Arthur Schnitzler
Der Weg ins Freie
Roman
Erstes Kapitel
Georg von Wergentin saß heute ganz allein bei Tische Felician sein älterer
Bruder hatte es vorgezogen nach längerer Zeit wieder einmal mit Freunden zu
speisen Aber Georg verspürte noch keine besondere Neigung Ralph Skelton den
Grafen Schönstein oder andere von den jungen Leuten wiederzusehen mit denen er
sonst gern plauderte er fühlte sich vorläufig zu keiner Art von Geselligkeit
aufgelegt
Der Diener räumte ab und verschwand Georg zündete sich eine Zigarette an
dann ging er nach seiner Gewohnheit in dem großen dreifenstrigen nicht sehr
hohen Zimmer hin und her und wunderte sich wie dieser Raum der ihm durch viele
Wochen wie verdüstert erschienen war allmählich doch das frühere freundliche
Aussehen wiederzugewinnen begann Unwillkürlich ließ er seinen Blick auf dem
leeren Sessel am oberen Tischende ruhen über den durch das offene Mittelfenster
die Septembersonne hinfloss und es war ihm als hätte er seinen Vater der seit
zwei Monaten tot war noch vor einer Stunde dort sitzen gesehen so deutlich
stand ihm jede selbst die kleinste Gebärde des Verstorbenen vor Augen bis zu
seiner Art die Kaffeetasse fortzurücken den Zwicker aufzusetzen in einer
Broschüre zu blättern
Georg dachte an eines der letzten Gespräche mit dem Vater das im
Spätfrühling stattgefunden hatte kurz vor der Übersiedlung in die Villa am
Veldeser See Georg war damals eben aus Sizilien heimgekommen wo er den April
mit Grace verbracht hatte auf einer melancholischen und ein wenig langweiligen
Abschiedsreise vor der endgültigen Rückkehr der Geliebten nach Amerika Er
hatte wieder ein halbes Jahr oder länger nichts Rechtes gearbeitet nicht einmal
das schwermütige Adagio war niedergeschrieben das er in Palermo an einem
bewegten Morgen am Ufer spazierengehend aus dem Rauschen der Wellen
herausgehört hatte Nun spielte er das Thema seinem Vater vor phantasierte
darüber mit einem übertriebenen Reichtum an Harmonien der die einfache Melodie
beinahe verschlang und als er eben in eine wild modulierende Variation geraten
war hatte der Vater vom anderen Ende des Flügels her lächelnd gefragt Wohin
wohin Georg wie beschämt ließ den Schwall der Töne verklingen und nun
herzlich wie immer doch nicht in so leichtem Ton wie sonst hatte der Vater mit
dem Sohn ein Gespräch über dessen Zukunft zu führen begonnen das diesem heute
durch den Sinn zog als wäre es von mancher Ahnung schwer gewesen
Er stand am Fenster und blickte hinaus Drüben der Park war ziemlich leer
Auf einer Bank saß eine alte Frau die eine altmodische Mantille mit schwarzen
Glasperlen um hatte Ein Kindermädchen spazierte vorbei einen Knaben an der
Hand ein anderer ganz kleiner in Husarenuniform mit angeschnalltem Säbel
eine Pistole im Gürtel lief voran blickte stolz um sich und salutierte einem
Invaliden der rauchend des Weges kam Tiefer im Garten um den Kiosk saßen
wenige Leute die Kaffee tranken und Zeitung lasen Das Laub war noch ziemlich
dicht und der Park sah bedrückt verstaubt und im ganzen viel sommerlicher aus
als sonst in späten Septembertagen Georg stützte die Arme aufs Fensterbrett
beugte sich vor und betrachtete den Himmel Seit dem Tode seines Vaters hatte er
Wien nicht verlassen trotz vieler Möglichkeiten die ihm offen standen Er
hätte mit Felician auf das Schönsteinsche Gut fahren können Frau Ehrenberg
hatte ihn in einem liebenswürdigen Brief in den Auhof eingeladen und zu einer
Radtour durch Kärnten und Tirol wie er sie längst plante und zu der er sich
allein nicht entschließen konnte hätte er leicht einen Gefährten gefunden Aber
er blieb lieber in Wien und vertrieb sich die Zeit mit dem Durchblättern und dem
Ordnen von alten Familienpapieren Er fand Erinnerungen bis zu seinem
Urgroßvater Anastasius von Wergentin der aus der Rheingegend stammte und
durch Heirat mit einem Fräulein Recco in den Besitz eines alten längst
unbewohnbaren Schlösschens bei Bozen gekommen war Auch Dokumente zur Geschichte
von Georgs Großvater waren vorhanden der im Jahre 1866 als Artillerieoberst vor
Chlum gefallen war Dessen Sohn Felicians und Georgs Vater hatte sich
wissenschaftlichen hauptsächlich botanischen Studien gewidmet und in Innsbruck
das Doktorat der Philosophie abgelegt Als Vierundzwanzigjähriger lernte er ein
junges Mädchen kennen aus alter österreichischer Beamtenfamilie das sich
vielleicht mehr um den engen und beinahe ärmlichen Zuständen ihres Hauses zu
entfliehen als aus innerstem Beruf zur Sängerin ausgebildet hatte Der
Freiherr von Wergentin sah und hörte sie zum ersten Male im Winter in einer
Konzertaufführung der Missa solemnis und schon im Mai darauf wurde sie seine
Frau Im zweiten Jahre der Ehe kam Felician im dritten Georg zur Welt Drei
Jahre später begann die Baronin zu kränkeln und wurde von den Ärzten nach dem
Süden geschickt Da die Heilung auf sich warten ließ wurde der Haushalt in Wien
aufgelöst und so fügte es sich dass der Freiherr mit den Seinen durch viele
Jahre eine Art von Hotel und Wanderleben führen musste Ihn selbst führten
Geschäfte und Studien manchmal nach Wien die Söhne aber verließen ihre Mutter
beinahe niemals Man lebte in Sizilien in Rom in Tunis in Korfu in Athen in
Malta in Meran an der Riviera zuletzt in Florenz keineswegs auf großem Fuß
aber doch standesgemäss und nicht so sparsam dass nicht ein guter Teil des
freiherrlichen Vermögens allmählich aufgezehrt worden wäre
Georg war achtzehn Jahre alt als seine Mutter starb Neun Jahre waren
seither verflossen aber unverblasst war ihm die Erinnerung an jenen
Frühlingsabend da Vater und Bruder zufällig nicht daheim gewesen waren und er
allein und ratlos am Bett der sterbenden Mutter gestanden hatte während durch
die eilig aufgerissenen Fenster mit der Luft des Frühlings das Reden und
Lachen von Spaziergängern verletzend laut hereinklang
Die Hinterbliebenen kehrten mit dem Leichnam der Mutter nach Wien zurück
Der Freiherr widmete sich seinen Studien mit einem neuen wie verzweifelten
Eifer Früher hatte man ihn nur als vornehmen Liebhaber gelten lassen jetzt
begann man ihn auch in akademischen Kreisen durchaus ernst zu nehmen und als er
zum Ehrenpräsidenten der botanischen Gesellschaft gewählt wurde hatte er diese
Auszeichnung nicht allein dem Zufall eines adeligen Namens zu danken Felician
und Georg ließ sich als Hörer an der juridischen Fakultät einschreiben Aber
der Vater selbst war es der es dem Jüngern nach einiger Zeit freistellte die
Universitätsstudien aufzugeben und sich seinen musikalischen Neigungen
entsprechend weiter zu bilden was dieser dankbar und erlöst annahm Doch auch
auf diesem selbstgewählten Gebiete war seine Ausdauer nicht bedeutend und oft
wochenlang hintereinander konnte er sich mit allerlei Dingen beschäftigen die
von seinem Wege weit ablagen Diese spielerische Anlage war es auch die ihn
jene alten Familienpapiere mit einem Ernst durchblättern ließ als gälte es
wichtigen Geheimnissen der Vergangenheit nachzuforschen Manche Stunde
verbrachte er bewegt über Briefen die seine Eltern in früheren Jahren
miteinander gewechselt hatten über sehnsüchtigen und flüchtigen schwermütigen
und beruhigten aus denen ihm nicht nur die Hingeschiedenen selbst sondern auch
andere halbvergessene Menschen neu lebendig wurden Da erschien ihm der deutsche
Lehrer wieder mit der traurigen blassen Stirn der ihm auf langen Spaziergängen
den Horaz vorzudeklamieren pflegte das braune wilde Kindergesicht des Prinzen
Alexander von Mazedonien tauchte auf in dessen Gesellschaft Georg in Rom die
ersten Reitstunden genommen hatte und in einer traumhaften Weise wie mit
schwarzen Linien an einen blassblauen Horizont gezeichnet ragte die Pyramide des
Cestius auf so wie Georg sie von seinem ersten Ritt aus der Kampagna
heimkehrend in der Abenddämmerung erblickt hatte Und wenn er ins Weiterträumen
geriet zeigten sich Meeresufer Gärten Straßen von denen er gar nicht wusste
aus welcher Landschaft welcher Stadt sein Gedächtnis sie bewahrt hatte
Gestalten schwebten vorbei manche vollkommen deutlich die ihm einmal nur in
gleichgültiger Stunde begegnet waren andere wieder mit denen er zu irgend
einer Zeit viele Tage zusammen gewesen sein mochte schattenhaft und fern Als
Georg nach Sichtung jener alten Briefe auch seine eigenen Papiere in Ordnung
brachte fand er in einer alten grünen Mappe musikalische Entwürfe aus der
Knabenzeit die ihm bis auf die Tatsache ihres Vorhandenseins so vollkommen
entschwunden waren dass man sie ihm ohne weiteres als die Aufzeichnungen eines
anderen hätte vorlegen können Von manchen war er angenehm schmerzlich
überrascht denn sie schienen ihm Versprechungen zu enthalten die er vielleicht
niemals erfüllen sollte Und doch spürte er gerade in der letzten Zeit dass sich
irgend etwas in ihm vorbereitete Er sah es wie eine geheimnisvolle aber sichere
Linie die von jenen ersten hoffnungsvollen Niederschriften in der grünen Mappe
zu neuen Einfällen wies und das wusste er die zwei Lieder aus dem
westöstlichen Divan die er heuer im Sommer komponiert hatte an einem schwülen
Nachmittag während Felician in der Hängematte lag und der Vater auf der kühlen
Terrasse im Lehnstuhl arbeitete hätte nicht der erstbeste ersinnen können
Wie von einem gänzlich unerwarteten Gedanken überrascht wich Georg einen
Schritt vom Fenster zurück Mit solcher Deutlichkeit war er noch nie inne
geworden dass seine Existenz seit dem Tode des Vaters bis zum heutigen Tage
gleichsam unterbrochen gewesen war An Anna Rosner der er jene Lieder im
Manuskript zugesandt hatte er die ganze Zeit über nicht gedacht Und wie ihm
nun einfiel dass er ihre wohllautende dunkle Stimme wieder hören und sie auf
dem etwas dumpfen Pianino zum Gesang begleiten durfte sobald er nur wollte war
er angenehm bewegt Und er erinnerte sich des alten Hauses in der Paulanergasse
des niederen Tors der schlecht beleuchteten Stiege die er bisher nicht öfter
als dreioder viermal hinaufgegangen war wie man an Liebgewordenes und längst
Bekanntes denkt
Im Park drüben ging ein leichtes Wehen durch die Blätter Über der
Stephansturmspitze die dem Fenster durch den Park und einen beträchtlichen
Teil der Stadt getrennt gerade gegenüberlag erschienen dünne Wolken Ein
langer Nachmittag völlig ohne Verpflichtungen dehnte sich vor Georg aus Im
Laufe der zwei Trauermonate so wollte es ihm scheinen hatten sich alle
Beziehungen früherer Zeit gelockert oder gelöst Er dachte an den verflossenen
Winter und Frühling mit ihrem vielfach verschlungenen und wirren Treiben und
allerlei Erinnerungen tauchten bildhaft vor ihm auf Die Fahrt mit Frau
Mariannen im geschlossenen Fiaker durch den verschneiten Wald Der maskierte
Abend bei Ehrenbergs mit Elses tiefsinnigkindlichen Bemerkungen über die
»Hedda Gabler« der sie sich verwandt zu fühlen behauptete und mit Sissys
raschem Kuss unter den schwarzen Spitzen der Larve Eine Bergtour im Schnee von
Edlach aus auf die Rax mit dem Grafen Schönstein und Oskar Ehrenberg der ohne
angeborene alpine Neigungen gern die Gelegenheit ergriffen hatte sich zwei
hochgeborenen Herren anzuschließen Der Abend bei Ronacher mit Grace und dem
jungen Labinski der sich vier Tage darauf erschossen man hatte nie recht
erfahren ob wegen Grace wegen Schulden aus Lebensüberdruss oder
ausschließlich aus Affektation Das seltsame glühendkalte Gespräch mit Grace
auf dem Friedhof im schmelzenden Feberschnee zwei Tage nach Labinskis
Begräbnis Der Abend im heißen hochgewölbten Fechtsaal wo Felicians Degen die
gefährliche Waffe des italienischen Meisters kreuzte Der nächtliche Spaziergang
nach dem PaderewskiKonzert auf dem der Vater ihm so vertraut wie nie zuvor von
jenem fernen Abend sprach da die verstorbene Mutter in dem gleichen Saal aus
dem sie eben kamen in der Missa solemnis gesungen hatte Und endlich erschien
ihm Anna Rosners hohe ruhige Gestalt am Klaviere lehnend das Notenblatt in
der Hand die blauen lächelnden Augen auf die Tasten gerichtet und er hörte
sogar ihre Stimme in seiner Seele klingen
Während er so am Fenster stand und in den Park hinunterschaute der sich
allmählich belebte empfand er es wie beruhigend dass er zu keinem menschlichen
Wesen in engerer Beziehung stand und dass es doch manche gab mit denen er
wieder anknüpfen in deren Kreis er wieder eintreten durfte sobald es ihm nur
beliebte Zugleich fühlte er sich wunderbar ausgeruht für Arbeit und Glück
bereit wie niemals zuvor Er war voll guter und kühner Vorsätze seiner Jugend
und Unabhängigkeit sich mit Freuden bewusst Zwar fühlte er mit einiger
Beschämung dass in diesem Augenblick wenigstens seine Trauer um den
hingeschiedenen Vater sehr gemildert war doch fand er für diese
Gleichgültigkeit einen Trost in sich da er des quallosen Endes gedachte das
dem teuren Mann beschieden war Im Garten heiter mit den beiden Söhnen
plaudernd war er auf und abgegangen hatte mit einem Mal um sich geschaut als
hörte er ferne Stimmen hatte dann aufgeblickt zum Himmel empor und war
plötzlich tot auf die Wiese hingesunken ohne Schmerzenslaut ja ohne Zucken der
Lippen
Georg trat ins Zimmer zurück machte sich zum Fortgehen fertig und verließ
das Haus Seine Absicht war es ein paar Stunden herumzuspazieren wohin der
Zufall ihn führen mochte und abends endlich wieder an seinem Quintett
weiterzuarbeiten wofür ihm nun die rechte Stimmung gekommen schien Er
überschritt die Straße und betrat den Park Die Schwüle hatte nachgelassen Noch
immer saß die alte Frau mit der Mantille auf der Bank und starrte vor sich hin
Auf dem sandigen Rund um die Bäume spielten Kinder Um den Kiosk waren alle
Stühle besetzt Im Wetterhäuschen saß ein glattrasierter Herr den Georg vom
Sehen kannte und der ihm durch seine Ähnlichkeit mit dem alten Grillparzer
aufgefallen war Am Teich kam Georg eine Gouvernante entgegen mit zwei schön
gekleideten Kindern und betrachtete ihn mit leuchtendem Blick Als er aus dem
Park auf die Ringstrasse trat begegnete ihm Willy Eissler in langem
dunkelgestreiften Herbstpaletot und sprach ihn an
»Guten Tag Baron sind Sie auch schon wieder in Wien eingerückt«
»Ich bin schon lange zurück« erwiderte Georg »Nach dem Begräbnis meines
Vaters hab ich Wien nicht mehr verlassen«
»Ja ja natürlich Gestatten Sie dass ich Ihnen nochmals « Und Willy
drückte Georg die Hand
»Und was haben Sie denn heuer im Sommer getrieben« fragte Georg
»Allerlei Tennis gespielt gemalt Zeit vertrödelt einige amüsante und
noch mehr langweilige Stunden verlebt « Willy sprach äußerst rasch wie mit
einer absichtlichen leisen Heiserkeit scharf salopp mit ungarischen
französischen wienerischen jüdischen Akzenten »Übrigens wie Sie mich da
sehen« fuhr er fort »bin ich heute früh aus Przemysl gekommen«
»Waffenübung«
»Jawohl letzte Ich sags mit Wehmut So sehr ich mich dem Greisenalter
nähere es hat mir doch noch immer Spaß gemacht so mit den gelben Aufschlägen
umherzuwandeln Sporen klirrend Säbel scheppernd eine Ahnung drohender Gefahr
verbreitend und von mangelhaften Lavaters für einen bessern Grafen gehalten zu
werden« Sie spazierten weiter dem Gitter des Stadtparks entlang
»Gehen Sie vielleicht zu Ehrenbergs« fragte Willy
»Nein ich denke gar nicht daran«
»Weils der Weg ist Haben Sie übrigens gehört Fräulein Else soll verlobt
sein«
»So« fragte Georg gedehnt »Mit wem denn«
»Raten S Baron«
»Am Ende Hofrat Wilt«
»O fröhlich« rief Willy »Der denkt wohl nicht daran Die Verschwägerung
mit S Ehrenberg könnte ihm doch am Ende die Ministerkarriere erschweren
heutzutage«
»Rittmeister Ladisc« riet Georg weiter
»Ah dazu ist Fräulein Else doch zu gescheit dass sie dem hineinfällt«
Jetzt erinnerte sich Georg dass sich Willy vor ein paar Jahren mit Ladisc
geschlagen hatte Willy fühlte Georgs Blick zwirbelte den blonden in
polnischer Art herabhängenden Schnurrbart mit etwas nervösen Fingern hin und her
und sprach rasch und beiläufig »Der Umstand dass ich mit dem Rittmeister Ladisc
einmal eine Differenz gehabt hab kann mich nicht hindern in loyaler Weise
anzuerkennen dass er immer ein versoffenes Schwein gewesen ist Ich hab nämlich
eine unüberwindliche auch durch Blut nicht abzuwaschende Abneigung gegen die
Leute die sich bei den Juden anfressen und schon auf der Treppe über sie zu
schimpfen anfangen Bis ins Kaffeehaus kann man doch warten Aber strengen Sie
sich nicht weiter mit dem Raten an Heinrich Bermann soll der Glückliche sein«
»Nicht möglich« rief Georg
»Warum« fragte Eissler »Einer wirds ja doch schließlich werden Bermann
ist zwar kein Adonis aber er ist auf dem Wege zum Ruhm und das Gemisch von
Herrenreiter und Atleten in höchster Vollendung das sich Else offenbar
erträumt hat wird sie ja doch kaum finden Vierundzwanzig Jahre ist sie
indessen alt geworden vor Salomons Taktlosigkeiten und Witzen dürfte ihr auch
schon genügend grausen also «
»Salomon ach ja Ehrenberg«
»Sie kennen ihn auch nur unter dem Namen S S heißt natürlich Salomon
und dass nur S auf der Tafel an der Tür steht ist eine Konzession die er den
Seinen gemacht hat Wenn es nach ihm ginge möchte er am liebsten zu den
Gesellschaften die Madame Ehrenberg gibt im Kaftan und mit den gewissen
Löckchen erscheinen«
»Sie glauben Er ist doch nicht so fromm«
»Fromm o fröhlich Mit der Frömmigkeit hat das allerdings nichts zu tun
Es ist nur Bosheit hauptsächlich gegen seinen Sohn Oskar mit den feudalen
Bestrebungen«
»Ach so« sagte Georg lächelnd »Ist denn Oskar nicht schon längst getauft
Er ist ja Reserveoffizier bei den Dragonern«
»Ach darum Nun ich bin auch nicht getauft und trotzdem Ja es gibt
immer ein paar Ausnahmen Mit einigem guten Willen « Er lachte und fuhr
fort »Was übrigens Oskar anbelangt so möchte er gewiss lieber katholisch sein
Aber das Vergnügen beichten gehen zu dürfen käme ihm vorläufig doch noch zu
teuer zu stehen Es wird wohl auch im Testament vorgesehen sein dass Oskar nicht
überhüpft«
Sie waren vor dem Café Imperial angelangt Willy blieb stehen »Ich habe da
ein Rendezvous mit Demeter Stanzides«
»Grüssen Sie ihn bitte«
»Danke bestens Kommen Sie nicht mit hinein auf ein Eis«
»Danke ich bummle noch ein bisschen«
»Sie lieben die Einsamkeit«
»Auf so allgemeine Fragen lässt sich schwer antworten« erwiderte Georg
»Allerdings« sagte Willy wurde plötzlich ernst und lüftete den Hut »Habe
die Ehre Herr Baron«
Georg reichte ihm die Hand Er fühlte dass Willy ein Mensch war der
ununterbrochen eine Stellung verteidigte wenn auch ohne dringende
Notwendigkeit »Auf Wiedersehen« sagte er mit unvermittelter Herzlichkeit Er
empfand es wie schon öfters als beinahe sonderbar dass Willy Jude war Schon
der alte Eissler Willys Vater der anmutige Wiener Walzer und Lieder
komponierte sich kunst und altertumsverständig mit dem Sammeln zuweilen auch
mit dem Verkauf von Antiquitäten befasste und seinerzeit als der berühmteste
Boxer von Wien gegolten hatte mit seiner Riesengestalt dem langen grauen
Vollbart und dem Monokel sah eher einem ungarischen Magnaten ähnlich als einem
jüdischen Patriarchen aus Willy aber hatten Anlage Liebhaberei und eiserner
Wille das täuschende Ebenbild eines geborenen Kavaliers gebildet Was ihn jedoch
vor andern jungen Leuten seines Stammes und seines Strebens auszeichnete war
der Umstand dass er gewohnt war seine Abstammung nie zu verleugnen für jedes
zweideutige Lächeln Aufklärung oder Rechenschaft zu fordern und sich
gelegentlich über alle Vorurteile und Eitelkeiten in denen er oft befangen
schien selber lustig zu machen
Georg schlenderte weiter Die letzte Frage Willys klang ihm nach Ob er die
Einsamkeit liebte Er erinnerte sich daran wie er in Palermo ganze
Vormittage allein herumspaziert war während Grace ihrer Gewohnheit gemäß bis
Mittag im Bette lag Grace Wo mochte sie jetzt sein Seit sie in Neapel
von ihm Abschied genommen hatte sie nichts mehr von sich hören lassen wie es
übrigens verabredet gewesen war Er dachte an die tiefblaue Nacht die über den
Wassern schwebte als er nach jenem Abschied allein nach Genua gefahren war und
an den seltsamen leisen wie märchenhaften Gesang zweier Kinder die dicht
aneinandergeschmiegt gemeinsam in einen Plaid gehüllt an der Seite ihrer
schlafenden Mutter auf dem Verdeck gesessen waren
Mit wachsendem Behagen spazierte er unter den Leuten weiter die in
sonntäglicher Lässigkeit an ihm vorübergingen Mancher freundliche Frauenblick
begegnete dem seinen und schien ihn darüber trösten zu wollen dass er an diesem
schönen Feiernachmittag einsam und mit allen äußern Abzeichen der Trauer
umherwandelte Und wieder tauchte ein Bild in ihm auf Er sah sich auf einer
hügeligen Wiese liegen spät abends nach einem heißen Junitag Dunkelheit
ringsum Tief unter ihm Gewirr von Menschen Lachen und Lärm glitzernde
Lampions Ganz nah aus dem Dunkel Mädchenstimmen Er zündet die kleine Pfeife
an die er nur auf dem Land zu rauchen pflegt beim Schein des Zündhölzchens
sieht er zwei hübsche ganz junge Bauerndirnen beinah noch Kinder Er plaudert
mit ihnen Sie haben Angst weil es so finster ist sie schmiegen sich an ihn
Plötzlich Geknatter Raketen in der Luft Von unten ein lautes »Ah«
Bengalisches Licht violett und rot über dem unsichtbaren See in der Tiefe Die
Mädchen den Hügel hinab verschwinden Dann wird es wieder dunkel und er liegt
allein schaut in die Finsternis hinauf die schwül auf ihn herabsinken will
Dies war die Nacht vor dem Tage gewesen da sein Vater sterben musste Und auch
ihrer dachte er heute zum erstenmal
Er hatte die Ringstrasse verlassen nahm die Richtung der Wieden zu Ob die
Rosners an diesem schönen Tage zu Hause waren Immerhin lohnte es den kurzen
Weg und jedenfalls zog es ihn mehr dorthin als zu Ehrenbergs Nach Else sehnte
er sich gar nicht und ob sie wirklich Heinrich Bermanns Braut sein mochte oder
nicht war ihm beinahe gleichgültig Er kannte sie schon lange Sie war elf er
vierzehn Jahre alt gewesen als sie an der Riviera miteinander Tennis gespielt
hatten Damals glich sie einem Zigeunermädel Blauschwarze Locken umwirbelten
ihr Stirn und Wangen und ausgelassen war sie wie ein Bub Ihr Bruder spielte
schon damals den Lord und Georg musste noch heute lächeln wenn er sich
erinnerte wie der Fünfzehnjährige eines Tages im lichtgrauen Schlussrock mit
weißen schwarztamburierten Handschuhen und einem Monokel im Aug auf der
Promenade erschienen war Frau Ehrenberg war damals vierunddreissig Jahre alt
hoheitsvoll von übergrosser Gestalt dabei noch schön hatte verschleierte Augen
und war meistens sehr müde Es blieb unvergesslich für Georg wie eines Tages ihr
Gemahl der millionenreiche Patronenfabrikant die Seinen überraschte und
einfach durch sein Erscheinen der ganzen Ehrenbergischen Vornehmheit ein rasches
Ende bereitet hatte Georg sah ihn noch vor sich so wie er während des
Frühstücks auf der Hotelterrasse aufgetaucht war ein kleiner magerer Herr mit
graumeliertem Vollbart und japanischen Augen in weißem schlecht gebügelten
Flanellanzug einen dunklen Strohhut mit rotweiss gestreiftem Band auf dem runden
Kopf und mit schwarzen bestaubten Schuhen Er redete sehr gedehnt immer wie
höhnisch selbst über die gleichgültigsten Dinge und so oft er den Mund auftat
lag es unter dem Schein der Ruhe wie eine geheime Angst auf dem Antlitz der
Gattin Sie versuchte sich zu rächen indem sie ihn mit Spott behandelte aber
gegen seine Rücksichtslosigkeit kam sie nicht auf Oskar benahm sich wenn es
irgend möglich war als gehörte er nicht dazu In seinen Zügen spielte eine
etwas unsichere Verachtung für den seiner nicht ganz würdigen Erzeuger und
Verständnis suchend lächelte er zu den jungen Baronen hinüber Nur Else war zu
jener Zeit sehr nett mit dem Vater Auf der Promenade hing sie sich gern in
seinen Arm und manchmal fiel sie ihm vor allen Leuten um den Hals
In Florenz ein Jahr vor seiner Mutter Tod hatte Georg Else wiedergesehen
Sie nahm damals Zeichenstunden bei einem alten grau und wirrhaarigen
Deutschen von dem die Sage ging dass er einmal berühmt gewesen wäre Er selbst
verbreitete das Gerücht über sich dass er seinen frühern sehr bekannten Namen
als er sein Genie schwinden fühlte abgelegt und die Stätte seines Wirkens die
er niemals nannte verlassen hätte Schuld an seinem Niedergang trug wenn man
seinen Berichten glauben durfte ein dämonisches Frauenzimmer das er
geheiratet das in einem Eifersuchtsanfall sein bedeutendstes Bild zerstört und
durch einen Sprung vom Fenster ihr Leben geendet hatte Dieser Mensch den sogar
der siebzehnjährige Georg als eine Art von schwindelhaftem Narren erkannte war
der Gegenstand von Elses erster Schwärmerei Sie war damals vierzehn Jahre alt
die Wildheit und Unbefangenheit der Kindheit war dahin Vor der Tizianschen
Venus in den Uffizien glühten ihr die Wangen in Neugier Sehnsucht und
Bewunderung und in ihren Augen spielten dunkle Träume von künftigen
Erlebnissen Öfters kam sie mit ihrer Mutter in das Haus das die Wergentins am
Lungano gemietet hatten und während Frau Ehrenberg die leidende Baronin in
ihrer müdgeistreichen Weise zu unterhalten suchte stand Else mit Georg am
Fenster führte altkluge Gespräche über die Kunst der Präraffaeliten und
lächelte der vergangenen kindischen Spiele Auch Felician erschien zuweilen
schlank und schön blickte mit seinen kalten grauen Augen an Dingen und
Menschen vorbei sprach ein paar höfliche Worte halblaut beinahe wegwerfend
und setzte sich ans Bett seiner Mutter der er zärtlich die Hand streichelte und
küsste Gewöhnlich ging er bald wieder fort nicht ohne für Else einen herben
Duft von uralter Vornehmheit kaltblütiger Verführung und eleganter
Todesverachtung zurückzulassen Stets hatte sie den Eindruck als begebe er sich
an einen Spieltisch an dem es um Hunderttausende herging zu einem Duell auf
Tod und Leben oder zu einer Fürstin mit rotem Haar und einem Dolch auf dem
Nachttisch Georg erinnerte sich dass er sowohl auf den schwindelhaften
Zeichenlehrer als auf seinen Bruder ein wenig eifersüchtig gewesen war Der
Lehrer aus Gründen über die niemals etwas verlautete wurde plötzlich
entlassen und kurz darauf fuhr Felician mit dem Freiherrn von Wergentin nach
Wien Nun spielte Georg noch öfter als früher den Damen auf dem Klaviere vor
Fremdes und Eigenes und Else sang mit ihrer kleinen etwas schrillen Stimme
leichtere Schubertsche und Schumannsche Lieder vom Blatt Sie besuchte mit ihrer
Mutter und Georg die Galerien und Kirchen als das Frühjahr wiederkam gab es
gemeinschaftliche Spazierfahrten auf dem Hügelweg oder nach Fiesole und
lächelnde Blicke gingen zwischen Georg und Else hin und her die von einem
tieferen Einverständnis erzählten als tatsächlich vorhanden war In dieser
etwas unaufrichtigen Art spielten die Beziehungen weiter als der Verkehr in
Wien aufgenommen und fortgesetzt wurde Immer von neuem schien Else von dem
gleichmäßig freundlichen Wesen wohltätig berührt mit dem Georg ihr auch dann
entgegentrat wenn sie einander monatelang nicht gesehen hatten Sie selbst aber
war von Jahr zu Jahr äußerlich sicherer und innerlich unruhiger geworden Ihre
künstlerischen Bestrebungen hatte sie früh genug alle fallen lassen und im
Laufe der Zeit erschien sie sich zu den verschiedensten Lebensläufen ausersehen
Manchmal sah sie sich in der Zukunft als Weltdame Veranstalterin von
Blumenfesten Patronesse von großen Bällen Mitwirkende an aristokratischen
Wohltätigkeitsvorstellungen öfters noch glaubte sie sich berufen in einem
künstlerischen Salon unter Malern Musikern und Dichtern als große Versteherin
zu tronen Dann träumte sie wieder von einem mehr ins Abenteuerliche
gerichteten Leben sensationelle Heirat mit einem amerikanischen Millionär
Flucht mit einem Violinvirtuosen oder spanischen Offizier dämonisches
Zugrunderichten aller Männer die sich ihr näherten Zuweilen schien ihr aber
ein stilles Dasein auf dem Land an der Seite eines tüchtigen Gutsbesitzers das
erstrebenswerteste Ziel und dann erblickte sie sich im Kreise von vielen
Kindern womöglich mit früh ergrautem Haar ein mild resigniertes Lächeln auf
den Lippen an einfach gedecktem Tisch sitzen und ihrem ernsten Manne die Falten
von der Stirne streichen Georg aber fühlte immer dass ihre Neigung zur
Bequemlichkeit die tiefer war als sie selbst ahnte sie vor jedem unbedachten
Schritt schützen würde Sie vertraute Georg mancherlei an ohne jemals ganz
ehrlich mit ihm zu sein denn am öftesten und ernstesten hegte sie den Wunsch
seine Frau zu werden Georg wusste das wohl aber nicht allein darum erschien ihm
das neueste Gerücht von ihrer Verlobung mit Heinrich Bermann ziemlich
unglaubwürdig Dieser Bermann war ein hagerer bartloser Mensch mit düstern
Augen und etwas zu langem schlichten Haar der sich in der letzten Zeit als
Schriftsteller bekannt gemacht hatte und dessen Gebaren und Aussehen Georg er
wusste selbst nicht warum an einen fanatischen jüdischen Lehrer aus der Provinz
erinnerten Das war nichts was Else besonders fesseln oder nur angenehm
berühren konnte Allerdings wenn man länger mit ihm sprach änderte sich jener
Eindruck Eines Abends im vergangenen Frühjahr war Georg mit ihm zusammen von
Ehrenbergs fortgegangen und sie waren in eine so anregende Unterhaltung über
musikalische Dinge geraten dass sie bis drei Uhr früh auf einer Ringstrassenbank
weitergeplaudert hatten
Es ist sonderbar dachte Georg wie vieles mir heute durch den Kopf geht
woran ich kaum mehr gedacht hatte Und ihm war als wenn er in dieser
Herbstabendstunde allmählich aus der schmerzlichdumpfen Versonnenheit vieler
Wochen zum Tage emporgetaucht käme
Nun stand er vor dem Hause in der Paulanergasse wo die Rosners wohnten Er
sah zum zweiten Stockwerk auf Ein Fenster war offen weiße Tüllvorhänge in der
Mitte zusammengesteckt bewegten sich im leichten Zuge des Windes
Rosners waren zu Hause Das Stubenmädchen ließ Georg eintreten Anna saß der
Türe gegenüber hielt die Kaffeetasse in der Hand und hatte die Augen auf den
Eintretenden gerichtet Der Vater zu ihrer Rechten las Zeitung und rauchte aus
einer Pfeife Er war glatt rasiert nur an den Wangen liefen zwei schmale
ergraute Bartstreifen Sein dünnes Haar von seltsam grünlichgrauer Färbung war
an den Schläfen nach vorn gestrichen und sah aus wie eine schlecht gemachte
Perücke Seine Augen waren wasserhell und rot gerändert
Die beleibte Mutter mit der wie von einer Erinnerung schönerer Jahre
umwobenen Stirn blickte vor sich hin ihre Hände beschaulich ineinander
verschlungen ruhten auf dem Tisch Anna stellte die Tasse langsam nieder
nickte und lächelte still Die beiden Alten machten Miene aufzustehen als Georg
eintrat
»Aber bitte sich doch nicht stören zu lassen bitte sehr« sagte Georg
Da krachte etwas an der Seitenwand Josef der Sohn des Hauses erhob sich
vom Diwan auf dem er gelegen hatte
»Habe die Ehre Herr Baron« sagte er mit einer sehr tiefen Stimme und
strich sein über den Hals hinaufgeschlagenes gelbkariertes etwas fleckiges
Sacco zurecht
»Wie befinden sich immer Herr Baron« fragte der Alte stand hager und
etwas gebückt da und wollte nicht wieder Platz nehmen eh sich Georg
niedergelassen hatte Josef rückte einen Stuhl zwischen Vater und Schwester
Anna reichte dem Besucher die Hand
»Wir haben uns lange nicht gesehen« sagte sie und trank einen Schluck aus
ihrer Tasse
»Sie haben traurige Zeiten durchgemacht Herr Baron« bemerkte Frau Rosner
teilnahmsvoll
»Jawohl« fügte Herr Rosner hinzu »Wir haben mit großem Bedauern von dem
schweren Verluste gelesen Und der Herr Vater haben sich doch immer der
besten Gesundheit erfreut so viel uns bekannt war« Er sprach sehr langsam
immer als wenn noch etwas kommen sollte strich sich manchmal mit der linken
Hand über den Kopf und nickte während er zuhörte
»Ja es ist sehr unerwartet gekommen« sagte Georg leise und blickte auf den
dunkelroten verschossenen Teppich zu seinen Füßen
»Also ein plötzlicher Tod sozusagen« bemerkte Herr Rosner und alles
ringsum schwieg
Georg nahm eine Zigarette aus seinem Etui und bot Josef eine an
»Küss die Hand« sagte Josef nahm die Zigarette und verbeugte sich indem er
ohne ersichtlichen Grund die Hacken aneinander schlug Während er dem Baron
Feuer gab glaubte er dessen Blicke auf sein Sacco gerichtet und bemerkte
entschuldigend und mit noch tieferer Stimme als gewöhnlich »Bureaujanker«
»Bureaujanker kommt von Bureau« sagte Anna einfach ohne ihren Bruder
anzusehen
»Fräulein belieben die ironische Walze eingehängt zu haben« erwiderte Josef
heiter doch war es dem gehaltenen Ton seiner Rede anzumerken dass er sich unter
andern Verhältnissen minder angenehm ausgedrückt hätte
»Die Teilnahme war ja eine allgemeine« begann der alte Rosner wieder »Ich
habe den Nachruf in der Neuen Freien Presse gelesen über den Herrn Papa von
Herrn Hofrat Kerner wenn ich mich recht erinnere er war ja höchst ehrenvoll
Auch die Wissenschaft hat einen herben Verlust erlitten«
Georg nickte verlegen und blickte auf seine Hände nieder
Anna sprach von ihrem verflossenen Sommeraufentalt »In Weissenfeld wars
wunderschön« sagte sie »Gleich hinter unserm Haus war der Wald mit sehr guten
ebenen Wegen nicht wahr Papa Da hat man stundenlang spazierengehen können
ohne einem Menschen zu begegnen«
»Und haben Sie denn ein Klavier draußen gehabt« fragte Georg
»Auch das«
»Ein greulicher Klimperkasten« bemerkte Herr Rosner »So ein Ding das
Stein erweichen Menschen rasend machen kann«
»Es war nicht so arg« sagte Anna
»Für die kleine Graubinger gut genug« fügte Frau Rosner hinzu
»Die kleine Graubinger ist nämlich die Tochter vom Kaufmann im Ort«
erklärte Anna »und ich hab ihr die Anfangsgründe des Klavierspiels beigebracht
Ein hübsches kleines Mäderl mit langen blonden Zöpfen«
»Es war eine Gefälligkeit für den Kaufmann« sagte Frau Rosner
»Ja aber es muss bemerkt werden« ergänzte Anna »dass ich außerdem eine
wirkliche das heißt bezahlte Stunde gegeben habe«
»Wie auch in Weissenfeld« fragte Georg
»Kinder von einer Sommerpartie Es ist übrigens schade Herr Baron dass Sie
kein einziges Mal bei uns auf dem Lande waren Es hätte Ihnen gewiss gut
gefallen«
Georg erinnerte sich nun erst dass er sich zu Anna beiläufig geäußert hatte
er würde sie im Sommer gelegentlich einer Radpartie vielleicht einmal besuchen
»Der Herr Baron hätte wohl in dieser Sommerfrische nicht alles zu seiner
Zufriedenheit vorgefunden« begann Herr Rosner
»Warum denn« fragte Georg
»Es ist dort nicht eben den Bedürfnissen verwöhnter Grossstädter Rechnung
getragen«
»O ich bin nicht verwöhnt« sagte Georg
» Waren Sie auch nicht auf dem Auhof« wandte sich Anna an Georg
»O nein« erwiderte dieser rasch »Nein ich war nicht dort« setzte er
minder lebhaft hinzu »Man hat mich allerdings aufgefordert Frau Ehrenberg
war so liebenswürdig ich habe verschiedene Einladungen gehabt für den
Sommer Aber ich habe es vorgezogen für mich allein in Wien zu bleiben«
»Es tut mir eigentlich leid« sagte Anna »dass ich Else beinah gar nicht
mehr sehe Sie wissen ja dass wir im selben Institut waren Es ist freilich
schon lang her Ich hab sie wirklich gern gehabt Schade dass man sich im Lauf
der Zeit so voneinander entfernt«
»Wie kommt das nur« sagte Georg
»Ja es liegt wohl daran dass mir der ganze Kreis nicht besonders
sympathisch ist«
»Mir auch nicht« sagte Josef der Ringe in die Luft blies »Ich gehe seit
Jahren nicht hin Offen gestanden ich weiß ja nicht wie Herr Baron zu
dieser Frage Stellung nehmen ich bin den Israeliten nicht zugetan«
Herr Rosner blickte zu seinem Sohne auf »Der Herr Baron verkehrt in diesem
Haus und es wird ihm ziemlich sonderbar erscheinen lieber Josef «
»Mir« sagte Georg verbindlich »Ich stehe ja in keinerlei näheren
Verbindungen mit dem Hause Ehrenberg so gern ich mit den beiden Damen zu
plaudern pflege« Und fragend setzte er hinzu »Aber haben Sie Else nicht im
vorigen Jahr Singstunden gegeben Fräulein Anna«
»Ja Vielmehr ich habe nur mit ihr korrepetiert«
»Das werden Sie heuer wohl wieder tun«
»Ich weiß nicht Sie hat bisher noch nichts von sich hören lassen
Vielleicht gibt sies ganz auf«
»Sie glauben«
»Es wäre beinah zu wünschen« versetzte Anna sanft »denn eigentlich hat sie
immer mehr gepiepst als gesungen Übrigens« und jetzt warf sie Georg einen
Blick zu der ihn gleichsam von neuem begrüßte »die Lieder die Sie mir
geschickt haben sind sehr hübsch Soll ich sie Ihnen vorsingen«
»Sie haben sich die Sachen schon angeschaut Das ist nett«
Anna hatte sich erhoben Sie führte beide Hände an ihre Schläfen und strich
wie ordnend leicht über ihr gewolltes Haar Sie trug es ziemlich hoch frisiert
wodurch ihre Gestalt noch größer erschien als sie war Eine schmale goldene
Uhrkette war zweimal um den freien Hals geschlungen fiel über die Brust herab
und verlor sich in dem grauledernen Gürtel Durch eine fast unmerkliche
Kopfbewegung forderte sie Georg auf ihr zu folgen
Er stand auf und sagte »Wenns erlaubt ist «
»Bitte sehr bitte sehr natürlich« sagte Herr Rosner »Herr Baron wollen
so freundlich sein mit meiner Tochter ein wenig zu musizieren Sehr schön sehr
schön« Anna war in das Nebenzimmer getreten Georg folgte ihr und ließ die Tür
offen stehen Die weißen Tüllvorhänge vor dem geöffneten Fenster waren
zusammengesteckt und bewegten sich leise
Georg setzte sich an das Pianino und griff ein paar Akkorde Indes kniete
Anna vor einer alten schwarzen teilweise vergoldeten Etagere und holte die
Noten hervor
Georg modulierte in die Anfangsakkorde seines Liedes
Anna fiel ein und zu Georgs Melodie sang sie die Goeteschen Worte
»Deinem Blick mich zu bequemen
Deinem Munde deiner Brust
Deine Stimme zu vernehmen
War mir erst und letzte Lust«
Sie stand hinter ihm und schaute über seine Schulter in die Noten Zuweilen
beugte sie sich ein wenig vor und dann fühlte er an der Schläfe den Hauch ihrer
Lippen Ihre Stimme war viel schöner als seine Erinnerung sie bewahrt hatte
Im Nebenzimmer wurde etwas zu laut gesprochen Ohne den Gesang zu
unterbrechen lehnte Anna die Türe zu
Josef war es gewesen der sein Organ nicht länger hatte bändigen können
»Ich werde noch einen Sprung ins Kaffeehaus hinüber schauen« sagte er
Man erwiderte nichts Herr Rosner trommelte leise auf den Tisch und seine
Gattin nickte scheinbar gleichgültig
»Also adieu« Bei der Tür wandte sich Josef wieder um und bemerkte mit
mäßiger Festigkeit »Mama wenn du vielleicht einen Moment Zeit hast «
»Ich hör schon« sagte Frau Rosner »es wird ja kein Geheimnis sein«
»Nein Es ist ja nur weil ich mit dir ja ohnedies in Verrechnung bin«
»Muss man ins Kaffeehaus gehen« fragte der alte Rosner einfach ohne
aufzublicken
»Also es handelt sich nicht ums Kaffeehaus Es ist überhaupt Ihr könnt
mirs glauben dass es mir selber lieber wär wenn ich euch nicht anpumpen müsst
Aber was soll der Mensch tun«
»Arbeiten soll der Mensch« sagte der alte Rosner leise und schmerzlich und
seine Augen röteten sich Die Frau warf einen traurigen und strafenden Blick auf
den Sohn
»Also« sagte Josef knöpfte den Bureaujanker auf und wieder zu »das ist
doch wirklich wegen jedem Guldenzettel «
»Pst« sagte Frau Rosner mit einem Blick gegen die angelehnte Tür durch die
jetzt nachdem der Gesang Annas geendet nur das gedämpfte Klavierspiel Georgs
hereinklang
Josef beantwortete den Blick der Mutter mit einer wegwerfenden Handbewegung
»Arbeiten soll ich sagt der Papa Als ob ichs nicht schon bewiesen hätte dass
ichs kann« Er sah zwei fragende Augenpaare auf sich gerichtet »Jawohl hab
ichs bewiesen und wenn es nur auf meinen guten Willen ankäm hätt ich überall
mein Auskommen gehabt Aber ich hab halt nicht das Temperament mir was gefallen
zu lassen ich lass mich nicht ausschreien von meine Chefs wenn ich mich einmal
eine Viertelstunde verspäten tu oder so was«
»Die Geschichte kennen wir« unterbrach ihn Herr Rosner müde »Aber
schließlich weil wir schon davon sprechen du wirst dich ja doch wieder um
irgendwas umschauen müssen«
»Umschauen gut «erwiderte Josef »Aber zu einem Juden bringt mich
keiner mehr ins Geschäft Das würde mich bei meinen Bekannten jawohl in
meinem ganzen Kreis würde mich das lächerlich machen«
»Dein Kreis « sagte Frau Rosner »wer ist denn dein Kreis
Kaffeehausfreunderln«
»Also bitte weil wir schon davon reden« sagte Josef »es hängt auch wieder
mit dem Guldenzettel zusammen Ich habe jetzt ein Rendezvous im Kaffeehaus mit
dem jungen Jalaudek Ich hätts euch lieber erst gesagt wenn die Sache perfekt
wird aber ich seh schon ich muss früher mit der Farb heraus Also der
Jalaudek das is der Sohn von dem Stadtrat Jalaudek von dem berühmten
Papierhändler Und der alte Jalaudek ist bekanntlich eine sehr einflussreiche
Persönlichkeit in der Partei sehr intim mit dem Herausgeber vom
»Christlichen Tagesboten« Zelltinkel heißt er Und beim»Tagesboten« da suchen
sie jetzt junge Leute von gefälligen Umgangsformen Christen natürlich für das
Inseratengeschäft Und da hab ich heute mit dem Jalaudek Rendezvous im
Kaffeehaus weil er mir versprochen hat sein Alter wird mich beim Zelltinkel
empfehlen Das wär etwas Ausgezeichnetes da bin ich ausm Wasser Da kann
ich in der kürzesten Zeit hundert oder auch hundertfünfzig Gulden im Monat
verdienen«
»Ach Gott« seufzte der alte Rosner
Draußen ging die Glocke Rosner blickte auf
»Das wird der junge Doktor Stauber sein« sagte Frau Rosner und warf einen
besorgten Blick nach der Tür durch die Georgs Klavierspiel noch leiser drang
als früher
»Also Mama was is eigentlich« sagte Josef
Frau Rosner nahm ihre Geldbörse und reichte ihrem Sohn seufzend einen
Silbergulden
»Küss die Hand« sagte Josef und wandte sich zum Gehen
»Josef« rief Herr Rosner »Es ist doch einigermaßen unhöflich grade in dem
Augenblick wenn ein Besuch kommt «
»Ah ich dank schön ich muss nicht von allem haben«
Es klopfte Doktor Bertold Stauber trat ein
»Entschuldigen vielmals Herr Doktor« sagte Josef »ich bin grad im
Weggehen«
»Bitte« erwiderte Doktor Stauber kühl und Josef verschwand
Frau Rosner forderte den jungen Arzt auf Platz zu nehmen Er setzte sich
auf den Divan und horchte nach der Seite hin von wo das Klavierspiel kam
»Der Baron Wergentin« erklärte Frau Rosner etwas verlegen »Der Komponist
Anna hat eben gesungen« Und sie schickte sich an ihre Tochter herein zu rufen
Doktor Bertold hielt sie ganz leicht am Arme fest und sagte freundlich
»Nein Ich bitte Fräulein Anna nicht zu stören absolut nicht Ich habe nicht
die geringste Eile Es ist übrigens ein Abschiedsbesuch« Der letzte Satz kam
wie hervorgestossen aus seiner Kehle doch lächelte Bertold zugleich
verbindlich lehnte sich bequem in die Ecke und strich mit der rechten Hand den
kurzen Vollbart zurecht
Frau Rosner sah ihn förmlich erschreckt an
Herr Rosner fragte »Ein Abschiedsbesuch Haben Herr Doktor Urlaub genommen
Das Parlament ist doch erst vor kurzer Zeit zusammen getreten wie man den
Zeitungen entnehmen konnte«
»Ich habe mein Mandat niedergelegt« sagte Bertold
»Wie« rief Herr Rosner aus
»Jawohl niedergelegt« wiederholte Bertold und lächelte zerstreut
Das Klavierspiel hatte plötzlich aufgehört die angelehnte Tür tat sich auf
Georg und Anna erschienen
»O Doktor Bertold« sagte Anna und streckte ihm der rasch aufgestanden
war die Hand entgegen »Sind Sie schon lange da Haben Sie mich vielleicht
singen gehört«
»Nein Fräulein Anna das hab ich leider versäumt Nur ein paar Töne auf dem
Klavier hab ich vernommen«
»Der Baron Wergentin« sagte Anna als wollte sie vorstellen »Die Herren
kennen sich doch«
»Gewiss« erwiderte Georg und reichte Bertold die Hand
»Der Doktor kommt uns einen Abschiedsbesuch machen« sagte Frau Rosner
»Wie« rief Anna erstaunt aus
»Ich verreise nämlich« sagte Bertold und schaute Anna ernst und
undurchdringlich in die Augen »Ich gebe meine politische Karriere auf« setzte
er dann wie spöttisch hinzu »besser gesagt ich unterbreche sie auf eine
Weile«
Georg lehnte im Fenster die Arme über der Brust verkreuzt und betrachtete
Anna von der Seite Sie hatte sich gesetzt und sah ruhig zu Bertold auf der
aufrecht dastand die eine Hand auf die Lehne des Divans gestützt als wenn er
eine Rede halten wollte
»Und wohin reisen Sie« fragte Anna
»Nach Paris Ich will im Pasteurschen Institut arbeiten Ich kehre wieder zu
meiner alten Liebe zurück zur Bakteriologie Es ist eine reinlichere
Beschäftigung als die Politik«
Es war dunkler geworden Die Gesichter verschwammen nur die Stirne
Bertolds der gerade dem Fenster gegenüberstand war noch in Helle getaucht Es
zuckte um seine Brauen Eigentlich hat er seine besondere Art von Schönheit
dachte Georg der regungslos in der Fensterecke lehnte und sich von einer
angenehmen Ruhe durchflossen fühlte
Das Stubenmädchen brachte die brennende Lampe und hing sie über dem Tisch
auf
»Aber die Journale« sagte Herr Rosner »brachten noch keinerlei Meldung
dass Herr Doktor Ihr Mandat zurückgelegt haben«
»Das wäre auch verfrüht« erwiderte Bertold »Meine Parteigenossen kennen
wohl meine Absicht aber die Sache ist noch nicht offiziell«
»Diese Nachricht« sagte Herr Rosner »wird nicht verfehlen in den
beteiligten Kreisen großes Aufsehen zu erregen Besonders nach der bewegten
Debatte von neulich in die Herr Doktor mit solcher Entschiedenheit eingegriffen
haben Herr Baron haben wohl gelesen« wandte er sich an Georg
»Ich muss gestehen« erwiderte Georg »ich verfolge die Parlamentsberichte
nicht so regelmäßig als man eigentlich müsste«
»Müsste« wiederholte Bertold nachsichtig »Man muss wahrhaftig nicht obzwar
die Sitzung neulich nicht uninteressant war Wenigstens als Beweis dafür wie
tief das Niveau einer öffentlichen Körperschaft sinken kann«
»Es ist sehr hitzig zugegangen« sagte Herr Rosner
»Hitzig Nun ja was man bei uns in Österreich hitzig nennt Man war
innerlich gleichgültig und äußerlich grob«
»Um was hat es sich denn gehandelt« fragte Georg
»Es war die Debatte anlässlich der Interpellation über den Prozess Golowski
Terese Golowski«
»Terese Golowski « wiederholte Georg »Den Namen sollt ich kennen«
»Natürlich kennen Sie ihn« sagte Anna »Sie kennen ja Terese selbst Wie
Sie uns das letztemal besucht haben ist sie eben von mir fortgegangen«
»Ach ja« sagte Georg »eine Freundin von Ihnen«
»Freundin möcht ich sie nicht nennen das setzt doch eine gewisse innere
Übereinstimmung voraus die nicht mehr so recht vorhanden ist«
»Sie werden Terese doch nicht verleugnen« sagte Doktor Bertold lächelnd
aber herb
»O nein« erwiderte Anna lebhaft »das fällt mir wahrhaftig nicht ein Ich
bewundere sie sogar Ich bewundere überhaupt alle Leute die imstande sind für
etwas was sie im Grunde nichts angeht so viel zu riskieren Und wenn das nun
gar ein junges Mädchen tut ein hübsches junges Mädchen wie Terese « sie
richtete die Worte an Georg der gespannt zuhörte »so imponiert mir das noch
mehr Sie müssen nämlich wissen dass Terese eine der Führerinnen der
sozialdemokratischen Partei ist«
»Und wissen Sie wofür ich sie gehalten habe« sagte Georg »Für eine
angehende Schauspielerin«
»Herr Baron Sie sind ein Menschenkenner« sagte Bertold
»Sie wollte wirklich einmal zur Bühne gehen« bestätigte Frau Rosner kühl
»Ich bitte Sie gnädige Frau« sagte Bertold »welches junge Mädchen von
einiger Phantasie das überdies in engen Verhältnissen lebt hat nicht in irgend
einer Lebensepoche mit einer solchen Absicht wenigstens gespielt«
»Es ist hübsch dass Sie ihr verzeihen« sagte Anna lächelnd
Bertold fiel es zu spät ein dass er mit seiner Bemerkung eine noch
empfindliche Stelle in Annas Gemüt berührt haben mochte Aber um so bestimmter
fuhr er fort »Ich versichere Sie Fräulein Anna es wäre schade um Terese
gewesen Denn es ist gar nicht abzusehen wieviel sie für die Partei noch
leisten kann wenn sie nicht irgendwie aus ihrer Bahn gerissen wird«
»Halten Sie das für möglich« fragte Anna
»Gewiss« entgegnete Bertold »Für Terese gibt es sogar zwei Gefahren
entweder redet sie sich einmal um den Kopf «
»Oder« fragte Georg der neugierig geworden war
»Oder sie heiratet einen Baron« schloss Bertold kurz
»Das verstehe ich nicht ganz« sagte Georg ablehnend
»Dass ich gerade Baron sagte war natürlich ein Spaß Setzen wir statt Baron
Prinz so wird die Sache klarer«
»Ach so Jetzt kann ich mir ungefähr denken was Sie meinen Herr Doktor
Aber was für einen Anlass hatte das Parlament sich mit ihr zu beschäftigen«
»Ach ja Im vorigen Jahre zur Zeit des großen Kohlenstreikes hielt Terese
Golowski in irgend einem böhmischen Nest eine Rede die eine angeblich
verletzende Äußerung gegen ein Mitglied des kaiserlichen Hauses enthielt Sie
wurde angeklagt und freigesprochen Man könnte daraus vielleicht schließen dass
die Anschuldigung nicht besonders haltbar gewesen sein dürfte Trotzdem meldete
der Staatsanwalt die Berufung an ein anderes Gericht wurde designiert und
Terese zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt die sie übrigens soeben absjetzt
Und damit nicht genug wurde der Richter der sie in erster Instanz freisprach
versetzt irgendwohin an die russische Grenze von wo es keine Wiederkehr
gibt Nun über diesen Fall haben wir eine Interpellation eingebracht sehr zahm
meiner Ansicht nach Der Minister erwiderte ziemlich heuchlerisch unter dem
Jubel der sogenannten staatserhaltenden Parteien Ich habe mir erlaubt darauf
zu replizieren vielleicht etwas energischer als man es bei uns gewohnt ist
und da man von den gegnerischen Bänken aus nichts Sachliches erwidern konnte
hat man versucht mich mit schreien und schimpfen tot zu machen Und was das
kräftigste Argument einer gewissen Sorte von Staatserhaltern gegen meine
Ausführungen war können Sie sich ja denken Herr Baron«
»Nun« fragte Georg
»Jud halts Maul« erwiderte Bertold mit schmal gewordenen Lippen
»O« sagte Georg verlegen und schüttelte den Kopf
»Ruhig Jud Halts Maul Jud Jud Kusch« fuhr Bertold fort und schien in
der Erinnerung zu schwelgen
Anna sah vor sich hin Georg fand innerlich es wäre nun genug Ein kurzes
peinliches Schweigen entstand
»Also darum« fragte Anna langsam
»Wie meinen Sie« fragte Bertold
»Darum legen Sie das Mandat nieder«
Bertold schüttelte den Kopf und lächelte »Nein nicht darum«
»Herr Doktor sind über diese rohen Insulte gewiss erhaben« sagte Herr
Rosner
»Das will ich nicht eben behaupten« erwiderte Bertold »Aber immerhin
musste man auf dergleichen gefasst sein Der Grund meiner Mandatsniederlegung ist
ein anderer«
»Und darf man wissen « fragte Georg
Bertold sah ihn durchdringend und doch zerstreut an Dann erwiderte er
verbindlich »Gewiss darf man Nach meiner Rede begab ich mich ins Büfett Dort
begegnete ich unter andern einem der allerdümmsten und frechsten unserer
freigewählten Volksvertreter dem der wie gewöhnlich auch während meiner Rede
der Allerlauteste gewesen war dem Papierhändler Jalaudek Ich kümmerte mich
natürlich nicht um ihn Er stellt eben sein geleertes Glas hin Wie er mich
sieht lächelt er nickt mir zu und grüßt heiter als wäre nichts geschehen
»Habe die Ehre Herr Doktor auch eine kleine Erfrischung gefällig«
»Unglaublich« rief Georg aus
»Unglaublich Nein österreichisch Bei uns ist ja die Entrüstung so
wenig echt wie die Begeisterung Nur die Schadenfreude und der Hass gegen das
Talent die sind echt bei uns«
»Nun und was haben Sie dem Mann geantwortet« fragte Anna
»Was ich geantwortet habe Nichts selbstverständlich«
»Und haben Ihr Mandat niedergelegt« ergänzte Anna mit leisem Spott
Bertold lächelte Zugleich aber zuckte es um seine Brauen wie gewöhnlich
wenn er unangenehm oder schmerzlich berührt war Es war zu spät ihr zu sagen
dass er eigentlich gekommen war sie um Rat zu fragen wie in früherer Zeit Und
doch das fühlte er er hatte klug daran getan sich gleich beim Eintritt jeden
Rückzug abzuschneiden seinen Verzicht auf das Mandat als bereits vollzogen
seine Reise nach Paris als unmittelbar bevorstehend anzukündigen Denn nun wusste
er ja dass Anna ihm wieder einmal entglitten war vielleicht auf lange Dass
irgend ein Mensch sie ihm wirklich und auf immer nehmen konnte das glaubte er
freilich nicht und auf diesen eleganten jungen Künstler eifersüchtig zu sein
der so ruhig mit verkreuzten Armen dort am Fenster stand dazu wollte er sich
auf keinen Fall verstehen Schon manchmal war es geschehen dass Anna für einige
Zeit wie in einem für ihn fremden Element gleichsam verzaubert dahinschwebte
Und vor zwei Jahren da sie ernstlich daran dachte sich der Bühne zu widmen und
ihre Rollen zu studieren begann hatte er sie eine kurze Zeit hindurch völlig
verloren gegeben Später als sie durch die Unverlässlichkeit ihrer Stimme
genötigt wurde ihre künstlerischen Pläne fahren zu lassen schien sie wohl
wieder zu ihm zurückzukehren aber diese Epoche hatte er mit Absicht ungenutzt
verstreichen lassen Denn eh er sie zu seiner Gattin machte wollte er irgend
einen Erfolg errungen haben entweder auf wissenschaftlichem oder politischem
Gebiet und von ihr wahrhaft bewundert sein Er war auf dem Weg dazu gewesen An
der gleichen Stelle wo sie jetzt saß und ihm mit klaren aber wie fremden Augen
ins Gesicht schaute hatte sie die Korrekturbogen seiner letzten
medizinischphilosophischen Arbeit vor sich liegen gehabt die den Titel trug
Vorläufige Bemerkungen zu einer Physiognomik der Krankheiten Und dann als sich
sein Übergang zur Politik vollzog zu der Zeit da er in Wählerversammlungen
Reden hielt sich durch ernste geschichtliche und nationalökonomische Studien
für den neuen Beruf vorbereitete hatte sie sich seiner Vielseitigkeit und
seiner Energie herzlich gefreut All das war nun vorüber Allmählich schien sie
gerade seine Fehler die ihm ja selbst durchaus nicht verborgen waren
insbesondere seine Neigung sich an den eigenen Worten zu berauschen mit
schärferen Blick zu sehen als früher und dadurch begann er wieder seine
Sicherheit ihr gegenüber mehr und mehr zu verlieren Er war nicht ganz er
selbst wenn er zu ihr oder in ihrer Gegenwart sprach Auch heute war er nicht
mit sich zufrieden Mit einem Ärger der ihm selbst kleinlich vorkam ward er
sich bewusst dass er seine Begegnung im Büfett mit Jalaudek nicht wirksam genug
vorgetragen hatte und dass er seinen Ekel vor der Politik viel glaubhafter hätte
darstellen müssen »Sie haben ja wahrscheinlich recht Fräulein Anna« sagte er
»wenn Sie darüber lächeln dass ich wegen dieses läppischen Abenteuers mein
Mandat niedergelegt habe Ein parlamentarisches Leben ohne Komödienspiel ist ja
überhaupt nicht möglich Ich hätte es bedenken und selber mitagieren dem Kerl
womöglich zutrinken sollen der mich öffentlich beschimpft hat Das wäre bequem
österreichisch und vielleicht sogar das Richtigste gewesen« Er fühlte sich
wieder im Zuge und sprach lebhaft weiter »Es gibt am Ende doch nur zwei
Metoden mittels deren in der Politik praktisch etwas zu leisten ist entweder
durch eine großartige Frivolität die das ganze öffentliche Leben als ein
amüsantes Spiel betrachtet die in Wahrheit für nichts begeistert gegen nichts
entrüstet ist und der die Menschen um deren Glück oder Elend es sich doch im
letzten Sinn handeln sollte vollkommen gleichgültig bleiben So weit bin ich
nicht und ich weiß nicht ob ich jemals dahin gelangen werde Ehrlich gesagt
ich hab es mir schon manchmal gewünscht Die andre Methode aber ist bereit
sein in jedem Augenblick für das was man das Rechte hält seine ganze
Existenz sein Leben im wahrsten Sinne des Wortes «
Bertold schwieg plötzlich Sein Vater der alte Doktor Stauber war
eingetreten und wurde herzlich begrüßt Er reichte Georg der ihm von Frau
Rosner vorgestellt wurde die Hand und sah ihn so freundlich an dass sich Georg
sofort zu ihm hingezogen fühlte Er sah offenbar jünger aus als er war Sein
langer rötlichblonder Bart war nur von einzelnen grauen Fäden durchzogen und
das schlicht gekämmte lange Haar zog in dichten Strähnen zu dem breiten Nacken
hin Die Stirn die von auffallender Höhe war gab der ganzen ein wenig
untersetzten ja hochschultrigen Erscheinung eine gewisse Würde Die Augen wenn
sie nicht eben mit einiger Absicht gütig oder klug schauten schienen sich
hinter den müd gewordenen Lidern gleichsam für den nächsten Blick auszuruhen
»Ich habe Ihre Mutter gekannt Herr Baron« sagte er ziemlich leise zu
Georg
»Meine Mutter Herr Doktor «
»Sie werden sich kaum daran erinnern Sie waren damals ein kleiner Bub von
drei vier Jahren«
»Sie waren ihr Arzt« fragte Georg
»Ich besuchte sie zuweilen als Vertreter des Professors Duchegg bei dem ich
Assistent war Sie haben damals in der Habsburgergasse gewohnt in einem alten
Haus das längst niedergerissen ist Ich könnte Ihnen heute noch die Einrichtung
des Zimmers schildern in dem Ihr Herr Vater mich empfing der leider auch
allzufrüh gestorben ist Auf dem Schreibtisch stand eine Bronzefigur und zwar
ein gepanzerter Ritter mit einer Fahne Und an der Wand hing eine Kopie nach
einem Van Dyck aus der Liechtensteingalerie«
»Ja« sagte Georg verwundert über das gute Gedächtnis des Arztes »ganz
richtig«
»Aber ich habe da die Herrschaften in einem Gespräch unterbrochen« fuhr
Doktor Stauber fort in dem ein wenig melancholisch singenden und doch
überlegenen Ton der ihm eigen war und ließ sich in die Ecke des Divans sinken
»Eben teilt uns Doktor Bertold zu unserm Erstaunen mit« sagte Herr Rosner
»dass er sich entschlossen hat sein Mandat niederzulegen«
Der alte Stauber richtete einen ruhigen Blick auf seinen Sohn den dieser
ebenso ruhig erwiderte Georg der dies Augenspiel bemerkte hatte den Eindruck
dass hier ein stilles Einverständnis waltete das keiner Worte bedurfte
»Ja« sagte Doktor Stauber »mich hat es allerdings nicht überrascht Ich
habe immer das Gefühl gehabt dass Bertold im Parlament nur wie zu Gaste sitzt
und bin eigentlich froh dass er nun eine Art von Heimweh nach seinem wahren
Beruf bekommen hat Ja ja dein wahrer Bertold« wiederholte er wie zur
Antwort auf ein Stirnrunzeln seines Sohnes »Damit ist ja nichts für die Zukunft
präjudiziert Nichts erschwert uns die Existenz so sehr als dass wir so häufig
an Definitiva glauben und dass wir die Zeit damit verlieren uns eines
Irrtums zu schämen statt ihn einzugestehen und unser Leben einfach neu zu
gestalten«
Bertold erklärte dass er in spätestens acht Tagen abreisen wolle Jeder
weitere Aufschub hätte keinen Sinn Es wäre auch möglich dass er nicht in Paris
bliebe Seine Studien konnten eine weitere Reise notwendig machen Ferner war er
entschlossen alle Abschiedsbesuche zu unterlassen wie er hinzusetzte hatte er
ohndies allen Verkehr früherer Jahre in gewissen bürgerlichen Kreisen wo sein
Vater eine ausgebreitete Praxis übte vollkommen aufgegeben
»Sind wir uns denn nicht diesen Winter einmal bei Ehrenbergs begegnet«
fragte Georg mit einiger Genugtuung
»Das ist richtig« erwiderte Bertold »Mit Ehrenbergs sind wir übrigens
entfernt verwandt Das Bindeglied zwischen uns ist merkwürdigerweise die Familie
Golowski Jeder Versuch Ihnen das näher zu erklären Herr Baron wäre
vergeblich Ich müsste sie eine Wanderung durch die Standesämter und
Kultusgemeinden von Temesvar Tarnopol und ähnlichen angenehmen Ortschaften
unternehmen lassen und das möcht ich Ihnen doch nicht zumuten«
»Und übrigens« fügte der alte Doktor Stauber resigniert hinzu »weiß der
Herr Baron gewiss dass alle Juden miteinander verwandt sind«
Georg lächelte liebenswürdig In Wirklichkeit aber war er eher enerviert
Seiner Empfindung nach bestand durchaus keine Notwendigkeit dass auch der alte
Doktor Stauber ihm offizielle Mitteilung von seiner Zugehörigkeit zum Judentum
machte Er wusste es ja und er nahm es ihm nicht übel Er nahm es überhaupt
keinem übel aber warum fingen sie denn immer selbst davon zu reden an Wo er
auch hinkam er begegnete nur Juden die sich schämten dass sie Juden waren
oder solchen die darauf stolz waren und Angst hatten man könnte glauben sie
schämten sich
»Gestern hab ich übrigens die alte Golowski gesprochen« fuhr Doktor Stauber
fort
»Die arme Frau« sagte Herr Rosner
»Wie gehts ihr denn« fragte Anna
»Wie wirds ihr gehen Sie können sich denken die Tochter eingesperrt
der Sohn Freiwilliger auf Staatskosten wohnt in der Kaserne Stellen Sie
sich das vor Leo Golowski als Patriot Und der Alte sitzt im Kaffeehaus und
schaut zu wie die andern Leut Schach spielen Er selbst hat doch nicht mehr die
zehn Kreuzer um das Spielgeld zu zahlen«
»Die Haft von Terese muss übrigens bald abgelaufen sein« sagte Bertold
»Dauert doch noch zwölf vierzehn Tage« erwiderte sein Vater »Na
Annerl« wandte er sich dann an das junge Mädchen »es wäre wirklich schön von
Ihnen wenn Sie sich wieder einmal in der Rembrandtstrasse anschauen ließ die
alte Frau hat eine fast rührende Schwärmerei für Sie Ich versteh wirklich nicht
warum« setzte er lächelnd hinzu während er Anna beinah zärtlich betrachtete
Sie aber sah vor sich hin und erwiderte nichts
Die Wanduhr schlug sieben
Georg erhob sich als wenn er nur dieses Zeichen erwartet hätte
»Herr Baron verlassen uns schon« sagte Herr Rosner aufstehend
Georg bat die Anwesenden sich nicht stören zu lassen und reichte allen die
Hand
»Es ist merkwürdig« sagte der alte Stauber »wie Ihre Stimme an die Ihres
verstorbenen Herrn Vaters erinnert«
»Ja man hat es mir vielfach gesagt« entgegnete Georg »Ich selbst konnte
es allerdings nie finden«
»Es gibt keinen Menschen auf der Welt der seine eigene Stimme kennt«
bemerkte der alte Stauber und es klang wie der Beginn eines populären Vortrags
Aber Georg empfahl sich Anna begleitete ihn trotz seiner leisen Abwehr
ins Vorzimmer und ließ etwas absichtlich wie es Georg vorkam die Türe halboffen
stehen »Es ist schade dass wir nicht länger musizieren konnten« sagte sie
»Mir tuts auch leid Fräulein Anna«
»Das Lied hat mir heut noch besser gefallen als beim erstenmal wie ich
mich selber begleiten musste Nur zum Schluss verläuft es ein bisschen ich weiß
nicht wie ich sagen soll«
»Ich weiß was Sie meinen Der Schluss ist konventionell das hab ich gleich
gefühlt Hoffentlich kann ich Ihnen bald was Besseres bringen Fräulein Anna«
»Lassen Sie mich aber nicht zu lange darauf warten«
»Gewiss nicht Also Adieu Fräulein Anna«
Sie reichten einander die Hände und lächelten beide
»Warum sind Sie nicht nach Weissenfeld gekommen« fragte Anna leicht
»Es tut mir wirklich leid aber sehen Sie Fräulein Anna ich hätte
wahrhaftig heuer keine angenehme Gesellschaft vorgestellt das können Sie sich
wohl denken«
Anna sah ihn ernst an »Glauben Sie nicht« sagte sie »dass man Ihnen
vielleicht hätte helfen können manches tragen«
»Es zieht Anna« rief Frau Rosner von drinnen
»Ich komm ja schon« erwiderte Anna etwas ungeduldig Aber Frau Rosner hatte
die Tür schon geschlossen
»Wann darf ich wiederkommen« fragte Georg
»Wann es Ihnen angenehm ist Allerdings ich müsste Ihnen eigentlich eine
schriftliche Stundeneinteilung geben damit Sie wissen wann ich zu Hause bin
und damit wäre auch noch nichts getan Oft geh ich spazieren oder habe
Besorgungen in der Stadt oder schau mir Bilder an oder Ausstellungen «
»Das könnte man doch einmal zusammen tun« sagte Georg
»O ja« erwiderte Anna nahm ihr Portemonnaie aus der Tasche und entnahm
diesem ein winziges Notizbuch
»Was haben Sie denn da« fragte Georg
Anna lächelte und blätterte in dem Büchlein »Warten Sie nur Donnerstag
elf Uhr wollte ich mir die Miniaturausstellung in der Hofbibliotek ansehen
Wenn Sie das auch interessiert so können wir uns dort treffen«
»Aber sehr gern«
»Also schön Dort können wir gleich besprechen wann Sie mich das nächstemal
zum Singen begleiten«
»Abgemacht« sagte Georg und reichte ihr die Hand Es fiel ihm ein dass
gewiss während hier draußen Anna mit ihm plauderte sich drin im Zimmer der
junge Doktor Stauber ärgern oder gar kränken mochte Und er wunderte sich dass
er diesen Umstand selbst offenbar unangenehmer empfand als Anna die doch im
ganzen ein gutmütiges Wesen zu sein schien Er löste seine Hand aus der ihren
nahm Abschied und ging
Als Georg auf die Straße kam war es ganz dunkel geworden Langsam
schlenderte er über die Elisabetbrücke an der Oper vorbei der inneren Stadt zu
und ließ unbeirrt durch Geräusch und Treiben rings umher sein Lied in sich
nachtönen Er fand es seltsam dass Annas Stimme die im kleinen Raume so reinen
und gesunden Klang gab jede Zukunft auf der Bühne und im Konzertsaal versagt
sein sollte und noch seltsamer dass Anna unter diesem Verhängnis kaum zu leiden
schien Freilich war er sich nicht klar darüber ob Annas Ruhe auch den wahren
Ausdruck ihres Wesens widerspiegelte
Er kannte sie wohl flüchtig schon seit einigen Jahren aber erst eines
Abends im vergangenen Frühling waren sie einander näher gekommen Im
Waldsteingarten hatte sich damals eine größere Gesellschaft Rendezvous gegeben
Man speiste im Freien unter hohen Kastanienbäumen vergnügt angeregt und
berückt von dem ersten warmen Maiabend des Jahres Georg sah sie alle wieder
die damals gekommen waren Frau Ehrenberg die Veranstalterin der Zusammenkunft
absichtlich matronenhaft mit einem lose sitzenden dunkeln Foulardkleid angetan
Hofrat Wilt wie in der Maske eines englischen Staatsmanns mit vornehm
schlampigen Gebärden und mit dem gleichen etwas wohlfeilen Ton der
Überlegenheit für sämtliche Dinge und Menschen Frau Oberberger die mit dem
grau gepuderten Haar den blitzenden Augen und dem Schönheitspflästerchen auf
dem Kinn einer Rokokomarquise ähnelte Demeter Stanzides mit den weiß glänzenden
Zähnen und auf der blassen Stirn die Müdigkeit eines alten Heldengeschlechtes
Oskar Ehrenberg mit einer Eleganz die viel vom ersten Kommis eines Modehauses
manches von der eines jugendlichen Gesangskomikers und auch einiges von der
eines jungen Herrn aus der Gesellschaft hatte Sissy Wyner die ihre dunkeln
lachenden Augen von einem zum andern sandte als sei sie mit jedem einzelnen
durch ein andres lustiges Geheimnis verbunden Willy Eissler der heiser und
fidel allerlei heitre Geschichten aus seiner Militärzeit und jüdische Anekdoten
erzählte Else Ehrenberg von zarter Frühlingsmelancholie umflossen in weißem
englischem Tuchkleid mit den Bewegungen einer großen Dame die sich zu dem
Kindergesicht und der zarten Figur anmutig und beinahe rührend ausnahmen
Felician kühl und liebenswürdig mit hochmütigen Augen die zwischen den Gästen
hindurch zu andern Tischen und auch an diesen vorbei in die Ferne sahen Sissys
Mutter jung rotbackig und plappernd die überall zugleich mitreden und überall
zugleich mitören wollte Edmund Nürnberger in den bohrenden Augen und um den
schmalen Mund jenes fast maskenhaft gewordene Lächeln der Verachtung für ein
Welttreiben das er bis auf den Grund durchschaute und in dem er sich doch
manchmal zu seinem eigenen Erstaunen selbst als Mitspieler entdeckte endlich
Heinrich Bermann in einem zu weiten Sommeranzug mit einem zu billigen
Strohhut mit einer zu lichten Kravatte der bald lauter sprach und bald tiefer
schwieg als die andern Zuletzt ohne jede Begleitung und in sicherer Haltung
war Anna Rosner erschienen hatte mit leichtem Kopfnicken die Gesellschaft
begrüßt und ungezwungen zwischen Frau Ehrenberg und Georg Platz genommen »Die
hab ich für Sie eingeladen« bemerkte Frau Ehrenberg leise zu Georg der sich
bis zu diesem Abend mit Anna auch in Gedanken kaum beschäftigt hatte Jene
Worte vielleicht nur einem flüchtigen Einfall der Frau Ehrenberg entsprungen
wurden im weiteren Verlauf des Abends wahr Von dem Augenblick an da die
Gesellschaft aufbrach und ihre fidele Reise durch den Volksprater antrat
überall in den Buden im Ringelspiel vor dem Wurstel und auch auf dem Heimweg
in die Stadt der spasshafter Weise zu Fuß gemacht wurde hatten sich Georg und
Anna zusammen gehalten und waren endlich von lustigen und törichten Gesprächen
umschwirrt in eine ganz vernünftige Unterhaltung geraten Ein paar Tage später
war er bei ihr und brachte ihr wie versprochen den Klavierauszug von »Eugen
Onegin« und einige von seinen Liedern bei seinem nächsten Besuch sang sie ihm
diese Lieder und manche von Schubert vor und ihre Stimme gefiel ihm sehr Bald
darauf nahmen sie für den Sommer voneinander Abschied ohne jede Spur von Wehmut
und Zärtlichkeit Annas Einladung nach Weissenfeld hatte Georg nur als
Höflichkeit aufgefasst so wie er seine Zusage verstanden glaubte und im
Vergleich zu der Harmlosigkeit des bisherigen Verkehrs durfte die Stimmung des
heutigen Besuchs Georg wohl eigentümlich erscheinen
Auf dem Stephansplatz sah sich Georg von jemandem gegrüßt der auf der
Plattform eines Stellwagens stand Georg der etwas kurzsichtig war erkannte
den Grüssenden nicht gleich
»Ich bins« sagte der Herr auf der Plattform
»O Herr Bermann Guten Abend« Georg reichte ihm die Hand hinauf »Wohin
des Wegs«
»Ich fahre in den Prater Ich will unten nachtmahlen Haben Sie etwas
besondres vor Herr Baron«
»Nicht das geringste«
»So kommen Sie doch mit«
Georg schwang sich auf den Omnibus der eben weiterzurumpeln begann Sie
erzählten einander beiläufig wie sie den Sommer verbracht hatten Heinrich war
im Salzkammergut gewesen später in Deutschland von wo er erst vor ein paar
Tagen zurückgekommen war
»Ach in Berlin« meinte Georg
»Nein«
»Ich dachte dass Sie vielleicht in Angelegenheit eines neuen Stückes «
»Ich habe kein neues Stück geschrieben« unterbrach ihn Heinrich etwas
unhöflich »Ich war im Taunus und am Rhein in verschiedenen Orten«
Was hat er denn am Rhein zu tun dachte Georg obwohl es ihn nicht weiter
interessierte Es fiel ihm auf dass Bermann zerstreut ja beinahe verdüstert vor
sich hinschaute
»Und wie stehts denn mit Ihren Arbeiten lieber Baron« fragte Heinrich
plötzlich lebhaft während er den dunkelgrauen Überzieher der ihm um die
Schulter hing enger um sich schlug »Ist Ihr Quintett fertig«
»Mein Quintett« wiederholte Georg verwundert »Hab ich Ihnen denn von
meinem Quintett gesprochen«
»Nein nicht Sie aber Fräulein Else sagte mir dass Sie an einem Quintett
arbeiten«
»Ach so Fräulein Else Nein ich bin nicht viel weiter gekommen Ich war
nicht gerade in der Stimmung wie Sie sich denken können«
»Ach ja« sagte Heinrich und schwieg eine Weile »Und Ihr Herr Vater war
noch so jung« fügte er langsam hinzu
Georg nickte wortlos
»Wie gehts Ihrem Bruder« fragte Heinrich plötzlich
»Danke recht gut« erwiderte Georg etwas befremdet Heinrich warf seine
Zigarre über die Brüstung und zündete sich gleich wieder eine neue an Dann
sagte er »Sie werden sich wundern dass ich mich nach Ihrem Bruder erkundige
den ich kaum jemals gesprochen habe Er interessiert mich aber Er stellt für
mich einen in seiner Art geradezu vollendeten Typus dar und ich halte ihn für
einen der glücklichsten Menschen die es gibt«
»Das mag wohl sein« erwiderte Georg zögernd »Aber wie kommen Sie
eigentlich zu der Ansicht da Sie ihn kaum kennen«
»Erstens heißt er Felician Freiherr von WergentinRecco« sagte Heinrich
sehr ernst und blies den Rauch in die Luft
Georg horchte mit einigem Erstaunen auf
»Sie heißen wohl auch WergentinRecco« fuhr Heinrich fort »aber nur Georg
und das ist lang nicht dasselbe nicht wahr Ferner ist Ihr Bruder sehr schön
Sie schauen allerdings auch nicht übel aus Aber Leute deren hauptsächliche
Eigenschaft es ist schön zu sein sind doch eigentlich viel besser dran als
andre deren hauptsächliche Eigenschaft es ist begabt zu sein Wenn man nämlich
schön ist, so ist man es immer während die Begabten doch mindestens neun
Zehntel ihrer Existenz ohne jede Spur von Talent verbringen Ja gewiss ist es
so Die Linie des Lebens ist sozusagen reiner wenn man schön als wenn man ein
Genie ist Übrigens ließe sich das alles besser ausdrücken«
Was hat er denn dachte Georg unangenehm berührt Sollte er vielleicht auf
Felician eifersüchtig sein wegen Else Ehrenberg
Auf dem Praterstern stiegen sie aus Der große Strom der Sonntagsmenge
flutete ihnen entgegen Sie nahmen den Weg in die Hauptallee wo es nicht mehr
belebt war und gingen langsam weiter Es war kühl geworden Georg machte
Bemerkungen über die herbstliche Abendstimmung über die Leute die in den
Wirtshäusern saßen über die Militärkapellen die in den Kiosken spielten
Heinrich entgegnete anfangs obenhin später gar nicht und schien endlich kaum
zuzuhören was Georg ungezogen fand Er bereute es beinahe sich Heinrich
angeschlossen zu haben umsomehr als es sonst gar nicht seine Art war
flüchtigen Aufforderungen ohne weiteres zu folgen und er entschuldigte sich vor
sich selbst dass er es diesmal nur aus Zerstreutheit getan hätte Heinrich ging
neben ihm her oder auch ein paar Schritte voraus als hätte er Georgs
Anwesenheit vollkommen vergessen Noch immer hielt er den umgehängten Überzieher
mit beiden Händen fest trug den weichen dunkelgrauen Hut in die Stirn gedrückt
und sah was Georg plötzlich empfindlich zu stören begann höchst unelegant aus
Heinrich Bermanns frühere Bemerkungen über Felician kamen ihm nun abgeschmackt
und geradezu taktlos vor und zu rechter Zeit fiel ihm ein dass so ziemlich
alles was er von den schriftstellerischen Leistungen Heinrichs kannte ihm
wider den Strich gegangen war Zwei Stücke von ihm hatte er gesehen eines das
in den unteren Volksschichten spielte unter Handwerkern oder Fabrikarbeitern und
mit Mord und Totschlag endete das andere eine Art von satirischer
Gesellschaftskomödie bei deren Erstaufführung es einen Skandal gegeben hatte
und die bald wieder vom Repertoire verschwunden war Übrigens hatte Georg den
Autor damals noch nicht persönlich gekannt und an der ganzen Sache kein weiteres
Interesse genommen Er erinnerte sich nur dass Felician das Stück geradezu
lächerlich gefunden und dass Graf Schönstein geäußert hatte wenn es nach ihm
ginge dürften Stücke von Juden überhaupt nur von der Budapester
Orpheumsgesellschaft aufgeführt werden Insbesondere aber hatte Doktor von
Breitner getauft und objektiv seiner Empörung Ausdruck gegeben dass so ein
hergelaufener junger Mensch eine Welt auf die Bühne zu bringen wagte die ihm
selbstverständlich verschlossen war und von der er daher unmöglich etwas
verstehen konnte Während Georg all dies wieder einfiel steigerte sich sein
Ärger über das manierlose Weiterlaufen und beharrliche Schweigen seines
Begleiters zu einer wahren Feindseligkeit und halb unbewusst begann er allen
Insulten recht zu geben die damals gegen Bermann vorgebracht worden waren Er
erinnerte sich jetzt auch dass ihm Heinrich von allem Anfang an persönlich
unsympatisch gewesen war und dass er sich zu Frau Ehrenberg ironisch über die
Geschicklichkeit geäußert mit der sie auch diesen jungen Ruhm sofort für ihren
Salon einzufangen gewusst hatte Else freilich hatte gleich Heinrichs Partei
genommen ihn für einen interessanten und manchmal sogar liebenswürdigen
Menschen erklärt und Georg prophezeit er würde über kurz oder lang mit ihm gut
Freund werden Und tatsächlich war in Georg zum mindesten von jenem Gespräch
heuer im Frühjahr nachts auf der Ringstrassenbank eine gewisse Sympatie für
Bermann zurückgeblieben die bis zum heutigen Abend vorgehalten hatte
Längst waren sie an den letzten Gastäusern vorbei Neben ihnen lief die
weiße Fahrstrasse einsam und gerade zwischen den Bäumen in die Nacht hinaus und
sehr entfernte Musik tönte nur mehr in abgerissenen Klängen zu ihnen her
»Wohin denn noch« rief Heinrich plötzlich aus als hätte man ihn wider
Willen hierher geschleppt und blieb stehen
»Ich kann wirklich nichts dafür« bemerkte Georg einfach
»Entschuldigen Sie« sagte Heinrich
»Sie waren so sehr in Gedanken vertieft« entgegnete Georg kühl
»Vertieft will ich eben nicht sagen Aber es passiert einem manchmal dass
man sich so in sich selbst verliert«
»Ich kenne das« meinte Georg ein wenig versöhnt
»Man hat Sie übrigens im August auf dem Auhof erwartet« sagte Heinrich
plötzlich
»Erwartet Frau Ehrenberg war wohl so freundlich mich einmal einzuladen
aber ich hatte keineswegs zugesagt Haben Sie sich längere Zeit dort
aufgehalten Herr Bermann«
»Längere Zeit nein Ich war einige Male oben aber immer nur auf ein paar
Stunden«
»Ich dachte Sie hätten oben gewohnt«
»Keine Idee Ich hab unten im Gasthof logiert Ich bin nur gelegentlich
hinauf gekommen Es ist mir dort zu laut und bewegt das Haus wimmelt ja von
Besuchen Und die Mehrzahl der Leute die dort verkehren kann ich nicht
ausstehen«
Ein offener Fiaker in dem ein Herr und eine Dame saßen fuhr an ihnen
vorüber
»Das war ja Oskar Ehrenberg« sagte Heinrich
»Und die Dame« fragte Georg und sah etwas Hellem nach das durch die
Dunkelheit leuchtete
»Kenn ich nicht«
Sie nahmen den Weg durch eine finstere Seitenallee Wieder stockte das
Gespräch Endlich begann Heinrich »Fräulein Else hat mir auf dem Auhof ein paar
von Ihren Liedern vorgesungen Einige hatte ich übrigens schon gehört von der
Bellini glaub ich«
»Ja die Bellini hat sie vorigen Winter in einem Konzert gesungen«
»Nun diese Lieder und einige andre von Ihnen sang Fräulein Else«
»Wer hat sie denn begleitet«
»Ich selbst so gut ich eben konnte Ich muss Ihnen übrigens sagen lieber
Baron die Lieder haben eigentlich noch einen stärkeren Eindruck auf mich
gemacht als das erstemal im Konzert trotzdem Fräulein Else ja beträchtlich
weniger Stimme und Kunstfertigkeit besitzt als Fräulein Bellini Andererseits
muss man freilich bedenken dass es ein prachtvoller Sommernachmittag war an dem
Fräulein Else Ihre Lieder sang Das Fenster stand offen man sah drüben die
Berge und den tiefblauen Himmel aber es bleibt noch immer genug für Sie
übrig«
»Sehr schmeichelhaft« sagte Georg von Heinrichs spöttelndem Ton peinlich
berührt
»Wissen Sie« fuhr Heinrich fort und sprach wie er es manchmal tat mit
zusammengepressten Zähnen und unnötig heftiger Betonung »wissen Sie es ist im
allgemeinen nicht meine Gewohnheit Leute die ich zufällig auf der Straße sehe
auf den Omnibus heraufzubitten und ich will es ihnen lieber gleich gestehen
dass ich es wie sagt man nur als einen Wink des Schicksals betrachtet
habe wie ich Sie plötzlich auf dem Stephansplatz erblickte«
Georg hörte ihn verwundert an
»Sie erinnern sich vielleicht nicht mehr so gut als ich« fuhr Heinrich
fort »an unser letztes Gespräch auf jener Ringstrassenbank«
Nun erst fiel es Georg ein dass Heinrich damals ganz flüchtig von einem
Opernstoff gesprochen der ihn beschäftigte worauf Georg ebenso beiläufig und
eher scherzhaft sich als Komponisten angeboten hatte Und absichtlich kühl
entgegnete er »Ach ja ich erinnere mich«
»Nun das verpflichtet Sie zu nichts« erwiderte Heinrich noch kühler als
der andere »um so weniger als ich die Wahrheit zu sagen an meinen Opernstoff
überhaupt nicht mehr gedacht hatte bis zu jenem schönen Sommernachmittag an
dem Fräulein Else Ihre Lieder sang Wie wärs übrigens wenn wir uns hier
niederliessen«
Der Gastausgarten in den sie eintraten war ziemlich leer Heinrich und
Georg nahmen in einer kleinen Laube nächst dem grünen Staketgitter Platz und
bestellten ihr Nachtmahl
Heinrich lehnte sich zurück streckte seine Beine aus betrachtete Georg
der beharrlich schwieg mit prüfenden fast spöttischen Augen und sagte
plötzlich »Ich glaube mich übrigens nicht zu irren wenn ich annehme dass Ihnen
die Sachen die ich bisher gemacht habe nicht gerade ans Herz gewachsen sind«
»O« erwiderte Georg und errötete ein wenig »wie kommen Sie zu dieser
Ansicht«
»Nun ich kenne meine Stücke und kenne Sie«
»Mich« fragte Georg beinahe verletzt
»Gewiss« erwiderte Heinrich überlegen »Übrigens habe ich den meisten
Menschen gegenüber diese Empfindung und halte diese Fähigkeit sogar für meine
einzige absolute unzweifelhafte Alle übrigen sind ziemlich problematisch
find ich Insbesondere ist meine sogenannte Künstlerschaft etwas durchaus
mässiges und auch gegen meine Charaktereigenschaften wäre manches einzuwenden
Das einzige was mir eine gewisse Sicherheit gibt ist eigentlich nur das
Bewusstsein in menschliche Seelen hineinschauen zu können tief hinein in
alle in die von Schurken und ehrlichen Leuten in die von Frauen und Männern
und Kindern in die von Heiden Juden Protestanten ja selbst in die von
Katholiken Adeligen und Deutschen obwohl ich gehört habe dass gerade das für
unsereinen so unendlich schwer oder sogar unmöglich sein soll«
Georg zuckte leicht zusammen Er wusste dass Heinrich insbesondere bei
Gelegenheit seines letzten Stückes von konservativen und klerikalen Blättern
persönlich aufs heftigste angegriffen worden war Aber was geht das mich an
dachte Georg Schon wieder einer den man beleidigt hat Es war wirklich absolut
ausgeschlossen mit diesen Leuten harmlos zu verkehren Höflich fremd in einer
ihm selbst kaum bewussten Erinnerung an die Erwiderung des alten Herrn Rosner
gegenüber dem jungen Doktor Stauber äußerte er »Eigentlich dachte ich mir dass
Menschen wie Sie über Angriffe von jener Art auf die Sie offenbar anspielen
erhaben wären«
»So dachten Sie das« fragte Heinrich in dem kalten beinahe abstossenden
Ton der ihm manchmal eigen war »Nun« fuhr er milder fort »zuweilen stimmt es
ja Aber leider nicht immer Es braucht nicht viel dazu um die Selbstverachtung
aufzuwecken die stets in uns schlummert und wenn das einmal geschehen ist
gibt es keinen Tropf und keinen Schurken mit dem wir uns nicht innerlich gegen
uns selbst verbünden Entschuldigen Sie wenn ich wir sage «
»O ich habe schon ganz ähnliches empfunden Freilich hatte ich noch nicht
Gelegenheit der Öffentlichkeit so oft und so exportiert gegenüberzustehen wie
Sie«
»Nun wenn auch ganz das Gleiche wie ich werden Sie doch niemals
durchzumachen haben«
»Warum denn« fragte Georg ein wenig gekränkt
Heinrich sah ihm scharf ins Auge »Sie sind der Freiherr von
WergentinRecco«
»O darum Ich bitte Sie es gibt heutzutage eine ganze Menge Leute die
gerade deswegen gegen einen voreingenommen sind und es einem gelegentlich
vorzuhalten wissen dass man Baron ist«
»Ja ja aber es liegt doch ein anderer Ton darin das werden Sie mir
zugeben und auch ein anderer Sinn wenn man einem den Freiherrn als wenn man
einem den Juden ins Gesicht schleudert obzwar das letztere bisweilen Sie
verzeihen schon der bessere Adel sein mag Nun Sie brauchen mich nicht so
mitleidig anzuschauen« setzte er plötzlich grob hinzu »Ich bin nicht immer so
empfindlich Es gibt auch andre Stimmungen in denen mir überhaupt nichts und
niemand etwas anhaben kann Da hab ich nur dieses eine Gefühl was wisst Ihr denn
alle was wisst Ihr denn von mir «
Er schwieg stolz mit einem höhnischen Blick der sich durch das
Blätterwerk der Laube ins Dunkle bohrte Dann wandte er den Kopf sah ringsumher
und sagte einfach in einem neuen Ton zu Georg »Sehen Sie doch wir sind bald
die einzigen«
»Es wird auch recht kühl« sagte Georg
»Ich denke wir bummeln noch ein wenig durch den Prater«
»Gern«
Sie erhoben sich und gingen Auf einer Wiese an der sie vorüberkamen lag
feiner grauer Nebel
»Bis in die Nacht hält die Sommerlüge doch nicht mehr an Nun wird es bald
endgültig vorbei sein« sagte Heinrich mit unverhältnismässiger Bedrückteit und
wie zum eigenen Trost fügte er hinzu »Nun man wird arbeiten«
Sie kamen in den Wurstelprater Aus den Gastäusern tönte Musik und Georg
teilte sich sofort etwas von der fröhlichlauten Stimmung mit in die er nun mit
einem Male aus den Traurigkeiten eines herbstlichen Wirtshausgartens und einer
etwas gequälten Unterhaltung geraten war
Vor einem Ringelspiel aus dem ein riesiger Leierkasten
phantastischorgelhaft ein Potpourri aus dem »Troubadour« ins Freie sandte und
an dessen Eingang ein Ausrufer zur Reise nach London Atzgersdorf und Australien
aufforderte erinnerte sich Georg wieder der Frühjahrspartie mit der
Ehrenbergschen Gesellschaft Auf dieser schmalen Bank im Innern des Raumes war
Frau Oberberger gesessen den Kavalier des Abends Demeter Stanzides zur Seite
und hatte ihm wahrscheinlich eine ihrer unglaublichen Geschichten erzählt dass
ihre Mutter die Geliebte eines russischen Grossfürsten gewesen dass sie selbst
mit einem Anbeter eine Nacht auf dem Hallstädter Friedhof verbracht natürlich
ohne dass etwas geschehen war oder dass ihr Gatte der berühmte Reisende in
einem Harem zu Smyrna in einer Woche siebzehn Frauen erobert hatte In diesem
rotsamtgepolsterten Wägelchen mit Hofrat Wilt als Gegenüber hatte Else
gelehnt damenhaft anmutig ungefähr wie in einem Fiaker am Derbytag und hatte
doch verstanden durch Haltung und Miene zum Ausdruck zu bringen dass sie wenn
es darauf ankäme gerade so kindlich sein konnte wie andre einfältige
glücklichere Menschen Anna Rosner lässig die Zügel in der Hand würdig aber
mit einem etwas verschmitzten Gesicht ritt einen weißen Araber Sissy wiegte
sich auf einem Rappen der sich nicht nur im Kreise mit den andern Tieren und
Wagen drehte sondern außerdem hin und herschaukelte Unter der kühnen Frisur
mit dem riesigen schwarzen Federhut blitzten und lachten die frechsten Augen
über den ausgeschnittenen Lackschuhen und durchbrochenen Strümpfen flatterte und
flog der weiße Rock Auf zwei fremde Herren hatte Sissys Erscheinung so seltsam
gewirkt dass sie ihr eine unzweideutige Einladung zuriefen worauf eine kurze
geheimnisvolle Unterhaltung zwischen Willy der sofort zur Stelle war und den
zwei ziemlich betretenen Herren erfolgte die anfangs durch das nonchalante
Anzünden neuer Zigaretten ihre Position zu retten versuchten aber dann
plötzlich in der Menge verschwunden waren
Auch die Bude mit den »Illusionen« und Lichtbildern hatte für Georg ihre
besondere Erinnerung Hier während Daphne sich in einen Baum verwandelte hatte
ihm Sissy ein leises »remember« ins Ohr geflüstert und ihm damit den Maskenball
bei Ehrenbergs ins Gedächtnis gerufen an dem sie wohl nicht für ihn allein
den Spitzenschleier zu einem flüchtigen Kuss gelüftet hatte Dann kam die Hütte
wo die ganze Gesellschaft sich hatte photographieren lassen die drei jungen
Mädchen Anna Else und Sissy in genienhafter Pose die Herren mit himmelnden
Augen ihnen zu Füßen so dass das Ganze etwa ausgesehen hatte wie die Apoteose
aus einer Zauberposse Und während Georg sich jener kleinen Erlebnisse entsann
schwebte ihm immer der heutige Abschied von Anna durch die Erinnerung und schien
ihm von den angenehmsten Verheißungen erfüllt
Vor einer offenen Schiessbude standen auffallend viel Leute Bald war der
Trommler ins Herz getroffen und wirbelte mit flinken Schlägen auf dem Fell bald
zersprang leise klirrend eine Glaskugel die auf einem Wasserstrahl hin und her
getanzt war bald führte eine Marketenderin eiligst die Trompete zum Mund und
blies drohend Appell bald donnerte aus aufgesprungenem Tor eine kleine
Eisenbahn sauste über eine fliegende Brücke und wurde von einem andern Tor
verschlungen Da einige Zuschauer sich allmählich entfernten rückten Georg und
Heinrich vor und erkannten in den sichern Schützen Oskar Ehrenberg und seine
Dame Eben richtete Oskar das Gewehr auf einen Adler der sich nahe der Decke
mit ausgebreiteten Flügeln auf und ab bewegte und fehlte zum erstenmal
Indigniert legte er die Waffe nieder sah sich um erblickte die beiden Herren
hinter sich und begrüßte sie
Die junge Dame das Gewehr an der Wange warf einen flüchtigen Blick auf die
Neuangekommenen visierte gleich wieder angelegentlich und drückte ab Der Adler
ließ den getroffenen Flügel sinken und bewegte sich nicht mehr
»Bravo« rief Oskar
Die Dame legte das Gewehr vor sich auf den Tisch hin
»Is genug« sagte sie zu dem Jungen der von neuem laden wollte »gwonnen
hab ich eh«
»Wie viel Schuss warens« fragte Oskar
»Vierzig« antwortete der Junge »macht achtzig Kreuzer Oskar griff in die
Westentasche warf einen Silbergulden hin und nahm den Dank des Ladenjungen mit
Herablassung entgegen »Erlaube« sagte er dann indem er beide Hände in die
Seiten stützte den Oberkörper leicht nach vorn bewegte und den linken Fuß
vorwärts setzte »erlaube Amy dass ich dir die Herren vorstelle welche Zeugen
deiner Triumphe waren Baron Wergentin Herr von Bermann Fräulein Amelie
Reiter«
Die Herren lüfteten ihre Hüte Amelie nickte zum Gegengruss ein paarmal
hintereinander mit dem Kopf Sie trug ein einfaches weiß gemustertes
Foulardkleid darüber eine leichte Mantille von hellem Gelb mit Spitzen umsäumt
und einen schwarzen aber sehr vergnügten Hut »Den Herrn von Bermann kenn ich
ja« sagte sie Sie wandte sich an ihn »Bei der Premiere von Ihrem Stück im
vorigen Winter hab ich Sie gesehen wie Sie herausgekommen sind sich verbeugen
Ich habe mich sehr gut unterhalten Nicht dass ich Ihnen das vielleicht aus
Höflichkeit sag«
Heinrich dankte ernst
Sie spazierten weiter zwischen Buden vor denen es stiller wurde an
Wirtshausgärten vorbei die sich allmählich leerten
Oskar schob seinen rechten Arm in den linken seiner Begleiterin dann wandte
er sich an Georg »Warum sind Sie denn heuer nicht auf dem Auhof gewesen Wir
haben alle sehr bedauert«
»Ich war leider in wenig geselliger Stimmung«
»Natürlich kann ich mir denken« sagte Oskar mit dem gebotenen Ernst »Ich
war übrigens auch nur ein paar Wochen dort Im August hab ich meine müden
Glieder in den Wogen der Nordsee gestärkt ich war nämlich auf der Isle of
Wight«
»Dort soll es ja sehr schön sein« sagte Georg »wer geht denn nur immer
hin«
»Die Wyners meinen Sie« erwiderte Oskar »Wenigstens wie sie noch in
London gelebt haben sind sie regelmäßig dort gewesen Jetzt nur mehr alle zwei
drei Jahre«
»Aber das Ypsilon haben sie auch für Österreich beibehalten« sagte Georg
lächelnd
Oskar blieb ernst »Der alte Herr Wyner« erwiderte er »hat sich sein Recht
auf das Ypsilon ehrlich erworben Er ist schon in seinem dreizehnten Jahr nach
England gekommen hat sich dort naturalisieren lassen und als ganz junger Mensch
ist er Kompagnon der großen Stahlfabrik geworden die jetzt noch immer Black und
Wyner heißt«
»Aber seine Frau hat er sich doch aus Wien geholt«
»Ja Und wie er vor sieben oder acht Jahren gestorben ist ist sie mit den
zwei Kindern hierher übersiedelt Aber James wird sich hier nie eingewöhnen
der Lord Antinous Sie wissen ja dass Frau Oberberger ihn so nennt Jetzt ist er
wieder in Kambridge wo er seltsamerweise griechische Philologie studiert Im
übrigen ist auch Demeter ein paar Tage in Ventnor gewesen«
»Stanzides« ergänzte Georg
»Kennen Sie den Herrn von Stanzides Herr Baron« fragte Amy
»Jawohl«
»Also existiert er richtig« rief sie aus
»Ja aber hörst du« sagte Oskar »Heuer im Frühjahr hat sie in der Freudenau
auf ihn gesetzt und hat eine Masse Geld gewonnen und jetzt fragt sie ob er
existiert«
»Warum zweifeln Sie denn an der Existenz von Stanzides Fräulein« fragte
Georg
»Ja wissen Sie alleweil wenn ich nicht weiß wo er is der Oskar heissts
ich hab ein Rendezvous mitn Stanzides oder ich reit mitn Stanzides in
Prater Stanzides hin Stanzides her es klingt mehr wie eine Ausred als wie
ein Nam«
»Jetzt schweig aber endlich einmal still« sagte Oskar mild
»Stanzides existiert nicht nur« erklärte Georg »sondern er hat den
schönsten schwarzen Schnurrbart und die glühendsten schwarzen Augen die es
überhaupt gibt«
»Das is schon möglich aber wie ich ihn gsehen hab hat er ausgschaut wie
ein Wurstel Gelber Janker grünes Kappel violette Schleifen«
»Und sie hat vierzig Gulden auf ihn gewonnen« ergänzte Oskar humoristisch
»Wo sind die vierzig Gulden« seufzte Fräulein Amelie Plötzlich blieb
sie stehen und rief »Da bin ich aber noch nie mitgefahren«
»Das kann ja nachgeholt werden« sagte Oskar einfach
Es war das Riesenrad das sich vor ihnen mit seinen beleuchteten Wagen
langsam majestätisch drehte Die jungen Leute passierten das Tourniquet
stiegen in ein leeres Kupee und schwebten empor
»Wissen Sie Georg wen ich heuer im Sommer kennen gelernt habe« sagte
Oskar »den Prinzen von Guastalla
»Welchen« fragte Georg
»Den jüngsten natürlich Karl Friedrich Er ist inkognito dort gewesen Er
ist sehr gut mit dem Stanzides ein merkwürdiger Mensch Ich kann Sie
versichern« setzte er leise hinzu »wenn unsereins den hundertsten Teil von den
Sachen reden möcht wie der Prinz wir kämen unser Lebtag aus dem schweren Kerker
nicht heraus«
»Schau Oskar« rief Amy »die Tische und die Leut da unten Wie aus einem
Schachterl nicht wahr Und die Masse Lichter dort ganz weit da gehts sicher
nach Prag Glauben S nicht Herr Bermann«
»Möglich« erwiderte Heinrich und starrte mit gefalteter Stirn durch die
gläserne Wand in die Nacht hinaus
Als sie das Kupee verließen und ins Freie traten war der Sonntagslärm im
Verrauschen
»Die Kleine« sagte Oskar Ehrenberg zu Georg während Amy mit Heinrich
vorausging »die ahnt auch nicht dass wir heute das letztemal zusammen im Prater
spazieren gehen«
»Warum denn das letztemal« fragte Georg ohne tieferes Interesse
»Es muss sein« erwiderte Oskar »Solche Sachen dürfen nicht länger dauern
als höchstens ein Jahr Sie können sich übrigens vom Dezember an bei ihr Ihre
Handschuhe kaufen« fügte er heiter aber nicht ohne Wehmut hinzu »Ich richte
ihr nämlich ein kleines Geschäft ein Das bin ich ihr gewissermaßen schuldig
denn ich hab sie aus einer ziemlich sichern Situation herausgerissen«
»Aus einer sichern«
»Ja sie war verlobt Mit einem Etuimacher Haben Sie gewusst dass es das
gibt«
Indessen war Amy und Heinrich vor einer Wendeltreppe stehen geblieben die
eng und kühn zu einem Plateau hinaufführte und erwarteten die andern Alle
waren darüber einig dass man den Prater nicht verlassen durfte ohne auf der
Rutschbahn gefahren zu sein
Sie sausten durchs Dunkel hinab und wieder hinauf im dröhnenden Wagen
unter schwarzen Wipfeln und dem dumpf rhytmischen Lärm entklang für Georg
allmählich ein groteskes Motiv im Dreivierteltakt Während er mit den andern die
Wendeltreppe hinabstieg wusste er auch schon dass die Melodie von Oboe und
Klarinette gebracht und von Cello und Kontrabass begleitet werden müsse Offenbar
war es ein Scherzo vielleicht für eine Symphonie
»Wenn ich ein Unternehmer wäre« erklärte Heinrich mit Entschiedenheit »so
ließ ich eine Rutschbahn bauen viele Meilen lang die ginge über Wiesen
Abhänge durch Wälder Tanzsäle auch für Überraschungen auf dem Weg wäre
gesorgt« Jedenfalls so fand er weiter wäre nun die Zeit gekommen das
phantastische Element im Wurstelprater zu höherer Entfaltung zu bringen Er
selbst hätte vorläufig die Idee für ein Ringelspiel das sich hoch und durch
einen merkwürdigen Mechanismus spiralig immer höher über den Erdboden drehen
müsse um endlich in einer Art von Turmspitze anzulangen Leider mangelten ihm
die notwendigen technischen Vorkenntnisse zur näheren Erklärung Im Weitergehen
erfand er burleske Figuren und Gruppen für die Schiessbuden und sprach endlich
die dringende Forderung nach einem großartigen Kasperlteater aus für das
originelle Dichter tiefsinnigheitere Stücke entwerfen müssten
So war man an den Ausgang des Praters gelangt wo Oskars Wagen wartete
Gedrängt aber gut gelaunt fuhren sie nach einem Weinrestaurant in der Stadt In
einem separierten Zimmer ließ Oskar Champagner auftragen Georg setzte sich ans
Klavier und phantasierte über das Thema das ihm auf der Rutschbahn eingefallen
war Amy lehnte in der Divanecke und Oskar flüsterte ihr allerhand ins Ohr
worüber sie lachen musste Heinrich war wieder stumm geworden und drehte sein
Glas langsam zwischen den Fingern hin und her Plötzlich hielt Georg im Spielen
inne und ließ die Hände auf den Tasten liegen Ein Gefühl von der
Traumhaftigkeit und Zwecklosigkeit des Daseins kam über ihn wie manchmal wenn
er Wein getrunken hatte Viele Tage war es her dass er eine schlecht beleuchtete
Treppe in der Paulanergasse hinuntergegangen war und der Spaziergang mit
Heinrich durch die herbstdunkle Allee lag in fernster Vergangenheit Hingegen
erinnerte er sich plötzlich so lebhaft als wär es gestern gewesen eines sehr
jungen und sehr verdorbenen Wesens mit dem er vor vielen Jahren ein paar Wochen
in heiterunsinniger Art verbracht hatte etwa so wie Oskar Ehrenberg jetzt mit
Amy Eines Abends hatte sie ihn auf der Straße zu lange warten lassen
ungeduldig war er fort gegangen und hatte nie wieder etwas von ihr gehört oder
gesehen Wie leicht sich das Leben zuweilen anliess Er hörte das leise Lachen
Amys wandte sich und sein Blick begegnete den Augen Oskars die über den
blonden Kopf Amys hinweg die seinen suchten Er empfand diesen Blick als
ärgerlich wich ihm absichtlich aus und schlug wieder einige Töne an in
volksliedartiger melancholischer Weise Er spürte Lust all das aufzuzeichnen
was ihm heute eingefallen war und sah auf die Uhr die über der Tür hing Es
war eins vorbei Dann verständigte er sich mit Heinrich durch einen Blick und
beide erhoben sich Oskar deutete auf Amy die an seiner Schulter
eingeschlummert war und gab durch ein lächelndes Achselzucken zu verstehen dass
er unter diesen Umständen noch nicht ans Fortgehen denken könne Die beiden
andern reichten ihm die Hände flüsterten ihm gute Nacht zu und entfernten sich
»Wissen Sie was ich getan hab« sagte Heinrich »während Sie auf dem
grässlichen Pianino so wunderhübsch phantasierten Ich hab versucht mir den Stoff
zurecht zu legen von dem ich Ihnen im Frühjahr gesprochen hab«
»Ah den Opernstoff Das ist ja interessant Wollen Sie ihn mir nicht einmal
erzählen«
Heinrich schüttelte den Kopf »Ich möchte schon aber das Malheur ist nur
wie sich eben herausgestellt hat dass er eigentlich gar nicht vorhanden ist Wie
die meisten andern von meinen sogenannten Stoffen«
Georg sah ihn fragend an »Im Frühjahr wie wir uns das letztemal gesehen
haben da hatten Sie ja eine ganze Menge vor«
»Ja aufnotiert ist gar viel Aber heut ist nichts mehr davon da als Sätze
Nein Worte Nein Buchstaben auf weißem Papier Es ist geradeso wie wenn
eine Totenhand alles berührt hätte Ich fürchte nächstens einmal wenn ich das
Zeug nur angreife fällt es auseinander wie Zunder Ja ich hab eine schlechte
Zeit und wer weiß ob je noch eine bessere kommen wird«
Georg schwieg Dann mit einer plötzlichen Erinnerung an eine Zeitungsnotiz
die er irgendwo über Heinrichs Vater den ehemaligen Abgeordneten Dr Bermann
gelesen hatte und einen Zusammenhang vermutend fragte er »Ihr Herr Vater ist
leidend nicht wahr«
Ohne ihn anzusehen erwiderte Heinrich »Ja Mein Vater ist in einer Anstalt
für Gemütskranke schon seit dem Juni«
Georg schüttelte teilnahmsvoll den Kopf
Heinrich fuhr fort »Ja das ist eine furchtbare Sache Wenn ich auch in der
letzten Zeit in keinem sehr nahen Verhältnis zu ihm gestanden bin es ist und
bleibt furchtbarer als man es sagen kann«
»Unter solchen Umständen« meinte Georg »ist es ja sehr begreiflich dass es
mit der Arbeit nicht recht gehen will«
»Ja« erwiderte Heinrich wie zögernd »Aber es ist nicht das allein Die
Wahrheit zu sagen in meinem augenblicklichen Seelenzustand spielt diese Sache
eine verhältnismäßig geringfügige Rolle Ich will mich nicht besser machen als
ich bin Besser Wär ich dann besser « Er lachte kurz dann sprach er
weiter »Sehen Sie gestern dacht ich auch noch es wäre alles mögliche
zusammen was mich so niederdrückt Aber heute hab ich wieder einmal einen
untrüglichen Beweis dafür erhalten dass mich ganz nichtige ja läppische Dinge
tiefer berühren als sehr wesentliche wie zum Beispiel die Erkrankung meines
Vaters Widerwärtig was«
Georg sah vor sich hin Warum begleit ich ihn eigentlich dachte er und
warum findet er es ganz selbstverständlich
Heinrich sprach weiter mit zusammengepressten Zähnen und mit überflüssig
heftigem Ton »Heute Nachmittag hab ich nämlich zwei Briefe bekommen Zwei
Briefe ja einen von meiner Mutter die gestern meinen Vater in der Anstalt
besucht hat Dieser Brief enthielt die Nachricht dass es ihm schlecht geht sehr
schlecht kurz und gut es wird wohl nicht lange mehr dauern« Er atmete tief
auf »Und natürlich hängt da noch allerlei daran wie Sie sich denken können
Schwierigkeiten verschiedener Art Sorgen für meine Mutter und meine Schwester
für mich Und nun denken Sie zugleich mit diesem Brief kam ein anderer der gar
nichts von Bedeutung enthielt so zu sagen Ein Brief von einer Person die mir
zwei Jahre hindurch nahe stand Und in diesem Brief war eine Stelle die mir ein
bisschen verdächtig erschien Eine einzige Stelle Sonst war dieser Brief wie
alle Briefe dieser Person sind sehr liebevoll sehr nett Und jetzt stellen
Sie sich vor den ganzen Tag verfolgt mich peinigt mich die Erinnerung an diese
eine verdächtige Stelle die ein anderer überhaupt nicht bemerkt hätte Ich
denke nicht an meinen Vater der im Irrenhaus ist nicht an meine Mutter meine
Schwester die verzweifeln nur an diese unbedeutende Stelle in diesem dummen
Brief eines durchaus nicht hervorragenden Frauenzimmers Die frisst alles in mir
auf macht mich unfähig zu fühlen wie ein Sohn wie ein Mensch Ist es nicht
scheusslich«
Befremdet hörte Georg zu Es erschien ihm sonderbar wie dieser schweigsame
verdüsterte Mensch sich ihm dem flüchtig Bekannten mit einem Male aufschloss
und er konnte sich dieser unerwarteten Offenheit gegenüber einer peinlichen
Verlegenheit nicht erwehren Auch hatte er nicht den Eindruck dass er diese
Geständnisse einer besonderen Sympatie Heinrichs verdankte sondern spürte
darin eher einen Mangel an Takt eine gewisse Unfähigkeit der
Selbstbeherrschung irgend etwas wofür ihm das Wort »schlechte Erziehung« das
er schon irgend einmal war es nicht von Hofrat Wilt auf Heinrich anwenden
gehört hatte sehr bezeichnend erschien Sie gingen eben am Burgtor vorüber Ein
sternenloser Himmel lag über der stummen Stadt Durch die Bäume des Volksgartens
rauschte es leise irgendwoher drang das Geräusch eines rollenden Wagens der
sich entfernte
Da Heinrich wieder schwieg blieb Georg stehen und sagte in möglichst
freundlichem Tone »Nun muss ich mich doch von Ihnen verabschieden lieber Herr
Bermann«
»O« rief Heinrich »jetzt merk ich erst dass Sie mich ein ganzes Stück
begleitet haben und ich erzähl Ihnen oder vielmehr mir in Ihrer Gegenwart
taktloserweise lauter Geschichten die Sie nicht im geringsten interessieren
können verzeihen Sie«
»Was gibts da zu verzeihen« erwiderte Georg leise kam sich gegenüber
dieser Selbstanklage Heinrichs ein wenig wie ertappt vor und reichte ihm die
Hand Heinrich nahm sie sagte »auf Wiedersehen lieber Baron« und als hielte
er plötzlich jedes weitere Wort für eine Zudringlichkeit entfernte er sich
eilig
Georg sah ihm nach mit Teilnahme und Widerwillen zugleich und eine
plötzliche freie beinahe glückliche Stimmung kam über ihn in der er sich jung
sorgenlos und zu der schönsten Zukunft bestimmt erschien Er freute sich auf den
Winter der vor der Türe war Alles mögliche stand in Aussicht Arbeit
Unterhaltung Zärtlichkeit und es war im Grunde gleichgültig von wo alle diese
Freuden kommen mochten Bei der Oper zögerte er einen Augenblick Wenn er durch
die Paulanergasse nach Hause ging so bedeutete es keinen beträchtlichen Umweg
Er lächelte in der Erinnerung an Fensterpromenaden früherer Jahre Nicht fern
von hier lag die Straße wo er manche Nacht zu einem Fenster aufgeblickt hatte
hinter dessen Vorhängen sich Marianne zu zeigen pflegte wenn ihr Gatte
eingeschlafen war Diese Frau die stets mit Gefahren spielte an deren Ernst
sie selbst nicht glaubte war Georg nie wirklich wert gewesen Eine andre
Erinnerung ferner als diese war um viel holdseliger In Florenz als
siebzehnjähriger Jüngling war er manche Nacht vor dem Fenster eines schönen
Mädchens auf und abgegangen des ersten weiblichen Wesens das sich ihm dem
Unberührten als Jungfrau gegeben hatte Und er dachte der Stunde an der er die
Geliebte am Arm des Bräutigams zum Altar hatte schreiten sehen wo der Priester
die Ehe einsegnen sollte des Blicks den sie unter dem weißen Schleier zu
ewigem Abschied ihm herüber gesandt hatte Er war am Ziele Nur an den beiden
Enden der kurzen Gasse brannten noch die Laternen so dass er dem Hause gegenüber
völlig im Dunkel stand Das Fenster von Annas Zimmer war offen und wie am
Nachmittag bewegten die zusammengesteckten Tüllvorhänge sich leise im Wind
Dahinter war es ganz dunkel Eine sanfte Zärtlichkeit regte sich in Georg Von
allen Wesen die jemals ihre Neigung ihm nicht verhehlt hatten schien Anna ihm
die beste und reinste Auch war sie wohl die erste die seinen künstlerischen
Bestrebungen Teilnahme entgegenbrachte eine echtere jedenfalls als Marianne
der die Tränen über die Wangen gerollt waren was immer er ihr auf dem Klavier
vorspielen mochte eine tiefre auch als Else Ehrenberg die sich ja doch nur das
stolze Bewusstsein sichern wollte als erste sein Talent erkannt zu haben Und
wenn irgend eine so war Anna dazu geschaffen seinem Hang zur Verspielteit und
zur Nachlässigkeit entgegenzuwirken ihn zu zielbewusster und erwerbbringender
Tätigkeit anzuhalten Schon im letzten Winter hatte er daran gedacht sich um
eine Stelle an einer deutschen Opernbühne als Kapellmeister oder Korrepetitor
umzusehen bei Ehrenbergs hatte er flüchtig von seinen Absichten gesprochen die
nicht sehr ernst genommen wurden und Frau Ehrenberg mütterlich und weltklug
hatte ihm geraten doch lieber eine Tournee als Komponist und Dirigent durch die
Vereinigten Staaten zu unternehmen worauf Else vorlaut hinzugefügt hatte »Und
eine amerikanische Erbin wär auch nicht zu verachten« Während er sich dieses
Gesprächs erinnerte behagte er sich sehr in der Idee ein bisschen in der Welt
herumzuabenteuern wünschte sich fremde Städte und Menschen kennen zu lernen
irgendwo im Weiten allerlei Liebe und Ruhm zu gewinnen und fand am Ende dass
seine Existenz im ganzen viel zu ruhig und einförmig dahinflösse
Längst ohne innerlich von Anna Abschied genommen zu haben hatte er die
Paulanergasse verlassen und bald war er zu Hause Als er ins Speisezimmer trat
sah er dass aus dem Zimmer Felicians Licht schimmerte
»Guten Abend Felician« rief er laut
Die Türe wurde geöffnet und Felician noch völlig angekleidet trat heraus
Die Brüder reichten sich die Hände
»Du kommst auch erst jetzt nach Hause« sagte Felician »Ich habe gedacht
du schläfst schon lang« Während er sprach sah er wie das seine Art war an
ihm vorbei und neigte den Kopf nach der rechten Seite »Was hast du denn
getrieben«
»Ich war im Prater« erwiderte Georg
»Allein«
»Nein ich habe Leute getroffen Den Oskar Ehrenberg mit seiner Dame und den
Schriftsteller Bermann Wir haben geschossen und sind Rutschbahn gefahren Es
war ganz lustig Was hast du denn da in der Hand« unterbrach er sich »Bist
du so spazieren gegangen« fügte er scherzend hinzu
Felician ließ den Degen den er in der Rechten hielt im Licht der Lampe
schimmern »Ich habe ihn eben von der Wand herunter genommen Morgen fang ich
wieder ernstlich an Das Tournier ist schon Mitte November Und heuer will ichs
auch gegen Forestier versuchen«
»Donnerwetter« rief Georg
»Eine Unverschämtheit denkst du dir was Aber bis Mitte November ist noch
lang Und das merkwürdige ist ich habe das Gefühl als wenn ich heuer im
Sommer gerade in den sechs Wochen während ich das Ding da gar nicht in der
Hand gehabt habe was zugelernt hätte Es ist wie wenn mein Arm indessen auf
neue Ideen gekommen wäre Ich kann dir das nicht recht erklären«
»Ich verstehe schon was du meinst«
Felician hielt den Degen ausgestreckt vor sich hin und betrachtete ihn mit
Zärtlichkeit Dann sagte er »Ralph hat sich nach dir erkundigt Guido auch
schad dass du nicht mit warst«
»Hast du den ganzen Nachmittag mit ihnen verbracht«
»O nein Nach dem Essen bin ich zu Haus geblieben Du musst grad fortgegangen
sein Ich hab studiert«
»Studiert«
»Ja Ich muss mich jetzt ernstlich dranmachen Im Mai spätestens will ich die
Diplomatenprüfung ablegen«
»Du bist also vollkommen entschlossen«
»Absolut In der Stattalterei zu bleiben hat wirklich keinen Sinn für mich
Je länger ich drin sitz umso klarer wird mir das Die Zeit wird übrigens nicht
verloren sein Sie habens gar nicht ungern wenn einer ein paar Jahre internen
Dienst gemacht hat«
»Da wirst du also wahrscheinlich schon im Herbst von Wien fortgehen«
»Es ist anzunehmen«
»Und wo werden sie dich hinschicken«
»Ja wenn man das schon wüsste«
Georg sah vor sich hin So nahe also war der Abschied Doch warum berührte
ihn das plötzlich so sehr Er selbst war ja entschlossen fortzugehen und
erst neulich hatte er mit dem Bruder von seinen Absichten fürs nächste Jahr
geredet Glaubte der noch immer nicht an ihren Ernst Wenn man sich doch wieder
einmal mit ihm aussprechen könnte brüderlich herzlich wie an jenem Abend nach
des Vaters Begräbnis Wahrhaftig nur wenn das Leben ihnen düster sich
enthüllte fanden sie ganz zueinander Sonst blieb immer diese seltsame
Befangenheit zwischen ihnen beiden Das konnte offenbar nicht anders werden Man
musste sich eben bescheiden miteinander plaudern in der Art von guten
Bekannten Und wie resigniert fragte Georg weiter »Was hast du denn am Abend
gemacht«
»Ich habe mit Guido soupiert und einer interessanten jungen Dame«
»So«
»Er ist nämlich wieder in zarten Banden«
»Wer ists denn«
»Konservatorium Jüdin Geige Aber sie hat sie nicht mitgehabt Nicht
besonders hübsch aber gscheit Sie bildet ihn und er achtet sie Er will sie
soll sich taufen lassen Ein komisches Verhältnis sag ich dir Du hättest dich
ganz gut unterhalten«
Georg hatte seinen Blick auf den Degen gerichtet den Felician noch immer in
der Hand hielt »Hättest du Lust noch ein bisschen zu manschettieren« fragte
er
»Warum nicht« erwiderte Felician und holte ein zweites Florett aus seinem
Zimmer Indes hatte Georg den großen Tisch aus der Mitte an die Wand gerückt
»Seit dem Mai hab ich keines in der Hand gehabt« sagte er indem er den
Degen ergriff Sie legten die Röcke ab und kreuzten die Klingen In der nächsten
Sekunde war Georg tuschiert
»Nur weiter« rief Georg und empfand es wie ein Glück dass er in verwegener
Stellung die blitzende schlanke Waffe in der Hand dem Bruder gegenüber stehen
durfte
Felician traf ihn so oft es ihm beliebte ohne nur ein einziges Mal selbst
berührt zu werden Dann ließ er den Degen sinken und sagte »Du bist heut zu
müd es hat keinen Sinn Aber du solltest wieder fleißiger in den Klub kommen
Ich versichre dich es ist schad bei deinen Anlagen«
Georg freute sich des brüderlichen Lobs Er legte den Degen auf den Tisch
atmete tief und ging zu dem offenen breiten Mittelfenster »Wundervolle Luft«
sagte er Aus dem Park schimmerte eine einsame Laterne es war vollkommene
Stille
Felician trat zu Georg hin und während dieser sich mit beiden Händen auf
die Brüstung stützte blieb der ältere Bruder aufgerichtet stehen und ließ einen
seiner ruhighochmütigen Blicke über Straße Park und Stadt schweifen Sie
schwiegen beide lang Und sie wussten dass jeder an dasselbe dachte an eine
Mainacht heuer im Frühjahr in der sie zusammen durch den Park nach Hause
gegangen waren und der Vater sie von demselben Fenster aus an dem sie jetzt
standen mit stummem Kopfnicken begrüßt hatte Und beide durchschauerte es ein
wenig bei dem Gedanken dass sie heute den ganzen Tag so lebensfroh hingebracht
hatten ohne sich mit Schmerzen des geliebten Mannes zu erinnern der nun unter
der Erde lag
»Also gute Nacht« sagte Felician weicher als sonst und reichte Georg die
Hand Er drückte sie wortlos und jeder ging in sein Zimmer
Georg schaltete die Schreibtischlampe ein nahm Notenblätter hervor und
begann zu schreiben Es war nicht das Scherzo das ihm eingefallen war als er
vor drei Stunden mit den andern unter schwarzen Wipfeln durch die Nacht gesaust
war und auch nicht die melancholische Volksweise aus dem Restaurant sondern
ein ganz neues Motiv das wie aus geheimen Tiefen langsam und unaufhaltsam
emporgetaucht kam Es war Georg zu Mute als müsste er nur ein Unbegreifliches
gewähren lassen Er schrieb die Melodie nieder die er sich von einer Altstimme
gesungen oder auch auf der Viola gespielt dachte und eine seltsame Begleitung
tönte ihm mit von der er wusste dass sie ihm nie aus dem Gedächtnis schwinden
konnte
Es war vier Uhr morgens als er zu Bette ging beruhigt wie einer dem
niemals im Leben etwas Übles begegnen kann und für den weder Einsamkeit noch
Armut noch Tod irgendwelche Schrecken haben
Zweites Kapitel
Im erhöhten Erker auf dem grünsamtenen Sofa saß Frau Ehrenberg mit ihrer
Stickerei Else ihr gegenüber las in einem Buch Aus dem tieferen und dunklern
Teil des Zimmers hinter dem Klavier hervor leuchtete das weiße Haupt der
marmornen Isis und durch die offene Tür floss aus dem benachbarten Zimmer ein
heller Streif über den grauen Teppich Else sah von ihrem Buche auf durchs
Fenster zu den hohen Wipfeln des Schwarzenbergparkes die sich im Herbstwind
regten und sagte beiläufig »Man könnt vielleicht dem Georg Wergentin
telephonieren ob er heut Abend kommt«
Frau Ehrenberg ließ ihre Stickerei in den Schoss sinken »Ich weiß nicht«
sagte sie »Du erinnerst dich was für einen wirklich charmanten Kondolenzbrief
ich ihm geschrieben und wie dringend ich ihn in den Auhof eingeladen hab Er ist
nicht gekommen und seine Antwort war auffallend kühl Ich würde ihm nicht
telephonieren«
»Man kann ihn nicht behandeln wie die andern« erwiderte Else »Er gehört zu
den Leuten die man gelegentlich daran erinnern muss dass man auf der Welt ist
Wenn man ihn erinnert hat dann freut er sich schon darüber«
Frau Ehrenberg stickte weiter »Es wird ja doch nichts werden« sagte sie
ruhig
»Es soll auch nichts werden« entgegnete Else »weißt du denn das noch immer
nicht Mama Er ist mein guter Freund nichts weiter und auch das nur mit
Unterbrechungen Oder glaubst du wirklich dass ich in ihn verliebt bin Mama Ja
als kleines Mädel war ichs in Nizza wie mir miteinander Tennis gespielt
haben aber das ist lang vorbei«
»Na und in Florenz«
»In Florenz war ichs eher in Felician«
»Und jetzt« fragte Frau Ehrenberg langsam
»Jetzt Du denkst wahrscheinlich an Heinrich Bermann Also du irrst
dich Mama«
»Es wäre mir lieb wenn ich mich irrte Aber heuer im Sommer hatte ich
wirklich ganz den Eindruck als ob «
»Ich sag dir ja schon« unterbrach Else sie ein wenig ungeduldig »Es ist
nichts und es war nichts Ein einziges Mal an dem schwülen Nachmittag wie wir
Kahn gefahren sind du hast uns ja vom Balkon aus gesehen sogar mit dem
Operngucker da ist es ein bisschen gefährlich geworden Aber wenn wir uns auch
einmal um den Hals gefallen wären was übrigens nie vorgekommen ist es hätte
doch nichts zu bedeuten gehabt Es war halt so eine Sommersache«
»Und er soll ja auch in einem sehr ernsten Verhältnis stecken« sagte Frau
Ehrenberg
»Du meinst mit dieser Schauspielerin Mama«
Frau Ehrenberg sah auf »Hat er dir was von ihr erzählt«
»Erzählt So direkt nicht Aber wenn wir miteinander spazieren gegangen
sind im Park oder abends am See da hat er beinahe nur von ihr gesprochen
Natürlich ohne ihren Namen zu nennen Und je besser ich ihm gefallen hab
die Männer sind ja ein so komisches Volk um so eifersüchtiger war er immer auf
die andre Übrigens wenn es nur das wäre Welcher junge Mann steckt nicht in
einem ernsten Verhältnis Glaubst du vielleicht Mama der Georg Wergentin
nicht«
»In einem ernsten Nein Dem wird das nie passieren Dazu ist er zu
kühl zu überlegen zu temperamentlos«
»Gerade darum« erklärte Else menschenkennerisch »Er wird in irgend was
hineingleiten und es wird über ihm zusammenschlagen ohne dass er nur was davon
bemerkt hat Und eines schönen Tages wird er verheiratet sein aus lauter
Indolenz mit irgendeiner Person die ihm wahrscheinlich ganz gleichgültig
sein wird«
»Du musst einen bestimmten Verdacht haben« sagte Frau Ehrenberg
»Den hab ich auch«
»Marianne«
»Marianne Aber das ist ja längst aus Mama Und besonders ernst war das
doch nie«
»Also wer denn soll es sein«
»Na was glaubst du Mama«
»Ich hab keine Ahnung«
»Anna ist es« sagte Else kurz
»Welche Anna«
»Anna Rosner selbstverständlich«
»Aber«
»Du kannst lang aber sagen es ist doch so«
»Else du glaubst doch nicht im Ernst dass Anna die eine so zurückhaltende
Natur ist sich so weit vergessen könnte «
»So weit vergessen Nein Mama du hast manchmal noch Ausdrücke übrigens
find ich dazu muss man gar nicht so vergesslich sein«
Frau Ehrenberg lächelte nicht ohne einen gewissen Stolz
Die Klingel draußen ertönte »Am Ende ist ers doch« sagte Else
»Es könnte auch Demeter Stanzides sein« bemerkte Frau Ehrenberg
»Stanzides sollt uns einmal den Prinzen mitbringen« meinte Else beiläufig
»Glaubst du dass das ginge« fragte Frau Ehrenberg und ließ die Stickerei in
den Schoss sinken
»Warum sollts denn nicht gehen« sagte Else »sie sind ja so intim«
Die Türe tat sich auf doch keiner von den Erwarteten sondern Edmund
Nürnberger trat ein Er war wie stets mit der größten Sorgfalt wenn auch nicht
nach der letzten Mode gekleidet Sein Gehrock war etwas zu kurz und in der
bauschigen dunkeln Atlaskrawatte steckte eine Smaragdnadel An der Türe schon
verbeugte er sich nicht ohne zugleich in seinen Mienen einen gewissen Spott
über die eigene Höflichkeit auszudrücken »Bin ich der erste« fragte er »Noch
niemand da Weder ein Hofrat noch ein Graf noch ein Dichter noch eine dämonische
Frau«
»Nur eine die es leider nie gewesen ist« erwiderte Frau Ehrenberg während
sie ihm die Hand reichte »und eine die es vielleicht einmal werden wird«
»O ich bin überzeugt« sagte Nürnberger »dass Fräulein Else auch das
treffen wird wenn sie sichs nur ernstlich vornimmt« Und er strich sich mit der
linken Hand langsam über das schwarze glatte etwas glänzende Haar
Frau Ehrenberg sprach ihr Bedauern aus dass man ihn vergeblich auf dem Auhof
erwartet hatte Ob er wirklich den ganzen Sommer in Wien gewesen sei
»Warum wundern Sie sich darüber gnädige Frau Ob ich in einer
Gebirgslandschaft auf und abspaziere oder am Meeresstrand oder in meinen vier
Wänden das ist doch im Grunde ziemlich gleichgültig«
»Sie müssen sich aber recht einsam gefühlt haben« sagte Frau Ehrenberg
»Das Alleinsein kommt einem allerdings etwas deutlicher zu Bewusstsein wenn
sich niemand in der Nähe befindet der das Bedürfnis markiert mit einem reden
zu wollen Aber sprechen wir doch lieber von interessanteren und
hoffnungsvollern Menschen als ich es bin Wie befinden sich die zahlreichen
Freunde Ihres so beliebten Hauses«
»Freunde« wiederholte Else »da müsste man doch erst wissen wen Sie
darunter verstehen«
»Nun alle Leute die Ihnen aus irgendeinem Anlass Angenehmes sagen und denen
Sie es glauben«
Die Schlafzimmertür tat sich auf Herr Ehrenberg erschien und begrüßte
Nürnberger
»Hast du schon fertig gepackt« fragte Else
»Fix und fertig« antwortete Ehrenberg der einen viel zu weiten grauen
Anzug anhatte und eine große Zigarre mit den Zähnen festhielt Erklärend wandte
er sich an Nürnberger »Wie Sie mich da sehen fahr ich heute nach Korfu
vorläufig Die Saison fangt an und vor die Jours im Haus Ehrenberg is mir
miess«
»Es verlangt ja niemand« erwiderte Frau Ehrenberg mild »dass du sie mit
deiner Gegenwart beehrst«
»Gut gibt sie das« sagte Ehrenberg und dampfte »Auf deine Jours möcht ich
natürlich verzichten Aber wenn ich grad an einem Donnerstag ruhig zu Haus
nachtmahlen möcht und es sitzt in der einen Ecke ein Attaché in der andern ein
Husar und dorten spielt einer seine eigenen Kompositionen zuguten vor und
aufm Divan hat einer Esprit und am Fenster verabredet die Frau Oberberger ein
Rendezvous mit wem sichs trefft so macht mich das nervös Einmal vertragt
mans ein anderes Mal nicht«
»Gedenken Sie den ganzen Winter fortzubleiben« fragte Nürnberger
»Es wär möglich Ich hab nämlich die Absicht weiter zu fahren nach
Ägypten nach Syrien wahrscheinlich auch nach Palästina Ja vielleicht ist es
nur weil man älter wird vielleicht weil man soviel vom Zionismus liest und
dergleichen aber ich kann mir nicht helfen ich möcht Jerusalem gesehen haben
eh ich sterbe«
Frau Ehrenberg zuckte die Achseln
»Das sind Sachen« sagte Ehrenberg »die meine Frau nicht versteht und
meine Kinder noch weniger Was hast du davon Else du auch nicht Aber wenn man
so liest was in der Welt vorgeht man möcht selber manchmal glauben es gibt
für uns keinen andern Ausweg«
»Für uns« wiederholte Nürnberger »Ich habe bisher nicht die Beobachtung
gemacht dass Ihnen der Antisemitismus auffallend geschadet hätte«
»Sie meinen weil ich ein reicher Mann geworden bin Wenn ich Ihnen sagen
möcht ich mach mir nichts aus dem Geld würden Sie mir natürlich nicht glauben
und Sie hätten Recht Aber wie Sie mich da sehen ich schwör Ihnen die Hälfte
von meinem Vermögen gäb ich her wenn ich die ärgsten von unsern Feinden am
Galgen säh«
»Ich fürchte nur« bemerkte Nürnberger »Sie würden die Unrichtigen hängen
lassen«
»Die Gefahr ist nicht groß« erwiderte Ehrenberg »greifen Sie daneben
erwischen Sie auch einen«
»Ich bemerke nicht zum erstenmal lieber Herr Ehrenberg dass Sie dieser
Frage nicht mit der wünschenswerten Objektivität gegenüberstehen«
Ehrenberg zerbiss plötzlich seine Zigarre und legte sie mit wutzitternden
Fingern auf die Aschenschale »Wenn mir einer damit kommt und gar
entschuldigen Sie oder sind Sie vielleicht getauft Man kann ja
heutzutag nicht wissen«
»Ich bin nicht getauft« erwiderte Nürnberger ruhig »Aber allerdings bin
ich auch nicht Jude Ich bin längst konfessionslos geworden aus dem einfachen
Grunde weil ich mich nie als Jude gefühlt habe«
»Wenn man Ihnen einmal den Zylinder einschlage auf der Ringstrasse weil Sie
mit Verlaub eine etwas jüdische Nase haben werden Sie sich schon als Jude
getroffen fühlen verlassen Sie sich darauf«
»Aber Papa was regst du dich denn so auf« sagte Else und strich ihm über
den kahlen rötlich glänzenden Schädel
Der alte Ehrenberg nahm ihre Hand streichelte sie und fragte scheinbar ganz
unvermittelt »Werd ich übrigens noch das Vergnügen haben meinen Herrn Sohn zu
sehen bevor ich abreise«
Frau Ehrenberg antwortete »Oskar kommt jedenfalls bald nach Hause«
»Es wird Sie sicher freuen zu erfahren« wandte sich Ehrenberg an
Nürnberger »dass auch mein Sohn Oskar ein Antisemit ist«
Frau Ehrenberg seufzte leise »Es ist eine fixe Idee von ihm« sagte sie zu
Nürnberger »Überall sieht er Antisemiten selbst in der eigenen Familie«
»Das ist die neueste Nationalkrankheit der Juden« sagte Nürnberger »Mir
selbst ist es bisher erst gelungen einen einzigen echten Antisemiten kennen zu
lernen Ich kann Ihnen leider nicht verhehlen lieber Herr Ehrenberg dass der
ein bekannter Zionistenführer war«
Ehrenberg hatte nur eine vielsagende Handbewegung
Demeter Stanzides und Willy Eissler traten ein und verbreiteten sofort
lebhaften Glanz um sich Leicht und prächtig eher wie ein Kostüm als wie ein
militärisches Kleid trug Demeter seine Uniform Willy in Smoking stand lang
blass und übernächtig da hatte sofort die Führung des Gesprächs in der Hand und
seine Stimme angenehm heiser schwirrte befehlshaberisch und liebenswürdig
zugleich durch die Luft Er erzählte von den Vorbereitungen zu einer
Aristokratenvorstellung der er wie schon im vorigen Jahr als Berater
Regisseur und Mitwirkender beigezogen war schilderte eine Sitzung der jungen
Herren in der es wenn man ihm glauben durfte zugegangen war wie in einer
Versammlung von Schwachsinnigen und gab ein komisches Gespräch zwischen zwei
Komtessen zum besten deren Redeweise er köstlich zu imitieren wusste Ehrenberg
war durch Willy Eissler immer sehr amüsiert Die dunkle Empfindung dass dieser
ungarische Jude die ganze ihm persönlich so verhasste Feudalbande in irgend
einer Weise überlistete und zum Narren hielt erfüllte ihn mit Hochachtung für
den jungen Mann
Else saß am kleinen Tisch in der Ecke mit Demeter und ließ sich über die
Isle of Wight berichten
»Sie waren mit Ihrem Freund dort« fragte sie »nicht wahr mit dem Prinzen
Karl Friedrich«
»Mein Freund der Prinz das stimmt nicht ganz Fräulein Else Der Prinz
hat keinen Freund und ich hab keinen Wir sind beide nicht von der Art«
»Er muss ein interessanter Mensch sein nach allem was man hört«
»Interessant weiß ich nicht einmal Jedenfalls hat er über mancherlei
nachgedacht worüber seinesgleichen sich sonst nicht viel Gedanken zu machen
pflegen Vielleicht hätte er auch allerlei leisten können wenn man ihn hätte
gewähren lassen Na wer weiß es ist vielleicht besser für ihn dass sie ihn
kurz gehalten haben für ihn und am End auch fürs Land Einer allein kann ja
doch nichts machen Nirgends und nie Da ists schon am besten man lassts gehen
und zieht sich zurück wie ers getan hat«
Else sah ihn etwas befremdet an »Sie sind ja heute so philosophisch was
ist denn das Mir scheint der Willy Eissler hat Sie verdorben«
»Der Willy mich«
»Ja wissen Sie Sie sollten nicht mit so gescheiten Leuten verkehren«
»Warum denn nicht«
»Sie sollten einfach jung sein leuchten leben und dann wenns halt nicht
weiter geht tun was Ihnen beliebt aber ohne über sich und die Welt
nachzudenken«
»Das hätten Sie mir früher sagen müssen Fräulein Else Wenn man einmal
angefangen hat gescheit zu werden «
Else schüttelte den Kopf »Aber bei Ihnen wäre es vielleicht zu vermeiden
gewesen« sagte sie ganz ernstaft Und dann mussten beide lachen
Die Flammen des Lusters glühten auf Georg von Wergentin und Heinrich
Bermann waren eingetreten Durch ein Lächeln Elses eingeladen nahm Georg an
ihrer Seite Platz
»Ich habs gewusst dass Sie kommen werden« sagte sie unaufrichtig aber
herzlich und drückte seine Hand Dass er ihr wieder gegenübersass nach so langer
Zeit dass sie sein anmutig stolzes Gesicht wiedersehen seine etwas leise aber
warme Stimme hören durfte freute sie mehr als sie geahnt hatte
Frau Wyner erschien klein hochrot lustig und verlegen Ihre Tochter Sissy
mit ihr Im Hin und Her der Begrüßung lösten sich die Gruppen
»Nun haben Sie mir schon das Lied komponiert« fragte Sissy Georg mit
lachenden Augen und lachenden Lippen spielte mit einem ihrer Handschuhe und
bewegte sich in ihrem dunkelgrünen schillernden Kleid wie eine Schlange
»Ein Lied« fragte Georg Er erinnerte sich wirklich nicht
»Oder auch einen Walzer oder so was Aber dass Sie mir etwas widmen werden
haben Sie mir versprochen« Während sie sprach wanderten ihre Blicke umher Sie
glühten in die Augen Willys schmeichelten sich an Demeter vorbei stellten an
Heinrich Bermann eine rätselhafte Frage Es war wie wenn Irrlichter durch den
Salon tanzten
Frau Wyner stand plötzlich neben ihrer Tochter tief errötend »Sissy ist ja
so dumm was glaubst du denn Sissy der Baron Georg hat heuer wichtigeres zu
tun gehabt als für dich zu komponieren«
»O gewiss nicht« sagte Georg höflich
»Sie haben Ihren Vater begraben das ist keine Kleinigkeit«
Georg sah vor sich hin Frau Wyner aber sprach unbeirrt weiter »Ihr Vater
war noch nicht alt nicht wahr Und ein so schöner Mann ist es wahr dass er
Chemiker gewesen ist«
»Nein« erwiderte Georg gefasst »er war Präsident der botanischen
Gesellschaft«
Heinrich einen Arm auf dem geschlossenen Klavierdeckel sprach mit Else
»Sie waren also doch in Deutschland« fragte sie
»Ja« erwiderte Heinrich »es ist schon ziemlich lange her vier fünf
Wochen«
»Und wann fahren Sie wieder hin«
»Das weiß ich nicht Vielleicht nie«
»Ach das glauben Sie selbst nicht Was arbeiten Sie« setzte sie rasch
hinzu
»Allerlei« entgegnete er »Ich bin in einer ziemlich unruhigen Zeit Ich
entwerfe viel aber ich mache nichts fertig Das Vollenden interessiert mich
überhaupt selten Offenbar bin ich innerlich zu rasch fertig mit den Dingen«
»Und den Menschen« fügte Else bei
»Mag sein Es ist nur das Unglück dass das Gefühl zuweilen an Menschen
weiter hängen bleibt während der Verstand schon längst nichts mehr mit ihnen zu
tun hat Ein Dichter wenn Sie mir das Wort gestatten müsste sich von jedem
zurückziehen der für ihn kein Rätsel mehr hat also besonders von jedem den
er liebt«
»Es heißt doch« wandte Else ein »dass wir gerade diejenigen am wenigsten
kennen die wir lieben«
»Das behauptet Nürnberger aber es stimmt nicht ganz Wäre es wirklich so
liebe Else dann wäre das Leben wahrscheinlich schöner als es ist Nein
diejenigen die wir lieben kennen wir sogar besser als wir andere kennen nur
kennen wir sie mit Scham mit Erbitterung und mit der Furcht dass auch andre sie
ebensogut kennen als wir Lieben heißt Angst davor haben dass andern die Fehler
offenbar werden die wir an dem geliebten Wesen entdeckt haben Lieben heißt in
die Zukunft schauen können und diese Gabe verfluchen lieben heißt jemanden
so kennen dass man daran zugrunde geht«
Else lehnte am Klavier in ihrer damenhaftkindlichen Art neugierig
gelassen und hörte ihm zu Wie gut gefiel er ihr in solchen Augenblicken Sie
hätte ihm wieder tröstend übers Haar streichen wollen wie damals auf dem See
als er von der Liebe zu jener andern wie zerrissen war Aber wenn er sich dann
plötzlich zurückzog kühl trocken und wie ausgelöscht erschien da fühlte sie
dass sie mit ihm nie leben könnte dass sie ihm nach ein paar Wochen davonlaufen
müsste mit einem spanischen Offizier oder einem Violinvirtuosen
»Es ist gut« sagte sie etwas gönnerhaft »dass Sie mit Georg Wergentin
verkehren Er wird günstig auf Sie wirken Er ist ruhiger als Sie Ich glaube ja
nicht dass er so begabt und gewiss nicht dass er so klug ist wie Sie «
»Was wissen Sie von seiner Begabung« unterbrach sie Heinrich beinahe grob
Georg trat hinzu und fragte Else ob man heute nicht das Vergnügen haben
werde ein Lied von ihr zu hören Sie hatte keine Lust Übrigens studiere sie
hauptsächlich Opernpartien in der letzten Zeit Das interessiere sie mehr Sie
sei doch eigentlich keine lyrische Natur Georg fragte sie zum Scherz ob sie
nicht vielleicht die geheime Absicht habe zur Bühne zu gehen
»Mit dem bissel Stimme« sagte Else
Nürnberger stand neben ihnen »Das wäre doch kein Hindernis« bemerkte er
»Ich bin sogar überzeugt dass sich sehr bald ein moderner Kritiker fände der
Sie gerade deswegen als bedeutende Sängerin ausriefe Fräulein Else weil Sie
keine Stimme besitzen der aber dafür irgend eine andere Gabe zum Beispiel die
der Charakteristik bei Ihnen entdeckte So wie es heutzutage namhafte Maler
gibt die keinen Farbensinn haben aber Geist und Dichter von Ruf denen zwar
nicht das geringste einfällt denen es aber gelingt zu jedem Hauptwort das
falscheste Epiteton zu finden«
Else merkte dass die Redeweise Nürnbergers Georg nervös machte und wandte
sich an diesen »Ich wollte Ihnen ja etwas zeigen« sagte sie und machte ein
paar Schritte zu der Notenetagere Georg folgte ihr
»Hier die Sammlung altitalienischer Volkslieder Ich möchte dass Sie mir
die wertvollsten bezeichnen Ich selber verstehe doch nicht genug davon«
»Ich begreife gar nicht« sagte Georg leise »dass Sie Menschen wie diesen
Nürnberger in Ihrer Nähe ertragen Er verbreitet einen wahren Dunstkreis von
Misstrauen und Übelwollen um sich«
»Das hab ich Ihnen schon öfters gesagt Georg ein Menschenkenner sind Sie
nicht Was wissen Sie denn überhaupt von ihm Er ist anders als Sie glauben
Fragen Sie nur einmal Ihren Freund Heinrich Bermann«
»O ich weiß ja dass der auch für ihn schwärmt« erwiderte Georg
»Ihr sprecht von Nürnberger« fragte Frau Ehrenberg die eben dazutrat
»Der Georg kann ihn nicht leiden« sagte Else in ihrer beiläufigen Art
»Da tun Sie aber sehr Unrecht daran haben Sie überhaupt je was von ihm
gelesen«
Georg schüttelte den Kopf
»Nicht einmal seinen Roman der vor fünfzehn oder sechzehn Jahren so großes
Aufsehen gemacht hat Das ist ja beinah eine Schand Neulich haben wir ihn dem
Hofrat Wilt geliehen Ich sag Ihnen der war paff wie in dem Buch eigentlich
schon das ganze heutige Österreich vorausgeahnt ist«
»So so« sagte Georg ohne Überzeugung
»Sie können sich gar nicht vorstellen« fuhr Frau Ehrenberg fort »mit
welchem Jubel Nürnberger damals begrüßt worden ist Man könnte sagen alle Tore
sind vor ihm aufgesprungen«
»Vielleicht war ihm das genug« bemerkte Else nachdenklich altklug
Heinrich stand am Klavier im Gespräch mit Nürnberger und bemühte sich wie
er es oftmals tat ihn zu einer neuen Arbeit oder zu einer Herausgabe älterer
Schriften zu bestimmen
Nürnberger wehrte ab Der Gedanke seinen Namen wieder in die Öffentlichkeit
gezerrt zu sehen im literarischen Wirbel der Zeit mitzutreiben der ihm
widerlich und albern zugleich erschien erfüllte ihn geradezu mit Schaudern Er
hatte keine Lust da mit zu konkurrieren Wozu Kliquenwirtschaft die sich kein
Mäntelchen mehr umnahm war überall am Werke Gab es noch ein tüchtig ehrlich
strebendes Talent das nicht jeden Augenblick gefasst sein musste in den Kot
gezogen zu werden war noch ein Flachkopf zu finden der sich nicht ausweisen
konnte in irgend einem Blättchen als Genie erklärt worden zu sein Hatte Ruhm
in diesen Tagen noch das geringste mit Ehre zu tun Und übersehen vergessen
werden war das auch nur ein Achselzucken des Bedauerns wert Und wer konnte am
Ende wissen welche Urteile sich in der Zukunft als die richtigen erweisen
würden Waren nicht die Tröpfe wirklich die Genies und die Genies die Tröpfe Es
war lächerlich sich mit dem Einsatz seiner Ruhe ja seiner Selbstachtung in ein
Spiel einzulassen in dem auch der höchstmögliche Gewinn keine Befriedigung
versprach
»Gar keine« fragte Heinrich »Ich will Ihnen ja allerlei preisgeben Ruhm
Reichtum Wirkung in die Weite aber dass man weil alle diese Güter zweifelhaft
sind auch auf etwas so Unzweifelhaftes verzichten soll wie es die Augenblicke
des innern Kraftgefühls sind «
»Inneres Kraftgefühl Warum sagen Sie nicht gleich Seligkeit des Schaffens
«
»Gibts Nürnberger«
»Mag sein Ich glaube mich sogar zu erinnern vor sehr langer Zeit
gelegentlich selbst irgend was derart empfunden zu haben Nur ist mir Sie
wissen es ja die Fähigkeit mich selbst zu betrügen im Lauf der Jahre völlig
abhanden gekommen«
»Das glauben Sie vielleicht nur« erwiderte Heinrich »Wer weiß ob es nicht
gerade diese Fähigkeit des Sichselbstbetrügens ist die Sie im Laufe der Zeit am
stärksten in sich ausgebildet haben«
Nürnberger lachte »Wissen Sie wie mir zu Mute ist wenn ich Sie so reden
höre Ungefähr wie einem Fechtmeister der von seinem eigenen Schüler einen
Stich ins Herz bekommt«
»Und nicht einmal von seinem besten« sagte Heinrich
Plötzlich erschien in der Türe Herr Ehrenberg zur Verwunderung seiner Frau
die ihn schon auf dem Wege zur Bahn vermutet hatte Er führte eine junge Dame an
der Hand die einfach schwarz gekleidet war und das Haar nach einer verflossenen
Mode auffallend hoch frisiert trug Ihre Lippen waren voll und rot die Augen in
dem lebendig blassen Gesicht blickten klar und hart
»Kommen Sie nur« sagte Ehrenberg mit einiger Bosheit in den kleinen Augen
und führte den Gast geradewegs zu Else die eben mit Stanzides plauderte »Hier
bring ich dir einen Besuch«
Else streckte ihr die Hand entgegen »Das ist aber nett« Sie stellte vor
»Herr Demeter Stanzides Fräulein Terese Golowski«
Terese nickte kurz und ließ eine Weile ihren Blick auf ihm ruhen
unbefangen als betrachtete sie ein schönes Tier
Dann wandte sie sich an Else »Wenn ich gewusst hätte dass Ihr so große
Gesellschaft habt «
»Wissen Sie wie die ausschaut« sagte Stanzides leise zu Georg »wie eine
russische Studentin nicht wahr«
Georg nickte »Ungefähr Ich kenn sie Es ist eine Institutsfreundin von
Fräulein Else und jetzt denken Sie sich spielt sie eine führende Rolle bei
den Sozialisten Neulich ist sie sogar gesessen wegen Majestätsbeleidigung
glaub ich«
»Ja mir scheint ich hab so was gelesen« erwiderte Demeter »So eine Art
von Geschöpf sollte man wirklich einmal näher kennen lernen Hübsch ist sie Ein
Gesicht wie aus Elfenbein«
»Und viel Energie liegt in den Zügen« fügte Georg hinzu »Ihr Bruder ist
übrigens auch ein merkwürdiger Mensch Klavierspieler und Matematiker Ich hab
ihn neulich kennen gelernt Und der Vater soll ein zugrund gegangener jüdischer
Fellhändler sein«
»Es ist schon eine sonderbare Rass« bemerkte Demeter
Indessen war Frau Ehrenberg auf Terese zugekommen und hielt es für richtig
keinerlei Überraschung zu zeigen »Nehmen Sie doch Platz Terese« sagte sie
»Wie gehts Ihnen denn immer Seit Sie sich ins politische Leben begeben haben
kümmern Sie sich ja um Ihre früheren Bekannten gar nicht mehr«
»Ja leider lässt mir mein Beruf wenig Zeit Familienverkehr zu pflegen«
erwiderte Terese und schob ihr Kinn vor was ihr Antlitz plötzlich männlich und
beinah hässlich machte
Frau Ehrenberg schwankte ob sie etwas von der abgelaufenen Kerkerhaft
Theresens erwähnen sollte oder nicht Immerhin war zu bedenken dass es kaum ein
anderes Haus in Wien gab wo Damen verkehrten die kurz zuvor eingesperrt waren
»Wie gehts denn deinem Bruder« fragte Else
»Er dient heuer« antwortete Terese »Du kannst dir ja ungefähr denken
wies ihm da geht « und sie warf einen ironischen Blick auf die
Husarenuniform Demeters
»Da kommt er wohl nicht viel zum Klavierspielen« sagte Frau Ehrenberg
»Ach er denkt gar nicht mehr daran Pianist zu werden« erwiderte Terese
»Er steckt ganz in der Politik« Und sich lächelnd zu Demeter wendend fügte sie
hinzu »Sie werden ihn doch nicht verraten Herr Oberleutnant«
Stanzides lachte etwas verlegen
»Was heißt das Politik« fragte Herr Ehrenberg »Will er Minister werden«
»In Österreich keineswegs« erwiderte Terese »Er ist nämlich Zionist«
»Was« rief Ehrenberg aus und sein Gesicht strahlte
»Das ist allerdings ein Gebiet auf dem wir uns nicht ganz verstehen«
setzte Terese hinzu
»Liebe Terese « begann Ehrenberg
»Du wirst den Zug versäumen« unterbrach ihn seine Frau
»Ich werd den Zug nicht versäumen und morgen geht auch noch einer Liebe
Terese ich sage nur es soll jeder nach seiner Fasson selig werden Aber in
dem Fall ist Ihr Bruder der Gescheitere und nicht Sie Entschuldigen Sie ich
bin vielleicht ein Laie in politischen Dingen aber ich versichere Sie Terese
es wird euch jüdischen Sozialdemokraten geradeso ergehen wie es den jüdischen
Liberalen und Deutschnationalen ergangen ist«
»Inwiefern« fragte Terese hochmütig »Inwiefern wird es uns geradeso
ergehen«
»Inwiefern das werd ich Ihnen gleich sagen Wer hat die liberale
Bewegung in Österreich geschaffen Die Juden Von wem sind die Juden
verraten und verlassen worden Von den Liberalen Wer hat die deutschnationale
Bewegung in Österreich geschaffen Die Juden Von wem sind die Juden im Stich
gelassen was sag ich im Stich gelassen bespuckt worden wie die Hund
von den Deutschen Und geradeso wirds ihnen jetzt ergehen mit dem
Sozialismus und dem Kommunismus Wenn die Suppe erst aufgetragen ist so jagen
sie euch vom Tisch Das war immer so und wird immer so sein«
»Wir wollens abwarten« erwiderte Terese ruhig
Georg und Demeter blickten einander an wie zwei Freunde die gemeinsam auf
eine Insel verschlagen worden sind Oskar der gerade während der Rede seines
Vaters eingetreten war hatte schmale Lippen und war sehr verlegen Allen aber
schien es eine Art Befreiung als Ehrenberg plötzlich auf die Uhr sah und sich
empfahl
»Wir werden ja heut doch nicht mehr einig« sagte er zu Terese
Terese lächelte »Kaum Glückliche Reise und noch einmal im Namen «
»Pst« sagte Ehrenberg und verschwand
»Wofür dankst du eigentlich dem Papa« fragte Else sie leise
»Für eine Spende um die ich ihn unverschämterweise bitten kam Aber es gibt
sonst keinen reichen Mann in meinem Bekanntenkreis Über den Zweck zu reden bin
ich nicht berechtigt«
Frau Ehrenberg trat zu Bermann und Nürnberger hin die über den
Klavierdeckel hinweg mit einander sprachen und sagte leise »Sie wissen doch
dass sie « sie wies mit den Augen auf Terese »eben aus dem Gefängnis
entlassen worden ist«
»Ich habe davon gelesen« erwiderte Heinrich
Nürnberger kniff die Augen zusammen und warf einen Blick auf die Gruppe in
der Ecke wo die drei Mädchen mit Stanzides und Willy Eissler plauderten und
schüttelte den Kopf »Was für eine Bosheit unterdrücken Sie« fragte Frau
Ehrenberg
»Ich denke eben wie leicht es sich hätte fügen können dass Fräulein Else
zwei Monate im Gefängnis hätte schmachten müssen und dass Fräulein Terese in
einem eleganten Salon als Tochter des Hauses Cercle hielte«
»Leicht fügen «
»Herr Ehrenberg hat Glück gehabt Herr Golowski Pech das ist vielleicht
der ganze Unterschied«
»Na hören Sie Nürnberger« sagte Heinrich »Sie werden das Individuelle
doch nicht vollkommen aus der Welt leugnen wollen Else und Terese sind doch
ziemlich verschiedene Naturen«
»Das denke ich auch« bemerkte Frau Ehrenberg
Nürnberger zuckte die Achseln »Beide sind junge Mädchen recht begabt
recht hübsch alles übrige ist wie bei den meisten jungen Damen und wohl bei
den meisten Menschen mehr oder weniger angeflogen«
Heinrich schüttelte lebhaft den Kopf »Nein nein« sagte er »so einfach
ist das Leben doch nicht«
»Es ist darum nicht einfacher lieber Heinrich«
Frau Ehrenbergs Blick war auf die Tür gerichtet und leuchtete Felician war
eben eingetreten Mit nachtwandlerischer Sicherheit ging er auf die Hausfrau zu
und küsste ihr die Hand »Ich habe eben das Vergnügen gehabt Herrn Ehrenberg auf
der Stiege zu begegnen Er fährt nach Korfu wie er mir sagt Dort muss es
jetzt wunderschön sein«
»Sie kennen Korfu«
»Ja gnädige Frau eine Kindheitserinnerung« Er begrüßte Nürnberger und
Bermann und sie redeten alle über den Süden nach dem Bermann sich sehnte und
an den Nürnberger nicht glaubte
Georg drückte seinem Bruder zur Begrüßung und zugleich zum Abschied die
Hand Wie er unauffällig durch die offene Tür des Speisezimmers verschwindend
sich noch einmal umsah bemerkte er Marianne die in der entferntesten Ecke des
Salons saß und ihm mit dem Lorgnon spöttisch nachblickte Es war immer die
rätselhafte Gabe dieser Frau gewesen plötzlich da zu sein ohne dass man wusste
wo sie herkam Noch auf der Stiege trat ihm eine verschleierte Dame in den Weg
»Eilen Sie doch nicht so sie kann schon noch einen Moment warten« sagte sie
»Man darf die Frauen überhaupt nicht so verwöhnen Ob Sies auch so eilig
hätten wenn Sie zu einem Rendezvous mit mir gingen Aber davon wollen ja
Sie nichts wissen Wahrscheinlich weil Sie Angst haben dass Sie mein Mann
niederschiesst wenn er aus Stockholm zurückkommt das heißt heute ist er wohl
schon in Kopenhagen Aber er setzt vollkommenes Vertrauen in mich Mit Recht
übrigens Denn ich kann Ihnen schwören weiter als bis zu einem Kuss auf die Hand
nein um nicht zu lügen auf diesen Hals hat es noch niemand gebracht Sie
glauben gewiss auch dass ich mit dem Stanzides ein Verhältnis gehabt habe Nein
der wäre nichts für mich Schöne Männer sind mir überhaupt ein Graus Auch an
Ihrem Bruder Felician kann ich nichts finden «
Es war nicht abzusehen wann die verschleierte Dame zu reden aufhören würde
denn es war Frau Oberberger Bei andern Frauen hätte das gleiche Benehmen ein
gewisses Entgegenkommen bedeutet nicht so bei ihr der man so zweifelhaft ihre
ganze Art erscheinen mochte noch nie einen Liebhaber hatte nachsagen können
Sie lebte in einer sonderbaren aber anscheinend glücklichen kinderlosen Ehe
Ihr schöner und glänzender Gemahl Geologe von Beruf hatte in früherer Zeit
Entdeckungsreisen unternommen wobei er wie Hofrat Wilt behauptete nicht so
sehr auf die Unerforschteit der betreffenden Landstriche als auf gute
Fahrgelegenheiten und einwandfreie Küche Wert gelegt haben sollte Seit einigen
Jahren aber begab er sich nur mehr auf Reisen um Vorträge zu halten und Frauen
zu erobern Wenn er wieder daheim war lebte er mit seiner Gattin in bester
Kameradschaft Schon manchmal aber immer flüchtig hatte Georg die Möglichkeit
eines Verhältnisses mit Frau Oberberger erwogen Er war sogar einer von jenen
die ihren Hals geküsst hatten woran sie sich wahrscheinlich selbst nicht mehr
erinnerte Und als sie jetzt den Schleier zurückschlug ließ Georg wieder einmal
den Reiz dieses nicht mehr ganz jugendlichen aber anmutigbewegten Gesichts mit
Vergnügen auf sich wirken Er wollte ihr ins Wort fallen sie aber sprach
weiter »Wissen Sie dass Sie sehr blass sind Sie müssen ein nettes Leben führen
Was ist das übrigens für ein Weib durch das Sie mir diesmal entrissen werden«
Hofrat Wilt unhörbar wie meistens stand plötzlich neben ihnen Beiläufig
überlegen und galant warf er hin »Küss die Hand schöne Frau grüß Sie Gott Baron
« und wollte weiter
Frau Oberberger aber fand es angemessen ihm vorerst noch mitzuteilen dass
Baron Georg sich soeben zu einer Orgie begebe wie das so seine Art sei dann
folgte sie dem Hofrat in den zweiten Stock auf die Gefahr hin wie sie
bemerkte dass man ihn wenn er zugleich mit ihr bei Ehrenbergs erschiene für
ihren fünfundneunzigsten Liebhaber halten würde
Es war sieben Uhr als Georg sich endlich in einen Wagen setzen konnte um
nach Mariahilf zu fahren Er fühlte sich von den zwei Stunden bei Ehrenbergs
geradezu abgespannt und mehr noch als sonst freute er sich auf das Zusammensein
mit Anna das ihm bevorstand Seit jenem Vormittag in der Miniaturenausstellung
hatten sie einander beinahe täglich gesehen in Gärten in Bildergalerien bei
ihr zu Hause Meist unterhielten sie sich über die kleinen Begebenheiten ihres
Daseins oder plauderten von Büchern und Musik Von vergangenen Zeiten sprachen
sie nicht oft und wenn es geschah ohne Misstrauen und Zweifel Denn noch waren
die Abenteuer aus denen Georg kam für Anna nicht vom beängstigenden Dufte des
Geheimnisvollen umwoben und dass sie selbst schon manche schwärmerische Neigung
empfunden hatte vernahm Georg aus ihren scherzenden Andeutungen heiter
unbesorgt ja ohne weiter zu fragen In einem menschenleeren Saal der
Liechtensteingalerie hatte er sie vor acht Tagen zum erstenmal geküsst und von
diesem Augenblick an nannte Anna ihn du als wäre eine fremdere Anrede ihr von
nun an wie etwas Lügenhaftes erschienen
Der Wagen hielt an einer Straßenecke Georg stieg aus zündete sich eine
Zigarette an und ging auf und ab dem Hause gegenüber aus dem Anna kommen
musste
Nach wenigen Minuten schon trat sie aus dem Tor Er eilte über die Straße
ihr entgegen und beglückt küsste er ihr die Hand Wie gewöhnlich weil sie auf
ihren Fahrten meist zu lesen pflegte hatte sie ein Buch mit sich in einem
Einband von gepresstem Leder
»Es ist ja kühl Anna« sagte Georg nahm ihr das Buch aus der Hand und half
ihr in die Jacke die sie über dem Arm getragen hatte
»Ich habe mich nämlich ein bisschen verspätet« sagte sie »und war sehr
ungeduldig dich zu sehen Ja« setzte sie lächelnd hinzu »man hat auch seine
Temperamentsausbrüche Was sagst du denn zu meinem neuen Kostüm« fragte sie
indem sie weiterspazierten
»Steht dir sehr gut«
»In meiner Lektion hat man gefunden ich sähe aus wie eine Hofdame«
»Wer hat das gefunden«
»Frau Bittner selbst und ihre beiden Töchter die ich unterrichte«
»Ich würde lieber sagen wie eine Erzherzogin«
Anna nickte befriedigt
»Also jetzt erzähl mir Anna was du seit gestern alles erlebt hast«
Ernstaft begann sie »Um zwölf nachdem ich mich am Haustor von dir
getrennt Mittagessen im Familienkreis Nachmittag ein wenig geruht und an dich
gedacht Von vier bis halb sieben Schülerinnen bei mir dann gelesen »grüner
Heinrich« und Abendblatt Zu faul um noch auf die Straße zu gehen im Hause
herumgetrenderlt Nachtmahl Die übliche häusliche Szene«
»Bruder« fragte Georg
Sie antwortete mit einem »ja« das weitere Fragen abschnitt »Nach dem
Nachtmahl ein bisschen musiziert sogar zu singen versucht«
»Warst du zufrieden«
»Für mich reicht es ja immer aus« sagte sie und Georg glaubte eine leichte
Traurigkeit im Klang ihrer Worte zu vernehmen
Rasch berichtete sie weiter »Um halb elf im Bett gelegen gut geschlafen
um acht Uhr früh auf man kann ja bei uns nicht länger liegen Toilette
gemacht bis halb zehn bis elf im Haus herum «
» getrenderlt« ergänzte Georg
»Richtig Dann zu Weils den Buben unterrichtet«
»Wie alt ist der eigentlich« fragte Georg
»Dreizehn« erwiderte Anna mit einem komischbedenklichen Gesicht
»Na das ist wirklich nicht so jung«
»Gewiss nicht« sagte Anna »Aber erfahre zu deiner Beruhigung dass er seine
Tante Adele liebt eine zarte Blondine von dreiunddreissig Jahren und vorläufig
nicht daran denkt ihr die Treue zu brechen Also Fortsetzung der Chronik Um
halb zwei zu Hause angelangt allein gegessen Gott sei Dank Papa schon im
Bureau Mama in schlafendem Zustand Von drei bis vier wieder geruht noch mehr
und noch bedeutender an dich gedacht als gestern dann Besorgungen in der
Stadt Handschuhe Sicherheitsnadeln und etwas für Mama und endlich mit der
Tramway lesend nach Mariahilf herausgefahren zu den zwei Bittner Fratzen So
nun weißt du alles Zufriedenstellend«
»Abgesehen von dem dreizehnjährigen Jüngling«
»Also ich gebe ja zu dass das beunruhigend sein mag aber jetzt wollen wir
einmal hören ob du mir nicht düsterere Geständnisse zu machen hast«
Sie waren in einer schmalen stillen Gasse die Georg ganz fremd vorkam und
Anna nahm seinen Arm
»Ich komme eben von Ehrenbergs« begann er
»Nun« fragte Anna »hat man dich sehr zu umstricken gesucht«
»Das kann ich eben nicht sagen Man schien sogar ein wenig froissiert dass
ich diesen Sommer gar nicht im Auhof war« setzte er hinzu
»Hat KleinElschen sich produziert« fragte Anna weiter
»Nein Was sich nach meinem Fortgehen ereignet haben mag das weiß ich
natürlich nicht«
»Jetzt wirds ja wohl nicht mehr der Mühe wert sein« sagte Anna mit
überquellendem Spott
»Du irrst dich Anna Es sind Leute oben für die zu singen es sich sehr
verlohnte«
»Wer denn«
»Heinrich Bermann Willy Eissler Demeter Stanzides «
»O Stanzides« rief Anna aus »Jetzt tut es mir eigentlich leid dass ich
nicht auch oben war«
»Mir scheint« sagte Georg »das ist nicht so spaßhaft gemeint als gesagt«
»Gewiss nicht« erwiderte Anna »Ich finde diesen Demeter zum Totschiessen
schön«
Georg schwieg ein paar Sekunden und plötzlich erregter als es sonst seine
Art war fragte er »Ist es am Ende er «
»Was für ein Er«
»Der den du mehr geliebt hast als mich«
Sie lächelte drängte sich fester an ihn und erwiderte einfach aber doch
ein bisschen spöttisch »Sollt ich wirklich jemanden lieber gehabt haben als
dich«
»Du hast es mir ja selber gestanden« erwiderte Georg
»Ich hab dir aber auch gestanden dass ich mit der Zeit dich mehr lieben
werde als ich je einen andern geliebt habe oder lieben könnte«
»Weißt du das ganz bestimmt Anna«
»Ja Georg das weiß ich ganz bestimmt«
Sie waren wieder in einer belebteren Straße und unwillkürlich lösten sie
die Arme Sie blieben vor verschiedenen Auslagen stehen entdeckten unter einem
Haustor den Glaskasten eines Photographen und waren sehr belustigt von der
mühseligungezwungenen Haltung in der hier Jubelpaare
Kadettoffiziersstellvertreter Köchinnen im Sonntagsstaat und für den Maskenball
kostümierte Damen aufgenommen waren
Georg in leichterm Tone fragte wieder »Also war es Stanzides«
»Aber was fällt dir denn ein Ich hab in meinem Leben keine hundert Worte
mit ihm gesprochen«
Sie spazierten weiter
»Also doch Leo Golowski« fragte Georg
Sie schüttelte den Kopf und lächelte »Das war die Jugendliebe« erwiderte
sie »das gilt überhaupt nicht Übrigens möcht ich das 16jährige Mädel kennen
das sich auf dem Land nicht in einen schönen Jüngling verliebt hätte der sich
mit einem veritabeln Grafen schlägt und dann acht Tage mit dem Arm in der
Schlinge herumspaziert«
»Aber er hat es doch nicht deinetwegen getan sondern sozusagen für die Ehre
seiner Schwester«
»Für Theresens Ehre Wie kommst du auf die Idee«
»Du hast mir doch erzählt dass der junge Mensch Terese im Walde
angesprochen hatte während sie die Emilia Galotti studierte«
»Ja das ist schon wahr Übrigens hat sie sich ganz gern ansprechen lassen
Dem Leo war es aber nur deswegen zuwider weil der junge Graf zu einer
Gesellschaft von jungen Leuten gehört hat die sich wirklich ziemlich frech und
halt ein bissel antisemitisch benommen haben Und wie Terese einmal mit ihrem
Bruder am See spazieren geht und der Graf kommt daher und redet Terese an wie
eine gute Bekannte und murmelt nur so beiläufig für Leo seinen Namen da hat Leo
ein Buckerl gemacht und sich ihm mit den Worten vorgestellt Leo Golowski Jüd
aus Krakau Was es weiter gegeben hat weiß ich nicht genau Es ist zu einem
Wortwechsel gekommen und am nächsten Tag war dann das Duell in Klagenfurt in
der Kavalleriekaserne«
»Da hab ich doch recht« beharrte Georg spöttisch »für die Ehre seiner
Schwester hat er sich geschlagen«
»Nein sag ich dir Ich bin ja dabei gewesen wie er später einmal mit
Terese über die Geschichte gesprochen und ihr gesagt hat Von mir aus kannst du
tun was dir Spaß macht kannst dir den Hof machen lassen von wem du willst
«
»Nur ein Jud muss es halt sein « ergänzte Georg
Anna schüttelte den Kopf »So ist er wirklich nicht«
»Ich weiß« erwiderte Georg mild »Wir sind ja sehr gute Freunde geworden in
der letzten Zeit dein Leo und ich Gestern Abend erst sind wir wieder im
Kaffeehaus zusammen gewesen und er war wirklich sehr herablassend zu mir Ich
glaube mir verzeiht er sogar meine Abstammung Im übrigen hab ich dir noch gar
nicht erzählt dass auch Terese heute bei Ehrenbergs oben war« Und er
berichtete von dem Erscheinen des jungen Mädchens im Salon Ehrenberg und von dem
Eindruck den sie auf Demeter gemacht hatte
Anna lächelte vergnügt dazu
Später während sie wieder in einer stilleren Straße Arm in Arm spazierten
begann Georg von neuem »Jetzt weiß ich aber noch immer nicht wer die große
Liebe gewesen ist«
Anna schwieg und sah vor sich hin
»Nun Anna Du hast mir ja versprochen nicht wahr«
Ohne ihn anzusehen erwiderte sie »Wenn du nur ahntest wie sonderbar mir
heute die Geschichte vorkommt«
»Warum sonderbar«
»Weil der nach dem du fragst eigentlich ein alter Mann gewesen ist«
»Fünfunddreissig« scherzte Georg »nicht wahr«
Sie schüttelte ernstaft den Kopf »Er war achtundfünfzig oder sechzig«
»Und du« fragte Georg langsam
»Im Sommer waren es zwei Jahre Einundzwanzig war ich damals«
Georg blieb plötzlich stehen »Nun weiß ich es dein Gesangslehrer war es
Nicht wahr«
Anna antwortete nicht
»Also wirklich« sagte Georg ohne sich eigentlich zu wundern denn es war
ihm nicht unbekannt dass sich in den berühmten Meister trotz seiner grauen
Haare alle Schülerinnen verliebten
»Und den« fragte Georg »hast du am meisten geliebt von allen Menschen die
dir begegnet sind«
»Seltsam nicht wahr Aber es ist doch so «
»Hat er es gewusst«
»Ich glaub schon«
Sie waren auf einen ausgeweiteten Platz gekommen mit einer kleinen
Gartenanlage die nur spärlich beleuchtet war Hinten erhob sich rötlich
schimmernd eine Kirche Dorthin als zög es sie an einen stillern Ort wandelten
sie unter dunkeln leise schwankenden Ästen
»Und was ist denn eigentlich zwischen euch vorgefallen wenn man fragen
darf«
Anna schwieg und Georg hielt in diesem Augenblick alles für möglich
Selbst dass Anna die Geliebte jenes Menschen gewesen wäre Aber innerhalb des
Unbehagens das er bei diesem Gedanken empfand regte sich leise und kaum bewusst
der Wunsch in ihm seine Befürchtung bestätigt zu hören Denn wie leicht und
verantwortungslos ließ dies Abenteuer sich an wenn Anna schon einem andern
gehört hatte eh sie die Seine wurde
»Ich will dir die ganze Geschichte erzählen« sagte Anna endlich »Sie ist
wirklich nicht so schrecklich«
»Also« fragte Georg seltsam gespannt
»Einmal nach der Stunde« begann Anna zögernd »hat er mir galant in die
Jacke hineingeholfen Und plötzlich hat er mich an sich gezogen und mich umarmt
und geküsst«
»Und du «
»Ich ich war ganz berauscht«
»Berauscht «
»Ja es war etwas Unbeschreibliches Er hat mich auf die Stirn geküsst und
auf den Mund und aufs Haar und dann hat er meine Hand genommen und hat
allerlei Worte gemurmelt die ich gar nicht recht gehört hab «
»Und «
»Und dann dann waren Stimmen daneben er hat meine Hand losgelassen
und es war aus«
»Aus«
»Ja aus Selbstverständlich war es aus«
»Gar so selbstverständlich find ich das eigentlich nicht Du hast ihn doch
wiedergesehen«
»Freilich ich hab ja weiter bei ihm gelernt«
»Und «
»Ich sag dir doch es war aus vollkommen als wär überhaupt nie was
gewesen«
Georg wunderte sich dass er sich beruhigt fühlte »Und er hat nie wieder den
Versuch gemacht« fragte er
»Nie wieder Es wäre auch lächerlich gewesen Und da er sehr klug war hat
er das selbst ganz gut gewusst Vorher es ist ja wahr hatt ich ihn sehr
geliebt Aber nach diesem Vorfall war er nichts andres mehr für mich als mein
alter Lehrer Gewissermassen sogar älter als er in Wirklichkeit war Ich weiß
nicht ob du das so ganz verstehen kannst Es war als ob er den ganzen Rest
seiner Jugend verschwendet hätte in jenem Augenblick«
»Ich verstehe es ganz gut« sagte Georg Er glaubte ihr und liebte sie mehr
als früher Sie traten in die Kirche Es war fast dunkel in dem weiten Raum Nur
vor einem Seitenaltar brannten trübe Kerzen und drüben hinter einer kleinen
Heiligenstatue schimmerte ein armes Licht Ein breiter Strom von Weihrauchduft
floss zwischen Wölbung und Steinfliesen hin Der Messner ging umher und klapperte
leise mit den Schlüsseln In den Bänken rückwärts regungslos dämmerten
Gestalten Langsam schritt Georg mit Anna vorwärts und fühlte sich wie ein
junger Gatte auf Reisen der mit seiner jungen Frau eine Kirche besichtigt Er
sagte es Anna Sie nickte nur »Es wär aber noch viel schöner« flüsterte Georg
während sie eng aneinander geschmiegt vor der Kanzel standen »wenn man wirklich
miteinander irgendwo in der Fremde wäre «
Sie sah ihn an wie beglückt und doch wie fragend und er erschrak über
seine eigenen Worte Wenn Anna sie als ernsthafte Aufforderung oder gar als eine
Art von Werbung aufgefasst hätte War er nicht verpflichtet sie aufzuklären dass
sie nicht so gemeint waren Ein Gespräch fiel ihm ein von neulich als sie
an einem windigregnerischen Tag unter dem Schirm eingehängt über die Linie
hinaus gegen Schönbrunn spaziert waren Er hatte ihr den Vorschlag gemacht mit
ihm in die Stadt zu fahren und in irgend einem abgeschiedenen Gastauszimmer mit
ihm zu nachtmahlen sie mit jener Frostigkeit in der ihr ganzes Wesen manchmal
erstarrte hatte darauf erwidert »für solche Sachen bin ich nicht« Er hatte
nicht weiter in sie gedrungen Doch eine Viertelstunde später allerdings im
Lauf einer Unterhaltung über Georgs Lebensführung aber vieldeutig lächelnd
hatte sie die Worte zu ihm gesprochen »Du hast keine Initiative Georg« Und in
diesem Augenblick war ihm plötzlich gewesen als täten sich Untiefen ihrer Seele
auf niemals vermutete und gefährliche vor denen es gut war sich in acht zu
nehmen Daran musste er jetzt wieder denken Was mochte in ihr denn vorgehen
Was wünschte sie und worauf war sie gefasst Und was wünschte was ahnte er
selbst Das Leben war ja so unberechenbar War es nicht sehr gut möglich dass er
wirklich einmal mir ihr draußen in der Welt herumreisen eine Zeit des Glücks
mit ihr durchleben und endlich von ihr scheiden würde wie er von mancher
andern geschieden war Doch wenn er an das Ende dachte das jedenfalls kommen
musste ob es nun der Tod bringen mochte oder das Leben selbst so fühlte er es
wie ein gelindes Weh im Herzen Noch immer schwieg sie Fand sie wieder dass
es ihm an Initiative fehlte Oder dachte sie vielleicht Es wird mir ja doch
gelingen ich werde seine Frau sein
Da fühlte er ihre Hand ganz leise über die seine streichen mit einer ihm
wie neuen sehr wohltuenden Zärtlichkeit »Du Georg« sagte sie
»Was denn« fragte er
»Wenn ich fromm wäre« erwiderte sie »möcht ich jetzt um was beten«
»Um was« fragte Georg beinahe ängstlich
»Dass was aus dir wird Georg Was sehr Bedeutendes Ein wirklicher ein
großer Künstler«
Unwillkürlich blickte er zu Boden wie in Beschämung dass ihre Gedanken um
soviel reinere Wege gegangen waren als die seinen
Ein Bettler hielt den dicken grünen Vorhang offen Georg gab dem Mann ein
Geldstück sie waren im Freien Strassenlichter glänzten auf Geräusche von Wagen
und Rolläden waren nah Georg fühlte wie ein feiner Schleier zerriss den der
Kirchendämmer um ihn und sie gewoben hatte und in befreitem Ton schlug er eine
kleine Spazierfahrt vor Anna war gern einverstanden In einem offenen Fiaker
dessen Dach sie über sich aufspannen ließ fuhren sie die Straße hinab ließ
sich um den Ring führen ohne viel von Gebäuden und Gärten zu sehen sprachen
kein Wort und schmiegten sich enger aneinander Sie fühlten jeder die eigne und
des andern Ungeduld und wussten dass es kein Zurück mehr gab
In der Nähe von Annas Wohnung sagte Georg »Wie schade dass du schon nach
Hause musst«
Sie zuckte die Achseln und lächelte sonderbar Die Untiefen dachte Georg
wieder aber ohne Angst heiter beinahe Eh der Wagen an der Ecke hielt
verabredeten sie ein Rendezvous für den nächsten Vormittag im
Schwarzenberggarten dann stiegen sie aus Anna eilte nach Hause und Georg
bummelte langsam gegen die Stadt zu
Er überlegte ob er ins Kaffeehaus gehen sollte Er hatte keine rechte Lust
dazu Bermann blieb heute wohl bei Ehrenbergs zum Souper auf Leo Golowskis
Kommen war nur selten zu rechnen und die andern jungen Leute meist jüdische
Literaten die Georg in der letzten Zeit flüchtig kennen gelernt hatte lockten
ihn nicht eben an wenn er auch manche von ihnen nicht uninteressant gefunden
hatte Im ganzen fand er den Ton der jungen Leute untereinander bald zu intim
bald zu fremd bald zu witzelnd bald zu pathetisch keiner schien sich dem
andern kaum einer sich selbst mit Unbefangenheit zu geben Heinrich hatte
übrigens neulich erklärt er wollte mit dem ganzen Kreis nichts mehr zu tun
haben der ihm seit seinen Erfolgen durchaus gehässig gesinnt sei Georg hielt
es allerdings für möglich dass Heinrich in seiner eitelen und hypochondrischen
Art Feindseligkeiten und Verfolgungen auch dort witterte wo vielleicht nur
Gleichgültigkeit oder Antipathie vorhanden waren Er für seinen Teil wusste dass
es weniger Freundschaft war die ihn zu dem jungen Schriftsteller hinzog als
Neugier einen seltsamen Menschen näher kennen zu lernen vielleicht auch das
Interesse in eine Welt hineinzuschauen die ihm bisher ziemlich fremd geblieben
war Denn während er selbst nach wie vor sich ziemlich zurückhaltend verhalten
und insbesondere über seine Beziehungen zu Frauen jede Andeutung vermieden
hatte ihm Heinrich nicht nur von der fernen Geliebten erzählt für die er Qualen
der Eifersucht zu leiden behauptete sondern auch von einer hübschen blonden
Person mit der er in der letzten Zeit seine Abende zu verbringen pflegte um
sich zu betäuben wie er mit Selbstironie hinzufügte nicht nur von seinen
Wiener Studenten und Journalistenjahren die noch nicht weit zurücklagen
sondern auch von der Kinder und Knabenzeit in der kleinen böhmischen
Provinzstadt wo er vor dreißig Jahren zur Welt gekommen war Sonderbar und
zuweilen fast peinlich erschien Georg der wie aus Zärtlichkeit und Widerwillen
aus Gefühlen von Anhänglichkeit und von Losgerissensein gemischte Ton in dem
Heinrich von den Seinen insbesondere von dem kranken Vater sprach der in jener
kleinen Stadt Advokat und eine Zeitlang Reichsratsabgeordneter gewesen war Ja
er schien sogar ein wenig stolz darauf zu sein dass er als Zwanzigjähriger schon
dem allzu Vertrauensseligen sein Schicksal vorausgesagt hatte genau so wie es
sich später erfüllen sollte nach einer kurzen Epoche der Beliebteit und des
Erfolgs hatte das Anwachsen der antisemitischen Bewegung ihn aus der
deutschliberalen Partei gedrängt die meisten Freunde hatten ihn verlassen und
verraten und ein verbummeltet Kouleurstudent der in den Versammlungen die
Tschechen und Juden als die gefährlichsten Feinde deutscher Zucht und Sitte
hinstellte daheim seine Frau prügelte und seinen Mägden Kinder machte war sein
Nachfolger im Vertrauen der Wähler und im Parlament geworden Heinrich dem die
Phrasen des Vaters von Deutschtum Freiheit Fortschritt in all ihrer
Ehrlichkeit immer gegen den Strich gegangen waren hatte dem Niedergang des
alternden Mannes anfangs wie mit Schadenfreude zugesehen allmählich erst als
der einst gesuchte Anwalt auch seine Klienten zu verlieren begann und die
materiellen Verhältnisse der Familie sich von Tag zu Tag verschlechterten
stellte bei dem Sohne sich ein verspätetes Mitleid ein Er hatte seine
juristischen Studien früh genug aufgegeben und musste den Seinen durch
journalistische Tagesarbeit zu Hilfe kommen Seine ersten künstlerischen Erfolge
fanden in dem verdüsterten Hause der Heimat kein Echo mehr Dem Vater nahte
unter schweren Zeichen der Wahnsinn und der Mutter für die gleichsam Staat und
Vaterland zu existieren aufgehört hatten als ihr Mann nicht wieder ins
Parlament gewählt wurde versank nun da dieser in geistige Nacht fiel die
ganze Welt Die einzige Schwester Heinrichs einst ein blühendes und tüchtiges
Geschöpf war nach einer unglücklichen Leidenschaft für eine Art von ProvinzDon
Juan in Schwermut verfallen und krankhaft eigensinnig gab sie dem Bruder mit
dem sie sich in der Jugend vortrefflich verstanden hatte die Schuld an dem
Unglück des elterlichen Hauses Auch von andern Verwandten erzählte Heinrich
deren er aus früherer Zeit sich erinnerte und ein teils lächerlicher teils
rührender Zug fromm beschränkter alter Juden und Jüdinnen schwebte an Georg
vorüber wie Gestalten einer andern Welt Er musste es am Ende begreifen dass
Heinrich durch keinerlei Heimweh nach jener kleinen von kläglichem Parteihader
zerrissenen Stadt in die dumpfe Enge des zugrunde gehenden Elternhauses sich
zurückgerufen fühlte und sah ein dass Heinrichs Egoismus ihm zugleich Rettung
und Befreiung bedeutete
Vom Turm der Michaelerkirche schlug es neun als Georg vor dem Kaffeehaus
stand An einem Fenster das der Vorhang nicht verhüllte sah er den Kritiker
Rapp sitzen einen Stoß von Zeitungen vor sich auf dem Tisch Eben hatte er den
Zwicker von der Nase genommen putzte ihn und so sah das blasse sonst so
hämischkluge Gesicht mir den stumpfen Augen wie tot aus Ihm gegenüber mit
ins Leere gehenden Gesten saß der Dichter Gleissner im Glanze seiner falschen
Eleganz mir einer ungeheueren schwarzen Krawatte darin ein roter Stein
funkelte Als Georg ohne ihre Stimmen zu hören nur die Lippen der beiden sich
bewegen und ihre Blicke hin und hergehen sah fasste er es kaum wie sie es
ertragen konnten in dieser Wolke von Hass sich eine Viertelstunde lang gegenüber
zu sitzen Er fühlte mit einemmal dass dies die Atmosphäre war in der das Leben
dieses ganzen Kreises sich abspielte und durch die nur manchmal erlösende
Blitze von Geist und von Selbsterkenntnis zuckten Was hatte er mit diesen
Leuten zu tun Eine Art von Grauen erfasste ihn er wandte sich ab und entschloss
sich statt ins Kaffeehaus zu gehen endlich wieder einmal den Klub aufzusuchen
dessen Räume er seit Monaten nicht betreten hatte Es waren nur wenige Schritte
bis dahin Bald stieg Georg die breite Marmortreppe hinauf begab sich in den
kleinen Speisesaal mit den lichtgrünen Vorhängen und wurde von Ralph Skelton
dem Attaché der englischen Botschaft und Doktor von Breitner die in einer Ecke
beim Souper saßen als ein lang Vermisster mit gedämpfter Herzlichkeit begrüßt
Man sprach von dem Turnier das bevorstand von dem Bankett das zu Ehren der
ausländischen Fechtmeister veranstaltet werden sollte plauderte über die neue
Operette am Wiedner Theater in der Fräulein Lovan als Bajadere beinahe nackt
aufgetreten war und über das Duell des Fabrikanten Heidenfeld mit dem Leutnant
Novotny in dem der beleidigte Ehemann gefallen war Nach dem Essen spielte
Georg mit Skelton eine Partie Billard und gewann Er fühlte sich immer
behaglicher und nahm sich vor von nun an wieder öfters diese luftigen und
hübsch ausgestatteten Räume zu besuchen in denen angenehme gut angezogene
junge Leute verkehrten mit denen man sich in guter und leichter Weise
unterhalten konnte Felician erschien erzählte seinem Bruder dass es bei
Ehrenbergs noch ganz amüsant geworden war und brachte ihm Grüße von Frau
Marianne Breitner eine seiner berühmten Riesenzigarren im Mund gesellte sich
zu den Brüdern und sprach davon dass im Speisesaal nächstens die Bilder einiger
verdienter Klubmitglieder aufgehängt werden sollten vor allem das des jungen
Labinski der im vorigen Jahr durch Selbstmord geendet hatte Und Georg musste an
Grace denken an das seltsam glühendkalte Gespräch mit ihr auf dem Friedhof im
schmelzenden Februarschnee und an jene wundervolle Nacht auf dem mondbeglänzten
Deck des Dampfers der sie beide von Palermo nach Neapel gebracht hatte Er
wusste kaum nach welcher Frau er sich am meisten sehnte in diesem Augenblick
nach Marianne der Verlassenen nach Grace der Entschwundenen oder nach dem
anmutigen jungen Geschöpf mit dem er vor ein paar Stunden in einer dämmrigen
Kirche herumspaziert war wie Hochzeitsreisende in einer fremden Stadt und das
den Himmel hatte anflehen wollen dass ein großer Künstler aus ihm würde In der
Erinnerung daran verspürte er eine gelinde Rührung War es nicht beinahe als
läge ihr mehr an seiner künstlerischen Zukunft als ihm selbst Nein
nicht mehr Sie hatte ja doch nur ausgesprochen was immer tief im Grunde seiner
Seele schlummerte Er vergaß nur sozusagen manchmal dass er ein Künstler war
Aber das musste anders werden So viel war begonnen und vorbereitet Nur etwas
Fleiß und es konnte am Erfolg nicht fehlen Und im nächsten Jahr ging es hinaus
in die Welt Eine Kapellmeisterstelle war bald gefunden und mit einem kräftigen
Sprung stand man mitten in einem Beruf der Geld und Ehren brachte Neue
Menschen lernte er kennen ein anderer Himmel glänzte über ihm und
geheimnisvoll wie aus fernem Nebel streckten unbekannte weiße Arme sich nach
ihm aus Und während die jungen Leute neben ihm sehr ernstaft die Chancen der
Kämpfer bei dem bevorstehenden Turnier erwogen träumte Georg in seiner Ecke
weiter von einer Zukunft voll Arbeit Ruhm und Liebe
Zur gleichen Stunde lag Anna in ihrem dunkeln Zimmer ohne zu schlafen die
weit offenen Augen zur Decke gerichtet zum erstenmal in ihrem Leben mit dem
untrüglichen Gefühl dass es einen Menschen auf der Welt gab der aus ihr machen
konnte was ihm beliebte mit dem festen Entschluss alle Seligkeit und alles
Leid hinzunehmen das ihr bevorstehen mochte und mit einer leisen Hoffnung
schöner als alle die ihr je erschienen waren auf ein beständiges und
ruhevolles Glück
Drittes Kapitel
Georg und Heinrich saßen von ihren Rädern ab Die letzten Villen lagen hinter
ihnen und die breite Straße allmählich ansteigend führte in den Wald Das
Laub hing noch ziemlich dicht an den Bäumen aber jeder leise Windhauch nahm
Blätter mit und ließ sie langsam herabsinken Herbstglanz lag über den
gelbrötlichen Hügeln Die Straße stieg höher an an einem stattlichen
Wirtshausgarten vorbei zu dem steinerne Stufen hinaufführten Nur wenige Leute
saßen im Freien die meisten in der Glasveranda als trauten sie nicht ganz der
Wärme dieses schmeichlerischen Spätoktobertags durch den doch immer wieder eine
gefährliche Kühle geweht kam Georg dachte mit ödem Erinnern des Winterabends
an dem er und Frau Marianne als einzige Gäste hier eingekehrt waren Gelangweilt
war er an ihrer Seite gesessen hatte ungeduldig ihr plätscherndes Gerede über
das Konzert von gestern angehört in dem Fräulein Bellini seine Lieder gesungen
und als er auf der Rückfahrt wegen Mariannens Ängstlichkeit schon in einer
Vorstadtstrasse aus dem Wagen steigen musste hatte er wie erlöst aufgeatmet Ein
ähnliches Gefühl der Befreiteit kam freilich beinahe jedesmal über ihn wenn
er auch nach schönerem Zusammensein von einer Geliebten Abschied nahm Selbst
als er Anna an ihrem Haustor verlassen hatte vor drei Tagen nach dem ersten
Abend vollkommenen Glücks war er sich früher als jeder anderen Regung der
Freude bewusst geworden wieder allein zu sein Und gleich darauf ehe noch das
Gefühl des Danks und die Ahnung einer wirklichen Zusammengehörigkeit mit diesem
sanften sein ganzes Wesen mit so viel Innigkeit umschliessenden Geschöpf in
seiner Seele emporzudringen vermochte flog durch sie ein sehnsuchtsvoller Traum
von Fahrten über ein schimmerndes Meer von Küsten die sich verführerisch
nähern von Spaziergängen an Ufern die am nächsten Tage wieder verschwinden
von blauen Fernen Ungebundenheit und Alleinsein Am andern Morgen da den
Erwachenden der Duft des vergangenen Abends erinnerungs und verheissungsschwer
umfloss wurde die Reise natürlich aufgeschoben bis zu einer späteren vielleicht
nicht gar so fernen doch gelegeneren Zeit Denn dass auch dieses Abenteuer so
ernst und hold es begonnen zu einem Ende bestimmt war wusste Georg selbst in
dieser Stunde nur ohne jeden Schauer Anna hatte sich ihm gegeben ohne mit
einem Wort einem Blick einer Gebärde anzudeuten dass nun für sie gewissermaßen
ein neues Kapitel ihres Lebens anfing Und so musste von ihr das fühlte Georg
tief auch der Abschied ohne Düsterkeit und Schwere sein ein Händedruck ein
Lächeln und ein stilles »es war schön« Und leichter noch war ihm zumute
geworden als sie ihm bei der nächsten Begegnung mit einfach innigem Gruß
entgegenkam ohne die befangenen Töne anschmiegender Wehmut oder erfüllten
Schicksals wie er sie in den Worten mancher andern beben gehört hatte die zu
einem solchen Morgen nicht zum erstenmal erwacht war
Eine mattgezogene Berglinie erschien in der Ferne und verschwand wieder als
die Straße durch dichtern Waldstand in die Höhe führte Laub und Nadelholz
wuchsen friedlich nebeneinander und durch die stillere Farbe der Tannen
schimmerte das herbstlich gefärbte Blätterwerk von Buchen und Birken Wanderer
zeigten sich einige mit Rucksack Bergstock und Nagelschuhen wie zu bedeutenden
Gebirgstouren ausgerüstet zuweilen in beglückter Schnelle sausten Radfahrer
die Straße hinab
Heinrich erzählte seinem Gefährten von einer Radfahrt die er anfangs
September unternommen hatte den Rhein entlang
»Ist es nicht sonderbar« sagte Georg »so viel bin ich schon in der Welt
herumgekommen und die Gegend wo meine Ahnen zu Hause waren kenn ich noch gar
nicht«
»Wirklich« fragte Heinrich »Und es regt sich gar nicht in Ihnen wenn Sie
das Wort Rhein aussprechen hören«
Georg lächelte »Es sind immerhin bald hundert Jahre dass meine Urgrosseltern
aus Biebrich fortgezogen sind«
»Warum lächeln Sie Georg Dass meine Ahnen aus Palästina fortgewandert sind
ist noch viel länger her und doch fordern manche sonst ganz logische Leute
dass mein Herz in Heimweh nach diesem Lande bebe«
Georg schüttelte ärgerlich den Kopf »Was kümmern Sie sich immerfort um
diese Leute Es wird wirklich schon zur fixen Idee bei Ihnen«
»Ach Sie glauben ich denke an die Antisemiten Durchaus nicht Denen nehm
ichs auch weiter nicht übel manchmal wenigstens Aber fragen Sie nur einmal
unsern Freund Leo wie er über diese Angelegenheit denkt«
»Ach so den meinen Sie Na der fasst doch das nicht so wörtlich auf
sondern gewissermaßen symbolisch oder politisch« setzte er unsicher hinzu
Heinrich nickte »Diese beiden Begriffe liegen vielleicht hart nebeneinander
in Köpfen solcher Art« Er versank für eine Weile in Nachdenken schob sein Rad
in leichten ungeduldigen Stößen vorwärts und war gleich wieder um ein paar
Schritte voraus Dann begann er wieder von seiner Septemberreise zu sprechen
Beinahe mit Ergriffenheit dachte er an sie zurück Alleinsein Fremde Bewegung
war es nicht ein dreifaches Glück das er genossen »Was für ein Gefühl von
innerer Freiheit mich damals durchfloss« sagte er »kann ich Ihnen kaum
beschreiben Kennen Sie diese Stimmungen in denen alle Erinnerungen ferne und
nahe sozusagen ihre Lebensschwere verlieren alle Menschen mit denen man sonst
irgendwie verbunden ist durch Schmerzen Sorgen Zärtlichkeit einen nur mehr
wie Schatten umschweben oder richtiger gesagt wie Gestalten die man selbst
erfunden hat Und die erfundenen Gestalten die stellen sich natürlich auch ein
und sind mindestens geradso lebendig wie die Menschen an die man sich eben als
an wirkliche erinnert Da entwickeln sich dann die allerseltsamsten Beziehungen
zwischen den wirklichen und den erfundenen Figuren Ich könnte Ihnen von einer
Unterhaltung berichten die zwischen meinem verstorbenen Grossonkel der Rabbiner
war und dem Herzog Heliodor stattgefunden hat wissen Sie mit dem der sich in
meinem Opernstoff herumtreibt eine Unterhaltung so amüsant so tiefsinnig wie
im allgemeinen weder das Leben noch Operntexte zu sein pflegen Ja
wundervoll sind solche Reisen Und so geht es durch Städte die man niemals
gesehen hat und vielleicht nie wieder sehen wird an lauter unbekannten
Gesichtern vorüber die gleich wieder für alle Ewigkeit verschwinden und
dann saust man weiter auf heller Straße zwischen Strom und Weingeländen
Wahrhaft reinigend sind solche Stimmungen Schade dass sie einem so selten
geschenkt sind«
Georg empfand stets eine gewisse Verlegenheit wenn Heinrich pathetisch
wurde »Jetzt könnte man vielleicht wieder fahren« sagte er und sie schwangen
sich auf die Räder Ein schmaler ziemlich holpriger Seitenweg zwischen Wiese
und Wald führte sie bald zu einem unerbaulich kahlen zweistöckigen Haus das
sich durch ein mürrisch braunes Schild als Wirtshaus zu erkennen gab Auf der
Wiese die durch die Straße vom Haus geschieden war stand eine große Menge von
Tischen manche mit einstmals weiß gewesenen andre mit geblümten Tüchern
bedeckt Hart an der Straße an einigen zusammengerückten Tischen saßen zehn
oder zwölf junge Leute Mitglieder eines Radfahrklubs Mehrere hatten ihre Röcke
abgelegt andre trugen sie flott übergehängt auf den himmelblauen gelb
eingefassten Sweaters prangten Embleme in erhabener roter und grüner Stickerei
Mächtig aber nicht sehr rein tönte ein Chorlied zum Himmel auf »Der Gott der
Eisen wachsen ließ der wollte keine Knechte«
Heinrich überflog die Gesellschaft mit einem raschen Blick kniff die Augen
zusammen und sagte zu Georg mit zusammengepressten Zähnen und heftig betont
»Ich weiß nicht ob diese Jünglinge bieder treu und mutig sind wofür sie sich
jedenfalls halten dass sie aber nach Wolle und Schweiß duften ist gewiss und
daher wäre ich dafür dass wir in angemessener Entfernung von ihnen Platz
nehmen«
Was will er eigentlich dachte Georg bei sich Wäre es ihm sympatischer
wenn hier eine Gesellschaft von polnischen Juden säße und Psalmen sänge
Beide schoben ihre Räder zu einem entferntem Tische hin und ließ sich
nieder Ein Kellner erschien in schwarzem von Fett und Gemüseflecken
übersäten Frack fegte mit einer schmutzigen Serviette heftig über den Tisch
nahm die Bestellungen entgegen und verschwand
»Ist es nicht jämmerlich« sagte Heinrich »dass in der nächsten Umgebung von
Wien beinahe überall so verwahrloste Wirtshäuser stehen Es macht einen geradezu
trübsinnig«
Georg fand diese übertriebene Wehmut nicht angebracht »Ach Gott auf dem
Land« meinte er »man nimmt es eben mit Es gehört fast dazu«
Heinrich ließ diese Auffassung nicht gelten begann den Plan zur Gründung
von sieben Hotels an den Wienerwaldgrenzen zu entwickeln und berechnete eben
dass man dazu höchstens drei bis vier Millionen benötige als plötzlich Leo
Golowski dastand Er war im Zivilanzug der wie oft bei ihm eines etwas
bizarren Elements nicht entbehrte Heute trug er zu einem hellgrauen Sacco eine
blaue Samtweste und eine gelbliche Seidenkrawatte in glattem Stahlring Die
beiden andern begrüßten ihn erfreut und äußerten einige Überraschung
Leo setzte sich zu ihnen »Ich habe ja gehört« sagte er »wie Sie gestern
Abend Ihre Partie verabredet haben und als wir heute schon um neun aus der
Kaserne entlassen wurden dacht ich mir gleich es wäre doch hübsch mit zwei
klugen sympatischen Menschen eine Stunde im Freien zu verplauschen So bin ich
nach Haus hab mich in Zivil geworfen und auf den Weg gemacht« Er sagte das in
seinem gewöhnlichen liebenswürdigen fast naiv klingenden Ton der Georg immer
wieder gefangen nahm aber in der Erinnerung für ihn einen Beiklang von Ironie
ja von Falschheit zu bekommen pflegte Doch schien dieser gleichsam schillernde
Klang Leos Worten nur in gleichgültiger Unterhaltung eigen ernste Gespräche
wusste er mit einer Bestimmtheit zu führen die Georg geradezu imponierte In der
letzten Zeit hatte er einigemale Gelegenheit gehabt im Kaffeehaus Diskussionen
zwischen Leo und Heinrich über kunstteoretische Fragen insbesondere über die
Beziehungen zwischen den Gesetzen der Musik und der Mathematik anzuhören Leo
glaubte der Ursache auf der Spur zu sein aus der Dur und Molltonarten die
menschliche Seele in so verschiedener Weise berührten Gerne folgte Georg seinen
klaren und scharfsinnigen Auseinandersetzungen wenn sich auch etwas in ihm
gegen den verwegenen Versuch wehrte allen Zauber und alles Geheimnis der Klänge
aus dem Walten von Gesetzen gedeutet zu hören die ebenso unerbittlich wie
diejenigen nach denen sich Erde und Sterne drehten mit jenen ewigen aus
gleicher Wurzel stammen sollten Nur wenn Heinrich die Theorien Leos
weiterzuführen und gelegentlich auf Schöpfungen der Wortkunst anzuwenden suchte
wurde Georg ungeduldig und fühlte sich sofort als stillen Verbündeten Leos der
zu Heinrichs phantastischen und wirren Ausführungen mild zu lächeln pflegte
Das Essen wurde aufgetragen und die jungen Leute ließ sichs schmecken
Heinrich nicht weniger als die andern trotzdem er sich über die
Minderwertigkeit der Küche höchst missbilligend äußerte und das Vorgehen des
Wirts nicht nur als Ausdruck persönlich niedriger Gesinnung sondern als
charakteristisch für den Niedergang Österreichs auf vielen andern Gebieten
aufzufassen geneigt war Das Gespräch kam auf die militärischen Zustände des
Landes und Leo gab Schilderungen von Kameraden und Vorgesetzten zum besten
über die die beiden andern sich sehr amüsierten Insbesondere ein Oberleutnant
gab zur Heiterkeit Anlass der sich der Freiwilligenabteilung mit den
gefahrverkündenden Worten vorgestellt hatte »Mit mir wern S nix zu lachen
haben ich bin eine Bestie in Menschengestalt«
Während sie noch aßen trat ein Herr an den Tisch schlug die Hacken
aneinander legte die Hand salutierend an die Radfahrkappe grüßte mit einem
scherzhaften »all Heil« fügte für Leo noch ein kameradschaftliches »servus«
hinzu und stellte sich Heinrich vor »Josef Rosner ist mein Name« Hierauf
begann er jovial die Unterhaltung mit den Worten »Die Herren machen auch eine
Radpartie « Da man nicht widersprach fuhr er fort »Die letzten schönen Tage
muss man benützen lange wird ja die Herrlichkeit nicht mehr dauern«
»Wollen Sie nicht Platz nehmen Herr Rosner« fragte Georg höflich
»Küss die Hand aber « er wies auf seine Gesellschaft »wir sind
soeben im Aufbruch begriffen haben noch viel vor fahren bis Tulln hinunter und
dann über Stockerau nach Wien Die Herren erlauben « er nahm ein Zündhölzchen
vom Tisch und brannte seine Zigarette vornehm an
»Bei was für einem Klub bist du denn eigentlich« fragte Leo und Georg
wunderte sich über das »du« bis ihm einfiel dass die beiden Jugendbekannte
waren
»Das ist der Sechshauser Radfahrklub« erwiderte Josef Obzwar kein Staunen
geäußert wurde setzte er hinzu »Die Herren werden sich wundern dass ich als
Margaretner Kind diesem vorortlichen Klub angehöre aber es ist auch nur weil
ein guter Freund von mir dort Obmann ist Sehen Sie dieser Dicke dort der jetzt
gerade in den Rock hineinschlieft Es ist nämlich der junge Jalaudek der Sohn
von dem Stadtrat und Abgeordneten«
»Jalaudek « wiederholte Heinrich mit deutlichem Ekel in der Stimme und
sagte nichts weiter
»Ah« meinte Leo »das ist ja der der neulich in einer Debatte über den
Volksbildungsverein diese prachtvolle Definition von Wissenschaft gegeben hat
Haben Sie nicht gelesen« wandte er sich zu den andern
Diese erinnerten sich nicht
»Wissenschaft« zitierte Leo »Wissenschaft ist das was ein Jud vom andern
abschreibt«
Alle lachten Auch Josef der aber sofort erläuterte »Eigentlich ist er gar
nicht so ich kenn ihn ja Nur im politischen Leben ist er so grob weil also
nämlich da die Gegensätze aufeinanderplatzen in unserm lieben Österreich Aber
für gewöhnlich ist er ein sehr umgänglicher Herr Da ist der Junge viel
radikaler«
»Ist euer Klub christlichsozial oder deutschnational« fragte Leo
verbindlich
»O da wird bei uns kein Unterschied gemacht nur natürlich wie das schon
so ist « er unterbrach sich plötzlich verlegen
»Nun ja« ermutigte ihn Leo »dass euer Klub judenrein ist das ist doch
selbstverständlich Man merkts auch schon von weitem«
Josef hielt es für das richtigste zu lachen Dann sagte er »O bitte sehr
auf den Bergen schweigt die Politik überhaupt die Herren machen sich da falsche
Begriffe wenn wir schon über dieses Thema reden Wir haben zum Beispiel einen
im Klub der ist mit einer Israelitin verlobt Aber sie winken mir schon Habe
die Ehre meine Herrschaften servus Leo all Heil« Er salutierte wieder und
entfernte sich wiegenden Schrittes Die andern unwillkürlich lächelnd blickten
ihm nach
Dann fragte Leo plötzlich zu Georg gewandt »Wie gehts denn eigentlich
seiner Schwester mit dem Singen«
»Wie« sagte Georg aufgeschreckt und leicht errötend
»Terese erzählt mir« fuhr Leo ruhig fort »dass Sie zuweilen mit Anna
musizieren Ist denn die Stimme jetzt in Ordnung«
»Ja« entgegnete Georg zögernd »ich glaube schon jedenfalls finde ich sie
sehr angenehm sehr wohllautend besonders in der tieferen Lage Schade dass sie
eben nicht ausreicht für größere Räume mein ich«
»Nicht ausreicht« wiederholte Leo nachdenklich »das ist auch so ein Wort«
»Wie würden Sie es denn bezeichnen«
Leo zuckte die Achseln und blickte Georg ruhig an »Sehen Sie« sagte er
»ich habe die Stimme auch immer sehr sympathisch gefunden aber selbst zur Zeit
als Anna die Idee hatte zur Bühne zu gehen ehrlich gestanden ich habe nie
geglaubt dass aus der Sache was wird«
»Sie haben eben wahrscheinlich gewusst« entgegnete Georg absichtlich leicht
»dass Fräulein Anna an dieser eigentümlichen Schwäche der Stimmbänder leidet«
»Ja freilich wußt ich das aber wäre sie zu einer künstlerischen Laufbahn
bestimmt gewesen innerlich bestimmt meine ich so hätte sie diese Schwäche eben
überwunden«
»Sie glauben«
»Ja das glaub ich das glaub ich ganz entschieden Darum find ich dass
solche Worte wie eigentümliche Schwäche oder die Stimme reicht nicht aus
gewissermaßen Umschreibungen für etwas Tieferes Seelisches bedeuten Es liegt
offenbar nicht in der Linie ihres Schicksals eine Künstlerin zu werden das ist
es Sie war sozusagen von Anbeginn dazu bestimmt im Bürgerlichen zu enden«
Heinrich war mit der Theorie von der Schicksalslinie höchst einverstanden
und führte den Gedanken in seiner krausen Art weiter und immer weiter vom
Geistreichen übers Verdrehte ins Unsinnige Dann machte er den Vorschlag man
sollte sich für eine halbe Stunde auf die Wiese hin in die Sonne legen die in
diesem Jahr wohl nicht mehr oft so warm herunterscheinen werde Die andern
stimmten zu
Hundert Schritt weit vom Wirtshaus streckten sich Georg und Leo auf ihre
Mäntel aus Heinrich setzte sich ins Gras verschränkte die Arme über den Knien
und sah vor sich hin Zu seinen Füßen senkte sich die Wiese zum Walde hinab
Tiefer unten in lockeres Laub vergraben ruhten die Landhäuser von Neuwaldegg
Aus bläulichgrauen Nebeln hervor schimmerten die Turmkreuze und sonngeblendeten
Fenster der Stadt und ganz fern als trüge bewegter Dunst sie empor schwebte
und verdämmerte die Ebene
Spaziergänger schritten über die Wiese dem Wirtshaus zu Einige grüßten im
Vorübergehen und einer ein noch junger Mann der ein Kind an der Hand führte
bemerkte zu Heinrich »Das ist aber einmal ein schöner Tag grad als wie im
Mai«
Heinrich fühlte anfangs gegen seinen Willen wie manchmal solch wohlfeiler
aber unvermuteter Freundlichkeit gegenüber gleichsam sein Herz aufgehen Sofort
aber besann er sich denn er wusste ja auch dieser junge Mann war nur von der
Milde des Tags dem Frieden der Landschaft wie berauscht in der Tiefe der Seele
war auch der ihm feindselig gesinnt gleich all den andern die so harmlos an
ihm vorbeispazierten Und er verstand es wieder einmal selbst nicht recht warum
der Anblick dieser sanftbewegten Hügel dieser verdämmernden Stadt ihn so
schmerzlich süß ergriff da ihm doch die Menschen die hier zu Hause waren so
wenig und selten etwas Gutes bedeuteten
Der Radfahrklub sauste über die nahe Straße die umgehängten Röcke wehten
die Embleme leuchteten und ein rohes Lachen schallte über die Wiese
»Grässliches Volk« meinte Leo beiläufig ohne den Platz zu verändern
Heinrich wies mit einer unbestimmten Kopfbewegung nach unten »Und solche
Kerle« sagte er mit zugepressten Zähnen »bilden sich dann noch ein dass sie da
eher zu Hause sind als unsereiner«
»Nun ja« entgegnete Leo ruhig »da werden sie wohl nicht so unrecht haben
diese Kerle«
Heinrich wandte sich höhnisch zu ihm »Verzeihen Sie Leo ich vergaß einen
Augenblick dass Sie selbst den Wunsch hegen nur als geduldet zu gelten«
»Das wünsche ich keineswegs« erwiderte Leo lächelnd »und Sie brauchen mich
nicht gleich so boshaft misszuverstehen Aber dass diese Leute sich als die
Einheimischen ansehen und Sie und mich als die Fremden das kann man ihnen doch
nicht übel nehmen Das ist doch schließlich nur der Ausdruck ihres gesunden
Instinktes für eine antropologisch und geschichtlich feststehende Tatsache
Dagegen und daher auch gegen alles was daraus folgt ist weder mit jüdischen
noch mit christlichen Sentimentalitäten etwas auszurichten« Und sich zu Georg
wendend fragte er in allzu verbindlichem Ton »Finden Sie nicht auch«
Georg errötete räusperte kam aber nicht dazu zu erwidern da Heinrich auf
dessen Stirn zwei tiefe Falten erschienen sofort erbittert das Wort nahm »Mein
Instinkt ist mir mindestens ebenso massgebend wie der der Herren Jalaudek junior
und senior und dieser Instinkt sagt mir untrüglich dass hier gerade hier meine
Heimat ist und nicht in irgend einem Land das ich nicht kenne das mir nach den
Schilderungen nicht im geringsten zusagt und das mir gewisse Leute jetzt als
Vaterland einreden wollen mit der Begründung dass meine Urahnen vor einigen
tausend Jahren gerade von dort aus in die Welt verstreut worden sind Wozu noch
zu bemerken wäre dass die Urahnen des Herrn Jalaudek und selbst die unseres
Freundes des Freiherrn von Wergentin gerade so wenig hier zu Hause gewesen
sind als die meinen und die Ihrigen«
»Sie dürfen mir nicht böse sein« erwiderte Leo »aber Ihr Blick in diesen
Dingen ist doch ein wenig beschränkt Sie denken immer an sich und an den
nebensächlichen Umstand pardon für diese Frage nebensächlichen Umstand dass
Sie ein Dichter sind der zufällig weil er in einem deutschen Land geboren in
deutscher Sprache und weil er in Österreich lebt über österreichische Menschen
und Verhältnisse schreibt Es handelt sich aber in erster Linie gar nicht um Sie
und auch nicht um mich auch nicht um die paar jüdischen Beamten die nicht
avancieren die paar jüdischen Freiwilligen die nicht Offiziere werden die
jüdischen Dozenten die man nicht oder verspätet zu Professoren macht das sind
lauter Unannehmlichkeiten zweiten Ranges sozusagen es handelt sich hier um ganz
andre Menschen die Sie nicht genau oder gar nicht kennen und um Schicksale
über die Sie ich versichere Sie lieber Heinrich über die Sie gewiss trotz der
Verpflichtung die Sie eigentlich dazu hätten noch nicht gründlich genug
nachgedacht haben Gewiss nicht sonst könnten Sie über all diese Dinge nicht
in so oberflächlicher und in so egoistischer Weise reden wie Sie es tun«
Er erzählte dann von seinen Erlebnissen auf dem Basler Zionistenkongress an dem
er im vorigen Jahre teilgenommen hatte und wo ihm ein tieferer Einblick in das
Wesen und den Gemütszustand des jüdischen Volkes gewährt worden wäre als je
zuvor In diese Menschen die er zum erstenmal in der Nähe gesehen war die
Sehnsucht nach Palästina das wusste er nun nicht künstlich hineingetragen in
ihnen wirkte sie als ein echtes nie erloschenes und nun mit Notwendigkeit neu
aufflammendes Gefühl Daran konnte keiner zweifeln der wie er den heiligen
Zorn in ihren Blicken hatte aufleuchten sehen als ein Redner erklärte dass man
die Hoffnung auf Palästina vorläufig aufgeben und sich mit Ansiedlungen in
Afrika und Argentinien begnügen müsse Ja alte Männer nicht etwa ungebildete
nein gelehrte weise Männer hatte er weinen gesehen weil sie fürchten mussten
dass das Land ihrer Väter das sie auch bei Erfüllung der kühnsten zionistischen
Pläne doch keineswegs mehr selbst hätten betreten können sich vielleicht auch
ihren Kindern und Kindeskindern niemals erschließen würde
Verwundert ja ein wenig ergriffen hatte Georg zugehört Heinrich aber der
während Leos Erzählung mit kurzen Schritten auf der Wiese hin und hergegangen
war erklärte dass ihm der Zionismus als die schlimmste Heimsuchung erschiene
die jemals über die Juden hereingebrochen war und gerade Leos Worte hätten ihn
davon tiefer überzeugt als irgend eine Überlegung oder Erfahrung zuvor
Nationalgefühl und Religion das waren seit jeher Worte die in ihrer
leichtfertigen ja tückischen Vieldeutigkeit ihn erbitterten Vaterland das
war ja überhaupt eine Fiktion ein Begriff der Politik schwebend veränderlich
nicht zu fassen Etwas Reales bedeutete nur die Heimat nicht das Vaterland
und so war Heimatsgefühl auch Heimatsrecht Und was die Religionen anbelangte
so ließ er sich christliche und jüdische Legenden so gut gefallen als
hellenische und indische aber jede war ihm gleich unerträglich und widerlich
wenn sie ihm ihre Dogmen aufzudrängen suchte Und zusammengehörig fühlte er sich
mit niemandem nein mit niemandem auf der Welt Mit den weinenden Juden in Basel
gerade so wenig als mit den grölenden Alldeutschen im österreichischen
Parlament mit jüdischen Wucherern so wenig als mit hochadeligen Raubrittern
mit einem zionistischen Branntweinschänker so wenig als mit einem
christlichsozialen Greisler Und am wenigsten würde ihn je das Bewusstsein
gemeinsam erlittener Verfolgung gemeinsam lastenden Hasses mit Menschen
verbinden denen er sich innerlich fern fühle Als moralisches Prinzip und als
Wohlfahrtsaktion wollte er den Zionismus gelten lassen wenn er sich aufrichtig
so zu erkennen gäbe die Idee einer Errichtung des Judenstaates auf religiöser
und nationaler Grundlage erscheine ihm wie eine unsinnige Auflehnung gegen den
Geist aller geschichtlichen Entwicklung »Und in der Tiefe Ihrer Seele« rief er
aus vor Leo stehen bleibend »glauben auch Sie nicht daran dass dieses Ziel je
zu erreichen sein wird ja wünschen es nicht einmal wenn Sie sich auch auf dem
Wege hin aus dem oder jenem Grunde behagen Was ist Ihnen Ihr Heimatland
Palästina Ein geographischer Begriff Was bedeutet Ihnen der Glaube Ihrer
Väter Eine Sammlung von Gebräuchen die Sie längst nicht mehr halten und von
denen Ihnen die meisten gerade so lächerlich und abgeschmackt vorkommen als
mir«
Sie redeten noch lang bald heftig und beinahe feindselig dann wieder ruhig
und in dem ehrlichen Bestreben einander zu überzeugen fanden sich manchmal wie
erstaunt in einer gleichen Ansicht um einander im nächsten Augenblick in einem
neuen Widerspruch zu verlieren Georg auf seinen Mantel gestreckt hörte ihnen
zu Bald neigte sein Sinn sich Leo zu in dessen Worten ihm ein glühendes
Mitleid für seine unglücklichen Stammesgenossen zu beben schien und der sich
stolz von Menschen abkehrte die ihn als ihresgleichen nicht wollten gelten
lassen Bald wieder war er innerlich Heinrich näher der sich zornig von einem
Beginnen abwandte das phantastisch und kurzsichtig zugleich die Angehörigen
einer Rasse deren Beste überall in der Kultur ihres Wohnlandes aufgegangen
waren oder mindestens an ihr mitarbeiteten von allen Enden der Welt versammeln
und in eine gemeinsame Fremde senden wollte nach der sie kein Heimweh rief Und
eine Ahnung stieg in Georg auf wie schwer gerade diesen Besten von denen
Heinrich sprach denen in deren Seelen sich die Zukunft der Menschheit
vorbereitete eine Entscheidung fallen musste wie gerade ihnen hin und
hergeworfen zwischen der Scheu zudringlich zu erscheinen und der Erbitterung
über die Zumutung einer frechen Überzahl weichen zu sollen zwischen dem
eingeborenen Bewusstsein daheim zu sein wo sie lebten und wirkten und der
Empörung sich eben da verfolgt und beschimpft zu sehen wie gerade ihnen
zwischen Trotz und Ermattung das Gefühl ihres Daseins ihres Wertes und ihrer
Rechte sich verwirren musste Zum erstenmal begann ihm die Bezeichnung Jude die
er selbst so oft leichtfertig spöttisch und verächtlich im Mund geführt hatte
in einer ganz neuen gleichsam düstern Beleuchtung aufzugehen Eine Ahnung von
dieses Volkes geheimnisvollem Los dämmerte in ihm auf das sich irgendwie in
jedem aussprach der ihm entsprossen war nicht minder in jenen die diesem
Ursprung zu entfliehen trachteten wie einer Schmach einem Leid oder einem
Märchen das sie nichts kümmerte als in jenen die mit Hartnäckigkeit auf ihn
zurückwiesen wie auf ein Schicksal eine Ehre oder eine Tatsache der
Geschichte die unverrückbar feststand
Und als er sich in den Anblick der beiden Sprechenden verlor und ihre
Gestalten betrachtete die sich mit scharf gezogenen heftig bewegten Linien von
dem rötlichvioletten Himmel abzeichneten fiel es ihm nicht zum ersten Male
auf dass Heinrich der darauf bestand hier daheim zu sein in Figur und Geste
einem fanatischen jüdischen Prediger glich während Leo der mit seinem Volk
nach Palästina ziehen wollte in Gesichtsschnitt und Haltung ihn an die
Bildsäule eines griechischen Jünglings erinnerte die er einmal im Vatikan oder
im Museum von Neapel gesehen hatte Und wieder einmal während sein Auge Leos
lebhaften und edelen Bewegungen mit Vergnügen folgte begriff er sehr wohl dass
Anna für den Bruder ihrer Freundin vor Jahren in jenem Sommer am See eine
schwärmerische Neigung empfunden hatte
Immer noch standen Heinrich und Leo einander auf der Wiese gegenüber und
ins Unentwirrbare verlor sich ihr Gespräch Die Sätze stürmten ineinander
hinein verkrampfen sich ineinander schossen aneinander vorbei gingen ins
Leere und in irgend einem Augenblick merkte Georg dass er nur mehr den Klang
der Reden hörte ohne ihrem Inhalt folgen zu können
Ein kühler Wind kam von der Ebene her und Georg erhob sich leicht
erschauernd vom Rasen Die andern die seine Anwesenheit beinahe vergessen
hatten waren dadurch zur Gegenwart zurückgerufen und man beschloss
aufzubrechen Noch leuchtete der volle Tag über der Landschaft aber die Sonne
ruhte dunkelrot und matt über einer länglich gestreckten Abendwolke
Während er seinen Mantel aufs Rad schnallte sagte Heinrich »Nach solchen
Gesprächen bleibt mir immer eine Unbefriedigung die sich geradezu bis zu einem
wehen Gefühl in der Magengegend steigert Ja wirklich Sie führen so gar
nirgends hin Und was bedeuten überhaupt politische Ansichten bei Menschen
denen die Politik nicht zugleich Beruf oder Geschäft ist Nehmen sie den
geringsten Einfluss auf die Lebensführung auf die Gestaltung des Daseins Sowohl
Sie Leo als ich wir beide werden nie etwas anderes tun nie etwas anderes tun
können als eben das leisten was uns innerhalb unseres Wesens und unserer
Fähigkeiten zu leisten gegeben ist Sie werden in Ihrem Leben nicht nach
Palästina auswandern selbst wenn der Judenstaat gegründet und Ihnen sofort eine
Ministerpräsidenten oder wenigstens Hofpianistenstelle angetragen würde «
»O das können Sie nicht wissen« unterbrach ihn Leo
»Ich weiß es ganz bestimmt« sagte Heinrich »Dafür gesteh ich Ihnen ja auch
zu dass ich mich trotz meiner vollkommenen Gleichgültigkeit gegen jegliche
Religionsform nie und nimmer werde taufen lassen selbst wenn es möglich wäre
was ja heute weniger der Fall ist als je durch solch einen Trug antisemitischer
Beschränktheit und Schurkerei für alle Zeit zu entrinnen«
»Hm« sagte Leo »aber wenn die Scheiterhaufen wieder angezündet werden
«
»Für diesen Fall« entgegnete Heinrich »dazu verpflichte ich mich hiermit
feierlich werde ich mich vollkommen nach Ihnen richten«
»O« wandte Georg ein »diese Zeiten kommen doch nicht mehr wieder«
Die andern mussten lachen dass Georg sie durch diese Worte wie Heinrich
bemerkte im Namen der gesamten Christenheit über ihre Zukunft zu beruhigen so
liebenswürdig wäre
Sie hatten indessen die Wiese durchquert Georg und Heinrich schoben ihre
Räder auf dem holprigen Karrenweg vorwärts Leo ihnen zur Seite in wehendem
Mantel ging auf dem Rasen hin Alle schwiegen eine ganze Weile wie ermüdet Wo
der schlechte Weg in die breite Straße mündete blieb Leo stehen und sagte
»Hier werden wir uns leider trennen müssen« Er streckte Georg die Hand entgegen
und lächelte »Sie müssen sich heute nicht übel gelangweilt haben« sagte er
Georg errötete »Na hören Sie Sie halten mich doch für etwas «
Leo hielt Georgs Hand fest »Ich halte Sie für einen sehr klugen und auch
für einen sehr guten Menschen Glauben Sie mir das«
Georg schwieg
»Ich möchte wissen« fuhr Leo fort »ob Sie mir das glauben Georg es liegt
mir daran« Sein Ton bekam etwas wahrhaft Herzliches
»Ja natürlich glaub ich es Ihnen« erwiderte Georg noch immer etwas
ungeduldig
»Das freut mich« sagte Leo »denn Sie sind mir wirklich sympathisch
Georg« Er sah ihm tief in die Augen dann reichte er ihm und Heinrich zum
Abschied nochmals die Hand und wandte sich zum Gehen
Georg aber hatte plötzlich die Empfindung dass dieser junge Mann der da mit
wehendem Mantel den Kopf leicht gesenkt in der Mitte der breiten Straße nach
abwärts schritt gar nicht nach einem »zu Hause« wanderte sondern irgendwohin
in eine Fremde in die man ihm nicht folgen könnte Diese Empfindung war ihm
selbst umso unbegreiflicher als er mit Leo in der letzten Zeit nicht nur manche
Stunde am Kaffeehaustisch im Gespräch verbracht sondern auch durch Anna über
ihn seine Familie seine Lebensumstände allerlei Aufklärendes erfahren hatte
Er wusste dass jener Sommer am See der nun mit der jugendlichen Schwärmerei
Annas sechs Jahre weit zurücklag für die Familie Golowski den letzten
sorgenlosen bedeutet hatte und dass das Geschäft des Alten im Winter darauf
völlig zugrunde gegangen war Es sollte nun nach Annas Erzählung ganz
merkwürdig gewesen sein wie alle Mitglieder der Familie sich so leicht in die
geänderten Verhältnisse fügten als wären sie seit langem auf diesen Umschwung
gefasst gewesen Aus der behaglichen Wohnung im Ratausviertel übersiedelte man
in eine trübselige Gasse in der Nähe des Augartens Herr Golowski übernahm
Vermittlungsgeschäfte aller Art Frau Golowski verfertigte Handarbeiten zum
Verkauf Terese gab Unterricht in französischer und englischer Sprache und
setzte anfangs den Besuch der Schauspielschule fort Ein junger Violinspieler
aus verarmter russischer Adelsfamilie war es der ihr Interesse für politische
Fragen erweckte Bald hatte sie der Kunst abgeschworen für die sie übrigens
stets mehr Neigung als Talent gezeigt hatte und binnen kurzem stand sie als
Rednerin und Agitatorin mitten in der sozialdemokratischen Bewegung Leo ohne
mit ihren Anschauungen übereinzustimmen freute sich ihres frischen und
verwegenen Wesens Manchmal besuchte er sogar Versammlungen mit ihr da er sich
aber nicht gern von großen Worten imponieren ließ weder von Versprechungen die
niemals einzulösen waren noch von Drohungen die ins Leere gingen so machte es
ihm Spaß ihr meist schon auf dem Heimweg mit unwiderleglicher Schärfe die
Widersprüche in ihren und der Parteigenossen Reden nachzuweisen Insbesondere
aber versuchte er ihr immer wieder klar zu machen dass sie nicht auf Tage und
Wochen oft ihrer großen Aufgabe so vollkommen vergessen könnte wenn ihr
Mitgefühl mit den Armen und Elenden wirklich ein so tiefes wäre wie sie sich
einbildete Indes auch Leos Leben ging nach keinem sichern Ziel Er hörte
Vorlesungen an der Technik gab Klavierlektionen plante zuweilen sogar eine
Virtuosenlaufbahn und übte dann wochenlang fünf bis sechs Stunden täglich Aber
es war noch immer nicht abzusehen wofür er sich am Ende entscheiden würde Da
es in seiner Art lag unbewusst auf Wunder zu warten die ihm Unbequemlichkeiten
ersparen konnten hatte er sein Freiwilligenjahr so lang verschoben bis der
letzte Termin herangerückt war und diente darum erst jetzt in seinem
fünfundzwanzigsten Lebensjahre Die Eltern ließ Leo und Terese gewähren und
so viel Meinungsverschiedenheiten so wenig ernstlichen Streit schien es im
Hause Golowski zu geben Die Mutter saß meistens daheim nähte stickte und
häkelte der Vater ging seinen Geschäften immer saumseliger nach und sah lieber
im Kaffeehaus den Schachspielern zu ein Vergnügen in dem er den Niedergang
seines Daseins zu vergessen vermochte Seinen Kindern gegenüber schien er seit
dem Ruin des Geschäftes eine gewisse Befangenheit nicht los zu werden so dass er
beinahe stolz war wenn Terese ihm gelegentlich einen von ihr verfassten Artikel
zu lesen gab oder wenn Leo sich herbeiliess mit ihm am Sonntag Nachmittag eine
Partie auf dem geliebten Brett zu spielen
Georg kam es manchmal vor als stünde seine eigene Sympatie für Leo mit
jener längst verflossenen Neigung Annas für ihn in einem tieferen Zusammenhang
Denn nicht zum ersten Male fühlte er sich in ganz sonderbarer Weise zu einem
Manne hingezogen dem früher eine Seele zugeflogen war die jetzt ihm gehörte
Georg und Heinrich hatten ihre Räder bestiegen und fuhren eine schmale
Straße durch dichten dunkelnden Wald Später da dieser sich wieder zu beiden
Seiten zurückschob hatten sie die sinkende Sonne im Rücken und die
langgestreckten Schatten ihrer eigenen Gestalten auf den Rädern liefen ihnen
voraus Entschiedener senkte sich die Straße und führte bald zwischen niederen
Häusern hin die von rötlichem Laub überhangen waren Ein uralter Mann saß vor
einer Haustür auf einer Bank zu einem offenen Fenster sah ein bleiches Kind
heraus Sonst war kein menschliches Wesen zu sehen
»Wie ein verzaubertes Dorf« sagte Georg
Heinrich nickte Er kannte den Ort Auch hier war er mit der Geliebten
gewesen an einem wundervollen Sommertag dieses Jahres Er dachte daran und
brennende Sehnsucht zuckte ihm durchs Herz Und er erinnerte sich der letzten
Stunden die er in Wien mit ihr gemeinsam verbracht hatte in seinem kühlen
Zimmer mit den herabgelassenen Jalousien durch deren Spalten der heiße
Augustmorgen geflimmert war des letzten Spazierganges durch steinernkühle
sonntagsstille Gassen und durch alte menschenleere Höfe und seiner
Ahnungslosigkeit dass all dies zum letzten Male war Denn am nächsten Tag erst
war der Brief gekommen der furchtbare Brief in dem es geschrieben stand dass
sie ihm den Schmerz des Abschieds hatte ersparen wollen und dass sie wenn er
diese Worte läse längst über die Grenze sei auf der Fahrt nach der neuen
fremden Stadt
Die Straße belebte sich Freundliche Villen erschienen von kleinen Gärtchen
behaglich umgeben gelinde hinter den Häusern stiegen bewaldete Hügel empor
Noch einmal breitete das Tal sich aus und der scheidende Tag ruhte über Wiesen
und Feldern In einem großen leeren Wirtshausgarten waren die Laternen
angezündet Eilige Dämmer schienen von allen Seiten zugleich heranzuschleichen
Nun war die Wegkreuzung da Georg und Heinrich saßen ab und zündeten sich
Zigaretten an
»Rechts oder links« fragte Heinrich
Georg sah auf die Uhr »Sechs und ich muss um acht in der Stadt sein«
»Da können wir also nicht miteinander nachtmahlen« sagte Heinrich
»Leider nein«
»Schade So fahren wir gleich den kürzeren Weg über Sievering hinein«
Sie zündeten ihre Laternen an und schoben die Räder auf langgestreckten
Serpentinen durch den Wald Der Reihe nach sprang ein Baum nach dem andern aus
dem Dunkel in den Schein der Lichtkegel und trat wieder in die Nacht zurück
Stärker rauschte der Wind durchs Laub und Blätter raschelten nieder Heinrich
fühlte ein ganz leises Grauen wie es ihn manchmal bei Dunkelheit in der freien
Natur überfiel Dass er den Abend allein verbringen sollte empfand er wie eine
Enttäuschung Er war verstimmt gegen Georg und ärgerte sich daher auch über
dessen Verschlossenheit ihm gegenüber Er nahm sich nicht zum erstenmal vor von
jetzt an auch über seine eigenen persönlichen Angelegenheiten nicht mehr mit
Georg zu reden Es war besser so Er bedurfte niemandes Vertrauen niemandes
Teilnahme Am wohlsten war ihm doch immer zumute gewesen wenn er allein seines
Weges ging Das hatte er nun oft genug erfahren Wozu also einem andern seine
Seele erschließen Ja Bekannte zu gemeinsamen Spaziergängen und Fahrten zu
kühlen klugen Gesprächen über allerlei Dinge des Lebens und der Kunst Frauen
um sie flüchtig zu umarmen doch keines Freundes keiner Geliebten bedurfte er
So floss das Dasein würdiger und ungestörter hin Er schwelgte in diesen
Vorsätzen fühlte sich hart und überlegen werden Die Waldesdunkelheit verlor
ihre Schauer und er wandelte durch die leise rauschende Nacht wie durch ein
verwandtes Element
Die Höhe war bald erreicht Sternenlos lag der dunkle Himmel über der grauen
Straße und über den nebelhauchenden Wiesen die sich beiderseits in täuschender
Weite zu den Waldhügeln dehnten Vom nahen Mautäuschen schimmerte ein Licht
Wieder bestiegen sie die Räder und fuhren nun so rasch nach abwärts als die
Dunkelheit es gestattete Georg wünschte sich bald am Ziel zu sein Seltsam
unwahrscheinlich kam es ihm vor dass er in anderthalb Stunden schon das stille
Zimmer wiedersehen sollte von dem niemand wusste als Anna und er den dämmrigen
Raum mit den Öldrucken an der Wand dem blausamtenen Sofa dem Pianino auf dem
die Photographien unbekannter Leute und eine gipsweisse Schillerbüste standen
mit den hohen schmalen Fenstern gegenüber denen die alte dunkelgraue Kirche
ragte
Laternen brannten längs des Weges Noch einmal wurde die Straße freier und
ein letzter Blick nach den Höhen öffnete sich Dann ging es eiligst zuerst noch
zwischen wohlgehaltenen Landhäusern endlich über eine menschenerfüllte
lärmende Hauptstraße tiefer in die Stadt hinein Bei der Votivkirche stiegen
sie ab
»Adieu« sagte Georg »und auf Wiedersehen morgen im Kaffeehaus«
»Ich weiß nicht « erwiderte Heinrich und als Georg ihn fragend ansah
fügte er hinzu »Es ist möglich dass ich verreise«
»O ein so plötzlicher Entschluss«
»Ja es packt einen eben zuweilen «
»Die Sehnsucht« ergänzte Georg lächelnd
»Oder die Angst« sagte Heinrich und lachte kurz
»Dazu haben Sie wohl keine Ursache« meinte Georg
»Wissen Sie das ganz sicher« fragte Heinrich hämisch
»Sie haben mir doch selbst erzählt «
»Was«
»Dass Sie jeden Tag Nachricht haben«
»Ja das ist schon wahr jeden Tag Zärtliche glühende Briefe bekomme ich
Jeden Tag zur selben Stunde Aber was beweist das Ich schreibe ja noch viel
glühendere und zärtlichere und doch «
»Nun ja« sagte Georg der ihn verstand Und er wagte die Frage »Warum
bleiben Sie eigentlich nicht bei ihr«
Heinrich zuckte die Achseln »Sagen Sie doch selbst Georg käme es Ihnen
nicht ein wenig komisch vor wenn man so einer Liebschaft wegen seine Zelte
abbräche mit einer kleinen Schauspielerin in der Welt herumzöge «
»Ich persönlich würde es natürlich sehr bedauern aber komisch was
sollte daran komisch sein«
»Nein ich habe keine Lust dazu« schloss Heinrich hart
»Aber wenn Ihnen wenn Ihnen sehr viel daran gelegen wäre wenn Sie es
direkt verlangten gäbe die junge Dame nicht vielleicht die Karriere auf«
»Möglich Aber ich verlange es nicht Ich will es nicht verlangen Nein
Lieber Schmerzen als Verantwortungen«
»Wäre es denn eine so große Verantwortung« fragte Georg »Ich meine nämlich
ist das Talent der jungen Dame so hervorragend hängt sie überhaupt so sehr
an ihrer Kunst dass es ihr ein Opfer wäre wenn sie die Sache aufgäbe«
»Ob sie Talent hat« sagte Heinrich »ja das weiß ich selbst nicht Ich
glaube sogar sie ist das einzige Geschöpf auf der ganzen Welt über dessen
Talent ich mir ein Urteil nicht zutraue So oft ich sie auf der Bühne gesehen
habe hat mir ihre Stimme geklungen wie die einer Unbekannten und gleichsam
ferner als alle andern Stimmen Es ist wirklich ganz merkwürdig Aber Sie
haben sie ja auch spielen gesehen Georg Was hatten Sie für einen Eindruck
Sagen Sie es mir ganz aufrichtig«
»Ja offen gestanden ich erinnere mich nicht recht an sie Sie
entschuldigen ich wusste ja damals noch nicht Wenn Sie von ihr reden da seh
ich immer so einen rotblonden Schopf vor mir der ein bisschen in die Stirne
fällt und in einem kleinen blassen Gesicht sehr große schwarze herumirrende
Augen«
»Ja irrende Augen« wiederholte Heinrich biss sich auf die Lippen und
schwieg eine Weile »Leben Sie wohl« sagte er dann plötzlich
»Sie schreiben mir doch« fragte Georg
»Ja natürlich Und übrigens komm ich wohl einmal wieder« setzte er hinzu
und lächelte starr
»Glückliche Reise« sagte Georg reichte ihm die Hand und drückte sie mit
besonderer Herzlichkeit Das tat Heinrich wohl Dieser warme Händedruck gab ihm
plötzlich nicht nur die Sicherheit dass Georg ihn nicht lächerlich fand sondern
merkwürdigerweise auch die dass die ferne Geliebte ihm treu und dass er selbst
ein Mensch sei dem mehr erlaubt war als manchem andern
Georg sah ihm nach wie er auf seinem Rad eiligst davonfuhr Wieder wie vor
wenigen Stunden bei Leos Abschied hatte er die Empfindung als entschwände ihm
einer in ein unbekanntes Land und in diesem Augenblick wusste er dass er mit
keinem von den beiden bei aller Sympatie jemals zu einer unbefangenen
Vertrauteit gelangen werde wie sie ihn noch im vorigen Jahre mit Guido
Schönstein und vorher mit dem armen Labinski verbunden hatte Er dachte darüber
nach ob das vielleicht in dem Rassenunterschied zwischen ihm und jenen
begründet sein mochte und fragte sich ob er ohne das Gespräch der beiden
durch das eigene Gefühl dieser Fremdheit sich so deutlich bewusst geworden wäre
Er zweifelte daran Fühlte er sich nicht gerade diesen beiden und manchen andern
ihres Volkes näher ja verwandter als vielen Menschen die mit ihm vom gleichen
Stamme waren Ja spürte er nicht ganz deutlich dass manchmal irgendwo in die
Tiefe zwischen ihm und diesen beiden stärkere Fäden liefen als von ihm zu
Guido ja vielleicht zu seinem eigenen Bruder Aber wenn es so war hätte er das
nicht diesen beiden Menschen heute Nachmittag in irgendeinem Augenblick sagen
müssen Ihnen zurufen vertraut mir doch schließt mich nicht aus Versucht es
doch mich für einen Freund zu halten Und als er sich fragte warum er das
nicht getan und an ihrem Gespräch kaum teilgenommen hatte da ward er mit
Verwunderung inne dass er während dessen ganzer Dauer eine Art von
Schuldbewusstsein nicht los geworden war gerade so als wäre auch er sein
Lebenlang von einer gewissen leichtfertigen und durch persönliche Erfahrung gar
nicht gerechtfertigten Feindseligkeit gegen die »Fremden« wie Leo selbst sie
nannte nicht frei gewesen und so sein Teil zu dem Misstrauen und dem Trotz
beigetragen mit dem so manche sich vor ihm verschlossen denen entgegenzukommen
er selbst Anlass und Neigung fühlen mochte Dieser Gedanke erregte ihm ein
wachsendes Unbehagen das er sich nicht recht deuten konnte und das nichts
andres war als die dumpfe Einsicht dass reine Beziehungen auch zwischen
einzelnen reinen Menschen in einer Atmosphäre von Torheit Unrecht und
Unaufrichtigkeit nicht gedeihen können
Immer schneller als gälte es diesem Unbehagen zu entfliehen fuhr er
heimwärts Zu Hause angekommen kleidete er sich rasch um damit Anna nicht
allzulange warten müsse Er sehnte sich nach ihr wie noch nie Es war ihm als
käme er von einer weiten Reise heim zu dem einzigen Wesen das ihm ganz
gehörte
Viertes Kapitel
Georg stand am Fenster Gerade darunter wölbten sich die steinernen Rücken der
bärtigen Riesen die auf gewaltigen Armen das verwitterte Adelswappen eines
längst versunkenen Geschlechtes trugen Gegenüber aus dem Dunkel uralter Häuser
hervor kam die Stiege geschlichen bis vor das Tor der grauen Kirche die im
Flockenfall wie hinter einem wallenden Vorhang verdämmerte Das Licht einer
Strassenlaterne auf dem Platz schimmerte blass durch den sinkenden Tag Noch
stiller an diesem Feiernachmittag als sonst ruhte unten die beschneite Straße
die mitten in der Stadt und doch abseits von allem Treiben hinzog Und wieder
einmal wie stets wenn er die breite Treppe des alten zum Mietshaus gewordenen
Palastes emporgestiegen und in das geräumige niedrig gewölbte Zimmer getreten
war fühlte Georg seiner gewohnten Welt entronnen sich wie zum andern Teile
eines wundersamen Doppeldaseins eingegangen
Er hörte einen Schlüssel in der Türe knirschen und wandte sich um Anna trat
ein Georg schloss sie beglückt in die Arme und küsste sie auf Stirn und Mund Die
dunkelblaue Jacke der breitrandige Hut die Pelzboa alles war ganz beschneit
»Du hast ja gearbeitet« sagte Anna während sie ablegte und wies auf den
Tisch wo neben der grünbeschirmten Lampe beschriebene Notenblätter lagen
»Das Quintett hab ich mir durchgesehen den ersten Satz Es ist doch noch
manches daran zu machen«
»Aber dann wirds wunderschön sein«
»Das wollen wir hoffen Kommst du von Hause Anna«
»Nein von Bittners«
»Wie heut am Feiertag«
»Ja Die zwei Mädeln haben durch die Masern viel versäumt das muss
nachgeholt werden Ist mir übrigens sehr angenehm schon aus finanziellen
Gründen«
»Die Riesensumme«
»Und dann entgeht man wenigstens auf ein paar Stunden dem trauten Heim«
»Na ja« sagte Georg legte Annas Boa über eine Sessellehne und strich
zerstreut mit den Fingern über das Pelzwerk hin Annas Bemerkung aus der es
und nicht zum erstenmal wie ein leiser Vorwurf gegen ihn herausklang hatte ihn
nicht angenehm berührt Sie setzte sich auf den Diwan führte die Hände an die
Schläfen strich leicht über das dunkelblonde gewellte Haar nach rückwärts und
blickte Georg lächelnd an Er beide Hände in den Saccotaschen stand an die
Kommode gelehnt und begann von dem gestrigen Abend zu erzählen den er mit Guido
und der Violinspielerin verbracht hatte Seit einigen Wochen nahm die junge
Dame auf des Grafen Wunsch bei dem Beichtvater einer Erzherzogin katholischen
Religionsunterricht sie ihrerseits hielt Guido an Nietzsche und Ibsen zu
lesen Doch war als Resultat dieses Studiums nach Georgs Bericht bisher nichts
anderes zu verzeichnen als dass der junge Graf seine Geliebte nach jener
wunderlichen Gestalt aus »Klein Eyolf« scherzhafterweise Rattenmamsell zu nennen
pflegte
Anna wusste über den gestrigen Abend wenig Heiteres mitzuteilen Sie hatten
Besuch gehabt »Zuerst« erzählte Anna »die zwei Kousinen von Mama dann ein
Bureaukollege von Papa zum Tarokspielen Auch Josef hat sich der Häuslichkeit
ergeben ist auf dem Diwan gelegen von drei bis fünf dann ist sein neuester
Spezi gekommen Herr Jalaudek der mir erheblich den Hof gemacht hat«
»So so«
»Er war berückend Ich sage nur eine violette Krawatte mit gelben Tupfen
da kannst du dich verstecken Übrigens hat er mir den ehrenvollen Antrag
überbracht in einer sogenannten Akademie beim wilden Mann zugunsten des
Währinger Kirchenbauvereins mitzuwirken«
»Du hast natürlich zugesagt«
»Ich habe mich mit meinem Mangel an Stimme und an Frömmigkeit entschuldigt«
»Na was die Stimme anbelangt «
Sie unterbrach ihn »Nein Georg« sagte sie leicht »die Hoffnung hab ich
endgültig aufgegeben«
Er sah sie an und suchte in ihrem Blick der aber klar und frei blieb Leise
und dumpf klang die Orgel aus der Kirche herüber
»Ja richtig« sagte Georg »das Billett für morgen zu Karmen hab ich dir
mitgebracht«
»Dank schön« erwiderte sie und nahm die Karte entgegen »Gehst du auch«
»Ja Ich hab eine Loge im dritten Stock und lad mir den Bermann ein Die
Partitur nehm ich mir mit wie neulich zu Lohengrin und üb mich wieder im
Dirigieren Im Hintergrund natürlich Du kannst dir nicht vorstellen was man
dabei lernt Ich möcht dir übrigens was vorschlagen« setzte er zögernd hinzu
»Willst du nicht nach dem Theater mit mir und Bermann nachtmahlen gehen«
Sie schwieg
Er fuhr fort »Es wäre mir wirklich angenehm wenn du ihn näher kennen
lerntest Er ist bei allen seinen Fehlern ein interessanter Mensch und «
»Ich bin keine Rattenmamsell« unterbrach sie ihn scharf und hatte gleich
ihr bürgerlich strenges Gesicht Georg verzog die Mundwinkel »Das trifft mich
nicht liebes Kind ich unterscheide mich auch in mancher Beziehung von Guido
Aber wie du willst« Er ging im Zimmer hin und her sie blieb auf dem Diwan
sitzen »Du gehst also heute Abend zu Ehrenbergs« fragte sie dann
»Du weißt ja Ich habe schon zweimal abgesagt in der letzten Zeit Ich
konnte diesmal nicht recht
»Du brauchst dich nicht zu entschuldigen Georg Ich bin auch geladen«
»Wo denn«
»Auch bei Ehrenbergs«
»Wirklich« rief er unwillkürlich aus
»Was wundert dich denn dran so sehr« fragte sie spitz »Offenbar wissen sie
dort noch nicht dass man mit mir nicht mehr verkehren kann«
»Aber Anna was hast du denn heut warum bist du denn gar so empfindlich
Selbst wenn man wüsste glaubst du das würde die Leute hindern dich
einzuladen Im Gegenteil Ich bin überzeugt Frau Ehrenberg bekäme geradezu
Respekt vor dir«
»Und klein Elschen würde mich vielleicht gar beneiden Glaubst du nicht Sie
hat mir übrigens ganz nett geschrieben Da ist ihr Brief willst du ihn lesen«
Georg flog ihn durch fand ihn von etwas absichtlicher Liebenswürdigkeit
äußerte sich nicht weiter und gab ihn Anna wieder
»Da ist übrigens noch einer« sagte Anna »wenn er dich interessieren
sollte«
»Von Doktor Stauber So Wär es ihm recht wenn er wüsste dass ich ihn zu
lesen bekomme«
»Was bist du denn plötzlich so rücksichtsvoll« Und wie strafend fügte sie
hinzu »Es wär ihm wahrscheinlich manches nicht recht«
Georg las den Brief rasch für sich durch In trockener zuweilen etwas
humoristisch gefärbter Art berichtete Bertold vom Fortgang seiner Arbeiten im
Pasteurschen Institut von Spaziergängen Ausflügen und Teaterbesuchen und ließ
es auch an Bemerkungen allgemeinem Charakters nicht fehlen doch enthielt der
Brief auf seinen acht Seiten keinerlei Anspielung auf Vergangenheit oder
Zukunft Georg fragte beiläufig »Wie lang bleibt er denn noch in Paris«
»Wie du siehst schreibt er noch kein Wort vom Zurückkommen«
»Deine Freundin Terese erwähnte neulich dass seine Parteigenossen ihn gerne
wieder hier haben möchten«
»Ah ist sie wieder im Kaffeehaus gewesen«
»Ja Vor zwei oder drei Tagen hab ich sie dort gesprochen Ich amüsier mich
wirklich sehr über sie«
»So«
»Anfangs ist sie nämlich immer sehr hochmütig auch mit mir Offenbar weil
ich auch mein Leben so mit Kunst und ähnlichen Dummheiten vertrödle während es
doch so viele wichtigere Dinge auf der Welt zu tun gibt Aber wenn sie ein
bissel wärmer wird dann kommts heraus dass sie sich für alle möglichen
Dummheiten geradeso interessiert wie wir gewöhnlichen Menschen«
»Sie wird leicht warm« sagte Anna unbeweglich
Georg ging auf und ab und sprach weiter »Köstlich war sie ja neulich beim
Fechtturnier im Musikvereinssaal Wer war übrigens der Herr mit dem sie oben
auf der Galerie gesessen ist«
Anna zuckte die Achseln »Ich hatte nicht den Vorzug dem Turnier
beizuwohnen Und übrigens kenn ich die Begleiter Teresiens nicht alle«
»Ich nehme an« sagte Georg »es war ein Genosse in jeder Beziehung Sehr
düster und ziemlich schlecht angezogen war er jedenfalls Wie Terese nach
Felicians Sieg applaudiert hat hat er sich vor Eifersucht geradezu
zusammengerollt«
»Was hat dir Terese eigentlich von Doktor Bertold erzählt« fragte Anna
»O« scherzte Georg »man interessiert sich ja noch sehr lebhaft wie es
scheint«
Anna antwortete nicht
»Also« berichtete Georg »ich kann dir die Mitteilung machen dass man ihn
im Herbst für den Landtag kandidieren will was ich übrigens sehr begreiflich
finde mit Rücksicht auf seine glänzenden Rednergaben«
»Was weißt denn du Hast du ihn schon sprechen gehört«
»Natürlich erinnerst du dich denn nicht In Eurer Wohnung«
»Du hasts wirklich nicht notwendig dich über ihn lustig zu machen«
»Aber das fällt mir ja gar nicht ein«
»Ich habs ja gleich bemerkt er ist dir damals ein bisschen komisch
vorgekommen Er und sein Vater auch Du hast ja geradezu die Flucht ergriffen
vor ihnen«
»Ganz und gar nicht Anna Du tust sehr unrecht mir solche Dinge zu
insinuieren«
»Sie mögen ja ihre Schwächen haben beide aber sie gehören wenigstens zu
den Menschen auf die man sich verlassen kann Das ist auch etwas«
»Hab ich das bestritten Anna Wahrhaftig niemals hab ich dich so unlogisch
reden gehört Was willst du denn eigentlich von mir Hätt ich vielleicht
eifersüchtig werden sollen wegen dieses Briefes«
»Eifersüchtig Das fehlte noch du mit deiner Vergangenheit«
Georg zuckte die Achseln In seinem Geist tauchten Erinnerungen auf an
ähnliche Wortzwiste im Verlaufe früherer Beziehungen an jene plötzlichen
rätselhaften Uneinigkeiten und Entfremdungen die meist nichts anderes zu
bedeuten gehabt hatten als den Anfang vom Ende Sollte er mit seiner klugen
guten Anna heute wirklich schon so weit sein Verstimmt beinahe traurig ging er
im Zimmer auf und ab Zuweilen warf er einen flüchtigen Blick nach der
Geliebten die schweigend in ihrer Diwanecke saß und leicht die Hände
aneinanderrieb als wäre ihr kalt In das Schweigen des mit einmal trübselig
gewordenen Raums klang die Orgel schwerer als zuvor singende Menschenstimmen
wurden vernehmbar und die Fensterscheiben klirrten leise Georgs Blick fiel auf
den kleinen Weihnachtsbaum der auf der Kommode stand und dessen Kerzen
vorgestern Abend für ihn und Anna gebrannt hatten Halb gelangweilt halb
zerstreut nahm er Zündhölzchen aus der Tasche und begann die kleinen Kerzen eine
nach der andern anzuzünden Da klang plötzlich Annas Stimme zu ihm her »In
einer ernsten Sache« sagte sie langsam »würde ich mich doch keinem andern
anvertrauen als dem alten Doktor Stauber«
Befremdet wandte sich Georg nach ihr um und blies ein brennendes
Zündhölzchen aus das er noch in der Hand hielt Er wusste sofort was Anna
meinte wunderte sich dass er seit dem letzten Zusammensein selbst nicht mehr
daran gedacht hatte trat zu ihr hin und fasste ihre Hand Nun erst schaute sie
auf undurchdringlich mit bewegungslosen Zügen
»Du Anna sag doch « er setzte sich an ihre Seite auf den Diwan ihre
beiden Hände in den seinen
Sie schwieg
»Warum redest du nicht«
Sie zuckte die Achseln »Es ist eben gar nichts Neues zu berichten«
erklärte sie dann einfach
»So« sagte er langsam Es ging ihm durch den Sinn ob nicht ihre heutige
sonderbare Gereiztheit schon als ein Anzeichen des Zustandes zu deuten war auf
den sie anspielte und Unruhe stieg in seiner Seele auf »Aber sicher ist die
Sache deswegen noch lange nicht« sagte er in etwas kühlerm Tone als er
eigentlich wollte »Und und wenn auch « setzte er mit gekünstelter
Lebhaftigkeit hinzu
»Also du würdest mir verzeihen« fragte sie lächelnd
Er drückte sie an sich und war plötzlich ganz aufgeräumt Eine lebhafte
etwas gerührte Zärtlichkeit flammte in ihm auf für das sanfte gute Geschöpf
das er in den Armen hielt und von dem ihm er fühlte es tief niemals ein
ernstliches Leid kommen konnte »Es wäre wahrhaftig nicht so schlimm« sagte er
heiter »Du würdest eben Wien für einige Zeit verlassen das ist alles«
»Na gar so einfach wär das allerdings nicht wie du dirs plötzlich
vorzustellen scheinst«
»Warum nicht Eine Ausrede ist bald gefunden Im übrigen wen gehts denn
an Uns zwei Niemanden andern Und was mich anbelangt so weißt du ich kann
jeden Tag fort Kann auch ausbleiben so lange ich will Ich habe noch nicht
einmal einen Kontrakt fürs nächste Jahr unterschrieben« setzte er lächelnd
hinzu Dann erhob er sich um die Wachskerzchen auszulöschen deren kleine
Flammen beinahe ganz heruntergebrannt waren und immer lebhafter sprach er
weiter »Es wäre sogar wunderschön Denk doch Anna Ende Februar oder anfangs
März würden wir abreisen in den Süden natürlich nach Italien ans Meer
vielleicht Würden an irgendeinem stillen Ort wohnen wo kein Mensch uns kennt
in einem schönen Hotel mit einem Riesenpark Und arbeiten könnt man da unten
Donnerwetter«
»Also darum« sagte sie wie in plötzlichem Verstehen Er lachte nahm sie
fester in seine Arme und sie drängte sich an seine Brust Von draußen kam kein
Laut mehr Orgel und Menschenstimmen waren verklungen Vor den Fenstern schwebte
der Schneevorhang nieder Georg und Anna waren glücklich wie niemals zuvor
Während sie im Dunkel ruhten sprach er von seinen musikalischen Plänen für
die nächste Zeit und erzählte ihr Heinrichs Opernstoff soweit er es vermochte
Mit schimmernden Schatten füllte sich der Raum Einen märchenhaften Königssaal
durchrauschte ein Hochzeitsfest Ein leidenschaftlicher Jüngling schlich sich
ein und zückte seinen Dolch auf den Fürsten Ein dunkles Urteil geheimnisvoller
als der Tod wurde verkündet Auf dämmernder Flut trieb ein träges Schiff
unbekannten Zielen entgegen Zu Füßen des Jünglings ruhte eine Prinzessin die
eines Herzogs Braut gewesen Ein Unbekannter nahte auf leuchtendem Kahn mit
seltsamer Botschaft Narren Sterngucker Tänzerinnen Höflinge schwebten
vorbei Schweigend hatte Anna gelauscht Am Ende war Georg neugierig zu
erfahren was für einen Eindruck sie von den flüchtigen Bildern empfangen hätte
»Ich kanns nicht recht sagen« erwiderte sie »Jedenfalls ist es mir heut
noch ganz rätselhaft wie aus dem ziemlich wirren Zeug jemals irgendwas
Wirkliches werden soll«
»Natürlich kannst du dir das heute noch nicht vorstellen besonders nach
meiner Erzählung Aber den musikalischen Hauch der aus der Geschichte
herausweht den spürst du doch nicht wahr Ich hab mir sogar schon ein paar
Motive aufnotiert und ich möchte sehr gern dass Bermann sich bald ernstlich an
die Arbeit machte«
»An deiner Stelle Georg ich darf doch was sagen«
»Natürlich red nur«
»Also ich an deiner Stelle würde doch zuerst einmal das Quintett
abschließen Es kann ja jetzt nicht mehr viel dran fehlen«
»Viel nicht und doch Übrigens darfst du nicht vergessen dass ich in der
letzten Zeit allerlei anderes angefangen habe Die zwei Klavierstücke dann das
Orchesterscherzo das ist sogar ziemlich weit gediehn Aber es gehört unbedingt
in eine Symphonie«
Anna erwiderte nichts Georg merkte dass ihre Gedanken abschweiften und er
fragte sie wohin sie ihm denn schon wieder entrückt sei
»Nicht gar so weit« entgegnete sie »Mir ist nur so durch den Kopf
gegangen was alles geschehen sein kann bis die Oper einmal wirklich fertig
sein wird«
»Ja« sagte Georg langsam beinahe etwas befangen »wenn man so in die
Zukunft blicken könnte«
Sie seufzte ganz leise und er drängte sich näher an sie fast mitleidig
»Sei ruhig mein Schatz sei ruhig« sagte er »ich bin ja da und ich werde
immer da sein« Er glaubte zu fühlen wie sie dachte Kann er nichts Besseres
sagen nichts Stärkeres nichts das alle Angst und das sie für immer von
mir nähme Und unaufrichtig wie mit dem Gedanken sich in eine Gefahr zu
begeben fragte er sie »Woran denkst du« Und noch einmal als sie beharrlich
schwieg »Anna woran denkst du denn«
»An etwas sehr Sonderbares« erwiderte sie leise
»Woran«
»Dass das Haus schon steht wo es zur Welt kommen wird und wir haben keine
Ahnung wo daran hab ich denken müssen«
»Daran« sagte er seltsam berührt Und mit neu aufflammender Zärtlichkeit
sie an sein Herz pressend »Ich werde euch nie verlassen euch beide «
Als es wieder licht im Zimmer wurde waren sie sehr vergnügt pflückten von
den Ästen des kleinen Weihnachtsbaumes die letzten vergessenen Zuckersachen
freuten sich auf das Wiedersehen unter lauter gleichgültigen Menschen das ihnen
bevorstand wie auf ein heiteres Abenteuer lachten und redeten lustigen Unsinn
Sobald Anna fortgegangen war versperrte Georg die Notenblätter in der
Tischlade löschte die Lampe aus und öffnete ein Fenster Leicht und dünn fiel
der Schnee Über die Stiege aus dem Dunkel kam ein alter Mann und sein
mühseliges Atmen tönte durch die unbewegte Luft herauf Grau ragte die stumme
Kirche gegenüber Georg blieb eine Weile am Fenster stehen Er war in diesem
Augenblick beinahe überzeugt dass Anna sich in ihrer Annahme täuschte Wie eine
Beruhigung fiel ihm jene Äußerung Leo Golowskis ein dass Anna bestimmt wäre im
Bürgerlichen zu enden Wahrhaftig es konnte nicht in der »Linie ihres
Schicksals« liegen von einem Liebhaber ein Kind zu bekommen Und nicht in der
Linie des seinen lag es Verpflichtungen ernster Art zu tragen heute schon und
vielleicht für alle Zeit an ein weibliches Wesen festgebunden zu sein Vater zu
werden in so jungen Jahren Vater Schwer beinahe düster sank das Wort in
seine Seele
Um acht Uhr abends trat er in den Ehrenbergschen Salon Walzerklänge tönten
ihm entgegen Am Klavier saß der alte Eissler dem der lange graue Vollbart fast
bis auf die Tasten herabsank Georg der um nicht zu stören am Eingang
stehenblieb wurde von allen Seiten durch Blicke begrüßt Der alte Eissler
spielte mit weichem Anschlag und kräftigem Rhythmus seine berühmten Wiener Tänze
und Lieder und Georg hatte wie immer viel Freude an den süßen wiegenden
Melodien
»Herrlich« sagte Frau Ehrenberg als der Alte sich erhob
»Bewahren Sie sich die großen Worte für größere Gelegenheiten Leonie«
erwiderte Eissler dessen altes Vorrecht es war alle Frauen und Mädchen bei
ihren Vornamen zu nennen Und es schien jeder wohl zu tun ihn von diesem
schönen alten Mann mit der tiefen klingenden Stimme aussprechen zu hören in
der es manchmal bebte wie ein sentimentales Echo aus bewegten Jugendtagen Georg
fragte ihn ob alle seine Kompositionen im Druck erschienen wären
»Die wenigsten lieber Baron ich selbst kann leider keine Noten schreiben«
»Es wäre aber wirklich jammerschade wenn diese charmanten Melodien ganz
verloren gehen sollten«
»Ja das hab ich ihm auch oft gesagt« nahm Frau Ehrenberg das Wort »Aber
er gehört leider zu den Menschen die sich selber nie ganz ernst genommen
haben«
»O das ist ein Irrtum Leonie Wissen Sie denn wie ich meine musikalische
Karriere begonnen habe Eine große Oper hab ich komponieren wollen Allerdings
war ich damals siebzehn Jahre alt und in eine Sängerin rasend verliebt«
Die Stimme der Frau Oberberger tönte vom Tische in der Ecke her »Es wird
eine Choristin gewesen sein«
»Sie irren sich Katarina« erwiderte Eissler »Choristinnen waren nie mein
Fall Es war sogar eine platonische Liebe wie die meisten großen Leidenschaften
meines Lebens«
»Waren Sie so ungeschickt« fragte Frau Oberberger
»Manchmal wohl auch das« erwiderte Eissler sonor und mit Anstand »denn
wahrscheinlich hätte ich gerade soviel Glück haben können wie ein
Husarenrittmeister Aber ich bedaure es nicht ungeschickt gewesen zu sein
Ungetrübte Erinnerungen bewahren wir doch nur an versäumte Gelegenheiten«
Frau Ehrenberg nickte beifällig
»Man dürfte also nicht fehlgehen Herr Eissler« bemerkte Nürnberger »wenn
man in Ihrer Lebensgeschichte den getrübten Erinnerungen die größere Rolle
zuweist« Wieder nickte Frau Ehrenberg Sie war entzückt wenn man in ihrem
Salon geistreich war
»Warum sagten Sie« fragte Frau Oberberger »Sie hätten so viel Glück haben
können wie ein Husarenrittmeister Es ist gar nicht wahr dass Offiziere
besonders viel Glück bei den Frauen haben Wenn meine Schwägerin auch einmal ein
Verhältnis mit einem Oberleutnant gehabt hat «
»Ich glaube nicht an platonische Liebe« sagte Sissy und leuchtete durch den
Saal
Frau Wyner schrie leise auf
»Fräulein Sissy hat wahrscheinlich recht« sagte Nürnberger »Wenigstens bin
ich überzeugt dass die meisten Frauen platonische Liebe entweder als Beleidigung
auffassen oder als Ausrede«
»Es sind junge Mädchen da« erinnerte Frau Ehrenberg mild
»Das merkt man schon daraus« sagte Nürnberger »dass sie mitreden«
»Trotzdem möchte ich mir erlauben zu dem Kapitel platonische Liebe eine
kleine Anekdote zu erzählen« sagte Heinrich
»Nur keine jüdische« warf Else ein
»Gewiss nicht Hören Sie nur Ein kleines blondes Mädel «
»Das beweist nichts« unterbrach Else
»Lass doch zu Ende erzählen« mahnte Frau Ehrenberg
»Also ein kleines blondes Mädel« begann Heinrich von neuem »hat einmal
im Gegensatz zu Fräulein Sissy mir gegenüber die Überzeugung ausgesprochen dass
platonische Liebe tatsächlich existiere Und wissen Sie was sie mir als Beweis
dafür angeführt hat Ein eigenes Erlebnis Sie hat nämlich einmal eine
Stunde wie sie mir erzählte ganz allein in einem Zimmer mit einem Leutnant
verbracht und «
»Es ist genug« rief Frau Ehrenberg angstvoll
»Und« schloss Heinrich unbeirrt und beruhigend »es ist in dieser Stunde
nicht das geringste vorgefallen«
»Sagt das blonde Mädel« ergänzte Else
Die Tür öffnete sich Georg sah eine fremde Dame eintreten in einem
hellblauen viereckig ausgeschnittenen Kleid blass einfach und vornehm Erst
als sie lächelte ward ihm bewusst dass die Dame Anna Rosner war und er empfand
irgend etwas wie Stolz auf sie Als er der Geliebten die Hand reichte fühlte er
den Blick Elses auf sich gerichtet
Man begab sich ins Nebenzimmer wo der Tisch mit bescheidener Festlichkeit
gedeckt war Der Sohn des Hauses fehlte Er befand sich in Neuhaus in der
väterlichen Fabrik Herr Ehrenberg selbst aber saß plötzlich bei Tisch als das
Souper aufgetragen war Erst kürzlich war er von seiner Reise heimgekehrt die
ihn tatsächlich bis Palästina geführt hatte Als er von Hofrat Wilt nach seinen
Erlebnissen gefragt wurde wollte er zuerst nicht recht mit der Sprache heraus
Endlich ergab sich dass ihn die Landschaft enttäuscht die Strapazen der Reisen
verstimmt und dass er von den jüdischen Ansiedlungen die sicherm Vernehmen nach
im Entstehen waren so gut wie nichts gesehen hatte »Also wir haben begründete
Hoffnung« bemerkte Nürnberger »Sie hier zu behalten selbst für den Fall dass
der Judenstaat im Laufe der nächsten Zeit gegründet werden sollte«
Unwirsch erwiderte Ehrenberg »Hab ich Ihnen je gesagt dass ich die Absicht
habe auszuwandern Ich bin zu alt dazu«
»Ach so« sagte Nürnberger »ich wusste nicht dass Sie sich die Gegend drüben
nur Fräulein Else und Herrn Oskar zuliebe angesehen haben«
»Lieber Nürnberger ich werd mich da nicht mit Ihnen streiten Der Zionismus
ist auch wahrhaftig zu gut für ein Tischgespräch«
»Ob zu gut« sagte Hofrat Wilt »wollen wir dahingestellt sein lassen
jedenfalls zu kompliziert schon darum weil jeder was anderes darunter
versteht«
»Oder verstehen will« fügte Nürnberger hinzu »wie es übrigens mit den
meisten Schlagworten und nicht nur in der Politik der Fall ist. Darum wird ja
auf Erden so viel geschwätzt«
Heinrich erklärte dass ihm unter allen menschlichen Geschöpfen der Politiker
gewissermaßen die rätselhafteste Erscheinung bedeute »Ich begreife
Taschendiebe« sagte er »Akrobaten Bankdirektoren Hoteliers Könige das
heißt ohne besondere Mühe gelingt es mir mich in die Seelen aller dieser Leute
hineinzuversetzen Daraus folgt offenbar dass es nur gewisser quantitativer
wenn auch ungeheurer Veränderungen meines Wesens bedürfte um mich zu befähigen
in der Welt eine Akrobaten eine Königs eine Bankdirektorsrolle zu spielen
Dagegen fühl ich untrüglich ich könnte mein Wesen ins Ungemessene steigern und
es würde doch nie das aus mir was man einen Politiker nennt ein Parteiführer
ein Genosse ein Minister«
Nürnberger lächelte über die Auffassung Heinrichs nach der der Politiker
eine besondere Menschenart bedeuten sollte während es doch nur zu den äußern
nicht einmal unumgänglichen Erfordernissen seines Berufes gehörte sich als
besondere Menschenart aufzuspielen seine Größe oder seine Nichtigkeit seine
Taten oder seine Trägheit hinter Titeln Abstrakten Symbolen zu verstecken Was
die Unbeträchtlichen oder Schwindelhaften unter ihnen vorstellten das lag ja
auf der Hand es waren einfach Geschäftsleute oder Hochstapler oder
Schönredner Die Bedeutenden aber die Tätigen die Genialen ganz gewiss die
waren in der Tiefe ihrer Seele nichts anderes als Künstler Auch sie versuchten
ein Werk zu schaffen und eines das in der Idee geradeso Anspruch auf
Unvergänglichkeit und Endgültigkeit erhob wie irgendein anderes Kunstwerk Nur
dass eben das Material aus dem sie bildeten kein starres kein relativ
bleibendes war wie Töne oder Worte sind sondern dass es nach lebendiger
Menschen Art sich ununterbrochen in Fluss und Bewegung befand
Willy Eissler erschien entschuldigte sich bei der Hausfrau dass er sich
verspätet hatte nahm zwischen Sissy und Frau Oberberger Platz und grüßte seinen
Vater wie einen lieben alten Freund nach langer Trennung Es stellte sich
heraus dass die beiden trotzdem sie zusammen wohnten sich seit mehreren Tagen
nicht gesehen hatten Willy erhielt Komplimente zu seinem Erfolg in der
Aristokratenvorstellung wo er mit der Gräfin LiebenbergRatony in einem
französischen Proverbe einen Marquis gespielt hatte Frau Oberberger fragte ihn
immerhin laut genug dass es die Nächstsitzenden verstehen konnten wo seine
Rendezvous mit der Gräfin stattfänden und ob er sie im gleichen Absteigquartier
empfinge wie seine bürgerlichen Flammen Die Unterhaltung wurde lebhafter
Gespräche gingen hin und her und verschlangen sich da und dort Georg aber fing
abgerissene Worte auf auch aus einer Unterhaltung zwischen Anna und Heinrich
in der von Terese Golowski die Rede war dabei sah er wie Anna zuweilen einen
neugierig dunkeln Blick zu Demeter Stanzides herüberwarf der heute im Frack mit
einer Gardenia im Knopfloch erschienen war und ohne eigentliche Eifersucht zu
verspüren fühlte er sich sonderbar bewegt Ob sie in diesem Augenblick wohl
daran dachte dass sie vielleicht ein Kind von ihm unter dem Herzen trug »Die
Untiefen « fiel ihm wieder ein Plötzlich sah sie zu ihm herüber mit einem
Lächeln als käme sie von einer Reise heim Er war innerlich wie befreit und
spürte mit einem leisen Schrecken wie sehr er sie liebte Dann führte er sein
Glas an die Lippen und trank ihr zu Else die bisher mit ihrem andern Nachbar
Demeter geplaudert hatte wandte sich nun an Georg in ihrer absichtlich
beiläufigen Art mit einem Blick auf Anna bemerkte sie »Hübsch sieht sie aus So
frauenhaft Das hat sie übrigens immer an sich gehabt Musizieren Sie noch mit
ihr«
»Manchmal« entgegnete Georg kühl
»Vielleicht bitt ich sie vom neuen Jahr an wieder mit mir zu korrepetieren
Ich weiß nicht wieso es bis jetzt nicht dazu gekommen ist«
Georg schwieg
»Und wie steht es denn eigentlich« sie wies mit einem Blick auf Heinrich
»mit Eurer Oper«
»Mit unsrer Oper Noch gar nichts stehts damit Wer weiß ob was draus
wird«
»Natürlich wird nichts draus werden«
Georg lächelte »Warum sind Sie denn heut gar so streng mit mir«
»Ich ärgere mich halt über Sie«
»Über mich Warum denn «
»Dass Sie den Leuten immer wieder Anlass geben Sie als Dilettanten zu
betrachten«
Georg war ins Herz getroffen verspürte sogar einen leisen Groll gegen Else
fasste sich aber rasch und erwiderte »Ich bin ja vielleicht nichts anderes Und
wenn man kein Genie ist, so ist es schon besser man ist ein ehrlicher
Dilettant als als ein aufgeblasener Künstler«
»Wer verlangt denn dass Sie gleich das Größte leisten Aber deswegen muss man
sich doch nicht so gehen lassen wie Sies tun innerlich und äußerlich«
»Ich versteh Sie wirklich nicht Else Wie können Sie behaupten Wissen
Sie denn auch dass ich im Herbst nach Deutschland gehe als Kapellmeister«
»Die Karriere wird daran scheitern dass Sie nicht um zehn Uhr früh bei den
Proben sein werden«
In Georg wühlte es noch immer »Wer hat mich denn übrigens einen Dilettanten
genannt wenn ich fragen darf«
»Wer Gott es ist doch schon in der Zeitung gestanden«
»Ach so« sagte Georg beruhigt denn er erinnerte sich jetzt dass ein
Kritiker ihn nach dem Konzert in dem Fräulein Bellini seine Lieder gesungen
als »dilettierenden Aristokraten« bezeichnet hatte Georgs Freunde hatten damals
erklärt diese animose Besprechung habe ihren Grund darin dass er dem
betreffenden Herrn der als sehr eitel bekannt war keinen Besuch gemacht hätte
So war es nun einmal Immer waren äußere Gründe dran schuld wenn die Leute
einen ungünstig beurteilten Auch die Gereiztheit Elsens heute was war sie im
Grunde anderes als Eifersucht
Die Tafel wurde aufgehoben Man begab sich in den Salon Georg trat zu Anna
die am Klavier lehnte und sagte leise zu ihr »Schön siehst du aus«
Sie nickte befriedigt
Dann fragte er weiter »Hast du dich mit Heinrich gut unterhalten Worüber
habt ihr denn gesprochen Über Terese Nicht wahr«
Sie antwortete nicht und Georg merkte mit Befremden wie ihr plötzlich die
Augenlider zufielen und sie zu wanken begann
»Was was haben Sie denn« fragte er erschrocken
Sie hörte ihn nicht und wäre niedergesunken wenn er sie nicht rasch bei den
Handgelenken gefasst hätte Frau Ehrenberg und Else waren im selben Augenblick
bei ihr
Haben sie uns beobachtet dachte Georg
Schon hatte Anna die Augen wieder offen zwang sich zu einem Lächeln und
flüsterte »O es ist nichts ich vertrage die Hitze manchmal so schlecht«
»Kommen Sie« sagte Frau Ehrenberg mütterlich »vielleicht legen Sie sich
einen Augenblick hin«
Anna schien verwirrt erwiderte nichts und die Damen des Hauses geleiteten
sie ins Nebenzimmer
Georg sah um sich Den Gästen schien nichts aufgefallen zu sein Der Kaffee
wurde herumgereicht Georg nahm eine Tasse und rührte zerstreut mit dem Löffel
herum Am Ende dachte er wird sie doch nicht im Bürgerlichen enden Aber
zugleich fühlte er sich innerlich so entfernt von ihr als ginge ihn persönlich
die Sache nichts an Frau Oberberger stand neben ihm »Also wie denken Sie
eigentlich über platonische Liebe Sie sind ja Fachmann« Er erwiderte
zerstreut sie redete weiter in ihrer Art ohne sich zu kümmern ob er zuhörte
ob er antwortete Plötzlich war Else wieder da Georg erkundigte sich nach Annas
Befinden teilnehmend und höflich
»Eine schwere Erkrankung dürfte es wohl nicht sein« sagte Else und sah ihm
fremd ins Gesicht
Demeter Stanzides trat heran und bat sie zu singen »Wollen Sie mich
begleiten« wandte sie sich an Georg Er verneigte sich und setzte sich ans
Klavier
»Also was denn« fragte Else
»Was Sie wollen« erwiderte Wilt »nur nichts Modernes« Nach dem Souper
liebte er es wenigstens in künstlerischen Dingen den Reaktionär zu spielen
»Justament« sagte Else und reichte Georg ein Heft Sie sang »Das alte Bild«
von Hugo Wolf mit ihrer kleinen wohlgebildeten und etwas rührenden Stimme
Georg begleitete mit Geschmack doch ziemlich zerstreut Er war ein wenig
ärgerlich über Anna so sehr er sich dagegen wehrte Im übrigen schien wirklich
niemand den Vorfall bemerkt zu haben als Frau Ehrenberg und Else Ach was lag
am Ende daran Wenn sies auch alle wussten Wen ging es an Ja wer
kümmerte sich nur darum Nun hören sie alle Else zu dachte er weiter und
empfinden die Schönheit dieses Liedes Sogar Frau Oberberger die gar nicht
musikalisch ist vergisst auf einige Minuten dass sie ein Weib ist und hat ein
stilles geschlechtsloses Gesicht Auch Heinrich hört gebannt zu denkt in
diesem Moment vielleicht nicht an seine Werke nicht an das Los der Juden nicht
an die ferne Geliebte und nicht einmal an die nahe die kleine Blondine der
zuliebe er in der letzten Zeit geradezu elegant geworden ist Wahrhaftig der
Frack sitzt ihm nicht übel und die Krawatte ist keine von den fertig gekauften
wie er sie sonst trägt sondern sorgsam geknüpft Wer steht denn so nah
hinter mir dachte Georg weiter dass ich den Atem über dem Haar spüre Sissy
vielleicht Wenn morgen früh die Welt unterginge Sissy wäre es die ich mir
für heute Nacht erwählte Ja das ist sicher Ah da kommt Anna mit Frau
Ehrenberg Es scheint ich bin der einzige der es merkt obwohl ich doch
zugleich auf mein Spiel und auf Elses Gesang aufpassen muss Ich grüße sie mit
den Augen Ja ich grüße dich Mutter meines Kindes Wie sonderbar ist das
Leben
Das Lied war zu Ende Man applaudierte verlangte nach mehr Georg
begleitete Else zu einigen anderen Liedern von Schumann von Brahms zum Schluss
auf allgemeinen Wunsch zu zwei eigenen die ihm persönlich zuwider geworden
waren seit irgendwer behauptet hatte sie erinnerten an Mendelssohn Während er
begleitete glaubte er jeden Zusammenhang mit Else zu verlieren und gab sich
durch sein Spiel Mühe sie wiederzugewinnen Er spielte mit übertriebener
Empfindung er warb geradezu um sie und fühlte dass es vergebens war Zum
erstenmal in seinem Leben war er unglücklich verliebt in sie Der Beifall nach
Georgs Liedern war stark
»Das war Ihre beste Zeit« sagte Else leise zu ihm während sie die Noten
weglegte »So vor zwei drei Jahren«
Die andern sagten ihm Freundliches ohne Epochen in seiner künstlerischen
Entwicklung zu unterscheiden
Nürnberger erklärte durch die Lieder Georgs aufs angenehmste enttäuscht
worden zu sein »Ich will Ihnen nämlich nicht verhehlen« bemerkte er »dass ich
sie mir nach den Ansichten die ich manchmal von Ihnen vertreten höre lieber
Baron beträchtlich unverständlicher vorgestellt hätte«
»Wirklich charmant« sagte Wilt »Alles so melodiös und einfach ohne
Affektion und Schwulst«
Er ist es dachte Georg grimmig der mich einen Dilettanten geheißen hat
Willy war herzugetreten »Jetzt sagen S nur noch Herr Hofrat dass Sie sie
nachpfeifen können und wenn ich mich auf Physiognomien verstehe so schickt
Ihnen der Baron morgen früh zwei Herren«
»O nein« sagte Georg sich auf sich besinnend und lächelte »Die Lieder
stammen glücklicherweise aus einer längst überwundenen Zeit Ich fühle mich also
durch keinerlei Tadel und keinerlei Lob verletzt«
Ein Diener brachte Eis die Gruppen lösten sich und Anna stand mit Georg
allein am Klavier Er fragte sie rasch »Was hat denn das zu bedeuten gehabt«
»Ja ich weiß nicht« erwiderte sie und sah ihn mit großen Augen an
»Ist dir denn auch schon ganz wohl«
»Aber vollkommen« antwortete sie
»Und ist dir das heute zum erstenmal passiert« fragte Georg etwas zögernd
Sie erwiderte »Gestern Abend zu Haus hab ich was ähnliches gehabt So eine
Art von Ohnmacht Es hat sogar noch etwas länger gedauert Während wir noch beim
Nachtmahl gesessen sind Es hats aber niemand bemerkt«
»Warum hast du mir denn gar nichts davon gesagt«
Sie zuckte leicht die Achseln
»Du Anna« sagte er lebhaft und etwas schuldbewusst »ich möcht dich
jedenfalls noch sprechen Gib mir ein Zeichen wenn du fortgehen willst Ich
verschwind ein paar Minuten vor dir und wart am Schwarzenbergplatz bis du im
Wagen kommst Dann steig ich zu dir ein und wir fahren noch ein bisschen
spazieren Ist es dir recht«
Sie nickte
Er sagte »Auf Wiedersehen Schatz« und begab sich ins Rauchzimmer An einem
grünen Tischchen hatten sich der alte Ehrenberg Nürnberger und Wilt zum
Tarockspiel niedergelassen Auf zwei riesigen grünen Lederfauteuils
nebeneinander saßen der alte Eissler und sein Sohn und benützten die
Gelegenheit sich endlich einmal ordentlich miteinander auszuplaudern Georg
nahm eine Zigarre aus einem Kistchen steckte sie sich an und betrachtete ohne
besondere Anteilnahme die Bilder an der Wand Auf einem grotesk gehaltenen
Aquarell das ein von rot befrackten Herren gerittenes Hürdenrennen vorstellte
sah er unten in der Ecke mit blassroten Buchstaben auf die grüne Wiese gezeichnet
Willys Namen Unwillkürlich wandte er sich nach dem jungen Mann um und sagte
»Das hab ich noch gar nicht gekannt«
»Es ist ziemlich neu« bemerkte Willy beiläufig
»Ein fesches Bild was« sagte der alte Eissler
»Ah schon etwas mehr als das« erwiderte Georg
»Na hoffentlich werde ich bald mit etwas Besserem aufwarten können« sagte
Willy
»Er geht nach Afrika auf die Löwenjagd« erläuterte der alte Eissler »mit
dem Fürsten Wangenheim«
»So« sagte Georg »Felician soll auch von der Partie sein Aber er hat sich
noch nicht entschlossen«
»Warum denn« fragte Willy
»Er will im Frühjahr seine Diplomatenprüfung machen«
»Aber das kann er doch verschieben« sagte Willy »Die Löwen sind ja im
Aussterben was man von den Professoren leider nicht behaupten kann«
»Ich pränumerier mich auf ein Bild Willy« rief Ehrenberg vom Kartentisch
herüber
»Seien Sie später Mäcen Vater Ehrenberg« sagte Wilt »ich hab einen Dreier
angesagt«
»Einen Untern« replizierte Ehrenberg und fuhr fort »Wenn ich mir was
anschaffen darf Willy so malen Sie mir eine Wüstenlandschaft in der der Fürst
Wangenheim von den Löwen aufgefressen wird aber womöglich nach der Natur«
»Sie irren sich in der Person Herr Ehrenberg« sagte Willy »Der berühmte
Antisemit den Sie meinen ist der Cousin von meinem Wangenheim«
»Von mir aus« erwiderte Ehrenberg »können sich die Löwen auch irren es
muss ja nicht jeder Antisemit berühmt sein«
»Sie werden die Partie verlieren wenn Sie nicht aufpassen« mahnte
Nürnberger
»Sie hätten sich doch in Palästina ankaufen sollen« sagte Hofrat Witt
»Gott soll mich davor behüten« erwiderte Ehrenberg
»Nun da er das bis jetzt in allen Dingen getan hat « sagte Nürnberger
und spielte sein Blatt aus
»Mir scheint Nürnberger Sie werfen mir schon wieder vor dass ich nicht mit
alten Kleidern handeln geh«
»Dann hätten Sie wenigstens das Recht sich über den Antisemitismus zu
beklagen« sagte Nürnberger »Denn wer spürt in Österreich etwas davon als die
Hausierer leider Gottes nur die könnte man sagen«
»Und einige Leute mit Ehrgefühl« entgegnete Ehrenberg »Siebenundzwanzig
einunddreissig achtunddreissig nu wer hat die Partie gewonnen«
Willy hatte sich wieder in den Salon begeben Georg saß rauchend auf der
Lehne eines Fauteuils sah plötzlich den Blick des alten Eissler auf sich
gerichtet in einer sonderbar wohlwollenden Weise und fühlte sich an irgend
etwas erinnert ohne zu wissen woran
»Neulich« sagte der alte Herr »hab ich Ihren Bruder Felician flüchtig
gesprochen bei Schönsteins Es ist frappant wie er Ihrem seligen Papa ähnlich
sieht Besonders wenn man Ihren Papa als ganz jungen Menschen gekannt hat wie
ich«
Jetzt wusste Georg mit einemmal woran der Blick des alten Eissler ihn
erinnerte mit dem gleichen väterlichen Ausdruck hatten des alten Doktor
Stauber Augen bei Rosners auf ihm geruht Diese alten Juden dachte er
spöttisch aber in einem entlegenen Winkel seiner Seele war er ein wenig
gerührt Es fiel ihm ein dass sein Vater mit Eissler vor dessen Kunstverständnis
er großen Respekt gehabt hatte manchmal des Morgens im Prater spazierengegangen
war
Der alte Eissler sprach weiter »Sie Georg geraten wohl mehr Ihrer Mutter
nach denk ich mir«
»Es behauptens manche Selbst kann man das ja schwer beurteilen«
»Ihre Mutter soll eine so schöne Stimme gehabt haben«
»Ja in ihrer frühen Jugend Ich selbst habe sie ja nie wirklich singen
gehört Zuweilen hat sies wohl versucht Drei oder vier Jahre vor ihrem Tod da
hat ihr ein Arzt in Meran sogar den Rat gegeben ihre Singstimme zu üben Eine
Lungengymnastik sollte es sein Aber es hat leider nicht viel Erfolg gehabt«
Der alte Eissler nickte und sah vor sich hin »Daran werden Sie sich
wahrscheinlich nicht mehr erinnern können dass damals meine arme Frau mit Ihrer
verstorbenen Mutter zugleich in Meran gewesen ist«
Georg suchte in seinem Gedächtnis Es war ihm entfallen
»Einmal« sagte der alte Eissler »bin ich mit Ihrem Vater im selben Kupee
hinuntergefahren In der Nacht wir haben beide nicht schlafen können hat er
mir sehr viel von euch zweien erzählt Von Ihnen und Felician mein ich«
»So «
»Zum Beispiel dass Sie in Rom als Bub irgendeinem italienischen Virtuosen
eine eigne Komposition vorgespielt haben und dass er Ihnen eine große Zukunft
prophezeit hat«
»Große Zukunft ach Gott Es war aber kein Virtuose Herr Eissler es war
ein Geistlicher bei dem ich dann übrigens Orgelspielen gelernt hab«
Eissler fuhr fort »Und abends wenn Ihre Mutter schon zu Bett gegangen war
haben Sie ihr manchmal stundenlang im Zimmer nebenan vorphantasiert«
Georg nickte und seufzte im stillen Es war ihm als hätte er zu jener Zeit
viel mehr Talent gehabt als jetzt Arbeiten dachte er mit Inbrunst arbeiten
Er blickte wieder auf »Ja« sagte er wie humoristisch »das ist halt das
Malheur dass aus Wunderkindern so selten was wird«
»Ich höre ja Sie wollen Kapellmeister werden Baron«
»Ja« erwiderte Georg mit Entschiedenheit »Nächsten Herbst geh ich nach
Deutschland vielleicht zuerst als Korrepetitor an irgendein kleines
Stadtteater wie es sich eben trifft«
»Aber gegen ein Hofteater hätten Sie auch nichts einzuwenden«
»Gewiss nicht Aber wie kommen Sie darauf Herr Eissler wenn ich fragen darf
«
»Ich weiß ganz gut« sagte Eissler lächelnd und ließ das Monokel fallen »dass
Sie auf meine Protektion nicht angewiesen sind aber andererseits kann ich mir
denken dass es ihnen vielleicht nicht unsympatisch wäre auf die Vermittlung
von Agenten und andere Annehmlichkeiten dieser Art verzichten zu dürfen ich
meine nicht wegen der Perzente«
Georg blieb kühl »Wenn man einmal entschlossen ist eine Teaterkarriere
einzuschlagen so weiß man ja auch was man alles mit in den Kauf zu nehmen
hat«
»Kennen Sie vielleicht den Grafen Malnitz« fragte Eissler unbekümmert um
Georgs Lebensweisheit
»Malnitz Meinen Sie den Grafen Eberhard Malnitz von dem vor ein paar
Jahren eine Suite aufgeführt worden ist«
»Ja den mein ich«
»Persönlich kenn ich ihn nicht und was die Suite anbelangt «
Durch eine Handbewegung gab Eissler den Komponisten Malnitz preis »Seit
Beginn dieser Saison« sagte er dann »ist er Intendant in Detmold Darum hab ich
Sie gefragt ob Sie ihn kennen Ein guter alter Freund von mir Er hat früher
in Wien gelebt Seit zehn oder zwölf Jahren treffen wir uns jedes Jahr in
Karlsbad oder in Ischl Heuer wollen wir um Ostern eine kleine Mittelmeerreise
machen Erlauben Sie mir lieber Baron bei dieser Gelegenheit Ihren Namen zu
nennen und von Ihren kapellmeisterlichen Absichten ein Wort zu sagen«
Georg zögerte zu antworten und lächelte höflich
»O fassen Sie meinen Vorschlag nicht als Zudringlichkeit auf lieber Baron
Wenn Sie nicht wollen halt ich natürlich das Maul«
»Sie missverstehen mein Schweigen« entgegnete Georg liebenswürdig doch
nicht ohne Hochmut »Aber ich weiß wirklich nicht «
»So ein kleines Hofteater« fuhr Eissler fort »stell ich mir gerade für den
Anfang als den richtigen Boden für Sie vor Dass Sie von Adel sind wird Ihnen
gerade auch nicht schaden sogar bei meinem Freunde Malnitz nicht obwohl der
gerne den Demokraten spielt zuweilen sogar den Anarchisten mit Nachsicht
der Bomben selbstverständlich Aber er ist ein charmanter Mensch und wirklich
enorm musikalisch wenn er nicht grad komponiert«
»Nun« erwiderte Georg etwas befangen »wenn Sie die Güte haben wollen mit
ihm zu reden man biete dem Glücke die Hand Jedenfalls dank ich Ihnen sehr«
»Keine Ursache Ich garantiere ja nicht für den Erfolg Es ist eben eine
Chance unter andern«
Frau Oberberger und Sissy traten ein von Demeter Stanzides begleitet
»Was haben wir da für ein interessantes Gespräch unterbrochen« fragte Frau
Oberberger »Der erfahrene Platoniker und der unerfahrene Wüstling Da hätt man
dabei sein sollen«
»Beruhigen Sie sich Katarina« sagte Eissler und seine Stimme hatte wieder
ihren tremolierend tiefen Klang »Man spricht zuweilen auch von anderen Dingen
als von der Zukunft des Menschengeschlechts«
Sissy nahm eine Zigarette zwischen die Lippen ließ sich von Georg Feuer
geben und setzte sich in die Ecke des grünen Lederdiwans »Sie kümmern sich ja
heute gar nicht für mich« begann sie mit dem englischen Akzent den Georg so
sehr an ihr liebte »Als wenn man überhaupt gar nicht auf der Welt wäre O es
ist so Ich bin doch eine treuere Natur als Sie Bin ich nicht«
»Sie treu Sissy « Er schob einen Fauteuil ganz nahe zu ihr hin Sie
sprachen von dem vergangenen Sommer und von dem kommenden
»Voriges Jahr« sagte Sissy »haben Sie mir Ihr Wort versprochen dass Sie
hinkommen werden wo ich bin Sie haben es nicht getan Heuer aber müssen Sie
Ihr Wort halten«
»Gehen Sie wieder nach der Isle of Wight«
»Nein wir werden diesmal ins Gebirge gehen nach Tirol oder ins
Salzkammergut Ich will Ihnen schon sagen Werden Sie kommen«
»Sie dürften jedenfalls wieder ein großes Gefolge haben«
»Ich werde mich für keinen kümmern als für Sie Georg«
»Auch wenn Willy Eissler sich zufällig in Ihrer Nähe aufhalten sollte«
»O« sagte sie mit einem verworfenen Lächeln und drückte das Feuer ihrer
Zigarette gewaltsam in der gläsernen Aschenschale aus
Sie redeten weiter Es war eines jener Gespräche wie sie es in den letzten
Jahren so oft geführt hatten Scherzend und leicht fing es an und glühte am Ende
von zärtlichen Lügen die einen Augenblick lang Wahrheit waren Georg war wieder
einmal berückt von Sissy
»Am liebsten möcht ich mit Ihnen eine Reise machen« flüsterte er ganz nah
bei ihr
Sie nickte nur ihr linker Arm lag auf der breiten Lehne des Diwans »Wenn
man könnte wie man wollte« sagte sie und hatte einen Blick der von hundert
Männern träumte
Er beugte sich über ihren zitternden Arm redete weiter und berauschte sich
an seinen eigenen Worten »Irgendwo wo niemand uns kennt wo man sich um keinen
Menschen kümmern müsste möchte ich mit Ihnen zusammen sein Sissy Viele Tage
und Nächte«
Sissy bebte Das Wort Nächte jagte ihr Schauer durchs Blut
Anna erschien in der Tür gab Georg mit dem Blick ein Zeichen und verschwand
gleich wieder Er lehnte sich innerlich auf und doch war es ihm ganz recht dass
er sich gerade jetzt von Sissy verabschieden durfte In der Tür zum Salon
begegnete er Heinrich der ihn ansprach »Wenn Sie gehen sagen Sie mirs bitte
ich möchte gern noch mit Ihnen reden«
»Mit Vergnügen Aber ich muss ich habe nämlich Fräulein Rosner
versprochen sie nach Hause zu begleiten Dann komm ich gleich ins Kaffeehaus
Auf Wiedersehen also«
Ein paar Minuten später stand er auf der Schwarzenbergbrücke Der Himmel war
voller Sterne die Straßen lagen weiß und still Georg schlug den Kragen auf
obwohl es gar nicht mehr kalt war und ging hin und her Ob aus der Detmolder
Geschichte was werden wird dachte er Nun ist es nicht Detmold so ist es
irgendeine andre Stadt Jedenfalls wird es nun ernst Und vieles vieles wird
bis dahin hinter mir liegen Er versuchte in Ruhe zu überlegen Wie wird das
alles nur werden Nun haben wir Ende Dezember Im März müssten wir fort
spätestens Man wird uns für ein Ehepaar halten Ich werde Arm in Arm mit ihr
spazieren gehen in Rom am Posilipp in Venedig Es gibt Frauen die sehr
hässlich werden in diesem Zustand Sie nicht nein sie nicht Immer hatte
sie so was Mütterliches in ihrem Aussehen Im Sommer wird sie in irgendeiner
stillen Gegend wohnen wo niemand sie kennt Im Thüringer Wald vielleicht
oder am Rhein Wie sonderbar sie das heute sagte das Haus in dem das Kind
zur Welt kommen wird das existiert schon Ja Irgendwo in der Ferne oder
vielleicht auch ganz nah steht dieses Haus und Leute wohnen drin die wir nie
gesehen haben Wie seltsam Wann wird es zur Welt kommen Im Spätsommer
Anfangs September ungefähr In dieser Zeit werde ich am Ende schon fort sein
müssen Wie werd ich das nur machen Und heut ein Jahr ist das kleine Wesen
schon vier Monate alt Es wird aufwachsen groß werden Eines schönen Tags
ist ein junger Mann da mein Sohn Oder ein junges Mädchen Ein schönes Mädchen
von siebzehn Jahren meine Tochter Dann bin ich vierundvierzig Mit
sechsundvierzig kann ich Großvater sein Vielleicht auch Direktor einer
Opernbühne und ein berühmter Komponist trotz Elses Prophezeiungen Aber dazu
muss man arbeiten das ist schon wahr Mehr als ich es bisher getan habe Else
hat recht ich lass mich zu sehr gehen Das muss anders werden Es wird auch
Ich fühle ja wie es in mir sich regt Ja auch in mir regt es sich
Von der Heugasse her kam ein Wagen jemand beugte sich aus dem Fenster
Unter dem weißen Shawl erkannte Georg Annas Antlitz Er war sehr froh stieg zu
ihr ein und küsste ihr die Hand Sie plauderten vergnügt spotteten ein wenig
über die Gesellschaft aus der sie eben kamen und fanden es im Grunde
lächerlich einen Abend in so leerer Weise hinzubringen Er hielt ihre Hände in
den seinen und war ergriffen von ihrer Gegenwart Vor ihrem Hause stieg er aus
und klingelte dann trat er zu dem offenen Wagenschlag und sie verabredeten ein
Wiedersehen für den nächsten Tag »Ich glaube wir haben manches zu besprechen«
sagte Anna Er nickte nur Das Haustor wurde geöffnet sie stieg aus dem Wagen
ließ einen innigen Blick auf Georg ruhen und verschwand im Flur
Geliebte dachte Georg mit einem Gefühl von Glück und Stolz Das Leben lag
vor ihm als etwas ernstgeheimnisvolles voll Aufgaben und Wundern
Als er ins Kaffeehaus trat saß Heinrich in einer Fensternische neben ihm
ein sehr junger bartloser grünlich blasser Mensch den Georg schon einige Male
flüchtig gesprochen hatte in Smoking mit Samtkragen aber mit einer Hemdbrust
von zweifelhafter Reinheit Als Georg herzutrat sah der junge Mensch eben mit
glühenden Augen von einem Heftchen auf das er in unruhigen nicht sehr
gepflegten Händen hielt
»O ich störe« sagte Georg
»Durchaus nicht« erwiderte der junge Mann mit irrsinnigem Lachen »Je mehr
Publikum je lieber«
»Herr Winternitz« erklärte Heinrich während er Georg die Hand reichte
»liest mir eben einen Gedichtenzyklus vor Wir werdens vielleicht für diesmal
unterbrechen«
Georg von dem enttäuschten Blick des jungen Mannes ein wenig gerührt
behauptete dass er mit Vergnügen zuhören möchte wenn es gestattet sei
»Es dauert auch nicht mehr lange« erklärte Winternitz dankbar »Nur schade
dass Sie den Anfang versäumt haben Ich könnte «
»Ja ist es denn zusammenhängend« fragte Heinrich erstaunt
»Wie das haben Sie nicht bemerkt« rief Winternitz und lachte wieder
irrsinnig
»Ach so« sagte Heinrich »das ist immer dieselbe Frauensperson von der
Ihre Gedichte handeln Ich glaubte es sei immer eine andere«
»Natürlich ist es immer dieselbe Das ist ja das Charakteristische dass sie
immer wie eine neue Person wirkt«
Herr Winternitz las leise aber eindringlich wie innerlich verzehrt Aus
seinem Zyklus ergab sich dass er geliebt worden war wie nie ein Mensch vor ihm
aber auch betrogen wie noch keiner was gewissermaßen metaphysischen Ursachen
und keineswegs Mängeln seiner Persönlichkeit zuzuschreiben war Im letzten
Gedicht aber erwies er sich als völlig befreit von seiner Leidenschaft und
erklärte sich bereit von nun an alle Freuden zu genießen die die Welt ihm
bieten mochte Dieses Gedicht hatte vier Strophen der letzte Vers jeder Strophe
begann mit einem »Hei« und es schloss mit dem Ausruf »Hei so jag ich durch die
Welt«
Georg musste sich gestehen dass ihm die Vorlesung einen gewissen Eindruck
gemacht hatte und als Winternitz das Heft vor sich hinlegend mit übergrossen
Augen um sich schaute nickte Georg beifällig und sagte »Sehr schön«
Winternitz sah erwartungsvoll auf Heinrich der ein paar Sekunden schwieg
und endlich bemerkte »Es ist im ganzen sehr interessant aber warum sagen
Sie hei wenn ich fragen darf Es glaubts Ihnen ja doch niemand«
»Wieso« rief Winternitz
»Fragen Sie sich doch nur selber aufs Gewissen ob dieses hei ehrlich
empfunden ist Alles übrige was Sie mir da vorgelesen haben glaub ich Ihnen
Das heißt ich glaub es Ihnen in höherm Sinn obzwar kein Wort davon wahr ist
Ich glaube Ihnen dass Sie ein fünfzehnjähriges Mädchen verführen dass Sie sich
benehmen wie ein ausgepichter Don Juan dass Sie das arme Geschöpf in der
furchtbarsten Weise verderben dass es Sie mit einem was war er nur «
»Ein Klown natürlich« rief Winternitz mit wahnwitzigem Lachen
»Dass es Sie mit einem Klown betrügt dass Sie durch dieses Geschöpf in immer
dunklere Abenteuer geraten dass Sie die Geliebte ja sich selber umbringen
wollen dass Ihnen die Geschichte schließlich egal wird dass Sie durch die Welt
reisen oder sogar jagen meinetwegen bis Australien ja das alles glaub ich
Ihnen aber dass Sie der Mensch sind hei zu rufen das lieber Winternitz das
ist einfach ein Schwindel«
Winternitz verteidigte sich Er beschwor dass dieses »hei« aus seinem
innersten Wesen hervorgegangen wäre zum mindesten aus einem gewissen Element
seines innersten Wesens Auf weitere Einwände Heinrichs zog er sich allmählich
zurück und erklärte endlich dass er sich irgendeinmal bis zu jener innern
Freiheit durchzuringen hoffe die ihm gestatten würde »hei« zu rufen
»Niemals wird diese Zeit kommen« entgegnete Heinrich bestimmt »Sie werden
vielleicht einmal bis zum epischen oder dramatischen hei kommen das lyrisch
subjektive hei bleibt Ihnen bleibt unsereinem mein lieber Winternitz doch bis
in alle Ewigkeit versagt«
Winternitz versprach das letzte Gedicht zu ändern sich überhaupt weiter zu
entwickeln und an seiner innern Reinigung zu arbeiten Er stand auf wobei seine
gestärkte Hemdbrust knackte und ein Knopf aufsprang reichte Heinrich und Georg
eine etwas feuchte Hand und begab sich in den Hintergrund an den Tisch der
Literaten Georg äußerte sich vorsichtig anerkennend zu Heinrich über die
Gedichte die er gehört hatte
»Er ist mir noch der liebste von der ganzen Gesellschaft persönlich
wenigstens« sagte Heinrich »Er weiß doch wenigstens innerlich eine gewisse
Distanz zu wahren Ja Sie brauchen mich nicht gleich wieder anzusehen als wenn
Sie mich auf einem Anfall von Größenwahn ertappten Aber ich kann Sie
versichern Georg von der Sorte Leute« er streifte den Tisch drüben mit einem
flüchtigen Blick »denen immer ein ä soi auf den Lippen schwebt hab ich
nachgerade genug«
»Was schwebt ihnen auf den Lippen«
Heinrich lachte »Sie kennen doch die Geschichte von dem polnischen Juden
der mit einem Unbekannten im Eisenbahnkupee sitzt sehr manierlich bis er durch
irgendeine Bemerkung des andern darauf kommt dass der auch ein Jude ist worauf
er sofort mit einem erlösten ä soi die Beine auf den Sitz gegenüber ausstreckt«
»Sehr gut« sagte Georg
»Mehr als das« ergänzte Heinrich streng »Tief Tief wie so viele jüdische
Anekdoten Sie schließt einen Blick auf in die Tragikomödie des heutigen
Judentums Sie drückt die ewige Wahrheit aus dass ein Jude vor dem andern nie
wirklichen Respekt hat Nie So wenig als Gefangene in Feindesland voreinander
wirklichen Respekt haben besonders hoffnungslose Neid Hass ja manchmal
Bewunderung am Ende sogar Liebe kann zwischen ihnen existieren Respekt
niemals Denn alle Gefühlsbeziehungen spielen sich in einer Atmosphäre von
Intimität ab sozusagen in der der Respekt ersticken muss«
»Wissen Sie was ich finde« bemerkte Georg »dass Sie ein ärgerer Antisemit
sind als die meisten Christen die ich kenne«
»Glauben Sie« Er lachte »Ein richtiger wohl nicht Ein richtiger ist ja
nur der der sich im Grunde über die guten Eigenschaften der Juden ärgert und
alles dazu tut um ihre schlechten weiter zu entwickeln Aber in gewissem Sinne
haben Sie schon recht Ich gestatte mir ja schließlich auch Antiarier zu sein
Jede Rasse als solche ist natürlich widerwärtig Nur der einzelne vermag es
zuweilen durch persönliche Vorzüge mit den Widerlichkeiten seiner Rasse zu
versöhnen Aber dass ich den Fehlern der Juden gegenüber besonders empfindlich
bin das will ich gar nicht leugnen Wahrscheinlich liegt es nur daran dass ich
wir alle auch wir Juden mein ich zu dieser Empfindlichkeit systematisch
herangezogen worden sind Von Jugend auf werden wir darauf hingehetzt gerade
jüdische Eigenschaften als besonders lächerlich oder widerwärtig zu empfinden
was hinsichtlich der ebenso lächerlichen und widerwärtigen Eigenheiten der
andern eben nicht der Fall ist. Ich will es gar nicht verhehlen wenn sich ein
Jude in meiner Gegenwart ungezogen oder lächerlich benimmt befällt mich
manchmal ein so peinliches Gefühl dass ich vergehen möchte in die Erde sinken
Es ist wie eine Art von Schamgefühl das vielleicht irgendwie mit dem
Schamgefühl eines Bruders verwandt ist vor dem sich seine Schwester entkleidet
Vielleicht ist das Ganze auch nur Egoismus Es erbittert einen eben dass man
immer wieder für die Fehler von andern mit verantwortlich gemacht wird dass man
für jedes Verbrechen für jede Geschmacklosigkeit für jede Unvorsichtigkeit
die sich irgendein Jude auf der Welt zuschulden kommen lässt mitzubüssen hat Da
wird man dann natürlich leicht ungerecht Aber das sind Nervositäten
Empfindlichkeiten weiter nichts Da besinnt man sich auch wieder Das kann man
doch nicht Antisemitismus nennen Aber es gibt schon Juden die ich wirklich
hasse als Juden hasse Das sind die die vor andern und manchmal auch vor sich
selber tun als wenn sie nicht dazu gehörten Die sich in wohlfeiler und
kriecherischer Weise bei ihren Feinden und Verächtern anzubieten suchen und sich
auf diese Art von dem ewigen Fluch loszukaufen glauben der auf ihnen lastet
oder von dem was sie eben als Fluch empfinden Das sind übrigens beinahe immer
solche Juden die im Gefühl ihrer eigenen höchst persönlichen Schäbigkeit
herumgehen und dafür unbewusst oder bewusst ihre Rasse verantwortlich machen
möchten Natürlich hilfts ihnen nicht das geringste Was hat den Juden überhaupt
jemals geholfen Den guten und den schlimmen Ich meine natürlich« setzte er
hastig hinzu »denen die so irgend etwas wie eine äußerliche oder innerliche
Hilfe brauchen« Und in einem absichtlich leichten Tone brach er ab »Ja mein
lieber Georg die Angelegenheit ist etwas kompliziert und es ist ganz
natürlich dass allen denen die nicht direkt mit der Frage zu schaffen haben
das richtige Verständnis für sie abgeht«
»Na das darf man doch nicht so «
Heinrich unterbrach ihn gleich »Man darf schon lieber Georg Es ist nun
einmal so Ihr versteht uns nämlich nicht Manche haben vielleicht eine Ahnung
Aber verstehen Nein Wir verstehen euch jedenfalls viel besser als ihr uns
Wenn Sie auch den Kopf schütteln Es ist ja nicht unser Verdienst Wir haben es
nämlich notwendiger gehabt euch verstehen zu lernen als ihr uns Diese Gabe
des Verstehens hat sich ja im Lauf der Zeit bei uns entwickeln müssen nach
den Gesetzen des Daseinskampfes wenn Sie wollen Denn sehen Sie um sich unter
Fremden oder wie ich schon früher sagte in Feindesland zurechtzufinden um
gegen alle Gefahren Tücken gerüstet zu sein die da lauern dazu gehört
natürlich vor allem dass man seine Feinde so gut kennen lernt als möglich ihre
Tugenden und ihre Schwächen«
»Also unter Feinden leben Sie Unter Fremden Dem Leo Golowski gegenüber
wollten Sie das nicht zugestehen Ich bin übrigens auch nicht seiner Ansicht
durchaus nicht Aber was ist das für ein sonderbarer Widerspruch dass Sie heute
«
Ganz gequält unterbrach ihn Heinrich »Ich sagte Ihnen ja schon die Sache
ist viel zu kompliziert um überhaupt erledigt zu werden Sogar innerlich ist es
nahezu unmöglich Und nun gar in Worten Ja manchmal möchte man glauben dass es
gar nicht so arg steht Manchmal ist man ja wirklich daheim trotz allem fühlt
sich hier so zu Hause ja geradezu heimatlicher als irgendeiner von den
sogenannten Eingeborenen sich fühlen kann Es ist offenbar so dass durch das
Bewusstsein des Verstehens das Gefühl der Fremdheit in gewissem Sinn wieder
aufgehoben wird Ja es wird gleichsam durchtränkt von Stolz Herablassung
Zärtlichkeit löst sich auf allerdings auch zuweilen in Sentimentalität was ja
wieder eine schlimme Sache ist« Er saß da mit tiefen Falten in der Stirn und
sah vor sich hin
Versteht er mich wirklich besser dachte Georg als ich ihn Oder ist es
wieder nur Größenwahn
Heinrich fuhr plötzlich auf wie aus einem Traum Er sah auf die Uhr »Halb
drei Und morgen früh um acht geht mein Zug«
»Wie Sie reisen fort«
»Ja Darum wollt ich Sie auch noch so gern sprechen Ich werd Ihnen leider
auf längere Zeit adieu sagen müssen Ich fahre nach Prag Ich bringe meinen
Vater aus der Anstalt nach Hause in seine Heimat«
»Es geht ihm also besser«
»Nein Er ist nur in dem Stadium wo er für die Umgebung ungefährlich
geworden ist Ja das ist auch recht rasch gekommen«
»Und wann ungefähr denken Sie wieder zurück zu sein«
Heinrich zuckte die Achseln »Das lässt sich heute noch nicht sagen Aber wie
immer sich die Sache weiterentwickelt keineswegs kann ich Mutter und Schwester
jetzt allein lassen«
Georg verspürte ein wirkliches Bedauern Heinrichs Gesellschaft in der
nächsten Zeit entbehren zu sollen »Es wäre möglich dass Sie mich in Wien nicht
mehr antreffen wenn Sie zurückkommen Ich werde in diesem Frühjahr nämlich
wahrscheinlich auch fortfahren« Und er fühlte beinahe Lust sich Heinrich
anzuvertrauen
»Sie reisen wohl in den Süden« fragte Heinrich
»Ja ich denke Einmal noch meine Freiheit genießen Ein paar Monate lang Im
nächsten Herbst fängt nämlich der Ernst des Lebens an Ich sehe mich um eine
Stellung in Deutschland um an irgendeinem Theater«
»Also wirklich«
Der Kellner war an den Tisch gekommen sie zahlten und gingen An der Tür
trafen sie mit Rapp und Gleissner zusammen Ein paar Worte der Begrüßung wurden
gewechselt
»Was treiben Sie immer Herr Rapp« fragte Georg verbindlich
Rapp wischte seinen Zwicker ab »Immer mein altes trauriges Handwerk Ich
bin beschäftigt die Nichtigkeit von Nichtigkeiten nachzuweisen«
»Du könntest dir ja Abwechslung verschaffen Rapp« sagte Heinrich »Versuch
einmal dein Glück und preise die Herrlichkeit der Herrlichkeiten«
»Wozu« sagte Rapp und setzte den Zwicker auf »Die beweist sich selbst im
Laufe der Zeit Aber die Stümperei erlebt meist nur ihr Glück und ihren Ruhm
und wenn ihr die Welt endlich auf den Schwindel kommt hat sie sich längst in
ihr Grab oder in ihre vermeintliche Unsterblichkeit geflüchtet«
Sie standen auf der Straße und schlugen alle die Rockkragen auf da es
wieder heftig zu schneien begonnen hatte Gleissner der vor ein paar Wochen
seinen ersten großen Teatererfolg erlebt hatte erzählte geschwind dass auch
die heutige siebente Vorstellung seines Werkes ausverkauft gewesen war Rapp
knüpfte daran hämische Bemerkungen über die Dummheit des Publikums Gleissner
erwiderte mit Spässen über die Machtlosigkeit der Kritik gegenüber dem wahren
Genie und so spazierten sie davon mit aufgestellten Kragen durch den Schnee
ganz eingehüllt in den dampfenden Hass ihrer alten Freundschaft
»Dieser Rapp hat kein Glück« sagte Heinrich zu Georg »Bei allen seinen
Freunden denen er vor zehn Jahren Erfolg prophezeit hat trifft es nun wirklich
ein Er wird es auch Gleissner nicht verzeihen dass der ihn nicht enttäuscht
hat«
»Halten Sie ihn für so neidisch«
»Das kann man nicht einmal sagen So einfach liegen ja die Dinge selten dass
sie mit einem Wort abzutun wären Aber bedenken Sie doch nur was das für ein
Los ist in dem Glauben herumzugehen dass man das tiefste Wissen von der Welt so
gut in sich trägt wie Shakespeare und dabei zu fühlen dass man nicht einmal so
viel davon auszusprechen imstande ist als beispielsweise Herr Gleissner obwohl
man vielleicht gerade so viel wert ist oder mehr«
Sie gingen eine Zeitlang schweigend nebeneinander her Die Bäume auf dem
Ring standen starr mit weißen Ästen Vom Ratausturm schlug es drei Sie
überschritten die menschenleere Straße und nahmen den Weg durch den stillen
Park Rings schimmerte es fast hell vom unablässig sinkenden Schnee
»Das neueste hab ich Ihnen übrigens noch nicht erzählt« begann Heinrich
endlich vor sich hinschauend und in trockenem Ton
»Was denn«
»Dass ich nämlich anonyme Briefe bekomme seit einiger Zeit«
»Anonyme Briefe Welchen Inhalts«
»Nun Sie können sichs wohl denken«
»Ach so« Es war Georg klar dass es sich nur um die Schauspielerin handeln
konnte Aus der fremden Stadt wo Heinrich die Geliebte in einem neuen Stück die
Rolle eines verdorbenen Geschöpfes mit einer ihm unerträglichen Naturwahrheit
hatte spielen gesehen war er in bittereren Qualen zurückgekehrt als je Georg
wusste dass seither Briefe voll Zärtlichkeit und Hohn voll Groll und Verzeihung
peinvoll zerrüttete und mühsam beruhigte zwischen ihnen hin und her gingen
»Seit acht Tagen etwa« erzählte Heinrich »kommen diese angenehmen
Sendungen regelmäßig jeden Morgen Nicht sehr angenehm ich versichere Sie«
»Ach Gott was liegt Ihnen denn dran Sie wissen ja selbst in anonymen
Briefen steht nie die Wahrheit«
»Im Gegenteil lieber Georg immer«
»Aber«
»Die höhere Wahrheit gewissermaßen enthalten solche Briefe Die große
Wahrheit der Möglichkeiten Die Menschen haben im allgemeinen nicht genug
Phantasie um aus dem Nichts zu schaffen«
»Das wäre eine schöne Auffassung Wo käme man denn da hin Da machen Sie den
Verleumdern aller Art die Sache doch etwas zu bequem«
»Warum sagen Sie Verleumder Ich halte es für sehr unwahrscheinlich dass in
den anonymen Briefen die ich erhalte Verleumdungen enthalten sind Vielleicht
Übertreibungen Ausschmückungen Ungenauigkeiten «
»Lügen «
»Nein es werden wohl nicht Lügen sein Einige wohl Aber wie soll man
Wahrheit und Lüge auseinanderhalten in solch einem Fall«
»Dafür gibt es doch ein höchst einfaches Mittel Fahren Sie hin«
»Ich soll hinfahren«
»Natürlich sollten Sie das An Ort und Stelle müssten Sie doch der Wahrheit
sofort auf den Grund kommen«
»Es wäre immerhin möglich«
Sie wanderten unter Bogengängen auf feuchtem Stein Ihre Stimmen und
Schritte hallten Georg begann von neuem »Statt solche jedenfalls enervante
Unannehmlichkeiten weiter durchzumachen würd ich mich doch persönlich zu
überzeugen suchen wie die Dinge stehen«
»Ja das richtigste wäre es wohl«
»Nun warum tun Sie es also nicht«
Heinrich blieb stehen und mit zusammengepressten Zähnen stieß er hervor
»Sagen Sie lieber Georg sollten Sie wirklich noch nicht bemerkt haben dass ich
feig bin«
»Ach das nennt man doch nicht feig«
»Nennen Sies wie Sie wollen Worte stimmen ja nie ganz je präziser sie
sich gebärden umso weniger Ich weiß wie ich bin Nicht um die Welt fahr ich
hin Lächerlich auch noch Nein nein nein «
»Also was werden Sie tun«
Heinrich zuckte die Achseln als ginge ihn die Sache doch eigentlich nichts
an
Etwas geärgert fragte Georg wieder »Wenn Sie mir eine Bemerkung erlauben
was sagt denn die Hauptbeteiligte«
»Die Hauptbeteiligte wie Sie sie mit infernalischem aber unbewusstem Witz
nennen weiß vorläufig nichts davon dass ich anonyme Briefe bekomme«
»Haben Sie die Korrespondenz mit ihr abgebrochen«
»Was fällt Ihnen ein Wir schreiben uns täglich nach wie vor sie mir die
zärtlichsten und verlogensten Briefe ich ihr die gemeinsten die Sie sich
vorstellen können unaufrichtig hinterhältig marternd bis aufs Blut«
»Hören Sie Heinrich Sie sind wahrhaftig kein sehr edler Charakter«
Heinrich lachte laut auf »Nein edel bin ich nicht dazu bin ich offenbar
nicht auf die Welt gekommen«
»Und wenn man bedenkt dass es am Ende lauter Verleumdungen sind« Georg für
seinen Teil zweifelte natürlich nicht dass die anonymen Briefe die Wahrheit
enthielten Trotzdem wünschte er ehrlich dass Heinrich an Ort und Stelle reiste
sich selbst überzeugte irgend etwas unternähme jemanden ohrfeigte oder
niederschösse Er stellte sich Felician in einem ähnlichen Falle vor oder
Stanzides oder Willy Eissler Alle hätten sich besser benommen oder wenigstens
anders und gewiss in einer ihm sympatischern Art Plötzlich fuhr ihm die Frage
durch den Kopf was er wohl täte wenn Anna ihn hinterginge Anna ihn War
das überhaupt möglich Er dachte an den Blick von heut Abend den neugierig
dunkeln den sie hinüber zu Demeter Stanzides gesandt hatte Nein der bedeutete
nichts das war gewiss Und die alten Geschichten mit Leo und dem Gesangsmeister
Die waren harmlos kindisch beinah Aber etwas anderes vielleicht
bedeutungsvolleres fiel ihm ein Einer seltsamen Frage erinnerte er sich die
sie an ihn gestellt als sie sich neulich in seiner Gesellschaft verspätet und
mit einer Ausrede hatte nach Hause eilen müssen Ob er nicht fürchte hatte sie
gefragt es einmal bereuen zu müssen dass er sie zur Lügnerin machte Halb wie
ein Vorwurf halb wie eine Warnung hatte es geklungen Und wenn sie selbst ihrer
so wenig sicher schien durfte er ihr ohne weiteres vertrauen Liebte er sie
nicht auch und betrog er sie nicht trotzdem oder war in jedem Augenblick bereit
dazu was am Ende dasselbe bedeutete Vor einer Stunde im Wagen als er sie in
den Armen hielt und küsste hatte sie gewiss nicht geahnt dass er einen andern
Gedanken hatte als sie Und doch in irgendeinem Augenblick seine Lippen auf
den ihren hatte er sich nach Sissy gesehnt Warum sollte es nicht geschehen
können dass Anna ihn betrog Am Ende schon geschehen sein ohne dass er
es ahnte Aber all diese Einfälle waren gleichsam ohne Schwere Wie
phantastische beinahe amüsante Möglichkeiten schwebten sie durch den Sinn Er
stand mit Heinrich vor dem geschlossenen Haustor in der Florianigasse und
reichte ihm die Hand »Also leben Sie wohl« sagte er »wenn wir uns
wiedersehen sind Sie hoffentlich von Ihren Zweifeln geheilt«
»Wäre das ein besonderer Gewinn« fragte Heinrich »Kann man sich denn in
Liebessachen mit Gewissheiten beruhigen Höchstens mit schlimmen denn die sind
für die Dauer Aber eine gute Gewissheit ist bestenfalls ein Rausch Nun grüß
Sie Gott Im Mai sehen wir uns hoffentlich wieder Da komm ich was immer
geschehen sein mag auf einige Zeit her und da können wir auch über unsere
famose Oper weiterreden«
»Ja wenn ich im Mai schon wieder in Wien bin Es könnte sein dass ich erst
im Herbst zurückkomme«
»Und dann gleich wieder fort in Ihren neuen Beruf«
»Es wäre nicht unmöglich dass es sich so fügt« Und er sah Heinrich ins Auge
mit einer Art von kindlichtrotzigem Lächeln Ich sag dirs ja doch nicht
Heinrich schien befremdet »Hören Sie Georg da stehen wir ja vielleicht
zum letztenmal zusammen vor diesem Tor O ich bin fern davon mich in Ihr
Vertrauen einzudrängen Es wird wohl bei diesem etwas einseitigen Verhältnis
zwischen uns bleiben müssen Na tut nichts«
Georg sah vor sich hin
»Der Himmel beschütze Sie« sagte Heinrich als das Tor sich auftat »Und
lassen Sie gelegentlich von sich hören«
»Gewiss« erwiderte Georg und sah plötzlich Heinrichs Augen mit einem
unerwarteten Ausdruck von Innigkeit auf sich ruhen »Gewiss und Sie müssen
mir auch schreiben Jedenfalls geben Sie mir Nachricht wie es bei Ihnen zu
Hause steht und was Sie arbeiten Überhaupt« setzte er herzlich hinzu »wir
müssen in ununterbrochener Verbindung bleiben«
Der Hausmeister stand da mit gesträubtem Haar verschlafenem und bösem
Blick in einem grünlichbraunen Schlafrock mit Schlapfen an den nackten Füßen
Heinrich reichte Georg ein letztes Mal die Hand »Auf Wiedersehen lieber
Freund« sagte er Und dann leiser auf den Torwächter deutend »Ich kann ihn
nicht länger warten lassen Wie er mich in dieser Sekunde bei sich nennt können
Sie von seiner edelen unverfälscht einheimischen Physiognomie ohne besondere
Schwierigkeiten ablesen Adieu«
Georg musste lachen Heinrich verschwand das Tor schmetterte zu
Georg empfand keine Spur von Schläfrigkeit und entschloss sich zu Fuß
heimwärts zu wandern Er war in erregter gehobener Stimmung Den Tagen die nun
kommen sollten sah er mit eigentümlicher Spannung entgegen Er dachte an das
morgige Wiedersehen mit Anna an Besprechungen die in Aussicht waren an die
Abreise an das Haus das schon irgendwo in der Welt stand und das ihm in
seiner Vorstellung jetzt ungefähr erschien wie ein Haus aus einer
Spielereischachtel licht grün mit einem knallroten Dach und einem schwarzen
Rauchfang Und wie ein Bild von einer Laterna magica an einen weißen Vorhang
geworfen erschien ihm seine eigene Gestalt er sah sich auf einem Balkon
sitzen in beglückter Einsamkeit vor einem mit Notenblättern überdeckten Tisch
Äste wiegten sich vor den Gitterstäben ein heller Himmel ruhte über ihm und
tief unten zu seinen Füßen in traumhaft übertriebenem Blau lag das Meer
Fünftes Kapitel
Georg öffnete ganz leise die Türe zu Annas Zimmer Sie lag noch schlafend im
Bette und atmete tief und ruhig Er begab sich aus dem leicht verdunkelten Raum
wieder in sein Zimmer zurück und schloss die Türe Dann trat er ans geöffnete
Fenster und schaute hinaus Über dem Wasser schwebte sonnenschimmernder Nebel
Die Berge drüben mit reingezogenen Linien schwammen in Himmelsglanz und über
den Gärten und Häusern von Lugano flimmerte das hellste Blau Georg war wieder
ganz beseligt diese Junimorgenluft einzuatmen die vom See die feuchte Frische
und von den Platanen Magnolien und Rosen im Hotelpark den Duft zu ihm
emportrug diese Landschaft anzuschauen deren Frühlingsfriede ihn nun seit drei
Wochen jeden Morgen wie ein neues Glück begrüßte Rasch trank er seinen Tee aus
lief die Treppe so schnell und erwartungsvoll hinab wie er einst als Knabe zum
Spiel geeilt war und im grauen Dufte der Frühschatten schlug er den gewohnten
Weg längs des Ufers ein Hier gedachte er seiner einsamen Morgenspaziergänge in
Palermo und Taormina im vergangenen Frühjahr die er oft auf viele Stunden
ausgedehnt hatte da Grace gern bis Mittag mit offenen Augen im Bett lag Fast
umdüstert erschien ihm in der Erinnerung jene Zeit seines Lebens über der ein
naher Abschied wenn auch manchmal herbeigewünscht doch wie eine trübe Wolke
gelastet hatte Diesmal schien ihm alles Schmerzliche in weiter Ferne zu liegen
und jedenfalls war es in seiner Macht ein Ende wenn es nicht vom Schicksal
selber kam so weit hinauszuschieben als er wollte
Anfang März war er mit Anna aus Wien abgereist da ihr Zustand kaum länger
zu verbergen war Doch schon im Januar hatte sich Georg entschlossen mit ihrer
Mutter zu sprechen Er hatte sich einigermaßen vorbereitet und so vermochte er
seine Mitteilungen in ruhigen und wohlgesetzten Worten vorzubringen Die Mutter
hörte still zu und ihre Augen wurden groß und feucht Anna saß auf dem Diwan
mit befangenem Lächeln und betrachtete Georg während er sprach mit einer Art
von Neugier Der Plan für die folgenden Monate war entworfen Bis zum Frühsommer
wollte Georg sich mit Anna im Auslande aufhalten dann sollte in der Umgebung
von Wien ein Landhaus gemietet werden so dass in der schwersten Zeit die Mutter
nicht fern wäre und das Kind ohne Schwierigkeiten in der Nähe der Stadt in
Pflege gegeben werden konnte Auch eine Erklärung von Annas Abreise und
Fernbleiben für unberufene Neugierige war ausgedacht Da ihre Stimme sich in der
letzten Zeit bedeutend gebessert hätte was beinahe der Wahrheit entsprach wäre
sie zu einer berühmten Gesangslehrerin nach Dresden gereist um ihre Ausbildung
zu vollenden Frau Rosner nickte manchmal als stimmte sie allem zu Aber die
Züge ihres Antlitzes wurden immer trauriger Nicht so sehr das was sie erfahren
hatte drückte auf sie als vielmehr die Vorstellung dass sie es so wehrlos über
sich ergehen lassen musste eine arme Mutter in kleinbürgerlichen Verhältnissen
die dem vornehmen Verführer machtlos gegenübersass Georg der dies mit Bedauern
merkte suchte einen immer leichteren und liebenswürdigeren Ton Er rückte näher
zu der guten Frau hin er nahm ihre Hand und behielt sie sekundenlang in der
seinen Anna hatte sich an dem ganzen Gespräch kaum mit einem Worte beteiligt
Als aber Georg sich zum Fortgehen anschickte erhob sie sich und zum erstenmal
vor der Mutter als hätte sie nun ihre Verlobung mit ihm gefeiert bot sie ihm
die Lippen zum Kusse In gehobener Stimmung ging Georg die Treppen hinunter wie
wenn nun eigentlich das schlimmste überstanden wäre Öfter als früher verbrachte
er nun ganze Stunden bei Rosners mit Anna musizierend deren Stimme in dieser
Zeit merklich an Fülle und Kraft gewann Das Benehmen der Mutter Georg gegenüber
wurde freundlicher ja manchmal schien es ihm als müsste sie sich gegen eine
wachsende Sympatie für ihn geradezu wehren Und es gab einen Abend im Kreise
der Familie an dem Georg zum Nachtmahl blieb nachher die Zigarre im Munde
den Anwesenden aus den Meistersingern und Lohengrin vorphantasierte sich ganz
besonders von s Josefs lebhaften Beifalls erfreuen durfte und beim
Nachhausegehen fast erschrocken merkte dass er sich so behaglich gefühlt hatte
wie in einem neu gewonnenen Heim
Ein paar Tage später als er mit Felician beim schwarzen Kaffee saß brachte
ihm der Diener eine Karte bei deren Empfang er eine leichte Röte aufsteigen
fühlte Felician tat als hätte er des Bruders Verlegenheit nicht bemerkt sagte
ihm adieu und verließ das Zimmer In der Tür begegnete er dem alten Rosner
neigte leicht den Kopf zum Gegengruss und sah vorüber Georg forderte Herrn
Rosner der im Winterrock mit Hut und Regenschirm eingetreten war zum Sitzen
auf und bot ihm eine Zigarre an Der alte Rosner sagte »Ich habe eben
geraucht« was Georg irgendwie beruhigte und nahm Platz während Georg an den
Tisch gelehnt stehen blieb Dann begann der Alte mit gewohnter Langsamkeit
»Herr Baron werden sich wahrscheinlich denken können weshalb ich so frei bin zu
stören Ich wollte eigentlich schon am Vormittag vorsprechen aber ich konnte
leider aus dem Bureau nicht abkommen«
»Vormittag hätten Sie mich nicht zu Hause gefunden Herr Rosner« erwiderte
Georg verbindlich
»Nun umso besser dass ich den Weg nicht vergeblich gemacht habe Also meine
Frau hat mir nämlich heute morgen berichtet was sich ereignet hat« Er
sah zu Boden
»So« sagte Georg und nagte an der Oberlippe »Ich hatte eigentlich selbst
die Absicht Aber wollen Sie nicht den Winterrock ablegen es ist sehr warm
im Zimmer«
»O danke danke es ist mir durchaus nicht zu warm Nun ich war ganz
entsetzt als meine Frau mir diese Mitteilung machte Jawohl Herr Baron Nie
hätt ich von Anna gedacht niemals für möglich gehalten es ist ja
furchtbar « Er sagte alles in seiner gewohnten eintönigen Weise nur
schüttelte er öfter den Kopf dabei als sonst Georg musste immer auf die Glatze
mit dem dünnen gelblichgrauen Haar herunterschauen und empfand nichts als eine
öde Gelangweilteit »Furchtbar Herr Rosner ist die Sache wahrhaftig nicht«
sagte er endlich »Wenn Sie wüssten wie sehr ich wie innig meine Neigung zu
Anna ist so würden Sie gewiss auch fern davon sein die Sache furchtbar zu
finden Ihre Frau Gemahlin hat Sie ja jedenfalls hinsichtlich unserer Absichten
für die nächste Zeit unterrichtet Oder irre ich mich«
»Durchaus nicht Herr Baron seit heute morgen bin ich über alles
orientiert Doch kann ich nicht verschweigen schon seit einigen Wochen merkte
ich dass etwas im Hause nicht in Ordnung wäre Es fiel mir insbesondere auf dass
meine Frau sehr erregt und häufig geradezu dem Weinen nahe war«
»Dem Weinen nahe Dazu liegt wahrhaftig kein Grund vor Herr Rosner Anna
selbst auf die es doch schließlich vor allem ankommt befindet sich sehr wohl
hat ihre gewohnte Heiterkeit «
»Ja Anna ist allerdings in guter Stimmung und dies um die Wahrheit zu
sagen bildet gewissermaßen meinen Trost Aber im übrigen kann ich Ihnen nicht
schildern Herr Baron wie schwer getroffen wie ich möchte sagen wie
aus allen Himmeln gerissen nie nie hätte ich geglaubt « er konnte nicht
weiter seine Stimme zitterte
»Ich bin wirklich sehr bekümmert« sagte Georg »wenn Sie der Angelegenheit
in dieser Weise gegenüberstehen trotzdem Ihnen doch Ihre Frau Gemahlin
jedenfalls alles auseinandergesetzt hat und die Massnahmen die wir für die
nächste Zeit getroffen haben wohl auch Ihre Zustimmung finden dürften Von
einer ferneren Zeit einer hoffentlich nicht allzufernen will ich heute lieber
noch nicht reden weil mir Phrasen jeder Art ziemlich zuwider sind Aber Sie
können versichert sein Herr Rosner dass ich gewiss nicht vergessen werde was
ich einem Wesen wie Anna Ja was ich mir selber schuldig bin« Er schluckte
Soweit er zurückdachte gab es keinen Moment in seinem Leben in dem er sich
selbst so unsympatisch gewesen war Und nun wie in Gesprächen von vollkommener
Aussichtslosigkeit nicht anders möglich wiederholte jeder einigemale dasselbe
bis Herr Rosner sich endlich entschuldigte gestört zu haben und sich von Georg
verabschiedete der ihn bis zur Stiege hinausbegleitete Georg behielt es einige
Tage lang nach diesem Besuche wie einen unangenehmen Nachgeschmack in der Seele.
Jetzt fehlt nur noch der Bruder dachte er geärgert und stellte sich
unwillkürlich eine Auseinandersetzung vor in deren Verlauf sich der junge Mann
als Rächer der Hausehre aufzuspielen suchte und Georg ihn mit außerordentlich
treffenden Worten in seine Schranken verwies Immerhin fühlte sich Georg
nachdem die Unterredung mit den Eltern Annas überstanden war wie befreit Und
über den Stunden die er mit der Geliebten allein in dem friedlichen Zimmer der
Kirche gegenüber verbrachte lag ein eigenes Gefühl von Behaglichkeit und
Sicherheit Zuweilen schien es ihnen beiden als stünde die Zeit stille Wohl
brachte Georg zu den Zusammenkünften Reisehandbücher den Burckhardtschen
Cicerone sogar Fahrpläne mit und stellte gemeinschaftlich mit Anna allerlei
Routen zusammen aber eigentlich dachte er nicht ernstlich daran dass all das
einmal wahr werden sollte Was jedoch das Haus anbelangte in dem das Kind
geboren werden sollte so waren sie beide von der Notwendigkeit durchdrungen
dass es gefunden und gemietet sein musste ehe sie Wien verließen Einmal sah Anna
in der Zeitung die sie sorgfältig daraufhin durchzulesen pflegte ein Forstaus
angekündigt hart am Walde unweit einer Bahnstation die von Wien in eineinhalb
Stunden zu erreichen war Eines Morgens fuhren sie beide an den bezeichneten Ort
und nahmen die Erinnerung an einen verschneiten einsamen Holzbau mit
Hirschgeweihen über der Tür an einen alten betrunkenen Förster an eine junge
blonde Magd an eine windesrasche Schlittenfahrt über eine besonnte
Winterstrasse an ein unbegreiflich lustiges Mittagessen in einem riesigen
Gastofzimmer und an ein schlecht beleuchtetes überheiztes Kupee mit nach
Hause Dies war das einzige Mal dass Georg mit Anna zusammen das Haus suchen
ging das doch schon irgendwo in der Welt stehen und seiner Bestimmung warten
musste Sonst fuhr er meist allein mit der Bahn oder mit der Tramway in die
nahegelegenen Sommerfrischen Umschau halten
Einmal an einem mitten in den Winter verirrten Frühlingstag spazierte
Georg durch einen der kleinen ganz nahe der Stadt gelegenen Orte die er
besonders liebte wo dorfmässige Baulichkeiten bescheidene Landhäuser und
elegante Villen sich aneinanderreihten hatte so ziemlich vergessen wie ihm das
manchmal geschah warum er hergefahren war und dachte eben mit Ergriffenheit
daran dass auf den gleichen Wegen wie er vor manchen Jahren Beethoven und
Schubert gewandelt waren als ihm unvermutet Nürnberger entgegentrat Sie
begrüßten einander lobten den schönen Tag der so weitinaus ins Freie lockte
und bedauerten höflich dass man einander so selten begegne seit Bermann Wien
verlassen hatte
»Haben Sie schon lange nichts von ihm gehört« fragte Georg
»Seit er fort ist« erwiderte Nürnberger »habe ich nur eine Karte von ihm
erhalten Es ist wohl anzunehmen dass er mit Ihnen in regerer Korrespondenz
steht als mit mir«
»Warum ist es anzunehmen« fragte Georg durch Nürnbergers Ton wie manchmal
etwas geärgert
»Nun zum mindesten haben Sie das eine vor mir voraus den neueren Bekannten
für ihn zu bedeuten ihm also für seine psychologischen Interessen ein
anregenderes Problem zu bieten als ich«
Aus diesen mit dem üblichen Spott gebrachten Worten hörte Georg ein gewisses
Verletztsein heraus das er übrigens begriff Denn tatsächlich hatte sich
Heinrich in der letzten Zeit um Nürnberger mit dem er früher sehr viel verkehrt
hatte wenig mehr gekümmert wie es überhaupt seine Art war Menschen an sich zu
ziehen und mit der größten Rücksichtslosigkeit wieder fallen zu lassen je
nachdem ihr Wesen seiner Stimmung gerade gemäß war oder nicht
»Ich bin trotzdem nicht viel besser dran als Sie« sagte Georg »Auch ich
habe schon ein paar Wochen lang keine Nachrichten von ihm bekommen Nach den
letzten scheint es übrigens seinem Vater sehr schlecht zu gehen«
»So wirds jetzt wohl mit dem bedauernswerten alten Mann bald zu Ende
sein«
»Wer weiß Nach dem was mir Bermann schreibt kann es auch noch Monate
dauern«
Nürnberger schüttelte ernst den Kopf
»Ja« sagte Georg leichthin »in solchen Fällen sollte es wirklich den
Ärzten gestattet sein die Sache abzukürzen«
»Da haben Sie vielleicht recht« antwortete Nürnberger »Aber wer weiß ob
nicht unser Freund Heinrich so sehr es ihn im Arbeiten und vielleicht sogar in
manchem andern stören mag seinen Vater unrettbar hinsiechen zu sehen wer weiß
ob er nicht trotzdem dem Vorschlag diese hoffnungslose Sache durch eine
Morphiuminjektion endgültig zu erledigen ablehnend gegenüber stünde«
Wieder fühlte sich Georg durch den höhnischbitteren Ton Nürnbergers
abgestoßen Und dennoch in der Erinnerung an die Stunde da er Heinrich von ein
paar unklaren Worten im Brief einer Geliebten heftiger bewegt gesehen hatte als
von dem Wahnsinn seines Vaters konnte er sich dem Eindruck nicht verschließen
dass Nürnberger den gemeinsamen Freund richtig beurteilte »Haben Sie den
alten Bermann gekannt« fragte er
»Persönlich nicht Aber ich erinnere mich noch der Zeit da sein Name oft in
den Blättern genannt wurde und auch mancher sehr gesinnungstüchtigen Reden die
er im Abgeordnetenhaus gehalten hat Doch ich halte Sie auf lieber Baron grüß
Sie Gott Wir sehen uns wohl dieser Tage einmal im Kaffeehaus oder bei
Ehrenbergs«
»Sie halten mich durchaus nicht auf« erwiderte Georg mit absichtlicher
Liebenswürdigkeit »Ich bummle und benütze die Gelegenheit mir Sommerwohnungen
anzuschauen«
»So wollen Sie heuer in der Nähe Wiens auf dem Lande wohnen«
»Ja eine Zeitlang wahrscheinlich Und außerdem hat mich eine bekannte
Familie gebeten wenn der Zufall mich bei diesem Anlass etwas finden ließe «
Er wurde ein wenig rot wie immer wenn er nicht ganz bei der Wahrheit blieb
Nürnberger bemerkte es und sagte harmlos »Ich bin eben an einigen Villen
vorbeigegangen die zu vermieten sind Sehen Sie zum Beispiel dort diese weiße
mit der breiten Terrasse«
»Die sieht ganz nett aus Die könnte man sich eigentlich anschauen Wenn es
Ihnen nicht zu fad ist mich zu begleiten so fahren wir dann miteinander nach
der Stadt zurück«
Der Garten den sie betraten stieg schmal und lang nach aufwärts und
erinnerte Nürnberger an einen andern in dem er als Kind gespielt hatte
»Vielleicht ist es sogar derselbe« sagte er »Wir haben nämlich durch Jahre
hindurch in Grinzing oder Heiligenstadt auf dem Lande gewohnt«
Dieses »wir« berührte Georg ganz eigen Er konnte sich kaum vorstellen dass
Nürnberger auch einmal ganz jung gewesen war als ein Sohn mit Vater und Mutter
als ein Bruder mit Schwestern gelebt hatte und er empfand mit einemmal die
ganze Existenz dieses Mannes als etwas Seltsames und Schweres
Auf der Höhe des Gartens von einer offenen Laube gab es einen
wunderhübschen Blick auf die Stadt an dem sie sich eine Weile erfreuten Dann
gingen sie langsam wieder hinab von der Hausmeistersfrau begleitet die ein
kleines Kind in einen grauen Plaid gewickelt auf dem Arme trug Nun sahen sie
sich die Wohnung an niedrige muffige Zimmer mit verschlissenen billigen
Teppichen auf den Fussböden schmalen Holzbetten zerbrochenen oder blinden
Spiegeln »Im Frühjahr wird alles neu hergerichtet« erklärte die Hausmeisterin
»da schauts dann sehr freundlich aus« Das kleine Kind streckte plötzlich die
Händchen nach Georg aus als wenn es von ihm auf den Arm genommen werden wollte
Georg war ein wenig gerührt und lächelte verlegen
Während er mit Nürnberger auf der Plattform der Tramway in die Stadt fuhr
und mit ihm plauderte hatte er die Empfindung dass er ihm bei den vielen
früheren Gelegenheiten ihres Zusammenseins nicht so nahe gekommen war als
während dieser hellen Wintersonnenstunde auf dem Lande Beim Abschied ergab es
sich ganz ungezwungen dass sie sich für einen der nächsten Tage zu einem neuen
Spaziergang verabredeten und so kam es dass Georg bei seiner weitern
Wohnungssuche in der Umgegend Wiens etliche Male von Nürnberger begleitet wurde
dabei wurde immer die Fiktion gewahrt als suchte Georg für die befreundete
Familie als glaubte Nürnberger daran und als glaubte Georg dass Nürnberger
daran glaubte
Auf diesen Wanderungen kam Nürnberger manchmal dazu von seiner Jugend zu
sprechen von den Eltern die er sehr früh verloren hatte von einer Schwester
die jung gestorben und von seinem älteren Bruder dem einzigen seiner Verwandten
der noch am Leben war Der aber ein alternder Junggeselle wie Edmund selbst
lebte nicht in Wien sondern als Gymnasiallehrer in einer kleinen
niederösterreichischen Stadt wohin er schon vor fünfzehn Jahren als Supplent
versetzt worden war Später hätte er es wohl ohne besondere Mühe erwirken
können wieder in der Großstadt angestellt zu werden doch nach ein paar Jahren
der Verbitterung ja des Grimms hatte er sich in die kleinen ruhigen
Verhältnisse seines Aufentaltsortes so völlig eingewöhnt dass eine Rückkehr
nach Wien ihm eher als Opfer erschienen wäre Und er lebte nun seinem Beruf und
insbesondre seinen Sprachstudien mit Inbrunst hingegeben weltfern einsam
zufrieden als eine Art von Philosoph in der kleinen Stadt Wenn Nürnberger über
diesen fernen Bruder sprach so war es Georg manchmal als hörte er ihn über
einen Verstorbenen reden so völlig schien jede Möglichkeit einer künftigen
dauernden Vereinigung aufgehoben zu sein Ganz anders beinahe wie von einem
Wesen das einmal wiederkehren konnte mit einer immer wachen Sehnsucht sprach
er von der Schwester die seit vielen Jahren tot war
An einem nebligen Februartag auf einer Bahnstation während sie den Zug
nach Wien erwartend auf dem Perron miteinander hin und her spazierten da war
es dass Nürnberger Georg die Geschichte dieser Schwester erzählte die schon als
Kind von einer ungeheueren Leidenschaft fürs Theater wie besessen mit sechzehn
Jahren in einem kindischromantischen Drang ohne Abschied das Haus verlassen
hatte Durch zehn Jahre war sie nun von Stadt zu Stadt von Bühne zu Bühne
gewandert immer nur in geringem Stellungen beschäftigt da weder ihr Talent
noch ihre Schönheit für den gewählten Beruf auszureichen schienen aber immer
mit gleicher Begeisterung immer mit gleicher Zukunftsgewissheit trotz der
Enttäuschungen die sie erlebte und des Jammers den sie sah In den Ferien
erschien sie zuweilen bei den Brüdern die damals noch zusammen wohnten auf
Wochen manchmal nur auf Tage erzählte von den Schmieren auf denen sie gemimt
als wären es große Theater von ihren spärlichen Erfolgen wie von Triumphen die
sie errungen von den armseligen Komödianten an deren Seite sie gewirkt wie
von großen Künstlern von den kleinen Intrigen die sich in ihrer Nähe
abgespielt wie von gewaltigen Tragödien der Leidenschaft Und statt allmählich
inne zu werden in welch einer kläglichen Welt als eine der Bedauernswertesten
sie dahinlebte spann sie von Jahr zu Jahr sich in goldenere Träume ein Das
ging so lang bis sie einmal fiebernd und krank in die Heimat zurückkehrte Nun
lag sie monatelang zu Bett mit geröteten Wangen schwärmte in ihren Delirien
von Ruhm und Glück die sie nie erlebt erhob sich noch einmal zu scheinbarer
Gesundheit und zog wieder hinaus um diesmal schon nach wenigen Wochen völlig
zerstört den Tod auf der Stirne heimzukehren Nun reiste der Bruder mit ihr
nach dem Süden nach Arco nach Meran an die italienischen Seen Und jetzt
erst in südlichen Gärten unter blühenden Bäumen hingestreckt dem Treiben
entrückt das sie durch Jahre berauscht und verwirrt hatte kam sie zur
Erkenntnis dass ihr Leben ein Hin und Hertaumeln unter gemaltem Himmel und
zwischen papierenen Wänden dass der ganze Inhalt ihres Daseins ein Wahn gewesen
war Aber auch die kleinen Abenteuer des Tags in gemieteten Zimmern und
Wirtshäusern auf Straßen fremder Städte erschienen ihr in der Erinnerung wie
Szenen in denen sie als Schauspielerin im Rampenlichte mitgespielt nicht wie
solche die sie wirklich erlebt hatte Und während sie dem Grabe entgegenging
erwachte in ihr eine ungeheuere Sehnsucht nach dem wirklichen Leben das sie
versäumt hatte je sicherer sie wusste dass sie ihr für immer verloren war mit
um so klarerem Blicke erkannte sie die Fülle der Welt Und das allersonderbarste
war wie in den letzten Wochen ihres Lebens das Talent dem sie ihre ganze
Existenz hingeopfert ohne es wirklich zu besitzen geheimnisvoll dämonisch zum
Vorschein kam »Heute noch scheint mir« sagte Nürnberger »als hätt ich
niemals auch von der größten Schauspielerin Verse so sprechen gehört ganze
Szenen so agieren gesehen wie von meiner Schwester in dem Hotelzimmer in
Kadenabbia mit der Aussicht auf den Komosee ein paar Tage bevor sie starb
Freilich« setzte er hinzu »ist es möglich ja sogar wahrscheinlich dass mich
die Erinnerung täuscht«
»Warum denn« fragte Georg dem dieser Abschluss so gut gefiel dass er sich
ihn nicht verderben lassen wollte Und er bemühte sich Nürnberger der es
lächelnd anhörte zu überzeugen dass der sich nicht geirrt haben könnte und dass
mit dem seltsamen Mädchen das in Kadenabbia begraben lag eine große
Schauspielerin dahingegangen war
Das Landhaus das Georg suchte fand er auch auf seinen Wanderungen mit
Nürnberger nicht ja von einem Mal zum andern schien die Entdeckung
schwieriger zu werden Nürnberger spottete wohl zuweilen über die schwer
erfüllbaren Ansprüche Georgs der nach einer Villa zu suchen schien an der vorn
die wohlgepflegte Straße vorbeiführen und die rückwärts eine Gartentüre in den
Urwald haben sollte Schließlich glaubte Georg selbst nicht mehr ernstaft
daran dass es ihm jetzt gelingen würde das erwünschte Haus zu finden und
verließ sich auf den Zwang des Findenmüssens nach der Rückkehr von der Reise
Notwendiger erschien es sich möglichst bald mit einem Arzt ins Einvernehmen zu
setzen aber auch das verschob Georg von einem Tag zum andern Doch eines Abends
teilte Anna ihm mit dass sie durch einen neuen Ohnmachtsanfall in plötzliche
Angst versetzt Doktor Stauber besucht und ihm ihren Zustand eröffnet hatte Er
war sehr herzlich gewesen hatte keinerlei Erstaunen ausgedrückt sie in jeder
Hinsicht vollkommen beruhigt und nur den Wunsch geäußert Georg vor der Abreise
zu sprechen
Ein paar Tage darauf folgte Georg der Einladung des Arztes Die Ordination
war eben zu Ende Doktor Stauber empfing ihn mit der vorausgesehenen
Freundlichkeit schien die ganze Angelegenheit so einwandfrei und natürlich als
möglich zu finden und sprach von Anna nie anders als von der jungen Frau was
Georg eigentümlich aber nicht unangenehm berührte Als die sachlichen
Erörterungen abgeschlossen waren erkundigte sich der Arzt nach dem Ziel der
Reise Georg hatte noch kein Programm entworfen nur so viel stand fest dass das
Frühjahr im Süden wahrscheinlich in Italien verbracht werden sollte Doktor
Stauber nahm Anlass von seinem letzten Aufenthalt in Rom zu erzählen der zehn
Jahre zurücklag Er war damals wie schon früher einmal mit dem Leiter der
Ausgrabungen in persönlichem Verkehr gestanden und sprach zu Georg in fast
begeistertem Ton von den neuesten Entdeckungen auf dem Palatin über den er als
junger Mann selbst Studien gepflogen und in den Heften für Altertumsforschung
veröffentlicht hatte Dann zeigte er Georg nicht ohne Stolz seine Bibliothek
die in eine medizinische und in eine kunstistorische geschieden war und trug
ihm leihweise einige seltenere Bücher eines aus dem Jahre 1834 über die
vatikanischen Sammlungen und eine Geschichte Siziliens an Georg fühlte sich
höchst angeregt während ihm so deutlich zum Bewusstsein kam wie reiche Tage ihm
bevorstanden Eine Art von Heimweh nach wohlbekannten und lang entbehrten
Gegenden überkam ihn halbvergessene Bilder tauchten wieder in ihm auf die
Pyramide des Cestius stand am Horizont in den scharfen Umrissen wie sie ihm
erschienen da er als Knabe mit dem Prinzen von Makedonien in die abendliche
Stadt zurückgeritten war die dämmrige Kirche tat sich auf wo er seine erste
Geliebte als Braut zum Altar hatte schreiten sehen unter einem dunkeln Himmel
zog ein Nachen mit seltsam schwefelgelben Segeln an der Küste hin Er begann
zu reden sprach von den vielen Städten und Landschaften des Südens die er als
Knabe als Jüngling gesehen erzählte von der Sehnsucht nach diesen Orten die
ihn oft wie ein wahres Heimweh ergriff von seiner Freude all das Ersehnte
Bewahrtes und Vergessenes und vieles Neue mit gereiftem Blick umfassen zu
dürfen und diesmal in Gesellschaft eines Wesens das fähig alles mit ihm zu
verstehen und zu genießen und das ihm teuer war Doktor Stauber der eben daran
war ein Buch in die Reihe zurückzustellen wandte sich plötzlich nach Georg um
sah ihn mild an und sagte »Das lass ich mir gefallen« Da Georg seinen Blick ein
wenig befremdet erwiderte setzte er hinzu »Es war nämlich das erste warme Wort
über Ihre Beziehung zu Annerl das ich im Laufe dieser Stunde von Ihnen
vernommen habe Ich weiß ich weiß es liegt nicht in Ihrer Art sich einem
beinahe fremden Menschen gegenüber aufzuschließen aber gerade weil ichs
eigentlich nicht erwarten durfte hats mir wohlgetan Es ist Ihnen wirklich aus
dem Herzen gekommen man hats gemerkt Und es hätte mir leid getan um das Annerl
entschuldigen Sie ich heiß sie halt noch immer so wenn ich mir hätte denken
müssen Sie haben sie nicht so gern wie sie es verdient«
»Ich weiß eigentlich nicht« erwiderte Georg kühl »was Sie veranlasst daran
zu zweifeln Herr Doktor«
»Hab ich etwas von Zweifeln gesagt« erwiderte Stauber gutmütig »Aber
schließlich es soll schon dagewesen sein dass ein junger Mann der allerlei
erlebt hat so ein Opfer nicht genügend würdigt Es bleibt ja doch ein Opfer
lieber Baron Wir können noch so erhaben sein über alle Vorurteile eine
Kleinigkeit ist es heutzutage noch immer nicht wenn sich ein junges Mädel aus
guter Familie zu so was entschließt Und ich wills Ihnen nicht verhehlen Annerl
hab ichs natürlich nicht merken lassen es hat mir doch einen leisen Ruck
gegeben wie sie neulich bei mir gewesen ist und mir die Sache erzählt hat«
»Entschuldigen Sie Herr Doktor« erwiderte Georg geärgert aber höflich
»wenn es Ihnen einen Ruck gegeben hat so beweist das doch einiges gegen Ihr
Erhabensein über Vorurteile «
»Da haben Sie recht« sagte Stauber lächelnd »Aber vielleicht sehen Sie mir
diese Rückständigkeit nach wenn Sie bedenken dass ich etwas älter bin als Sie
und aus einer andern Zeit herkomme Und dem Einfluss seiner Epoche kann sich
selbst ein ziemlich selbständig denkender Mensch was zu sein ich mir
schmeichle nicht ganz entziehen Das ist ja das Merkwürdige Aber glauben
Sie mir es gibt auch heutzutage selbst unter den jungen Leuten die bei
Nietzsche und Ibsen aufgewachsen sind geradesoviel Philister als es vor dreißig
Jahren gegeben hat sie geben sich nur nicht zu erkennen außer es geht ihnen
selbst an den Kragen zum Beispiel wenn man ihnen die Schwester verführt oder
wenn ihre Frau Gemahlin ihnen plötzlich mit der Idee kommt sie will sich
ausleben Manche sind natürlich konsequent und spielen ihre Rolle weiter
das ist aber mehr eine Frage der Selbstbeherrschung als der Weltanschauung Und
früher wieder wissen Sie in der Epoche aus der ich eben komme wo die
Begriffe so unwiderruflich festgestanden sind wo jeder zum Beispiel genau
gewusst hat man hat seine Eltern zu verehren sonst ist man ein Schuft oder
eine wahre Liebe gibt es nur einmal im Leben oder es ist ein Vergnügen für
das Vaterland zu sterben wissen Sie in der Epoche wo jeder anständige
Mensch irgendeine Fahne hochgehalten oder wenigstens irgendwas auf sein Banner
geschrieben hat glauben Sie mir schon damals haben die sogenannten modernen
Ideen mehr Anhänger gehabt als man ahnt Nur dass es diese Anhänger selbst
manchmal nicht recht gewusst dass sie selber ihren Ideen nicht getraut dass sie
sich gewissermaßen wie Auswürflinge oder gar wie Verbrecher vorgekommen sind
Soll ich Ihnen was sagen Herr Baron Es gibt überhaupt keine neuen Ideen Neue
Gedankenintensitäten das ja Aber meinen Sie im Ernst dass Nietzsche den
Übermenschen Ibsen die Lebenslüge erfunden hat und Anzengruber die Wahrheit
dass die Eltern selber »danach sein sollen« die von ihren Kindern Verehrung und
Liebe wünschen Keine Spur Alle etischen Ideen sind immer dagewesen und
staunen würde man wenn man wüsste was für Flachköpfe die sogenannten neuen
großen Wahrheiten gedacht vielleicht sogar manchmal ausgesprochen haben lang
vor den Genies denen wir diese Wahrheiten verdanken oder vielmehr den Mut
diese Wahrheiten für wahr zu halten Aber ich bin da etwas weit abgekommen
verzeihen Sie Eigentlich hab ich nur sagen wollen und Sie werden mirs
glauben ich weiß so gut wie Sie Herr Baron dass es manches jungfräuliche
Mädchen gibt das tausendmal verdorbener ist als eine sogenannte Gefallene und
manchen als anständig geltenden jungen Mann der schlimmere Dinge auf dem
Gewissen hat als dass er mit einem unschuldigen Mädchen ein Verhältnis anfängt
Und doch das ist eben der Fluch meiner Epoche « schaltete er lächelnd
ein »ich hab mir nicht helfen können im ersten Moment wie Annerl mir die
Geschichte erzählt hat da haben gewisse unangenehme Worte die seinerzeit ihre
feststehende Bedeutung gehabt haben in meinem alten Kopf ganz mit ihrem alten
Ton zu klingen angefangen dumme überlebte Worte wie Wüstling
Verführung sitzen lassen und so weiter Und daher ich muss noch einmal
um Entschuldigung bitten jetzt da ich Sie etwas näher kennen gelernt habe
daher ist dann der Ruck gekommen den gespürt zu haben ein moderner Mensch
eigentlich nicht eingestehen dürfte Aber um wieder ganz ernst zu reden
überlegen Sie nur einmal wie sich Ihr seliger Herr Vater zu der Sache gestellt
hätte der wieder das Annerl nicht gekannt hat Er war doch sicher einer der
klügsten und vorurteilslosesten Menschen den man sich denken kann Und
trotzdem zweifeln Sie gewiss nicht daran dass es auch bei ihm nicht ganz ohne
Ruck abgegangen wäre«
Georg streckte dem Arzt unwillkürlich die Hand entgegen Das Unerwartete
dieser plötzlichen Mahnung an den geliebten Toten ließ eine so heftige Sehnsucht
in ihm aufsteigen dass er sie nur zu lindern vermochte indem er von dem
Entschwundenen zu reden begann Auch der Arzt wusste noch von mancher Begegnung
mit dem verblichnen Baron zu erzählen meist zufälligen flüchtigen auf der
Straße bei Sitzungen der Akademie der Wissenschaften in Konzerten Wieder war
einer jener Augenblicke in dem Georg sich dem Dahingeschiedenen gegenüber
seltsam schuldvoll erschien und sich im Innern zuschwor seines Andenkens würdig
zu werden
»Grüssen Sie das Annerl von mir« sagte der Arzt beim Abschied zu ihm »aber
von dem Ruck erzählen Sie ihr lieber nichts Sie ist ein sehr feinfühliges
Geschöpf das wissen Sie ja und jetzt kommt es vor allem darauf an ihr jede
unangenehme Aufregung zu ersparen Bedenken Sie nur lieber Baron es handelt
sich jetzt nur um das eine dass ein gesundes Kind auf die Welt kommt alles
übrige na grüßen Sie sie schön von mir hoffentlich sehen wir uns alle
gesund im Sommer wieder«
Georg entfernte sich mit dem erhöhten Bewusstsein seiner Verpflichtungen
gegenüber dem Wesen das sich ihm gegeben und jenem andern das in wenigen
Monaten zum Dasein erwachen sollte Er dachte zuerst daran ein Testament zu
machen und es bei einem Notar zu hinterlegen Bei näherer Überlegung aber fand
er es richtiger sich seinem Bruder zu eröffnen der ihm unter allen Menschen
doch auch innerlich am nächsten stand In der eigentümlichen Befangenheit aber
die dem doch so innigen Verhältnis zwischen den Brüdern eigen war ließ er Tag
um Tag verstreichen bis endlich Felicians Abreise nach Afrika zu den Jagden
ganz nahe bevorstand In der Nacht vorher auf dem Weg aus dem Klub nach Hause
teilte Georg seinem Bruder mit dass er schon in der nächsten Zeit eine lange
Reise anzutreten gedenke
»So Auf wie lange willst du denn fort« fragte Felician
Georg hörte im Ton dieser Worte eine gewisse Besorgnis mitklingen und fühlte
sich veranlasst hinzuzusetzen »Es wird wohl auf Jahre hinaus die letzte größere
Reise sein die ich unternehme Im Herbst befinde ich mich ja hoffentlich in
einer festen Stellung«
»Du bist also ganz entschlossen«
»Ja selbstverständlich«
»Es freut mich sehr Georg aus verschiedenen Gründen wie du dir denken
kannst dass du nun endlich ernst machen willst Und im übrigen triffts sich
auch gut dass nicht nur einer von uns in die Welt hinaus muss und der andere
allein zurückbleibt Das wär doch ein bissl traurig gewesen«
Georg wusste wohl dass Felician im nächsten Herbst einer auswärtigen
Vertretung zugeteilt werden sollte aber mit solcher Klarheit war ihm noch nie
bewusst geworden dass es nun in wenigen Monaten mit der langjährigen brüderlichen
Gemeinschaft mit dem Zusammenwohnen in dem alten Haus gegenüber dem Park ja
gewissermaßen mit der Jugend unwiederbringlich vorbei sein musste Er sah das
Leben ernst beinahe drohend vor sich liegen
»Hast du denn schon eine Ahnung« fragte er »wohin sie dich schicken
werden«
»Eine gewisse Chance besteht für Athen«
»Wär dir das angenehm«
»Warum nicht Die Gesellschaft dort soll nicht uninteressant sein Bernburg
war drei Jahre lang dort und er ist ungern fort Und dabei haben sie ihn nach
London versetzt was doch auch nicht ohne ist«
Sie gingen eine Weile schweigend weiter nahmen den Weg durch den Park wie
gewöhnlich Eine Luft wie vom nahen Frühling war um sie obwohl auf den
Rasenplätzen noch schmale weiße Schneeflecken schimmerten
»Also nach Italien reist du« fragte Felician
»Ja«
»Wieder so weit nach dem Süden wie voriges Frühjahr«
»Das weiß ich noch nicht«
Wieder ein kurzes Schweigen
Plötzlich aus dem Dunkel heraus die Stimme Felicians »Hast du von Grace
eigentlich seitdem etwas gehört«
»Von Grace« wiederholte Georg etwas verwundert denn es war lange her dass
Felician diesen Namen nicht mehr ausgesprochen hatte »Von Grace hab ich nichts
mehr gehört Das war übrigens so abgemacht zwischen uns In Genua haben wir für
ewig Abschied genommen Auch schon über ein Jahr her «
Auf einer Bank ganz im Dunkeln saß ein Herr im Pelz mit Zylinder und
weißen Handschuhen Ah Labinski dachte Georg einen Moment lang im nächsten
fiel ihm natürlich ein dass der sich erschossen hatte Es war nicht das
erstemal dass er ihn zu sehen glaubte Auch im botanischen Garten zu Palermo
unter einer japanischen Esche war einmal einer gesessen bei hellichtem Tag den
Georg eine Sekunde lang für Labinski gehalten hatte Und neulich hinter den
geschlossenen Fenstern eines Fiakers hatte Georg das Antlitz seines verstorbenen
Vaters zu erkennen geglaubt
Hinter den laublosen Ästen schimmerten Häuser her Eines davon war das in
dem die Brüder wohnten
Es wäre Zeit dachte Georg dass ich endlich auf die Angelegenheit zu reden
komme Und um rasch anzuknüpfen bemerkte er leicht »Ich fahr übrigens auch
heuer nicht allein nach Italien«
»So so« sagte Felician und sah vor sich hin
Im selben Moment fühlte Georg dass er den Ton nicht richtig genommen hatte
Er besorgte dass Felician sich etwa denken könnte ah nun hat er wieder ein
Abenteuer mit so einer dubiosen Person Und ernst fügte er hinzu »Du Felician
ich hätte was ziemlich Wichtiges mit dir zu besprechen«
»Was Wichtiges«
»Ja«
»Na Georg« sagte Felician mild und sah ihn von der Seite an »Was gibts
denn du heiratest doch nicht am Ende«
»O nein« erwiderte Georg und ärgerte sich gleich wieder dass er diese
Möglichkeit so entschieden abgelehnt hatte »Nein nicht um eine Heirat handelt
es sich sondern um etwas viel Wesentlicheres«
Felician blieb einen Moment stehen »Du hast ein Kind« fragte er ernst
»Nein Noch nicht Das ist es eben Darum reisen wir fort«
»So« sagte Felician
Sie waren aus dem Park herausgetreten Unwillkürlich sahen sie beide zu dem
Fenster ihrer Wohnung auf von dem aus noch vor einem Jahr ihr Vater ihnen
manchmal grüßend zugenickt hatte Beide fühlten mit Wehmut wie sie seit dem
Tode des Vaters einander allmählich entglitten waren und mit leiser Angst um
wie viel weiter sie das Leben noch voneinander entfernen konnte
»Komm zu mir ins Zimmer« sagte Georg als sie oben waren »Da ists am
gemütlichsten«
Er setzte sich auf seinen bequemen Sessel am Schreibtisch In die Ecke des
kleinen grünen Lederdiwans der an den Schreibtisch angerückt war lehnte sich
Felician und hörte ruhig zu Georg nannte ihm den Namen seiner Geliebten sprach
von ihr in guten und innigen Worten und erbat sich von Felician dass er sich der
Mutter und des Kindes annähme für den Fall dass ihm Georg in der nächsten Zeit
etwas Menschliches zustiesse Was von seinem Vermögen noch vorhanden wäre
hinterliesse er selbstverständlich dem Kind der Mutter fiele die Nutzniessung bis
zu des Kindes Volljährigkeit zu Als Georg zu Ende war sagte Felician nach
kurzem Schweigen lächelnd »Na du hast ja gegründete Hoffnung von deiner Reise
ebenso gesund und wohl zurückzukommen als ich aus Afrika und so hat unsere
Besprechung wohl nur akademische Bedeutung«
»Das hoff ich natürlich auch Aber es ist mir jedenfalls eine Beruhigung
Felician dass du nun eingeweiht bist und ich nach jeder Richtung hin unbesorgt
sein kann«
»Ja natürlich das kannst du« Er reichte dem Bruder die Hand Dann stand er
auf ging im Zimmer auf und ab Endlich fragte er »Zu legitimieren denkst du
deine Beziehungen nicht«
»Vorläufig nein Was die Zukunft bringt kann man ja nicht wissen«
Felician blieb stehen »Na ja «
»Du wärst dafür dass ich heirate« rief Georg mit einigem Erstaunen aus
»Durchaus nicht«
»Felician ich bitte dich sei aufrichtig«
»Weißt du in solche Geschichten soll man niemandem drein reden auch seinem
Bruder nicht«
»Aber wenn ich dich bitte Felician Mir komme vor als gefiele dir irgend
etwas an der Geschichte nicht«
»Ja siehst du Georg du wirst mich ja nicht missverstehen ich weiß
natürlich dass du nicht daran denkst sie im Stich zu lassen im Gegenteil ich
bin sogar überzeugt dass du dich in jeder Beziehung viel nobler benehmen wirst
als irgendein Mensch an deiner Stelle Aber die Frage ist doch eigentlich die
hättest du dich in die Sache eingelassen wenn du dir die Folgen nach allen
Seiten hin überlegt hättest«
»Ja das ist freilich schwer zu beantworten« sagte Georg
»Ich meine ganz einfach Hast du die Absicht gehabt nicht sie zu deiner
Lebensgefährtin zu machen aber ein Kind mit ihr zu haben«
»Gott wer denkt daran Wenn man es so absolut hätte vermeiden wollen «
Felician unterbrach ihn »Weiß sie dass du nicht daran denkst sie zu
heiraten«
»Na du glaubst doch nicht ich hab ihr s heiraten versprochen«
»Nein Aber das Sitzenlassen doch auch nicht«
»Das wäre gerade so eine Unaufrichtigkeit gewesen Felician Es ist
gekommen wie derartige Dinge eben zu kommen pflegen hat sich alles ganz ohne
Programm entwickelt bis auf den heutigen Tag«
»Ja das ist recht schön Es ist nur die Frage ob man nicht in wichtigen
Lebensdingen zu Programmen gewissermaßen verpflichtet ist«
»Möglich Aber das war ja meine Sache nie leider «
Felician blieb vor Georg stehen machte ein liebes Gesicht und nickte ein
paarmal »Das ist schon wahr Georg Du bist doch nicht bös aber weil wir
schon einmal davon sprechen ich masse mir natürlich nicht das Recht an dir
in deine Lebensführung dreinzureden
»Red nur Felician wirklich es tut mir geradezu wohl « Er strich
ihm leise über die Hand die auf der Diwanlehne lag
»Na ja es ist weiter nicht viel zu sagen Ich meine nur dass es in allen
Dingen bei dir so ist so ein Mangel an Programm Siehst du um von einem
andern wichtigen Punkt zu reden ich für meinen Teil bin ja überzeugt von deinem
Talent und viele andre auch Aber du arbeitest doch eigentlich verflucht wenig
nicht Und von selbst kommt der Ruhm ja doch nicht selbst wenn man «
»Gewiss nicht Aber so wenig wie du glaubst arbeit ich durchaus nicht
Felician Nur ist ja das Arbeiten bei unsereinem so eine eigentümliche
Geschichte Manchmal beim Spazierengehen ja sogar im Schlaf fällt einem
allerlei ein Und dann im Herbst «
»Na ja hoffen wir obzwar ich fürchte von deiner Gage wirst du anfangs
nicht leben können Und wie lange dein bissel Geld reichen wird bei deiner Art
zu leben das ist sehr die Frage Ich sag dir aufrichtig wie du mir früher die
Summe genannt hast die du deinem Kind hinterlassen könntest hab ich einen
förmlichen Schrecken gekriegt«
»Hab nur Geduld Felician In drei Jahren oder fünf wenn ich meine Oper
fertig hab « er sagte es in selbstironisierendem Tone
»Schreibst du wirklich an einer Oper Georg«
»Nächstens fang ich an«
»Wer macht dir denn den Text«
»Der Heinrich Bermann Da machst du natürlich wieder ein Gesicht«
»Lieber Georg was deinen Verkehr anbelangt bin ich immer weit davon
entfernt gewesen dir dreinzureden Es ist ganz natürlich dass du bei deiner
geistigen Richtung in andre Kreise kommst als ich und mit Leuten umgehst an
denen ich vielleicht weniger Geschmack fände Aber wenn der Text von Herrn
Bermann nur schön ist so hast du meinen Segen und der Herr Bermann
natürlich auch«
»Der Text ist noch nicht fertig nur das Szenarium«
Felician musste wider Willen lachen »So siehts mit deiner Oper aus Wenn nur
das Theater schon gebaut ist für das sie dich als Kapellmeister engagieren«
»Na« sagte Georg etwas beleidigt
»Verzeih« entgegnete Felician »Ich zweifle wirklich nicht an deiner
Zukunft Ich möcht halt nur dass du selber ein bisschen mehr dazu tätest Ich wär
ja so wirklich Georg stolz wär ich wenn was Großes aus dir würde Und es
liegt ja gewiss nur an dir Der Willy Eissler der doch ein sehr musikalischer
Mensch ist hat mir erst neulich wieder gesagt dass er von dir mehr hält als
von den meisten jüngeren Komponisten«
»Wegen der paar Lieder die er von mir kennt
»Ja er findet sie eben hervorragend Auf die Masse kommts doch nicht an«
»Du bist ein guter Kerl Felician Aber du brauchst mich wirklich nicht zu
ermutigen Ich weiß schon was in mir steckt nur fleißiger muss ich halt sein
Und die Reise wird sehr wohltätig auf mich wirken So auf eine Zeit aus der
gewohnten Umgebung herauskommen das tut sehr gut Das ist diesmal was ganz
anderes als im vorigen Jahr Es ist ja das erstemal Felician dass ich mit
einem Wesen zusammen bin das vollkommen auf meinem Niveau steht das mir mehr
das mir wahrhaftig auch eine Freundin ist Und das Bewusstsein dass ich ein
Kind haben werde und grad mit ihr das ist mir trotz aller Begleitumstände
eher angenehm«
»Das kann ich mir schon denken« sagte Felician und betrachtete Georg ernst
und liebevoll
Die Uhr auf dem Schreibtisch schlug zwei
»O schon so spät« rief Felician »Und morgen früh muss ich packen Na
morgen bei Tisch können wir noch über allerlei reden Also grüß dich Gott
Georg«
»Gute Nacht Felician Ich danke dir« setzte er bewegt hinzu
»Wofür dankst du mir du bist komisch Georg« Sie reichten sich die Hände
und dann küssten sie einander was schon seit langer Zeit nicht geschehen war
Und Georg beschloss sein Kind wenn es ein Knabe sein sollte Felician zu
nennen und er freute sich der guten Vorbedeutung im Glücksklang dieses Namens
Nach des Bruders Abreise fühlte sich Georg so verlassen als hätte er nie
einen andern Freund gehabt Der Aufenthalt in der großen einsamen Wohnung wo
ihm eine ähnliche Stimmung zu lasten schien wie in der ersten Zeit nach dem
Tode des Vaters machte ihn beinahe traurig
Die Tage die noch bis zur Abreise verstreichen mussten empfand er als
Übergangszeit mit der nichts rechtes mehr anzufangen war Die Stunden mit der
Geliebten im Zimmer der Kirche gegenüber wurden farblos und öde Mit Anna selbst
schien nun auch seelisch eine Veränderung vorzugehen Sie war manchmal reizbar
dann wieder schweigsam fast melancholisch und oft überkam Georg im
Zusammensein mit ihr eine solche Langeweile dass ihm vor den nächsten Monaten
in denen sie ganz aufeinander angewiesen sein sollten geradezu bange wurde
Wohl versprach die Reise an sich Abwechslung genug Aber wie sollte es in den
späteren Monaten werden die man ruhig irgendwo in der Nähe Wiens zu verbringen
genötigt war Er musste auf eine Gesellschaft für Anna bedacht sein Noch zögerte
er mit ihr davon zu sprechen als Anna selbst ihm mit einer Neuigkeit
entgegenkam die jene Schwierigkeit und zugleich eine andre auf die einfachste
Weise zu beheben geeignet war In der letzten Zeit insbesondere seit Anna ihre
Lektionen allmählich aufgegeben hatte sie sich Teresen wieder näher
angeschlossen ihr alles anvertraut und so war bald auch Theresens Mutter mit
im Geheimnis Diese nun kam Anna gütiger entgegen als die eigene Mutter die
nach einem kurzen Aufflackern des Verständnisses sich von der schuldigen Tochter
gekränkt und schwermütig abgeschlossen hatte Frau Golowski erklärte sich nicht
nur bereit bei Anna auf dem Lande zu wohnen sondern versprach auch das kleine
Haus das Georg nicht hatte entdecken können während das junge Paar fern war
ausfindig zu machen So sehr diese Bereitwilligkeit Georgs Bequemlichkeit
entgegenkam es war ihm doch ein wenig peinlich dieser fremden alten Frau
verpflichtet zu sein und dass gerade sie die Mutter Leos und der Vater
Bertolds dazu bestimmt waren an einem so wichtigen Erlebnis Annas so
bedeutenden Anteil zu nehmen wollte ihm in verstimmten Augenblicken beinahe
lächerlich erscheinen
Drei Tage vor der Abreise an einem schönen MärzNachmittag machte Georg
seinen Abschiedsbesuch bei Ehrenbergs Seit jenem Weihnachtsfeiertage hatte er
sich nur selten oben blicken lassen und seine Gespräche mit Else waren seither
durchaus harmlos geblieben Wie einem Freunde der solche Bemerkungen nicht mehr
missverstehen konnte gestand sie ihm wie sie sich daheim immer weniger wohl
fühle Insbesondre was Georg schon selbst manchmal beobachtet hatte schien die
Stimmung des Hauses durch das üble Verhältnis zwischen Vater und Sohn dauernd
getrübt zu sein Wenn Oskar in seiner nonchalantvornehmen Haltung zur Tür
hereinkam und in seinem wienerischaristokratischen Ton zu reden begann wandte
sich der Vater mit Hohn ab oder konnte Anspielungen nicht unterdrücken dass er
von heut auf morgen der ganzen Vornehmheit durch Entziehen oder Herabsetzen des
sogenannten Gehaltes der ja doch nur ein Taschengeld wäre ein Ende machen
könnte Fing hingegen der Vater wie er es vor Leuten und mit offenbarer Absicht
am liebsten tat im Jargon zu reden an so biss Oskar die Lippen aufeinander und
verließ wohl auch das Zimmer Doch kam es in der letzten Zeit nur mehr selten
vor dass Vater und Sohn zugleich sich in Wien oder in Neuhaus aufhielten Sie
ertrugen kaum mehr einer des andern Nähe
Als Georg bei Ehrenbergs eintrat lag das Zimmer fast im Dunkel Hinter dem
Klavier hervor leuchtete die marmorne Isis und in den Erker wo Mutter und
Tochter einander gegenübersassen fiel das Dämmerlicht des späten Nachmittags
Zum erstenmal hatte für Georg die Erscheinung dieser zwei Frauen etwas seltsam
Rührendes Eine Ahnung tauchte in ihm auf dass ihm dieses Bild heute vielleicht
zum letztenmal vor Augen träte und Elses Lächeln leuchtete ihm so schmerzlich
süß entgegen dass er einen Augenblick lang dachte wäre nicht am Ende hier das
Glück gewesen
Nun saß er neben Frau Ehrenberg die ruhig weiter stickte Else gegenüber
rauchte eine Zigarette und war wie zu Hause Er erzählte dass er verführt von
dem lockenden Frühlingswetter die geplante Reise früher antrete als
beabsichtigt war und dass er sie wahrscheinlich bis in den Sommer hinein
ausdehnen werde
»Und wir wollen diesmal schon Mitte Mai nach dem Auhof« sagte Frau
Ehrenberg »Aber heuer rechnen wir sicher darauf Sie bei uns zu sehen«
»Wenn Sie nicht anderweitig beschäftigt sind« setzte Else hinzu ohne eine
Miene zu verziehen
Georg versprach im August zu kommen auf einige Tage wenigstens
Dann sprach man über Felician und Willy die sich vor wenig Tagen von Biskra
aus mit ihrer Gesellschaft in die Wüste begeben hatten um zu jagen über
Demeter Stanzides der nächstens seinen Abschied vom Militär nehmen und sich auf
ein Gut in Ungarn zurückziehen wollte und endlich über Heinrich Bermann von
dem seit Wochen niemand eine Nachricht hatte
»Wer weiß ob er überhaupt nach Wien zurückkommt« sagte Else
»Warum sollte er nicht wie kommen Sie darauf Fräulein Else«
»Gott vielleicht wird er diese Schauspielerin heiraten und mit ihr in der
Welt herumziehen«
Georg zuckte die Achseln Er wüsste von keiner Schauspielerin mit der
Heinrich in Verbindung stand und erlaubte sich seinen Zweifel auszudrücken dass
Heinrich jemals heiraten werde ob nun eine Prinzessin oder eine Zirkusreiterin
»Es wäre schade um Bermann« sagte Frau Ehrenberg ohne sich um Georgs
Diskretion zu kümmern »Überhaupt finde ich die jungen Leute nehmen diese Dinge
entweder zu leicht oder zu schwer«
Else ergänzte »Ja es ist sonderbar Ihr seid alle in diesen Dingen entweder
viel klüger oder viel dümmer als in allen andern obwohl man doch gerade in
solchen Lebenssachen möglichst der bleiben sollte der man für gewöhnlich ist«
»Liebe Else« sagte Georg obenhin »wenn einmal Leidenschaften im Spiele
sind «
»Ja wenn sie im Spiele sind« betonte Frau Ehrenberg
»Leidenschaften« rief Else »Ich glaube die sind so was Seltenes wie alles
Grossartige auf der Welt«
»Was weißt du mein Kind« sagte Frau Ehrenberg
»In meiner Nähe habe ich wenigstens noch nichts dergleichen gesehen«
erklärte Else
»Wer weiß ob Sies entdecken würden« meinte Georg »auch wenn es einmal in
Ihrer Nähe vorkäme Von außen gesehen mag zuweilen ein Flirt und eine
Liebestragödie ganz den gleichen Anblick bieten«
»Das ist gewiss nicht wahr« sagte Else »Leidenschaft ist etwas das sich
unbedingt verraten muss«
»Woher willst du denn das wissen Else« wandte Frau Ehrenberg ein » Gerade
Leidenschaften können sich manchmal tiefer verbergen als irgendein kleines
Gefühlchen schon weil mehr auf dem Spiel zu stehen pflegt«
»Ich glaube gnädige Frau« entgegnete Georg »das ist sehr individuell Es
gibt eben Leute denen alles auf der Stirn geschrieben steht und andre die
undurchdringlich sind Undurchdringlichkeit ist sogar gewissermaßen ein Talent
wie ein anderes«
»Man kann es auch ausbilden wie ein anderes« sagte Else
Das Gespräch stockte einen Augenblick wie es leicht geschieht wenn mit
einemmal hinter einer allgemeinen Bemerkung die persönliche Nutzanwendung
allzudeutlich hervorblinkt
Frau Ehrenberg setzte neu ein »Haben Sie was Schönes komponiert in der
letzten Zeit Georg« fragte sie
»Ein paar Kleinigkeiten fürs Klavier Übrigens ist auch mein Quintett bald
fertig«
»Das Quintett fängt bald an mytisch zu werden« sagte Else unzufrieden
»Else« mahnte die Mutter
»Na ja es wäre doch wirklich gut wenn er fleißiger wäre«
»Da haben Sie freilich Recht« erwiderte Georg
»Ich glaube die Künstler haben früher viel mehr gearbeitet als jetzt«
»Die großen« ergänzte Georg
»Nein alle« beharrte Else
»Es ist vielleicht gut dass Sie eine Reise machen« sagte Frau Ehrenberg
weitblickend »Sie werden hier zu viel abgelenkt«
»Er wird sich überall ablenken lassen« behauptete Else streng »Auch in
Iglau oder wo er sonst im nächsten Jahr sein wird«
»Daran hab ich jetzt gar nicht gedacht dass Sie fortgehen« sagte Frau
Ehrenberg und schüttelte den Kopf »Und Ihr Bruder ist nächstes Jahr in Sofia
oder Athen und Stanzides in Ungarn traurig eigentlich wie die nettesten
Menschen in alle Windrichtungen auseinander stieben«
»Wenn ich ein Mann wär« sagte Else »stöb ich auch«
Georg lachte »Sie träumen von einer Reise um die Welt in einer weißen
Yacht Madeira Ceilon St Franzisko«
»O nein ich möchte nicht ohne Beruf sein aber wahrscheinlich wäre ich
Marineoffizier geworden«
»Möchten Sie nicht so lieb sein« wandte sich Frau Ehrenberg an Georg »und
uns Ihre neuen Sachen ein bissel vorspielen«
»Ganz gern« Er stieg vom Erker am Fenster hinab in die Dunkelheit des
Zimmers Else erhob sich und schaltete das Oberlicht ein Georg öffnete das
Klavier setzte sich hin und spielte seine Ballade Else hatte auf einem
Fauteuil Platz genommen und wie sie den Arm auf die Lehne und den Kopf auf den
Arm gestützt dasaß in der Haltung einer großen Dame und mit dem schwermütigen
Gesicht eines altklugen Kindes fühlte Georg von ihrem Anblick sich wieder
sonderbar gerührt Er war heute nicht sehr befriedigt von seiner Ballade und
sich wohl bewusst dass er durch ein allzu ausdrucksvolles Spiel der Wirkung
nachzuhelfen suchte
Hofrat Wilt trat leise ein und machte ein Zeichen man möchte sich nur nicht
stören lassen Dann blieb er mit dem grauen kurz gesträubten Kopfhaar
überlegen gütig und lang neben der Tür an der Wand gelehnt stehen bis Georg
mit übertrieben klangvollen Akkorden den Vortrag endete Man begrüßte einander
Wilt beglückwünschte Georg dass er ein freier Mann war und jetzt in den Süden
reisen durfte »Ich kann das leider nicht« fügte er hinzu »und dabei hat man
doch überdies zuweilen eine dunkle Ahnung dass in Österreich nicht das geringste
sich ändern würde selbst wenn man ein Jahr lang sein Bureau nicht beträte« Wie
immer redete er von seinem Beruf und seinem Vaterland mit Ironie Frau Ehrenberg
entgegnete ihm es gäbe ja doch keinen der sein Vaterland mehr liebte und
seinen Beruf ernster nähme als gerade er Er gab es zu Für ihn aber bedeutete
Österreich ein unendlich kompliziertes Instrument das nur ein Meister richtig
behandeln könnte und das nur deshalb so oft übel klänge weil jeder Stümper
seine Kunst daran versuche »Sie werden solange darauf herumschlagen« sagte er
traurig »bis alle Saiten zerspringen und der Kasten dazu«
Als Georg ging begleitete ihn Else ins Vorzimmer Sie hatte ihm noch ein
paar Worte über seine Ballade zu sagen Besonders der Mittelsatz hatte ihr
gefallen So innerlich glühend wäre er gewesen Im übrigen wünschte sie ihm
glückliche Reise Er dankte ihr »Also« sagte sie plötzlich während er schon
den Hut in der Hand hielt »nun heißt es wohl gewissen Träumen endgültigen
Abschied geben«
»Welchen Träumen« fragte er befremdet
»Den meinen selbstverständlich die Ihnen nicht unbekannt geblieben sein
dürften«
Georg war sehr überrascht So deutlich war sie nie gewesen Er lächelte
befangen und suchte nach einer Antwort »Was weiß man von der Zukunft« sagte er
endlich leicht
Sie runzelte die Stirn »Warum sind Sie nicht wenigstens ehrlich zu mir so
wie ich zu Ihnen Ich weiß ja dass Sie nicht allein da hinunter reisen Ich
weiß auch wer Sie begleitet Ich weiß überhaupt alles Gott was hab ich
denn nicht gewusst seit wir uns kennen«
Und Georg hörte Schmerz und Zorn im Untergrund ihrer Worte beben Und er
wusste wenn er sie doch einmal zur Frau nähme sie würde ihn fühlen lassen dass
sie zu lange hatte auf ihn warten müssen Er sah vor sich hin schwieg wie
schuldbewusst und trotzig zugleich Da lächelte Else heiter reichte ihm die Hand
und sagte nochmals »Glückliche Reise«
Er drückte ihr die Hand als müsste er ihr etwas abbitten Sie entzog sie
ihm wandte sich ab ging ins Zimmer zurück Er blieb noch ein paar Sekunden an
der Türe stehen dann eilte er auf die Straße
Am Abend desselben Tages sah Georg nach vielen Wochen zum erstenmal Leo
Golowski im Kaffeehaus wieder Er wusste von Anna dass Leo als Freiwilliger in
der letzten Zeit unangenehme Dinge durchzumachen hatte dass besonders jene
»Bestie in Menschengestalt« ihn mit Bosheit ja mit wahrem Hass verfolgte Es
fiel Georg heute auf wie Leo in der kurzen Zeit während er ihn nicht gesehen
sich verändert hatte Er sah geradezu gealtert aus
»Es freut mich dass ich Sie vor meiner Abreise noch einmal zu Gesicht
bekomme« sagte Georg und setzte sich ihm gegenüber an den Kaffeehaustisch »Sie
freut es« erwiderte Leo »dass Sie mich zufällig wieder einmal zu Gesicht
kriegen und mir war es ein Bedürfnis Sie noch einmal zu sehen das ist der
Unterschied« Seine Stimme klang noch zärtlicher als gewöhnlich Er sah Georg
ins Auge gütig beinahe väterlich In diesem Moment zweifelte Georg nicht mehr
dass Leo alles wusste war ein paar Sekunden so verlegen als wenn er sich vor ihm
zu verantworten hätte ärgerte sich über seine Verlegenheit und war Leo dankbar
dass er sie nicht zu bemerken schien Sie sprachen beinahe nur über Musik an
diesem Abend Leo erkundigte sich nach dem Fortgang von Georgs Arbeiten und im
Verlaufe der Unterhaltung ergab es sich dass Georg sich bereit erklärte Leo am
morgigen Sonntag Nachmittag einiges aus seinen neuesten Kompositionen
vorzuspielen Aber als sie sich voneinander verabschiedeten hatte Georg
plötzlich das unangenehme Gefühl als wenn er eben eine teoretische Prüfung mit
mässigem Erfolg bestanden hätte und ihm für morgen das praktische Examen
bevorstünde Was wollte dieser junge weit über sein Alter sich reif gebärdende
Mensch eigentlich von ihm Sollte Georg ihm gegenüber erweisen dass sein Talent
ihn berechtigte Annas Geliebter zu sein oder der Vater ihres Kindes zu werden
Er erwartete Leos Besuch mit innerem Widerstand Einen Moment dachte er sogar
daran sich verleugnen zu lassen Aber als Leo erschienen war so harmlos und
herzlich wie er sich manchmal zu geben liebte wurde Georg bald milder
gestimmt Sie tranken Tee rauchten Zigaretten Georg zeigte seine Bibliothek
die Bilder die in der Wohnung hingen Antiquitäten und Waffen und die
Prüfungsstimmung verschwand Georg setzte sich ans Klavier spielte ein paar
seiner Stücke aus früherer Zeit und die letzten auch die Ballade viel besser
als gestern bei Ehrenbergs dann einige Lieder zu denen Leo ohne Stimme aber
mit sicherem musikalischen Gefühl die Melodie markierte Endlich begann er das
Quintett aus der Partitur vorzutragen es gelang ihm nicht recht und Leo
stellte sich mit den Noten zum Fenster hin und las sie aufmerksam »Eigentlich
weiß man noch gar nichts« sagte er »Manches ist wie von einem Dilettanten mit
sehr viel Geschmack und anderes wie von einem Künstler ohne rechte Zucht In den
Liedern spürt man noch am ehesten aber was Talent ich weiß nicht
dass Sie eine vornehme Natur sind spürt man jedenfalls eine musikalisch
vornehme Natur«
»Na das wäre nicht viel«
»Es ist sogar ziemlich wenig Aber da Sie noch so wenig gearbeitet haben
beweist das auch nichts gegen Sie Wenig gearbeitet und wenig durchfühlt«
»Sie glauben « Georg zwang sich zu einem spöttischen Lächeln
»O erlebt wahrscheinlich sehr viel aber gefühlt wissen Sie was ich
meine Georg«
»Ja ich kann mirs schon denken Aber Sie irren sich entschieden Ich finde
sogar eher dass ich eine gewisse Neigung zur Sentimentalität habe die ich
bekämpfen muss«
»Ja das ist es eben Sentimentalität ist nämlich etwas was in einem
direkten Gegensatz zum Gefühl steht etwas womit man sich über seine
Gefühlslosigkeit seine innere Kälte beruhigt Sentimentalität ist Gefühl das
man sozusagen unter dem Einkaufspreis erstanden hat Ich hasse Sentimentalität«
»Hm und doch glaube ich dass Sie selbst nicht ganz frei davon sind«
»Ich bin Jude bei uns ist es eine Nationalkrankheit Die Anständigen
arbeiten dran dass Grimm oder Zorn daraus werde Bei den Deutschen ist es
schlechte Gewohnheit innere Nachlässigkeit sozusagen«
»Also bei Ihnen zu entschuldigen bei uns nicht«
»Auch Krankheiten sind nicht zu entschuldigen wenn man im vollen Bewusstsein
seiner Anlage versäumt hat sich dagegen zu wehren Aber wir fangen an
aphoristisch zu werden befinden uns also auf dem Wege zu Halb oder
Viertelswahrheiten Kehren wir zu Ihrem Quintett zurück Das Thema des Adagio
ist mir das liebste daran«
Georg nickte »Das hab ich einmal in Palermo gehört«
»Wie« fragte Leo »sollte es eine sizilianische Melodie sein«
»Nein aus den Wellen des Meeres ist es mir entgegengerauscht wie ich eines
Morgens allein am Strand spazieren gegangen bin Das Alleinsein tut meiner
Produktion überhaupt gut Auch fremde Gegenden Ich verspreche mir darum von
meiner Reise allerlei« Er erzählte ihm von Heinrich Bermanns Opernstoff der
für ihn von Anregungen erfüllt sei Wenn Heinrich wieder zurückkäme sollte Leo
ihn doch veranlassen den Text ernstlich in Angriff zu nehmen
»Wissen Sie noch nicht« sagte Leo »sein Vater ist gestorben«
»Wirklich Wann denn Woher wissen Sies«
»Heute früh ist es in der Zeitung gestanden«
Sie redeten über Heinrichs Verhältnis zu dem Hingeschiedenen und Leo sprach
aus dass es um die Welt vielleicht besser stünde wenn die Eltern öfter von den
Erfahrungen ihrer Kinder lernten statt zu verlangen dass diese sich ihrer
Altersweisheit anbequemten Sie kamen in ein Gespräch über die Beziehungen
zwischen Vätern und Söhnen über echte und falsche Arten von Dankbarkeit über
das Sterben von geliebten Menschen über die Verschiedenheit von Trauer und
Schmerz über die Gefahren des Erinnerns und die Pflichten des Vergessens Georg
fühlte dass Leo den ernstesten Dingen nachsann sehr allein war und es
verstand allein zu sein Er liebte ihn beinahe als die Tür in später
Abendstunde sich hinter ihm geschlossen hatte und der Gedanke dass Annas erste
Schwärmerei ihm gegolten tat ihm wohl
Noch ein paar Tage vergingen rascher als man gedacht mit Einkäufen
Besorgungen Vorbereitungen aller Art Und eines Abends fuhren Georg und Anna
nacheinander in zwei Wagen am Bahnhof vor und begrüßten sich gegenseitig in
der Vorhalle zum Spaß mit großer Höflichkeit wie entfernte Bekannte die sich
zufällig begegneten »O mein Fräulein was für ein glücklicher Zufall reisen
Sie vielleicht auch nach München« »Jawohl Herr Baron« »Ei wie trifft sich
das gut Und haben Sie etwa Schlafwagen mein Fräulein« »Jawohl Herr Baron
Bett Nummer fünf« »Nein wie sonderbar ich habe Nummer sechs« Dann gingen sie
auf dem Perron hin und her Georg war sehr gut aufgelegt und es freute ihn dass
Anna in ihrem englischen Kleid mit dem schmalkrempigen Reisehut und dem blauen
Schleier aussah wie eine interessante Fremde Sie schritten den ganzen Zug ab
bis zur Lokomotive die außerhalb der Halle stand und in aufgeregten Stößen
hellgrauen Dampf zum dunkeln Himmel sandte Draußen auf der Strecke im matten
Schein erglühten grüne und rote Laternen Angstvolle Pfiffe kamen von
irgendwoher aus der Weite und langsam aus dem Dunkel hervor ringelte ein Zug
sich in den Bahnhof Ein rotes Licht schwankte zauberhaft auf der Erde hin und
her schien meilenweit zu sein und wie es stille hielt war es mit einem Mal
ganz nah Und draußen schimmernd und im Unsichtbaren sich verlierend zogen die
Gleise ihren Weg nach Nähen und Fernen in die Nacht in den Morgen in den
nächsten Tag ins Unerforschliche
Anna stieg ins Kupee Georg blieb noch eine Weile draußen stehen und
amüsierte sich über die Reisenden die eilig Aufgeregten die vornehm Ruhigen
und die die die Ruhigen spielten und über die verschiedenen Abarten der
Begleiter die Wehmütigen die Heitern die Gleichgültigen
Anna beugte sich aus dem Fenster Georg plauderte mit ihr tat so als
dächte er gar nicht daran abzureisen stieg im letzten Moment ein Der Zug fuhr
ab Auf dem Bahnsteig standen Leute unbegreifliche Leute die in Wien
zurückblieben und denen wieder all die andern unbegreiflich schienen die nun
ernstlich davonfuhren Ein paar Taschentücher wehten der Stationschef stand
wichtig da und sandte dem Zug einen strengen Blick nach ein Träger in blau
weiß gestreifter Leinenbluse hielt eine gelbe Tasche hoch und blickte gierig in
jedes Fenster Merkwürdig dachte Georg beiläufig es gibt Leute die
davonfahren und ihre gelben Taschen in Wien zurücklassen Alles verschwand
Tücher Tasche Stationschef Bahnhofsgebäude das hell erleuchtete Signalhaus
die Gloriette die flimmernden Lichter der Stadt die kleinen kahlen Gärten am
Damm und der Zug sauste weiter durch die Nacht Georg wandte sich vom Fenster
ab Anna saß in der Ecke hatte Hut und Schleier neben sich liegen kleine
sanfte Tränen rannen ihr über die Wangen »Aber« sagte Georg umschlang sie
küsste sie auf die Augen auf den Mund »Aber Anna« wiederholte er noch
zärtlicher und küsste sie wieder »Was weinst du denn Es wird ja so schön sein«
»Du hasts leicht« sagte sie und über ihr lächelndes Antlitz flossen die
Tränen weiter
Es wurde schön Zuerst hielten sie sich in München auf In den hohen Sälen
der Pinakotek spazierten sie umher standen entzückt vor alten dunkelnden
Bildern wanderten in der Glyptotek zwischen marmornen Göttern Königen und
Helden und wenn Anna plötzlich ermüdet auf einem Diwan sich niederließ fühlte
sie Georgs zärtlichen Blick über ihrem Scheitel Sie fuhren durch den englischen
Garten in breiten Alleen unter noch entlaubten Bäumen eng aneinander
geschmiegt jung und glücklich und glaubten gern dass die Menschen sie für
Hochzeitsreisende hielten Und sie hatten ihre Plätze nebeneinander in der Oper
bei Figaro bei den Meistersingern bei Tristan und es war ihnen als webte
sich aus den geliebten Klängen ein tönend durchsichtiger Schleier um sie allein
der sie von allen andern Zuhörern abschied Und sie saßen von niemandem
gekannt an hübsch gedeckten Gastaustischen aßen tranken und plauderten
wohlgelaunt Und durch Gassen die den wunderbaren Hauch der Fremde hatten
wandelten sie heim wo im gemeinsamen Zimmer die milde Nacht ihrer wartete
schlummerten beruhigt Wange an Wange ein und wenn sie erwachten lächelte vor
dem Fenster ein freundlicher Tag mit dem sie schalten durften wie es ihnen
beliebte Sie waren ineinander beruhigt wie sies nie gewesen und gehörten
einander endlich ganz Dann reisten sie weiter dem rufenden Frühling entgegen
durch gedehnte Täler auf denen der Schnee glänzte und zerrann dann wie durch
einen letzten weißen Wintertraum über den Brenner nach Bozen wo sie mittags
auf dem grellen Marktplatz in Sonnenstrahlen badeten Auf den verwitterten
Stufen des weiten Amphiteaters von Verona unter einem kühlen Osterabendhimmel
fand sich Georg endlich der ersehnten Welt gegenüber in die eine wahrhaft
Geliebte zu geleiten ihm diesmal gegönnt war Aus rötlich blassen Fernen
zugleich mit all den ewigen Erinnerungen die auch andern Menschen gehörten
grüßte ihn die eigene entrückte Knabenzeit ja ein Hauch der verwehten Tage da
seine Mutter noch gelebt hatte zitterte hier schon durch die fremdheimatliche
Luft Venedig empfing ihn gefällig doch zauberlos und wohlbekannt als hätte
er es gestern verlassen Auf dem Markusplatz wurde er von flüchtigen Wiener
Bekannten gegrüßt und der verschleierten Dame an seiner Seite im weiten Mantel
galt mancher neugierige Blick Einmal nur spät abends auf einer Gondelfahrt
durch enge Kanäle erstanden ihm die starrenden Paläste die im Alltagslicht
allmählich zu Kulissen entwürdigt waren im schweren Prunk dunkelgoldener
Vergangenheiten
Dann kamen ein paar Tage in Städten die er kaum oder gar nicht kannte wo
er als Knabe nur kurze Stunden oder noch niemals geweilt hatte Aus einem
schwülen Paduaner Mittag traten sie in eine dämmrige Kirche und betrachteten
langsam von Altar zu Altar wandelnd die einfältig herrlichen Bilder auf denen
Heilige ihre Wunder vollbrachten und ihre Martyrien vollendeten An einem
trüben regenschweren Tag fuhr sie ein rumpelnder trauriger Wagen an einem
ziegelroten Kastell vorbei um das in einem breiten Graben graugrünliches Wasser
stand über einen Marktplatz wo vor dem Kaffeehaus nachlässig gekleidete Bürger
saßen in stillere und traurige Gassen wo zwischen den buckligen Steinen Gras
wuchs und sie mussten glauben dass diese kläglich dahinsterbende Kleinstadt den
schmetternden Namen Ferrara trug In Bologna schon wo die lebhaft aufblühende
Stadt sich nicht am Stolz vergangener Herrlichkeiten genügen ließ atmeten sie
auf Aber erst als Georg die Hügel von Fiesole erblickte fühlte er sich wie von
einer andern Heimat begrüßt Dies war die Stadt in der er aufgehört hatte Knabe
zu sein in der der Strom des Lebens durch seine Adern zu kreisen begonnen
hatte An manchen Plätzen tauchten Erinnerungen in ihm auf die er für sich
behielt und in dem Dom wo jenes Florentiner Mädchen unter dem Brautschleier
den letzten Blick zu ihm gesandt sprach er zu Anna nur von der
Herbstabendstunde in der Altlerchenfelder Kirche wo sie beide ahnungsvoll von
dieser Reise zu reden begonnen hatten die nun so unbegreiflich rasch
Wirklichkeit geworden war Er zeigte Anna das Haus in dem er vor neun Jahren
gewohnt hatte Noch befanden sich unten die gleichen Kaufläden in denen
Korallenhändler Uhrmacher Spitzenhändler ihre Waren feilhielten Da der zweite
Stock zu vermieten war hätte Georg ohne weiteres das Zimmer wiedersehen können
in dem seine Mutter gestorben war Aber er zögerte lange die Wohnung wieder zu
betreten Erst am Tage vor der Abreise als dürfte er es doch nicht versäumen
und allein ja ohne es Anna vorher zu sagen betrat er das Haus die Stiege das
Gemach Der alt gewordene Portier führte ihn herum und erkannte ihn nicht Es
waren noch dieselben Möbel überall das Schlafzimmer der Mutter sah noch genau
so aus wie vor zehn Jahren und in der gleichen Ecke aus braunem Holz mit der
dunkelgrünen silbergestickten Samtdecke stand das gleiche Bett Aber nichts
von allem was Georg erwartet hatte regte sich in ihm Ein müdes Erinnern
seichter und glanzloser als jemals sonst rann ihm durch die Seele Er verweilte
lange vor dem Bett mit dem klar bewussten Willen die Empfindungen zu denen er
sich verpflichtet fühlte heraufzubeschwören Er murmelte das Wort »Mutter« er
versuchte sichs vorzustellen wie sie hier gelegen war in diesem Bett viele
Tage und Nächte lang Er erinnerte sich der Stunden in denen es ihr wohler
gegangen war und er ihr hatte vorlesen oder im Nebenzimmer auf dem Klavier
vorspielen dürfen sah den kleinen runden Tisch in der Ecke stehen an dem der
Vater und Felician ganz leise gesprochen hatten weil die Mutter eben
eingeschlummert war und endlich wie eine Szene auf dem Theater so nah und
scharf stieg jenes furchtbaren Abends Bild in ihm auf an dem Vater und Bruder
fortgegangen waren er selbst ganz allein an der Mutter Lager saß ihre Hand in
der seinen alles sah und hörte er wieder wie sie mit einem Mal nach dem
ruhigsten Tag sich übel befunden wie er die Fensterflügel aufgerissen hatte und
mit der lauen Märzluft das Lachen und Reden fremder Menschen ins Zimmer
hereingedrungen war wie sie endlich dalag mit offenen und schon erloschenen
Augen das Haar das noch vor wenigen Sekunden um Stirn und Schläfen wellig
geflossen war wirr und trocken auf dem Polster starrte und der linke Arm nackt
über den Bettrand herunterhing mit weit auseinander gekrampften Fingern Mit so
ungeheuerer Lebendigkeit war dies Bild ihm aufgestiegen dass er sein eigenes
Knabenantlitz im Geiste wiedersah und sein eigenes längst verhalltes Weinen
wieder hörte aber er fühlte keinen Schmerz Es war doch zu lang vorbei Zehn
Jahr beinah
»E bellissima la vista di questa finestra« sagte plötzlich der Portier
hinter ihm öffnete das Fenster und mit einem Mal wie an jenem längst
entschwundenen Abend tönten Menschenstimmen von unten herauf Und im gleichen
Augenblick hatte er die Stimme der Mutter im Ohr so wie er sie damals
vernommen flehend verengend »Georg Georg« und aus der dunkeln
Ecke an der Stelle wo damals die Kissen gelegen waren sah er etwas Bleiches
sich entgegenschimmern Er trat zum Fenster und bestätigte »Bellissima vista«
Aber vor der schönen Aussicht lag es wie dunkle Schleier »Mutter« murmelte er
und noch einmal »Mutter« meinte aber zu seiner eigenen Verwunderung nicht
mehr die längst Begrabene die ihn geboren jener andern galt das Wort die noch
nicht Mutter war und die es in wenigen Monaten werden sollte eines Kindes
Mutter von dem er der Vater war Und nun klang das Wort plötzlich als tönte
etwas nie Gehörtes nie Verstandenes als schwängen geheimnisvoll singende
Glocken in Zukunftsferne mit Und Georg schämte sich dass er allein hier herauf
gekommen war sich gleichsam hergestohlen hatte Nun durfte er Anna nicht einmal
erzählen dass er hier gewesen
Am nächsten Morgen fuhren sie nach Rom Und während Georg von Tag zu Tag
sich heimischer genussfähiger frischer fühlte begann Anna immer häufiger an
schwerer Müdigkeit zu leiden Oft blieb sie allein im Hotel zurück während er
in den Straßen herumschweifte den Vatikan durchwanderte auf Forum und Palatin
sich erging Sie hielt ihn nie zurück aber doch fühlte er sich bemüssigt sie zu
trösten ehe er fort ging und pflegte zu sagen »Nun das sparst du dir für ein
anderes Mal auf hoffentlich kommen wir bald wieder her« Da lächelte sie in
ihrer verschmitzten Art als zweifelte sie gar nicht mehr daran dass sie einmal
seine Frau sein würde und er selbst musste sich gestehen dass er diesen Ausgang
nicht mehr für unmöglich hielt Denn dass sie in diesem Herbst auseinandergehen
sollten mit einem Abschied für immer das war ihm allmählich fast unfassbar
geworden Doch sprachen sie in dieser Zeit nie mit klaren Worten von einer
ferneren Zukunft Er hatte Scheu davor und sie fühlte dass sie gut daran täte
diese Scheu nicht aufzustören Und gerade während dieser römischen Tage in
denen er oft stundenlang allein in der fremden Stadt umherspazierte fühlte er
wie er Anna zuweilen in einer ihm nicht unangenehmen Weise entglitt Eines
Abends war er bis zur anbrechenden Dunkelheit zwischen den Trümmern der
Kaiserpaläste umhergewandert und von der Höhe des palatinischen Hügels mit dem
stolzen Entzücken des Einsamen hatte er die Sonne in der Kampagna versinken
sehen Dann hatte er sich eine Weile spazieren fahren lassen längs der antiken
Stadtmauer auf den Monte Pincio und als er in seiner Wagenecke lehnend über
die Dächer hinweg den Blick zur Peterskuppel schweifen ließ glaubte er tief
ergriffen nun die erhabenste Stunde dieser ganzen Reise zu erleben Erst spät
kam er ins Hotel zurück fand Anna am Fenster stehen verweint blass mit roten
Flecken auf den gedunsenen Wangen Seit zwei Stunden verging sie vor Angst
hatte sich eingebildet dass er verunglückt überfallen umgebracht worden sei
Er beruhigte sie fand aber nicht die herzlichen Worte nach denen sie
verlangte da er sich in unwürdiger Weise gebunden und unfrei vorkam Sie fühlte
seine Kälte gab ihm zu verstehen dass er sie nicht genug liebte er antwortete
gereizt beinahe verzweifelt sie nannte ihn gefühllos und egoistisch Er biss
die Lippen zusammen erwiderte nichts mehr und ging im Zimmer hin und her
Unversöhnt begaben sie sich in den Speisesaal wo sie schweigend ihr Mahl
einnahmen und gingen zu Bette ohne einander »Gute Nacht« zu sagen Die
nächsten Tage standen unter dem Schatten dieses Auftritts Erst auf der Reise
nach Neapel allein im Kupee in der Freude an der neuen Landschaft durch die
sie flogen fanden sie einander wieder Von nun an verließ er sie beinahe keinen
Augenblick mehr sie schien ihm hilflos und ein wenig rührend Auf den Besuch
der Museen verzichtete er da sie ihn nicht begleiten konnte Sie fuhren
zusammen auf dem Posilipp und in der Villa Nationale spazieren Auf der
Wanderung durch Pompeji ging er ein zärtlich geduldiger Ehemann neben ihrem
Tragsessel einher und während der Führer in schlechtem Französisch seine
Erklärungen vortrug nahm Georg Annas Hand küsste sie und versuchte mit
begeisterten Worten sie an dem Entzücken teilnehmen zu lassen das er selbst
auch diesmal in der geheimnisvollen dächerlosen Stadt empfand die nach
zweitausendjähriger Versunkenheit allmählich Straße für Straße Haus für Haus
dem unveränderlichen Lichte dieses blauen Himmels entgegenrückte Und als sie an
einer Stelle Halt machten wo eben einige Arbeiter beschäftigt waren mit
vorsichtigen Schaufelschlägen eine gebrochene Säule aus der Asche
hervorzutreiben wies er Anna mit so leuchtenden Augen darauf hin als wäre
dieser Anblick ein Geschenk das er ihr seit langem zugedacht und als hätte er
mit allem was bisher geschehen nur den Zweck verfolgt sie in dieser Minute an
diese Stelle hinzuführen und dieses Wunder schauen zu lassen
In einer dunkelblauen Maiennacht lagen sie in zwei Segeltuchstühlen auf dem
Verdeck des Schiffes das sie nach Genua führte Ein alter Franzose mit hellen
Augen der bei der Abendmahlzeit ihr Gegenüber gewesen war blieb eine Weile
neben ihnen stehen und machte sie auf die Sterne aufmerksam die wie schwere
silberne Tropfen im Unendlichen hingen Einzelne nannte er mit Namen höflich
und verbindlich als fühle er sich gedrungen die funkelnden Himmelswanderer und
das junge Ehepaar miteinander bekannt zu machen Dann empfahl er sich und stieg
in seine Kajüte hinunter Georg aber dachte an seine einsame Fahrt auf gleichem
Wege unter gleichem Himmel im vorigen Frühjahr nach seinem Abschied von Grace
Von ihr hatte er Anna erzählt nicht so sehr aus einem innern Bedürfnis als um
durch das Lebendigmachen einer bestimmten Gestalt und Nennung eines bestimmten
Namens seine Vergangenheit von dem rätselhaft Unheimlichen zu befreien in dem
sie sich für Anna manchmal zu verlieren schien Anna wusste von Labinskis Tod
von Georgs Gespräch mit Grace an Labinskis Grab von Georgs Aufenthalt mit ihr
in Sizilien sogar ein Bild von Grace hatte er ihr gezeigt Und doch mit
leichtem Schauer gestand er sich ein wie wenig Anna selbst von dieser Epoche
seines Daseins wusste über die er sich beinahe rückhaltslos mit ihr
ausgesprochen hatte und er empfand wie unmöglich es war einem andern Wesen
von einer Zeit die es nicht miterlebt hatte von dem Inhalt so vieler Tage und
Nächte einen Begriff zu geben deren jede Minute von Gegenwart erfüllt gewesen
war Er erkannte wie wenig die kleinen Unaufrichtigkeiten die er sich in
seinen Erzählungen manchmal zuschulden kommen ließ bedeuten mochten gegenüber
dem unvertilgbaren Hauch der Lüge den jede Erinnerung aus sich selbst gebiert
auf dem kurzen Weg von den Lippen des einen zu dem Ohr des andern Und wenn Anna
später einmal einem Freund einem neuen Geliebten so ehrlich als sie nur
vermochte von der Zeit berichten wollte die sie mit Georg verbracht was
konnte der am Ende erfahren Nicht viel mehr als eine Geschichte wie er sie
hundertmal in Büchern gelesen von einem jungen Geschöpf das einen jungen Mann
geliebt hatte mit ihm herumgereist war Wonnen empfunden und zuweilen
Langeweile sich mit ihm vereint gefühlt hatte und manchmal doch einsam und
selbst wenn sie versucht hätte von jeder Minute Rechenschaft abzulegen es
blieb doch ein unwiderbringlich Vergangenes und für den der es nicht selbst
erlebt hatte konnte Vergangenes nie Wahrheit werden
Die Sterne glitzerten über ihnen Annas Kopf war langsam an seine Brust
gesunken und er stützte ihn sanft mit den Händen Nur das leise Rauschen in der
Tiefe verriet dass das Schiff sich weiterbewegte Nun ging es immer dem Morgen
entgegen der Heimat der Zukunft Zu klingen und zu kreisen begann die Zeit
die so lang stumm über ihnen geruht Georg fühlte plötzlich dass er sein
Schicksal nicht mehr in der Hand hatte Alles ging seinen Lauf Und nun spürte
ers durch den ganzen Körper gleichsam bis in die Haare dass das Schiff unter
seinen Füßen unaufhaltsam vorwärts eilte
In Genua blieben sie nur einen Tag Beide sehnten sich nach Ruhe Georg
überdies auch nach seiner Arbeit Nur noch ein paar Wochen wollten sie an einem
italienischen See verweilen und Mitte Juni nach Hause fahren Bis dahin war
wohl auch das Haus bereit in dem Anna wohnen sollte Frau Golowski hatte ein
halbes Dutzend passende entdeckt genaue Berichte an Anna gesandt wartete auf
die Entscheidung suchte aber für alle Fälle noch weiter Von Genua reisten sie
nach Mailand doch ertrugen sie das laute Leben der Stadt nicht mehr und schon
am nächsten Tag fuhren sie nach Lugano
Hier waren sie nun vier Wochen lang Und Morgen für Morgen ging Georg den
Weg der ihn auch heute das heitere Ufer entlang über Paradiso hinaus an die
Strassenbiegung zu einer immer neu ersehnten Aussicht führte Nur noch wenige
Tage des Aufenthalts standen bevor So vortrefflich sich das Befinden Annas von
Anfang an verhalten hatte es war an der Zeit die Nähe Wiens aufzusuchen um
allen Zufällen ruhig entgegensehen zu können Die Tage in Lugano erschienen
Georg als die besten die er seit seiner Abfahrt aus Wien erlebt hatte Und er
fragte sich in manchem schönen Augenblick ob es nicht vielleicht die beste Zeit
seines ganzen Lebens wäre die er hier verbrachte Nie hatte er sich so
wunschlos in Voraussicht und Erinnerung so beruhigt gefühlt als hier und mit
Freude sah er dass auch Anna vollkommen glücklich war Erwartungsvolle Milde
glänzte auf ihrer Stirn ihre Augen blickten heiter und klug wie in der Zeit
da Georg um ihren Besitz geworben Ohne Unruhe ohne Ungeduld und im Gefühl
ihrer aufblühenden Mütterlichkeit weit hinausgetragen über die Erinnerung an
heimatliche Vorurteile und über die Besorgnis vor künftigen Wirrnissen sah sie
der hohen Stunde beglückt entgegen da sie dem wartenden Dasein als ein
beseeltes Wesen wiedergeben sollte was ihr Leib in einem halb unbewussten
Augenblick der Wonne eingetrunken hatte Freudig sah Georg in ihr die Gefährtin
heranreifen die er von Beginn an in ihr zu finden gehofft hatte die ihm aber
im Laufe der Tage manchmal entschwunden war In Gesprächen über seine Arbeiten
die sie alle sorgfältig durchgesehen über das Wesen des Gesangs über
allgemeinere musikalische Fragen erschloss sie ihm mehr Wissen und Gefühl als
er je in ihr geahnt hatte Ihm selbst ohne dass er vieles niederschrieb war
zumute als schritte er innerlich vorwärts Melodien klangen in ihm Harmonien
kündigten sich an und mit tiefem Verstehen erinnerte er sich einer Bemerkung
Felicians der einmal nachdem er monatelang die Klinge nicht geübt gesagt
hatte sein Arm wäre während dieser Zeit auf gute Gedanken gekommen So erregte
ihm auch die Zukunft keinerlei Sorgen Er wusste sobald er nach Wien kam würde
die ernste Arbeit beginnen und dann lag in freier Aussicht sein Weg vor ihm
Längst stand Georg an der Strassenbiegung der seine Schritte zugestrebt
hatten Eine kurze breite Landzunge von niederm Gesträuch dicht bewachsen
streckte sich von hier aus in den See und leicht sich senkend führte ein
schmaler Weg in wenig Schritten zu einer von der Straße aus unsichtbaren
Holzbank auf der Georg sich immer für eine kurze Weile niederzulassen pflegte
eh er ins Hotel zurückkehrte
Wie oft noch dachte er heute unwillkürlich Fünf oder sechs Male vielleicht
und dann zurück nach Wien Und er fragte sich was denn wohl geschähe wenn sie
nicht zurückkehrten wenn sie sich irgendwo in Italien oder in der Schweiz
häuslich niederliessen und mit dem Kind im doppelten Frieden der Natur und der
Ferne sich ein neues Leben aufbauten Was geschähe Nichts Kaum dass irgend
jemand sich sonderlich wundern würde Und vermissen mit Schmerz vermissen als
unersetzlich würde niemand weder ihn noch sie In dieser Überlegung ward ihm
eher leicht als traurig zumute nur verdross es ihn dass ihn manchmal doch eine
Art Heimweh ja sogar von Sehnsucht nach einzelnen Menschen überkam Und auch
jetzt während er die Seeluft eintrank sich von einem fremdvertrauten Himmel
überblauen ließ das Vergnügen des Entrückt und Alleinseins genoss klopfte ihm
das Herz wenn er an die Wälder und Hügel um Wien an die Ringstrasse den Klub
an sein großes Zimmer mit der Aussicht auf den Stadtpark dachte Und es wäre ihm
ein banges Gefühl gewesen wenn sein Kind nicht in Wien zur Welt hätte kommen
sollen Plötzlich fiel ihm ein dass ja heute wieder eine Nachricht von Frau
Golowski da sein müsse so wie manche andre Nachricht aus Wien und so beschloss
er noch vor der Rückkehr ins Hotel den Umweg über die Post zu nehmen Denn wie
während der ganzen Reise ließ er sich auch hier die Briefe nicht ins Hotel
senden weil er sich auf diese Weise freier gegenüber allen Zufälligkeiten
fühlte die von außen kommen mochten Man schrieb ihm nicht eben viel aus Wien
Am meisten bei aller Kürze stand noch in den Briefen Heinrichs was wie Georg
wohl fühlte weniger einem besonderen Mitteilungsbedürfnis des Dichters zu
danken war als dem Umstand dass es zu dessen Beruf gehörte den Sätzen die er
schrieb Lebenshauch einzuflößen Die Briefe Felicians waren so kühl als hätte
er ganz jenes letzten innigeren Gespräch in Georgs Zimmer und des Bruderkusses
vergessen mit dem sie geschieden waren Er mochte wohl vermuten dachte
Georg dass seine Briefe auch von Anna gelesen wurden und sich nicht veranlasst
fühlen diese fremde Dame in seine Privatverhältnisse und Privatgefühle Einblick
nehmen zu lassen Nürnberger hatte Georgs Kartengrüsse ein paarmal kurz erwidert
und auf einen Brief aus Rom in dem Georg herzlich der gemeinsamen Spaziergänge
im Vorfrühling gedacht hatte Nürnberger mit ironisch entschuldigenden Worten
sein Bedauern ausgesprochen dass er auf jenen Wanderungen Georg so viel von
seinen eigenen Familienverhältnissen erzählt hatte die den andern doch absolut
nicht interessieren konnten Vom alten Eissler war ein Brief nach Neapel gelangt
der berichtete dass eine Vakanz an der Detmolder Hofbühne im nächsten Jahre wohl
nicht vorauszusehen dass Georg aber durch den Grafen Malnitz eingeladen wäre
als erwünschter Gast den Proben und Vorstellungen anzuwohnen bei welcher
Gelegenheit sich vielleicht ein näheres Verhältnis für die Zukunft anbahnen
ließe Georg hatte höflich gedankt war aber vorläufig wenig geneigt auf eine
so vage Aussicht hin in der fremden Stadt längeren Aufenthalt zu nehmen und
entschlossen gleich nach seinem Eintreffen in Wien sich nach einer sichern
Stellung umzusehen
Sonst klang persönlich zu ihm aus der Heimat nichts herüber Die ihm
zugedachten Grüße die Frau Rosner sich verpflichtet fühlte den Briefen an die
Tochter beizufügen drangen nicht an sein Herz trotzdem sie in der letzten Zeit
nicht mehr an den »Herrn Baron« sondern an »Georg« gerichtet waren Er fühlte
ja doch dass die Eltern Annas einfach hinnahmen was sie nicht ändern konnten
dass sie aber im Innersten gedrückt und ohne die wünschenswerte Einsicht
geblieben waren
Wie gewöhnlich nahm Georg den Rückweg nicht das Ufer entlang Durch enge
Gassen zwischen Gartenmauern dann unter Bogengängen endlich über einen großen
Platz von wo der Blick auf den See wieder frei war gelangte er vor das
Postgebäude dessen hellgelber Anstrich die Sonne blendend widerstrahlte Eine
junge Dame die Georg schon von weitem auf dem Trottoir auf und abgehen gesehen
hatte blieb stehen als er näher kam Sie war weiß gekleidet und trug einen
weißen Sonnenschirm aufgespannt über einem breiten Strohhut mit rotem Band Wie
Georg schon ganz nahe war lächelte sie und nun sah er mit einem Mal ein
wohlbekanntes Gesicht unter dem weißen getupften Tüllschleier »Ist es möglich
Fräulein Terese« rief er aus und nahm die Hand die sie ihm entgegenstreckte
»Grüß Sie Gott Baron« erwiderte sie harmlos als wäre diese Begegnung das
selbstverständlichste von der Welt »Wie gehts der Anna«
»Danke sehr gut Sie werden sie doch jedenfalls besuchen«
»Wenns erlaubt ist«
»Jetzt aber sagen Sie mir nur wie kommen Sie hierher Sind Sie am Ende «
und er ließ seinen Blick erstaunt über ihre ganze Erscheinung gleiten »auf
einer Agitationsreise«
»Das kann man eigentlich nicht sagen« erwiderte sie und schob ihr Kinn vor
ohne dass diese Bewegung diesmal wie sonst ihr Antlitz verhässlicht hätte »Es
ist eher ein Ferienausflug« Und ihr Gesicht glänzte vor innerem Lachen als sie
Georgs Blick auf das Tor gerichtet sah aus dem eben in weissschwarz gestreiftem
Flanellanzug Demeter Stanzides hervortrat Er lüftete den weichen grauen Hut
zum Gruß und reichte Georg die Hand »Guten Morgen Baron es freut mich Sie
wiederzusehen«
»Auch ich freu mich sehr Herr Stanzides«
»Kein Brief für mich« wandte sich Terese an Demeter
»Nein Terese nur für mich ein paar Karten« und er steckte sie in die
Tasche
»Seit wann sind Sie denn hier« fragte Georg und versuchte sich möglichst
wenig überrascht zu zeigen
»Gestern Abend sind wir angekommen« entgegnete Demeter
»Direkt aus Wien« fragte Georg
»Nein aus Mailand Wir sind schon acht Tage auf Reisen«
»Zuerst waren wir in Venedig wie es üblich ist« ergänzte Terese zupfte
lächelnd an ihrem Schleier und hing sich an Demeters Arm
»Sie sind ja viel länger fort« sagte Demeter »eine Karte von Ihnen sah ich
vor ein paar Wochen bei Ehrenbergs Haus der Vettier Pompeji«
»Ja ich hab eine wunderbare Reise hinter mir«
»Nun wollen wir uns ein wenig im Ort umsehen« sagte Terese »und im
übrigen den Baron nicht weiter aufhalten der sich jedenfalls Briefe abholen
will«
»O das eilt nicht Und wir sehen uns doch jedenfalls wieder«
»Wollen Sie uns nicht das Vergnügen machen Baron« sagte Demeter »heute im
Europe wo wir abgestiegen sind mit uns zu lunchen«
»Danke sehr es geht leider nicht Aber aber vielleicht passt es Ihnen
mit mit uns im Parkhotel zu dinieren ja Um halb sieben wenns Ihnen
recht ist Ich lasse im Garten decken unter einem wunderschönen Platanenbaum wo
wir gewöhnlich speisen«
»Ja« sagte Terese »wir nehmen dankend an Ich komme vielleicht schon eine
Stunde früher um mit Anna in Ruhe zu plaudern«
»Schön« erwiderte Georg »sie wird sich sehr freuen«
»Also auf Wiedersehen Baron« sagte Demeter und indem er seine Hand
herzlich drückte fügte er hinzu »Bitte meinen Handkuss zu Hause«
Terese winkte Georg vergnügt mit den Augen zu dann schlug sie mit Demeter
den Weg zum Ufer ein
Georg schaute ihnen nach Hätt ich sie nicht gekannt dachte er Demeter
hätte sie mir ohne weiteres als seine Gattin geborene Prinzessin X vorstellen
können Wie merkwürdig diese zwei Dann trat er in die Halle ließ sich am
Schalter seine Sendung geben und sah sie flüchtig durch Das erste was ihm in
die Augen fiel war eine Karte von Leo Golowski Es stand nichts drauf als
»Lassen Sie sichs wohl ergehen lieber Georg« Dann war eine Karte da aus dem
Waldsteingarten im Prater »Haben soeben auf den verehrten Ausreisser unsre
Gläser geleert Guido Schönstein Ralph Skelton die Rattenmamsell«
Die Briefe von Felician Frau Rosner Heinrich wollte Georg erst zu Hause
mit Anna zusammen in Ruhe lesen Auch drängte es ihn die Neuigkeit von der
Ankunft des sonderbaren Paares Anna mitzuteilen Er war nicht ganz ohne Unruhe
Denn Annas bürgerliche Instinkte wachten zuweilen in ganz unerwarteter Weise
wieder auf Jedenfalls beschloss Georg ihr seine Einladung an Demeter und
Terese als etwas vollkommen Selbstverständliches mitzuteilen und war bereit für
den Fall dass sie der Sache gekränkt geärgert oder auch nur unsicher
gegenüberstände eine solche Auffassung mit Entschiedenheit abzulehnen Er
selbst freute sich auf den Abend der ihm bevorstand nach den vielen Wochen
die er ausschließlich in Annas Gesellschaft verbracht hatte Beinahe spürte er
ein wenig Neid auf Demeter der sich nun auf einer so sorgenlosen
Vergnügungsreise befand in der Art wie er selbst sie im vorigen Jahr mit Grace
gemacht hatte Dazu kam dass ihm Terese besser gefallen hatte als je So vielen
schönen Frauen er im Laufe der letzten Monate begegnet war noch niemals
trotzdem Anna an weiblicher Anmut immer mehr verlor war er in ernste Versuchung
geraten Heute zum erstenmal wieder fühlte er Sehnsucht nach neuen Umarmungen
Bald sah er durch die Gitterstäbe des Balkons das hellblaue Morgenkleid
Annas schimmern Georg pfiff nach gewohnter Art sich anzukündigen die ersten
Takte der Beetovenschen fünften Symphonie und gleich erschien über dem
Geländer das blasse sanfte Gesicht der Geliebten und ihre großen Augen
begrüßten ihn lächelnd Er hielt das Päckchen Briefe in die Höhe sie nickte
befriedigt dann eilte er rasch hinauf in ihr Zimmer auf den Balkon Sie lehnte
in einem Strohsessel vor dem Tischchen mit der grünlichen Schutzdecke auf dem
sie eine Handarbeit liegen hatte so wie es beinahe immer der Fall war wenn
Georg von seinem Morgenspaziergang nach Hause kam Er küsste sie auf die Stirn
und auf den Mund »Also was glaubst du wem ich begegnet bin« fragte er hastig
»Else Ehrenberg« antwortete Anna ohne Besinnen
»Wie kommst du drauf Wie sollte die hierher geraten«
»Nun« sagte Anna pfiffig »man könnte dir ja nachgereist sein«
»Man könnte aber man ist es nicht Also rat weiter Dreimal darfst du«
»Heinrich Bermann«
»Aber keine Idee Von dem ist übrigens ein Brief da Also weiter«
Sie dachte nach »Demeter Stanzides« sagte sie dann
»Wie weißt du am Ende etwas«
»Was soll ich denn wissen Ist er wirklich da«
»Donnerwetter du wirst ja ganz rot o« Er kannte ihre Schwärmerei für
Demeters melancholische Kavaliersschönheit fühlte aber keine Spur von
Eifersucht
»Also ist es Stanzides« fragte sie
»Ja allerdings ist es Stanzides«
»Daran kann ich aber mit dem besten Willen nichts Merkwürdiges finden«
»Das ist auch nicht merkwürdig Aber wenn du draufkommst mit wem er da ist
«
»Mit Sissy Wyner«
»Aber «
»Nun ich dachte verheiratet das kommt ja auch vor«
»Nein nicht mit Sissy und nicht verheiratet sondern mit deiner Freundin
Terese und so unvermählt als möglich«
»Na geh «
»Wie ich dir sage mit Terese Seit acht Tagen sind sie auf Reisen Was
sagst du dazu In Venedig und Mailand waren sie Hattest du eine Ahnung davon«
»Nein«
»Wirklich nicht«
»Wirklich nicht Du weißt doch dass mir Terese nur einmal flüchtig
geschrieben hat und du hast ja mit bekanntem Interesse ihren Brief gelesen«
»Du bist mir nicht genug erstaunt«
»Gott ich hab immer gewusst dass sie einen guten Geschmack hat«
»Demeter auch« rief Georg mit Überzeugung aus
»Wahlverwandtschaften« bemerkte Anna mit hochgezogenen Brauen und häkelte
weiter
»Und das ist nun die Mutter meines Kindes« sagte Georg mit heiterem
Kopfschütteln
Sie sah ihn lächelnd an »Wann kommt sie denn zu mir«
»Nachmittag so gegen sechs denk ich Und und Stanzides kommt auch
etwas später Sie werden mit uns speisen Du hast doch nichts dagegen«
»Dagegen Ich freu mich sehr« erwiderte Anna einfach Georg war angenehm
berührt Wenn Anna in ihrem Zustand Stanzides in Wien begegnet wäre dachte
er Wie doch das Entrücktsein aus der gewohnten Umgebung befreit und reinigt
»Was haben sie denn Neues erzählt« fragte Anna
»Wir sind kaum drei Minuten zusammen gestanden bei der Post Er lässt dir
übrigens die Hand küssen«
Anna antwortete nichts und Georg schien es als wandelten ihre Gedanken
wieder auf sehr bürgerlichen Wegen
»Bist du schon lang aufgestanden fragte er rasch
»Ja ich sitze schon eine ganze Weile da auf dem Balkon Ich hab sogar ein
bissel geschlummert die Luft hat so was Ermattendes heute und geträumt hab ich
auch«
»Wovon hast du denn geträumt«
»Vom Kind« sagte sie
»Wieder«
Sie nickte »Ganz dasselbe wie neulich Hier auf dem Balkon bin ich
gesessen auch im Traum und habs in meinem Arm gehabt an der Brust «
»Was wars denn Ein Bub oder ein Mädel«
»Ich weiß nicht Ein Kind halt So klein und so süß Und eine Wonne war das
Nein ich gebs nicht her« sagte sie dann leise mit geschlossenen Augen
Er stand ans Geländer gelehnt und fühlte den leichten Mittagswind in seinen
Haaren streichen »Wenn dus nicht fortgeben willst« sagte er »so sollst dus
auch nicht tun« Und es fuhr ihm durch den Sinn wär es nicht sogar das
bequemste wenn ich sie heiratete Aber irgend etwas hielt ihn zurück es
auszusprechen Sie schwiegen beide Er hatte die Briefe vor sich hin auf den
Tisch gelegt Nun nahm er sie und öffnete einen »Sehen wir zuerst was deine
Mutter schreibt« sagte er
Der Brief der Frau Rosner enthielt die Mitteilung dass daheim alles wohl
sei dass man sich sehr freue Anna bald wieder zu sehen und dass Josef in der
Administration des »Volksboten« mit fünfzig Gulden Monatsgehalt angestellt sei
Ferner wäre eine Anfrage von Frau Bittner eingelangt wann Anna aus Dresden
zurückkäme und ob es überhaupt sicher wäre dass sie im nächsten Herbst wieder
da sei weil man sich andernfalls doch nach einer neuen Lehrerin umsehen müsste
Anna blieb regungslos und äußerte sich nicht
Dann las Georg Heinrichs Brief vor Er lautete »Lieber Georg ich freue
mich sehr dass Sie so bald zurück sein werden und schreib Ihnen das lieber
heute weil ich Ihnen ja doch wenn Sie einmal da sind nie sagen werde wie
sehr ich mich darüber freue Vor ein paar Tagen an der Donau auf einer
abendlich einsamen Radpartie hab ich eine wahre Sehnsucht nach Ihnen bekommen
Was übrigens diese Ufer für einen unverwischbaren Duft von Einsamkeit haben Ich
erinnere mich das schon vor fünf oder sechs Jahren einmal empfunden zu haben an
einem Sonntag wie ich in was man so nennt lustiger Gesellschaft im
Klosterneuburger Stiftskeller gesessen bin in dem großen Garten mit dem Blick
auf die Berge und zu den Auen Wie aus den Tiefen des Wassers kommt sie
emporgestiegen die Einsamkeit die ja offenbar überhaupt etwas ganz anderes
vorstellt als man gewöhnlich meint Keineswegs einen Gegensatz zur
Geselligkeit Ja vielleicht hat man nur unter Menschen das Recht sich einsam zu
fühlen Nehmen Sie das als aphoristisch lächerlichunwahres Extrablättchen
oder legen Sie es auch als solches beiseite Um wieder auf meine Donauuferfahrt
zu kommen gerade in jener etwas schwülen Abendstunde sind mir allerlei gute
Einfälle gekommen und ich hoffe Ihnen bald manches Sonderbare über Ägidius
erzählen zu können wie der mordlustige und traurige Jüngling nun endgültig
benannt ist über den tiefsinnigundurchdringlichen Fürsten über den
lächerlichen Herzog Heliodor unter welchem Namen ich Ihnen den Bräutigam der
Prinzessin vorzustellen die Ehre habe und ganz besonders über die Prinzessin
selbst die ein viel merkwürdigeres Geschöpf zu sein scheint als ich anfangs
vermutet habe«
»Das bezieht sich auf den Operntext« fragte Anna und ließ ihre Arbeit
sinken
»Natürlich« antwortete Georg und las weiter
»Sie sollen auch gleich erfahren mein Lieber dass ich in den letzten Wochen
einige vorläufig nicht besonders unsterbliche Verse zum ersten Akt verfertigt
habe die nun bis auf weiteres ohne Ihre Musik nämlich in der Welt
herumhüpfen wie ungeflügelte Engel Der Stoff reizt mich in seltsamer Weise
Und ich bin schon selber neugierig worauf ich eigentlich mit ihm hinaus will
Auch allerlei anderes hab ich begonnen entworfen bedacht Und kurz und
frech gesagt es ist mir als kündigte sich eine neue Epoche in mir an Doch das
klingt frecher als es ist Denn auch Rauchfangkehrer Salamutschimänner und
Feldwebel haben ihre Epochen Unsereiner weiß es nur immer gleich Was ich für
sehr wahrscheinlich halte ist dass ich aus dem phantastischen Element in dem
ich mich jetzt behage sehr bald in ein höchst reales hinab oder hinauf steigen
dürfte Was würden Sie zum Beispiel dazu sagen wenn ich mich in eine politische
Komödie einliesse Und schon fühl ich dass das Wort von der Realität nicht völlig
stimmt Denn mir scheint Politik ist das phantastischeste Element in dem
Menschen sich überhaupt bewegen können nur dass sie es nicht merken Hier
wäre die Sache vielleicht anzupacken Dies fiel mir ein als ich neulich einer
politischen Versammlung anwohnte unwahr diese Gedanken kommen mir soeben
jawohl einer Versammlung von Arbeitern und Arbeiterinnen in der Brigittenau in
die ich mich an der Seite von Mademoiselle Terese Golowski verfügt hatte und in
der ich sieben Reden über das allgemeine Wahlrecht anzuhören bemüssigt war Jeder
von den Rednern auch Terese war darunter sprach ungefähr so als gäbe es für
ihn persönlich nichts Wichtigeres als die Lösung dieser Frage und ich glaube
keiner von ihnen ahnte dass ihm in der Tiefe der Seele die ganze Frage ungeheuer
gleichgültig war Terese war natürlich sehr empört als ich ihr das eröffnete
und erklärte mir dass ich von dem vergiftenden Skeptizismus Nürnbergers
angesteckt sei mit dem ich überhaupt zu viel verkehre Sie ist sehr schlecht
auf ihn zu sprechen seit er sie vor einigen Wochen im Kaffeehaus gefragt hat
ob sie zu ihrem nächsten Hochverratsprozess hohe Frisur oder aufgesteckte Zöpfe
tragen werde Übrigens stimmt es dass ich mit Nürnberger viel zusammen bin In
schweren Stunden gibt es wohl keinen der einem mit mehr Güte entgegenkäme Nur
dass es manche Stunden gibt von deren Schwere er nichts ahnt oder nichts wissen
will Es gibt allerlei Schmerzen von denen ich fühle dass er sie unterschätzt
und von denen ihm gegenüber zu sprechen ich daher aufgehört habe«
»Was meint er denn« unterbrach ihn Anna
»Offenbar die Geschichte mit der Schauspielerin« erwiderte Georg und las
weiter »Dafür ist er wieder geneigt andere Schmerzen zu überschätzen aber das
ist wahrscheinlich meine Schuld nicht seine Ich muss es gestehen dem Verlust
den ich durch den Tod meines Vaters erlitt hat er eine Teilnahme
entgegengebracht die mich beschämt hat Denn so furchtbar es mich getroffen
hat wir waren einander so fremd geworden schon lange bevor der Wahnsinn über
ihn hereinbrach dass sein Tod mir gleichsam nur ein weiteres grauenhafteres
Entrücken bedeutete nicht eine neue Erfahrung«
»Nun« fragte Anna da Georg innehielt
»Mir fällt eben was ein«
»Was denn«
»Die Schwester von Nürnberger liegt auf dem Friedhof von Kadenabbia
begraben Ich hab dir ja von ihr erzählt Ich will dieser Tage einmal
hinüberfahren«
Anna nickte »Ich fahr vielleicht mit wenn mir ganz wohl ist Mir ist
Nürnberger nach allem was ich von ihm höre viel sympatischer als dein Freund
Heinrich dieser schauerliche Egoist«
»Du findest«
»Na höre wie er über seinen Vater schreibt das ist doch beinahe
unerträglich«
»Gott wenn man einander so fremd geworden ist wie die zwei«
»Trotzdem Auch meinen Eltern bin ich innerlich nicht gerade sehr nah Und
doch wenn ich nein nein ich will lieber gar nicht an solche Dinge
denken Willst du nicht weiter lesen«
Georg las »Es gibt ernstere Dinge als den Tod traurigere gewiss weil eben
diesen andern Dingen das Endgültige fehlt das im höheren Sinn das Traurige des
Todes wieder aufhebt Es gibt zum Beispiel lebendige Gespenster die auf der
Straße wandeln bei hellichtem Tag mit längst gestorbenen und doch sehenden
Augen Gespenster die sich zu einem hinsetzen und mit einer Menschenstimme
reden die viel ferner klingt als aus einem Grab heraus Und man könnte sagen
dass in Augenblicken da man dergleichen erlebt das Wesen des Todes sich viel
unheimlicher erschliesst als in solchen da man dabeisteht wie jemand in die
Erde gesenkt wird und wär er einem noch so nah gestanden«
Georg ließ den Brief unwillkürlich sinken und Anna sagte mit Bestimmtheit
»Du kannst ihn dir schon behalten deinen Freund Heinrich«
»Ja« erwiderte Georg langsam »er ist manchmal ein bisschen affektiert Und
doch o das ist ja schon das erste Läuten zum Lunch lesen wir rasch zu
Ende« »Aber nun muss ich Ihnen doch erzählen was sich gestern hier zugetragen
hat die peinlichste und lächerrlichste Geschichte die mir seit langem
vorgekommen ist und leider sind die Beteiligten unsere guten Bekannten
Ehrenberg Vater und Sohn«
»O« rief Anna unwillkürlich
Georg hatte die folgenden Zeilen rasch für sich durchgeflogen und schüttelte
den Kopf
»Was ist denn« fragte Anna
»Das ist doch höre nur« und er las weiter »Wie sehr sich das
Verhältnis zwischen dem Alten und Oskar im Lauf des letzten Jahres zugespitzt
hat wird Ihnen ja nicht entgangen sein Sie kennen ja auch die innern Gründe
so dass ich den Vorfall einfach berichten kann ohne mich über die Motive des
breitern auszulassen Denken Sie also Gestern zur Mittagszeit geht Oskar an der
Michaelerkirche vorüber und lüftet den Hut Sie wissen dass es zurzeit kaum eine
Eigenschaft gibt die für eleganter gilt als die Frömmigkeit Und so bedarf es
vielleicht nicht einmal einer weiteren Erklärung wie zB die dass eben ein paar
junge Aristokraten aus der Kirche gekommen sein mögen vor denen sich Oskar
katholisch gebärden wollte Weiß der Himmel wie oft er schon vorher sich dieser
Falschmeldung ungefährdet schuldig gemacht hat Das Unglück wollte nun gestern
dass im selben Moment der alte Ehrenberg des Wegs daherkommt Er sieht wie Oskar
vor dem Kirchentor den Hut abnimmt und von einer fassungslosen Wut
ergriffen holt er aus und haut seinem Sprössling eine Ohrfeige herunter Eine
Ohrfeige Oskar dem Reserveleutnant Mittag im Zentrum der Stadt Dass die
Geschichte noch am selben Abend in der ganzen Stadt bekannt wurde ist also
weiter nicht merkwürdig Heute steht sie auch schon in einigen Zeitungen zu
lesen Die jüdischen schweigen sie zwar tot von ein paar Klatschblättern
abgesehen die antisemitischen legen sich natürlich mächtig hinein Das beste
leistet der Christliche Volksbote der verlangt dass beide Ehrenbergs wegen
Religionsstörung oder gar Gotteslästerung vor die Geschworenen kommen Oskar
soll vorläufig abgereist sein unbekannt wohin«
»Nette Familie« sagte Anna mit Überzeugung
Wider Willen musste Georg lachen »Du an der Geschichte ist Else wirklich
vollkommen unschuldig«
Die Glocke tönte zum zweitenmal Sie begaben sich in den Speisesaal und
nahmen an ihrem kleinen Tisch am Fenster Platz wo immer für sie allein gedeckt
war An der langen Tafel in der Mitte des Saals saßen kaum ein Dutzend Gäste
meist Engländer und Franzosen auch ein nicht mehr ganz junger Mann der erst
seit zwei Tagen da war und den Georg für einen österreichischen Offizier in
Zivil hielt Im übrigen kümmerte er sich um ihn so wenig als um die andern
Georg hatte den Brief Heinrichs zu sich gesteckt Es fiel ihm ein dass er ihn
noch nicht zu Ende gelesen Beim schwarzen Kaffee nahm er ihn wieder vor und
überflog den Schluss
»Was schreibt er denn noch« fragte Anna
»Nichts Besonderes« antwortete Georg »Von Leuten die dich nicht besonders
interessieren dürften In seine Kaffeehausgesellschaft scheint er wieder hinein
geraten zu sein mehr als ihm lieb ist und mehr als er zugesteht offenbar«
»Er wird schon hineinpassen« sagte Anna beiläufig Georg lächelte
nachsichtig »Es ist immerhin ein komisches Volk«
»Was ist denn mit ihnen« fragte Anna
Georg hatte den Brief neben der Tasse liegen blickte hinein »Der kleine
Winternitz weißt du der im Winter einmal mir und Heinrich seine Gedichte
vorgelesen hat geht nach Berlin als Dramaturg eines neu gegründeten
Theaters Und Gleissner der uns einmal im Museum so angeglotzt hat «
»Ja der ekelhafte Kerl mit dem Monokel «
»Also der erklärt dass er das Schreiben überhaupt aufgibt um sich
ausschließlich dem Sport zu widmen «
»Dem Sport«
»Einem ganz eigenartigen Er spielt mit Menschenseelen«
»Wie«
»Hör nur« Er las »Jetzt behauptet dieser Hanswurst mit der Lösung
folgender zweier psychologischen Aufgaben zugleich beschäftigt zu sein die sich
in geistreicher Weise ergänzen Erstens ein junges unverdorbenes Geschöpf aufs
furchtbarste zu depravieren und zweitens eine Dirne zur Heiligen zu machen wie
er sich ausdrückt Er verspricht nicht zu ruhen ehe die erste in einem
Freudenhaus die zweite in einem Kloster endet«
»Eine nette Gesellschaft« bemerkte Anna und stand vom Tisch auf
»Wie klingt das alles hierher« sagte Georg und folgte ihr in den Park
Über den Wipfeln der Bäume ruhte sonnenschwer ein dunkelblauer Tag Eine Weile
standen sie an der niederen Balustrade die den Garten von der Straße schied
und sahen über den See zu den Bergen hin die hinter silbergrauen im Sonnenlicht
bebenden Schleiern dämmerten Dann spazierten sie tiefer in den Park wo die
Schatten kühler und dunkler waren und während sie Arm in Arm über den leise
knisternden Kies wandelten längs der hohen braunen efeubewachsenen Mauer über
die alte Häuser mit schmalen Fenstern hereinstarrten plauderten sie von den
Nachrichten die heute gekommen waren Und zum ersten Male stieg eine leichte
Sorge in ihnen auf bei dem Gedanken dass sie nun aus der freundlichen
Geborgenheit der Fremde so bald wieder nach Hause sollten wo selbst der Alltag
von geheimen Fährlichkeiten erfüllt schien Sie setzten sich unter die Platane
an den weiß lackierten Tisch Wie mit Absicht war dieser Platz immer für sie
freigehalten Nur gestern Nachmittag war der neu angekommene österreichische
Herr dagesessen hatte sich aber durch einen missbilligenden Blick Annas
fortgewiesen mit höflichem Gruß entfernt
Georg eilte aufs Zimmer und holte für Anna ein paar Bücher für sich einen
Band von GoetheGedichten und das Manuskript seines Quintetts Nun saßen sie
beide da lasen arbeiteten sahen zuweilen auf lächelten einander an sprachen
ein paar Worte guckten wieder ins Buch blickten über die Balustrade ins Freie
und fühlten den Frieden in ihren Seelen und den Sommer in der Luft Sie hörten
wie der Springbrunnen hinter dem Busch ganz nahe rauschte und dünne Tropfen auf
den Wasserspiegel fielen Manchmal knarrten die Räder eines Wagens jenseits der
hohen Mauer zuweilen tönten vom See her dünne ferne Pfiffe seltener noch
klangen Menschenstimmen von der Uferstrasse in den Garten herein Von Sonne
vollgetrunken drückte der Tag auf die Wipfel Später mit dem leisen Wind der
jeden Nachmittag vom See her wehte verstärkten und mehrten sich Laute und
Stimmen Die Wellen schlugen hörbar an den Strand Rufe der Schiffer tönten
herauf jenseits der Mauer klang Gesang junger Leute Vom Springbrunnen sprühten
winzige Tröpfchen her Der Hauch des nahen Abends weckte Menschen Land und
Wasser wieder auf
Schritte tönten auf dem Kies Terese schlank und weiß kam rasch die Allee
gegangen Georg stand auf ging ihr ein paar Schritte entgegen reichte ihr die
Hand Auch Anna wollte sich erheben Terese ließ es nicht zu umarmte sie gab
ihr einen Kuss auf die Wange und setzte sich zu ihr »Wie schön ist es da« rief
sie aus »Aber bin ich euch nicht zu früh gekommen«
»Was fällt dir ein ich freu mich ja so« erwiderte Anna
Terese betrachtete sie mit prüfendem Lächeln und ergriff ihre beiden Hände
»Na dein Aussehen ist beruhigend« sagte sie
»Es geht mir auch sehr gut« erwiderte Anna »Und dir wie es scheint nicht
minder« setzte sie mit freundlichem Spott hinzu
Georgs Augen ruhten auf Terese die wieder ganz weiß wie morgens diesmal
noch eleganter in englisches gesticktes Leinen gekleidet war und um den freien
Hals eine Schnur aus lichtrosa Korallen trug Während die beiden Frauen über den
sonderbaren Zufall ihres Wiedersehens sprachen erhob sich Georg um Aufträge
für das Diner zu erteilen Als er in den Garten wiederkehrte waren die beiden
andern nicht mehr da Er sah Terese auf dem Balkon den Rücken an das Geländer
gelehnt mit Anna reden die unsichtbar in der Tiefe des Zimmers weilen mochte
In guter Stimmung spazierte er in den Alleen hin und her ließ Melodien in sich
singen fühlte seine Jugend und sein Glück warf zuweilen einen Blick auf den
Balkon oder über die Balustrade auf die Straße und sah endlich Demeter Stanzides
herankommen Er ging ihm entgegen »Seien Sie willkommen« begrüßte er ihn am
Gartentor »Die Damen sind oben auf dem Zimmer werden aber bald erscheinen
Wollen Sie sich indessen ein bisschen den Park ansehen«
»Gern«
Sie spazierten miteinander weiter
»Haben Sie die Absicht länger in Lugano zu bleiben« fragte Georg
»Nein wir fahren morgen nach Bellaggio von dort an den Lago Maggiore
Isola bella Die ganze Herrlichkeit dauert ja nimmer lang In vierzehn Tagen
müssen wir wieder zu Hause sein«
»So kurzen Urlaub«
»Ach es ist nicht meinetwegen Aber Terese muss zurück Ich bin ein ganz
freier Mann Ich hab schon meinen Abschied im Sack«
»Sie wollen sich also ernstlich auf Ihr Gut zurückziehen«
»Mein Gut«
»Ja ich hab so was gehört bei Ehrenbergs«
»Aber ich hab doch das Gut noch gar nicht Steh allerdings in
Unterhandlungen«
»Und wo werden Sie sich ankaufen wenn ich fragen darf«
»Wo sich die Füchs gute Nacht sagen Es wird Ihnen wenigstens so vorkommen
An der ungarischkroatischen Grenze Ziemlich einsam und entlegen aber sehr
merkwürdig Ich hab eine gewisse Sympatie für die Gegend Jugenderinnerungen
Drei Leutnantsjahre Offenbar bild ich mir ein ich werde dort wieder jung
werden Na wer weiß«
»Eine schöne Besitzung«
»Nicht übel Vor zwei Monaten hab ich sie mir wieder angesehen Hab sie
nämlich schon aus früherer Zeit gekannt Dem Grafen Jaczewicz hat sie gehört
dazumal Zuletzt einem Fabrikanten Dem ist seine Frau gestorben Jetzt fühlt er
sich einsam da unten und wills los werden«
»Ich weiß nicht« sagte Georg »aber ich stell mir die Gegend ein bissel
melancholisch vor«
»Melancholisch Na mir scheint in einer gewissen Lebensepoche kriegt jede
Gegend ein melancholisches Ansehen« Und er blickte rings um sich wie um sich
einen neuen Beweis von der Wahrheit seiner Worte zu verschaffen
»In welcher Epoche«
»Na wenn man anfängt alt zu werden«
Georg lächelte Demeter erschien ihm so schön und trotz der grauen Haare an
den Schläfen noch jung »Wie alt sind Sie denn Herr Stanzides wenn ich fragen
darf«
»Siebenunddreissig Ich sag ja nicht alt sein sondern alt werden Die
Menschen reden meist erst vom Altwerden wenn sies schon lang sind«
Am Ende des Gartens dort wo er an die Mauer stieß setzten sie sich auf
eine Bank Von hier aus hatten sie das Hotel und die große Gartenterrasse im
Auge Die oberen Stockwerke mit den Balkons waren ihnen durch die Baumkronen
verborgen Georg bot Demeter eine Zigarette an und nahm sich selbst eine Und
beide schwiegen eine Weile
»Sie gehen übrigens auch von Wien fort hab ich gehört« sagte Demeter
»Ja das ist sehr wahrscheinlich wenn ich nämlich eine Stellung an
irgendeiner Opernbühne bekomme Na und ists heuer nicht so ists nächstes
Jahr«
Demeter saß mit übereinandergeschlagenen Beinen hielt das eine mit der Hand
beim Knöchel fest und nickte »Ja ja« sagte er und blies den Rauch langsam und
schmal durch die Lippen »Ein Talent zu haben ist schon was Schönes Da muss sich
auch das mit den Lebensepochen irgendwie anders verhalten Das ist eigentlich
auch das einzige um was ich einen Menschen beneiden könnte«
»Dazu haben Sie doch keinen Grund Überhaupt Leute mit Talent sind gar nicht
zu beneiden Höchstens Leute mit Genie Und die beneid ich wahrscheinlich noch
mehr als Sie es tun Aber ich finde Talente wie das Ihrige sind etwas viel
Absoluteres etwas viel Sichereres sozusagen Man ist halt gelegentlich nicht in
Form gut aber da leistet man wenn man überhaupt was kann noch immer sehr
Beträchtliches während unsereiner wenn er nicht in Form gleich ein
vollkommener Pfründner ist«
Demeter lachte »Ja aber es halt länger so ein künstlerisches Talent und
es bildet sich mit den Jahren sogar weiter aus Zum Beispiel der Beethoven Die
neunte Symphonie ist doch die allerschönste nicht wahr Na und der zweite Teil
Faust Während wir mit den Jahren unbedingt zurückgehen da hilft nichts
Selbst die Beetovens unter uns Und wie früh das schon anfangt Von ganz
seltenen Ausnahmen abgesehen Ich zum Beispiel war mit fünfundzwanzig auf der
Höhe Nie wieder hab ich das erreicht was ich mit fünfundzwanzig in mir gehabt
hab Ja lieber Baron das waren Zeiten«
»Na ich erinnere mich Sie vor zwei Jahren ein Rennen gewinnen gesehen zu
haben gegen Buzgo der damals Favorit war ich hab sogar auf ihn gewettet
gehabt «
»Lieber Baron« unterbrach ihn Stanzides »Glauben Sie mir ich weiß warum
ich aufgehört hab So was kann man nur selber spüren Und darum weiß eben keiner
so gut wann das Altwerden anfängt wie ein Sportsmann Da nützt auch alles
Weitertrainieren nicht Es wird nur eine künstliche Sache Und wenn Ihnen einer
erzählt dass es anders ist dann ist er einfach aber da kommen ja unsere
Damen«
Sie standen beide auf Arm in Arm näherten sich Terese und Anna die eine
ganz weiß die andre in einem schwarzen Kleid das in weiten Falten zur Erde
sinkend ihre Formen völlig verbarg Beim Springbrunnen begegneten sich die
Paare Demeter küsste Anna die Hand
»Das ist wirklich ein schöner Fleck Erde auf dem ich das Glück habe Sie
wieder zu begrüßen gnädige Frau«
»Es ist auch mir eine angenehme Überraschung« erwiderte Anna »ganz
abgesehen von der Gegend«
»Weißt du« sagte Georg zu Anna »dass die Herrschaften morgen schon wieder
abreisen«
»Ja Terese hats mir erzählt«
»Wir wollen uns doch möglichst viel ansehen« erklärte Demeter »Und meiner
Erinnerung nach sind die andern oberitalienischen Seen noch großartiger als der
hier«
»Von den andern weiß ich nichts« sagte Anna »Wir sind von da noch gar
nicht weggekommen«
»Nun vielleicht benützen Sie die Gelegenheit« sagte Demeter »und
schließen sich uns für einen kleinen Ausflug an Bellaggio Pallanza Isola
bella«
Anna schüttelte den Kopf »Es wäre wohl schön aber ich bin leider nicht
mobil genug Ja unglaublich faul bin ich Es gibt ganze Tage wo ich nicht aus
dem Park herauskomme Aber wenn Georg Lust hat mir auf ein bis zwei Tage zu
echappieren so habe ich gar nichts dagegen«
»Ich denke gar nicht dran dir zu echappieren« sagte Georg Er warf einen
raschen Blick auf Terese deren Augen leuchteten und lachten Sie bummelten
alle langsam durch den Garten während es allmählich dämmerte und plauderten
über die Orte die sie in der letzten Zeit gesehen hatten Als sie wieder an den
Tisch unter der Platane kamen war gedeckt und in den Glasglocken brannten die
Gartenlichter Eben brachte der Kellner den Kübel mit Asti Anna setzte sich auf
die Bank die an den Stamm der Platane gelehnt war ihr gegenüber saß Terese
zu ihren beiden Seiten Georg und Demeter
Das Essen wurde aufgetragen und der Wein eingeschenkt Georg erkundigte sich
nach den Wiener Bekannten Demeter erzählte dass Willy Eissler von der Reise ein
paar glänzende Karikaturen mitgebracht hatte sowohl von den Jägern als von den
Tieren Der alte Ehrenberg hätte die Bilder gekauft
»Wissen Sie übrigens schon« sagte Georg »die Geschichte mit Oskar«
»Welche Geschichte«
»Nun die Sache mit seinem Vater vor der Michaelerkirche« Er erinnerte
sich dass er schon vorher als die Damen noch nicht erschienen waren Demeter
die Geschichte hatte erzählen wollen dass er es aber für richtiger gefunden
hatte sie zu unterdrücken Nun war es wohl der Wein der ihm wider Willen die
Zunge löste Er berichtete in kurzen Worten was ihm Heinrich geschrieben hatte
»Das ist aber eine höchst traurige Geschichte« sagte Demeter sehr betreten
so dass auch alle andern sich plötzlich ernster werden fühlten
»Warum eine traurige Geschichte« fragte Terese »ich finde sie zum
totlachen«
»Liebe Terese du bedenkst nicht die Folgen die sie für den jungen
Menschen haben kann«
»Gott ich weiß ganz gut er wird halt in einem gewissen Kreis unmöglich
sein Das wird ihn höchstens zur Einsicht bringen was für ein dummer Kerl er
bisher gewesen ist«
»Na« sagte Georg »ob Oskar gerade zu den Leuten gehört die zur Einsicht
kommen ich glaub eigentlich nicht«
»Abgesehen davon liebe Terese« fügte Demeter hinzu »dass das was du
Einsicht nennst durchaus noch nicht die richtige zu sein braucht Alle
Menschengruppen haben ihre Vorurteile auch ihr seid nicht frei davon«
»Was haben wir für Vorurteile das möcht ich wissen« rief Terese Und sie
trank zornig ihren Wein aus »Wir wollen nur mit gewissen Vorurteilen aufräumen
besonders mit dem dass es privilegierte Kasten gibt die ihre besondere Ehre
«
»Bitte liebe Terese du bist hier in keiner Versammlung Und es ist zu
fürchten dass der Applaus am Schluss deiner Rede dünner ausfallen wird als dus
gewohnt bist«
»Also schau« wandte sich Terese zu Anna »das ist die Art wie ein
Kavallerieoffizier Diskussionen führt«
»Pardon« sagte Georg »diese ganze Geschichte hat doch mit Vorurteilen kaum
etwas zu tun Eine Ohrfeige auf offener Straße auch von der Hand des eigenen
Vaters ich glaube man muss da gar nicht Reserveoffizier oder Student sein
«
»Diese Ohrfeige« rief Terese »hat für mich geradezu etwas Befreiendes
Sie bildet den würdigen Abschluss einer lächerlichen und überflüssigen Existenz«
»Abschluss das wollen wir nicht hoffen« sagte Demeter
»Man schreibt mir« bemerkte Georg »dass Oskar abgereist ist unbekannt
wohin«
»Wenn mir einer in der Sache leid tut« sagte Terese »ist es jedenfalls
nur der Alte der bei seinem guten Herzen wahrscheinlich heute die
Unannehmlichkeiten schon bedauert die er seinem versnobten Sohn verursacht
hat«
»Gutes Herz« rief Demeter aus »ein Millionär ein Fabrikbesitzer Aber
Terese «
»Ja es kommt vor Das ist zufällig einer von jenen die in der Tiefe ihrer
Seele mit uns eines Sinnes sind Und an dem Abend Demeter an dem du das
Vergnügen gehabt hast mich zum erstenmal zu sehen weißt du warum ich damals
bei Ehrenbergs gewesen bin Und weißt du für welchen Zweck er mir damals
ohne weiteres tausend Gulden gegeben hat Für « sie biss sich auf die
Lippen »ich darfs ja nicht sagen das war die Bedingung«
Plötzlich erhob sich Demeter und verbeugte sich vor jemandem der eben
vorbeiging Es war der österreichische Herr der gestern angekommen war Er
lüftete den Hut und verschwand im Dunkel des Gartens
»Sie kennen den Mann« fragte Georg nach ein paar Sekunden »Mir ist auch
als kennte ich ihn wer ists denn nur«
»Der Prinz von Guastalla« sagte Demeter
»So« rief Terese unwillkürlich und ihre Augen bohrten sich ins Dunkel
»Was schaust du denn« sagte Demeter »Ein Mensch wie ein anderer«
»Er soll ja von Hof verbannt sein« sagte Georg »nicht wahr«
»Davon ist mir nichts bekannt« entgegnete Demeter »aber jedenfalls ist er
nicht gern gesehen Er hat neulich eine Broschüre herausgegeben über gewisse
Zustände in unserm Heer insbesondere über das Leben der Offiziere in den
Provinzen was ihm sehr übel genommen wurde obwohl in Wirklichkeit gar nichts
Böses darin steht«
»Da hätt er sich an mich wenden sollen« sagte Terese »ich hätt ihm auch
einiges mitteilen können«
»Liebes Kind« wehrte Demeter ab »das was du wahrscheinlich wieder meinst
ist doch ein Ausnahmefall da darf man nicht gleich verallgemeinern«
»Ich verallgemeinere nicht aber ein solcher Fall genügt um das ganze
System «
»Keine Rede Terese «
»Ich spreche von Leo« wandte sich Terese an Georg »Was der heuer
durchmacht das ist wirklich ungeheuerlich«
Georg erinnerte sich plötzlich wie einer vollkommen vergessenen und höchst
merkwürdigen Sache dass Terese Leos Schwester war Ob der wusste dass sie hier
und mit wem sie hier war
Demeter nagte etwas nervös an seinen Lippen
»Da ist nämlich ein antisemitischer Oberleutnant« sagte Terese »der ihn
auf eine besonders niederträchtige Art seckiert weil er spürt wie Leo ihn
verachtet«
Georg nickte Er wusste ja davon
»Liebes Kind« sagte Demeter »wie ich schon mehrere Male erwähnte mir
stimmt in der Sache etwas nicht Ich kenne zufällig den Oberleutnant Sefranek
und versichre dich es ist mit ihm auszukommen Er ist nicht besonders gescheit
und dass er für die Israeliten keine Vorliebe hat mag auch richtig sein aber
schließlich muss man doch sagen es gibt sogenannte antisemitische Schimpfwörter
die gar keine Bedeutung haben die von Juden meiner Erfahrung nach ebensoviel
angewendet werden wie von Christen Und dein Herr Bruder leidet da entschieden
an einer krankhaften Empfindlichkeit«
»Empfindlichkeit ist nie krankhaft« entgegnete Terese »Nur
Unempfindlichkeit ist eine Krankheit und zwar die widerwärtigste die ich kenne
Ich stimme bekanntlich mit meinem Bruder das wissen Sie am besten Georg in
meinen politischen Anschauungen so wenig überein als möglich mir sind jüdische
Bankiers geradeso zuwider wie feudale Grossgrundbesitzer und ortodoxe Rabbiner
geradeso zuwider wie katholische Pfaffen Aber wenn sich jemand über mich
erhaben fühlte weil er einer andern Konfession oder Rasse angehört als ich und
gar im Bewusstsein seiner Übermacht mich diese Erhabenheit fühlen ließe ich
würde so einen Menschen also ich weiß nicht was ich ihm täte Aber
jedenfalls würd ich den Leo begreifen wenn er bei der nächsten Gelegenheit
diesem Herrn Sefranek ins Gesicht springt«
»Mein liebes Kind« sagte Demeter »wenn du nur den geringsten Einfluss auf
deinen Bruder hast so solltest du diesen Gesichtssprung um jeden Preis zu
verhindern suchen Meiner Ansicht nach bleibt es doch bei einem solchen Fall das
beste den anständigen das heißt den vorschriftsmässigen Weg einzuschlagen Es
ist nämlich gar nicht wahr dass damit nichts erreicht wird die oberen Chargen
sind meistens ruhige jedenfalls korrekte Persönlichkeiten und «
»Aber das hat ja der Leo längst getan schon im Februar Er ist beim
Obersten gewesen der Oberst war sogar sehr nett zu ihm und hat wie aus
verschiedenen Anzeichen hervorgeht dem Oberleutnant sehr ins Gewissen geredet
nur dass es leider nicht das geringste genützt hat im Gegenteil Bei nächster
Gelegenheit hat der Oberleutnant seine Bosheiten erst recht wieder aufgenommen
und setzt sie mit einer raffinierten Konsequenz fort Ich versichere Sie Baron
von Tag zu Tag fürcht ich dass da irgendein Malheur geschieht«
Demeter schüttelte den Kopf »Wir leben in einer verrückten Zeit Ich
versichere Sie« wandte er sich an Georg »der Oberleutnant Sefranek ist so
wenig Antisemit als Sie und ich Er verkehrt in jüdischen Häusern ich weiß
sogar dass er mit einem jüdischen Regimentsarzt direkt intim war durch Jahre Es
ist wirklich wie wenn die Leute wahnsinnig wären«
»Da könntest du recht haben« meinte Terese
»Nun Leo ist so vernünftig« sagte Georg »so klug bei all seinem
Temperament dass ich überzeugt bin er wird sich zu keiner Dummheit hinreißen
lassen Schließlich weiß er doch in ein paar Monaten ist alles vorbei solang
macht mans halt durch«
»Wissen Sie übrigens Baron« sagte Terese während sie dem Beispiel der
Herren folgend aus einer Schachtel die der Kellner gebracht hatte eine
Zigarette nahm »Wissen Sie dass Leo von Ihren Kompositionen sehr entzückt war«
»Na entzückt« sagte Georg indem er Terese Feuer gab »davon hab ich
eigentlich nichts bemerkt«
»Also gefallen hat ihm einiges« schränkte Terese ein »das ist beinahe
schon soviel wie wenn ein anderer entzückt wäre«
»Haben Sie auch auf der Reise komponiert« fragte Demeter verbindlich
»Nichts als ein paar Lieder«
»Die werden wir wohl im Herbst zu hören bekommen« meinte Demeter
»Ach Gott reden wir nicht vom Herbst« sagte Terese »Bis dahin können wir
tot sein oder eingesperrt«
»Na das letztere wäre doch bei einigem guten Willen zu vermeiden« rief
Demeter
Terese zuckte die Achseln Georg saß nahe bei ihr und glaubte die Wärme
ihres Körpers zu fühlen Aus den Fenstern des Hotels glänzten Lichter und ein
langer rötlicher Streif fiel bis zu dem Tisch an dem die beiden Paare saßen
»Ich schlage vor« sagte Georg »dass wir den schönen Abend benützen um noch
am Ufer spazieren zu gehen«
»Oder Kahn zu fahren« rief Terese aus
Alle waren einverstanden Georg eilte rasch aufs Zimmer um Umhüllen zu
holen Als er wieder herunterkam fand er die andern bereit zum Fortgehen an der
Tür des Parks stehen Er half Anna in ihren hellgrauen Mantel hing Terese
seinen eigenen langen Überzieher um die Schultern und behielt einen
dunkelgrünen Plaid über dem Arm Sie gingen langsam durch die Allee bis zu der
Stelle wo Kähne verankert lagen Zwei Schiffer führten die Gesellschaft mit
raschen Ruderschlägen aus der Dunkelheit des Ufers in das schwärzlich glänzende
Wasser hinaus Unnatürlich riesenhaft ragten die Berge zum Himmel auf Die
Sterne waren nicht sehr zahlreich Kleine graublaue Wölkchen hingen in der
Luft Die Ruderer saßen auf zwei quergelegten Brettern in der Mitte des Kahns
auf schmalen Bänken einander gegenüber die beiden Paare Georg und Anna
Demeter und Terese Alle waren zuerst ganz schweigsam Erst nach einigen
Minuten unterbrach Georg die Stille Er nannte den Namen des Berges der den See
nach Süden abschloss machte auf ein Dorf aufmerksam das wie in unendlicher
Entfernung an einer Felsenlehne ruhte und doch in einer Viertelstunde zu
erreichen wäre erkannte das weiße leuchtende Haus auf der Höhe über Lugano als
das Hotel in dem Demeter und Terese wohnten und erzählte von einem
Spaziergang den er neulich unternommen zwischen besonnten Weinbergen weit ins
Land hinein
Anna hielt unter dem Plaid während er sprach seine Hand gefasst Demeter
und Terese saßen ernst und korrekt nebeneinander gar nicht wie Liebesleute
die einander erst vor kurzem gefunden haben Nun erst gewann Georg für Terese
allmählich seine Neigung zurück die während ihres lauten heftigen Redens
beinahe geschwunden war
Wie lang wird diese Geschichte mit Demeter währen dachte er Wird sie zu
Ende sein wenn der Herbst da ist oder wird sie am Ende so lange oder länger
dauern als meine mit Anna Wird diese Fahrt auf dem dunkeln See auch einmal
eine Erinnerung an vollkommen Entschwundenes sein so wie die Fahrt auf dem
Veldeser See mit dem Bauernmädel die mir jetzt seit Jahren zum erstenmal wieder
einfällt wie die Reise mit Grace übers Meer Wie seltsam Anna hält meine
Hand ich drücke sie und wer weiß ob sie nicht in diesem Augenblick ganz
ähnliches in Hinsicht auf Demeter empfindet wie ich in Hinsicht auf Terese
Nein doch nicht sie trägt ein Kind unter ihrem Herzen das sich sogar schon
regt Deswegen ach Gott Auch mein Kind ist es ja Nun fährt unser
Kind auf dem See von Lugano spazieren Werd ich es ihm einmal erzählen
dass es vor seiner Geburt auf dem See von Lugano herumgefahren ist Wie wird
das alles nun werden In wenigen Tagen ist man wieder in Wien Existiert denn
dieses Wien überhaupt Es ersteht erst langsam wieder während wir zurückfahren
Ja so ist es Sobald ich zu Hause bin wird ernstlich gearbeitet Ich
werde ruhig in meiner Wiener Wohnung bleiben und Anna immer nur besuchen nicht
mit ihr auf dem Lande wohnen höchstens in den allerletzten Tagen Und im
Herbst ich in Detmold Und wo wird Anna sein Und das Kind Bei fremden Menschen
irgendwo auf dem Land Wie unwahrscheinlich ist das alles Aber es war
auch heute vor einem Jahr sehr unwahrscheinlich dass ich mit Fräulein Anna
Rosner und Stanzides mit Fräulein Terese Golowski auf dem See von Lugano
spazieren fahren würde und jetzt ist es die selbstverständlichste Sache von
der Welt Mit einem Male hörte er neben sich überdeutlich als wenn er eben
erwachte Demeters Stimme »Wann geht unser Schiff morgen ab«
»Um neun Uhr früh« erwiderte Terese
»Sie ist nämlich der Reisemarschall« sagte Demeter »ich brauche mich um
gar nichts zu kümmern«
Nun stand mit einemmal der Mond über dem See
Es war wie wenn er hinter den Bergen gewartet hätte und nun zum Abschied
aufgestiegen käme Ganz weiß und nahe lag plötzlich jenes unendlich ferne Dorf
an der Berglehne Der Kahn legte an Terese erhob sich und sah von der Nacht
umgeben auffallend groß aus Georg sprang aus dem Kahn und half ihr beim
Aussteigen Er spürte ihre kühlen Finger die nicht zitterten sondern sich wie
mit Absicht leise bewegten in seiner Hand und fühlte den Hauch ihrer Lippen
nah Nach ihr stieg Demeter aus dann kam Anna schwerfällig und müd Die
Schiffer dankten für das reichliche Trinkgeld und die beiden Paare spazierten
heimwärts Auf einer Bank in der Uferallee in einem langen dunkeln Mantel saß
der Prinz rauchte eine Zigarre schien auf den nächtlichen See hinauszusehen
und wandte den Kopf offenbar um nicht gegrüßt zu werden
»So einer könnte einem manches erzählen« sagte Terese zu Georg mit dem
sie immer weiter zurückblieb während Demeter und Anna vor ihnen gingen
»So bald also fahren Sie schon nach Wien« fragte Georg
»In vierzehn Tagen finden Sie das so bald Jedenfalls werden Sie vor uns
daheim sein nicht«
»Ja in ein paar Tagen reisen wir Es lässt sich nicht länger verschieben
Auch werden wir einigemale unterbrechen müssen Anna verträgt das Fahren nicht
gut«
»Wissen Sie denn schon dass ich noch gerade vor meiner Abreise die Villa für
Anna gefunden habe« sagte Terese
»Wirklich Sie Haben Sie denn auch gesucht«
»Ja ich hab meine Mutter ein paarmal aufs Land begleitet Es ist ein
kleines ziemlich altes Haus in Salmansdorf mit einem schönen Garten der
direkt auf Wiese und Wald hinausführt und der Vorgarten ist ganz verwachsen
Anna wird Ihnen schon mehr erzählen Ich glaub es ist das letzte Haus im Ort
dann kommt noch ein Gasthof aber ziemlich weit davon«
»Sollt ich dieses Haus auf meinen Entdeckungsreisen im Frühjahr übersehen
haben«
»Offenbar sonst hätten Sie es gemietet Auf einem Rasenplatz nah am
Gartenzaun steht eine kleine Figur aus Ton«
»Kann mich nicht erinnern Aber wissen Sie Terese es ist wirklich nett
dass Sie sich auch für uns bemüht haben Mehr als nett« Bei Ihrer aufreibenden
Tätigkeit wollte er hinzusetzen unterdrückte es aber
»Warum wundern Sie sich« fragte Terese »Ich habe Anna sehr gern«
»Wissen Sie was ich einmal über Sie habe sagen hören« bemerkte Georg nach
einer kleinen Pause
»Nun was«
»Dass Sie entweder auf dem Schafott enden werden oder als Prinzessin«
»Das ist ein Ausspruch vom Doktor Bertold Stauber er hat es mir selbst
auch einmal gesagt Er ist sehr stolz darauf aber es ist doch ein Unsinn«
»Jetzt stehen die Chancen allerdings mehr auf der Prinzessinnenseite«
»Wer sagt Ihnen das Der Prinzessinnentraum ist bald zu Ende«
»Traum«
»Ja ich fange sogar schon an zu erwachen Es ist ungefähr wie wenn
Morgenluft ins Schlafzimmer hereinwehte«
»Und dann fängt wohl der andere Traum an«
»Wieso der andre Traum«
»Ich stell mir das so bei Ihnen vor Wenn Sie wieder in der Öffentlichkeit
stehen Reden halten sich für irgendeine Sache opfern dann kommt Ihnen in
irgendeinem Moment wieder das wie ein Traum vor nicht Und Sie denken das
wahre Leben das ist wo anders«
»Das ist nicht einmal so dumm was Sie da sagen«
In diesem Augenblick wandten sich Demeter und Anna die schon am Gartentor
standen nach den beiden um und nahmen gleich die breite Allee zum Eingang des
Hotels Auch Georg und Terese gingen weiter ungesehen außerhalb des Gitters
im finstersten Schlagschatten Plötzlich ergriff Georg die Hand seiner
Begleiterin Diese wandte wie erstaunt sich zu ihm und beide standen sich nun
gegenüber von Dunkel umhüllt und näher als sie verstehen konnten Sie wussten
nicht wie sie wollten es kaum und ihre Lippen ruhten aufeinander einen
kurzen Augenblick der mehr erfüllt war von der wehen Lust der Lüge als von
irgend einer andern Dann gingen sie weiter schweigend unbeglückt verlangend
und durchschritten das Gartentor
Die beiden andern vor dem Hotel wandten sich jetzt um und gingen ihnen
entgegen Rasch sagte Terese zu Georg »Selbstverständlich fahren Sie nicht mit
uns« Georg nickte leicht Nun standen alle in der breiten ruhigen Helle der
Bogenlampen
»Es war ein wunderschöner Abend« sagte Demeter und küsste Anna die Hand
»Also auf Wiedersehen in Wien« sagte Terese und umarmte Anna
Demeter wandte sich zu Georg »Ich hoffe wir sehen uns morgen früh auf dem
Schiff«
»Es wäre möglich aber ich will nichts versprechen«
»Adieu« sagte Terese und reichte Georg die Hand
Dann wandte sie sich mit Demeter zum Gehen
»Wirst du mit ihnen fahren« fragte Anna während sie durchs Tor in die
Halle gingen wo Herren und Damen saßen rauchten tranken plauderten
»Was fällt dir ein« erwiderte Georg »ich denke nicht dran«
»Herr Baron« rief plötzlich jemand hinter ihm Es war der Portier der ein
Telegramm in der Hand hielt
»Was ist denn das« fragte Georg etwas erschrocken und öffnete rasch »O«
rief er aus »wie entsetzlich«
»Was ist denn« fragte Anna
Er las ihr vor während sie in das Blatt schaute »Oskar Ehrenberg hat heute
früh im Wald bei Neuhaus einen Selbstmordversuch verübt Schuss in die Schläfe
wenig Hoffnung sein Leben zu erhalten Heinrich« Anna schüttelte den Kopf
Schweigend gingen sie die Treppen hinauf und ins Zimmer das Anna bewohnte Die
Balkontür war weit geöffnet Georg trat ins Freie Aus der Dunkelheit heraus
drang ein schwerer Duft von Magnolien und Rosen Vom See war nichts zu sehen
Wie aus einem Abgrund gewachsen ragten die Berge Anna trat zu Georg Er legte
seinen Arm um ihre Schulter und liebte sie sehr Es war wie wenn das ernste
Geschehnis von dem er eben Kunde erhalten seinen eigenen Erlebnissen das
Gefühl ihrer wahren Bedeutung aufgezwungen hätte Er wusste wieder dass es nichts
Wichtigeres für ihn auf der Welt gab als das Wohl dieser geliebten Frau die
mit ihm auf dem Balkon stand und ihm ein Kind gebären sollte
Sechstes Kapitel
Als Georg aus dem kühlen Stadtrestaurant in dem er seit einigen Wochen mittags
zu speisen pflegte auf das sommerheisse Pflaster trat und den Weg nach Heinrichs
Wohnung einschlug war sein Entschluss gefasst die Reise ins Gebirge schon in den
nächsten Tagen anzutreten Anna war ja darauf vorbereitet hatte ihm sogar
selbst zugeredet auf ein paar Tage wegzufahren seit sie fühlte dass die
eintönige Lebensweise der letzten Zeit ihm Langeweile und innere Unruhe zu
verursachen begann
Vor sechs Wochen an einem lauen Regenabend waren sie nach Wien
zurückgekehrt und Georg hatte Anna geradenwegs von der Bahn in die Villa
gebracht wo in einem großen aber ziemlich leeren Zimmer mit schadhaften
gelblichen Tapeten beim trüben Schein einer Hängelampe Annas Mutter und Frau
Golowski die Verspäteten seit zwei Stunden erwarteten Die Tür auf der
Gartenveranda stand offen draußen fiel der Regen klatschend auf den Holzboden
und der laue Duft befeuchteter Blätter und Gräser zog herein Beim Schein einer
Kerze die Frau Golowski vorantrug besichtigte Georg die Räumlichkeiten des
Hauses während Anna abgespannt in der Ecke des großen mit geblümtem Kattun
überzogenen Sofas lehnte und auf die Fragen der Mutter nur müde zu antworten
vermochte Bald hatte Georg von Anna gerührt und erleichtert Abschied genommen
war mit ihrer Mutter in den Wagen gestiegen der draußen wartete und während
sie über aufgeweichte Straßen in die Stadt fuhren hatte er der befangenen Frau
mit gekünstelter Beflissenheit die gleichgültigen Erlebnisse der letzten
Reisetage berichtet Eine Stunde nach Mitternacht war er zu Hause verzichtete
darauf Felician zu wecken der schon schlief und streckte sich im
langentbehrten eignen Bett mit ungeahnter Wonne nach so vielen Nächten zum
ersten Heimatschlummer aus
Seiter war er beinahe jeden Tag zu Anna aufs Land hinaus gefahren Wenn es
ihn nicht zu kleinen Umwegen über die Sommerfrischen der Umgebung lockte konnte
er zu Rad leicht in einer Stunde bei ihr sein Öfters aber nahm er die
Pferdebahn und spazierte dann durch die kleinen Ortschaften bis zu dem niederen
grün gestrichenen Staketzaun hinter dem im schmalen leicht ansteigenden
Garten das bescheidene Landhaus mit dem dreieckigen Holzgiebel stand Nicht
selten wählte er einen Weg der sich oberhalb des Dorfes zwischen Gärten und
Wiesen hinzog und stieg dann gerne den grünen Hang aufwärts bis zu einer Bank
am Waldesrand von wo der Blick auf die kleine im schmalen Talgrund länglich
hingebreitete Ortschaft freilag Er sah von hier gerade auf das Dach unter dem
Anna wohnte ließ seine milde Sehnsucht nach der Geliebten der er so nahe war
mit Willen allmählich lebhafter werden bis er hinabeilte die kleine Türe
aufschloss und über den Kies mitten durch den Garten zum Haus hinunterschritt
Oft in schwüleren Nachmittagsstunden wenn Anna noch schlief setzte er sich in
der gedeckten Holzveranda die längs der Rückseite des Hauses hinlief auf einen
bequemen mit geblümtem Kattun überzogenen Lehnstuhl nahm ein mitgenommenes
Buch aus der Tasche und las Dann in einfachsauberm dunkeln Kleid trat aus
dem dämmrigen Innenraum Frau Golowski und stattete mit leiser etwas wehmütiger
Stimme einen Zug mütterlicher Güte um den Mund von Annas Befinden Bericht ab
insbesondere ob sie mit Appetit gegessen hatte und ob sie fleißig im Garten auf
und ab gegangen war Wenn sie geendet hatte sie immer in Küche oder Haus etwas
Notwendiges zu besorgen und verschwand Dann während Georg weiterlas kam wohl
auch eine trächtige Bernhardinerhündin herbei die Leuten in der Nachbarschaft
gehörte begrüßte Georg mit tränenvollernsten Augen ließ sich von ihm das
kurzhaarige Fell streicheln und streckte sich dankbar zu seinen Füßen hin
Später wenn ein gewisser strenger dem Tiere wohlbekannter Pfiff ertönte
erhob es sich mit der Schwerfälligkeit seines Zustands schien sich durch einen
schwermütigen Blick zu entschuldigen dass es nicht länger bleiben durfte und
schlich davon Im Garten daneben lachten und lärmten Kinder ein und das
andermal hüpfte ein Gummiball herüber an der niederen Hecke erschien ein blasses
Kindermädchen und bat schüchtern man möge ihn wieder zurückschleudern Endlich
wenn es kühler wurde zeigte sich am Fenster das auf die Veranda ging Annas
Antlitz ihre stillen blauen Augen grüßten Georg und bald in leichtem hellen
Hauskleid trat sie selbst heraus Nun spazierten sie im Garten auf und ab längs
der abgeblühten Fliederbüsche und treibender Johannisbeerstauden meist auf der
linken Seite an die die freie Wiese grenzte und ruhten sich auf der weißen
Bank nah dem oberen Gartenende unter dem Birnbaum aus Erst wenn das Abendessen
aufgetragen wurde erschien Frau Golowski wieder nahm bescheiden ihren Platz am
Tische ein und erzählte auf Befragen allerlei von den Ihrigen von Terese die
nun in die Redaktion eines sozialistischen Blattes eingetreten war von Leo der
dienstlich jetzt weniger beschäftigt als früher mathematischen Studien emsig
oblag und von ihrem Gatten dem sich während er in einer rauchigen
Kaffeehausecke den Schachkämpfen unermüdlicher Spieler mit Hingebung zuschaute
immer neue Hoffnungen regelmäßigen Erwerbs eröffneten und gleich wieder
verschlossen Nur selten kam Frau Rosner zu Besuch und entfernte sich meist bald
nach Georgs Erscheinen Einmal an einem Sonntagnachmittag war auch der Vater
hier gewesen und hatte mit Georg eine Unterhaltung über Wetter und Landschaft
geführt als wäre man einander zufällig bei einer leidenden Bekannten begegnet
Nur den Eltern zulieb hielt sich Anna in der Villa völlig zurückgezogen Denn
sie selbst zu völliger Unbefangenheit gereift fühlte sich nicht anders als
wäre sie Georgs angetraute Gattin und als jener kürzlich der eintönigen Abende
müde um Erlaubnis gebeten gelegentlich Heinrich mit herauszubringen hatte sie
sich zu Georgs angenehmer Überraschung ohne weiteres damit einverstanden
erklärt
Heinrich war der einzige von Georgs nähern Bekannten der sich in diesen
drückenden Julitagen noch in der Stadt aufhielt Felician der sich nach des
Bruders Heimkehr wie in neuerwachter Jugendfreundschaft ihm angeschlossen
hatte weilte nach bestandener Diplomatenprüfung mit Ralph Skelton an der
Nordsee Else Ehrenberg die Georg bald nach seiner Rückkunft im Sanatorium am
Krankenbett ihres Bruders einmal gesprochen hatte war mit ihrer Mutter längst
wieder im Auhof am See Auch Oskar den sein unglücklicher Selbstmordversuch das
rechte Auge gekostet aber wie es hieß die Leutnantscharge gerettet hatte war
von Wien abgereist die schwarze Binde über dem erblindeten Auge Demeter
Stanzides Willy Eissler Guido Schönstein Breitner alle waren sie fort und
sogar Nürnberger der so feierlich erklärt hatte auch dieses Jahr die Stadt
nicht verlassen zu wollen war mit einemmal verschwunden
Ihn hatte Georg nach seiner Rückkehr vor allen andern besucht um ihm Blumen
vom Grab der Schwester aus Kadenabbia zu überbringen Auf der Reise hatte er
endlich den Roman Nürnbergers gelesen der in einer nun halbvergangenen Zeit
spielte derselben wie es Georg schien von der der alte Doktor Stauber einmal
zu ihm gesprochen hatte Über jener lügendumpfen Welt in der erwachsene
Menschen für reif altgewordene für erfahren und Leute die sich gegen kein
geschriebenes Gesetz vergingen als rechtlich in der Freiheitsliebe Humanität
und Patriotismus schlechtweg als Tugenden galten auch wenn sie dem faulen Boden
der Gedankenlosigkeit oder der Feigheit entsprosst waren hatte Nürnberger
grimmige Leuchten angezündet und zum Helden seines Buches hatte er einen
tätigen und braven Mann gewählt der von den wohlfeilen Phrasen der Epoche
emporgetragen auf der Höhe Überblick und Einsicht gewann und in der Erkenntnis
seines schwindelnden Aufstiegs von Grauen erfasst in das Leere hinabstürzte aus
dem er gekommen war Dass einer der dies starke und rings widerhallende Werk
geschaffen später nur mehr wie in lässig höhnischen Randbemerkungen zum Gang
der Zeit sich hatte vernehmen lassen wunderte Georg sehr und erst ein Wort
Heinrichs dass wohl dem Zorne nicht aber dem Ekel Fruchtbarkeit beschieden sei
ließ ihn verstehen warum Nürnbergers Werk für immer abgeschlossen war Die
einsame dunkelblaue Spätnachmittagsstunde auf dem Friedhof von Kadenabbia hatte
sich Georg so seltsam tief eingeprägt als wäre ihm das Wesen an dessen Grab er
gestanden bekannt ja wert gewesen Es hatte ihn ergriffen dass die goldenen
Buchstaben auf dem grauen Stein matt geworden und die Beete im Rasen von Unkraut
durchwuchert waren und nachdem er ein paar gelbblaue Stiefmütterchen für den
Freund gepflückt hatte war er mit bewegtem Herzen geschieden Jenseits des
Friedhoftors warf er einen Blick durch das offene Fenster der Totenkammer und
sah im Dämmer zwischen hohen brennenden Kerzen von schwarzem Tuch bis über
die Lippen bedeckt eine Frauensperson aufgebahrt über deren schmalem
Wachsgesicht die Lichter der Kerzen und des Tags ineinanderrannen
Nürnberger war von der teilnehmenden Aufmerksamkeit Georgs nicht ungerührt
geblieben und sie sprachen an diesem Tage vertrauter miteinander als je zuvor
Das Haus in dem Nürnberger lebte stand in einer engen düstern Gasse die
aus der innern Stadt treppenweise gegen die Donau zu führte war uralt schmal
und hoch Die Wohnung Nürnbergers befand sich im obersten fünften Stockwerk
wohin man über eine vielfach gewundene Treppe gelangte In dem niedrigen aber
geräumigen Zimmer in das Georg aus einem dunkeln Vorraum trat standen alte
aber wohlgehaltene Möbel und aus dem Alkoven in der Tiefe vor dem ein
mattgrüner Vorhang herabgelassen war drang ein Duft von Kampfer und Lavendel
Jugendbildnisse von Nürnbergers Eltern hingen an der Wand und bräunliche Stiche
von Landschaften nach holländischen Meistern Auf der Kommode in
holzgeschnjetzten Rahmen standen allerlei alte Photographien und aus einer
Schreibtischlade unter vergilbten Briefen suchte Nürnberger ein Bildnis der
verstorbenen Schwester hervor das sie als achtzehnjähriges Mädchen zeigte in
einer wie historisch anmutenden Kindertracht einen Ball in der Hand vor einem
Zaune stehend hinter dem eine Felsenlandschaft sich türmte All diese
Unbekannten Entfernte und Verstorbene stellte Nürnberger dem Freunde heute im
Bilde vor und sprach von ihnen in einem Tone der den Zeitraum zwischen einst
und jetzt zu verbreitern und vertiefen schien
Georgs Blick schweifte manchmal hinaus über die enge Gasse zu dem grauen
Mauerwerk uralter Häuser Er sah schmale verstaubte Scheiben mit allerlei
Hausrat dahinter auf einem Fensterbrett standen Blumentöpfe mit ärmlichen
Pflanzen zwischen zwei Häusern in einer Rinne lagen Flaschenscherben
zerbrochene Tongefässe Papierfetzen vermodertes Pflanzenwerk Ein verwittertes
Rohr lief zwischen all dem Zeug hin und verlor sich hinter einem Rauchfang
Andere Rauchfänge zeigten sich links und rechts die Rückseite eines gelblichen
Steingiebels war sichtbar zum blassblauen Himmel ragten Türme auf und
unerwartet nah in lichtem Grau mit durchbrochener Steinkuppel erschien einer
der Georg wohlbekannt war Unwillkürlich suchte sein Blick die Richtung wo er
das Haus vermuten durfte an dessen Eingang die zwei steinernen Riesen auf
gewaltigen Armen das Adelswappen eines versunkenen Geschlechts trugen und in
dem sein Kind gezeugt worden war das in wenig Wochen zur Welt kommen sollte
Georg erzählte von seiner Reise und in der Stimmung dieser Stunde wäre er
sich kleinlich erschienen wenn er es bei halben Wahrheiten hätte bewenden
lassen Nürnberger aber hatte auch die ganze längst gewusst und als Georg sich
darüber ein wenig erstaunt zeigte lächelte er spöttisch »Erinnern Sie sich
nicht mehr« fragte er »jenes Vormittags an dem wir uns in Grinzing eine
Sommerwohnung angesehen haben«
»Gewiss«
»Und erinnern Sie sich auch dass uns in Garten und Haus eine Frau mit einem
kleinen Kind auf dem Arm herumgeführt hat«
»Ja«
»Bevor wir weggingen hat das Kind die Arme nach Ihnen ausgestreckt und Sie
haben es mit einem ziemlich gerührten Blick betrachtet«
»Und daraus haben Sie geschlossen dass ich «
»Ach Sie sind nicht der Mensch über den Anblick kleiner und überdies etwas
ungewaschener Kinder in Rührung zu geraten wenn sich nicht Ideenverbindungen
persönlicher Art daran knüpfen«
»Vor Ihnen muss man sich in acht nehmen« sagte Georg scherzend aber nicht
ohne einiges Unbehagen
Die leichte Gereiztheit die er Nürnbergers Überlegenheit gegenüber immer
wieder empfand hielt ihn durchaus nicht ab den Verkehr mit ihm weiter zu
pflegen Manchmal holte er ihn vom Hause ab um mit ihm in Straßen und Gärten
umher zu spazieren und wie eine Genugtuung ja wie einen persönlichen Sieg
empfand er es wenn es ihm gelang ihn aus den luftdünnen Regionen bitterer
Weisheit in die sanftern Gefilde herzlicher Unterhaltung hinabzuziehen Die
Spaziergänge mit ihm waren Georg zu einer so angenehmen Gewohnheit geworden dass
er es wie eine Verarmung seiner Tage empfand als er eines Morgens die Wohnung
Nürnbergers verschlossen fand Tags darauf kam eine entschuldigende
Abschiedskarte aus Salzburg von einem Ehepaar mit unterzeichnet einem
Fabrikanten und dessen Frau liebenswürdigen heiteren Leuten die Georg einmal
durch Nürnberger flüchtig auf dem Graben kennen gelernt hatte Nach Heinrichs
boshafter Darstellung war der gemeinsame Freund von diesem Ehepaar nach
verzweifelter Gegenwehr natürlich die Stiege hinuntergeschleppt in einen Wagen
gesetzt und gewissermaßen als Gefangener auf die Bahn transportiert worden Wie
Heinrich behauptete hatte Nürnberger einige Bekannte dieser harmlosen Art die
das Bedürfnis empfanden sich von dem berühmten Spötter in den wohlschmeckenden
Trank des Daseins einige Tropfen Bosheit träufeln zu lassen so wie Nürnberger
seinerseits sich in ihrer bequemen Gesellschaft von den anstrengenden Bekannten
aus Literaten und Psychologenkreisen zu erholen liebte
Das Wiedersehen mit Heinrich hatte für Georg eine Enttäuschung bedeutet Der
Dichter nach den ersten Begrüssungsworten hatte wie gewöhnlich nur von sich
geredet und zwar in den Tönen tiefster Selbstverachtung Er war endlich darauf
gekommen dass er eigentlich kein Talent besäße sondern nur Verstand den
allerdings in enormem Masse Was er aber an sich am heftigsten verdammte das
waren die Disharmonien seines Wesens unter denen wie er wohl wusste nicht nur
er zu leiden hatte sondern alle die in seine Nähe gerieten Er war herzlos und
sentimental leichtfertig und schwerblütig empfindlich und rücksichtslos
unverträglich und doch auf Menschen angewiesen zuzeiten wenigstens Ein
Subjekt mit solchen Eigenschaften konnte nun seine Daseinsberechtigung nur durch
eine ungeheure Leistung erweisen und wenn das Meisterwerk zu dem er
verpflichtet war nicht bald sehr bald in die Erscheinung träte so war er als
anständiger Mensch verpflichtet sich totzuschiessen Aber er war kein anständiger
Mensch daran lag es eben Georg dachte Natürlich wirst du dich nicht
totschiessen hauptsächlich weil du zu feig dazu bist Er sprach das natürlich
nicht aus war vielmehr sehr liebenswürdig redete von Stimmungen denen
schließlich jeder Künstler unterworfen sei und erkundigte sich freundlich nach
den äußern Umständen in Heinrichs Leben Da zeigte sich bald dass es mit ihm gar
nicht so schlimm bestellt war Er führte sogar wie es Georg scheinen wollte
ein sorgenloseres Leben als je zuvor Durch eine kleine Erbschaft war die
Existenz von Mutter und Schwester für die nächsten Jahre gesichert trotz aller
Feindseligkeiten die gegen ihn am Werke waren wuchs der Ruf seines Namens von
Tag zu Tag die klägliche Geschichte mit der Schauspielerin schien endgültig
vorbei und eine ganz neue erwünscht leichte Beziehung zu einer jungen Dame
brachte sogar einige Heiterkeit in sein Dasein Auch die Arbeit ging gut
vonstatten Der erste Akt des Operntextes war so gut wie fertig und für die
politische Komödie vieles aufgezeichnet Er hatte die Absicht im nächsten Jahre
Parlamentssitzungen zu besuchen Versammlungen mitzumachen spielte mit dem
eingestandenermassen kindischphantastischen Plan sich als sozialdemokratischer
Genosse aufzuspielen bei den Führer Anschluss zu suchen und sich wenn es
anging sogar als tätiges Mitglied in irgendeiner Organisation aufnehmen zu
lassen nur um im Getriebe einer Partei vollkommen Bescheid zu wissen Ah wenn
er mit einem Menschen nur einmal fünf Minuten lang sprach so hatte er ihn ja
ganz Irgendein Wort dessen Bedeutung ein anderer gar nicht merkte riss für ihn
wie ein Sturmwind die Schleier von den Seelen Sein Traum war es in der
Operndichtung sich als Meister des Phantastischen in der Komödie des
realistischen Moments zu zeigen und so der Welt zu beweisen dass er im Himmel
und auf Erden gleichermassen zu Hause wäre Bei einer späteren Zusammenkunft ließ
Georg sich vorlesen was vom ersten Akt der Oper vollendet war er fand die
Verse sehr sangbar und bat Heinrich um die Erlaubnis das Manuskript Anna
mitzubringen Diese konnte dem was Georg ihr vortrug nicht viel Geschmack
abgewinnen er aber ohne rechte Überzeugung behauptete dass sie eben gleichsam
die Sehnsucht dieser Verse nach Vertonung spüre was sie notwendig als Mangel
empfinden müsse
Als Georg heute zu Heinrich ins Zimmer trat saß dieser an dem großen Tisch
in der Mitte des Zimmers der mit Blättern und Briefen überdeckt war Auch auf
dem Pianino und auf dem Diwan lagen beschriebene Papiere aller Art Ein
vergilbtes Blatt hielt Heinrich noch in der Hand als er aufstand und Georg mit
den Worten begrüßte »Nun wie gehts auf dem Land« Dies war die Art in der er
sich nach Annas Befinden zu erkundigen pflegte und die Georg jedesmal von neuem
als zu intim empfand »Danke sehr gut« erwiderte er »Ich komme Sie übrigens
fragen ob Sie heute vielleicht mit mir hinauskommen wollen«
»O ja sehr gern Die Sache ist nur die dass ich da eben im Ordnen
verschiedener Papiere begriffen bin Ich könnte erst abends kommen so gegen
sieben Ist es Ihnen recht«
»Gewiss« sagte Georg »Aber ich störe Sie wie ich sehe« setzte er hinzu
indem er auf den übersäten Tisch wies
»Durchaus nicht« erwiderte Heinrich »ich ordne ja nur wie ich Ihnen eben
sagte Es ist der schriftliche Nachlass meines Vaters Das da sind Briefe an ihn
Und hier tagebuchartige Aufzeichnungen hauptsächlich aus seiner
parlamentarischen Zeit Ergreifend sag ich Ihnen Wie hat dieser Mann sein
Vaterland geliebt Und wie hat mans ihm gedankt Sie haben keine Ahnung in
welcher raffinierten Weise man ihn aus seiner Partei hinausgedrängt hat Ein
verwirrendes Ineinanderspiel von Tücke Beschränktheit Brutalität echt
deutsch mit einem Wort«
Georg lehnte sich auf Und er wagt es dachte er sich über den
Antisemitismus aufzuhalten Ist er besser Gerechter Vergisst er dass auch ich
ein Deutscher bin
Heinrich sprach weiter »Aber ich werde diesem Mann ein Denkmal setzen
Er kein anderer wird der Held meines politischen Dramas sein Er ist die
wahrhaft tragikomische Mittelpunktsfigur die mir noch gefehlt hat«
Der innere Widerstand Georgs wuchs Er bekam große Lust den alten Bermann
gegen seinen Sohn in Schutz zu nehmen »Tragikomische Figur« wiederholte er
fast feindselig
»Ja« entgegnete Heinrich bestimmt »Ein Jude der sein Vaterland liebt
ich meine so wie mein Vater es getan mit Solidaritätsgefühlen mit
dynastischer Begeisterung ist unbedingt eine tragikomische Figur Das heißt
er war es zu jener liberalisierenden Epoche der siebziger und achtziger Jahre
da auch kluge Menschen dem Phrasentaumel der Zeit unterlegen sind Heute wäre ja
ein solcher Mensch allerdings ausschließlich komisch Ja selbst wenn er sich
endlich am erstbesten Nagel aufhinge ich könnte sein Schicksal nicht anders
empfinden«
»Es ist eine Manie von Ihnen« erwiderte Georg »Man hat wirklich manchmal
den Eindruck dass Sie überhaupt nicht mehr imstande sind etwas anderes in der
Welt zu sehen als immer und überall die Judenfrage Wenn ich so unhöflich wäre
als es Ihnen zuweilen zu sein passiert so würde ich Sie Sie verzeihen
schon verfolgungswahnsinnig nennen«
»Verfolgungswahnsinnig« wiederholte Heinrich tonlos und sah an die
Wand »So also Verfolgungswahnsinn nennen Sie das Na« Und plötzlich mit
zusammengepressten Zähnen heftig fuhr er fort »Ich will Sie einmal was fragen
Georg aufs Gewissen fragen«
»Ich höre«
Er stellte sich gerade vor Georg hin und bohrte ihm seine Augen in die
Stirn »Glauben Sie dass es einen Christen auf Erden gibt und wäre es der
edelste gerechteste und treueste einen einzigen der nicht in irgendeinem
Augenblick des Grolls des Unmuts des Zorns selbst gegen seinen besten Freund
gegen seine Geliebte gegen seine Frau wenn sie Juden oder jüdischer Abkunft
waren deren Judentum innerlich wenigstens ausgespielt hätte« Und ohne Georgs
Antwort abzuwarten »Keinen gibt es ich versichere Sie Sie können übrigens
auch einen andern Versuch machen Lesen Sie zB die Briefe von irgendwelchen
berühmten sonst ganz klugen und vortrefflichen Menschen und beachten Sie die
Stellen mit feindlichen und ironischen Äußerungen über Zeitgenossen
Neunundneunzigmal handelt es sich um ein Individuum ohne Berücksichtigung der
Abstammung oder Konfession im hundertsten Fall wo das übelbehandelte
Menschenkind das Unglück hat Jude zu sein vergisst der Verfasser gewiss nicht
diese Tatsache zu erwähnen So ist es nun einmal ich kann Ihnen nicht helfen
Was Sie Verfolgungswahnsinn zu nennen belieben lieber Georg das ist eben in
Wahrheit nichts anderes als ein ununterbrochen waches sehr intensives Wissen
von einem Zustand in dem wir Juden uns befinden und viel eher als von
Verfolgungswahnsinn könnte man von einem Wahn des Geborgenseins des
Inruhegelassenwerdens reden von einem Sicherheitswahn der vielleicht eine
minder auffallende aber für den Befallenen viel gefährlichere Krankheitsform
vorstellt Mein Vater hat an ihr gelitten wie viele andre seiner Generation Er
ist allerdings so gründlich kuriert worden dass er darüber verrückt geworden
ist«
Tiefe Falten erschienen auf Heinrichs Stirn und er sah wieder zur Wand hin
über Georg weg der auf dem harten schwarzledernen Divan Platz genommen hatte
»Wenn das Ihre Auffassung ist« erwiderte Georg »ja dann müssten Sie sich
doch logischerweise Leo Golowski anschließen «
»Und mit ihm nach Palästina wandern finden Sie Politischsymbolischerweise
oder gar in Wirklichkeit wie« Er lachte »Hab ich denn behauptet dass ich von
hier fort will Dass ich irgendwo anders lieber leben möchte als hier
Insbesondere dass ich unter lauter Juden existieren möchte Das wäre für mich
wenigstens eine recht äußerliche Lösung einer höchst innerlichen
Angelegenheit«
»Das denk ich mir eigentlich auch Und darum verstehe ich die Wahrheit zu
sagen immer weniger was Sie wollen Heinrich Im vorigen Herbst auf der
Sophienalpe wie Sie sich mit Golowski herumgezankt haben da hatte ich doch den
Eindruck dass Sie die Sache viel hoffnungsvoller ansähen«
»Hoffnungsvoller« wiederholte Heinrich beleidigt
»Ja Da musste man doch denken dass Sie an die Möglichkeit einer allmählichen
Assimilation glauben«
Heinrich zuckte verächtlich die Mundwinkel »Assimilation Ein Wort
Ja sie wird wohl kommen irgendeinmal In sehr sehr langer Zeit Sie wird
ja nicht so kommen wie manche sie wünschen nicht so wie manche sie fürchten
es wird auch nicht gerade Assimilation sein aber vielleicht etwas das
sozusagen im Herzen dieses Wortes schlägt Wissen Sie was sich wahrscheinlich
am Ende herausstellen wird Dass wir wir Juden mein ich gewissermaßen ein
Menschheitsferment gewesen sind ja das wird vielleicht herauskommen in tausend
bis zweitausend Jahren Auch ein Trost denken Sie sich« Er lachte wieder
»Wer weiß« sagte Georg nachsichtig »ob Sie nicht recht behalten werden in
tausend Jahren Aber bis dahin«
»Ja früher lieber Georg wird es wohl mit der Lösung der Frage nichts
werden Für unsere Zeit gibt es keine Lösung das steht einmal fest Keine
allgemeine wenigstens Eher gibt es hunderttausend verschiedene Lösungen Weil
es eben eine Angelegenheit ist die bis auf weiteres jeder mit sich selbst
abmachen muss wie er kann Jeder muss selber dazusehen wie er herausfindet aus
seinem Ärger oder aus seiner Verzweiflung oder aus seinem Ekel irgendwohin
wo er wieder frei aufatmen kann Vielleicht gibt es wirklich Leute die dazu bis
nach Jerusalem spazieren müssen Ich fürchte nur dass manche an diesem
vermeintlichen Ziel angelangt sich erst recht verirrt vorkommen würden Ich
glaube überhaupt nicht dass solche Wanderungen ins Freie sich gemeinsam
unternehmen lassen denn die Straßen dorthin laufen ja nicht im Lande
draußen sondern in uns selbst Es kommt nur für jeden darauf an seinen inneren
Weg zu finden Dazu ist es natürlich notwendig möglichst klar in sich zu sehen
in seine verborgensten Winkel hineinzuleuchten Den Mut seiner eigenen Natur zu
haben Sich nicht beirren lassen Ja das müsste das tägliche Gebet jedes
anständigen Menschen sein Unbeirrteit«
Georg dachte Wo ist er nun schon wieder Er ist in seiner Art genau so
krank wie sein Vater es war dabei kann man doch nicht sagen dass er persönlich
schlimme Erfahrungen gemacht hat Und er hat einmal behauptet dass er sich mit
niemandem zusammengehörig fühle Es ist ja nicht wahr Mit allen Juden fühlt er
sich zusammengehörig und mit dem letzten von ihnen noch immer enger als mit
mir Während ihm diese Gedanken durch den Kopf gingen fiel sein Blick auf ein
großes Kuvert das auf dem Tisch lag und er las darauf die mit großen
römischen Buchstaben geschriebenen Worte »Nicht vergessen nie dran vergessen«
Heinrich gewahrte Georgs Blick nahm das Kuvert in die Hand auf dessen
Rückseite drei gewaltige graue Siegel zum Vorschein kamen warf es dann wieder
auf den Tisch ließ wie verächtlich die Unterlippe sinken und sagte »Diese
Sache hab ich nämlich auch heute in Ordnung gebracht Es gibt solche Tage des
großen Reinemachens Andre Leute hätten das Zeug verbrannt Wozu Ich werd es
vielleicht einmal mit Vergnügen wieder lesen In diesem Kuvert sind nämlich die
anonymen Briefe von denen ich Ihnen einmal erzählt habe«
Georg schwieg Bisher hatte Heinrich über die Umstände unter denen seine
Beziehungen mit der Schauspielerin geendet hatten nichts verlauten lassen nur
eine Stelle in dem Brief nach Lugano hatte darauf hingedeutet dass er die einst
Geliebte nicht ohne innern Schauer wiedergesehen hatte Fast gegen den eigenen
Willen kam es über Georgs Lippen»Sie kennen doch die Geschichte von Nürnbergers
Schwester die in Kadenabbia begraben liegt«
Heinrich bejahte »Wie kommen Sie darauf«
»Ich habe ihr Grab besucht ein paar Tage vor meiner Abreise« Er zögerte
Heinrich sah ihn starr an mit einem heftig fragenden Blick der Georg zum
Weitersprechen zwang »Und nun denken Sie wie sonderbar seither vermengen sich
in meiner Erinnerung immer diese zwei Wesen von denen ich das eine nie gesehen
habe das andre nur flüchtig auf dem Theater wie Sie wissen nämlich die tote
Schwester Nürnbergers und diese Schauspielerin«
Heinrich wurde blass bis in die Lippen »Sind Sie abergläubisch« fragte er
höhnisch aber es klang als fragte er sich selbst
»Durchaus nicht« antwortete Georg »Was hat übrigens diese Sache mit
Aberglauben zu tun«
»Ich will Ihnen nur sagen dass mir alle Dinge die irgendwie mit Mystik
zusammenhängen im Grund der Seele zuwider sind Über Dinge zu reden von denen
man nichts wissen kann ja deren Wesen es ist dass man nie und nimmer was von
ihnen wissen kann das scheint mir von aller Art Geschwätz die auf Erden für
Wissenschaft ausgegeben wird die unerträglichste«
Sollte sie gestorben sein diese Schauspielerin dachte Georg
Plötzlich hielt Heinrich das Kuvert wieder in der Hand und in dem trockenen
Tone den er gerade dann anzuschlagen beliebte wenn er bis ins Tiefste
durchwühlt war sagte er »Dass ich diese Worte hergeschrieben habe ist
kindische Spielerei oder Affektation wenn Sie wollen Ich hätte auch wie Daudet
vor seine Sappho die Worte hersetzen können Meinen Söhnen wenn sie zwanzig
Jahre alt sein werden Zu dumm übrigens Als wenn ein Mensch mit den
Erfahrungen eines andern das geringste anfangen könnte Die Erfahrungen des
einen können für den andern manchmal amüsant öfters verwirrend aber nie
lehrreich sein Und wissen Sie woher es kommt dass jene beiden Gestalten
sich in Ihrem Kopf vermengen Ich wills Ihnen sagen Einfach daher dass ich in
einem meiner Briefe für meine einstige Geliebte den Ausdruck Gespenst angewandt
habe So erklärt sich dieses geheimnisvolle Ineinanderfliessen«
»Das wäre nicht unmöglich« entgegnete Georg
Von irgendwoher undeutlich kam schlechtes Klavierspiel Georg blickte
hinaus Auf der gelben Mauer drüben lag die Sonne Viele Fenster waren offen An
einem saß ein Junge die Arme aufs Fensterbrett gestützt und las Von einem
andern schauten zwei junge Mädchen hinunter in den Gartenhof Das Klappern von
Geschirr war hörbar Georg sehnte sich nach freier Luft nach seiner Bank am
Waldesrand Bevor er sich aber zum Gehen wandte fiel ihm ein »Was ich Ihnen
noch sagen wollte Heinrich Ihre Verse haben auch Anna sehr gefallen Haben Sie
weitergeschrieben«
»Nicht viel«
»Es wäre hübsch wenn Sie alles was vom Text fertig ist heute mit
hinausbrächten und uns vorläsen« Er stand am Pianino und schlug ein paar
Akkorde an
»Was ist das« fragte Heinrich
»Ein Thema« erwiderte Georg »das mir für den zweiten Akt eingefallen ist
Es soll den Moment begleiten in dem der merkwürdige Fremde auf dem Schiff
erscheint«
Heinrich schloss das Fenster Georg setzte sich nieder und begann
weiterzuspielen Da klopfte es an die Tür und unwillkürlich rief Heinrich
»herein«
Eine junge Dame trat ein in lichtem Tuchrock mit roter Seidenbluse ein
weißes Samtband mit einem kleinen Goldkreuz um den Hals Ein Florentinerhut
rosengeschmückt beschattete breitkrämpig das kleine blasse Gesicht aus dem
zwei große schwarze Augen blickten
»Guten Tag« sagte die fremde Dame mit einer dunkeln Stimme die zugleich
trotzig und verlegen klang »Verzeihen Sie Herr Bermann ich wusste nicht dass
Sie Besuch haben« Und sie sah Georg der sie gleich erkannt hatte neugierig
an
Heinrich war blass und hatte Falten auf der Stirn »Ich habe allerdings nicht
vermutet « begann er dann stellte er vor und sagte zu der Dame »Wollen Sie
nicht Platz nehmen«
»Danke« erwiderte sie unwirsch und blieb stehen »Ich komme vielleicht
später wieder«
»O bitte« fiel Georg ein »Ich war eben daran mich zu verabschieden« Er
sah wie der Blick der Schauspielerin im Zimmer umherirrte und fühlte ein
seltsames Mitleid mit ihr wie man es manchmal im Traum mit Toten fühlt die
nicht wissen dass sie gestorben sind Dann sah er noch den Blick Heinrichs auf
diesem blassen kleinen Gesicht mit unbegreiflicher Härte ruhen und ging Er
erinnerte sich jetzt sehr deutlich wie er sie auf der Bühne gesehen hatte mit
dem rotblonden Haar das in die Stirn fiel und den irrenden Augen So sehen
Wesen nicht aus dachte er die dazu bestimmt sind nur einem zu gehören Und
das sollte Heinrich nie gefühlt haben der sich auf seine Menschenkenntnis so
viel zugute tat Was wollte er nun eigentlich von ihr Eitelkeit war es die in
seiner Seele brannte nichts anderes als Eitelkeit
Auf der Straße schritt Georg wie durch trockene Gluten Die Häusermauern
warfen den eingetrunkenen Sommer in die Luft Georg fuhr mit der Pferdebahn den
Hügeln und Wäldern entgegen und atmete freier als er auf dem Lande war Langsam
spazierte er zwischen Gärten und Villen weiter dann am Friedhof vorbei nahm
er eine allmählich ansteigende weiße Straße die mit einem ihn freundlich
anmutenden Namen Sommerhaidenweg hieß und zu dieser sonnigen
Spätnachmittagsstunde von Menschen kaum begangen war Von dem bewaldeten
Höhenzug zur Linken kam noch kein Schatten nur ein mildes Wehen von Lüften die
in den Blättern geschlafen hatten Zur Rechten senkte der grüne Hang sich
abwärts gegen das länglich dahinziehende Tal wo zwischen Ästen und Wipfeln
Dächer blinkten Drüben hinter Gartenzäunen strebten Weinberge und Äcker auf
zu Wiesen und Steinbrüchen über denen durchglitzertes Gestrüpp und Buschwerk
hing Im Gelände oft verloren zog als schmale Linie der Weg den Georg an
andern Tagen manchmal zu wandern pflegte und sein Auge suchte die Stelle am
Waldesrand wo seine Lieblingsbank stehen mochte Wiesen und Waldeshöhen hielten
am Talesende den Blick auf und im Spiegel der Luft ließ abendliche Fernen mit
neuen Tälern und Hügeln sich ahnen
Dieser Landschaft fühlte Georg sich wunderbar vertraut und der Gedanke dass
Beruf und Wille ihn in die Fremde rief webte um seine einsamen Spaziergänge
schon in diesen Tagen oft Stimmungen des Abschieds die freilich von Sehnsucht
schwerer waren als von Trauer Zugleich aber regte sich in ihm ein Vorgefühl
reichern Lebens Es war ihm als bereite sich in seiner Seele manches vor das
er nicht mit sorgenvollen Sinnen aufstören dürfte und in den Untergründen
seiner Seele wo heute schon hineinzuhören ihm nicht gegeben war rauschte es
von Melodien kommender Tage Auch war er nicht müßig geblieben um die äußern
Umrisse seiner Zukunft klar zu ziehen Nach Detmold hatte er einen
höflichdankenden Brief geschrieben in dem er sich mit Vorbehalt dem Intendanten
für den kommenden Herbst zur Verfügung stellte auch den alten Professor
Viebiger hatte er aufgesucht ihm seine Pläne eröffnet und ihn gebeten sich bei
vorkommenden Gelegenheiten des einstigen Schülers zu erinnern Aber auch wenn
wider Erwarten im Herbst nirgends eine Stellung für ihn sich fände war er
entschlossen Wien zu verlassen sich vorläufig in eine kleine Stadt oder aufs
Land zurückzuziehen und in der Stille für sich weiter zu arbeiten Wie sich
unter diesen Umständen seine Beziehungen zu Anna weiter gestalten sollten
darüber gab er sich keine klare Rechenschaft er wusste nur dass sie niemals
enden durften Es schwebte ihm vor dass er und Anna einander besuchen und zu
gelegener Zeit gemeinschaftliche Reisen unternehmen würden später übersiedelte
sie wohl an den Ort wo er lebte und wirkte Doch schien es ihm nutzlos all dem
in die Tiefe nachzugrübeln ehe die Stunde da war da sich sein eigenes
Schicksal wenigstens für die Dauer der nächsten Jahre entschieden hatte
Der Sommerhaidenweg lief in den Wald und Georg nahm den breiten Villenweg
der an dieser Stelle das Tal durchquerend nach abwärts bog In wenigen Minuten
befand er sich auf der Straße an deren Ende waldesnah neben bescheidenen
gelben Parterrehäuschen nur durch die Balkonmansarde mit dem dreieckigen
Holzgiebel über jene erhöht die kleine Villa stand in der Anna wohnte Er
durchschritt das Vorgärtchen wo inmitten des Rasens zwischen Blumenbeeten auf
viereckigem Postament der kleine blaue Tonengel ihn grüßte den schmalen Gang
neben dem die Küche lag das kahle Mittelzimmer auf dessen Boden durch die
schadhaften grünen Jalousien Sonnenlinien hinspielten und trat auf die Veranda
Er wandte sich nach links und warf einen Blick durchs offene Fenster in Annas
Zimmer das er leer fand Nun ging er im Garten längs der Fliederbüsche und
Johannisbeerstauden nach aufwärts und schon von weitem sah er Anna unter dem
Birnbaum auf der weißen Bank sitzen in ihrem weiten blauen Kleide Sie sah ihn
nicht kommen schien ganz in Gedanken versunken Er näherte sich langsam Noch
immer blickte sie nicht auf Er liebte sie sehr in solchen Augenblicken da sie
sich unbeobachtet wähnte und auf ihrer klaren Stirn unbeirrt die Gütigkeit und
der Friede ihres Wesens ruhten Sonnenkringel zitterten auf dem Kies zu ihren
Füßen Ihr gegenüber auf dem Rasen lag schlafend die fremde
Bernhardinerhündin Das Tier war es das erwachend Georgs Kommen zuerst
bemerkte Es erhob sich und schwerfällig trappelte es Georg entgegen Jetzt sah
Anna auf und ein beglücktes Lächeln schwebte über ihre Züge Warum bin ich so
selten da fuhr es Georg durch den Sinn Warum wohn ich nicht heraussen und
arbeite oben auf dem Balkon unter dem Giebel wo man die hübsche Aussicht auf
den Sommerhaidenweg hat Die Stirne war ihm feucht geworden so heiß brannte
noch immer die Spätnachmittagssonne
Er stand vor Anna küsste sie auf Aug und Mund und setzte sich an ihre
Seite Das Tier war ihm nachgeschlichen und streckte sich zu seinen Füßen hin
»Wie gehts mein Schatz« fragte er indem er seinen Arm um ihren Nacken
legte
Es ging ihr sehr gut wie gewöhnlich und heute war ein besonders schöner
Tag gewesen Seit dem Morgen schon war sie sich ganz selbst überlassen denn
Frau Golowski hatte wieder einmal in die Stadt fahren müssen um nach den Ihren
zu sehen Es war wirklich nicht übel manchmal so völlig allein mit sich zu
bleiben Da konnte man sich ungestört in seine Träume versenken Es waren
freilich immer dieselben aber sie waren so hold dass man ihrer nicht müde
wurde Von ihrem Kinde hatte sie sich träumen lassen Wie sehr liebte sie es
schon heute noch ehe es geboren war Nie hätte sie das für möglich gehalten Ob
Georg es denn auch verstünde und da er versonnen nickte schüttelte sie den
Kopf Nein nein ein Mann konnte das nicht verstehen auch der beste der
gütigste nicht Sie fühlte ja das kleine Wesen schon sich regen spürte das
Klopfen seines zarten Herzens fühlte diese neue unbegreifliche Seele in ihrer
atmen geradeso wie sie den neuen jungen Leib in ihrem blühen und erwachen
fühlte Und Georg sah vor sich hin wie beschämt dass sie dem was nahe war mit
so viel reinern Sinnen entgegenlebte als er Denn dass hier von ihm gezeugt ein
Wesen wurde wie er und selbst wieder bestimmt neuen Wesen Leben zu verleihen
dass in dem gesegneten Leib dieser Frau nach dem ihm schon lange nicht mehr
verlangte nach ewigen Gesetzen ein Leben schwoll das vor einem Jahre noch ein
ungeahntes ungewolltes im Unendlichen verlorenes war und nun wie ein seit
Urzeit vorherbestimmtes zum Licht empordrängte dass er selbst sich nun in der
geschlossenen Kette von Urahnen zu Urenkeln gleichsam an beiden Händen gefasst
unentweichbar einbezogen wusste von diesem Wunder fühlte er sich nicht so
mächtig aufgerufen als es fordern durfte
Und ernsthafter als sie es sonst zu tun pflegten besprachen sie heute was
nach des Kindes Geburt zu geschehen hätte In den ersten Wochen behielt Anna es
natürlich bei sich dann musste man es wohl zu fremden Leuten geben jedenfalls
aber sollte es ganz nahe wohnen so dass Anna es zu jeder Zeit ohne Schwierigkeit
sehen konnte
»Und du« sagte sie mit einem Mal ganz leicht »wirst du manchmal herkommen
uns besuchen«
Er sah ihr in das verschmitzt lächelnde Gesicht nahm ihre beiden Hände und
küsste sie »Liebste was soll ich tun sag selbst Du kannst dir denken wie
schwer es mir sein wird Aber was bleibt mir anders übrig Es muss ein Anfang
gemacht werden Hab ich dir schon gesagt« setzte er hastig hinzu als wäre
damit jeder Rückzug abgeschnitten »die Wohnung ist gekündigt Felician geht
wahrscheinlich nach Athen Ja wenn ich dich gleich mitnehmen könnte das wär
freilich schön Aber das ist ja leider nicht möglich eine gewisse Sicherheit
muss vor allem da sein Ich meine wenigstens die Sicherheit dass ich längere
Zeit an einem Ort bleibe «
Sie hatte ernstaftruhig zugehört Dann kam sie bedächtigwichtig auf ihre
neueste Idee zu sprechen Er sollte nicht glauben dass sie daran dächte ihm
alle Sorgen aufzubürden Sie war entschlossen sobald es sich machen ließe eine
Musikschule zu gründen Wenn er sie noch lange allein ließe hier in Wien wenn
er bald käme sie holen dort wo sie mit ihm zu Hause sein würde Und wenn sie
einmal auf eigenen Füßen stände dann wollte sie auch ihr Kind zu sich nehmen
ob sie nun seine Frau wäre oder nicht Sie wäre weit davon entfernt sich zu
schämen das wüsste er wohl Sie wäre eher stolz ja stolz dass sie Mutter
wurde
Er nahm ihre Hände zwischen die seinen und streichelte sie »Es wird schon
alles werden« sagte er ein wenig bedrückt Er sah sich plötzlich in einem sehr
bürgerlichen Heim unter dem bescheidenen Licht einer Hängelampe beim
Abendessen sitzen zwischen Frau und Kind Und aus dieser geträumten
Familienszene wehte es ihm entgegen wie ein Hauch von sorgenvoller Langeweile
Ah es war noch zu früh dazu er war noch zu jung Wie sollte es denn werden
War es denn möglich dass sie die letzte Frau blieb die er umarmt hätte
Vielleicht konnte sie es werden in Jahren in Monaten schon aber heute noch
nicht Trug und Lüge in ein wohlgeordnetes Heim zu tragen davor scheute er wohl
zurück Doch der Gedanke von ihr fortzueilen zu andern die er begehrte mit
dem Bewusstsein Anna so wieder zu finden wie er sie verlassen war lockend und
beruhigend zugleich
Der bekannte Pfiff von drüben tönte Die Hündin erhob sich ließ sich von
Georg noch einmal über den gelb gefleckten Rücken streichen und schlich traurig
ihren Weg hinab
»Herr Gott« sagte Georg »das hätte ich ja beinahe vergessen Heinrich kann
jeden Augenblick da sein« Er erzählte Anna von seinem Besuch und verschwieg
auch nicht dass er zwischen Tür und Angel die ungetreue Schauspielerin kennen
gelernt hatte
»Ist es ihr also gelungen« rief Anna aus die für Damen mit irrenden Augen
keine Neigung fühlte
»Ich glaube nicht« erwiderte Georg »dass ihr irgend etwas gelungen ist
Heinrich war von ihrem Erscheinen sogar ziemlich unangenehm berührt kam mir
vor«
»Nun vielleicht bringt er sie mit« sagte Anna mit Spott »und du hast
wieder wen zum kokettieren wie in Lugano die Königsmörderin«
»Ach Gott« machte Georg unschuldig und beiläufig fügte er hinzu »Was
ists denn übrigens mit Terese warum kommt sie denn gar nicht mehr zu dir
Demeter ist ja nicht mehr in Wien Sie hätte wohl Zeit genug«
»Sie war erst vor ein paar Tagen da Ich hab dirs ja gesagt stell dich
doch nicht so«
»Ich hatte es wirklich vergessen« erwiderte er mit Aufrichtigkeit »Was hat
sie dir denn erzählt«
»Alles mögliche Die Geschichte mit Demeter ist aus Ihr Herz schlägt wieder
ausschließlich für die Armen und Elenden bis auf Widerruf« Und unter dem Siegel
strengster Verschwiegenheit vertraute ihm Anna Theresens Winterpläne an Als
armes Weib verkleidet wollte sie Wanderungen durch Wärmestuben Suppen und
Teeanstalten Asyle für Obdachlose und Arbeitshäuser unternehmen um einmal dem
sogenannten goldnen Herzen von Wien in die verborgensten Winkel
hineinzuleuchten Sie schien gefasst und hoffte vielleicht ein wenig darauf
Ungeheuerlichkeiten zu entdecken
Georg sah vor sich hin Er erinnerte sich der eleganten Dame im weißen
Kleid die im Sonnenglanz von Lugano vor dem Postgebäude gestanden war fern von
allem Jammer der Welt Sonderbares Geschöpf dachte er »Sie will natürlich ein
Buch daraus machen« sagte Anna »Also dass du keinem Menschen was davon
erzählst auch deinem Freund Bermann nicht«
»Fällt mir nicht ein Aber sag Anna musst du nicht was vorbereiten für
abend«
Sie nickte »Komm begleit mich hinunter ich will nachsehen was da ist
und mich im übrigen mit der Marie beraten soweit das möglich ist«
Sie standen auf Die Schatten waren lang Im Garten nebenan lärmten die
Kinder Anna nahm den Arm des Geliebten und ging langsam mit ihm hinab Sie
erzählte die neuesten Beispiele von der fabelhaften Dummheit der Magd Ich
Ehemann dachte Georg und hörte mit Nachsicht zu Beim Haus angelangt sprach er
die Absicht aus Heinrich entgegenzusehen verließ Anna und begab sich auf die
Straße Da rüttelte eben ein Einspänner heran Heinrich sprang heraus und
entließ den Kutscher »Grüß Sie Gott« sagte er zu Georg »haben Sie mich am
Ende schon erwartet Es ist ja noch gar nicht so spät«
»Gewiss nicht Sie sind sehr pünktlich Ist es Ihnen recht so machen wir
noch einen kleinen Spaziergang«
»Gern«
Sie spazierten weiter vorbei an dem gelben Gasthof mit den roten Terrassen
in den Wald
»Hier ists ja wundervoll« sagte Heinrich »Und auch Ihre Villa sieht ganz
nett aus Warum wohnen Sie eigentlich nicht heraussen«
»Ja es ist ein Unsinn« gab Georg zu ohne weitere Erklärungen Dann
schwiegen sie eine Weile
Heinrich war in hellgrauem Sommeranzug und trug auf dem Arm seinen Mantel
den er ein wenig nachschleppen ließ »Haben Sie sie wiedererkannt« fragte er
plötzlich ohne aufzusehen
»Ja« erwiderte Georg
»Sie ist nur auf einen Tag hergefahren aus ihrem Sommerengagement Heute
Nacht reist sie wieder zurück Ein Handstreich sozusagen Aber misslungen« Er
lachte
»Warum sind Sie so hart« fragte Georg und dachte an das Riesenkuvert mit
den grauen Siegeln und der albernen Aufschrift »Sie habens eigentlich nicht
nötig Es ist ja doch nur ein Zufall dass sie nicht auch anonyme Briefe bekommen
hat geradeso wie Sie Heinrich Und wer weiß wenn Sie sie nicht allein
gelassen hätten aus weiß Gott was für Gründen «
Heinrich schüttelte den Kopf und sah Georg beinahe mitleidig an »Meinen Sie
vielleicht ich habe die Absicht zu strafen oder zu rächen Oder glauben Sie
ich gehöre zu den Tröpfen die an der Welt irrewerden weil ihnen etwas passiert
ist wovon sie doch wissen dass es schon Tausenden passiert ist vor ihnen und
Tausenden nach ihnen passieren wird Meinen Sie ich verachte die »Ungetreue«
oder ich hasse sie Fällt mir gar nicht ein Womit ich nicht sagen will dass ich
nicht zuweilen die Gebärde des Hasses und der Verachtung habe natürlich nur um
bessere Wirkungen zu erzielen ihr gegenüber Aber in Wahrheit versteh ich ja
alles was geschehen ist viel zu gut als dass ich « Er zuckte die Achseln
»Nun wenn Sie es verstehen
»Aber lieber Freund das Verstehen hilft ja gar nichts Das Verstehen ist
ein Sport wie ein anderer Ein sehr vornehmer Sport und ein sehr kostspieliger
Man kann seine ganze Seele darauf verschwenden und als ein armer Teufel
dastehen Aber mit unsern Gefühlen hat das Verstehen nicht das allergeringste zu
tun beinahe so wenig wie mit unsern Handlungen Es schützt uns nicht vor Leid
nicht vor Ekel nicht vor Vernichtung Es führt gar nirgends hin Es ist eine
Sackgasse gewissermaßen Das Verstehen bedeutet immer ein Ende«
Auf einem Seitenpfad in mäßiger Steigung schweigend und langsam jeder mit
seinen eigenen Gedanken so kamen sie aus der Waldung auf offenes Wiesenland
das den Blick talwärts freigab Sie blickten über die Stadt hin und weiter
gegen die dunstatmende Ebene durch die schimmernd der Fluss rann zu fernen
Berglinien vor denen dünner Rauch sich hinbreitete Dann im Frieden der
Abendsonne spazierten sie weiter zu Georgs Lieblingsbank am Waldesrande Die
Sonne war fort Georg sah jenseits des Tales längs des waldigen Hügels den
Sommerhaidenweg ziehen blass und wie ausgekühlt Dann schaute er hinab wusste
dass in dem Garten zu seinen Füßen ein Birnbaum stand unter dem er vor wenig
Stunden mit einer sehr Geliebten gesessen war die sein Kind unter dem Herzen
trug und war bewegt Für die Frauen die vielleicht anderswo seiner warteten
spürte er eine leise Verachtung doch war seine Sehnsucht nach ihnen darum nicht
ausgelöscht Unten auf dem Pfad zwischen Gärten und Wiesen wandelten
Sommergäste Ein junges Mädchen blickte herauf flüsterte einer andern etwas zu
»Sie sind wohl eine populäre Persönlichkeit hier in dem Ort« bemerkte Heinrich
mit spöttisch verzogenen Mundwinkeln
»Nicht dass ich wüsste«
»Die hübschen Mädchen haben Sie sehr interessiert angeguckt Das
Nichtverheiratetsein der andern bleibt für die Leute doch eine unerschöpfliche
Quelle von Anregungen Diesem Sommervolk da unten bedeuten Sie jedenfalls so
eine Art von Don Juan und und Ihre Freundin ein ent und verführtes Mädchen
Glauben Sie nicht«
»Ich weiß nicht« sagte Georg das Gespräch ablehnend
»Und was mag ich« fuhr Heinrich unbekümmert fort »für das Teatervolk in
der kleinen Stadt vorgestellt haben Offenbar den betrogenen Liebhaber also
eine ausschließlich lächerliche Figur Und sie Na man kann sichs ja denken
Riesig einfach liegen die Dinge für die Unbeteiligten In der Nähe schaut dann
jede Geschichte doch ganz anders aus Aber ob sie aus der Ferne nicht das
richtigere Gesicht hat Ob man sich nicht allerlei einredet wenn man selber
eine Rolle in der Komödie zu spielen hat«
Er hätte auch daheim bleiben können dachte Georg Da er ihn aber nicht nach
Hause schicken konnte und um wenigstens zu einem andern Gespräch mit ihm zu
gelangen fragte er rasch »Hören Sie nichts von Ehrenbergs«
»Vor ein paar Tagen« erwiderte Heinrich »hatte ich von Fräulein Else einen
etwas melancholischen Brief«
»Sie stehen in Korrespondenz mit ihr«
»Nein ich stehe nicht in Korrespondenz mit ihr wenigstens habe ich ihr
noch nicht geantwortet«
»Sie hat sich die Sache mit Oskar doch mehr zu Herzen genommen« sagte
Georg »als sie eingestehen will Ich habe sie einmal gesprochen im Sanatorium
Wir sind eine ganze Weile draußen auf dem Gang gestanden vor der weiß lackierten
Türe hinter der der arme Oskar lag Damals fürchtete man auch noch für das
andere Auge Es ist wahrhaftig eine tragische Geschichte«
»Eine tragikomische« verbesserte Heinrich hart
»Sie sehen überall was Tragikomisches Ich will Ihnen auch sagen warum Weil
Sie ziemlich herzlos sind Das Komische tritt in diesem Falle doch ganz zurück«
»Sie irren« erwiderte Heinrich »Die Ohrfeige des alten Ehrenberg war eine
Brutalität der Selbstmord Oskars eine Albernheit dass er sich so schlecht
getroffen hat eine Ungeschicklichkeit Aus diesen Motiven kann doch nichts
Tragisches resultieren Eine etwas widerliche Affäre ist es das ist alles«
Georg schüttelte ärgerlich den Kopf Er hatte für Oskar seit das Unglück
geschehen wirkliche Sympatie gefasst Und auch der alte Ehrenberg der seither
immer draußen in Neuhaus lebte nur mehr für seine Arbeit und keinen Menschen
sehen wollte tat ihm leid Sie hatten beide gebüßt schwerer als sie es
verdient hatten Vermochte Heinrich das nicht geradesogut einzusehen und zu
fühlen wie er Sie machten einen wirklich manchmal nervös diese
jüdischüberklugen schonungslosmenschenkennerischen Leute diese Bermann und
Nürnberger Dass man sich nur ja von nichts überraschen ließ das blieb ihnen die
Hauptsache Güte die war es die ihnen fehlte Erst wenn sie älter wurden kam
eine gewisse Milde über sie Georg dachte an den alten Doktor Stauber Frau
Golowski an den alten Eissler Aber so lang sie jung waren immer hielten sie
sich auf dem qui vive Nur ja nicht die Dümmern sein Eine unbequeme
Gesellschaft Sehnsucht nach Felician nach Skelton regte sich in ihm die doch
wahrhaftig auch gerade gescheit genug waren sogar nach Guido Schönstein
»Bei aller Melancholie aber« sagte Heinrich nach einiger Zeit »scheint
sich Fräulein Else ganz leidlich zu amüsieren Es gibt auch schon wieder Besuch
auf dem Auhof Neulich waren die Wyners dort Sissy und James James ist in
Kambridge Doktor geworden Nobel was«
Der Name Sissy zuckte an Georgs Herzen vorbei wie ein glitzernder Dolch Er
wusste es plötzlich in wenig Tagen würde er bei ihr sein Seine Sehnsucht
schwoll so mächtig auf dass er es selbst kaum begriff
Die Dämmerung sank Georg und Heinrich erhoben sich gingen die Wiese hinab
und traten in den Garten Da sahen sie Anna in Begleitung eines Herren den
mittleren Weg heraufkommen
»Der alte Doktor Stauber« sagte Georg »Sie kennen ihn wohl« Man begrüßte
einander »Ich freue mich sehr« sagte Anna zu Heinrich »dass ich Sie endlich
einmal bei uns sehe«
Bei uns wiederholte Georg innerlich mit einem Befremden das er gleich
wieder zurücknahm Er ging mit Doktor Stauber voraus Heinrich und Anna folgten
langsam
»Wie sind Sie mit Anna zufrieden« fragte Georg den Doktor
»Es kann nicht besser gehen« erwiderte Stauber »Sie soll nur weiter
regelmäßig und fleißig Bewegung machen«
Georg fiel es ein dass er dem Doktor den er seit seiner Rückkehr zum
erstenmal sah die entliehenen Bücher noch nicht zurückgegeben hatte und er
brachte seine Entschuldigung vor
»Aber das hat ja Zeit« erwiderte Stauber »Wenn sie Ihnen nur zustatten
gekommen sind« Und er fragte ihn nach den Eindrücken die er aus Rom mit nach
Hause genommen hätte
Georg erzählte von Wanderungen durch die alten Kaiserpaläste von Fahrten
durch die Kampagna im Abendglanz von einer gewitterschwülen Stunde im Garten
des Hadrian Doktor Stauber bat ihn aufzuhören sonst könnte es geschehen dass
er alle seine Patienten hier im Stich ließe um geradewegs nach der
vielgeliebten Stadt zu entfliehen Dann erkundigte sich Georg höflich nach
Doktor Bertold Ob es auf Wahrheit beruhe dass ihn schon der nächste Winter
wieder politisch tätig finden werde
Doktor Stauber zuckte die Achseln »Er kommt im September zurück Das ist
vorläufig das einzig Sichere Bei Pasteur ist er sehr fleißig gewesen und hier
im patologischen Institut will er eine große Serumarbeit weiterführen die er
in Paris begonnen hat Wenn er mir folgt bleibt er dabei Das was er jetzt
macht ist doch wichtiger für die Menschheit als die schönste Revolution meiner
unmassgeblichen Meinung nach Freilich die Talente sind verschieden und gegen
gelegentliche Umstürze habe ich gewiss nichts einzuwenden Aber unter uns das
Talent meines Sohnes liegt doch mehr auf der wissenschaftlichen Seite Nach der
andern Richtung treibt ihn mehr das Temperament vielleicht ausschließlich
die Galle Na wir werden ja sehen Aber wie stehts denn mit Ihren Plänen für
den Herbst« fügte er plötzlich hinzu und sah Georg mit seinem
gutmütigväterlichen Blick an »Wo werden Sie den Taktstock schwingen«
»Ja wenn ich das schon selber wüsste« erwiderte Georg Und während er dem
Arzt der mit halbgeschlossenen Lidern die Zigarre im Mund ihm zur Seite ging
in betonter Wichtigkeit von seinen Bemühungen und Aussichten erzählte glaubte
er zu fühlen dass alles was er sagte von Doktor Stauber nur als
Rechtfertigungsversuch für das Aufschieben seiner Verheiratung mit Anna
aufgefasst würde Eine leichte Gereiztheit gegen sie stieg in ihm auf die hinter
ihnen herging und vielleicht ihre stille Freude daran hatte dass er von Doktor
Stauber gleichsam ins Gebet genommen wurde Absichtlich schlug er einen immer
leichtern Ton an als hätten seine persönlichen Zukunftspläne mit Anna überhaupt
nichts zu tun und sagte endlich lustig »Ja wer weiß wo ich im nächsten Jahr um
diese Zeit bin am Ende in Amerika«
»Das wäre nicht das Schlimmste« erwiderte Doktor Stauber ruhig »Ich habe
einen Vetter der ist Violinspieler in Boston ein gewisser Schwarz der
verdient dort mindestens sechsmal soviel als er hier an der Oper gehabt hat«
Georg liebte es nicht mit Violinspielern namens Schwarz verglichen zu
werden und behauptete daher mit einer Bestimmtheit die er selbst als
übertrieben empfand dass es ihm für den Anfang überhaupt nicht aufs
Geldverdienen ankäme Plötzlich er wusste nicht woher der Gedanke ihm kam fuhr
es ihm durch den Sinn Wenn Anna stirbt Wenn das Kind ihr Tod wäre Er
erschrak aufs tiefste als hätte er mit diesem Gedanken eine Schuld auf sich
geladen Und im Geist sah er Anna daliegen das Bahrtuch bis übers Kinn gezogen
und sah das Licht des Tags und der Kerzen über ihr wachsbleiches Antlitz rinnen
Angstvoll beinahe wandte er sich um wie um sich zu vergewissern dass sie da war
und lebte Im Dunkel verschwammen ihm die Züge ihres Gesichts was ihn
erschauern machte Er blieb mit dem Doktor stehen bis Anna mit Heinrich
herangekommen war Er war glücklich sie so nah zu haben »Jetzt wirst du aber
doch schon müd sein« sagte er zu ihr in zärtlichstem Tone
»Mein Pensum hab ich allerdings für heute redlich absolviert« erwiderte
sie »Im übrigen« und sie wies zur Veranda hin wo auf dem gedeckten Tisch die
Lampe mit dem grünen Papierschirm stand »wird auch das Nachtmahl gleich da
sein Es wär hübsch Herr Doktor wenn Sie bei uns blieben ja«
»Leider liebes Kind ist es mir nicht möglich Ich sollte schon längst
wieder in der Stadt sein Grüssen Sie die Frau Golowski von mir Auf Wiedersehen
Adieu Herr Bermann Na« fügte er hinzu »wird man bald wieder etwas Schönes von
Ihnen zu hören oder zu lesen bekommen«
Heinrich zuckte die Achseln lächelte gesellschaftlich und schwieg Warum
dachte er werden sogar die besterzogenen Menschen meistens taktlos wenn sie
mit unsereinem zusammenkommen Frag ich ihn nach seinen Angelegenheiten
Der Arzt sprach noch mit einigen Worten Heinrich seine Teilnahme an des
alten Bermann Tod aus Er erinnerte sich an dessen berühmt gewordene Rede gegen
die Einführung der tschechischen Gerichtssprache in gewissen böhmischen
Bezirken Damals war es an einem Haar gehangen dass der jüdische Provinzadvokat
Justizminister geworden wäre Ja die Zeiten hatten sich geändert
Heinrich horchte auf Das ließ sich am Ende für die politische Komödie
verwenden
Doktor Stauber verabschiedete sich Georg begleitete ihn zum Wagen der
draußen wartete und benutzte die Gelegenheit einige Fragen medizinischer Natur
an den Arzt zu richten Dieser konnte ihn in jeder Hinsicht beruhigen »Nur
schade« schloss er »dass die Umstände es Anna nicht gestatten das Kind selbst
zu stillen«
Georg stand gedankenvoll Ihr konnte es doch nicht schaden Höchstens
dem Kind Oder auch ihr Er fragte den Arzt
»Was sollen wir davon reden wenn es ja doch nicht geht lieber Baron Na
machen Sie sich keine Sorgen« setzte er hinzu und hatte den einen Fuß schon auf
dem Wagentritt »Um das Kind von Ihnen beiden braucht einem nicht bang zu sein«
Georg blickte ihm fest ins Auge und sagte »Ich werde jedenfalls dafür Sorge
tragen dass es seine ersten Lebensjahre in gesunder Luft zubringt«
»Das ist ja sehr schön« sagte Doktor Stauber mild »Aber gesündere Luft als
im Elternhaus gibts im allgemeinen für Kinder nirgends auf der Welt« Er reichte
Georg die Hand und der Wagen rollte davon
Georg blieb einen Augenblick stehen fühlte eine lebhafte Verstimmung gegen
den Arzt und gab sich selbst das Versprechen es nie wieder zu Gesprächen mit
ihm kommen zu lassen die diesem gewissermaßen das Recht gaben ungebetene
Ratschläge oder gar versteckte Vorwürfe vorzubringen Was wusste der alte Mann
Was verstand er im Grunde von der Sache Immer heftiger wehrte es sich in Georg
Wann es mir beliebt sagte er bei sich werde ich sie heiraten Könnte sie
übrigens nicht das Kind bei sich behalten Hat sie nicht selbst gesagt dass sie
stolz darauf sein wird ein Kind zu haben Ich will es ja auch nicht verleugnen
Und ich werde alles tun was in meinen Kräften steht Und später später einmal
Aber ich beginge ein Unrecht an mir an ihr an dem Kind wenn ich mich heut
schon zu etwas entschlösse wofür es zum mindesten noch zu früh ist
Langsam war er an der Schmalseite des Hauses vorbei in den Garten spaziert
Auf der Veranda sah er Anna und Heinrich sitzen Eben kam die Marie aus dem
Haus sehr rot im Gesicht und setzte auf den Tisch eine warme Schüssel von der
der Dampf aufstieg Wie ruhig Anna dasitzt dachte Georg und blieb im Dunkel
stehen Wie wohlgelaunt wie sorgenlos als könnte sie mir völlig vertrauen Als
gäbe es nicht Tod Armut treuloses Verlassen Als liebte ich sie so wie sie es
verdient Und wieder erschrak er Lieb ich sie denn weniger Darf sie mir denn
nicht vertrauen Wenn ich dort oben auf der Bank am Waldesrand sitze quillt
manchmal soviel Zärtlichkeit in mir auf dass ich vergehen möchte Warum spür ich
jetzt so wenig davon Er stand nur wenige Schritte entfernt sah wie sie
verteilte dann wie sie ins Dunkel hineinstarrte aus dem er kommen musste und
wie ihre Augen zu leuchten begannen als er plötzlich ins Licht trat Einzig
Geliebte dachte er Wie er dann bei den andern saß sagte Anna »Du hast ja mit
dem Doktor eine so lange Konferenz gehabt«
»Keine Konferenz wir haben geplaudert Auch von seinem Sohn hat er mir
erzählt der bald wieder zurückkommt«
Heinrich fragte nach Bertold Der junge Mann interessierte ihn und er
hoffte sehr ihn im nächsten Winter kennen zu lernen Die Rede voriges Jahr über
den Fall Terese Golowski und dann der offene Brief an seine Wähler in dem er
die Gründe seines Rücktrittes dargelegt hatte das waren Leistungen hohen Ranges
gewesen Ja und mehr als das Dokumente der Zeit
Über Annas Antlitz flog ein leichtes beinahe stolzes Lächeln Sie sah auf
ihren Teller nieder und dann rasch zu Georg auf Auch Georg lächelte Keine Spur
von Eifersucht regte sich in ihm Ob Bertold ahnte Gewiss Ob er litt
Wahrscheinlich Ob er Anna verzeihen könnte Dass man da erst verzeihen musste
Wie dumm
Ein Gericht Schwämme wurde aufgetragen bei dessen Erscheinen Heinrich die
Frage nicht unterlassen konnte ob sie etwa giftig wären Georg lachte
»Sie brauchen mich nicht zu verhöhnen« sagte Heinrich »Wenn ich mich
umbringen wollte würde ich weder vergiftete Schwämme noch verdorbene Wurst
sondern ein edleres und rascheres Gift wählen Man ist zuweilen
lebensüberdrüssig aber man ist nie gesundheitsüberdrüssig selbst für die
letzte Viertelstunde seiner Existenz Und im übrigen ist die Ängstlichkeit eine
ganz rechtmäßige nur meistens schändlich verleugnete Tochter des Verstandes
Denn was heißt Ängstlichkeit Alle Möglichkeiten in Betracht ziehen die aus
einer Handlung erfolgen können die schlimmen geradeso wie die guten Und was
ist Mut Ich meine natürlich den wirklichen der viel seltener vorkommt als man
glaubt Denn der affektierte oder kommandierte oder suggerierte Mut zählt doch
nicht Der echte Mut ist oft gewiss nichts anderes als der Ausdruck für eine
sozusagen metaphysische Überzeugung von der eigenen Überflüssigkeit«
Du Jude dachte Georg ohne Feindseligkeit und dann er hat vielleicht nicht
so unrecht
Das Bier von dem Anna nicht trank schmeckte so gut dass die Marie um einen
zweiten Krug ins Wirtshaus geschickt wurde Man kam in behagliche Stimmung
Georg erzählte wieder von der Reise von den sonnenschweren Tagen in Lugano von
der Fahrt über den beschneiten Brenner von der Wanderung durch die dächerlose
Stadt die nach zweitausendjähriger Nacht dem Licht entgegendrängte er beschwor
den Augenblick wieder herauf in dem sie dabei gewesen waren er und Anna als
Arbeiter vorsichtig und mühevoll eine Säule aus der Asche herausschaufelten
Heinrich hatte Italien noch nicht gesehen Im nächsten Frühjahr wollte er hin
Er erklärte dass er sich manchmal in Sehnsucht verzehre wenn auch nicht gerade
nach Italien doch nach Fremde Ferne Welt Manchmal wenn er vom Reisen
sprechen hörte bekäme er Herzklopfen wie ein Kind am Vorabend des Geburtstages
Er zweifelte dass es ihm bestimmt war sein Leben in der Heimat zu vollenden
Vielleicht auch dass er nach jahrelangen Wanderungen zurückkehrte in einem
kleinen Haus auf dem Land den Frieden seiner späteren Mannesjahre fände Wer
weiß es gäbe ja so seltsame Zufälle ob ihm nicht bestimmt war gerade in
diesem Haus sein Dasein zu beschließen in dem er nun eben zu Gaste sei und sich
so wohl fühle wie schon lange nicht Anna bedankte sich als wäre sie nicht nur
hier in der Villa Hausfrau sondern innerhalb dieser ganzen abendlichstillen
Welt Aus dem Dunkel des Gartens begann es milde zu leuchten Von den Gräsern
und Blumen kam feuchtwarmer Duft Die längliche Wiese die zum Gitter hinlief
schwebte im Mondenschein empor und die weiße Bank unter dem Birnbaum schimmerte
her wie von sehr ferne Anna sagte zu Heinrich Freundliches über die Verse aus
dem Operntext die Georg ihr neulich vorgelesen hatte
»Ja richtig« bemerkte Georg die Beine behaglich gekreuzt und eine Zigarre
rauchend »haben Sie uns etwas Neues mitgebracht«
Heinrich schüttelte den Kopf »Nein nichts«
»Wie schade« sagte Anna und machte den Vorschlag Heinrich sollte doch den
Gang der Handlung geordnet und ausführlich erzählen Schon lange wünschte sie
sich das Aus Georgs Berichten ließe sich kein klares Bild gewinnen
Sie sahen einander an Die dunkle süße Stunde stieg vor ihnen auf da sie
Brust an Brust geruht in einem dunkeln Zimmer vor dessen Fenstern hinter
wallendem Schneevorhang eine graue Kirche verdämmert und in das Orgeltöne dumpf
geklungen waren Ja nun wussten sie wo das Haus stand in dem das Kind zur Welt
kommen sollte Auch ein anderes dachte Georg steht vielleicht schon irgendwo
in dem das Kind das heute noch nicht geboren ist sein Leben enden wird als
Mann oder als Greis oder ach was für Gedanken fort fort
Heinrich erklärte sich bereit den Wunsch Annas zu erfüllen und stand auf
»Es wird mir vielleicht selber nützlich sein« sagte er wie zur Entschuldigung
»Ich könnte über allerhand ins Reine kommen«
»Aber geben Sie acht dass Sie nicht plötzlich in Ihre politische
Tragikomödie geraten« bemerkte Georg Und zu Anna gewandt »Er schreibt nämlich
ein Stück mit einem deutschnationalen Kouleurstudenten als Helden der sich aus
Verzweiflung über die Emanzipation der Juden mit Schwämmen vergiftet«
Heinrich winkte ab »Ein Glas Bier weniger und Sie hätten nicht einmal
diesen Witz gemacht«
»Neid« erwiderte Georg Er fühlte sich außerordentlich gut aufgelegt
insbesondere weil er nun fest entschlossen war übermorgen abzureisen Er saß
ganz nahe bei Anna hielt ihre Hand in der seinen und hörte es wie von Melodien
späterer Tage im tiefsten Grunde seiner Seele rauschen
Heinrich stand plötzlich im Garten draußen vor der Veranda griff über die
Brüstung nahm seinen Mantel vom Sessel und schlug ihn romantisch um sich »Ich
beginne« sagte er »Erster Akt«
»Vorher Ouverture in Dmoll« unterbrach ihn Georg Er pfiff eine getragene
Melodie nur ein paar Töne und schloss mit einem »und so weiter«
»Der Vorhang hebt sich« sagte Heinrich »Fest im königlichen Garten Nacht
Am nächsten Tag soll die Prinzessin mit dem Herzog Heliodor vermählt werden
Vorläufig nenn ich ihn Heliodor er wird wahrscheinlich anders heißen Der König
betet seine Tochter an und kann Heliodor der eine Art von zäsarenwahnsinnigem
Gecken vorstellt nicht ausstehen Zu diesem Fest das der König hauptsächlich
gibt um Heliodor zu ärgern sind nicht nur die Edelen des Landes geladen
sondern die Jugend aller Stände soweit sie sich durch Schönheit ein Recht dazu
erworben hat Und die Prinzessin soll an diesem Abend mit jedem tanzen dürfen
der ihr gefällt Da ist besonders einer Ägidius mit Namen von dem sie ganz
hingerissen scheint Und niemand freut sich mehr darüber als der König
Eifersucht Heliodors Steigendes Vergnügen auf Seite des Königs
Auseinandersetzung zwischen Heliodor und dem König Hohn Verfeindung Nun
geschieht etwas höchst Unerwartetes Ägidius zückt den Dolch gegen den König er
will ihn ermorden Dieser Mordversuch müsste natürlich sehr sorgfältig motiviert
werden wenn Sie nicht die Güte hätten lieber Georg die Sache in Musik zu
setzen So wird es genügen anzudeuten dass der Jüngling ein Tyrannenhasser
Mitglied einer geheimen Verbindung vielleicht ein Narr oder Held auf eigne
Faust ist Das weiß ich nämlich noch nicht Der Mordversuch misslingt Ägidius
wird festgenommen Der König wünscht mit ihm allein zu bleiben Duett Der
Jüngling ist stolz gefasst groß der König überlegen grausam unergründlich
So ungefähr stell ich mir ihn vor Er hat schon viele in den Tod geschickt
schon viele sterben sehen aber ihm in seiner ungeheueren innern Wachheit
scheinen alle übrigen Menschen in einem Zustand halber Bewussteit dahinzuleben
so dass ihr Dahingehen gewissermaßen nichts anderes zu bedeuten hat als einen
Schritt aus Dämmerung in Finsternis Ein solcher Untergang scheint ihm hier zu
mild oder zu banal Diesen Jüngling will er aus einem Tag wie ihn noch kein
Sterblicher genossen ins furchtbarste Dunkel stürzen Ja das geht in ihm vor
Wieviel er davon ausspricht oder singt das weiß ich natürlich noch nicht
Ägidius als ein nach aller Meinung zu sofortigem Tod Bestimmter wird
abgeführt und zwar auf dasselbe Schiff auf dem am Abend darauf Heliodor mit
der Prinzessin ihre Reise hätten antreten sollen Der Vorhang fällt Der zweite
Akt spielt auf dem Verdeck Das Schiff in voller Fahrt Chor Einzelne Gestalten
heben sich heraus Ihre Bedeutung tritt erst später zutage Morgendämmerung
Ägidius wird aus dem unteren Schiffsraum heraufgeleitet Wie er natürlich glauben
muss zum Tode Aber es kommt anders Seine Fesseln werden gelöst alle neigen
sich vor ihm Er wird begrüßt wie ein Fürst Die Sonne geht auf Ägidius hat
Gelegenheit zu bemerken dass er sich in der besten Gesellschaft befindet Schöne
Frauen Edelleute Ein Weiser ein Sänger ein Narr sind zu größeren Rollen
bestimmt Aus dem Chor der Frauen löst sich aber keine andre als die Prinzessin
selbst die Ägidius zu eigen gehört wie alles auf dem Schiff«
»Ein splendider Vater und König« sagte Georg
»Für einen geistreichen Einfall ist ihm nichts zu teuer« erläuterte
Heinrich »das ist seine Natur Es folgt ein herrliches Duett zwischen Ägidius
und der Prinzessin dann setzt man sich zum Mahl Nach dem Mahle Tanz Hohe
Stimmung Ägidius muss sich natürlich für gerettet halten Er wundert sich nicht
übermäßig denn sein Hass gegen den König war immer sehr von Bewunderung
unterzündet Der Abend bricht an Plötzlich ist ein Fremder an der Seite des
Ägidius Vielleicht ist er auch längst dagewesen Einer unter den vielen
unbemerkt stumm Er hat ein Wort mit Ägidius zu sprechen Fest und Tanz gehen
unterdessen weiter Ägidius und der Fremde All dies ist Euer sagt der Fremde
Ihr könnt damit nach Belieben walten könnt Besitz ergreifen und töten ganz wie
Ihr wollt Aber morgen oder in zwei oder in sieben Tagen oder in einem
Jahr oder in zehn oder noch später wird dieses Schiff sich einer Insel nähern
an deren Ufer auf einem Felsen eine marmorne Halle ragt Und dort wartet Euer
der Tod Der Tod Euer Mörder ist mit Euch auf dem Schiff Aber nur der eine
der dazu bestimmt ist Euer Mörder zu sein weiß es selbst Kein anderer kennt
ihn Ja überhaupt kein anderer auf diesem Schiff ahnt dass Ihr ein Todgeweihter
seid Das bewahrt wohl in Euch Denn wenn Ihr Euch irgendwie merken lasst dass
Euer Los Euch selbst bekannt ist so seid Ihr noch in derselben Stunde dem Tode
verfallen«
Heinrich sprach diese Worte mit affektiertem Patos wie um seine
Befangenheit zu verbergen Einfacher fuhr er fort »Der Fremde verschwindet
Vielleicht lass ich ihn auch ans Land setzen von zwei Schweigenden die ihn
begleitet haben Ägidius bleibt zurück unter Hunderten Männern und Frauen von
denen einer oder eine sein Mörder ist Wer Der Weise Der Narr Der Sterngucker
dort Irgendeiner von denen die im Dunkeln kauern Die dort am Geländer
schleichen Eine von den Tänzerinnen Die Prinzessin selbst Sie tritt wieder zu
ihm ist sehr zärtlich ja leidenschaftlich Heuchlerin Mörderin Liebende
Wissende Jedenfalls die Seine All dies heute noch so sein Nacht über dem
Meer Schauer Wonnen Das Schiff langsam weiter jenem Ufer entgegen das
Stunden oder Jahre weit entfernt im Nebel liegt Die Prinzessin ruht zu seinen
Fussen Ägidius starrt in die Nacht und wartet« Heinrich hielt inne wie selbst
bewegt In Georg klang es Er hörte die Musik zu der Szene da der Fremde
verschwindet von den Schweigenden begleitet und dann allmählich wieder das
Fest nach dem Vordergrund der Bühne zurauscht Nicht nur als Melodie war sie in
ihm sondern schon mit aller Fülle der Instrumente Tönten nicht Flöte Oboe und
Klarinette Sang Cello und Violine nicht Dröhnte nicht leiser Trommelschlag aus
dem Winkel des Orchesters Unwillkürlich hob er den rechten Arm als hielte er
den Taktstock in der Hand
»Und der dritte Akt« fragte Anna da Heinrich noch immer schwieg
»Der dritte Akt« wiederholte Heinrich und seine Stimme klang bedrückt
»der dritte wird wohl in jener Halle auf dem Felsen spielen glauben Sie nicht
Er müsste denk ich mit einem Gespräch anfangen zwischen dem König und dem
Fremden Oder mit einem Chor Nein auf unbewohnten Inseln gibt es ja keine
Chöre Also der König ist jedenfalls da und das Schiff ist in Sicht Übrigens
warum muss die Insel unbewohnt sein« Er hielt inne
»Nun« fragte Georg ungeduldig
Heinrich legte beide Arme auf die Brüstung der Veranda »Soll ich Ihnen was
verraten es ist gar keine Oper «
»Wie meinen Sie«
»Es hat schon seine guten Gründe dass ich an dieser Stelle nie recht weiter
gekommen bin Es ist eine Tragödie offenbar Und ich habe nur die Kourage
nicht sie zu schreiben Wissen Sie was darzustellen wäre Die innere Wandlung
des Ägidius wäre darzustellen Das ist offenbar das Schwierige und Schöne an dem
Stoff mit andern Worten das woran ich mich nicht wage Eine Flucht ist die
Idee mit der Oper und ich weiß nicht ob ich mir dergleichen darf angehen
lassen« Er schwieg
»Aber jedenfalls« sagte Anna »müssen Sie uns den Schluss erzählen so wie
Sie ihn für die Oper im Sinn hatten Ich kann Ihnen nämlich nicht verhehlen dass
ich sehr gespannt bin«
Heinrich zuckte die Achseln und erwiderte müde »Also das Schiff legt an
Ägidius kommt ans Land er soll ins Meer gestürzt werden«
»Durch wen« fragte Anna
»Aber ich weiß ja nicht« erwiderte Heinrich leidend »Von jetzt ab weiß ich
überhaupt nichts mehr«
»Ich hab mir gedacht dass die Prinzessin es sein würde die « sagte Anna
und vollführte eine todverkündende Handbewegung durch die Luft
Heinrich lächelte mild »Ich hab natürlich auch daran gedacht aber « Er
unterbrach sich und sah plötzlich gespannt zum Nachthimmel auf
»Im ersten Plan« bemerkte Georg missgelaunt »sollte es mit einer Art
Begnadigung enden Aber sowas ist wohl nur für eine Oper gut genug Jetzt als
Tragödienheld wird er natürlich wirklich ins Meer hinuntergestürzt werden Ihr
Ägidius«
Heinrich hob den Zeigefinger geheimnisvoll empor und seine Züge belebten
sich wieder »Ich glaube mir dämmert was Aber sprechen wir vorläufig nicht
davon wenn ich bitten darf Es ist doch vielleicht gut gewesen dass ich den
Anfang erzählt habe«
»Wenn Sie aber glauben dass ich Ihnen eine Zwischenaktmusik machen werde«
sagte Georg ohne besondere Kraft »so täuschen Sie sich«
Heinrich lächelte schuldbewusst gleichgültig und die gute Stimmung war
dahin Anna fühlte mit Missbehagen dass die ganze Geschichte verpufft war Georg
war unsicher ob er sich ärgern sollte dass seine Hoffnung ins Wanken gekommen
oder sich freuen dass er einer Art Verpflichtung ledig geworden war Heinrich
aber war zumute als verließen ihn seine eigenen Gestalten in schattenhafter
Verwirrung höhnisch ohne Abschied und ohne das Versprechen wiederzukommen Er
fand sich allein verlassen in einem traurigen Garten in Gesellschaft eines
liebenswürdigen guten Bekannten und einer jungen Dame die ihn gar nichts
anging Er musste mit einemmal an ein Geschöpf denken das zu dieser Stunde mit
rotgeweinten Augen hoffnungslos in einem schlecht beleuchteten Kupee dunkeln
Bergen entgegenfuhr in Sorge ob sie morgen früh rechtzeitig zur Probe
erscheinen würde Nun fühlte er es wieder seit das zu Ende war ging es abwärts
mit ihm Nichts hatte er mehr und niemanden Das Leid jener kläglichen und in
Qual gehassten Person war sein einziger Besitz Und wer weiß morgen schon mit
den rotgeweinten Augen lächelte sie einen andern an noch immer Schmerz und
Sehnsucht in der Seele und doch schon neue Lebenslust im Blut
Frau Golowski war auf der Veranda erschienen etwas verspätet und eilig
noch mit Hut und Schirm Sie brachte Grüße aus der Stadt von Terese die Anna
nächster Tage wieder einen Besuch abstatten wollte Georg der an einem
Holzpfeiler der Veranda lehnte wandte sich an Frau Golowski mit der
absichtlichen Höflichkeit die er ihr gegenüber stets zur Schau trug »Wollen
Sie nicht Fräulein Terese in unserm Namen fragen ob sie nicht einmal ein paar
Tage heraussen wohnen möchte Die Mansarde oben ist vollkommen zu ihrer
Verfügung Ich gehe nämlich demnächst auf kurze Zeit ins Gebirge« setzte er
hinzu als wenn er sonst das kleine Zimmer oben regelmäßig bewohnte
Frau Golowski dankte Sie wollte es Terese bestellen Georg sah nach der
Uhr und fand dass es Zeit war sich auf den Heimweg zu machen Dann
verabschiedete er sich mit Heinrich Anna begleitete beide bis zur Gartentür
blieb dort noch eine Weile stehen und sah ihnen nach bis sie auf der Höhe
waren wo der Sommerhaidenweg anfing
Die kleine Ortschaft im Talgrund floss im Mondenschein dahin Die Hügel
standen fahl wie dünne Wände Der Wald atmete Dunkelheit In der Ferne
glitzerten tausend Lichter aus dem Nachtsommerdunst der Stadt Schweigend gingen
Heinrich und Georg nebeneinander her und Fremdheit stieg zwischen ihnen auf
Georg erinnerte sich jenes Spaziergangs durch den Prater im vorigen Herbst da
ein erstes beinahe vertrautes Gespräch sie einander genähert hatte Wie viele
waren seither gefolgt Aber waren sie nicht alle wie in die Luft geweht Auch
heute noch nicht konnte Georg mit Heinrich wortlos durch die Nacht wandeln wie
früher so manchmal mit Guido mit Labinski auch ohne sich innerlich von ihm
fort zu verlieren Das Schweigen wurde ihm drückend Er begann weil das ihm
eben zuerst einfiel von dem alten Stauber und pries dessen Verlässlichkeit und
Vielseitigkeit Heinrich war nicht für ihn eingenommen fand ihn ein wenig
berauscht von der eigenen Güte Weisheit und Tüchtigkeit Das war auch eine
Sorte Juden die er nicht leiden mochte die mit sich einverstandenen Sie kamen
auf den jungen Stauber zu reden dessen Schwanken zwischen Politik und
Wissenschaft für Heinrich etwas sehr Anziehendes zu haben schien Von da aus
gerieten sie in eine Unterhaltung über die Zusammensetzung des Parlaments über
die Zänkereien zwischen Deutschen und Tschechen über die Angriffe der
Klerikalen gegen den Unterrichtsminister Sie redeten mit so angestrengter
Beflissenheit wie man nur über Dinge zu sprechen pflegt die einem im Grunde
der Seele völlig gleichgültig sind Endlich debattierten sie darüber ob der
Minister nach der zweifelhaften Rolle die er in der Frage der Zivilehe
gespielt im Amte bleiben durfte oder nicht und wussten am Ende nicht mehr
recht wer von ihnen beiden sich für und wer sich gegen die Demission
ausgesprochen hatte Sie gingen längs des Friedhofs hin Über die Mauer ragten
Kreuze und Grabsteine und schwammen im Mondenschein Der Weg senkte sich nach
abwärts zur Straße Sie eilten beide um die letzte Pferdebahn zu erreichen
und auf der Plattform stehend in schwüler dunstiger Nachtluft rollten sie der
Stadt zu Georg erklärte dass er den ersten Teil seiner Reise zu Rad zu
unternehmen gedächte Und einem plötzlichen Einfall folgend fragte er Heinrich
ob er nicht mit von der Partie sein wollte Heinrich war einverstanden und nach
wenigen Minuten begeistert Beim Schottentor stiegen sie aus suchten ein nahes
Café auf und bestimmten in einer ausführlichen Unterredung mit Zuhilfenahme von
Spezialkarten die sie in Lexikonbänden fanden alle möglichen Reiselinien Als
sie sich voneinander verabschiedeten stand der Plan zwar noch nicht ganz fest
aber sie wussten schon dass sie übermorgen früh miteinander Wien verlassen und in
Lambach ihre Räder besteigen würden
Am offenen Fenster seines Schlafzimmers stand Georg noch eine ganze Weile
überwach Er dachte an Anna von der er morgen für wenige Tage nur Abschied
nehmen sollte und sah sie vor sich so wie sie in dieser Stunde im blassen
Dämmerlicht zwischen Mond und Morgen auf dem Land draußen in ihrem Bette
schlummern mochte Aber es war ihm in dumpfer Weise als stände diese
Erscheinung nicht mit seinem Schicksal in Zusammenhang sondern irgendwie mit
dem eines Unbekannten der selbst noch nichts davon wusste Und dass in jenem
schlummernden Wesen ein anderes noch tiefer und geheimnisvoller schlief und dass
dies andre sein Kind sein sollte das vermochte er gar nicht zu fassen Jetzt
da die Nüchternheit der Frühe beinahe schmerzlich durch seine Sinne schlich
ward ihm das ganze Erlebnis fern und unwahrscheinlich wie noch nie Immer
hellerer Schein zeigte sich über Dächern und Türmen aber die Stadt war noch
lange nicht erwacht Ganz regungslos lag die Luft Von den Bäumen drüben aus dem
Park kam kein Wehen kein Duft von den verblühten Beeten Und Georg stand am
Fenster glücklos und ohne Begreifen
Siebentes Kapitel
Langsam stieg Georg aus dem unteren Schiffsraum empor auf schmaler
teppichbelegter Treppe zwischen langgedehnten schiefen Spiegeln und in einen
langen dunkelgrünen Plaid gehüllt der nachschleppte wandelte er unter dem
Sternenhimmel auf dem menschenleeren Verdeck auf und ab Am Steuer bewegungslos
wie immer stand Labinski drehte das Rad und hatte den Blick zum offenen Meer
gerichtet Welche Karriere dachte Georg Zuerst Toter dann Minister dann ein
kleiner Bub mit einem Muff und heute schon ein Steuermann Wenn er wüsste dass
ich auf diesem Schiff bin so würde er sicher appellieren »Geben Sie acht«
sagten hinter Georg die zwei blauen Mädeln die er vom Seeufer her kannte aber
schon stürzte er hin verwickelte sich in den Plaid und hörte den Flügelschlag
weißer Möven über seinem Haupt Gleich darauf saß er unten im Salon an der
Tafel die so lang war dass die Leute am Ende ganz klein aussahen Ein Herr
neben ihm der dem alten Grillparzer ähnlich sah bemerkte ärgerlich »Immer hat
dieses Schiff Verspätung schon längst sollten wir in Boston sein« Nun bekam
Georg große Angst denn wenn er beim Aussteigen die drei Partituren im grünen
Einband nicht vorweisen konnte so wurde er unbedingt wegen Hochverrats
verhaftet Darum sah ihn auch der Prinz der den ganzen Tag auf dem Verdeck mit
dem Rad hin und herraste manchesmal so sonderbar von der Seite an Und um den
Verdacht noch zu steigern musste er an der Tafel in Hemdärmeln dasitzen während
sämtliche Herren wie immer auf Schiffen Generalsuniformen und alle Damen rote
Samttoiletten trugen »Gleich sind wir in Amerika« sagte ein heiserer Steward
der Spargel verteilte »nur noch eine Station« Die andern können ruhig sitzen
bleiben dachte Georg die haben nichts zu tun ich aber muss gleich ins Theater
schwimmen Und in dem großen Spiegel ihm gegenüber erschien die Küste lauter
Häuser ohne Dächer die terrassenartig immer höher hinaufstiegen und ganz oben
in einem weißen Kiosk mit durchbrochener Steinkuppel ungeduldig wartete die
Musikkapelle Die Glocke auf dem Verdeck ertönte und Georg stolperte mit seinem
grünen Plaid und zwei Handtaschen die Treppe hinauf zum Garten Aber man hatte
den unrichtigen hertransportiert es war nämlich der Stadtpark auf einer Bank
saß Felician neben ihm eine alte Dame in einer Mantille legte die Finger an
die Lippen pfiff sehr laut und mit aussergewöhnlich tiefer Stimme sagte
Felician »Kemmelbach Ybs« Nein dachte Georg solch ein Wort nimmt Felician
nicht in den Mund rieb sich die Augen und erwachte
Der Zug setzte sich eben wieder in Bewegung Vor dem geschlossenen
Kupeefenster leuchteten zwei rote Laternen auf Dann rann still und schwarz die
Nacht vorbei Georg zog seinen Reiseplaid fester um sich und starrte auf die
grün verhängte Lampe an der Decke Ach wie gut dachte er dass ich allein im
Kupee bin so hab ich doch mindestens vier oder fünf Stunden fest geschlafen
Was war das für ein seltsam wirrer Traum Die weißen Möven fielen ihm zuerst
wieder ein Ob die irgend etwas zu bedeuten hatten Dann dachte er an die alte
Frau mit der Mantille die eigentlich niemand anders war als Frau Oberberger
Sie würde sich nicht sonderlich geschmeichelt fühlen Aber hatte sie nicht
wirklich ausgesehen wie eine ganz alte Dame als er sie vor ein paar Tagen an
der Seite ihres leuchtenden Gemahls in der Loge des kleinen weißroten
Kurteaters erblickt hatte Und auch Labinski war ihm im Traum erschienen als
Steuermann sonderbarerweise Und auch die Mädchen in blauen Kleidern die vom
Hotelgarten aus durchs Fenster ins Klavierzimmer hineingeblickt hatten sobald
sie ihn spielen hörten Aber was war denn nur das Gespenstische in diesem Traum
gewesen
Nicht die blauen Mädchen auch Labinski nicht und nicht der Prinz von
Guastalla der zu Rad übers Verdeck gerast war Nein seine eigene Gestalt war
ihm so gespenstisch erschienen wie sie zu beiden Seiten neben ihm in den
langgedehnten schiefen Spiegeln hundertmal vervielfacht einhergeschlichen war
Es begann ihn zu frösteln Durch den Luftspalt oben drang kühle Nachtluft
ins Kupee herein Die tiefschwarze Finsternis draußen wandelte sich allmählich
in schweres Grau und plötzlich klangen Georg Worte im Ohr die er vor wenigen
Stunden erst von einer dunkeln Frauenstimme gehört hatte klangen flüsternd und
weh Wie bald wirst du mich vergessen haben Er wollte die Worte nicht hören
Er wollte sie wären schon wahr geworden und wie verzweifelt stürzte er sich
zurück in die Erinnerung seines Traums Es war ihm ganz klar dass der Dampfer
auf dem er die Konzertreise nach Amerika unternommen eigentlich das Schiff
bedeutet hatte auf dem Ägidius seinem düstern Schicksal entgegenfuhr Und der
Kiosk mit der Musikkapelle war die Halle gewesen wo den Ägidius der Tod
erwartete Wundervoll hatte der Sternenhimmel sich über das Meer gebreitet Die
Luft war so blau und die Sterne so silbern gewesen wie er sie im Wachen niemals
gesehen nicht einmal in der Nacht da er mit Grace von Palermo nach Neapel
gereist war Plötzlich wieder flüsternd und weh klang durch das Dunkel die
Stimme der geliebten Frau Wie bald wirst du mich vergessen haben Und nun
sah er sie selbst vor sich wie er sie vor wenig Stunden erst gesehen das
dunkle Haar über die Polster fliessend bleich und nackt Er wollte nicht dran
denken beschwor andre Bilder aus den Tiefen seiner Erinnerung hervor jagte sie
mit Willen an sich vorbei Er sah sich auf einem Friedhof umhergehen in
schmelzendem Februarschnee mit Grace er sah sich mit Marianne über eine weiße
Landstraße dem winterlichen Wald entgegenfahren er sah sich mit seinem Vater in
später Abendstunde über die Ringstrasse wandeln und endlich drehte sich sausend
ein Ringelspiel an ihm vorüber Sissy mit lachenden Lippen und Augen schaukelte
auf einem hölzernen braunen Pferde Else anmutigdamenhaft saß in einem roten
Wägelchen und Anna ritt einen Araber lässig die Zügel in der Hand Anna Wie
jung und holdselig sie aussah War das wirklich dieselbe die er in wenigen
Stunden wiedersehen sollte und war er wirklich nur zehn Tage von ihr fern
gewesen Und sollte er nun alles wiedersehen was er vor zehn Tagen verlassen
hatte zwischen Blumenbeeten den kleinen Engel aus blauem Ton den Balkon mit
dem hölzernen Giebel den stillen Garten mit den Johannisbeerstauden und
Fliederbüschen Ganz unfassbar erschien ihm das Auf der weißen Bank unter dem
Birnbaum wird sie mich erwarten dachte er Und ich werde ihre Hände küssen als
wäre nichts geschehen »Wie gehts dir Georg« wird sie mich fragen »bist du
mir treu gewesen« Nein das ist nicht ihre Art zu fragen Aber ohne dass sie
fragt und ohne dass ich antworte wird sie fühlen dass ich nicht mehr als
derselbe wiederkomme der ich gegangen bin Wenn sies doch fühlte Wenn es mir
erspart bliebe zu lügen Aber hab ichs nicht schon getan Und er dachte an die
Briefe die er ihr geschrieben hatte vom Seeufer her Briefe voll Zärtlichkeit
und Sehnsucht die ja auch schon Lüge gewesen waren Und er dachte daran wie er
nachts gewartet hatte mit klopfendem Herzen das Ohr an die Tür gepresst bis
alles im Gasthof still geworden wie er dann über den Gang geschlichen war zu
jener andern die bleich und nackt dagelegen war mit offenen dunkeln Augen
umströmt vom Duft und bläulichen Glanz ihrer Haare Und er dachte dran wie er
und sie in einer Nacht halbtrunken vor Lust und Verwegenheit auf den Balkon
hinausgetreten waren unter dem verführerisch das Wasser rauschte Wär einer in
der tiefen Finsternis dieser Stunde draußen auf dem See gewesen so hätte er die
weißen Leiber durch die Nacht leuchten sehen Georg bebte in der Erinnerung Wir
waren nicht bei Sinnen dachte er Wie leicht hätte es sein können dass ich
heute sechs Schuh unter der Erde läge mit einer Kugel mitten durchs Herz Es
kann noch immer so kommen Sie wissens ja alle Else hat es zuerst gewusst
obwohl sie kaum je aus dem Auhof in den Ort heruntergekommen ist James Wyner
hats ihr wohl erzählt der mich am Abend mit der Fremden auf der Landungsbrücke
hat stehen sehen Ob Else ihn heiraten wird Dass er ihr so gut gefällt kann ich
verstehen Er ist schön Dieses gemeisselte Antlitz diese kalten grauen Augen
die klug und gerade in die Welt schauen Ein junger Engländer Wer weiß ob in
Wien nicht auch eine Art von Oskar Ehrenberg aus ihm geworden wäre Und es fiel
Georg ein was Else ihm von ihrem Bruder erzählt hatte Auf dem Krankenbett im
Sanatorium war er Georg so gefasst beinahe gereift erschienen Und jetzt in
Ostende sollte er ein wüstes Leben führen spielen und sich in der übelsten
Gesellschaft herumtreiben als wenn er sich durchaus zugrunde richten wollte Ob
Heinrich die Sache noch immer so tragikomisch fände Frau Ehrenberg war ganz
weiß geworden vor Kränkung und Else hatte sich an einem Morgen im Park oben vor
Georg so recht ausgeweint Ob sie nur um Oskar geweint hatte
Das Grau vor dem Kupeefenster erhellte sich langsam Georg sah wie draußen
die Telegraphendrähte in eiligen Wellen mitschwebten und wanderten und er
dachte daran dass gestern Nachmittag auf einem dieser Drähte auch seine
lügnerischen Worte zu Anna gewandert waren Morgen früh bin ich bei dir in
Sehnsucht Dein Georg Gleich vom Amt aus war er wieder zurückgeeilt zu einer
glühenden und verzweifelten Abschiedsstunde mit jener andern Und er konnte es
nicht fassen dass sie auch in dieser Stunde noch während er schon eine ganze
Ewigkeit lang von ihr fort war noch in dem gleichen Zimmer mit den fest
geschlossenen Fensterläden liegen und schlafen und träumen sollte Und heute
Abend wird sie daheim sein bei Mann und Kindern daheim wie er Er wusste dass es
so war und er konnte es nicht verstehen Das erstemal in seinem Leben war er
nahe daran gewesen irgend etwas zu begehen was die Leute vielleicht Tollheit
hätten nennen dürfen Nur ein Wort von ihr und er wäre mit ihr in die Welt
gegangen hätte alles zurückgelassen Freunde Geliebte und sein ungeborenes
Kind Und war er nicht noch immer bereit dazu Wenn sie ihn riefe würde er
nicht kommen Und wenn ers täte hätte er nicht Recht War er nicht für
Abenteuer solcher Art viel mehr geschaffen als für das stille pflichtenvolle
Dasein das er sich erwählt hatte War es nicht eher seine Bestimmung
unbedenklich und kühn durch die Welt zu treiben als irgendwo festzusitzen mit
Weib und Kind mit der Sorge ums tägliche Brot um die Karriere und höchstens um
ein bisschen Ruhm In diesen Tagen aus denen er jetzt kam hatte er sich leben
gefühlt vielleicht das erste Mal Jeder Augenblick war so reich und erfüllt
gewesen nicht die in ihren Armen allein Er war wieder jung geworden mit
einemmal Blühender hatte die Landschaft geprangt der Himmel hatte sich weiter
gespannt die Luft die er trank hatte bessere Würze und Kraft geatmet Und
Melodien hatten in ihm gerauscht wie nie zuvor Hatte er je ein schöneres Lied
komponiert als jenes heiterwiegende ohne Worte »auf dem Wasser zu singen«
Und seltsam aus ungeahnter eigener Tiefe war das Phantasiestück emporgestiegen
am Seeufer eine Stunde nachdem er die wunderbare Frau zum erstenmal erblickt
hatte Nun sollte ihn Herr Hofrat Wilt nicht lange mehr für einen Dilettanten
halten Doch warum dachte er gerade an den Wussten die andern besser wer er
war Schien es ihm nicht manchmal als ob sogar Heinrich der ihm doch einmal
einen Operntext hatte schreiben wollen ihn um nichts gerechter beurteilte Und
er hörte die Worte wieder die der Dichter zu ihm gesprochen hatte an jenem
Morgen da sie von Lambach durch den taufeuchten Wald nach Gmunden gefahren
waren »Sie müssen nicht schaffen um zu sein was Sie sind Sie brauchen nicht
die Arbeit nur die Atmosphäre Ihrer Kunst « Gleich darauf erinnerte er sich
des Abends in dem Forstaus am Almsee wo ein Jäger von siebenunddreissig Jahren
lustige Liedeln gesungen und Heinrich sich gewundert hatte dass einer in diesem
Alter noch so lustig war da man sich dem Tod doch schon so nahe fühlen müsste
Dann hatten sie sich in einem Riesensaal zu Bett gelegt wo die Worte
widerhallten lange noch über Leben und Tod philosophiert und waren plötzlich in
Schlaf gesunken Am Morgen darauf unter kühler Bergessonne hatten sie
voneinander Abschied genommen
Noch immer lag Georg regungslos ausgestreckt in den Plaid gehüllt und
überlegte ob er von seiner Begegnung mit der Schauspielerin Heinrich etwas
erzählen sollte Wie blass sie geworden war als sie ihn plötzlich erblickt
hatte Mit herumirrenden Augen hatte sie seinem Bericht von der gemeinsamen
Radpartie zugehört dann ohne weitern Übergang von ihrer Mutter zu erzählen
begonnen und von dem kleinen Bruder der so wunderschön zeichnen könnte Und die
Kollegen hatten von der Bühnentür immer hergestarrt besonders einer mit einem
Lodenhut auf dem ein Gemsbart steckte Und am selben Abend hatte Georg sie in
einer französischen Posse spielen gesehen und sich gefragt ob die hübsche
Person die da unten auf der Bühne des kleinen Sommerteaters so unbändig
umheragierte in Wirklichkeit so verzweifelt sein könnte wie Heinrich sichs
einbildete Nicht nur ihm auch James und Sissy hatte sie gut gefallen Was war
das für ein lustiger Abend gewesen Und das Souper nach dem Theater mit James
Sissy der Mama Wyner und Willy Eissler Und am nächsten Morgen die Fahrt im
Viererzug des alten Baron Löwenstein der selbst kutschierte In weniger als
einer Stunde waren sie am See gewesen Ein Kahn trieb am Ufer hin im
Frühsonnenschein und auf der Ruderbank saß die geliebte Frau den grünseidenen
Schal um die Schultern Wie kam es nur dass auch Sissy gleich die Beziehung
zwischen ihm und ihr geahnt hatte Und das heitere Diner dann oben im Auhof bei
Ehrenbergs Georg hatte seinen Platz zwischen Else und Sissy und Willy erzählte
eine komische Geschichte nach der andern Und dann am Nachmittag ohne
Verabredung während die andern alle ruhten unter der dunkelgrünen Schwüle des
Parks im warmen Duft von Moos und Tannen hatten Georg und Sissy sich gefunden
zu einer wunderbaren Stunde die ohne Schwüre der Treue und ohne Schauer der
Erfüllung leicht wie ein Traum durch diesen Tag geschwebt war Wie möcht ich
ihn Augenblick für Augenblick durchdenken und durchkosten diesen goldnen Tag
Ich seh uns beide Sissy und mich wie wir über die Wiese hinunter spaziert sind
zum Tennisplatz Hand in Hand Ich glaube ich hab auch besser gespielt als je
Und ich sehe Sissy wieder im Strohsessel liegend die Zigarette zwischen den
Lippen und den alten Baron Löwenstein an ihrer Seite und ihre Blicke glühen zu
Willy hin Wo war ich schon in diesem Moment wieder für sie Und der Abend Wie
wir in der Dämmerung noch hinausgeschwommen sind in den See James Willy und
ich und das laue Wasser mich so köstlich umstreichelt hat Was für eine Wonne
auch das Und dann die Nacht die Nacht
Wieder hielt der Zug stille Draußen war es schon ganz licht geworden Georg
aber blieb regungslos liegen nach wie vor Er hörte den Namen der Station
ausrufen Stimmen von Kellnern Kondukteuren Reisenden hörte Schritte auf dem
Perron Bahnsignale aller Art und er wusste dass er in einer Stunde in Wien sein
würde Wenn Anna Nachrichten über ihn bekommen hätte wie Heinrich im
vergangenen Winter über seine Geliebte Er konnte sich nicht vorstellen dass
Anna über dergleichen außer Fassung geriete selbst wenn sie daran glaubte
Vielleicht würde sie weinen aber gewiss nur für sich allein ganz in der Stille
Er nahm sich fest vor sich nichts merken zu lassen War das nicht geradezu
seine Pflicht Worauf kam es nun an Nur auf das eine dass Anna die letzten
Wochen ruhig und ohne Aufregung verlebte und dass ein gesundes Kind zur Welt
käme Darauf allein Wie lange war es schon her dass er von Doktor Stauber diese
Worte gehört hatte Das Kind Wie nahe war die Stunde Das Kind dachte
er wieder doch vermochte er nichts zu denken als eben nur das Wort Endlich
versuchte er sich ein lebendiges kleines Wesen vorzustellen Aber wie zum
Possen erschienen ihm immer wieder Figuren von kleinen Kindern die aussahen wie
aus einem Bilderbuch burlesk gezeichnet und in überlauten Farben Wo wird es
seine ersten Jahre verbringen dachte er Bei Bauern auf dem Land in einem Haus
mit einem kleinen Garten Eines Tages aber werden wirs holen und zu uns ins
Haus nehmen Es könnte auch anders kommen Man erhält einen Brief Euer
Hochwohlgeboren beehre mich mitzuteilen dass das Kind schwer erkrankt ist
Oder gar Wozu an solche Dinge denken Auch wenn wirs bei uns behielten
könnte es krank werden und sterben
Jedenfalls muss man es zu sehr verlässlichen Menschen geben Ich will mich
selbst darum kümmern Es war ihm als stände er neuen Aufgaben gegenüber die er
niemals recht überlegt hatte und denen er innerlich nicht gewachsen war Die
ganze Geschichte fing gleichsam von neuem für ihn an Er kam aus einer Welt
zurück in der ihn alle diese Dinge nichts gekümmert wo andre Gesetze gegolten
hatten als die denen er sich jetzt wieder fügen musste Und war es nicht
gewesen als hätten auch die andern Menschen gefühlt dass er nicht zu ihnen
gehörte als wären sie alle von einem gewissen Respekt durchdrungen gewesen als
hätte Ehrfurcht sie erfasst vor der Macht und Heiligkeit einer großen
Leidenschaft die sie in ihrer Nähe walten sahen Er erinnerte sich eines
Abends an dem die Hotelgäste einer nach dem andern aus dem Klavierzimmer
verschwunden waren als wären sie sich ihrer Verpflichtung bewusst ihn mit ihr
allein zu lassen Er hatte sich an den Flügel gesetzt und zu phantasieren
begonnen Sie war in ihrer dämmrigen Ecke geblieben in einem großen Armstuhl
Zuerst hatte er ihr Lächeln noch gesehen dann nur das dunkle Leuchten ihrer
Augen dann nur mehr die Umrisse ihrer Gestalt dann überhaupt nichts mehr doch
immer gewusst sie ist da Drüben am andern Ufer waren Lichter aufgebljetzt Die
zwei Mädeln in den blauen Kleidern hatten durchs Fenster hereingeguckt und waren
gleich wieder verschwunden Endlich hörte er zu spielen auf und blieb stumm am
Klavier sitzen Da war sie langsam aus der Ecke hervorgekommen einem Schatten
gleich und hatte ihre Hände auf sein Haupt gelegt Wie unsäglich schön war das
gewesen Und alles fiel ihm wieder ein Wie sie im Kahn geruht hatten mitten im
See mit eingezogenen Rudern er den Kopf in ihrem Schoss und wie sie am Ufer
drüben den Waldweg hinaufgewandert waren bis zu der Bank unter der Eiche Dort
war es gewesen wo er ihr alles erzählt hatte Alles wie einer Freundin Und
sie hatte ihn verstanden wie nie eine andre ihn verstanden hatte War sie es
nicht die er seit jeher gesucht hatte sie die Geliebte war und Gefährtin
zugleich mit dem ernsten Blick für alle Dinge der Welt und doch geschaffen zu
jedem Wahnsinn und jeder Seligkeit Und gestern der Abschied Der dunkle
Glanz ihrer Augen der blauschwarze Strom ihrer gelösten Haare der Duft ihres
bleichen nackten Leibes War es denn möglich dass es auf immer zu Ende war
dass all dies niemals niemals wiederkommen sollte
Georg zerknüllte den Plaid zwischen den Fingern in ohnmächtiger Sehnsucht
und schloss die Augen Er sah die sanftbewegten Waldhügellinien nicht mehr die
draußen im Morgenlicht vorbeizogen und wie zu einem letzten Glück träumte er
sich in die dunkeln Wonnen jener Abschiedsstunde zurück Doch wider Willen
überkam ihn Mattigkeit nach der durchrüttelten Eisenbahnnacht und aus
selbstgerufenen Bildern jagte es ihn wieder durch regellose Träume über die ihm
keine Macht gegeben war Er ging über den Sommerhaidenweg in sonderbarem
Dämmerlicht das ihn mit tiefer Traurigkeit erfüllte War es Morgen War es
Abend Oder trüber Tag Oder war es der rätselhafte Glanz irgendeines Gestirns
über der Welt das noch niemandem geleuchtet hatte als ihm Plötzlich stand er
auf einer großen freien Wiese wo Heinrich Bermann hin und her lief und ihn
fragte Suchen Sie auch das Schloss der Dame Ich erwarte Sie schon lang Sie
stiegen eine Wendeltreppe hinauf Heinrich voran so dass Georg immer nur einen
Zipfel des Überziehers erblicken konnte der nachschleppte Oben auf einer
riesigen Terrasse von der man die Stadt und den See sah war die ganze
Gesellschaft versammelt Leo hatte seinen Vortrag über Mollakkorde begonnen
hielt inne als Georg erschien stieg vom Katheder herab und führte ihn selbst
zu einem freien Stuhl der in der ersten Reihe neben Anna stand Anna lächelte
glückselig als Georg erschien Sie war jung und strahlend in einer herrlichen
dekolletierten Abendtoilette Gleich hinter ihr saß ein kleiner Bub mit blonden
Locken in Matrosenanzug mit breitem weißem Kragen und Anna sagte »Das ist
er« Georg machte ihr ein Zeichen zu schweigen denn es sollte ja ein Geheimnis
sein Indessen spielte Leo oben als Beweis seiner Theorie die cis moll Nocturne
von Chopin und hinter ihm an der Wand lang hager und gütig lehnte der alte
Bösendorfer im gelben Überzieher Alle verließen in großem Gedränge den
Konzertsaal Georg gab Anna den Teatermantel um die Schultern und sah die Leute
ringsum strenge an Dann saß er mit ihr im Wagen küsste sie empfand große Wonne
dabei und dachte könnt es doch immer so sein Plötzlich hielten sie vor dem
Hause in Mariahilf Oben am Fenster warteten schon viele Schüler und winkten
Anna stieg aus verabschiedete sich von Georg mit einem pfiffigen Gesicht und
verschwand im Haustor das lärmend hinter ihr zufiel
»Bitte sehr noch zehn Minuten« sagte jemand Georg richtete sich auf Der
Kondukteur stand in der Türe und wiederholte »In zehn Minuten sind wir in
Wien«
»Danke« sagte Georg und stand auf mit ziemlich wirrem Kopf Er öffnete das
Fenster und freute sich dass draußen in der Welt schönes Wetter war Die frische
Morgenluft ermunterte ihn völlig Gelbe Mauern Bahnwärterhäuschen Gärtchen
Telegraphenstangen Straßen flogen vorüber und endlich stand der Zug in der
Halle Ein paar Minuten darauf fuhr Georg in einem offenen Fiaker nach seiner
Wohnung sah Arbeiter Ladenmädchen Bureauleute zu ihrem täglichen Berufe
wandern hörte Rolladen in die Höhe schnurren und inmitten aller Unruhe die
seiner wartete inmitten aller Sehnsucht die ihn anderswo hinzog empfand er
das tiefe Wohlgefühl des Wiederdaheimseins Als er in sein Zimmer eintrat
fühlte er sich wie geborgen Der alte Schreibtisch mit dem grünen Tuch
überzogen der Briefbeschwerer aus Malachit die gläserne Aschenschale mit dem
eingebrannten Reiter die schlanke Lampe mit dem breiten grünen
Milchglasschirm die Bilder des Vaters und der Mutter in den schmalen
Mahagonirahmen in der Ecke das runde Marmortischchen mit der Silberkassette für
Zigarren dort an der Wand der Prinz von der Pfalz nach Van Dyck der hohe
Bücherschrank mit den olivenfarbigen Vorhängen alles grüßte ihn mit
Herzlichkeit Und gar der Blick der gute heimatliche über die Baumkronen des
Parks zu den Türmen und Dächern wie tat der wohl Aus allem was er hier
wiederfand strömte es ihm wie kaum geahntes Glück entgegen und es fiel ihm
schwer aufs Herz dass er all das in wenigen Wochen verlassen musste Und bis man
wieder ein Heim ein wirkliches Heim haben würde wie lang mochte das dauern
Gern hätte er sich ein paar Stunden lang in seinem lieben Zimmer aufgehalten
aber er hatte keine Zeit Vor der Mittagstunde noch musste er ja auf dem Lande
sein
Er hatte seine Kleider abgeworfen ließ sich in seiner weißen Wanne
wonniglich von warmem Wasser umspülen Um im Bade nicht einzuschlafen wählte er
ein Mittel das sich schon öfters bewährt hatte Er dachte eine Fuge von Bach
Note für Note durch Das Klavierspiel fiel ihm ein das musste auch wieder
tüchtig geübt werden Und Partituren gelesen Ob es nicht doch das klügste war
noch ein Jahr dem Studium zu widmen Nicht erst unterhandeln oder gar eine
Stellung annehmen die man am Ende nicht ausfüllen konnte Lieber hier bleiben
und arbeiten Hier bleiben Wo denn Die Wohnung war ja gekündigt Einen
Augenblick fuhr ihm durch den Sinn sich in dem alten Hause einzumieten der
grauen Kirche gegenüber wo er so schöne Stunden mit Anna verbracht hatte und
es war ihm als erinnerte er sich einer längst vergangenen Geschichte eines
Jugendabenteuers heiter und ein wenig geheimnisvoll das lange vorbei war
Erfrischt und in einem ganz neuen Gewand dem ersten hellen das er seit dem
Tode des Vaters anlegte trat er in sein Zimmer zurück Ein Brief lag auf dem
Schreibtisch den eben die Frühpost gebracht hatte Von Anna Er las Nur ein
paar Worte waren es »Du bist wieder da mein Geliebter Ich grüße Dich Ich
sehne mich nach Dir Lass mich nicht zu lange warten Deine Anna«
Georg sah auf Er wusste selbst nicht was ihn an diesem kurzen Brief so
sonderbar berührte Annas Briefe hatten sonst immer bei aller Zärtlichkeit
etwas Gemessenes fast Konventionelles bewahrt und manchmal hatte er sie im
Scherz »Erlässe« genannt Dieser hier war in einem Ton gehalten der ihn an das
leidenschaftliche Mädchen aus früherer Zeit erinnerte an seine Geliebte die er
beinahe vergessen hatte und seltsam unerwartet griff Unruhe nach seinem Herzen
Er eilte die Treppe hinab setzte sich in den nächsten Fiaker und fuhr aufs
Land Bald fühlte er sich angenehm zerstreut durch den Anblick der Menschen auf
den Straßen die ihn nichts angingen und später als er den Wäldern schon nah
war beruhigte ihn die Anmut des blauen Sommertages Mit einemmal früher als
Georg gedacht hielt der Wagen vor dem Landhaus Unwillkürlich sah Georg zuerst
zum Balkon unter dem Giebel auf Ein kleines Tischchen stand oben mit weißer
Decke und ein Körbchen darauf Ach ja Terese hatte ein paar Tage hier
gewohnt Jetzt erst fiel es ihm wieder ein Terese Wo war das Er stieg
aus entließ den Wagen und trat ins Vorgärtchen wo auf bescheidenem Postament
unter verblühten Beeten der blaue Engel stand Er trat ins Haus Im großen
Mittelzimmer deckte die Marie eben den Tisch
»Im Garten oben is die gnä Frau« sagte sie
Die Tür zur Veranda stand offen Die Bretter des Bodens knarrten unter
Georgs Füßen Der Garten mit seinem Duft und seiner Schwüle nahm ihn auf Der
alte Garten war es Alle die Tage die Georg fern gewesen war er stille
dagelegen so wie in diesem Augenblick im Morgenlicht im Sonnenglanz im
Abendschatten im Dunkel der Nacht immer derselbe Gerade schnitt der
Kiesweg durch die Wiese nach oben Kinderstimmen waren jenseits der Stauden an
denen rote Beeren hingen Und dort auf der weißen Bank den Arm auf der Lehne
sehr bleich in wallendem blauen Morgenkleid das war Anna Ja wirklich sie Nun
hatte sie ihn erblickt Sie wollte aufstehen Er sah es und sah zugleich dass es
ihr schwer wurde Warum nur Bannte die Erregung sie nieder Oder war die
schwere Stunde schon so nah Er winkte ihr mit der Hand sie sollte sitzen
bleiben Sie setzte sich auch wirklich wieder hin und hatte nur die Arme leicht
ausgebreitet ihm entgegen Ihre Augen leuchteten glückselig Georg ging sehr
rasch den weichen grauen Hut in der Hand und nun war er bei ihr
»Endlich« sagte sie und es war eine Stimme die so weiter klang wie jene
Worte in ihrem Brief von heut Morgen Er nahm ihre Hände schüttelte sie in
einer sonderbar ungeschickten Weise fühlte irgend etwas in seiner Kehle
aufsteigen konnte aber noch immer kein Wort sprechen nickte nur und lächelte
Und plötzlich kniete er vor ihr auf dem Kies ihre Hände in den seinen sein
Haupt in ihrem Schoss fühlte wie sie ihm die Hände leicht entzog sie auf sein
Haupt legte und dann hörte er sich ganz leise weinen Und es war ihm wie in
süß dumpfem Traum als läge er ein Knabe zu seiner Mutter Füßen und dieser
Augenblick wäre schon Erinnerung fern und schmerzlich während er ihn
durchlebte
Achtes Kapitel
Frau Golowski kam aus dem Hause Georg sah sie vom oberen Ende des Gartens aus
auf die Veranda treten Erregt eilte er ihr entgegen aber schon wie sie ihn von
ferne gewahrte schüttelte sie den Kopf
»Noch nicht« fragte Georg
»Der Professor meint« erwiderte Frau Golowski »eh es dunkel wird«
»Eh es dunkel wird« sagte Georg und sah auf die Uhr »Und jetzt ist es erst
drei«
Sie reichte ihm teilnahmsvoll die Hand und Georg blickte ihr in die guten
etwas übernächtigen Augen Die durchsichtigen weißen Vorhänge vor Annas Fenster
wurden eben leicht zurückgeschlagen Der alte Doktor Stauber erschien in der
Fensteröffnung warf Georg einen freundlichberuhigenden Blick zu verschwand
wieder und die Vorhänge fielen zu Im großen Mittelzimmer am runden Tische saß
Frau Rosner Georg nahm von der Veranda aus nur die Umrisse ihrer Gestalt wahr
ihr Gesicht war ganz umschattet Wieder drang ein Wimmern dann ein lautes
Stöhnen aus dem Zimmer in dem Anna lag Georg starrte zum Fenster hin wartete
eine Weile dann wandte er sich ab und ging zum hundertstenmal heute den Weg
hinauf zum oberen Gartenende Offenbar ist sie schon zu schwach um zu schreien
dachte er und das Herz tat ihm weh Zwei volle Tage und zwei volle Nächte lag
sie in Wehen der dritte neigte sich zum Ende und nun sollte es noch dauern
bis der Abend kam Schon am Abend des ersten Tages hatte Doktor Stauber einen
Professor beigezogen der gestern zweimal dagewesen und heute seit Mittag im
Hause war Während Anna auf ein paar Minuten eingeschlummert war und die
Wärterin an ihrem Bette wachte war er mit Georg im Garten auf und ab gegangen
und hatte versucht ihm den Fall in seiner ganzen Eigentümlichkeit zu erläutern
Zur Besorgnis sei vorläufig kein Grund vorhanden immer noch höre man die
Herztöne des Kindes vollkommen deutlich Der Professor war ein noch ziemlich
junger Mann mit langem blonden Bart und seine Worte träufelten lind und
gütig wie Tropfen eines schmerzstillenden Medikaments Der Kranken sprach er zu
wie einem Kind strich ihr über Stirn und Haare streichelte ihre Hände und gab
ihr Schmeichelnamen Von der Wärterin hatte Georg erfahren dass dieser junge
Arzt an jedem Krankenbett von gleicher Hingebung und Geduld erfüllt wäre Welch
ein Beruf dachte Georg der sogar während dieser drei schlimmen Tage sich
einmal für ein paar Stunden nach Wien geflüchtet der es vermocht hatte auch
heute Nacht während Anna sich in Schmerzen wand oben in der Mansarde volle
sechs Stunden tief und traumlos zu schlafen
Er ging längs der abgeblühten Fliedersträucher riss Blätter ab zerrieb sie
in der Hand warf sie zur Erde Jenseits der niederen Büsche im andern Garten
ging eine Dame im schwarzweiß gestreiften Morgenkleid Sie schaute Georg ernst
und wie mitleidig an Ach ja dachte Georg die hat natürlich auch das Schreien
Annas gehört vorgestern gestern und heute Der ganze Ort wusste ja von den
Dingen die hier vorgingen auch die jungen Mädchen aus der geschmacklosen
gotischen Villa für die er einmal den interessanten Verführer bedeutet hatte
und geradezu komisch war es dass ein fremder Herr mit rötlichem Spitzbart der
zwei Häuser weit wohnte ihn gestern im Ort plötzlich verständnis und
hochachtungsvoll gegrüßt hatte
Merkwürdig dachte Georg wodurch man sich bei den Leuten beliebt machen
kann Nur Frau Rosner ließ durchblicken dass sie Georg wenn sie ihm schon nicht
die Hauptschuld an der Schwierigkeit des Falles beimass jedenfalls für ziemlich
gefühllos hielte Er nahm es der guten und gedrückten Frau nicht übel Sie
konnte natürlich nicht ahnen wie sehr er Anna liebte Es war noch nicht lange
her dass er selber es wusste
An jenem Ankunftsmorgen da Georg nach langem stummem Weinen sein Haupt aus
ihrem Schoss erhoben da hatte sie keine Frage an ihn gerichtet aber in ihren
schmerzlich erstaunten Augen las er dass sie die Wahrheit ahnte Und warum sie
nicht fragte das glaubte er zu verstehen Sie musste ja fühlen wie ganz sie ihn
wieder hatte wie er gerade von jetzt an ihr besser gehörte als jemals vorher
Und wenn er ihr in den nächsten Stunden und Tagen von der Zeit erzählte die er
fern von ihr verbracht und unter all den Frauennamen die er nannte flüchtig
aber unverschweigbar jener ihr neue verhängnisvolle erklang da lächelte sie
wohl in ihrer leicht spöttischen Art aber kaum anders als wenn er von Else
sprach oder von Sissy oder von den kleinen blaugekleideten Mädchen die ins
Klavierzimmer hereingeguckt hatten wenn er spielte
Seit zwei Wochen wohnte er in der Villa fühlte sich wohl und war in guter
und ernster Arbeitsstimmung Auf dem Tischchen wo vor kurzem noch Theresens
Nähzeug gelegen war breitete er jeden Morgen Partituren musikteoretische
Werke Notenpapiere aus und beschäftigte sich damit Aufgaben der Harmonielehre
und des Kontrapunkts zu lösen Oft lag er am Waldessaum auf einer Wiese las in
irgend einem Lieblingsbuch ließ Melodien in sich klingen träumte vor sich hin
war vom Rauschen der Bäume und vom Glanz der Sonne beglückt Nachmittags wenn
Anna ruhte las er ihr vor oder plauderte mit ihr Oft sprachen sie auch über
das kleine Wesen das nun bald zur Welt kommen sollte mit Zärtlichkeit und
Voraussicht doch niemals über ihre eigene nächste und fernere Zukunft Aber
wenn er an ihrem Bette saß oder Arm in Arm mit ihr im Garten auf und abging
oder an ihrer Seite auf der weißen Bank unter dem Birnbaum saß wo die
leuchtende Stille der Spätsommertage über ihnen ruhte da wusste er dass sie nun
für alle Zeit fest aneinandergeschlossen waren und dass selbst die zeitweilige
Trennung die bevorstand gegenüber dem sichern Gefühl dieser
Zusammengehörigkeit keine Macht mehr über sie haben könnte
Erst seit die Schmerzen über sie gekommen waren schien sie ihm entrückt
wohin er ihr nicht folgen konnte Gestern noch war er stundenlang an ihrem Bett
gesessen und hatte ihre Hände in den seinen gehalten Sie war geduldig gewesen
wie immer hatte sich sorglich erkundigt ob er nur seine Ordnung im Hause habe
hatte ihn gebeten zu arbeiten spazieren zu gehen wie bisher da er ihr ja doch
nicht helfen könnte und ihn versichert dass sie ihn noch mehr liebe seit sie
leide Und doch Georg fühlte es sie war in diesen Tagen nicht dieselbe die
sie gewesen Besonders wenn sie aufschrie so wie heute Vormittag in den
schlimmsten Schmerzen da war ihre Seele so weit weg von ihm dass ihn
schauerte
Er war dem Hause wieder nah Aus Annas Zimmer vor dessen Fenster die
Vorhänge sich leise bewegten kam kein Laut Der alte Doktor Stauber stand auf
der Veranda Georg eilte hin mit trockener Kehle »Was ist« fragte er hastig
Doktor Stauber legte ihm die Hand auf die Schulter »Es geht ganz gut« Ein
Stöhnen kam von drin wurde lauter wurde ein wilder wütender Schrei Georg
strich sich über die feuchte Stirn und mit bitterem Lächeln sagte er zum Doktor
»Das heißen Sie es geht ganz gut«
Stauber zuckte die Achseln »Es steht geschrieben mit Schmerzen sollst du
«
In Georg lehnte sich etwas auf Er hatte nie an den Gott der
KindlichFrommen geglaubt der als Erfüller armseliger Menschenwünsche als
Rächer und Verzeiher kläglicher Menschensünden sich offenbaren sollte Dem
Unnennbaren das er jenseits seiner Sinne und über allem Verstehen im
Unendlichen ahnte konnte Beten und Lästern nichts anderes sein als arme Worte
aus Menschenmund Nicht als die Mutter nach unsinnigmartervollem Leid nicht
als in einem für sein Begreifen schmerzenlosen Hingang der Vater starb hatte er
sich des Glaubens vermessen dass sein Unglück im Weltenlauf mehr bedeutete als
das Fallen eines Blattes Keinem unerforschlichen Ratschluss hatte er in feiger
Demut sich gebeugt nicht töricht gemurrt gegen ein ungnädiges gerade über ihn
verhängtes Walten Heute zum erstenmal war ihm als ginge irgendwo in den Wolken
ein unbegreifliches Spiel um seine Sache Der Schrei drinnen war verklungen und
nur Stöhnen war vernehmbar
»Und die Herztöne« fragte Georg
Doktor Stauber sah an Georg vorbei »Vor zehn Minuten waren sie noch
deutlich zu hören«
Georg wehrte sich gegen einen furchtbaren Gedanken der aus den Tiefen
seiner Seele hervorgejagt kam Er war gesund sie war gesund zwei junge
kräftige Menschen konnte so etwas denn möglich sein Doktor Stauber legte
ihm nochmals die Hand auf die Schulter »Gehen Sie doch spazieren« sagte er
»wir rufen Sie schon wenns Zeit ist« Und er wandte sich ab
Georg blieb noch einen Augenblick auf der Veranda stehen In dem großen
Zimmer das in Spätnachmittagsdämmer zu versinken begann an der Wand auf dem
Sofa ganz in sich zusammengesunken sah er Frau Rosner sitzen Er entfernte
sich spazierte rund um das Haus herum und begab sich dann über die Holzstiege
in seine Mansarde Er warf sich aufs Bett schloss die Augen nach ein paar
Minuten stand er auf ging im Zimmer hin und her gab es aber wieder auf da der
Boden krachte Er trat auf den Balkon Auf dem Tisch lag die Partitur des
»Tristan« aufgeschlagen Georg blickte in die Noten Es war das Vorspiel zum
dritten Akt Die Klänge tönten ihm im Ohr Meereswellen schlugen dumpf an ein
Felsenufer und aus trauriger Ferne klang die wehe Melodie des englischen Horns
Er sah über die Blätter weg in den silberweissen Glanz des Tages Sonne lag
überall über Dächern Wegen Gärten Hügeln und Wäldern Dunkelblau breitete
der Himmel sich hin und Ernteduft stieg aus den Tiefen Wie stand es heute vor
einem Jahr mit mir dachte Georg Ich war in Wien ganz allein Ich ahnte noch
nichts Ich hatte ihr ein Lied geschickt »Deinem Blick mich zu bequemen «
Aber ich dachte kaum an sie Und jetzt liegt sie da unten und stirbt Er
erschrak heftig Er hatte denken wollen sie liegt in Wehen und auf die
Lippen gleichsam hatte es sich ihm gestohlen sie stirbt Aber warum war er denn
erschrocken Wie kindisch Als gäb es Ahnungen solcher Art Und wenn wirklich
Gefahr da wäre und die Ärzte sich entscheiden müssten so hatten sie natürlich
vor allem die Mutter zu retten Darüber hatte ihn ja Doktor Stauber vor wenigen
Tagen erst aufgeklärt Was ist denn ein Kind das noch nicht gelebt hat Nichts
In irgend einem Augenblicke hatte er es gezeugt ohne es gewünscht ohne nur an
die Möglichkeit gedacht zu haben dass er Vater geworden sein könnte Wusste er
denn ob er es nicht vielleicht auch vor wenigen Wochen geworden war in jener
dunkeln Wonnestunde hinter geschlossenen Läden auch damals Vater ohne es
gewollt ohne nur an die Möglichkeit gedacht zu haben und vielleicht wenn es
geschehen war ohne es jemals zu erfahren
Er hörte Stimmen sah hinunter der Kutscher des Professors hatte ein
Dienstmädchen am Arm gefasst das sich nur wenig sträubte Auch hier wird
vielleicht zu einem neuen Menschenleben der Grund gelegt dachte Georg und
wandte sich angewidert fort Dann trat er ins Zimmer zurück füllte sich seine
Zigarettentasche sorgfältig aus der Schachtel die auf dem Tisch stand und
plötzlich kam ihm seine Aufregung unbegründet ja kindisch vor Und es fiel ihm
ein Wie Anna jetzt so lag auch meine Mutter einmal da eh ich zur Welt kam Ob
mein Vater auch in solcher Angst herumgegangen ist Ob er heute hier wäre wenn
er noch lebte Ob ichs ihm überhaupt gesagt hätte Ob all das geschehen wäre
wenn er lebte Er dachte an schöne sorgenlose Sommertage am Veldeser See Sein
behagliches Zimmer in des Vaters Villa schwebte in seiner Erinnerung auf und in
dumpfer beinahe traumhafter Weise wurde ihm die kahle Mansarde mit dem
krachenden Fußboden in der er sich eben befand zum Bilde seiner ganzen
jetzigen Existenz gegenüber dem sorgen und verantwortungslosen Dasein von
einst Er erinnerte sich eines ernsten Zukunftsgesprächs das er vor ein paar
Tagen mit Felician geführt hatte Gleich darauf kam ihm die Unterredung mit
einer Frau vom Land in den Sinn die sich mit dem Anerbieten gemeldet hatte das
Kind in Pflege zu nehmen Mit ihrem Mann besaß sie ein kleines Gütchen nahe der
Bahn nur eine Stunde weit von Wien und im vorigen Jahr war ihr das eigene
Töchterl gestorben Das Kleine sollte es gut bei ihr haben hatte sie
versprochen so gut als wenn es gar nicht bei fremden Leuten wäre Und wie
Georg daran dachte war ihm plötzlich als stände ihm das Herz still Eh es
dunkel ist wird es da sein das Kind Sein Kind auf das schon irgend eine
Fremde wartete um es mit sich zu nehmen Er war so müde von den Aufregungen der
letzten Tage dass ihn die Knie schmerzten Er erinnerte sich ähnlicher
körperlicher Empfindungen aus früherer Zeit vom Abend nach der
Maturitätsprüfung und von der Stunde in der er Labinskis Selbstmord erfahren
hatte Vor drei Tagen als die Wehen anfingen wie anders wie freudig und
erwartungsvoll war ihm da zumut gewesen Jetzt spürte er nichts als ein
Abgeschlagensein ohnegleichen und immer unangenehmer empfand er den muffigen
Geruch der Mansarde Er zündete sich eine Zigarette an und trat wieder auf den
Balkon hinaus Die warme stille Luft tat ihm wohl Auf dem Sommerhaidenweg lag
noch die Sonne und vom Friedhof her über die Mauer schimmerte ein vergoldetes
Kreuz
Er hörte unter sich ein Geräusch Schritte Ja Schritte und auch Stimmen
Er verließ den Balkon das Zimmer lief über die knarrende Holztreppe hinab
Eine Tür ging eilige Schritte waren im Flur Im nächsten Moment stand er auf
der untersten Stufe Frau Golowski gegenüber Sein Herz stand ihm stille Er
öffnete den Mund ohne zu fragen »Ja« nickte sie »ein Bub«
Er fasste ihre beiden Hände spürte wie er über das ganze Gesicht lachte
ein Strom von Glück wie er so mächtig und heiß ihn niemals erwartet rann durch
seine Seele Plötzlich merkte er dass die Augen der Frau Golowski nicht so hell
leuchteten wie sie wohl hätten tun müssen Der Strom des Glücks in ihm staute
zurück Irgendetwas schnürte ihm die Kehle zusammen »Nun« fragte er Und
drohend beinah »Lebts« »Es hat einen Atemzug getan der Professor hofft
« Georg schob die Frau beiseite war mit drei Schritten im großen
Mittelzimmer und wie gebannt blieb er stehen Der Professor im langen weißen
Leinenkittel hielt ein kleines Wesen in den Armen und wiegte es hastig hin und
her Georg blieb starr Der Professor nickte ihm zu und ließ sich nicht stören
Mit durchdringenden Augen betrachtete er das kleine Wesen auf seinen Armen Er
legte es auf den Tisch hin über den ein weißes Linnen gebreitet war nahm mit
den Gliedmaßen des Kindes heftige Bewegungen vor rieb ihm die Brust und
Antlitz dann hob er es in die Höhe einigemale hintereinander und immer wieder
sah Georg wie der Kopf des Kindes schwer auf die Brust niedersank Dann legte
der Arzt das Kind auf das Linnen hin horchte an der Brust erhob sich ließ die
eine Hand auf dem kleinen Körper liegen und winkte mit der andern Georg sanft zu
sich heran
Georg unwillkürlich den Atem anhaltend trat ganz nahe hin Er sah zuerst
den Doktor an und dann das kleine Wesen das auf dem weißen Linnen lag Das
hatte die Augen ganz offen sonderbar große blaue Augen wie die von Anna
waren Das Gesicht sah anders aus als Georg erwartet hatte nicht verrunzelt
und hässlich wie das eines alten Zwerges nein es war wirklich ein
Menschenantlitz ein schönes stilles Kindergesicht und Georg wusste dass diese
Züge das Ebenbild seiner eigenen waren
Der Professor sagte leise »Schon seit einer Stunde hab ich die Herztöne
nicht mehr gehört«
Georg nickte Dann fragte er heiser »Wie gehts ihr«
»Ganz gut Aber Sie dürfen jetzt nicht hinein Herr Baron«
»Nein« erwiderte Georg und schüttelte den Kopf Er starrte den bläulich
schimmernden regungslosen kleinen Körper an und wusste dass er vor der Leiche
seines Kindes stand Trotzdem sah er wieder den Arzt an und fragte »Nichts mehr
zu machen«
Der zuckte die Achseln
Georg atmete tief auf und wies nach der geschlossenen Schlafzimmertür »Weiß
sie schon « fragte er den Arzt
»Noch nicht Seien wir vorläufig zufrieden dass es vorbei ist Sie hat viel
zu leiden gehabt die Arme Ich bedaure nur dass es schließlich für nichts
gewesen ist«
»Sie haben es erwartet Herr Professor«
»Ich hab es gefürchtet seit heute Morgen«
»Und wieso wieso«
Leise und mild erwiderte der Arzt »Ein sehr seltener Fall wie ich Ihnen
vorher schon sagte«
»Sie sagten mir «
»Ja Ich versuchte Ihnen zu erklären dass diese Möglichkeit Es ist nämlich
vom Nabelstrang erwürgt worden Kaum ein bis zwei Prozent aller Geburten haben
diesen Ausgang« Er schwieg Georg starrte das Kind an Ganz recht der
Professor hatte ihn schon vorbereitet er hatte es nur nicht ernst genommen
Frau Rosner stand neben ihm mit hilflosen Augen Georg reichte ihr die Hand und
sie sahen einander an wie Schwergeprüfte die das Unglück zu Gefährten macht
Dann ließ sich Frau Rosner auf einen Sessel an der Wand nieder
Der Professor sagte zu Georg »Ich will jetzt noch einmal nach der Mutter
sehen«
»Mutter« wiederholte Georg und sah ihn an
Der Arzt schaute weg
»Sie wollens ihr sagen« fragte Georg
»Nein nicht gleich Sie wird übrigens darauf gefasst sein Sie hat im Lauf
des Tages einigemal gefragt ob es noch lebt Es wird auch nicht so furchtbar
auf sie wirken wie Sie fürchten Herr Baron gerade in den ersten Stunden
und Tagen nicht Sie dürfen nicht vergessen was sie durchgemacht hat«
Er drückte Georgs schlaff herabhängende Hand und ging Georg stand
regungslos da starrte immerfort das kleine Wesen an und es erschien ihm wie
ein Gebilde von ungeahnter Schönheit Er berührte Wangen Schultern Arme
Hände Finger Wie rätselhaft vollendet dies alles war Und da lag es nun
gestorben ohne gelebt zu haben bestimmt von einer Dunkelheit durch ein
sinnloses Nichts hindurch in eine andre einzugehen Da lag dieser süße kleine
Leib der fürs Dasein fertig war und sich doch nicht regen konnte Da
schimmerten große blaue Augen wie in Sehnsucht das Licht des Himmels in sich
einzutrinken und todesblind eh sie einen Strahl gesehen Da öffnete sich wie
durstig ein kleiner runder Mund der doch nie an den Brüsten einer Mutter
trinken durfte Da starrte dieses bleiche Kindergesicht mit den fertigen
Menschenzügen das nie den Kuss einer Mutter eines Vaters empfangen und spüren
sollte Wie liebte er dieses Kind Wie liebte er es jetzt da es zu spät war
Eine schnürende Verzweiflung stieg in seine Kehle Er konnte nicht weinen Er
sah um sich Niemand war im Zimmer und daneben war es ganz still Er hatte
keine Sehnsucht in jenes andre Zimmer zu gehen und keine Angst davor er fühlte
nur dass es etwas Unsinniges gewesen wäre Sein Auge kehrte auf das tote Kind
zurück und plötzlich durchzuckte ihn die bebende Frage ob es denn auch wahr
sein müsste Ob nicht alle sich irren konnten Der Arzt so gut wie der
Unerfahrene Er hielt seine flache Hand vor die geöffneten Lippen des Kindes und
ihm war als hauchte etwas Kühles ihm entgegen Dann hielt er beide Hände über
die Brust des Kindes hin und wieder war ihm als spielte leicht bewegte Luft um
den kleinen Leib Aber er fühlte da wie dort Nicht Hauch des Lebens hatte ihn
angeweht Nun beugte er sich nieder und seine Lippen berührten die kühle Stirn
des Kindes Etwas Seltsames nie Gefühltes rieselte ihm durch den Körper bis in
die Zehenspitzen Er wusste es nun Das Spiel dort oben war für ihn verloren
sein Kind war tot Da erhob er langsam das Haupt und wandte sich fort Die
Gartenhelle lockte ihn ins Freie Er trat auf die Veranda sah auf der Bank an
die Wand gelehnt Doktor Stauber und Frau Rosner sitzen Beide stumm Sie sahen
ihn an Er wandte sich weg als kennte er sie nicht und trat in den Garten Der
Schatten des Hauses fiel schräg über den Rasen hin weiter oben lag noch Sonne
doch stumpf und wie ohne Kraft die Luft zu durchleuchten Woran wollte ihn dies
Licht nur erinnern das Sonne war und doch nicht glänzte dieses Blau in der
Höhe das Himmel war und ihn doch nicht segnete Woran die Stummheit dieses
Gartens die ihm vertraut und tröstlich sein sollte und die ihn heute wie etwas
Fremdes und Ungastliches empfing Allmählich fiel ihm ein dass ihn vor kurzem in
einem Traum solch ein schwerer früher nie geahnter Dämmerschein umgeben und
seine Seele mit unverständlicher Traurigkeit erfüllt hatte Was nun sagte er
vor sich hin suchte nach keiner Antwort und wusste nur dass irgend etwas
Unvorhergesehenes und Unabänderliches geschehen war das ihm für alle Zeiten das
Bild der Welt verändern musste Er dachte des Tages an dem sein Vater gestorben
war Ein wilder Schmerz hatte ihn damals überfallen doch er hatte weinen
können und die Erde war nicht mit einemmal dunkel und leer geworden Sein Vater
hatte doch gelebt war einmal jung gewesen hatte gearbeitet geliebt Kinder
gehabt Freuden und Schmerzen erfahren Und die Mutter die ihn geboren hatte
nicht umsonst gelitten Und wenn er selbst heute hätte sterben müssen so früh
es gewesen wäre er hatte doch ein Dasein hinter sich erfüllt von Licht und
Tönen Glück und Leiden Hoffnung und Angst durchflutet von allem Inhalt der
Welt Und wenn Anna heute dahingegangen wäre in der Stunde da sie einem neuen
Wesen das Leben gab sie hätte gleichsam ihr Los erfüllt und ihr Ende hätte
seinen grauenvollen aber tiefen Sinn gehabt Doch das was seinem Kind
geschehen war war sinnlos widerwärtig ein Hohn von irgendwoher wohin man
keine Frage und keine Antwort senden konnte Wozu wozu das alles Was hatten
nun diese vorhergegangenen Monate zu bedeuten gehabt mit all ihren Träumen
Sorgen und Hoffnungen Denn er wusste mit einem Male dass die Erwartung der
wunderbaren Stunde in der sein Kind geboren werden sollte immer Tag für Tag
auch am nüchternsten leersten und leichtfertigsten in der Tiefe seiner Seele
gewesen war und er fühlte sich beschämt verarmt elend
Er stand oben am Gartengitter und sah zum Waldesrande auf zu seiner Bank
auf der er oft geruht hatte und ihm war als wäre auch Wald und Wiese und Bank
früher sein Besitz gewesen und er müsse nun auch das hergeben wie so vieles
andere Im Winkel des Gartens stand ein dunkelgraues vernachlässigtes
Lustäuschen mit drei kleinen Fensterhöhlen und einer schmalen Türöffnung Er
hatte es nie leiden mögen und nur einmal auf ein paar Augenblicke betreten
Heute zog es ihn hinein Er setzte sich auf die rissige Bank hin und kam sich
plötzlich geborgen und beruhigt vor als wäre nun alles was geschehen weniger
wahr oder in irgendeiner unbegreiflichen Weise rückgängig zu machen Doch
schwand dieser Wahn bald wieder dahin er verließ den unwirtlichen Raum und trat
ins Freie Ich muss jetzt wohl ins Haus zurück dachte er müde und fasste es doch
nicht ganz dass in dem dunkeln Zimmer das er von hier aus hinter der Veranda
wie eine unergründliche Finsternis liegen sah der Leichnam seines Kindes ruhen
sollte Langsam ging er hinab Auf der Veranda stand Annas Mutter mit einem
Herrn Georg erkannte den alten Rosner Im Überzieher stand er da den Hut hatte
er auf den Tisch vor sich hingelegt fuhr sich mit einem Taschentuch über die
Stirn und es zuckte um seine rotgeränderten Augen Er ging Georg entgegen und
drückte ihm die Hand»Das ist ja leider anders gekommen« sagte er »als wir
alle erwartet und gehofft hatten«
Georg nickte Dann erinnerte er sich dass der alte Herr in den letzten
Wochen mit dem Herzen nicht ganz in Ordnung gewesen war und erkundigte sich
nach seinem Befinden
»Ich danke der Nachfrage Herr Baron es geht mir etwas besser nur das
Stiegensteigen macht einige Beschwerden«
Georg merkte dass die Glastüre zum Mittelzimmer geschlossen war
»Entschuldigen Sie« sagte er zu dem alten Rosner schritt geradenwegs auf die
Türe los öffnete sie und schloss sie rasch wieder hinter sich zu Frau Golowski
und Doktor Stauber standen in der Nähe des Tisches und sprachen miteinander Er
trat zu ihnen sie schwiegen plötzlich
»Nun« fragte er dann
Doktor Stauber sagte »Wir haben über die Formalitäten gesprochen Frau
Golowski wird so gut sein und all das zu besorgen«
»Ich danke« erwiderte Georg und reichte Frau Golowski die Hand »All das«
dachte er Ein Sarg ein Begräbnis Meldung beim Gemeindeamt geboren ein Sohn
der ledigen Anna Rosner gestorben am gleichen Tage Nichts vom Vater natürlich
Ja seine Rolle war erledigt Heut erst War sies nicht von der Sekunde an
gewesen da er zufällig Vater geworden war
Er sah auf den Tisch hin Das Linnen lag über die kleine Leiche
hingebreitet O wie rasch dachte er bitter Soll ichs niemals wiedersehen
dürfen Einmal wirds wohl noch erlaubt sein Er zog das Tuch von der Leiche ein
wenig fort und hielt es in die Höhe gefasst Er sah ein blasses Kindergesicht
das ihm längst bekannt war nur dass die Augen seither von irgendwem zugedrückt
worden waren Die alte Standuhr in der Ecke tickte Sechs Uhr Es war noch keine
Stunde vergangen seit sein Kind geboren und gestorben war und schon stand
diese Tatsache so unwidersprechlich fest als hätte es gar nicht anders sein
können
Er fühlte sich leicht an der Schulter berührt
»Sie hat es mit Ruhe aufgenommen« sagte Doktor Stauber der hinter ihm
stand
Georg ließ das Linnen über das Antlitz des Kindes sinken und wandte den Kopf
nach der Seite »Sie weiß also schon «
Doktor Stauber nickte Frau Golowski hatte sich abgewandt
»Wer hats ihr gesagt« fragte Georg
»Man hat es ihr gar nicht zu sagen brauchen« erwiderte Doktor Stauber
»Nicht wahr« wandte er sich an Frau Golowski
Diese berichtete »Wie ich zu ihr hineingegangen bin hat sie mich nur
angeschaut und da hab ich gleich gesehen dass sie es schon weiß«
»Und was hat sie gesagt«
»Nichts Gar nichts Sie hat ihre Augen zum Fenster hin gewandt und ist ganz
still gewesen Wo Sie hingegangen sind Herr Baron hat sie mich gefragt und
was Sie machen«
Georg atmete tief auf Die Türe von Annas Zimmer öffnete sich Der
Professor im schwarzen Rock trat heraus »Sie ist ganz ruhig« sagte er zu
Georg »Sie können zu ihr hinein«
»Hat sie mit Ihnen darüber gesprochen« fragte Georg
Der Professor schüttelte den Kopf Dann sagte er »Ich muss jetzt leider in
die Stadt Sie entschuldigen nicht wahr Ich hoffe es wird weiter gut gehen
Morgen früh bin ich jedenfalls wieder da Leben Sie wohl lieber Herr Baron« Er
drückte ihm teilnahmsvoll die Hand »Sie fahren mit mir hinein Doktor Stauber
nicht wahr«
»Ja« sagte Doktor Stauber »Ich will nur Anna noch Adieu sagen« Er ging
Georg wandte sich an den Professor »Darf ich Sie etwas fragen«
»Bitte«
»Ich möchte nämlich gern wissen Herr Professor ob das vielleicht nur eine
Einbildung ist Mir kommt nämlich vor« und er hob das Tuch wieder von der
kleinen Leiche auf »als wenn dieses Kind gar nicht so aussähe wie ein
Neugeborenes Schöner gewissermaßen Mir ist als wenn die Gesichter von
Neugeborenen eigentlich faltiger greisenhafter sein müssten Ich weiß nicht
mehr hab ich einmal selbst eins gesehen oder hab ich nur davon gelesen«
»Sie haben nicht unrecht« erwiderte der Professor »gerade in Fällen dieser
Art auch bei glücklicherem Ausgang sind die Züge der Kinder nicht entstellt
ja manchmal geradezu schön« Er betrachtete das kleine Antlitz mit fachlicher
Teilnahme nickte ein paarmal »schade schade « ließ das Tuch wieder fallen
und Georg wusste dass er das Antlitz seines Kindes zum letztenmal gesehen hatte
Wie hätte es nur heißen sollen Felician Leb wohl kleiner Felician
Doktor Stauber trat aus dem Nebenzimmer und schloss leise die Türe »Anna
erwartet Sie« sagte er zu Georg Dieser gab ihm die Hand reichte sie auch dem
Professor noch einmal nickte Frau Golowski zu und trat ins Nebenzimmer
Die Wärterin erhob sich von Annas Seite und verschwand aus dem Zimmer Der
Tür gegenüber hing ein Spiegel in dem Georg einen jungen eleganten Herrn
erblickte der blass war und lächelte Anna lag in ihrem Bett das frei in der
Mitte stand mit großen klaren Augen die Georg entgegensahn Wie steh ich vor
ihr da dachte er Er rückte mit einiger Umständlichkeit den Sessel nah an ihr
Bett setzte sich ergriff ihre Hand führte sie an seine Stirn und küsste dann
lang beinahe inbrünstig ihre Finger
Anna sprach zuerst »Du warst im Garten« fragte sie
»Ja ich war im Garten«
»Ich habe dich von oben herunterkommen gesehen vor einiger Zeit«
»Du sollst lieber gar nichts reden Anna Strengt es dich nicht an«
»Die paar Worte o nein Aber du kannst mir ja was erzählen «
Er hielt ihre Hand immer in der seinen und betrachtete ihre Finger Dann
sagte er »Weißt du eigentlich dass da oben am Ende des Gartens ein kleines
Lustäuschen steht Ja natürlich weißt du ich meine nur wir haben es nie
so recht bemerkt«
»In den ersten Tagen war ich einigemale drin« sagte Anna »Schön ist es
nicht«
»Nein wahrhaftig«
»Hast du heut vormittag was gearbeitet« fragte sie dann
»Was fällt dir ein Anna«
Sie schüttelte ganz leicht den Kopf »Und gerade in der letzten Zeit ist es
dir so gut damit gegangen«
»Ja wirklich wahr Anna du hast dich sehr rücksichtslos benommen« Er
lächelte sie blieb ernst
»Du warst gestern in der Stadt« fragte sie
»Du weißt ja«
»Hast du Briefe vorgefunden Ich meine wichtige«
»Du sollst gewiss nicht so viel reden Anna ich erzähl dir schon alles
Also Ich hab keine Briefe von Bedeutung vorgefunden Auch aus Detmold ist
keiner gekommen Dieser Tage geh ich übrigens wieder zu Professor Viebiger Aber
wir können wirklich ein andermal über diese Dinge reden glaubst du nicht Und
was das Arbeiten anbelangt in den Tristan hab ich heute morgens noch ein
wenig hineingesehen Den kenn ich aber wirklich bis ins kleinste Ich würde mich
getrauen ihn heut zu dirigieren wenns drauf ankäme«
Sie schwieg und sah ihn an
Er erinnerte sich des Abends an dem er mit ihr in der Münchener Oper
gesessen hatte wie eingehüllt in einen durchsichtigen Schleier von geliebten
Klängen Aber er sprach nichts davon
Es dämmerte Die Züge Annas begannen ihm zu verschwimmen
»Fährst du heute noch in die Stadt« fragte sie
Er hatte gar nicht daran gedacht Jetzt aber war ihm als winkte damit eine
Art von Erlösung Ja er wollte hinein Was konnte er auch hier heraussen noch
tun Aber er antwortete nicht gleich
Anna begann wieder »Ich denke du wirst vielleicht deinen Bruder sprechen
wollen«
»Ja das möcht ich recht gern Und du wirst wohl bald schlafen«
»Ich hoffe«
»Wie müd musst du sein« sagte er indem er ihre Hand streichelte
»Nein es ist etwas anderes Ich bin so wach ich kann dir gar nicht
sagen wie wach ich bin Mir ist als wär ich in meinem ganzen Leben nicht so
wach gewesen Und weiß zugleich dass ich so tief schlafen werde wie noch nie
wenn ich nur erst die Augen geschlossen habe«
»Ja gewiss wirst du das Aber nun darf ich doch wohl noch eine Weile bei dir
bleiben Am liebsten möcht ich so lange hier sitzen bis du eingeschlafen bist«
»Nein Georg wenn du da bist kann ich ja doch nicht einschlafen Aber
bleib nur noch ein bisschen Das ist schon gut«
Er hielt immer ihre Hand und blickte zum Garten hinaus der nun ganz im
Abendschatten lag
»Du warst nicht sehr viel im Auhof oben dieses Jahr« fragte Anna
gleichgültig als gälte es nur irgend etwas zu reden
»O ja täglich beinahe Hab ich dirs denn nicht gesagt Ich denke Else
wird James Wyner heiraten und mit ihm nach England gehen«
Er wusste dass sie nicht an Else dachte sondern an eine ganz andere Und er
fragte sich meint sie etwa das sei schuld
Ein lauer Hauch kam von draußen geweht Kinderstimmen klangen herein Georg
blickte hinaus Er sah die weiße Bank unter dem Birnbaum schimmern und dachte
daran wie Anna ihn dort oben erwartet hatte im wallenden Kleid die
fruchtschweren Äste über sich umflossen vom sanften Wunder ihrer
Mütterlichkeit Und er fragte sich war es schon damals bestimmt dass es so
enden müsste Oder war es am Ende schon in dem Augenblick bestimmt da wir
einander zum erstenmal umarmt haben Die Bemerkung des Professors fuhr ihm durch
den Sinn dass ein bis zwei Prozent aller Geburten so enden Also seit Menschen
geboren wurden war es so dass unter hundert einer oder zwei in so sinnloser
Weise dahin müssen im selben Augenblick da sie zum Licht emporgebracht werden
Und so und so viele müssen im ersten Jahre sterben und so viel in der Blüte
ihrer Jugend und so viel als Männer und wieder eine bestimmte Anzahl macht
ihrem Leben selbst ein Ende wie Labinski und bei so und so vielen muss es
misslingen wie bei Oskar Ehrenberg Wozu nach Gründen suchen Irgendein Gesetz
ist wirksam unbegreiflich und unerbittlich an dem wir Menschen nicht rütteln
können Wer darf klagen warum gerade mir das Widerfährt es nicht ihm so
widerfährt es eben einem andern unschuldig oder schuldig wie er Ein bis
zwei Prozent trifft es eben das ist die himmlische Gerechtigkeit Die Kinder
die da drüben im Garten lachten die durften leben Durften Nein sie mussten
leben so wie das seine hatte sterben müssen nach dem ersten Atemzug bestimmt
von einer Dunkelheit durch ein sinnloses Nichts hindurch einzugehen in eine
andere
Draußen war die Dämmerung und im Zimmer war es beinahe schon Nacht Anna
lag still und regungslos Ihre Hand in der Georgs rührte sich nicht Aber als
Georg sich erhob sah er dass ihre Augen offen waren Er beugte sich nieder
zögerte einen Augenblick dann legte er den Arm um ihren Hals und küsste sie auf
die Lippen die heiß und trocken waren und seine Berührung nicht erwiderten
Dann ging er Im Nebenzimmer brannte die Hängelampe über dem Tisch auf dem
früher das tote Kind gelegen hatte Nun war die grüne Tischdecke ausgebreitet
als wäre nichts geschehen Die Türe zu dem Zimmer in dem Frau Golowski wohnte
war geöffnet Das Licht einer Kerze schimmerte herein und Georg wusste dass da
sein Kind den ersten und letzten Schlummer schlief
Frau Golowski und Frau Rosner saßen nebeneinander auf dem Sofa an der Wand
stumm wie zusammengekauert Georg trat zu ihnen »Der Herr Gemahl ist schon
fort« wandte er sich an Frau Rosner
»Ja er ist mit den Herren Doktoren in die Stadt hineingefahren« erwiderte
sie und sah ihn wie fragend an
»Sie ist ruhig« beantwortete Georg ihren Blick »Ich denke sie wird fest
schlafen«
»Wollen Sie nicht etwas zu sich nehmen« fragte Frau Golowski »Seit ein Uhr
haben Sie «
»Danke nein Ich fahre jetzt in die Stadt Ich möchte meinen Bruder
sprechen Auch erwarte ich Briefe von Wichtigkeit Morgen früh bin ich wieder
da« Er verabschiedete sich ging in seine Mansarde holte die Tristanpartitur
vom Balkon ins Zimmer herein nahm Überzieher und Stock zündete sich eine
Zigarette an und verließ das Haus Er fühlte sich freier sobald er auf der
Straße war Eine ungeheure Aufregung lag hinter ihm Es war in unglücklicher
Weise vorüber aber vorüber war es doch Und mit Anna musste es ja gut ablaufen
Freilich da gab es wohl auch den verhängnisvollen Prozentsatz Aber es war klar
dass nun die Möglichkeit eines schlimmen Ausgangs gerade nach dem Gesetz der
Wahrscheinlichkeitsrechnung viel geringer sein musste als wenn das Kind am Leben
geblieben wäre
Mit raschen Schritten durchmass er die langgestreckte Ortschaft wollte
nichts denken und betrachtete mit absichtlicher Aufmerksamkeit jedes einzelne
Haus an dem er vorbeikam Sie waren alle niedrig die meisten recht trübselig
und arm Hinter ihnen im Abenddunst stiegen kleine Gärtchen an zu Weinbergen
Ackern und Wiesen In einem beinahe menschenleeren Wirtshausgarten an einem
länglichen Tisch saßen ein paar Musikanten und spielten auf Violine Gitarre
und Harmonika einen klagenden Walzer Später kam er an ansehnlichen Landhäusern
vorbei und durch offene Fenster sah er in anständig erleuchtete Räume in denen
gedeckte Tische standen In einem freundlichen Gastausgarten möglichst weit
von den andern nicht sehr zahlreichen Gästen ließ er sich endlich nieder nahm
seine Mahlzeit und spürte bald eine wohltuende Müdigkeit über sich kommen Auf
der Pferdebahn duselte er in seiner Ecke beinahe ein Erst als der Wagen durch
belebtere Straßen fuhr fand er sich wieder und entsann sich des Geschehenen mit
quälender aber trockener Deutlichkeit Er stieg aus und durch die feuchte
Schwüle des Stadtparks begab er sich nach Hause Felician war nicht daheim Auf
dem Schreibtisch fand er ein Telegramm liegen Es war aus Detmold und lautete
»Wir ersuchen höflichst um Nachricht ob es Ihnen möglich wäre innerhalb der
nächsten drei Tage bei uns einzutreffen Doch wolle diese Einladung vorläufig
als für beide Teile unverbindlich hinsichtlich weiterer Entschließungen
angesehen werden Reisekosten werden in jedem Falle ersetzt Hochachtungsvoll
Hofteaterintendanz« Daneben lag das rötliche Blankett für die Antwort
Georg war enerviert Was sollte er nun erwidern Das Telegramm deutete
offenbar darauf hin dass eine Kapellmeisterstelle erledigt war Sollte er um
Aufschub ersuchen Nach acht Tagen könnte er wohl zu einer Besprechung hin und
gleich wieder zurückfahren Es strengte ihn an darüber nachzudenken Zum
mindesten hatte die Angelegenheit bis morgen früh Zeit Und wenn das schon zu
spät war so hatte sich am Ende noch immer nichts Wesentliches geändert Als
Gast war er jedenfalls willkommen das wusste er ja schon Es war vielleicht
besser sich nicht zu binden sich irgendwo noch ohne Verpflichtung und
Verantwortung einzuarbeiten und dann für das nächste Jahr gerüstet fertig
dazustehen Aber was waren das für nichtige Erwägungen gegenüber der ungeheueren
Sache die sich heute in seinem Leben ereignet hatte Er nahm den Malachit und
stellte ihn auf das Telegramm Was jetzt fragte er sich In den Klub gehen
und Felician aufsuchen Das war ja doch nicht der Ort ihm die Sache
mitzuteilen Es war schon das beste daheim zu bleiben und ihn zu erwarten Es
war sogar ein wenig verlockend sich gleich auszukleiden und zur Ruhe zu legen
Aber er hätte ja doch nicht schlafen können So kam er auf die Idee endlich
wieder einmal unter seinen Papieren ein bisschen Ordnung zu machen Er öffnete
eine Schreibtischlade sichtete Rechnungen und Briefe und trug Anmerkungen in
sein Notizbuch ein Die Geräusche der Straße kamen durchs offene Fenster wie von
fern Er dachte daran wie er im vorigen Sommer nach des Vaters Tod an
derselben Stelle Briefe seiner verstorbenen Eltern gelesen hatte und das gleiche
Geräusch der Stadt der gleiche Duft des Parks zu ihm hereingeströmt war wie
heute Das Jahr das seither verflossen war dehnte sich in seinem müden Sinn zu
Ewigkeiten wurde dann wieder zu einer kurzen Spanne Zeit und in seiner Seele
raunte irgend etwas wozu wozu Sein Kind war tot Draußen am
Sommerhaidenweg auf dem Friedhof wird es begraben sein dort wird es ausruhen in
geweihter Erde von dem mühevollen Weg der ihm zu gehen bestimmt war von einer
Dunkelheit durch ein sinnloses Nichts in die andere Unter einem kleinen Kreuze
wird es liegen als hätte es ein Menschenlos durchlebt und durchlitten Als
hätte es gelebt Es hatte ja wirklich gelebt von dem Augenblick an da sein
Herz im Leib der Mutter zu klopfen angefangen Nein früher schon von dem
Augenblick an da seiner Mutter Leib es empfangen hatte es dem Reich des
Lebendigen zugehört Und Georg dachte daran wievielen Menschenkindern es
bestimmt war noch viel früher wieder dahinzugehen als dem seinen wie viele
gewünschte und ungewünschte in den ersten Tagen ihres Lebens sterben ohne dass
die eigenen Mütter es nur ahnen Und während er so vor seinem Schreibtisch mit
geschlossenen Augen hindämmerte zwischen Schlafen und Wachen sah er lauter
schimmernde Kreuze ragen auf winzigen Hügeln als wär es ein Friedhof aus einer
Spielereischachtel und eine rötlichgelbe Puppensonne glänzte darüber hin Mit
einmal aber bedeutete dies Bild den Friedhof von Kadenabbia Georg saß wie ein
kleiner Knabe auf der steinernen Umfassungsmauer und wandte plötzlich den Blick
zur See hinab Da trieb in einem sehr langen schmalen Kahn unter schwefelgelben
Segeln mit einem grünen Schal um die Schultern bewegungslos auf der Ruderbank
sitzend eine Frau deren Antlitz zu erkennen er sich vergeblich und beinahe
schmerzlich bemühte
Die Klingel tönte Georg fuhr auf Was war das Ach ja es war niemand da
um aufzuschließen Der Diener war seit erstem entlassen und die Portiersfrau
die jetzt die Brüder bediente war um diese Zeit nicht in der Wohnung Georg
ging ins Vorzimmer und öffnete Heinrich Bermann stand auf dem Flur »Ich sah
von unten Licht in Ihrem Zimmer« sagte er »Es war ein guter Einfall von mir
zuerst an Ihrem Haus vorüber zu gehen Eigentlich wollte ich zu Ihnen aufs Land
hinausfahren«
Spricht er wirklich so erregt dachte Georg oder klingt es mir nur so Er
bat ihn einzutreten und Platz zu nehmen
»Danke danke ich gehe lieber auf und ab Nein schalten Sie die obere
Flamme nicht ein die Schreibtischlampe genügt Im übrigen wie geht es bei Ihnen
draußen«
»Heute Nachmittag ist das Kind zur Welt gekommen« erwiderte Georg ruhig
»Aber leider war es tot«
»Totgeboren«
»Ich weiß nicht ob man es so nennen kann« entgegnete Georg bitter
lächelnd »denn einen Atemzug soll es getan haben sagt der Arzt Drei Tage lang
haben die Wehen gedauert Es war schrecklich Nun ist es vorbei«
»Tot Das tut mir aber sehr leid glauben Sie mir« Er reichte Georg die
Hand
»Es war ein Knabe« sagte Georg »und merkwürdigerweise sehr schön anders
als Neugeborene sonst auszusehen pflegen« Er erzählte auch dann wie er sich
eine ganze Weile in einem ungastlichen Gartenhaus aufgehalten hatte das er
früher nie betreten und wie seltsam sich die Beleuchtung der Landschaft mit
einemmal verändert hatte »Es war ein Licht« sagte er »wie es Gegenden
zuweilen im Traum haben ganz unbestimmt dämmerhaft aber eher
traurig« Während er so sprach wusste er dass er Felician die ganze Sache anders
erzählen würde
Heinrich saß in der Ecke des Divans und ließ den andern reden Dann begann
er »Es ist sonderbar all das ergreift mich natürlich sehr und doch es
beruhigt mich zugleich«
»Beruhigt Sie«
»Ja Als wären nun gewisse Dinge die ich leider befürchten muss mit
einemmal weniger wahrscheinlich geworden«
»Was für Dinge«
Ohne auf ihn zu hören sprach Heinrich weiter mit zusammengepressten Zähnen
»Oder ist es nur deshalb so weil ich dem Schmerz eines andern gegenüberstehe
Oder gar nur weil ich wo anders bin in einer fremden Wohnung Das wäre schon
möglich Haben Sie nicht bemerkt dass sogar der eigene Tod einem gleich wie
etwas höchst Unwahrscheinliches vorkommt wenn man zum Beispiel auf Reisen ist
manchmal schon auf einem Spaziergang Solchen unbegreiflichen Selbsttäuschungen
ist der Mensch unterworfen« Er war aufgestanden zum Fenster getreten hatte
das Gesicht abgewandt Georg an den Schreibtisch gelehnt wartete ahnungsvoll
was er hören sollte Nach ein paar Sekunden als hätte er Fassung gewonnen
wandte Heinrich sich um blieb aber am Fenster stehen beide Hände rückwärts auf
die Brüstung gestützt und sagte kurz und hart »Es besteht nämlich die
Möglichkeit dass die junge Dame die Sie neulich bei mir flüchtig kennen gelernt
haben einen Selbstmord verübt hat Bitte machen Sie kein so erschrockenes
Gesicht Sie wissen es war schon in manchen ihrer Briefe zu lesen dass sie es
tun will«
»Nun also« sagte Georg
Heinrich hob abwehrend die Hand »Ich habe es ja auch niemals ernst
genommen Heute Morgen aber kam ein Brief der wie soll ich nur sagen einen
unheimlichen Klang von Wahrheit hatte Es steht eigentlich auch nichts anderes
drin als was sie mir schon zehn oder zwanzigmal geschrieben hat aber der Ton
der Ton kurz und gut ich bin so gut wie überzeugt dass es diesmal
geschehen ist Dass es vielleicht in diesem Augenblick schon « er hielt inne
und starrte vor sich hin
»Nein Heinrich« Georg trat zu ihm hin und legte ihm die Hand auf die
Schulter »Nein« fügte er kräftiger hinzu »ich glaube es absolut nicht Ich
habe sie ja gesprochen vor ein paar Wochen erst Sie wissen ja Und da hatte
ich durchaus nicht den Eindruck Ich habe sie auch Komödie spielen gesehen
wenn Sie sie spielen gesehen hätten in dieser frechen Posse so würden Sie
auch nicht daran glauben Heinrich Sie will sich nur an Ihnen rächen für Ihre
Grausamkeit Unbewusst vielleicht Sie ist ja wahrscheinlich selbst manchmal
davon überzeugt dass sie nicht weiter leben kann aber da sie es bis heute
ausgehalten Ja wenn sie es gleich getan hätte «
Heinrich schüttelte ungeduldig den Kopf »Hören Sie Georg ich habe an das
Sommerteater telegraphiert Ich habe angefragt ob sie noch dort ist etwa so
als wenn es sich um eine Rolle für sie handelte Probeaufführung eines neuen
Stücks von mir oder dergleichen Ich habe zu Hause gewartet bis jetzt aber
es ist noch keine Antwort da Kommt keine oder keine genügende so werde ich
auf alle Fälle hinfahren«
»Ja warum haben Sie nicht einfach angefragt ob sie «
»Ob sie sich umgebracht hat Man will sich doch nicht blamieren Georg Da
hätt ich mich ja ungefähr jeden dritten Tag erkundigen können Das hätte
allerdings eines gewissen grotesken Humors nicht entbehrt«
»Nun sehen Sie Sie glauben ja selbst nicht dran«
»Ich will jetzt nach Hause schauen ob ein Telegramm da ist Adieu Georg
Verzeihen Sie mir Ich hab es nämlich daheim nicht mehr ausgehalten Es tut
mir wirklich sehr leid dass ich Sie in einer solchen Stunde mit meinen
Angelegenheiten belästigt habe Nochmals verzeihen Sie «
»Sie wussten ja nicht Und auch wenn Sie gewusst hätten Bei mir ist es
ja doch sozusagen eine abgeschlossene Geschichte In meiner Angelegenheit
ist leider absolut nichts mehr zu tun« Er blickte angestrengt zum Fenster
hinaus über die Wipfel der Bäume zu den dunkeln Türmen und Dächern die aus
dem matt rötlichen Glanz der abendlichen Stadt emporstiegen Dann sagte er »Ich
begleite Sie Heinrich Ich kann ja zu Hause doch nichts anfangen Das heißt
wenn Ihnen meine Gesellschaft nicht unangenehm ist«
»Unangenehm Georg « Er drückte ihm die Hand
Sie gingen Anfangs spazierten sie längs des Parks und schwiegen Georg
erinnerte sich seines Spazierganges mit Heinrich durch die Praterallee im
vorigen Herbst und gleich darauf kam ihm der Maienabend ins Gedächtnis an dem
Anna Rosner im Waldsteingarten erschienen war später als die andern und Frau
Ehrenberg ihm zugeflüstert hatte »Die hab ich für Sie eingeladen« Ja für ihn
Wäre jener Abend nicht gewesen so wäre Anna nicht seine Geliebte geworden und
nichts von allem woran er heute trug wäre geschehen Oder war auch hier
irgendein Gesetz am Werke Gewiss Es müssen wohl jedes Jahr so und so viel
Kinder zur Welt kommen und eine Anzahl darunter außer der Ehe Und die gute
Frau Ehrenberg hatte sich eingebildet dass es in ihrem Belieben gestanden
Fräulein Anna Rosner einzuladen für den Freiherrn von Wergentin
»Anna befindet sich doch außer Gefahr« fragte Heinrich
»Ich hoffe« erwiderte Georg Dann sprach er von den Schmerzen die sie
gelitten von ihrer Geduld und ihrer Güte Er hatte das Bedürfnis sie als
vollkommenen Engel darzustellen als könnte er damit etwas sühnen was er gegen
sie verschuldet hätte
Heinrich nickte »Sie scheint wirklich eine von den wenigen Frauen die zur
Mutterschaft bestimmt sind Es ist nämlich nicht wahr dass es viele von der Art
gibt Kinder zu kriegen dazu sind sie ja alle da aber Mütter zu sein Und
gerade sie musste das erleiden Es ist mir eigentlich nie in den Sinn gekommen
dass so etwas eintreten könnte«
Georg zuckte die Achseln Dann sagte er »Ich hatte erwartet Sie noch
einmal draußen zu sehen Ich glaube Sie versprachen mir sogar etwas
dergleichen als Sie vor acht Tagen mit Terese zusammen bei uns nachtmahlten«
»Ach ja wie wir uns so furchtbar gezankt haben Terese und ich Auf dem
Heimweg ist es noch ärger geworden Zum lachen Wir gingen nämlich zu Fuß bis in
die Stadt Die Leute die uns begegneten müssen uns unbedingt für ein
Liebespaar gehalten haben so fürchterlich haben wir uns gestritten«
»Und wer hat am Ende recht behalten«
»Recht Kommt das jemals vor dass einer recht behält Man diskutiert doch
nur um sich selbst und nie um den andern zu überzeugen Denken Sie nur wenn
Terese am Ende eingesehen hätte dass ein vernünftiger Mensch sich nie und
nimmer einer Partei anschließen kann Oder wenn ich ihr hätte zugestehen müssen
dass meine Parteilosigkeit einen Mangel an Weltanschauung bedeute wie sie
behauptete Wir hätten uns beide sofort totschiessen können Was sagen Sie
übrigens zu diesem Gerede von Weltanschauung Wie wenn Weltanschauung etwas
anderes wäre als der Wille und die Fähigkeit die Welt wirklich zu sehen das
heißt anzuschauen ohne durch eine vorgefasste Meinung verwirrt zu sein ohne
den Drang aus einer Erfahrung gleich ein neues Gesetz abzuleiten oder sie in
ein bestehendes einzufügen Aber den Leuten ist Weltanschauung nichts als eine
höhere Art von Gesinnungstüchtigkeit Gesinnungstüchtigkeit innerhalb des
Unendlichen sozusagen Oder sie sprechen von düsterer und heiterer
Weltanschauung je nach der Färbung in der ihnen die Welt kraft ihres
Temperaments und zufälliger persönlicher Erlebnisse erscheint Menschen mit
offenen Sinnen haben Weltanschauung und beschränkte nicht So steht die Sache
Man muss wahrhaftig kein Philosoph sein um Weltanschauung zu haben
vielleicht darf mans nicht einmal sein Jedenfalls hat Philosophie mit
Weltanschauung nicht das geringste zu tun Von den Philosophen hat gewiss jeder
bei sich gewusst dass er nichts anderes vorstellt als eine Art von Dichter Kant
hat an das Ding an sich geglaubt und Schopenhauer an die Welt als Wille und
Vorstellung wie Shakespeare an Hamlet und Beethoven an die Neunte Sie haben
gewusst dass nun ein Kunstwerk mehr auf der Welt ist aber sie haben sich gewiss
nicht eingebildet dass sie eine endgültige »Wahrheit« entdeckt hätten Jedes
philosophische System wenn es Rhythmus und Tiefe hat bedeutet einen Besitz
mehr auf Erden Aber was soll es denn an dem Verhältnis eines Menschen zur Welt
ändern der selbst mit offenen Sinnen begnadet ist« Er sprach weiter immer
erregter geriet wie es Georg erschien ins Fieberhaftverworrene Georg
erinnerte sich daran dass Heinrich einmal ein Ringelspiel erfunden hatte das
sich über den Erdboden höher und immer höher in Spiralen drehen sollte um
endlich in einer Turmspitze zu enden
Sie nahmen den Weg durch wenig belebte und mäßig beleuchtete
Vorstadtstrassen Georg war es als spazierte er in einer fremden Stadt umher
Plötzlich erschien ein Haus ihm sonderbar bekannt und er merkte jetzt erst dass
sie an dem Haus der Familie Rosner vorbeigingen Das Speisezimmer war
erleuchtet Wahrscheinlich saß dort oben der Alte allein oder in Gesellschaft
seines Sohnes Ist es denn möglich dachte Georg dass in wenigen Wochen auch
Anna wieder dort sitzen wird am selben Tisch mit Vater Mutter und Bruder als
wäre nichts geschehen Dass sie wieder hinter jenem Fenster mit den jetzt
geschlossenen Jalousien Nacht für Nacht schlafen Tag für Tag aus diesem Hause
sich zu ihren armseligen Lektionen begeben dass sie dieses ganze klägliche Leben
wieder aufnehmen wird als hätte nichts gar nichts sich verändert Nein Sie
durfte nicht mehr zu den Ihren zurückkehren das wäre ja unsinnig gewesen Zu
ihm musste sie kommen mit ihm zusammen leben zu dem sie gehörte Das Telegramm
aus Detmold Beinahe hätte er dran vergessen Er musste mit ihr darüber reden
Hier war Hoffnung und Aussicht In solch einer kleinen Stadt war das Leben
wohlfeil Auch war Georgs eigenes Vermögen noch lange nicht aufgezehrt Man
konnte es schon wagen Überdies bedeutete die Stellung dort nur den Anfang
Vielleicht bald kam eine bessere in einer andern größeren Stadt über Nacht
unverhofft wie solche Dinge immer kommen war ein Erfolg da man hatte einen
Namen nicht nur als Dirigent sondern auch als Komponist und es brauchten kaum
zwei drei Jahre zu vergehen so konnten sie das Kind zu sich nehmen Das
Kind Wie die Gedanken ihm durch den Kopf stürmten Auch das konnte man
auf einen Augenblick vergessen
Heinrich sprach noch immer es war ganz offenbar dass er sich übertäuben
wollte Er fuhr fort die Philosophen zu vernichten Eben war er daran sie von
Dichtern zu Spielenden zu degradieren Jedes System jedes philosophische und
jedes moralische sei Wortspielerei Eine Flucht aus der bewegten Fülle der
Erscheinungen in die Marionettenstarre der Kategorien Aber das war es eben
wonach es die Menschen verlangte Daher alle Philosophie alle Religion alle
Sittengesetze Auf dieser Flucht waren sie immerfort begriffen Wenigen gar
wenigen war die ungeheure innere Bereitschaft gegeben jede Erfahrung als neu
und einzig zu empfinden die Kraft es zu ertragen dass sie in jedem Augenblick
gleichsam in einer neuen Welt stünden Und doch nur dem der den feigen Drang
überwinde alle Erlebnisse in Worte einzuengen dem zeige das Leben das
vielfältigeine das wunderbare sich in seiner wahren Gestalt
Georg hatte die Empfindung als strebte Heinrich mit all seinen Reden nur
dies an vor sich selbst jede Verantwortung gegenüber einem höheren Gesetz
abzuschütteln indem er keines anerkannte Und wie in einem wachsenden
Widerstand gegen Heinrichs faselhaft wunderliches Gebaren fühlte er wie sich in
seiner eigenen Seele das Bild der Welt das ihm vor Stunden erst wie in Stücke
zu zerfallen gedroht hatte allmählich wieder zusammenzuschliessen begann Eben
noch hatte er sich gegen die Sinnlosigkeit des Schicksals aufgelehnt das ihn
heute betroffen und schon begann er dumpf zu ahnen dass auch das was ihm ein
trauriger Zufall geschienen nicht aus dem Leeren auf sein Haupt
heruntergestürzt war sondern dass es ebenso auf einem vorbestimmten nur
dunklern Weg zu ihm herangezogen war wie das was auf weithin sichtbarer Straße
sich ihm nahte und das er gewohnt war Notwendigkeit zu nennen
Sie waren vor dem Hause in dem Heinrich wohnte Der Hausmeister stand am
Tor und teilte mit dass er vor kurzem eine Depesche in Heinrichs Zimmer gelegt
hätte
»So« sagte Heinrich wie gleichgültig und ging langsam die Treppen hinauf
Georg folgte Im Vorzimmer zündete Heinrich eine Kerze an Auf einem kleinen
Tischchen lag die Depesche Heinrich öffnete sie hielt sie nah zum flackernden
Licht hin las für sich und wandte sich dann zu Georg »Sie wurde heute morgens
auf der Probe erwartet und ist nicht erschienen« Er nahm den Leuchter in die
Hand und trat von Georg gefolgt in den nächsten Raum stellte das Licht auf
den Schreibtisch und ging im Zimmer auf und ab Georg hörte durchs offene
Fenster über den dunkeln Hof Klaviergeklimper »Sonst enthält die Depesche
nichts« fragte er
»Nein Aber offenbar ist sie nicht nur nicht auf der Probe gewesen sondern
war auch in ihrer Wohnung nicht zu finden Sonst hätte man wohl telegraphiert
dass sie krank sei oder sonst ein Wort der Erklärung Ja lieber Georg« er
atmete tief auf »diesmal ist es geschehen«
»Warum Dafür ist doch kein Beweis vorhanden kaum ein Anhaltspunkt«
Heinrich schnitt mit einer seiner kurzen Handbewegungen die Rede des andern
ab Dann sah er auf die Uhr und sagte »Heut hab ich keinen Zug mehr Ja
was soll man nur was soll man nur beginnen« Er hielt inne blieb stehen und
sagte plötzlich »Ich werde zu ihrer Mutter fahren Ja Das ist das beste
Vielleicht vielleicht «
Sie verließen die Wohnung An der nächsten Ecke nahmen sie einen Wagen
»Hat die Mutter etwas gewusst« fragte Georg
»Ach Gott« sagte Heinrich »Was Mütter eben zu wissen pflegen Es ist ja
unglaublich wie wenig die Menschen über das nachdenken was in ihrer nächsten
Nähe vorgeht wenn sie nicht durch einen äußern Anlass dazu genötigt werden Und
die meisten Menschen ahnen nicht einmal was sie alles wissen in der Tiefe
ihrer Seele wissen ohne sichs einzugestehen Die gute Frau wird wohl etwas
erstaunt sein wenn ich so plötzlich vor ihr auftauche ich habe sie schon
lange nicht gesehen«
»Was werden Sie ihr sagen«
»Ja was werde ich ihr sagen« wiederholte Heinrich und biss an seiner
Zigarre herum »Hören Sie ich habe eine großartige Idee Sie werden mit mir
kommen Georg ich stelle Sie als Direktor vor ja Sie sind auf der Durchreise
hier müssen noch heute mit einem Separatzug um elf Uhr fort nach Petersburg
haben irgendwie gehört dass sich das Fräulein in Wien aufhält und ich als
alter Bekannter des Hauses bin so liebenswürdig Sie vorzustellen«
»Sind Sie zu dergleichen Komödien aufgelegt« fragte Georg
»Ach verzeihen Sie Georg Es ist ja alles gar nicht notwendig Ich frage
die Alte einfach ob sie Nachricht hat Was sagen Sie wie schwül diese
Nacht ist«
Sie fuhren über den Ring durch den hallenden Burghof durch die Straßen der
Stadt Georg war eigentümlich gespannt Wenn die Schauspielerin nun wirklich
ruhig bei ihrer Mutter zu Hause säße dachte er Er fühlte dass es eine Art
Enttäuschung für ihn bedeuten würde Dann schämte er sich dieser Regung Ist
denn die ganze Geschichte eine Zerstreuung für mich dachte er Was den andern
Leuten passiert ist uns wohl selten mehr würde Nürnberger finden Eine
seltsame Art sich zu zerstreuen um den Tod seines Kindes zu vergessen Aber
was soll man tun Ändern kann ich nichts mehr In ein paar Tagen reis ich
fort Gott sei Dank
Der Wagen hielt vor einem Hause in der Nähe des Pratersterns Über den
Viadukt gegenüber dröhnte eben ein Zug darunter weg liefen die Alleen des
Praters ins Dunkle Heinrich schickte den Wagen fort »Ich danke Ihnen sehr«
sagte er zu Georg »Leben Sie wohl«
»Ich warte hier auf Sie«
»Wollen Sie wirklich Nun ich bin Ihnen sehr dankbar«
Er verschwand im Haustor Georg ging auf und ab Rings herum auf den Straßen
war es trotz der späten Stunde noch ziemlich belebt Aus dem Prater drangen die
Klänge eines Militärorchesters zu ihm her Ein Mann und eine Frau kamen an ihm
vorbei Der Mann trug ein schlafendes Kind auf dem Arm das die Hände um den
Hals des Vaters geschlungen hatte Georg dachte an den Grinzinger Garten an das
kleine ungewaschene Ding das ihm von den Armen der Mutter aus die Händchen
entgegengestreckt hatte War er damals wirklich gerührt gewesen wie Nürnberger
behauptet hatte Nein Rührung war es wohl nicht Etwas anderes vielleicht Das
dumpfe Bewusstsein dazustehen in der geschlossenen Kette die von Urahnen zu
Urenkeln ging an beiden Händen gefasst mit teilzuhaben am allgemeinen
Menschenlos Nun stand er mit einemmal wieder losgelöst allein wie
verschmäht von einem Wunder dessen Ruf er ohne Andacht gehört hatte Von einem
nahen Kirchturm schlug es zehn Uhr Fünf Stunden erst dachte Georg Und wie
ferne war schon alles Nun durfte er wieder frei durch die Welt treiben wie
früher einmal Durfte er wirklich
Heinrich kam aus dem Haustor Hinter ihm fiel das Tor zu »Nichts« sagte
er »Ganz ahnungslos ist die Mutter Ich habe nach der Adresse gefragt als wenn
ich ihr was Wichtiges mitzuteilen hätte Ich wäre gerade aus dem Prater
gekommen und da fiel mir ein na und so weiter Eine gute alte Frau Der
Bruder sitzt am Tisch und zeichnet auf einem Reissbrett eine Ritterburg mit
unzähligen Türmen aus einer illustrierten Zeitung ab«
»Jetzt seien Sie einmal aufrichtig« sagte Georg »Wenn Sie sie auf diese
Weise retten könnten würden Sie ihr auch jetzt nicht verzeihen«
»Ja Georg merken Sie denn noch immer nicht dass es sich gar nicht darum
handelt ob ich verzeihen will oder nicht Denken Sie doch ich hätte einfach
aufgehört sie zu lieben was doch gelegentlich passieren kann auch ohne dass man
verraten worden ist Denken Sie eine Frau die Sie liebt würde Sie verfolgen
eine Frau vor deren Berührung Ihnen aus irgendeinem Grunde graut würde Ihnen
schwören sie bringt sich um wenn Sie sie verschmähen Wären Sie verpflichtet
ihr nachzugehen Könnten Sie sich den leisesten Vorwurf machen wenn sie
wirklich aus sogenannter verschmähter Liebe in den Tod ginge Würden Sie sich
als ihr Mörder fühlen Das ist doch lauter Unsinn nicht wahr Also wenn Sie
glauben dass es das sogenannte Gewissen ist das mich jetzt peinigt so irren
Sie sich Es ist einfach die Sorge um das Schicksal eines Wesens das mir einmal
nahestand und gewissermaßen heute noch nahesteht Die Ungewissheit « «
Plötzlich blickte er starr nach einer Richtung
»Was ist Ihnen« fragte Georg
»Sehen Sie nicht Ein Telegraphenbote Er kommt auf das Haustor zu« Ehe der
Mann noch klingeln konnte war Heinrich bei ihm und sagte ihm ein paar Worte
die Georg nicht verstehen konnte Der Bote schien Einwendungen zu machen
Heinrich erwiderte und Georg der nähergetreten war konnte es hören »Ich habe
Sie ja hier vor dem Tor erwartet weil mich der Arzt dringend darum gebeten hat
Dieses Telegramm enthält vielleicht eine traurige Nachricht und es
könnte für meine Mutter der Tod sein nun wenn Sie mir nicht glauben so
klingeln Sie doch ich geh mit Ihnen ins Haus« Aber schon hatte er auch die
Depesche in Händen öffnete sie hastig und las beim Licht einer Strassenlaterne
Sein Antlitz blieb völlig unbeweglich Dann faltete er die Depesche wieder
zusammen reichte sie dem Boten hin drückte ihm ein paar Silbermünzen in die
Hand und sagte »Sie müssen sie doch selbst drin abgeben«
Der Bote war befremdet aber durch das Trinkgeld milde gestimmt Heinrich
klingelte und wandte sich ab »Kommen Sie« sagte er zu Georg Sie gingen stumm
die Straße weiter Nach ein paar Minuten sagte Heinrich »Es ist geschehen«
Georg erschrak heftiger als er erwartet hätte »Ist es möglich « rief er
aus
»Ja« sagte Heinrich »Im See hat sie sich ertränkt In dem See an dem Sie
heuer im Sommer ein paar Tage gewohnt haben« setzte er hinzu in einem Ton als
trüge Georg nun auch irgendwie einen Teil der Verantwortung für das was
geschehen war
»Was steht in dem Telegramm« fragte Georg
»Es ist vom Direktor Er hat eben die Nachricht erhalten dass sie beim
Kahnfahren verunglückt ist Erbittet nähere Weisungen von der Mutter« Er sprach
kühl hart als läse er eine Notiz aus der Zeitung vor
»Die unglückliche Frau Sollten Sie nicht doch Heinrich «
»Was Zu ihr Was soll ich denn bei ihr tun«
»Wer denn als Sie kann ihr jetzt und muss ihr beistehen«
»Wer denn als ich« Er blieb stehen »Sie denken weil es sozusagen
meinetwegen geschehen ist Ich erkläre Ihnen hiermit feierlich dass ich mich
total unschuldig fühle Der Kahn aus dem sie sich hat sinken lassen und die
Wellen die sie empfangen haben können sich nicht schuldloser fühlen als ich
Das will ich nur feststellen Aber dass ich zu der Mutter hinein muss Ja
damit haben Sie vollkommen recht« Und er schlug wieder die Richtung nach dem
Hause ein »Wenn Sie wollen« sagte Georg »so bleibe ich bei Ihnen« »Was fällt
Ihnen ein Georg Gehen Sie nur ruhig nach Hause Was soll ich noch alles von
Ihnen verlangen Und grüßen Sie Anna und sagen Sie ihr wie sehr ich beklage
na Sie wissen ja Da wären wir Sie gestatten dass ich noch ein paar Sekunden
verziehe ehe ich « Er blieb stumm stehen Dann begann er wieder und seine
Züge verzerrten sich »Ich will Ihnen etwas sagen Georg Folgendes Es ist ein
großes Glück dass man in gewissen Augenblicken gar nicht weiß was einem
eigentlich begegnet ist Wenn man die Unheimlichkeit solcher Augenblicke nämlich
sofort so stark empfände wie man sie später in der Erinnerung empfinden wird
oder wie man sie in der Erwartung empfunden hat man würde verrückt Auch Sie
Georg ja Sie auch Und manche werden eben wirklich verrückt Das sind
wahrscheinlich die Leute denen die Gabe verliehen ist sofort richtig zu
empfinden Meine Geliebte hat sich ertränkt hören Sie Es ist nicht anders zu
sagen Ist wirklich früher andern etwas Ähnliches passiert O nein Sie glauben
sicher dass Sie schon ähnliches gelesen oder gehört haben Es ist nicht wahr
Heute das erstemal das erstemal seit die Welt steht ist so etwas
passiert«
Das Tor öffnete sich und fiel wieder zu Georg stand allein auf der Straße
Der Kopf war ihm wirr das Herz bedrückt Er ging ein paar Schritte dann nahm
er einen Wagen und fuhr nach Hause Er sah die Tote vor sich so wie sie an
jenem hellen Sommertage vor der Bühnentür gestanden war in roter Bluse und
kurzem weißen Rock mit den irrenden Augen unter dem rötlichen Schopf Er hätte
damals übrigens geschworen dass sie mit dem Komödianten der Guido ähnlich sah
ein Verhältnis hatte Vielleicht war es auch so Das konnte eine Art von Liebe
gewesen sein und was sie für Heinrich fühlte eine andere Es gab wirklich viel
zu wenig Worte Für den einen geht man in den Tod mit dem andern liegt man im
Bett vielleicht noch in der Nacht eh man sich für den einen ertränkt Und was
beweist ein Selbstmord am Ende Vielleicht nur dass man in irgendeinem
Augenblick den Tod nicht recht verstanden hat Wie wenige versuchen es noch
einmal wenn es ihnen einmal missglückt ist Das Gespräch mit Grace fiel ihm ein
an Labinskis Grab das glühendkalte an dem sonnigen Februartag im schmelzenden
Schnee In jener Stunde hatte sie ihm gestanden dass sie von keinem Grauen
erfasst worden war als sie Labinski erschossen vor ihrer Wohnungstür gefunden
hatte Und als vor vielen Jahren ihre kleine Schwester gestorben war hatte sie
eine Nacht lang am Totenbett gewacht ohne auch nur eine Spur von dem zu
empfinden was andere Menschen Grauen nannten Aber etwas das diesem Gefühle
ähnlich sein mochte so erzählte sie Georg hatte sie in der Umarmung von
Männern kennen gelernt Zuerst war ihr das selbst rätselhaft gewesen später
glaubte sie es zu verstehen Sie war nach der Aussage von Ärzten zur
Unfruchtbarkeit bestimmt und darum musste es wohl geschehen dass der Augenblick
der höchsten Lust durch dieses Verhängnis gleichsam sinnlos geworden ihr wie
in ahnungsvollen Schauder versank Dies war Georg damals wie ein affektiertes
Gerede erschienen heute zum erstenmal spürte er einen Hauch von Wahrheit darin
Sie war ein seltsames Geschöpf gewesen Ob ihm noch einmal ein Wesen solcher Art
begegnen würde Warum nicht Am Ende bald Nun fing ja eine neue Epoche seines
Lebens an und irgendwo wartete vielleicht schon das nächste Abenteuer
Abenteuer Durfte er daran noch denken Hatte er von heute an nicht
ernstere Verpflichtungen als je Liebte er Anna nicht mehr als je zuvor
Das Kind war tot Aber das nächste würde leben Heinrich hatte wahr
gesprochen Anna war dazu bestimmt Mutter zu werden Mutter Aber dachte er
fröstelnd ist sie denn auch bestimmt Mutter meiner Kinder zu werden Der
Wagen hielt Georg stieg aus ging die zwei Treppen hinauf in seine Wohnung
Felician war noch nicht zu Hause Wer weiß wann er kommt dachte Georg Ich
kann ihn nicht erwarten ich bin zu müd Er entkleidete sich rasch sank ins
Bett und tiefer Schlaf nahm ihn auf
Als er erwachte suchten seine Augen durchs Fenster wie er es nun seit
Tagen gewohnt war eine weiße Linie zwischen Wald und Wiesen den
Sommerhaidenweg Er sah aber nur einen bläulichen leeren Himmel in den eine
Turmspitze sich bohrte mit einemmal wusste er dass er zu Hause war und alles
was er gestern erlebt hatte fiel ihm ein Doch fühlte er Leib und Seele
morgenfrisch und ihm war als hätte er außer dem Traurigen das geschehen war
sich auch irgendeiner günstigen Sache zu entsinnen Ach ja Das Telegramm aus
Detmold War das denn etwas so Günstiges Gestern Abend hatte er es nicht so
empfunden
Es klopfte an seine Tür Felician trat zu ihm ins Zimmer Hut und Stock in
der Hand »Ich hab gar nicht gewusst dass du heute zu Hause geschlafen hast«
sagte er »Grüß dich Gott Also was gibts denn draußen neues«
Georg hatte den Arm auf den Polster gestützt und blickte zu seinem Bruder
auf »Es ist vorüber« sagte er »Ein Bub aber tot« Und er sah vor sich hin
»Geh« sagte Felician bewegt trat auf ihn zu und legte unwillkürlich die
Hand auf des Bruders Haupt Dann tat er Hut und Stock beiseite setzte sich zu
ihm aufs Bett und Georg musste an Morgenstunden seiner Kinderjahre denken da er
beim Erwachen manchmal seinen Vater so am Bettrand sitzen gesehen Er erzählte
Felician wie alles gekommen war sprach insbesondere von Annas Geduld und
Sanftmut aber mit einem gewissen Unbehagen fühlte er dass er sich ein wenig
zwingen musste um seinen Mitteilungen den Ton von Ernst und Gedrückteit zu
bewahren der ihnen ziemte Felician hörte mit Anteil zu erhob sich dann und
ging im Zimmer auf und ab Indes stand Georg auf begann Toilette zu machen und
berichtete dem Bruder wie merkwürdig sich der weitere Verlauf des Abends
gestaltet hatte sprach von den Gängen und Fahrten mit Heinrich Bermann und von
der eigentümlichen Art wie sie endlich von dem Selbstmord der Schauspielerin
erfahren hatten
»Ah das ist die« sagte Felician »Es steht nämlich schon in der Zeitung«
»Also wie ist es denn geschehen« fragte Georg neugierig
»Sie ist in den See hinausgefahren und hat sich vom Kahn aus ins Wasser
gleiten lassen Na du wirst ja lesen Jetzt fährst du wohl gleich wieder
aufs Land hinaus« fügte er hinzu
»Natürlich« erwiderte Georg »Aber ich hab dir ja noch was zu sagen
Felician was dich interessieren dürfte« Und er berichtete dem Bruder von dem
Detmolder Telegramm
Felician schien erstaunt »Das wird ja ernst« rief er aus
»Ja es wird ernst« wiederholte Georg
»Du hast noch nicht geantwortet«
»Nein wie hätt ich können«
»Und was gedenkst du zu tun«
»Aufrichtig gestanden ich weiß nicht recht Du begreifst dass ich nicht auf
der Stelle hinfahren kann besonders unter diesen Umständen«
Felician schien nachdenklich »Mit einem kleinen Aufschub wird ja wohl
nichts verloren sein« sagte er dann
»Das denk ich mir auch Vor allem muss ich wissen wies draußen geht Ich
möchte mich natürlich auch gern mit Anna beraten«
»Wo hast du denn das Telegramm darf mans lesen«
»Drin auf dem Schreibtisch liegts« sagte Georg der eben damit beschäftigt
war sich die Schuhe zuzuschnüren
Felician begab sich ins Nebenzimmer nahm die Depesche zur Hand und las
»Das ist ja viel dringender« bemerkte er »als ich gedacht habe«
»Mir scheint Felician es kommt dir noch immer merkwürdig vor dass ich nun
bald einen wirklichen Beruf haben soll«
Felician stand wieder bei seinem Bruder strich ihm übers Haar und sagte
»Es ist vielleicht eine gute Fügung dass die Depesche gerade gestern gekommen
ist«
»Gut Inwiefern«
»Ich meine nach so einem trüben Ereignis dürfte dir die Aussicht auf
praktische Betätigung doppelt wohltun Aber ich muss dich jetzt leider
verlassen Ich hab noch eine ganze Menge zu tun Abschiedsbesuche unter anderm«
»Wann fährst du denn Felician«
»Heut in acht Tagen Sag Georg du kommst doch heut wahrscheinlich noch vom
Land zurück«
»Wenn draußen alles in Ordnung ist ganz bestimmt«
»Wir könnten uns vielleicht am Abend noch treffen«
»Das wär mir sehr lieb Felician«
»Also wenns dir recht ist ich bin von sieben Uhr an zu Hause Wir können
vielleicht zusammen soupieren aber allein nicht im Klub«
»Ja gern«
»Und ich möcht dich was bitten« begann Felician nach kurzem Schweigen
wieder »Bestell draußen einen Gruß von mir einen herzlichen und sag ihr
dass ich den innigsten Anteil nehme«
»Ich danke dir Felician ich werde es ihr ausrichten«
»Wirklich Georg ich kann dir gar nicht sagen wie sehr es mich berührt
hat« fuhr Felician mit Wärme fort »Ich hoffe nur sie kommt bald darüber
hinweg Und du auch«
Georg nickte »Weißt du« sagte er leise »wie er hätte heißen sollen
Felician«
Felician sah seinem Bruder ins Auge sehr ernst dann drückte er ihm die
Hand »Aufs nächstemal« sagte er mit einem guten Lächeln Noch einmal drückte
er dem Bruder die Hand und ging Georg sah ihm nach zwiespältig bewegt Ganz
unangenehm ist es ihm ja doch nicht dachte er dass es so gekommen ist Rasch
machte er sich fertig und beschloss heute wieder einmal zu Rad aufs Land zu
fahren
Erst als er über die belebteren Straßen hinaus war kam er zum Gefühl seiner
selbst Der Himmel hatte sich ein wenig getrübt und von den Hügeln her wehte
Georg ein kühler Wind wie Herbstgruss entgegen Er wollte in der kleinen
Ortschaft wo das gestrige Ereignis jedenfalls schon bekannt geworden war
niemandem begegnen und nahm den oberen Weg zwischen Wiesen und Gärten zum
rückwärtigen Eingang Je näher der Augenblick kam da er Anna wiedersehen
sollte um so schwerer wurde ihm ums Herz Am Gitter saß er vom Rad ab und
zögerte ein wenig Der Garten war leer unten lag das Haus in Stille versunken
Georg atmetet tief und schmerzlich auf Wie anders hätte es sein können dachte
er schritt hinab und hörte den Kies unter seinen Füßen knirschen Er trat auf
die Veranda lehnte das Rad ans Geländer und schaute durch das offene Fenster
ins Zimmer hinein Anna lag mit offenen Augen
»Guten Morgen« rief er möglichst heiter
Frau Golowski die an Annas Bett gesessen war erhob sich und erzählte
gleich »Gut haben wir geschlafen fest und gut«
»Na das ist schön« sagte Georg und schwang sich über die Brüstung ins
Zimmer
»Du bist ja sehr unternehmend heute« sagte Anna mit ihrem verschmitzten
Lächeln das Georg an längst vergangene Zeiten erinnerte Frau Golowski teilte
mit der Professor wäre am frühen Morgen dagewesen hätte sich vollkommen
zufrieden gezeigt und Frau Rosner in seinem Wagen mit in die Stadt genommen
Dann entfernte sie sich mit guten Blicken
Georg beugte sich zu Anna nieder küsste sie innig auf Augen und auf Mund
rückte den Stuhl näher setzte sich und sagte »Mein Bruder grüßt dich
herzlich«
Es zuckte unmerklich um ihre Lippen »Danke« erwiderte sie leise und
bemerkte dann »Du bist ja mit dem Rad herausgekommen«
»Ja« erwiderte er »Da muss man nämlich auf den Weg aufpassen was zuweilen
sein Gutes hat« Dann berichtete er vom Abschluss des gestrigen Abends erzählte
das Ganze wie eine spannende Geschichte und erst zum Schluss wie es sich
gehörte durfte Anna erfahren wie Heinrichs Geliebte geendet hatte Er
erwartete sie bewegt zu sehen aber sie behielt einen sonderbar harten Zug um
den Mund
»Es ist doch furchtbar« sagte Georg »Findest du nicht«
»Ja« erwiderte Anna kurz und Georg fühlte dass ihre Güte hier völlig
versagte Er sah den Widerwillen aus ihrer Seele fließen nicht lau wie von
einem Wesen zum andern hin sondern stark und tief wie einen Strom des Hasses
von Welt zu Welt Er ließ das Thema fallen und begann von neuem »Jetzt was
Wichtiges mein Kind« Er lächelte hatte aber ein wenig Herzklopfen
»Nun« fragte sie gespannt
Er nahm das Detmolder Telegramm aus seiner Brusttasche und las es ihr vor
»Was sagst du dazu« fragte er mit gespieltem Stolz
»Und was hast du geantwortet«
»Noch gar nichts« erwiderte er beiläufig als wäre er nicht gesonnen die
Sache sonderlich ernst zu nehmen »Ich wollt es natürlich vorher mit dir
besprechen«
»Also was denkst du« fragte sie unbeweglich
»Ich lehne natürlich ab Ich depeschiere dass ich in der nächsten
Zeit keineswegs hinkommen könnte« Und er erläuterte ihr ernstaft dass mit
einem Aufschub weiter nichts verloren sei da er ja als Gast jedenfalls
willkommen und diese dringende Aufforderung doch nur einem Zufall zu verdanken
war auf den zu hoffen man nicht das Recht gehabt hätte
Sie ließ ihn eine Weile reden dann sagte sie »Du bist schon wieder einmal
leichtsinnig Vor allem find ich hättest du gleich antworten sollen Und «
»Nun und Vielleicht auch gleich heute früh fortfahren statt zu dir
herauszukommen wie« scherzte er
Sie blieb ernst »Warum nicht« sagte sie Und auf sein befremdetes
Zurückwerfen des Kopfes »Mir geht es ja Gott sei Dank sehr gut Georg und auch
wenn es mir etwas schlechter ginge helfen könntest du mir ja doch nicht also
«
»Ja Kind« unterbrach er sie »mir scheint du verstehst gar nicht recht
um was es sich handelt Das Hinfahren ist natürlich eine ziemlich einfache Sache
aber das Dortbleiben Das Dortbleiben mindestens bis Ostern So lange dauert die
Saison«
»Na dass du nicht fortgefahren bist ohne mir vorher adieu zu sagen Georg
das finde ich natürlich ganz in der Ordnung Aber siehst du fort musst du ja
jedenfalls nicht wahr Wenn wir auch gerade in der letzten Zeit nicht darüber
gesprochen haben wir habens doch beide gewusst Also ob du in vier Wochen
wegfährst oder übermorgen oder heute «
Nun begann Georg sich ernstlich zu wehren Das sei durchaus nicht
gleichgültig ob in vier Wochen oder heute Im Laufe von vier Wochen könne man
sich doch mit gewissen Gedanken vertraut machen und überdies alles genau
besprechen hinsichtlich der Zukunft
»Was gibt es da viel zu besprechen« erwiderte sie müd »In vier Wochen
nimmst du kannst du mich ebensowenig mitnehmen als heute Ich glaube sogar
dass jede ernsthafte Besprechung zwischen uns erst nach deiner Rückkunft einen
Sinn erhalten kann Bis dahin wird sich mancherlei geklärt haben Wenigstens
in Bezug auf deine Aussichten« Sie blickte zum Fenster hinaus in den Garten
Georg zeigte eine gelinde Entrüstung über ihre kühle Sachlichkeit die sie auch
in einer solchen Stunde nicht verliesse »Ja wahrhaftig« sagte er »wenn man so
bedenkt was das bedeutet dass du hier bleibst und ich «
Sie sah ihn an »Ich weiß was es bedeutet« sagte sie
Unwillkürlich wich er ihrem Blick aus nahm ihre Hände küsste sie war
innerlich aufgewühlt Als er wieder aufblickte sah er ihre Augen mütterlich auf
sich ruhen Und wie eine Mutter sprach sie ihm zu Sie erklärte ihm dass er
gerade in Hinsicht auf die Zukunft und es schwebte um dieses Wort kaum wie ein
linder Hauch eigener Hoffnung eine solche Gelegenheit nicht versäumen dürfe In
zwei oder drei Wochen konnte er ja von Detmold aus auf ein paar Tage wieder nach
Wien zurückkommen Denn das würden die Leute dort gewiss einsehen dass er seine
Angelegenheiten hier in Ordnung bringen müsste Aber vor allem wäre es notwendig
ihnen einen Beweis seines ernsten Willens zu geben Und wenn er auf ihren Rat
etwas halte so gäbe es nur eins noch heute abends abzureisen Um sie brauche
er keine Sorge zu hegen sie fühlte dass sie außer jeder Gefahr sei ganz
untrüglich fühle sie das Natürlich werde er täglich Nachricht haben zweimal
wenn er wollte früh und abends Er gab nicht gleich nach kam nochmals darauf
zurück dass das Unerwartete dieser Trennung ihn geradezu niederdrücken würde
Sie erwiderte dass ihr ein solcher rascher Abschied viel lieber sei als die
Aussicht auf weitere vier Wochen in Bangen Rührung und Abschiedsangst Und das
wesentliche bleibe doch immer dass es sich um nicht viel mehr handle als ein
halbes Jahr Dann hatte man wieder ein halbes für sich und wenn alles gut
ginge so standen vielleicht nicht mehr viele solcher Trennungszeiten bevor
Nun fing er wieder an »Und was wirst du in diesem halben Jahr tun während
ich fort bin Es ist doch «
Sie unterbrach ihn »Vorläufig wird es schon so weitergehen wie es eben
jahrelang gegangen ist Aber ich hab heute früh über vielerlei nachgedacht«
»Die Gesangschule«
»Auch das Obzwar das natürlich nicht so leicht ist und nicht so einfach und
überdies« setzte sie mit ihrem verschmitzten Gesicht hinzu »es wäre doch
schade wenn man sie gar zu bald wieder zusperren müsste Aber über all das
werden wir nachher reden Jetzt geh einmal telegraphieren«
»Ja was« rief er so verzweifelt aus dass sie lachen musste Dann sagte sie
»Sehr einfach Werde morgen mittag die Ehre haben mich in Ihrer Kanzlei
einzufinden Aller alleruntertänigst oder ergebenst oder allerhochmütigst
«
Er sah sie an Dann küsste er ihr die Hand und sagte »Du bist entschieden
die Gescheitere von uns zweien« Sein Ton deutete an auch die Kühlere aber ein
Blick von ihr mild zärtlich und etwas spöttisch lehnte diesen Nebensinn ab
»Also in zehn Minuten bin ich wieder da« Er verließ sie mit heiterer Stirn
trat ins Nebenzimmer und schloss die Türe Gegenüber hinter jener andern jetzt
fiel es ihm mit Macht wieder ein lag sein totes Kind im Sarg denn das
»Nötige« wie gestern Doktor Stauber sich ausgedrückt hatte war ja wohl schon
besorgt worden In einer wehen Sehnsucht krampfte sich sein Herz Frau Golowski
kam aus dem Vorzimmer Sie trat auf ihn zu sprach bewundernd von der
Ergebenheit und der Gefassteit Annas Georg hörte etwas zerstreut zu Seine
Blicke glitten immerfort über jene Türe hin und endlich sagte er leise »Ich
möcht es doch noch einmal sehen«
Sie schaute ihn an leicht erschrocken zuerst und dann mitleidig
»Schon zugenagelt« fragte er angstvoll
»Schon fortgeschaft« erwiderte Frau Golowski langsam
»Fortgeschaft« Sein Gesicht verzerrte sich mit einmal so peinvoll dass
die alte Frau wie beruhigend die Hände auf seinen Arm legte »Ich war in aller
Früh die Anmeldung machen« sagte sie »und das andre ist dann sehr schnell
gegangen Vor einer Stunde hat mans abgeholt in die Totenkammer«
In die Totenkammer Georg erbebte Und er schwieg lange verstört wie
wenn er eine völlig unerwartete grauenhafte Neuigkeit erfahren hatte Als er
wieder zu sich kam fühlte er noch immer die freundliche Hand Frau Golowskis auf
seinem Arm und sah ihren Blick aus übernächtigen gütigen Augen auf seinem
Antlitz ruhen
»Also erledigt« sagte er mit einem empörten Blick nach oben als wär ihm
jetzt erst die letzte Hoffnung tückisch geraubt Dann reichte er Frau Golowski
die Hand »Und Sie haben alles das auf sich genommen liebe gnädige Frau
Wahrhaftig ich weiß nicht wie ich Ihnen das je «
Eine Bewegung der alten Frau wehrte jeden weitern Dank ab Georg verließ das
Haus warf auf den kleinen blauen Engel der wie ängstlich zu den verblühten
Beeten niederschaute einen verächtlichen Blick und trat auf die Straße Auf dem
Weg zum Amt überlegte er angestrengt die Fassung des Telegramms das seine
Ankunft in dem Ort des neuen Berufs und der neuen Verheißung ankündigen sollte
Neuntes Kapitel
Der alte Doktor Stauber und sein Sohn saßen beim schwarzen Kaffee Der Alte
hielt ein Zeitungsblatt in der Hand und schien darin etwas zu suchen »Der
Termin für den Prozess« sagte er »ist noch nicht festgesetzt«
»So« erwiderte Bertold »Leo Golowski glaubt dass er Mitte November also
in etwa drei Wochen stattfinden wird Terese hat ihren Bruder nämlich vor ein
paar Tagen in der Haft besucht Er soll vollkommen ruhig sein geradezu gut
aufgelegt«
»Nun wer weiß vielleicht wird er freigesprochen« sagte der Alte
»Das ist recht unwahrscheinlich Vater Er muss eher froh sein dass er nicht
wegen gemeinen Mords unter Anklage gestellt worden ist Der Versuch dazu ist ja
für alle Fälle gemacht worden«
»Das kann man doch keinen ernstaften Versuch nennen Bertold Du siehst
dass sich die Staatsanwaltschaft um die alberne Verleumdung auf die du
anspielst gar nicht gekümmert hat«
»Wenn sie es aber als Verleumdung erkannt hat« entgegnete Bertold scharf
»so wäre sie verpflichtet gewesen die Verleumder vor Gericht zu stellen Im
übrigen leben wir bekanntlich in einem Staat wo ein Jude nicht davor sicher
ist wegen Ritualmords zum Tode verurteilt zu werden warum sollten also die
Behörden vor der offiziösen Annahme zurückscheuen dass Juden sich bei
Pistolenduellen gegen Christen vielleicht aus religiösen Gründen einen
verbrecherischen Vorteil zu sichern wissen Dass es der Behörde an dem guten
Willen nicht gefehlt hat auch diesmal der herrschenden Partei einen Dienst zu
erweisen das ist am besten daraus zu ersehen dass die Untersuchungshaft nicht
aufgehoben wurde trotz der angebotenen hohen Kaution«
»Die Geschichte mit der Kaution glaub ich nicht« sagte der alte Doktor
»Woher sollte Leo Golowski fünfzigtausend Gulden nehmen«
»Es waren nicht fünfzig sondern hunderttausend und Leo Golowski weiß bis
heute überhaupt nichts davon Im Vertrauen kann ich dir sagen Vater dass
Salomon Ehrenberg das Geld zur Verfügung gestellt hat«
»So Also da werd ich dir auch was im Vertrauen sagen Bertold«
»Nun«
»Es ist möglich dass es gar nicht zu dem Prozess kommt Golowskis Advokat hat
ein Abolitionsgesuch eingebracht«
Bertold lachte auf »Deswegen Und du glaubst dass das nur die geringste
Aussicht auf günstige Erledigung haben könnte Vater Ja wenn Leo gefallen und
der Oberleutnant am Leben geblieben wär dann vielleicht«
Der Alte schüttelte ungeduldig den Kopf »Du musst um jeden Preis
oppositionelle Reden halten mein Sohn«
»Verzeih Vater« sagte Bertold mit zuckenden Brauen »es hat nicht jeder
die beneidenswerte Gabe von gewissen Erscheinungen im öffentlichen Leben wenn
sie ihn persönlich nicht angehen einfach den Blick abzuwenden«
»Ist das vielleicht meine Gewohnheit« entgegnete der Alte heftig und unter
der hohen Stirn taten die halbgeschlossenen Augen sich fast erbittert auf »Du
Bertold viel eher als ich bist es der den Blick verschließt wo er nicht
sehen will Ich finde du fängst an dich in deine Ideen zu verbohren Es wird
krankhaft bei dir Ich habe gehofft der Aufenthalt in einer andern Stadt in
einem andern Land wird dich von gewissen beschränkten und kleinlichen
Auffassungen kurieren Aber es ist eher ärger geworden Ich merk es ja Dass
einer losschlägt wie es Leo Golowski getan das kann ich noch verstehen so
wenig ich es billigen möchte Aber immer dastehen die geballte Faust in der
Tasche sozusagen was hat das für einen Zweck Besinn dich doch auf dich
Persönlichkeit und Leistung setzen sich am Ende immer durch Was kann dir Arges
passieren Dass du um ein paar Jahre später die Professur kriegst als ein
anderer Das Unglück fänd ich nicht so groß Deine Arbeiten wird man doch nicht
totschweigen können wenn sie was wert sind «
»Es kommt ja nicht allein auf mich an« warf Bertold ein
»Aber es handelt sich meist um derartige Interessen zweiten Ranges Und um
wieder auf unser früheres Thema zu kommen ob sich auch für den Oberleutnant
wenn er den Leo Golowski niedergeschossen ein Ehrenberg oder Ehrenmann mit
hunderttausend Gulden gefunden hätte das ist sehr die Frage So und jetzt
steht es dir frei auch mich für einen Antisemiten zu halten wenns dir Spaß
macht obwohl ich jetzt direkt in die Rembrandtstrasse zur alten Golowski fahre
Also grüß dich Gott und werd endlich vernünftig« Er reichte seinem Sohn die
Hand Der nahm sie ohne eine Miene zu verziehen Der Alte wandte sich zum
Gehen An der Tür sagte er »Wir sehen uns wohl abends in der Gesellschaft der
Ärzte«
Bertold schüttelte den Kopf »Nein Vater Ich verbringe den heutigen Abend
in einem minder gebildeten Lokal in der silbernen Weintraube wo eine
Versammlung des sozialpolitischen Vereins stattfindet«
»Bei der du nicht fehlen kannst«
»Unmöglich«
»Na sags mir lieber gleich aufrichtig Du kandidierst für den Landtag«
»Ich werde kandidiert«
»So Glaubst du dich denn jetzt fähig den Unannehmlichkeiten die Stirn
bieten zu können vor denen du im vorigen Jahr die Flucht ergriffen hast«
Bertold blickte durchs Fenster in den Herbstregen hinaus »Du weißt
Vater« erwiderte er mit zuckenden Brauen »dass ich damals nicht in der
richtigen Verfassung gewesen bin Jetzt fühl ich mich stark und gewappnet
trotz deiner früheren Bemerkungen die doch nicht durchwegs zutreffen Und vor
allem ich weiß ganz genau was ich will«
Der Alte zuckte die Achseln »Ich verstehs ja nicht recht wie man eine
positive Arbeit aufgeben kann Ja du wirst sie aufgeben müssen denn zwei
Herren kann man nicht dienen wie man so was hinwerfen kann um um Reden
zu halten vor Leuten deren Beruf es sozusagen ist vorgefasste Meinungen zu
haben hinwerfen um Überzeugungen zu bekämpfen an die meistens auch der nicht
glaubt der vorgibt sie zu vertreten«
Bertold schüttelte den Kopf »Diesmal ich versichre dich Vater lockt
mich kein rednerischer oder dialektischer Ehrgeiz Diesmal hab ich mir ein
Gebiet abgesteckt auf dem es mir hoffentlich möglich sein wird ebenso positive
Arbeit zu leisten wie im Laboratorium Ich habe nämlich die Absicht mich wenn
es irgend geht um nichts anderes zu kümmern als um Fragen der öffentlichen
Gesundheitspflege Für diese Art der politischen Betätigung kann ich vielleicht
sogar auf deinen Segen rechnen Vater«
»Auf meinen ja Aber ob auf deinen eigenen «
»Wie meinst du das«
»Auf den Segen den man etwa innere Berufung nennen könnte«
»Du zweifelst sogar an der« erwiderte Bertold betroffen
Der Diener trat ein und brachte dem alten Doktor eine Visitenkarte Der las
sie »Ich stehe gleich zur Verfügung« Der Diener entfernte sich
Bertold ziemlich erregt sprach weiter »Ich darf wohl sagen dass meine
Vorbildung meine Kenntnisse «
Der Vater mit der Karte spielend unterbrach ihn
»Ich zweifle nicht an deinen Kenntnissen deiner Energie deinem Fleiß Aber
mir scheint um auf dem Gebiet der öffentlichen Gesundheitspflege was besonders
zu leisten dazu gehört außer diesen vortrefflichen Eigenschaften doch noch
eine von der du meiner Ansicht nach sehr wenig besitzest Güte lieber
Bertold Liebe zu den Menschen«
Bertold schüttelte heftig den Kopf »Die Menschenliebe die du meinst
Vater halt ich für ganz überflüssig eher für schädlich Das Mitleid und was
kann Liebe zu Leuten die man nicht persönlich kennt am Ende anderes sein führt
notwendig zu Sentimentalität zu Schwäche Und gerade wenn man ganzen
Menschengruppen helfen will muss man gelegentlich hart sein können gegen den
einzelnen ja muss imstande sein ihn zu opfern wenns das allgemeine Wohl
verlangt Du brauchst nur dran zu denken Vater dass die ehrlichste und
konsequenteste Sozialhygiene direkt darauf ausgehen müsste kranke Menschen zu
vernichten oder sie wenigstens von jedem Lebensgenuss auszuschliessen Und ich
leugne gar nicht dass ich in dieser Richtung allerlei Ideen habe die auf den
ersten Blick grausam erscheinen könnten Aber Ideen glaub ich denen die
Zukunft gehört Du brauchst dich nicht zu fürchten Vater dass ich gleich damit
beginnen werde den Mord der Schädlichen und Überflüssigen zu predigen Aber
philosophisch geht mein Programm ungefähr darauf hinaus Weißt du übrigens mit
wem ich neulich über dieses Thema ein sehr interessantes Gespräch gehabt habe«
»Was für ein Thema meinst du«
»Präzis ausgedrückt ein Gespräch über das Recht zu töten Mit Heinrich
Bermann dem Schriftsteller dem Sohn des verstorbenen Abgeordneten«
»Wo hast du denn Gelegenheit gehabt ihn zu sehen«
»Neulich in einer Versammlung Terese Golowski hat ihn mitgebracht Du
kennst ihn doch auch nicht wahr Vater«
»Ja« erwiderte der Alte »schon lang« Und er fügte hinzu »Heuer im Sommer
hab ich ihn wieder gesprochen bei Anna Rosner«
Wieder zuckte es heftig um Bertolds Brauen Dann sagte er wie höhnisch »So
was ähnliches hab ich mir gedacht Bermann erwähnte nämlich dass er dich vor
einiger Zeit gesehen hätte wollte sich aber nicht recht erinnern wo Ich schloss
daraus es müsste sich um eine diskrete Angelegenheit handeln Ja So hat es also
dem Herrn Baron beliebt seine Freunde bei ihr einzuführen«
»Dein Ton lieber Bertold lässt vermuten dass gewisse Dinge bei dir doch
nicht so gänzlich überwunden sind als du früher angedeutet hast«
Bertold zuckte die Achseln »Ich habe nie geleugnet dass mir der Baron
Wergentin antipatisch ist Darum war mir ja diese ganze Geschichte von Anfang
an so peinlich«
»Darum«
»Ja«
»Und doch glaub ich Bertold würdest du der Sache anders gegenüberstehen
wenn du Anna Rosner irgend einmal als Witwe wiederfändest selbst im Fall dass
dir der verstorbene Gatte noch antipatischer gewesen wäre als der Freiherr von
Wergentin«
»Das ist möglich Man könnte dann doch annehmen dass sie geliebt oder
wenigstens respektiert worden ist nicht genommen und weggeworfen sobald der
Spaß zu Ende war Das hat für mich etwas nun ich will mich nicht näher
ausdrücken«
Der Alte sah seinen Sohn kopfschüttelnd an »Es scheint wirklich dass all
die vorgeschrittenen Ansichten von euch jungen Leuten auf der Stelle hinfällig
werden sobald eure Leidenschaften und Eitelkeiten mit ins Spiel kommen«
»In Hinsicht auf gewisse Fragen der Reinheit oder Reinlichkeit weiß ich mich
keiner sogenannten vorgeschrittenen Ansicht schuldig Vater Und ich glaube
auch du wärst nicht sehr entzückt wenn ich Lust verspürte der Nachfolger eines
mehr oder weniger verstorbenen Baron Wergentin zu werden«
»Gewiss nicht Bertold Besonders ihretwegen denn du würdest sie zu Tode
quälen«
»Sei unbesorgt« erwiderte Bertold »Anna schwebt in keinerlei Gefahr von
meiner Seite Es ist vorbei«
»Das ist ein guter Grund Aber zum Glück gibt es einen noch bessern Der
Baron Wergentin ist weder tot noch durchgegangen «
»Auf das Wort kommt es wohl nicht an«
»Er hat wie dir bekannt ist eine Stellung in Deutschland als Kapellmeister
«
»Das hat sich gut getroffen Er hat überhaupt viel Glück gehabt in der
ganzen Sache Nicht einmal für ein Kind sorgen zu müssen«
»Du hast zwei Fehler Bertold Erstens bist du wirklich ein ungütiger
Mensch und zweitens lässt du einen nicht ausreden Ich wollte nämlich sagen dass
es zwischen Anna und dem Baron Wergentin durchaus nicht aus zu sein scheint
Erst vorgestern hat sie mir einen Gruß von ihm ausgerichtet«
Bertold zuckte die Achseln als wäre diese Angelegenheit für ihn erledigt
»Wie gehts denn dem alten Rosner« fragte er dann
»Diesmal kommt er wohl noch durch« erwiderte der Alte »Übrigens hoff ich
Bertold du hast dir die nötige Objektivität bewahrt um zu wissen dass an
seinen Anfällen nicht der Gram um die »ungeratene Tochter« schuld ist sondern
eine leider ziemlich weit vorgeschrittene Arteriosklerose«
»Gibt Anna wieder ihre Lektionen« fragte Bertold nach einigem Zögern
»Ja« erwiderte der Alte »aber vielleicht nicht mehr lang« Und er zeigte
seinem Sohn die Visitenkarte die er noch immer in der Hand hielt
Bertold verzog die Mundwinkel »Du denkst« fragte er spöttisch »er kommt
her um Hochzeit zu feiern Vater«
»Das werd ich gleich erfahren« erwiderte der Alte »Jedenfalls freu ich
mich ihn wiederzusehen denn ich versichre dich dass er einer der
sympatischsten jungen Menschen ist die ich je kennen gelernt habe«
»Merkwürdig« sagte Bertold »Ein Herzenbezwinger ohnegleichen Auch
Terese schwärmt für ihn Und Heinrich Bermann neulich es war fast komisch
Nun ja ein schöner schlanker blonder junger Mann Freiherr Germane Christ
welcher Jude könnte diesem Zauber widerstehen Adieu Vater«
»Bertold«
»Was denn« Er biss sich auf die Lippen
»Besinn dich auf dich Wisse wer du bist«
»Ich weiß es«
»Nein Du weißt es nicht Sonst könntest du nicht so oft vergessen wer die
andern sind«
Wie fragend hob Bertold den Kopf
»Du solltest einmal zu Rosners hingehen Es ist deiner nicht würdig dass du
Anna deine Missbilligung in so kindischer Weise zu erkennen gibst Auf
Wiedersehen Und gute Unterhaltung in der silbernen Weintraube« Er reichte
dem Sohn die Hand dann begab er sich in sein Sprechzimmer Er öffnete die Türe
des Wartesalons und lud Georg von Wergentin der in einem Album blätterte
durch eine freundliche Neigung des Kopfes ein bei ihm einzutreten
»Vor allem Herr Doktor« sagte Georg nachdem er Platz genommen hatte »muss
ich mich bei Ihnen entschuldigen Meine Abreise kam so plötzlich Leider
hatte ich keine Gelegenheit mehr mich bei Ihnen zu verabschieden Ihnen
persönlich zu danken für Ihre große «
Doktor Stauber wehrte ab »Es freut mich sehr Sie wiederzusehen« sagte er
dann »Sie sind wohl auf Urlaub hier in Wien«
»Natürlich« erwiderte Georg »Es ist ein Urlaub von nur drei Tagen So
dringend brauchen sie mich dort« setzte er bescheiden lächelnd hinzu
Doktor Stauber saß ihm gegenüber im Schreibtischsessel und betrachtete ihn
freundlich »Sie fühlen sich sehr zufrieden in Ihrer neuen Stellung wie mir
Anna sagt«
»O ja Schwierigkeiten gibt es natürlich überall wenn man so plötzlich in
neue Verhältnisse kommt Aber im ganzen hat sich wirklich alles viel leichter
gemacht als ich erwartet hätte«
»So hör ich Auch bei Hof sollen Sie sich ja schon sehr glücklich
eingeführt haben«
Georg lächelte »Diesen Vorgang stellt sich Anna offenbar großartiger vor
als er war Ich habe beim Erbprinzen einmal gespielt und ein weibliches
Mitglied des Theaters hat dort zwei Lieder von mir gesungen das ist alles Viel
wesentlicher ist dass ich Aussicht habe noch in dieser Saison zum Kapellmeister
ernannt zu werden«
»Ich dachte Sie wären es schon«
»Nein Herr Doktor offiziell noch nicht Ich hab zwar schon ein paarmal
dirigiert in Vertretung Freischütz und Undine aber vorläufig bin ich nur
Korrepetitor«
Auf weitere Fragen des Arztes erzählte er noch einiges von seiner
Wirksamkeit an der Detmolder Oper dann stand er auf und empfahl sich
»Vielleicht kann ich Sie eine Strecke in meinem Wagen mitnehmen« sagte der
Arzt »ich fahre in die Rembrandtstrasse zu Golowskis«
»Danke sehr Herr Doktor das liegt nicht in meiner Richtung Ich habe
übrigens vor im Laufe des morgigen Tags Frau Golowski zu besuchen Sie ist doch
nicht krank«
»Nein Freilich ganz spurlos sind die Aufregungen der letzten Wochen nicht
an ihr vorübergegangen«
Georg erwähnte dass er gleich nach dem Duell ein paar Worte an sie und auch
an Leo geschrieben hätte »Wenn man denkt dass es auch anders hätte ausfallen
können « setzte er hinzu
Doktor Stauber sah vor sich hin »Kinder haben ist ein Glück« sagte er
»für das man in Raten bezahlt und man weiß bei keiner ob der da droben
schon zufrieden gestellt ist«
An der Tür begann Georg etwas zögernd »Ich wollte mich auch bei Ihnen
erkundigen Herr Doktor wie es denn eigentlich mit Herrn Rosner steht Ich
muss sagen ich fand ihn besser aussehend als ich nach Annas Briefen erwartet
hatte«
»Ich hoffe dass er sich erholen wird« erwiderte Stauber »Aber immerhin muss
man bedenken er ist ein alter Mann Sogar älter als er seinen Jahren nach
sein müsste«
»Aber um etwas Ernstes handelt es sich nicht«
»Das Alter ist an sich eine ernste Angelegenheit« entgegnete Doktor
Stauber »besonders wenn alles was vorherging Jugend und Mannheit auch nicht
sonderlich heiter waren«
Georg hatte seine Augen im Zimmer umherschweifen lassen und rief plötzlich
aus »Da fällt mir ein Herr Doktor ich habe Ihnen noch immer nicht die Bücher
zurückgeschickt die Sie so gut waren mir im Frühjahr zu leihen Und jetzt
stehen alle unsere Sachen leider beim Spediteur die Bücher geradeso wie
Silberzeug Möbel Bilder Also ich muss Sie bitten Herr Doktor sich bis zum
Frühjahr zu gedulden«
»Wenn Sie keine ärgern Sorgen haben lieber Baron «
Sie gingen zusammen die Treppe hinunter und Doktor Stauber erkundigte sich
nach Felician
»Er ist in Athen« erwiderte Georg »ich hab erst zweimal Nachrichten von
ihm gehabt noch nicht sehr ausführliche Wie sonderbar das ist Herr Doktor
so als Fremder in eine Stadt zurückzukommen in der man vor kurzem noch zu Hause
war und in einem Hotel zu wohnen als ein Herr aus Detmold «
Doktor Stauber stieg in den Wagen ein Georg bat Frau Golowski vielmals zu
grüßen
»Ich werds ausrichten Und Ihnen lieber Baron wünsch ich weiter viel
Glück Auf Wiedersehen«
Auf der Uhr der Stephanskirche war es fünf Eine leere Stunde lag vor Georg
Er beschloss in dem dünnen lauen Herbstregen langsam in die Vorstadt
hinauszubummeln was auch eine Art Erholung bedeutete Die Nacht im Kupee hatte
er beinahe schlaflos verbracht und schon zwei Stunden nach seiner Ankunft war
er bei Rosners gewesen Anna selbst hatte ihm die Tür geöffnet und ihn mit einem
innigen Kuss empfangen ihn aber gleich ins Zimmer geleitet wo ihre Eltern ihn
eher höflich als herzlich begrüßten Die Mutter befangen und leicht verletzt
wie immer sprach nur wenig der Vater in der Divanecke sitzend einen
drapfarbenen Plaid über den Knien fühlte sich verpflichtet Erkundigungen nach
den gesellschaftlichen und musikalischen Zuständen der kleinen Residenz
einzuziehen aus der Georg kam Dann war er mit Anna eine Weile allein gewesen
in allzuhastiger Frag und Antwortrede zuerst später in matt verlegenen
Zärtlichkeiten beide wie betroffen das Glück des Wiedersehens nicht so zu
empfinden wie die Sehnsucht es versprochen hatte Sehr bald erschien eine
Schülerin Annas Georg empfahl sich und im Vorzimmer vereinbarte er mit der
Geliebten noch rasch ein Rendezvous für heute Abend er wollte sie von Bittners
abholen und dann mit ihr in die Oper zur Tristanvorstellung gehen über deren
Neuinszenierung zu berichten sein Intendant ihn gebeten hatte Dann hatte er
sein Mittagmahl eingenommen an einem großen Fenster eines
Ringstrassenrestaurants Einkäufe und Bestellungen bei seinen Lieferanten
gemacht Heinrich aufgesucht den er nicht zu Hause traf und war endlich dem
plötzlichen Einfall gefolgt seine Dankvisite bei Doktor Stauber abzustatten
Nun spazierte er langsam weiter durch die Straßen die ihm so wohlbekannt
waren und doch schon den Hauch der Fremde für ihn hatten und er dachte an die
Stadt aus der er kam und in der er sich rascher heimisch werden fühlte als er
erwartet hatte Graf Malnitz war ihm vom ersten Augenblick an mit viel
Freundlichkeit entgegengekommen er trug sich mit dem Plan die Oper in modernem
Sinn zu reformieren und wollte sich für seine weitgehenden Absichten in Georg
wie es diesem schien einen Mitarbeiter und Freund heranziehen Denn der erste
Kapellmeister war wohl ein tüchtiger Musiker aber heute doch schon mehr
Hofbeamter als Künstler Als Fünfundzwanzigjähriger war er herberufen worden und
saß nun seit dreißig Jahren in der kleinen Stadt ein Familienvater mit sechs
Kindern angesehen zufrieden und ohne Ehrgeiz Bald nach seiner Ankunft in
einem Konzert hatte Georg Lieder singen gehört die vor langer Zeit den Ruf des
jungen Kapellmeisters beinahe durch die ganze Welt getragen hatten Georg
vermochte diese heute längst verhallte Wirkung nicht zu begreifen dennoch
äußerte er sich dem Komponisten gegenüber mit großer Wärme aus einer gewissen
Sympatie für den alternden Mann in dessen Augen der ferne Glanz einer
reicheren und hoffnungsvolleren Vergangenheit zu leuchten schien Georg fragte
sich manchmal ob der alte Kapellmeister überhaupt noch daran dachte dass er
einst als ein zu hohen Zielen Berufener gegolten hatte Oder ob auch ihm wie so
manchem andern der Eingesessenen die kleine Stadt als ein Mittelpunkt erschien
von dem die Strahlen der Wirksamkeit und des Ruhms weit in die Runde fielen
Sehnsucht nach größeren und weitern Verhältnissen hatte Georg nur bei wenigen
gefunden manchmal schien es ihm als behandelten sie vielmehr ihn mit einer Art
von gutmütigem Mitleid weil er aus einer Großstadt und ganz besonders weil er
aus Wien kam Denn wenn der Name dieser Stadt vor den Leuten erklang merkte es
Georg ihren vergnügten und etwas spöttischen Mienen an dass gesetzmässig beinahe
wie die Obertöne auf den Grundton sofort gewisse andre Worte mitzuschwingen
begannen auch ohne dass sie ausgesprochen wurden Walzer Kaffeehaus
süßes Mädel Backhendel Fiaker Parlamentsskandal Georg ärgerte sich
manchmal darüber und war sich im übrigen bewusst das möglichste zu tun um den
Ruf seiner Landsleute in Detmold zu verbessern Man hatte ihn berufen weil der
dritte Kapellmeister ein noch junger Mensch plötzlich gestorben war und so
musste Georg schon am ersten Tag in dem kleinen Probesaal am Klavier sitzen und
zum Gesang begleiten Es ging vortrefflich er freute sich seiner Begabung die
sicherer und stärker war als er selbst vermutet hatte und in der Erinnerung
war ihm als hätte auch Anna sein Talent ein wenig unterschätzt Überdies war er
mit seinen Kompositionen ernster beschäftigt als je Er arbeitete an einer
Ouvertüre die aus Motiven zu der Bermannschen Oper entstanden war hatte eine
Violinsonate begonnen und das Quintett das mytische wie Else es einmal
genannt hatte war nahezu vollendet Noch diesen Winter sollte es aufgeführt
werden in einer der Kammersoireen die der Konzertmeister des Detmolder
Orchesters leitete ein begabter junger Mensch der einzige dem Georg sich
bisher in dem neuen Aufenthaltsort persönlich etwas näher angeschlossen hatte
und mit dem er im »Elefanten« zu speisen pflegte Noch bewohnte Georg in diesem
Gasthof ein schönes Zimmer mit der Aussicht auf den großen mit Linden
bepflanzten Platz und verschob es von Tag zu Tag eine Wohnung zu mieten Es war
ja doch ungewiss ob er im nächsten Jahr noch in Detmold sein würde und überdies
hatte er das Gefühl als müsste es Anna verletzen wenn er sich wie zu längerem
Aufenthalt als Junggeselle häuslich einrichten wollte Doch über
Zukunftsmöglichkeiten aller Art hatte er in seinen Briefen an sie kein Wort
geäußert so wie sie wieder unterließ ungeduldige oder zweifelnde Fragen an ihn
zu richten Sie teilten einander beinahe nur Tatsächliches mit sie schrieb von
ihrer allmählichen Wiederkehr ins alte Lebensgetriebe er von all dem Neuen in
das er sich erst hineinfinden musste Aber obwohl es so gut wie nichts gab das
er ihr zu verschweigen hatte so ging er doch über manches das leicht zu
Missverständnissen Anlass bieten konnte mit absichtlicher Flüchtigkeit hinweg
Wie sollte man auch die seltsame Stimmung in Worte fassen die in dem
halbdunkeln Zuschauerraum webte vormittags bei den Proben wenn der Geruch von
Schminke Parfüm Kleidern Gas altem Holz und neuen Farben von der Bühne ins
Parkett herunterkam wenn Gestalten die man nicht gleich erkannte in
Alltagstracht oder Kostüm zwischen den Reihen hin und her huschten wenn irgend
ein Atem einem in den Nacken wehte der schwül war und duftete Oder wie sollte
man einen Blick schildern der aus den Augen einer jungen Sängerin
herniederglänzte während man eben von den Tasten zu ihr aufschaute Oder
wenn man diese junge Sängerin am hellichten Mittag über den Teaterplatz und die
Königsstrasse bis vor ihr Haustor begleitete und bei dieser Gelegenheit nicht nur
über die Partie der Micaela sprach die man soeben mit ihr studiert hatte
sondern auch über allerlei andre wenn auch ziemlich harmlose Dinge konnte man
das einer Geliebten nach Wien berichten ohne dass sie zwischen den Zeilen
Verdächtiges gesucht hätte Und auch wenn man betont hätte dass Micaela verlobt
sei mit einem jungen Arzt aus Berlin der sie anbetete wie sie ihn so wäre es
kaum besser geworden denn das hätte ja ausgesehen als fühlte man sich
verpflichtet abzulenken und zu beruhigen
Wie sonderbar dachte Georg dass sie gerade heute Abend wirklich die Micaela
singt die ich mit ihr studiert habe und dass ich hier denselben Weg spaziere
nach Mariahilf hinaus den ich vor einem Jahr so oft und so gern gegangen bin
Und er dachte eines ganz bestimmten Abends da er Anna von da draußen abgeholt
hatte mit ihr zusammen in stillen Straßen herumspaziert war unter einem
Haustor komische Photographien betrachtet hatte und endlich auf den kühlen
Steinfliesen einer alten Kirche gewandelt war in leisem wie ahnungsvollem
Gespräch über eine unbekannte Zukunft Nun war alles ganz anders gekommen
als er es geträumt hatte Anders Warum schien ihm das so Was hatte er
damals denn erwartet War dies Jahr das seither vergangen war nicht
wunderbar reich und schön gewesen mit seinem Glück und mit seinen Schmerzen
Und liebte er Anna heute nicht besser und tiefer als je Und in der neuen Stadt
hatte er sich nicht manchmal nach ihr gesehnt so heiß wie nach einer Frau die
ihm noch niemals gehört hatte Das Wiedersehen von heute früh in der übelen
Stimmung einer grauen Stunde mit seiner matt verlegenen Zärtlichkeit das
durfte ihn doch nicht irremachen
Er war zur Stelle Als er zu den erleuchteten Fenstern aufsah hinter denen
Anna ihre Lektion erteilte kam eine leichte Ergriffenheit über ihn Und als sie
in der nächsten Minute aus dem Tor trat im einfachen englischen Kleid den
grauen Filzhut auf dem reichen dunkelblonden Haar ein Buch in der Hand ganz
so wie vor einem Jahr da durchströmte ihn mit einmal ein unerwartetes Gefühl
von Glück Sie sah ihn nicht gleich da er im Schatten eines Hauses stand
spannte ihren Schirm auf und ging bis zur Ecke wo er im vorigen Jahr zu warten
gepflegt hatte Er blickte ihr eine Weile nach und freute sich wie vornehm und
wie brav sie aussah Dann folgte er ihr rasch und nach ein paar Schritten hatte
er sie eingeholt
Sie hatte ihm gleich die Mitteilung zu machen dass sie nicht mit ihm in die
Oper gehen könnte der Vater hätte sich nachmittags gar nicht wohl befunden
Georg war sehr enttäuscht »Willst du nicht wenigstens auf den ersten Akt
mit mir hineingehen«
Sie schüttelte den Kopf »Nein so was tu ich nicht gern Da ists schon
besser du schenkst den Sitz einem Bekannten Hol dir doch Nürnberger oder
Bermann ab«
»Nein« erwiderte er »Wenn du nicht mitgehst geh ich lieber allein Ich
hatte mich so sehr darauf gefreut Mir persönlich läge gar nicht so viel an der
Vorstellung Ich bliebe lieber mit dir zusammen meinetwegen sogar bei euch
oben aber ich muss hineingehen ich habe ja Bericht zu erstatten«
»Natürlich musst du hineingehen« bekräftigte Anna und sie fügte hinzu »Ich
möchte dir auch nicht zumuten einen Abend bei uns oben zuzubringen es ist
wirklich nicht besonders heiter«
Er hatte ihr den Schirm aus der Hand genommen hielt ihn über sie und sie
hing sich in seinen Arm
»Du Anna« sagte er »ich möchte dir einen Vorschlag machen« Er wunderte
sich dass er nach einer Einleitung suchte und begann zögernd »Meine paar Tage
in Wien sind naturgemäß so was Unruhiges Zerrissenes und jetzt kommt noch diese
gedrückte Stimmung bei euch oben dazu wir haben wirklich gar nichts
voneinander findest du nicht«
Sie nickte ohne ihn anzusehen
»Also möchtest du mich nicht eine Strecke begleiten Anna wenn ich wieder
abreise«
Sie sah ihn in ihrer verschmitzten Art von der Seite an und antwortete
nicht
Er sprach weiter »Ich kann mir nämlich ganz gut noch einen Urlaubstag
herausschlagen wenn ich ans Theater telegraphiere Es wär doch wirklich
wunderschön wenn wir ein paar Stunden für uns allein hätten«
Sie gab es zu herzlich aber ohne Begeisterung und machte die Entscheidung
vom Befinden ihres Vaters abhängig Dann fragte sie ihn wie er den Tag
verbracht hätte Er berichtete eingehend und fügte sein Programm für morgen
hinzu »Wir zwei werden uns also erst am Abend sehen können« schloss er »Ich
komme zu euch hinauf wenns dir recht ist Und da besprechen wir dann alles
weitere«
»Ja« sagte Anna und blickte vor sich hin auf die feuchte bräunlichgraue
Straße
Nochmals versuchte er sie zu überreden die Oper mit ihm zu besuchen aber
es war vergeblich Dann erkundigte er sich nach ihren Gesangsstunden und begann
gleich darauf von seiner eigenen Tätigkeit zu sprechen als müsste er sie
überzeugen dass es ihm am Ende nicht viel besser erginge als ihr Und er wies
auf seine Briefe hin in denen er ihr alles ausführlich geschrieben hätte
»Was das anbelangt« sagte sie plötzlich ganz hart und als er von ihrem
Ton getroffen unwillkürlich den Kopf zurückwarf »Was steht denn schon in
Briefen wenn sie noch so ausführlich sind«
Er wusste woran sie dachte und was sie heute sowenig aussprach als sies
jemals getan hatte und etwas Schweres legte sich ihm aufs Herz Ruhte nicht
gerade in der Unerbittlichkeit dieses Schweigens alles was sie verschwieg
Frage Vorwurf und Zorn Heute morgen schon hatte er es gefühlt und jetzt
fühlte er es wieder dass in ihr irgend etwas ihm geradezu Feindseliges sich
regte gegen das sie selbst vergeblich anzukämpfen schien Heute Morgen erst
War es nicht schon viel länger her Immer vielleicht Vom ersten Augenblick
an da sie einander gehört hatten und auch in den Zeiten ihres höchsten Glücks
War dies Feindselige nicht dagewesen als sie bei Orgelklängen hinter dunkeln
Vorhängen ihre Brust an seine gedrängt als sie in dem Hotelzimmer zu Rom ihn
erwartet mit geröteten Augen während er beglückt von dem Monte Pincio aus die
Sonne in der Kampagna versinken gesehen und einsam die wundervollste Stunde
der Reise zu genießen gewähnt hatte War es nicht dagewesen als er an einem
heißen Morgen den Kiesweg hinangelaufen ihr zu Füßen gesunken war und in ihrem
Schoss geweint hatte wie in einer Mutter Schoss und als er an ihrem Bette
gesessen war und in den abendlichen Garten hinausgeblickt hatte während drin
auf dem weißen Linnen ein totes Kind lag das sie eine Stunde zuvor geboren war
es nicht wieder dagewesen düsterer als je und kaum zu tragen wenn man sich
nicht längst damit abgefunden hätte wie mit so mancher Unzulänglichkeit so
manchem Weh das aus den Tiefen menschlicher Beziehungen emporstieg Und jetzt
wie schmerzlich fühlte ers während er Arm in Arm mit ihr sorglich den Schirm
über sie haltend die feuchte Straße weiterspazierte jetzt war es wieder da
drohend und vertraut Noch klangen die Worte in seinem Ohr die sie gesprochen
hatte Was steht denn in Briefen wenn sie noch so ausführlich sind Aber
ernstere klangen für ihn mit Was bedeutet am Ende auch der glühendste Kuss in
dem sich Leib und Seele zu vermischen scheinen Was bedeutet es am Ende dass wir
monatelang durch fremde Länder miteinander gereist sind Was bedeutet es dass
ich ein Kind von dir gehabt habe Was bedeutet es dass du dich über deinen
Betrug in meinem Schoße ausgeweint hast Was bedeutet das alles da du mich doch
immer allein gelassen hast allein auch in dem Augenblick da mein Leib den
Keim des Wesens eintrank das ich neun Monate in mir getragen das dazu bestimmt
war als unser Kind bei fremden Leuten zu leben und das nicht auf Erden hat
bleiben wollen
Aber während all dies schwer in seine Seele sank gab er ihr mit leichten
Worten zu dass sie wirklich nicht unrecht hätte und dass Briefe und seien sie
selbst zwanzig Seiten lang nicht sonderlich viel enthalten könnten und während
ein peinigendes Mitleid mit ihr in ihm aufquoll sprach er linde die Hoffnung
auf eine Zeit aus in der sie auf Briefe beide nicht mehr angewiesen sein
würden Und dann fand er zärtlichere Worte erzählte von seinen einsamen
Spaziergängen in der Umgebung der fremden Stadt wo er ihrer dächte von den
Stunden in dem gleichgültigen Hotelzimmer mit dem Blick auf den
lindenbepflanzten Platz und von seiner Sehnsucht nach ihr die immer da war ob
er allein über seiner Arbeit saß oder Sänger am Klavier begleitete oder mit
neuen Bekannten plauderte Aber als er mit ihr vor dem Haustor stand ihre Hand
in der seinen und ihr mit einem heitern »Auf Wiedersehen« in die Augen blickte
sah er betroffen in ihnen eine müde kaum mehr schmerzliche Enttäuschung
verglimmen Und er wusste Alle die Worte die er zu ihr gesprochen nichts
weniger als nichts hatten sie ihr zu bedeuten gehabt da das einzige das kaum
mehr erwartete und immer wieder ersehnte doch nicht gekommen war
Eine Viertelstunde später saß Georg auf seinem Parkettsitz in der Oper
zuerst noch ein wenig verdrossen und matt bald aber strömte die Freude des
Geniessens durch sein Blut Und als Brangäne ihrer Herrin den Königsmantel um die
Schultern warf Kurwenal das Nahen des Königs meldete und das Schiffsvolk auf
dem Verdeck im Glanz des aufleuchtenden Himmels dem Land entgegenjauchzte da
wusste Georg längst nichts mehr von einer übel verbrachten Nacht im Kupee von
langweiligen Bestellungsgängen von einem recht gezwungenen Gespräch mit einem
alten jüdischen Doktor und von einem Spaziergang über feuchtes Pflaster in dem
das Licht der Laternen sich spiegelte an der Seite einer jungen Dame die brav
vornehm und etwas gedrückt aussah Und als der Vorhang zum erstenmal gefallen
war und das Licht den rotgoldenen Riesenraum durchflutete fühlte er sich
keineswegs in unangenehmer Weise ernüchtert sondern es war ihm vielmehr als
tauchte er sein Haupt von einem Traum in den andern und eine Wirklichkeit die
von allerhand Bedenklichem und Kläglichem erfüllt war floss irgendwo draußen
machtlos vorbei Niemals so schien es ihm hatte die Atmosphäre dieses Hauses
ihn so sehr beglückt wie heute nie war seiner Empfindung so offenbar gewesen
dass alle Menschen für die Dauer ihres Hierseins in geheimnisvoller Weise gegen
allen Schmerz und allen Schmutz des Lebens gefeit waren Er stand auf seinem
Eckplatz vorn im Mittelgang sah manchen wohlgefälligen Blick auf sich gerichtet
und war sich bewusst hübsch elegant und sogar etwas ungewöhnlich auszusehen
Und war nebstbei auch das erfüllte ihn mit Befriedigung ein Mensch der einen
Beruf eine Stellung hatte und selbst hier im Theater mit Auftrag und
Verantwortung gewissermaßen als Abgesandter einer deutschen Hofbühne saß Er
blickte mit dem Opernglas umher Aus den hinteren Parkettsitzen grüßte ihn
Gleissner mit einem etwas zu vertraulichen Kopfnicken und schien gleich nachher
der neben ihm sitzenden jungen Dame die Personalien Georgs zu erläutern Wer
mochte sie sein War es die Dirne die der mit Seelen experimentierende Dichter
zur Heiligen oder war es die Heilige die er zur Dirne machen wollte Schwer zu
entscheiden dachte Georg In der Mitte des Wegs mochten sie ja ungefähr gleich
ausschauen Georg fühlte die Linsen eines Opernglases auf seinem Scheitel
brennen Er sah auf Else war es die von einer ErstenStockLoge auf ihn
herabschaute Frau Ehrenberg saß neben ihr und zwischen ihnen beugte sich ein
hochgewachsener junger Mann über die Brüstung der kein anderer war als James
Wyner Georg verbeugte sich und zwei Minuten später trat er in die Loge
freundlich aber keineswegs mit Erstaunen begrüßt Else in schwarz samtnem
ausgeschnittenem Kleid eine schmale Perlenkette um den Hals mit einer etwas
fremden aber interessanten Frisur streckte ihm die Hand entgegen »Wieso sind
Sie denn eigentlich da Urlaub Entlassung Flucht«
Georg erklärte es kurz und wohlgelaunt
»Es war übrigens nett« sagte Frau Ehrenberg »dass Sie uns ein Wort aus
Detmold geschrieben haben«
»Das hätte er auch nicht tun sollen« bemerkte Else » da hätt man ja
glauben können dass er mit irgendwem nach Amerika durchgegangen ist«
James stand mitten in der Loge groß hager gemeisselten Antlitzes das
dunkle glatte Haar seitlich gescheitelt »Nun sagen Sie Georg wie fühlen Sie
in Detmold«
Else sah zu ihm auf mit gesenkten Wimpern Sie schien entzückt von seiner
Art das Deutsche noch immer so zu sprechen als müsste er sichs aus dem
Englischen übersetzen Immerhin nützte sie es zu einem Witz aus und sagte »Wie
Georg in Detmold fühlt Ich fürchte James deine Frage ist indiskret« Dann
wandte sie sich an Georg »Wir sind nämlich verlobt«
»Es sind noch keine Karten ausgeschickt« fügte Frau Ehrenberg hinzu
Georg brachte seine Glückwünsche dar
»Frühstücken Sie doch morgen bei uns« sagte Frau Ehrenberg »Sie treffen
nur ein paar Leute die sich gewiss alle sehr freuen würden Sie wiederzusehen
Sissy Frau Oberberger Willy Eissler«
Georg entschuldigte sich Er könne sich für keine bestimmte Stunde binden
aber im Lauf des Nachmittags wenn irgend möglich wollte er sich gern einfinden
»Nun ja« sagte Else leise ohne ihn anzusehen und hatte den einen Arm mit
dem langen weißen Handschuh lässig auf der Brüstung liegen »Mittag verbringen
Sie wahrscheinlich im Familienkreise«
Georg tat als wenn er nichts gehört hätte und lobte die heutige
Vorstellung James äußerte dass er »Tristan« mehr liebe als alle andern Opern
von Wagner die »Meistersinger« mit inbegriffen
Else bemerkte einfach »Es ist ja wunderschön aber eigentlich bin ich gegen
Liebestränke und solche Geschichten«
Georg erklärte dass der Liebestrank hier als Symbol aufzufassen sei worauf
Else sich auch gegen Symbole eingenommen aussprach Das erste Zeichen zum
zweiten Akt war gegeben Georg verabschiedete sich eilte hinunter und hatte
eben Zeit seinen Platz einzunehmen eh der Vorhang aufging Er erinnerte sich
wieder in welch halboffizieller Eigenschaft er heute im Theater säße und
beschloss sich den Eindrücken nicht länger ohne Widerstand hinzugeben Bald
gelang es ihm zu entdecken dass die Liebesszene doch noch ganz anders
herauszubringen wäre als es hier geschah und gar nicht einverstanden war er
damit dass Melot durch dessen Hand Tristan sterben musste hier von einem Sänger
zweiten Ranges dargestellt wurde wie übrigens beinahe überall Nach dem zweiten
Fallen des Vorhangs erhob er sich mit einer gewissen Steigerung des
Selbstgefühls blieb auf seinem Platze stehen und sah manchmal zu der
ErstenStockLoge auf aus der Frau Ehrenberg ihm wohlwollend zunickte während
Else mit James sprach der mit gekreuzten Armen unbeweglich hinter ihr stand Es
fiel Georg ein dass er morgen James Schwester wiedersehen würde Ob sie noch
manchmal jener wunderbaren Nachmittagsstunde im Park dachte in der dunkelgrünen
Schwüle des Parks im warmen Duft von Moos und Tannen Wie fern dies war Dann
erinnerte er sich eines flüchtigen Kusses im nächtlichen Schatten der
Gartenmauer von Lugano Wie fern auch das Er dachte des Abends unter den
Platanen und das Gespräch über Leo fiel ihm wieder ein Eigentlich hätte man
schon damals allerlei vorhersehen können Ein merkwürdiger Mensch dieser Leo
wahrhaftig Wie er seinen Plan in sich verschlossen gehalten hatte Denn der
musste natürlich längst festgestanden haben Und offenbar hatte Leo nur den Tag
abgewartet an dem er die Uniform ablegen durfte um ihn auszuführen Auf den
Brief den Georg ihm geschrieben gleich nachdem er die Nachricht von dem Duell
erhalten hatte war keine Antwort gekommen Er nahm sich vor Leo in der Haft zu
besuchen wenn es möglich wäre
Ein Herr in der ersten Reihe grüßte Ralph Skelton war es Georg
verständigte sich durch Zeichen mit ihm dass sie einander nach Schluss der
Vorstellung treffen wollten
Die Lichter verlöschten das Vorspiel zum dritten Akt begann Georg hörte
müde Meereswellen an ein ödes Ufer branden und die wehen Seufzer eines totwunden
Helden in bläulich dünne Luft verwehen Wo hatte er dies nur zum letztenmal
gehört War es nicht in München gewesen Nein es konnte noch nicht so lange
her sein Und plötzlich fiel ihm die Stunde ein da auf einem Balkon unter
hölzernem Giebel die Blätter der Tristanpartitur vor ihm offen gelegen waren
Drüben zwischen Wald und Wiese war ein besonnter Weg zum Friedhof hingezogen
ein Kreuz hatte golden geblinkt unten im Hause hatte eine geliebte Frau in
Schmerzen aufgestöhnt und ihm war weh ums Herz gewesen Und doch auch diese
Erinnerung hatte ihre schwermutvolle Süßigkeit wie alles was völlig vergangen
war Der Balkon der kleine blaue Engel zwischen den Blumen die weiße Bank
unter dem Birnbaum wo war das nun alles Noch einmal musste er jenes Haus
wiedersehen einmal noch ehe er Wien verließ
Der Vorhang hob sich Sehnsüchtig tönte die Schalmei unter einem blass und
gleichgültig hingespannten Himmel im Schatten von Lindenästen schlummerte der
verwundete Held und ihm zu Häupten wachte Kurwenal der treue Die Schalmei
schwieg über die Mauer beugte sich fragend der Hirt und Kurwenal gab Antwort
Wahrhaftig das war eine Stimme von besonderen Klang Wenn wir solch einen
Bariton hätten dachte Georg Und mancherlei andres was uns fehlt Wenn man ihm
nur die nötige Macht in die Hand gäbe er fühlte sich berufen im Laufe der Zeit
aus dem bescheidenen Theater an dem er wirkte eine Bühne ersten Ranges zu
machen Er träumte von Musteraufführungen zu denen die Menschen von allen
Seiten strömen müssten nicht mehr als Abgesandter saß er nun da sondern als
einer dem es vielleicht beschieden war selber in nicht allzu fernen Tagen
Leiter zu sein Weiter und höher liefen seine Hoffnungen Vielleicht nur ein
paar Jahre vergingen und selbstgefundene Harmonien klangen durch einen
festlichweiten Raum und die Hörer lauschten ergriffen wie heute diese hier
während irgendwo draußen eine schale Wirklichkeit machtlos vorbeifloss Machtlos
Das war die Frage Wusste er denn ob ihm gegeben war Menschen durch seine
Kunst zu zwingen wie dem Meister der sich heute hier vernehmen ließ Sieger zu
werden über das Bedenkliche Klägliche Jammervolle des Alltags Ungeduld und
Zweifel wollten aus seinem Innern emporsteigen doch rasch bannten Wille und
Einsicht sie von dannen und nun fühlte er sich wieder so rein beglückt wie
immer wenn er schöne Musik hörte ohne daran zu denken dass er selbst oft als
Schöpfer wirken und gelten wollte Von allen seinen Beziehungen zu der geliebten
Kunst blieb in solchen Augenblicken nur die eine übrig sie mit tieferem
Verstehen aufnehmen zu dürfen als irgend ein anderer Mensch Und er fühlte dass
Heinrich die Wahrheit gesprochen hatte als sie zusammen durch einen von
Morgentau feuchten Wald gefahren waren nicht schöpferische Arbeit die
Atmosphäre seiner Kunst allein war es die ihm zum Dasein nötig war kein
Verdammter war er wie Heinrich den es immer trieb zu fassen zu formen zu
bewahren und dem die Welt in Stücke zerfiel wenn sie seiner gestaltenden Hand
entgleiten wollte
Isolde in Brangänens Armen war tot über Tristans Leiche hingesunken die
letzten Töne verklangen der Vorhang fiel Georg warf einen Blick nach der Loge
im ersten Stock Else stand an der Brüstung den Blick zu ihm herabgerichtet
während James ihr den dunkelroten Mantel um die Schultern legte und jetzt erst
nach einem Kopfnicken so rasch als hätte es niemand bemerken sollen wandte
sie sich dem Ausgang zu Merkwürdig dachte Georg von weitem hat ihre Haltung
hat manche ihrer Bewegungen so etwas melancholischromanhaftes Da erinnert
sie mich am ehesten an das Zigeunermädel aus Nizza oder an das seltsame junge
Wesen mit dem ich in Florenz vor der Tizianischen Venus gestanden bin Hat
sie mich jemals geliebt Nein Und auch ihren James liebt sie nicht Wen denn
Vielleicht war es doch der verrückte Zeichenlehrer in Florenz Oder
keiner Oder gar Heinrich
Im Foyer traf er Skelton »Also wieder zurückgekehrt« fragte dieser
»Nur auf ein paar Tage« erwiderte Georg Es stellte sich heraus dass
Skelton nicht recht gewusst hatte was mit Georg vorging und ihn auf einer Art
musikalischer Studienreise durch deutsche Städte geglaubt hatte Nun war er
ziemlich erstaunt zu hören dass Georg sich auf Urlaub hier befände und sich die
Neuinszenierung des »Tristan« sozusagen im Auftrag des Intendanten angesehen
hätte
»Ist es Ihnen recht« sagte Skelton »ich bin verabredet mit Breitner im
Imperial weißer Saal«
»Famos« erwiderte Georg »ich wohne dort«
Doktor von Breitner rauchte schon eine seiner berühmten Riesenzigarren als
die beiden Herren an seinem Tisch erschienen »Was für eine Überraschung« rief
er aus als Georg ihn begrüßte Ihm war es bekannt dass Georg als Kapellmeister
in Düsseldorf wirkte
»Detmold« sagte Georg und er dachte Sonderlich viel beschäftigen sich die
Leute hier ja nicht mit mir Aber was tuts
Skelton erzählte von der Tristanvorstellung und Georg erwähnte dass er
Ehrenbergs gesprochen hatte
»Wissen Sie dass Oskar Ehrenberg sich auf dem Weg nach Indien oder Ceilon
befindet« fragte Doktor von Breitner
»So«
»Und was glauben Sie mit wem«
»Wohl in weiblicher Gesellschaft«
»Ja das natürlich ich höre sogar sie haben fünf oder sieben Weiber mit«
»Wer sie«
»Oskar Ehrenberg und raten Sie einmal Na der Prinz von Guastalla«
»Nicht möglich«
»Komisch was Sie haben sich heuer in Ostende oder in Spa sehr angefreundet
Cherchez und so weiter Wie es nämlich Frauenzimmer gibt derentwegen man
sich schlägt so scheint es wieder andre zu geben über die man sich gleichsam
die Hände reicht Sie haben nun gemeinschaftlich Europa verlassen Vielleicht
gründen sie ein Königreich auf irgend einer Insel und Oskar Ehrenberg wird
Minister«
Willy Eissler war erschienen blassgelb im Gesicht übernächtig und heiser
»Grüß Sie Gott Baron verzeihen Sie dass ich nicht paff bin aber ich habe schon
gehört dass Sie da sind Irgendwer hat Sie in der Kärtnerstrasse gesehen«
Georg bat Willy seinem Vater vom Grafen Malnitz Grüße zu bestellen er
selbst hätte diesmal leider keine Zeit den alten Herrn aufzusuchen dem er wie
er mit bescheidner Koketterie bemerkte seine Stellung in Detmold verdanke
»Was Ihre Zukunft anbelangt lieber Baron« sagte Willy »hab ich mir nie
Sorgen gemacht besonders seit ich im vorigen Jahr oder ist es schon länger her
Ihre Lieder von der Bellini hab singen hören Aber dass Sie sich entschlossen
haben Wien zu verlassen das war eine gute Idee von Ihnen Hier hätte man Sie
jedenfalls noch einige Jahrzehnte lang für einen Dilettanten gehalten Das ist
schon einmal nicht anders in Wien Ich kenne das Wenn die Leute wissen dass
einer aus guter Familie ist nebstbei Sinn für schöne Krawatten gute Zigaretten
und verschiedene andre Annehmlichkeiten des Daseins hat so glauben sie ihm die
Künstlerschaft nicht Ohne ein Zeugnis von draußen werden Sie hier nicht ernst
genommen also bringen Sie nur bald einige glänzende mit Baron«
»Ich werde mich bemühen« sagte Georg
»Haben die Herren übrigens schon das Neueste gehört« begann Willy wieder
»Leo Golowski wissen Sie der Einjährige der den Oberleutnant Sefranek
erschossen hat ist frei«
»Aus der Untersuchungshaft entlassen« fragte Georg
»Nein ganz frei ist er Sein Advokat hat ein Abolitionsgesuch an den Kaiser
eingereicht das ist heute günstig erledigt worden«
»Unglaublich« rief Breitner
»Warum wundern Sie sich denn so Breitner« meinte Willy »Es kann doch auch
einmal etwas Vernünftiges geschehen in Österreich«
»Duell ist nie vernünftig« sagte Skelton »und daher kann auch eine
Begnadigung wegen Duells nicht vernünftig sein«
»Duell lieber Skelton ist entweder etwas viel Schlimmeres oder viel
Besseres als vernünftig« erwiderte Willy »Entweder ein ungeheuerlicher
Blödsinn oder eine unerbittliche Notwendigkeit Entweder ein Verbrechen oder
eine erlösende Tat Vernünftig ist es nicht und braucht es nicht zu sein In
Ausnahmefällen kann man mit der Vernunft überhaupt nichts anfangen Und dass in
einem Fall wie der von dem wir grad sprechen das Duell unvermeidlich war das
werden auch Sie zugeben Skelton«
»Absolut« sagte Breitner
»Ich kann mir ein Staatswesen denken« bemerkte Skelton »in dem selbst
Differenzen solcher Art vor Gericht ausgeglichen würden«
»Solche Differenzen vor Gericht O fröhlich Glauben Sie wirklich
Skelton dass in einem Fall wo es sich nicht um Besitz und Rechtsfragen
handelt sondern wo sich Menschen mit einem ungeheueren Hass gegenüberstehen
glauben Sie wirklich dass da mit Geld oder Arreststrafen ein Ausgleich
geschaffen werden könnte Es hat schon seinen tiefen Sinn meine Herren dass
Duellverweigerung in solchen Fällen bei allen Leuten die Temperament Ehre und
Aufrichtigkeit in sich haben stets als Feigheit gelten wird Bei den Juden
wenigstens« setzte er hinzu »Denn bei den Katholiken ist es bekanntlich immer
nur die Frömmigkeit die sie abhält sich zu schlagen«
»Kommt sicher vor« sagte Breitner schlicht
Georg wünschte zu wissen wie sich die Sache zwischen Leo Golowski und dem
Oberleutnant abgespielt hätte
»Ja richtig« sagte Willy »Sie sind ja ein Zugereister Also der
Oberleutnant hat das ganze Jahr hindurch diesen Leo Golowski erheblich kuranzt
und zwar «
»Die Vorgeschichte kenn ich« unterbrach Georg »zum Teil aus direkter
Quelle«
»Ach so Also am ersten Oktober war die Vorgeschichte um bei diesem
Ausdruck zu bleiben zu Ende das heißt Leo Golowski hat das Freiwilligenjahr
hinter sich gehabt Und am zweiten in der Früh hat er sich vor die Kaserne
hingestellt und ruhig gewartet bis der Oberleutnant aus dem Tor gekommen ist
In diesem Moment ist er auf ihn zugetreten der Oberleutnant greift nach seinem
Säbel Leo Golowski packt ihn aber bei der Hand lässt sie nicht aus hält ihm
die andere Faust vor die Stirn und damit war das Weitere so ziemlich gegeben
Übrigens wird auch erzählt dass Leo dem Oberleutnant folgende Worte ins Gesicht
geschleudert haben soll ich weiß nicht recht obs wahr ist«
»Welche Worte« fragte Georg neugierig
»Gestern Herr Oberleutnant sind Sie mehr gewesen als ich jetzt sind wir
vorläufig einmal gleich aber morgen um die Zeit wird wieder einer von uns mehr
sein als der andere«
»Etwas talmudisch« bemerkte Breitner
»Das müssen Sie freilich am besten beurteilen können Breitner« erwiderte
Willy und erzählte weiter »Also am nächsten Morgen in den Auen bei der Donau
war das Duell Dreimaliger Kugelwechsel Zwanzig Schritte ohne Avance Wenn
resultatlos Säbel bis zur Kampfunfähigkeit Die ersten Schüsse hüben und
drüben fehlen und nach dem zweiten nach dem zweiten ist der Golowski
richtig bedeutend mehr gewesen als der Oberleutnant denn der war nichts weniger
als nichts ein toter Mann«
»Armer Teufel« sagte Breitner
Willy zuckte die Achseln »Es ist halt einmal einer an den Unrechten
gekommen Mir tut er auch leid Aber man muss doch sagen es stände manches
anders in Österreich wenn alle Juden entsprechenden Falls sich so zu benehmen
wüssten wie der Leo Golowski Leider «
Skelton lächelte »Sie wissen Willy vor mir darf man nichts gegen die Juden
sagen ich liebe sie Und es täte mir leid wenn man sich entscheiden wollte die
Judenfrage durch eine Reihe von Zweikämpfen zu lösen denn dann würde am Ende
von dieser vortrefflichen Rasse kein einziges männliches Exemplar übrigbleiben«
Am Ende des Gesprächs musste Skelton zugeben dass das Duell in Österreich
vorläufig nicht abzuschaffen wäre Aber er erlaubte sich die Frage ob das
gerade für das Duell und nicht vielmehr gegen Österreich spräche da doch manche
andere Länder er wollte aus Bescheidenheit keines nennen seit Jahrzehnten den
Zweikampf nicht mehr kennten Und ob er zu weit gehe wenn er sich gestatte
Österreich in dem er sich übrigens seit sechs Jahren wahrhaft zu Hause fühle
als das Land der sozialen Unaufrichtigkeiten zu bezeichnen Hier wie nirgends
anderswo gebe es wüsten Streit ohne Spur von Hass und eine Art von zärtlicher
Liebe ohne das Bedürfnis der Treue Zwischen politischen Gegnern existierten
oder entwickelten sich lächerliche persönliche Sympatien Parteifreunde
hingegen beschimpften verleumdeten verrieten einander Nur bei wenigen fände
man ausgesprochene Ansichten über Dinge oder Menschen jedenfalls seien auch
diese wenigen allzuschnell bereit Einschränkungen zu machen Ausnahmen gelten
zu lassen Man habe hier beim politischen Kampf geradezu den Eindruck wie wenn
die scheinbar erbittertsten Gegner während die bösesten Worte hinüber und
herüberflögen einander mit den Augen zuzwinkerten »Es ist nicht so schlimm
gemeint«
»Was glauben Sie Skelton« fragte Willy »zwinkern sie auch wenn die
Kugeln hin und herfliegen«
»Sie tätens wohl Willy wenn nicht der Tod hinter ihnen stünde Aber
dieser Umstand beeinflusst nicht die Gesinnung sondern nur die Haltung denk ich
mir«
Sie saßen noch lange Zeit zusammen und plauderten fort Georg hörte allerlei
Neuigkeiten Er erfuhr unter anderm dass Demeter Stanzides den Kauf des Gutes an
der ungarischkroatischen Grenze abgeschlossen habe und dass die Rattenmamsell
einem freudigen Ereignis entgegensehe Willy Eissler war gespannt auf das
Ergebnis dieser Rassenkreuzung und vergnügte sich indes damit Namen für das zu
erwartende Kind zu erfinden wie Israel Pius oder Rebekka Portiunkula
Später begab sich die ganze Gesellschaft ins benachbarte Kaffeehaus Georg
spielte mit Breitner eine Partie Billard dann ging er auf sein Zimmer Im Bett
notierte er sich eine Stundeneinteilung für den nächsten Tag und sank endlich in
einen Schlaf der tief und köstlich wurde
Am Morgen mit dem Tee brachte man ihm die abends vorher bestellte Zeitung
und ein Telegramm Der Intendant bat ihn über einen Sänger zu berichten Es war
zur Befriedigung Georgs derjenige den er gestern als Kurwenal gehört hatte
Ferner wurde ihm freigestellt »zur bequemen Ordnung seiner Angelegenheiten« drei
Tage über den bedungenen Urlaub auszubleiben da zufällig eine Änderung des
Spielplans dies gestatte Wirklich charmant dachte Georg Es fiel ihm ein dass
er seine eigene Absicht um Verlängerung des Urlaubs zu depeschieren vollkommen
vergessen hatte Nun hab ich ja noch mehr Zeit für Anna als ich geglaubt hätte
dachte er Man könnte vielleicht ins Gebirge Die Herbsttage sind schön und
mild Auch wäre man jetzt überall ziemlich allein und ungestört Aber wenn
wieder ein Malheur passiert Ein Malheur passiert So und nicht anders waren ihm
die Worte durch den Sinn geflogen Er biss sich auf die Lippen So stellte sich
die Sache mit einem Male für ihn dar Ein Malheur Wo war die Zeit da er
mit Stolz beinahe sich als ein Glied in der endlosen Kette gefühlt hatte die
von Urahnen zu Urenkeln ging Und ein paar Augenblicke lang erschien er sich wie
ein Herabgekommener der Liebe etwas bedenklich und bedauernswert
Er durchflog die Zeitung Durch einen kaiserlichen Gnadenakt war die
Untersuchung gegen Leo Golowski eingestellt gestern Abend war er aus der Haft
entlassen worden Georg freute sich sehr und beschloss Leo noch heute zu
besuchen Dann setzte er ein Telegramm an den Grafen auf und berichtete mit
vornehmer Ausführlichkeit über die gestrige Aufführung Als er auf die Straße
trat war es beinahe elf Uhr geworden Die Luft war herbstlich kühl und klar
Georg fühlte sich ausgeschlafen frisch und wohlgelaunt Der Tag lag
hoffnungsreich vor ihm und versprach allerlei Anregung Nur irgend etwas störte
ihn ohne dass er gleich wusste was es wäre Ach ja der Besuch in der
Paulanergasse die trübseligen Räume der kranke Vater die verletzte Mutter
Ich werde Anna einfach abholen dachte er mit ihr spazieren gehen und irgendwo
mit ihr soupieren Er kam an einem Blumenladen vorbei kaufte wundervolle
dunkelrote Rosen und mit einer Karte auf die er schrieb »Tausend Morgengrüsse
auf Wiedersehen« ließ er sie an Anna senden Als er dies getan hatte war ihm
leichter Dann begab er sich durch die Straßen der innern Stadt zu dem alten
Hause in dem Nürnberger wohnte Er stieg die fünf Stockwerke hinauf Eine
huschelige alte Magd mit dunklem Kopftuch öffnete und ließ ihn in das Zimmer
ihres Herrn treten Nürnberger stand am Fenster mit leicht gesenktem Kopf in
dem braunen hochgeschlossenen Sacco das er daheim zu tragen liebte Er war
nicht allein Von dem Schreibtisch aus einem alten Armstuhl erhob sich eben
Heinrich ein Manuskript in den Händen Georg wurde herzlich empfangen
»Sollte Ihr Eintreffen in Wien mit der Direktionskrise in der Oper im
Zusammenhang stehen« fragte Nürnberger Er ließ diese Bemerkung nicht ohne
weiteres als Spaß gelten »Ich bitte Sie« sagte er »wenn kleine Jungen die
ihre Beziehungen zur deutschen Literatur bis vor kurzem nur durch den
regelmäßigen Besuch eines Literatenkaffees zu dokumentieren in der Lage waren
als Dramaturgen an Berliner Bühnen berufen werden so sähe ich keinen Anlass zum
Staunen wenn der Baron Wergentin nach der immerhin mühevollen
sechswöchentlichen Kapellmeisterkarriere an einem deutschen Hofteater im
Triumph an die Wiener Oper geholt würde«
Georg stellte zur Steuer der Wahrheit fest dass er nur einen kurzen Urlaub
erhalten um seine Wiener Angelegenheiten zu ordnen und vergaß nicht zu
erwähnen dass er gestern die neue Tristaninszenierung gewissermaßen im Auftrag
seiner Intendanz gesehen habe doch lächelte er dazu mit Selbstironie Dann gab
er einen kurzen und ziemlich humoristischen Auszug seiner bisherigen Erlebnisse
in der kleinen Residenz Auch das Konzert bei Hof berührte er spöttisch als sei
er fern davon seiner Stellung seinen bisherigen Erfolgen den Teaterdingen
ja dem Leben überhaupt besondere Wichtigkeit beizumessen So wollte er vor allem
seine Position Nürnberger gegenüber gesichert haben Dann kam das Gespräch auf
die Haftentlassung Leo Golowskis Nürnberger freute sich dieses unverhofften
Ausgangs lehnte es jedoch ab sich darüber zu wundern da in der Welt und ganz
besonders in Österreich bekanntlich stets das Unwahrscheinlichste zum Ereignis
werde Dem Gerücht von Oskar Ehrenbergs Yachtfahrt mit dem Prinzen das Georg
als neuen Beweis für die Richtigkeit von Nürnbergers Auffassung vorbrachte
wollte er anfangs trotzdem wenig Glauben schenken Doch gab er am Ende die
Möglichkeit zu da ja seine Phantasie wie er seit langem wusste von der
Wirklichkeit immer wieder übertroffen würde
Heinrich sah auf die Uhr Es war Zeit für ihn sich zu empfehlen
»Hab ich die Herren nicht gestört« fragte Georg »Ich glaube Sie haben was
vorgelesen Heinrich als ich kam«
»Ich war schon zu Ende« erwiderte Heinrich
»Den letzten Akt lesen Sie mir morgen vor Heinrich« sagte Nürnberger
»Ich denke nicht daran« erwiderte Heinrich lachend »Wenn die zwei ersten
Akte im Theater so durchgefallen wären wie jetzt vor Ihnen lieber Nürnberger
so könnte man das Ding doch auch nicht zu Ende spielen Nehmen wir an
Nürnberger Sie seien entsetzt aus dem Parkett ins Freie gestürzt Den
Hausschlüssel und die faulen Eier erlass ich Ihnen«
»Donnerwetter« rief Georg aus
»Sie übertreiben wieder einmal Heinrich« sagte Nürnberger »Ich habe mir
nur erlaubt einige Einwendungen vorzubringen« wandte er sich an Georg »das
ist alles Aber er ist ein Autor«
»Es kommt alles auf die Auffassung an« sagte Heinrich »Es ist schließlich
auch nichts andres als eine Einwendung gegen das Leben eines Mitmenschen wenn
man ihm mit der Hacke den Schädel einschlägt nur eine ziemlich wirksame« Er
deutete auf sein Manuskript und wandte sich zu Georg »Wissen Sie was das ist
Meine politische Tragikomödie Kranzspenden dankend verbeten«
Nürnberger lachte »Ich versichre Sie Heinrich aus dem Sujet wäre noch
immer was ganz Famoses zu machen Sie könnten beinah die ganze Szenenführung
beibehalten und eine Anzahl von Figuren Sie müssten sich nur dazu entschließen
bei Wiederaufnahme Ihres Planes weniger gerecht zu sein«
»Das ist aber doch eigentlich schön« sagte Georg »dass er gerecht ist«
Nürnberger schüttelte den Kopf »Überall mag man es sein nur nicht im
Drama« Und sich wieder an Heinrich wendend »In solch einem Stück das eine
Zeitfrage behandelt oder gar mehrere wie es Ihre Absicht war werden Sie mit
der Objektivität nie was erreichen Das Publikum im Theater verlangt dass die
Temen die der Dichter anschlägt auch erledigt werden oder dass wenigstens
eine Täuschung dieser Art erweckt werde Denn natürlich gibts nie und nimmer
eine wirkliche Erledigung Und scheinbar erledigen kann eben nur einer der den
Mut oder die Einfalt oder das Temperament hat Partei zu ergreifen Sie werden
schon darauf kommen lieber Heinrich dass es mit der Gerechtigkeit im Drama
nicht geht«
»Wissen Sie Nürnberger« sagte Heinrich »es ging vielleicht auch mit der
Gerechtigkeit Ich glaub ich hab nur nicht die richtige In Wirklichkeit hab
ich nämlich gar keine Lust gerecht zu sein Ich stell mirs sogar wunderschön
vor ungerecht zu sein Ich glaube es wäre die allergesündeste Seelengymnastik
die man nur treiben könnte Es muss so wohl tun die Menschen deren Ansichten
man bekämpft auch wirklich hassen zu können Es erspart einem gewiss sehr viel
innere Kraft die man viel besser auf den Kampf selbst verwenden dürfte Ja
wenn man noch die Gerechtigkeit des Herzens hätte Ich hab sie aber nur da«
und er deutete auf seine Stirn »Ich stehe auch nicht über den Parteien sondern
ich bin gewissermaßen bei allen oder gegen alle Ich hab nicht die göttliche
Gerechtigkeit sondern die dialektische Und darum « er hielt sein
Manuskript in die Höhe »ist da auch so ein langweiliges und unfruchtbares
Geschwätz herausgekommen«
»Weh dem Manne« sagte Nürnberger »der sich erdreistete derartiges über Sie
zu schreiben«
»Na ja« erwiderte Heinrich lächelnd »Wenns ein anderer sagt kann man nie
den leisen Verdacht unterdrücken dass er recht haben könnte Aber nun muss ich
wirklich gehen Grüß Sie Gott Georg Ich bedaure sehr dass Sie mich gestern
verfehlt haben Wann reisen Sie denn wieder ab«
»Morgen«
»Aber man sieht Sie doch noch vor Ihrer Abreise Ich bin heute den ganzen
Nachmittag und Abend zu Hause kommen Sie wann es Ihnen passt Sie werden einen
Menschen finden der sich mit Entschlossenheit von den Zeitfragen ab und wieder
den ewigen Problemen zugewandt hat Tod und Liebe Glauben Sie übrigens an
den Tod Nürnberger Hinsichtlich der Liebe frag ich schon gar nicht«
»Dieser für Ihre Verhältnisse doch etwas zu billige Witz« sagte Nürnberger
»lässt mich vermuten dass Sie sich durch meine Kritik trotz Ihrer sehr würdigen
Haltung «
»Nein Nürnberger ich schwöre Ihnen ich bin nicht verletzt Ich habe sogar
eher ein angenehmes Gefühl dass die Sache abgetan ist«
»Abgetan Warum denn Es ist doch immerhin möglich dass ich mich geirrt habe
und dass gerade diesem Stück das ich für minder gelungen halte auf dem Theater
ein Erfolg beschieden wäre der Sie zum Millionär machen kann Ich wäre
trostlos wenn durch meine vielleicht ganz unmassgebliche Kritik «
»Gewiss gewiss Nürnberger das müssen wir nun schon einmal alle und in jedem
einzelnen Fall auf uns nehmen dass wir uns geirrt haben können Und nächstens
schreib ich doch wieder ein Stück und zwar mit folgendem Titel Mir macht
niemand was weiß und ich mir selber erst recht nicht und Sie Nürnberger
werden der Held sein«
Nürnberger lächelte »Ich Das heißt Sie werden einen Menschen hernehmen
den zu kennen Sie sich einbilden werden diejenigen Seiten seines Wesens zu
schildern versuchen die Ihnen gerade in den Kram passen andre unterschlagen
mit denen Sie nichts anfangen können und am Ende «
»Am Ende« unterbrach ihn Heinrich »wird es ein Porträt sein aufgenommen
von einem irrsinnigen Photographen durch einen verdorbenen Apparat während
eines Erdbebens und bei Sonnenfinsternis Einverstanden oder fehlt noch was«
»Die Charakteristik dürfte erschöpfend sein« sagte Nürnberger
Heinrich nahm Abschied in überlauter Lustigkeit und entfernte sich mit
seinem zusammengerollten Manuskript
Als er fort war bemerkte Georg »Seine Laune kommt mir doch ein bisschen
gekünstelt vor«
»Finden Sie Ich hab ihn in der letzten Zeit immer auffallend gut gestimmt
gefunden«
»Wirklich gut gestimmt Glauben Sie das ernstlich Nach dem was er erlebt
hat«
»Warum nicht Menschen die sich so viel fast ausschließlich mit sich
selbst beschäftigen wie er verwinden ja seelische Schmerzen überraschend
schnell Auf solchen Naturen und wohl nicht nur auf solchen lastet das
geringfügigste physische Unbehagen viel drückender als jede Art von
Herzenspein selbst Untreue und Tod geliebter Personen Es rührt wohl daher dass
jeder Seelenschmerz irgendwie unserer Eitelkeit schmeichelt was man von einem
Typhus oder einem Magenkatarrh nicht behaupten kann Und beim Künstler kommt
vielleicht dazu dass aus einem Magenkatarrh absolut nichts zu holen ist
wenigstens vor kurzem stand das noch ziemlich fest aus Seelenschmerzen
hingegen alles was man nur will vom lyrischen Gedichte bis zu philosophischen
Werken«
»Es gibt doch wohl Seelenschmerzen recht verschiedener Art« erwiderte
Georg »Und es ist doch noch etwas anderes wenn uns eine Geliebte betrügt oder
verlässt und selbst wenn sie eines natürlichen Todes stirbt als wenn sie
sich unseretwegen umbringt«
»Sie wissen ganz bestimmt« fragte Nürnberger »dass Heinrichs Geliebte sich
seinetwegen umgebracht hat«
»Hat Ihnen denn Heinrich nicht erzählt «
»Allerdings Aber das beweist nicht viel In Hinsicht auf Dinge die uns
selber angehen sind wir immer Tröpfe auch die Klügsten unter uns«
Solche Bemerkungen aus Nürnbergers Munde hatten für Georg etwas seltsam
Beunruhigendes Sie gehörten in die Reihe jener die Nürnberger nicht ungern
vernehmen ließ und die wie Heinrich sich einmal ausgedrückt hatte den Sinn
jedes menschlichen Verkehrs ja aller menschlichen Beziehungen geradezu
aufhoben
Nürnberger sprach weiter »Wir kennen nur zwei Tatsachen Die eine dass
unser Freund einmal mit einer jungen Dame ein Verhältnis gehabt und die andere
dass diese junge Dame sich ins Wasser gestürzt hat Von allem was dazwischen
liegt ist uns beiden so gut wie nichts und Heinrich wahrscheinlich nicht viel
mehr bekannt Warum sie sich umgebracht hat können wir alle nicht wissen und
vielleicht hat die Arme selbst es auch nicht gewusst«
Georg sah durchs Fenster erblickte Dächer Schornsteine verwitterte Röhren
und ziemlich nah den hellgrauen Turm mit der durchbrochenen Steinkuppel Der
Himmel darüber war blass und leer Es fiel Georg plötzlich auf dass Nürnberger
noch mit keinem Wort nach Anna gefragt hatte Was mochte er wohl vermuten Am
Ende dass Georg sie verlassen und sie sich schon mit einem andern Liebhaber
getröstet hätte Warum bin ich nach Wien gefahren dachte er flüchtig wie wenn
seine Reise keinen andern Zweck gehabt hätte als sich von Nürnberger
Aufschlüsse über das Dasein erteilen zu lassen die nun schlimm genug
ausgefallen waren Es schlug zwölf Georg nahm Abschied Nürnberger begleitete
ihn bis an die Tür und dankte ihm für den Besuch Mit Herzlichkeit als hätte
das frühere Gespräch über Georgs neuen Aufenthaltsort überhaupt keine Geltung zu
beanspruchen erkundigte er sich nach der Beschäftigung den Arbeiten den neuen
Bekannten Georgs und erfuhr jetzt erst welchem Zufall Georg seine plötzliche
Berufung nach der kleinen Stadt zu verdanken hatte
»Das ists ja was ich immer sage« bemerkte er dann »nicht wir sinds die
unser Schicksal machen sondern meist besorgt das irgendein Umstand außer uns
auf den wir keinerlei Einfluss zu nehmen in der Lage waren ja den wir nicht
einmal in den Kreis unserer Berechnungen einbeziehen konnten Ist es schließlich
bei aller Schätzung Ihres Talents darf ich es wohl sagen ist es Ihr
Verdienst oder das des alten Eissler von dessen Verwendung in Ihrer Sache Sie
mir einmal erzählt haben dass Sie telegraphisch nach Detmold beschieden wurden
und dort so rasch Ihren Wirkungskreis gefunden haben Nein Ein Unschuldiger
Ihnen Unbekannter musste eines plötzlichen Todes sterben damit Sie dort den
Platz frei finden durften Und welche andern Dinge auf die Sie gleichfalls
keinen Einfluss nehmen und die Sie nicht vorhersehen konnten mussten eintreten
um Sie von Wien leichten Herzens ja um Sie überhaupt von hier scheiden zu
lassen«
»Wieso leichten Herzens« fragte Georg befremdet
»Leichteren Herzens als unter andern Umständen mein ich Wenn das kleine
Geschöpf am Leben geblieben wäre wer weiß ob Sie «
»Sie können überzeugt sein auch dann wär ich fortgefahren Und Anna hätte
es geradeso natürlich gefunden wie sie es jetzt findet Glauben Sie das nicht
Vielleicht wär ich sogar leichtern Herzens abgereist wenn jene Sache anders
ausgegangen wäre Anna war es ja die mir zugeredet hat anzunehmen Ich war
durchaus nicht entschlossen Sie ahnen gar nicht was für ein gutes und kluges
Wesen Anna ist«
»O ich zweifle nicht daran Nach allem was Sie mir gelegentlich von ihr
erzählt haben hat sie sich ja anscheinend auch in ihre Situation mit mehr Würde
gefunden als junge Damen aus ihren Kreisen bei solchen Gelegenheiten sonst
aufzubringen pflegen«
»Lieber Herr Nürnberger die Situation war ja nicht so furchtbar«
»Ach sagen Sie das nicht Wenn sie auch durch Ihre Noblesse und
Rücksichtnahme sehr gemildert war seien Sie überzeugt das Fräulein hat gewiss
öfter in dieser Zeit das Unregelmässige in ihrer Situation empfunden Es gibt
wohl kein weibliches Wesen und dächte es noch so kühn und überlegen das in
einem solchen Fall nicht lieber den Ring am Finger trüge Und es spricht eben
wieder für die kluge und vornehme Gesinnung Ihrer Freundin dass sie Sie das
niemals hat merken lassen und dass sie auch die bittere Enttäuschung am Ende
dieser gewiss nicht ausschließlich süßen neun Monate mit Fassung und Ruhe
hingenommen hat«
»Enttäuschung ist ein mildes Wort Schmerzen wäre vielleicht das
richtigere«
»Es war wohl beides Doch wie meistens wird wohl auch hier die brennende
Wunde des Schmerzes schneller verheilt sein als die quälende bohrende der
Enttäuschung«
»Ich verstehe Sie nicht recht«
»Nun daran lieber Georg werden Sie doch nicht zweifeln dass Sie sehr bald
am Ende schon heute verheiratet wären wenn das kleine Wesen am Leben geblieben
wäre«
»Und Sie glauben dass jetzt weil wir kein Kind haben ja Sie scheinen
der Ansicht zu sein dass dass es überhaupt aus ist Sie sind vollkommen
im Irrtum aber vollkommen lieber Freund«
»Lieber Georg« erwiderte Nürnberger »wir wollen lieber beide von der
Zukunft nicht reden Weder Sie noch ich wissen es wo in diesem Augenblick ein
Faden zu unserm Schicksal gesponnen wird Sie haben auch in dem Augenblick als
jener Kapellmeister vom Schlag gerührt wurde nicht das geringste verspürt Und
wenn ich Ihnen jetzt Glück wünsche zu Ihrer weiteren Laufbahn so weiß ich
nicht auf wen ich mit diesem Glückwunsch vielleicht den Tod herabgefleht habe«
Auf dem Flur nahmen sie Abschied Auf die Stiege rief Nürnberger Georg nach
»Lassen Sie gelegentlich was von sich hören«
Georg wandte sich noch einmal um »Und Sie tun Sie desgleichen « Er sah
nur noch die abwehrendresignierte Handbewegung Nürnbergers lächelte
unwillkürlich und eilte hinab An der nächsten Ecke nahm er einen Wagen Auf dem
Weg zu Golowskis dachte er über Nürnberger und Bermann nach Was für ein
seltsames Verhältnis das zwischen ihnen war Vor Georg erschien ein Bild das er
ähnlich irgend einmal in einem Traum gesehen zu haben glaubte Die zwei saßen
sich gegenüber jeder hielt dem andern einen Spiegel vor darin sah der andere
sich selbst mit einem Spiegel in der Hand und in dem Spiegel wieder den andern
mit dem Spiegel in der Hand und so fort in die Unendlichkeit Kannte da einer
noch den andern kannte einer noch sich selbst Georg wurde schwindlig zumute
Dann dachte er an Anna Sollte Nürnberger wieder einmal recht behalten War es
denn wirklich aus Konnte es überhaupt jemals enden Jemals Das Leben ist
lang Aber waren schon die nächsten Monate bedenklich Micaela vielleicht
Nein Das war nicht schwer zu nehmen wie immer es kommen sollte Und zu Ostern
war er ja wieder in Wien dann kam der Sommer man blieb zusammen Und dann Ja
was dann Vermählung Herrn Rosners und Frau Rosners Schwiegersohn Josefs
Schwager Ach was ging ihn die Familie an Anna war es doch die seine Frau
sein würde das gütige sanfte kluge Wesen
Der Wagen hielt vor einem ziemlich neuen hässlichen gelb angestrichenen
Haus in einer breiten einförmigen Gasse Georg hieß den Kutscher warten und
trat ins Tor Im Innern sah das Haus recht verwahrlost aus Mörtel war an vielen
Stellen von den Mauern abgebröckelt und die Stiegen waren schmutzig Aus
einigen Küchenfenstern roch es nach schlechtem Fett Auf dem Gang im ersten
Stock unterhielten sich zwei dicke Jüdinnen in einem für Georg unerträglichen
Jargon und die eine sagte zu einem Buben den sie an der Hand hielt »Moritz
lass den Herrn vorbei« Warum sagt sie das dachte Georg Es ist ja Platz genug
Offenbar will sie sich mit mir verhalten Als wenn ich ihr schaden oder nützen
könnte Und ein Wort Heinrichs aus einem verflossenen Gespräch fiel ihm ein
»Feindesland«
Ein Dienstmädchen ließ ihn in ein Zimmer treten das er sofort als das Leos
erkannte Bücher und Papiere auf dem Schreibtisch das Klavier offen auf dem
Divan eine geöffnete Reisetasche die noch nicht ganz ausgepackt war In der
nächsten Minute öffnete sich die Tür Leo trat herein umarmte den Gast und
küsste ihn so rasch auf beide Wangen dass der so herzlich Begrüsste gar nicht dazu
kam verlegen zu werden »Das ist lieb von Ihnen« sagte Leo und schüttelte ihm
beide Hände
»Sie können sich gar nicht denken wie ich mich gefreut habe « begann
Georg
»Ich glaubs Ihnen aber bitte kommen Sie mit mir weiter wir sind
nämlich noch beim Essen aber gleich fertig«
Er führte ihn ins Nebenzimmer Die Familie war um den Tisch versammelt »Ich
glaube meinen Vater kennen Sie noch nicht« bemerkte Leo und stellte die beiden
einander vor Der alte Golowski stand auf legte die Serviette fort die er um
den Hals gebunden hatte und reichte Georg die Hand
Dieser wunderte sich dass der alte Mann vollkommen anders aussah als er
sich ihn vorgestellt hatte nicht patriarchalisch graubärtig und ehrwürdig
sondern glattrasiert und mit breit verschlagenen Mienen glich er am ehesten
einem alternden Provinzkomiker »Ich freu mich sehr Herr Baron Sie kennen zu
lernen« sagte er und in seinen listigen Augen stand zu lesen »Ich weiß doch
alles«
Terese stellte hastig die üblichen Fragen an Georg wann er gekommen wäre
wie lange er bliebe wie es ihm ginge er antwortete geduldig und liebenswürdig
und sie sah ihm neugieriglebhaft ins Gesicht Dann fragte er Leo nach dessen
Absichten für die nächste Zeit
»Vor allem werd ich fleißig Klavier spielen müssen um mich vor meinen
Schülern nicht zu blamieren Die Leute sind ja sehr nett gegen mich gewesen
Bücher hab ich gehabt soviel ich wollte Aber ein Klavier haben sie mir doch
nicht zur Verfügung gestellt« Er wandte sich an Terese »Das solltest du in
einer deiner nächsten Reden unbedingt geisseln Diese schlechte Behandlung der
Untersuchungshäftlinge muss abgestellt werden«
»Gestern um die Zeit« sagte der alte Golowski »war ihm wirklich noch nicht
zum Lachen«
»Wenn du vielleicht glaubst« meinte Terese »dass der Glücksfall der dir
begegnet ist meine Ansichten ändern wird so irrst du dich gewaltig Im
Gegenteil« Und zu Georg gewandt fuhr sie fort »Teoretisch bin ich nämlich
absolut dagegen dass sie ihn herausgelassen haben« Sie sprach wieder zu Leo
hin »Wenn du den Kerl wie es ja dein gutes Recht gewesen wäre einfach
totgeschlagen hättest ohne diese ekelhafte Duellkomödie wärst du nie frei
geworden sässest deine fünf bis zehn Jahre ab heilig Weil du dich aber auf
dieses grauenvolle vom Staat konzessionierte Hazardspiel um Leben und Tod
eingelassen weil du dich also vor der militärischen Weltanschauung geduckt
hast bist du begnadigt worden Hab ich nicht recht« wandte sie sich wieder an
Georg
Der nickte nur und dachte an den armen jungen Menschen den Leo erschossen
und der eigentlich gar nichts anderes gegen die Juden gehabt hatte als dass sie
ihm so zuwider gewesen waren wie schließlich den meisten Menschen und dessen
Schuld im Grunde nur darin bestanden hatte dass er an den Unrechten gekommen
war Leo strich seiner Schwester übers Haar und sagte »Siehst du wenn du das
was du hier in diesen vier Wänden gesagt hast nächstens öffentlich
aussprächest dann würdest du mir imponieren«
»Na und du mir« erwiderte Terese »wenn du dir morgen samt dem alten
Ehrenberg ein Billett nach Jerusalem löstest«
Sie standen vom Tisch auf Leo lud Georg ein mit ihm in sein Zimmer zu
kommen
»Stör ich euch« fragte Terese »Ich möcht nämlich auch was von ihm
haben«
Sie saßen alle drei in Leos Zimmer und plauderten Leo schien sich der
wiedergewonnenen Freiheit unbedenklich und reuelos zu freuen was Georg
sonderbar berührte Terese saß auf dem Divan in einem dunkeln anliegenden
Kleid und sah heute zum erstenmal wieder der jungen Dame ähnlich die in Lugano
als die Geliebte eines Kavallerieoffiziers unter einer Platane Asti getrunken
und nachher einen anderen geküsst hatte Sie bat Georg Klavier zu spielen Noch
nie hatte sie ihn gehört Er setzte sich hin spielte einiges aus Tristan und
phantasierte dann mit glücklicher Eingebung Leo sprach seine Anerkennung aus
»Wie schade dass er nicht dableibt« sagte Terese und kreuzte an der Wand
lehnend die Hände über ihrer hohen Frisur
»Zu Ostern komm ich wieder« erwiderte Georg und sah sie an
»Aber doch nur um wieder zu verschwinden« sagte Terese
»Das wohl« entgegnete Georg und es fiel ihm plötzlich auf die Seele dass
hier nicht mehr seine Heimat war dass er nun überhaupt keine mehr hatte für
lange Zeit
»Wie wärs« sagte Leo »wenn wir im Sommer eine gemeinsame Wanderung
unternähmen Sie Bermann und ich Ich verspreche Ihnen dass wir Sie nicht durch
teoretische Gespräche langweilen werden wie im vorigen Herbst einmal
erinnern Sie sich noch«
»Ach« sagte Terese und reckte sich »es kommt so wie so nichts dabei
heraus Taten meine Herren«
»Und was kommt bei Taten heraus« fragte Leo »Sie sind höchstens
Privaterlösungen für den Moment«
»Ja Taten die man für sich selbst begeht« sagte Terese »Nur was man
fähig ist für die andern zu leisten ohne Rachsucht ohne Eitelkeit
persönlicher Natur namenlos womöglich nur das nenn ich eine Tat«
Georg musste endlich fort Was hatte er noch alles zu besorgen
»Ich begleite Sie ein Stück« sagte Terese zu ihm
Leo umarmte ihn noch einmal und sagte »Es war wirklich schön von Ihnen«
Terese verschwand um Hut und Jacke zu holen Georg begab sich ins
Nebenzimmer die alte Frau Golowski schien ihn erwartet zu haben Mit einem
sonderbar ängstlichen Gesicht trat sie auf ihn zu und gab ihm ein Kuvert in die
Hand
»Was ist das«
»Der Schein Herr Baron ich habe ihn nicht der Anna geben wollen es
hätt sie vielleicht zu sehr aufgeregt«
»Ach ja « Er steckte das Kuvert ein und fand dass es sich seltsamer
anfühlte als andre
Terese erschien mit einem spanischen Hütchen zum Fortgehen bereit »Da bin
ich Auf Wiedersehen Mama Zum Nachtmahl komm ich nicht nach Haus«
Sie ging mit Georg die Treppe hinab sah ihn vergnügt von der Seite an
»Wohin darf ich Sie führen« fragte Georg
»Nehmen Sie mich nur mit irgendwo steig ich halt aus« Sie stiegen ein der
Wagen fuhr davon Sie fragte ihn um allerlei worauf er schon in der Wohnung
Antwort gegeben hatte als nähme sie an dass er jetzt mit ihr allein
aufrichtiger sein müsste als vor den andern Sie erfuhr nichts anderes als dass
er sich in der neuen Umgebung wohl fühlte und dass seine Arbeit ihm Befriedigung
gewährte Ob sein Erscheinen eine große Überraschung für Anna bedeutet hätte
Nein das nicht er hatte sie ja verständigt Und ob es denn wahr sei dass er zu
Ostern wiederkommen wollte Es sei seine bestimmte Absicht
Sie schien verwundert »Wissen Sie dass ich mir fest eingebildet hatte «
»Was«
»Man würde Sie niemals wiedersehen«
Er erwiderte nichts etwas betroffen Dann fuhr es ihm durch den Sinn Wär
es nicht vernünftiger gewesen Er saß ganz nahe neben Terese fühlte die
Wärme ihres Körpers wie damals in Lugano In welchem ihrer Träume mochte sie
jetzt leben In dem wirrdüstern der Menschheitsbeglückung oder in dem
heiterleichten eines neuen Liebesabenteuers Sie sah angelegentlich zum Fenster
hinaus Er nahm ihre Hand die sie ihm nicht entzog und führte sie an die
Lippen Plötzlich wandte sie sich zu ihm und sagte harmlos »So nun lassen Sie
halten hier steig ich am besten aus«
Er ließ ihre Hand los und sah Terese an
»Ja lieber Georg wohin geriete man« sagte sie »wenn man sich nicht «
sie verzog spöttisch den Mund »für die Menschheit zu opfern hätte Wissen Sie
was ich mir manchmal denke Vielleicht ist das alles nur eine Flucht vor mir
selbst«
»Warum warum fliehen Sie«
»Leben Sie wohl Georg« Der Wagen hielt Terese stieg aus ein junger Mann
blieb stehen starrte sie an sie verschwand in der Menge Ich glaube nicht dass
sie auf dem Schafott enden wird dachte Georg Er fuhr in sein Hotel aß zu
Mittag zündete sich eine Zigarette an kleidete sich um und begab sich zu
Ehrenbergs
Im Speisezimmer beim schwarzen Kaffee mit den Damen des Hauses waren
James Sissy Willy Eissler und Frau Oberberger anwesend Georg nahm zwischen
Else und Sissy Platz trank ein Gläschen Benediktiner und beantwortete alle
Fragen die seinem neuen Wirken galten geduldig und mit Humor Bald begab man
sich in den Salon und nun saß er eine Weile im erhöhten Erker mit Frau
Oberberger die heute wieder ganz jung aussah und vor allem über Georgs
persönliche Erlebnisse in Detmold näheres zu hören wünschte Sie glaubte ihm
nicht dass er nicht mit sämtlichen Sängerinnen Verhältnisse angeknüpft hatte
wie ihr überhaupt das Teaterleben nur als Anlass und Vorwand für galante
Abenteuer zu gelten schien jedenfalls bestand sie darauf über Vorgänge hinter
den Kulissen in den Garderoben und in der Direktionskanzlei Ungeheuerlichkeiten
zu vernehmen Als Georg nicht umhin konnte sie durch seine Berichte von der
bürgerlich anständigen beinahe philiströsen Lebensweise der Bühnenmitglieder
und durch die Schilderung eines eigenen arbeitsvollen Daseins zu enttäuschen
begann sie sichtlich zu verfallen und bald saß ihm eine gealterte Frau
gegenüber in der er dieselbe erkannte die ihm im verflossenen Sommer zuerst in
der Loge eines weißroten Teaterchens und später in einem nun fast vergessenen
Traum erschienen war Dann stand er mit Sissy neben der marmornen Isis und
während des harmlosen Plauderns suchte jeder in den Augen des andern die
Erinnerung einer glühenden Stunde unter den tiefen Nachmittagsschatten eines
dunkelgrünen Parks Aber beiden schien sie heute wie in unzugängliche Tiefen
versunken Endlich saß er mit Else an dem kleinen Tischchen auf dem
Photographien und Bücher lagen Auch sie stellte zuerst gleichgültige Fragen
wie alle andern
Plötzlich aber ganz unvermutet und etwas leiser fragte sie »Wie gehts
denn Ihrem Kind«
»Meinem Kind « Er zögerte »Sagen Sie mir Else warum fragen Sie mich
eigentlich Es ist ja doch nur Neugier«
»Sie irren sich Georg« erwiderte sie ruhig und ernst »wie Sie sich ja
meistens in mir geirrt haben Sie halten mich für recht oberflächlich oder weiß
Gott was Nun es hat ja keinen Sinn weiter darüber zu reden Aber jedenfalls
ist es nicht so ganz unbegreiflich dass ich mich nach dem Kind erkundige Ich
möchte es gern einmal sehen«
»Sie möchten es sehen« Er war bewegt
»Ja Ich hätte sogar noch eine andre Idee die Sie aber wahrscheinlich
ganz verrückt finden werden«
»Lassen Sie doch hören Else«
»Ich denke mir nämlich wir könnten es zu uns nehmen«
»Wer wir«
»James und ich«
»Nach England«
»Wer sagt Ihnen denn dass wir nach England gehen Wir bleiben hier Wir
haben schon eine Wohnung gemietet im Kottage draußen Es brauchts ja niemand
zu wissen dass es Ihr Kind ist«
»Was für ein romanhafter Gedanke«
»Gott warum romanhaft Anna kanns doch nicht bei sich haben und Sie doch
erst recht nicht Wo solls denn während der Proben stecken Im Souffleurkasten
vielleicht«
Georg lächelte »Sie sind sehr gut Else«
»Ich bin gar nicht gut Ich denk nur warum soll denn so ein unschuldiges
kleines Geschöpf dafür büßen oder darunter leiden dass na ja ich meine es
kann doch nichts dafür schließlich Ist es ein Bub«
»Es war ein Bub« Er machte eine Pause Dann sagte er leise »Es ist nämlich
tot« Und er sah vor sich hin
»Was Ach so Sie wollen sich vor meiner Zudringlichkeit schützen«
»Else wie können Sie denn Nein Else In solchen Dingen lügt man
nicht«
»Also wirklich Ja wie ist denn das «
»Es ist tot zur Welt gekommen«
Sie sah zu Boden »Nein wie schrecklich« Sie schüttelte den Kopf »Wie
schrecklich Nun hat sie mit einemmal gar nichts mehr«
Georg zuckte leicht zusammen aber vermochte nichts zu antworten Wie
entschieden es für alle schien dass die Geschichte mit Anna zu Ende war Und ihn
bedauerte Else gar nicht Sie ahnte wohl nicht einmal wie der Tod des Kindes
ihn erschüttert hatte Wie konnte sie es auch ahnen Was wusste sie von der
Stunde da der Garten seine Farben der Himmel sein Licht für ihn verloren
hatte weil sein wunderschönes Kind tot drin im Hause lag
Frau Ehrenberg war herangekommen Sie drückte Georg ihre besondere
Zufriedenheit aus Sie habe übrigens nie daran gezweifelt dass er seinen Mann
stellen würde sobald er nur einmal in einem Beruf mitten drin stände Auch sei
sie fest überzeugt in drei bis fünf Jahren hätten sie ihn hier in Wien als
Kapellmeister Georg wehrte ab Er denke vorläufig gar nicht daran nach Wien
zurückzukehren Er fühle dass man draußen im Reich mehr und ernster arbeite
Hier sei man immer in Gefahr sich zu verlieren
Frau Ehrenberg stimmte zu und nahm Anlass sich über Heinrich Bermann zu
beschweren der als Dichter verstummt sei und sich nebstbei nicht mehr blicken
lasse
Georg nahm ihn in Schutz und fühlte sich verpflichtet festzustellen dass
Heinrich fleißiger wäre als je Aber Frau Ehrenberg hatte auch andre Beispiele
für den verderblichen Einfluss der Wiener Luft Nürnberger vor allem der sich
nun vollkommen von der Welt abzuschließen scheine Und was mit Oskar passiert
sei hätte das in einer andern Stadt als in Wien geschehen können Ob Georg
übrigens wüsste dass Oskar mit dem Prinzen von Guastalla auf Reisen wäre Sie
tat als fände sie daran nichts Besonderes Georg merkte ihr aber an dass sie
ein wenig stolz war und irgendwie die Meinung hegte als hätte mit Oskar sich
schließlich doch noch alles zum Guten gefügt
Während Georg mit Frau Ehrenberg sprach sah er zuweilen die Blicke Elses
auf sich gerichtet die sich mit James in den Erker zurückgezogen hatte
wissende schwermütige Blicke die ihn beinahe durchschauerten Er empfahl sich
bald fühlte einen unbegreiflich fremden Händedruck von Else
gleichgültigliebenswürdige von den andern und ging
Wie das nur zugeht dachte er im Wagen der ihn zu Heinrich führte Die
Leute wussten alles früher als er selbst Sie hatten von seinem Verhältnis mit
Anna gewusst ehe es angefangen und jetzt wussten sie wieder früher als er dass es
zu Ende war Er hatte nicht übel Lust ihnen allen zu beweisen dass sie sich
irrten Freilich in solch einer Lebenssache durfte man sich durch Trotz am
wenigsten bestimmen lassen Es war gut dass nun ein paar Monate kamen in denen
er sich wieder sammeln alles reiflich erwägen konnte Auch für Anna würde es
gut sein für sie vielleicht ganz besonders Der gestrige Spaziergang mit ihr im
Regen über die feuchtbräunlichen Straßen fiel ihm wieder ein und erschien ihm
wie etwas unsagbar Trauriges Ach die Stunden in dem gewölbten Zimmer in das
von drüben durch den wallenden Schneevorhang die Orgel hereinklang Wo waren
sie Diese und so viele andre wundervolle Stunden wo waren sie hin Er sah sich
und Anna im Geiste wieder ein junges Paar auf der Hochzeitsreise durch Gassen
wandeln in denen der wunderbare Hauch der Fremde war banale Hotelräume in
denen er nur für kurze Tage mit ihr geweilt tauchten vor ihm plötzlich wieder
auf und waren wie geweiht vom Duft der Erinnerung Dann erschien ihm die
Geliebte auf einer weißen Bank unter schweren Ästen die hohe Stirn von einer
trügerischen Ahnung sanfter Mütterlichkeit umflossen und endlich stand sie da
ein Notenblatt in der Hand und weiße Vorhänge bewegten sich leise im Winde Und
als er sich bewusst wurde dass es dasselbe Zimmer war in dem sie jetzt seiner
wartete und dass nicht viel mehr als ein Jahr verflossen seit jener abendlichen
Spätsommerstunde da sie von ihm begleitet sein Lied zum erstenmal ihm
vorgesungen atmete er in seiner Wagenecke schwer und beinahe angstvoll auf
Als er ein paar Minuten drauf bei Heinrich im Zimmer stand bat er ihn dies
nicht als Besuch anzusehen Nur die Hand wollte er ihm drücken morgen vormittags
wenns ihm recht sei wollte er ihn abholen zu einem Spaziergang Ja dies
fiel ihm während des Redens ein zu einer Art von Abschiedsspaziergang im Wald
von Salmansdorf
Heinrich war einverstanden bat ihn nur ein paar Augenblicke zu verweilen
Georg fragte ihn scherzend ob er sich schon von seinem Misserfolg von heute
Morgen erholt hätte
Heinrich wies auf den Schreibtisch wo lose Blätter lagen die mit großen
erregten Schriftzeichen bedeckt waren »Wissen Sie was das ist Den Ägidius
habe ich mir wieder hergenommen Und gerade bevor Sie kamen ist mir ein
ziemlich möglicher Schluss eingefallen Wenn es Sie interessiert so erzähl ich
Ihnen morgen mehr davon«
»Gewiss Ich bin sehr gespannt Das ist übrigens hübsch dass Sie sich gleich
wieder an eine Arbeit gemacht haben«
»Ja lieber Georg ganz allein bin ich nicht gern Ich muss mir möglichst
rasch Gesellschaft verschaffen nach meiner Wahl sonst kommt eben wer will
und man möchte doch nicht für jedes Gespenst zu sprechen sein«
Georg erzählte dass er Leo besucht und ihn so heiter angetroffen wie er es
kaum vermutet hätte
Heinrich lehnte am Schreibtisch beide Hände in den Hosentaschen vergraben
mit leicht gesenktem Kopf die beschirmte Lampe zeichnete von unten unsichere
Schatten in sein Gesicht »Warum haben Sies nicht erwartet ihn heiter zu
finden Uns mir wenigstens ging es wahrscheinlich gerade so«
Georg saß auf der Lehne eines schwarzledernen Fauteuils die Beine
übereinandergeschlagen Hut und Stock in der Hand »Vielleicht haben Sie recht«
sagte er »aber ich kann Ihnen nicht verhehlen mir war es trotzdem sonderbar zu
denken während ich sein frohes Gesicht sah dass er ein Menschenleben auf dem
Gewissen hat«
»Das heißt« sagte Heinrich und begann im Zimmer hin und her zu gehen »es
ist einer der Fälle wo die Beziehung von Ursache und Wirkung so einleuchtend
ist dass man ruhig sagen darf Er hat getötet ohne dass es beinahe nach einem
Wortspiel aussähe Im ganzen aber finden Sie nicht Georg sehen wir diese
Dinge doch ein bisschen oberflächlich an Wir müssen einen Dolch blitzen sehen
eine Kugel pfeifen hören um zu begreifen dass ein Mord geschehen ist Als wär
nicht einer der jemanden sterben lässt vom Mörder oft durch weiter nichts
unterschieden als durch einen höheren Grad von Bequemlichkeit und Feigheit «
»Machen Sie sich am Ende Vorwürfe Heinrich Wenn Sie dran geglaubt hätten
dass es so kommen musste Sie hätten sie ja doch nicht sterben lassen«
»Vielleicht Ich weiß nicht Aber eins kann ich Ihnen sagen Georg wenn sie
noch lebte das heißt wenn ich ihr verziehen hätte wie Sie sich
gelegentlich auszudrücken beliebten so käme ich mir schuldiger vor als ich mir
heute erscheine Ja ja so ist es nun einmal Ich wills Ihnen gar nicht
verhehlen Georg es gab eine Nacht ein paar Nächte gab es da war ich wie
vernichtet vor Schmerz vor Verzweiflung vor nun andre hätten es eben für
Reue gehalten Es war aber nichts derart Denn mitten in meinem Schmerz in
meiner Verzweiflung hab ichs ja gewusst dass dieser Tod etwas Erledigendes
etwas Versöhnendes etwas Reines bedeutete Wär ich schwach gewesen oder
weniger eitel wie Sies eben auffassen wollen wär sie wieder meine
Geliebte geworden so wäre viel schlimmeres gekommen als dieser Tod auch für
sie Ekel und Qual Wut und Hass wären um unser Bett gekrochen unsere
Erinnerungen wären verfault Stück für Stück ja bei lebendigem Leibe wäre
unsere Liebe verwest Es durfte nicht sein Ein Verbrechen wär es gewesen
dieses todkranke Verhältnis weiterzufristen so wie es ein Verbrechen ist und in
der Zukunft auch so gelten wird das Leben eines Menschen hinzufristen dem ein
qualvolles Sterben bestimmt ist Das wird Ihnen jeder vernünftige Arzt sagen
Und darum bin ich sehr fern davon mir Vorwürfe zu machen Ich will mich auch
nicht vor Ihnen oder sonst jemandem auf der Welt rechtfertigen aber es ist nun
einmal so ich kann mich nicht schuldig fühlen Es geht mir ja manchmal sehr
schlimm aber mit Schuldgefühlen hat das nicht das Geringste zu tun«
»Sie sind damals hingereist« fragte Georg
»Ja Ich bin hingereist Ich bin sogar dabeigestanden als man den Sarg in
die Erde senkte Ja Mit der Mutter zusammen bin ich hingefahren« Er stand am
Fenster ganz im Dunkel und schüttelte sich »Nein nie werd ich es vergessen
Übrigens ist es auch nur eine Lüge dass sich Menschen in einem gemeinsamen Leid
finden Nie finden sich Menschen wenn sie nicht zueinander gehören Noch ferner
werden sie einander in schweren Stunden Diese Fahrt Wenn ich mich daran
erinnere Ich hab übrigens beinahe die ganze Zeit gelesen Es war mir
unerträglich mit der dummen alten Person zu reden Man hasst doch niemanden
mehr als jemand gleichgültigen der einem Mitleid abfordert Wir sind auch an
ihrem Grab zusammen gestanden die Mutter und ich Ich die Mutter und ein paar
Komödianten von dem kleinen Theater Und nachher bin ich im Wirtshaus
gesessen mit ihr allein nach dem Begräbnis Ein Leichenschmaus zu zweien Eine
hoffnungslose Geschichte sag ich Ihnen Wissen Sie übrigens wo sie begraben
liegt An Ihrem See Georg Ja Ich habe öfter an Sie denken müssen Sie wissen
ja wo der Friedhof liegt Keine hundert Schritte weit vom Auhof Man hat eine
entzückende Aussicht auf unsern See Georg allerdings nur wenn man lebendig
ist«
Georg empfand ein leises Grauen Er stand auf »Ich muss Sie leider
verlassen Heinrich Ich werde erwartet Sie verzeihen«
Heinrich trat aus dem Dunkel des Fensters hervor zu ihm »Ich danke Ihnen
sehr für Ihren Besuch Also morgen nicht wahr Sie gehen jetzt wohl zu Anna
Bitte grüßen Sie sie herzlich Ich höre ja dass es ihr gut geht Terese
erzählte mirs«
»Ja sie sieht vortrefflich aus Sie hat sich vollkommen erholt«
»Das freut mich Also auf morgen nicht wahr Ich freu mich sehr dass ich
Sie noch einmal sehen kann eh Sie abreisen Sie müssen mir auch noch allerlei
erzählen Ich habe ja wieder einmal nichts getan als von mir geredet«
Georg lächelte Als wenn er das von Heinrich nicht gewohnt gewesen wäre
»Auf Wiedersehen« sagte er und ging
Manches von dem was Heinrich gesprochen klang in Georg nach als er wieder
im Wagen saß »Wir müssen einen Dolch blitzen sehen um zu begreifen dass ein
Mord geschehen ist« Georg fühlte dass vom Sinn dieser Worte eine gleichsam
unterirdische aber längst geahnte Beziehung zu einem dumpfen Unbehagen hinging
das er manchmal in seiner Seele spürte Er dachte einer Stunde da ihm gewesen
war als ginge in den Wolken ein Spiel um sein ungeborenes Kind und seltsam
erschien es ihm plötzlich dass Anna über den Tod des Kindes mit ihm noch kein
Wort gesprochen dass sie sogar in ihren Briefen jede Andeutung nicht nur auf den
unglücklichen Ausgang sondern auch auf den ganzen Zeitraum da sie das Kind
unter dem Herzen getragen vollkommen vermieden hatte Der Wagen näherte sich
dem Ziel Warum klopft mir das Herz dachte Georg Freude Schlechtes
Gewissen Heut mit einemmal Sie kann mir doch die Schuld nicht geben
Was für Unsinn Ich bin abgespannt und erregt zugleich das ist es Ich hätte
nicht herkommen sollen Warum hab ich all diese Menschen wiedergesehen War mir
nicht trotz aller Sehnsucht tausendmal wohler in der kleinen Stadt wo ein
neues Leben für mich angefangen hatte Irgendwo anders hätte ich mit Anna
zusammentreffen sollen Vielleicht fährt sie mit mir fort Dann kann am Ende
alles noch gut werden Ist denn irgend etwas schlecht Sind unsere
Beziehungen am Ende auch krank und ist es ein Verbrechen sie weiterzufristen
Das könnte zuweilen eine bequeme Ausrede sein
Als er bei Rosners eintrat saß die Mutter allein am Tische sah von einem
Buche auf und klappte es zu Über den Tisch gleichmäßig nach allen Seiten
glitt von oben der Schein einer leicht hin und her schwingenden Lampe Josef
erhob sich aus einer Divanecke Anna trat eben aus ihrem Zimmer strich mit
beiden Händen über das hochgekämmte gewellte Haar begrüßte Georg mit leichtem
Kopfneigen und hatte für ihn in diesem Augenblick mehr von einer Erscheinung als
von einer wirklichen Gestalt Georg reichte allen die Hand und erkundigte sich
nach dem Befinden des Herrn Rosner
»Es geht ihm nicht grad schlecht« sagte Frau Rosner »Aber aufstehen kann
er halt schwer«
Josef entschuldigte sich dass er schlafend auf dem Divan betroffen worden
war Er musste den Sonntag benutzen um sich auszuruhen Er bekleidete eine
Stellung bei seiner Zeitung die ihn nachts manchmal bis drei festhielt
»Er ist jetzt sehr fleißig« bestätigte auch die Mutter
»Ja« sagte Josef bescheiden »wenn man gewissermaßen einen Wirkungskreis
hat « Er bemerkte weiter dass der »Christliche Volksbote« sich einer immer
größeren Verbreitung erfreue sogar draußen im Reich Dann richtete er an Georg
einige Fragen über dessen neuen Aufenthaltsort interessierte sich lebhaft für
Bevölkerungszahl Zustand der Straßen Verbreitung des Radfahrsports und
Umgebung
Frau Rosner ihrerseits erkundigte sich höflich nach der Zusammenstellung des
Repertoires Georg gab Auskunft bald war ein Gespräch im Gange an dem sich
auch Anna sachlich beteiligte und Georg fand sich plötzlich zu Besuch in einer
Bürgerfamilie von angenehmen Umgangsformen in der die Tochter des Hauses
musikalisch war Die Unterhaltung gelangte endlich dahin dass Georg sich zur
Äußerung des Wunsches veranlasst fand die junge Dame wieder einmal singen zu
hören und er musste sich gleichsam besinnen dass es ja seine Anna war deren
Stimme zu vernehmen ihn verlangt hatte
Josef entschuldigte sich ein Rendezvous im Kaffee mit Klubgenossen rief ihn
ab »Wissen sich Herr Baron noch zu erinnern die flotte Gesellschaft auf
der Sophienalpe«
»Gewiss« sagte Georg lächelnd Und er zitierte »Der Gott der Eisen wachsen
ließ «
»Der wollte keine Knechte« ergänzte Josef »Aber das singen wir schon lange
nicht mehr Es ist zu verwandt mit der Wacht am Rhein« und man soll uns nicht
mehr nachsagen dass wir über die Grenze schielen Es hat große Kämpfe gegeben
bei uns im Ausschuss Ein Herr hat sogar demissioniert Er ist nämlich
Solizitator in der Kanzlei vom Doktor Fuchs dem deutschnationalen Abgeordneten
Ja es ist halt alles Politik« Er zwinkerte Man sollte nicht glauben dass er
den Schwindel noch ernst nahm jetzt da er selbst in die Maschinerie des
öffentlichen Lebens Einblick hatte Mit der kaum mehr überraschenden Bemerkung
dass er überhaupt Geschichten erzählen könnte empfahl er sich Frau Rosner fand
es an der Zeit nach ihrem Gatten zu sehen
Georg saß Anna gegenüber allein mit ihr an dem runden Tisch über den der
Schein der Hängelampe floss
»Ich danke dir für die schönen Rosen« sagte Anna »ich hab sie drin in
meinem Zimmer« Sie erhob sich und Georg folgte ihr Er hatte ganz vergessen
dass er ihr Blumen geschickt hatte In einem hohen Glas vor dem Spiegel standen
sie dunkelrot und spiegelten farblos dunkel sich ab Das Pianino war offen
Noten waren aufgeschlagen zwei Kerzen brannten zu den Seiten Sonst war nur so
viel Licht in dem Raum als durch den breiten Türspalt aus dem Nebenzimmer
hereinfiel
»Du hast gespielt Anna« er trat näher hin »Die Arie der Gräfin Auch
gesungen«
»Ja Versucht«
»Gehts«
»Es fängt an kommt mir vor Na wir werden ja sehen Aber sag mir vor
allem was du heut den ganzen Tag gemacht hast«
»Gleich Wir haben uns ja noch gar nicht begrüßt« Er umarmte und küsste sie
»Lang ists her« sagte sie an ihm vorbeilächelnd
»Also« fragte er lebhaft »fährst du mit mir«
Anna zögerte »Aber wie denkst du dir denn eigentlich die Sache Georg«
»Sehr einfach Morgen nachmittag können wir fortfahren Wahl des Ortes
bleibt dir überlassen Reichenau Semmering Brühl wohin du willst Und
übermorgen früh würd ich dich zurückbegleiten« Irgend was hielt ihn ab von dem
Telegramm zu reden das ihm volle drei Tage zur Verfügung stellte
Anna sah vor sich hin »Es wär ja schön« sagte sie tonlos »aber es wird
halt nicht möglich sein Georg«
»Wegen deines Vaters«
Sie nickte
»Es geht ihm doch besser«
»Nein es geht ihm gar nicht gut Er ist so schwach Man würde mir natürlich
keinen direkten Vorwurf machen Aber ich ich kann die Mutter jetzt nicht
allein lassen wegen so eines Ausfluges«
Er zuckte die Achseln ein wenig verletzt über die Bezeichnung die sie
gewählt hatte
»Und sag einmal aufrichtig« fügte sie wie scherzend hinzu »liegt dir denn
gar so viel dran«
Er schüttelte den Kopf schmerzlich beinahe Aber er fühlte dass auch diese
Geste der Aufrichtigkeit entbehrte »Ich versteh dich nicht Anna« sagte er
schwächer als er gewünscht hätte »Dass so ein paar Wochen des
Fernvoneinanderseins dass die Ja ich weiß gar nicht wie ichs nennen soll
Es ist ja als hätte man sich verloren Ich bins doch Anna ich bins doch
« wiederholte er heftig aber müd Er saß auf dem Sessel vor dem Pianino Er
nahm ihre Hände führte sie an die Lippen zerstreut und ein wenig erregt
»Wie wars denn in Tristan« fragte sie
Beflissen berichtete er von der Vorstellung verschwieg auch seinen Besuch
in der Ehrenbergschen Loge nicht sprach von all den andern Menschen die er
gesehen und bestellte ihr die Grüße von Heinrich Bermann Dann zog er sie zu
sich auf die Knie und küsste sie Als er sein Antlitz von dem ihren entfernte
sah er Tränen über ihre Wangen rinnen Er spielte den Befremdeten »Was hast du
denn Kind Ja warum denn warum «
Sie erhob sich trat zum Fenster das Gesicht von ihm abgewandt Nun stand
er auf etwas ungeduldig ging ein paarmal im Zimmer auf und ab trat endlich zu
ihr drängte sich nah an sie und begann wieder unvermittelt hastig »Anna
Überleg dirs ob du nicht doch mit mir fahren könntest Es wäre alles so
anders als hier Man könnte sich aussprechen Wir haben über so wichtige Dinge
zu reden Ich brauch ja auch deinen Rat wegen meiner Entschlüsse für das
nächste Jahr Ich hab dir ja geschrieben nicht wahr Es ist also sehr
wahrscheinlich dass man mir schon in den nächsten Tagen einen dreijährigen
Vertrag zur Unterschrift vorlegen wird«
»Was soll man da raten« sagte sie »Du wirst schließlich am besten wissen
ob du dich dort wohlfühlst oder nicht«
Er begann zu erzählen von dem liebenswürdigen und begabten Intendanten der
ihn offenbar als Mitarbeiter heranzuziehen wünschte von dem sympatischen
alten Kapellmeister der einmal so berühmt gewesen war von irgendeinem sehr
klein geratenen Bühnenarbeiter den man Alexander den Großen nannte von einer
jungen Dame mit der er die Micaela studiert hatte und die mit einem Berliner
Arzt verlobt war von einem Tenor der schon siebenundzwanzig Jahre an dem
Theater wirkte und Wagner grimmig hasste Dann begann er von seinen persönlichen
Aussichten in künstlerischer und materieller Beziehung zu sprechen Ohne Zweifel
könnte er an dem kleinen Hofteater bald zu einer gesicherten und günstigen
Position gelangen Andererseits wäre zu bedenken dass es gefährlich sei sich
auf allzulange zu binden eine Karriere wie die des alten Kapellmeisters wäre
nicht nach seinem Geschmack Freilich die Temperamente seien verschieden er
für seinen Teil glaube sich vor einem ähnlichen Schicksal gefeit
Anna sah ihn immer nur an und in einem nachsichtigspöttischen Ton wie
wenn sie zu einem Kinde spräche sagte sie endlich »Nein wie er sich
anstrengt«
Er war betroffen »Inwiefern streng ich mich an«
»Schau Georg du bist mir doch nicht Aufklärungen irgendwelcher Art
schuldig«
»Aufklärungen Du bist aber wirklich Ich gebe dir doch keine
Aufklärungen Anna Ich schildere dir einfach wie ich lebe und mit was für
Leuten ich zu tun habe weil ich mir schmeichle dass dich diese Dinge
interessieren geradeso wie ich dir erzählt habe wo ich heute und gestern
gewesen bin«
Sie schwieg Und Georg fühlte wieder dass sie ihm nicht glaubte dass sie ein
Recht hatte ihm nicht zu glauben selbst wenn zufällig einmal Wahrheit über seine
Lippen kam Allerlei Worte traten ihm auf die Zunge Worte des Gekränktseins
des Zorns der milden Zusprache jedes schien ihm gleich wertlos und leer Er
erwiderte gar nichts setzte sich zum Pianino griff leise Töne und Akkorde Nun
war ihm wieder als liebte er sie sehr und könnte es ihr nur nicht sagen und
als wäre diese Stunde des Wiedersehens ganz anders geworden wenn man sie
anderswo gefeiert hätte Nicht in diesem Zimmer nicht in dieser Stadt am
liebsten an einem Ort den sie beide nicht kannten in einer fremden neuen
Umgebung Ja dann wäre vielleicht alles wieder geworden wie es einstmals war
Dann hätten sie einander in die Arme stürzen können wie einst in Sehnsucht zu
Wonne und Frieden Es fuhr ihm durch den Sinn Wenn ich ihr nun sagte Anna
Drei Tage und drei Nächte gehören uns Wenn ich sie bäte mit den rechten
Worten ihr zu Füßen sie anflehte komm mit mir komm Sie widerstände
nicht lang Sie folgte mir gewiss Er wusste es Warum sprach er die rechten
Worte nicht aus Warum flehte er sie nicht an Warum schwieg er saß am Pianino
abgewandt griff leise Töne und Akkorde Warum Da fühlte er auf seinem
Haupt ihre weichen Hände Seine Finger lagen schwer auf den Tasten irgendein
Akkord tönte nach Er wagte nicht sich umzuwenden Er fühlte sie weiß es auch
Was weiß sie Ist es denn wahr Ja es ist wahr Und er dachte der
Stunde nach der Geburt seines toten Kindes da er an ihrem Bett gesessen und sie
schweigend dagelegen war den Blick in den dämmrigen Garten gerichtet Schon
in jener Stunde hatte sies gewusst früher als er dass alles zu Ende war Und er
hob seine Hände vom Klavier auf nahm die ihren die noch immer auf seinem Haupt
lagen führte sie an seine Wangen zog sie selber nach bis sie wieder ganz nah
bei ihm war und langsam auf seine Knie niedersank Und schüchtern begann er
wieder »Anna vielleicht könntest du dich doch entschließen
Vielleicht wär es mir auch möglich wenn ich telegraphiere noch ein paar Tage
Urlaub mehr zu bekommen Du Anna hörst du es wäre doch wunderschön «
Ganz in der Tiefe kam ihm ein Plan Wenn er wirklich mit ihr auf einige Tage
fortreiste Und ihr bei dieser Gelegenheit ehrlich sagte Es soll zu Ende sein
Anna Aber das Ende unserer Liebe soll schön sein wie es der Anfang war Nicht
matt und traurig wie diese Stunden in deinem Elternhaus Wenn ich ihr
das irgendwo auf dem Land ehrlich sagte wär es nicht würdiger ihrer und
meiner und unseres vergangenen Glücks Und in diesem Vorsatz wurde er
dringender kühner leidenschaftlich beinahe und seine Worte klangen wieder
wie vor langer langer Zeit
Sie auf seinen Knien die Arme um seinen Hals erwiderte leise »Noch einmal
Georg mach ich das nicht durch«
Schon hatte er ein Wort auf den Lippen mit dem er ihre Befürchtungen
zerstreuen konnte Aber er hielt es zurück Denn ausgesprochen hätte es doch
nichts anderes bedeutet als dass er wohl daran dachte wieder ein paar Stunden
der Lust mit ihr zu durchleben aber dass er nicht geneigt war irgendeine
Verpflichtung auf sich zu nehmen Er fühlte es um sie nicht zu verletzen hätte
er nur dies eine sagen dürfen du gehörst mir für immer Du sollst ja ein Kind
von mir haben Zu Weihnachten zu Ostern spätestens hol ich dich und nie mehr
werden wir voneinander getrennt sein Er fühlte wie sie dieses Wort mit einer
letzten Hoffnung erwartete mit einer Hoffnung an deren Erfüllung sie selbst
nicht mehr glaubte Aber er schwieg Wenn er ausgesprochen hätte was sie
ersehnte so hätte er sich aufs neue gebunden und nun wusste er es so tief wie
er es noch nie gewusst dass er frei sein wollte
Immer noch ruhte sie auf seinen Knien ihre Wange an seine Wange gelehnt
sie schwiegen lang und wussten dass dies der Abschied war
Endlich entschlossen sagte Georg »Wenn du also nicht mit mir kommen
willst Anna dann reise ich ganz direkt zurück morgen Und wir sehen uns erst
im Frühjahr wieder Bis dahin gibts wieder nur Briefe Es sei denn dass ich zu
Weihnachten wenns möglich ist «
Sie hatte sich erhoben und lehnte am Klavier »Schon wieder ist er
leichtsinnig« sagte sie »Ist es nicht am Ende sogar besser wenn wir uns erst
nach Ostern wiedersehen«
»Warum besser«
»Bis dahin wird alles noch viel klarer sein«
Er wünschte sie nicht zu verstehen »Du meinst wegen des Vertrags Ja
da muss ich mich schon in den nächsten Wochen entscheiden Die Leute wollen ja
wissen woran sie sind Andererseits auch wenn ich unterschriebe auf drei
Jahre und es kämen andere Chancen gegen meinen Willen werden sie mich nicht
halten Aber bis jetzt scheint es wirklich dass der Aufenthalt in der kleinen
Stadt mir sehr förderlich ist Nie hab ich so intensiv arbeiten können wie
dort Hab ich dir nicht geschrieben wie ich manchmal nach dem Theater bis drei
Uhr früh an meinem Schreibtisch gesessen bin Und war um acht ausgeschlafen und
frisch«
Sie sah ihn immer nur an mit einem Blick schmerzlich und nachsichtig
zugleich der ihn wie ein Blick des Zweifels berührte Hatte sie nicht einmal an
ihn geglaubt Hatte sie nicht in einer halbdunkeln Kirche vertrauensvoll und
zärtlich zu ihm gesprochen »Ich will zum Himmel beten dass ein großer Künstler
aus dir werde« Wieder war ihm als hielte sie längst nicht mehr so viel von
ihm als in früherer Zeit Er fühlte sich beunruhigt und fragte sie unsicher
»Du erlaubst doch dass ich dir meine Violinsonate schicke sobald sie fertig
ist Du weißt auf niemandes Urteil geb ich so viel wie auf deins« Und er
dachte wenn ich sie mir doch als Freundin erhalten könnte oder einmal
wiedergewinnen als Freundin Wird es möglich sein
Sie sagte »Du hast mir auch von ein paar neuen Phantasiestücken
geschrieben für Klavier allein«
»Ganz richtig Sie sind aber noch nicht ganz fertig Aber ein anderes das
ich das ich er fand es selbst töricht dass er zögerte heuer im Sommer
komponiert habe an dem See wo diese arme Person ertrunken ist die Geliebte
Heinrichs das kennst du ja auch noch nicht Könnt ich nicht ich spiel dirs
vor ganz leise willst du«
Sie nickte und schloss die Tür Dort hinter ihm blieb sie regungslos stehen
als er begann
Und er spielte Er spielte das kleine leidenschaftlichschwermütige Stück
das er an seinem See komponiert hatte als Anna und das Kind für ihn völlig
vergessen waren Es erleichterte ihn sehr dass er es ihr vorspielen durfte Sie
musste ja verstehen was diese Töne zu ihr sprachen Es war gar nicht möglich
dass sie es nicht verstand Er hörte sich selbst gleichsam sprechen aus diesen
Tönen ja ihm war als verstände er jetzt erst völlig sich selbst Leb wohl
Geliebte leb wohl Es war schön Und nun ist es vorbei Leb wohl Geliebte
Was uns beiden gemeinsam bestimmt war haben wir durchlebt Und was nun
kommen mag für mich und für dich wir werden einander etwas Unvergessliches
bedeuten Nun geht mein Leben einen andern Weg Und deines auch Es muss
vorbei sein Ich hab dich geliebt Ich küsse deine Augen Ich danke dir
du Gütige Sanfte Schweigende Leb wohl Geliebte Leb wohl Die Töne
verklangen Er hatte nicht von den Tasten aufgesehen während er spielte jetzt
wandte er sich langsam nach ihr um Ernst mit leise zitternden Lippen stand sie
hinter ihm Er fasste ihre Hände und küsste sie »Anna Anna « rief er aus
Das Herz wollte ihm zerspringen
»Vergiss mich nicht ganz« sagte sie leise
»Ich schreib dir sobald ich wieder dort bin«
Sie nickte
»Und du mir auch Anna Und alles alles verstehst du mich«
Sie nickte wieder
»Und und morgen früh seh ich dich noch einmal«
Sie schüttelte den Kopf Er wollte etwas erwidern wie erstaunt als
verstünde es sich eigentlich von selbst dass er sie noch einmal vor der Abreise
sehen müsste Sie erhob leicht die Hand als bäte sie ihn zu schweigen Er stand
auf drückte sie an sich küsste ihren Mund der kühl war und seinen Kuss nicht
erwiderte und verließ das Zimmer Sie blieb zurück mit schlaffen Armen
stehend die Augen geschlossen Er eilte die Treppen hinab Unten auf der Straße
war ihm als müsste er noch einmal hinauf ihr sagen »Es ist ja alles nicht wahr
Das war nicht der Abschied Ich liebe dich ja Ich gehöre dir Es kann nicht zu
Ende sein «
Aber er fühlte dass er es nicht durfte Jetzt nicht Morgen vielleicht Von
heute Abend bis morgen früh würde sie ihm nicht entglitten sein Und er eilte
umher planlos durch leere Straßen wie in einem leichten Rausch von Schmerz
und Freiheit Er war froh dass er sich mit niemandem verabredet hatte und allein
bleiben durfte Weit draußen in einem niederen alten rauchigen Wirtshaus wo an
Nebentischen Menschen aus einer andern Welt saßen in einer stillen Ecke nahm er
sein Nachtmahl und erschien sich wie in einer fremden Stadt einsam ein wenig
stolz auf seine Einsamkeit und ein wenig durchschauert von seinem Stolz
Am nächsten Tag um die Mittagsstunde spazierte Georg mit Heinrich durch die
Alleen des Dornbacher Parks Eine Luft die von dünnen Nebeln schwer war umgab
sie durchfeuchtetes Laub knisterte und glitt unter ihren Füßen und durchs
Gesträuch schimmerte die Straße auf der sie gerade vor einem Jahr den
rötlichgelben Hügeln entgegengezogen waren Die Äste breiteten sich regungslos
als drückte die ferne Schwüle der umgrauten Sonne sie nieder
Heinrich war eben daran den Schluss seines Dramas zu erzählen der ihm
gestern eingefallen war Ägidius war auf der Insel gelandet gefasst nach der
Todesfahrt von sieben Tagen sein vorverkündetes Schicksal zu erleiden Der Fürst
schenkt ihm das Leben Ägidius nimmt es nicht an und stürzt sich vom Felsen ins
Meer hinab
Georg war nicht befriedigt »Warum muss Ägidius sterben« Er glaubte nicht
daran
Heinrich begriff nicht dass man das erst erklären sollte »Wie kann er denn
weiterleben« rief er aus »Er war zum Tode verurteilt Immer mit dem Ausblick
auf das Ende als unumschränkter Herr auf dem Schiff Geliebter der Prinzessin
Freund von Weisen Sängern Sternguckern aber immer mit dem Ausblick auf das
Ende hat er die herrlichsten Tage erlebt die je einem Menschen geschenkt
waren Dieser ganze Reichtum hätte sozusagen seinen Sinn verloren ja die
hoheitsvollwürdige Erwartung des letzten Augenblicks müsste sich in der
Erinnerung dem Ägidius zu lächerlich genarrter Todesangst verändern wenn diese
ganze Todesfahrt sich am Ende als ein schaler Spaß enthüllte Darum muss er
sterben«
»Und Sie halten das für wahr« fragte Georg mit noch stärkerem Zweifel als
vorher »Ich kann mir nicht helfen ich nicht«
»Das macht nichts« erwiderte Heinrich »Wenn es Ihnen jetzt schon wahr
erschiene hätte ich es zu leicht Aber wenn die letzte Silbe meines Stückes
einmal geschrieben ist wird es wahr geworden sein Oder « Er sprach nicht
weiter Sie stiegen eine Wiese hinan und bald breitete sich das wohlbekannte
Tal zu ihren Füßen aus An der Hügellehne rechts schimmerte der Sommerhaidenweg
auf der andern Seite hart am Wald zeigte sich der gelb angestrichene Gasthof
mit den roten Holzterrassen und nicht weit davon das kleine Haus mit dem
dunkelgrauen Giebel In ungewissem Nebel war die Stadt zu ahnen noch weiter
schwamm die Ebene zur Höhe auf und ganz ferne verdämmerten blasse niedrig
gezogene Berglinien Nun war eine breite Fahrbahn zu überschreiten und endlich
führte ein Feldweg über Wiesen und Äcker nach abwärts Weit abgerückt zu beiden
Seiten ruhte der Wald
In Georg war ein Vorgefühl der Sehnsucht mit der er in Jahren vielleicht
schon morgen sich dieser Landschaft erinnern würde die nun aufgehört hatte ihm
Heimat zu sein
Endlich standen sie vor dem kleinen Haus mit dem Giebel das Georg ein
letztes Mal hatte sehen wollen Tür und Fenster waren mit Brettern verschlagen
verwittert wie uralt geworden vor der Zeit stand es da und wollte von der Welt
nichts wissen
»Ja nun heißt es Abschied nehmen« sagte Georg in leichtem Ton Sein Blick
fiel auf die Tonfigur inmitten der verblühten Beete »Komisch« sagte er zu
Heinrich »dass ich den blauen Knaben da immer für einen Engel gehalten hab Das
heißt ich hab ihn nur so genannt denn ich hab ja immer gewusst wie er
aussieht und dass er eigentlich ein gelockter Bub ist barfuß mit Röckchen und
Gürtel«
»Heut über ein Jahr« sagte Heinrich »hätten Sie doch geschworen dass der
blaue Knabe Flügel gehabt hat«
Georg warf einen Blick nach oben zur Mansarde Es war ihm als bestände die
Möglichkeit dass irgend jemand plötzlich auf den Balkon heraustreten könnte
Labinski vielleicht der sich seit jenem Traum nicht mehr gemeldet hatte Oder
er selber ein Georg von Wergentin aus früherer Zeit Der Georg dieses Sommers
der dort oben gewohnt hatte Dumme Einfälle Der Balkon blieb leer das Haus war
stumm und der Garten schlummerte tief Enttäuscht wandte Georg sich ab »Kommen
Sie« sagte er zu Heinrich Sie gingen und nahmen die Straße zum
Sommerhaidenweg
»Wie warm es geworden ist« sagte Heinrich zog den Überzieher aus und warf
ihn seiner Gewohnheit nach über die Schultern
In Georg war ein ödes etwas trockenes Erinnern Er wandte sich an Heinrich
»Ich will es Ihnen lieber gleich sagen Die Geschichte ist aus«
Heinrich sah ihn rasch von der Seite an dann nickte er nicht sonderlich
überrascht
»Aber« setzte Georg mit einem schwachen Versuch zu scherzen hinzu »Sie
werden dringend gebeten nicht an den Engelsknaben zu denken«
Heinrich schüttelte ernstaft den Kopf »Danke Die Fabel vom blauen Engel
können Sie Nürnberger widmen«
»Er hat doch wieder einmal recht behalten« sagte Georg
»Er behält immer recht lieber Georg Man kann nämlich nie und nimmer
betrogen werden wenn man allem auf Erden misstraut sogar seinem eigenen
Misstrauen Auch wenn Sie Anna geheiratet hätten hätte er recht behalten
oder es käme Ihnen wenigstens so vor Aber jedenfalls denk ich Sie erlauben
mir wohl das auszusprechen ist es gut so wie es gekommen ist«
»Gut Für mich gewiss« erwiderte Georg mit absichtlicher Schärfe als hätte
er durchaus nicht die Absicht seine Handlungsweise zu beschönigen »In Ihrem
Sinn Heinrich war es vielleicht sogar eine Pflicht gegen mich dass ich ein Ende
machte«
»Dann war es wohl auch Ihre Pflicht gegen Anna« sagte Heinrich
»Das wird sich doch erst zeigen Wer weiß ob ich sie nicht aus ihrer Bahn
gerissen habe«
»Aus ihrer Bahn«
»Erinnern Sie sich noch wie Leo Golowski einmal von ihr sagte sie sei
bestimmt im Bürgerlichen zu enden«
»Meinen Sie Georg eine Ehe mit Ihnen wäre etwas sehr Bürgerliches
geworden Anna war vielleicht geschaffen Ihre Geliebte zu sein nicht Ihre Frau
Wer weiß ob nicht der den sie einmal heiraten wird allen Grund hätte Ihnen
dankbar zu sein wenn die Männer nicht so rasend dumm wären Reine Erinnerungen
haben ja die Menschen doch nur wenn sie was erlebt haben Die Frauen so gut wie
wir«
Sie spazierten auf dem Sommerhaidenweg weiter in der Richtung gegen die
Stadt die aus grauem Dunst hervorstieg und näherten sich dem Friedhof
»Hat es eigentlich einen Sinn« fragte Georg zögernd »das Grab eines Wesens
zu besuchen das niemals gelebt hat«
»Dort liegt Ihr Kind«
Georg nickte Sein Kind Wie seltsam es immer wieder klang Sie gingen längs
der braunen Holzlatten hin über die Grabsteine und Kreuze ragten an einer
niederen Ziegelmauer weiter zum Eingang Ein Wächter den sie fragten wies
ihnen den Weg über die breite mit Weiden bepflanzte Mittelstrasse Auf einem
Wiesenplan hart an den Planken auf niederen wie zum Spiel aufgeworfenen Hügeln
reihten sich ovale Plättchen aneinander jedes mit zwei kurzen Armen in die Erde
gerammt Der Hügel den Georg suchte lag in der Mitte der Wiese Dunkelrote
Rosen lagen darauf Georg erkannte sie Das Herz stand ihm stille Wie gut
dachte er dass wir einander nicht begegnet sind Hat sies am Ende gehofft
»Dort wo diese Rosen liegen« fragte Heinrich
Georg nickte
Sie standen eine Weile stumm »Nicht wahr« fragte Heinrich dann »an die
Möglichkeit dieses Ausgangs hatten Sie wohl innerhalb der ganzen Zeit niemals
gedacht«
»Niemals Ich weiß nicht recht Es gehen einem ja allerlei Möglichkeiten
durch den Sinn Aber ernstlich hab ich natürlich nie daran gedacht Wie sollte
man auch« Er erzählte Heinrich nicht zum erstenmal wie der Professor damals
den Tod des Kindes erklärt hatte Ein unglücklicher Zufall war es gewesen an
dem ein bis zwei Perzent der Neugeborenen zugrunde gehen mussten Freilich warum
gerade hier dieser Zufall eingetreten war das hatte der Professor nicht zu
sagen gewusst Aber war Zufall nicht nur ein Wort Musste nicht auch dieser Zufall
seine Ursache gehabt haben
Heinrich zuckte die Achseln »Natürlich Eine Ursache nach der andern und
seinen letzten Grund im Anfang aller Dinge Wir könnten gewiss das Eintreten
mancher sogenannten Zufälle verhindern wenn wir mehr Überblick hätten mehr
Wissen und mehr Macht Wer weiß ob nicht auch der Tod Ihres Kindes in
irgendeinem Augenblick abzuwenden war«
»Und vielleicht wäre es sogar in meiner Macht gestanden« sagte Georg
langsam
»Das versteh ich nicht Waren denn irgendwelche Vorzeichen oder «
Georg stand da den Blick starr auf den kleinen Hügel gerichtet »Ich will
Sie was fragen Heinrich aber lachen Sie mich nicht aus Halten Sie es für
möglich dass ein ungeborenes Kind daran sterben kann dass man es nicht so
herbeisehnt wie man sollte an zu wenig Liebe gewissermaßen«
Heinrich legte ihm die Hand auf die Schulter »Georg wie kommen Sie der
sonst ein so anständiger Mensch ist auf derartige metaphysische Einfälle«
»Nennen Sies wie Sie wollen metaphysisch oder dumm ich kann seit einiger
Zeit den Gedanken nicht los werden dass ich in einem gewissen Grad an diesem
Ausgang die Schuld trage«
»Sie«
»Wenn ich früher sagte dass ichs nicht genug herbeigesehnt habe so hab ich
mich nicht gut ausgedrückt Die Wahrheit ist dass ich an dieses kleine Wesen
das auf die Welt kommen sollte geradezu vergessen hatte Und besonders in den
letzten Wochen vor seiner Geburt hatte ich es völlig vergessen gehabt Ich
kanns nicht anders sagen Natürlich wusste ich immer was bevorstand aber es
ging mich sozusagen nichts an Ich habe hingelebt ohne dran zu denken Nicht
immerfort aber oft und ganz besonders im Sommer am See an meinem See wie Sie
ihn nennen da war ich Ja da wußt ich einfach nichts davon dass ich ein
Kind bekommen sollte«
»Man hat mir allerlei erzählt« sagte Heinrich vorbeischauend
Georg sah ihn an »So wissen Sie also was ich meine Nicht nur dem Kind
dem ungeborenen sondern auch der Mutter war ich fern in einer so unheimlichen
Weise dass ich es Ihnen beim besten Willen nicht schildern dass ichs heut
selber kaum mehr begreifen kann Und es gibt Momente da kann ich mich des
Gedankens nicht erwehren dass zwischen jenem Vergessen und dem Tod meines Kindes
irgendein Zusammenhang bestehen müsste Halten Sie denn so was für vollkommen
ausgeschlossen«
Heinrich hatte tiefe Falten in der Stirn »Vollkommen ausgeschlossen das
kann man nicht einmal sagen Die Wurzeln verschlingen sich ja gewiss oft so tief
dass wir unmöglich bis dort hinabschauen können Ja vielleicht gibt es sogar
solche Zusammenhänge Aber wenn es solche gibt nicht für Sie Georg Für Sie
hätten diese Zusammenhänge keine Geltung auch wenn sie existierten«
»Für mich keine Geltung«
»Der ganze Einfall den Sie da ausgesprochen haben der passt mir nicht zu
Ihnen Der kommt nicht aus Ihrer Seele Bestimmt nicht Nie in Ihrem Leben wär
Ihnen etwas Derartiges eingefallen wenn Sie nicht mit einem Subjekt meiner Art
verkehrten und es nicht zuweilen Ihre Art wäre nicht Ihre Gedanken zu denken
sondern die von Menschen die stärker oder auch schwächer sind als Sie Und ich
versichre Sie was Sie auch an dem See dort an Ihrem an unserm erlebt
haben mögen Sie haben damit gewiss keine sogenannte Schuld auf sich geladen Bei
einem andern wär es vielleicht Schuld gewesen Aber bei Ihnen der von Natur aus
Sie verzeihen schon ziemlich leichtfertig und ein bisschen gewissenlos angelegt
ist war es gewiss nicht Schuld Soll ich Ihnen was sagen Sie fühlen sich
nämlich gar nicht schuldig in Hinsicht auf das Kind sondern das Unbehagen das
Sie spüren kommt nur daher dass Sie die Verpflichtung zu haben glauben sich
schuldig zu fühlen Sehen Sie ich wenn ich irgend was in der Art Ihres
Abenteuers erlebt hätte wäre vielleicht schuldig geworden weil ich mich
möglicherweise schuldig gefühlt hätte«
»Sie Heinrich hätten sich in meinem Falle schuldig gefühlt«
»Vielleicht auch nicht Wie kann ich das wissen Sie denken jetzt
wahrscheinlich daran dass ich neulich ein Wesen direkt in den Tod getrieben und
mich trotzdem sozusagen ohne Schuld gefühlt habe«
»Ja daran denk ich Und darum versteh ich nicht «
Heinrich zuckte die Achseln »Ja Ich hab mich ohne Schuld gefühlt Irgendwo
in meiner Seele Und wo anders tiefer vielleicht hab ich mich schuldig gefühlt
und noch tiefer wieder schuldlos Es kommt immer nur darauf an wie tief
wir in uns hineinschauen Und wenn die Lichter in allen Stockwerken angezündet
sind sind wir doch alles auf einmal schuldig und unschuldig Feiglinge und
Helden Narren und Weise Wir das ist vielleicht etwas zu allgemein ausgedrückt
Bei Ihnen zum Beispiel Georg dürften sich alle diese Dinge viel einfacher
verhalten wenigstens wenn Sie von der Atmosphäre unbeeinflusst sind die ich
zuweilen um Sie verbreite Darum gehts Ihnen auch besser als mir Viel besser
In mir siehts nämlich greulich aus Sollten Sie das noch nicht bemerkt haben
Was hilfts mir am Ende dass in allen meinen Stockwerken die Lichter brennen
Was hilft mir mein Wissen von den Menschen und mein herrliches Verstehen Nichts
Weniger als nichts Im Grunde möcht ich ja doch nichts anderes Georg als
dass all das Furchtbare der letzten Zeit nichts gewesen wäre als ein böser
Traum Ich schwöre Ihnen Georg meine ganze Zukunft und weiß Gott was alles gäb
ich her wenn ichs ungeschehen machen könnte Und wär es ungeschehen so wär
ich wahrscheinlich geradeso elend wie jetzt«
Sein Gesicht verzerrte sich als wenn er aufschreien wollte Gleich aber
stand er wieder da starr regungslos fahl wie ausgelöscht Und er sagte
»Glauben Sie mir Georg es gibt Momente in denen ich die Menschen mit der
sogenannten Weltanschauung beneide Ich wenn ich eine wohlgeordnete Welt haben
will ich muss mir immer selber erst eine schaffen Das ist anstrengend für
jemanden der nicht der liebe Gott ist«
Er seufzte schwer auf Georg gab es auf ihm zu erwidern Unter den Weiden
schritt er mit ihm dem Ausgang zu Er wusste dass diesem Menschen nicht zu helfen
war Irgend einmal war ihm wohl bestimmt von einer Turmspitze auf die er in
Spiralen hinaufgeringelt war hinabzustürzen ins Leere und das würde sein Ende
sein Georg aber war es gut und frei zumut Er fasste den Entschluss die drei
Tage die jetzt ihm gehörten so vernünftig als möglich auszunutzen Das beste
war wohl irgendwo in einer schönen stillen Landschaft allein zu sein
auszuruhen und sich zur neuen Arbeit zu sammeln Das Manuskript der Violinsonate
hatte er mit nach Wien genommen Die vor allem dachte er zu vollenden
Sie durchschritten das Tor und standen auf der Straße Georg wandte sich um
aber die Friedhofsmauer hielt seinen Blick auf Erst nach ein paar Schritten
hatte er den Ausblick nach dem Talgrund wieder frei Doch konnte er nur mehr
ahnen wo das kleine Haus mit dem grauen Giebel lag sichtbar war es von hier
aus nicht mehr Über die rötlichgelben Hügel die die Landschaft abschlossen
sank der Himmel in mattem Herbstschein In Georgs Seele war ein mildes
Abschiednehmen von mancherlei Glück und Leid die er in dem Tal das er nun für
lange verließ gleichsam verhallen hörte und zugleich ein Grüssen unbekannter
Tage die aus der Weite der Welt seiner Jugend entgegenklangen