1914_Heyking_Tschun.html




        
                             Elisabet von Heiking
                                     Tschun
                   Eine Geschichte aus dem Vorfrühling Chinas
 Tschun war ein schmutziger kleiner chinesischer Junge Er war nicht schmutziger
als andere kleine chinesische Jungen Er war im Gegenteil etwas reiner Denn
Tschuns Mutter war Christin Und Christentum bedeutet in China unter anderem
auch gelegentliches Waschen
    Das Häuschen seiner Mutter stand nahe am Petang Der Petang ist eine große
weiße Kirche sie ist dicht umdrängt von einer Menge kleiner grauer Häuschen in
denen lauter Christen wohnen So sieht sie aus wie ein stolzer weißer Vogel
unter dessen schneeigem Gefieder kleine graue Vogelbabies Schutz suchen
    Dieser Anblick begeisterte einmal einen Missionar zu einer schwungvollen
Rede in der er den Chinesen sagte »Die Kirche ist gleich einem schönen weißen
Schwan Ihr alle seid noch hässliche braune Kücken aber beharrt nur im rechten
Glauben dann werdet Ihr auch einmal schwanengleich zum Himmel fliegen« Zwecks
Heidenbekehrung war diesem Missionar die Gabe beredter Bildersprache verliehen
Auf Logik kommt es dabei weniger an  Mit Logik ist auch noch nie jemand
bekehrt worden Das sind Gefühlssachen Manchmal auch Geldsachen
    Der Petang war für Tschun und seine Verwandten und all die Christen rund
herum eine Gefühlssache Er war in ihrem Leben das Schöne  Sie hätten darüber
nicht zu reden vermocht denn es war ja auch nicht der kleinste Professor der
Aestetik unter ihnen Aber die ganze Woche freuten sie sich auf den
Sonntagmorgen Da zogen sie sich ihre besten Kleider an und gingen in die große
weiße Kirche Und die Frauen nahmen ihre kleinsten Kinder mit und blieben dort
so lange wie nur irgend möglich bis zum letzten Orgelton Im Innern der Kirche
war es zuerst etwas dämmerig Tschun kam die Decke der Kirche so weit und hoch
vor als reiche sie hinauf in den Himmel und oben waren ja auch eine Menge
goldener Sterne ganz wie nachts am wirklichen Himmel nur dass der schwarz war
und hier standen die goldenen Sterne auf einem blitzblauen Grunde Es war aber
gewiss am schönsten so denn den ganzen Petang und alles darinnen hatte sich ja
der gute Bischof mit dem weißen Bart ausgedacht und dann geschaffen Der
Bischof meinte Tschun musste darum sicher ein naher Verwandter des lieben
Gottes sein Tschun fand den Altar mit den Lichtern und bunten Papierblumen
wunderschön und die Priester trugen so herrliche Kleider an hohen Festtagen
schienen sie von Gold und Silber zu flimmern Tschun konnte sich gar nicht so
viele Kupfermünzen zusammendenken wie ein solches Kleid kosten musste  Im
Petang gab es eine Menge Priester Manche von ihnen waren von fernher über das
Wasser gekommen aus fremden Ländern KleinTschun verstand nicht recht was das
heiße erst allmählich begriff er es und schloss dass es wohl eine Folge des
beklagenswerten Fremdseins sei dass auf diesen Priestern der Zopf und die
chinesische Tracht nie so ganz richtig aussahen Es gab aber auch ganz echte
Chinesen unter den Priestern KleinTschun dachte es müsse herrlich sein wie
sie zu werden und alle Tage im Petang mitten in den Weihrauchwolken zu stehen
Er vertraute diesen Wunsch seiner Mutter an aber die antwortete Priester
dürften nicht heiraten und keine Kinder haben Das stimmte Tschun sehr
nachdenklich denn auch der kleinste Chinesenmensch jeder Konfession weiß ja
dass man nur auf die Welt kommt um selbst wieder einen Sohn zu haben der die
Verehrung der Ahnen fortsetzt  An der rechten Seite des Hochaltars etwas
zurück und versteckt waren Bänke auf denen die Nonnen des Petang saßen Sie
trugen einfache blaue Kleider und große weiße Hauben Es war nie der geringste
kleine Fleck auf den Hauben und Tschun wunderte sich wie man das wohl anfange
denn seine eigenen Sachen wurden immer schmutzig ohne dass er wusste wie und wo
 Die Nonnen wohnten in einem eigenen Gebäude das hinter hohen Mauern lag
jenseits des Petang Das Gebäude war einstöckig aber sehr groß mit Höfen und
breiten offenen Säulengängen Es war alles schneeweiß gestrichen und die
Säulen warfen duftige bläuliche Schatten auf die Steinfliesen In der Mitte des
einen Hofes stand auf hohem Sockel eine Figur der heiligen Jungfrau mit einem
hellblauen Mantel ringsherum in regelmäßigen Beeten mit Kacheleinfassungen
blühten dunkelrote Monatsrosen  Es war eine stille friedliche Welt für sich 
ganz anders als das übrige Peking  Es war aber auch eine fleißige Welt in der
jeder sein reichliches Teil Arbeit hatte Die Nonnen nahmen eine Menge kleiner
chinesischer Kinder bei sich auf von den allerärmsten allerelendesten die
ohne sie in irgendeinem Winkel an irgendeinem bitterkalten Wintertage sicher
umgekommen wären Sie hüteten pflegten und ernährten diese gelben
schlitzäugigen Geschöpfchen als sei jedes kleine chinesische Menschenleben eine
ganz wichtige Sache Die größeren Kinder unterrichteten sie Eine Schwester die
Teresa hieß lehrte die Mädchen wunderschöne Stickereien zu machen
Priestergewänder und Altardecken aber auch Wäsche gestickte Kleider
Tischdecken sogar Maskenkostüme wurden da angefertigt für die fremden Damen
die in Peking wohnen  Eine Schwester war Apotekerin und jeden Tag kamen eine
Menge Kranke und Krüppel zu ihr um sich verbinden und Arzneien geben zu lassen
Schreckliche Geschwüre eiternde Beulen vernachlässigte Wunden und Leiden aller
Art bekam die Schwester täglich zu sehen und auf alles schaute sie mit
derselben Güte und lächelnden Milde als sei ihr das viele Hässliche nie
widerlich sondern nur ein bisschen trauriger als alles übrige Tschun wurde auch
einmal von seiner Mutter zu der Schwester Apotekerin gebracht Gegen der Mutter
Warnung war er nämlich anderen größeren Nachbarkindern nachgelaufen die einen
großen Papierdrachen steigen lassen wollten dabei hatten sich seine Füße in der
Schnur verwickelt er war gefallen und mit dem Kopf gegen einen großen spitzen
Stein geschlagen Was weiter geschah erinnerte er sich nicht genau Er befand
sich plötzlich zu Hause bei seiner Mutter und bald darauf ging sie mit ihm in
das Kloster und die Schwester Apotekerin verband ihm den Kopf in einem Zimmer
wo es merkwürdig roch und wo hinter Glasscheiben auf Gefächern an der Wand eine
Menge Flaschen Töpfe Näpfe und große bunte Glasschalen standen Tschun konnte
sich nicht erinnern je früher im Hause der Nonnen gewesen zu sein aber
vielleicht blieb ihm dies eine Mal nur wegen des Loches im Kopf so deutlich als
erstes Mal im Gedächtnis
    Er musste noch mehrmals zurückkehren um den Verband erneuern zu lassen und
bei diesen Besuchen lernte er das ganze Kloster kennen Seine Mutter begleitete
ihn jedesmal obschon der Weg von ihrem Häuschen ganz kurz war und er recht gut
hätte allein gehen können Aber er erfuhr dass seine Mutter früher vor vielen
Jahren als sie noch jung war und unverheiratet ganz bei den Nonnen gelebt
hatte er sah dort andere Frauen die auch in dem Kloster erzogen worden waren
und immer wieder gern auf ein Stündchen hingingen und die den Schwestern
erzählten das Leben sei nie mehr so schön geworden wie es damals bei ihnen
gewesen Sie litten alle am Vergangenheitsheimweh ohne es selbst zu wissen
Tschun hätte das noch gar nicht verstehen können denn seine Welt war noch ganz
Gegenwart
    Eines Tages als Tschun wieder mit seiner Mutter nach dem Petang gegangen
war sah er ein paar grüne Sänften vor dem Eingangstor stehen Träger hockten
herum und rauchten aus kleinen Pfeifen und Reitknechte in bunten seidenen
Röcken führten Pferde auf und ab die in der frischen Herbstluft dampften wie
Schüsseln schönen warmen Reises Die Pferde trugen kleine Ledersättel auf dem
Rücken wie Tschun sie damals noch nicht kannte Die Schwester Apotekerin
erzählte einige Herren und Damen von den fremden Gesandtschaften hätten den
Bischof besucht und seien nun herübergekommen um auch die Schule der Nonnen zu
besehen Als Tschun mit seiner Mutter in die weiße Veranda heraustrat standen
die Fremden gerade da und verabschiedeten sich von der alten Oberin Die Herren
trugen hohe Stiefel aus gelbem Leder das wie Spiegel glänzte und Tschun
wunderte sich sehr darob denn er dachte alle Menschen trügen sommers kleine
chinesische Zeugschuhe mit dicken Filzsohlen und winters zum Reiten hohe
Samtstiefel Tschun war so beschäftigt mit den gelben Stiefeln dass er die
fremden Menschen selbst gar nicht sehr beachtete Nur eine Dame fiel ihm auf
weil sie sich zu ihm beugte und sein Gesicht streichelte und obschon es
Spätherbst war und alle Blüten längst erfroren waren kam es Tschun vor als
dufte es plötzlich um ihn nach Blumen dass die freundliche Dame aber statt
glattem schwarzem Haar krause rötliche Löckchen bis nahe an die Augen hängen
hatte empfand Tschun als etwas sehr Hässliches und sie tat ihm darum sehr leid
    Als die Fremden fort waren erzählte die Oberin der eine kleine ältliche
Herr sei derjenige Gesandte der den Bischof die Priester die Nonnen und den
ganzen Petang beschütze Tschun konnte das nicht begreifen Der Bischof mit dem
goldenen Kleid und der hohen glänzenden Mütze von dem grauen unscheinbaren
Männchen beschützt Wahrscheinlich hatte sich die Oberin geirrt und es war
gerade umgekehrt
    Aber Tschun hatte nicht Zeit sich lange bei den verwickelten Beziehungen
zwischen Kirche und Staat aufzuhalten Er stand in dem Lebensalter da jeder Tag
neue erstaunliche Entdeckungen bringt  der erste Schnee der im Gedächtnis
weißer und glitzernder zurückbleibt als alle später erlebten Schneefälle die
langen Karawanen zottigbrauner Kamele die allherbstlich aus der Mongolei
kommen und denen er sich doch nicht erinnern konnte je früher in den Straßen
ausgewichen zu sein dann die langausgedehnten Neujahrsfeste vor deren Beginn
er Verwandte und Nachbarn immerzu von Geld reden hörte und von der
Notwendigkeit Schulden zu bezahlen und dann die Festzeit selbst in der die
Welt auf einmal mit bunten Bildern Glückssprüchen und Laternen angefüllt zu
sein schien wo von einem Haus zum anderen Bretter mit Geschenken getragen
wurden köstliche Süßigkeiten und große rosa Klatschrosen oder künstlich
verkrüppelte blühende Pflaumenbäumchen die rote Visitenkarte des Gebers auf
all den Herrlichkeiten obenauf liegend eine Zeit in der Feuerwerk abgebrannt
und die ganzen Nächte hindurch geschossen wurde während tagsüber geputzte Leute
durch die Straßen gingen und Besuche austauschten bei denen man sich über
zahllosen Tassen Tee und unter vielen Verbeugungen nach gegenseitigem Befinden
erkundigte und sich Gutes wünschte Es gab unendlich viel zu sehen für Tschun
der sich so gern draußen herumtrieb aber in der ganzen festlichen Welt
erschienen ihm als begünstigtste Wesen ein paar Nachbarskinder die für einige
Kupfermünzen Knallerbsen gekauft hatten und damit in der Straße um sich warfen
Ob der Knallerbsen und besonders weil diese Kinder schon in die Schule gingen
erschienen sie Tschun als in der menschlichen Hierarchie weit über ihm stehend
Bald aber war er ihnen zu ebensolcher Höhe nachgewachsen und als er sechs Jahre
alt war begann auch er eine vom Petang abhängige Schule zu besuchen Er war
stolz darauf denn abergläubische Ehrfurcht vor den Wissenschaften war ihm wie
jedem Chinesen angeboren Alle Morgen nachdem zu Hause von der ganzen Familie
der Frühtee und die beim vorüberziehenden Strassenhändler gekauften Kuchen
verzehrt worden waren wobei Tschun als Jüngster wie sichs schickt zuletzt an
die Reihe kam wanderte er nun brav durch die schmutzigen Straßen zur Schule
ohne sich durch die Lockungen all dessen was es unterwegs zu begaffen gab
verleiten zu lassen »Der Weg zur Gelehrsamkeit ist lang« hatte Tschun sagen
hören da durfte man nicht gleich bei den ersten Schritten säumen
    In dem Schulzimmer kauerte Tschun mit den kleinsten Schülern auf dem Kang
während die größeren auf Bänken an Tischen saßen Chinesische Lehrer die selbst
von den fremden Priestern ausgebildet worden waren unterrichteten die Knaben im
Lesen und Schreiben der ach so schwierigen chinesischen Schriftzüge vor allem
aber im Katechismus und der biblischen Geschichte Den Metoden des chinesischen
klassischen Unterrichts sich weise anpassend bestanden die Aufgaben auch hier
hauptsächlich nur im mechanischen Auswendiglernen dabei ging es aber sehr
lebhaft her denn all die Kinder lernten gleichzeitig und mit möglichst laut
erhobener Stimme ihr Pensum und überhörten sich gegenseitig ehe sie dem Lehrer
aufsagten gegen den verwirrenden Lärm der hierdurch auf der langen Straße zur
Gelehrsamkeit herrschte waren Lehrer und Schüler gleich unempfindlich
    Am besten gefielen Tschun die Stunden in der biblischen Geschichte Die
Patriarchen erschienen ihm bald wie alte Bekannte chinesischen Familienchefs
gleichend waren sie Hohepriester und Herrscher zugleich Abraham den Isaak
schlachtend war Tschun ein geläufiger Begriff denn Väter waren ja nun mal
allgewaltige Wesen Herren über Tod und Leben auch in China  besonders in
China Und ebenso erschien es ihm nichts gar zu Absonderliches dass sich Brüder
fanden die einen der Ihren den jungen Joseph wie ein kleines lästig
gewordenes Haustier verkauften Denn wenn zwar das Christentum seiner eigenen
Familie Kindertötung oder Verkauf ausschloss so war es doch eben nur ein
Christentum weniger Jahre Dahinter aber lagen die Jahrtausende chinesischer
Vergangenheit mit all ihren aufgespeicherten Anschauungen und Sitten Und das
hatte ja Tschun häufig erwähnen hören dass bei den stets wiederkehrenden
Hungersnöten noch heute alljährlich Tausende von Kindern in dem einen oder
anderen Teil Chinas ausgesetzt verkauft oder gar von den Ihrigen getötet
wurden  Wenn Isaak statt eines Sohnes eine Tochter gewesen wäre so hätte
Tschun den Vorgang freilich für noch viel begreiflicher gefunden und dann wäre
der Tientschu auch wohl schwerlich dem Abraham noch im letzten Augenblick
hindernd in den Arm gefallen denn das weiß ja ein jeder dass kleine Mädchen
minderwertige Geschöpfe sind um deren Rettung sich sicher kein Himmelsherr
sonderlich bemühen würde und dass Väter sie als »Besitz an dem Geld verloren
wird« bezeichnen da sie ihnen ja zur Heirat eine Aussteuer geben müssen die
dann samt ihrer Arbeitskraft an die Familie des Ehemannes verloren geht
    Im Petang dachte man über solche Dinge freilich anders Unter den kleinen
Waisenmädchen die dort von den Nonnen aufgezogen und unterwiesen wurden gab es
manche die verlassen und hungernd von Missionaren in Überschwemmungsgebieten
aufgefunden und dann gerettet worden waren »Gerettet« an Körper und Seele denn
außer der leiblichen Nahrung hatte man ihnen vor allem gleich die Taufe
gespendet  Ja was taten diese fremden Menschen nicht alles um solch armes
Seelchen aus dem großen Meere des Verderbens herauszufischen und für ein seliges
Jenseits zu gewinnen um »den Himmel zu bevölkern« wie sie es nannten
Allmählich erfuhr Tschun mehr darüber Es sollte Nonnen geben die ihnen völlig
fremde Pest und Cholerakranke pflegten andere die es sich sogar zur Aufgabe
gestellt hatten die doch unrettbar verlorenen Aussätzigen aus ihren
jämmerlichen Schlupfwinkeln hervorzuholen und diesen Allerelendesten und
Allereinsamsten deren schwärende Körper wie morsches Zeug auseinander fielen
in besonderen Anstalten wenigstens das Lebensende zu erleichtern Von einem
Priester hörte Tschun erzählen der in einer fernen chinesischen Stadt lebte wo
ein besonders böser Mandarin die ihm unbequemen Leute falls sie zu arm waren
um sich durch Lösegeld freizukaufen ins Hungergefängnis werfen ließ Alle
Morgen ging der Priester zu dieser Stätte des Grauens Sobald die Gefangenen ihn
draußen an der stark vergitterten Tür erblickten durch die allein Licht und
Luft in ihr niederes finsteres Gelass drang krochen und wankten sie zu ihm
heran Halb nackte skelettafte Gestalten alle an eine Kette angeschlossen
Und durch das Gitter in den von verpesteter Fäulnis angefüllten Raum hinein
beim unheimlichen Stöhnen der vor Hunger Verschmachtenden und dem Röcheln der
Sterbenden sprach ihnen der Priester von einem lichten Jenseits von
Auferstehung und Leben Durch das Gitter auch taufte er sie und da gab es
keinen dieser in Finsternis und dem Schatten des Todes Sitzenden der nicht
allzugern einen Glauben angenommen hätte der ihm für die hier erduldeten Qualen
eine die Ewigkeit währende Seligkeit im Himmel verhieß
    Es dünkte Tschun sehr seltsam dass die fremden Männer und Frauen die doch
ruhig daheim hätten bleiben können über das große Meer gefahren waren um sich
hier gerade solche Aufgaben zu suchen Und wenn sie denn schon durchaus Armen
und Kranken helfen wollten was dem Chinesentum in Tschun durchaus nicht als ein
unabweisbares angeborenes Bedürfnis begreiflich erschien so frug er sich warum
sie sich nicht lieber zu Hause so betätigten Vielleicht gar weil es dort keine
so Arme und Kranke gab Das war ein ganz neuer Gedanke und er eröffnete Tschun
merkwürdige Ausblicke Sehr wunderliche Vorstellungen begann er sich von der
fernen unbekannten Welt zu machen aus der die fremden Priester und Nonnen
stammten Es zog ihn immer mehr zu diesen Ländern hin wo der wahre liebe Gott
seine eigentliche Heimat hatte und wo die Menschen offenbar so viel viel
besser waren
    Nachdem Tschun die nötige Zeit mit der Erlernung von Katechismus und der
biblischen Geschichte verbracht hatte ward er samt seinen Mitschülern zur
ersten Kommunion im Petang zugelassen Auf der einen Seite des Altars unter dem
blauen Sternenhimmel knieten die Knaben mit frisch rasierter Stirn und
wohlgeflochtenem Zopf der ihnen glatt am Rücken herabhing Auf der anderen
Seite knieten die von den Nonnen geführten kleinen Mädchen in ihren buntesten
schönsten Kleidern Und sie alle empfanden sich an dem Morgen als sehr wichtige
junge Wesen sowohl wegen ihrer Zerknirschung ob der vorher bei der Beichte
eingestandenen Sünden als weil ja der ganze Gottesdienst samt dem Gesang und
Orgelspiel ihnen und ihrem Eintritt in die Gemeinde zu Ehren abgehalten wurde
    Tschun begriff immerhin so viel von der Feier dass er von nun an aus
eigenem freien Willen zu dem wahren lieben Gott gehöre und sich hüten müsse an
gar manchem was zum Leben der großen Mehrzahl der Chinesen gehört
teilzunehmen Ja das Christentum errichtete doch eine Art Scheidewand Man war
eigentlich kein so ganz echter Chinese mehr Wenigstens meinten das die anderen
wenn sie sagten »Ihr gehört zu den Fremden lasst Euch von denen beschützen«
Die Priester und an ihrer Spitze der mächtige Herr Bischof traten ja auch
wirklich bei allen Gelegenheiten für ihre Gemeindemitglieder ein und suchten sie
davor zu bewahren von den Mandarinen ihres Glaubens halber ganz besonders
übervorteilt und ausgebeutet zu werden Die Hauptschützerin aber blieb doch
immer die Madonna und ihr musste man dafür treu bleiben Das sagte auch der Herr
Bischof als die Kinder nach der Kommunion die Kirche verlassen hatten und er
im sonnigen Hof wo große Fliederbüsche blühten noch eine besondere Ansprache
an sie richtete dabei schenkte er jedem ein Bild der Madonna deren Statue im
Garten der Nonnen zwischen roten Rosenbeeten steht und sprach »Es können noch
schlimme Zeiten für uns alle kommen denn die Madonna und wir ihre Diener
haben starke Widersacher drum müssen wir wachen und beten dass uns die Stunde
nicht unvorbereitet finde wo vielleicht auch an uns der Ruf ergeht für unseren
Glauben alles einzusetzen« Und Tschun dachte in der frommen Erregung der
Stunde dass es schön sein müsse für die Madonna zu kämpfen und zu sterben wie
er vernommen dass so manche Heilige und Märtyrer es getan
    Zu Hause heftete er dann das Bild an die Wand wie die echten Chinesen es
mit dem Bildnis Pussas der Göttin des Kindersegens tun dabei ging es ihm
plötzlich durch den Sinn dass zwischen den beiden der Unterschied eigentlich gar
nicht so groß sei denn auch Pussa wurde stets mit einem Kinde dargestellt
Etwas Ähnlichkeit bestand auch zwischen Tiän lao yeh dem chinesischen
Himmelsgrossvater und Tientschu dem wirklichen christlichen Gottvater
Vielleicht waren die alle untereinander doch ein bisschen verwandt Dann mochten
die chinesischen wohl die minderwertigeren sein wie sie in allen Familien
vorkommen
    Nach einigen Tagen religiöser Exaltation wo der Himmel so viel näher und
wichtiger schien als die Dinge dieser Erde lenkten sich die Gedanken indessen
bald wieder mit praktischer Nüchternheit auf das diesseitige Alltagsleben Denn
es galt nunmehr Tschuns künftigen Beruf zu bestimmen Darüber aber hegte er
selbst seit langem schon einen geheimen Wunsch
    Tschun besaß nämlich einen Onkel der in einer der fremden Gesandtschaften
angestellt war und ihm oftmals von dort erzählt hatte Es klang alles so
geheimnisvoll und lockend und Tschun riss die kleinen Schlitzäugelchen so weit
auf als es ging wenn Onkel Kuang yin von all den kostbaren ausländischen Dingen
sprach die die Häuser der Fremden füllten von den Oefen die winters in allen
Zimmern geheizt wurden von den vielen Lampen die abends brannten Am
merkwürdigsten erschien ihm die Beschreibung der großen Mahlzeiten bei denen
Herren und Damen zusammenkämen und die Damen Kleider trügen aus denen ihre
nackten Arme und Schultern herausschauten Also angetan sprängen sie nachher
wie wild zusammen durch das Zimmer das daure bis tief in die Nacht hinein beim
Klang einer seltsam unverständlichen fremden Musik Aber aus all den Erzählungen
klang eines immer wieder deutlich heraus dass nämlich die Fremden alle
schrecklich reich sein mussten Ganze Vermögen stiegen als Rauch durch die
Schornsteine in die Lüfte Es schien kaum glaublich dass man so mutwillig
verschwenden könne Wieviel verständiger waren da doch die Chinesen die winters
einen wattierten Rock über den anderen ziehen sich die Hände am Kohlenbecken
wärmen auf dem Wasser zum Tee gekocht wird und nachts auf dem Kang nahe
aneinanderrücken
    Ja diese Fremden in dem Gesandtschaftsviertel mussten nach des Onkels
Erzählungen ganz rätselhafte Wesen sein Es hieß dass sie Dinge könnten die
beinahe wie Hexerei klangen und daneben waren sie doch offenbar erstaunlich
dumm und unbeholfen Die wenigsten von ihnen verstanden auch nur die einfachsten
chinesischen Worte und von keiner Sache meinte Kuang yin wüssten sie den
richtigen Preis und ließ sich betrügen dass man sich für sie ob ihrer Torheit
schämte
    Tschun hätte diese fremde Welt gar zu gern auch gesehen und er sagte darum
seiner Mutter dass er wie Kuang yin Diener in einer der Gesandtschaften werden
möchte Aber da kam er schlecht an »Die einzigen guten Fremden sind die
Priester und Nonnen des Petang« antwortete sie ihm »die hat uns der liebe Gott
gesandt aber die anderen sind sicher alle schlecht und ihre Frauen wissen
offenbar nichts von Zucht und guter Sitte Da gehörst Du nicht hin«
    Die Mutter hatte einen alten Vetter Yang hung der Uhrmacher und Händler
chinesischen Schmuckes war zu dem wollte sie Tschun in die Lehre geben Es ward
in der Verwandtschaft viel darüber hin und hergeredet denn da Tschuns Vater
lange schon tot war fand man dies eine passende Gelegenheit der Witwe gute
Ratschläge zu geben Mit echt chinesischer Geringschätzung der Zeit wurden über
etlichen Schalen Tee und zwischen ein paar Zügen aus den kleinen Pfeifen endlose
Gespräche geführt Denn sprechen kostet nichts und ist daher eine Freude die
sich auch der ärmste Chinese mit oder ohne Veranlassung gern gestattet
    Kuang yin der immer schöne seidene Kleider trug und statt der Pfeifchen
lieber Zigaretten rauchte hätte Tschun gern zu einer Anstellung in einer
Gesandtschaft verholfen denn er hielt nicht viel vom Uhrmacherberuf Er ging so
weit zu behaupten das Importieren der einzelnen Uhrenteile aus Europa und
nachherige Zusammensetzen durch die chinesischen Uhrmacher würde bald keinen
Profit mehr abwerfen denn die fertigen europäischen Uhren würden alljährlich zu
immer niedrigeren Preisen in den fremden Ländern ausgeboten Reparaturen würden
schließlich die einzigen Arbeiten sein die übrig blieben »Ja« meinte Kuang
yin »wenn wir die einzelnen Uhrenteilchen hier in China selbst fabrizierten
mittels Maschinen und Dampf wie die Fremden es bei sich zu Hause machen dann
könnten wir sie sicherlich unterbieten denn die fremden Arbeiter sollen
verwöhnte anspruchsvolle Leute sein die sich nie mit kleinem Gewinn begnügen 
das hat mir der alte Wei erzählt der ja in Europa gewesen ist«
    Die anderen schüttelten die Köpfe Kuang yin war doch einer der Ihrigen den
sie von klein auf kannten aber er schien ihnen manchmal recht absonderlich mit
seinen neuen Ideen  doch was kann man von einem erwarten den sein Broterwerb
zwingt tagaus tagein mit den unheimlichen Ausländern zusammen zu sein Nur der
fortschrittlich gesonnene Vetter Wang pao hielt es mit ihm und meinte »Wenn
diese Fremden wirklich so viel mehr wissen als wir sollte man es ihnen auf
allen Gebieten ablernen« »Gewiss« stimmte Kuang yin eifrig bei »so wie es die
Japaner gemacht haben Die sollen uns ja mit ihren neuen Waffen vor einigen
Jahren sogar sehr geschlagen haben  wenigstens erzählt man es so in den
Gesandtschaften  und dass die Japaner uns viel Land fortgenommen haben würden
wenn uns die Fremden beim Friedensschluss damals nicht geholfen hätten«
    Ein ungläubiges Gemurmel entstand Der Japanische Krieg und seine Ergebnisse
waren durch die Regierung stets als eine Strafexpedition gegen die zwerghaften
Inselrebellen dargestellt worden und der Bevölkerung nie recht zum Bewusstsein
gekommen
    »Am besten wäre es schon man verjagte sie samt und sonders wieder«
murmelte der ob seiner Fremdenfeindschaft bekannte greise Grossonkel Lin the i
»Gar so schwer könnte es doch nicht sein denn es sind ihrer ja nicht viele«
    »Trotz aller Ehrfurcht die ich der Weisheit Eurer verehrungswürdigen Jahre
schulde Lin Lao yeh« erwiderte Kuang yin »möchte ich doch bemerken dass das
nicht so leicht sein würde Auch sagt Wei in Europa sei jeder Mann Soldat da
könnten immer neue hergeschickt werden«
    »Sei doch nicht zu sicher dass die Fremden für ewig hier sind Kuang yin«
sagte mit hämischer Miene der Vetter Sin schen den allerhand dunkle
Handelsgeschäfte bis tief nach Schantung geführt hatten und der Kuang yin ob
seiner sicheren Einnahmen und seines behaglichen Lebens in der Gesandtschaft
eigentlich beneidete »gerade Ihr hier in Peking wisst am wenigsten was im Lande
vorgeht Weitgereiste Leute wie ich hören mehr davon Und wenn es auch richtig
ist dass uns die fremden Teufel damals beim Friedensschluss gegen die Inselzwerge
geholfen haben so hat nachher doch jeder von ihnen ein Stück unseres Leibes für
sich begehrt Darob herrscht allerwärts wachsende Erbitterung Wer weiß was wir
noch erleben werden«
    Zu solch fernabschweifenden Erörterungen höchster politischer Probleme
führte die belanglose Frage welchen Beruf eines der Millionen chinesischer
Menschenstäubchen ergreifen solle
    Dies Menschenstäubchen selbst wurde dabei von niemand um seine Meinung
befragt und Tschun wusste dass das so in der Ordnung sei aber es ärgerte ihn
doch im stillen denn er musste wohl von irgendwoher ein Körnchen
Unabhängigkeitsgefühl geerbt haben das geeignet sein mochte ihn noch in
Konflikte mit dem Altergebrachten zu führen Zum erstenmal entstanden allerhand
verworrene Gedanken in ihm für die er keine Worte gewusst hätte und die
vielleicht mit dem »Recht auf Selbstbestimmung« zu tun hatten das sich
gelegentlich in Einzelnen und in Völkern ganz unerwartet regt  wenn das auf
einen der Millionen kleiner Chinesenjungen angewandt nicht gar so lächerlich
grossklingende Worte wären
    Immer wieder dachte Tschun wie herrlich es doch gewesen wäre mit Kuang yin
in der Gesandtschaft leben zu dürfen Denn alles was er von den Verwandten über
die Fremden gehört auch das was diese als Grund zur Geringschätzung gegen sie
anführten hatte seinen Wunsch sie kennen zu lernen nur noch erhöht Es mussten
doch fabelhafte Wesen voll geheimer Macht sein dass sie es vermochten sich ein
Häuflein nur im Riesenreich China zu halten wo ihnen offenbar niemand
wohlgesonnen war Und nicht nur sich zu halten sondern gelegentlich sogar als
Schützer Chinas aufzutreten  als Schützer freilich die nachher reichen Lohn
für ihre Hilfe einzutreiben wussten Aber Tschun fand dass man ihnen dies
letztere doch eigentlich nicht verargen könne denn wo wäre der Mensch so dumm
Dienste umsonst zu leisten  Eher sollte man fragen was taten denn indessen
die chinesischen Soldaten die an der hohen Stadtmauer das Bogenschiessen üben
und die anderen die doch so große Flinten haben dass immer zwei Mann an einer
schleppen mussten Und die Kriegsdschunken denen am Bug riesige Augen aufgemalt
sind damit sie die Räuber an den Küsten erspähen können Was taten die vielen
vielen Mandarine die so gelehrt waren und die höchsten Examen in der
klassischen Weisheit bestanden hatten Was taten der grossmächtige Himmelssohn
und die sagenhafte Kaiserin die hinter den purpurnen Mauern der verbotenen
Stadt unter goldenen Dächern wohnten Waren sie etwa alle alt und schwach im
Vergleich zu diesen neuen starken Menschen
    Ja wie er missmutig also nachsann war Tschun zum erstenmal und ohne es
selbst zu wissen dem Geist der Nörgelei an der eigenen Regierung wohl
bedenklich nahe gekommen Und wie so oft in diesen Fällen hatte das Scheitern
eines kleinen persönlichen Wunsches den ersten Anlass zu solcher Gedankenrichtung
gegeben
    Doch kurz ehe Tschun in das Haus seines neuen Lehrmeisters des alten
Vetters Yang hung übersiedelte kam der Onkel Kuang yin eines Morgens zu Tschuns
Mutter und bat sie möge doch erlauben dass Tschun gleich mit ihm komme in der
Gesandtschaft wo er diene sei abends ein großes Fest und dazu brauche die
Frau seines Herrn einen Jungen von Tschuns Alter und Größe
    »Was kann denn die fremde Taitai mit meinem Kinde wollen« fragte die Mutter
sehr misstrauisch
    »Es ist heute etwas ganz Besonderes« antwortete Kuang yin wichtig »eine
Vorstellung ähnlich wie ein Theater nur dass die Menschen sich dabei gar nicht
bewegen dürfen sondern regungslos dastehen und nicht sprechen sie nennen das
lebende Bilder«
    »Da ist sicher eine Hexerei dabei« unterbrach ihn die Mutter »und nachher
kann Tschun sich womöglich gar nicht mehr rühren«
    »Aber nein doch« entgegnete Kuang yin überlegen »Ich habe seit Tagen schon
die Proben dazu gesehen da ist nichts von Hexerei dabei sie können nachher
alle schwatzen und springen wie zuvor«
    »Aber wenn schon alles ausprobiert ist warum brauchen sie nun plötzlich
noch mein Kind«
    »Es ist für ein Bild wo die Taitai selbst steht« antwortete Kuang yin »da
sollte der kleine Sohn eines der anderen fremden Gesandten dabei sein aber er
ist krank geworden Die Taitai hat befohlen ich solle mit größter Eile einen
chinesischen Jungen als Ersatz schaffen und ich habe es versprochen Ihr wollt
doch nicht dass ich vor ihr mein Gesicht verliere indem Ihr mich hindert mein
Versprechen zu halten«
    »Ich hab aber doch so Angst dass es für Tschun schlimme Folgen haben
könnte« sagte die Mutter noch immer eigensinnig und voll bösester Ahnungen und
als schwersten Einwand setzte sie hinzu »Was glaubt Ihr wohl dass die guten
Nonnen im Petang zu solchen Dingen sagen würden«
    »Nun da kann ich Euch beruhigen« fiel Kuang yin rasch ein »gerade die
Nonnen haben ja das Kleid der Taitai für das Fest gestickt«
    Er fühlte dass er nun gewonnen hatte und nachdem Tee getrunken und geraucht
worden war wobei Kuang yin die anbefohlene »größte Eile« ganz vergessen zu
haben schien gab Tschuns Mutter wirklich ihre Einwilligung
    »Ich bin nur ein wertloses Bündel« sagte sie zu Kuang yin »Ihr dagegen
seid der Bruder von Tschuns seligem Vater und müsst wissen ob dies seinem Geist
genehm ist«
    Als sich dann Kuang yin empfahl und Tschun zum Abschied sich vor der Mutter
niederwarf und den Boden mit der Stirn berührte stellte sie noch die Bedingung
dass er am nächsten Tage ganz bestimmt heimkehren müsse
    So trabte denn nun Tschun neben dem Onkel durch die Straßen mit klopfendem
Herzen und kaum an sein Glück zu glauben wagend dass er nun wirklich all das
sehen solle was ihn so lang schon geheimnisvoll anlockte Unterwegs frug er den
Onkel ob er vor der Taitai Kowtow zu machen habe Doch Kuang yin antwortete
»Es genügt völlig wenn Du bei der ersten Begrüßung Dich verneigst und den Boden
scheinbar mit der Hand berührst Höflichkeit wie wir kennen ja all diese Fremden
gar nicht  das wirst Du bald merken  warum also an sie verschwenden was sie
doch nicht verstehen Ein paar von ihnen wissen ein bisschen mehr das sind ihre
Gelehrten die übersetzen für sie und schreiben ihnen ihre chinesischen Briefe«
    Die Gesandtschaft war von einer hohen Mauer umgeben und nachdem der
Pförtner auf Kuang yins Pochen die kleinere der Eingangstüren geöffnet hatte
fand Tschun dass es drinnen eigentlich recht chinesisch aussähe Sie schritten
durch eine große offene Eingangshalle deren geschweiftes mit Himmelshunden
besetztes Dach auf bemaltem Gebälk und hohen roten Säulen ruhte und an
buddhistische Tempel erinnerte Nur auffallend gepflegt war alles und in den
Wegen des Gartens lag nicht der geringste Unrat Ganz wie im Petang Sauberkeit
war also offenbar eine Eigenschaft der Europäer
    Doch da kam ihnen schon vom Hause her ein anderer Diener entgegen der
ebensolch schöne seidene Kleider trug wie der Onkel
    »Die Taitai ist mal wieder schrecklich ungeduldig« sagte er »und frägt
beständig ob Ihr noch immer nicht mit Eurem Neffen da wärt Ich sollte sogar
schon gehen nach einem anderen Knaben zu suchen aber ich habe es
hinausgeschoben denn ich wollte doch nicht dass Ihr Euer Gesicht verlört«
    »Wie die Kinder sind sie doch alle« murmelte Kuang yin »wenn sie etwas
wollen strecken sie die Hände aus und schreien um es rascher zu bekommen«
    Durch ein Vorzimmer und andere Räume gingen sie nun und Tschun glaubte in
einem chinesischen Kuriositätenladen zu sein so viel Bronzetiere
KloisonnéVasen Lackkästen und Nephritschalen standen da allerwärts herum
Daneben freilich gab es vergoldete Möbel riesige Spiegel Teppiche
Kronleuchter und Bilder die nicht gerollt wurden sondern in breiten Rahmen
hingen Lauter Dinge die Tschun noch nie gesehen hatte Er war doch sehr
verwundert über alles aber er zeigte äußerlich nichts von seiner Erregung
sondern bewahrte völligen Gleichmut wie es sich für den Abkömmling einer
uralten Rasse ziemt die das Erstaunen der Neulinge auf Erden seit Jahrtausenden
nicht mehr kennt
    Nun traten sie in den großen Saal wo das Fest stattfinden sollte »Die
Taitai« flüsterte Kuang yin und Tschun machte wie der Onkel einen kleinen
Knix und streifte mit der Hand den Boden Die Taitai hatte leider auch das
seltsame Haar dem die Fremden ihren Namen der rotaarigen Teufel verdanken
aber im übrigen gefiel sie Tschun eigentlich sehr gut Sie sah ihn so freundlich
an nur schade dass ihre Augen statt dunkel so merkwürdig blau waren und sie
gab Tschun auch gleich ein großes Stück Kuchen Sie selbst aß aber sicher sehr
wenig denn um den Magen herum war sie schrecklich dünn und trug einen festen
Ledergürtel Tschun der bisher nur Chinesinnen und Mandschufrauen in dicken
abstehenden Jacken und weiten Gewändern gesehen hatte fand es sehr merkwürdig
dass das Kleid der Taitai so eng wie eine zweite Haut auf ihr lag Es musste sehr
unbequem sein Die Taitai sprach furchtbar rasch in ihrer fremden Sprache mit
Kuang yin der zu Tschuns großer Bewunderung es offenbar alles verstand und
ebenso antwortete Dann kam ein fremder Herr der Chinesisch konnte Der redete
Tschun an und erklärte der Taitai sein ganzer Name heiße Tschun fung was
Frühlingswind bedeute Das schien der Taitai ganz besondere Freude zu machen
denn sie lachte ganz laut Und Tschun dachte Was ist dabei nur so komisch
    Der Tag verging nur allzu rasch mit allerhand Vorbereitungen Tschun musste
einen merkwürdigen Anzug anprobieren den er in dem Bild tragen sollte er saß
ihm nicht ganz richtig und eine alte fremde Dienerin der Taitai die man Madame
Angèle nannte änderte ihn auf ihm Sie kniete dabei vor Tschun auf dem Boden
tat eine Anzahl Stecknadeln in den Mund als wolle sie sie verschlucken nahm
sie dann aber eine nach der anderen wieder heraus und steckte damit den Anzug
zurecht Es war sehr unheimlich Die Taitai stand dabei und trieb zur Eile an
Als Tschun dann fertig war nahm ihn die Taitai bei der Hand und lief mit ihm in
das Zimmer ihres Mannes des Tajens Tschun begriff aus den Gesten der Taitai
dass der Tajen ihn und seinen Anzug bewundern sollte doch der saß vertieft in
große Zeitungen da und wehrte nur mit der Hand ab als seien Tschun und die
Taitai lästige Mücken Tschun fand das ganz in der Ordnung denn wie sollte so
ein grossmächtiger Herr dem die Massen kostbarer Dinge in dem Hause gehörten
Gedanken für einen kleinen chinesischen Jungen haben Aber für die Taitai tat es
ihm leid denn sie sah darauf ganz verstimmt aus Und Tschun dachte sie hätte
nicht so hereinlaufen sollen während der Tajen arbeitete lehrt doch
Konfuzius dass die tugendhafte Frau vor dem Mann sein soll gleich einer
schüchternen Maus  Das ganze Fest schien plötzlich der Taitai keinen Spaß mehr
zu machen als sei sie schrecklich müde warf sie sich im Salon der Länge lang
auf eines der weichen bettartigen Möbel die Tschun früher nie gesehen hatte
und rauchte eine Zigarette nach der anderen und wie Madame Angèle hereinkam und
etwas frug gab sie keine Antwort sondern machte nun ihrerseits eine Gebärde
als wolle sie eine lästige Mücke abwehren Madame Angèle verschwand auch ganz
rasch und Tschun sah wie sie erschreckt die Augenbrauen und die Schultern in
die Höhe zog
    Dann kam aber Kuang yin und meldete etwas und nun war die Taitai wieder
ganz verändert sprang auf warf die Zigarette weg und zog sich die Löckchen vor
einem der großen Spiegel zurecht Da ging auch schon wieder die Tür auf und ein
junger Herr kam herein und der tat etwas was Tschun ganz rätselhaft fand er
drückte seine Lippen auf die Hand der Taitai Dann musste der Herr Tschun in dem
schönen Anzug betrachten und dabei benahm er sich ganz anders wie vorhin der
Tajen klopfte Tschun auf die Schulter und sagte ein über das andere Mal
»Tinchau tinchau« Aber Tschun war nicht recht sicher ob er ihn wirklich so
sehr hübsch fände oder ob er nur der Taitai damit Freude machen wolle Der
junge Herr sollte auch mit in dem Bilde stehen und sie probierten es nun alle
drei zusammen und Kuang yin wurde dazu gerufen um Tschun zu erklären wie er
stehen müsse denn offenbar war das einzige Chinesisch was der fremde Herr
konnte sein »Tinchau tinchau«
    Von der Ankunft der Gäste in ihren grünen Sänften und dem Anfang des Festes
sah Tschun nichts denn er musste hinter dem Vorhang bei all denen bleiben die
in den Bildern stehen sollten Aber auch das war sehr schön denn niemand gab
acht auf ihn da alle viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt waren und so
konnte er denn die fremden Herren und Damen ganz genau betrachten Die Taitai
gefiel ihm von allen am besten und bei dem Bild in dem sie stand wurde
nachher auch am meisten geklatscht und gerufen so dass sie noch einmal stehen
musste
    Als die Bilder vorüber waren gingen alle Darsteller auch in den großen
Saal und Tschun musste dabei immer hinter der Taitai stehen bleiben wie auf dem
Bilde und ihre lange Schleppe tragen  Dann wurde getanzt wie Kuang yin es
beschrieben hatte Da musste Tschun die Schleppe loslassen und die Taitai tanzte
immerzu mit dem fremden jungen Herrn der mit auf dem Bilde gestanden hatte
Tschun fand dass die beiden eigentlich hübsch aussähen die Taitai in dem Kleid
das die Nonnen gestickt haben sollten und der junge Herr in dem weißen
Atlaskostüm und den langen weißen Strümpfen Aber einem anderen der fremden
Herren gefiel es offenbar gar nicht der schaute den beiden ganz böse nach
Tschun konnte es deutlich sehen und als dann die Taitai mit dem weißen
Atlasherrn in die Glasveranda ging wo nur ein paar chinesische TempelLaternen
zwischen Palmen brannten und es ganz stark nach allerhand Blumen duftete da
ging der böse Herr ihnen nach Die Taitai kam dann mit ihm von dort zurück und
nun tanzten sie zusammen aber Tschun fand dass es lange nicht so hübsch aussah
wie vorhin mit dem weißen Herrn  der böse Herr war ja auch lange nicht so schön
angezogen er hatte einen schwarzen Rock an der vorne kurz war und hinten in
zwei Schwänzen auslief Die flogen wenn er tanzte Es sah zum Lachen aus Aber
die Taitai lachte nicht sie machte wieder das schrecklich müde Gesicht  Aber
diesmal war nicht der Tajen dran schuld gewesen Der saß den ganzen Abend in
einem Seitenzimmer mit drei anderen Herren an einem kleinen Tisch Der Tisch war
mit grünem Tuch bezogen zwei brennende Lichter standen darauf Die Herren
hielten steife Papierstückchen in der Hand auf denen Figuren gemalt waren Die
legten sie einer nach dem anderen schweigend auf den Tisch und dann nahm einer
sie auf  Es sah sehr feierlich aus Vielleicht war es eine Zeremonie zu Ehren
einer Gottheit
    Und dann waren all die vielen Gäste fortgegangen
    Tschun fand dass die Verabschiedungen der Fremden recht kurz und formlos
waren Von den dreitausend Regeln die doch bekanntlich für das höfliche
Benehmen gelten wussten sie offenbar wenig Es gab da keine langen Verbeugungen
noch Danksagungen für die großen Ausgaben die das Fest den Gastgebern
verursacht  was sich doch schickt wie man weiß Nur ein rasches Handschütteln
Das war alles Bequem mochte das freilich sein und da sie von dem vielen Tanzen
sicher müde sein mussten kamen sie so schneller nach Hause 
    Die Taitai sagte Tschun solle am nächsten Morgen früh gleich zu ihr kommen
Dann ging sie mit Madame Angèle in ihr Schlafzimmer Der Tajen war schon in
seinem das am anderen Ende des Hauses lag
    Die Diener löschten die Lichter und Lampen in den vielen Zimmern aus auch
die Laternen in der Veranda wo die Taitai mit dem hübschen weißen Herrn
gestanden hatte  Das ganze Haus lag wie tot da Nur in den weitläufigen
Dienstbotenquartieren auf der anderen Seite des Hofes ging das Leben noch lange
weiter
    Tschun hatte den Rest der Nacht in Kuang yins Zimmer verbracht aber zum
erstenmal in seinem Leben nur wenig geschlafen Er musste immer an all das
denken was er gesehen Das ganze bisherige Leben hatte nicht so viel enthalten
wie diese wenigen Stunden
    Als Tschun am nächsten Morgen aufgestanden war und herausging stand die
Taitai schon auf den Stufen vor dem Gesandtschaftshaus Sie trug ein seltsam
enges Tuchkleid hielt eine Peitsche in der Hand und wollte eben ausreiten Ein
Mafu in Reitstiefeln seidenem Kleid und Sommerhut hielt ihr Pferd Ein paar
Herren waren auch dabei Der eine konnte Chinesisch und er sagte zu Tschun die
Taitai habe beschlossen ihn als kleinen Boy ganz zu behalten er könne gleich
dableiben und der Schneider solle kommen und ihm seidene Kleider machen wie
den anderen Dienern Tschun fühlte wie er ganz heiß wurde vor lauter Freude
Aber wie er eben danken wollte kam Kuang yin hinzu und antwortete dem Herrn
dass Tschuns Mutter krank sei und ihn nur für den einen Abend habe entbehren
können Tschun begriff sofort dass dies nur die wohlerzogene Form sei mit der
eine der dreitausend Regeln des höflichen Benehmens vorschreibt jede Ablehnung
zu verhüllen
    Die Taitai aber nahm es ganz wörtlich schien sehr gerührt und sagte
niemand verstände besser als sie dass eine kranke Mutter solch kleinen Sohn
Frühlingswind brauche Aber sie ließ Tschun sagen sobald die Mutter wieder
gesund geworden solle er zu ihr zurückkommen und ihr besonderer kleiner Diener
werden Madame Angèle musste ihr zwei Dollar bringen die gab sie Tschun Und
dann tat sie wieder etwas ganz Entsetzliches sie stellte einen Fuß in die Hand
des fremden Herrn und der hob sie so auf das Pferd Tschun glaubte zuerst nicht
recht gesehen zu haben denn die Füße einer fremden Frau darf man doch nie
betrachten oder gar anfassen Die Priester im Petang wissen das auch deshalb
salben sie den Frauen in China auch nicht die Füße bei der letzten Oelung 
Tschun war so verblüfft über die Dreistigkeit des fremden Herrn dass er ganz
starr dastand und kaum bemerkte dass die Herrschaften fortritten der dicke Mafu
auf seinem zottigen mongolischen Pony voran um ihnen im Gewühl der Straßen den
Weg zu bahnen
    Dann aber wurde Tschun aus seinem Sinnen über die seltsamen
Sittlichkeitsbegriffe der Fremden durch Kuang yin aufgeschreckt »Nun lauf
schnell nach Haus« sagte er »und bring Deiner Mutter den einen Dollar den
andern wollen wir wechseln und Du gibst mir die Hälfte dafür dass ich Dir zu
diesem Geschäft verholfen habe« Da trat aber auch schon der Türhüter herbei
der gesehen hatte wie die Taitai Tschun das Geld gegeben hatte und sagte »Ich
habe gestern die Tür geöffnet für Tschuns ersten Eintritt in dies Haus wo er so
reichen Gewinn gefunden Das verdient sicherlich einen Lohn«
    Darüber ließ sich ja auch wirklich nicht streiten und so musste Tschun auch
noch mit ihm teilen
Nach diesem kurzen Ausflug in die Welt der Fremden die einer geheimnisvollen
kleinen Insel gleich inmitten des ungeheuren Ozeans gelben Menschentums liegt
kam Tschun in das Haus Yang hungs  Das war ein weitläufiges niedriges
Gebäude dessen verschiedene Zimmer auf zwei hintereinander liegende Höfe
mündeten Es wimmelte von großen und kleinen Menschen und gleichwie der
mongolische Nordwind winters rastlos durch die Straßen weht so ging hier durch
alle Räume unaufhörlich ein Murmeln Sprechen und Diskutieren oftmals aber
erhob sich das ständige Stimmengewirr zu schärferen Tönen zu ärgerlichen
Drohungen Schreien und keifenden Auseinandersetzungen Dann war es als
schwelle ein gleichmässiges Windesrauschen plötzlich an zu verderbenbringenden
Böen und wütenden Stürmen
    Der alte Yang hung und seine alte Frau waren nämlich als sie noch jung
gewesen des höchsten aller Segen einer zahlreichen Nachkommenschaft
teilhaftig geworden Einige der Söhne hatten im Laufe der Jahre Schwiegertöchter
ins Haus gebracht die dann ihrerseits weitere kleine Chinesenmenschen in die
Welt setzten Und das alles bedrohte und balgte sich untereinander und ohne den
Kampf ums Dasein teoretisch zu kennen führte ihn ein jeder praktisch für sich
durch  Die schlimmsten Zeiten aber waren wenn auch noch die Töchter mit ihren
Kindern zu Besuch kamen Sie waren zwar alle nach auswärts verheiratet und
gehörten nun zu den Familien ihrer Schwiegereltern aber die Besuche bei der
eigenen Mutter die nach Neujahr und zu anderen Festzeiten üblich sind bilden
ja nicht nur die einzigen Freuden im Leben chinesischer Frauen sondern
verleihen ihnen auch ein gewisses Ansehen den Verwandten des Mannes gegenüber
Keine der Töchter Yang hungs und seiner alten Frau hätte darauf verzichtet 
Sie kamen und blieben mochten Brüder und Schwägerinnen noch so scheel
dreinblicken oder bei länger sich hinziehenden Besuchen gar deutlich erklären
dass Berechtigteren die Plätze weggenommen würden Und sie kamen und blieben
nicht etwa allein sondern beladen mit möglichst all ihren Kindern sie brachten
auch allerhand Nähereien und sonstige Arbeiten mit die sie während des Besuches
bei der eigenen Mutter für ihre neue Familie ausführen sollten Und wenn sie
endlich wieder abzogen so ließ sie sich von der Mutter Esswaren zustecken als
Mitbringsel für die Schwiegereltern wodurch sie sich einen freundlichen Empfang
sicherten  Das erbitterte dann die Söhne und deren Frauen die sich samt ihren
Sprösslingen benachteiligt vorkamen
    So herrschten wie in allen Welten auch in der kleinen Welt von Yang hungs
Hause Interessengegensätze die zu Spaltungen und wechselnden
Parteigruppierungen führten Und inmitten der sich Befehdenden und wieder
Versöhnenden stand Tschun als scheinbar Unbeteiligter in Wahrheit aber als von
allen Ausgenutzter der doch bei keinem Anhalt fand 
    Als Lehrling hatte er mit auf den Markt zu gehen den Laden zu reinigen
Rechnungen in die Häuser säumiger Schuldner zu tragen und allmählich dem Meister
die schwere Kunst abzulauschen wie man dem noch schwankenden Käufer die Ware
anpreist und ihn nach langem Feilschen den eigenen Preisforderungen willfährig
stimmt Aber neben diesen und manchen anderen beruflichen Obliegenheiten wurde
Tschun nicht nur von jedem im Hause zu irgendeiner anderen Arbeit gerufen
sondern sie alle beschimpften ihn wenn sie sich eigentlich gegenseitig meinten
 Und immer war da eine der vielen jungen Mütter der Familie die ihm einen
Säugling in die Arme legte oder ein anderes kleines Krabbelwesen zur Hütung an
die Hand gab während er noch außerdem einige größere Kinder die frei
herumspielten beaufsichtigen und durch seine bloße imponierende Gegenwart in
Schranken halten sollte Gelang das nicht und es entstand zwischen den lieben
Kleinen eine Balgerei der beinahe die keimenden Zöpfchen zum Opfer fielen so
flogen die bei chinesischen Müttern gebräuchlichen Beschwichtigungsformeln ich
werde Dich umbringen ich werde Dich in siedendes Wasser werfen nicht wie sonst
gegen die Kinder sondern gegen den mit Verantwortung und Säuglingen belasteten
Tschun Und wenn der kleine Kuo wei und die kleine Yingying von ihren
Streifzügen durch die benachbarten Straßen und Plätze statt mit allerhand
seltsamem Brennmaterial das jedes chinesische Kind für den Herd zu sammeln
versteht mit Rissen in den Kleidern heimkehrten so wurde sicher irgendein
Zusammenhang zwischen Tschun und diesen bedauerlichen Vorkommnissen entdeckt
wie es ja klar war dass nur er daran Schuld trug dass die kleine Schan tai in
kindlichem Mutwillen die alten Zeitungsfetzen zerrissen hatte die doch
sorgfältig aufbewahrt werden sollten um die Löcher in den Laternen auszukleben
Auch hätte natürlich Tschun den Enkel TschaoSo davor warnen sollen den Boden
des Kochtopfes so lange mit einem Stein zu bearbeiten bis ein Loch entstand da
doch jeder weiß dass zur rascheren Erhitzung des Inhalts und Vermeidung unnützer
Vergeudung von Brennmaterial die Böden der Kochtöpfe sparsamer Familien in China
möglichst dünn gestaltet werden  Am ärgsten hatte es aber auf Tschun die
jüngste noch kinderlose Schwiegertochter des alten Yang hung abgesehen Mei
hoa der bisher jede den älteren Schwiegertöchtern nicht zusagende Arbeit
aufgebürdet worden war hatte nun endlich jemand gefunden der auf der sozialen
Rangleiter noch weit unter ihr stand und dem sie ihrerseits mit schriller
Stimme befehlen konnte
    Verweise erhielt Tschun von allen Seiten und vielleicht nicht immer mit
Unrecht denn seine Gedanken irrten von den jeweilig anbefohlenen
Beschäftigungen nur allzu leicht ab und wanderten unaufhaltsam zurück in die
Welt der Taitai Ja diesem chinesischen Menschenkind geschah das Seltsame dass
er eine Art Heimweh nach dem ihm doch ganz Fremden empfand
    Am liebsten war Tschun noch im eigentlichen Verkaufsladen der vorne nach
der Straße zu lag Da saß der alte Yang hung und bastelte an den Uhren die ihm
zum Reparieren gebracht wurden und wenn er mit der großen runden Hornbrille
dabei auch wie eine böse Eule aussehen mochte so wusste Tschun doch bald dass er
eigentlich ein gutmütiger alter Mann war der sich vielleicht im stillen oft
selbst verwunderte ob all der streitbaren Menschen die ihren Ursprung auf ihn
zurückführten
    Außer dem Uhrengeschäft betrieb Yang hung noch einen Handel mit allerhand
chinesischem Schmuck In Glaskästen lagen Filigranfutterale für die langen
Fingernägel die das Abzeichen vornehmen arbeitslosen Lebens sind Haarnadeln
die mit Fledermäusen und sonstigen Glücksemblemen in Gold oder Silber verziert
werden die runden Kristall oder Bernsteinkugeln die unablässig zwischen den
Fingern hin und her gedreht werden sollen um die Gicht fernzuhalten Die
verschiedensten metallenen Kleiderknöpfe gab es und andere aus Nephrit für die
Sommerjacken während die für Trauergewänder bestimmten aus weißem Stein sein
müssen Gürtelschnallen für Männer und Armbänder für Frauen sah Tschun und
kleine Schnupftabakfläschchen aus Porzellan oder Glas mit feinen unter der
Glasur gemalten Bildchen Seine kostbarsten Stücke aber stellte Yang hung nicht
aus die lagen in blaue Baumwollfetzen gewickelt in einem alten Schrank dessen
geschnitzte Türen Drachen wiesen die sich um den Sonnenball wanden Große Ringe
aus grünstem Nephrit die am Daumen getragen werden verwahrte er da und
Mandarinenketten die immer 108 Kugeln aus Bernstein Granat oder Nephrit zählen
müssen
    Diese Schätze bekamen die gewöhnlichen Kunden gar nicht zu sehen sie wurden
nur den bevorzugten gezeigt den hochgeehrten die man in ein hinteres Zimmer
führt wo als Begleitung jedes Geschäfts Tee bisweilen auch die Opiumpfeife
dargeboten wird Manche der alt angestammten Kunden brachten ihre Pfeife gleich
mit und trugen den Opium in Kästchen am Gürtel Während sie auf dem Kang
liegend in dem hinteren Zimmer Opium rauchten und von der Wand herab das Bild
Li Matos des Schutzgeistes der Uhrmacher und Wirte über ihr seliges
Hindämmern in den duftenden Nebeln wachte verließ sie Yang hung mit diskreten
Schritten Erst wenn er annehmen konnte dass die Wolken des Traumrausches sich
gelichtet kehrte er wieder um nun allmählich den Handel zu bereden denn Eile
beim Geschäft zu zeigen widerspricht den Regeln höflichen Benehmens Bei
solchen Gelegenheiten servierte Tschun mit artiger Gebärde den Tee oder er
kochte die Opiumpille über der Flamme und füllte den Kopf der Pfeife
    dabei erhaschte er manch leises Wort über Gerüchte die durchs Land liefen
von geheimen Bewegungen und widerstreitenden Einflüssen die allerwärts
besonders aber um die Allmächtigen unter den goldenen Palastdächern miteinander
rangen von allerhand die Sitten der Fremden nachahmenden Neuerungen hörte er
die aber kaum eingeführt auch schon wieder gefährdet schienen
    Besucher die von diesen Dingen flüsterten sah Tschun gern einkehren denn
ihre Worte bauten ja Brücken zu jener Welt in die es ihn gar so mächtig
zurückzog
    Es kamen aber auch Kunden die der alte Yang hung in ein nahes Restaurant
führte und dort mit warmem Reiswein Pekinger Ente Taubeneiern Fischflossen
und Bambuskeimen traktierte denn durch solch rechtzeitigen tiefen Griff in die
Tasche erwirbt sich der weise Kaufmann Freunde die zu haben immer gut ist da
man bei ihnen dann gelegentlich selbst wieder Geld zu niederen Zinsen borgen
kann Besonders wertvoll aber erscheinen sie in Zeiten wo im Lande von
bevorstehenden Umwälzungen geraunt wird
    Viele Stunden verbrachte Yang hung auch über der verwickelten chinesischen
Buchführung seines Geschäfts Und abends ordnete und zählte er die an Schnüren
aufgereihten durchlochten Kupfermünzen die im Laufe des Tages von Käufern
gezahlt worden waren Das dauerte bisweilen bis tief in die Nacht und dabei
musste Tschun helfen und mit seinen scharfen jungen Augen suchen ob sich
zwischen diese gewöhnlichen Cäsch vielleicht eine seltene Münze verirrt habe
die wurde dann vom Strang abgezogen und anderwärts an Liebhaber verkauft
    Am arbeitsreichsten aber waren die Tage wo Yang hung zu den Jahrmärkten
zog die allmonatlich in den großen Vorhöfen mancher Tempel Pekings abgehalten
werden
    Bisher hatte Tschun bei diesen Gelegenheiten im Laden zurückbleiben müssen
aber nun sollte er den Meister zum ersten Male begleiten Bei frühestem
Morgengrauen wurden die Waren sorgfältig eingepackt Yang hungs kostbarste
Stücke waren dabei denn er rechnete auf reiche mongolische Kundschaft die die
Tempelmärkte gern besucht  Dann brach man im zweirädrigen blauen
Maultierkarren auf Yang hung saß drinnen mit seinen Kasten Ballen und Bündeln
Die zerbrechlichsten Gegenstände hielt er ängstlich fest wenn die mit eisernen
Nägeln beschlagenen Räder gegen große Steine anprallten oder in besonders tiefe
Löcher und unheimlich grünliche Pfützen der chaotischen Straßen gerieten und der
Karren dann abwechselnd in die Höhe oder tief herabgeschleudert wurde Tschun
saß draußen auf der Deichsel neben dem Kutscher er ließ vergnügt die Füße
baumeln und freute sich endlich mal ins Freie zu kommen und den ihn peinigenden
Frauen und Kindern in Yang hungs großem Haushalt zu entgehen
    In den Straßen die noch voll bläulicher Schatten lagen begann eben des
Tages Leben sich zu regen Die Rufe der ersten Hausierer ertönten und bei
diesem Klang erschienen an den Haustüren die noch halb verschlafenen Gesichter
von Frühaufstehern die bei den Vorüberziehenden einkaufen wollten Andere
dagegen warfen aus den Türen allerhand Unrat in die Straßen diese ewig
geduldigen offenen Kloaken Pekings In die Häuser selbst und ihre verschiedenen
Höfe konnte Tschun dabei jedoch nie blicken denn hinter der in der äußeren
Mauer angebrachten Tür erhob sich inwendig immer ein Stück freistehender
Quermauer gleich einem großen Wandschirm bestimmt den bösen Geistern den
Eintritt zu wehren Außer den Kaufenden und Verkaufenden waren aber auch schon
jene da die vom Zufall leben die Scharen von Bettlern aller Art Aus den
ärmsten aller Quartiere wo für die kleinste Kupfermünze nächtlicher
Unterschlupf gewährt wird waren sie hervorgekrochen unheimliche Gestalten die
unter verfilzten Haaren aus stieren Augen glotzten Beulen und Wunden bedeckten
sie und bekleidet schienen sie hauptsächlich mit Schmutz der die Reste
einstmaliger Lumpen an ihnen festhielt So kauerten sie und krochen sie in den
Straßen und wühlten in den Unrataufen ob sich da etwas fände das von
Reicheren weggeworfen ihnen noch zur Nahrung dienen könne Die mit besonders
eklen Leiden Behafteten aber stellten sich gern vor öffentlichen Garküchen und
anderen Läden auf hoffend dass die Besitzer um ihren Kunden diesen Anblick zu
ersparen sich mit einer Kupfermünze von solcher Nachbarschaft loskaufen würden
    Doch auch Erfreulicheres erblickte Tschun bei dieser Morgenfahrt Er fuhr
unter hohen bunt bemalten Gedenkbogen die die Straßen überspannen und treuen
Witwen oder verdienstvollen Staatsmännern denen im Leben wahrscheinlich unrecht
geschah zu postumer Ehr und Andenken errichtet werden Er sah hinter braunem
Gemäuer die hochragenden grünen Kacheldächer großer Paläste in der Frühsonne
schimmern er sah Teiche aus deren stiller Fläche die jungen zusammengerollten
Lotosblätter sich erhoben er kreuzte weiter leere Plätze die verloren inmitten
der überfüllten Stadt lagen wo unter alten Bäumen Schafe weideten und
verfallende Pagoden dem Nichtmehrsein entgegenträumten
    Und endlich hielten sie vor dem Eingangstor des Tempels Da war ein Gewühl
von Maultierwagen und knarrenden Schubkarren von großen Händlern und kleinen
Hausierern die ihre Waren ausluden und in das Tor hereindrängten Alle schrien
und schimpften dabei durcheinander in völliger Unempfindlichkeit gegen Lärm
Yang hung und Tschun hatten Mühe durchzukommen und man musste die Augen weit
offen halten denn in der sich schiebenden quetschenden Menschenmenge hatten
die Taschendiebe leichtes Spiel Drinnen im weiten Vorhof standen uralte Bäume
und zwei riesige steinerne Ungeheuer bewachten den Eingang zum eigentlichen
Tempel Die für die Jahrmarktstage ausgeräumten Mönchszellen und die vor ihnen
durch die weitausladenden Dächer gebildeten Veranden dienten als Verkaufsbuden
Jeder Händler hatte da seinen eigenen gemieteten Platz Nun galt es die Waren
auszupacken und verlockend zur Schau zu stellen Denn schon strömten
Jahrmarktsbesucher in Scharen herein Der ganze weite Vorhof war bald angefüllt
mit einem Gewoge blau gekleideter Menschheit Esswarenhändler schoben sich
hindurch von Käufern und Verkäufern Gewinn erhoffend und Männer die an
Bambusstäben kleine Käfige trugen in denen gefangene Zikaden zirpten Und noch
andere Tiere wurden zum Verkauf angeboten chinesische Hunde mit schwarzem bis
zur Erde herabhängendem Haar und seidenweiche braune mit plattgedrückten
schwarzen Nasen und hervorquellenden Glotzaugen
    Auch ein Wunderdoktor schrie dicht neben Yang hung seine Arzneien aus und
war bald von Patienten umlagert Tschun aber blickte mit Geringschätzung auf ihn
und seine Arzneien denn so viel hatte er doch von seinen Besuchen bei den
Nonnen im Petang gelernt dass heißes Wasser über Kupfermünzen aus der
Regierungszeit des Kaisers Tao Kwang gegossen keine wirksame Arznei gegen
Augenentzündung bildet und Pflaster aus Hundehaaren keine Wunden zu heilen
vermögen Seltsam aber war dass der Wunderdoktor seine Mittel anpries indem er
ausdrücklich hervorhob sie seien nicht etwa wie die der fremden TeufelDoktoren
aus den Augen chinesischer Kinder bereitet die dazu von jenen gestohlen und
umgebracht würden Tschun wurde ganz ärgerlich als er aus all dem Lärmen diese
Worte heraushörte deren alte Beschuldigung immer wieder in Zeiten besonderen
Fremdenhasses laut wird Wie konnte man nur so dumm sein so etwas zu glauben
dachte Tschun entrüstet und wie durfte man solche Dinge behaupten und
weiterverbreiten Er wäre am liebsten hingelaufen den Mann ob seiner
einfältigen Lüge zur Rede zu stellen Aber der Wunderdoktor war längst schon von
einer Menschenwelle davongetragen und nun standen Mongolen vor Yang hungs
kleiner Warenausstellung Auch eine Frau war dabei in altrotem golddurchwirkten
Kleid und mit seltsamem Silberschmuck auf Kopf und Hals Ganz anders wie die
Chinesen sahen sie aus hatten von Wind und Wetter gebräunte breite vergnügte
Vollmondsgesichter und zeigten offenkundig die Absicht sich noch einen frohen
Tag zu machen ehe sie die lange Rückreise zu den weiten Ebenen und schwarzen
Zelten der fernen Heimat antraten Manche von ihnen boten Filz zum Tausch an für
die gewöhnlichen Uhren und billigen Schmuckstücke die sie begehrten Der
Häuptling aber zu dessen Gefolge sie offenbar gehörten hielt sich nicht mit
solchen Kleinigkeiten auf sondern ging gleich mit Yang hung in eine der
Mönchszellen wo dieser seine kostbareren Stücke aufgestapelt hatte
    Während der Meister mit dem vornehmen Kunden fort war hatte Tschun alle
Mühe den kleinen Warenstand zu hüten und gegen das Stoßen und Schieben der
immer dichter werdenden Menge zu verteidigen Und dabei fühlte er sich sehr
stolz dass Yang hung ihm so viel Vertrauen bewies Wie er aber so eifrig
Ausschau hielt dass niemand ihm im Gedränge etwas entwände wurden seine
Schlitzaugen auf einmal ganz groß und er fühlte wie sein Herz heftig zu
klopfen begann Denn er hatte ja plötzlich dort vom Eingangstor herkommend
eine Gruppe Europäer entdeckt und zwischen ihnen die Taitai und den hübschen
weißen Herrn Er freute sich so sehr die Taitai wiederzusehen dass er gleich zu
ihr hinlaufen wollte aber dann besann er sich er musste doch Yang hungs Sachen
hüten Und Tschun war nicht ein Junge der einen ihm anvertrauten Posten
verlassen hätte Nein das ging nicht Er hielt doch etwas auf sich Aber
vielleicht käme die Taitai in seiner Richtung Er spähte eifrig nach den
Fremden Jetzt waren sie verschwunden hinter einem Wall von Menschen Nun
tauchten sie ein Stückchen weiter wieder auf Und sie näherten sich wirklich
seinem Platze Aber während er noch so nach ihnen hinstarrte kam ihm ein neuer
ganz anderer Gedanke Was sollte er ihnen denn sagen wenn sie ihn erblickten
Wie sein Hiersein erklären da Kuang yin doch behauptet hatte er müsse zur
kranken Mutter Und plötzlich begann er sich zu schämen Nicht nur der eigenen
augenblicklichen Lebenslage die der Taitai wenn sie ihn gewahrte die Lüge
entdecken musste unter der er von ihr fortgegangen sondern auch sich zu schämen
ob seiner ganzen Welt ob all der Menschen da rings um ihr her von denen er
wusste dass sie stahlen und übervorteilten soviel sie konnten dass sie keiften
wie Yang hungs Angehörige dass sie dumm waren und Bessere verleumdeten wie
vorhin der Wunderdoktor  und zu denen er doch selbst gehörte  Ja jetzt
wünschte er nur noch dass die Taitai ihn hier nicht entdecken möge
    Als die Fremden ihm schon ganz nahe waren und Tschun sich zusammenduckte
damit sie ihn nicht sähen blieben sie aber vor einem Verkäufer stehen der
ihnen Hunde zeigte Verstohlen hinlugend sah Tschun wie der hübsche weiße Herr
den kleinsten der Hunde kaufte Und der Taitai schien das Hündchen sehr zu
gefallen mit seinem plattgedrückten Näschen denn sie nahm es auf den Arm als
sei es ein Kind und streichelte sein Fell und sah dabei den hübschen weißen
Herrn aus ihren seltsam hellen Augen ganz komisch an Dann aber als Tschun
schon dachte dass ein Zusammentreffen unvermeidlich sei bogen die Fremden
plötzlich ab und gingen nun zu den Buden der großen Schmuckhändler wo dicke
weiße Perlen für die Mandarinenkappen rosa Chrysolitketten und kostbare
Kristall und Nephritschnitzereien für viele tausend Tael verkauft werden
    Und nun war Tschun doch wieder sehr traurig dass die Taitai ihn nicht
gesehen hatte Der kleine Hund würde es sicher bei ihr gut haben
    Zwei Tage dauerte der Jahrmarkt dann wurde eingepackt und abends spät fuhr
Yang hung nach Haus mit Tschun Gleich bei Morgengrauen am Tag nach ihrer
Heimkehr wurden die Münzstränge die Yang hung auf dem Markt eingenommen hatte
noch einmal geprüft Es waren ihrer viele denn er hatte gut verkauft Der alte
Yang hung zählte im noch dämmrigen Licht die aufgereihten Münzen und dann musste
Tschun die Stränge nach etwaigen selteneren Stücken durchsuchen
    Wie sie so arbeiteten ward Yung von seiner alten Frau gerufen sie wollte
mit ihm über die Schwiegertochter Mei hoa reden die sich an diesem Morgen auf
Besuch zu ihrer Mutter begeben sollte und die besondere Ansprüche auf Esswaren
erhob die sie als Geschenk nach Hause mitbringen wollte Nun war Tschun allein
mit all dem vielen Geld Am Boden hockend suchte er eifrig weiter nach seltenen
Münzen Und er war so vertieft in seine Arbeit dass er kaum hörte wie hinter
ihm die Tür aufging Er dachte es sei der Meister Erst nach einigen
Augenblicken schreckte er auf durch Mei hoas schrille Stimme In ihrem besten
Staat angetan stand sie da mit einem kirschroten runden Schminkfleck auf der
unteren Lippe und rosa getünchten Wangen Es hatte wohl einen argen Strauss ob
der Esswaren mit der alten Schwiegermutter und den anderen Schwiegertöchtern
gegeben denn es fiel Tschun auf dass Mei hoas Augen seltsam funkelten wie sie
auf die vielen Münzstränge vor ihm niederblickte
    »Hol mein Bündel aus dem hinteren Hof« befahl sie heftig »und bringe es
ans Tor Der Karren muss bald kommen«
    Sie sah so wild und böse aus dass Tschun sofort aufsprang und davonlief das
Bündel zu holen Erregte Stimmen klangen aus den Familienräumen in die Yang
hung geholt worden war Tschun beeilte sich aus dem Bereich des Haders zu
entkommen und legte das Bündel am Hoftor nieder Mei hoa stand bereits wartend
da in sichtlicher Ungeduld nach dem säumenden Karrenführer ausspähend Froh
dem Unwetter entgangen zu sein schlüpfte Tschun in den Laden hockte sich
nieder und nahm die jäh unterbrochene Arbeit wieder auf
    Bald kam dann Yang hung zurück Aber auch er sah jetzt böse und erregt aus
wie so oft wenn er im Schoße seiner Familie geweilt Und sobald er den Kang
überblickt auf dem das Geld lag rief er ärgerlich »Da fehlt ja ein Strang«
    Tschun sprang auf um zu suchen Aber der Strang blieb verschwunden Und
Yang hung wurde immer böser Plötzlich packte er Tschun blitzte ihn durch die
große Hornbrille mit funkelnden Augen an und schrie dabei heftig »Was hast Du
mit dem Strang angefangen Du musst ihn auf Dir haben Du Dieb Du«
    dabei schüttelte er Tschun hin und her ob die Münzen vielleicht aus seinen
Kleidern fallen möchten
    Vom Lärm angelockt fand sich alsbald die ganze Familie ein und schrie nun
ihrerseits mit und auch die Kleinen Kuo wei TschaoSo und Yingying und all
die übrigen Kinder stimmten ohne recht zu wissen um was es sich handelte in
den Ruf ein »Dieb Dieb Dieb« Am Zopfe wurde Tschun in den Hof gezerrt und
einer der Söhne Yang hungs schlug auf seinen Rücken ein und brüllte dazu »So
gesteh doch wo Du den Strang hin versteckt hast«
    Alle andern übertönend erschallte aber nun plötzlich die schrille Stimme
Mei hoas die während des ganzen Auftritts noch immer auf den Karren wartend
am Hoftor gestanden hatte »Tschun ist ja vorhin in den hinteren Hof gelaufen«
kreischte sie »ich habs gesehen Sicher hat er das Geld dort versteckt Da
müsst Ihr suchen«
    Nun ließ sie Tschun los und liefen alle auf dieser neuen Fährte Mei hoa
als Anführerin voran Nur die Kleinen Kuo wei TschaoSo und Yingying konnten
den Großen nicht so schnell nach und blieben im vorderen Hof zurück
unschlüssig was nun zu beginnen Doch da fielen ihre Blicke auf Mei hoas am
Boden liegendes Bündel und nun näherten sie sich ihm und begannen verstohlen an
den Knoten der blauen Baumwollhülle zu zupfen
    Tschun hatte zuerst wie verstört dagestanden Es war alles so rasch über ihn
hereingebrochen dass er es kaum begriffen hatte Doch jetzt wie die Stimmen der
Suchenden im hinteren Hof verhallten kam er zum Bewusstsein dessen was
geschehen Und eine ungeheure Empörung stieg in ihm auf Das wollte er nicht
dulden sich so völlig ungerecht beschimpfen und züchtigen lassen Sein kleines
gelbes Gesicht wurde ganz seltsam grünweiss bei der Erinnerung und er begann
heftig zu zittern Und plötzlich stand es fest vor ihm er konnte er wollte
nicht bei diesen schlechten Leuten bleiben Doch wohin frug er sich Etwa zur
Mutter Aber er verwarf den Gedanken alsbald  die hatte ihn ja gerade
hierhergetan Nein er wollte ganz fort ganz heraus zu gerechteren Menschen
die nicht jemand Dieb schimpften ehe es von ihm bewiesen Die Nonnen und
Priester hätten das nie getan auch die Taitai nicht Und die Taitai  ja die
hatte ihm doch damals gesagt dass er zurückkehren solle und dass sie ihn dann
behalten würde Dahin konnte er  ja dahin wollte er Zu den Fremden Zu
besseren Menschen
    Doch nun galt es seinen Vorsatz rasch auszuführen denn die andern mussten ja
bald aus dem hinteren Hof zurückkehren und wer weiß was sie dann noch in ihrer
Wut taten Leise schlich Tschun an Kuo wei TschaoSo und Yingying vorbei
denen es eben gelungen war den ersten Knoten an dem Bündel zu lösen mit einem
Satz war er dann aus dem Tor heraus und nun rannte er in eiligstem Lauf und
ohne je zurückzuschauen durch die Straßen in der Richtung nach dem
Gesandtschaftsviertel
    Und so tat Tschun zum erstenmal was größere vor ihm getan und nachher
vielleicht bereut haben er nahm sein Leben in die eigenen kleinen gelben Hände
um es nach persönlichem Ermessen zu gestalten Denn auch Tschun besaß die weit
verbreitete Illusion zu glauben dass er wisse was ihm gut sei
    Das hat schon zu mancher Enttäuschung geführt
    Nach einem langen eilig zurückgelegten Weg blieb Tschun endlich stehen um
Atem zu schöpfen Er befand sich schon im Fremdenviertel auf der Brücke die
mit hoher Wölbung den Kanal überspannt Nur einzelne Pfützen standen zu dieser
Jahreszeit unten zwischen den Steinen sie lagen da wie blaue Lichtflecken als
hielten sie ein Stückchen Himmel in sich gefangen Rechts dicht neben der
Brücke erhob sich die hohe finstere Mauer die die Tataren von der
Chinesenstadt trennt Links vor sich sah Tschun hinab auf das graue Gewirr
niederer chinesischer Häuschen mit ihren zahllosen ganz gleichen leicht
geschweiften Dächern Zwischen ihnen zerstreut und eingeklemmt lagen die fremden
Gesandtschaften jede durch Mauerwerk umfriedet jede eine kleine Welt für sich
mit ihrem eigenen aus der Ferne gebrachten treu bewahrten Sondercharakter
Jede die Hüterin bestimmter Traditionen die Vertreterin besonderer Interessen
auf fernstem fremdartigsten Boden Die Gebäude waren halb versteckt zwischen den
vielen Bäumen die sich mit dem ersten hellen Grün bedeckten man ahnte sie
mehr als man sie sah aber gleichsam als Symbol stolz gepflegter Eigenart
flatterte über jedem der weiten Gehöfte an hohem Mast eine andere verschiedene
Fahne deren Farbenzusammenstellung Tschun noch fremd war Es musste wohl ein
Festtag sein
    Die Luft flimmerte voll hellen Sonnenscheins die Farben lösten sich im
Lichte auf die Umrisse verschwammen von diamantenem Staub umhüllt Wie aus
einzelnen Punkten und Flecken zartester Farbentöne war das Bild zusammengesetzt
silbriges Grau der Gebäude durchleuchtetes Rosa an einigen fernen Mauern
darüber goldgelbe Kacheldächer wie lange Lichtstreifen wirkend hellstes junges
Grün der Bäume und zarteste bläuliche Schatten beinah aufgehoben durch
Reflexglanz und allgemeines überallhin spielendes Sonnenlicht Nirgends
Dunkelheiten Überall zitterndes glitzerndes flimmerndes Leuchten Eine der
unvergesslichen Stunden des kurzen chinesischen Frühlings der einem Traume
gleich den sturmdurchbrausten Winter von dem glühendheissen Sommer trennt
    In dem ganzen lichten Bild erhob sich nur die hohe Stadtmauer finster und
dräuend von violettem Schatten bedeckt
    Von jenseits dieser Mauer aus der Chinesenstadt her kam jetzt hoch oben im
lichtdurchflossenen Himmelsblau ein Flug grauer Vögel gezogen sie glitten mit
weit ausgestreckten Flügeln durch den sonnendurchtränkten Frühlingsäter sie
sangen nicht und doch klangen unendlich wehmütige langgezogene Töne von ihnen
zur Erde herab Sie erinnerten an das Stöhnen von Aeolsharfen und dieses Klagen
und Seufzen das von den doch stumm schwebenden Vögeln durch all den leuchtenden
Frühlingsschein herabtönte hatte etwas Beängstigendes gleich spukhaften
Stimmen aus ewig unerklärlichen Welten
    Einen Augenblick schaute Tschun hinauf zu den hoch über ihm ziehenden
Vögeln wie man sich unwillkürlich bei einem Geräusch umsieht aber er achtete
nicht weiter auf sie denn ihm waren es alltägliche Klänge weiß doch jedes
Pekinger Kind dass den zahmen Tauben unter die Schwungfedern leichte
Bambuspfeifchen angebunden werden durch die dann hoch oben in den Lüften der
Wind zieht seltsame langgezogene Töne ihnen entlockend die Raubvögel
erschrecken und verscheuchen sollen Uralte Sitte ist es und an vielen Tagen
hatte Tschun dies klagende Klingen der kleinen Windpfeifen vernommen die die
Taubenschwärme durch die Luft tragen
    Und gerade weil diese Klänge so vertraut und alltäglich tönten ahnte
Tschun in seinem nach Neuem strebenden Sinne nicht dass das an jenem Morgen die
Stimmen waren mit denen das uralte China der Vorväter sein abschweifendes Kind
von der Schwelle einer fremden Welt zurück zum Altergebrachten zu locken
suchte  Tschun sah nur auf die bunten unbekannten Fahnen die sich über den
Gesandtschaften im leichten Frühlingswinde blähten als ob sie ihm winkten
Schwächer wurden die langen seufzenden Töne höher stiegen die Tauben  
Tschun aber schritt die gewölbte Brücke herab und dann an der Mauer entlang zu
dem Tore das hier von der Rückseite aus in die ihm bekannte Gesandtschaft
führte
    Unbemerkt kam er an den Pferdeställen und den vielen Nebengebäuden vorbei
und wollte sich nun gerade durch die breite Allee schleichen auf deren anderer
Seite das Gesandtenhaus stand in dem Kuang yin diente Aber vor dem Hause
gewahrte er eine Gruppe Menschen Die Taitai deren Schleppe er getragen stand
mit einigen anderen Damen und Herren auf den Stufen die zur Allee herabführten
sie schienen in eifriger Verhandlung mit einer ganzen Schar chinesischer
Kuriositätenverkäufer die ihre blauen Bündel vor ihnen aufgemacht hatten und
nun gestickte Decken und alte Mandarinenröcke ausbreiteten und
Elfenbeinschnitzereien Götzenfiguren und KloisonnéVasen anpriesen
    Tschun war in seiner großen Empörung in die Gesandtschaft gelaufen ohne
viel nachzudenken was er eigentlich dort finden würde Die vielen Menschen
verblüfften ihn er stand unschlüssig da überlegend ob er sich nicht bis zu
einem günstigeren Augenblick unbemerkt zurückziehen sollte Aber da sprang
schnuppernd und bellend ein kleiner Hund an ihm empor in dem er gleich
denjenigen erkannte den der weiße Herr auf dem Jahrmarkt gekauft hatte Aller
Augen richteten sich nun auf ihn
    »Das ist ja mein kleiner Page Frühlingswind« rief die Taitai
    Einer der Herren der etwas Chinesisch konnte holte Tschun heran und es
begann ein Kreuzverhör wo er gewesen wie es seiner Mutter nun ginge und ob er
jetzt Boy in der Gesandtschaft werden wolle  Tschun hätte der Taitai am
liebsten alles wahrheitsgetreu erzählt und sie gebeten ihn nun bei sich zu
behalten aber vor all den Menschen konnte er doch nicht den Schimpf erwähnen
der ihm soeben bei Yang hung angetan worden Während er noch nach Worten suchte
gewahrte er Kuang yin der von den Dienstbotenquartieren eilig herkam und ihm
ohne dass die Herrschaften es merkten winkte und allerhand Zeichen machte
Erschreckt und in plötzlicher Angst vor einer etwaigen erzwungenen Rückkehr
stammelte er der Mutter ginge es wieder gut und er sei nur gekommen dem Onkel
Kuang yin einen Besuch zu machen Aber davon wollte die Taitai nichts wissen
Tschun müsse dableiben sagte sie sie brauche ihn als kleinen Diener und zwar
sofort Es war plötzlich als könne die schöne fremde Dame nicht mehr auskommen
ohne den kleinen chinesischen Jungen Sie wollte ihn mit dem gleichen Ungestüm
haben wie sie vor einer halben Stunde den kleinen Goldbronzebuddha begehrt
hatte der jetzt unbeachtet am Boden stand und den der Händler langsam wieder
einwickelte und in einem seiner Ärmel verbarg Er wusste ja ganz genau dass
heute kein Geschäft mehr gemacht werden würde denn der so zur unrechten Stunde
hereingeschneite Tschun hatte für den Augenblick alle anderen Kuriositäten
verdrängt Er war das Götzchen der Stunde Die Taitai beauftragte Madame Angèle
die auch dastand und die gekauften Seidenstücke zusammenfaltete für Tschun zu
sorgen er solle ein Zimmerchen in den Dienstbotenquartieren erhalten Die
Taitai wurde für eine Fremde sogar ganz schlau denn sie verbot aufs strengste
Tschun etwa unter dem Vorwand nach Hause zu müssen noch einmal fortzulassen
da er dann festgehalten werden könne Tschun war das sehr beruhigend Er fühlte
sich zum ersten Male in seinem Leben gegen die Seinigen von den Fremden
beschützt
    Kuang yin verbeugte sich zu alledem nur zustimmend und sagte gar nichts von
einem etwaigen Widerspruch der Mutter Das schien Tschun sehr seltsam Doch als
die Taitai und die anderen Herrschaften dann zum Essen gegangen waren erhielt
er die Erklärung drüben in Kuang yins Zimmer saßen nicht nur Yang hung sondern
auch die Mutter Und Tschun erfuhr nun dass gleich nach seiner Flucht die
Kleinen TschaoSo Kuo wei und Yingying bei ihrem kindlichen Spiel mit Mei hoas
Bündel den vermissten Münzenstrang aus diesem hervorgezerrt hatten Mei hoa hatte
nicht leugnen können und des für chinesische Augen ganz besonders schweren
Vergehens überführt die Familie des Mannes zugunsten der eigenen bestohlen zu
haben war sie statt auf Besuch zu fahren von der alten Schwiegermutter
gezüchtigt worden und lag nun eingesperrt in einer Kammer In dem Karren aber
der Mei hoa beutebeladen zu frohem Ausflug führen sollte war statt dessen Yang
hung sofort zu Tschuns Mutter gefahren in der Annahme dass er zu ihr geflüchtet
sein würde als er ihn da nicht fand war er zu Kuang yin gefahren und in
plötzlicher Angst um Tschuns Verbleib hatte die Mutter sich entschlossen ihn
zu begleiten so furchtbar ihr das Unternehmen auch erschien den Schwager in
einem Haus der Fremden aufzusuchen
    Als sie Tschun nun wohlbehalten erblickte wollte sie die Gelegenheit doch
wenigstens erzieherisch ausnutzen und ihn ob der erlittenen Angst am Zopfe
zerren Doch Kuang yin nahm die Sache in die Hand und wandte sich mit
halbgemachter Entrüstung an Yang hung »Es ist wahrlich nicht Euer Verdienst
dass Tschun noch unter uns weilt« sagte er »Denkt der vielen Beispiele von
Leuten die bei geringerer Verdächtigung um ihre Unschuld zu beweisen
Selbstmord begingen Als Bruder von Tschuns verstorbenem Vater verlange ich eine
Sühne Und Ihr könnt von Glück sagen dass wir doch schließlich zu einer Sippe
gehören  Fremde würden Euch ob des Schimpfes sicher vor Gericht bringen«
    Yang hung schien nicht abgeneigt Tschuns heftigem Vertreter eine Genugtuung
zu gewähren und er sagte »Nach ihrem abscheulichen Benehmen wären wir ja
eigentlich berechtigt Mei hoa zu verstoßen«
    »Das weiß ich« unterbrach ihn Kuang yin »und selbst wenn ihr jetzt
Schlimmes bei Euch zustiesse und sie die Reise nach den neun Quellen antreten
müsste würde Euch kein Gericht darob verurteilen aber was hätten wir davon«
    »Außerdem« sagte Yang hung bedächtig »müsste das sicher dazu führen dass
Mei hoas Eltern die Rückzahlung ihrer Mitgift verlangen würden«
    »Mei hoa und Tschun können aber unmöglich zusammen weiter bei Euch bleiben«
erklärte Kuang yin »sie haben gegenseitig zu sehr das Gesicht voreinander
verloren«
    »Nein das ginge freilich nicht« stimmte Yang hung eilig bei in der
Voraussicht endloser neuer Streitmöglichkeiten in seinem stürmischen Haushalt
    »Folglich muss ich für Tschun eine neue Stelle suchen« sagte Kuang yin und
seufzte wie unter großer Sorgenlast »und natürlich werde ich von jedem Meister
gefragt werden warum er denn nicht mehr bei Euch ist«
    Es war klar dass die Sache vertuscht werden musste Und schließlich bildete
der Münzstrang durch den der ganze Zwischenfall entstanden den Preis den Yang
hung dafür zahlen musste dass Tschun sein Unterkommen bei ihm plötzlich verloren
hatte wogegen sich Kuang yin verpflichtete dass die Umstände unter denen dies
geschehen seinerseits verschwiegen bleiben sollten
    Erst nachdem Yang hung gegangen eröffnete Kuang yin der Mutter als sein
Verdienst dass er bereits eine Stelle für Tschun habe und zwar hier bei der
Taitai Die Mutter wollte zuerst widersprechen aber Kuang yin hielt ihr vor
wie schlecht ihre eigene Auswahl Yang hungs ausgefallen sei auch dass Tschun
dort nur Wohnung und Essen erhalten habe hier aber gleich mehrere Dollar Gehalt
bekommen solle
    Da musste sie nachgeben Nachdem sich Kuang yin für seine Führung der Sache
noch die Hälfte vom Münzstrang des alten Yang hung ausbedungen hatte
    So trat denn Tschun in den Dienst der Fremden
Tschun lernte bald dass es Nachteile hat in ein Haus als offenkundiger
Günstling der Herrschaft einzutreten Die anderen Boys die auch kleine Brüder
oder Söhne hatten ärgerten sich dass sie nicht diese rechtzeitig der Taitai
gezeigt und ließ ihren Groll an Tschun aus Sie gaben sich das Wort ihn als
kleinen Prügeljungen zu behandeln Er debütierte als Diener der Diener Aber er
hatte einen Rückhalt an Kuang yin und dank der eigenen Anstelligkeit arbeitete
er sich allmählich durch die anfängliche Feindschaft hindurch
    Madame Angèle die jahraus jahrein an der Maschine saß und neue Kleider für
die Taitai nähte rief Tschun oft in ihr Zimmer ließ ihn die feine chinesische
Nähseide wickeln oder auch Nähte auftrennen und währenddem hielt sie ihm lange
Reden in ihrer eigenen Sprache Sie hatte Mann Kinder und Vermögen verloren
und durch diese wiederholten Schicksalsschläge war in ihr ein Hang zum
Schauerlichen und der Glauben entstanden dass sie alles Schreckliche das es
überhaupt gibt erlebt habe Jedes Traurige das andere von sich erzählten
überbot sie sicher mit den eigenen Erlebnissen Ihr Mann war nicht vier sondern
zehn Monate krank gewesen sie hatte nicht nur Typhus sondern zugleich
Lungenentzündung gehabt  Abends wenn sie ihre Arbeit getan las sie in
Zeitungen die aus ihrem Lande kamen die vermischten Nachrichten nur langsam
beinahe buchstabierend kam sie dabei vorwärts aber sie schwelgte in den
Beschreibungen von Erdbeben Brandunglücken Stürmen Schiffsuntergängen All
das erzählte sie weiter an Tschun Anfänglich verstand er keine Silbe aber
täglich schnappte er ein paar Worte der fremden Sprache auf und in erstaunlich
kurzer Zeit konnte er sich ganz leicht mit der alten Französin verständigen Die
Taitai schenkte ihm ein kleines Lexikon und schrieb ihm Sätze auf die sie ihn
nachher überhörte und Tschun lernte mit einer Leichtigkeit die jeden an
europäische Kinder gewöhnten Lehrer erstaunt hätte Die Taitai war ganz stolz
auf seine Fortschritte aber die gelehrten fremden Herren der Gesellschaft
erklärten geringschätzig »Junge Asiaten scheinen häufig eine wunderbare
Aufnahmefähigkeit zu besitzen aber nach einiger Zeit kommen sie an einen toten
Punkt wo sich die ganze Übermüdung ihrer erschöpften Rasse auf sie zu senken
scheint und nichts Neues mehr in das blutleere Gehirn hinein will«
    Tschun sah die Taitai sehr viel denn sie hatte ihm allerhand kleine
Pflichten übertragen die ihn häufig in ihr Zimmer führten Vor allem hatte er
für den neuen kleinen Hund zu sorgen der Tin chau genannt worden war wie es
einem Geschenk des hübschen weißen Herrn wohl anstand Tschun musste auch der
Taitai Schreibtisch mit den tausend Nippessachen in Ordnung halten die Pflanzen
begiessen die Blumensträusse erneuern er servierte nachmittags den Tee und als
er erst die fremden Namen gelernt hatte meldete er die Besuche an Ging die
Taitai malen so trug er ihr die Sachen nach und reinigte nachher Pinsel und
Palette beim Photographieren lernte er rasch kleine Dienste zu leisten er
schnitt die Seiten der vielen Bücher und Hefte auf die jede Post brachte er
legte die Zeitungen nach Nummern Und bei alledem fand Tschun Zeit die Taitai
selbst zu beobachten denn sie erschien ihm als das Interessanteste in all dem
Merkwürdigen das er sah Es war erstaunlich was sie alles im Laufe des Tages
tat Früh schon ritt sie mit anderen Fremden aus Dann schrieb sie malte
photographierte musizierte Zu allen Mahlzeiten kamen Gäste oder sie selbst war
in eine der anderen Gesandtschaften geladen und wurde in der grünen Sänfte
hingetragen Zwischendurch kamen noch viele Besuche  am häufigsten wohl der
weiße Herr doch zuweilen auch der böse aussehende Und alles was die Taitai
betrieb sei es nun dass sie Antiquitäten kaufte oder Anordnungen für Feste
traf geschah als ob sie Eile habe und nach etwas suche dabei sah sie meist
müde aus Und Tschun wunderte sich dass jemand der so viel Geld besaß sich so
unnütz abmühte Einmal frug er die alte Madame Angèle warum die Taitai so
schrecklich viel täte Die zuckte die Achseln seufzte und antwortete »Sie will
sich vielleicht zerstreuen um zu vergessen«
    »Was denn« frug Tschun
    »Sie hat ehe sie hierher kam ihr einzigstes Söhnchen verloren« antwortete
Madame Angèle und setzte dann hinzu »Ich habe drei Söhne verloren Aber ich
bekam durch den Tod meiner Kinder immer mehr Arbeit für die Taitai dagegen
heißt es seitdem nur immer mehr Amüsement«
    Tschun der nun schon gelernt hatte dass das Beobachten zu seinem Beruf
gehörte bemerkte bald dass die Taitai nur insofern von den anderen Fremden
abstach als sie tausenderlei Dinge mit gleichem Ungestüm betrieb während die
anderen meist nur eine Sache hatten die sie mit Passion erfüllte Tschun
verstand auch allmählich warum die älteren erfahreneren Boys gelegentlich wie
eine unbestreitbare Tatsache erwähnten dass die Fremden doch alle ein bisschen
verrückt seien
    Der Mann der Taitai der gestrenge Tajen war ganz anders als sie Er hatte
etwas Kaltes Feierliches als habe er nie gelacht und sei nie gerannt Er war
klein grau und mager und reckte sich immer als wolle er länger scheinen als
er war Amtliche Würde und grüner Nephrit bildeten seine speziellen Marotten
und da die chinesischen Mandarine für diese beiden Dinge ebenfalls hohe
Wertschätzung und Vorliebe haben so war er ihnen der verständlichste
sympatischste unter den fremden Vertretern Wenn Besuche zum Tajen kamen
empfing er sie immer in der gleichen geraden aufrechten Haltung die eine Hand
auf der Tischkante ruhend die andere zwischen die Weste und den tadellosen
langen schwarzen Rock geschoben So glich er dem Bild des Präsidenten seines
Landes das im großen Speisesaal hing  »Ein Präsident« sagten die Boys »ist
etwas Ähnliches wie ein Kaiser nur nicht ganz so Nummer Eins«  Der Tajen
sprach stets langsam als überlege er jedes Wort und als gäbe es nichts
Unwichtiges auf der Welt Am langsamsten und gemessensten sprach er mit seiner
Frau Es war als träufle er Öl auf erregte Wogen aber Tschun schien es dass
dieses Verfahren statt die Taitai zu beruhigen sie nur rastloser mache
    Die Boys kannten all die Eigenheiten der verschiedenen Fremden und sie
hatten ihnen allen Spitznamen gegeben Sie besprachen den Geiz des einen und die
Heftigkeit des anderen verglichen in welchem Haushalt die größten Nebenprofite
unbemerkt gemacht werden konnten und erzählten sich untereinander die geheimen
Geschichten gegenwärtiger und früherer Herrschaften  und Tschun der früh reif
war wie jedes orientalische Menschenkind schnappte es alles begierig auf
    Aber neben all ihren oft komischen oft unverständlichen Eigentümlichkeiten
blieb doch immer das eine dass niemand diesen großen ausländischen Mandarinen
vorwerfen konnte ihre Stellung zu persönlicher Bereicherung auszunutzen Darin
schienen sie ganz anders zu sein als die chinesischen Würdenträger Wenn die
Tajens der verschiedenen fremden Gesandtschaften sich feierlich in grünen
Sänften mit Vorreitern ins TsungliYamen tragen ließ und dort die
Reklamationen irgendeines in China beeinträchtigten Landsmannes beinah heftig
vertraten oder die Erteilung einer der vielen begehrten Konzessionen ungestüm
für ihn forderten so handelte es sich dabei nie um irgend einen eigenen
Vorteil Tschun erfuhr dass sie das alles zur Verbreitung höherer Zivilisation
täten Das war ihm ein ganz neuer Begriff Wenn nun aber der eine der großen
fremden Herren etwas im TsungliYamen erreicht hatte ärgerte sich sicher einer
der anderen darüber und das freute den ersten Dann begann sicher gleich der
zweite nun seinerseits große Anstrengungen zu machen Es erinnerte Tschun an
die Wettrennen der Fremden die weit außerhalb der Mauern Pekings auf einem
großen freien Platz gehalten wurden Er war mit Kuang yin und den anderen Boys
einmal hinausgefahren um beim Servieren der großen Mahlzeit zu helfen die die
fremden Herrschaften draußen einnahmen Dort waren die jungen Herren in bunten
seidenen Jacken und Mützen wie wild drauflos geritten und hatten auf ihre
mongolischen Ponies tüchtig gehauen weil jeder der erste sein wollte Bei dem
einen Rennen war der hübsche Herr der auch diesmal Weiß trug der erste
gewesen und der Böse der wahrscheinlich auch gern den Preis gewonnen hätte
sah darob besonders böse aus Ja so ähnlich musste es mit dem zivilisatorischen
Wettbewerb der Fremden in China wohl auch sein nur dass dies Rennen nie
aufhörte weil immer neue erstrebenswerte Ziele winkten Die meisten Leute wie
der greise Grossonkel Lin the i fanden freilich dass China den Fremden schon viel
zu viel zugestanden hätte Doch die Tajens sagten dass das alles ja gerade zum
Besten Chinas selbst führen würde das sich in einem beklagenswerten Zustand der
Rückständigkeit befände Es sollte ja durch sie Eisenbahnen erhalten mit denen
man so rasch wie der Wind von einem Ende des Landes zum anderen fahren und
Proviant in diejenigen Provinzen bringen könne wo gerade die alljährlichen
Hungersnöte herrschten auch wollten sie in der Erde nach Kohle suchen mit der
dann auch ganz arme Menschen winters heizen und warm haben könnten und starke
neue Kriegsschiffe sowie furchtbare Kanonen und Gewehre wollten sie China aus
ihren großen Vorräten daheim verkaufen und von ihren vielen eigenen
Militärmandarinen die besten schicken um den Chinesen zu zeigen wie man diese
Waffen gebrauche Ja sogar Geld wollten sie China leihen
    Tschun aber dachte ich hatte doch recht diese Fremden sind wahrlich
bessere Menschen ihre Priester haben uns den wirklichen lieben Gott gebracht
und diese weltlichen Herren wollen uns nun auch noch all die übrigen guten Dinge
bringen Sicher wird es einmal sehr schön werden Wenn es nur recht schnell
ginge
    Und Tschun begann in den Mussestunden die ihm der Dienst bei seiner fremden
Herrschaft ließ dem Zustand seines eigenen Landes nachzuforschen Er hatte
davon früher wenig gewusst aber er war ja auch nur ein kleiner Junge gewesen
Jetzt erfuhr er dass es seit einiger Zeit eine ganze Partei von Chinesen gäbe
die auch fanden dass es um China schlecht bestellt sei und die es ebenfalls
sehr eilig hatten allerhand Neuerungen einzuführen  Diese Gedanken hatten
zuerst Leute aus dem fernen Süden Chinas mitgebracht wo man viel mehr als in
Peking mit den Fremden zusammenkommt Von denen hatten sie wohl auch den Begriff
des Patriotismus gelernt ein Wort das Tschun vorher noch nicht vernommen
hatte und nun wollten sie als gute Patrioten alles im Lande bessern Man nannte
sie die Südpartei Sie hatten auch schon eine Menge Leute in Peking für ihre
Ideen gewonnen auch unter den Literaten und großen Herren aber im ganzen
standen ihnen die Mandschus doch recht misstrauisch gegenüber denn sie
fürchteten dass ihnen die doch die herrschende Rasse waren von den schlauen
Südländern allerhand Vorrechte weggenommen werden könnten Die so dachten
nannte man die Nordpartei Am deutlichsten zeigte sich der Gegensatz bei den
alljährlichen großen Staatsexamen in der klassischen Weisheit da wollte jede
der beiden Parteien für die Kompetitoren ihrer Seite die meisten und höchsten
Preise erlangen Bei den letzten Examen hatten stets die Südländer gesiegt und
ihre Anhängerzahl war dadurch sehr gestiegen Darob ärgerte sich die Nordpartei
    Über all diese Dinge hörte Tschun die chinesischen Lehrer sprechen die
alltäglich in die Gesandtschaft kamen um den Dolmetschern Stunden zu geben und
ihnen beim Schreiben der Briefe an das TsungliYamen zu helfen denn diese
Herren waren ja selbst Literaten und interessierten sich infolgedessen sehr für
alles was mit den klassischen Examen zu tun hatte  Sie gingen auch viel in
die Teehäuser und kannten alle Gerüchte von denen da gemunkelt wurde Sie
erzählten dass bisher der greise Prinz Kung ein Verwandter des Kaisers
zwischen beiden Parteien weise vermittelt habe aber der war nun tot und
seitdem hatten sich die Gegensätze noch sehr verschärft Führer der Südpartei
war der Gelehrte Weng tung ho der früher den jetzt regierenden jungen Kaiser
Kwang Hsü im Palast »zur glücklichen Erziehung« unterrichtet hatte und der
seither viel Einfluss auf seinen einstmaligen Schüler besitzen sollte Ihm stand
als Führer der Nordpartei der ebenfalls sehr gelehrte Hsütung gegenüber Der war
der Lehrer des vorherigen Kaisers Tungtschi gewesen des Sohnes der alten
KaiserinWitwe Tzü Hsi und es hieß dass er viel bei dieser gelte Nach diesen
Freundschaften der beiden Allerhöchsten im Lande belegte man die Nördlichen mit
dem unehrerbietigen Spitznamen »AlteMutterSippe« die Südlichen dagegen nannte
man »KleineKnabenSippe«
    Tschun hielt es in seinem Herzen mit den kleinen Knaben Die standen ihm ja
auch näher dabei war er erstaunt zu sehen dass die fremden Gesandten diesen
Strömungen merkwürdig gleichgültig gegenüberstanden obschon die Südpartei
eigentlich lauter Dinge einführen wollte die sie selbst seit Jahren anempfohlen
hatten Aber es war beinah als hätten die Fremden allmählich eine Erweckung
Chinas als aussichtslos aufgegeben und sich mit den Zuständen abgefunden wie
sie nun einmal waren Mit praktischem Sinn nahmen sie von den zwei ringenden
Gruppen nur insofern Notiz als sie zu ergründen suchten zu welchem ihrer
eigenen Länder jede der beiden Parteien neige und wem sie daher den Sieg
wünschen sollten Die chinesischen Lehrer meinten dass die Nördlichen es mit
Russland hielten dessen Gepflogenheiten und Regierungsmetoden ihnen wohl am
verwandtesten erschienen während die Südlichen eine Anlehnung an das
fortschrittliche Japan wünschten sowie Einführung aller dort angenommenen
Reformen
    Die Entscheidung über all das stand bei dem jungen Kaiser Mehr noch
vielleicht bei seiner Tante der alten KaiserinWitwe Tzü Hsi deren Name »die
Mütterliche« und »Glückverheissende« bedeutet Offiziell freilich kümmerte sie
sich nicht mehr um Staatsgeschäfte sondern hatte die Regentschaft niedergelegt
und dem Kaiser die Regierung übergeben und seitdem lebte sie wie sie es selbst
in gelegentlichen Edikten nannte »in der tiefen Abgeschlossenheit« ihres
Palastes I ho yüan »der dem vom Himmel gesandten Alter Ruhe und Frieden
Spendende« Wunderdinge hörte Tschun von den prunkvollen Teateraufführungen und
den Bootfahrten auf dem Kung Ming See mit denen sie scheinbar ihre Tage
verbrachte Aber in Wirklichkeit so wurde gemunkelt war sie die des
Herrschens Langgewohnte der Untätigkeit müde und neidete dem Neffen die Wonne
der Macht Neidete sie um so heftiger als sie mehr und mehr in ihm den Gegner
erkannte Schon in den Tagen seiner Kindheit sollte das begonnen haben als er
ihr offensichtlich die sanfte Mitregentin Tzü Ann vorzog die dann wie so
manche derer die Tzü Hsi im Weg gestanden ebenso plötzlich wie opportun
gestorben war Tzü Hsis Schwester die Kwang Hsüs Mutter gewesen war dann noch
manchmal vermittelnd zwischen beide getreten aber auch sie hatte den Drachen
zur weiten Reise bestiegen und seither waren die Fäden zerrissen Und wenn Tzü
Hsi einstweilen auch noch nicht mit offenkundiger Feindschaft hervortrat so
empfand man doch ihre Gegenwart dunkel hinter allen Dingen und man ahnte dass
sie nicht zaudern würde sich in kritischer Stunde das Recht der endgültigen
Beschlüsse mit starkem Griffe wieder anzueignen
    Allmählich gestaltete sich vor Tschun ihr Bild zu der Vision eines von den
Schauern des Geheimnisvollen umgebenen Wesens einem Wesen das noch hoch über
dem Kaiser tronte Denn er der Sohn des Himmels musste ja bei den religiösen
Zeremonien der höchsten Festtage sich neunmal vor ihr der als »alter Buddha«
Verehrten anbetend niederwerfen So konnte es Tschun in der Pekinger Zeitung
beschrieben lesen  Stückweise aus begierig aufgeschnappten Worten stellte er
sich die ganze Geschichte ihrer langen Regentschaft zusammen Die war voll von
spannendsten Momenten wo alles von ihrem eisernen Willen ihrer stets bereiten
Entschlusskraft abgehangen hatte Aller Feinde aller Schwierigkeiten war sie
stets Herr geworden oft durch die grausigsten Mittel Aber dafür verstand sie
es auch sich Anhänger zu erwerben denn nie versäumte sie es denen zu lohnen
die treu zu ihr gestanden Sie hielt es offenbar mit Konfuzius der sagt »Wie
sollte man denn Wohltaten lohnen wenn man das Böse mit Gutem vergelten wollte
Man soll das Böse mit Gerechtigkeit und nur Wohltaten mit Wohltaten erwidern«
Das aber was Tzü Hsi in Fällen wo sie sich beeinträchtigt oder gar gefährdet
dünkte Gerechtigkeit nannte war Ausrottung des Gegners auf die schnellste
sicherste Art Ein unheimliches Gruseln kroch Tschun am Rücken entlang bei
allem was er von der Gewaltigen hörte Er konnte kaum glauben dass solch ein
Wesen wirklich lebe Es klang alles wie ein schauerliches Märchen Und doch
wünschte er sich sehr sie nur ein einziges Mal zu sehen
    Inzwischen ward es Sommer Die Lotosblätter die an hohen Stielen aus den
Teichen stiegen hatten sich aufgerollt zu breiten grünen Schirmen und zwischen
ihnen standen die ersten großen rosa Traumesblüten Aber in den Straßen wateten
die Menschen durch fusstiefen Staub allerwärts stiegen ekle Gerüche auf die des
Winters Eis gnädig verborgen hatte und über der ganzen Stadt lagerte eine
schwere Schicht schwülen Dunstes Da beschloss die Taitai dem schmutzigen Käfig
wie sie Peking nannte zu entfliehen und für die heißesten Wochen einen der
Tempel zu beziehen die die Gesandtschaften alljährlich in den nahen Hügeln als
Sommerwohnung zu mieten pflegten Tschun sollte auch mitkommen
    Vorher ging er sich von den Verwandten mit vielen Verbeugungen zu
verabschieden Beim greisen Grossonkel Lin the i fand er verschiedene der Vettern
versammelt Auch sie sprachen von den beiden sich bekämpfenden Parteien Wang
pao der fortschrittlich Gesonnene las gerade mit merklichem Behagen dem halb
blinden Grossonkel die in den letzten Tagen erschienenen kaiserlichen Edikte vor
Kwang Hsü sprach darin zum erstenmal öffentlich die Notwendigkeit von Reformen
aus Er sagte »Schaut auf die Not der Zeit und die Schwäche des Reiches Wie
können wir je den Abgrund überschreiten der die Schwachen von den Starken
scheidet wenn wir fortfahren wie bisher Unsere Armee ist undiszipliniert die
Finanzen sind zerrüttet die Schüler unwissend die Handwerker ungeübt« Und
gleichsam um sich im voraus vor Gegenwart und Vergangenheit zu rechtfertigen
hieß es weiter »Auch die tugendreichen Herrscher des fernen Altertums hielten
nicht immer mit starrem Eigensinn fest am Gewohnten sondern waren bereit sich
dem Wechsel der Zeiten anzupassen  wie wir ja auch im Sommer Grasleinen und
winters Pelze tragen« Und nach diesen schönen allgemeinen Sätzen kam ein ganz
bestimmter Vorschlag der Kaiser Kwang Hsü empfahl nämlich dass Mitglieder des
kaiserlichen Klans ja sogar Prinzen von Geblüt zum Studium nach Europa reisen
möchten
    Lin the i war bei diesen Worten zuerst wie erstarrt Alle Grundlagen
bisheriger Weltordnung schienen ihm bei solchem umstürzlerischen Vorschlag zu
wanken Dann sagte er »Bei aller Ehrfurcht vor Kwang Hsü unserm VaterMutter
aber er sollte doch bedenken dass schon Mencius lehrt Wir haben wohl gehört
dass chinesische Weisheit benutzt worden ist um Barbaren zu erleuchten nie
jedoch dass China von den Barbaren Licht empfing«
    »Wer mag den Sohn des Himmels wohl so beeinflussen Ist es der gelehrte Weng
tung ho« frug ein Vetter Da antwortete Sin schen der Weitgereiste der immer
alles wusste »Nein der ist es nicht aber einer den er empfahl Ein neuer Mann
aus Kanton Kang yu wei heißt er«
    »Natürlich« brummte Lin the i »wieder einer aus dem südchinesischen
Heuschreckenschwarm der sich über uns ergießt Ich habe gehört dass es in
Kanton so viel Menschen gibt dass sie auf dem Lande keinen Platz mehr finden und
darum in Böten auf dem Fluße leben müssen Nun kommen sie zu uns und bringen
gar noch alle ihre neuen Ideen mit«
    »Kang yu wei soll schon großen Einfluss beim Kaiser gewonnen haben« fuhr Sin
schen wichtig fort »er bringt ihm Übersetzungen von den Büchern der Fremden
und soll ihm empfohlen haben einen ihrer Herrscher nachzuahmen den sie Peter
den Großen nennen«
    »An der göttlichen Mutter Tzü Hsi hätte er doch wahrlich Vorbild genug«
unterbrach ihn Lin the i aber Wang pao zuckte die Achseln und sagte bedeutsam
»Na wenn nur die Hälfte von dem wahr ist was man so gelegentlich über Tzü Hsi
hört«
    »Hüte Deine Ohren und Deine Zunge Vetter Wang pao« erwiderte Sin schen
»denn Tzü Hsi erfährt schließlich alles Das hab ich erst jetzt wieder gemerkt
Ihr wisst ja ich mache manchmal Geschäfte mit dem Obereunuchen Li lien ying «
    »Das steigert Dein Ansehen sicher mehr als es Deinen Beutel füllt«
unterbrach ihn Wang pao und alle lachten denn im ganzen Lande war der
allmächtige Li lien ying gefürchtet wegen seiner Erpressungen und der
Privatsteuer die er von groß und gering erhob
    Doch Sin schen erzählte unbeirrt weiter »Da hab ich denn also ganz
beiläufig erfahren dass Li lien ying seine Leute sogar im Palast des Kaisers
hat und von allem was sie ihm hinterbringen erhält die göttliche Mutter
sofort Nachricht«
    »Ob sie da wohl immer die lautere Wahrheit erfährt« sagte ein anderer
Vetter »Li lien ying färbt alle Nachrichten nach seinem Belieben und den
Kaiser malt er ihr sicherlich schwarz Man weiß doch dass er seit Jahren Kwang
Hsü wenig gewogen ist und ihm Schwierigkeiten bereitet und ihn zu demütigen
trachtet wo er nur kann Er soll ihn ja sogar mit Vorliebe am Eingangstor zu
Tzü Hsis Palast warten lassen und von ihm Eintrittsgebühr erheben wie von den
Bittstellern die sich der gnadenreichen Gegenwart nähern wollen«
    »Ja dieser kleine Schuster hat es wahrlich weit gebracht« sagte Wang pao
und wieder lachten alle denn es war der Spitzname den Li lien ying trug weil
er in seinem Heimatsdorf als Knabe Lehrling bei einem Flickschuster gewesen war
ehe er das einträglichere Gewerbe ergriffen hatte »seine Familie zu verlassen«
    »Dass er den Kaiser jetzt weniger liebt denn je ist übrigens begreiflich«
sagte Sin schen »er muss natürlich befürchten dass die Reformen seine Macht
brechen werden und am Ende gar sein ehrenwerter Beruf bei Hof überhaupt
abgeschafft werden könnte«
    »Das wäre ein Segen« rief Wang pao Und niemand widersprach ihm nicht
einmal Lin the i der sich vielleicht entsinnen mochte dass schon Konfuzius über
die Verderbteit der Palastwächter klagte und ihrem entnervenden Einfluss den
Niedergang der ChouDynastie zuschrieb
    Tschun wäre gern länger verweilt denn die Vettern erzählten weiter von Li
lien yings Geldgier und Anmassung und wie ihm beinah kaiserliche Ehren erwiesen
würden wenn er durchs Land reiste um für die Gebieterin Tribut einzusammeln
von dem er dann stets ungeheure Summen in die eigene Schatzkammer abzuführen
wusste Doch es war nun Zeit dass er aufbreche und so beugte er denn
ehrfurchtsvoll das Knie vor diesen vielwissenden älteren Verwandten
Die Übersiedlung der Taitai in die Berge gestaltete sich zu einer Art
Völkerwanderung Bei Morgengrauen schon dirigierte Kuang yin den Aufbruch der
Kulis die in Karren auf Maultieren und den eigenen Rücken alles das
hinausschaffen mussten was fremde Herrschaften für einen Landaufentalt nun
einmal unentbehrlich erachten Und das war nicht eben wenig Dann folgten Koch
und Boys und da kein Bediensteter in China so arm ist dass er nicht einen
ärmeren Verwandten hätte der für ihn gegen kleinstes Entgelt seine rechtmäßige
Arbeit täte so waren sie wiederum begleitet von ihren Klienten Es war ein
ganzer Tross Vorräte an Konserven und Getränken mussten mitgenommen werden und
auch Körbe voll erregt schnatterndem und gackerndem Geflügel um nicht auf das
Geringe angewiesen zu sein was etwa von den die seltene Konjunktur ausnutzenden
Dorfbewohnern draußen gegen phantastische Preise zu haben sein würde Im
Maultierkarren fuhr dann Madame Angèle samt Tin chau einer Handnähmaschine und
den tausenderlei Dingen die der Taitai im letzten Augenblick noch als
unumgänglich notwendig erschienen waren Später setzte sich der Tajen in
Bewegung dh eigentlich taten das die Kulis die schwingenden Schritts seine
grüne Sänfte trugen er selbst saß feierlich ernst darinnen wie es einem Mann
in Amt und Würden zukommt Den Schluss endlich bildete die Taitai selbst zu
Pferde und begleitet von etlichen jungen Herren die nun mal wie alles übrige zu
den lang gewohnten Lebensrequisiten gehörten und wie diese solange sie
vorhanden waren nicht sehr beachtet sondern als selbstverständlich hingenommen
wurden abwesend jedoch nicht leicht zu missen waren
    Es war eine Erlösung aus der Stadt der tausend üblen Düfte herauszukommen
Kaum hatte man sich durch das wirre Gewühl von Menschen und Tieren
hindurchgequetscht das sich in den tiefen Toren der dräuenden Stadtmauer
staute so atmete man erleichtert eine reinere Luft Grün lag die wohlbebaute
Ebene die vieltausendste Ernte in stets erneuter Geduld auf fettem Boden
tragend und nährend Und mochte der Kaiser Kwang Hsü es nun mit der Partei des
Nordens oder Südens halten sicher schien dass dem Himmel die Opfer seines
kaiserlichen Sohnes in diesem Jahre wohlgefällig gewesen waren denn er hatte
rechtzeitig den nötigen Regen gesandt und überall trieb und spross es und in
den endlosen Hirsefeldern drängten sich dicht die hohen starken Halme 
Allerwärts sah man Leute arbeiten und ihre nackten gebräunten Oberkörper
glänzten in der Sonne Kräftigeren Baues waren sie als die in der dunstenden
Stadt zusammengepferchten und auch von freundlichharmloserer Gemütsart schienen
sie zu sein denn statt Schimpfworte riefen sie den Fremden den üblichen
chinesischen Tagesgruss entgegen »Habt Ihr Reis gegessen«
    Grau lagen die Dörfer inmitten der wogenden Felder viel reinlicher als die
große Residenzstadt waren sie und die langen Ranken der Kürbisse umspannen
schmückend das Gemäuer Die Schönheit der Ebene aber bildeten die zahllosen
Haine alter Bäume die verstreut in ihr lagen Sie kennzeichneten stets einen
Begräbnisplatz Und Tschun dachte bei ihrem Anblick Wir Chinesen wohnen doch
eigentlich viel schöner und geräumiger nach unserem Tode als solange wir
lebendig sind Auch wird uns gelehrt die Rücksicht auf einen Toten stets der
Sorge für einen Lebenden voranzustellen Aber vielleicht ist das sehr weise
denn das Totsein dauert ja so viel länger
    Der Tempel »der unendlichen Stille« den die Taitai gewählt gehörte zu den
vielen die die frommen Kaiser der MingDynastie und die ihnen folgenden ersten
Tatarenherrscher allerwärts in den waldigen Schluchten der westlichen Berge
errichtet haben Mit ihren grünen oder goldgelben Kacheldächern und purpurn
getünchten Mauern liegen sie wie bunte Ostereier versteckt zwischen dem hellen
Laub der geschwätzig säuselnden Pappeln und dem dunklen Grün der ernsten
stillen Zedern Zwei große steinerne Ungeheuer hüteten den Eingang mit einem
jahrhundertalten Grinsen Dahinter stiegen Terrassen empor auf denen die
Klosterbauten die weiten Hallen der verschiedenen Götter die Glockenhäuser und
der eigentliche Buddhatempel sich erhoben Gekrönt war das Ganze mit einer
schneeigen Pagode dem Grabdenkmal eines besonders heiligen Abtes Von dort oben
plätscherte eine Quelle herab die auf den verschiedenen Abstufungen zwischen
seltsam geformtem Grottengestein Teiche bildete und den Ankommenden den lang
entbehrten Klang fließenden Wassers zur Begrüßung entgegensandte
    Für die fremden Herrschaften waren Priesterzellen und verschiedene Pavillons
gemietet worden und diese sonst asketischer Weltabgewandteit geweihten Räume
hatten die Boys mit flinken Fingern schon ganz verwandelt und zu einem
einzigartigen halb chinesischkuriosen halb moderneuropäischen Aufenthaltsort
gestaltet nicht unwürdig der schönen und so gar nicht asketischen Frau die
hier nun ihren Einzug hielt Der Koch hatte sich sein Reich bereits
eingerichtet wo er auf einem primitiven Backsteinherd und unter dem Schutz
eines Bildes des Küchengottes alle die Gerichte und Saucen herstellen würde
deren Rezepte ein vor vielen Jahren von einem Gesandten importierter
französischer Koch den Pekinger Köchen als kostbares Vermächtnis hinterlassen
hat Auch Madame Angèle hatte sich in einer Mönchszelle niedergelassen
Modebilder und Schnittmuster an die Wände geheftet und die Nähmaschine
aufgestellt die nun eine recht weltliche Begleitung schnurren würde zu dem
Knarren der Gebetstrommel und den Gesängen der Priester Denn neben all diesen
zufälligen und vorübergehenden waren da ja auch noch die rechtmäßigen
bleibenden Bewohner des Klosters »zur unendlichen Stille« Ihr gelehrter Abt
weilte freilich meist in Peking war aber jetzt für den Sommer auch wieder
zurückgekehrt angezogen vielleicht durch die Gegenwart der alten Kaiserin im
nahen Sommerpalast Die übrigen Priester sah man mit geschorenen Häuptern und
altem Wachs gleichenden Gesichtern in ihren blauen oder gelbbraunen Gewändern
leise über die Steinhallen der weiten Höfe gleiten
    Am Eingang der dämmernden Hallen standen sie bisweilen traumverloren
lehnend an einer der wuchtigen Lacksäulen die das schwere bemalte Gebälk und
die hohen geschwungenen Dächer tragen Und hinter ihnen im Dunkel ahnte man die
phantastisch fratzenhaften Gestalten riesiger Götzen die Verzerrungen der
Drachen an den geschnitzten Decken die Ockerund Rosttöne uralter Vergoldungen
Zu bestimmten Stunden rief die große bronzene Tempelglocke die von außen
angeschlagen wird mit dumpfem Dröhnen durch all die vielen Höfe die Pavillons
Hallen und Zellen Dann kamen die Priester in langen Reihen angezogen den
buddhistischen Rosenkranz zwischen den dünnen gelben Fingern haltend Sie
schritten die Stufen zur Terrasse hinauf wo unter uralten weissstämmigen Bäumen
Gedenksteine verstorbener Mönche stehen schritten vorbei an mächtigen bemoosten
Steinschildkröten die auf ihren Rücken hohe Stelen tragen mit Inschriften zu
Ehren des kaiserlichen Tempelerbauers Und weiter hinan glitt der lange Zug der
Priester verschwindend endlich hinter den hohen Türen aus durchbrochenem
Holzwerk ins Innere des heiligen Tempels 
    Da schien es zuerst ganz dunkel aber allmählich tauchten im Hintergrund
drei Gestalten auf riesengross und von mattem wie mit Schleiern bedecktem
Goldglanz Die drei Buddhas der Vergangenheit Gegenwart und Zukunft waren es
die seit Jahrhunderten da auf hohen Steinsockeln tronen und mit metallenen
Augen und ewig gleichem Lächeln zuschauen wie das Heute zum Gestern wird und
immer wieder ein neues Morgen auftaucht Vor jedem von ihnen standen auf langem
Tische die fünf Altargeräte Räuchergefäss Vasen und Leuchter auch sie von
staubigem Goldton wie alles in dem großen spukhaften Raume Und weiter erspähte
man im Dunkel an den Seitenwänden in stiller Erwartung sitzend zwei Reihen
feierlicher Figuren von Boddhisattwas deren neidenswerte Aussicht es ist
dermaleinst als Buddhas wiedergeboren zu werden Uralt und traumhaft schien das
alles Uralt und traumhaft auch die Zeremonien der Priester ihr eintöniges
Singen mit dem begleitenden Taktschlagen auf Holztrommel Bronzeschelle und
Klingstein ihr langes Knien auf den gelbseidenen zerschlissenen Betkissen ihr
lautloses Schreiten auf den ockerfarbenen samtigen Teppichen mit den verblassten
bläulichen Drachen 
    Die Taitai wollte alles bis ins genaueste sehen auch jene Halle wo all die
schaudererregenden Strafen und Torturen über die die chinesische Hölle so
reichlich verfügt mit dem Genie des Grässlichen dargestellt waren Tschun musste
sie bei solchen Wanderungen stets begleiten und den Kodak tragen Auch versuchte
sie durch ihn Gespräche mit den Priestern anzuknüpfen und zu seinem großen
Erstaunen lächelte sie die Geschorenen mit den gelben Wachsgesichtern dabei an
wie sie es sonst eigentlich nur für den hübschen weißen Herrn tat Aber die
Bonzen starrten ganz stier und unempfänglich vor sich hin Da lachte die Taitai
so hell und laut wie die Buddhas und Boddhisattwas es in ihrer feierlichen
Stille sicherlich nie vorher vernommen Abends beim Diner aber in dem offenen
Hof wo die Leuchtkäfer schwirrten deren Vorfahren einst Konfuzius und seinen
Schülern als Lichter gedient haben sollen erzählte sie dann den europäischen
Herren diese chinesischen Priester wendeten sich offenbar von ihr ab weil sie
in ihr eine Versuchung witterten die sie vom Weg zum Nirwana ablenken könnte
es seien doch wahrlich Leute von großer Tugend
    Doch einer der gelehrten fremden Dolmetscher meinte es sei wohl eher großer
Stumpfsinn
    Und Tschun gab ihm im stillen recht Er verachtete diese ganze heidnische
Umgebung und gleichzeitig war sie ihm unheimlich und er wunderte sich wie die
Taitai die doch aus einem Lande des wirklichen lieben Gottes kam sich für all
das so sehr begeistern konnte Aber er hatte ja überhaupt schon gemerkt dass man
in den Gesandtschaften nicht so viel vom wirklichen lieben Gott hielt wie bei
den Priestern und Nonnen des Petang
    Besonderes Wohlgefallen fand die Taitai an einer Halle die Tsä schen dem
Gott des Reichtums geweiht war Breit fett und grinsend saß er da auf den
quellenden Geldsack gestützt und blinzelte schlau und wohlgefällig auf seinen
schwammigen Bauch herab Diese Halle war wie alle Räume wo Götzen standen
nicht an die Fremden vermietet worden Aber gerade das reizte die Taitai Sie
begann vor Tsä schen Blumensträusse aufzustellen und ihm mit vielen Verneigungen
Räucherkerzen zu bringen Ganz von ungefähr waren dann eines Tages ihre
Staffelei und Klappstuhl in der Halle stehen geblieben und am nächsten Tag
hatten sich ein Tisch und Büchergestell auch dahin verirrt Teppiche und Sessel
mit weichen bunten Kissen folgten So ward Tsä schens Halle ganz unmerklich zu
der Taitai eigentlichem Wohngemach und die Bonzen ließ schweigend diese
Umwandlung geschehen die die Taitai mit soviel ehrfurchtsvollen Gebärden vor
dem fetten Tsä schen zu begleiten wusste Die Taitai war sehr stolz auf diese
Ausdehnung ihrer Einflusssphäre sie nannte es eine erfolgreiche »pénétration
pacifique« Dem staunenden Tschun aber erzählte sie dem Gott des Reichtums
würden auch in ihrer fernen Heimat allerwärts Altäre errichtet und unter allen
Göttern zähle keiner so viel Anhänger und Bittsteller wie er  Und das wollten
nun Christen sein Fürwahr über alles Verstehen erstaunlich erwiesen sich doch
immer wieder diese Fremden Sie waren wie Wege die stets neue unerwartete
Ausblicke bieten
    Bei dem Treiben der ausländischen Gäste und ihrer zahlreichen Gefolgschaft
war »die unendliche Stille« geflohen Nur nachts senkte sie sich wieder auf die
ihr geweihte Stätte hernieder Da war das Lachen und Sprechen der barbarischen
Westländer verstummt Bloß die Quelle hörte man vom Berge herabrieseln und die
zahllosen Nachkommen jener Zikaden die der Kaiser Chien lung einst aus Jehol
den Mönchen zur Zerstreuung mitgebracht zirpten dazu in den Bäumen ihre
eintönige Weise Einmal allnächtlich auch dröhnte dumpf die bronzene Glocke die
die Priester zu andächtiger Übung in den Tempel rief Lautlos glitten sie im
Dunkel dahin durch die Hallen und Höfe Man hörte sie nicht Es war nur ein
Ahnen dass da Schatten im Schatten huschten
    Die benachbarten Tempel wurden von anderen Gesandtschaften während des
Sommers bewohnt und wie in der Stadt so tauschten die Fremden auch hier
Besuche aus veranstalteten Ausflüge luden sich gegenseitig zu Mahlzeiten ein
So waren es trotz aller äußeren Unruhe und scheinbarer Abwechselung und wenn
auch in anderer Umgebung sich abspielend doch immer wieder dieselben sich
stets gleichbleibenden Lebensformen  und in den Augen der das Stetige
Unveränderliche würdigenden Chinesen hatten diese von den Fremden gerade als
Zerstreuung und Unterbrechung gedachten Veranstaltungen durch ihre häufige
Wiederkehr allmählich den Charakter altergebrachter ehrwürdiger Riten
angenommen
    Einen ganzen Nachrichtendienst hatten sich die Fremden zwischen der Stadt
und den westlichen Bergen eingerichtet Alle Morgen kam ein Kuli der auf seinem
Maultier Vorräte und die tägliche Post brachte Außerdem schickten die in Peking
zurückgebliebenen Herren der Gesandtschaft auch noch immer Mafus als besondere
Boten wenn sie wissenswerte Geschehnisse zu melden hatten Heiss und verstaubt
mit glänzenden gelben Gesichtern kamen die auf ihren gedrungenen mongolischen
Ponies im Tempel an neigten das Knie vor dem Tajen der immer dastand als
empfange er eine Volkshuldigung und zogen dann aus dem hohen samtenen
Reitstiefel das sorgfältig in einen Lappen gewickelte Schriftstück
    Und die Mafus klagten Tschun dass sie in keinem früheren Sommer so oft
hätten mit Nachrichten reiten müssen Offenbar gingen sonderbare Dinge vor In
Peking erzähle man sich der Kaiser Kwang Hsü sei völlig unter Kang yu weis
Einfluss geraten und die Reformpartei an deren Spitze er jetzt offen stände
schritte täglich weiter aber ebenso nähme auch das Murren der konservativen
Mandschus zu Ihre Augen richteten sich immer ungeduldiger und erwartungsvoller
auf die alte Kaiserin Tzü Hsi
    Aber die saß ja scheinbar unbeteiligt in ihrem Sommerpalast am Fuß der
westlichen Berge und das einzige was sie bisher getan war dass sie beim
Kaiser die Ernennung von drei weiteren Mandschus zu Mitgliedern des Großen Rats
durchgesetzt hatte Yung Lu Wang wen shao und Kang yi hießen sie Das sah nach
wenig aus aber wer die drei kannte wusste dass es eigentlich viel war denn sie
gehörten zu den erbittertsten Feinden aller Neuerungen und aller Fremden und
waren der Kaiserin völlig ergeben Mit diesen drei im Großen Rat mochte die
Erhabene sich vor Überraschungen wohl einigermaßen gesichert fühlen und wissen
dass sie dafür sorgen würden dass die in den sich jagenden kaiserlichen
Manifesten anbefohlenen Neuerungen mit etwas weniger Überstürzung zur
tatsächlichen Ausführung kämen
    Eine allgemeine Aufrüttelung sonst gleichgültiger Gemüter war indessen durch
die Bewegung schon hervorgerufen Gespannt griff man jetzt nach jeder neuen
Nummer der ehrwürdigen »Pekinger Zeitung« diesem ältesten Blatte der Welt das
sonst nur von heiligen Zeremonien zu berichten hatte die der Sohn des Himmels
vollzogen und von postumen Rangerhöhungen die er verdienstvollen Toten in der
Hierarchie des Jenseits verliehen  denn diese schläfrige Greisin unter den
Journalen die so gut zum schlafenden China gepasst war plötzlich zu einem
wilden Sensationsblatt geworden das täglich neue verblüffende Überraschungen
meldete
    Auch draußen in den Bergen las man aufmerksam die »Pekinger Zeitung« Der
gelehrte Abt las sie und die fremden Dolmetscher und auch Tschun mit den anderen
Boys Und sie erfuhren Marineschulen sollten gegründet werden als Vorstufe zur
Reorganisation der Flotte und besondere Eisenbahn und Minenministerien
eröffnet werden Dies letztere rief lauten Widerspruch hervor denn in der Erde
schlummern ja die Milliarden Toter die über die Millionen Lebender herrschen
die durften doch keinesfalls durch all diese Wühlarbeit gestört werden Diese
Verordnung musste dann auch wohl irgendwie durch den mässigenden Einfluss von Tzü
Hsis drei Vertrauensmännern etwas dilatorisch behandelt worden sein denn es
folgte ein neues Dekret worin der Kaiser über Verschleppung klagte und eine
schleunigere Durchführung seines Reformwerks anbefahl »Denn« sagte er
»Stagnation ist das Zeichen hoffnungsloser Erkrankung«
    Und weiter sprach sich Kwang Hsü missbilligend über die Unwissenheit seiner
Untertanen wie auch über das ganze bisherige Unterrichtswesen aus In allen
Städten sollten darum sofort Zeitungen erscheinen die von einer unter Kang yu
weis Leitung gestellten Zentralstelle mit aufklärenden und belehrenden
Nachrichten über alles Wissenswerte zu versehen seien Vor allem aber müssten
staatliche Schulen allerwärts umgehend eröffnet werden wozu ja manche unnütze
Tempel und Klosterbauten benutzt werden könnten und durch ein besonderes
Übersetzungsbureau sollten den Chinesen die nationalökonomischen und
naturwissenschaftlichen Werke der Fremden zugänglich gemacht werden »welche
Fächer geeignet schienen allmählich in den Examen den Platz der Klassiker
einzunehmen«
    Mit diesem Erlass hatte der den Einflüsterungen Kang yu weis blind folgende
Kaiser Gelehrte wie Priester zugleich herausgefordert Tschun im Tempel der
unendlichen Stille merkte das wohl an der allgemein laut werdenden
Missbilligung Die chinesischen Lehrer der Dolmetscher die in vielen Jahren
angestrengtester Arbeit mühsam ihre wissenschaftlichen Rangstufen erworben
hatten sahen sich der Gefahr gegenübergestellt aller Früchte ihres Fleißes
beraubt zu werden Denn was sollte aus ihnen und den aber Tausenden
ihresgleichen werden wenn die klassische Gelehrsamkeit nicht mehr den
alleinigen Weg zu Aemtern und Würden bildete wenn fortan in den Examen statt
nach den erhabenen Lehren von Konfuzius und Mencius nach den querköpfigen
Doktrinen irgendwelcher obskurer Barbaren wie Stewart Mill oder Darwin gefragt
würde  Es war nicht auszudenken
    Die Lehrer wurden ganz aufgebracht Tschun hörte sie erregt diskutieren und
obschon diese Herren ihren Broterwerb gerade in den ausländischen
Gesandtschaften fanden klang doch jetzt auch aus ihren Worten der in jedem
Chinesenherzen schlummernde Fremdenhass Der Ursprung all dieses Übels war eben
doch schließlich auf die Leute von jenseits der Meere zurückzuführen 
    Am entrüstetsten aber äußerten sich die vielen Priester und der Abt des
Klosters beschloss sich hinunter zur Sommerresidenz der Kaiserin zu begeben um
vor der gnadenreichen Gegenwart seine Stimme zu erheben und sie anzuflehen die
Rechte zu schützen die den Tempeln und Klöstern vor Jahrhunderten von den
heiligen kaiserlichen Ahnen verliehen worden waren
    Und er war nicht der einzige der sich mit solchem Flehen dort einfand Der
Sommerpalast war zwar von einer hohen Mauer umfriedet aber es drang doch
mancherlei von dem was drinnen vorging über diese Umwallung hinaus Und so
erfuhr man denn in den benachbarten Dörfern und von da wiederum in den Tempeln
dass sich die Abordnungen mehrten die täglich aus Peking kamen um vor Tzü Hsi
gegen die von den Kantonesen eingegebenen Willensäusserungen ihres plötzlich so
intensiv regierenden kaiserlichen Neffen zu protestieren
    Das Gefolge des Abtes erzählte bei seiner Rückkehr dass gleichzeitig mit
ihnen die vornehmsten Mandschugrossen und die höchsten Beamten des Ministeriums
der heiligen Riten im Sommerpalast eingetroffen seien um mit lauten Stimmen
Aufhebung der allerneuesten Manifeste Kwang Hsüs zu verlangen In ihnen hatte
der Kaiser wegen Unterschlagung einer an ihn gerichteten reformatorisch
gesinnten Denkschrift die Spitzen dieser ehrwürdigen Behörde kurzerhand all
ihrer Aemter enthoben Außerdem aber hatte er um Geld für seine Reformen zu
gewinnen auch die Aufhebung einer Menge einträglicher Pfründen verfügt auf
denen seit Generationen die Mandschus anstrengungslos fett geworden Tausende
wurden von dieser Maßregel getroffen sogar ein Verwandter der Kaiserin aus dem
Yehonala Klan befand sich darunter
    Doch Tzü Hsi die Geheimnisvolle hatte all diesen in sie Drängenden wie
auch dem Abte nur vieldeutig geantwortet »Sie möchten sich gedulden« Ihre
eigene Geduld war scheinbar nicht erschöpft denn es hieß dass sie gerade jetzt
wieder ein besonders prunkvolles Teaterfest vorbereiten ließe Und doch schien
es unglaublich dass sie all diese Umwälzungen ruhig hinnehmen sollte
    Gerade um diese Zeit musste der Tajen sich auf einen Tag in Geschäften nach
Peking zurückbegeben Aber mit all den dunkeln Umtrieben und Vorgängen im innern
Leben Chinas hatte seine Reise offenbar nichts zu tun denn Tschun hörte ihn
ärgerlich zum ersten Sekretär sagen »Da muss man nun mal wieder seinen
wohlverdienten Landaufentalt unterbrechen bloß wegen dem ewigen Drängen dieser
unleidlichen Konzessionsjäger«  Ja was sich auch sonst im rätselreichen China
an Wandlungen vorbereiten mochte das geschäftige Treiben der Konzessionsjäger
blieb sich immer gleich und um solch eine von seiner Heimatsregierung besonders
protegierte Gruppe zu vertreten hatte sich der Tajen im TsungliYamen
angemeldet »Na« sagte er beim Abschied »wenigstens will ich die Gelegenheit
benutzen um bei den Kuriositätenhändlern in Peking mal wieder Umschau zu
halten ob sie nicht neue Nephritgegenstände inzwischen erhalten haben«
    Nachdem die Sänfte in der der Tajen nach Peking getragen wurde auf dem
zur Ebene führenden Weg verschwunden war beschloss die zurückbleibende Taitai
eine Wanderung in die Berge zu unternehmen Es gab da auf einer der obersten
Höhen ein verfallenes graues Tempelchen das zu besuchen sie schon lange lockte
Tschun musste sie wie immer begleiten und Tin chau trottelte nebenher mit
wohlgebürstetem Seidenhaar platt gedrücktem Trüffelnäschen und erstaunt
hervorquellenden Glotzaugen Wurde aber der Weg dem Hündchen lang so dass ihm
die kleine rosa Zunge aus dem Mäulchen hing so nahm Tschun es auf den Arm und
trug es sorglich weiter
    Ein schmaler Pfad schlängelte sich den Hügel hinan An den kahlen
Vorsprüngen des Bergrückens auf die die Sonne brannte lag er schattenlos da
standen spärliche wilde Blumen zwischen braun versengtem Gras und schillernde
Eidechsen wärmten sich regungslos auf den Steinen aber wo des Weges Windungen
durch die Schluchten führten war es kühl und schattig Denn da hatte sich die
Feuchtigkeit seit vielen tausend Frühlingen bei jeder Schneeschmelze angesammelt
und es waren kleine Haine entstanden Auch mussten diese Plätze offenbar von
früheren Menschen als Stätten kurzer Lebensjahre oder langer Todesruhe bevorzugt
worden sein denn allerwärts traf man Mauerreste verschwundener Klöster und
Spuren von Gräbern längst Vergessener
    An solch einem lang schon namenlos gewordenen Platze gewahrten die Taitai
und Tschun einen auf einer umgestürzten Steinstele rastenden Knaben Ein Bündel
das er an einem Bambusstab über der Schulter getragen lag neben ihm Die
Taitai die auf ihren Reisen in die Lebensbedingungen möglichst fremdartiger
Menschen ebenso gern eindrang wie sie unbekannte ausländische Gerichte kostete
wollte wissen was er hier mache Auf Tschuns Frage deutete der Knabe in die
Höhe wo man nun schon deutlich das graue ganz verfallene Tempelchen gewahrte
und antwortete »Ich gehe dort hinauf zum Tempel der tiefen Beschaulichkeit dem
heiligen Mann Essen bringen Dafür muss er dann beten dass wir genug Regen
bekommen für unsere Felder«
    Die Taitai war ganz erstaunt dass irgend jemand in dieser Abgeschiedenheit
leben könne und der Knabe erzählte »Winters geht der heilige Mann immer nach
Peking da könnte ja auch niemand von uns aus dem Dorfe im Schnee hier herauf
kommen um ihm sein Essen zu bringen Aber sommers ist er immer da Er kommt von
sehr weit her« Und dabei machte der Knabe eine Gebärde die den ganzen Horizont
zu umfassen schien
    Nun war die Taitai sehr begierig geworden diesen Einsiedler zu sehen und
zusammen mit dem Knaben schritten sie den Berg weiter hinan Wandernd erzählte
er ihnen dass er Mahan heiße und sie schon mehrmals gesehen habe denn er wohne
in einem dem Tempel der unendlichen Stille nahen Dorfe
    Der Weg war jetzt steil und steinig geworden und Tschun hatte Tin chau
längst auf den Arm genommen Der Blick hätte hier oben immer umfassender werden
müssen aber die ganze Ebene war verschwommen Wie ein dichter Schleier lag die
stauberfüllte Luft darüber
    »Wenn es klar gewesen wäre hätten wir wohl sicher in den Sommerpalast
hineinsehen können« frug die Taitai
    Aber der fremde Knabe antwortete
    »O nein er ist durch einen Gebirgsvorsprung ganz verdeckt in den darf man
nicht hineinsehen«
    »Und es darf auch niemand hineingehen« sagte die Taitai bedauernd
    »Nein Ihr Fremden natürlich nicht« antwortete der Knabe »aber ich bin
schon ein paarmal dagewesen«
    Dies erstaunte die Taitai sehr und sie stellte so viele und schnelle
Fragen dass Tschun Mühe hatte so rasch zu übersetzen Mahan erzählte im
Sommerpalast gäbe es oft große Teaterfeste und außer der eigentlichen aus den
Eunuchen der Kaiserin zusammengesetzten Schauspielertruppe würde auch immer noch
eine ganze Masse Knaben auf der Bühne gebraucht Die nähme man dazu aus der
Umgegend Er selbst habe auch schon einige Male so mitgespielt Die Taitai
wollte natürlich am meisten über die Kaiserin hören und die Damen ihres
Hofstaates aber gerade davon wusste der Knabe am wenigsten zu sagen was für ein
Kostüm ihm selbst angezogen worden war welche Bewegungen er zu machen gehabt
hatte das war das was ihm als Wichtigstes im Gedächtnis geblieben war
    »Oh Tschun« rief die Taitai »wenn Du doch dort gewesen wärst Ich bin
sicher Du hättest besser aufgepasst und könntest mehr erzählen«
    Doch nun waren sie an dem obersten Berggrat angelangt und vor ihnen lag der
Tempel der tiefen Beschaulichkeit Uralt und verwittert war er wie der Fels
auf dem er stand Der Berg endete hier in jähem Absturz und mit den
undurchdringlich dichten Staubschleiern tief unten die von hier oben gesehen
einem Meere glichen schien das Tempelchen auf der einsamen Bergkuppe losgelöst
von allem zwischen Himmel und Erde zu schweben
    Auf dem äußersten Felsvorsprung und der Ebene zugewandt gewahrten die
Ankommenden die sitzende Gestalt eines großen hageren Mannes Etwas unsäglich
Verlassenes lag in seiner ganzen Haltung aber es war nicht nur die durch die
äußere Lage bedingte zufällige Einsamkeit die sich in ihr ausdrückte sondern
ein Tieferes  Wesentlicheres  als sei diese körperliche Hülle zeitweilig vom
Leben selbst verlassen und läge nun da als ein gleichgültiges überwundenes Etwas
 wie eine abgetane verschrumpelte Schlangenhaut
    Der Einsiedler schien die Ankommenden gar nicht bemerkt zu haben Erst als
sie sich ihm ganz näherten und der Mahan ehrfurchtsvoll das Knie beugend ihn
an der Schulter berührte wandte er sich um Doch auch noch jetzt starrte er sie
zuerst an als gewahre er sie gar nicht sondern als schaue er durch sie
hindurch auf etwas das hinter ihren Erscheinungen läge Erst allmählich und
widerstrebend kehrte ein Etwas seines Wesens das offenbar in weiten Fernen
geschweift zum Bewusstsein der Wirklichkeit zurück Über das erstarrte Gesicht
lief ein Zittern und es war als würden die erloschenen Augen von einer
unsichtbaren Hand wieder entzündet wie nachts in einem dunklen Haus plötzlich
Lichter an den Fenstern aufleuchten
    Tschun sah den Einsiedler erstaunt an Das war kein Mensch wie er kein
Mandschu oder Chinese eher glichen seine Züge denen der Fremden aber auch zu
ihnen konnte er nicht gehören Dazu war seine Hautfarbe viel zu dunkel  Die
Taitai aber sagte erstaunt »Das ist ja ein Inder Frag ihn doch wie er
hierher gekommen ist falls er Chinesisch kann«
    Ja der Einsiedler konnte Chinesisch Er erzählte dass er vor vielen vielen
Jahren nach Peking gekommen sei mit einer Sondergesandtschaft aus einem der
Grenzstaaten von jenseits der höchsten Berge  weit weit fort im Süden »Als
die Gesandtschaft wieder abreiste war ich krank man musste mich zurücklassen
Seitdem bin ich hier geblieben ich weiß nicht wieviel Sommer und Winter es her
ist«
    Ob er sich nicht in sein eigenes Land zurücksehne
    Der alte Mann mit dem seltsam verträumten Ausdruck schüttelte den Kopf »Was
ist denn ein Land mehr wie das andere« antwortete er »täuschender Schein sind
sie alle und hätten mit uns alle längst schon erlöst im Nichts vergehen dürfen
wenn wir sie und uns durch unseren Willen nicht immer von neuem zum Weiterleben
zwängen Seht als Ihr vorhin kamt da hatte ich eben für einen Augenblick die
höchste Stufe erreicht und das Nichtsein so sehr gedacht dass während einer
kurzen Spanne dies kleine Stückchen Welt erlöst versank und ich mit ihm«
    Die Taitai sagte lachend »Damit würdet Ihr aber vielen Herren die ich
kenne einen schlimmen Streich spielen wenn Ihr gerade das Stück Welt das man
China nennt versinken liesset  denn die trachten ja alle danach sich einen
möglichst großen Anteil davon zu sichern«
    »Ja ja die Gier die Gier« seufzte der Einfiedler
    Tschun fand es nun doch nötig auch von sich aus noch etwas hinzuzusetzen
um dem sonderbaren Alten zu erläutern welche Macht sich da in Gestalt der
Taitai vor ihm offenbare und er sagte »Ihr müsst nämlich wissen dass meine
Herrschaften Christen sind und darum wollen sie China viel Gutes tun«
    »Das Christentum ist in der Tat nicht schlecht« antwortete der Einsiedler
sinnend »auch was Konfuzius Mencius und Lao tse hier einst lehrten enthält
manch Beherzigenswertes Die meisten Religionen wollen ja Gutes es sind die
wohlgemeinten wenngleich unbeholfenen Versuche frommer Männer den wahren Pfad
zu finden Aber ihre Nachfolger und Gemeinden sind dann von den ursprünglichen
Lehren weit abgeschweift so dass Christus und Lao tse sich sicher wundern
würden wer sich heute alles als ihre Jünger ausgibt Und bestenfalls sind doch
auch ihre Lehren nur Umwege Krischna und Buddha wiesen ja längst schon den
wahren Pfad«
    Mahan der mittlerweile mit seinem Bündel in der baufälligen Behausung des
Alten verschwunden war trat nun wieder zu ihnen und sagte »Heiliger Mann ich
habe Euch diesmal reichlichen Vorrat mitgebracht denn in den nächsten Tagen
werde ich wohl nicht kommen können ich soll wieder in den Sommerpalast zu den
Teaterfesten«
    »Theater« sagte der Einsiedler mit seinem seltsam mitleidigen Lächeln als
spräche er nur für sich »ja das ist auch so ein Ausdruck der Gier Mit dem
einen Leben begnügen sich die Menschen so wenig dass sie sich noch ein zweites
vorspielen lassen Schein im Schein wollen sie haben« Und dann wandte er sich
mit einem ganz neuen Ton freundlicher Besorgnis an den Knaben »Nun mein
kleiner Ernährer so geh denn den Weg den Du noch gehen musst und vor allem
kehr mir wohlbehalten von dort zurück wo Gier um Macht streitet Mir ist etwas
bang um Dich denn wenn ich auch hier hause wie ein einsamer Adler so dringen
doch manche Laute zu mir und neulich kamen Leute die erzählten es würde dort
wo Du hingehst ein gar schlimmes Stück vorbereitet«
    Zugleich mit dem Knaben trat nun auch die Taitai den Rückweg an Und während
der heilige Mann dort oben in tiefes Träumen über das Auslöschen des Ichs und
damit auch seiner Weltvorstellung zurücksank war all ihr Denken im Gegenteil
nur darauf gerichtet wie ihrem Ich das Dasein voll spannender Abwechslung zu
gestalten sei Denn sie die sich so gar nicht an der tiefen Beschaulichkeit
genügen ließ sondern am liebsten zehn Leben zugleich gelebt hätte hatte soeben
mit geschäftigem Hirn einen ganzen Plan ersonnen und dessen Ausführung wollte
sie sofort einleiten Tschun müsse in den Sommerpalast zur Aufführung sie wolle
von ihm darüber hören  Und Tschun dessen geheimste Wünsche ganz in derselben
Richtung gingen war nur zu bereit Der fremde Knabe müsse ihn mitnehmen sagte
die Taitai und als Verwandten einführen der sich auch fürs Teaterspiel
anböte
    Beinahe so erfinderisch wie die Chinesen selbst konnte doch so eine fremde
Dame sein dachte Tschun Aber wie mochte sie das wohl mit dem Gebote der
Wahrhaftigkeit vereinen das die Fremden den Chinesen gegenüber doch so oft
betonten
    Mahan der sogleich die Möglichkeit von Gelderwerb witterte erhob zuerst
Schwierigkeiten gegen den Vorschlag und damit spekulierte er richtig denn die
Taitai bot ihm alsbald eine viel höhere Belohnung als er zu erwarten gewagt
Schließlich war alles abgemacht sowie er von dem Palastwächter der die
Figuranten zu besorgen hatte erfuhr an welchem Tag die Aufführung stattfinden
solle würde er ihm von Tschun sprechen und bitten ihn ebenfalls als Statisten
mitbringen zu dürfen
    Feierlicher denn je kehrte der Tajen am nächsten Tage in der grünen Sänfte
aus Peking zurück Würde Wichtigkeit und erfolgreiche Amtstätigkeit
ausstrahlend Und nach wenigen Stunden wussten die Boys und mit ihnen auch Tschun
alle Neuigkeiten die er mitbrachte Denn irgendwie erfuhren sie die auf dicken
Filzsohlen Gehenden doch immer alles
    Die Mitglieder des TsungliYamen waren auf die Forderungen des Gesandten mit
überraschender Bereitwilligkeit eingegangen ganz ohne die gewohnte
Verneinungstaktik anzuwenden mit der sie sonst jede Verhandlung begannen Dem
begleitenden Dolmetscher hatten sie den Eindruck gemacht von Leuten die vor so
gewaltigen Ereignissen zu stehen glauben dass das was bisher wichtig erschien
zur Geringfügigkeit zusammenschrumpft Der Tajen war sogar beinah etwas
pikiert dass er seinen Erfolg so leicht errungen hatte Aber er freute sich
schon im voraus auf die Enttäuschung die ein anderer Tajen der sich um die
gleiche Konzession bemüht hatte empfinden würde wenn er diesen Sieg erfuhr
    Seine glücklich geführte Verhandlung hatte der Tajen seiner Regierung
bereits von Peking aus telegraphisch gemeldet Nun sollte noch im Tempel der
unendlichen Stille ein ausführlicher Bericht darüber verfasst werden
    »Und dann ist da noch etwas anderes über das wir vielleicht berichten
müssten« sagte der Tajen zum ersten Sekretär was Kuang yin deutlich von der
angrenzenden Zelle aus hörte wo er scheinbar eifrigst die verstaubten Kleider
seines Herrn reinigte »Ich bin nämlich bei dem Bischof im Petang gewesen um
seine Ansicht über eine Nephritschale zu hören die mir angeboten worden ist 
Sie wissen doch dass er der größte Kenner von Nephrit ist  na und bei dieser
Gelegenheit hat er mir allerhand über diese chinesische Reformbewegung erzählt
Er schien sogar voller Apprehensionen«
    »Ach« meinte der Sekretär »diese geistlichen Herren reden sich ja immer
künstlich in ein Interesse für kleine chinesische Vorkommnisse hinein weil sie
sich nun mal dazu verurteilt wissen ihr ganzes Leben in diesem gottverlassenen
Lande zu verbringen Dadurch nehmen die hiesigen Dinge in ihren Augen eine viel
größere Wichtigkeit an Ich glaube wir Diplomaten die wir gottlob nur
vorübergehend hier sind und vergleichen können sehen das alles im richtigeren
Maßstab«
    »Gewiss gewiss« sagte der Tajen »aber es ist am Ende doch sicherer wir
schreiben ein bisschen was darüber damit uns nachher zu Hause nichts vorgeworfen
werden kann wenn wirklich etwas mehr aus alledem entstehen sollte«
    Der erste Sekretär frug nun was der Bischof denn eigentlich mitgeteilt
habe und der Tajen antwortete »Oh er hat mir recht merkwürdige Dinge
erzählt Die Kaiserin hat doch wie schon neulich in der »Pekinger Zeitung«
stand die Verbannung des gelehrten alten Weng tung ho aus Peking durchgesetzt
Als Grund wurde in dem Edikt angegeben er habe es nicht verstanden dem Kaiser
die Klassiker genügend zu erklären In Wahrheit aber ist diese Massregelung auf
den Hass von Tzü Hsis großem Günstling dem militärischen Befehlshaber Tientsins
Yung Lu zurückzuführen Dieser Hass soll daher stammen dass in einer Zeit da
Tzü Hsi allen Grund hatte anzunehmen dass Yung Lu sich an ihrer Huld genügen
lasse Weng tung ho ihr den Beweis erbrachte dass Yung Lu zu einer Hofdame
Beziehungen unterhalte die in diesem Fall ihren kaiserlichen Augen besonders
unerlaubt erscheinen mussten Yung Lu hat das Weng tung ho nie vergessen denn er
hat lange unter dem eifersüchtigen Groll der Kaiserin zu leiden gehabt Jetzt
aber nach vielen Jahren wo Tzü Hsi ihm verziehen hat er ihre Abneigung gegen
die Reformer benutzt und so ist es ihm gelungen sich an Weng tung ho zu
rächen Seitdem nun aber der doch immerhin sehr mässigende alte Weng tung ho in
sein Heimatsdorf verschwinden musste ist der Kaiser zum Teil wohl aus einem
gewissen Trotz gegen die herrische Tante dem viel radikaleren Kang yu wei erst
recht verfallen«
    »Wie kann er nur an diesen unpraktischen Phantasten glauben« rief der
Sekretär »Nach all den von ihm inspirierten Edikten muss ja dieser Kang yu wei
ein bloßer Phrasenheld sein der abgedroschene Leitartikel liberaler
europäischer Blätter hier als große Geistesneuheiten verzapft«
    »Ja« sagte der Gesandte »so schildern ihn auch die dem Bischof
unterstellten Missionare die ihn früher in Kanton gekannt haben Außerdem
bezeichnen sie ihn aber auch als einen Ehrgeizigen Und der Bischof geht sogar
so weit zu behaupten dass Kang yu wei letzten Endes eine Republik anstrebe«
    »Aber das ist ja zum Lachen Exzellenz« rief der Sekretär »eine
chinesische Republik Das erlebt keiner von uns«
    »Auf alle Fälle« sagte der Gesandte »scheint dieser plötzliche
Emporkömmling eine gewisse Menschenkenntnis zu besitzen denn er hat den Kaiser
in seiner körperlichen Schwächlichkeit und emotionellen Wesensart sofort als
leicht lenksames Werkzeug seiner Pläne was sie nun auch sein mögen
eingeschätzt aber in der alten Kaiserin erkennt er ein sehr anderes Temperament
und sieht in ihr seine wirklich gefährliche Gegnerin Deshalb soll er auch alles
tun um den Kaiser gegen seine Tante noch weiter aufzuhetzen Bisher hat Tzü Hsi
die Dinge gehen lassen weil sie sich nicht persönlich gefährdet fühlte Aber
das soll jetzt anders geworden sein Seit kurzem zirkulieren nämlich
Spottgedichte über sie die aus Kanton stammen und die Kang yu wei dem Kaiser
in die Hände gespielt hat Durch diese Äußerungen die er dem Kaiser als
Ausdruck der allgemeinen öffentlichen Meinung darstellt möchte er ihn dazu
bringen Tzü Hsi plötzlich festnehmen zu lassen und der Möglichkeit allen
weiteren Einflusses auf die Regierung zu berauben Der Bischof sagt
wahrscheinlich habe Tzü Hsi schon jetzt genaue Kunde von all diesen Umtrieben
denn die junge Kaiserin die auch eine Nichte Tzü Hsis ist und mit ihrem Gemahl
ja in ständigem Unfrieden lebt weil sie von ihm zugunsten der PerlKonkubine
völlig vernachlässigt wird hinterbringe ihr alles Sobald aber Tzü Hsi weiß
dass gegen sie persönlich ein Anschlag im Werke ist erwartet der Bischof dass
sie vernichtend dazwischen fahren wird«
    »Mit was für Mitteln sollte denn aber der Kaiser die Festnahme Tzü Hsis
ausführen lassen wollen« warf der Sekretär ein »Man sagt doch im Sommerpalast
sei sie von zahlreichen Wachen umgeben und das nächste Militär steht ja gerade
unter Befehl dieses Yung Lus Na und wenn der heute auch wohl nicht mehr in
zärtlichen Beziehungen zu ihr steht so würde er doch wohl in jedem Konflikte
bestimmt zu ihr halten«
    »Ja das habe ich dem Bischof auch eingewendet« antwortete der Gesandte
»ihm ist aber aufgefallen dass der Kaiser in letzterer Zeit einen gewissen Yüan
schih kai empfangen hat Gleich darauf ist dann ein Edikt zur Reorganisation des
Heeres erschienen und dieser Yüan schih kai ist zum Präsidenten der damit
beauftragten Kommission ernannt worden Der Bischof glaubt nun dass das
derjenige sei den der Kaiser ausersehen hat ihm bei dem Anschlag zu dienen Es
soll ein Günstling Li hung changs sein der rasche Karriere gemacht hat Wissen
Sie etwas von dem Mann«
    »Leider nein Exzellenz« antwortete der Sekretär »es ist ja überhaupt
schon schwer sich nur all die verwünschten Namen dieser Leute zu merken«
    »Ja ja« sagte der Gesandte »und aussehen tun sie für unsere Augen auch
alle ziemlich gleich Na was nun auch kommen mag ich denke China wird China
bleiben und wir werden hier in gewohnter Weise unsere Geschäfte weiter machen«
Und dann setzte er hinzu indem er dem Sekretär einige Blätter reichte »Hier
sind übrigens die kantonesischen Flugblätter die mir der Bischof mitgegeben
hat vielleicht kann einer der Dolmetscher sie übersetzen«
    Die Blätter blieben abends auf dem Schreibtisch des Dolmetschers liegen Da
fand sie dessen Boy Und teilte den anderen deren Inhalt mit So erfuhren diese
und auch Tschun dass die große Kaiserin Tzü Hsi die Mütterliche und
Glückverheissende noch manch andere Charakterseiten besitze die nicht so
geeignet schienen als lobend verliehene Titel hervorgehoben zu werden Vor
allem wurden ihr ihre masslose Geldgier und Verschwendungssucht vorgeworfen Es
hieß
    »Von den Zwergen der Inseln sind wir so leicht geschlagen worden weil die
Kaiserin durch Li lien ying die für die Flotte bestimmten Gelder für sich
verwenden ließ Statt Schiffe zum Schutz unserer Küsten hat sie den
Sommerpalast für ihre Vergnügungen erbauen lassen So ist sie schuld an jenen
Niederlagen denen neue Demütigungen und Einbussen an Macht und Besitz folgten
Das große China musste es alles dulden weil es durch eine Frau wehrlos
geworden«
    Und auch intimere Dinge aus dem privaten Lebenswandel der göttlichen Mutter
bespotteten die Pamphlete An the hai der frühere Lieblingspalastwächter habe
gar nicht die Qualifikationen für diesen Posten besessen ihr Geliebter sei er
gewesen wie später Yung Lu und so manche andere In ihren Ausschweifungen wurde
Tzü Hsi von den kantonesischen anonymen Dichtern mit der berüchtigten Kaiserin
Wu der TangDynastie verglichen wie auch mit Ta Chi der nichtswürdigen
Konkubine des Kaisers Chou Hsin die in ihrem Palast am Teich von Wein ähnlich
ungeheure Orgien begangen habe wie heute Tzü Hsi in ihrem Sommerpalast Immer
aber schlossen diese Strassenballaden mit einer Warnung an den Kaiser Kwang Hsü
»Sollte die MandschuDynastie zugrunde gehen so wird jene Frau daran schuld
sein die dem rechtmäßigen Herrscher nicht gestattet zu regieren«
    
    Tschun las all die Ungeheuerlichkeiten die der Kaiserin da vorgehalten
wurden und er verstand auch die obszönen Witze die die Boys daran knüpften
aber trotzdem kam er zu keinem eigentlichen Bewusstsein der Wirklichkeit dieser
Dinge  es war ihm als sei das alles eben doch nur in Büchern vorgefallen Er
konnte es sich nicht recht vorstellen
Aber nun kam Mahan Es würden noch viele Knaben als Figuranten für das
kaiserliche Theater gebraucht Tschun solle gleich am nächsten Morgen mit ihm in
den Sommerpalast kommen
    Der Sommerpalast umfasste eine ganze Sammlung von Palästen samt Hallen
Pagoden Pavillons und Kiosken Zerstreut lagen sie in einem ungeheuren
Grundstück das sich von der Ebene aus noch über einen ganzen Bergabhang
ausdehnte Die blutrote Umfassungsmauer mit ihrer goldenen Kachelkrönung wand
sich wie ein seltsames Schlangenungetüm in Zickzacklinien um das ganze Gelände
Wälder Gärten Grotten ein riesiger See mit der felsigen Insel des
Drachenkönigs hochgeschwungene Marmorbrücken über Lotosteichen das alles lag
dahinter
    Den Eingang bildete ein mächtiges überdachtes Mitteltor das sich nur den
Herrschern öffnete mit zwei kleineren Türen daneben  Durch eines dieser
schritten die vielen großen und kleinen Knaben die sich vorher draußen bei den
Torhüterhäusern versammelt hatten Von einem Palastwächter mit Kristallknopf
und schwarzer Feder wurden sie in einen großen mit Steinfliesen belegten Hof
geführt Alte Pinien standen da und ihre Zweige waren mit kleinen Bambusbauern
behängt in denen schöne Vögel saßen Am Ende dieses Hofes erhob sich eine
zweite blutrote Mauer durch die ein genau dem ersten gleichendes Tor in einen
weiteren Hof führte  Es lag etwas Beklemmendes in diesen Wiederholungen
Dieser Hof war voll von Menschen in den offiziellen Gewändern der verschiedenen
Rangstufen und in den einstöckigen Wartehäusern auf beiden Seiten sah man durch
die offenen Türen noch viele viele andere stehen Es waren zumeist
MandschuMandarine die auf Audienzen harrten
    Tschun wäre gern verweilt um sie alle genau zu besehen aber der
Palastwächter mit dem Kristallknopf und der schwarzen Feder drängte die
Knabenschar durch drei weitere immer riesigere Höfe
    Und immer beklommener wurde Tschun dabei Es war ihm wie in einem Traum wo
man geht und geht und doch nicht weiter kommt So gleich blieben sich diese Höfe
mit den blutroten Mauern diese Tore unter geschweiften gelben oder grünen
Dächern deren Firstornamente wie große goldene Flügel wirkten Überall an den
Wegen entlang standen bronzene Reiher und Rehe die selbst so aussahen als
seien sie in einen tiefen Zauberschlaf verfallen
    Aber Tschun hatte doch Zeit zu bemerken wie wunderbar schön das alles
gehalten war Kein Unkrautalm spross zwischen den Steinfliesen kein Blatt lag
auf den Wegen Nirgends eine Spur jenes Staubes der in Peking und auch in den
Tempeln unmerklich aber ständig rieselnd alles mit seinem einförmigen grauen
Ton bedeckt Hier standen die Farben frisch und leuchtend in blendender Schärfe
gegen den klaren Himmel Tschun hatte bisher gedacht dass es nur bei den Fremden
so sauber aussehen könne Nun empfand er eine Art Stolz dass das doch auch im
eigentlichen China möglich sei
    Dann kamen sie an einen geschnitzten dreiteiligen Triumphbogen und dahinter
lag grün schimmernd der riesige See Tschun dachte größer kann auch das Meer
nicht sein Ein Weg mit einer Marmorbalustrade führte am Wasser entlang
Trauerweiden ließ ihre langen biegsamen Zweige tief hinabhängen Es war
Tschun als sähe er ein verwirklichtes chinesisches Gedicht
    »Eilt Euch« sagte der Palastwächter »der alte Buddha fährt auf dem See und
kann bald zurückkehren Dort an den Marmorstufen wo die vielen Menschen warten
wird die Kaiserin aussteigen und sich in die Audienzhalle tragen lassen Wir
müssen vorher vorbei sein«
    Aber der Marmorweg dehnte sich endlos aus Und plötzlich dicht bei den
Stufen kam aus einem Nebenarm des Sees der ganz mit Lotos bedeckt war der
kaiserliche Nachen angeglitten Er war schon ganz nahe Andere Boote folgten
Sie waren gefüllt mit Menschen in buntschillernden gestickten Seidenkleidern
    »Werft Euch nieder« befahl der Palastwächter mit zitternder Stimme Und
gleich ihm knieten all die Knaben und berührten den Boden mit der Stirn
    Es waren seltsame Boote Wie schwimmende Pagoden aus feingeschnittenem Holz
schienen manche An den zurückgeschobenen Fenstern der Kajüten spielten
rotseidene Vorhänge in der leichten Brise Man blickte in kleine verschwiegene
Räume die doch viel zu erzählen schienen Aber die Herrscherin selbst hatte für
diesen Tag einen ganz flachen offenen Nachen gewählt über dessen Rand die hohen
Lotosblüten aus dem Wasser noch emporreichten
    So fuhr sie in einem Meer von Blumen Sie saß unter einem gestickten
Ehrenschirm den ein Diener über sie hielt Hofdamen mit weiß und
rosagepuderten Wangen und kirschroten Schminkflecken auf der unteren Lippe
umstanden sie und Palastwächter in kostbaren Trachten und großen Hüten
schoben das Boot mit langen Stäben im seichten Wasser vorwärts Die grünen
Lotosblätter bogen sich dabei auseinander mit einem Klang von rauschender Seide
Ein geschnitzter Wandschirm dessen seidene Felder mit Phönixen und
Glückssprüchen bestickt waren stand hinter der Gewaltigen ein Symbol höchsten
Ranges und zugleich ein Schutz gegen jeden heftigeren Windhauch
    Die Kaiserin hatte die Knaben am Ufer gewahrt und befahl zu halten
    Nun wird sie uns sicher alle köpfen lassen dachte Tschun
    Aber eine tiefe etwas raue Stimme erschallte ganz freundlich vom Wasser
und fragte »Sind das die Knaben von den Dörfern die heute beim Teaterspiel
auftreten sollen«
    Der Palastwächter berührte noch einmal den Boden mit der Stirn und
antwortete »Sie sind es Lao tsu tung strafe Deinen unwürdigen Knecht dass Du
sie auf Deinem Wege gefunden«
    Doch die Kaiserin sagte ganz behäbig gutmütig »Mögen die Kinder sich
immerhin hier etwas umsehen Es hat ja mit dem Theater noch mehrere Stunden
Zeit« Und dann befahl sie einem anderen Palastwächter »Man soll nicht
vergessen ihnen zu essen zu bringen«
    Tschun war ganz erstaunt Er hätte nie gedacht dass die Gefürchtete so sein
könne Jetzt erst wagte er sie verstohlen anzusehen Er sollte sich ja auch
alles genau für die Taitai merken Ja das päoniengestickte Kleid würde er ihr
beschreiben können die goldenen Nagelfutterale an den gebrechlich dünnen
Fingern die Perlenquasten und Nephritembleme an dem breitausladenden
Mandschukopfschmuck die Kette dicker Perlen die nicht wie bei der Taitai um
den Hals geschlungen war sondern an einem Knopf der Jacke hing  Aber das
Gesicht Das war viel schwieriger Es war Tschun als seien es eigentlich viele
Gesichter Wie ja auch im Tempel die Buddhas der Vergangenheit Gegenwart und
Zukunft verschieden waren und doch ein und derselbe sein sollten Trotz ihrer
Leutseligkeit hatte sie etwas Beängstigendes Lag das vielleicht an der
gebogenen Adlernase die Tschun noch in keinem chinesischen Antlitz gesehen
    Nun landete die Erhabene an den Stufen und die Hofdamen mit den weißrosa
Puppengesichtern und den kirschroten Flecken auf den Unterlippen eilten herbei
so schnell es auf den hohen Mandschusockelschuhen ging und halfen und stützten
mit vielen Verbeugungen und verbindlichem Lächeln
    Ein ganzes Gewühl von Bediensteten hatte hier mit Sänften der Ankunft der
Boote geharrt Die Kaiserin bestieg einen gelben offenen Tragstuhl Acht
Palastwächter hoben ihn an langen Stäben empor dabei stand zu jeder Seite ein
hoher Würdenträger die Hand auf dem Tragstab ruhend Hinzwinkernd zu dem auf
der Rechten Stehenden der allein unter allen den roten Knopf und die
Pfauenfeder trug flüsterte Mahan »Das ist Li lien ying« Und auch dieser
Gefürchtete war für Tschun eigentlich eine Enttäuschung Er hatte ihn sich gar
furchtbar gedacht Statt dessen war es ein schöner Mann von unendlich höflichen
Manieren der sich mit würdiger Anmut vor der Gebieterin verneigte und ihr
während sie sich zurechtrückte offenbar Belustigendes erzählte denn sie lachte
ganz laut
    Dann begann der ganze Zug sich feierlich in Bewegung zu setzen Vier
Eunuchen der fünften Rangstufe schritten voran zwölf der sechsten folgten dem
kaiserlichen Tragstuhl Dann kamen alte Amahs und junge Dienerinnen Und sie
alle trugen der Kaiserin die verschiedensten Gegenstände nach die sie etwa
benötigen konnte Kämme Spiegel Puderbüchsen gestickte seidene Taschentücher
schwarze und rote Tinte und gelbes Papier für eilige Edikte Zigaretten und die
Wasserpfeife sowie das mit Teeblättern gestopfte Ruhekissen und auch das Buch
drin sich für jederlei Unternehmen der glückverheissende Tag nachschlagen lässt
    Tschun musste dabei plötzlich an die Taitai denken die hatte auch immer so
viele Dinge die sie sich gern nachtragen ließ  Und noch eine andere
Ähnlichkeit entdeckte er auch die Kaiserin hatte einen Lieblingshund der
schon auf dem Boot bei ihr gewesen war und nun hinterher lief Tschun hörte wie
sie ihn »Seeotter« rief
    Den Schluss bildeten die vielen Hofdamen in roten kleineren Tragstühlen und
dann kamen noch Männer nachgekeucht die einen goldgelben Atlassack trugen aus
dem Bambusrohre hervorschauten Tschun begriff nicht wozu die wohl sein
mochten
    So zogen sie alle an den noch immer knienden Knaben vorüber Die Kaiserin
hoch über allen anderen schwebend wie das schimmernde Idol einer seltsamen
Prozession Sie nickte den Knaben zu und rief lachend »Macht Eure Sache gut
nachher« Als sie aber dicht an Tschun vorüberkam umwehte ihn ein seltsamer
Duft von Sandelholz Moschus und unbekannten Blumen Ein Duft der
jahrtausendalten Rezepten nachgebildet sein mochte der Tschun völlig fremd war
und der ihn doch irgendwie an die Taitai erinnerte Der Duft einer Frau die
sich pflegt und schmückt und vielleicht am meisten sich selbst Idol ist
    Dann waren sie fort all die wunderlichen Gestalten und Tschun rieb sich
die Augen als ob er erwache Fremder und unwirklicher wie irgendwelche
Traumerscheinungen waren sie gewesen  und waren doch das wirkliche China
    Jetzt erst fielen Tschun die dunklen Dinge ein die man in Peking flüsternd
erzählte und die in den Strassenballaden Kantons offen besungen wurden Was
mochte von alledem wahr was erlogen sein  Er entsann sich einmal gehört zu
haben dass die Kaiserin durch Zauberei jeden nach Belieben zwingen könne sie zu
lieben oder zu hassen Er erinnerte sich auch dass Sin schen der weitgereiste
Vetter behauptete es gäbe Berge die scheinbar sicher und ruhig wie andere
Berge dastehen und aus denen doch plötzlich mit Grollen und Beben vernichtende
Lohe hervorbricht
    Einige der Knaben hätten nun gern von der Kaiserin Erlaubnis Gebrauch
gemacht und sich die Gärten besehen Aber der Palastwächter mit dem
Kristallknopf und der schwarzen Feder war sichtlich nur zu froh dass alles so
gut abgelaufen er wollte sich keinen neuen gefahrvollen Begegnungen aussetzen
und drängte die Knaben zum Theater
    Eine Marmortreppe an der zwei bronzene Ungeheuer mit rollenden Augen
drohenden Hörnern und hyänenhaftem Lächeln Wache hielten führte zu einer
breiten Veranda empor Rote Lacksäulen trugen die geschnitzte Decke an der sich
goldene Drachen zwischen azurenen Wolken jagten Durchsichtige Hornlaternen auf
denen rote Glückszeichen gemalt waren schwebten zwischen den Säulen und lange
seidene Quasten mit Nephritperlen hingen von ihnen herab Weihrauchbehälter
bronzene Tiere Porzellantische und Sitze standen umher Von der Veranda trat
man durch geschnitzte Türen in die große kaiserliche Loge die die ganze Breite
der Bühne einnahm Zwei kleine Räume schlossen sich an jeder Seite daran
»Dorthin zieht sich die Kaiserin während der Vorstellungen manchmal zurück und
speist oder ruht« erklärte der Palastwächter Nur einen kurzen Blick durfte
Tschun hineinwerfen Decken und Zwischenwände waren aus so feingeschnjetztem
Holzwerk dass er wirkliche Bambushaine mit Schmetterlingen und Vögeln zu sehen
wähnte Vielleicht sollten diese der Herrscherin sanfte Träume bringen wenn sie
da ruhte auf dem Kang mit den vielen seidenen Kissen und Decken Sträusse von
seltsamen Blumen aus Korallen und Agat Beryll und blassem Mondstein standen in
gläsernen Kästen Einen geschnitzten Toilettentisch gewahrte Tschun mit
tausenderlei Werkzeugen eines geheimen Kults Und überall war da dieser seltsam
fremde durchdringende Wohlgeruch
    Doch nun mussten die Knaben in die Räume hinter der Bühne Da war ein Gewühl
von Menschen und Dingen Die seltsamsten Dekorationen standen umher Wolken
Drachen und Phönixe Tiger Affen und namenlose Ungetüme in wilden Verzerrungen
Alles aus bemalter vergoldeter Pappe und rückwärts auf leichten Bambusgestellen
ruhend Die Schauspielertruppe der Kaiserin die von ihren Palastwächtern
gebildet wurde war beim Anziehen Tschun sah da schwere golddurchwirkte
Gewänder und gestickte Mäntel wie sie sonst nur die Gestalten uralter Bilder
tragen und seltsame Kopfputze mit mehrere Fuß langen Fasanenfedern  Es war
ein mytologisches Stück das gegeben werden sollte Helden des Kriegsgottes in
goldenen Rüstungen Helmen und schreckenerregenden Masken probten ihre
Kampfesstellungen ihre dräuenden Gebärden mit geschwungenen Hellebarden Die
Schauspieler die Damenrollen zu geben hatten schritten zierlich auf hohen
Sockelschuhen rafften mit schmalen Fingern die schimmernden Gewänder neigten
und verbeugten sich voll zimperlicher Grazie nach den Vorschriften ältester
Hofetikette Ihre geschminkten Gesichter schienen erstarrt zu einem ewigen
Lächeln und sie sprachen mit hohen dünnen Stimmen die von weiter zu kommen
schienen Tschun war ganz verwirrt von allem was er sah und dabei empfand er
wieder einen gewissen Stolz es war doch noch viel schöner als die schönsten
Feste der Fremden
    Auch die Knaben wurden nun geschminkt und angezogen Die kleineren zu denen
Mahan gehörte sollten erst in der Schlussapoteose als Schwarm glückbringender
Fledermäuse zwischen dem Gewölk schwirren Tschun weil er schon groß und stark
war kam in die Schar der Bogenschützen die zu Anfang dem Kriegsgott voranzogen
und dann auf der Bühne blieben
    Es gab ein langes Warten Die von der Kaiserin befohlene Mahlzeit wurde
gebracht in Näpfchen die auf großen gelb gedeckten Brettern standen Und alle
warfen sich bei diesem Anblick nieder wie es Brauch ist beim Empfang
kaiserlicher Gnadenspenden Einmal auch kam Li lien ying nachzusehen wie weit
die Vorbereitungen gediehen Tschun hörte die Eunuchen sagen wie sehr er sich
doch für das Theater interessiere Dann meinte einer von ihnen »Es ist
eigentlich keine Zeit für frohe Feste« Ein anderer ganz Junger stimmte bei
»Ja wer weiß vielleicht werden auch wir in den nächsten Tagen abgesetzt  und
dann war es alles umsonst« Doch ein Aelterer entgegnete bestimmt »Das wird
unser alter Buddha nie zulassen«  Sie sprachen nun leiser aber Tschun konnte
doch noch manches hören  Es schien dass der Kaiser am vorhergehenden Tage von
Tzü Hsi aus Peking herbeigerufen einige Stunden bei ihr hier im Sommerpalast
geweilt hatte Er hätte einen heftigen Auftritt zwischen den beiden gegeben und
die Kaiserin habe die Verhaftung Kang yu weis verlangt weil er ihrer spotte
Dann sei der Kaiser nach Peking zurückgekehrt  Tschun war ganz entsetzt in
wie unehrerbietigen Ausdrücken diese Bediensteten Tzü Hsis untereinander von dem
Himmelssohn sprachen Kang yu wei aber belegten sie mit dem Namen
»Schildkrötenei« dem ärgsten chinesischen Schimpfwort Er habe den Kaiser schon
so verblendet dass dieser in seinem eigenen Palast europäische Kleidung trage
und jetzt empfehle er ihm sogar den Gott der Fremden
    Tschuns Herz schlug heftig bei diesen Worten Ach wenn das doch möglich
wäre dass der Kaiser sich dem wirklichen lieben Gott zuwendete Wie würden sich
die Priester und Nonnen des Petang freuen Und wenn dieser Kang yu wei wirklich
etwas so Schönes wollte dann würden auch der Tajen und der erste Sekretär
sicher ganz anders als bisher über ihn denken
    Doch nun kamen Boten Der kaiserliche Zug nahe durch die Gärten
    Die Schauspieler eilten auf die Bühne um die Gebieterin bei ihrem Eintritt
in die Loge durch ehrfurchtsvolles Niederknien zu begrüßen Tschun mit den
Bogenschützen des Kriegsgottes war auch dabei Er kam ganz nach vorn zu stehen
Die beiden Galerien die an den Längsseiten der Bühne liefen und für Gäste
bestimmt waren hatten sich schon gefüllt mit allerhand Grosswürdenträgern in
feierlichen Wappenröcken und Bernsteinketten und in der kaiserlichen Mittelloge
harrten eine Menge Prinzessinnen Hofdamen und Palastwächter Und nun nahte von
der Veranda her die gnadenreiche Gegenwart Die Kaiserin wurde von zwei Eunuchen
gestützt und hinter ihr folgten wie am Morgen die vielen Menschen die ihr
überall die verschiedensten Dinge nachschleppten Tschun bemerkte sofort dass
sie ein anderes Kleid trug es war mit unzähligen Schmetterlingen bestickt und
über die Schultern hing ihr ein Netzwerk von mehreren tausend großen Perlen das
in Nephritquasten endete Tschun musste an die Taitai denken die auch so oft am
Tage je nach Beschäftigungen und Stunden die vielen Kleider wechselte die
Madame Angèle nähte Aber ganz wie die Taitai keineswegs am frohesten aussah
wenn sie Festgewänder angelegt hatte schien auch die Kaiserin trotz Perlen und
Schmetterlingen jetzt gar nicht mehr so guter Stimmung wie am Lotosteich zu
sein Sie blickte finster drein die Nase erschien jetzt noch gebogener gleich
dem Schnabel eines bösen Raubvogels und die Lippen waren ganz schmal geworden
    Und dann geschah etwas ganz Seltsames Gerade als die Kaiserin sich auf den
geschnitzten Thron niederlassen wollte stieß sie einen schrillen Schrei aus und
wies mit dünnem spitzem Finger auf das Polster Da saß auf dem goldgelben
Atlas eine dicke schwarze Brummfliege Vor diesen kleinen Tieren aber empfand
Tzü Hsi die Gewaltige einen unüberwindlichen schreckhaften Ekel Und sie
herrschte die ihr zunächst Stehenden heftig an »Wie kann der Fliegenwedler es
wagen so nachlässig zu sein Wo ist er«
    Zitternd trat ein mit einem Wedel bewaffneter Palastwächter heran und warf
sich vor der Gebieterin auf den Boden
    »Er ist zu bestrafen« befahl Tzü Hsi und wendete sich dabei an Li lien
ying »Sicherlich« antwortete dieser und seine Augen blickten tückisch »soll
er sofort hingerichtet werden Oder vielleicht des langsamen Todes sterben«
    »Das ist ein bisschen viel« antwortete Tzü Hsi nachdem sie sich einen
Augenblick besonnen »er empfange hundert Streiche in die Kniekehlen«
    Und nun erkannte Tschun was das Amt der Männer war die er am Morgen den
gelben Atlassack hatte schleppen sehen Sie entnahmen ihm Bambusrohre und damit
erhielt der am Boden Liegende die befohlenen Streiche Er gab keinen Laut von
sich und der ganze Hofstaat stand gleichmütig dabei
    Dann erteilte die Mütterliche Glückverheissende den Befehl dass das Stück
beginne
    Die dichten Scharen des Kriegsgottes sollten sich zu Anfang über die Bühne
entfalten und den Hintergrund bilden für die Zweikämpfe besonderer Helden Auch
die Bogenschützen hatten dabei in seltsam rhytmischem Schritte mit bizarr
verschränkten Armen vorüberzuziehen Aber Tschun war ganz erstarrt von dem was
er soeben mit angesehen hatte er erinnerte sich kaum noch was er auf der Bühne
zu tun hatte die andern Knaben mussten ihn hin und her schieben Ja jetzt
glaubte er es dem Vetter Sin schen gern dass es Berge gibt die plötzlich
vernichtende Lohe sprühen Er musste immerwährend in die Loge starren Da saß die
Kaiserin auf dem geschnitzten Tronsessel mit dem hohen Wandschirm und zwei
großen Standarten aus Pfauenfedern hinter ihr unbekümmert als sei gar nichts
vorgefallen Wie ein Idol sah sie wieder aus und jetzt zwar wie ein ganz
vergnügtes Es war als habe ihr das kleine Vorspiel sogar gut getan und sie von
angesammeltem Unmut befreit Sie folgte der Vorstellung mit sichtlichem
Vergnügen und dazwischen lachte sie und scherzte mit Li lien ying der dicht
neben dem Throne stand
    Und dann kam das Nachspiel
    Plötzlich ward die große Tür der kaiserlichen Loge von der Veranda her
heftig aufgestoßen und ein Mann in hoher Militärmandarinentracht kam
hereingestürzt Durch die erstarrten Eunuchen die puppenhaften Hofdamen bahnte
er sich unaufhaltsam den Weg stürzte bis zum Thron der Kaiserin vor sank da
auf die Knie hob die Hände und rief atemlos »Schutz Majestät ich flehe um
den Schutz dieses Heiligtums«
    Die Schauspieler hatten unwillkürlich bei dem Lärm innegehalten Jetzt war
es lautlos still geworden Von der Bühne und aus den Seitengalerien starrten
alle Augen auf die Kaiserin Die war zuerst bei dem unerhörten Auftritt
zusammengefahren aber den Eindringling erkennend fasste sie sich sofort und
nun hörte man sie in dem atemlosen Schweigen mit Strenge sagen »Was verlangst
Du den Schutz dieses Heiligtums in das Du ohne Recht eingedrungen bist Yung
Lu Weißt Du nicht dass kein Beamter aus der Provinz in die Hauptstadt kommen
darf ohne kaiserlichen Befehl«
    »Ich weiß es Gnadenreiche und bitte um spätere Strafe« antwortete der
Kniende »aber ich konnte nicht warten ich bringe zu wichtige Kunde«
    Die Kaiserin neigte sich bei diesen Worten vom Throne herab Li lien ying
war näher herangetreten Der Kniende sprach indessen weiter leise und hastig
Man hörte nur Murmeln Aber Tschun sah wie die Kaiserin plötzlich erbleichte
    Und dann trat Li lien ying vor und rief mit sardonischem Lächeln und lauter
Stimme »Kaiserlicher Befehl Theater wird heute nicht mehr gespielt«
    Und so stark war die Macht uralter Tradition dass trotz der Erregung die
alle ergriffen hatte bei dem Wort »kaiserlicher Befehl« sämtliche Anwesende
ganz automatisch auf die Knie sanken und den Boden mit der Stirn berührten
    Die Kaiserin aber hatte sich erhoben Und so hoch über den anderen auf der
obersten Tronstufe stehend schien sie zu etwas Ungeheuerlichem emporzuwachsen
zur unerbittlichen Furie grausamer Rache der all die gebeugten Nacken ein
Piedestal bildeten aus zitterndem ihr willenlos untertanem Menschenfleisch
    Doch schon wurden die Glasfenster zugeschoben die Loge von Bühne trennten
Tschun konnte nichts mehr von dem sehen was im Zuschauerraum nun vor sich gehen
mochte Von hastenden Menschen wurde er selbst fortgeschoben weitergedrängt
zwischen all den grinsenden Pappungeheuern Die Schauspieler redeten wirr
durcheinander mit dünnen zitternden Stimmen gestikulierten in ihren
phantastischen Trachten rissen sich die schreckenerregenden Masken ab und sahen
nun erst recht erschreckend aus in ihrer bleichen Furcht Denn sie alle die sie
ja Palastwächter waren und zur Kaiserin gehörten fühlten sich plötzlich
bedroht Das unerhörte Eindringen Yung Lus seine unheilkündenden Worte das nie
dagewesene Abbrechen der von der Kaiserin über alles geliebten
Teatervorstellung  all das konnte ja nur etwas Entsetzliches bedeuten 
irgendeine unheimliche Gefahr musste in unmittelbarem Anzug sein  war vielleicht
schon da Aber was war sie Wo war sie Und wie konnte man sich retten Die
kostbaren Gewänder flogen zu Boden die schwachen Teaterwaffen wurden
verächtlich beiseite geworfen Alle zu gleicher Zeit wollten sie hinaus und
fliehen die geängstigten Menschen ohne doch deutlich zu wissen wovor noch
wohin Und auch Tschun der bloß dunkel fühlte dass irgendwo irgendetwas
Schauriges vorgehen musste hatte nur das eine Verlangen fort fort aus diesen
Unheilsräumen Unter all den grausig grotesken Ungetümen mit ihren wilden
Verzerrungen wähnte er sich in die chinesische Hölle des Tempels versetzt und
überall sah er plötzlich riesige schwarze Brummfliegen aber kein Wedel
vermochte sie zu scheuchen sie kamen näher näher Das Entsetzen kroch Tschun
am Rücken entlang riesengross Er musste plötzlich schreien Und schon
antworteten ihm andere Schreie als hätten sie nur auf ihn gewartet Die Panik
hatte sie alle ergriffen  diese sonst zu unerschütterlicher Bildhaftigkeit
erstarrten Menschen
    Und nun liefen sie alle durch den dämmernden Garten dem Ausgangstor zu Die
Palastwächter voran zeigten den Weg Jetzt waren die großen Hornlaternen
angezündet und blutrot grinsten ihre riesigen Glückszeichen auf den leuchtenden
Kugeln Gespenstisch stand die bleiche Marmorbalustrade gegen das dunkle Wasser
blassen Gesichtern Verstorbener gleich hoben sich die Lotosblüten aus der
finsteren Tiefe
    Nach der Schwüle des Theaters gewannen die Geängsteten hier im Freien etwas
Ruhe und Überlegung wieder Tschun und Mahan die bei der Vorstellung getrennt
gewesen hatten sich jetzt wiedergefunden Unter dem Eindruck dass die ganze
äußere Welt ja noch genau so geblieben war wie sie sie vor wenigen Stunden
verlassen legte sich auch etwas die innere Erregung Das Rennen wurde
allmählich zum Gehen
    So kamen sie zu den drei von blutroten Mauern umgebenen Höfen Die waren
gefüllt mit Menschen wie auch die Wartehäuser an den Seiten An den äußersten
Toren aber durch das einer der Palastwächter die aus den Dörfern stammenden
Knaben entlassen wollte tönte ihnen der Ruf der Türhüter entgegen »Die Tore
sind verschlossen Der Befehl erging Niemand darf vor morgen früh den
Sommerpalast verlassen«
    Und nun erst erkannte Tschun im flackernden Schein großer Laternen die an
Stäben aufgestellt waren dass die Gäste des Teaterspiels da noch warteten
umgeben von einer Unzahl eigener Bediensteter All diese Menschen sahen gespannt
und erwartungsvoll aus Wenn sie einen Augenblick in das unstete Licht der
Laternen traten sah man die glatten pergamentenen Antlitze der Jüngeren die
runzligen Schildkrötengesichter der Alten In den Bambusbauern an den Zweigen
der alten Zedern flatterten die Vögel erschreckt ob des ungewohnten Lichtes
Manchmal kreischten sie laut auf
    Die Knaben kauerten sich nieder auf den Stufen eines der Wartehäuschen
Durch die offenen Türen hörte man von drinnen abgerissene Worte heraustönen Und
auch durch die Höfe ging ein erwartungsvolles Murmeln
    Dann nach ein paar Stunden erscholl Lärm von jenseits der hohen blutroten
Umfassungsmauer Das eilige Heranfahren von Karren Die Rufe von Sänftenträgern
    Die Türhüter öffneten sofort eilfertig ein Tor So waren es also nicht
Feinde die da nahten Nein Helfer herbeigerufene Bundesgenossen mussten es
sein 
    Ein Aufatmen ging durch die ängstlich Harrenden es gab also in den Tiefen
des nächtlichen Sommerpalastes einen starken unbeugsamen Willen der den Kampf
aufgenommen hatte und dessen Ruf noch als unbestreitbarer Befehl in der
Außenwelt galt
    Eine Reihe von Palastwächtern hatte sich plötzlich zum Empfang der
Ankommenden am Tor eingefunden Nun traten diese in den Hof Mandschufürsten
waren es hohe Würdenträger unter ihnen auch all jene Beamten die der Kaiser
in den letzten Tagen abgesetzt hatte und der gesamte Große Rat Und allen
voran die drei Vertrauensmänner der Kaiserin Yü Lu Wang wen schao und der
furchtbare Kang yi Von den Eunuchen geleitet schritten sie eilig durch die
Höfe tauschten hie und da im Vorübergehen ein leises Wort mit den Harrenden
verschwanden dann im Dunkel der Gärten wo unter dem hohen Dache der großen
Audienzhalle der zur Tat gewordene Wille wachte
    Und nun ging wieder ein Raunen und Flüstern durch die Höfe aber nicht mehr
ganz so verzagt klangen jetzt die Stimmen »Sie werden sie bitten die Regierung
wieder zu übernehmen  sie muss es tun  es kann ja so nicht weitergehen  wir
wären alle verloren  der Herr der zehntausend Jahre ist ja krank  von klein
auf gewesen  er ist behext«
    Tschun hörte es alles undeutlich die Worte kamen aus der Dunkelheit von
den Lippen huschender alsobald zerfliessender Schatten Die alten Zedern
rauschten im Nachtwind Ein Vogel krächzte Es war alles schaurig unheilvoll
Er rückte dicht an Mahan So fürchteten sie sich wenigstens zusammen  Tschun
würde nie nie mehr schlafen können Er wollte gar nie mehr schlafen Im Traum
würden sie ja doppelt furchtbar wiederkehren  die Ungeheuer  die
Brummfliegen  die böse  böse Habichtsnase 
    Dann musste er aber doch geschlafen haben Schwer und bleiern denn als er
die Augen wieder öffnete wusste er zuerst gar nicht wo er war Lange hatte er
geschlafen Es war schon ganz heller Tag Aus den Wartehäusern traten die
Menschen die es sich da für die Nacht irgendwie bequem gemacht hatten Ihre
Gesichter sahen grünlich und überwacht aus in dem Morgensonnenschein  An dem
Ausgangstor standen Palastwächter Tschun bemerkte dass auch ältere zu den
höheren Rangstufen gehörende darunter waren Sie schienen mit gespannten
Gesichtern auf etwas zu warten
    Und nun hörte man wieder von jenseits der Umfassungsmauer eilige Schritte
laute Rufe Pferdegetrappel Das Tor ward aufgerissen Eine Sänfte kam
hereingeschwungen Schweissgebadet stellten die Träger sie im Hofe nieder Die
Arme sanken ihnen schlaff herab Sie mussten in höchster Eile mit ihrer Bürde
gelaufen sein Die Palastwächter die wartend dagestanden öffneten die Tuchtür
der Sänfte Und nun sah man ihr Li lien ying den Allmächtigen entsteigen
    So hatte er also nicht die Nacht im Sommerpalast verbracht Dann musste er
gestern gleich nach dem plötzlichen Abbruch der Teatervorstellung davongeeilt
sein denn später hatte das Tor ja niemand mehr entlassen Wo war er gewesen
Und von welchem Geschäft kam er jetzt so eilig zurück
    Auf den Gesichtern all der da zufällig Zurückgehaltenen standen diese
Fragen Die Palastwächter dagegen schienen genau zu wissen was das alles zu
bedeuten habe Sie stäubten ihren gefürchteten Chef diensteifrig ab und blickten
dabei mit verstohlener Frage zu ihm auf Er nickte nur mit bösem höhnischem
Lächeln und murmelte leise »Es ist geschehen« Da lief über all diese
wächsernen Gesichter die noch vor wenig Stunden in bleicher Furcht gezittert
ein grausam triumphierendes Grinsen
    Mit dem Ausdruck von einem der befohlener Arbeit wohlgelungene Ausführung
melden darf schritt dann Li lien ying davon in der Richtung der kaiserlichen
Privatgemächer wo jene harrte die selbst unsichtbar die Fäden so vieler
Puppen in dieser Nacht gezogen hatte
    Aber das Bewusstsein einer großen Gefahr entronnen zu sein machte die
Untergebenen Li lien yings geschwätzig Als Sieger traten sie jetzt auf so
wenig sie selbst dazu getan Tschun vernahm einzelne ihrer Worte reihte sie an
anderes das er schon wusste machte sich ein Bild von dem was geschehen 
Begann auch zu ahnen dass noch manch weiteres geschehen würde denn überall
wurden jetzt eilige Vorbereitungen getroffen und es hieß dass die Kaiserin
sofort nach Peking übersiedeln werde Sie würde keine milde Siegerin sein 
    Und dann endlich kam der Befehl dass alle bisher Zurückgehaltenen den
Sommerpalast nunmehr verlassen dürften So öffneten sich denn die Tore wieder
vor denen die zu belustigendem Scheinspiel gekommen und so unheimliche
Wirklichkeit gesehen
Als Tschun am späten Nachmittag im Tempel der unendlichen Stille wieder eintraf
wartete die Taitai schon ungeduldig Der Tajen dem sie Tschuns seltsamen
Ausflug nicht vorher mitgeteilt hatte war sehr ungehalten geworden als er
inzwischen davon erfahren An Tschuns langes Ausbleiben hatte er allerhand
düstere Voraussagungen geknüpft »Er sei sicher als vermeintlicher Spion einer
fremden Gesandtschaft im Sommerpalast verhaftet worden Das könne für den Tajen
die fatalsten Folgen haben Daran aber sei allein die Taitai durch ihre
Neugierde und Unüberlegteit schuld«
    So lief die Taitai denn nun sobald sie Tschun erblickt hatte in den Hof
zurück wo der Tajen und die anderen Herren saßen und rief strahlend »Er ist
wieder da er ist ganz lebendig«
    Nun sollte Tschun erzählen aber das einzige was er anfänglich stammeln
konnte war »O Tajen helft dem armen Kaiser er sitzt gefangen auf einer
kleinen Insel in der verbotenen Stadt und er wollte doch Christ werden und
europäische Kleider tragen Helft ihm sonst wird ihn die Kaiserin sicher noch
umbringen lassen«
    Allmählich erfuhren die Herren von Tschun alles was er gesehen und gehört
und begannen nun ihrerseits zu kombinieren Und dazwischen flehte Tschun
nochmals »O helft dem Kaiser rettet ihn«
    »Was für einen Unsinn redet da der Knabe« sagte der Tajen und setzte
würdevoll hinzu »Was da auch geschehen mag das sind interne chinesische
Angelegenheiten in die uns keinerlei Einmischung zusteht  aber beobachten
müssen wir sie und darüber berichten«
    Und da diese Aufgabe der Diplomatie bei der augenblicklichen Lage offenbar
in Peking leichter als im entlegenen Tempel zu erfüllen sein würde so ward
beschlossen gleich am nächsten Tage aus dem Tempel der unendlichen Stille in
die Stadt der tausend Düfte zurückzukehren
    In Peking erfuhren sie dann allmählich was sich in Wirklichkeit zugetragen
und wovon Tschun nur einzelne Bilder gesehen Die ganze Stadt war voll von
allerhand unheimlichen Nachrichten Mandschus Chinesen all die Fremden die
aus den Tempeln und vom Seebad Peitaho zurückgeeilt waren  niemand sprach von
etwas anderem als was geschehen und was doch niemand ganz genau wusste Die
wildesten sich widersprechendsten Gerüchte tauchten plötzlich auf zerfielen
ebenso rasch wurden von neuen ersetzt Und zum erstenmal tauchte auch
vorübergehend unter den Fremden die Besorgnis auf ob inmitten all dieser
Strömungen und rätselreichen Vorgänge die Sicherheit der Ausländer gewahrt
bleiben würde
    Am besten schien mal wieder der alte weissbärtige Bischof des Petang über
alles unterrichtet zu sein Eigentlich hatte er ja manches sogar vorausgesagt 
Er kam denn auch gleich zum Tajen und erzählte ihm »Unmittelbar nach seiner
Rückkehr von seinem letzten Besuch bei der Kaiserin im Sommerpalast und noch
ganz erregt von dem Auftritt den er dort mit ihr gehabt hatte der Kaiser
zweierlei getan Anstatt Kang yu wei gefangennehmen zu lassen wie die göttliche
Mutter es befohlen hatte er ihm geschrieben warum er sich noch nicht auf
seinen neugegründeten Posten eines Inspirators der Zeitungen nach Schanghai
begeben habe Und Kang yu wei die versteckte Warnung dieses Ediktes wohl
verstehend war noch zur selben Stunde aus Peking geflohen  Nachdem aber der
Kaiser also auf alle Fälle für des Freundes Sicherheit gesorgt ließ er Yüan
schi kai zu sich rufen und frug ihn in der spukhaft dämmernden Audienzhalle und
zum letztenmal auf dem Drachentrone sitzend ob er sein Kaiser in allem auf
ihn rechnen könne Yüan schi kai hatte geantwortet der Kaiser könne über ihn
verfügen als ob er sein Hund sei Darauf hatte ihm der Kaiser befohlen nach
Tientsin zu fahren Yung Lu dort umgehend hinrichten zu lassen und dann mit
dessen Truppen nach Peking zu kommen um die Kaiserin Tzü Hsi gefangenzunehmen
Yüan schi kai ging scheinbar auf alles ein und reiste umgehend nach Tientsin
Dort aber begab er sich zu Yung Lu der sein geschworener Blutsbruder war und
enthüllte ihm den ganzen Anschlag Dies war der Anlass zu Yung Lus unerwartetem
Erscheinen im Sommerpalast gewesen Er kam in alter Treue Tzü Hsi zu warnen und
sie die in der Gefahr nie versagte sondern stets sprungbereit aufschnellte
hatte rasch entschlossen Kwang Hsüs Stadtpalast noch in der Nacht von Li lien
yings Leuten umstellen und die ihm ergebenen Wächter entfernen lassen Am
Frühmorgen des nächsten Tages war der ahnungslose Kaiser dem die Reformatoren
die Rolle eines Peters des Großen zugedacht von den triumphierenden Anhängern
der Kaiserin gefangengenommen worden In dem zum Stadtpalast gehörenden Parke
auf einer kleinen Insel die man Ozeanterrasse nannte saß er nun eingekerkert
Tzü Hsi aber von dem nachts in den Sommerpalast berufenen Großen Rat und den
Mandschufürsten bestürmt das Reich zu retten indem sie die Regentschaft wieder
übernähme hatte scheinbar widerwillig ihrem Drängen nachgegeben Mit dem
grimmen Humor der sie kennzeichnete hatte sie sofort ein Edikt im Namen des
Kaisers erscheinen lassen worin dieser ihr seine grenzenlose Genugtuung darüber
aussprach dass sie endlich seine oft vorgebrachte Bitte erfülle und ihm die
allzuschwere Bürde der Regierung wieder abnähme«
    Nachdem die geistliche Macht der weltlichen also von ihrem Wissen gespendet
empfand der Tajen das Bedürfnis nun auch seinerseits dem Bischof etwas Neues
mitteilen zu können So erzählte er ihm dass er einen jungen Boy habe und zwar
einen einstmaligen Schüler der PetangMission der jene Entscheidungsnacht im
Sommerpalast verbracht habe Darauf begehrte der Bischof Tschun zu sprechen und
ließ sich über alles was er gesehen hatte genau berichten Als Tschun dann
alle Fragen beantwortet hatte fasste er sich ein Herz und sagte »Ach
hochwürdiger Herr Bischof ich hörte die Eunuchen im Palast erzählen Kang yu
wei habe im geheimen zum Christentum gehalten und der Kaiser sei auch schon
beinah dem lieben Gott gewonnen gewesen Wenn Ihr ihn jetzt befreitet würde er
sich sicher bekehren und dann gäbe es nie mehr Christenverfolgungen in China
Es wäre doch gar zu traurig wenn das alles durch die Kaiserin vereitelt würde
Könnt Ihr denn gar nichts für ihn tun«
    Der Bischof zuckte die Achseln »Ich fürchte das ist unmöglich« sagte er
»so herrlich es gewesen wäre wenn die Hoffnung einen christlichen Kaiser
Chinas zu erleben die schon die Jesuitenpatres im siebzehnten Jahrhundert
hegten sich jetzt erfüllt hätte Aber« setzte er dann nachdenklich hinzu »wer
weiß welche himmlische Fügung doch in all dem liegen mag dieser Kang yu wei
soll nämlich sehr unter dem Einfluss der amerikanischen protestantischen
Missionare gestanden haben«
    Daran hatte Tschun freilich nicht gedacht Es fiel ihm immer etwas schwer
zu behalten dass es gar so verschiedenerlei Christentum gibt 
    Tschun hatte den Kaiser nie gesehen aber der Herr der zehntausend Jahre tat
ihm schrecklich leid Er konnte sich jetzt ja besser als manch anderer
vorstellen wie es einem ergehen mochte der Tzü Hsis Zorn erregt und sich in
ihrer Macht befand 
    Der Vetter Sin schen der sich nach den jüngsten Ereignissen mehr noch als
sonst seiner Verbindungen zum Haus des Obereunuchen rühmte erzählte »Gleich
nach ihrer Übersiedlung nach Peking hat die göttliche Mutter den gefangenen
Kaiser in der Ozeanterrasse besucht Nur Li lien ying war dabei Da hat sie ihm
seinen ganzen Verrat vorgehalten«
    »Der war aber auch abscheulich« rief der alte Lin the i »Mit seiner
Verschwörung gegen die göttliche Mutter hat der Kaiser das höchste Gebot des
weisen Konfuzius die kindliche Ehrerbietung schwer verletzt«
    »Tzü Hsi hat ihm denn auch gesagt dass er dafür nun immer da eingesperrt
bleiben solle« erzählte Sin schen weiter »und sie würde ihn so streng hüten
lassen dass jedes seiner Worte ihr hinterbracht werden würde«
    »Hat denn niemand gewagt für ihn einzutreten« frug Tschun
    »Ja« antwortete Sin schen »Chen fai die PerlKonkubine die der Kaiser
immer allen anderen vorgezogen hat soll Tzü Hsi entgegengetreten sein und ihr
gesagt haben Kwang Hsü sei doch der rechtmäßige Herrscher«
    »Die göttliche Mutter steht doch immer über ihm dem Neffen und
Adoptivsohn« warf Lin the i wieder ein
    »Na die PerlKonkubine ist ja damit auch schlecht genug angekommen« fuhr
Sin schen fort »Tzü Hsi hat sie sofort in einen anderen Palast verbannt Jetzt
darf nur noch die junge Kaiserin zum Kaiser und die hält ganz zu Tzü Hsi«
    »Und was ist aus all seinen vielen Dienern geworden« frug Tschun
    Sin schen lachte »Oh die sind längst umgebracht Jetzt hüten ihn Li lien
yings Leute und Yung Lus Soldaten Aber« sagte er dann mit geheimnisvollem
Zwinkern der kleinen Augen »wer weiß ob sie lange zu hüten haben werden Ich
würde nicht gar zu viel auf die Lebensdauer des Herrn der zehntausend Jahre
wetten«
    Ja es gab da viele Leben auf die nicht hoch zu wetten war Eine Anzahl der
bekanntesten Reformer meist Südchinesen die den Kaiser umgeben und beraten
hatten waren ehe sie wie der glücklichere Kang yu wei Zeit zur Flucht
gefunden in Peking verhaftet worden Gegen sie schwebte die Untersuchung
    Inzwischen hatte das älteste Blatt der Welt die »Pekinger Zeitung« viel zu
tun Diese Greisin musste wie es sonst nur das Los der Jungen unüberlegt
Vorlauten ist all das widerrufen was sie während der vorhergehenden Monate
verkündet hatte Alle Entlassenen wurden wieder mit Ehren eingesetzt
aufgehobene Privilegien von neuem bestätigt Dagegen mussten die mannigfachen
Neuschöpfungen kaum geboren schon wieder untergehen Und alle diese von Tzü
Hsi verfassten und mit viel Zitaten aus den Klassikern versehenen Edikte ließ sie
im Namen des Kaisers erscheinen Er erklärte darin von schlimmen Elementen
betrogen worden zu sein die seinen väterlichen Wunsch des Volkes Wohl zu
heben missbrauchend ihm unter dem Deckmantel weiser Reformen revolutionäre
Maßregeln suggeriert hätten
    Auch unter das Todesurteil womit wie vorauszusehen gewesen der Prozess
gegen die gefangenen Hauptführer der Reform schloss setzte Tzü Hsi den Namen des
eingekerkerten Kaisers
    Durch Entauptung oder Erdrosselung sollten sie sterben Lin the i und Sin
schen sagten diese Todesarten seien eine Konzession die Tzü Hsi den immer
weichlicher werdenden neuen Anschauungen mache Und Tschun glaubte es gern dass
die Göttliche lieber den »langsamen Tod« verhängt hätte denn bei den Reformern
waren ja viele gegen sie persönlich gerichtete Anklageschriften gefunden worden
auch solche mit Randbemerkungen von des Kaisers Hand  Tzü Hsi ließ diese gegen
ihre geheiligte Person gerichteten Anschläge vorsorglich im Volke verbreiten
wobei sie auch des Kaisers nicht schonte um so gegen all diese Frevler an der
Pietät Stimmung zu machen Sie tat dies um so eifriger als aus dem Süden des
Reiches Stimmen zugunsten der Reformer laut zu werden begannen Es galt also
sie rasch aus dieser Welt verschwinden zu lassen
    Der Platz wo die Hinrichtungen stattfinden sollten lag in der
Chinesenstadt am Eingang des Gemüsemarktes Mit den anderen Boys die das
Schauspiel nicht missen wollten lief auch Tschun dorthin Die Läden längs der
Straßen mit ihren reich geschnitzten vergoldeten und bemalten Fassaden hatten
wie immer bei feierlichen Gelegenheiten geschlossen werden müssen Aber auf den
flachen Dächern zwischen den hochaufragenden Aushängeschildern mit ihren
riesigen bunten Schriftzügen hockten dicht gedrängt eine Menge Zuschauer Blau
gekleidet mit den gelben Gesichtern und den roten Quasten auf den breiten
Hüten sahen sie da oben am Rande der Dächer wie Reihen seltsamer Vögel aus Und
dieselbe blaue Menge staute sich auch unten auf den Fusssteigen Aber hier sah
man die Gesichter deutlich gewahrte die Augen die im Gegensatz zu gewohnter
stierer Stumpfheit bisweilen zwischen den schmalen Liderschlitzen böse
aufbljetzten erkannte die Vorfreude an dem kommenden Grausigen
    Der Mittelweg der mit Unrat gefüllten Straßen in deren tiefen Löchern
namenlose Flüssigkeiten unter irisierender Fettschicht standen wurde von
spalierbildenden Mandschubannerleuten freigehalten Zwischen unzähligen grellen
Fahnen standen sie Absonderliche Gestalten die als Uniform armselige bunte
Jacken über ihre alltägliche noch zerfetztere Kleidung gezogen hatten
Bogenschützen nicht kriegstüchtiger wie die Teaterscharen unter denen Tschun
mitgewirkt Flintenträger die zu zweien die unförmige in blaue Baumwollappen
gewickelte Waffe auf den Schultern schleppten und gelegentlich den Fächer oder
das Pfeifchen aus dem Gürtel zogen Zwischendurch ritten Militärmandarine
niederer Grade auf mageren Pferdchen Höhere Befehlshaber kamen in blau
bezogenen Maultierkarren angefahren vornehmste Würdenträger wurden mit
Ehrerbietung heischendem Geschrei der Vorreiter in Sänften zum Richtplatz
getragen
    Auf dem Platze waren zwei offene Verschläge aus Mattenflechtwerk errichtet
In dem einen saßen im Halbkreis die Beamten die der Urteilsvollstreckung
beiwohnen sollten An ihrer Spitze ein Mandarin des Ministeriums der Strafen
mit rotem Knopfe In dem anderen harrten die Verurteilten von Wachen umgeben
Diese Soldaten waren nicht unfreundlich gegen ihre Gefangenen sondern schienen
eher geneigt ihnen die letzten Augenblicke soweit erlaubt zu erleichtern
Tschun sah wie sie ihnen zu rauchen anboten Die Gefangenen zeigten sich völlig
ruhig beinah gleichgültig als stände ihnen nichts Sonderliches bevor Es war
ein ganz junger darunter und Tschun hörte die Umstehenden sagen das sei ein
Bruder Kang yu weis der nun statt seiner hingerichtet werden sollte Niemand
schien etwas Staunenswertes daran zu finden Ein Literat in der Menge erzählte
zum Überfluss Kang yu wei habe die Ermordung der Kaiserin angestrebt und es
sei altes geheiligtes Gesetz dass Familien in denen ein Königsmörder vorkäme
ausgerottet werden sollten Tschun hörte es mit Grauen und er dachte bestimmt
noch im letzten Augenblick müsse ein Wunder geschehen eine irdische oder
göttliche Macht erscheinen die das Schreckliche hinderte
    In der Mitte des freien Platzes war ein Altar errichtet Auf dem lagen die
Schwerter des Scharfrichters Stricke und die Winden zum Erdrosseln Neben dem
Altar hatte man aus einigen Ziegeln einen kleinen Herd erbaut auf dem in einem
großen Kessel Wasser heiß gehalten wurde um die Schwerter drin zu wärmen Die
Gehilfen des Scharfrichters kauerten herum und Tschun hörte sie über die
verschiedenen Schwerter reden Sie trugen alle Namen und sollten jedes seine
besondere Wesensart haben Alle hatten sie schon viel Arbeit getan
    Endlich kam der Überbringer des Todesediktes Die Gefangenen wurden auf den
Platz geführt um die Verlesung mit anzuhören und dem Brauch gemäß zu
bestätigen dass die Strafe gerecht sei Doch von diesen Verurteilten tat das
keiner Sie wendeten sich an das gaffende Volk und einer von ihnen erklärte mit
ruhiger weithin vernehmlicher Stimme »Mögen wir immerhin getötet werden wir
sterben für ein gute Sache Und wir wissen dass für einen von uns der heute
fällt bald Tausende erstehen werden die dieselben Ziele wollen und sie trotz
allem schließlich erreichen werden Ihnen wird es beschieden sein die Sonne
wieder an ihrem rechtmäßigen Platz und den usurpatorischen Komet vernichtet zu
sehen«
    Doch die Mandarine traten dazwischen um weitere Ansprachen zu verhindern
Die Verurteilten konnten sich nur noch gegenseitig förmlich voreinander
verbeugen wobei der eine feierlich sagte »Wir werden uns binnen kurzem bei den
gelben Quellen wiedertreffen« und der andere ebenso antwortete »Der Tod ist
nur eine Heimkehr«
    Schon stand der Scharfrichter bereit Es war ein breiter schwerer Mann der
den Mantel abgeworfen und eine blutbefleckte Lederschürze vorgebunden hatte Er
trug den präokkupierten Ausdruck eines Menschen der entschlossen ist schwere
Arbeit möglichst gut zu verrichten Die Schwerter wurden ihm gebracht prüfend
wählte er eines 
    Nun ward der erste Verurteilte angeführt und musste niederknien Ein Strick
wurde ihm um den Hals geschlungen und daran zog ihm einer der Gehilfen den Kopf
weit vor Das erhobene Schwert sauste nieder Aber im selben Augenblick ertönten
laute Schreie und wie große indigofarbene Wellen durchbrachen die Volksmengen
das Soldatenspalier und fluteten auf den Platz  Nun werden sie sie doch noch
retten dachte Tschun frohlockend  Aber er täuschte sich Was er für
elementare Empörung gehalten war nur ein plötzlicher Ausbruch wildester Neugier
gewesen Nicht hindern nicht retten wollten die Tausende  nur besser sehen
In all den unzähligen Augenpaaren stand nichts wie die Gier nach dem Schauspiel
das zugleich grausigste Wirklichkeit war  Mühsam schoben die Soldaten die
Vordrängenden zurück Und das Geschäft ging weiter Im schnellsten Tempo Schon
lag der zweite Kopf am Boden Der lange Zopf hing daran wie eine schwarze
Schlange die das sickernde Blut schlürfen möchte Dann folgten die
Erdrosselungen In fliegender Eile wurden die Schlingen um die Hälse der
Knienden geworfen und durch rasendstes Drehen der Winden zugezogen Die gelben
Gesichter wurden plötzlich dunkelviolettrot die Augen quollen glotzend aus den
Höhlen Es war vorüber   
    Da lagen die Männer die all das gewollt was ihnen die Europäer seit
Jahrzehnten gepredigt hatten Sie waren dafür gestorben Keine Hand hatte sich
um sie gerührt Tschun konnte es nicht begreifen dass die Fremden das zugelassen
hatten Aber warum hatten sie nicht eingegriffen Wollten sie etwa gar nicht das
Beste Chinas wie sie doch immer zu tun vorgaben Tschun mochte ihnen das nicht
zutrauen obgleich sein erster unbedingter Glaube an die Fremden und ihre
Weisheit freilich schon manche Erschütterung erfahren hatte  Nein eigentlich
weise waren sie nicht Und in diesem Mangel an Weisheit diesem Nichtwissen von
den inneren Zusammenhängen zwischen den geschehenen Dingen und ihren künftigen
Folgen lag vielleicht hier wie so manches anderemal der letzte Grund ihrer
scheinbar unerklärlichen Handlungsweise Tschun fühlte an jenem Morgen dunkel
dass eine ganz einzige Gelegenheit unwiederbringlich versäumt worden war und dass
sich das irgendwie rächen müsse Eine Ahnung sagte ihm dass die letzten Worte
der Hingerichteten sich erfüllen sollten dass all das wonach diese gestrebt
hatten schließlich wohl erreicht werden würde aber nicht auf friedliche Weise
wie sie es gewollt sondern mit Kämpfen und Schrecknissen unter denen jene
vielleicht mit zu leiden haben würden die heute in träger Kurzsichtigkeit das
Reformwerk preisgegeben hatten
    Aber es waren dies Tage die niemandem Musse ließ zum Grübeln über die
Geschehnisse des Gestern weil ja jedes Heute allzuviel Neues brachte Dafür
sorgte schon Tzü Hsi Ihrem Rachedurst hatten das Blut der Hingerichteten und
die Tränen so mancher anderen die verbannt und entehrt worden offenbar noch
nicht genügt Ihre Seele hungerte nach höherem Opfer Und die greise »Pekinger
Zeitung« die schon das Kommen und Gehen so vieler Menschengenerationen
berichtet begann zu melden dass der Kaiser Kwang Hsü schwer erkrankt sei Alle
Chinesen wussten was das zu bedeuten habe Und die Barbiere machten bekümmerte
Gesichter denn nach eines chinesischen Kaisers Tod darf sich ja während hundert
Tagen kein Untertan den Vorderschädel rasieren lassen  da sah die
Geschäftskonjunktur freilich düster aus
    »Der Himmelssohn lebt der Gnadenreichen viel zu lange« flüsterte man in den
Teehäusern »Sie hatte ihn ja gerade wegen seiner Schwächlichkeit für die
Tronfolge ausgesucht«  »Sie hat schon einen neuen Kaiser in Aussicht
genommen ein kleines Kind ist es dann führt sie die Regentschaft wieder auf
viele Jahre«
    Aber für den armen jungen Kaiser den doch eigentlich niemand gekannt weil
er auch schon vor seiner Gefangennahme strenger noch als von den purpurnen
Mauern der verbotenen Stadt durch tausend uralte Etikettevorschriften von der
Welt abgeschlossen gewesen war und nur wie ein Phantom hatte regieren dürfen 
für die Rettung dieses Kaisers regten sich jetzt manche Hände
    Es ward bekannt der Taotai von Schanghai habe an Tzü Hsi eine Adresse
gesandt die von Tausenden unterschrieben worden war und in der die Hoffnung
ausgedrückt wurde dass der Kaiser sich erholen und dann wieder die Regierung
übernehmen möge Im Süden sprach man deutlicher ein mächtiger Vizekönig
meldete dass ernste Revolten zu befürchten seien falls des Kaisers Krankheit
sich etwa verschlimmern sollte Ja sogar die Fremden rührten sich Die
chinesischen Lehrer der Dolmetscher erzählten »eine Gesandtschaft habe im
TsungliYamen angedeutet dass sie es peinlich empfinden würde wenn der von
ihrem Souverän erst kürzlich dekorierte Kaiser nun plötzlich verschwinden
sollte« 
    Tzü Hsis Antwort auf all das war ein Edikt das die Absetzung des Taotai von
Schanghai verkündete Der mächtige Vizekönig des Südens dagegen war ein zu
unabhängiger Satrap als dass sie wagen mochte sich in diesem Augenblick mit ihm
zu messen Da würde die Zeit vielleicht Rat schaffen Einstweilen musste sie sich
begnügen ihm einen allgemein ermahnenden Erlass zu senden  Am allerwenigsten
konnte sie naturgemäß den Fremden anhaben  einstweilen wenigstens denn auch
darin konnte die Zeit ja Wandel bringen  Mit den Reformern war sie ja so
leicht fertig geworden  vielleicht würde sich doch noch einmal der Augenblick
finden wo sie endgültig auch mit jenen abrechnen konnte deren Anwesenheit und
Lehren doch den Ursprung alles Übels bildeten
    Auffallend war in wie übertriebener Darstellung der fremden Gesandtschaft
sehr bescheidener Schritt zugunsten des Kaisers zur Kenntnis des großen
Publikums kam Absichtlich aufreizende Ausstreuungen mussten da gewirkt haben
Man führte sie zurück auf den zunehmenden Einfluss Kang yis den schon die bloße
Gegenwart der Ausländer in Peking eine mit ungeduldigem Hass ertragene Demütigung
dünkte  »Die Anmassung der Fremden ihre Einmischungen in unsere
Angelegenheiten werden immer unerträglicher« sagten Leute vom Schlage des alten
Lin the i »es geht sie doch gar nichts an wie unsere Herrscher ihre Differenzen
untereinander austragen« Und die konservativen Gelehrtennaturen denen
überhaupt alles gut schien was sich mit Beispielen aus der Vergangenheit
belegen ließ sagten »Gegen ein Verschwinden Kwang Hsüs unter den obwaltenden
Umständen würde nichts Erhebliches einzuwenden sein denn es ließ sich dafür
geschichtliche Präzedenzfälle anführen«
    Immerhin erreichten die verschiedenen Fürsprecher doch so viel dass eine
Verschlimmerung im Befinden des Kaisers einstweilen ausblieb Ja er wurde sogar
gezeigt Am Tage da im Mondtempel die alljährlichen weißen Opfer an Perlen
Seide und Stieren vom Himmelssohn selbst im Namen des ganzen Volkes dargebracht
werden müssen ward Kwang Hsü bleich und schattenhaft von seinem
Inselgefängnis aus hingetragen Ein ungeheures Aufgebot von Palastwächtern und
Soldaten umgab die gelbe kaiserliche Sänfte Für ein Ehrengeleit konnten sie
gelten und waren doch lauter Kerkermeister
    Und sogar einige der verhassten Ausländer sollten den Kaiser zu sehen
bekommen Aus Angst in ihren reaktionären Maßregeln vielleicht zu weit gegangen
zu sein entschloss sich nämlich die göttliche Mutter die Frauen der fremden
Gesandten in ihre gnadenreiche Gegenwart zu entbieten Denn Tzü Hsis
leidenschaftlicher Wesensart entsprach das bedächtige Schreiten auf goldener
Mittelstrasse nie so recht Sie gehörte eher zu dem Typus jener Herrscher die
das Wippesystem bevorzugen und gottähnlich daran Gefallen finden je nach
Belieben erhöhen und erniedrigen zu können Dass das Gefühl für richtiges Maß
dabei bisweilen verloren ging und Aufstiege und Stürze mitunter etwas plötzlich
erfolgten lag in der Natur des schwindelerregenden Spiels
    Als sich in der Gesandtschaft die Nachricht verbreitete dass die Taitai zur
Audienz bei der Kaiserin geladen sei empfand Tschun ein ähnliches Gruseln wie
damals im Tempel als er zusehen musste wie seine Herrin lachend den greulichen
Götzen Räucherkerzen spendete Und da er von seiner Pagenzeit her noch gewisse
Privilegien genoss obschon er längst kein kleiner Junge mehr war sondern ein
lang und schmal aufgeschossener Boy so fasste er sich ein Herz ging in das
Zimmer der Taitai und neigte vor ihr das Knie was die Feierlichkeit der
Gelegenheit bekunden sollte
    »Was gibt es Tschun« frug die Taitai die sich gerade von Madame Angèle
ihre schönsten Kleider hatte bringen lassen und prüfend erwog welches für die
Audienz wohl am geeignetsten sein dürfte
    »Ich wollte Euch bitten Taitai« stammelte Tschun »geht nicht zur
Kaiserin tut das nicht«
    Die Taitai sah ihn starr an »Nicht dabei sein wo hier endlich mal was
Amüsantes passiert« rief sie »Ja und warum denn«
    »Sie ist böse böse« sagte Tschun »Denkt was ich von ihr gesehen habe
und was sie seitdem alles getan hat Ihr gehört nicht dahin Sie ist böse
böse«
    Die Taitai lachte und antwortete »Wenn man sich danach richten wollte
könnte man ja beinah so einsam leben wie der alte indische Einsiedler Nein
nein Tschun ich freu mich unbändig auf diese Audienz Endlich mal was Neues
und Merkwürdiges in diesem stumpfsinnigen Aufenthalt«
    »Und wenn sie Euch was Schlimmes antäte« entgegnete Tschun
    Aber da richtete die Taitai ihre Gestalt die in der Mitte so merkwürdig
dünn war ganz hoch auf warf den Kopf empor blickte geringschätzig aus den
seltsam hellen Augen und sagte von oben her »Du bist wohl nicht recht klug
Tschun Eure Kaiserin wird schon nicht vergessen was sie den Frauen fremder
Vertreter schuldet« Und dann setzte sie hinzu »Ich glaube überhaupt Ihr malt
sie ein bisschen schwarz Ihr bloßer Wunsch uns zu empfangen zeigt ja dass sie
gar nicht so fremdenfeindlich sein kann« 
    So musste denn Tschun mit ansehen wie an einem bitterkalten Wintermorgen all
die bevorzugten Taitais in einem langen Zug von Sänften durch den hartgefrorenen
Schmutz der Straßen der Kaiserstadt getragen wurden Mafus auf zottigen Ponies
bahnten den Weg durch das Gewühl der zerlumpten vor Kälte schlotternden stier
hinstarrenden Bevölkerung schafften Platz zwischen den langen Zügen der
aneinander gebundenen mongolischen Kamele zwangen die Führer der schweren
knarrenden Pekinger Karren vor den Barbarenfrauen auszuweichen Am
TschiaoYüanTor hielt der Zug Tschun war bis dahin mitgelaufen und auch
einige der jungen Herren die der Taitai als lebende Schatten dienten waren so
weit neben ihrer Sänfte hergeritten Doch hier mussten all die Taitais ihre
eigene Eskorte verlassen und wurden von harrenden Leuten der Kaiserin in Empfang
genommen Tschun glaubte manche dieser pergamentenen Gesichter dieser bösen
Schlitzäuglein vom Sommerpalast her wiederzuerkennen Er sah wie sie mit
hämischem Grinsen die Fremden in die Kaiserstadt geleiteten er sah wie das
schwere Tor sich dröhnend hinter ihnen schloss
    Spät am Nachmittag kehrte die Taitai endlich heim da schon Besorgnisse über
die ungewöhnlich lange Dauer der Audienz laut zu werden begannen und Madame
Angèle sich in düstersten Prophezeiungen erging Und die Taitai konnte gar nicht
rasch genug sprechen so viel hatte sie den auf sie Wartenden zu erzählen Sie
habe sich prachtvoll amüsiert versicherte sie Chinesische Teateraufführungen
hatten im Palast mit großartigen Banketten abgewechselt die verschiedensten
Hallen Pavillons und Höfe waren ihr gezeigt worden sämtliche Prinzessinnen und
die junge Kaiserin seien dagewesen und auch den Kaiser habe sie kennen gelernt
es sei also offenbar gar nicht wahr dass er so streng gefangengehalten würde
Und die alte Kaiserin Oh das sei überhaupt eine liebe alte Dame von größter
Freundlichkeit und ungeniert behaglichem Wesen Allerhand Geschenke hatte sie
den Damen mitgegeben Die Taitai zeigte die ihrigen voller Stolz
    Und Tschun dachte Nein weise sind diese Fremden wahrlich nicht Eher
gleichen sie den kleinen Kindern die ob eines bunten Spielzeugs alles
vergessen
    So war die kurze Aera der Reformen mit einem Feste endgültig begraben
worden Und unter den Fremden ward es bald üblich von Tzü Hsis Staatsstreich
und seinen blutigen Folgen als einem kleinen rasch erledigten kaiserlichen
Familienzwist zu reden der durch die Unüberlegteiten des krankhaft erregten
Kaisers hervorgerufen worden sei
    Wer aber wie der Vetter Sin schen ins Haus Li lien yings oder zu anderen
Vertrauten Tzü Hsis kam der mochte dort ein Echo des spöttischen Kicherns
vernehmen das die Leichtgläubigkeit und Lenksamkeit dieser fremden Teufel der
Gewaltigen entlockten Die drei kardinalen Regierungstugenden Wohlwollen zu
simulieren Niedrige als Gleichstehende zu behandeln und reiche Geschenke
darzubieten  die der alte Philosoph Chia yi der HanDynastie einst zu
erfolgreicher Behandlung der Hunnen empfahl hatte sie diesen moderneren
Barbaren gegenüber angewendet Und diese alterprobten »Lehren für den Verkehr
mit starken und wilden Völkerschaften« hatten sich auch hier wieder bewährt die
Fremden waren dadurch hypnotisch eingeschläfert worden Doch der
fortschrittliche Vetter Wang pao ließ sich nicht so leicht täuschen er sagte
warnend »Glaubt mir all die Leutseligkeit die Tzü Hsi jetzt zur Schau trägt
ist nur Trug und man sollte ihr am wenigsten trauen wenn sie freundlich ist
Mir erscheint sie einer heimtückisch lauernden Spinne gleich in den dunklen
Tiefen der Paläste spinnt sie im Verborgenen an geheimnisvollen Netzen weiter
und übt nach Beispielen aus den Klassikern Versöhnlichkeit in Abwartung
geeigneter Gelegenheit zu Feindseligkeiten«
    Und wirklich ward den Sehenden bald bewusst dass irgendwelche Ereignisse sich
vorbereiteten Kommende Dinge lagen in der Luft Die christlichen Chinesen
fühlten es die Missionare im Innern sahen die Zeichen und begannen ihren Oberen
davon zu berichten Aber die Fremden im Pekinger Gesandtschaftsviertel merkten
einstweilen noch nichts Da hatte alles wieder den altgewohnten Gang angenommen
Die Vertreter der fremden Mächte wetteiferten untereinander im Bestreben Chinas
Gunst und Aufträge zu erringen Jeder arbeitete gegen den anderen Denn da war
keiner der nicht etwas gewollt was der Nachbar ebenfalls wollte Und alle
wurden sie von ihren Heimatsbehörden in langen weisheitsvollen Erlassen und
kurzen ungeduldigen Depeschen angetrieben Vorteile zu erringen oder wenigstens
andere an ihrer Erreichung zu hindern
    Der Schwarm der Konzessionenjäger den die Ereignisse des Staatsstreichs
einen Augenblick aufgescheucht hatten war wieder über Peking niedergegangen
gleich wie hungrige Vögel in ein überreifes Kornfeld einfallen Sie bestürmten
die Gesandtschaften und die Boys hatten bei den Tajens immer neue Herren zu
melden die in ihren verschiedenartigen Bestrebungen unterstützt sein wollten
Ja das Wettrennen war wieder in vollem Gange Und wenn Tschun jetzt im
Arbeitszimmer des Gesandten Soda und Whisky servierte dann hörte er ihn sicher
mit den Sekretären und Dolmetschern über Lieferungen und Unternehmungen reden
über Geschütze Minen Bahnlinien und Anleihen
    Es waren alles noch dieselben Worte die Tschun zuerst so verheissungsvoll
aus der Welt der Fremden entgegengeklungen hatten und die ihm beinahe wie
unfehlbare Beschwörungsformeln gegen alle Übel erschienen waren  und doch war
da irgend etwas verändert Lag es an den gepriesenen Dingen und ihren
Befürwortern lag es an ihm selbst?  Er wusste es nicht fühlte nur dass er
nicht mehr so zuversichtlich wie einst an all das glauben konnte Aus den Tagen
nach dem Staatsstreich mussten seine ersten leisen Zweifel wohl herstammen oder
von noch früher Er suchte sich zu erinnern Und wusste schließlich nur noch das
eine diese fremden Menschen vertraten in Stunden der Gefahr nicht unbedingt
das was sie doch vorher selbst empfohlen hatten Da lag die Frage nahe durfte
man ihnen und ihren Ratschlägen überhaupt so ganz blind vertrauen Wenn Tschun
jetzt so über das Wesen der Ausländer nachdachte und Vergleiche anstellte
zwischen ihren Lehren und ihren Handlungen dann war ihm als sei er wie
manchmal im Traum in eine ganz fremde Stadt geraten wo er die Straßen nicht
kannte und sich angstvoll frug auf welcher er nun wohl weiterschreiten sollte
da er doch von keiner wusste wohin sie führen mochte
    Während nun aber die Herren gewohnter Arbeit also oblagen erfüllten die
Damen ebenso gewohnheitsgemäss was sie die gesellschaftlichen Verpflichtungen
nannten Die hätte der oberflächliche Beobachter freilich für Vergnügen halten
können aber Tschun wusste es besser denn er hatte ja oft die Taitais seufzend
erklären hören »das sei erst recht Arbeit« Auf alle Fälle aber trugen Ernst
und Spiel den gleichen Charakter des Stereotypen und über die Einförmigkeit von
beidem wurde von den Fremden viel geklagt
    Neben der Präokkupation um all diese immer wiederkehrenden Aufgaben des
Alltags gab es aber noch etwas was ihre Gedanken beständig beschäftigte das
war das Spekulieren Kombinieren und Diskutieren über die persönlichen
Karriereaussichten Von Versetzungsmöglichkeiten hörte Tschun die Fremden
oftmals untereinander reden Sie alle waren schon in vielen Ländern gewesen und
wollten offenbar noch in viele mehr kommen Und das Hauptziel eines jeden schien
zu sein an Orte innerhalb Europas versetzt zu werden
    Aber grübelte Tschun was mochten dort die Gesandten wohl für Geschäfte
haben In Europa waren ja alle Menschen Christen da wurden also keine
Missionare massakriert und bedurften keines besonderen Schutzes Und da all
diese verschiedenartigen Fremden sich darin glichen dass sie China gegenüber
nicht nur als Verkäufer und Unternehmer auftraten sondern dass auch ein jeder
China immer vor den Erzeugnissen aus der Heimat des anderen warnte so kauften
sie sich untereinander sicherlich nichts ab All jene Tätigkeit der Gesandten in
Peking die im Anpreisen eigener Lieferanten bestand musste also dort wegfallen
War vielleicht an europäischen Posten die Damenarbeit die Diners und Jours und
Bälle die Hauptaufgabe
    
    Gerade in dieser Zeit hörte Tschun wieder mal besonders viel von
Versetzungsmöglichkeiten reden Es hieß dass bald ein sehr schöner Posten
irgendwo frei werden sollte und dass der Tajen ihn vielleicht erhalten würde
Von Madame Angèle wusste Tschun dass der Tajen und die Taitai die sonst über
alle Dinge entgegengesetzter Ansicht waren hier einmal den Wunsch auf jenen
Posten zu kommen beide gleich heftig hegten und dass sie auch fänden sie
hätten Ansprüche darauf Aber vor seinen Kollegen tat der Tajen doch scheinbar
bescheiden abwehrend »Solche Auszeichnung würde weit über seine schwachen
Verdienste gehen« antwortete er feierlich auf eine Frage Die vielen jungen
Herren die die Taitai stets umschwirrten besonders aber der hübsche weiße
schienen alle ganz geknickt bei der bloßen Möglichkeit ihrer Abreise Trauernd
starrten sie bei dem Jour der Taitai in die Teetassen Sie aber sagte nur
lachend »Es sei ja noch gar nicht entschieden«
    Ja mit lauter solch kleinem Tun und Trachten wurden die rasch fliehenden
Stunden des Sonnenscheins gefüllt Und niemand schien zu ahnen dass es
vielleicht die letzten sein würden Denn über all diese Zeit und Gedanken
gefangennehmenden Dinge war keine rechte Aufmerksamkeit übrig geblieben für die
Anzeichen großer aus dem Rahmen alles bisher Erlebten heraustretender
Ereignisse Unbemerkt war das Unwetter aufgestiegen und stand nun schon dunkel
und dräuend am Himmel Mit einer kleinen Wolke in Schantung hatte es angefangen
Jetzt lag ihr Schatten schon weit über Petschili
    Seit Monaten schon hatte man ab und zu in den Gesandtschaften Kunde erhalten
von Überfällen auf einheimische Christen und Bedrohungen europäischer
Missionare die in Schantung stattgefunden haben sollten Aber das gehörte ja so
sehr zu den alltäglichen Äußerungen der chinesischen Volksseele dass man es
stillschweigend hingenommen hatte nur wünschend dass die Ereignisse nicht einen
Umfang annehmen möchten der Einsprache oder Einschreiten unvermeidlich machte
    Doch dies Hoffen hatte sich nicht erfüllt Aergere Ausschreitungen waren
gefolgt große Plünderungen christlicher Dörfer Metzeleien ihrer Bewohner
Vertreibung ja sogar Verwundungen von Missionaren wurden gemeldet Auf die nun
nötig gewordenen milden Vorstellungen beim TsungliYamen erfolgte die Antwort
diese von der chinesischen Regierung sehr bedauerten Vorkommnisse seien auf
Räuberbanden zurückzuführen die sich in letzterer Zeit durch das große Elend
stark vermehrt hätten
    Und dies klang glaubwürdig genug denn nie noch waren die von Luft und
Wassergöttern geschaffenen Zustände dem Volkswohl so ungünstig gewesen Dürre in
den einen Gebieten Wolkenbrüche in den anderen hatten allerwärts die Ernten
vernichtet Der Gelbe Fluss war ausgetreten und hatte alle Deiche durchbrechend
weite Ländereien überschwemmt 160000 Menschen sollten dort obdachlos sein Die
größte Hungersnot die je erlebt worden herrschte seitdem in ganzen
Landesteilen Da mochten leicht einmal von den in großen Banden nach Nahrung
Suchenden Übergriffe begangen werden
    Mit diesen offiziellen Erklärungen beruhigte man sich
    Aber nun kamen Nachrichten von den Missionaren im Innern dass es sich bei
den Ausschreitungen doch keineswegs bloß um gewöhnliches räuberisches Gesindel
handle das sich zufällig von der Not getrieben zusammengerottet habe sondern
dass neben diesen andere weit gefährlichere Scharen beständen die
wohlorganisiert seien und einen ausgesprochen fremdenfeindlichen Charakter
trügen Sie schienen alle zu einer geheimen Sekte zu gehören die sich I ho
Chüan nenne allerhand seltsame Riten übe und die wunderliche Behauptung
aufstelle durch den Schutz übernatürlicher Mächte unverwundbar zu sein Das
Schlimmste aber sei dass diejenigen Distriktsmagistrate die diesen
Geheimbündlern anfänglich energisch entgegengetreten seien von den oberen
lokalen Behörden dafür Verweise erhalten hätten seitdem ließ sie die
Unruhestifter zum mindesten gewähren wenn sie sie nicht gar begünstigten Von
Yü Hsien dem Gouverneur Schantungs sei allgemein bekannt dass er die ganze
Bewegung unterstütze
    Das TsungliYamen erwiderte auf Vorstellungen der Gesandten
Geheimgesellschaften seien bekanntlich in China seit altersher aufs strengste
verboten  was eigentlich so viel bedeutete als dass sie von altersher bestanden
hatten  wenn daher von organisierten Banden die Rede sei so könne es sich nur
um die autorisierten lokalen Dorfmilizen handeln die eben jene Räuberbanden
bekämpften Was schließlich angebliche Ansprüche auf übernatürliche Kräfte
beträfe so seien das Kindereien die von den Missionaren aufgebauscht würden
Das Verhalten der Beamten solle in den einzelnen Fällen untersucht werden
    Wiederum beruhigte man sich obschon die Meldungen über Ausdehnung der
Bewegung mit beinahe langweilig werdender Monotonie einliefen Aber Schantung
schien weit Außerdem wollte auch keiner der Gesandten als derjenige gelten der
als erster im TsungliYamen mit scharfen Worten Vorstellungen gemacht Jeder
hegte die gleiche Scheu die chinesische Regierung dadurch zu verstimmen und so
ihre vielumworbenen Aufträge und sonstigen Begünstigungen einem schmiegsameren
Rivalen zuzuwenden Die emsigen Konzessionsjäger und Anleihevermittler boten
ihrerseits allen Einfluss auf um jedes energische Vorgehen zu hindern denn bei
dem für sie einzig massgebenden Zweck vorteilhafte Geschäfte rasch
abzuschließen bildeten wenigstens scheinbar ruhige Zustände ein
Haupterfordernis Ohne weiterzuschauen und stets nur von der Eifersucht auf den
politischen oder kommerziellen Konkurrenten geleitet bedachten sie alle nur
immer die Erfordernisse der augenblicklichen Marktlage
    Wenn Tschun solcherlei Erwägungen gelegentlich von den Herren der
Gesandtschaft erörtern hörte wollte es ihm jetzt bei zunehmender Reife
bisweilen scheinen als handle es sich für die Fremden in China vielleicht doch
weniger um Kulturaufgaben als um Gelderwerb Er erinnerte sich der Geschichte
vom goldenen Kalbe in der Bibel Das sollte ja damals zertrümmert worden sein
Aber vielleicht hatte die Taitai recht als sie ihm im Tempel vor Tsä schens
Bilde erzählte es wären statt des einen goldenen Kalbes in den Ländern jenseits
der Meere dem Gott des Reichtums zahllose Altäre errichtet worden
Inzwischen spielten sich in den Pekinger Kaiserpalästen Ereignisse ab die von
den europäischen Beobachtern kaum bemerkt wurden den Landeskindern aber voll
unheimlicher Bedeutung erschienen
    Da nämlich der schattenhafte Kaiser Kwang Hsü schon über fünf Jahre
verheiratet war ohne dass ihm ein Erbe geboren worden war es altem Brauch
gemäß an der Zeit nach einem präsumtiven Erben Umschau zu halten und zu seiner
Ernennung zu schreiten Tzü Hsis Wahl fiel auf den vierzehnjährigen Sohn des
Prinzen Tuan und sie proklamierte ihn zum Ta a ko obschon der mächtige
südliche Vizekönig Liu ku nyi der auch zur Zeit des Staatsstreichs zugunsten
Kwang Hsüs seine Stimme erhoben hatte vor der Wahl gerade dieses Prinzen mit
Entschiedenheit warnte
    Die eventuelle Tronfolge erschien den Fremden als eine interne
Angelegenheit der Dynastie die kein sonderliches Interesse verdiene um so
mehr als der Kaiser ja noch jung war Auch kannte niemand unter den Ausländern
den so plötzlich erhöhten jugendlichen Prinzen noch seinen Vater Man wusste nur
dass dieser vor einem Menschenalter bei Hof in Ungnade gefallen sei und seitdem
fast ausschließlich in der Mandschurei gelebt habe Warum Tzü Hsi gerade diese
Familie für die Eventualität der Tronfolge ausersehen hatte war mal wieder
eines der vielen chinesischen Rätsel doch was lag schließlich daran Aber der
Vetter Sin schen hörte im Hause Li lien yings dass ursprünglich keineswegs bloß
die Ernennung eines eventuellen Tronerben sondern die unmittelbare Abdankung
des Kaisers und seine Ersetzung durch den Sohn des Prinzen Tuan beabsichtigt
gewesen sei In der geheimen Ratssitzung wo diese Frage erwogen worden hätte
Tzü Hsi erklärt »es gäbe Präzedenzfälle für solches Verfahren« und sogar der
Titel den der abgesetzte Kwang Hsü später führen werde sei festgesetzt worden
Die Mandschus wären übereingekommen dass er mit Anspielung auf seine
reformatorischen Anwandlungen Huntekung  Herzog der irregeleiteten Tugend 
heißen solle  Erst die versteckte Drohung Liu ku nyis »er stände für nichts
was im Süden geschehen würde falls der Herr der zehntausend Jahre
widerrechtlich abgesetzt würde« hatte Tzü Hsi veranlasst den für den
Tronwechsel zuerst bestimmten Termin des kommenden Neujahrsfestes einstweilen
unbestimmt zu verschieben  So war dem Regiment des schattenhaften Herrschers
die Frist noch einmal verlängert worden und das nahende Jahr würde nicht wie
Tzü Hsi gewollt den Namen eines neuen Kaisers tragen sondern als
sechsundzwanzigstes der Aera Kwang Hsü auf die Geschichte übergehen
    Aber es hieß nur schwer und grollenden Herzens ertrüge Tzü Hsi diese
Vereitlung der unmittelbaren Ausführung ihrer Absicht Die sie kannten
erzählten flüsternd ihre Wut gegen den Kaiser der es einst gewagt gegen ihre
Autorität vernichtungwollende Pläne zu schmieden sei mit den sinkenden Monden
nicht schwächer sondern nur immer heftiger geworden sein beabsichtigtes
Vergehen erschiene ihr noch immer nicht genügend gesühnt das Gefühl
angetasteter Majestät die Furcht dass ihm vielleicht doch noch einmal Anhänger
erstehen könnten ließ ihr keine Ruhe  Wenn Tschun solche Worte vernahm
malte er sich aus wie sehr diese furchtbare Hasserin wünschen musste dass der
Kaiser verschwände und mit ihm auch alles was ihn beeinflusst hatte und was sie
sich selbst feindlich fühlte alles Fortschrittliche alles Fremde  Und zu
solchem Vorhaben würde ihr sicherlich jede Waffe jedes Mittel willkommen sein
    Bisher aber hatte es eben gerade an Waffen gefehlt und Tzü Hsi hatte sich
in ungeduldig ertragenes Abwarten fügen müssen Doch nun endlich schien der
langersehnte Augenblick gekommen Scharen nahten die der Kaiserin Kräfte
anboten mit denen sich jeder Kampf aufnehmen ließ  Wenn sie sich nur als echt
erwiesen  Einstweilen so hatte Li lien ying bedauernd geäußert zauderte die
göttliche Mutter ja noch Aberglauben und Misstrauen mochten in ihr wie in jedem
chinesischen Gemüt um die Herrschaft kämpfen  Aber Prinz Tuan hatte ja so
bestimmt gesprochen Unüberwindlich ja sogar unverwundbar sollten diese
freiwilligen Kämpfer sein Und wahrlich lockend erschien der Gedanke sogar
übernatürliche Kräfte in den Dienst eigener Rache zu stellen An der Grenze
Petschilis standen sie jetzt schon diese geheimnisvollen Grossmessermänner 
Nun man würde ja sehen was sie vermochten prüfen ob man sich ihnen
anvertrauen dürfe
    So nahte das neue Jahr Es wurde aber von allen erfahrenen Leuten
vorausgesagt dass es ein ganz schlimmes werden würde Und es konnte ja auch gar
nicht anders sein denn sein achter Monat würde ein eingeschobener Schaltmonat
sein und das ist bei Jahren die wie dieses das zyklische Zeichen »Keng«
führen seit altersher von unheilvollster Vorbedeutung gewesen
    Als Tschun am Morgen des ersten Tages dieses im voraus so übel beleumundeten
Jahres seine besten Kleider angelegt hatte begab er sich zuerst mit allen
anderen Boys zum Tajen und der Taitai um vor ihnen mit gebeugtem Knie den Ta
ke uGruß zu machen dabei empfing er wie all die übrigen den Betrag eines
Monatsgehalts der das in Peking altergebrachte Neujahrsgeschenk der Herrschaft
bildet Es war Tschun höchst willkommen denn er selbst hatte viel Geschenke zu
machen Sein erster Besuch galt der Mutter vor der er sich ehrfurchtsvoll
niederwarf Sie war in den letzten Jahren recht alt und kränklich geworden aber
sie hatte sich längst mit Tschuns Stellung bei den Fremden ausgesöhnt denn sein
regelmässiger Verdienst war ihr sehr willkommen Von da ging Tschun weiter zu den
verschiedenen älteren Verwandten
    In all den Häusern sah es festlich aus Blitzblank waren die Stuben Bei den
heidnischen Familien der Verwandtschaft hatte man nachts zuvor die alten russig
gewordenen Bilder der häuslichen Schutzgötter unter allerhand
Ehrfurchtsbezeigungen im Herdfeuer verbrannt und dazu gebetet dass sie trotz
aller etwa wahrgenommenen Mängel und Vergehen im Jenseits günstigen Bericht über
das Haus erstatten und den Himmelsgrossvater Tiau lao ye veranlassen möchten
für das kommende Jahr wieder recht wirksame Schutzgötter zu senden Da aber die
Reise ins Jenseits weit ist waren für die abziehenden Schutzgötter und ihre
Pferde Proviant sowie Wasser und Heu im Hof vorsorglich aufgestellt worden Dann
hatte man die neuen Götzenbilder feierlich aufgehängt und auch an die Haustür
eine Abbildung der Götterkatze geklebt welches sagenhafte Untier imstande sein
soll alle schädlichen Geister und bösen Einflüsse zu bannen Also behütet
konnte man allenfalls dem noch im Dunkel des Unbekannten liegenden Unheilsjahr
entgegengehen im Bewusstsein sein Teil an Vorkehrungen mit Weisheit getroffen
zu haben
    In den Zimmern standen Bretter umher mit je vier verschiedenen Geschenken
wie es sich für eine anständige Festgabe ziemt Die großen roten Visitenkarten
der Spender mit einer Liste der gesandten Dinge lagen darauf Auch Tschun
hatte seine Angebinde geschickt ein paar Lichter Schweinefleisch eine Schale
Lotoskerne und ein Paket Nudeln deren Länge eine Anspielung auf die Länge des
Lebens bedeutete die er den Empfängern wünschte
    Beim alten Grossonkel Lin the i fand er Kuang yin sowie die meisten Verwandten
versammelt Auch sein einstmaliger Lehrmeister Yang hung mit dem er sich aber
längst wieder versöhnt hatte war darunter Bei jedem Neueintretenden begannen
die Beglückwünschungen und Verbeugungen von neuem Die Aelteren begrüßten sich
untereinander mit dem »Ta kong« indem sie nach einer tiefen Verbeugung die Arme
bis zur Höhe der Augenbrauen hoben und dann wieder sinken ließ wobei wohl
darauf zu achten war dass die Hände von den Aermeln bedeckt blieben Tschun
dagegen als ein Jüngerer warf sich vor Lin the i nieder mit viermaligem
Kopfbeugen und begrüßte so mit »Pai nien« das Jahr
    Aber trotz aller Geschenke und Zeremonien wollte keine Feststimmung
aufkommen und das Gespräch ging immer wieder auf das Thema über das alle
beschäftigte  und das war wie schlimm doch die Anzeichen für dies eben
begonnene Jahr sich anliessen
    Zu allen schon umlaufenden Gerüchten brachte der Vetter Sin schen von einem
Besuch in Li lien yings Hause noch eine unheimliche Kunde »Der bisherige
Gouverneur von Schantung Yü Hsien ist in Peking eingetroffen« erzählte er
»Die Kaiserin hat ihn von dort abberufen weil er die Mörder eines fremden
Teufels zu offenkundig begünstigte und dessen Gesandtschaft hier Einsprache
erhob Aber sie hat ihn bei seiner Ankunft gleich aufs gnädigste empfangen und
ihm ein von ihr selbst gemaltes Glückszeichen geschenkt Jetzt will sie ihn gar
zum Vizekönig von Schansi ernennen«
    »Da sehen freilich alle Beamten woher der Wind weht« murmelte Kuang yin
indem er die Asche von seiner Zigarette streifte »und keiner wird mehr den Mut
haben diesen Mordbrennern entgegenzutreten«
    »Aber wer beeinflusst denn die göttliche Mutter so dass sie diesen
schrecklichen Leuten ihren Schutz leiht« fragte ein Vetter mit ängstlicher
Stimme
    Und Sin schen antwortete leise »Oh da gibt es sehr große Herren die der
Bewegung wohlwollen Li lien ying selbst erwartet Wunderdinge von ihr und er
rät der göttlichen Mutter sie gewähren zu lassen«
    »Natürlich von dem konnte man sichs denken« rief der fortschrittlich
gesonnene Wang pao »Aber noch andere stecken dahinter Kang yi und vor allem
Prinz Tuan sind es die die Kaiserin aufstacheln Und sie soll ja ganz unter
Tuans Einfluss geraten sein seit dem Unheilstag wo sie seinen Sohn zum
Tronerben ernannt hat Der Vizekönig Liu ku nyi wusste wohl warum er von dieser
Wahl abriet Tuan hasst ja alles was nicht zum reinsten Mandschublut gehört er
ist roh grausam und von beschränktem Verstande Er trägt die Verbitterung in
sich ob seiner früheren langen Ungnade und möchte sich an allem rächen was
während seiner Verbannung entstanden Er hat nichts in der Zeit gelernt und
hasst was neu ist Tzü Hsi hat er für die Wahl seines Sohnes zum Ta a ko durch
das Versprechen gewonnen ihr gegen die Fremden beizustehen aber sie wird diese
Wahl noch bereuen Und wir können noch was erleben wenn er ans Regiment kommt
Und er arbeitet mit allen Mitteln darauf hin die Gewalt an sich zu reißen
Jetzt liegt er der Kaiserin in den Ohren sie möge die Grossmessermänner als
einen Teil der Armee offiziell anerkennen und ihn selbst zu ihrem Chef ernennen
dann verspräche er ihr mit den Fremden im ganzen Lande kurzen Prozess zu
machen«
    Die Verwandten hörten ihm staunend zu Wang pao aber der sich vor Sin schen
auch einmal hoher Beziehungen rühmen wollte fuhr fort »Ihr könnt mir glauben
dass es so ist Ich habe es aus der unmittelbaren Umgebung Yung Lus Der scheint
beinah der einzige zu sein der klaren Blick bewahrt hat und die Kaiserin davor
warnt sich nicht auf diesen Schwindel der Grossmessermänner einzulassen«
    »Wie ist es überhaupt möglich den Unsinn den die behaupten ernst zu
nehmen« meinte Kuang yin geringschätzig
    Aber da fiel der alte Yang hung ein »Redet nicht so verächtlich denn es
gibt höchst ehrenwerte glaubwürdige Leute die versichern die Grossmessermänner
geböten tatsächlich über unerklärliche Kräfte« Und geheimnisvoll flüsternd
erzählte er »Gestern sprach ich meinen alten Geschäftsfreund aus Schantung bei
dem ich Seifensteinfiguren einkaufe Der hat zugesehen wie diese Leute vor
ihren Altären bei einbrechender Nacht ihre Übungen verrichten Er sagt sie
werfen sich unzählige Male nieder und rufen dabei laut die Helden der Vorzeit
an denn obschon die Grossmessermänner ja meist ganz ungelehrte Landleute sind
kennen sie doch die Namen jener ruhmreichen Männer aus den Stücken der
herumziehenden Teatertruppen und von den Geschichtenerzählern So beschwören
sie Hi nen ti den Geist des Nordpols der im Großen Bären wohnt den Herzog
Tsche u den sie ihren Ahnherrn nennen und vor allem den sagenhaften
Nephritkaiser Yü Huang Dadurch hoffen sie zu gleichen Taten wie jene fähig zu
werden und sie flehen sie an ihren Leib im Kampf zu schützen Auch murmeln sie
allerhand Zauberformeln und verschlucken gelbe Papierstreifen auf denen geheime
Hexensprüche stehen Danach werden sie von Krämpfen befallen Schaum steht ihnen
vor dem Munde und sie wälzten sich am Boden wie Tobsüchtige Das ist der
Augenblick wo die Geister in sie fahren und von da an sind sie unverwundbar
Mein Freund war selbst dabei wie sie sich nachher mit schweren Ziegelsteinen
ja sogar mit Säbeln geschlagen haben  und kein Blut ist geflossen«
    »Na den Kugeln der Fremden würde ihre Haut schwerlich standhalten«
murmelte Kuang yin Doch niemand achtete auf seinen Einwand so gespannt
lauschten sie alle auf des alten Yang hungs sonderbare Erzählung Mit Ausnahme
von Wang pao schienen die heidnischen Zuhörer alle völlig von der Wahrheit
seiner Worte überzeugt und auf ihre Art glaubten auch die Christen daran sie
erinnerten sich der Geschichten von den Besessenen in der Bibel und bekreuzigten
sich rasch im Gedanken an diese neuesten Offenbarungen des Teufels
    Yang hung aber fuhr fort »Wir werden es vielleicht alle bald selbst sehen
können denn sie sollen gar nicht mehr so weit von Peking sein Sie ziehen in
ungeheuren Horden heran und Scharen junger Knaben eilen ihnen voran Aber das
sind eigentlich gar keine wirklichen Knaben sondern Geister die diese Gestalt
angenommen haben Und sie tragen Flaggen mit der Aufschrift »Geister und Fäuste
helfen sich«
    Der alte halb blinde Grossonkel Lin the i nickte beifällig und sein runzliges
Gesicht glich dabei der verhuzelten Haut einer zusammengeschrumpften
getrockneten Feige Mit zitternder Stimme sagte er »Ganz Ähnliches wird in den
Annalen der HanDynastie von den gelben TurbanInsurgenten erzählt die auch
unter dem besonderen Schutz des sagenhaften Nephritkaisers Yü Huang standen und
seitdem sind immer wieder solche geheime Gesellschaften erstanden  Vor vielen
Jahren als ich noch jung war gab es in Schensi eine Sekte die genau dieselben
Wunder vollbrachte Aber damals kam es zu nichts Entscheidendem  Nun ich
freue mich das Kommen dieser wackeren Grossmessermänner noch zu erleben Möchte
es ihnen doch endlich gelingen die fremden Teufel endgültig zu vertreiben
Verdient haben sie es reichlich sie haben Stücke unseres Landes genommen und
machen sich bei uns breit als seien sie Herren im Hause Das wäre wahrlich ein
großer Tag wo wir von ihrem Fleische essen und auf ihren Häuten schlafen
könnten«
    Niemand widersprach ihm nicht einmal der bei den Fremden bedienstete Kuang
yin und Tschun schwieg wie es seiner Jugend ziemte Nur Wang pao erwiderte
»Das ist alles ganz gut und schön aber auf jeden Fall würden dabei auch viele
von uns selbst mit umkommen und viel guter chinesischer Besitz ginge zugrunde«
    
    »Das mag sein« sagte Lin the i gleichmütig »aber damit muss man sich
abfinden Der Weise sagt wenn aus dem Berge Kun Lun Feuer sprüht wird
kostbarer Nephrit mit wertlosem Gestein zugleich vernichtet«
Plötzlich sprach man dann auch in den Gesandtschaften von den nahenden
Grossmessermännern Man nannte sie »Boxer« Niemand wusste recht woher diese
Bezeichnung zuerst gekommen ob sie von einer früheren Geheimgesellschaft
stamme die sich Pflaumenblütenfäuste nannte auf gymnastische Übungen anspiele
oder von dem Faust bedeutenden Schriftzeichen herrühre das in ihrem
chinesischen Namen vorkam Aber sie klang komisch Und die ganze Sekte mit ihrem
Aberglauben der Unverwundbarkeit hatte ja auch etwas sehr Komisches Einstweilen
lachte man noch über sie wenn man auch gleichzeitig vor dem offiziellen China
sehr entrüstet tat über alle Greuel die diese merkwürdigen Boxer auf ihrem Zuge
verübt haben sollten Man hörte von Haufen die dicht vor Peking ständen und
Fahnen trügen auf denen »Schutz dem Kaiserreich Tod den Fremden« zu lesen war
aber man empfand das weit mehr als eine Frechheit denn als wirkliche Gefahr An
die Möglichkeit gar einer ernsten Bedrohung in Peking selbst glaubte vorläufig
kein Mensch und wem solch Gedanke jemals durch den Sinn ging der verscheuchte
ihn alsobald Niemand wollte der erste sein der Angst gehabt Und die jungen
Herren die das ständige Gefolge der Taitai bildeten beteuerten ihr alle
einzeln halb lachend und doch mit einem gewissen Enthusiasmus sie könnten sich
gar nichts Schöneres denken als zu ihrem Schutz mit allen Boxern und deren
übernatürlichen Helfern kämpfen zu dürfen und sie sehnten diesen Augenblick
förmlich herbei
    Aber die Taitai sollte solches Schutzes gar nicht bedürfen denn der Tajen
erhielt ein Telegramm das ihm nun wirklich seine Versetzung auf den so
begehrten Posten ankündigte und ihm gleichzeitig anbefahl sich möglichst rasch
an seinen neuen Bestimmungsort zu begeben
    Sobald die Nachricht bekannt geworden kamen alle Mitglieder der
Gesandtschaft dem Tajen und der Taitai zu gratulieren denn es war ja eine
sehr ehrenvolle Ernennung und auch die anderen Fremden erschienen ihnen zu der
Auszeichnung Glück zu wünschen Aber Tschun fand dass manche dabei recht
süßsaure Gesichter machten An der Aufrichtigkeit der Gefühle der jungen Herren
dagegen besonders aber des hübschen weißen konnte niemand zweifeln Sie
gebärdeten sich alle ganz untröstlich und jeder wollte in dieser letzten Zeit
noch möglichst viel mit der Taitai zusammen sein mit ihr ausreiten oder ihr bei
Kommissionen in den Antiquarläden helfen oder für sie noch rasch photographische
Aufnahmen machen Nur der böse Herr den die Taitai immer weniger beachtet
hatte stand mürrisch dabei
    Es ging nun an ein großes Packen Tischler machten Kisten in denen die
Möbel verschwanden Madame Angèle faltete mit kummervollem Gesicht Berge von
chinesischen Seiden und Stickereien Und die Boys wickelten von früh bis spät
all die vielen Porzellane Bronzen Elfenbeinund Nephritnippes ein die der
Tajen und die Taitai in Peking gesammelt hatten und zu denen sie in aller Eile
noch immer mehr hinzukauften Die chinesischen Kuriositäten schienen das einzige
zu sein was sie jetzt noch an China interessierte mit all ihren Gedanken
lebten sie offenbar schon ganz auf der langen Reise und an dem neuen Posten
Während Tschun sie so von Orten und Dingen reden hörte die ihm fremder wie der
Mond weil nie gesehen waren empfand er so recht die Kluft die zwischen
seinesgleichen und diesen Ausländern bestand Vorübergehende blieben sie doch
immer und falls ihr Wesen überhaupt Wurzeln besaß so ruhten die in ganz
anderem unbekanntem Boden Tschun hatte früher oft sehr heftig den Wunsch
gehegt die ferne Welt der Fremden selbst zu sehen und das kennen zu lernen was
diese scheinbar Heimatlosen Heimat nannten Und jetzt bot sich ihm plötzlich die
Gelegenheit Die Taitai erklärte sie wolle ihn gern mitnehmen und es solle ein
großer Vorrat seidener Anzüge für ihn angefertigt werden damit sie auf dem
neuen Posten Staat mit ihm machen könne Ein merkwürdiger Ort musste das sein
dachte Tschun wo niemand einen Boy hatte sondern alle Diener sogar die
Ofenheizer weiße Menschen sein sollten Er konnte sich das nicht recht
vorstellen denn alle Fremden die er bisher gekannt waren doch Herren sogar
die gramvolle Madame Angèle blieb immerhin ein höheres Wesen das keine grobe
Arbeit tat sondern dazu einer chinesischen Amah bedurfte  Aber während die
Taitai noch mit ihm sprach schrumpfte sein einstmaliger großer Wunsch immer
mehr zusammen wurde klein und kleiner war plötzlich ganz fort Er hätte selbst
nicht recht sagen können wie das zugegangen Aber die Taitai schien ihm
plötzlich viel fremder als damals wo er sich zuerst zu ihr geflüchtet hatte
Sie sagte dass sie ihn mitnehmen wolle dass es ihr leid tun würde ihn zu
verlieren doch er empfand dass er nur mitkommen solle wie das Hündchen Tin chau
oder die chinesischen Stoffe und Nippes  als eine Kuriosität die andere nicht
besaßen eine Staffage die sich gut ausnehmen würde auf dem malerischexotischen
Hintergrund den die Taitai allerwärts für sich und ihre tausend schillernden
Gewänder zu schaffen liebte Er kam sich ganz losgelöst von der Taitai vor als
habe er gar nicht die Jahre hier bei ihr gelebt Er hätte unmöglich mit ihr und
von allem Gewohnten fortreisen können So machte er der Taitai seine
allertiefste Verbeugung und dankte für die Gnade die sie ihm habe erweisen
wollen die er aber nicht annehmen könne da seine Mutter in letzterer Zeit sehr
alt und kränklich geworden sei wo es sich für einen Sohn nicht zieme sich
außer Landes zu begeben
    »Ach das sind Ausflüchte« sagte die Taitai ärgerlich »wenn Ihr Chinesen
etwas nicht tun wollt habt Ihr immer kranke Mütter«
    Über Tschuns junges Gesicht glitt das uralte leise überlegene und zugleich
nachsichtige Lächeln seiner Rasse womit Ostasiaten antworten wenn Leute
kindlich unerfahrener Völkerschaften sich einbilden sehr schlau zu sein und sie
zu durchschauen
    »Die Taitai weiß alles« antwortete er ehrerbietig »aber diesmal ist es
doch wirklich so wie ich sagte«
    Und er sprach die Wahrheit denn seit Neujahr war die Mutter tatsächlich
noch viel hinfälliger geworden
    Während der folgenden Tage schien die Gesandtschaft dann ganz leer geworden
all die vielen Dinge die den Abreisenden gehörten waren endlich fertig
verpackt in Kisten und Koffern nun wurden sie in langen Zügen von Maultierwagen
zur Station gebracht und von da würden sie per Bahn nach Tientsin und dann
weiter zu Schiff über das große Wasser fahren Der Tajen und die Taitai machten
Abschiedsbesuche und sie wurden von allen anderen Fremden der Reihe nach noch
einmal zu großen Mahlzeiten eingeladen denn ob man sich nun geliebt oder
gehasst Abschiedsfeste gab man jedem Scheidenden Und während ihnen die Boys zum
letzten Male mongolische Wildschweinsköpfe und Pekinger Riesenenten servierten
wurden auf den Tajen und die Taitai auch schöne Trinksprüche ausgebracht die
voll von Anerkennung Bedauern ob ihrer Abreise und guten Wünschen waren
    Auch der alte Bischof kam um dem Tajen und der Taitai Adieu zu sagen Er
sah sorgenvoll aus und Tschun hörte ihn beim Tee sagen »Ich kann Sie zu Ihrer
Abreise nur beglückwünschen denn ich habe die Empfindung dass wir hier in den
ärgsten Sturm treiben den die Fremden je in China erlebt haben«
    »Wirklich Doch nicht etwa wegen dieser Boxer« frug der Tajen mit höflich
unterdrücktem Unglauben
    »Ja« sagte der Bischof »ich weiß wohl dass es zum guten Ton gehört über
sie zu spotten aber ich sehe in ihnen eine furchtbare Gefahr«
    »In ihrer vermeintlichen Unverwundbarkeit« frug die Taitai lächelnd
    »Nein natürlich nicht in ihr« antwortete der Bischof »aber weil so blind
an sie geglaubt wird Dieses abergläubische Zutrauen hat schon die weitesten
Kreise erfasst und fanatisiert und es wird sie in der Zuversicht auf Gelingen
zu den wildesten Taten hinreißen«
    »Aber die Autoritäten können doch nicht so verblendet sein das zuzulassen«
entgegnete der Tajen »Sie werden sich im entscheidenden Augenblick wirklich
schlimmen Ausschreitungen sicher widersetzen denn sie müssen sich doch sagen
dass äusserstenfalls von den fremden Geschwadern leicht Mannschaften gelandet und
nach Peking gesandt werden könnten«
    »Die Autoritäten werden im entscheidenden Augenblick vielleicht gar nicht
mehr können wie sie wollen« sagte der Bischof bedächtig »Die Kaiserin soll ja
zwar noch immer schwanken zwischen dem Einfluss der wenigen Vernünftigen wie Liu
ku nyi und Yung Lu einerseits und Prinz Tuan Kang yi und den zahllosen
sonstigen Boxergenossen andererseits Ihre persönlichen Wünsche und Sympatien
sind aber unzweifelhaft bei den letzteren Und dazu kommt noch etwas das
meiner Ansicht nach bei ihr ausschlaggebend sein wird durch die letzten
Boxerproklamationen die mir von meinen Missionaren zugegangen sind geht
nämlich ein Ton der Anklage gegen die Dynastie sie wird für das ganze Elend des
Landes und seine korrupten Zustände vor allem aber auch für die
Gebietsabtretungen an auswärtige Mächte verantwortlich gemacht Es heißt darin
das Kaiserhaus sei dazu wie zu der Einführung von Bahnen und sonstigen
Neuerungen ganz ebenso wie die Mandarine von den Fremden mit Geld bestochen
worden Ich führe diese Ausstreuungen auf den Prinzen Tuan zurück und sie haben
einen besonderen Zweck Er will nämlich die in China besonders leichtgläubige
öffentliche Meinung dadurch erregen und sie für Ausführung seines eigentlichen
geheimsten Planes vorbereiten  der aber ist beim ersten günstigen Vorwand sich
und seinen Sohn öffentlich an Stelle von Tzü Hsi und Kwang Hsü zu setzen Sobald
nun die Kaiserin erkennt welche Gefahren für sie aus dem Glauben an solche
Anschuldigungen entstehen können wird sie sich offen auf Seite der Boxer
stellen um sich so zu entlasten und die Wut der wilden Horden von sich ab und
ausschließlich auf die Fremden zu lenken«
    Andere Besucher kamen und des Bischofs Ausführungen wurden unterbrochen
Aber sie mussten doch einen gewissen Eindruck auf den Tajen gemacht haben denn
später erzählte er das Gespräch dem ersten Sekretär der ihn bis zur Ankunft des
neuen Gesandten vertreten sollte »Vielleicht täten Sie gut diese Ansichten des
Bischofs nach Hause zu melden« sagte der Tajen der immer mehr ein Mann des
geschriebenen Wortes wie der Tat in der Berichterstattung den Hauptzweck des
Dienstes sah und durch seinen glänzenden Aufstieg ja auch von der Richtigkeit
dieser Auffassung überzeugt wurde
    »Ach Exzellenz« antwortete der Sekretär »es ist ja ganz klar dass der
Bischof nur deshalb so schwarz sieht weil all die Ausschreitungen sich gegen
die Missionare und die von ihnen beschützten Konvertiten richten Das
Christentum ist nun mal in China nicht beliebt und eigentlich kann man sich
kaum darüber wundern denn die ehrwürdigen Herren mischen sich zu sehr in die
irdischen Angelegenheiten ihrer chinesischen Gläubigen und wollen ihnen
allerhand Begünstigungen sichern um ihnen zu beweisen dass ihre Religion nicht
nur fürs Jenseits vorteilhaft ist Darüber kann man ja die chinesischen Behörden
immer wieder klagen hören Sollte es indessen wirklich schlimmer werden so kann
man ja mal eine scharfe Note an das TsungliYamen richten«
    »Gewiss gewiss Sie haben sicher recht« sagte der Tajen der geglaubt
hatte aus Gewissenhaftigkeit sprechen zu müssen in Wirklichkeit aber nur zu
froh war die Seite des Lebensbuches auf der das Wort China stand nun
endgültig umwenden zu dürfen
    Dann kam der Tag der Abreise Früh schon standen die beiden grünen Sänften
bereit in denen der Tajen und die Taitai so oft sei es zu langwierigen
Verhandlungen ins TsungliYamen sei es zu mehr oder minder kurzweiligen
Gesellschaften getragen worden waren und die sie nun zum letztenmal für den Weg
zur Station besteigen sollten Früh auch waren alle Trabanten der Taitai zur
Stelle mit Blumen in den Händen Abschiedsschmerz im Herzen und hohen gelben
Stiefeln an den Füßen um der scheidenden Angebeteten reitend das Geleit zur
Eisenbahn zu geben
    Als die Reisenden nun aus der Haustür auf die zum Garten herabführenden
Stufen traten sah der kleine graue Tajen ernster noch aus als sonst reckte
die unscheinbare Gestalt und blickte sich feierlich um als erwarte er dass hier
an seinem bisherigen Tätigkeitsfeld zur Erinnerung an sein Wirken Lorbeeren
von selbst zu spriessen begännen Die Taitai dagegen schien so gleichgültig als
handle es sich um einen alltäglichen Ausgang So setzten sie sich in die
Sänften auf Kommando hoben die Träger sie empor und schwingenden Schrittes
ging es hinaus aus dem großen Tor
    Im selben Augenblick aber ertönten laute langanhaltende Salven von
Feuerwerk und Schwärmern vor denen zu fliehen eine der Eigentümlichkeiten
chinesischer böser Geister sein soll und die daher bei Abreisen stets in
reichlichem Masse abgebrannt werden Der unmittelbar sichtbare Erfolg war
indessen dass die Ponies der jungen Herren zu scheuen und schlagen begannen um
dann im Galopp mit ihren Reitern durch die von Gaffern gefüllte
Gesandtschaftsstrasse zu jagen
    In Maultierkarren folgten die Boys mit dem Gepäck Tschun saß auf dem schafft
des Wagens in dem Madame Angèle mit Tin chau fuhr Die stets Kummervolle schien
beinahe lustig so froh war sie Peking zu verlassen
    »Mein armer Tschun« sagte sie »ich glaube Du hast unrecht getan nicht
mit uns kommen zu wollen Heute nacht träumte mir ganz Peking brenne Es sah
aus wie Paris während der Kommune«
    Während sich Madame Angèle noch in allerhand düsteren Prophezeiungen erging
starrte Tschun vor sich hin in die Straßen Gedankenlos zuerst dann aber mit
plötzlich erwachter Aufmerksamkeit Denn es wollte ihm scheinen als sei die
Menge in den Straßen anders als sonst Nicht mit dem gewohnten gleichgültigen
Stumpfsinn schauten die Leute dem Zug der Fremden nach sondern etwas
ausgesprochen Feindliches lag heute in all den kleinen tückischen Aeuglein Und
Gesichter waren darunter zerstreut die aus anderen Landesteilen stammen mussten
    Am Hatamen herrschte arges Gedränge Fuhrwerke und Fußgänger hatten sich in
dem tiefen Torweg gestaut Der Maultierkarren musste halten Von dem
vorwärtsdrängenden Gewühl wurden zwei wild aussehende Leute dicht
herangeschoben und Tschun hörte den einen sagen »Da flüchten einige der
fremden Teufel« worauf der andere antwortete »Die übrigen werden wir rasch
genug ins Jenseits befördern« Dann wandte sich der erste direkt an Tschun »Du
gehörst wohl auch zu ihnen Hüte Dich Euch Teufeln zweiten Grades die Ihr zu
den Fremden haltet wirds am schlimmsten gehen« Doch nun hatte sich das Knäuel
gelöst das Maultier zog an und es ging weiter auf langer breiter Straße an
dem Himmelstempel vorbei bis hinaus zum Bahnhof
    Da standen schon wartend viele Freunde der Reisenden Man sagte sich Adieu
und sprach von Wiedersehen auf anderen Posten Viel gute Wünsche für eine glatte
Überfahrt wurden laut und niemand schien zu denken dass vielleicht gerade die
Zurückbleibenden den weitaus schlimmeren Stürmen entgegengehen könnten
    Der hübsche weiße Herr streichelte das Hündchen Tin chau zum Abschied »Du
hast es besser als ich« sagte er indem er es der Taitai in den Waggon
hinaufreichte Der böse Herr sah dem zu mürrisch und zugleich schadenfroh als
dächte er Sehe ich sie nicht siehst doch auch Du sie nicht mehr 
    Dann pfiff die Lokomotive Hüte und Taschentücher wurden geschwenkt die
Boys beugten zum letztenmal das Knie vor der scheidenden Herrschaft Der Zug
setzte sich in Bewegung langsam zuerst Einige der jungen Herren liefen noch
ein Stückchen am Waggon mit aber schneller und schneller drehten sich die Räder
und führten die Taitai davon fort aus dem Bereich der hohen finsteren Pekinger
Stadtmauern und seiner dräuenden Türme  hin zu neuen Städten wo vieles ganz
anders sein mochte wo sich aber sicherlich auch wieder junge Herren einstellen
würden die gern schönen Frauen auf einem Stückchen Lebensweg das Geleit geben
Tschun zog nun wieder zu seiner Mutter denn er und die anderen Boys hatten
vorläufig keine Beschäftigung in der Gesandtschaft nur Kuang yin sollte darin
verbleiben und das Haus hüten in dem die Taitai einst gewohnt Die übrigen
warteten und hofften später in die Dienste des künftigen Gesandten zu treten
    Tschun begleitete jetzt manchmal die Mutter wenn sie in den Petang ging um
sich bei der Schwester Apotekerin Rat und Arzneien zu holen Es war nicht mehr
dieselbe die einst als Tschun ein ganz kleiner Junge gewesen das Loch an
seiner Stirn verbunden hatte Aber eigentlich hätte es dieselbe sein können so
gleich war beider Art Auch sie hatte dieselbe ruhige Güte den
unerschütterlichen milden Gleichmut gegenüber den trübsten Seiten des Lebens
Und das alles tat Tschun wohl Es musste wohl den Bedürfnissen seines geheimsten
Wesens entsprechen Denn irgend etwas in ihm war nicht mehr so recht froh und
zuversichtlich Es gab da eine wunde Stelle Er grübelte Hatte er sich
vielleicht im Weg geirrt damals als er ihn so selbertscheidend gewählt Es
sollte doch alles schön werden durch die Fremden die so viel Neues und Gutes
brachten Und rasch sollte es so werden Er selbst hatte es so eilig gehabt zu
dieser neuerstehenden Welt zu gehören Aber was war denn seitdem anders und
besser geworden Man konnte jetzt mit der Bahn von Tientsin nach Peking in vier
Stunden fahren statt wie früher in ebensoviel Tagen im Boot den gewundenen
Peiho hinauf Das war eigentlich alles  und das machte ein Volk nicht besser
noch glücklicher Das einzigste Mal aber wo wirklich der Versuch gemacht
worden Reformen einzuführen da hatten die Fremden das Werk nicht unterstützt
hatten nur verständnislos und untätig zugeschaut wie zerstört wurde was doch
sie zuerst gesät Und durch den damaligen leichten Sieg ermutigt hatten sich
seitdem all die dunklen Mächte zusammengerottet und stiegen jetzt aus
unheimlichen Tiefen auf um nunmehr auch jene zu vernichten die sie als
Ursprung alles Übels ansahen und dafür verantwortlich machten Und wieder
schauten die Fremden unschlüssig zu obschon es doch so klar war dass die Losung
diesmal gegen sie ganz persönlich gerichtet war und sie konnten sich nicht
einigen welche Gegenmassregeln zu ergreifen seien
    Einzig der weise alte Bischof schien die Dinge zu sehen wie sie wirklich
waren Ihm strömten die Nachrichten aus tausend Quellen zu von den bedrängten
Missionaren im Innern von den vielen Christen die aus ihren Städten und
Dörfern vor den Boxern hatten fliehen müssen und die nun anfingen scharenweise
nach Peking einzuströmen um sich ganz selbstverständlich nach dem Petang zu
wenden und ebenso selbstverständlich dort aufgenommen zu werden Sie füllten
schon ganze Abteilungen des weiten umwallten Missionsgrundstücks arme Leute
zumeist die nur das Leben gerettet hatten und von den Wogen der Verfolger vor
sich hergetrieben oft nicht einmal wussten wo ihre nächsten Angehörigen
geblieben sein mochten in diesem Sturm der so vernichtend über ihre kleinen
kümmerlichen Existenzen hereingebrochen war Alle brachten sie dieselben
Erzählungen mit von der raschen Ausdehnung der Bewegung von Boxeremissären
die mit aufreizenden Proklamationen durch das ganze Land zögen von Edikten die
die Regierung dagegen erliess um scheinbar zu Ruhe und Ordnung zu ermahnen die
aber von niemand beachtet wurden da jeder wusste dass sie nur erfolgten auf
Drängen der fremden Gesandtschaften in Peking und um sie in Sicherheit zu
wiegen dass sie aber gar nicht ernst gemeint seien da ja die Mandarine selbst
den Boxern Schutz gewährten ja sogar von regulären Truppen erzählten die
Flüchtlinge die angeblich zur Bekämpfung der Aufständischen ausgesandt
alsobald selbst zu ihnen übergingen Alle auch schilderten die Boxer in ihrem
grausamen Wüten wie Besessene die keine Gewalt mehr über sich anerkennen und
sich vor nichts auf Erden fürchten weil sie sich selbst für durch überirdische
Macht Gefeite halten  Verwundungs und Todesmöglichkeiten waren ja eigens für
sie abgeschafft und wo alle äußersten Folgen aufgehoben schienen fielen vor
den entfesselten Raub und Mordinstinkten auch die letzten Hemmungen nieder
    Wenn Tschun in den Petang kam unterhielt er sich mit den Geflüchteten und
ein Gruseln überkam ihn bei ihren Schilderungen von den Boxern  ähnlich wie vor
Jahren als er zuerst von der alten Kaiserin hatte erzählen hören Dasselbe
Grauen empfand er das doch zugleich auch eine unheimliche Anziehung enthielt 
Er streifte jetzt oft in der Stadt umher in einer seltsamen Stimmung
erwartungsvoller Unruhe Und dies Gefühl nahenden Weltuntergangs vor dem noch
irgendetwas zu beginnen nicht recht lohne schien viele erfasst zu haben Die
Straßen waren überfüllter denn je um die offenen Garküchen in den Teehäusern
und Läden überall wurde debattiert und alle Menschen hatten etwas Spähendes
Aufhorchendes als erwarteten sie stündlich Nachricht von irgendeinem
ungeheuerlichen Geschehen
    Manchmal aber floh Tschun aus dem bedrückenden Gewühl der heißen staubigen
Straßen hinauf auf die hohe breite Stadtmauer wo die seltsamen astronomischen
Bronzeinstrumente standen Dort oben war es still nach dem Lärmen drunten und
reinere Lüfte wehten In der masslosen Dürre des Jahres waren aber sogar die
Dornensträuche und Unkräuter vertrocknet die sonst hier zwischen den Fugen der
Steine wuchsen Ungestört konnte man da lange Stunden verbringen um die ganze
weitausgedehnte Stadt herumgehen oder an die Brüstung gelehnt auf sie
hinabstarren und den Schicksalen nachträumen die in tausendjähriger Geschichte
seit den Zeiten wo hier einst ein erstes großes Zeltlager entstand über
diesen Erdenfleck hingegangen sind
    Als Tschun wieder eines Nachmittags um die Stunde des Hahns den steilen
Aufstieg zur Stadtmauer hinangegangen war erblickte er oben in der Ferne eine
lange seltsam schlotternde Gestalt die ihm entgegenschritt Vertraut kam ihm
die Erscheinung mit dem staubfarbenen Turban schon von weitem vor Etwas
Weltfremdes Entrücktes sprach aus der ganzen Haltung als wandle da einer dem
alles Sichtbare nur Schein Näher kommend erkannte Tschun den alten Einsiedler
vom Tempel der tiefen Beschaulichkeit Mit erstauntem Ruf über die unerwartete
Begegnung blieb er stehen Da hielt auch der einsam Wandelnde inne der offenbar
achtlos vorübergegangen wäre und es war als kehre sein Geist aus weiter Ferne
zurück »Ei« sagte er wie ein Erwachender der sich mühsam besinnt »Dich
sollte ich doch kennen Du erinnerst mich an irgend jemand den ich früher mal
gesehen haben muss  richtig einem Knaben gleichst Du etwas der mich einst vor
Jahren in den Bergen besuchte«
    »Ja« sagte Tschun »ich kam einmal zu Euch als Ihr vor Eurem Tempel sasst«
    »Ja ja« nickte der hagere Alte »jetzt entsinne ich mich wieder ganz
genau Aber ganz groß und erwachsen bist Du inzwischen geworden Nun und jene
Fremde bei der Du damals in Dienst warst hast Du sie verlassen«
    »Nein heiliger Mann ich verließ sie nicht aber sie ist weit fortgereist«
antwortete Tschun traurig
    »Nun wenn dem so ist und Du es gut mit ihr meinst so freue Dich dessen für
sie« sagte der Einsiedler »denn« fuhr er fort und wies dabei mit magerem Arme
hinab auf die Stadt in der Richtung des Gesandtschaftsviertels »über die
Handvoll Menschen die dort wohnen wird bald ein schlimmes Unwetter
niedergehen«
    »Das fürchte ich auch« sagte Tschun »aber sie sehen es nicht«
    »Sie sind blind wie alle sein müssen denen das kleine tägliche Tun so
wichtig erscheint dass sie das große stille Nachdenken darüber vergessen« sagte
der Inder »Dächten sie so müssten sie wissen dass die so aus Gier kommen früh
oder spät Zorn und Kampf begegnen müssen« Er schwieg eine Weile und starrte ins
Leere als sei er allem Gegenwärtigen entrückt so dass Tschun ihn nicht
anzureden wagte Dann setzte er hinzu »Ich kenne die Fremden ja von meiner
fernen Heimat her  dort haben vor langen Jahren ihresgleichen die auch aus
Gier gekommen und blind geworden einmal Ähnliches erlebt wie was diesen hier
jetzt bevorsteht«
    »Und wie endete es dort« frug Tschun angstvoll
    »Ach« antwortete der Alte kummervoll »das ist ja gerade das Verhängnis es
endete gar nicht es setzte das Rad des Geschehens auf unabsehbare Zeit ins
Rollen Ganz wie es auch hier sein wird« Und dann Tschuns bestürzt verwirrten
Ausdruck gewahrend setzte er mit einer gleichgültigen Gebärde hinzu »Meinst Du
aber etwa nur die augenblicklichen äußeren Folgen nun damals blieben
schließlich die Fremden Sieger  und so wird es vermutlich auch hier bei diesen
gehen«
    »So glaubt Ihr natürlich auch nicht an die Wunder der I ho Chüan« sagte
Tschun erfreut über des Alten tröstliche Prophezeiung
    »Ich glaube an viel größere Wunder« antwortete der Einsiedler ernst »und
in meinem Lande könntest Du heilige Männer sehen die in tiefer
Weltabgeschiedenheit viel schwierigere und rätselhaftere Dinge zu vollbringen
imstande sind  aber zu solchem Tun wie diese wilden Horden hier vorhaben
leihen die Überirdischen nicht ihre Kräfte«
    Wieder versank der Alte in träumendes Sinnen Doch Tschun den nach
Tatsachen dürstete frug nach einer Weile »Aber sagt mir heiliger Mann wie
kommt es dass Ihr selbst jetzt bei beginnendem Sommer hier in der Stadt seid
Ich dachte da wärt Ihr längst draußen in Eurem Tempel«
    »Ich war auch schon hinausgezogen in die Berge« antwortete der Alte »aber
es ist ja niemand mehr dort der mir mein bisschen Nahrung brächte«
    »Niemand mehr dort« wiederholte Tschun erstaunt
    »Viele der Mönche und Priester haben die Tempel verlassen« erzählte der
Inder »sie ziehen mit den Aufrührern und feuern sie an zu ihren schlimmen Taten
 ach was sind das für Zeiten wo heilige Männer zu solch verruchten Dingen
aneifern statt einzig das Versenken in sündlose Beschaulichkeit zu lehren«
    »Ja aber die Dorfleute und vor allem Mahan«
    »Ach siehst Du die sorgten für mich in den guten Jahren wo sie genug Regen
hatten weil sie sich eingeredet hatten den schicke ich ihnen aus den Wolken
die ja so oft mein Tempelchen oben auf der Bergspitze ganz dicht umhüllten Aber
es will ja schon lange gar nicht mehr regnen und die Dürre dies Jahr ist
schlimmer denn je zuvor Dadurch sind viele Menschen arm geworden und es gibt
sogar solche die ihre Kinder um ein paar Kupfermünzen verkaufen All das Elend
schieben die Leute auf die Gegenwart der Fremden im Lande Auch gegen mich
richtete sich ihr Zorn und sie begannen zu sagen wenn meine Gebete so wenig
taugten dass ich die böse Macht der Fremden nicht zu entkräften vermöchte dann
lohne es sich auch nicht mir noch Essen zu bringen Da sei es schon besser
alles den I ho Chüan zu geben die versprächen die Fremden zu vernichten und
dann würde es auch bestimmt wieder regnen Niemand kam mehr hinauf zu mir und
ich lebte von Wurzeln die ich ausgrub Dann hörte ich Mahan mein einstmaliger
kleiner Ernährer sei fortgezogen mit den Aufrührern Schließlich bin ich in die
Stadt gewandert ich dachte hier würde ich eher mal eine mitleidige Seele
finden die mir etwas gäbe Aber damit ist es spärlich bestellt und obschon ich
aus Gautamas Land bin den sie doch hier anzubeten vorgeben fangen sie an mich
zu vertreiben und »fremden Teufel« zu schimpfen«
    Der Einsiedler sah so kümmerlich und verfallen aus dass es Tschun dauerte
und er sagte »Ich bete zwar nicht zu Gautama aber solltet Ihr je in die Gegend
der Stadt kommen wo ich jetzt bei meiner Mutter wohne so würde es mich freuen
wenn Eure ehrwürdigen Füße unsere Schwelle überschreiten wollten und ich Eurem
Alter etwas Nahrung anbieten dürfte«
    Er beschrieb dem Alten die Lage seines Häuschens Dann trennten sie sich
Und während im Westen die Sonne mit blutrotem Scheine in den dichten Staubdunst
sank der über der endlosen Ebene lagerte stieg Tschun den Weg von der Mauer
hinab zu der dämmernden Stadt Unten in den Straßen drängten sich die Menschen
um die offenen Garküchen deren brodelnde Gerichte einen scharfen Geruch von
brenzligem Fett verbreiteten Herumziehende Verkäufer boten ihre Waren mit
weithin hallenden Rufen aus Tschun aber schob sich eilend durch das Gewühl der
Leute denn er sollte noch zu Sin schen kommen
    Als er eintrat fand er die beiden Ältesten der Familie Lin the i und Yang
hung bei dem Vetter Sin schen erzählte ihnen eben sehr erregt »Die Dinge
schreiten mächtig weiter Die PekingPaotingfuBahn ist zerstört alles dort
soll brennen Und eine Menge I ho Chüan sind schon in der Stadt Prinz Tuan
sein Bruder der Herzog Lan und viele andere beherbergen sie in ihren Yamen
Große Scharen von ihnen sind aber auch draußen beim Sommerpalast versammelt wo
die Kaiserin jetzt weilt General Tung fu hsiang der dort in der Gegend mit
seinen wilden Kansutruppen steht und den Sommerpalast bewacht hat sich offen
für die Bewegung erklärt heute will er der göttlichen Mutter draußen eine
Vorstellung durch die I ho Chüan geben lassen damit sie sich endlich von der
Wahrheit ihrer Wunder überzeuge Li lien ying ist auch hinaus um es zu sehen«
    »Oh wer das auch könnte« riefen die Alten
    Sin schen antwortete »Zur Kaiserin kann ich Euch freilich keinen Eintritt
verschaffen aber das gleiche Schauspiel wie sie könntet Ihr haben Hier in der
Stadt üben die I ho Chüan ja auch und ich habe die Erlaubnis heute abend zu
einer Vorstellung in eines der Yamen zu kommen und Freunde zum Zuschauen
mitzubringen«
    Und dann wandte er sich an Tschun
    »Dich habe ich eigentlich deswegen rufen lassen damit Du es siehst und Dich
davon überzeugst dass es mächtigere Geister gibt wie diesen Gott der Fremden
der nichts Besseres vermochte als sich kreuzigen zu lassen Es täte mir leid um
Dich wenn Du bei dem kommenden Kampf auf seiner Seite ständest denn er wird
seinen Anhängern nicht gerade viel helfen können« 
    Den beiden Alten glänzten die Augen vor Erregung sie waren sofort bereit
das wunderbare Schauspiel zu besuchen Auch Tschun entschloss sich mitzukommen
Die unheimliche Anziehung war doch größer als das Grauen Ein Maultierkarren
wurde herangeholt und so fuhren sie schnell davon
    Im Hof des Yamen harrte schon eine große Menschenmenge und all diese
Gesichter hatten denselben gespannten Ausdruck Es waren allerhand hohe Beamte
darunter und Tschun glaubte etliche wiederzuerkennen die er im Sommerpalast
gesehen Daneben gab es auch manche verwahrlost aussehende Gestalten Leute
die in der Erwartung des Zusammenbruchs aller Dinge die Arbeit aufgegeben
hatten und dadurch offenbar schon sehr herabgekommen waren Aus den kleinen
tückischen Augen aller aber glänzte dieselbe täglich befriedigte und täglich
zunehmende Gier nach sich stets steigernden Sensationen
    Eine erhöhte Estrade war in dem weiten Hof errichtet Ein kleiner Altar
erhob sich in der Mitte Räuchergefässe standen darauf und Götzenbilder An
beiden Seiten der Estrade befanden sich die Sitze der besonders bevorzugten
Gäste Die wurden nun hingeleitet Man stellte rote Laternen auf denn es fing
an zu dunkeln Tschun musste plötzlich an die Nacht denken die er einst im Hof
des Sommerpalastes zugebracht hatte Es war dieselbe schwüle erwartungsvolle
Stimmung Nur dass damals die Angst vorgeherrscht hatte während heute eine
grausame Gier von all den Menschen ausströmte Tschun vernahm abgerissene Sätze
aus den Gesprächen der immer zahlreicher werdenden Zuschauer Es waren
Beschuldigungen gegen die Fremden Aufforderungen an ihnen Rache zu nehmen Und
es wollte ihm dabei scheinen als schöben sich immerwährend Leute durch die
Menge deren Aufgabe es war sie noch aufzuhetzen Männer die nach Bonzen und
Schriftgelehrten aussahen
    »Man hätte den fremden Teufeln nie gestatten sollen sich bei uns
niederzulassen« »Sicher nicht das war ein großer Fehler« Wir waren eben viel
zu nachsichtig gegen sie und sie haben diese Nachsicht für Schwäche gehalten
und haben sie missbraucht« »Und den ärgsten Fehler hat der Kaiser Kangschi
begangen als er ihnen erlaubte ihre Religion bei uns zu verbreiten« Wir
brauchen sie nicht diese Barbaren die die Lehren unserer Weisen nicht kennen
und unsere Sitten missachten« »Täglich haben sie uns durch ihr ungeschlachtes
Wesen verletzt keine Zeremonie beobachten sie« »Und dabei bilden sie sich noch
ein alles besser zu wissen« »Aber zaubern das können sie doch« »Ja das
Wetter haben sie behext« »Sie sind schuld an allem Übel das uns seit langem
befällt« »Ja unsere Götter zürnen dass wir sie dulden« »Wenn wir sie
vertreiben wird alles wieder gut werden« »Und jetzt können wirs jetzt sind
wir stärker als sie« »Jetzt haben wir die I ho Chüan Ihr Zauber ist mächtiger
als der der Fremden die sollen sie ins Meer werfen« »Oder besser gleich
verbrennen« »Brennen brennen das ist am sichersten« »Und nicht nur sie vor
allem auch die Teufel zweiten Grades« »Alle die zu ihnen halten« »Alle
alle« »Töten Töten«
    Doch jetzt öffneten sich die Tore einer großen Halle die im Hintergrund den
Abschluss des Hofes bildete Man sah dass es drinnen von Menschen wimmelte
    »Da sind sie Da kommen die I ho Chüan« ging es durch die Menge
    Was aber zuerst aus der Halle strömte erschien Tschun nicht sonderlich
beängstigend Eine Schar halbwüchsiger Knaben war es In rhytmischer Gangweise
schritten sie heran mit seltsam verschränkten Armen künstlich verrenkte
Stellungen einnehmend die sie wie ausgeschnittene Silhouettenbilder immer im
Profil erscheinen ließ Und wieder musste Tschun an den Sommerpalast denken und
an die Bewegungen der jugendlichen Bogenschützen des Kriegsgottes unter denen
auch er dort im Theater mitgewirkt hatte Zuerst war es nur ein allgemeiner
Eindruck eine verschwommene Erinnerung aber wie die Knaben nun näher
herankamen um durch die Menge zur Estrade zu gelangen blieben Tschuns Augen
wie gebannt auf einem von ihnen haften Ja er täuschte sich nicht  das war er
wirklich Der kleine Mahan von damals Länger in die Höhe geschossen magerer
und unkindlicher geworden aber doch Mahan Als er ihm ganz nahe gekommen
versuchte Tschun ihm ein Zeichen zu machen Aber Mahan erwiderte es nicht hatte
es wohl gar nicht gesehen Sah er überhaupt sahen seine Gefährten etwas von
dem was nicht sie selbst war Tschun beobachtete sie jetzt genauer bei jedem
Schritt warfen sie die Oberkörper herum als seien sie von den Hüften ganz
losgelöst Das hatte etwas Gewaltsames Krampfhaftes Und krampfhaft gezogen
waren auch die Gesichter mit den ganz stieren Augen die nichts zu sehen
schienen Nur die Lippen bewegten sich unablässig in einem beständigen
eintönigen Murmeln Auf den Stirnen standen ihnen große Tropfen Die Menge die
jetzt ganz lautlos geworden starrte ihnen nach
    »Das sind Geister« hörte Tschun dicht neben sich einen derer murmeln die
sich beständig durch die Reihen schoben »Sie bahnen den I ho Chüan den Weg Sie
wissen ohne zu sehen wo große Teufel und Teufel zweiten Grades sich verbergen
Zu ihren Häusern werden sie durch tiefste Nacht die I ho Chüan führen Sie
werden die Stellen bezeichnen wo die Feuer entzündet werden müssen«
    Blutrot wehte es jetzt über den Häuptern der Menge durch die Luft Das waren
die IhoChüanBanner mit ihren berüchtigten Sprüchen Dräuend im tiefsten
Schwarz standen die riesigen Schriftzeichen gegen das flammende Rot Und dann
kamen sie selbst die Unverwundbaren Ganz wie Tschun es nun schon oft hatte
beschreiben hören waren sie gekleidet mit roten Gürteln über losen schwarzen
Jacken und roten Tüchern um die Köpfe gewickelt Und wilde Gesichter blickten
unter diesen feurigen Umrahmungen hervor und bei manchen war dieser Ausdruck
des Grausigen noch erhöht durch dicke Farbenstriche So erinnerten sie Tschun an
die Bilder phantastischer Raubtiere mit denen Umfassungsmauern bemalt werden
um böse Geister durch noch Böseres zu verscheuchen
    Eine unheimlich gefährliche Rotte bildeten die schaurigen Gestalten obschon
sie als Waffen nur große Messer Knüppel und einige veraltete Büchsen bei sich
führten Unheimlich durch den grausamstieren Ausdruck ihrer teuflisch
verzerrten Gesichter gefährlich durch den dem Irrsinn so nahe verwandten
fanatischen Glauben an sich selbst.
    Dumpfe Gongschläge dröhnten als sie auf der Estrade anlangten
Räucherkerzen glommen und vermischten schwelend ihren benebelnden Duft mit dem
Geruch von Staub Fett Knoblauch und heißen Menschenleibern der über dem
dichtgefüllten Hof ja über der ganzen Stadt in beklemmender Dunstschicht
lagerte Und nun warfen sich die I ho Chüan vor dem Altar nieder dreimal den
Boden mit den rotumwundenen Köpfen berührend Dann sprangen sie auf und man
hörte sie mit rauen Stimmen ihre Beschwörungsformeln rufen Tschun horchte
angestrengt er unterschied einzelne Worte »A Mi To Fo ich lade Dich ein
Heilige Mutter der drei Genien Ehrwürdiger Weiser des südlichen Meeres Genius
der Pfirsichblüten General Schildkröte General Schlange General mit der
diamantenen Krone und Ihr achthundert höchste Geister Ihr Millionen
Gespenstersoldaten die Ihr könnt die Hiebe aufhalten und sie könnt versetzen
kommt herbei in Eile mein Leben zu schützen Macht dass die Wirkung des Zaubers
meinen Leib unversehrt bewahre«
    Sie wollten noch weiter reden aber in der Menge entstand ein ungeduldiges
Murmeln »Die Proben Die Proben«
    Nun traten einige der Sektierer dicht an den Rand der Estrade entblößten
die mageren Oberkörper ergriffen bereitliegende Steine und begannen sich damit
heftig zu schlagen Doch das genügte den Schaulustigen nicht man kannte ja auch
die scheinbar wuchtigen in Wahrheit milden Streiche die durch Bestechung von
den Henkern zu erlangen sind Ein Rest von Zweifel regte sich noch »Die
Schiessprobe die Schiessprobe« tönte es gierig
    Da schleppte oben ein Krieger eine der alten Flinten herbei schüttete
Pulver in den Lauf stampfte Baumwolle hinein dann ließ er alte Nägel und
Stücke Blei folgen Und mit der so geladenen Büchse führte er einen Tanz wilder
Sprünge auf sie heftig hin und her schwingend während die Entblössten laut
schreiend ihre Beschwörungen ausstiessen »Eiserne Götter kommt aus dem eisernen
Tempel der eisernen Höhle Gebt eiserne Kleider eisernen Schutz dass Eisen
meinen Leib nicht zerstören könne Kommt schnell schnell schnell«
    Und wie die oben brüllten nun die Zuschauer unten »Schnell Schnell
Schießen Schießen«
    Sie waren in einen solchen Taumel erwartungsvoller Erregung geraten dass sie
nichts mehr richtig sahen auch nicht gesehen hatten dass während der wilden
Sprünge des Schützen bei dem heftigen Schwingen der nach unten gehaltenen
Flinte die durch keine Baumwolle festgestopften Nägel und Bleistücke wieder aus
dem Lauf herausgefallen waren Denn der Zauber war sicherlich gut aber Vorsicht
doch noch besser Auch Tschun hatte es nicht gesehen Atemlos starrte er hinauf
wie der Schütze nun auf einen der von den Geistern Gefeiten zuschritt und die
Flinte auf ein paar Fuß Entfernung gegen seinen nackten Leib richtete Mit
mächtigem Knall ging der Schuss los Rauch erfüllte die Bühne Das Wunder war
geschehen Unversehrt stand der Geisterschützling
    Unten verharrten sie zuerst in starrem Schweigen dann lief es durch die
Menge wie ein Brausen
    »Es ist wahr«
    »Es ist wirklich wahr«
    Durch die Reihen aber schoben sich die Emissäre und murmelten
    »Kein Zweifel sie sind unverwundbar Niemand vermag ihnen zu widerstehen
Sie können uns von den Fremden befreien die unser Land stückweise fressen Sie
werden die Barbaren sicher vernichten Dann wird der Regen wieder fallen Und es
kommen gute Zeiten Ihr werdet alle reich« Und dabei verteilten sie gelbe
Zettel mit seltsamen Zeichen »Das sind starke Zauber Tragt sie bei Euch Sie
schützen«
    Auch Tschun hatte solch einen Talisman erwischt
Bei frühestem Morgengrauen zur Stunde des Tigers lief Tschun am nächsten Tag
in den Petang Er hatte die Nacht schlaflos verbracht und die teuflischen
Fratzen die er abends zuvor gesehen umtanzten ihn grinsend all die langsam
schleichenden Stunden durch die Finsternis ins Ungeheuerliche gesteigert Jetzt
empfand er es als unabweisliche Pflicht seine kleine Stimme warnend zu erheben
obschon er sich sagte dass es sein würde wie leises Säuseln gegen des Sturmwinds
Brausen
    Der alte Bischof ließ ihn gleich vor hörte seinem Bericht aufmerksam zu und
nickte bisweilen zustimmend
    »Deine Erzählung bestätigt was ich von anderer Seite bereits vernommen«
sagte er zum Schluss »Die Boxer sind die tatsächlichen Herren des Landes und
wenn auch die Kaiserin ihnen jetzt noch wehren wollte so würde nur ihre und
Kwang Hsüs Vernichtung die Folge sein und Tuans Sohn der Ta a ko würde sofort
zum Kaiser proklamiert Wie die Chinesen selbst über die Aussichten denken
beweist dass einer meiner chinesischen Freunde der mich bisher oft besuchte
mich bitten ließ ihn zu entschuldigen wenn er in nächster Zeit nicht mehr
käme denn Vernichtung bedrohe alle die mit Fremden verkehrten Ein anderer
schrieb mir es bestände bei den I ho Chüan der Plan alle Fremden zu
vertreiben um dann die ihnen abgetretenen chinesischen Gebiete zurückzuerobern
Er nennt die höchsten Würdenträger als Führer der Bewegung und an ihrer Spitze
den Prinzen Tuan Ja sogar unseren Nonnen ist durch eine hochgestellte
heidnische Chinesin die sich für ihre Stickereiarbeiten interessiert die
geheime Warnung zugegangen sie möchten fliehen solange es noch Zeit sei denn
die Niedermetzelung aller Fremden stehe unmittelbar bevor« Und dann setzte der
Bischof hinzu »Bisher ist es mir nicht gelungen die Gesandtschaften von der
Dringlichkeit der Gefahr zu überzeugen aber ich will es sofort noch einmal
versuchen Um diplomatische Noten kann es sich jetzt freilich nicht mehr
handeln sondern darum Vorbereitungen für den Angriff zu treffen den ich
persönlich für unausbleiblich halte Die Gesandten müssen sich entschließen
Schutztruppen von den Geschwadern zu verlangen«
    Und endlich musste des Bischofs Stimme oder eigene verspätete Einsicht
gewirkt haben Endlich entschlossen sich die Verblendeten die bisher des
Daseins Aufgabe nur darin gesehen die in Europa unter ihren Ländern spielenden
Eifersüchteleien auch hier draußen möglichst zu vertreten Gemeinsame Gefahr
brachte eine wenn auch nur scheinbare und momentane Verschmelzung der sonst so
entgegengesetzten Interessen Zwar gab es noch immer solche die sich nur
widerstrebend dem allgemeinen Vorgehen anschlossen weil sie im stillen meinten
gerade ihr Land sei in China so beliebt dass sie persönlich was auch den
übrigen etwa drohen möge nie etwas zu befürchten haben würden  während andere
wieder ihrer mit einem fernen unheilvollen Krieg vollauf beschäftigten
Regierung gern neue Verwicklungen und internationale Fragen erspart hätten und
daher vielleicht sogar gegen besseres Wissen die Ansicht vertraten es handle
sich ja nur um vorübergehende Notstandsunruhen denen einige Tage Regen mit den
damit verbundenen Ernteaussichten sofort ein Ende bereiten würden Aber trotz
alledem erfolgte endlich der längst schon gebotene Schritt Und durch die weite
ausgedörrte Ebene wo die Boxerscharen sengend und metzelnd schwärmten und die
wilden Kansutruppen nach Blut und Beute lechzten wo in brennenden Kirchen ganze
Kongregationen umkamen Bahnstationen in Flammen aufgingen und Scharen
halbnackter Flüchtlinge erbarmungslosen Verfolgern zu entkommen suchten  durch
diese weite Ebene glitt endlich längs der Telegraphendrähte von den hohen
finsteren Mauern der Stadt her bis hinaus an die Reede wo Kriegsschiffe aller
Flaggen lagen der Ruf der von ihnen Hilfe für die dort Bedrohten erbat
    Und sie kamen die also Herbeigerufenen Vierhundert waren es ungefähr
    Um ihr Eintreffen zu sehen hatten sich viele an den Bahnhof begeben an
diesen Bahnhof von dem vor wenig Wochen die Taitai lächelnd abgereist war Auch
Tschun war hinausgelaufen
    Heiss und verstaubt kamen die vierhundert an aber im übrigen schienen sie
guter Dinge und froh der plötzlichen Gelegenheit die sagenhafte Stadt Peking
auch einmal zu sehen Ohne Gedanken an Qual und Grab die ihrer hinter den hohen
dräuenden Mauern vielleicht harren mochten zogen sie ein durch die tiefen
unheimlichen Tore schimpften nur in ihren verschiedenen Sprachen über den
»verdammten Staub« Denn bei solcher Gelegenheit die einer kleinen
internationalen Parade glich zeigte sich doch ein jeder gern von der besten
adrettesten Seite 
    Vierhundert Genügend vielleicht für eine nur als Warnung und
Einschüchterung gedachte Demonstration gegenüber einer Regierung die so
weltfremd sie auch sein mochte doch immerhin einen Begriff haben musste von den
realen Machtvorräten die hinter diesen gleichsam als Muster Entsandten standen
Aber was bedeutete falls es zu wirklichem Kampfe kommen sollte dies Häuflein
gegen die schier unermesslichen Horden fanatisierter Wilden denen all jene
feinen Begriffe von Prestige und Symbolik abgingen und die in vierhundert eben
immer nur vierhundert sehen würden 
    Und Tschun begriff nur zu gut den spöttischen Ausdruck in manchen Gesichtern
der dicht gestauten Menge die dem Einzug der fremden Truppen scheinbar
teilnahmlos zuschaute »Warum hat man noch mehr fremde Teufel hereingelassen«
hörte er im Gedränge eine Stimme mürrisch fragen und dann antwortete eine
andere in geringschätzigem Tone »Das ist ja ganz gleichgültig denn was
vermöchte diese Handvoll gegen die I ho Chüan die wie Heuschreckenschwärme
sind Kein einziger von diesen kommt aus Peking je lebend hinaus«
    Von den vierhundert wurden vierzig dem alten Bischof zum eventuellen Schutz
des Petang gesandt
    Das große Missionsgrundstück mit den vielen weitläufigen Gebäuden war
schon sehr voll Ein paar tausend Flüchtlinge kampierten jetzt da und immer
noch wuchs ihre Zahl vermehrt durch solche die von weiter geflohen kamen wie
auch durch andere die sich sogar in ihren Häusern in Peking selbst nicht mehr
sicher fühlten Denn private Feindschaft hatte begonnen zu dem einfachen Mittel
zu greifen Missliebige als Anhänger der Fremden bei den Boxern zu denunzieren
Und den Boxern als verdächtig zu erscheinen genügte um des Schlimmsten
gewärtig sein zu müssen Die Boxer geboten über das Geschick aller anderen und
standen selbst über jedem Gesetz wer ihre Kleidung trug hatte das Recht zu
rauben zu brennen und morden
    Tschun und seine Mutter waren bisher in ihrem Häuschen geblieben obschon es
ihm schien dass die kränkliche alte Frau bei den Nonnen des Petang besser
aufgehoben sein würde Aber sie konnte sich nicht entschließen das Häuschen zu
verlassen wo sie seit so vielen Jahren gewohnt Würde man denn je wiederfinden
was man aufgab Nur zu wahrscheinlich erschien es dass jedes von den Besitzern
verlassene Gebäude sofort bis zur Unkenntlichkeit ausgeplündert werden würde
sei es von den Boxern und Soldaten selbst sei es von den mit ihnen ziehenden
Arbeitsscheuen und Arbeitslosen von all dem Gesindel das in dieser Zeit der
Not und Demoralisation in unheimlichen Mengen auftauchte 
    Wirklich verliefen die nächsten Tage ohne besondere Zwischenfälle und
diejenigen die gesagt dass das bloße Erscheinen einiger europäischer Soldaten
genügen würde um die ganze Bewegung zu ersticken fühlten sich schon als große
Chinakenner Aber die Chinesen wussten es besser Wussten dass nur der letzte
endgültige Befehl noch fehlte
    Dann plötzlich ward bekannt dass die Kaiserin aus dem Sommerpalast wo sie
wie alljährlich die heißen Monate verbringen wollte ganz unerwarteterweise in
die Stadt zurückgekehrt sei Bedeutete das Krieg bedeutete es Frieden Niemand
wusste Genaues Gerüchte und Vermutungen schwirrten durcheinander General Tung
fu hsiang der einstmalige Rebell und spätere grausame Unterdrücker eines
Aufstandes mohammedanischer Chinesen hatte mit seinen wilden Truppen die
göttliche Mutter von den Bergen nach Peking eskortiert War aber sein Einfluss
etwa im Steigen so ließ das Schlimmes befürchten denn seine Roheit und
Blutgier waren allbekannt Der Bischof der an dem Morgen gerade im
Gesandtschaftsviertel gewesen hatte dort lange verweilen müssen ehe er in den
im äußeren Teil der Kaiserstadt gelegenen Petang zurückkehren konnte da während
kaiserlicher Umzüge niemand sich auf den Straßen blicken lassen durfte Das Ende
des Trosses hatte er aber noch gesehen Scharen unheimlich verwegener Gestalten
Gesellen die zu allem entschlossen schienen hatte auch die berüchtigten hohen
Fahnen Tung fu hsiangs gesehen von deren dunkelblauem Samtgrund die großen
feurigroten Zeichen herabkreischten gleich einer unheilverkündenden
Blutschrift von Riesenfaust frech hingeschmiert
    Der Vetter Sin schen hatte bei Li lien ying gehört der Ta a ko würde alle
Tage anmassender er trete der sonst von allen gefürchteten Herrscherin
neuerdings mit Keckheit entgegen und den bleichen Kwang Hsü beschimpfe er gar
»Fremdenschüler«
    Sollte die Kaiserin etwa selbst schon eine halb Gefangene in der Hand derer
sein die sie gerufen und die sie nun nicht mehr zu bannen vermochte Bei der
geheimnisvollen Abgeschiedenheit in der der Hof hinter den purpurnen Mauern
lebte konnten Aussenstehende ja nie ermessen ob die unter den goldenen Dächern
angeblich Herrschenden nicht vielleicht selbst längst schon Beherrschte waren
    Der Vetter Wang pao wollte dagegen wissen die Kaiserin sei sehr erzürnt
über die Zerstörung der Pao durch die Boxer Yung Lu habe ihr diese Nachricht
in den Sommerpalast gebracht und sie noch einmal dringend vor Tuan und allen
Boxern gewarnt Er werde hierin unterstützt von dem erfahrenen und vorsichtigen
Prinzen Ching der seit Jahren als Mitglied des TsungliYamen die Beziehungen
zu den Ausländern vermittelte und der von einer später etwa beweisbaren
Konnivenz der Regierung mit den fremdenfeindlichen Aufrührern die schlimmsten
Folgen für Land und Dynastie voraussage Aus diesen Erwägungen sei die
gnadenreiche Gegenwart in die Stadt zurückgekehrt und nun würde sie endlich
Ruhe stiften die Schuldigen bestrafen und mit den Fremden Frieden schließen Es
sei ja nicht anders denkbar Dieser Mittsommerwahnsinn dauere wahrlich schon
lange genug Die Vernunft müsse doch schließlich siegen
    Doch es kam anders Das nächste was man erfuhr war die Ernennung des
Prinzen Tuan zum Chef des TsungliYamen Und wie um zu zeigen welcher Geist den
Fremden gegenüber nunmehr walten solle wurden die Tribünen des den Ausländern
gehörenden Rennplatzes von den Boxern in Brand gesteckt wobei sie den
chinesischen Wächter als Fremdenknecht in den Flammen rösteten Beinahe
gleichzeitig sahen sich junge Herren einer Gesandtschaft bei einem Spazierritt
von Bewaffneten angegriffen vor deren Übermacht sie sich nur durch eiligste
Flucht und etliche Revolverschüsse retten konnten
    Diese Vorkommnisse rüttelten endlich auch jene auf die bisher fest an dem
Glaubenssatz gehalten dass die Unantastbarkeit fremder Gesandtschaftsmitglieder
ein auch im fernsten Osten geltender Grundbegriff internationalen Verkehrs sei
Noch mehr wurden sie aus diesem Wahn gerissen da als erster der Ihrigen ein
japanischer GesandtschaftsKanzlist in einem Maultierkarren durch die Straßen
fahrend von Soldaten Tung fu hsiangs ermordet wurde Tiefste Bestürzung folgte
nun auf höchste Sorglosigkeit und der erste Gedanke war »Ja wenn dies alles
wirklich bitterer Ernst ist dann sind die Gesandtschaftswachen allerdings viel
zu klein« Von allen Tajens so erzählten die Boys war in wilder Hast an die
verschiedenen Geschwaderchefs nach Taku gedrahtet worden Prestige und Symbole
mochten teoretisch von höchstem Werte sein aber jetzt wollte man doch lieber
Schutztruppen haben und zwar viele recht viele Und rasch möglichst rasch 
    Aber die Zeit für all das war vorüber Die Truppen waren zwar alsobald von
Tientsin aufgebrochen aber sie langten nicht an Die Bahn auf der sie kommen
sollten war zerstört Und auch die telegraphische Verbindung die bis dahin
noch bestanden war plötzlich ebenfalls vernichtet Gerade in diesem Augenblick
wie auf geheimen Befehl Und das ganze Land von den tempelbesäten westlichen
Bergen und den dräuenden Mauern Pekings bis hinab zu den Sümpfen Tientsins war
erfüllt von Myriaden fremdenfeindlicher Menschen von fanatischen Boxerhorden
mit Schwertern und Hellebarden von modern bewaffneten regulären Truppen die
durch jene mit fortgerissen ihnen nun blind folgten Dazu kamen all die durch
die Dürre Verarmten die verzweifelnd sich an denen rächen wollten die ihnen
als Urheber alles Übels genannt wurden  und schließlich noch Tausende solcher
die es in allen Ländern gibt die glauben dass sie nichts zu verlieren haben
sondern dass was auch kommen möge für sie nur Gewinn bringen könne Keine von
Matrosen eilig improvisierte Hilfskolonne vermochte durch diese Massen rasch
vorzudringen 
    Statt dessen tönten ununterbrochen hinter den Mauern der großen grauen Stadt
die Gongs und langen Trompeten der Aufrührer mit schauerlichem Dröhnen durch die
Nacht Unheimliche eherne Stimmen die die einen zu Mord und Raub zu Schändung
Lebender und Toter einluden und den anderen höhnisch zuzurufen schienen dass
jetzt die Stunde gekommen wo sie mit dem Leben zahlen sollten für eigene oder
fremde Schuld und Verblendung  Bei dem Klang erwachte das Entsetzen schlüpfte
tausendfältig aus allen dunklen Winkeln hervor kroch riesengross werdend die
Rücken empor umkrallte starke Herzen mit stärkerem Griffe presste sie zusammen
dass der Atem nur noch keuchend ging
    Auch Tschun hörte die Klänge die ganze Nacht und dachte dass es
Unheimlicheres nicht geben könne als all die Vorstellungen die sie
heraufbeschworen
    Aber dann war was die nächsten Tage brachten doch noch ungeheuerlicher als
die Visionen die die Angst in der Finsternis gemalt
    Die Ermordung des japanischen Kanzlisten hatte unter den Aufrührern wilden
Jubel entfesselt Der Kopf des Unglücklichen wurde auf eine Pike gespiesst von
den johlenden Horden durch die Straßen getragen während sein Herz aus dem
Leichnam geschnitten dem General Tung fu hsiang von seinen Soldaten stolz
dargebracht worden war »Er habe sich über diese erste Trophäe im heiligen Krieg
gegen die Fremden sehr gefreut« hatte Sin schen vernommen  Wer aber neben
dem Miterleben der wirklichen Geschehnisse etwa noch Zeit und Sinn für ihre
offizielle journalistische Darstellung behielt der konnte in der ehrwürdigen
»Pekinger Zeitung« lesen dass es nur die zufällige Tat einiger Räuber gewesen
der dieser Fremde zum Opfer gefallen
    Doch schon dürstete die Menge nach neuem Blut Und plötzlich loderten die
ersten großen Feuer auf Allerwärts mehrten sie sich Allerwärts sprühten
Funkengarben stiegen glühende Säulen empor Und so dicht quoll der Rauch dass
der Himmel verschwunden schien in dieser Hölle Nur wenige Tage und sämtliche
Gebäude der Fremden die sich nicht in dem von den Gesandtschaftswachen
besetzten Gebiet befanden standen in Flammen Denn hier vor den Boxern da waren
sie alle gleich Gleich auch die Missionshäuser und Kirchen der verschiedenen
Arten von Christentum in dem Schicksal das ihnen bereitet wurde Teuflische
Scharen jagten heran Säbel und Fackeln schwingend brüllend in wildem Tanz mit
seltsam rhytmischen Sprüngen und Kontorsionen gossen sie Petroleum kannenweise
auf alles in der langen Dürre vertrocknete Holzwerk der Gebäude entzündeten es
unter Anrufung von Geistern und Göttern
    Aber während die protestantischen Missionare mit ihren Familien und Schülern
sich meist rechtzeitig in ihre Gesandtschaften hatten retten können waren die
katholischen Priester und Nonnen mit ihren Konvertiten in den Klöstern
geblieben Dort fanden manche ihr Ende Den Anfang bildete des heiligen Josephs
Kirche der Tungtang wo ehe es möglich gewesen ihnen zu Hilfe zu eilen
Hunderte von chinesischen Christinnen gefoltert starben während der Pater über
einem Scheiterhaufen gekreuzigt wurde Dann folgte die entlegene Kirche der
sieben Schmerzen Sitang benannt Und gleichzeitig ward auch schon der Nantang
angegriffen Das war die älteste Kathedrale Pekings Dort hatte vor über
zweihundert Jahren der gelehrte Jesuitenpater Adam Schall aus Köln gelebt so
hochgeschätzt von Schuntschi dem ersten Kaiser der gegenwärtigen Dynastie dass
dieser ihn zu seinem Hofastronomen ernannt ihm allezeit Zutritt zu sich gewährt
und seine deutschen Ahnen noch im Jenseits mit postumen chinesischen Ehren
bedacht hatte Und auch Pater Verbiest der Verfertiger der Instrumente des
Observatoriums hatte dann dort unter Kaiser Khang schi gewirkt und diesen
berühmten Herrscher durch den Guss von Kanonen die er mit Heiligenbildern
geschmückt so sehr für sich eingenommen dass dieser seinen Zobelpelz von den
kaiserlichen Schultern gestreift und ihn dem Priester umgehängt hatte  Doch
was nutzten die Ehrenbezeigungen die jene unter früheren Herrschern erfahren
Der Nantang und seine Bewohner sollten darum von den heutigen Machtabern nicht
weniger leiden  Unter den Führern die vom Chun tschiTor aus den Angriff
leiteten wollte ja Sin schen der in dieser Gegend wohnte Kang yi und den
Herzog Lan erkannt haben Sie selbst hätten die Boxer angeeifert und ihnen
gezeigt wo die Feuer anzulegen Rauch und Geruch des verbrennenden Fleisches
der Teufel zweiten Grades seien indessen so widerlich geworden dass sie sich die
Nasen hätten zuhalten müssen Von einem Flügel beim südlichen Teich der
Kaiserstadt habe währenddem Tzü Hsi mit Li lien ying dem furchtbaren Schauspiel
zugeschaut Tschun konnte sich die Gewaltige dabei wohl vorstellen
    Von den nahen Gesandtschaften aus war dann aber ein Hilfezug zum Nantang
unternommen worden und wenn zwar die Kirche bereits in Trümmern lag und sogar
der alte Kirchhof zerstört und geschändet worden so war es doch gelungen die
Priester Nonnen und einige der eingeborenen Christen noch zu retten  Nach
diesen Geschehnissen war vorauszusehen dass die Boxer die im Sitang ihr Werk
beendet und im Nantang an seiner gänzlichen Vollendung gehindert worden waren
sich jetzt nach einem neuen Tätigkeitsfeld umschauen würden  Zwischen jenen
beiden Kirchen aber lag das Gebiet wo sich als letzte noch unversehrte Kirche
der Petang erhob Dort herum wohnten auch viele einheimische Christen  Dies
Viertel sollte das nächste Ziel sein
    Tschun befand sich mit seiner in den letzten Tagen besonders kränkelnden
Mutter in ihrem Häuschen als er plötzlich ein noch aus der Ferne tönendes aber
näher und näher kommendes Lärmen vernahm Ein Brüllen wie von tausend wilden
Tieren war es und vor ihm her und schon in größerer Nähe ein Kreischen anderer
Stimmen in höchster Angst  Entsetzt stürzte er an die Haustür und spähte
hinaus in die Straße Da jagten auch schon Fliehende an ihm vorbei Männer und
Frauen die Kinder nach sich zerrten oder Kleiderbündel und Einrichtungsstücke
keuchend schleppten alles offenbar in wilder Hast aufgelesen ohne Überlegung
wie es ihnen eben gerade bei plötzlicher äußerster Gefahr in die Hand gekommen
sein mochte Eine Frau hatte einen kleinen Bambusbauer ergriffen in dem eine
zahme Zikade saß ein Mann trug ein Hündchen und lallte blödsinnig vor Schreck
geworden unverständliche Worte vor sich hin 
    »Sie kommen Sie kommen« schrien die Flüchtenden
    Und das Brüllen hinter ihnen klang nun schon näher
    In diesem Augenblick aber wo Tschun angstvoll überlegte was zu tun stand
plötzlich eine hohe hagere Gestalt in weitem Gewand und staubfarbenem Turban
vor ihm Es war der Einsiedler vom Tempel der tiefen Beschaulichkeit Seit der
Begegnung auf der Stadtmauer war er ein paarmal so aufgetaucht immer
verfallener aussehend und Tschun hatte ihm dann stets etwas Essen gegeben
    »Dem Himmel sei Dank ich komme zur Zeit« sagte der Alte atemlos »Sobald
ich hörte dass diese Blutdürstigen sich jetzt hierher wenden wollen lief ich
auf Nebengassen her Dich zu warnen Augenblicklich plündern und sengen sie noch
längs des Weges aber sie werden bald hier sein Du darfst keinen Augenblick mit
Deiner Mutter säumen Ihr müsst Euch zu Euren Priestern in den Petang retten«
Mit diesen Worten war er auch schon mit Tschun im Zimmer der Mutter Doch diese
sträubte sich »Mag Tschun sich allein retten aber mich lasst hier« stöhnte
sie »ich bin eine kranke alte Frau die doch bald sterben wird«
    »Dann wollt Ihr also schuld daran sein dass Tschun hier mit Euch umkommt
denn er wird Euch nie verlassen das wisst Ihr doch« sagte der Einsiedler
beinahe hart
    Das gab den Ausschlag Von den beiden halb getragen verließ die Mutter
endlich ihr Häuschen »Eilt Euch Eilt Euch« schrien Menschen die in der
Straße an ihnen vorüberrasten »Sie kommen Sie sind dicht hinter uns«
    So schnell es eben ging schleppten die beiden die kranke Frau weiter Nicht
mehr entfernt vom Petang waren sie jetzt Aber da tauchten hinter ihnen die
ersten vereinzelten Boxer auf Sie kamen näher Im Laufen zurückblickend ermass
der Einsiedler dass der Raum zwischen ihnen und jenen sich verringerte Sie
würden bald eingeholt sein »Du musst es möglich machen Deine Mutter allein in
den Petang zu schaffen« entschied er rasch »ich werde indessen diese Wilden
von Euch zurückzuhalten suchen Aber eile Dich  ich weiß nicht wie lang es mir
gelingen wird« Tschun versuchte zu widersprechen »Wer weiß ob sie nicht sogar
Euch bedrohen werden« »Sei unbesorgt« antwortete der Alte »sie können doch
nicht ganz vergessen dass ich ein Jünger Gautamas bin« Und mit einer Kraft die
niemand in den schlotternden Gliedern vermutet hätte hob er dabei auch schon
die alte Frau Tschun auf den Rücken Der keuchte mit seiner Last weiter
    Der Einsiedler selbst aber drehte sich um und mit hoch erhobenen Armen und
abwehrend ausgestreckten Händen schritt er völlig unerschrocken den
schauerlichen Gestalten entgegen
    Sobald die Boxer die sonderbare Erscheinung gewahrten die statt zu
fliehen auf sie zukam stutzten sie und blieben stehen Und dann geschah etwas
Seltsames In einer Sprache die sie nie vernommen begann der Alte auf die
Aufrührer einzureden Er sprach von Buddha und seinen Lehren von der Gier die
der Anfang aller Schuld und alles Leides ist von dem Gebot kein Leben
gewaltsam zu kürzen sondern in Mitleid sich eins zu fühlen mit jeder Kreatur
Und er sprach vom letzten Ziel und Ende der Erlösung vom Sein dem Nirwana das
durch jede eigensüchtige Tat in weitere Fernen entschwindet Zuerst hatte er nur
mit dem einen Gedanken gesprochen die Mordlustigen aufzuhalten um Tschun einen
weiteren Vorsprung zu geben Aber allmählich vergaß er seinen ursprünglichen
Zweck vergaß die ganze Wirklichkeit redete sich selbst in einen Rausch eine
Verzückung Jahre waren vergangen ohne dass er den Klang der eigenen
Heimatsprache vernommen Jetzt stieg mit den langschlummernden Tönen auch das
Bild seines fernen Landes wieder vor ihm auf Und hingerissen von der
Erinnerung und mit einem seligen Lächeln auf den Lippen schilderte er in
glühender Vision die Orte wo Gautama einst lebend geweilt die heiligen
Tempel die ihm seitdem erstanden Und er sang die Gebete und Lobpreisungen die
dort Tag und Nacht dem Vollendeten zu Ehren erschallen
    Ohne ein Wort zu verstehen aber starr und wie gebannt lauschten ihm die
Männer mit den Schwertern und Hellebarden den Glückszeichen auf der Stirn und
den roten Gürteln und Fahnen Diese in einem durch erschütternde Kontorsionen
in einer dem Wahnsinn nahen Nervenüberreizung Erhaltenen in wunderlichstem
Aberglauben Befangenen und in einer Welt des Übernatürlichen Lebenden  sie
wähnten sie sähen in dem so plötzlich vor ihnen auftauchenden seltsamen Greise
einen jener Geister die sie selbst in ihren Übungen anriefen Und seine lange
unverständliche Rede begleitet von weiten Gebärden der fleischlosen Arme musste
sicherlich ein großer unbekannter Zauber sein  stärker vielleicht noch als ihre
eigenen Beschwörungsformeln   Ehrfurchtsvoller Schauer hatte die Zuhörer der
ersten Reihen ergriffen Andere stauten sich immer dichter hinter ihnen konnten
nicht genau sehen noch hören was da vorne eigentlich vorging raunten sich nur
leise zu ein großer Weiser ein gewaltiger Zauberer sei da soeben erstanden
Ein Geist Lao tse Oder vielleicht gar Yü huang selbst Der würde sie nunmehr
führen
    Und schon wollten sie sich anbetend vor dem Greis niederwerfen als
plötzlich einer der Knaben die ihre Scharen begleiteten durch die Reihen
vorschob neugierig den Wundermann auch zu sehen Es war Mahan  Kaum aber
hatte dieser den Alten erblickt als er mit gellender Stimme zu schreien begann
»Das ist kein guter Zauberer Der kann keinen Regen schicken Wir haben ihn
gefüttert und er sandte keinen Tropfen Er ist ein falscher Zauberer Er ist
unser Feind Ich selbst hörte ihn sagen er könne das ganze Land und uns alle
ins Nichts versinken lassen«
    Ein drohendes Murren ging durch die Menge Aber noch unschlüssig starrten
sie von dem unbekannten Greis auf den eigenen Geisterknaben Doch immer heftiger
und aufgeregter werdend fuhr Mahan kreischend fort »Und er spricht mit den
fremden Teufeln  Ich sah ihn selbst draußen in den Bergen mit einer ihrer
Frauen  Er ist selbst ein Fremder ein fremder Teufel« 
    Kaum war das Wort gefallen so ward es von der ersten Reihe der Boxer
aufgegriffen »Ein fremder Teufel« schrien sie wirr durcheinander und die
weiter zurückstehenden Hörer drängten vor »Wo Wo ist er Tötet ihn Tötet
ihn«
    Bei diesen Lauten war der Einsiedler verstummt Als erwache er aus einem
Traum so stand er da Starrte in die Wirklichkeit ohne zu wissen wo er sich
befand noch was eigentlich geschehen Aber das verklärte Lächeln das seine
Vision heraufbeschworen lag noch auf seinen runzligen alten Lippen
    »Tötet ihn Tötet ihn« umbrauste ihn dichter das Brüllen
    Und der erste Schwertieb sauste durch die Luft Andere folgten  Ohne
einen Laut sank der Alte nieder  Und über ihn wälzte sich die wilde Horde Wie
erbost an einen falschen Zauber geglaubt zu haben wollte jeder noch einmal
sein Messer seine Lanze in den armen stillen Körper stoßen  Der lag längst
leblos am Boden Wie eine abgeworfene Schlangenhaut eine überflüssig gewordene
Sache Sie aber schrien noch immer »Tötet ihn Tötet ihn« 
    Keuchend und mit äußerster Anstrengung den wüsten Lärm in den Ohren hatte
Tschun endlich mit der Mutter auf dem Rücken den Petang erreicht Wie durch ein
Wunder und als einer der allerletzten denen es noch gelang sich dahin zu
retten Und wie für die Tausende von anderen Unglücklichen öffnete sich auch
ihnen das Tor
    Unberührt sah Tschun an jenem Tage noch einmal die weiße Kathedrale die in
den Erinnerungen an seine Kindheit aufragte als hohes lichtes Gebilde
Unberührt die schneeigen Spitzbögen die in Kreuzblumen auslaufenden Wimpergen
über den Türen die Krabben das Masswerk und die mittlere Fensterrose
Unbefleckt die granitenen Stufen die zu der Kirche hinan führten Unversehrt
auch noch die zwei zu beiden Seiten dieser Treppe wie Schildhäuschen
vorgeschobenen echt chinesischen Pavillons die mit ihren bizarren Formen und
bunten Verzierungen ihren hochgeschwungenen leuchtenden Kacheldächern einen
überraschenden Kontrast bildeten zu den so ganz anderen Vorstellungskreisen
entstammenden gotischen Gebäuden dahinter Ja überraschend wirkten sie wie
etwas das eigentlich nicht in diese Welt des Petang hinein gehörte und waren
doch sehr wichtige als besonders tatkräftig geltende Schildhäuschen denn sie
bargen ja die von großen Steinschildkröten getragenen Gedenkstelen mit den
Inschriften die besagten dass diese im dreizehnten Jahre der glorreichen Aera
Kwang Hsüs eingeweihte christliche Kirche sich des gnädigen Wohlwollens und
mächtigen Schutzes des Kaisers von China erfreue
    Aber seit den Tagen da solch schöne Gefühle in Stein eingemeisselt worden
waren hatte sich manches verändert Und der Kaiser Kwang Hsü selbst ein
Gefangener und Unterdrückter geworden vermochte in diesem dem
sechsundzwanzigsten Jahre seiner inzwischen weniger glorreich erscheinenden Aera
niemand mehr zu schirmen noch zu hindern dass versprochener Schutz sich in
heftigste Befehdung wandelte 
    Am Abend desselben Tages schon erfolgte der erste Angriff der Boxer auf den
Petang
    Durch die Straße die auf das Hauptportal mündet sah man sie in großer
Schar herankommen Fackeln und Säbel schwingend und Schreie ausstossend die an
das Heulen wilder Bestien mahnten Dann plötzlich hielten sie inne und warfen
sich nieder ihre Schutzgeister noch einmal anzurufen Also gestärkt rasten sie
nun heran wie Besessene Doch da als sie nur noch ein paar hundert Meter
entfernt waren erscholl im Innern das Kommando »Feuer« Siebzehn Kugeln mähten
die ersten Reihen der Angreifer nieder Wie Karten sanken sie um und wieder
ertönte das Kommando »Feuer« Die zweite Salve krachte die zweite Mahd fiel
getroffen Als der Rauch sich verzog war der Platz von Angriffslustigen
gesäubert Tote lagen am Boden Verwundete schleppten sich davon In der Ferne
sah man Flüchtende eilen dicht an den Mauern sich hindrückend
    Und es war gut dass dieser erste Angriff für die Belagerten so glücklich
verlief und ohne dass einer von ihnen getroffen worden Es stählte sie alle die
vor so ungeheurer Aufgabe standen Vor allem beruhigte der Anblick der
Boxerleichen die einheimischen Christen denen trotz aller Bekehrung der
nationale Hang zum Aberglauben doch in verborgenen Winkeln des Herzens stecken
mochte
    Der Beweis dass die gefürchteten I ho Chüan sterblich wie andere seien war
unwiderleglich erbracht All ihre Zauber waren unwirksam gegen europäische
Kugeln gewesen Trotz gelber Talismane mit seltsamen Figuren und Sprüchen trotz
den auf ihre Röcke und Flaggen genähten ineinander verschlungenen zwei Fischen
dem Symbol des Yang und Ying lagen die toten Boxer mit ausgebreiteten Armen am
Boden und die gemalten Glückszeichen auf ihren Stirnen starrten zum Himmel und
hatten ihnen kein Glück gebracht
    Ja wären die Angreifer immer nur Boxer geblieben die als Waffen bloß
Schwerter und Lanzen kannten so hätten die Verteidiger trotz aller Übermacht
eine verhältnismäßig leichte Aufgabe gehabt  Aber ganz anders gefährliche
Gegner sollten ihnen erstehen
    Inzwischen wurden in aller Eile die so dringend notwendigen
Befestigungswerke geschaffen
    Vor allem war die Abteilung der Nonnen die durch eine schmale Gasse vom
Hauptkomplex getrennt gewesen mit diesem durch starke Barrikaden vereinigt
worden Die Umfassungsmauern hatten Zinnen und Schiessscharten erhalten Alle
Ausgänge waren geschlossen und durch Erdarbeiten gestützt Tonnen Bretter und
Balken bildeten an verschiedenen Stellen Schutzwehren der Beobachtungsposten
Schanzen waren entstanden sogar eine aus Ziegeln gebaute die die
Umfassungsmauer überragte und die ganze Straße beherrschte
    Alle diese Verteidigungswerke waren von den zwei blutjungen Offizieren die
die vierzig Soldaten befehligten geplant und angegeben aber an ihrer
Ausführung arbeiteten die vielen christlichen Flüchtlinge unter Leitung
verschiedener Priester und Seminaristen Die fanden bald wozu jeder sich am
besten eigne und wiesen die Arbeitsplätze an Auch die Frauen und Kinder wurden
angestellt Sie schleppten Erde und Ziegel herbei Und durch solch geregelt
Tätigkeit kam doch wieder etwas Ordnungsmässiges in das Dasein all dieser aus
jeder vertrauten Lebensbedingung jäh gerissenen Menschen Eine gewisse
Ähnlichkeit wenigstens ein Zusammenhang war geschaffen zwischen der außer dem
Rahmen alles Denkbaren stehenden Existenz in einem belagerten Kloster und dem
ihnen sonst gewohnten Alltagsleben
    Ganz besonders aber wurde gleich an der Befestigung des Haupttores
gearbeitet denn das würde wie schon der erste Angriff bewies sicher am
gefährdetsten sein Die Portierlogen zu beiden Seiten waren mit Erde und
Faschinenwerk umgeben und bildeten die Hauptschiessstände Ein geschützter
Laufgraben verband sie Und hinter dieser ersten Verteidigungslinie waren zwei
weitere vorgesehen mit Kasematten und hohen Erdwällen  Doch diese zweiten
Reihen so dachte noch jedermann würden schwerlich je gebraucht werden Denn in
den allernächsten Tagen musste nun doch bestimmt Entsatz aus Tientsin eintreffen
Man hatte ja durch chinesische Boten die unter großen Gefahren vorgedrungen
waren Nachricht erhalten dass eine starke Kolonne von dort nach Peking
aufgebrochen sei freilich hieß es zugleich dass sie unterwegs den Feind in
ungeheuren Mengen angetroffen habe und sich fussweise vorwärtskämpfen müsse Doch
der Glaube an die Übermacht die europäische Waffen den nahenden Rettern
verleihen mussten war noch unerschüttert Stündlich erwartete man ihr
Erscheinen
    Von dem Dach der Kathedrale wurde nach ihnen sehnsüchtig ausgespäht Von
dort aus beobachtete man auch die Bewegungen der Boxer Ein Pater hielt oben
immer Wacht und gab durch verabredete Trompetensignale den Offizieren unten
Kunde von welcher Seite Gefahr drohe Um ausführlichere Nachrichten herabsenden
zu können hatten die Patres auch stets ein paar Konvertiten bei sich auf dem
luftigen Auslug Zu diesen zählte bald auch Tschun denn er war dem Bischof ja
wohlbekannt und man betraute ihn gern mit einem verantwortlicheren Auftrag
    Von hier oben ließ sich ermessen wie viel vom alten Peking in diesen
wenigen Tagen bereits vernichtet worden von hier oben auch konnte man gewahren
wie das Zerstörungswerk weiter schritt  Und Tschun sah eine ungeheure
Feuersbrunst in der Chinesenstadt hinter dem Tschien men auflodern Ganze
Straßen mussten in Flammen stehen Wer aber sollte da von solcher Verheerung
getroffen werden Das war ja kein Fremdenviertel Theater standen dort große
Restaurants viele der schönsten Läden vor allem die der Goldarbeiter und
Schmuckverkäufer Und plötzlich erinnerte sich Tschun angstvoll dass in jener
Gegend auch der alte Yang hung und der Grossonkel Lin the i wohnten Und wenn auch
gerade diese beiden den Boxern kaum verdächtig sein konnten so fürchtete er
doch für sie Immer weiter breitete sich der ungeheure Feuerschein über den
Himmel Immer mächtiger sprühten die Funkengarben in die Höhe Wie eine schwarze
Silhouette stand die Mauer der Tatarenstadt stand noch der dräuende
festungsartige Turm des Tschien men gegen den grell leuchtenden Flammenherd
Aber plötzlich krochen Rauchwolken aus seinen kleinen viereckigen Fenstern die
in alten glorreichen Tagen tatarischen Bogenschützen als Schiessstände gedient
Flammenzungen schlugen aus ihnen hervor schossen auch schon in ungeheuren
Wirbeln aus dem hohen geschwungenen Dach Es brannten die schweren Streckbalken
burmesischen Teakholzes die sechshundert Sommer ausgedörrt Es brannte der
ganze gewaltige Bau Höher und höher sprangen die Flammen in rasendem
Höllentanze wuchsen empor zu einer einzigen vielhundert Fuß hohen lodernden
Säule
    Und auf dem fernen Dach der weißen Kathedrale bekreuzigten sich schaudernd
die Späher
    Am nächsten Tage war für den Bischof ein Bote aus dem Gesandtschaftsviertel
angelangt Der erzählte dann die Boxer hätten jenseits des Tschien men einen
chinesischen Laden angezündet als Strafe für den Besitzer der mit europäischen
Medizinen handelte Aber weiter als sie selbst wohl gedacht hatte der Brand um
sich gegriffen Alle ihre angstvollen Gebete zum Feuergott nützten nichts Das
ganze Viertel lag vernichtet Ja das alte Tor selbst das noch von den
Mingherrschern stammte und dessen Mitteltür sich nur für den Kaiser öffnete
hatte in der ungeheuren Glut Feuer gefangen und war zerstört »Sie sollen
darüber sehr betreten sein« sagte der Bote »weil darin ein schlechtes Omen für
die Dynastie erblickt wird« Tschun versuchte etwas über seine eigenen alten
Verwandten zu erfahren aber der Bote antwortete nur achselzuckend »Dort ist
alles ein einziger Trümmerhaufen«
    Ja in dieser ersten Woche bestand noch ein gewisser Verkehr zwischen dem
Petang und den Gesandtschaften Man hörte ab und zu voneinander weil es
chinesischen Boten bisweilen noch gelang sich durchzuschmuggeln Briefe
fortzutragen und Antworten mitzubringen
    Ein paar Tage später suchte der Bischof nach einem Boten Es war ihm die
Kunde zugegangen dass das TsungliYamen den verschiedenen Tajens das Ultimatum
gestellt hatte Peking mit sämtlichen Fremden des Gesandtschaftsviertels binnen
vierundzwanzig Stunden zu verlassen Und obschon sicheres Geleit versprochen
witterte der erfahrene alte Bischof sofort eine Falle Daher wollte er den
Tajens den Rat senden es lieber auf jeglichen Verteidigungskampf in Peking
selbst ankommen zu lassen Gleichzeitig wollte er sich aber auch erkundigen was
denn im Falle einer solchen Auswanderung über die Tausende chinesischer
Christen beschlossen sei die sich in das Gesandtschaftsviertel geflüchtet
hatten
    Da erbot sich Tschun zu dem gefahrvollen Gang
    Bei Morgengrauen brach er auf Kriechend an den Mauern entlang huschend
manchmal beim Nahen unheimlicher Gestalten hinter Vorsprüngen mit bangem
Herzklopfen niederkauernd kam er nur langsam und mit großen Umwegen vorwärts
Er konnte es sich auch nicht versagen die Gelegenheit zu benutzen um bis zum
Tschien men vorzudringen Je näher er aber der Stätte der großen Feuersbrunst
kam desto durchdringender wurde der beklemmende Brandgeruch der noch über der
ganzen Gegend lagerte Und dann stand er auf dem jedem Pekinger Kind so
wohlbekannten Platze Aber da war alles durch ungeheure Zerstörungsarbeit zu
einem fremden und grässlichen Bilde verändert Der einst so gewaltig hoch
aufragende Trutzturm oben auf der Mauer war nach dem Feuer eingestürzt Nur ein
breiter unförmlicher Rumpf stand noch Und das Tor unten gähnte schwarz und
verrusst Dahinter lagen soweit man blickte nur rauchende Trümmerfelder Ja da
konnte man freilich nicht nach einem einzelnen Menschen suchen der hier
gewohnt waren doch kaum die Stellen zu bezeichnen wo die einzelnen Häuser
einst gestanden Es war als habe Erdbeben dem Feuer geholfen alle Spuren zu
verwischen  Und Tschun musste an den gelassenen Ausspruch des Grossonkels Lin the
i am Neujahrstag denken »Wenn aus dem KunLunBerge Feuer sprüht wird
kostbarer Nephrit zugleich mit wertlosem Gestein zugrunde gehen« Er hatte wohl
schwerlich gedacht wie wahr er prophezeite noch dass seine Worte sich an ihm
selbst erfüllen sollten Und auch der auf gelbes Papier gemalten Beschwörungen
an Yen ti den Feuergott gedachte Tschun die so manche der hier einst
Wohnenden an ihre Häuser zu kleben pflegten weil sie so ganz bestimmt vor
Bränden sichern sollten Wo war ihre Wirkung geblieben wo die Menschen die an
sie geglaubt  Allerhand Gestalten sah Tschun zwischen den Bergen von Schutt
und verkohlten Ruinen auftauchen Mit langen Haken stocherten sie in den
Aschehaufen gruben und scharrten eilig darin herum verängstete oder auch
tückische Blicke bei jedem Geräusch um sich werfend  einstmalige Besitzer
vielleicht die retten wollten wo doch alles verloren dunkle Existenzen noch
mehr die irgendeinen glücklichen Fund inmitten des Zusammenbruchs Begüterter
erhofften 
    Tschun hätte nun gern nach den beiden alten Verwandten geforscht doch wo er
fragte erhielt er nur unwirsche Antworten Denn es waren dies Zeiten wo in
dem allgemeinen Argwohn keiner zugeben wollte von dem anderen etwas zu wissen
Wer vermochte denn auch vorauszusagen was etwa aus einem unvorsichtigen Worte
entstehen konnte
    Am Eingang der Gesandtschaftsstrasse fand Tschun eine von Soldaten der
fremden Schutztruppen besetzte Barrikade denn auch hier war ja die Welt zur
Festung geworden Er wurde von dieser ihm neuen Art Ausländer rau angeschrien
und musste die Legitimationskarte vorzeigen die ihm der Bischof mitgegeben
hatte Erst dann wurde er durchgelassen So sehr er aber auch die
Zweckmässigkeit ja Notwendigkeit solchen Verfahrens einsah empfand er doch
zugleich in den geheimsten Tiefen seines Wesens eine Erbitterung darüber Ein
Grollen ob des herrischen Auftretens der Fremden vor allem aber eine Entrüstung
gegen die eigenen Machtaber Was für Zustände hatten sie doch geduldet und
gefördert dass diese Ausländer sich solche Rechte in der Hauptstadt des Landes
nicht nur anmassen durften nein dass sie gezwungen waren sie zu ergreifen weil
jegliche Ordnung und Sicherheit nur noch von ihnen abhing Und in der
Erleuchtung einer Sekunde empfand Tschun die ganze ungeheure Erniedrigung seines
Landes
    Doch nun schritt er weiter in der Gesandtschaftsstrasse Und sogleich wollte
es ihm scheinen als müsse inmitten all der aussergewöhnlichen Zustände noch
ein ganz besonderes unheilvolles Geschehnis hinzugekommen sein Irgend etwas
Entsetzliches lag in der Luft spiegelte sich auf den Mienen der wenigen die
ihm da zuerst wie verstört begegneten Und dann ward ihm der Grund von irgend
jemand zugeraunt bang und flüsternd als getraue man sich kaum das Furchtbare
laut zu erwähnen »Soeben ist die Nachricht gekommen dass einer der Tajens
ermordet worden ist« Dann setzte eine andere schon lautere Stimme hinzu »Er
war auf dem Weg zum TsungliYamen  er wollte dort einen letzten Versuch machen
zur Vernunft zu überreden  in der Sänfte ist er erschossen worden« Und ein
Dritter erzählte »Sein Vorreiter brachte die Nachricht zurück  Soldaten seiner
Gesandtschaft sind gleich hin  aber sie haben nichts gefunden  die Leiche
die Sänfte die Träger alles schon verschwunden  und der Boden zerwühlt  um
die Spuren zu verwischen  und die weite Straße leer  ganz leer«
    So lief die Kunde weiter Und nun sah man schon allerwärts Gesichter mit
diesem selben Ausdruck verstörten Entsetzens  Dann nach der ersten Erstarrung
begann sich jenes Mitleid zu regen das halb aus persönlicher Apprehension
besteht Und alsobald hörte man auch schon wieder überall die oft vernommene
angstvolle Frage »Was denn nun etwa zu tun sei« Eine Frage die seit Monden
durch jedes der vielen unvorhergesehenen Ereignisse von neuem hervorgerufen
wurde und auf die heute so wenig wie an all den vorhergehenden Tagen der
Unschlüssigkeit und Verblendung irgend jemand eine Antwort wusste  Die ganze
Furchtbarkeit der Lage schien allen indessen erst jetzt zum vollen Bewusstsein
gekommen zu sein Anklagen vernahm man und heftige Auseinandersetzungen darüber
wessen besondere Schuld dies alles denn sei  wo es doch die Schuld eines jeden
war der aus irgendwelchen Interessen geglaubt ein System ungestraft stützen zu
dürfen das in einem Prinzen Tuan und dessen Boxerhorden seine höchste Krönung
finden sollte
    Inmitten der allgemeinen Verwirrung war aber dann wenigstens der Gedanke
einer Auswanderung nach Tientsin endgültig aufgegeben worden denn was dem
langgedehnten hilflosen Zug der Abreisenden bevorgestanden hätte war ja nun
durch dieses letzte Vorkommnis klar erwiesen  Aber in der Gesandtschaftsstrasse
herrschte trotzdem bald ein Hin und Her von Menschen ein beständiges Schleppen
von allerhand Dingen Vorräten und Betten Kleidern und Wäsche wie für einen
allgemeinen Umzug Denn plötzlich war beschlossen worden dass sämtliche Taitais
und Kinder sofort in diejenige Gesandtschaft übersiedeln sollten die als
größte und gesichertste zur allgemeinen Zufluchtsstätte  wenn nötig zum
letzten Verteidigungsbollwerk  ausersehen worden war Tschun sah Transporte
die inmitten alles Grauens grotesk wirkten Und er der die Fremden kannte und
so manches über ihre Zu und Abneigungen wusste frug sich voller Verwunderung
Wie werden sich all diese Herrschaften auf ein und demselben kleinen Grundstück
vereinigt wohl vertragen  Sie die nie einig sind denen die weite Welt nicht
groß genug scheint für die verschiedenen Ansprüche die sie vertreten die sich
immer vom politischen Nachbar bedroht vom geschäftlichen Konkurrenten
übervorteilt dünken deren Missgunst und heisshungrige Gier so groß sind dass sie
lieber die Welt untergehen ließ als sie einem anderen zu gönnen
    Zwischen den aufgeregt gestikulierenden und redenden hin und hereilenden
Fremden sah Tschun aber auch chinesische Gestalten die ihm mehr noch zu denken
gaben Da waren die ihm wohlbekannten Ladenbesitzer des Gesandtschaftsviertels
bisher waren sie geblieben hatten die Fremden noch diesen Morgen bedient mit
einem seltsamen Grinsen das die ungeheure Nervenspannung höflich verbergen
sollte  aber jetzt schlossen sie ihre Geschäfte mit Bewegungen in denen etwas
Unwiderrufliches lag Hurtig huschten sie dann davon sie und viele andere die
plötzlich aus ihren niederen grauen Häuschen auftauchten Jeder seinen
kostbarsten Besitz in blauen Bündeln mit sich schleppend verließen sie leise
und verstohlen die Straße das ganze Viertel  mussten wohl fühlen dass das Ende
nahe
    Und auch Tschun selbst war von einem seltsamen Gefühl der Unruhe erfasst Er
hätte gehen und immer weiter gehen mögen Es war als nahe ihm unabänderlich
eine furchtbare Krankheit und er wolle noch die letzten Minuten vor langer Haft
auskosten Eine unabweisliche Ahnung sagte ihm dass er sich zum letzten Male für
lange lange Zeit frei bewegte Eine Last von Verhängnis von Endgültigkeit
lagerte auf allem Die Menschen die Dinge schienen noch zu sein  und waren
doch eigentlich schon nicht mehr So fremd so verändert war alles
    Einen Augenblick noch kehrte Tschun bei Kuang yin ein Das Haus wollte er
noch einmal sehen wo die Taitai gewohnt Ja die befand sich nun längst in
Sicherheit auf fremdem Boden und las mit Tinchau auf dem Schoss von all den
Schrecken nur in der Zeitung während Madame Angèle die Paragraphen von Mord und
Brand abends sicher mit wohligem Schauder nachbuchstabierte Ja der hübsche
Herr hatte wahrer gesprochen als er selbst geahnt da er dem Hündchen in dem
enteilenden Bahnzug nachgerufen hatte »Du hast es besser als wir die wir hier
bleiben müssen«
    Aber da  während Tschun noch der Vergangenheit nachsann  kam plötzlich
etwas durch die Luft geschwirrt Pscht Pscht machte es dicht über seinem
Kopf Er hatte den seltsamen Laut noch nie vernommen Aber ganz unwillkürlich
duckte er sich Machte sich klein und schmal mit hochgezogenen Schultern Es
waren die ersten Kugeln die gepfiffen kamen Die Belagerung der Gesandtschaften
hatte allen Ernstes begonnen 
    Ohne zu wissen wie es ihm gelungen durch alle Fährnisse hindurchzukommen
traf Tschun abends wieder im Petang ein Die Nachrichten die er brachte waren
die letzten die man dort erhielt Petang und Gesandtschaftsviertel waren von da
an völlig voneinander abgeschnitten Wenn aber während der nächsten acht Wochen
auf dem einen der beiden Punkte der Belagerungslärm einmal etwas nachgelassen
hatte und dann aus der Richtung des anderen das Knattern von Gewehren das
dumpfe Dröhnen von Geschützen tönte so sagten sich die einen dass dort bei den
anderen noch gefochten würde dass also noch Widerstehende vorhanden sein müssten
Und eine wehmütige und doch zugleich die eigene Kampfeskraft stärkende Freude
erfüllte sie bei dem Gedanken
    Ja zu dem Brüllen den Messern und Fackeln der Boxer womit der Petang
anfänglich angegriffen worden kam gar bald das Schießen aus modernsten
europäischen Waffen Denn was die Optimisten immer als Unmöglichkeit dargestellt
hatten war nun doch erfolgt  die regulären kaiserlichen Truppen hatten sich
den Aufrührern offen angeschlossen Und jene Kanonen und Gewehre die die
Lieferanten verschiedenster Nationalitäten unter eifriger Befürwortung ihres
jeweiligen Tajen der chinesischen Regierung zum Kauf aufgedrungen hatten die
richteten nun ihre ganze von diesen Herren einst so warm angepriesene und
garantierte Zerstörungskraft auf die Gesandtschaften selbst und zugleich auch
auf die PetangMission Es lag ein gewisser grimmer Humor in dieser
Einweihungsarbeit der fremdländischen Mordinstrumente  Und Tschun erinnerte
sich wie er früher den Tajen hatte ungeduldig klagen hören dass die Minister
im TsungliYamen gar so halsstarrig und für solche Waffengeschäfte schwer zu
gewinnen seien Die mochten jetzt schmunzeln wenn sie sicher und geborgen dem
Schießen lauschten und solcher einstmaliger Verhandlungen dabei gedachten
Sicher auch kicherte Tzü Hsi höhnisch wenn sie vom Kohlenhügel der verbotenen
Stadt aus die weißen Wölkchen der Geschosse erblickte die so hübsch
einschlugen dort wo ihre einstmaligen Besucherinnen die leicht zu
umgarnenden leicht zu blendenden Barbarenfrauen wohnten
    Aber es blieb Tschun wie allen Belagerten wenig Zeit zu solch
rückblickenden Vergleichen Denn der Petang wurde immer heftiger und mit allen
Mitteln angegriffen Außer den Geschossen sausten auch Brandraketen durch die
Luft und fielen zündend auf die Dächer nieder Tief unten aber in der Erde hörte
man unheimliche Geräusche Dort wühlte und bohrte der Feind bereitete selbst
unsichtbar heimtückischste Verheerung Da galt es bald zu Löscharbeiten zu
eilen bald Quergräben aufzuwerfen gegen die vordringenden Minenarbeiten Oft
signalisierten die Wachtabenden vom Kirchdach herab dass von den
verschiedensten Seiten zugleich Gefahr nahe
    Gegen die zahlreichen Angreifer aber standen die wenigen geschulten
Verteidiger nur in kleinen Häuflein So verlernten sie das Schlafen mussten auch
immer mehr das Essen verlernen Denn kleiner und kleiner wurden die Rationen
Niemand hatte ja je an die Möglichkeit einer so langen Belagerung gedacht und
der Proviant schwand schnell täglich an mehr wie dreitausend verteilt
    Trotz alledem ließ es die Besatzung des Petang aber nicht bei der bloßen
Abwehr bewenden So klein sie war wagte sie doch gelegentlich Ausfälle An
einem Tag war ihr Feuer so wirksam gewesen dass die angreifenden chinesischen
Soldaten sich einen Augenblick zurückziehen mussten dabei ließ sie eine ihrer
Kanonen unweit des Haupttores stehen Diesen Augenblick benutzte rasch
entschlossen der fremde Offizier und drang mit ein paar seiner Soldaten aus dem
Petang in die Straße Von einem Pater geführt und immer wieder angeeifert
folgte eine Schar Konvertiten unter denen sich Tschun als einer der ersten
befand Sie sollten die verlassene Kanone nehmen und hereinziehen gedeckt vom
Feuer der fremden Soldaten  Sobald jedoch die Belagerer diese Absicht
bemerkten kehrten sie mit Wutgeheul zurück und eröffneten nun ihrerseits ein
wildes Feuer Aber es gelang den europäischen Schützen sie aufzuhalten bis die
Kanone in Sicherheit gebracht worden war
    Bei dem nur wenige Minuten währenden Ausfall hatte Tschun bloß den einen
Gedanken gehabt sein Bestes zu leisten um bei der Erbeutung des Geschützes zu
helfen und er hatte sich auch wirklich hervorgetan  Aber später als seine
erste triumphierende Aufregung verflogen kamen ihm andere Gedanken Er sah wie
sich die ausländischen Soldaten über den glücklichen Ausgang des tollkühnen
Wagnisses ausgelassen freuten er hörte wie sie sich untereinander
gratulierten Das waren nun zwar Gefühle die sämtliche Belagerte ob Europäer
oder Chinesen teilten und Tschun mit ihnen Aber trotzdem war da irgendein
bitterer Nachgeschmack Etwas wie Hohn dass solch ein Handstreich überhaupt
möglich gewesen hatte er doch aus den Worten der Soldaten herausgehört Gegen
keinen anderen Feind hätten sie das wagen können Im bloßen Versuch lag die
ganze Geringschätzung die sie für ihn empfanden  Und dieser Feind so sehr er
im Augenblick auch Tschuns Feind sein mochte blieb eben doch sein Landsmann Er
fühlte sich in seinem Land seinem Volk gedemütigt  Der junge Offizier hatte
ja auch nachher zu seinen Soldaten gesagt »Könnte ich heute nur über fünfzig
wie Ihr seid frei verfügen  ich marschierte sofort auf den Kaiserpalast los«
  Ja so schätzte der China ein  Und wieder empfand Tschun das Grollen gegen
die Fremden die Entrüstung gegen die eigenen Machtaber
    Aber die Augenblicke wo triumphierende Siegesfreude ausbrechen konnte
waren ja überhaupt selten genug Ernste Sorgen erfüllten den Petang mehr und
mehr oft auch bitterer Kummer
    Bei den zunehmenden Entbehrungen und der steigenden Hitze die in schwerem
Dunste auf der Stadt lagerte zeigten sich allerhand Krankheiten besonders
unter den vielen Kindern der Flüchtlinge Es gab aber keinen Arzt im Petang 
Da hatten die Nönnchen viel zu tun Sie pflegten die Kranken und verbanden die
Verwundeten Aber trotz all ihrem Mühen verlängerten sich täglich die Reihen der
Gräber die oft während Kugeln pfiffen rasch ausgeschaufelt rasch
zugeschüttet werden mussten Im Klostergarten durch dessen geheimnisvollen
Kräuterduft und blütenreiche Stille Tschun schon als kleines Kind so manchesmal
neben der Mutter geschritten war erstreckte sich heute der Friedhof Und die
schnell entstandenen schmucklosen Gräber lagen zu Füßen jener Madonnenstatue
die damals von Beeten roter Rosen umgeben gewesen und für die kämpfen und
sterben zu dürfen sich Tschun einst am Tage seiner Konfirmation so sehr
gewünscht hatte Das war in der Wirklichkeit doch viel grausiger als man damals
so gedacht
    Außer für Kranke hatten die Nonnen aber auch für Gesunde zu sorgen Die
vielen verängstigten chinesischen Frauen und Kinder zu beruhigen ihnen immer
wieder Mut zuzusprechen war vielleicht die schwerste Aufgabe Von allem was
sie da leisteten erfuhr Tschun besonders viel denn die Mutter war ja unter den
Pflegebefohlenen der Nonnen Oftmals wenn die Granaten und Kugeln gerade an dem
Punkt einzuschlagen begannen wo sie sich eben mit ihren Schützlingen
niedergelassen hatten mussten sie eilends wieder aufbrechen um nach einem
weniger gefährdeten Platze zu suchen Und während sie die Hilflosesten stützten
und trugen folgten ihnen die anderen wie eine aufgescheuchte Herde der die
weißen Ordenshauben den Weg wiesen Mit angstvollen Blicken sah Tschun solche
Umsiedlungen sprang herbei half soviel er konnte
    Am unheimlichsten von all dem vielen Bedrohlichen war aber das unterirdische
Wühlen Seit Tagen schon hatte es besonders dräuend geklungen Aber trotz allem
Suchen und Entgegengraben hatte man die eigentliche Stelle nicht zu finden
vermocht Dann war alles still geworden
    Da eines Morgens geschah das Gefürchtete Die Mine explodierte Mit
donnerähnlichem Getöse hob furchtbare Gewalt den Boden schleuderte die Erde und
alles was auf ihr stand in die Höhe Steine ganze Dachteile flogen in die
Luft als ob es Papierfetzen wären Und zwischen den leblosen Dingen flogen auch
Menschen Stücke von Menschenleibern in die Luft Dann stürzte alles in einer
ungeheuren Staubund Schuttwolke krachend zusammen
    Tschun glaubte es alles vom Dach der Kirche aus gesehen zu haben aber in
Wirklichkeit hatte er gar nichts gesehen denn rascher noch als das ganze
Geschehnis war ihm blitzartig der Gedanke durch den Kopf geschossen dass die
Explosion in einem der Frauenquartiere stattfände  dort gerade wo er eben ehe
er zur Wache ging die Mutter gelassen hatte  Da raste er auch schon hinab und
durch das Grundstück und langte an wie er wähnte während noch das Unheil
geschah Und doch war schon nichts mehr zu sehen was vor wenigen Sekunden noch
dagestanden Nur ein Berg aufgeworfener Stauberde aus dem Pfosten und Balken
Ziegelscherben und Dachfirststücke in wildem Durcheinander hervorragten Und
zwischen ihnen Gliedmaßen einzelne Fleischfetzen die eben noch lebende
Menschen gewesen Dazu ein Wimmern und Stöhnen von Verschütteten und alles
übertönend das gellende Heulen der Belagerer die in der allgemeinen Verwirrung
einen Sturm versuchten
    Aber mit Tschun waren von allen Seiten auch andere herbeigeeilt Und während
die Soldaten den anstürmenden Feind mit mörderischem Feuer zurückzuschrecken
suchten waren Hunderte von Händen an der Arbeit in dem Schutt zu wühlen ihn
abzutragen um womöglich Überlebende zu retten Tschun war als erster dabei
grub mit den Händen fühlte nicht wie er selbst längst schon blutete stand
tief unten zwischen den Trümmern die nun jeden Augenblick auch ihn zu begraben
drohten hatte nur den einen Gedanken die Mutter zu finden sie zu retten
    Aber es waren ihrer nur wenige die noch lebend ja die überhaupt
wiedergefunden wurden Drunten in der Erde war ein rotes Chaos
    Als es Abend geworden führte der alte Bischof Tschun schließlich fort »Da
ist nichts mehr zu tun« sagte er traurig
    Die Leichname die unkenntlichen Gliedmaßen wurden dann nachts eilig in
einem einzigen großen Grabe eingescharrt Und Tschun wusste nicht war etwas von
dem dabei das er vor wenigen Stunden noch Mutter genannt wusste nur dass sie
am Morgen lebend gewesen und dass am Abend nichts mehr von ihr vorhanden war
    Da begannen in der Dunkelheit allerhand eingeborene chinesische
Vorstellungen die das Christentum für gewöhnlich verdrängt hatte in ihm zu
erwachen Gedankengänge die Europäern ganz fremd gewesen wären ließ ihn
jetzt vor allem leiden Es quälten ihn uralte Aberglauben über das was solche
Tote im Jenseits erwartet deren Körper verstümmelt worden Er hatte selbst gar
nicht gewusst dass er von diesen Dingen wisse denn unter den Christen galten sie
ja nicht aber nun waren sie da und verließen ihn nicht Und bleiern lagen auch
die Selbstvorwürfe auf ihm mit denen die heidnischen Chinesen sich stets beim
Tode ihrer Eltern zu belasten pflegen und die er wähnte in diesem Falle so
ganz besonders zu verdienen Die Mutter hatte ja gar nicht in den Petang
flüchten wollen Er hatte sie dazu überredet hatte sie buchstäblich
hergeschleppt Und nun war sie hier umgekommen so umgekommen Und für keine
Feier keinen Prunk bei ihrer Beerdigung hatte er sorgen können was doch der
Niedrigste tut wofür jeder Mensch in China spart Nicht einmal mit Bestimmtheit
würde er zu sagen vermögen wo das Grab seiner Mutter eigentlich sei  nie die
Fahne darauf errichten können die ihrem unstet irrenden Geist diese Ruhestätte
zeige Missachtung bitterste Not in jenseitigen Welten lag darin für sie  und
für ihn demütigende Schmach der Stempel eines pflichtvergessenen Sohnes   Er
krümmte sich in einer Mischung von Wut und Schande
    Denn über Tschun hatte zur Stunde jenes uralte Chinesentum wieder Macht
gewonnen das er gewähnt aus eigener freier Entschließung von sich tun zu
können Fremder Glaube fremde Anschauungen die er innerlich fest erworben zu
haben schien waren zeitweilig wenigstens von ihm abgefallen weil sie eben
doch nie in sein allerinnerstes Wesen übergegangen waren
    Er selbst aber wusste kaum etwas davon
    Von da ab glitten die wechselnden Ereignisse der Belagerung traumhaft dumpf
beinahe unbemerkt an Tschun vorüber und er beachtete kaum dass er während des
Kampfes nach der Explosion als er in den Trümmern grub selbst einen
Streifschuss erhalten hatte Er empfand eigentlich nur eine zunehmende Müdigkeit
die ihn gleichgültig machte gegen Gefahr stumpf gegen die sich mehrenden
grauenvollen Bilder Er hatte nur noch den einen Wunsch in tiefen tiefen
Schlaf zu sinken einerlei ob es der Schlaf des Lebens oder des Todes wäre
Aber der Schlaf floh ihn Mit brennenden Augen mit schlaffen Gliedern hockte er
da Halb verhungert Denn die Vorräte des Petang waren ja beinahe ganz
erschöpft Angstvoll rechnete man Zwei Tage einen Tag noch konnten die winzig
gewordenen Rationen verteilt werden Dann würde es vorbei sein Selbst die
Blätter von den Bäumen hatten die Chinesen schon gegessen
    Viele Leben wurden da durch Entbehrung vernichtet Aber es traten auch neue
ins Dasein Kinder wurden inmitten dieser Schrecken geboren Und auch die Mütter
dieser so zur Unzeit erscheinenden Erdenbewohner litten bitteren Mangel  »Gib
mir nur einen kleinen Napf Hirsebrei dass ich etwas Nahrung kriege und mein Kind
stillen kann« riefen sie dem alten Bischof entgegen wenn er seine täglichen
Runden machte Aber auch er vermochte ja nichts für die also Flehenden
    In gleichem Masse aber wie all die Leiden gewachsen hatte sich der Wunsch
nach dem Erscheinen der Retter gesteigert Wer noch zu denken vermochte der
dachte nur noch an sie die Heissersehnten Immer wieder hatte man geglaubt ihr
Schießen aus ganz weiter Ferne zu vernehmen Manche auch wollten nachts ihre
Scheinwerfer gesehen haben Aber immer wieder war es Täuschung gewesen Und an
Stelle ursprünglicher Zuversicht begann nun dumpfes Verzagen die Herzen zu
erfüllen
    Waren sie denn von aller Welt verlassen und vergessen Oder war die ganze
übrige Welt selbst untergegangen Schlief der fremde Gott dass er die vielen
heißen Gebete nicht hörte Wo blieb die Hilfe die er seinen Getreuen
verspricht
    Doch endlich als das Ende des Petang nur noch eine Frage von Stunden schien
 da kamen die Retter da waren sie da
    Die ersten die von draußen durchdrangen waren Japaner Das wurde
anfänglich kaum beachtet Es waren eben Befreier Als aber der erste
Erlösungstaumel ein bisschen verrauscht war dachte Tschun darüber nach Ja die
Inselzwerge denen China einst Kunst und Wissen gegeben auf die es stets etwas
gönnerhaft herabgeschaut  die brachten heute Befreiung und Ordnung die
erschienen als höhere Wesen
    Bald folgten ihnen dann andere weiße Soldaten und nachher kamen auch
Herren aus dem Gesandtschaftsviertel Sie weinten und lachten durcheinander als
sie sich nun mit dem Bischof und den übrigen Priestern begrüßten Sie fielen
sich gegenseitig in die Arme Sie benahmen sich ganz so wie es nun mal in der
Natur der Fremden liegt  deren Gefühle stets so durchsichtig wie bei Kindern
zutage liegen  nur dass dies eine ganz aussergewöhnliche Gelegenheit war wie
sie niemand je erlebt  da waren sie durch Manier und Zeremonie eben noch
ungezügelter als sonst
    Tschun stand dabei und schaute zu Wie sie sich freuten freuten
    Sie besahen die Befestigungswerke sie ließ sich beschreiben wie mühsam
und verzweifelt die oft verteidigt worden sie besahen die weiße Kathedrale die
ganz durchsiebt von Geschossen war deren bunte Fensterscheiben in Splitter
lagen deren Kreuz über dem Mittelportal herabgesunken war  »Aber das alles
wird rasch repariert und neu errichtet werden« sagten sie Der Bischof sprach
schon davon dass er bald nach Europa reisen wolle Geld zu sammeln für die
zerstörte Mission »Vor allem wird aber doch von der hiesigen Regierung
Schadenersatz verlangt werden« rief einer der fremden Herren »für alles was
hier und in den Gesandtschaften zerstört worden ist« »Das will ich meinen«
sagte ein anderer »Jetzt beginnt hier überhaupt eine andere Zeit«
    Ja die Fremden erwarteten offenbar den Anfang einer guten Zeit für sich
Und wie würde sich diese Zeit wohl für die Chinesen gestalten dachte Tschun
Was würde für die Tausende aus den hundert Namen geschehen die von allem
beraubt irgendwo am Wege umgesunken waren Die Fremden standen bei ihren
Tajens in Bücher eingetragen und ihre Besitze waren ausgemessen und
festgestellt Die würden Schadenersatz erhalten Aber die Einheimischen die
niemand hatten der sie vertrat wer würde sich derer wohl annehmen  Tschun
fühlte sich plötzlich ganz allein und verlassen inmitten der Landsleute
inmitten der fremden Menschen  Bei der Besichtigung waren die Herren bis zum
Platz der großen Minenexplosion gekommen und dann zu der Gräberreihe bei der
Madonnenstatue weitergeschritten Man sprach von dem einen der beiden tapferen
jungen Offiziere der noch kurz vor der Befreiung gefallen war und nun da ruhte
Auch ein Opfer der Schuld anderer dachte Tschun  Aber solcher Opfer gab es
noch viele viele deren Gräber man nicht fand und von denen niemand sprach
    Das Tor des Petang das so heftig angegriffen so unerschrocken verteidigt
worden war stand nun wieder geöffnet Man konnte ein und ausgehen wie man
wollte Das war etwas so Ungewohntes dass es beinahe wie ein Verstoss gegen die
rechte Ordnung der Dinge schien Manche der aus ihren Pekinger Häusern in den
Petang Geflüchteten fürchteten sich auch wirklich davor  nicht so sehr wegen
der Gefahr bei einer gelegentlichen Schiesserei noch getroffen zu werden die
freilich auch bestand als weil sie sich scheuten zu sehen was während der
Belagerung alles geschehen was jeder einzelne dabei verloren Kaum einer würde
ja wiederfinden was er verlassen
    Es gab da Anblicke die die bis vor kurzem Belagerten trotz allem
Grauenvollen das sie selbst während der letzten Wochen erlebt doch nicht
vermutet hätten In solchen Gassen durch die Schnellfeuergeschütze für die
Entsatztruppen den Weg gebahnt lagen Leichen von Boxern und Mandschutruppen zu
Haufen angetürmt wie sie in verzweifelter Flucht gerade übereinander
hingestürzt waren Auf ihren grünlichen Gesichtern lag ein letztes hilfloses
Entsetzen und ihre Körper waren in den weiten blauen Kleidern wie wesenlos
zusammengesunken Ein beklemmender fauler Geruch entstieg ihnen in der
drückenden Sommerschwüle Aber es gab keinen Menschen der daran denken konnte
andere Menschen zu begraben Nur die Strassenhunde strichen witternd um die
Leichen in immer enger werdenden Kreisen Strassenhunde die während die
Menschen darbten seltsam fett geworden waren und nun hyänenhaft verstohlen
schielten mit gekrümmtem Rücken und eingezogenem Schwanze im Bewusstsein gegen
uraltes Gesetz verstoßen und sich am höchsten Lebewesen vergangen zu haben
    In der unmittelbaren Nähe des Petang war alles verbrannt und zerstört Kaum
dass in dem allgemeinen Trümmerhaufen zu unterscheiden war wo Fusssteige wo
Häuser gewesen Weiter aber folgten Straßen wo Gebäude noch standen Aber über
all diesen Straßen lag eine unheimliche Stille sie waren ganz leer und diese
Leere diese Stille wirkten beängstigend nach dem steten Getöse dem Gedränge
der letzten Wochen Die Häuser waren alle fest verschlossen Kein Laut drang aus
ihnen Das ganze Viertel wie ausgestorben Und doch fühlte man im Vorübergehen
dass da zwischen Ritzen und Spalten tückische und verängstete Augen spähten
    Tschun war mit einigen anderen der kürzlich Befreiten hinausgelaufen Ganz
zwecklos zuerst wie er selbst dachte Höchstens etwa um sich selbst zu
beweisen dass man wirklich und wahrhaftig frei war dass es nicht bloß der in den
vergangenen Wochen so oft geträumte Traum der Befreiung war Durch die Straße
wo er und die Mutter gewohnt kam er jetzt mit der kleinen Schar Hier hatten
die Zerstörer arg gehaust Von dem Häuschen blieben nur ein paar russige
Mauerreste Zwischen dem Schutt der die ganze Stätte bedeckte erkannte Tschun
eine Scherbe von einem Näpfchen aus dem er als Kind einst gegessen Das
Stückchen Porzellan fing gerade einen Sonnenstrahl auf und glitzerte lustig
inmitten all der grauen trostlosen Trümmer Ach es war gut dass die Mutter das
nicht sah  Und in der lautlosen leeren Straße sagte Tschun plötzlich »Ich muss
weiße Trauerschuhe haben« Die Worte hallten ganz laut in der Stille und
während er sie sprach ward sich Tschun bewusst dass er diesen einen Zweck ja
seit Tagen mit sich herumgetragen hatte dass er nur deswegen mit den anderen
jetzt hinausgelaufen war weiße Trauerschuhe wenigstens wollte er für die Mutter
tragen
    Nun schauten auch die anderen unwillkürlich auf ihre Füße Sie hatten das
vorher gar nicht beachtet waren gelaufen wie Tiere die der Haft entsprungen
aber nun gewahrten sie es ihnen allen hingen die chinesischen Zeugschuhe in
Fetzen Sie trugen sie ja ununterbrochen seit zwei Monaten Da riefen sie alle
»Wir brauchen auch Schuhe Wir auch Wir auch«
    »Früher gab es hier in der Seitenstrasse einen Schuhladen« sagte Tschun
»wenn er nicht zerstört ist könnten wir da kaufen«
    »Besjetzt denn jemand von uns noch Geld« fragte einer des Häufleins
    Sie sahen sich verdutzt an
    »Ach was Geld was kaufen« rief ein anderer ein großer starker Bauer
der durch irgendwelchen Zufall bei Beginn des Aufstandes in Peking anwesend
sich auch in den Petang gerettet hatte »wir haben wahrhaftig genug ausgestanden
und eingebüßt dass wir uns wenigstens ein paar Schuhe nehmen können wo wir sie
finden
    »Er hat recht« riefen die anderen schnell überzeugt von der neuen Moral
»dies ist eine andere Zeit als sonst«
    Und es war eine andere Zeit
    Sie bogen in die Seitengasse Der gesuchte Laden bestand noch Von weitem
schon sahen sie den großen Stiefel den er als Aushängeschild führte Aber der
Laden war fest verschlossen Er musste wohl wie so viele Häuser verlassen sein
denn auf all ihr Klopfen erfolgte keine Antwort Da trat der große Landmann vor
stemmte sich gegen die Tür und brüllte hinein »Wenn nicht sofort geöffnet wird
brech ich die Tür auf«  Nun nahten schlürfende Schritte im Innern Die Tür
öffnete sich spaltenweit Man sah einen Alten zitternd und grünweiss vor Angst
»Hier ist nichts mehr ehrenwerte Herren Hier ist längst alles ausgeplündert«
versuchte er zu parlamentieren Aber schon hatte der Bauer die Tür fast ganz
aufgezwängt und den Alten gepackt »Gesteh wo Du die Schuhe hast und gib jedem
ein Paar dann soll Dir weiter nichts geschehen« sagte er »andernfalls suchen
wir selbst  und dann «  Die übrigen waren inzwischen auch eingedrungen und
verliehen der ausgesprochenen Drohung Nachdruck Winselnd beschwor der Alte es
sei sein Untergang wenn etwas wegkäme die Besitzer wären längst geflohen
hätten ihn als Hüter zurückgelassen er verlöre sein Gesicht wenn er das Haus
nicht betreue  Aber schließlich wies er doch mit verstohlener Gebärde aus dem
leeren Laden in einen rückwärts gelegenen Raum Und da entdeckten sie wirklich
wohlversteckt den ganzen Schuhvorrat
    Jeder bediente sich nun rasch Tschun hatte weiße Trauerschuhe gefunden und
sofort angelegt hatte sogar eine weiße Schnur aufgetrieben wie sie bei
Trauerfällen in den Zopf geflochten wird Er fühlte sich hierdurch plötzlich
wohler Es war doch nun so wie es sein sollte
    Der Alte musste nun auch noch Tee bringen Man hatte ja so lange keinen Tee
mehr getrunken Und was er an Tabak besaß musste er hergeben
    Als die Schar dann aus dem Laden wieder heraustrat glänzte es seltsam
lüstern in all den schmalen Augen Das war aber auch ein gar zu wohliges Gefühl
gewesen einfach nehmen zu können ohne an Zahlung denken zu brauchen Und jeder
hatte auch bereits entdeckt dass er noch viele Bedürfnisse habe An Kleidern
eigentlich an allem mangelte es ihnen besonders aber fehlte es ihnen nun schon
so lang an genügendem Essen Und die Stadt mit ihren verlassenen Häusern ihren
vergessenen Vorräten mit all der Habe die ungenutzt verkam  sie lag da vor
ihnen  wen kümmerte es in der allgemeinen Zerstörung und Verwirrung wenn sie
die so viel verloren und ausgestanden hatten sich dafür jetzt etwas schadlos
hielten Mancher schlich nun allein davon wollte wohl geheimen Fährten folgen
Die anderen zogen vereint weiter
    Tschun aber löste sich von ihnen Er empfand plötzlich einen Ekel er hatte
genug davon Er schlug den Weg zum Gesandtschaftsviertel ein
    Da war alles bis zur Unkenntlichkeit verändert vernichtet Geborstene
Mauern eingestürzte Dächer Schutt und Trümmerhaufen All dieselben trostlosen
Dinge die Tschun acht Wochen lang im Petang hatte entstehen und schlimmer und
schlimmer werden sehen Und wie dort so auch hier seltsame improvisierte
Befestigungswerke Barrikaden aus dem erbaut was im Augenblick zur Hand
gewesen und Berge von Sandsäcken zum Teil aus grober Baumwolle aber auch aus
Vorhängen Betten Kleidern aus allem genäht was die verschiedenen fremden
Taitais gerade besessen Tschun glaubte einige dieser kostbaren Stoffe trotz
Staub und Schmutz wiederzuerkennen Er erinnerte sich wie ihn die vielen
unnützen Vorhänge in den Häusern der Fremden oft gewundert hatten  die fanden
nun so ihr Ende Und er entsann sich auch der langen Verhandlungen die die
Taitais mit den Händlern um Stickereien und Seidenrollen zu führen liebten  dass
diese teuer erworbenen und dann sorgsam gehüteten Stücke so rücksichtslos
zerschnitten worden waren vergegenwärtigte ihm am allerdeutlichsten wie
schlimm es auch hier um die Belagerten gestanden haben musste
    Im Gegensatz aber zu der Petanggegend wo die Straßen jetzt so leer und
lautlos waren herrschte hier ein merkwürdiges Leben Ganz anders als sonst
freilich Chinesen sah man kaum Aber fremde Soldaten mehr und mehr Soldaten
Aller Art aller Länder Tschun war ganz erstaunt über ihre Verschiedenheit Sie
waren nicht etwa alle weisshäutig wie die Tajens sondern es gab auch
langaufgeschossene dunkelfarbige Reiter mit hohem Turban bei deren Anblick
Tschun plötzlich an den alten Einsiedler denken musste  und daneben magere
unansehnliche Leute die von tropischer Sonne gedörrt und gelbgebrannt worden 
aus einem ganz südlichen Lande sollten sie stammen das einst China gehört
hatte das aber längst von einem der unersättlichen fremden Völker geraubt
worden war
    Am zahlreichsten aber schienen die Inselzwerge zu sein Sie hielten sich
stramm und reckten sich besonders wenn ihnen die großen vierschrötigen Kosaken
begegneten die Tschun wegen ihrer wasserblauen Augen und hanfartigen Haare
unter allen Fremden so besonders abstoßend fand Seine Gefühle den Inselzwergen
gegenüber waren weniger klar Es ärgerte ihn ja dass die hier in Peking so
gebieterisch auftreten durften aber dann empfand er doch auch eine gewisse
Genugtuung dass Leute die so gelb waren wie die Chinesen selbst mit den weißen
Fremden so selbstbewusst verkehrten dass sie von ihnen offenbar als gleichwertig
behandelt wurden Ja die Kosaken und die Japaner besah sich Tschun am
genauesten Die Kosaken ungeschlacht und wuchtig erinnerten ihn an die
schweren Kugeln aus Geschützen des 17 Jahrhunderts die neben moderneren
Geschossen während der Belagerung auch bisweilen in den Petang eingeschlagen
waren bei den Japanern dagegen musste er unwillkürlich an die lange im geheimen
vorbereiteten Minen denken die plötzlich explodierend so unerwartete
Verheerungen anrichteten Und er überlegte Zwischen diesen beiden Völkern
sitzen wir nun auf der Erde die eine riesige Kugel sein soll und durch das
Weltall kreist Wer von den zweien mag aber wohl der gefährlichere für uns sein
Dann sann er weiter Außer diesen zwei gibt es aber noch viele andere auf der
Kugel die kommen jetzt auch alle nach China gefahren und steigen bei uns ans
Land und sicher werden sie alle etwas haben wollen und sich damit brüsten
einen Brand gelöscht zu haben dessen erster Funke doch eigentlich von ihnen
stammt Ach schade ists schon dass man nicht all diese rastlosen Leute von der
Kugel hinaus ins Weltall schleudern kann Dann hätten wir hier vielleicht Ruhe
 Und nachdem dieser Gedanke sich in Tschuns Kopf geformt hatte war er selbst
ganz erstaunt So dachten ja die Fremdenfeinde Und Tschun hatte die Ausländer
doch immer als Freunde angesehen war ja sogar einst gegen manchen Widerspruch
aus seiner altgewohnten in ihre neue Welt gelaufen Wie war es denn gekommen
dass ihm das alles jetzt so anders schien  
    In der von vielen Geschossen getroffenen und durchlöcherten Gesandtschaft
wo er selbst früher der Taitai gedient hatte fand Tschun den Onkel Kuang yin
wieder Der hatte die Belagerung gut überstanden sah nur etwas magerer aus als
sonst und verriet jene Gereiztheit die Leuten eigen die während längerer Zeit
nicht genügend haben schlafen können Tschun begrüßte den Onkel noch etwas
feierlicher als sonst wie es sich nach längerer Abwesenheit schickt während
Kuang yin die weißen Trauerschuhe gewahrend nach dem Grunde frug und dann die
üblichen Trauerworte sprach Von jenem überschwänglichen Jubel den die fremden
Herren und die Priester beim Wiedersehen gezeigt war zwischen diesen beiden
Verwandten nichts zu merken Sie hätten ihn aber auch beide völlig unziemlich
gefunden
    Kuang yins erstes Entzücken gerettet zu sein hatte auch offenbar schon
Zeit gehabt in allerhand neu entstandenen Sorgen zu ersticken
    »Es ist in allem eine solche Verwirrung« brummte er »man weiß nicht wo
das Notwendigste zu bekommen keinen Markt gibt es mehr und dabei ist das Haus
sofern es überhaupt noch steht voll von Offizieren  statt einem Herrn hat man
jetzt Dutzende  und es kommen noch immer mehr hinzu Und natürlich können sie
sich mit niemand verständigen Da soll ich nun Boys besorgen die fremde
Sprachen verstehen Für die Stelle bei dem einen Offizier der in den nächsten
Tagen erwartet wird und der in einem besonderen Yamen wohnen soll habe ich
übrigens gleich an Dich gedacht«
    Tschun hatte gar keine Lust in den Dienst dieses unbekannten Ausländers zu
treten Er konstatierte dies zu seinem eigenen Erstaunen Früher würde es ihn
gerade gelockt haben auch einen fremden Militärmandarinen mal näher kennen zu
lernen Aber jetzt hatte er eigentlich auf nichts Lust Hätte nur gern
geschlafen und die Vergangenheit der letzten Wochen und mit ihr auch die
Gegenwart ganz aus seinem Bewusstsein ausgeschaltet Aber das wohlwollende
Anerbieten des Onkels auszuschlagen wäre unehrerbietig gewesen und er hätte
auch nicht mal genau gewusst welchen Grund dagegen anzuführen Es war nur ein
allgemeiner Widerwille mit all diesen Menschen mit diesen ganzen Ereignissen
zu tun zu haben So ging er denn dankend auf den Vorschlag ein
    Dann erkundigte er sich ob Kuang yin etwa von den übrigen Verwandten gehört
habe Doch der wusste nur dass Lin the i und Yang hung mit den Seinen seit dem
großen Brande verschwunden waren und auch von Sin schen und Wang pao hatte er
seit dem Entsatz Pekings noch nichts vernommen
    Wie mochte es wohl den Großen der Erde gehen dachte Tschun während so
viele der Kleinen gedarbt hatten oder ganz verschollen waren Und er frug »Was
haben die Fremden denn mit der Kaiserin getan Halten sie sie sehr streng
gefangen«
    Kuang yin lachte »Streng gefangen Bewahre Sie haben sie ja ganz ungestört
entweichen lassen«
    »Na« meinte Tschun »wenn sie nur unschädlich ist mag sie meinethalben
leben wo sie will Nun werden die Fremden wohl den Kaiser Kwang Hsü wieder in
seine Rechte einsetzen«
    »Aber nein doch« rief Kuang yin »den hat Tzü Hsi auf ihre Flucht ja
mitgenommen«
    Tschun sah ihn ungläubig an »Das haben die Fremden zugelassen Aber er war
doch der einzige der zu ihnen gehalten hat der einzige auch von dem sie
hoffen konnten dass er die Aufgeklärtesten des Landes um sich sammeln würde um
Ordnung herzustellen Es musste ihnen doch alles dran liegen dass er die
Regierung wieder in die Hände bekäme«
    »Ach ich glaube so weit hat niemand gedacht« sagte Kuang yin »Weißt Du
die fremden Truppen sind ja in unbeschreiblicher Verwirrung hier angekommen
Offenbar ohne eigentlichen Plan und ohne dass einer dagewesen wäre der allen
hätte befehlen können Jeder wollte nur überhaupt als erster ankommen Wie in
einem Rennen Was dann hier geschehen solle würde sich ja finden Vielleicht
dachten manche es gäbe eine allgemeine große Plünderung Als sie dann wirklich
anlangten wusste keiner wo der andere war In der Unordnung haben sogar die
einen auf die anderen geschossen Einmal war schon begonnen worden gegen die
verbotene Stadt vorzugehen  dann wäre auch vielleicht das ganze Nest wirklich
ausgehoben worden  aber da kam plötzlich Gegenbefehl Na und während all der
Unschlüssigkeit und Uneinigkeit hat eben Tzü Hsi die ja nie viel zaudert Zeit
gehabt zu entkommen Einen Tag erst nach dem Einzug der fremden Truppen ist sie
fort«
    »Dann kann sie ja aber noch gar nicht weit weg sein« sagte Tschun »Denken
die Tajens denn nicht daran ihr die vielen Soldaten nachzuschicken um sie
festzuhalten und den Kaiser zurückzubringen«
    »Aber Tschun« sagte Kuang yin »hast Du denn die Art der Tajens schon
völlig vergessen Ehe die einen gemeinsamen Entschluss fassen  Das kennt man
doch  in der höchsten eigenen Lebensgefahr allenfalls  und eigentlich auch
dann kaum«
    »Warum tut es dann nicht ein einzelner mit seinen Truppen« fragte Tschun
    »Dazu hat sich einer der fremden Offiziere auch schon erboten« antwortete
Kuang yin »Aber sein Tajen soll ihm geantwortet haben für diesen Fall besäße
er von zu Hause keine Instruktionen und es sei eine zu arge Verantwortung so
etwas allein zu unternehmen  Zu alledem kommt aber glaube ich noch etwas
anderes« setzte Kuang yin dann hinzu
    Tschun sah ihn fragend an Und Kuang yin fuhr fort
    »Ja so viel hab ich nämlich schon gemerkt dass zwischen den Tajens und
ihren vielen militärischen Rettern keine sonderliche Liebe besteht Die Tajens
sind ja gewiss froh durch sie befreit zu sein aber es wäre ihnen doch sehr
erwünscht wenn die Truppen nun nicht mehr zu neuen besonderen Dingen noch
notwendig würden Sie lieben die Angelegenheiten nicht die von den Waffenleuten
entschieden werden müssen Da fühlen sie sich nicht mehr so ganz als die ersten
 Und sie haben auch gegenseitig viel aneinander auszusetzen Die Offiziere
denken nämlich offenbar Das sind schlechte Diplomaten die von solch einer
Bewegung wie die der Boxer gar nichts voraus gemerkt haben und sich so
überraschen ließ Und die Tajens wiederum denken Das sind schlechte
Soldaten die so viel Zeit gebraucht haben bis sie endlich zu uns durchdrangen
und uns befreiten«
    »Da magst Du recht haben« sagte Tschun »unter den Fremden herrscht ja
immer Uneinigkeit Bisher dachten wir freilich nur zwischen denen der
verschiedenen einzelnen Ländchen aber wie es scheint sogar zwischen den
verschiedenen Berufen desselben Landes  Na  um so besser für uns«
    »Freilich um so besser für uns« wiederholte Kuang yin »denn all diese
Uneinigkeit wird hoffentlich hindern dass aus ihrem geeinten Zorn gar zu
Schlimmes für uns entsteht«
    »Ja« fiel Tschun ganz eifrig ein »daran denk ich jetzt auch immer denn es
wäre doch furchtbar wenn der Boxerwahnsinn von den Ausländern als Vorwand
benutzt würde uns noch mehr Land zu rauben oder uns durch Syndikate
Geldanleihen und sogenannte Ratgeber noch schärfer bevormunden zu wollen Ganz
unerträglich würde das  denn weißt Du je mehr man sichs überlegt denselben
Glauben wie die Ausländer haben wir ja nun mal  und darum musste man während der
Belagerung schon des Gesichts halber zu ihnen halten  aber das ist auch das
einzige Gemeinsame In allem übrigen sind sie uns doch  fremd  fremd«
    Er hatte nach dem letzten Wort gesucht und offenbar kein ausdrucksvolleres
finden können Nachdem er es aber ausgesprochen wunderte er sich selbst über
den Klang den das Wort hatte Missachtung Abneigung lagen ja darin
    Kuang yin hatte Tschun Unterkunft bis zum Antritt seines neuen Dienstes
angeboten »Einstweilen aber schau Dir die Stadt an  da gibt es jetzt
Gelegenheiten wie sie so bald nicht wiederkehren« sagte er bedeutungsvoll
Tschun sagte darauf dem Onkel er fürchte ihm bei dem neuen Herrn wenig Ehre zu
machen denn er habe ja nichts von seinen Sachen retten können und besitze nur
diesen einen Anzug »In der Lage sind heute viele« antwortete Kuang yin
gleichmütig »und doch wirst Du sie binnen kurzem in Seide und Zobel einhergehen
sehen  ich sagte Dir ja schon es gibt Gelegenheiten« Und dann setzte er mit
einem schlauen Blinzeln hinzu »Abends sobald ich fort kann gehe ich auch«
    Tschun wollte sich nun vor allem nach den Vettern umsehen die in anderen
Stadtteilen wohnten Auf dem Weg zu Sin schen begegneten ihm anfänglich noch
viele fremde Soldaten Manche trieben laut singend Vieh und Schafe vor sich her
In dieser Stadt wo alle Lebensmittel verschwunden schienen hatten sie offenbar
einen glücklichen Fund gemacht Aber auch andere Fremde sah Tschun Herren
meist zu Pferde die ihm von früher bekannt waren nur dass sie jetzt abgemagert
und wie verwildert aussahen Sie führten Leute mit leeren Karren bei sich Wozu
mochten sie die wohl gebrauchen
    Dann wurden die Ausländer seltener Tschun kam nun in entferntere Straßen
wo Europäer und ihre Anhänger nicht wohnten Hier war während der
Boxerherrschaft wenig zerstört worden Aber die Bewohner mochten wohl fürchten
dass durch den inzwischen eingetretenen Umschwung jetzt die Reihe an sie kommen
könnte Tschun sah manche mit angstvollen Gesichtern und spähenden Blicken vor
ihren Häusern stehen als ob sie Wache hielten während andere scheu und eilig
als fürchteten sie überrascht zu werden irgend etwas an den Türen zu arbeiten
schienen Was taten sie da Bereiteten sie besondere Verschlüsse Erwarteten sie
neue Strassenkämpfe  Tschun konnte es nicht genau sehen denn sie verschwanden
sobald sie in der Straße ein fremdes Gesicht gewahrten  Aber in der nächsten
Seitengasse wohnte ja Sin schen den wollte er fragen  falls er ihn überhaupt
noch vorfand  es waren ja so manche in dieser Zeit verschollen
    Doch sobald Tschun um die Ecke bog sah er auch schon den Vetter vor seiner
Türe stehen Wie die anderen schien auch er irgend etwas daran zu arbeiten 
und ganz wie die anderen wollte auch er verschwinden sobald er einen Fremden
nahen sah Doch Tschun rief ihn an und nachdem ihn Sin schen erkannt hatte kam
er auf ihn zu und begrüßte ihn so erfreut dass es Tschun beinahe wunderte  Und
nun sah Tschun was Sin schen und all die anderen so eifrig und verstohlen
trieben sie entfernten von ihren Türpfosten jede Spur der aufgeklebten
feurigroten Papiere deren schwarze Schriftzeichen die Insassen als treue
Boxeranhänger bezeichneten Und Tschuns Erstaunen gewahrend erklärte Sin schen
»Ja siehst Du es war die einzige Art uns und unsere Habe in der Zeit zu
retten Wir alle hier haben es getan Aber jetzt gilt es die Dinger zu
entfernen  sie könnten sonst unser Verderben werden«
    Er hatte Tschun inzwischen in sein Haus geführt und da gewahrte dieser eine
seltsame Werkstatt billige bunte Stoffe lagen am Boden und sämtliche
Angehörigen Sin schens fabrizierten daraus eifrigst allerhand Fähnchen in den
Landesfarben der verschiedenen fremden Truppen Die weiße japanische Flagge mit
der roten Kugel war am leichtesten zu machen und sie wurde in großen Mengen
hergestellt »Jetzt sollen diese Fähnchen über unsere Türen kommen um uns vor
den Fremden zu sichern« erläuterte Sin schen »ich habe übernommen sie für die
ganze Straße zu liefern  Ach und weißt Du Tschun« setzte er dann eifrig
hinzu »Du verstehst ja eine der Barbarensprachen da könntest Du etwas für mich
tun schreib mir doch auf einen großen Zettel dass ich ein guter Freund aller
Fremden und Christen bin Den kleb ich auf den Türpfosten dann plündern sie
sicher nicht bei mir wenn sie in unsere Straße kommen«
    »Wo denkst Du hin« rief Tschun »Die Fremden plündern doch überhaupt
nicht«
    »Lieber Tschun« erwiderte Sin schen bedächtig »Heere der fremden Teufel
sind schon einmal nach Peking gekommen lang ehe Du geboren warst  damals haben
sie den Sommerpalast ausgeplündert  sie werden auch diesmal wieder plündern«
Und dann setzte er beinahe entschuldigend hinzu »Alle Menschen plündern«
    Tschun musste ihm schließlich den Gefallen tun ein Papier mit den
gewünschten Worten zu beschreiben Er wurde dazu in ein rückwärts gelegenes
Zimmer geführt Da lagen allerhand geheimnisvolle Ballen Stoffe und Pelze
aufgerollte Teppiche Auch Vasen standen da die Tschun nicht kannte Alles in
einem wirren Durcheinander Sin schen aber erklärte achselzuckend und mit einer
weiten Handbewegung »Was man selbst nicht nimmt nehmen andere  alle Menschen
plündern«
    Nachdem Tschun das Schriftstück fertig verfasst hatte das Sin schen als
Freund der Fremden beglaubigen sollte konnte er sich nicht enthalten ihn zu
fragen »Nun und Deine eigentlichen grossmächtigen Freunde die sind wohl fort«
    »Du meinst den ehrenwerten Li lien ying« sagte Sin schen »Ja der ist mit
der Kaiserin fort Leute aus seinem Haushalt sind nachher bei mir gewesen und
haben mir davon erzählt Es muss schrecklich gewesen sein diese Flucht Früh
zur Stunde des Tigers während eines schweren Gewitters sind sie fort die
Kaiserin der Kaiser und der Ta a ko Und denk Dir nur drei ganz gewöhnliche
Maultierkarren hatten sie  und die gnadenreiche Gegenwart trug ein
Baumwollkleid wie die Landfrauen und die chinesische statt der mandschurischen
Haartracht um nicht erkannt zu werden Im letzten Augenblick hat die
PerlKonkubine die ja immer vorlaut war die Kaiserin beschworen den Kaiser
nicht mit sich zu nehmen sondern ihn in Peking zu lassen damit er den Frieden
mit den Fremden schließe Na aber da ist sie übel angekommen Tzü Hsi war in
dem Augenblick wohl überhaupt nicht in der Stimmung Ratschläge anzunehmen  und
natürlich witterte sie auch gleich trotz aller Aufregung der Stunde welche
Pläne von Kwang Hsüs Partei sich hinter diesem Vorschlag bargen  da hat sie
denn kurz entschlossen wie sie ja immer war die PerlKonkubine wegen
unbefugten Redens durch Li lien yings Leute augenblicklich in einen der tiefen
Brunnen werfen lassen  alles Flehen und Weinen des Kaisers hat nichts genutzt
 Ja und dann sind sie davongefahren durch die Tore der militärischen
Tüchtigkeit und des Sieges«
    »Wenig geeignete Namen beim Antritt so kläglicher Reise« meinte Tschun
gleichmütig
    »Ja wirklich beklagenswert« sagte Sin schen »dass die Kaiserin fliehen muss
in einem Alter das doch dem niedrigst Geborenen Anspruch auf Ehrerbietung
verleiht«
    »Aber bedenk doch was sie durch ihre Verblendung über das ganze Land für
Unglück gebracht hat« entgegnete Tschun »Sie wird nicht am meisten leiden für
das was sie angerichtet hat«
    »Ach« sagte Sin schen »ihr wird jetzt alles aufgebürdet aber ich weiß
doch von Li lien ying dass es ganz anders zugegangen ist Während dieser letzten
Wochen ist Tzü Hsi zwischen Tuan und Yung Lu hin und hergezerrt worden immer
schwankend wer von beiden recht habe Aber doch hat Tuan sie nie dazu bestimmen
können den endgültigen Befehl zum allgemeinen Angriff aller Truppen zu geben
und er hat auch nie von Yung Lu die schweren Belagerungsgeschütze erhalten um
die er getobt und geschrien hat Sonst stände es heute anders Jeder Widerstand
wäre umsonst gewesen und alle fremden Teufel wären vernichtet«
    »Vergiss nicht dass Du von Deinen neuen Freunden sprichst« sagte Tschun
lachend »na es freut mich aber dass Du doch wenigstens nicht mehr an die
übernatürlichen Kräfte der Boxer zu glauben scheinst«
    Sin schen machte eine wegwerfende Gebärde »Nein das war natürlich
Kindergeschwätz und ihre Gewalt nicht gewichtiger wie Blumenstaub«
    Als Entgelt für das Schutzschreiben erhielt Tschun von Sin schen etliche
neue seidene Gewänder Es war hoher Lohn für geringe Mühe  aber sie kamen dem
Vetter selbst ja auch nicht teuer zu stehen
    Kuang yin hatte recht Diese Zeit bot seltene Gelegenheiten
    Und weiter ging nun Tschun durch die Stadt
    Die Straßen waren jetzt bei nahender Dämmerung voller geworden Einzelne
Gestalten mit Säcken über den Schultern tauchten verstohlen auf huschten eilig
vorbei Auch ganze Haufen kamen daher gezogen Leute mit bösen Aeuglein und hart
entschlossenen Zügen die sich zu irgendeinem schlimmen Tun zusammengerottet
hatten Manchmal fielen irgendwo vereinzelte Schüsse Schmerzensschreie
Hilferufe erschallten hier und dort erstarben rasch erstickt unbeachtet
Keiner kümmerte sich um des anderen Not Jeder hatte eigene Wege und Zwecke
Rache und Gier waren mit der einbrechenden Dunkelheit aus ihren Schlupfwinkeln
hervorgekrochen arbeiteten hurtig und sicher hinter den grauen Mauern
    Planlos irrte Tschun weiter bald allein bald von dieser oder jener Gruppe
mitgezogen Hierhin dorthin nur von dem einen Wunsch getrieben der ihm von
klein auf eigen gewesen den Wunsch zu sehen Und er sah Sah Spuren der Boxer
sah neueres Tun derer die an ihnen Vergeltung übten
    Er blickte in einen verlassenen Palast der völlig ausgeräumt war wo nur
noch altertümliche Sättel und Geschirre mit silbernen Beschlägen in einem Winkel
lagen weil sie den Beutesuchern zum eiligen Fortschaffen offenbar zu schwer
gewesen er betrat ein verlassenes Yamen wo unter seinen Füßen die Scherben
unschätzbarer in blinder Wut zertrümmerter Vasen knirschten er schaute in ein
Haus dessen Tür aus den Angeln gerissen offen gähnte und prallte entsetzt
zurück vor dem Verwesungsgeruch einer ganzen Reihe modernder Leichen er schritt
durch Torwege an deren Mauern Köpfe an langen Zöpfen aufgenagelt waren er
betrat Höfe in denen Boxeraltäre umgestürzt lagen und frisches Blut in dunklen
Pfützen stand er beugte sich über unheimlich schwarze Brunnen an deren Steinen
buntseidene Fetzen hingen Fetzen von dem Kleide irgendeiner unbekannten Frau
aus den hundert Namen die da in Herzensangst vor etwas noch Grauenvollerem als
dem Tode in die schauerliche Tiefe hinabgesprungen war Immer neue Stätten
dunkler Tragödien entdeckte er Orte wo armselige Leben vernichtet worden
waren nach denen nie gefragt werden würde
    Als Tschun schließlich wieder in die Gesandtschaftsstrasse einbog hatte er
so viel des Schrecklichen gesehen dass er glaubte gegen alles ganz stumpf
geworden zu sein und doch bot sich ihm da noch das überraschendste Bild
    Gleichzeitig mit ihm mündete ein seltsamer Zug in die Straße Esel und
mongolische Ponies schwankende Maultierkarren und einrädrige chinesische
Handwagen  alles schwer und hoch bepackt Chinesische Kulis trieben die Tiere
in der chaotischen Straße vorwärts und Reiter trieben wiederum die Kulis an
Diese Reiter aber waren Fremde Herren die Tschun zu erkennen glaubte
Plötzlich rissen die Stricke die die überschwere Ladung des einen Fuhrwerks
halten sollten eine Kiste flog krachend auf die Straße und aus ihren
geborstenen Seiten rollte der Inhalt hervor lauter kleine Barren feinsten
Syceesilbers  Ein ungeheures Lärmen entstand Fluchen und Schimpfen auf
chinesisch und in fremden Sprachen Manche der Kulis wollten offenbar die
Verwirrung benutzen und mit rasch gefüllten Taschen in der zunehmenden
Dunkelheit verschwinden Aber die Fremden hatten diese Absicht sofort erkannt
mit vorgehaltenen Revolvern drängten sie die Leute zurück und zwangen sie zum
Auflesen und Wiederaufladen des Silbers Ohne zu wissen wie befand sich auch
Tschun plötzlich bei dieser Arbeit war mit unter die anderen eingereiht So
hörte er sie brummend reden Dieser Silberschatz stamme aus dem Palast eines
geflohenen Boxerprinzen Die Fremden hätten sie gedungen um ihn zu heben Viel
mehr noch läge dort in der Schatzkammer man hätte gar nicht alles fortschaffen
können Der Rest solle morgen geholt werden
    »Aber wer soll es denn bekommen« fragte Tschun leise
    »Dumme Frage  die selbst doch natürlich«
    »Jeder plündert doch für sich«
    Als das meiste wieder notdürftig verstaut war hoben die Herren selbst die
letzten Silberbarren von der Straße und warfen sie als Lohn den Leuten zu die
beim Laden geholfen und die sie eben noch kalten Blutes zu erschießen gedroht
hatten
    Es war eben eine Zeit sehr wechselnder Möglichkeiten
    Dann setzte sich der Zug wieder in Bewegung mit Reitern als Vortrab und
Reitern als Nachhut  Tschun starrte ihnen nach wie sie allmählich in der
Dunkelheit versanken Und trotz allem was er an diesem Tage gesehen erschien
ihm das Schauspiel dieser Fremden die beutebeladen zwischen den Ruinen des
alten Peking dahinzogen doch das allerseltsamste Im Vergleich hierzu versank
alles übrige in nebensächliche Geringfügigkeit denn dieser Anblick stieß ja
Begriffe um die Tschun bis dahin nie in seinen Gedanken angetastet hatte Die
unbedingte persönliche Integrität der fremden Herren war doch gerade das worauf
sich alles aufbaute was man auch sonst von ihnen sagen mochte diese
Eigenschaft war ihnen nie bestritten worden Aber wenn sie sie etwa gar nicht
besaßen  Dann waren sie ja auch nicht besser wie die chinesischen Mandarine
 Tschun versuchte sich einzureden dass er schlecht gesehen schlecht
verstanden habe Es war vielleicht doch irgendeine offizielle Zahlung die die
Fremden in diesen unruhigen Zeitläuften selbst begleiteten Was wussten
schließlich die dummen Kulis in der Straße Was sie gesagt das wollte Tschun
nicht glauben Die Grundsteine seiner bisherigen Überzeugungen müssten ja sonst
wanken Und er wusste doch dass es Wahrheit gewesen
    Wider Erwarten traf Tschuns neuer Herr schon am nächsten Tage ein
Verstaubt übermüdet durch heiße eilige Märsche rückten seine Soldaten ein
Alle die jetzt nach dem Entsatz Pekings noch ankamen  und es waren ihrer viele
Tausende verschiedener Nationalitäten  machten den Eindruck von Leuten die
sich um eine große Gelegenheit betrogen dünken Sie schienen bitter enttäuscht
durch den Anblick der Ruinen Pekings Was sie erwartet hatten war schwer zu
sagen
    Es kostete Mühe für Tschuns Herrn ein geeignetes Quartier zu finden denn
die besten Gebäude waren von den zuerst Angekommenen gleich besetzt worden Jene
Soldaten die man Amerikaner nannte und die aus einem anderen Weltteil kamen
hatten ihre Zelte im Tempel der Landwirtschaft aufgeschlagen Es waren Leute
die auf Tschun den Eindruck machten als gäbe es für sie keinerlei Zwang auf
Erden sondern als tue ein jeder von ihnen das was er gerade trieb aus
persönlichem freien Willen und Vergnügen So jetzt diesen sogenannten Krieg
gegen die Boxer Ihnen gegenüber auf der anderen Seite des Platzes in den
kaiserlichen Absteigeräumen des Himmelstempels hausten englische Offiziere und
ihre indischen Reiter kampierten in dem großen Park der den Tempel umgibt Die
heiligste Stätte Pekings war das vor der jeder Chinese ehrfurchtsvollen
Schauder empfand denn hier auf hoher marmorner Estrade opferte ja der Kaiser
alljährlich seiner göttlichen Heimat dem Himmel legte vor ihm Rechenschaft
über sein letztes Regierungsjahr ab und erflehte das Mandat ein weiteres Jahr
zu herrschen Früher durfte niemand diesen weihevollen Ort betreten Jetzt war
er eine Kaserne fremder Barbaren Auch die Russen und Japaner hatten ihre
gesonderten Gebiete in der Stadt und die Truppen der verschiedenen anderen
Völker die Tschun nicht immer recht voneinander unterscheiden konnte besaßen
ihre getrennten Quartiere
    Schließlich war für Tschuns Herrn aber doch auch noch in einem entlegenen
Stadtteil ein altes weitläufiges Yamen gefunden worden Und es erwies sich dass
es dasselbe war wo Tschun vor ein paar Monaten die abendliche Schaustellung der
Boxer mit angesehen hatte Welch seltsame Wandlung seitdem Wie siegessicher war
damals in dem überfüllten Hofe der Untergang aller fremden Teufel prophezeit
worden Und jetzt stand das Yamen verlassen Der Besitzer war vor den Barbaren
geflohen und der Kaiserin nachgeeilt und jene zogen nun hier als Sieger ein
    Um das Yamen für die Fremden bewohnbar zu machen galt es vor allem es
auszuräumen und all die tausenderlei Dinge wegzuschaffen die im Gedanken dass
sie einmal gebraucht werden könnten von Chinesen nie fortgeworfen werden und
sich in ihren Häusern zu ungeahnter Fülle ansammeln Neben wertvollen Stücken
kam da unendlich viel Gerümpel zutage Kulis die Tschun angeworben hatte
sollten all das wegschaffen Dazwischen aber mischten sich die Soldaten in diese
Arbeit lachten über die seltsame Anhäufung von Fetzen und Scherben trieben
Unfug mit all dem fremdartigen Plunder Es waren ausgelassene junge Menschen
die es nicht sonderlich böse meinten aber Tschun empfand es alles als Hohn Er
entsann sich des blinkenden Napfscherbens den er auf dem Trümmerhaufen seines
eigenen einstmaligen Häuschens liegen gesehen und es würgte ihn etwas in der
Kehle
    »Warum siehst Du so griesgrämig aus« rief ihm einer der Soldaten zu
    »Würdet Ihr froh aussehen wenn all das in Eurem Lande geschähe« antwortete
Tschun Der Soldat und seine Kameraden sahen sich zuerst verdutzt an und dann
brachen sie in ein schallendes Gelächter aus Es war aber auch zu komisch Ihr
Land mit diesem Pekinger Mistaufen zu vergleichen
    Aber sie betrachteten Tschun von da an als einen ungemütlichen
Spielverderber und setzten nun ihrerseits etwas hinein ihn möglichst zu necken
Und es bot sich dazu häufig Gelegenheit denn Tschuns Amt bestand gerade darin
für die vielen Bewohner des Yamens und ihren ganzen Haushalt den Verkehr mit den
Chinesen zu vermitteln Da gab es immer irgend etwas was dieser oder jener von
ihm wollte Und hörte er nicht rasch genug auf die verschiedenen Wünsche so
zogen sie ihn gelegentlich am Zopf Besonders gern tat das ein böser Korporal
er nannte es »die Schnur zur Klingel im Kopf in Bewegung setzen« Ja es waren
rohe Leute die von Manier und Zeremonien offenbar noch weniger Ahnung hatten
als die Bewohner der Gesandtschaften die Tschun bisher gekannt hatte Jene die
ja angeblich geschickt worden waren »um gute Beziehungen mit China zu pflegen«
hatten etwas von diesem Bestreben doch immerhin auch im Verkehr mit ihren
chinesischen Bediensteten gezeigt  diese neuen Fremden dagegen traten herrisch
auf und erklärten anmassend dass sie gekommen seien um endlich mal Ordnung und
ein strammes Regiment in diesem verlotterten korrupten Lande einzuführen
Tatsächlich versuchte auch schon in den ersten Tagen nach dem Entsatz jeder in
seinem Gebiet auf seine Weise zu regieren Sie »pazifizierten die Stadt« wie
sie es nannten und bildeten sich ein sie von »zweifelhaften Elementen« zu
säubern  und waren dabei doch so unwissend dass sie eigentlich in jedem
Zopfträger einen »alten Boxer« sahen Sogar Tschun riefen sie so Und er hatte
doch im Petang mitgekämpft und bei der Erbeutung der Kanone geholfen Es machte
Tschun oft ganz ungeduldig diese neuen Fremden untereinander voll Überhebung
von China reden zu hören mit Hochmut urteilten sie über alles glaubten jede
Sache besser zu wissen und kannten und verstanden doch eigentlich noch gar
nichts waren ja auch zumeist erst vor wenigen Tagen ans Land gestiegen
    Und was wurde nicht alles unter diesem strammen Regiment stillschweigend
geduldet Was taten die es führten nicht gar selbst Die Sucht zu plündern
lag wie eine Epidemie in der Luft Die Boxer hatten sie zuerst gebracht Aber
nun wurden alle Chinesen und Fremde davon ergriffen Jeder zog wie ein
Schatzgräber auf geheimnisvolle Wege aus In einer der Gesandtschaften wurde
dann all die Beute öffentlich versteigert Das gab dem ganzen seltsamen Handel
einen ehrbaren offiziellen Anstrich Ein unlauteres Gewerbe war dadurch unter
obrigkeitlicher Kontrolle systematisiert Man sprach auch nicht von Beute
sondern von Funden Schätze an Pelzen und Seide an Altertümern aller Art kamen
da unter den Hammer Neben diesen mehr privaten gab es aber auch ganz große
nationale Transaktionen die schon eher den Charakter staatlicher
Finanzoperationen trugen Von den Inselzwergen wurde erzählt sie hätten auf so
enorme Kornvorräte und Silberschätze die Hand gelegt dass damit ihre etwaigen
Ansprüche auf Erstattung von Kriegskosten im voraus gedeckt seien
    Der böse Korporal und seine Soldaten hatten sich auch gleich an dem
allgemeinen Geschäft beteiligt Bald schmückten die merkwürdigsten chinesischen
Gegenstände ihre Quartiere Abends verkleideten sie sich mit golddurchwirkten
Mandarinengewändern und sprangen und tanzten wild darin herum Auch Stücke
führten sie auf sie spielten »Die böse Tzü Hsi« oder »Li hung tschang« Denn
das waren ihnen die geläufigsten Namen und es ging ihren Trägern in diesen
Vorstellungen stets jämmerlich schlecht Dazu erklangen die leiernden Weisen
europäischer Spieldosen die in allen chinesischen Häusern zu finden waren Und
die vielen Uhren die ebenfalls einen Gegenstand chinesischer Sammelpassion
bildeten tickten und schlugen die Stunden  diese sonderbarsten Stunden
Pekinger Geschichte
    Manchmal drangen die Fremden in Tschun er solle sie führen denn er kenne
gewiss gute Gelegenheiten Aber er wehrte sich gegen solche Zumutungen und
konnte er sich ihnen gar nicht entziehen so wählte er absichtlich Straßen von
denen er genau wusste dass da andere vorher gewesen und nichts mehr zu holen war
Solche Enttäuschungen erbitterten aber den Korporal und die Soldaten und ihr
Verkehr mit Tschun ward auf immer unfreundlichere Töne gestimmt
    Tschun wünschte sich aus alledem oft heraus Er war ohne es selbst zu
wissen überreizt und abgespannt von allen Entbehrungen und Schrecknissen der
Belagerungszeit und hätte Ruhe und Vergessen gebraucht Aber schon Kuang yins
halber dem sonst vielleicht Unannehmlichkeiten daraus erwachsen wären musste er
bei diesen neuen Herren aushalten So diente er ihnen denn so gut er es
vermochte und ließ sich des eigenen Ansehens halber nie etwas zuschulden
kommen aber er tat es verdrossenen Gemüts und immer größer wurde die
Geringschätzung mit der er im stillen auf all diese zeitweiligen fremden
Machtaber herabschaute
    Zu diesen Gefühlen den Fremden gegenüber gesellte sich aber auch Empörung
gegen die eigenen Landsleute Tschun wusste oft nicht welche dieser Empfindungen
stärker war Würdelos fand er es schon dass sie wie er es zuerst bei Sin schen
erlebt mit Fahnen und Zetteln herumliefen die sie als Anhänger der Fremden
proklamierten würdelos dass gar manche die vor wenigen Tagen noch die
Boxergeister angerufen hatten sich jetzt christliche Rosenkränze umhingen und
sobald sie Ausländern begegneten auf sich selbst deutend »Katholik Katholik«
schrien Aber viel schlimmer noch erschien es Tschun dass seine Landsleute
anstatt ihre Zwistigkeiten untereinander auszutragen jetzt oft die Ausländer um
Hilfe und Schlichtung anriefen dass einer gegen den anderen Vorteile durch die
fremden Herren zu erlangen suchte
    Denn so wie vor wenigen Monaten noch private Feindschaft bei den Boxern
Christen und Christenanhänger zu denunzieren liebte so äußerte sich jetzt
manche Rache indem sie Verhasste den fremden Machtabern als Boxer und
Boxerhehler angab Das war ein einfaches Mittel sich Unbequemer und Beneideter
zu entledigen Denn es war bekannt dass in solchen Fällen die Prozesse meist
kurz geführt wurden Dazu war man ja auch in das Land gekommen um Boxer
auszurotten und Exempel zu statuieren
    Auch Tschuns neuer Herr erhielt eine Anzeige dass in seiner Nachbarschaft
ein früherer Boxer hause der bei der Zerstörung und Plünderung von Häusern der
Fremden tätig gewesen sei und der noch jetzt Waffen bei sich verberge und
schlimme Anschläge führe
    Der Denunzierte war ein junger Händler den ursprünglich Sin schen an Tschun
empfohlen hatte und dem dann auch da er vorteilhafte Bedingungen stellte
bestimmte Vorratslieferungen für die Truppe von dem Offizier übertragen worden
waren Da er den Händler vorgeschlagen hatte wäre es Tschun sehr peinlich
gewesen wenn er sich als unzuverlässig erwiesen hätte aber Tschun glaubte
vorläufig nicht recht an die Beschuldigung sondern witterte dahinter die Rache
eines enttäuschten Konkurrenten
    Es ward nun ein Zug nach dem Hause des angeblichen Boxers unternommen Der
ließ die Fremden bereitwilligst ein und zeigte ein ganz unbefangenes Wesen Als
Tschun ihm im Auftrag seines Herrn eröffnete wessen er beschuldigt würde
beschwor er entrüstet das sei alles erlogen Allein bei der Haussuchung die
der Korporal und die Soldaten alsobald unternahmen erwies sich ein Teil der
Beschuldigungen sofort als richtig denn in rückwärts gelegenen Teilen des
weitläufigen Hauses entdeckten sie wohlverborgen eine Anzahl Kisten und als sie
diese nun trotz des Protestes des Händlers dass sie ihm nicht gehörten in den
Hof schleppten und aufbrachen fanden sich darin nicht nur Waffen sondern auch
allerhand europäische Gebrauchsgegenstände die offenbar aus den geplünderten
Missions und Gesandtschaftsgebäuden stammen mussten Der Mann beschwor nun
wieder dass dies Kisten seien die ihm ein Freund zur Aufbewahrung anvertraut
hätte und von deren Inhalt er selbst keine Ahnung gehabt habe Aber er wurde
nun doch sofort gefesselt in das Yamen des Offiziers abgeführt
    Zu seiner Vernehmung war dann einer der gelehrten Herren die Chinesisch
konnten aus der Gesandtschaft gebeten worden Es kam aber nichts dabei zutage
Der angebliche Boxer blieb ebenso hartnäckig bei seinem Leugnen wie der
herbeigeeilte Ankläger bei seiner Beschuldigung ja dieser sagte jetzt sogar
aus er selbst habe den Beklagten bei den Zerstörungen im Fremdenviertel mit
Fackel und Schwert wüten sehen Aufgefordert den Freund zu bezeichnen für den
er vorgab die Kisten aufbewahrt zu haben weigerte sich der Händler seinen
Namen zu nennen Alle Indizien sprachen gegen ihn
    Schließlich wandte sich der Herr der das Verhör führte an Tschun den er
von seiner früheren Dienstzeit bei der Taitai her ja kannte und frug ihn »Da
Du den Mann empfohlen hast kannst Du ihn doch nicht für einen Boxer gehalten
haben«
    »Sicherlich nicht« antwortete Tschun
    »Nun und was ist jetzt Deine Ansicht Glaubst Du dass es einer ist oder
nicht Ihr wisst doch am besten über einander Bescheid«
    Tschun aber war inzwischen selbst schwankend geworden Die Anklage die er
anfänglich für einen bloßen Racheakt gehalten sah jetzt doch anders aus So
sagte er nur »Ich weiß nicht«
    »Aber Du musst doch eine Ansicht haben« fuhr der gelehrte Herr fort »willst
Du sie mir nicht sagen«
    »Ich kann darüber nicht sprechen« antwortete Tschun
    »Warum denn nicht« drang der Herr in ihn
    Da antwortete Tschun ganz leise »Weil ich nicht gegen meine Landsleute
aussage«
    Der fremde Herr schaute ihn einen Augenblick ganz verwundert an dann zuckte
er die Achseln und sagte
    »Euch kennt man doch nie aus«
    Der Händler wurde erschossen In einem der Höfe des Yamens stand er vor
einer Mauer Er war ganz gefasst Der Korporal kommandierte dann krachten die
Schüsse aus den Gewehren der Soldaten Ganz wie Tschun es bei der Verteidigung
des Petang so oft erlebt Einige der Kugeln flogen daneben und schlugen in das
Gemäuer Aber die anderen hatten gut getroffen Der Händler stürzte nieder und
rührte sich nicht mehr Zusammengesunken als sei der Körper in den weiten
Kleidern verschwunden so lag er da Auch wieder ganz so wie Tschun es während
der Belagerungswochen bei so vielen chinesischen Leichen gesehen Aber das eben
noch lebensvolle und jetzt so stille Gesicht wies ein merkwürdig verklärtes
Lächeln auf Tschun musste plötzlich an den jungen fremden Offizier denken der
kurz vor dem Entsatz des Petang noch gefallen war und dort zu Füßen der
steinernen Madonna begraben ruhte Ganz so verklärt lächelnd hatte der
ausgesehen und der alte Bischof hatte gesagt das komme davon dass er so
gläubig gewesen sei und gewusst habe dass er für eine gute Sache sterbe Sollte
wie jener so auch dieser angebliche Boxer für etwas gestorben sein das des
Sterbens wert gewesen
    Später kamen seine Verwandten Sie baten um Auslieferung der Leiche Sie
hatten sehr Angst dass sie ihnen von den Fremden am Ende gar vorenthalten würde
Drum sprachen sie sehr leise und unterwürfig wie Leute die um die Erfüllung
eines Herzenswunsches zu erlangen bereit sind etwas mehr oder minder
Erniedrigung mit in den Kauf zu nehmen Aber so demütig sie auch taten Tschun
sah doch den unzähmbaren Hass in ihren rasch wieder gesenkten Augen lodern
    Ihre Bitte ward von dem Herrn gewährt
    Tschun half ihnen die Leiche aufnehmen »Eine Sünde eine Schande ists«
hörte er sie dabei murmeln »So ein stiller guter Mensch« »Und mit den I ho
Chüan hat er nie etwas zu tun gehabt«
    Dann schritten sie mit ihrer Bürde durch den Hof Aber wie sie schon beinahe
am Tor waren wandten sie unwillkürlich die Köpfe zurück nach den Quartieren der
Fremden  und ganz leise hörte Tschun den einen flüstern »Wir werden ihn rächen
 an jenen dort«
    Es war nur ein Hauch ein Bewegen der Lippen gewesen und hatte doch einen
Klang von Verhängnis Tschun ward es ganz kalt bei den Worten Er fühlte dass
sie kein unüberlegter Schmerzensausbruch keine leere Drohung waren sondern dass
ihnen eine bestimmte Absicht zugrunde liegen musste Er wünschte er hätte die
Worte nicht gehört Aber da er sie gehört hatte konnte er sie aus seinem
Bewusstsein nicht mehr wegwischen Sie belasteten ihn mit einer Verpflichtung Er
empfand dass irgendein grausiger Anschlag gegen seinen neuen Herrn und dessen
Leute geplant wurde Und so wenig er sie liebte erkannte er doch die Forderung
sie zu schützen wo vielleicht er allein es vermochte da ja nur er eine Gefahr
für sie ahnte Aber welche Gefahr  Ja das vor allem galt es zu wissen Er
musste ergründen was jene dort eigentlich im Schilde führten
    Ohne weiteres Besinnen schlich er sich fort und folgte dem Trauerzuge nach
Dass er gleich kam um vor dem aufgebahrten Toten seine Verbeugung zu machen
konnte von den Hinterbliebenen ja nur gut aufgenommen werden und vielleicht
gelang es ihm irgendetwas zu erfahren so dass er weiteres Unheil verhüten
konnte Freilich hätte es sich geziemt zu solchem Besuch feierliche Kleidung
anzulegen und vor allem das weiße Tuch Mao tao bei sich zu tragen womit die
rote Quaste des Hutes beim Betreten eines Trauerhauses bedeckt wird  aber es
waren ja so ungewöhnliche Umstände  da durften vielleicht doch einmal die
Regeln der Zeremonie umgangen werden
    Im Trauerhause waren die nötigsten Vorbereitungen für den Empfang des Toten
getroffen worden so gut es in diesen Zeiten kriegerischer Verwirrungen eben
ging Zettel die den Todesfall meldeten klebten schon auf den Pfosten des
äußeren Eingangstores und darüber hing das Stück Hanfgewebe das bekundet dass
Kinder um Vater oder Mutter trauern Im Hofe war quer vor das Tor ein weißer
Wandschirm aufgestellt der die Zeichen Pouwen trug
    Dem Toten flocht man eine weiße Schnur in den Zopf und dann wurden ihm die
Sterbekleider angelegt die keine Metallknöpfe haben dürfen da sie im Jenseits
zu schwer sein würden auch Stiefel mit weichen Sohlen bekam er und den
offiziellen Hut doch ohne rote Fäden Also angetan bahrte man ihn in der Mitte
des Hauptgemaches auf wie es ihm in seinen zwei Eigenschaften als ältester Sohn
und als derzeitiges Haupt der Familie zukam
    Denn der Vater des Toten war merkwürdigerweise fort Das erfuhr Tschun
sogleich Aber niemand erwähnte wo er eigentlich sei
    Außer den Verwandten die die Leiche abgeholt hatten der Mutter und der
Witwe waren da noch die nächsten Freunde versammelt denen die Aufgabe zufällt
die fremderen Besucher im Namen der Familie zu empfangen und zu dem Toten zu
geleiten Auch Tschun führten sie und reichten ihm die schmale weiße Trauerbinde
Tsingpa Damit umwickelte er sich vorschriftsmässig den Kopf und warf sich
ehrerbietig vor dem Toten nieder
    Danach mischte sich Tschun in einem Nebenzimmer unter die Verwandten und
übrigen Gäste Sie alle sprachen von dem Toten priesen sein stilles
freundliches Wesen und ergingen sich in heftigen Ausbrüchen gegen diese
Barbaren die ihm einem Unschuldigen ein so jähes Ende bereitet »Und er
konnte doch gar nicht anders« rief einer »ich frage Euch alle er durfte doch
nicht etwa seinen Vater verraten«
    »Sicherlich nicht Er hat recht gehandelt« antworteten sie einstimmig
    Tschun horchte gespannt auf er begann die geheimen Zusammenhänge zu ahnen
    »Er hat alles auf sich genommen um den Vater zu schützen« begannen die
Freunde wieder »er ist gestorben wie die höchsten Beispiele kindlicher
Ehrerbietung und Treue die von den Klassikern gepriesen werden«
    Und einer der Verwandten sagte seufzend »Ja wenn die Kaiserin darum wüsste
sie verliehe ihm sicher postume Ehren«
    »Wahrlich Du hast recht« fiel ein anderer Vetter ein »manch einem ist um
geringeres Verdienst ein Gedenkbogen errichtet worden«
    »Nun wenigstens erhält er ein Begräbnis so großartig wie er selber nie
geträumt« meinte ein Freund
    »Aber das ist nicht genug« murmelte ein Vetter und schaute die anderen
Verwandten bedeutungsvoll an
    Nun lauschte Tschun noch gespannter denn jetzt so hoffte er würden sie in
der Erregung doch sicher von ihrem Vorhaben reden Aber die Vettern nickten sich
nur schweigend zu Und dann ging das Gespräch auf das Begräbnis über lange
Berechnungen seiner mutmasslichen Kosten wurden angestellt und jeder zählte die
Fälle seiner eigenen Bekanntschaft auf wo Hinterbliebene durch große
Aufwendungen einem Toten guten Empfang im Jenseits und sich selbst hohes Ansehen
auf Erden erworben hatten
    Das Thema war unerschöpflich Tschun fühlte dass er jetzt nichts mehr
erfahren würde Enttäuscht erhob er sich und nahm Abschied
    Als er dann in dem äußeren Hof des Hauses stand wo noch die von den fremden
Soldaten erbrochenen und geleerten Unheilskisten standen gewahrte er zwei
kleine Kinder Die Söhnchen des toten Händlers waren es um die sich bei dem
plötzlichen Schicksalsschlag offenbar niemand sonderlich kümmern konnte  Sie
hatten ein paar Fetzen weißen Trauerstoffes erwischt und sich damit die
drolligen bezopften Köpfchen umwickelt So ausstaffiert warfen sie sich mit
ehrfürchtigen Gebärden vor einer der Kisten nieder als sei es ein Sarg in dem
ein Toter liegt
    Tschun schaute ihnen einen Augenblick zu wie sie sich so ernstaft
feierlich benahmen ganz wie sie es von den Großen gesehen Dann trat er zu
ihnen und sagte »Ihr trauert wohl um den Vater«
    »Ja« antwortete das kleinste Kind »die fremden Teufel haben ihn tot
gemacht nun ist er auch fort«
    Und der größere Knabe fiel erklärend ein »Der Großvater ist nämlich auch
fort ganz rasch ist er fort aber der ist nicht tot der ist zum Prinzen Tuan
geflohen in die Verbannung«
    »Aber« erzählte der Kleinste mit wichtiger Miene »unsere großen Vettern
haben gesagt sie würden die fremden Teufel dafür strafen dass sie den Vater tot
gemacht haben Im Hause wo sie wohnen werden die Vettern sie braten«
    Tschun stockte der Atem Aber er zwang sich ganz gleichgültig zu fragen
»Und wann wollen die Vettern denn die bösen Fremden braten«
    »Nach der Beerdigung haben sie gesagt« antwortete das Kind »Nachts wenn
die fremden Teufel alle schlafen wollen sie hinziehen Mit vielen Kannen voll
Petroleum werden sie das Holz begiessen«
    »Und dann« rief der andere Kleine »wird es wieder so ein schönes großes
Feuer geben wie der Großvater sie mit dem Prinzen Tuan anzündete«
    Und bei den Worten glomm es in den Schlitzäuglein der beiden Kinder als ob
aus ihnen selbst böse Flämmchen hervorzüngelten
    Tschun aber atmete auf Nach der Beerdigung erst hatten sie gesagt dann
hatte er also noch Zeit zu überlegen Denn die würde doch erst in ein paar
Tagen sein  Er eilte nun davon sinnend was zu tun Diesen Anschlag musste er
verhindern das stand fest Aber wie es am besten anzufangen wusste er nicht
Seinem Herrn alles was er ermittelt hatte erzählen das wäre das einfachste
gewesen Vielleicht rührte sogar ihn der Gedanke an diesen Sohn der die Schuld
des Vaters auf sich genommen hatte und unschuldig in den Tod gegangen war
Vielleicht begnügte er sich dann die Wachen zu verdoppeln und ermächtigte
Tschun das den Verwandten des Händlers zu sagen und sie vor unüberlegten
leidenschaftlichen Taten zu warnen  Das wäre schön das wäre großmütig  Ja
freilich wäre es das  Aber  hatte denn Tschun einen Fremden je großmütig
gesehen  Und vor allem würde ihm sein Herr die ganze Geschichte überhaupt
glauben  Die Fremden glaubten ja so oft das Erlogenste Unmöglichste worüber
jedes chinesische Kind gelacht hätte  aber daneben wiederum wollten sie auch
oftmals recht schlau scheinen und bezweifelten dann gerade solche Dinge an
denen alles klar und jedes Wort wahr gewesen  Unberechenbar waren die
Barbaren und niemand konnte im voraus wissen wie sie eine Sache auffassen
würden  Und Tschun sah ein dass er diesen einfachen aufrichtigen Weg nicht
riskieren durfte Denn es konnte leicht sein dass er dadurch die ganze Familie
des Händlers in noch schwereres Unglück brachte und Tschun wollte doch nicht
teil daran haben dass etwa neue grausame Strafe über diese Menschen verhängt
würde Sie waren ja unzurechnungsfähig durch Schmerz und Wut Aber wie sie auch
immer sein mochten Tschun wollte überhaupt nie nie Landsleute in die Hand der
Fremden liefern  Tschun fühlte wie sein Kopf ganz müde wurde von dem vielen
Denken Aber er hatte doch niemand der ihm half er musste allein damit fertig
werden Und dann fiel ihm ein Wie wenn er nach der Beerdigung zu jenen ging
sie warnte ihnen den ganzen bösen Plan auszureden suchte Würden sie auf ihn
hören  Ach das schien wenig aussichtsvoll Zu deutlich erinnerte er sich der
festentschlossenen Gesichter mit dem bösen finsteren Ausdruck  Die
betrachteten es als eine Frage des persönlichen Ansehens die ungerechte
Hinrichtung des Vetters nicht ungesühnt auf sich sitzen zu lassen  Was sollte
Tschun nur tun Er wollte so gerne für alle das Beste Die Fremden die in seine
Hand gegeben vor Gefahr bewahren die Landsleute an schwerem Unrecht hindern
Und für sich selbst wollte er etwas Ruhe Ach ja Ruhe Er war ja so sehr sehr
müde
    So langte Tschun endlich im Yamen wieder an Es war später geworden als er
gedacht Einige der Soldaten und der böse Korporal standen ausschauend am Tor
    »Na« riefen sie höhnisch »jetzt wirst Du es aber schön kriegen Der Herr
hat mehrmals nach Dir gefragt Er ist sehr aufgebracht dass Du einfach
wegläufst wie es Dir passt«
    »Ja« sagte der Korporal »ich soll gleich melden sobald Du zurück bist
zum mindesten kriegst Du schweren Arrest«
    Im selben Augenblick kam aber auch schon Tschuns Herr selbst von seinem
Hause her in den Hof Die Soldaten salutierten und gingen dann in der Richtung
ihrer Quartiere davon Zögernd um noch etwas von dem Auftritt zu erhaschen Der
Korporal trat ein paar Schritte seitwärts
    »So da bist Du also endlich wieder« rief der Offizier Tschun gewahrend
und sein Gesicht ward ganz rot »was soll denn das heißen ohne Urlaub
wegzulaufen Wo bist Du gewesen«
    »Ich war bei den Hinterbliebenen des Händlers« antwortete Tschun
    »Das ist ja noch schöner« brauste der Fremde auf »zuerst empfiehlst Du mir
leichtsinnigerweise wenn nicht gar absichtlich solch Boxergesindel und
nachher läufst Du auch noch selbst in ihr Haus Was hattest Du denn da zu
suchen«
    Tschun war ratlos was zu antworten Bei der Stimmung in der sein Herr sich
augenblicklich befand und in Gegenwart des Korporals konnte er unmöglich den
wahren Zweck seines Besuchs nennen Das hätte alles verdorben Die
verschiedensten Gedanken schossen ihm wirr durch den Kopf Und dann sagte er
glücklich eine Antwort gefunden zu haben »Ich wollte Ihnen mein Beileid
bezeigen«
    Der Offizier sah Tschun zuerst verdutzt an und dann brach er in ein hartes
Lachen aus »Du willst mich wohl zum Narren halten redest da wie ein großer
Herr von »Beileid bezeigen« Nun ich frag Dich nochmals Was wolltest Du dort
Aber sprich die Wahrheit  sonst «
    »Aber es ist doch die Wahrheit« rief Tschun jetzt ganz außer sich  denn
es war ja schließlich die Wahrheit was er da sagte
    Der Fremde sah ihn scharf an und zuckte die Achseln »Na« sagte er »wenn
Du es durchaus nicht anders willst werden wir Dir die Flausen mal vertreiben«
 und er winkte den bösen Korporal heran Der stand stramm hörte was der Herr
ihm sagte und salutierte Und während dann der andere davonging hatte er
Tschun auch schon ergriffen »Dorthin marsch« kommandierte er wies nach den
Soldatenquartieren und gab Tschun einen Fußtritt um ihn in die gewünschte
Richtung zu dirigieren Tschun taumelte ein paar Schritte vorwärts »Heda Ihr
dort kommt mal her« rief der Korporal einigen Soldaten zu die da
herumstanden Dann gab er ihnen ein paar Befehle
    Und ehe Tschun überhaupt begriffen was geschehen sollte hatten ihn zwei
der Leute auch schon gepackt und umgedreht und während sie ihn niederhielten
hieb ein Dritter auf seinen Rücken Tschun war so erstarrt dass er den Schmerz
nicht mal fühlte Er rührte sich nicht
    Da sagte der Korporal »Hau man zu der Kerl muss ein dickes Fell haben er
muckst ja nicht mal«
    Aber Tschun war noch immer wie gelähmt Er hätte sich gar nicht bewegen
können auch jetzt nicht wo die Hiebe schärfer fielen
    »Es ist eigentlich eine viel zu milde Strafe für so nen Boxerfreund« sagte
der Korporal »Ohne viel Federlesens hätt man ihn erschießen sollen wie den
andern Kerl«
    Und wie um dem möglichst nahe zu kommen wurden die Schläge nun immer
entsetzlicher Aber Tschun rührte sich noch immer nicht Er wäre lieber
gestorben als den Schmerz zu zeigen den er empfand Damit wäre ja das was
viel unerträglicher war als der Schmerz die Schande zugestanden gewesen So
biss er die Zähne aufeinander und wiederholte sich innerlich unablässig in
bitterem Trotz Ihr könnt mir doch nichts anhaben Ihr könnt nicht Ihr fremden
Barbaren Ihr Und das war seine Rettung der Hohn die Verachtung die da in
ihm erwachten Und er sagte sich Wenn mich ein wilder Stier niederstiesse wenn
mich Wölfe zerfleischten könnte ich mich ihrer ebenso wenig erwehren und ich
wäre darum doch auch nicht erniedrigt Er suchte und tastete nach etwas woran
er sich halten könnte um nicht alle Selbstachtung zu verlieren dass er das
ertragen musste
    Dann endlich ließ ihn die Soldaten los Wie ein Bündel Lumpen sank er
zusammen Blieb regungslos scheinbar tot liegen solange die Soldaten in der
Nähe waren Nur seine schmalen Augen lebten Aus dem gelben seltsam grünweiss
gewordenen Gesicht blinzelten sie verstohlen hervor und beobachteten die Fremden
mit einem neuen bösen Ausdruck  angstvoll und tückisch zugleich
    Sobald aber die Soldaten mit dem Korporal davongegangen waren kroch Tschun
am Boden entlang zu seinem Schlafwinkel Ganz merkwürdig tierische Bewegungen
hatte er dabei Wie eine Schlange die verstohlen zwischen Laub dahingleitet
wie eine Kröte die sich platt an den Boden drückt Etwas von dem Gebaren all
der Geschöpfe die je getreten geschlagen verfolgt worden sind schien wie
eine unwillkürliche Erinnerung an frühere Daseinsbedingungen in ihm dem
Menschen plötzlich wieder erwacht Als passe er sich von neuem Zuständen an
die ihm in fernen früheren Existenzen gewohnt gewesen Er war ja auch
tatsächlich in diesem Augenblick nichts anderes als ein armes getretenes Tier
Und ganz wie ein Tier hatte er nur das eine Streben sich nicht auch noch von
denen begaffen zu lassen die ihn gepeinigt hatten sich wenigstens verkriechen
zu dürfen So lag Tschun zusammengekauert in seinem Kämmerchen Es war ganz
still um ihn her Das tat wohl Er musste völlig erschöpft dann eine ganze
Weile so hingedämmert haben denn als er einmal aufschaute bemerkte er dass es
Nacht geworden Durch das Papierfenster konnte er sehen dass draußen der Mond in
den Hof schien Er hatte noch gar keinen Gedanken fassen können Es war als sei
alles ausgewischt Eine Leere Doch jetzt die Stille brachte ihn indem sie ihm
zum Bewusstsein kam dazu wieder Gedanken zu formen Und der erste Gedanke war
ein Wunsch dass es doch so still bleiben möchte Das tat so wohl Wo so vieles
schmerzte Aber es würde ja nicht mehr lange ruhig bleiben Ein neuer Tag würde
anbrechen
    Und nun waren auch die Erinnerungen alle da Tschun war zum Bewusstsein
dessen erwacht was er erlebt hatte Schon lag er auch nicht mehr sondern saß
aufrecht da und starrte in die Finsternis Was er vor sich sah und anstarrte
das waren ein paar Worte die in flammenden Zeichen gegen die dunkle Wand gemalt
zu sein schienen »Hier kann ich nicht bleiben« Und dann hörte er seine eigene
Stimme sagen »Hier will ich nicht bleiben« Es war ganz elementar und
unabweislich Gerade wie damals wo er als Junge bei der Ungerechtigkeit des
alten Yang hung und der Seinen dieses selbe zwingende Gebot empfunden hatte
    Das schien ihm lang lang her Damals war er um Schutz zu den Fremden
geflohen Ja da musste es freilich lange her sein Denn heute  Und Tschun
lachte voll bitteren Hohnes bei dem Gedanken dass er je um Schutz und
Gerechtigkeit zu finden zu den Fremden habe fliehen können Was warf er denn
damals Yang hung und den Seinen vor Dass sie ihn geschlagen und Dieb genannt
ohne dass das von ihnen bewiesen Ganz dasselbe taten ja aber diese Fremden und
noch viel viel mehr Und dabei schauten sie mit Verachtung auf die Chinesen und
nannten sich höhere Wesen
    Er selbst hatte sie einst auch dafür gehalten War vertrauend zu ihnen
gekommen im Glauben dass sie wie für ihn den einzelnen so auch für das ganze
Land nur Wohlwollen und gute Gaben brächten Welcher Wahn war das gewesen
Nein wahrlich die waren keine höheren Wesen keine besseren Menschen Und sie
brachten nichts Gutes und wollten niemand wohl Sie wollten ja nur möglichst
viel für sich selbst Aus Gier waren sie zuerst über die Meere von ihren fernen
Ländern hergekommen Und Gier blieb seitdem die treibende Kraft in all ihrem Tun
und Trachten Irgendeines Gewinnes halber opferten sie ihre Überzeugung
duldeten dass denen unrecht geschah die doch zu ihnen und ihren angeblichen
Lehren gehalten Aus Angst dass ja nicht einer einen Sondervorteil erhasche
hatten sie sich auch nie untereinander verständigen können selbst da nicht wo
dringendste Gefährdung es geboten hätte ließ statt dessen Unheil riesengross
anwachsen dass es über Tausende hereinbrach und sie selbst beinahe mit
verschlang Gier hatte sie mit Blindheit geschlagen so dass sie den Hass nicht
heranwachsen sahen den ihre Übergriffe ihr rastloses Wollen geweckt hatten
Ja die Gier die selbstzeugend Missgunst Zorn Raub und Mord gebiert die stets
von neuem zu Feindschaft zwischen den einzelnen zu Krieg zwischen Staaten
führen muss  die lag zu Grunde ihres Wesens Gier die Weltverderberin Gier
der Menschheit Verhängnis
    Heute erkannte Tschun all das ganz deutlich Und dabei vergegenwärtigte er
sich plötzlich dass er es eigentlich schon lange geahnt ja sogar mit Sicherheit
gewusst habe  dass er es nur immer wieder zurückgedrängt hatte weil er es vor
sich selbst nicht zugeben mochte sondern noch immer wahr haben wollte dass
nicht ihm allein nein vor allem dem ganzen Lande eine neue schönere Zeit doch
noch durch diese besseren Menschen beschieden sein solle
    Die Jahre die er im Fremdenviertel verlebt zogen noch einmal im Fluge an
ihm vorüber die Jahre die mit soviel seltsam schönen Erwartungen begonnen und
die nun heute so endeten  in Ekel und Empörung
    
    Denn es war zu Ende Unwiederbringlich All sein Glaube an die Fremden war
dahin Nie mehr könnte er von ihnen Gutes erwarten Nicht für sich Nicht für
sein Land Sie erschienen ihm jetzt hassenswert Und er hasste sie mit all seinen
Kräften Ja er schöpfte neue Kräfte aus diesem großen Hasse Und nie würde er
von ihnen hinnehmen was er schon als Kind von seinen eigenen Landsleuten nicht
ertragen hatte Nein keinen Augenblick mehr konnte er bei diesen Menschen
bleiben Er musste fort Er wollte fort
    Und als der Tag zu grauen begann schlich Tschun aus seiner Kammer Vorbei
an den Quartieren der noch schlafenden fremden Soldaten Rückwärts bei den
Pferdeställen wollte er hinaus Da würden nun bald die Kulis die den Mist
fortzuschaffen hatten von draußen kommen und ihre Arbeit beginnen So würde er
unbemerkt entkommen können und wenn ihn einer der Kulis etwa doch gewahren
sollte würde der ihn nicht hindern noch angeben Das waren ja Landsleute
Chinesen 
    Hinter einen Vorsprung der Stallgebäude gedrückt wartete er eine Weile
Dann knarrten Türen Schritte erschallten Leben begann sich in dem weitläufigen
Yamen zu regen Ein verschlafener Soldat nahte und schloss das Tor für die schon
draußen wartenden Kulis auf Tschun erspähte einen günstigen Augenblick wo
niemand mehr an der Tür stand Mit einem Satz war er draußen Und nun lief er
trotz schmerzender Glieder so schnell er konnte davon in tödlicher Angst
verfolgt und etwa gar gewaltsam zurückgeführt zu werden
    Erst als eine weite Strecke zwischen ihm und dem Yamen lag getraute er
sich seine Schritte allmählich zu verlangsamen Und dann hielt er in seinem
Lauf ganz inne
    Er befand sich jetzt auf der gewölbten Brücke die den Kanal im
Gesandtschaftsviertel überspannt Dieselbe Stelle war es wo er vor Jahren als
er von Yang hung zu der Taitai geflohen war auch gerastet hatte Aber der
Anblick der sich ihm heute bot war sehr anders als damals Lockend voller
Versprechungen war ihm alles erschienen an jenem fernen flimmernden
Frühlingsmorgen wo spielendes Licht alle Dunkelheit löste  Heute sah er von
hier oben auf Reihen und Reihen verwüsteter Häuser Zerlöchert der Dächer
beraubt standen sie da und er blickte in ihre russigen Tiefen sah ihr
verkohltes Gebälk ihre trostlos ragenden Mauern
    Die einzige Ähnlichkeit mit dem damaligen Bilde waren die vielen fremden
Fahnen die auch heute an hohen Masten über den verstümmelten Gebäuden im kühlen
Frühwind wehten Und sie hatten sich noch sehr vermehrt flatterten heute nicht
nur über den Gesandtschaften sondern waren auf den verschiedensten chinesischen
Bauwerken aufgepflanzt wo immer fremde Truppen einquartiert lagen In allen
Stadtteilen ja selbst auf den höchsten Punkten der verbotenen Stadt zwischen
den herbstlich werdenden Bäumen sah man sie wehen  Als ob ganz Peking den
Fremden gehöre
    Bei diesem Gedanken vergaß Tschun die Schmach die ihm selbst geschehen Sie
war ja nur ein kleiner Teil der großen Schmach die auf dem ganzen Lande
lastete und die durch jede dieser sich blähenden fremden Fahnen
versinnbildlicht wurde Tschun selbst war es gelungen sich von seinem fremden
Herrn freizumachen Er war ihm entronnen  Aber das Land Wie würde das fahren
 Konnte sich das je wieder befreien War es nicht unentrinnbar in ein Netz
geraten dessen Maschen sich fester und fester knüpften  Und selbst wenn die
jetzigen Besatzungen abzögen würde der Stempel fremder Herrschaft nicht doch
unvertilgbar zurückbleiben  Diese unergründlich schlauen Fremden verstanden es
ja so gut ein Land in Abhängigkeit zu bringen Ganz friedlich begann der
Verlauf mit viel schönen Reden über Fortschritt und höhere Zivilisation Wo
bisher Genügen geherrscht weckten sie zuerst künstlich neue Bedürfnisse liehen
dann Geld sie zu befriedigen regierten schließlich durch Ratgeber und
Syndikate kraft dessen was ihnen geschuldet wurde Und wo es not tat wussten
sie Zwischenfälle hervorzurufen immer gerade in dem Augenblick da sie
irgendwelche besondere Vorrechte erstrebten Die mussten ihnen dann als Sühne
zugestanden werden  Versuchte dann aber lange angesammelter Groll das Netz
gewaltsam zu zerreißen so beschleunigte dies nur das unvermeidliche Geschehen
Für eine Weltgefahr einen Herd ewiger Unruhe unfähig zu staatlicher
Selbstbestimmung wurde solch Land erklärt dessen Unglück es war begehrt zu
werden Und Protektorat durch Einen oder allmähliche Zerbröckelung an Viele
stand ihm zur Losung
    Ja wie Tschun so auf der hohen gewölbten Brücke stand und herabblickte auf
die Flaggen die lauter einzelne Nationen repräsentierten war ihm plötzlich
als überschaue er die ganze Welt diese Riesenkugel die durch den Weltenraum
kreist Und er glaubte zu sehen wie von allen Seiten die verschiedenartigsten
Menschen an der Kugel emporkrochen alle nach einem bestimmten Punkte hin
Dieser Punkt aber war sein Land sein China Eines der letzten Gebiete der Welt
die noch nicht zerstückelt und aufgeteilt sind Doch das war es ja gerade was
jetzt geschehen sollte Die verschiedenartigen winzigen Wesen die auf der
Kugel so eilig herankrochen die führten ja alle große Messer bei sich und
damit wollte jeder ein Stück des chinesischen Leibes für sich abtrennen  die
Gier zu stillen die in ihren Eingeweiden brannte und die doch unstillbar war
die von der Erde in die Luft von der Welt schließlich zu fernen Sternen greifen
würde Weiter immer weiter
    Doch da und während Tschun noch also sinnend auf der Brücke stand kam von
jenseits der hohen Mauer aus der Chinesenstadt her ein Schwarm grauer Tauben
gezogen Mit weit ausgestreckten Flügeln glitten sie dahin durch das kühle Licht
des herbstlichen Morgens Und aus den Bambuspfeifchen die sie unter den
Schwungfedern trugen tönten seltsam wehmütige langgezogene Klänge zur Erde
herab Wie ein gespenstischer Trauerchor wirkte es Als klagten dort oben die
Geister eines einstmaligen stolz in sich abgeschlossenen Chinas um alles was
seil ihren Tagen ihrem Lande geschehen  Und heute achtete Tschun auf diese
Töne heute verstand er ihre Sprache Ein großes Heimweh erfasste ihn nach jenem
China dem er einst selbst den Rücken gekehrt hatte und zu dem er in dieser
Stunde so gern zurückgekehrt wäre  Aber das war unmöglich denn jenes China
war ja inzwischen gestorben Seine Paläste standen zwar noch und in den Lüften
zogen noch seine grauen Tauben aber trotzdem war es für immer tot Und so wenig
Tschun je wieder der kleine Junge sein konnte der hier vor Jahren gestanden so
wenig konnte die Stadt da vor ihm je wieder zum früheren alten Peking werden 
 Das alles war unwiederbringlich dahin
    Und Tschun begriff dass wenn sein China überhaupt weiter leben und bestehen
sollte es jetzt erst recht heißen musste weiterzustreben zu jenen Zielen für
die es alte Abgeschlossenheit einst aufgegeben Aber zu diesen Zielen so wollte
ihm scheinen mussten sich andere Wege finden lassen als die verdächtigen von
den stets eigensüchtigen Fremden gewiesenen Fortschreiten galt es Aber
Fortschritt war doch nicht bloß ein Importgut das ausschließlich bei den
Fremden ellenweise gekauft werden konnte Fortschritt  der musste sich doch
entwickeln lassen  aus eigener Kraft
    Aber blieb noch Zeit dazu Hatten in den vielen RegierungsYamen des ganzen
Landes vor allem aber dort drüben unter den goldenen Dächern der Kaiserlichen
Paläste weltfremde Machtaber nicht gar zu lange geschlummert Lag unter den
Trümmern des alten Chinas die Möglichkeit eines neuen nicht vielleicht auch
schon begraben  Wer vermochte es heute schon zu sagen
    Ein Frösteln wie kalter Zweifel überkam Tschun in dem kühlen Morgen Doch
unwillig schüttelte er es ab und straffte die Glieder Seine Kräfte wenigstens
sollten jener Möglichkeit gehören Und wie er dachten sicherlich viele Junge 
Die mussten sich sammeln zum Werke 
    Und Tschun nahm seinen Lauf wieder auf Hin zum kommenden China