte So ist das Wühlen in der Vergangenheit zu dem deine Fragen und
mehr noch deine Schweigsamkeit mich wider Willen veranlasst haben doch zu
irgendwas gut gewesen« Und sie suchte eifrig in einem Notizbuch das sie in
ihrem Täschchen bei sich trug bis sie eine schmale Karte fand und ihm
hinüberreichte
    »Frau Sabine Brandis« las er »wer ist das«
    »Das entzückendste Geschöpf das du dir denken kannst« antwortete sie
entusiastisch »Sie gab in Berlin französische Stunden  um für das
Universitätsstudium Geld zu verdienen wie sie mir erzählte  und kam auch zu
meiner Gnädigen Das war als meine heimliche Tanzerei im Lunaballhaus von dem
jungen Herrn einem ekelhaften Bengel den ich auf seine Frechheiten hin mal
gehörig heimgegeigt hatte entdeckt worden war und man mich einfach hinauswarf
Sie half mir damals Zur Mutter traute ich mich nicht Volle vier Wochen lang
teilte sie ihre mageren Mahlzeiten mit mir und gab mir überdies alles was ich
an Bildung habe  auch das bisschen Französisch über das du dich immer
mokierst«
    »Das ist aber doch Jahre her« meinte Konrad »kennst du denn ihre Adresse«
    »Damals wohnte sie « Leonie stockte und suchte wieder in ihrem Notizbuch
»Frühlingsstrasse  ich habs Vielleicht weiß man dort noch was von ihr«
    Am selben Abend  sie war in ihrem Eifer nicht zurückzuhalten  begleitete
er sie in den fernen Stadtteil
    »Frau Sabine Brandis« sagte der dicke Grünkramhändler der vor der Türe
saß »ei freilich die wohnt hier lange schon Fünf Treppen hoch links«
    Konrad ließ Leonie allein und versprach sie in einem kleinen Biergarten an
der Reichenbachbrücke zu erwarten Schon brannten die Laternen matt im
Dämmerlicht als er sich an einen der Tische setzte die in dem winzigen
Gärtchen standen Die übrigen Gäste  sein Tisch war der letzte freie gewesen 
genossen lebhaft schwatzend den milden Abend Handwerker Arbeiter kleine
Beamte mochten es sein nach den Gesprächsfragmenten zu urteilen die er
auffing Von ihren persönlichen Freuden und Leiden sprachen sie vom Streik der
Bauarbeiter von den internen Angelegenheiten des Stadtviertels  der Zukunft
von morgen über die ihr Hoffen und Fürchten nicht hinausging
    Kirchturmpolitik dachte er aber ohne jene spöttische Selbstüberhebung des
gebildeten Europäers die von der Höhe seines Standpunktes zeugen soll und dabei
allzu oft nur seine Leere verrät
    Die Zeit verrann Er sah nach der Uhr Wo nur Leonie blieb Sollte sie einen
falschen Weg gegangen sein Er fing an sich zu sorgen dabei sezierte er sein
Gefühl es hätte kein anderes sein können wenn sie ein Kind oder ein Freund
gewesen wäre Die Laternen glänzten durch den grauen Abend kühl und fremd
Feuchtwarme Luft stieg von der Isar empor die ihre gelben Fluten langsam
vorüberwälzte Warum sitze ich eigentlich hier dachte er um auf ein Mädchen zu
warten das ich nicht liebe um die Freunde in Berlin glauben zu machen dass ich
mich amüsiere und Renetta Veits Untreue mich gleichgültig lässt Sie lässt mich ja
auch wirklich gleichgültig  mehr als das leer  leer Wie er den Bengel am
Nebentisch beneidete der leuchtenden Auges davon erzählte dass der Kampf um
Lohnerhöhung in seiner Fabrik von morgen ab seine Wocheneinnahme um eine ganze
Mark erhöht habe oder gar das zierliche Mädchen die eben vorbeiging und ihrer
Freundin die neue Bluse beschrieb in der sie morgen  morgen  den Geliebten
entzücken würde
    »Auf Wiedersehen morgen« hörte er eine Stimme voll weichen Wohlklangs neben
sich Und dieses »Morgen« durchleuchtete ihn plötzlich mit dem Glanz aufgehender
Sonne dass er leer war bedeutete zugleich frei sein Und offen für neue Fülle
Waren das nicht einmal Elsens Worte gewesen
    »Du bist nicht böse ich sehs« sagte Leonie sich zu ihm beugend »Auch
nicht dass ich von dir erzählte nicht wahr Sie erwartet uns beide  morgen«
Man musste steile fünf Treppen steigen um zu Sabine Brandis zu kommen und durch
einen dunklen engen Flur an einer winzigen Puppenküche vorübergehen bis in das
Zimmer dessen ganze Aussenwand ein breites Fenster war Hielten sich drei
Menschen darin auf wie zu jener Nachmittagsstunde da Konrad und Leonie bei ihr
waren schien es voll zu sein denn es standen viele gefüllte Bücherregale und
mit Heften und Manuskripten beladene Tische umher
    »Manchmal sind wir unserer zwanzig und merken im Eifer des Gesprächs die
Enge kaum« sagte lächelnd die kleine zarte Frau während sie ihren Gästen den
Tee einschenkte und ein Plätzchen frei machte um die Tassen hinzustellen »Es
ist schade dass Sie nur zum Vergnügen hier sind« fügte sie nach einer kleinen
Pause hinzu »trotz allen schlechten Rufs den man uns macht lässt es sich für
den der arbeiten will nirgends so gut leben wie hier Von den Fremden und dem
Jahrmarktstreiben das veranstaltet wird um die Hotels zu füllen sind wir
durch Wälle und Mauern geschieden Das Leben nach außen zerfetzt uns hier nicht
wie in Berlin darum vermögen wir um so intensiver nach innen zu leben«
    Konrad fühlte die Verpflichtung sich vor dem klugen durchdringenden Blick
dieser Frau von dem Odium der bloßen Vergnügungsreise rein zu waschen
    »Sie taxieren uns doch zu gering« sagte er »ich kam ohne Vorsatz also
auch nicht mit dem des Vergnügens eigentlich nur aus dem instinktiven Gefühl
heraus mit der Flucht aus der alten Umgebung mir selbst zu entfliehen und
Leonie gar begleitete mich unter Verzicht auf alles Amüsement als eine Art
seelischer Krankenwärterin«
    Leonie wehrte scheinbar ärgerlich und doch vor Freude errötend das Lob
Konrads ab »Du willst immer oben hinaus auch für andere Als ob es nicht für
ein Mädel wie mich die nie aus Berlin heraus kam Vergnügen genug wäre
überhaupt hier zu sein«
    »Sie hat recht ganz recht« meinte Sabine ihr zunickend »und ich würde es
lieber hören Sie Herr von Hochsess kämen aus ganz brutaler Vergnügungssucht
hierher die jedenfalls eine Lebensbejahung ist als aus dieser
lebenverneinenden Fluchtempfindung heraus Die Welt ist doch so überreich an
Schönheit und  was weit herrlicher ist  so überreich an unbeackertem
fruchtbarem Boden«
    »Zeigen Sie ihn mir« rief er in jugendlich ungestümer Aufwallung »und
diese beiden Hände die noch von keiner Arbeit zeugen stell ich in seinen
Dienst«
    »Sind Sie denn blinden Auges durchs Leben gegangen« sagte sie erregt »ist
Ihnen seelisches und geistiges Leid Sorge Furcht und Verlassenheit nie
begegnet Das der einzelnen das der Lebensalter der Geschlechter der
Klassen der Rassen der Völker der Welt«
    Er errötete dunkel »Ich habe darüber nachgedacht« entgegnete er zögernd
»mir schienen aber alle Theorien auch die des Sozialismus mit denen die große
Not der Menschheit bekämpft werden soll so unzulänglich so zweifelhaft« Seine
Stirn färbte sich noch tiefer Er fühlte wie jämmerlich es klingen musste was
er sagte Es war eine Art Selbstverteidigung wenn er noch fortfuhr »Auch
schien mir dass man erst selber etwas sein selbst eine geschlossene Einheit
darstellen muss ehe man sich erlauben darf in das Leben und Leiden anderer
einzugreifen«
    »Und weil Sie den Bettler nicht zum sorgenlosen Bankier machen können
versagten Sie ihm das Brot für  morgen« meinte sie bitter um dann rasch mit
einem fast abbittenden Lächeln hinzuzufügen »Freilich haben Sie recht dass man
erst selbst etwas sein muss denn nirgends ist sentimentaler Dilettantismus
schädlicher als in der Lebens und Weltreform «
    Es klingelte stürmisch Sabine öffnete »Kati du« hörte man sie rufen
»Um Gottes willen was ist  komm setz dich« Und sie führte eine totenblasse
Frau hinein der die Knie schwankten »Rasch ein Glas Tee« Leonie sprang
hilfreich herzu Konrad wollte stillschweigend gehen »Bleiben Sie nur« Damit
drückte ihn Sabinens kleine feste Hand auf den Stuhl zurück
    Die Eingetretene kümmerte sich um niemanden »Ich habe Nachricht von
Johannes  endlich Endlich Aus dem Spital ist er entlassen Er möchte heim«
stieß sie mit der ersten Möglichkeit freien Atemholens heraus während ihr die
Tränen in Strömen über die eingefallenen Wangen liefen Sabine streichelte und
küsste die wild Erregte
    »Nun gilt es ihn so rasch als möglich hier zu haben« sagte sie dann
nachdenklich
    »Aber wie  wie« schrie die Frau verzweifelt auf »Er ist noch so schwach
dass er die Fahrt im Zwischendeck nicht aushalten würde Ach und ihr alle habt
euch schon bisher fast das Hemd ausgezogen um zu helfen« Sie weinte
herzbrechend
    »Wenn ich « flüsterte Konrad leise Sabinen zu Ihr Gesicht leuchtete Sie
wollte sprechen doch mit bittender Gebärde legte er den Finger auf den Mund
Sie nickte
    »Sei still Kati ganz still« sagte sie dann »wir haben keine Zeit zu
weinen wenn wir handeln müssen«
    Die Schluchzende sah mit geröteten Augen auf
    »Geh schnell und telegraphiere ihm«  sie suchte das nötige Geld in einem
sehr mageren Beutelchen  »dass er warten soll bis das Reisegeld da ist«
    Kätchen starrte die Sprechende entgeistert an »Du  du« kam es
schließlich rau aus ihrer Kehle während sie Sabinens Hände an die Lippen zog
    »So mach doch schnell« sagte diese sie ihr entziehend »Haben wir uns
noch je mit Danken aufgehalten Gibts etwas Selbstverständlicheres etwas das
allen Dank mehr in sich schlösse als helfen wenn man kann« Und sie schob sie
fast gewaltsam zur Türe hinaus sich Konrad rasch wieder zuwendend
    »Johannes Wolters ist von seinen Eltern aus dem Hause geworfen worden weil
er sich zur Sozialdemokratie bekannte« sagte sie mit einem langen fragenden
Blick »und musste den Soldatenrock um seiner Überzeugung willen ausziehen«
    »Einer also« ergänzte er ruhig »einer der Reichen Starken der einer Idee
lebt« Sie reichte ihm die Hand zu festem Druck
    »Verzeihen Sie wenn ich Sie vorhin verkannte« sagte sie mit einer so
weichen Stimme dass Konrad meinte sie wie ein Streicheln auf der Wange zu
fühlen »Sie wissen ja schon worauf es ankommt Hingabe an eine Idee oder« 
und sekundenlang träumte sie mit großen Augen vor sich hin  »an einen Menschen
Auf das Uraltheilige Mystische Wer sein Leben verliert wird es gewinnen«
    Sie erledigten rasch das Geschäftliche seiner Hilfeleistung während sie von
Kati erzählte die ihr Elternhaus freiwillig verlassen hatte und seit zwei
Jahren unter Entbehrungen grausamster Art arbeitete und darbte keine Demütigung
scheuend unter keiner Enttäuschung zusammenbrechend nur das eine Ziel im Auge
ihren Bruder zu unterstützen und seine Rückkehr zu ermöglichen
    »Ihres Bruders« unterbrach sie Konrad erstaunt Sabine nickte lächelnd
    »Nicht ihres Geliebten Johannes ist für sie die Personifizierung allen
Heldentums«
    Als Konrad und Leonie von ihr gingen sagte er zu ihr »Freust du dich
nicht deine Ansicht über die Liebe die dumme Liebe einmal in dieser Weise
bestätigt zu finden«
    Sie lächelte ironisch ein wenig »Vielleicht dass diese Kati sie wirklich
mit mir teilt «
    Dann unterbrach sie sich selbst und Konrad frug nicht weiter Als er ihr
jedoch im Hotel angekommen »Gute Nacht« sagte zögerte sie einen Augenblick an
ihrer Schlafzimmertüre und sagte sehr langsam und mit gesenktem Blick »Ich weiß
auch gar nicht ob das mit  mit der dummen Liebe so ganz richtig gewesen ist«
Sie besuchten Sabine Brandis immer häufiger Konrad fühlte den belebenden
Einfluss dieser stets prickelnden geistigen Champagneratmosphäre Menschen der
verschiedensten Art und Herkunft drängten sich in ihrem Vogelbauerzimmer
Männer mit bewusster Betonung des Naturburschentums und junge Elegants Frauen
sentimentalphantastisch in fliessende Gewänder gehüllt und solche die mit
koketter Grazie die Mode von übermorgen trugen junge Leute allem Bestehenden
gegenüber von einem wahren Vernichtungsfieber ergriffen Grauhaarige daneben
deren suchende Seelen endlich ermüdet im Schoße des Katholizismus Ruhe gefunden
hatten oder sich in den Mysterien orientalischer Kulte verloren andere
dazwischen denen Hysterie und Neurastenie aus den flackernden Blicken aus den
wechselnden Stimmungen sah
    Künstler und Studenten der verschiedensten Nationalitäten maßen ihre
Temperamente und Ansichten aneinander Alle Richtungen waren vertreten nur die
gewöhnlichen nur die herrschenden nicht Der Sozialismus wurde hier schon als
eine bourgeoise Weltanschauung angesehen die bestenfalls eine Etappe zum
Anarchismus sein könne Alle künstlerischen Ausdrucksformen auch der nächsten
Vergangenheit erschienen hier veraltet und selbst in den wahnsinnigsten
Versuchen neue zu gestalten wurde mit jener Sehnsucht die sich bei dem einen
als gesunde Hoffnung bei dem anderen als der Durst des Fieberkranken äußerte
nach den ersten Zeichen der Zukunftsentwickelungen gesucht Mit dem
leidenschaftlichsten Hasse aber wurde alles verfolgt was sich künstlerisch als
Naturalismus philosophisch als Materialismus kennzeichnen ließ Man anerkannte
eher die wildesten Farbenphantasien eines berühmten alten Meisters man duldete
eher die Verteidigung des unsinnigsten spiritistischen Gaukelspiels als etwa die
der Ideen Haeckels
    »Dass ihr Deutschen ihr Dichter und Denker euch die wachsende Ausbreitung
des Monismus gefallen lasst« rief ein leidenschaftlicher Südfranzose »ist ein
Zeichen eures kulturellen Niedergangs«
    »Er beweist nichts als den Bankrott des Philisters« schrie eine Stimme in
den allgemeinen Tumult hinein »der heute schon eine Karikatur der Vergangenheit
ist und den morgen die Guillotine unserer metaphysischen Weltanschauung
beseitigen wird«
    »Das Zeitalter des Intellektualismus und der Technik ist zugleich das des
Amerikanismus und der Anglomanie« polterte ein älterer Mann mit langem Bart und
kurzen Hosen »So lange wir die Bande die München verseucht und unsere
Oberammergauer Bauern zu ihren Affen macht nicht mit Feuer und Schwefel
ausräuchern werden wir auf die Epoche des Instinkts und der Phantasie die
naturgemäß auch das Ende des Kapitalismus bedeuten muss vergebens warten«
    Und ein Italiener rief ekstatisch »Wir Romanen werden es sein die wieder
während Deutsche und Amerikaner eine Fabrik um die andere bauen und durch die
schwarzen Rauchschwaden ihrer Schornsteine den Himmel verdunkeln lichte Tempel
errichten in denen Fromme vor lodernden Opferfeuern beten«
    »Zu welchen Göttern« frug Konrad sehr ernst Alles schwieg Zu feierlich
hatte seine Frage geklungen als dass man mit irgendeiner inhaltslosen Phrase zu
antworten vermocht hätte Schließlich klang ein Name leise wie mit tastendem
Versuch gewagt in die Stille und wurde da und dort lauter und freudiger
wiederholt
    
    »Wie weit er wohl sein mag« sagte der eine
    »Er zeigt sich nie mehr« meinte ein anderer Man drängte sich schließlich
dichter mit fragenden Mienen um Sabine die mit ihrem weichsten Lächeln um sich
sah
    »Jörun Egil« sagte sie und der Name formte sich auf ihren Lippen wie zu
einer unsichtbar geheimnisvollen Kostbarkeit »ist versenkt in sein Werk Ich
sehe ihn selten und finde ihn immer nur leuchtender vor innerer Klarheit«
    »Er spricht nicht davon« ließ sich eine zweifelnde Stimme vernehmen ein
Dutzend Augen durchbohrten fast den Sprecher als habe er sich an einem
Heiligtum vergangen
    »Er spricht mit niemand davon« entgegnete Sabine »seit jenem Novembertag
vor einem Jahr wo er mitten unter uns zusammenbrach« Ein einziger tiefer
Seufzer schien gleichmäßig jede Brust zitternd zu heben
    »Habt Geduld mit mir  Geduld  Ich höre sein Schreien noch heute« murmelte
jemand dicht neben Konrad
    »Und nun ists unsere Geduld die ihn aufrecht hält« rief eine junge
helle freudige Stimme ganz laut
    »Wer möchte zweifeln« ergänzte eine andere in tiefem schwerem Mollton Die
früher durcheinander schreienden Stimmen schienen in ihm zu erlöschen
    »Wer ists« frug Konrad leise während er sich scheu in den Flur zurückzog
    Kati die neben ihm stand sah ihn verwundert an und sagte dann mit kaum
hörbarerer Stimme »Jörun Egil  der die neue Religion verkünden und die
Erlösung bringen wird «
    Es war ganz still im Zimmer Nur die Kastanienzweige pochten in rhytmischem
Takt an das Fenster
    Der blecherne Klang der Klingel neue lärmende Gäste durchbrachen erst den
Bann man wurde wieder laut wie vorher nur auf dem Antlitz Sabinens blieb der
stille Glanz den der Name entzündet hatte
    Man sprach und stritt so heftig dass der unbeteiligte Zuhörer den Übergang
zu Tätlichkeiten jeden Augenblick hätte erwarten müssen Und doch waren es
nichts als geistige Dinge um die der Kampf sich drehte Alle Fragen platzten
hier aufeinander wie Feuerwerkskörper die sich gegenseitig entzündeten Man
führte keine geistreichelnden Gespräche über die Dinge sondern stand mit
persönlicher Anteilnahme mitten in ihnen Nicht durch schwächere Gründe sondern
durch mattere Verteidigung schien eine Idee der anderen zu unterliegen Die
Ideale des Weltbürgertums des ewigen Friedens gestern noch revolutionär für
die Masse verblassten gegenüber dem Feuer rein nationaler Ideale dem
Kraftbewusstsein das sich in der Furchtlosigkeit vor dem kommenden Kriege dem
nicht zu vermeidenden aussprach die Ideale der Gleichstellung der
Geschlechter obwohl noch längst nicht verwirklicht wurden wie nicht mehr zu
erörternde Realitäten angesehen aber von einer geradezu brutal
leidenschaftlichen Betonung ihrer Verschiedenartigkeit übertrumpft Frauen mit
dem Doktordiplom ereiferten sich weit weniger darüber ob sie plädieren und
predigen dozieren oder wählen würden als darüber ob ihre Weibheit verkümmern
oder zur höchsten Entwicklung zu gelangen vermöchte Ehe oder freie Liebe war
unter diesen Menschen nicht mehr die Fragestellung sondern die Entwicklung der
Rasse unter den Bedingungen neuer Erkenntnisse und Willensrichtungen Aber wie
ein brausender Wasserfall dessen Wellen sich gegenseitig zu überstürzen zu
verschlingen scheinen schließlich im Tal zu Ruhe und Gleichmass kommt so liefen
alle Gespräche immer wieder in dem einen geheimnisvoll dunklen Born mystischen
Hoffens zusammen
    Fast ganz schweigsam meinte Konrad mit allen Poren zu hören Zuweilen war
ihm wie einem der im Hochgebirge von Wolkenmauern dicht umgeben gestiegen und
immer gestiegen ist und plötzlich durch sie hindurch in die leuchtende Ferne
sieht
    Aber die Nebel zogen sich wieder zusammen Er fühlte eine verborgene innere
Einheit in all dem Vielfachen der Ideen  doch sie war namenlos Er empfand
eine verschleierte Zielgleichheit für all diese Hingabe  aber niemand kannte
sie Wie all seine Sehnsucht nach dem Leben erwachte nach dem Leben das sich
nicht mehr in bloßem Erleben  und wenn es das geistigste gewesen wäre 
erschöpfen ließ sondern wie die Natur selber ein immer neues Schaffen von
Leben sein musste
    Sollte auch er nur ein »Armer« sein der sich mit der Hoffnung auf morgen
mit der Zukunft des nächsten Tages begnügen musste
    An Händen und Füßen würde er gefesselt bleiben unfähig zu irgendeinem Werk
wenn er nicht die innere Einheit zu finden vermöchte durch die selbst die
kleinste Tat der leiseste Gedanke zu notwendigen Gliedern in der Kette des
Ganzen werden mussten
    »Jörun Egil « Er lächelte skeptisch und doch mit einem ganz ganz leisen
seinem Bewusstsein noch fernen Schimmer von Hoffnung Es konnte doch in einer
Zeit die erschüttert von unaufhörlichem geheimem Beben auch durch die
stärkste Feste drohende Risse zog Einer kommen der aus Trümmern und Spalten
mit einem göttlichen »Es werde« das neue Leben erweckte
    In Träumerei versunken vergaß er minutenlang die kleine Welt um sich her
    Sabine Brandis drückte eben die kleine weiße Strohkappe auf ihre braunen
eigensinnig geringelten Locken
    »Lasst euch nicht stören liebe Freunde« sagte sie »in zwei Stunden bin ich
zurück« Dann rief sie Kati und zeigte ihr ein paar Büchsen über dem Herd
»Hier gibts noch Tee und Zucker und Kakes Sorge einstweilen für die Gäste
Wenn du früher gehst« fügte sie leiser hinzu »nimm meine schwarze Jacke aus
dem Schrank Mit dem Fähnchen kannst du bei dem Wetter nicht über die Straße«
    Lachend verstellten ihr ein paar Mädchen die Flurtüre »Wohin willst du so
spät« rief sie
    »Ihr wisst doch die Stunde bei der Lenz« entgegnete sie sich Platz
schaffend
    »So spät eine Stunde« staunte Konrad aus der Versunkenheit jäh erwachend
    »Sie ist Modell und hat nur abends Zeit« rief Sabine und lief schon die
Treppe hinunter
    »Modell  ich verstand wohl falsch« sagte er mit einem fragenden Blick
    »Doch  doch« entgegnete lebhaft einer der Gäste »Resi Lenz ist der neuste
Typ ihrer Gattung sie hat den Bildungshunger seitdem sie physisch satt ist
Sie muss doch mitreden können wenn ihre verschiedenen Liebhaber mit ihr
dinieren und bereitet sich jetzt vor der Festspielzeit selbstverständlich auf
irgendeinen Nabob vor mit dem sie mindestens französisch schwatzen will«
    »Und zu solchem Bildungsunterricht muss Frau Brandis sich hergeben« meinte
er entrüstet
    Mit geröteter Stirn und blitzenden Augen wandte Kati den Kopf nach ihm
»Sie muss  gewiss Wie wir alle müssen Aber nicht wegen des bisschen Lebens
Keiner von uns möchte wie die Bourgeois reich werden wollen um reich zu sein
Nur dann ist die Arbeit wundervoll alle Arbeit selbst die schmutzigste wenn
sie einer Sache dienstbar gemacht werden kann«
    »Die Eitelkeit einer Kokotte ist doch wohl kaum eine Sache in Ihrem Sinn«
antwortete Konrad gereizt
    »Wohl aber Jörun Egils Existenz« sagte einer Und wieder folgte dem Namen
Kirchenstille
    Ehe Sabine zurückkam wusste er um ihre Hingabe sie erwarb den
Lebensunterhalt jenes Mannes auf den sie alle ihre Hoffnung setzten Vielleicht
war sie auch seine Geliebte Niemand wusste es Und jetzt wo der Sommer vor der
Türe stand arbeitete sie mit doppelter Anspannung ihrer Kräfte Jörun Egil war
leidend Wer ihn zuletzt gesehen hatte sprach vom Fieberglanz seiner Augen vom
Zittern seiner Hände von der durchsichtigen Weiße seiner Haut Einen langen
Aufenthalt in freier Luft unter weitem Himmel mit dem Blick auf irgendeinen
blauen Wasserspiegel wollte Sabine ihm schaffen
    Warum sie nicht immer mit ihm lebte frug Konrad
    »Er braucht Einsamkeit für sein Werk« lautete die Antwort »tagelang
verschließt er sich vor jedem Menschen Und er schien völlig wunschlos bis
jetzt wo ihn die Sehnsucht nach Bergen und Seen plötzlich erfasste«
    Mit ehrfürchtigem Neigen küsste Konrad Sabinen an diesem Abend
abschiednehmend die Hand Sie erriet den Beweggrund seines Gefühls
    »Nicht doch« wehrte sie ab »Sind wir nicht übereingekommen Hingabe ist
das größte Glück ist der eigentliche Inhalt des Lebens Hingabe an eine Idee
oder an einen Menschen Bei mir ist es beides Also ein doppeltes Glück«
    Als er die halbdunkle hohe Treppe hinunterschritt sah er Kati zwischen
zwei Männern vor sich hergehen Sie schüttelte gerade die Hand des einen von
ihrem Arm
    »Lass das« zischte sie »die Dummheiten haben ein Ende «
    »Nachdem du mir die letzten Groschen aus der Tasche locktest um den Bruder
zu füttern« entgegnete eine grollende Stimme
    »Eine Ehre für dein schmutziges Geld« sagte das Mädchen den Kopf in den
Nacken werfend
    »Doch jetzt ist er krank « flüsterte ihr anderer Begleiter mit einem
zärtlichen Blick und klimperte dabei in der Tasche mit den Münzen
    »Ich brauch euch nicht mehr  keinen von euch« rief sie wild
    Und mit großen Sätzen sprang sie die letzten Stufen hinab
    Leonie sah zu Konrad auf mit einem ganz verwirrten Blick »Sie opferte sich
 ganz und gar  für ihren Bruder« sagte sie
    Konrad schwieg Das Herz zog sich ihm zusammen
Trotz aller Bitten ihn besuchen zu dürfen die Sabine zu unterstützen
versprach blieb Egil für Konrad unsichtbar
    »Er ist leidender denn je« sagte sie eines Tages bekümmert
    Sie selbst wurde immer schattenhafter Leonie hatte sies gestanden als sie
ihr einmal begegnet war wie sie sich mühsam in der Junihitze durch die Straßen
schleppte  selbst den Groschen für die Strassenbahn sparend  dass ihre Kräfte
bei einer oft zwölf und mehrstündigen Arbeit zu erlahmen drohten Da entschloss
sich Konrad ihr den Plan vorzulegen den er seit jenem Abend mit sich
herumtrug
    »Ich möchte fort« begann er »die Luft der Stadt lastet mir auf dem Kopf
Auch Leonie die alle Farbe verlor bedarf der Erholung Nun hat mir ein Agent
ein Haus zur Miete angeboten  am Walchensee nicht weit von Urfeld«
    »Oh« machte sie überrascht »dort soll es herrlich sein«
    »Würden Sie und Ihr kranker Freund uns begleiten wollen Das Haus ist
geräumig Wir würden einander nicht stören« Ihr Schweigen steigerte seine
Verlegenheit Hatte er doch ihren Stolz verletzt
    Endlich hob sie die Lider von den feucht gewordenen Augen »Ich danke Ihnen
 danke Ihnen von ganzem Herzen«
    Er lachte hell auf »Wissen Sie nicht wie dumm das Danken ist Besonders
hier wo ich nichts gebe nichts als dieses gemeine abgegriffene Tauschmittel
für die großen Werte die ich empfangen will  am Ende sogar für das Leben
selbst die Idee für meine Hingabe«
    »Sie geben Kraft Gesundheit Zukunft vielleicht für eine neue Welt«
entgegnete sie erschüttert
    Leonie die er erst jetzt mit der bevorstehenden Übersiedelung bekannt
machte musterte ihn lange mit einem finster forschenden Blick ehe sie eine
einsilbige Antwort fand Er hatte sich in letzter Zeit so wenig mit ihr
beschäftigt dass er erst jetzt ihren merkwürdig veränderten Ausdruck bemerkte
Es fiel ihm schwer aufs Herz dass er ihren Wünschen so gar nicht Rechnung
getragen hatte
    »Verzeih Leonie« sagte er schuldbewusst »dass ich dich und deine
Bedürfnisse so wenig bedachte Du langweilst dich armes Kind Aber sei ruhig
du sollst entschädigt werden Unser Häuschen bietet die Möglichkeit zahlloser
Ausflüge Wir werden wandern und reiten und fahren du wirst sehen wie schön
die Welt ist Und wir wollen froh miteinander sein«
    »Wir  wir« unterbrach sie ihn durch Tränen lachend und legte beide Arme
zärtlich um seinen Hals »die Zukunft von morgen  da hab ich sie wieder«
    Von da an konnte sie den ganzen Tag trällernd und lachend die Zeit der
Abreise kaum mehr erwarten
    Konrad ärgerte sich über die oberflächliche Vergnügungssucht die bei ihr
wieder zum Vorschein kam und über sich selbst dass er sich ärgerte »Ich hatte
wirklich vergessen ganz vergessen aus welchem Milieu sie ist« dachte er 
»ein Dienstmädchen Nur ein Dienstmädchen«
Am Ostufer des Walchensees da wo die Fahrstrasse sich bei dem Dörflein
Sachenbach ins Land hinein der Jachenau zuwendet strecken zwei Halbinseln sich
in das grüne Wasser sie umfassen es wie die offenen Haken einer Zange und
schwarz und still als traure es über seine Gefangenschaft liegt es zwischen
ihnen selbst wenn draußen die Sonne über dem weiten Seespiegel glitzert oder
der Sturm seine Wogen peitscht Gelbe Mummeln blühen in diesem Winkel und im
Schilf schluchzen leise die kleinen gekräuselten Wellchen Ein winziges
einsames Haus steht auf der südlichen der beiden Halbinseln irgendeiner der
die Menschen floh baute es vor Jahrzehnten unter die dunklen Tannen die ihre
Äste hoch emporrecken und tief zur Erde senken so dass kein Sonnenstrahl
hindurchdringt Es ist fast immer verschlossen die kühle Luft die aus seinen
Räumen dringt wenn Fenster und Türen sich öffnen verscheuchte noch jeden An
der südlichen Front hüten zwei zerbrochene Sandsteinengel die ausgetretene
Steintreppe die zur breiten Terrasse emporführt Kletterrosen haben ihnen
Kränze aufs Haar gedrückt und verdecken barmherzig die abgeschlagenen Hände die
gestutzten Flügel Hier stehen seit Tagen schon Fenster und Türen weit offen
und durstig trinken die vom langen Schlaf erwachenden Räume Luft und Licht denn
weit weit dehnt sich die schimmernde Fläche des Wassers und die blaue Kuppel
des Himmels vor ihnen bis fern am Horizont grüne Matten dunkelumwaldete Höhen
und die weißen Riesenhäupter der Berge sie begrenzen
    An der Nordfront des Hauses aber wird es nicht wärmer da starren sonnenlose
Zimmer auf die schwarze Bucht und das Efeugerank das sie umschattet kriecht
mit dicken Ästen wie lebendiges Gewürm weiter über den Boden bis hinüber zu der
seltsam geduckten Kapelle an deren zerbröckelndem Fundament das Wasser
anschlägt grausam regelmäßig tiefe Furchen hineinfressend Der Efeu
umklammert den kleinen Turm mit starken Stämmen er hält ihn aufrecht und gibt
ihm mit seinem stets sich erneuernden Frühlingsgrün fast ein junges Gesicht Von
der morschen Kanzel darin predigt niemand mehr niemand betet mehr vor dem
kahlen Altar die Kapelle ist baufällig Nur der Efeu bewahrt sie vor dem
Zusammensturz
    Unter den Heckenrosen die von den Engeln empor sich rankten und über der
Terrasse zu rotleuchtendem Dache sich wölbten erwarteten Konrad und Leonie ihre
Gäste Droben im hellsten Zimmer des Hauses aus dessen Fenstern der Blick über
den See hinweg bis zu den weißen Firnen schweifen konnte und die Lichter vom
jenseitigen Ufer die Scheiben blitzend trafen sollte der Leidende wohnen
daneben mit der Aussicht in den Tannenwald und über die dahinter ansteigenden
Wiesen Sabine
    Die Räder des Landauers der sie bringen sollte knarrten über den Kiesweg
Seltsam dass er geschlossen war trotz des leuchtenden Tages Er hielt Sabine
sprang leichtfüssig zu Boden hastig mit dem Tüchlein über die heiße Stirn
fahrend
    »Es war ein wenig warm im Wagen« sagte sie mit einem begrüssenden
Händeschütteln dann wandte sie sich um Jörun Egil beim Aussteigen helfend
Seine Hand die sich ihr zuerst eine Stütze suchend entgegenstreckte war sehr
mager jede einzelne Ader trat in scharfen blauen Strängen auf ihr hervor Als
er unten stand  eine schmalschultrige gebeugte Gestalt  hob er diese Hand
hastig über die Augen
    »Es blendet so« ließ sich eine glockentiefe Stimme vernehmen deren Klang
niemand von der eingefallenen Brust erwartet hätte
    Erst unter dem Rosendach enthüllte er sein Gesicht Fast würde Leonie
aufgeschrien haben wenn Konrad nicht rechtzeitig ihren Arm umklammert hätte Es
war von grünlicher Blässe die fast weißen Lippen darin zitterten um die
dunklen Augen von schweren Lidern fast ganz beschattet zogen sich tiefe
schwarze Ringe Ein paar dünne blonde Haarsträhnen klebten an der feuchten
Stirn
    Konrad fühlte dass dieser leichenfahle Mann in das helle freudige Zimmer
nicht passen würde So ließ er ihn selbst das ihm behaglichste wählen Erst ganz
zuletzt fand er es einen Raum im Parterre den Konrad unbewohnt hatte lassen
wollen denn die Wände erschienen ihm feucht um das einzige schmale Fenster zog
sich dichter dunkler Efeu und der Blick nach beiden Seiten durch dunkle Tannen
beengt sah nichts vor sich als die Bucht
    Egil durch dessen Körper ein Zittern ging  er mochte sich beim
Treppensteigen vielleicht überanstrengt haben dachte Konrad  sank in den
Sessel am Fenster
    »Wie schön das ist  wie froh ich bin« sagte er zu Konrad aufschauend
Welche Augen Sie straften die Wärme der Worte Lügen Wer vermochte zu
enträtseln ob sie von kalter Müdigkeit oder von grausamer Härte waren Er
schien den Eindruck den sie erweckten zu kennen denn er senkte rasch die
Lider über sie »Gib mir meine Schatulle Sabine« flüsterte er dann »und lasst
mich allein«
    Sie gehorchten stumm
    »Die Reise hat ihn sehr mitgenommen« sagte Sabine erschüttert »auch die
plötzliche Helle nach der Dunkelheit seines teppichverhangenen Zimmers« Nicht
einmal Konrad vermochte ein höfliches Wort der Erwiderung hervorzubringen
    Kaum eine Stunde später klang die Stimme des unheimlichen Gastes voll und
klar bis zu der Rosenterrasse hinaus wo zum Essen gedeckt war und er trat in
die Türöffnung ein vollkommen Gewandelter mit erfrischter Haut geröteten
Lippen feurigen offenen Augen Er war in diesem Augenblick nichts als ein
junger glücklicher Mensch vor dessen strahlendem Lächeln selbst Leonies
ängstliche Scheu verflog
    Als sie sich vom Tisch erhoben stand der Mond hoch am Himmel
    »Wir wollen zum See hinab« sagte Sabine mit verhaltenem Jubel in der
Stimme »so beglänzt soll es dir entgegenleuchten das Wasser deine Wiege«
    Egil aber zuckte zusammen und wurde aschfahl im Gesicht Was er sagte klang
wie ein Stöhnen »Nein nein noch nicht  heute noch nicht« Und er schritt
hastig zur anderen Seite des Hauses Dann lächelte er wieder ein seliges
verzücktes Lächeln Seine Augen hingen unverwandt an dem Efeuturm der Kapelle
der sich schwarz gegen die Silberhelle der Nacht abhob
    »So wächst meine Kirche« flüsterte er vor sich hin »aus dem nährenden
Boden der Mutter Erde und umschlingt die Tempel alter Götter und zerdrückt sie
mit starken lebendigen Armen Ich sage euch der Tag ist nicht fern wo die
Mauern unter ihr an denen sie aufwärts wuchs zerbröckeln werden und sie
allein ihren sonnendurchleuchteten Turm in dem die Sänger des Himmels nisten
triumphierend zu den Sternen erhebt«
    War er ein Wahnsinniger Ein Seher Mit ausgebreiteten Armen  regungslos 
stand er auf dem weissschimmernden Rasenplateau auf dem sein Schatten wie ein
schweres schwarzes Kreuz sich streckte
    Leonie schauerte zusammen und schmiegte sich an Konrads Schulter Sabine
starrte die Hände ineinander verschlungen zu Egil empor und als sie ihn
zittern die ekstatisch aufgerichtete Gestalt kraftlos zusammensinken sah
schlang sie den Arm um ihn und führte den Willenlosen behutsam in das Haus
zurück
    Am nächsten Morgen als sie die Freunde begrüßte lag in ihren Augen der
Ausdruck unendlichen Flehens Da küsste Leonie sie zärtlich auf die zuckenden
Lippen und Konrads Blick senkte sich in den ihren »Ängstige dich nicht du
arme Seele« sagte er während der Mund schwieg »wir werden nicht fragen nicht
forschen dir unsere ahnungsvolle Furcht nicht verraten « und sie drückte
dankbar die Hände der beiden
    Von demselben Gefühl getrieben eine Last abschütteln zu müssen wanderten
Konrad und Leonie am Ufer entlang nach Urfeld dem freundlichen Weiler an der
äußersten Nordspitze des Walchensees den die große von fauchenden Automobilen
belebte Kesselbergstrasse so schmerzhaft aus seiner einstigen Verträumteit  zu
der Zeit da nur wenige Wagen mühselig über den alten steilen Weg zu klettern
wagten  aufgeschreckt hatte Von den Hängen blinzelten kleine Häuschen immer
noch erstaunt auf das Leben unten als würden sie sich nie daran gewöhnen
können während die beiden Wirtshäuser wie rechte Wegelagerer alles packten was
vorüberkam Sie waren sogar schon zu Hotels geworden und würden sich gewiss wie
Konrad lachend sagte »binnen kurzem vom Mittagessen zum Lunch vom
Nachmittagskaffee zum AfternoonTea entwickelt haben« Jetzt waren sie noch von
jenen Sommergästen gefüllt die sich an Orten wie Urfeld wo es noch keine
Kurmusik und keine Tanzkränzchen gibt  der Gebildete nannte sie Reunions  aus
Bürgerfamilien die ihren Ferienaufentalt auf Grund der niedrigen Preise
wählen und aus Natur und Ruhebedürftigen zusammensetzen bei denen die
Abgeschiedenheit den Ausschlag gibt
    Konrad und Leonie ließ sich im Wirtsgarten nieder Es war ein heißer
Sommertag Der See atmete nur leise vom funkelnden Regen des Sonnenlichts
übersprüht viele Segelboote durchzogen ihn wie stolze Schwäne die weißen
Flügel blähend sehr fern duftigen Traumbildern gleichend verschwammen die
Berge mit den Wölkchen am Horizont Eine Schar fröhlicher Kinder plätscherte mit
bloßen Beinen im Wasser weit hinaus tauchten die Köpfe Schwimmender auf Aus
den kleinen Kabinen stiegen Frauen  angezogener als im Ballsaal  in die klare
grüne Flut Männer sonnten sich auf den Holzstufen Aufgeschwemmte Rentiers an
deren Körper das schwammige Fleisch bei jeder Bewegung schwankte entüllten
sich ebenso rücksichtslos wie spindeldürre Jünglinge mit hervorstechenden
Schulterblättern und eingefallenem Brustkasten
    Leonie schürzte verächtlich die vollen Lippen »Schamlos sind doch nur die
Männer« sagte sie »es ist als wüssten sie dass ihre Mannheit trotz aller
Hässlichkeit stets gleich hoch im Preise bleibt«
    »Grotesker als sie find ich die Frauen« meinte Konrad »die sich Kleider
anziehen um ins Wasser zu gehen Wenigstens sollte das nur den Garstigen
erlaubt sein«
    »Und denen die sich selbst nicht mehr gehören« fuhr Leonie fort
nachdenklich zur Erde blickend wo sie mit dem Schirm Kreise in den Sand zog
    In diesem Augenblick tönte von der Straße her in das Knattern und Fauchen
eines langsam und ruckweise fahrenden Autos das Geräusch erregter
Menschenstimmen In englischdeutschem Kauderwelsch zankte eine hohe
Männerstimme und suchte sich vergebens verständlich zu machen Konrad erhob sich
hilfsbereit Vor dem Gasthaus hielt ein eleganter Wagen der eine kleine
amerikanische Flagge trug ein Herr in verstaubtem Automantel das kantige
Gesicht vom Ärger gerötet stand dabei Konrad übersetzte dem bayrischen vor
sich hinfluchenden Chauffeur die Wünsche und Vorwürfe des Scheltenden und diesem
die Auskunft des Fahrers wobei es sich herausstellte dass der Schaden einen
Aufenthalt von einigen Tagen notwendig machte
    »Wie unangenehm« seufzte der Fremde »in zwei Tagen wollte ich schon in
Sulden sein Was macht man nur in diesem Nest«
    »Es könnte Ihnen vielleicht eine sensationelle Bekanntschaft vermitteln die
der Natur« meinte Konrad ironisch
    Der andere lachte dann gingen sie zusammen in den Garten wo ihnen Leonie
entgegentrat Konrad stellte vor »Mr Macheart  Fräulein Leonie Doris« Die
kühlen grauen Augen des Amerikaners hafteten überrascht auf der schönen blonden
Frau und wie in flüchtiger Frage auf ihrem Begleiter Dann küsste er Leonie die
Hand länger als er es einer »Dame« gegenüber gewagt hätte »Eine sensationelle
Bekanntschaft Herr Baron  Sie hatten recht« sagte er mit leichtem Lächeln
Leonie erblasste und sah erstaunt zu Konrad hinüber »Die der Natur stellte ich
Ihnen in Aussicht  keine andere« entgegnete er scharf Sie verabschiedeten
sich rasch
    Vor der kleinen Verkaufsbude draußen blieb Konrad stehen Ein paar einfache
Badetrikots lagen zwischen dem bunten Kram billiger »Andenken« Er wandte sich
an seine stumme Begleiterin »Was meinst du wenn wir uns vor der Heimkehr noch
durch ein Bad erfrischten«
    Sie runzelte die Stirn »Haben Sie kein Kostüm« frug sie die Verkäuferin
    Konrad schien überrascht »Warum das« meinte er lächelnd »ich denke du
bist fehlerlos«
    »Möchtest du dass sie mich alle begaffen« entgegnete sie mit einem
forschenden Blick den er nicht verstand denn er sagte harmlos »Wie könnt ich
ihnen solch einen Anblick missgönnen« Sie war erblasst und hatte sich so heftig
auf die Lippen gebissen dass ein Blutstropfen aus der Wunde rann Schließlich
nahm sie den Kopf in raschem Entschluss aufwerfend wie er ein kurzes schwarzes
Trikot
    »Ich werde  nackt sein« sagte sie gedehnt auf dem Wege zu den Kabinen und
richtete wieder den Blick auf ihn
    »Um so schöner« lachte er
    Als sie sich entkleidete stürzten ihr die Tränen über die Wangen aber
Konrads bewunderndes »Wie schön du bist« im Augenblick da sie hinaustrat
verwischte auch ihre letzten Spuren obwohl ihr geschärftes Ohr nicht überhörte
dass er eine Statue mit demselben Tonfall hätte beurteilen können Ihre
Erscheinung erregte fast einen Aufruhr Die Frauen empfanden sie wie eine
persönliche Beleidigung und tuschelten erregt miteinander die Männer kamen von
weit her allmählich zurückgeschwommen einer nach dem anderen wie von
magnetischer Gewalt gezogen Nach wenigen Minuten verschwand Leonie
frostgeschüttelt wieder in der Kabine Im Garten begegnete ihnen der Amerikaner
Er versenkte hastig ein Opernglas in der Tasche und grüßte tief
    »Du bist nicht eifersüchtig« frug Leonie als sie sich dem Hause näherten
 sie waren bis dahin einsilbig nebeneinander hergegangen
    »Aber ganz und gar nicht« gab er zurück »dann würde ich ja meiner lieben
Lehrmeisterin Schande machen« Mit brüderlich zärtlicher Gebärde legte er den
Arm um ihre Schultern küsste ihre weiche Wange und fügte hinzu »für die dumme
Liebe bist du mir zu gut«
    Sie machten von da an weite Ausflüge in die Berge hinauf und überall wusste
der Amerikaner ihnen zu begegnen »Ich habe die Bekanntschaft der Natur gemacht
sie lässt mich nicht mehr los« sagte er als Leonie sich beziehungsvoll nach dem
Stande der Autoreparatur erkundigte Sie segelten oft halbe Tage lang wobei es
Leonies größtes Vergnügen war durch geschicktes Manövrieren Macheart zu
entschlüpfen dessen Boot ihr Kielwasser suchte
    Sabine schien sich des Alleinseins besonders zu freuen Sie saß unter dem
Rosendach unermüdlich an einer Übersetzung arbeitend für die ihr ein
erhebliches Honorar in Aussicht gestellt worden war Egil blieb den ganzen Tag
in seinem Zimmer Er saß am Fenster in einem tiefen Lehnstuhl auf dem Tisch vor
sich die geheimnisvolle Kassette Meist schien er zu schlafen In der
Zwischenzeit aber bedeckte er in fliegender Eile kleine weiße Zettel mit einer
kritzligen Schrift Nur im Zwielicht des späten Nachmittags kam er hinaus Es
wiederholten sich dann die Anfälle eines bis zur Ausgelassenheit sich
steigernden Frohsinns einer bis zur Ekstase wachsenden Begeisterung
    Eines Nachts kamen Konrad und Leonie sehr spät nach Hause Der Amerikaner
der zum Mittelpunkt der kleinen Sommerfrische geworden war  der weibliche Teil
der Gäste überbot einander plötzlich an hinterwäldlerischer Toilettenpracht und
der männliche saß nächtlicherweile mit heißen Gesichtern mit ihm am Spieltisch
und ließ die Goldstücke rollen  hatte ein Fest gegeben Und mit kühlem
Gleichmut als wäre sie nie etwas anderes gewöhnt gewesen hatte Leonie die
Rolle seiner Königin gespielt  einer unnahbaren Königin die selbst den Tanz
verschmähte um nicht vom Arm eines Mannes berührt werden zu müssen
    Als sie zurückgekehrt unter dem Rosendach standen wandte sie ihr Gesicht
tief erglühend Konrad zu »Sag du mir auch dass ich schön war« flüsterte sie
heiß Das Blut stieg ihm in die Schläfen
    Ach  die Sommernacht und das blühende Weib 
    Da hörte er hinter sich im dunklen Garten ein irres Kichern Mit einem
entsetzten Aufschrei flog Leonie die Treppe hinauf während er ebenso rasch die
Steinstufen abwärts sprang und um die Fliederbüsche bog Dicht an der Bucht die
wie polierter schwarzer Marmor regungslos da lag nur hier und da gelb gefleckt
von den Wasserrosen saß Egil die spitzen Knie so hoch gezogen dass sein Kopf
zwischen ihnen hindurch sah Er stierte auf eine Mummel die sich ihren Kelch
weit geöffnet dem großen Käfer darzubieten schien der an ihren Staubfäden
nagte Bei Konrads Nähertreten wandte er ruhig den Kopf als wäre dessen
Spaziergang zu dieser Stunde etwas Selbstverständliches
    »Kommen Sie nur Baron kommen Sie« sagte er »aber leise  vorsichtig
damit Sie dies kostbare Beobachtungsobjekt nicht stören« Und er zog ihn am Rock
zu sich hinunter »Was sehen Sie hier« fuhr er dann fort die Augen auf ihn
richtend dieselben kalten grausamen Augen die Konrad bei ihrer ersten
Begegnung zurückschrecken ließ
    »Einen Käfer  was sonst« entgegnete er
    »Was sonst« wiederholte der andere höhnend um dann Konrad noch näher
rückend im Tone eines letzte Geheimnisse verkündenden Priesters leise weiter zu
sprechen »Sie sind ein Mann Ich werde es Ihnen sagen  Ihnen allein Aus
schwarzem Schlamm der aus Milliarden verrotteter Lebewesen besteht  also aus
Leichen aus nichts als aus Leichen  saugt diese strahlende Wunderblume ihre
Schönheit und ihre Kraft Und der Käfer der hässliche schwarze Käfer in ihrem
göttlichen Schoss frisst ihr das Herz aus Dort aber  schauen Sie nur das große
dicke grüne Tier mit den Glotzaugen wie es lauert bis der Schwarze dick und
voll ist  dann springt er auf ihn  klatsch  und schluckt ihn hinunter Auf
unserem Dach jedoch sperren fünf junge Störche die Schnäbel auf Noch bevor der
Morgen graut werden sie den Grünen den ihnen der Vater holt schonungslos
auseinandergerissen und stückweise verspeist haben« Egil schnellte auf mit der
Knochenhand hinüber zu den Bergen weisend »Drüben kreist längst schon der Adler
 die kleinen Störche hier die Gutgenährten werden seine Beute sein Ihn aber
trifft eine Kugel mitten ins Herz und seinen Kadaver verschlingen die Fische«
 seine Stimme wurde heiser schneller und schneller und immer eintöniger stieß
er die Worte hervor  »und die Fische fressen wir und nähren mit Totem mit
Gemordetem den tiefsten Gedanken in unserem Hirn« Er schwieg erschöpft um dann
aufs neue die Stimme zu erheben bis sie zu ihrem vollsten Glockenton anschwoll
»Aus unserem Kot wachsen die Blumen reifen die Früchte Von Leichen lebt alles
Leben Weisheit und Kraft und Schönheit sind stinkender Kadaver giftgezeugte
Frucht«
    Und er lachte  lachte gellend  dass er sich die Seiten halten musste
    Konrad fühlte wie etwas Kaltes Weiches an seinem Körper emporkroch als
hätte eine Schar unsichtbarer Kröten mit eklem klebrigem Schlamm an den
Beinen von ihm Besitz ergriffen Mühsam nur zwang er sich zur Ruhe »Das sind
bekannte naturwissenschaftliche Tatsachen Herr Egil« sagte er
    »Richtig  vortrefflich« antwortete dieser »naturwissenschaftliche
Tatsachen  Und zur Beruhigung furchtsamer Gemüter sprechen die Herren
Gelehrten vom Kreislauf des Lebens obwohl es der des Todes ist Jetzt aber
merken Sie gut auf denn das was nun kommt hat Ihnen überhaupt noch keiner
gesagt auch nicht mit anderen Worten. Dass Kot und Kadaver Bedingungen allen
Lebens sind erkennen Sie an Naturgesetze aber machen nirgends halt ihnen ist
alles untertan was lebt und stirbt Und so sind auch Völker nur für andere
Völker Klassen nur für andere Klassen der Dung Wir aber mit den Ergebnissen
unseres auch nur durch Tote gefütterten Hirns gedenken dieses Gesetz aufzuheben
 Es gibt Leute die nicht mehr von Getötetem leben wollen Sie essen Pflanzen
statt Kälber und Schweine Als ob sie nicht auch die gezeugt werden und
wachsen blühen und sterben Lebendige wären Konsequenterweise also müsste
verhungern wer von nichts leben will das lebte Was meinen Sie«  und er
lachte schneidend auf  »was würde aus dieser ganzen von den Qualen Gemordeter
und Verfolgter vom Tode der Schwachen sich nährenden Welt wenn die Blasen
unseres Gehirns so wir Gedanken nennen die Naturgesetze besiegten  Es gibt
Leute die an Gott glauben als den Gesetzgeber Wer also Menschenliebe predigt
ruft zum Kriege auf wider Gott  wider Gott«
    Das Lachen in das er ausbrach verklang in blödem Kichern Mit großen
Schritten wandte er sich ohne Konrad noch zu beachten dem Hause zu und schwang
sich am Efeu emporkletternd in sein Zimmer Konrad blieb noch lange wie
angewurzelt stehen
    »Er ist wahnsinnig « sagte er vor sich hin sich selbst zu trösten
versuchend Trotzdem bohrte sich der Gedanke immer schmerzhafter in sein Gehirn
Erlösung der Menschheit aus Knechtschaft und Jammer ist gleichbedeutend mit
ihrem Todesurteil
    Ihm grauste von nun an vor jeder Begegnung mit dem Gast Als daher Macheart
seine Aufforderung ihn mit Leonie nach Oberammergau zu begleiten wiederholte
sagte er ohne Besinnen zu Es war eine feige Flucht er fühlte es und nicht nur
eine Flucht vor Egil sondern vor sich selbst Dass Leonie nur mit einem
demütigen »ganz wie du willst« auf seine Mitteilung von der Autofahrt reagierte
bemerkte er nicht Wie fern war sie ihm wie weltenfern
    Sie fuhren mit Eilzugsgeschwindigkeit bergauf bergab Wenn Konrad an
irgendeinem schönen Punkte langsamer zu fahren oder gar auszusteigen begehrte
so lächelte Macheart spöttisch über die »deutsche Sentimentalität« oder
ereiferte sich über den deutschen Mangel an Geschäftssinn weil hier noch kein
großes Hotel die gute Gelegenheit zum Geldverdienen ausnutzte Als es sich
herausstellte dass die Bergstrasse über Ettal für den Autoverkehr gesperrt war
entrüstete er sich über dies »drastische Zeichen von Unkultur« und ihm fehlte
jede Spur von Verständnis für Konrads gegenteilige Auffassung der den Schutz
der Wege vor dem Gestank und Spektakel der Kraftwagen wie den Schutz schöner
Gegenden vor Fabrikschornsteinen gerade als Kultur betrachtete Sie gerieten
unter Wahrung der höflichsten Formen in eine lebhafte Auseinandersetzung die
Konrad schließlich kurz abbrach als der Amerikaner begeistert als »Kulturtaten«
seiner Heimat die Erfindung des Parlographen des Grammophons die
Vervollkommnung des Telephons und anderes mehr aufzählte und Konrad sah dass es
zwischen ihnen keine Brücke gab
    Er beschloss während Macheart in weitem Bogen um die Berge fahren musste die
alte Römerstrasse zu Fuß zu gehen Leonies Begleitung mit fast feindlicher
Schroffheit ablehnend Er wollte die heimlichen Wege suchen wo Feld und Wasser
und Wald alte Geschichten erzählen wo die Armen und Andächtigen wandern denen
der Weg nach Oberammergau eine Wallfahrt ist
    Links durch die Schlucht führt die Straße zum Berg hinauf Wie manchen
Felsblock mögen die blonden Bajuvaren von oben hinab in die Tiefe gerollt haben
um die andringenden Feinde darunter zu begraben wieviel Römerblut hat der
brausende Bach getrunken ehe es sich droben siegreich und friedlich mit dem
Blut der Germanen mischte dachte Konrad Und dieselbe Straße ritt vor
Jahrhunderten Ludwig der Bayer jenes seltsam leuchtende Wunderbild im Mantel
das ihm einst auf der Romfahrt wie er in heißem Gebet die Wendung seines
Geschickes von der Gottesmutter erflehte ein eisgrauer Mönch als von Gott
gesandt zum Troste anbot Unter den großen Tannen auf dem Berge stürzte sein
Pferd dreimal und er gründete dort das Kloster Ettal Von nun an ward die
Straße belebt weltliche und geistliche Herren fürstliche Jäger und kecke
Edelfrauen kamen daher hoch zu Ross fromme Pilger mit Kutte und Stab krank an
Seele oder Leib zogen Gebete murmelnd zur wundertätigen weißen Frau
    Der Abend dämmerte schon als Konrad den prunkhaften Barockbau betrat die
letzte Wandlung des ehrwürdigen Münsters auf dessen Hochaltar die kleine zarte
Gestalt aus weißem Stein noch immer steht die vor sechs Jahrhunderten der
kaiserliche Pilger in die Wildnis trug Aus indischem Porphyr sagt man sei sie
gebildet dunkle eingesetzte Augen beleben das leise schimmernde Antlitz
    »Eine andere heilige Mutter ists die das Bild ursprünglich darstellte«
las ein alter Mann mit eintöniger Stimme aus einem braunen Buche dem Kinde vor
das er an der Hand führte »Isis die urälteste Verkörperung der allen Zeiten
und Völkern heiligen Mutter Natur «
    Auf ihren Knien steht ein Kind von Kraft und Leben strotzend  sollte sich
auf dem Wege von Ägypten über Rom ein Bacchus zu ihr verirrt haben Auf dem
runden Gesichtchen spielte das Licht der Altarkerzen war es nicht als wolle
der Kleine jedem stillen Betrachter sprühende Lebenslust in das Herz lachen 
das Beste was der Gott einem Irdischen geben kann
    Aber Konrads Herz blieb verschlossen Er wandte sich ab Es war jene
schwermütige Stunde zwischen Tag und Nacht An seinem Wege reckten sich
gespenstisch die Kreuze mit dem blutigen Bilde des Erlösers
Behäbig mit gemalten Häusern und geschnitzten Galerien breitet sich das Dorf
an der Ammer aus vom spitzen Kofel überragt In den Straßen brennen Bogenlampen
wie in der Großstadt aus den zahllosen Wirtshäusern dringt vielfacher
Stimmenlärm Es wird überall englisch gesprochen selbst die Kellnerinnen
bemühen sich mit eitlem Lächeln die fremde Sprache zu radebrechen
    Konrad fand Macheart und Leonie im Speisesaal des Wittelsbacher Hofs ruhig
miteinander plaudernd und freundlicher als sonst trennte sich das Mädchen von
dem Amerikaner
    »Du hast mich ihm überlassen« sagte sie mit leisem Vorwurf in der Stimme
als er gegangen war
    »Verstehst du denn nicht mein Kind dass ich auch einmal gern allein bin«
entgegnete er gequält um die jähe Angst die sich in ihren Augen spiegelte
bemerkend in aufrichtiger Besorgnis fortzufahren »er ist dir doch nicht zu
nahe getreten«
    Sie schüttelte den Kopf und sagte kühl »Selbst eine anständige Frau könnte
sich seine Huldigung ruhig gefallen lassen«
Eine bunte Menge strömte zum Spielhaus durch die Dorfstrassen an den Läden
vorüber mit den Holzschnitzereien die nur in der Technik die Werke alter Zeit
übertrafen sonst aber in kalter Konvention stecken geblieben waren Keine
Rührung strömte mehr aus den Wunden Christi dem Lächeln Mariä zu keinem
Händefalten zwang mehr der Anblick der Märtyrer keine Seele erhob sich mit den
geflügelten Himmelsbewohnern
    Auf den Schaufenstern klebten Zettel »English spoken« auf den Türen frisch
geputzter Bauernhäuser »Tearoom«
    Der Zuschauerraum eine mächtige Eisenhalle stimmungslos wie ein Bahnhof
füllte sich rasch Da waren die stereotypen Engländer mit lüsternfrömmelnden
Mienen die ebenso sattsam bekannten Berliner Parvenüs Frauen die auf dem Dorf
mit seidenen Kleidern rauschen Männer mit breiten Ringen auf kurzen dicken
Fingern beide mit süffisantem Gesicht ohne eine Spur innerer Anteilnahme da
war die ganze internationale Bummlergesellschaft die ihre Bildung nach der Zahl
der Kirchen Museen und Theater taxiert die sie in der kürzesten Zeit
abzumachen vermochte Da waren schließlich die Landbewohner der Umgegend
kräftige Männer früh gealterte Frauen die sich mit wenigen Ausnahmen zur Feier
des Tages in städtische Kleidung zwängten Aber während die anderen
rücksichtslos schwatzten und lachten saßen diese von Anfang an still mit
gefalteten Händen da eine heilige Handlung erwartend
    Mit dem tiefen Orgelton seiner Stimme sprach der Chorführer mit hellem
Klang rein und fromm fiel der Gesang der Kinder ein Gestalten voll naiver
Ausdrucksfähigkeit in wundervolle farbenglühende Gewänder gehüllt stellten in
Bildern Christi Leben und Leiden dar
    Leonie weinte leise als die Passion zu Ende war
    »Das vermag nur ein Volk das noch mitempfindet und glaubt was es
darstellt« sagte Konrad tief ergriffen
    Der Amerikaner lächelte überlegen »Wie lange wird es dauern und sie sind
Schauspieler geworden und die Bühne Oberammergaus aus einem frommen Werk ein
kapitalistisches Unternehmen«
    Draußen ließ sich die Engel und frommen Frauen von alten und jungen Snobs
umschmeicheln und schwärmerische Stadtbackfische hysterische alte Jungfern und
abenteuerlustige Frauen belagerten die gelockten Propheten und Apostel
    Eine alte Bauersfrau in faltigem Seidenrock die traditionelle Pelzmütze auf
dem Kopf zwischen den runzligen braunen Händen den Rosenkranz drehend ging
mit abwesendem Blick durch die Menge »Engel warens Ahndl wirkli Engel«
sagte der barfüssige Bub der an ihrer Schürze hing die glänzenden braunen Augen
auf sie gerichtet
Machearts Auto sauste durch die Nacht ein Urweltungeheuer Die schneidende Luft
nahm den Insassen fast den Atem Keiner sprach
    Als sie vor dem Hause hinter dem Efeuturm hielten und Leonie über die
Rosenterrasse verschwunden war bat der Amerikaner den schweigsamen Gefährten um
eine kurze Unterredung
    »Meine Verehrung für Madame Leonie« begann er ruhig »wird Ihnen Herr
Baron nicht unbekannt geblieben sein Ich hätte keine Veranlassung darüber zu
sprechen wenn nicht meine Gefühle ernstere geworden wären und ich vor der Frage
stünde mich in vollkommener Respektierung älterer Rechte zurückzuziehen oder
«
    Konrad fuhr auf »Madame Leonie ist Herrin ihrer selbst« entgegnete er
schroff Mister Macheart machte eine korrekte Verbeugung und ging
    Am Abend danach fand Leonie mit der Karte des Amerikaners ein versiegeltes
Paket auf ihrem Zimmer dem sie eine Perlenkette entnahm
    »Was meinst du dazu« sagte sie langsam das Schmuckstück in leise
zitternden Fingern Konrad hinhaltend
    »Er ist sehr reich« antwortete er ausweichend mit gepresster Stimme
    »Geschenke wie dieses sind Anzahlungen auf « murmelte sie müde in den
Sessel sinkend während sie die Kette durch die Finger zog »Was rätst  du
mir«
    Minutenlanges Schweigen Unten knarrte ein Fenster im Efeu raschelte es
Leonie starrte Konrad an entgeistert und schleuderte die Perlen aufspringend
zu Boden
    Das Geräusch weckte ihn aus seiner Versunkenheit Er hob den gesenkten Kopf
Die Falte auf seiner Stirn stand schwarz zwischen seinen Brauen zwei scharfe
Striche zogen sich an Mund und Nase hinab
    »Du bist  Herrin deiner selbst«  In diesem Augenblick kam er sich so
verächtlich vor dass er dankbar gewesen wäre wenn das Mädchen aus deren weit
aufgerissenen Augen wilde Verzweiflung sprach einen Revolver gezogen und ihn
niedergeschossen hätte
    Aber sie schrie nur auf Laut und gellend Und flog die Treppe hinab  an
die Bucht
    Eine lange schwarze Gestalt richtete sich jäh empor vor ihr sie mit beiden
Armen wie mit Eisenklammern umfassend
    »Nur wer für andere stirbt hat ein Recht zu sterben« sagte eine
glockentiefe Stimme
    Die Arme lösten sich  Schritte verklangen  ihr Kopf lag schwindelnd an
Konrads Schulter
    »Leonie  mein lieber Kamerad « stöhnte er
    Sie sah auf wehmütig lächelnd »Verzeih dass ich  ich  dir Böses antun
wollte«
    Heiter als wäre die Nacht nichts als ein Traum gewesen erschien sie am
nächsten Tage unter den Hausbewohnern
    Nur Sabine fiel irgend etwas Fremdes an ihr auf »Hast du nicht ein wenig zu
viel Rot aufgelegt« meinte sie nach einem freundlich prüfenden Blick Als sie
Konrads übernächtige Züge gesehen hatte forschte sie nicht weiter
    Am Abend gab Macheart wieder ein Fest sein Abschiedsfest wie er sagte Der
Wagen der Konrad und Leonie hinüberfahren sollte stand vor der Türe
    »Willst du mir noch einen großen Gefallen tun Sabine« sagte Leonie leise
sich vor die Freundin niederkauernd
    »Noch« meinte sie erstaunt
    »Sage Egil dass ich ihm immer danken werde«
    Und Leonie deren Stimme unmerklich gezittert hatte erhob sich rasch Ihr
Mantel verschob sich dabei ein wenig und enthüllte eine Schnur mattschimmernder
Perlen die Sabine noch nie an ihrem Halse gesehen hatte
Aus allen Orten der Gegend waren Landleute und Sommergäste an jenem Abend nach
Urfeld geströmt Man erzählte sich Wunderdinge von all den Herrlichkeiten die
der goldne Stab des amerikanischen Hexenmeisters in das kleine weltverlorene
Nest gezaubert hatte Und der Gasthof war überfüllt von seinen Freunden die aus
München und Oberammergau aus Garmisch und Innsbruck seiner Einladung gefolgt
waren Der Wirt strahlte Die weiblichen Hotelgäste saßen schon seit Stunden
aufgeregt vor dem Spiegel und putzten sich
    Vor dem Landungssteg schaukelte die Segeljacht Machearts von
Blumengirlanden umkränzt bunt gewimpelt mit Hunderten vielfarbiger Lämpchen
bis in die Masten hinauf geschmückt zahllose große und kleine Boote schaukelten
um sie und ein Weg von lodernden Pechfackeln erleuchtet führte vom Eingang
des Gartens bis zu ihr Eine Via triumphalis war es durch die Leonie von
Macheart geleitet schritt auf ihren gelbseidnen Mantel den sie um den Körper
zog als wüsste sie von jeder Falte was sie betonen was verhüllen sollte
warfen die Flammen abwechselnd züngelnde rote Lichter und schwarze Schatten
Bewundernd und staunend hämisch und neidisch starrten ihr von rechts und links
Hunderte von Augen entgegen Macheart lächelte wie ein Sieger über seine Beute
    »Ob ich sie ihm doch wieder entreißen sollte mit dem einzigen Recht das
ich besitze dem der Freundschaft« dachte Konrad gequält
    Als sie das Schiff betraten krachten Raketen und prasselten Leuchtkugeln
gen Himmel der milde Glanz der Sterne erlosch vor all den glänzenden
künstlichen Feuern die Berge verhüllten ihr Antlitz vor dem Knallen der
Champagnerpfropfen verstummte das leise Geflüster der Wellen Die Natur schämte
sich
    Aus seidenen Kissen und seltenen Blumen hatte Macheart für Leonie einen
erhöhten Sitz errichten lassen auf dem sie mit erfrorenem Lächeln tronte
still und bleich eine Siegesbeute Ein wundervoller Teppich  Hunderte
lebendiger Alpenrosen in ein Netz geflochten  hing vom Schiff hinab in das
Wasser wie eine Krönungsschleppe
    Mit leisem Grüssen dorthin wo Konrad saß hob sie den gefüllten Becher Aber
er trank keinen Tropfen denn der Wein widerstand ihm Was er tun wollte musste
nüchtern getan werden ganz nüchtern
    Als die anderen alle in seligster Selbstvergessenheit nicht mehr wussten was
um sie her geschah und der stets gleich beherrschte Amerikaner das Umlegen der
Segel beaufsichtigte um den Landungssteg wieder zu erreichen Leonie aber müde
mit geschlossenen Lidern in ihren Kissen lehnte trat Konrad dicht an sie heran
und sagte
    »Gib ihm die Kette zurück an der er dich fortführen wollte Leonie mein
lieber Kamerad«
    Ein traurigzärtliches Lächeln umspielte ihre Lippen während sie
antwortete
    »Ich kann dein Kamerad nicht sein Konrad mein Geliebter Die dumme Liebe 
du weißt rächt sich ob meines Hohns Wohl bin ich nur ein armes Mädel  ein
Dienstmädchen war ich in deinem Dienst  kann den Körper geben für Perlen 
gleichgültig wie man einem Bettler eine Münze zuwirft Aber meine Liebe für 
Freundschaft für Barmherzigkeit am Ende gar  das  das kann ich nicht «
    Das Schiff stieß an den Steg der Anker rasselte Leonie stand den Kopf in
den Nacken geworfen neben dem Amerikaner mit der Miene der Herrin vom Platze
der Hausfrau Besitz ergreifend und reichte jedem der Gäste die Fingerspitzen
zum Abschied Keiner wagte ein Wort das die Grenze der Ehrerbietung
überschritten hätte
    Konrad allein verneigte sich tief und stumm ohne ihre Hand zu berühren
Gluteisse Nächte kamen Bleiern wolkenlos spannte sich der Himmel über dem
stillen See Die Büsche an der Chaussee waren grau vor Staub der Efeuturm und
die Bucht dahinter waren noch schwärzer als sonst
    Konrad hatte Sabine rückhaltlos keine Selbstanklage scheuend erzählt was
sich begeben hatte Sie hatte nur genickt »Egil wusste es« Und als der stille
Gast abends erschien hatte er ihm warm die Hand geschüttelt und gesagt
»Schicksal ist keine Schuld Lüge aus Mitleid aber eine unverzeihliche
Grausamkeit« Dann sprachen sie nicht mehr davon Konrad mied den Weg nach
Urfeld
    Er dachte an seine Abreise Nach Hochsess wollte er Ohne dass sie je ein
Verlangen nach seiner Gegenwart geäußert hätte fühlte er aus den Briefen der
Großmutter ihren andeutenden Bemerkungen über die Alterserscheinungen die sich
mehr und mehr bemerkbar machten dass sie wünschte ihn um sich zu haben Wenn er
trotzdem noch zögerte so geschahs weil der merkwürdig veränderte Zustand
Egils eine fast ganz begrabene Hoffnung wiedererweckte Seine Angstzustände die
bisweilen an den Beginn des Verfolgungswahnsinns erinnert hatten seine
verworrenen und von tiefer Verbitterung zeugenden Selbstgespräche die Konrad
hie und da vom Fenster aus belauschte waren gewichen und hatten einer stillen
selbstsicheren Ruhe Platz gemacht oft schien er sogar von starker
Siegeszuversicht erfüllt Nur dass er sich noch immer am Tage nicht zeigte und
aus lebhaftestem Gespräch plötzlich erschlafft in sich zusammenfiel bewies dass
er nicht völlig genesen war
    In einer jener Nächte die keinerlei Kühlung brachte ging Konrad zum
Strande hinunter um zu baden Als er mit ein paar kräftigen Stößen
hinausgeschwommen war bemerkte er einen nicht weit vor sich der dieselbe
Erfrischung suchte Er schwamm mit erstaunlicher Sicherheit und Gewandtheit so
dass Konrad es aufgab ihm zu folgen Plötzlich tauchte der Fremde unerwartet
dicht neben ihm auf
    »Egil« rief Konrad überrascht
    »Eine alte Wasserratte Auf einem Kutter bin ich zur Welt gekommen«
antwortete der lachend »Allnächtlich werfe ich mich wieder in die Arme meiner
ersten Liebe und lasse mir von alten Seegreisen Geschichten erzählen«
    »Weiß Sabine« frug Konrad als sie miteinander den Hügel aufwärts gingen
er dachte unwillkürlich dass sie sich sorgen müsse
    »Gewiss« sagte Egil und nach einer Weile wobei seine Stimme wieder den
Tonfall feierlicher Rede annahm »Das Wasser das mich geboren hat wird mich
erlösen«
    Eines Abends  schon fingen die ersten gelben Blätter an von den Bäumen zu
fliegen  trat der Gast früher als sonst auf die Terrasse um die nun keine
Rosen mehr blühten Ein feines Rot färbte seine eingefallenen Wangen und gab
seinem schmalen Antlitz etwas Knabenhaftes Freudig erregt kam Sabine ihm
entgegen und zärtlich und vorsichtig als wäre die zierliche Gestalt sehr
zerbrechlich legte er den Arm um sie »Ja du Beste Treuste« sagte er in
einfacher Herzlichkeit »nun wirst du mich bald  bald nicht mehr zu pflegen
brauchen«
    Sie hob die Arme um mit beiden Händen seinen Kopf umfassen zu können dabei
leise fragend »Aber immer lieben«
    »Immer« hörte ihn Konrad inbrünstig beteuern während er leise
davonschlich die beiden ihrem Glück überlassend
    Später als die Nacht sich tief herabgesenkt hatte und alle drei durch den
Garten gingen blieb Egil am Tor der alten Kapelle stehen »Meine Kirche« sagte
er andächtig und drückte die eiserne Klinke nieder Sie gab nach Sie drehte
sich als wäre sie immer benutzt gewesen lautlos in den Scharnieren Er trat
ein
    Sabine legte in plötzlicher Angst die Hand auf seinen Arm »Wenn sie über
dir zusammenstürzt«
    Mit einem großen fremden Blick sah er sie an »Baufälliges muss stürzen
damit Lebendiges wachse« sagte er und ging mit festen Schritten die in dem
leeren Raum dumpf widerhallten dem Altar zu Es raschelte und knarrte in dem
dunklen Gotteshaus Vor den Fensterhöhlen hing der Sternenhimmel wie ein
Vorhang
    Da erhob sich seine Glockenstimme vor der jeder andere Laut verstummte
    »Wahrlich ich sage euch die Zeit ist nicht mehr ferne da ihr weinen müsst
wenn die Grillen friedlich in euren Feldern zirpen von keines Feindes
eisengeschientem Fuße zertreten
    Ihr wollt den Frieden und sucht die Satteit Wehe wenn ihr sie finden
werdet
    Von der Seligkeit des Leids predige ich euch Vom Schmerz der großen ewig
fruchtbaren Mutter 
    Behaltet eure klingenden Rechenpfennige des Glücks ihr Armen
    Den verborgenen Schatz des Leids will ich heben
    Weihe deinen Sohn dem Kampf du Gebärende
    Und deinen Geliebten der blutigen Wahlstatt tanzendes Mädchen«
    Die Glockenstimme schwieg Eine andere stöhnende klanglose schien es zu
sein die fortfuhr
    »Ihr wartet dass ich euch das Ziel gebe für eure Güte und den Geist für euer
Streben  ihr wartet umsonst 
    Und dass ich euch den Gott offenbare den unbekannten Gott dem eure Altäre
schon rauchen« 
    Sabinens Hand krampfte sich in Konrads Arm Die Stimme die aus dem Dunkel
kam war kreischend geworden Etwas fiel polternd zu Boden  Konrad stürzte
nach vorn stolpernd und schwankend Sabine hinter ihm 
    »Ich kann es nicht  ich kann es nicht« schrie es gellend
    Egil lag lang ausgestreckt auf dem Boden Sie brachten ihn ins Haus
Tagelang verschloss er sich wieder in sein Zimmer Bis er eines Nachts wieder
heimlich aus dem Fenster kletterte Konrad hörte das Geräusch und schlich ihm
nach Egil aber wandte sich um und ging ihm entgegen
    »Gut dass Sie kommen es ist Zeit«  sein Gesicht das fahl und eingefallen
war wie ein Totenkopf verzerrte sich vor Entsetzen Mit den Händen an denen
die Adern wie Stricke schwollen wies er um sich »Sehen Sie  sehen Sie wie
sie mich verfolgen und verhöhnen« flüsterte er heiser »Buddha und Christus und
Mohammed Weil ich nichts  nichts weiß  was sie nicht schon gewusst haben  Und
dort  dort « er schlug stöhnend die Hände vor das Gesicht  »dort lauert das
ausgemergelte Heer der Hungernden dem ich  ich das Brot versprach«
    Ein Weinen wie das eines wimmernden Kindes erschütterte seinen Körper
    »Jörun Egil« sagte Konrad mitleidig und suchte ihn fortzuführen
    Das Weinen verstummte Die verzerrten Züge glätteten sich Er folgte ruhig
    Konrad aber fand von da an keinen Schlaf mehr
    Sabine die sich allmählich von dem Schrecken der nächtlichen Predigt zu
erholen begann wagte er von seinem Erlebnis nichts mitzuteilen um so weniger
als Egils Verhalten ihr gegenüber sie zu neuen frohen Hoffnungen berechtigte So
verurteilte er sich denn selbst zu der Rolle des geheimen Aufsehers Er ließ
Egil nicht aus den Augen er folgte ihm des Nachts ohne sich von seiner
scheinbaren Ruhe und Beherrschung täuschen oder von seinem Zorn einschüchtern zu
lassen Sabine vor dem schrecklichsten Erleben zu schützen sah er als die
Aufgabe an die er hier noch zu erfüllen hatte
    Es war ein milder Septembertag mit mattem Sonnenschein Silberne Nebel
wogten vom See herüber und legten sich bald fest wie ein Mantel um Häuser und
Bäume bald flatterten sie wie graue Fahnen von Dächern und Wipfeln Den
Kirchturm umschlangen sie besonders zärtlich oft schiens als leuchteten weiße
Arme unter ihrem zarten Gewebe hervor als zeigten sich winkende Hände
    »Die Schleier der Seejungfern« sagte Egil der schon am Nachmittag das
Zimmer verlassen hatte »immer wenn ich müde war umhüllten sie mich in keinem
Daunenbett schläft es sich besser« Und er sah mit großen offenen Augen in die
Ferne Freudestrahlend betrachtete ihn Sabine
    »Das Licht tut dir nicht mehr weh Jörun« frug sie zärtlich
    »Selbst blendende Helle kann ich vertragen« entgegnete er sie auf die
Stirne küssend »Ich hätte Lust mit Ihnen spazieren zu gehen« wandte er sich
an Konrad »wir kennen uns noch zu wenig«
    Und sie gingen im Walde einsame Wege auf deren weichem Boden der Ton des
Schrittes erstarb
    »Sie verfolgen mich Baron« begann Egil als sie außer Hörweite waren
»Warum«
    »Um Sie zu schützen«
    »Vor wem«
    »Vor sich selbst«
    Egil zuckte lächelnd die Achseln »Und wenn sie überzeugt werden könnten
statt eines guten Werkes ein böses zu tun« Seine großen glänzenden Augen
bohrten sich förmlich in seines Begleiters Antlitz
    »So würde ich es unterlassen« entgegnete Konrad fest
    »Kennen Sie die Legende von den beiden Propheten«
    Konrad schüttelte den Kopf Und der andere erzählte im Weitergehen wobei
seine Schritte den Rhythmus der Rede skandierten
    »Es lebten einmal zwei Weise im Morgenlande Sie kannten alle heiligen
Bücher und wussten um alle Geheimnisse Viel Volks folgte ihnen Offenbarung und
Wunder erwartend Und der eine trat auf den Felsen und predigte laut Da er aber
geendet hatte lachten die ihm zuhörten und schrien Er versprach uns
Enthüllung der Tiefen des Seins und redet wie andere Priester Sie zogen darauf
jenem nach der noch immer schwieg Denn sie lechzten sehr nach Erkenntnis Er
aber entwich hauste in Höhlen und kasteite sich Und viele die ihm
nachgegangen waren wurden irre an ihm und suchten wieder den anderen der
inzwischen die Künste der Magier und Taschenspieler gelernt hatte und der
wachsenden Menge seiner Jünger Kiesel gab für Edelsteine
    Nach den Tiefen des Seins grub indessen der Einsiedler mit blutigen Händen
Und er fand nichts als was er schon kannte Erde und Würmer Der Hoffenden vor
seiner Höhle wurden immer weniger Sie jammerten ihn denn ihr Leid war groß
Sollte er sie in Glaskugeln blicken lassen und ihre Sehnsucht betrügen mit eitel
Blendwerk  Danach als die Nacht kam wurde es sehr still in der Höhle und die
Wartenden hatten große Furcht Und eine aus ihrer Schar sah dass der Krug den
sie an den Eingang zu stellen pflegte  denn sie liebte den Heiligen sehr und
schleppte ihm Wasser und Brot zu durch die brennende Wüste  voll blieb und der
Korb unberührt Und sie trat mit ihrer Lampe tiefer in das Dunkel und fand dass
er dessen sie harrten gestorben war  «
    Sie schwiegen beide der Erzähler und der Zuhörende Bis Egil plötzlich
händeringend aufsprang und schrie »Und wenn ich alle  alle betrügen könnte 
sie nicht  sie nicht«
    »Sie sind noch jung« sagte Konrad gepresst »Sie haben noch Zeit noch Kraft
«
    »Nein nein« rief der andere »ich gehöre zu denen die alt geboren wurden
Und dann « seine Stimme sank zum Flüstern hinab und in seine Züge trat jener
Ausdruck halb Wildheit halb Blödsinn wie in der Nacht da er von seinen
Verfolgern sprach Er drängte sich dicht an Konrads Ohr »In die Wände des
Zimmers haben sie Löcher gebohrt und glotzen hindurch mit runden Glasaugen Auf
der Straße folgen sie mir und brüllen Betrüger Und aus dem See steigen die
Geister empor mit den Polypenarmen «
    »Jörun Egil« mahnte Konrad Der Phantasierende zuckte zusammen und kam
langsam wieder zu sich
    »Sie sind gut  ein Mensch  und stark« murmelte er Dann legte er ihm
schwer beide Hände auf die Schultern und sagte laut »Graben Sie nie  nie  als
bis zu den Wurzeln der Eintagspflanzen«
    Sie gingen den Weg zurück am Ufer in dichtem Nebel Da wo er zur Kapelle
umbog blieb Egil noch einmal stehen zog ein Etui aus der Tasche dem er eine
kleine Spritze entnahm und ein Fläschchen mit einer kristallhellen Flüssigkeit
»Kokain«  sagte er mit bitterem Lächeln »davon lebe ich Wie hätte ich sonst
die letzten Jahre ertragen können Der erste Tropfen davon ist Rausch  der
letzte Wahnsinn Wissen Sie nun dass Sie mich nicht mehr verfolgen dürfen«
    Statt aller Antwort umklammerte Konrads Rechte die seine Und so Hand in
Hand gingen sie bis nach Hause
    Am Morgen darauf war Egil verschwunden
    Eine alte Frau hatte ihn in der Nacht zum See hinuntergehen sehen und ein
Fischer der im Morgengrauen hinausgesegelt war hatte einen einsamen Schwimmer
verfolgt bis er versank Der See gab seine Leiche nicht zurück
    Als Konrad der die verzweifelnde Sabine nicht einen Augenblick verlassen
hatte in München von ihr Abschied nahm einen letzten langen sorgenden Blick
auf sie werfend sagte sie zum erstenmal den schmerzverzogenen Mund zu einem
Lächeln zwingend »Fürchten Sie nichts für mich lieber Freund Ich glaube an
das Geheimnis das er mit sich genommen hat Ich werde weiter den Menschen
dienen«
Unterwegs erreichte Konrad Hochsess die Nachricht der schweren Erkrankung der
Gräfin Savelli
 
                               Siebentes Kapitel
         Von Konrads Pilgerfahrt und den Wundern der heiligen Fiorenza
Ein feuchter kühler Vorfrühlingstag Auf der Chaussee von Hochsess nach
Ebermannstadt  der nächsten Eisenbahnstation  die über das kahle Hochplateau
hinüberführte standen kleine schmutzige Wasserlachen langsam fielen schwere
Tropfen von den spärlichen blätterlosen Bäumen am Wege in ihren Wipfeln saßen
die Krähen und kreischten Der Wind pfiff und fauchte hier oben ungefesselt über
den steinigen dürren Boden den nur eine dürre Grasnarbe überzog Das klägliche
Blöken der Schafe die die Öde ein wenig belebten klang dazwischen
    Aus den Dörfern liefen die Leute zusammen sie standen und warteten die
Frauen in Tücher gehüllt blass die Augen blau umrändert die Männer in dicken
Jacken in deren Taschen sie die roten Fäuste vergruben
    Märzkälte ist unbarmherziger als Dezemberfrost sie ist ein aszetischer
Mönch dessen Zerstörungswut keine Schönheit widersteht unter ihrer Berührung
wird alles hässlich
    Von fern her bimmelte ein Glöckchen ein zweites ein drittes antwortete Es
klang nicht wie sonst Glocken klingen jubelnd tröstend feierlich es klang
wie gleichgültiges Geschwätz
    »Sie kommen Sie kommen« rief ein pockennarbiger Bub und sprang vom
Apfelbaum im Wirtsgarten auf dem er gesessen hatte Der Strassenschmutz spritzte
hoch auf um ihn Und die Neugierde erhellte die missmutigen Gesichter Neugierde
 sonst nichts Die Gräfin Savelli in dem Sarge dort der sich in riesiger
Silhouette vom Grau der geraden Chaussee und des bleiernen Himmels näher und
näher kommend abhob war ja nur eine Fremde gewesen
    »Vor rund zwanzig Jahren kam sie her ich weiß es wie heute« sagte ein
alter Mann sich umständlich in sein großes rotes Sacktuch schnäuzend »schön
war sie und stolz wie eine Königin schöner als de Frau Baronin die schon
damals kein Pfund Fleisch mehr auf dem Körper hatte«
    »Grad hier an derselben Telegraphenstange stand ich« fiel die dicke Wirtin
ein »als der Herr Baron sie vom Bahnhof holte Mit vier Füchsen rot wie sein
Bart fuhr er und knallte mit der Peitsche dass mir vor Schreck der Korb aus den
Händen fiel und alle Äpfel ihm unter die Räder rollten«
    »Er hat sie dir wohl mit süßer Münze bezahlt  was« johlte ein junger
Bursche das eitel und vielsagend lächelnde Weib in die wulstig hängenden Wangen
kneifend
    Das Lachen der Umstehenden verstummte jäh Schwer schwankte der
Leichenwagen von sechs schwarz gedeckten Pferden gezogen vorüber Von Kränzen
war er umhängt die armen Blumen darin die wenn sie noch dem Erdreich
verbunden sind den Regen freudig aufblühend als sehnsüchtig erwartete Nahrung
empfanden aber unter seiner Berührung zum zweiten Male sterben sobald sie
gebrochen wurden hingen welkend die Köpfchen Ein zweiter Wagen folgte Sonst
nichts Irgendwo bimmelte ein Glöckchen  blechern und gefühllos
    »Ist auch der Mühe wert gewesen« brummte eins der Weiber die anderen
nickten zogen die Tücher fröstelnd enger um die Schultern und trotteten davon
Nur ein paar Kinder steckten noch eifrig tuschelnd die Köpfe zusammen
    »Habt ihrs gesehen« sagte der Große mit den Pockennarben grinsend »der
Satan selbst fuhr hinterdrein in der Kutsche« Die Kleinen sahen ängstlich
hinab wo die schwarzen Wagen Schritt vor Schritt sich weiter bewegten
    »Grasaff dummer« sagte ein Mädchen »der alte Giovanni wars mit dem
jungen gnädigen Herrn«
    »Ists etwa nicht der Gottseibeiuns der grausliche Welsche« meinte eine
andere und riss die Augen weit auf wie märchentrunken »Von wo käms denn
sonsten das schrecklich viele Geld auf Hochsess Die Grete die Magd vom Schloss
hat dem Vater erzählt in Tonnen hätts der Alte aus dem Keller hinaufgetragen
als die Frau Gräfin gestorben ist und die Baronessen seien kalkweiss geworden
vor Schrecken«
    »Der Kaufpreis ists für Herrn Konrads Seele « lachte dröhnend der
Pockennarbige  er war ein Aufgeklärter und glaubte schon längst nichts mehr
Die Kinder stoben auseinander
    Ein Mädchen mit flachsblondem Kraushaar und Augen blassblau wie das
Stückchen Himmel das eben mit zögerndem Lächeln zwischen den sich ballenden
Wolken hervorsah blieb allein zurück Sie war eine Katolische und ein lediges
Kind obendrein und die anderen Dorfbuben und mädchen die Standesunterschiede
strenger aufrecht erhalten als Schlossherren und Damen stießen sie stets
beiseite Mit zuckenden Lippen blickte sie noch einmal den Wagen nach die fern
wie schwarze Punkte im Nebel schwankten »Wie der Erzengel Michael schaut er
aus« flüsterte sie und presste die verfrorenen Finger aufeinander »Heilige
Mutter Gottes rette seine arme Seele«
Durch die Nacht ratterte der Zug An schlafenden Dörfern die in den Armen ihrer
Felder und Wiesen friedlich ruhten an Städten mit zahllosen immer noch
wachenden weiß rot und gelb glänzenden Fensteraugen sauste er vorbei Mit
triumphierendem Fauchen  denn er das hässliche Ungeheuer hat sie alle
bezwungen die starren Felsen die schimmernden Gletscher die träumenden Täler
die drohenden Schlünde  kroch er durch die Berge schwang er sich über die vom
schmelzenden Alpenschnee gelb schäumenden Wasser Seine Räder aber sangen als
ob die grässlich gigantische Schlange eine Seele habe
    »Wir tragen die Toten zu Grabe  zu Grabe« klang es Stunden um Stunden
unablässig in Konrads Ohren
    Ob das Pärchen nebenan das sein junges Liebesglück unter Italiens Himmel
führte dasselbe hörte oder ob sein kosendes Gezwitscher die Trauerhymne
übertönte die der Gräfin Savelli kalten Körper in die Heimat geleitete
    Konrad lag lang ausgestreckt auf dem schmalen Bett des Schlafwagens das
Fenster weit offen In schwarzen Schatten schmalen gestreckten und wuchtigen
breiten flog die Landschaft draußen an seinen müden Augen vorüber nur der
Himmel stand still und die Sterne sahen in ruhigem Ernst auf das hastende Leben
tief unten
    Langsam stieg der Zug zur Höhe des Passes empor die Maschinen stöhnten die
Räder vergaßen ihr Lied vor Anstrengung heulten sie
    Konrad richtete sich auf ein Frostschauer ließ ihn zusammenfahren er sah
hinaus Um dunkle Berggipfel die sich immer dichter und drohender
zusammenschoben strichen Wolken wie tanzende Gigantengespenster
    »Das steigt und steigt in der Hoffnung droben der Sonne näher zu sein«
dachte er »und ist die Höhe erreicht so hat sie nichts als Eis und
Einsamkeit«
    Der Zug hielt Er musste Atem schöpfen Dichte Schneeflocken umtanzten ihn
Wer von den Reisenden sie gesehen haben mochte sank sicherlich rasch in die
Kissen zurück sich nur noch fester in die Decken wickelnd Konrad allein stieg
aus Wie wundervoll still es war So weich und sanft so lind und liebevoll sank
der Schnee als breitete über ihr schlummerndes Kind die Hand einer Mutter die
Daunendecke aus Ein wildes Schluchzen jäh und ursprünglich dass der Wille es
niederzuzwingen zu spät kam drang aus Konrads Kehle Eine Mutter Er hatte
niemand  niemand mehr 
    Er sah sie in Gedanken vor sich die mit ihm fuhren Die jungen verliebten
Hochzeiter das alte Ehepaar mit dem zufriedenen Lächeln derer die einen
sorgenlosen Lebensabend erreichten die beiden im Überschwang des Daseinsgefühls
strahlenden Freunde  sie waren alle zu zweien Freude und Sehnsucht glänzte auf
allen Gesichtern Ströme von Lebensfülle schien dies ferne Land an sich zu
ziehen das einmal im Leben gesehen zu haben jedes Deutschen Sehnsucht war Nur
er war allein nur ihm schlug das Herz in der Brust wie eine aufgezogene
Maschine nur er geleitete eine Tote
    Eine Hand berührte seinen Arm Giovannis faltiges Antlitz tauchte neben ihm
auf
    »Rasch Herr Baron wir fahren weiter  Und jetzt  jetzt geht es hinab«
Ein gurgelnder Ton wie von erstickten Tränen klang in der alten Stimme Konrad
sah ihn an ehe er in den Wagen sprang das Leuchten heller Verklärung lag über
dem gelben Gesicht und gab den Augen den Glanz der Jugend wieder »Unten blühen
die Mandelbäume«
    Seltsam wie jetzt das Lied der Räder anders tönte »Unten blühen  die
Mandelbäume« wiederholten sie Und es war wie ein Tanz in die Täler hinab
    Konrad schlief ein rosenrote Blüten sah er vom Himmel gaukeln sie mischten
sich leise unter die Winterflocken sie wurden dichter immer dichter sie
verdrängten den Schnee sie hüllten die ganze Erde in ein Festkleid von Seide
    Und weiter und weiter ging die rasende Fahrt Schon wurden die Linien der
Berge starrer feierlicher wie von eines klassischen Künstlers Hand gezogen
die romantische Zerklüftung wich und mit ihr die Lieblichkeit der Dörfer im Tal
Es waren nicht die roten Giebeldächer mehr die zwischen Obstbäumen und
Fliederbüschen behaglich hervorlugen grau wie gewachsene Felsen drängten sich
die Häuser eng zusammen jeder Ort eine Burg Breiter wurde das Tal In
schweren gelben Fluten rauschte die Etsch bergab Die Berge die finster
drohenden treuen Wächter am Zaubergarten Europens traten zurück Der blaue
Himmel umschlang zärtlich die grüne Ebene Wie sie sich dehnte und reckte wie
sie siegreich die letzten Hügel zur Seite drängte  ein einziges
hoffnungsstarkes Sehnen Soweit das Auge reichte saftige Wiesen von niedrigen
Weiden und Maulbeerbäumen gleichmäßig durchzogen die Ranken sprossenden Weins
in anmutigem Schwung miteinander verknüpften dazwischen kleine Gärtchen um
kleine Häuser voll blauleuchtender Schwertlilien und Alleen königlich stolzer
Pappeln
    Konrad riss Fenster und Türe auf Fuhr er wirklich mit einer Toten
    »Ich werde dich nach Hause führen« hatte sie wieder und wieder gesagt laut
und angstvoll leise und hoffnungsfroh während das Fieber ihre Sinne verwirrte
und ihr Körper leidenschaftlich an das Leben sich klammernd mit dem letzten
Überwinder rang Sie hatte gelacht triumphierend wie eine siegende Amazone
gelacht haben mochte als sie ihn in die Flucht geschlagen zu haben glaubte und
die Krankheit wich Doch heimtückisch war er durch Hintertüren wieder
eingeschlichen hatte sich einen eisigen sturmdurchtobten Winter und einen
grauen nassen Frühling zu Helfern geholt und die stolze Frau da er sie in
offener Schlacht nicht hatte treffen können wie ein Meuchelmörder rücklings
überwältigt
    »Ich werde dich  nach Hause führen« waren ihre letzten Worte gewesen Und
führte sie ihn nicht heute War sie nicht neben ihm und in ihm Oder war es nur
das mütterliche Blut das in ihm aufrauschte und in seinen Ohren brauste und
sang Ihm war als spränge plötzlich ein Eisenband über seiner Brust das er
von Geburt an daran gewöhnt niemals gespürt hatte
    »Verona « der Zug hielt ein kleiner öder Bahnhof die Stadt sehr fern in
blendendes Licht getaucht hinter ihr ein gestreckter Hügel und aufsteigend an
ihm in geraden schwarzen Strichen zwei Reihen dunkler Zypressen Führten sie
vielleicht zu Julias sagenumwobenem Sarkophage Oder liegt sie tief und heimlich
im Arm des Todes wie einst an der Brust des Geliebten
    Wie hatte doch einmal jener berühmte Berliner Kritiker doziert als sie nach
einer Vorstellung von Shakespeares Liebesdrama im Kaffeehaus saßen und Konrad
seinem Ärger über den Darsteller Romeos der die klingenden Verse des Dichters
heruntergeschwatzt hatte als gelte es in einem parfümierten Salon von Berlin W
geistreiche Konversation zu machen Ausdruck gab
    »Mit solch einer Gestalt kann ein moderner Mensch überhaupt nichts mehr
anfangen Mutet uns nicht die ganze Geschichte an als ob man Erwachsenen ein
Weihnachtsmärchen vorspielen wollte Die Zeit dürfte nicht mehr fern sein wo
ein moderner Mensch für die Sentimentalitäten der Liebe nur noch ein Lächeln
übrig hat wo man sich des sogenannten Bedürfnisses nach ihr entledigt wie
anderer animalischer Funktionen und mit ruhiger Bewussteit Kinder zeugt auf
Grund wissenschaftlicher Untersuchungen und Prognosen«
    Niemand widersprach ihm damals wenn er sich zu so einer langen Rede
herbeiliess galt was er sagte wie ein Orakelspruch Dunkle Schamröte stieg
Konrad in Erinnerung daran in die Stirne  denn auch er hatte geschwiegen
    Wie weit lag sie hinter ihm die entgötterte Welt
    Die Sonne stand jetzt im Zenit In breiten silbernen Wassern spiegelte sie
ihr glühendes Angesicht Es war als verlange sie sehnsüchtig danach in der
geheimnisvoll stillen Tiefe zu versinken Schwere dunkle Mauermassen stiegen
aus ihnen empor Mit vergitterten Fenstern  geschlossenen Pforten Graue
Paläste die Steine wie von harten Fäusten grimmig aufeinandergefügt Mantua
    Verse Virgils  längst vergessene Verse  zogen im gleichmäßigen Takt des
Hexameters durch Konrads Erinnern Unter dem hellen Licht das draußen von
Himmel und Erde strahlte sanken die Lider ihm tiefer über die Augen
    Er sah Isabella dEste die göttliche Ob sie hinter den verschwiegenen
Mauern dort in einer heimlichen heißen Stunde nicht doch dem Allbesieger
Cesare zu eigen geworden war Gehörten sie nicht zusammen dieses Weib und
dieser Mann Wog eine Stunde überströmender Lust die ihnen gemeinsam gehörte
nicht die kärglichen Freuden eines ganzen Lebens auf Durch die geschlossenen
Lider meinte er an ihren weißen Händen die grünen Smaragde wie Schlangenaugen
leuchten zu sehen
    Feucht und heiß strich die Luft der Muränen um seine Stirne Tief in ihrem
Moorgrund stand die Totenurne Livias der großen Hetäre unter den Küssen ihres
Geliebten war sie gestorben in ihr Todesröcheln hatten sich die Seufzer
beseligter Liebe gemischt
    Konrad hörte das Rattern der Räder nicht mehr Schwer lag die Hitze auf
seinen Gliedern und lullte ihn ein Auch seine Träume waren schwer  er hörte
die Tote mit harten Knöcheln an den Sargdeckel stoßen In einen Schrein aus Glas
bei offenen Fenstern hätte man sie betten sollen denn ihre Augen ihre großen
Augen suchten sehnsüchtig das Licht
    Und dann saßen sie plötzlich neben ihm  alle drei Else hauchdünn und
zerbrechlich den ganzen Arm voll weißer Puppen mit goldenen Krönchen im
Flachshaar  Renetta im Ballkleid die weiße Seidentaille voll schmutziger
Fingerspuren Leonie als wäre sie eben aus dem Bade gestiegen das Wasser hing
noch in silbernen Perlen an ihrem schwarzen Trikot Was wollten die Er war ja
fort  weit fort  mit einer Toten 
    Ein tiefer Seufzer der Befreiung hob seine Brust Er erwachte »Bologna«
klang es kreischend von draußen an sein Ohr und hin und her eilende Schritte
und Gelächter und Geschrei Er sah auf wie fröhlich bewegt hier die Menge war
Auf einem deutschen Bahnhof setzte jeder eine geschäftsmässigtrübselige Miene
auf
    »Chianti Herr Baron« In der einen Hand das volle Glas in der anderen die
strohumsponnene Flasche stand Giovanni vor ihm Seine Augen blickten verklärt
seine zusammengeschrumpfte Gestalt schien sich mit jeder Station mehr gereckt zu
haben Jedem Vorüberhastenden warf er ein paar Worte zu und lächelte entzückt
wenn er als Antwort immer wieder die gleichen Laute der eigenen geliebten
Sprache vernahm
    In langen Zügen trank Konrad den roten Wein Hatte er nicht einmal jedwedem
Alkohol abschwören wollen  aus sozialen Gründen des guten Beispiels wegen Wie
unlebendig wie nicht zu ihm gehörig erschien das alles  Staub der alle
bunten Erdenfarben verhüllend auf Blättern und Blüten lag und den der
hervorbrechende Sturzbach des Lebens hinwegspülte Er hob das Glas Die Menschen
auf dem Bahnhof lachten ihm zu »Eviva Bologna la grassa« rief ein alter
Packträger lustig
    Bologna Hatten sie nicht hier König Enzio den jungen bis an sein Ende
fast drei Jahrzehnte lang gefangen gehalten Ein prunkender Palast dessen hohe
Säle von seinen Liedern widerhallten war sein Kerker gewesen die rosigen Arme
die blauschwarzen Haare Lucia Viadagolas seine Ketten Und hatte nicht hier
Novella dAndrea die Rechte gelehrt deren Schüler in Liebeswahnsinn rasten
wenn sie nur einmal den Schleier von den brennenden Augen hob
    Konrad strich sich über die Stirne er geleitete eine Tote und Bilder
heißen Lebens verfolgten ihn Die Luft schien erfüllt von jenem Frühlingszauber
dem sich alles Lebende unterwirft jeder Strahl der Sonne ein Pfeil des
allbeherrschenden Gottes
    Giovanni stand auf dem Gang vor dem Koupé seines Herrn Er riss unermüdlich
die Fenster hinauf und herab je nachdem der Zug im Dunkel der Tunnel verschwand
oder wieder emportauchte Von einer einzigen Farbe goldigen Grüns überzogen
leuchteten die Berge sie waren vor kurzem kahl gewesen wie Greisenhäupter
jetzt sprossten sie von jungen Eichen stolz der gesicherten mit festen Wurzeln
in ihrem üppigen Schoße ruhenden Zukunft Aufblitzend wie Traumbilder zwischen
den Tunneln öffneten sich tiefe Täler schwangen sich in kühnem Bogen hohe
Viadukte über brausenden Bergbächen Weiße Häuser graue Wehrgänge um alte
Schlösser eng wie Lämmer einer Herde zusammengeschmiegte Hütten tauchten
minutenlang auf und verschwanden wieder
    Giovanni kannte jeden Weg jeden Ort er erzählte und merkte kaum wie die
Menge der Zuhörer um ihn her wuchs
    Dort hatte die blasse Lina des Lehrers Tochter ihm selber den Wein
geschenkt für sein Spiel mit den Glaskugeln dort hatte die stolze Marquesa ihm
einen Sack voller Silberstücke zugeworfen als er den schwindelnden Weg um die
alte Schlossmauer in langen Sätzen zurückgelegt hatte dort dicht unter dem
Holunderstrauch gab ihm die braune Loretta den ersten Kuss für den kecken Tanz
durch die Messer O er war ein schmucker schlanker Bursche gewesen Es gab
eine Zeit da schlief er teine Nacht in dem gelben Wagen da betteten ihn
zärtliche Hände auf weiches Moos unter Rosenhecken und Glyzinenlauben auf
buntgewürfeltes Bettuch und auf spitzenübersäte Daunenkissen 
    Hier verstummte er jäh  in Träume versunken Plötzlich belebten sich seine
Züge wieder sein Auge unruhig flackernd haftete an einem fernen weißen Punkt
Er unklammerte Konrads Arm mit den harten Knochenfingern
    »Dort « kam es aus seiner Kehle »dort stürzte ich zum erstenmal  Der
Gendarm der Schurke hatte mein Weib um die Hüften gefasst« Und dicht an
Konrads Ohr »Mein linker Arm zerbrach  mit der rechten Hand sprang ich ihm an
die Kehle dass das Blut ihm aus Mund und Nase troff und die Augen ihm aus den
Höhlen traten «
    Der nächste Tunnel verdunkelte wieder das ferne Bild scheu und erschreckt
waren die Passagiere wieder zu ihren Sitzen zurückgegangen
    Konrad streichelte des Alten eingesunkene Wange »Wann war das Giovanni«
frug er leise
    »Wann Wann « Er richtete sich straff auf ein irres Lächeln um die
schmalen blutleeren Lippen »Vor hundert Jahren vielleicht Sie haben mich ja zu
schwerem Kerker verurteilt Sitzen wir nicht beide drinnen  du und ich«
    Lange blieb es stumm zwischen ihnen Der Alte schien zu schlummern
Plötzlich fuhr er empor  der Zug hatte sich wieder tief in die Berge gebohrt
    »Bambino mio« rief er »nun werden wir sie wiedersehen   sie« Und er riss
im ersten Strahl neuen Lichts das Fenster hinunter
    »Santa Fiorenze« schrie er auf und sank in die Knie
    Hoch oben hielt der Zug er schien zu zögern als habe auch er ein sehendes
Auge ein pochendes Herz denn unten im Tal vom nahenden Abend in feine
violette Schleier gehüllt lag sie die Unsterbliche die ewig Sieghafte Die
Hügel wölbten sich den Linien ihres Körpers folgend weich um sie ein Band von
Gold umschmeichelte sie der Fluss und anbetende Ritter knieten die Berge vor
ihrer lächelnden Schöne
    Kein Wort mehr fiel zwischen den beiden Reisenden Sie waren nicht Herr und
nicht Diener Nur zwei betende Pilger an der Schwelle des Heiligtums
Wenn Konrad in späteren Jahren an seine Ankunft und die ersten Stunden seines
Aufenthalts in Florenz zurückdachte so war ihm als erinnere er sich nur
einzelner Bilder eines Traums deren Zusammenhänge seinem Gedächtnis vollkommen
entschwunden waren er sah wie die schwarzvermummten Gestalten der Brüder von
der Misericordia  deren Köpfe unter spitzen Kapuzen deren Gesichter unter
seidenen Masken verschwanden  den schweren geschnitzten Sarg davontrugen er
fühlte wie er mit geschlossenen Augen in der Ecke des Wagens saß so
überwältigt von der Empfindung in Florenz der Stadt seiner Ahnen seiner
Kindheitsträume seiner tiefen ihrer selbst fast unbewussten Sehnsucht zu sein
dass er ausserstande war in diesem Augenblick ihr lebendiges Bild in sich
aufzunehmen Und dann war ihm gewesen als schliefe er ein kleiner Knabe noch
im Arm der Mutter und hörte ihre Stimme die längst verklungene leise leise
singen
Fata la nanna chè possa dormire
Il letto gli sia fatto di viole
Ce lenzuola di quel panno fine
A la coltrice di penne di pavone
Bis ihn eine Empfindung halb Wonne halb Entsetzen emporgerissen hatte denn
greifbar deutlich klang es ihm jetzt ins Ohr
Fata la nanna chè possa dormire 
In einer schmalen Straße fuhren sie düstere Paläste fassten sie zu beiden Seiten
ein geschlossene Fenster starrten wie tote Augen Und plötzlich stand hinter
einer sehr hohen Mauer drohend wie die Lanze eines Riesen eine einsame
Zypresse vor dem dämmernden Abendhimmel Die Mauer aber wuchs der Garten
dahinter sandte nur wenige blütenlose Zweige über ihre schwarze Wand in die
gähnende Tiefe der Straße
    Und dann wo sie am engsten war hatte der Wagen mit einem harten Ruck
stille gestanden Zu mächtigem Bauwerk schichteten sich gewaltige rau behauene
Steine ein düsterer Torweg öffnete sich dazwischen wie ein Höllenrachen und
ganz oben über dem finsteren KondottieriAntlitz des Hauses ragte das schwarze
Dach wie ein Eisenhelm
    Über einen Hof war er gekommen mit gedrungenen Säulen unter gewölbtem
Kreuzgang und finsteren Schatten die wie Klageweiber in den Winkeln hockten 
durch Flure  hoch wie Kamine  in ein Zimmer das vier Lampen nicht zu erhellen
vermochten
    »Das Zimmer der Gräfin Lavinia Savelli « hatte irgendeiner gesagt Seiner
Mutter Zimmer Weiße und rote Fliesen deckten den Boden schwarz zogen sich an
der Decke die Balken hin unter dem gewaltigen Kamin kauerten Karyatiden Er
kannte alles  er musste es schon einmal gesehen haben Auch den Blick aus den
Fenstern mit der verwitterten Sandsteinfigur  ein Erzengel oder ein Kriegsgott
 auf der Mauer drüben die aus der Tiefe der Straße stieg dem verwilderten
Garten den Dächern ferner Häuser dahinter und dem Hügel dessen Umriss im
dunklen Blau des Himmels verschwamm kannte er
    Aber wo waren nur die Gobelins an den Wänden mit Andromedas Geschichte die
sich durch der Mutter Mädchenträume gezogen hatte mit dem rotblonden Befreier
Perseus der seines Vaters Züge trug 
    Er hörte noch den Widerhall der Schritte in vielen matterleuchteten leeren
Räumen durch die man ihn geführt hatte und sah den Saal mit dem verschlissenen
roten Damast an den Wänden den Öldruckbildern über seinen Löchern und den
dünnbeinigen Goldstühlchen vor den Kaminen die das Spielzeug mit höhnisch
aufgerissenen Mäulern zu verschlingen drohten 
In Marmorsäulen spiegelte sich das rote Licht von hundert gelben Kerzen durch
Weihrauchnebel blinkte in der Nische des hohen Chors das aus Tausenden bunter
Steine zusammengesetzte Bild des Gottessohnes wie lauter Regenbogen leuchtete
durch Fenster aus orientalischem Alabaster die Morgensonne auf den dunklen Sarg
um den in weißen Gewändern viele kniende Nonnen beteten
    Sie hatten Psalmen gesungen mit hellen Knabenstimmen wie Hymnen Apolls Und
die Priester hatten gesprochen wie Seher in fremden Zungen deren Tonfall nur 
ein Rauschen und Raunen aus der Tiefe  ins Ohr drang Und in das dunkle Gewölbe
der Krypta war der Sarg verschwunden zwischen den zierlichen Säulen die einst
der Demeter Tempeldach getragen hatten In stillem Gebet waren sie alle in die
Knie gesunken  alle die der Gräfin Savelli das letzte Ehrengeleit gegeben
hatten Männer mit Gesichtern wie aus altem Elfenbein geschnitzt Frauen deren
matte Haut die Sonne Italiens durchglutete Über Jahrzehnte des Fernseins und
des Vergessens spannten sich zwischen ihnen und der Toten die uralt heiligen
Bande des Bluts
    Und als der Enkel der große blonde der ihre Augen hatte allein
versteint die Stufen zum Schiff der Kirche aus deren geschlossenen Pforten die
Nacht noch nicht gewichen war wieder aufwärts stieg folgten sie dem
Voranschreitenden eine Geleitschaft in das Leben
    San Miniato al Montes Bronzetüren  aus dem Heiligtum Jupiters an das
sonnengeweihte Heiligtum Christi versetzt  sprangen auf
    Und von da an wachte Konrad Hochsess
    Als wolle sie triumphierend von allem Lebendigen wieder Besitz ergreifen
strömte die Sonne in die Finsternis und gebadet in ihrem Licht lachte die
selige Stadt zu denen empor die ihrem Schoße die Tochter zurückgegeben hatten
    Konrad stand wie betäubt bis eine Stimme in den Lauten der eigenen Sprache
 aber mit dem weichen Akzent des Italienischen  zu ihm sagte
    »Ihr Mutterland«
    Norina Kamaldoli war es die mit ihm redete
Graf Savelli der Neffe der Begrabenen der nach dem Tode ihres ohne männliche
Nachkommen verstorbenen Gemahls den alten Palazzo in der Via del Bardi
übernommen hatte und mit seinen Kindern dem Grafen Karlo  Leutnant im
Regiment Torino  und seiner verwitweten Tochter der Marchesa Norina Kamaldoli
bewohnte stellte den deutschen Vetter den Verwandten vor Seinem Vater waren
sie soweit sie ihn persönlich gekannt hatten nicht freundlich gewesen Er war
ein Fremder ein Protestant Mehr noch als dass Lavinia die Seine geworden war
hatte es sie gewurmt dass ihm der Reichtum der Gräfin Savelli den diese ihrem
Gatten als Kontessa Buondelmonte mit in die Ehe gebracht hatte zufiel Aber
Konrad war ein anderer Konrad war ihres Bluts und seine schlanke Schönheit
seine tief gebräunte Haut seine dunklen Augen zeugten davon und erinnerten in
nichts an den deutschen bauernhaft derben Ritter als der ihnen sein Vater
erschienen war
    Die Buondelmonti waren besonders zahlreich erschienen Viel Blondheit war
unter ihnen viele ein wenig wässerige blaue Augen Der jetzige Senior der
Familie hatte eine Amerikanerin geheiratet die ihre Verwandten um sich hatte
ein zierliches Mädchen unter ihnen das Konrad mit kühlen sehr neugierigen
Augen fast zudringlich musterte während Karlo Savelli sich lebhaft bemühte
ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken
    Als Konrad allen die Hand geschüttelt mit allen ein paar Worte gewechselt
hatte  »wahrhaftig Sie beschämen uns durch Ihr vollendetes Italienisch wir
lernen leider nur wenig fremde Sprachen«  sagte ihm dabei jemand und er hatte
lächelnd erwidert »Sie vergessen dass es meine Muttersprache ist«  führte ihm
Norina Kamaldoli einen kleinen alten Mann in schäbigem Rock und altmodischem
Zylinder zu den die anderen ängstlich zu meiden schienen
    »Der Marquis Ritorni hat Ihre Mutter gekannt« sagte Norina
    »Ich habe sie sehr geliebt« flüsterte er mit zitternder Stimme Konrad eine
welke Hand reichend »Sie haben ihre Augen« Und ohne eine Antwort abzuwarten
trippelte er eilig fast ängstlich davon
    Auf der Heimfahrt sagte der alte Graf vorwurfsvoll zu seiner Tochter »Wie
konntest du Ritornis Taktlosigkeit unter uns überhaupt zu erscheinen auch noch
unterstützen«
    »Ists eine Schande dass er arm ist« entgegnete sie nicht ohne Schärfe
    »Aber « fiel der Bruder ein
    »Ich weiß« unterbrach sie ihn »was du sagen willst er wurde es durch
eigene Schuld hat sein eigenes Vermögen und das anderer verspielt und
vertrunken Ist er der die Folgen seiner eigenen Taten zu tragen hat nicht
bemitleidenswerter als einer der sich als unschuldiges Opfer gebärden kann«
    »Ich werde ihn besuchen« sagte Konrad rasch Norinas blasse schmale Wangen
überzogen sich mit einem feinen Rot
    »Das wird kaum angehen« meinte der alte Graf »Ich will nicht davon
sprechen ob er Ihnen noch einen Stuhl würde anbieten können  seit Jahren
versucht er vergebens seinen Palazzo zu verkaufen man wird heute nur durch
alte Villen reich um so mehr als sie natürlich alle Mediceervillen sind 
aber seine Häuslichkeit ist doch  nun sagen wir milde etwas merkwürdig«
    »Ich glaube man spricht in Deutschland offen von diesen Dingen Papa«
sagte Norina lebhaft sich dann an Konrad wendend »Ritorni lebt mit der Frau
die als er jung war seinen Ruin herbeiführen half Er ist ihr und sie ihm treu
geblieben«
    Der Wagen hielt Im Aussteigen sagte Konrad zu Norina »Ihre Mitteilung hat
meinen Vorsatz nur bestärkt« Sie stand jetzt neben ihm so groß wie er sie
konnte ihm ohne den Blick zu heben gerade in die Augen sehen und tat es mit
einer offenen Wärme die sich sonst so tief hinter dem Ausdruck hochmütig
abweisender Kälte verbarg dass ihr Vorhandensein bezweifelt werden konnte
    Sie gingen über den Hof der selbst unter dem blauen Mittagshimmel dämmerig
war Konrad fuhr streichelnd über die kühle glatte Fläche einer der Säulen
»Wie schön sie ist«
    »Nicht wahr« lächelte Norina »und mit mütterlicher Kraft und Güte trägt
sie was ihr auferlegt wurde«
    Sie ging weiter die Steintreppe mit den niedrigen breiten Stufen hinauf
Hut und Mantel hatte sie abgenommen das Licht spielte in blauen Reflexen auf
ihrem schwarzen Haar das schlicht gescheitelt das schmale Oval ihres Gesichts
umgab und sich hinten über dem sehr weißen vielleicht ein wenig allzu langen
Hals in einen schweren Knoten schlang Das lange schwarze Kleid hatte sie etwas
gehoben mit hoher Biegung des Spanns traten die schlanken Füße darunter hervor
Ihr im Steigen geneigter Oberkörper gab eine so weiche Linie wie sie nur dann
möglich ist wenn er nie eines künstlichen Halts bedurfte Konrad sah das alles
nicht Sein Auge hing mit einem erkennenden Staunen an ihrem Antlitz der
ungewöhnlich hohen Stirn den fein gezogenen Augenbrauen der kleinen Nase die
vielleicht etwas zu breit dem vollen Munde der vielleicht etwas zu groß war
Das kannte er doch alles Das hatte er gesehen Und mehr als das erlebt
empfunden Er verfiel wieder in den dumpfen Traum des ersten Tages
    Da hörte er einen Schrei  und gleich danach einen zweiten Giovanni der
eben zur Türe am Ende der Treppe herausgetreten war lag zu Füßen Norinas den
Saum ihres Kleides an die Lippen pressend
    »Monna Lavinia« rief er »Monna Lavinia« einmal und noch einmal die ganze
Skala menschlicher Empfindung lag in seinem Schrei Entsetzen und
Glückseligkeit Hingebung und Leidenschaft
    Norina hatte im ersten Schreck beide Hände an das Herz gepresst
    »Mein alter Diener« rief er ihr zu  er entsann sich dunkel gestern am
Abend der Ankunft jenem seltsam verworrenen unwirklichen Abend von ihm
erzählt zu haben  »Ihr wisst«
    Und sie beugte sich barmherzig über den Knienden und sagte »Steht auf
Giovanni Ich bins Norina Kamaldoli  die Richte Eurer toten Herrin«
    Er erhob sich mühsam dicke Tränen rollten durch die Furchen seiner Wangen
»So gütig war auch Monna Lavinia zu mir armen alten Narren« murmelte er der
schönen Frau nachstarrend wie sie ihm noch einmal freundlich zunickend hinter
der Türe verschwand
    Gebeugter als sonst mit ganz vergrämten Zügen erschien er am Abend bei
seinem Herrn Stumm und seufzend schlich er zwischen den Koffern und dem Schrank
 einem nussbaumartig polierten Möbel mit Muschelaufsatz das verloren an einer
Wand des riesigen Raumes stand  hin und her um Konrads Abendkleidung zurecht
zu legen
    »Fehlt dir etwas« frug ihn dieser Er schüttelte den Kopf Erst nach einer
Weile während er den Ärmel Konrads gedankenverloren stets an derselben Stelle
bürstete fand er die Sprache wieder
    »Die Pferde vor dem Wagen der uns holte« begann er stockend »gehören dem
 Droschkenkutscher nebenan Und der Portier mit dem weißen Bart hat  im
Souterrain des Palazzos seine  Schusterwerkstatt«
    Konrad legte dem Alten die Hand auf die Schulter »Wir werden davon  nichts
bemerken Giovanni« sagte er eindringlich Der sah auf seine kleinen Äuglein
sprühten förmlich »In Goldbrokat sollte Monna Lavinia gehen und unter einem
Tronhimmel aus blauer Seide sitzen« rief er pathetisch
    Auf der Suche nach dem roten Salon den Karlo Savelli die »Hall« zu nennen
pflegte verirrte sich Konrad in den vielen Gängen und Zimmern zwischen auf und
nieder führenden Treppchen und Stufen
    Als vor Jahrzehnten die Uferstrassen am Arno geschaffen wurden büsste der
Palast um an seiner Rückseite der Via Torrigiani Platz zu machen einen guten
Teil seines Umfangs ein und es entstanden seltsame Winkel und Kammern in seinem
Innern An einer davon deren Türe offen stand kam Konrad vorbei Sie war
dreieckig zwei ihrer Wände waren mit farbenleuchtenden Fresken bemalt von
deren Gestalten man freilich nur die untere Hälfte sah denn eine neue Decke war
quer durch den Raum hindurchgeführt so dass den Menschen Köpfe und Oberkörper
den Pferden die Hälse den Bäumen die Kronen fehlten Durch den üppigen Leib
eines liegenden Weibes war ein Fenster gebrochen in den Brüsten nackter Nymphen
staken eiserne Riegel mit alten Kleidungsstücken daran auf schmaler
Feldbettstelle aber lag der alte Graf Savelli und schlief Ein dickes altes
Weib goss frisches Wasser in den kleinen Blechnapf auf dem Waschständer
    Konrad eilte vorüber Im Salon den er endlich erreichte erwarteten ihn die
Geschwister Sie schienen eine Auseinandersetzung gehabt zu haben denn Norina
war still und blass Karlo dagegen sehr rot und von forcierter Lustigkeit
    »Übrigens traf ich Vanrosendahls beim Tee« sagte er »sie baten darum ob
du und Papa sie morgen nachmittag empfangen wollt was ich natürlich ohne
weiteres zusagte«
    »Natürlich« wiederholte Norina hochmütig »Wie alles für uns natürlich sein
muss was diese hergelaufene Gesellschaft wünscht Vanrosendahl Wie das klingt
Der Vater den sie dunkel halten hieß sicher Rosental und stammt aus
Galizien«
    Konrad suchte einzulenken denn er sah dass der kleine lebhafte Graf sich
nur mühsam beherrschte
    »Nach dem Wenigen was ich durch die Großmutter weiß« sagte er »hat
Florenz den Engländern und Amerikanern einiges zu verdanken «
    »Eine Gräfin Savelli« entgegnete sie rasch »sollte das behauptet haben
Ich glaube Sie wollen nur meinen Bruder schützen Oder halten Sie es für
dankenswert dass jedes Stubenmädchen ein paar Brocken englisch lernt dass jede
Osteria sich in einen Tearoom zu verwandeln droht dass ein Künstler von der
Würde und Tiefe wie Fra Angelico in der ganzen Welt mit der fürchterlichen
Bezeichnung süß abgestempelt wird weil er auch ein paar goldhaarige
Engelsköpfchen malte dass Botticellis tragische Madonnen mit dem
sentimentalverlogenen Ausdruck der Schönen eines BurneJones auf Broschen und
Gürtelschnallen prangen dass die Stätten wo ein Palla Strozzi ein Magnifico
ein Boccaccio lebten  um aus der Masse nur diese wenigen herauszuheben 
Italien von ihnen gestohlen wurden «
    »Aber Norina« fuhr der Bruder auf Ihre Brust hob und senkte sich in
stürmischen Atemzügen und sie fuhr fort im Saale den ihre Stimme ganz
erfüllte hin und her gehend
    »Meinst du es heißt weniger stehlen wenn man einem Lande seine Heiligtümer
mit Goldstücken abschachert Und die ehrwürdigen Denkmale unserer heroischen
Vergangenheit  die nicht die der Mediceer sondern die der Ritter vor ihnen
gewesen ist  die Ruinen auf den Felsen und Bergen die Zyklopen errichteten
aus dem Instinkt von Schönheit und Größe heraus bauen sie mit Hilfe ihrer
gelehrten Architekten  armseliger Grundrissschnüffler  zu leeren
Teaterdekorationen wieder auf sie mit alten Geräten füllend denen sie bis in
die Häuser der Bauern nachgehen und die für sie nichts sind als Schaustücke
ihrer Eitelkeit für jene aber heilige Erinnerungen an die Väter«
    Konrad lauschte entzückt dem Patos ihrer Rede konnte sich aber der
kritischen Einwendungen nicht erwehren »Sie vergessen Frau Marchesa« sagte
er »dass Italien sich die Heiligtümer entreißen ließ«
    »O ich weiß ich weiß« rief sie vor ihm stehen bleibend »Wir waren wie
die Kinder die sich reich sich glücklich fühlen und nicht wissen warum Wenn
jene erwachsenen Fremden wirklich das Große und Schöne das wir besaßen
erkannten  in Ehrfurcht erkannten nicht in Habsucht  weshalb kamen sie
nicht wie viele Deutsche es taten und wurden die Erzieher dieser Kinder«
    Wieder stand sie vor ihm mit dem wundervoll belebten Antlitz aus dem die
ganze Heftigkeit der Antwort heischenden Frage sprach
    »Vielleicht ist die Ursache ihrer Weltmacht ihrer brutalen Vergewaltigung
anderer Völker« antwortete er nachdenklich »gerade in dem zu suchen was ich
mit Ihnen auf das Tiefste verabscheue dem Mangel an Ehrfurcht«
    Besuche kamen das Gespräch unterbrechend Auch der alte Graf erschien
wieder Der rote Salon füllte sich bis in all seine Winkel Die lebhafteste
Unterhaltung kam rasch in Gang Konrad der nur zerstreut zuhörte und sich nur
aus Höflichkeit daran beteiligte zog unwillkürlich Vergleiche mit den
Hochsesser Nachbarschaftsvisiten Hier wie dort dieselbe Klatschsucht dieselbe
Oberflächlichkeit nur dass man daheim die Blössen der Bildung als Mangel empfand
und zu verbergen suchte während man sie hier mit naiver Selbstverständlichkeit
zur Schau trug ja sich beinahe ihrer freute
    »Gott wir haben es doch nicht nötig das zu wissen wir wohnen ja in
Florenz« sagte eine braunäugige graziöse Schöne als er nach dem Erbauer eines
Palastes frug der ihm auf der Fahrt aufgefallen war
    Um Norinas Lippen zuckte jener hochmütige Spott der sie sichtlich außerhalb
der Intimität der andern stehen ließ Konrad aber sagte mehr zu ihr als zu
jener gewandt »Sie haben so unrecht nicht Wer die Kultur einer großen
Vergangenheit in sich aufnahm hat sicherlich mehr getan als wer nur die Namen
ihrer Träger behielt«
    Norina lachte mit unbeherrschtem Hohn »Sie sind allzu liebenswürdig oder 
allzu gut erzogen Baron« sagte sie »kulturelle Traditionen sind noch keine
Kultur sie befähigen nur dazu Kultur in sich aufzunehmen«
    Früchte und Wein Eis und Kuchen wurden gereicht Der alte Giovanni der um
den Dienst wie um eine große Gunst gebeten hatte trug mit einer gewissen
Feierlichkeit die silbernen Tablette mit dem Wappen der Savelli
    Es bildeten sich immer kleinere Gruppen Man flüsterte und kokettierte Die
sprechenden Augen die nicht imstande zu sein schienen etwas anderes
auszudrücken als alle Grade der Leidenschaft vom ersten Entflammtsein bis zum
letzten Verzichten erhoben das Liebesspiel aus dem kühlen Bereich bloßen
Flirts und die Grazie die es umgab gab ihm seltene Schönheit
    Nur Norina blieb abseits von allem »Wie kommt es dass Sie so anders sind«
frug Konrad mit einem bewundernden Blick auf ihre königliche Erscheinung den
sie ruhig annahm weil er von jeder Schmeichelei fernblieb
    »Meine Mutter starb früh« sagte sie einfach »ich hatte eine deutsche
Erzieherin die vieles das in uns allen verborgen liegt aufschloss wohl auch
die tiefere Empfänglichkeit für den Schmerz«
    »Vergiss nicht« fiel der Bruder lachend ein der mit hellem Ohr zugehört
hatte  er schien überhaupt den deutschen Vetter und seine Schwester aufmerksam
im Auge zu behalten  »Vittorio Tenda den Jugendfreund der ein Raffael werden
wollte und jetzt vielleicht in Chicago Wände streicht«
    Sie warf ihm einen finsteren Blick zu
    Als die Gäste gegangen waren bat Konrad ihn am nächsten Tag entschuldigen
zu wollen »Ich muss anfangen mir mein Mutterland zu erobern« erklärte er mit
einem warmen Blick auf Norina
    »Meine Tochter wird Ihnen eine glänzende Führerin sein« meinte der alte
Graf freundlich
    »Ich bedaure« sagte sie in einem so schroffen Ton dass Konrad die Absicht
ihn verletzen zu wollen herauszuhören meinte und erstaunt in ihrem Gesicht nach
der Ursache zu forschen suchte Aber sie hielt den Kopf hartnäckig gesenkt
    Sein Stolz empörte sich »Auch ich ziehe es vor eine solch intime
Bekanntschaft ohne Zeugen zu machen« kam es sehr kühl von seinen Lippen
    Graf Karlo begleitete ihn bis zu seinem Zimmer Erst als sie miteinander vor
der Türe standen sagte er mit einer Verlegenheit die seinen leeren Zügen einen
fast kindlichen Ausdruck verlieh »Würden Sie mir den Gefallen tun nachmittags
wenn die Vanrosendahls kommen hier zu sein Sie sehen meine Schwester ist
unzugänglich wenn sie nicht will Und Miss Maud ist so sehr gebildet Sie
könnten mir beistehen nicht wahr«
    Konrad drückte ihm die Hand »Aber mit Vergnügen lieber Vetter«
    Norina stand noch lange mit fest aufeinandergepressten Lippen an ihrem
Fenster sie lehnte die Stirne an die kühlen Scheiben und schaute mit starren
Augen hinüber auf den schwarzen Fluss mit der blinkenden Lichterreihe die sich
in ihm spiegelte
    Dass Giovanni vorbeischlich merkte sie nicht Leise und eintönig vor sich
hinmurmelnd schlug er dreimal das Kreuz über ihrer Türe Dann kauerte er sich
nieder und küsste inbrünstig ihre Schwelle wie der fromme Beter die Reliquie des
Heiligen
Wenn die Sonne sich aus dem Morgenbade des Adriatischen Meers erhoben hat dann
steigt sie ein jugendfrischer Wanderer über die kahlen Bergkuppen der
Apenninen und lässt ihre breiten Strahlen selig ob des lustigen Spiels um die
hohen ernsten Tannenwipfel des Prato magno tanzen und zaubert mit ihrem Licht
seine grauen Buchenstämme zu schimmernden Marmorsäulen Dann aber sieht sie
erstaunt ihr Götterantlitz aus der Tiefe des Tals sich entgegenlächeln und
nicht müde die eigene Schönheit stets aufs neue zu bewundern folgt sie von
oben freudig den hundert und aberhundert Krümmungen und Windungen des
smaragdgrünen Wasserspiegels den ihr der Arno die holde Freundin grüßend
entgegenhält
    Und plötzlich treffen neugierige nach neuen Spielen suchende Strahlen eine
gewaltige Kuppel unter ihr rauscht es von Orgelklang Hier gibts keinen
neckischen Tanz wie um zitternde Zweige  ehrfürchtig streichen die Abgesandten
der Sonne an ihr entlang und hüllen den marmorweissen Leib von Santa Maria del
Fiore in ein Gewand gesponnenen Goldes
    Doch von drüben lockt der Glockenturm mit seinen vielen steingehauenen
Menschenbildern die fröhlichen Strahlen und der andere hoch über dem Wehrgang
mit seinem roten rostigen Kupferhelm Es ist als ob die Sonne jauchzte über
jeden neuen Fund und weiter und weiter suchend vordringt
    Die Sonne ist gut Sie küsst nicht nur Berggipfel Baumwipfel und
Kirchentürme die sich ihr stolz und fordernd und sehnsüchtig entgegenheben sie
streichelt auch mitleidig die ihrer ragenden Häupter durch Feuer und
Feindesgeschosse beraubten Trutztürme der Paläste ja sie wirbt schmeichelnd um
die sich grimmig von ihr abwendenden schwarzbraunen Dächer der Häuser und wirft
Bündel um Bündel flüssigen Silbers auf die breiten Steinfliesen der Plätze auf
das graue Pflaster der Gassen
    Sie liebt diese Stadt mit der fordernden Liebe der Geliebten mit der
hingebungsvollen Treue der Mutter
    Und die Stadt weiht sich ihr zum Altar von dem statt des Geruchs brennender
Opfertiere die berauschenden Düfte blühender Rosen gen Himmel steigen
    Konrad hatte im ersten Dämmer des Morgens von San Miniato aus wo er sich
dem Traume hingab dass die hier Schlummernde erwacht sei und neben ihm stünde
das Kommen der Sonne erwartet Nun stieg er die breite Treppe zwischen hohen
Zypressen und blühenden Lilien hinab und ging ziellos durch die erwachende
Stadt bei jedem Schritt mehr überwältigt von der vergangenheitgesättigten
Gegenwart
    Es waren ja nicht nur berühmte Namen wie sie das Reisehandbuch dem
bildungssüchtigen Europäer vermittelt die vor ihm auftauchten es war nicht nur
eine Epoche der Weltgeschichte deren überquellender Reichtum an Form und
Gestalt ihm vor Augen trat  es war die Lebendigkeit fortwirkender Kultur
deren er sich immer deutlicher bewusst wurde
    Gab es überhaupt Tote in Florenz
    Der Atem dieser Stadt ist der Atem unsterblichen ewig wirkenden Geistes
Was wäre unsere ganze Kultur ohne sie
    Häuser und Straßen und Plätze vergegenwärtigten ihm immer lebendiger ihre
großen Söhne Es hätte ihn nicht überrascht dem leidverwüsteten Antlitz
Michelangelos dem ganz zu Geist gewordenen Leonardos plötzlich
gegenüberzustehen dem scharfen Profile Dantes dem Spöttergesicht Boccaccios
dem lockenumwallten Haupte Picos der in ihrer Hässlichkeit prachtvoll schönen
Erscheinung des Magnifico zu begegnen Der Kunst der Wissenschaft dem Staat
hatten sie ihr Leben geweiht aber war es nicht doch die Einheitlichkeit einer
umfassenden Idee gewesen die ihren Werken Gestalt und Dauer verlieh wuchsen
sie nicht aus einem gemeinsamen Boden zu einem Himmel empor
    Er war noch in Grübelei über die Antwort auf diese Frage versunken als er
sich einem freien Platze näherte Das Denkmal Dantes das ihm entgegensah  mit
all jener frostigen Teatralik die ein Kennzeichen der modernen italienischen
Plastik ist  hätte ihn fast scheu zurückgetrieben wenn eine altertümliche
Kirche dahinter ihn nicht wieder gefesselt hätte
    »Santa Croce« sagte ihm jemand auf seine Frage Er trat ein Und
unwillkürlich legten sich seine Hände ineinander Ganz still und menschenleer
war es Achteckige Pfeiler in ihrer Gestalt so kraftvoll ernst als wüssten sie
um ihre Bestimmung tragen den Dachstuhl der die schlichte Schönheit seines
Gebälks unverhüllt zeigen darf durch die hohen bunten Glasfenster des Chors
strömt gedämpftes Licht und umgibt das kühle Grau des Steins das Braun der
Balken mit milder Wärme während es zugleich aus den tiefen Kapellen ein leises
Leben lockt Die Gestalten an ihren Wänden erwachen Aber sie sehen nicht hinab
zu den Menschen als bedürften sie ihrer Denn sie sind weitab von der Welt
    Da tront in einfacher Majestät der Sultan das Antlitz voll ernster Trauer
seinen weissgewandeten Priestern zugekehrt die nicht wagen wollen was der Mann
in der schlichten Kutte des Franziskanermönchs tut ohne die Patetik des
Heldentums durch die Flamme zu schreiten Und dort weinen die Brüder am
Totenbette ihres Heiligen  in Leid und Liebe aber ohne die Geste der
Verzweiflung denn ihnen ist offenbar was die Ungläubigen erst von der großen
Lehrmeisterin der Zeit lernen werden dass der heilige Franziskus lebt ob er
gleich gestorben ist
    Auf der anderen Seite erwartet des Täufers Mutter still ergeben in ihr
gottgewolltes Frauenlos gestreckt auf weißen Linnen ruhend die Geburt
Johannis und Frauen den Körper in faltige Gewänder keusch verhüllt tragen das
schicksalgezeichnete Kindlein dem priesterlichen Segen zu Am Pfeiler aber steht
Ludwig der heilige König mit frommem in sich gekehrtem Blick über die Last
der Aufgabe sinnend die ihm Gott der Herr mit der Krone auf das Haupt gedrückt
hat
    Das ist weder entfesselte Leidenschaft noch künstliche Bändigung
    Das ist nur die große Ruhe des Frommseins
    Konrad wandte sich wieder dem Ausgang zu Und nun erst sah er die Denkmäler
und Grabstätten an den Wänden der Seitenschiffe Michelangelo und Macchiavelli
Marsupino Aretino und Dante  ein Dach überschattet sie deren Denken und Tun
so weit auseinanderging eine Mauer umspannt sie die selbst Welten umfassten
    Frommsein
    War das die innere Einheit aus die ihrer aller Stärke wuchs Nicht Hingabe
an eine Idee sondern Unterwerfung unter einen Glauben den christlichen
    »Nein« sagte Konrad laut als ob er vor ihnen allen sein Ketzertum bekennen
müsse
    Zu den Höhen der alten Etruskerstadt Faesulae zog es ihn hinauf als ob er
da oben das Licht suchen müsse Verschlungene Wege ging er zwischen Mauern
durch graue Olivenhaine an geheimnisvoll lockenden grün übersponnenen Toren
vorüber während da und dort der Blick sich öffnete ein Bauernhaus mit
gewölbter Loggia eine Villa mit eckigem Turm erschien
    Wie schmiegten sich daheim Dörfer und Gehöfte demütig zu Füßen der Hügel
der Felsen der Bäume noch überdies unter spitzgiebelige Dächer versteckt 
hier stand das Haus des Ärmsten aus starken Mauern von gewachsenem Stein stolz
auf der Höhe ein Herr ein Herrscher
    Widersprach nicht die Lehre dieses Wegs unter freiem Himmel der Lehre aus
der dämmernden Halle von Santa Croce  vom heiligen Kreuz
    Den steilsten Weg aufwärts wo zuletzt zwischen den dunklen Stämmen einer
Allee von Zypressen das weite Tal lächelnd hindurchschaut erreichte Konrad die
Höhe von Fiesole und sah die Stadt wieder vor sich für die jeder Hügel
ringsum als Ausblick zu ihr geschaffen schien Sie schwamm in einem Meere
blendenden Lichts
    Die Sonne umschlang sie ganz und versteckte ihre heiße Umarmung unter
Silberschleiern
Es war spät am Nachmittag als Konrad die enge Via Kalzaioli durchschreitend
heimwärts ging Da tönte ihm aus der Nebenstrasse von der Piazza Vittorio
Emanuele aus Lärm und Geschrei entgegen »A basso il tedeschi« gröhlte eine
sich überschlagende Knabenstimme von Jubel umtost Überrascht trat er näher
»Studenten« sagte auf seinen fragenden Blick einer der Umstehenden den die
improvisierte Strassenversammlung belustigte wie irgendein anderer Spektakel Auf
einer kleinen Holztribüne tobte ein sehr blasses tiefbrünettes Kerlchen mit
lebhaften Gebärden seine stürmische Leidenschaft aus Er sprach pathetisch von
den »geknechteten Brüdern« im Alpenland von den »unerlösten Kindern der
heiligen Mutter Italien  Trient und Triest« Konrad lachte unwillkürlich hell
auf so wenig wussten diese Studenten von der historischen Vergangenheit Böse
Blicke trafen ihn ein feindseliges Gemurmel entstand ein leerer Raum bildete
sich um ihn her Betroffen von dem Unerwarteten verletzt durch ein Geschehen
das das Große das er eben innerlich erlebte zu verwischen drohte wandte er
sich langsam zum Gehen
    Als Konrad sich dem Palazzo Savelli wieder näherte hielt ein Auto vor der
Türe So waren die amerikanischen Gäste die ganz Italien darin »abmachten«
schon da
    Ungerufen erschien Giovanni sobald er in sein Zimmer trat »Die Frau
Marchesa hat heute geweint« sagte er in vorwurfsvollem Ton
    »Bin ich daran schuld« frug Konrad sich zu einem gleichgültigen Lächeln
zwingend während er fühlte wie nahe Norinas Leid ihm ging
    »Ja« entgegnete Giovanni mit einem fast feindseligen Blick auf ihn »Der
Herr Graf tobte weil die Frau Marchesa den Herrn Baron abgewiesen hat« Und nun
fiel es wie ein Schleier über des Alten Züge während er kopfschüttelnd vor sich
hinmurmelte »Was konnte mein Bambino von Monna Lavinia haben wollen«
    Konrad stieg das Blut siedend heiß ins Gesicht war das der Grund ihrer
schroffen Abwehr gestern abend dass man sie zwingen wollte  entgegenkommend zu
sein Zu Giovanni sagte er erregt »Du hast gehorcht  ich verbiete es dir«
    Der Alte zuckte zusammen Dann schob er mit der Linken den Ärmel von seinem
rechten fleischlosen Arm weit zurück viele breite Narben zogen sich über die
braune Haut »Aus diesen Wunden blutete ich für Monna Lavinia« flüsterte er
»und Blut  Blut bindet ewig«
    »Monna Lavinia starb Giovanni« suchte Konrad den Verwirrten mit
liebevoller Stimme aus dem Traum zu erwecken Der aber warf kopfschüttelnd einen
verständnislosen Blick auf ihn
    »Bambino mio« sagte er dann die Hände flehend zu ihm erhoben »hilf du
dass sie nicht mehr weint Ich  ich habe « und er zog mit verlegenem Lächeln
ein abgegriffenes Büchlein aus der Tasche das er zärtlich streichelte  »für
mein Begräbnis mit vielen Priestern und Chorknaben und Gesang allerlei
zusammengespart in den langen Jahren  Ihr seid auf Hochsess immer sehr gut sehr
gnädig gewesen zu dem alten Giovanni  Die Frau Marchesa « gequält von der
eigenen Verwirrung sah er auf  »ist zu stolz  sie nähme es nicht von mir Nur
dass sie dem Schurken dem Battisto die  die goldene Schlange mit den roten
Augen wieder fortnimmt« Der Alte schlug die Hände vor das Gesicht und
schluchzte
    »Das Armband Was ists damit« forschte Konrad
    »Er zeigts in der Osteria drüben  der Hund  er prahlt damit «
    Entsetzt umklammerte Konrad des Alten Arm »Sprich weiter  sprich« rief
er während ein grässlicher Verdacht ihn zittern machte Die kleinen Augen des
Alten leuchteten triumphierend auf »Mit dieser Faust hab ich ihm das Maul
gestopft« sagte er und fügte den gebrechlichen Körper aufrichtend und das
Gesicht in wildem Hass verzogen fast kreischend hinzu »Kalt gemacht hätt ich
ihn wenn er noch ein einziges Wort gesagt hätte«
    Konrad verstummte Er wollte nichts mehr hören  nichts Mit seinen eigenen
Augen musste er sich überzeugen
    Als er dem roten Saale näher kam tönte ihm das laute Geschwätz der
Amerikaner schon entgegen Miss Maud hob die goldene Lorgnette an ihre hellen
blauen Augen als er eintrat Er verbeugte sich steif Norina saß sehr gerade
auf einem der kleinen dünnbeinigen Stühlchen die so gar nicht für ihre stolze
Größe passten Man fühlte förmlich die Distanz die sie zwischen sich und ihren
Gästen aufrecht erhielt Die kleine Amerikanerin streckte ihm die Hand entgegen
und begann mit ihrer hellen modulationslosen Stimme erregt auf ihn einzureden
Sie wollte wissen ob er auch im Bargello die »entzückenden« Putten Donatellos
gesehen habe und im Palazzo Pitti das furchtbar interessante Bildnis Luigi
Kornaros dann frug sie ihn unvermittelt ob es wahr wäre dass er eine wirkliche
alte deutsche Ritterburg besäße und riss die runden Augen vor Entzücken über
seine bejahende Antwort noch weiter auf
    Konrad bemerkte wie Karlo Savelli unruhig wurde Ach so  er hatte völlig
vergessen dass er dem Vetter seine Hilfe versprochen hatte
    »Kann man Ihre Burg besichtigen« forschte Miss Maud rot vor Eifer
    »Sie ist für Fremde nicht zugänglich« antwortete er schroff sich im
stillen über den Grad der Unhöflichkeit wundernd den er sich abgenötigt hatte
Karlos dankbarer Blick traf ihn zugleich mit einem Aufleuchten aus Norinas
dunklen Augen Er zwang sich dazu es nicht zu bemerken
    Die Amerikaner rüsteten zum Aufbruch
    »Sie haben mir versprochen Graf Savelli uns Ihren Palazzo zu zeigen«
erklärte Miss Maud
    »Es ist wenig an ihm zu sehen« sagte Norina sich erhebend
    »Und wohl auch schon zu dunkel« fügte Konrad rasch hinzu der ihre
Empfindung verstand
    »Oh ich habe gute Augen« meinte die Amerikanerin »und « dabei traf ein
langer koketter Blick den jungen Grafen dem die Freude darüber das Antlitz
dunkler färbte  »ich liebe es so sehr mit meiner Phantasie so wundervolle
Räume einzurichten«
    Schon öffnete Karlo Savelli die Türe
    »Du gestattest wohl dass ich euch hier zurückerwarte« sagte Norina kalt
und zu Konrad gewendet mit sprechender Bitte in den Augen »Sie wissen ja auch
Bescheid «
    In diesem Augenblick erschien Battisto Sein Mund war geschwollen Er räumte
Teller und Gläser fort Norina würdigte ihn keines Blicks Eine Empfindung
tiefster Beschämung ergriff Konrad Wie hatte er sie auch nur mit einem leisen
Gedanken verdächtigen können 
    Die Amerikanerin war wie ein Wirbelwind Sie öffnete eigenmächtig alle
Türen Wohltätiges Dämmerlicht verhüllte was des Verhüllens wert war und ließ
die Räume selbst nur noch gewaltiger erscheinen so dass Miss Maud ihr
zwitscherndes »Wundervoll« nicht oft genug wiederholen konnte Mrs
Vanrosendahl äußerte sich kaum nur einmal sagte sie zu Konrad »Mit einigen
tausend Dollars ließe sich hier eine fürstliche Umgebung schaffen«
    Ihre Tochter durchstöberte indessen alle Winkel Ehe Graf Savelli hindernd
dazwischenspringen konnte hatte sie eine weitere Tür aufgerissen Helles Licht
strömte in den Flur
    »Meiner Schwester Zimmer« sagte der Graf in sichtlicher Verlegenheit
    Konrad hätte sich am liebsten rücksichtslos den Eingang wehrend in den
Rahmen der Tür gestellt Aber schon tönte ihm Miss Mauds »Ah« und »Oh« entgegen
Er war genötigt so sehr er sich davor scheute sich umzusehen
    Es war kein Zimmer Es war ein Atelier Kopien alter Meister hingen an den
hellen Wänden stets dasselbe Motiv in seinen hundert Variationen  die Madonna
mit dem Kinde  wiederholend Skizzen italienischer Landschaften mit einem Mut
zur Farbe gemalt wie er Frauen sonst zu fehlen pflegt lagen auf schweren
alten Renaissancetischen oder lehnten in den verblichenen Seidenbezügen hoher
in ihrem Holz vom Alter schwarz gewordener Stühle Was aber dem Raum seinen
eigentlichen Charakter verlieh ihn wie einen Märchengarten erscheinen ließ den
zu betreten nur Berufenen erlaubt sein dürfte  Konrad empfand sein Hiersein
wie eine Entweihung und das der Amerikaner fast wie ein Sakrileg  das war die
Fülle der Blumen Aus hohen Vasen und breiten Tontöpfen wuchsen sie empor von
Konsolen und Regalen rankten sie sich hinunter mit ihren Düften und ihren
Farben die ganze Luft erfüllend
    Selbst das schwatzhafte Mädchen fand minutenlang keine Worte bis sie dicht
ans Fenster vor die Staffelei trat die eben erst verlassen zu sein schien
    »Sieh nur Mutter sieh« schrie sie auf »das ist ja fast derselbe Stoff
den wir heute morgen im Palazzo Strozzi gekauft haben«
    Konrad sah wie Savelli erblasste und die Zähne in die Unterlippe grub Er
trat näher wie Mondlicht schimmernde Seide war über die Leisten gespannt und
Blumen voll farbenglühenden Lebens hatte der Pinsel eines großen Künstlers
darauf geworfen Konrad erschrak war aber rasch wieder Herr seiner selbst
    Er lächelte die beiden Damen an und sagte »So wissen Sie noch nicht dass
die Florentiner Modedamen soweit sie nur den Pinsel führen können es als eine
Eitelkeitspflicht betrachten sich die Stoffe ihrer Soireetoiletten selbst zu
malen Man versteckt dabei sorgfältig das gewählte Muster vor den Augen der
Freundinnen um vor jeder Kopie sicher zu sein«
    »Oh ich verstehe ich verstehe« rief Miss Maud in die Hände klatschend
»das muss ich auch lernen  gleich  Graf Savelli Sie werden mir die Adresse
eines Lehrers verschaffen  heute noch«
    Mit einem erlösten Aufatmen versprach er es
    »Aber Sie müssen eine Bedingung stellen lieber Vetter« wandte sich Konrad
scheinbar scherzend an ihn »dass die Damen von ihrem heimlichen Einbruch in das
Atelier der Frau Marchesa nichts verraten Sie würde sicher untröstlich sein«
    Miss Mauds Gesicht überzog ein tiefes Rot und mit dem Ausdruck eines
gescholtenen Kindes das in seiner Natürlichkeit viele seiner Taktlosigkeiten
vergessen ließ schnitt sie des Grafen Antwort ab indem sie hastig
hervorsprudelte »Ich wollte Sie gerade um dasselbe bitten Es ist meine Schuld
durchaus meine Schuld wenn wir hier eindrangen Die Frau Marchesa würde mich
erführe sie es noch weniger leiden können und das wäre mir sehr sehr
unangenehm«
    Konrad empfand wie ein Gefühl von Freude sein Herz erwärmte so hatte er
Norina doch ein wenig schützen können
    Am nächsten Tage kaufte er was an gemalter Seide noch zu haben war  er
erkannte auf den ersten Blick Norinas Kunst  und betrachtete dabei mit einer
Empfindung die zwischen Trauer und Staunen hin und her schwankte die
wundervollen Säle des Palazzo Strozzi Ein Schloss für ein Geschlecht geborener
Herrscher die den Raum verschwenden durften wie die Wälder der Apenninen deren
Stämme einst in diesen Kaminen glühten um ihre Füße zu wärmen Und jetzt
Angefüllt mit kostbarem Hausrat der Väter aus allen Adelspalästen Italiens
zusammengetragen und für fremde Emporkömmlinge zum Kauf gestellt
    »Mögen sie es eintauschen für blanke Münzen« dachte er von einem
vorübergehenden Gefühl müder Ergebung in das Unvermeidliche beherrscht »mögen
sie Niemals werden sie besitzen was sich nur besitzen lässt wenn es mit der
Erinnerung der Generationen verwuchs«
    Kurze Zeit später sah er die goldene Schlange mit den roten Augen wieder am
Arme Norinas
    Er hatte tagelang vermieden sie allein zu sehen zuweilen wenn er früh
fortging und abends wiederkam sah er sie überhaupt nicht Auch sie ging ihm
sichtlich aus dem Wege und immer wieder vor allem dann wenn der alte Graf
besonders freundlich war hatte sie Momente einer fast abstossenden Kälte In ihm
aber wuchs ein Gefühl wie er es in seiner Zwiespältigkeit selbst nicht
verstand sie erschien ihm fremd und fern  ganz fern und doch so vertraut als
wäre ihre stolze Seele ein Gefäß von Kristall und ihr zu dienen hatte er das
Bedürfnis so wie der Ritter in Kampf und Turnier die Farben seiner Dame trägt
die jeder unedle Gedanke jede feige Tat beschmutzen als wären sie seine Ehre
dabei wurde sein Wunsch immer stärker so dass er die Gewalt imperatorischen
Willens annahm ihr ein Beschützer zu sein eine Mauer um sie zu bauen wie der
Rosenzüchter um seinen Garten und allem zu wehren das ihr Schaden zu tun
vermöchte Sie identifizierte sich ihm täglich mehr mit der Stadt um die er auf
allen seinen Wegen warb nicht um sie in ihrer Körperlichkeit zu besitzen 
welch wahnwitzig törichter Gedanke  sondern um sie in sich aufzunehmen eins
zu werden mit ihrem Geiste  einem Geiste der ihm mehr und mehr der des Lebens
zu sein schien das er auch in den Zeiten tiefster Verirrung nie aufgehört hatte
zu suchen
    Eines Abends  sie waren seit langem zum erstenmal allein miteinander
Norinas Vater allmählich zu den alten Gewohnheiten zurückkehrend die er des
Gastes wegen geglaubt hatte aufgeben zu müssen war in seinem Klub Karlo
begleitete die Amerikaner auf einer Autofahrt  begann er von seiner »Eroberung
von Florenz« wie er es lächelnd bezeichnete zu erzählen Sie hörte aufmerksam
zu in den schön gebauten schlanken Händen die ihr Wesen konzentriert zum
Ausdruck brachten  seinen Stolz und seine Vornehmheit seine Zartheit und
seine Kraft  eine jener kunstvoll feinen Spitzenarbeiten die heute fast nur
noch aus den schwindsüchtigen Fingern unglücklicher Heimarbeiterinnen
hervorgehen
    »Wie schön es ist« dachte er sich mit dem Gefühl einer Stille die Körper
und Seele umgab in den Stuhl zurücklehnend »vor einer Frau zu sitzen die
zuhört während ihre weißen Hände sich rhytmisch bewegen«
    Als er vom Suchen des Lebens ein flüchtiges Wort fallen ließ sank ihr die
Arbeit in den Schoss und sie sah nachdenklich auf
    »Wenn ich glauben werde dass ich zu leben gelernt habe werde ich zu sterben
gelernt haben erklärte Leonardo einmal« sagte sie langsam »In diesem Suchen
besteht wohl das Leben und nur wer nicht sucht lebt nicht«
    Dann zog sie wieder die dünne Nadel durch die Fäden und schwieg Auch er
verstummte »Neben Norina zu verstummen ist ein Genuss« ging es ihm durch den
Sinn »Schweigen wirkt nicht wie lähmender Druck sondern wie inneres weit
intimeres Weiterreden«
    »Waren Sie schon in der Mediceerkapelle« frug sie
    Peinlich berührt sah er auf das klang ja doch wie  Konversation
    »Wiederholt« entgegnete er »aber auch dort fühle ich nur Rätsel Tag und
Nacht Abend und Morgen welch triviale Bezeichnungen für Sphinxe«
    »Also auch Sie empfinden sie als solche« meinte sie erfreut und fügte ein
wenig zögernd mit einem leise aufsteigenden Rot in den Wangen hinzu »Sie
lehren vieles vom Leben wie ja auch die Sphinx der griechischen Sage das Rätsel
des Lebens lösen wollte Ich möchte falls es Ihnen recht ist einmal mit Ihnen
hingehen«
    Mit einer Freude die zu zeigen er sich nicht scheute nahm er ihren
Vorschlag an und freier rückhaltloser als wäre eine Schranke gefallen
zwischen ihnen sprach er sich aus über alles was er gesehen und empfunden
hatte Ihre Augen begannen zu leuchten die Arbeit lag vergessen auf dem kleinen
Tisch
    »Sie sind ja einer der erlebt was er sieht« sagte sie freudig überrascht
    Dann erzählte er langsam und mit umwölktem Blick von der
Studentenversammlung und dem Hass der ihm allzu fühlbar aus ihr
entgegengeschlagen war Sie runzelte die Stirn »Österreich ist unbeliebt«
meinte sie »wir haben zu sehr besonders hier in Toskana unter seiner
Herrschaft gelitten Traditionelle Antipatien sind nicht leicht auszurotten«
    »Italien ist Österreichs Bundesgenosse wie der unsere« warf er ernstaft
ein »ich verstehe nicht wie Staat und Stadt solche Aufreizungen zur
Treulosigkeit die im Grunde schon Treubruch sind dulden können«
    Norina lächelte ihn an halb nachsichtig halb belustigt »Wie deutsch Sie
sind Muss man jugendliche Überschwenglichkeiten so tragisch nehmen Unsere
Regierenden wissen dass man unserem Volk wie den Kindern billiges Spielzeug
lassen muss damit sie nicht um sich die Zeit zu vertreiben als Unreife nach
ernsteren Dingen greifen Freilich« fügte sie nachdenklicher werdend hinzu
»gibt es Leute die meinen dass auch dies Spiel den Kindern schon bezahlt wird
Doch ich glaub es nicht will es nicht glauben«
    Schon vom nächsten Morgen an gingen sie miteinander aus Norina war die
Führende »Ich will Ihnen zeigen was mir das Liebste und Tiefste ist« hatte
sie gesagt ehe sie das Haus verließen Giovannis altes Gesicht presste sich an
die Scheiben des Küchenfensters als sie die Steintreppe in den Hof hinunter
gingen Sie bemerkten ihn nicht
    Norina führte durch die Museen nicht wie eine Lehrende die etwa Epochen
historisch zusammenfasst auch nicht wie ein Kunstliebhaber der in jedem Saal
seine Lieblinge vorweist Sie zeigte vereint was sich ihr innerlich durch
Fühlen und Erleben verknüpfte Daher kam es dass sie häufig nur um eines
einzigen Bildes willen von einem Museum zum anderen gingen
    »Man hat meine Art einmal als echt weiblich bezeichnet« sagte sie lächelnd
»und eine Freundin von mir meinte ich müsse mich dadurch beleidigt fühlen Als
ob es nicht gerade das Schönste wäre zu sein was man ist Das Elend so vieler
Frauen besteht doch gerade darin dass sie es nicht sein dürfen«
    Sie standen im Botticellisaal der Uffizien
    »Kein Künstler hat Seligkeit und Tragik des Weibes so tief empfunden wie
er« meinte sie »Schauen Sie diese Madonnen es sind nicht die frommen Mägde
nordischer Künstler  denken Sie nur an den Van der Goes drüben  es sind nicht
die Himmelsköniginnen der Alten es sind Mütter die das ganze Mutterschicksal
ahnungsvoll vorempfinden  das grässliche Schicksal das ihr Fleisch und Blut
erbarmungslos von ihnen reißt Und nun sehen Sie in das Antlitz dieser den
Fluten eben entsteigenden Göttin der Liebe und der Schönheit Sie weiß mit dem
Augenblick da ihr Fuß die Erde betritt wird sie Weib  wird sie Madonna Und
Schwerter werden durch ihre Seele gehen«
    Sie schwieg und senkte die Lider tief über die Augen
    Bald darauf zeigte sie ihm in der Akademie Giottos tronende Mutter Gottes
»Das ist eine Königin aber nicht die der Christen denn Giotto ist obwohl er
einer der Frömmsten und Gläubigsten war der Antike weit näher als der Kirche
Diese dort ist nicht Christi Mutter die erst der Sohn krönt sie ist Demeter
die mütterliche Erde selbst in sich ruhend durch sich vollendet Sie müsste
nicht ein Kind sie müsste viele auf ihrem breiten Schoße halten«
    Und mit verklärten Zügen sah sie dann zu Botticellis Primavera auf als ob
sein Frühling in ihr widerstrahle
    »Das ist aber das Höchste« sagte sie leise »und nur wenigen spreche ich
davon Andere Künstler sehen in keuschen Mädchen die Verkörperung des Lenzes
Hier streut die Frühlingsgöttin ihre Blumen auf den Weg der gesegneten Frau die
Grazien tanzen vor der werdenden Mutter und der kleine Liebesgott dessen Pfeil
sie so tief getroffen flattert verheissungsvoll vor ihr her«
    »Wer sagte Ihnen das« frug Konrad betroffen dem sich das rätselvolle Bild
dessen Gestalten ihm so zusammenhanglos erschienen waren plötzlich in seiner
Herrlichkeit offenbarte
    »Mein Herz« antwortete sie einfach
    Alles Empfinden schien bei dieser kinderlosen Frau ihrer Mütterlichkeit zu
entspringen
    Sie sprachen auf dem Heimwege von vielem anderen Aber bei ihr schienen sich
Gedanken innerlich immer weiter aneinander zu knüpfen denn plötzlich sagte sie
 einen Satz mitten durchbrechend »Glauben Sie bitte nicht dass ich so
töricht wäre anzunehmen ein Künstler wie Botticelli zum Beispiel hätte in
seine Werke hineingelegt was ich herauslese Nein nur weil er so reich ist
wie die Natur so unbewusst schaffend wie sie gibt er wie diese was wir
brauchen«
    Zwischen Konrad und Norina entstand eine seelische Intimität die allmählich
zu einer gegenseitigen Einfühlung führte deren Äußerungen ihnen selbst fast
unheimlich erschienen Der eine setzte unwillkürlich den unausgesprochenen
Gedanken des andern fort oder gab einer Empfindung deutlichen Ausdruck die sich
dem anderen noch nicht in Worte hatte fassen können
    Aus den Vormittagen die sie zuerst miteinander zubrachten wurden lange
Tage Sie bemerkten nicht mehr was sie im Anfang noch verletzen ja gegenseitig
erkälten konnte dass der alte Graf sie mit einer gewissen Absichtlichkeit allein
ließ dass die Dienstboten ihnen mit vielsagendem Lächeln nachsahen und dass
Giovannis Geist sich mehr und mehr zu verwirren schien
    »Lavinia Norina« murmelte er oft verstört vor sich hin »Lavinia ist doch
Bambinos Mutter« Keinen Abend ließ er vorübergehen ohne die Schwelle der
Marchesa zu küssen
    Sie empfing Konrad schon längst in ihrem Atelier statt im roten Saal Ihre
Seele erschloss sich ihm aber je tiefer der Einblick war den sie ihm gewährte
desto unergründlicher erschien sie ihm und desto sehnsüchtiger verlangte ihn
danach sich ganz in sie zu versenken
    Einmal fand er sie in düsterem Schweigen versunken am Fenster stehen kaum
den umflorten Blick nach ihm wendend als er eintrat Schon wollte er die Türe
wieder hinter sich zuziehen als sie ihn anrief
    »Bleiben Sie« sagte sie und in ihrer Stimme lag eine weiche Bitte
»bleiben Sie und helfen Sie mir Gespenster zu bannen«
    »Leiden Sie auch unter Gespenstern« frug er
    »Gespenstern der Vergangenheit  ja Wer litte nicht unter ihnen«
entgegnete sie »Dort drüben « und sie wies zum jenseitigen Ufer des Arno
»sprang einer ins Wasser um meinetwillen« Dann schwieg sie die dunklen Augen
starr ins Weite gerichtet und ließ es geschehen dass Konrad ihre schlaff
herabhängende Rechte leise zwischen seine Hände nahm »Vittorio Tendo« fuhr sie
schließlich fort als spräche sie ins Leere »war mein Spielkamerad und ich sein
erstes Modell dessen Kopf er überall hinzeichnete  auf die Fliesen im Hof auf
die Mauer der Straße auf jeden Fetzen Papier Er war es aber auch der mich die
Schönheit meiner Vaterstadt sehen lehrte der mir zeigte mit Stift und Farbe
wiederzugeben was ich sah« Ihre Stimme wurde leise die Lider senkten sich
über die Pupillen als schaue sie nun ganz in sich hinein »Er liebte mich Und
ich  ließ es mir gefallen Ich spielte Nicht mit ihm aber mit meinem eigenen
Gefühl Denn mich erfüllte zu jener Zeit verzehrende Sehnsucht unnennbar ohne
Gegenstand ohne Ziel Als Vittorios Leidenschaft ihn zu stürmischen
Bekenntnissen hinriss empfand ich sie wohlig wie einen Mantel von rotem Samt auf
meinem Körper Doch als er dann meiner begehrte warf ich dem Handwerkerssohn
meine ganze Entrüstung ins Gesicht Er sprang in den Arno« Sie seufzte tief
auf ein müdes Lächeln umspielte flüchtig ihre Lippen »Karlo würde nun spottend
erzählen dass dieser Selbstmordversuch am hellen Tage an der Uffiziengalerie vor
sich ging und einer der kleinen Dampfer gerade unten an der Treppe hielt als
das Wasser über seinem Kopfe zusammenschlug Die Rettung war nicht schwer
vielleicht selbstverständlich Trotzdem ich war aufs tiefste erschüttert Viel
mehr über das grausame wilde Tier das ich plötzlich in mir entdeckt hatte als
über Vittorios Tat Ich hasste ihn  hasste ihn leidenschaftlich denn er hatte
mich lächerlich gemacht und wünschte doch nichts mehr als ihm dienen zu können
wie eine Magd um seiner großen Liebe willen Ein gut Teil meines kleinen
mütterlichen Erbteils gab ich hin um ihm die Reise ins Ausland zu ermöglichen 
nicht aus Großmut nicht weil ich ihn als Künstler fördern wollte wie man
rührend von mir erzählte sondern weil ich seine Gegenwart nicht ertrug«
    Sie strich sich mit beiden Händen die vollen Scheitel aus der Stirn und sah
Konrad mit einem Blick der zugleich flehte und forschte ins Gesicht
»Verstehen Sie das«
    »Wir haben Untiefen in uns« antwortete er langsam »die unser lebendiges
Selbst zu verschlingen drohen wenn «
    »Wenn« wiederholte sie ihre Augen saugten sich förmlich fest an ihm
    »Wenn « fuhr er fort »wir nicht den großen Lebensinhalt finden der alle
Untiefen ausfüllt«
    »Oder die große Sehnsucht« unterbrach sie ihn lebhaft »die uns auf weiten
Flügeln über sie hinwegträgt«
    Von da an erlaubte sie was sie ihm bisher verwehrt hatte dass Konrad ihr
Zimmer täglich mit frischen Blumen füllte »In unsrer materialistischen Zeit«
erklärte sie ihr Verhalten »misst man den Wert einer Gabe an ihrem Preis Ich
habe das nie verstanden Ich würde kostbare Edelsteine von einem Fremden eher
annehmen als Blumen«
    Jetzt begannen die Rosen zu blühen Ganze Stämmchen übersät mit roten und
gelben Knospen blühten um ihren Stuhl nickten ihr zu Häupten über dem Diwan
Die Madonnen mit ihren lieblichen Knaben wurden zu lauter Madonnen im Rosenhag
    »Wie das Mutterproblem Sie beschäftigt« sagte er als er an einem
regnerischen Nachmittag bei ihr saß und ein Skizzenbuch durchblätterte das das
Bild der Mutter aus allen Klassen des Volks stets variierte Lange und forschend
lag ihr jetzt ganz umschattetes Auge auf ihm
    »Auch ich bin einmal Mutter gewesen« kam es dann wie ein zitternder Hauch
von ihren erblassten Lippen
    »O« rief er betroffen ihre Hand zwischen die seinen pressend »ich wusste
nicht Verzeihen Sie dass ich so Wehes berührte«
    Mit einem matten Lächeln erwiderte sie seinen Blick
    »Ich habe nichts zu verzeihen« sagte sie »ich habe Ihre Bemerkung fast
provoziert Und es ist gut wenn ich einmal auch davon rede« Sie senkte den
Kopf tief auf die Brust  »in meinem Leibe starb mein Kind«
    Ohne noch ein Wort miteinander zu wechseln erwarteten sie zusammen das
letzte Dämmern des Abends
    Dann stand er auf
    »Norina« sagte er ganz leise Es war ihr als lege eine zarte Hand einen
sehr weichen Verband auf eine offene Wunde
In den nächsten Tagen schien sie krampfhaft jede Anknüpfung an ihr Geständnis
unmöglich machen zu wollen Mit fieberhaftem Eifer betrieb sie ihre Wanderungen
und vermied es dabei irgend etwas zu berühren das eine Erinnerung daran
hervorrufen könnte Erst als ihr deutlich wurde dass er sie darin unterstützte
kehrte ihre schöne Ruhe voll zurück
    »Heute« rief sie ihm entgegen als er an einem klaren Maimorgen ins Zimmer
trat »heute wollen wir nach San Lorenzo«
    Ein kaltes blasses Licht herrschte in der Mediceerkapelle als sie
eintraten Unwillkürlich überkam sie beide die wohltuende Wärme hinter sich
ließ gleichzeitig ein Kälteschauer
    »Alle Höhen sind eisig« meinte er Die Erinnerung an die Totenfahrt über
die Berge packte ihn wieder
    »Darum verstehen wir sie so schwer die wir alle in der Tiefe wohnen«
ergänzte sie Sie traten vor Lorenzos Grabmal
    »Hier sagten Sie einmal seien die Rätsel des Lebens verborgen« frug er
    Sie nickte nur die Augen groß auf den ruhenden Giganten geheftet der mit
dem weiten Blick in die Ewigkeit selbst zu schauen scheint während der Mund wie
in einer Maske verschlossen liegt
    »Und Sie  ahnen die Lösung«
    Sie schüttelte heftig den Kopf und schaute zu der Gefährtin des Giganten auf
der anderen Seite des Sarkophags empor die mit tief gesenktem Haupt so dass das
Antlitz ganz im Schatten liegt vom Schlummer umfangen ist
    »Ich sehe nur dass jene dort« sagte sie leise »die sie die Nacht nennen
die vollen Brüste der Säugenden hat und dass ihr wunderbarer Körper die Zeichen
vieler Mutterwehen trägt und ihr tifer tiefer Schlaf voll der unergründlichen
Geheimnisse der Fruchtbarkeit ist Alles alles Leben glaub ich kommt aus der
Tiefe des Schlafs des Nichtwissens Pero non mi destar deh parla basso würde
sie sagen wie ihr Meister wenn einer sie wecken könnte Und ich sehe dass
jener dort ihr zur Seite unter dessen Simsonfäusten dieses Heiligtum
einstürzen müsste erhöbe er sich von aller Erkenntnis gesättigt ist und nicht
sagen kann was er sieht«
    Schwatzende Menschen kamen darunter ein Bebrillter der zu dozieren begann
Norinas Finger die fieberhaft glühten umfassten Konrads Hand und zogen ihn
hinaus
    »So bliebe alles Letzte alles wonach unsere heisseste Sehnsucht strebt
Geheimnis« sagte er als sie draußen im engen Gange standen Sie sah ihn an und
erstaunte wie bei der Frage seine Züge erschlafften
    Und sie entgegnete langsam
    »Ich weiß nichts von philosophischen Systemen ich kenne keine andere
Religion als die meine mein Denken ist nur ein Fühlen und so fühle ich auch
nur dass die Tiefe des Geheimnisses gerade seine Schönheit ist Nur in Bildern
und Symbolen nähern wir uns ihm Das Warum war für Michelangelo eine dürre
durch dichte Finsternis tastende Gestalt mit vielen Schlüsseln am Gürtel von
denen keiner in das Schloss passt«
    Sie gingen die breite Treppe hinab in die Krypta von San Lorenzo
    Eine ungeheure gedrungene Säule erhebt sich in ihrer Mitte atlashaft
    »Kosimo der Alte liegt hier begraben« erklärte Norina »der Vater des
Vaterlandes«
    »Der Vater des Vaterlandes « wiederholte Konrad gedankenvoll
    »Er wollte kein anderes Grabmal« sagte sie
    »Aus ihm wuchs der florentinische Staat empor er trug ihn Schöpfer und
Diener zugleich« sprach Konrad wie zu sich selber redend weiter »er ist nur
noch Asche in seiner Gruft aber die Säule steht Der Staat zerstäubte aber
sein Geist erfüllt eine Welt«
    Als sie an diesem Tage nach Hause kamen lag ein so heller Glanz auf ihren
Gesichtern dass die Dienstboten im Souterrain kichernd die Köpfe
zusammensteckten und der alte Graf sich befriedigt die Hände rieb
    Giovanni aber schlich Norina nach und pochte an ihrem Zimmer Da stand er
lange vor ihr verlegen stotternd mit einem flehenden Blick den er auf ihre
Züge heftete Es bedurfte eines langen freundlichen Zuredens ehe er ein paar
zusammenhanglose Worte über die Lippen brachte
    »Schon einmal blutete Giovanni für Monna Lavinia« sagte er und verstummte
minutenlang wieder
    Plötzlich warf er sich ihre Knie leidenschaftlich umklammernd ihr zu Füßen
und schrie »Die Wolken streichen kalt um den Turm von Hochsess und graue
Fledermäuse flattern statt der Vögel  die Fräuleins aber haben den bösen Blick
«
    Es durchlief sie ein Zittern »Sie können bei uns bleiben Giovanni« sagte
sie sich sanft aus seiner Umklammerung lösend
    »Sie  Sie sagt Monna Lavinia zu dem Seiltänzer  Sie« Er erhob sich sah
Norina groß an machte eine linkische Verbeugung und bat mit ganz veränderter
ruhiger Stimme »Verzeihung Frau Marchesa« Dann ging er
    Am Nachmittag kehrte Karlo Savelli zurück schon von weitem durch seinen
lachenden Mund verkündend dass er seinem Ziele nahe sei
    »Maud und ich sind einig« erzählte er glückstrahlend »in den nächsten
Tagen wird Mister Vanrosendahl erwartet und dann «
    »Wirst du am Ziel deiner Wünsche sein« unterbrach ihn Norina schroff »und
einen Schwiegervater haben der deine Schulden bezahlt«
    Karlos Augen blitzten »Und unser Geschlecht vor dem Untergange retten«
entgegnete er »das solltest du die Stolze nicht vergessen«
    »Lieber untergehen als sich mit solchem Blute mischen« rief sie heftig
    »Aber Frau Marchesa« mischte sich Konrad begütigend ein doch sie ließ ihn
nicht weitersprechen
    »Haben Sie vielleicht schon gesehen was aus solchen Ehen entsteht« brauste
sie auf »Das Bauernund Proletarier und Protzenblut triumphiert über das
unsere Die Kinder sind keine Italiener mehr sondern Amerikaner Und wenn sie
es vielleicht im Aussehen nicht sind so in den Lebensgewohnheiten in der
Gesinnung «
    Sie ließ sich nicht beruhigen am wenigsten dadurch dass Konrad von der
weltistorischen Notwendigkeit allmählicher Volkserneuerungen sprach
    »Sehen Sie sich um bei uns« sagte sie »Wert hat allmählich nur noch was
sich kaufen lässt Das erzieht unser ritterliches Volk zu Betrügern Der Bauer
lernte schon sein armseliges Haus als einstige Mediceervilla anzupreisen weil
es dann teurer bezahlt wird und jeder kleine Graf stammt mindestens von den
Gonzagas ab  das bringt ihm eine um ein paar Millionen schwerere Miss ein«
    »Sie sind sehr hart« meinte Konrad er stimmte ihr innerlich zu glaubte
aber die Erregte beruhigen zu müssen
    So hart wie nur die tiefste Liebe machen kann« entgegnete sie leise um
dann in steigender Leidenschaft fortzufahren »Das sind noch verhältnismäßig
kleine Fehler Aber die Korruption des Amerikanismus  ich habe keine andere
Bezeichnung für den Geist der umgeht  greift um sich verderblicher als der
schwarze Tod Nicht nur die Kampagna versumpft zu einem Ödland wird der ganze
Süden denn der Edelmann jagt in der Stadt nach der guten Partie und hat er sie
erobert so verlangt die fremde Frau für die dieses Land nichts ist als ein
Tummelplatz ihrer Vergnügungssucht nur nach weiteren Amüsements und den Bauer
ziehts in die Fabrik wo er mehr verdient und die Kneipe näher hat als auf der
harten schwarzen Scholle So tauscht man gegen die ekelhafte durch Millionen
schmutziger Hände gegangene Münze die Liebe zum Vaterlande ein und schließlich
auch  die Gesinnung«
    Sie verstummte »Und die Rettung« frug Konrad
    »Vielleicht ein großes Unglück  etwas das sich zwischen uns und der Fremde
aufrichten müsste wie eine unübersteigliche Mauer damit wir einmal ganz auf uns
selber angewiesen sind« sagte sie Beide schwiegen gesenkten Hauptes Dann sah
sie auf mit einem weichen Lächeln »Ich bin kein Politiker kein
Nationalökonom« sagte sie mit einem bittenden Tonfall als müsse sie sich
entschuldigen »nur eine Frau« »Nur eine Frau« wiederholte Konrad und zog ihre
Hand ehrerbietig an die Lippen
    Die Verlobung fand statt mit lautem Spektakel  »wie das Narrenvorspiel zu
einer Tragödie« flüsterte Norina Konrad zu
    Des alten Vanrosendahls wuchtige Schritte klangen das erstemal auf den
Steinstufen des Palazzos Er kam nicht mit der verlegenen Scheu des
Nichtdazugehörigen noch mit der Ehrerbietung des Emporkömmlings gegenüber dem
alten Adel sondern mit der Selbstverständlichkeit des Eroberers Die kurze
Gestalt der Stiernacken die niedrige Stirn die breiten Hände mit den
abgehackten Fingerkuppen  alles deutete auf den Mann der harten Arbeit Jede
Sentimentalität lag ihm fern und ebenso seiner Tochter Kein Tag verging ohne
lärmende Feste im Hotel im Palazzo bei den künftigen Verwandten in der
Zwischenzeit bestimmten Vater und Tochter kühl und geschäftsmässig über die Räume
des alten Hauses ihren Umbau ihre Einrichtung als wären sie kraft des Geldes
das sie hineinsteckten auch seine rechtmäßigen Besitzer Es gehörte für Norina
alle Verstellung und Selbstüberwindung dazu um die Situation ertragen zu
können Immer häufiger und länger zog sie sich in ihre Räume zurück
    Konrad fand sie einmal gegen ihre sonstige Gewohnheit untätig im Sessel
zurückgelehnt mit rot umränderten Augen
    »Sie haben geweint Norina« sagte er erschüttert
    Müde neigte sie den Kopf
    »Ich gebe mein Leben darum Ihnen helfen zu können « seine Stimme bebte in
unterdrückter Leidenschaft
    Sie schien ihn zu überhören denn sie sprang auf ging zum Fenster und
umfasste mit einem langen Blick das Bild das sich ihr bot unter ihr der grüne
Fluss der in feierlicher Ruhe vom Ponte alle Grazie hinüberströmte zum Ponte
Vecchio mit seinen phantastischen Häuschen aus denen bis in die tiefe Nacht die
vielen über fleißigen Goldarbeiterhänden glühenden Lämpchen leuchteten und
drüben die im Sommersonnenglanz flimmernde Silhouette der Stadt mit dem
schlanken Glockenturm von Santa Croce dem zinnengekrönten des Palazzo Vecchio
den offenen Arkaden der Uffizien Darüber die Wölbung des Himmels tiefblau und
doch durchscheinend als müsse sich der ganze Weltenraum mit dem Auge
durchdringen lassen
    Es war wie ein Abschied
    Aufschluchzend sank sie in den Stuhl zurück
    »Ich ertrag es nicht ertrag es nicht« flüsterte sie zwischen den Zähnen
während ihre Hände krampfhaft an dem weißen Tüchlein zerrten das nass von ihren
Tränen war »Sie treiben mich heraus Wo bleibt mir noch eine Heimat«
    Konrads Herz klopfte zum Zerspringen er beugte sich über sie denn er hätte
laut nicht zu sprechen vermocht
    
    »Ich  ich wüsste eine Heimat für Sie Norina«
    Ihre Tränen versiegten im Augenblick sie richtete das bis in die Lippen
erblasste Antlitz zu ihm auf ein »O nicht doch  nicht doch« mühsam
hervorstossend Ihre Augen waren ganz erfüllt von Angst
    Da zog er die Türe leise hinter sich zu und ging in sein Zimmer Sein
Zimmer dachte er bitter Schon hatte Miss Maud die Möbel dafür gewählt Ihr
Schlafzimmer sollte es werden Das neue Geschlecht der Savellis blauäugig mit
derben Knochen würde darin das Licht florentinischen Himmels erblicken
    Die ganze öde Kahlheit des Raumes legte sich ihm erkältend aufs Herz Dort
stand sein Koffer  ob es nicht das beste wäre gleich zu gehen
    Hochsess erwartete die leitende Hand des Herrn
    Ihm grauste wenn er an das Schloss seiner Väter dachte wo niemand ihn
empfangen würde als die grauen Fräuleins
    Und er konnte nicht fort  konnte nicht Zu tief hatten Herz und Geist hier
Wurzel geschlagen
    Er musste sie mit sich nehmen können  auf diesen beiden starken Armen Sie
unlöslich mit sich verbinden Fiorenza  Norina Sie zur Mutter seiner Kinder
machen eines neuen Geschlechts der Hochsess durchglüht von dem ewigen Lichte
dieser Stadt
    Ihre Abwehr war keine Ablehnung nur Überraschung gewesen Ihre Angst nur
ein Erschrecken Vielleicht auch ein Erschrecken darüber dass die neue Heimat
die er ihr bot mit einer Trennung von der alten gleichbedeutend war
    Er lag die ganze Nacht wach grübelnd rechnend bis er gegen Morgen mit
einem Lächeln auf den Lippen einschlief
    Sein Entschluss war gefasst Sie sollte die Heimat nicht verlieren
    Er ging früh aus ohne zu sagen wohin und erzählte bei Tisch als wäre es
die gleichgültigste Sache der Welt dass er soeben den Palazzo Ritorni gekauft
habe Erstaunt ließ der alte Graf Messer und Gabel sinken groß und dunkel
ruhten Norinas Augen auf ihm die kleine Maud dagegen die eine Trennung von
ihrem Karlo immer weniger aushielt und regelmäßig zum Lunch aus dem Hotel
herübergelaufen kam hörte nicht auf zu lachen und zu kichern
    »Ich bin nun doch einmal zur Hälfte Florentiner« sagte Konrad ruhig »und
brauche darum eigenen Boden unter den Füßen«
    Man besprach die Angelegenheit mit größtem Eifer Nur Norina beteiligte sich
nicht an der Unterhaltung
    »Wir wollten morgen nach Montebuoni Frau Marchesa« redete Konrad sie an
als sie sich nach Tisch in der dunkelsten Ecke des roten Saales niedergelassen
hatte
    Sie überhörte seine Bemerkung »Wie wird der alte Ritorni dieses letzte
Opfer ertragen« frug sie ganz in der Haltung einer Dame einem völlig Fremden
gegenüber
    »Jedenfalls besser als wenn er seinen Palazzo morgen den Gläubigern hätte
überlassen müssen« entgegnete Konrad verletzt und wandte sich ab
    Sie sprachen an diesem Tage nicht mehr miteinander Erst am Abend  Konrad
wollte sich mit einer gemessenen Verbeugung eben verabschieden  streckte sie
ihm die Hand entgegen und sagte mit offenem Blick »Nicht wahr wir gehen morgen
nach Montebuoni«
    Statt aller Antwort drückte er einen langen Kuss auf ihre schmale Rechte und
fühlte dabei wie ihre Pulse klopften
Es war die zweite Nacht in der Konrad nicht schlief Er meinte sogar noch nie
so wach gewesen zu sein denn Tageshelle lag auf dem Wege vor ihm
    Immer wieder sah er nach den Sternen ob auch keine Wolke sie verdeckte und
als der Morgen zu grauen begann fürchtete er stets aufs neue an der Bläue des
Himmels zweifeln zu müssen Und dann als der erste Sonnenstrahl bis hinab in
die dunkle Tiefe der Straße sprang konnte er das Wunder kaum fassen Über
Nacht so schien es ihm hatte sich auch der Garten drüben verwandelt das Weiß
runder Schneeballen wetteiferte mit dem fließenden Gelb des Goldregens und
üppig blühende Zweige dunkelroter Rosen fielen furchtlos über die schwarze
Mauer
    Er rief Giovanni »Wenn wir fort sind  die Frau Marchesa und ich« sagte
er »so besorge so viel an Rosen als du bekommen kannst mein guter Alter Ihr
Zimmer soll eine Laube sein wenn sie heimkehrt«
    »So viel der alte Giovanni bekommen kann« wiederholte der als hätte er
nicht recht verstanden »Sieben Rosen fand ich nur sieben Rosen  schneeweiße
Die legt ich Monna Lavinia in die gefalteten Hände Jetzt gibt es keine mehr«
    Mitleidig streichelte ihm Konrad den armen Kopf »Er hat heute seinen wirren
Tag« dachte er und ging selbst noch rasch zum Blumenhändler
    Am frühen Nachmittag  die Luft bebte von der Glut die sie erfüllte 
fuhren sie fort Sie kamen an der Certosa vorüber wo die weißen Mönche in ihren
Zellen wohnen aus Erkerfenstern die strahlende Ferne betrachten und zwischen
Mauern ihr eigenes kleines Gärtchen bestellen oder unter schattenden Kreuzgängen
hin und wieder wandernd schweigsam meditieren
    »Warum es für die Mönchszeiten des Lebens die jeder hat oder haben sollte
nicht überall solche Zufluchtsstätten gibt« sagte Konrad
    Norina lächelte ihn an »Nicht wahr Wie oft schon dachte ichs Für
schwangere Frauen baut man schon stille Heime wo sie ihr größtes Erlebnis in
Ruhe erwarten können warum baut man keine für Männer deren Geist großer
Gedanken und Werke schwanger ist«
    »Wir « er stockte dunkel errötend und verbesserte sich rasch »Ich könnte
in Hochsess einen kleinen Versuch der Art machen«
    »Und« fuhr sie fort freudestrahlend »im Palazzo Ritorni wenn Sie fern
sind«
    »Wir haben so oft Gedanken die einander ergänzen« meinte er seine Hand
ganz leise auf die ihre legend die sie ihm nicht entzog
    »Als wären wir eines Geistes« sagte sie träumerisch
    In Tavernuzzo da wo zwei Wege sich teilen  die breite alte Römerstrasse
die um den Monte del Diavola rechts herumführt und der steile Steig der
geradeaus den Berg emporklimmt  verließen sie den Wagen
    »Dort müssen wir hinauf« sagte sie »Wie gern und wie gut die Vorfahren
steigen konnten«
    »Ohne das langsame bequeme Zickzack  immer gerade drauf los« antwortete er
fröhlich ihr den Arm reichend
    »Eine deutsche Frau würde wohl Ihre Hilfe nicht annehmen« frug sie den
Schritt in rhytmischer Bewegung dem seinen anpassend »Ich sah einmal eine
Deutsche die mit der stolzen Bemerkung selbst ist das Weib ihren Mantel einen
solchen Berg in die Höhe schleppte Der Italiener neben ihr schämte sich«
    Dann schwiegen sie Denn heiß stand die Sonne über ihnen An den Mauern zu
beiden Seiten des Weges liefen glänzend wie Smaragden grüne Eidechsen die
Blätter der Olivenbäume dahinter waren fast weiß im Licht und standen ganz still
in der Luft als ob ihre Glut sie trüge
    »Montebuoni« sagte Norina Atem schöpfend als sie droben zwischen den eng
aneinander gerückten Häusern standen Sie bogen rechts ein paar Schritte höher
zur Kirche »Hier« fuhr sie fort »soll die Burg gestanden haben«
    Sie setzten sich auf die niedrige Estrade aus dem Tale empor leuchtete
Florenz
    »Dort unten liegt sie wieder die schöne Frau und badet sich in der Sonne
 die Zauberin die meine rauen Vorfahren glaubten erobern zu können und die
sie schließlich zu sich hinabzog« sagte Konrad
    »Sie kennen die Geschichte« frug Norina
    »So recht nicht« meinte er Und sie begann im Ton der alten Chronik
    »Im Jahre des Herrn 1135 stand hier die starke Feste von Montabuoni den
Kattani von Buondelmonti zugehörig seit Urzeiten Herren des Landes da die Burg
unüberwindlich war und die große Straße der Römer an ihr vorüberführte Die
Florentiner aber die unten am Fluße wohnten wollten nicht länger die
kriegerischen Nachbarn auf dem Berge dulden Also sammelten sie viel wildes
Kriegsvolk stürmten die Festung zerstörten ihre Mauern bis auf den Grund und
zwangen die Ritter Kattani von Buondelmonti zwischen den Bürgern zu wohnen Sie
taten desgleichen mit den anderen Bergfesten ringsumher und die Gemeine von
Florenz wuchs durch Gewalt Aber der Tag war nicht ferne wo sie für ihre Tat
blutig zahlen musste Im Jahre des Herrn 1215 ritt Messer Buondelmonti ein
Nachkomme jenes Besiegten auf weißem Zelter angetan in silbergestickte Seide
aus seinem Palazzo um eine Edle aus dem Hause Donati zu freien Am Ponto
Vecchio aber da wo die Statue des Kriegsgottes stand die ein Heiligtum der
heidnischen Florentiner gewesen war überfielen ihn die Uberti die Amedei und
Gangalandi denn er hatte eine ihres Geschlechts verführt Sie rissen ihn vom
Ross dass sein Festgewand voll des Kotes wurde und erstachen den Wehrlosen mit
vielen Dolchen Die Edlen und die Bürger aber die den Buondelmonti verwandt
befreundet und untertan waren rächten mit neuen Mordtaten seinen Tod Also
entstand um eines Weibes willen wie weiland der Trojanische Krieg der Kampf
der Guelfen und Ghibellinen und ein Meer von Blut überschwemmte die gute Stadt
von Florenz«
    Konrad hatte die Augen geschlossen während Norina erzählte »Ich wusste das
alles« flüsterte er als sie schwieg »es lebte in mir wie mein Blut  oder ich
hörte es als meine Seele noch schlief Alles um ein Weib«
    Er sah Norina an wie sie dasaß den großen dunklen Blick suchend in die
Ferne gerichtet die vollen Lippen zusammengepresst die hohe Stirne ganz glatt
und glänzend in der Sonne  so nah und so fern so begehrt und so gefürchtet
    »Alles um das Weib« wiederholte er noch einmal
    Sie gingen durch das Dorf in den jenseitigen schmalen Taleinschnitt hinab
durch den fröhlich plätschernd wie ein schwatzendes Kind die Greve fließt Ein
schwerer Duft von Akazien schlug ihnen entgegen
    Über die Steinbrücke die zu wuchtig für das Flüsschen schien führte der
Weg Eine einsame Mühle in der das Rad stille stand lag am anderen Ufer Auf
der kleinen Wiese davor tummelten sich Kinder zwischen rosigen Schweinchen und
drüben wo der Fußpfad zwischen Akazien und schwarzen Piniendächern
weiterführte kletterte eine Herde blökender Schafe den Berg hinauf Es war als
gäbe es keine Stadt weit und breit sondern nur friedliche Wildnis
    Blumen in allen Farben blühten auf dem Rasenhang um sie tanzten und buhlten
hunderte bunter Schmetterlinge ihre geflügelten Ebenbilder Konrad griff nach
einer großen weißen Kalla die wie erstaunt aus dem saftigen Gräsergrün in das
Gewirr der Zweige emporsah
    »Lassen Sie« wehrte Norina »mir ist als wären sie alle beseelt«
    Als sie die Höhe erreichten zeigte sich plötzlich ihnen zur Seite ein
Berghang übersät von blühenden Ginsterbüschen Die Sonne stand darauf und
wandelte alles in funkelndes Gold während der Himmel dahinter sich veilchenblau
wölbte
    In stummem Staunen standen die beiden Wandernden Dann sanken sie wortlos in
das weiche Gras Sie waren wie verzaubert Bis drüben der Glanz erlosch
    Dann erwachten sie Und kletterten die Straße suchend  denn das Sinken der
Sonne erinnerte an den Heimweg  gerade hinauf wobei Konrad jeden Stein dankbar
grüßte weil er ihm den Vorwand bot Norinas Hand zu umfassen
    »Wir sollten uns stärken vor dem Heimweg« meinte er sobald sie die Straße
erreicht hatten
    »Stärken Wo« lachte sie »Glauben Sie hier gäbe es alle hundert Schritte
ein Wirtshaus Da müssen wir schon bis nach Tavernuzze zurück«
    Er sah sich um Jenseits auf der höchsten Höhe entdeckte er Mauerwerk
zwischen Weinspalieren Und die Kinder die unten am Wasser mit den rosigen
Schweinchen gespielt hatten kamen die Straße herauf und bogen um die Mauer in
der Richtung auf jenes versteckte Haus
    »Habt ihr da droben zu trinken« sprach Konrad die kleinen Burschen an Sie
lachten lustig aus braunen Schelmenaugen »Wir haben Wein sehr guten Wein«
meinte der älteste stolz und winkte dazu mit den schmutzigen Händchen
    Konrad und Norina folgten ihm Sie kamen an ein Haus mit gewölbter auf
mächtigen Pfeilern ruhender Loggia In schweren dichten Trauben umspannten
üppige Girlanden blauer Glyzinen ihre Bogen auf der einen Seite füllte sie
hochgetürmt duftendes Heu um das ein ganzes Hühnervolk gackerte auf der
anderen saß auf geflochtenem Strohstuhl eine sehr alte weisshaarige Frau mit
einem kleinen nackten Kinde auf dem Schoße Als unsere Wandernden von den
Knaben angekündigt sich näherten traten aus der Türe im Hintergrund ein paar
hochgewachsene Weiber aus dem Garten liefen noch andere Kinder herzu und
langsam mit arbeitsmüdem Schritt kamen die Männer aus dem Stall und von der
Wiese Einer der letzte ein dunkel gebräunter Geselle trug über den breiten
Schultern schwere Kupferkessel Er hob sich im Schreiten in großer Silhouette
vom Abendhimmel ab der jetzt einem stillen grünen Meere glich Sie scharten
sich wie um ihres Lebens Mittelpunkt um die Alte die während die anderen
alle die Fremden grüßten mit einer fast abweisenden Würde ihnen entgegensah
    Norina aber neigte sich vor ihr
    »Es soll Frauen geben« sagte sie dann zu Konrad »die höhnend davon reden
dass man sie zu einer Gebärmaschine erniedrigen wolle Was kann ein Weib mehr
erhöhen als am Ende ihres Lebens ihres ganzen Geschlechtes Mutter zu sein«
    Sie streichelte den Kindern die braunen und schwarzen Köpfchen und sprach
lächelnd mit den Frauen während Konrad vom Bauer erfuhr dass Wein und Öl
sieben Eier und ein Laib alten Brotes alles sei was er im Hause habe »Gern«
so sagte er freundlich »steht es den Gästen zur Verfügung«
    Im Kamin loderte alsbald von Holzblöcken genährt ein mächtiges Feuer auf
am Kesselhaken darüber hing die Eisenpfanne in der in brodelndem Öl Mehl und
Eier zu köstlichen Kuchen brieten Die roten und blauen Flammen erleuchteten den
dunklen Raum tauchten die vielen Gesichter die sich um die am Tische sitzenden
Fremden reihten in ihre Glut Schon lag ein reines Tuch über der geschwärzten
Platte als von draußen einer der Knaben hereinlief und einen Strauss duftender
Rosen in ihre Mitte stellte Dann trug der Bauer die große strohumflochtene
Flasche herzu die Mädchen brachten Teller und ungefüge eiserne Gabeln und
Messer und schließlich setzte die Bäuerin stolz den dampfenden Kuchen vor ihre
Gäste
    Die Flammen im Kamin sanken zusammen In tiefem Violett das nur die Sterne
durchbrachen sah der Himmel durch das einzige kleine Fenster
    Norina und Konrad hoben die Gläser um ihren Gastgebern zuzutrinken
    Sie dankten freudig
    Dann aber füllte der Bauer noch einmal die Becher
    »Madonna segne den Schoss der Frau« sagte er feierlich
    Und Konrad zog als könnte es nicht anders sein Norinas Kopf an seine
Schulter und küsste sie auf die Stirn
    Als sie in die Loggia hinaustraten saß die Greisin noch immer auf ihrem
Sessel Das Kind auf ihrem Schoße schlief
    Norina neigte sich abermals tief vor ihr »Deinen Segen Mutter« bat sie
    Und die alte Frau hob ihre zitternde von eines langen Lebens Arbeit rau
gewordene Rechte und legte sie auf den Scheitel der jungen
    Noch einen Blick auf das alte Haus und sie gingen dem Tale zu
    Die Nacht lag dunkel darin Aber Miriaden Leuchtkäfer wetteiferten mit den
funkelnden Sternen um sie hell zu machen
    »Wein Weib« flüsterte Konrad ihre Lippen suchend Nur ganz leise gaben sie
den Druck der seinen zurück
    Als sie wieder durch die schmale Gasse von Montebuoni kamen und den Aufgang
zur Kirche erreicht hatten öffnete sich in dem Hause vor ihnen eine Tür
Chorknaben erschienen vermummte Gestalten dann mit brennenden Kerzen in den
Händen  ein Zug der kein Ende nahm und schließlich ein schwarzer Sarg 
    Norina erbebte Konrad aber hatte den Arm fest um sie geschlungen
    »Mein Weib« flüsterte er noch einmal Da schmiegte sie sich an ihn Schutz
suchend
    Der Zug verschwand durch die Kirchenpforte Ihr Weg war wieder frei
    Aber noch lange tönten die Totenlitaneien ihnen nach
 
                                 Achtes Kapitel
   Wie Konrad das Glück und das Ziel zu finden glaubte und wie es entschwand
Vom Domturm zu Bamberg läuteten die Glocken  die kleinen die eine süße helle
Stimme haben als sängen pausbäckige Englein über dem Christuskind in der Wiege
die große deren dunkler tiefer Ton getragen von den Wellen der Luft und vom
Winde bis weit über die Stadt hinaus in Wäldern und Wiesen widerklingt wie die
Posaunen der Erzengel am Tore der Ewigkeit
    Aus all den vielen engen Straßen die von der Stadt hinauf zum Domplatz
führen strömten die Kirchgänger alte Weiblein die die Gewohnheit eines langen
Lebens führte schon auf dem Wege den Rosenkranz gedankenlos drehend junge
Mädchen sich ihres weißen Kleides freuend das für sie des Festtags frohes
Zeichen und wichtigstes Ereignis war würdige Männer für die diese Teilnahme an
der Sonntagsmorgenandacht einen stets erneuten Beweis für ihre staatserhaltende
Gesinnung bedeutete dazwischen Kinder und Soldaten die dem Befehle gehorchten
während ihre Gedanken auf den Spielplätzen und in den Wirtsstuben waren
    Sie gingen alle mit gesenktem Kopf erfüllt von ihren Werktagssorgen die
nur hier und da auf jungen Gesichtern eine kleine dünne Sonntagshoffnung
verklärte So kamen sie über die Regnitzbrücke die einst eine kraftvolle
Bürgerschaft kühn über den Fluss gespannt hatte in dessen Mitte eine stolze
Trutzwehr wider die befestigte Domburg droben sie ihr Rataus als ein
uneinnehmbares Wasserschloss auf Pfahlroste setzten Kein dankbarer kein
bewundernder Blick sah zu ihm auf keiner verlor sich nach drüben zu den
winkeligen Fischerhäusern am Fluss mit den braunen Booten davor über denen
zwischen hohen Stangen die Netze trockneten Niemand blieb in der schmalen Gasse
stehen um sich in die Terrassengärten zu träumen die hinter den Mauern und
Balustraden am Stephansberg aufwärts steigen oder staunend an dem alten
Patrizierhaus daneben empor zu schauen dessen Masse eines Künstlers reiche
Phantasie aufgelöst hatte in ein Gewoge von Ranken und Muscheln und bewegten
Gestalten Und keiner der Kirchgänger dachte daran angesichts seines Ziels des
hohen viertürmigen Domes auch nur einmal den Kopf zu wenden um rückwärts
blickend über die zackigen Giebel und Türme der Stadt hinweg seine Gedanken zu
den waldigen Höhen drüben wandern zu lassen die in leichter Wellenbewegung den
Horizont begrenzten Sah sich einer oder der andere um so reichte Blick und
Gedanke nicht weiter als bis zum Kleide oder bis zum Hute der Nachbarin oder zum
neuen Ordensband im Knopfloch des nächsten
    Nur zwei die mitten unter ihnen desselben Weges gingen trugen das Haupt
erhoben die Augen offen um allen Zauber ringsum in sich aufzunehmen
    »Fremde« meinte ein wenig geringschätzig wer ihr Stehenbleiben ihre
Freude ihr Staunen bemerkte Wer müsste sich solcher Gefühlsäusserungen nicht
schämen wenn es ein Einheimischer wäre Sich niemals verwundern ist das
eigentliche Kennzeichen kleinbürgerlicher Bildung
    Konrad Hochsess aber war kein Fremder Er kannte hier jeden heimlichen
Winkel jede verborgene Gasse jeden altertümlichen Hof und er führte Norina
seine junge Frau in alles ein was ihm heimatlich war dass es auch ihr eine
Heimat werden möchte
Seit der stillen Trauung in Florenz waren sie langsam überall auf dem Wege
Tage selbst Wochen weilend nordwärts gezogen Von Karlo Savellis lärmendem
Hochzeitsfest hatten sie Nachricht erhalten als sie angesichts der Dolomiten
hoch oben auf weichem Bergmoosteppich unter hellgrünen Lärchen den Sommer
verträumten Nur ganz flüchtig hatte sich dabei Norinas Stirn in finstere Falten
geschoben War es das Glück in das Konrads Liebe sie hüllte wie in einen
Panzer waren es die weissleuchtenden oder rotglühenden Felsentürme die sich
zwischen sie und die Heimat geschoben hatten  Sie wusste nicht was es war sie
fühlte nur dass kein Weh sie mehr berührte
    Am stillen westlichen Ufer des Tegernsees diesem lieblichsten unter allen
Seen Bayerns in dessen hellem blauem Spiegel die Gebirgslandschaft zu einer
Idylle wird hatten sie zuletzt viele Wochen zugebracht ganz glücklich ohne
jede Berührung mit der Welt nur sich selbst leben zu können Von da aus war
Konrad einmal allein nach Hochsess gefahren um zum Empfang der Herrin alles
vorzubereiten dabei hatte er auch durchgesetzt dass die Tanten in den seit dem
Fortzug der freiherrlichen Familie leergebliebenen Eckartshof hinunterzogen
Obwohl ihnen nunmehr ein ganzes Haus allein zur Verfügung stand fühlten und
gebärdeten sie sich doch wie gewaltsam Vertriebene Sie die auf Hochsess
Geborenen mussten der Fremden  wieder einer Fremden wieder einer Katolikin 
weichen Es konnte nicht ausbleiben dass hinter Konrads Rücken die ganze
Nachbarschaft gegen ihn und seine Frau Partei nahm Er empfand davon nichts
denn die kurze Zeit die er in Hochsess blieb war mit Überlegungen und
Anordnungen für eine Norinas würdige Einrichtung des Schlosses ganz ausgefüllt
gewesen und ließ seine Tätigkeit ihm Stunden der Musse so waren Gedanken und
Gefühle so ganz bei ihr dass er alles um sich her vergaß Die Tage der ersten
Trennung zeigten ihm was er bis dahin nicht gewusst hatte dass sein Glauben ein
Glauben an Norina sein Leben ein Leben in ihr geworden war dass seine Sehnsucht
sie  nur sie  immer suchen würde Sie war nicht wie andere Frauen deren erste
Hingabe eine Preisgabe ist die dem Manne allzu rasch nichts mehr zu wünschen
nichts mehr zu enträtseln übrig lassen sie musste stets aufs neue erobert
werden um ihren Besitz würde er immer ringen müssen Ihrer Ehe drohte nicht die
Gefahr jene Alltagsgewohnheit zu werden
    Um einen Tag früher als Norina erwartet hatte  jede weitere Stunde fern
von ihr dünkte ihm wie ein Raub an seinem Leben  war er zurückgefahren Und als
er spät am Abend wieder in Tegernsee angekommen war hatte er geglaubt sein
Herz müsse zerspringen vor Freude drüben über dem Wasser mit dessen kleinen
Wellchen die letzten Sonnenstrahlen schäkerten entdeckten seine scharfen Augen
das Häuschen und in dem Häuschen wusste er sie sein Weib
    Sie musste seine Heimkehr geahnt haben mit einem jubelnden »Ich wusste dass
du kommen würdest kommen musstest« war sie ihm in die offenen Arme geflogen
Noch nie hatte er sie jubeln hören noch nie war sie so zärtlich gewesen Als
ringsum alles schlief auch die vielen Lichter des jenseitigen Ufers erloschen
waren und nichts vom Leben Zeugnis gab als das kichernde Plätschern der Wellen
hatte sie sich an ihn geschmiegt ganz dicht  wie damals in Montebuoni als der
Schreck sie Schutz suchen ließ bei ihm  und wie ein Hauch war es über ihre
Lippen gekommen »Mutter werd ich sein  Mutter«
    Von da an ging sie umher wie eine die eine unsichtbare Krone trägt Nichts
vermochte mehr das süße Lächeln um ihren Mund zu verscheuchen nicht einmal Maud
Savellis Brief der ihren baldigen Besuch ankündigte Ihre Abreise nach Hochsess
konnte sie nicht mehr erwarten
    »Unter dem Eindruck der Heimat soll mein Kind sich entwickeln« hatte sie zu
Konrad gesagt ihre Wange schmeichelnd an die seine lehnend Denn sie war
zärtlich zu ihm geworden  weich und zärtlich und von einem so lebendigen Eifer
beseelt ihm jeden Wunsch von den Augen abzulesen dass er nur immer Mühe hatte
ihrem Dienenwollen zu wehren Und doch war es so schön sie dienen zu sehen
ihre Demut schien sie noch mehr als ihr Stolz zur Königin zu erheben
    Konrad wäre in dieser Zeit restlos glücklich gewesen wenn nicht ein Wort
wie ein Pfeil sich ihm immer wieder ins Herz gebohrt hätte
    »Mein Kind« sagte sie zehnmal hundertmal am Tage »Mein Kind« Niemals
»unser Kind« Hätte er sie mit einer Frage nach dem Warum kränken sollen
Vielleicht wäre dann wenn auch nur für eine Sekunde ihr Lächeln erstorben Er
schwieg
    Die letzte Etappe vor der Heimkehr war der Besuch eines Münchener Arztes
gewesen zu dem die Sorge um Norina Konrad getrieben hatte
    »Was wollen Sie eigentlich bei mir« hatte der alte joviale Herr lachend
ausgerufen sobald sie vor ihm standen »Sie wurden wohl nach allen Regeln der
Eugenik füreinander ausgesucht«
    Erst nachdem ihm Norina von ihrem ersten Unglück leise und zitternd erzählt
hatte war er ernster geworden
    »Ist Ihr erster Gatte gesund gewesen« frug er
    »Ich glaube  nein« antwortete sie zögernd »Er starb nach einem Jahr«
    »Na also« rief der Professor erleichtert »Und nun sehen Sie sich den da
an « und er lächelte Konrad zu »wenn Sie nicht gerade den Anspruch machen dass
Ihre Kinder Ackergäule werden « Seine kleinen klugen Augen waren prüfend von
einem zum anderen gewandert Dann hatte er sich selbst unterbrochen und in etwas
gedehnterem Ton gesagt »Sie haben beide dieselben Augen«
    »Wir sind verwandt Herr Professor« war Konrads Antwort gewesen
    »Nahe«
    »Unsere Grossväter waren Geschwister«
    »Hm hm« machte der Professor »Alte Familie«
    »Sehr alt  so wie die Hochsess ungefähr«
    Der alte Herr hatte gelacht  ein wenig gezwungen wie es Konrad vorgekommen
war  »Deren erster nachweisbarer Ahnherr bekanntlich Jesum Christum in den
Sattel half als er in Jerusalem einzog« Dann hatte er sich Norina zugewandt
die ihn mit tiefernstem Frageblick nicht aus dem Auge gelassen hatte »Keine
Sorge Frau Baronin keine Sorge Ich freue mich schon des strammen
Stammhalters zu dem ich werde gratulieren dürfen«
    Auf Norinas Glücksglanz war ein Schatten gefallen wie schon eine kleine
Wolke am blauen Himmel ihn auf die blühende Wiese wirft Aber wie die leise
erschauernden Blumen ihre Kelche wieder der Sonne öffnen sobald sie lachend
unter dem scherzend vorgezogenen Schleier hervorsieht so verflog jede
Erinnerung daran unter dem Einfluss von ihres Herzens strahlender Seligkeit
    Kurz ehe sie weitergereist waren kam ihnen die Nachricht dass der alte
Giovanni den sie im Palazzo Ritorni als Türhüter zurückgelassen hatten und der
damit sehr zufrieden gewesen zu sein schien verschwunden sei Niemand wisse
wohin er sich begeben habe nur Battisto gegenüber habe er am Abend vorher
geäußert dass es Zeit sei die Fledermäuse aus dem Turm zu jagen sonst würden
sie sich in Monna Lavinias Haare hängen
    Konrad war ernstlich beunruhigt um den Alten
    »Ich weiß gewiss dass er in Hochsess sein wird wenn wir kommen« sagte Norina
überzeugt
    »Wusstest du denn von seiner Absicht Hattest du Nachricht von ihm« frug
Konrad nicht wenig erstaunt über die Bestimmtheit ihrer Aussage
    »Nein« gab sie lächelnd zur Antwort »aber ich kenne unser Volk je
geringer seine Bildung ist desto sicherer führt der Instinkt es seinen Weg Und
solch ein Schwachsinn wie der Giovannis ist vielleicht nur die Entwicklung eines
höheren Sinns«
    »Du würdest ihn auch nicht um unseres Kindes willen fürchten«
    Sie lachte hell auf ihre Arme zärtlich um seinen Hals legend »O du
aufgeklärter Deutscher« rief sie »was bist du töricht Keinen besseren Schutz
wüsst ich für mein Kind als ihn«
Und nun läuteten vom Domturm zu Bamberg auch ihnen die Glocken  die kleinen mit
den hellen Kinderstimmen die großen mit dem Posaunenton
    Sie waren schon in vielen deutschen Kirchen miteinander gewesen Nirgends
hatte Norina zu beten vermocht wie sie es in Florenz täglich zu tun gewohnt
war »So düster sind eure Kirchen  als wäre Religion nur für Büsser und
Leidtragende« hatte sie erklärt »sie drücken nieder und dann am meisten wenn
ihre Spitzbögen alle Schwere des Steins aufgelöst zu haben scheinen Sie machen
es genau wie eure spitzen Kirchtürme  die wir auch nicht kennen  sie weisen
alle nach oben von der Erde fort als hätten wir hier unten nichts zu suchen«
    »Und ist nicht der Inhalt und Sinn aller Religion ein Führen und Weisen nach
oben über uns hinaus« hatte Konrad gefragt
    »Nein nein« hatte sie erwidert um dann nachdenklich die Augen ins Weite
gerichtet fortzufahren »Wie der Mann sich ein Haus baut wenn er eine Familie
gründet Mauern um sein Leben errichtet seinem Umherschweifen ein Ende
bereitend seiner Arbeit einen bestimmten Kreis anweisend seine Freiheit die
ihn vielleicht bisher über alle Grenzen hinweg ziellos umhertrieb freiwillig
beschränkend so bauen wir wohl auch ein Haus für unsere Seele die sich im
Weiten verlor denn was sie fand wenn sie suchte das waren doch immer nur neue
Weiten gewesen Ein Haus zur Ruhe zur Sammlung  eins der bewussten Beschränkung
vielleicht auch hier  eines in dem jeder die Symbole dessen errichtet was
seinen Hoffnungen und Sehnsüchten als das Höchste erschien Meinst du nicht «
und sie hatte dabei jenes demütige Lächeln das ihr seitdem sie sich Mutter
fühlte einen so wundervollen neuen Reiz verlieh  »dass dies Religion ist«
    Er hatte ihr damals betroffen von einer Auffassung die ihn um so
schmerzvoller berührte als sie ihm richtig erschien nur ausweichend
geantwortet Heute war ihm als sängen die Glocken was sie gesprochen hatte
aber es klang ihm nicht wie Unterwerfung sondern wie Sieg und Jubel
    Posaunen der Erzengel am Tore der Ewigkeit  
    Ewigkeit  ein Geheimnis dessen dunkle Pforte er nie zu berühren gewagt
hatte aus Angst nur eine Spalte könne sich öffnen und der Blick durch sie ihn
zerschmettern
    »Sind wir nicht selber ewig« dachte er jetzt Und mit einem seligen Blick
umfasste er seines Weibes Gestalt während sie an ihm vorüber durch das offene
Portal des Domes schritt
    Sie traten leise zwischen die große Menge der Betenden hinter den
Sarkophag der Kaiser Heinrichs II des letzten und größten Sachsenkaisers und
seiner Gemahlin der heiligen Kunigunde Gebeine trug Rechts und links von
ihnen knieten in Reihen betende Nonnen Über sehr jungen unschuldigen
Gesichtern trugen die einen große weiße Flügelhauben mit schwarzen Schleiern
deckten die anderen ihre grauen Scheitel und goldene Kreuze glänzten über den
breiten schneeigen Schulterkragen Auf den Gesichtern aber lag ein Frieden der
sich bei den einen als ein Auslöschen alles Lebens bei den anderen als ein
Erwachen tieferen und reicheren Lebens offenbarte
    Die Litaneien wechselten mit dem Gesang Viele Priester standen droben auf
dem hohen Chor fernab der Gemeinde so dass nur das Weiß und das Rot und das
Gelb ihrer Gewänder erkennbar war und ihr feierliches Hin und Wiederschreiten
Beugen und Aufrichten Einer trat in ihre Mitte mit weißem Haar Chorknaben
trugen seinen schweren goldgestickten Mantel andere schwangen Weihrauchfässer
so dass sein ehrwürdiges Haupt aus lichten Wolken hervorschien Und er trat weit
vor auf der höchsten Stufe des Altars und hob die goldene Monstranz
    In breiten Strahlen leuchtete in diesem Augenblick die Morgensonne durch die
Fenster über ihm Zu einem lichten Schleier wurde der Weihrauch des Priesters
weiße Haare zu einem Heiligenschein zu einer Flamme die Monstranz
niedergezwungen von frommem Entzücken und heiliger Scheu sanken die Andächtigen
in die Knie Norina mit ihnen und tief ganz tief als könne sie sich an der
Gebärde vollkommener Hingabe nicht genug tun beugte sie noch den Kopf auf die
gefalteten Hände
    Eine Flut weißen Lichtes füllte das Schiff der Kirche streckte ihre
mächtigen grauen Pfeiler weitete ihre Wölbung
    Wars nicht als zuckten die Lider des schlummernden Kaiserpaars Reckte der
steinerne Reiter drüben sich nicht im Sattel Groß und staunend die Unterlippe
missbilligend vorgeschoben richtete sich der Blick des ritterlichen Königs auf
sein Ebenbild das da unten allein noch aufrecht stand
    In Konrads Stirn stieg die Glut der Beschämung
    Sie alle hatten die Mauer um sich gebaut und ihr Allerheiligstes
hineingetragen
    Brausend setzte die Orgel ein Der Gesang der Frauen mischte sich in ihre
vollen Akkorde Eine Stimme darunter  es war die der jüngsten der Nonnen mit
den Flügelhauben  erhob sich jauchzend wie ein Lerchenlied über allen
»Jungfrau Maria wir grüßen dich
Heilige gnadenreiche «
Und Konrad Hochsess kniete neben Norina seinem gesegneten Weibe
Sie fuhren mit vier Füchsen durch das Wiesental Ein frischer Oktoberwind
schüttelte die Bäume über ihnen dass es goldene Blätter regnete Und was der
Himmel der Tochter Italiens an Farben schuldig blieb das gab ihr der Wald in
märchenhafter Fülle Immer wieder musste der Kutscher die erregten jungen Pferde
bändigen denn Norinas Augen wurden nicht satt zu sehen In allen
Schattierungen von Braun und Gelb und Rot leuchteten die Höhen Zu Ehren der
Einziehenden trugen sie ihr Festgewand
    Es war Sonntag heute Von Wandernden war die Straße belebt Aus allen
Wirtshäusern am Wege schallte Musik die hellen Kleider der Mädchen die bunten
Schärpen der Kinder belebten die Wiesengründe wie große Blumen Und je näher sie
dem Tale der Hochsess kamen  sie fuhren nicht über die kahle Hochebene denn nur
der schönste Weg sollte Norina in die Heimat führen  desto mehr sammelten sich
die Landleute an der Straße das junge Paar neugierig erwartend
    Im Wirtsgarten von Gasselsdorf unter der riesigen Kastanie deren Äste sich
über ihn und noch weit über die Straße reckten  ein Dach von schimmerndem
Golde heut  stand die dicke Wirtin einen Korb rotbackiger Äpfel in den Wagen
reichend
    »Gottes Segen zum Einzug« sagte sie
    Norina begriff nicht warum Konrad ihr kaum Zeit ließ zum Danken
    Am nächsten Dorf wo das Schulhaus für die Hochsesser Jugend lag stand der
Lehrer umringt von Buben und Mädels die Fahnen schwenkten und Hurra riefen 
Norina in ihrer Freude hätte am liebsten jedem einzelnen die roten Wangen
geküsst
    Dann wurde das Tal ganz still ganz eng und heimlich Hier war kein Platz
für ein Haus Ernstaft schon im beginnenden Abenddämmern standen die waldigen
Höhen die zerklüfteten Felsen dem leise sich selbst in den Schlaf singenden
Bächlein zur Seite wie treue Wächter an der Wiege des Tronerben
    Norinas Kopf lehnte an Konrads Schulter
    »O du  du« flüsterte sie während ihre Augen durch Tränen der Seligkeit
glänzten »wie schön wie wunderschön ist unsres Kindes Heimat«
    »Unsres Kindes« Ein erstickter Schrei wars mit dem Konrad sie an sich
zog ihre Stirn ihre Augen ihre Lippen mit Küssen bedeckend um schließlich
den Mund in heißer Leidenschaft auf den Nacken zu pressen da wo der Ansatz der
blauschwarzen Haare ihn am weissesten erscheinen ließ
    »Konrad Konrad« mahnte sie leise dunkel erglüht nach dem Kutscher
weisend
    »Der Johann« lachte er übermütig auf »der hat an die Füchse zu denken und
dann  meinst du nicht dass er weiß was ein junger Ehemann tut der eine
wunderschöne Frau hat« Er versuchte sie wieder zu küssen sie aber bog sich
weit zurück »du weißt doch Konrad « mit leisem Vorwurf sagend
    »Ich weiß« entgegnete er sie frei gebend  eine unsichtbare Hand schien
die Falte zwischen seinen Brauen wieder tief in die Stirne zu modellieren 
»ich weiß dass du nur dem Kinde gehören willst« Um dann als bereue er den Ton
von Unmut den er angeschlagen hatte mit innigem Ausdruck in Stimme und Gebärde
hinzuzufügen »Unserm Kinde«
    Ein Seitensprung der beiden Vorderpferde riss ihn aus dem Sitz empor
    »Was stehst du da dummes Gör und erschrickst die Gäule« schimpfte der
Kutscher der die Tiere rasch wieder in seine Gewalt bekam Norina hatte sich
herausgebogen Ein blondes Mädchen mit hellen zärtlichen Blauaugen stand am
Wege einen großen Strauss bunter Herbstblumen den ihre beiden Hände kaum zu
umklammern vermochten in den Wagen hineinstreckend »Ich habe zur heiligen
Jungfrau gebetet  alle Tage « flüsterte sie aufgeregt und ließ ihn auf
Norinas Schoss fallen über dem die Blumen sich breiteten wie ein Teppich Sie
wollte danken doch die Kleine war auf und davon
    »Der Greislerin ihr lediges Kind« brummte der Kutscher ärgerlich
    Der Weg stieg an Schon grüßte von der flatternden Fahne die rote Rose von
Hochsess Und die untergehende Sonne spiegelte ihre Glut in allen Fenstern des
Schlosses
    »Lauter Rosen leuchten dir« rief Konrad selig Sie aber wandte ihm das
Antlitz zu Es war todblass »Es sind Rosen nicht wahr« kam es bebend von
ihren Lippen »Kein Blut  Kein Blut«
    Sie mussten an Eckartshof vorüber Konrad hatte nicht gewagt durch ein
Verbot des Empfangs den Ärger der alten Damen noch mehr zu steigern mit
erleichtertem Aufatmen sah er nun die geschlossenen Türen die verhängten
Fenster Schon waren sie am Garten vorbeigefahren als Norina die Menge der
Dahlien darin bewundernd sich nochmals umwandte da saßen auf der Hecke zwei
Köpfe wie körperlos jeder ein Abbild des anderen graue Scheitel um farblose
Gesichter  hämisch herabgezogene Mundwinkel graugrün von Neugierde oder von
Hass  oder von beidem  funkelnde Augen Sie bohrten sich alle vier in Norinas
Antlitz
    »Mal oggio« schrie sie auf das Gesicht mit beiden Händen bedeckend
    Sie ließ es ruhig geschehen dass Konrad sie in die Arme nahm und ihr
zuredete wie einem verängstigten Kinde
    Er erzählte von den Tanten als verbitterten alten Jungfern die schon auf
dem Leben der Großmutter gelastet hätten das ihre aber nicht verfinstern
dürften »Darum bat ich sie von Hochsess hinunter hierher zu ziehen wo du
ihnen nur begegnen wirst wenn du willst« schloss er Mit einem beruhigten
Lächeln richtete sie sich auf
    »Wie gut das ist« sagte sie »Nun liegt es an mir den Bann des bösen
Blickes zu brechen und wieder gut zu machen was du in blinder Sorge um mich
schlecht gemacht hast Morgen schon bitt ich sie wieder droben zu wohnen«
    Sie näherten sich dem Schlosstor Pechfackeln leuchteten an seinen beiden
Seiten Lichtergirlanden überspannten den ganzen Hof Und als Norina den Fuß auf
die Schwelle der Haustür setzte krachten Böllerschüsse zehnfaches weithin
hallendes Echo weckend vom Schlossturm Mit einem Lächeln das ihr alle Herzen
gewann so sehr ihre hohe Gestalt und ihre königliche Haltung auch
ehrfurchtgebietend erschien wollte sie an Konrads Arm an den Reihen der
Bediensteten vorüber in die hell erleuchtete Halle treten Da vertrat eine
groteske Erscheinung halb Klown halb Gespenst ihr den Weg in gelbem
fleckigem vielfach geflicktem Pierrotkostüm ein uralter Mann Sie schwankte
entsetzt nach dem Herzen greifend
    »Giovanni was sollen die Possen« dröhnte Konrads zornige Stimme »Fort mit
dir« Und er packte ihn an beiden Armen Der Alte aber sah ihn nicht und fühlte
ihn nicht seine Augen hingen wie gebannt an Norina
    »Mein Seil ist gespannt Monna Lavinia« sagte er mit der klanglosen Stimme
der Greise »soll ich nun tanzen damit Ihr lacht«
    Wütend wandte sich Konrad an die Diener »Was haltet ihr Maulaffen feil
schafft ihn fort« Schon sprangen sie vor sich des lustigen Spasses freuend als
Norina wieder ganz beruhigt den Blick lächelnd zu Konrad erhob
    »Schilt ihn nicht Liebster« bat sie weich »er hat mich lieb Er kommt aus
der Heimat Lass ihn mir« Und sie legte die schlanke Rechte schützend auf den
Kopf des Alten Der aber sank unter dieser Berührung zusammen mit einem
knarrenden Tone aufweinend wie ein kleines Kind kauerte er sich in die Falten
ihres weiten weißen Mantels vergrabend ihr zu Füßen
    Stumm starrten die Diener Anbetend umfasste Konrads Blick die geliebte Frau
Die Bogenlampe über der Türe warf ihr mildes weißes Licht auf Norina und den
Narren
Die Monde die kamen von mildem Herbstimmel überdacht von Schneewinterflocken
eingesponnen waren geweiht von einem einzigen stillen Warten Eine in
Mutterseligkeit verklärte Frau ging Norina durch Haus und Hof Selbst die
Knechte und Mägde in Ställen und Scheunen spürten etwas von dem Glanz und dem
Frieden der von ihr ausging Sie vergaßen ihres Zanks und mässigten ihre lauten
Reden wenn sie auch nur von ferne vorüberkam
    Mit sauersüssem Lächeln waren die Tanten  die ihr Märtyrertum nicht selbst
in Frage stellen wollten und sich darum nicht merken ließ wie sie sich im
Grunde ihres Lebens auf dem Eckartshof gefreut hatten wie die Teilnahme der
Nachbarschaft an ihrer »Verbannung« ihnen zur Daseinsbereicherung geworden war 
in ihre alten Hochsesser Räume wieder eingezogen
    Durch tägliche kleine Aufmerksamkeiten warb Norina förmlich um sie und wenn
sie nachmittags mit ihnen am Teetisch saß  sie hatte die Gewohnheiten der
Gräfin Savelli wieder aufgenommen  und zarte Spitzen um all die vielen
winzigen Hemdchen und Jäckchen setzte dabei den guten Ratschlägen der alten
Fräuleins freundlich zuhörend wurden selbst die Züge Nataliens und Elisens
stundenweise ganz weich
    »Eine Zauberin bist du« sagte Konrad zu ihr Sie schüttelte lächelnd den
Kopf »Nur eine ganz von Liebe Erfüllte«
    Zu Fuß und zu Wagen machten sie täglich weite Ausflüge »Ich muss meines
Kindes Land entdecken wie du dein Mutterland« versicherte Norina Aber ihr
Entdecken war zugleich ein Erobern Denn die Fülle ihrer Liebe ließ sie im
ärmlichsten Hause Eingang finden und mit den geschärften Blicken der Liebenden
die versteckteste Not entdecken
    Wie eine fremde Königin kam sie und überschüttete mit Gaben was litt und
darbte
    »Ich will meinem Kinde die Wege bereiten« sagte sie leuchtenden Auges »die
Welt soll ihm entgegenlachen wohin es blickt«
    »Mein Kind«  Es traf ihn immer wieder wie ein Nadelstich Er entsann sich
nicht dass sie das »unser Kind« je wiederholt hätte und es gab Augenblicke wo
etwas wie Hass gegen dieses Kind das nicht eine innigere Bindung sondern eine
Schranke zwischen ihnen zu werden drohte in ihm aufstieg
    Er liebte Norina Seit sie sein Weib geworden war begehrte er sie immer
leidenschaftlicher Und immer mehr versagte sie sich ihm
    Eines Abends überraschte er sie wie sie vor dem Spiegel ihre Haare kämmte
aus deren schwarzer Fülle Hals und Schultern wie Mondlicht leuchteten Kaum dass
sie den heißen Blick seiner Augen sah als sie sich dunkel errötend wie ein
scheues Mädchen in die Falten des herabgeglittenen Kimonos wickelte
    »Sag mir die Wahrheit Geliebte« flehte er ihre beiden Hände umklammernd
»und wenn sie noch so bitter ist Liebst du in mir nur den Vater deines Kindes«
    Da lächelte sie ihr unbeschreibliches seliges Mutterlächeln »Nur sagst
du nur« flüsterte sie und lehnte den Kopf an seine Schultern »weißt du denn
nicht dass das die allergrösste Liebe ist«
    Als im Spätherbst Karlo und Maud Savelli nach Hochsess kamen  sie hatten
gleich nach ihrer Hochzeit die Saison in Deauville mitgemacht und waren dann in
Paris geblieben  beschlich ihn ein leises Gefühl von Neid Sie waren ein
Liebespaar Maud unterstrich mit allen Mitteln der Koketterie diesen Eindruck
    »Grässlich verheiratet zu sein« rief sie gleich am Abend ihrer Ankunft und
schüttelte sich »nichts hat mehr den entzückenden Reiz des Unerlaubten
Wenigstens hab ich es so weit gebracht dass man mich überall für seine Mätresse
hält« dabei schaukelte sie auf Karlos Schoss der sie lachend in die Wange
kniff
    »Die Perfektion mit der sie ihre Rolle spielt« sagte er »ist so groß dass
ein verrückter Amerikaner tatsächlich meine Erlaubnis einholen wollte um sie 
werben zu dürfen«
    »Macheart doch nicht etwa« frug Konrad überrascht
    »Ach richtig« sagte Karlo gedehnt und zwinkerte lustig mit den Augen »ihr
kennt euch ja«
    Inzwischen zog Maud die Schwägerin in eine Ecke
    »Schon jetzt du Arme«  ein bedeutungsvoller erstaunt mitleidiger Blick
ruhte bei der Frage auf Norinas Gestalt  »Konrad hätte sich wirklich in acht
nehmen können« Norinas Freude über ihre Hoffnung verblüffte sie förmlich
    »Übrigens« flüsterte indessen Karlo Konrad zu »die Leonie Doris lässt dich
grüßen Ein Prachtweib sag ich dir Aber nicht zu bezahlen Nur darum musste
Macheart sie abtreten Irgendeinem Grossfürsten erzählt man sich«
    Leonie Wars nicht die Geschichte eines anderen an die ihn dieser Name
erinnerte Er sah nur Norina
    »Denke dir Karlo« hob das Vogelstimmchen Mauds wieder zu zwitschern an
»sie wollten das Kind Na chaquun à son goût Wir gönnen uns den notwendigen
Stammhalter erst wenn wir aufgehört haben werden ineinander verliebt zu sein
Ihr machts umgekehrt was Bei euch soll der Rausch der Liebe nachher kommen
Dann denk ich mir freilich ein Kind als Zeugen und Anhängsel äußerst
unangenehm«
    Norina schwieg hartnäckig Als sie sich getrennt hatten sagte sie zu
Konrad »Du siehst wie weltenfremd wir einander sind Mir käms wie Entweihung
vor mit ihr von meiner Liebe zu reden«
    Konrad zog sie in die Arme »Liebst du mich denn Norina« All seine
brennende Sehnsucht lag in seiner Frage
    »Wäre ich sonst dein Weib« antwortete sie weich dem Druck seiner Arme
nachgebend 
    Am nächsten Morgen als sie erwachte schien die helle Sonne auf das Antlitz
des schlafenden Mannes neben ihr Wie vergrämt es aussah Wie tief die Falte
zwischen seinen Brauen stand Sie erschrak so sehr dass ihr Herz wild zu pochen
begann Hatte sie ihm wehgetan Ihr blasses Gesicht überzog sich mit dunklem
Rot War sie ihm irgend etwas schuldig geblieben Was hatte Maud gesagt  Der
Liebesrausch der vor dem Kinde kommt oder nach ihm kommen muss Auch sie hatte
einmal Träume gehabt  heiße Träume als sie noch ein kleines Mädchen gewesen
war Und hatte sich dann dem ersten Manne vermählt ganz gleichgültig Darum war
wohl auch das Kind in ihrem Leibe gestorben Aber dieses Kind würde leben 
leben »Denn ich liebe ihn« sagte sie unwillkürlich laut als müsse sie es vor
sich selbst bekräftigen Die ganze Zeit die sie einander kannten erwachte vor
ihr wie ein sonnenheller Frühlingstag war sie
    »Wie ein Frühlingstag « wiederholte sie langsam vor sich hinstarrend Kein
Sommer Und ihre Liebe die Frucht tragende Liebe war sie nicht eine wilde Rose
mit ihren fünf kleinen Blättchen den blassen leicht zerflatternden der
Liebesrausch aber den sie nicht kannte den er ersehnte  sie wusste es
plötzlich als hätte er es selbst gesagt  war er jene wundervolle gefüllte
Gartenrose die um ihrer Schönheit willen keine Früchte tragen darf
    »So hab ich ihn nicht genug geliebt« schrie es auf in ihrem Herzen »gib
mir ein Zeichen ein einziges Zeichen deiner Gnade heilige Mutter Gottes«
    Da hüpfte das Kind in ihrem Leibe ganz deutlich zum erstenmal Mit einem
seligen Lächeln sank sie wieder in die Kissen zurück den Kopf an Konrads
Schulter und schlief ein
    Am nächsten Tage  sie trug ein Kleid aus dunkelgrüner Seide das in tiefen
Falten an ihr niederfiel nur mit einem Kragen alter Spitzen geschmückt  war
sie so schön dass selbst Maud die sonst viel zu sehr mit sich beschäftigt war
um für den Reiz anderer Frauen einen Blick übrig zu haben in hellstes Entzücken
geriet
    »So gerade so müsstest du dich malen lassen« rief sie aus »alle Frauen
würden bersten vor Neid angesichts eines solchen Bildes Strahlst du doch wie
verklärt zu einer Zeit wo sie samt und sonders scheusslich sind«
    »Und wir hätten auch schon den rechten Maler für dich« warf Karlo ein
»Vittorio Tenda«
    Norina sah verwundert auf »Vittorio Tenda lebt«
    Karlo nickte lächelnd »Vittorio Tenda  ja Er lebt nicht nur er ist sogar
ein Maler geworden Wie wärs Konrad willst du Norinas ersten Verehrer zu
ihrem Porträtisten machen«
    »Warum nicht« entgegnete der auf den Scherz eingehend »bin ich doch
sicher dass es ein abgewiesener Freier war«
    Karlo lachte hell auf »Freier Ausgezeichnet  Der Sohn des alten Lucca
vom Ponto Vecchio der Freier der Kontessa Savelli«
    Maud wurde neugierig »Das ist ja schrecklich romantisch Erzähle Norina 
bitte bitte wie wars« quälte sie
    »Es ist nichts zum Lachen Maud« antwortete Norina ablehnend
    Und Konrad kam ihr zu Hilfe indem er zu Karlo gewendet frug »Was weißt
du von ihm Am Ende wäre dein Scherz ernstaft zu erwägen«
    Ich sah bei einem Kunständler ein paar Porträts mit seinem Namen
gezeichnet« begann der Graf
    »Wisst ihr so ganz verrückte« unterbrach ihn Maud lebhaft »Menschen mit
grünen Backen und blauen Haaren«
    Konrad notierte sich die Adresse »Ich werde mich nach ihm erkundigen
lassen« sagte er und fügte mit einem Blick auf Norina hinzu »Was meinst du
wenn er der erste Anwärter auf eine unserer Klosterzellen wäre«
    »Klosterzelle« Maud horchte auf und Konrad erzählte ihr von dem Plan den
Eckartshof erholungsund ruhebedürftigen Künstlern zur Verfügung zu stellen Sie
klatschte vergnügt in die Hände »Norina als Königin eines Musenhofes 
wundervoll« rief sie »aber nicht wahr ihr ladet mich ein wenn schöne Frauen
unter die edlen Sänger die ersten Kränze verteilen«
    Und scherzend gingen sie auseinander ohne des Malers noch einmal Erwähnung
zu tun
    »Ich danke dir« sagte Norina warm als sie allein mit Konrad war »Mauds
Gelächter und Karlos Spott vertrag ich nicht immer«
    Konrad drückte ihr die Hand »Ich verstehe« entgegnete er zärtlich »Was
meinst du wollen wir deinem alten Freunde weiterhelfen« Ein dankbarer Blick
lohnte ihn
    Als sie aber dann allein in ihrem Zimmer war das nur ein paar Kerzen
flackernd erleuchteten und vor den Spiegel trat sah ihr ein Gesicht entgegen
vor dem sie erschrak Waren das ihre Augen die so unruhig flackerten War es
ihr Herz das aus ihnen sprach Und was pochte plötzlich so ungestüm in ihren
Adern dass sie an den Schläfen in blauen Strichen scharf hervortraten 
Vittorio Tenda der Handwerkersohn der die brennende Glut seines Herzens im
Arno löschen wollte  der Bettler dem sie Geld hinwarf statt ihres Herzens
und der es nahm Sie wollte eben die Lippen hochmütig schürzen den Kopf stolz
in den Nacken werfen als die Tränen ihr aus den Augen stürzten unaufhaltsam
Warum nur warum
    Während des Aufenthalts der Savellis der nicht unbekannt blieb  die Tanten
hielten einen brieflichen Verkehr mit den Nachbarn um so eifriger aufrecht je
mehr der persönliche unterbrochen war  machten die Greifensteiner ihren
Gegenbesuch Sie hatten ihn lang genug aufgeschoben waren doch die Hochsesser
von der alten Tradition abgewichen indem sie ihre Antrittsvisite nicht
angekündigt und einfach ihre Karten zurückgelassen hatten und man sich
notgedrungen  man war ja so gar nicht in Toilette gewesen  verleugnen lassen
musste Die Baronin Rotausen hatte bei dem nach diesem Ereignis rasch zusammen
geladenen Teebesuch der Nachbarn energisch erklärt dass man der »hochmütigen
Ausländerin« beweisen würde wie wenig gespannt man auf ihre Bekanntschaft sei
In der Tat war die Bezähmung der allgemeinen Neugierde nur das Resultat
äußerster Selbstbeherrschung Sie wäre unmöglich gewesen wenn man nicht durch
die alten Fräuleins so genau über alle Details der jungen Ehe unterrichtet
gewesen wäre und sie hatte jetzt  wo die Kunde von der amerikanischen
Milliardärin und ihren fabelhaften Toiletten überall verbreitet war  ihre
äußerste Grenze erreicht
    »Wie Sie Ihrer verstorbenen Frau Schwiegermutter ähnlich sehen« flötete die
Baronin nach überaus zärtlicher Begrüßung der »lieben jungen Nachbarin« und
fügte augenverdrehend hinzu »dass die Arme ein so trauriges Ende nehmen musste«
    Vergebens erwartete sie  was bisher von keinem jungvermählten Paar umgangen
worden war  den Rundgang durch Haus und Wirtschaft Norina dachte gar nicht
daran fremden Menschen einen weiteren Einblick in ihre Häuslichkeit zu
gewähren als den in ihre Empfangsräume und da sie sich ebenso in ihnen bewegte
wie in den großen hohen Sälen des Palazzo Savelli so war das Urteil über sie
das binnen kurzem das Urteil der ganzen Nachbarschaft sein würde rasch gefällt
»hochmütige kaltschnäuzige Pute« dachte Frau von Rotausen bissig und setzte
sich ostentativ zu den alten Fräuleins
    Norina versuchte indessen Hilden in ein Gespräch zu ziehen Das junge
Mädchen die in den wenigen Jahren seit Konrad sie nicht gesehen hatte rasch
gealtert war  wie Frauen altern die nichts haben als ihre Jugend  tat ihr
leid Sie wusste dass sie Konrad bestimmt gewesen war vielleicht hatte sie ihn
sogar geliebt so geliebt wie sie sich erinnerte von ihrer Erzieherin gehört zu
haben dass deutsche Mädchen lieben bis zur völligen Aufopferung ihrer selbst
Sie versuchte alle Tasten auf der Klaviatur des Herzens anzuschlagen vergebens
»Wie verstimmt dieses Instrument sein muss« dachte sie bis Hilde plötzlich aus
fast peinlicher Einsilbigkeit heraus von ihrer Kinderfreundschaft mit Konrad
ihrem letzten längeren Besuch auf Hochsess  »wo alle Fäden sich zwischen uns
wieder anknüpften« wie sie geziert bemerkte  eifrig zu erzählen begann
    »Was wohl aus dem Fräulein geworden sein mag« meinte sie dann ihre Stimme
erhebend »die mich damals durch ihr taktloses Benehmen zwang meinen Aufenthalt
abzubrechen Wie hieß sie doch Ach ja  Gerstenbergk  glaube ich oder
Gerstental«
    »Gerstenbergk« wiederholte Norina fragend
    In den matten Augen Hildens zuckte es triumphierend auf Sie wusste also
offenbar nichts von ihr
    »Ja Else Gerstenbergk« entgegnete sie dann »ein Mädchen die für
irgendein Geschäft Puppen anzog und die in unbegreiflicher Güte von der alten
Frau Gräfin zu ihrer Erholung hierher geladen worden war Sie war wohl in
Berlin wo dergleichen möglich sein soll Ihrem Herrn Gemahl nahe getreten«
    Norina lächelte »Gewiss Konrad erzählte mir von ihr« sagte sie den Kopf
hochmütig in den Nacken werfend »und ich freue mich auch von Ihnen bestätigt
zu hören dass die Gräfin Savelli uns mit gutem Beispiel voranging Wir werden
den ganzen Eckartshof nunmehr Erholungsbedürftigen zur Verfügung stellen« Damit
ließ sie das Mädchen stehen und ging in Konrads Zimmer wo Maud als einzige Dame
zigarettenrauchend zwischen den Herren saß Sie sah nur noch wie Alex Rotausen
Konrad lachend auf die Schulter schlug und hörte als er sagte
    »Spiel doch nicht den Säulenheiligen Vetter Du wirst doch nicht leugnen
können Frau Renetta Veit auf Mord den Hof gemacht zu haben«
    Wurden alle Gespenster wieder wach dachte Konrad müde
    Da trat Norina an den Tisch Alex schwieg betreten eine Verlegenheitspause
trat ein die Mauds Lachen unterbrach »Was die Deutschen komisch sind« sagte
sie »Norina ist doch kein Kind mehr Sie weiß so genau wie ich dass alle Männer
vor der Ehe ihre Aventüren haben« Und Norina stimmte in ihr Gelächter ein
    Nur Konrad sah ihre Blässe und dass sie seinen Blicken auswich Warum hatte
er ihr auch nicht früher von seiner Vergangenheit erzählt  seiner
Vergangenheit die ihm gar nicht mehr gehörte seitdem Gegenwart und Zukunft und
die ganze Ewigkeit nur unter einem Namen stand Norina
    Endlich gingen die Gäste nachdem sie wiederholt auf »gute Nachbarschaft«
angestossen und von dem »reizenden Abend« dem »entzückenden Zusammensein«
gesprochen hatten
    »Wie müde du bist Liebling« sagte Konrad als er danach in Norinas völlig
erschlaffte Züge sah Sie nickte nur Wenn er sie doch jetzt allein lassen
wollte Aber er ging ihr nach
    »Hast du noch ein wenig Zeit für mich« frug er zärtlich Wie hätte sie
»nein« sagen können  sie wollte ihn ja nicht verletzen Sie nickte wieder
    Und vor dem Kamine sitzend vor dem er so oft mit der Großmutter gesessen
hatte erzählte er ihr von Renetta  kurz und kühl ohne sich anzuklagen oder
sich zu entschuldigen eine fremde Geschichte
    Norina schwieg den Fuchsschwanz des Pelzes der um ihre Schultern lag
immer wieder durch die Hände ziehend Ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen
Sie wusste genau wie töricht es war Was gingen sie Konrads vergangene Neigungen
an sagte ihr Verstand deutlich genug Dennoch  Sie dachte ihres ersten
Mannes von dessen leichtfertigem Leben sie zu spät erfuhr  als die Ärzte das
tote Kind ihrem qualvoll zuckenden Leibe längst entrissen hatten und Wochen der
Verzweiflung der Selbstvorwürfe hinter ihr lagen Alle Dirnen von Florenz
rühmte er sich besessen zu haben Sie sah mit scheuem Blick zu Konrad hinüber
Warum sprach er nicht weiter Dieses Weib wird das einzige nicht gewesen sein
    Er hatte die Lippen fest aufeinander gepresst An Else dachte er Durfte er
Geheimnisse preisgeben die die ihren waren Den Schleier heben den von ihren
Tränen geweihten den sie selbst darüber gelegt hatte
    »Wer war Else Gerstenbergk« fragte ihn in diesem Augenblick Norinas hart
gewordene Stimme
    Da erzählte er auch von ihr Und Norina hörte auf den Fuchsschwanz durch
ihre Hände zu ziehen sie lagen ihr ganz still im Schoss
    »Und  du weißt nichts von ihr Gar nichts« frug sie dann
    »Nein  nichts«
    Norinas dunkle Augen starrten sekundenlang ins Feuer »Ob sie ein Kind haben
mag von dir« flüsterte sie vor sich hin
Es wurde einsam auf Hochsess Die Gäste reisten ab Der Winter kam Und immer
mehr schien Norina sich in sich selbst zurückziehen zu wollen Konrad fühlte es
aber er bemühte sich jedes Gefühl der Kränkung zurückzudrängen Er suchte sie
zu verstehen ihren unausgesprochenen Wünschen Rechnung zu tragen auch wenn sie
sich oft heimlich davonschlich um allein in den Wald zu gehen Und so folgte
ihr nur sein sehnsüchtiger Blick so oft ihre hohe Gestalt in den Zobelmantel
gewickelt den Windungen der Hügel entlang auf den verschneiten Parkwegen
schritt oder drunten im Tal dem Lauf des vereisten Baches folgte Er neidete es
dem alten Giovanni dass er ihr keine Störung war wenn er ein treuer Hund
jedem ihrer Schritte leise nachging Und er atmete erleichtert auf sah er sie
von ihm begleitet in einsame Wege biegen Er wusste war des Alten Hand auch zu
schwach sie zu schützen sein bloßes Erscheinen genügte um alles in die Flucht
zu schlagen Bei den Aufgeklärten galt er für wahnsinnig die meisten aber 
auch solche die es nicht Wort haben wollten  glaubten ihn im Besitz höllischer
Kräfte und Künste
    War es nicht seltsam dass er überall erschien wie aus dem Boden gewachsen
wo Norinas Name anders als in tiefster Ehrerbietung genannt wurde Dass er den
Greifensteinern auf ihren abendlichen Spaziergängen plötzlich begegnete so dass
sie entsetzt zusammenfuhren und mitten in den intimsten Unterhaltungen der
alten Fräuleins auftauchte ihnen mit einem Grinsen das höflich sein sollte
irgendeinen verlorenen Handschuh überreichend Und niemand wagte sich über ihn
zu beklagen kam er doch immer nur dann wenn das Gespräch vor dem Hochsesser
sich nicht hätte verteidigen lassen Kürzlich  so erzählten sie sich in allen
Gesindestuben  war sein Schatten klein und krumm und schwarz an den Fenstern
des Pfarrhauses vorübergeschritten als der Herr Pastor just am Schreibpult
stand um der Frau Baronin auf ihre Bitte das kleine Gotteshaus auch außerhalb
der Predigt offen zu halten ablehnenden Bescheid zu geben Greulich gekichert
habe er Der würdige Geistliche sei darob tief erschrocken gewesen Und nun
grübe er allnächtlich im flackernden Lichte einer Bergmannslaterne den
verschütteten Eingang der alten Höhle aus in der vor Zeiten die alte
italienische Gräfin zu ihren Heiligen gebetet habe Die Greislerin die
katholische wusste es ganz genau und erzählte es trumphierend Da unten vor dem
holzgeschnjetzten Bild eines nackten Weibes hatte der Konrad heimlich die erste
Taufe empfangen ihre Mutter selig wusste den Zug der Priester und der Chorknaben
noch gut zu beschreiben der in der Mainacht leise von Vierzehnheiligen herüber
durch die Wälder gewandelt sei Gewiss auch das Kind das Norina unter dem
Herzen trug würde dort unten der allein seligmachenden Kirche geweiht werden
    Norina ging nicht mehr  nachdem sie es zweimal getan hatte  in die
protestantische Kirche Der Herrensitz in dem weissgetünchten Raum unter dem
großen braunen Kruzifix blieb leer Aber zwei Stunden weit in das nächste
katholische Pfarrdorf fuhr sie immer häufiger der Herr Baron mit ihr und der
welsche Teufel auf dem Bock Und der Pastor unten predigte schon von der »Gefahr
der Seelen« Und die Tanten prophezeiten heimlich den Untergang der Hochsess
durch die Abkehr vom rechten Glauben
    Norina wusste von all dem Geflüster nichts denn Giovanni verschloss in sich
was er hörte
    »Der Wald ist wie ein Dom aus Alabaster« sagte sie einmal als sie an einem
weißen Wintermorgen in Konrads Zimmer trat »komm mit« und bittend erhob sie
den Blick zu ihm »Mit tausend Freuden« rief er An diesem Tage blieb Giovanni
im Turm Die beiden aber standen andächtig Arm in Arm unter den schneeschweren
Zweigen die in zitternden Sonnenstrahlen erglänzten
    »Nun kommt bald der Tau und zerstört meine Kirche« meinte Norina betrübt
    »Und dann kommt der Frühling und baut sie aus Blättern und Blumen für unser
Kind« flüsterte er ihr zu
    »Und in dieser Kirche nur in dieser wollen wir es dem Höchsten weihen«
rief sie begeistert »Da unten mein ich wohnt er nicht« Und sie zeigte auf
den spitzen Turm der dunkel aus den weißen Wäldern ragte
    Zu Hause am Kamin spann sie ihre Gedanken weiter »Hast du wohl bemerkt
um wieviel fröhlicher die Menschen in den katholischen Dörfern sind« sagte sie
»Selbst ihre Kleider sind bunter«
    Er nickte bestätigend »Man glaubt vielfach es sei das leichtere
Wendenblut das sich bemerkbar mache«
    »Ich weiß eine andere Erklärung« entgegnete sie »bei euch herrscht der
Gekreuzigte In allen Kirchen eine Mahnung an den Tod Bei uns die Mutter  in
jedem Bauernhaus wo unter ihrem Bilde das Lämpchen glüht eine Mahnung an das
Leben«
    »Warum sprichst du von euch und uns« meinte er mit einem tiefen ernsten
Blick »haben wir  du und ich  nicht ein Symbol des Heiligsten«
    Sie schmiegte sich an ihn so zärtlich wie seit Monden nicht »Ich weiß«
sagte sie »und darum bitt ich dich lass unser Kind nicht unter dem schwarzen
Kreuze taufen«
    »Unser Kind« jubelte er »am liebsten trüg ichs nach San Miniato  mitten
hinein in Glanz und Licht«
    Von jenem Abend an hörten Norinas einsame Winterwanderungen auf Im Schloss
aber entstand ein reges Leben Maurer und Zimmerleute gingen aus und ein es
wurde geklopft geweisst gehämmert
    »Die Kapelle der Baronin« flüsterten sich die Leute vielsagend zu Und die
Gesichter der alten Baronessen wurden lang ihre Augen verloren wieder jeden
freundlichen Schimmer Giovanni schlug das Kreuz wenn er sie sah
    »Wir sind die letzten die die Traditionen der Hochsess aufrecht erhalten«
erklärten sie nachdem sie schon tagelang dem Nachmittagstee ferngeblieben waren
und sich nun feierlich zu einer wichtigen Unterredung bei Konrad eingefunden
hatten »Wir fordern Rechenschaft Willst du der Nachkomme eines der ersten
evangelischen Ritter Frankens dein Kind zu einem Abtrünnigen machen«
    »Abtrünnig aller Finsternis  ja« sagte er die Stirne runzelnd um als
sie verständnislos von einem zum andern sahen mit leichtem Spott hinzuzufügen
»Besänftigt euren Zorn liebe Tanten und den des Herrn Pastors er mag den
Staatstalar für die Taufe ruhig aus dem Schranke nehmen«
    Aber die Leute tuschelten einander trotzdem weiter zu »Die Kapelle der
Baronin« und die Katholiken triumphierten als von dem Muttergottesbilde die
Kunde kam auf das der leere Raum über dem Altar wartete
    Norina malte in der Kapelle An den vier runden Säulen rankten sich
phantastisch ihre Blumen empor bis in die blaue Wölbung mit den Goldsternen Aus
den Nischen in den Wänden blickten Madonnen Jesuskinder lächelten vom Schoße
der heiligen Mütter In den kleinen bunten Fenstern leuchtete dunkelrot die
rote Rose von Hochsess
    Indessen übte unten in der Dorfschule der Kinderchor alte Marienlieder
    Und in der Akademie von Florenz saß vor Giottos DemeterMaria ein junger
Maler und suchte das Wunderwerk auf seiner Leinwand zu wiederholen  Vittorio
Tenda
    Ohne Norina davon zu sprechen hatte Konrad ihn nachdem die eingeholten
Auskünfte die besten gewesen waren mit der Arbeit beauftragt indem er ihm
zugleich im Palazzo Ritorni die Wohnung anwies
Und nun taute der Schnee selbst auf den Höhen zum Wildbach wurde die Quelle
mit Geschrei und Gezwitscher suchten die heimkehrenden Vögel die alten Plätzchen
für ihr Nest Der Frühlingssturm peitschte die Fahne und sang in den Kaminen
sein Schlachtlied
    Norina legte die Pinsel fort Sie ging durch den Garten und streichelte
leise die kleinen braunen Knospen an den Sträuchern und bückte sich nach den
blassen Schneeglöckchen
    Wenn Konrad sie nicht sah wusste er wo er sie finden würde im hellen
Zimmer droben vor der weißen Wiege an deren Decken und Bettchen noch immer
irgend etwas zu zupfen und zu nesteln war Kam er so schmiegte sie sich stumm
in seine Arme Sie sprach überhaupt kaum mehr Es gab keine Worte für ihr
Empfinden Nur ihre Augen vermochten ihm noch Ausdruck zu geben
    Die Kapelle war fertig Nur der Platz über dem Altar war noch leer Der alte
Giovanni hatte sich selbst zu ihrem Wächter gesetzt Er ließ keinen hinein und
war immer da seine Tiere in der Turmstube vergaß er Niemand wusste ob er wohl
jemals schlief An einem der ersten Tage waren die Tanten gekommen herrisch
Einlass begehrend Der Herr Pastor wollte wissen ob es auch mit seinem Glauben
vereinbar sein würde dort zu taufen Ein krähendes Gelächter antwortete ihnen
von innen als sie den Türgriff niederdrückten Sie fuhren entsetzt zurück So
oft sie auch wiederkamen stets stand Giovanni davor den Eintritt hindernd Bei
einem heftigen Wortwechsel zwischen ihnen kam Konrad dazu
    »Mach Platz Giovanni« gebot er und versuchte den schwachen alten Mann
beiseite zu schieben Der aber klammerte sich verzweifelt an die Türpfosten in
seiner Muttersprache laut schreiend »Lass die bösen Augen nicht herein« Als er
schließlich überwältigt beiseite taumelte füllte sein Schluchzen den ganzen
Raum Die Fräuleins aber standen kühl und gerade mitten darin nur ihre Blicke
bewegten sich hin und her spöttisch missbilligend und die Mundwinkel ihrer
farblosen Lippen zogen sich tief herab Von da an brannten Tag und Nacht
geweihte Kerzen in der Kapelle und Giovanni führte noch erbitterter den Kampf
gegen die Neugierde Sobald er von innen die Fenster öffnete stellten sie von
außen Leitern an um hineinzuspähen Ließ er sie geschlossen so flog über Nacht
ein Stein durch die Scheiben ohne dass der frevelhafte Schleuderer zu entdecken
war
    Gerade über dem Altar befand sich ein kleines Fenster aus blauem und rotem
Glas kunstvoll zusammengestellt das aus der oberen Galerie der Halle sein Licht
empfing
    »Es sollte vergittert werden« sagte Giovanni zu Norina als sie ihrer
Gewohnheit gemäß in der Frühe in die Kapelle ging
    Sie wandte sich lächelnd nach dem Alten um
    »Warum gerade dies das noch niemand zerbrach«
    »Es sollte vergittert werden« beharrte er hartnäckig
    Jeden Morgen nach der stillen Andachtsstunde trat sie ins Freie hinaus und
betrachtete sehnsüchtigen Blickes Bäume und Sträucher Es war ihr erster
Frühling im Norden Und sie erfüllt von der Erinnerung an seinen raschen
Siegeslauf daheim wo Rosen und Lilien unter jedem seiner Schritte blühen
erkannte ihn nicht
    »Wie lange das dauert« flüsterte sie vor sich hin und aller Glanz wich aus
ihren Zügen
    »Hier kommt er nie« hörte sie hinter sich sagen und erschrak
    An einem Apriltag als der Westwind Schnee und Regen gegen die Fenster
peitschte und die Flammen im Kamin nur mühselig schwelten saß Norina an der
Stätte ihrer Mutterträume Sie hatte die Läden zugezogen um das Wetter nicht zu
sehen und im Licht der Lampen Hemdchen und Jäckchen ausgebreitet um sie
Schwester Teresa der kleinen Nonne mit der großen Flügelhaube zu zeigen die
seit gestern im Schloss war und mit immer gleichem Lächeln und gleichem leisen
Schritt ordnend und vorbereitend im künftigen Reiche des Kindes hin und her
ging
    Sie waren beide so vertieft in ihr Tun und so weit ab von allem Lärm des
Hofs und der Wirtschaft dass die fernen Geräusche kaum an ihr Ohr drangen Mit
jenen weichen zärtlichen Stimmen die alle Frauen haben wenn sie dem Wunder
neuen Lebens nahe sind sprachen sie miteinander
    »Kosimo soll er heißen« antwortete Norina auf eine Frage der Schwester
    »Kosimo« wiederholte sie lächelnd »und wenn es ein Mädchen ist«
    »Fiore«  wie ein Seufzer der Sehnsucht kam der Name über Norinas Lippen
»auf den Hügeln und Feldern um Florenz steht jetzt alles voll bunter Blumen«
fuhr sie langsam fort die Hände um die Knie gefaltet und sah ins Weite Ein
aufheulender Windstoß antwortete ihr
    Sie schwiegen Räder rollten schwer über den Hof Pferdegestampf 
Peitschengeknall Dann Stimmen  die Konrads zuerst  eine fremde dann Aber
Norina war viel zu müde als dass sie hätte hinausgehen und aus dem Flurfenster
blicken mögen Dann hörte sie noch ein Hämmern  wie von der Kapelle herauf 
    »Das Bild« rief sie Konrad voll freudigen Verstehens entgegen als er nach
geraumer Zeit zur Türe hereintrat Er nickte lächelnd »Dann « und ihre Finger
schlangen sich wie zum Gebet ineinander »ist alles bereit für mein Kind«
    In der Kapelle brannten viele gelbe Kerzen aber es schien als zöge das
Bild auf dem Altar alles Licht an sich um dann wie durch sich selbst allein zu
leuchten Die wundervolle mütterliche Frau in dem schimmernden weißen Hemd das
die vollen nährenden Brüste ahnen lässt dem schweren blauen Mantel darüber der
den breiten Schoss die kraftvollen Knie deckt ohne sie zu verhüllen erfüllte
den ganzen Raum in ihrer einfachen beherrschenden Größe Konnte sie in anderer
Umgebung noch Maria sein hier war ganz und allein Demeter  das Kindlein auf
dem Schoss nichts als ein Symbol ihrer Fruchtbarkeit
    Norina sprach kein Wort ihre Augen begegneten sich mit der Allmutter
stillem großem Blick Sie fühlte ihn wie sie keines Priesters Segen gefühlt
haben würde
    Dann erst sah sie die Menge der bunten Frühlingsblumen deren Duft sich mit
dem der Kerzen zu süßen Opfergerüchen mischte Der ganze Altar war bedeckt mit
ihnen »Fiorenze« flüsterte Norina ihr Antlitz tief in die blühende Fülle
pressend Tränen hingen ihr in den Wimpern als sie es wieder hob
    »Du weinst« Konrad schlang besorgt den Arm um sie
    Sie lächelte »Vor Freuden«
    »Und du fragst nicht einmal nach dem Künstler dem wir dies Werk verdanken«
meinte Konrad lächelnd als sie die Kapelle verließen
    »Die Kopie ist so glänzend dass sie den Kopisten vergessen macht«
entgegnete sie »immerhin wer ists«
    »Vittorio Tenda«
    Überrascht blieb Norina stehen »Vittorio Tenda« wiederholte sie und fügte
mit dem Ton aufrichtigen Bedauerns hinzu »Also ist er doch kein großer Künstler
geworden«
    Fragend sah Konrad sie an »Wer in einer Kopie mit keinem Strich sich selbst
verrät« erklärte sie »kann doch ein Eigener nicht sein«
    »Vielleicht hast du recht« sagte er »aber ihm selbst musst du es nicht
verraten«
    »Ihm selbst« Es klang wie ein Schrei
    »Er bat mich da er sowieso nach Berlin zu reisen gedachte das Bild
persönlich überbringen zu dürfen«
    Sie betraten die Halle aus einem der tiefen Lederstühle erhob sich die
Gestalt eines Mannes Norina fuhr zusammen den Fremden anstarrend wie eine
Erscheinung während sie sich schwer auf Konrads Arm stützte
    »Kennst du ihn nicht mehr Norina« sagte dieser »Vittorio Tenda der für
dich DemeterMaria malte«
    Der Fremde verbeugte sich Mit einem scheuen flüchtigen Blick sah sie ihn
an und schüttelte kaum merklich den Kopf
    »Sie glauben mir nicht gnädige Frau« klang eine Stimme wie der tiefe Alt
einer Frau
    »Ich danke Ihnen« sagte sie mit einem leichten Neigen des Hauptes und
wandte sich der Pforte zu
    Konrad erstaunt über ihre ablehnende Kühle hielt sie sanft zurück »Auch
die Blumen die dich so entzückten sind von ihm« erklärte er in
zuredendeindringlichem Tone
    »Von Ihnen wirklich von Ihnen« rief sie aus und ihre Hand weiß leuchtend
im Kerzenlicht streckte sich ihm entgegen
    »Ich bin derselbe ganz derselbe der sie Ihnen einst gepflückt dem Sie
erlaubten sie Ihnen zu schenken« sagte er mit dem vollen Patos des
Italieners der jedem Worte durch den Ton erst den Sinn verleiht dabei zog er
ihre Hand sehr langsam an seine vollen roten Lippen
    Mit der Geste einer Königin ging sie an ihm vorüber ohne ein weiteres Wort
mit ihm zu wechseln Am Abend bat sie den Gatten auf ihrem Zimmer speisen zu
dürfen
    »Ich vertrage fremde Menschen nicht mehr« sagte sie beide Arme um seinen
Hals legend mit einem freien Blick in sein Gesicht »lass mich diese Tage ganz
allein mit dir sein«
    »Aber Abschied wird er doch von dir nehmen dürfen« meinte Konrad voll
zärtlichen Dankes für dies Zeichen ihrer Liebe
    »Abschied« sie atmete wie erleichtert auf »Er mag kommen Ich fürchtete
schon du hieltest ihn länger zurück«
    »Wie könnte ich« Und er küsste sie zärtlich auf die Augen »wo wir  seiner
warten der uns vollenden soll«
    »Zur Dreieinigkeit« ergänzte sie leise
    Als Vittorio Tenda in ihr Zimmer trat saß sie am Kamin die schmalen Füße
dicht an der Flamme
    »Wie Sie frieren müssen« sagte er lebhaft auf sie zutretend statt aller
Begrüßung
    Sie zog die Füße zurück warf den Pelzkragen von den Schultern und
entgegnete hochmütig »Gar nicht«
    »Ich habe Sie nie vergessen Norina« fuhr er fort den Stuhl näher rückend
während seine Augen die ihren suchten Sie wich ihnen aus wie ein gejagtes Wild
den Hunden die auf seinen Fersen sind Dann maß sie ihn von oben bis unten mit
einem kühlerstaunten Blick
    »Ich wurde an Ihre Existenz erst erinnert als mein Bruder von Ihnen
erzählte«  hart fielen die Worte von ihren Lippen
    »Sie haben auch hier Klosterzellen für  Verbannte nicht wahr Darf ich
kommen Norina« sprach er unbeirrt weiter wieder versuchte sein Blick sie zu
bannen Es war wie ein stummer Kampf Plötzlich griff sein Auge zu eine
Diebeshand Sie erblasste erhob sich und  mit der Rechten auf der Stuhllehne
sich stützend als fürchte sie zu fallen  sagte sie ruhig
    »Es ist spät Herr Tenda Es wäre mir peinlich Sie vor Ihrer Abreise Ihrer
Nachtruhe beraubt zu haben«
    Noch eine stumme Verbeugung und er ging Als aber die Türe sich öffnete
prallte er zurück und schreckhaft zuckte Norina zusammen Giovanni richtete
sich auf vor ihm als habe er auf der Schwelle gelegen
In der Nacht darauf gab Norina einem Knaben das Leben Nicht einen Wehlaut hatte
sie nötig gehabt auszustossen Keinen Augenblick lang war der Ausdruck
lächelnder Freude von ihrem Antlitz gewichen Das Kind aber war am Körper ganz
weiß hatte den Kopf voll geringelter goldener Löckchen und schlug ernst und
stumm ein Paar große tiefblaue Augen auf Während des ganzen folgenden Tages
blieben sie offen mit einem großen fremden Staunen und quälenden Grübeln als
müsste das Seelchen das sie belebte in diesen Stunden des Daseins Rätsel lösen
Erst als die Sonne gelb und feindselig hinter matten Frühlingsnebeln erlosch
legte sich ein dunkler Schleier über sie Das Kind war tot
Und die Mutter wollte sterben Aber das Leben hielt sie unerbittlich in seinen
Krallen Tage und nächtelang saß Konrad an dem Bett der Fiebernden Sie
erkannte ihn nicht »Kerkermeister« flüsterte sie flehend während er sorgsam
die Eisblasen auf ihrem Kopfe wechselte »nimm mir die Krone vom Haupt Ich bin
keine Madonna«  »Kerkermeister« kam es mit rührendem verhaltenem Jubel von
ihren Lippen während er ihren abgemagerten Körper aus dem Bette hob »trag
mich hinaus  hinaus zu meinem Kinde«
    Immer rannen ihr die Tränen über die blassen Wangen wie aus einem
unerschöpflichen Born Einmal schlüpfte Giovanni den Konrad sorgfältig
ferngehalten hatte weil sein Verstand ganz verwirrt war und er die Kranke
hartnäckig Lavinia nannte unbemerkt in seinem alten fleckigen Pierrotkostüm in
Norinas Zimmer und tanzte vor ihrem Bett Da lachte sie hell auf Von nun an
durfte er täglich zu ihr Er war sehr komisch er spielte auf der Gitarre
lustige Melodien und krähte wilde Liebeslieder dazu er machte Harlekinsprünge
mit seinen dünnen zitternden Beinen und deklamierte dabei Erklärungen glühender
Leidenschaft  Und Norina lachte Man würde den Alten gerufen haben wenn er
nicht stets seiner Stunde wartend schon vor der Türe gestanden hätte
    Konrad hatte verschiedene Autoritäten an das Lager des geliebten Weibes
geholt und alle empfohlenen Mittel und Metoden versucht obwohl einer der Ärzte
dem anderen stets widersprach Dann schrieb er an Warburg Der Freund ließ ihn
nicht lange warten Als er kam brach Konrad zum erstenmal zusammen Bis dahin
hatte er sich beherrschen müssen jetzt endlich endlich durfte er verzweifeln
Er sprach rückhaltlos von allem von seiner Liebe und seiner Enttäuschung
seiner unerlösten Sehnsucht seinem Hoffen das nun seines Lebens einziger
Inhalt sei Und mit jener stummen Anteilnahme die wohltuender ist als Worte
die dem Leidenden immer nach Phrasen klingen und als Fragen die immer wie
Neugierde wehe tun hörte Warburg zu Dann sagte er des Freundes Hand fest in
der seinen haltend »Erinnerst du dich eines Ausspruchs von Pawlowitsch und
deiner Antwort darauf«  Konrad schüttelte den Kopf  »Nur ein sinnloser
Spieler setzt alles auf eine Karte sagte er oder ein Held antwortetest du
Und ein Held mein lieber Konrad wird immer siegen« »Auch wenn er untergeht«
ergänzte dieser ernst
    Warburg untersuchte und beobachtete Norina lange ehe er ein Urteil abgab
»Ich glaube sie wird dir erhalten bleiben« sagte er schließlich Ein Ausruf
des Glücks drängte sich auf Konrads Lippen aber ein Blick in des Freundes
ernste Züge wandelte rasch seine Freude »Du verheimlichst mir etwas« frug er
besorgt
    »Nein denn jede Verheimlichung wäre in diesem Augenblick ein Unrecht gegen
dich« entgegnete Warburg ruhig »Des Fiebers wird ihre starke Natur Herr
werden besonders wenn wir den alten verrückten Seiltänzer entfernen Aber nach
allem was ich von dir weiß schließe ich dass sie die ganz auf die Erfüllung
ihres Muttertraums eingestellt war sich seelisch schwer erholen und  du
siehst ich bin bis zur Härte offen  dich als eine der Ursachen ihres Unglücks
ansehen wird«
    »Sage nur ruhig als die Ursache« erwiderte Konrad aber sein Blick blieb
hell fast froh dabei »Ich werde sie zurückerobern und wenn ich meine Kräfte
verdoppeln sollte«
    Warburg sah ihn prüfend an »All deine Kräfte deine reichen Kräfte für 
ein Weib« murmelte er mit leisem Tadel
    Konrad lächelte wehmütig »Du hast anderes von mir erwartet ich weiß Ich
sollte ein Krieger werden einer der um Menschheitsgüter kämpft Gibt es die
Güter nicht  oder bin ich kein Krieger  wer kann es entscheiden Eins nur
weiß ich dass mir Norina die Verkörperung alles Grössten und Schönsten wurde dass
meine Unrast in ihr Ruhe meine Sehnsucht in ihr Erfüllung findet dass
vielleicht und dies mag dir zum Troste dienen durch sie der Krieger in mir
erwacht und ich mit ihr die Güter finde um die das Leben einzusetzen sich
lohnt«
    Aber trotz des Freundes Zuversicht wurde Warburg die Sorge nicht los und
beschloss zunächst in seiner Nähe zu bleiben Seiner kühlen Ruhe gelang woran
Konrad immer wieder scheiterte weil er Norina keine Freude zu rauben vermochte
Giovanni nicht mehr zu ihr zu lassen Wohl tobte der Alte und drohte mit Gewalt
»Hundert Jahre dien ich um Monna Lavinia« schrie er »nun will ich meinen
Lohn ihre schwarzen Haare und ihre weißen Füße Der Tod dem der ihn mir
raubt«  Aber Warburg nahm ihn mit einem einzigen festen Griff beim Arm und
führte ihn in sein Turmzimmer ihn in den alten wurmstichigen Lehnstuhl
niederdrückend Aus dem staubigsten Winkel des völlig verwahrlosten Raums kroch
eine große Schildkröte mit verrunzeltem Greisengesicht unter des Seiltänzers
Füße und ein kläglich miauender Kater der graue Haare hatte rieb den krummen
Buckel an seinem Arm Mit den beiden unterhielt sich Giovanni von da an
unablässig Denn sie antworteten ihm obwohl es niemand hörte
    Konrad besuchte ihn oftmals am Tage um sich zu versichern dass er noch da
war Der Alte lachte ihn stets lustig an und erzählte was er von den Tieren
erfahren haben wollte »Signor Tenda« flüsterte er einmal geheimnisvoll
während ein gelbes Funkeln sich in seinen kleinen Augen entzündete »geht des
Nachts durch den Park auf leisen Sohlen und seine Seufzer schweben wie große
schwarze Nachtschmetterlinge durch Monna Lavinias Fenster «
    »Signor Tenda« wiederholte Konrad überrascht »du irrst Giovanni er ist
längst in Berlin«
    Der Alte kicherte »Willst du klüger sein Bambino mio als der Kater Der
schlich auf der Terrasse den vielen Wühlmäusen nach die das Haus unterhöhlen
und sah den Fremden leibhaftig« Giovanni rutschte vom Sessel auf die Knie und
hob flehend die dürren Greisenhände zu seinem Herrn »Lass den alten Seiltänzer
frei« bettelte er »dass er dir Monna Lavinia hütet«
    Mit einem peinlichen Gefühl das er nicht zu bannen vermochte verließ ihn
Konrad Er forschte nach dem Maler Vergebens Und erleichtert atmete er auf
Norina erholte sich zusehends Als das Fieber gewichen war und die wirren
Phantasien verstummten begann sie langsam mit scheuer fremder Kühle an dem
Geschehen um sie her wieder Anteil zu nehmen
    »Du wirst viel Geduld haben müssen« sagte Warburg zu Konrad
    Der nickte »Meinst du ich wüsste das nicht« Mit zarter Sorgfalt jede
leidenschaftliche Aufwallung die sie verletzen könnte unterdrückend umgab er
Norina Und sie war wie ein ungeschicktes verlegenes Kind im stillen Dank den
sie äußerte
    Aber wenn er nur ihre Hand berührte wurden ihre schmalen Wangen fahl Und
wenn er sie sanft mit einer brüderlichen Gebärde auf die Stirn küsste pressten
sich ihre Lippen krampfhaft zusammen
    Sie verlangte nach Giovanni »er spricht toskanisch« meinte sie schüchtern
als müsse sie sich um ihrer Bitte willen entschuldigen Von da an schenkte der
Alte wieder wie einst den Wein in die Gläser Und jeden Mittag prangte ein
Strauss frischer fremder Blumen vor ihrem Teller die er irgendwo in einem
sonnigen Winkel heimlich gezogen hatte Er strahlte wenn er sie sah zitterte
wenn sie ihm dankte und mit tiefem unheimlichen Feuer verfolgten sie seine
Augen wo sie ging und stand
    »Fürchtest du ihn nicht« frug Warburg sorgenvoll als sie eines Abends
nachdem Norina sich wie gewöhnlich früh zurückgezogen hatte zusammensassen
Konrad lachte »Der arme Narr Er würde sich eher vierteilen lassen als dass er
uns etwas zuleide täte«
    Sie kamen auf die verschiedenen Formen menschlicher Liebesleidenschaften zu
sprechen und ihre Unterhaltung wurde allmählich intimer
    »Je differenzierter wir werden um so seltener scheint die eine große Liebe
zu sein die uns ganz ausfüllt Seele Geist und Körper in gleicher Weise
ergreift« sagte Warburg
    »Ich glaube du bist ein lebendiger Widerspruch deiner Theorie« antwortete
Konrad zum erstenmal seit ihrem Zusammensein eine Anspielung auf Walters nie
erloschene gleichmäßig tiefe Neigung wagend
    »Du irrst lieber Freund« antwortete der »denn ich bin nicht
differenziert bin vielmehr eine einfache Natur  ein Alltagsmensch sozusagen
Darum liebt sie mich auch nicht sie deren Wesen so gar nichts vom Alltag
weiß«
    »Wie aber konnte sie jemals einen Gerhard Fink liebgewinnen« rief Konrad
aus
    »Ich gebe mich als der ich bin in ihn der seine Beschränktheit als einen
Teatermantel um sich zu drapieren verstand konnte sie alles mögliche
hineingeheimnissen«
    »Sie konnte sagst du  Ist ihre Ehe wieder getrennt« frug Konrad
überrascht
    »Sie wurde niemals geschlossen«
    »Wie«
    Warburg lachte bitter »Die Eltern Finks nahmen Anstoß an der Jüdin und an
dem schlechten Ruf den sie haben soll Er aber  zu allem kraftlos sowohl zum
Widerstand den Eltern wie zum Bruch Frau Sara gegenüber  fügte sich«
    »So ist es eine freie Ehe«
    »Ich  weiß es nicht« entgegnete Warburg zögernd »Ich weiß nur dass sie
leidet  sehr leidet Aus allen Enttäuschungen des Herzens und Geistes flüchtete
sie in diese Liebe Vielleicht « und er schloss die Augen mit einem wehen
Lächeln  »flüchtet sie noch einmal Schutz vor sich selber suchend zu mir«
    Erstaunt fast verletzt sah Konrad ihn an »Und ein solches Geschenk
könntest du nehmen«
    Warburg erhob sich und legte die Hand auf die Schulter des ihn weit
überragenden Freundes während ein müder gespannter Zug sich um seine
Mundwinkel grub »Wir werden uns alle bescheiden müssen« sagte er »keine
unserer Jugendhoffnungen hat sich erfüllt Unsere Ideale sind schal geworden«
    Dann nickte er versonnen und ging durch das große Zimmer das die
verlöschende Glut im Kamin nur noch mit leise flackernden blauen Flammen
spärlich erhellte hinaus wo der dunkle Flur ihn verschlang
    Konrad starrte ihm nach »Unsere Ideale sind schal geworden« wiederholte er
sehr langsam Jedes der fünf Worte bohrte sich ihm wie ein Pfeil ins Herz
    Da öffnete sich die Türe wieder »Bambino« zischte es »er ist wieder da 
er  der Maler«
    Konrad fuhr auf und ging dem Voranschleichenden nach Wahrhaftig Draußen
auf der Terrasse auf die Norinas Fenster still und dunkel herabsahn drückte
sich Vittorio Tendas Gestalt in den Schatten der Lorbeerbäume
    Mit einem festen Schritt stand Konrad vor ihm und bohrte seinen funkelnden
Blick in das erblassende Antlitz des Italieners
    »Was suchen Sie hier bei Nacht und Nebel wie ein Einbrecher« Er dämpfte
die Stimme um Norinas willen wo er sie am liebsten zum Brüllen gesteigert
hätte
    Tenda rührte sich nicht Ebenso leise die hasserfüllten Augen auf den
anderen gerichtet sagte er »Nichts«
    Noch näher trat Konrad dem Ertappten so dass er seinen heißen Atem zu spüren
glaubte während Giovanni geduckt beide Hände gespreizt zum Zuspringen bereit
sich dicht neben ihm hielt
    »Durch ihre nächtlichen Spaziergänge kompromittieren Sie meine Frau«
    Tenda warf den Kopf in den Nacken »Ich bin zu jeder Genugtuung bereit«
    Mit einem Blick eisigen Hochmuts maß ihn Konrad von oben bis unten »Damit
durch das romantische Ereignis Dienstbotenklatsch zum Skandal der ganzen Gegend
wird und Sie sich in Ihrem Heldentum sonnen«
    »Soll ich ihn würgen Bambino mio« schrie in diesem Augenblick Giovannis
Stimme grell dazwischen
    »Still« zischte Konrad Der Alte prallte zurück Sie horchten sekundenlang
alle drei zu den Fenstern hinauf Nichts rührte sich
    »Sie kommt zuweilen und schluchzt in die Nacht hinaus« murmelte Tenda vor
sich hin »mich bemerkte sie nie«
    »Das weiß ich« sagte Konrad laut und hart »sie hätte Sie sonst
davongejagt« Dann nahm seine Stimme wieder den Ton beherrschter Ruhe an »Sie
sind von morgen ab auf dem Eckartshof mein Gast Ich werde Sie um jedes Gerede
im Keime zu ersticken ein paar Tage lang an meinem Tische dulden und dann « er
machte eine verächtliche Gebärde die nicht misszuverstehen war
    Tenda zuckte zusammen und ballte die Fäuste
    Ohne einen Gruß erhobenen Hauptes wandte sich Konrad dem Hause zu
    Norina empfing die Nachricht von dem Gast mit steinerner Ruhe »Ich werde
auf meinem Zimmer essen« sagte sie »Ich wünsche das nicht« entgegnete Konrad
kurz und fest Sie neigte den Kopf tief auf die Brust Erschüttert von dieser
Bewegung eines Gehorsams der nichts als Gehorsam war versuchte er sie behutsam
an sich zu ziehen »Es war nur eine Bitte Geliebte« flüsterte er Sie entzog
sich ihm nicht aber sie blickte ihn an groß und fremd als sähe sie ihn zum
erstenmal
    Als der Gast gekommen war und sie ins Zimmer trat blieb sie sekundenlang in
der Türe stehen ihr weißes Gesicht leuchtete wie der blasse Mond in dunklen
Herbstnächten aus dem Schwarz ihrer Haare ihrer Gewänder Tenda starrte sie an
selbstvergessen mit einem Ausdruck so schmerzreicher Liebe dass Konrads Zorn
vor diesem Anblick langsam zu weichen begann Was konnte der Arme dafür dass er
sie liebte hoffnungslos liebte  fast wie er Und er versuchte etwas wie ein
Gespräch in Gang zu bringen Es fiel ihm nicht schwer denn Tenda übernahm alle
Kosten der Unterhaltung Er erzählte Von Paris zuerst Aber nicht von seinem
Glanz und seinen Freuden sondern von der stillen Schönheit seiner Gärten mit
ihren grauen Bildsäulen und gelbroten Pflanzenkübeln von dem melancholischen
Reiz des linken Seineufers mit den verstaubten alten Büchern und Bildern auf den
verwitterten Ufermauern vom Park von St Kloud mit seinen geraden
Kastanienalleen die sich im Himmel verlieren und dem Blick auf die ferne
ruhende Stadt die die silberne zitternde Luft zärtlich umhüllt Er sprach als
male er Norinas Blick wurde um ein weniges heller Sie sah seine Bilder
    Von Trouville erzählte er dann wo um die hochhackigen Schuhe geschminkter
Frauen der weiche weiße Seesand sich schmiegt in überladenen Kasinosälen das
Gold über die grünen Tische rollt wo der Wind wütend das nordische Meer mit
seinen immer graugrünen kalten Wellen peitscht und an den Schleiern der Schönen
unwirsch zerrt wo von den prunkenden Villen auf der Höhe enge schmutzige Gassen
herunterführen in denen die teuersten Dirnen der Welt sich ausstellen
    Er machte eine Pause und sah zu Norina hinüber Ihr Mund verzog sich  aber
sie lauschte
    »An Italiens Meer Signora floh ich von dem strengen Gestade« fuhr er
fort »dahin wo seine dunkelblauen Wogen San Marcos heilige Füße küssen wo
große Künstler voll Ehrfurcht vor der Natur nicht wagten im Angesichte ihrer
Majestät etwas anderes zu bauen als Dome und Paläste Und Italiens Frauen sah
ich wieder vom sonnendurchglühten Wasser die schlanken Glieder umschmeichelt
geschmückt mit der Fülle unserer Blumen « Er verstummte von der eigenen
Leidenschaft erschüttert Auf Norinas Wangen lag purpurne Röte Da brach ein
Glas klirrend entzwei Giovannis zitternde Hände hatten es beim Einschenken
umgestossen
    Später als es ihre Gewohnheit war zog sich Norina an jenem Abend zurück
und es war als ob ihr Fuß noch auf der Schwelle zögere Auf dem Flur schlich
ihr der Alte nach und im Augenblick da sie die Türe ihres Schlafzimmers öffnen
wollte warf er sich ihr wild aufheulend in den Weg
    »Hundert Jahre diente ich Monna Lavinia  hundert Jahre « schluchzte er
ihre Knie umklammernd
    Ein Gefühl aus Ekel und Mitleid gemischt kräuselte ihre Lippen »Armer
Narr « sagte sie und befreite sich mit einer einzigen Bewegung von den dürren
Armen die ihr den Eingang wehrten Kaum war sie hinter der Türe verschwunden
als er sich ächzend aufrichtete »Armer Narr sagst du « murmelte er während
die tausend Falten auf seinem Gesicht sich verzerrten und seine Gestalt sich
reckte »weh mir dass ich weiser bin als alle«
    Am nächsten Tage bediente er nicht bei Tisch Da und dort hatte man ihn im
Schloss schlürfen hören aber niemand bekam ihn zu Gesicht
    Auch Norina blieb auf ihrem Zimmer »Fühlst du dich nicht wohl geliebte
Frau« frug Konrad dem sie ihren Entschluss ohne Begründung hatte mitteilen
lassen
    Mit einem langen zärtlichen Blick  dem ersten seit vielen Wochen  sah sie
ihm gerade ins Gesicht
    »Ich darf mich nicht so viel erinnern Konrad« und ganz schwer wie
belastet von Gedanken fiel jedes Wort aus ihrem Munde »Seit mir das Kind nicht
blieb bin ich so fremd geworden  mir selbst  dir  allen Hilf du mir« 
flehend und wie von Angst geweitet ruhten ihre Augen auf ihm  »dass ich nicht
noch weiter fort muss« Von ungeweinten Tränen geschüttelt barg sie den Kopf an
seiner Schulter Und er presste sie an sich von neuer heißer Hoffnung
durchströmt dass sie ihm wieder gehören würde
    Warburg atmete förmlich auf als er erfuhr dass Norina zum erstenmal von
ihrem Unglück gesprochen hatte »Jedes Redenkönnen ist schon eine Befreiung«
sagte er »nur das tiefste Leid das noch unerlöste und nicht zu erlösende
bleibt stumm«
    Während Konrad mit seinen Gästen bei Tische saß  eine gequälte Tafelrunde
bei der schließlich keiner mehr sich die Mühe gab ein Gespräch
aufrechtzuerhalten  betrat Norina die kleine Kapelle Die Türe knarrte im
Schloss irgendwo knirschte der Fußboden Sekundenlang hob sie in erschrecktem
Lauschen den Kopf Niemand sollte ihr folgen Sie musste allein sein Alles blieb
still was sie noch hörte war wohl nur das Klopfen ihres eigenen Herzens
gewesen Die Luft im Innern des geweihten Raumes schlug ihr atembeklemmend
entgegen denn seit dem Tage vor der Geburt des toten Kindes war die Kapelle
nicht mehr geöffnet worden und vor DemeterMaria standen noch in ihren Schalen
die armen welken Frühlingsblüten Italiens ihre feuchten faulenden Stengel
ihre trockenen verwesenden Blätter breiteten einen Geruch nach Sumpf und Moder
aus Norina aber griff mit einem Blick sehnsüchtigen Verlangens mit beiden
Händen in das dürre Laub und presste es krampfhaft an ihr blasses Gesicht in
grauen Staub zerfallend zerrann es zwischen ihren Fingern
    An dem kleinen Fenster über dem Altar raschelte es Wie lebendig funkelnd
die roten und blauen Gläser niederstarrten
    »Es sollte vergittert werden « hatte das nicht einmal irgendwer gesagt
    Ihre Augen um die sich tiefe Ringe legten wanderten durch den Raum wer
hatte die bunten Blumenbilder um die Säulen geschlungen Gab es noch eine Erde
der sie lächelten Wer hatte die blaue Wölbung mit den goldenen Sternen darüber
gespannt Gab es noch einen Himmel der also leuchtete Vom Schoße
DemeterMarias schien der üppige Knabe die ganze Welt jubelnd umarmen zu wollen
 er hatte die Augen so blau wie die Adria und Haare wie die Sonnenstrahlen
wenn sie Santa Maria del Fiore küssten Norina brach lautlos zusammen
    Das Fenster über dem Altar splitterte Sie hörte es nicht Rote und blaue
Scherben regneten herab Sie merkte es nicht Ein faltiges Greisengesicht
erschien in der Öffnung mit Pupillen in den Augen wie gelber Bernstein Sie sah
es nicht
    Von draußen her klangen Schritte Da horchte sie auf die Hände krampfhaft
ineinander verschlungen
    »Sie erreichen den direkten Zug nach Italien« sagte Konrads Stimme die
höflichkühle Warburgs danach »Werden Sie sich aufhalten unterwegs« Und
schließlich Vittorio Tendas weicher Bariton »Nein Wie könnte ich auch nur eine
Stunde verlieren wollen« 
    Norina war aufgesprungen mit fliegenden Pulsen gluteissen Wangen  schon
griff sie nach der Türe da zuckte ihre Hand als hätte sie in Feuer gefasst
zurück ihre Augen starrten entgeistert Der Kopf zwischen dem Fensterrahmen
über dem Altar verschwand Ein Strom fahlen weißen Lichtes zerschnitt die warme
Dämmerung der Kapelle Aufstöhnend schwankte Norina dem Altar zu Hart schlug
ihr Kopf auf die Stufe
    Und die Pforte sprang auf mit beiden Flügeln Und ein Etwas stürzte herein
 und im Nacken Norinas saß ein Dolch
    Und rot sprang ihr Blut wie ein Quell über ihre lange schwarze Schleppe  

 
                                Neuntes Kapitel
                               Vom großen Sterben
Die Vögel sangen am frühen Morgen in Busch und Baum der Bach im Tale rauschte
zu ihrer hellen Melodie die tiefe Begleitung Das war Norinas Grabgesang
    Sechs Männer trugen den blumenüberschütteten Sarg durch die Parkalleen Die
kleinen Chorknaben von Vierzehnheiligen mit den Weihrauchbecken schritten voran
vier greise Priester folgten wie fremde Könige anzuschauen in den langen
gestickten Gewändern der ehrwürdigen Wallfahrtskirche und eine Schar
schneeweisser Nonnen dann wie sanfte verflogene Vögel Dahinter einer der
allein ging Es war wie ein weiter leerer Raum um ihn Er sah geradeaus mit
dunklen glanzlosen Augen die still unter den Lidern standen wie die der
Blinden Seine blonden Haare waren hell geworden von den weißen Fäden die sie
durchzogen
    Als der älteste unter den Priestern ihn trösten wollte weil sie ihm
entrissen worden war hatte er ihm staunend ins Antlitz gesehen und gesagt »Ich
bin es ja der gestorben ist« Und in der schwarzen Menschenschlange die sich
zum Geleit der Toten langsam hinter ihm durch die grünen Laubgänge schob war
was er sagte flüsternd von Mund zu Mund gegangen mit einem einzigen Beben des
Grauens
    Erde fiel auf den Sarg  dreimal und wieder dreimal und noch einmal und so
ins Unendliche fort
    Noch monatelang hörte Konrad das Pochen und meinte die schwarze Scholle zu
fühlen die über ihn rieselte bis er ganz und gar unter ihrer Decke verschwand
    Nur sein Herz wollte zu schlagen nicht aufhören
Trübe Herbstabenddämmerung lag in Frau Sara Rubners grauem Salon In einen
dunkelrot geblümten Kimono gewickelt hockte sie im Winkel des Sofas und folgte
mit den merkwürdig geschlitzten Augen in dem Mongolengesicht dem unruhig auf und
nieder schreitenden Warburg
    Vom Drama auf Hochsess hatte er erzählt Jetzt stockte er tief aufatmend
    »Und dann« frug sie mit gespannter Miene
    »Die Leute im Hof bemerkten noch wie die Fahne auf dem Turme sank aber als
sie den Alten suchten war er verschwunden« antwortete Warburg
    »Vergebens durchforschte die Gendarmerie die ganze Gegend Er hat sich gewiss
in irgendeinem Winkel umgebracht« Und wieder durchmass er rastlos das Zimmer
    »Wollen Sie sich nicht endlich setzen lieber Freund« sagte sie gequält
»Ihre Unruhe wirkt wie eine Peitsche auf meine Nerven«
    Er ließ sich gehorsam ihr gegenüber in einem der tiefen Sessel nieder
»Verzeihen Sie ich dachte einen Augenblick nicht an Ihre übergrosse
Empfindlichkeit Sie leiden mehr als sonst Frau Sara« Sein forschender Blick
blieb auf ihr haften
    Sie machte eine rasche abwehrende Bewegung »Sprechen wir nicht von mir
Das ist zwecklos Erzählen Sie mir lieber mehr von Konrad Ist es Ihr Verdienst
dass er noch lebt«
    Warburg legte die Hand über die Augen Den herben Spott der in ihrer Frage
lag versuchte er zu überhören »Er lebt nur  so seltsam das klingt  um
Norina zu neuem Leben zu erwecken Sie darf nicht sterben  wiederholte er immer
wieder Zuerst wurde Tenda telegraphisch zurückgerufen Er machte eine Skizze
von der Toten und danach ein Bild das ein wundervolles Kunstwerk ist eine
schwarzgekleidete Frau mit einem zarten weißen Schleier über dem Kopf den Blick
sehnsüchtig und doch entsagungsvoll in eine weite lachende Landschaft
gerichtet Es ist vielleicht kein Porträt doch Norinas Erscheinung und ihr
Wesen ins Typische fast Klassische erhoben Während der Arbeit wich Konrad
nicht aus dem Atelier die beiden Männer befreundeten sich und Norina war immer
bei ihnen Mir schiens zuweilen als verscheuchte ich ihre lebendige Gegenwart
 dennoch glaubte ich um Konrads willen bleiben zu müssen«
    Frau Sara Rubner saß noch immer auf demselben Platz Sie hatte die Arme um
die hochgezogenen Knie geschlungen und starrte vor sich hin »Wir alle die wir
uns selbst zum Mittelpunkt wurden gehen daran zugrunde« sagte sie mit
abwesendem Ausdruck und fügte leise hinzu als müsse sie einem unausgesprochenen
Einwurf begegnen »Denn die wir lieben als gehörten sie uns sind doch auch nur
wir selber«
    Draußen ging die Eingangspforte Sie sprang auf und sah mit kaum
beherrschter sehnsüchtiger Erwartung zur Türe Auch Warburg erhob sich
    Gerhard Fink trat ein »Pardon  ich störe wohl« sagte er mit einer
korrekten Verbeugung keine Muskel in seinem glatten schmalen Sportmannsgesicht
zuckte
    »Bitte  ich war im Begriff zu gehen« entgegnete Warburg eisig
    »Lassen Sie sich ja nicht stören um so weniger als ich mich nur
verabschieden wollte« warf der andere ein
    Frau Rubner presste ihre großen weißen Zähne in die Unterlippe »Sie fahren«
    »Zu den Eltern heute abend noch« und mit abermaliger leichter Verbeugung
wobei ein fast unmerklicher prüfender Blick von einem der Zurückbleibenden zum
anderen flog ging er wieder
    Sie trat zurück Warburg den Rücken drehend und zerzupfte langsam die
gelben Blüten einer langstieligen Orchidee die in brauner Bronzevase auf dem
Tische stand
    »Wird er « frug Warburg leise
    Sie nickte »Ich habe eine Entscheidung verlangt Ob er sie bringen wird 
Sagte ich Ihnen schon dass die Albatrosswerke ihm einen glänzenden Posten
angeboten haben« Und sie lachte rau und misstönig
    »Sie wissen dass Sie immer auf mich rechnen können  immer« rief Warburg
einen leidenschaftlichpatetischen Klang in der Stimme der ihm sonst fremd
war
    Sie wandte sich ihm wieder zu »Ich weiß« ihre Hand streckte sich ihm
entgegen »aber im Allerheiligsten der Seele und im Schwersten des Erlebens
bleibt man doch immer allein« Dann wechselte sie rasch wie auf der Flucht vor
intimerem Gespräch den Ton »Baron Hochsess kommt morgen wie Sie sagten«
    »Er hat sich jedenfalls für einen dieser Tage bei Bernhard angemeldet um
seine Denkmalsentwürfe zu sehen«
    Es zuckte spöttisch um ihren Mund »Sagen Sie selbst lohnt sich ein Leben
das nur noch mit solchen Nichtigkeiten erfüllt ist« sagte sie um nach einer
kurzen Pause hastig fortzufahren »Nun aber gehen Sie lieber Freund gehen Sie
Wir geraten sonst in Gefahr Ausgrabungen vorzunehmen in denen man Welten
erwartet und Scherben findet« Und fast gewaltsam schob sie ihn zur Türe hinaus
Auf den Wegen der Erinnerung ging Konrad Hochsess er ging allein Denn niemand
wusste dass er in Berlin war und keiner hätte ihn erkannt der ihm begegnet
wäre Er war noch nicht dreißig Jahre aber seine Züge hatte das Schicksal so
herb und hart gemeisselt als bliebe nun nichts mehr übrig in sie einzugraben
    Seltsam wie alles was er sah und hörte ihm fern und fremd und tot
erschien während nur Eins ihm wahrhaft lebte die Tote Es gab Augenblicke wo
er vor sich hinlächelte in Gedanken an die Armen ringsum die nicht wussten wie
reich er war in ihrem Besitz Dann freilich gab es andere wo ihn die ungeheure
Einsamkeit überkam jene erhabenfürchterliche Einsamkeit der Gletscher die
nichts kennt als Fels und Eis und Schnee und zuweilen den Schrei des Adlers um
ihre Gipfel
    Während der vergangenen Monate hatte er Zeiten gehabt wo er meinte das
Leben riefe nach ihm und ein Fahnenflüchtiger der Ehre und der Freiheit
verlustig würde er sein wenn er sich dem Befehl widersetzte Nun sah er mit
einem Gefühl aus Selbstqual und Genugtuung gemischt dass ihn das Leben nicht
hatte rufen können  weil es nicht da war
    Beim Wandern zu den Stätten seines vergangenen Daseins kam er dorthin wo
Gina gläubigen Herzens den alten Zauberer gesehen hatte der die Sterne in
seiner großen Kuppel fing Aber der kleine stille Platz war nicht mehr und der
alte Garten der einst die Sternwarte dicht umschlossen hatte lag begraben
unter den schweren Pflastersteinen und dem grauen Asphalt der neuen Straße Hier
suchte niemand mehr nach den Sternen Also war das Leben tot
    Irgendwo in der Stadt fesselte ihn die Auslage eines Spielwarengeschäftes
große Kinderpuppen wie Else sie einmal geschaffen hatte Er ging hinein und sah
genauer zu sie hatten gleichgültige Fabrikwarengesichter und irgendeine Firma
lieferte sie Sollte er sich näher erkundigen Aber was war ihm Else als eine
wehmütige Erinnerung mehr und was vor allem vermochte er ihr noch zu bieten
Denn das Leben war tot
    Er geriet immer mehr in das Gewühl der Straßen War es stets das gleiche
gewesen oder bemerkte er nur zum erstenmal wie die Menschen
durcheinanderhasteten mit sorgenvollen Gesichtern als ob jeder sich fürchte
der andere könne ihm die Beute abjagen der er nachlief Wozu blühten die
leuchtenden Herbstblumen auf den Beeten der Plätze wozu glänzte der grüne Rasen
wie ein Smaragd wozu wölbten die Baumkronen ihr Blätterdach Niemand achtete
der Pracht niemand ließ sich Zeit in ihrem Schatten zu ruhen Niemand Doch
die Kinder Konrad blieb wie angewurzelt stehen da saß ein blondes Bübchen auf
dem Sandhaufen und griff mit der kleinen weichen Hand nach dem Sonnenstrahl
der durch die Blätter fiel und auf seinem Blecheimerchen glitzerte und lachte
den verspäteten Schmetterling an der über der roten Aster neben ihm gaukelte
Durchtränkt von Leben war das Kind und Leben strömte aus von ihm Konrads Herz
krampfte sich zusammen Er strich ihm mitleidig über den Lockenkopf es würde
auch einmal bei lebendigem Leibe sterben Wie gut dass sein Sohn vorher gegangen
war
    Am Tiergarten kam er entlang Dort drüben hatte ein schlichtes vornehmes
Haus gestanden wie eine verirrte Edelfrau zwischen Marktgesindel Er suchte es
An seiner Stelle erhob sich jetzt ein Palast in großen starken Linien eines
Herrschers würdig »Veit von Vossberg« stand in großen Lettern am Granitpfeiler
des Torwegs Konrads Stirnadern schwollen er schämte sich dass er der Norina
lieben durfte sich jemals so hatte verlieren können Dann aber war ihm
plötzlich als schaue er durch die Wände dieses Hauses das der Künstler nicht
für den kongenialen Bauherrn sondern für den Meistbietenden gebaut hatte Die
drinnen wohnten lebten nicht ob sie gleich von früh bis spät in Bewegung
waren An der Spitze zahlloser Vereine stand Renetta das wusste er durch die
Zeitungen aus Sitzungen Wohltätigkeitsfesten Flirts und Schneiderproben
setzte sich die Hetzjagd ihres Daseins zusammen und nichts haftete mehr an ihr
als der Handschuh den sie trug Eben stieg eine Dame die Freitreppe am
Seitenflügel des Gebäudes hinab dem harrenden Auto zu sie hatte rostbraune
Haare und eine gelbliche Haut nur die meergrünen Augen verrieten noch wer sie
war Konrad musterte sie wie eine völlig Fremde »Sie würden auch ihre Augen
wechseln wenn sie könnten diese Menschen von heute« dachte er »die niemals
vom Leben zur Einheit geformt worden sind«
    Eines Abends ließ er sich durch ein großes Plakat verleiten in eine
Arbeiterversammlung zu gehen in der jener junge Arbeiter den er einmal in
Pawlowitschs Bildungskursen kennen gelernt hatte über den Balkankrieg und seine
Folgen sprechen sollte Der mit verstaubten im Luftzug der auf und zugehenden
Türen trocken raschelnden Girlanden vom letzten Tanzfest her geschmückte Saal
war kaum halb gefüllt Zwischen dem Redner der den Eindruck eines
Privatdozenten machte und sehr nüchtern und leidenschaftslos begann indem er
die Entwicklung des Balkankrieges bis zu seinem Abschluss dem Zusammenbruch der
europäischen Türkei schilderte und dem Publikum kam es nicht zu jenem geistigen
Zusammenfliessen des Gebens und Nehmens aus dem allein Lebendiges zu entstehen
vermag Erst als er den Militarismus im allgemeinen angriff und einige scharfe
Bemerkungen gegen den preussischdeutschen im besonderen hineinverflocht der
»dem Volke soeben neue unerträgliche Lasten auferlegt hatte« spendeten die
Zuhörer ihm lebhaften Beifall und warfen höhnend ein »Zabern«  »Kruppskandal«
 »Knittel«  dazwischen an all jene Skandalgeschichten erinnernd in die
Offiziere verwickelt gewesen waren und die in einem Augenblick die öffentliche
Meinung bis tief in die bürgerlichen Kreise hinein erregt und entrüstet hatten
wo die Regierung mit neuen Militärforderungen vor den Reichstag trat »Die
Ansprüche der Offizierkaste haben Dimensionen und Formen angenommen die nicht
bloß für die arbeitenden Klassen sondern auch für die Masse des Bürgertums
verletzend ja gefährlich sind « rief der Redner und der Agitator brach
plötzlich aus dem Privatdozenten hervor Das Publikum johlte Dann fiel er
wieder in das Dozieren zurück keine der bekannten sozialdemokratischen
Wendungen von den wirtschaftlichen Ursachen allen Geschehens vom nahen
Zusammenbruch des kapitalistischen Staats von der alles und alle erlösenden
Aufhebung des Privateigentums an den Produktionsmitteln außer acht lassend er
leierte sie herunter wie der Kantor den Katechismus Niemand hörte hin
    Auch hier sind die Ideale schal geworden dachte Konrad das Leben ist tot
    Er wollte sich leise entfernen und gelangte bis zur Türe Es hatte sich
inzwischen ein wenig mehr gefüllt und er kam an Gruppen von Arbeitern vorüber
die sich im Hintergrund hielten und sich eifrig über gewerkschaftliche
Angelegenheiten über die Ereignisse des letzten Zahlabends und ähnliches
unterhielten »Halts Maul« rief ein Junger mit fanatischen Augen einem zu der
lauter wurde so dass die an sich schwache Stimme des Redners ihre letzte Wirkung
verlor
    »Gotts Donner das Hemd ist einem näher als der Rock« brummelte der
Angefahrene in den struppigen Bart
    »Aber die Haut dürfte dir noch näher sein« höhnte der Junge »und ob du die
zu Markte tragen willst davon ist hier die Rede« Jetzt verstummten die
Umstehenden und hefteten ihre Blicke in denen mehr Neugierde als Anteilnahme zu
lesen war dem Redner zu Auch Konrad blieb noch einmal stehen
    »Nichts ist in diesem Augenblick so billig wie die Weissagung vom kommenden
Weltkrieg« tönte es lauter durch den Saal »Serbien dem der Bund der
siegreichen Balkanstaaten zur Seite steht drängt zum größeren Serbien das bis
ans Meer reicht unwiderstehlich hin Gegen diese Aspiration muss Österreich das
Schwert ziehen Russland aber kann nicht zugeben dass sein Schutzstaat zerstampft
wird Und Deutschland wieder kann seinen Bundesgenossen nicht im Stich lassen
Ist es aber einmal in einen Krieg auf Tod und Leben verwickelt so naht für
Frankreich die gute Gelegenheit seine alte Rechnung mit dem Todfeind zu
bereinigen  natürlich auch für England das den Augenblick nicht vorübergehen
lassen wird um den unbequemen Konkurrenten ins Mark zu treffen Dasselbe gilt
Österreich gegenüber für Italien « Die Stimme des Redners wurde heiser er
gestikulierte heftig auf seiner Stirn standen die Schweißtropfen Unwillkürlich
scharten sich die wenigen Zuhörer dichter um ihn Im Hintergrund klafften die
Flügeltüren breit auf Die Girlanden an den Wänden hoben und senkten sich vom
Luftzug bewegt dürre Blätter wehten hinab »Unsere Stunde aber ist gekommen 
der große Augenblick an dem die internationale Sozialdemokratie sich bewähren
ihre Macht in die Wagschale ungeheuren Weltgeschehens zu werfen hat Mit dem
Dampfhammer den Marx einmal beschreibt hat man unsere Bewegung verglichen Er
vermag mit leichten Schlägen kleine Nägel in weiches Holz zu treiben Stürzt er
aber seine ganze Schwere ausnutzend wuchtig ab so splittert Granit zu Staub
unter ihm Behalten wir Besinnung Bewussteit Einigkeit Der internationale
Sozialismus ist der Friede«
    Erschöpft fiel der Redner in den Stuhl zurück Man applaudierte lebhaft
»Hoch die internationale Sozialdemokratie« rief einer mitten im Saal Aber
alles geschah wie nach einem Schema ohne innere Anteilnahme Der Weltkrieg Wie
oft wurde davon geredet Von nüchternen Politikern und spiritistischen
Schwärmern von Imperialisten die Deutschlands überragende Weltmachtstellung
von Sozialisten die die Weltrevolution von ihm erwarteten Dass er kommen werde
kommen musste war zur Formel geworden wie das Warten auf den Messias bei den
Juden zur Formel geworden war Nichts Lebendiges nichts das Kräfte zeugt oder
steigert lag mehr darin
    Konrad aber fühlte sich seltsam aufgewühlt Krieg  konnte das mehr sein als
die Rauferei von ein paar wilden Tieren um die Beute als das Niederknütteln von
Schwächeren durch der Stärkeren Habgier als ein Spektakelstück auf einer der
tausend Weltbühnen bei dem der Gebildete halb gelangweilt halb mitleidig
zusieht Krieg  verbarg sich unter diesem Namen noch eine Macht die den
einzelnen sich selbst entreißen in die Sintflut eines einzigen Geschehens
hineinzuschleudern vermöchte so dass er wieder ein Teil würde sich als Teil
empfände erlöst von der Grausamkeit eigenen Lebens Das wäre  Leben
    Die Flamme die flüchtig in ihm aufgeschlagen war sank rasch in sich
zusammen »Tor der ich bin« dachte er »mit der drastischen Darstellung ewiger
Höllenstrafen suchten noch immer kluge Pfaffen die ihnen entweichenden Seelen
wieder zu ködern Die Schrecken des Kapitalismus verfangen nicht mehr seitdem
man anfing sich mit Hilfe von Genossenschaften und Gewerkschaften und sozialer
Gesetzgebung halbwegs bequem in ihm einzurichten jetzt versucht mans mit dem
neuen Gespenst«
    Sehr müde wie immer wenn er geschlafen hatte  denn das Erwachen zur
Wirklichkeit erschöpft den Unglücklichen mehr als das stete wache Bewusstsein
ihres Schreckens  entschloss sich Konrad am nächsten Morgen endlich die
Menschen aufzusuchen die er sehen wollte Den kleinen Bildhauer zuerst Er war
inzwischen eine Berühmteit geworden und von ihm erhoffte Konrad jenes Denkmal
das Norinas würdig wäre einen schlichten antiken Grabstein träumte er sich mit
der Gestalt einer Frau die ruhevoll in tiefem Sessel lehnt die Augen auf einen
zu ihren Füßen spielenden Knaben gerichtet und in Ausdruck und Gebärde wie
Norina hätte sein müssen wenn das Kind nicht gestorben wäre So sollte man
meinte er alle Toten ehren indem die Kunst vollendete was das Schicksal
stümperhaft unterbrach
    Als er vor Bernhards Villa trat leuchtete ihm aus dem herbstlich bunten
Garten jene Statue entgegen die des Bildhauers Ruf begründet hatte ein nacktes
Weib sehr schmal sehr schlank von der keuschen Unnahbarkeit gotischer
Heiligen Er vergewisserte sich daran aufs neue dass Bernhard schaffen würde
was er hoffte und nun überkam ihn wieder jene freudige Gewissheit von Norinas
Nähe von dem Vollbesitz ihres Wesens
    Der Künstler begrüßte ihn mit übertriebener Herzlichkeit und vielem
Geschwätz das offenbar irgend etwas verdecken sollte Sie kamen ins Atelier Da
saßen und standen und lagen dieselben Frauen wie die im Garten nur dass die
Oberkörper noch kleiner die Beine dafür noch länger und schlanker geworden
waren Das war nicht künstlerische Entwicklung sondern Manier Bernhard
errötete unter Konrads fragendem Blick und lachte gezwungen
    »Sie sehen« sagte er »ich bin bereits in jenes Stadium der Berühmteit
getreten die es mir erlaubt mich selbst zu wiederholen ja gewissermaßen zu
karikieren«
    »Schade« meinte Konrad trocken und sehr ernüchtert
    »Was wollen Sie« fuhr Bernhard fort »Das große Publikum gewöhnt sich am
raschesten an bestimmte Ausdrucksformen und liebt den Künstler den es durch sie
immer wieder erkennt Unbequem fast suspekt ist ihm einer der stets aufs neue
Probleme stellt«
    »Das große Publikum« rief Konrad gereizt »was geht es den großen Künstler
an«
    Der andere lächelte überlegen »Der große Künstler will leben lieber Baron
Und seitdem ich mir dies Haus baute und dazu den Luxus einer armen Frau
gestattete ist die Erfüllung dieses berechtigten Wunsches nicht leicht
Überdies was hat man sonst vom Dasein wenn das bisschen äußerliche
Behaglichkeit nicht wäre«
    Dann zeigte er Konrad einige kleine Modelle für das Grabmal gemeisselte
Tragödien  kein Bildwerk Konrad fühlte dass für ihn hier nichts zu erwarten
war Sie trennten sich kühl und verstimmt Auf dem Wege zum Gartentor sprachen
sie noch flüchtig über alte Bekannte Auch Eulenburgs Name wurde erwähnt
    »Wissen Sie noch nicht dass er geheiratet hat  Veits Stieftochter über
deren Hässlichkeit ihn ihre Millionen trösten sollten« spottete der Bildhauer
    »Verdiente er nicht viel Brauchte er sich in so ekelhafter Weise zu
verkaufen« frug Konrad in unbeherrschter Empörung
    »Viel  aber nicht genug Übrigens hat sich der arme Kerl greulich
verrechnet Für Papa Veit ist das Dichten so was wie ein Makeln mit
Börsenpapieren und das Herstellen von Material für Druckerschwärze nicht viel
anders wie das Weben von Lein wand das man nach der Elle misst und bezahlt Sein
Zuschuss an den Schwiegersohn richtet sich nach dessen prompter Lieferung von
Geistesprodukten Darum ist er jetzt bis zum Zirkus und zum Kino gelangt 
darum mein lieber Baron « und der kleine Bildhauer der sich offenbar lange
im Zaum gehalten hatte wurde feuerrot »kommen wir alle auf den Hund«
    Konrad atmete auf  also lebte doch noch etwas in dem Künstler  und drückte
ihm freundschaftlich die Hand »Darum werden wir mit Gewalt aus diesem Sumpf
gerissen werden« sagte er mit ungewöhnlicher Zuversicht
    »Oder sanft in ihm ersaufen wenn er auch dreckig istso ist er doch mollig
und warm« ergänzte Bernhard in bitterer Selbstironie
Als er im Bedürfnis sich auszusprechen zu Warburg kam und an der Türe schon
wieder umkehren wollte da er die ärztliche Sprechstunde zu stören vermeinte
trat der Freund ihm entgegen  sehr blass mit Augen die tief und glanzlos in
den Höhlen lagen
    »Bleib nur« sagte er müde »die Sprechstunde wird uns nicht stören ich
habe meine Kassenpraxis aufgegeben und meine Tätigkeit auch sonst erheblich
eingeschränkt Nur solchen Leuten helfen zu können die sich Essen und Trinken
Luft und Licht Ruhe und Bewegung zu bezahlen vermögen und nicht imstande zu
sein denen die es am nötigsten brauchen diese Bedingungen allen Gesundens zu
verordnen das passt mir nicht das ist ein Hohn auf meine Wissenschaft und meine
Ideale Doch das nur nebenbei«
    Und er erzählte dass Gerhard Fink seine Beziehungen zu Sara Rubner endgültig
gelöst habe »Sie hatte ihn vor die Wahl gestellt zwischen sich und den Eltern
Da spielte er zuerst den schmerzvoll Entsagenden vor ihr den gehorsamen Sohn
der Vater und Mutter nicht unglücklich machen dürfe Es muss darauf zu einer
bösen Szene gekommen sein nach dem zu schließen was Sara noch bebend vor Zorn
und Aufregung mir andeutete In ihrem Verlauf hat er die Haltung völlig verloren
und scheint ihr  ich habe auch das aus ihren wilden Reden nur herausgefühlt 
zynisch erklärt zu haben dass er« Warburgs Stimme sank und das Blut schoss ihm
jäh in die Stirn »nicht mehr nötig habe sie zu heiraten«
    »Elender Schurke« stieß Konrad zwischen den Zähnen hervor
    »Sie ist ganz vernichtet« fuhr Warburg fort »Von Ausbrüchen elementaren
Hasses und patetischer Verzweiflung wird sie hin und hergerissen«
    »Man muss sie vor sich selber retten ihr die Hand bieten dass sie
zurückfindet« warf Konrad lebhaft ein »eine Aufgabe die in diesem Augenblick
niemand erfüllen kann als du«
    Warburg nickte »Ich habe von Anfang an eine Katastrophe kommen sehen wie
eine Schildwache habe ich darum immer vor ihrem Leben gestanden Nur dass der
Kerl sie einmal so  so wegwerfen könnte « er brach ab um nach einer Pause
leise und langsam fortzufahren »Sie fühlt sich vor sich selbst und vor der Welt
 entehrt«
    Konrad sprang so heftig auf dass der Stuhl zu Boden krachte »Weil ein
Schuft sich als solcher enthüllte  entehrt« rief er
    Warburg hatte sich gleichfalls erhoben schritt ein paarmal stumm mit
gesenktem Kopf im Zimmer auf und ab und blieb dann dicht vor dem Freunde stehen
ihm fest ins Auge blickend
    »Ich will ihr dienen Konrad dienen wie bisher« sagte er leise
»vielleicht  vielleicht « und er legte die Hand über die Augen
    »Armer Freund« murmelte Konrad
    Dann ging er um von einem unbewussten Entschluss getrieben Frau Sara Rubner
aufzusuchen
Er erschrak als sie ihn empfing Sie war blass und schmal geworden Die breiten
Backenknochen standen scharf aus ihrem Gesicht
    »So sehen wir uns wieder « sagte sie Er beugte sich über die dargebotene
Hand um sie zu küssen Sie entzog sie ihm hastig »Sie wissen nicht« Er
nickte
    »Auch dass ich  besudelt bin« und ihre dunklen fieberglühenden Augen
richteten sich auf ihn
    »Sie  besudelt« Er lächelte ein wenig Frau Sara ließ ihn nicht
weitersprechen
    »Ich warf mich immer weg« begann sie mit krampfhaftem Versuch einen
ruhigen überlegenspöttischen Ton anzuschlagen »an eine Sehnsucht die in den
Sumpf führte an ein Ideal das sich als Fata Morgana erwies an einen Menschen
der ein Schurke ist Meinen Sie man könne dabei reinlich bleiben Man käme
nicht schließlich um vor Ekel«
    »Das ist wie mir scheint übertriebene Selbstqual es kommt doch wohl nur
darauf an sich nichts vorwerfen zu müssen« meinte er die ganze Kläglichkeit
seines phrasenhaften Einwurfs den er an Stelle eines Trostes fand peinlich
empfindend Ihr Lachen verletzte ihn darum nicht
    »Gibt es einen stärkeren Vorwurf gegen sich selbst einen deutlicheren
Beweis für die eigene Nichtigkeit als solche Sehnsüchte solche Ideale und
Neigungen zu haben« antwortete sie »Wahrhaft große starke Menschen verlieren
sich nicht« Er suchte vergebens nach einer Erwiderung  er war sich noch nie
so hilflos vorgekommen Sie empfand offenbar seine Verlegenheit »Was plagen Sie
sich Baron« sagte sie »es tut mir wohl dass Sie mir nichts sagen können 
ich sehe daraus dass Sie mich verstehen und das brauche ich mehr als alles
Doch genug übergenug der Geständnisse«
    Auf ihren Glockenruf brachte das Mädchen den Tee und sie saßen einander
gegenüber als korrekte Gesellschaftsmenschen die Konversation machen auch wenn
sie wissen dass sie eine unwiederbringliche Stunde verpassen in der sie
einander so viel zu sagen gehabt hätten
    Konrad erzählte ihr von den Eindrücken der letzten Tage Sie hörte
aufmerksam zu und sagte dann »Schon lange fühl ichs es liegt ein großes
Sterben in der Luft«
    »Aber auch eine große Sehnsucht nach Auferstehung« meinte Konrad
    Ein ironisches Lächeln flog um ihren Mund »Glauben Sie Mir scheint
vielmehr dass Ideen und Menschen sich noch im Grabe wehren würden wenn ein
grausamer Gott sie aus dem Schlafe wecken wollte« Und rasch als fürchte sie
jede Möglichkeit einer Vertiefung lenkte sie das Gespräch wieder in die
ausgefahrenen Gleise der Konvention
    Konrad verließ sie nicht weniger enttäuscht als er vorher Warburg verlassen
hatte
    Aber schon am nächsten Tage bat sie ihn schriftlich um seinen Besuch »Ich
habe gezögert ob ich es tun sollte« schrieb sie »Wir lieben uns nicht sind
nicht einmal befreundet  die übliche Schlussfolgerung daraus wäre dass wir
einander Fremde sind Es gibt jedoch wie mir scheint Situationen in denen
dies Fremdsein zum größten Nahesein berechtigt und befähigt weil keine
Empfindung Blick und Urteil trübt und zu Schonung und Lüge verleitet Ich muss
jemanden haben der offen und unbestechlich ist wie das was mich in der Wirrnis
der letzten Tage im Stiche ließ mein Gewissen «
    Konrad eilte zu ihr
    Eine einzige große gelbe Kerze brannte in Frau Saras grauem Salon
Darunter lag ihre schwarz gekleidete Gestalt lang ausgestreckt auf dem niedrigen
Diwan Ihre Lider waren gerötet zwei dunkle Flecken brannten auf ihren Wangen
    »Ich habe keine Zeit zu verlieren« sagte sie Erst jetzt bemerkte er die
Unordnung auf ihrem Schreibtisch in ihrer Umgebung In wirrem Durcheinander
befanden sich Bücher und Papiere
    »Sie wollen fort« frug er umschauend dabei fiel sein Blick auf die Kerze
die feierlich wie in einer Altarnische in der einen Ecke des Zimmers stand und
mit den zarten Rauchschleiern den feinen Duft frischen Wachses um sich
verbreitete
    »Vielleicht« antwortete sie gleichmütig und dann seinem Blicke folgend
»Meiner Schwester Todestag  im vorigen Jahre vergaß ich ihn zu feiern Um so
inbrünstiger geschieht es heut« Sie kämpfte mit den Tränen Er streichelte
unwillkürlich ihre Hand wie einem kranken Kinde »Nicht weich werden Baron
bitte nicht« fuhr sie fort »wenn Sie mir helfen wollen müssen wir Fremde
bleiben Denn eine deutliche Antwort erwarte ich  keine Ausrede  auf das was
ich Sie fragen will Ich brauche Grausamkeit keinen Trost«
    Und mit einem jäh hervorbrechenden Schluchzen vergrub sie den Kopf in die
Hände
    »Sprechen Sie« sagte er erschüttert »wenn Ihnen Wahrheit helfen kann wie
könnte ich sie Ihnen vorenthalten«
    Sie hob den Kopf »Ich danke Ihnen« Dann fuhr sie mit vollkommen
gefestigter Stimme fort »Nach meiner Frage Baron Hochsess  das wird Ihnen
sobald ich sie gestellt habe ohne weiteres verständlich sein  werden wir uns
nicht wiedersehen Sie dürfen mir mag Ihre Antwort so oder so ausfallen mag
ich ihre Richtigkeit durch mein Handeln anerkennen oder nicht danach nicht mehr
begegnen Und nun merken Sie gut auf es stürzte sich jemand nächtlicherweile
in Fieberhitze glühend und fast erlöschend vor Durst in dunkles Wasser das ihm
Erlösung schien Dann erst im Tageslicht entdeckte er dass es schmutzig war
und hässliche Zeichen davon auf seinem Körper hinterließ Und er lief weit fort
Und Scham und Verzweiflung liefen mit ihm Trotzdem trieben ihn Fieber und Durst
immer wieder zurück nach dem Wasser «
    Draußen knarrte die Eingangspforte es ging ein Schritt Sara schnellte
empor starrte mit reglosen Pupillen zur Türe und ein Schrei tiefster
Verzweiflung entrang sich ihrer Brust »Wenn er käme wenn er in diesem
Augenblick käme er an dem ich mir selbst zum Spott und zur Verachtung geworden
bin  ich stürzte ihm in die Arme  ich küsste seine Füße «
    Sie sank zusammen Draußen war es still Konrad hatte sich abgewandt bis
Saras rau gewordene Stimme sein Ohr traf »Kann so jemand weiter leben Baron
Hochsess« frug sie laut und scharf Er öffnete schon den Mund zu rascher
beschwichtigender Antwort als sein Auge dem der gequälten Frau vor ihm
begegnete Aus seiner dunklen Tiefe flehte eine in Ketten schmachtende reine
Seele um Erlösung Da verstummte er verbeugte sich tief und ehrfurchtsvoll
ohne dass er gewagt hätte auch nur die Fingerspitzen derjenigen von der er
Abschied nahm noch zu berühren und ging
    In derselben Nacht erschoss sich Frau Sara Rubner Die große gelbe Kerze
brannte noch immer ihr zu Häupten als man sie fand
    Konrad legte Warburg ein rückhaltloses Geständnis von allem ab was sich
zwischen ihm und ihr begeben hatte »Du wirst verstehen« sagte ihm dieser mit
jener Kühle die er jetzt ständig wie eine Maske trug »dass auch wir geschieden
sind«
    Auf dem Totenbett wohin er blasse Späterbstrosen trug sah er Frau Sara
zum letztenmal Man hatte ihr nach jüdischem Brauch die dichten schwarzen Haare
in kleine feste Zöpfchen geflochten zwei alte hässliche Klageweiber plärrten
Gebete und aßen dazwischen ihr Frühstück aus fettigem Zeitungspapier Und nicht
einmal mit Blumen durfte man das Lager bedecken Das war gegen die rituellen
Gesetze
    Lange stand Konrad neben der Toten verloren in Phantasien Das war ja gar
nicht Frau Sara die dort geschlossenen Auges ruhte jedes Reizes beraubt den
sie einst besessen hatte fast unschön War das die Zeit die sich aus Ekel vor
sich selbst entleibt hatte  die Vergangenheit die an ihren unerfüllten
Sehnsüchten verwelkt war Und waren die draußen die noch herumliefen und
lärmten als lebten sie nichts als ihre Gespenster
    Schon am nächsten Tage fuhr er nach Hochsess zurück glücklich mit der
wieder allein zu sein die ihm einzig noch lebte Da er weder einen Bildhauer
noch einen Baumeister für das Werk durch das er sie verewigen wollte gefunden
hatte ließ er von einem alten Maurer aus dem Dorf aus unbehauenen heimischen
Dolomitblöcken über ihrem Grabe im Part einen kleinen Tempel errichten Nur eine
Platte brauchte man in seinem Innern hochzuheben um ihn zu ihr herabzulassen
Dass es nicht lange dauern würde wusste er Was konnte dem Leben an ihm noch
liegen nachdem ihm am Leben nichts mehr lag
    Im Laufe des Winters starben die Tanten ohne viel Geräusch zu machen
    Nun war er ganz allein auf Hochsess Am Wechsel der Jahreszeiten allein
merkte er dass sich die Zeit bewegte
Unablässig fiel der Schnee Die Hochebene der Langen Meile wo die schwarzen
Wacholderbüsche verstreut auf der Öde stehen wie zerzauste Lebensbäume auf
vergessenen Gräbern und die kleinen einsamen Häuser die im Herbst wenn in
den dürftigen Gärtchen davor alles Blühende kahl und welk geworden ist mit der
Schamlosigkeit des Bettlers ihre Wunden und Blössen enthüllen hatte er schon in
den weißen Samt seiner königlichen Herrschaft geborgen Und nun schlug er
glitzernde Sternenschleier um die Bäume auf den Bergen und breitete unten im Tal
die prunkende Schleppe seines Brautkleides aus Er duldete nichts Dunkles Wenn
Wagenräder Pferdehufe Menschentritte sein Festgewand befleckten so löschte er
in einer Nacht jede Spur davon wenn der Schneepflug mühselig durch die
Dorfstrassen knirschte und der Landmann sich ächzend Fusssteige grub so
triumphierte er ein Herrscher von Gottes Gnaden schon in den nächsten Stunden
über die Kärrner Und danach gaben sie ihren Widerstand auf saßen mit
gefalteten Händen hinter den eisblumigen Scheiben und sahen zu wie die Flocken
fielen
    In der offenen Säulenhalle über Norinas Ruhestätte bedeckten blühende Blumen
den Boden Sie blieben lange Zeit hindurch das einzig Farbige Bis der Schnee
eines Nachts den Wind zuhilfe gerufen und auch diesen letzten Gegner überwunden
hatte Nun war alles weiße reine Unendlichkeit
    Und eine große Stille kam und verschlang jeden Laut
Unwirklich erschien Konrad der Frühling als er danach wieder begann wie eine
Komödie mit gemalten Kulissen
    Allmählich stellten sich die Nachbarn bei ihm ein um ihn zu trösten
»herauszureissen« »dem Leben zurückzugewinnen«
    Er hätte ihnen am liebsten ins Gesicht gelacht als sie davon sprachen Ihr
Leben Wirtschaftssorgen Familientratsch Parteihader und daneben  um dieses
unheilvolle Dreigestirn vergessen zu lassen  offene und versteckte von Spiel
Wein und Weibern beherrschte Amüsements Als ihm überdies Hilde Rotausen die
Verblühte Verbitterte mit deutlicher Absicht wieder zugeführt wurde zog er
sich in fast verletzender Weise zurück Dass er der letzte seines Stammes war 
das wusste und das wollte er Nachkommen in die Welt zu setzen denen nur ein
Erbe in diesem mechanisierten Leben aber keine Aufgabe mehr zufiel die mehr
bedeutete als ein bloßes Erhalten dieses Lebens  wie hätte er das verantworten
können
Die Kletterrosen um Norinas Tempel begannen zu blühen Das war der Sommer der
kam Noch nie war er so reich an Blumen und Erntehoffnung gewesen Aber eine
bleierne Schwüle lag in der Luft die lastete schwer auf allem was wachsen
wollte die verschleierte den Himmel dämpfte die Farben und ließ die kleinen
nesterbauenden Vögel unruhig flattern Als in der Johannisnacht die Feuer von
den Höhen flammen sollten  es war zum Brauch geworden dass die Jugend sie
überall schürte ein Fanal ihres Frohsinns und ihrer Hoffnungen  und die
entfachte Glut schon zu knistern begann brach ein Unwetter aus und Ströme
rauschenden Regens erstickten jeden Funken wenn er auch noch so hartnäckig zu
zünden begehrte
    Ein paar Tage später sprengte ein Reiter in den Hof von Hochsess Alex
Rotausen Er war heiß und rot und überhörte völlig Konrads gemessene Begrüßung
    »Weißt du schon« rief er sein Pferd zügelnd »Eben telegraphierte der
Amtsrichter an den Vater Ein Attentat  Der österreichische Tronfolger ist
ermordet Beim Einzug in Serajewo von einem Russophilen wie es scheint Das ist
das Signal «
    »Zum Kriege« fiel ihm Konrad ins Wort sein Antlitz strahlte  »nun hat das
große Sterben ein Ende«
    Entgeistert sah der Reiter den Schlossherrn an sollte die Nachbarschaft
dennoch recht haben wenn sie nur noch vom verrückten Hochsess sprach Er hatte
keine Zeit darüber nachzudenken
    »Ich trags weiter um alle Schlafmützen wach zu rütteln« rief er lachend
und stob zum Tore wieder hinaus
    Danach stand der letzte des alten fränkischen Ritterstamms vor dem Bilde
dessen der auf dem weißen Mantel das große schwarze Kreuz trug und hielt
Zwiesprache mit ihm
    Vom nächsten Morgen ab aber bestellte er Haus und Hof war von früh bis spät
auf Feld und Flur zu finden den Knechten und Mägden ein strenger Herr den
Bauern ein Vorbild Alles regte wetteifernd die Hände als gelte es zu schaffen
und zu bergen auf mehr als ein Jahr hinaus Und er selbst hisste auf dem Turm von
Hochsess wieder die Fahne
 
                                Zehntes Kapitel
                              Von der Auferweckung
In der Sommerschwüle unter den hohen Kastanien auf dem Hof von Hochsess summten
und surrten Fliegen und Wespen und die Pferde vor dem leichten Selbstfahrer am
Portal stampften ungeduldig Konrad stand auf der Schwelle der alte
Greifensteiner neben ihm
    »Es bleibt mir wohl kaum noch etwas zu sagen übrig« begann er mit einem
raschen hellen Blick der wie von Zärtlichkeit glänzte um sich schauend
    »Nur dass ich noch immer nicht begreife« brummte der andere
    Ein Lachen klar und froh wie sorglose Jugend zu lachen pflegt unterbrach
ihn »Nenns eine Schrulle  eine neue Verrückteit  wie du willst Hochsess
steht auf zwei Augen Da ists immerhin gut in diesen romantischen Zeitläuften
ein Paar andere in die Verhältnisse einzuweihen«
    »Du tust als wärst du ein fahrender Ritter und wolltest dich vom
österreichischen Bundesbruder zum Kampf gegen die Serben und sonstige dreckige
Balkanvölker werben lassen« erwiderte Rotausen noch immer voll Missmut
    Noch einmal lachte Konrad »Das Schlechteste wärs nicht« um dann ernster
hinzuzufügen »Besinnst du dich auf die Verwandtschaft zwischen Adel und
Abenteurer die die Großmutter einmal definierte Der alte Kreuzritter droben
zog auch aus keiner anderen als der inneren Berufung ins Preussenland wider die
Polen Im übrigen du kennst ja meine Ansichten über die Weltlage Und er sprang
elastisch auf den Bock noch einmal die Hand herunterreichend«
    Kräftig in sie einschlagend sagte der Greifensteiner »Gott verzeih mir
meine Schnauze die ich in der letzten Zeit nicht im Zaume hielt wenn sie über
dich herzogen bist doch ein Kerl vom alten Schrot und Korn Konrad Wir sehen
uns vielleicht noch in Berlin wenn du recht behältst und es wirklich losgeht 
müssen doch auch von dem Jungen dem Alex Abschied nehmen Leb wohl indessen
und Glück auf den Weg«
    Die Pferde zogen an Da fiel Konrads Blick auf den Turm mit der flatternden
Fahne Er wandte sich noch einmal um »Ich vergaß « rief er zurück seine
Stimme hallte laut unter dem Torweg  »dass sie mir keiner herunterholt  jetzt
blühen die Rosen«
    In scharfem Trabe ging es den Berg hinab Erst unten zügelte Konrad die
Füchse Denn vom Parkhügel leuchtete überschüttet von brennenden
Blütenbüscheln Norinas Tempel ins Tal Und langsam ganz langsam gesenkten
Kopfes als schritten sie im Trauerkondukt zogen die Pferde den Herrn vorüber
    Und nun umfing ihn der Wald und es war als ob die Bäume mit ihrem trauten
tiefen Schatten ihn wie mit zärtlichen Armen halten wollten Dann kam die Wiese
und lachte ihn an und der Bach der sie durchzog lud ihn zum Plaudern Doch
immer nur rascher griffen die Pferde aus
    Da  welch ein Hindernis Noch rasch zog der Fahrer die ungebärdig sich
bäumenden Tiere zurück Vor dem Wirtshaus von Gasselsdorf unter dem
Kastaniendach stauten sich die ländlichen Gefährte die vom Markte kamen und um
einen der vorlas drängten sich Männer und Frauen mit heißen Gesichtern Kaum
dass jemand dafür Gedanken hatte beiseite zu treten »Hallo « rief Konrad
»Hallo« sekundierte der Reitknecht der neben ihm saß mit gewohntem rauheren
Tonfall »Lass das Johann« verwies ihn der Herr »heut hat jeder ein Recht auf
die Straße«
    »Der Hochsess ists« schrie einer erregt
    »Der fährt schon« fiel eine zitternde Weiberstimme ein
    »Gibts Krieg Herr Baron« und ein Alter mit schlohweissem Haar die
Greisenhände über der Brust gefaltet trat vor Konrad beugte sich nieder und
reichte ihm die Hand
    »Bist noch einer von Siebzig Vater Lorenz und fürchtest dich« sagte er
    Der Alte warf den Kopf in den Nacken »Fürchten Ne  Nur dass ich im
Winkel hock « und er wischte sich mit der rissigen Faust über die Augen
    Jetzt umringten junge Burschen den Wagen Sie riefen alle durcheinander
»Wann gehts los «
    »Bald« 
    Da machten sie mit einem Hurra die Straße frei
    Nur ein blondhaariges Mädchen  musste sie immer am Wege sein wenn er kam 
lehnte am Zaun und weinte
    Auf dem Bahnhof in Bamberg liefen die Reisenden hin und her viele Frauen
und Kinder darunter die mit Koffern und Schachteln und Sträussen beladen aus
den Bergen kamen Aller Mienen schienen gespannt alle Augen eine Frage Nur
langsam setzte sich die unendliche Wagenreihe des Zuges in Bewegung Weich und
zärtlich schmiegten sich die Umrisse der fränkischen Höhen an den in der
flirrenden Hitze silbern glänzenden Horizont während die vier Türme des Doms
sich seltsam nah und schwarz in den Himmel streckten wie Lanzenspitzen Konrad
sah ihnen nach bis eine Biegung des Zugs sie verschwinden ließ Dass ihn das
plötzlich so schmerzen konnte als wären sie etwas Lebendiges etwas das ihm
gehörte
    Er schloss die vom grellen Licht geblendeten Augen Wirbelnde Funken und
Sterne und Kreise sah er Sie schmolzen ineinander verdichteten sich Und dann
war es als ritte der steinerne Ritter vom Dom vor ihm her im leeren im
pechschwarzen Raume weiß und leuchtend  bis er kleiner und kleiner wurde 
immer kleiner  ein gleitender Schwan  ein schwebender Vogel  zuletzt nur noch
ein Stern  und im nachtdunklen Meer der Unendlichkeit versank
Es wetterleuchtete fern am Horizont Aber in den abendlichen Straßen der Stadt
brütete die Glut des Tages jede Mauer strömte die Hitze der Sonne aus die sie
stundenlang in sich gesogen hatte Und wo Menschen in Gruppen beieinander
standen war es als wäre eine unsichtbare Flamme mitten unter ihnen Man sprach
nicht viel  man lauschte mit gespannten Nerven  selbst im Rollen der Räder lag
ein gedämpfter Ton
    Da  von fern her ein Ruf unverständlich zunächst dann deutlicher
»Österreich macht mobil« Und unten am Ende der Straße flutete es hervor mit
schwarzgelben Fähnchen in festem Schritt dem der Gesang den Rhythmus gab
»Gott erhalte Franz den Kaiser «
    Konrad war bis zum Potsdamer Platz vorgedrungen als der Zug sich näherte
Die Bogenlampen überströmten ihn jetzt mit ihrem weißen Licht es war Jugend
lauter Jugend rundbäckige Knabengesichter darunter Jugend durch die Wonne des
Erlebens allein beseligt Singend verlor sie sich wieder rasch übertönt von
entfesselten Stimmenfluten ringsum die vom nächsten Café aus brausten und
prasselten sich selbst überstürzend Konrad ging vorüber »Nieder mit Serbien«
klang es »Hoch Österreich« vom nächsten Tisch und die Bierseidel klapperten
aneinander »Expansionspolitik « »Platz an der Sonne « fing er weitere
Gesprächsfetzen auf Er eilte weiter in allen Nebenstrassen war es leer  an
den Ecken standen Dirnen und lachten ihm ins Gesicht  Bettler traten aus
dunklen Türen Sein Schritt wurde schneller War er gekommen um Gespenster von
einst zu sehen
    Da und dort wie die letzten Raketen eines Feuerwerks stiegen noch
abgerissene Klänge gen Himmel
    Und der nächste Tag erwachte noch leuchtender als der vorangegangene Aber
niemand in der Stadt hatte irgendeinen Sinn für seine blaue glühende
Sommerstille Die Straßen die Kafés waren von früh an überfüllt Aber nicht
mehr von jener Jugend die sich in der Nacht zuvor an dem ersten großen Ereignis
ihres Daseins berauscht hatte Reife Männer waren es die in aller Frühe von der
Sorge von ihrem Lager getrieben worden waren und mit übernächtigen Gesichtern
überall beieinander standen um ihre Ansichten und Befürchtungen über die
politische Lage auszutauschen Wenn sich auch die Hoffnungen vieler an die
Friedensbemühungen des Kaisers knüpften von denen die Presse erfüllt war so
schienen die meisten am Kriege kaum noch zu zweifeln
    Krieg  Wer von der Generation der Gegenwart wusste noch etwas von ihm Der
ängstlichen Gemüter bemächtigten sich fast mittelalterliche Vorstellungen
Besonders die Frauen schienen einen Zusammenbruch des gesamten wirtschaftlichen
Lebens für möglich zu halten und suchten mit einer Aufregung die oft an
Paroxismus grenzte Einkäufe für den Haushalt zu machen als gelte es sich für
eine Belagerung vorzubereiten Aber auch ruhige Männer wurden vom Fieber
ergriffen
    Krieg  Für die Generation des Friedens bedeutete dieses Wort ein dunkles
Rätsel erfüllt von tausend Schrecknissen
    Konrad gehörte zu den Zuschauern dieses Schauspiels Er fürchtete nichts Er
hoffte nur Wie der Landmann angesichts der durstenden Felder den schwarzen
Wolken hoffend entgegensieht die sich drohend am Himmel ballen
    Je höher die Sonne stieg desto mehr schien sie die Luft zwischen den
Häusern zu etwas greifbar Schwerem zusammenzupressen Sie lastete förmlich auf
den Köpfen und beengte den Atem
    Die Schatten schrumpften verängstigt zusammen
    Auch der Tiergarten in den Konrad einbog  den alten Weg zu Walter Warburg
ging er  bot keine Kühle Kein Luftzug regte sich Jedes Blatt am Baum stand
wie gebannt im blendenden Glast der Mittagshitze
    »Ich suche den Arzt wenn ich den Freund nicht finde« sagte Konrad als
Warburg den unerwarteten Patienten erkennend mit rasch verhärtetem
Gesichtsausdruck vor ihm zurücktrat
    »Bitte« erwiderte er kühl ihn mit flüchtig einladender Handbewegung zum
Sitzen nötigend
    »Du weißt« begann der Ankömmling mit einem Blick voll Schmerz und
Mitgefühl des Arztes durchfurchtes Antlitz streifend »dass ich seinerzeit wegen
eines Herzfehlers für dienstuntauglich erklärt wurde Jeder der was auf sich
hielt bereitete sich damals«  und er lächelte leise  »mittels einer
durchschwärmten Nacht wirkungsvoll auf die Untersuchung vor Jetzt«  mit einer
energischen Gebärde richtete er den Oberkörper auf  »wünsche ich nichts mehr
als gesund zu sein und hoffe deine Untersuchung wird das ergeben«
    Warburg hielt den Blick hartnäckig gesenkt keine Muskel in seinem Gesicht
zuckte Er kramte zwischen den Notizen auf seinem Schreibtisch und sagte dann
geschäftsmässig wie zu einem völlig Fremden »Hier ist die Adresse eines
Militärarztes der für diese Frage allein in Betracht kommt« Er umging
sichtlich jede Anrede um das »du« nicht aussprechen zu müssen
    Konrad sprang auf er atmete schwer und die drohende Falte zwischen seinen
Brauen strafte den freundlichen Ton mit dem er sich zu sprechen zwang Lügen
    »Danke Ich werde zu ihm gehen  nachher Mit deinem Attest  dem meines
Hausarztes verstehst du « Warburg hatte mit einem Bleistift gespielt jetzt
warf er ihn heftig auf die Tischplatte aber er antwortete nicht Und
eindringlicher fuhr Konrad fort »Kleine Unregelmässigkeiten die etwa noch an
meinem Herzschlag zu spüren sein sollten wird er weniger beachten wenn ich ihm
dein Attest vorlegen kann« Er machte eine Pause Als der andere beharrlich
schwieg näherte er sich mit einem raschen Schritt und sagte laut jedes Wort
betonend »Denn ich muss felddienstfähig sein  ich muss«
    Warburg lachte kurz auf »Ach so« erwiderte er mit schneidender Schärfe
»du gehörst neuerdings zu den Ästeten den Expressionisten und Futuristen die
den Weltbrand schüren helfen um der neuen unerhörten Sensation willen die auch
die schlaffsten Nerven aufzupeitschen vermag«
    »Walter« rief Konrad vorwurfsvoll Er kam nicht weiter Es war als
durchbräche eine lang zurückgehaltene Leidenschaft alle Dämme Warburg der
sonst so gehaltene fast steife Warburg der nie so recht jung gewesen zu sein
schien geriet außer sich
    »Der Krieg ists den ihr wollt ihr Verfeinerten ihr die ihr Krämpfe
bekommt wenn ein Tischtuch nicht zur Tapete passt« fuhr er los »wisst ihr denn
nicht was er ist was er bedeutet«
    »Not und Tod  Hunger und Pestilenz« sagte Konrad tiefernst »aber wir
sind es nicht die ihn heraufbeschwören Nur fürchten wir ihn nicht nur aus dem
Wege gehen wir ihm nicht«
    »Wir sollen ihm aber aus dem Wege gehen wenn nicht anders so mit der
Preisgabe von irgendeinem Stück dummen Stolzes wir sollen ihn fürchten auch
auf die Gefahr hin dass irgendein Narr uns feige schilt« begann Warburg aufs
neue »denn alles steht auf dem Spiele nicht nur Leben und Gesundheit  alles
was wir jahrzehntelang mühsam bauten an Völkerverständigung an innerer und
äußerer Kultur Das musst du doch einsehen Konrad gerade du« Und seiner selbst
unbewusst lag der alte vertraute Ton der Freundschaft in seinen letzten Worten
Ein warmer Blick aus Konrads Auge streifte den Sprecher
    »Wir sind reich geworden aber nicht glücklich klug aber nicht weise
geschickt aber nicht schöpferisch« antwortete er »Ein Teich der in der Tiefe
liegt wohin der Wind nicht trifft versumpft und Schilf und Entenflot täuscht
nur Kurzsichtigen eine blühende Wiese vor Es bedarf des aufwühlenden Sturms um
ihn rein und klar zu machen  auch wenn dabei den Libellen die Flügel zerrissen
den Wasserrosen die Blätter befleckt werden«
    »Dein Bild ist vortrefflich« warf ihm Walter heftig entgegen »nur dass der
Sturm von dem du Reinigung erwartest statt des Blühens das er zerstört die
Verwesung den Schmutz der Tiefe an die Oberfläche trägt Alle rohen Instinkte
werden wie Verbrecher die Kerkertüren sprengen Schon feiert engherzigster
Nationalismus seine Orgien er ist wie eine schwärende Krankheit die plötzlich
am Körper Europas ausbricht«
    »Und darum  das solltest du als Arzt besser wissen als ich  seine
Gesundung herbeiführt« wandte Konrad ein Aber den Gedankengang Walters schien
nichts aus der Richtung zu bringen
    »Hast du heut nacht gehört wie sie ihr Heil durch die Straßen brüllten all
die Germanen die nicht einmal ihres Vaters Herkunft zu kennen pflegen«
spottete er »Unter jedem ihrer Rufe hörte ich ein nieder mit den Juden  Ich
sage dir wenn dieser Krieg Wahrheit wird es wird im eigenen Land ein
moralisches Morden geben ohnegleichen«
    Konrad schüttelte den Kopf »Wie kannst du nur die in solchen Augenblicken
natürlichen Überhitzungen Unreifer tragisch nehmen und nationale Gesinnung mit
dem Fanatismus der Rassenpuristen identifizieren National empfinden heißt doch
nur sich mit Bewusstsein wieder einordnen in die Gemeinschaft«
    »Und im Namen dieser Gemeinschaft den niederknallen der einer anderen
angehört und dir nichts getan hat oder als Arzt dazu verurteilt sein den
Getroffenen mit allen Mitteln unserer Kunst schleunigst zu heilen damit er
wieder fähig ist auf andere auf die Feinde zu zielen« rief Warburg
leidenschaftlich
    »Du hast recht wenn du das im Namen der Gemeinschaft stärker betonen
wolltest« antwortete Konrad »In ihr hören wir auf einzelne zu sein sind
nicht mehr die Täter unserer Taten nicht mehr die Opfer persönlicher
Schicksale Wir sind Werkzeuge Träger einer höheren Idee«
    Warburg hob ungeduldig die Schultern »Eine höhere Idee andere
niederzuknütteln«
    »Alles Leben nährt sich vom Tode lehrte mich Jörun Egil « sagte Konrad
versonnen »Sollen wir um des Friedens willen tatenlos dabeistehen wenn die
Kosaken unsere Felder zertrampeln wenn die Franzosen im Rhein ihre Rosse
tränken wenn die Engländer unseren Handel unsere Kolonien schmunzelnd in ihren
weiten Geldsack stecken«
    Er sah dass Warburg allmählich müde in sich zusammensank und umfasste leise
seine nervöse blutleere Hand die auf der Stuhllehne lag »Walter« sagte er
in seine Stimme alle Weichheit seines Empfindens legend »wir haben beide viel
haben alles verloren Meinst du nicht dass wir zu allererst diesem Leben das
einen subjektiven Wert für uns nicht mehr besitzt einen tieferen Inhalt geben
sollten dass wir ja sagen sollten zum Schicksal rückhaltlos ja Ich glaube wir
haben noch etwas zu tun Und auch etwas zu finden das wir wie arme Blinde
suchten Die Lösung des Zwiespalts zwischen uns und der Welt die innere Einheit
allen Lebens Die alten Ideale sind schal geworden  weißt du noch dass du mir
das sagtest Es gilt für neue die vielleicht die kommenden Geschlechter zu
göttlicher Begeisterung berauschen werden die Trauben zu keltern« Er stockte
Walters Kopf senkte sich tief
    »Kannst du mir heute nicht verzeihen dass ich dich einmal kränkte Sieht
nicht aller persönlicher Hader an dem Ungeheuren gemessen beschämend klein
aus« In diesem Augenblick fühlte er wie des Freundes Hand sich mit festem
Druck um die seine schloss Er atmete auf wie befreit »Und nun erfüllst du auch
die Bitte die mich zu dir geführt hat nicht wahr«
    Warburg nahm das Hörrohr und erhob sich »Du willst « frug er den Blick
seiner Augen suchend als traue er der Sprache des Mundes nicht
    »Den Tod suchen Nein« antwortete Konrad »das wäre vermessen wo das Leben
jedes einzelnen einen höheren Wert eine tiefere Bedeutung bekommen hat Aber
mich ihm stellen  gewiss«
    Und nun schwiegen beide Ohne auf Konrads steigende Ungeduld acht zu geben
untersuchte ihn Warburg gründlich Endlich steckte er die Instrumente ein »Du
bist gesund« sagte er »bis auf «
    Aber Konrad ließ ihn nicht weitersprechen »Gesund« wiederholte er jubelnd
»nun aber komm komm Viel zu lange waren wir zu zweien wo man nur noch zu
Hunderten sein darf«
Jene große Straße  die einzige der jungen Weltstadt die gesättigt ist von
Erinnerungen und sonst selbst an Sonntagen die königliche Würde die sie wahrt
auf die Ströme derer überträgt die sie durchwandern  lag heute wie ein Kranker
im Fieber Es entfesselte in jenen Gruppen dort die einander in kreischender
Erregteit zu überschreien versuchten wilde Phantasien es löste in den
Menschenzügen die sich aus den Nebenstrassen ergossen heldische Begeisterung
aus es schlug andere die beiseite schlichen mit stumpfer Apathie es erfüllte
schließlich die ganze Atmosphäre mit einer Unruhe vor der nichts mehr zu
schützen vermochte Sie packte die Männer bei der Arbeit die Frauen am Herd
selbst die Kinder beim Spiel die Werkstätten die Zimmer die Höfe wurden ihnen
zu eng schwer wie ein Alp lags auf der Brust eines jeden Nur hinaus  hinaus
wo man atmen konnte  und einer lief dem anderen nach getrieben von einer
Macht die keinen Namen hatte
    Aber nichts ereignete sich gar nichts Das erlösende Wort blieb
unausgesprochen Der Abend kam Doch wer hätte es vermocht heimzukehren in die
Stube ins Bett während draußen der unsichtbare gigantische Würfel noch immer
rollte Das Volk wartete weiter Und fern aus den Vorstädten entliessen die
Fabriken neue Scharen die sich schwarz und schwer zum Zentrum wälzten Da und
dort lösten sich zwei oder zwanzig von der Menge ab die ohne Kommando wegsicher
ihre Straße zog und verschwanden hinter den Pforten der Versammlungssäle
    Konrad und Walter die sich bisher vom Strom hatten treiben lassen blieben
unwillkürlich vor einer von ihnen stehen und lasen das große Plakat das daran
hing »Was haben wir Frauen zu tun« Irgendein unbestimmter Wunsch nach einer
Pause mehr als der nach einer Antwort auf die gestellte Frage ließ sie
eintreten Auf der Rednertribüne stand eine hagere Frau die mit überschriener
Stimme »den Landsturm unserer Schwestern in allen Ländern gegen den einzigen
Feind den Krieg« zu entfachen und zu verkünden versuchte Aber ihr
leidenschaftlicher Appell verhallte fast wirkungslos und die nach ihr
sprachen schlugen einen ganz anderen milderen Ton an
    »Fräulein Dr Mendel« begann die eine »hat uns zu einer Stellungnahme zu
überreden versucht «
    »Fräulein Dr Mendel  Hedwig Mendel« flüsterte Konrad fragend einer neben
ihm Sitzenden zu Sie nickte Und allmählich erkannte er in dem spitzen Gesicht
die Züge der einstigen frischen Studentin wieder Er verlor sich für Augenblicke
in ferne Erinnerungen
    »Mögen wir noch so sehr für die Erhaltung des Friedens sein« schloss die
Rednerin eben ihre Polemik »gegen den Krieg zu protestieren wäre nur dann mehr
als eine schöne Geste wenn wir die Macht unseres politischen Einflusses
zugleich in die Wagschale zu werfen vermöchten Darum muss unser A und O im Krieg
wie im Frieden immer dasselbe bleiben her mit dem Frauenwahlrecht«
    Auch auf diesen Ton schienen die Zuhörer nicht gestimmt nur wenige
klatschten Beifall
    »Frau Berg hat das Wort« verkündete die Vorsitzende Und eine
weissgekleidete schlanke Gestalt stieg die Stufen empor um oben angekommen
ein von aschblonden Scheiteln weich umrahmtes Gesicht der Menge zuzukehren
    Konrad packte Walters Arm »Else« überrascht hervorstossend »Else
Gerstenbergk« bestätigte dieser
    »In diesem Augenblick dünkt mich sollten wir weder richten noch fordern«
begann sie und ihre volle tönende Stimme schien die Wogen der Erregung zu
glätten »sondern nur daran denken bereit zu sein Denn eines ist gewiss muss
der Mann hinaus um Haus und Hof zu verteidigen wie es seit undenklichen Zeiten
seines Geschlechts Recht und Aufgabe war so werden auch wir Frauen uns wieder
derjenigen zu erinnern haben die die Natur selbst uns gestellt hat und sie auf
uns nehmen nicht wie eine Last unter der wir uns nur widerwillig beugen
sondern wie eine heilige Verpflichtung in der wir uns selbst erfüllen werden
Die Wunden die ein Krieg schlägt solch ein Krieg wie er zwar noch verhüllt
aber doch in dem Tritt seiner eisernen gigantischen Sohlen sich schon
ankündigend hinter dem Vorhang der Weltbühne erscheint sind nicht nur die in
die Körper der Kämpfer grausam gerissenen die unsere Hände verbinden und heilen
sollen Wo der Mann ins Feld zieht und die Seinen zurücklässt werden Not und
Armut nach unserer Fürsorge schreien wo die Arbeit stockt werden wir
eingreifen müssen ach und wo die vielen vielen Kinder darben werden wir
keinen Augenblick mehr Zeit haben etwas anderes zu sein als Mütter«
    Ein Murmeln freudigen Beifalls unterbrach sie alle Mienen belebten sich in
Augen die verschleiert gewesen waren kehrte ein Glanz von Hoffnung von Mut
und Glauben zurück Sie stand da verklärt von einer Aureole demütigstolzer
Weiblichkeit Konrads Blick hing an ihr Ein Gefühl von tiefer innerer
Zusammengehörigkeit übermannte ihn das er sich nicht zu deuten wusste da es mit
Liebe mit verlangender Mannesliebe gar nichts zu tun hatte
    Im weiteren Verlauf ihrer Rede entwickelte Else jeden einzelnen ihrer
Gedanken und entwarf in großen Zügen den Plan einer Organisation die alle den
Kriegsdienst der Frau in sich schliessenden Tätigkeitsgebiete umfassen sollte
Immer lebhafter wurde der Ausdruck der Zustimmung von allen Seiten Da schien
sie plötzlich zu stocken In diesem Augenblick war es Konrad als habe ihr Auge
ihn entdeckt als erblasse ihr Antlitz wie vor einer Erscheinung als zucke ein
jähes Erschrecken durch ihren Körper
    »Wir wollen fort« flüsterte er Warburg zu »sie ist gewiss eine glückliche
Frau Es wäre ein Verbrechen wenn ich sie durch meinen Anblick entsetzen
wollte«
    Aber schon klang ihre Stimme nur fester und voller noch wieder an sein
Ohr und ihre Augen waren über alle Köpfe hinweg mit einem Ausdruck des
Ergriffenseins in die Ferne gerichtet
    »Eine alte Geschichte die in uns allen vergessen ruht wie so viele
Geschichten aus heiligen Büchern für die wir keine Feierstunde mehr hatten
weiß ich noch Als die Stunde der großen Not aufgegangen war über seinem Volke
kam Mardochai der Prophet zu Ester der Königin und forderte von ihr dass
sie um der Bedrohten willen hintrete vor den König Sie aber zauderte Denn mit
dem Tode wurde bestraft wer ungerufen den Stufen des Trones sich näherte Doch
Mardochai sagte zu ihr Vielleicht bist du um eines solchen Tages willen Königin
geworden o Ester Da schmückte sie sich mit allen Kleinodien salbte ihren
Körper flocht Perlen in ihr Haar wie damals als sie erhoben wurde und ging
«
    Und abermals suchte das Auge der Rednerin den stillen Mann in der Menge
Ganz leise als wollte sie nur zu seinem Ohre sprechen wiederholte sie
    »Vielleicht bist du um eines solchen Tages willen Königin geworden o
Ester«
    Sie traten schweigend in die Nacht hinaus die beiden Freunde
    »Die Gedanken der Fernsten klingen heut zusammen Es ist eine große
Harmonie« sagte Konrad schließlich
    Stimmengewirr Pferdegetrappel Rufe Geschrei  schienen im gleichen Moment
seine Worte widerlegen zu wollen Ein Zug von Arbeitern kreuzte die Linden 
waren es Hunderte Tausende Ließ nur die Nacht ihn so endlos erscheinen
»Nieder der Krieg« tönte es vorn  »nieder der Krieg« klang das Echo vier
fünfmal weit am Ende der Straße verhallend Und berittene Polizisten
durchbrachen die Reihen Die blanke Scheide eines Säbels blitzte Konrad und
Walter sahen sich in einen Torweg gedrängt ein Haufen Verfolgter schob nach so
dass sie bis in einen engen dunklen Hof gelangten über den als einziges Licht
der Schein einer kleinen Lampe lag die im Erdgeschoss hinter rot verhangenem
Fenster brannte Die Versprengten sprachen leise mit dem verhaltenen Zischen
äußerster Heftigkeit bis einer der den anderen bekannt zu sein schien auf ein
umgestürztes Fass stieg und Ruhe gebot
    »Bewahrt euch euren Zorn und euren Eifer auf die Stunde wo es not tut«
rief er
    »Unsere Söhne sind kein Kanonenfutter« kreischte eine Frauenstimme aus dem
Dunkel
    »Noch fordert sie keiner« suchte der erste Sprecher sie zu beruhigen
»Überall sind unsere Genossen an der Arbeit In Russland bedroht die Revolution
die Hetzer in Frankreich schützt unser Freund der größte Apostel des Friedens
dessen Stimme selbst unsere Feinde nicht überhören die Sicherheit des
arbeitenden Volkes Jean Jaurès«
    »Hoch hoch Jaurès« Laut klang es und prallte an den hohen Mauern ab und
hallte wieder Der Vorhang des erleuchteten Fensters bewegte sich ein wenig
Dann erlosch die Lampe Man suchte stolpernd den Ausgang Da bahnte sich einer
von draußen her mit den Ellenbogen einen Weg durch die Masse
    »Jaurès ist tot«
    Keiner rührte sich mehr vom Fleck
    »Wer sagt das«
    Ein weißes Papier schien über den Köpfen zu flattern bis zu dem der gefragt
hatte Nun blitzte ein Streichholz auf beleuchtete unsicher ein Gesicht eine
knochige Hand
    »Ermordet« 
    Noch ein einziger Aufschrei Dann Stille  und tiefe schwarze Finsternis
    Auf die Straße trat alles stumm mit gesenkten Köpfen denn das Licht der
Bogenlampen blendete
    »Der Traum ist aus« sagte ein Alter und nickte Konrad zu wie einem
Freunde dann fiel ihm der Kopf tief auf die Brust
    An der nächsten Ecke lehnte todmüde eine Zeitungsfrau Sie schrie mit rauer
Stimme »Eine russische Patrouille in Eydtkuhnen eingeritten  das Postamt von
Schmidden verbrannt «
    »Kanaillen « »Mordbrenner « Es waren junge Burschen die als letzte aus
dem Torweg traten und nun mit blitzenden Augen schrien »Nieder mit dem Zaren 
mit dem Knutenregiment« Und sie liefen dem Zuge nach der eben die ganze
Breite der Straße beherrschend alles mit sich fortriss
    »Deutschland Deutschland über alles « brauste es in vieltausendstimmigem
Chor Aus den Fenstern winkten sie überall mit weißen Tüchern aus den
Wirtshäusern strömten sie hinaus und Geschrei und Gesang erfüllte die ganze
Stadt
    Da schlug es ein Uhr schwer weithin schallend Es war als käme der neue
Tag ein Herold belastet mit großer Kunde
    Es gibt Städte die schlafen des Nachts wie Kinder früh und fest und ohne
Traum wer im Dunkel durch ihre Gassen geht der dämpft den Schritt und hält den
Atem an Aber Berlin schläft nie Denn erst wenn der rohe Lärm des Tages
schweigt kommt der Rausch des Lebens über die Menschen die Geister erwachen um
Mitternacht wie in alten Gespenstergeschichten Gedanken bekommen Gestalt
Gefühle Glut Grau und fahl und frostig kommt mit dem ersten blassen Tageslicht
die Nüchternheit Wer dann des Morgens sein eigener Schatten scheu durch die
Straßen heimwärts schleicht der begegnet denen mit den rauen Fäusten die der
Daseinskampf in den Dienst des Tages zwingt Und feindselig fast schaut einer
den anderen an es gibt kaum ein Verstehen zwischen ihnen
    In jener letzten Julinacht aber die gewitterschwül über dem Lande lag
hatten selbst die verschlafensten Städte unruhige Träume und viele Fensteraugen
in den Dörfern glänzten furchtsam über erntereife Felder Berlin schlief nicht
doch in seinem Wachen war etwas von Schlaf der die Glieder zur Einheit bannt
den Atem zu einem Rhythmus bändigt Nicht der Rausch in seinen tausend
sinnverwirrenden Formen nicht die Sorge in ihren zahllosen quälenden Gestalten
hielt die Augen der Millionen offen Es war ein Gefühl ein Gedanke  unnennbar
noch  tief und heiß von dem Glanz ferner Sternenwelten erhellt wie die
Sommernacht Und als dann der Morgen kam und die Menschen auf den Straßen
einander begegneten lag ein gutes Grüssen in jedem Blick als wären sie Brüder
geworden
    Konrad verbrachte den Vormittag mit den notwendigsten Geschäften und den
Vorbereitungen zu seinem Eintritt in die Armee Viele sehr viele weit mehr als
er irgend erwartet hatte begegneten ihm mit den gleichen Absichten und sie
betrachteten einander jetzt schon wie Kameraden Und die Nachrichten und die
Kommentare und die Vermutungen flogen von Mund zu Mund von Frankreich das ohne
Kriegserklärung die Grenzen nicht mehr respektierte von der verräterischen
Haltung Russlands dessen Patrouillen schon plünderten und sengten während der
Kaiser mit dem Zaren noch Friedensdepeschen wechselte Von Friedensmöglichkeiten
sprach niemand mehr die Sehnsucht nach Entscheidung nach der erlösenden Tat
beherrschte alle
    Und nicht nur einzelne Züge waren es heute die singend die Straßen
beherrschten Aus stillen Häusern kam es wie Ameisengewimmel um die
elektrischen Wagen schwirrte es ein Schmetterlingsschwarm es ergoss sich wie
ein Wasserfall über die Treppen der Bahnhöfe und kroch eine endlose schwarze
Schlange aus den Erdlöchern der Untergrundbahn Und der gleiche Gedanke das
gleiche Ziel schufen den gleichen Rhythmus des Schritts
    Noch immer hatte Konrad die Menge als die größte Einsamkeit empfunden heute
fühlte er sich weder als einer allein noch als einer unter vielen sein Ich
schien ihm in all die Tausende geteilt die mit ihm gingen und in seinem Ich
schienen sie wieder wie in eins zu verschmelzen Wie lange wanderte er schon im
Takt ihrer Füße auf und nieder Wie lange schon warf die Sonne ihre
Strahlenbündel über all die heißen Hirne Wölbte sich nicht seit einer Ewigkeit
der gleiche silbergraue Himmel über ihm  still feierlich unerbittlich Oder
war er eine riesige rotierende Kugel die ihren ganzen Inhalt zu einer Masse
zusammenwirbelte Und was war er Konrad Hochsess in diesem Augenblick noch das
ganz er selber war
    Da  er spürte etwas wie einen elektrischen Schlag der den ungeheuren
Körper als dessen winziger Teil er sich bewegte irgendwo weit vorn getroffen
hatte Und es war als ob ein Wind sich erhöbe die Blätter an den Bäumen aus
ihrer Starrheit zu rütteln
    Das Trompetensignal einer Autohupe durchschnitt schmetternd die bleierne
Luft Und der Wind ward zum Sturm in den Kronen unsichtbarer Wälder rauschend
Vor dem grauen Wagen her der sich in die Menge bohrte sie auseinanderriss zur
Seite warf und einen zuckenden Schweif hinter sich herzog gellte die
aufpeitschende Fanfare der Hupe Aber eine junge starke Menschenstimme
übertönte sie
    »Krieg«
    Und zum Orkan ward der Sturm Er drang in alle Gassen in alle Höfe er
schlug Fenster und Türen auf und wer noch verborgen im Winkel schlief den
schnellte er auf die Füße Wo ein Feuer in Herzen und Hirnen glühte fachte er
es zur lodernden Flamme Er riss von gebeugten Schultern die staubige Last der
Tagesmühen dass sie sich reckten er sprengte die eisernen Ringe über der Brust
der Hassenden dass sie frei wurden und vor seinem Atem zerstoben die Schleier
die Sorge und Übersättigung zwischen Welt und Mensch gewoben hatten
    Und ihre Befreiung und ihre Kraft ihren Zorn und ihre Zuversicht trug der
brausende Ruf der Masse gen Himmel
    Ihre Füße aber waren beschwingt Unbekannte führten einander vertraut an den
Händen Kinder schwebten auf Armen und Schultern fremder Männer damit sie die
Kommenden ihre Augen sättigten mit dem Licht dieses Tages
    Sie zogen zum Schloss in breiten alles mit sich fortreissenden Scharen Es
bedurfte keines rauen Kommandoworts um jedes Räderrollen von diesen feierlich
Bewegten fern zu halten Und dann standen sie Kopf an Kopf ein Menschenmeer
das den riesigen Platz erfüllte das an die grauen Mauern der ehrwürdigen
Königsburg schlug das emporflutete über die Stufen des Doms und in mächtiger
Woge des alten Museums hohe Freitreppe überschwemmte dessen Brandung übermütig
aufwärtsschäumte bis in die Äste der Bäume Waren es Tausende Hunderttausende
    Und es sang es rief es jubelte Von den Kandelabern herunter auf die sie
geklettert waren sprachen junge Studenten Auf den Stufen des Doms stimmte ein
Chor weissgekleideter Mädchen alte fromme Lieder an und unter dem Kaiserdenkmal
erzählte einer der sehr alt war von den Taten der Ahnen Unsichtbar wandelten
sie von den Verzückten dieser Stunde heraufbeschworen unter der Menge die
Luther und Goethe die Fichte und Kant die Bismarck und Nietzsche
    Auf der Treppe des Museums stand Konrad Geschlossenen Auges hörte er die
Töne die aus der Tiefe aufwärts rauschten beschwingte Fabelwesen der Vorzeit
waren es deren Flügelschlag er zu hören meinte Dann plötzlich tiefe Stille 
er schlug die Augen auf hatte der Zauberstab des unsichtbaren Dirigenten die
ungeheure Sinfonie der Masse gewaltsam unterbrochen Auf dem weiten von der
Abendsonne goldüberströmten Platz standen sie Kopf an Kopf regungslos mit dem
Boden verwurzelt und schwiegen
    »Der Kaiser spricht« flüsterte jemand
    Konrad hörte nichts niemand hätte von hier zu hören vermocht was weit
drüben am Schloss wo die Gestalten kaum zu erkennen waren geredet wurde Und
doch hielt jeder den Atem an Und Konrad fühlte das Lauschen der
Hunderttausende Eines Mysteriums Zeuge erschien er sich denn in diesem
Augenblick nahm das Volk einen Herrscher um den der blendende Glanz der Krone
einen weiten leeren Raum eine große Fremdheit geschaffen hatte in sich auf
Und einen Herzschlag lang der mag er auch nur Sekundendauer haben in der Wage
der Zeit schwerer wiegt als viele Jahre waren alle Menschen Brüder
    Da huben die Glocken des Doms zu läuten an ihre Stimmen von Erz wurden die
Sprache dieser Stunde Die Menge erwachte aus tiefer Versunkenheit Auch Konrad
hob den Kopf
    War es nicht Else die über ihm im weißen Kleid an der bräunlichen Säule
lehnte Und sagte sie nicht laut dass es mächtiger als die Stimme des Kaisers
über den Platz bis zum Schloss hinüberschallte »Vielleicht bist du um dieses
Tages willen Königin geworden o Ester«
    Er fuhr sich mit der Hand über die Stirne stundenlang hatte er in der
glühenden Sonne gestanden »Haben wir wieder heiße Träume gehabt bambino mio«
hörte er eine alte Stimme mit zärtlichem Tonfall sagen Er sah sich um Es war
leer geworden auf der Treppe Langsam strömten unten die Menschenfluten zurück
Rosig färbte sich der Abendhimmel über ihnen mit langgestreckten weißen Wolken
darauf wie Kometenschweife
    Und im Schritt mit den anderen ging er unter den Bäumen der großen Straße
    War sie da nicht schon wieder dicht vor ihm die Weiße Musste er ihr
begegnen und vielleicht ihren Frieden stören »Frau Berg« dachte er »sie
scheint mehr als glücklich sie scheint « und vergebens suchte er nach einem
Ausdruck für das was er bezeichnen wollte  »erfüllt zu sein Erfüllung
gefunden zu haben« Es wurde ihm warm ums Herz denn der Gedanke sie könne
leiden vielleicht gar einsam sein und verlassen hatte ihn oft gequält Er
spürte sogar etwas wie Neugierde gern hätte er den Mann gesehen dem sie
gehörte Und er ging unwillkürlich rascher
    »Konrad« rief ihre Stimme ganz deutlich Er prallte zurück Aber sie sah
sich nicht um nach ihm
    »Konrad« klang es noch einmal ein wenig ängstlicher Da stürmte ein
schlankes Bübchen das wohl zu weit vorangeeilt war der Rufenden entgegen die
es lachend auffing Blonde wehende Haare hatte es  tiefe nachtdunkle Augen
Der Mann der jetzt dicht hinter der Frau mit dem Kinde stand schwankte wie von
plötzlichem Schwindel gepackt Hatte er Fieber gingen Geister um Dieser Knabe
war doch kein anderer als  er selber
    Die Umstehenden wurden auf ihn aufmerksam Er riss sich zusammen »Mutti «
sagte in diesem Augenblick eine süße Kinderstimme und die dunklen Augen
hefteten sich weit und erstaunt auf ihn Da wandte auch die Frau den Kopf Das
Blut wich aus ihren Wangen Aber sie fasste sich rasch denn schon fühlte sie
wie die Neugierde ringsum sich auf sie richtete »Baron Hochsess« sagte sie
förmlich
    Er verbeugte sich korrekt »Ich freue mich Sie zu sehen Frau «
»Gerstenbergk« ergänzte sie rasch »wie immer«
    In seinen Schläfen hämmerte das Blut
    »Gestatten Sie mir einen Wagen zu nehmen« brachte er stockend heraus Sie
gingen über die Straße Eine kleine warme Kinderhand schob sich in die seine
Fest ganz fest klammerte er die Finger um sie In wilden Schlägen pochte sein
Herz
    »Wohin« frug er das Kind in den Wagen hebend Seine Stimme klang rau er
zitterte wie unter einer ungeheuren Last als die Wärme des jungen Körpers sich
ihm mitteilte
    »Nach dem Wannseebahnhof« sagte sie
    Unterwegs unterhielten sie sich über das Nächstliegende den Krieg da des
Kindes Gegenwart jede Berührung dessen was ihnen im Augenblick das Herz
bewegte unmöglich zu machen schien Allmählich schwand die Spannung zwischen
ihnen Konrad erzählte dass er sie gestern habe sprechen hören die Bewunderung
die er ihr zollte lehnte sie bescheiden ab denn ihre Rede sei nicht der
momentane Ausdruck einer spontanen Stimmung gewesen sondern entspräche ihren
praktischen Vorschlägen nach den Richtlinien welche ein großer Teil der
organisierten Berliner Frauenbewegung seit dem ersten Auftauchen der
Kriegsgefahr als für ihre künftige Tätigkeit massgebend anerkannt habe
    »Fräulein Dr Mendel steht offenbar auf anderem Standpunkt« sagte er ohne
mit einem Gedanken bei seiner Frage zu sein denn seine Augen hingen verloren an
dem Knaben ihm gegenüber der hartnäckig schwieg hier und da einen verstohlenen
Blick so erstaunt wie der erste gewesen war auf ihn werfend
    »Sie gehört zu den Verbitterten und Enttäuschten wie fast alle Frauen die
in ihrem Heiligsten in ihrer Liebe verraten wurden« entgegnete Else
    Er wandte sich ihr mit einer raschen Wendung des Kopfes wieder zu und es
lag etwas Gequältes in seinem Ausdruck als er frug »Und  Sie«
    Ein helles Lächeln verklärte ihre Züge »Ich« Sie sah ihn an groß und
gütig »Bin ich verraten worden Ich wählte freiwillig meinen Weg und ich habe
« ihre Stimme sank zu fast unhörbarem Flüstern  »unser Kind«
    Sie schwiegen lange Dass er mit ihr und dem Knaben den Zug bestieg der nach
dem westlichen Vorort hinausfuhr wo sie wohnten dass er dort angekommen mit
ihnen ging des Kindes Hand nicht aus der seinen lassend schien wie
selbstverständlich Als sie auf der geraden Straße durch den Ort gingen  einen
jener Niederlassungen die ihre unorganische Hässlichkeit dem Umstand verdanken
dass sie aus einem abgelegenen Dorf zu einem Aussenteil der Weltstadt wurden 
erzählte sie von ihrem Leben Mit einer bewussten Kühnheit der viele ein böses
Ende prophezeiten hatte sie eine Werkstatt gegründet in der die Herstellung
der Puppen die ihre Erfindung waren und ihr früher eine Nebeneinnahme
sicherten im großen betrieben wurde Sie hatte sie dank der auch aus dem
Ausland rasch zunehmenden Bestellungen mehr und mehr vergrößern müssen
»Freilich« schloss sie lächelnd »so hübsch wie früher sind meine Puppen nun
nicht mehr Sie sehen einander immer ähnlicher Sie haben auch Soldaten werden
müssen und verteidigten tapfer unser Leben gegen Kummer und Not und eroberten
uns Frieden nach innen Unabhängigkeit nach außen Nun kann ich sogar für den
Buben Prinzen und Prinzessinnen machen  nicht wahr Konrad«
    Der Kleine nickte Sie hatten die Straße verlassen Vor ihnen dehnte sich
die gerade schattige Allee Da und dort lugte ein anspruchsloses Sommerhäuschen
oder ein einstiges Bauerngehöft mit tiefem Dach aus dem Grün der Gärten heraus
dann kamen Felder und Wiesen
    »Noch weiter« frug Konrad
    »Ein wenig« sagte Else »unter freiem Himmel und hohen starken Bäumen wuchs
er auf Darum ist er so gesund« Und ein zärtlicher Blick umfasste den Knaben
    Glutrot war die Sonne versunken Ihr letzter Abendgruss wandelte das weite
reife Roggenfeld in ein wogendes Meer flüssigen Goldes hinter dem der Wald in
großen dunklen Konturen feierlich aufstieg Zwischen den weißen Marmorsäulen
junger Birken die sich nach oben zu lichten Spitzbogen wölbten führte der Pfad
in die mächtige Halle brauner Eichenstämme die mit großen weitverzweigten
geschwungenen Ästen ein Dach wie von durchsichtigem Smaragd gen Himmel hoben
    Hatte sich der Frieden in dieses Heiligtum geflüchtet Versunken war die
Welt für den der eintrat »Hier wohnt Gott« sagte Konrad leise und entblößte
unwillkürlich das Haupt Der Knabe an seiner Seite der jede seiner Bewegungen
aufmerksam verfolgte jedes seiner Worte einsog tat desgleichen Des Mannes
Seele aber ward plötzlich erfüllt von großer Sehnsucht Durch den weißen
WinterwaldDom von Hochsess sah er sich mit Norina wandern Und nun  sann er
darauf ihr die Treue zu brechen angesichts der grünen Kirche
    Wer kann treulos werden der liebt
    Aber eine andere Liebe hatte der Krieg dieses Erdbeben das so viele
verschüttete Keime blosslegte so viele morsche Stämme niederriss im
verstecktesten Winkel seines Herzens aufgedeckt und nun in der Treibhausluft der
neuen Zeit die in Tagen wachsen und reifen ließ wozu die Vergangenheit
Jahrzehnte brauchte zu üppiger Blüte sich entfalten lassen Die Liebe zur
Heimat Waren die vielhundertjährigen Stämme ihres Waldes nicht gewachsen mit
seinem Geschlecht War es nicht heiliges Korn das die Väter gesäet und geerntet
von je und je Fester fasste seine Hand des Kindes weiche Finger »Siehe ich
ziehe das Schwert für dich meine Heimat« sprach seine Seele »damit kein
Fremder deinen Boden entweihe und ich gebe dir den dessen tiefstes Sein im
geheimnisvollen Urgrund allen Lebens mit den Wurzeln deiner Bäume verwachsen
ist«
    Sie kamen zu einem kleinen Hause das zwischen Erlen und Weiden am Rande des
Eichenwaldes lag In seinen niedrigen Fenstern spiegelte sich der helle
Abendhimmel so dass sie waren wie lebendige freudestrahlende Augen Hohe Malven
wuchsen davor deren Spitzen das weit überhängende graue Dach fast erreichten
und Dahlien deren bunte Blütenköpfe den Eintretenden freundlich willkommen
nickten
    Jetzt riss das Kind sich von Konrad los und lief voran durch den kleinen
wohlig kühlen Flur in das Zimmer mit den alten Birnbaummöbeln Vor einem Bilde
das an der Wand neben dem Schreibpult hing stand es als die Mutter mit dem
fremden Manne näher trat
    »Mein Bild« dachte Konrad überrascht nach dem Gedächtnis musste es Else
gezeichnet haben Er wandte sich ihr zu eine Frage auf den Lippen
    Da öffnete der Knabe zum erstenmal den Mund der trotz aller kindlichen
Weiche schon die herbe Festigkeit des werdenden Mannes verriet und sagte laut
den Fremden vor ihm mit dem vertrauten Bilde vergleichend
    »Bist du mein Vater«
    »Mein Sohn« jauchzte Konrad ihn mit beiden Armen zu sich emporhebend und
seine Küsse bedeckten die runden Wangen die dunklen Augen das seidige Haar
    Else hatte sich leise in die dämmernde Tiefe des Zimmers zurückgezogen
    Aber schon sprang der lebhafte Kleine aus den Armen des Gefundenen und
stürmte hinaus wo ihm freudig bellend ein großer Wolfshund entgegenlief den
umfasste er mit beiden Armen und rief glückselig »Denk nur Rolf der Vater ist
wiedergekommen« Dann tollte er durch den Flur in die Küche und wenn er gleich
die Türe krachend ins Schloss warf so drang seine helle Stimme doch bis zu den
beiden Zurückgebliebenen die einander in tiefer Bewegteit gegenüberstanden
»Marie  Marie  so hör bloß  welch ein Glück Der Vater ist wiedergekommen«
    »Das Kind hat entschieden Else« sagte Konrad ihre Hand ergreifend »ehe
ich bat und ehe du antworten konntest«
    »Entschieden«
    Er überhörte die Frage in der viel Zweifel viel Ablehnung lag
    »Ich kann nicht zu dir sprechen wie ich sprechen sollte« begann er »und
dich einfach bitten gib mir das Recht meines Sohnes Vater zu sein Denn was
ich dir bieten kann ist sehr sehr wenig nur meine Bruderliebe  nur meine
Freundschaft  nur mein Name Und du tauschst deine stolz verteidigte Freiheit
dafür ein«
    Sie schwieg tief in dem alten Sessel zurückgelehnt und der Abend hüllte
barmherzig ihr blasses Antlitz in seine Schleier
    »Ich liebe « fuhr er leiser fort »ich liebe mit jener Liebe die wenn sie
den Menschen begnadete immer eine einzige ist Sie ergreift nicht nur das Herz
die Sinne sie erfüllt nicht nur die Gedanken die Erinnerung sie nimmt restlos
vom ganzen Sein und Wesen Besitz Sie ist nicht nur wie ein roter Streifen im
Tuch verwoben mit dem ganzen Geschick sie ist das Leben sie ist der rote
Saft der durch die Adern fließt der Nerv der das Hirn bewegt Darum ändert es
auch nichts an ihr ob der Mensch der sich also dem anderen vermählte lebt
oder ob er gestorben ist Darum kann solch ein Liebender auch nicht vergessen
Für ihn gibt es keine Untreue weil es auch keine Treue für ihn gibt Um den zu
überwinden der in ihm lebt gibt es nur ein Mittel Die letzte Vereinigung mit
ihm  den Tod«
    Er atmete tief auf nun musste sie sprechen Und ihre Stimme kam aus dem
Dunkel wie körperlos
    »Ich weiß das alles Konrad«
    »Du weißt« machte er überrascht
    »Von Warburg  ja Ich traf ihn zuweilen und musste doch jemanden haben der
von dir sprach«
    »Und er sagte mir nichts«
    »Ich bat ihn darum  es war für dich besser dass ich nichts als ein Traum
für dich blieb« antwortete sie mit verschleierter Stimme »Übrigens von
unserem Kinde wusste er nichts Ich nahm ja auch vor der Öffentlichkeit einen
anderen Namen an um mich zu verstecken und  aus einer letzten unüberwundenen
Schwäche heraus«  die Stimme aus dem Dunkel wurde noch leiser  »damit das
Kind seine Mutter nicht Fräulein nennen hörte«
    »Else «
    Der wiederkehrende Knabe das Mädchen das mit der Lampe das einfache
Abendbrot brachte unterbrachen das Gespräch und des Kindes lebhaftes Geplauder
half den beiden über die unausgeglichene Stimmung hinweg Von all seinen Freuden
und Leiden seinem Spiel und seinen Träumen erzählte es als habe es für diese
Stunde den Schatz seines Erinnerns aufgespeichert um all seinen Reichtum dem
Ersehnten lange Erwarteten zu Füßen zu legen Dass Else dem Sohne vom Vater
gesprochen Liebe und Vertrauen zu ihm von früh an in sein Herz gepflanzt hatte
hörte Konrad aus allem mit tiefer Rührung heraus
    »Und nun gehst du nicht wieder fort nun bleibst du immer bei uns nicht
wahr Vater« schloss der Kleine auf des Mannes überschlanke Rechte sein festes
Fäustchen legend während seine Augen mit ängstlicher Frage auf ihm ruhten
Konrad sah im Augenblick nur die Kinderhand sein Antlitz strahlte
    »Sieh nur Else« sagte er jedes Fingerchen zärtlich streichelnd »wie der
einmal wird fassen und halten können«
    »Nicht wahr Vater du bleibst« wiederholte dringlicher das Kind
    Konrads Blick umflorte sich Musste er dem Sohne gleich beim ersten Begegnen
so wehe tun Er zögerte mit der Antwort
    »Bist du nicht heut in Berlin gewesen« hörte er Else sagen »und weißt dass
die Russen und die Franzosen uns heimtückisch überfallen haben gerade wie der
Bussard wenn er im Eichwald auf die friedlichen nesterbauenden Vögel stößt«
Der Kleine nickte ernstaft
    »Ich weiß Mutti ich weiß« sagte er eifrig »dass jeder Mann ein Soldat
sein muss«
    »Und ist dein Vater nicht auch ein Mann« frug sie ihm mit der Hand die so
weich und zart war wie einst über den Blondkopf streichelnd Sein Blick wandte
sich wieder Konrad zu und füllte sich je länger er ihn ansah mit Tränen
    »Nicht weinen mein Junge« sagte dieser »einer der ein Mann werden will
weint nicht wenn sein Vater tut was nicht zu tun Schmach und Schande wäre« Er
zog den Kleinen auf seine Knie und drückte sein Köpfchen an seine Brust wo es
still von dem allzu reichen Tage ermüdet liegen blieb »Während ich draußen
bin und die bösen Feinde verjage wirst du mit der Mutter im Hause deines Vaters
wohnen das dein Haus ist Und aus dem alten Turm über der verwitterten Mauer
wirst du die Fledermäuse vertreiben und dafür sorgen dass die große Fahne darauf
feststeht Wenn dann die Soldaten unten im Tal mit lautem Siegesgesang heimwärts
marschieren  dein Vater mitten unter ihnen  wirst du der erste sein der sie
sieht und ich werde von der wehenden Fahne wissen dass du ein treuer Wächter
gewesen bist«
    Da legten sich des Knaben Arme um seinen Hals und sein Stimmchen flüsterte
schlaftrunken »Die Fahne  und die Fledermäuse  Vater ich pass auf«
    Sie brachten ihn gemeinsam zur Ruhe Als sie wieder am runden Tisch vor der
Lampe saßen erschrak Konrad vor Elsens verändertem Aussehen Sie war weiß im
Gesicht und dunkle Schatten lagen unter ihren Augen
    »Du bist schon einberufen« frug sie das Zittern ihrer Stimme mühsam
unterdrückend
    Er sah sie verwundert an »Einberufen Nein Aber ich gehe freiwillig mit 
selbstverständlich Du hast es ja eben statt meiner dem Kinde erklärt«
    »Ich wollte ihm dein Scheiden begreiflicher und  weniger schmerzhaft
machen« murmelte sie ohne ihn anzusehen
    »So bist du entschlossen meine Bitte  abzulehnen« zögernd angstvoll kam
ihm die Frage von den Lippen
    Sie vergrub den Kopf in die Hände und schwieg
    »Ich werde mich fügen müssen Else« begann er tief aufseufzend aufs neue
»das Opfer ist doch wohl zu groß für dich  ich kann nicht verlangen dass du
Nonne wirst um meinetwegen Ich habe keinerlei Recht auf dich Aber ich habe es
auf meinen Sohn und vor allem er hat ein Recht auf seinen Vater und auf sein
Erbe Hochsess ist Majorat ich kann es ihm nicht einfach hinterlassen ich muss
ihn anerkennen als mein Fleisch und Blut Nur dass ihn das wenn die Mutter
Fräulein Gerstenbergk bleibt früher oder später in schweren Zwiespalt stürzen
müsste« Er sah dass sie weinte vielleicht lösten die Tränen ihre Starrheit und
hoffnungsvoller fuhr er fort »Ich werde fort sein sehr lange vielleicht und
Hochsess bedarf eines Herrn der es liebt so wie ich jetzt  eben jetzt erst 
es zu lieben lernte Weißt du noch wie du wünschtest dass auf die kahlen Höhen
Wasser geleitet werde um sie fruchtbar zu machen Damals schon liebtest du das
Land während ich « er stockte sekundenlang und tief ganz tief stand die
Falte zwischen seinen Brauen
    »Wir alle hatten keinen Boden mehr unter den Füßen Jetzt wirft uns das
Schicksal gewaltsam an die Brust der verlassenen Mutter Erde Und sie  reicht
uns in ihrer Allgüte die Nahrung die wir verschmähten und an der wir gesunden
und erstarken werden« Er strich sich über die Stirn Else sah ihn groß an ihre
Tränen waren getrocknet »Verzeih« fuhr er fort über den Tisch hinweg ihre
Hand ergreifend »wenn ich abschweifte Die Luft ist jetzt so erfüllt von neuen
Erkenntnissen  Das Vaterland wird jeden Fussbreit Boden brauchen Aus Ödland
fruchtbare Erde zu machen mit gefüllten Scheuern die Dankesschuld an diejenigen
einmal abzutragen die unsere Heimat vor der Brandfackel der Feinde schützten 
wäre das nicht eine Aufgabe würdig deiner Kraft Und ich weiß nicht ob ich
wiederkehre « Sie fuhr auf Er machte eine freundlich abwehrende Handbewegung
»Niemand weiß das  Dann wäre was von mir bleibt  das Land der Väter 
verlassen und würde vielleicht verkommen bis der kleine Konrad es zu übernehmen
vermöchte Und es würde ihm fremd sein  nicht lieb haben würde er es«
    Mit einer raschen Bewegung erhob sich Else ihre Wangen hatten sich gerötet
ihr Körper schien gestrafft »Ich will was du willst Konrad« sagte sie
einfach Und er küsste sie auf die Stirn »Nie wirst du dich dessen zu schämen
haben«
Er ging allein den Weg zurück den sie zusammen gekommen waren Durch den
nachtdunklen Wald zwischen seinen feierlichen Baumpfeilern an dem Felde
vorbei das tief im Schlafe lag Vorsichtig als ob er sie zu wecken sich
fürchtete strich er über die vollen gerade um ihres Reichtums willen demütig
gesenkten Ähren am Wege »Du heiliges Leben« flüsterte er mit der Inbrunst
eines Betenden
    Erst unterwegs fiel ihm ein dass er für heute abend eine Zusammenkunft mit
Warburg verabredet hatte Für heute Und war es denn wirklich gestern dass sie
zuletzt zusammen gewesen waren Dies Gestern  war es nicht Jahrzehnte alt
    Er sah nach der Uhr Bald Mitternacht Noch hoffte er ihn zu treffen Sein
Herz war so übervoll er musste dem Freunde sagen was ihm begegnet war und ihn
gleich  dabei lächelte er ein wenig verwundert als ob man ihm die
unwahrscheinliche Geschichte eines anderen erzählte  zum Trauzeugen bitten
    Der niedrige Saal des Kafés mit den vielen kleinen Tischchen war dicht
gefüllt Täuschte ihn sein Ohr oder sprach man wirklich ringsum gedämpfter als
sonst Kein schrilles Schreien kein Gelächter das mit frecher Deutlichkeit dem
unbeteiligten Hörer seine Ursache verrät machte sich bemerkbar Selbst die
Mädchen die ihm begegneten bewegten sich mit stiller Würde ihre untermalten
Augen suchten nicht einmal mehr
    In einer Ecke fand Konrad den Freund bei ihm einen Kreis alter Bekannter
Wie belebt sie waren und wie ausgelöscht von der Tafel ihrer Interessen worüber
sie sich früher gestritten worüber sie sich erhitzt hatten Man sprach von
Kriegsaussichten und Hoffnungen und allmählich mischten sich alle Umsitzenden
in die Unterhaltung Es war als ob das mit katastrophaler Plötzlichkeit zum
Ausbruch gekommene Zusammengehörigkeitsgefühl in jeder Lebensäusserung nach
Ausdruck verlangte und so abweichend voneinander auch die Ansichten im
einzelnen sein mochten so entsprangen alle dem gleichen erdhaft festen
Grundgefühl wie die verschiedenartigsten Pflanzen dem gleichen Boden
entspringen furchtloser Siegeszuversicht
    Als der frühe Sommermorgen zu dämmern begann wurden die Gesichter ringsum
seltsam fahl und die Lippen stumm
    »Erster Mobilmachungstag« sagte jemand
    Da und dort standen die Gäste auf und gingen schweren Schritts hinaus »Auf
Wiedersehen« riefen sie »Auf Wiedersehen« tönte es vielstimmig nach Keines
der Worte das zwischen den Kaffeehausgästen noch gewechselt wurde klang
pathetisch
    Und kurz und phrasenlos erzählte Konrad dem Freunde als sie miteinander
durch die Straßen gingen von seinem Sohn und von Else und dem was er zu tun
beschlossen hatte Auch Warburg der zwar im ersten Augenblick ein leises
Erschrecken vor neuen Lebenskonflikten für den Freund in sich aufsteigen fühlte
war rasch beruhigt und machte nicht viele Worte Persönliche Erlebnisse die
sonst erschütternd wie ein Schicksal gewirkt und schwere äußere und innere
Kämpfe zur Folge gehabt hätten waren auf einmal so einfach geworden
    »Auf deine väterliche Freundschaft für meinen Sohn rechne ich auf alle
Fälle« sagte Konrad schließlich mit einem langen ernsten Blick auf Walter
    »Es bedarf wohl nicht der Versicherung zwischen uns« antwortete der dann
röteten sich seine Wangen ein wenig und er fuhr fort als gelte es etwas
Beschämendes einzugestehen »Ich habe mich auch gestellt Beim Sanitätskorps
Mein altes begrabenes Ideal ist über Nacht wieder auferstanden die
Wissenschaft Ich brauche jetzt nicht mehr den einzelnen zu retten für sich
selbst für seine eigene klägliche Lebensmisere  die weiß Gott oft genug der
ganzen Anstrengung nicht wert war  sondern als Glied des Ganzen als Werkzeug
für Deutschlands Existenz  Ich habe mein Vaterland gefunden Konrad«
    Statt aller Antwort presste ihm der Freund bewegt die Hand Erst nach einer
Weile als sie abschiednehmend vor dem Hotelportal standen sagte er »Also
trennt uns nichts mehr«
    »Nichts«
Konrad warf sich aufs Bett Aber nur seine Glieder waren müde und schwer wie
Blei und erzwangen sich einen kurzen Schlummer Doch die Seele wachte Stand
nicht Konrad der kleine auf dem Turm von Hochsess und winkte mit der Fahne die
nicht nur eine Rose trug sondern von Hunderten lebendig blühender umwunden
war Er hatte wohl gar Norinas Tempel geplündert Denn er erhob sich nur im
Schmuck der eigenen Schöne leuchtend in die Luft und wuchs und wuchs der
kleine Raum weitete sich die Säulen stiegen empor strahlend wölbte sich die
gewaltige Kuppel über dem lichterschimmernden Altar Santa Maria del Fiore
    Brausend setzte die Orgel ein Über ihren tiefen Akkorden schwebten die
hellen Stimmen des Knabenchors Ein Schlachtlied sangen sie statt des frommen
Chorals
    Und ein mystischer Glanz erfüllte das mächtige Schiff der Kirche Er
breitete sich aus er verdichtete sich  von ihm getragen schwebte die
Gottesmutter mit dem blauäugigen Kinde lächelnd hernieder Die Gottesmutter
Nein Demeter  Norina  die heilige Mutter der Welt Und er war ihr Kämpe und
trug des Kreuzritters weißen Mantel und beugte die Knie vor ihr In Scharen
folgten ihm seine Gefährten Er hörte die Hufe der Rosse ihrer Reisigen und den
dumpfen hallenden Tritt ihres Trosses aus dem blendenden Kreis der Aureole
aber grüßte ihn die weiße Hand der Heiligen 
    Da schlug er die Augen auf Hell schien die Sonne ins Zimmer
    Durch die Straßen marschieren Soldaten traben Reiter rasseln Kanonen
Trainkolonnen drängen sich dazwischen Autos über Nacht in Grau gekleidet wie
die Männer sausen vorbei Und Hupensignale Gesang und Geschrei Gepfeif und
Getrommele erfüllen die Luft Sie treffen sich von allen Seiten strömend auf
dem Platze wo die Straßen sternförmig zusammenlaufen Mit bunten Blumen sind
sie geschmückt die Männer die Pferde die Geschütze aus den Gewehrläufen
funkeln die Rosen von den Spitzen der flatternden Fähnchen grüßen blaue
Vergissmeinnicht Im Takt der Musik die lauter und lauter schwillt schieben sie
sich ineinander auseinander jetzt zum Chaos geballt dann harmonisch zu Zügen
nach dahin und dorthin entwirrt als wäre das ganze eine riesige lang
vorbereitete Quadrille
    Es klopfte ein Telegramm Vom Regiment das sich Konrad gewählt hatte
»Angenommen« »Angenommen« wiederholte er jauchzend und der kleine Bote lachte
dazu er verstand um was es sich handelte und hatte in diesen wenigen Tagen die
unerschütterliche Würde der guten Hotelerziehung schnell abgestreift
    Wie der Knabe von einst der mit den langen schlanken Beinen zwei und drei
Stufen auf einmal nahm stürmte Konrad die Treppe hinunter Jetzt galt es keine
Zeit zu verlieren jeder Tag jede Stunde war kostbar Und so vieles so
wichtiges war noch vorzubereiten und auszuführen die Nottrauung die
Anerkennung des Kindes und  es durfte nichts versäumt werden obwohl das Leben
ihm plötzlich nicht nur wertvoll sondern unverlierbar erschien  das Testament
    Er kam auf die Straße Vergebens versuchte er zwischen dem Schwarm von
Menschen der die Straße bevölkerte rascher vorwärts zu kommen Dort blieben
sie in Gruppen mitten auf dem Wege stehen um einem vorüberfahrenden Omnibus
der bis zum Dach hinauf mit Soldaten besetzt war zuzujubeln Hier drängten sie
sich um einen der das Neuste Allerneuste eben erfahren hatte Und dann kamen
sie ihm entgegen in Scharen und fast überall wiederholte sich das gleiche Bild
der Mann mit dem Jungen an der Hand der nie so stolz auf den Vater geblickt
hatte wie heute als er in den Krieg zog die Mutter beladen mit all dem Guten
was sie im letzten Moment noch rasch für ihn zusammengekauft hatte mit fast
bräutlicher Zärtlichkeit hing ihr Auge an ihm vergessen und verwunden war was
der Alltag der Ehe an grauem Staub über ihre Liebe geweht hatte
    Aber trotz aller Hindernisse gelang es Konrad seine Geschäfte allmählich zu
erledigen denn wohin er auch kam überbot sich ein jeder in zuvorkommender
Hilfsbereitschaft Er befand sich schon auf dem Rückweg als ihm Alex begegnete
von einem jungen Mädchen in der Tracht der RotekreuzSchwestern begleitet
Hilde Kaum dass er sie wiedererkannt hätte so milde leuchtete ihr Gesicht mit
dem schlicht zurückgestrichenen Haar unter dem weißen Häubchen hervor Sie
schien die heitere Frische ihrer ersten Jugend wieder erlangt zu haben und kam
ihm freimütig ganz ohne die Scheu mit der sie ihm sonst begegnet war
entgegen Ihr ganzes Wesen schien gehoben Freudig erregt berichtete sie von der
Tätigkeit die ihr bevorstand
    »Ich habe den längeren Ausbildungskursus gewählt« erzählte sie nicht ohne
einen Anflug von Stolz auf die Selbständigkeit ihrer Handlungsweise »das andere
kommt mir vor wie Spielerei und ich möchte doch wirklich nützen können nachdem
ich so alt geworden bin ohne für irgend etwas in der Welt da zu sein«
    Alex übertraf sie noch in der Gehobenheit seiner Stimmung
    »Man kam sich selbst nachgerade lächerlich vor mit dem ewigen
Kriegsgespiele« sagte er »darum verfielen auch so viele von uns auf den
größten Blödsinn Man musste doch mit irgend etwas die Zeit ausfüllen seine mit
allen Mitteln entwickelte Kraft seinen grossgezogenen Wagemut an irgend welche
Ziele setzen Jetzt endlich wissen wir wozu wir da sind und werdens beweisen
so dass die ältesten Mummelgreise noch kniefällig Abbitte leisten  Na  und
du«
    In seiner Frage lag eine nicht zu unterdrückende Missachtung denn dass der
Vetter nicht Offizier geworden war sich sogar vor dem Einjährigendienst zu
drücken gewusst hatte erschien ihm heute ganz besonders als ein Makel
    Statt aller Antwort reichte ihm Konrad das am Morgen erhaltene Telegramm
    »Angenommen als Kriegsfreiwilliger Kulmer Infanterieregiment 141
Graudenz« las Alex laut Er war zuerst sprachlos Dann lachte er gezwungen und
sagte
    »Wie kamst du nur auf diese verrückte Idee Kriegsfreiwilliger bei
irgendeinem obskuren tausendneunundneunzigsten Regiment in einem Drecknest der
Wasserpolackei wo die vornehmsten Kavallerieregimenter es sich zur Ehre
gerechnet hätten den Freiherrn von Hochsess als Fahnenjunker aufzunehmen
Unglaublich unglaublich«
    »Meine Beweggründe« antwortete Konrad mit kühler Ruhe »wirst du ja wohl
nicht ganz zu würdigen wissen ich will sie aber trotzdem rückhaltlos
aussprechen Die Infanterie wählte ich weil sie wie mir Sachverständige
sagten diejenige Waffe ist an die der Krieg aller Voraussicht nach die größten
Anforderungen stellen wird Die Stadt suchte ich mir aus  ihr dürft ruhig
meiner Phantasterei spotten sie liegt mir nun einmal im Blut  weil vor mehr
als einem halben Jahrtausend ein Hochsess gen Preußen zog um angetan mit dem
weißen Mantel des Kreuzritters wider Polen Russen und Tartaren die ferne
Ostmark zu verteidigen Er wurde Komtur der Feste Graudenz und verschwand
spurlos als er an Witort dem verräterischen Grossfürsten die Schandtaten
seiner räuberischen Horden rächen wollte Die Sage erzählt er sei gefangen
worden und habe sich als man ihn just im Triumph der schönen Polenkönigin
zuführte die Pulsadern aufgebissen Ihr seht also « und Konrad lächelte ein
wenig  »es blieb mir mit den östlichen Nachbarn noch eine alte Rechnung zu
begleichen übrig Und Kriegsfreiwilliger wurde ich « seine Augen sahen
versonnen in die Ferne und was er sprach schien nicht mehr an die gerichtet
die neben ihm gingen  »weil ich untertauchen will restlos untertauchen in
dieser Zeit und in diesem Geschehen Es gibt Menschen die wollten Quellen
werden Quellen für dürstende Höhenwanderer Quellen die Felsen durchbohren
und sind doch nur Wellen im Meer Ich will sein was ich bin«
    Die Geschwister schwiegen zunächst Dann schob Alex vertraulich seinen Arm
in den Konrads und meinte mit einem unsicheren Lächeln
    »Weißt du im Grunde ist mir das alles zu hoch Aber  was für sich hat es
ja stramm zum Kommis zu gehen Eine neue respektable Sorte Verdrehteit Und
einen Sparren haben die Hochsess ja alle Wer weiß vielleicht wirst du sogar
noch zu denen gehören die den Marschallstab im Tornister tragen«
    Ehe sie sich voneinander verabschiedeten versuchte Alex vergebens den
Vetter zu bewegen mit ihnen und ihren Eltern den Abend zu verbringen Konrad
schützte eine andere Verabredung vor war aber ausserstande zu sagen welcher
Art sie war Hilde schien indessen den Faden ihrer Gedanken leise
weitergesponnen zu haben denn zum Schluße sagte sie über den neuen Mut eigene
Gedanken zu äußern dunkel errötend »Ich verstand Sie vorhin so gut Vetter
Und mir fiel dabei ein wie oft man doch solch Wasserwellchen das nur mit den
vielen Gefährten zusammen schäumen und sprudeln kann in eine Schüssel schöpft
wo es trüb und still wird«
    Sie trennten sich so herzlich wie noch nie nach einem Zusammensein
»Vielleicht sehen wir uns draußen wieder« meinte Alex »Da werde ich vor dem
Herrn Leutnant stramm stehen müssen« lachte Konrad »Oder ich vielmehr vor dem
Kreuzritter« antwortete Alex ernst und beziehungsvoll mit einem festen
Händedruck
Konrad eilte zum Bahnhof hinauf um zu erfahren dass der Zug den er benutzen
wollte erst mit starker Verspätung abgehen könne weil ein Militärzug vorher zu
expedieren sei
    Schon wollte er den Ausgang wieder erreichen als der Anblick der sich ihm
ringsum bot ihn fesselte
    Da standen sie in Scharen die Reservisten die Züge erwartend die sie
ihrem Bestimmungsort zuführen sollten sie waren noch alle in Zivil selbst der
einfachste Mann dessen derbe Fäuste sein hartes Handwerk verrieten trug den
Sonntagsanzug und Feiertagsstimmung war in ihnen keiner sang niemand lachte
mehr der Ernst der Stunde lag auf allen Gesichtern und vergeistigte auch die
ausdruckslosesten Und nicht einer unter allen war allein Eltern und
Geschwister Frauen und Kinder Bräute und Freunde geleiteten sie Es war sehr
still unter ihnen Aber das Zucken der Lippen das Zittern der Hände die
blassen Wangen die krampfhaft aufgerissenen unnatürlich glänzenden und die
tief gesenkten verschleierten Augen sprachen jene Sprache des Leids für die es
keine Worte gibt
    Da war ein altes Mütterchen das unablässig mit der runzligen Hand den Ärmel
ihres Sohnes streichelte und immer noch ein Flöckchen und ein Federchen von
seinem sauber gebürsteten Kittel ablas er sah sie nicht an aber er hielt ganz
ganz still Da war eine schöne vornehme Frau die den schlanken Jungen neben
sich fest an der Hand hielt wie zur Zeit da es galt seine ersten Schritte zu
lenken und mit einer Zärtlichkeit in der sich die anbetende des Sohnes mit der
schützenden des Mannes schon paarte hingen seine Augen an ihr Und da war einer
mit groben Zügen  wie roh hatte er wohl höhnen und schimpfen können  in
dessen heißem flehenden Blick der das verhärmte Weib vor sich nicht los ließ
eine Welt von Reue und Liebe lag Ein anderer stand neben ihm auf jedem Arm ein
Kind und Stolz und Sorge und Freude und Leid spiegelten sich in seinen Zügen
Dicht aneinander geschmiegt waren zwei seine Hand spielte mit den blonden
Löckchen auf ihrem Nacken während ihre bebenden Finger ihm noch eine Rose eine
süße knospige ins Knopfloch nestelten Und ein Mann und ein Weib hielten sich
fest an beiden Händen und tauchten die Blicke ineinander sterbensbang und
lebensdurstig Niemand sah sie spöttisch oder gar beleidigt an In tiefer
Andacht verharrte die Menge bei dieser großen Liebesfeier
    Der Krieg ist wie das Senkblei des Seefahrers das Tiefen ergründet von
denen vorher keiner wusste und wie die Wünschelrute des Quellensuchers die
sprudelnden Reichtum entdeckt wo vorher Sand und Felsen war
    Der Zug brauste in die Halle Bewegung kam in die Erstarrten In
verzweifeltem Aufschrei in wildem Schluchzen in leisem Weinen brach sich das
herzzerfleischende Weh einer Trennung Bahn die eine Trennung auf immer sein
konnte Und aus manchem Auge tropfte langsam widerwillig jene Manneszähre die
an Leid schwerer ist als zahllose Frauentränen Viele aber weinten nicht Das
alte Mütterchen und die schöne vornehme Frau waren darunter »Hab nur keine
Bange mein Hanseken« sagte die eine »ich halt gut aus werd auch den
Hühnerstall selber machen und  und deinen Cäsar und deine Karnickel füttern« 
Die andere sagte nichts als »Lebe  wohl« in jedem Wort lag ihre ganze Seele
    Und dann setzte sich die lange Kette der Wagen gefüllt mit der Kraft und
der Hoffnung des Volkes in Bewegung Von den Zurückbleibenden winkten welche
so lange sie noch einen Schatten von ihnen sehen konnten andere standen
erstarrt auf demselben Fleck als sie längst verschwunden waren einige stürzten
fort kaum dass der Zug anzog mit beiden Händen vor dem Gesicht Die Vielen
aber schlichen davon wie eine graue Wolke die schwermütig über den Abendhimmel
zieht den Tag verdunkelnd noch ehe es Nacht wurde
    »Ja sagen zum Schicksal  auch dann« sagte Konrad zu sich selbst gewaltsam
die mitfühlende Trauer von sich schüttelnd »denn der Pflug muss die Erde
durchwühlen damit sie neue Frucht trage« Wenige Minuten später fuhr er zu Else
hinaus
Wie eine Alm auf der Höhe fernab vom Lärm der Welt und von den Nebeln der Tiefe
war der Abend bei Else und seinem Sohn Von Hochsess und dem was dort ihrer
wartete sprach er mit ihr von den Vätern und der Burg seines Geschlechts
erzählte er dem aufhorchenden Knaben Als er der Stadt wieder zufuhr war seine
Seele voll Frieden
    Am nächsten Morgen wurden Konrad und Else in der alten Dorfkirche die
geduckt unter den hohen Linden liegt getraut Fern waren ihrer beider Seelen
vom frommen Kinderglauben dieser Stätte aber tiefes Bedürfnis war es ihnen
gewesen auch unter den Zeichen die ihnen nur ehrwürdiges Symbol des Heiligsten
stammelnde Laute für das Unnennbare waren eins zu sein mit ihrem Volke
    Und bedurfte es sonst der feierlichen Worte des erhebenden Gesangs um
solch einer Stunde die Weihe zu geben so waren heute die Herzen so erschlossen
die Seelen so erhoben dass die schlichte Formel zur ergreifenden Predigt wurde
    Für den Abend desselben Tages hatte Else ihre Abreise vorbereitet der
erprobten Dienerin die letzte Regelung ihrer häuslichen Angelegenheiten
überlassend Konrad schien nicht zur Ruhe zu kommen ehe er den Knaben in der
Hut von Hochsess und Hochsess erfüllt wusste vom Dasein des Sohnes Und sein
unausgesprochenes Empfinden das Else rasch erriet kam ihrem Wunsche entgegen
Das Wiedersehen mit ihm hatte den Tempel der Ruhe den sie in jahrelangem Ringen
Stein für Stein um sich errichtet hatte jäh zusammengerissen Schwer genug war
es ihr geworden als sie damals von ihm ging aber grässlicher als jeder Abschied
war diese Trennung im Vereinigtsein Sie hatte kurze helle Stunden in denen
die Hoffnung sie beherrschte ihn wieder zu gewinnen und lange immer längere
die es ihr zur Gewissheit machten dass es unmöglich war Sie fühlte sich am Ende
ihrer Kraft Und fürchtete doch mit allen Qualen der Verzweiflung den Abschied
 diesen Abschied Sie war in diesen Tagen blass und schmal geworden und in
tiefer Bewegteit küsste Konrad als er sie aus dem kleinen Hause
hinausgeleitete das ihre Zuflucht gewesen war ihre müden übernächtigen Augen
    Des Kindes freudig erregtes Geplauder half ihnen über die letzten Stunden
hinweg Es kannte noch keine Furcht vor den Rätseln der Zukunft kein
Trennungsweh Und auch Konrads Seele war so erfüllt von starkem Lebensgefühl
dass er von seiner Heimkehr aus dem Kriege wie von etwas sprach an dem zu
zweifeln nicht möglich wäre
    »Dass du mir nicht allein in die Höhlen kriechst« mahnte er mit scherzend
erhobenem Zeigefinger »denn zum Schloss des Zwergenkönigs findest du nur mit
mir den Weg Und auch auf dem Fuchs mit der weißen Blässe werde ich dich erst
reiten lehren  wenn ich dir nicht lieber ein kleines Russenpferdchen mitbringe
Pass nur auf wie wir dann über die Felder fliegen« Jauchzend klatschte das Kind
in die Hände
    Else stand dabei nur mit fest zusammengepressten Lippen meinte sie den
Schrei zurückhalten zu können der sich immer ungestümer ihrer Seele entreißen
wollte
    »Du wirst es sehr schwer haben Else« sagte Konrad mit einem warmen
mitleidigen Blick auf ihr verhärmtes Gesicht
    »Kann es noch etwas geben das schwer ist« antwortete sie
    Sie reichten einander zum Abschied die Hand fast wie Fremde Dann stieg sie
ins Koupé Der Knabe stand allein am Fenster grüßend und winkend Konrad
verfolgte bis zuletzt mit zärtlichen Blicken sein blondes Köpfchen  dass der
Elsens fehlte hatte er nicht einmal bemerkt Und sie die sich tief in den
jenseitigen Sitzwinkel gedrückt hatte wusste es
In der Nacht danach schlief Konrad ruhig und traumlos Als er erwachte stand
die Sonne hoch am Himmel nur langsam kehrte er zur Wirklichkeit zurück ihm
schien als sei er sehr sehr weit weg gewesen Er erinnerte sich dass dies hier
sein letzter Tag war ein tiefes Gefühl von Andacht kam über ihn Und als er
sich schließlich unten im Strome der Menschen wiederfand waren sie alle wie
Kirchgänger an einem jener seltenen großen Feiertage wo auch der ärmste Sklave
des Alltags den grauen Sträflingsrock von seiner Seele zieht Aber nicht in die
Häuser in denen die Kirchen den Dienst Gottes gebannt zu haben glaubten zog es
sie sondern in jenen großen grauen Palast mit der goldenen Kuppel zwischen dem
ragenden Siegesdenkmal einstiger Kriege und dem stolzen Triumphtor zur Ewigkeit
ihres Gedenkens heimgegangener Sieger
    Die Menge staute sich vor den Türen ohne Ungeduld drängte die Treppen
hinauf ohne Hast und schob in die braunen Bänke hinein so vorsichtig und so
leise als wäre jedes Geräusch Entweihung
    Und nicht wie sonst bei den großen Tagen des Parlaments drang erregtes
Stimmengewirr vom Saale herauf zu den Tribünen Ruhig und ernst schritten die
Abgeordneten zu ihren Sitzen Nur hie und da flüsterte jemand und wenn einer in
Feldgrau erschien gab es in seiner Nähe ein freundlich grüssendes Gesumme
gedämpfter Stimmen
    Unter den Zuhörern frug keiner wie sonst neugierig als befände er sich im
Theater nach den Namen der bekannten Akteure Heute galt der einzelne nichts
die Masse alles Konrad gedachte jener nun ganz historisch gewordenen Zeit des
letzten Krieges und all der Großen von damals der Lenker des Staates der
Führer der Parteien der Sprecher des Volkes Ein Gefühl nicht zu bannenden
Unbehagens befiel ihn Warum fehlten sie heute Wie eine Sphinx mit dem Antlitz
der Meduse war das Schicksal vor Deutschland erschienen Würde es an den Männern
fehlen sein Rätsel zu lösen seinem todbringenden Blicke stand zu halten
    Der Saal hatte sich ganz gefüllt Auf der Estrade hinter dem Stuhle des
Präsidenten und denen der Minister standen ihrer viele in glänzender Uniform
Aber jede Farbe verschwand im einheitlichen Schwarz ihrer Umgebung als sollte
hier nichts und niemand hervorragen sich absondern
    Dann kam der Präsident schlicht weisshaarig nur einer von den vielen aus
dem Saale Nüchtern und sachlich als wäre es ein Tag wie jeder andere wurden
geschäftliche Dinge erledigt
    Und dann kam der Kanzler
    Kein Bismarck mit dem wuchtigen Schritt des an die Reiterstiefel Gewöhnten
mit dem hochmütigen Blick des zum Befehlen Geborenen
    Ein Bürger im schwarzen Rock Ein Denker mit gefurchter Stirn Ein Mann Und
ein Preuße
    In knappen Sätzen sprach er Von der langgenährten Feindschaft die von
Osten und Westen über uns hereinbrach Und dass Russland die Brandfackel an unser
Haus gelegt habe
    Da brach der erste stürmische Beifall aus Widerspruchslos
    Er sprach weiter Ohne Patos Doch durchglüht vom Bewusstsein der ungeheuren
Stunde
    »Wir haben den Krieg nicht gewollt«  alle Köpfe neigten sich zu feierlicher
Bejahung  »aber ein längeres Warten bis etwa die Mächte zwischen die wir
eingekeilt sind den Moment zum Losschlagen wählten wäre ein Verbrechen wider
Volk und Vaterland«
    Er setzte sekundenlang aus  nicht wie ein routinierter Redner der den
Beifall dadurch herauszufordern weiß sondern fast unwillig weil er ihn
brausend unterbrach
    Und ruhig  nur die nervöse Linke krampfte sich zur Faust zusammen  führte
er den Nachweis wie der Krieg mit Lug und Trug über uns heraufbeschworen worden
war
    Dann erhob sich seine Stimme Die hohe schlanke Gestalt reckte sich auf
»Das ist die Wahrheit«  Die Faust fiel auf den Tisch
    »Das ist die Wahrheit«  ein ganzes Volk legte durch seinen Mund den Eid
ab
    Und danach bekannte er sich und versuchte mit keinem Wort das Unrecht zum
Recht zu machen zum Bruch der belgischen Neutralität
    Ein tiefes Atemholen einem Seufzer gleich ging durch das Haus Niemand
der nicht mit ihm die schwere Notwendigkeit auf sich genommen hätte
    »Aber wer so bedroht ist wie wir und um sein Höchstes kämpft der darf nur
daran denken wie er sich durchhaut«
    Ein Jubel erhob sich wie ihn der Saal noch nicht erlebte Von allen Seiten
rauschte er auf Und das Blatt Papier das der Kanzler hielt zitterte
unmerklich Von nun an war es als spräche die dunkle geschlossene Masse im
Saale mit ihm Sie wiederholte sie unterstrich mit nicht endendem Beifall was
er sagte
    »Die große Stunde der Prüfung hat geschlagen aber mit heller Zuversicht
sehen wir ihr entgegen Unsere Armee steht im Felde unsere Flotte ist
kampfbereit Und hinter uns steht«  wie durchleuchtet erschien in diesem
Augenblick das ernste Antlitz des Kanzlers und seine Stimme fand einen Ton wie
er dem ruhigen Manne sonst völlig fremd war  »das ganze deutsche Volk«
    Er schwieg übermannt von der eigenen Bewegung Und es war als erschüttere
rollender Donner den Saal Da hob er noch einmal den Kopf streckte die Hand
weit aus zu den Bänken der Linken hinüber und wiederholte emphatisch in die
plötzliche feierliche Stille hinein »Das ganze deutsche Volk «
    Kein alles Überragender hatte gesprochen aber es war die Stimme der Nation
selber gewesen Niemand erhob sich im weithin leuchtenden Glanz des Genies über
der Menge aber sie selbst war gesättigt von Kraft  fruchtbare Erde berufen
und befähigt das Große und die Großen hervorzubringen
    Tiefe Andacht erfüllte das Haus
    Das war die große Feierstunde des Vaterlandes die Weihe der Waffen
Am Abend reiste Konrad ab Der Zug war überfüllt mit Soldaten und Reservisten
und schob sich nur langsam aus der lichterstrahlenden Stadt in das dunkle Land
Unterwegs schien er sich unaufhörlich zu vervielfachen Auf allen
Schienensträngen tauchten neue glühende Augen auf fauchte der heiße Atem der
Lokomotiven Die Räder rollten und rollten durch die Nacht als speie die
Unterwelt ihre Drachenbrut wider die drohenden Feinde aus
    Konrad behielt einen Ton im Ohr wie von fernen Trommeln und Pauken Dann
mischte sich ein anderer anschwellend hinein
    Die Pfade und Wege und Straßen ringsum waren lebendig geworden vom rastlosen
Gehen vieler Menschen Sie schlängelten sich vorwärts wie Flüsse Sie trugen die
vielen den Zügen zu die an allen Stationen ihrer warteten
    Und die Dörfer in den Tälern die Hütten auf den Höhen die Gehöfte im Hag
die Weiler im Wald entliessen aus weitgeöffneten Toren und Türen ihre streitbaren
Männer
    Es war das Wandern eines Volkes Die harten Tritte der Millionen hallten
dröhnend gen Himmel dass aller Schlummer die Erde floh
 
                                 Elftes Kapitel
                       Wie Konrad Hochsess das Leben fand
Breit und majestätisch wälzt sich der Strom der Weichsel durch das grüne flache
Land er ist wie ein Herrscher der stets voll königlicher Ruhe zu schreiten
gewohnt ist Und an Graudenz der kleinen Stadt an seinem Ufer fließt er stolz
vorbei ihrer nicht achtend Sie ist ja auch nur eine arme Magd die sich mit
weit von ihm abgewendeten Straßen scheu und schämig vor ihm zurückzieht Sie
weiß dass sie zu hässlich ist um sich ihm anzubieten wie die großen Städte die
an breiten Flüssen liegen und ihnen ihre schönsten Häuser ihre gepflegtesten
Gärten herausfordernd zukehren Sie wurde in Dienstbarkeit geboren denn
Trossleute des Deutschen Ritterordens Handwerker und kleine Krämer waren es die
sie gründeten nicht als künftige Handelsherren die dem Wasserlauf ihre
beladenen Schiffe zur abenteuerreichen Fahrt ins Weite anvertrauen wollten
sondern als arme Dienstmannen die ihre Häuschen geduckt unter den Schlossberg
bauten in dessen Schutz und unter dessen Herrschaft sie standen Hochmütig
erhob er sich über sie ein von der Natur selbst gebauter Thron von dem aus die
Ordensburg meilenweit in das Land sah und mit den Feuern ihres Wartturms allen
Gleichen ringsum ihre Kriegszeichen gab Ihr zu Füßen schmiegte sich auch der
Strom wie ein gebändigter Riese ja wenn die Sonne ihn in seine schimmernde
Silberrüstung hüllte schien es als ob er sie schmeichelnd umwerbe
    Und ob auch die frommen Ritter hingestreckt von Russen und Tartaren aus
dem grässlichen Morden der Tannenberger Schlacht nicht wiederkehrten die
polnischen Vögte aber denen die Burg danach untertan war sie in
dreihundertjähriger Herrschaft zur schmutzigen Herberge verkommen ließ und
der Sturm den der korsische Äolus über Europa entfesselte ihre morschen Mauern
zusammenstürzte  der Strom blieb ihr treu Denn der Burgfried hielt allen
Unbilden stand und spiegelte sich weiter in seinen Fluten und der Brunnen im
Burghof senkte sich immer noch tief tief hinab und saugte an seinen Wassern
    Zu jeder freien Stunde die er hatte wanderte Konrad hier hinauf
Heimatliche Gewohnheit war es ihm von hoher Warte in die Lande zu lugen und
dass man heute in Tälern und Städten so viele Türme baute zum bloßen Zierat war
ihm stets als ein Zeichen dafür erschienen wie ganz und gar die Bestimmung
alles Hochragenden nach Wetter und Wolken Ausschau zu halten und das Nahen
feindlicher Mächte zuerst zu sehen und zu künden vergessen worden war und wie
die Menschen verlernt hatten nach Sehnsucht zu verlangen Denn nur wer auf
Bergen und Burgen steht und wer sieht wie Himmel und Erde sich berühren der
lernt das Sehnen den vermag keine friedliche Enge mehr zu befriedigen
    Die Briefe Elsens die ihm täglich von seinem Sohn erzählten und oft von ein
paar ungefügen Buchstaben seiner Kinderhand begleitet waren las er am liebsten
hier oben Dann wurde ihm das Bild des kleinen Konrad am lebendigsten dann sah
er fast greifbar deutlich das praktische und umsichtige Walten Elsens unter
deren weichen Fingern alles gedieh Und er freute sich dessen von Herzen Aber
er war ganz ausserstande sich vorzustellen dass er dabei sein könne wenn Else
dieselben Wege ging die Norina gegangen war und das lebensprühende Kind die
Räume mit seiner Gegenwart erfüllte wo Norinas Sohn die blauen Wunderaugen
aufgeschlagen und wieder geschlossen hatte
    Er war so weit weg  wie der Bewohner eines anderen Sterns der von dort aus
seine eigne Erdenvergangenheit betrachtet Denn wenn sonst Gegenwart fast
unmerklich zur Vergangenheit wurde so war jetzt eines vom anderen gewaltsam
losgerissen
    »War ich wirklich gestern noch Konrad von Hochsess« frug er sich oft wenn
er im ersten Morgengrauen vom Strohsack sprang und seine beiden Stubenkameraden
 Kriegsfreiwillige wie er  die mit ihren siebzehn Jahren noch einen
Kinderschlaf hatten aus den Betten rüttelte Und er wiederholte verwundert die
gleiche Frage wenn er der die Respektlosigkeit gegenüber Lehrern und
Vorgesetzten einmal zum Prinzip erhoben hatte sich widerspruchslos  nicht
einmal seiner Empfindung gestattete er sich aufzulehnen  selbst den scheinbar
kleinlichsten Befehlen und Anordnungen grober Unteroffiziere fügte Wenn seine
beiden jungen Kameraden die eben erst von der Schulbank und aus dem Elternhaus
kamen sich beklagten und er der eine Art väterlichen
Verantwortlichkeitsgefühls ihnen gegenüber besaß sie zu trösten sich bemühte
entwickelte er in der Verteidigung des »Militarismus« Gründe die das Ergebnis
fester Überzeugungen zu sein schienen und doch nichts als die rasche Folge des
wuchtigen Anschauungsunterrichts waren den der Krieg tagtäglich erteilte
    Nach der Kriegserklärung war noch nicht eine Woche verflossen als Lüttich
fiel obwohl die Besatzung allein größer gewesen war als das Heer der Angreifer
und die ganze Bevölkerung des Landes selbst die Frauen in dem überaus
ungünstigen Berg und Waldgelände aus dem Hinterhalt auf unsre Truppen feuerten
Wenige Tage später wurden die Siege von Mülhausen und Lagarde gemeldet und die
Abwehrkämpfe der Grenzbesatzungen gegen die von allen Seiten einbrechenden
Russen Und das alles geschah ohne dass der Aufmarsch der mobilen Truppen
vollendet war von Heeren in schwacher Friedensstärke
    Dann kam die Nachricht vom heldenhaften Untergang des kleinen Dampfers
»Königin Luise« Es war ein altes friedliches Schiff gewesen das fröhliche
Badegäste bei geruhiger See von Swinemünde nach Rügen zu geleiten pflegte Und
plötzlich hatte das Kriegsfieber es gepackt und war mit nur hundertundzwanzig
Mann Besatzung keck wie der jüngste Draufgänger bei Nacht und Nebel an Englands
Küsten entlang geschlichen um die See die verschwiegene die nicht einmal dem
»Beherrscher der Meere« ihr Geheimnis verriet sondern im stillen dem
Wagemutigsten ihre Gunst gewährte mit Minen zu spicken An der Mündung der
Temse erst dicht vor der Hauptstadt die sich damit brüstete dass seit
Jahrhunderten kein Feind sie betreten hatte es sein Schicksal ereilt aber auch
da noch hatte es einen britannischen Kollegen mit in die Tiefe gezogen
    Sobald der Jubel über die ersten Siege nachließ und die Begeisterung über
den Handstreich sich in stille heiße Freude verkehrte brach bei Konrads jungen
Freunden in noch stärkerem Masse als vorher der Zorn über den Tagesdienst aus
    »Widersinnig ists« grollte Hans Gerwald der einzige Sohn eines bekannten
Berliner Malers »jetzt Stiefel zu putzen und Stuben zu scheuern wo es allein
auf Schießen und Stürmen ankommt«
    »Unerhört « sekundierte Fritz Ewert eines ostpreussischen Gutsbesitzers
Ältester  »Griffe zu kloppen und Parademarsch zu üben als ob nichts als ein
Kaisermanöver uns erwartete«
    Und sie ergingen sich beide in heftigen Anschuldigungen eines Drillsystems
das nur ein langer fauler Frieden hätte entwickeln können Die Enttäuschung
über den Beginn der so heiß ersehnten Heldenlaufbahn klang aus ihrem
jugendlichen Unmut heraus
    Konrad liebte sie um dieser Ungeduld willen Ihm selbst aber konnte die
Vorbereitung zu der großen Aufgabe die zu erfüllen war gar nicht streng gar
nicht entsagungsvoll genug sein und es bedurfte keiner besonderen
Überredungskunst um die beiden Kameraden für seine Auffassung zu gewinnen Sie
waren wohl beide Gymnasiasten gewesen die wie die anderen ihre weichen Gemüter
mit dem Panzer der Skepsis und Kühle umkleidet hatten um ja nicht für
unmännlich zu gelten der Krieg hatte ihn gesprengt die Tore ihrer Seelen
standen weit offen allem was rein und groß war Konrad hätte sie in Erinnerung
an seine eigenen siebzehn Jahre beneiden können wenn die Erkenntnis ihres
Wesens von dem die Zeit alles abspülte was ihm an Alltag schon angehaftet
hatte ihn nicht mit so stolzer Zukunftszuversicht erfüllt hätte
    »Alle die sich einer großen Sache opferten« sagte er einmal zu ihnen
»haben sich vorher kasteit um jener Entsagung willen die das ganze Ich auf
einen einzigen Punkt konzentriert die heilige Tat« Und von da an erinnerten
sie einander wenn der Unmut sie wieder zu übermannen drohte scherzend an die
Pflicht der Kasteiung
    Weniger leicht war es sie von der praktischen Notwendigkeit vieler
untergeordneten Massnahmen und Übungen zu überzeugen
    Er stieß auf stets erneuten Widerspruch wenn er erklärte dass ohne einen
Drill bis ins kleinste der jeden unbedeutenden Handgriff so lange einübt und in
alle übrigen einordnet bis er zu einem völlig mechanischen wird ohne eine
pedantische Ordnung die jedem Dinge den unverrückbar gleichen Platz anweist so
dass keine Sekunde Zeit unnütz verloren geht ohne eine eiserne Disziplinierung
die sich auf jede einzelne Handlung ja auf jede Körperbewegung erstreckt ohne
einen Gehorsam der dadurch geübt wird dass er die persönliche Neigung in
scheinbar nebensächlichen Dingen bändigt ein Heer niemals zum unbedingt
zuverlässigen Werkzeug in der Hand des Feldherrn zu werden vermöchte
    »Das mag früher richtig gewesen sein« warf Hans Gerwald ein dessen
Schulwissen kein bloßes Gepäckstück war das er mitschleppte sondern sich in
ihm zu etwas Lebendigem geformt hatte »wo die Armeen klein und übersichtlich
gewesen sind jetzt wo Millionen im Felde stehen kann der einzelne nicht nur
ein Werkzeug sondern muss ein denkender Kopf ein lebendiger Wille sein«
    »Ganz gewiss« antwortete Konrad »aber es war eben einer der größten
Trugschlüsse der Vergangenheit dass die Freiheit im Äußeren Freiheit im Inneren
bedeutet Erst die Mechanisierung des Daseins im Nebensächlichen die unbedingte
Herrschaft über alles Technische befreit die Kräfte der Seele von allen
Bindungen sichert die Unerschütterlichkeit des Muts der Ausdauer der
Siegeszuversicht«
    Allmählich überzeugten sich die beiden jungen Soldaten von der Richtigkeit
seiner Auffassung aber weniger infolge seiner Überredungskunst  denn so leicht
es auch war ihr Gefühl zu entflammen so schwer war es andererseits ihrem
kritischen Verstand eine andere Richtung zu geben  als infolge der Einsicht
die ihnen die Ereignisse der Nähe und der Ferne vermittelten
    So klein der Kreis ihres Gesichtsfeldes war  er reichte zunächst über den
Kasernenhof und den Exerzierplatz nicht hinaus und erweiterte sich nach und nach
auf die in ein Feldlager verwandelte Stadt  so deutlich erkannten sie doch die
ungeheure Maschinerie des Krieges in der das winzigste Rädchen seinen Platz und
seine Funktion hatte und für das Ganze so unentbehrlich war wie der Motor
selbst
    Und sie wurden alle drei  mit vollem Bewusstsein aus vertiefter Überzeugung
 zu einem Zahn solch eines winzigen Rädchens und fühlten wie Kraft und Wille
dabei wuchs
    Das Regiment war längst im Felde Vom ersten Tage an war es in Grenzgefechte
verwickelt Die daheimgebliebenen jungen Soldaten hörten nicht viel davon in
den Zeitungen stand nichts Nur manchmal wenn die älteren Leute die Feldwebel
und die Unteroffiziere vom Ersatzbataillon mit ernsten Gesichtern
zusammenstanden dann ahnten sie dass wieder etwas irgend etwas geschehen sei
Und zuweilen bekam der und jener einen Brief von einem der draußen war dann
drängten sie sich abends in der Stube um ihn und horchten zu mit brennenden
Wangen und flackernden Augen wenn er vorlas von den Kosaken den verfluchten
Schimmelreitern die die Dörfer in Brand steckten die Häuser ausraubten die
Bewohner töteten oder entführten von den langen Märschen und den Kämpfen in der
Nacht von der vierfachen Übermacht der grimmen Gegner »Eins zu vier « sagten
sie untereinander mit strahlenden Gesichtern und strafften die Muskeln »Eins zu
vier « mit dem Gedanken rückten sie am anderen Morgen in den Dienst und waren
noch einmal so ausdauernd und so rührig als sonst
    Fritz Ewert der Kriegsfreiwillige war eines Abends beim Lesen
hinausgegangen und nicht wiedergekommen Man tuschelte hinter ihm her Sollte
das Kind sich fürchten Warum ließ man auch Knaben zur Männerarbeit zu In der
Nacht hörte Konrad wie er sich schlaflos hin und her warf als der Morgen
graute und der Schlummer ihn endlich bezwungen hatte hingen zwei schwere Tränen
an seinen Wimpern
    An einem Sonntage war es  die frommen Bürger der Stadt kamen gerade im
Feierkleide aus der Kirche  da schob sich vom Bahnhof her ein Häuflein müder
verstaubter Menschen zwischen sie Alte Männer trugen ächzend schwere bepackte
Körbe auf dem Rücken Frauen schleppten todmüde Kinder mit sich die nur noch
leise zu wimmern vermochten
    Konrad hatte Fritz Ewert fast gewaltsam mit sich ins Freie genommen sein
junger Kamerad war so still so traurig geworden dass es ihn ängstigte Aber
kaum dass er jetzt die Wandernden bemerkte als er schon mitten unter ihnen war
    »Woher kommt ihr« frug er vor Aufregung heiser
    »Aus dem Neidenburgischen« sagte ein Alter einsilbig
    »Von Osterode « murmelte ein mattes Weib
    Und nun sprachen sie alle durcheinander »Die Kosaken sind hinter uns her
mit Lanzen und Peitschen«   jammerte eine gebückte Greisin »Sie spiessen
unsre Kinder«  heulte eine andere hysterisch auf mit entsetzten Augen um sich
blickend
    Die Kirchgänger sammelten sich um sie Sie griffen in die Taschen sie
beratschlagten über ihre Unterkunft Die Gesichtszüge der Flüchtlinge belebten
sich Des jungen erregten Soldaten achtete kaum einer mehr An einen jeden
richtete er drängend die gleiche Frage »Wisst ihr von Klaussen nichts«
    Ein halbwüchsiger Bursche zuckte schließlich vielsagend die Achseln »Die
Russen sind überall«
    Und nun endlich schien sich Ewerts erstarrte Angst in einem Strom von Worten
zu lösen »Dicht dabei bin ich zu Hause am DruglinSee« erzählte er hastig
»Die Meinen sind daheim Der Vater und die Mutter würden standhalten bis
zuletzt das weiß ich Weil man den Posten nicht verlässt auf den Gott einen
stellte Weil die Heimat ihnen mehr gilt als das Leben Und ich  ich konnte das
Gut nicht leiden weil ich frei sein wollte Was hat der Vater getobt und die
Mutter geweint über mich Und nun mein ganzes Leben will ich mich freudig von
ihm fesseln lassen wenn ich es gerettet wenn ich die Eltern die ich fast zu
hassen vermeinte und doch so zärtlich liebe in Sicherheit wüsste Ach « er
umkrampfte Konrads Arm  »und die Schwestern  zwei junge hübsche Dinger  seit
einer Woche bin ich ohne jede Nachricht«
    
    Es beruhigte ihn etwas dass Konrad mit ihm gemeinsam alles zu tun versprach
um Näheres in Erfahrung zu bringen Aber bei allen Erkundigungen stießen sie auf
das gleiche Nichtwissen oder auf die durch die militärische Lage erzwungene
Verschwiegenheit während unbestimmte wilde Gerüchte über das Schicksal
Ostpreussens die Stadt durchschwirrten
    Eines Tages  Konrad war gerade zur Bahnhofswache kommandiert  kamen die
ersten Verwundeten Bahn um Bahn in endloser Reihe Unter den weißen Linnen
lugten aschfahle Gesichter mit geschlossenen Lidern hervor und rote
fieberglühende von Bandagen umwickelte Köpfe die nichts als schreckhaft große
Augen hatten lagen reglos auf hartem Pfühl und bei anderen lag die Decke ganz
flach und leer da wo sich die Beine unter ihr abzeichnen sollten Die Menge
derer die noch gehen konnte folgte welche denen das Kinn oder die Stirn die
Nase oder die Augen verbunden waren oder die sich humpelnd vorwärts bewegten
einer der nur auf einem Beine hüpfte von zweien unter den Schultern gehalten
von denen selber jeder einen Arm in der Binde trug Dann ein Kleiner Blasser
der einen schlichten grauen Offizierskoffer zwischen den groben Fäusten
schleppte während die Schweißtropfen ihm unter der schmalen Kopfbandage
hervorperlten er hielt stöhnend inne und sah sich um Da flog ihm ein junges
Weib entgegen der Koffer polterte zu Boden er fing eine Ohnmächtige auf »Sein
Leutnant fiel  das ist die Frau« sagte ein Verwundeter zum anderen Der
nickte langsam »Kein Offizier ist von meiner Kompagnie übrig geblieben« sagte
er
    Der Bahnhof war schon leer nur eine schlanke Frau schritt noch immer
angstvoll suchend am Zuge auf und ab Da kamen ihr zwei entgegen ein schmaler
junger Sanitäter und ein breitschultriger Rittmeister der mit den hohen
Stulpenstiefeln seltsam schleppend ging mit starren Blicken unentwegt geradeaus
sah und sich von seinem Begleiter an der Hand führen ließ als wäre der Riese
ein kleines Kind Die Wartende trat ihm entgegen »Arthur« schrie sie auf Er
sah sie an stumpf gleichgültig Er erkannte sie nicht
    Konrad stand ohne ein Glied zu rühren angewurzelt Aber es war trotz aller
Erschütterung kein rührseliges Mitleid das er empfand Es war Ehrfurcht
    Angesichts all dessen was sie nun vor Augen sahen und was die erhitzte
Phantasie aus den Erzählungen der Verwundeten und der Flüchtlinge gestaltete
wuchsen die Besorgnisse der Bevölkerung Und als plötzlich Arbeiter zu Tausenden
die Umgebung überschwemmten ganze Wälder niederschlugen um die Stämme die
Kreuz und die Quer über den Boden zu werfen die Erde zu tiefen Schützengräben
aushöhlten und dichte Stacheldrahtverhaue zogen da steigerten sie sich immer
mehr
    Die Siege in Belgien und Frankreich auf die sich im Reich das Interesse zu
konzentrieren schien vermochten hier so nahe der Grenze nicht mehr den
gleichen Jubel hervorzurufen
    Ein Gespenst unfassbar namenlos kroch die Angst durch die in der
Sommerschwüle still glühenden Straßen
    Bis sich von Westen ein wetterschwangerer Wind erhob der sie vor sich
hertrieb und wie er den Himmel mit blitzgeladenen Wolken bedeckte die Geister
aufpeitschte zu kraftgesättigter Empörung
    Das war der Hass der Welt wider uns das war die Lüge und die Verleumdung
die am höchsten bezahlten Söldner im Dienst unserer Widersacher
    Hans Gerwald der als Schüler dem Jungdeutschlandbund angehört hatte und ihm
seine aller ungesunden Grossstadtkultur fremde natürliche Frische und kraftvolle
Körperlichkeit verdankte brauste bei einer der abendlichen Stubengespräche mit
den Kameraden immer wilder auf wenn von diesem Vernichtungskrieg der Feinde die
Rede war
    »Wie eine Spinne sitzt England in der Mitte des Netzes das es über die Erde
spann« rief er erregt »aber das Gift das diesem greulichen Tier seine
verheerende Wirkung verleiht ist nichts anderes als der von Juden gezeugte
Geist des Krämers  ein uns Germanen so in tiefster Seele entgegengesetzter dass
es ihm gegenüber nur zweierlei geben kann ihn gewaltsam abzustossen oder sich
ihm mit Haut und Haaren zu verschreiben«
    Konrad lachte den Hitzkopf an denn mochte er auch noch so häufig mit seinen
Ansichten in die Irre gehen dass er überhaupt welche hatte und stürmisch
verteidigte war erfrischend im Gegensatz zu der Zerfahrenheit seiner eigenen
Jünglingsjahre »Du vergisst mein Junge« sagte er  auch sie hatten
untereinander das »Du« der Soldaten längst angenommen  »dass gerade England von
Juden am wenigsten beeinflusst sein kann weil es ihrer nur wenige hat und
überdies den Krämergeist von dem du sprichst schon zu einer so frühen Zeit
besaß wo von jüdischem Einfluss noch gar keine Rede sein konnte«
    »Auch verstehe ich nicht« warf Fritz Ewert ein der anfing seine
Teilnahmlosigkeit angesichts alles dessen abzustreifen was sein persönliches
Unglück nicht berührte »was die infamen Verleumdungen die England ausstreut
mit dem jüdischen Geist zu tun haben könne«
    »Herr Gott bist du vernagelt« entfuhr es dem Leidenschaftlichen »Wer sein
Lebtag schachert und im Übervorteilen des anderen die modernste und höchste
aller Tugenden sieht ist auf trügen und lügen angewiesen und wird der
Sicherheit seines Systems unbedingt mehr vertrauen als den Waffen die er zu
führen verlernte«
    »Diese Folgerungen sind richtig« antwortete Konrad rasch »aber nicht das
Judentum sondern der Kapitalismus ist die Prämisse Nur ein Volk das ihn in
Fleisch und Blut aufnahm kann eines so niedrigen Hasses der nichts aber auch
gar nichts mit unserem heiligen Zorn zu tun hat gegen den Weltkonkurrenten
fähig sein kann sich kaltblütig der Waffe der Verleumdung bedienen um ihn zu
überrennen«
    Gerwald riss die Augen auf »Donnerwetter  Du bist am Ende gar ein Sozi«
    »Nein« lachte Konrad belustigt über das Entsetzen des jungen Soldaten und
fuhr zugleich bewegt von dem befreienden Gefühl dass sich ihm jetzt die Gedanken
so leicht zu festen Ansichten formten ernster fort »wenn du mich recht
verstanden hättest würdest du wissen dass ich es im Sinne der heutigen
Sozialdemokratie nicht sein kann  die übrigens vielleicht am 4 August neu
geboren wurde so dass man über die noch in den Windeln liegende nicht viel zu
sagen vermag Auch sie hat sich vom Geist des Kapitalismus der zugleich der
Geist des Materialismus ist weil er das Materielle zu Ursache und Zweck erhebt
verseuchen lassen sonst hätte sie nicht so verblendet sein können das
Kuckucksei des Internationalismus das der Kapitalismus ihr ins Nest legte für
ihr eigenes zu halten Segnen wir den Krieg dass er unseren kleinen Finger den
wir dem Teufel schon gegeben hatten ihm wieder entriss Segnen wir Hass und
Verleumdung die uns beweisen dass wir noch anderen Geistes sind dass wir Gut
und Blut für nichts achten und die Idee von Staat und Vaterland für alles«
    Die beiden Stubengenossen verstanden ihn offenbar nicht ganz aber um so
stärker fühlten sie dass sie im Tiefsten ihres Wesens auf einen Ton gestimmt
waren Und diese Harmonie die aus der gemeinsamen Entrüstung wider den
offenbarten fremden seiner ganzen Natur nach feindlichen Geist der Gegner zum
deutlichen Ausdruck kam wurde in allen  den Soldaten den Bürgern den Männern
und den Frauen  zur Kraft
    Und doch war die Angst noch nicht völlig vertrieben Im Schatten hockte sie
noch immer und zog mit den langen dürren Armen an sich wer nicht sicher im
Hellen ging
    Da kam die große Mittagsgöttin die in alle Winkel leuchtete Die Wahrheit
Ihr Kleid die Sprache das eben noch ein buntes phantastisches Gewand gewesen
war in das sie sich oft fast versteckte floss in weißen strengen Falten an ihr
herab Niemand hätte sie mehr zu verkennen niemand an ihr zu zweifeln vermocht
    In den kurzen markigen Worten des Generalquartiermeisters stand jedes
Ereignis wie gemeisselt da
    Furchtbar konnte es sein grauenhaft war es nicht mehr
    Ringsum an den Grenzen flammten die Städte und Dörfer gen Himmel dass der
Horizont in der Nacht rot zu glühen begann Mochten die Augen entsetzt das
grässliche Schauspiel gewahren der Wille der vielen schmolz in der Lohe zu einem
Unteilbaren zusammen
    Auch Konrads junger Kamerad wusste nun dass Haus und Hof eingeäschert dass
die Schwestern entflohen die Eltern von den Mordbrennern fortgeschleppt waren 
wer weiß wohin Aber er weinte nicht mehr er ballte nur die Fäuste und bekam
schon jetzt den harten Zug um den Mund den alle die ihn erlebten wie das
Brandmal des Krieges tragen
    Weit immer weiter entfernte sich ein jeder von der Fessel einstiger
physischer und seelischer Heimat Die Gegenwart versank ihnen allmählich wie
schon die Vergangenheit versunken war und nur eines lebte die Zukunft
    Verzehrend wurde in den Kasernen unter der jungen Mannschaft der Durst nach
Taten Sie sprachen nicht mehr viel miteinander Müde vom strengen Dienst müder
noch von der getäuschten Erwartung warfen sie sich abends aufs Bett und
erwachten in der Frühe mit Augen voll Hoffnung Heute 
    Immer mehr Reserven wurden herausgeschickt einmal zehn dann zwanzig dann
dreißig Mann Sie strahlten wenn sie gingen als wären sie schon heimkehrende
Sieger
    Und eines Morgens traf es Hans Gerwald Fritz Ewert und Konrad Hochsess »Um
vier Uhr marschbereit« Nichts weiter Mit einem schmetternden Hurra aus zwei
jungen Kehlen machte sich die überströmende Freude Luft Singend packte Hans
seinen Tornister und von den Kameraden abgewandt heimlich dass keiner es sehen
sollte  nur Konrad erhaschte es mit flüchtigem Blick  strich er zärtlich den
letzten Brief der Mutter glatt und verwahrte ihn in seiner Brusttasche und
steckte ein großes Stück Brot opfernd den gelben süß duftenden Kuchen von zu
Haus in den Brotbeutel Fritz dagegen entledigte sich mit aszetischer Härte
aller Dinge die ihm überflüssig oder gar sentimental erschienen Zuletzt legten
sie ein paar Bücher obenauf ein kleines Bändchen Goetescher Gedichte der eine
Goethes Faust der andere und Nietzsches Zaratustra alle beide »Ihr Barbaren«
sagte Konrad lachend Er beschwerte sich nicht ihm schien als könnten
gedruckte Worte ihm auf diesem Wege nichts mehr geben was nicht an lebendig
Gewordenem in ihm war
    In der letzten Viertelstunde ging er noch rasch den Schlossberg hinauf In
Frieden gebreitet mit üppigen Feldern glänzte das Land ein ahnungsloses Kind
Und die Wellen des Flusses seines fröhlichen Spielgefährten trugen das
Sonnenlicht das sie tranken strahlend weiter Nur der Turm ragte finster gen
Himmel Wie vor Jahrhunderten sah er in der Ferne lodernde Flammen die den
zahllosen aus dem östlichen Horizont dem schmalen Strich zwischen Himmel und
Erde schwarz hervorquellenden Horden die Wege wiesen
Das Regiment marschierte Und vom Himmel brannte die Sonne und es war als ob
die weiße Chaussee von dem langen grauen von Gewehren stacheligen Tier mit den
vielen Menschenfüssen allmählich verschlungen wurde
    An stillen blauen Seen ging es vorbei die zwischen nickenden Bäumen tief in
den Mulden lagen Dann sonderte sich wohl der oder jener ab riss die Kleider vom
Leibe und tauchte minutenlang den ermatteten Körper in die frische Flut um
gleich danach wieder in Sprüngen den Zug zu erreichen Und da und dort standen
Bauerngehöfte am Wege mit roten Dächern und strotzenden Scheunen Dann liefen
Frauen und Kinder mit gefüllten Eimern zwischen den Reihen hin und her als
müssten sie gerade diesen Soldaten mit einem frischen Trunk dafür danken dass der
Krieg sie noch nicht berührte Die Mädchen zierten sich nicht wenn ihnen einer
im Vorübergehen die roten Lippen küsste und die Kinder jauchzten wenn ein
Bärtiger sie zärtlich zu sich emporhob Sie waren ja keine Fremden mehr sie
waren alle eine Familie
    Das Regiment marschierte Ein Hüne war darunter der zuweilen aus dem Gliede
trat und neugierig musternd seine Kompagnie an sich vorüberziehen ließ War der
eine zu weiß im Gesicht oder der andere zu rot so nahm er ihm fast mit Gewalt
den Tornister vom Rücken und legte ihn über den seinen auf den eigenen Buckel
Und der jüngste Leutnant in einem anderen Bataillon trug mit einem Gesicht das
wie über den besten Witz der Welt fröhlich lachte oft über jeder Schulter ein
Gewehr Konrad sah besorgt wie Hans und Fritz seine Nachbarn in den Knien
zusammenknickten oder in den Armen zu zittern begannen Aber eine Frage ein
teilnehmendes Wort spannte ihre Kräfte aufs neue Sie duldeten keine Hilfe Der
Oberst um die ungeübteren unter seinen Leuten besonders besorgt ritt häufig
zurück immer die gleiche Frage  »will einer schlapp werden«  väterlich
wiederholend Aber das »Nein Herr Oberst« klang stets gleichmäßig kräftig
wenn es auch oft zwischen zusammengebissenen Zähnen hervorkam Konrad wusste Die
da drüben die Feinde mit den niedrigen Stirnen und den seit Generationen an
Lasten gewöhnten stiernackigen Rücken waren solcher Marschleistungen nicht
fähig Und wir die Nervenmenschen Wie kam das nur So war auch hier dachte
er beglückt die Idee der Materie überlegen der eiserne Wille und das klare
Bewusstsein von dem was auf dem Spiele stand stärker als die bloße brutale
Kraft
    »Das Ganze halt« tönte das Signal Und im Augenblick lagen sie dicht
aneinandergedrängt in den Gräben am Rande des Weges von tiefem Schlaf
übermannt Niemand war in das reife Roggenfeld hinübergesprungen wo es sich im
Schatten der Ähren sicher gut schlummern ließ  niemand auch die nicht die es
sonst ruhig zertrampelt hätten um einiger Kornblumen willen Sie wussten auf
einmal etwas von der Heiligkeit des Lebens diese Krieger die den Tod in den
Läufen ihrer Gewehre trugen
    »Marsch«  Sie schüttelten sich Die Tornister klapperten Sie sprangen auf
die Füße »In der Heimat  in der Heimat da gibts ein Wiedersehen« sangen sie
aus schmetternder Kehle
    Das Regiment marschierte
    Und nun mündeten von allen Seiten die Straßen wie Nebenflüsse in die große
Chaussee und brachten immer neue und neue Massen Die Marschkolonnen
verdoppelten sich Infanterie auf der einen Artillerie mit polternden Kanonen
auf der anderen Seite dazwischen ein schmaler Raum auf dem Motorräder
vorüberknatterten Automobile sich schnaufend durchzwängten
    
    Über ein kleines Flüsschen hinweg das in zahllosen Windungen als sträube es
sich mit aller Gewalt von dem stillen reizenden Tale Abschied zu nehmen die
Wiesen durchzog stieg die Chaussee zu den waldigen Höhen empor Da ging es
plötzlich wie ein Stoß durch die Reihen denn oben ihnen entgegenflutend
erschien ein anderes Heer in ununterbrochener Kette sich langsam
vorwärtsschiebend Feinde Unmöglich denn das Kommando auszuweichen wurde von
Zug zu Zug weitergegeben
    Ein hochbeladener Leiterwagen machte den Anfang Neben den schweisstriefenden
Pferden ging ein Bauer mit weißem Stoppelbart und finster drohendem Antlitz das
nicht rechts noch links sah Oben auf den Betten und Kisten tronte eine alte
Frau nornenhaft In Strähnen hingen die grauen Haare um die durchfurchten Züge
ihre tiefen Augen sahen die Begegnenden an und sahen sie nicht um sie her ein
Krabbeln und Schreien von Kindern hinter ihr am Wagen zwei Fohlen die unruhig
an den Ketten zerrten und eine Kuh die mühselig vorwärts stapfte Allem
anderen Fuhrwerk das folgte gab dieses Eine Tempo und Richtung an von ihm
schien erstarrt Verzweiflung wie eine lange schwarze Fahne über alles zu wehen
das nachkam Da waren kleine Karren von Mann und Frau gezogen dürftiger
Hausrat darauf und blasse Kinder Dann ein Hundegespann darin in Betten gepackt
eine Wöchnerin mit dem wimmernden Säugling an welker Brust Elegante Landauer
mit alten Arbeitsgäulen an der Deichsel von halbwüchsigen Stallburschen
gelenkt dicht besetzt mit verhärmten Frauen verängstigten Kindern folgten
Schritt vor Schritt in qualvoller Langsamkeit denn viele viele die nicht
überrannt werden durften gingen zu Fuß Zuweilen schritten schlanke blonde
Frauen in seidenen Kleidern Mädchen in zarten gestickten Mullröcken mitten
unter ihnen und Alte in strassenstaubigem Anzug werdende Mütter die geflickten
Schürzen gespannt über dem gesegneten Leibe saßen in ihren Kutschen Fast alle
aber schleppten irgend etwas lauter tote Gewichte die den Gang ihrer Füße
beschwerten letzte armselige Erinnerungen an die verlorene Habe Die wenigen
Befreiten schritten stark aus und überholten die anderen ihre Augen bekamen
neuen Glanz sie wussten dass sie nichts hatten gar nichts aber das Leben Nur
 nur  das Leben Und viele die zuerst mitleidig dann neidisch blickten
warfen mit raschem Entschluss die Lasten von sich  Spiegel und Kaffeemühlen
Köfferchen und Körbe bezeichneten ihren Weg  und wiedergewonnene Kraft ging
aus von ihnen
    Alle schwiegen Selbst die Hunde die mit hängenden Zungen dazwischen
trotteten hatten das Bellen verlernt Keine Klage wurde laut keine Bitte
Verstummt war wie auf Kommando das Singen der Soldaten das Trommeln und Pfeifen
und Trompeten der Musik Und zwischen den Fliehenden und den Marschierenden flog
kaum ein Gruß hin und her »Marsch  marsch  wider den Feind« hieß es bei den
einen »vorwärts  auf unseren Fersen ist er«  bei den anderen
    Nur den Kindern warfen die Feldgrauen da und dort ein Päckchen Schokolade
zu seinen schönen duftenden schon ein wenig bröckelig gewordenen Kuchen
reichte Hans Gerwald mit einem zärtlichen Abschiedsblick einem blassen Bübchen
das mit wunden Füßen auf wackeligem Karren saß
    Fritz Ewerts Züge nahmen indessen einen immer gespannteren Ausdruck an
seinen Blicken schien nichts zu entgehen Jeden Wagen durchforschten sie in
jedem Antlitz bohrten sie sich fest als ob sich doch unter der Kruste von
Schweiß und Staub hinter der tragischen Maske die der Jammer darüber gezogen
hatte ein altes bekanntes Gesicht verbergen könnte
    Plötzlich durchschnitt ein langgezogener Klageruf die Stille und übertönte
laut das unaufhörliche Rollen der Räder das Trampeln der Tritte »Uuhh  uuhh
« heulte es aus der Tiefe des Tals Da standen die Herden buntfleckig dicht
gedrängt und schrien von der Qual übervoller Euter gefoltert den Menschen
nach die sie verlassen hatten »Zu Sklaven machtet ihr« schienen sie zu sagen
»die freien Tiere der Felder Was sind wir nun ohne euch Frass der Raben« Und
sie fingen an sich vorwärts zu bewegen am Rande der Straße den Fliehenden nach
ein drittes Heer laut brüllend in seiner unfassbaren Not
    Der Abend kam Die Armee zog sich wie ein Fächer weit auseinander Auf einem
schmalen Landweg unter einem Dach hoher Linden marschierte das Regiment dem
Dorfe zu das als wäre es vor der Zeit schlafen gegangen lautlos zwischen zwei
blauen Seen lag die es wie freundliche Augen bewachten Nach dem Marsch des
heißen Tages sehnten sich die Soldaten nach Stunden der Ruhe Aber kein Hund
schlug an den Bewohnern ihr Kommen kündend kein neugieriges Kindervolk sprang
ihnen wegweisend entgegen Einladend glühten rote Geranien unter dem Giebel mit
den geschnitzten Pferdeköpfen des ersten Bauernhauses am Wege aber auf Pochen
und Rufen antwortete keiner Sie traten die Türe ein Seltsam wie leer der
große Flur gähnte Da klangen aus dem Stall daneben wimmernde Laute Verblutend
lag auf dem Stroh eine edle Stute von einer Lanze roh durchbohrt das langsam
sich verschleiernde Auge mit einem Ausdruck menschlichen Mutterwehs auf das
hochbeinige Füllen gerichtet das kläglich nach Nahrung winselte Einer zog den
Revolver und gab ihnen beiden den Gnadenschuss Dann warfen sie sich in der
Scheune daneben aufs Heu
    Die Türe des nächsten Hauses stand weit offen Auf dem Tisch in der Stube
lag ein Strickzeug in der Kammer standen noch volle Milchsatten auf den
Wandbrettern Und doch suchte keiner der eintrat nach der Hausfrau Wie aus
einer Gruft schlug es jedem entgegen atembeklemmend Dann kam eins da wehten
wie hilfeflehend die weißen Vorhänge aus zerbrochenen Fenstern und zu Haufen
geschichtet sinnlos zerschlagen zertrampelt beschmutzt lag der Hausrat auf
den Dielen im Garten dahinter stand ein frisches roh zusammengenageltes
Holzkreuz Danach aber wo die Häuser sich dichter scharten ragten nur noch
rauchgeschwärzte Mauern in die Luft Haufen verkohlter Holzbalken versperrten
den Weg ein beizender Geruch angebrannter Kadaver schwebte darüber Aber
übermannt von Ermüdung warfen sich die Soldaten achtlos in die Mauerwinkel Die
kleine Kirche drüben lockte noch sie stand nicht zwischen den Häusern wie
ihresgleichen sondern recht wie ein Feiertag über den Werktag erhoben auf
einem Hügel
    »Dorthin« sagte Konrad zu seinen beiden Gefährten die drei hatten immer
getreulich zusammengehalten Sie kletterten über den Kirchhof über umgestürzte
Kreuze geborstene Steinplatten an kreisrunden tiefen Kraterlöchern vorbei 
als ob dieser Krieg selbst den Toten ihren Frieden nicht gönnte  und erkannten
erst dicht vor dem Gotteshause stehend dass eine Granate das Dach
heruntergerissen hatte In das trümmerbedeckte Schiff lugte düster der
Nachthimmel und die alten Bäume ringsum streckten anklagend kahle geschwärzte
Äste empor zu ihm Aber die drei Müden suchten nicht länger
    »Hat die Erschöpfung mich stumpf gemacht« dachte Konrad als er sich in den
Mantel gewickelt auf die Altarstufen streckte »sind diese neben mir die jetzt
schon in tiefem Kinderschlaf liegen von Natur so hart dass alle Trümmer von
Menschenglück die wir sahen uns weniger erschüttern als eine
ShakespeareTragödie auf der Bühne« Nein  es war nicht Härte und nicht
Erschöpfung es war eine neue Abschätzung der Werte die sich aller bemächtigte
Dass Häuser und Scheunen Kühe und Kälber jemals als Inhalt des Glücks hatten
erscheinen können  musste man darüber heute nicht nachsichtig lächeln wie reife
Menschen über Kinderträume Konrad sah noch einmal zu seinen Kameraden hinüber
ein hoher Ernst eine fast aszetische Strenge lag auf ihren stillen jungen
Gesichtern So meisselt das Schicksal die Köpfe derer die bestimmt sind die
Zukunft zu bauen Und der Neid der sich seiner bemächtigen wollte wandelte
sich in andächtige Liebe in starke Hoffnung
    Das Regiment schlief als hätte es nur einen Atem Gleichmässig einlullend
klang von der Chaussee herüber noch immer das Rollen der Flüchtlingswagen
    Drei Stunden der Ruhe Dann Alarm  ohne Signal  dessen Flüstern
aufpeitschender war als die Trompete Kein Licht durfte gebrannt werden kein
Streichholz entzündet schattenhaft huschten die Gestalten in der Finsternis Zu
essen gabs ein wenig Brot und Speck man musste sparsam sein mit den Rationen
die Feldküchen und die Bagage hatten bei diesen Eilmärschen den Anschluss nicht
mehr innezuhalten vermocht
    Und nun harte gedämpfte Kommandostimmen »Antreten  Gewehre in die Hand 
das Gewehr über  ohne Tritt  marsch«
    Viele schliefen im Gehen Gefühl und Gedanken lagen unter einer dunklen
Decke Nur die Beine bewegten sich wie eine aufgezogene Maschine
    Da setzte aus der Ferne ein dumpfes Grollen ein wie das Knurren gefangener
Löwen die ihren Frass erwarten Und die Köpfe hoben sich der Schritt wurde
elastisch in die Körper kehrte die Seele zurück
    An einem Gutshof irrlichterte es  abgeblendete Laternen  Gemurmel  in der
Finsternis riesenhaft erscheinende Planwagen Von einem Licht flüchtig
getroffen glühte ein rotes Kreuz phantastisch auf Im Walde wurde es lebendig
Verschlafene Vögel flatterten unruhig über den Ästen Leise drückten sich
Pferdehufe in den Sand des Wegs Lanzenreiter Oder Ritter der Vorzeit in grauer
Eisenwehr die der Alarm aus den Grüften schreckte Aus Erdhügeln streckten sich
die offenen Mäuler schwerer Geschütze beutegierig Und darüber ein Rauschen
schwerer Flügel die riesige Gestalt eines Urweltvogels
    Konrad sah empor als müsse er diesem beschwingten Ungeheuer Abbitte
leisten Die Mutter dieses Fabeltiers hatte er allzeit gering geachtet wie
hatte sie plötzlich Sinn und Wert bekommen seitdem sie nicht mehr Selbstzweck
Sport und Spielzeug war sondern im Dienste stand wie sie alle
    Vorüber marschierte das Regiment
    Im Morgengrauen befand es sich oberhalb einer weiten Talmulde die ringsum
von wellenförmigen Hügelketten umrandet war während sie in ihrer Tiefe blaue
im Grün hohen Schilfrohrs sich verlierende Wasserflächen barg und verstreute
Gehöfte von Bäumen beschützt und hie und da ein Dörfchen das in seinem
besonderen kleinen Hügelbettchen lag wie ein Kind in der Wiege
    Das Knurren der eisernen Raubtiere von drüben wurde zu einem wütenden
Wolfsgeheul
    Die Massen der Marschierenden lösten sich auf
    »Kompagniekolonne in der Richtung auf den Sturzacker halblinks vorgehen« 
klang es an Konrads Ohr Endlich Wer war noch müde wer hungrig Sie stürmten
vorwärts
    Und näher immer näher pirschen sich die russischen Granaten
    Sie sausen über die Köpfe wie die gespenstische wilde Jagd
    »Huichschach«
    Und die Antwort kommt ein Hexenritt in der Walpurgisnacht
    »Puuhuh« 
    Zerrissen zerwühlt ist der Acker ringsum Über niedrigem Feuerstrahl
steigen da und dort dicke braune Erdvulkane auf
    »Ohne Tritt  marsch  halt  Gewehr ab  hinlegen«  wie ein Uhrwerk
ruhig gleichmäßig wiederholen sich die Kommandos
    Viertelstunde um Viertelstunde vergeht
    Da ein verlassener russischer Schützengraben wüst wie ein zerstörtes
Vorstadtwarenhaus Hemden Hosen Gewehre Kochgeschirre  alles haben sie im
Stiche gelassen in haltloser Flucht
    Und der Donner von drüben rollt wie zwischen den Felswänden des
Hochgebirges
    Und die Blitze entzünden die Gehöfte ringsum lodernde Fackeln zum
furchtbaren Feste des Kriegsgottes
    Dann plötzlich Stille
    Nur in den Ohren braust und saust es noch und der Herzschlag hämmert wild
den Takt dazu Sie fallen um wie die Toten da wo sie stehen ein Schlaf von
Minuten der in seiner Tiefe wie eine Ewigkeit lang ist
    »Sssit  bum Sssit  bum « und am Himmel kringeln sich zarte
Lämmerwölkchen
    Das ist Schrapnellfeuer in der Flanke
    Hinter der Schützenlinie rasen zwei herrenlose Gäule mit offenen Leibern
aus denen die Eingeweide quellen  sie fallen  acht Beine recken sich zuckend
empor
    »Plärrrr«  das sind die Gewehre des Regiments  wie ein Wagen auf
holprigem Pflaster
    »Ting«  von drüben wie ein Klirren am Drahtzaun
    Im eiligen Vormarsch ist offenbar ein seitlicher Graben übersehen worden
    »Sprung auf  marsch  marsch « sie fliegen in Sprüngen über das ebene
Feld
    »Ooh« schreit einer neben Konrad Ein Körper rollt ihm vor die Füße
Instinktiv bückt er sich um ihn aufzurichten Gebrochene Augen stieren ihn groß
an Die Nase ist ganz spitz und weiß  die ganze Brust eine klaffende Wunde
Weiter
    »Ach«  wieder einer Wie ein gefällter Baum stürzt er
    »Hinlegen« Es ist als ob die Erde sie schützend in ihre Arme nimmt
    »Plärrrr« knattert es Diesmal blieb die Antwort aus
    Aus dem feindlichen Schützengraben kroch ein großer erdbrauner Mann mühsam
hervor Durch die Kruste von Staub die sein Gesicht bedeckte sickerte von der
Stirn herab über das rechte Auge ein Rinnsal roten Blutes Er stützte sich
schwer auf den Degen und ließ mit der Linken mühsam ein Stück weißen Linnens
flattern
    Konrad war der erste der ihm entgegentrat Mit einer einzigen Handbewegung
wies er in den Graben hinter sich Da standen sie aneinandergedrängt an die
Schanze gelehnt mit zerrissenen Gliedern durchlöcherten Schädeln
zerschossener Brust die Waffe noch immer von den erstarrten Fingern umkrampft
    »Das Vaterland « sagte der Offizier in stockendem Deutsch Konrads
staunendem Blicke folgend Da salutierten die preußischen Wehrmänner ringsum
ehe sie ihn und die wenigen Übriggebliebenen abführten
    »Das Bataillon hinter das Dorf  vorwärts marsch« Es war keine Zeit um
sich des Grausens und der Bewunderung klar zu werden
    Die Kämpfer sammelten sich Viele fehlten Und nun schritten sie wieder aus
im Takt klappten die Sohlen auf dem harten Boden Hans Gerwald lachte Konrad an
Fritz Ewert drückte ihm stumm die Hand Sie gehörten zur Spitzenkompagnie
    »Wir sind gefeit  alle drei« sagte Hans »und das Dorf da unten ist
verschont geblieben als wäre es für uns bestimmt«
    Im gleichen Augenblick prasselte über ihre Köpfe hinweg eine deutsche
Granate mitten hinein
    »Also hat die Drachenbrut sich drinnen festgesetzt« brummte Fritz
    Und schweigend ging es weiter
    Dicht vor dem Dorfe stehen sie Waren noch Menschen in den Häusern Eine
alte Frau mit einem weinenden Kinde an der Hand läuft ihnen entgegen Hinter ihr
aus der braunen Scheune sprühen im Augenblick glühende funkenstreuende Garben
    »Nehmt das Kind« schreit sie heiser Die Nächststehenden wollen beide
zurück hinter ihre Linien zerren Aber mit übermenschlicher Anstrengung reißt
sie sich los »Ich sterbe wo ich geboren bin« und in rote Glut taucht sie
unter Das Kind fliegt von Arm zu Arm  »meine Puppe« schluchzt es auf Sie ist
ihm entfallen schon züngelt ein Flämmchen nach ihr Hans Gerwald springt hinzu
und schleudert sie der Kleinen nach die jetzt tief in einem Kellerloch steckt
    »Hans« ruft Konrad
    Der lacht hell auf »Wenn die Puppe ihr Lebensglück ist « Dann bricht er
zusammen »Mein Fuß« und ein langer Blick wie gequälte Tiere ihn haben die
nicht reden können trifft den Kameraden Es kracht und prasselt von allen
Seiten Schon hat ihn Konrad auf den Armen wie ein kleines Kind Der aber wehrt
sich mit versagenden Kräften »So lass  mich  doch liegen«
    Doch Konrad hält ihn umklammert Ihm ist auf einmal als rettete er etwas
sehr Kostbares Unersetzliches  ein Stück der Jugend die aufbauen sollte was
jetzt in Trümmer fiel Und wie Christoforos stark fühlt er sich
    Sie kommen zu einem Chausseewärterhäuschen Er stößt mit dem Fuß die Türe
auf In dem engen Raum dahinter liegen sie schon die Verwundeten dicht
geschart Mann an Mann Sie wimmern leise Der Sanitäter weiß kaum wem er
zuerst helfen soll Aber der Eintritt der neuen Gäste lässt sie verstummen Aller
Augen richten sich auf sie eine einzige Frage die keines Worts bedarf Und
Gerwald hebt den Kopf  er lacht schon wieder  »Wies steht wollt ihr wissen
Kameraden« sagte er mit ganz heller Stimme »nun gut  wie anders als gut Bis
die Sonne sinkt ist Preußen frei« Dann wird er sehr blass
    »Hm« macht der Sanitäter als er ihm den Stiefel aufgeschnitten hat Konrad
sieht ihn ängstlich an Er schüttelt den Kopf »Ein DumDumGeschoss offenbar
Wird lange dauern « sagt er ganz leise
    Noch ein Händedruck den der Verwundete heftig erwidert »Spätestens
übermorgen bin ich doch wieder heil« hört er ihn noch inständig flehen Dann
ist er wieder auf der Straße und jagt dem Dorfe zu
    Ein einziger brennender Trümmerhaufen empfängt ihn
    »Nach der Feuerlinie entwickeln « eine nicht mehr menschliche Stimme brüllt
es aus Rauch und Flammen
    Lähmendes Entsetzen  nur einen Atemzug lang  versteint alles Dann
vorwärts  hinein
    Jeder Gedanke erlischt Jedes Gefühl schrumpft zusammen
    Beizender Rauch beklemmt den Atem Er wirbelt empor verhüllt den Himmel
als wollte er dem freundlich strahlenden das Grässliche nicht schauen lassen um
dann hohnlachend über das eigene Mitleid aus den Dächern auszubrechen und die
schwarzen Schwaden triumphierend mit gelbem und blauem Licht zu zerreißen
Danach streckt er sich schmal weiß langsam wie die Seelen der Toten aus
berstenden Fenstern
    Quer über die Straße jagen Tiere mit wahnsinnigem Gekreisch Sie entfliehen
dem brennenden Stall sie prallen jenseits entsetzt zurück vor
zusammenkrachenden Balken Sie fallen Und über verendete Leiber springt die
stürmende Truppe wider die Menschenmauer die ihren Weg versperrt
    Das ganze Orchester der Hölle spielt dem satanischen Tanze auf Kugeln
Granaten Schrapnells  ein Pfeifen und Knattern Heulen und Sausen
    Die lebendige Mauer zerreißt  fällt auseinander  bricht in sich zusammen
Berge von Toten und Sterbenden häufen sich
    Noch ein Bogenstreich des geigenden Teufels  das letzte Gekreisch der
Getroffenen
Spätnachmittag war es An einem weissleuchtenden Tag im August
    Da fand Konrad Hochsess sich wieder unter einer einsamen Pappel am Weg Er
sah an ihr empor Gedankenlos Ihre Spitze war verdorrt Richtig  alle Pappeln
gehen ein  fuhr es ihm durch den Sinn  alle die zu den Zeiten korsischer
Welterrschaft gepflanzt worden sind
    Er begann langsam zu sich zu kommen Warum lag er hier Er musste doch 
    Dort unten am See war ein Menschengewühl  am See der grünlichblaue
Hexenaugen hatte  Augen die verraten wenn sie lächeln
    Dort kämpfen Kameraden 
    Er sprang auf  und sank ächzend zusammen Was war das nur für eine Faust
die ihn festhielt
    Er besann sich mit dem Kolben hatte er um sich geschlagen in die breiten
gelben Fratzen die rechts und links um ihn aufgetaucht waren Und dann hatte
ihm jemand einen Stoß vor die Brust gegeben
    Jemand  Wer
    Sehr groß war er gewesen  riesenhaft Hatte einen Stab in der Hand gehabt 
oder einen Speer Und eine lange graue Haarsträhne über dem linken Auge 
    Konrad lächelte matt Wie dumm die Müdigkeit machte Und dass ihm just jenes
vergessene Bild einfiel  der einäugige Germanengott  das über seinem
Kinderbettchen gehangen hatte
    Seltsam immer mehr Bilder kommen lebendig gewordene War jener dort nicht
der ruhende Gigant aus der Mediceerkapelle der alle Erkenntnis besaß und nicht
sagen konnte was er wusste Er hatte sich erhoben war entwichen um vor ihm den
verschlossenen Mund zu öffnen  fast hätte er mit seinem marmornen Fuß die
Wasserrose zertreten  Jörun Egils Wasserrose mit dem Käfer darin 
    Dass der Prophet der die neue Religion suchte in den See gegangen war weil
 weil der Käfer die Blume frass Warum hatte er nicht bis heute gewartet
    Jörun Egil  wie töricht bist du Siehst du denn nicht dass es den Tod nicht
gibt Dass Tod und Leben nichts sind wie das Auf und Ab der Wellen Freilich 
wenn du nur den Käfer siehst  nichts als den Käfer
    Konrads Kopf sank zurück Wie gut dass die Erde sich so weich wie ein Kissen
hinter ihm wölbte Und wie es leuchtete über ihm gelb rosa violett  war es
der Himmel Toskanas Er schloss beseligt die Augen »Norina« hauchte sein blasser
Mund Ein Klingen und Singen und Jauchzen war ihm im Ohr und ein Mittönen der
Erde wie von tanzenden Füßen Zu Busch und Wiese zu Wald und Dorf kehrten sie
wieder in Scharen die vertriebenen guten Götter der Erde die Genien des
Hauses die Nymphen der Flur Nun war alles alles belebt was tot gewesen war
oder  seziert wie Leichen Selbst aus der sterbenden Pappel über ihm lachte
noch eine freundliche Dryade
    Ob wohl sein Junge mit Nix und Elfe spielte Und zur großen Mutter beten
lernte Wie gerne würde er 
    Krampfhaft riss er die Augen auf Seine Gedanken waren jetzt klar ganz klar
    »Ich sterbe« sagte er laut und eine Frömmigkeit wie er sie nie empfunden
weitete und erhellte seine Seele
    Andächtig sog sein Auge das Bild ringsum ein das von Geschossen zerrissene
Feld das seine Wunden trug um einst im Frieden von lebendiger Liebe umhegt
nur um so vollere Früchte zu tragen Denn Kanonendonner war der
Hochzeitsglockenklang gewesen unter dem sich der Mensch wieder der Erde
vermählte
    Ihm schwindelte  als wäre es Mitternacht und der ganze sternfunkelnde
Himmel sänke auf ihn 
    Und plötzlich stand er in Reih und Glied mitten unter den Kameraden
Verzweifelt verteidigten die Russen den Damm der dort wo der See am schmalsten
war hinüberführte in ihre letzten Stellungen Sie sanken wie Ähren vor dem
Schnitter doch aus jedem Korn wuchs im Augenblick ein neuer Riese hervor  sie
führten Kolben mit Eisenstacheln und Peitschen mit Bleikugeln  sie schleuderten
Felsen durch die Luft 
    Gibt es eine Waffe und eine Übermacht die den bezwingen könnte der
unsterblich ist  weil das Sterbliche in ihm aufging im Ewigen der Idee 
    Dann war er wieder unter der Pappel Die gute Dryade wischte ihm mit einem
kühlen Tüchlein den Schweiß von der Stirn und bedeckte mit weichen Händen seine
Ohren damit er den furchtbaren Schrei von unten nicht höre wo der See gierig
die Russen verschlang die nicht weichen und sich nicht ergeben wollten
    Und lächelnd huschte sie davon Schade Sie hatte tiefe dunkle Augen gehabt
wie 
    »Hurra  hurra « Das ganze Tal hallte wider 
    Konrads Antlitz leuchtete
    Wie schön ist es doch zu sterben am Spätsommerabend  wenn die Sonne sinkt
 für den der das Leben fand