1908_Laube_jungEuropa.html




        
                                 Heinrich Laube
                                Das junge Europa
                             Roman in drei Büchern
                                   Erster Band
                                   Die Poeten
                            1 Konstantin an Valerius
                               Den 20 März 1830
Die Sehnsucht wieder einmal mit Menschen umzugehen lässt mich schreiben  mit
Menschen denn hier gibt es nur Oberpräsidenten Unteroffiziere Leutnants
Regierungsräte usw So wenig Ihr  ich hoffe Du wirst mein Sendschreiben
unserem erlauchten Kreise mitteilen  nach diesem Eingange von meinem hiesigen
Nichtleben erwarten möget so fange ich doch damit an und gehe erst später zu
Angenehmerem
    Wenn zur Glückseligkeit weiter nichts erforderlich ist als gutes Essen und
Trinken Tabak Whist Pikett Patentvisiten Gesellschaften reine Wäsche und
ein gutes Bett so bin ich jetzt überaus glücklich Doch ist mirs als fehlten
mir noch einige Kleinigkeiten
    Man lebt hier ein trakisches böotisch ist durch uns nobilitiert und
selbst für mich der ich doch kein Kostverächter bin tragisches Leben Ich lebe
wie mit zugeschnürter Kehle und denke an die Poesie wie an eine verbotene
Frucht Neben der pupillarischen Substitution der IntestatErbfolge und der
querela inofficiosi testamenti geht mir der Bernhard von Weimar sporenklirrend
im Kopf herum nur seh ich zuviel Schwierigkeiten den Mann dramatisch zu
besiegen Gibts im poetischen Vereine viel Neues Ich habe sehr wenig gemacht
und bin nur einmal aus diesem Sibirien nach Spanien gegangen
    Uhland scheint wieder zu erwachen ich habe schon hin und wieder
Kleinigkeiten von ihm gelesen  das wäre für mich von großer Wichtigkeit denn
er veredelt und erhebt mich immer sehr mein demokratisches Treiben grinset mich
zuweilen ein wenig an nur in ihm ist es ewig schön ja ist es das Urschöne
    Dem Fähnrich Pistol meinem liederlichen Hippolyt gib die Beilage grüß den
William und die böotischen Brüder und lebe wohl  hörst Du lebe wohl 
    A propos ich verweise Dich auf das Abenteuer das Du am Schluss des
beiliegenden Briefes findest ich sehe Dein Stirnrunzeln und Deine drohende
Unterlippe und höre des finsteren William grollende Worte »Es ist und bleibt
ein rohes Volk«  ich hoffe Du sprichst als echter Tragöde jetzt nur in Jamben
»Auf Donnerstag mein Graf  Die Frist ist kurz« Ade Du dunkelfarbiger Romeo
                            Konstantin an Hippolyt
                          Ein Lied nüchtern zu singen
1 Und es war ein Mann zu Bahri der hieß Semajah der blies die Posaune und
    sprach
2 Was trotzest du also und freust dich deiner Schande
3 Deine Zunge trachtet nach Schaden und schneidet mit Lügen wie ein scharfes
    Schermesser
4 Du redest lieber Böses denn Gutes und falsch denn recht Sela
5 Du redest gern alles was zum Verderben dient mit falscher Zunge Sela
6 Darum wird dich auch Gott ganz und gar zerstören und aus deiner Hütte reißen
    und aus dem Lande der Lebendigen dich ausrotten Sela
7 Ich aber werde bleiben wie ein grüner Ölbaum im Hause Gottes usw
    Ich hoffe mein Hippolyt Du hast das sorgfältig gelesen und bist jetzt in
einem gesammelteren Zustande Ach Dein Brief duftete wieder so kräftig nach
Sekt dass ich auch ohne die Handschrift zu kennen und ohne Unterschrift den
Autor sogleich würde erraten haben Sage mir lieber Junge kommt es wohl noch
vor dass Du Dich in einer ganz nüchternen Stimmung befindest O pfui und Du
hattest doch so schöne Vorbilder ich sah Dich früher oft in Gesellschaft eines
wohlbeleibten Mannes mit einem heiteren Blick und sittigen Betragen hat der all
seinen Einfluss auf Dich verloren Ich will es nicht hoffen mein Fähnrich Der
heitere Mann hat ein kleines Fläschlein zarten Ausbruchs vor sich stehen er
trinkt Dir ein mässiges Gläschen zu tu ihm Bescheid und befolg seine Lehren In
Deiner wilden Unbändigkeit rennst Du also jetzt nach einem Epos Wunderlich als
stiege die epische Lust aus gleichem Stoff  ich suche eben auch Ich sehe Dich
des Vormittags bei verhangenen Fenstern wirtschaften die Helden abschlachten
und Dein wildes Haupt stolz in den Nacken werfen Ich hoffe wenigstens dass Du
aus Dankbarkeit deutsch schreibst denn wahrlich die geringe Zivilisation
welche Du besitzest hast Du doch lediglich uns zu danken nicht viel anders als
der schwarze Falke vom Lorenzstrome kamst Du in unsere erlauchte Gesellschaft
Fähnrich tu mir die Freundschaft an schreib deutsch es ist die schönste
Sprache Nur bei schwerem Sekt Du kennst das edle Gewächs das eben vor meinen
Blicken goldglühend wächst  nur bei schwerem Sekt ließ sich Pistols und Sir
Johns zungenschweres lallendes Englisch verbrauchen Schreib deutsch Pistol
Es ist eine Universalsprache selbst wenn Dir die duftigen Träume des
Guadalquivir wiederkommen wie sie Dich manchmal in sternenheller oder
morgenfrüher Seligkeit des Julius an den Boden warfen selbst wenn Deine
spanische Jugend die weichen weißen Arme um Dich schlägt  hat die deutsche
Sprache auch nicht Deine wollüstigen spanischen Liebestöne so hat sie doch eine
göttliche Zärtlichkeit die mich selbst oft vor ihr erröten macht Schreib
deutsch Hippolyt
    Ich habe noch neulich Tassos Jerusalem gelesen Ja aus jener Zeit ist es
schön usw aus den dunkeln Lagunen wo die romantische Verborgenheit und
unergründliche Tiefe der Sehnsucht wo das tiefblaue Dunkel des
zurückgestrahlten Himmels die Sinne umstrickt  aber ich würde es für keinen
Gewinn halten wenn wir heutzutage mit dergleichen beschenkt würden
    Ich bin sehr beschäftigt und zwar mit den verschiedenartigsten Dingen Es
besucht mich fast niemand und ich gehe nur wöchentlich zweimal zu einem
Bekannten mit dem ich Schach spiele lese und dessen Flügel ich benutze Die
Musik kommt mir seit langer Zeit vornehm fremd vor es ist mir als ob sie mich
über die Achseln ansähe  so wars doch früher nicht und ich begreife durchaus
nicht was der Dame einfällt  ich glaube sie liebt den Sekt nicht Auch bringt
sie mich stets ein wenig aus dem Gleise es wird mir als säss ich einer früheren
Geliebten gegenüber der ich untreu geworden Jünglingserinnerungen klopfen mich
unsanft wie Fächerschläge auf die Wangen  es ist wunderlich aber ich kann das
Klavierspiel nicht lassen es ist eine schmerzliche Lust mit alten Geliebten zu
plaudern Außerdem ist das Theater meine einzige Erholung Ich bin wirklich so
sehr ich mir Mühe gebe auch wenn ich ausgestreckt auf dem Sofa liege nicht
ganz ruhig Ich schreibe dies und das reiße mich aber mit Gewalt wieder los
denn ich will einige Zeit wieder etwas lernen Ich weiß nicht was das Volk in
mir für eine Wirtschaft treibt es gebärdet sich manchmal wie eine mit der
Regierung unzufriedene Nation Ich hoffe das Studieren wird sie beschwichtigen
Ich gäbe viel darum wenn ich jetzt unseres kleinen Kupido Chronik hier hätte
Wenn einmal jemand mit einem zu leichten Wagen hieher fährt so pack ihm doch
das Ding auf Was macht Kupido Sitzt er noch in den Bergen bei seiner
idyllischen Landschöne Sein letzter Brief war wie die Sage eines wandernden
Minstrels der Junge lauft im Lande umher schöne Mädchen zu suchen Ich
fürchte er wird nächstens einmal der Polizei in die Hände fallen und uns
Schande machen was man so Schande nennt
    Heute wäre so ein rechter Phantasietag wenn wir beisammen wären es regnet
und stürmt und dunkelglühende Grogschatten ziehen vorüber Aber ich will dem
Salamander abschwören er stört mich jetzt denn ich bin mitten in einer
Liebesintrige Höre wie das kam
    Ich saß vorn im Sperrsitz des Theaters und sah der Gaukelei zu Ein junges
Soubrettchen machte mir Spaß sie war so nett und fix und rund und drall Du
weißt das lieb ich Bald darauf kam sie im Ballett wieder zum Vorschein
Hochgeschürzt entwickelte sie einen behenden makellosen Wuchs eine geregelte
muntere Formenschönheit schoss aus Fuß und Handspitzen blitzende Funken in mich
Mein Nachbar meinte es sei ein unternehmendes Kind und Dein Sir John verfügte
sich alsbald hinter das Geheimnis der schützenden Kulissen Glühend sprang sie
eben aus der Szene herein in die dunkle Verborgenheit als wollte sie heiß dem
Korydon in die Arme fliegen Der Korydon war da und stellte sich ihr sehr
lebhaft vor eine kurze Topographie seines inneren neuentdeckten Terrains
entwerfend die üppige Vegetation seiner Triften beschreibend Das muntere Ding
nahm es harmlos auf und im raschen Fluße der Worte und Begebenheiten  denn
die phantastische Welt des Balletts spielte im Köpfchen noch weiter  überließ
sie sich nach geringem Sträuben der Woge meines Anerbietens sie nach Hause zu
geleiten Ich schwor bei Pistols Sekt und Fallstaffs Schwert  sie hatte
Heinrich IV wahrscheinlich noch nicht gesehen  ich würde die Stadt anzünden
wenn sie nicht in diesem reizenden Kostüme bliebe sie gewährte warf den Mantel
um und wir gingen
    dabei lieber Hippolyt muss ich im Vorbeigehen dem Valerius recht geben und
ihm Dank sagen er behauptete oft wenn von dem Reiz der Schauspielerinnen die
Rede war dass man mit diesen Damen nur verkehren müsste wenn sie noch in
selbigem Anzuge seien der sie auf der Bühne geschmückt mit dem Gewande
schwinde die Illusion und man bekäme ein Gedicht in schleppende Prosa
übersetzt
    Wahrhaftig die Welt der Täuschung ist ja das einzige was am Leben erfreut
ein Narr der einen Fetzen davon aufgibt Das Gepränge der Täuschung macht die
Schauspielerinnen gefährlich  wer möchte in die Gefahr eingehen und den Glanz
wegwerfen Eine Bajadere in ein Kattunkleid gesteckt das zwei Ellen lang
lieben wollen heißt sich an einer Statue ergötzen die gegen die Witterung in
Leinwand gehüllt ist
    Kurz ich führte meine Bajadere nach Hause und sprach geflügelte Worte mit
ihr Aber das Erzählen ist träg  ein andermal von Euren Taten Sir John  Ade
mein Fähnrich
 
                           2 Konstantin an Valerius
Ich lebe hier noch ebenso einförmig wie ich Dirs geschildert habe äußerst
selten ein poetischer Augenblick  ein nüchternes Vegetieren Es weiß der
Himmel woran das liegt Ich gebe mir alle ersinnliche Mühe das zu ändern  Du
wirst dies aus meinen philantropischen Bestrebungen im Briefe an Hippolyt
erkennen Ich suche tastend nach allen Spitzen meiner Gemütsnerven es geht
nicht wenn ich neben Rosa sitzend einen an seinem Endpunkte erreicht habe so
schnellt er mir immer wieder davon Es ist sehr ärgerlich  Durch Goethe hab
ich sehr große Begier nach Italien bekommen  ich will es indessen versuchen
hier seine Elegien nachzuleben Aber ich glaube es ist italische Sonne und
italischer Himmel nötig denn ich schaffe alle Ingredienzien seiner Poesie
herbei aber ich kann das Getränk nicht zustande bringen Du glaubst nicht
Valerius was ich mir für Mühe gebe poetisch zu genießen Es weiß der Kuckuck
warum es nicht gehen will
    Da ich hier nichts vernünftiges Neues und Deutsches auftreiben kann so hab
ich mich an ältere französische und englische Schriftsteller gemacht wie Le
Sage Lorenz Sterne usw Es ist merkwürdig wie ihre Satire beinahe ganz noch
auf unsere Zeit passt
    Die Menschheit muss doch viel stehende Gebrechen haben
    Ihr schreibt so dürftig wie für einen Bettelmann Gebt mir doch nicht so
karge Tropfen Ihr wisst ja wie ich die vollen Gläser liebe Vom Kupido gar
nichts und doch will und muss ich mit dem Kleinen in Verbindung bleiben
    Bessert Euch  Ade
                            Konstantin an Hippolyt
Fähnrich auf ein Wort Ihr müsst bis tief in die Nacht bei der ehrsamen Witwe
von Ephesus im Promenadengässchen gesessen haben dass Ihr nicht dazu gekommen
seid meine Epistel zu beantworten Ich will nicht hoffen Pistol dass meine
Intrige so wenig Interesse für Dich gehabt hat ich sollte doch meinen sie
müsste Deinem abenteuerlichen Sinne zusagen Wem soll ich sie denn erzählen wenn
Du nicht hören willst Vor Valerius hab ich in dieser Rücksicht eine
unüberwindliche Scheu  wäre er prüde und fromm wie William und sagte er mir
wie dieser Du bist ein unmoralischer Mensch so würde ich lachen und es würde
mich nicht berühren Du weißt wie ich über objektive Moral denke Aber ich sehe
seine großen klaren Augen dabei zentnerschwer auf mich fallen und mit
erdrückender Wehmut auf mir verweilen  das ertrag ich nicht Ich weiß er
gestattet eine rein subjektive Sittlichkeit aber sein wenn auch wohlwollender
Blick dringt so schonungslos in alle Ritze meines Wesens dass ich immer zu
fühlen glaube es beginne ein murmelndes Bröckeln und Lösen meiner inneren
Wände Er richtete als ich ihm einst ein ähnliches Abenteuer erzählte nur drei
fragende Worte an mich »Bist du froh« und meine phantastische Welt war
auseinandergejagt wie Kosakenschwärme durch einen Kanonenschuss Ich mag es mir
nicht gern gestehen und doch ist es so er ist mir unbequem bei derlei Dingen
Ich halte mich dabei lieber an Dich wilden Burschen und den leichtbesohlten
Kupido
    Meine Schöne heißt Rosa und ist wirklich scharmant Sie ist von der Größe
die nicht auffällt wobei man nicht an die Größe denkt aber in den schönsten
Wellenlinien gewachsen Die Taille schneidet sich so kühn ein dass man daran
zweifelt und gedrängt wird sie zu umfassen Zu meinem großen Vergnügen ist sie
frei von dem mir so verhassten Wuchs der Weiber welcher von der Hüfte an in
einem plumpen krummen Beine alle Leichtigkeit Eleganz Grazie des Ganges und
der Erscheinung vernichtet Solche Weiber sind wie die Chinesen nur zum Sitzen
da ihr Gang ist ein stetes Besiegen von Hindernissen jeder Tritt muss erkämpft
werden  das ist mir entsetzlich lästig während die wohlige Freiheit in Rosas
Bewegungen mich hebt und entzückt Man findet in Abbildungen aus alter Zeit
niemals eine Annäherung an jenen Knieholzwuchs des weiblichen Unterkörpers es
scheint eine neuere schlechte Mode zu sein die vielleicht von irgend einer
übelen Angewohnheit oder Beschäftigung der Mütter herrührt Dergleichen Dingen
sollte die Medizin nachforschen und die Polizei sollte ihr dann an die Hand
gehen  es ist eine der größten gesellschaftlichen Sünden fehlerhaft hässlich zu
sein eine regelmäßige Hässlichkeit ist auszunehmen  ich wäre überhaupt dafür
alles mangelhaft Geborene sogleich dem Chaos wiederzugeben wie der
Metallkünstler das Verunglückte wieder in die Masse wirft und es zu ersäufen
    Ich hoffe Du weißt Fähnrich was ein schönes Bein ist  es ist ein
Hauptvorzug der Spanierinnen und ich gebe außerordentlich viel darauf es ist
das Motiv der Erscheinung Rosa geht wie ein flüssiger Daktylenvers Von der
Hüfte an nämlich strebt in schönstem Schwunge die runde volle Form immer sanft
nach außen dem Schauenden sich entgegendrängend man sieht in den sanften
Linien das Weiche und Elastische ausgedrückt und ergötzt sich doch an der
springenden Kühnheit des Grundzuges welcher da wo das Bein in die Nähe des
Fußes kommt durch den liebenswürdigsten kleinen Bogensprung die genialste
Verbindung mit diesem bewerkstelligt Zu oben gerügtem schlechten Wuchse des
Unterkörpers gehört nämlich auch dass das Bein perpendikulär auf einen
horizontalen Fuß sich aufsetzt und beide zusammen das fatalste Dreieck bilden
Bein und Fuß sondern sich wie Staatsgewalten  das ist widerwärtig platt Bei
Rosa hüpft das Bein in gerundetem hohem Spann auf den Fuß und dadurch erhält
der ganze Körper jene schaukelnde über alles bestechende Grazie welche der
fliegende Poet vor dem schwerfälligen Philosophen voraus hat
    Nun hat Rosa nicht die unangenehme Manier sovieler leicht und rasch
gewachsenen Mädchen dass sie in ihrem Gange tänzelte und hüpfte eine Manier
die so unschön ist wie das Zappeln mit den Fingern  nein sie geht aber schön
und leicht wie ein anmutiger Gedanke Wie wenige unserer eleganten Damen wissen
zu gehen Es muss eine Selbständigkeit eine Unabhängigkeit im Gange sein die
ein wohltätiges Gefühl von sicherer Freiheit erweckt der Gang muss das Zeichen
des Sieges über die träge Erde sein  bei den meisten Weibern ist er das Zeichen
des Kampfes Die Straffheit der Muskeln spielt mit dem schwerfälligen Boden
wenn die Dame schön geht sie ringt mit ihm wenn unschön Daher ist es so
greulich wenn plump Gewachsene einen sogenannten Anlauf nehmen  es wird mir so
unbehaglich dabei als wenn ich schwere Gänse zum Fliegen ansetzen sehe Es ist
dann ein Rücken Ziehen und Heben der Schultern und Hüften ein Lenken und
Renken mit den Armen  das schönste Mädchen könnte durch solchen Gang meine
Illusion zerstören Rosas Leichtigkeit hält mein Wünschen in stetem Schweben
sie erzeugt eine ästhetische Behaglichkeit wie ich sie über alles liebe Auch
ihr Kopf Hals Nacken ihre Schultern  alles atmet in einer rasch gebogenen
Wellenlinie soviel Leichtigkeit dass mein Auge auf diesen geflügelten Formen mit
einer Wonne herumhüpft wie die heiterste Sehnsucht nach Lust in warmer
Sommernacht auf den spielenden lauen Lüftchen Nichts an allen diesen Formen
ist starrer Stillstand wie plätschernde Wellen nickt und wiegt alles Ein
reiches nussbraunes Haar trägt sie auf griechische Weise leicht hinter dem
Scheitel zusammengenestelt wie herausfordernde lose Schalke fliegen die kleinen
zierlichen Löckchen vom Hinterkopf herunter als wollten sie erinnern man müsste
die vorüberfliegende Schönheit der Nymphe fassen Glatt liegt vorn das Haar an
der weißen runden Stirn und nichts von dem vielfachen Unrat des Kopfputzes
unserer Modedamen stört das lachende Oval des ganzen Köpfchens Zierlich
schwingen sich die schmalen dunklen Augenbrauen über das weite lachende Auge
hin eine leicht gebogene Nase deutet auf fröhlichen Unternehmungsgeist ein
kleiner Mund mit schmalen Lippen auf verschwiegene Lust das ganze
zurückgeworfene Köpfchen das sich auf einem länglichen schneeweißen Halse
wiegt auf Übermut Die blendenden Schultern sind harmonisch mit dem Bau der
Hüfte so überraschend schön nach dem Arme geschweift dass der Blick in
unbeschreiblicher Lust heruntergleitet zu dem vollen Händchen der
rosenfingerigen Eos
    Dies ist Rosa Ich hoffe Klauren malt sie Dir nicht deutlicher
    Sie wohnt drei Treppen hoch einfach aber niedlich Eine alte Frau die sie
ihre Pflegemutter nennt wohnt in einem kleinen Zimmer neben ihr  sie war nicht
zu Hause als wir aus dem Theater ankamen und ist mir jetzt schon sehr im Wege
solche alte Weiber sind bei Liebeshändeln die fatalste Grammatik das auswendig
zu lernende Vokabelbuch ohne das man nicht zur ruhigen Lektüre des Poeten
kommt der in einer uns noch fremden Sprache geschrieben Das ist ein Gucken und
Schnüffeln und Fragen  der Mantel wird gestrichen um aus der Qualität des
Tuches Schlüsse auf die Qualität des Besitzers zu ziehen nach der Uhr wird
gelugt ob sie von Gold oder Silber das Taschentuch wird beäugelt ob es von
doppelter oder einfacher Seide ist  diese alten Weiber sind die Zollbeamten in
den Liebesstaaten und Zölle habe ich nie leiden mögen Ich stehe mit dieser
auch schon auf einem ärgerlichen Fuße
    Darin ist doch nur die Jugend liebenswürdig sie kennt den Umfang ihrer
Kräfte also auch ihr Ende noch nicht und fragt darum nie wie weit oder kurz
der Weg es steht ihr noch alles offen darum nimmt sie jeden Nahenden nur als
einen kleinen Teil des Alls und fragt und forscht nicht ängstlich nach ihm 
sie rechnet nicht weil sie ungekünstelt und das Rechnen die größte Künstelei
ist  sie schiebt die Summe der Teilnahme welche man ihr schenkt ungezählt in
die Tasche weil sie noch unzählige Summen erwartet Ein alter Drache aber
besieht jeden Pfennig weil er berechnen kann wieviel ihm noch abfallen werden
Das hat mich am meisten für Rosa gewonnen dass sie sich um mein Aushängeschild
gar nicht bekümmerte Das ist die Poesie des Liebens dass sie hundert Augen für
den Liebenden und nicht einen Blick für den Bürger hat Man redet sichs
wenigstens vor und weil man Täuschung sucht findet man sie es ist ja all dies
Liebeswesen nur ein künstlich Gestell ein ungeschickter Stoß und es kracht
zusammen  die Leute welche sich selbst und gegenseitig am geschicktesten zu
täuschen verstehen lieben am glücklichsten Rosa konnte an Deinem
wohlgebildeten und wie immer sehr elegant ausstaffierten Sir John leicht
erkennen dass er eine respektable Stelle in der bürgerlichen Gesellschaft
einnehme  aber es freute mich doch dass sie nicht fragte
    Die kleine Bajadere bereitete auf das zierlichste Tee und ich improvisierte
ihr unterdes das Sujet eines phantastischen Balletts Sie lachte und klatschte
mitunter in die Hände dazu machte rasch eine Pantomime meines Balletts und
setzte sich endlich behaglich zu mir aufs Sofa sah mir lächelnd in die Augen
schlürfte Tee und versicherte mich dass ich recht hübsch zu schwätzen wisse Ich
nahm ihre Hand und küsste sie und behielt sie und betrachtete mit Wonne den
schönen weißen Arm den sie im leichten Gewande bis dicht an die Schulter
aufgeschürzt trug Sie ließ mich einen Augenblick gewähren dann zog sie die
Hand zurück ward still sah mich sinnend an lächelte endlich in sich hinein
und nickte mit dem Köpfchen  ich fragte  
    Genug für heut morgen mehr
 
                           3 Konstantin an Hippolyt
Ich habe sehr schöne Gedanken und Reflexionen im Kopfe aber ich weiß ja was Du
dazu sagst wenn man sie zwischen Handeln und Tat spreut »Handle lebe«
pflegtest Du zu sagen  »von den sieben Weisen Griechenlands herunter haben die
Leute philosophiert systematisiert schematisiert und doch nichts gelernt sie
haben alles in Formeln gebracht und darüber die schöne Zeit verloren während
welcher sie glücklich sein konnten Lebe sagtest Du mir beim Abschiede und da
Du ja auch ein Federheld bist schreib mirs wie und was Du lebst aber ohne
Beisatz Beigeschmack und Brimborium schick mir das nackte Leben und ich werd
mirs schon selbst ankleiden«
    Nun denn  Rosa gehört zu den wunderlichen Geschöpfen welche die ersten
Schritte der Bekanntschaft wie Du gesehen am auffallendsten erleichtern  das
kommt von der Bühne Die dramatischen Dichter machen sich das immer unglaublich
leicht die Personen sehen sich und merken alsobald beide dass sie viel
miteinander zu tun haben müssen sie bombardieren sich ohne weiteres mit
Sentiments und wenn man ihnen nach einer viertelstündigen Bekanntschaft im
ersten Akte viel zu schaffen macht so gehen sie ohne weiteres im zweiten Akte
miteinander durch  Pässe brauchen sie nie und Geld findet sich immer Ich
lasse mir das im höheren Schauspiele gefallen wo die modernen bürgerlichen
Verhältnisse in ihrer Kleinheit verschwinden vor der künstlerischen Höhe der
Gedanken und Gefühle aber im Lustspiele bleibts doch immer sehr drollig Darum
bin ich noch immer der Meinung nur ein Mann von Welt wisse ein feines modernes
Lustspiel zu schreiben Es müsste denn wie in Williams Lustspiele das bunte Zelt
phantastischer Poesis zum Ort der Handlung aufgeschlagen werden
    Rosa fand unsere schnelle Bekanntschaft ganz in der Ordnung alle die
kleinen Nebenwege der gewöhnlichen Liebschaften sind ihr durch die Bühne
abgeschlossen worden sie fängt auf dem Punkte an wo andere Mädchen nach
mannigfachen telegraphischen Depeschen verhüllten Andeutungen Pfänderspielen
gegenseitigen Träumen schüchternen Worten geflügelten Sonetten Notenaustausch
usw anlangen Ich gestehe das ist Mangel eines romantischen Reizes das ist
selbst mir zu modern obwohl sehr bequem Auf jenem Punkte bleibt sie nun aber
stehen das ist ein Missverhältnis in den einzelnen Teilen reizt mich zwar ein
wenig ist mir aber unbehaglich
    Man läuft gern lang nach einer goldenen Frucht aber am Baume angekommen
streckt man nicht gern die Hand tagelang aus
    Sie duldet meinen Kuss auf den Arm auf die Schulter aber wenn ich sie
umfasse und auf den Mund küssen will so hält sie mir den Mund zu und wehrt mich
entschieden ab Das würde mir bald langweilig werden wäre sie nicht gar so
hübsch
    Die alte Pflegemutter hatte zu Muhmen und Basen geschwatzt ich wolle Rosa
heiraten  meinen Namen hatte sie schon am andern Tage erfahren  das hat sich
bald verbreitet und heute fragt mich meine Schwester danach Das ist mir sehr
fatal und verleidet mir die Sache Das Ganze wird dadurch so platt bürgerlich
Was einem das dumme Volk das Leben erschwert Das Märchen konnte so duftig
einsam abgesungen werden wie in einem dunkeln Kiosk im Morgenlande Ich werde
an Rosa schreiben und versuchen der Sache einen andern Schwung eine andere
Wendung zu geben
    Ade
 
                            4 Valerius an William
                                              Breslau am Himmelfahrtstage 1830
Ich hätte früher an Dich geschrieben Freund wär ich nicht gar zu sehr
beschäftigt gewesen ich würde Dir mehr schreiben wäre ichs nicht noch Womit
aber frägst Du barsch Mit mir selbst Später ein paar Worte darüber jetzt zu
der Besorgnis die mich in diesem Augenblicke drängt Ich habe eben von
Konstantins Schwester einen Brief erhalten worin sie mich beschwört alles
aufzubieten um den Aufenthalt ihres Bruders zu entdecken der seit mehreren
Tagen verschwunden ist Man hat seine Abwesenheit während der ersten Nacht und
des nächsten Tages unbeachtet gelassen da dergleichen  Du hast ja oft genug
dagegen gescholten  zuweilen bei ihm vorkam namentlich wenn er mit Hippolyt
den Shakespeare paraphrasierte Nach der zweiten Nacht hat man suchen lassen 
umsonst Man hat zu Rosa geschickt  dies ist eine junge schöne Dame mit der er
ein Liebesverhältnis entriert hat  sie hat schnippisch geantwortet man solle
verloren gegangene junge Suitiers nicht bei ihr suchen Des Tags darauf hat das
schnippische Dämchen auch gefehlt und das Repertoir in Unordnung gebracht Ihre
Pflegemutter die Gott weiß ob unterrichtet oder nicht zurückgeblieben ist
heulend und weinend zu Konstantins Schwester gekommen Diese Frau Marta denn
so scheint sie mir auszusehen hat auf Berlin gedeutet  Du hast ja lebhafte
Verbindungen dahin tu doch rasch alles mögliche um mir Klarheit für die arme
Schwester zu verschaffen Du begreifst dass ich in meiner einsamen Wohnung fern
vom Getümmel des Stadtverkehrs mürrisch mit den bleichen Worten der Theologen
redend und in tiefschattigen Schmerzen vergangener Herrlichkeit herumwandelnd
weniger geeignet bin einen Flüchtling zu entdecken Doch möchte ich so gern die
Schwester beruhigen Es ist so hart vom schlimmen Konstantin ein so weiches
Herz mit rauen Händen anzufassen Er hat sie so oft verletzt durch seine
abscheuliche Opposition gegen die Gesetze des Herkömmlichen die seinem barocken
Sinn nicht behagen Dennoch liebt sie ihn mit einer Fürsorge warm wie
Maiensonne O das Herz des Weibes ist reicher denn alle Welt welche
hineingeht denn es liebt mit dieser Welt noch eine andere  die besten von uns
lieben kaum etwas von dieser
    Gehab Dich wohl und antworte
    Hippolyt tritt eben ein hört stumm und lächelnd die Geschichte an und lässt
Konstantin ersuchen wenn ihn Deine Kundschafter finden ihm von Berlin ein
Exemplar der Lusiade zu besorgen weil er hier keins auffinde Übrigens meinte
er sei es unnütz den Konstantin zu beunruhigen  man solle die Schwester durch
irgend eine Nachricht zufriedenstellen und jenen ungestört lassen bis er sich
selbst melde
    Tu aber nur wie ich Dich gebeten
                              William an Valerius
            Freund
    Ich habe der verdrießlichen Geschichte halber nach Berlin geschrieben und
denke Dir bald Bescheid geben zu können Ich mische mich übrigens sehr ungern in
derlei Skandal und nur die alten Freundschaftsverhältnisse aus unserm
poetischen Vereine bewogen mich der Polizei ins Handwerk zu greifen Das sind
die Folgen jener grauenhaften Lebensansichten denen Du selbst nicht ganz fremd
bist Was ist Euer Bodensatz Die empörendste Eigenliebe Das Ich allein soll
sich auf jede Weise wohl befinden mag nun um Euch herum alles darüber zugrunde
gehen Es ist die unchristlichste Subjektivität die nur ersonnen werden konnte
und dabei wollen sich einige von Euch noch in die Mitte der demokratischen
Zeitbewegung stellen wollen sie loben und führen Heißt das nicht den Bock zum
Gärtner setzen Das Wesen dieser demokratischen Richtung ist Allgemeinheit
Zurückdrängen des individuellen Interesses um das der Gesamtheit auf den Thron
zu setzen Gebärdet Ihr Euch nicht wie kleine Despoten wenigstens Autokraten
die sich eben nur selbst Gesetz sind die all ihren Launen den Zügel schießen
lassen
    Und unsern Vereinigungspunkt die Poesie anlangend was hat uns da diese
Richtung gebracht Eine schamlose Enthüllung des eigenen Körpers mit dem die
Poeten feilen Dirnen gleich kokettieren Sie haben keinen andern Mittelpunkt
mehr als das persönliche meist materielle Vergnügen und je nachdem das nun
groß oder klein oder gar nicht da ist wird das Gedicht frivol oder abgeschmackt
oder gottlos Sie haben sich selbst auf den Thron des Höchsten gesetzt darum
haben sie eine so arme Welt eine so jämmerliche Regierung derselben einen so
sündhaften schwachen Gott Mit wieviel Heineschen Gedichten könnte ich Dir das
belegen und wie klar liegt der Ursprung alles dessen vor Augen
    Unfähig sich durch großartige Zusammendrängung der neu entdeckten Gefühle
und Gedankenkreise auszuzeichnen etwas die allgemeine Aufmerksamkeit
Überwältigendes zu liefern aber doch gedrängt und gestachelt durch weibische
Eitelkeit entüllten sie wie jener Mann in der Bibel die eigene Scham brachten
sie die ganze Rumpelkammer der früheren Poesie die Hobelspäne der früheren
Werke hervor putzten sie mit modernen Kleidern auf und gaben sie hin für
Gedichte Die faule Welt die soviel Soziales zu tun hatte dass ihr keine Zeit
blieb für die Räume des besten inneren Menschen nahm die Wechselbälge
wohlgefällig hin weil sie in ihrer bunten Tracht nur eines flüchtigen Blicks
bedurften und kein sorgfältiges Beschauen keine Zeit keine Tätigkeit in
Anspruch nahmen Das einmal Gebilligte war Regel geworden und nächstens erwarte
ich das Unanständigste weil die heutige Welt doch erst auf der Spitze des
Berges umkehren wird Es ist wie mit dem Verdauungsprozess  das ist ein Bild aus
Eurer Schule  der kranke Magen fördert die halbrohen Speisen weiter der
gesunde zerteilt zerlegt sie bis in die kleinsten Atome Eure Poeten packen die
Situation schleudern sie durch einige Verse und das Gedicht ist fertig der
wahre Poet läutert sie bis in die geheimsten Motive und das Geistige daraus
gibt er wieder in Tönen Der wahre Poet fühlt die Situation durch bis an die
Spitzen der Wurzeln und sein Gefühl davon ist die Poesie  der Eure flattert mit
seinen Blicken durch das Laub und was er gesehen ist sein Gedicht Es ist eine
traurige Oberfläche und ich weiß nicht wo das hinaus soll wenn die Opposition
nicht lebhafter wird
    Das Gedicht muss aus der Knospe des innersten Menschen brechen Ihr pflückt
es von den blinzenden Augenwimpern dem zuckenden Munde Was soll man zu diesen
kleinen Darstellungen Heines sagen die Du so verehrest wo nichts beschrieben
wird als ein Knabe der im Kahne angelt und dazu pfeift wo ein Mädchen im
Lehnstuhl sitzt und schläft Das ist ein Buhlen mit fremden Künsten das gehört
der Malerei und ins Gebiet der Fläche die Poesie hat aber mehr Dimensionen und
die Höhe und Tiefe ist ihr Wesentliches
    Ich entferne mich immer mehr von Euch  ich weiß nicht was Euch halten
soll wenn Eure physische Spannkraft Euch verlässt Ihr besteht ja doch nur wie
künstliche Maschinen wenn Eure künstliche Tätigkeit aufhört so fallt Ihr
zusammen Ihr seid isoliert von der Verbindungsstange der höheren Elektrizität
Ihr seid ohne Bezug zur Gottheit  eine Krankheit die Eure geringe geistige
Kommunikation mit ihr aufhebt weil sie Eure geistige Tätigkeit aufhebt wirft
Euch zu den Tieren Meine Religion ist die unzertrennbare Einigung mit dem
Höchsten sie besteht wie die Atmosphäre auch wenn ich selbst unfähig bin die
geistigen Anknüpfungspunkte festzuhalten Was soll ich zu Deinem theologischen
Treiben sagen das unsere Urkunden und die Worte der alten Glaubenshelden nur
mit dem zersetzenden kritischen Auge ansieht und fertig zu sein hofft wenn
alles in Wasser aufgelöst ist Ich bedaure Euch und gäbe viel darum wärt Ihr
anders Ade 
                                  Nachschrift
    Eben erhalte ich Briefe von Berlin Konstantin ist dort angekommen hat ein
Logis von mehreren Gemächern gemietet ist wieder abgereist und hat seine
Rückkehr mit einer Dame angekündigt Die Adresse findest Du beigelegt erlasse
mir die Erforschung des Details dieser skandalösen Geschichte Leb wohl
                              Valerius an William
Dass Du nicht in der Nähe des Walter Scott gelebt als er seine »Schwärmer«
schrieb bedaure ich lebhaft Du hättest ihm ja das beste Bild eines
hartnäckigen und hartmäuligen Presbyterianers gegeben O über Euch schlimmen
Menschen Weil Ihr nun einen Käfig zusammengesetzt in dem Ihr Euch
wohlbefindet verlangt Ihr denn nun ungezogen tyrannisch es solle alle Welt in
diesen Käfig kriechen Ihr habt Eurem innern und äußern Menschen ein Kleid
zugeschnitten und alle Welt soll nun hineinkriechen es mag ihr zu eng oder zu
weit sein Erinnere Dich Freund dass ich Dich nie Deines Systems halber
getadelt habe wenn auch das System nicht das meine ist  ich bin ein Mann der
Freiheit und sitze zur Seite ihres holden Töchterleins mit den lieben klaren
Augen der Toleranz Du sprichst aber despotische Worte und klagst doch
wunderlich genug uns Leute der leichteren Moral des Despotismus an
    Du berufst Dich zuerst auf die demokratische Tendenz unserer Zeit der wir
huldigen und verlangst Zurückdrängen des einzelnen damit die Allgemeinheit
gedeihe Das hat seine vollkommene Richtigkeit und es ist niemand so sehr dafür
als ich  ich hasse wie Du den Egoismus des Staates in Bevorzugung einzelner
Aber Freund Du siehst die Sache schielend an und das Endziel aller
Bestrebungen  die Freiheit  entgeht Dir Die einzelnen sollen nicht bevorzugt
aber jeder einzelne soll frei werden Damit dies nun aber auf eine der
Allgemeinheit erspriessliche Weise geschehe predigen wir als höchste Blüte der
Bildung Abstreifen jeder Art von Egoismus Humanität Das sind nicht
Gegensätze wie Du zeichnest sondern Stufen
    Die Freiheit widerspricht aber jede Art von Formel sie betreffe Moral oder
sonst etwas  erreichten wir selbst durch solche Formeln das allgemeine Wohl so
bezahlten wir dies doch mit dem allgemeinen Wohl dh mit dem Wohle der
einzelnen die von außen her nur gezwungen lebten und nur in trostloser
Gleichgewichtsteorie den allgemeinen Fall vermieden So werden die Menschen
beklagenswerte Negationen und die Haupttugend wird wie in manchem
melancholischen Christentume die Unterlassung die Demut Es ist aber ein
größeres Ziel unserer Richtung die Menschen selbständig zu veredeln und die
Veredelten Selbsterrscher werden zu lassen  Die Millionen Selbsterrscher
sind das äußerste Ziel der Zivilisation Dieses Ende verschließt Deine
Autoritätsteorie für immer Dein Schluss muss eine starre Monarchie sein der
meine ist die fröhlichste ungebundenste Allherrschaft wo jede Individualität
gilt weil jede in sich gesetzmässig ist und in ihrer Veredlung das neben ihr
wandelnde Gesetz nicht stört Zu diesem Ziele ist das Zurückdrängen des
Individuums Weg  bei Dir aber leider Endpunkt Darum tadle auch ich es wenn
Konstantin jetzt wo die große Epoche des Demokratismus erst beginnt ihre
Vollendung für sich antizipiert und nur sein persönliches Wohlsein im Auge
habend Unheil anrichtet Er betrügt seine Umgebungen die noch auf einer
tieferen Stufe der Entwicklung stehen und in anderer Münze Zahlung erwarten als
er gewähren will
    Unsere Ansichten verhalten sich zueinander wie zur Vereinigung
zusammenlaufende und in endlose Weite auseinandergehende Linien Du willst die
Menschheit zu einer willenlosen Masse zu einem Punkte zusammendrängen ich will
sie aus dem engen Raume der Formel ausbreiten in das unendliche Gebiet des
unermessenen inneren Menschen Darum bist Du Monarchist ich Republikaner und
mehr denn dies
    Ich weiß dass tausend solche Opfer wie Konstantin eins vorbereitet fallen
müssen eh der Tag siegreich alles erhellt in der unsicheren Beleuchtung des
dämmernden Morgens stolpern die meisten  aber ich weiß auch dass dieser
einleitende Nachteil Eurer großen Sklaverei vorzuziehen ist welche den Menschen
der Menschheit opfert Mir ist der Staat des einzelnen wegen da Dir der
einzelne des Staates wegen Darin ruht der große Unterschied Ich opfere
einzelne für den künftigen allgemeinen Gewinn Du opferst alle für eine
regelmäßige Maschine Das Individuum soll allerdings mit seiner Persönlichkeit
zurücktreten um die Allgemeinheit zu fördern aber dies soll das Ergebnis der
Bildung der überzeugten Resignation sein ein Akt der Freiheit und so rettet
das Individuum seine Freiheit durch seine Opfer Das Opfer wird aber von Tage zu
Tage geringer da die Zahl der selbständigen Individuen größer wird und am Ende
keines dem andern mehr in den Weg tritt  so wird endlich der einzelne und die
Allgemeinheit frei Dein einzelner bleibt aber ewig Sklave
    Darum tadle ich es nicht einmal wenn sich das Individuum glänzend geltend
macht ich tadle es nur wenn ein anderes darunter leidet
    Nicht viel anders ist es nun auch mit Deinen Ansichten über die Poesie Sie
ist bei Dir auch nicht viel mehr als die Kunst der abstrakten Formeln Wenn das
Individuum selbständig werden soll so muss es sich erst verschönern geltend
machen Dass nun die neuere Poesie an deren Spitze sich Heine gestellt die
einzelne Figur mit Vorliebe heraushebt und spielend an ihr herumgleitend erst
tändelnd an ihr hinabgleitend mit einem schnellen Sprunge in dem oder jenem
Gedanken sich begräbt  das alles ist Dir ein Greuel Du willst keine Figur
willst nur die aus ihr abgezogene Formel willst Sentenzen Sätze usw Darum
verstehst Du auch die poetische Naturanschauung Heines nicht  es ist eine
streng demokratische er lässt nichts unbeachtet liegen was einmal da ist Ihr
esoterischen Sublimritter habt aber ein gewisses Register poetischer
Gegenstände Es ist alles poetisch oder nichts  es kommt nur auf das Glas an
womit mans betrachtet Euch ist es unerhört dass ein Knabe im Gedicht »angeln
und pfeifen« kann Ihr habt eine prüde Poesie Natürlich könnt Ihr auch die
kleinen poetischen Gemälde nicht verstehen weil Ihr keine Bilder ohne
Unterschrift wollt Konsequent setzt Ihr auch die schönen Uhlandschen Balladen
und Romanzen den breit erklärenden Schillerschen nach Ich tu natürlich das
Gegenteil Dass das Gedicht mitten im Klange aufhören und darum den höchsten Wert
haben könne wenn es auf eine schöne Weise die Saiten des Lesers tönend
angeschlagen habe begreift Ihr nicht Wie es bebt und rauscht und klingt
nachdem Ihr das Gedicht zu Ende gelesen und seinen Flügelschlägen nachlauscht 
das ist Euch zu unbefriedigend Ihr wollt die Flügel so lange sehen bis sie am
Boden liegen Ihr seid Philister Alles Ende ist prosaisch  ein Gedicht dessen
Schluss den Raum des Gedichts offen lässt entfaltet die meiste Poesie Ihr
platten Leute wollt eine tranchierende Sentenz am Ende damit Eurem ängstlichen
Gewissen geholfen werde sonst werdet Ihr unruhig unbehaglich weil Ihr die
peinliche Abgeschlossenheit liebt Geht geht Ihr seid Rechenexempel
    Von Konstantin hab ich Nachricht will Dich aber nicht damit behelligen
 
                            5 Leopold an Valerius
Kupido schreibt seinem lieben Zuverlässigen Ich sehe Dich lächeln Du ernster
Gesell denn Du vermutest sogleich ein Anliegen ein Geschäft sonst  meinst Du
 kommt der Schmetterling nicht zum Schreiben Ich werde Dich nächstens hassen
weil Du mir gegenüber immer recht hast Du bist wirklich ein fataler Mensch mit
Deiner Ruhe wärst Du wenigstens ein Pedant wie William so könnte man doch über
Dich lachen aber so wie Du bist bist Du doch eigentlich gar nicht amüsant
    Da ich einmal schreibe so könnte es sich begeben dass ich im Schusse die
eigentliche Veranlassung vergässe  lächle nicht wieder lieber Valerius ich
bitte Dich es ist mir unbequem  ich will also gleich damit anfangen Ich wohne
hier auf einer reizenden Villa bei äußerst lieben Leuten der Graf Topf ist
zwar wie Dus nennst ein eingefleischter Aristokrat indessen weißt Du dass
mich das wenig kümmert er ist ein poetisches Gemüt Wäre es nicht Dir
gegenüber so würde ich sagen das sei mehr wert als alles andere Still doch 
ich hab es ja nicht gesagt hinweg mit der Stirnrunzel Ein klein wenig
Eitelkeit  mein Gott wer ist nicht eitel  mag wohl auch teil dabei haben er
spielt gern den Mäcen und da ich ihm von unserm poetischen Vereine erzählte so
besteht er darauf die Mitglieder alle hier auf seinem Schloss zu sehen und zu
bewirten Ich habe Dich kühlen Mann als einziges wahrscheinliches Hindernis
genannt deshalb tat er das Unerhörte und schrieb eine verbindliche Einladung an
Dich Du hältst sie als rosenfarbene Beilage meines Briefes in der Hand Sei
freundlich teile die Aufforderung den andern mit und kommt her in das Reich
der Düfte und Töne der süßeste Rausch wird über Euch kommen ich lebe wie ein
kleiner Liebesgott und habe Euren Beinamen nie besser verdient Ich wiege mich
von einer Seite der klingenden Tiekschen Gedichte auf die andere ich schwebe
auf Akkorden ich bin wie entpuppt und säusle wie Psyche körperlos durch die
Lüfte Mein ganzes Wesen ist der liebenswürdigste Argus mit hundert Augen für
eitel Schönheit der alte kleine Leopold begegnet mir nur zuweilen und
überrascht mich wie ein wiedergefundener Bekannter ich bin durch und durch ein
neuer Gedanke von Glück und Liebe
     Wie Du sanft lächelst ob meiner Überschwenglichkeit nicht wie ein
Mephisto aber wie ein Weiser der kühlen Stoa  sieh das macht Dich mir so
liebenswert dass ich immer wieder meine heiße Brust an Dein kühles Haupt lege
Du gewährst ja der Persönlichkeit ihr Recht Ich lasse mich nur von Dir gern
schelten William dagegen erbittert mich
    Nun horch was mich hier so unsäglich beglückt Der Graf hat eine Tochter
Alberta schön wie Diana spröde wie Diana göttlich wie Diana  jeder Gedanke
in mir liebt sie und jeder Gedanke an sie ist Poesie Ihr Kopf ist der einer
Madonna die ihre Verklärung ahnt die noch nicht geliebt hat aber auf den
Lippen auf den Augenwimpern die schalkhaften Liebesgötter hebt und wiegt die
ihr zuflüstern dass sie unendlich lieben werde Der Ausdruck ihrer Züge ist ein
seliges träumerisches Aufwachen ihr wie ein Blumenkelch sich aufschliessendes
Ganze lispelt zauberisch Ich fühls ich werde lieben Wie über der Blume
schimmert der Tau der Sehnsucht der frische Morgen  ach es ist ein
unbeschreiblich liebes Mädchenbild und ich muss mir die Augen zuhalten um
ungestört mit ihr kosen zu können Sie ist fein aber rund und voll gewachsen
Trotz ihrer sonstigen Sanftmut trägt sie den Kopf keck und stolz und geht in
einer sehr vornehmen Haltung einher Ihr Haar ist rabenschwarz sie trägt es
glatt und ungelockt meist verhüllt durch eine Art leichten Turbans den sie mit
großer Geschicklichkeit zu drapieren weiß so dass er wie ein keckes Bürschchen
herunterschaut Die Stirn ist schön wie ein Marmortempel die Augen  ach wenn
ich Dir sagen könnte was es mit diesen Augen mit diesen lispelnden Mundwinkeln
für eine Beschaffenheit hätte In den Augen und auf dem Munde ruht jene
Sehnsucht des betauten Blumenkelchs Das Auge ist groß und schwarz aber nicht
stechend schwarz nein weich wie Samt und Seide weich wie die Nachtluft im
heißen Sommer glänzend wie ein dunkler Wasserspiegel der in ungestörter Ruhe
zwischen den hohen Bergen Tirols lagert In seinen Tiefen glaubt man
bezauberndes Glockengeläut zu hören Städte von fabelhafter Pracht und
Herrlichkeit liegen zu sehen Albertas Auge ist das Märchen von tausend und
einer Nacht und die langen dunkeln Wimpern beschatten es wie die träumerische
Palme Arabiens zur Zeit der Dämmerung fein und schlank fast unmerklich gebogen
ist die Nase aber die zarten Flügel zittern mitunter wie Lotosblätter die
Brahmas Odem durchbebt und dann hebt sich so herausfordernd der kleine Mund mit
seinen vollen Lippen und um seine spielenden Winkel hüpfen kleine üppige
Tänzerinnen Sie geht immer schneeweiß gekleidet  Himmel da kommt sie mit
ihrer Freundin Kamilla ich schreibe im Pavillon kann nicht entrinnen und
Kamillens zügelloser Neugier könnt es leicht einfallen mir meinen Brief
wegzunehmen ich will  
                                                                         Später
Wie ich befürchtete geschahs Eh ich meine Schreiberei verbergen konnte
waren sie bei mir »Was schreiben Sie« »Den Einladungsbrief an Valerius«
schütte ich in meiner dummen Bestürzteit heraus  »Sonst nichts« Und nun half
kein Sträuben Die leichtsinnige Kamilla bemächtigte sich des Briefes und las
ihn in Albertas Gegenwart vor Ich war einen Augenblick in großer Verlegenheit
indes Du kennst mich ja und hast diese Art meiner Dreistigkeit oft besprochen
ich fasste mich schnell die Schönheit der Zauber des Gegenstandes entflammte
mich ich las den Brief selbst zu Ende Mit dem Erfolge hab ich indes sehr
wenig Ursache zufrieden zu sein die törichte Kamilla trieb nichts als Spott mit
meinen sehr ernstaften Dingen und Alberta  ja Alberta sah so wunderlich
drein dass ich gar nicht aus ihr klug geworden bin Ach Valerius wo ist das
Tor das zu diesem Paradiese führt Ich flattere an dem Gitterwerk herum und
nasche wie Dus nennst von den herüberhangenden Zweigen und träume im bloßen
Anblick taumelnd umher  wär ich ein anderer so wär ich unglücklich da ich
aber Ich bin so bin ich trotzdem munter und bis Ihr auf Grünschloss des Grafen
Gute eingetroffen hab ich alle Belagerungskunst erschöpft und empfange Euch
als Herr und Meister der Festung Die prosaische Kamilla ist mir sehr im Wege
sie besprüht meine Raketen stets mit kaltem spöttischen Wasser und scheint doch
neben diesem fatal platten Wesen eine Innigkeit zu besitzen mit der sie
Alberten unauflöslich fesselt und die ich durchaus nicht verstehe für die mir
der Zugang zu fehlen scheint Sie ist nicht schön aber hübsch und
bewundernswert gewachsen Ich glaube sie wird Dir behagen
    Eben erhalte ich zwei Briefe von zwei früheren Geliebten die in dem
goldenen Wahne sind ich hätte seit der Zeit meiner Abreise von ihnen nichts zu
lieben gehabt als sie ich hätte ins Tränentüchlein geseufzt Ich bin nur ein
Siegwart des Augenblicks ich liebe das Leben und nicht den Tod Ferne und
Vergangenheit sind aber Tod Ich werde zwei Briefe an Alberten schreiben und sie
den beiden guten Kindern schicken ich hoffe sie werden zufrieden sein
    Meine Poesie fließt lustig ich singe Tag und Nacht wie der Vogel und in
der Musik bade ich mich wie ein sommerheisser Schwan Komm zu uns komm und hilf
uns glücklich sein  der Himmel ist blau die Welt ist schön man kann so
unendlich viel lieben
 
                           6 Konstantin an Valerius
                                                        Berlin den 2 Mai 1830
Was hilft das Klagen
Was soll das Zagen
Nur keckes Wagen
Macht uns gesund
    Ich bin da sie ist auch da  das weißt Du aus meinem letzten Billett  aber
ich bin noch nicht da wo ich sein möchte Mit aller Kraft meiner Suada bewog
ich Rosa sich hieher entführen zu lassen Ich weiß selbst nicht warum sies
eigentlich tat denn ihre Neigung zu mir scheint nicht eben groß zu sein ich
glaube sie wollte die alte Marta los werden und die Welt sehen Ich hatte uns
hier eine angenehme Wohnung gemietet warm und bequem wie römische Termen sie
schlug es bestimmt aus mit mir zu wohnen sie affektiert noch viel von Ruf und
dergleichen schwache Weiber klammern sich an den Ruf wie Greise an den Stock 
jedes Kind schlägt ihn weg Ich musste vorausreisen und als ich ihr dann von
hier aus entgegenfuhr durft ich sie nur einige Stationen begleiten sie wollte
allein hier ankommen hat sich in einem ganz anderen Stadtviertel eingemietet
und bewirbt sich um ein Engagement an der Bühne Sie ist freundlich
liebenswürdig gut lieb gegen mich aber ich komme nicht von der Stelle es ist
lächerlich ich habe ihr erst einige Küsse gestohlen aber noch nicht einen
erhalten Es ist eine großartige Koketterie wenn es eine ist
    Apoll senkt sein Gespann zum Schatten eines süßen Maiabends ich habe
mehrere Tage mit Rosa geschmollt jetzt will ich zu ihr gehen und küsst sie mich
heut nicht so küsst sie mich nie
Lustig ists im Monat Mai
Weil sich die Erde kleidet neu
Lustig ists dann in Walladmors Haus
Weil die bösen Geister weichen hinaus
                                                                     Den 3 Mai
Der Teufel hole den Mai Wer gut erzählen will muss Hindernisse bringen  der
Teufel hole die guten Erzählungen Rosa war nicht zu Hause oder was noch
schlimmer wäre ließ sich verleugnen Ein Gardeoffizier ging in weiter
Entfernung vor mir her und in das Haus hinein ein Gardeoffizier machte seiner
Lorgnette meiner Rosa und mir neulich im Theater viel zu schaffen ein
Gardeoffizier folgte uns beim Nachhausegehen wie ein Schatten  der Teufel hole
die Gardeoffiziere Rosa das kokette Mädchen gestattet meine Begleitung stets
nur bis an die Haustür der Aff meint es schicke sich nicht so spät noch
Besuche anzunehmen wenn man allein wohne  ach ich bin so bös die Geschichte
ist so garstig verfahren und das dumme Zeug bringt mich so aus dem
Gleichgewicht und verdient doch so wenig Aufmerksamkeit Ich werde ganz bös
werden und morgen mich hinter die Bücher setzen und die Wirtschaft ganz liegen
lassen Wahrhaftig das werd ich  Ob sie wirklich so schnell hätte intrigieren
können Valer was meinst Du Du kennst ja die Weiber ist ihr
Teilnahmsgedächtnis wirklich solch Entengedärm 
 
                           7 Valerius an Konstantin
                                                        Grünschloss Anfang Juni
Du wirst Dich wundern wie ich aus meiner stillen Zelle plötzlich hieher
gekommen bin was mit mir vorgegangen ist Ich gestehe Dir dass mich die letzten
Tage etwas übereilt und verwirrt haben ihre Bewegung hat an meinem ruhigen
Gleichgewichte gerüttelt es ist mir Erholung Bedürfnis mich ausführlich
auszusprechen mich selbst aufs Reine zu bringen Wie einen ungeübten
Novellenschreiber beunruhigt mich der Faktenstoff der in der Hand herumspringt
und Ort und Stelle und Ordnung erheischt Wirst Du aber auch Zeit dazu haben
mein lieber Freund Du hast einen leichten Roman angesponnen und hast Dir die
Kraft zugetraut Held und Dichter und Publikum zugleich zu sein Du hast
versucht Dir einen kleinen Freudenplaneten zu schaffen in ihm zu genießen und
von außen her ihn zu bewegen zu regieren Nach Deinem letzten Briefe ist Dir
der Zepter schon klirrend an den Boden gefallen der falsche griechische Kaiser
hat nur seinen Ornat noch behalten aber das Ansehen und die Macht verloren
Dichter und Publikum sind lachend davongegangen und der Held des Romans der
Passive steht in den Mantel gehüllt tief in der Nacht vor des Mädchens Haus und
schaut grollend und sehnsüchtig nach den Fenstern Ja Freund die Neigungen des
Menschen sehen immer anfänglich wie kleine harmlose Mädchen aus bei denen man
einen Augenblick scherzend stehen bleibt mit denen man spielt und unter den
Spielen wachsen sie wunderbar schnell in die Höhe und sie werden wunderbar
schön und das kleine Händchen ist eine weiche warme Hand geworden die uns mit
wunderbarem Zauber festhält Dies geisterartige Wachsen der Neigung hätte etwas
Unheimliches wären nicht eben Blut und Wärme ihre Waffen die da aufreizen
statt abzuschrecken
    Schreibe mir wie es Dir ergeht Ratschläge sind lächerlich es sind
friedliche Landesgesetze für eine eben vom Feinde eroberte Stadt die unter dem
Martialgesetz seufzt  ich gebe Dir keine Du kannst keine brauchen
    Leopold schwärmte seit längerer Zeit hier auf Grünschloss er hat den William
und mich hieher gebracht Ich hielt es für nötig die Vorhänge meiner Einsamkeit
endlich aufzurollen und mich einmal nach der Sonne umzusehen Wie ein bleicher
Mann trat ich hervor aus langer Kerkernacht in die bewegte Erde  was Wunder
dass ich ein wenig bestürzt war Beinahe ein halbes Jahr ist es her dass ich
einsam auf meinem Gartenhause lebte nur Euch sah ich zuweilen bei mir nur der
Abend sah mich manchmal bei Euch sonst hat mich niemand sonst hab ich niemand
gesehen Ihr hattet mich immer nur zurückgezogen gekannt solange wir zusammen
lebten war ich völlig aus dem Getümmel der Welt getreten Ein Unterschied nur
musste Euch auffallen Früher suchtet Ihr mich oft vergebens in meiner Behausung
ich war oft nicht daheim Ob Ihr es wisst wo ich war was mich beschäftigte
weiß ich nicht ich bin Euren Fragen ausgewichen ich habe nie geforscht ob Ihr
geforscht Wahrscheinlich indes ists Dir nicht neu Ich liebte Freund und war
bei ihr die mich wieder liebte Nenn es eine Schwäche oder wie Du willst das
grelle Licht der Öffentlichkeit blendet meine Augen wenn ich sie hineinsenken
kann in das Auge der Liebe All mein Tun gehört der offenen Welt aber meine
Liebe trag ich scheu in den dunkelsten Hain mein Herz erschrickt wenn es
plötzlich vor aller Welt erscheinen soll mit seiner großen Sehnsucht nach einem
Weibe Dazu kam dass es eine glückliche Unglücksliebe war wir liebten uns über
offenen Gräbern wir wussten unseren Todestag und da wollten wir keine Minute
verlieren und die Welt sollte uns mit ihrer Störung keinen Moment rauben O
meine süße Klara wie redlich haben wir mit der Zeit gegeizt Wie oft hab ich
Euch bis ans Tor begleitet wo Ihr nach Eurem Sammelplatze jenem klassisch
gewordenen Kaffeegarten steuertet und wenn Ihr mich drängtet mitzukommen und
ich den Kopf schüttelte und traurig lächelnd von Euch ging um in die Felder
hinauszustreifen da harrte sie meiner schon in jener dichtbewachsenen Laube wo
uns niemand störte da ging ich zu ihr und saß stundenlang zu ihren Füßen Ach
die Welt ging da gemessen und harmonisch es war alles so schön denn ich liebte
kindlich und kindisch wie ein fünfzehnjähriger Knabe Mein demokratisches
Glaubensbekenntnis sagt mir heut dass man besser lieben könne weiter breiter
universeller  ich konnte in jener Laube einsam mit ihr sitzen aber ich konnte
die Welt mitbringen die Welt der Ideen Ich glaube es auch ich würde heut
reicher lieben Aber damals war die Welt so arm sie hatte noch keine Ideen ich
wusste wenigstens nichts davon und meine modrige Wissenschaft passte nicht dazu
Auf ihrem Schoße schrieb ich jene Lieder die ich Euch im Vereine las und weil
wir im täglichen Abschiednehmen lebten so waren sie im höchsten Glück so
tragisch ein schlagendes Herz mitten durchschossen vom tödlichen Pfeil Klaras
Schicksal war unwiderruflich bestimmt und entschieden durch ihren Vater Wie
einen Gott liebte sie diesen Vater sie wollte für mich sterben aber nie mein
Glück mit ihr in feindlicher Opposition gegen diesen Vater durchsetzen Jeder
Versuch das Geschick zu wenden scheiterte an ihrer eisernen Festigkeit Es hat
mich diese Festigkeit viel Schmerz gekostet Ich sah sie vernichtet
zusammenbrechen als diese vorgeschriebene Bestimmung erfüllt werden musste ich
sah sie zerbrochen und leblos vor mir  aber nicht das leiseste Wort eines
Änderungsversuchs ist je über ihre Lippen gekommen
    Der Zufall hatte mich mit ihr zusammengeführt sie fürchtete sich anfänglich
vor mir Ich war bestürzt über ihre Anmut es war eine rührende Schönheit die
meinen ganzen Menschen erweichte Ich sah sie eine Woche lang täglich und wir
wussten beide nicht was wir wollten Ihre Furcht hatte bald dem Extreme einem
grenzenlosen Vertrauen Platz gemacht und  an einem melancholischen Abende
hing sie mir plötzlich weinend am Halse und auch ich weinte Tränen der Liebe
Wir haben überhaupt viel miteinander geweint aber uns geliebt wie die Engel
Aber Weib war sie durch und durch zu einer Art von männlichem Kosmopolitismus
in der Liebe habe ich sie nie bewegen können sie wehrte mich hastig mit den
Händen ab sie hielt mir den Mund zu sie schlug mich wenn ich ihr sagte die
Liebe sei etwas Größeres als die Neigung zu dieser oder jener einzelnen Person
man könne der Liebe treu sein während man der Geliebten untreu werde Darin war
sie einseitig und leidenschaftlich Und damit hat sie mich gelähmt für mein
ganzes Leben
    Es war eine warme weiche mondhelle Nacht als Ihr einst von mir gingt
Balladen und Lieder küssten sich in mir es war Ball in meinem Herzen und
zauberische Musik trieb Mir alles im Kreise herum Aus dem Fenster sah ich Euch
nach mein ganzer Mensch war liebedurstig wie ein wohltuend ermüdeter Wanderer
ich ging Euch nach bald fand ich mich vor dem Gartenzaun der meiner Liebsten
Haus umgab Der Hofhund kam brüllend herbei meine eines alten Bekannten leise
Schmeichelworte beschwichtigten ihn bald ich stieg über den Zaun Klara hatte
Besuch von ihrem Bruder Von unserem Verhältnisse durfte er nichts ahnen er war
ein leidenschaftlicher Mensch der in Italien geboren und erzogen war entdeckte
er mich bei meinem Vorhaben er schoss mich wie einen Strauchdieb nieder Ich
aber war liebelustig und verachtete alle Rücksichten in den hohen Affekten
kennen wir keine künstlichen bürgerlichen Formen man hütet mit König René
Schafe und reitet mit Hüon nach Bagdad Jener Besuch hatte mich seit mehreren
Tagen von Klara getrennt ich lechzte nach ihrem Auge wie nach Licht  er war
noch da das wusste ich aber ich wusste auch dass Klara wie ein Vogel schlief
der bei dem leisesten Geräusch die Schwingen hebt ich wusste dass ein hoher
breitästiger Kastanienbaum dicht unter ihrem Fenster stand Ich schlüpfte
entschlossen durch die dunkeln Gänge des Gartens dem Hause zu Klaras Fenster
waren offen wahrscheinlich war sie noch wach  aber die Fenster des Bruders
waren hell eines sogar war geöffnet das kleinste Geräusch konnte mich
verraten Du weißt dass ich im Sommer immer leichte Tanzstiefeln trage dies kam
mir zustatten ohne Geräusch kam ich bis an den Stamm des Baumes die alte
Turngeschicklichkeit brachte mich bald hinauf wie staunend sah mir unten der
Hund nach Der Mond schien geisterhaft ich stand im Dunkel der Äste und übersah
mein Terrain Klara lag halb entkleidet auf dem Sofa ihr dunkelbraunes Haar war
zur Hälfte aufgelöst und schmiegte sich schmeichelnd wie ein sehnsüchtiger
Trieb dem man Gewährung gestattet um Hals und Busen ihre weiße Hand und der
schöne zur Hälfte entblößte Arm spielten damit Sie sah träumend vor sich hin 
ich habe nie etwas Reizenderes gesehen Sie trug sonst immer ein weites faltiges
schwarzseidenes oder sammtenes Kleid es schmiegte sich dies zwar liebend an die
schönen Formen aber das warme Leben war immer verhüllt  zum erstenmal sah
ichs entfesselt und eine göttliche Sinnlichkeit die sich mir selbst in ihrem
Arm nie so klar angekündigt kam über mich Ich hätte zu ihr gemusst und hätte es
mich tausend Leben gekostet Wie Kätchen unter dem Hollunderbaum mit dem
Mondschein buhlend lag sie da der kleine Fuß des Schuhes ledig spielte
tändelnd in der Luft der auf den Busen vorgebeugte Kopf trug den Ausdruck einer
glückseligen heimlichen Erwartung Eben wollte ich auf ihren Fensterbogen
treten da öffnete der Bruder dessen Zimmer daneben war und den ich auf und
nieder gehen gesehen hatte den zweiten Fensterflügel und sah in den Mondschein
heraus Ich blieb regungslos stehen der verzweifelte Hund fing an zu knurren
heraufsehend nach Baum und Fenster ich konnte leichtlich dadurch verraten
werden  Klara träumte und tändelte ungestört fort Eine peinliche Minute
verging der Bruder schien nach mir herzusehen ich hielt den Atem an plötzlich
brach ein kleiner Ast auf den ich im Rückzuge mit dem rechten Fuße getreten
war die Grabesstille der Nacht machte ein auffallendes Geräusch daraus der
Bruder fuhr blitzschnell mit dem Kopf aus dem Fenster Klara hob sich ein wenig
in die Höhe und horchte der Hund knurrte lauter ich hielt mich mit dem Arm
fest an einem Ast und wagte nicht eine neue Stütze für meinen rechten Fuß zu
suchen aus Besorgnis neues Geräusch zu machen Der Vetter aller Liebenden
Freund Mond bemerkte zu rechter Zeit meine Not er trat hinter eine Wolke
schwerlich wäre sonst des Bruders unablässigem Hinstarren nach dem Baume meine
leuchtende weiße Hose entgangen Tödliche fünf Minuten schwebte ich so auf der
Folter da gab er endlich die Sache auf warf das Fenster zu und ging in die
Tiefe des Zimmers Ich trat jetzt keck auf den Fensterbogen und sprang behend
ins Zimmer Ein unterdrücktes »Ach« Klaras bedeckte ich vollends mit Küssen
Die furchtsamsten Weiber wenn sie lieben werden nie durch eine Äußerung der
Furcht etwas verraten sie haben den Liebhaber und die Liebe zu immerwährenden
Begleitern bei sich und wenn etwas vorfällt so sehen sie sich immer erst nach
diesen um und horchen was diese dazu sagen Der glühendste Mann liebt mit
Geschäftspausen er vergisst des Tags über wenigstens zehnmal die Geliebte und
erinnert sich hundertmal ihrer Das Weib erinnert sich des geliebten Mannes gar
nicht denn sie hat ihn immerwährend bei sich er ist in ihr und verlässt sie
nie er ist nicht nur ihr Gedanke denn der kann wechseln er ist ihr Denken
ihre Phantasie ja ihr Verstand Klara hatte auch mit mir gedacht Sie schalt
meine Dreistigkeit und küsste mich und war so weich und warm und lieb wie ein
Sonnenstrahl Sie wollte ihr Negligé verbergen und schmiegte sich tiefer in
meine Arme damit ich sie nicht sehen sollte sie war sanft wie ein spielend
Kind sie war wie eine seltene Blume die in schweigsamer Mondnacht ihren vollen
warmen Kelch aufschliesst und Wärme und Sehnsucht haucht in die Nacht hinein sie
war unbeschreiblich liebenswürdig Und doch war sie neben jener Weichheit so
entschlossen stark kühn wie eine Göttin Sie beherrschte mich in jener Nacht
mit allen Waffen Klara zog mich aufs Sofa drängte mir den Kopf nieder in ihren
Schoss und sprach mir dann leise ins Ohr »Valer ich will Dir angehören wenn Du
mir schwörst«  Ich erhob den Kopf und erwiderte leise »Ich schwöre«  »Narr
Bösewicht«  lachte sie  »Du weißt ja nicht was« Und nun gabs ein neues
ausgelassenes Treiben übersprudelnder Wonne wir lachten einander in die Augen
wir küssten den Stern und die Seele darin ich suchte ihr Herz und drückte mein
brennend Gesicht daran wir jubelten wie losgelassene Gefangene Plötzlich
begann sie wieder die vorige Szene ward ernst weinte beugte sich küssend zu
mir bat mich um Verzeihung und beteuerte sie könne nicht anders  »Schwöre
mir Valer nie einer anderen zu gehören schwöre mirs  still Freund ich bin
Dein Dein mit Seele und Leib auch ohne den Schwur  aber Du erfreust Du
erquickst meine Seele durch ihn willst Du«
    Ermiss ob ich wollte ob ichs tat Ich wusste es fast in dem Augenblick dass
ich falsch schwor da ich ganz gewiss wusste Klara werde mir entrissen  ach
Freund die Erinnerung steigt mir in das Herz in die Augen ich drücke den Kopf
in die Hand  ich kann nicht schreiben ich will meine geschlossenen Augen in
die Sofakissen pressen und Seele und Leib dem wirbelnden Gewitter der Erinnerung
hingeben
 
                                                                         Später
Es ist unterdes Abend geworden ich weiß nicht habe ich geschlummert
geschwelgt geweint oder Schmerzen gelitten  ich fühle mich so hoch gehoben
die Welt schwingt sich so tief unter mir es ist die Stimmung einen Thron
auszuschlagen  die Phönixflamme ist uns genommen aber die reinigende
verjüngende Träne ist uns geblieben Draußen ist ein Gewitter drohend und
sprühend vorübergegangen ich habe es donnern gehört ich sehe wie frisch die
Erde ihre tausend Augen aufgeschlossen außen und innen steigt eine Welt frisch
aus dem Bade  die Welt ist schön denn sie wechselt sie ist eine Geliebte die
sich zu verjüngen weiß Ich wohne sehr angenehm Das Schloss lehnt sich an einen
Hügel der zu einer Terrasse abgeplattet ist dahin führt meine offene
Fenstertür So hab ich nicht das lähmende Parterre das umsonst mit den
Schwingen nach Aussicht flattert und nicht die abgesonderte Höhe die umsonst
Bewegung und Ausdehnung sucht Die Terrasse stuft sich zu einem spiegelglatten
Weiher ab über welchen Brücken in Park und Garten führen Ich sitze an der
offenen Tür und sehe durch die offenen Partien in die fernen blauen Berge und in
die durchsichtige in der Abendsonne mit Tränenstäubchen spielende Luft Das
Geräusch der Bewohner kommt selten hieher sie schwärmen vorn unter den
Zitronen und Mandelbäumen die in den breiten Vorhallen des Schlosses stehen
Ich habe mich unwohl melden lassen so denk ich wird mich niemand stören wenn
ich Dir weiter erzähle von meines Lebens größtem Glück und Leid  
    Sie zog mich fort vom Sofa weil sie befürchtete ihr Bruder könne Geräusch
hören ging in ihr Schlafzimmer und setzte sich aufs Bett ich kniete vor ihr
Es war keine platte Sinnlichkeit die Poesie beugte sich lauschend wie ein
rosenrotes Kind zwischen uns der Mond schien in Klaras Gesicht sie sah wie
eine Heilige aus die zurückgekommen ist auf die Erde um ihre törichte
Verhöhnung der Natur lächelnd und küssend abzubüssen Klara küsste einen heißen
Kuss auf mein Auge ihre runden weichen Arme schlossen sich wie elektrische Bande
der Seligkeit um meinen Nacken eine glühende Träne fiel auf mein Angesicht 
»Valer unaussprechlich geliebter Mann willst Du mein sein für Zeit und
Ewigkeit mein und nur mein dass nie ein Lichtstrahl zwischen unsere Herzen sich
dränge dass ich fern von Dir«  sie drückte ihr tränenheisses Gesicht in
wollüstigem Schmerz in das meine  »fern von Dir gewiss bin sterben kann auf
die Gewissheit Du seist mein unberührtes Eigentum« Ach ich war aufgelöst die
Seele des schönen Weibes schien wie Maisonne in die geheimsten Winkel meines
Innern alles was gut was edel in mir ist tat sich auf wie die kleinen
Blümlein im Frühling Schluchzen erstickte meine Stimme der Drang nach
Seligkeit die Fülle von Seligkeit das ganze innere beste Leben solch eines
Weibes zu besitzen wollte mir Brust und Hals zersprengen  der flammendste
Liebesschwur unbändig wie das Kreisen der neuen Welten in meiner Seele
unbändig dass selbst Klara davor zusammenschrak rang sich los aus meiner Brust
 ich halte nichts von Schwüren aber ich glaube wir würden beide innerlich
zusammenbrechen wenn wir einander gegenüberständen mit treulosen Armen Ich
meinte wir töteten wir erwürgten uns damals in glückseliger Gewissheit
gegenseitiger riesengrosser Liebe es war ein Umarmen ein Küssen und Lachen als
ob die Engel trunken um die Herrlichkeit der Sonne herumsprängen und es war die
Nacht unserer Liebe Jene Nacht ist der schönste Gedanke meines Lebens aber sie
ward auch die schönste Fessel meiner äußeren Freiheit  ich weiß es Klara
verginge wie das grüne Blatt des spanischen Feigenbaumes über welches der
giftige Solano hinstreicht wenn aus Licht des Tages und vor ihr erschrockenes
Auge die Nachricht träte »Valer liebt eine andere«
     Nicht der Schwur Freund bindet mich aber das Schwören
    O hättest Du sie gesehen als sie mich von sich trieb Einen dunkelgrünen
Überrock von leichter Seide hatte sie übergeworfen nur das Gesicht war verklärt
wie Seligkeitstraum das Haar schlang sich lüstern in den offenen Busen das
weiße Unterkleid lachte schelmisch triumphierend ob seines Mitwissens so beugte
sie sich über mich der ich selig träumend auf dem Lager ruhte und mit offenen
weiten Augen in den dämmernden Morgenhimmel sah »Valer mein mein mein o und
nur mein Valer geh  geh mein Tag eh der Menschen Tag kommt und uns verrät«
    Noch heute fühle ich die keusche Träne die da auf meine Wange fiel weil
sie ein Tropfen aus heißem Herzen kam ein Tautropfen ihrer Seele den die Liebe
entzündet hatte O wenn mein Mund jenen Scheidekuss vergessen könnte So küsst die
Sonne die Erde wenn sie sich im Abendrot scheiden und der rote Liebesschein den
Abschied einhüllt in Purpurwolken es wird still auf der Erde und der letzte
Sonnenhauch bringt in leisen Abendlüften die stille Versicherung dass neuer Tag
und neue Liebe anbrechen werde Könnt ich jenen Abschied vergessen es läge
endlose Nacht vor mir ich hätte keinen Morgen zu erwarten Sie strich mir mit
weichen Händen das Haar von Stirn und Schläfen und drückte sich wie eine
aufgeschlossene Blume in mein Gesicht Ich weinte Freudentränen und hob sie hoch
in die Höhe
    »Und der Franzose hat recht«  sagte sie und legte das Haupt auf meine
Schultern und sah herauf in meine Augen  »nicht wenn er zärtlich kommt nein
wenn er zärtlich geht ist der Geliebte edel«  »Aber der Morgen kommt  Ade 
Ade«  Ich kehrte auf dem alten Wege zurück und ging hinein ins erwachende
Land und sang mit den Lerchen die Schönheit der Welt Das Gedächtnis und die
Erinnerung so oft die Gefängniswärter unserer Leiden sind rosenrote Bänder
die um Schläfe und Augen flattern wenn wir Freuden gesehen  
                                                                   In der Nacht
 Ich ward auf eine wunderliche Weise gestört die Wogen der Vergangenheit
bedeckten mein Gesicht und Auge ich sah über die Terrasse hinaus in die Wolken
hinein und war weitsichtig denn ich bemerkte es nicht dass die beiden jungen
Damen von hier Alberta und Kamilla schon lang an meiner Glastür standen und
mich lächelnd ansahen Einen Augenblick war ich in Verlegenheit als sie mich
scherzend aufschreckten weil ich nicht wusste ob ich meine Wolkenschrift laut
gelesen hätte oder nicht
    Und doch tat es mir unendlich wohl Weiber um mich zu haben  das Weib
empfindet Liebesleid um soviel besser als der Mann wie der Mann die
Kriegsgeschichten besser liest als das Weib Die Liebe ist der Frauen
Brotwissenschaft und sie haben den Vorteil vor den Studenten voraus dass sie
selbige immer mit Leidenschaft treiben Liebe und Liebestrost ist das Amt der
Frauen in ihrer Nähe fühlt sich der unglücklichste Liebhaber in weicherer Luft
Der Begriff von Untreue existiert zudem bei mir nicht Das ist der tragische
Widerspruch mit meinem Versprechen an Klara welcher den letzten Akt meiner
Tragödie im Schoße trägt Ich bin der Liebe treu nicht aber der Geliebten Weil
ich eben die Liebe liebte so liebte ich die schöne Alberta die muntere
geistreiche Kamilla Meine Wehmut schüttelte den düsteren Morgennebel von den
Schwingen flatterte wie ein erwachtes Vöglein mit den Mädchen hinaus in den
Garten und Abend Sie waren freundlicher inniger denn je gegen mich weil sie
meinten ich sei es der warme Gewitterregen müsste mein Herz befruchtet haben
das sonst ohne Grün und Blätter nur kühle Worte zu sprechen pflege Leopold
hüpfte herum wie ein kleiner Flamingo der seine Farbenpracht in wehenden
Flügeln schillern lässt Wenn mein Gefühl Feiertag hält reich ich ihm gern
dieses kleine duftende Riechfläschchen und wenn der Herbst einen sonnigen
warmen Tag bringt da werden die Menschen alle wärmer und poetischer als im
stets heißen Juni denn die Überraschung befängt sie in goldenen Netzen und die
Überraschung ertappt das Beste im Menschen Wir ließ uns alle auf
Empfindungswogen schaukeln und die übrigen meinten ich sei schuld daran weil
ich endlich einmal meinen Rock aufgeknöpft hätte
    Kamilla mit der ich sonst nur in blitzenden Gefechten spiele war weniger
widersprechend mehr ergeben liebenswürdig Alberta ein südlicher
Liebesgedanke zitterte wie ein arabisch Lied in weicher Nachtluft William war
still und sanft
    Wir setzten uns in eine Laube und sprachen von Sternen und Gott und Liebe
Der Graf ritt unweit von uns am Gartenzaune vorüber er kam aus der Stadt
William ging ihn zu begrüßen Leopold ward bald darauf vom Reitknecht
abberufen der ihm Briefe mitgebracht Ich war allein mit den in Empfindung
schauernden Mädchen das Herz drängte sich in meinen Kopf ich sprach  das
nächstemal Freund ich sprach zuviel für unbefangene Mädchen
 
                           8 Konstantin an Valerius
                                                            Berlin den 6 Juni
        Symb
Der nur ist ein großer Mann
Der vom Himmel nichts erbittet
Außer was man essen kann
    Der inliegende Wisch  man hört aus allem nur das bittere Nein  ist von
einem Vater an seinen Sohn worin er ihm verkündet dass er die väterliche Hand
abziehe von dem Heidensohne Ich lege Dir ihn bei weil Du ihn vielleicht für
eine bürgerliche Tragödie oder einen zivilisierten Roman brauchen kannst Mein
Vater schreibt einen lehrreichen deutlichen Stil das Aktenstück kann klassisch
werden
    »Bardolph eine andere Farbe aber halte sie nicht zu hoch an Deine glühende
Nase«
    »Nyms Das ist eben der Humor davon«
    Ich habe hier einige sehr gescheite Leute kennen gelernt und manche andere
    Die Mäßigkeit ist eine schöne aber seltene Tugend  In meines Vaters
Briefe ohne Datum befinden sich einige Grobheiten die mit dieser Erwähnung
abgefertigt sein sollen Meine Schwester das gute Ding schickt mir unter der
Hand einiges Papiergeld  wenn ich nur gutes Wasser habe so lasse ich alles
Bier stehen und trinke Wein Ich werde ein Dutzend fade Lustspiele schreiben 
wofür bin ich fade und lustig und darüber setzen »aus dem Französischen des
XYZ«  Nur eine ausländische Firma hat Kredit und wird auch den Vater
vergessen lehren Töpfer macht es freilich umgekehrt er übersetzt ein Lustspiel
von Planché aus dem Englischen und schreibt ausdrücklich »Originallustspiel von
Töpfer«
    Es freut mich immer wenn ich irgend einem Menschen begegne Du schriebst
mir neulich »man weiß noch zu wenig« und dieses Bewusstsein des Nichtwissens
erfüllt mich jetzt ganz und gar Hast Du Börnes Schriften noch nicht gelesen so
rate ich Dir sie schleunigst vorzunehmen das ist ein kapitaler Kerl
    Gestern hab ich drei Festspiele geschrieben weil ich heute essen wollte
Morgen werde ich eine Novelle schreiben in biblischem Stile »Wie der ungeratene
Sohn nach Berlin reist und sich betrügen lässt« Weil ich jetzt edieren will
lobe ich des alten Klaudius Alphabet
    V Vor Kritikastern hüte Dich
    W Wer Pech angreift besudelt sich
    W Wer Pech angreift besudelt sich
    V Vor Kritikastern hüte Dich
    Vor allen Dingen aber empfehle ich Dir dringend halte Deine
Pflegebefohlenen fern von aller produzierenden Poesie Du weißt selbst dass sie
zwar schöne Stunden schafft weißt aber auch dass Poeten nach wiederholten
Bescheiden des Kammergerichts immer noch mit Seiltänzern liederlichen Dirnen
und sonstigem Gesindel von der »feinen Welt« auf eine Stufe gestellt werden
Ferner erzeugt die Poesie Mangel an Selbstdenken raubt die höheren
Gesichtspunkte usw  welches alles zur instruktionsmässigen Verwaltung vieler
Ämter so unumgänglich notwendig ist kurz sie macht uns zu rohen unbrauchbaren
Menschen Wir sind nun einmal von diesem Gifte angesteckt und werden es wohl nie
wieder ganz los werden Das müssen wir ertragen aber verhindern wollen wir
doch dass unsere heranwachsende Jugend mehr davon erschnappe als zur Führung
eines geistreichen Gesprächs in einer Teegesellschaft nötig ist Dixi
     Wir wollen doch die Rezensionen abwarten die sich im Jahre 18 oder 19
in irgend einem Literaturblatte verbreiten werden über »pp sämtliche Werke zum
ersten Male gesammelt und zum Besten der Familie des zu früh Verblichenen von
ppp« 
    Ich verbleiche schon sehr Was Rosa macht O sie ist sehr munter ich sah
sie gestern in der Oper Die Heinefetter sang vortrefflich und Rosa schien sehr
erfreut davon wenigstens gebärdete sie sich sehr heiter und lustig mit ihren
Nachbarn  ich kanns nicht verbürgen denn ich war weit davon im Parterre und
Röschen blühte in einer Loge und mein Glas war nicht recht durchsichtig
    Übrigens lebe wohl mein lieber Junge Über der ganzen Welt scheint ein
unendlicher Katzenjammer zu hangen und selbst der Mutigste erfreut sich
höchstens dessen was Tieck in bezug auf Kleist »eine herbe Frische« nennt Die
Welt ist krank und die Zeit der Schäferspiele Idyllen und des kindlichen
Frohsinnes ist aus der Poesie und dem Leben entschwunden Könige und Deis werden
ab und aufgesetzt wie ein Hut und ich studiere Kriminalrecht gegenwärtig
fleischliche Verbrechen
     Schade dass es keine Klöster mehr gibt in unserer nüchternen
Protestanterei ich möchte auf einige Zeit Mönch oder Nonne werden Ade 
 
                              9 Kamilla an Julia
                                                            Grünschloss im Juni
Ich bin so glücklich meine Liebe Süße Beste dass ich Ihnen mitteilen muss von
unserem Überflusse Worin unser Glück besteht  Ja das kann ich Ihnen nicht
auseinandersetzen das Auseinandersetzen ist überhaupt meine Sache nicht Die
Welt ist schön der Frühling grün die Menschen sind gut An den Menschen ja
daran mags wohl größtenteils liegen wir haben meist neue um uns lauter neue
Weltteile mit neuen Pflanzen und Bäumen und das unterhält Wunderliche Leute
sinds aber lieb gut meist scharmant alle Alberta hat Ihnen schon davon
geschrieben ich darf wohl nur ergänzen Es behagt auch meiner Hastigkeit nicht
breit und tief zu schreiben Kurz und spitz das ist mir lieber Eins ist dabei
wunderlich  der Graf Wie der zu dem Gedanken kommt uns mit so junger
größtenteils bürgerlicher Gesellschaft zu umgeben das weiß ich nicht Ich
glaube er experimentiert Die Leute sind artig und was dem einen oder dem
andern an gutem Ton feinen Manieren abgeht das ersetzt vielleicht für die
Privatgesellschaft ein gewisser Adel des Geistes und Gemüts Viel gelernt haben
alle zu reden wissen sie alle wie die Bücher Poeten sind sie auch alle und
meine schnurrige Gouvernante pflegte zu sagen die Poeten wären alle von Adel
Unsere Gespräche sind jetzt auch ganz anderer Art als früher manchmal sind sie
mir sogar zu hochtrabend über Völker Länder Sitten Religion Staat Stände
Poesie Geschichte und was dergleichen hochbeinige Dinge mehr sind Gar nichts
mehr über unsere Nachbarschaft kein Räsonieren Mokieren mehr und wenn mich
manchmal der Schalk treibt ein wenig über diese oder jene zu lästern so sieht
mich Herr Valerius mit seinem wunderlich vornehmen Lächeln an spricht »immer
frisch  s ist noch zu wenig« u dergl dass ich still werde und mich schäme
Das ist überhaupt der sonderbarste von allen Herr Valerius er kommt mir wie
der gelehrte Napoleon vor er herrscht über uns alle Wenn ich Ihnen aber sagen
soll wie er das anfängt so bin ich wieder in Verlegenheit Ich weiß es nicht
Er ist einfach in Manier und Rede er befiehlt nicht etwa Gott bewahre er
spricht oft nur ein paar Worte aber darin ruhen Napoleons Kanonen er sieht
dabei mit seinen klaren bis ins Mark dringenden Blicken hinein darin ja ja
ich glaube darin ruht die Herrschermacht und man streckt die Waffen Er
scheint unglücklich zu sein es dämmert solch eine melancholische Nacht um das
große graue Auge und wenn er etwas Wehmütiges spricht so ist es
unbeschreiblich rührend Er ist gar nicht hübsch und als er das erstemal in
unsern Gesellschaftssaal trat mit seinen kurzen leichten Schritten seinen
kurzen Begrüssungsworten seinen sparsamen Verbeugungen die man kaum angedeutete
nennen möchte hatte er etwas Schreckhaftes für mich und Alberta Erst
allmählich wurden wir frei in seiner Gegenwart aber dann war es auch als sei
es etwas besonders Edles womit wir uns beschäftigten als wir das von ihm
eingeleitete Gespräch fortführen halfen Und wenn er spricht so fühlt man sich
in einer so wohligen sicheren Befriedigung er hat ein sehr angenehmes fest
männliches Baritonorgan Übrigens schweigt er sehr viel aber es ist als ob er
im Zuhören redete Er ist von mittler Größe fest und sicher gewachsen und
ebenso fest und sicher in seinen Bewegungen ich möchte sagen ernst aber doch
keineswegs schwerfällig oder gar plump An seinem Gesichte ist gar nichts
Besonderes es ist blass fast krank doch hat der Mund etwas äußerst
Wohlwollendes wenn er in seiner sanften Stimmung ist etwas tief Verächtliches
wenn er zürnt Sein Anzug ist immer ganz schwarz und modern er trägt meist
einen schwarzen leichten Rock der ihn sehr gut kleidet im Frack gefällt er mir
nicht man sieht ihn auch selten darin Seine Wäsche ist immer blendend weiß
und das find ich allerliebst am Manne Ich glaube er hat Theologie studiert
aber die Wissenschaft gefällt ihm nicht mehr Er soll arm sein das würde mir
sehr leid tun An ihm selbst bemerkt man aber nicht das mindeste der Art Ich
glaubs auch nicht denn er ist in allen den freien Künsten welche die höheren
Stände auszeichnen sehr wohl erfahren er reitet ficht tanzt gut ist
musikalisch spricht die fremden neuen Sprachen und das Geld erscheint in
seinen Reden nie Er ist mir überhaupt zu vornehm für einen Armen Mit dem
Grafen spricht er am sichersten wenn auch nicht soviel wie Herr William
Äusserst selten ist er gleicher Meinung mit jenem aber er streitet obwohl
streng doch nie zänkisch leidenschaftlich ungezogen wie soviele Aber mein
Gott ich schreibe Ihnen ja nur über den Mann und doch wollt ich Ihnen über
uns alle referieren
    Doch jetzt habe ich das Federfechten satt wir wollen Federball spielen 
morgen weiter ich habe einmal den Befehl vom Grafen und Alberten Sie von
unserem Leben im Detail zu unterrichten und Sie dann schönstens zu bitten es
recht bald selbst bei uns anzusehen Adieu meine Liebe für heut
                                                                         Später
Ich bin soviel herumgesprungen dass ich ganz müde bin Nie hätte ich geglaubt
dass unsere ernsten jungen Herren so beweglich sein könnten den kleinen
Leopoldus ausgenommen an dessen Quecksilbernatur ich nie gezweifelt Aber auch
der ernste William der ruhige Valer  ich habe zu meinem Staunen erfahren dass
sie alle Turner gewesen sind sie haben in der Stadt einen poetischen Verein
gehabt da ist immer zuerst eine Stunde gedichtet gelesen und kritisiert die
nächste Stunde gefochten oder geturnt worden Ich erinnere mich als kleines
Mädchen noch einige Nachzügler jener Turnzeit gesehen zu haben und gestehe dass
mir diese leinwandnen Burschen wenig behagten Unsere jungen Herren fassen dies
wie alles romantischer auf Herr William sprach dabei von Deutschland Einheit
und Vaterland und geriet sehr in Ekstase Valer lächelte ernstaft und sagte
mir Deutschland sei einst von edlem Weine trunken gewesen und habe das edle
Herz auf der Zunge den Verstand in der Tasche getragen und dumme Streiche
gemacht Es habe eine lang verlorene schöne Geliebte gesucht und mit
schwimmenden Augen ihren Schatten dafür angesehen und ihn brünstig umarmt
Verstehen Sie das  »Herr dunkel war der Rede Sinn«  Ich muss ihn beim Tee
bitten mirs deutlicher zu machen des Abends ist er immer am zugänglichsten
da tritt er mit mir in den Fensterbogen und spricht allerliebst über lauter
kleine unbedeutende Dinge aber er sieht alles so eigen ich möchte sagen so
groß an dass man lauter Neuigkeiten hört Fatal ists mir dass man uns nie lange
allein lässt denn allein schwatzt er viel zutraulicher Namentlich ist Herr
William immer gleich bei der Hand Irre ich mich nicht ganz so macht mir dieser
lebhaft den Hof  Was sagen Sie dazu und was wird er sagen den Sie kennen
Ich glaube kaum dass William auch unter anderen Verhältnissen Glück bei mir
machen kötmte Sein Äußeres ist im Grunde gar nicht übel er ist hoch und
schlank gewachsen indessen fehlt dem Wuchse die eigentliche Konsistenz er ist
gertenartig Dunkelblonde schief gescheitelte Haare legen sich schlicht an
einen ziemlich kleinen Kopf der durch ein schönes blaues Auge interessant wird
Sein Anzug ist von weitem angesehen modern guckt man aber in der Nähe danach
hin so sieht man dass er nach der vorletzten Mode gewissermaßen schon
altfränkisch ist Das kann ich an einem jungen Manne durchaus nicht leiden
Halstuch Halskragen Jabot Weste  das alles obwohl vom feinsten Stoffe
sitzt so verwirrt und unordentlich durcheinander dass man kaum eines aus dem
andern herausfindet Er ist sehr rigoristisch und von äußerst strenger Moral
das macht mir Todesangst ich liebe den Leichtsinn und die leichteste
Beurteilung über alles Übrigens besitzt er unleugbare und große Vorzüge er
spricht schön und geordnet ist äußerst unterrichtet selbst nach Valers
Zeugnisse sehr verständig dichtet reizend spielt die meisten musikalischen
Instrumente vortrefflich er ist mitunter sogar äußerst liebenswürdig besonders
wenn er lacht Seine Manieren sind hart wie seine Moral aber bestimmt fest
ohne Verlegenheit Denken Sie sich ihn stets im blauen Frack Der kleine Leopold
ist sein Pol Sie wissen dass dieser schon früher hier war und uns wörtlich die
Zeit vertrieb Der Graf hatte ihn im Theater in einer Ecke der Loge gefunden wo
er zusammengekauert wie ein kleiner Gnom sitzend auf die Ouverture der Dame
blanche gehorcht hatte Plötzlich war er lebendig geworden hatte wie ein
Regenwurm gezappelt wenn eine schöne Stelle darangekommen und war bald darauf
ohne weitere Einleitung mit dem Grafen in ein Gespräch über Oper und Musik
geraten Mit Alberta die auch da war machte er sich alsbald bekannt ist
beweglich gefällig redselig liebenswürdig dass ihn der Graf zum Souper
bittet und binnen achtundvierzig Stunden ist er mit hieher nach Grünschloss
gefahren hat tausend Geschichten erzählt zehn Sonette gemacht ist häuslich
eingerichtet und wie ein Glied der Familie wie ein gern gesehener bunter
Papagei dem man Zucker schenkt Es ist ein pudelnärrisch Kerlchen romantisch
vom Scheitel bis zur Sohle gewandt und beweglich wie ein Püppchen verliebt und
hübsch wie eine Amorette Er ist klein und zierlich gewachsen ein schwarzer
Krauskopf hat schwarze muntere Augen ein scharmantes ovales italienisches
Gesichtchen ein weiches angenehmes Organ und den schönsten deutschen Akzent
den nur Valers an Richtigkeit nicht aber an Schönheit übertrifft Es ist nicht
das schneidend scharfe Norddeutsche sondern die südliche Weiche hat sich sanft
um die nordische Schärfe gelegt so dass man sie nur zuweilen ahnt aber nie
unangenehm empfindet In Valers Akzent tritt sie schon mehr hervor Dazu kommt
dass Leopoldus der Provenzale wie er meist genannt wird fortwährend in
poetischer Schwebelei zappelt und von Blumen und Düften redet Valer aber nur
selten eine lodernde Fackel aus seinem Gemüte holt Sie sehen es steckt an ich
schreibe auch sogleich emphatisch Übrigens ist der Kleine nicht so unangenehm
in dieser steten Verzückung als man glauben sollte er besitzt viel Geist und
ist keineswegs ein gewöhnlicher Wortklimperer Was mir an William so sehr
missfällt ist dass er ihn unglaublich wegwerfend behandelt ungefähr wie ein
Rechtgläubiger einen Ketzer Leopold mag freilich im Gegensatze zu ihm eine sehr
geduldige nachgiebige Moral haben  aber es bleibt doch immer garstig und ist
so sehr hübsch und gut von Valer dass er ihn wie einen flatternden lieben
Knaben hält dem er lächelnd zusieht den er oft streichelt zuweilen aber auch
mit ein paar ernsten Worten zurechtweist Diese Art von Liebe fühlt auch Leopold
sehr er unterwirft sich ihm leicht und sogleich und liebkost ihn oft wie ein
Mädchen ihrem Liebsten tun mag Da ich zufällig wie ein Pfäfflein schon zweimal
von moralischer Beschaffenheit gesprochen habe so muss ich auch der Moral Valers
gedenken Aber wie fang ich das an Ich habe das Wort nie von ihm gehört Nach
manchen leichten Äußerungen die er immer wieder in andern für mich schwer
verständlichen Worten verbarg scheint er ein schlechter Christ zu sein Als ich
ihn neulich des Abends da die Gesellschaft auseinanderging fragte ob er denn
auch betete da schüttelte der freche Mensch lächelnd den Kopf und sagte »Nein
 ich sehe viel in die Nacht in Mond und Sterne hinein und frage sie wer sie
so schön gemacht  aber was Sie beten nennen meine Holde«  und dabei küsste er
mir zum ersten Male schelmisch die Hand  »das hab ich nur als kleiner Bub
getan weil es die Mutter so wollte«  Ich war so verlegen und verwirrt von dem
Handküssen ich kam mir dem klugen Manne gegenüber der alles in Entfernung von
sich hält dessen so unwürdig vor dass ich nichts zu sagen wusste
                                                                         Später
 Ich stand vom Schreiben auf und eilte ans Fenster weil ich Reiter und viel
Geräusch hörte Von der einen Seite kam Graf Fips von der andern ein Fremder
geritten um den sich unsere jungen Gäste bald stürmisch drängten den sie
umarmten und jubelnd begrüßten Also wahrscheinlich ein neuer Zuwachs zu unsern
Poeten Sollten Sie sich des Grafen Fips nicht erinnern Es ist die sogenannte »
elegante Figur« die immer auf den Bällen zu sehen ist Ziemlich groß schmal
und schmächtig gewachsen mit einem jener traurig regelmäßigen Gesichter die
man sich nicht behalten kann Diesen erkenn ich nur immer an der unanständig
gesunden Röte wieder die sich bis an die Ohren zieht unweit der Nase
erschreckt aufhört und sich in mädchenhafter Weiße verliert Außerdem hat er die
unangenehme Manier blonde Augenwimpern zu tragen und dadurch wie ein malitiöses
Gewissen auszusehen das fortwährend zu Lästerungen stachelt Auch hoffe ich
sehr die zierlichen dunkelblonden Haare sind ganz das Werk seines Friseurs
darum denke ich mir ihn immer kahlköpfig und er erscheint mir nie anders als
wie ein Mischling von Türke und englischem Lord ein europäischer Kreole der
innerlich halb bestialisch und nur äußerlich modernisiert ist Mein Gott was
ist das für Zeug Er gilt allgemein für einen schönen Mann und im vorigen
Winter haben mich mehrere Damen sogar versichert er sei witzig wenigstens
scharf Ein Kunststück versteht er gewiss er näselt schnarrend ich verziehe
mein ganzes Gesicht wenn ichs ihm nachmachen will Seit einem Jahre schon ist
er käuflich das heißt er sucht eine Frau ich fürchte er hat sein
schillerndes blinzelndes Auge auf meine liebe Alberta geworfen Das wäre sehr
schlimm denn es will mich bedünken der Graf ihr Vater suche eiligst einen
Schwiegersohn Gott weiß was er für Pläne hat Gott weiß was für
ungewöhnliche denn gewöhnlich ist nichts an ihm Arme Alberta Graf Fips ist
übrigens ein gewandter Kavalier der viel Glück bei den Damen hat Ich erinnere
mich keiner einzigen die in mein Lästergeschwätz über ihn eingestimmt hätte
Kolossal  kolossal würde er sagen läs er das
    Aber meine Liebe Sie begreifen leicht dass mich meine Neugierde nicht
länger am Schreibtisch duldet  ich muss rekognoszieren  Adieu und nochmals
Adieu und herzliche Küsse auf Ihren lieben Mund von Ihrer
    
                                                                        Kamilla
    PS Ich war schon aufgesprungen und komme noch einmal zurück weil ich mich
eines Auftrags von Herrn Valer zu entledigen habe Ich erzählte ihm von Ihnen
dass Sie unsere Freundin seien und dass ich an Sie schriebe dass Sie sehr schön
und liebenswürdig usw  er schien nur mit halbem Ohr hinzuhören Vor einigen
Tagen suchte er mich auf  ich glaube der Postbote war eben bei ihm gewesen
und erkundigte sich nach Ihnen und ob man Sie wohl um folgendes bitten dürfte
Ein Freund von ihm Konstantin Müller lebt in Berlin in einem äußerlich und
innerlich sehr aufgelösten Zustande  die Adresse ist am Schluss meines Briefes
angegeben ich muss Valer noch einmal danach fragen Dieser fürchtet Konstantin
verschweige mehr als er sage von seinem Unglück er weiß nicht wie er ihm zu
Hilfe kommen kann Ob es nicht angeht dem Herrn Müller in Ihrem Hause Zutritt
zu verschaffen Valer erlaube sich dies einleitend einige Zeilen an Konstantin
meinem Briefe beizulegen die Sie ihm zuschickten usw  die Ihrigen machen ja
ein großes Haus das ist ja eine Kleinigkeit Zur Kourfähigkeit bei Ihrem Vater
dient Valers malitiöse Notiz dass der junge Mann von Adel sei sich aber aus
Oppositionsgeist nie so nenne Die Sache interessiert uns nach dem wenigen was
wir über jenen Konstantin wissen außerordentlich und Sie verbinden uns alle
wenn Sie sich der Angelegenheit annehmen Gott Gott soviel Worte Adieu Adieu
 ich küsse Sie von Herzen  der Graf legt einen Brief bei worin er Sie gewiss
sehr bittet zu uns zu kommen O wir bitten alle recht recht schön kommen Sie
bald zu Ihrer Kamilla
 
                          10 Konstantin an Valerius
Es ist eine Schwäche dass ich meine Rhapsodien wieder an Dich beginne aber ich
will schwach sein Lass mir die Freude oder das Leid Ich bin sehr allein
    Geehrtes Volk der Myrmidonen ich danke Euch für Eure gute Meinung die mir
William in ein paar albernen Zeilen kundgibt dass ich ruiniert sei Und wenn ich
eben an den Galgen hinaufgezogen werden sollte ich würde dem hyperboräischen
frommen Manne sagen er sei ein Schwachkopf  der Mensch hat mich in Harnisch
gesetzt mit seinen biblischen Auszügen  man soll sich aber nicht in Harnisch
bringen lassen vielmehr sich einer gewissen innern Ruhe befleissigen nicht zu
schwere Weine trinken ins Kloster gehen Wir sind alle mehr oder weniger
Ophelien O Hamlet Welt warum warst du so kühl gegen mich Pfui doch 
    O lieber Valer tu mir die Freundschaft und tritt recht derb in den Dreck
der Dir verhassten Welt  ja so Dir ist sie ja nicht verhasst  wenn Du dann die
Füße nicht mehr regen kannst so bildest Du Dir ein festzustehen
    Brust heraus Kopf in die Höhe Und nun lass sausen und brausen  Mut klare
Augen Indem ich dies schreibe tun mir meine Augen sehr weh Ich habe die
Dinger in den romantischen Jahren der heimlichen Gymnasiastenlektüre gar zu sehr
angestrengt und büsse jetzt für die Kleindrucksünden des Zwickauer Walter Scott
    Noch immer wate ich getrost in der trostlosen Pfütze unserer Jurisprudenz
warum ich das tu ist leicht begreiflich hungern ist immer besser als
verhungern Wenn ich mehr Mut hätte tät ichs vielleicht nicht Mut Mut der
fehlt uns und ganz Europa sonst läg es nicht so im argen Nicht der Mut
Gendarmen zum Einhauen zu kommandieren wohl aber der Lächerrlichkeiten ruhig
anzusehen oder Ernstes genau und unbefangen zu prüfen Die Welt will jetzt nicht
nach Gesetzen leben die da sind weil sie da sind sondern nach Gesetzen die
aus der Zeit und dem Bedürfnisse hervorgehen von denen sie weiß warum sie da
sind Gebt gutwillig was man Euch später nimmt und Ihr könnt für willenlose
Puppen Menschen einhandeln meines Erachtens ein schöner Tausch Ich bin kein
Narr der den Staat für ein Rechenexempel ansieht das in einer Stunde zustande
gebracht ist aber ich bin auch kein Esel der sich beruhigt wenn er Disteln
hat O ich sage mit Kaiser Max »Wenn sich Gott nicht der Sache erbarmt ich
armer Kaiser und der versoffene Julius werdens nicht besser machen«
    Steht auf aus euren Gräbern die ihr sie zugeschnitten habt jene rote Mütze
welche jetzt am Horne des Mondes hängt vor allen du Rousseau Wirf noch einmal
dein heiß und vollblütiges Herz über den Erdkreis dass ihnen der Blutregen die
Augen füllt statt der vergossenen Tränen Wenn ich oft knirschend am Boden
meines Zimmers liege da richtet mich der Gedanke an jene metallenen mit Blut
bespritzen Helden der Franzosenjugend auf der Gedanke an den brüllenden Danton
mit der Atletenfigur dem von Pocken zerrissenen Gesichte wie er einen Vulkan
des zertretenen Menschenrechts nach dem andern aus der wogenden Brust
herausschleudert an den blitzenden Desmoulins mit dem garstigen schwarzen
Antlitz der schönen Frau im Arm und die tödliche Gerechtigkeit auf der
sprudelnden Lippe an den rigoristischen frommen heuchlerischen Narren
Robespierre und die Helden des Ultraismus Sankt Justs welche die neue schöne
Lehre von der Freiheit mit dem stockigen Gifte entaltsamer Tugend versetzten 
wahrhaftig Du hattest recht als Du mir sagtest alles andere Studium sei heut
toter Kram die französische Revolutionsgeschichte enthalte alle Fußstapfen
unserer kommenden Jahre man solle sie studieren und den Deutschen endlich eine
schreiben denn sie haben noch keine und nur die Henkerlisten davon und dann
sollten sie die Schulbuben auswendig lernen Valer das war Dein größter Gedanke
 o rote Freiheitsmütze wann sieht dich Europas bleiche Sonne wieder Mein
krankes Auge dürstet nach deinem Anblick 
    Es ist gut wenn man an jemand hängt es ist eine Art Stütze Wenn man auch
im Wasser ist und sieht nur von fern Land so hofft man auch wieder  Warum
bist Du nicht bei mir wie ein verliebtes schwindsüchtiges Mädchen schmacht
ich nach Dir  selbst Hippolyt wäre jetzt nicht für mich in einiger Zeit ja
denn ich weiß es in einiger Zeit werd ich sehr munter leben wenn ich wissen
werde wo ich die Million stehle die ich in die Lüfte und Spelunken streuen
will Kronen und Millionen stiehlt man ungestraft nur die kleinen Diebe hängt
man nur die kleinen Sünder beichten und büßen Alles kommt auf die Quantität
die Masse an  mit Millionen von Goldstücken oder von Liebe oder von Ehre
oder Lust ist jedermann zu bestechen Ich schwör es jedermann O will mich
niemand bestechen
    Um mich verrückt zu machen fehlt weiter nichts als die Liebe  wenn ich
nicht so sehr liebte wär ich längst verrückt Es gibt keinen liebevolleren
Menschen als mich Die winselnden Lyrika scheinen uns verlassen zu haben und
das ist gut ich halte sie nur für eine Übergangsstufe Der Dichter soll und muss
über der Empfindung stehen
    Ach und doch wären mir einige lyrische Gedichte notwendig und erleichternd
wie Tränen Ich habe beides nicht Frag nicht nach dem Mädchen denn ich hasse
es Deine nächsten Briefe schicke frankiert  Ade
 
                          11 Hippolyt an Konstantin
                                                       Grünschloss den 20 Juni
Mein gehaltreicher Sir John was hör ich für Dinge von Euch Ihr gebt Euch
einer wüsten inneren Unordnung hin  was soll das Befolge eiligst Valers Rat
und komm hieher die Luft der Kuhställe wird Dich heilen Ein Mann wie Du wird
sich doch nicht den Grillen ergeben Du siehst ich habe mich auch hier
eingefunden um meinen Geist zu sammeln vom wirren Stadtleben und ihn
vorzubereiten auf größere Wirren denen ich in Europas Hauptstädten
entgegengehen will Das ist nämlich der Plan zu meinem neuen Epos zur
Physiognomie jeder Hauptstadt will ich einen entsprechenden Körper schaffen
dann will ich sie durcheinander werfen und Situationen erzeugen und wer die
Zivilisation und die Schönheit heiratet der ist der Held Komm und beschreib
mir Berlin mit der langweiligen Regelmäßigkeit und der kurzweiligen
Soldatenspielerei  romantisch darf ich jene dürre Stadt schwerlich anziehen
dazu ist sie zu gesetzt zu altklug zu hegelisch komm hilf mir den grauen
Magisterrock zuschneiden Und das Herkommen lohnt wirklich der Mühe der Ort
liegt schön der Graf ist gastfrei der Ton fessellos die Damen sind schön
Stoff zur Gallenabsonderung besonders für Valer ist auch da ein junger
adeliger Laffe Graf Fips kam nämlich mit mir an und krächzt den Liebhaber und
Aristokraten  was willst Du mehr Du hast Dich wahrscheinlich gewundert warum
ich die Stadt so schnell verlassen habe der Du mich dort in schönen Fesseln
wusstest Hast Du Dich wirklich gewundert Ei Mylord wie kennt Ihr mich
mangelhaft Ich dulde keine Fessel auch nicht die schönste Wie denken wir doch
alle so verschieden über die Liebe Willst Du wissen wie Höre Du liebst den
Genuss der Liebe Leopold liebt die Weiber Valer der immer was Besonderes haben
muss liebt die Liebe William der Narr liebt die Gottheit in ihr und weil er
ein christlicher Pedant ist schwört er zum Monoteismus und verdammt alles
andere  ich  ich liebe das Leben Was mir nicht mehr am Leben ist werfe ich
weg gleichgültig darüber ob ich nach der Definition anderer morde Ich kenne
darum auch nicht Valers Pietät gegen das was er geliebt alles Tote ist für
mich nicht da ich kenne Leopolds Zärtlichkeit Überschwenglichkeit nicht weil
ich nur Leben geben will für Leben Ich schwöre keinem Mädchen Liebe ich liebe
nur Insofern nähere ich mich Dir zumeist nur mit dem Unterschiede dass ich nie
mitsterbe wenn meine zeitige Liebe stirbt mit platten Worten wenn eine
Liebschaft aus ist wie es Dir Stümper begegnet Dem William mit seinem armen
Glauben gleiche ich in nichts als dass ich meinen Monoteismus so sehr erweitert
habe dass die ganze Welt hineingeht während er bei jenem nur zwei Schuh hoch
ist gerade so hoch nämlich dass ein Mädchen hineingeht Valer kann allerdings
recht haben wenn er mich den Kriegsgott der Liebe wenn er mich den
gefährlichsten nennt der wie der Samum entzünde und töte Wenn Du dies
Glaubensbekenntnis betrachtest so können Dich meine letzten Ereignisse nicht
überraschen Mein Akt mit der jungen Fürstin von der ich Dir neulich schrieb
entspann sich folgendermaßen Ich trat im Theater in die Loge wo sie saß ohne
sie zu bemerken Man gab Shakespeares Otello die Desdemona war ein schönes
liebes Weib die Tragödie saß mit verschränkten Armen in ihren Augenwinkeln der
Reiz des Unglücks lächelte weinend um ihren Mund Sie sah mir wie ein schönes
Opfer des Lebens aus wie eine indische Witwe die mit Wollust im Scheiterhaufen
verkohlen will Fast unverwandt sah sie nach unserer Loge und wie es schien
auf mich Plötzlich fiel mir ein dass ich sie schon gesehen Auf einem einsamen
Wege kam ich neulich zur Stadt geritten mein Pferd war scheu und unstet es
ging sehr unruhig ich lasse ihm die Zügel schießen um seinen Drang nach
Freiheit zu stillen Wie ein rasselndes Gewitter brauste es die Straße einher
eine kleine Strecke vor mir seh ich plötzlich ein Kind in den Weg
hereinspringen eine Dame mit durchdringendem Geschrei ihm nach sie will es von
der Straße reißen das Kind sträubt sich mein Pferd ist schon dicht vor ihnen
War das Kind allein so setzte ich darüber hinweg mein Rappe versteht das und
beschädigt niemand Aber die Dame richtet sich auf ich pariere mit aller Kraft
die mir zu Gebote steht das Pferd und setze es so fest in den Boden dass mich
der Stoß über den Kopf des Tieres schleudert Ich stand neben der Dame die mich
mit unbeschreiblich schmerzhaftem Ausdrucke in ihrem schönen Gesichte ansah sie
war wieder halb zusammengekauert und drückte wie schützend das kleine Mädchen in
ihren Schoss Ich hob das liebe Kind welches sorglos lächelte in die Höhe
küsste es und gab es der schönen Mutter in die Arme Sie war außer sich vor
Bewegung sah mich mit weiten Augen wie ein durstiger Himmel an griff hastig
nach meiner Hand und bedeckte sie mit Küssen Ich erwehrte mich dessen kaum 
das heiße Wasser stand in ihren Augen erregt stieg ich wieder auf mein Ross
winkte ihr Lebewohl und flog davon Dieselbe Dame  ich erkannte sie jetzt genau
 war die Desdemona
    Ich sah unverwandt hin und bemerkte es nicht dass mich die Fürstin
fortwährend fixierte dass ihr Bruder den ich einige Male an der Pharaobank und
in liederlichen Häusern gefunden mich zu begrüßen versuchte Als ich dessen
inne ward fertigte ich ihn kurz ab und verwies ihn auf das schöne Spiel der
schönen Schauspielerin Seine Schwester winkte ihm und nach dem ersten Akte
stellte er mich ihr vor Ich war zerstreut und sprach wie eine Seite der
Abendzeitung in langweiligen Aphorismen die Blicke immer auf den Vorhang
heftend Sie fragte boshaft ob ich so sehnsüchtig auf die Desdemona wartete
Ich sah sie lange freundlich an und sagte lächelnd »Ja« Es zuckte etwas über
ihr Gesicht und sie wendete den Kopf hinweg Jetzt erst fiel mir ein dass ich
doch wohl etwas unartig sei  Das Profil der Fürstin betrachtend versank ich
aber doch wieder in ein behagliches Träumen Sie ist blond und hat die schönste
weisseste Haut die ich je gesehen Das Gesicht ist vornehm und edel braune
Augenbrauen und lange gleichfarbige Wimpern beschatten ein dunkles verlangendes
blaues Auge das in seiner heisszonigen Art wunderlich heisszonig absticht gegen
das Nördliche Unschuldsvolle des übrigen Gesichts dessen feine fast
unmerklich aufgestutzte Nase keck und leichtsinnig aussieht Der kleine Mund ist
zum Küssen herausfordernd mit seinen quellenden Lippen der Körper ist voll und
üppig Sie trug einen blausammtnen Reitrock der am Busen geöffnet war und
unter weißer Chemisette dessen erster Knopf sich gelöst hatte zeigte sich eine
schneeweiße kühn und gesund gewölbte Brust zum Teil ohne Hülle dem fragenden
Blicke Ihre Gedanken schienen sich zu erhitzen sie ward rot und die Brust ward
rascher Plötzlich wendete sie sich zu mir und fragte mich warum ich sie
unverwandten Blickes ansehe Ich lachte und versicherte ihr ich sei ein
Physiognomiker der Charaktere studiere und bei den interessantesten natürlich
am längsten verweile
    Ich war zwischen ein doppeltes Leben eingedrängt Desdemona kam wieder und
sendete mir befruchtende Lichtstrahlen die Fürstin erwärmte wie Maiensonne Ich
habe lange nicht so viel gelebt als an jenem Abende Der Fürst kam dazu und
wollte meine Familie und ihren Stammbaum in Spanien kennen er schwatzte viel
unnützes genealogisches Zeug ich versicherte ihm dass ich ein Bastard von
einer armen Baskin geboren und nur aus Mitleid angenommen und mit meinem
jetzigen Namen beschenkt sei Er lächelte meinte ich sei ein schnurriger Kauz
und ich solle ihm meine Aufwartung machen Die Fürstin warf dazwischen ich
würde wohl keine Zeit haben der Fürst fragte womit ich mich beschäftige Ich
dichte antwortete ich Sonst  fuhr er fort  sonst nahm ich seine Rede auf
studier ich die chinesische Geschichte wegen der schwierigen Stammtafeln Sie
sind Historiker  Nur mit dem interessantesten Teile der Geschichte mit der
Genealogie und Heraldik beschäftige ich mich Jetzt schien ers zu glauben nur
die Fürstin schüttelte leicht das Köpfchen und lächelte Ich weiß alle guten
Familien von Nebukadnezar herunter  fuhr ich fort »Hatten denn die Alten auch
Wappen«  O ja sie trugen sie an den Schwertknöpfen und die Urvölker an den
Häuptern über welche sie Tierhäupter zogen »Was halten Sie von Shakespeare und
dem Otello« warf die Fürstin dazwischen Wenn ich eine Frau wäre entgegnete
ich würde mir die Desdemona nicht gefallen weil sie der ausgeprägteste Typus
von weiblicher Ergebenheit ist und ich hasse als Mann die Ergebenheit sie ist
wie ein rührendes Lied man muss das Lied lieben ich liebe aber auch gern den
Dichter des Liedes Vom Dichten ist aber nichts an ihr sie ist nur gedichtet
sie ist durch und durch Passivum  sie ist nur Träne darum ein reizendes Weib
der Mann liebt aber den Schmerz mehr als die Träne Sie ist zum Sterben zum
Vergehen liebenswürdig der Mann braucht aber weniger Todesmut als Lebensmut
Sterben ist leichter als Leben Aber sie ist so verführerisch weiblich
liebenswürdig dass man mit ihr sterben möchte und dies ist ihr einziges
Unrecht Ihr Vater Shakespeare aber ist ein braver Mann  »Ein wenig roh«
setzte der Fürst hinzu  Beefsteak Durchlaucht Beefsteak  und die Natur ist
nicht für alle anständig der Herrgott hat die Etikette nicht erfunden Der Mann
mit den Sternen auf der Brust schwatzte noch viel albernes Zeug ich sagte ihm
noch dreimal dass er recht habe dann schwieg ich legte mich an den Pfeiler und
litt mit des Mohren Weib Zwei Striche für Jago und er ist der stärkste Engel
Shakespeare hätte den Raffael übertreffen können der mit zwei Strichen Weinen
in Lachen verwandelte Es ist die fürchterlichste Potenz von menschlicher Kraft
in diesem Jago  Shakespeare muss ein starker Mensch gewesen sein sonst hätte er
nie einen Jago zeichnen können Es ist die verzeihlichste Schwäche einen großen
Menschen anzubeten ich verzeihe darum gern der Welt die Tändeleien mit dem
dogmatischen Christentume  wenn mich Shakespeare nicht umarmen wollte so würde
ich seine Füße küssen O Gesundheit du Seele der Welt warum hast du die Poeten
verlassen Ich danke der Geschichte nur für zwei Bücher die sie gerettet für
den gesunden Homer und den gesunden strotzend gesunden Shakespeare
    Alles war tot ich vergaß das Fortgehen »Ich hoffe Sie mehr zu sprechen« 
hörte ich neben mir und gewann kaum Zeit der fortrauschenden Fürstin mich zu
empfehlen Die Nacht und den andern Tag hatte ich für niemand Zeit Shakespeare
war bei mir ich hielt Tür und Fenster verschlossen An Desdemona hatte ich viel
geschrieben Am zweiten Morgen hatte ich die schönsten Antworten So hatte ich
mir das reizende Weib gedacht jede Zeile war Poesie war Herzblut Aber ein
resignierendes Opfergeschöpf war sie und blieb sie wie Otellos Weib Ihre Liebe
versprach eine grausame Wollust zu sein Die Keime des Todes streckten ihre
Spitzen aus jedem Gedanken Ich fühlte ein inniges Erbarmen mit ihr und konnte
sie nicht sehen sie verlangte es auch nicht aber wir schrieben uns fleißig
Ihr Mädchen das mir die Briefe brachte hatte einmal auch das kleine liebe Kind
mit sich ich spielte einen ganzen Vormittag im Sonnenscheine meines Zimmers mit
dem kleinen Dinge »Du bist wohl ein großer Herr meine Mutter erzählt mir dass
du mit der Prinzessin sprichst« lallte das kleine harmlose Geschöpf und
erinnerte mich zu ihrer Mutter Nachteil dass ich noch nicht bei der Fürstin
gewesen
    Ich fuhr hin das schöne Weib tat anfänglich stolz sie war verletzt durch
meine Nichtachtung Ungezogenheit Sie ist klug und sehr unterrichtet Wir
sprachen über unsere Literatur Das Gespräch wurde warm ja es ward üppig als
wir auf Goethes Elegien kamen Es überraschte mich äußerst angenehm ein Weib so
ganz ohne Prüderie zu finden sie sprach keck wie eine Griechin von ihrem
Entzücken über die Darstellung jener italischen Szenen  
    Eben empfange ich Deinen Brief erlaube dass ich ihn erst lese ehe ich
weiter schreibe
 
                          12 Konstantin an Hippolyt
Frag doch einmal den Valerius welche Bewandtnis es mit seinem letzten Billett
habe das mir aus einem bedeutenden Gesandtschaftshotel zugeschickt worden ist
und in dessen Begleitung ich eine zierliche Einladungskarte in jenes Hotel
erhielt Ich war eben mit einer Auktion meiner letzten reputierlichen Kleider
beschäftigt der gallonierte Bediente nahm sich schnurrig unter meinen Juden
aus Es war der letzte Tag meiner äußerlichen Anständigkeit im himmelhohen
Dachstübchen meiner jetzigen Höhe soll der geputzte Lakai mich schwerlich
wiederfinden Ich sehe hoch herab auf den steifen Berliner Jammer
    Tut mir nur den Gefallen in Euren etwaigen Novellen keine miserablen Kerls
mit prächtigen Ansichten auszustaffieren sondern die Gestalten möglichst
bedeutend zu machen  etwa von meiner Figur Diese genialen Kerls die bloß
deshalb unglücklich sind weil ihnen eine beträchtliche Dosis Menschenverstand
fehlt und weil sie auf der Welt nicht wie auf dem Dudelsacke spielen können
sind mir im höchsten Grade zuwider  Ich gebe mir alle ersinnliche Mühe um
glücklich zu sein wenn ich früh mit der Morgensonne die tote Stadt betrachte
und den lustigen Rauch aus den Schornsteinen steigen sehe da will mich oft eine
Träne beschleichen und eine wimmernde Elegie zerbröckelt sich auf der Zunge
aber ich jage das dumme Zeug fort und nehme meinen alten Moniteur von 1793 zur
Hand und lese ihn mit starker Stimme in die Morgenluft hinaus Da kommt mir bald
der Zorn gegen die jämmerliche Welt die ihren Geburtstag vergessen hat und
wenn der Zorn erst kommt da ist alles gut Nach der Liebe ist er die edelste
Leidenschaft Ich gehe oft einen ganzen Tag lang zürnend auf meiner kleinen
Stube hin und her denn der einzige Rest meiner Zivilisation der mir geblieben
mein Mantel von Marengo der mich Tag und Nacht schützt erlaubt mir nicht am
Tage auszugehen  Die Zukunft kümmert mich nicht wären wir nicht alle
zukunftskrank so würden wir eine stärkere Gegenwart haben Mache Dir alles
Angenehme recht anschaulich und betrachte das Unangenehme als ein notwendiges
Übel  hätte ich nicht für mich selbst diese Registratur der notwendigen Übel
errichtet beschäftigte ich mich nicht mit allem Unangenehmen bis es mir
wenigstens interessant und für eine Novelle brauchbar erscheint ich würde
wahrlich nicht so guten Mutes sein Ich lache doch alle Wochen wenigstens
einmal Auch les ich jetzt fleißig in der Bibel ich will doch mit Vernunft
über den Unsinn räsonieren nach achtzehnhundert Jahren noch immer ungestört von
einem Buch sich gängeln zu lassen das unwissende Schüler einem großen Meister
nachlallten Die »Menschenrechte« daneben geben die Glossen dazu
    Die weibliche Nachbarschaft mit ihren Gewissensfragen in Grünschloss
amüsieret mich sehr Die Weiber sind noch heute wie die Helden in den alten
Novellen die sich beim ersten Begegnen ihre Lebensgeschichten abfragen Macht
Ihr noch keine Sonette Diese Dichtungsart ist ja wie für Eure Lage erfunden
Man muss beim Sonett nur immer die Form in größter Vollkommenheit voraussetzen
und so wie die Färbung beim Gemälde der Stein bei der Bildsäule Bestandteile
der Schönheit sein können wenn auch der Gedanke die Hauptsache bleibt so ists
auch beim Sonett Das äußerlich Glänzende verteidigt niemand weniger als ich
aber beim Sonett darfs nicht bloß dieses sein den äußeren Glanz muss eben die
innere Harmonie geben William sagt gut »Es ist eine Säulenordnung wo jede
Säule zur andern und alle zum Ganzen in schöner Beziehung klarem Verhältnis
stehen müssen« Man mache hie und da wenn es eben recht aufgeräumt im Kopfe
ist ein Sonett und sende es der Liebsten  Das Sonett ist ein Weib dies wird
sich dessen freuen es ist ihr ein Spiegel eigener schöner Zusammenstimmung
wenn das Weib anders eben Musik in sich hat Ein Dichter der nur Sonette macht
ist ein weibischer Mann aus unserer Teetassenzeit Sonette können schon wegen
der Schwierigkeiten nichts als der Schaum unserer inneren Wogen sein das
Eigentliche liegt auf dem Grunde und wenn es heraufkommt so ist es das
Einfache der Urvers der sich in der poetischen Prosa oder dem klaren Jambus
ausspricht
    Dass ich nicht ins Theater gehen kann tut mir leid Bei dieser schalen
mageren Welt seh ich gern die phantastische Tätigkeit des Traums Was mir
Valerius einst über Nationalität als Hebel der  namentlich der dramatischen
Poesie sagte stimmte mit meinen Ansichten überein Ich glaube aber dass alle
Nationalität nach und nach verschwinden wird und dass dies ganz notwendig im
Gange der Weltgeschichte liegt Ich glaube nämlich an eine dereinstige
Universalrepublik so fest wie an meine Fähigkeit ein Glas an den Mund zu
führen Es wird und muss sich eine neue Zeit bilden wir leben freilich in
keiner sondern in dem Zwischenraume auf der Brücke zweier Zeiten
Individualitäten plastische Figuren mit einem Worte Helden verschwinden und
an die Stelle der Helden tritt die Meinung Wir bereiten den Stoff zu einer
neuen Ära der Poesie welcher der voreilende Jean Paul teilweise schon angehört
In dieser neuen Weise können wir noch nicht schreiten weil sie erst die Hälfte
ihres Körpers aus dem Mutterleibe der kreisenden Weltgeschichte hervorstreckt
die alte Weise kann uns aber nicht mehr genügen eben weil die Ahnung der neuen
schon in uns vorhanden ist Daher finden wir von allen Arten der Poesie die
meiste Befriedigung in der Musik weil sie der Ausdruck halbbewusster Gefühle
ist  Nenne dies »Fieberphantasie eines tauben Musikers«
    Dieser Schuft von Diener aus der Gesandtschaft hat eine Spürnase wie ein
Jagdhund und mich wirklich ausgeschnüffelt  keuchend kam er eben auf meiner
Höhe an und brachte mir die verbindlichste und dringendste Einladung Man habe
mir vielerlei mitzuteilen Mantel schütze mich vor Blössen »Menschenrecht«
wahre meine Freiheit  in dies dumme Zeug hat mich Valers besorgliche
Gutmütigkeit wahrscheinlich gestürzt Bitte ihn doch dass er die Leute
unterrichten lässt ich sei ein Taugenichts Dann lassen sie mich hoffentlich in
Ruhe Ich räusperte mich und hielt dem Diener eine jakobinische Standrede
Erstens bedeutete ich ihm dass mein Name Müller einfach Müller Stadtmusikus
Müller sei mein Vater heiße von Müller ich aber nicht  das von sei überhaupt
nicht mehr Mode und die Mode sei die Hauptsache Zweitens passte mein Äußeres
und Inneres nicht in ein Gesandtschaftshotel drittens gehörte ich zu den
Sansculotten viertens würde ich ihm den Hals brechen wenn er sich noch einmal
bei mir sehen lasse 
    Ich hoffe er hat genug
    Gestern habe ich in der Zeitung gelesen dass meine gute Schwester gestorben
ist es war als ob eine alte Saite in mir spränge es schwirrte eine ganze
Weile Ach Sterben ist keine Kunst  nur weil die Leute das nicht wissen
erschrecken sie so unmäßig vor der französischen Schreckenszeit 
    Ade  freue Dich denn dies ist der Punkt um den sich alle Sonnen und Monde
drehen  Epikureer ist auch der Stoiker denn was anderes als Freude in sich
will er durch Stoizismus gewinnen Um zum Vergnügen zu kommen sei mäßig nur
nicht in der Liebe zu mir ich denke Dir mit Wucher zu zahlen
 
                          13 Hippolyt an Konstantin
Lieber Freund Valerius der eben zu mir kommt und mir den ähnlichen Brief von
Dir mitteilt ist mit mir gleicher Meinung das muss anders mit Dir werden
Beiliegende Summe wirst Du zu Deiner Akklimatisierung anwenden oder es trifft
Dich das Anatem der Böotier Sobald Du Dir einen Frack gekauft folge jener
Einladung nach allem was ich gehört findest Du ein reizendes Mädchen
    Jetzt höre zu ich erzähle weiter Die Fürstin bedauerte dass Goethe nicht
auch dergleichen Szenen aus reicheren vornehmeren Umgebungen geschrieben die
Weiber seien zu sehr Landschaft ich solle ihr Elegien schreiben wo die Frauen
mitsprächen Jenes Behagliche Reiche  entgegnete ich ihr  was sie vermisse
ersetze der Schauplatz Italien aber es sei allerdings ärgerlich dass unsere
übrigen Poeten noch immer so wenig Kourage hätten dergleichen zu schreiben
Einmal sagte ich liegt es an unserer bürgerlichen Einrichtung die in so
vielfache kleine bürgerliche Fächer abgeteilt und durch Mauern und Hecken
abgetrennt ist die so sehr der Freiheit ermangelt dass die meisten Menschen
nach dem Rechenbuche leben müssen in die nassen Felder hinausrennen um sich
Luft zu machen da empfängt sie unser schlechtes Klima und sie holen sich den
Schnupfen Zweitens werden den meisten jene Fächer ins Herz hinein erzogen sie
prallen vor jeder papiernen Wand zurück weil ihnen das leidige Herkommen zum
unerschütterlichen Naturgesetz geworden ist Sie zweifeln eher an der
Richtigkeit und Gesundheit ihrer Gefühle als an der der Verhältnisse Der ist
schon ein bürgerlicher Held der als Kanzlist der Tochter oder Schwester des
Regierungsrates seine Liebe anzubieten wagt Drittens sind unsere allgemeinen
politischen Verhältnisse noch immer die der Herren und Sklaven und der großen
Masse von Sklaven fehle es an Mut zu lieben wenigstens an Mut Gegenliebe zu
verlangen
    »Das sind wunderliche Dinge«  entgegnete die Fürstin  »ich glaube aber
nicht dass Sie zu den Sklaven gehören«  dabei reichte sie mir die schönste
Hand welche ich je gesehen zum Kusse Ich küsste sie ihr lachend mit warmen
Lippen und da sie mit dem Zurückziehen nicht eilte so eilte ich nicht mit dem
Zurücklassen Ich sprach noch viel mit erhöhter Wärme über Poesie und Weiber
Meine Dame ward auch bewegter zog einmal ihre Hand weg nannte meine Theorien
männerfrech ließ mich später die Fingerspitzen wieder ergreifen schwieg lange
sah mich forschend durchdringend an stand dann plötzlich auf strich mir wie
Adelheid in Goethes Götz dem Franz über das Gesicht und erlaubte mir den andern
Tag wiederzukommen und ihr Gedichte mitzubringen
    Ich war in einer Art Sinnlichkeitsrausch Wenn Du Dich darüber wunderst so
hab ich Dir nicht genug von der Schönheit des Weibes nicht genug von dem stolz
einhergehenden und doch von Bewegung immer in die Knie sinkenden Trotze ihres
Wesens gesagt das unwiderstehlich reizte Eine stolze Blume die sich des
feuchten Taus nicht erwehren kann der ihre Blätter die Augenlider erweicht
und das Haupt beugt Rechne dazu die reizendste reichste Umgebung welche der
trägsten Phantasie schwellende Polster unterschob Glaube ja nicht dass die
äußeren Umstände ohne großen Einfluss seien Wer unter den gewöhnlichen engen
bürgerlichen Verhältnissen wo das Philisterhafte der Frau Mutter oder Frau
Muhme mit beobachtet sein will frei mild stark lieben will muss einen viel
größeren Grad von Freiheit und Stärke entwickeln als wer eine Fürstin in
goldenen Zimmern findet wo auch die leiseste Störung scheu nicht in die Nähe zu
treten wagt Nur die sentimentale eine Jugendliebe die Raserei der Liebe
wächst unter erschwerenden Umgebungen  die Romanschreiber die den Satz überall
gelten lassen verstehen nichts davon Wie käme jeder arme Novellist in seiner
kleinen Bürgerstadt mit seinen paar Papiertalern Honorar in Kreise wo die
Spirallinien des Wunsches in weiten freien Bogen springen Dass so wenige von den
äußerlich Begünstigten Romane schreiben dass diese freieste schönste
Dichtungsart so fast lediglich den armen Teufeln überlassen ist bringt soviel
Jämmerlichkeit zusammengeschnürte Herzen in unsere Poesie  Es ist ein ander
Ding dass die Liebe durch Hindernisse wachse  wer möchte das leugnen aber der
Feind muss des Kampfes wert der Feind muss gewaltig die höheren Tätigkeiten
aufregend sein  wer und was ist denn aber der gewöhnliche Feind Eurer
Liebschaften Ein kleines Kastenherz das die lebendigsten Pulsschläge als zu
kühn und illegitim fürchtet jämmerliche Furcht vor einigen herkömmlichen
Rücksichten die nicht erlaubt glücklich zu sein weils tausend andere Hasen
nicht gewesen sind altes Weibergeschwätz der sogenannte Ruf dh das
Klatschtema aller mittelmäßigen Menschen Solch ein Feind stärkt nicht aber er
lähmt Man kämpft gegen einen ausgestopften Wanst in welchem das Schwert
stecken bleibt was den Arm ermüdet das mutige Herz aber mit Ekel erfüllt
    Ich erinnere mich eines Universitätsbekannten der den Umgang mit einem
liebenswürdigen Mädchen aus lauter bürgerlicher Verzweiflung aufgab sowie er
bei ihr saß kam die Frau Muhme und die Frau Base und die Frau Nachbarin und
wenn er die losgeworden war der Herr Gevatter und der Herr Bruder
Handschuhmacher und der Papa und die ältere unversorgte Schwester und sprachen
von den Stunden der Andacht von den schlechten Zeiten von der
Sittenverderbteit und noch einmal von schlechten Zeiten dass der Mensch immer
zum Tode abgemattet von seinem Liebchen kam und ein Ende machte um nicht vor
Ärger Langeweile unbefriedigtem Sehnen verplatteter Empfindung aufgerieben
zu werden
    Der Gegensatz von all den Dingen zeitigte allerdings wie klarer Sonnenschein
meine Neigung zur Fürstin Ihr sogenannter Gemahl zählte gar nicht einmal
gehorchte er seiner Frau unbedingt und war ein kläglicher Pantoffelritter
zweitens war er ein abgestumpfter Mensch der ein ordinärliederliches Leben
geführt hatte ferner beschäftigte ihn eine kindische Eitelkeit mit soviel
andern Gegenständen dass er keine Zeit und keinen Zugang für den Gedanken hatte
seiner Frau könne ein anderer Mann gefallen endlich war er meist verreist
Während ich bei seiner Frau saß ließ er sein nobles Pharospiel bewundern seine
schönen Pferde preisen sein vielwisserisches fades Gespräch geistreich
schelten Der Bruder der Fürstin war sein Genoss und störte uns ebensowenig Aber
des Fürsten Bruder war ein kräftiger Feind denn er liebte seine Schwägerin mit
Leidenschaft Doch davon später Ich wollte Dir nur dartun wie das Behagliche
aller Umgebungen mich hineinlockte in das Zauberschloss zur schönen Fee wie ich
so lange einen Engel gleich Desdemona ihr nachsetzen konnte
    Sie hatte mich das erstemal in einem großen Gesellschaftszimmer empfangen
als ich den andern Tag wiederkam fand ich sie in einem kleinen lauschigen
Gemache Schwere grünseidene Gardinen mit glänzenden Goldtroddeln verhüllten
zwei hohe Fenster der Fußboden war ein bunter Blumenteppich an der einen Wand
hingen zwei große Ölgemälde Joseph eh er zu dem einfältigen Entschlusse
kommt sich der Potiphara zu entreißen und Leda als sie brünstig ihren Schwan
küsst an der Wand gegenüber stand ein rotseidener Diwan über welchem ein
vortrefflicher Kupferstich hing Jupiter darstellend wie er in goldenen
Regenstrahlen zur Danaë kommt Das Zimmer war sonst fast leer ein breiter
Spiegel strahlte den Diwan zurück und umarmte strahlend den keuschen Israeliten
und die begehrliche Leda ein reicher kleiner Tisch mit Erfrischungen bedeckt
stand neben dem Sofa Es war die leichte heitere griechische Freiheit die über
das ganze Zimmer gegossen war ich hasse nichts so als die mit Herrlichkeiten
überladenen Gemächer wo man bei jedem Schritt befürchten muss etwas zu
zertreten
    Die Fürstin stand vor dem Spiegel und rollte eine Locke an den Fingern auf
Ich habe nie etwas Schöneres gesehen als dies Weib in jenem Augenblicke an jenem
Abende Sie trug einen leicht seidenen weißen Rock hoch geschürzt mit einem
Florüberwurf nach Art der sarmatischen Überkleider geschnitten Beide waren
natürlich vorn offen und schlugen sich wenn sie ging zurück so dass man das
weiße Unterkleid und die sich rund hervordrängenden Umrisse des Schenkels und
Beines sah Schultern Hals und Arme waren frei die kurzen herunterhängenden
polnischen Florärmel fielen zurück wenn sie den Arm hob Titian hat nie ein
schöneres Fleisch gemalt Sie war ungeschnürt und der volle Busen drängte die
schwache Seide wie ein volles Herz die kleinen gesellschaftlichen Rücksichten
Ihr reiches blondes Haar fiel in reichen Locken um das Haupt Der gewöhnliche
scharfe Ernst ihrer Züge war gemildert und sie ging anfänglich in launigen
Gesprächen wohl eine Viertelstunde lang im Zimmer auf und ab Es mochte wohl
Eitelkeit sein ihre in Schönheitslinien sich schaukelnde Figur zu zeigen Aber
ich liebe diese Eitelkeit und die stets sitzenden Frauen kommen mir wie fette
Türkinnen vor die mich nie reizen könnten Das freieste Wort die freieste
Sprache des Körpers ist der Gang Diese vornehme Keckheit mit der sie ihre
Reize offenen Auges offener Stirn auftreten lässt erfreut und stärkt meine
Sinne Es ist eine kühne Gesundheit darin Jenes verdeckte versteckte
Kokettieren mit nackten Eckchen und Zipfelchen ist der bare Gegensatz davon und
mir in der Seele zuwider Parallel damit geht auch die krankhafte Beschreibung
solcher hysterischen Schönheiten wie sie in den sogenannten schlüpferigen
Romanen zu finden Beides schwächt die Sinne Die Natur in ihrer ungeschminkten
Schönheit in ihrer Nacktheit ist immer edel und schön ihre Verkünstelung ist
krankhaft Weil der Novellist nicht den Mut hat die unverhüllte Form zu zeigen
so hat er auch nicht den Mut sie zu bewundern und er gibt Dekokte für die bare
Schönheit Darin besteht ja die Fülle von Vollkommenheit in der Poesie dass ihr
alle Künste zu Gebote stehen und wer die plastische verdirbt und einen
löcherigen Mantel über die nackte Statue wirft bestiehlt den Roman Was gäbe
ich darum schrieben unsere Bildhauer Novellen das könnte eine stärkende Kur
werden was gäbe ich darum lebten noch zwei Heinse die einfachen Homöopaten
der Beschreibung Das ist es worin ich ganz mit Valer übereinstimme nur dass
er mit größerer Vorliebe den weichen Formen des Praxiteles nachgeht ich die
dreisten Linien des Phidias vorziehe William hat gar kein Verständnis dafür
und ich fürchte der kleine Provenzale nimmt mehr das Lüsterne heraus was ich
ganz verwerfe weil es entnervt
    Die Fürstin sprach von den Männern ich musste ihr von Weibern erzählen Sie
hatte viele von unseren einbalsamierten Herren kennen gelernt deren Gestalt nur
hier herumläuft und deren Geist in Erziehung Liederlichkeit oder Furcht
verflüchtigt ist Wenn das Gegenteilige ihr begegnet war so hatte es aus jener
materiellen rohen ich möchte sagen bestialischen Soldatenkraft bestanden die
schon seit vielen Jahrhunderten unsere höher gestellten Stände für ein Axiom der
Bildung ansehen Es ist diese Barbarei ein Kindlein des Mittelalters und
eigentlich ein diplomatischer Streich des Adels Als das Rittertum verschwand
pachteten sie die vornehme Soldaterei und Jagd sie ahnten etwas vom
Kriegerstande der Ägyptier und Inder und wollten die herrschende Partei welche
mit des Schwertes Kraft das Land erobert hat fortspielen Unterdes ist die Welt
mit ihrer Zivilisation weit über jene behelmten Häupter hinausgewachsen darum
sehen wir jetzt unter den sogenannten höheren Ständen eine solche Menge
barbarischer Fratzen mit lächerlichen Schnurrbärten von einem Ohr bis zum
andern die noch immer der ernstlichen Meinung sind sie hätten das Privilegium
der Kourage Gemütern die alle zivilisierten Anlagen zum Herrschen besitzen
also ein Wort aus Erfahrung darüber reden können muss dieser Vandalismus
greulich sein Das klagte die Fürstin und es beschlich sie nachdem die Schärfe
des Wortes lange genug gemäht hatte eine leise Wehmut die ihr sonst gar nicht
eigen darum aber doppelt verführerisch an ihr war Männersehnsucht
Männertrauer Tränen nach Männern sind die schärfsten Waffen eines stolzen
Weibes Sie erobert indem sie um Gnade bittet Ich fühlte die reiche Armut des
einsamen hochgestellten Weibes ich fühlte meine Kraft sie zu halten und zu
beglücken »Arme reiche Frau«  sprach ich blieb vor ihr stehen fasste ihre
beiden Hände führte sie an meine Lippen und sah ihr drängend tief in die Augen
hinein Sie legte ihre Arme auf meine Schultern und gab mir die Blicke feucht
und redlich zurück Aber es war als kämen sie aus einer weiten fernen
Dämmerung als wären sie Träume von reizenden Sternbildern sie schauten wie aus
den Wogen tiefer Gedanken sie sahen träumerisch aber unendlich glücklich aus
diese Blicke Es war als bückte sich die Seele des hohen Weibes tief vor ihnen
Die starren Kräfte des kalten schönen Gesichts waren gebrochen die Züge sanken
in die Knie zu zauberhafter Milde wehmütiger Freundlichkeit Venus stieg aus
dem Meeresschaum und die schäumenden Wellen fielen plätschernd von ihr und sie
ward ganz das warme Weib Lange sahen wir uns so in die Augen näher und näher
sie aneinander drängend Keines sprach Wenn sich die Seele unter Schmerz und
Lust und Tränen nackt an den Tag drängt da staucht und hemmt sie erst das
vorlaute Wort die dreiste Kehle wie man ein Wehr hemmt wenn man die Tiefe des
Wassers trocken und nackt sehen will Endlich lispelte die Fürstin leise so
leise dass es nur mit Mühe mein innerster Mensch erlauschte »Du bist ein Mann«
und ich fühlte einen brennend heißen Kuss auf meinem Munde Sie schlug die
schönen Arme um mich ich hob sie dicht zu mir und hielt sie die halb
schwebende die ihre brennende Wange an mein Auge drückte und so eine Minute in
meiner Umarmung verweilte Dann hob sie den Kopf drückte mein Gesicht in ihre
Hände und küsste mich einige Male heftig machte sich halb los von mir warf
Haupt und Locken in den Nacken zurück und mich mit halbgeschlossenen Augen
betrachtend lächelte sie und nickte leise mit dem Kopfe »Komm Mann« sprach
sie legte den Arm auf meine Schultern und ging mit mir einige Male im Zimmer
auf und ab hie und da blieben wir stehen und küssten uns inbrünstig und meine
passive mir so ungewohnte Rolle von mir werfend drückte ich die vollen
straffen Glieder des schönen Weibes an mich und schleuderte die lodernden Funken
der Sinnlichkeit verschwenderisch um uns herum umschlang sie wie ein Löwe sein
Weib überließ mich ganz der heiteren Kraft meines Wesens und küsste sie bis
sie weich und erschöpft in meinen Armen zusammenbrach da hob ich sie einen Arm
um ihren Leib schlagend die Hand an ihren Busen drängend an meine Seite und
ging sie halb tragend mit ihr durchs Zimmer Vor dem Spiegel blieb ich stehen
und zeigte ihr unser Bild Sie wollte den Stolz ihres Wesens aufrichten aber es
gelang ihr nicht sie ließ das Haupt nach vornhin gebeugt sinken und sah mit
einem lächelnd naiven Ausdrucke dessen ich sie gar nicht fähig gehalten hätte
auf unsere Gruppe im Spiegel  
    Die Stunden waren geflogen wir saßen auf dem Diwan und ich musste ihr
Liebesgeschichten erzählen Sie meinte eifersüchtig sei sie nicht auf die
Vergangenheit Dennoch konnte ich keine Geschichte zu Ende bringen ohne dass sie
mich da wo sie anfing interessant zu werden auf den Mund schlug
stillschweigen hieß aufstand einen Gang durchs Zimmer machte dann vor mir
stehen blieb zausend in meine Haare griff und halb zornig halb lachend sagte
»Du hättest wohl auf mich warten können mit Deinem Lieben dreister Mensch« Ich
lachte und zog sie an meine Brust und drückte die Hand in ihren Busen um den
Pulsschlag ihres Herzens zu fühlen und als ich ihr sagte sie hätte ja kein
Herz da schlug sie mich ins Gesicht und ging hinweg Ich sprang ihr nach 
»still« sagte sie  »Du musst jetzt fort es wird zu spät meine Dienerschaft
kümmert mich zwar nicht aber es reizt mich nichts vor dem besorgten
Bürgerweibe voraus zu haben  man soll Dich fortgehen sehen Dieser Schlüssel 
sie nahm ihn von jenem kleinen Tische am Diwan  schließt die westliche
Gartenpforte ich habe ihn selbst heut mittag für Dich abgezogen Du Schuft in
einer Stunde kannst Du zurückkehren Schwing Dich auf den niedrigen Balkon an
der Ostseite des Hauses die mittlere Flügeltüre findest Du offen geh dann
durch die nächsten drei Gemächer bis in das Bibliotekzimmer dort erwarte mich
Adieu Mann meiner Liebe«   
    Das Palais liegt wie Du weißt halb im Freien ich wollte in frischer Luft
und Nacht die Stunde verbringen und schlenderte auf die Promenade und auf die
Wege die zu den umliegenden Gärten führen Aus einem etwas seitab liegenden
Gartenhause hör ich Musik eine Singstimme zum Klavier und zwar Juliens Arie
aus der Vestalin die ich liebe Ich gehe hinan und aus einem hohen
Parterrezimmer klingt die schöne volle Frauenstimme Ein Gartenschemel der in
der Nähe steht soll mir die Aussicht ins Zimmer gewähren er wird unters
Fenster getragen ich steige hinauf und sehe eine Dame im schwarzseidenen
Überrocke mir den Rücken zukehrend am Klavier sitzen Die Arie ist zu Ende
sie lässt die Hände in den Schoss den Kopf nach vorn niedersinken Ich rege mich
nicht Sie hebt eine Hand und fährt leise mit ihr auf den Tasten herum dabei
bewegt sie den Kopf ein wenig nach der Seite ich sehe das Profil es ist 
Desdemona »Guten Abend Desdemona«  Sie fährt auf sieht erkennt mich
springt ans Fenster greift nach meiner Hand bedeckt sie mit Küssen und
spricht »Mein liebster Hippolyt« Sie fragt nach nichts sie schilt nicht sie
gießt nur ihre Seele aus dem Auge in das meine wir schwatzen kosend wie zwei
Vögel die auf zwei Ästen sitzen da schlägt es elf »Einen Kuss Desdemona ich
gehe« Und das liebe Weib biegt sich weit heraus und bietet mir ihr Auge hin
»Gut Nacht Hippolyt« sagt sie  Gut Nacht Desdemona und die Vöglein
flattern voneinander
    In wenig Minuten war ich an der Gartentür auf dem Balkon im
Bibliotekzimmer ich suchte mir Heinses Ardinghello streckte mich aufs Sofa
und las beim Schein der Astrallampen die den weiten Raum erhellten
    Wie amüsieren mich Eure langen Gesichter wenn Ihr von dieser Impietät hört
wie man in voller Glut von einem Weibe zum andern laufen jetzt diese eine
Viertelstunde später jene umarmen könne O Ihr armen Leute Wie können die
Bettler den reichen Mann begreifen der links und rechts ohne Not Gold spendet
Ich habe Leben für eine Million komme Million und liebe mich Wie sollt ich
geizen Euer gewöhnlicher Don Juan ist ein liederlicher sinnlicher Wicht Aber
weil Ihr einmal wisst dass den der Teufel holt so haltet Ihr jeden für des
Teufels Beute der nur zufällig ein ähnliches Wams trägt wie Euer Opernheld
getragen Ich wollt es dem armen Teufel nicht raten sich an mich zu wagen der
Teufel ist der Tod ich erdrücke ihn in der Fülle meiner Lebenskraft  Genug
ich will zu Ende
    Die schöne Fürstin war so leise eingetreten dass ich sie nicht bemerkt
hatte ich phantasierte über die Formenschönheit mit Ardinghello  wie eine
heiße Sonne trat sie plötzlich vor mein Lampenlicht Eine Million lebte eben in
mir ich riss sie in ihrem weichen Nachtkleide zu mir nieder ich erwürgte sie
fast »Lass mich einen Augenblick los«  flehte sie Als sie frei war sprang sie
durch die Tür ich ihr nach Sie war verschwunden Mitten im nächsten Zimmer sah
ich mich um sie schloss eben sorglich die Tür hinter deren Flügel sie sich
einen Augenblick versteckt hatte »Der Fürst könnte zurückkehren«  sagte sie 
»und es fällt ihm zuweilen meinem Schwager aber oft ein sich selbst ein Buch
suchen zu wollen« Wir gingen in ihr Schlafzimmer es ist verführerisch wie ein
anakreontisches Gedicht Eine nur angelehnte Tür führte zu einem Badezimmer ich
küsste einen Augenblick Abschied auf Mund und Busen meiner Konstantie warf die
leichten Kleider von mir und tränkte meine durstigen Glieder mit der weichen
Welle Es ist dies etwas was Ihr Deutschen durchaus nicht lernen wollt dass das
viele Baden etwas Reizendes sei Ihr rauen Bären Germaniens die Ihr vom
Urzustande doch übrigens nichts als das raue Fell behalten habt wo drei
Schläge auf einen Fleck fallen müssen ehe Ihr einen fühlt begreifts nicht
Das deutsche Weib ja selbst der deutsche Jüngling weint sich windelweich weint
sich aus wenn er einen neuen Menschen anziehen will der südliche badet und
erfrischt geschmeidig geläutert tritt er an die Luft für deren Balsam er
tausend neue Organe geöffnet hat Das Bad ist ein Hauptakt der körperlichen
Zivilisation schon in Frankreich findest Du in jedem einfach eingerichteten
Hauswesen ein Badezimmer in Deutschland keines in dem besteingerichteten Ich
verlange nicht den Reichtum des Südens darin denn natürlich drängt dort das
Klima mehr dazu ich verlange nur das Aneignen des reinigenden Elements Die
üppigen Termen der Griechen und Römer bekunden heut noch in ihren Trümmern
welchen Wert man auf diese Sitte gelegt Geist und Gemüt entfalten sich
behaglicher in einem Leibe der aus dem Bade steigt eine reinere frischere
Sinnlichkeit hüpft durch die erregten Adern  aus dem Meere hoben die Griechen
ihre Liebesgöttin die strahlende Aphrodite Das Wasser ist ein geistigeres
Element als die Erde man fühlt sich höher edler wenn man die Glieder aus den
Fluten hebt Darum lob ich die mehr und mehr überhandnehmenden Schwimmanstalten
in Deutschland Die Polizei sollte an den Toren darauf sehen dass die
Einpassierenden erst in den Fluss gingen ehe sie in die Stadt kämen statt die
im Zimmer verkümmernden deutschen Bürger allsonntäglich wie die Herde zum
nutzlosen Geschwätz eines Pfaffen zu schicken würd ich sie ins Wasser jagen
damit sie die trägen Flügel schütteln lernten wie die Vögel die sich auch
baden obwohl sie in reinerem Elemente verkehren als wir Deutschland hat die
gründlichste Ästetik ediert und die Ästetiker holen die Regeln aus dem
Bücherstaube und schreiben ungewaschen über Schönheit Es hat mir den Anblick
manches zärtlichen Liebespaares verleidet wenn ich daran dachte dass beide vom
Baden nichts wüssten Man soll den Körper pflegen wie die Frucht deren Saft
unsere physischen und geistigen Teile stärkt und nährt Deutschland geh ins
Bad
                                                          In der Mitte des Juli
Das Papier ist gelb geworden ich habe das Schreiben lang liegen lassen Du
weißt dass ich immer das künstliche Leben dem natürlichen nachsetze Es gibt
aber hier viel zu leben Davon will ich Dir später erzählen erst rasch meine
Geschichte bis zur Ankunft auf Grünschloss beendigen Wenn ich auch an den
Bildern mehrerer Jahre vorübergehe Konstantie bleibt das schönste Weib das ich
gesehen Linie Muskel Form Auge Wort Geist Gefühl  alles ist straff an
ihr sie ist der Gedanke eines Mannes der weibliche Form gefunden Es hat mich
nie ein Weib mit solcher Energie umarmt und geliebt als Konstantie in jener
Nacht Ich liebe diese Kraft am Weibe über alles das Weiche Vergehende
Ergebene gewährt mir zu wenig Widerstand Ich gehe noch einen Schritt weiter als
Valerius der ebenfalls Kraft und Stärke des Weibes bevorzugt ich liebe sogar
die Strenge der Formdes Geistes und des Gemüts Vielleicht sind solche Weiber
der Übergang zur griechischen Knabenliebe Als Konstantie des Morgens erwachte
war nichts von jener Scham welche der Tag so oft über die Freuden solcher
Nächte gießt an ihr zu entdecken sie umarmte mich beim Tageslichte so glühend
wie sie beim Lampenschein getan Ich musste den Tag über in jenen Gemächern bis
zum Balkon bleiben weil ich nicht leicht unbemerkt fortkommen konnte
Konstantie war für die Welt krank und speiste auf ihrem Zimmer Wir lebten wie
goldene Vöglein im Käfig Als die zweite Nacht zu schwinden begann verließ ich
sie erst  ein großer Tränentropfen der Wollust und des Schmerzes der einzige
den ich je in den stolzen südlichen Augen gesehen erweichte ihren Blick als
sie an der letzten Tür von mir schied Wir hatten verabredet dass ich ihre
Salons fleißig besuchen sollte Wenn sie mich italienisch fragte »Wie leben die
Poeten« so war dies ein Zeichen dass mein Schlüssel gefahrlos zu ihr führte
    Daheim fand ich einen Brief Desdemonas ein duftender Zweig aus einem
indischen Walde Ich schrieb ihr innig zurück und ritt dann in das duftende Land
hinaus Es hüpfte ein karger Frühling über die deutschen Felder aber es war
doch ein grüner Junge mit frischem Atem ich vergaß die springende Jugend
Spaniens und ritt immer weiter und weiter Erst nach mehreren Tagen kam ich
zurück Wieder lag ein Stück Himmel Desdemonas auf meinem Tische daneben eine
trockene Einladung zur Soiree beim Fürsten Ich ging hin aller sogenannte Adel
der Stadt und Umgegend hatte sich geputzt eingefunden sie machten alle
ernstaft ihre Kapriolen und spielten ihre Puppenkomödie aufs beste dh ohne
allen Geist Wie sie sich gefreut haben mögen als sie nach Haus gekommen sind
jeder auf seine Weise der eine dass er sich keines Schnitzers im
FranzösischPlappern erinnerte der andere dass der Fürst ihn auf die Schulter
geklopft und versichert habe er sei noch ganz derselbe wie 1806 der dritte
dass er niemand auf die Füße getreten auch nicht gefallen sei die erste dass
sie das zweite Paar im Kotillon und was dies Geschmeiss der Zivilisation
dergleichen schwatzt Der Adel als Begriff und Masse ist wirklich in heutiger
Zeit wie Valerius sagt ein Indianerstamm dessen Farbe europäisch geworden
dessen Charakter aber wild geblieben ist Die späteren Historiker werden unsern
Adel als naturhistorische Merkwürdigkeit aufführen
    Die Fürstin war so umlagert dass ich nicht zu ihr konnte Aber wo wäre ein
Mann so klug wie ein Weib Beim Kontertanz stand sie plötzlich mit ihrem Tänzer
neben mir und ich hatte es kaum gesehen als ich auch schon die Frage nach den
Poeten beantworten musste Sie tanzte mit ihrem Schwager Er sah sehr ernstaft
aus und maß mich mit stolzen Blicken Meine lange Gestalt machte ihm viel zu
schaffen er schien nicht einig zu werden über das Maß und fing immer wieder von
neuem an Da ich dort nichts übelnehmen konnte so lachte ich das machte ihn
noch ernsthafter Konstantie ignorierte mich  alles flüsterte sie sei nie so
schön gewesen Ein Weib kann noch so schön sein die Liebe macht sie doch erst
reizend
    Die Nacht kam und ging ich mit ihr Dieselben Szenen wiederholten sich
Konstantie die früher nur auflodernd heiß gegen mich war wurde von Tag zu Tage
wärmer der männliche Tau schien mehr und mehr von ihr abgestreift zu sein das
Weib war durch und durch erweicht sie ward mit Blicken und sanften lind
schmeichelnden Worten freigebiger und unvorsichtiger gegen mich Die Eifersucht
aber ist das Bild des alten Argus sie sieht das meiste Ihr Schwager ging wie
ein Tiger umher das hätte dem hypochondrischen deutschen Jünglinge die Freude
verdorben die meine erhöhte es Die Poeten waren des Abends daran gewesen ich
stand gegen Mitternacht auf dem Balkon Als ich eintrat fand ich Konstantien
nachdenklich den Kopf auf den weißen Arm gestützt im Lehnstuhl sitzend Sie
trug noch das himmelblaue Sammetkleid womit sie im Salon gewesen hatte nur
allen andern Kram von sich geworfen und die Fesseln des Kleides gelöst Ich
blieb in einiger Entfernung vor ihr stehen und betrachtete im Spiegel unser
eingerahmtes Bild Du weißt wie ich das Schaffen von Bildern liebe Wir
schwiegen beide Endlich hub sie an  »Hast Du wohl verschlossen Hippolyt«
»Ich habe«  »Mein Schwager sinnt ohne Zweifel Arges und ich will lieber
sterben als dem Menschen die kleinste Rache gegen mich gelingen lassen« dabei
stand sie auf kam zu mir legte die Arme und das Haupt an meine Brust und
sprach nichts mehr Plötzlich ging sie und schloss auch die Tür ihres
Schlafgemachs was sonst nicht geschah da die Bibliothek von uns aus
verschlossen war und von dieser Seite keine andere Tür zu uns führte Ich
lachte und küsste sie Nach Verlauf einer halben Stunde schrak sie in meinem Arm
auf hielt mir den Mund zu und lauschte »Es ist Geräusch in der Bibliothek 
man schlägt drüben an die Tür«  Wir horchten beide  es war so »Auf
Hippolyt« Ich schickte mich eiligst zur Abreise an und fragte lachend »Wo
hinaus« Sie führte mich hastig ins Badezimmer und deutete auf ein an der oberen
Wand in tiefer Nische angebrachtes rundes Fenster mit bunten Gläsern »Kannst
Du«  fragte sie »Ich muss«  Ein Stuhl ward herbeigebracht ich sprang an ihm
in die Höhe und klammerte mich in der Nische fest wo ich zusammengekrümmt mit
entsetzlicher Mühe das Fenster aus seinen Angeln brach denn es war nicht zum
Öffnen eingerichtet Ich reichte es Konstantien hinunter sonst hätte ichs beim
Hinunterspringen in den Hof mit hinabgerissen da der Raum zu eng war Was sie
damit gemacht hat weiß ich nicht sie wollte nur mich entfernt haben alles
übrige aber ohne Mühe dann vertreten »Es stürmt heftig« gab ich ihr noch als
Notiz in die Hand sie warf mir den letzten Kuss zu ich sprang hinunter Der
Sprung war ein mässiges Stockwerk hoch und führte in einen Seitenhof wo
glücklicherweise statt der Steinplatten Rasen war Es krachten alle Knochen in
den Gelenken jedoch die Elastizität meiner gesunden Glieder spottete der
Erschütterung Das Geräusch hatte aber den großen Hund des Palastwächters
herbeigelockt ich stand kaum auf den Beinen so kam er brüllend auf mich
eingesprungen setzte an mir in die Höhe und schlug Schnauze und Rachen an meine
Brust Ich hatte Eile spannte all meine Muskeln würgte ihm den Hals zusammen
dass ihm der Atem benommen ward und stieß seine Schnauze so heftig als ich
konnte an die Mauer Das Ringen seiner Glieder hörte auf schlaff streckten
sich die Pfoten er war halb erdrosselt das Blut schoss aus dem Rachen Da hört
ich das kommende Nahen des Wächters  ich musste fort den Hund drückte ich auf
die Erde ließ ihn einen Augenblick los und trat ihn der fast regungslos war
den Fuß mit dem ganzen Gewicht des Körpers auf den Kopf Das Terrain kannte ich
über eine kleine Mauer springend gelangte ich in den Garten und jagte unter den
Bäumen hin nach meinem Pförtchen Doch konnte ich meine Neugier nicht bezwingen
ich musste mich nach dem Balkon und dem Eingange der zur Bibliothek führte
umsehen Die Tür war offen man irrte mit Lichtern in den Zimmern umher  es
hatte das Ansehen als suche man einen Spitzbuben So war ich mit dem Gesicht
nach dem Palais zugekehrt in die Nähe des Pförtchens gekommen jetzt kehrte ich
mich nach diesem um und ward nicht wenig überrascht als ich eine Gestalt vor
der Tür auf und ab gehen sah und hörte Es war sehr dunkel man konnte nichts
genau erkennen  »Wer da« riefs  ich meinte Livreestreifen am Kragen des
Wächters zu sehen und wagte es auf gut Glück die Stimme des Schwagers vom
Fürsten raue tiefe Basstöne nachzuahmen dem wachstehenden Manne zuzurufen
»Du kannst gehen  es ist vorbei« und mich wieder einige Schritte nach
rückwärts zu wenden als kehrt ich zum Palais zurück Es glückte wirklich der
Mensch murmelte etwas Unterwürfiges in den Bart und fragte ob er das Pförtchen
schließen solle In diesem Augenblicke kamen Menschen vom Balkon her  »Nein«
herrschte ich ihm zu Der Narr zögerte noch immer ich musste fort und konnte
nicht an ihm vorüber ohne erkannt zu werden die Leute kamen direkt auf uns zu
»Pack Dich« gurgelte ich endlich nach dem Lästigen hin er ging ich kam
hinaus Kaum drei Schritte entfernt hörte ich den Ruf der richtigen Bassstimme
»Andreas«  aus der Ferne gibt der Diener Antwort und kommt zurückgeeilt Ich
aber springe nun auf den Zehen eiligst von dannen bis ich die Promenade
erreiche Da schüttle ich die Ereignisse von mir und schlendre auf einem weiten
Umwege nach meiner Wohnung Es schlug eins Eben wollte ich aus der Vorstadt in
die Hauptstraße wo ich wohnte einbiegen als ein Mann aus dem Schatten einer
Haustür vorspringend mit blankem Degen mich anfällt Ich springe rasch auf die
Seite der mit aller Wucht des Körpers geführte Stoß fährt vorbei und eh der
Bewaffnete Zeit gewinnt von neuem auszufallen bin ich ihm am Leibe und dränge
meinen Arm in die neu ausgeholte Degenbewegung Der Degen schneidet zwar in
meinen Arm aber die Waffe ist doch zur Hälfte gelähmt und mit aller Kraft
seinen Arm in die Höhe drängend gelingt es mir ihm den Degen durch einen
heftigen Stoß bis ins eigene Gesicht zurückzuschlagen und da er mit dem Kopfe
zurückfährt ihm selbigen in diesem Augenblicke seiner Bestürzung und rückwärts
gebeugten Haltung zu entringen Bei diesem Ringen entfällt ihm der Mantel ich
erkenne Konstantiens Schwager Eine Berserkerwut kam über mich einen Augenblick
wollte ich ihm mit der eigenen Klinge den Wanst durchrennen Er drängte sich
aber schnell genug an mich als ob er sich solch eines Aktes versehe und
verhinderte mich dadurch Ich sprang einen Schritt zurück und hieb ihm die
schmale Klinge durchs Gesicht Vielleicht war der Hieb über ein Auge gegangen
er taumelte rückwärts Ich stieß ihn mit der Faust vor die Brust dass er
klirrend und dröhnend rücklings auf das Pflaster schlug Den Degen bog ich
heftig gegen die Steine dass die Klinge sprang das Gefäß mit dem Stumpf warf
ich weit in die Straße und ging zurück hinaus in die Vorstadt da ich die
Nachtwächter kommen hörte Es war kein Wort gesprochen worden im Dunkeln
lautlos vergossen wir unser Blut Ich war wieder jenseits der Promenade in die
Gartenstrassen geraten mein Arm erstarrte und schmerzte ich hatte mir auswendig
über den durchschnittenen Ärmel das Taschentuch festgebunden um das Blut zu
hemmen Desdemonas Haus war in der Nähe ich sprang über den niedrigen
Gartenzaun und klopfte an das Fenster ihres Schlafzimmers Ich hatte damals
durch die offene Tür gesehen dass sie neben jenem Zimmer schlief wo sie Klavier
spielte Durch den Fensterladen hörte ich Geräusch Um ihre Angst vor Dieben und
dergleichen zu verscheuchen sprach ich meinen Namen durch die Ritzen hinein
Ein leiser Schrei und es ward geöffnet Desdemona war im bunten türkischen
Schlafrocke mit aufgelöstem Haar Sie hatte diesen Abend die Lady Macbet
gespielt noch erhitzt davon hatte sie keinen Schlaf gefunden und im
Shakespeare und meinen Briefen gelesen Sie legte ihre Hände auf meine Arme und
fragte mild »Willst Du herein« Entsetzt fuhr sie zurück sie hatte in das
kalte Blut gegriffen das auf meinem Ärmel lag und ich parodierte pathetisch
die Lady »All the parfums of Arabia shall not sweeten tis little hand« 
Desdemona verging fast vor Schmerz über mein Blut ich musste eilen
hineinzusteigen um sie zu beruhigen Sie war aufgelöst und weinte unaufhörlich
Es war als ob ein nächtlicher Sommerhimmel warm regne »Unglücklicher was ist
dir geschehen« Mein Lachen tröstete sie noch immer nicht Ich riss mit einigem
Schmerz den Rock herunter wir wuschen das Blut ab und es zeigte sich zu meiner
Freude und ihrem Entsetzen eine tiefe lange Fleischwunde Ich beruhigte sie mit
Mühe dass das gar nichts zu sagen habe und nichts als eine kleine Narbe bringe
Ihre Tränen fielen heiß darauf und kaum hielt ich sie vom fortwährenden Küssen
der Wunde ab Sie riss alle Schübe auf und brachte Linnen und allerlei
Verbandzeug Unter immerwährenden Fragen »ach es schmerzt dich wohl sehr«
»Ach mein armer Hippolyt« verband sie den Arm und wollte gar nicht daran
glauben dass ich wohl und munter sei Ein wenig erschöpft war ich doch und
streckte mich aufs Sofa Desdemona kniete vor mir und strich mir die verwirrten
Locken von der Stirn und den wirren Bart vom Munde und küsste mich sanft wie ein
warmer schmeichelnder Luftzug Sie sah rührend aus Der bunte Rock stach so
wunderlich ab von der stillen Trauer die über ihr ganzes Wesen gegossen war
von dem schneeweißen Halse und der Brust die wie stets gleichmäßige Ruhe unter
den Freuden der bunten Blumen des Rockes lag Das glänzend schwarze geringelte
Haar schaukelte sich wie eine Nacht der Poesie auf den schimmernden Bäumen des
Südens Das blasse Gesicht mit den weichen Zügen die schmerzlichste
rührendste tragische Maske die je ein Maler gebildet worauf die bezauberndste
Trauer ruhte sah so durchweichend teilgebend in mein Antlitz dass alles
sinnliche Leben zum ersten Male diesem Weibe gegenüber aus meinen Adern wich
Die kleine weiße Hand tändelte wie arabischer Wohlgeruch auf meinen Zügen herum
Desdemona war das Weib des reizendsten Sterbens und da ich ein Mann des Lebens
bin so ward unsere Vereinigung darum vielleicht so wunderlich so tödlich  ich
weiß es Desdemona wird nie einen Mann nach mir lieben Sie legte sich wie ein
süß schmerzlicher Traum in meine Arme der stehend bat ihn nicht zu
verscheuchen Ich sollte ihr erzählen was mir begegnet sei Die kleinlichen
Winkelzüge der platten Glücksritter hasse ich dieser Seele gegenüber die mit
offenem blutenden Herzen immer wahr vor mir lag hätte ich das Schrecklichste
nicht verschwiegen ich erzählte ihr lächelnd mit Weglassung der Namen  alles
Das Zuhören dieses Weibes bekundete eine Liebe wie ich sie auf dieser Welt noch
nicht gesehen Nicht die flüchtigste Entrüstung flog über das schöne Gesicht ja
sie lächelte mit wenn ich in meiner Erzählung mich freute und als ich zu End
war hielt sie mir die Augen zu und sagte »Es kann mir doch niemand wehren
dich zu lieben«  Das überwältigte meinen harten Menschen Das Wasser trat mir
in die Augen zum ersten Male seit ich vor zehn Zähren in Valencia von meiner
Mutter schied ich schlug meinen gesunden Arm in ihr offenes Kleid und presste
ihre Schulter zu mir und hob mit dem andern Arme ihr Gesicht an das meine und
küsste sie dass wir beide zitterten »Hippolyt«  stöhnte sie  »mein Engel dein
Arm dein Arm« Und als ich ihre Schulter leiser fasste da sank sie mit dem
Haupt an meine Brust und sah zu mir auf und lächelte wie ein sterbender Engel
und sagte »Das ist der Himmel du meine Seele«  
    Lass mich aufhören Freund dies ist die einzige Liebesgeschichte die ich
mit Schmerz wenn auch mit süßem Schmerz erzähle Sie hat mein innerstes Herz
erweicht
    Viele Tage und Nächte gingen vorüber ich war auf jenem Gartenhause und saß
vor ihr am Boden und legte das Haupt in ihren Schoss und sah in den
herabschauenden Himmel ihrer Augen Was der Koketterie der Kraft Größe
Schönheit nie gelungen war das gelang der Seele dieses Weibes ich liebte wie
ein Knabe wie ein hüpfender Jüngling Erst eines Abends wo sie spielen musste
und einen Akt lang nichts zu tun hatte kam ich in meine Behausung Mehrere
Einladungen zum Fürsten lagen da Ich ging zurück ins Theater ich sah nichts
als jenes schwarzblaue Auge von schweren Wimpern beschattet das seine
Millionen von den Brettern her auf meinen Mund in meine Arme legte Und wenn
ich sie heimbrachte nach der Vorstellung und jede Fiber an ihr doppelt lebte
und ich heut für den und morgen für den geliebten Helden ihre verschwenderische
Liebe erhielt o Freund da war ich glücklicher denn König Réné mein Idyll kam
mir vom Himmel ich durfte mir nicht erst bunte Kleider dazu anziehen
    Eines Tages  in unserem Bürgerleben war es Mittag und unsere kleine
Mahlzeit wurde schon aufgetragen  stand ich mit Desdemona am offenen Fenster
das auf die Straße sah nur wenige Weinranken verhinderten von außen das
Hereinsehen Ich hatte meinen Arm um ihren Nacken geschlungen und meine Hand
ruhte auf ihren Schultern  wir sahen hinaus in die grünen Gärten Da nahten
sich Reiter eine Dame zu Pferd sah nach uns herüber  es war die Fürstin Sie
schien ihren Augen nicht zu trauen und hielt einen Augenblick ihr Pferd an Nur
einen Augenblick dann hieb sies mit der Gerte über den Kopf dass es wild davon
brauste  Um diese Zeit traf mich die Einladung hierher nach Grünschloss Du
kannst denken dass ich wenig Lust dazu hatte Ich ging noch einmal in die
Gesellschaft zum Fürsten durch unbefangenes Fragen bracht ich heraus dass der
Schwager des Fürsten mit dem Pferde gestürzt sei und krank daniederliege dass
in einer stürmischen Nacht Diebe versucht hätten in den Palast einzudringen
usw  Die Fürstin war nicht da man meinte sie sei schon seit einigen Tagen
unwohl und werde wohl schwerlich in der Gesellschaft erscheinen Doch kam sie
noch später Sie sah wirklich krank und angegriffen aus Mich behandelte sie
natürlich sehr vornehm doch entging es mir nicht dass ihr Auge oft schwermütig
auf mir ruhte oft hastig blitzend mich suchte Ich trat in ihre Nähe sie war
sehr zerstreut Ich war sehr munter und aufgeräumt und tändelte mit einem
kleinen flinken Dämchen das sich gar nicht zu gut geben konnte über das
prätentiöse Wesen unserer jungen Gelehrten und Schriftsteller die in die
Gesellschaften kämen um auszuruhen nicht um die Damen zu unterhalten Als ich
sie fragte womit sie sich den Tag über beschäftigt habe sah sie mich fragend
an wo ich hinaus wollte und erwiderte naiv mit vielerlei früh bin ich
spazieren gegangen nachmittags gefahren und eh ich hierher kam hab ich
einen Akt in der Oper gesehen  »Nun bedenken Sie mein Fräulein ob der Mann
dort im Winkel mit dem jungen leidenden Gesicht recht hat ich habe eben mit ihm
gesprochen und weiß dass er heute den ganzen Tag alle alten Rechtsgelehrten in
allen Sprachen studiert hat wie und unter welchen Verhältnissen Revolutionen
erlaubt seien  dass er einen Artikel über Abschaffung der Todesstrafe
geschrieben hat aber freilich nicht spazieren gefahren und nicht in der Oper
gewesen ist Wollen Sie ihm nun nicht erlauben«  
    Sie meinte er hätte was Besseres tun können und  ward von der Fürstin
abgerufen und mit einem Geschäft entfernt So ging mirs mit einer zweiten
einer dritten bis ich mich selbst entfernte 
    Desdemona deren tiefes Spiel deren blutende Seele nur von den besseren
Zuschauern im Theater erkannt wurde und deren gibts in den deutschen Teatern
sehr wenige ward meistin wenig applaudiert das hohle dreschende Volk neben
ihr mit dem bestialischen Spektakel galt immer mehr  das war sie gewohnt und
es kümmerte sie nicht Plötzlich zeigte sich eine heftige Opposition gegen ihre
Verehrer man zischte und lärmte wenn sie applaudiert wurde Die Anzettelung
war nicht zu verkennen aber Desdemona litt unsäglich dabei endlich erklärte
sie es sei ihr unmöglich vor einem Publikum zu spielen das sie nicht wolle
ihr Gefühl erstarre zu Eis sie sterbe darüber Der Direktor des Theaters ein
Einfaltspinsel der seine Kasse gefährdet glaubte willigte in ihre Kündigung
Desdemona ward frei aber mit Entsetzen sah ich wie sie verging in der neuen
Untätigkeit  sie gestand mir weinend dass sie stürbe wenn sie nicht spielen
könne Aber sie könne nicht von mir gehen um ein anderes Engagement das man
ihr geboten anzunehmen Was blieb mir übrig Sollt ich das schöne innige Weib
sich verzehren sehen dessen Lebensodem die Kunst war Ich küsste eines Abends
den Abschied auf ihr weiches Antlitz der Mond schien zitternd durch die Blätter
der Bäume unter denen wir standen ihr Kopf lag wie ein verbleichender Stern an
meiner Brust sie schluchzte leise obwohl ich ihr nichts gesagt dass es ein
langer Abschied sei Ihre zartgesponnene Seele fühlte sein wie die Mimosa sie
ging mit mir bis an die Gartentür ihr ganzer Körper schauerte sie war heiß wie
eine Fieberkranke Ich wollte gehen und war schon einen Schritt fort ihre
kleinen Hände hielten mich noch sie presste sie krampfhaft in die meine und
flehte innig  »Noch einmal Hippolyt noch einmal küsse mich« Ich umschlang
das liebe Wesen sie brach in die Knie zusammen wie eine gebrochene Blume Ich
musste sie ins Haus tragen und aufs Sofa legen Dort lächelte sie sanft und
winkte mir mit der Hand zum Gehen
    Am andern Morgen ritt ich hieher nach Grünschloss  erlass mir heute das
Weitere Ich bin nicht der Mann der Sentimentalität aber ich bin ein Mensch 
schickt mir was ein Mensch tragen kann ich wills tragen ich habs getragen
Leb wohl
 
                             14 Kamilla an Julia
                                                                   Den 30 Juli
Und Sie kommen nicht und kommen nicht Sie Schlimme und lassen uns immer
vergebens warten Wenn Sie noch lange zögern so werden Sie das Leben hier sehr
verwirrt finden Die Fäden gehen so zickzack ineinander hinein dass ich wirklich
nicht weiß was für ein Muster aus dem Gespinst werden wird Mit jenem Fremden
der mit Graf Fips ankam ist ein gewaltiger Unruhstifter in unser Schloss
gezogen Er heißt Hippolyt und hat uns allen die Köpfe verrückt und alles aus
dem Gleise geworfen unsere ruhig segelnde Flotte ist wie durch einen Sturm
auseinandergeblasen und hier irrt ein schwankendes Schiffchen dort irrt eins
Sie sollten aber auch diesen Hippolyt sehen Jeder Zoll ein Mann ein moderner
Herkules  ein strahlender Halbgott sagt Alberta Denken Sie sich einen hoch
kräftig und doch geschmeidig gewachsenen jungen Mann der wie ein geborner König
einhergeht Ich äußerte unverhohlen gegen Valerius mein Erstaunen über die
glänzende Erscheinung Dieser stand mit verschränkten Armen im Fensterbogen und
sah lächelnd dem Aufruhr zu den Hippolyt erregte »Ich will Ihnen einen Brief
mitteilen« sagte er »worin ich den Hippolyt einem Freunde schilderte als ich
ihn vor einiger Zeit in Strassburg zum ersten Male traf« Er tats hier haben
Sie einen Auszug davon
    »Ein Mädchen wahrscheinlich eine leichte über die Oberfläche hinflatternde
Libelle beschäftigt aber meinen neuen Freund der bisher saugend am tiefsten
Borne der Menschheit lag den des Wissens Trieb bis an die Mauern von Lahore
gedrängt der gebräunt von Luft und Sonne erwärmt vom Feuer des Forschens wie
ein Atlet erst vor kurzem nach Europa zurückkehrte In Strassburg lernte ich ihn
kennen wo er in historische Studien versunken täglich auf der Plattform des
Münsters zu finden war eine Viertelstunde las dann sinnend in die vor ihm wie
eine Karte ausgebreitete Welt sah  die deutsche Dichtkunst Goethe Tieck ging
an ihm vorüber er ahnte bemerkte es kaum die Kosmogonie der Ursitz der
Menschen der Ursitz der Bildung beschäftigte ihn Du weißt wie auch ich seit
längerer Zeit nach den Fusstapfen der menschheitlichen Entwicklung jage Heeren
Herder Schlegel Champollion studiere  wir sprachen über Indien Ägypten die
Wiegen des Menschengeschlechts wir wurden schnell miteinander bekannt Er war
dabei ein fröhliches lustiges Gemüt wir zogen zusammen nach Paris er
studierte und lebte mit den schwerfälligen Sätzen der Professoren spielte er
wie mit bekannten Bällen mit der Gelehrsamkeit des alten Abbé Remusat sprang er
wie mit einem leichtfüssigen Mädchen herum mit den Mädchen tändelte er wie mit
Buchstaben wie mit längst gelösten Hieroglyphen er fand den Schlüssel zur
stolzesten Pyramidenschrift Des Abends fanden wir uns im Theater und von da
durchstrichen wir die Salons und rasteten in manchem stillen verführerischen
Gemache Wo er auftrat der Sohn des Prometeus mit dem leuchtenden Siegel der
Gottheit auf der stolzen Stirn zog er die Blicke auf sich Sein Körper ist ein
Meisterstück der Natur und Tausende die ihn sehen werden zu gerechten
Anklagen der launischen Göttin bewogen Als ich den Kornel las dachte ich mir
den Alcibiades so Ein hoher Wuchs leicht wie ein Gedanke kräftig wie ein
fester Gedanke getragen durch die Wellen der Hüften und Schultern dunkles
kühn um die Schläfe fallendes an den Spitzen gelocktes reiches Haar ein
dunkelblaues Auge am Tage tiefblau wie südlicher Himmel in den man ohne
Unterlass sehen muss als werde aus der zauberisch düsteren Ferne eine neue Welt
heraustreten des Abends schwarz wie eine glänzende Sternennacht Die Form der
Augen ist schön eine voll ausgeschnittene längliche der Glanz zur Zeit der
Ruhe mild angenehm beruhigend tröstlich bestechend im Affekt aber und zwar
im kleinsten drängt sich alles geistige Leben in ihnen zusammen und nur der
Mutige der das gegenüberstehende Leben nicht fürchtet steht sie dann gern
Weiber blicken sie dann nur seitwärts an wie sie tapfere Taten wo anders
Lebendiges mit im Spiel ist nur seitwärts nie geradhin ansehen Aber das Weib
ehrt und liebt am meisten was es vorher gescheut so wie der Mensch den Löwen
wenn er gezähmt ist am höchsten hält daher Hippolyts fabelhaftes Glück bei den
Weibern Die Nase ist streng griechisch und um ihre seinen Flügel haucht ein
tatendurstiger Sinn schreckender Mut aber auch eine fast frivole Sinnlichkeit
die im Affekt einer mit Mühe bezähmten Bestialität nicht unähnlich sieht
Kräftige Männer haben alle in der Leidenschaft ein Etwas was zwischen dem
griechischen Gotte und der Bestie steht etwas Ähnliches bezeichnet das Wort
Halbgott Daher geht jedes Weib den eigentlich kräftigen Männern langsam nahe
wenn sie je einen Ausbruch irgend eines Affekts vielleicht nur den des Zornes
an ihnen gesehen und nur die Phryne die das wild Materielle sucht stürzt sich
in ihre Umarmung
    Aber der Mund versöhnt durch unwiderstehliche Anmut«  
    So weit der Brief ich verstehe manches darin nicht vielleicht wirds Ihnen
klarer aber ich fühle dass das Bild richtig ist Als er bei uns eintrat mit
dieser hohen imponierenden Freiheit dieser leichten ungezwungenen Turnüre war
selbst der Graf überrascht und Graf Fips wurde unruhig und unstet Alberta
wurde rot ich selbst verlegen nur das sarkastische Lächeln Valers mit dem er
ihn vorstellte gab mir schnell meine Fassung wieder es ärgerte mich Aber es
war wirklich als ob der Herrscher ins Zimmer trete Er war modern gekleidet
und doch lag etwas Ausländisches in der Erscheinung. Der leichte blaue
Sammetrock der kurz und mit Schnüren und Stickereien besäet war mochte wohl
schuld daran sein Alles übrige an ihm war schwarz bis auf den ans Kinn
quellenden vollen Backenbart und den übermütigen Schnurrbart und Henri quatre
Er war in den ersten Tagen sehr sanft und mild von Tag zu Tage ist er aber
ausgelassener und wilder geworden Am meisten verkehrt er mit Valerius sie
reiten auch täglich zusammen aus und gehen so sicher männlich miteinander um
dass einem stark und wohlig zumut wird wenn man sie zusammen sieht Alberta ist
seit Hippolyts Ankunft ganz verändert unruhig heftig bewegt ausgelassen
still lauter Dinge die zu ihrem früheren Gleichmass gar nicht stimmen Ich
selbst erwehre mich einer gewissen Unruhe und Bangigkeit nicht wenn ich bei ihm
stehe und nur wenn Valer hinzutritt wird es beruhigter in mir Weiß Gott es
ist als ob ein Raubvogel ins Taubenhaus gekommen wäre alles ist bestürzt  und
doch ist der Raubvogel so zauberhaft schön William hat sich auch ganz
zurückgezogen er lacht gar nicht mehr und spricht fast nie mit Hippolyt
Leopold springt wohl an ihm herum aber er scheint auch nicht die rechte Kourage
gegen ihn zu haben und wird oft verlegen wenn ihn jener zum besten hat Graf
Fips spricht von seiner Abreise der Graf ist sehr aufmerksam gegen Hippolyt und
Valerius aber er scheint auch nicht ganz sicher zu sein
    Alberta grüßt Sie aus der Fülle des Herzens und bittet Sie doch ja recht
bald hieher zu kommen Adieu Adieu
    Man ruft mich zu Tisch und unsere Mahlzeiten sind jetzt immer diplomatische
Mittagsessen der Graf bringt lauter schwerfällige Gegenstände aufs Tapet und
es entsteht immer ein so klirrendes Gefecht dass man das Essen ganz vergisst Ich
glaube es würde oft Blut fließen wenn nicht Valer immer die zürnenden Parteien
vom Schlachtfelde wegführte Meine Herren pflegt er dann zu sagen ich bitte
mir auf ein höher gelegenes Terrain zu folgen und dann rückt er die Streitfrage
der Parteien auf ein sogenanntes historisches Entwicklungsfeld stellt zuerst
den blutig um sich hauenden Hippolyt zur Ruhe ihm folgt der Graf mit einigen
leichten Einwendungen die bald beseitigt sind und Graf Fips ist dann immer
sogleich still ich glaube er versteht nicht viel mehr davon als ich Doch hab
ich mich schon sehr in des Valerius Gelehrsamkeit eingerichtet anfänglich kam
sie mir stets wie ein Bergsturz vor der mich verschüttete jetzt hat er mich
mit ein paar klaren einfachen Worten von dem Hauptgange seiner Ideen
unterrichtet und nun folg ich ihm mit Leichtigkeit und es tut mir
unbeschreiblich wohl wenn er die Rede an mich richtet über die wichtigsten
Dinge Wenn man ihn erst ein wenig kennt sieht man wie äußerst einfach er
redet wie alles so schwer golden ist was er bringt wie er es dem Zuhörer so
gutmütig zuschneidet und anpasst Ich antworte gewiss oft sehr einfältig darauf
aber wenn er meine Antwort in seiner Sprache wiedergibt wenn er mit leisen
Fingern die Wurzeln der Gedanken aufdeckt so erscheint alles so eng verzweigt
mit großen allgemeinen Ansichten dass ich mich oft kindisch freue über meine
Gelehrsamkeit in die Hände klatsche und  ja denken Sie neulich hab ich den
klugen lieben Mann wegen einer so schönen Auslegung meiner Worte beim Kopf
genommen und ihm rasch einen Kuss gegeben Ich schämte mich hinterdrein und alle
lachten aber Valer sah mich so freundlich lächelnd an dass es mir nicht leid
tat Ach nicht wahr ich schwatz recht dummes Zeug  Adieu  Adieu
 
                    15 Konstantin an Hippolyt und Valerius
Ich danke Euch meine Freunde meine Freunde ich danke Euch Wir wollen unsern
Zug nach Westminster antreten besorgt ein Paar hübsche Jungen für meine
Schleppe Ihr edlen Pairs meines Königreichs habt mir Geld geschickt das war
brav von Euch  mit dem Gelde hab ich gespielt um rote Dukaten gespielt und
ich musste mir einen neuen Rock machen lassen weil ich nicht genug Taschen für
den Gewinst hatte
    Spiel und Soff sind zwei Laster aber beim heiligen Georg von England
schöne Laster
    Ich habe alle Tage einige Zeilen an Euch geschrieben hier folgen sie
wundert Euch nicht dass sie aphoristisch sind ich bin selbst ein abgerissener
Fetzen der Welt wer hält mich fest Der nächste Sturmwind führt mich fort  die
ganze Welt ist aphoristisch es ist kein Zusammenhang darin als die Luft will
sagen der Wind »Die Welt ist lauter Wind Juchhe« 
    Vaterland Wieviel abgerundeter und einiger würde ich sein wenn ich mit dem
Worte das verbände was viele Leute dabei zu fühlen scheinen Ganz Deutschland
danke ich die deutsche Sprache für dies Geschenk bin ich um so dankbarer als
ich keiner andern mächtig bin So bin ich sehr erklärlich  ein Deutscher denn
wenn man zu keiner andern Nation gehört so muss man ein Deutscher sein Übrigens
bin ich es aus Gewohnheit Temperament usw  der Patriotismus ist einseitig
klein aber er ist praktisch nützlich beglückend beruhigend der
Kosmopolitismus ist herrlich groß aber für einen Menschen fast zu groß der
Gedanke ist schön aber das Resultat für dies Leben ist innere Zerrissenheit
Humor Eine gute Tragödie muss jetzt mindestens zum fünften Teil humoristisch
sein
    Donnerwetter was ist das für patriotisch albernes Zeug ich reise doch
morgen nach Paris und werde Franzos Ja so das wisst Ihr noch nicht dass dies
mein letzter Brief aus Berlin ist Holla ins moderne Babel reis ich morgen
Was soll ich mit dem vielen Gelde machen Es gibt hier gar keine Gelegenheit
dafür munter zu sein unter dem steifen Volk unter freien fröhlichen Parisern
will ich leben und gegen den dummen Polignak will ich schreiben  dort knirscht
der Minister mit den Zähnen gegen die frechen Wahrheiten aber dort brauchen die
Pässe der Wahrheit keine Unterschrift er kann knirschen sonst kann er nichts 
und morgen geh ich nach Paris
    Raupachs hohenstaufischen Philipp eine Silhouette des Herrn von Raumer
hab ich gesehen  wär ich Rezensent wie wollt ich Dich o Philippus Raupach
 
    Und unsere Kritik »ach glücklich sind Widersacher die einander prügeln
können« Diesmal war ich in der Loge und Rosa saß demütig im Parterre und sah
sehr blass ich aber sehr rot aus Ja mein Kind das Leben ist aphoristisch Ich
ließ mein weiches Herz gewähren und ging zu ihr und fragte sie was ihr fehle
Sie wollte nicht mit der Sprache heraus und war verlegen Ich ging mit ihr nach
Hause heut ließ sies ruhig zu  es sah etwas windig und leer in ihrer Stube
aus und das Mädchen war auch etwas salopp gekleidet Ich machte sie darauf
aufmerksam  da weinte sie Ich fragte wie es um ihr Engagement stünde sie
meinte erst mit dem ersten August könnte sie eintreten Es ward mir unheimlich
ich fragte nicht nach ihrem Gardeoffizier sondern nur wieviel sie des Monats
brauche Sie wollte mir schluchzend vor Rührung um den Hals fallen und mich
einen edlen Menschen nennen  ich ließ sie aber nicht dazu kommen Das Mädchen
konnte nicht dafür dass ihr ein anderer besser gefallen hatte ich konnte aber
auch nicht dafür dass ich nicht mehr eine Fingerspitze von ihr hätte berühren
mögen Hübsch war sie noch aber ich ging in innerer Unbehaglichkeit fort und
trank eine Flasche Champagner um mich auf andere Gedanken zu bringen Wie kam
denn das alles
»Warum wollt Ihr denn alles gleich ergründen
Wenn der Schnee schmilzt wird sichs finden«
    Was ist das für eine Figur Mit Gott und der Welt ist sie zerfallen vom
Vater verstoßen mit dem Theater unzufrieden von der Geliebten betrogen voll
Durst nach Wein und Liebe immer noch wohlgenährt aussehend ohne einen einzigen
Vers im Kopfe gekleidet nach der letzten Mode unschlüssig ob er Teologe oder
Teaterlampenputzer werden soll voll Gärung und doch ruhig oft im Begriff
sich nach klassischen Mustern den Hals abzuschneiden und doch wieder zu
vernünftig dazu  kein Held kein Held und doch manch Handwerkszeug dazu  keine
Geduld kein genügender Leichtsinn keine Festigkeit ein genialischer
Charakter auf der Bühne kalt lassend im Roman sündhaft  meine Freunde das
ist eine Novellenfigur Die Novelle ist die moderne Brücke von der früheren Zeit
zu den jetzigen Begriffen sie ist der Übergang die Form des Entstehens
Werdens nicht des starren Seins Jene Figur ist eine Novellenfigur auf mein
Wort Niemand ich sage niemand soll mir widersprechen Auch dies gehört dazu
dass mich jetzt sogar die Ortographie peinigt ich weiß nicht ob ich niemand
etwas usw groß oder klein schreiben soll  am liebsten schreib ich alles klein
Nun denkt Euch einen geistreichen Schriftsteller der mit der Ortographie noch
nicht im reinen ist Und hab ich nicht recht dass die Novellenfigur der
eklektische Skeptizismus ist  hab ich nicht O bleibt bei mir geht nicht von
mir Freunde auch wenn ich nach Paris gehe Es kümmert sich ja keine Seele um
mich ich lebe und sterbe unbeweint Wollt Ihr nicht o ich bitt Euch schön 

                                                                         Später
Gegen Abend geht ein Bekannter von mir als Kurier nach Paris ich mit ihm
Übrigens bin ich beim Gesandten gewesen und habe die schöne Julia mehrmals
gesehen und gesprochen Im Vertrauen gesagt Ihr Herren wenn ich nichts
Besseres tun könnte als lieben ich bliebe hier Diese Augen dunkel wie die
Nacht mit auf und ab wehenden weichen Lüften diese seine Nase empfindsam wie
aus Blättern des Lotos dieser kleine gewölbte Mund und das Ganze wie aus dem
Tau gezogen nicht üppig sömmerlich aber duftend frühlingsartig zart
durchsichtig nördlich und doch voll Reiz  ich schwör es Euch das Weib kann
einen Poeten dem noch etwas Herz geblieben grenzenlos glücklich und sehr
unglücklich machen
    Aber ich bin selbst so nördlich geworden dass mein Wohlwollen das ich an
solcher Schönheit empfand nichts als ein paar Minuten sehen ein paar Worte
sprechen wollte um den Gang des Ausdrucks zu beobachten aber nicht einmal im
leisesten affiziert wurde als ich scheiden musste
    Ich bin reif zum Künstler
    Aber wenn ich einmal wieder poetisch werde so wird der schmeichelnde Effekt
dieser reizenden Figur viel Einfluss gehabt haben Ich werde sie noch lange sehen
im kurzen weissseidenen Gewande das Haar verführerisch natürlich und doch so
kunstreich modern aufgelöst ihre schwarzen Locken dem Anschein nach mühsam von
einer einzigen blendenden Kamelie zusammengehalten hinabfallend auf den stolzen
weißen Nacken Ich vergesse sie nimmer diese Figur leicht sich wiegend und
geschmeidig wie eine verführerische Melodie und doch stolz und hoch wie eine
hohe Kunstidee  hinter den breiten Augenlidern den langen schattigen Wimpern
lag eine südliche Nacht mit allem Verlangen und allem Reiz mit Schalkheit und
Tönen  sie will nächstens nach Paris kommen Auf Wiedersehen mein schönes
Kind
    Aber echt Deutsch schreib ich die letzte Stunde heran  wir sind Federvieh
Jetzt Ade du Land der Hofräte und der langen Weile  ade ihr Freunde schickt
Eure nächsten Briefe poste restante nach Paris
 
                             16 Julia an Kamilla
Nur drei Zeilen meine Liebste Hoffentlich bin ich in nächster Woche bei Ihnen
 mein Papa muss schleunigst nach Paris dort soll es sehr unruhig hergehen ich
soll beim Grafen aufgehoben werden Ich freue mich kindisch auf Grünschloss auf
meine liebenswürdige Kamilla meine duftende Blume Alberta und Eure bunte
Gesellschaft Ich sehne mich ordentlich nach Poeten Berlin ist sehr trocken
und der Herr Konstantin war eine auffallende interessante Erscheinung in
unserem Salon Die Leute wussten nichts Rechtes über ihn das machte ihn
mystisch er sprach so abgebrochen aber so bunt originell das machte ihn
pikant Und dabei hat er ein vornehmes sehr einnehmendes Äußere Ich weiß
nicht ob das gestört oder erhöht wird durch einen wegwerfenden Zug von
Frivolität Leichtsinn der oft wie Verachtung aussieht und über das ganze
Gesicht streift Er verzieht einen fein geschnittenen Mund zu einem nicht recht
heimlichen Lächeln und drückt die Mundwinkel nach unten Die großen hellblauen
Augen sind etwas unstet das lichtbraune Haar ist aus Stirn und Schläfen
gestrichen und fliegt ein wenig wild das Gesicht ist voll aber es scheint mehr
das zu sein was man mit den fatalen Ausdrücken aufgedunsen schwammig
bezeichnet Es ist von feiner Haut und schwach gerötet meine Gouvernante nannte
ihn einen unbärtigen Apollokopf Ausdruck und Haltung des Kopfes und der vollen
hohen Figur ist sehr vornehm ich habs wohl schon einmal gesagt verlangen Sie
nichts Geordnetes von mir Sie wollten eine Beschreibung ich gebe sie wie ich
in meiner Eile und Zerfahrenheit eben kann Er war beide Male wo ich ihn sah
braun gekleidet trug um den vollen Hals ein leicht fliegendes Tuch keine
Krawatte und keinen steifen Vatermörder sondern einen weichen nachgiebigen
Hemdkragen Sie sehen wie ich Ihren Regeln nachzukommen trachte und ins Detail
beschreibe um Ihnen die Figur deutlich zu machen Ich muss mich im Beschreiben
von Personen üben dies Zeichnen mit Worten macht mir Vergnügen Bitte lassen
Sie mir wieder mein altes Zimmer einrichten das auf die Terrasse sieht es ist
gar zu hübsch Ich kann Ihnen nicht beschreiben wie ich mich auf Grünschloss
freue ich bin hier so sommertrocken und suche Kühle und Grün Adieu meine
Liebe tausendmal Adieu
 
                          17 Konstantin an Hippolyt
                                                            Paris den 29 Juli
Ich hoffe nicht dass mir die Zeitungen vorausfliegen wenigstens werden sie Euch
nicht sagen können wie gut mirs in der hiesigen Schlacht geht Sattle Dein Ross
und fliege her wir machen Freiheit hier Vorgestern ist er losgegangen in den
Straßen von Paris der hochrote blutige Kampf eines Volkes um sein Recht die
dunkeln Schatten der Jakobiner schreiten vor der neuen Jugend einher die alten
Freiheitslieder flattern wie Sturmvögel über den Plätzen mein Herz ist fast
zersprungen vor Freude so zur rechten Zeit gekommen zu sein und meinen
grimmigen Hass gegen alles weltgeschichtliche Unrecht ausbaden zu können in
schlechtem Söldnerblute Ich habe gefochten wie ein Rasender Gestern stand ich
am Fenster des Zimmers wo die Deputierten zusammenkamen  der alte Student der
Revolutionen das bemooste Haupt auf dem Fechtboden der Völker Lafayette sagte
uns was wir taten Die Deputierten sprachen verwirrt von Emeuten Revolten usw
 Da stand der unsterbliche alte Knabe dessen Herz noch im Sarge schlagen wird
auf und sagte mit seinem gewöhnlichen weltistorischen Lächeln Meine Herren
das ist keine Revolte das ist eine Revolution  Wie ein Kanonenschuss donnerte
das Wort durch Paris er der alle Vorlesungen der revolutionären Professoren
besucht hatte er musste es wissen wie das Kollegium hieß Nun ist der Name da
und nun lässt sich Paris totschlagen bis dieser Name von allen Türmen flaggt
Heiss brennt die Julisonne und saugt gierig das Blut auf heiß schlagen die
Herzen wir haben eben das Stadtaus wieder gewonnen das Haus wo die ehernen
Männer der neunziger Jahre saßen in einem Winkel desselben schreib ich Dir an
dem Fenster wo ich sitze stürzten sich einst die Männer des Termidor
hinunter Hurra Freund von hier geh ich um die letzten Schergen des dummen
Herrschers aus dem Louvre vertreiben zu helfen neben mir regiert Lafayette und
seine Arme die Hunderttausende des Volks geben dem alten morschen Thron der
Bourbonen dem Thron der herkömmlichen Bevorzugung den letzten Stoß morgen
machen wir eine Regierung eine lustige Republik  O großer Gott seit Jahren
dank ich dir heut zum ersten Male für deine Welt ja sie ist schön der alte
Unflat wird unter die Füße getreten die Menschenrechte schreien durch die
Gassen und alle Welt hört sie das Herrschen und Beherrschtwerden hört auf 
frage den Valer ob er Präsident werden will ich werd ihm meine Stimme geben
Du taugst nichts dazu Du bist zu monarchisch gewachsen und geartet Schreibt
mir schreibt mir was das erschrockene Schlesien sagt  könnt ich die
zertretenen dummen Fratzen Eurer Aristokratie in diesem Augenblicke sehen mein
Glück reichte bis an den Himmel Eine Schmarre in der Wange ausgenommen bin ich
noch heiler Haut  hätt ich tausend Leben ich stürbe tausendmal für die
Freiheit Holla die Trommeln  die Trommeln es geht zum Louvre gegen die
Schweizer Gott behüte Euch fall ich so beneidet mich ich bin im Rausche
gefallen 
 
                          18 Hippolyt an Konstantin
                                                                  Den 7 August
Mein Pferd  mein Pferd  a horse a horse a kingdom for a horse  ja so hab
ich geschrien und bin hinuntergestürzt um fortzujagen nach Paris  lache mich
aus schmähe mich schlage mich dass ich nur bis ans Portal des Schlosses kam
Julia stieg aus dem Reisewagen und sah mich neugierig an mit ihren großen Augen
und das große Auge der Weltgeschichte schlug seine Wimpern für mich zu und ich
blieb hier und glühe in Liebesfieber wie es meine Seele nie gekannt Vergib
mir ich reiche dem Valer die Feder er mag weiter schreiben Ich kann es nicht
                            Valerius an Konstantin
Ich habe sie gelesen jene Worte Freund »Sie haben den König verjagt weil er
die Charte gebrochen« ich habe sie gehört und mein zitternder Mund hat sie mir
hundertmal zum Hören vorgesagt dass die Eisrinde an meinem Herzen springen und
meine liebende Seele die alles Hoffen verlernt daran glauben möchte es gebe
noch Recht und Gerechtigkeit in der Welt und der Freund der Menschen brauche
nicht mit gebrochenem Herzen zu sterben O Berg der auf meiner Seele lastete
wie hoch flogst du auf o du schlimmes Jahrhundert wie hattest du dich
verpuppt dass selbst deine liebendsten Söhne dein Angesicht nicht mehr
erkannten Hätte ich doch einen Franzosen bei der Hand dass ich ihn küssen
drücken und wieder küssen könnte Also wieder dieses leichtblütige Volk musste es
sein das zum zweiten Male die Riegel der Entwicklungsgeschichte hinwegstossen
musste von der finsteren Zeit auf dass Licht hereinbreche strahlendes Licht O
mein Vaterland mit deinen Philistern nur diesmal nicht wieder den abscheulichen
Undank jene Pförtner der Weltgeschichte jene rosenroten Franken nicht
anerkennen zu wollen Ach Konstantin Konstantin ich habe mich gefreut wie ein
Knabe den man eingesperrt hatte und nun hinausliess in den Sonnenschein wie
einen unnützen Wanderstab warf ich alle Rücksicht alle Besonnenheit von mir
fiel dem Grafen um den Hals  wir saßen bei Tisch als Dein Brief ankam  küsste
seine Tochter zwei dreimal küsste Kamilla fünf sechsmal riss das Fenster auf
und schrie in den Himmel »Jetzt blauer Bogen behalte Deine Sonne auf der
Erde ist die Freiheit eingekehrt« und den kleinen Leopold hob ich hoch in die
Höhe und drückte ihn dann an meine Brust und zerquetschte ihm fast den kleinen
Schädel und rief »Nun Junge sing mir Freiheitslieder«  ach ich war ein Kind
es war die glücklichste Stunde meines Lebens Und Dir Konstantin vergeb ich
alle dummen Streiche und schlimmen Dinge für Deine Schmarre auf der Wange und
glücklich bist Du ja nun auch geworden es mag kommen was da wolle Du hast ja
bluten das Leben wagen dürfen für unsern Glauben
    Lass mich schweigen lass mich schweigen Freund ich werde kindisch Ich
werde Dir von unserem kleinen Ameisentreiben hier erzählen um mich zu sammeln
Wenns nur gehen wird Ich bin ganz aus dem Gleise und möchte hinaus in die
Welt um zu helfen am neuen Bau der großen Weltkirche Die Verhältnisse begannen
eben in ihrer Unordnung sich ein wenig zu ordnen als  ach ich kann jetzt
nicht die Völker tanzen Arm in Arm auf dem Papier herum statt der Liebespaare
die es sollen Morgen morgen  morgen ist ja auch Freiheit ich muss mich erst
an das Glück das wie ein Gewitter gekommen ist gewöhnen Morgen übermorgen
von unseren kleinen Liebesgeschichten ich will Parodien von jener begonnenen
großen daraus machen dann wirds am ersten gehen O Gott ist denn diese
rosenfarbene Welt dieselbe die noch gestern aschgrau war soweit ich die Blicke
sandte und Du kleiner Vogel der sich auf mein Fenster setzt kommst Du aus dem
schönen Frankreich flogst Du vielleicht über Paris in den letzten Julitagen
hast Du jenes bunte Stück der neuen Welt schon gesehen Vöglein willst Du
Zucker bleib ruhig ich taste Deine Freiheit nicht an solch ein Frevler bin
ich nicht  nicht wahr die Freiheit ist das Höchste da fliegt er fort und
lacht mich aus Bravo mein Vöglein Wärst Du doch ein Kutscher Vogel 
Konstantin Du siehst ich werde kindisch ich muss aufhören In den Fluss will
ich mich werfen meine Glut zu kühlen mit den Wellen zu ringen Mein Körper
zuckt nach Tätigkeit ich muss ihn ermüden sonst bringt er mich um 
                                                                  Den 8 August
Nichts davon heute Wie meine heiligste Liebe will ich es einschliessen in mein
Herz Von Grünschloss aber will ich erzählen es wird wie ein grünes Idyll in
Dein rotes Epos treten
    Du erinnerst Dich dass mir der Graf Topf rätselhaft war Ich glaube jetzt
etwas mehr auf dem Reinen mit ihm zu sein Vor einiger Zeit kam ein Graf Fips
hier an ein Ohrfeigengesicht offenbar um des Grafen Tochter Alberta zu freien
Ich schrieb nach der Stadt einem jungen Manne aus den sogenannten vornehmen
Ständen der sich immer sehr freundschaftlich gegen mich bewiesen hatte und bat
um Auskunft über diesen Herrn Fips und was man von unserem Grafen sage Der
junge Adelige schrieb sehr unbefangen und wie es schien sehr genau
unterrichtet Fips suche eine reiche Frau außer diesem Wünschen sei nichts an
ihm das war leicht glaublich Das Urteil über den Grafen klingt bizarr ist
aber so mit richtigen Details unterstützt und passt im höheren Stile wirklich zu
dieser originellen Figur
    »Graf Topf«  sagt der Briefsteller  »ist von Jugend auf ein Mann der Mode
gewesen aber immer der neuesten so dass er seinen Umgebungen immer voraus war
und darum stets wunderlich erschien Als die Mode aufkam nach Italien zu
reisen ging er auf mehrere Jahre hin und errichtete in Florenz ein glänzendes
Haus für alle Künstler die bei ihm wohnten und lebten er war bald eine Behörde
der dortigen Kunst  Als die Franzosen vertrieben waren und alles gegen sie
schimpfte war er der erste Napoleonspoet und verteidigte ihn gegen alle Welt
Zur Zeit der europäischen Kongresse begann die Aristokratie ein neues
übermütiges Leben ihr Muster war Graf Topf der schon ein halbes Jahr vorher in
der Residenz den Grandseigneur spielte von dem man damals glaubte er ruiniere
sich aus eitel Hochmut Damals lebten ab und zu in seinem Hause die
bedeutendsten Schriftsteller der Reaktion Herr von Haller war viel willkommen
Kotzebue sehr wohl aufgenommen Herr von Stourdza hatte sein Absteigequartier
beim Grafen Topf und Frau von Krüdener trank alle Tage Tee bei ihm und segnete
die Teegesellschaft Nur die Turnzeit das altdeutsch gebundene Gesangbuch der
Reaktion hat er beinahe verpasst Das allzu Demokratische daran mochte ihn eine
Zeitlang abgehalten haben sich damit einzulassen und wahrscheinlich hoffte er
die Richtung werde bald vorübergehen Dennoch erinnern sich noch sehr viele
lebhaft dass er einer durchziehenden Turnerbande ein großes altdeutsches Mahl
gerüstet und weil er nicht schnell genug einen deutschen Rock bei der Hand
gehabt mit bloßem Halse und halb entblösster Brust dem alten Jahn gegenüber im
Schlafrock präsidiert habe Man erinnert sich noch eines lebhaften Streites den
er mit jenem geführt ob Kastanien eine echte deutsche Frucht seien Jahn
verneinte es zürnend und warf eine große hölzerne Schüssel  denn Topf tat
nichts halb und alles Geschirr war antik  voll Kastanien an die Erde obwohl
seine Turner sich ein wenig opponierten weil ihnen die schmackhaften Maronen
behagten Eicheln Topf wuchsen im Teutoburger Walde Eicheln nicht aber diese
welschen überalpigen Gewächse mit denen wahrscheinlich Hannibal seine Truppen
zu Kapua verweichelte Tu mir nicht ein Gleiches mit meinen jungen Söhnen Teuts
Topf ich beschwöre Dich bei Hertas weißen Rossen Der Graf argumentierte eine
Zeitlang mit dem Nibelungenliede dann gab er gerührt nach und umarmte Jahn mit
den Worten So retten wir Deutschland vor ausländischem Tand  Jahn keine
Kastanien
    Als der spanische Korteskrieg ausbrach hatte er sich wahrscheinlich mit dem
englischen Unterhause in Rapport gesetzt kurz mehrere Tage vorher eh Kanning
zu St Stephan sich erhob und seinen liberalen Donner über Europa schleuderte
hielt der Graf Topf bei einem Gastmahl eine ähnliche Rede und ward so lange für
verrückt gehalten bis die Zeitungen aus England ankamen Lang vor der Schlacht
bei Navarin war er der renommierteste Philhellene im ganzen Lande und teilte oft
englische Griechenlieder mit welche ihm sein Spezialissimus Lord Byron
geschickt haben sollte Noch ehe der Kaiser Nikolaus daran dachte den
Verdienstadel gegen den Erbadel zu erheben verteidigte er mit steigender
Beredsamkeit diese Idee und focht gegen die Türken und gegen den Halbmond eh
die russischen Truppen dazu kommandiert wurden Seine unverkennbare Absicht ist
immer dahin gegangen den weitsehenden Politiker den Mann der modernsten
Bildung zu spielen man weiß nicht ob er je ein wichtiges Staatsamt gesucht
oder nur den Titel eines Gonfaloniere der Zeit erstrebt aber trotz seiner
extremen Handelsweise die ihn oft vorübergehend lächerlich gemacht hat steht
er in dem Rufe großer Klugheit und alle Welt ist der Meinung dass er sich jetzt
mit jungen Geistern Ihrer Art umgibt damit er der Zeit vorausgehoben werde
Nach dem was jetzt in Frankreich vorgefallen scheint es ihm wirklich wieder
gelungen zu sein denn ich kenne ja Ihre liberale Richtung die wahrscheinlich
auch Ihre Freunde teilen Man spricht neben der Julirevolution nur vom Grafen
Topf und seinem historischen Treffer und Sie werden wahrscheinlich bald mehrere
der hiesigen Notabilitäten auf Grünschloss sehen welche das Terrain
rekognoszieren wollen Das wird des Grafen größte Freude sein Sein Vermögen ist
zwar durch seine kühne Art zu leben ein wenig erschüttert aber noch keineswegs
zerrüttet und er wird bei der Vermählung seiner Tochter keiner andern Rücksicht
folgen als sie dem historisch modernsten Manne zu geben Stand Vermögen wird
gar nicht in Betracht kommen schon weil es jetzt Mode wird die sogenannten
geistigen Vorzüge im Gegensatz zu den herkömmlichen allein zu beachten Von
dieser Seite also werter Freund steht Ihnen gar nichts im Wege wenn Sie
Absichten auf die schöne Alberta haben  davon ist man jetzt nach den Julitagen
allgemein überzeugt dass Graf Fips nicht reüssiert« 
    Soviel aus jenem Briefe Denke Dir nun den Grafen als einen Fünfziger als
einen Mann von den feinsten Sitten dem gebildetsten artigsten Betragen der in
allen Dingen Kenntnisse und für alles große Empfänglichkeit besitzt Es ist
wahr sein Wissen ist meist oberflächlich er hat die Klassiker gelesen aber
nicht empfunden er kokettiert mit den Griechen und ein abgeschmackter hohler
Römer läuft ihm hie und da dazwischen er hat Geschichte studiert weil er sie
aber oft an so verschiedenen Fäden aufgereiht hat so sind seine Ansichten
verworren geworden Er hat von allen Religionsphilosophemen genippt ist
abwechselnd Ateist Deist Protestant Quäker und Panteist gewesen und wie
alle extremen Geister die in der eigenen Positivität keinen Haltpunkt finden
am Ende romanischer Katholik geworden der aber noch immer mit Aufmerksamkeit
Religionsgespräche anhört Sein Äußeres ist imponierend Von hohem starkem
Wuchse hat sein Gang jene adelige Gemessenheit und Sicherheit die wir noch in
unserer frühen Jugend so oft an den damaligen Grafen und Baronen gesehen Die
Gebärden Gestikulationen Bewegungen sind weit breit aber sicher gerundet Du
siehst wieviel auf den ersten Tanzmeister ankommt denn ich bin überzeugt dass
sich der Graf viel Mühe gegeben hat die modernen kürzeren Bewegungen zu
erlernen Natürlich geht er ganz modisch gekleidet Sein lockiges Haar ist noch
voll und dicht wie das eines Jünglings aber schneeweiß Das gibt dem ganzen
Gesichte welches sich ebenfalls durch einen sehr weißen Teint auszeichnet
etwas Geisterartiges und die unsteten schwarzen Augen irren wie heimatlos
umher Der Schnitt des Gesichts ist edel eine Römernase erhöht diesen Eindruck
Nur der etwas breite eingekniffene Mund und der untere Teil des Kopfes deutet
darauf hin dass der Mann schon viel gelebt hat Die Faltenlinien von den
Nasenflügeln aus drängen die untere Wange tief hinab nach dem Kinn Dieser
untere Kopf hängt nur und hat die Spannkraft verloren er ist das Bild seiner
Charakterlosigkeit Er redet fast alle Sprachen und dem Anschein nach alle gut
wenigstens versichert es Hippolyt vom Spanischen William vom Englischen
Leopold vom Italienischen und ich höre es am Französischen das er keineswegs
so altmodisch wie die meisten unserer Aristokraten redet die wie der junge
Anacharsis plappern Eines ist überaus liebenswürdig an ihm sein Sinn für jede
Art von Poesie Der Mann verdaut mehr Verse in einem Niedersitzen als ich einen
ganzen Monat lang imstande bin zu verbrauchen und hört Räsonnements über
Poeterei an bis der Räsoneur heiser ist Ich glaube er hat viel geliebt er
kostet das kleinste Lied durch und durch und hat wirklich ein so ausgebildetes
Gefühl dafür dass ihm nicht die kleinste Andeutung oder Beziehung entgeht Dies
ist denn auch das schöne Band welches ihm seine Tochter fest am Herzen erhält
Ich glaube wirklich nicht dass er ihrer Neigung nur im entferntesten in den Weg
treten würde sie müsste denn auf einen ganz veralteten jungen Mann fallen Aber
ich habe nichts als Besorgnis mit der schönen Alberta Seit einiger Zeit neigte
sie sich offenbar mit großer Vorliebe zum altertümlichen William diesem
altenglischen Stockjobber wie Ihr ihn zu nennen beliebt Ich glaube sein
gläubiges Christentum fesselte die weiche furchtsame Seele Da kam Hippolyt das
reizende böse Geschick der Weiber und nun ist die Verwirrung vollständig Es
ist eine sehr schlimme Sache mit Hippolyt Wie oft hab ich es ihm vorgestellt
dass es gar kein Rechtsverhältnis sei in das er sich Frauenzimmern gegenüber
begebe Er geht jede Verbindung ein ohne von seiner Seite auch nur irgend etwas
anderes zu gewähren als dass er genießt solange es seine Laune so will Auf
meinen ernsten Tadel und meine ebenso ernste Versicherung dass ich ihn
einsperren lassen würde hätte ich Gewalt über ihn erwiderte er lachend dass er
nie von einem Frauenzimmer Liebe verlangt noch irgendeiner mehr als
augenblickliche Neigung versprochen habe Es sei ein rechtliches
Kontraktsverhältnis dass man von der anderen Seite oft mehr präsumiere wäre
nicht seine Schuld Was soll ich mit ihm anfangen Soll ich ihn der Polizei
anzeigen Die betrachtet bloß die moralisch Buckligen Lahmen usw sie ist nur
für äußere Übel da die jeder andere Mensch auch sieht soll ich ihm
unaufhörlich Steckbriefe schreiben und seine Umgebungen vor ihm warnen wie ein
Gendarm mit blanker Klinge neben ihm herreiten Wenn ich ihn nur überzeugen
könnte dass er unter unseren bürgerlichen Konstellationen unrecht habe dass man
dem Verbande einer Gesellschaft vielerlei so auch dieses zum Opfer bringen
müsste Solange das Verhältnis zwischen Mann und Weih noch nicht anders geordnet
ist als wie jetzt in das traurige Einmaleins der Ehe solange erfordert die
Verpflichtung gegen die neben mir Stehenden meine Aufmerksamkeit Schonung
Vorsicht ja Entsagung Hippolyt kennt aber nur Verpflichtungen gegen sich
darum ist er eigentlich für keinen zivilisierten Staat zu brauchen Die
persönliche Freiheit ist bei meiner Theorie durchaus nicht gefährdet aber die
Freiheit sieht nur die Schrankenlosigkeit ist blind Das Weib das gleich mir
die Ehe nur für eine Krücke der tausend Schwachen nur für ein leider noch immer
notwendiges Hilfsmittel der Gesellschaft ansieht das Weib das sich stark genug
fühlt die äußeren Nachteile der Gesellschaft zu ertragen sobald diese den
Betrug gegen sich entdeckt  dies Weib ergibt sich mir mit Freiheit und sie
freut sich oder leidet wie ein selbständig freies Wesen je nachdem unsere
Verbindung Freud oder Leid bringt dies Weib such ich zu gewinnen sobald sie
mein Interesse für sich erregt Aber den Galeerensklaven von Freiheit und Genuss
zu reden ist grausam ein Weib das in den gewöhnlichen Banden der Gesellschaft
Notwendigkeit sieht Befriedigung Genüge findet in Opposition gegen sie also
zugrunde gehen müsste ein solches Weib an sich reißen und doch ihre Ansichten
vom bürgerlichen Leben nicht annehmen wollen  das ist Laster Und in solchem
Falle ist Hippolyt Die Welt um ihn lebt im rechtlichen Friedenszustande er
aber zieht umher wie ein ausserrechtlich erobernder Krieger das ist eine
unverschämte Bevorzugung des Individuums gleich dem Absolutismus die ich
verabscheue und doch kann ich mich nicht zu dem philisterhaften Handwerk
entschließen Alberta seine sichere Beute vor dem Unglück das ihrer harrt zu
warnen Weiß ich denn auch ob das Mädchen nicht glücklich ist wenn sie nur
eine heiße Stunde unter den Strahlen ihrer Liebessonne ruht Wie ist sie
glücklich wenn sie ihn nur sieht träumerisch geht sie mit uns umher lächelt
schmerzlich spricht wenig und ist innig weich wie ein Blumenblatt Mit allen
Waffengattungen ist die Liebe in ihr sanftes Herz gezogen und hat alles zum
Kriegsstande ausgerüstet wenn der Feind der Liebeshindernisse in unseren
Gesprächen zum Vorschein kommt da hebt sie das schöne Köpfchen plötzlich mutig
und ihr Türkenbund den sie um den Kopf trägt wirft sich in den Nacken und sie
fordert kühn alle Welt heraus Alle Scheu ist von ihr gewichen in solchen
Momenten In einem ähnlichen Gespräche redete ich ihr in diesen Tagen  wir
promenierten in einem entfernten Teile des Gartens  aus vollem Herzen und mit
inniger Überzeugung von der Freiheit jeder Art Sie horchte mir mit gesenktem
Haupte zu plötzlich blieb sie stehen sah mich mit den rührenden Blicken eines
Engels dem das Gefühl die Brust sprengen will lange und innig an fasste auf
einmal mein Gesicht in ihre beiden Hände legte das Köpfchen auf meine Brust und
sprach »Sie sind ein guter Mann«  dann flog sie schüchtern wie ein Reh von
dannen Wenn Hippolyt mit ihr sprach so schauerte sie in Liebeslust ich hab
immer gefürchtet sie werde ihm einmal öffentlich um den Hals fallen Graf Fips
lässt immer neue Krawatten und Fracks aus der Stadt kommen ich glaube aber er
fängt allmählich an zu verzweifeln wenigstens spricht er schon sehr lange von
der Abreise Er ist in einer sehr üblen Stellung und ich bewundere aufrichtig
die Schafsgeduld dieses Menschen dies Treiben mehrere Wochen mit anzusehen Uns
bürgerliches Pack verachtet er natürlich im Grunde seines Herzens und in
Verzweiflung richtet er hie und da das Gespräch an den legitimen William das
ist der einzige Knopf seines Rocks auf den er sich verlassen kann Der Graf
sucht das Gespräch immer allgemein zu machen und das liebt Graf Fips nicht die
Unterhaltungen welche er mit den Damen anknüpft schnappen auch stets in großer
Geschwindigkeit ab bei Hippolyt muss er befürchten gar keine Antwort zu
bekommen Leopold den er manchmal gern zum besten haben möchte verwickelt ihn
in poetische Gespräche aus denen er keinen Ausweg findet mich hat er nie recht
leiden mögen nach einem neulichen Gespräch über Adel seine Manieren usw was
ich Dir später mitteilen werde hat er über mich unzweifelhaft entschieden er
läuft wie ein verlorener Gedanke aus vergangener Zeit unter lauter fremden
Büchern herum rückt seine Brille zupft den braunen Frack in die Taille ist
ein Lasse  das sind seine Vergnügen Seit wir ein demokratisches Treiben bei
Tisch vorgeschlagen haben ist er ganz sprachlos Man aß früher an langer Tafel
und in den Sitzen herrschte eine Art Rangordnung Wir stellten dem Grafen vor
dass alles Schöne und Große rund sei alle Ecken würden heutigentages
abgeschliffen  den Tag darauf speisten wir an einem runden Tische und setzten
uns wies eben kommt Der Graf hat sich nur ausbedungen dass ich immer neben
ihm sitze und da wir immer zusammen schwatzen so sitzt Kamilla fast immer zu
meiner andern Seite sie müsste denn böse auf mich sein Sie ist ein sehr
liebenswürdiges Wesen hat viel Verstand fasst sehr schnell und ist munter über
und über Du weißt wie ich das liebe Sie stellt sich zwar als schnelle sie
die Gefühle mit dem Finger fort ich glaube aber aus einzelnen Gewitterschlägen
ihres Wesens schließen zu können dass sie der tiefsten Leidenschaft fähig ist
da sie zu den verschlossenen Gemütern gehört  verstehe mich recht zu denen
welche alle Türen des Wesens offen halten die innerste Herzenstür aber nur
allein unter Tränen der schönsten Freude oder des tiefsten Leides öffnen sonst
aber so verstellen dass man gar keine Tür ahnen und alles an ihnen zu wissen
glauben möchte Da sie ein solch verstocktes Gemüt ist so wird sie einst
unendlich reicher als tausend andere beglücken können aber auch unendlich
glücklicher oder unglücklicher sein Alle innersten Herzenskräfte harren nämlich
noch ungeschwächt ihrer Befreiung Sie ist hoch und sehr schön gewachsen und hat
ein äußerst liebreiches Gesicht lächelnde schalkhafte Augen eine zierliche
Stumpfnase einen kleinen üppigen Mund der viel schwatzt und lacht und blendend
weiße Zähne zeigt Ihr volles lichtbraunes Haar flattert in zurückgestrichenen
Locken in einen vollen feisten schneeweißen Nacken der wie zum Köpfen gemacht
ist Ich nenne sie darum oft Ludwigs Frau und erkläre ihren öfteren Eigensinn
und ihre Hartnäckigkeit daher Das tu ich oft weil sie mich dabei immer auf den
Mund schlägt Wie ein bunter Vogel geht sie gekleidet ich habe sie mehrmals
darüber verhöhnt und bin deshalb von ihr ausgelacht worden weil ich so wenig
Farbenschönheit und Farbenverhältnisse begriffe Und sie hat den Sieg
davongetragen hat sich mehrmals einfarbig gekleidet und ich habe zugestehen
müssen dass es nicht zu ihrem bunten Wesen passe
    Noch an jenem Abende wo Alberta so erregt war dass sie mich fast mit ihrem
Geliebten verwechselte fand sie sich mit Hippolyt zurecht Ich sah zufällig der
Szene zu es war wirklich ein artiges Bild Neben dem großen Saale wo wir oft
sind ist nur durch eine Glastür getrennt und mehrere Stufen tiefer das
Gewächshaus wo ein Teil der Orangerie steht der nicht Raum genug vor dem
Schloss haben oder vielleicht die deutsche Luft gar nicht vertragen mag Ich
suchte Kamilla die sich nirgends sehen ließ  der Saal war leer ich gehe bis
an die Glastür und sehe in der Tiefe der südlichen Bäume Alberta sinnend und
träumend die Hände in den Schoss gelegt unter einem Feigenbaume sitzen Sie sah
wie Preziosa aus die mit gebrochenem Herzen nachsinnt ob ihr wohl Alonso aus
Madrid nachfolgen werde Da öffnet sich die Tür an der anderen Seite der
Orangerie und einen Fandango singend kommt Hippolyt herangestürmt Wie im Traum
springt das Mädchen auf und hebt die Arme  Hippolyt den nichts überrascht
fasst ihre Hände sie sinkt ihm an die Brust und umschlingt ihn er hebt mit
beiden Händen ihren Kopf in die Höhe und küsst sie Die fremden Bäume und ich
hinter der Glastür wir sahen still zu mal es aus das Bild
                                                                         Später
Der Graf holte mich gestern vom Schreiben zum Spazierengehen ab Ich bin sehr
verdrießlich Freund über all die Dinge die sich hier zusammenfädeln es ist
lächerlich dass ich sie Dir erzähle der Du auf dem Markte der Welt Dich
herumbewegst Aber ich denke dieser Mikrokosmos soll Dich doch unterhalten ich
fürchte er wird nur zu bald sehr interessant Der Graf war so unsicher er
fühlte so hin und her nach diesem und jenem an mir und Hippolyt dass ich nicht
weiß wie ich Dirs beschreiben soll Mir ward ganz heiß dabei  es wurde alles
so heiratlich so bürgerlich ernstaft dass mir bald kein Zweifel blieb der
Graf wolle unserem Weibertreiben ans Leben gehen Ich konnte nicht klar
heraustreten mit meinen Antworten weil er es mit seinen Fragen nicht tat und
ich solchergestalt leicht eine Betise begehen konnte indes ließ ich ihn doch
nicht undeutlich merken wie diese ganze Wendung der Fahrt nicht in meinen Kram
passe mir sogar sehr unangenehm sei Die Welt ist doch wahrhaftig eine so große
Heiratskanzlei dass man nur in ein Haus treten darf worin ein weibliches Wesen
wohnt um beim Herausgehen Heiratsfragezeichen auf dem Rücken zu haben Wird
nicht alle Geselligkeit dadurch zugrunde gerichtet Sieh unser Schloss an wie
ist alles durch diese verzweifelte Einzäunung zerrissen zerteilt Graf Fips
reist schon seit vierzehn Tagen ab und ärgert sich alle Tage dreimal dass er
noch da ist und beschliesst zehnmal morgen werde er reisen und immer nur
einmal dass er noch einen Tag warten wolle Wenn die Sonne aufgeht da ist die
Erde unschuldig und der unglückliche Liebhaber hofft das Beste  dieser Fips ist
ein Maulaffe aber er fühlt seinen traurigen Schmerz einen Korb am Frackschoss
zu tragen so gut wie einer Was ihm an Gefühl zur Empfängnis dieses Schmerzes
fehlt das ersetzt die Eitelkeit ich glaube er wartet bloß weil er sich
fürchtet leer in der Stadt anzukommen Leopolds leichter Sinn ist sogar
gebrochen er hinkt wie ein lahmes Füllen hinaus ins Feld man ist ihm zu
ernstaft geworden sein Scherz erschrickt vor den verkauften oder verschenkten
Augen die keinen Blick für ihn haben Für ihn ist mir zwar am wenigsten bange
er ist wie der Flussreiher in der Fabel er nascht am Besten herum bis ihn der
Liebeshunger drängt mit einem Gründling vorlieb zu nehmen Ich höre er hat
sich beim Pastor und Förster bekannt gemacht und er tändelt wahrscheinlich
bereits von der Waldmaid zum Gotteslämmchen Aber William ist mir ein Greuel
seine eigene philisterhafte Absonderungswut rächt sich fürchterlich an ihm weil
er alles die ganze reiche schöne Welt zu zwei und zwei abschachteln möchte wie
in eine traurige dumpfe Arche Noäh so ist er nun selbst ein verlassenes
trostloses Wesen Seit sich Alberta so entschieden mit allen Kräften zu Hippolyt
wendete ist dieser William ein wahrer Cromwell der alles malträtieren möchte
Er ist ingrimmig grob ungezogen ja boshaft wie ein verwöhnter Knabe Er
ärgert alle Das ist nun jene christliche Liebe welche der Mann auf der Lippe
trug Weil er keine Freiheit kannte im Glauben und Gefühl so weiß er nun auch
keine zu gestatten Er ist auch in der Eifersucht Fanatiker und Schwärmer er
ist sehr unangenehm Es ist kein Schmerz in ihm sondern Grimm Ich selbst bin
aus meiner Ruhe aufgestört weil ich die fröhliche Kamilla täglich mit
verweinten Augen sehe weil ich kein heiteres Wort mehr von ihren Lippen höre
weil mich das gute Mädchen innig dauert und ich durchaus nicht weiß was ihr
fehlt Sollte das unglückliche Mädchen etwa auch den Mörder Hippolyt lieben
Nun sieh was sind das für Dinge was ist das für unnütze Verwirrnis die das
Leben unklar unerquicklich macht Ach ich bin ärgerlich Als gäb es auf der
Welt keine andern Beziehungen mehr als zwischen Mann und Weib Ich bin der
traurigen Kamilla selbst so gut geworden dass ich in mir selbst Verwirrung
fürchte Und nun führt das Geschick die Gräfin Julia hieher und das Haus wird
ein Tollhaus Ich will die Sache erst noch etwas reifen lassen eh ich Dir
breiter davon spreche Wir geben uns alle mögliche Mühe wichtige spannende ja
verletzende Gespräche über allgemeine Gegenstände aufs Tapet zu bringen sobald
wir bei Tisch oder beim Tee alle versammelt sind damit die große Spannung und
Zerrissenheit der Gesellschaft zugedeckt werde Höre eines derselben
    »Der Adel« nahm Hippolyt das Wort »hatte eine in der ganzen Konstruktion
der Gesellschaft begründete Stellung er war ein integrierender lebendiger Teil
des Staatslebens mit einem Worte er war Leben als es nur Herren und Sklaven
gab Die herrschende Klasse die aus den Anführern oder den Kriegern oder den
Eroberern bestand  denn nur das Schwert war das Kriterium  wurde der Adel er
gestattete einem Fürst zu sein und hielte ihn nur so weit in Zaum dass er
seiner Teilnahme am Herrenrechte nicht zu nahe trete Allmählich machten sich
aber die Sklaven durch ihre heranwachsende Masse durch Erfindungen durch
Gelehrsamkeit geltend das Schwert reichte nicht mehr ganz aus da sprach der
Adel die Vergangenheit um Hilfe an er erfand die Stammbäume die Ahnen an die
Stelle des Schwertrechts trat das historische Der Vorzug des größeren Besitzes
machte es ihm noch lange Zeit möglich eine höhere Klasse zu repräsentieren Der
spekulative Geist des Bürgers riss nach und nach einen großen Teil dieses
Besitzes an sich die Gelehrsamkeit wurde immer flüssiger man fing an die
Bestandteile der Gesellschaft zu prüfen der Adel war genötigt zu glänzen weil
sein Kern verdorrt war Alle höheren Tätigkeiten des Menschen drängten sich
allmählich in einen Früchteknoten zusammen es entstand die Bildung und sie
stürzte den Adel weil sie das Kriterium des Schwertes und der Ahnen
vernichtete Die Allgemeinheit ward vernünftig und es wurde ein lächerlicher
Begriff auf eine höhere Stellung in der Gesellschaft Ansprüche zu machen weil
es die Vorfahren getan«
    »Aber mein Gott« begann Graf Fips »es muss doch ein Unterschied
existieren« Er erhielt lange keine Antwort weil jeder lachte Das Gespräch
schien abgebrochen und der kleine Leopold knüpfte es spaßhaft mit einer Antwort
für Fips wieder an »Allerdings« sagte er »ein Unterschied zwischen Klugen und
Dummen und der existiert noch« Der Graf Topf schwieg William aber erhob seine
Stentorstimme und verteidigte das Mittel der Erinnerungen was Tausende
aufreize besser zu sein als sie ohne selbiges sein würden Er sei nicht eben
für den Adel aber wenn man solches Verhöhnen alles Herkommens und historischen
Rechtes zugäbe so bräche das jakobinische Vernunftrecht unheilvoll über alles
herein und nichts stünde mehr sicher Ich erwiderte ihm dass nichts bestehen
solle was nicht vernünftig sei dass darüber kein Zweifel mehr obwalte und man
nur über die Art und den Weg alten Schutt wegzuräumen uneins wäre Die
gemässigten Reformer wollten kein Privatrecht verletzen um allgemeines Recht zu
erzeugen Der Adel selbst aber sei nicht einmal ein Privatrecht sondern nur ein
usurpierter Titel einer alten Gewalt die Gewalt sei aber gestürzt und ein
König ohne Land sei ein Narr wenn er sich noch König nennen und von
Hofzeremonien umräuchern lasse Der Adel sei für wahnsinnig zu erklären  fuhr
Hippolyt fort  wenn er noch in Generalsuniform einhergehen wolle während er
längst mit der großen Menge in Reih und Glied marschieren müsste »Wollen Sie
nicht schwach sagen« schaltete Graf Topf ein
    Du siehst wie gereizt das Gespräch wurde Ich versuchte einzulenken und
setzte hinzu »Es ist aber auf der andern Seite etwas was der Adel aus seiner
Herrscherzeit behalten hat und was wir ihm immer noch nicht haben gleich tun
können das ist die leichte Art zu leben Er lebt geflügelter freier weil er
sich hoch gestellt glaubt seine Geschäfte sind ihm Nebensache der Genuss des
Lebens aber Hauptsache Er weiß mehr zu genießen weil er mehr sucht Die Mühen
der Jahrhunderte durch welche wir bis hieher gekommen sind lasten noch lähmend
auf unseren Schwingen Der Adel hat keine Mühen gekannt darum ist sein Wesen
leichter darum verfällt er nicht in den Irrtum das Geschäft für den Zweck
anzusehen wie es zB unser Kaufmann tut Der Adel lebt leichter weil er von
Jugend auf sorglos ist Er kennt unsere Hypochondrie die Krankheit der Mühe
nicht Indes der Sieg ist schon lang erkämpft und die Not des Kampfes wird
bald vergessen sein dann erwerben wir auch diesen Vorzug dann wird der Adel
nicht nur getadelt er wird verlacht werden wie jeder bankerotte Kaufmann der
noch nach Goldstücken rechnet«
    »Aber der Menschen Sinn trachtet nach Bevorzugung « Hub Graf Topf an  »nur
das moralische Streben bändigt ihn unter den Siegern über die historische
Klasse bildet sich wieder eine Aristokratie die Phasen der Geschichte sind nur
ein Wechsel der herrschenden Klassen aber kein Aufhören derselben der neue
Feind ist die Geldaristokratie und wahrlich meine Herren sie ist noch platter
und prosaischer sie hat nicht einen Funken von Poesie und gerade das Extrem
des Adels das trostlose Geschäft schwingt sich im Gewande der Industrie auf
den Thron mir schaudert vor dieser neuen bloß rechnenden Herrschaft wo die
Herzen nichts mehr gelten«
    Ich gab ihm recht und gestand zu dass wir sehr auf der Hut sein müssten uns
den Sieg nicht stehlen zu lassen den Sieg der Bildung »Immer aber« fuhr ich
fort »ist das doch ein großer Schritt weiter wenn der Erbaristokratismus
gestürzt ist und wir vielleicht leider beim Geldaristokratismus angekommen
sind so ekelhaft dieser auch sein mag Die nächste Morgenröte kann mir das
Geld einige Jahre können mir die Gelehrsamkeit das Wissen bringen  keine
Ewigkeit kein Gott kann mir eine Vergangenheit lächerliche Ahnen geben wie
sie der Adel verlangt Und darin liegt das Fundament zukünftiger Zeit die
vielleicht jetzt in Frankreich beginnt Alle Wege müssen offen sein zu allem 
nicht unbedingte Gleichheit aber unbedingt gleiche Befugnis zu allem das ist
die Losung des neuen Jahrhunderts«
    »Erbt nicht der Sohn des Millionärs auch die Million« warf abgehend von
meinem Schlusssatze der Graf ein Hippolyt antwortete für mich »Er kann sie
morgen ganz oder zum Teil verlieren und sein Nachbar kann sie gewonnen haben
Sie können Ihre Ahnen nicht verlieren kein Nachbar kann sie gewinnen darin
ruht der Widerspruch mit der neuen Theorie alles muss für alle erreichbar sein«
    Graf Fips meinte ich hätte der feinen Manieren nicht erwähnt die würden
nach diesen barbarischen Ansichten ganz zugrunde gehen Ich erwiderte ihm dass
ich die feinen Manieren allerdings für ein Produkt der Zivilisation ansähe dass
ich aber keineswegs an ihren Untergang ohne den Adel glaubte »Manches von dem«
fuhr ich fort »was Sie Herr Graf von Fips so nennen dürfte allerdings
verloren gehen manches von dem was der Adel darunter versteht der aber nur
eine Frucht mit schöner Schale will die ihren Zweck durch ihr Aussehen erreicht
habe nimmer aber geöffnet zu werden brauche  die eigentlichen feinen Manieren
sind ein Ergebnis der höchsten Kultur und die meisten feinen Leute kennen sie
nicht weil sie eben nicht kultiviert genug sind Es handelt sich dabei
natürlich nicht um ein Kompliment oder diese und jene Floskel das ist nichts
als Turnüre die durch einige Übung wie das Tanzen von jedem erlernt werden kann
und erlernt werden soll denn sie ist die Bedingung des Erscheinens und das
Erscheinen soll schön sein Es handelt sich aber um das höchste geistige
Verständnis und um die schönste und gewandteste und geeignetste Erscheinung des
Geistigen Es kommt dem sogenannten feinen Menschen nicht im geringsten darauf
an die geistigen Interessen einer Gesellschaft vor den Kopf zu stoßen wenn er
das nur mit einem zierlichen Komplimente tut  man spreche das Wichtigste
erzähle lese das Interessanteste ein gesellschaftliches Unding das sich eben
ereignet bricht es ab stört und kein Mensch mit feinen Manieren fragt
welcher Gedanke welche Folgerung unterbrochen worden sei  darum weil diese
Manieren ihnen nur der Form nicht der Gedanken halber da sind der Gedanke
erzeugt bei ihnen nicht die Form sondern die Form den Gedanken Darum ist ihr
Gipfel die Förmlichkeit und nur die Auserwählten werden das was die Römer
formosi nannten äußerlich schön mehr aber nicht Jedermann aber weiß dass Roms
größte Männer nicht die formosi gewesen sind
    Das ist zB gute seine Manier um Ihnen durch ein Beispiel anzudeuten was
ich darunter verstehe dem andern durch alle Schlangenwindungen des
Gedankenprozesses zu folgen wo er strauchelt ihm die Hand zu reichen wo er
eilt und fliegt nachzueilen nachzufliegen und wenns wirklich geflogen ist
und man artig sein will dies bemerken  alle geistigen oder sonstigen
Interessen des anderen zu den eigenen machen und mit Teilnahme verfolgen der
geistigen oder moralischen Atmosphäre die um ihn ist ungeteilte Aufmerksamkeit
schenken  da kann manches Äußere eine herabgefallene Nadel ein Zwirnknäuel
übersehen werden wenn man dem Besten des Menschen sich anschmiegt so hat man
die besten Manieren alles andere ist angenehme Zugabe« »Wird es aber zur
Hauptsache gemacht « setzte Hippolyt fort  »so wird es Leerheit
Abgeschmackteit Unkultur und die feinen Personen die sich immer und nur
darin wohlbefinden können dürfen nicht zu unseren gebildeten Ständen gezählt
werden weil sie von Bildung nichts wissen und an hohlen Spielereien an
Firlefanz und Puppenkram genug haben Und meinen Sie denn dass jene feinen
Manieren ein Prärogativ des Adels seien Wir haben solcher bürgerlichen Affen
genug Es ist eine lächerliche Schwäche von uns dass wir den arroganten Titel
Adel noch immer gestatten dass wir ihn selbst in unserer Polemik noch immer
gebrauchen man nenne es Junkerei oder ähnlich«
    Man war still wir hatten zu heftig gesprochen ich fürchte unsere hiesige
Gesellschaft ist der Auflösung nahe
    Ich sehe durch meine Glastür Kamilla einsam wandeln  leb wohl für heute
ich will ernstlich zu erfahren versuchen welcher Kummer das liebe Mädchen
drückt ich habe sie sehr gern Leb wohl
 
                            19 Kamilla an Ludoviko
                                                                     Grünschloss
Ich habe unrecht gegen Sie Ihre gegen mich gerichteten Vorwürfe sind gerecht
Aber ehrlich und offen will ich gegen Sie bleiben Sie haben mir Ihre Liebe und
Hand angetragen Sie haben mich damals überrascht ich war ein unerfahren Ding
ich wusste nicht was ich versprach Warum mussten Sie aber auch so lang von mir
bleiben warum kamen Sie nicht wie Sie versprachen dies Frühjahr Wieviel
Schmerz wäre mir erspart worden Ich habe die Treue gegen Sie gebrochen Ihr
Verlobungsring liegt im Kasten Fürchten Sie nicht die Nachricht eines Exzesses
es gilt nur die Treue meines Herzens Valerius ein Poet kam zu uns er warb um
niemand lebte ruhig harmlos dem Anschein nach ohne Wunsch ohne Verlangen
nach irgend etwas an unserer Seite und gewann sich somit das was er nicht
suchte unsere Teilnahme Ich hatte ihn gern und nur zuweilen dämmerte die
Vermutung in mir auf dass er Ihnen gefährlich werden könnte  Erlauben Sie mir
dies Wort Ihr letzter Brief berechtigt mich noch dazu Aber ich schüttelte
lächelnd den Gedanken von den leichten Schwingen meines Wesens ich hoffte
nichts als einen lieben zuverlässigen Freund in ihm zu gewinnen Sein
unwandelbarer Gleichmut bestärkte mich darin Wie ein Blitzstrahl traf mich das
Wetter Vor einiger Zeit such ich ihn und Alberta die im Garten promenierten
Ich biege um eine hohe Zypressenreihe und sehe in der Tiefe des Gartens zwischen
Bäumen eine Gruppe die mich erstarren machte und mir eine traurige Gewissheit
über mein Inneres brachte Alberta ruht an der Brust des Valerius Heisse Tränen
stürzten aus meinen Augen ich fühlte dass ich Ihnen untreu geworden dass ich
jenen unglückseligen Mann liebte Keine Macht der Erde würde dies Geständnis
über meine Lippen gebracht haben Ihnen bin ichs schuldig Vergeben Sie mir
vergessen Sie mich Denken Sie mit Teilnahme an unser grünes Schloss wo außer
meinem Leid ein breites Feld von Trauer spriesst
»Ein Jüngling liebt ein Mädchen
Das hat einen andern erwählt
Der andre liebt eine andre
Und hat sich mit dieser vermählt«
    Der Stifter meines Unheils wird selbst unglücklich Alberta liebt seinen
Freund Hippolyt ach und ich fürchte dieser liebt die schöne Gräfin Julia die
vor kurzem hier angekommen ist Das Unglück hat sich hier eingenistet Grüssen
Sie innigst Ihre Schwester o dass ich mein Leid in ihren Busen weinen könnte
    Die Bitte mir nicht zu antworten darf ich wohl nicht erst aussprechen
Vergeben Sie mir
                                                                        Kamilla
 
                             20 Hippolyt an Julia
Wir sind in einem Hause und ich muss das tote geschriebene Wort an Sie richten
dem warmen lebendigen gestatten Sie keinen Zugang Warum verschließen Sie sich
in Ihrem Zimmer warum nehmen Sie mir meinen Tag das Licht Ihrer Augen Ist es
meine Schuld dass ich Sie später gesehen als die gute Alberta Ich habe ein
heißes glühendes Herz mein Fräulein ich schwöre es Ihnen ich will ich werde
Ihr kaltes Gemüt erwärmen nur Ihre Hand reichen Sie mir durch die
Fingerspitzen will ich mein Leben bis zu Ihrem Herzen treiben Nie habe ich
einem Weibe meine Liebe erklärt Ihnen Julia sage ich dass ich vergehe in
Liebessehnsucht nach Dir Du bist meine Sonne mein Mond der ganze gestirnte
Himmel meiner Wünsche meine Erde meine Welt meine ganze Hoffnung auf
Seligkeit Antworten Sie mir meine ganze Seele fleht antworten Sie mir gütig
öffnen Sie Ihre Zimmer ich muss Sie sehen ich verschmachte in dieser Wüste Ihr
Anblick ist mir die erfrischende Quelle ich renne mir den Kopf ein in dieser
Nacht Sie sind mein Licht o leuchten Sie mit dem Meere des Lichts in Ihren
Augen Ich zünde das Schloss an um Sie aus den Flammen zu tragen Sie in Dampf
und Glut zu küssen  Weib das mich unterjocht ich liebe Dich Julia Du weißt
nicht was das heißt Antworte mir erscheine 
 
                          21 Valerius an Konstantin
Warum schreibst Du keine Zeile Mensch Lebst Du nicht mehr Ich muss alle Stärke
des Gemüts zusammennehmen um in diesem Drange der Dinge fest zu stehen Sollte
Dir ein Unglück begegnet sein lass es uns bald wissen ich will zu Dir kommen
Du hast ja für die Freiheit gefochten für das einzige Unwandelbare im Leben
Hier ist viel Unheil Kamilla weicht mir aus steht mir nicht Rede Das tut mir
unendlich weh Alberta liegt krank Hippolyt hat ihr das Herz gebrochen der
Südländer ist rasselnd in ihm aufgesprungen er rast in Liebe für die schöne
Julia Diese flieht ihn wie ein Reh den Wolf und hält sich mehrere Tage in
ihren Zimmern verschlossen Heut kam sie zu Tisch im Augenblick als wir uns
setzten fuhr die Fürstin Konstantie vor Nun ist die Verwirrung vollständig
Hippolyt schäumt wie ein Eber ich habe meine Not ihn in zivilisierten
Schranken zu halten Wäre dieser Mensch ohne Bildung man sähe die Taten eines
blutigen Barbaren Der Graf ist äußerst niedergeschlagen und sprach heute
wehmütige rührende Worte mit mir »Ich bin alt geworden«  sagte er  »und kann
der Zeit nicht mehr voraus sie übereilt und mordet mich und mein armes Kind« 
                                                                         Später
Eben erhalte ich eine Ausforderung von unbekannter Hand Es werden da soviel
Nichtswürdigkeiten auf mich gehäuft dass ich ein entsetzlicher Verbrecher sein
muss Es ist doch unangenehm auch nur für einen einzigen Menschen ein solcher
Gegenstand des Abscheues zu sein Ich sinne hin und her weil mir der Gedanke
aufsteigt die Handschrift schon irgendwo gesehen zu haben Ich kanns nicht
aussinnen Alle Anschuldigungen sind indes so unklar unbestimmt ausgedrückt
dass ich durchaus nicht genau weiß welcher Übeltat ich angeklagt werde Weiber
scheinen dabei beteiligt zu sein es ist also wohl ein eifersüchtiger oder
Ritterdienst tuender Mann Und somit ist die Sache vielleicht ein
Missverständnis denn ich wüsste doch wahrlich nicht wem ich der Weiber halber
etwas getan haben sollte Der gute Mann verlangt keine Antwort sondern wird
sich in kurzem selbst melden Soll ich offenherzig sein Die Sache ist mir
unangenehm ich habe es neuerdings immer gefürchtet in eine Duellangelegenheit
verwickelt zu werden weil ich den fatalen Kampf meiner gesunden Ansicht mit
meiner schwächlichen Empfindsamkeit voraussah Das Duell ist mir verhasst und
wenn ich an die sogenannten Skandäler auf der Universität zurückdenke so kommen
auch alle die Harlekinaden mit aus deren bunten Lappen das ganze Studentenleben
bestand und jene Paukereien erscheinen mir wie ein ernsthaftes Spiel bei dem
leicht ein Unglück geschieht Wenn man aber die Harlekinsjacke ausgezogen hat
soll man auch das Spielen lassen Ich würde es von Staats wegen niemand
verbieten weil es eine Beschränkung der persönlichen Freiheit wäre und weil es
wirklich Verhältnisse gibt von deren feinen Linien das bürgerliche Recht keine
Kenntnis haben kann da es seiner Natur nach al fresco gemalt sein muss Ich kann
es niemand wehren an den Vorteilen der Zivilisation keinen Anteil nehmen zu
wollen sobald er einen andern der das will nicht stört Wenn also ihrer zwei
außer dem Gesetze begriffen sein und ihre Angelegenheit durch Degen oder Kugel
schlichten wollen so soll man sie gewähren lassen Aber man betrachte jedes
Duell mit also misstrauischen Augen als man es noch immer mit günstigen tut Man
gestatte jedem es unbeschadet seiner äußeren Ehre zurückzuweisen man blamiere
verlache diese mittelalterliche Kourage das Vorrecht von Studenten und
Soldaten die es in Ermangelung eines besseren Kerns zum Mittelpunkte ihres
Lebens gemacht haben bei denen man keiner andern Eigenschaft bedarf um für
vollkommen zu gelten Die besten Männer der Weltgeschichte dürften leichtlich
nichts taugen wenn man diesen Duellmassstab bei ihnen anlegen wollte und doch
ist es Mode geworden selbigen Maßstab an uns alle anzulegen Sind wir nicht wie
die Kinder Wenn sich einer vor Dummheiten nicht fürchtet so ist er ein
tüchtiger Mann vor Klugheiten aber Furcht zu haben ein Dummkopf zu sein das
tut der Ehre nichts Ich habe mich auf der Universität geschlagen weil  nun
ja weil ich Student war ich werde mich wahrscheinlich jetzt wieder schlagen
weil ich schwach bin oder wenigstens nicht den Mut habe allein stark zu sein
Aber ich will mich bessern ich will mich an das Schreckbild gewöhnen für feig
zu gelten es gehört ja doch wahrlich mehr Mut dazu ihm ins Angesicht zu sehen
als einer schmalen Kugelmündung Wenn meine Besserung nicht so schnell
vonstatten geht dass ich schon meinen jetzigen Ausforderer heimschicke so soll
er doch der letzte sein mit dem ich diese Narrheit treibe Lass mich Dirs
gestehen dass meine Schwäche durch meine Umgebung gesteigert wird der Adel
sieht seinen Duellmut für eine Prärogative an womit er seine andern
Prärogativen verdiene wenn ich ihm den Unsinn des Duells noch so klar beweise
so zuckt er doch die Achsel und schwappt sich auf den Bauch und spricht »Man
siehts doch gleich« usw  Unter den Indianern musst Du erst an den Götzen
welchen sie verehren geglaubt haben eh Du ihnen beweisen kannst dass der
Götze ein Götze sei Ich will noch einmal mich gläubig stellen und dann auf
offenem Markte das Götzenbild zertrümmern Es ist ja doch gar zu lächerlich
jedem Laffen preisgegeben zu sein seis auch nur den Zeitpunkt betreffend in
welchem ich ihm zu Dienst sein muss Man beschäftigt sich mit den höchsten
Interessen der Menschheit und ist den alten Resten der Blutrache dem
faustrechtlichen Larifari unterworfen man predigt auf der Kanzel und sündigt
hinter der Kirche Der Krieg im allgemeinen bleibt immer noch ein Akt der
Barbarei welcher wegen der Verschiedenartigkeit der Stufen auf denen die
Völker stehen noch immer nicht abgeschafft werden kann aber den Krieg im
kleinen sollten wir doch wahrlich dämpfen können Es ist eine ebenso große
Dummheit als wenn man den Kriegerstand den übrigen voranstellt Ist es wohl
schon jemand eingefallen die Kanone mit Verehrung anzusehen weil man damit
eine Masse Menschen niederschiessen kann Aber es ist der alte Rest der
Eroberung des Lehenwesens der Barbarei wo nur das gelten konnte was große
physische Gewalt entwickelte was Furcht einflößte Die Kultur beginnt mit
Zerstören man haut Wälder nieder tötet die wilden Tiere  wollen wir denn
immer im Beginn der Kultur stehen bleiben Man lehre die Jugend den Tod nicht
zu fürchten aber man lehre es auf eine zivilisiertere Weise 
    Die Fürstin hat viel Gefolge mitgebracht Es ist ein buntes festliches
Treiben hier eingekehrt es geht alles geputzt und doch ist niemand vergnügt 
wir leben auf einem Totenacker den man mit bunten Blumen beworfen hat Hippolyt
steht knirschend wie ein Todesengel da und ist vernichtend in Wort Blick und
Gebärde Ich habe ihn nie so beissend witzig verständig vornehm gesehen Die
kecke Fürstin richtet oft das Wort an ihn er wirft Dolche statt Worte zurück
Gestern fragte sie ihn nach Desdemona Mit einer fürchterlichen Kälte erwiderte
er Eine Schlange hat ihr Leben vergiftet und sie von dem Ort vertrieben wo sie
glücklich war  jetzt ist sie wahnsinnig Konstantie erbleichte Ich fragte ihn
später ob es grässliche Erfindung seines Grimmes sei Nichts weiter erwiderte
er und reichte mir einen Brief Er war aus Wien und von Desdemona angefangen
sie schrieb mit herzzerreissender Sehnsucht ihre Liebe stand auf einer Höhe vor
der ich selbst schwindelte  die Fortsetzung war von einer uns unbekannten Dame
welche Hippolyt mitteilte dass Desdemona in ein hitziges Fieber verfallen sei
und dass die Ärzte für ihr Leben und für ihren Verstand alles besorgten Möge es
Dir besser ergehen als uns Leb wohl
 
                           22 Julia an ihre Mutter
Wie es mir geht meine liebe liebe Mutter Gut  schlecht  die Worte passen
nicht dafür unglaublich wunderlich Für Augenblicke fühl ich mich beseligt
ich schwimme in Blütendüften und dann kommt wieder ein langer Tag
unaussprechlicher Angst kindischer Verzweiflung So leiten die Dichter
gewöhnlich ein wenn sie ein verliebtes Mädchen einführen wollen ich weiß wie
oft Papa darüber lachte aber hier ist es doch ein wenig anders Ein junger
Mann von aller Welt kurz Hippolyt genannt  er soll der Sohn eines spanischen
Grand sein  macht mir auf eine beispiellose Weise den Hof Sein stürmisches
Wesen mit dem er mich übereilte hat mich tödlich erschreckt was ich von der
Fürstin Konstantie die seit einigen Tagen hier ist vernehme was ich an der
unglücklichen Alberta sehe die ihn glühend liebt und plötzlich von ihm
verlassen ist flösst mir ein Grauen vor dem Menschen ein Und dabei ist er
zauberhaft schön beredt liebenswürdig  ach meine liebe Mutter dafür ist der
Ausdruck erfunden er ist ein gefährlicher Mensch Wenn alles wahr ist was man
vereinzelt von ihm hört so ist er ein solcher Ausbund von Lasterhaftigkeit
eine solche Größe von Untugend dass man versucht wird ihn zu bewundern Er weiß
zB um Albertas heftige Neigung für ihn er hat sie hingenommen wie ein
angenehm Geschenk und vom Tage meiner Ankunft an nicht die mindeste Notiz mehr
davon gezeigt Meinst Du nun aber dass er in ihrer Gegenwart befangen auch nur
im mindesten befangen wäre Gott bewahre er unterhält sich harmlos als ob gar
nichts vorgefallen sei Mich verfolgt er mit den feurigsten Versicherungen
seiner Liebe aber selbst in seinen Bitten liegt etwas Wildes Herausforderndes
Der Himmel weiß was die Fürstin gegen ihn hatte sie nahm in der ersten Zeit
ihres Hierseins unglaublich leidenschaftlich Partei gegen ihn sie war immer so
erregt wenn sie von ihm sprach dass ich eine Zeitlang glaubte sie habe eine
glühende Neigung in die Livree des Hasses gekleidet  es war ein auffallender
Anblick diese stolze gewaltige Frau und den imponierenden Hippolyt einander
gegenüber sitzen zu sehen Konstantie sah ihm vornehm fest starr in die Augen
als erzähle sie ihm eine Geschichte von seiner eigenen Nichtswürdigkeit er gab
die Blicke sprühend zurück und warf einen ganzen blitzenden Wolkenhimmel mit
lauter Zerstörung und Verachtung in ihre Augen der verächtlich heruntergezogene
Mund sprach die Erläuterung jener fürchterlichen Blicke So oft er den Namen
Desdemona aussprach war der Stolz der Fürstin gebrochen ihre Schlacht verloren
 es ist unverkennbar dass sich die beiden Leute gekannt und vielfache
Beziehungen zueinander haben Konstantie ist heftig leidenschaftlich sogar
rachsüchtig weil sie nicht nur eitel sondern stolz ist  sollte es ihr
vielleicht mit Hippolyt wie der armen Alberta ergangen sein Ich will doch genau
achtaben oder Hippolyt selbst einmal fragen  erinnerst Du Dich nicht liebe
Mutter wie verwegen sie vorigen Winter in Berlin über dergleichen Dinge sprach
wenn sie des Donnerstags in unsere kleineren Gesellschaften kam Ich habe mich
immer vor ihrer Art zu lieben gefürchtet ihre Neigungen sind ein glühender
Sirokko und sie passt eigentlich ganz zu Hippolyt Die gute Alberta hat einige
Tage unaussprechlich gelitten jedoch es scheint mir wie eine hitzige Krankheit
mit Heftigkeit aber schnell vorübergehen zu wollen Ihr zum Glück und uns allen
zur Freude ist ein Herr Valerius hier der auf alle den wohltätigsten Einfluss
ausübt Er ist der einzige mit dem Hippolyt in seiner jetzigen Leidenschaft
die aus allerlei Ingredienzien zusammengesetzt ist redet Ich glaube Hippolyt
hasst die Fürstin ebenso wie er mich zu lieben glaubt und wenn ich dem Manne
heute sagte ich liebe ihn so teilte ich wahrscheinlich in einigen Wochen das
Schicksal seiner Verlassenen  ich will aber mein Schicksal mit niemand teilen
ich will mich durch nichts hinreißen übereilen lassen ich will nicht diesen
Gefühlsaufwand diese Stürme diese Unebenheiten dies unerspriessliche Geräusch
Liebe Mutter ich bin meines Vaters Tochter schilt mir nicht dies mein Wesen
Es macht diese innere Ordnung nur mein Glück Könntest Du Dich mit mir hier
umsehen wie die Neigungen Leidenschaften Verhältnisse bunt durcheinander
liegen wie in einem ungeordneten Zimmer Du würdest mit mir davor
zurückschrecken Solche Unklarheit Verworrenheit meiner inneren Dinge ist immer
ein Unglück für mich das mich zu Tode hetzte wie ein Gespenst Darum lobte ich
den Herrn Valer fast alle lehnen sich an ihn weil er allein fest zu stehen
scheint Es ist als ob er mit Alberta in magnetischem Rapport stände sowie er
zu ihr tritt schließt sich die Blume ihres Schmerzes mit ihren Tränen und das
liebe Mädchen ist mild sanft ja manchmal sogar heiter Er spricht sehr schön
nicht so glänzend wie Hippolyt aber eindringlicher gediegener alle seine
Eigenschaften sind nicht so blendend wie bei diesem aber alle sind sicherer
fester abgemachter Ich liebe das sehr Auch Graf Topf ist ihm sehr zugetan
und die Fürstin welche ihn anfänglich ignorierte weil er etwas sparsam in den
Annäherungs und Höflichkeitsformen ist geizt jetzt förmlich mit seinen
Gesprächen Er schafft uns die einzigen heimlichen Abendstunden wir sitzen auf
der Plattform des Schlosses unter dem Zelte sehen auf der einen Seite nach den
fernen Bergen auf der andern nach der nahen Stadt und dem Flussesspiegel der
zu ihr hinzieht Hippolyt rastet selten lange dabei sondern stürmt meist zu
Pferd durch die Ebene und Valerius bringt uns in das liebenswürdigste
Geschwätz Er hat zwar eigentlich selbst abscheuliche Grundsätze über Ehe Staat
und Menschen aber er versteht es das Wildeste geordnet vorzutragen
interessant wünschenswert zu machen die freien Dinge welche Konstantie
äußert sind eigentlich bei weitem nicht so arg als die seinen und doch klingen
sie mir soviel greulicher Es kommt vielleicht daher weil sie mir unweiblich
dünken Die Fürstin verteidigt zum Beispiel den Genuss aller Vergnügungen auch
wenn sie nach unseren bürgerlichen Ansichten zu den verbotenen gehören Sie hält
zB die Ehe nur für eine Form welche der äußeren Dinge wegen da sei und
namentlich den materiellen Besitz des Weibes sichere Es wird mir unheimlich
wenn ich eine verheiratete Frau so sprechen höre  wenn dergleichen verwirklicht
werden sollte so müsste ja ein trostloses Durcheinander entstehen Valer
welcher die Frauen selbständiger gestellt sehen will und wunderlich genug von
den neuen verwirrenden Zeitbewegungen viel für uns erwartet opponierte der
Fürstin in vielen Dingen Er machte sie darauf aufmerksam wie gerade jetzt das
äußere Leben der Frauen in der Luft schwebe wenn sie ihren einzigen Haltpunkt
die Ehe aufgäben wie nur die stärksten und edelsten Weiber einen Übergang zu
besserem freierem Gesellschaftsleben dadurch bilden könnten dass sie sich der
Ehe nicht unterwürfen die neuen Begriffe aber auf alle Weise unterstützten
weil nach der politischen Revolution die soziale vor den Toren läge durch
welche das Weib eine gesellschaftliche Stellung erlangen würde Das Christentum
habe das Weib nur zur Hälfte frei gemacht es müsse es ganz werden der jetzige
Durchgangspunkt aber bringe wie jedes Ringen nach neuen Zuständen wie alles
Halbe sehr viel Unglück und die Frauen müssten sehr auf ihrer Hut sein da die
öffentliche Meinung noch keineswegs soweit gebracht sei Toleranz gegen sie zu
üben Die alten Verhältnisse seien wie die alte Kirche in Auflösung begriffen
die Rettung sei nahe aber die Gefahr doppelt groß Ich schreibe Dir diese Dinge
aus meinem treuen Gedächtnis ich verstehe wenig oder gar nichts davon und sie
würden mich wie alles Ändern beunruhigen sähen sie nicht in dem Vortrage Valers
so abgemacht aus Die Fürstin protestierte feurig dagegen Sie gab die
eigentliche Auflösung der Ehe und Kirche in den höheren Ständen zu fand die
Auflösung vernünftig verlangte aber das Beibehalten der alten Formen welche
die Gebildeten schützten und doch nicht beengten der großen Masse aber
notwendig seien Valer nannte das lächelnd Aristokratismus und gebrauchte den
garstigen Ausdruck dass auf diese Weise die Welt verfaule Geschwüre müsse man
aufschneiden auch wenn es schmerze Fi  wie hässlich klingt das und doch
fällt es mir jetzt erst auf im Munde des Mannes klangs nicht so Herr William
einer der hiesigen Gäste verteidigte hart und unduldsam das Bestehende und
tadelte beide Ansichten sie seien unchristlich und darum unsittlich lösten das
Fundament der Zivilisation und untergrüben die Grundprinzipien der Gesellschaft
sie seien die Ausgeburt des menschlichen Dünkels welcher die Gottheit spielen
und die ewigen Gesetze umändern wolle Die Menschen hätten zu hundert Malen
versucht das Christentum abzuschaffen und seien immer zuschanden geworden ihm
verdankten wir alle Art von Bildung und es heiße auf die Barbarei
zurückdrängen wenn man dergleichen Auflösung predige  menschlicher Verstand
ordne keine Welt der göttliche sei uns in Christo zu Hilfe gekommen und es
heiße Gott lästern wenn man seine eigenen Institutionen verbessern wolle Valer
nahm das Gespräch gegen ihn auf ich kann Dirs nicht wiederholen weil es für
mich zu gelehrt wurde Die Fürstin lud beide ein in einigen Wochen auf ihrem
Lustschloss einzukehren wo sich einen Monat hindurch viel Gesellschaft
zusammenfände Es sei ein Gesundbrunnen in der Nähe welcher Valers nicht ganz
fester Gesundheit sehr zuträglich sein werde Alberta sah aufmerksam und fast
ängstlich drein und horchte William nahm die Einladung sehr dankbar an Valer
schlug sie aus Die Fürstin war verletzt Alberta schien erfreut wir trennten
uns   Soeben ist der Graf aus der Stadt zurückgekommen und hat die
wunderliche aber wie er meint zuverlässige Nachricht mitgebracht dass sich
unter den hiesigen Poeten ein verkappter Prinz aus einem sehr vornehmen Hause
befinde Du kannst denken welche Neugier diese Nachricht erregte die Meinungen
waren alle dafür es könne nur Hippolyt oder Valerius sein Natürlich dauerte es
auch nicht lange dass beide aus dem Fragen Zischeln Ausholen erfuhren um was
es sich handle Hippolyt schlug ein tolles Gelächter auf und verlangte
unanständig man solle seinen Vater nicht verunglimpfen der ein Mauleseltreiber
in Katalonien sei Valerius lachte ebenfalls und erklärte mit liebenswürdiger
Offenheit dass sein Vater ein schlichter Landgeistlicher mit vierhundert Taler
Gehalt wäre und noch sechs Prinzen außer ihm und zwei Prinzessinnen auferzogen
habe Die Gesellschaft war durch diese Erklärungen verstimmt und die Fürstin
fragte pikiert Valerius ob es ihm so unangenehm sei für einen Prinzen gehalten
zu werden Der abscheuliche Mensch antwortete sehr ernstaft »ja« Auf William
riet wunderlich genug niemand und obwohl man die Vermutung bei Hippolyt und
Valerius noch keineswegs aufgab so ging doch nun alles auf den sogenannten
Provenzalen Herrn Leopold über Dieser kleine hübsche Mann ist sehr wenig auf
dem Schloss zu sehen er streift in der Umgegend umher und soll lauter
demokratische Liebschaften anknüpfen Seine Freunde wussten nichts über sein
Herkommen und dem einfältigen Valerius fiel es erst jetzt ein dass er schon
früher einmal von Leopold selbst etwas Ähnliches gehört es aber vergessen habe
 
      Wir saßen eben nachmittags im Garten als der Kleine von seinen
Streifereien ankam Er hat wirklich so etwas Apartes an sich und ist so fein
und niedlich als sei er in Purpurwindeln gewickelt gewesen Man fragte ihn er
tat verlegen leugnete nicht direkt gab nicht eben zu  kurz bestätigte alle in
dem vorgefassten Glauben und hat nun den immerwährenden Spott von Hippolyt den
Scherz von Valer zu erdulden Jener nennt ihn nicht mehr anders als »Kleine
Exzellenz« Was mich anbetrifft ich glaube der Prinz steckt anderswo O
Mutter rat mir hilf Hippolyt überströmt mich mit feuriger Liebe zuweilen
komme ich mir wie die glückliche Omphale vor zu deren Füßen Herkules ruht und
zuweilen wieder wie die unglückliche Proserpina welche der Gott der Unterwelt
bedroht und vom Lichte der Sonne hinwegreissen will
    O wie schmerzhaft ist mir diese Unsicherheit diese Verwirrung welche die
Männer anrichten Unsere fröhliche muntere Kamilla ist  der Himmel weiß
wodurch  vollständig umgewandelt Sie ist still wie das Grab und ist wenig
unter uns
    Eben erhalte ich einen Brief vom Vater aus Paris  ich werde Dir ihn
beilegen  Adieu tausendmal Adieu meine liebe zärtliche Mutter
 
                          23 Valerius an Konstantin
Also wirklich krank bist Du gemütskrank Krank an Deinem neuen Frankreich  ich
glaube Du hast recht mit Deiner Krankheit sie wollen Euer heißes Juliblut
konfiszieren Schreib mir nur nicht so karg darüber  mehr mehr auch wenn es
Wermut ist
    Heut abend ist plötzlich mein Gegner hier angekommen er kennt den Grafen
und hat ihn unterrichtet Eben war dieser bei mir sehr ernstaft und feierlich
gestimmt von seiner sonstigen Wärme gegen mich keine Spur Was muss der Mensch
für Dinge ihm gesagt haben Ich ging mein Leben durch und fand durchaus keinen
Anhaltspunkt Deshalb versicherte ich dem Grafen es müsste notwendig ein Irrtum
sein Mit wunderlicher Bestimmtheit versicherte mir dieser es sei keiner und
der Fremde habe den triftigsten Grund mich zu fordern Natürlich erklärte ich
dass vom Duell keine Rede sein könne bevor ich von der Ursache unterrichtet und
mit dem Narren der Person welche mich durchaus totschiessen wolle
bekanntgemacht sei  Auf des Grafen Bitte nicht danach zu fragen auf seine
heilige Versicherung dass alles in vollgültiger Richtigkeit sei habe ich mich
zu der wunderlichen Farce entschließen müssen ein Duell mit jemand einzugehen
den ich nicht kenne dessen Vorwürfe und Zornesgründe mir unbekannt sind Morgen
früh werden sich zwei Leute im Park schießen Der eine tritt wie eine Sache wie
ein Pfahl ans Ziel hin der andere aber wird Gott weiß wessen Ehre durch einen
Schuss auf diesen Pfahl reinigen O Welt mit wieviel Fratzenbildern bist du
eingezäunt
    Begegnet mir etwas Menschliches so bedaure die Enkel dass ihnen ein Kämpfer
für ihre Freiheit gefallen ist beneide die jetzt Herrschenden dass sie einen
unversöhnlichen Feind ihrer Herrschaft weniger haben Ich habe nur ein großes
Interesse auf dieser Welt das ist die Freiheit nur weil ich noch für sie
sterben kann würd ich ungern im Fratzenkampfe untergehen  
    Eben höre ich mit tiefem Schmerz dass Kamilla bei Ankunft des Fremden außer
sich geraten ist sich eingeschlossen gepackt und soeben den Reisewagen
bestellt hat Der Wagen rollt vor das Schloss  lautes Geräusch auf der Flur der
Treppe  
    Ich ging an die Tür und hörte eine fremde Stimme neben Kamillas ich durfte
nicht hin es war offenbar der Fremde und dem Grafen hatte ich versprechen
müssen ihm auszuweichen  Alberta sprach weinend dazwischen sie waren im
Hausflur ich eilte an mein Fenster Lichter und Laternen erhellten den Raum vor
dem Schloss Kamilla ging eilig auf den Wagen zu wehrte mit der Hand alle
zurück sprang in den Wagen und flog davon
    Das Schloss ist einsam für mich ich bin dem Mädchen sehr gut gewesen Die
Lösung der Rätsel muss ich erwarten
 
                          24 Hippolyt an Konstantin
Der Teufel ist los und es gilt den ernstaften Versuch ob wir ihn nicht
besiegen können Ein Weib das ich nicht gewinnen kann ein Freund dessen
Herzblut unnützerweise strömt Valerius schoss sich heut morgen mit einem
Fremden der verlarvt auf der Mensur erschien und dem Graf Topf sehr ernstaft
sekundierte Sie schossen sich auf Barriere Valer war vollkommen passiv dabei
blieb unverrückt auf seinem Platze stehen und machte keine Miene anzugreifen
Desto eiliger avancierte der Gegner Als Valer die blutigste Absicht nicht mehr
verkennen mochte regte sich ihm die Galle auch er trat einen Schritt vor und
drückte ab im nämlichen Augenblick tats der Gegner auch  Blitz und Knall von
beiden Seiten beide stürzen zusammen Kaum fing ich meinen armen Freund noch in
den Armen auf Das Blut stürzte aus der oberen rechten Brust Eh ich ihn noch
ins Haus bringen konnte hatte sich der Gegner aufgerafft er war nur von einem
Streifschuss am Schlaf betäubt gewesen und kam ohne Maske zu uns heran Valer
der nicht einen Augenblick die Besinnung verlor schien ihn sogleich zu erkennen
und machte  sprechen konnte er nicht  eine unwillige Bewegung mit der Hand zum
Zeichen dass er ihm aus den Augen gehen möge Der Narr konnte aber sein
Komödienspiel nicht lassen und fing an zu deklamieren er sei Klaras Bruder und
Valer habe seine Schwester unglücklich gemacht ein Brief den er bei seiner
Schwester gefunden habe es ihm verraten   Es wurde mir zuviel und ich
drängte ihn mit Schulter und Arm von meinem Freunde weg ihm bedeutend dass
Epiloge vor einem Schwerverwundeten überflüssig seien und dass ich ihm mit
meiner Sekundantenkugel den Weg zeigen würde wenn er sich nicht schleunig davon
mache Dem Grafen sagte ich einige harte Worte wegen dieses unziemlichen
Betragens er zog den Mann mit dem gelben Italienergesicht fort Ich trug Valer
auf sein Zimmer es war sehr früh am Tage Niemand störte mich Der Graf hatte
schon den Abend vorher nach einem Arzte geschickt der ward herbeigeholt und
untersuchte die Wunde Die Kugel war dicht unter der Schulter hineingegangen und
saß noch drin Der maliziöse Schuft hatte wenig Pulver genommen Valer hatte
noch kein Wort gesprochen wir legten ihn so dass er es bequemer hatte und er
forderte plötzlich den zögernden Arzt auf rasch ans Werk zu gehen die Kugel
herauszuziehen und ihm rund und bar zu sagen ob es das Leben koste und wie
lang es dauern könne Der Arzt schien ein Tölpel zu sein machte dem armen Valer
unsägliche Schmerzen eh er die Kugel fassen und herausbringen konnte und
zuckte dann nochmals befragt unsicher die Achseln Ich stieß den Narren weg
nahm die Untersuchungswerkzeuge und forschte sorgfältig wie weit die Kugel
gedrungen Ich habe ja doch nicht umsonst mit Cuvier am menschlichen Körper die
Lebensströmungen aufgesucht Mein Bescheid war etwas tröstlicher »Es ist Gefahr
da Valer sie kann aber abgewendet werden wenn du mehrere Tage ohne äußerliche
und innere Bewegung still ruhest«  »Ich danke Dir  sagte er  berichte dem
Manne noch dass er seine fanatische Wut aufgeben und versichert sein möge er
sei im Irrtum über mich und seine Schwester«  »Ich will lieber dem Hanswurst
den Hals brechen«  Valer machte lächelnd eine missbilligende Bewegung ich ging
zum Grafen Das ganze Haus war aufgeweckt und voll Besorgnis die arme Alberta
das gutmütige Kind hatte verweinte Augen auch Gräfin Julia war da und das
schlimme Weib hat mich noch nie so angelegentlich um etwas gebeten als hier um
Nachricht über Valer selbst die Fürstin hatte sich eingefunden und stellte sich
besorgt um unsern Freund Der Graf begegnete mir und war auf dem Wege zu uns
der gute alte Mann haste geweint und war in Todesangst um seinen Liebling dem
er bereits im Herzen alles Misstrauen abgebeten das etwa die Anklage des Fremden
erregt haben mochte Ich teilte ihm Valers Auftrag mit der Fremde war schon
fort er ist Kamillas Verlobter und ist seiner entflohenen Braut nachgeeilt
Gott weiß was der flüchtigen Kamilla durch den Sinn gegangen ist Es hat mich
gerührt wie alle Domestiken schluchzend herankamen um zu fragen ob der gute
Herr Valerius auch am Leben bleiben werde Es ist mir immer bewundernswert an
Valers eigentlich so vornehmem Wesen geblieben wie demokratisch er die unter
ihm Stehenden zu behandeln und dadurch zu fesseln weiß Es ist nicht die
niedrige Volksschmeichelei die ich ebenso hasse wie das Speichellecken eines
Hofrats es ist das vertrauliche Zugeständnis der andere habe dieselben
Ansprüche wie er und nur die Mittel selbige geltend zu machen seien
verschieden was dem Valerius soviel Herzen unter der Volksmasse gewinnt Es
wäre entsetzlich wenn der Tod seine Krallen in das schöne Herz schlüge Ich
habe Valer sehr lieb Selbst ein allzu sanguinischer Mensch brauche ich
wechselnde Wogen und Stürme aber mein Auge ruht aus auf meines Freundes
Spiegelfläche des inneren Meeres Ich bin gewiss dass es ihm unsäglich viel
kosten mag so ruhig und geordnet zu sein die Gedanken die oft so wild und
toll sind gleich den blutdürstigen Tieren der Wüste also gezähmt zu haben dass
sie wie stolze zivilisierte Löwen und Panter vor seinem Wagen einhergehen ich
bin überzeugt dass es seine besten Kräfte verzehrt die umfassendste Revolution
im Busen zu tragen und doch der Humanität keinen Augenblick zu vergessen 
Seine Gefahr hat das Unglaubliche vermocht sie hat eine Pause in meiner
Leidenschaft zu Julia hervorgebracht ich darf und will jetzt nicht an das Weib
denken nach dem mein ganzes Wesen sich breitet wie der Sturmwind über die
Fläche die er bedecken durchdringen mit sich fortreißen möchte Es ist nicht
die gewöhnliche Koketterie in mir dass mich ihr Widerstand doppelt reize ich
habe immer despotisch geliebt und nie danach gefragt wie der Gegenstand meiner
jedesmaligen Neigung mein Ich in sich aufnahm wenn ich mich ihm näherte ich
weiß dass Valerius recht hat wenn er mich den fürchterlichsten Egoisten der
Liebe und darum unmoralisch nennt  aber ich weiß auch dass ich diese schöne
Julia mit den schwimmenden Herzensaugen mit der ganzen im Morgentau der Jugend
lüstern hin und her schwankenden Gestalt verfolgen werde durch alle Zonen bis
dies weiche Wesen meinen straffen Gliedern sich anschmiegt in Begegnung und
Wollust Ich werde   nicht doch ich werde nichts tun bis Valers Gefahr
abgewendet oder  oder beendet ist Es würde mich ein Totenfieber schütteln
wenn mir der liebe Mann von meinem Feinde dem Tode entrissen würde Ihr seid
alle Trabanten er ist ein Planet mit eigenem Lichte ich bin sein Komet Sein
Anblick ein Wort aus seinem Munde eine Zeile von seiner Hand sind mein
Polarstern auf meiner großen Seereise ich würde mich den Wogen überlassen
ginge mir dieser Stern unter  
     Er liegt still wie ein griechischer Philosoph mit seinen Schmerzen da
William liest ihm des Äschylus Prometeus vor sein Zustand ist sehr bedenklich
wenn ich der Furcht in meinem Herzen den Zugang gestatten wollte lieber
Konstantin so würd ich fürchten das schöne Herz Valers werde heut nacht still
stehen   Leopold weint an seinem Bett still in sich hinein Valers Hand ruht
auf des Kleinen Lockenkopf er sieht nichts von den Tränen Ich war eben unten
im Gesellschaftssaale  es war alles versammelt außer der Fürstin sprach man
nur leise es war wie in der Kirche Zum ersten Male seit Julias Ankunft wo ich
sie nicht mehr küssen konnte kam heute Alberta zu mir als ich eintrat das
arme Kind sah recht blass aus ich konnte ihr nicht helfen ich konnte ihr auch
nichts Tröstliches von Valer sagen Auch Julia forschte ängstlich und in der
Hast des Fragens ergriff sie zum ersten Male meine Hand Aber Valer rann durch
alle meine Adern ich fühlte nichts im ersten Augenblicke  der Augenblick war
kurz das Blut ward wieder mein da floh die Hand feig aus dem Kampfe Die
Fürstin tut verständig teilnehmend das ist mir sehr widerwärtig Graf Fips der
wie ein Stück Holz dabei steht ist mir angenehmer Alberta hatte die Kühnheit
ihren Vater um die Erlaubnis zu bitten mit ihm den Kranken besuchen zu dürfen
Er hat es ihr zum Abende zugesagt Ich habe es nicht verweigert weil ich nicht
glaube dass es den Valerius aufregen werde seine Klara würd ich nicht zu ihm
lassen »Des Abends sieht ein Sterbender besser aus als beim Sonnenschein  das
helle Leben des Tages kontrastiert zu grauenhaft mit dem heranziehenden Tode es
ist natürlicher des Nachts zu sterben« 
    Diese Worte des Grafen fielen wie Grabgeläut in unsere Herzen  wir waren
erstarrt Ich hasse das Glockengeläut ich hasse die Raben ich hasse den Tod
Es wär eine Dummheit der Natur wenn sie den Valerius sterben ließe
 
                          25 Konstantin an Valerius
Ich weiß es Freund Du wirst außer Dir sein über meinen Brief Du wirst mich
dumm albern verrückt nennen Vergib mir meine Albernheit ich will wenigstens
wahr sein und Dir alles geben was sich mir durch den Kopf bewegt Ich fühl es
dass ich auf einer Grenzlinie angekommen bin und plötzlich ein anderer Mensch
werde ich fühl es dass Dir dieser neue Mensch weniger behagen wird als der
alte mit seinen Fehlern Aber gestatte mir dass ich Euch allmählich alles was
sich in mir bewegt darlege Dass ich vielleicht mehrere Monate nur rhapsodisch
zu schreiben imstande bin kann Euch nicht wundern wo soll ich die Ordnung
hernehmen da ich eben in eine Krisis trete die nach Ordnung lechzt Die Welt
mit ihrer Unordnung ist mir plötzlich auf die Brust gefallen ich will sie
allmählich herunterwerfen Gott weiß was mir dann übrig bleibt Ob ich reicher
oder ärmer werde Wenn auch ärmer ich will aufräumen Ich glaube Dir schon
einmal etwas Ähnliches geschrieben zu haben es ist nicht dasselbe gewesen was
ich jetzt denke vielleicht ist das jetzige gerade der Antipode von dem
früheren vielleicht war jenes Abenddämmerung vielleicht ist dies Reaktion und
jenes war Revolution Beide müssen Schutt wegschaffen aber wahr bin ich immer
bei meiner armen Seele
    Über der Menschheit vergisst man jetzt gewöhnlich die Menschen und in dieser
Zeit der Brände Kanonen und glühenden Reden ist es doch erbärmlich kalt Die
Idee ist eine ganz schöne Sache für fast alle zu groß und sie bleibt immer nur
Idee Vermählt sie sich nicht mit dem Individuum mit der Gestalt so ist sie so
gut wie nicht dagewesen Ach und das traurige erbärmliche Patos Da bestrafen
nun die Franzosen den Meineid ihres Königs  gut obgleich schlimm sie betragen
sich eine Weile vernünftig  sehr gut Nun kommen die allgemeinen Redensarten
liberté gloire usw heran Wer für diese hundsföttische gloire Leben und Glück
von Generationen opfert jeder noch so ruhmgekrönte Eroberer ist als solcher
unbeschadet seiner übrigen Größe gebrandmarkt und ehrlos Ich will nicht
hitzig werden darum hör ich auf ich will nicht gemein und wütend werden
darum schweig ich von der Journalistik Gott wenn sie doch erst so schlecht
wäre dass keiner mehr von ihr wissen wollte aber nein dazu müsste sie sehr gut
werden
    Ja in den ersten Tagen des August war ich noch außer mir als die
Lafittesche Partei für den Herzog von Orleans warb ich habe mit den Volksmassen
das Stadtaus umlagert und mich heiser nach der Republik geschrien ich habe
neben Dubourg gestanden als er dem neuen Könige drohte es werde ihm ebenso
gehen wie dem schlechten zehnten Karl wenn er seinen Eid breche ich habe die
geballte Faust in dem Augenblicke gegen Ludwig Philipp erhoben ich habe mit Dir
durch die Straßen geschrien »Man hat unsere Revolution konfisziert« ich habe
mich und die Welt ermorden in die Luft sprengen wollen hätt ich nur Pulver
genug gehabt 
    Darauf verfiel ich in ein hitziges Fieber und nach mehreren Wochen fand ich
meine Besinnung und mich im Hôtel Dieu wieder Als ich wieder auf den Beinen
war fand ich Paris in Ordnung Ich dachte viel über die Ordnung nach und bin
lange Zeit sehr kleinlaut gewesen
    Es ist wirklich ein großes Ding um die Ordnung mein Freund Als kleiner
Bube hatte ich einen Holzkasten wo kleine Quadrate und Dreiecke geschickt
ineinander gepasst waren mein größerer Bruder verstand das Zusammensetzen aber
er ging immer sehr vorsichtig zu Werke wenn er die Teile auseinander nahm ich
wollte es ihm nachmachen und stürzte den Kasten um aber ich kam nicht zustande
und musste ihn zu Hilfe rufen allein da alles durcheinander geworfen war
kostete es ihn viel Zeit und Mühe und er schalt mich sehr aus Mit dem
Umstürzen des Holzkastens ist man sehr eilig
    Ich befinde mich übrigens im ganzen hier recht wohl  in einem fremden Orte
erträgt man seinen Jammer leichter als in dem der die historische Entwicklung
dieses Jammers mit angesehen hat Man kann in einem neuen Rocke nicht so traurig
sein wie in einem alten Ich habe meinen alten blutigen Kittel ausgezogen und
fühle mich viel leichter und freier Die Welt spricht von ihrer
Universalrevolution und dass die Luterische Revolution ihren Wendepunkt
erreicht habe und ich habe indes meine Spezialumwälzung vollendet ich glaube
Ihr werdet nicht ermangeln aus diesem äußeren Wechsel vielerlei zu schließen
Hört seit Monaten bin ich in die Nähe keines Weibes mehr gekommen die Haare
werden nicht mehr à la Karacalla gestrichen seit langer Zeit bin ich nicht mehr
trunken gewesen Jetzt habe ich sogar das Wassertrinken gelernt seit kurzer
Zeit rauche ich keinen Tabak mehr Demnach ist die Titulatur Falstaff antiquiert
und gänzlich unpassend geworden Mit diesen alten Gewohnheiten ist auch das
vollblütige Phlegma von mir gewichen und mir ist viel leichter dabei Es ist
wirklich ein großer Unterschied ob einem Bier und Wein oder Blut in den Adern
fließt Ich tummle mich jetzt mitunter in den wahnsinnigsten Reimereien und
nicht bloß der Reimerei wegen mein früheres Schimpfen auf die bloße Form kommt
mir jetzt platt vor auch die bloße Form ist ein Leben und ihre Seelenfäden
sind dem geübtesten Auge sichtbar Man muss das Auge üben
    Ich höre jetzt viel Musik Das Werdende sich Bewegende ist das Musikalische
in uns weil man es in seinem Zusammenhange nicht überblicken kann darum
Freund sind Revolutionen etwas so sehr Gewagtes dem man sich nur in äußerster
Notwendigkeit hingeben darf das Gewordene Abgemachte Plastische ist als ein
außer uns Liegendes immer in der Vergangenheit Man übersieht es und kann
leichter der Sache Herr werden
    So bin ich auch mit meinen religiösen Ansichten jetzt unzufrieden Man sieht
es solchen Byronrationalistischen Ansichten auf hundert Meilen an in welcher
Unbehaglichkeit sie empfangen worden sind Ich habe mich nun lange genug mit
solchem Zeuge gequält aber was ist das Ende vom Liede Man kann nun einmal
alles Religiöse und dahin Gehörige nicht ins reine bringen und was hätte man
auch davon wenn man es könnte Eine Wissenschaft mehr und eine Welt von
Gefühlen weniger Ich habe den festen Entschluss gefasst das Leben schön zu
finden und schon gibt es Stunden wo ich es ganz erträglich finde
     Manche Stunden gibt es indes noch Freund wo ich mir selbst mit meinen
überaus vernünftigen Ansichten wie ein bei der Gewerbeschule angestellter
Regierungsrat vorkomme Ich habe an meinen Vater um Versöhnung und Vergebung
geschrieben und denke meine juristische Karriere wieder aufzunehmen Meine
Tollheiten in Paris kennt bei mir zulande niemand
    Was einem wohl das stete Ringen Lesen Denken Rezensieren
Rezensiertwerden nützt  Eben dass man ringt denkt liest usw  dass man etwas
zu tun hat so wie das gemähte Gras wieder wächst um wieder gemäht zu werden
Was verstehst Du unter einer zeitgemässen Religion Die Religion einer jeden Zeit
ist die zeitgemässe Du räsonierst über die Pfaffen die sich so gemächlich in
ihrem alten Dachsbau bewegen und willst doch am Ende einen neuen detto anlegen
Sowie man über Religion spricht und schreibt kommt gewiss etwas Verkehrtes
heraus was dem Sprechenden oder Schreibenden fremd ist die Worte werden im
Munde verdreht Es ist als sollte man dergleichen nicht besprechen wie die
nächste Wollschur oder Weinlese Lieber Katholik als in der Religion
Rationalist
    Lass mir nur etwas Zeit ich werd mich schon finden der alte und neue
Mensch wirtschaften noch heftig in mir Du achtest ja jede Individualität achte
auch vorderhand meine tastende Und bildet sich am Ende auch eine Dir
entgegengesetzte heraus gewähr mir nicht nur Gerechtigkeit ich weiß das
wirst Du immer sondern auch Teilnahme Ich werde bald nach Deutschland kommen
 
                            26 Kamilla an Alberta
Um Gottes willen ist es wahr ist es wirklich was ich eben im Hause der Fürstin
vernommen  Ludoviko hat den Valerius erschossen O ich beschwöre Dich fertige
den Boten sogleich wieder ab damit ich heut noch Nachricht habe Ich stehe
zwischen lauter Gräbern und will doch wissen in welches ich springen soll O
Gott meine Gute ich kann nicht schreiben weil ich nicht sehen kann vor dem
Tränenstrome Nein nein Gott wird seinen Liebling doch nicht von einem
heissblütigen Tölpel ermorden lassen dessen einzig Verdienst das heiße Blut ist
Armes Mädchen was magst Du leiden Ach es ist Unsinn Der Mann der noch soviel
in der Welt zu tun hat kann nicht erschossen sein von einem nutzlosen Menschen
Ist dieser Narr doch gar verrückt genug mich hier auszukundschaften und meine
Hand zu verlangen während er mir auf die nächste Frage eingestehen muss dass er
Valerius niedergeschossen und nicht wisse ob er noch lebe Und jenes Herz
sollte still stehen  o wozu klappern die tausend unnützen dann noch weiter O
Liebe schreibe mir sogleich Ludoviko ist schon auf dem Wege nach Berlin um
mich einzuholen  der Übeltäter soll in den Wind fahren ich bleibe vorderhand
hier  und meine gute Alberta nicht wahr Du schreibst sogleich  ach Gott ich
weiß nicht was ich sage was ich will  ja ja Gewissheit nur nichts weiter 
 
                          27 Hippolyt an Konstantin
Warum hat die Natur den Menschen nicht größer und stärker geschaffen Über Berge
mag er stolpern können aber es ist ein Jammer dass er über jeden
Maulwurfshaufen fällt Solch ein Wicht kann doch eigentlich auch nicht schön
sein Man sollte keine Statuen mehr machen keine menschlichen Figuren malen
keine Heldengedichte und Dramata schreiben Die ganze Natur allein verdient so
etwas der einzelne Mensch aber nicht Nicht das kleine Herz dieses Mädchens
kann ich erobern  o der Mensch ist ein Wicht und nichts weiter
    Valerius scheint die Hauptgefahr überstanden zu haben indessen ist er noch
keineswegs gerettet Ist so was in Arabien erhört worden Wie barmherzige
Samaritanerinnen sitzen die Weiber um sein Lager herum und sprechen und lesen
ihm vor Selbst die stolze Konstantie fehlt nicht Der Graf hat dem armen
Kranken einen weichen seidenen Patientenanzug geschenkt in diesem nun liegt
Valer wie ein verwundeter Emir dem die verrückten Kreuzfahrer hart zugesetzt
auf seiner Ottomane und lässt die Houris um sich tändeln Ihm zunächst sitzt
immer die sensitive Alberta die meine Untreu in seine schönen Augen versenken
zu wollen scheint Meinetalben das weiche weiße Kind kann mich nicht ansehen
und nur Valers Nähe scheint sie zu stärken Die Fürstin übertrifft mich so groß
hab ich die Geschicklichkeit noch nicht gesehen kein Gedächtnis zu besitzen
Nach jenem kurzen Wortwechsel über Desdemona schien sie lange Zeit sehr bewegt
zu sein Sie hat lauter stolze Laster aber auch ihre ebenbürtigen Gegner
stolze Tugenden Sie schien durch jene Nachricht von Desdemona sehr zu leiden
und von William dessen Unterwürfigkeit ihrem gesellschaftlichen Sinne am
bereitwilligsten entgegenkam erfuhr ich dass sie durch ihn die lebhaftesten
Anstalten in Wien treffe Desdemonas Wohl zu befördern Der junge Pfaff sagte
mir das triumphierend und mit scharfen Andeutungen mich anklagend Ich wehrte
ihm diesmal nicht war ich ein guter Mensch so ließ ich jene heiße
liebedurstige Seele nicht verschmachten und allein ziehen Aber ich bin nur ein
Mensch Konstantie lässt sich oft stundenlang von William christliche Moral
auseinandersetzen und scheint sehr aufmerksam zuzuhören sie stellt eine Art
Examinatorium mit ihm an und legt ihm schwierige Fälle vor William ist
natürlich entzückt seinen Kram so anzubringen und wird lächerlich hochmütig
solche Geduld ist ihm lange Zeit von verständigen Leuten nicht geworden Die
Fürstin schloss meist die Gespräche damit dass sie plötzlich kopfschüttelnd und
lächelnd aufstand vor sich hinsprach »Ja ja das sind schlimme Dinge« Nur
das Lächeln sah William nie und er fiel natürlich heut aus seines Himmels
Wolken als Konstantie die Sitzung mit den Worten aufhob »Mein lieber Herr
William das ist lauter Büchermoral die bestaubt aussieht in dem Sonnenschein
welcher in unseren modernen Zimmern lagert Unsere Menschen sind nicht mehr die
Vordersätze zu Ihren Schlüssen die Dinge können also unmöglich zueinander
passen Es gibt eine Moral die in die Poren des leichtsinnigen Burschen dringt
aber die holt man nicht aus dem Grunde eines alten abgestandenen Gewässers man
greift in die Fluten in welchen jener leichtsinnige Bursch eben treibt nicht
in Syrien heilen kluge Leute den Pariser sondern in Paris Ihr Zeug ist
langweilig wie alles Unzeitige«  Beim Zeus es ist ein verständig Weib und
der Blick der mich in diesem Augenblicke aus ihren blitzenden Augen traf
erinnerte mich an jene Nächte neben der Bibliothek an jene Herrscherblicke mit
denen sie mich regierte Sie sah was in mir vorging und wie ein schneller
Windstoß flog jene nächtliche Liebe über unsere Augen und Lippen Wir hätten uns
umarmt wären wir allein gewesen William stand so zerschmettert da dass ich ihn
das erstemal in meinem Leben bedauert habe Die Fürstin hatte am Fenster
gesessen er vor ihr gestanden Julia saß auf dem Sofa und hatte ein großes
Gemälde vor sich nach welchem sie einen Teppich stickte Ich saß ihr gegenüber
am Tisch und erzählte ihr von Spanien von der Einsamkeit der öden Straßen von
dem romantischen Zauber dieses Alleinseins und dergleichen sie war freundlicher
als gewöhnlich und ließ zuweilen die Nadel ruhen indem sie forschend auf mich
hinsah Dies träumerische Zuhören gab ihr einen so rührend unschuldigen
harmlosen Ausdruck dass ich gar zu gern zu ihr gesprungen wäre Ich wünschte
Konstantien und William zum Henker Bald darauf schloss sich das Gespräch wie
ich Dir erzählte Die Fürstin ging und gleich darauf auch William Julia ward
unruhig und machte Miene ihre Arbeit zusammenzulegen und aufzubrechen sie
scheint wie etwas Unheimliches das Alleinsein mit mir zu fliehen Ich sprang zu
ihr drückte ihre Hand an meine Lippen und bat wirklich schmerzlich erregt so
sanft als ich konnte sie möge nicht so hart gegen mich sein sie möge mich
nicht fliehen Einen Augenblick stand sie unschlüssig mit gesenktem Köpfchen
ließ mir aber ihre Hand dann sah sie auf das Wasser stand ihr in den Augen
der alte Hippolyt erwachte ich wollte sie in meine Arme schließen sie drückte
mir aber die warme kleine Hand ins Gesicht schüttelte weinend ihre Locken und
ging nach der Tür Wo hätte ich sonst das Abweisen eines Sturmes so ohne neuen
Versuch hingehen lassen Ich blieb starr und traurig stehen Und dies schien sie
zu ermutigen Sie hatte schon die Tür in der Hand als sie mit ihrer rührenden
Stimme sagte »Wollen wir einen Gang durch den Garten machen«
    Ich führte sie in eine dunkle Kastanienallee die aus dem Garten in ein
nahes Wäldchen führt Sanft und mild war sie und sprach mehr als gewöhnlich Ich
fasste ihren Arm um sie zu führen sie bebte zusammen als meine Hand sie
berührte Mein ungeduldiges Herz duldete den Zwang nicht länger es drängte mich
stürmisch das blühende Mädchen zu umarmen Ihre klare durchsichtige Haut war
durch die Bewegung auf den Wangen gerötet es war ein warmer Tag und sie trug
ein leichtes weißes Kleid ein dünnes rotes Flortüchlein um den Hals mit dem
die Lüfte spielten und das nicht imstande war das schöne weiße Fleisch der
runden Schultern und des jungen Busens zu verhüllen Unter einem großen
Platanusbaume der einsam unter den Kastanien stand und seine breiten Äste wie
ein gefälliger Liebeshehler ausbreitete hielt ich plötzlich im Gehen inne
schlang meinen Arm um das heiße strahlende Mädchen  sie wendete sich nicht zu
mir und ich konnte nur ihre Seite an meinen glühenden Körper drängen »Nicht so
Hippolyt« bat sie innig Mein gerührtes Herz zerbrach die Sehnen meines
Körpers ich knickte zusammen und mein Kopf sank auf ihre Schulter Ich fühlte
ihre Hand in meinen Haaren und den Hauch eines Kusses auf meiner Stirn »Leb
wohl mein Freund« sprach sie und flog davon An die Platane gelehnt sah ich
ihr schmerzlich nach Das mag wohl etwas von Eurer sentimentalen Liebe sein was
mir mit diesem Mädchen gekommen ist ich wüsste nicht dass es mir je so ergangen
wäre meine Augen standen in Tränen
    Wie lange ich an dem Baume gestanden weiß ich nicht  Prinz Leopold kam
aus dem Wäldchen hergeschlendert und weckte mich durch seinen Gesang Es war
eines jener leichtsinnigen deutschen Liebesliedchen deren die Deutschen so
wenig die Franzosen soviel die Spanier gar keine haben in denen Liebe und
Liebchen gutmütig verspottet werden Sie sind die Kritik eines leichten Herzens
Er erzählte mir lachend dass ihm der Pfarrer und der Förster soeben die Tür
gewiesen Sie waren dahinter gekommen dass er ein Liebesverhältnis mit den
Töchtern von beiden zu gleicher Zeit unterhielte Der Pfarrer hatte dem Förster
und dieser dem Pfarrer vom zukünftigen Schwiegersohne erzählt und am Ende hatte
sichs ergeben dass sie beide denselben meinten Darauf hatte ihn der Förster
unsanft unter mehrfachen Grobheiten und Flüchen der Pfarrer mit himmlischem
Schwefel drohend unter salbungsvoller Rede jeder aus seinem Hause gewiesen Er
war nämlich zuerst bei letzterem gewesen und hatte sich für solch Finale rasch
bei der Tochter des ersteren stärken wollen war aber aus dem Regen in die
Traufe gekommen Dem groben Förster hatte er mit seiner Prinzlichkeit gedroht
das hatte aber den nur noch mehr ergrimmt Hinter dem Hause indes hatte ihm das
gutmütige Försterröschen zum Abend um neun noch ein Rendezvous im Walde
versprochen und als er auf dem Rückwege bei der Kirche vorbeigekommen hatte
ihm Judita des Pfarrers Töchterlein einen Abschied abends um elf unter dem
Sturmdach der Sakristei zugesagt Ich musste über unsern kleinen Detailhändler in
der Liebe herzlich lachen Wenn übrigens der kleine Aff nicht wirklich der Sohn
eines Prinzen ist so glaubt er doch gewiss bald selbst daran  aus lauter
Poesie Es ist alles an ihm so Duft Lüge Traum dass er am wenigsten darüber
Auskunft geben kann was von seinen Verhältnissen richtig und wahr ist Ich
glaube ihm nicht einen Vorgang den er mir erzählt deshalb klag ich seinen
lügenhaften Willen nicht an er weiß es nicht besser Jeden Vorfall sieht er mit
tausend dichterischen Augen an er kann nicht dafür dass er unendlich viel Dinge
zuviel sieht Er hat nicht eine Ader vom Historiker und ein Paar Eimer Blutes
zuviel vom Poeten
    Es ist lächerlich was sich die Leute für Mühe geben hinter das prinzliche
Inkognito zu kommen selbst der Graf verleugnet seinen antizipierenden
historischen Charakter und interessiert sich sehr dafür William ist offenbar in
der peinlichsten Verlegenheit ob er seine frühere fanatischsittenrichterliche
Rolle dem Kleinen gegenüber mildern oder aufgeben soll es freut mich aber an
ihm er scheint doch soviel Stolz zu besitzen dass er sich nicht ganz dazu
entschließen kann Er knurrt und grollt wie ein Kettenhund der aufgehört hat zu
bellen Fips ist sehr respektvoll gegen den Kleinen und Konstantie betrachtet
ihn so oft lächelnd so ahnungsreich sarkastisch und doch komisch gutmütig
lächelnd als sähe sie tief durch ein Gewebe  sie ist ein kluges Weib Gott
weiß was sie hat ich bin zu wenig neugierig um mich darum zu kümmern Wäre
die Sache aber wichtiger als sies ist so könnte sich das Tragische ereignen
dass die in Frage stehende Person über das eigene Ich keine zuverlässige Auskunft
geben könnte denn ich bin fest überzeugt Dichtung und Wahrheit ist in Leopold
über seinen Prinzen bereits so ineinander geflossen dass er am wenigsten
entscheiden könnte ob er ein Prinz sei oder nicht
    Die Fürstin hat irgend etwas vor will irgend eine Komödie aufführen sie
lacht den William aus und protegiert ihn offenbar und hat ihn ernstaft auf ihr
Schloss eingeladen sie lächelt spitzbübisch über Leopold und will ihn ebenfalls
mitnehmen sie achtet und scheut Valerius und möchte ihn offenbar auch von der
Partie haben Ich glaube sie fürchtet am meisten darum für sein Leben Es ist
ein schwer zu ergründendes Weib An William will sie sich wahrscheinlich einen
gläubigen verehrungslustigen Lamartine erziehen der sie in Oden und Liedern
preist dass er ein bedeutendes poetisches Talent ist hat ihr richtiger Takt
längst herausgefunden Und allerdings ist er der einzige der sich etwa noch zum
Hofsänger qualifizierte Sie behandelt ihn wegwerfend und doch umstrickt sie
ihn mit Aufmerksamkeit während sie Leopold wie ein Kind behandelt das man
verhätschelt Ob alles dies vor allem aber ihre innige Teilnahme die sie dem
Valer an den Tag legt Oppositionsgeist gegen mich ist ich weiß es nicht die
Frau weiß die Anfangsfäden so schlau zu verbergen ist bizarr und affektiert
Bizarrerien so dass man schwer zur richtigen Anschauung kommt
    Du merkst es wohl dass ich aus Verzweiflung schwatze  umsonst hab ich
Julia gesucht sie entzieht sich mir geflissentlich Ich werde
Schicksalstragödien lesen denn ich glaube fast das Schicksal der Liebe und des
Weibes will sich rächen an mir durch dieses schöne Mädchen Sie ist die erste
der ich meine Liebe nachtrage wie ein Bettler dem harterzigen Wanderer seine
Bitte  und sie ists gerade die mich verschmäht Ist mein Leben verdorrt mein
Blut vertrocknet mein Geist versumpft Wo liegt jenes Etwas jener
unerklärliche Hauch der Sympatie der das verbindende Mittel ist zwischen den
verschiedenartigsten Wesen der sie zusammenzieht Wo ist jene Elfenbrücke wo
sich des Mannes und Weibes Gedanken im Mondschein finden und miteinander buhlen
eh Mann und Weib die klare Vorstellung davon haben und die dann zurückhüpfen
in die Tiefen der Herzen ihre nächtlichen Geschichten erzählen und die Liebe
stiften wie ein Gedicht O ihr Elfenpoeten Julias und Hippolyts wo seid ihr
    Sieh es ist so weit mit mir gekommen dass ich klarer sonnenheller Mensch
dem Mondscheingeheimnis der sentimentalen Liebe nachspüre dass ich ein blasser
Romantiker werde wo ich früher nichts als das offene Walten der besten Kräfte
sah die sich nach Naturgesetzen anziehen da such ich jetzt mysteriöse
Sympatie Es ist weit mit mir gekommen Ich bin wie ein überschwenglicher
Mediziner wenn seine Terapie nicht mehr ausreicht da flüchtet er zu den
sympatetischen Beschwörungsformeln Weißt Du keine für meine Julia O dass wir
keinen Teufel mehr haben dem ich mich verschreiben könnte für das liebreizende
Mädchen  
    Und doch muss ich über die lächerliche Szene die sich neben mir begibt
lachen Valerius hat den Provenzalen an den Schreibtisch zitiert um ihm einen
Brief an Dich zu diktieren Leopold zappelt wie ein Böcklein und möchte gar zu
gern fort aber Valers Auge und Wort fesselt ihn er ist wie eine am Magnet hin
und her rückende Stecknadel die gern entweichen möchte er sieht pudelnärrisch
aus
 
                          28 Valerius an Konstantin
Meine Kräfte sind in diesem Augenblick zu geschwächt als dass ich Deinen Brief
sorgfältig einzeln und umfassend beantworten könnte Es ist ein trüber Nebeltag
den Du mir geschickt Freund Jeder gewissenhafte Mensch zweifelt zuweilen an
den Wahrheiten die sein Leben leiten und zusammenhalten Du bist in einer
bedenklichen Krisis und ich fürchte die Jugend Deines Geistes und Herzens geht
darin zugrunde ich fürchte Du wirst in kurzem ein alter Mann sein die Jugend
irrt allerdings mehr als das Alter aber sie ist Poesie und Leben ein grüner
Irrtum ist schöner als ein vertrocknetes richtiges Wort Jeder große Mann bringt
Tausenden Tod um Millionen Leben zu bereiten der Haufen Toter den der Kampf
einer neuen Zeit um Euch aufhäuft verengt Euch die Aussicht Ihr seht nur den
blutigen Tag nicht das goldene Jahrhundert Wenn uns die Jugend verlässt so
meinen wir die Zeit müsse ebenfalls vollendet sein wir verlangen dass die Zeit
in ebenso kurzen Schritten gehe als ein Mensch ebenso schnell mit ihrem Leben
zu Ende sei als wir Der ist der große Historiker der nicht nach dem Schlage
des eigenen Herzens urteilt denn wie zeitig schlägt ein menschliches Herz matt
sondern nach dem Herzschlage der geschichtlichen Epoche Das Jahrhundert kommt
wie ein Wandersmann mit zerrissenen abgetragenen schmutzigen Kleidern an dem
Orte an wo es sich neu kleiden reinigen säubern umgestalten soll  ein
Kleidungsstück nach dem andern wird abgeworfen der unkundige Mensch geht
vorüber er hat es lebhaft gewünscht dass jener Wanderer sich neu gestalten
soll aber er sieht die halb entkleidete schmutzige Figur er entsetzt sich
davor nennt seinen Wunsch Frevel verhüllt sein Gesicht und läuft heulend von
dannen
    Du hast plötzlich vergessen dass wir inmitten einer kritischen
zerstörenden umwandelnden Epoche sind in drei Tagen hast Du die Metamorphose
vollendet sehen wollen  da dieser Glaube Dich getäuscht wie er Dich täuschen
musste denn nicht in einer Nacht blüht die ganze Erde auf läufst Du heulend und
Dein Gesicht verhüllend von dannen Dir spukt die Tagesund Wochengeschichte im
Kopf und die Weltgeschichte Deines Herzens hast Du vergessen die in Jahren
Jahrzehnten und Jahrhunderten schreitet weil Dein Herz plötzlich
zusammengeschrumpft ist
    Da das Handgemenge um die Freiheit begonnen hat alle Triebe Begriffe
Wissenschaften Künste in dieses Handgemenge verwickelt sind schreist Du mit
schwacher Stimme »Ordnung  Ordnung« und weil es nichts hilft wirfst Du Dich
weinend an den Boden Kämpfe  der Kampf ist zur Kriegszeit der nächste Weg zur
Ordnung
    Ermannst Du Dich nicht erreichst Du nicht die Höhe des historischen
Überblicks wo die kleinen Störungen verschwinden Freund so bist Du in kurzem
von der neuen Zeit geschieden so bist Du bald eine Mumie
     Ade Konstantin  Dein Valer
Schreiber dieses der Prinz Zerbino aus der Provence schickt Dir ein ganzes
    Füllhorn Grüße und Entschuldigungen dass er seine Hand hat leihen müssen zu
    so herben Dingen
 
                          29 Hippolyt an Konstantin
Jag Deine Augen Karriere durch diese Zeilen Sobald Du am Ende bist eil an die
Tore nach Deutschland zu gib Aufträge beschreibe unterrichte versprich
Belohnungen  tu alles um der Gräfin Julia wenigstens ihrer Wohnung
wenigstens der Nachricht habhaft zu werden ob sie in Paris ist oder nicht
Dieser Brief kommt auf dem kürzesten Wege zu Dir er reist gewiss schneller als
eine Dame Vor einer Stunde ist Julia abgereist ich trat nach jenem törichten
Geschwätz Leopolds wobei wir vielfach stehen geblieben waren gelacht kurz die
Zeit vertrödelt hatten in den Schlosshof und hoffte Julien verschämt aber
liebevoll im Gesellschaftssaale zu finden  da fliegt Juliens Reisewagen über
die jenseitige Brücke die vier Pferde wiehern wie hohnlachend und ziehen die
Beute im gestreckten Trabe von dannen  alle Muskeln schwellen mir ich starre
wie ein zürnendes Steinbild hin tausend Leidenschaften drohen mich zu
zersprengen  da wendet sich ein Kopf aus dem Wagen ich erkenne Julien sie
winkt Abschied mit dem Taschentuche Da wird der Stein lebendig ich fliege in
den Stall zum Satteln ist keine Zeit werfe meinem Pferde den Zaum über
springe auf und jage ventre à terre der davoneilenden Beute nach  am nächsten
Dorfe erreiche ich glücklich den Wagen ich ruf den Kutschern Halt zu sie
erhalten aus dem Wagen Gegenbefehl Julia die mich erblickt hat erteilt den
Gegenbefehl mein Pferd droht unter mir zusammenzustürzen Ich wollte in den
Wagen springen mit gerungenen Händen bat sie mich abzulassen zurückzukehren
Ihr Gesicht schwamm in Tränen sie schien immerwährend geweint zu haben 
Hippolyte toute mon âme Vous prie de me laisser partir Vous massassinez en
mempêchant  das geschah alles noch im Trabe ich schrie dem ersten Kutscher
zu ich erwürgte ihn wenn er nicht Schritt führe  er tats »Julie mon ange
pourquoi ça« Sie reichte mir die Hand aus dem Wagen sie war glühend heiß und
bebte Ich drückte sie an meine Lippen »Vous me tuez si vous ne retournez
pas«  Ach das sagte sie mit einem Blick der mit seiner Rührung den Himmel
gespalten hätte Ich hielt mein Pferd still und blieb zurück Da warfen die
Kutscher ihre Pferde in Galopp  meine Wut erwachte ich wollte die Schufte
ermorden und jagte nach Julia erhob sich händeringend im Wagen neben ihr
stürzte mein Pferd zusammen ich hörte Juliens Schrei und Haltrufen aber mein
Stolz hob mich unter dem Leibe meines Pferdes in die Höhe ich winkte ihr
fortzufahren  sie fuhr Ich weiß nicht wie ich zurückgekommen bin Tu wie ich
Dich gebeten bald siehst Du mich selbst
 
                           30 Julia an ihre Mutter
Du hattest recht Mutter als Du mir rietst meinen Aufenthalt in Grünschloss
abzukürzen Hippolyt würde mein Unglück sein Er ist der schönste gewaltigste
Mann den ich gesehen wäre ich länger geblieben so hätte er mich überwältigt
ob ich ihn deshalb je geliebt hätte weiß ich nicht
    Gestern bin ich abgereist weil es die höchste Zeit war ich gehe zum Vater
nach Paris und schreibe Dir dies Billett aus dem ersten Nachtlager Morgen mehr
liebe Mutter ich bin todmüde Fast eine Stunde lang bin ich im Wagen ohnmächtig
gewesen  Hippolyt kam wie ein zürnender Gott hinter dem Wagen her und wollte
mich halten Ach Mutter was hab ich gelitten dabei Ich gab ihm meine Hand
unendliche Wollust jagte sein Kuss darauf durch meine Sinne aber mir wars als
hielte mich ein wilder Geist Mein Mädchen die etwas von unseren Gesprächen
verstanden hatte gab den Kutschern ein Zeichen der Wagen flog davon Hippolyt
schrie auf dass es mir Mark und Bein erbeben machte er jagte uns nach das
Pferd brach unter ihm zusammen und stürzte auf ihn  Mutter ich war
zertrümmert schrie Halt wollte aus dem Wagen  ach  meine Kräfte hatten mich
verlassen ich war bewusstlos zurückgefallen das Mädchen hatte fortfahren
lassen Sie erzählte mir Hippolyt habe unverletzt geschienen habe selbst uns
fortgewinkt sei aufgestanden und habe uns lange mit untergeschlagenen Armen
dastehend nachgesehen
    Ach es war sehr traurig liebe Mutter und ich werde wohl lange nicht froh
werden
 
                            31 Alberta an Kamilla
Ach dass Du nicht mehr bei mir bist meine arme geliebte Kamilla O wie wollt
ich Dich küssen Du wunderst Dich dass ich nicht traurig bin weil Du von der
Fürstin gehört hast Julia sei fort und Hippolyt sei ihr spornstreichs
nachgereist Nein meine Liebe ich bin gar nicht traurig ich bin recht still
aber recht ruhig ja sogar glücklich Der ganze Schwarm ist fortgeflogen Du
weißt dass Konstantie William und Leopold mitgenommen hat Graf Fips ist ein
stummer Mann wir haben nur den lieben kranken Valerius hier und der ist mehr
wert als alle
    Man sagt mir ich sei in Hippolyt verliebt gewesen und er hätte mich sehr
unglücklich gemacht das erste mag wohl wahr sein ich glaube es ist auch das
rechte Wort getroffen Geliebt Ach nein berauscht  o bitte erlass mir das
Zergliedern Du weißt ich kann das nicht ich liebe das bewusstlose ungeprüfte
Hinträumen ich frage nicht viel Valerius nennt mich darum immer die
romantische Dame und hat mir versprochen mit mir nach Paris zu reisen und
mich mit den dortigen Romantikern Viktor Hugo Janin und wie sie heißen mögen
bekannt zu machen Ja ja das hat er mir versprochen Und sie würden mich sehr
lieben sagt er der gute Mann Gestern hat er mir Viktor Hugos Hernani
vorgelesen  ach wenn ich doch so lieben könnte wie Donna Sol sterben könnt
ich gewiss so für meinen Hernani Aber Hernani gleicht in vieler Wildheit zu sehr
dem Hippolyt es ist in beiden zu tolles spanisches Blut Ich habe Valerius
gebeten mir einen sanfteren Hernani einen deutschen zu schreiben Er lachte
als ichs ihm sagte dass die Deutschen am liebenswürdigsten wären Der Vater hat
uns versprochen dass wir drei er Valerius und ich im Spätherbst nach Paris
reisen würden Papa ist viel weicher als sonst aber nicht mehr recht lustig Du
fehlst ihm meine liebe Kamilla o komm und mach uns munter mit Deiner guten
Laune Wenn Du bald kommst kannst Du auch mitreisen Valerius hat heut viel zu
schön für Dich gebeten und der Vater nickte still mit dem Kopfe und sah so
unbeschreiblich gut dabei aus Ach Gott ja Du warst in der letzten Zeit gar
nicht mehr vergnügt das fällt mir erst ein Gib doch Deinen garstigen Ludoviko
auf Dem Herrn Valerius darf man gar nicht davon sprechen sonst wird er gleich
betrübt
    Die Fürstin wollt ihn gar zu gern mitnehmen der Vater sagte uns sie hätte
sich einen Scherz ausgesonnen die jungen Leute mit ihren neuen Ansichten in den
großen Gesellschaften auftreten zu lassen welche sich jetzt aus ihrem
Lustschlosse versammeln werden Sie verspräche sich von diesem Turnier mit den
alten Rittern sehr viel Spaß aber William und Leopold hälfen ihr eigentlich
nicht viel jener weil er zu fromm und legitim dieser weil er zu lustig
unsicher und nachgiebig sei Beide würden ihr nur mit Poesie aushelfen können
nur wenn Valerius mitkäme sei auf vorteilhaften Kampf zu rechnen Da er es
bestimmt ausschlug so hat er wenigstens versprechen müssen feindliche Briefe
hinzuschreiben welche die ganze Gesellschaft besprechen und bekämpfend durch
den Sekretär William beantworten würden Es ist gar nicht hübsch von
Konstantien dass sie unserem kranken Freunde soviel zu schaffen machen will  er
soll ruhen und gehts nach mir so schreibt er keine Zeile
    Aber das ein und alles meines Briefs ist Komme  komme morgen Herr
Valerius bittet auch schön und der Vater auch Es ist jetzt ja hübsch still und
heimlich auf Grünschloss es wird Dir sehr behagen Valerius darf noch nicht viel
gehen und da sitzen wir fast den ganzen Tag auf der Terrasse unter den Akazien
und schwatzen und lesen und treiben allerlei Herr Valerius trägt den Arm im
Tuch und sieht noch blasser aus als sonst aber viel sanfter freundlicher
milder Komm nur komm er will uns Geschichten erzählen wenn Du da bist 
hörst Du Komm Jetzt küss ich Dich ein zwei dreimal und bin Deine zärtliche
    
                                                                        Alberta
 
                            32 Kamilla an Alberta
Ich soll zu Euch kommen Ach Du gutes harmloses Kind weißt nicht was Du
bittest und doch wenn ich wirklich ein starkes Mädchen bin so siehst Du mich
bald Ach ich weiß nicht wohin ich soll und Grünschloss ist so schön so
verführerisch schön Hätt ich nur einen so jungen fügsamen Charakter wie Du
meine Liebe Ich habe ein hartes garstiges Herz Aber hier auf dem Schloss der
Fürstin halte ichs nicht mehr aus vor Langeweile William schmachtet für die
Fürstin und bemerkt es nicht wie ihn ihr Schwager schnöde ja unwürdig
verächtlich und abgeschmackt behandelt  o wie würde Valers Zorn donnern wenn
er dies mit ansähe Der Prinz gewordene Leopold spielt eine wunderliche Rolle
hier Man behandelt ihn mit aller Auszeichnung die seinem neuen Stande zukommt
und doch weiß niemand wie er eigentlich heißt und doch hüpft ein so
gefährlicher Spott auf den Lippen der Fürstin herum wenn sie mit dem
»verzauberten Prinzen« spricht dass ich wirklich nicht weiß was ich dazu sagen
soll So erregt mir das ernsthafte Liebesverhältnis das sich zwischen Leopold
und der Prinzessin Amelie gebildet hat eine Art gespenstigen Grauens Ich
fürchte Konstantie hasst die Prinzessin Die klare in Goethe poetische Frau ist
der gerade Gegensatz alles Nebelhaften unklar Romantischen Unsere Freunde
würden sagen Sie ist griechisch plastisch und Gott weiß was die Prinzessin
aber ossianisch mittelalterlich christlich Es ist mehr es ist ein wunderlich
Wesen diese Amelie Wenn man noch keinen Begriff von einer Mondscheinprinzessin
hat so muss man sie ansehen aber feineren durchsichtigeren Teint habe ich nie
erblickt weicheres schöneres Organ nie gehört  ich kann mich nur von dem
Gedanken nicht losmachen dass all solche toll romantische Personen schwachköpfig
sind Du weißt dass das Haus woher sie stammt sehr vornehm aber sehr arm ist
Bei all ihrer Schwärmerei hat Amelie doch gegen alle niedrigeren Stände einen
Stolz ja Hochmut dass ich mich oft innerlich erbittert gefühlt habe wenn ich
es sah Das ist alles so ganz anders bei der Fürstin Nur der Schwager derselben
passt zu Amelie  es ist ein garstiger Mensch hinter dessen Hofton eine
grinsende Roheit zu lauern scheint Er gibt sich den Anschein als zeichne er
mich aus Ach mir ist so unheimlich unter all den Larven und dass sie mich zum
Teil an Grünschloss erinnern ist mir doppelt schmerzhaft  ich will nichts von
Euch Lieben hören wenn ich nicht bei Euch sein kann Ach Ihr mögt in Eurem
Frieden recht glücklich sein Ihr guten Leute Nach Paris soll ich mit Euch
reisen Ich möchte wohl aber  liebe Alberta es ist nicht alles gut in der
Welt Wenn ich recht stark oder recht schwach werde so bin ich bald in
Grünschloss Gestern hab ich einen sehr lieben Brief von Ludovikos Schwester
erhalten Sie muss ein sehr liebenswürdiges Wesen sein und bittet mich um
Nachricht über ihren Bruder der sie plötzlich verlassen hat ohne dass sie den
Grund seiner Abreise weiß Wie geht es mit Valers Gesundheit Wie ist der Himmel
doch so gut dass er das Unglück abgewendet  
    Ich werde wohl bald kommen ich sehne mich sehr nach Euch und doch liebe
Alberta ist es eine große Torheit wenn ich zu Euch gehe Glaub mirs ich bin
recht übel daran Hätte mir nicht die Fürstin mit ihrem klaren Geiste so manches
von den Verhältnissen auf Grünschloss in einem andern Lichte dargestellt als es
mir erschienen war ich wäre noch übler daran und käme nicht zu Euch verzehrte
sich auch mein Herz in Sehnsucht Frag mich nicht was das für Rätsel sind frag
mich nicht gutes Kind Wenn einmal meine gute Laune wieder bei mir einkehren
sollte dann werde ich Dir davon erzählen recht viel erzählen
    Tausend Grüße für Euch alle und nun Ade  Ade 
 
                           33 Hippolyt an Valerius
                                                             Wien im September
Verachtete ich nicht die Trostlosigkeit Freund ich wäre trostlos Hasste ich
nicht die Reue diese Schuldenmacherin bei der Zukunft die unnützerweise Geld
für die Vergangenheit leiht ich finge an manches zu bereuen
    Ich trete in den Speisesaal und setze mich Ein leiser Schrei meiner
Nachbarin lässt mich genau in das halbverhüllte Gesicht sehen  es ist Julia die
aufstehen und davoneilen will Ich fasse krampfhaft ihre Hand und halte sie
fest sie kann nicht fort ohne großes Aufsehen vor der zahlreichen Gesellschaft
zu verursachen Der Himmel weiß was ich ihr in Glut und Wut der Liebe alles
zuflüsterte sie bebte wie ein Espenblatt ihre Brust schlug hoch das Gesicht
brannte in Scham und Feuer Da fielen ihre weinenden Augen wie fussfällig in die
meinen sie bat wie eine Sünderin ihren Beichtiger um Hoffnung für die
Seligkeit bitten mag ich möge sie lassen Noch eh ich zu etwas entschlossen
war erstarrte ihre Hand in der meinen sie lehnte sich an die Rückseite des
Stuhls und war ohnmächtig Ihre Augen blieben offen kein Mensch außer mir
kannte ihren Zustand Die Kellner präsentierten ihr die Speisen ich dankte
statt ihrer Mein wilder Mensch hatte Lust sich über das Ereignis zu freuen
und wollte eben die unwohl gewordene Dame auf ihr Zimmer bringen lassen um die
wieder lebendige in ihrer Schwäche zu erobern Der alte stolze Hippolyt schämt
sich dieses jämmerlichen Gedankens aber die Liebe hat die alte Kraft zermalmt
In dem Augenblicke tritt ein Kellner zu mir und berichtet dass eine Dame welche
im Hause wohne meinen Namen erfahren und mich fragen lasse ob ich derselbe
sei welcher die Schauspielerin Desdemona gekannt habe Diese liege krank in
selbigem Hotel danieder und wünsche sehnlich mich zu sprechen In eine verödete
Gegend meines Herzens schlug dieser Blitz und entzündete sie von einem Ende zum
andern Julia hatte sich erholt ich führte sie aus dem Saale küsste sie auf das
gebrochene Auge und flog davon Desdemonas Zimmer suchend
    O was erlebte ich Mein gestähltes Innere bog sich wie ein Baumzweig
Bleich ein Bild des zerstörenden Todes lag das einst so schöne Weib auf dem
Lager Die langen schwarzen Flechten hingen aufgelöst über Gesicht und Schultern
und das weiße Nachtkleid herunter die weichen Züge des Antlitzes waren spitz
und schmerzhaft geworden der Mund sonst lieblich wie ein Liebeslied war
verzogen nur das Auge mit seiner ewigen Liebe war derselbe Stern geblieben der
nur bei heranbrechendem Tageslichte matter schien Sie sprach nichts als ich
eintrat es schien sie gar nicht zu überraschen als ich an ihr Bett trat
nickte sie kaum merklich mit dem Haupte und lispelte »Nicht wahr Hippolyt es
kann mir doch niemand wehren Dich zu lieben« Die heißen Tränen  ja Freund es
waren heiße Tränen aus dem Kern meines Herzens  stürzten aus meinen Augen auf
ihre abgemagerte Hand »Bist ja heut so lang bei der Fürstin gewesen«  sagte
sie weiter ein zweischneidig Schwert wühlte in meinem Innern  »Du hast mich
heut nicht gesehen und ich habe die Desdemona gut gespielt so wie Du michs
gelehrt« Ich fühlte einen krampfhaften Druck in meiner Hand sie holte tief
Atem der Mund war wieder Liebe und lächelte das Auge strahlte alte
Glückseligkeit ich hörte noch leise ganz leise die Worte »Ach wie lieb ich
Dich«  und Desdemona war tot Lange stand ich unbeweglich ich war auch tot
Des Kindes Stimme das an der Erde spielte und plötzlich über sein Spiel
aufjauchzte erweckte mich Die erstarrte Hand Desdemonas hielt die meine fest
umklammert ich konnte nicht los und wollte der Toten durch das Aufbrechen keine
Schmerzen machen Ich blieb noch lange stehen und suchte mit der freien Hand in
all meinen Taschen herum um eine Waffe zu finden Ich wollte bei meinem Weibe
bleiben Meine Taschen waren leer Da musste ich das Grässlichste tun und meine
Hand gewaltsam von der toten Liebe befreien Langsam ging ich nach der Tür Das
kleine Mädchen sah mich lächelnd an und bat mich mit ihr zu spielen Lange
stand ich noch an der Tür und sah nach der lieben Leiche dann ging ich und
schloss die Tür leise ich wollte mein Weib nicht stören Dieses zuschlagende
Schloss trennte mich von meiner innigsten Vergangenheit Ich ging langsam den
Saal entlang und sah nur in weiter Ferne was dicht um mich her vorging Damen
in Reisekleidern schlüpften an mir vorüber  es mochte Julia und ihr Mädchen
sein  ich beachtete sie nicht Man erzählte mir später dass ich mich an die
Haustür gestellt und der fortfahrenden Julia starr zugesehen auf ihre an mich
gerichteten Worte nichts erwidert habe Es war die erste Totenstunde meines
Lebens und ich denke mit Grausen daran  der Tod ist ein garstig Scheusal er
ist der bare hässliche Gegensatz des Schönen Es war ein trüber Regentag gewesen
Als ich noch an der Haustür des Hotels stand brach plötzlich die
Nachmittagssonne die Wolken und leuchtete mir in das starre Auge Da wich mein
Feind der Tod aus allen meinen Gliedern ich fühlte wieder lebendig Blut in
mir meine Sehnen spannten sich ich war auferstanden Es fiel mir alles
Lebendige was ich gesehen wieder ein Juliens Abreise und ihre Schönheit  ich
rief nach Pferden Was kümmert mich der Tod Was sind die Menschen dumm mit
diesem abscheulichen Zustande noch Gepränge und Aufsehen vorzunehmen Der
gestorbene Mensch ist eine Sache man bringe sie beiseit so schnell als
möglich Wer sich mit einem Leichnam beschäftigen kann die Seele mag ihm noch
so lieb gewesen sein ist ein verhärtetes unästetisches Leichenweib ein
Handwerkstotengräber Ich will lieber selbst sterben als sterben sehen Ich
schreibe dies in einem andern Gasthofe und warte auf Pferde Die bunte Bastei
mit ihrem Sonnenschein liegt vor meinem offenen Fenster es ist aller Tod in mir
überwunden die Vergangenheit der vorigen Stunde liegt in tiefem weit
entferntem Nebel hinter mir Mein Leben ist wieder lebendig  der Wagen fährt
vor  Ade mein Freund ich fliege nach Paris um Julien zu erobern Ich werde
sie erobern müsst ich ihr nachjagen durch alle Zonen Soll ich auch noch die
Sentimentalität lieben diese Krücke der Schwäche den Regenschirm beim
Gewitterregen der das furchtsame Gesicht vor Donner und Blitz versteckt dies
Liebäugeln mit dem Tode Bin ich hier um zu sterben oder um zu leben Ist die
Sonne weil sie täglich einmal untergeht zum Untergehen da O ihr täglich
sterbenden Menschen mit eurer Romantik und wie ihr die Fratze nennt Blut und
Wärme such ich ich suche Liebe und Julien  und damit Gott befohlen Freund
 
                          34 Valerius an Konstantin
Hippolyt ist auf der Reise nach Paris ihm kann ich nicht schreiben Du wirst
wohl in Deiner begonnenen Metamorphose noch soviel Gedächtnis übrig behalten
haben dass Du ein wenig Interesse an mir und meinen Angelegenheiten nimmst ich
will nichts über Staat und Kirche schreiben mein Herz drängt mich aber zur
Mitteilung ich muss sprechen muss schwätzen höre mir zu Sie ist
wiedergekommen Kamilla nämlich Errötend trat sie mir entgegen ein ganzer
Morgenhimmel von Schamhaftigkeit glänzte auf ihrem liebreichen Gesichte damals
wusste ich nicht warum jetzt weiß ichs Ich war spazieren geritten als sie
ankam der Himmel war blau die Sonne das Auge Gottes auf dieser Erde wärmend
und freundlich in milder Liebe die Lerchen sangen ihre jauchzendem Stosstöne der
Freude die Bäume mit Früchten beladen sahen wie glückliche Mütter freundlich
drein in die helle Welt ich schaukelte mich auf dem Pferde in gesunder
fröhlicher Empfängnis all dieser Freuden die der Schöpfer allen auch den
Ärmsten freigebig schenkt die Weltgeschichte ging rosenfarbig an mir vorüber
ich hoffte das beste für die strebenden Menschen In dieser Stimmung ritt ich
langsam in den Schlosshof Auf den Stufen vor dem Schloss sah ich zwei Damen
stehen und die eine  ich erkannte Alberta am weißen leuchtenden Gewande  mir
mit dem Tuche winken Kamilla war die andere sie war eben angekommen In meine
glückselige Seele fiel ihr verschämter Blick wie ein tiefsinniger Liebesgedanke
Byrons die ruhige Freude in mir die wie ein glücklicher Vogel in den
Baumzweigen saß erhob plötzlich die Schwingen und flatterte jubelnd in die
Höhe die ruhige Freude in meinem Innern erhob sich zu einem Jauchzen über
namenloses Glück Ich sah plötzlich dass ich Kamilla liebte Sie reichte mir
ihre schöne weiße Hand ich drückte sie innig an meine zuckende Lippe ich sah
aus meinem Glück heraus ihr tief in die feuchten glänzenden Augen bis ins Herz
hinein unsere Hände vermählten sich und die harmlose Alberta freute sich
unserer Freude Wir gingen in den Garten und spielten wie die glücklichen
Kinder Kamilla war weich innig und warm wie ein Maiabend und ihr Auge hing
wie ein küssender Engel an meinen Blicken sie war nicht wie sonst munter und
ausgelassen sie lachte nicht aber sie sah wie ein Engel aus der sich freut
Nur wenn mein Glück mitunter aufjauchzte sprang ihr sonstiges hüpfendes
Temperament aus ihr hervor die Augen blitzten alle Züge des Gesichts jubelten
alle Glieder hoben sich zum schwebenden Tanze sie begann ein fröhliches Lied
und tänzelte eine Strecke hin Ich konnte ihr nicht sagen was mir das Herz
bewegte denn Alberta ging nicht von unserer Seite Wir schwärmten also in
romantischer Ungewissheit den halben Tag in Garten und Wald umher unsere Blicke
sprachen von vollem Herzen von süßem Glücke unsere Lippen bargen die Schönheit
der Welt Hie und da schien mir ein Schatten über Kamillas Angesicht zu fliegen
wenn ich mit Alberta tändelte und mit dem lieben kindlichen Wesen kosende Worte
wechselte
    Der Graf ist in der letzten Zeit unserer Einsamkeit wieder aufgelebt an die
Stelle des langweiligen Fips der endlich seine diplomatischen Bestrebungen
aufgegeben und seine Lenden gegürtet hat ist sein bunter Marschall der Laune
Kamilla getreten Wir leben wie die Engel und wollen in einigen Monaten nach
Paris kommen Die romantische Ungewissheit mit Kamilla hat sich in die reizendste
Klarheit aufgelöst Wir saßen in den ersten Tagen ihrer Ankunft auf der
Plattform unter dem Zelt dessen Seitenwände wir aufgeschlagen hatten Es war
gegen Abend der Himmel rot die Erde duftete in Wollust Ich sah glücklich ins
Land hinein und stand mit untergeschlagenen Armen neben Kamilla welche die
Gegend zeichnete Alberta stand auf der andern Seite und sang den Kopf an die
Säule des Zeltes hinauslehnend sang ein Wanderlied des lieben Wilhelm Müller
Kamilla sah von Zeit zu Zeit auf und hing ihre innigen Blicke an mein
freudestrahlendes Auge Es küssten sich unsere Seelen Die Nachtigall schlug in
Albertas Gesang Auf einmal kehrte sich diese um küsste Kamilla reichte mir die
Hand und sprang hinweg um zu musizieren  der Gesang sagte sie sei ihr zu
wenig sie müsse die Töne die in ihr herumwogten ausströmen Ich setzte mich
neben Kamilla und sah bald auf ihre Zeichnung bald in ihr Auge Ich fühlte es
dass ich im Begriff stand unsern Dämmernebel zu zerreißen Der Mann ist darin
immer plumper als das Weib er trachtet in seiner Nüchternheit mehr nach
bestimmten Formen er ist griechischer das Weib romantischer christlicher Das
reine Weib liebt jahrelang ohne Worte der Mann nicht soviel Monate »Kamilla«
sprach ich leise  sie ahnte was kommen würde und bebte zusammen »Valerius«
fragte sie kaum hörbar zurück Der Bleistift fiel ihr aus der Hand sie neigte
sich danach und die Fülle ihrer Haare fiel ihr über Wange Schultern und Busen
Ich ergriff ihre Hand führte sie an meinen Mund und sah ihr bewegt in die
Augen Sie erwiderte den Druck meiner Hand nicht aber die Tränen standen ihr im
Auge und als ich meinen Kopf an ihre Schulter in die herunterwallenden Locken
drückte da zog sie die Hand aus der meinen und ich fühlte den weichen runden
Arm um meinen Nacken und ihre Träne fiel auf meine Stirn Ich sah in ihr
seliges Gesicht und sagte leise »Kamilla ich liebe Dich« Ihr leises Weinen
ging in Schluchzen über und ihr Antlitz an meinem Haupte verbergend vernahm nur
mein nahes Ohr die kaum hörbaren Worte »Ich liebe dich unsäglich« Da sprang
ich auf hob ihr Gesicht in die Höhe küsste ihr die Tränen vom Auge und drückte
die weiche nachgiebige Gestalt fest an mein Herz Sie lächelte jetzt wie ein
Engel und wir küssten uns und freuten uns unserer Liebe Aller frühere Übermut
dieser reizende vielfarbige Knabe kam mit diesem Geständnisse wieder über sie
Blöde und bescheiden vorher war sie nun toll und ausgelassen Aber rührend
klagte sie mir was sie damals gelitten als sie Alberta im Garten an meiner
Brust gesehen habe mit neuen Tränen gestand sie dass sie deshalb hinweggereist
und sie sah mich unsicher schwankend halb ungläubig von der Seite an als ich
ihr die Versicherung gab sie sei im größten Irrtume gewesen und es habe
zwischen mir und Alberta nie etwas anderes als ein freundschaftliches Verhältnis
bestanden Endlich hielt sie mir den Mund zu und sagte »Ich glaube dir aber
sei kein roher Mann und lass Alberta nie etwas von unserem Übereinkommen in Liebe
und Zärtlichkeit wissen  hörst du« Ich versprachs mit Freuden Durch die
vielen Hindernisse unserer bürgerlichen Gesellschaft durch die Polizei und die
Strafgerichte durch die Unsicherheit unseres ganzen Lebens die Ungewissheit des
nahen oder fernen Todes sind wir so furchtsame Wesen geworden dass wir das
Schönste was wir besitzen oft dann schon gefährdet glauben sobald es nicht
mehr unser Geheimnis ist Die herzdurchdringende Liebe will keine andere Wohnung
als das Herz sie flieht und hasst die Märkte  so ist ihre Jugend Sie gleicht
dem jungen Bürger in der hochund dumpfgebauten Reichsstadt er schleicht aus
dem strahlendsten Sonnenschein der vor den Toren üppig seine Arme um die Erde
schlägt aus der lebendigen Menschenmenge die sich laut des Daseins freut auf
das düstere Stübchen seines Mädchens und oben in der dunklen Einsamkeit sind
beide froh dass nicht Sonnenschein noch Menschenwoge zu ihnen dringt Dies
äußerlich aristokratische Absonderungswesen ist aller jungen Liebe eigen Ich
freute mich noch aus vielen andern Gründen über Kamillas Vorschlag Ist doch
meine öffentliche Liebe Sünde gegen Klara Fragst Du mich warum ich mein
Klärchen nicht suche da ich doch erfahren sie sei noch frei und harre
wahrscheinlich ihres alten Geliebten so kann ich Dir nicht viel Tröstliches für
die meisten Leute erwidern Der Liebesharm ist eine süße Krankheit die mit dem
schönsten Schmerz beglückt und mit reiferer Gesundheit endet Der deutsche
Liebesharm ist ein chronisches Übel das Jüngling und Mann entnervt Man muss
gegen ihn kämpfen Ich will nicht treu sein weil ich die Treue zumeist für eine
Sünde gegen unsern fort und fort rückenden Planeten und das was darauf und
daran ist halte Treue ist ein Schutzmittel für schwache nicht ausreichende
Kräfte die Kräfte sollen aber am Ende stark werden Solange man diese Krücken
der Liebe nicht fortwirft lernt man nicht selbständig lieben Auch die Liebe
verlässt sich in jener sogenannten Tugend auf das Herkommen und ruht aus auf
einem hergebrachten Privilegium statt auf eigener unversiegbarer Kraft zu
bestehen Es ist ein Traditionsgut wie jedes andere auch die Länge der Zeit
ist das Verdienst nicht die Größe oder Schönheit der Sache Alle die tausend
gebrochenen Herzen alle die langweiligen verdrossenen Ehen sind die Kinder der
Treue Jedes schwindsüchtige Mädchen jeder jämmerliche Jüngling verlässt sich
auf ihren Schutz wenn es ihr oder ihm gelungen in einer schwachen Stunde eine
Eroberung zu machen Die Treue ist das große Gängelband der menschlichen
Faulheit und Schwäche sie ist auch die Poesie der Kraftlosigkeit und ein
»getreuer Eckard« unserer Tage wie Du ihn einst vorhattest ist eine Sünde
wider den Geist der Zeit und der Geist der Zeit ist der Zeit heiliger Geist
Wenn der König von Gottes Gnaden sich auf Herkommen und angestammte Treue
beruft und darin matt in der Vortrefflichkeit seiner Regierung die
Notwendigkeit derselben finden lässt so ist dies die steife Lehre von der Treue
Nur was Blut hat soll leben nicht was nach Leben aussieht ist Deines Lebens
Blut in Deiner alten Liebe zu finden dann sei treu dann ist Deine Liebe jung
Dies ist die schöne Lehre von der Beständigkeit die dann eine Tugend ist wenn
die äußeren Verhältnisse mit den inneren harmonieren So ist die Ehe nur ein
Damm gegen den Strom der Geselligkeit wisst Ihr auf freiere Weise den Strom zu
leiten so braucht Ihr keine Dämme Wenn erst Tausende nichts mehr dem Herkommen
zuliebe tun so ist das Lebenselement des Herkommens seine Unzweifelhaftigkeit
vernichtet und eine neue Welt nähert sich im Sturmschritt Es geht alles Hand
in Hand die Gesetze sind eine große Kette trennt ein Glied und die andern
klirren ebenfalls auseinander Die neuen Staaten machen nach eben diesen
Grundsätzen die Ämter beweglich nur die Kraft behält sie dem Herkommen zahlt
man keinen Deut  alles gilt nur durch das was es ist nicht was es war oder
heißt Soll es mit den Ämtern der Liebe nicht ebenso werden Dasselbe Geschrei
das sich gegen Aushebung von Ehe und Treue jetzt erheben wird erhob sich gegen
den wechselnden Staatsdienst in den neukonstruierten Staaten  Fülle vom Leben
bringt allerdings auch oft schnellen Tod man wird neue Gesetze für jenes
gesellschaftliche Verhältnis erfinden wie man sie für diese gefunden denn auch
die Freiheit hat ihre Gesetze Aber sie müssen sich in allen Teilen erweitern
darin ruht das unbehagliche Drängen des jungen Geschlechts Der Furchtsame mag
davor erschrecken den Mutigen gehört die Welt Was man nicht erwerben kann
fürchtet man am meisten zu verlieren wer die Kraft in sich fühlt bangt vor
keinem Verlust und nur die Kraft soll herrschen nicht das Herkommen
    Dies und manches andere sprach ich in stillen Stunden zu Kamilla Sie hörte
aufmerksam zu schmälte oft es sei ihr zu hoch nötigte mich deutlicher zu
sprechen nickte lächelnd dass sie mich verstünde weinte dann dass sie mich
verlieren werde und lachte wieder dass sie mich jetzt habe »Ich glaub es gern
dass du recht hast denn ich glaub dir alles«  sagte sie  »Du sollst mich
nicht heiraten wenn du nicht willst das Heiraten ist auch wirklich nicht
hübsch es ist wirklich philisterhaft Ich will bei dir bleiben solange du mich
magst und magst du mich nicht mehr  nun  nun so will ich die Vergangenheit
noch einmal allein leben und doch glücklich sterben« Sie war einen Augenblick
traurig und wir küssten uns heiß und leidenschaftlich dann trocknete sie sich
die Augen fuhr mit der Hand über die Stirn und durch die Luft als wollte sie
schlimme Gestalten hinwegjagen und sprach dann fröhlich weiter »Wie es mich
reizt die große Revolution mitbeginnen mitbezahlen zu helfen wie ich mich
freuen werde wenn die Leute mich anklagen und doch beneiden werden dass ich
frei und fessellos ein schönes Liebesleben mit dir führe Meine guten Eltern
sind tot ihnen mach ich keine Sorge durch dies neue ungewöhnliche darum
verdammte Leben mein Vermögen reicht hin nach den Wünschen unseres Herzens zu
verkehren und nicht wahr so schnell und sogleich wird dir nicht eine andere
besser gefallen mein lieber Valer   in Paris bleiben wir zurück wenn der
Graf heimkehrt und wir fragen um nichts als dass wir einander gehören« Das
gute Kind ist ein Engel und ich bin überaus glücklich ihre unverfälschte
Seele welche der Frohsinn vor allen Flecken bewahrt hat schleicht mit
liebenswürdiger Zudringlichkeit in alle Ritze meines Herzens und nistet sich
fest  o es ist eine freie göttliche Liebe von der die Heiratskandidaten keine
Ahnung haben  Bald erfährst Du mehr schreib bald ob Hippolyt angekommen
ist
 
                            35 Kamilla an Valerius
Es ist sehr garstig sehr garstig und ungezogen von Dir dass Du Deine dummen
Stadtgeschäfte nicht schneller abmachst und länger als Dir erlaubt war
ausbleibst Alberta ängstigt sich um Dich das tu ich zwar nicht Du bist ja ein
starker Mann der im gewöhnlichen Lebensgange den harten Nacken nicht brechen
wird aber komm Herz Seele Gedanke meines Lebens ich lechze nach Deinem Auge
nach dem Druck Deiner Hand hätte ich nur eine Wange von Dir da um mein heiß
Gesicht darauf zu drücken Bis gestern abend war ich doch eigentlich sehr
heiter ich saß lange auf Deinem Zimmer naschte in Deinen Papieren herum und
sang Deine Lieder ich fand es sogar schön Dich einmal nicht zu haben um zu
sehen wieviel mir fehle um meiner Schwäche zu trotzen und allein zu leben Die
gute Alberta war viel trauriger und sprach immerwährend mit einiger Sehnsucht
von Dir Als der Abend kam gingen wir Dir entgegen die Weiber nicht die Hexen
erwarteten den Macbet auf der Heide  er kam nicht Da brach alle Glut und
Leidenschaft über welche mich die Ruhe des Tages so sehr getäuscht hatte wie
ein Orkan aus mir heraus ich musste bitterlich weinen  o bitte schilt mich
nicht ich dachte Du wolltest nicht wiederkommen   dumme schwarze
Abendgedanken fremd in meinem Blute Heut ists viel besser ich bin wieder
munter und heiter und denke »Kommt er nicht heute so kommt er doch bald« Aber
höre zu lang treib mirs nicht bin ich denn dazu auf der Welt um getrennt
von Dir zu leben
    Vergiss nicht mir hochrotes Band zu kaufen sonst musst Du noch oft schelten
über meine verblichenen Bänder und Du hast recht sie sind matt und hässlich wie
blonde Augenbrauen auf einem brünetten Gesicht Ich habe mir auch ausgesonnen
wie ich Dich viel hübscher küssen will  Du sollst nur sehen aber lass Dir Dein
Bärtchen nicht abschneiden bitte bitte Vergiss mir das Zeichenpapier nicht
ich muss Dein kühnes Byrongesicht malen Deine Formen sind nicht so schön aber
es fliegt Dir dieselbe Freiheitsmelancholie um die Augenwinkel es ist derselbe
schöne Liebesmund auf dem die großen Worte und die süßen Küsse ruhen mit denen
er die schönen Italienerinnen bestach
    Wenn Dir doch der Bote mit diesem Briefe schon unterwegs begegnete Wärst Du
nicht Du der überaus zuverlässige Valer Dein Wegbleiben Deine Kameraden von
denen ich Dir gleich erzählen werde machten mir große Angst Wie wild
unbändig schonungslos betrug sich in allen Verhältnissen Hippolyt und nun höre
was uns die Fürstin schreibt Leopold hat die Prinzessin Amelie wirklich
heiraten wollen am Ende hat man doch natürlich sichere und bestimmte Dokumente
über seine Herkunft und seine sonstigen Verhältnisse begehrt er hat ein
unlösbares Inkognito vorgeschützt die Fürstin hat wunderlich genug seine Partie
genommen und es hat den folgenden Tag zur Hochzeit kommen sollen da der
schwache Fürst keine weiteren Einwendungen gemacht Das ganze Schloss glänzt des
Abends im Kerzenschein eines strahlenden Polterabends Park und Büsche blitzen
Liebeslichter die geladene und frei herbeiströmende Menge erfüllt die Gänge
der glückliche Prinz Leopold seine äterische Braut am Arme hüpft populär
durch die Massen und lächelt äußerst glücklich Er spricht im Vorübergehen mit
den Bauern von Volksrechten und Freiheit und Gleichheit der Volksjubel wird
immer größer ein wütendes Geschrei lässt den volksfreundlichen Erbprinzen leben
verlangt ihn zu sehen trägt ihn auf den Schultern einher Prinz Leopold hat
seiner Prinzessin Braut gesagt so hättens die alten Minnefürsten zur Zeit der
Romantik getrieben und bestellt eine Tragbahre für die romantische Dame damit
sie teilnehme an dem Triumphzuge Vom Balkon aus sieht der Hof zu und die
Fürstin lächelt sehr  so schreibt sie selbst Da kommt ihr Schwager an und
zerstört dräuend die demokratische Herrlichkeit Er ruft Leopold beiseite und
spricht lange mit ihm Dieser kommt zu seiner Braut zurück spricht viel von den
Tränen der Romantik erbittet sich von William eine Summe Geldes um die Bauern
damit zu beglücken und verschwindet Dem zu Fuß Fortwandernden ist ein Bauer
begegnet der fahrende Prinz hat ihm erzählt er ginge erst nach Belgien um für
die Volkssouveränität zu fechten erst wenn diese errungen sei dürfe man der
Liebe Freuden pflegen Prinzessin Amelie hat erklärt Ohnmachten seien zu
modern sie werde sich nicht damit befassen sie trägt das Haar aufgelöst und
singt am offenen Fenster des Nachts Lieder von Tieck und Novalis sie isst nur
ein Gericht und kleidet sich aschgrau übrigens ist sie wohl Die Fürstin setzt
hinzu viele würden die Sache einen Skandal nennen auch Herr Valerius und das
Ganze würde Wasser auf Deine Mühle sein Übrigens mögest Du sie doch besuchen
sie wolle mit Dir darüber sprechen Ich hoffe das wirst Du bleiben lassen Es
ist ein stolzes herrsch und rachsüchtiges Weib Du magst mirs glauben und
ich fürchte sehr sie hat dies alles absichtlich angezettelt  
    Eben kommt eine schreckliche Nachricht an William hat des Abends auf dem
Korridor den Schwager der Fürstin mit einem Dolchstich niedergeworfen ist in
die Zimmer der Fürstin wie wahnsinnig gedrungen und erst bei ihrem Hilferufen
entflohen Es wird auf das lebhafteste verfolgt zu dem Ende kam die Nachricht
mit einem Kurier hier an Ach wenn er nur Dir nicht begegnet O eile eile zu
uns mir bangt für Dich bei so grauenvollen Nachrichten
 
                            36 William an Valerius
Ich baue auf Deine Redlichkeit und vertraue mich Dir an Die Verfolgung ist mir
auf der Ferse ich habe große Not ihr zu entrinnen tu alles Mögliche sie auf
falsche Spur zu leiten verbreite ich sei nach Österreich geflohen In diesem
Augenblicke darf ich mich nicht weiter wagen sondern muss mich verborgen halten
Erst wenn die falschen Nachrichten zu wirken anfangen hoffe ich über die
belgische Grenze zu entkommen Mein ganzes Innere ist aufgelöst ich frage mich
nach keiner Rechenschaft denn ich kann mir keine geben Mein Gewissen ist
verloren keine Autorität vermag mich freizusprechen nun so rolle denn das Rad
dem Abgrunde zu Dass ich die Fürstin mit glühendem Verlangen liebte wird Dir
wohl schon klar geworden sein Lange kämpften meine Grundsätze hartnäckig gegen
mein Fleisch Ich hätte gesiegt wäre ich nicht durch die freundlichen Worte und
Blicke des schönen Weibes verführt worden Ich stand auf dem Punkte abzureisen
und empfahl mich ihr sie reichte mir die weiche Hand zum Kusse strich mir das
Haar von der Stirn und fragte was mich drängte Ich konnte nicht fort die
Sünde war ausgebildet in meinem Herzen ich vermochte es nicht mehr mich vor
meinem Gewissen zu rechtfertigen Ich schlug mein Gewissen tot und wollte
genießen Jener unheimliche Schwager stellte sich mir entgegen er fiel als
erstes Opfer eines Menschen der die Bande der Ordnung in sich zerrissen hat
Schweig schweig ich erkenne es an dass Du mir gegenüber jetzt im Rechte bist
Es ist Ordnung in Dir wenn auch eine Ordnung die ich verabscheue Ich selbst
geh zugrunde aber mein System bleibt unerschüttert ich bin außer ihm Alle
jene Begierden welche die Gesetze meiner Religion in starren Banden hielten
sind rasselnd aufgesprungen haben sich meiner bemächtigt seit ich jenen
Fehltritt begangen Ein Stein ist herausgerissen es stürzt das ganze Gebäude
über mir zusammen ich muss rennen und rennen um diesem Geschick zu entgehen
Die Hölle hohnlacht aber sie soll wenigstens einen glänzenden Fang gemacht
haben ich habe mich verloren aber die Lust will ich gewinnen Zurück führt
kein Weg der Himmel geht am Abgrunde hin ein falscher Tritt ist hinreichend
Ich bin gefallen und will mich der neuen Gesellschaft würdig machen Früher
lohnte meine Tugend die äußersten Entbehrungen Entbehrungen ohne diesen
Gegendruck sind kindische Schwäche  die Tugend ist verloren nun denn so jag
ich nach dem Genuss Ihr habt viel Schuld an meinem Unglück wer die Verleugnung
der Religion stets neben sich sieht wird matt in seinen Dogmen Ihr unseligen
Volksverführer habt meinen besten Teil auf Eurem Gewissen
 
                          37 Konstantin an Valerius
Du schreibst mir nicht Freund weil Du wahrscheinlich mir und meiner
Sinnesänderung zürnst Warum lässest Du Dir die Gelegenheit entgehen auf eine
Krisis einzuwirken und in einer solchen befind ich mich doch zuverlässig
Rette an mir was zu retten ist ich fühle wie mir alles unter den Händen
verschwindet ich fange an den Schicksalstragödien zu glauben es denkt und
löst ein fremder Geist in mir Du gehörst ja doch sonst nicht zu der platt
republikanischen Partei Du warst ja wahrhaftig so wars oft genug mein
Gegner Du gestattest ja Entwicklungsgang Modifikation usw  Sollte denn an
mir gar nichts mehr zu brauchen sein Hippolyt ist da und trägt mir eigentlich
auf an Dich zu schreiben er selbst schreibt keine Zeile entweder tobt er
herum oder liegt starr ausgestreckt da und schweigt Meine politische
Sinnesänderung die ich ihm mitteilte nahm er mit tödlichem Schweigen auf es
erkältete ja entsetzte mich durch und durch als er mit untergeschlagenen Armen
vor mir stehend mit den schwarzen tiefbrennenden Augen bis in das Innerste
meiner Seele hineinsah  die Verachtung sprang lachend um seine Mundwinkel er
sprach kein Wort »Willst Du mir nicht etwas darüber sagen  Wofür habe ich
euch Freunde Hippolyt sprich doch« »Du bist ein schwacher Mensch ein
deutscher Wicht der mit Träumen buhlt und vor dem Sonnenlicht bleich wird 
wäre nicht Valer unter euch gewesen mich reute der Zeit die ich in euren
Kreisen verbracht  sprich mir nicht wieder davon« Damit ging er hinweg Es ist
ein beispielloser Übermut solchen Ausländers ich war sehr zornig und machte mir
durch viele Worte Luft Als er am andern Morgen erst heimkam wiederholte ich
ihm allen Zorn alle Vorwürfe Lange schien er gar nicht zuzuhören endlich warf
er einen raschen unwilligen Blick auf mich und warf die ganz fremde Frage
dazwischen ob ich ihm für den Abend ein Billett zum Gesandtenballe verschaffen
könne Sein Liebeselend das auf dem blassen Gesicht umherirrt ließ mich
abstehen von meiner Polemik ich fragte teilnehmend wie seine Sachen mit Julien
ständen Mit vieler Mühe habe ich folgenden Tatbestand ermittelt denn man muss
ihm wie ein Kriminalist das Wichtigste abfragen da er kaum mit drei Worten
antwortet nie aber erzählt Er ist früher hier eingetroffen als Julia und
erfuhr es bald dass sie erst erwartet werde Wie eine Bildsäule stand er nun Tag
und Nacht vor der Barriere welche sie aller Wahrscheinlichkeit nach passieren
musste Sie kam des Nachts sein Falkenauge erkannte sie er sprang hinten auf
den Wagen und fuhr mit in das Hotel öffnete den Schlag hob sie heraus Heftig
drückte er sie an sich da erkannte sie ihn und wollte rufen Er verhinderte sie
daran und bat ihm Zutritt zu ihrem Hause zu gestatten Sie verneint es
entschieden »Wohl« sagte er sie loslassend »ich spreche Sie mindestens fünf
Minuten allnächtlich um zwölf Uhr auf dem Korridor des ersten Stockes oder ich
zünde das Haus an und ermorde Sie samt Ihrem Vater«
    Das alles war das Werk von zwei Minuten als man nach ihr rief war er
verschwunden gewesen Was ist diesem wilden unzivilisierten Menschen nicht alles
zuzutrauen könnte ers er würfe die Erde dem Monde an den Kopf um einer
Liebesgrille halber Das Mädchen konnte ihn arretieren lassen wenn er kam aber
so antiromantisch sind unsere Mädchen nicht Und ist es nicht süß so toll
geliebt zu werden Er hat sie mehrmals gesprochen sie hat geweint und ihn
beschworen sie ungestört zu lassen Tränen fruchten sonst nichts bei ihm aber
er liebt Julien grenzenlos er ist schon über eine Woche lang nicht mehr
hingegangen Ich will ihm zu Willen sein meine Berliner Bekanntschaft erneuern
und bei Juliens Vater meine Aufwartung machen Hoffentlich bekomme ich auf diese
Weise Karten zu dem großen Balle Es macht auch mir Freude das schöne Mädchen
wieder zu sehen 
 
                                                                         Später
Das wird eine bunte Wirtschaft Ich wurde gemeldet und angenommen Julia ist
wirklich sehr schön und liebenswürdig Sie saß noch in Haustoilette am Fenster
und las Ein leichtes weißes Morgenkleid mit fliegenden Ärmeln die um den
schönen vollen Arm spielten umflog poetisch die schönen Glieder die dunkeln
Locken hüpften wie damals auf den Schultern Sie war herzlich freundlich gegen
mich und behandelte mich mit aufgeschlossener liebevoller Seele wie einen alten
Bekannten mir vorwerfend dass ich erst so spät nach ihr frage Wie warm und
heimatlich tut das meiner erstarrten Brust  was ist doch die Weltgeschichte
trocken ohne den Odem der Weiber Du hast recht Freund die Welt ohne Weiber
ist ein Rechenexempel oder eine langweilige Schulstube Ich trat mit ihr ins
offene Fenster und sah in die lebendige Rue St Honoré  Das war ein ganz ander
Paris wie es sich in ihren Augen widerspiegelte von ihren Lippen wieder zu mir
kam Noch will ihr die tolle Stadt nicht behagen es geht ihr alles so wüst und
regellos durcheinander »ich bin ein kleiner Pedant sagte sie wo ich die Regel
nicht entdecken kann da wird mir unruhig zumut ich habe mich zum deutschen
Gott der schönen Ordnung und Harmonie zu Goethe geflüchtet und seine Iphigenia
seinen Tasso gelesen um mir Ruhe zu verschaffen vor dem Getümmel«
    Liebenswürdiges Mädchen wie harmonisch klang das in das Streben meines
jetzigen Wesens Ich sprach freudeglühend davon wie angenehm es mich
überrasche in den hüpfenden Jugendjahren solche Besonnenheit zu finden sie
lächelte und meinte Du habest sie oft deshalb geneckt und eine junge Matrone
genannt »Aber«  fuhr sie fort  »hat das Weib bei seiner schönen unbeteiligten
Stellung in der gesellschaftlichen Welt etwas Passenderes zu erwählen als das
Prinzip der Ordnung der Einfachheit und Ruhe Einfachheit und Ruhe sind die
Elemente der Schönheit und diese soll ja unser Streben unser Endziel sein Der
Mann schafft zeugt produziert wir reproduzieren wir ordnen das Geschaffene
Ich halte es für töricht wenn eine Frau nicht wie Goethe allen unerquicklichen
Lärm alle Unruhe ja allen Wechsel fern von sich hält selbst mit Aufopferung
des Reizes die Empfänglichkeit wird durch große Gaben verwöhnt die feinen
Organe welche sonst bei den kleinsten Luftströmungen beben werden abgestumpft
Ich halte aber darum auch Goethe für eine neue Art Halbgott dh ich glaube
das Beste des Weibes war in ihm aufgenommen und durch seine edle Männlichkeit
verherrlicht gehoben Zum plumpen Handeln würde er nie getaugt haben«  dabei
spielte die kleine fleischige Hand die sich weich senkend an den schönen Arm
schließt mit den Blättern des Tasso und das Auge ruhte auf mir wie das der
schönen Prinzessin Leonore Ich fühlte Tassos Vergehen in mir und hätte sie gern
umarmt wenigstens die schönste Hand und den verführerischen Arm geküsst In ihre
Ideen eingehend beschrieb ich ihr meine Entwicklung und die allmähliche
Reaktion wie Du es nennen magst  das freute sie sehr und sie erwähnte mehrmal
warum Du mit Deiner Mäßigung sauberen Klarheit Deinem geläuterten
Schönheitssinn nicht eben dahin kommen könnest Sie bat mich bald
wiederzukommen und ihren Vater kennen zu lernen der sich sehr freuen würde
einem solchen Gange der politischen Ausbildung zuzuhören Ich nannte Hippolyts
Namen sie entfärbte sich und Tränen traten ihr in die Augen Ich bat ihn
mitbringen zu dürfen Sie schwankte mein Mitwissen erriet sie mit weiblichem
Takte sogleich  das gab ein heimliches Band zwischen uns das uns schnell
einander näher brachte Sie war verlegen zupfte an den Bändern sah auf die
Erde faltete auf dem Schoss die kleinen Hände und sah starr in ihre
Verschlingung Endlich hob sie langsam den Kopf sah mich wehmütig an und sagte
bittend »Lassen Sie ihn nie allein kommen ich fürchte mich vor ihm« Dies
Vertrauen überwältigte mich ich ergriff ihre Hand und küsste sie schnell sie
zog sie so schnell als es die Artigkeit gestattet hinweg stand auf und
empfahl sich mir Ein Gang in die Pairskammer hielt mich ein wenig auf  Zu
Hause angekommen fand ich schon Billetts für uns zum Balle für den Abend
Hippolyt sah schmerzlich drein als ich ihm alles erzählte
                                                                         Später
Nun wir sind dagewesen und werden wohl schwerlich wieder zusammen hingehen Es
war ein glänzender Ball Alle Notabilitäten vom jungen Frankreich waren da Er
unterhielt sich viel mit Julia und er ist allerdings ganz der Mann für sie Ich
ging in den Tanzsaal und betrachtete mir die Jugend Frankreichs Mein Blick fiel
bald auf Hippolyt und Julia sie tanzten nachlässig Hippolyt sprach eifrig sah
sehr erhitzt aus Ich trat näher hinzu und sah wie er ihre Hand krampfhaft
festhielt Der Tanz war zu Ende er ließ sie nicht los und begleitete sie nach
einem Nebenzimmer oder vielmehr sie schien notgedrungen ihn zu begleiten Ein
unaussprechlich bittender Blick von ihr traf mich ich folgte ihnen Hippolyt
eilte mit seiner Beute durch die von Gästen angefüllten Zimmer nach den
entlegeneren leeren Mich bemerkte er nicht mit dem Rücken gegen mich hielt er
in einem leeren Gemach inne umfasste Julien und beschwor sie mit
herzzerreissender Stimme den innigsten Worten seine Liebe nicht ferner zu
verschmähen er werde sanft und mild sein er liebe sie bis zur Raserei  
Julia weinte heftig Hippolyt ließ sie los und küsste sie auf das feuchte Auge
sie schauerte zusammen streckte die Arme nach mir aus taumelte die wenigen
Schritte bis zu mir und fiel ohnmächtig in meine Arme 
    Da näherte sich Geräusch aus dem angrenzenden Zimmer Hippolyt sah mich mit
einem unbeschreiblichen Blicke an und griff nach Julien um sie hinwegzutragen
ich bat ihn herzlich es nicht zu tun lieber eiligst die Tür zu verriegeln 
»Nein« sagte er hart da wollte ich selbst die Ohnmächtige ins nächste Gemach
retten In dem Augenblicke ging die Tür auf Juliens Vater trat ein  Heut ist
Julia nicht mehr in Paris Hippolyt hat kein Wort mit mir gesprochen und ist
verschwunden seinen Hut und Mantel hat mein Diener aus der Seine gefischt
Juliens Vater schickt eben nach mir Lebe wohl ich komme in diesen Tagen nach
Deutschland um eine Anstellung zu suchen
 
                            38 Kamilla an Valerius
Dass die dummen Polen auch gerade jetzt ihre Revolution anfangen mussten während
Du in der Stadt warst  von hier hätte ich Dich gewiss nicht fortgelassen nach
den neuesten Vorfällen zu fragen Ich wünsche den lieben Leuten alles Gute ich
glaube Dirs gern dass sie ein himmelschreiendes Recht haben aber ich wünsche
mir auch meinen Liebhaber
    Hast Du noch nicht genug Nachrichten wirst Du nicht bald kommen Ach ich
bin wirklich schon recht böse auf Dich das Wetter wird immer rauer man kann
beinah nicht mehr aus dem Hause die Langeweile und Sehnsucht wird immer größer
und noch dazu die Angst  jawohl die Angst Höre nur Gestern kam ein Reisewagen
und brachte mir eine liebe alte Freundin das wäre ja doch nur etwas worüber
ich mich freuen könnte ja doch ich freute mich sehr aber nicht lange Denke
nur als wir zum ersten ruhigen Gespräche kamen da sah aus jedem Auge jedem
Zuge des Gesichts Dein Blick Dein Geist die Worte waren Dein so müsstest Du
sprechen wärst Du ein Weib der Rede und Tonfall ganz wie bei Dir das ganze
Wesen der ganze Luftkreis der des Valerius  Mann ich entsetzte mich wärst Du
verheiratet es müsste dies Deine Frau sein Ich teilte dies alles meiner
Freundin mit sie lächelte Wie bin ich erschrocken als sie mir sagte dass sie
Dich kenne O bleib jetzt komm nicht ich fürchte mich vor Unglück wenn Du
jetzt kommst Ach nein wenn sie Dich beglücken könnte komm komm ich würde so
gern für Dein Glück sterben Als Du mir von Deiner ersten Liebe erzähltest da
war ich so schmerzhaft erregt und doch so überaus selig in dem Gedanken wenn
ich sie Dir wieder in den Arm legen und mein seligweinend Gesicht zwischen eure
aneinander gedrückten Schultern schmiegen könnte Du hast recht die Liebe ist
mehr als der Besitz einer einzigen Person sie ist eine ganze Atmosphäre von
Wohlwollen und viel hat darin Raum Wenn ich Dich nur nicht soviel geküsst
hätte das ist so schlimm jetzt wird es mir doch viel schwerer werden Dich am
Herzen einer andern zu sehen Du glaubst aber nicht um wieviel lieber ich Dich
habe wegen Deiner offenen Ehrlichkeit dass Du mir gleich beim ersten Kusse
sagtest Dein Herz sei nicht mehr jungfräulich Du hättest Liebe gewährt und
genossen und liebtest noch und würdest noch geliebt Ich kann klagen und weinen
wenn man Dich mir heute entführte aber nicht über Dich und das ist sehr lieb
und schön Du bleibst ewig mein unwandelbarer Stern Du bist der ehrliche
Palmerio Komm komm Du Licht meiner Augen ich will nur Deine Gestalt sehen
das gleichgültigste Wort Deiner lieben lieben Stimme hören und glücklich sehr
glücklich sein Komm  Ich lege Dir einen Brief von Konstantin und einen von
der Fürstin bei  was will denn die gefährliche Frau von Dir Ach Du machst mir
recht viel Sorge Die gute Alberta ist so still und traurig dass Du nicht da
bist sie sitzt fortwährend am Fenster und wenn ein Reiter kommt jubelt sie
und wenn Dus nicht bist kommt ihr das Wasser in die Augen Ach Du bist ein
Bösewicht Auch der Graf ist so still und noch sanfter als sonst auch er
scheint Kummer zu haben Eile uns froh zu machen
 
                          39 Valerius an Konstantin
Ich lege Dir Williams Brief bei sieh wohin der einseitige Fanatismus führt
Wo jeder Gedanke von Freiheit fehlt da gibt es nur Höhen und Tiefen schmale
Wege jähe Abgründe nur die Freiheit ebnet die Welt so wunderbar dass alles
gefahrlos gehen und springen kann Man kann irren mit der Freiheit aber an
jedem neuen Morgen kann man sich zurechtfinden Der absolutistische religiöse
oder politische Glaube kennt keinen Irrtum er kennt nur Sünde und die Sünde
gebiert den Tod sagt er selbst William ist das Opfer des Absolutismus Leopold
wird der Spielball der Gesetzlosigkeit  er ist im belgischen Heere
KompagnieChirurgus wie ich eben erfahren und spielt eine abgerissene
kümmerliche Rolle und nur die ungeheuren titanenartigen Kräfte erhalten oben
auf der Lebenswoge den zügellosen Hippolyt nur sein riesenhafter Geist lässt ihn
bestehen mit seiner unbändigen die Zivilisation überspringenden Freiheit Du
scheinst ihn für tot zu halten das ist er gewiss nicht ein solcher
Romancharakter lebt noch lange in der Wildheit und wird einst wenn seine
bestialische Kraft an den Schranken der Bildung gebrochen ist der Anführer
eines freiheitsbedürftigen Volkes Seine Subjektivität muss erst zertrümmert
werden eh er nützen kann Jetzt ist er im Stadium des Danton und nur die
gefährliche Zeit fehlt dass er sich wie jener auszeichne Aber dieser subjektive
Danton wird guillotiniert werden und seine geläuterte Objektivität wird einst
mit der neuen Gironde unserer Tage lehren Er wird einst der hinreissende neue
Vergniaud werden Es ist ein merkwürdiger Wendepunkt in unserem Leben
eingetreten Ich gehe morgen nach Warschau um für das heilige Recht eines
Volkes gegen die Tyrannen zu fechten Ich liebe das polnische Volk nicht eben
sehr aber für seine Sache will ich bluten und sterben Dies asiatische Element
einer Herrscher und einer Sklavenkaste das sie noch immer nicht ernstlich
bekämpft haben ist mir sehr zuwider Es ist allerdings nicht der gewöhnliche
Begriff der Aristokratie die man ihnen meistin zum Vorwurf macht es ist eine
demokratische Aristokratie welche die Stufen unter sich wenig beachtet und eine
große Gleichheit unter sich eingeführt hat aber ich würde lieber eine
aristokratische Demokratie sehen Ihre ernstlichen Annäherungen an eine
allgemeine demokratische Zivilisation sind sehr träge wenn man selbst die
Absicht der Besten welche die Charte vom 3 Mai entworfen wenn man die
Selbständigkeit ihrer bisherigen Unterjochungsperiode abrechnet Es ist noch
viel roh Asiatisches an ihnen aber ihre überwältigende Poesie der
Vaterlandsliebe dieses Kätchen von Heilbronn in einem ganzen Volke ist
zauberhaft ihr Kampf ist der reinste und edelste der gefochten werden kann
Darum will ich hin morgen schon aus folgendem
    Ich kehre aus der Stadt zurück finde weiblichen Besuch auf dem Schloss
trete ins Zimmer an der Hand Kamillas tritt mir Klara entgegen Freude
Überraschung Schrecken Besorgnis pressen mir den Namen Klara aus  ich sehe
den Blitzstrahl in die schlanke Palme Kamilla zündend einschlagen Das liebe
Kind ward bleich das Wasser schoss ihr in die Augen aber sie lächelte wie ein
Engel Klara war sanft und lieb Mein Entschluss war schnell gefasst ich kündigte
ihnen meine morgende Abreise an Die guten Wesen haben mich alle so lieb dass
jedes nun zu sehr mit sich beschäftigt war als dass es auf die andern hätte
achtaben können Einen Augenblick war ich durch einen Zufall der die andern
auseinandersprengte mit Klara allein  »Willst Du mir nicht Morgen schenken
lieber Valer ich will sonst weiter nichts von Dir« Die Rührung überwältigte
mich weinend fiel ich ihr um den Hals sie bedeckte mein Gesicht mit ihren
warmen Händen küsste mich nur auf das Auge und sprach »Du guter Junge  ich
will nichts von Dir als Dich einmal sehen« 
    Ich wäre untröstlich erführe dieser Engel meiner Poesie dass ich noch
andere liebte und küsste  Als Alberta zurückkam eilte ich fort um Kamilla zu
suchen Sie kam mir wie ein Kind sanft lächelnd entgegen gab mir ihre Hand und
fragte nur »Sie ist es«  »Sie ists« antwortete ich und erregt in allen
Fibern meiner Seele wollt ich das liebenswürdigste Mädchen an mein Herz
drücken Sie hielt mir die Hand vor den Mund und sagte  »Bitte bitte nein 
Du armer reicher Mann«  »Willst du mir meinen Reichtum lassen«  »Ob ich
will«  »Lass Klara nichts von unserer Liebe ahnen« »Wie kannst du bitten was
sich von selbst versteht ich bin doch glücklich« Nun war ich ausgelassen
lustig  Liebe was bist du reich und die ungeschickten Menschen machen dich
so dürftig weil sie egoistisch jämmerlich egoistisch sind Ich sagte Kamilla
dass ich den andern Tag noch dableiben würde »Es ist recht schlimm dass du
gehst wir werden alle vor Sehnsucht sterben«
    Es war ein seliger Tag den ich von allen Seiten in Liebe gehüllt verlebte
Meine neuen Ideen die Kamilla zur Sprache brachte weil sie unser Lebensodem
geworden sind waren für Klara neu meine alten deren Klara erwähnte warens
für Kamilla Alberta flog wie ein Schmetterling zwischen uns Ich habe einen Tag
in Indien gelebt wir haben unser Herzblut ausgetauscht Allein konnt ich
durft ich mit keiner sein allen Abschied verbat ich mir sogleich wir saßen
bis tief in die Nacht beisammen nur den guten Grafen küsste ich im Vorsaale
herzlich ab nahm Reisegeld von ihm an versprach zu schreiben und wenn mich
keine Kugel träfe bald wieder zu kommen Der liebe Mann weinte und segnete mich
wie ein Vater  Ich hatte mir mein Pferd satteln lassen brachte meine lieben
Zuhörerinnen in ein erhebendes Gespräch über ein weites reiches Leben nach dem
Tode über seinen Vorgeschmack die Freiheit und die Opfer die wir ihr bringen
müssten  Der erhobene Mensch trägt alles Leid noch einmal so leicht das Herz
besitzt unglaubliche Kräfte man muss sie nur wecken Wir glühten alle von
Begeisterung für das Edle und Große und die Mädchen wären alle mit gestorben
wenn es des Todes bedurft hätte Da ging ich hinaus setzte mich aufs Pferd
ritt unter das Fenster und rief Sie öffneten hastig in vollem Lichte standen
sie beide meines Herzens Arme Alberta musste zufällig eben das Zimmer verlassen
haben Der Mond schien auf mein tränenweiches Gesicht Ade meine Liebe sprach
ich in einer freieren Welt wieder Fort ritt ich und sah nur noch wie sich
die lieben Mädchen in die Arme fielen Taugt mein Dichten und Trachten nicht für
diese gesellschaftliche Welt so wird mich wohl eine russische Kugel treffen
Ade Deutschland vielleicht seh ich dich nie wieder Kommst Du her wie Du
schreibst so suche die Bekanntschaft der Fürstin und sage ihr wenn ich am
Leben bliebe würde ich ihr einst antworten Sie hat mir einen wunderbar klugen
Brief über William Hippolyt Leopold und alle diese betreffenden Verhältnisse
geschrieben Man darf sie nicht nach dem gewöhnlichen Maßstabe messen sie ist
ein merkwürdig Weib die vielleicht durch allzu spitze Klugheit sich und andere
verderbt Ich schreibe Dir dies in Breslau  lebe wohl ich reise Halte Dein
Herz munter Freund lass es nicht vertrocknen
 
                  40 Der Oberst Kicki an den Grafen von Topf
                                                                   Im März 1831
Ihrem Verlangen gemäß sehr geehrter Herr hab ich mich nach Herrn Valerius
überall erkundigen lassen kann Ihnen aber leider nur einen unvollständigen
traurig klingenden Bericht mitteilen Die ihn umgebenden Reiter haben ihn bis
nachmittags ungefähr zwei Uhr tapfer bei Grochow kämpfen sehen nach dem großen
Kavallerieangriff der Russen ist er vermisst worden Noch weiß niemand was ihm
widerfahren freilich ist es das Wahrscheinlichste dass er gefallen es waren
der Toten soviele der Feind drang bis auf unsere Stellungen es ist fast
unmöglich das Schicksal eines einzelnen zu ermitteln
    Gestatten Sie mir Herr Graf die Versicherung vorzüglicher Hochachtung mit
der ich die Ehre habe zu sein usw usw
 
                                  Zweiter Band
                                  Die Krieger
                                        1
Es war spät am Abende ja die Nacht brach schon herein als ein kleiner
polnischer Wagen vor einem Gehölz hielt Die kleinen Pferde prusteten
angegriffen denn es war kein eigentlicher Weg auf welchem sie dahergekommen
waren und der Boden war halb feucht und halb gefroren Dazu herrschte eine
undurchdringliche Finsternis die Tiere schienen selbst voll Angst zu sein wie
denn bekanntlich das Pferd eines der sensibelsten Geschöpfe ist und fast überall
nur Eindrücken der Furcht nachgibt Dazu knallte bald hier bald da noch Ein
Schuss plötzlich und unerwartet jagte ein Reiter oder ein Fuhrwerk vorüber  es
war nicht zu verwundern dass man dicht neben ihnen den warmen Dampf spürte
welchen sie ausströmten  Aus dem kleinen Wagen kroch eine Figur und schritt in
das Gehölz Dort schlug sie Feuer zündete in einer alten Laterne ein
Lichtstümpchen an und schloss die kleine blecherne Tür sogleich wieder Die Wände
der Laterne waren trübes schmutziges Horn das Licht gab also nur einen sehr
matten unsicheren Schein bei welchem kaum die äußeren Umrisse des Mannes zu
erkennen waren
    Er trug einen langen Mantel sein Gesicht war durch eine tiefe Mütze halb
verhüllt  nur wie er mit der Laterne am Gesträuche herumsuchte kam er einmal
mit dem Lichte bis in die Nähe der Brust und man sah einen dichten grauen Bart
aus dem Mantel herausgucken
    Sein Bestreben ging dahin einen Zugang ins Gehölz zu finden und bald fuhr
er auch seinen Wagen mitten in eine kleine Birkenschonung hinein deren junge
Stämme und Zweige Pferden und Rädern nachgeben
    Darauf barg er die Laterne unter dem Mantel und schritt eiligen Fußes auf
der entgegengesetzten Seite aus dem Hölzchen Man kann eigentlich nicht sagen
er schritt es war mehr ein geräuschloses Hinschlüpfen Im Freien angekommen
kauerte er sich zusammen und horchte mit angehaltenem Atem Aber der Wind fuhr
eben rau über die Fläche und warf harten eisigen Regen durcheinander Es war
kalt und schauerlich Als jedoch der heftige Windstoß vorüber war drang es
wirklich wie ein leises Geräusch von allen Seiten her aber das Geräusch war
wunderbar und ungewöhnlich bald war es einem Wimmern bald dem Hufschlag von
Pferden bald dem Gestöhn eines Tieres ähnlich  ein neuer Windstoß und es war
nichts zu vernehmen
    Der graubärtige Mann schien befriedigt und huschte weiter fort auf der
nassen Erde ohne die Laterne hervorzubringen Plötzlich strauchelte er und fiel
auf die Seite Lautlos raffte er sich wieder zusammen öffnete den Mantel ein
wenig und suchte mit dem trüben Lichte seiner Hornleuchte was im Wege liege
    Es war ein Mensch der auf dem Angesichte lag Ringsum floss eine schwarze
Masse in welcher die einzelnen fallenden Schneeflocken schmolzen und die man
selbst bei der düsteren Beleuchtung für Blut erkannte Der Graubart rückte näher
und beleuchtete den Körper von unten bis oben Darauf schüttelte er den Kopf
setzte die Leuchte beiseit und versuchte es den Menschen umzuwenden Mit Mühe
gelang es ihm denn der Körper wog schwer es war ein Leichnam Der Alte nahm
die Leuchte wieder zur Hand das Gesicht war von Blut besudelt aber des Alten
Forschen ging auf einen Orden den der Tote auf der Brust trug Er untersuchte
ihn beim Schein der Laterne Davon abstehend hielt er eine Weile inne und
seufzte tief Dann riss er des Toten Rock auf leerte ihm die Taschen und
schlüpfte weiter
    In einiger Entfernung gabs ein heftig Stöhnen  der Alte näherte sich
vorsichtig prallte aber wie von einem heftigen Stosse zurück dass der Mantel
aufschlug und die Leuchte schimmerte Es war ein sterbendes Pferd das mit dem
Tode ringend die Vorderfüsse in die Erde hieb und dann röchelnd zusammenbrach
Der Alte nahm ein Pistol aus dem Sattel untersuchte vorsichtig ob es geladen
sei und versuchte sodann auch das andere hervorzuziehen er war aber zu
schwach die daraufliegende Wucht des Tieres zu lösen
    Jetzt schlug er den Mantel zurück erhob sich und ging offen mit seiner
Leuchte weiter Links und rechts fand er Leichname und Kadaver von Pferden Er
untersuchte überall nahm was er fand schobs in die Taschen eines weiten
schwarzen Gewandes das er unter dem Mantel trug und ging weiter
    Erschöpft setzte er sich endlich auf die Kruppe eines toten Pferdes stellte
die Leuchte an die Erde und seufzte tief und schwer »Russen Russen nichts als
Russen  o Joel«
    Bei diesen leise gemurmelten Worten stemmte er die Hände auf die Knie der
lange Oberkörper hob sich geisterartig aus dem Mantel und bückte sich nach
vorn Das schmutziggelbe Licht der Laterne fiel zum ersten Male völlig auf ihn
Es war ein alter von Haaren fast unkenntlicher Judenkopf Der weissgraue Bart
bedeckte die untere Hälfte des Gesichts und ging bis dicht an die Backenknochen
Auch von den Wangen selbst und von der scharfen großen Habichtsnase hingen
einzelne lange Haare und die Augenbrauen buschten sich mit ihrem noch dunkel
gebliebenen Kolorit bis an die Augenlider Die Figur war lang und schmal und
gebückt in einen anliegenden schwarzen Rock gehüllt der bis auf die Füße
reichte und von seidenem Stoff zu sein schien wie ihn die polnischen Juden
heute noch tragen Seine mageren langen Hände mit schwarzen Haaren bedeckt
stachen grell von dem dunkeln Kaftan ab
    »O Joel mein Joel« stöhnte er aufs neue und erhob sich wieder und schritt
weiter zwischen Leichen und Kadavern die jetzt mitunter zu großen Haufen im
Wege lagen Es war kein Zweifel mehr dass er auf einem Schlachtfelde wandelte 
Aus einem Haufen drang plötzlich das deutliche Wimmern eines Menschen Der Alte
steckte hastig seinen Kopf vorwärts und horchte und als sich das Gestöhn
wiederholte schritt er schnell darauf zu Es drang mitten aus einem Hügel von
Leichen Mit riesenmässiger Anstrengung die niemand dem alten Manne hätte
zutrauen sollen warf er die oben liegenden Körper auf die Seite und drang zu
dem noch Lebenden Er richtete ihn halb auf und griff in die Tasche brachte
eine Flasche hervor und gab ihm zu trinken Dem Unglücklichen waren die Beine
zerschossen Der Alte streichelte ihm heftig das Gesicht und fragte mit
fliegenden Worten wo die Kickischen Ulanen zuletzt gefochten hätten »Sage
mirs Freund sage mirs gleich ich komme wieder und nehme dich mit«
    Der Verwundete streckte den Arm aus und wies nach Westen »Ist es weit«
Verneinend schüttelte jener den Kopf
    Da nahm der Alte heftig die Leuchte und wollte von dannen aber der
zerschossene Soldat griff krampfhaft in den langen Mantel und sein Wimmern und
seine Mienen beschworen den Juden ihm zu helfen Mit einem Ruck machte sich
indessen dieser los sprach »Ich komme zurück« und schritt hinein in die
Finsternis
    Schneidend drang das Gestöhn des Verlassenen durch die Nacht
    Der alte Jude war nicht lange gegangen da stolperte er über Kürasse und
Helme  »Gott meiner Väter ich bin auf dem rechten traurigen Wege« murmelte
er vor sich hin »mit diesen eisernen Männern haben sie gefochten« Und
überwältigt von Angst und Sorge brach er in lautes Wehklagen aus »Joel Joel
Sohn meiner Ester wo bist du«
    Hastig unter den Riesenleichnamen der Kürassiere herumsuchend die auf und
unter den ungeheuren Pferden lagen wiederholte er diesen Schmerzensruf
unaufhörlich
    Auf einmal vernahm er in einiger Entfernung eine Stimme aber der Wind warf
den rasselnden Eisregen dazwischen er konnte nichts Deutliches vernehmen
    »Manasse mein Vater« klang es von neuem »Joel ich komme Joel «
    Aber statt hinzueilen duckte er sich zusammen zwischen die Füße eines toten
Pferdes und regte sich nicht Seine aufmerksamen Sinne hatten ihn auch nicht
getäuscht ein Trupp Soldaten kam über das Schlachtfeld dahergeritten gerade auf
den Ort zu wo Manasse lag die Leuchte fest in den Mantel hüllend Ob sie
versprengt ob Freund oder Feind waren wer konnte es wissen
    Ein Mann mit einer hell brennenden Laterne schritt voraus die Pferde gingen
schlurfend und unruhig zwischen den Leichen sie kamen dicht zu Manasse kaum
wagte er es hinzusehen nach den in Mäntel gehüllten Reitern
    Dicht in seiner Nähe hielten sie und einige stiegen von den Pferden
Manasse hörte ihre Sprache es waren Russen Zitternd vor Frost drückte er sich
tiefer in die Weichen des toten Pferdes
 
                                       2
Es schien als ob sie den Körper eines bedeutenden Offiziers suchten Alle
Leichen wurden betrachtet und sie kamen dabei Manasse so nahe dass ein Reiter
mit seinen Sporen in des Juden Mantel hängen blieb Manasse regte sich nicht
das morsche Tuch gab nach der Reiter sah sich um aber da die Laterne auf einer
andern Seite leuchtete so entdecktes er den zitternden Juden nicht
    Als sich die suchende Gruppe ein wenig entfernt hatte machte sich Manasse
auf und schlüpfte nach der Gegend wo er Joels Ruf vernommen hatte »Joel 
Joel« flüsterte er ununterbrochen mit gedämpfter Stimme Die Laterne durfte er
nicht zum Vorschein bringen und so kams dass er in einen tiefen Graben
stürzte dessen Oberfläche mit einer dünnen Eisrinde bedeckt war Die Laterne
zertrümmerte und verlosch Er raffte sich mühsam auf  »Manasse  Manasse«
klangs in seiner Nähe Das gab ihm Kraft sich vollends aus dem Graben
herauszuarbeiten »Mein Sohn mein Joel mein Joel«  und so eilte der
Durchnässte dem Rufe zu
    Er fand seinen Sohn halb ausgerichtet und nun brach aus dem Alten ein
wirbelndes Gewitter von Empfindungen los »Mein Sohn mein Joel Esters Sohn 
lebst du wo haben dich die Ismaeliter verwundet o mein Joel« Und dabei fuhren
zitternd liebkosend schnell aber behutsam die Hände des Alten über den ganzen
Körper des Sohnes
    Joel beruhigte ihn mit der Versicherung die Wunde sei unbedeutend und
hindere ihn nur am Gehen
    »Auf mein Sohn hänge dich auf meine Schultern der Wagen harrt unserer im
Hölzchen«
    Joel aber bedeutete seinem Vater erst müsse sein Nachbar dahin gebracht
werden dieser habe ihn durch den letzten Schluck aus seiner Flasche wieder ins
Leben zurückgerufen
    Manasse war eine Zeitlang sprachlos der Ideengang seines Sohnes mocht ihm
augenblicks ganz unfasslich erscheinen  »Törichter Joel mach hänge dich auf
meine Schultern ich werde Mühe haben dich über den Graben zu bringen  ach
Sohn meiner Ester« und Schluchzen hemmte seine Worte er fühlte von neuem
besorgt an Joels Körper herum »Joel wo ist die Wunde welche dir die Gottlosen
geschlagen«
    Joel bestand darauf dass erst sein Nachbar in Sicherheit gebracht werde »Er
war der bravste Soldat und da liegt er erstarrt kaum fühl ich noch einen Rest
Leben in ihm Vater Manasse eilt schafft ihn zum Wagen und holt dann mich«
    Jetzt brach des Alten Leidenschaft in stürmende Worte aus er schalt seinen
Sohn einen halbchristlichen Narren und man wusste nicht mehr ob das
unterbrechende Schluchzen mehr Mitleid oder Zorn gegen seinen Joel sei  »was
kümmert dich der tote Idumäer komm halte dich fest«  Und damit schickte er
sich an seinen Sohn aufzuladen
    Joel weigerte sich entschieden des Alten Zorn stieg auf das höchste  da
kamen die suchenden Russen auf sie zu wahrscheinlich aufmerksam gemacht durch
die lauten Worte des Zwiegesprächs Manasse drückte schnell seinen Kopf in den
Schoss seines Sohnes und bedeutete diesem leise sich still zu verhalten Aber
obwohl die Russen schon dicht am Graben waren so konnte er es doch nicht
unterlassen seine heftige Entrüstung fortzumurmeln über die Torheit Joels wie
ein gereizter Hund leise fortknurrt wenn er nicht mehr bellen darf
    Die Russen standen am Graben und horchten  Manasse regte sich nicht mehr
sie wendeten sich nach einer andern Seite
    Bald erhob sich der vorige Streit zwischen Vater und Sohn aufs neue 
Manasse raufte sich den Bart und schlug bald nach Joel bald streichelte er ihn
Er fand in seinem Kopfe nicht die kleinste Beschönigung für solchen Wahnsinn
und dies brachte ihn immer von neuem außer sich
    Joel aber blieb unerschüttert und so musste der Alte endlich weichen wenn
er den eigenen Sohn nicht seinem traurigen Schicksal überlassen wollte Der
Nachbar Joels lag auf zwei toten Kürassieren also zum Teil im Trocknen Joel
hatte auch ein Stück Mantel über ihn gebreitet
    Unter heftigen Verwünschungen lud ihn Manasse auf sich und schleppte ihn
ziemlich unsanft durch den Graben Dann kam er zurück und brachte auch Joel
hinüber »Lass uns forteilen« rief er am andern Ufer ankommend »der Mensch ist
tot«
    »Und hörst du nicht sein Stöhnen Vater Manasse« damit machte er sich
heftig vom Vater los fiel an die Erde und stieß einen Schmerzensschrei aus da
der Fall seine Wunde berührt hatte
    »Joel mein Blut «
    »Bei unserer Mutter Ester beschwör ich dich Vater Manasse bringe den
Mann fort«
    Seufzend tat es Manasse Keuchend kam er zurück trocknete sich den Schweiß
und lud seinen Sohn auf den Rücken »Meine Glieder zittern vor Frost und doch
rinnt der Schweiß über meine Stirne kaum hab ich den Wagen wieder gefunden  o
Gott meiner Väter wie züchtigst du mich weil mein eigen Blut dieser Joel mit
den Ismaelitern unsere Sitten vermengt o törichter törichter Joel«
    Während er abgebrochen diese Worte sprach waren sie in die Nähe jenes
Verwundeten gekommen welcher dem Alten kurz zuvor den Weg zu seinem Sohne
gezeigt hatte Er bat in herzzerschneidenden Tönen ihm zu helfen und erinnerte
den Alten an sein Versprechen da dieser dicht an ihm vorüberging und trotz der
Finsternis an der Stimme zu erkennen war
    »Vater Manasse was hast du versprochen«
    »Schweig Joel  nichts hab ich versprochen«  und rascher ging er
vorwärts
    Immer kläglicher ward das Winseln des Zurückbleibenden Sie kamen zum Wagen
Sorgfältig legte der Alte seinen Sohn in das Heu womit der kleine verdeckte
Wagen angefüllt war nahm die Pferde am Zügel und brachte mit vieler Vorsicht
den Wagen aus dem Gehölz
    »Vater Manasse hole den Unglücklichen«
    »Schweig kindischer Joel kann ich das ganze Schlachtfeld meinen kleinen
Krabben aufladen kindischer Joel«
    Damit setzte er sich vornhin und fuhr in die Nacht hinein die ein wenig
heller geworden war durch den dichten Schnee welcher seit einigen Minuten dicht
herabfiel
 
                                       3
Es war das Schlachtfeld von Grochow aus dessen Nähe die kleinen Pferde den
Wagen zogen Am Tage vor dieser unfreundlichen Nacht hatten die Polen und Russen
zum dritten Male auf das erbittertste miteinander gekämpft Die Ebene von
Warschau welche sich ostwärts an die nahen Wälder erstreckt war drei Tage lang
der Schauplatz mörderischen Kampfes gewesen
    Bekanntlich fließt der breite Weichselstrom rechts an der polnischen
Hauptstadt Warschau vorüber Die eigentliche Stadt liegt also an seinem linken
Ufer nach unseren Ländern zu und wenn man so sagen darf auf der europäischen
Seite Am Ufer des Flusses hin prangen große Paläste und das stolze Warschau
gewährt von der großen Brücke welche hinüber führt zur östlichen Vorstadt
Praga einen königlichen Anblick Man irrt sehr wenn man bei dem Worte
»polnische Hauptstadt« seine Vorstellung nur ein wenig von dem Anblick und
Begriffe polnischer Ortschaften steigert Warschau gehört zu den imponierendsten
Hauptstädten Europas
    Die Vorstadt Praga nun ein befestigter Brückenkopf war der erste
Stützpunkt der polnischen Armee welche sich auf den Feldern angesichts der
großen Waldungen ausgebreitet hatte Die Russen rückten von Osten her in den
letzten Tagen des Februar aus jenen Wäldern heraus Diebitsch war ihr
Heerführer und angesichts Pragas entspannen sich die zwei Tage lang dauernden
stürmischen Gefechte welche man die Schlacht bei Praga nennt Sie führten
äußerlich zu keinem besonderen Resultate und die Schlacht wird von der
Geschichte eine unentschiedene genannt war aber von großem moralischen
Einflusse Überall hatte man erwartet Diebitsch werde mit der großen russischen
Armee die nach Zahlenverhältnis unbedeutenden Truppen der Polen werfen über die
Pragaer Brücke nach Warschau hineindringen und so den Aufstand endigen Das war
indessen nicht gelungen Die historisch bekannte leidenschaftliche
Vaterlandsliebe der Polen welche man bei dem sonstigen Wesen dieser Nation hier
und da bereits für Prahlerei hielt hatte auf eine überraschende Weise Wort
gehalten Und zwar unter den ungünstigsten Verhältnissen Denn es gebrach ihnen
vor allen Dingen an einem Mittelpunkte ihrer militärischen Kraft an einem
verlässigen Heerführer Chlopicki in der Zeit des Aufstandes am letzten Tage
des November zum Oberbefehlshaber ernannt hatte nie an die Möglichkeit
geglaubt dem mächtigen Russland militärisch die Spitze bieten zu können hatte
sich auf Unterhandlungen eingelassen die Rüstungen vernachlässigt und am Ende
störrisch seine Diktatur niedergelegt als die zum Äußersten entschlossene
Nation ihm in den Weg trat Chlopicki war aber der einzige populäre Mittelpunkt
des Heeres unzweifelhaft tapfer und ein tüchtiger Führer aus der Napoleonischen
Schule Die Wahl eines neuen Führers war unsäglich schwer Einen zweiten so
hervorragenden General gab es nicht jede Wahl musste also die nicht Gewählten
kränken Besonders bei einer so ehrgeizigen und eifersüchtigen Nation Man
entschloss sich zu dem traurigen Auswege einen Nichtmilitär den Fürsten
Radzivil einen alten höchst wackeren Patrioten zum Generalissimus zu erwählen
In der Hoffnung er werde nur für Chlopicki den Namen hergeben
    So geschah es nun wohl auch denn der graue Chlopicki setzte sich zu Pferde
und ritt hinaus ins Lager Er hat ein starres gerötetes Soldatenantlitz
weissgrauen Bart hellblaue scharfe Augen Prüfend sah er nach den Wäldern
hinüber aus welchen die Russen sich entwickelten und ordnete die Treffen Aber
es war ein halbes Wesen mit dem Kommando ohne Titel Nicht alle Führer
gehorchten unbedingt und schnell und es war mehr die erstaunenswerte
ritterliche Tapferkeit der auf eigene Hand fechtenden Korps welche die Schlacht
in den Tagen bei Praga aufrecht erhielt
    Beide Heere waren übrigens in diesen Tagen noch nicht in voller Kraft
Abteilungen der polnischen Armee waren nordöstlich ein wenig vorgeschoben um
die Vereinigung eines großen russischen Korps mit Diebitsch zu hindern Die
überlegene Zahl der Russen hatte dies aber vereitelt am Tage von Grochow war
alles konzentriert
    Grochow ist ein kleines Dörfchen auf der Ebene von Praga Nach diesem
drängte sich an diesem Tage die Hauptschlacht Ein Erlengebüsch war der Preis
des Sieges dasselbe Gebüsch in welchem Manasse die Nacht darauf sein Fuhrwerk
verbarg
    Diebitsch hatte am Ende bei so hartnäckigem Widerstande die Entscheidung des
Tages auf einen großen Reiterangriff gesetzt und Chlopicki war bei neuer
Eroberung des Gebüsches von einer Granate niedergeworfen worden Schon vorher
hatte sein scharfes Auge die Entwicklung der Reitermassen am fernen Waldessaume
entdeckt und ununterbrochen hatte er nach Kavallerie gerufen Aber er war nicht
Generalissimus und Fürst Radzivil nicht bei der Hand Noch als man ihn forttrug
wies er fortwährend mit seinem Pfeifenstummel zurück und flehte um Kavallerie
    Von Praga aus läuft mitten durch die Ebene die breite große Heerstraße in
die Wälder hinein über Siedlce bis an die altpolnischen Provinzen Sie war der
Mittelpunkt des auf diese Tage folgenden Krieges der rote Faden aller Treffen
und Schlachten vor der bei Ostrolenka Auf und neben dieser Straße war der
kolossale Angriff von Reitern einhergedonnert welchen Diebitsch angeordnet
hatte Auf der Straße selbst kamen die gewaltigen Kürassierregimenter unter
welchen das Riesenregiment Prinz Albrecht an der Seite der Chaussee die
leichtere Reiterei
    Dieser Angriff nun war durch den kalten Mut der polnischen Infanterie
welche sich in Karrees formierte und erst in der dichtesten Nähe des Feindes
ein mörderisches Rottenfeuer eröffnete er war durch die gewandte Tapferkeit der
Kickischen Ulanen zersprengt worden Die besudelten zersprengten abgematteten
Reste welche nach dem Saume des Waldes zurückkamen nötigten Diebitsch den Tag
aufzugeben und in die Wälder zurückzugehen
    Bei diesem blutigen Reitergefechte waren Joel und sein Nachbar gefallen
    Durch Chlopickis Fall war aber auch unter den Polen eine solche Ungewissheit
entstanden dass niemand recht wusste wie die Schlacht stand Wer eben am Kampfe
war kämpfte aufs beste ein großer Teil des Trains zog aber bereits schon im
Rückzuge über die Brücke von Praga und der Generalissimus Radzivil selbst hielt
unsicher mit seinem Pferde am Brückenköpfe
    So lagen die Sachen an jenem rauen Spätabende und weder Manasse der
jenseits aus der Waldung gekommen war noch Joel der bald polnische bald
russische Partien vorübereilen gesehen hatte wusste wie das Schicksal des Tages
entschieden worden sei Im allgemeinen kamen indessen beide dahin überein das
Resultat für die Polen günstig anzusehen da Manasse auf seiner Herfahrt durch
den Wald nur mit Mühe den rückwärts marschierenden Russen ausgewichen war Dies
regte nun aber auch wieder die größte Bedenklichkeit auf ob man sich auf den
Weg nach der Heimat machen dürfe da dieser eben durch jene Wälder führte oder
ob es geratener sei nach Warschau zu fahren Der Wagen kam eben an der großen
Chaussee an und man musste sich entscheiden
    Manasse hatte viel gegen Warschau einzuwenden es sei ein teurer Ort man
werde abgesperrt von allem Verkehr das Haus in der Heimat bliebe allen Zufällen
preisgegeben an Pflege für den Verwundeten dürfe man auch nicht denken da
soviele Tausende darauf Anspruch machten Im Hintergrunde lag ihm auch der
lebhafte Wunsch dem Sohne die Soldatenjacke wieder auszuziehen worauf in
Warschau durchaus nicht zu rechnen war Zur Sicherheit kannte Manasse alle
kleinen Wege durch die Wälder und meinte zuversichtlicher als sonst seine Art
war man würde gewiss glücklich durchkommen wenn man sich weit genug rechts von
der großen Straße halte nach dem Schloss des gnädigen Herrn zu
    Anfänglich hatte sich Joel lebhaft widersetzt der letzte Zusatz schien ihn
aber anders zu stimmen Der Alte mochte ihn nicht ohne Absicht beigebracht
haben Joel schwieg  Manasse fuhr quer über die Chaussee nach dem Walde zu
 
                                       4
Die Finsternis zwischen den Bäumen war natürlich noch dichter und das Fahren
sehr beschwerlich Manasse zitterte und klapperte vor Frost in den nassen
Kleidern sprach aber kein Wort Er mochte indes noch so oft absteigen und
rechts abführende Wege suchen indem er mit den Händen herumtastete immer hörte
man von Zeit zu Zeit auf der linken Seite den verworrenen Lärm russischer
Kriegsvölker Nicht selten musste er stillhalten weil er bald eine
marschierende bald eine reitende Truppe vor sich hörte Es blieb auch nicht
aus dass sich einzelne Nachzügler am Wege fanden welche vor Wunden oder
Erschöpfung nicht weiter konnten und den Wagen in Anspruch nahmen
Glücklicherweise war aber Manasse der russischen Sprache völlig mächtig und er
wies alle Zudringlichen mit dem barschen Bedeuten ab er führe einen verwundeten
russischen General
    Bei alle dem war die Lage äußerst gefährlich wenn die Russen die polnischen
Uniformen gut dem Wagen erkannten so war das Äußerste zu befürchten So nötig
ihnen also auch das Tageslicht war zum Auffinden des Weges so besorgt sahen sie
doch das verdrießliche Grau des Morgens heraufdämmern
    Und das Unglück stand auch schon am Wege Nicht weit von ihnen teilte sich
die Straße am Scheidepunkte hielt ein russischer Offizier zu Pferde Als er das
Fuhrwerk erblickte kam er ihm einige Schritte entgegen und forderte mit rauen
Worten die Abtretung des Wagens Manasse brachte die gewöhnliche Entschuldigung
vor Der Offizier ließ sich aber nicht hindern zog den Degen gebot Halt und
steckte den Kopf nach dem Wagen hinein Glücklicherweise war jener Mantel womit
Joel auf dem Schlachtfelde seinen Nachbar zugedeckt hatte von einem russischen
Kürassier Joel suchte deshalb in Eile sich selbst damit zu bedecken und da er
ebenfalls Russisch verstand so rief der drohend der Kamerad möge einen
russischen General nicht aufhalten Der Offizier an die unterwürfigste
Subordination gegen Höhere gewöhnt wollte sich eiligst zurückziehen als
Valerius  so hieß der Nachbar Joels  zum ersten Male die Besinnung wieder
erhielt und sich ein wenig aufrichtete Der plötzliche Stillstand des Wagens
das heftige Gespräch mochten dazu beigetragen haben Durch diese Bewegung ward
der Mantel zurückgeschlagen und der Offizier sah noch mit dem letzten Blicke
polnische Uniformen Da erhob er ein lautes Fluchen hieb mit dem Säbel nach
Manasse und griff nach der Pistolenhalfter Manasse war aber dem Hiebe glücklich
ausgewichen Joel schob sich so schnell und so weit es seine Wunde gestattete
vorn nach der Öffnung des Wagens und drückte ein Pistol nach ihm ab Der Schuss
traf der Reiter wankte Manasse hieb in die Pferde und der Wagen flog rechts
in den Weg hinein
    Es war dasselbe Pistol welches Manasse auf dem Schlachtfelde mitgenommen
und unterwegs seinem Sohne gegeben hatte Dies rettete sie für den Augenblick
der Schuss hatte aber ihre Lage doppelt bedenklich gemacht Er musste alles
aufregen was von Feinden in der Nähe war und wirklich hörten die Flüchtigen
bald mehrere Schüsse hinter sich fallen und Lärm von vielen Seiten Manasse
trieb die bereits erschöpften kleinen Pferde auf das äußerste an und fuhr in
jeden noch so schwach angedeuteten Weg hinein welcher sich nach rechts hin
öffnete
    Nach einer Viertelstunde hörte aller Weg auf und sie waren mitten im
unwirtlichen Forste Die beschneiten Kiefern sahen sie trostlos an der Schnee
fiel dichter sie waren ratlos Manasse stieg wimmernd und betend ab um einen
Ausweg zu suchen Valerius war unterdessen völlig zu sich gekommen Joel sah
jetzt hastig nach des Nachbars breiter Kopfwunde Es war der tüchtige Hieb eines
handfesten Kürassiers So gut er konnte verband er wenigstens die klaffende
Stelle mit seinem Halstuche und setzte Valerius von dem in Kenntnis was mit
ihnen vorgegangen war
    »Und warum fahren wir zu den Feinden statt nach Warschau« fragte dieser
verwundert
    »Still still« erwiderte Joel »wo ich Sie unterbringen werde gibts keine
Feinde es ist eine überaus patriotische Familie Sie werden mit Bequemlichkeit
geheilt die alte Gräfin «
    Ein durchdringender Schrei Manasses unterbrach ihn Sie fuhren hastig an die
Öffnung des Wagens Manasse kam an den Wagen gestürzt die Pferde gerieten in
Bewegung ein Wolf sprang durch die Bäume graurot mager den Kopf mit den
tödlichen düsteren Augen nach dem Fuhrwerke gerichtet Valerius und Joel schrien
ebenfalls jach auf die Pferde jagten mit dem Wagen in die Bäume hinein die
Achsen und Rippen des Fuhrwerks krachten mit Mühe erhaschte Joel die Zügel und
sprang seine Wunde vergessend aus dem Wagen Ebenso tat Valerius dessen Füße
ihn nicht hinderten rückwärts nach dem verlassenen Schauplatze zu laufen Joel
konnte nicht wieder von der Erde in die Höhe und schrie auf das kläglichste
»Manasse Vater Manasse«
    Der Alte war bei dem plötzlichen Anrücken des Wagens auf die Seite geworfen
worden und zurückgeblieben Alles das lag im Zeitraume von wenig Augenblicken
    Valerius fand noch vom Schlachtfelde den Säbel an seiner Seite und obwohl
ihm Schmerz und Betäubnis durch die Wunde bei der plötzlichen Bewegung alle
Gegenstände in eine Art von Nebel hüllte so tappte er doch mit gezogener Klinge
vorwärts
    Manasse kauerte an einem Baume zitterte und bebte und wies mit den Händen
nach der Seite »Er ist vorüber ist vorüber«
    Kaum vermochte es der schwache Valerius den in diesem Augenblicke noch
schwächeren Alten aufzurichten Diesem hatte die Todesangst alle Sehnen
zerschnitten Straff und geschmeidig war er bis hierher durch soviel Gefahren
gegangen und vor dem wilden Tiere brach er zusammen Er gestand es später dass
ihm ein ganzer Trupp Feinde nicht so fürchterlich seien als ein gefährliches
Tier »Es sind doch Menschen« sagte er mit schwacher Stimme als er bis zum
Wagen gekommen war und sich ein wenig erholt hatte »es sind Menschen für
tausend Dinge zugänglich mit Organen wie ich mit Schwächen wie ich Sie können
auf mich schießen und meine Furcht ist nicht so groß sie können vorbeischiessen
 aber die Bestie hat keine Schwäche mit mir gemein ihre Zähne treffen immer 
ach Joel«
    Trotz seiner Schwäche sah er dass der Sohn hilflos an der Erde lag und mit
zitternden Händen griff er nach ihm »Joel warum tust du dir solchen Schaden
Das wilde Tier sprang vorbei weil wir alle geschrien haben wozu steigst du mit
dem kranken Beine vom Wagen  «
    Joel verbarg seinen Schmerz und ließ sich von Valerius und dem Alten wieder
hinaufheben Darauf untersuchte Manasse voll Angst und Sorge ob und wie der
Wagen zerbrochen wäre sah sich indessen immer noch vorsichtig um ob noch eine
Bestie in der Nähe sei
    Der Wagen war zwar beschädigt aber nicht so arg dass die Weiterfahrt nicht
hätte gewagt werden können Er war durch den plötzlichen Ruck der Pferde auf
einen schmalen freien Platz gebracht worden und es öffnete sich wieder ein
enger Weg rechts in den Wald hinein So fuhren sie denn in Gottes Namen weiter
Manasse war noch totenbleich und die großen schwarzen Augen lagen erloschen
tief in den Höhlen die langen erstarrten Finger hielten unsicher die
Lenkstricke der Pferde
    So gings einige Stunden fort Es zeigte sich kein Wechsel immer dieselben
unwirtlichen Kiefern derselbe halb verschneite Weg Valerius sagte ob man
nicht den Pferden etwas Heu vorlegen wolle Manasse schüttelte schweigend den
Kopf Man könne indessen ein Feuer anmachen um sich ein wenig zu wärmen
Manasse selbst vor Frost klappernd schüttelte schweigend den Kopf  Der Alte
war zwar von Wilna bis Lemberg und von Brody bis Kalisch mit allen Wegen und
Stegen des alten Königreichs bekannt aber wer einmal auf Irrwege gerät in
diesen polnischen Wäldern namentlich wenn der Schnee die Gegenden alle gleich
macht der braucht auch bei genauer Kenntnis des Landes oft Tag und Nacht eh
er sich wieder zurecht findet Manasse sah immer aufmerksam vor sich hin und
trieb die müden Pferde ununterbrochen an Joel klagte über Hunger der Alte zog
ein Stück Brot aus der Tasche und reichte es seinem Sohne ohne selbst einen
Bissen zu begehren Wohl aber wandte er sich verdrießlich um als Joel einen
Teil davon an seinen Nachbar gab
    Es mochte gegen Mittag sein als er still hielt und den Pferden etwas von
dem Heu vorwarf was auf dem Wagen lag Er zupfte es von der Seite heraus auf
welcher Valerius saß und beobachtete übrigens noch immer dasselbe Schweigen
Vorsichtig griff er nun an seines Sohnes Bein und sah fragend mit schmerzlichem
Gesichte zu ihm in die Höhe Auf Joels zufriedenes Kopfnicken ging er hinweg und
stellte sich an die Seite des Wagens Das Schneien hörte auf und es fuhr solch
ein hellgrauer Dämmer über den Himmel wie er in jenen Gegenden zuweilen daran
erinnert es sei noch eine Sonne hinter den Wolken Alles rings war still
    »Ich höre Tritte  wahrhaftig ich höre Tritte« sagte Manasse murmelnd vor
sich hin Joel und Valerius indessen entdeckten nichts Wirklich aber trat nach
einer Weile ein Mann aus den Kiefern und kam in den Weg unserer Reisenden Er
nahm keine Notiz von ihnen und wäre wahrscheinlich ohne zu grüßen
vorübergeschritten wenn ihn nicht Manasse angeredet hätte Der polnische Bauer
und einem solchen sah er gleich in dem kurzen Schafpelze der die Knie kaum
bedeckte ist auf der Landstraße nickt gesellig am wenigsten spricht er einen
Juden an Das unterlässt er nicht sowohl aus Hass oder Abneigung sondern aus
gewöhnlicher Gleichgültigkeit Der Reisende hat kein Interesse für ihn und die
deutsche Redseligkeit die sich freut wenn sie nur Gelegenheit findet etwas zu
reden die kennt er nicht Er geht tagelang durch Wald und Feld ohne ein Wort
zu sprechen Er unterscheidet sich von der höheren Klasse in sehr vielen Dingen
welche nicht bloß Reichtum und äußere Verhältnisse betreffen Das Melancholische
des slawischen Volkscharakters ist noch vielfach am Bauer zu erkennen Mag er
auch heftig schnell verschlagen erscheinen der trübe Slawe ist doch der Grund
seines Wesens und Schweigsamkeit bringt er aus seiner Hütte mit Das
chevalereske lebendige Wesen der Polen das uns als polnisches bekannt wird
ist wie gesagt mehr dem Vornehmen eigen und widerspricht auch dem eben
Gesagten nicht  der lebhafteste Pole ist nicht so geschwätzig wie der Franzose
und Deutsche
    Manasse erkundigte sich in schneller Frage nach Weg und Richtung und ob
kein Dorf in der Nähe sei Der Bauer antwortete »Ja« und schritt weiter
Manasse zäumte die Pferde wieder und fuhr hinter ihm her Bald hatte er ihn
eingeholt und begann seine Fragen von neuem ob Russen in dieser Gegend seien
Der Bauer schüttelte den Kopf  ob da drüben von wo er herkäme schon welche
wären
    »Ja«
    Nun peitschte der Alte die Pferde und in kurzem sah er auch die Hütten
eines Heidedörfchens vor sich Gleich aus dem ersten Hause guckte ein alter
Judenkopf nach den Ankömmlingen Manasse hielt still denn das war ihm ein
Zeichen dass er vor dem Wirtshause sei Die meisten der polnischen Schenken sind
im Besitz von Israeliten
    Die Verwundeten wurden ins Haus gebracht Das Zimmer begann sogleich an der
Haustür der Fußboden war ohne Dielen ein großer Ofen stand in einer Ecke des
weiten Raumes und Feuer und Rauch drangen aus seinen vielen Ritzen Dort legte
Manasse seinen Sohn nieder versorgte die Pferde verschafte sich warmes
Wasser zog ein chirurgisches Besteck unter dem seidenen Rocke hervor und kniete
nun hin vor seinen Sohn um die Wunde zu untersuchen Aus den festen und
sicheren Handgriffen konnte man schnell ersehen dass er in dieser Beschäftigung
vollkommen erfahren war Als er die Wunde abgewaschen hatte stöhnte er vor
Schmerz als säße die Kugel welche er entdeckte in seinem Fleische
    Unterdes trat auch der Bauer ein forderte ein Glas Schnaps und sah der
Operation zu Aufmerksam betrachtete er die Uniformen der Reisenden sie waren
das erste was seinen Indifferentismus zu stören schien
    Zur Stärkung für die Verschmachtenden war nichts zu finden als ein Glas
Schnaps ein Stück Brot und ein Töpfchen alter Kartoffeln das Manasse ans Feuer
setzte
 
                                       5
Die Operation war glücklich vollendet Joel lag am Ofen und war vom Schmerz
erschöpft eingeschlafen Manasse saß neben ihm an der Erde und bewachte
aufmerksam seinen Schlummer Er hatte noch immer keine Nahrung genossen und
verlangte noch immer keine Seine Augen ruhten nur auf den Zügen seines Sohnes
Es ward allmählich dunkel in dem Raume und der schwarze magere Alte mit der
Habichtsnase dem schwarzen Käppchen auf dem Haupte glich in seiner
zusammengekrümmten Stellung einem alten Raubvogel welcher sein Junges hütet
Das unsicher flimmernde Licht aus den Ofenritzen erhöhte das Phantastische des
Anblicks
    Der Hauswirt welcher öfter als nötig war an der Gruppe vorüberging fragte
endlich leise Valerius ob der Schlafende ein Verwandter Manasses sei Bei der
Antwort schwieg er Nach einer Weile trat er an den Alten hin und sagte leise
»Ist des Rabbi Manasse Fleisch ein Krieger unter den Nazarenern«
    »Sprich nichts Unnützes« erwiderte hastig ebenso leise der Alte »bis dazu
kommt die gelegene Zeit«
    Der polnische Bauer hatte sich unterdessen an Valerius gemacht und ihm
mitgeteilt er wolle Soldat werden ob ihm dieser nicht sagen könne wo er
polnische Truppen fände Valerius erkundigte sich nach seinen näheren Umständen
und der Bauer gab ihm in wenig Worten Auskunft Er heiße Taddäus Magiak und sei
drüben aus Wawre wo die Russen stünden Eigentlich habe er nicht viel Lust zum
Kriege gehabt als er aber die Russen gesehen habe da sei ihm den Groll
gekommen und er sei zur Hintertür hinausgesprungen um die Soldaten seiner
Landsleute zu suchen »Was soll ich auch daheim« setzte er hinzu »Arbeit gibt
es während des Krieges nicht der Herr ist fort den Feinden mag ich keinen
Handgriff tun und die Russen hassen wir alle Es sind mir viel Kameraden
begegnet hier herüber die auch davongegangen sind allein kommt aber jeder am
besten durch  die Weichsel ist breit und unsere Lanzen sind lang Als die
Moskowiter gestern zurückkamen haben wirs wieder erfahren  helft mir zu
einer Lanze Herr«
    In diesem Augenblick stürzte der jüdische Wirt mit dem Geschrei in die
Stube »Die Russen die Russen Ich höre ihr Geschrei im Walde« Im Nu hatte
Manasse seinen Sohn auf den Armen und stürzte hinaus zum Wagen Taddäus war
auch wie ein Blitz bei der Hand und zäumte den einen Gaul der Alte schrie
»Genug genug« sprang auf den Wagen und wollte fort eh Valerius noch
eingestiegen war Der flinke Bauer riss ihm aber die Zügel aus der Hand stieß
ihn rücklings in den Wagen sprang selbst hinauf hob Valerius zu sich entriss
dem Alten die Peitsche und jagte in den Wald hinein
    Hier hielt er still zäumte rasch auch das andere Pferd gab Valerius die
Zügel horchte einen Augenblick und sagte dann »Der Jude hat nicht gelogen das
ist Kosakengeschrei  Wohin willst du« fragte er den Alten kurz
    Manasse nannte den Namen eines Städtchens wo er zu Hause sei
    »Wenn die Kosaken hier sind« erwiderte Taddäus »so sind sie auch längst
in Eurem Orte«
    Manasse seufzte tief Joel der aufgewacht war nannte das Schloss eines
Grafen
    »Ich weiß« rief Taddäus und fort gings im Galopp Es war finster
geworden der neue Kutscher schien aber des Weges vollkommen sicher zu sein
Valerius kroch aus Frost mit in den Wagen und sank in Schlaf
    Als er wachte war es schon heller Tag und das Fuhrwerk stand still
Manasse und Joel waren schon abgestiegen die Pferde waren ausgespannt und
Taddäus wartete seiner am Kutschersitze stehend Die vernachlässigte Wunde
hatte sich gerächt und machte ihm große Schmerzen ja als er sich aufrichten
wollte verlor er das Bewusstsein
    Da er wieder zu sich kam fand er sich auf einem harten Bett in einem großen
Gemache die Sonne schien hell durch schmutzige Fenster von Möbel fiel ein
glänzender Sekretär von Mahagoniholz in die Augen daneben stand aber ein
fichtener Schemel und ein grober gewöhnlicher Tisch war an das Bett geschoben
Die Decke welche auf ihm lag war von dunkelroter Seide und auf das sauberste
gearbeitet Man sah an allen Winkeln des Zimmers dass es lange nicht bewohnt
worden sei
    Taddäus stand neben dem Tische und sah mit fröhlichen Augen auf den sich
bewegenden und ermunternden Kranken Valerius blickte ihn lange an der frische
Polack mit dem roten frischen Luftgesicht war ihm eine tüchtige Verheißung der
Gesundheit Taddäus war auch wirklich ein Repräsentant jenes schlanken und doch
fleischig und saftigen polnischen Nationalkörpers an dessen Bewegungen man
überall Kraft und Geschmeidigkeit erblickt Er mochte sechsundzwanzig bis
achtundzwanzig Jahre alt sein das lichtbraune Haar hing ihm glatt geschnitten
um den Kopf die blaugrauen Augen sahen verschlagen unter langen Wimpern hervor
ein weicher Bart der nie geschoren sein mochte lag auf Lippen und Kinn und
der nackte Hals sah wetterhart aus dem schmutzigen Pelze Er sprach nicht eher
als bis Valerius ihn fragte Dann unterrichtete er ihn soweit er es vermochte
Sie seien auf dem Schloss eines reichen Grafen welchem die ganze Umgegend
zugehöre Als man gehört dass Valerius ein Freiwilliger aus Deutschland und bei
Grochow verwundet sei habe man ihn auf das bereitwilligste empfangen Manasse
habe ihn verbunden und sei alsdann nach seinem Städtchen gewandert um seine
Habseligkeiten zu schützen Joel sei noch da und könne schon am Stock
umhergehen das ganze Haus lebe übrigens in großer Fröhlichkeit weil nach allen
Nachrichten und den Bewegungen der Russen kein Zweifel obwalte dass die Schlacht
bei Grochow von den Polen gewonnen worden Er selbst  Taddäus  sei zu
Valerius Pflege dageblieben weil die meisten männlichen Domestiken Soldaten
geworden und weil die Wunde des Herrn aus Deutschland nach Manasses
Versicherung ihm bald gestatten würde den Taddäus mit nach Warschau zu nehmen
    Valerius konnte bald das Bett verlassen der Graf ließ sich entschuldigen
dass er dem Gast nicht aufwarte  das Podagra fessele ihn an sein Zimmer Er
eilte ans Fenster um sich zu orientieren Das Schloss schien ein großes Gebäude
zu sein es war aber offenbar schlecht erhalten der Putz war an vielen Stellen
abgefallen die Stufen welche zum Portal führten waren schadhaft oder fehlten
ganz die Rinnen hingen zerstört von der Traufe auch das Dach musste schadhaft
sein denn im Zimmer des Valerius das sich im zweiten Stock befand war ein
Teil der Decke so mit Feuchtigkeit angefüllt dass er jeden Augenblick
herunterzustürzen drohte Die Aussicht vom Fenster führte auf den nahen Wald
Wirtschaftsgebäude und Scheuern lagen zerstreut umher und gewährten einen
unerfreulichen Anblick Sie waren nachlässig aus Lehm gebaut und mit Stroh
gedeckt Hie und da bemerkte man große Lücken in Dach und Mauern Die dünne
Schneelage welche alles bedeckte schmolz eben unter der hervortretenden Sonne
und das Ganze bekam ein schwarzes unwirtliches Ansehen
    Valerius stand mit untergeschlagenen Armen am Fenster und ein tiefer
Seufzer drang aus seinem Herzen Er war aus Deutschland gekommen um diesem
tapferen Volke zur Erkämpfung der Freiheit seinen Arm zu leihen Mut und
Patriotismus ohnegleichen hatte er allerdings gefunden sonst aber alles in
traurigem Zustande Hohe gesellige Kultur neben aller Vernachlässigung des
häuslichen Lebensmaterials Ehrgeiz ohne Maß und ohne Berücksichtigung der
Allgemeinheit keine Spur von deutscher Häbigkeit und Wohlfahrt »Es ist ein
ander Volk ein ander Land« sprach er oft zu sich »du musst dich einleben es
nicht nach andern Formen bemessen« Aber froh wurde er doch nicht
    Wir glauben es nicht wieviel äußere Freiheit wir entbehren können für den
zierlichen und behaglichen Herd für die anregende und befriedigende
Gesellschaft So dass die gesellige Kultur oft mächtiger erscheint als der Drang
nach Freiheit Dies macht es auch allein erklärlich wie ganze Völker ohne Klage
in den erniedrigendsten Regierungsformen fortleben ja sich befriedigt fühlen
können
    Die Behaglichkeit eines heimlichen hergebrachten Zustandes ist die größte
Macht des Bestehenden da immer nur der kleinste Teil des Volkes von Ideen
angeregt wird und aus dem warmen Bett in die kalte Luft hinausspringt
    Joel kam herbeigehinkt und unterrichtete den Kranken über Personen
Eigentümlichkeit und Zusammenhang des Hauses
 
                                       6
Einige Tage darauf war Valerius so weit hergestellt um der Familie des Hauses
seine Aufwartung machen zu können Er fand den Grafen in einem weiten leeren
Saale Dort saß er auf einem Räderstuhle große Jagdhunde lagen daneben die
Füße waren in weite Pelzstiefeln gehüllt ein reicher Zobelpelz schützte ihn
gegen die ziemlich unbehagliche Temperatur des öden Raums
    Der Graf empfing ihn mit der Höflichkeit eines gewandten Weltmannes
Valerius musste sich einen der schlechten Stühle nehmen welche in geringer
Anzahl und unordentlich im Saale herumstanden und das Gespräch war sogleich
mitten im Kriege
    Der Graf hatte eines jener verwüsteten Gesichter die auch mitten in der
Verwüstung noch Spuren von großem Reiz entwickeln Die Formen sind ursprünglich
scharf und schön gewesen das Leben hat sie hie und da abgestumpft die Mienen
sind durch tausend Affekte ein wenig verzerrt worden Die Mienen sind aber die
Sprache der Formen und so machte der Anblick des Grafen keinen wohltuenden
Eindruck Das graue Haar lockte sich nur spärlich noch um die Schläfe das Haupt
war schon kahl auf der hohen Stirne liefen allerlei Leidenschaften wild
durcheinander und die Augen lauerten dreist oder kamen frech angesprungen Um
den Mund welchen ein schwarzer Knebelbart zur Hälfte verbarg flogen jene
schnell wechselnden ungewöhnlichen Falten und Eindrücke die wie ein
unbekanntes Alphabet aussahen dessen Buchstaben man nicht zusammenreimen kann
    Das war der Mann welcher vor Valerius saß heftig schilderte verbindlich
dazwischen sprach einen der Hunde über den Kopf schlug die Peitsche nach dem
alten Diener warf der den Tisch zu decken kam und mit dem Fuße an einen der
Hunde stieß schnell wieder verbindlich gegen den Fremden lächelte und mit
vielerlei Redensarten das Gespräch fortzuspinnen wusste
    Aber in dem einen Punkte war er wie die Besten alles ward hingegeben für
Polen alles aufs Spiel gesetzt  der Graf brauchte nur seltener das Wort
»Vaterland« er sprach vom Königreich Polen
    Selbst diese Eigenschaft hatte für Valerius etwas Unheimliches Dies Gefühl
ward noch gesteigert durch die Mutter des Grafen welche bald darauf eintrat Es
war eine Matrone von achtzig Jahren aber sie trug ihre hohe Figur noch
kerzengerade und ihr starres mageres Gesicht war noch voll angefangener
Erzählungen von früherer außerordentlicher Schönheit Sie machte den Eindruck
eines Gespenstes auf Valerius denn sie war schwarz gekleidet vom Scheitel bis
zur Zehe und ihre Manieren waren steif und förmlich wie man sie an alten
spanischen und französischen Hofdamen beschreibt Eine kurze Rede welche sie an
ihn richtete und worin sie im Namen der Nation dankte dass er aus fremdem Lande
zum polnischen Kriege gekommen sei machte einen peinlichen Eindruck auf den
Deutschen Die Worte kamen wie aus dem Grabe und waren kühl wie die Luft der
Grüfte Und doch war diese Frau eigentlich das Ehrwürdigste was man sehen
konnte Als achtzehnjähriges Mädchen hatte sie die erste Teilung erlebt und jene
erste Wut des Adels gesehen die noch nicht wusste wie sie sich gestalten sollte
über die grinsende Neuheit der Dinge Sie war am Hofe des gelehrten Stanislaus
des letzten Königs gewesen sie hatte Kosciusko durch ihre Schönheit und ihre
Rede begeistert ihr Gatte war mit ihm bei Maciejovice gefallen fünf ihrer
Söhne waren in den Napoleonischen Kriegen untergegangen im Jahre zwölf hatte
sie zu Napoleon gesprochen vom Königreiche Polen vor wenig Tagen war ihr
letzter Enkel bei Grochow in der Schlacht gewesen und sie wußt es noch nicht
ob er noch lebte und fragte auch nicht danach Seit Kosciuskos Falle hatte
niemand sie mehr lächeln sehen und sie trug nun sechsunddreissig Jahre die
schwarzen Kleider
    »Wenn man von Wilna bis an die Karpaten kein russisch Wort mehr hören
wird« pflegte sie zu sagen »dann sollt ihr mich mit einem weißen Kleide in den
Sarg legen und ich will im Tode wieder lächeln Ich will auch nicht eher
sterben als bis dies geschieht oder bis man noch einmal schreibt Es gibt kein
Polen mehr Und ließe Gott unser Gott das letztere geschehen dann sollt ihr
meinen Leichnam auf das freie Feld werfen für die Vögel des Himmels damit die
Kunde von unserem Unglück durch alle Lüfte getragen werde und Gott sie hören
muss«
    Es ist ein tiefes Geheimnis um die Heimat und es ist ein wahres Wort Was
uns wohl tun soll muss uns heimatlich werden Valerius staunte die lange
Grabesfrau an er sah in das untraulich lächelnde Gesicht des Grafen aber es
war ihm kalt im Herzen Er fühlte es mit tiefem Weh dass ihn nur ein Begriff mit
diesen Leuten vereine kein Tropfen warmen Blutes dass die Nationalitäten die
ihm stets unwichtig erschienen waren von gewaltiger Bedeutung und Trennung
seien
    Nur die Tochter des Hauses die schöne Hedwig erinnerte ihn an das frische
polnische Element an die ewige tragische Jugend dieses Volkes die nimmer
klagt und wimmert und unter Tränen lacht Sie und der liebenswürdige Joel
hielten seinen Mut aufrecht in dieser unnahbaren Fremde Die Liebenswürdigkeit
ist überall daheim
 
                                       7
Die beiden Jugendgestalten waren es allein die seinen Geist ein wenig
aufheiterten War es Folge der Krankheit oder rührte es von andern Einflüssen
her Valerius befand sich fortwährend in einer Stimmung die ihm das Leben ohne
alle Farben ohne alle Reize darstellte Er war durchgehends unzufrieden mit
sich selbst unzufrieden dass er sich früher jedem Anregen zur Begeisterung
hingegeben hatte unzufrieden dass ihm jetzt alles grau unerquicklich
uninteressant erschien
    Es war ein rauer Abend als ihm diese Gedanken quälender als je auf Herz
und Lippe traten Er saß in dem großen Saale wo die Familie zu Abend gegessen
hatte Die alte Gräfin und der Graf waren nach ihren Zimmern gebracht Kölestin
der betagte Diener räumte den Tisch ab und brachte die leeren Flaschen beiseit
Das war ein Geschäft das der regierende Herr Graf alle Tage einigemal nötig
machte Der weite wüste Saal lag in unheimlicher Dämmerung ein Licht das für
Valerius bestimmt war brannte flackernd an einem Fenster und der Luftzug der
durch die schlecht verwahrten Rahmen drang drohte es zu verlöschen Der alte
Domestik ging leisen Schrittes schweigend ab und zu in dem fernsten Winkel des
Saales stand Valerius und blickte in die unfreundliche Nacht hinaus Hie und da
sah er eine Schneeflocke vorübergleiten
    Er war in einer traurigen Stimmung wie sie im jungen Mannesalter bei einem
prüfenden strebenden Geiste leider nicht so selten erscheint als man zu
glauben geneigt ist Sein Charakter war nicht von jenem leidenschaftlichen
Schwunge gehoben der ohne weiteres auf den Dingen und Erscheinungen hinfliegt
welche sich ihm bieten Obwohl der begeisterndsten Gefühle fähig war doch ein
gewisses rationelles Wesen in seinem Innern mächtig Er hatte selten rasch und
leidenschaftlich eine Richtung eingeschlagen blieb er nun zwar im Verfolgen
derselben um so standhafter und hartnäckiger je tiefer allmählich seine
Überzeugung Wurzel geschlagen hatte so fehlte ihm doch in kritischen Momenten
jener schwärmerische Fanatismus der alle Zweifel überflügelt und mit bunten
Farben die blasse Wirklichkeit übertüncht Jenes begeisternde Element Alexanders
des Großen ging ihm ab das dieser von seiner exaltierten Mutter Olympia geerbt
hatten
    Man erzählt von dieser dass sie die wildeste unter den Frauen gewesen sei
welche mit aufgelöstem Haar und brennenden Fackeln und Augen in dunkler Nacht
zum Opfer der Götter schritten In der Nacht bevor sie Alexander empfing hatte
sie geträumt Jupiters Blitze schlüge in ihren Schoss
    Dieser Blitz des Jupiter der die zweifellosen Helden und Verbrecher
schafft der Blitz des Fanatismus fehlte dem Valerius Sein Wesen war fern von
der schwanken Unentschlossenheit von dem charakterlosen Umhertappen Es war
eben im Gegenteil zuviel Charakter in ihm als dass er hätte gerade fortschreiten
können ohne wiederholt zu prüfen es war zuviel Humanität in ihm als dass eine
entschiedene unerschütterliche Feindschaft in seinem Herzen hätte entstehen
können Die Humanität verträgt sich nicht mit dem romantischen Heldentume
    Valerius hatte sich Polen anders gedacht und er schalt sich dass er sich
wie ein Kind romantischen Vorstellungen hingegeben hatte »Ist es nicht töricht
andere Zustände von einem Lande verlangen zu wollen dessen Entwicklung so
gewaltsam gestört worden ist Bedarfs denn äußerer bunter Illusionen um die
Begeisterung für einen schönen Begriff lebendig zu erhalten   Leider ist es
so unsere Augen sind die schnellsten Boten wir tun immer nur halb so viel für
ein garstiges Mädchen als für ein schönes wenn wir auch glauben es mit jener
so gut zu meinen als mit dieser«
    So sprach er leise vor sich hin Er kam nicht einmal zu dem Geständnisse
dass das Unbehagliche um ihn her der wüste Saal das Unordentliche des Hauses
das meiste beitrügen zu seinem Übelbefinden Er vergaß es völlig dass er die
Ansprüche eines Deutschen an eine fremde Nation mache dass es jene
Gemütlichkeit jenes Beisammensitzen jenes Schwätzen sei was er vermisse Über
die Nationalunterschiede glaubte er so weit hinweg zu sein und wusste nicht dass
sie bis in die geheimsten Winkel unseres Wesens eingepresst sind und am
lautesten sprechen wenn man wer weiß welch hohe Motive zu hören glaubt Wir
erfreuen uns anders wir erholen uns anders wir hassen und lieben anders  das
wirkliche Nationalleben Italiens und Spaniens würde uns lange Zeit ebenso
unbequem erscheinen und vorzüglich zu Zeiten allgemeiner Erregteit wo das
angewöhnte Wesen ohne Hülle hervortritt Die Völker sind in gegenseitiger
Beurteilung noch lange nicht vorsichtig genug
    Valerius gestand sichs dass er in einem wohnlichen Zimmer im breiten
Gespräch mit deutschen Freunden Welt und Dinge plötzlich anders ansehen würde
    Kölestin war unterdes schon lange mit seinen Geschäften zu Ende gekommen
hatte das Licht wieder auf den Tisch gestellt und schien den Aufbruch des
Gastes vom Hause erwarten zu wollen Zur deutschen Nationalität des Valerius
mochte es auch gehören dass er keinen Diener warten lassen hinter dem Stuhle
bei Tisch sehen konnte es quälte ihn es benahm ihm alle Ruhe wenn er wusste
dass ein Mensch eine Zeitlang lediglich von ihm und seinen Launen bestimmt werde
Rasch ging er nach dem alten Kölestin hin Zu seinem Erstaunen sah Valerius in
einer andern Ecke des Saales Joel auf einem Stuhle sitzen er hatte das Gesicht
in die Hand gedrückt und schien zu schlafen Valerius zog ihm die Hand weg und
fand das blasse Gesicht seines jungen Freundes in Tränen gebadet
    Wenn man solche Tränen nicht errät muss man nicht danach fragen Das war
Valers erster Gedanke indes glaubte er ihre Quelle zum Teil zu kennen und er
wollte den jungen Mann zu trösten versuchen Gleich als ob er selbst dazu einer
behaglicheren Stimmung bedurft hätte fragte er Kölestin ob es möglich sei in
dem Kamin Feuer anzumachen Dem Alten schien die Frage so völlig überraschend zu
sein dass er sich lange besinnen musste ehe ein gedehntes »O ja« zum Vorschein
kam
    Es befand sich nämlich wirklich ein geschmackvoller Kamin im Saale Er war
nach Art der Pariser eingerichtet und wie jene mit einer messingnen Einfassung
umgeben Alles war indessen mit Staub bedeckt und Kölestin antwortete dass seit
fünfzehn Jahren kein Feuer darin gewesen sei Damals wäre der regierende Herr
Graf von Paris gekommen und habe den Kamin anlegen lassen die selige gnädige
Gräfin wäre ein paarmal dagesessen wenn sich Besuch auf dem Schloss
eingefunden hätte die neue Gewohnheit sei aber bald wieder vergessen worden
    Magyac ward gerufen um den Kamin zu reinigen Valerius nahm Joel unter den
Arm und ging schweigend mit ihm auf und ab In kurzem brannte eine lustige
Flamme und erleuchtete den wüsten Saal ja das Licht lief bis in den nahen Wald
hinüber Die jungen Männer setzten sich an den Kamin Kölestin und Magyac hatten
sich in einen Winkel zurückgezogen und sahen mit einer Art von Neugierde auf das
Feuer Magyacs luftrotes Gesicht stach wunderlich ab von dem schneeweißen Haare
des alten Domestiken Kölestin war groß das Alter hatte seine Schultern schon
etwas nach vorn gebogen aber sein Schnurrbart war noch pechschwarz und die
eingefallenen Züge traten noch mit großer Strenge hervor Er hatte ein Auge
verlogen und das andere war immer zur Hälfte bedeckt vom Augenlide so dass man
selten das frische Schwarz des Augapfels erblickte Die ferne Flamme spielte
wunderliche Lichter auf die beiden Sarmatengestalten und Valerius ein
lebhafter Freund von solchen Bildern machte eben seinen Nachbar auf die ganze
lichte und dunkle Umgebung aufmerksam als die Szene noch lebendiger wurde durch
den Eintritt Hedwigs Sie klatschte in die Hände und kam zum Kamin gesprungen
ihre französische Zofe rief entzückt sie sehe Paris wieder sogar Joel wurde
munter und man schwatzte ein Weilchen heiter und lustig Das frische
sechzehnjährige Mädchen glänzte wie ein zweites Feuer vor den Flammen mit ihren
blitzenden mutwilligen Augen den weißen Schultern und den braunen Flechten
die ihr halb aufgelöst um den Nacken flogen Es schien als habe sie eben zu
Bett gehen wollen da sie die unerwartete Gesellschaft im Saal gefunden hatte
Das Halstuch trug sie in der Hand und den Kamm welcher schon aus dem
Mittelpunkt der Flechten gezogen war steckte sie scherzend in den Scheitel des
offenen Haares An sich harmlos von Jugend auf unter Männern war sie dreist
und am fernsten von aller Prüderie Ihre Großmutter war ja auch ein Mann und
kümmerte sich nur um die Befreiung des Vaterlandes nicht aber um das Busentuch
ihrer Enkelin die jetzt über Nacht zur Jungfrau emporgewachsen war Ihre Mutter
hatte sie kaum gekannt So war sie denn wie ein lustiges freies Füllen
gediehen war natürlich dreist und doch voll echten Schamgefühls Als sie ihre
Freude am Feuer gesättigt hatte sagte sie »Bonne nuit Messieurs« und sprang
davon Es trat eine augenblickliche Stille ein Valerius warf neues Holz aufs
Feuer Joel sah gedankenvoll in die Flammen hinein als wollte er sein Leben bis
in die fernste Zukunft darin entdecken Da hörte man plötzlich außerhalb des
Hauses einen gellenden Pfiff durch die Luft schwirren Joel schrak sichtbar
zusammen Valerius wendete sich schnell um und fragte die noch im Winkel
stehenden Bedienten was dies zu bedeuten habe Sie erklärten mit halben Worten
ihre Unwissenheit es war aber dem Valerius nicht entgangen dass Kölestin seine
Hand nach dem Rockzipfel Magyacs ausgestreckt hatte wahrscheinlich um diesen
vor einer Unvorsichtigkeit zu warnen Magyac war offenbar am meisten beunruhigt
und da er noch weniger an die unterwürfige Domestikenform Kölestins gewöhnt war
dessen Körper wie eine Bildsäule unbeweglich stand während die Befehle seiner
Herrschaft ruhten so wagte ers sich ans Fenster zu schleichen und
hinauszublicken Er ging sogar auf die entgegengesetzte Seite des Gemachs zu
einer halb zerschlagenen Glastür die auf einen verfallenen Balkon führte dabei
schlich er aber auf den Zehen als sollte Valerius den er wie seinen Herrn
betrachtete die Dreistigkeit seines Herumstreichens im Saale nicht bemerken
    Verdriesslich über das Verleugnen einer Erscheinung die seinen Umgebungen
weniger unbekannt zu sein schien hieß er die beiden Leute zu Bett gehen
    Kölestin war wie ein Blitz verschwunden und Magyac verbarg seine Eile
wenig Die freundliche Behandlung welche er bisher von Valerius erfahren hatte
war nicht ohne tiefen Eindruck auf den jungen Polen geblieben Er war an rauhere
Hände gewöhnt und bewies dem deutschen Herrn eine lebhafte Hingebung Valerius
hatte oft große Mühe sich den Versuchen Magyacs zu entziehen wenn er ihm den
Arm oder den Rockzipfel küssen wollte An jenem Abende machte ihm diese
orientalische Manier Magyacs keine Sorge Wie ein Fuchs klemmte er sich mit
seinem Pelze durch die halboffene Saaltür und verschwand
    »Gegen die besten Freunde ist diese Nation misstrauisch und stolz« brummte
Valerius mürrisch vor sich hin und setzte sich wieder ans Feuer er sah Joel
fast unmerklich mit dem Kopfe nicken tonlos die Lippen bewegen und in die
Flamme starren Es war totenstill nach einer Weile glaubte Valerius gegen den
Wald zu wiederum jenes Pfeifen zu vernehmen wenn auch ganz leise  er horchte
aufmerksam alles blieb still nur die Saaltür knarrte im Luftzuge
 
                                       8
Die beiden jungen Männer brachten noch eine lange Zeit schweigend zu Jeder war
offenbar in trübe düstere Gedanken versunken Joels Traurigkeit schien indes
weicher und von höherer Reizbarkeit zu sein zuweilen rollten dicke Tränen über
seine Wangen
    »Der Freiheitskrieg eines Volkes« sagte endlich Valerius leise vor sich
hin »ist wie ein Liebeskrieg man nimmt die Unterstützung eines Fremden an
aber betrachtet ihn gleichgültig wie ein Werkzeug in den Herzensrat kann er
nimmer aufgenommen werden«
    Da sah er zwei große Tränen des armen Joel er schalt sich dass er so
drängendes nahes Leid über seinen Grillen habe vergessen können und suchte
nach einem Eingange dem Kranken nahe zu treten ohne ihn durch Beileidsgeschrei
noch schlimmer an seine Krankheit zu erinnern Alle Leiden sind von einer
Familie die meisten Trostgedanken passen auf alle und die edelsten Leiden sind
wie die edelsten Familien sie hören sich nicht gern selbst nennen wenn man
über ihre Schmerzen spricht Das Unglück hat die zarteste Schamhaftigkeit
Deshalb suchte Valerius einen fernen und doch verwandten Gedankengang um nur in
die Tonart seines weinenden Nachbars einzufallen nicht aber seine Trauermelodie
selbst anzustimmen
    »Die Natur« hub er leise an als setze er sein Selbstgespräch fort »ist
doch von tiefer Gerechtigkeit sie gleicht das äußere Leben durchs innere aus
Je schwärzer es außen um den Menschen wird desto mehr wird er nach innen
gedrängt desto lebendiger entzündet er das Licht seiner inwendigsten Seele
Leute denen es immer nach Wunsch geht sehen niemals die verborgenen Reize des
unergründlichen Menschen Der Flüchtling entdeckt alle versteckten Täler seiner
Heimat Nur das wäre ein zweifelloses Unglück wenn großes Leid keine Poesie in
dem Menschen zu wecken vermöchte aber das geschieht nicht die unglücklichsten
Menschen sind immer die begabtesten Ein jeder von ihnen trägt seine Tragödie im
Herzen die hebt und erquickt ihn Der Schmerz ist der edelste Reiz  «
    Joel drückte ihm die Hand Sein Schmerz löste sich in einzelne Worte
endlich in eine zusammenhängende Erzählung auf Und es ist mit dem Schmerze
ebenfalls wie mit schmollenden Liebesleuten wenn sie erst zu sprechen anfangen
und sich ihr Leiden vorhalten dann folgt auch die Versöhnung
    Sein Vater Manasse spielte die Hauptrolle in der Erzählung »Dieser lange
magere Mann« sagte Joel »war einst kräftig und schön und in seiner gefurchten
Stirn liegen lange abenteuerliche Geschichten unglückliche Geschichten Er hat
allen Wissenschaften obgelegen die den menschlichen Geist anziehen und nichts
ist ihm geblieben was sein Alter reizt und mit Anteil erfüllt als sein Geld
und sein Sohn Nach jenem strecken tausend Diebe die Hände über Nacht kann es
verschwunden sein der Sohn sein Stab und seine Stütze verlässt ihn mit Undank
Der Glaube an den sich der Vater krampfhaft klammert obwohl er seinem Herzen
fremd ist dieser Glaube ist seinem Sohne ein Greuel Und schiene die Sonne
zwölf Monden lang ununterbrochen Tag und Nacht sie fände in dieser kleinen
Familie keinen glücklichen Winkel«
    Joel seufzte tief und hielt einen Augenblick inne
    »Nur aus Szenen der Verzweiflung welche meinen armen Vater zuweilen
überfällt weiß ich einiges aus seinem Leben Er ist verschlossen wie das Grab
Die Medizin scheint er in seinen jungen Jahren am eifrigsten betrieben zu haben
in allen bedeutenden Städten Europas hat er sie ausgeübt Aber auch die Ärzte
hasst er wie die Pest Einst war ich schwer krank und lag im Fieberschlummer auf
dem Lager Manasse saß weinend an meinem Bett und glaubte meinen Geist vom
Fieber oder vom Schlafe befangen Dem war aber nicht so ich hörte alles was er
vor sich hinlispelte Er verwünschte die Natur wenn sie mich tötete das Auge
seines Lebens Kein Mensch kann einen Pulsschlag schaffen nur die Frechheit
behauptets murrte er vor sich hin rette ihn Zufall oder Jehova rette ihn
wer am mächtigsten ist Dann brach sich seine Stimme zu großer Milde er rief
mehrmals den Namen Maria und erzählte vor sich hin wie er des Abends in den
Mantel gehüllt unter Kirchenpfeilern gestanden wie sie gekommen sei und ihn
geküsst habe heiß und brünstig Aber Jude  Jude  ein Jude stöhnte er
ingrimmig ich verlor die ganze Welt und mein eigen Kind musst ich mir stehlen
 
    Jene Maria war vielleicht meine Mutter Einmal nur hab ichs zu Manasse
gesagt da starrte er mich an und verfiel in eine schwere Krankheit Kurz mein
Herr ich bin als Jude aufgewachsen und in dem einen Worte liegt das Unglück
eines ganzen Menschenlebens
    Die Juden Jerusalems kreuzigten Christum und seine Bekenner kreuzigen dafür
seit achtzehnhundert Jahren alles was Jude heißt auf dem weiten Erdboden Und
was noch schlimmer ist sie haben bereits einen großen Teil dieses Volkes so
weit gebracht dass er der Geisselung der Verachtung würdig ist Sie haben ihnen
Messer und Schere genommen und prügeln sie wenn sie mit ungeschornem Barte
umhergehen  
    Was soll ich Ihnen mehr erzählen Mit jenem Worte ist alles gesagt Ich bin
blind von Kindesbeinen auf  nicht genug ich bin taub geboren  nicht genug
meine Zunge ist lahm und lernt nicht sprechen  Solche Menschen nennt man
elend aber viel größeres Elend liegt in den drei Worten Ich bin ein Jude Jene
sehen und hören nichts von der Schönheit der Welt sie wissen nicht was sie
entbehren Wir sehen und hören und dürfen nicht genießen Es gibt kein größeres
Unglück als verachtet zu sein nicht wahr  Doch doch  das Unglück einem
verachteten Volke anzugehören ist noch ein größeres Verbirg dich jenseits der
Meere fliehe auf den Flügeln der Abendröte in die Nacht hinein wo du einen
Menschen findest hörst du die drei fürchterlichen Worte Er ist ein Jude  
    Mein Vater ließ mich alles lernen was ich erlernen wollte Die Wissenschaft
tröstet nicht aber sie hilft Damals war er noch sanfter aber mit dem Alter
stieg sein Unglück weil seine Schwäche stieg Seit einiger Zeit gehört er zu
der überspannten Sekte welche sie Chassidim nennen und ist grundlos elend
Sonst kümmerte er sich nicht um seinen Glauben nur aus Stolz verließ er ihn
nicht er ließ mich gewähren wenn ich mich um die Bräuche nicht kümmerte er
fragte nie danach  jetzt ist er bigott ohne an seine neuen Dinge zu glauben
Er will einen Glauben haben und zwar den strengsten um die Öde seines Wesens
zu bevölkern Jetzt mag ihm mein Heidentum viel Herzeleid machen obwohl er mir
nimmer ein Wort darüber sagt
    Als ich von der Universität heimkam fand ich meinen Vater bei dem Herrn
dieses Hauses bei dem er Geschäfte hatte Als dieser hörte dass ich
musikalische Kenntnisse besäße fragte er ob ich seiner Tochter Musikunterricht
geben wolle ihr Verlobter der Graf Stanislaus liebe Musik Fräulein Hedwig war
damals ein Jahr jünger als jetzt man hatte die beiden jungen Leute schon als
Kinder verlobt  ich blieb Da kam die Revolution und der Krieg Ich bat um eine
Soldatenjacke ich wollte ein Vaterland haben  man gewährte sie mir Mit Ihnen
mein Herr kam ich zum erstenmal seit dem Dezember wieder hierher und ich
törichter Mensch wundere mich dass man mir unter dem Kaskett noch immer den
Juden ansieht  
    Ich weiß selbst nicht was mir fehlt und ich will auch nicht mehr weinen 
lassen Sie uns zu Bett gehen«
    Der Vorschlag war dem Valerius nur zu angenehm er hatte keinen Trost für
ihn Die Lücke in seiner Erzählung wo er von der Universität heimkehrte war
ihm nicht entgangen
    Man hatte das Feuer vergessen es war dunkel geworden nur die glühende
Asche warf einen unsicheren roten Schimmer auf das schmerzenreiche Antlitz des
schönen Joel Valerius nahm ihn bei der Hand und sie suchten schweigend ihre
Zimmer
 
                                       9
Den andern Morgen schien die Sonne das trübe Wetter hatte sie bisher immer
verborgen Sie brachte Mut in das schwer gedruckte Herz des deutschen
Freiwilligen Die Sonne hat wirklich ein wunderbares Belebungselement für die
sinnenden Menschen die in lauter Gedanken das Leben hindurchklettern und jener
körperlichen Anregung zur Freude entbehren welche die stumpfe Masse und die
eigentlich glücklichen Menschen zu Lust und Jauchzen stachelt Valerius gehörte
nicht zu diesen letzteren und er verehrte darum die Sonne wie ein Peruaner sie
war ihm das wirkliche Auge des Himmels und Gott und der Himmel waren für ihn
der Begriff von eitel Schönheit Freude und Glück
    Es war ihm aber auch dieser Trost nötiger als je es tat ihm mehr als je
not ins Auge in die Seele der Welt hineinzublicken Er befand sich auf jenem
traurigen Standpunkte menschlicher Entwickelung wo der graue Zweifel die
aschfarbene Ungewissheit Herz und Geist anfüllt wo bei leidenschaftlichen
Menschen die Verzweiflung ausbricht bei ruhigeren aber jene tötliche
Gleichgültigkeit des Unbehagens Sogar die Vergangenheit war ihm verleidet sein
eigenes sicheres abgemachtes Wesen das ihn früher ausgezeichnet hatte war
jetzt seiner Erinnerung ein Greuel Abgeschmackt eitel töricht erschien ihm
diese knabenhafte Sicherheit dies ganze gesetzte Wesen das ihm stets ein so
großes Übergewicht unter seiner Umgebung eingeräumt hatte
    Und doch waren es nicht jene Freiheitsgedanken an sich die er jetzt
bezweifelte es waren die Verhältnisse im großen die allgemeinen historischen
Entwickelungen die ihm den Geist mit Dämmerung bedeckten Er ahnte das
Tausendfältige der menschlichen Zustände die tausendfältigen Nuancen der
Weltgeschichte die millionenfachen Wechsel in der Gestalt eines Jahrhunderts
und in der Gestalt seiner Wünsche und Bedürfnisse Er sah die Armut des
menschlichen Geistes der reformieren will neben dem unabsehbaren Reichtume
der unendlichen Mannigfaltigkeit dieser Welt und ihres verborgenen ewigen
Gedankens Wie ein Prisma schimmerte ihm aus dem Dunkel seiner Seele jener ewige
Gott der Welt mit seinen Farben Und dies Gefühl der Schwäche dass er nicht eine
einzelne bestimmte Farbe herausblicken konnte das Gefühl der Ohnmacht sie
nicht im Geiste alle vereinigt halten zu können dies Gefühl der menschlichen
Beschränktheit drückte ihn zu Boden
    Es gibt Menschen welche zu stolz sind einen Schritt weiter zu gehen bevor
sie das Ziel genau kennen auf welches sie losschreiten Zu diesen gehörte
Valerius Er glaubte noch an all seine früheren Gedanken aber sie erschienen
ihm jetzt unvollkommen Anfänge der Bildung
    Das sind die trostlosesten Momente im Leben wo wir den Fuß erhoben haben
von einer früheren Entwicklungsstufe und noch keinen neuen festen Boden unter
uns fühlen Wir sehen mit Schrecken wie tief jene Stufe noch gelegen wir
erinnern uns mit Scham wie weit wir uns schon vorgeschritten glaubten als wir
auf jener Stufe standen und der Gedanke zerknirscht unser stolzes Herz dass
wir beim nächsten Ruhepunkte wieder in denselben Irrtum verfallen und uns für
fertig für vollendet halten werden Wir sehen ängstlich fragend zum Himmel Wo
ist das Ende wo ist der Gipfelpunkt des Menschen Aber der blaue Himmel ist
endlos für das menschliche Auge und wenn wir noch so hoch gestiegen sind wir
wissens nicht ob es höher Stehende gibt die uns verlachen Da bricht das
Herz und wir greifen nach jener Milde und Toleranz für andere damit wir
Versöhnung in das Leben bringen
    Valerius seufzte tief auf nach solchen Gedanken und sah schmerzlich lächelnd
in die Sonne »Nun denn du mildes Licht ich will eben weiter gehen und jeder
deiner Strahlen soll mir Mut verleihen« Es war ihm sanft zu Sinne als habe er
sich recht ausgeweint und er ging leichten Schrittes in den Hof hinunter um
einen Ritt ins Freie zu machen Er wollte mit der Sonne schwelgen Magyac war
nicht zu sehen als wieder rüstig gewordener Soldat ging er nach dem
Pferdestall den litauischen Gaul selbst zu satteln den ihm der Graf geschenkt
hatte
    Zu seinem Erstaunen fand er das Pferd schon gesattelt sogar schon
aufgezäumt Beim Umherblicken bemerkte er dass alle übrigen Gäule ebenfalls
angeschirrt und zum Ausreiten bereit waren
    In geringer Entfernung von ihm legte Magyac eben dem letzten noch übrigen
Tiere einen alten Kosakensattel auf Kölestin stand neben ihm an die Pfoste
gelehnt und Valerius hörte bald dass sie in einem lebhaften Zwiegespräch
begriffen waren Beide kehrten ihm den Rücken zu und hatten ihn nicht gesehen
    »Und was wirds euch helfen ihr Tellerlecker wenns glücklich ausgeht«
sagte Magyac »was Für nen dummen Herrn bekommt ihr einen klugen«
    »Besser einen als zwei« erwiderte Kölestin
    »Besser gar keinen«
    »Das geht nicht dummer Bauer Herrschaft muss sein«
    Magyac lachte hielt einen Augenblick inne im Schnallen des Sattelgurtes und
sah vor sich hin als besänne er sich auf etwas dann sprach er schnell »Dem
Graf ist einer der schlimmsten  er schlägt die Woche siebenmal nach dir und
schenkt dirs ganze Jahr nicht einen Schluck«
    »Dafür nehm ich mir alle Stunden einen«
    Kölestin zog bei diesen Worten eine kleine Flasche aus seiner kurzen
abgetragenen Kutka stemmte sie fest unter seinen Schnurrbart legte den Kopf
tief in den Nacken und tat einen langen Schluck Darauf schüttelte und räusperte
er sich gleich als ob ihm der Trunk entsetzlich vorkäme und reichte dem Magyac
die Flasche Valerius belächelte diese Säufermanier und stellte sich hinter
einen hohen Futterkasten um dem Gespräche weiter zuzuhören wenn sich Magyac
etwa beim Zurückgeben der Flasche umkehren sollte
    »Wie lange dienst du dem Grafen schon«
    »Länger als du Grünschnabel pfeifen kannst  im sechsunddreissigsten Jahre«
    »Da hast du Kosciusco noch gesehen«
    »Alle Tage« Und dabei nahm er seine Mütze andächtig vom Kopfe und murmelte
etwas vor sich hin
    Magyac hatte sich bei der Frage umgewendet und sah ihn mit blitzenden Augen
an
    »Kosciusco hat nie einen Polen geschlagen  weißt du das« Und dabei fing er
das alte Volkslied an »Noch ist Polen nicht verloren« und wenn er an den
Refrain kam »Kosciusco führt uns an« da zwickte und kitzelte er das Pferd dass
es wieherte und hinten und vorn ausschlug und je mehr es lärmte desto stärker
sang er
    »Hatt es der Schmied gestern eilig« fragte Kölestin nach einer Weile
    »Jawohl die Hunde zotteln wie die Wölfe überall herum sie hungern«
    »Nun zu packen habe ich nicht viel das silberne Tischzeug ist schon lange
in Warschau meinetwegen können sie jede Stunde kommen s ist mir nur um die
gnädige Gräfin «
    »Ists denn wahr Kölestin dass König Stanislaus in sie verliebt gewesen
ist«
    »Es ist die beste Polin von der Warte bis an den Dniepr du naseweiser
Lümmel«
    »Ich weiß ich weiß Alter Lass uns noch eins trinken Solange der Schmied
ein Paar Augen im Kopfe hat und seine großen Fäuste auf die Flinte legen kann
sind ihre weißen Haare in Sicherheit s wird ein lustiges Jahr du krummer
Schimmel und s werden viele Franzosen traurig werden die unsere Kutka nicht
mehr tragen mögen Gib her du langer Saufaus ich will eins auf den alten
Krukowiecki trinken«
    In diesem Augenblicke hörte man Kölestin rufen Er steckte eiligst die
Flasche ein wischte sich den Schnurrbart ab hauchte schnell einigemal in die
Luft und machte sich eiligst davon
    »Vergiss nicht Alter heut abend wegen des Feuers« rief ihm Magyac nach
    Valerius ging jetzt nach dem Stande seines Pferdes und machte Geräusch als
ob er eben erst in den Stall trete Magyac kam eiligst herbeigesprungen und bat
ihn heute noch nicht auszureiten Valerius fragte ihn nach der Ursache dieser
Bitte Der junge Pole meinte des Herrn Kopfwunde sei noch nicht so weit
    »Possen« sagte dieser und griff nach dem Zaum
    »Die Gegend ist unsicher es reiten Russen durch die Wälder Herr«
    Valerius zog das Pferd hinter sich fort der Stalltüre zu
    Magyac kratzte sich verdrießlich in den Haaren endlich als jener den Fuß in
den Steigbügel setzte kam er eiligst hinzugesprungen »Herr reitet nicht der
Schmied von Wavre ist dagewesen«
    »Wer ist der Schmied von Wavre«
    »Ein Pole Herr«
    In diesem Augenblicke ward ein Fenster im Schloss geöffnet und Joel rief
hastig herunter der Herr Graf ließe Valerius bitten eiligst zu ihm zu kommen
Hedwig öffnete den anderen Fensterflügel und winkte ihm heftig Es blieb ihm
keine Zeit nähere Aufklärung von Magyac zu erfahren und dieser hatte nichts
eiliger zu tun als das Pferd wieder in den Stall zu ziehen
    Valerius fand ein lautes Leben im großen Saale Kutscher und Pferdeknechte
trugen allerlei Waffen herbei und stellten und legten sie neben den Stuhl des
Grafen und auf den Tisch der vor ihm stand Kölestin öffnete Weinflaschen der
Kutscher lud die Doppelflinte mit Kugeln Hedwig tanzte singend herum der Graf
herrschte den Leuten allerlei Befehle zu Selbst Joel lud Pistolen nur die alte
Gräfin saß wie immer in ihren schwarzen Gewändern unbeweglich auf der Stelle wo
sie alle Tage saß ihre Augen sahen gläsern und unbeweglich auf all die Dinge
und schienen nichts zu bemerken
    »Sie müssen zu Hause bleiben Herr von Valerius« rief der Graf »der Teufel
ist los Wir müssen einen Überfall gewärtigen es sind russische Streifkorps in
der Nähe Graf Stanislaus den ich schon seit mehreren Tagen erwarte kommt
nicht Er wollte uns mit einem Trupp Ulanen nach Warschau eskortieren da er für
unsere Sicherheit fürchtete Vielleicht ist sein Trupp zu klein gewesen und er
ist abgeschnitten von uns vielleicht hält er auch die Gefahr nicht für so
dringend kurz wir sind unserem Mute überlassen«
    »Wer sagt denn aber dass die Gefahr so nahe sei Es ist durchaus nicht
wahrscheinlich dass  «
    »Ei den Teufel auch der Schmied von Wavre ist heute nacht dagewesen«
    »Aber wer ist denn dieser «
    In dem Augenblicke hörte man das schnelle Wechseln mehrerer Flintenschüsse
im nahen Walde
    »Auf eure Posten ihr Schurken« schrie der Graf und die Bedienten flogen
zur Tür hinaus Valerius trat ans Fenster und sah alles was von Knechten und
Bedienten im Hause war mit Waffen meist Jagdflinten an allerlei Verstecke
eilen und sich postieren Taddäus Magyac stand an die Pfoste der Pferdestalltür
gelehnt und sah unverwandten Blickes nach dem Walde Des Grafen Stuhl und Tisch
wurden nach dem Fenster hingerückt damit er die ersten Kugeln in die Weite
senden könne Joel war zu demselben Zwecke ans zweite Fenster getreten Valerius
ans dritte postiert Kölestin stand zum Laden am Tische und hatte einen großen
Haufen Patronen vor sich ausgebreitet Der Graf bat seine Mutter nach ihrem
Zimmer zu gehen sie schüttelte aber den Kopf und blieb unverrückt in der alten
Stellung Hedwig der ein gleiches anbefohlen wurde erklärte dass sie die
Großmutter nicht verlassen wolle und es träfen nicht alle Kugeln Der Graf
stieß einen Fluch aus und lachte hinterdrein Joel machte eine bittende Bewegung
nach Hedwig hin sie trotzte ihm aber mit einem halb bösen Gesicht und sprach
halblaut wie die kleinen Kinder gewöhnlich sagen »Ich will aber nicht«  Da
schien es als flöge ein Schatten ungewöhnlichen Lebens über das Gesicht der
alten Gräfin und als zucke ein schneller Strahl aus ihren sonst sprachlosen
Augen über Joel hin Sie griff hastig nach der Hand Hedwigs und zog sie zu sich
nieder
    Es trat eine erwartungsvolle Stille ein die wohl eine Viertelstunde lang
anhielt  nun hatte aber die Spannung dem leichtsinnigen Volkscharakter zu lange
gedauert der Graf schlug ein lautes Gelächter auf griff nach einer
Weinflasche rief dem Taddäus zu in den Wald auf Kundschaft zu gehen und bat
Valerius mit ihm zu frühstücken Man schloss die Fenster und das Leben des
Tages ging weiter als wäre man in der größten Sicherheit Der Graf trank mehr
als gewöhnlich und schickte beim Abendessen Kölestin in den Keller um
Champagner zu holen »Die kleine Hedwig« sagte er »hat sich heute so tapfer
bewiesen sie trinkt gern ein Glas Champagner sie muss ihr Siegesfest feiern«
Hedwig klatschte in die Hände sprang zum Vater hin und küsste ihn  eine seltene
Erscheinung in ihrem Wesen »Papa« sagte sie mit mutwilliger Stimme und drehte
mit den weißen Händen seinen dunkeln Schnurrbart »lass mich Soldat werden« 
Der Graf lachte antwortete aber dem Valerius welcher unterdes seinen gestrigen
Versuch mit dem Kamin erzählt hatte und ihn wiederholen wollte Hedwig sprang
fröhlich zu dem Vorschlage über ein Bedienter ward sogleich beordert und in
wenig Minuten loderte ein lustiges Feuer auf Eben kam Kölestin mit den
Flaschen sah mit großer Bestürzung nach der lodernden Flamme und flüsterte
eiligst dem Grafen etwas ins Ohr  »Halts Maul alter Narr und mach den Draht
von der Flasche«  Kölestin zog sein Augenlid einmal ganz in die Höhe und schoss
einen stechenden Blick auf Valerius Dieser freute sich indes mit Hedwig und
Joel des Feuers der Champagner spritzte man trank auf die Befreiung des
Vaterlandes und es war ein wunderlicher Anblick wie die Flamme über die
Mordgewehre und lustigen Gesichter hinlief und von der alten düsteren Gräfin
abzuprallen schien welche dem Feuer den Rücken kehrte und nach den Fenstern
hinstarrte hinter welchen die Nacht lag Joel den der Wein aufgeregt hatte
sang mit Begeisterung ein altes polnisches Schlachtlied und selbst der
halbtrunkene Graf schien der sonoren Stimme und der alten herzergreifenden
Melodie mit großem Anteil zuzuhören das vaterländische Interesse war
unverletzt ja sogar poetisch in ihm erhalten »Schade Joel« sagte er am
Schluss des Liedes und stürzte ein volles Glas hinunter »schade Joel dass du
ein Jude bist«
    Wie ein Schwertschlag traf dies Wort drei Herzen Joel zitterte am ganzen
Leibe Valerius fühlte sich von Scham und Zornesröte übergossen und aus
Hedwigs Augen tropften große Tränen Da flog Taddäus wie ein Pfeil in den Saal
»Sie sind da Herr  das unnütze Feuer hat sie gelockt« und damit riss er dem
Kölestin ein feuchtes Tuch aus der Hand womit dieser den überfliessenden Wein
aufgetrocknet hatte und warf es auf das Kaminfeuer dass es zur Hälfte erlosch
»Dreister Schurke« rief der Graf und hob die Hand nach ihm aus Magyac wich auf
die Seite und stieß dabei Kölestin in die Rippen »Schafskopf« vor sich hin
murrend »nicht mal soviel nütze« Er riss das Fenster auf warf die nächsten
Lichter um und nahm die Büchse die er fortwährend in der Hand gehalten hatte
an den Backen Das war alles ein Augenblick und wirklich krachten zwei drei
Schüsse ganz in der Nähe die Fenster klirrten die Kugeln schlugen in die Decke
des Saales ein wildes Hurra drang herauf  Valerius löschte schnell das
Kaminfeuer vollends es ward einen Augenblick finster im Saale nur auf die den
Fenstern gegenüberliegende Wand fiel ein lichter Streifen von einem brennenden
Licht das Kölestin hinter den Ofen postiert hatte Schüsse und Geschrei von
unten wuchsen Die Leute des Grafen begannen aus Ställen und von Böden herunter
ein sicher treffendes Gegenfeuer der Mond kam herauf und beleuchtete den Raum
vor dem Schloss und den Saal Überrascht durch den unerwarteten Widerstand
sammelte sich das russische Streifkorps  denn ein solches machte den Überfall 
und hielt einen Augenblick an Sie mochten etwa noch hundertfünfzig Schritte
entfernt vom Schloss sein und man konnte sie beim Schimmer des Mondes von dort
genau übersehen Die baufälligen schlechten Ställe und Wirtschaftsgebäude
befanden sich zur linken und rechten Hand des Schlosses und ließ die Aussicht
nach dem Walde frei Man erkannte leicht dass es eine gemischte Truppe war
nicht eben zahlreich aber doch der Mannschaft des Schlosses um das Doppelte
überlegen Sie war nur zur Hälfte beritten einige Kürasse und Lanzenspitzen
flimmerten in der Luft hie und da sah man ein Bajonett Während des kurzen
Stillstandes schienen sie auf jemand zu warten wirklich sprengte auch ein
schwerer Reiter herzu man hörte einige kurze herrische Worte und die Truppe
setzte sich eben in Bewegung Da begann Taddäus jenes durchdringende Pfeifen
das ganz den scharfen Tönen einer Drossel glich wenn sie einsam im Walde ihre
Stimme erhebt  auf allen Böden in allen Stalltüren ward es wiederholt Wie vom
Blitz getroffen hielt der Feind inne  »Der Schmied der Schmied« gings von
Munde zu Munde  jetzt knallte der Schuss des Taddäus und jener schwere Reiter
welcher der Anführer zu sein schien knickte vorn über den Hals des Pferdes
herab Dadurch wurde jener zweifelhafte Zustand aufgelöst die Russen welche
vor einer verborgenen Macht besorgt zu sein schienen stürzten jetzt in wildem
Sprunge auf das Schloss zu die Polen welche jenen geheimen Schrecken benutzt
hatten um ihrer Lage irgend eine andere Wendung zu geben brannten nun auch all
ihre Schüsse ab und die meisten schlugen sicher in die heranstürmende Masse
Die schlecht verwahrte Haustür gab den Belagerten nur soviel Zeit frisch zu
laden die Tür des Saales mit Stühlen und Tischen zu verrammeln und die außen
versteckten Polen konnten noch einige gut gezielte Schüsse teils unter die
Belagerer schicken teils nach den unvorsichtigen Russen richten welche sich
einzeln nach den Ställen wagten um ein Pferd zu erbeuten
    Natürlich ging das alles rascher als es erzählt werden kann die Schritte
die Schüsse und Tod und Wunden flogen Und in all dem Lärmen saß die alte Gräfin
regungslos an ihrer alten Stelle der bleiche Mondesschimmer zitterte über ihr
steinernes Gesicht hin nur wenn ihr Sohn seinen wilden Jubel ob eines frisch
getroffenen Russen aufschlug da schien es als schlüge ein Funke aus ihren
starren Augen Hedwig lief hin und her um Patronen zuzutragen Joel flüsterte
ihr leise etwas zu und deutete auf die alte Balkontür es schien aber nicht
als ob sie etwas erwidere
    Die Haustür war gebrochen der Schwarm stürzte die Treppe herauf ein Schuss
fuhr durch die Tür und man hörte ihn noch durch die gegenüberstehende Tür des
Saales dringen Die gewaltige Wucht von mehreren Kolben flog an das Schloss und
stöhnend sprang es auf Der Graf hatte sich in die Schusslinie rücken lassen die
drei übrigen Schützen standen neben und hinter ihm nur zwei Schritt seitwärts
saß die alte Gräfin umsonst schrie ihr Sohn umsonst zerrte Hedwig sie saß
noch unbeweglich als man die gierigen Augen der Feinde erblickte Vier Schüsse
drängten sich von innen mit tödlicher Hast durch die enge Pforte die Vordersten
stürzten und Kölestin harrte mit gespannter Pistole an der Mauer neben der Tür
um den ersten Eintretenden niederzustrecken Eine augenblickliche Pause trat
ein Valerius glaubte während der letzten Salve ein Geräusch hinter sich gehört
zu haben er warf einen schnellen Blick herum eine breite Gestalt stand hinter
ihm die Balkontür lag an der Erde von allen Seiten hörte man jenes schrillende
Pfeifen »der Schmied von Wavre« schrie alles durcheinander
 
                                      10
So gewaltig ist selbst bei stumpfen Barbaren die moralische Kraft eines
Begriffes vor diesem gefürchteten Namen schraken die Angreifer bis zur
Untätigkeit zusammen Kölestin war der erste welcher ihn ausrief das
verhängnisvolle Pfeifen in ihrem Rücken der Anblick jener Gestalt die nur
drohend eine lange Flinte in die Höhe hielt presste den Russen das gleiche
Geschrei dieses Namens aus und sie standen gelähmt wie die Wölfe welche eine
Feuerflamme vor sich aufschlagen sehen
    Die Genossen des Schmiedes welche von der Haustür herauf gedrungen waren
und sich mit der Besatzung aus den Ställen verbunden hatten überwältigten mit
leichter Mühe den Rest des Streifkorps der sich nur matt widersetzte In diesem
Augenblicke hörte man vor dem Schloss die Fanfare einer Trompete Kölestin hob
wirklich mit frohlockender Miene sein Licht hinter dem Ofen hervor der Schmied
 denn dies war wirklich der so plötzlich erschienene Mann  sprang mit einem
Satze zum Fenster Valerius im Anschauen desselben verloren sah ihn das
blitzende graue Auge wie einen Pfeil hinabschiessen  »es wird Graf Stanislaus
endlich sein« schrie der Graf ein flüchtiges Licht der Befriedigung flog über
das Antlitz des Schmiedes und er nickte leicht mit dem Kopfe Darauf ging er
raschen Schrittes zum Stuhle der alten Gräfin nahm seine dunkelrote Pelzmütze
ab bückte sich tief und küsste den Saum ihres schwarzen Gewandes Sein dichter
Busch brauner Haare hie und da schon mit grauen vermischt fiel ihm dabei ins
Gesicht und er murmelte einige unverständliche Worte
    Der Graf rief indes nach Kölestin er solle eine Flasche Champagner und
einen der Gefangenen herbeibringen Die Bedienten schleppten einen der
Kürassiere in den Saal Er fiel um Gnade flehend vor dem Grafen auf die Knie
und aus einem mit Haaren verwachsenen schwarzen Gesichte sahen seine trüben
ausdruckslosen Augen starr auf die Hand seines neuen Herrn Kölestin schenkte
den Wein ins große Bierglas dessen sich der Graf zu bedienen pflegte dieser
aber spannte den Hahn eines Pistols und schoss die Ladung dem Gefangenen ins
Gesicht Das arme Schlachtopfer duckte in Todesangst den Kopf nieder und die
Kugel riss ihm das Hinterhaupt entzwei dass das Hirn weit umhersprjetzte
    Schreiend stürzte Hedwig herbei um dem Vater in den Arm zu fallen es war
aber zu spät Der Graf stieß einen Fluch aus und wollte den Körper des
Unglücklichen mit dem Fuße fortstossen ein heftiger Schmerz erinnerte ihn aber
an seine Krankheit er griff zur Entschädigung nach dem vollen Glase und trank
es in einem Zuge leer
    Als die Bedienten den Zerschossenen hinausschleiften erschien Graf
Stanislaus an der Tür Kopfschüttelnd und mit trübem Ausdrucke im Gesicht
übersah er noch schnell was sich eben ereignet hatte Lärmend hieß ihn der Graf
willkommen erzählte ihm was vorgefallen und mit den Worten »Zu rechter Zeit
kam der Schmied« wollte er sich eben zu diesem herumwenden als er erst
bemerkte dass dieser Mann schon verschwunden sei ohne einen Dank abzuwarten
    Stanislaus ein hoch gewachsener junger und blühender Mann erklärte die
Abreise nach Warschau müsste sogleich vor sich gehen die Streifkorps drängten
immer häufiger hinüber jede Stunde Aufschub sei Verlust man würde ohnedies nur
bei großem Glücke ungefährdet passieren können
    Kölestin brachte die Nachricht der Schmied mit seinen Leuten sei
aufgebrochen um die Straße für die gnädige Frau Gräfin rein zu halten die
Reise müsse aber sogleich angetreten werden Magyac kenne die Tour genau welche
zu nehmen sei an ihn solle man sich halten Der Graf runzelte die Stirn und gab
Befehl aufzubrechen
    Binnen einer halben Stunde saß er im ersten Wagen wohl verpackt und rings
mit Waffen umgeben im zweiten fuhren die Damen Stanislaus ritt auf der einen
Seite Valerius und Joel trabten auf der andern dieser mit dem traurigsten
Gesichte von der Welt Magyac eröffnete den Zug mit der Hälfte von den mit
Stanislaus angekommenen Ulanen die andere Hälfte mit den berittenen Bedienten
des Grafen schloss ihn Das wüste Herrnhaus mit den toten Russen blieb einsam
zurück die übrigen Gefangenen waren mit dem Schmiede und seinen Leuten
verschwunden Es ging im raschen Trabe durch den Wald hin an keinem Wagen war
ein Licht zu sehen hie und da nur fielen glänzende Mondesstrahlen auf den
schwarzen Trupp und von Zeit zu Zeit hörte man jenes Drosselpfeifen tief aus
dem Walde das Magyac an der Spitze des Zuges beantwortete
    Von den Reitern konnte niemand sprechen weil sie mit größter Sorgfalt auf
Weg und Pferde achten mussten alle Minuten stolperte ein Tier über die
Baumwurzeln Nur Hedwig tat einige leichte Fragen an Stanislaus und fragte
Valerius und Joel ob niemand verwundet worden sei »Ich seh ja durch den
Mondschein lieber Joel dass Sie ein klägliches Gesicht machen Pfui doch solch
ein rascher Schütze solch ein frischer Reiter«
    Joel seufzte tief auf und Valerius sah bei einem Blicke des Mondes ein
schmerzliches Lächeln über sein Gesicht gleiten Valerius selbst war aber zu
voll von dem was vorgefallen Das Bild des Schmiedes von Wavre wich nicht von
den Augen seines Gedächtnisses Er erschien ihm wie die verkörperte schmiegsame
Kraft dieser ganzen Nation All jenes verschlossene verschlagene Element dieses
Volkes mit den blitzraschen Bewegungen jene vornehme Armut jener ganze
Anstrich von heldenmütigen Brigants den eine insurgierende Nation von dieser
fliegenden Tapferkeit leicht erhält all dies ursprüngliche Sarmatentum
erblickte er in diesem Manne
    Wie er dastand  sprach die Erinnerung eifrig in ihm fort  als sein bloßer
Anblick den Sieg entschieden hatte in dem kurzen weissgrauen Kittel den der
breite Ledergurt straff zusammenzog Die Muskeln seiner Hand spielten wie heiße
Sonnenstrahlen an der Büchse  und unter dem Pulverdampfe von des Grafen
Mordpistole verschwand er wie ein Geist er war der Urgeist einer Nation
    Er ertappte sich lächelnd auf diesen Übertreibungen konnte und wollte sich
aber nicht davon losmachen Das Leben wird erst unser wenn es sich wieder
erzeugt in unserm Innern darum sind die Dichter die reichsten Menschen darum
sind sie kleine Götter die alle Tage eine Welt schaffen und sich mit dem Troste
zu Bette legen Siehe es war alles sehr gut Im Sturm der Dinge selbst sind wir
die Beute der Dinge ist es doch ein Hauptglück des gegenwärtigsten Reizes der
Liebe sich ihrer zu erinnern Ein jahrelang ersehnter Kuss im Fluge geraubt und
erwidert macht ein ganzes darauffolgendes Leben voll Gewöhnlichkeit erträglich
während jener eigentliche Lebensaugenblick an sich kaum empfunden ward und nur
durch die lange Erwartung vorher und die lange Erinnerung nachher ein
beglückendes Ereignis wurde
    So liegt in uns von Hause aus jener viel gesuchte Sieg über das Äußere
    Aber auch diese nachschaffende Fähigkeit war getrübt in Valerius er reizte
sich mehr zum Genuss als dass dieser Genuss ihn aufgesucht hätte Der Mittelpunkt
seines Lebens war verschoben und alles übrige dadurch in Unordnung geraten So
machte er sich Vorwürfe über diese ärmliche Manier wie ers nannte nur das zu
erkennen und zu ergreifen was vorüber sei nicht der gegenwärtige Anblick
dieses spärlich erleuchteten nächtlichen Zuges wecke ein romantisches Gefühl in
ihm schalt er weiter nein es sei der Augenblick als vor fünf Minuten die
Mondesstrahlen glänzend durch die Baumgipfel gebrochen seien jener Augenblick
übe den Reiz auf sein Inneres obwohl das Auge noch fortwährend dasselbe sehen
könne jener vergangene Augenblick liege bereits als geschichtliches Bild dieser
Fahrt in seinem Gedächtnisse  »Ich will keine Vergangenheit ich will
Gegenwart« sprach er wie ein ungezogenes Kind vor sich hin  »ich will ein
Mensch sein nicht aber ein Künstler den Träume beglücken«
    So wütet der Mensch gegen sein Fleisch und der Starke schmäht seine
doppelten Kräfte weil er in den Stunden des Unmuts einen Schwachen lächeln
sieht und diesen um seine Schwäche beneiden zu müssen glaubt
    Aber wir mögen uns noch soviel Mühe geben unserem Wesen ungetreu zu werden
unser eigentliches Wesen ist unsere Gesundheit und die Natur strebt immer von
selbst wieder dahin zurück
    Ehe er sich seines Unmuts recht bewusst wurde war Valerius mit den Gedanken
in Deutschland und ein Ort nach dem andern musste sich ihm darstellen im
Mondschein dieser Nacht Das sind Bilder die den Menschen am meisten befangen
mit ihrer unendlichen Mannigfaltigkeit Eine Gruppe nach der andern breitet sich
vor ihm aus jede hat ihre tausend Beziehungen und Gewichte die sich
fortwährend im Gleise erhalten jede führt zu einer neuen und der Geist irrt
von einem Lande zum andern über den Ozean wo jener Mondschein nicht zu sehen
ist und die Leute im Sonnenstrahl umherwandeln  »beim Schein des Mondes beim
Strahl der Sonne denken wohl manche von jenen Leuten an den Kampf in Polen und
so weckt und wirkt alles durcheinander in dieser Welt und der Gedanke an den
Allmächtigen füllt das Herz 
    Kamilla Kamilla die Welt ist zu groß das Interesse zu mannigfaltig
Gottes Gedanke zu tief und ich will alles suchen  dein Auge kommt mir immer
seltener ich tauge nichts für die Liebe ich bin krank an Überfluss und arm an
Liebe für das einzelne vergib mir« 
    Da stolperte sein Pferd über eine Wurzel sein Schenkel ward an einem Baime
gequetscht und so erinnerte ihn die Gegenwart nur zu deutlich dass er wiederum
außer ihr gewesen sei Der Zug hielt still und jetzt erst bemerkte Valerius
dass fernher aus dem Walde einzelne Feuer leuchteten Er ritt vorsichtig bis an
die Spitze des Zuges  Magyac sah unentschlossen nach der Seite in den dichten
Wald als solle ihm von dort her Rat und Hilfe werden Ein Umweg durch den Wald
war nicht möglich für die Wagen die Bäume standen zu dicht
    Träumerisch sah Valerius nach den Feuern er bemerkte es nicht dass sein
Pferd langsamen Schrittes ihnen sich näherte Magyac war zwischen die Bäume
geritten wahrscheinlich um zu rekognoszieren und hatte keine Acht auf den
melancholischen Deutschen die vordersten Ulanen mochten glauben er wolle
ebenfalls die Ortsgelegenheit näher erkunden  kurz er kam ungehindert den
Feuern immer näher und ohne nachzudenken betrachtete er das neue Schauspiel
Etwa wie man ein Wouvermannsches Schlachtgemälde ansieht ohne einen Augenblick
daran zu denken das ausgehobene Schwert des Mannes auf dem friesischen Schimmel
könne uns treffen
    Auf einer Lichtung war ein Trupp Kosaken gelagert Ross und Reiter ruhten an
der Erde gewärmt durch hohe Feuer Die Lanzen steckten ihnen zur Seite im
Boden und der größte Teil dieser rastlosen Steppenbewohner schien zu schlafen
hie und da erhob sich einer mechanisch mit dem halben Körper und warf ein
frisches Stück Holz in die Glut dann sank er wieder in die vorige Stellung
zurück oder suchte sich ein bequemeres Kopfkissen auf dem Bauche seines
Pferdes Die bärtigen augenlosen Gesichter zur Hälfte gewöhnlich im Schatten
zur Hälfte vom Feuer beleuchtet erhöhten durch ihre Regungslosigkeit die
Täuschung ein Gemälde zu sehen
    So kam der junge Träumer bis zu den letzten Bäumen welche an seinem
schmalen Wege die Lichtung begrenzten Einige Schritte nur von ihm hielt der
aufgestellte Wachtposten Der Kosak war ebenfalls eingeschlafen und saß mit
untergeschlagenen Armen wie eine Bildsäule da Mit dem rechten Arme hatte er die
Lanze eingeklemmt die linke Hand hielt den Zügel Ein langer schneeweisser Bart
fiel auf die Brust herab ein kleines schwarzes Kreuz drängte sich darunter
hervor wahrscheinlich hatte er noch kurz vorher seine Andacht verrichtet nicht
ahnend wie not es ihm sein dürfte um seinem Glauben nach glücklicher zu
sterben Der Schlaf hatte ihn übereilt und ihm nicht gestattet das Kreuzchen
wieder auf die behaarte Brust zurückzuschieben
    Es war nur noch ein Schritt zwischen beiden Reitern das Kosakenpferd zog
langsam die trägen Augenlider in die Höhe und rückte den Kopf ein wenig
aufwärts Der Kosak der die nachlassende Straffheit des Zügels empfinden wohl
auch das Nahen eines Gegenstandes bemerken mochte machte eine Bewegung mit der
Hand öffnete die Augen verstorbene lebensmüde Augen öffnete den Mund 
    Da fühlte Valerius den Zügel seines Pferdes von einer raschen Hand gehalten
der Kosak verschwand plötzlich von seinem Gaule es erschien ein anderer Reiter
darauf und ehe er sich ermuntern konnte sah er sich auf dem Rückwege zu seinem
Zuge Der Schmied von Wavre ging neben ihm ein junger polnischer Bauer ritt zu
seiner andern Seite auf dem Kosakenpferde Mit Grauen sah er bei den
nachleuchtenden Feuern wie der alte Kosak mit einer Schlinge um den Hals von
dem Bauer nachgeschleift wurde Das Pferd des plötzlich Erwürgten trug ebenso
geduldig den neuen Reiter der es so schnell von seinem vorigen befreit hatte 
 
                                      11
Valerius war in jener Nacht nur auf kurze Zeiträume aus seiner Träumerei zu
wecken gewesen Er machte sich die lebhaftesten Vorwürfe über diese gefährliche
Schwäche als ihm Magyac am andern Morgen die Begebenheiten der Nacht erzählte
    Das ist jenes törichte Leben in die Weite in die Ferne das den Baum vor
Augen nicht merkt bis er sich kund gibt durch einen heftigen Stoß Das ist
jenes Räsonieren ins Ungemessene hinaus jenes deutsche Komponieren der nächsten
weltgeschichtlichen Epochen worüber die Gegenwart und das zeitig Notwendige
unbenützt vorüberstreicht das ist jenes unpraktische Wesen das sich so gern
und so leicht mit höheren weiteren Zwecken entschuldigt das gepriesen sein
möchte als weitsichtiges höheres Element und das doch übertroffen wird von
jenem kleinen Buben der das Pferd tränkt da es eben dürstet Auf den nächsten
Schritt soll man achten und dem Augenblick leben der eben da ist den
Gegenstand ergründen der just neben uns steht
    So schalt er sich während Magyac erzählte Der Schmied hatte das Biwak
umstellt und während die Schläfer mit wildem Geschrei überfallen worden waren
die Wagen in größter Schnelligkeit ungehindert die Lichtung passiert Nur das
gnädige Fräulein die bis zum Augenblick des Überfalls fest geschlafen sei
erweckt von dem plötzlichen Lärmen aus dem Wagen gesprungen und in den Wald
hinein gelaufen Joel der ihr nachgeeilt habe sie zwar eingeholt aber die
Wagen seien längst auf und davon gewesen und so habe man das Fräulein hierher
ins Haus gebracht wo sie jetzt noch ruhig schlafe
    »Aber wie bin ich denn hierher gekommen Taddäus«
    »Ja was weiß ich Herr du sagtest ja zum Schmiede dass du seine
Bekanntschaft machen wolltest«
    »So«
    Valerius befand sich auf einer ähnlichen Waldlichtung wie er heut nacht
gesehen in seinen Mantel gehüllt lag er an einem verglimmenden Feuer hinter
ihm ein langer starker Baumstamm Dieser hatte ihm zum Kissen gedient wie er
vermutete denn der Nacken schmerzte ihm gewaltig von dem kurzen Schlafe Magyac
saß vor ihm an der Erde und scharrte einige Kartoffeln aus der Asche die er zum
Frühstück geröstet hatte Dann zog er ein Stück Schwarzbrot aus der einen Tasche
seines Pelzes und eine Schnapsflasche aus der andern und legte alles vor
Valerius hin indem er ihn mit einem halb verschmitzten halb schmerzlichen
Lächeln aufforderte sich des Frühstücks zu bedienen
    Valerius nahm lächelnd einige Bissen Brot »Trink getrost Herr« sagte
Taddäus »es ist Wein vom Grafen im Lärm der Abreise hab ich meine Flasche
leer und wieder voll gemacht  der alte Schurke wenn nicht seine Mutter wäre
die der heilige Adalbert erhalten möge«
    »Wo ist Joel Und wo sind wir eigentlich« Taddäus deutete auf einen Winkel
des Gebäudes unter dessen Dache sie sich befanden  da lag der arme Junge
zusammengekrümmt unter seinem Mantel und schlief Mit der Hand und einem bunten
Tüchlein hielt er sich einen Teil des Gesichts verdeckt  Valerius kannte das
Tuch von jenem Abende es war Hedwigs
    Taddäus hatte die zweite Frage nicht beantwortet eh sie Valerius
wiederholte sah er sich um ob er sie vielleicht selbst beantworten könnte Er
erkannte nicht ohne Anstrengung dass er sich mit seinen Gefährten unter einer
sogenannten Wildraufe befände wie man sie für strenge Winter zur Atzung des
Wildes anlegt Einige alte zerfallene Krippen und Raufen die umherlagen
erinnerten in ihren Trümmern daran Solche Wildraufen bestehen eigentlich nur
aus einem schiefen Dache das sich auf eine Bretterwand und einige Pfosten
stützt Die drei übrigen Zugänge sind offen und da die offene Seite nach Morgen
lag so schien die Sonne freundlich auf die Gruppe und erheiterte wie immer den
deutschen Wallfahrer wie er sich manchmal nannte Der Fichten und Kieferwald
glänzte mit den Funken des gerinnenden leichten Schnees der den Abend vorher
gefallen und jetzt größtenteils schon wieder verschwunden war Es begann einer
jener Wintertage in deren Mundwinkeln schon ein Frühlingslächeln schwebt ein
lauer Tauwind zog langsam über die Fläche Solch ein Wind ist wie der Hauch
eines jungen Mädchens wenn er uns zum ersten Male berührt und wir empfinden
welch eine Lust es sein müsse von den Lippen geküsst zu werden über welche
dieser Atem flog Frühlingsahnung Ahnung einer schöneren Zeit zieht damit in
unsere Brust
    Auch Valerius sagte lächelnd »Es wird noch alles gut werden  weiter
weiter«
    Einer der Seitenausgänge dieser Wildraufe war aber verschlossen durch ein
Bretterhäuschen das sich daran lehnte und mit der Hinterwand der Raufe eben
jenen Winkel bildete in welchem Joel lag
    »Wer wohnt hier Taddäus« fragte Valerius von neuem Taddäus umging aber
die Frage noch einmal »In der guten alten Zeit« sagte er »wo die Polen noch
Polen waren hat es hier in der Gegend einen freundlichen Herrn gegeben welcher
das Wild besser behandelte als mancher die Menschen der ließ in strengen
Wintern zuweilen hier Futter ausschütten für die hungrigen Tiere  s ist aber
lange her und die alten Bretter sind schon verfault wenn der Wind hineinfährt
da stöhnen sie wie die Wölfe die sich öfters hierher flüchten«
    »Ich bin dein Freund Taddäus wer wohnt in jenem Hause«
    »Gott lohns Euch Herr« erwiderte dieser und griff nach Valerius
Mantelzipfel »wir haben nicht viel Freunde wir Polen in Schafspelzen aber
einen mächtigen und einen stolzen Feind den Russen und den Edelmann dort in
der Hütte Herr aber«  und dabei sank seine Stimme zum Geflüster herab 
»wohnt der Schmied  seit vielen vielen Jahren schon  wer seine Wohnung
verrät begegnet keinem Polen mehr« setzte er mit blitzenden Augen hinzu »es
führt kein Weg durch den Wald hierher und eine Stunde im Umkreise haben seine
Freunde einen Graben im Walde ringsum gezogen über den kein Reiter setzt es
haben viel Leute daran gegraben«
    »Warum« fragte Valerius weiter »wohnt er denn schon so lange im
verborgenen«
    Ein zuckendes böses Lächeln presste sich über Magyacs Gesicht und er schien
etwas Schlimmes auf der Zunge zu haben aber er schluckte es hinunter und nach
einer Pause fuhr er fort mit wehmütigem Tone »Es ist schon lange her dass sie
ihm alles genommen haben ich war ein kleiner Bube als er noch in Wavre wohnte
mit Weib und Kind und s war ein trüber nebliger Herbstabend als ich wieder
einmal bei der Schmiede stand und mit großer Freude die glühenden Funken
betrachtete die durch den Nebel hinstoben von des Schmiedes gewaltigen
Schlägen Ja Herr die alten Leute sagen sie hätten Zeit ihres Lebens keinen
tüchtigeren Polen gesehen als den Schmied Florian und der selige Herr Kosciusco
 Gott segne seine Asche  hat ihn immer den jungen Piasten genannt Ja Herr
so war der Schmied und als er an jenem Abende auf den Ambos schlug da sang er
ein altes Lied von unserer Freiheit und die Gesellen sangen mit und das halbe
Dorf versammelte sich um die Schmiede s war just der Abend vorm heiligen
Martinstage die Leute in Wavre gedenken alle Jahre dieses Abends Denn als sie
noch nicht fertig waren mit der Axt die der Schmied hämmerte und dem Liede
das sie alle sangen da kamen die Russen aus Warschau und wollten den Florian
gefangen nehmen weil er ein aufrührerischer Kopf sei Der Schmied aber schlug
dem ersten der ihm nahe kam den Hammer vor den Kopf dass er hinschlug wie ein
umgehauener Baum Nun ging das Schießen los denn es wagte sich keiner mehr an
den Polen Es dauerte auch nicht lange da lag Florians Weib und sein rüstiger
Junge im Blute und der Schmied stürzte heraus wie ein angeschossener Eber
mitten unter die Soldaten sie fuhren entsetzt nach allen Seiten auseinander
und ehe sie sich wieder sammelten war Florian in den Wäldern Jeder Russe der
ihn wieder gesehen hats mit dem Leben bezahlt
    Florian ist übrigens der beste Mann im Lande und tut keinem Kinde was
zuleide viele Leute halten ihn auch für einen Heiligen aber unglücklich ist er
sehr und wenn er am Tage um unser Vaterland geweint hat so weint er des Nachts
um sein Weib und seinen frischen Buben Herr seit ich den Schmied zum ersten
Male in seinem Jammer belauscht habe seit der Zeit hat mich nichts mehr
gerührt es war am verwichenen Martinsabende ich hatte einen Wolf erschlagen
und wollte dem Florian die Haut bringen für den Winter da sah ich ihn durch die
Türspalte vor seinem Heiligen auf den Knien liegen das Wasser lief ihm in den
Bart und er fragte schluchzend den lieben Gott ob er wohl wisse wie schlecht
es uns erginge im Lande Polen«
    Taddäus sprach nicht weiter es trat eine lange Pause ein und Valerius
reichte ihm die Hand die jener heftig küsste Der Mund des jungen Polen brannte
heiß und fieberisch
    Die Tür des kleinen Häuschens öffnete sich und Hedwig erschien auf der
Schwelle frisch wie ein junger Waldbaum den der Tau des Morgens erquickt hat
Sie sah mit Lächeln auf den Schläfer im Winkel Es lag soviel Schalkheit und
soviel Wehmut in diesem Lächeln dass man nicht wusste ob jene größer als diese
sei Joel schlug die Augen auf und streckte noch halb schlaftrunken die Arme
nach ihr aus Sie reichte ihm die Hand und als er sie an die Lippen führte
strich sie ihm leise damit über das Gesicht ihre Hand berührte auch jenes
Tüchlein aber sie ergriff es nicht
 
                                      12
Die linden Lüfte sind erwacht
Sie säuseln und weben Tag und Nacht
Sie schaffen an allen Enden
O frischer Duft o neuer Klang
Nun armes Herze sei nicht bang
Nun muss sich alles alles wenden
    Sie hatten den größten Teil des Tages über im Sonnenscheine gesessen und
die Herzen hatten gesprochen mit jenen unmittelbaren Worten die man nicht
nacherzählen kann und Valerius hatte zum ersten Male wieder seit langer langer
Zeit deutsche Lieder gesungen Jene Verse stahlen sich aber immer von neuem
zwischen alle seine Lieder die warme Luft ließ sie nicht zur Ruhe kommen Joel
war schweigsam aber sanft und freundlich und Hedwig hatte ihr inniges Ergötzen
an all den neuen Weisen denn die Jugend liebt die Poesie wie die frische Luft
Joel hatte sie die deutsche Sprache gelehrt und wenn sie sich auch verwunderte
dass die Weisen alle so langsam gingen so hörte sie doch nicht auf zu rufen
»Immer mehr immer mehr«
    Über diesem Treiben kam der Abend Magyac der jenseits des Grabens nach den
im Dickicht untergebrachten Pferden gesehen hatte kehrte zurück machte in der
Hütte ein Feuer an und legte sich auf ein Strohlager in einen Winkel Kamin
oder Ofen war nicht vorhanden und der Rauch suchte sich durch die vielen
Öffnungen des Daches seinen Weg Kummervoll betrachtete Valerius diesen
unwirtlichen Raum des armen Schmiedes steten Aufenthalt Hedwig hatte sich am
Feuer niedergekauert und wärmte sich die Hände Joel war nicht zu sehen bald
aber hörte man von draußen her seine Stimme Auch ihm war das traurige Herz
aufgegangen in diesen stillen Stunden und was er nie zu sprechen wagte das
sang er jetzt in die Nacht hinaus in den schweigsamen Wald hinein Aber als ob
es das polnische Land nicht verstehen sollte sang auch er die Worte deutscher
Dichter Er schien umherzuirren auf der Waldflur manchmal verklangen die Worte
in großer Ferne manchmal hörte man sie dicht an der Hütte Hedwig horchte
aufmerksam die Stimme kam eben näher und man verstand die Worte
»Ach nein erwerben kann ichs nicht
Es steht mir gar zu fern
Es weilt so hoch es blinkt so schön
Wie droben jener Stern
Die Sterne die begehrt man nicht
Man freut sich ihrer Pracht
Und mit Entzücken blickt man auf
In jeder heitern Nacht
Und mit Entzücken blick ich auf
So manchen lieben Tag
Verweinen lasst die Nächte mich
Solang ich weinen mag«
    Hedwig sah mit wehmütigen Blicken in das Feuer Valerius an die Wand sich
lehnend sah forschend in ihr Angesicht es war alles still ringsum man hörte
durch die dünne Bretterwand wie der Sänger leise seufzte und sich langsam
entfernte Klagend sang er weiter
»Lebe wohl lebe wohl mein Lieb
Muss noch heute scheiden
Einen Kuss einen Kuss mir gib
Muss dich ewig meiden
Eine Blüt eine Blüt mir brich
Von dem Baum im Garten
Keine Frucht keine Frucht für mich
Darf sie nicht erwarten«
    Die Stimme schwieg es schien Valerius als stünden dem schönen Mädchen die
Augen voll Wasser aber sie regte sich nicht der seidene Mantel glitt ihr
langsam von der weißen Schulter  sie ließ ihn gleiten ihre langen Augenwimper
senkten sich kaum merklich ein wenig tiefer  man konnte das schöne Mädchen für
ein Marmorbild halten
 
                                      13
Nach einiger Zeit nahten sich Schritte von mehreren Seiten und man hörte
draußen eine Menge Stimmen Magyac sprang auf und ging nach der Tür bat aber
Valerius so lange in der Hütte zu bleiben bis der Schmied zurückkäme Durch
die Spalten der Wand sahen die Zurückbleibenden draußen unter der Wildraufe ein
Feuer auflodern und rings um dasselbe eine Schar bewaffneter Bauern Die Zahl
derselben wurde immer größer ihr Gespräch immer lebhafter und stürmischer
    »Warum liegen sie fortwährend in Warschau still« schrie eine raue Stimme
»warum gehts nicht von der Stell Sie sind Verräter und schreiben nach
Petersburg«
    »Das verstehst du nicht Slodczek du bist ein Unband der an einem Tage
säen und ernten will« sprach ein alter Bauer der sich am Feuer niedergesetzt
hatte
    »Der Slodczek hat recht« schrie eine Stimme aus dem dichtesten Haufen 
»er hat nicht recht« schrie eine andere und bald brauste das Stimmengewirr
unverständlich durcheinander
    »Es muss was geschehen« übertönte Slodczek das Durcheinander mit seiner
rauen Kehle »sonst verkaufen sie uns wieder das Fell vom Leibe und wenns
Glück hoch kommt sind sie selbst die Käufer  wir müssen nach Warschau«
    Dieses Wort erregte einen noch viel größeren Lärm und es schien auf
Augenblicke als ob sich die verschieden gesinnten Meinungen durch die Waffen
selbst geltend machen wollten Slodczek wenigstens schlug sein Gewehr auf einen
Bauer an der sich ihm am eifrigsten entgegenzusetzen schien Aber jener Alte
der ihm zu Anfang widersprochen hatte schlug ihm das Gewehr in die Höhe der
Schuss ging indessen los und die Kugel fuhr prasselnd durch das alte
Schindeldach
    Es folgte eine augenblickliche Stille Slodczek selbst schien bestürzt zu
sein
    »Wie lange wird der Ring des Schmiedes sicher sein wenn wir alle unsere
Büchsen abschiessen« sagte mit langsamer Betonung Taddäus Magyac
    Der alte Bauer warf einen jener fliegenden polnischen Blicke auf Slodczek
und auf die übrigen dann sah er gedankenvoll in den Lauf seines Gewehrs und
jener nationale Zug einer gesunden Melancholie lagerte sich auf seinem schmalen
Gesichte »Wir werden zu zeitig auf die Fläche hinauslaufen damit sie uns alle
mit einem Male treffen können« sprach er mit traurigem Tone
    Man konnte nicht einen Augenblick verkennen dass selbst die Stürmischen
dieser Insurgenten keineswegs zu etwas Durchgreifendem entschlossen waren Die
Gelegenheit schien ihnen zwar bequem ihre schlechten Dienstverhältnisse zu den
eingebornen Herren des Landes besser zu gestalten und viele waren der Meinung
dass Polen bestehen könne ohne dass sie selbst in so tiefer Abhängigkeit von den
Edelleuten lebten aber es war doch selbst in diesen mehr ein romantisches
Tappen nach größerer persönlicher Freiheit als ein klares Bewusstsein Und
sobald die allgemeine Gefahr des gemeinschaftlichen Vaterlandes einen Augenblick
dringend wurde verschwanden alle jene Halbgedanken wie die kleinen Wünsche
eines Gefangenen vor dem großen Begriffe der Befreiung
    Während es in der Versammlung eine Zeitlang völlig still war und die Bauern
gedankenvoll vor sich hinsahn wendeten auch Hedwig und Valerius ihre Blicke
von den Spalten und sahen sich gegenseitig an um einander die Verwunderung
über solch eine Szene auszudrücken Sie waren beide in einer großen Spannung
und es war natürlich dass sie heftig zusammenschraken als plötzlich der Laden
aufgerissen wurde der sich auf der andern Seite der Hütte befand ein langer
Bart zum Vorschein kam und eine unheimliche Stimme mit eulenartigem
weitschallendem Tone rief »Joel wo bist du«
    Wie der Sturmwind stürzten die Bauern herbei und in einem Nu lag der Mann
dem jene Stimme gehörte niedergeworfen am Feuer unter der Wildraufe und fünf
sechs Büchsen waren auf ihn angeschlagen
    »Ein Spion ein Spion« schrie alles durcheinander »Ein Jude ein jüdischer
Spion« brüllte die Menge gleich darauf als der Schein des Feuers auf ihn
gefallen war
    Es war Manasse Manasse in seinem langen schwarzseidenen Kaftan Das
totenbleiche Gesicht sah ängstlich auf die drohenden Feuerröhre und mit
hastiger Stimme rief er »Ich bin kein Spion ich bin der ehrliche Jude Manasse
 wo ist mein Sohn Joel« schrie er hinterdrein mit kreischender Stimme
    »Drückt ab« stürmte Slodczek »er hat uns behorcht er verrät uns an die
Edelleute«
    »Im Ringe des Schmiedes wird nicht geschossen« sagte Magyac und warf
gleichmütig frisches Holz ins Feuer
    Die Gewehre senkten sich Manasse benützte diesen Augenblick zu seiner
Verteidigung »Ich habe nichts gehört nichts nicht ein Wort hab ich gehört
von jener Seite bin ich gekommen um zu suchen meinen armen Sohn Joel Mein Sohn
Joel vergisst für euch sein Blut er ist Soldat mein Joel sie haben ihn vom
Pferde geschossen bei Grochow vom Pferde das ich ihm selber gekauft
totgeschossen lag es neben ihm das schöne Tier das teure Tier«
    »Schlagt ihm den Schädel ein« unterbrach ihn Slodczek und ging mit
umgekehrter Büchse auf ihn los »wenn er Geld verdienen kann verrät er uns
doch«
    Da riss sich der alte Jude mit der Kraft eines Jünglings aus den Fäusten der
beiden Bauern die ihn festielten und die lange magere Figur streckte sich
kerzengerade in die Höhe mit der einen Hand riss er sich die schwarze Mütze vom
Schädel die andere streckte er dem andringenden Slodczek entgegen  die dürren
Finger zitterten die dünnen grauen Haare flogen im Winde er war anzuschauen
wie einer jener Propheten die den Untergang Judas weissagten »Der Cherem des
allmächtigen Adonai falle über euch so ihr einem unglücklichen alten Manne ein
Haar krümmt euer Stamm sei verflucht bis ins tausendfachste Glied euer Land
soll wüste liegen wie das Land zwischen Ägypten und Kanaan euer Name soll
vergessen werden auf ewig und der Würgengel halte Wache an euren Grenzen bis
zum Jüngsten Gericht so ihr euch vergreift mit frechen Händen an einem Manne
des strengsten Gesetzes an einem der Chassidim an Manasse dem Auserwählten
des hochgelobten Herrn der Heerscharen«
    Dieser Bannstrahl machte einen unerwarteten Eindruck auf die Bauern Es lag
ein religiöses Element darin das die frommen Katholiken berührte jener
schreckliche Bezug auf ihr Vaterland und dessen Zerstörung der entsetzlichste
Gedanke für den wildesten polnischen Bauer der Anblick und die erschreckende
Zuversicht des Greises womit er die Worte sprach  alles das erzeugte eine
Totenstille
    Manasse blieb in derselben Stellung seine Muskeln schienen ehern geworden
zu sein und die düsteren schwarzen Augen leuchteten wie schauerliche
Totenfackeln
    »Ich soll euch verraten an eure Herren O Adonai wie lange schon liegt dein
Zorn auf uns  bin ich nicht ein tiefer gebeugter Sklave als ihr  wenn der Herr
euch schlägt mit der Hand so tritt er mich mit dem Fuße wenn er den einen von
euch misshandelt so beklagen ihn die andern wenn er mich misshandelt so lachen
sie wenn ihr unter die Kugeln lauft und sie euch treffen so fallt ihr für
euer Land so fallt ihr als Helden welche die Nachwelt besingt  wenn wir
fallen für euer Land so ist ein Jude weniger und das ist gut sprecht ihr dann
 weil ich suche meinen Sohn Joel der vielleicht schon gefallen ist für euch
unter den Kugeln der Russen schlagt ihr auch den Vater tot  das ist auch gut
Und ich soll euch verraten Was hab ich zu verraten als größeres Elend denn
eures« 
    dabei sank er zusammen Hedwig die ihn plötzlich verschwinden sah unter der
Menge glaubte man sei im Begriff ihn umzubringen und stürzte hinaus
Valerius der schon längst auf dem Sprunge gestanden hatte folgte ihr
augenblicklich Nur die Überzeugung dass er in diesem Augenblicke eine ebenso
verhasste Erscheinung sein müsse als der Jude dass er den Verdacht der Bauern
behorcht zu sein zur Gewissheit steigern würde hatte ihn bisher abgehalten
Aber der Moment schien ihm der äußerste als Manasse vor seinen Blicken
verschwand und er bemerkte es kaum dass auch Hedwig hinauseilte
    Ihr Erscheinen machte die Verwirrung vollständig  »Ein Edelmann  des
Grafen Tochter« schrie alles durcheinander und im ersten Angenblicke drängten
sich die Bauern alle auf eine Seite zusammen gleich als ob sie sich fürchteten
oder nur in Masse von nun an handeln müssten
    Da erschien auch plötzlich Joel der mit dem größten Erstaunen die Gruppe
betrachtete die so wenig zu den Liebesträumen passen mochte aus denen er eben
erwachte Er stürzte zu Manasse und richtete ihn auf in den Augen des
zerbrochenen Greises leuchtete eine unbeschreibliche Glückseligkeit als er sah
dass es sein Sohn sein Joel wäre der ihn unterstützte
    Das Feuer war zwischen den Parteien nur Magyac saß wie ein unbeteiligter
Grenzpflock vor demselben und somit zwischen den beiden in diesem Augenblick so
feindlich gegeneinander gestimmten Heeren
    Ein rasches Gemurmel flog durch die Gruppe der Bauern  es sind Kiekis
Uniformen  ein braves Regiment  wir sind verloren wenn sie lebendig den Ort
verlassen  warum nicht gar  sie müssen daran 
    Die letzte Äußerung kam von Slodezek der Lärm ward stürmisch die Masse
bewegte sich gegen das Feuer zu Slodezek voran Valerius und Joel zogen ihre
Säbel Hedwig stand unbeweglich nur ihre Augen glitten bald von Joels Gesicht
auf das Antlitz des alten Manasse bald von diesem auf jenes
    Magyac nahm ruhig einen Feuerbrand und hielt ihn dem andringenden Slodezek
unter die Nase dass dieser einen Schritt zurückfuhr »Diese Leute sind die Gäste
des Schmiedes von Wavre« sprach er und sprang in die Höhe
    Slodezek aber ergrimmt durch den steten Widerspruch riss ihm den Feuerbrand
aus der Faust schleuderte ihn in die Finsternis hinein und fiel dann mit der
größten Heftigkeit über Magyac her Das Signal war gegeben der Kampf selbst
erzeugt dann bei solchen Gelegenheiten den Kampf wenn die Parteien kurz vorher
noch so unschlüssig gewesen wären Alles drang auf die beiden Soldaten ein
welche ihre wehrlosen Verbündeten zurückschoben und sich so gut als möglich zu
verteidigen gedachten Das Handgemenge begann
    »Holla ho« rief plötzlich eine donnernde Stimme und von unwiderstehlicher
Kraft fühlten sich die ersten Kämpfer auseinandergerissen  »Der Schmied der
Schmied« schrie alles und er stand wirklich zwischen ihnen Die Flinte hing
ihm auf dem Rücken seine Hand war ohne Waffe aber sein Blick genügte dem
Kampfe ein Ende zu machen Er nahm seine dunkelrote Mütze ab ein unendlicher
Schmerz breitete sich über das gefurchte hartkantige Antlitz  die Hände
faltend sah er mit stierem Auge vor sich hin und leise sprach er »Vater
Kosciusco das sind deine Polen«
    Diese Worte waren bis zum entferntesten Bauer gedrungen  die erst noch so
unbändigen Insurgenten standen mit niedergeschlagenen Augen da Erst nach einer
langen Weile sagte Slodezek halblaut »Vater Florian sie haben uns behorcht«
    »Was habt ihr für Geheimnisse vor ihnen« fuhr der Schmied hastig auf »sie
hassen die Tyrannei so gut wie ihr sie wollen unseres Landes Freiheit so gut
wie ihr sie beten zu Gott was ihr bittet«
    Und nach einer kurzen Pause setzte er hinzu »Wir gehen alle nach Warschau
übermorgen abends um sechs finden wir uns vorm Hause des alten Krukowiecki der
heilige Adalbert nehm uns in seinen Schutz«
    »Magyac voraus zäume die Pferde und führe sie an den Kreuzweg dort harrt
der Wagen für das Fräulein«
    
    Taddäus der den Schmied kannte wusste dass Eile nötig sei und flog wie
ein Ross über die Lichtung nach dem Walde zu Die Bauern grüßten den Schmied mit
einer Mischung von Ehrfurcht und Vertraulichkeit und wohl auch mit einem Rest
von Scham dass sie sich vom heißen zänkischen Blute zu einer Torheit hatten
fortreißen lassen und zerstreuten sich hastig über die Lichtung schreitend
    Jener gemässigte Alte sagte mürrisch zu seinem Begleiter als sie in das
Dunkel des Waldes traten »Der Slodczek macht immer tolles Zeug  s ärgert mich
aber doch dass mir die hübschen Pferde entgangen sind ich witterte sie heut
abend als ich durch den Wald nach dem Ringe strich und ich dachte einmal
heimzureiten  s war kein Glückstag heute«
    Auch der Schmied brach mit den übrigen auf Valerius wollte ihn gesprächig
machen er gab aber nur kurze wenn auch höfliche Antworten Manasse liebkoste
seinen Joel und erzählte ihm wie er in jener Nacht des Aufbruchs aus dem
Schloss dort angekommen sei um ihn zu warnen vor den sich immer mehr nach
jener Seite ausbreitenden Russen »Ihr wart fort ich rannt euch nach Auf dem
Walplatz im Walde fand ich einen schwerverwundeten Kosaken Ich verband ihn
damit er mir den Weg zeige den ihr eingeschlagen Er wies hierherzu  Die
letzten sagte er seien hierherzu geritten ein junger Soldat mit schwarzem
Haar und Bart sei dabei gewesen Das war der junge Deutsche  Gleichgültig
Joel ich bin gelaufen ohne zu ruhen und hab dich gefunden«  dabei
liebkoste er ihn heftig
    Sie traten in den Wald aber eine große Helle in ihrem Rücken veranlasste
sie noch einmal rückwärts zu schauen Die Wildraufe und die Hütte standen in
lichten Flammen »Das ist der Feuerbrand« sagte Hedwig »welchen Slodczek ins
Dunkel warf« Der Schmied sah traurig nach den lustigen Flammen und sprach leise
vor sich hin »Nun habe ich nicht mehr wo ich mein Haupt hinlegen könnte wenn
ich gehetzt werde wie der Hirsch« Er fuhr sich mit der flachen Hand über das
harte Gesicht  »Nun wie die Heiligen wollen Ists doch unserem Herrn
Christus nicht besser gegangen« Er nahm die Mütze zwischen die Hände und seine
breiten festen Lippen bewegten sich als spräche er ein stilles Gebet
    Das Feuer leuchtete unheimlich über die Heide sein Strahl hatte in der
Einsamkeit nur ein paar Krähen aus dem Schlafe gescheucht die mit ihrem
Grabgesange über die Lichtung flogen Der Schmied wandte sich mit rascher
Wendung in den Wald die andern folgten dem schweigsamen Führer
 
                                      14
Es war einige Tage darauf als Valerius in seinen Mantel gehüllt durch die
Straßen von Warschau strich Der Mondschein lag mit seinen weichen Blicken über
der Stadt wie eine süße Trauer oder wie eine wehmütige Freude Die äußeren
Dinge fügen sich ja nachgiebig unseres Herzens Wünschen wir lesen unser Herz in
ihren Blicken und demselben Lichte jauchzt der eine wie einer Hochzeitsleuchte
entgegen während der andere eine Begräbnisfackel darin zu sehen glaubt Darum
sagen manche Leute es sei nichts wirklich als unser Gedanke
    Auch Valerius dachte so »Wozu quält man sich mit den Äußerlichkeiten«
sprach er in seinem trüben Sinne »unser eigensinniges Herz macht ja doch
daraus was es will Wozu trachten wir unablässig Geschichte zu machen da wir
doch nur kleinen Kindern gleichen die mit lächerlicher Mühe und Sorgfalt ihr
Kartenhäuschen aufbauen  ein leichter Windzug wirft es um Und wir wissen es
nicht von wannen der Wind kam noch wohin er geht
    Ist es denn wirklich größer ein Held zu sein Nationen zu bewegen
Völkerschicksale gestalten zu helfen als daheim zu bleiben bei den Seinen und
ihrem kleinen Glücke ihren unscheinbaren Freuden Kraft und Tätigkeit zu widmen
Haben die sogenannten Philister nicht am Ende recht dass wir uns um keine
anderen Dinge kümmern sollen als um jene die uns zunächst betreffen Während
ich kämpfe und ringe für eines Volkes Freiheit weil ich den Begriff der
Freiheit für etwas Großes halte verschmachten vielleicht die Meinen in Angst
und Mangel und Kummer  ist denn nun auch wirklich dieser Begriff der Freiheit
größer als alle anderen Ist es tugendhaft alles andere darüber zu
vernachlässigen
    Großer Gott im nächsten Jahrzehnt ist die Entwicklung der Menschen
vielleicht in ganz anderen Kreisen und mein Treiben ist in den Augen der
Erleuchtetsten ein törichtes geworden und das sogenannte Heldentum ist eine
moralische Karikatur
    Und wenn das alles was ich da denke und zweifle Ausgeburten meines kranken
Leibes sind warum ist die Welt so schwankend dass sie immer nur aussieht wie
ich sie haben will«
    dabei war er immer lebhafter hingeschritten durch die Straßen und war ohne
seinen Willen auf die Weichselbrücke gekommen Eine große Wasserfläche übt stets
einen tiefen Eindruck auf das menschliche Herz das Wasser erscheint uns wie ein
unparteiisches Element neben den anderen irdischen Stoffen teilnahmslos sieht
es wie ein großes ewiges Auge auf den Vorübergehenden und das Schiff und der
Schwimmer und der Sturm berühren nur seine Masse sein Leben ist nicht zu
treffen es mag darüber hingezogen sein was da will dasselbe ewige Auge mit
seiner Unerforschlichkeit kehrt immer wieder Wie schweigende Gotteiten gehen
die Wasserflächen an unserem Treiben vorüber und es bedünkt uns manchmal als
wohnte die tiefste Weisheit in ihnen und als würden wir sie wiederfinden in
einem andern Leben wo sie unbefangen alles erzählen was auf dieser Erde
vorgegangen ist die einzigen unbeteiligten Historiker neben den Sternen Die
Sterne können nämlich nur von den heiteren Tagen erzählen wenn Nebel und Wolken
über der Erde liegen da sehen sie nichts und sie steigen dann in der nächsten
klaren Nacht herab in die Wasserfluten um sich erzählen zu lassen was unterdes
passiert sei
    In solchen Träumereien schaukelte sich Valerius Geist während er am
Brückengeländer lehnte und in die murmelnden Wellen hinabsah mit denen der Mond
und die Sterne hin und her fahrend verkehrten Die schweigende Natur mit ihrer
Ewigkeit in den Zügen übte wie immer ihre volle Kraft der Beruhigung auf sein
Herz man glaubt dann unmittelbar vor dem Auge Gottes zu stehen und die Welt
schweigt im Menschen
    Es war auch ein schöner Platz damals auf der Brücke die nach Praga
hinüberführt auf der einen Seite die Festung welche vor dem Feinde sichert
unter sich den breiten glänzenden Strom auf der andern Seite die stolzen
Paläste deren lichte Fenster der Weichsel erzählten wie die Polen alle wieder
daheim seien wie die Freude wieder angesiedelt werde in jenen so lange
schweigenden glanzlosen Häusern Aus der Stadt her schallte Musik und Gesang
und das Herz des traurigen Valerius musste endlich aufgehen in milderen Gedanken
und Empfindungen
    Es fiel ihm ein dass er auf dem Wege zum Grafen Kicki gewesen sei der ihn
zum Ball geladen er hoffte fröhliche Menschen zu sehen und ging eiligst zurück
nach der Stadt
    In einer engen Gasse sah er eine lichte Hausflur und fröhliche junge
Männergestalten bald in schmutzige Schafpelze bald in glänzende Uniformen
gekleidet gingen ein und aus die ganze Straße hallte wider von patriotischen
Gesängen der Ab und Zugehenden Er blieb einen Augenblick stehen und es schien
ihm als sähe er Magyac eintreten Neugierig ging er ihm nach und erblickte sich
bald in einem großen Saale in welchem sich zahlreiche Gruppen von Männern
befanden Der Raum war spärlich beleuchtet und das bunte Durcheinander von
lauter männlichen Gestalten die mit etwas gedämpfter Stimme aber größtenteils
rasch und heftig sprachen machte einen wunderlichen Eindruck
    Valerius drückte sich in eine dunkle Ecke Er wollte versuchen ob er sich
in diesem ihm ganz neuen Elemente zu orientieren vermöchte Dicht neben ihm
stand eine Gruppe Bauern sie sprachen leise und unverständlich In seine Nähe
drängte sich ein Mann bis an die Nase in den Mantel gehüllt die Mütze hatte er
tief in die Augen gezogen  es entstand eine Bewegung im Saale und auf einer
Art Tribüne im Hintergrunde desselben erschien eine Figur Ein stürmisches
Beifallsrufen drang aus mehreren Gruppen die meistenteils aus Offizieren und
jungen Männern bestanden welche in feinen Zivilkleidern den gebildeten
Ständen anzugehören schienen Die Bauern neben Valerius sahen neugierig nach der
Tribüne als wäre ihnen die Erscheinung völlig neu und unbekannt Der Redner 
denn als solchen gab er sich bald kund  war eine schmale hohe Gestalt ganz in
Schwarz gekleidet auf dem Kopfe trug er ein Käppchen von eben dieser Farbe und
sein ganzes Ansehen gewann dadurch etwas Klerikalisches Die Haltung des Körpers
schien von Sorgen oder Studien gebeugt zu sein  da die Gegend in welcher sich
der Redner befand heller beleuchtet war als die Tiefe des Saales so konnte
Valerius die Gesichtszüge genau unterscheiden Es lagen tiefe geheimnisvolle
Furchen in dem mageren blassen Antlitze die Nase war spitz und scharf geformt
und die tiefliegenden Augen waren still und fast ohne Bewegung bevor der Redner
zu sprechen begann Dann aber flogen sie zuweilen hervor mit einem wie
unterirdischen Feuer zuweilen glänzten sie sanft und mild wie die Seele der
wohlwollendsten Weisheit Derselbe Wechsel spielte um den feinen Mund und dessen
schmale Lippen bald schienen Pfeile des tiefsten Hasses aus den Winkeln zu
fliegen bald saß ein Lächeln darauf das aus dem schönsten Herzen zu kommen
schien und von unendlicher Liebe zeugte
    Die Stimme war sanft und äußerst wohlklingend und der Akzent der schönste
welchen Valerius noch in Polen gehört die schwierigsten Konsonanten zerflossen
auf jenen feinen Lippen und alles schmiegte sich in Wohlklang und Reiz Der
Redner begann mit jener anspruchslosen Einfachheit mächtiger Künstler die
Geschichte Polens zu erzählen die Stimme schien leise und schwach und da die
Erzählung mit den fernsten Jahrhunderten aushob so fürchtete man es werde ihr
für den eigentlichen Zweck für die Verhältnisse des Augenblicks keine Kraft
übrig bleiben Aber dieser Glaube war sehr irrtümlich Die Stimme wurde stärker
wie ein Baum der immer höher wächst und so wie dieser immer breiter um sich
greift mit seinen Zweigen so schien auch diese Stimme immer tiefer in die
Herzen der fernsten Zuhörer zu greifen Es war eine Stille im Saale dass man den
Fall einer Nadel gehört hätte auf allen Gesichtern war die höchste Spannung zu
lesen Die Bauern neben Valerius schienen kaum zu atmen und so erreichte die
Rede ihren Höhepunkt bis zum Ausbruch der neuesten Revolution die noch mit den
lebendigsten blutvollsten Worten dargestellt wurde Da hörte sie plötzlich auf
der Redner machte eine Pause Der Eindruck war über jenen hinaus wo der Beifall
der Zuhörer losbrechen kann diese waren selbst über den Raum hinausgehoben und
nicht ein Laut unterbrach die feierliche Stille
    Der Redner schien auch diese Art der Anerkennung zu verschmähen denn mit
viel schwächerem aber noch völlig festem und gewandtem Tone sprach er nun über
die neuesten Tage Im Anfange der Rede waren dem aufmerksamen Zuhörer manche
kleine unbedeutende Sätze begegnet die mit dem folgenden in geringem oder gar
keinem Zusammenhange zu stehen schienen Sie betrafen meist die Verhältnisse der
niedrigsten Stände und schienen mehr nebenbei vom Redner hingeworfen zu sein um
einen Teil seiner Zuhörer die in Schafpelzen und ohne Halstuch gekommen waren
nicht ganz leer ausgehen zu lassen Aber all die kleinen Sätze wurden in diesem
letzten Teil der Rede sorgfältig aufgehoben zusammengerückt überund
unterbaut dass man plötzlich ein massives Gebäude der Volksfreiheit vor sich
sah und im ersten Augenblicke stutzig war wie es so plötzlich fest in allen
Teilen aus der Erde habe wachsen können Es war aber in diesem Abschnitte der
Rede alles so fein schattiert so schnell und gewandt ausgedrückt dass das Ganze
wie ein Luftschloss vorübergaukelte und der eifrige Aristokrat hätte es anhören
können ohne zum klaren Bewusstsein zu kommen wie seine innersten Meinungen
hastig mit Erde verschüttet würden Die Argumente die historischen Data flogen
wie das Weberschifflein und die Einschlagfäden vor den Augen durcheinander und
das Gewebe war fertig dicht und dauerhaft ohne dass der Zuhörer Absicht und
Weise hatte beachten können Man konnte in der Stunde darauf den Redner vor
Gericht ziehen und niemand wäre imstande gewesen anzugeben auf diese oder
diese Weise hat er die Demokratie gepredigt Und zwischen diesem Schaffen und
Bauen der Sätze und Gedanken blitzten die mächtigsten Kugeln auf gegen die
Unbilden der Aristokratie aber auf Blitz und Knall folgte eine ganz unerwartete
Wendung der Rede die scharfen Augen und Mundwinkel waren wieder sanft und
glatt man glaubte sich getäuscht zu haben man wurde von neuen Interessen
erschüttert und ein neuer Blitz ward von noch größeren Dingen verdrängt und
die Rede schloss mit einem erschütternden Aufrufe zum Kampfe auf Leben und Tod
so dass man selbst nicht wusste war die Stimme wieder gewachsen oder nicht hat
der Redner zuviel oder zuwenig gesagt soll man jubeln oder trauern hassen oder
lieben Aber durchgeschüttelt und gerüttelt ja erschüttert war alles bis in das
innerste Mark und der lang verschlossene Atem rang sich bei den meisten
stöhnend an die Luft
    Der Redner war verschwunden und Valerius fragte in der Betäubung hastig
seinen verhüllten Nachbar wer da gesprochen obwohl es schien als ob der Mann
unter seinem Mantel nicht gestört sein wolle
    »Joachim Lelevel« war die Antwort
    Lelevel wiederholte Valerius vor sich hin gleich als fände er einen alten
Bekannten In der Gruppe der Bauern ward der Name wiederholt und sie schienen
nicht weniger ergriffen zu sein von jener Rede als die Gebildeteren Man glaubt
es nicht wie fein die geistigen Empfängnisorgane dieses Volkes sind Die Zeit
der Knechtschaft hat sie noch geschärft wo das ganze Wort nicht erlaubt ist da
lernt man schnell das halbe verstehen  die breite prunkende Art der Rede das
rhetorische Wesen konnte nur bei den Römern entstehen der weite Länderübermut
liegt darin und darum hat sich jene Gattung in der neueren Zeit auch vorzüglich
auf die Franzosen vererbt
    Ein unterdrücktes Volk macht wenig Worte So erklärte sich auch in diesem
Augenblicke Valerius jene auffallende Erscheinung unter der Wildraufe wo die
Bauern soviel wie nichts gesagt hatten und doch für unberufene Ohren zuviel
gesagt zu haben fürchteten Sie glaubten auch ihre Auslassungen seien behorcht
worden Das ist ein Hauptunglück der Knechtschaft eines Volkes dass sie die
Unbefangenheit verlieren dass sie Begriffe welche ihnen zu sprechen verboten
sind am Ende selbst nicht auszudenken wagen dass sie misstrauisch werden
    Die Gedanken jener Insurgenten waren nicht einmal reif in ihnen geworden
noch weniger hatten sie etwas Vollständiges ausgesprochen und dennoch glaubten
sie zuviel gesagt die schmerzensreiche Brust viel zu weit geöffnet zu haben
Mit dieser kranken Sagazität und Kombinationsgabe des Verdachtes hatten sie aber
Lelevel vollkommen verstanden
    Und es mochten wirklich größtenteils dieselben Bauern sein Bei der
Bewegung welche nach jener Rede unter ihnen entstanden war erblickte Valerius
deutlich das wilde Gesicht des stürmischen Slodczek
    Ein anderer Redner war indessen aufgetreten er war in der Uniform des
vierten Regiments und der Ausdruck seines Gesichts war barsch unschön voll
Leidenschaft und schlecht verhehlten Grimmes Er sprach mit wenig Rückhalt
herben Tadel aus über die unzureichende Tätigkeit der zeitigen Regierung in
Sachen des Krieges und der gesellschaftlichen Umgestaltung verlangte
durchgreifende Reformen gegen die Aristokratie des Landes auf der einen Seite
und schonungslose Allgemeinheit der Bewaffnung durch alles Volk das polnisch
spräche
    Valerius ward an den Jakobinerklub in Paris erinnert und als er den Redner
verlangen hörte dass man aufräumen müsse unter all den Leuten an welchen der
leiseste Verdacht des Russentums hafte da stieg das blasse Angesicht des
steinernen SaintJust vor seinen Blicken auf und jenes entsetzliche Wort
suspect suspect das Losungswort der Schreckenszeit schwirrte um seine Ohren
    Diese Erscheinung unumwundener Sprache bei einem allgemeinen Charakter wie
er sich eben an jenem ersten Redner und jenen insurgierenden Bauern
herausgestellt hat darf nicht verwundern Der Mut ist keinen Gesetzen
unterworfen und jener tollkühne Mut belebte einen großen Teil der damals
tätigen polnischen Jugend die sich im vierten Regimente konzentrierte Jener
Mut übersprang selbst die national gewordenen Eigentümlichkeiten
    Diese Rede erregte einen tosenden Lärm und sie ward eigentlich nicht zu
Ende gebracht sondern der immer höher steigende Sturm übertäubte sie  es lebe
Driwiecki  der Name des Redners  es lebe Polen brauste der Lärm
durcheinander und besänftigte sich nur zur Regelmäßigkeit indem er in den
donnernden Gesang des bekannten Volksliedes »Noch ist Polen nicht verloren«
überging
    Valerius sah die Bauern außer sich vor Bewegung Tränen liefen ihnen in die
Bärte und sie umarmten und küssten sich stürmisch
    Er wollte den Saal verlassen Unweit der Tür sah er im Dunkeln einen Mann
stehen der abgesondert von allen übrigen dem Sturme der Begeisterung nicht
nachzugeben schien Valerius ging dicht an ihm vorüber Es war der Schmied »Gut
Nacht Florian freust du dich nicht bei solchen Dingen«  »Es kommen ernste
Zeiten  gute Nacht Herr«
    Dem Valerius schien es als folge ihm sein Nachbar der Mann im weiten
Mantel Als er sich aber vor dem Hause umblickte gewahrte er nichts Hastig
eilte er nach dem Hause des Grafen Kicki
 
                                      15
Auf Flur und Treppen rannten gallonierte Bediente hin und her Alles war licht
und hell die Musik tönte aus dem Saale  es war ein ganz anderes Element in
welchem sich Valerius wieder fand Sein empfängliches Wesen nahm auch willig die
neuen Eindrücke auf Seit er das feste Steuer seiner Lebensrichtung verloren
hatte hielt er es fürs Beste sich dem Leben anzufügen wie es sich eben
darbiete sein Schifflein schwimmen zu lassen wie es der Strom treibe Aber
seine Natur widersprach diesem Vorsatze faktisch alle Tage sie fügte sich nicht
so schnell als seine Einsicht Von jeher gewohnt zwischen festen Grundsätzen
einherzuschreiten lehnte sie sich jetzt täglich auf und verlangte die alte
Prüfung den alten Kritizismus So erziehen sich die besonnenen Menschen die
aufmerksamsten und zuzeiten störendsten Schulmeister in ihrem Busen und es mag
oft ein leichtsinniger Mensch eher gesetzt und besonnen werden als ein
gesetzter leichtsinnig Jener leichte Sinn war es wenigstens nach welchem
Valerius so sehnlich verlangte bisher immer umsonst verlangte
    Diesmal trat er aber wirklich heiterer als gewöhnlich in den Saal Der
Anblick eines Balles war ihm von jeher angenehm Die zur Freude versammelten
Menschen die zur Freude geputzten Damen die zur Freude herausfordernde Musik
gewährten ihm immer den besten Eindruck Es stimmte auch völlig zu seinen
Ansichten die Fröhlichkeit den heitern Genuss zu erzeugen nach allen Kräften
Durch diesen Kanal der sogenannten Lebensphilosophie hatte nun einmal alles zu
ihm dringen müssen und wenn er auch jetzt anfing dieses gemachte Wesen mit
Unzufriedenheit anzusehen wenn er sich auch lebhaft nach jener Unbefangenheit
sehnte die allen Reiz der Unmittelbarkeit über uns schüttet so konnte er sich
doch wie gesagt nicht so schnell seiner Vergangenheit entäussern er musste es
geschehen lassen dass der eben auf ihn anbringende gefällige Eindruck zum Teil
in früheren Lehrsätzen seinen Ursprung hatte
    Es war aber auch wirklich ein erheiternder Anblick der sich ihm darbot Die
polnischen Damen berühmt durch die frische lebendige Schönheit jubelten in
ihren stürmischen Nationaltänzen umher der elastische Takt des Masurek hob sie
wie beflügelt über den glatten Boden hin die blitzenden Augen leuchteten
siegestrunken alle Bewegungen der weißen Arme waren kühn und schön  es war der
Triumph des Vaterlandes den sie tanzten Man sah es dass alle Kräfte und
Fähigkeiten höher gespannt waren als im Alltagsleben und wenn sich zuweilen
jene einzelnen melancholischen Klänge ankündigten die fast in keiner polnischen
Nationalmusik fehlen so dienten sie nur dazu das Übermütige der Lust wie es
an vielen Orten emporschlug in milde Poesie zu wandeln Man sah es dass ein
wirkliches Fest gefeiert wurde dass eine gemeinschaftliche Seele durch alle
wogte und solch eine Freude teilt sich mit und dringt auf alles ein wie die
erquickende Frühlingsluft die an einem sonnigen Tage über ein Land daher zieht
Valerius fühlte sich plötzlich von einer so überschwellenden Bewegung ergriffen
dass er hätte aufjauchzen mögen vor Freude Er glich damals in allem einem
Bergstrome der heute bis auf den Grund vertrocknet morgen brausend über die
Ufer schlägt wenn ein warmer Regen in seine Schneeberge gefallen ist
    Die Polen gewährten in ihrer kurzen Periode der Unabhängigkeit eine
merkwürdige Erscheinung Mit ihrem liebenswürdigen Leichtsinne genossen sie die
plötzlich erschienene Freiheit  oft stand der Feind nur einen Kanonenschuss von
ihnen entfernt und sie jubelten und jauchzten als ob sie in alle Ewigkeit
gesichert wären In allem Glanze erschien damals jene nationale Poesie
sanguinischer Völker jeden Augenblick des Daseins auszukaufen und auch den
äußersten noch für eine Freude zu erbeuten Dieses Element imponierte Valerius
dem Sklaven der Zukunft über die Massen Er glaubte darin den Sieg eines starken
Herzens über alle Äusserlichkeit zu sehen und erregt von glücklicher Teilnahme
stand er an die Wand gelehnt dem fröhlichen Treiben zuschauend
    Der Masurek ging zu Ende die Tänzer drängten sich durcheinander Valerius
fühlte sich bei der Hand ergriffen es war Graf Stanislaus der vor ihm stand
und ihn auf das herzlichste begrüßte Alle schönen Elemente die man an den
Polen bemerkt wenn sie im bewegten Kriege oder auf der raschen Reise an uns
vorüberfliegen alle diese einnehmenden ritterlichen Vorzüge besaß der junge
Graf Er war hoch schlank und schön sein Haar glänzte in jener polnischen
Mittelfarbe zwischen blond und braun und ein solcher Flaum flog kraus über
seine Wangen und Lippen hinweg Mehr als gewöhnlich drückte sich der Nationalzug
einer leichten Melancholie in seinem Antlitz aus und Valerius fühlte ihm
gegenüber zum ersten Male das gesellige Vertrauen welches zu offener
rückhaltsloser Mitteilung ermutigt Diesen wesentlichen Reiz im Umgange mit
Deutschen hatte er bis jetzt in diesem Lande völlig entbehren müssen alle
Menschen denen er begegnet war hatten ihm entweder eine leichtsinnige
Oberflächlichkeit oder eine versteckte misstrauische Art des Wesens bekundet
und wenn er sich darin geirrt hatte so war er doch von niemand vertraulich
mitteilend angeregt worden Joel war viel zu sehr mit eigenem Leid bedeckt als
dass man ihn noch hätte zur Teilnahme an solchen feineren Dingen auffordern
können wie es nationale Unterschiede historische Richtungen für einen jungen
Menschen sein mussten der mit den ersten Lebensbedingungen des Herzens und der
Gesellschaft zu kämpfen hatte
    Man darf sich also nicht verwundern wenn Valerius tief aufatmete als er
solch ein Zutrauen weckendes Leben bald nach den ersten Worten der Begrüßung in
seinem neuen Bekannten entdeckte Er fühlte sich nun plötzlich nicht mehr allein
in dem fremden Lande und nun schien es ihm auch schnell als ob dies der
einzige Grund seiner bisherigen Missstimmung gewesen sei
    Starke Menschen sind nur zu geneigt tiefe chronische Krankheiten ihres
Geistes und Herzens wegzuleugnen sobald sie irgend eine äußere Veranlassung
entdecken welcher sie das innere Unbehagen ihres Wesens zur Last legen können
Es ist gewiss wahr dass Nationalitäten die so wenig Berührungspunkte haben als
die deutsche und polnische die unbequemsten Zustände erzeugen können wenn der
Vertreter der einen Landesart plötzlich mitten in das andere Land geworfen wird
Aber die Krankheit des Valerius lag tiefer Dem sei nun wie ihm wolle er
glaubte einen vermittelnden Genius zwischen den verschiedenen Volkssitten in
Stanislaus gefunden zu haben er gab sich ihm mit aller Schwärmerei einer so
unerwarteten Freude hin und so wie Gleiches immer Gleiches erzeugt ward auch
des jungen Grafen Herz durch solche Wärme immer offener und liebender sie
strichen Arm in Arm im Saale auf und nieder und redeten sich bald so tief in
Interessen und Freundschaft hinein dass sie Tanz und Gesellschaft vergessend
in die Seitenzimmer traten um ungestört über Herzen und Völker sprechen zu
können
    Graf Stanislaus gehörte zu der jungen Generation Polens die in vielem
wesentlichen abweicht von dem überlieferten Begriffe den wir von diesem Volke
haben Schon von der ersten Teilung Polens datiert ein neues Moment der Bildung
in Polen Der einheimische Jammer trieb sie auf Reisen Mancher neue
Bildungsstoff kam mit den Heimkehrenden zurück Aber die Umgestaltung des
innersten Wesens eines Volkes macht sich nicht durch einige Reisende jener
slawische Grundstoff einer gewissen Wildheit war nicht im Handumwenden zu
beseitigen und die äußeren Einwirkungen ließ einer tieferen Läuterung des
Volkscharakters keine Zeit Die Teilungen des Landes nahmen alle Kräfte gegen
außen in Anspruch Indes offenbarte sich schon damals in der Konstitution vom 3
Mai 1793 jenes neue Zivilisationsmoment von welchem hier die Rede ist und der
Hauptvertreter dieser neuen polnischen Richtung erschien in dem sanften und
milden Taddäus Kosciusco Schon damals bildete sich eine preiswürdige Mehrheit
welche alle Forderungen der Humanität zu berücksichtigen die barbarischen
Überreste der polnischen Gewohnheiten zu vernichten und das Volk aus der
Knechtschaft zu ziehen trachtete Dieser Keim ist nicht untergegangen die
fortwährenden Stürme welche das Land heimsuchten haben seine besten Männer in
allen Ländern Europas umhergeführt und als die Revolution von 1830 ausbrach
fand sie eine Schar im Unglück gebildeter Polen welche aller neuen Erfindungen
der Zivilisation mächtig und über die alten Nationalvorurteile hinausgehoben
waren ja sie fand eine Jugend welche nicht nur für die Freiheit sondern auch
für alle Forderungen einer modernen Humanität schwärmte
    Zu dieser Jugend gehörte Graf Stanislaus Und dieser junge Mann gestand dem
Valerius dass er nur in den Stunden des Siegesrausches an ein glückliches Ende
dieses Kampfes glaube Und dabei trat jener polnische Schmerzenszug wie das
tränenweiche Gesicht eines Mädchens auf seine Züge in seine Augen »Die
Revolution« sprach er »hat uns übereilt noch liegen alle Bestandteile eines
neuen Volkslebens chaotisch in uns durcheinander noch ist die persönliche
Eitelkeit unser Erbübel zuwenig gebrochen von der uneigennützigen Bildung die
ungeordneten Massen unserer bedeutendsten Kräfte werden sich in den Weg treten
und vereinzelt überwunden werden«
    Bei diesen Worten welche Valerius mit tiefer Trauer anhörte waren sie
wieder an die Tür gekommen die in den Saal führte Vom Orchester herab rauschte
eine Polonäse Das ist der polnische Nationaltanz welcher den ganzen Stolz des
Volkscharakters ausdrückt eine üppige Erinnerung an die früheren
patriarchalischen Zustände Es liegt eine siegreiche Unabhängigkeit in ihren
Rhytmen und sie scheint aus den frühesten Zeiten zu stammen wo das Volk noch
ohne Störung in aller Breite sich ausdehnen konnte durch keinerlei Feindschaft
zu Hast und Ungestüm aufgeregt wurde wo es seiner sonnenlichten und prächtigen
Heimat in Asien noch eingedenk war
    Ein eisgrauer alter Pole führte sie an und zum lebhaften Erstaunen
Valerius war Hedwig seine Dame Das schöne Mädchen strahlte in seiner Frische
und in der lebhaften phantastischen Nationaltracht wie die ewig junge
Schutzgöttin des Landes selbst die nur eben in ihrer Flüchtigkeit oft andere
Dinge neugierig betrachtet als das ihr anvertraute Land Auf dem schönen Haare
trug Hedwig ein zierliches blitzendes Kaskett und rot und weiß war ihre übrige
blendende Tracht bis auf die kleinen karmoisinfarbenen Halbstiefel welche das
hochgeschürzte Kleidchen mit aller Zierlichkeit des schöngeformten Beines sehen
ließ Kurze Handschuhe bedeckten nur den Unterarm der übrige Arm Nacken
Schulter bis an die mutig schwellende jungfräuliche Brust war lustig entblößt
und das fröhliche Fleisch lachte harmlos mit den strahlenden Augen Valerius
hatte sein inniges Vergnügen an diesem Anblick Sein krankhafter Zustand war in
der letzten Zeit so groß geworden dass auch die weibliche Schönheit keinen Reiz
für ihn hatte nur die vollendetsten Formen konnten seinem künstlerischen Sinne
ein flüchtiges Behagen erwecken alle Sinnlichkeit  und es gibt eine solche von
schöner Art  hatte völlig in ihm geschwiegen alles Blut schien aus ihm
gewichen zu sein Indes die Jugendlichkeit Hedwigs war nicht ohne eine Art von
Erfrischung für ihn gewesen jetzt sah er zum ersten Male das schöne
herausfordernde Mädchen in ihr und der freundliche Gruß den sie ihm nickte
belebte seit langer Zeit zum erstenmal sein Auge mit dem munteren Wohlgefallen
das der Anblick eines schönen Mädchens erweckt
    War es ihm doch als ob er die hohe Frauengestalt die hinter Hedwig an der
Hand des Grafen Kicki einherschritt schon irgendwo gesehen Sein Blick hatte zu
fest auf jener geruht und die andere war ihm dunkel wie eine Nebenerscheinung
vorübergeglitten der Glanz und das Klirren des Tanzes zog seinen jetzt
erweckten Sinn vom Nachdenken ab er schwelgte in diesem halbkriegerischen
Triumphzuge Fast alles war im Kriegskostüm die meisten polnischen Tänze wurden
von den Männern mit Sporen getanzt und in der Polonäse fehlte auch der
klirrende Säbel nicht Die schlanken Gestalten das pulsierende Leben in den
kleinsten Bewegungen der Glanz der Augen das Blendende in der freien Schönheit
der lebhaften Frauen die rauschende Musik  alles das versetzte den sonst so
trüben Deutschen in eine Art von Rausch »Es wäre entsetzlich« wendete er sich
zu Stanislaus »wenn diese Nation wieder unterläge«
    »Sie tanzen bis zum Grabe« erwiderte dieser mit trauriger Stimme
    Valerius Augen folgten dem leichten Schritte der schönen Hedwig und wie
von einem Schrecken getroffen dachte sein Herz plötzlich an Joel »In welcher
dunklen Judenstube mag der Arme jetzt sitzen mit dem alten Manasse Welch ein
düsterer Gegensatz zu diesen in Licht und Glanz schimmernden Sälen  O können
sie denn nie aufhören diese grellen Kontraste der bürgerlichen Gesellschaft«
    Der Tanz war beendigt  wahrlich jene Tänzerin des Grafen Kicki jene hohe
Gestalt sie war es die Fürstin Konstantie Wie kam sie aus Deutschland mitten
in diese ferne Stadt des Krieges Valerius wusste nicht ob er sich freuen sollte
oder sich betrüben es war wie ein Schreck was ihn durchbebte und er redete
sich vor die stolze aristokratische Frau werde mit Hohnlächeln das verworrene
Treiben einer jungen Freiheit betrachten und dies sei es was ihn befangen habe
bei ihrem Anblick
    Während ihm diese Gedanken durch Kopf und Herz flogen war die Fürstin neben
dem Grafen Kicki ganz in seine Nähe gekommen und betrachtete Valerius mit
festem beinahe herausforderndem Blicke Dieser der eine unerklärliche Scheu
empfand die Bekanntschaft mit ihr zu erneuern blieb einen Augenblick
unschlüssig und ohne Bewegung es mochte auch der natürliche Trotz sein gegen
jene befehlenden Augen Aber er glaubte plötzlich einen weichen schmerzlichen
Zug um den sonst so stolzen Mund zu sehen das Verlangen eine Landsmännin zu
begrüßen übermannte ihn wie er glaubte und er ging langsamen Schrittes ihr
entgegen um sich ihr vorzustellen
    Eine schnelle Freude flog über ihr edles Gesicht und sie empfing ihn auf
das Verbindlichste
    »Sie sind so blass Herr Valerius Sind Sie krank« fragte sie mit weicher
Stimme »und auf der Stirn haben Sie eine große Schmarre«
    Sie hatte Französisch gesprochen und Graf Kicki übernahm die Antwort »Herr
von Valerius übernimmt sich in Anstrengungen für unser Vaterland bei Grochow
ist er auf dem Walplatz liegen geblieben und wir haben ihn lange für tot
gehalten unterdes hat er sich in den Wäldern mit marodierenden Russen
herumgeschlagen  wahrhaftig Herr von Valerius Sie müssen eine Zeitlang den
Dienst aussetzen und sich erholen  wenn wieder eine schöne Aussicht für uns
Reiter kommt eine schöne Fläche und jenseits himmelhohe Kürassiere dann ruf
ich Sie zuverlässig Herr von Valerius dann ruf ich Sie«  Damit beurlaubte
er sich bei der Fürstin indem er artig versicherte der junge tapfere Landsmann
würde sie am interessantesten zu unterhalten verstehen und dem Hause des Wirtes
soviel Ehre machen als er seinem deutschen Vaterlande Ruhm bereite durch seine
Tapferkeit für eine unterdrückte Nation
    Graf Kicki war der polnische Alcibiades schön wie ein Gott tapfer bis zur
Verwegenheit heiter galant liebenswürdig ritterlich war er der Abgott der
polnischen Damen der fabelhafte Paladin des Krieges Alles schrie seinen Namen
wenn er durch die Straßen sprengte die Damen eilten aus Fenster und warfen
Blumen auf ihn hinab und kein Geliebter kein Gatte verargte dies der schöne
Kicki war der Repräsentant ihrer nationalen Liebenswürdigkeit Lächelnd und
unbefangen als wäre er aus einem Ritterroman heraus in die Straßen gesprengt
nahm er das alles auf und grüßte rechts und grüßte links und verschwand auf
dem brausenden Rosse
    Die Fürstin sah ihm nach und sagte mit jenem vornehmen Abandon den Valerius
schon an ihr kannte gleich als ob sie sich bereits den ganzen Abend mit dem
wiedergefundenen Bekannten unterhalten hätte »Wahrhaftig ein schöner Mann und
ein glücklicher Mann« setzte sie nach einer kleinen Pause hinzu »schön und
glücklich sind die meisten dieser phantastischen Nation sie leben in einem
kindlichen Leichtsinne einer liebenswürdigen Oberflächlichkeit dahin als wäre
das Leben ein Karneval selbst die Idee ihres Vaterlandes ist ihnen eine
stehende Maske geworden für die man schwärmen und sich totschlagen lassen muss 
still still ich spreche frivol in meiner Ballstimmung Sie sind ein
tiefsinniger ernster Mann ich weiß es Machen Sie mir nicht das alte
Professorgesicht ich nehm es ja zurück das bunte Zeug man muss die heiligen
Dinge einer Nation nicht bespötteln wo nähmen wir am Ende die Götter oder
Götzen her welche die Gesellschaft halten und das Höhere von dem Niederen
scheiden  wie gehts Ihnen Herr von Valerius So heißen Sie ja wohl hier Wo
ist Ihr Hass gegen den Adel geblieben dass Sie sich auf einmal solch ein adeliges
von gefallen lassen«
    Valerius konnte sich eines Lächelns nicht erwehren was zum Teil von dem
gefälligen Eindruck herrührte welchen die überwältigende Schönheit der Fürstin
auf ihn machte Sie hatte während sie unter dem Sprechen einige Schritte im
Saale hin ging den Handschuh vom Arm gestreift um eine neugierige Locke
festzustecken welche ihr auf den Busen herabgefallen war Ihr voller Arm lockte
in seiner Krümmung das Auge des Begleiters der warme Handschuh den er hielt
strömte das Frauenleben verführerisch in seine Nerven und es war nicht zu
verwundern wenn Valerius diesmal die neckenden Herausforderungen der Fürstin
unbeantwortet ließ und kaum mit halben Worten etwas auf die letzte erwiderte
    »Es ist nicht wie in Deutschland Durchlaucht mit den Titulaturen die
Leute fragen nicht nach meiner Geburt ich gehöre zur höheren Klasse und da
werde ich Valeriuski von Valerius genannt ich mag wollen oder nicht«
    »Ganz recht« nahm die Fürstin die Rede auf und ließ sich ihren Handschuh
wiedergeben »dies Land der Aristokratie ist darin liebenswürdig die kleine
adelige Gewürzkrämerei Deutschlands ist ihnen unbekannt  ein freier
unabhängiger Mann ist ein Edelmann  aber antworten Sie doch Herr von Valerius
wie gehts Ihnen  lassen Sie mir diesen Namen Herr von Valerius ich muss Ihnen
die Schwäche gestehen dass es mir leichter ist als das harte Herr Valerius
Dies von ist mir durch die Gewohnheit so notwendig geworden man ist in
Deutschland nur mit solchen Leuten umgeben die es führen Sie sind mir fremder
wenn ich es weglasse und ich möchte nicht gern Herr von Valerius dass Sie mir
fremder seien als Sie sich ohnedies machen Antworten Sie mir recht offen Wie
gehts Ihnen Sind Sie glücklich sind Sie zufrieden«
    Valerius schüttelte wehmütig den Kopf
    »Das freut mich Sie werden mich nicht missverstehen Sie sind ein Poet und
erraten meinen Ideengang oder doch irgend einen Es soll Ihnen nicht gut gehen
bei diesem törichten Leben  die Menschen sind der Opfer nicht wert und warum
vernachlässigen Sie diejenigen die Ihnen nahe stehen um ins Blaue hinaus für
die Menschheit zu wirken Was ist die Menschheit Der Mensch der neben Ihnen
steht Sprechen Sie nichts darüber ich bitte ein andermal nicht hier Kennen
Sie dort das schöne Mädchen bei dessen Anblick sich vorhin Ihr trauriges
Gesicht belebte  Ja ja ich habe Sie beobachtet wären Sie ein anderer Mann
o würde ich glauben jene unerfahrenen jungen Augen hätten eben in aller
Unschuld Ihr Herz getroffen aber Sie haben keine Zeit zu solchen Dingen Ihre
historischen Gedanken lassen Sie nicht zu Privatneigungen kommen Nicht wahr
ich kenne Sie  Indessen gerade die große Jugend dieses schönen Mädchens
könnte Ihnen gefährlich werden ich weiß Sie suchen jene Unbefangenheit weil
Sie eine dunkle Ahnung haben mögen dass sie Ihnen selbst fehlt  Ihr Gesicht
voll Verwunderung Herr von Valerius ist für mich sehr unterhaltend es steht
Ihnen völlig neu und originell da sie sonst immer alles wissen und durch nichts
überrascht werden oder wenigstens durch nichts sich überraschen lassen Es ist
da nichts zum Verwundern wir Frauen bemerken es nebenbei ohne dass wir
handwerksmässig auf das Beobachten ausgehen und unsere Bemerkungen sind oft
tiefer weil es die schnellen Gefühle sind von denen sie uns zugetragen werden
Fast jede Frau betrachtet eine neue Männerbekanntschaft mit den Beziehungen der
Liebe der Mann mag noch so reizlos und uninteressant sein die Frau forscht
überall an ihm ob nichts Liebenswürdiges aufzufinden sei und solange sie nicht
vom Gegenteil überzeugt ist wird ihr der Mann nicht völlig gleichgültig Das
Lieben und Geliebtwerden ist nun einmal unser Element  natürlich ist es dabei
nicht immer auf Liebesverhältnisse abgesehen was man so zu nennen beliebt
sondern nur auf die Frage des Interesses oder der Gleichgültigkeit Ich bin
aufrichtig und sage was die meisten Frauen verschweigen Sie können nun aber
auch meinen Beobachtungen Glauben schenken und sie der Berücksichtigung wert
achten  lieben Sie jenes Mädchen oder sind Sie auf dem Wege sie zu lieben
Geschwind ohne Ausflucht«
    Valerius lächelte und gestand dass ihm Hedwig heut zum erstenmal als ein
schönes Mädchen aufgefallen sei übrigens drückte er nicht ohne eine leichte
Ironie der Fürstin seine Verwunderung aus über solch ein plötzliches und
ungewöhnliches Verhör
    »Ich glaub es« fiel sie ihm schnell in die Rede und eine leichte Röte
flog über ihr Angesicht »ich glaub es Historiker wie Sie begreifen das
nicht Das sind die Staatsangelegenheiten der Weiber in diesem Fache müssen wir
von allem genau unterrichtet sein wir haben auch unsere historischen
Interessen Wer wird auch so ungezogen sein und eine Dame gleich bei der ersten
Begrüßung fragen was sie plötzlich aus Deutschland nach Polen geführt habe Sie
müssen sich diplomatisch ausbilden nach dem Zweck und Ende fragt man wie billig
eben am Ende wenn man sich die Hand zum Abschiede drückt Ich langweilte mich
in Deutschland mein lieber Landsmann ich sehe die Menschen am liebsten in
ihren Leidenschaften da tritt alle Schönheit aller Rest von Göttlichkeit
hervor da ist das Leben aus dem Sumpfe der Gewöhnlichkeit erhoben ich habe
nicht Lust meine Jugend reizlos hinzubringen die Zeit kommt früh genug wo man
nicht mehr reizt nicht mehr gereizt wird und nichts Besseres tun kann als
lesen und denken und philosophieren und Befriedigung und Ruhe nach innen und
außen suchen Was mir Interesse verspricht das such ich auf wenn Sie durchaus
Tugend haben wollen nun wohl ich halte das für Tugend Gottes Welt so schön zu
finden als es unsere Kräfte nur immer erlauben
    Also Sie kennen dies Mädchen schon länger Erzählen Sie mir doch was Sie
hier für ein Leben getrieben haben armer Mann der schwere Hieb über den Kopf
konnte Sie töten So viel ist doch die Geschichtskenntnis nicht wert Freilich
was ist der Mann der nicht mit dem Leben zu spielen vermag Sie haben ganz
recht und die Schmarre und der Schnurrbart stehen Ihnen gut Bei solchen
denkenden Leuten haben die Beweise des männlichen Mutes etwas Rührendes bei den
leeren Köpfen sieht es leicht so aus als gehörte das zum Handwerk Aber Sie
müssen noch leiden die Wunde hat noch ein frisches Ansehen ein ganz frisches
Sie Armer Nicht wahr Sie werden dem Kicki folgen und sich eine Zeitlang
schonen nicht wahr Es ist mir ganz neu an Ihnen dass Sie so freundlich lächeln
und eine schwatzhafte Frau so liebenswürdig anhören können
    Indessen mein junger Landsmann Sie müssen ein anderes Leben hier beginnen
wenn Sie nicht in vage gefährliche Verwirrnisse geraten wollen Wo waren Sie
heut abend ehe Sie so spät in diesem Saale erschienen«
    Valerius sah sie verwundert an
    »Im patriotischen Klub waren Sie mitten unter den wildesten exaltiertesten
Demokraten mit denen in kurzem der offene Kampf losbrechen wird lassen Sie
diese ultrademokratischen Dinge die Ihnen gar nicht einmal so natürlich sind
als Sie glauben Sie haben sich vielmehr diese Grundsätze als eine Art von
Tugend angeeignet weil Sie aus Trieb nach Charakterstärke eine Art Schwärmer
sind ein Systematiker«
    Hier unterbrach der Graf Kicki die Fürstin und führte sie zur Tafel
Valerius stand überrascht von all den plötzlichen Erscheinungen die wie ein
lustiges Gewitter über ihn hereingebrochen waren und bemerkte es kaum dass
Hedwig und Stanislaus zu ihm traten und dass das fröhliche Mädchen über seine
Geistesabwesenheit lachte Aber er fühlte es mit innigem Behagen als sie ihren
Arm in den seinen legte Den andern reichte sie Stanislaus und unter ihren
Scherzen und liebenswürdigen Vorwürfen dass der Herr von Valerius sie auf eine
abscheuliche Weise ignoriert und kaum von weitem gegrüßt habe kamen sie in den
Speisesaal Die Fürstin saß nicht weit von ihnen und ihre Augen sahen mit einem
seltenen Gemisch von Wehmut und Lebhaftigkeit auf den jungen Deutschen wenn er
angelegentlich mit Hedwig plauderte und wenn seine Augen mit unverhehltem
Wohlgefallen auf den Zügen des glänzenden Mädchens ruhten Sie saß dicht neben
ihm und wenn sie eilig eine Bemerkung mitzuteilen hatte da war ihre rote
Wange ihr fröhlicher kleiner Mund so dicht an dem bleichen Gesichte des
Nachbars dass selbst ein unbefangener Zuschauer hätte glauben können statt der
Worte würden einmal plötzlich Küsse gewechselt werden
    Stanislaus saß ohne Aufmerksamkeit für die beiden schwatzenden Leute neben
ihnen »Ich bin nur neugierig« sagte Hedwig »was aus uns beiden Verlobten
werden soll wenn wir immer so wenig Zeit füreinander haben sehen Sie nur wie
Stanislaus unverwandten Auges da hinüber guckt nach jenem alten Schnurrbart ich
wollte Sie wären mein Verlobter Valerius Sie erzählen mir doch hübsche
Geschichten aber sind Sie auch so gut so gut und lieb wie Stanislaus Sie
glauben es nicht wie sehr ers ist wie sehr«
    »Und denken Sie gar nicht an den armen Joel« sprach leise Valerius
    Hedwig errötete schlug die Augen nieder und sagte nach einer Weile mit noch
leiserer Stimme »Ach der arme Joel  Aber  ach was weiß ich«
    Als die Tafel aufgehoben wurde geleiteten die beiden jungen Männer Hedwig
an den Wagen sie war müde und schläfrig und sagte ihnen kaum »Gute Nacht«
Beide stiegen die Treppen wieder hinauf da begegnete ihnen jener alte
Schnurrbart den Stanislaus während des Essens unablässig betrachtet hatte Es
war ein bejahrter stattlicher Mann sein hartes und stolzes Gesicht war von
einem starken grauen Knebelbarte beschattet einem feineren Beobachter entgingen
aber jene Winkel seiner Züge nicht in welchen eine lauernde Verstellung oder
List oder Geschmeidigkeit kauerte es war nicht leicht das richtige Wort dafür
zu finden Seine Kleidung war sehr einfach und unscheinbar aber national der
Bediente reichte ihm einen alten Militärmantel und Stanislaus der sich schnell
bei seinem Freunde verabschiedete und mit jenem Alten die Treppe wieder
hinabstieg nannte ihn »Herr General«
    Es kamen indes mehr Gäste die sich entfernten Valerius fürchtete seine
schöne Landsmännin nicht mehr zu finden er ließ sich keine Zeit nach dem Namen
dieser Erscheinung zu fragen die ihm interessant war
    Die Fürstin ging im Saale auf und nieder umringt von einer Menge polnischer
Herren Ihre Schönheit hatte die lebhaften Männer angezogen und ihr gewandter
Geist spielte mit den feurigen Huldigungen welche diese Nation mit dem ihr
eigenen ritterlichen Ungestüm darbrachte und immer eifriger darbrachte je
spröder leichter und vornehmer die Fürstin dergleichen aufnahm Keiner sah sich
sonderlich beachtet jeder war zuversichtlich und ihr Eifer die Aufmerksamkeit
der reizenden Frau zu fesseln wurde immer lebhafter je weniger Konstantie
davon Notiz nahm So bildete sich jene stürmische Unterhaltung um sie her wo im
Grunde niemand Anteil an dem Gegenstande des Gesprächs nimmt obwohl alle dafür
zu glühen scheinen jene Unterhaltung des Egoismus wo nur jeder hervorzutreten
trachtet
    Valerius hörte eine Zeitlang hin und folgte mechanisch der Gruppe die
Fürstin sah ihn nicht und es schien ihm als läge ein ungewöhnlicher Ernst auf
ihrem Gesichte ein Ausdruck von Kummer den er niemals auf diesen ungetrübten
Formen erblickt hatte In der Mitte des Saales wartete er bis die Gruppe vom
andern Ende wieder zurückkam dann ging er ihr entgegen Denn die Flanken dieser
Schlachtordnung waren so stark besetzt dass man zu der belagerten Festung nicht
durchzudringen vermochte Konstantie lächelte als sie ihn kommen sah es lag
Freude Wehmut und auch etwas Stolz auf den schönen Lippen »Apropos« rief sie
ihm entgegen »ich habe Briefe von Ihren Freunden aus Deutschland für Sie
mitgebracht« und nach diesen Worten sagte sie den Herren »Gute Nacht« ergriff
den Arm des Grafen Kicki und verließ den Saal Valerius ging ebenfalls nach
seinem Mantel der Gedanke an die deutschen Briefe erfüllte seinen Geist und
träumerisch stieg er die Treppe hinab »Gute Nacht lieber Träumer« flüsterte
kaum hörbar eine deutsche Stimme neben ihm Als er sich ermunterte sah er den
Grafen und die Fürstin vor sich hineilen und ein Schwarm von jener Gruppe aus
dem Saale stürmte an ihm vorüber nach der Tür Dort schwangen sie sich rasch auf
ihre Pferde und begleiteten den Wagen Konstantiens Diese ungewöhnliche
Kourtoisie machte einen angenehmen Eindruck auf Valerius Man sieht gern das
Heimische geehrt in der Fremde Er glaubte wenigstens dies sei der Grund seines
Wohlgefallens an dieser Szene
 
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Es war spät in der Nacht aber der Mond schien noch in lichten Strahlen
Valerius war so erfüllt von Gedanken Träumen unklaren Wünschen dass er seine
Wohnung noch nicht suchen mochte Er wanderte durch die stillen Straßen und war
bald wieder auf der Weichselbrücke Wie so ganz anders sahen ihn jetzt die
Wellen des Flusses die Sterne die Mondesstrahlen die dunkel gewordenen
Fenster der Paläste an denn die äußeren Dinge erhalten erst ihre Augen und ihre
Sprache von unserem Herzen Selbst die trüben weltgeschichtlichen Gedanken die
ihn vor wenig Stunden hier zu Boden drückten sie waren verschwunden und wenn
er sie herbeirief so lächelten sie als hätten sie ihren Scherz mit ihm
getrieben
    »Es ist wirklich eine Maskerade« sprach er vor sich hin »dies wunderliche
Leben bis in das geheimste Treiben unserer Gedanken hinein und es kommt nur auf
die Beleuchtung an ob sie ein schauerliches oder ein lustiges Ansehen haben
soll Solch eine gewöhnliche Redensart Das Leben ist eine Maskerade und doch
so tief und so richtig Im Grunde sind in den vulgärsten Sprichwörtern und
Phrasen alle Wahrheiten längst aufgefunden und es ist töricht sich darum zu
quälen Man verliert sein Leben und die Welt gewinnt nichts Neues«
    Aber sein grübelnder Charakter verließ ihn auch in diesem Augenblicke nicht
auch von seinen glücklichen Momenten verlangte er Rechenschaft Er erinnerte
sich einer Zeit wo diese Fürstin Konstantie einen durchaus ungünstigen Eindruck
auf ihn gemacht hatte ihr männlicher Stolz ihre Keckheit des Lebens Freuden
wie eine Titanin an sich zu reißen hatte ihm missfallen entschieden missfallen
Und er konnte sich doch nicht leugnen dass ihre plötzliche Erscheinung ihn jetzt
mit einer Art Zauber überwältigt hatte Aber er leugnete sichs Stanislaus und
der tiefe Blick den er in ein so edles so vortreffliches Herz getan hatte die
Überzeugung welche er dadurch gewonnen jenes romantische Polen für das er
ausgezogen von seiner Heimat existiere wirklich Hedwig mit dem Schimmer ihrer
lieblichen Jugend die ganze kräftige Freude des Festes  das alles glaubte er
habe seinen Trübsinn verscheucht »Und die Fürstin hat wohl auch dazu
beigetragen« setzte er leise hinzu »Sie erinnert mich an die schönen Tage in
meiner Heimat an das poetische Grünschloss an meine innige Kamilla Ich habe
dir versprochen Kamilla dein zu gedenken und dich zu küssen wenn ich mich
freue vergib dass es seit so langer Zeit zum ersten Male geschieht«
    Während er wieder nach der Stadt zurückkehrte erkämpfte er von seiner
Eitelkeit noch einen neuen Grund und da es eben eine verstockte Eitelkeit war
die er sich in seinem früheren so abgemachten und sicheren Wesen zum Vorwurf
machte so verfolgte er mit der Strenge eines Büssers jeden Sieg den er über
diese Schwäche zu erringen glaubte »Sie ist die Schwester des Eigennutzes und
dieser der Erbfeind aller Bildung« sagte er um sich in eine erhöhte Stimmung
zu bringen und dadurch seinen Fehler desto lebhafter zu empfinden »Sie hat von
jeher die besten Menschen und somit die besten Prinzipien unterjocht die
Führer und Träger neuer großer Ideen haben sich von der alten verderbten Welt
betören lassen durch eitlen Prunk und Glanz so ist Cäsar so Napoleon erlegen
so sind tausend weniger Bekannte immer wieder zurückgezogen worden unter den
Tross der Gewöhnlichkeit«
    Er glaubte nämlich ein geheimes Etwas in ihm sei geschmeichelt oder
bestochen vom Range der Fürstin und die mehr als gewöhnliche Auszeichnung mit
der sie ihm begegne mache darum einen so günstigen Eindruck auf ihn weil sie
von einer Fürstin ausgehe
    Sein ganzer demokratischer Stolz empörte sich dagegen aber was helfen
Grundsätze gegen anerzogene Schwächen In unserem Zeitalter der großen
Standesunterschiede wächst mit einem großen Teile der niedriger Geborenen ein
verborgener irdischer Himmel auf in welchem die höheren Stände sich bewegen
nach welchem der Geist strebt ohne es zu wissen Denn dieser wunderliche Himmel
liegt wie eine unklare ungestaltete Ahnung in diesen Menschen und wenn sie mit
vornehmen Leuten in genaue Lebensverhältnisse kommen so fühlen sie sich in
einer erhabeneren Sphäre und doppelt glücklich ohne dass ihr Stolz die richtige
Deutung dieser Illusion auffinden lässt Das schreitet vom Bauer zum Bürger vom
Adeligen zum Fürsten und durch alle Mittelglieder dieser Stände Es hilft
nichts dagegen als ein trostloser Indifferentismus der keine Reize kennt und
die poetischen Menschen verfallen am ersten in diese Illusion Denn der
Begabteste sucht vor allem nach vollkommeneren Zuständen Diese Illusion völlig
verwischen hieße die platte Prosa ins Leben einführen und die edleren
Demokraten wollen wohl nicht alle Unterschiede aufheben sondern sie mildern
sie auf richtigere Unterschiedsmerkmale gründen und die Aussicht auf eine
einstige völlige Ausgleichung eröffnen Denn sie glauben an ein zukünftiges
Äusserstes der menschlichen Zivilisation
    Aber all diese Dinge welche sich Valerius auf dem Wege nach seiner Wohnung
vorsprach halfen ihm nicht von dem unbehaglichen Gefühle das in ihm erregt
war Jenes geheime Etwas  jenes geheime Etwas das glaubte er wie ein Wild
verfolgen zu müssen das war der unbestimmte Makel auf den er alle seine
Aufmerksamkeit richten wollte
    Darüber hatte er sich in den Straßen verirrt und war in eine enge Sackgasse
geraten Das Quergebäude das die Gasse schloss hatte ein großes Tor er glaubte
eine Spalte davon offen und einen Menschen zwischen den Flügeln zu sehen Der
Mondschein fiel eben auf das Tor Valerius sah dass der Mensch eingeschlafen
war er wusste indessen keinen Ausweg aus diesem Strassengewinde und sah sich
genötigt den Schläfer zu wecken um Bescheid zu erhalten Als er ihn rüttelte
und nach dem Wege fragte fuhr dieser bestürzt in die Höhe »ja ja Herr« nahm
Valerius bei der Hand und führte ihn durch einen schmalen dunklen Hof nach
einem alten Stallgebäude dabei bat er fortwährend mit leiser Stimme der Herr
möge ihn nur nicht verraten dass er geschlafen er müsse den ganzen Tag Holz
hauen um sein krankes Weib und seine Kinder zu ernähren und es sei jetzt schon
die dritte Nacht dass er am Tore stehen und den Fremden den Weg weisen müsse
da sei es ihm wohl zu vergeben Dies und dergleichen sprach der Mann und ehe
noch Valerius über die wunderliche Erscheinung zu sich gekommen war und ein Wort
gesprochen hatte sah er sich von dem Führer in das Stallgebäude geschoben
    In dem weiten Raume brannten nur einige Handlaternen welche durch die
Hände in denen sie schwankten ihr flüchtiges Licht bald hier bald dorthin
verbreiteten Bei diesen Streiflichtern erkannte Valerius dass er unter eine
Versammlung geraten sei die sich eben aufzulösen schien Niemand hatte sein
Eintreten bemerkt wenigstens nahm niemand Notiz davon Er hörte noch die Worte
»Also nichts von Skrzynecki alles für den Alten und den Tod den Hunden« und
ein beifälliges Gemurmel Die Versammlung zerstreute sich und Valerius hüllte
sich tief in den Mantel und ging mit von dannen als ob er zu ihnen gehörte Die
Laternen waren verlöscht er konnte niemand erkennen Drinnen glaubte er einige
bärtige Bauerngesichter erblickt zu haben ein flüchtiger Mondblick zeigte ihm
einige Militärmäntel die vor ihm aus dem Tore traten an welchem der schläfrige
Pförtner mit abgezogener Mütze stand Es war ein altes zerhacktes Gesicht ein
roter Säbelhieb lief wie ein Blutstrich über dasselbe Er lächelte vertraulich
als Valerius vorbeischritt und flüsterte ihm ins Ohr »Herr das lohnte ja
nicht der Mühe«
    Ein Teil der Versammlung die nicht eben zahlreich zu sein schien blieb
noch im Hofe zurück wahrscheinlich um kein Aufsehen durch ihre Menge zu
erregen Der erste Teil mit welchem Valerius fortschritt zerteilte sich
ebenfalls am Ende der Sackgasse und dieser schlug auf gut Glück den ersten
besten Weg ein denn er hielt es nicht für ratsam hier zu fragen Es ist immer
gefährlicher zuviel zu wissen als zuwenig Ein Bauer war ihm gefolgt und es
schien ihm als ob er schon am Tore aufmerksam von demselben Gesellen betrachtet
worden sei Der Mond trat eben in eine Lücke der Häuser und das Gesicht des
Bauers beugte sich plötzlich vor das seine Es war Slodczek der ihn forschend
ansah und gleich darauf wie ein Pfeil einem Trupp der übrigen nachstürzte
deren Schritte man noch in der Ferne hörte Valerius erkannte das Drängende der
Gefahr und ging raschen Schrittes nach der entgegengesetzten Seite Im Gehen zog
er leise seinen Säbel aus der Scheide und drückte ihn unter den Arm Schritte
kamen hinter ihm drein sie konnten aber auch dem zweiten Trupp angehören
schnelles Laufen konnte ihn am leichtesten verdächtigen Es bot sich eben eine
Querstrasse er bog hastig hinein und rannte an eine Gestalt der Mantel flog ihm
zurück sein nackter Säbel flimmerte in der Dunkelheit
    »Pardon« sprach eine höfliche Stimme Die Tritte näherten sich schnell
Valerius fragte den Unbekannten der ebenso in seinen Mantel vergraben zu sein
schien nach welcher Richtung zu der sächsische Platz läge Die Stimme gab
Bescheid und er ging rasch die Quergasse entlang und bog in eine breitere
Straße Eine reitende Patrouille begegnete ihm und er hatte nichts mehr von
jenen Schritten zu besorgen Jene Stimme beschäftigte ihn aber er glaubte sie
schon gehört zu haben es schien ihm als hätte sie die Worte »Joachim Lelevel«
gesprochen
    Jetzt sah er sich auf bekanntem Wege es war die Straße in welcher Hedwig
wohnte Als er an dem Hause vorbeiging welches ihrer Wohnung gegenüberlag
glaubte er eine Bewegung unter der dunklen Haustüre zu bemerken Genauer
hinsehend erkannte er eine Mannsfigur die in den Mantel gehüllt am Boden lag 
ein schwerer Seufzer drang zu ihm auf Valerius dachte es sei ein
Verunglückter welcher der Unterstützung bedürfe er neigte sich zu ihm und
fragte nach seinem Schmerze und ob er helfen könne Eine kalte Hand legte sich
in die seine und eine Stimme wie aus den tiefsten Gräbern sprach »Valerius
mir kann niemand helfen ich bin ein Jude«
    dabei richtete sich die Figur langsam auf und trat aus der Vertiefung des
Portals  die bleichen Mondesstrahlen fielen auf Joels bleiches Gesicht Er
drückte dem Valerius die Hand warf noch einen Blick auf das gegenüberstehende
Haus und schritt in die Nacht hinein
    Das Schicksal schien in dieser Nacht keine gleichmäßige Stimmung in Valerius
dulden zu wollen Wie betäubt von den mannigfachen Wechseln kam er nach Hause
und warf sich aufs Lager Er wollte nichts mehr denken nichts mehr überlegen
nichts fürchten nichts hoffen da er sich solchergestalt in der Hand von
allerlei Zufällen sah welche ihr höhnendes Spiel mit ihm trieben
    Aber unsere Gedanken sind eben der Himmel oder die Hölle welchen wir nicht
entfliehen können selbst im Schlaf nicht entfliehen können Denn auch die
Träume stehen in ihrem Dienste Und es will uns sogar manchmal bedünken als
streckten gerade in die Träume fremde Mächte dreister als sonst wohin ihre
Hände im Schlafe sehen wir Gedanken und Bilder ausgewachsen vor uns stehen
deren Anfänge wir kaum in unserem Herzen empfunden haben Unsere Bildung wird in
den Träumen sogar verarbeitet und oft neu gewendet und gerichtet unsere
Selbständigkeit ist zu Ende aber unsere Kräfte sind gewachsen wir empfinden
uns freudig oder schmerzlich als unmittelbare Werkzeuge höherer Gewalten Darum
ließ schon die ältesten Völker im Traume die Götter kommen und mit Menschen
sprechen
    Darum nennen wir noch oft die begabtesten Menschen die Poeten Träumer
weil wir sie erfüllt sehen von übergewöhnlichen Kräften von göttlichen Worten
und Gedanken die ihnen nur direkt von der Gottheit gekommen sein können im
Schlaf und Traume Wenn es ein Mittel gibt die Zukunft zu erraten so liegt es
gewiss in den Träumen
    Diese Kenntnis der Zukunft war aber eben jene Frucht vom Baume der
Erkenntnis welche die neugierige Eva naschte und die ihr den Tod bereitete
Die Erfüllung ist der Tod des Wunsches und wer nicht mehr wünschen und hoffen
kann der ist des Todes
    Solch ein Erkenntnistraum sinkt oft in den Morgennächten auf die Menschen
herab aber der Himmel ist freundlich wie immer und hüllt ihn in seine
romantischen Nebel nur wenn man in der späteren Zeit wieder einen Teil jenes
Traumes erfüllt glaubt da dichtet man eine nächste Folge aber man weiß sie
nicht und kann in Furcht und Hoffnung weiter leben
    Warum soll man diese Offenbarung nicht glauben Webt sie doch nur aus den
Anlagen und Kräften aus den verborgenen Gedanken des Schläfers seine Zukunft
    Das waren die träumerischen Dinge welche den halbschlafenden Valerius in
jenen Morgenstunden umflatterten welch eine Geschichte aber mitten in diesen
Gedanken durch seine Seele hinzog davon wusste er am andern Morgen nur noch
einzelne Stücke Im Verlauf des Lebens dichtete er sich einen Zusammenhang
 
                                      17
Die Vormittagssonne weckte Valerius aus seinen Träumen und brachte ihm wie sie
es stets tat die Hoffnung auf einen lebendigen heiteren Tag auf eine lichte
Zukunft Er schriebs auch diesen Sonnenstrahlen zu dass er sein Herz so
ahnungsreich und fröhlich bewegt fühlte als stünden ihm große Freuden bevor Er
hatte es zwar nicht vergessen dass er sich Briefe bei der Fürstin holen sollte
aber er meinte diese schöne verführerische Frau habe keinen Anteil an seiner
angenehmen Stimmung und er werde auch heute noch nicht zu ihr gehen
    Mit diesen herumspielenden Gedanken legte er sich ins Fenster mitten ins
Gold der Sonne hinein und atmete heiter die milde Winterluft Das Fenster
führte nach der südöstlichen Fläche vor Warschau und die Waffen der
manövrierenden Truppen welche dort herumschwärmten blitzten weithin wie ein
Funkenregen Noch war auf dieser deutschen Seite der Stadt kein Feind zu
erwarten und selbst Valerius ließ sich die Möglichkeit nicht träumen dass noch
in demselben Jahre von jener besonnten Ebene der neue Untergang des polnischen
Volks in die Tore ziehen werde Seine traurigen Gedanken waren überhaupt in den
Hintergrund gedrängt und er ertappte sich bald nur auf der Frage »Gehst du
heut zur Fürstin oder nicht« Er musste über sich selbst lachen und sich
eingestehen dass es wieder ein Stückchen jenes geheimen Etwas jener Eitelkeit
dass es Koketterie sei wenn er nicht hingehe »Du willst dich rar machen den
Uninteressierten spielen« sagte er sich spottend Aber es kam heute nichts
Ernstaftes in ihm auf die Zeit der Vorwürfe gegen sich selbst schien vorüber
zu sein es ist auch langweilig und abgeschmackt sich fortwährend zu
hofmeistern  dachte er  wir wollen einmal meine Erziehung und die Erziehung
des Menschengeschlechts eine Zeitlang auf sich beruhen lassen Magyac musste das
Pferd satteln und er ritt spazieren hinaus in die Sonne und wenn das Pferd
gelaufen wäre bis ins heiße Afrika O es entwickelt sich ein so schönes
gesundes Leben unseres Geistes und Herzens wenn wir zu Wagen oder zu Pferde
dahingerissen werden in die reine Gottesluft Kopf und Herz werden durch keine
Mühseligkeit des Körpers gestört und der Mut wächst hoch in die Wolken Der Mut
ist aber der eigentliche Lebensstoff welcher überall das Größte erzeugt in
Taten und Gedanken
    Es flog sein Gaul an einem Phaeton vorüber aus welchem er seinen Namen zu
hören glaubte Aber es tat ihm weh dem lustigen Pferde das eiserne Gebiss
einzudrücken und seinen Lauf zu hemmen Wie oft seufzen wir gegen die Macht
wenn sie uns durch Schmerzen zügelt wo wir mit vollen Segeln dahinstreichen
möchten Und ein feines Gefühl setzt unsere Verhältnisse leicht fort im Umgange
mit lieben Tieren Liegt doch namentlich im Pferde soviel Schönheit und Adel
dass es den Menschen nur zu leicht an ein verwandeltes unglückliches Geschlecht
gemahnt und seine Freundlichkeit und sanfte Hand in Anspruch nimmt Valerius
kehrte also erst um als das Pferd seine Lust gebüßt hatte und suchte nun den
Wagen wieder zu erreichen um zu sehen ob er sich geirrt habe oder nicht
Dieser schien seine Richtung nach den Truppen hin zu nehmen welche sich auf der
Fläche herumschwenkten Jetzt hielt er still Valerius sah einen Reiter mit
einem Handpferde ansprengen ein Soldat sprang aus dem Wagen bestieg das Pferd
und ritt zu den Truppen Federn von Damenhüten wehten über das zurückgeschlagene
Verdeck der Kutsche Valerius näherte sich langsam
    »Da kommt der Unartige ganz langsam angeschlichen«
    Das war Hedwig und die Fürstin saß neben ihr Sie war Gast im Hause von
Stanislaus Eltern Dieser war der Reiter gewesen dessen Regiment hier
manövrierte Konstantie wollte die Truppenbewegungen ansehen
    Sie begrüßte ihren Landsmann auf das freundlichste ja es lag ein Schmelz
von Innigkeit in ihren Fragen wie es ihm gehe was er denke ob ihn der schöne
Morgen nicht erquicke dass auch seine Antworten und Reden zutraulicher und
herzlicher wurden als gewöhnlich
    »Ich habe Sie ja noch nie so munter gesehen Herr von Valerius« rief Hedwig
in ihrer jugendlichen Heiterkeit »Sie haben sogar einmal rote Wangen  und
jetzt noch rötere«
    »Das tut die Sonne liebes Fräulein die Sonne«
    »Ja die Sonne  es hat ein jeder seine Sonne«
    Da brauste das Ulanenregiment vorüber Graf Kicki in der schimmernden
Uniform an der Spitze er neigte den Degen als er in die Linie des Wagens kam
und die schlanken Reiter die flatternden Fähnlein die blitzenden Waffen das
Gewieher und der Trott der Pferde gewährten den lustigsten kriegerischen
Eindruck von der Welt
    »Wie können Sie denn in der Irre herumreiten schwarz angetan wie ein
Trauernder während Ihr Regiment im bunten Glanze die Revue passiert Sind Sie
denn Ihres Dienstes entlassen«
    »Ja mein Fräulein Wunderhold ich habe mich aus dem Waffendienst in den
Augendienst begeben und ich harre der Befehle  man hält mich für unbrauchbar
zum Soldaten und spricht von mir wie Don Juan von seiner verabschiedeten
Geliebten Ihr Kopf hat sehr gelitten«
    Valerius erkundigte sich nach der alten Gräfin und hörte dass sie sich noch
ebenso befände wie sie sich seit einigen dreißig Jahren befunden habe  »aber
dieser Krieg« setzte Hedwig traurig hinzu »wird wohl das Ende ihres Lebens
sein Siegen wir so stirbt sie vor Freude und werden wir von neuem unterjocht
so stirbt sie vor Kummer«
    Es flogen Wolken über den Himmel die Sonne ward bedeckt und bald fiel ein
trüber Regen Sie eilten nach der Stadt zurück Valerius versprach um die
Teezeit seinen Besuch zu machen und so trennten sie sich
    Dieser plötzliche Wechsel vom schimmernden Sonnenscheine zum grauen
trübseligen Regenwetter verdüsterte seinen Sinn der nur gar zu geneigt war
sich dunklen Ahnungen hinzugeben wenn der Himmel seine Anzeichen zu senden
schien Sein Geist kämpfte gegen den Aberglauben aber sein Herz dafür Von
demselben Fenster seiner Wohnung aus dem er noch vor kurzem die
freudestrahlenden Waffen der polnischen Soldaten gesehen hatte erblickte er
jetzt mit Mühe durch die düstere Luft dunkle heimkehrende Scharen es war ihm
einen Augenblick als weine das ganze Volk vom Himmel und Glück verlassen
    Er rief Magyac und fragte ihn hastig ob er gestern das erstemal im
patriotischen Klub gewesen sei In dem Augenblicke kam ihm erst jene
befremdliche Äußerung der Fürstin wieder ins Gedächtnis die eine Stunde nach
seiner Anwesenheit in der demokratischen Versammlung bereits davon gewusst habe
Nichts verstimmt offene redliche Menschen mehr als die Überzeugung
umschlichen und behorcht zu werden es belastet sie wie ein böses Gewissen und
das ist das ärgste was sie fürchten
    »Nein Herr« antwortete Magyac »zum zweiten Male« Er versicherte
Valerius gar nicht gesehen noch weniger gegen jemand seinen Namen genannt zu
haben Dieser hatte Magyac im Verdachte auch in jenem Stallgebäude gewesen zu
sein und er war im Begriffe ihn auch danach zu fragen Aber es hielt ihn eine
Art Stolz zurück nach Geheimnissen zu forschen die man verbergen wollte Dies
ganze Wesen von heimlichen Umtrieben das sich um ihn her spann verstimmte ihn
indes immer mehr Er war gekommen für dieses Volk zu kämpfen und nun sah er
sich fortwährend wie ein störender Fremder übergangen und doch beobachtet Bei
größerer Unbefangenheit hatte er allerdings keinen eigentlichen Grund zur Klage
es war Torheit zu verlangen dass die Polen jeden Fremden in ihre geheimsten
Absichten einweihen sollten Aber das Unbehagen war bei einem Charakter wie der
seine ebenfalls natürlich
    So verbrachte er in trüber Stimmung den Rest des Tages auf seinem Zimmer
Alle Zweifel über Leben Völker Freiheit rüttelten wieder an ihm und er schalt
sich selbst dass der Gedanke an die glänzende Fürstin zum öfteren in ihm
aufstieg und jene finsteren Gestalten mit einem freundlichen Lichte
beleuchtete
    Wenn wir einmal ins Zweifeln gekommen sind so hält kein Glaube mehr fest
und die stärksten Menschen welche sich auf eigene und neue Wege des Lebens
gewagt haben erschrecken vor ihrer Kühnheit Sie beneiden dann einen Augenblick
die große Masse der Alltagsmenschen die im hergebrachten Schlendrian
einherziehen dergleichen Zweifel und Sorgen nicht kennen und in Trübsal immer
links und rechts Stützen finden weil sie nie von der allgemein betretenen
Heerstraße gewichen sind Die Männer neuer Lebensgedanken und einer neuen Zeit
werden auch immer die Märtyrer derselben selbst wenn ihnen die alte störrige
Außenwelt keine Kerker öffnet keine Schafotte errichtet Ihr Gewissen das
unter den alten Gedanken aufgewachsen ist hält sie unter einer immerwährenden
Tortur und es ist um so peinlicher als das der andern Menschen weil es die
Verpflichtungen gegen die Gesellschaft tiefer empfindet Die immerwährende
Prüfung hat es spitzer und feiner gemacht Und der stärkste Mensch misstraut
seinen Kräften der edelste Reformator fragt sich in stillen Stunden Bringst du
nicht auch Unglück mit deinen neuen Gedanken Beruht das Herkommen nicht auf der
Weisheit vieler Generationen Ist deine und der Gleichgesinnten Meinung nicht
vielleicht unreif unvollkommen grün und dreist neben den alten viel geprüften
Formen
    Ertappt er sich nun auf einen Irrtum auf einer Schwäche sie mögen noch so
fern liegen von dem Hauptgange seiner Gedanken dann ist die allgemeine
Unsicherheit da So ging es auch Valerius In all seinen Überzeugungen war er
schwankend geworden Nichts war ihm früher klarer und abgemachter erschienen
als das Verhältnis zwischen den verschiedenen Geschlechtern seine Ansicht über
Ehe und Treue Der Gedanke an die Fürstin weckte dies alles wieder auf und der
quälende Zweifel seiner Seele brachte jetzt alle die Gesichter seiner Ideen über
diese Gegenstände bleich und mit verzerrten Zügen vor seine Augen
    Die Dämmerung lag bereits in seinem Zimmer und noch ging er brütend
prüfend anklagend verteidigend verwerfend in demselben auf und ab Einem
fremden Zuschauer hätte er unheimlich erscheinen müssen wie er halblaut
sprechend mit unsichtbaren Geistern zu verkehren schien Alle die verschiedenen
Meinungen mit denen er rang schienen in den Winkeln des Gemachs zu stehen
bald rastete er vor diesem bald vor jenem und sprach mit ihnen und antwortete
statt ihrer
    »Wenn ich die gewöhnliche Treue tadle rede ich nicht der jämmerlichen
Liederlichkeit das Wort die in grauenvollem Egoismus nur ihren Lüsten nachjagt
mag aus den Opfern derselben werden was da will Löse ich nicht den Bestand
aller Dinge auf wenn ich den zuverlässigen Glauben auf ihre unwandelbare
Stetigkeit hinwegreisse Sind denn so viele Jahrhunderte im Irrtume gewesen
welche die Treue zu einer Tugend erhoben haben«
    »Aber war nicht die rohe Tapferkeit der grausame blutdürstige Fanatismus
einst auch eine Tugend Kann die Welt von der Stelle rücken wenn sich die
Gesellschaft fortwährend in denselben Gedanken herumbewegt Ist es nicht eine
förmliche Mordanstalt jene schwindsüchtige Treue welche über ihren eigenen Tod
hinaus zu bestehen trachtet Das Interesse der Reiz die leiseste Hoffnung von
Glück ist oft verschwunden wenn die Leute ein altes Versprechen einlösen beide
Teile fühlen es beide wagen es nicht zu äußern um den Popanz der Treue nicht
zu verletzen beide stürzen sich mit offenen Augen ins Verderben Das täglich
wechselnde Leben der Reiz welcher fröhlich vor ihre Augen tritt predigt
stürmend das Gegenteil aber sie verstocken sich um ihr Gespenst nicht zu
verletzen sie sündigen gegen die Herrlichkeit der Natur die sich ihnen in den
Schoss wirft um ein Wort zu halten das ihnen vielleicht ein Augenblick des
Rausches entlockt hat«
    »Sind denn nicht aber wirklich die schönsten Gefühle von tieferer Dauer von
stetem Bestande Heißt es nicht das Herz verflachen wenn man die Treue von
dannen weist Verurteilen wir uns nicht selbst dadurch zu jener
vorüberfliegenden Unbedeutendheit die alle Verbindung mit ewigen Zuständen
aufgibt«
    »O erfindet ihr widersprechenden Geister ein neues Wort verdrängt eure
tödlichen Bezeichnungen für unwandelbare unverrückte Zustände sie sind unserem
Blute und unserem Streben fremd sie sind unnatürlich und erzeugen das Unglück 
keine Untreue nein sie ist des Herzens unwürdig aber auch nicht jene Treue
jenes tote stehende Gewässer«
    »Ich sehe dich Kamilla du zürnst mir nicht wenn ich ein anderes Weib
küsse  deine Seele lebt im Grunde meines Herzens solange ein Tropfen Blutes
darin rollt Und soll ich nicht mehr atmen wenn es nicht deine Luft ist  Ohne
Weiber ist das Leben arm arm sehr arm«
    »Du zürnst mir nicht aber unglücklich wirst du doch wenn dus erfährst
Und würdest du einen andern küssen Hab ich mehr Recht  Wahrhaftig ich habe
mehr Recht und das ist kein törichter Männerstolz ich werde dirs erklären
aber ein andermal Jetzt hab ich genug regiert genug gearbeitet an der
Einrichtung der Welt ich muss Weiber sehen«
    So hatte er sich endlich in eine humoristische Laune hineingesprochen Es
war selten dass sie ihn von seinen Gedanken erlöste aber er nahm sie immer
fröhlich auf wenn sie kam und tröstete sich dann wenn die Fragen ungelöst
blieben mit Hamlet oder richtiger gegen Hamlet Die Welt ist zwar aus den Fugen
und ich soll sie einrenken aber s muss ja nicht heute sein Rom ward nicht an
einem Tage erbaut und der Herrgott müsse auch das Seine tun
    Der Teetisch an dem er Hedwig und Konstantie zu finden hoffte mochte wohl
die Hauptursache dieses seltenen Wechsels in seinem ernsten Wesen sein Das
gesunde Leben behielt sein Recht über das künstliche und er besaß soviel
Instinkt sich darüber zu freuen und seinen Mantel zu nehmen
    Wie ein Schüler der aus dem Examen kommt und nicht eben unter den Besten
und Ausgezeichnetsten aber auch nicht gerade unter den Faullenzern genannt
worden ist schritt er durch die Straßen Er glaubte seinen Forschungen und
Studien einige Wochen Ferien gewähren zu dürfen und er freute sich eben auch
wie der Schüler auf eine bequeme Zeit die vor ihm läge
 
                                      18
Graf Stanislaus besaß nur noch einen Vater Das war ein hochbejahrter
liebenswürdiger Greis von den feinsten französischen Manieren der in großer
Achtung stand und allgemein gepriesen wurde wegen seiner anspruchslosen
bürgerlichen Tugenden seiner in Polen nicht eben gewöhnlichen Sanftmut und
Freundlichkeit gegen alle Stände und endlich auch wegen seiner ebenso
ungewöhnlichen Bildung in Literatur Kunst und Staatsinteressen Der Besuch der
Fürstin Konstantie mit welcher er verwandt war erfreute ihn auch wegen der
geselligen Formen sie repräsentierte die Dame des Hauses und der alte reiche
Graf ging in großer Glückseligkeit trippelnd umher dass sein Salon jetzt wieder
glänzend geworden sei wie Anno 94 Als Valerius eintrat fand er schon eine
zahlreiche Gesellschaft Konstantie war umringt von Herren und Damen und
gewahrte ihn nicht Der alte Graf eine schlanke vertrocknete Figur mit
schneeweissem lockigem Haar stand neben einer hohen Militärperson und war im
eifrigen Gespräche Stanislaus eilte herbei um ihm seinen neuen Freund
vorzustellen sie warteten indes beide ein wenig um das dem Anschein nach
wichtige Gespräch nicht zu stören und während der Sohn dem Freunde mit sanfter
herzlicher Stimme alle die Liebenswürdigkeiten des Vaters leise schilderte
hatte dieser Zeit den Alten zu betrachten
    Er war ganz schwarz gekleidet bis auf das Halstuch welches wie die
Leibwäsche von blendender Weiße war und einen heitern Schein auf das schmale
gefurchte aber noch immer von einer leichten Röte überflogene Gesicht warf In
den großen tiefliegenden Augen ruhte eine freundliche Sanftmut und nur hie und
da sah man aus einem schnellen Blicke dass sie nicht auf Schwäche sondern auf
eine große geistige Überlegenheit gegründet sei Im Knopfloche trug er das Band
der Ehrenlegion
    Stanislaus hatte seinen Freund schon angekündigt und der alte Graf nahm ihn
mit der zuvorkommendsten Liebenswürdigkeit auf
    Es war eine lange Reihe von Zimmern geöffnet und erleuchtet Der Militär
hatte sich zu einem andern Teile der Gesellschaft gewendet die drei Männer
traten in das zweite Zimmer und während der alte Graf seinen Gast mit einigen
Gemälden bekannt machte entfernten sie sich weiter von der Gesellschaft
    »Sie müssen sich nicht abschrecken lassen« sagte der alte Herr mit seinem
liebenswürdigen Lächeln »wenn Ihnen nicht alles bei uns die romantische Probe
gehalten hat wenn Sie sogar durch manches arg verletzt werden wir sind zu oft
im Wachstum gestört Von Hause aus waren wir verzogene Kinder unsere Freiheit
erstickte im eigenen überflüssigen Blute weil wir alles im Herzen haben
wollten und es nicht recht zu verteilen wussten Verzogene Kinder bleiben auch
im Unglück eigensinnig und werden übermütig bei jedem Schimmer von Glück Aber
Sie sind ja aus dem Lande das alles Fremde so gern gewähren lässt überwinden
Sie nationale Antipatien welche bei so verschiedenen Völkern nie ausbleiben
und stürmender und trennender sind als große Gegensätze weil sie uns bei jedem
Schritte hindernd zwischen die Beine geraten Ertragen Sie uns eine Zeitlang
und Sie werden am Ende doch manches zu lieben finden Jedes Volk hat seine
Liebenswürdigkeiten Und Sie sind ja auch auf der Höhe von Humanität welche das
Edle tut ohne Ansehen der Person  versprechen Sie mir mich zu besuchen wenn
Sie mürrisch werden ich bin ein alter Apotheker und habe Rezepte aus manchem
Jahrzehnt versprechen sie mirs«
    Valerius schlug freudig in die dargebotene Hand »Nehmen Sie sich in acht«
fuhr der Greis fort »vor den Verbindungen mit unsern jungen Demokraten 
verkennen Sie mich in diesen Worten nicht ich liebe diese brausende Jugend mit
ihrem menschenrechtlichen Fanatismus o ich liebe sie so sehr gerade wegen
dieser Poesie der Tugend sie sind das ursprüngliche Fundament der Gesellschaft
diese Jünglinge mit dem heißen Herzen Aber sie kennen die Welt nicht mit den
tausend Beschränkungen ohne welche sich kein Staat konstituieren lässt solange
wir uns nicht isolieren können von Gewohnheit Herkommen geschichtlicher
Erinnerung und besonders solange wir Nachbarn haben denen wir uns
akkommodieren müssen Ein Staat in Europa kann nicht nach Begriffen nach bloßen
Begriffen errichtet werden welche der abgesondert spekulierende Geist ersinnt
so wenig als das Individuum nach eigenen geselligen Regeln sich bewegen darf
solange es in der übrigen Gesellschaft seinen Raum einnehmen will Eben weil es
nichts Einzelnes gibt weil nichts ohne Verhältnisse existiert können Wechsel
und Änderungen nur mit der größten Umsicht vorgenommen werden Und Umsicht ist
nicht Sache des poetischen Herzens sondern der Erfahrung darum dürfen wir
unsern Jünglingen den Staat nicht überlassen
    Machen Sie mir nicht so klägliche Gesichter Freilich ist es für das feurige
Blut niederschlagend dass die Weltgeschichte in so kleinen Schritten geht dass
sie nicht eher weiterrückt als bis ein großer Staatenraum auf gleicher Höhe
angekommen ist aber auf diesem lückenhaften Planeten wo uns lauter unerklärte
Anfänge umgeben müssen wir uns drein fügen
    Verzeihen Sie meine Breite ich komme zum Thema zurück Ich hoffe hass mein
Sohn einen ganzen Freund in Ihnen gewinnt Ihre Nation ist die Nation der
Freundschaft weil sie am wenigsten ausschließlich in Sitte Formen und Gedanken
ist weil sie am meisten annimmt und verzeiht ja erlauben Sie mir den
Ausdruck weil sie am wenigsten Nation ist Dieses Kapitel der Demokratie
betrifft aber meinen Sohn und seine Neigungen ebenso dringend als Sie Herr von
Valerius Es drängt mich offen ganz offen zu sprechen und ich verspreche mir
sogar in Ihnen eine Hilfe einen Sekundanten gegen Stanislaus zu erwerben Ich
habe meines Sohnes Bildung selbst zu lebhafter Teilnahme an demokratischen
Formen geleitet ich bin ihm vor allen Rechenschaft schuldig wenn ich ihn jetzt
vom patriotischen Klub und dem was dazu gehört abziehen will
    Meine Herren es ist das Wahrscheinlichste dass diese Interessen in kurzem
die eigentliche Lebensfrage Polens werden ich halte sogar den mächtigen Feind
für unwichtiger Wenn wir vereinigt blieben besiegt er uns nicht aber die
Trennung wird nur zu bald klaffen wie eine breite Wunde Die Jugend ist
unternehmend sie ist der Kern des Heeres sie wirbt den gemeinen Mann oder hat
ihn schon geworben sie will keine Vermittlung sie hasst das Halbe das
Vorbereitende denn ihre Kraft ist eben die gewaltige Einseitigkeit bald wird
man uns mit dem Geschrei aus dem Schlafe wecken Demokratie oder Tod
    Du schüttelst den Kopf Stanislaus du hoffst wohl gar auf Krukowiecki 
Unglücklicher dieser Mann ist die schrecklichste Garantie er ist voll
unlauteren Ehrgeizes der das Land in die Luft sprengt für seinen Ruhm  gut es
mag sein ich will übertrieben haben Ein Kampf dieser Parteien bleibt gewiss
nicht aus und er verdirbt uns er lähmt und verwirrt die Kräfte Ein voreiliger
Sieg der Demokratie tötet uns Was ist Polen ohne seine Aristokratie Ein
rauschender Baum der über Nacht mit all seinem Blätterreichtum verdorrt ist
Die Aristokratie ist noch in diesem Augenblicke das Mark des Landes das Land
gehört ihr noch sie erzeugt die Mittel des Krieges im ihrem Stolze wurzelt
noch die Kraft dieser fortreissenden Vaterlandsliebe dabei gedenk ich unserer
Nachbarn gar nicht die fremden Heere würden bald erscheinen wenn ein Konvent
in Warschau geböte
    Indes wollen wir das Kind nicht mit dem Bade ausschütten wie sie in
Deutschland sagen ich sehe mit Entzücken diesen Sporn zur Energie der unseren
Edelleuten keine Zeit lässt für ihren persönlichen Ehrgeiz aber der Strom soll
nicht aus dem Bett treten  und nun zum Schluss man wird genötigt sein in
kurzem strenge Maßregeln gegen den Klub zu unternehmen halten Sie sich fern
davon meine Herren sprechen Sie wo Sie können zur Mäßigung«
    Der alte Herr wurde zur Gesellschaft gerufen und Stanislaus sagte
beruhigend zu seinem Freunde »Lassen Sie sich nicht einschüchtern das Alter
und tausend Hoffnungen die fehlgeschlagen sind haben ihn misstrauisch gemacht
General Krukowiecki ist der wackerste Pole Niemand kann es wagen strenge
Maßregeln gegen die demokratische Jugend zu nehmen wir haben die Revolution
begonnen wir halten sie aufrecht Volk und Armee sind für uns«
    Valerius war nicht recht bei der Sache der alte Graf und manches andere
beschäftigte ihn Der junge entzündete Pole bemerkte es indessen nicht er
disputierte noch eifrig weiter und sie schritten in der langen Zimmerreihe auf
und ab Es fiel Valerius auf in den vom Gesellschaftssalon entferntesten
Zimmern größere Pracht behaglichere Einrichtung zu finden Im letztens Gemache
das ohne eigenes Licht und nur von dem daranstossenden beleuchtet war stand ein
prächtiges Bett geheimnisvoll versteckt von rotseidenen Vorhängen Es stieg
eine flüsternde behagliche Ahnung auf in ihm er lüftete die Gardine im
Vorübergehen ein wenig und erblickte an der Wand ein kleines Gemälde Die
Dämmerung ließ es nicht genau sehen aber Valerius glaubte es zu erkennen Auf
Grünschloss hatte er einst ein kleines Bild gemalt es stellte eine
Gebirgslandschaft dar an dem Bach im Vordergrunde sitzt ein Bauernmädchen und
sieht mit sehnsüchtigem Blicke in die Bergschluchten hinein wo sie sich öffnen
und das Bild sich in eine dämmernde Ferne verliert Er wusste nicht mehr wo das
Bild hingekommen war in diesem Augenblicke glaubte er es gesehen zu haben
Aber er konnte nicht rasten da sein Begleiter umkehrte und nach dem vorletzten
Zimmer zurückschritt Eine schmeichelnde Unruhe bemächtigte sich seiner es
hielt ihn fest in diesen Zimmern und er zog Stanislaus auf ein Sofa Auf einem
Tische vor demselben lag eine große Mappe und während der junge Pole allmählich
in seine sinnende Schweigsamkeit versank blätterte Valerius unter den Gemälden
und Kupferstichen welche er in der Mappe fand Eine versteckte Seitentasche
fiel ihm auf und er zog ein kleines Blatt Papier heraus das mit Versen
beschrieben war  Er hatte sie selbst geschrieben diese Goeteschen Verse
Geh den Weibern zart entgegen
Du gewinnst sie auf mein Wort
Und wer rasch ist und verwegen
Kommt vielleicht noch besser fort
Doch wem wenig dran gelegen
Scheinet ob er reizt und rührt
Der beleidigt der verführt
Die beiden letzten Verse waren unterstrichen Aber diese Striche rührten nicht
von ihm her Es ward jetzt ganz klar in seiner Erinnerung er hatte diese Worte
eines Nachmittags im Grünschloss gesprochen als die Rede auf Liebe und
Liebesbewerbungen gekommen war und die Fürstin hatte ihn gebeten sie
aufzuschreiben
    Nachdenkend hielt er das Blatt in der Hand damals hegte er sogar einen
Widerwillen gegen das kecke Wesen der Fürstin sein Herz war damals erfüllt mit
Kamillas Reiz alles übrige berührte ihn nicht
    Da rauschte ein Gewand Konstantie trat ins Zimmer Es hatte sich im Salon
ein Streit erhoben über ein französisches Buch ihn zu enden war sie nach ihren
Gemächern geeilt um das Buch zu holen
    Valerius sah sie mit großen Augen an ein träumerisches Nachsinnen lag in
ihnen das Blatt hielt er noch in der Hand Eine flüchtige Röte stieg in
Konstantiens Gesicht sie griff nach dem Blatte und berührte dabei seine Hand
Ein süßes Gefühl weckte ihn aus dem Nachdenken
    »Pfui doch wie unartig meine Mappe durchzustöbern Wie kommen Sie denn
überhaupt in meine Zimmer Und wer hat denn jene Türen geöffnet«
    Sie warf hastig die Flügeltüre ihres Schlafzimmers herum Unterdes kam auch
Hedwig herbeigesprungen schalt Stanislaus dass er sich von ihr und der
Gesellschaft entferne und zog ihn fort Die beiden Deutschen waren allein
Koustantie ging nach einem Winkel des Zimmers »Unartiger Mensch helfen sie mir
ein Buch finden«
    Er sprang hinzu  sie nannte aber keinen Titel und sah zerstreut unter die
Bücher Der leichte Schatten von Verlegenheit welcher sich über ihr Wesen
verbreitete gab diesem glänzenden Wesen einen um so höheren Reiz je seltener
er an ihr wahrzunehmen war je mehr er gegen das Herrschende und Imponierende
ihrer Erscheinung zu kontrastieren schien Ihre rechte Hand tastete wie suchend
auf den Büchern umher die linke strich leise an den Falten des Gewandes
entlang Diese weiße Hand schien alle ihre aussergewöhnliche Unsicherheit
auszudrücken Valerius ergriff sie leise die weichen warmen Finger setzten
noch einen Augenblick die Bewegung fort und schienen ebenfalls unschlüssig zu
sein ob sie sich dem Fremden ergeben sollten Aber sie wurden still und kaum
merklich wuchs ihre leichte Schwere von Sekunde zu Sekunde Nur als sie der Mann
zu seinen Lippen aufhob glaubte er ein leises Beben in ihnen zu verspüren
    Valerius führte die Hand von den Lippen auf seine Wange die warme Hand an
die heiße Wange  er schwieg sie schwieg ihr Kopf wendete sich nicht zu ihm
aber er sah ihr Herz stürmisch klopfen
    Aus den vorderen Zimmern her kam Geräusch da wendete sie sich plötzlich zu
ihm ein unbeschreiblicher Ausdruck von Wehmut Glück und Innigkeit lag darauf
feucht glänzten ihre Augen jene vermittelnde Hand legte sich eng und fest in
Hand und Wange des Mannes er fühlte ihr heißes Antlitz an dem seinen ihren
Mund auf seinem Auge und fort war sie dahin flog sie durch die Zimmer
    »Hat sie nicht Liebster gesagt leise ganz leise als sollte ich es selbst
nicht hören« sprach er ebenso leise
    Er konnte sich lange von der Stelle von dem Zimmer nicht trennen und
»Liebster«»Liebster« flüsterte er vor sich hin
    Als er in den Salon kam lachte und scherzte man noch darüber dass die
Fürstin ein falsches Buch gebracht und dann eiligst ein Recht aufgegeben habe
was sie kurz vorher so hartnäckig verteidigt
    Sie saß in einer holden Verwirrung da und die Nachbarn des Deutschen
flüsterten einander zu »Sie wird alle Stunden schöner«
    Valerius war so munter und ausgelassen wie man ihn noch nicht gesehen
hatte er scherzte und tändelte ohne Aufhören mit Hedwig die mehr als einmal
zur Fürstin sagte »So liebenswürdig ist Ihr Landsmann noch niemals niemals
gewesen« Konstantie lächelte wie das verborgene Glück und sah einen Augenblick
auf Valerius Es hing dann vor ihren Augen ein dünner Flor durch welchen eine
unendliche Seligkeit drängen zu wollen schien  Als der Salon leer geworden
fiel es ihr ein dass sie ihm Briefe aus Deutschland mitgebracht habe sie ging
fort und als sie wieder kam trat ihr Valerius einige Schritte entgegen Sie
gab ihm die Briefe und sagte mit jener leisen die Seele bewegenden Stimme »Ich
liebe dich unsäglich«
 
                                      19
Der Wind trieb die Wolken wie ein scheltender Herr sein Gesinde am Himmel umher
Sie flogen scheu unter dem Monde und den Sternen hinweg Valerius glaubte aber
auch ohne dies Sterne und Himmel bewegten sich im Tanze als er aus dem Palaste
trat Die Bewegung des Herzens macht alles beweglich und es gibt keinen
schöneren Sturm im Menschen als wenn eine Liebschaft ihre Knospe schwellt und
wenn diese das Geheimnis ihrer Blume zu heben beginnt Das sind die Momente der
Himmelsahnung welche uns die Gottheit gelassen hat für dürre unerquickliche
Steppen von freudlosen Jahren es sind die Zisternen unserer Lebenswüste die
immer einige Tropfen frisches Wasser bewahren mag es noch so heiß um uns
drängen Solche Momente sinds gewesen welche den Menschen zum ersten Male den
stolzen Glauben erzeugt haben sie seien gottähnliche Wesen
    Valerius flüchtete wieder zu seinem geliebten Strome hinaus heute mit
seiner Lust Heim konnte er nicht das Zimmer war zu enge für sein Herz denn es
ist eine mehr als figürliche Redensart dass das Herz sich ausdehnt von großen
Gefühlen  man braucht wirklich mehr Raum und in einer kleinen Stube kann man
nicht soviel Glück ausströmen als in freier Luft
    »Kühles unparteiisches Wasser heut beneide ich dich nicht« rief er aus
Aber er gestand sichs eigentlich selbst nicht genau was ihn beglücke er
hüllte es in das große himmelblaue Wort »Liebe« Und der Liebe jeder Liebe
meinte er dürfe man sich immer freuen sie sei der Herzensodem des Lebens Der
kleine vorlaute Gesell in seinem Busen mit dem kritischen verdrießlichen
Angesichte kam heute nicht zur Audienz mit seinem Geflüster Umsonst sprach er
von der schönen Konstantie auf Grünschloss wo dem Herrn Valerius die bloße
freundliche Zuneigung derselben Dame störend lästig gewesen sei Er ward
überhört Liebe überwältigt wie die Sonne ohne zu fragen und zu beachten ob
man sie gewollt
    Es war schon spät am andern Vormittage als Taddäus seinem Herrn einige
Briefe aufs Bett legte »Sie steckten in der Brusttasche des Rockes Herr und
waren schon so zerknittert«
    Valerius erkannte in der Aufschrift des einen Kamillas Hand und sein Rausch
verflog wie die Glätte des Wasserspiegels von einem Luftstosse Langsam
entsiegelte er den Brief und las und setzte ab und las wieder und die heißen
Tränen liefen ihm über das Gesicht
    »Warum schreibst Du uns nicht Lieber Bist Du krank Hast Du ein schlecht
Gewissen Nicht doch es ist eine törichte Frage diese zweite Wir sind ja
einig darüber geworden dass die Treue etwas Bessres ist als was man so nennt
Ihr Männer fahrt durch die Welt dahin wie der Sturmwind und der muss mehr Dingen
begegnen als wir mit unserer stillen häuslichen Atmosphäre Aber der Offenheit
der Mitteilung musst Du mich würdigen wie Dus versprachst meine Liebe ist Dir
sicher wie der morgende Tag nur der Tod endigt für mich beide auf dieser Erde
    Ich lebe still und gedankenreich mit Dir hin Des Morgens bin ich früh auf
und lese Deine englischen Bücher sie sind mir sehr lieb mit ihrem schweren
trüben Sinne denn es kommt mir manchmal unrecht vor dass ich noch soviel lachen
kann seit Du fort bist Ich kann mir aber nicht helfen dass die Welt soviel
komische Dummheiten hat Zuweilen bin ich mitten im Weinen dass ich Dich
verloren habe da passiert irgend etwas Lächerliches und ich lache samt meinen
Tränen Du musst mich schon gewähren lassen ich trage auch jetzt die Haare so
wie Du es gern mochtest Du würdest Dich gewiss freuen wenn Du einmal plötzlich
einträtest viel viel artiger bin ich als sonst
    Der Graf hat einmal Deinetwegen an den Obersten Kicki geschrieben und
entweder gar keine Nachricht erhalten oder eine traurige Ich glaube er und
Alberta halten Dich für tot es ist wunderlich dass mich das gar nicht
beunruhigt Damals nach Deinem Duell hab ich so sehr für Dich gezittert
jetzt fürcht ich dergleichen nicht im mindesten Ich könnte einen Eid darauf
ablegen dass Du noch lange lange leben wirst  es ist noch zuviel Zukunft in
Dir Sieh wie besonders ich mich ausdrücke es ist noch aus der alten Schule
Und dann  gewiss kündigte sich mirs irgendwie an wenn Dir so etwas Schlimmes
begegnete Daran glaube ich nun einmal fest ganz fest Ich bin fast den ganzen
Tag bei Dir es müsste ein Ruck eintreten  nein nein lass mir den Aberglauben
meiner Mutter dass die herzlichsten Gedanken der Menschen durch die ganze Welt
zusammenhängen dass ein aparter Engel dazu angestellt ist vom lieben Gott der
das Gewebe ordnet und hält und wie der Himmelspostmeister die gegenseitigen
Nachrichten besorgt Ach was mach ich dem armen Engel zu tun
    Aber aber der Fürstin Konstantie die meinen Brief besorgen will trau
ich nicht über den Weg was Dich schlimmen Gesellen anbetrifft Du bist zwar
fein ernstaft und ehrbar aber stille Wasser sind tief und ich fürchte am
meisten dass Dein Herz Beschäftigung braucht Wir Frauenzimmer sehen in solchen
Dingen schärfer  ich denke mit Schrecken an die schönen Augen Konstantiens
wenn sie auf Dich fielen Es war nicht jene Leidenschaft in ihnen die wir an
ihr scheuten sie waren sanft und milde aber es lagen Wünsche  bin ich nicht
recht einfältig Dich selbst aufmerksam zu machen Ach liebe küsse sei
glücklich mein Herz mein Blut o mein Valerius den ich liehe liebe so ganz
und gar Aber ich bin ja Dein starkes Mädchen nicht mehr Du wirst mir alles
erzählen und mich immer mitlieben Ja«
    Nach diesem Briefe war es um die Entzückungen vom vorigen Abende geschehen
Er glaubte erröten zu müssen vor sich selbst solch einer Liebe nicht allein
ungeteilt anzugehören Mochten auch all seine Gedanken und Philosopheme über
Liebessachen lächelnd ihre Stimme erheben mochten sie ihn schelten dass er
einer alten eingelebten Gewohnheit seine Überzeugung opfere dass es töricht sei
zu darben um romantischen Grillen zu genügen  er ließ sich nicht besiegen und
ging nicht mehr zur Fürstin
    »Das Herz allein ist der Richter in solchen Dingen« sprach er »und mein
Herz duldet es nicht«
    Aber es waren schmerzhafte Tage welche trüb und langsam vorüberschlichen
Stanislaus besuchte öfters seinen Freund und machte ihm die lebhaftesten
Vorwürfe weil er das Haus seines Vaters nicht mehr besuche der so herzliches
Interesse an ihm nehme »Hedwig fragte zehnmal des Tages nach Ihnen und
Konstantie hat sich zweimal ängstlich erkundigt ob Sie krank seien Es ist ein
rechter Jammer mit euch empfindsamen Deutschen und mein guter Vater leidet arg
darunter Konstantie kommt nun auch seit mehreren Tagen nicht mehr aus ihrem
Zimmer und der Salon ist ohne Mittelpunkt Sie schützt Unwohlsein vor und
Trauer um den Tod ihres Gemahls« 
    »Ist der Fürst gestorben«
    »Allerdings aber das wusste sie schon an jenem Abende als Sie das letztemal
bei uns waren und da hat man ihr kein Herzeleid angesehen Der schwachköpfige
Mann ist ihr immer sehr gleichgültig gewesen und sie ist viel zu stolz eine
erheuchelte Trauer zu zeigen Meine kleine harmlose Hedwig ist auch übel davon
betroffen Bei dem rauen wenig geliebten Vater und der schweigenden Großmutter
den ganzen Tag zu sitzen wird ihr jetzt schwer da sie die letzten Tage reger
Geselligkeit verwöhnt haben Neben Konstantie konnte sie den größten Teil des
Tages bei uns sein und jetzt hat die launische Frau plötzlich keine Zeit für
sie Kommen Sie Freund trösten Sie uns«
    Valerius entschuldigte sich auf das herzlichste Er habe traurige Briefe
bekommen er tauge jetzt nichts für Gesellschaft Aber der Freund kam alle Tage
wieder die Einsamkeit wurde auch dem deutschen Träumer lästig und langweilig
und da die Fürstin noch immer nicht aus ihrem Zimmer ging er also ihre
Begegnung nicht zu fürchten hatte so gab er eines Abends dem Drängen des
Freundes nach
    Die schönen Säle und Zimmer kamen ihm öde vor da die beiden Frauen fehlten
und wenn er im Gespräch bis an die Türen Konstantiens kam so hielt er seinen
Begleiter oft unwillkürlich einen Augenblick fest und lauschte mitten im
eifrigen gedankenlosen Sprechen ob er kein Lebenszeichen aus den Gemächern
vernehme Das Bild der schönen Frau die in Trauer versunken Tag für Tag einsam
in jenen hohen schweigsamen Zimmern saß trat oft verstohlen vor seine Seele Er
glaubte sie in schwarzseidenem Gewande mit aufgelöstem Haare auf dem Fussteppich
sitzen zu sehen das blendende Weiß der Arme und des Busens sah verwundert auf
die traurige Farbe des Kleides und das Gesicht hatte den erschütternden
Ausdruck einer verlassenen Königin die über Nacht von allen denen verraten
worden ist welche noch am Abende ihren Winken gehorchten
    Er ging spät nach Hause denn der Ort wo er ihr näher war dünkte ihm doch
noch besser als sein fernes einsames Zimmer eine finstere schweigende Nacht
hing wie ein schwarzer Mantel in den Straßen Die Fensterreihe der Fürstin nach
welcher er ausblickte war ohne Licht nur in den letzten Zimmern dämmerte eine
schwache Helle Lange blieb er stehen vielleicht hoffte er die Gardinen würden
sich bewegen und jene hohe Gestalt würde sich zeigen aber er wusste es selbst
nicht was er hoffte und ob er hoffte
    Es kamen mehr solche Abende und sein Wesen wurde immer unruhiger und
ungeduldiger Nur zu deutlich erkannte er dass es nicht an Umgebung und
Gesellschaft liege wenn er die Zeit nicht hinzubringen wisse denn lesen und
denken und denken und lesen kann man nur bei ruhigem Gemüte Er gestand sichs
langsam es fehle ihm Liebe und zwar Konstantie
    »Wohl denn« rief er aus als er eines Abends wieder missvergnügt und
unruhvoll aus dem Palais des Grafen schritt »wohl denn das Herz hat mich
gehindert das Herz treibt mich jetzt ich werd ihm ewig folgen«  Gleich als
ob er einen großen Sieg errungen habe als ob er von einer schweren Krankheit
durch einen plötzlichen Himmelsstrahl genesen sei schritt er über die Straße
um von der andern Seite nach jenen letzten Fenstern zu schauen wie er alle
Abende getan Heut aber sah er mit leuchtenden Augen hinauf und das Bild der
trauernden Königin hatte sich verwandelt und er glaubte das schöne Weib schon
in den Armen zu halten Alles drängte ihn ihr zu sagen was in seinem Herzen
vorginge sogleich im Augenblicke keine lange Nacht des Zweifels und Harrens
sollte sich dazwischen legen Und während er noch sann und dachte wie das zu
bewerkstelligen sei da erhob sich seine Stimme und er sang ein altes Lied Sie
musste es kennen in jener warmen Liebeszeit auf Grünschloss wo alles mit Küssen
in den Augen und auf den Lippen durcheinander lief da hatte man es oft in
stillen Abendstunden aus den Gebüschen des Gartens dringen hören
    Es regte sich nichts in der Straße und sie musste in ihrer Abgeschiedenheit
seine Stimme klar und deutlich vernehmen
Herz mein Herz was soll das geben
Was bedränget dich so sehr
Welch ein fremdes neues Leben
Ich erkenne dich nicht mehr
Weg ist alles was du liebtest
Weg warum du dich betrübtest
Weg dein Fleiß und deine Ruh 
Ach wie kamst du nur dazu
Fesselt dich die Jugendblüte
Diese liebliche Gestalt
Dieser Blick voll Treu und Güte
Mit unendlicher Gewalt
Will ich rasch ihr mich entziehen
Mich ermannen ihr entfliehen
Führet mich im Augenblick
Ach mein Weg zu ihr zurück
Und an diesem Zauberfädchen
Das sich nicht zerreißen lässt
Hält das liebe lose Mädchen
Mich so wider Willen fest
Muh in ihrem Zauberkreise
Leben nun auf ihre Weise 
Die Verändrung ach wie groß
Liebe Liebe lass mich los
    Das Licht in Konstantiens letzten Zimmern verlosch bis auf einen matten
kaum sichtbaren Schein Der Sänger glaubte die Gardine sich bewegen zu sehen
aber die Dunkelheit war zu groß um etwas genau unterscheiden zu können Darüber
konnte er sich aber nicht füglich täuschen dass in den noch erleuchteten Sälen
ein Fenster geöffnet und der Vorhang in die Höhe gezogen wurde Ein
Lichtschimmer fiel auf die Straße oben am Fenster sah Valerius den alten Grafen
mit seinen weißen Locken erscheinen und es war ihm als mache der alte Mann
eine abwehrende Bewegung mit der Hand Der Sänger war aber im Übermute seiner
erwachenden Leidenschaft und seines Liedes  es ist auch schwerer als viele
glauben vom Singen zum plötzlichen Verstummen überzugehen  und er wiederholte
die Straße hinabschreitend die Schlussverse
Die Verändrung ach wie groß
Liebe Liebe lass mich los
 
                                      20
Am andern Tage ritt er durch dieselbe Straße Niemand war an den Fenstern zu
sehen die Gardinen in Konstantiens Zimmern hingen wie Tagsgespenster hinter den
Scheiben obwohl es beinahe Mittag war Valerius wurde verdrießlich und dachte
einen Augenblick daran als er vom Spazierritt nach Hause gekommen war
Konstantien zu schreiben Aber er verwarf den Gedanken schnell Konnte nicht das
ganze Verhältnis das er sich mit ihr gebildet hatte eine Täuschung sein
wenigstens zur Täuschung gemacht werden Er kannte die Fürstin als ein überaus
stolzes Weib sie war ihm mit einem überschwellenden Herzen entgegengekommen er
hatte sich zurückgezogen nein er konnte nicht schreiben die Furcht seines
Stolzes ließ es nicht zu Und doch gestand er sichs dass es keinen Stolz geben
könne der wirklichen Liebe gegenüber
    Sein Herz hoffte aber zuversichtlich sie werde diesen Abend in der
Gesellschaft erscheinen er werde sie sehen und sprechen
    Da trat Manasse in sein Zimmer eine unerwartete Erscheinung Valerius hatte
ihn nicht mehr gesehen seit er in Warschau war und es kam ihm vor als sei der
alte Mann in dieser kurzen Zeit auffallend gealtert seine Züge erschienen ihm
noch spitzer die Augen noch tiefer dem Grabe immer näher sich zukehrend
»Herr« sprach der Alte »mein Sohn Joel ist krank und sein Herz sehnt sich
nach Ihnen lassen Sie sich hernieder unter das Dach eines armen Juden zu
treten vielleicht können Sie helfen meinem armen Joel ich kann es nicht«
Seine Arme die er während des Redens erhoben hatte sanken schlaff zurück der
Kopf neigte sich auf die Brust der lange Bart zitterte und das blassgelbe
Gesicht ward von jenem zerbrochenen Ausdruck des Schmerzes überzogen der einer
völligen Gefühllosigkeit ähnlich sieht
    Valerius war sogleich bereit und auf dem Wege fragte er den Alten was Joel
fehle Er fragte um zu fragen obwohl er die Krankheit mit all ihrer Schwere zu
kennen glaubte Manasses vergrabene Augen stiegen bei dieser Frage herauf aus
ihren Höhlen und sahen mit einem entsetzlichen Ausdruck nach dem Himmel  mit
der Hand wies er auf eine schwarze Wolke welche die Sonne bedeckte »Adonai
weiß es« sagte er mit leiser aber entsetzlicher Stimme und nach einer Weile
setzte er wie in Geistesabwesenheit hinzu »Was wollen wir klagen Adonai leidet
gleich uns und alle Nächte weint er auf den Trümmern Zions voll Reue und Gram
brüllend wie ein Tiger und in Verzweiflung sich auf immer mit seinem Volke
überworfen zu haben  was wollen wir klagen die ganze Welt ist ein Wehe  
ach mein Sohn Joel«
    Mit einem leisen Schauer hörte Valerius diese talmudistischen Dinge und
schritt hastig vorwärts in eine Straße hinein welche größtenteils von
Israeliten bewohnt schien Juden die ihnen begegneten sahen mit einem Gemisch
von Scheu und Ehrfurcht auf den alten Manasse  er trat in ein kleines Haus
durchschritt den Hof hinter demselben wand sich durch mehrere Gänge des
Hintergebäudes und öffnete endlich die Türe eines kleinen abgelegenen Zimmers
Obwohl es noch heller Tag draußen war brannte doch hier eine Lampe man sah
nirgends ein Fenster Joel lag auf einem alten Sofa das mit einem schwarzen
jetzt abgeriebenen Seidenstoffe überzogen war Sein Gesicht war in die Kissen
gedrückt und er gab kein Lebenszeichen von sich
    »Mein Sohn Joel« sprach Manasse mit jener leisen geisterhaften Stimme »er
ist da jener Mann aus Deutschland den du hältst für deinen Freund«
    Joel wendete sich herum und streckte die Hand nach Valerius aus  sein
Gesicht halb bedeckt von den langen lockigen Haaren sah zerstört aus wie eine
verwüstete Kirche wie ein schönes Gemälde von dessen Antlitz man das Leben
ausgetilgt hat durch eine darüber gestrichene weiße Farbe
    Valerius erschrak im Innersten und die feuchte kalte Hand pressend fragte
er bekümmert was ihm fehle was er für ihn tun könne Joel warf einen bittenden
Blick auf seinen Vater
    »Warum soll ich es nicht hören Joel« sprach dieser »was dich danieder
wirft ich bin auch jung gewesen und habe gelitten wie du  aber ich will gehen
wenn der Herr mir gut steht dass dir kein Unglück begegnet während ich fern bin
 Joel mein Kind verlasse nicht frühzeitig deinen alten Vater«
    Langsam ging der Alte hinaus und man hörte es wie er sich unweit der Türe
auf den Boden setzte
    »Sie sind der einzige Mensch« begann Joel mit schwacher Stimme »der mein
Elend ermessen mit dem ich darüber sprechen kann Ich glaubte nur die Wahl vor
mir zu sehen zwischen einem schnellen Tode oder dem Ausschütten meines Herzens
Die Gedanken und Gefühle töten mich ich muss zum ersten Male in meinem Leben zu
jemand darüber reden vielleicht hält das auf einige Zeit meinen Tod auf den
ich meines Vaters wegen fürchten muss meines armen Vaters wegen  Sie werden
keine absonderlichen Geheimnisse erwarten Sie werden voraus wissen dass es sich
nur um ein kleines unbedeutendes Ding handelt um einen ausgestossenen Juden wie
mich Aber ich weiß Sie fühlen das abscheuliche Unrecht der gesellschaftlichen
Einrichtung ich weiß Sie sind ein klarer unbefangener Mann ein gebrochenes
Menschenherz ist Ihnen soviel als ein gebrochenes Land für das Sie das Leben
einsetzen  können Sie mich nicht trösten so gibt es keinen Trost für mich und
ich kann meinem armen Vater nicht helfen«
    Nach dieser Einleitung erzählte er ihm die Geschichte seiner Neigung zu
Hedwig Sie hatte nichts Außerordentliches als die orientalische Glut welche
sich in dem kleinsten Worte Joels abspiegelte das er in dieser Beziehung
sprach die aus dem tiefsten Leben dringende Leidenschaft womit er das Mädchen
in alle Fasern seines Lebens verflochten hatte Niemals war es zu einer
Erklärung gekommen von seiner Seite Solange er Hedwig täglich sehen konnte
wollte er nicht sein Glück auf das Spiel setzen  das Leben in der Stadt hatte
sie ihm völlig aus den Augen gerückt Einmal hatte er es versucht das Haus
ihres Vaters zu betreten  Hedwig war nicht daheim gewesen der alte Graf hatte
ihn mit der ihm eigenen schnöden Roheit behandelt
    »Es war ein schwerer Abend als ich aus Hedwigs Hause trat ohne sie gesehen
zu haben und mein Gedächtnis die hässlichen Worte des Vaters nicht vergessen
konnte Sie trafen mich damals in der Nacht  ich hatte die Heimkehr meines
Mädchens erwartet ich wollte nur ihren Schatten sehen Und ach mein Freund
das waren noch glückliche Zeiten
    Sehen Sie es quälte mich zu Tode ihre Augen nicht mehr sehen zu können
und heute ging ich wieder hin in jenes Haus Ich fand sie ich sprach sie ach
und das Herz das tiefgequälte trat mir auf die Lippen ich erzählte ihr all
meine Freude all mein Leid an ihr  Herr ich lag vor ihr auf den Knien und
bat um Leben oder Tod Hedwig fuhr mir mit der Hand über die Locken und bat
mich nicht so heftig zu sein und aufzustehen Vater und Großmutter seien im
Nebenzimmer Aber die Welt war für mich verschwunden ich ließ ihre Hand nicht
mehr los und beschwor sie zu mir zu reden wie es das Herz ihr eingebe Das
Mädchen war erschrocken war geängstigt ich fühlte es wie ihre Hand in der
meinen zitterte ich aber ließ nicht ab von meinem Drängen und da sprach sie
denn endlich zögernd und stotternd jene Worte« 
    Joel hielt den Atem an als müsse alles Leben still stehen in seinem Körper
er schloss die Augen und drückte krampfhaft die Hand seines Freundes Aber nach
einer kurzen Pause fuhr er mit gefasster aber noch leiserer Stimme fort
    »Hedwig sagte sie habe mich gern sie habe mich lieb aber ich ängstigte
sie mit solcher Leidenschaft Kurz  sie hat es nicht ausgesprochen sie weiß es
vielleicht selbst nicht aber ich verstand es  das arme Mädchen würde mich
lieben wenn ich ein Pole wäre  verstehen Sie Freund sie kann sich eines
leichten Schauers nicht erwehren wenn sie daran denkt ach wenn sie daran
denkt dass ich ein Jude bin  
    Gott im Himmel du weißt es welch ein entsetzlicher Fluch gegen die ganze
Welt aus meinem Herzen stieg aber der namenlose Jammer der über mich herfiel
erstickte ihn Noch hielt ich Hedwigs Hand fest so fest wie ich jetzt die
Ihrige halte ich wollte sie dem tückischen Schicksale nicht frei geben noch
lag ich vor ihr auf den Knien  da hört ich ein wunderbares Gekreisch hinter
mir und die Henkersstimme des alten Grafen bringt mich zur Besinnung Die
Flügeltüre ist offen wie der Höllenrichter sitzt er auf seinem Stuhle mitten im
andern Zimmer die alte schwarze Gräfin steht nicht weit von uns ihre trockenen
Hände sind wie zum Fluch erhoben  vorüber vorüber er hat nach den Bedienten
gerufen  ich habe den einen zu Boden geschlagen Gott weiß ob er wieder
aufgestanden ist und bin hierher geflohen in Manasses verborgene Zelle«
    Valerius fühlte die Unmöglichkeit hier zu trösten wie damals auf dem
Schloss Es handelte sich um ein tödliches Erbübel der Gesellschaft und er
konnte wie ein freundlicher Arzt nur alles aufbieten die Schmerzen zu lindern
Joel musste sich aussprechen ausklagen austoben  die Zeit der Tränen war
vorüber aber jeder Schmerz ist wie alles Irdische er erschöpft sich durch sich
selbst Und als Joels Kräfte bis Flügel senkten da erzählte ihm Valerius alle
die verschiedenen Peinigungen denen dieser und dieser und jeder Stand
ausgesetzt ist im Verhältnis zu dem andern und wie es schwach und unwürdig sei
solchen menschlichen Zufälligkeiten sein ganzes Wesen zu unterwerfen
    Der Stolz war es aber just welcher Joel ein wenig aufrichten konnte denn
er hatte mehr als die Liebe sein Herz gebrochen Auch ist ein edler Stolz in
vornehmen und unterdrückten Menschen noch stärker als die Liebe Sie können
weiter leben mit einem Herzen das mit Liebesweh überfüllt ist aber sie gehen
unter wenn man ihre Ehre und Würde zerschlägt
    Valerius suchte also seinen Freund auf einen Standpunkt zu erheben von
welchem diese gesellschaftlichen Missverhältnisse klein unbedeutend lächerlich
erscheinen er suchte ihm das ganze Gefühl eines denkenden Menschen
wiederzugeben der leicht über die Zänkereien seines Tages seines Jahrzehnts
hinweggeht Joel besaß eine große schöne Seele die den höchsten Gedanken
zugänglich war Leiden erzeugen immer die Spekulation unserer inneren
Tätigkeiten und sie erweitern den Geist Joel hatte alles durchgedacht und
jedes Wort des Freundes fand eine befreundete Stätte Es kehrte wieder Wärme in
den Unglücklichen zurück und als Manasse eintrat war sein Sohn so weit
beruhigt dass er dem alten Vater die Hand reichen konnte zum stillen
Versprechen er werde nichts Gewaltsames gegen sich unternehmen Manasse herzte
und küsste ihn und war ausschweifend in seiner Freude
    »Es war auch von Ihnen die Rede« wendete sich plötzlich Joel an Valerius 
»der Alte schrie im Zorne Sie munterten mich auf zu so frevelhafter
Dreistigkeit Sie seien ein Jakobiner trieben sich in nächtlichen
Verschwörungen herum und man würde dem fremden Landläufer das Handwerk legen«
    Das machte den widerwärtigsten Eindruck auf den Deutschen  Indessen hielt
er es immer für eine Hauptaufgabe der Bildung die eigenen Interessen
zurückzudrängen solange andere unsere Tätigkeit oder Teilnahme in Anspruch
nehmen Er empfahl also Joel sich zunächst in dem Versteck Manasses
aufzuhalten bis er sichere Nachricht erhielte ob die Szene bei Hedwig insoweit
glücklich abgelaufen sei dass der getroffene Bediente lebe oder nicht Er
Valerius wolle sogleich zu dem Chef ihres Regimentes dem Grafen Kicki eilen
um die militärischen Dienstverhältnisse so weit zu ordnen dass Joel in den
nächsten Tagen von dieser Seite her ohne Störung bleiben könne So schied er
    Zu seinem Erstaunen war es schon später Abend als er in die Straßen
herauskam es fiel ihm schwer aufs Herz dass er nicht füglich noch in das Haus
von Stanislaus Vater gehen könne dass Konstantie wenn sie gestern seinen
Gesang gehört habe und heute wieder im Salon erschienen sei völlig irre an ihm
werden müsse ja dass sie wohl gar glauben könne er treibe seinen Scherz mit
ihr Eben ging er an ihrer Wohnung vorüber es war finster in ihren Zimmern
Unschlüssig stand er einen Augenblick aber Joels Angelegenheit war dringend 
er eilte weiter seinen Oberst aufzusuchen
    Graf Kicki empfing ihn ernst und kalt  ganz gegen seine Gewohnheit Er war
schon unterrichtet durch Hedwigs Vater Der Bediente lebe noch setzte er hinzu
aber der Vorfall sei von sehr trauriger Bedeutung »Sie können doch« sprach er
mit großer Schnelligkeit »Sie können doch Herr von Valerius unmöglich soviel
moderne Bildung von uns verlangen dass wir unsere edlen Familien mit Juden
vermischen Es steht mir kein Recht über den jungen Mann zu oder der Augenblick
ist wenigstens nicht geeignet die Soldaten wegen ihrer Privatangelegenheiten
vor Gericht zu stellen aber« und das letzte sprach er mit unverkennbarer
Bezüglichkeit »ich wünschte nicht mehr solche aufklärende Individuen unter
meinem Regimente zu haben«
    Valerius war von dem heftigsten Zorne bewegt und kündigte dem Grafen mit
schnellen Worten an dass er für die Ehre danke mit Truppen zu fechten welche
ihr Verdienst von der höheren oder niederen Geburt erhielten
    Der Graf war überrascht und wollte sprechen Valerius aber fühlte sich im
Innersten verletzt er glaubte all seine Grundsätze am Herzen angegriffen zu
sehen und überließ sich rücksichtslos einer Wallung wie sie auch dem
besonnensten Menschen dieser Art aufsteigt wenn ihn ein Wort aus allen
Täuschungen rüttelt Und dergleichen hatte er am wenigsten bei einer
Revolutionsarmee wie die polnische erwartet
    »Sie haben mich Herr Graf einstweilig des Dienstes entlassen ich scheide
nun für immer aus Ihrem Regimente Nimmermehr hätte ich diese Art über Soldaten
zu urteilen bei einem Heere erwartet dessen alter Kern noch unter Napoleon
gefochten Bonaparte Herr Graf war ein armer korsikanischer Junker Bonaparte
hat nie danach gefragt was Junot Bernadotte Nei gewesen bevor sie Soldaten
wurden die Säbel Herr Graf und die Fähigkeit haben seine Marschälle
geschaffen in Ägypten war er Muselmann und hätte er Juden zu unterwerfen
gehabt er wäre in die Synagoge gegangen er hat nie danach gefragt auf welche
Weise seine Soldaten zu ihrem Gott beteten Ich wünsche es von Herzen aber ich
glaube es kaum dass Sie mit diesen aristokratischen Bedenklichkeiten eine
glückliche Revolution machen«
    Damit wendete er sich zum Abgehen Der Graf trat ihm aber in den Weg und
nahm ihn bei der Hand
    »Sie irren sich Herr von Valerius wenn Sie mich für einen Aristokraten
halten ich bin nichts weiter als ein Pole und ein Soldat Haben Sie recht mit
Ihrem Argwohn so bin ich unschuldig denn ich weiß nichts von solchen Dingen
und frage nicht danach Aber ich glaube nicht dass es gut ist alle Unterschiede
niederzuwerfen  Sie sollten sich nicht das Leben verbittern Herr von Valerius
mit solchem Zeuge Sie sind ein rascher frischer Krieger ein gebildeter Mann
was kümmern Sie sich um andere Dinge Ich war hitzig die Geschichte mit
Fräulein Hedwig hatte mich aufgebracht man nennt Sie einen Jakobiner aber
lassen Sie uns beisammen bleiben und weiter zusammen fechten  Apropos ein
Graf von Topf aus Deutschland hat einmal an mich geschrieben Ihretwegen ich gab
ihm unbefriedigende Nachrichten die ungefähr so ausgesehen haben mögen als
seien Sie bei Grochow geblieben  bringen Sie den Mann aufs reine ich habe im
Drang der Dinge fortwährend vergessen Ihnen davon zu sagen  Und nicht wahr
wir fechten noch zusammen«
    Valerius gab ihm keine bejahende Antwort er war noch zu heftig in
Aufregung So schieden sie rasch und beide Teile waren unbefriedigt
 
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Valerius unterrichtete des andern Tages Joel beizeiten dass äußerlich nichts zu
besorgen sei Dieser war in der erzürnten halb grimmigen Stimmung welche jener
den Tag vorher mit Eifer entzündet hatte Sie ist der beste Schutz kräftiger
Menschen gegen die unleidlichen konventionellen Übel und sie ermunterte Joel
auch sogleich wie sein Freund das Regiment zu verlassen »Wir finden einen
freundlichen Tod« sagte er »beim alten Dwernicki  dorthin lassen Sie uns
gehen dort gibts keine Aristokraten für Sie  und für mich  ach für mich
ists überall gleich aber die Jugend die unter Dwernicki fechten will ist
doch besser ihr Blut ist noch natürlicher und die Natur kennt keinen Hass«
    Valerius eilte nun zu Stanislaus  er war nicht zu sprechen  der alte Graf
ebenfalls nicht  die Fürstin war den Abend vorher zum ersten Male wieder im
Salon erschienen O in welch einer verworrenen Stimmung eilte er hinweg Was
musste Konstantie von ihm denken wie tief musste sie sich gekränkt glauben
Sollte er schreiben Nein das war ihm nicht möglich  das Hoch und Niedrig
Vornehm und Gering sprang so wild in seinem Kopfe herum dass ihm das Schreiben
an die Fürstin wie ein Hinterhalt vorkam in welchen er mit all seinem
Bürgerstolze fallen könnte wie der arme Joel Sind wir einmal aus dem
Regelmässigen aufgeschreckt dann sehen wir in allen Ecken Feinde Und Stanislaus
und sein Vater  sie hatten sich sicherlich verleugnen lassen  »wie konnte ich
einen Augenblick vergessen dass sie keine Deutschen sind mit all ihrer
Sanftmut«
    Das Leben in diesem Zustande ward ihm unerträglich wenn sich das Verhältnis
zu Stanislaus und seinem Vater so feindlich ausbildete wie er glaubte dass es
jetzt angefangen habe so war ihm der Weg zu Konstantien versperrt Von der
Armee hatte er sich geschieden was hatte er nun in Polen noch zu schaffen Aber
der Gedanke war ihm ebenso unerträglich jetzt zu entscheiden Alle Interessen
seines Geistes und Herzens hätte er in unvollkommener Halbheit nach Deutschland
gebracht
    In dem unbehaglichsten Aufruhr seiner Gedanken und Wünsche kam er in seine
Wohnung Magyac trat ihm mit traurigem Gesicht entgegen »Herr Sie wollen nicht
mehr mit uns fechten«
    »Woher weißt du das«
    Nach einigem Zögern erzählte er dass es ihm der Bediente des Grafen
Stanislaus gesagt habe »Er hat den jungen und den alten Herrn Grafen sehr
heftig darüber sprechen hören auch von Joel ist die Rede gewesen und der alte
Herr hat dem jungen heftige Vorwürfe gemacht dass er unbesonnen sein Vertrauen
und seine Freundschaft wegwerfe Herr es ist einer wie der andere von unseren
Edelleuten wenn auch in manchen Stunden einer besser aussieht als der andere
und ich würde nicht von Ihnen gehen Herr wenn Sie noch mit uns fechten
wollten«
    »Du willst mich also verlassen«
    »Ja Herr ich bin ein Pole«
    Valerius fühlte eine Art Kitzel der Trauer darin dass ihm plötzlich alles
untreu würde Er reichte dem Taddäus die Hand und schenkte ihm seine Börse
ohne zu bedenken dass es der letzte Rest seiner Barschaft sei
    »Leb wohl Magyac du bist noch der Ehrlichste von allen«
    Taddäus küsste ihm heftig die Hand eine ungewöhnliche Rührung trat auf sein
Gesicht »Herr Sie sind gut lassen Sie mich so lange hier bleiben bis Sie aus
Warschau gehen jetzt gibt es doch noch nichts zu tun«
    Diese stillschweigende Voraussetzung des einfachen Bauers dass sein Herr
Warschau verlassen müsse wenn er nicht mehr fechten wollte ergriff diesen
heftig Er fühlte sich unglücklich verlassen beleidigt und da er nicht wusste
wen er direkt anklagen sollte so hätte er am liebsten weinen mögen wie ein
ungezogenes Kind
    So schnell wechseln die Dinge dass er es heut war welcher Joel aufsuchte
um einen Freund zu sehen Einer wollte den andern zerstreuen und sie strichen
planlos Arm in Arm durch die Straßen Stanislaus und sein Vater fuhren rasselnd
an ihnen vorüber Valerius bemerkte sie zu spät um zu grüßen sie selbst hatten
keine Anstalt dazu gemacht
    »Hoffen Sie wirklich« sprach Joel »mit diesen Leuten noch in Verbindung zu
bleiben nachdem Sie sich meiner angenommen nachdem Sie Ihr Regiment verlassen
haben O wie wenig kennen Sie meine Landsleute im Patriotismus liegt all ihre
Tugend und wenn sie andere edle Gefühle zeigen so entspringen diese nur aus
einem nahen oder fernen Zusammenhange mit diesem Patriotismus Alle Nationalität
ist eine Gattung Egoismus und die unsere vollends Und haben Sie denn
vergessen dass Hedwig des jungen Grafen Verlobte ist Gewiss Sie haben es
vergessen weil er keine Zeit hat für das arme Mädchen weil Sie nie etwas von
Lieb und Teilnahme an ihm bemerkt haben  aber Freund sie ist seine Verlobte
und Sie haben einen zudringlichen niedrigen Liebhaber derselben in Schutz
genommen Sie gehen eben mit ihm Arm in Arm über die Straße Sie haben in seinen
Augen ein Sakrileg begangen Sie haben seinen Stand und die kurze flüchtige
Freundschaft verletzt  er kennt Sie nicht mehr wenn er Ihnen begegnet«
    Joel war stärker geworden seit er seinen Freund unter Missverhältnissen
leiden sah in denen er Ähnlichkeit mit den seinen zu finden glaubte Es war ihm
eine Tröstung nicht allein von der Gesellschaft misshandelt zu werden und sein
Liebesjammer verstummte vor den Kämpfen um Ehre und Existenz die ihm Geist und
Herz bewegten
    Sie traten in ein Kaffeehaus überall hörte man Entrüstung über die
Untätigkeit der Regierung alles politisierte las Zeitungen sprach vom Kriege
Valerius kam sich vor wie ein abgeschiedener Geist der nichts mehr
mitzusprechen habe über irdische Dinge In seinem Schrecken ward er jetzt auch
inne dass er von allem Gelde entblößt sei er musste Joel in Anspruch nehmen und
vorgeben seine Börse vergessen zu haben Es fiel ihm plötzlich schwer aufs
Herz was daraus werden solle Joel hätte gewiss leicht Rat geschafft aber er
konnte ihm nichts sagen Gerade dessen üble Stellung zur Gesellschaft hielt ihn
ab etwas zu tun worin er sonst einem Freunde gegenüber nicht das mindeste
Bedenken gefunden hätte Er hat keinen einzigen Freund als mich dachte er und
der Arme könnte einen Augenblick glauben ich stünde neben ihm weil ich sein
Geld brauchte
    Es war ein fataler übertriebener Gedanke den aber wohl die Situation
entschuldigte
    Valerius hatte nirgends Ruhe und Joels Vorschlag ins Theater zu gehen kam
ihm gelegen Er war aus dem Hause getreten und wartete auf Joel Da ritten zwei
Damen an ihm vorüber es waren Hedwig und Konstantie an der Seite jener der
Graf Kicki Hedwig nickte freundlich mit dem Kopfe noch ehe er Zeit gewann
nach seinem Hute zu greifen Konstantie dankte leichthin seinem Gruße und es
eilte ein stolzer Schmerz schnell wie ein Windstoß über das schöne Gesicht
    »Ach er ist auch wieder so blass« hörte er Hedwig zu ihr sagen und sie
wendete sich noch einmal freundlich nach ihm zurück Konstantie aber sah nicht
mehr rückwärts Regungslos blieb er stehen Jenes schöne Antlitz Konstantiens
war ihm wohl bekannt nie hatte er diese verführerische Blässe nie diesen
hohen tragischen Ausdruck darauf erblickt Das schwarze lange Reitkleid der
schwarze Hut mit dem wehenden schwarzen Schleier erhöhten das Bild einer
stolzen Trauer Einzelne Locken flogen wie sehnsüchtige Gedanken über die
Schultern zurück und sprachen stumm von der Achtlosigkeit ihrer Herrin
    »O schöne schöne Konstantie warum kann ich nicht zu dir um dich zu küssen
und die törichte Welt in deinen Armen zu vergessen« seufzte er leise »Fort 
fort« flüsterte Joel der gekommen war »das sind vornehme Leute«
    Valerius sah ihnen aber noch länger nach und er hatte eine ironische Freude
an dem Gedanken dass er in der fremden für ihn unwirtlichen Stadt eben keinen
polnischen Groschen besitze während das Weib das er liebte und das ihn
vielleicht wieder liebte stolz vorüber ritte und dem ersten Bettler zuwärfe
was dem Geliebten auf einen Tag das Leben fristen könnte
    »Nicht doch nicht doch« rief er aber schnell »wozu solche Kontraste und
Übertreibungen kommen Sie Freund ins Theater«
    Aber auch dort litt es ihn nicht lange »Überall Enthusiasmus Patriotismus
Freund Joel das fängt an mich zu langweilen«
    Joel lächelte und erwiderte gutmütig »Sie sind schlechter Laune und Sie
sind ein Deutscher dies Volksleben dieser Volkslärm war Ihnen willkommen als
er Ihnen neu war er entsprach Ihren Freiheitsbegriffen jetzt sind Sie Ihren
Launen verfallen die künstlichen die erdachten Wünsche an Volksleben
schweigen und die deutsche Gewohnheit macht Ihnen den Lärm lästig«
    »Sie haben recht man muss über nichts reden wenn man unfreien Gemütes ist
ich habe den Leuten unrecht getan«
    Joel führte ihn in den patriotischen Klub aber er hatte nirgends Ruhe
Weiter immer weiter trieb er und als er endlich heimgekehrt war stärkte ihn
selbst der Schlaf nicht Ermattet wachte er am nächsten Morgen auf Die Sorgen
fielen über ihn her und der völlige Geldmangel war nicht die geringste Und
zwei so verschiedene Dinge sind es gerade Liebe und Geld wo keine Philosophie
hilft Er warf sich in die Kleider um einen Bankier aufzusuchen von welchem er
bei seiner Ankunft in Warschau einen Wechsel bezogen hatte vielleicht wüsste der
Mann Rat zu schaffen Das Kontor war noch geschlossen und Valerius hatte Zeit
spazieren zu gehen Es regnete emsig die Leute eilten flüchtig durch die
Straßen Vielleicht nimmst du heut Abschied von diesen Orten dachte er und der
Himmel sorgt dafür einen letzten trüben Eindruck deinem Gedächtnis einzuprägen
Ob er gehen ob er nicht gehen würde das wusste er nämlich selbst noch nicht
die schöne Reiterin von gestern ritt unaufhörlich in Kopf und Herzen auf und ab
und er dachte eigentlich nicht eine Stunde vorwärts und wenn jetzt eine Stimme
in ihm rief »Heute noch musst du diese Stadt verlassen« so sagte er »Jawohl
jawohl« und ein leises Geflüster das von Konstantie erzählte ward nur von
seinem Herzen vernommen Das Herz aber schwieg still als kümmerte es sich gar
nicht um die Entschlüsse seines Herrn als hätte es gar keinen Einfluss darauf
So lässt die gebietende Hausfrau den zärtlichen Gatten wenn er im Zorn oder
Sturm einhergeht alles mögliche beschließen und wenn das Beschlossene
geschehen soll so sagt sie bloß »Nicht doch« und es bleibt beim alten
    Valerius kam wieder zum Hause des Bankiers Das Kontor war jetzt offen er
traf aber schon einen jungen Mann im eifrigen Gespräch mit dem Herrn Die Stimme
des Mannes der ihm den Rücken kehrte klang ihm bekannt er hatte aber keine
Zeit nachzusinnen der Bankier trat ihm entgegen und fragte nach seinem Begehr
Valerius stellte ihm seine Verlegenheit vor und fragte ob er einen Wechsel
ausstellen könne für jenes deutsche Handelshaus dessen Anweisung ihm der
Bankier vor einigen Monaten honoriert habe der Graf Topf habe ihn an jenes Haus
empfohlen und für das garantiert was er entnehme die augenblickliche
Verlegenheit ließe ihm aber jetzt keine Zeit nach Deutschland zu schreiben und
einen rückkehrenden Brief abzuwarten Der Bankier zuckte natürlich die Achseln
und erklärte sich auf dies Geschäft nicht einlassen zu können
    Auf dem Wege nach Hause fiel es Valerius zum ersten Male ein dass es auch
eine Pflicht sei Geld zu erwerben Die Wichtigkeit des Geldes erschien ihm auf
einmal nur zu deutlich Er musste sich gestehen dass es unmöglich in der Ordnung
sein könne vom Vermögen seiner Freunde zu leben Dazu sei die bürgerliche
Gesellschaft nicht konstruiert
    Eh er nach Grünschloss gekommen war hatte er in kleinen wohlfeilen
Verhältnissen gelebt einzelne Geistesarbeiten und der jeweilige Zuschuss seines
Freundes Hippolyt hatten für seine Bedürfnisse zugereicht Später hatte ihn die
liebenswürdigste Zuvorkommenheit des Grafen Topf nicht mehr an Geld und
Gelderwerbung denken lassen er hatte sich unterdes an die Bedürfnisse der
höheren Klassen gewöhnt und der Gedanke überraschte ihn bei der argen
augenblicklichen Verlegenheit nicht eben angenehm dass er auf diese Weise
durchaus nicht fortleben dürfe »Der Staat ist einmal auf Erwerb gegründet«
sagte er sich »und du bist ein unnützes unproduktives Mitglied«
    Es hatte zwar eine Zeit gegeben wo er in poetischer Ansicht des Lebens
solche triviale Staatsforderungen entrüstet abgewiesen hätte aber ein
Augenblick wo man den Hunger und Mangel vor der Türe sieht ist der poetischen
Ansicht des Staates nicht günstig Und sein Verlangen nach Selbständigkeit
lehnte sich nicht minder auf gegen dies stets abhängige Verhältnis von seinen
Freunden
    Bei alledem blieb aber doch seine stolzere und höhere Art das Leben zu
betrachten mächtig er verschob diese ökonomischen Untersuchungen auf eine
andere Zeit und schritt stolz die Straße entlang in welcher die Fürstin wohnte
 wohin er gehen wollte wusste er selbst noch nicht
    Stanislaus trat eben aus der Tür Valerius ging auf ihn zu Jener konnte
nicht füglich mehr ausweichen und musste es anhören wie ihn Valerius mit
freundlichen Worten fragte ob er böse sei und warum er sich durch den
Bedienten habe verleugnen lassen Aber die Heftigkeit welche in dem Polen
aufloderte ließ diesen nicht zu Ende kommen er überschüttete Valerius mit
einer Flut beleidigender Worte wie er sich des dreisten Juden angenommen
sogar um seine Familie zu frondieren Arm in Arm mit jenem frechen Burschen an
ihm und seinem Vater vorübergegangen sei wie er den heiligen Kampf des Landes
leichtsinnig verlassen weil Graf Kicki es nicht in der Ordnung gefunden habe
dass dieser Joel eine edle Familie mit seinen Zudringlichkeiten beschimpfe 
    »Schweigen Sie Herr« unterbrach ihn Valerius »der Sie allerlei schöne
humane Redensarten im Munde führen und wenns zur Sache kommt die veraltetsten
adeligen Unflätereien an den Tag legen Es ist mir nicht eingefallen an Sie zu
denken und für Sie eine Beleidigung darin zu sehen wenn ich den unglücklichen
Joel gegen Ungebührlichkeiten in Schutz nahm Er hatte meine Freundschaft in
Anspruch genommen und es war meine Schuldigkeit ihn zu vertreten Ja ich würde
ihn auch ohne dies vertreten haben den man wie einen Paria behandelt gegen
tyrannische Unterdrückung zu kämpfen war ich nach Warschau gekommen und es ist
nicht mein geringster Schmerz dass ich sie da finde  genug Herr Sie Worteld
der Humanität haben sich eben der beleidigendsten Ausdrücke gegen mich bedient
und werden mir Satisfaktion geben«
    Diese letzten Worte rissen Stanislaus aus einem Zustande von Beschämung
welche der erste Teil von Valerius Rede erzeugt zu haben schien Die
Herausforderung schürte seinen Zorn wieder auf  »Kommen Sie Herr« rief er
glühend und trat ins Haus rief einen Bedienten sagte ihm einige Worte ins
Ohr und schritt Valerius voraus durch den Hof in den großen Garten welcher zu
dem Palais gehörte Ehe sie noch den hinteren Teil erreicht hatten flog der
Bediente schon wieder hinter ihnen her und brachte seinem Herrn einen Säbel
Ein Wink von diesem der Bediente entfernte sich Stanislaus reichte seinem
Gegner den Säbel und zog den seinen sie warfen die Mäntel ab und hie Hiebe
flogen
    Von dem Palais zog sich ein gedeckter Gang an der einen Seite des Gartens
hin bis zum Ende desselben Er glich von außen völlig einem einstöckigen
Gebäude hatte Fenster mit Jalousien und stieß hinten an ein Gartenhaus das
quer den Garten schloss und dessen Front hinten nach einer Straße ging In dem
Winkel welchen die beiden Gebäude bildeten war jetzt der Kampfplatz Die
Jalousien des Ganges die Fenster des Gartenhauses waren verschlossen von dort
aus konnten sie nicht beobachtet werden eine dichte Gruppe Bäume wenn auch
damals unbelaubt deckte sie so ziemlich nach vorn zu gegen unberufene Blicke
aus dem Palais
    Sie waren beide geübte Fechter beide noch in der ersten Aufwallung es
regnete von beiden Seiten Hiebe  da flog die letzte Jalousie des Durchganges
auf in deren Nähe sie fochten und die Fürstin erschien in der Fensteröffnung
Sie hatte vorn am Fenster den Wortwechsel an der Haustüre angehört hatte sie in
den Hof schreiten den Bedienten mit einem Säbel nacheilen sehen und sich leicht
das übrige ergänzt Der Durchgang führte just in die Zimmer welche sie
bewohnte in früheren Zeiten hatte sich der Herr vom Hause gewöhnlich darin
aufgehalten und die bedeckte Verbindung mit dem Gartenhause war vielleicht zum
Behufe verborgener Zusammenkünfte erbaut worden wie sie in einem Lande der
Unterdrückung nicht selten sind Die Fürstin war also eilig durch ihre Zimmer
die Treppe hinabgeeilt und das Waffengeklirr verkündigte ihr am letzten
Fenster dass sie hier in der Nähe der Kämpfer sei Einen Augenblick sah sie mit
leuchtenden Augen dem Kampfe zu als sei sie bloß deshalb herbeigeeilt Die
weibliche Sorge überwog aber doch bald jedes andere Wohlgefallen und sie rief
hastig den Namen ihres Kousins
    Das Öffnen der Jalousie war diesen entgangen aber die Stimme konnten sie
nicht leicht überhören Beide hielten inne erhitzt heftig atmend
    »Schämen Sie sich nicht meine Herren ohne Sekundanten und Zeugen wie ein
paar Stegreifritter aufeinander loszuschlagen  So was kann nur in Polen
geschehen Cousin Stanislaus ist das Zivilisation Herr von Valerius sind das
Ihre humanen Grundsätze mit denen Sie sonst das regelmäßige Duell sogar
wegräsonnieren mit Stumpf und Stiel«
    Den einen wie den andern trafen diese Vorwürfe jeder hatte sich von der
Hitze fortreißen lassen und die beiden jungen Männer rot von der Bewegung und
einer leichten Scham sahen unschlüssig nach dem Fenster aus dessen Dunkel das
blasse schöne Antlitz Konstantiens blickte
    »Ich habe vom Fenster des Salons aus Ihren Streit angehört Cousin Cousin
was sind das für fanatische Manieren gegen einen Mann für dessen Freundschaft
Sie noch vorgestern schwärmten Erlauben Sie meine Herren dass ich Sie beide
beim Onkel melde und ihm den Stand der Sachen auseinandersetze  aber haben Sie
die Güte Ihre Säbel einzustecken«
    Sie verschwand nach den letzten Worten Valerius sah seinen Gegner an und
bot ihm die Hand dieser schlug erst nach einer Weile die Augen auf um mit
einem jener rapiden polnischen Blicke die Stimmung des Deutschen zu erforschen
Als er aber die dargebotene Hand sah schlug er schnell ein »Nous sommes
daccord«
    Wenn das Gewissen noch nicht rein ist und das Herz nicht selbst und mutig
spricht dann reden die Leute in solchen Fällen französisch
    Valerius nickte mit dem Kopfe und sie gingen langsam dem Palais zu Jener
dachte nur an Konstantie sie hatte sich vorzüglich an Stanislaus gewendet und
er fühlte wohl wieviel Vorwurf darin lag dass sie ihm weniger Vorwürfe machte
als diesem dass sie kein Recht mehr haben wollte ihn zu schelten  Aber er
hoffte sie noch beim alten Herrn zu finden und ihr durch zwei drei leise
Worte sagen zu können was er empfände Er wollte deshalb schneller gehen aber
Stanislaus machte keine Anstalt ihm zu folgen und so war er genötigt langsam
fortzuschleichen während sein Herz sprang
    Konstantie war nicht mehr beim alten Grafen Dieser empfing Valerius mit
einer süßen Höflichkeit welcher man leicht anmerkte dass sie nur die eines
Weltmannes und von der Beredsamkeit Konstantiens erzeugt war Er bat Valerius
zum Essen dazubleiben und begann ein Gespräch über deutsche Literatur es war
nicht zu verkennen dass er alle früheren Beziehungen geflissentlich umgehen
wollte Valerius fühlte sich gedrückt und ertrug den fatalen Zustand nur um
wieder in die Nähe der Fürstin zu kommen
    »Ich hörte neulich« hub der Graf an »hier unten auf der Straße ein Lied
von Goethe singen das ich oft in Deutschland gehört habe Es sind wohl mehrere
Ihrer Landsleute hier« und die alten tiefen Augen schickten bei diesen Worten
einen spitzigen Blick auf den Gefragten  »was machen die Leute in einer solchen
Kriegszeit bei uns«
    Valerius war verlegen und beleidigt aber er mochte nicht reden und zuckte
bloß mit den Achseln
    Das Gespräch fügte sich nicht die Reden und Gedanken gingen nicht
ineinander über und der Vorschlag des alten Grafen bis zum Essen eine Partie
Schach zu spielen war ebenso natürlich um das Peinliche des Zustandes
aufzuheben als er dem jungen Fremden angenehm war Es gibt nichts Drückenderes
als wenn zwei Personen von äußeren Gründen getrieben werden sich einander zu
nähern und doch keine inneren gegenseitigen Verbindungen auffinden können Der
Wunsch des Alten war nicht zu verkennen Valerius möchte wieder unter die Waffen
treten Jeder »brave Pole«  so nennen sie vorzugsweise ihre Patrioten 
betrachtet sein Vaterland wie eine Familienangelegenheit und einen Krieger
dafür zu gewinnen war in jenen Tagen Gewissenssache Zumal hier wo sich Vater
und Sohn vorzuwerfen hatten dass sie schuld trügen wenn ihre Sache einen
Streiter verlöre an dem Deutschen
    Der Bediente meldete dass angerichtet sei »Wir müssen den Schluss unserer
Partie aufschieben Herr von Valerius Sie machen das Spiel dem Gegner schwierig
durch den häufigen Gebrauch der Springer  solch ein Springer macht seine
Bewegungen mit einer regelmäßigen Unregelmässigkeit die schnell einen ganzen
Plan umwirft«
    Der Spott war also schon artiger geworden aber ohne Hedwigs Gegenwart wäre
das Mittagsmahl doch wieder peinlich gewesen Die Fürstin war völlig schweigsam
Stanislaus machte mehrere Versuche in den früheren herzlichen Ton mit seinem
jungen Freunde einzustimmen aber trotz dessen Entgegenkommen gelang es nicht
Hedwig nur war unverändert in ihrer alten Heiterkeit Einmal betrachtete sie
ihren Bräutigam und Valerius aufmerksam und mit halb lachendem Gesichte und
brach endlich in ein volles Gelächter und in die Worte aus »Meine Herren das
nenn ich Sympatie Sie haben ja beide zerrissene Röcke an Hier ist ein langer
Ritz in der Uniform und dort  ach wie schade ists um ihren blanken schwarzen
Rock Herr von Valerius«
    Diese Erinnerung an den Vorfall im Garten war eher geeignet die üble
Stimmung noch zu erhöhen der alte Graf nahm aber Gelegenheit davon sein Glas
dem Fremden hinzureichen und auf »frische Tapferkeit« anzustossen Dieser begriff
zwar leicht dass es auf seine zu hoffende Tapferkeit gegen die Russen gemünzt
sei aber er stieß an um womöglich ein fröhlicheres Verhältnis zu erzeugen
    Einem aufmerksamen Beobachter der Fürstin konnte es nicht entgehen dass sie
nicht so ruhig war als sie schien dass zuweilen eine schnelle Röte in ihrem
Gesichte aufstieg dass sie mit ungewöhnlicher Teilnahme und Besorgnis auf den
Säbelhieb blickte den Hedwig auf des Gastes Rocke entdeckt hatte Aber sie
sprach nicht und wenn Valerius sie anredete und mit weicher einschmeichelnder
Stimme auf diese oder jene Weise in ein Gespräch zu nötigen suchte so wich sie
immer aus wenn auch gewandt und höflich aber immer kalt Ihre schwer ruhenden
Blicke die auf dem jungen Manne weilten so oft seine Augen nicht direkt auf
sie gerichtet waren bemerkte er leider nicht von dem mörderischen Kampf
zwischen Stolz und Liebe der in solchen Augenblicken über ihre schönen Züge
hinwegbrauste gewahrte er nichts Als man vom Tische aufstand entfernte sie
sich sogleich Auch Valerius ging »Die liebt mich nicht ich habe früher recht
gehabt es ist ein gewöhnliches liebelustiges Weib das eine scheinbare
Vernachlässigung nicht vergibt Still Neigung ungestümes Verlangen  hier ist
kein Heil für mich und morgen verlass ich diese Stadt« Sein Geldmangel fiel
ihm ein und unruhig und ungeduldig kam er nach Hause Magyac übergab ihm einen
Brief und eine Rolle mit Goldstücken die angekommen waren Der Brief war von
seinem Freunde Hippolyt vom Gelde erwähnte er zwar nichts Valerius kannte aber
seine Gleichgültigkeit und sein Missbehagen über Geld nur ein Wort zu verlieren
und trug dem Magyac auf zum nächsten Morgen Postpferde zu bestellen und alles
für die Abreise bereit zu halten
    »O Herr verlass uns nicht« bat Taddäus
    »Ich muss Magyac ich muss«
    Und traurig ging Taddäus ans Packen
 
                                      22
Es war dem Valerius als ginge seine Jugend zu Ende mit der Abreise von
Warschau Alle seine früheren Wünsche Hoffnungen und Gedanken glaubte er in
Irrtümer verwandelt zu sehen da er ein freiheitslustiges Volk aufgeben müsse
    Tief und schwer seufzte er auf »Und auch die Liebe geht zu Ende auch sie
ist nicht mehr zu gewinnen O Jugend du Inbegriff alles Reizes warum
scheidest du so früh von mir Was ist das Leben ohne Hoffnung und wo gibts
eine Hoffnung ohne Jugend Nur die Jugend hat Farbe und Begeisterung was werd
ich anfangen mit den grauen Tagen ohne Rot und Grün die keine Kraft mehr in mir
wecken Die Jugend allein ist Poesie  wie soll ich mich fortschleppen ohne
dich du erhebende Schwärmerei
    Es gibt nur zwei Arten glücklich zu sein entweder man bewegt und bevölkert
sich und die Welt mit Idealen Aussichten neuer Zukunft man schaukelt sich auf
der wogenden Bewegung des ungezügelten Strebens  oder man betrachtet die Welt
aus einem ruhigen Herzen freut sich des Kleinsten hilft und fördert im
Kleinsten pflanzt mit Genügsamkeit wartet geduldig auf das Gedeihen gestaltet
das Unbedeutende zur gefälligen Form verlangt nichts vom Tage als was er eben
bietet und hält den Nachbar und sein Interesse höher als das Wohl oder Wehe von
Nationen
    Nur der letzte Weg ist mir übrig und es fehlt mir alles was er in Anspruch
nimmt Sogar die wohlige Behaglichkeit des Körpers diese Vergnügen erzeugende
Harmonie des Leibes geht mir ab Die Revolutionsmilch hat mich aufgesäugt unter
Bewegung ist mir Geist und Körper groß gewachsen  wird es mir gelingen einen
neuen Menschen zu erziehen Und doch muss es sein ich habe zuwenig Fanatismus
zuwenig Leidenschaft um als rücksichtsloser Bewegungsmann irgend ein Ziel zu
finden Ich werde ein jämmerliches Leben führen ohne Begeisterung und ohne Ruhe
zum Helden verdorben zum Bürger untauglich  aber zum Leiden und Tragen
geschickt lebe wohl Jugend«
    Damit nahm er seinen Mantel er wollte von Joel Abschied nehmen und noch
einmal seine Brücke besuchen aber der Straße wo Konstantie wohnte ausweichen
soweit er konnte
    Es war ein sanfter stiller Abend den er auf der Straße fand
Frühlingsgedanken irrten schon vereinzelt hie und da in der Luft herum und
flüsterten unverständliche aber fröhlich klingende Worte den unbefangenen Leuten
ins Ohr
    Überrascht von dem milden Eindruck der Luft blieb er einen Augenblick vor
dem Hause stehen Da kam eine verschleierte Dame an den Häusern entlang sie war
nicht mehr weit von ihm als sie den Kopf aufrichtete und nach den Fenstern des
zweiten Stockes zu sehen schien ein Bedienter folgte ihr in der Entfernung von
einigen Schritten Jetzt war sie dicht bei Valerius der Kopf wieder gesenkt
    »Konstantie« sprach dieser leise  »Valerius«
    Dieser Gegenruf schien aus dem Herzen der Dame zu springen ehe sie Zeit
gewonnen hatte das überraschte Gemüt zu verschließen Und nun folgte eine
Szene zu welcher nur tiefe und stolze Gemüter den Stoff liefern können oder
doch nur solche welche imstande sind die mächtigsten Gefühle lange und fest in
ihren Busen verschlossen zu halten
    »Sind Sie es wirklich« hub dieser weiter an indem er neben der
Forteilenden herschritt
    »Ich bin es der Abend ist schön das Haus war mir eng mögen es die Leute
unschicklich finden was kümmern mich die Leute« 
    »O wie dank ichs dem milden Abende der Sie herausgeführt dass ich Sie
noch einmal sehe es soll mir ein Zeichen des Himmels sein dass noch nicht alle
Freude für mich verloren sei« 
    »Sie wollen doch nicht« 
    »Ja Gnädige es ist meine letzte Nacht in Warschau« erwiderte er seufzend
»es will mich nichts mehr halten« 
    »Valerius«
    »O dieser Ton Warum öffnen Sie mir den Himmel um ihn des andern Tages mit
kaltem Blicke zu verschließen« 
    »Das sagen Sie mir Großer Gott Bin ich so schwach mich verspotten zu
lassen oder bin ich so töricht gewesen nicht zu erkennen was ich wünschte« 
    »Sie sind so hart Liebe zu entzünden und dann stolz zurückzutreten wenn
Sie ein Zufall irre führt« 
    »O Himmel nein nicht hart und stolz unglücklich bin ich Valerius  Sie
dürfen morgen nicht reisen« 
    »Ein ganzes Heer in Waffen vermags jetzt nicht mich fortzutreiben
Konstantie reich mir einen Augenblick deine Hand dass ich fühle mein Glück
sei wirklich« 
    »O du Lieber o du Liebster  verlass mich jetzt wir sind an meiner Wohnung
aber sei nicht lange von mir mein Herz zerspringt vor Freude und Verlangen 
drüben in der andern Straße an der Türe des Gartenhauses warte einen
Augenblick  tritt einen Schritt zurück dort unter die Laterne dass ich dein
Auge sehe dein liebes Auge  nun geh schnell ich fliege«
    Trunken vor Seligkeit schwankte Valerius hinweg und suchte jene Straße
»Himmel warum hast du an einem solchen Abende keine Sterne« rief er mit
freudebebender Stimme Aber es war eine schwere Aufgabe für ihn die Front des
Gartenhauses zu finden er hatte sie nie gesehen von dieser Seite die Straße
war dunkel und lang sein Wesen war in taumelnder Bewegung und nicht eben
geeignet viel lokale Kombination zu entwickeln um aus der Lage des Palais auf
die des Hintergebäudes schließen zu können Unsicher schlich er an vier bis fünf
Häusern auf und nieder unter denen er seine Glückspforte verborgen glaubte
eine beklemmende Angst kam über ihn dass ihm das Glück wieder entschlüpfen
könne Alles war still keine Tür bewegte sich
    »Ich Unglückskind« rief er »ich bin gewiss am falschen Orte« Und dabei
ging er einige Schritte weiter Aber hinter sich glaubte er jetzt Geräusch zu
hören  wirklich eine Tür war offen er trat hinein eine weiche warme Hand
ergriff ihn Die Tür ward zugeschlagen und im Dunkeln gingen sie leise durch
den Salon des Gartenhauses durch den bedeckten Gang eine schmale Treppe
hinauf seine Begleiterin öffnete eine Tür und er sah Konstantien neben sich in
einem hohen schönen Gemach das eine von der Decke herabschwebende Lampe
erhellte
    Mit dem Ausrufe »Valerius mein Valerius« schlang sie stürmisch die Arme um
ihn und drückte den Kopf tief in seine Schulter
    Er küsste ihr den Hals und bedeckte sich das Gesicht mit ihren aufgelösten
Haaren Sie sprachen lange kein Wort
    Endlich begann er leise ganz leise »Wie konntest du uns so peinigen und
meine Liebe nicht sehen«
    Konstantie richtete sich auf und einen Schritt zurücktretend legte sie ihm
die bebende Hand auf den Mund »Nichts nichts davon mein Lieber o ich bin
unaussprechlich glücklich«
    Auge in Auge blieben sie wiederum lange schweigend Konstantie glich der
Gestalt einer stolzen Göttin die alles vergisst und nur in ihrer Leidenschaft
schwelgt Überwältigendes Glück strahlte aus ihren glänzenden Augen unter dem
leichten schwarzseidenen Gewande glaubte man das Herz schlagen Blut und Muskeln
in Freude hüpfen zu sehen so drängten sich die strebenden Glieder der hohen
Figur hinüber zu dem Geliebten Es glich der schöne sich neigende Körper einer
zauberhaften sinnlichen Ahnung dass sich zwei Menschen im nächsten Augenblicke
umarmen bis zur Todeslust umarmen bis zur Auflösung alles Sinnlichen
ineinander fesseln und drängen würden
    Und so erfasste denn auch Valerius den schönen in Freude und Liebe
zitternden Leib wie er seiner zu harren schien er hob ihn mit schwellenden
Armen an sein Herz und sie zerstörten sich beide fast in leidenschaftlichem
Pressen und Drängen
    Nach diesem ersten Sturme so lange zurückgehaltener Gefühle brachen die
Tränen heiß mit strömend aus Konstantiens Augen  die Tränen fehlen nimmer wenn
die Gottheit in uns rege wird und hier brachen sie die immer noch schmerzliche
Sehnsucht des Weibes ihr Antlitz ihre gespannten Arme ihr ganzer straffer
Körper wurde weich und nachgiebig und die Rede sanft und innig wie der tiefste
verborgenste Ton der Seele trat wieder auf die Lippen Und diese Lippen küssten
jetzt mild und schmeichelnd
    »Du hast meine ganze Seele Valerius und ich weine dass ich nicht mehr für
dich habe und ich weine dass ich glücklich bin wie ein Kind das in den Himmel
kommt«
    Valerius trug die zusammensinkende Geliebte auf ein kleines Taburett das
neben dem Sofa stand kniete vor ihr nieder legte den Kopf in ihren Schoss und
bedeckte sich bald die Augen mit ihren willenlosen nachgiebigen Händen bald
führte er sie an seine Lippen
    Sie waren so selig und ruhig nach jenem Sturme dass sie sich einmal über das
andere zuflüsterten »Hörst du Konstantie siehst du Valerius wie die kleinen
rosenroten Engel um uns herflattern und sich küssen und Geschichten erzählen von
der Liebe Gottes und seiner Menschen«
    Das sind Augenblicke wo die Menschen unmittelbar mit schönen Welten
verkehren wo sie jene Ahnungen von Gottes unergründlicher Liebe von
unendlichen Freuden außerhalb dieses Lebens tief einsaugen in das offene
empfängliche Gemüt Wenn der Mensch den Menschen am erschöpfendsten liebt da
gehen alle Geheimnisse der Welt vor ihm auf Denn in der Liebe ruht das
Geheimnis der Schöpfung sie »spricht mit Engelszungen«
    Valerius richtete sich allmählich wieder in die Höhe und seine Blicke
legten sich wie die Liebe selbst in die Augen und das süße Antlitz des Weibes
Er dachte nichts er wusste nicht was er fühlte aber die Schönheit dieses
Angesichts flocht und weckte sich durch Leib und Geist mit ihrer klaren
wohltuenden Gewalt Er hatte keinen Wunsch als sie anzublicken alle
Schönheitsfreude durchrieselte ihn dabei wie ein frischer Bach Konstantiens
schwarzes Kleid war zugeknöpft bis an den Hals langsam öffnete ers und
streifte es herab über die blendende Achsel welche hervorleuchtete über die
hochgewölbte Brust
    Sie ließ alles ruhig geschehen und wendete ihr Auge nicht ab von seinem
Blick »Du bist so rein Valerius so frei von jener groben männlichen
Sinnlichkeit die auch das heisseste Weib erschreckt  o ich war nie so
glücklich«
    Er küsste sie auf das Herz und seine Wange daran lehnend und mit der Hand
ihr Gesicht herabziehend sprach er wie in einer trunkenen Schwärmerei »Sieh
Konstantie ich bin ein Träumer  du hast mich oft so gescholten und du hast
mich recht gescholten sieh und höre wie ich träume ich habe einen herrlichen
schönen Gott er ist mir überall wo sich mir eine Schönheit eine Tätigkeit
eine Bewegung offenbart er rauscht in den Bäumen in den Wellen er sieht aus
der feuchten Pflanze wenn sie sich öffnet er spricht aus dem Munde eines
Volkes aus dem Munde eines unbedeutenden Menschen aus jedem Moment der
Tagesgeschichte aber so lieb und so klar und bezaubernd hat er noch nimmer zu
mir gesprochen als heute aus deiner Schönheit Aus deinem Busen klopft er in
meine Wange aus der weißen Haut und der vollkommenen Form deiner Schulter lacht
er mir in die Augen wie der unverhüllte alte und ewig junge Reiz der Griechen
Hier wo das Kleid das widerspenstige mich hindert mehr als ein Stück deines
stolzen Oberarmes zu sehen hier beginnt die verschleiernde Romantik  nicht
doch sieh die schwache Seide weicht der Gottheit o Weib was bist du schön«
    Konstantie verschloss ihm den Mund mit Küssen »Mann meines innersten
Herzens ich hasse ich fürchte den Tod aber jetzt könnt ich sterben in
deinem schönen Gotte vergehen«
    »Horch wie dein Herz klopft Weib dies Leben hebt über alle Schönheit
hinaus das ist wieder mein Gott Weib meines süßen Glücks horch wie dein Herz
klopft warum jauchzt es so weißt dus«
»Mein Herz klopft wild beweglich
Es klopft beweglich wild
Weil ich dich lieb unsäglich
Du liebes Menschenbild«
erwiderte sie stürmisch mit den Worten des Dichters und die Liebkosungen
schlugen wieder zusammen über dem zärtlichen Paare mit ihren hohen strahlenden
Wogen
    Es scheint ein Widerspruch zu sein mit der raschen forteilenden Empfindung
dass Liebende in der höchsten Bewegung ihrer Leidenschaft die schwierigsten
Gedanken des menschlichen Geistes berühren über die wichtigsten Interessen des
Menschen mit wenig Worten entscheiden Aber es ist keiner und die Erscheinung
ist wahr und alltäglich Alle höheren Kräfte sind aber auch in solchen Momenten
entwickelt wirksam tätig das Herz liegt weit geöffnet und gibt sie frei all
seine besten Gedanken und es ist ein altes Wort die besten Gedanken kommen aus
dem Herzen
    Zwischen die Zärtlichkeit unserer Liebenden drängten sich Gespräche
Ausrufungen einzelne Sätze der mannigfaltigsten Art Sie entwickelten sich auch
gegenseitig ihren Charakter und Konstantie konnte nicht müde werden ihrem
Geliebten vorzuwerfen dass er sich zu trübe zu nachteilig beurteile »Was du so
anklagst« sagte sie »dies ewig nachdenkliche prüfende befangene Wesen das
hat mich zu dir gezogen gleich als ich dich das erstemal gesehen hatte Wir
Frauen sind alle unbefangen wenn wir eine Zukunft von drei Tagen bedenken so
ist das schon ungewöhnlich die Zukunft ist der Männer darum ist der Mann am
gefährlichsten für uns der sie zu beherrschen sich zu sichern zu unterwerfen
trachtet Wir sehen dass er für etwas sorgt wofür wir kein Auffassungsvermögen
haben und das gewährt ihm eine große Überlegenheit wir fühlen uns gesicherter
gehoben in seiner Nähe die unbekannten Mächte die er bewältigen will weben
ein Geheimnis um sein Wesen das uns reizt und anzieht und so kommt das gar
bald was du Poesie nennst was uns Interesse Liebe heißt O ihr Männer mögt
diesen Zauber gar nicht empfinden wenn du in die Gesellschaft tratst und das
Gespräch ergriffst und es mit wenig Worten bedeutsamer machtest da wachten die
süßesten Ahnungen in mir auf von höheren schöneren Dingen Ich kann sie dir
nicht schildern ich hatte keine Namen dafür aber sie waren da sie kommen
täglich wieder mit deinem dunklen sinnenden Auge mit deinen wunderlichen
schweren Worten die immer so anders sind als die der gewöhnlichen Leute All
mein Stolz war neben dir entwaffnet mein Verstand mochte noch so schnell
operieren er misstraute seinen Worten wenn ich sie vor dir aussprach alles war
leer neben den deinen es fehlte eben jene Anknüpfung an andere Welten die wie
ein hervorhebender Schatten auf deinen kleinsten Gedanken lag Was hab ich mich
gescholten wenn mein Herz dir so offen entgegensprang was hab ich gelitten
bei deinem Zurückhalten wie arm wie unbedeutend kam ich mir vor wie bitter
hab ich geweint dass ich nicht geistigen Zauber genug besäße dich zu fesseln
und weinend hab ich den Spiegel geschlagen dass er lüge dass ich nicht schön
sei oder doch eine leere uninteressante Schönheit  lache immer küsse immer
du Schelm wir wissens so gut dass wir schön sind wie ihr wenn ihr geistreich
seid
    Glaubst du dass es mich innig freut so alten Stolz sogar den nötigen Stolz
gegen dich vergessen zu haben  sieh diesen gerade diesen Kuss hab ich immer
dafür erwartet o du bist gut und lieb und noch viel zu stolz bin ich gewesen
    Wie kannst du fragen was mich nach Warschau geführt hat  die Liebe und
die Liebe führte mich heut abend in deine Straße ich wollte wenigstens dein
Licht brennen sehen Wenn ich dich still zu Hause wusste da ward ich ruhiger du
warst mir näher dann  o ich wusste alles was du machtest weißt du wer hier
ist William «
    »William«
    »Der Narr verfolgt mich überall mit seiner Neigung er ist einige Male
während deiner Abwesenheit in unserem Salon gewesen sonst seh ich ihn nicht
ich mag diesen harten fanatischen Menschen nicht aber er schreibt mir alle
Tage und da er immer von dir erzählt so lass ich mirs gefallen Er hat dich
nicht aufgesucht weil er dein revolutionäres Treiben hasst aber es sind noch
mehr junge Deutsche hier welche dich oft sehen  ich glaubs wohl dass du dich
verwunderst es ist nicht nötig dass du sie kennst ihre Geschäfte hier mögen
nicht die lautersten sein Was denkst du eben geschwind sprich eh du dich
auf eine Lüge besinnen kannst«
    Valerius wickelte ihre herabhängenden Haare um seine Hand und erwiderte
lächelnd »Ich dachte dich und mich zwei so verschiedene Wesen und es ist mir
jetzt klarer als je dass die verschiedensten Wesen gegeneinander die feurigste
lebendigste Liebe entwickeln Die Leute sagen immer Es sind zwei gleiche Wesen
ihre Gedanken begegnen sich überall sie passen vortrefflich zusammen Aber so
ists nicht das gibt eine eintönige langweilige Liebe eine Liebe der
Eitelkeit wo sich eins in dem andern bespiegelt Die Gegensätze bilden das
tüchtigste Leben sie entwickeln die Kraft und die Stärke Sind wir nicht die
verschiedensten Wesen von der Welt Konstantie Du voll stürmender Leidenschaft
ich langsam prüfender überlegender Mann aber vereinigt sind wir eine Welt
eine Welt voll Kraft und Glück Wo die Fähigkeit des einen aufhört da beginnt
die des anderen wir ergänzen uns und so erzeugen wir ein drittes neues Leben
das uns beiden überlegen ist uns beide beherrscht und glücklich macht 
Konstantie wie heißt dies Wesen«
    »Liebe heißt es Liebe Liebe o du süßes göttliches Wort Komm du
besonnener Mann mein Atem meine Küsse mein Blut sollen deine Seele aufjagen
dass sie springt wie ein besonnener Hirsch  Mann du erstickst mich«
    Unter diesem Tändeln und Kosen verstrich die Zeit und Konstantie musste den
Geliebten endlich selbst an den Aufbruch mahnen Sie erhob sich von ihrem Sitze
und ein flüchtiges Rot der Scham flog über ihr Gesicht als sie den zerrissenen
Ärmel des Kleides um den bloßen Arm flattern sah Schnell warf sie die langen
Haare um die Achsel und hielt dem Valerius die Augen zu »Geh jetzt mein
Lieber nimm den Schlüssel zur Tür des Gartenhauses und wenn du im letzten
Fenster meines Schlafzimmers die Gardine ein wenig in die Höhe gezogen siehst
dann können wir uns sehen und ich erwarte dich hier Aber warte dies eine
Zeichen ist zuwenig der Zufall und meine Kammerfrau könnten uns einen Streich
spielen Wenn du am Tage jenen weißen seidenen Schal an mir erblickst so sei
dir das ein Zeichen dass helle seidene Stunden unser warten Ja Und komme
hübsch täglich ins Haus spiele den Bekehrten gegen den alten Herrn ob du dich
bekehren sollst besprechen wir noch aber verrate dich mit keinem Blicke er
sieht scharf wie ein Luchs und traut dir auch in diesem Punkte nicht Dein
schönes Lied an jenem Abende das mich ins Leben zurückrief kann er nicht
vergessen Was es ihn kümmert Du wunderlicher Narr siehst du nicht dass er bei
aller seiner Bildung ein stolzes altes Weib ist das mich gern verkuppeln
möchte Was helfen alle die schönen Theorien von Freiheit und Gleichgültigkeit
die eingelebten Dinge bleiben herrschend wenns zum Handeln kommt  nur die
Liebe mein Kind überwindet alles und die Zeit die Vernunft ist ein schwaches
Ding  fort mit deinem Philosophengesicht o pfui das war ein kalter ein
zerstreuter Kuss lass dir die Haare von deiner Stirnwunde streichen so so
Himmel wenn der Säbel tiefer gegangen wäre in diesen lieben Verstand hinein  o
wie schön wie schön ist solch ein zärtlicher keuscher Kuss von dir wenn die
Seele dabei aus deinem Auge winkt noch einen Ach dass wir scheiden müssen dass
das Leben soviel Lücken hat  o guter lieber Mann wir dürfen nicht länger
weilen der Morgen übereilt uns  Und doch ja bleibe  nein lass uns
vernünftig handeln diesen noch und bloß noch diesen Kuss und nun Ade  Ade
Da hüll dich fest in den Mantel s ist kalt draußen  öffne leise die Tür 
Ade o eil nicht so  Valerius komm noch einmal zurück das war ja kein
ordentlicher Abschiedskuss so so  o mein ganzes bestes Leben  Gott behüte
dich sorgsam   Ade  Ade« 
 
                                      23
An demselben Abende wo in einem stillen Zimmer von des alten Grafen Palais die
Liebe zweier Leute so lebhaft sich aussprach war ganz Warschau in einer
ungewöhnlichen Bewegung Auf allen Straßen sah man Gruppen von eifrig
sprechenden Leuten die Wagen rasselten schneller und häufiger als man es sonst
gewohnt war Soldaten von allen Gattungen Bauern junge Leute in Zivilkleidern
strömten hin und her einer fragte den andern  kurz der unaufmerksamste
Beobachter musste inne werden die ganze Bevölkerung werde von einem neuen großen
Interesse bewegt
    Zwei junge Männer in weite Karbonarimäntel gehüllt drängten sich durch die
Menge und gingen auf eine Konditorei zu deren bunt erhellte Fenster weit herum
leuchteten in der Dunkelheit Der eine von ihnen schien sich wenig um die
Aufregung des Volkes zu kümmern er war etwas größer als sein Begleiter die
Züge seines Antlitzes das man jetzt dicht an der erleuchteten Ladentüre sehen
konnte waren streng und ernst ja sie hätten hart genannt werden können wenn
sie nicht durch einen schwärmerischen Zug von Melancholie gemildert worden
wären Er behauptete eine gewisse Superiorität über den anderen und schritt ohne
weiteres zuerst in den Laden Dieser zweite hatte auf der Straße mit vieler
Aufmerksamkeit hierhin und dorthin nach den Äußerungen der Menge gehorcht und
dabei fortwährend leise schnell und angelegentlich zu seinem Begleiter
gesprochen obgleich der letztere gar keine Notiz davon zu nehmen schien
    Alle Zimmer der Konditorei waren angefüllt und die beiden Männer fanden mit
Mühe in dem Winkel eines entfernten Gemachs zwei unbesetzte Plätze
    Der Besitzer des Ladens hieß Lessel und fuhr geschäftig unter der Menge hin
und her dem Anschein nach eifrig beschäftigt das Verlangen seiner Gäste
zufrieden zu stellen Indessen konnte es einem schärferen Beobachter nicht
entgehen dass der vertrocknete kleine Mann mit den beweglichen Augen hie und da
länger stehen blieb als nötig war und mit großer Aufmerksamkeit auf die
Äußerungen der Anwesenden horchte
    Der kleinere von den beiden im Winkel Sitzenden machte eben mit einem
verschmitzten Lächeln seinen schweigsamen Begleiter darauf aufmerksam als Herr
Lessel an ihren Tisch trat  »Glühwein meine Herren« sprach er mit lauter
Stimme  leise aber setzte er hinzu »der Alte fällt durch alles geht nach
Wunsch« und ohne eine Antwort abzuwarten fuhr er wieder unter die Menge und
man hörte nur seine durchdringende Stimme »Glühwein zweimal«
    Das verschmitzte Lächeln des zweiten Mannes im Karbonari blieb ungestört auf
dem lebenslustigen Gesichte und während nur der Ausdruck einer unschönen
Schlauheit etwas stärker auf seinen Zügen hervortrat sagte er zu seinem
Nachbar »Habe ich recht gehabt Sir William«
    Dieser erwiderte indessen nichts und erhob nur das tiefliegende blaue Auge
auf die Masse der Gäste unter welcher eben die lebhafteste Bewegung entstanden
war »Skrzynecki  Skrzynecki  also doch Skrzynecki« dieser Ausruf flog von
Mund zu Mund alles drängte sich nach den anderen Zimmern sind die beiden
Männer sahen sich plötzlich allein
    Es war nämlich an jenem Abende die Wahl des neuen Generalissimus der Armee
entschieden worden In der Schlacht bei Grochow hatte man erkannt wie nötig es
sei ein militärisches Talent an die Spitze zu stellen Der wackere Fürst
Radzivil welcher damals auf allgemeines Drängen den Oberbefehl angenommen
hatte um den Eifersüchteleien der übrigen Befehlshaber keine Veranlassung zum
Ausbruch zu geben konnte und wollte dies Amt nicht länger behalten Als
Nichtmilitär und allgemein verehrter Patriot konnte seine Wahl keinen der
übrigen Kandidaten beleidigen Chlopicki konnte unter seinem Namen die Armee
leiten deshalb hatte er damals auf allgemeines Drängen einen Posten angenommen
dem er nicht gewachsen war Chlopicki war aber gefallen und lag jetzt an seinen
Wunden in Krakau danieder man hatte auf dem Schlachtfelde von Praga und Grochow
gesehen wie misslich es sei wenn das Schicksal des Tages in den Händen eines
Mannes ruhe der wie Chlopicki nicht offiziell an der Spitze stand die
Generale und Obersten hatten sich geweigert seinen Anordnungen zu gehorchen
und dies Missverhältnis hatte das Schicksal der Nation aufs Spiel gesetzt Die
Notwendigkeit lag vor Augen einen tüchtigen Militär an die Spitze zu stellen
und die neue Entscheidung hatte bisher alle Parteien in Bewegung gesetzt
Skrzynecki und Krukowiecki waren die beiden wichtigsten Kandidaten zwischen
denen man schwankte Jener hatte vom Anfange des Krieges her unzweifelhafte
Proben einer tüchtigen militärischen Geschicklichkeit gegeben er war bekannt
und geschätzt als ein milder gemässigter Mann an seinem Patriotismus haftete
kein Zweifel Aber jene militärischen Proben eines untergeordneten Generals
waren nicht hinreichend zum Beweise ob er als Generalissimus an seinem Platze
stünde jene gemässigten Gesinnungen hatten ihm kein Interesse bei der
Volkspartei erweckt Krukowiecki dagegen genoss bei dieser die ausgebreitetste
Popularität er galt für einen echten unverfälschten Polen er war einer von
denen welche in der schlichten Kutka einhergingen er besuchte den
patriotischen Klub er verlangte durchgreifende ganze Maßregeln sein
soldatisches Talent seine Energie waren bekannt er war ein alter General
während Skrzynecki erst im Revolutionskriege dazu avanciert wurde
    Es war aber auch gerade Krukowiecki dessen Eifersucht man durch die Wahl
Radzivils hatte beschwichtigen wollen sein Ehrgeiz wurde über alles von der
Adelspartei gefürchtet und diese Furcht wurde selbst durch seine bekannte
damalige Äußerung nicht entfernt »Stellt uns einen Tambour an die Spitze er
wird uns zum Siege führen denn wir werden ihm folgen«
    So standen die Sachen als an jenem Abende Skrzynecki zum Generalissimus
erwählt ward
    Herr Lessel fand sich bald wieder ein bei seinen beiden vereinsamten Gästen
rieb sich vergnügt die Hände und sagte zu Williams Begleiter »Nun hab ich
recht gehabt Herr von Wankenberg hab ich recht gehabt die Diplomatie der
hohen Herrschaften ist durchgedrungen der alte Bärenbeisser ist wieder drum
gekommen und der sanfte unschuldige unbekannte Skrzynecki ist Generalissimus
O ich kenne meine Herren vom Reichstage Sie wollen die Armee nicht aus der
Hand geben Skrzynecki kann sich auf keine Partei stützen er beruht auf ihnen
allein  der patriotische Klub wird außer sich geraten sie kommen aneinander
sie kommen aneinander geben Sie acht unsere Sache geht gut geht schneller als
wir dachten  Sie täten am besten gleich in den Klub zu gehen und alles
mögliche Holz ins Feuer zu werfen«
    Herr von Wankenberg hatte noch immer dasselbe Lächeln auf den Lippen und
erwiderte dem lebhaften Konditor mit der ungestörten Ruhe eines besser
Unterrichteten und eines Vornehmeren der sich am Eifer eines Gleichgesinnten
freut ihn aber gern in die untergeordnete Stellung zurückgedrängt sieht »Sie
sind zu voreilig zu sanguinisch Herr Lessel Sie könnten unsere Sache
kompromittieren ehe sie reif ist Sie sind den jungen Leuten ohnedies schon
verdächtig und sollten mehr als jeder andere auf der Hut sein«
    Lessel zog die Augenbrauen zusammen und kniff die schmalen Lippen ein aber
Herr von Wankenberg ließ sich nicht stören und fuhr fort »Der Klub ist klüger
als viele denken seine Hauptführer haben beschlossen das sogenannte Wohl ihres
Vaterlandes auf keine Weise blosszustellen solange der Feind zwei Meilen vor
Warschau steht alle Kraft vorderhand auf den Kampf zu verwenden und erst
später einen direkten Einfluss auf die Regierung oder die Regierung selbst zu
erzwingen«
    »Später später« fiel Lessel ein »wenns nur ein Später für sie geben
wird«
    »Gut gut oder möglich wahrscheinlich« fiel Wankenberg ein »Skrzynecki
ist ein unentschlossener Mann er wird die Hitze verrauchen lassen aber jetzt
ist nichts gar nichts zu machen kompromittieren Sie uns nicht Lessel mit
Ihrer Voreiligkeit rüsten Sie zu morgen früh oder besser noch für heute nacht
den alten Levi ich werde ihm Briefe geben über den Stand der Dinge lassen Sie
nicht wieder den alten Franzosen sein Geschwätz beilegen er übertreibt alles
um seine Wichtigkeit beim Feldmarschall zu erhöhen  seien Sie unbesorgt
Lessel ich will Ihrer Tätigkeit schon erwähnen mein Missvergnügen über Ihre
Voreiligkeiten hat nichts mit meinen Mitteilungen zu schaffen  drüben im
Winkel hinter Ihnen hat sich ein Gast eingefunden verlassen Sie uns und
schicken Sie uns bessern Glühwein«
    Lessel nahm die Gläser und schrie wieder wie vorher im Abgehen »Glühwein
zweimal«
    Während dieses Gesprächs hatte William still dagesessen und wenn er nicht
zuweilen einen verächtlichen Blick auf die beiden Sprecher geworfen hätte so
würde man geglaubt haben er höre gar nichts von ihrem Gespräche Der schroffe
Ausdruck seines Gesichts war immer härter geworden er strich sich die langen
schlichten Haare welche ungeordnet um seinen Kopf hingen aus den Schläfen und
eine abschreckende Verachtung drückte sich auf seinen Lippen aus als er dem
Kellner das frisch gefüllte Glas abnahm und zu seinem Begleiter sprach
    »Sie müssen gestehen Herr von Wankenberg arme Adelige unseres Vaterlandes
und die alten vertriebenen Franzosen arbeiten der Revolution aufs beste in die
Hände  sie haben sich fast das Privilegium des Spionierens erworben«
    Wankenberg lachte hell auf »Sie sind ein Spassvogel aber ich bitte Sie
nicht so laut zu sprechen der Mann da drüben liest vielleicht nicht so eifrig
im Warschauer Kurier als es aussieht  die Diplomatie lieber Sir William hat
mancherlei Branchen und ich weiß ja wie tief Sie selbst das revolutionäre
Gesindel hassen«
    »Ich hasse sie weil ich ihre Grundsätze hasse aber ich bin kein Spion für
Geld«
    »Um Gottes willen sprechen Sie leiser wenn Sie Ihre Tugend auskramen
wollen der Mensch da drüben sieht schon über das Journal hinweg Apropos Ihr
alter Freund Valerius der noch heute morgen kein Geld zu seiner Abreise hatte
«
    »Ich weiß ich weiß Sie haben mir das heut morgen schon gesagt und ich
glaube er ist jetzt damit versehen«
    »Lassen Sie mich doch ausreden ich bin ihm vor einer Stunde mit der Fürstin
Konstantie auf der Straße begegnet Sie war zu Fuß und im eifrigsten Gespräch
mit ihm es kostete mich Mühe den weit hinter ihr gehenden Bedienten zu
entdecken  mit Ihren schönen Grundsätzen machen Sie alles ungeschickt und
bringen nicht einmal diesen Schwärmer aus der Stadt  mir ist er sicher mir
kommt er auch später zurecht aber Ihnen ist er ja völlig im Wege Ich habe mehr
für Sie getan als Sie wissen ich habe ihn in den demokratischen Gesellschaften
erblickt und damit habe ich ihn aus den Zirkeln gedrängt die er wohl aufgeben
musste weil man ihm scheele Gesichter schnitt ich habe« 
    William auf dessen Antlitz sich die heftigsten Empfindungen ausgeprägt
hatten während dieser Erzählung sprang in diesem Augenblicke auf und verließ
schnell das Zimmer
    Dies schien aber seinen Begleiter wenig zu rühren er nahm ein Taschenbuch
aus dem Rocke und notierte sich etwas Dieser Herr von Wankenberg hatte eins von
jenen verwischten Gesichtern denen man das Alter nicht recht ansieht Er konnte
ebensogut fünfundzwanzig wie fünfunddreissig Jahre zählen Seine Harare waren
dünn und eng am Kopfe liegend ein fein zugeschnittenes Bärtchen hob das glatte
Gesicht das für den ersten Anblick gesund und von lebhafter Farbe erschien
Wenn man genauer hinsah so gab man ihm vielleicht das unangenehme Beiwort
»schwammig« Seine Hände waren sehr weiß und fein
 
                                      24
Das Glück einer brausenden Liebe hatte Valerius in allen Organen verändert Er
sah jetzt alles versöhnlich an freundlich liebevoll Das ist ja eben das
wunderbare Geheimnis dieses Gefühls dass es der ganzen Welt eine andere eine
glänzende Farbe gibt und zwar nicht bloß der Gedankenwelt sondern auch den
scheinbar unbedeutendsten äußerlichen Dingen Ein Liebender fühlt sich an den
Quellen aller Triebe er sieht mit Staunen ihre unendliche Kraft und darum
vergibt er am leichtesten alle Leidenschaften
    Die wilden verzehrenden Sympatien und Antipatien welche den jungen
Deutschen noch eben entsetzt hatten beim Anblick der polnischen Zustände
erschienen ihm jetzt in einem viel besseren Lichte Große Kräfte meinte er
verlangen auch große mannigfache und heftige Äußerungen
    Dieser neue Sinn drückte sich bis ins kleinste in seinem Wesen aus denn die
ganzen Erscheinungen unseres Innern mögen sie Liebe oder Hass zu nennen sein
bemächtigen sich auch des ganzen Menschen So kam es denn dass sich bald wieder
ein leidliches Verhältnis namentlich mit Stanislaus herstellte Die Wahl
Skrzyneckis hatte im Hause seines Vaters die beste Stimmung erzeugt die
aristokratische Partei fürchtet so gut wie die demokratische einen überragenden
Krieger denn sie ist in sich eben auch eine Demokratie Skrzynecki war ein
unbedeutender Edelmann sein Ruhm war mäßig und man hatte nicht zu fürchten
dass er sich den Meinungen und der Anordnung der Korporation überheben würde
Diese Beruhigung verlangt aber jede Partei auch wenn sie noch gar nicht weiß
was sie will Sie fürchtet vor allem ein bloßes Instrument zu werden Der alte
Graf nun besonders war nach dieser Wahl ganz in seinem Element er gehörte zu
denen die alles Edle und Hohe vorzubereiten trachten die sich vorreden die
Erreichung dieses Zweckes sei ihr ganzes Streben die Ausführung ihrer
philantropischen Pläne aber soweit wie möglich hinausschieben Ihre angeborenen
Neigungen sind im Grunde wenig stärker als ihre Kultur und sie sind nie
glücklicher als wenn sie die Aussicht vor Augen haben dass sie auf dem
eingeschlagenen Wege zu Reformen gelangen können ohne heute oder morgen diese
Reformen beginnen zu müssen Ihre Bildung ist dann geschmeichelt und ihre
Gewohnheiten schweigen weil sie noch nicht bedrängt werden
    So wars mit dem alten Grafen als Skrzyneckis Erwählung stattgefunden
hatte es konnte alles geschehen und man ward zu nichts getrieben Keine
Übereilung keine Übereilung ist das Losungswort dieser Leute die sich in
allen gesellschaftlichen Kreisen vorfinden
    
    Valerius der es nicht ertragen konnte dass er nach seinem Austritte von der
Armee nicht mehr für vollgültig im Salon angesehen wurde dass ihn alles
misstrauisch kaum mit notwendiger Höflichkeit behandelte trug sich ernstlich
mit dem Entschlusse herum das wieder ins Gleichgewicht zu bringen So
selbständig er auch zu sein glaubte so sehr hing er hoch von seiner Umgebung ab
und von der Meinung derselben Achtung ja fast mehr als Achtung war ihm
Bedürfnis und das konnte ihn sogar vermögen gegen seinen eigenen Glauben zu
handeln bessere Einsicht zu nehmen und sich einer Gewöhnlichkeit
unterzuordnen welcher er sich weit überlegen fühlte Hippolyt hatte ihn zwar
einmal mit der Behauptung eingeschüchtert der Einfluss von dem was uns umgibt
ist stärker als alle Philosophie er macht uns zum völligen Sklaven sobald wir
allen Trotz aufgeben Valerius bebte vor dieser Sklaverei namentlich bei seinen
jetzigen Umgebungen aber er hielt es ebenso auf der andern Seite für das
Wesentlichste einer geselligen Kultur dem verletzenden Widerspruche der
beleidigenden Absonderung dem Rechtbehalten soviel als möglich aus dem Wege zu
gehen »Nur der hat recht« pflegte er oft zu sagen »der nicht recht haben
will«
    Diese Nachgiebigkeit ward nun auch sehr gefördert durch die überschwellende
Stimmung einer neuen Liebe »Was ist wahr was ist notwendig« rief er lachend
»in den verworrenen geschichtlichen Zuständen dieser Welt Ich weiß es nicht
denn es wechselt wie die Witterung Nur die Liebe ist ewig und die
Versöhnlichkeit ist darum immer die sicherste Tugend«
    So ward es Stanislaus nicht schwer den desertierenden Deutschen wieder zu
gewinnen Er versprach wieder einzutreten sobald es ans Fechten ginge Und so
war alles im trefflichsten Gleise und ein wunderlicher Humor ergoss sich über
Gedanken und Worte Valerius Keine einzige seiner wichtigen Gesellschaftsfragen
war gelöst aber die Harmonie nach außen war hergestellt sein Herz auf das
Süsseste beschäftigt Und bei solcher Gelegenheit wo wir eigentlich im tiefsten
Innern hören es ist keineswegs alles in Ordnung wo wir aber halb und halb die
Hoffnung aufgegeben haben die widerstrebenden Massen zu bewältigen und wo uns
dieser oder jener Reiz für den Mangel einer völligen Harmonie entschädigt da
kommt uns der Humor ein beschwichtigender Tröster Tief in den Winkeln seines
Lächelns ruht zwar ein ewiger Schmerz aber dieser hebt nur das Lächeln um so
mehr wir fühlen die Notwendigkeit uns selbst zu erhalten und jenen Schmerz
unberührt zu lassen In dem Lächeln liegt auch ein so heimatlicher Zug ein
Erinnern an die Kindheit an die Tage wo wir noch völlig unschuldig waren eine
Stimme sagt uns Dies Lächeln ist echt stammt aus dem Ursprünglichen deiner
Natur aber der Schmerz ist erst gekommen mit der erworbenen Bildung folge
deiner Natur und lächle
    Daher kann es auch nur Humor geben wenn die Bildungszustände in Gärung und
Wechsel geraten sind und sich neu gestalten wollen In sogenannten klassischen
Perioden wo die eben kursierende Aufgabe der Zeit gelöst wo alles fertig und
bestimmt ist was man Tugend Gesetz Schönheit nennt da gibt es keinen Humor
Die Juden Griechen und Römer mit ihrer fertigen Welt kannten ihn nicht
    Der alte Graf versäumte in seiner guten Stimmung nicht die humoristische
Laune des Deutschen durch artige geistreiche Bemerkungen zu unterstützen
Stanislaus lächelte dazu obwohl man leicht bemerken konnte dass ihm das
eigentliche Verständnis dieser Stimmung abging Alle einseitigen Völker wie die
Polen besitzen keinen Humor dessen Existenz die größte innere Mannigfaltigkeit
bedingt Dieser Mangel erschwert dem Deutschen das behagliche Zusammenleben mit
solchen Nationen zu denen auch die Franzosen gehören Schnelle kurze
Handlungen welche diese Völker bezeichnen haben nichts zu schaffen mit der
breiten Basis des Humors und seiner alles umfassenden Natur Auch Konstantie
gehörte eigentlich nicht in diesen Bereich ihr entschlossener Geist war nicht
daran gewöhnt nach allen möglichen Richtungen zu blicken aber die Liebe lehrt
alles Wenn sie Valerius in dieser heitern beweglichen Laune sah da fühlte sie
sich überaus glücklich und gehoben sie erkannte darin die frische Einwirkung
ihres Liebesverhältnisses das deutsche Naturell und die feinen
Auffassungsorgane der Neigung erleichterten ihr das Verständnis dieser
ungewöhnlichen Sprünge des Geistes und Herzens und so bildete sich bald ein
Zirkel der ergötzlichsten Unterhaltung Hedwig schwamm in ihrer jugendlichen
Heiterkeit mit darin herum und schickte sich auf das Beste zu dieser in Polen so
fremdartigen Konversation denn die Frauen verstehen alles schnell wo das Herz
seine Töne beisteuert und so hatte sich bald ein bestimmter Kreis gebildet im
Salon welcher scherzhaft »der deutsche Klub« genannt wurde
    Valerius war auch am Tage öfters im Hause des alten Grafen und unter dem
steten Wünschen den weißen Schal bald zu erblicken unter Scherzen und Lachen
verstrich ihm die Zeit Sehnsüchtig blickte er wohl täglich nach der Tür durch
welche die Fürstin erscheinen sollte sie kam aber das weiße Freudenzeichen
fehlte immer Einige Male flüsterte sie ihm zu der alte Herr sei nicht ohne
Argwohn so freundlich er aussehe sie glaubte sich streng beobachtet
    So standen die Sachen als Valerius am Abende des 30 März in den Salon
trat Es waren viele Militärs zugegen und es schien eine ungewöhnliche Bewegung
zu herrschen Sie äußerte sich indessen nicht laut und stürmisch wie zumeist
sondern dadurch dass sich die Gesellschaft in mehrere Gruppen gespalten hatte
in welchen einzelne Redner mit halber Stimme lebhaft und wie es schien auf
Überzeugung ausgehend das Wort führten Namentlich zeichnete sich ein junger
Offizier von höherem Range aus er fand die meisten Zuhörer und schien am
wenigsten durch Zwischenreden gestört zu werden Er hatte ein blühendes
lebhaftes Gesicht große forschende Augen und eine befremdende Wehmut oder
Schwärmerei schien manchmal aus den Zügen aufzublicken Das ganze sprechende
Antlitz war aber trotzdem bedeckt mit Spitzen und Funken des nationalen
Scharfsinns die bei einem Krieger auf schlaue Pläne und Berechnungen deuten
Valerius erinnerte sich dass ihn Stanislaus mehrmals auf die strategischen
Talente dieses Mannes aufmerksam gemacht hatte und obwohl er die Worte nicht
hörte so glaubte er doch aus alledem schließen zu können der junge Offizier
entwickle irgend einen Feldzugsplan Sein Name war ihm entfallen und er wollte
eben näher hinzu gehen um sich zu unterrichten als Konstantie eintrat Auf
ihren Schultern lag der weiße Schal  sie war schön wie eine Göttin und alles
andere verschwand für Valerius
    Die Gruppen zerstreuten sich das Treiben löste sich in den gewöhnlichen
Salonverkehr auf Valerius bemerkte es kaum dass sich Stanislaus mit dem jungen
interessanten Offizier entfernte Konstantiens sehnsüchtige Augen beschäftigten
ihn allein sie sprach wenig mit ihm aber es lag in den wenig Worten eine so
süße Schwere eine so weiche Beklommenheit das schöne Rot ihres Gesichts
strahlte so glückverheissend dass er es kaum inne ward wie die Stunden
verschwanden Ein leichter Schlag auf die Achsel weckte ihn Stanislaus stand
hinter seinem Stuhle und winkte ihm nach den stilleren Zimmern Als sie weit
genug entfernt waren dass niemand sie hören konnte stand er still drückte ihm
heftig die Hand und sprach »Der Augenblick ist da wir können fechten«
    Valerius erschrak  »Wann«
    »Noch heute nacht«
    »O«
    »Das klingt ja wie Betrübnis irr ich mich wieder in Ihnen«
    »Nein nein« erwiderte Valerius der sich schnell gefasst hatte »um welche
Zeit steigen wir zu Pferde«
    »Zwölf ist die späteste Stunde Sie haben Zeit bis dahin Ihre Vorkehrungen
zu treffen Hören Sie wie es zusammenhängt Sie haben vorhin Prondzinski
gesehen«
    
    »Wen Ah ja das war also Prondzinski«
    »Ich habe Sie ja schon öfters aufmerksam lauf ihn gemacht er ist die rechte
Hand Skrzyneckis ein unerschöpfliches Kriegstalent wie ich glaube Er sagte
mir heute abend es sei etwas im Werke wenn ich Lust hätte möchte ich ihn
begleiten Wir gingen Er hat eine unerschöpfliche Kriegsphantasie und
entwickelte mir soviel Möglichkeiten die Russen zu schlagen dass ich ganz
bedeckt und verwirrt kaum bemerkte wohin wir gegangen seien Es war ein
glänzender Speisesaal in dem wir uns befanden Ich blieb ein wenig zurück
Prondzinski trat hinter Skrzyneckis Stuhl und sie sprachen leise aber eifrig
und lebhaft miteinander Fröhlich kam er zurück und führte mich wieder von
dannen Endlich ist er entschlossen um zwölf Uhr kündigt er der Gesellschaft
an dass es gegen den Feind geht eine Minute darauf ist er im Sattel  Nun
flogen wir den Befehl zum Abmarsch zu verbreiten die Truppen waren schon
konsigniert die Weichselbrücke ward mit Stroh beschüttet wenn Sie hinausgehen
wollen so können Sie den gespenstischen Zug der ganzen Armee betrachten«
    »Wohin«
    »Um zwölf Uhr spricht Skrzynecki das Wort aus eher erfährts niemand und
die Vorsicht ist gut in der Stadt ists unsicherer als im Lager«
    »Wo find ich Sie um zwölf«
    »Zu Pferde an der Weichselbrücke«
    Sie gingen zurück in den Salon Valerius hätte um alles in der Welt gern ein
Wort zu Konstantien gesprochen aber sie war umlagert von allen Seiten er stand
wie auf Kohlen Er winkte ihr mit den Augen sie schien ihn zu verstehen aber
der alte Graf schien es ebensogut bemerkt zu haben Die Situation war peinlich
    Es schlug zehn Da brachen alle Militärs auf in der Verwirrung konnte er
sich der Fürstin nähern und ihr zuflüstern »In einer halben Stunde bin ich da«
»Das ist zu zeitig« erwiderte sie schnell »nicht wahr lieber Onkel der Graf
Kicki ist den ganzen Abend nicht hier gewesen Herr von Valerius will es besser
wissen«
    Der alte Herr war nämlich sachte an das Pärchen herangetreten und hatte
vielleicht schon gehorcht Konstantie suchte ihn zu täuschen und sprach weiter
in ihn hinein Valerius konnte nicht länger warten
    Magyac kam ihm zu Hause schon gerüstet entgegen er hatte schmerzlich auf
den Herrn gewartet da er von einem Aufbruche der Truppen unterrichtet war
Jetzt jubelte er laut als ihm dieser entgegenrief »Taddäus die Pferde
satteln meine Uniform«
    »Ich habs gewusst« schrie er lustig »dass Sie so sprechen würden ich hab
meinen Herrn gekannt Sie mochten sagen was Sie wollten Alles fertig die
Pferde schon gezäumt hier hier Uniform Degen Kaskett Pistolen sind geladen
fest geladen Herr Patrontasche voll Herr draußen auf der Weichselbrücke das
ist ein Leben seit zwei Stunden dauert der Zug schon unsere Truppen Herr
unsere Truppen ein Heer ein echtes Heer  wohin gehts Herr« setzte er
leiser hinzu
    »Auf der Brücke werd ich dirs sagen um dreiviertel zwölf Schlag
dreiviertel zwölf reiten wir«  Er bezeichnete ihm einen Platz wo er ihn mit
den Pferden erwarten sollte  »Halt da den Schlüssel aus meinem Rock«
    »Herr dass Sie die Uhr nicht verhören« Valerius flog davon lachend über
Magyacs Äußerung der mit der Schlauheit seiner Nation den Zusammenhang zwischen
dem Schlüssel und der Eile erraten zu haben schien
    Es war halb elf als Valerius an der Tür des Gartenhauses stand Sie hatte
gesagt es sei zu zeitig er konnte auf einen ihrer Domestiken stoßen die sie
vielleicht noch nicht hatte entfernen können  aber es blieb ihm nur eine starke
Stunde entschlossen öffnete er die Tür und tappte durch den Gang die Treppe
hinauf Hier horchte er wirklich wurde drinnen eben eine Tür zugeschlagen dann
ward es still  er öffnete Konstantie stand mitten im Zimmer und lauschte nach
den vorderen Gemächern Sie winkte ihm mit der Hand stehen zu bleiben und
schalt mit leiser Stimme »Unbesonnener Ich habe mich nicht können umkleiden
lassen meine Kammerfrau hat noch die nächste Tür in der Hand  endlich jetzt
ist sie fort«
    Valerius flog auf sie zu und drückte sie herzend und küssend mit einem Arme
an sich mit dem andern hielt er den Säbel um kein Geräusch zu machen Der
weiße Schal glitt unter seiner Hand von den Schultern und während Konstantie
seine Liebkosungen erwiderte schob er ihn unter den Mantel
    »Was machst du da« Wit den Worten schlug sie ihm den Mantel auseinander
»In Uniform Himmel was soll das bedeuten Sprich schnell«
    Valerius legte seinen Säbel ab und lachte Er hatte ihr nichts sagen wollen
aber sie bat so gut so dringend »Sei nicht falsch Valerius erzähle«
    Er erzählte Konstantie regte sich nicht ihre Augen aber verließen die
seinen nicht »Also nur eine Stunde noch« sagte sie endlich mit schwacher
Stimme »und ich sehe dich vielleicht nie wieder« Ein Schauer überflog den
ganzen Körper und sie setzte noch leiser hinzu »Es wäre entsetzlich Ich liebe
das Leben über alles aber ich weiß nicht wie ich ohne dich leben soll  bleib
was gehen dich die Leute an bleib Geliebter« dabei rollten große Tränen über
ihre Wangen
    »Konstantie« erwiderte Valerius »wie bist du reizend in dieser Schwäche
lass mich die Tränen hinwegküssen von diesem Gesichte das nicht für Tränen
geschaffen ist aber wenn sie getrocknet sind wirst du nicht mehr verlangen
dass ich bleiben soll Was wolltest du mit einem Manne ohne Mut der sein
Versprechen bräche den die Umgebungen verachten«
    »Ach Mann es ist ein größerer Mut seine Umgebungen und ihr Geschwätz zu
ignorieren es ist eine Schwäche den hergebrachten Formen nachzulaufen und das
Glück zu verlassen es ist eine eingebildete Phantasterei eine veraltete
Ritterkoketterie mit eurem Mut und eurer sogenannten Ehre und ich hätte dich
stärker geglaubt Rinald war der gewaltigste Ritter vor Jerusalem und der
schwärmerischromantische Tasso lässt gerade ihn mit Armida Jerusalem und
Schlacht vergessen«
    »Aber Rinald war verzaubert«
    »Und du bist es leider nicht  ja ja das ist der Unterschied« Mit diesen
Worten nahm sie ein Umschlagetuch vom Stuhle hüllte sich darein und setzte sich
in einen Winkel des Zimmers
    »Du tust mir unrecht Konstantie hu wirst dich besinnen tu es schnell
die Minuten sind uns gezählt Die Ehre mag ein zufälliges Übereinkommen sein
aber unsere ganze Gesellschaft ist ein solches wenn wir in ihr bestehen wollen
müssen wir uns in die wesentlichsten Pflichten gegen dieselbe fügen Du weißt
ich bin nicht der Mann ängstlicher Formen ich hätte wohl auch die Kraft diesem
gemachten Phantom der Ehre entgegenzutreten aber was bliebe in einer Zeit
übrig wo nur dies lose Band noch die Verhältnisse zusammenhält wo alle
sonstigen höheren Elemente der Gesellschaft längst entwichen sind und
Konstantie weißt du auch wer mich zuerst anklagen würde weißt dus Du
schweigst ich will dirs sagen die Fürstin Konstantie die stolze Konstantie
Besinne dich ach die schönen Augenblicke in denen wir uns lieben könnten
verstreichen unter spitzfindigen Worten«
    Es entstand eine Pause Valerius ging einigemal im Zimmer auf und ab und
blieb endlich vor ihr stehen Ihr Kopf war auf die Brust gesunken das Auge
niedergeschlagen sie regte sich nicht Valerius legte seine Hand auf ihr Haupt
und betrachtete sie schweigend Bei der Berührung bebte sie zusammen schlug die
Augen auf streckte ihm die Hand entgegen und sprach schnell »Es ist vorüber
du hast recht wie immer komm vergib«
    Und dabei sprang sie auf und zog ihn ans Herz Das alte Spiel der
Liebkosungen begann das einzige Spiel im welchem beide Parteien gewinnen Sie
glaubten sich einer um so größeren Heftigkeit hingeben zu müssen je unsicherer
die Aussicht war dass ähnliche Freuden bald wiederkehren dürften Die süßesten
Worte und Schmeichelreden schmiegten sich in das feste Umarmen das brennende
Küssen der Mantel fiel von seinen Schultern das Tuch von den ihren und sie
standen ineinander verschlungen wie zwei Kämpfer welche die Kräfte ihrer Liebe
messen wollen
    Hastig sprang er auf einmal zurück und riss die Uhr aus der Tasche »Noch
zehn Minuten Konstantie sind unser und dann«  hier überwältigte ihn das
Ursprüngliche seines Charakters das Träumen der Zukunft das Verzagen am Glück
 »ach Konstantie« sagte er mutlos »wird unsere Freude wiederkehren«
    Konstantie welche die Hände auf die Augen gedrückt hielt gleich als wollte
sie die schöne Welt des Augenblicks welche in ihrem bewegten Herzen rollte
keinen Moment entfliehen lassen sagte mit weicher Stimme »Komm komm zu mir
was kümmert uns die Zukunft da der Augenblick so schön ist komm lass mich dein
Auge küssen«  »So mein Herz bist du nicht auch so glücklich kannst du jetzt
an etwas anderes denken«
    Das ist der Vorteil leidenschaftlicher Wesen der Genuss der Gegenwart wird
ihnen nicht durch den leisesten Gedanken an das was kommen könnte getrübt
keine Zukunft kümmert sie auch wenn sie schon an die Tür klopft
    Aber Valerius den jetzt schon der Trennungsgedanke und das was hinter
dieser Nacht lag quälte entbehrte dieses Vorteils und er hörte denn auch
zuerst Stimmen und Geräusch im Garten Konstantie wollte nicht daran glauben
aber er nötigte sie aufzuhorchen
    Das Geräusch war unter den Fenstern ihres Zimmers die an der Rückseite des
Hauses nach dem Garten führten Konstantie löschte die Lampe aus und öffnete
leise das Fenster »Seht nach dem Gartenhause«  es war die Stimme des alten
Grafen  »ob er vielleicht dort entkommen kann« eben schlugs vom nächsten
Turme dreiviertel auf zwölf
    »Ich muss fort Konstantie«  »Um Gottes willen nicht in diesem
Augenblicke«
    Beide schwiegen eine Zeitlang und horchten Man hörte nichts mehr in der
Nähe aber hinten am Gartenhause rief hie und da ein Bedienter dem andern zu
Konstantie glaubte wahrzunehmen dass sie zurückkämen und die Jalousien des
bedeckten Ganges untersuchten Valerius gürtete sich den Degen um suchte seinen
Mantel im Dunkeln und stand nun reisefertig wie auf Kohlen
    »Öffne mir das andere Zimmer« flüsterte er endlich »das Stockwerk ist
niedrig ich werde auf die Straße hinunterspringen«
    Konstantie schwieg noch eine Weile dann ermannte sie sich plötzlich und
ging mit raschen Schritten nach ihrem Umschlagetuche »Lass das dumme Volk«
sagte sie dann und trat zu Valerius »sie mögen sehen und erfahren was sie
wollen es ist kein bloßes Liebesabenteuer zwischen uns einen Abschiedskuss und
noch einen und den letzten nun komm ich bring dich selbst hinunter mag uns
begegnen wer da will«
    »Nicht doch Konstantie«
    »Doch widersprich mir nicht es ist umsonst mein Entschluss ist fest es
schlägt den Augenblick zwölf«
    Sie gingen »Leise  leise drück die Säbelscheide an dich« flüsterte
Konstantie als sie im bedeckten Gange wirklich die Bedienten an den Jalousien
rütteln und sprechen hörten
    »Alles ist fest« sagte der eine »die Tür dort ist auch verschlossen er
muss in irgend einem Winkel stecken  übrigens Johann wenn ich meine Meinung
sagen soll ein Spitzbube wars gewiss nicht s war nur ein Augenblick dass ich
ihn sehen konnte aber so sieht ein Spitzbube nicht aus s war ganz gewiss ein
Edelmann«
    »Aber was sollte denn der « sprach der Angeredete
    »Pst Johann« unterbrach ihn der erste Die Stimmen entfernten sich
Valerius und Konstantie kamen unangefochten ins Gartenhaus und fanden auch da
nichts Verdächtiges Er öffnete die Tür nach der Straße sie umarmte ihn noch
einmal mit aller Leidenschaft welche die ängstliche Situation um nichts
vermindert zu haben schien »Leb wohl wohl mein Herz mein alles leb wohl«
    Er flog durch die Straßen und schrie schon von weitem »Magyac  Magyac«
    Dieser kam mit den Pferden herbei »Herr da schlägt es zwölf wir werden zu
spät kommen«
    Beide waren mit einem Sprunge im Sattel und in gestrecktem Galopp ging es
nach der Weichselbrücke hinab durch die finsteren schweigsamen Gassen
 
                                      25
Ungeduldig erwartete ihn Stanislaus an der Brücke Skrzynecki mit dem
Generalstabe war schon fort die beiden jungen Offiziere sprengten in größter
Eile durch Praga die beiden Gemeinen  Magyac war in das Regiment getreten  in
gleicher Eile hinterher So ging es über die Fläche hin welche auf der Ostseite
Warschaus bis an die Wälder läuft Die Nacht war still und dunkel aber die
breite Chaussee erlaubte den Reitern die schnellste Bewegung Diese Chaussee
führt von Warschau durch die Wälder über Wavre Dembe Minsk Siedlce nach den
tieferen polnischen Provinzen nach dem eigentlichen Russland hinein und sie
ward bis in die Mitte des Sommers 1831 der Mittelpunkt aller Heerbewegungen
    Kaum eine Stunde von Warschau beginnen die Wälder Hier holten die vier
Reiter den Generalstab ein Stanislaus schloss sich an einen der vorderen
Offiziere und Valerius der sich fortwährend zu ihm hielt hörte einen Teil der
Orders mit an welche eine sanfte Stimme austeilte Sie gehörte einem hohen
Manne der auf einem großen Pferde ritt Er war in einen Mantel gehüllt und die
Dunkelheit ließ von seinem Gesicht nichts erkennen »Vertrauen Sie auf Gott
meine Herren er verlässt die Seinen nicht  und nun an Ihre Posten« Alles flog
auseinander und Valerius konnte erst als er bei seinem Regimente angekommen
war nach dem Namen jenes frommen Kriegers fragen
    »Das war Skrzynecki« erwiderte Stanislaus ein weiteres Gespräch ließ sich
nicht anknüpfen Das Vorrücken der Reiterei war nicht ohne Beschwerlichkeit da
sie einen Teil der Chaussee dem Fußvolk und der Artillerie überlassen musste der
Weg selbst nahm also bei der Finsternis alle Aufmerksamkeit in Anspruch
Valerius erfuhr nur noch von Stanislaus dass ein bedeutender Teil der russischen
Streitmacht in dem Flecken Wavre und der Umgegend liege und dass die nächtliche
Expedition dahin gerichtet sei
    Die Kolonnen hielten plötzlich die vorderen Spitzen mochten in der Nähe des
Ortes angekommen sein Es war eine wunderliche Stille die einen Augenblick
eintrat alle selbst die Tiere schienen zu empfinden dass es der Moment vor
einer Schlacht sei Der Generalstab ritt rasch auf einem Waldwege vorüber nach
dem Angriffspunkte hin die dunkeln Gestalten glitten vorbei wie Gespenster
durch den dichten Nebel der auf Wäldern und Morästen lag Aber bald trat jenes
wogende Murmeln ein das nie ausbleibt wenn eine so große Masse an ein Werk
geht Man hörte die Ladestöcke fallen weil hie und da einer untersuchte ob
seine Patrone noch fest säße die Kavalleristen machten die Säbel in den
Scheiden locker Befehle der Offiziere liefen leise von Mund zu Mund Plötzlich
knatterte eine Lage Musketenfeuer tief aus dem Walde und noch eine und noch
eine dumpfe Kanonenschläge mischten sich bald darein die Infanteriekolonnen
auf der Chaussee erhielten Raum vorwärtszurücken das Regiment des Valerius
nahm seinen Platz auf der Heerstraße ein
    Dieser nächtliche Kampf machte einen wunderlichen Eindruck auf ihn Er
fühlte noch die warme Hand Konstantiens auf seiner Wange und jetzt strich die
kalte Nachtluft darüber welche ihm die Töne eines mörderischen Kampfes brachte
im nächsten Augenblicke konnte er selbst mitten im Getümmel sein Die Schlacht
selbst befängt viel weniger man ist beschäftigt Geist und Phantasie haben
nicht Raum und Zeit, sich des Gegenstandes zu bemächtigen aber die Nähe der
Schlacht erschüttert am tiefsten Man weiß nur dass unweit von uns gemordet
wird massenweise gemordet wird die Phantasie bemächtigt sich der Gegenstände
und ihre Möglichkeiten erschüttern den Stärksten Hier ward sie obenein durch
die Nacht unterstützt nur das Ohr benachrichtigte die Seele von den tödlichen
Dingen
    Das Feuern ward indessen immer lebhafter und schneller man musste einen
heftigen Widerstand vermuten da die Kavallerie noch immer keinen Befehl
erhielt vorzurücken Hie und da stieg aus der stillen Reitermasse ein Fluch auf
gegen die Feinde Plötzlich verbreitete sich eine große Helle über den Wald
Häuser von Wavre waren in Brand geraten Kriegsgeschrei scholl aus der Ferne
des Grafen Kicki Kommandostimme »Vorwärts« flog über die Lanzen hin und in
donnerndem Trabe flog das Regiment durch den Wald in das brennende Dorf hinein
Der Einzelnkampf würgte noch in den Häusern pulverschwarze Krieger fochten in
kleinen Haufen mit dem Bajonett gegeneinander wo man hinsah flogen die
glühendroten Strahlen aus den Feuergewehren Kugeln pfiffen von allen Seiten
mancher Reiter sank auf den Hals des Pferdes
    »Seht Herr der Schmied erobert sein altes Haus« rief Magyac der im Zuge
des Valerius ritt »dort rechts«
    Die schnelle Bewegung riss alles vorüber aber mit einem flüchtigen Blicke
glaubte Valerius doch den alten Florian an der roten Mütze zu erkennen wie er
auf der Schwelle eines brennenden Hauses stand und einen Russen hineinwarf in
die Flamme
    Die Hauptmacht der Feinde war aus dem Dorfe hinausgeworfen die hinter
demselben aufgefahrene Batterie wurde eben genommen und die Kavalleriechargen
warfen den Feind völlig in die Flucht immer tiefer in die Wälder hinein Der
Feind das Geismarsche Korps war zersprengt die Reste zogen sich auf das
Rosensche zurück das drei Meilen davon stand Den nächsten Tag des Nachmitags
wiederholte sich bei Dembe die Schlacht bei Wavre Hier wurden indessen die
Russen auf keine Weise überrascht sie wussten dass der Feind ihnen dicht an der
Ferse sei und versuchten mit größter Anstrengung das Vordringen desselben
aufzuhalten Sie waren in einer festen Position zahlreich und wie alle
russischen Truppen standhaft und hartnäckig Die angreifenden Polen stürmten zu
wiederholten Malen vergeblich der Tag begann sich bereits zu neigen und die
meisten Kombattanten mochten der Meinung sein er werde mit einem
unentschiedenen Treffen enden als Skrzynecki unter den vordersten Truppen
erschien Langsam und schweigend durchritt er ihre Reihen hie und da nur
erhielten seine Adjutanten Befehle die Massen enger und dichter
ineinanderzuschieben Regimenter heranzubeordern die weiter rückwärts geblieben
waren hie und da nur sprach er im Vorüberreiten zu den Soldaten »Kinder mit
Gottes Hilfe muss der Tag gewonnen werden« Auch die Artillerie war verstärkt
worden Skrzynecki erhob die Hand und wie ein Echo schallte der Ruf zum
Angriffe links und rechts es begann das Geschütz ein neues lebendiges Feuer
alle Massen setzten sich im Sturmschritt in Bewegung die Russen wurden
überwältigt die untergehende Sonne fand sie auf der Flucht immer tiefer nach
der russischen Grenze hin gen Iganie und Siedlce Dembe Wielkie war der zweite
Siegesort Skrzyneckis Er bewies da zum ersten Male die unerschütterliche
unbiegsame Hartnäckigkeit in dem einmal Begonnenen die sich später so oft
wieder an ihm herausstellt Langsam vorsichtig oft allzu bedenklich ging er an
die Unternehmungen aber das einmal Begonnene führte er mit der tödlichen Ruhe
eines Fanatikers zu Ende der sich dem einmal gefassten Entschlusse verfallen
glaubt Es ist dies vielleicht ein religiöses Element das bei Skrzynecki
überhaupt mehr hervortritt als das nationale Von der polnischen
Volkstümlichkeit bemerkt man außer der schwärmerischen Vaterlandsliebe fast nur
das elegische Wesen an ihm welches sich so leicht über ein unterdrücktes Land
verbreitet und sich zu einer schwärmerischen Religiosität ausdehnt
    Hier sah Valerius den neuen Generalissimus zum ersten Male deutlich Von
einigen Offizieren begleitet ritt er bei den letzten Strahlen der noch
kraftlosen Frühlingssonne in das Dorf ein Das Antlitz strahlte als ob ein
Gebet darauf ausgebreitet wäre und das matte aber große Auge richtete sich
einen Moment lang nach der Himmelsdecke Dann nahm der Held des Tages ein Glas
hervor betrachtete noch einmal in größerer Nähe die eroberte Stellung und gab
einige Befehle Er ritt wie es schien noch dasselbe hohe Pferd das ihn bei
Wavre getragen hatte nachlässig saß die große edle Figur darauf aber ein
Reitverständiger konnte schnell erkennen dass es nicht die Ungeschicklichkeit
Friedrichs II oder die Napoleons in der edlen Reitkunst war welche aus seiner
nachlässigen Stellung hervorguckte sondern vielmehr die erworbene Sicherheit
welche natürliche Anlage und eine stete Übung erzeugt Die langen Beine des
Reiters lagen fast wie eingewachsen am Sattel und der schön proportionierte
volle Oberkörper wiegte sich leicht und gerade in unbekümmerter Sicherheit Der
sanfte nachdenkliche Ausdruck seines Gesichts welchen die Siegesfreude nur
flüchtig verdrängt hatte das sinnende poetische Auge erinnerten eher an einen
Denker und nur zuweilen schärfte der Ernst seiner Züge die weichen Formen bis
zum befehlshaberischen kriegerischen Ansehen
    Die Order für die Kickischen Ulanen den tätigsten Anteil an der Verfolgung
des Feindes zu nehmen unterbrach die Betrachtung des Deutschen Er konnte nur
noch einen flüchtigen Blick auf den neben Skrzynecki reitenden Prondzinski
werfen und fort riss ihn die rasche Bewegung seines Regiments
    Jetzt begann nun das eigentliche Lager und Biwakleben des polnischen
Heeres der Feind wurde zwar immer wieder auf der Chaussee zurückgedrängt bei
und in Iganie selbst das Prondzinski mit dem Bajonett in der Hand nehmen ließ
in einem mörderischen Gefechte geschlagen und bis hinter Siedlce den Hauptort
seiner Magazine und Kranken zurückgeworfen Aber der vorsichtige bedenkliche
Skrzynecki wagte nicht weiterzudringen in Siedlce war ein Lazarett mit
Cholerakranken er betrat diese Stadt nicht und der blutige Sieg bei Iganie
wurde nicht weiter verfolgt Allmählich zog der Gegner Diebitsch seine Truppen
enger zusammen und rückte mit überlegenen Kräften wieder vor und so trat denn
die lange Periode des Krieges ein wo sich die Heere bald vorbald rückwärts auf
der Chaussee hin und her bewegten Zuweilen ließ es sich an als würden sie sich
in eine Schlacht verwickeln wie zum Beispiele in dem Treffen bei Minsk aber es
kam nicht dazu Diebitsch war wohl auch durch die Tage bei Praga und Grochow zu
der Überzeugung gelangt dass er nur mit erdrückender Überlegenheit auf einen
Erfolg rechnen dürfe und wartete deshalb ungeduldig auf die Garden welche von
Petersburg her eintreffen sollten
    So beobachteten sich die Heere neckten sich schützten sich durch
Positionen und der warme Frühling war indessen rings um sie eingekehrt das
Moos der öden Wälder die jetzt überall von Kriegern wimmelten glänzte mit
jungem Grün das unter der Schneedecke gediehen war die Nadeln der sonst so
eintönigen Kieferwälder schimmerten in junger Frische dunkle Fichten und Tannen
hoben das monotone Kolorit Wenn er mit den ewig munteren Reitern dahinzog beim
warmen Morgensonnenscheine welcher spielend hin und her prallte an den Waffen
da fühlte Valerius in seinem Herzen oft wieder die lang vermissten Regungen der
Jugend hinauszuschweifen über die Felder ohne Absicht und Plan singend und
träumend auf den schaukelnden Sonnenstrahlen Die stete Bewegung in der freien
Luft der lebhafte Wechsel des Krieges die tägliche Gefährdung und tägliche
Rettung des Lebens  alles das hatte ihn nicht zu seinen Gedanken zurückkommen
lassen er war ein Krieger geworden wie die andern von einer Stunde zur andern
lebend nichts vor Augen habend als den nächsten Zweck Nur wenn ein müßiger Tag
eintrat da nahten leise aus der Ferne die alten quälenden Fragen »Kannst du
nichts Besseres tun als Menschen erwürgen Willst du so fortleben ohne Zweck
und Absicht« Aber sie wurden nicht laut und traten nicht nahe genug Das Leben
um ihn her ließ keine Zeit dazu übrig und Konstantiens heiße Küsse beherrschten
die Träumereien
    Diese Art Krieg zu führen begünstigte aber mehr als jede andere das
eigentliche Biwakleben Es gab keine Schlachten die alle Kräfte in Anspruch
genommen hätten und doch war man fortwährend in solcher Spannung und
Aufmerksamkeit dass alle Fähigkeiten geweckt blieben In der nächsten Stunde
stand den Leuten Gefahr und Tod an der Seite was Wunder wenn sie alle
gesellige Rücksicht und Ängstlichkeit beiseite setzten solange sie
nebeneinander am Feuer lagen und ihre Lebensgeschichten oder dies und jenes
erzählten Hätte Valerius noch einen Zweifel gehabt über den Leichtsinn die
Liebenswürdigkeit das Unglück und alle die Fehler dieses Volkes die
Biwakszenen hätten ihn gelöst
    Es waren namentlich zwei Offiziere aus den älteren polnischen Provinzen mit
denen er am öftesten verkehrte für die er sich am meisten interessierte Der
älteste von ihnen war aus Litauen der jüngere aus Volhynien In der
Vaterlandsliebe und Tapferkeit glichen sie vollkommen all den Polen welche er
bis jetzt gesehen hatte aber auch diese beiden Eigenschaften hatten bei ihnen
eine neue Schattierung sie waren weicher weniger lebendig man könnte sagen
schwärmerischer Unmittelbar dem Feinde einverleibt haben diese alten Provinzen
die rauschende Frische verloren aber Liebe und Hass sind desto tiefer
eingewurzelt in ihren Herzen Die chevalereske Eitelkeit die oft in Warschau an
den Tag sprang war weniger an ihnen zu sehen sie schienen aber sorgfältiger
und aufmerksamer den Grundfehlern ihrer Nationalität nachgedacht zu haben sie
schlossen sich deshalb dem Fremden enger an und es schien dem Valerius
zuweilen als fänden sich in ihnen tiefere Quellen zu einem langen
beschwerlichen Kampfe Das größere Unglück mochte alle Innerlichkeit und Tiefe
mehr ausgebildet haben
    Diese beiden Offiziere Stanislaus und Valerius saßen eines Abends in einer
einsam gelegenen Hütte im Walde Eine Seitenwand des Gebäudes dass längst von
seinen eigentlichen Bewohnern verlassen war lag in Trümmern ein Feuer brannte
auf dem Lehmboden und der Rauch fand einen bequemen Ausweg durch die Bresche
Die vier Krieger waren lange schweigsam sahen ins Feuer oder nach einer andern
Gruppe die sich im Winkel der Hütte um eine Trommel postiert hatte und ein
Spiel arrangierte Ein Offizier setzte sich auf ein Tornister an die Trommel und
zog lachend einen Satz Würfel und eine Börse hervor und lud die übrigen ein
wacker zu setzen Er war zwar dicht in den Mantel gehüllt aber man durfte aus
dem Betragen seiner Umgebung schließen dass er ein hoher Offizier sei Die
Statur schien die Mittelgrösse zu haben das Gesicht war rot und trug den
Ausdruck lebendiger Behaglichkeit und die Spuren eines in Fröhlichkeit
genossenen Lebens
    »Wir haben eben nichts Besseres zu tun meine Herren« sagte er »lassen Sie
uns ein kleines Jeu entrieren wenn bei den Vorposten Schüsse fallen so finden
sie uns munter der Feind ist ganz nahe unser Generalissimus will aber nicht
dass wir angreifen bon wir wollen unsere Börsen angreifen  quen ditesvous
Monsieur le comte«
    Stanislaus dem die letzten Worte gegolten hatten lehnte seine Teilnahme
mit den Worten ab »Sie wissen Herr General ich habe kein Glück«
    »Desto besser« erwiderte dieser »aber ich weiß schon Sie gehören zur
Tugend unserer neuen Generation meinethalben jeder nach seinem Geschmack aber
rücken Sie ein klein wenig auf die Seite ich bitte damit wir von Feuer Licht
und Wärme profitieren«
    Sie begannen ihr Spiel das bald lebhaft und hitzig wurde die vier Krieger
am Feuer rückten näher zusammen und Valerius fragte leise seinen Freund nach
dem Namen des Generals
    »Kennen Sie Uminski nicht« antwortete der Litauer welcher die Frage gehört
hatte und ein mildes Lächeln spielte um seine Lippen »Er ist in Deutschland
sonst nicht unbekannt Als die Revolution ausbrach saß er auf einer preußischen
Festung ich glaube in Glogau Einer der eifrigsten Patrioten hatte er
fortwährend Verbindungen angeknüpft um einen Aufstand vorzubereiten sie wurden
entdeckt und da er aus dem Posenschen ist bemächtigte sich die preußische
Regierung seiner Person Von der Festung entsprang er und kam nach Warschau Als
er aus dem Wagen stieg hörte er die Kanonen der Schlacht von Praga warf sich
sogleich aufs Pferd und kam verhängten Zügels auf dem Schlachtfelde an übernahm
auf der Stelle ein Kommando und stürzte sich in den Feind Denken Sie sich ihn
dort und betrachten Sie ihn hier so haben Sie sein Bild Er ist einer der
besten Patrioten ein vortrefflicher Soldat und  ein Lebemann«
    Diese Worte wurden so leise gesprochen dass der Gegenstand derselben sie
nicht vernommen hätte auch wenn er weniger eifrig mit dem Spiele gewesen wäre
    »Kasimir« sagte hierauf Stanislaus sich zu dem Volhynier wendend »Sie
haben uns Ihre Lebensgeschichte versprochen«
    »Wenn Ihnen ein einfaches kurzes Leben in den volhynischen Wäldern genügt«
erwiderte der Angeredete »wohl wir haben nichts Besseres zu tun und am Ende
hat der unbedeutendste Mensch ein Interesse«
    Magyac hatte unterdessen in einem großen Topfe von Blech eine Art Glühwein
zustande gebracht Diesen goss er in die leergewordene Weinflasche da es an
Gläsern fehlte und nachdem diese einmal die Runde gemacht hatte und wieder
unweit des Feuers niedergesetzt war begann der Volhynier seine Erzählung indem
er sich fast ausschließlich dabei an Valerius wandte Vielleicht glaubte er bei
dem Fremden die meiste Teilnahme zu finden da diesem Lokalität und Verhältnisse
am wenigsten bekannt sein mussten Und er irrte sich darin nicht
 
                                      26
»Ich habe aus Ihren früheren Reden geschlossen« begann er »dass Sie sich unser
Vaterland nur als eine traurige Abwechselung von dürrer Kieferheide und
reizloser Fläche denken  Sie haben indessen nur einen kleinen Teil Polens
gesehen Wenn man aufwärts geht an der Weichsel dahin wo sie aus dem
Krakauischen herunterströmt da kommt man über saftig grüne Wiesen durch kühle
hohe Eichenwälder Und wenn man sich wieder halb nach Osten wendet da erheben
sich die sanften Hügel der Ukraine welche hinabführen in die ungeheuren
Grasebenen durch welche die flüchtigen Pferde in großen Herden jagen Diese
Grasebenen sind das Meer unseres Vaterlandes und aus ihrer schönen großartigen
Einsamkeit kommen unsere schönsten Lieder O ich ritt einst in der Nacht über
jenes grüne Meer mein Herz war traurig und lag zusammengepresst von scharfem Weh
in meiner Brust der Mond schien hell und klar und ich sah mit tränenlosem
ödem Auge in die unbegrenzte Fläche hinein Da hörte ich plötzlich eines jener
ukrainischen Lieder es klang wie eine Geisterklage durch die stille Nacht Von
der tiefen Einsamkeit sprach es und dass kein Baum in der Nähe sei mit dessen
Flüstern der Hirte schwatzen könne O wie schön war diese Einsamkeit hieß es
weiter als die Pferde noch frei waren und keine andern Sättel zu fürchten
hatten als die polnischen Da jagten sie fröhlich an meiner Hütte vorüber und
wieherten mir ihre Freude zu dass sie täglich größer und stärker würden und bald
einen polnischen Reiter tragen könnten
Und jetzt kommt der Tatar
Mit dem dicken Schädel
Wirft das stumpfe Auge
Wirft die starke Schlinge
Auf das freie Tier
Schlägt die plumpen Beine
Um den freien Leib
Ach du Meer von Polen
Grüne Ukraine
Du bist jetzt verlassen
Einsam einsam einsam
Seit der Tatar kommt 
Ach ihr freien Pferde
Und ihr freien Polen
    Ich hatte vorher nicht weinen können obwohl ich mein Liebstes verloren
hatte jetzt rannten mir die Tränen stromweis über das Gesicht ich wendete den
Kopf meines Pferdes wieder herum nach Volhynien zu von wo ich gekommen war um
mein Mädchen zu suchen Das Tier eilte rastlos nach der Heimat und als beim
Anbruch des Morgens eines jener schlanken Steppenrosse wiehernd und wild an mir
vorüberflog da sah ich schon von weitem die ewigen hohen Wälder in welchen
meine Heimat liegt
    Dort zwischen den alten Bäumen auf den feuchten mit hohem Gras bewachsenen
Wiesen war ich groß geworden hatte den Wolf gejagt und das muntere Pferd
getummelt Mein Vater war ein reicher Gutsbesitzer und ich war das einzige auf
der Welt an dem er noch Freude hatte seit er Steuern zahlen musste an den
russischen Herrn Er war immer ein alter strenger Mann solange ich mich seiner
erinnere der die Freiheit noch gesehen hatte und die Leute erzählten von ihm
dass er nicht mehr gelacht habe seit der russische Stattalter in Zitomierz
erschienen wäre Seine Untertanen behandelte er hart aber sie waren ihm damals
zugetan weil er für den bravsten Polen der Provinz galt Mir ließ er aus der
Schweiz einen Lehrer kommen der mich in allem unterrichten musste Kasimir
pflegte er zu sagen lerne fleißig dein Vaterland wird kluge Leute brauchen
wenn es die Fesseln der Arglist abschütteln will Er selbst lehrte mich unsere
vaterländische Geschichte und wie Hamilkar seinen Sohn zog er mich auf in
tödlichem Hasse gegen die Moskowiter
    Eines Tages hatte mich die Fährte des Wildes weiter als gewöhnlich in die
Wälder gelockt ich verirrte mich zwischen den Sümpfen des dunklen Buchenwaldes
und entkam mit Mühe und Not auf eine Lichtung festen Bodens Es war
wohlgepflegtes Ackerland und nach sorgfältigem Umherblicken entdeckte ich in
der Dämmerung das Häuschen dessen dem wahrscheinlich diese Besitzung gehören
musste
    Der Herr des Häuschens war nicht daheim seine Tochter empfing mich wies
mich zurecht und ich kam bei einbrechender Nacht mit gesundem Leibe nach
Hause Aber schon den andern Tag verirrte ich mich wieder nach jener Gegend
Ludmilla hatte mir den Weg so vortrefflich gezeigt dass ich keinen andern mehr
finden konnte als den zu ihres Vaters Häuschen Dieser Vater war ein
sogenannter Slachtcziz das heißt er gehörte zu dem niedrigen herabgekommenen
Adel der oft nichts weiter besitzt als ein Paar tüchtige Arme und ein Paar
muskulöse Schenkel um ein Pferd zu bändigen das noch keinen Reiter getragen
Ludmillas Vater hatte noch ein Paar Stück Ackerland gerettet die auf den
offenen Plätzen des Forstes in der Nähe seines Häuschens lagen Er sagte lange
Zeit nichts zu meinen Besuchen als er aber gewahrte dass meine Neigung zu
Ludmillen immer heftiger und leidenschaftlicher wurde da trat er mir eines
Tages in den Weg als ich eben wieder auf seine Wohnung zuritt und sprach Du
liebst mein Kind du bist jung und reich mein Mädchen sieht hier wenig solche
Bursche auch wenn ich sie einmal zur Kirche fahre sie wird deiner Neigung
schwerlich entgegen sein Wenn du sie heiraten willst so wird dir dein Vater
die Türe weisen willst du bloß deinen Scherz mit ihr treiben so trifft dich am
hellen Mittage die Kugel meiner Büchse  was willst du in meinem Hause
    Ich hatte Ludmillas Liebe gewonnen unter der hohen breitästigen Rüster
neben ihrem Hause hatte ich sie zum ersten Male den Tag vor dieser Anrede
geküsst die Sonnenstrahlen waren durch die dunkeln Blätter geschlüpft bis auf
unsere Häupter und wir hatten uns im stillen Walde miteinander verlobt ich
liebte dass mich das Herz schmerzte vor glücklicher Regung Deshalb antwortete
ich dem Vater dass ich seine Tochter heiraten würde mein Vater möge sagen was
er wolle
    Als wir zu seiner Wohnung kamen stürzte uns Ludmilla entgegen das schöne
braune Haar flatterte aufgelöst um ihre Schultern die roten Wangen waren
bleich die größte Bestürzung sprach aus allen Zügen und Bewegungen Wir
erfuhren dass der russische Steuerbeamte aus Berdiczow dagewesen sei und sich
aufs unanständigste und zudringlichste gegen sie betragen habe In der nächsten
Woche wolle er wiederkommen und wenn die rückständige Steuer nicht bezahlt
würde so könnts was Neues geben
    Ich teilte dem Alten an Barschaft mit was ich besaß tröstete das Mädchen
das sich ängstlich an mich schmiegte und ritt unter dem festen Vorsatz nach
Hause meinen Vater zu unterrichten und seine Einwilligung zu erbitten Er war
denselben Abend bei guter Laune der Ungarwein schmeckte ihm und er hörte mit
unverhehltem Vergnügen meine Schilderung Ludmillens und ihrer Liebenswürdigkeit
Gib sie mir zum Weibe sagte ich ermutigt durch seine Heiterkeit ich liebe sie
über alles
    Du bist nicht gescheit Kasimir sagte er laut lachend amüsier dich soviel
du willst aber mit dem Heiraten bleib mir vom Leibe
    Meine Erwiderung ward durch einen ankommenden Boten unterbrochen der uns
die erste Nachricht von den Unruhen brachte die in Warschau ausgebrochen waren
Ich musste sogleich zu Pferde steigen und die Nachricht den nächsten
Gutsbesitzern mitteilen sie auffordern alles bereit zu halten wenn Volhynien
vielleicht ebenfalls losbrechen könnte Darüber vergingen zwei Tage erst am
dritten konnt ich mein Mädchen wieder aufsuchen
    Es war gegen Abend als ich in die Nähe ihres Häuschens kam laut schallte
meine Stimme wieder im winterlichen Forste denn ich kündigte mich immer durch
ein altes Liebeslied an das sie vor allen gern hören mochte Aber sie erschien
nicht an der Tür wie sie zu tun pflegte Hastig und besorgt sprang ich vom
Pferde und warf den Zaum über einen Pflock unweit der Haustür Diese stand
offen die Tür des Zimmers ebenfalls alles war leer die ärmlichen Hausgeräte
lagen zerbrochen durcheinander mir ahnte das Entsetzliche In Todesangst rief
ich durchsuchte ich alle Winkel nirgends eine Antwort nirgends ein
Lebenszeichen Auch der kleine Pferdestall war leer trostlos stand ich vor dem
Hause und obwohl ich alle Hoffnung aufgegeben hatte schrie ich Ludmillens
Namen voll Verzweiflung in den Wald hinein Schauerlich klang er von den Bäumen
nach allen Seiten wieder der Abend war hereingebrochen ich bemerkte dass sich
mein Pferd losgerissen hatte aber ich weiß heut noch nicht wie diese Bemerkung
nur in mir entstehen konnte denn meine Augen und meine Seele waren nur von der
Leere erfüllt von der trostlosen Öde die mich umgab
    Ein Geräusch weckte mich es war ein junger etwas blödsinniger Bauer aus
dem nächsten Dorfe der eine große Zuneigung für Ludmillen hatte und in jeder
Woche einige Male abends nach beendigtem Tagewerke herüberkam um irgend eine
Botschaft für das Mädchen zu übernehmen oder die gröbsten Wirtschaftsarbeiten
für sie zu verrichten Er gab mir Auskunft
    Ich hab auf dich gewartet Herr sagte er als ich ihn stürmisch um
Nachrichten anging gestern schon und heute wieder  du kannst vielleicht
Ludmillen helfen wenns auch mir nichts hilft  vorgestern kam der Russe
wieder der neulich hier war und das Mädchen angefasst hatte Er hatte diesmal
einen Wagen mit und mehrere Soldaten Drin im Hause machte er einen großen
Spektakel am Ende schleppten sie Ludmillen heraus auf den Wagen und den Alten
auch Dem Alten waren aber Hände und Füße mit Stricken festgebunden und der
Russe hatte des Alten Büchse in der Hand  es waren fünf Männer Herr mit
Waffen ich konnt nichts tun als die Zähne zusammenbeissen und mich hinter die
Sträucher verstecken Sie waren noch nicht lange fort da hörte ich einen Schuss
 ich dachte Der ist dem Alten in die Brust gefahren nahm den Stein der immer
dort neben dem Pferdestalle lag und lief schnell auf dem Fusssteige über den
Sumpf  du weißt Herr der Fußweg ist noch einmal so kurz als der andere und
so kam ich dem Wagen zuvor und wartete hinter einem Erlenbusche Der Wagen kam
aber der Alte fehlte ich griff fest in meinen Stein der Russe wollte das
Mädchen um den Hals nehmen aber sie schlug ihn ins Gesicht und da warf ich
meinen Stein aber ich hab den Rechten nicht getroffen Herr bloß den
Kutscher Er fiel runter und ein anderer nahm den Lenkstrick und sie fuhren
weiter dass die Achsen krachten immer auf die Stadt zu Herr reite nach der
Stadt du bist reich hilf der Ludmilla von den schwarzen Kerlen
    Mit der höchsten Ungeduld hatte ich diese Erzählung angehört jetzt rannt
ich nach meinem Pferde Auf mein Pfeifen kam es herbei aber um meine Ungeduld
noch mehr zu foltern sprang es scheu umher und wollte sich nicht fangen lassen
Die kleinen Hindernisse vollenden was oft das größte Unglück nicht vermag sie
bringen die Verzweiflung zum Ausbruch Ich schrie weinte tobte bis ich den
Zügel des Pferdes in Händen hatte Dann ward ich still als ob das Tier mir
alles Verlorne wiederbringen könnte Durch die Nacht hin jagte ich nach der
Stadt Jeder Pole ist gegen den fremden Herrn verschworen er beachtet die
kleinste Bewegung gegen den Verhassten Überall erhielt ich Nachricht wohin das
schöne polnische Mädchen geschleppt worden sei Aber der Vorsprung des
Entführers war zu groß ich holte ihn nicht ein und am Ende unserer Wälder
verlor ich auch seine Spur So ritt ich aufs unsichere in die Steppe der Ukraine
hinein bis dahin hatte ich alle die kriegerischen Anstalten meiner Landsleute
die ich überall angetroffen hatte unbeachtet gelassen das Mädchen beschäftigte
meine ganze Seele Jetzt hörte ich in stiller Mondnacht den Pferdehirten mit
seiner einsamen patriotischen Klage er preist seine öde Verlassenheit wenn
die Steppe wenn die Pferde dem Vaterlande angehören Ich schämte mich tief
alles Unglück meines Landes trat vor meine Seele unaufhaltsam ritt ich nach der
Heimat und wo mein Pferd vorüberflog da rief ich den Polen zu sie sollten
sich bereitalten
    Es war ein finsterer Abend als ich zu Hause ankam und in den Hof hinein
ritt Aus dem Zimmer meines Vaters schallte bacchantischer Lärm mein Pferd
stand plötzlich still es wurde am Zügel gehalten Zu gutem Glück war es mein
Reitknecht der mit Lebensgefahr Tag um Tag auf meine Rückkehr gelauert hatte
Fort Herr rief er fort um aller Heiligen willen Das sind die Russen die da
oben saufen und singen das ganze Schloss liegt voll
    Er hatte sich ein gesattelt Pferd beiseit gebracht und wie ein Dieb floh
ich von meiner Väter Hause Von heißem Hass getrieben hatte mein Vater voreilig
seine Leute und die Umgegend bewaffnet war überfallen überwältigt und 
erschlagen worden Im Augenblicke war nichts zu tun unter mannigfachen
Fährlichkeiten kam ich bis Warschau«
    »Aber warum« sprach Stanislaus »haben Sie sich nicht der Expedition
Chrzanowskis angeschlossen die in diesen Tagen südlich hinauf nach Zamosc zu
abgegangen ist vielleicht eine Verbindung mit Dwernicki bewerkstelligt und
sicherlich eher als jedes andere Korps bis in Ihre Heimat dringt Sie können
dort am meisten wirken durch Ihre Bekanntschaft und zuerst Nachricht von Ihrer
Ludmilla erhalten«
    Die beiden übrigen Zuhörer vereinigten sich zu dieser natürlichen Frage
    Kasimir entgegnete dass er diese schwachen Expeditionen für äußerst
nachteilig hielte »Entweder« sagte er »sie erreichen unsere Provinzen gar
nicht oder sie bringen ihnen wenn sie bis hin gelangen nur Verderben
beschleunigen den Aufstand können ihn nicht genügend unterstützen und
vernichten so alle Aussicht auf ein Gelingen im ganzen und großen Ich mag zu
diesem heillosen Verfahren meine Hand nicht bieten  Ludmilla  ach geben Sie
mir doch noch einmal die Flasche her der Wind kommt kalt von der Seite  sie
hat mir lange das Herz schwer gemacht der Vorfall ist in der ganzen Provinz
bekannt ist sie noch in Wolhynien so retten sie meine Landsleute mit eben dem
Eifer womit ichs täte wäre ich da  s war ein schönes süßes Mädchen  was
hilfts  ich höre auch dass ein Unternehmen der ganzen Armee nach den östlichen
Provinzen im Werke ist«
    »Das gebe Gott« schaltete der Litauer ein »Und auf dieses« fuhr Kasimir
fort »warte ich Das entscheidet den Krieg Litauen Podolien Wolhynien die
Ukraine dieses Altpolen ist wichtiger als alles«
    Stanislaus konnte sich eines leichten Spottes über diesen Provinzialstolz
nicht enthalten aber Kasimir nahm ihn gutmütig auf und die schwermütige
Darstellung welche der Litauer von dem Insurgentenkampfe in seiner Heimat
entwarf nahm alle Teilnahme und Aufmerksamkeit in Anspruch
    Er wurde aber in der Schilderung seiner blonden blauäugigen Landsleute
stürmisch unterbrochen die Wachtposten riefen an man hörte einen Trupp Reiter
heransprengen die Spieler fuhren auseinander  es ward nach dem General Uminski
gefragt über die eingefallene Mauer der Hütte traten in weiten Reitmänteln die
hohen Gestalten Skrzyneckis und Prondzinskis ein Zwei Adjutanten folgten ihnen
und ersuchten alle in der Hütte Anwesenden General Uminski ausgenommen den Ort
zu verlassen
    Es geschah sogleich die Adjutanten zogen sich ebenfalls zurück und die
drei berühmten Offiziere blieben allein Prondzinski wandte sich sogleich mit
seiner gewöhnlichen Lebhaftigkeit an Uminski und setzte ihm den neuen
Feldzugsplan auseinander der entworfen wäre und für dessen Gelingen man seine
eifrigste Tätigkeit in Anspruch nehme Es handelte sich nämlich darum mit der
Hauptarmee schleunigst eine große Diversion nach Nordost hinab bis nach Litauen
hinein vorzunehmen auf diesem Wege die bereits heranziehenden Garden aufzuheben
und der litauischen Insurrektion Hilfe zu bringen Die schwierigste Aufgabe war
es nun Diebitsch mit der russischen Hauptarmee die ihnen jetzt gegenüberstand
zu täuschen und in dem Wahne zu erhalten er habe noch immer das polnische
Haupteer vor sich Zu diesem letzten Unternehmen sei er nämlich General
Uminski bestimmt
    Während dieser Auseinandersetzung stand Skrzynecki unbeweglich am Feuer und
sah nachdenklich in die Flamme hinein Als indessen Prondzinski eine
augenblickliche Pause machte wendete sich jener rasch zu den Sprechenden
bestätigte mit wenig Worten das Gesagte und fügte hinzu General Uminski solle
sogleich einen Angriff auf die nächsten feindlichen Posten machen damit der
Abzug der Hauptarmee verdeckt würde »Halten Sie Diebitsch fortwährend in Atem
wird er die Täuschung zu früh gewahr so steht alles auf dem Spiele drängt er
nach Warschau hin so weichen Sie nur Schritt für Schritt«
    »Nimmermehr ist er so töricht« fiel Prondzinski ein »seine
Kommunikationslinie aufzugeben er geht rückwärts über den Bug«
    »Nun wie Gott will General Uminski ich mache Sie auf die größte
Wichtigkeit Ihres Postens aufmerksam möge der Himmel Sie beschützen  jetzt zu
Pferde meine Herren«
    Sie verließen die Hütte die Hufschläge der Rosse verloren sich nach allen
Seiten es ward einen Augenblick still das Feuer des kleinen Raumes fiel in
Kohlen zusammen ein leichter Wind flog über die eingeschlossene Fläche und
jagte noch ein paar kleine Flämmchen auf Ein ununterrichteter Zuschauer hätte
nicht geahnt dass eben ein so wichtiger Moment in dem Befreiungskriege der
Nation eingetreten sei ein Moment dessen Folgen sich jahrelang über Europa
verbreiten sollten
    Von allen Seiten wurde bald darauf die Stille durch Flintenschüsse den Lärm
der Trommeln das Schmettern der Trompeten unterbrochen Uminski griff die
Russen an
 
                                      27
Die Hauptarmee war in schnellen Märschen vor Ostrolenka angekommen hatte dort
die Narew überschritten war auf der großen Straße die nach Litauen und
Petersburg führt gegen Lomza vorgedrungen und stieß hier auf die Garden Sie
verließen Hals über Kopf ihr Lager und die Polen nahmen es in Beschlag Der
Augenblick war da diese Elite des russischen Heeres zu vernichten Aus einem
Bauernhause sah man einen hohen polnischen Offizier stürzen er trug den Hut in
der Hand das aufgeregte Gesicht glänzte vor Freude und er rief hastig nach
einem Ulanen der zu Pferde in der Nähe hielt und ein schönes englisches Ross am
Zügel hatte das dem Offizier anzugehören schien Dieser setzte schon den Fuß in
den Bügel als das kleine Fenster des Hauses schnell aufgerissen wurde und ein
blasses von der Sonne leicht gebräuntes Antlitz zum Vorschein kam
    »Prondzinski Prondzinski« rief der herausblickende Mann ein schwarzer
Schatten von Besorgnis legte sich auf das Gesicht des reisefertigen Offiziers
zögernd gab er dem Ulanen den Zügel wieder und ging unsicher nach dem
Bauernhause
    Skrzynecki  dies war der Herausblickende  schlug das Fenster zu und als
sein Generalquartiermeister eintrat fand er ihn heftig im Zimmer auf und ab
gehend
    »Es ist ein unnützes Blutvergießen Prondzinski der Angriff auf die Garden
wir müssen erst Nachrichten über die russische Hauptarmee haben warten Sie noch
mit den Befehlen« 
    »Um Gottes willen General solch eine günstige Stunde kommt nicht wieder
die Garden sind verloren wenn wir sie angreifen sie sind gerettet sobald wir
ihnen Zeit lassen die Brücken und Dämme bei Tycoczin zu passieren sie
vereinigen sich dann gefahrlos mit Diebitsch sobald dieser über den Bug geht
ich beschwöre Sie General lassen Sie uns angreifen«
    Skrzynecki stand vor einem großen plumpen Tische aus Fichtenholz Karten
Pläne Journale waren darauf ausgebreitet und er sah scheinbar nachdenkend
oder wie man am Ende bei solchen Augenblicken gewöhnlich ist gedankenlos auf
die Papiere
    Er hatte die Arme übereinandergeschlagen und als Prondzinski immer heftiger
drängte machte er eine leichte abwehrende Bewegung mit der Hand und schritt im
Zimmer auf und ab Seine breitschulterige und doch schlanke hohe Gestalt schien
kaum Platz zu finden in der niedrigen Stube sein Gang hatte jenes Wiegende das
nachdenklichen Menschen oft eigen zu sein pflegt die Schwere des Körpers senkte
sich bei den langen Schritten sichtbar von einer Hüfte auf die andere und doch
war eine gewisse vornehme Leichtigkeit ein imponierendes Etwas nicht zu
verkennen der Oberkörper nahm wenig oder gar keinen Anteil an der Bewegung 
Prondzinski schien einen Augenblick selbst von der geheimnisvollen Würde dieser
Erscheinung betroffen zu sein und den eigenen klaren Ansichten vom Verhältnis
der Dinge zu misstrauen Wenigstens schwieg er
    Der Erfolg hat gelehrt dass in jener Bauernstube wirklich alles auf dem
Spiele stand Man hat Prondzinski oft den Vorwurf gemacht dass er bei seinem
erstaunlichen Reichtume an Kriegsplänen arm gewesen sei an dem Mute einer
konsequenten rücksichtslosen Ausführung Der Vorwurf ist wahrscheinlich nicht
ungerecht wenigstens darf man auf sein Betragen in der Schlacht bei Iganie
welches allerdings dieser Ansicht widerspricht kein zu großes Gewicht legen Es
ist wahr dass er selbst die Soldaten in diese überaus künstlich angelegte
Schlacht hineinführte obwohl nicht alle berechneten Hilfsmittel zur bestimmten
Stunde eintrafen es ist wahr dass er die größte Kaltblütigkeit mitten in dem
mörderischen Kampfe behielt und seinen Leuten während des Sturmschrittes unter
dem feindlichen Kugelregen die Vorteile des Bajonettkampfes auseinandersetzte
Aber es ist nicht der persönliche Mut der ihm mit jenem Tadel abgesprochen
werden soll es ist der moralische Mut eines kräftigen Befehlshabers welcher
große gewagte Unternehmungen auf seine Schultern nimmt durch den Gedanken an
die Verantwortlichkeit nicht erschreckt wird und nicht rück nicht seitwärts
sehend seinem einmal nach bester Überzeugung gefassten Entschlusse schnurstracks
folgt Nicht die Geschicklichkeit sondern die Kraft des Heerführers darf man
ihm absprechen Aus dieser Eigentümlichkeit erklärt sich auch sein späteres
Betragen als das Unglück seiner Nation die Höhe der Krisis erreicht hatte und
vielleicht niemand die strategische Fähigkeit in dem Masse besaß wie er  da
hatte er nicht die moralische Kraft das Oberkommando zu übernehmen Er besaß
die größten Kriegskenntnisse aber sie besaßen ihn nicht das heißt sie
vermochten es nicht über ihn ein zweifelloses Vertrauen gegen sie zu hegen sie
konnten ihm nicht die Kraft geben welche seinem Temperamente abging
Prondzinski ist ein deutliches Beispiel wieviel mehr ein beschränkter Kopf
vermag der sein geringes Wissen fest zusammengedrückt in der kräftigen Hand
hält als ein reiches Talent ohne energischen Charakter Eine gewisse
Einseitigkeit ist zu den größten Handlungen nötig es gibt nichts in der Welt
was nicht in mancher Rücksicht bedenklich erschiene und wer alle Rücksichten
bedenken will wird nie ein Schöpfer
    In dieser Situation war aber Prondzinski außer allem Zweifel Seine Stellung
überhob ihn der Verantwortlichkeit im großen seine Einsicht lehrte ihn das
Notwendige des unverzüglichen kräftigen Angriffs und verhieß ihm die
glänzendsten Früchte stellte ihm aufs deutlichste die schlimmen Folgen der
Unterlassung dar Es war also nicht zu verwundern dass er mit solchem Eifer in
den Oberfeldherrn drang ja dass er diesen bald bis zur Leidenschaftlichkeit
steigerte Ebenso lag es aber auch in seinem oft zweifelnden und mitten im Laufe
still haltenden Wesen dass ihn die imponierende Verweigerung des Angriffs von
s Skrzyneckis eine Weile befangen machen konnte Was der Oberfeldherr
einmal unternommen hatte das war stark und tüchtig von ihm durchgeführt worden
 gerade was uns fehlt macht den gebietendsten Eindruck auf uns sobald wir es
anderen entdecken diese stille nachhaltige Kraft wirkte einschüchternd auf
Prondzinski
    So kams dass er den Begegnungen des Generalissimus lange schweigend zusah
und zu erwarten schien es werde bald ein einziges Wort von dessen Lippen
kommen das alle seine Gründe mit einem Male niederschlagen könne Leute von
Prondzinskis Beschaffenheit die leicht und gewandt produzieren und wenig Kraft
besitzen sind am ersten der Meinung dass andere mit langsamen
Geistesoperationen Gedanken zum Vorschein bringen welche reifer und
vollkommener sind als die Kinder ihrer eigenen schnellen Geistesbewegungen
    Skrzynecki schwieg aber noch immer und ging im Gemache auf und ab Endlich
blieb er am Tische stehen und neigte sich über die Karten hin Es war aber nicht
schwer zu erkennen dass sein Auge nichts von dem sah worauf es gerichtet war
Seine Hand die besser von den Sympatien ihres Herrn unterrichtet sein musste
griff nach einem französischen Journale indem sie ein polnisches heftig
beiseite stieß 
    »Es ist ein frevelhaftes Geschwätz das diese Warschauer Journalisten sich
erlauben nichts ist ihnen heilig«
    Diese Worte sprach er mit halber Stimme und sie schienen ihm so zu
entgleiten dass er selbst kaum etwas davon wissen mochte denn er vertiefte sich
gleich darauf in das französische Journal und sein Gesicht heiterte sich
merklich auf bei der Lektüre Es war der Avenir von Lamennais welcher damals
mit vieler Salbung von dem religiösen Element des polnischen Oberfeldherrn zu
sprechen pflegte viele Nutzanwendungen daraus auf die nächste Gestaltung
Polens auf Sinn und Geist der Armee und auf die Kriegsführung überhaupt
herleitete und Skrzynecki selbst immer auf eine äußerst schmeichelhafte Weise
mit Lobeserhebungen bedachte
    Als Prondzinski diese Wendung der Dinge inne wurde da verschwand ihm
natürlich die Hoffnung auf ein alles erschöpfendes weises Wort Skrzyneckis das
er bisher erwartet hatte und er begann mit verdoppelter Lebhaftigkeit sein
Drängen Skrzynecki der nun einmal fest ins Verweigern hineingeraten war wies
ihn ab jener aber überwältigt von dem Gedanken eines leichten überaus
erfolgreichen Sieges von der Vorstellung gequält dass die entkommenden Garden
dem ganzen Feldzuge von ausserordentlichem Nachteile werden könnten warf sich
ihm endlich zu Füßen
    »Lassen Sie uns keine Komödie spielen« rief Skrzynecki entrüstet »die
Verantwortung ist mein ich werds vertreten Sie haben nichts zu tun General
als meinen Befehlen zu gehorchen«
    Erzürnt sprang dieser auf und sprach heftig »Nun wohl denn Vernichten Sie
durch dieses unzeitige Zögern die ganze Expedition setzen Sie unsere Armee aufs
Spiel wenn Diebitsch mit den Garden sich vereint und uns den Rückzug über die
Narew vertritt aber ich will nichts zu schaffen haben mit dieser Art des
Krieges ich verlange meinen Abschied «
    »Den haben Sie  Adieu«
    Prondzinski stürzte hinaus warf sich aufs Pferd und jagte davon Die Tränen
liefen ihm über das Gesicht
    Während dieser Zeit hatten die Truppen marschfertig gestanden und den Befehl
zum Angriff erwartet ein Trupp Offiziere hielt zu Pferde auf einer kleinen
Anhöhe und hatte das Bauernhaus im Auge wo der Feldherr wohnte Sie sahen
Prondzinski in voller Karriere sich nähern hielten dies für ein Zeichen dass
der Angriff schleunigst bewerkstelligt werden sollte und wollten sich eilig auf
ihre Posten begeben Er machte aber im Vorbeifliegen eine verneinende Bewegung
mit der Hand hielt plötzlich sein Pferd an und blickte mit dem schmerzlichsten
Ausdrucke nach der Gegend hin in welcher die Garden ihre Flucht
bewerkstelligten die ihnen nur durch einzelne polnische Truppenabteilungen
schwierig gemacht wurde Sein sonst blühendes Antlitz war verstört sein Auge
starr die Gesichtsmuskeln zuckten zuweilen wie vom Krampf ergriffen
    Stanislaus und Valerius befanden sich in der Offiziergruppe und jener
wendete sich fragend an Prondzinski
    »Ich habe keine offizielle Antwort mehr für Sie ich bin verabschiedet«
sprach er mit metalloser Stimme »der Generalissimus greift die Garden nicht
an«
    Darauf ritt er langsam nach dem polnischen Lager  Nur ein junger heftiger
Oberst stieß einen lauten Fluch aus die übrigen Offiziere sahen sich erstaunt
an schwiegen aber Das Vertrauen auf Skrzynecki war damals noch so groß dass
niemand an der Weisheit seiner Maßregeln zu zweifeln wagte
    Es war ein schimmernder Maimorgen die strahlende Sonne spiegelte sich in
den Wellen des Flusses der Tau blitzte auf der weiten Fläche bis auf die
Waldspitzen die hier und da ins Land hereinliefen die Vögel sangen nur aus
der Ferne hörte man Schüsse und Valerius vergaß des Kriegs und seiner Sorgen
Er hatte sich bereits an das wechselnde gedankenlose Leben gewöhnt ließ die
alten Fragen seines Geistes und Herzens nicht mehr aufkommen da er weniger als
je eine Lösung der Lebensrätsel in Bereitschaft hatte und sah mit offenem
Blicke in die frische Natur hinein
    Da kam eine glänzende Equipage von der Richtung hergefahren in welcher die
Garden entflohen Man hatte eine so große Menge Luxusartikel in ihrem Lager
vorgefunden dass man auch jenen schimmernden Wagen für eine Beute der
nachsetzenden Reiter ansah und sich nicht eben über seine Erscheinung
verwunderte Als er indessen näher kam fiel es doch auf dass eine Dame darin
saß in ihrem Begleiter erkannten Valerius und Stanislaus den Wolhynier Kasimir
und wie aus einem Munde riefen sie »Ludmilla« Der Wagen hielt einen Augenblick
und Kasimir erzählte den beiden teilnehmenden Bekannten wie er zu diesem Funde
gekommen sei Die eilige Flucht der Garden hatte die Straße verstopft so den
Wagen aufgehalten und ihn den nachsetzenden Polen in die Hände geliefert
Kasimir war dazugekommen  »Und der Russe« unterbrach ihn Stanislaus  »Die
Kanaille hat seine Beute im Stich gelassen und war schon aus dem Bereich meiner
Kugel Er ist übrigens nicht der eigentliche Räuber gewesen jene Steuerbestie
hat Ludmillen nicht mal für sich gestohlen sondern für den Anführer eines
russischen Korps das damals aus dem Süden heraufzog um sich mit den Garden zu
vereinigen so ist das Mädchen hierher gebracht worden«
    Valerius hörte wenig von diesen Worten er konnte seine Augen nicht abwenden
von dem Gesicht Ludmillens Es entging ihm nicht dass die Schönheit und das
Glück dieses Antlitzes zerbrochen sei das große Auge voll von schwerer
Leidensgeschichte wagte es nur selten schüchtern aufzublicken die langen
Wimpern deckten es schirmend zu und wenn sie sich hoben da stieg eine
brennende Röte in das bleiche schöne Gesicht Zorn und Scham Stolz und Hass
schienen ihm in dieser schnell erscheinenden schnell verschwindenden Röte
aufzuflackern Das Mädchen war noch zur Hälfte in ihrer früheren ländlichen
Tracht zur Hälfte mit modischen Kleidungsstücken behängt der Wagen flog davon
und es blieb ein wunderlicher Eindruck dieses Bildes in Valerius zurück Wie
quälen wir uns dachte er im engen kleinen bürgerlichen Leben um die
unscheinbarsten Konvenienzen machen Glück und Unglück davon abhängig und
gebärden uns entsetzlich wenn ein Mädchen allein spazieren geht Und ein
Windstoß der Geschichte wirft alle die kleinen Dinge kopfüber durcheinander und
man hat keine Zeit danach zu fragen  du armes blasses Mädchen
    Nachdenklich ritt er zu seinem Biwak zurück Magyac brachte ihm einen Brief
entgegen der von Warschau angekommen war Konstantie schrieb
    »Komm Geliebter sobald Du diese Zeilen siehst komm zu mir Ich vergehe
William kommt täglich ins Haus wird täglich lästiger Ein hiesiger Vornehmer
verfolgt mich mit Liebesanträgen und mein Onkel der alte Kuppler begünstigt
ihn und seine Anträge ich bin von Ennui umgeben und schmachte nach Dir Lass
mich nicht länger harren Du musst mein Wesen soweit kennen dass die
Leidenschaften in mir stets auf Tod und Leben fechten vernachlässigst Du meine
Liebe so kann sie plötzlich über Nacht ermordet sein Mein Herz erträgt diesen
halben schmachtenden unbefriedigten Zustand nicht Komm sogleich wenn Du mich
noch küssen willst Was kümmert Dich der Krieg dieses Volkes Für Deine Wünsche
fechten die Leute nicht wenn sie den russischen Herrn gestürzt haben dann
kommen die polnischen Herren dran was interessiert Dich das Du weißt am
besten wie kurz die Jugend die Kraft zu genießen dauert warum willst Du sie
unnötig selbst noch abkürzen Es soll mir das einzige untrügliche Zeichen
Deiner Liebe sein wenn Du kommst Folgst Du meinem Rufe nicht so haben wir uns
ineinander geirrt«
    Kaum hatte er diese Zeilen zu Ende gelesen so schmetterte die Trompete
sein Regiment sollte aufsitzen und den Feind verfolgen Was war zu tun Der
General Kicki  er war im Laufe des Krieges avanciert worden  sprengte eben
vorüber und rief mit freundlicher Stimme »Zu Pferd zu Pferd Sie deutscher
Freiheitsheld« Die Trompeten schmetterten aufs neue Es dünkte ihm unmöglich
es dünkte ihm ehrlos jetzt das Heer zu verlassen obwohl er den Ernst von
Konstantiens Leidenschaftlichkeit tief erkannte obwohl er dem natürlichen
richtigen Gefühl zu folgen glaubte wenn er nach Warschau ritte Aber die
künstlichen Gesellschaftsbegriffe waren zu tief in ihn hineingewachsen während
er sich schalt dass er die Konvenienz höher achte als das ursprüngliche Gefühl
eilte er zu seinem Regimente und instinktartig mit diesem über die Fläche fort
nach Litauen hin Das Herz blutete in seiner Brust aber er war dennoch ruhig
und ergeben als müsste es so sein
    Die gesellige Bildung ist selbst in skeptischen Gemütern bereits mächtiger
geworden als die natürliche Regung Der Gedanke dass der einzelne seine
gerechtesten Wünsche der allgemeinen Form unterordnen müsse damit die
Allgemeinheit ungestört fortbestehe dieser Gedanke wird ihnen nicht gerade in
dieser Gestalt klar und anschaulich aber er ist ihnen so tief eingebildet dass
er sie unumschränkt beherrscht
    Der günstige Moment die Garden zu vernichten war vorüber Die einzelnen
Angriffe fügten ihnen zwar vielfachen Schaden zu hinderten sie aber nicht den
Übergang über den Bug zu gewinnen und als nun Skrzynecki am folgenden Tage bei
den Brücken und Dämmen vor Tycoczin ankam waren sie bereits bei den andern
Ufern in Sicherheit und er musste nun seine eigene Passage erzwingen
    Hier betrat die Armee zum ersten Male litauischen Boden und diese Idee
weckte einen großen Jubel im Heere Es war dies der Höhepunkt der Polnischen
Waffen das angegriffene Volk war in ein angreifendes verwandelt die Straße
nach Petersburg lag offen vor ihm Es war ein warmer Morgen als das Heer eine
weite Heidefläche vor sich sah aus welcher eine hohe Säule wie eine Pyramide in
der ägyptischen Wüste ragte Sie führt den Namen Czarneckisäule weil sie diesem
alten Helden zu Ehren auf der Grenze von Litauen und Polen errichtet worden ist
Als der Generalstab bei ihr angekommen war fesselte ein vielfaches Halt die
ganze Armee Skrzynecki stieg vom Pferde und alle Reiter folgten seinem
Beispiele Er ließ sich auf die Knie nieder und alle die wilden Truppen die
man noch kurz vorher nur im blutigen Hasse einherschreitend gesehen hatte
beugten sich betend zur Erde Es war ein erschütternder Anblick
    Valerius dem das Gebet nur immer als Wirkung auf den Betenden selbst
wichtig erschienen war sah mit einem andächtigen Erbeben wie es durch die
Gegenseitigkeit durch den plötzlich laut werdenden allgemeinen Gedanken
erschütternd wirkte auf ein zahlreiches aus sovielen rohen Elementen
bestehendes Heer Er sah auf den harten sonnenbraunen zum Teil zerfetzten
Gesichtern über welche jetzt hie und da eine stille einsame Träne rollte er
sah auf diesen starren bärtigen Gesichtern überall den Ausdruck »Gott da droben
über dem blauen Himmel du weißt alles was wir gelitten haben hilf uns hilf
uns« Er fühlte in der eigenen Brust ein heißes Gebet aufsteigen »Du großer und
guter Gott hilf ihnen hilf allen Menschen wie toll und töricht wir uns auch
mitunter gebärden«
    Die weite Fläche mit einer unabsehbaren Kriegermasse bedeckt war still wie
ein nur leise murmelndes Meer die warme Sommersonne zersprengte die leichte
Wolkenschicht welche sich zwischen ihr und der Erde gelagert hatte der
Waffenglanz blitzte in tausend Funken auf Valerius ward an die sonnigen
Feiertagsmorgen seiner Jugend erinnert wo er im Pfarrhause seines Vaters am
Fenster stand und die geputzten Bauersleute in die Kirche wandeln sah Er hatte
immer geglaubt zum Sonntage und zum Gottesdienste müsse auch die Sonne
scheinen ihr lichter Strahl war ihm Bedürfnis gewesen zur klaren Sabbatstille
die er in seinem Heimatdörfchen immer so erquicklich genossen hatte Die jetzt
durchbrechende Sonne hob seine Andacht zur Begeisterung er glaubte ein
unmittelbares Zeichen des erhörten Gebetes darin zu erblicken Und nun brauste
plötzlich wie das Getümmel einer neuen Weltschöpfung ein altpolnischer
andächtiger Gesang aus soviel tausend Männerkehlen über die stille Heide Was
gleicht dem gewaltigen Eindrucke eines tausendstimmigen Männerchors Das
verstockteste Herz wird erschüttert das mutloseste gehoben In der menschlichen
Stimme liegt vielleicht das meiste von der göttlichen Unmittelbarkeit ihr
tausendfacher Ausdruck erzeugt darum die wunderbarste Wirkung Das polnische
Heer hätte in diesem Augenblicke eine Welt in Waffen angegriffen mit dem
zweifellosen Glauben an unendlichen Sieg
    Die feierliche Handlung war beendigt noch wogte die erhabene Stimmung durch
das schweigende Heer da flogen dicht hintereinander zwei Kuriere im vollen
Rosseslaufe durch die offenen Gassen der Truppen nach der Czarneckisäule hin
Sie brachten die Nachricht dass Diebitsch seinen Irrtum einsehend mit seiner
Armee schleunigst aufgebrochen und in ungeheuren Märschen über Granna und den
Bug gezogen sei In dem Augenblicke wo das Heer gebetet hatte war also seine
Hoffnung schon vernichtet gewesen Das Kriegsgeräusch verbreitete sich bald
wieder stürmisch durch die Massen der Rückzug nach Lomza und Ostrolenka hin
musste schleunigst angetreten werden wenn sich der Feind nicht zwischen das
polnische Heer und Warschau schieben sollte Unter Gielgud und Chlapowski wurde
ein Armeekorps nach Litauen hinein beordert um die dortige Insurrektion zu
unterstützen Jener Litauer welcher damals in der Waldhütte neben Valerius am
Feuer gesessen hatte ritt jetzt an dem Deutschen vorüber welcher eben im
Begriff war mit seiner Truppenabteilung abzuziehen
    »Sie schließen sich der Expedition in Ihre Heimat an« rief ihm dieser zu
»möge Sie das Glück begleiten«
    Der Litauer richtete einen seiner sanften schwermütigen Blicke zum Himmel
und reichte Valerius die Hand »Ich fürchte wenn Sie einst wieder im Schoße
Ihres Vaterlandes an das ferne Litauen denken da werden die sanften stillen
Bewohner dieses Landes erschossen hinter den Bäumen liegen welche jetzt noch
ihr einziger Schutz sind Ach ich habe keine Hoffnung auf Glück Gott gebe nur
dass ich mit den Waffen in der Hand fallen mag dass ich nicht den Barbaren in die
Hände gerate nicht die abermalige Ermordung meines Vaterlandes zu sehen habe«
    Valerius wollte ihm die traurigen Gedanken aus dem Sinne treiben der
Litauer schüttelte aber schmerzlich lächelnd sein Haupt drückte ihm fest die
Hand und schied
    Als die Garden den Rückzug der polnischen Armee inne wurden rückten sie
auch wieder vor beunruhigten jene und schickten sich an zur Vereinigung mit
Diebitsch der vom Süden herausrückte Die Vereinigung war nicht mehr zu
hindern Skrzynecki ging rastlos bis Ostrolenka und der größte Teil des Heeres
hatte dort bereits die Narew passiert Es war ein warmer Nachmittag eine Menge
Soldaten badeten im Fluße die Kavallerie fütterte die Infanterie kochte
alles war in sorgloser Ruhe da hörte man jenseits des Flusses plötzlich ein
heftiges Schießen Das vierte Regiment war noch drüben in der Stadt bald sah
man einzelne Trupps desselben rückwärts feuernd aus der Stadt kommen die
Brücke war bald erfüllt von ihnen immer lebhafter wurde das Gewehrfeuer in den
Straßen der Stadt man sah Batterien am jenseitigen Ufer auffahren die Kugeln
flogen auf die Brücke welche das tapfere Regiment Schritt für Schritt
verteidigend langsam passierte
    Es war kein Zweifel Diebitsch mit der großen Armee stand den Polen
gegenüber Wirklich war er in unerhörten Märschen herbeigeeilt Ein kleines
polnisches Korps unter Lubienski das sich ihm bei Nur entgegengestellt hatte
war natürlich nicht imstande gewesen ihn aufzuhalten Es gab nur ein Vorspiel
zu der jetzt beginnenden Schlacht von Ostrolenka Die Polen kämpften bei Nur mit
übermenschlicher Tapferkeit und erzwangen sich mit blutigen Opfern einen
Rückzug Das Treffen selbst war im Grunde ebensowenig nötig als das bei
Ostrolenka in welches sich Skrzynecki am Nachmittage des 26 Mai einließ
    Ein tosender Lärm brach unter den Polen aus die sich in der nachlässigsten
Situation überfallen sahen und sich nun rüsteten mit aller Schnelle und
Unerschrockenheit welche ihre Heere charakterisiert Skrzynecki flog auf seinem
hohen Pferde hin und her und befahl und ordnete mit fester starker Stimme Die
Kugeln vom andern Ufer schlugen links und rechts neben ihm ein aber sie störten
ihn nicht ein wunderliches Feuer brannte in seinen Augen die blassen Wangen
waren leicht gerötet und auf den Lippen lag der tapfere Trotz welcher zu sagen
schien Ich verlasse den Platz nicht oder ihr begrabt mich hier Valerius der
ihn in diesen Augenblicken sah erschrak vor dem Anblick Er wusste nicht war es
etwas Schwärmerisches war es etwas Dämonisches oder gar ein Heiliges das aus
dem erregten gespannten Antlitz schaute Die Puritanergestalten Balfour und
Cromwell mit den ehernen Fanatismuszügen kamen ihm in den Sinn nimmer hätte er
die sanften Züge Skrzyneckis dieses Ausdrucks fähig geglaubt
    Wirklich weiß man das ganze hartnäckige todesverachtende Benehmen des
Feldherrn an jenem Tage nur aus einer solchen überspannten Stimmung zu erklären
Er verteidigte die Narewbrücke mit einer solchen Berserkerwut als ob das
Schicksal des Landes vom Besitz derselben abgehangen hätte Im Rücken des
polnischen Heeres erhoben sich Sandhügel welche ihm die beste Position gewährt
hätten um den Übergang des Feindes wenn nicht zu hindern doch auf das
blutigste und nachteiligste für diesen zu stören Er sah aber nichts als die
Brücke und den Feind auf der Brücke Die unterlassene Schlacht gegen die Garden
schien wie ein Dämon in ihm zu wüten noch in keinem Zeitraume war die polnische
Armee so zahlreich so gewaltig gewesen als jetzt er wollte nicht nach Warschau
zurückkommen ohne geschlagen zu haben das Gewissen drängte ihn zu Taten die
bis jetzt verabsäumt worden waren
    Kuriere flogen nach den Truppen welche schon nach Warschau hin abmarschiert
waren die Bataillone schritten mit gefälltem Bajonett nach der Brücke auf
welcher sich die dichten schwarzen Massen der Russen herüberwälzten Ein Morden
und Schlachten ohnegleichen begann Die Kartätschen und Kanonenkugeln schlugen
mörderisch dazwischen in den Menschenknäuel Feind und Freund treffend Niemand
wich dem menschlichen Gegner was in dem Defilee vor der Brücke und auf der
Brücke selbst erschien das erlag nur dem Tode Hügel von Leichnamen versperrten
den Weg wo der Boden einen Augenblick leer wurde da sah man ihn gepflastert
mit Kugeln groß und klein Und immer neue Scharen drängten sich zu dem
Opferplatze schauerlich einsam ragten die Generale zu Pferde aus den dunklen
Massen Sie hatten die Säbel gezogen und halfen schlachten wie die gemeinen
Soldaten Vorn dicht an der Brücke erblickte man den General Kaminski den
Säbel hielt er hoch in der Hand und rückwärts sich wendend schrie er Befehl
auf Befehl Valerius sah in geringer Entfernung nur seinen geöffneten Mund das
brüllende Getose der Schlacht ließ die donnerndste Stimme eines einzelnen nicht
vernehmen Plötzlich sank er vom Pferde und verschwand in der dunkeln Masse Wie
ein Kriegsgott hoch zu Ross flog der schöne Kicki herbei und verschwand ebenfalls
wie ein schimmerndes Meteor rasende Kugeln hatten die ritterlichen Helden
daniedergerissen »Kicki ist gefallen Kicki ist gefallen« flog es in dem Toben
von Mund zu Munde Aber man hatte keine Zeit zur Trauer der Tod dieses Helden
erfüllte die Soldaten nur mit größerer Wut und die Wut sieht keine Gefahren
sie ist blind Wie rasend stürzten die nächsten Scharen auf den Feind das
Defilee vor der Brücke in welches die Russen vorgedrungen waren wurde wieder
genommen aber dicht wie Wolken quollen immer neue russische Massen aus der
Stadt heraus über die Toten hinwegschreitend Das alte Reiterregiment das
Kicki früher geführt hatte stand ohnmächtig in der Nähe des Schlachtfeldes der
enge Raum gestattete der Reiterei wenig oder gar keine Mitwirkung Valerius sah
und hörte wie die Ulanen in Tränen und Heulen ausbrachen um ihren vergötterten
Helden um das rings mähende Unglück und über die peinigende Qual gefesselt
stehen zu müssen ihren alten Führer nicht rächen zu können
    Eine Pause der Erschöpfung trat vor der Brücke ein die Russen warfen Tote
und Verwundete in den Fluss um Raum zu erhalten von der polnischen Seite
rasselte eine weitere Batterie an das Ufer herbei General Bem führte sie und
im Nu flog ein hagelndes Feuer gegen die Brücke Jeder Schuss traf bei der großen
Nähe und die Kartätschen wühlten sich in die Menge hinein viele Getroffene
wälzten sich unter dem Geländer in die Narew hinab
    Aber auch die russischen Batterien vom andern Ufer verdoppelten ihr
gefährliches Feuer  Skrzynecki der mit düsterem Gesicht vorn im dichtesten
Kugelregen gehalten hatte stieg vom Pferde stellte sich an die Spitze einer
Kolonne und marschierte mit ihr im Sturmschritt hinein in den Feind Die
Flintenkugeln zischten wie tausend Schlangen um ihn schlugen in seine Mütze
zerrissen ihm die Uniform vorwärts immer vorwärts ging es Er nahm die
durchlöcherte Mütze vom Kopfe und wies seinen Grenadieren den Punkt wo sie
angreifen sollten ein leichter Wind hob seine dünnen dunklen Haare in die Höhe
deren Spitzen schon ergraut waren unter den Kriegssorgen Er glich einem
rüstigen Vater der in der Verzweiflung seines Herzens die letzte Anstrengung
macht seine bedrohten Kinder zu retten 
    Die Sonne ging glühend rot unter wenige Minuten lang glänzten zitternd ihre
Strahlen über den blutgetränkten Fluss und eine schnell hereinbrechende
Dämmerung hüllte die Gegenstände ins Ungewisse Die Anstrengungen der Russen
ließ nach das Schlachten hatte ein Ende Die Nacht brach herein und man
hörte anfänglich das Abziehen des polnischen Heeres das sich die traurige Ehre
nicht hatte nehmen lassen das Schlachtfeld zu behaupten Als es immer stiller
wurde vernahm man nur das Gestöhn und Wimmern der Todeswunden Oft drang eine
herzzerschneidende Stimme aus der Tiefe eines hohen Menschenhaufens Die Sterne
schienen klar die Luft war mild als sei nichts vorgefallen
 
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Valerius lag in Warschau in seiner Wohnung danieder In den letzten Stadien der
Schlacht hatte ihm eine Kugel den Arm zerschmettert Stanislaus Sorgfalt hatte
so viel bewirkt dass er nicht in ein Hospital gebracht sondern in seiner alten
Wohnung aufgenommen wurde
    Es waren Wochen vergangen die Wunde heilte langsam und schmerzhaft Von
Stanislaus hatte er erfahren dass Konstantie auf des Onkels Landgut wohne zwei
Meilen von der Stadt sie befinde sich sehr wohl Das Landgut sei belebt durch
zahlreiche Besuche manche sollten der schönen Witwe auf das dringendste den Hof
machen
    Valerius bat seinen Freund Konstantien zu grüßen  »Ich werde es
schwerlich ausrichten können Wertester« erwiderte Stanislaus »in einer
Viertelstunde muss ich Warschau verlassen in Dienstgeschäften eh ich
wiederkehre denk ich sind Sie gesund«
    Schreiben konnt er nicht dazu fehlte der Arm fremde Leute gewährten ihm
die nötigen Handreichungen er wusste kein Mittel Konstantien Nachricht zu
geben da der direkte Weg eines plumpen Boten durch die Form versperrt war Der
alte Graf schickte ihm Bücher seine Krankenspeisen und dergleichen  aber er
glaubte versichert sein zu können dass dieser alte Fuchs seiner Nichte kein
Wort erzähle das den jungen Deutschen beträfe
    So musste er in der Einsamkeit harren und das Schicksal seinen Gang gehen
lassen Wir mögen noch soviel über die Worte Schicksal Fügung Zufall reden
immer sind wir innerlichst der Meinung dass sie durch unser Zutun wenn nicht
geändert so doch gelenkt werden und unser Missbehagen erreicht den höchsten
Grad wenn wir uns von aller Tätigkeit und Einwirkung ausgeschlossen sehen Dann
glauben wir uns dem Ärgsten preisgegeben
    So Valerius Alles schwarzen Gedanken seiner letzten Entwicklungsjahre
sammelten sich um sein Krankenlager und als er zum ersten Male wieder ausgehen
konnte brachte er eine ganze Welt von quälenden Gedanken mit sich an die warme
Sommerluft Und die Gedanken flogen nicht mehr in Gestalt von Zweifeln um seine
Seele es waren feste unumstössliche Vorstellungen »Du bist eins der
unglücklichsten Wesen auf der Welt« sagte er sich »in die Reform des
Menschengeschlechts hast du dich hineingestürzt mit einem Herzen das jeden
Augenblick selbst des Trostes der Unterstützung bedarf das an Liebhabereien
Gewohnheiten hängt wie das Kind an der Amme das bei jedem neuen Schritte
tausend Fragen der Rücksicht und Bedenklichkeiten aufwirft Unglücklicher Tor
wozu taugst du auf dieser Welt Im beschränkten hergebrachten Kreise fortzuleben
genügt dir nicht um das Kleine Unscheinbare kennen zu lernen und dich am Ende
daran zu erfreuen fehlt es dir an Geduld und Ausdauer und für das Große an Mut
und Kraft Deine Hoffnungen gingen zugrunde da du dieses Volk anders fandest
als du daheim hinter dem Ofen geträumt mit einem einseitigen Maßstabe der
Bildung kamst du her und entsetztest dich als er nicht passte für neue
Verhältnisse Sie haben recht die Verfolger dieser neuerungslustigen Jugend
wenn sie uns Oberflächlichkeit vorwerfen wenn sie sagen Es sind junge unreife
Leute voll Drang nach neuen Dingen weil sie zu ungeschickt zu träg zu stolz
sind sich mit allen Kräften der alten zu bemeistern Es ist ihnen zu
langweilig die bisherigen Zustände bis in ihr tiefes historisches Leben zu
ergründen die beliebten historischen Rezits einige blendende wissenschaftliche
Redensarten die sie sich angeeignet geben ihnen die Überzeugung tiefer
geschichtlicher Einsicht Die eigene innere Unlust Dinge gründlich erschöpfend
zu studieren stachelt sie alles was da ist abgelebt veraltet unvollkommen
zu nennen Einige Unvollkommenheiten Vernachlässigungen Mängel die bei keinem
irdischen Institute ausbleiben dienen ihnen als Vorwand alles für schlecht
jede Veränderung für notwendig zu erklären In dem hohlen Revolutionslärm
übertäuben sie das eigene Gewissen das ihnen zuflüstert wie sie die Zukunft im
Grunde dem Zufall überlieferten die Zivilisation auf eine unsichere Karte
setzten wie sie nicht die Fähigkeit besässen eine neue Gesellschaft zu
erfinden eine Gesellschaft mit den tausend kleinen Rädern und Walzen deren
Kenntnis das erschöpfendste gründlichste sorgfältigste Studium nötig macht
Solche Leute trösten sie sich werden sich finden das gehört für die
Maschinenmenschen wir erfinden wir ändern im großen das Genie kümmert sich
nicht um Hilfswissenschaften Und diese Klasse der Revolutionärs ist noch die
beste sie sucht nur dem eigenen Geständnisse der Unzulänglichkeit zu
entfliehen sie will sich selbst darüber täuschen dass sie den schwierigen
mühseligen Weg der Kultur überspringt sie hat noch Stunden des Zweifels der
Unsicherheit und sie wird noch von der anderen schlimmeren Hälfte
vorgeschoben die nichts will als rauben und stehlen im großen und kleinen
Diese letztere lebt in unbehaglichen Zuständen sie ist zu träge oder zu
ungeschickt sie in bessere umzugestalten  jede allgemeine Änderung ist ihr
willkommen Je gewaltsamer je größer desto besser Da öffnen sich Chancen die
außer dem Laufe des Herkömmlichen liegen da gibt es allerlei Beute die nicht
mühsam lange vorbereitet zu werden braucht Diese Stegreifritter des Wissens
des Herzens und schneller Hände diese bilden die sogenannte revolutionäre
Jugend«
    Wenn die Leute dennoch recht hätten Er stand an einer Straßenecke still
»Es ist freilich ein Räsonnement des Theaters« sprach er weiter »ebenso
oberflächlich wie das was sie oberflächlich nennen ebenso einseitig eine
schnelle Antwort für den schnellen Frager der die Bühne verlassen muss weil man
zur Verwandlung geklingelt hat Aber wie sieht es aus in mir Muss nicht ein
jedes Individuum seine ganze Partei vertreten muss es nicht all seine
Verhältnisse Stimmungen und Wünsche fortwährend den Forderungen der Welt der
Bildung gegenüberstellen um zu prüfen ob die neue Generation auf richtigem
Wege sei Ist es bloß persönliches Ungeschick dass nichts in mir und um mich
passen will bin ich ein falscher Ausdruck unserer Jugend Gehetzt lauf ich
durch die Tage hin alles entwickelt sich mir zu langsam überall finde ich
Hindernisse nur der Rausch wie meine Liebe für Konstantien zu sein scheint
hält mich eine Zeitlang aufrecht einsames Krankenlager wirft mich wieder in das
Chaos zurück  kann das der rechte Weg sein«
    »Vorgesehen« riefen plötzlich zwei Stimmen neben ihm Eine Tragbahre
streifte an dem Träumer hin sein Auge fiel auf einen Kranken der ausgestreckt
auf derselben lag Entsetzt wendete er den Blick hinweg Es war ein
aufgeschwollenes todblasses Frauengesicht dessen vortretende Augen ihn mit
einem gespenstischen Todesblicke anstarrten
    Jetzt fiel ihm ein dass seine Krankenpfleger erzählt hatten seit der
Schlacht bei Iganie sei die Cholera unter den Polen zum Vorschein gekommen das
Pahlensche Korps habe sie aus Bessarabien mitgebracht und jetzt wüte sie in
Warschau Die Träger hatten jenes kranke Weib niedergesetzt und reichten
einander die Schnapsflasche um sich für den weiteren Weg zu stärken dabei
lachten sie und auf die Kranke deutend meinte der eine »Sie geht aufs letzte
Stadium los wie der Doktor zu sagen pflegt frisch Kamerad dass wir sie noch
lebendig ins Hospital bringen«
    Valerius schauderte aber er konnte sich nicht enthalten noch einen Blick
auf das Weib zu werfen Mit Entsetzen glaubte er zu bemerken wie sich die
schwarzen Todesschatten der Pest immer dichter um Augen und Schläfe legten mit
Entsetzen erkannte er in den verzerrten Zügen das Antlitz Ludmillas
    Auch sie schien sich eines Bekannten in ihm zu erinnern  bekanntlich
bleiben die von dieser Pest Befallenen ihrer vollen Verstandeskräfte mächtig
Vielleicht wusste sie auch weiter nichts als dass sie das Gesicht des jungen
Mannes schon einmal gesehen hatte und in dieser Todesverlassenheit in den
Händen stockfremder roher Gesellen mochte ihr das schon Aufmunterung sein
irgend eine Hilfe anzusprechen Kurz sie arbeitete sichtbar mit den Händen
unter der wollenen Decke und streckte endlich einen kreideweissen Arm heraus nach
Valerius hin Der hintere Träger welcher mit seinem Gefährten eben die Last
wieder aufheben wollte sprang fluchend herbei und drückte den Arm wieder
zurück Valerius aber vom krampfhaften Mitleide durchdrungen versprach den
stier auf ihn blickenden Augen er werde mitgehen
    Je näher sie dem Hospital kamen um so größer wurde die Anzahl der
Tragbahren welche herbeigeschaft wurden Aus allen Gässchen kamen welche und
im Hofe des Krankenhauses stockte der Zug weil die Vorderen nicht so schnell
ihrer Last entledigt werden konnten als die Hinteren nachdrängten Da stand
denn der ohnedies schon geistes und körperkranke Deutsche entsetzt von dem
schrecklichen Anblicke der Verpesteten welche sich zum Teil in der Todesangst
aus den Bahren herauszuarbeiten trachteten betäubt von dem wüsten Lärm der
Träger die sich schreiend zutranken rohe Scherze zuriefen ihre unruhigen
Schützlinge unter die Decken drückten und das Ganze mit nicht mehr und nicht
weniger Teilnahme behandelten als trügen sie Kulissen und Garderobe für ein
Schauspiel zusammen Zu einer Seitentür des Gebäudes sah er einen Leichnam nach
dem andern heraustragen und kopfüber in eine ungeheure Grube stürzen  wenn ein
unglücklicher Kranker sich einen Augenblick aufrichten konnte so sah er was
seiner wahrscheinlich in wenig Stunden harrte Man machte für ihn Platz und
bald gab er denen Raum die nach ihm kamen Der Anblick eines Schlachtfeldes
dünkte Valerius Erholung neben dieser Szene Man könnte sagen dort sieht der
Tod und das Leiden gesund aus und in dem Schmerzensgeschrei der Verwundeten
bekundet sich noch eine Lebenskraft Hier sah man nichts als faulen Tod die
betroffenen Opfer schwiegen größtenteils nur aus den verzerrten zu Schmerz
versteinerten Gesichtern sprach die unendliche Qual Und wenn man ein Wimmern
hörte so klang es so übermenschlich schmerzhaft so unnatürlich jammervoll als
käme es aus einer fremden in lauter Elend wogenden Welt aus einer qualvollen
Hölle
    Valerius schauderte im Innersten So entsetzlich war ihm das Menschenleben
noch nie erschienen und gefoltert von den Fragen der Gesellschaft umgeben von
dem Elende des Körpers war er wohl zu entschuldigen wenn er einen Augenblick
dem Gedanken Raum gab wozu das ganze Dasein dieser Art So sehr ihm sonst die
Verzweiflungshelden zuwider waren die überall Zorn und Klagen gegen die
Weltordnung ausstoßen in diesen Augenblicken wusste er keinen Tadel gegen sie
    Beim Drängen am Eingange wurde eine Bahre umgestürzt der Kranke fiel auf
das Pflaster mit dem Gesicht nach unten Ohne nachzusehen was ihm begegnet sein
könne warfen ihn die Träger wieder auf sein Lager und fort ging es die Treppe
hinauf Der Begriff eines Menschen hört in solchen Zeiten auf es gibt nur
Gegenstände deren man sich so schnell und so gut entledigt als es eben gehen
will
    Er kam endlich mit seiner armen Leidenden in den großen Saal des
Krankenhauses Es war kein Platz und er musste sich durch Geld die
Aufmerksamkeit und Teilnahme eines Wärters erkaufen um Ludmillen
unterzubringen
    »Ich glaube der Alte wird fertig sein« sagte dieser murmelnd vor sich hin
und schritt nach einem Winkel des weiten Gemachs Valerius sah wie er einen
greisen Kopf in die Höhe richtete die verworrenen grauen Haare hingen struppig
bis über die weit offenen gläsern herausstarrenden Augen Das magere knochige
Gesicht war mit einer bräunlichen grauenhaften Pestfarbe überzogen der Schaum
lag in einzelnen Tropfen auf den zusammengekniffenen blauschwarzen Lippen
    »Ja« sagte der Wärter indem er sein Ohr einen Augenblick an die Nase des
entstellten Kopfes geneigt hatte »der ist reif  Heda ihr faulen Schlingel
ihr werdet die Pest nicht versaufen mit eurem Branntwein gebt einmal die
Flasche her na der alte Krukowiecki und die Cholera sollen leben macht hier
Platz mit dem Alten s hat ihn lang genug gewürgt andere ehrliche Leute wollen
auch dran sputet euch bis ihr nunter kommt ist er kalt«
    Diese Anrede galt ein Paar rotbackigen Burschen welche das Geschäft der
Totengräber versahen Sie warfen den Alten auf ein paar zusammengenagelte
Bretter und traten die letzte Reise mit ihm an Ludmilla kam an seine Stelle
Ängstlich blickte Valerius über den weiten Saal sein Auge suchte einen Arzt
Bett an Bett stand auf beiden Seiten hier und da hob sich ein dem Tode
verfallener Schmerzenskopf 
    »Ich will Ihnen den kleinen deutschen Doktor bringen« sagte der Wärter
»der verstehts am besten wenigstens dauerts immer nicht lange entweder s
hilft so oder s hilft so aber wirken tuts immer Man weiß doch immer bald
wie man dran ist  da kommt er just den Gang herauf sehen Sie nur wie er hopst
munter ist er immer als wenn er n Franzose wäre«
    Valerius eilte ihm entgegen Zu seinem größten Erstaunen erkannte er
Leopold Dieser umarmte ihn stürmisch und hatte so viel tausend Fragen und war
so heiter und glücklich als wenn er seinen alten Freund auf einem Balle
wiedergefunden hätte Soviel man sehen konnte ganz der alte Leopold wie er auf
Grünschloss gewesen war
    Sein ernsterer Landsmann führte ihn aber ohne Verweilen an Ludmillens Lager
und sprach »Hilf wenn du kannst«
    Leopold griff nach dem Pulse und entblößte dabei wieder den Arm der Kranken
 »Schöne Formen schöne Formen« sagte er lächelnd zu Valerius Die Kranke
richtete die starren Augen auf den Arzt als er die Hand auf ihre heiße
trockene Stirn legte man glaubte Schwerter darin zu sehen die um das Leben
fechten wollten  »Hilfe« dies einzige erste Wort rang sich von den blassen
Lippen
    Valerius fühlte sich aufs schmerzlichste gepeinigt
    Der junge Arzt öffnete der Leidenden eine Ader und wendete alle die
unsicheren Mittel an welche damals gegen diese unergründete Pest gebräuchlich
waren dabei verfuhr er mit so großer Zuversicht und Sicherheit das gespannte
krampfhafte Wesen der Krankheit schien wirklich in etwas nachzulassen so dass
Valerius einige Beruhigung schöpfte Er fragte Ludmillen ob er noch irgend
etwas für sie tun könne ob er Kasimir suchen solle  sie schüttelte heftig den
Kopf und machte eine sanfte Bewegung mit der Hand als wolle sie ihn nicht
länger zurückhalten Er versprach mit dem Arzte bald wiederzukommen und
verließ am Arme Leopolds den Saal Nachdem er ihm über seine bisherigen
Schicksale den verwundeten Arm und die schöne Kranke den nötigen Aufschluss
gegeben hatte überschüttete ihn dieser mit Erzählung der eigenen Schicksale
Denn nur die Neugier war einen Augenblick größer gewesen als seine
Geschwätzigkeit Valerius unterbrach ihn jedoch noch einmal mit der dringenden
und ernsten Frage ob er sich auf die gegen Ludmillens Krankheit getroffenen
Maßregeln verlassen könne ob Leopold sichere Einsicht in diese
Krankheitsverhältnisse besitze ob man nicht vielleicht noch einen älteren Arzt
zu Rate ziehen möchte Aber der Kleine unterbrach ihn lächelnd Es war noch
jenes alte artige Gelächter worin so viel Kindlichkeit gutmütiges Wesen und
Bonhomie lag dass es niemand übelnehmen konnte
    »Du bist noch derselbe gewissenhafte Kauz« sprach er unter diesem Lachen
»der die Medizin in Ordnung und Notwendigkeit eingesperrt wissen will wie die
Logik Die Welt mag ein Exempel sein aber wir haben keinen Rechnenknecht dazu
und könnens nicht lösen drum ist es wohl besser sie für eine große Poesie zu
halten deren Prinzipien uns unbekannt sind und die wir ohne Prüfung genießen
sollen so gut wir eben können Sieh das ist am Ende in wenig Worten die
Ausbeute meines Lebens seit ich dich nicht gesehen habe Oder richtiger ich
bilde mirs diesen Augenblick ein solch eine Ausbeute gewonnen zu haben denn
ich muss dir ehrlich gestehen ich hab eigentlich nichts gelernt in der
sogenannten Lebensphilosophie was man so lernen nennt Das heißt ich bin noch
immer zu keinen Prinzipien gekommen und als ich neulich William begegnete da
sagte er nach der ersten Viertelstunde ich wäre noch immer der alte
Taugenichts der zwecklos und somit tugendlos in die Welt hineinlebte Gott
weiß ob er recht hat aber ich kann nicht anders wenn ich nicht alle Freude
aufgeben soll und das wäre am Ende doch auch sündlich da die ganze Welt voll
Freude ist und es sie missbrauchen hieße wollte man ihre Hauptsache von der
Hand weisen Du bist immer gut gegen mich gewesen du wirst mich deshalb nicht
so hart angehen und deinen Belehrungen will ich immer Folge leisten o ich
freue mich über alles dich alten lieben Valerius wiedergefunden zu haben es
war mir oft ängstlich so ohne meinen guten Schulmeister leben zu müssen Du
weißt zwar dass ich leicht und bequem mit den Menschen verkehre dass ich mir
alle Tage einen guten Freund erwerben kann aber es ist doch keiner wie du
nein wirklich wenn du auch lachst keiner wie du Dein Ernst ist sanft und
wenn du lachst dann weiß ich gewiss es ist alles in Ordnung und ich darf
tüchtig mitlachen ich fühle mich so sicher in deiner Nähe Und wenn die Leute
sagen ich sei leichtsinnig du aber weißt was ich treibe und nicht eben
darüber schiltst dann kümmert mich das Gerede der Leute nicht Nun höre was
ich getrieben habe Aber lass uns hier bei Lessel eintreten du musst etwas
genießen damit dir der Choleraschreck nicht schadet  ja apropos ich bin
davon abgekommen dir von der Cholera und unserer Heilung derselben zu sprechen
Du weißt ich bin in allen Dingen für die Poesie dieser Dinge und weniger für
ihre strenge ausgerechnete Wissenschaft Du glaubst nicht wieviel bloße Poesie
in unserer Heilkunst steckt Darum lieb ich sie Wie jeder Mensch seine
individuelle Dichtung in sich trägt so jeder Arzt seine eigene Medizin Der
menschliche Leib ist uns der Kosmos das verkleinerte All ihm gelten unsere
Sonette und Kanzonen das sind die künstlichen aus Tausenderlei
zusammengesetzten Rezepte in welchen unsere Gelehrsamkeit brilliert die
vielfältigen meist unschuldigen Stoffe paralysieren sich gegenseitig das
Resultat des Sonettenrezepts ist bloß unser Ruhm Ihm gelten ferner unsere Epen
und Romane sie sind das Fundament des ärztlichen Lebens sie bringen die
stehende Beschäftigung das stehende Einkommen das sind die sogenannten großen
und langen Kuren Die Krankheit nämlich ist unser Dichtungsmotiv das bilden wir
aus nach allen Seiten wir betrachten wir dehnen es rechts wir dehnen es
links und je mehr Jahre darüber hingehen desto reifer wird das Kunstprodukt 
ein schlechter Arzt der nicht einige Scottsche Romane unter seinen Kuren
aufzuweisen hat Er bereitet sich den Roman in der Vorrede aus unscheinbaren
Materialien das heißt er begegnet dem Patienten in spe auf einem Spaziergange
und unterhält sich mit ihm über Krankheitsmöglichkeiten später beruht seine
Kunst darin die Parteien des Stoffs in feindliche Berührung miteinander zu
bringen das gibt die Spannung und nun kommen die epischen Rezepte Epische
Rezepte stammen gewöhnlich aus den Kolonien aus den Äquatorgegenden wo die
Sonne brünstig auf der Erde ruht und die fabelhaften Gewächse gedeihen die den
besten nordischen Magen in zehn Minuten außer Vernunft setzen können Zwei drei
solche Rezepte in denen etwa der spanische Pfeffer die Rolle der pikanten Figur
des Romans spielt zwei drei solche Rezepte Freundchen bringen den Roman auf
die Höhe des Interesses Nun ist die Gefahr da Held Verwandte Freunde
Zuschauer sind jetzt hinlänglich beschäftigt nun lässt der Arzt dem Stoffe
seinen Lauf er ist bereits unentbehrlich geworden wie der Romanschreiber in
der Mitte des zweiten Teils es kommen einige Ausfüllrezepte sanft lyrische
Akkorde welche den allzu schnellen wilden Verlauf ein wenig mäßigen und man
nähert sich langsam dem Schluße Hier kommt es nun wie beim Romantiker darauf
an ob sich die zu Anfang und bei der Hauptschürzung gebrauchten Stoffe und
Motive nicht gegeneinandergestellt haben ob eine Versöhnung möglich ist In
diesem Falle schließt das Ganze mit gelinden Stärkungen kleinen nützlichen
Sprüchen die man in der Ästetik Gnomen nennt und die sich am Ende in
medizinische Diätsregeln auflösen Der Kranke geht zum ersten Male wieder aus
wenn er auch etwas bleich ist und den Stock braucht Hierbei öffnet man nur noch
die Perspektive der Roman ist zu Ende und die Mitspieler rufen wie in den
alten Komödien des Plautus und Terenz Plaudite omnes das heißt Bezahlt und
preist den Arzt den Künstler aufs beste Sind jene Stoffe und Motive aber
unversöhnlich nun dann schließt die Sache mit dem tragischen Chor der
Griechen und das poetische Interesse ist um so größer der Held ist dem Fatum
erlegen Honorar und Beifall sind ebenso groß Was nun aber die Cholera
betrifft um wieder auf besagten Hammel zu kommen denn ich sehe du wirst
ungeduldig so behandeln wir selbige epigrammatisch Ein glücklicher Augenblick
ein glückliches Wort ein ungewöhnlicher plötzlicher genialer Versuch des
Arztes  das gibt dem Dichter das Epigramm dem Arzte das Mittel gegen die
Cholera Das Epigramm heilt selten wie du weißt aber es trifft den
empfindlichen Punkt Leben und Tod steht in Gottes Hand sagen wir das schnelle
Ende ist ebenfalls ein Zeichen dass wir auf rechtem Wege waren es ist
Schickung dass die Natur gerade den negativen Pol und nicht den positiven Pol
berührt hat Diese epigrammatische Behandlung ist ebenfalls sehr künstlerisch
schon Goethe sagt im Faust
Wir sind gewohnt
Dass die Menschen verhöhnen
Was sie nicht verstehen 
    Der Mediziner ist der Faust der Materie Er verschreibt sich dem Teufel um
das Wesen der Natur zu ergründen Der Teufel besteht nämlich in den verborgenen
Kräften derselben
    Uff setz dich hierher altes Brüderchen lass mich ausreden es gibt sonst
ein Unglück ich fühle alle meine Studien und Betrachtungen auf der Zunge Wenn
ich dir den jetzigen Zustand unserer Medizin schildern sollte  denn das müsste
ich um dir unsere Behandlung der Cholera dazutun  so wäre eine Darstellung
der ganzen Kulturgeschichte notwendig Erschrick nicht ich begnüge mich mit
einigen Strichen die letzten Jahrhunderte zu bezeichnen Die Medizin ist immer
abhängig von dem Zustande der laufenden Bildung so wie es denn nach deinen
eigenen Worten keine vereinzelte Erkenntnis gibt Alles hängt an dünnen oft
kaum sichtbaren Fäden zusammen Die Philosophie lernt von der Naturkunde die
Naturkunde von der Philosophie und die Medizin ist ein Dekokt aus beiden Die
Geschichte der Medizin lässt sich am tiefsten aus einer Geschichte der
Philosophie studieren  aber die Cholera ist gekommen alle entdeckten Gesetze
sind an ihr gescheitert Hegel persönlich ist von ihr weggerafft worden die
Wissenschaft steht wieder vor ihr wie vor einem dunkeln Vorhange Diese Cholera
ist eine vollkommen neue Manifestation der Welt es muss erst wieder eine neue
Poesie kommen um sich ihrer zu bemächtigen damit einer neuen Wissenschaft die
Augen geöffnet werden Die Sprache dieser Pest ist unserer Gelehrsamkeit
unverständlich sie passt in keines unserer Wörterbücher das Glück und das Genie
schnappt hier und da ein Wort auf und rettet einen Menschen aber an Gesetze
dieses neuen Idioms ist nicht zu denken wir warten wie die Juden auf den
CholeraMessias«
    »Du bist ein systematischer Narr« erwiderte Valerius auf die lange
Provokation »aber der Schluss ist mir zu ernstaft um über deinen Gallimatias
zu lachen ich muss einen andern Arzt für Ludmillen suchen«
    »Ich schwöre dirs Freund der Klügste wie der Dümmste ist vor dieser
Krankheit gleich klug sie ist das neue Welträtsel und das wird nicht in acht
Tagen gelöst das Mädchen ließ sich gut an du musst es dem Zufall überlassen 
die Cholera ist ein Spott der Gottheit über das absolute Wissen der Menschen
sie wird den Pietismus befördern und die Unverschämtheit zügeln trink lieber
Valerius trink du bist noch ganz blass«
    Valerius trieb den kleinen Schwätzer nach dem Lazarett das Schicksal
Ludmillens beängstigte ihn um so mehr da er die Unzulänglichkeit der Medizin
gegen die Krankheit schildern hörte Er selbst wollte unterdes bei Stanislaus
Vater eine Visite machen und um jeden Preis Konstantien Nachricht zu geben
suchen In Lessels Konditorei die sie eben verließen wollten sich die Freunde
nach ungefährem Verlauf einer Stunde wiederfinden
    Valerius war sehr gespannt wie er den alten Grafen treffen würde Das
Schicksal des Landes hatte sich gewaltig umgestaltet halbe Maßregeln schienen
mehr als je verderblich Nach der Schlacht von Ostrolenka war Skrzynecki ohne
Aufenthalt nach Warschau gefahren um der erste Bote zu sein den Reichstag auf
das günstigste vom Zustande der Dinge zu unterrichten die Nachteile der
Schlacht soviel als möglich zu verdecken Es war ihm auch gelungen der Tag von
Ostrolenka konnte ihn den Oberbefehl kosten aber der Reichstag und die
Regierung bezeigten ihm ein ungeändertes Vertrauen und ließ das Schicksal des
Krieges mit den ermunterndsten Ausdrücken in seinen Händen
    Der alte General Malachowski sammelte die Trümmer der auseinandergerissenen
Armee die versprengten Truppen fanden sich aus eigenem Antriebe wieder
zusammen Diebitsch verfolgte seine etwaigen Vorteile nicht weiter da sein
Truppenverlust noch größer gewesen war als der des polnischen Heeres Er rückte
nach der Weichsel hin und schien die Verhältnisse abwarten zu wollen ob sich
ein Übergang bewerkstelligen ließe Bei Beurteilung dieses Mannes soweit diese
die militärische Seite des polnischen Krieges betrifft muss der Historiker sehr
vorsichtig verfahren und die geringen Erfolge des Feldzugs nicht ohne weiteres
dem Ungeschick des Anführers zuschreiben Bei einem genauen Blicke ins russische
Lager stellen sich vielerlei verwickelte lähmende Zustände dar das russische
Nationalinteresse ist keineswegs so indifferent dass es ihm vollkommen
gleichgültig wäre unter einem Ausländer zu fechten Eifersüchteleien der Art
nachlässig ausgeführte Befehle von s der russischen Generale kommen in
Fülle vor Zu Petersburg hatte man keinen Maßstab für die moralische Kraft eines
auf den Tod kämpfenden Volkes man schrieb es dem mangelhaften Eifer oder der
unzulänglichen Geschicklichkeit des Heerführers zu dass die Insurrektion nicht
gedämpft werden könne man schickte Paskiewitsch um Diebitsch zu unterstützen
Dieser konnte in solcher Maßregel nicht wohl etwas anderes als seine halbe
Absetzung erblicken der Übergang über die Weichsel war äußerst bedenklich weil
man dadurch die Kommunikation mit Russland völlig verlieren konnte die Cholera
wütete im Heere und so sah man Diebitsch von allen Seiten gelähmt
niedergeschlagen in seinem Lager sitzen Da ergriff ihn die Cholera selbst und
raffte ihn hinweg Paskiewitsch der bald darauf eingetroffen war hatte mit
plumper Zuversicht das Heer ohne weiteres über den Fluss geführt Skrzynecki
hatte nicht das mindeste dagegen getan sogar all die kleinen Vorteile
verschmäht die bei solch einem Kriegsereignisse zu erringen sind auch wenn der
Übergang selbst nicht gewehrt werden kann Die Russen rückten nun auf dem linken
Weichselufer gegen Warschau heran und die polnische Armee wich von Position auf
Position zurück
    So standen die Sachen als Valerius seit langer Zeit zum ersten Male wieder
das Palais des Grafen betrat Der Herr des Hauses war schon am frühen Morgen
aufs Landgut hinausgefahren Das war dem Deutschen eigentlich erwünscht denn es
gewährte ihm die beste Gelegenheit auf dem Landgute selbst zu erscheinen So
hoffte er auf das bequemste wieder in Konstantiens Nähe zu gelangen Als er
eilig aus der Tür des Palastes trat rannte ein hastig Vorübereilender gegen ihn
und stieß ihn schmerzlich an den wunden Arm welchen er in der Binde trug Der
heftige Schmerz presste ihm einige harte Worte aus der Vorüberstürmende blickte
sich heftig um  es war das wilde Gesicht Slodczeks das dem Verletzten trotzig
in das Auge blickte
    Leopold war noch nicht in der Konditorei als Valerius dort ankam Er las
Journale um sich über die Stimmung des Volks zu unterrichten da in seine
Krankenstube nur Einzelnes Unvollständiges gedrungen war Überall fand er die
heftigste Entrüstung gegen Skrzynecki und die Untätigkeit des Heeres überall
fanatisches Lob des alten Krukowiecki der als Gouverneur von Warschau eine
rastlose energische Tätigkeit entwickelte
    Ein Geräusch auf der Straße zog ihn vom Lesen ans Fenster Ein hoher
Offizier ritt langsam daher die Leute welche sich eben auf dem Wege befanden
waren überall stehen geblieben schwenkten die Hüte und Mützen und riefen laut
Valerius öffnete das Fenster um die Worte zu verstehen  »in die Schlacht in
die Schlacht Vater« waren die ersten Worte welche er vernahm Mit Staunen
erkannte er in dem vorüberreitenden Offizier jenen alten graubärtigen Mann
wieder welchen er auf dem Balle beim Grafen Kicki gesehen den Stanislaus mit
soviel Aufmerksamkeit und Teilnahme die Treppe hinab begleitet hatte Seine
harten finsteren Züge waren in diesem Augenblicke durch eine gleissende
Freundlichkeit geglättet das schnelle graue Auge flog wie ein spielender
Raubvogel links und rechts unter die immer größer werdende Menge »Hilf
Krukowiecki Vater Krukowiecki hilf uns« rief man von allen Seiten Zu seinem
Erstaunen sah Valerius seinen kleinen Mediziner mitten unter den Schreiern er
schwenkte sein weißes Hütchen und mit dem ihm eigentümlichen Lächeln das halb
gutmütig halb ironisch immer aber einnehmend aussah schrie er tapfer mit
»Hilf Krukowiecki Vater Krukowiecki hilf uns«
    Der Angerufene sprach etwas zum Volke er war aber schon zu weit entfernt
als dass man es am Fenster der Konditorei hätte verstehen können Jubel und
Vivatrufen des Volkes kam hinterdrein
    »Das also ist Krukowiecki« sagte der Deutsche vor sich hin »ein
unheimlicher Mann des Volkes für mich ich weiß selbst nicht warum  was fällt
denn dir ein du unverbesserlicher Narr« rief er dem eintretenden Leopold zu
»mit dem Volke zu schreien was hast du denn für ein Interesse an Krukowiecki«
    »Ich lache und rufe« erwiderte dieser »mit allen aufgeweckten Leuten s
ist immer etwas Munteres und Belebendes für mich darin wenn die Menge jemand
zujauchzt etwas verlangt die Äußerung ist so natürlich man vergisst einen
Augenblick unser künstliches Staatsleben  und dieser Krukowiecki hat ein so
interessantes Gesicht ich sage dir Freundchen in diesem Gesicht liegt ein
ganzes Stück Weltgeschichte« 
    »Wenns nur ein gutes ist« 
    »Ja das ist die Frage Du weißt ich habe solch einen gewissen
physiognomischen Instinkt dies eckige starre Gesicht dieser brutal heroische
Kopf der sich in den Nacken zurückwirft bedeutet etwas Wichtiges« 
    »Was macht die Kranke«
    »Nichts mein Lieber gar nichts« 
    »Sie ist doch nicht «
    »Nein sie ist nicht mehr das heißt sie ist dem Geheimnis der modernsten
Philosophie der ostindischen Pest verfallen in populärer Sprache sie ist tot
 keine Vorwürfe Lieber die besten Ärzte haben sich mit ihr beschäftigt nach
unserem Weggange sie haben alle Systeme probiert und der Cholera tapfer
beigestanden  wir wandeln hier in einem dunkeln Tale das neue große Geheimnis
das aus Kalkutta gekommen ist lehrt uns wieder dass wir nicht wissen in
welchen Atomen das Leben besteht Wenn wir erst etwas Lebendiges erschaffen
lernen etwas das Puls und Odem von uns empfängt dann wollen wir der Medizin
die Anmassungen vergeben« 
    »Kasimir« rief Valerius aus einem traurigen Nachsinnen auffahrend  der
junge Wolhynier trat nämlich eben ins Zimmer  »wissen Sie wo Ludmilla ist«
    Kasimir zog die Stirn zusammen
    »Im Grabe ist sie«
    »Was«
    Und nun folgte rasch die Erzählung Der Wolhynier schwieg noch eine Weile
als sie beendigt war Dann ergriff er rasch Valerius Hand »Sie werden mich
verdammen Herr und Sie haben vielleicht nicht unrecht Ludmilla kam aus den
dreisten Händen des Russen in die meinen sie hatte keine Schuld  aber  mit
meiner Liebe war es aus ich verließ sie  zu was anderem Wichtigerem aber
hier ist nicht der Ort vermeiden Sie überhaupt in diesen Tagen dies Haus« 
    Valerius überhörte die letzten Worte sagte Leopold Adieu unterrichtete
ihn wo er zu finden sei und ging mit Kasimir
    »Wir sind bei einer bedenklichen Krise angekommen« hub dieser mit leiser
Stimme an als sie auf der Straße waren »haben Sie vorhin Krukowiecki durch die
Straßen reiten sehen Ich fürchte ich fürchte mit diesem Streicheln der Menge
pflegt er nicht nur seine Eitelkeit sondern bereitet seinen stolzesten Plänen
ein Fest Ich glaube es muss etwas von unserer Seite geschehen ich spreche
offen und rückhaltslos zu Ihnen Alles ist bei der Armee was dem Treiben
Krukowieckis entgegenarbeiten könnte mich führt ein zufälliger Auftrag nach
Warschau ich habe in diesem Augenblicke niemand dem ich meine lebhafte
Besorgnis mitteilen könnte ich glaube Ihr Herz und Ihre Ansichten zu kennen
bieten Sie mir die Hand vielleicht können wir mancherlei abwenden«
    Valerius gestand dass er jetzt völlig außer genauer Kenntnis der
Verhältnisse sei er wisse nicht worauf dieser Eingang hinausgehen solle
    »Sie sind ein Demokrat« fuhr Kasimir fort »ich bin es auch  glauben Sie
nicht dass ich Missbrauch mit diesem Worte treibe Ich habe es Ihnen angemerkt
dass Sie viele Täuschungen der Art in unserem Lande erfahren haben geben Sie uns
deshalb nicht auf Sie finden Repräsentanten für alles unter uns Eine
allgemeine gleichartige Ausbildung wurde durch die Herrschaft der Fremden
unmöglich gemacht es ist nicht zu verwundern wenn sich die verschiedensten
Richtungen unter uns finden Mein schweizerischer Lehrer hat mich die größte
Unbefangenheit in Rücksicht auf Parteien und Zustände gelehrt vergeben Sies
wenn Sie hier und da einen Rest nationalen Leichtsinns an mir entdecken ich bin
jung und es ist gar schwer das Temperament die Atmosphäre jedes Landes nach
den Forderungen selbst nach den eigenen Forderungen der Bildung zu fügen Man
kann im Grunde nicht mehr verlangen als dass ein jeder den lebendigen Willen
dazu habe und glauben Sie mir den habe ich Vielleicht gestehen Sie mir
später zu dass ich unbefangener bin als Stanislaus denn ich habe es wohl
bemerkt wie Sie misstrauisch auf ihn blicken obwohl er zu unsern
kultiviertesten jungen Edelleuten gehört Sie werden nicht leicht ein Land
finden wo die Bildung so eifrig anerkannt und geschätzt wird als Polen
vergeben Sie uns bei der Beurteilung auf einen Augenblick die nationalen
Leidenschaften welche dem Fortschritte so vielfach hindernd in den Weg treten
    Und nun näher zur Sache Wir mögen noch so eifrige Volksfreunde sein nimmer
können wir es für wünschenswert halten das Regiment unmittelbar in den tausend
Händen der Menge zu sehen Und ich fürchte darauf geht es hinaus Ich setze
nicht den entferntesten Zweifel in den unbegrenzten Patriotismus Krukowieckis
aber ich bin dennoch überzeugt er bietet in diesem Augenblicke nur alles auf
um Skrzynecki zu stürzen selbst mächtiger gewaltiger zu werden Solange ich in
Warschau bin beobachte ich diesen Mann er ist von glühenden Leidenschaften
getrieben man sollte also meinen er könne sich nicht verbergen und dennoch
darf ich nicht sagen Ich kenne ihn Die jedesmal hervortretende Leidenschaft
scheint im Augenblicke ihrer Tätigkeit die allein herrschende seines Wesens zu
sein die Größe der Affekte verbirgt den eigentlichen Charakter des Mannes mehr
als sie ihn enthüllt Nie aber habe ich diese Sättigung in seinen Zügen gesehen
wie heute Irgend ein drohender Streich muss bereits ausgehoben sein Warschau
ist in der bedenklichsten Aufregung das konnte nur einem entgehen der wie Sie
zum ersten Male seit vielen Wochen aus der Krankenstube tritt Die Entrüstung
ist allgemein dass Skrzynecki fortwährend ohne Widerstand dem Feinde weicht die
Entrüstung ist gerecht ich teile sie vollkommen aber ein Aufstand wie er in
diesen Straßen droht ist nicht das Mittel Unordnung erzeugt keine Vorteile
Wie es nun immer zu gehen pflegt bei Völkern die lange unter grausamem Drucke
schmachten alles Unerwünschte bildet sich in Gemütern zunächst in Misstrauen in
Verdacht aus Wo der Fortgang zögert da fürchtet man russischen Einfluss Das
ist das Entsetzlichste unserer Sklaverei dass sie alles gesunde Vertrauen in die
bewährtesten Patrioten tötet Ein Teil dieses Unglücks kommt mit jeder
Sklaverei aber das förmliche System der russischen Bestechung wie es von der
Katarina angefangen hat ist schlimmer als alles was anderswo derartiges ein
Volk gelähmt hat Nun hat sich mancherlei zusammengefunden den Verdacht des
Volkes zu steigern das Benehmen der Generale Jankowski und Bukowski welche
damals Turno im Stiche ließ als ein russisches Armeekorps mit Leichtigkeit
vernichtet werden konnte war höchst auffallend und beunruhigend Diese und
andere sitzen noch in Warschau es erfolgt kein Urteilsspruch das Volk glaubt
Leute protegiert in denen es die abscheulichsten Verräter des Vaterlandes
sieht Der Feind rückt täglich der Hauptstadt näher eine kräftige glühende
Armee tut keinen Schwertstreich Warschau ist in den Händen dessen welcher ein
leidenschaftlicher Gegner des Generalissimus ist  zweifeln Sie noch dass wir
bei diesen bedrohlichen Elementen täglich einen gefährlichen Ausbruch des
Volksunwillens zu fürchten haben
    Glauben Sie nicht dass ich übertreibe ich bin ein eifriger Besucher der
patriotischen Klubs und kenne die Stimmung Wenn ich auch das wilde ungeordnete
Drängen unserer Demagogen gar nicht billige so muss ich doch den Ursprüngen
ihrer Meinung recht geben Lassen wir die Frage ungelöst ob es ratsam war oder
nicht den Bauer plötzlich und ganz von aller Hörigkeit zu befreien die Sache
einmal in Anregung gebracht von der allgemeinen Aufmerksamkeit in Anspruch
genommen musste ein genügenderes Resultat geben als sie gab Die demokratische
Jugend hat die Revolution geschaffen sie ist groß groß an Anzahl der Kern des
Heeres ihre Meinung ist weit und tief verzweigt in die Nation sie konnte mit
Recht einen Anteil an der neuen Regierung verlangen Sie hat sich ihn ertrotzen
müssen von der aristokratischen Partei und die späte Aufnahme Lelevels in die
Regierung hat sie belehrt dass von dem guten Willen der alten Aristokraten nicht
das mindeste zu erwarten sei So stehen wir in diesem Augenblicke bedrohter als
je zwischen den Extremen und alle vermittelnden Schattierungen treten jetzt
völlig in den Hintergrund Was ist zu tun Sie kennen Stanislaus Vater genau
wollen Sie mit mir zu ihm eilen Wir finden bei ihm eine große Anzahl
bedeutender Männer die stolze eigentliche Aristokratenpartei und die
Humanitätsaristokraten wie ich sie nennen möchte unsere Doktrinärs und alles
was nicht direkt zu den Männern des Klubs gehört erscheint fast täglich in
seinem Hause«
    »Er ist nicht in der Stadt sondern auf seinem Landgute«
    »Ich weiß das eben dort versammelt sich die wichtigste Gesellschaft Lassen
Sie uns einen Wagen nehmen und hinausfahren«
    Dieser Vorschlag war Valerius sehr angenehm Nach einer Viertelstunde
rollten sie schon aus dem westlichen Tore der Stadt über die Ebene hinweg Das
Landgut lag eine halbe Meile seitwärts von der Straße die nach Lowicz führt in
einer freundlichen Birkenwaldung Es war später Nachmittag als sie ankamen die
heiße Sonne des August lag drückend auf der Gegend und die schattigen Gärten
welche den Landsitz umgaben winkten ihnen einladend Sie fanden die
Gesellschaft in den dunkleren Partien des Gartens bei der ersten Gruppe welche
sie trafen befand sich der Graf Es war leicht zu erkennen wie ihn der Anblick
des Deutschen nicht eben angenehm überraschte sein feiner Weltton bedeckte
jedoch schnell den flüchtig erscheinenden Ausdruck des Missbehagens mit den
höflichen Zügen des zeremoniösen Wirts Das Vorstellen Kasimirs dessen
unumwundene Erklärung was ihn herführe verdrängten schnell alle übrigen
Interessen eine stürmische Diskussion begann bald dieser bald jener der
Anwesenden trug den ab und zugehenden Bedienten auf das Anspannen und
Vorfahren zu bestellen
    Es waren wirklich bedeutende Repräsentanten der damaligen höheren
Gesellschaft Polens zugegen und fast alle Schattierungen waren vertreten Ein
ernster sinnender Mann ergriff zuerst das Wort und erklärte mit sehr gewandter
Motivierung und nachdrücklicher Rede dass die Unzufriedenheit des Volkes
keineswegs grundlos sei dass man ernstaft und schnell mancherlei ändern müsse
Es war dies Bonaventura Niemozewski welcher den nächsten Übergang zur
Volkspartei bildete Sein Bruder Vinzenz von kleinerer Statur mit einem
blassen von Nachdenken und Studien gefurchten Gesichte schloss sich ihm an Er
tat dies aber seiner Natur gemäß mit sehr viel Schonung vielfachem Vorbehalt
und in mehr künstlichen als energischen Worten Diese beiden Brüder waren
Häupter einer Richtung im Reichstage welche man im Vergleiche mit ähnlichen
Erscheinungen des französischen Parlaments die doktrinäre nennen dürfte Ihr
Verlangen geschichtliche Einrichtungen nicht ohne weiteres dem rationellen
Ermessen unterzuordnen ihre Berufungen auf die englische Verfassung und ihre
große Vorliebe für dieselbe charakterisierten sie Eine hervorstechende
historische Gelehrsamkeit jeder Art und ein wohl durchgearbeitetes Element
humaner Kultur zeichnete sie aus
    Dem Verlangen Bonaventuras opponierte sogleich mit großer Lebhaftigkeit ein
schlanker glänzender Mann mit jenen Maintiens und kurzen stolzen Bewegungen
des Kopfes die den Vornehmen par exellence eigen zu sein pflegen Es war Gustav
Potocki und er repräsentierte die Spitze der ultraaristokratischen Koterie
Ein sehr edel und einnehmend aussehender Greis von feinen sanften Manieren die
mehr das Edle als das Vornehme ausdrückten milderte Ansicht und Ausdrücke des
stolzen Potocki obwohl er selbst zur Partei desselben gerechnet wurde Dieser
Greis war der Fürst Adam Czartoryski Ein dritter Mann welcher seit einiger
Zeit mehr zu dieser aristokratischen Richtung hinneigte als man von ihm
erwartet hatte ja mehr als ihm eigentlich selbst natürlich war schloss sich in
diesem Augenblicke lebhaft und mit vielem Feuer den Worten Bonaventuras an Es
lag so viel Imponierendes in seinem Benehmen seinen Mienen seinen Ausdrücken
dass man leicht davon auf sein Amt schließen konnte in welchem er diese Art von
Repräsentationen vielfach geübt hatte Er saß nämlich auf dem Marschallstuhle
des Reichstags und ihm gebührte das wichtige Verdienst die Verhandlungen
dieses Staatskörpers in einer so stürmischen revolutionären Zeit mit einer
bewundernswürdigen Humanität Unparteilichkeit und Kraft ja mit einer Größe
geleitet zu haben wie sie selten in der Geschichte angetroffen wird In
Ladislaus Ostrowski spiegeln sich alle Vorzüge eines modernen Polen ab und von
den Fehlern desselben finden sich nur die unbedeutenden an ihm Kein übermässiger
persönlicher Ehrgeiz kein Standesvorurteil kein Fanatismus irgend einer Art
darf ihm vorgeworfen werden und nur kurze Zeit hat er sich vielleicht zu weich
und nachgebend gegen Standesgenossen wie Gustav Potocki und ähnliche bewiesen
Er ist einer der glänzendsten Charaktere jener Revolutionszeit und nur der
neben ihm stehende Bruder Anton Ostrowski übertraf ihn an unerschütterlich
gleichmäßigen Grundsätzen patriotischer Tugend und an einer Popularität von
patriarchalischem Gepräge Diese beiden Brüder umfassen in ihren
Persönlichkeiten die schönsten Ausdrücke von polnischem Patriotismus Während
Ladislaus den ganzen adeligen chevaleresken liebenswürdigen glänzenden Teil
der Nation darstellte und alles was zu diesem gehörte fesselte und hob nahm
Anton als Kommandant der Nationalgarde beinahe völlig die Stellung Lafayettes
in Frankreich ein repräsentierte die edelsten demokratischen Ansichten war
Abgott der Bürger im engen Sinne des Wortes
    Es war natürlich dass er ohne Umschweife die Partei Niemojewskis ergriff ja
noch darüber hinausging Seine ernsten traurigen Worte über den Zustand des
Vaterlandes machten auf alle selbst auf Potocki und den Herrn des Hauses einen
tiefen Eindruck und es herrschte noch ein langes Schweigen als er schon
weggegangen war um eiligst nach Warschau zurückzukehren
    Valerius hatte in Betrachtung dieser Gruppe alles übrige vergessen und
erst als die Leute sich trennten und alle nach der Stadt aufbrachen dachte er
daran sich nach Konstantien umzusehen Wie es zu gehen pflegt hatte das
Gerücht von drohenden Vorfällen sich dahin verwandelt dass alle glaubten es sei
schon Trauriges vorgefallen Der Herr des Hauses die Staatsmänner fuhren
eiligst nach Warschau und was an unwichtigen Besuchen da war lief erschrocken
und fragend durcheinander Kasimir war mit dem Grafen Heinrich Ostrowski nach
der Stadt gefahren und hatte Valerius dringend gebeten sogleich nachzukommen
Dieser eilte in das Schloss und fragte nach der Fürstin Ein vorübereilender
Bedienter deutete auf die offene Saaltür
 
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Der Saal war leer Durch die dem Eintretenden gegenüberliegende Tür eilten eben
noch ein paar Gestalten wie es schien von den beunruhigenden Gerüchten
davongejagt Valerius hörte aber dennoch deutlich die muntere lachende Stimme
Konstantiens Er trat tiefer ins Gemach und erblickte nun einen Balkon der auf
den Garten hinaus ging ein leichtes flatterndes Dach von gestreiftem Stoffe
beschattete ihn Dort saß die Fürstin halb nach der Gegend halb nach dem Saale
zugekehrt wenn sie die Augen wendete so musste sie gerade auf Valerius blicken
der schweigend in ihrem Anschauen verloren stehen geblieben war Der
weissseidene leichte Schal flatterte wieder um ihre Schultern aber heute war er
keine Freudenflagge Vor ihr saßen zwei Männer mit dem Rücken nach dem Innern
des Saales Das Gespräch zwischen den drei Personen bewegte sich in jenen
kleinen französischen Kreisen um ein holdes Nichts das die Konversation dieser
Art mit zierlichen antitetischen oder sonst kokettierenden Phrasen behängt Es
war das Spielen mit den Schalen und Hülsen der Sprache wie sichs die
sogenannte gute Gesellschaft angeeignet hatte Da man diesen höheren
Geselligkeitston zumeist aus Frankreich entlehnt hat und er dort unter einem
Regenten seine höchste Ausbildung erhielt welcher alle Tätigkeit und Macht des
Staates in sich vereinigte und jedes Mitdenken und Mitwirken der übrigen selbst
der höheren Mitglieder des Staates ausschloss so hat er vielleicht schon von
daher diesen Charakter der Unbedeutendheit mitgebracht Es war eine Unterordnung
oder gar eine Schmeichelei gegen die Despotie eine Konversation zu erfinden
die sich mit nichts beschäftigte und doch geistreich schimmerte Die Bemühungen
der Fronde lösten sich in Epigramme auf und diese Epigramme zerflossen endlich
in den charakterlosen Esprit Dieser Esprit hat in Frankreich selbst mit der
wiedererrungenen Selbständigkeit der Individuen schon lange den verlorenen
Charakter reklamiert die großen Beziehungen der Sprache sind dort längst wieder
bis in die kleinsten Spielereien derselben zurückgekommen aber die
französierenden Ausländer treiben noch immer das alte leere Spiel mit den
Glasperlen des großen Ludwig
    Valerius hörte mit Verwunderung zu wie die geistreiche und energische
Fürstin sich in solcher Unterhaltung gefallen konnte Aber Erziehung und
Gewohnheit sind bekanntlich die zweiten Schöpfer und die schöne Frau war ganz à
son aise  da fiel ihr Blick zufällig in den Saal und sie sah den Geliebten
stehen Ein hohes Rot bedeckte ihr Gesicht und sie erhob sich wie unwillkürlich
von ihrem Sitze Die beiden Herren sprangen erschrocken auf und fragten 
Valerius sah zum ersten Male William wieder Er war einer von den beiden
Konstantie trat rasch in den Saal  »Wie kommen Sie hierher« und ohne Antwort
zu erwarten setzte sie mit leiserer Stimme hinzu »Wann bekamen Sie meinen
Brief«
    »Im Angesichte des Feindes den wir eben angreifen wollten«
    »Und der Angriff war Ihnen wichtiger«
    Die beiden Männer waren unterdes ebenfalls herangetreten das leise Gespräch
musste aufhören Valerius und William begrüßten sich mit einem wunderlichen
Gemisch von Frostigkeit alter Freundschaft und landsmannschaftlichem Interesse
Die Fürstin stellte Valerius dem andern Herrn vor er überhörte den Namen des
polnischen Fürsten
    Man ging im Saale auf und ab Das Gespräch hatte ein gespanntes zerrissenes
Wesen Valerius fühlte sich verletzt von dem stolzen kalten Benehmen
Konstantiens und setzte ihm alle schroffe Entschlossenheit entgegen welche ihm
eigen war Nur einen Moment kam eine gewisse Wärme in Konstantiens Ton als sie
auf den Arm im schwarzen Tuche deutete und nach seiner Verwundung fragte Um
seine Anwesenheit zu rechtfertigen  denn er hätte in diesem Augenblicke selbst
Konstantien nicht zugestehen mögen dass er zum Teil ihretwegen da war  erzählte
er kurz was man in Warschau befürchte
    »Man ist nicht streng genug gegen den Pöbel gewesen« sagte der Fürst
    »Die dreist gelösten Verhältnisse« setzte William hinzu »deren innere
Heiligkeit der freche Geist des Jahrhunderts überspringt rächen sich früher
oder später überall«
    Valerius verging vor Pein er schützte Befehle vor die ihn nach Warschau
riefen und empfahl sich Einen Augenblick schien die Fürstin bestürzt zu sein
aber der alte Stolz trat schnell wieder auf ihre Lippen sie entließ ihn stumm
und zeremoniös
    Er warf sich in den Wagen und von allerlei Qualen gemartert kam er nach
Warschau Ob es Eifersucht allein oder auch gekränkter Stolz war was ihn
peinigte das wusste er selbst nicht zu sagen Die Straßen waren von Menschen
erfüllt die in der Dunkelheit des Abends drohenden Gespenstern gleich hin und
her zogen Er eilte zum alten Grafen um vielleicht dort etwas Näheres über die
getroffenen oder zu treffenden Maßregeln zu erfahren denn dass Kasimirs
Vermutungen nur zu richtig gewesen zeigte ihm jeder Schritt Die durch die
Straße wogende Menge befand sich zwar größtenteils in einem dumpfen Schweigen
aber hier und da hörte man doch den drohenden Ruf »Nieder mit den Aristokraten
nieder mit den Russenfreunden« »Nieder mit den Russenfreunden« rollte dann
gewöhnlich wie eine Lawine durch die ganze Straße hin
    Er fand den alten Grafen in einer Aufregung wie er sie nie an ihm gesehen
»Da haben Sie den patriotischen Klub« rief er ihm entgegen »da haben Sie die
gepredigte Zügellosigkeit das kommt von dem demokratischen Unsinn  Kanonen
Kanonen Kavalleriechargen gegen die Kanaille Grand Dieu und nun ist kein
Militär da und was da ist wird von diesem gleissnerischen Schurken dem
Krukowiecki kommandiert In solchem Augenblicke solch ein Gouverneur der
Stadt«
    Der Graf welcher einen Angriff auf sein Haus selbst zu fürchten schien bat
den Deutschen dazubleiben die Bedienten bewaffnen postieren zu helfen und
was der Sicherheitsmassregeln mehr waren Valerius aber in seiner ohnehin
gereizten Stimmung durch die Ausdrücke des Grafen noch mehr verletzt lehnte es
ab Er glaubte die vom Affekte überraschte echte Gesinnung des Grafen in dieser
aristokratischen Berserkerwut und Besorgnis zu erblicken alle die schönen
Worte welche er früher von ihm vernommen schienen ihm jetzt angelernte
Floskeln von denen das Herz des unverbesserlichen alten Adelshelden nichts
gewusst habe Ein altes schreckliches Wort Hippolyts fuhr ihm durch den Sinn
Diese Erben des alten Systems sind durch und durch infiziert und durch nichts zu
heilen sie müssen aussterben Niemand kann sie ändern
    So ging er entrüstet von dannen und es war ihm als höre er einen
entsetzlichen Fluch des alten Edelmannes hinter sich her Aber er mochte es
nicht glauben dass sich ein so ausgebildeter Mann zu solcher Roheit fortreißen
lasse und schobs auf einen Irrtum auf seine eigene erhitzte Phantasie Die
Menschenmenge auf den Straßen war zwar nicht geringer geworden aber ihre
heftige Gärung und Bewegung schien nachgelassen zu haben Man sah sie mehr in
Haufen zusammengedrängt und einzelnen Rednern zuhören welche ihnen mit der
nationalen Lebhaftigkeit die Verhältnisse auseinandersetzten »Unsere Sache ist
eine heilige« schloss ein solcher Redner seinen Vortrag zu dessen Gruppe der
junge Deutsche eben trat »unsere Sache ist eine heilige« wiederholte er mit
größtem Nachdruck »und wir brauchen sie nicht zu verbergen vor dem Sonnenlichte
 am hellen Tage im Angesichte von ganz Europa wollen wir Gericht halten über
die Verräter Wie haben wir nicht alles in die Schanze geschlagen um die
Freiheit für unser Vaterland zu erwecken Was wüssten denn diese vornehmen Herren
von der glorreichen polnischen Revolution ohne uns Als wir unsere Köpfe gewagt
hatten als die Russen aus Warschau hinausgeworfen waren da kamen die vornehmen
Herren erst zum Vorschein Was Ist unser Blut nicht so rot wie das ihre ist es
nicht ebenso polnisch wie das ihre Und wohin haben sie uns geführt Ist der
Bauer frei geworden Ist der Russe geschlagen Nicht doch In wenig Tagen wird
der Russe vor Warschau stehen und seine Spione von denen wir umgeben sind
werden ihm die Stadt verraten Warum hängt man die Spione nicht Weil die
vornehmen Herren es nicht zum Äußersten kommen lassen wollen weil sie immer
noch ein Brückchen zur Rückkehr haben möchten  Wollen wir eine Rückkehr«
    »Keine keine« schrie der Haufe
    »Keine Rückkehr ihr echten Polen« fuhr der Redner fort »Freiheit oder
Tod Da drüben sitzen die Verräter Jankowski und Bukowski welche unsere Armee
verraten haben  Bleibt meine Freunde unsere Sache ist eine heilige sie
scheut den Tag nicht sie sucht ihn vielmehr  Die helle Sonne des
Freiheitssommers soll unsere Rache bescheinen morgen sollen die Verräter am
hohen Mittage sterben damit die Aristokraten erkennen es gibt ein Volk wenn
sie sich zur Tafel setzen Freiheit oder Tod«
    Donnernd wiederholte die Masse den Ruf und nachdem der Redner einigen der
Zuhörer noch leiser etwas mitgeteilt hatte zerstreute sich der Haufe Valerius
sah beim Schein einer Laterne das Gesicht dessen der eben gesprochen hatte es
war ein blasses entschlossenes Gesicht ein junger Mann von hoher schlanker
Gestalt  Eine Patrouille kam die Straße entlang und im Nu war der Redner samt
allen Zuhörern verschwunden
    Die Nacht verging ruhig und als der Morgen des 15 August anbrach glaubten
viele das Ungewitter sei vorübergezogen Valerius war nach dem was er den
Abend vorher gehört hatte nicht der Meinung Er ging zeitig aus um dem Grafen
Anton Ostrowski mitzuteilen was er gehört Er fand ihn nicht alles war schon
in Bewegung es war ein Festtag Mariä Himmelfahrt alle Straßen waren
angefüllt ein unheilvolles Murmeln lief durch die Straßen Valerius sah mit
Entsetzen was es heiße um einen Volksaufstand Gerechte Klagen törichtes
ausschweifendes Verlangen blutdürstige Drohungen drangen in buntem Gemisch zu
seinem Ohr Wo ist die Möglichkeit dachte er hier aufzuklären zu belehren
das Übertriebene vom Richtigen zu sondern Welch ein entsetzliches Mittel
gesellschaftliche Verhältnisse umzugestalten bleibt der Aufruhr Alle
Zivilisation ist wieder dem Chaos anheimgegeben
    Graf Anton Ostrowski kam mit einer Abteilung der Nationalgarde daher Man
machte ihm Platz ja man rief »Es lebe Ostrowski« Aber wenn er die Leute
ermahnte nach Hause zu gehen den Ruf der gerechtesten Revolution nicht zu
beflecken da scholl es von allen Seiten »Die Köpfe der Verräter Die Köpfe der
Verräter« und sowie er mit den Truppen vorüber war schloss sich die geöffnete
Gasse wieder brausend Die Nationalgardisten selber schüttelten den Aufrührern
im Vorüberziehen die Hände es war leicht einzusehen dass mit dieser Macht der
Aufstand nicht unterdrückt werden könne Hoch über den Köpfen der Menge sah man
hier und da Hände sich emporstrecken welche einen Strick in der Luft
schwenkten und »Hurra Halsbänder für Verräter Halsbänder für Aristokraten«
schrien raue Kehlen von allen Seiten Valerius bemerkte dass der letztere Ruf
seltener war und bald erblickte er auch in seiner Nähe den gestrigen Redner
von welchem besonders die tödliche Drohung gegen die Aristokraten auszugehen
schien Der Volksaufruhr galt wirklich nur den Russenfreunden
    Ein wilder Bursche der neben Valerius stand fragte diesen plötzlich warum
er nicht mitrufe »Du gehörst wohl auch zu den lauen Brüdern die sich
allenfalls mit den Russen vertragen« Dadurch wurde die Aufmerksamkeit aller
Umstehenden auf den Deutschen gerichtet und dieser befand sich wirklich wegen
einer Antwort in der größten Verlegenheit Dass hier nicht der Ort sei
persönliche publizistische Ansichten zu entwickeln sah er wohl ein und doch
vermochte er es nicht in den blutdürstigen Ton einzustimmen Ein
wohlgekleideter Bürger kam ihm mit der Bemerkung zu Hilfe »Siehst du nicht
Thomas dass der Herr verwundet ist die Türken werden ihm den Arm nicht
zerschossen oder zerhauen haben nicht wahr Herr«
    »Nein mein lieber Freund« erwiderte Valerius schnell der sich durch diese
Wendung des Gesprächs aus der peinlichen Situation zu befreien hoffte »es hats
eine russische Kugel bei Ostrolenka getan«
    »Siehst du Thomas du bist immer unbändig«
    »Sachte sachte Meister Warçow es haben manche verdächtige Leute unter
Madame Skrzynecki gefochten und solch eine dumme Kugel weiß den Teufel ob sie
an den Rechten kommt Der junge Herr spricht mir auch so ein fremdes Polnisch
und ich sehs ihm an dass ihm meine Frage garstig in die Quere kommt Heut
denken die Vögel sie seien im Haufen am sichersten Wer weiß auch ob unter dem
schwarzen Tuche eine Wunde steckt und warum trägt denn der junge Herr keine
Uniform schämt er sich unserer Uniform he«
    In dem Augenblicke brüllte wieder der ganze Haufe »Tod den Verrätern« und
ein naher Strick flog Valerius um den Kopf Valerius der in einem gewissen
Starrsinn nicht mitschreien mochte obwohl er einsah dass es am besten sei mit
den Wölfen zu heulen und dass er durch sein Schweigen eine wirkliche Gefahr für
sich herbeiziehe sah wie der wilde Thomas die Hand nach ihm ausstreckte
hörte wie er mit dröhnender Stimme schrie »Hoho ein Verräter«
    In diesem Augenblicke aber rückte die Volksmasse mit einem mächtigen Stosse
vorwärts ein entsetzliches Gebrüll erscholl sie machte den Angriff auf das
Gefängnis der verdächtigen Generale Jankowski und Bukowski Dadurch ward
Valerius von dem wilden Aufrührer getrennt und er hielt es nach seiner
Erfahrung für rätlicher sich aus der Menge zurückzuziehen Da der Hauptdruck
sich entfernt hatte so war es dünner und lichter um ihn geworden er gewann
eine Querstrasse und entschlüpfte Die nächste Hauptstraße war indessen wieder
mit Menschen angefüllt und die Lesselsche Konditorei zu welcher ihn die Woge
trug war ihm ein erwünschter Posten auf den er sich zurückziehen wollte Der
gestossene Arm schmerzte ihn sehr und er bemerkte es in solchem Zustande gar
nicht dass gerade vor diesem Hause das Volk in dichtester Reihe aufgepflanzt war
und nur auf einen Impuls zu warten schien um in die Tür zu dringen Im Innern
fand er alles gefüllt und drängte sich mit Mühe bis in die hinteren Zimmer weil
er dort mehr Raum und Ruhe zu finden hoffte Hier begegnete ihm Leopold der
sich in großer Heiterkeit über diesen Volkssturm hin und her bewegte »Man sieht
doch dass sie Blut in den Adern haben das sind natürliche Urzustände die
Polizei hört auf die Poesie beginnt«
    Valerius setzte sich auf den einzig leeren Platz im dunkelsten Winkel des
Gemachs Ein modisch gekleideter Mann saß neben ihm Es war dem Deutschen als
ob er dies blasse gedunsene Gesicht schon gesehen habe und zwar in der Heimat
Leopold der ab und zu ging und rapportierte klärte ihn bald darüber auf indem
er den Nachbar anredete »Herr von Wankenberg Sie sind wohl krank Ich habe Sie
ja in meinem Leben nicht so blass gesehen«
    Der Angeredete machte eine verneinende Bewegung und bat Leopold mit leiser
Stimme seinen Namen nicht so laut zu nennen Jeder Name der nicht polnisch
klinge setzte er hinzu sei in diesem Augenblicke verdächtig
    »Ich glaube Sie haben mit dem Ihrigen besonders recht« sagte der kleine
Mediziner mit der gewöhnlichen Schalkhaftigkeit »es sind da draußen ganz fatale
Sprachforscher und wenn ich mich nicht irre war Ew Hochwohlgeboren werter
Name auch der Gegenstand ihrer Studien«
    »Nicht doch« stammelte Herr von Wankenberg und versuchte zu lächeln aber
die zitternden Zahnreihen ließ es nicht dazu kommen
    »Die deutschen Namen« fuhr jener fort »scheinen den Herren da draußen
besonders unangenehm zu sein das Wort Lessel werfen sie mit allerlei
mörderischen Zungenkünsten umher wie ich aber bemerke hat sich der ehrenwerte
Besitzer dieses anstössigen Wortes den Blicken entzogen Das ist die angeborene
Höflichkeit eines Kaffeewirts er will durch seine Gegenwart keine Veranlassung
zu Missfälligkeiten geben Ich fürchte nur Herr von Wankenberg dort unter dem
Ladentische oder oben auf dem Boden ist er vor diesen gründlichen Forschern
durchaus nicht sicher sobald sie einmal ernstlich an die Entscheidung ihrer
grammatischen Streitigkeiten gehen aber sagen mir doch Ew Hochwohlgeboren
wodurch Sie sich das Missfallen dieser Generation zugezogen haben es ist zwar
nur Pöbel Volk und daher kommt es wohl«
    »Ich verehre das polnische Volk über alles« erwiderte dieser hastig gleich
als ob ihn diese Versicherung retten könnte »ich liebe jede Volksherrschaft
wahrhaftig auf Ehre ich liebe das Volk« und dabei perlte der Angstschweiß in
großen Tropfen auf seiner Stirn
    Valerius erinnerte sich jetzt deutlich dieser Person es war in Deutschland
eine renommierte Figur Auf der einen Seite galt er für einen Spieler und für
einen charakterlosen käuflichen Menschen der für Geld zu allem brauchbar sei
auf der andern Seite war er in der höchsten adeligen Gesellschaft aufgenommen
galt für einen Esprit und ward als ein unterrichteter Verteidiger des
russischen Systems gerühmt Ein unparteiischer Beobachter hatte Mühe mit diesem
Menschen aufs reine zu kommen denn bei näherem Umgange fand er ein weiches
poetisches Gemüt in ihm das zarter höherer Empfindungen fähig war sich selbst
in schwachen Stunden ein verlorenes Geschöpf nannte und in Tränen ausbrach
Valerius vergegenwärtigte sich jetzt alles was er auf Grünschloss von ihm gehört
hatte wo man diesen Herrn von Wankenberg kannte und nach dem was er sah und
hörte schien es ihm nicht zweifelhaft dass sich dieser Überrest aus der
französischen Royalistenzeit für russisches Gold auch zu Machinationen gegen
Polen bereitwillig gefunden habe
    Es war ein auffallender Zug in dem Gemüte Valerius dass er ebensowenig
einem dauernden Hasse sich hingeben als einen wirklich verächtlichen Menschen
völlig verachten und wegwerfen konnte Er klagte es oft als eine Schwäche seines
Charakters an und doch widerstrebte ein Etwas seines innersten Wesens wenn er
sich zu diesen sogenannten Kraftäusserungen der Seele anspornen wollte Es gibt
ein bekanntes Wort »Wer nicht recht hassen kann vermag auch nicht recht zu
lieben« aber er kam nie recht zum Glauben an diesen gebieterisch klingenden
Satz In der Forderung dieser Kraftextreme lag ihm stets eine kultivierte
Roheit und so unangenehm ihn auch die Schwächlichkeit berühren mochte sie
durfte sich nun in Taten oder Maximen äußern so wenig konnte er sich doch den
rücksichtslosen Kraftprinzipien anschließen Alle Systeme mit starrer
matematischer Konsequenz schienen ihm der unerschöpflich mannigfaltigen immer
neu und unerwartet sich entwickelnden Menschennatur zuwider feindlich
verderblich zu sein Namentlich führten ihn geschichtliche Studien von allem
Unbedingten zurück und seine eigenen früheren Ansichten flössten ihm oft ein
Grauen ein vor jeder starren Einseitigkeit
    So missfällig ihm also das erschien was er von seinem jetzigen Nachbar
wusste so fühlte er doch eine Art Mitleid mit dem gefährlichen Zustande in
welchem sich dieser wirklich befand Die Todesstrafe jeder Art wie sie von
Menschen über Menschen verhängt wird hatte immer etwas Entsetzliches für
Valerius er war sich zu tief dessen bewusst wie Moral und Gesetze und Zustände
aller Art dem lebhaftesten Wechsel unterworfen seien er hielt es immer für eine
martialische Aushilfe der Gesellschaft sich über das Leben eines Menschen das
Recht anzumassen
    Während solchergestalt die Gewitterwolke über Lessels Konditorei hing und
jeden Augenblick sich zu entladen drohte schlug sie bereits mit mächtigen
Streichen in die Gefängnisse der beiden verdächtigen Generale Die Regierung war
machtlos solche Exzesse zu hindern ohne den Gouverneur und der Gouverneur war
Krukowiecki Es ist nicht zu leugnen dass er eine außerordentliche Tätigkeit an
diesem verhängnisvollen Tage entwickelte er war überall und überall war er
tätig Glührot vor Zorn und Eifer stürzte er in das Zimmer wo sich die fünf
Mitglieder der Regierung versammelt hatten und berichtete wie der Aufstand von
Minute zu Minute wachse und ein immer drohenderes Ansehen gewinne wie die
Gefängnisse der Generale bereits erbrochen seien und er nichts hindern könne
wenn man ihm nicht größere Vollmacht erteile Die vier Regierungsmänner machten
dem fünften unverhohlen die lebhaftesten Vorwürfe über die Szenen »Das sind die
Taten des Klub« rief Vinzenz Niemojewski »den Sie protegieren das ist die
Manifestation Ihrer gepriesenen Demokratie« Der lange blasse Mann an welchen
diese Worte gerichtet waren zuckte mit einiger Schüchternheit die Achseln und
seinen schmalen Kopf auf die Brust herabneigend sagte er mit halber aber wohl
verständlicher Stimme »Das ist nicht das Werk der Demokratie meine Herren
sondern des halben zögernden Systems das die Regierung befolgt hat Ich habe
bisher umsonst meine schwache Stimme dagegen erhoben jetzt sehen Sie in den
Straßen der Hauptstadt selbst die Folgen davon Übrigens glaube ich nicht«  und
bei diesen Worten zog er einen Moment die Wimpern in die Höhe und fuhr mit einem
seiner blitzenden Blicke an der breiten hohen Gestalt Krukowieckis in die Höhe
bis seine tiefliegenden stechenden Augen den verschmitzten lebhaften Blick des
Generals getroffen hatten und ihn festzuhalten schienen man hätte hinter der
Schärfe dieser vier blitzenden Pupillen bei leidenschaftsloser Betrachtung ein
Lächeln entdecken können  »übrigens glaube ich nicht dass die wackere Nation
jemand anders ein Leid zufügen wird als Personen die mit der Schmach von
Vaterlandsverräterei gebrandmarkt sind«
    »Es ist Anarchie gleichviel wohin sie sich richte« entgegnete zornig
Niemojewski
    Lelevel denn das war der schwarzgekleidete blasse Mann gegen den sich die
Vorwürfe gerichtet hatten zuckte abermals die Achseln und spielte mit den
weißen mageren Händen an der Kette seiner Uhr die er vor sich auf dem Tische
liegen hatte
    Krukowiecki erhielt die Vollmachten eilte fort schwang sich aufs Pferd und
sprengte in die Straßen hinein Ein wilder Tumult wälzte sich über den Platz
auf welchem der General eben ankam Die Aufrührer waren in das Gefängnishaus
eingedrungen und jetzt schleppten sie die Schlachtopfer daher Die Generale
waren nur halb bekleidet der Tod lag bereits auf ihren blassen Gesichtern der
Strick um die Nacken ein mörderischer Lärm brauste durch die Luft halb im
Sprunge stürzte die zum Blutdurst erhitzte Menge nach den Laternenpfählen die
an der Häuserreihe standen und die dem Tode Geweihten mussten die schnelle
Bewegung mitmachen wenn sie nicht sogleich von den angezogenen Schlingen
erwürgt werden wollten
    General Krukowiecki der von seinem Pferde aus die Szene übersehen konnte
strich sich wohlgefällig den grauen Knebelbart und redete leise zu einigen
verwegenen Gesichtern die sich neben ihm eingefunden hatten Als der erste
Unglückliche am Laternenpfahle zappelte wendete er sein Ross und ritt zurück
nach dem Regierungshause den Vorfall zu berichten und neue Vollmachten zu
verlangen
    Die Nachricht von der vollzogenen Exekution rannte wie ein Tier der Wüste
blitzschnell durch alle Straßen und die vor Lessels Hause noch zögernden
Demagogen erhoben ein wildes Geschrei und stürzten sich nun unaufhaltsam in die
Türen Wie bei allen Dingen so vornehmlich bei einem Aufstande ist der Anfang
die erste Tat das Schwierigste was den Entschlossensten erheischt Die rohesten
Leute sind so bis ins Innerste von der Ordnung dem bestehenden Gesetz
umschlossen dass sie mit der größten Wut alles vorbereiten können die Schranken
zu durchbrechen und dennoch an der äußersten Grenze unentschlossen stehen
bleiben Ist nun aber angefangen mit der wirklichen Tat dann schwinden alle
Bedenklichkeiten der erste hat gleichsam die Verantwortung für alle übernommen
und die Wut welche sich bei ungesetzlichen Handlungen oft so grell
herausstellt ist nur ein Kind des Rausches Die Übertreter sind einmal über das
Gewöhnliche hinausgegangen der ungewöhnliche gesteigerte Zustand befängt sie
was einmal mit Gefahr begonnen ist soll nun auch erschöpft werden damit man
der etwa folgenden Strafe auch allen Genuss vorweg abgekauft habe alle
prüfenden Gedanken werden als unbequem in den Hintergrund geschoben
    Die eindringenden Männer des Aufstandes schrien einstimmig nach Lessel dem
Spione dem Russenhunde wie sie ihn nannten Er war nicht zu sehen und nach
allen Treppen hinauf und hinunter verbreiteten sich die Rachedurstigen Dass er
in ein anderes Haus entflohen sein könne befürchteten sie nicht am Morgen war
er noch dagewesen und kein Warschauer sagten sie hätte an diesem heiligen
Tage der Rache einen Flüchtling verborgen
    Es war ein erschütterndes Geschrei das in dem Hause hin und wieder flog
und Valerius den die ganze Szene entsetzte verwünschte den Gedanken hier
eingetreten zu sein Ans Hinausdringen war aber nicht zu denken die Zimmer
waren so gefüllt dass er regungslos neben dem von Todesschauern geworfenen
deutschen Edelmann sitzen bleiben musste Leopold war durch das Gedränge von
ihnen getrennt worden
    Valerius konnte übrigens schnell erkennen dass der Aufstand keineswegs eine
bloße Sache des Pöbels war Anständig gekleidete Männer jung und alt füllten
das Gemach nur hie und da streckten sich die braunen nackten Arme eines rohen
gemeinen Burschen oder eines alten bärtigen Tagarbeiters in die Höhe um einem
wilden Fluche gegen die Russen und ihre Freunde die nötige Gebärdenbegleitung zu
geben Die flüchtig gewechselten Worte der drohenden Gesellschaft überzeugten
ihn ebenso schnell dass man nichts wolle als die zögernde Gesetzeshandhabung
gegen die Feinde und Verräter des Vaterlandes beschleunigen Es lag eine
tödliche Ruhe des Revolutionsrechts in den wenigen Worten die er vernahm
    »Der deutsche Spion ist im Hause« schrie plötzlich eine durchdringende
Stimme aus dem andern Zimmer und Valerius schrak nicht viel weniger zusammen
als der Edelmann neben ihm denn er hatte diese Stimme schon gehört obwohl er
im Augenblick nicht wusste wo Die Stimme kam immer näher der Rufer brach sich
eine Gasse durch die Menge und plötzlich stand der blasse Volksredner dessen
Peroration Valerius den Abend vorher auf der Straße gehört hatte vor den beiden
Deutschen Eine sekundenlange Totenstille trat ein Alles wartete auf die
Bezeichnung des Schlachtopfers Valerius fühlte sich von dem entsetzlichen
Gefühle durchdrungen wie das Individuum in Zeiten der Anarchie jeder Willkür
des einzelnen ebenso preisgegeben sei wie in den Zeiten eines unbeschränkten
Despotismus Wirklich richtete auch der Demagoge seine tödlichen Blicke bald auf
Wankenberg bald auf Valerius und auf diesem sie ruhen lassend sprach er
plötzlich »Sie standen gestern abend bei einer Gruppe Patrioten die einem
Volksredner zuhörten und zujauchzten Ihr Mund aber blieb stumm und Ihr Gesicht
drückte eine Missbilligung dessen aus was Sie sahen und hörten«
    Bei diesen Worten griffen jene braunen nervigen Arme nach Valerius und die
weiter Zurückstehenden welche die beiden sitzenden Deutschen nicht sehen
konnten erhoben einen wilden Lärm »An die Laterne an die Laterne mit dem
Verräter« Der Volksredner drängte aber den Angreifenden zurück und auf
Wankenberg zeigend rief er den auf der andern Seite Stehenden zu »Greift den
Spion« Darauf wandte er sich um und verlor sich unter der Menge gleich als
habe er noch viel dergleichen Geschäfte zu verrichten und könne sich nicht mit
dem Detail abgeben Zwei junge fein gekleidete Männer die zunächst an dem
deutschen Edelmanne standen ergriffen ihn mit Wut spuckten ihm ins Angesicht
und warfen ihn mit den Worten »Da habt ihr einen niederträchtigen
ausländischen Verräter für die Laterne« den Vorderen zu In diesem Augenblicke
drang ein wütendes Hallo von der Treppe herunter man hatte Lessel ergriffen
Eine offen stehende Tür des hinteren Zimmers in welchem das Bisherige
vorgefallen war ließ von da aus die Treppe und den Hausflur erblicken man sah
den kleinen mageren Konditor von Faust zu Faust herunterfliegen Dies Ereignis
setzte alles in eine neue Bewegung dadurch wurden die Personen ineinander
geschoben und in einem Handumdrehen war keiner der Männer mehr in der Nähe
welche Wankenberg arretiert hatten Obwohl sich alle Augen nach der bekannten
und allgemein verhassten Person Lessels hinkehrten so wurde der deutsche
Edelmann doch noch immer festgehalten er war traditionell von einer Hand in die
andere übergegangen Er machte sich aber mit großer Geschicklichkeit den
wütenden Tumult zunutze der auf dem Hausflur ausgebrochen war suchte ein
Lächeln auf sein Todesgesicht zu heften und erklärte den Inhabern der Fäuste
welche ihn eben schüttelten sie seien an den Unrechten gekommen »Seid ihr des
Teufels« sagte er hastig »einem der eifrigsten Patrioten die Kehle
zusammenzudrücken Auf diese Weise entwischen eurer Blindheit die ärgsten
Verräter  dort dort seht hin dort ist er wieder still auf seinen Stuhl
geschlüpft und wartet die Sache ab in aller Sicherheit«
    Bei diesen Worten deutete er auf Valerius
    »Strafen mich alle Heiligen« schrie eine raue Stimme »nach dem Burschen
hab ich heute morgen schon einmal die Hand ausgestreckt ich erkenne solch
einen Vogel auf den ersten Blick« Es war der wilde Thomas der mit
blutdürstigen Augen und Händen nach Valerius griff Dieser schlug ihn jetzt ohne
weiteres ins Gesicht dass er zurücktaumelte Der Zorn über diese schauderhafte
Wirtschaft hatte sich seiner völlig bemächtigt und alle Besorgnis vertrieben
»Schämt ihr euch nicht Polen eure edle Sache durch solche plumpe Tölpel zu
beflecken die Handhabung der Strafen dem Zufall preiszugeben Ich bin Offizier
im Kickischen Regimente mein Arm ist noch wund von Ostrolenka«
    »Holla ho das ist ein Vogel für uns Thomas du hast einen richtigen
Treffer« rief plötzlich eine neue Stimme und Valerius sah den ungestümen
Slodczek auf sich eindringen Vor dem großen Lärmen waren die Verteidigungsworte
des Deutschen nur den nächsten Umstehenden verständlich geworden diese sahen
ihn unschlüssig an »Überall ist dieser aristokratische Spion
herumgeschnüffelt« fuhr Slodczek zu einigen Bauern fort die hinter ihm
standen und zu Thomas der sich das Blut aus dem Gesicht wischte »in Warçows
Scheuer hat er unseren Klub behorcht erst gestern kam er wieder aus dem großen
Hause eines alten gefährlichen Edelmanns dem er unser heutiges Fest verraten
hatte heut rettet dich der alte Florian nimmermehr« und damit fiel er mit
seinen Genossen über Valerius her welcher sich fruchtlos gegen die Menge
verteidigte und fortgeschleppt wurde
    Vor der Haustür kam er mit Herrn Lessel zusammen Die Volksmasse drängte
sich so ungestüm herbei dass die Urteilsvollstrecker und die Gefangenen
stillstehen mussten Valerius versuchte es hier noch einmal den Leuten in
betreff seiner Person ihren Irrtum verständlich zu machen aber das
erschütternde Geschrei von Schimpfreden und Verwünschungen ließ ihn nicht zu
Worte kommen »So geht es denn« dachte er »mit deinem Zivilisationslaufe
unerwartet schnell zu Ende Du hast die Revolution verteidigen helfen um in
ihren zweischneidigen Armen ermordet zu werden«
    Sein Blick fiel auf Lessel Es ist wunderbar wie dem Menschen in den
entsetzlichsten Momenten wo man die ganze Seele gefesselt und untätig denken
sollte Gedanken und Bilder entstehen die man nur den ruhigen Lagen des Lebens
natürlich glaubt Valerius sah ein altes Bild vor Augen das ihn oft in seiner
Kindheit erschreckt hatte Der Teufel war darauf konterfeit wie er einen
Bösewicht zur Hölle abholt Diesen Kandidaten Urians glaubte er jetzt in Lessel
zu erblicken das Gesicht des Konditors war weiß wie die Kalkwand die kleinen
Augen waren fast ganz zurückgetreten hinter die Augenknochen ein leerer weißer
Strich starrte nur gespensterhaft hervor Der Unglückliche sank einmal über das
andere in die Knie und bat in den jämmerlichsten Ausdrücken um sein Leben
    »Vorwärts Vorwärts« schrie man von allen Seiten »Platz für den
Henkersgang der Verräter« Es ward ein schmaler Raum offen man setzte sich in
Bewegung und jetzt da es direkt zu dem schimpflichsten Ende ging überfiel
Valerius eine unnennbare Angst deren sich sein Mut und Verstand umsonst zu
bemeistern suchte
    »Platz für die alte Gräfin Platz für die beste Polin« rief man auf einmal
von vielen Seiten und die meisten Anwesenden entblößten ihre Häupter Ein Wagen
rollte langsam durch die Menge Valerius erkannte die alte Großmutter Hedwigs in
ihren schwarzen Gewändern  Hedwig selbst saß neben ihr Sie erblickte ihn
schrie laut auf sprang aus dem Wagen eilte zu ihm griff nach seiner Hand
Aber seine Arme waren von Slodczek und Thomas fest nach hinten gedrückt 
»Polen seid ihr rasend« rief sie an die Menge sich wendend »dieser Mann ist
einer eurer tapfersten Soldaten von untadelhaftem Patriotismus« Ein drohendes
Murren erhob sich eine Stimme nach der andern stieg auf »Er ist ein Verräter
ein russischer Spion«
    »Großmutter sprich ein einziges Wort aus deinem Munde wird es genügen
sage diesen betörten Patrioten dass du den Herrn kennst dass er uns unser
Vaterland verteidigt hat dass er kein Verräter ist«
    Ein langgewachsener Bauersmann mit kurzem rotleinenem Kittel trat mit
entblösstem Kopfe an den Wagen machte eine tiefe Verbeugung und sagte »Wenn die
gnädigste Frau Gräfin ja sagen will zu den Worten der schönen Dame so wollen
wir den Verräter laufen lassen«
    Hedwig Valerius alle richteten ihre Blicke auf die alte Frau Unbeweglich
steinern blieb ihr blasses Antlitz die Augen sahen starr und teilnahmslos in
die Luft man konnte glauben sie bemerke gar nichts von dem was vorgehe
Ringsum war alles still
    »Großmutter« unterbrach endlich Hedwig die Ruhe mit flehendem Tone Da
machte die Alte eine Bewegung der Unzufriedenheit mit der flachen Hand das Volk
nahm dies für ein Zeichen der Verneinung tosend brach der unterbrochene Lärm
wieder aus »An die Laterne mit den Verrätern An die Laterne« und fort gings
mit den Gefangenen nach der Seite hin von wo der Wagen gekommen war Alles Volk
stürzte nach Der lange Bauer hatte Hedwig schnell in den Wagen gehoben und auf
der leer gewordenen Seite der Straße rollte dieser rasch von dannen
    Valerius erbittert durch diese Szene hatte seine Kraft im Zorne wieder
gefunden »Nichtswürdiges undankbares Volk« murmelte er vor sich hin und warf
mit einem plötzlichen Rucke die beiden Begleiter von seiner Seite  »Ich will
frei zum Tode gehen Ihr Schurken soviel Recht hab ich mir erworben durch die
Schlachten die ich für euch gefochten habe  zurück oder ich schlag dir den
Schädel ein«
    Der verwundete Arm war aus dem Tuche gerissen das Blut lief strömend über
die Hand dieser Anblick und der stolze Ausdruck seines Gesichts das
Kriegsehrenzeichen das beim Verschieben des Armtuches zum Vorschein gekommen
war wirkten auf seine Häscher die vielleicht einen Augenblick selbst irre
wurden Sie ließ ihn frei einhergehen
    Er glaubte in diesen Augenblicken der Tod selbst sei ihm nicht so furchtbar
als die Schande so sehr er auch Ruhm und Ehre oft verspottet hatte als von
Menschen gemachte Puppen so waren doch im Grunde die innersten Fäden seiner
Seele daran geknüpft Und alle Fenster waren geöffnet Damen jung und alt sahen
herab auf die Exekution schwenkten die weißen Taschentücher klatschten dem
Volke Beifall zu dass es die Nation von dem Auswurfe befreie und riefen »Pfui
und Schande über die Verräter«
    Das Herz im Leibe wurde dem unglücklichen Deutschen zusammengeschnürt Das
Ziel war erreicht Wo in die große Straße eine Quergasse mündet standen zwei
tüchtige Laternenpfähle am Eingange der kleinen Gasse so dass des Abends ihre
Leuchten einen Teil der großen und die ganze Länge der kleinen Straße erhellen
konnten Diese Ökonomie wollte man sich zunutze machen mit reissender
Schnelligkeit ward Lessel aufgeknüpft Leiter und Strick waren längst bereit
gewesen Der Scherge eines erbitterten Volkes stieg langsam die Sprossen herab
und starrte wohlgefällig in das vom zurückgepressten Blute dunkel werdende
Gesicht des Konditors die Reihe kam jetzt an Valerius Slodczek schickte sich
an dazu Es schien als ob das stolze Wesen ihn völlig eingeschüchtert habe die
Bewegungen des wilden Burschen hatten all ihre sonstige Entschiedenheit
verloren  da sprangen plötzlich diejenigen Zuschauer und Teilnehmer der
Strafhandhabung welche sich in den Eingang der kleinen Gasse gedrängt hatten
in die Hauptstraße zurück »Platz für die Cholera« hörte man rufen und zwei
jener schauerlichen Tragbahren erschienen unter dem verscheidenden Lessel
Obwohl diese Pest nirgends so gering geachtet wurde als in Warschau weil dort
alles um Tod und Leben spielte so trieb doch der Instinkt die Leute einem
solchen Ungeheuer auszuweichen wenn es ihnen gerade in den Weg trat Die
Exekutionsordnung verschob sich alles drängte sich beiseite und Valerius von
der glühendsten Sehnsucht nach dem Leben erfüllt glaubte diesen Moment zu einem
Entweichungsversuche benutzen zu können Es war wenig Hoffnung da in der um und
um aufgeregten Stadt den vielen tausend bereitwilligen Händen zu entschlüpfen
aber der Schiffbrüchige greift zu dem letzten morschen Brette In seiner Jugend
hatten noch die letzten Reste des Turnwesens in Deutschland geblüht Laufen und
Springen konnte er noch aufs beste aus jener Schule die Todesangst verdoppelte
seine Kräfte und mit einem mächtigen Satze flog er über das im Wege stehende
Cholerabett hinweg flog in die enge Quergasse hinein
    Ein donnerndes Geschrei und die nächsten seiner Henker stürzten hinter ihm
drein Ihr Nachsetzen schien nicht so gefährlich als ihr Geschrei »Haltet auf
haltet auf ein Spion ein Verräter« Die nächste Straße war indessen still und
einsam es hatte sich alles Volk nach den Orten gedrängt wo unmittelbar
gehandelt wurde Aber diese Einsamkeit war bald durchrannt er musste in eine
andere Straße einbiegen in welche soeben von mehreren Seiten ein Teil der
Volksmenge eindrang die von der Hinrichtung der Generale zurückkam Er hörte
das Geschrei hinter sich sah wie die neue Volksmasse stutzte und sich
anschickte ihn aufzufangen  er gab sich verloren und rannte wie wahnsinnig die
ersten über den Haufen welche sich ihm entgegenstellten
    Da donnerten die Hufschläge einer Kavallerieabteilung herbei und sprengten
das Volk auseinander Es war Kasimir mit einer Abteilung Ulanen der eben ankam
als Valerius erschöpft in die Knie gesunken war
    Jener der mit einem Blicke und durch das Geschrei der Menge vom Stande der
Dinge unterrichtet war wendete sich rasch zu einigen Männern deren Äußeres und
Wesen andeutete dass sie keineswegs zum Pöbel gehörten Sie schienen dem
Offizier bekannt zu sein und ihn ebenfalls zu kennen Er rechtfertigte nicht
ohne Heftigkeit Valerius und schloss mit den Worten »Wohin soll es führen wenn
wir auf diese Weise unsere gerechte Entrüstung auch auf unsere wackersten
Krieger ausdehnen  da habt ihr ein Beispiel dessen was ich euch vorher
verkündigte als ihr auf rohem anarchischem Wege Besserung der Verhältnisse
suchen wolltet Ich habe leider recht gehabt entfesselt sind alle
Leidenschaften und das Gute wird mit dem Bösen zertrümmert«
    Die angeredeten Männer schwiegen still und auf ihre Handbewegungen
zerstreute sich der Schwarm allmählich Nur Slodczek der unterdes vom Verfolgen
wieder zu Atem gekommen war wollte seine Beute nicht so leicht fahren lassen
Es hätte ihm jetzt noch klarer sein müssen dass der Verfolgte nicht zu denen
gehörte deren Bestrafung das Volk mit Recht verlangen konnte aber bei wilden
fanatischen Gemütern ist es leider nicht selten dass sie um so hartnäckiger auf
einem Verlangen bestehen je unstattafter es ihnen dargestellt wird Er rief
die leinenen Kittel um sich zusammen winkte Thomas an seine Seite und forderte
mit polternder Stimme hinter welche sich gewöhnlich ein unsicheres Gewissen
versteckt die Auslieferung des Verräters von Kasimir
    Dieser war nicht so geneigt diese Abteilung des Aufstandes mit Worten zu
beruhigen und befahl trocken einigen Ulanen den Burschen festzunehmen Slodczek
fand es nicht geraten den Verlauf dieser Sache abzuwarten und sprang davon
Die leinenen Kittel folgten seinem Beispiele aber die kommandierten Ulanen
begnügten sich mit diesem Erfolge nicht sondern sprengten hinterdrein den
Wortführer im Auge behaltend
    Kasimir begleitete den erschöpften Valerius bis in die Nähe der Straße wo
dieser wohnte erzählte ihm dass er zur Armee abgeschickt gewesen sei um
Truppen gegen den Aufstand herbeizuholen »Glücklicherweise« setzte er hinzu
»kam ich mit meinen schnellen vorauseilenden Ulanen noch zu rechter Zeit Sie
zu befreien Schreiben Sie Ihre abscheuliche Gefahr nicht den Patrioten zu von
denen ich einige in Ihrer Nähe fand die Absicht des Aufstandes selbst war die
gerechteste von der Welt aber wir sehen aufs neue und deutlichste welch ein
entsetzliches Mittel die Empörung ist  Ich besuche Sie bald«
    Damit sprengte er fort Valerius schleppte sich mühsam bis in sein Haus und
rastete eine Weile auf der Treppe wo ihn die Kräfte zu verlassen drohten Da
stürzte ein Mensch ins Haus schoss an ihm vorüber und flüsterte »Verbergen Sie
mich ich werde verfolgt« Die Hufschläge von flüchtigen Pferden näherten sich
Treppe und Saal die zu Valerius Zimmer führten waren dunkel und erst als
dieser dem Flüchtenden seine Tür öffnete erkannte er  Slodcek Dieser stürzte
auf die Knie als er des Deutschen ansichtig wurde Sporen und Säbelscheiden
klangen auf der Treppe Valerius schob den Verfolgten in das Schlafzimmer und
zog die Schlüssel ab
 
                                      30
Schon einige Tage vor diesen Ereignissen war der Reichstag zur Überzeugung
gekommen es müsse bei der Armee eine durchgreifende Veränderung stattfinden
die Armee war bis nach Bolimow zurückgegangen Skrzynecki ließ jede Gelegenheit
zu einer Schlacht vorüber Es ward also eine Deputation erwählt welche ins
Lager hinausfahren und nötigenfalls Skrzynecki absetzen sollte
    Dergleichen blieb aber der Masse natürlich unbekannt und hatte keinen
Einfluss auf Ansicht und Verhalten derselben
    Es sind vierzehn Stunden Weges bis nach Bolimow am 10 August des
Vormittags kam die Deputation mit ihrem schweren Geschäfte dort an es war ein
bedeckter warmer Tag und sie fanden den Generalissimus zu ihrem Erstaunen und
mit nicht geringer Besorgnis zu Pferde und alle Truppen musternd Seine Freunde
hatten ihn bereits genau unterrichtet von allem was bevorstünde er nahm nicht
die mindeste Notiz von der ankommenden Deputation hielt Reden an die Soldaten
schalt auf die Landboten ermahnte fest an ihm zu halten ihm zu vertrauen und
»Es lebe Skrzynecki« schrien die kampffertigen Truppen weit über die Ebene hin
    Diesen Feldherrn jetzt abzusetzen schien also in einer so gestörten mit
dem Äußersten bedrohten Zeit eine sehr gefahrvolle Tat Die Mitglieder der
Deputation traten beiseite und warteten unentschlossen ob Skrzynecki von ihrer
Ankunft keine Kenntnis nehmen werde Er tat es nicht Endlich ward auf
Czartoryskis Veranlassung der sich unter den Deputierten befand ein Adjutant
zum Generalissimus abgeschickt um ihn offiziell zu benachrichtigen
    Auch dies machte keinen Eindruck er setzte die Musterung fort und immer
lauter schrien die Soldaten »Es lebe Skrzynecki« Die Deputation sah sich in
der bedenklichsten Lage
    Indessen Skrzynecki war weder der dreiste noch der schöpferische Mann sich
außer den vorgezeichneten Kreisen weiter zu bewegen nach einer kurzen Weile
brach er die Musterung ab und begrüßte die Deputierten seinen Ärger in die
begrüssenden Worte schiebend »Ich hoffe die Herren sind da um den Feind
schlagen zu helfen«
    Man verlangte einen Ort um dem Generalissimus die Mitteilungen vom
Reichstage vorzutragen und eine Beratung zu eröffnen Es ward eine Scheune des
Hofes eingerichtet wo das Hauptquartier war Er ging die Deputation ließ sich
dort nieder und beschied ihn kurze Zeit darauf vor ihr Forum
    Die große stattliche Figur erschien nach diesem kleinen Zwischenraume
bescheiden und sanft und mit der Erklärung sich dem Reichstage in allem zu
unterwerfen
    Er ward befragt warum er keine Schlacht liefere  Seine Antwort brachte
mehr Beteuerungen dass er ein guter Patriot sei als Gründe In der jetzigen
Stellung fügte er indessen hinzu setze eine Schlacht alles aufs Spiel wolle
man einen andern Führer an die Spitze stellen so werde er ihm folgen selbst
als gemeiner Soldat unter ihm dienen
    Die Deputation wohl einsehend dass hier der Edelmut nicht ausreiche
sondern die Tat erfordert werde ließ einen Kriegsrat von allen bedeutenden
Offizieren für den Abend zusammenberufen und der fand sich denn auch ein zum
eigenen Schrecken der Gesandtschaft Gegen dreihundert Offiziere die natürlich
sehr verschiedener Meinung waren erfüllten klirrend und lärmend streitend und
rufend den Hof vor der Scheune die einen lobten Skrzynecki die andern
verwünschten ihn noch andere schworen nun sei endlich der höchste Moment da
alles Aristokratische niederzumachen was den Aufstand und Krieg so lange
gelähmt habe Dazu schickte Ramorino von den Vorposten die Kunde der Feind
greife an ein kleines Flüsschen nämlich trennte nur die russische Armee von der
also aufgelösten polnischen Und über alledem lag ein weicher schmeichelnder
Augustabend und einzelne Sterne lächelten herunter in das wilde
Menschengetreibe
    Skrzynecki ließ sagen man solle die Offiziere abfertigen damit sie auf
ihre Posten kämen Die Gesandtschaft war in der größten Verlegenheit weil jeder
einzelne befragt werden sollte da kam endlich Ramorino selbst mit der
Nachricht der Angriff sei wieder eingestellt
    So begann denn nun dennoch das aller Kriegsform unerhörte Verfahren jedem
einzelnen ward Geheimhaltung seiner Aussage zugesichert und jeder einzelne
Offizier gab seine Meinung über den Krieg ab und über den Feldherrn
    Das Resultat war eine Schlacht bei Bolimow ist nicht ratsam Skrzynecki
aber hat das Vertrauen der Armee verloren ein neuer Generalissimus ist nötig
    Es begann die schwierige Wahl und dass sie nicht genügend erledigt werden
konnte war zunächst der neue Untergang Polens Nämlich ein überwiegendes Talent
war nicht da das zu gleicher Zeit eine überwiegende Persönlichkeit mitgebracht
hätte wie dies in so aufgelösten Zuständen unerlässlich war Prondzynski wurde
das Talent zugetraut aber er selbst traute sich die Persönlichkeit nicht zu
hatte sie also nicht Eine neue Figur war übrig von der viele noch
Außerordentliches erwarteten das war der Reitergeneral Dembinski Er hatte
unter den gefährlichsten Schwierigkeiten und Hindernissen einen Teil des
litauischen Expeditionsheeres durch die Feinde hindurch zurückgeführt und
während die oberen Führer Gielgud und Chlapowski mit ihren Heeresabteilungen
nach Preußen übergetreten waren und die Waffen gestreckt hatten brachte er sein
Kommando beutebeladen durch alle Feindesscharen und erschien plötzlich
verwildert mit langem Knebelbarte asiatischen Anstrichs an der Spitze seiner
Reiter am Tore von Warschau Dies hatte ein großes lebhaftes Interesse
aufgeweckt fabelhaft ritterlich märchenhaft glücklich und tapfer erschien er
zu jener Zeit wo der Krieg nur Rückzüge und Rückzüge darbot der halb tatarisch
einreitende Dembinski Große Erwartungen knüpften sich an diesen Eindruck aus
den übrigen Kandidaten welche Stimmen erhielten aus Uminski Lubienski Bem
Malachowski ward Dembinski zum Generalissimus gewählt man schickte nach
Warschau wo er als Gouverneur wirkte um ihn zur Armee zu holen
    Aber auch Dembinski war nicht der Mann welchen man brauchte sein Wesen
angefüllt mit Tapferkeit rascher gewandter Kühnheit eines Reiterführers mit
schnell erregter Heftigkeit besaß noch nicht jene durchgeschüttelte in sich
ruhende mit den täglichen Leidenschaften fertige Solidität welche man
Charakter und Aplomb nennt und welche vor allem andern in jetziger Lage
erforderlich war
    Noch ehe er ankam murrte es in der Armee umher als ob ein Sturm losbrechen
sollte Infanterieregimenter schüttelten die Waffen sie wollten keinen
Reitergeneral Anhänger Skrzyneckis erhoben ihre Stimmen Deputationen der
Offiziere drängten sich an die Reichstagsdeputation die Russen griffen die
Vorposten an es war ein verworrenes böses Wesen
    Am elften erschien Dembinski schalt die Deputierten dass sie sich als
Zivilgewalt so ausführlich in den Krieg mischten wollte nur interimistisch auf
sechzig Stunden annehmen ergab sich dem Patronate Skrzyneckis der ihn der
Armee vorstellte Dieser Antritt in all seinen Teilen missfiel der Regierung
Dembinski ward nicht bestätigt die Armee zog sich gegen die Verschanzungen von
Warschau zurück in die Position von Utrata Dieser neue Rückzug flog wie ein
Klageschrei durch Warschau und gab den äußeren Stoß für die Aufruhrszene welche
nun mit dem 15 August ausbrach
    An der Spitze stand Krukowiecki welcher sich der Volkspartei und der Klubs
bemächtigte um die aristokratische Partei zu stürzen und selbst an die Spitze
zu kommen Während des Aufstandes erklärte er sich zum Gouverneur der Stadt und
war an allen Orten und Enden der Regierung immer neue Gefahren meldend den
Aufruhr selbst in aller Weise bis zu einem gewissen Höhepunkte fördernd
    So waren die Zustände am Abend des 15 August wo Valerius nahe daran war
aufgehängt zu werden in der Stadt war leise aber sicher alle Gewalt in die
langen Finger Krukowieckis geschlüpft die ohnmächtige Regierung in welcher nur
Lelevel zur Aufruhrpartei gehörte hielt er durch immer neue Schreckbilder im
Schach die Volkspartei ermahnte er nach einer gewissen Ordnung zu henken
    Zu gleicher Zeit war die Armee ohne Führer Dembinskis Termin war in wenig
Stunden abgelaufen neue Deputierte kamen denselben Abend in das neue Lager um
für jeden Preis einen Generalissimus zu wählen Skrzynecki welcher durchaus
Dembinski wollte weil sich ihm dieser so ergeben bewies trat ihnen mit der
spöttischen Frage entgegen »Wen wollt Ihr denn jetzt in Warschau des Sultans
Bart oder Barbara Radzivillowna«
    Keiner von den übrigen Generalen wollte annehmen der allgemein verehrte
Fürst Czatoryski kam verhängten Zügels ins Lager gesprengt um Schutz zu suchen
die Aufrührer waren an der Barriere seinem Pferde in die Zügel gefallen er
hatte sich durch einen Pistolenschuss befreien müssen die Lage war entsetzlich
wenn Paskiewitsch Kunde erhielt und mit aller Gewalt angriff
    Die Deputierten zwingen jetzt Prondzynski den Oberbefehl anzunehmen man
schildert ihm den Zustand der Hauptstadt wo die Regierung im Begriff ist den
allmächtig gewordenen Krukowiecki auch formell das Feld zu räumen und
niederzulegen Er nimmt ebenfalls nur interimistisch an und erklärt Krukowiecki
sprechen zu müssen und reitet nach Warschau Jetzt erheben sich wieder
Skrzynecki und Dembinski Warschau heißt es müsse gebändigt werden ein
militärischer Diktator sei nötig Die Armee wird von Utrata noch weiter zurück
bis in die Verschanzungen der Hauptstadt geführt und den Truppen in einem
Tagesbefehle angezeigt die Russen hätten einen Aufruhr in Warschau angerichtet
Unter diesen sich überstürzenden Aufregungen errichtet man sogar in Eile
Batterien gegen Warschau
    So stehts am 17 August An der Spitze seiner Reiter und seines
Generalstabs reitet Dembinski in die Stadt vor den Palast der Regierung um
eine Diktatur in Beschlag zu nehmen Prondzynski hat bereits wieder
niedergelegt die Regierung tut desgleichen Dembinski noch zum Generalissimus
ernennend
    Dieser nur halb entschlossen zu einem Äußersten eilt in den Sälen des
Palastes hin und her bald diesen anfahrend bald jenen fragend Krukowiecki
tritt ein auf ihn stürzt er los »Ich bin gekommen die Verbrecher vom 15
August zu verhaften Sie selbst sind mir von Lelevel als Teilnehmer genannt «
    Krukowiecki erbleicht sein ganzes Werk steht auf dem Spiele die Armee ist
da und seine Macht kann in einem Nu entrückt sein Er gibt sein Ehrenwort mit
dem patriotischen Klub nichts gemein zu haben Dembinski lässt sogleich die
Häupter desselben und Anführer des Aufstandes verhaften
    Unterdessen versammeln sich die Landboten der Moment kommt wenn sich
Dembinski zum Diktator machen will er schwankt hin und her sein Vorsatz kommt
zur Kenntnis des Marschalls Ostrowski und dieser ruft laut »Wenn Dembinski
erscheint so verweigere ich ihm das Wort«
    Man überbringt Dembinski eiligst diese Äußerung er erschrickt gibt sein
Unternehmen auf und da er doch Generalissimus ist rückt er hinaus ins Lager
    So war das Feld wieder frei für Krukowiecki immer längere Listen von
solchen welche das Volk ermorden wolle überbrachte er dem Reichstage ließ das
Schloss mit Truppen und Kanonen umringen als sei die größte Gefahr vorhanden
und ward dann auch wirklich unter diesen Schreckensumständen die er allein zu
bändigen schien zum Präsidenten der neuen Regierung ernannt
    Jede Partei glaubte sich Glück wünschen zu können die ausschweifendsten
Demagogen wurden bestraft die tüchtigsten aus der Volkspartei wie Xaver
Bronikowski wurden angestellt den Doktrinärs ward dadurch genügt dass
Bonaventura Niomojewski Vizepräsident wurde die Aristokraten fanden ihre
Stellen im diplomatischen Kreise ein paar Soldaten und gemeine Leute welche
man bei den Mordszenen ergriffen hatte wurden erschossen der neue Regent war
von unermesslicher Tätigkeit man fühlte sich konsequent und durchgreifend
regiert alles pries den Retter aus so großer Unruhe und Unordnung den alten
Krukowiecki
    Valerius der an jenem Abende den Slodczek wirklich gerettet hatte ging
jetzt lebhaft mit dem Entschlusse um wieder in die fechtenden Reihen
einzutreten obwohl sein Anteil an allen diesen Dingen völlig erstorben war Es
graute ihm vor diesen revolutionären Zuständen die ihm mit aller Grässlichkeit
mit ihrem entsetzlichen Zufalle so nahe getreten waren ein ganzes historisches
Verhältnis war ihm unheimlich wo in keiner Weise ein gesichert Allgemeines
festgestellt werden konnte aber er hielt es für schicklich jetzt nicht
abzustehen wo die Gefahr aufs höchste gestiegen war
    Eine Rückkehr nach Deutschland war in diesem Augenblicke auch nicht möglich
die Russen hatten eine Meile von Warschau den ganzen Kreis des linken
Weichselufers besetzt sogar das Rüdigersche Korps hatte sich von Süden herauf
mit der großen Armee vereinigt vor Deutschland lag die Mauer einer Armee
    Im Begriff nach Wola hinauszugehen schritt er trübe und düster über den
sächsischen Platz das ganze Leben sah ihm zugemauert und verloren aus da kam
Kasimir geritten der eine Botschaft von der Armee an den Präsidenten gebracht
hatte Er war sehr niedergeschlagen und riet Valerius durchaus ab noch einmal
die Waffen zu ergreifen für eine völlig verlorene Sache
    In diesem Augenblicke fuhr der Präsident Krukowiecki mit Stanislaus und
dessen Vater vorüber
    »Sehen Sie« sprach Kasimir »die unnatürlichen Verhältnisse der alte Graf
hasst Krukowiecki wie die Pest da fährt er freundschaftlich mit ihm hin Nein
nein glauben Sie das nicht hoffen Sie nichts von dieser blendenden Energie
diese Warschauer Polen sind bis ich die innerste Seele eitel und egoistisch
dieser Krukowiecki ist der Egoismus selber ich fürchte das Schlimmste Kommen
Sie mit ich will mein Pferd einstellen und einen Schlupfwinkel suchen Helfen
Sie mir ich vertraue Ihnen rücksichtslos Heut abend kommt Dembinski der
jetzige Generalissimus mit Skrzynecki in die Stadt herein Skrzynecki ist
seines Lebens nicht mehr sicher vor seinem Todfeinde dem alten Grauen
Krukowiecki verlangt heute seine augenblickliche Entfernung von der Armee
morgen übermorgen wird er auch Dembinski absetzen«
    Sie suchten eine Wohnung für Skrzynecki Des Abends kam wirklich ein Wagen
vor den Regierungspalast gefahren in welchem zwei Offiziere saßen Der eine
stieg aus um den Präsidenten der polnischen Regierung zu sprechen heftiger
Groll lag auf dem Antlitze und raschen Schrittes eilte er über den Hof  es war
Dembinski Der andere Offizier in einen Mantel gehüllt fuhr weiter in einer
dunkeln Straße stieg er aus Kasimir und Valerius traten zu ihm gingen
schweigend noch durch einige kleine Straßen und traten in ein Haus
    Der Mann welcher sich jetzt in Warschau verbergen musste war derselbe
welcher noch vor wenig Tagen an der Spitze des polnischen Heeres gestanden
hatte war Skrzynecki Seufzend warf er sich im Zimmer auf einen Sessel der
lange blasse interessante Mann nahm seine Brille ab und bedeckte die Augen mit
der Hand
    Die Situation schnitt Valerius durch das Herz wie zermalmender Sturm
erschien ihm eine Zeit die aus dem Gleise gerückt ist
    »Wenn Dembinski heftig ist gegen den glücklichen Intriganten so wird er
morgen des Generalissimates entsetzt sein dieser Krukowiecki ist unser Saturn
ein heidnischer Dämon der seine Kinder frisst« 
    Der nächste Tag sah die Erfüllung dieses Wortes Dembinski ward abgesetzt
Valerius und Kasimir brachten dem zerbrochenen Krieger die Nachricht und man
beratschlagte eifrig über Mittel und Möglichkeit dass Skrzynecki nach Krakau
gelange Krukowiecki hatte überall seine Spione es war die größte Gefahr zu
besorgen Darüber brach der Abend ein man hatte sich über die Abreise zum
nächsten Abend vereinigt die drei Männer saßen schweigend im Dunkeln
    Da polterte ein schwerer bespornter Fuß die Treppe herauf die Tür ward
ohne weiteres aufgerissen ein großer breiter Mann trat auf die Schwelle und
blieb dort schweigend stehen die Tür blieb offen Hinter ihm kam ein Soldat mit
einer Laterne er trat neben jenen das Licht beleuchtete die Gruppe
    »Krukowiecki« riefen gleichzeitig die drei Männer und sprangen von den
Stühlen auf
    »Jawohl Krukowiecki« sprach jener »General Skrzynecki schlägt wohl die
Russen hier ganz in der Stille«
    Skrzynecki hatte seine volle vornehme Fassung und verhielt sich mit
untergeschlagenen Armen völlig schweigend Die beiden großen Figuren in solcher
Stimmung und Situation einander gegenüber der leuchtende Soldat daneben in
welchem Valerius Slodczek erkannte die beiden erschreckten Männer Kasimir und
Valerius bildeten eine merkwürdige Gruppe
    »Sie junger Mann aus Deutschland« sprach Krukowiecki zu Valerius »sind
auch eine der verdächtigsten Personen die ihren Lohn finden wird  General
Skrzynecki Befreier Polens ich befehle Ihnen Sie das letztemal gesehen zu
haben Sie gehören weder zur Armee noch nach Warschau«
    »General Krukowiecki« erwiderte der abgesetzte Generalissimus »der Sie
unsere Revolution entwürdigen gebe Gott zum Heil meines Vaterlandes dass Sie
nicht der sind für den ich Sie halte«
    »Sie haben ausgespielt Skrzynecki« erwiderte dieser heftig »und Ihr
Geschwätz soll auch ein Ende nehmen«
    Damit verschwand er Die drei Männer waren wieder im Dunkeln und gingen
augenblicklich daran andere Maßregeln für ihre Sicherheit zu treffen
 
                                      31
Skrzynecki war auf dem Wege nach Krakau Kasimir und Valerius ritten durch die
Barriere nach Wola um sich in die Armee zu retten Es war eine mondhelle Nacht
und sie konnten nur langsam vorwärts weil ein ganzes Armeekorps vom Lager aus
durch Warschau marschierte um über die Brücke von Praga aufs jenseitige
Weichselufer zu rücken und einen Streifzug zu unternehmen Es war eine
Heeresabteilung von mehreren zwanzigtausend Mann welche unter Ramorino und
Lubienski den Zugang von Praga säubern und der diesseitigen Armee welche auf
eine Quadratmeile eingeengt war Lebensmittel verschaffen sollte
    Valerius war starr und öde und sah mit Verzweiflung auf die Stadt zurück
welche unter Nacht und Mondschein hinter ihm lag Für all seine uneigennützige
entusiastische Teilnahme an Befreiung der Nation welche in dieser Stadt
verkörpert war musste er jetzt wie ein Dieb in der Nacht entweichen und unter
den Kugeln der Russen eine Freistatt suchen Alle seine Anknüpfungen hinter
jenen Mauern sahen ihm trübselig nach er wusste nicht einmal ob Konstantie noch
dort wohne das Weib das in einem so stürmischen Rausche an seiner Brust
gelegen hatte auch Joels Schicksal war ihm unbekannt die liebliche Hedwig
hatte er nur in jenem entsetzlichen Momente wiedergesehen das ganze Leben
grinste ihn an wie ein possenhaftes Trauerspiel Dazu dieser erschreckende
Leichtsinn des vorüberziehenden Heeres Lärm und Jubel desselben in der warmen
Sommernacht »und sie ziehen vielleicht dahin« sagte Kasimir »und sehen dies
vergötterte Warschau nicht wieder Paskiewitsch weiß vortrefflich wie es unter
uns hergeht er hat seine ganze Macht beisammen und ist ein entschlossener
tapferer Feldherr der mit Energie das Äußerste daran setzt  Gott schütze das
arme Polen«
    »Auf Wiedersehen Auf Wiedersehen« riefen die Kriegskameraden welche
vorüberzogen und im Mondscheine Kasimir oder Valerius erkannten Auch Stanislaus
war unter den Marschierenden aber er ritt ohne Gruß dicht an dem Deutschen
vorbei
    Jener Expedition Ramorinos schloss sich überhaupt der Kern der
aristokratischen Partei an die sich in einem unsicheren Verhältnisse zu
Krukowiecki fühlte
    Dieser merkwürdige Mann war nun jetzt im ganzen Umfange des Wortes Diktator
obwohl er den Titel nicht hatte das Generalissimat war dem 75jährigen
Malachowski aufgenötigt worden damit die Armee für alle Pläne verfügbar blieb
die Gouverneurschaft von Warschau hatte General Chrzanowski ein Offizier
welcher den Patrioten höchst verdächtig war und schon lange von Unterhandlungen
mit den Russen gesprochen hatte vom Oberbefehl über die Nationalgarde war der
hochgeachtete Anton Ostrowski entfernt Krukowiecki ließ seine eigene Wohnung
von einem Chasseurregimente bewachen Die Demokraten nämlich gerieten jetzt in
die Furcht von ihm betrogen zu sein und organisierten eine Verschwörung Sie
ward entdeckt  in diesen aufgelösten Zustand kamen nun die Parlamentärs von
Paskiewitsch welche Unterhandlungen eröffneten
    So stand es als Valerius am Vormittage des 5 Septembers den General
Prondzynski an sich vorübersprengen und über die polnischen Vorposten
hinauseilen sah vor ihm ritt ein Parlamentär neben ihm Peter Wysocki jetzt
Oberstleutnant welcher ein Hauptführer der Fähndriche beim Ausbruch der
Revolution gewesen war Als sie nach mehreren Stunden erst zurückkehrten
erzählte Wysocki zu großer Bestürzung dass Prondzynski eine Stunde lang geheim
mit dem russischen Generale Dannenberg in Unterredung geblieben und ganz
verwandelt höchst bestürzt zurückgenommen sei So war man denn auch über diesen
wichtigsten Heerführer in Unruhe versetzt wenn auch nicht an einen Verrat von
seiner Seite geglaubt wurde vielleicht waren ihm im Eifer Andeutungen
entschlüpft über die ferne Abwesenheit des Ramorinoschen Korps über die
Regierung kurz den Morgen darauf als Valerius sich eben gegen fünf Uhr von
seiner harten Lagerstatt am Erdboden erhob donnerte ein Kanonenschuss vom
russischen Heere herüber es folgte ein zweiter und als ob Luft und Erde in
Donner aufgelöst würden ein Schlag von hundert Kanonen die wie ein Hagelwetter
links und rechts neben ihm in die polnischen Verschanzungen einschlugen
schwarze Kolonnen die Blitz auf Blitz vor sich hertrugen kamen über die Ebene
daher auf die Position von Wola los welche die stärkste der Warschauer
Verschanzungen war
    Paskiewitsch begann den Sturm in dem Augenblicke war der Oberbefehlshaber
Malachowski gar nicht zugegen General Bem welcher sämtliche Artillerie
befehligte stand ruhig auf dem Observatorium in Warschau und hielt den Angriff
auf das feste Wola für einen Scheinangriff viele Werke waren von den Soldaten
entblößt weil die 20000 Mann von Ramorino fehlten die zum Teil just nach Wola
gehörten nur Uminski unter welchem auch Valerius jetzt focht war auf seinem
Posten und des Äußersten gewärtig Der größte Teil von der Armee ganz Warschau
dachte nicht daran dass in den nächsten achtundvierzig Stunden eine
Totalentscheidung des ganzen Krieges vor sich gehe just dies Verhüllte
Unerkannte des Äußersten war ein so überaus tragisches Moment
    Zwei Stunden Zeit kostets die Russen zwei kleine vereinzelte Vorwerke zu
nehmen aber sie bieten von der kräftigsten Energie ihres Feldherrn
Paskiewitsch gedrängt einen unablässigen massenhaften Angriff der
verzweiflungsvollen Wehr von s der Polen nach sieben Uhr stürzen sie zum
Sturm auf Wola nach einem entsetzlichen Gemetzel ist es gegen neun Uhr
genommen Wysocki der es mit verteidigt in den Händen der Russen  es tritt
eine Totenstille auf dem Felde ein kein Schuss fällt mehr Krukowiecki
erscheint um zu sehen was vorgefallen sei
    Als nun die Russen zu weiterem und breiterem Angriffe vorrückten fanden sie
geordneten Widerstand von Bem und Uminski nachmittags um drei Uhr beginnen die
Polen selbst den Angriff um Wola wieder zu erobern Hier gab es nun eine Stunde
lang das mörderischste Gefecht des ganzen Krieges Paskiewitsch drängte mit
konzentriertester Tapferkeit und Kraft alles auf Wola zusammen Um vier Uhr
mussten die Polen auf das nächste Hauptwerk Czysti zurückweichen und Wola
aufgeben um fünf Uhr schwieg erschöpft alles die Russen befestigten Wola
    Dies war der erste Tag des Sturms Warschau hatte in dem Halbkreise welchen
es diesseits der Weichsel nach der westlichen Ebene ausdehnt drei
Verteidigungslinien dieser Tag hatte den festesten Teil der ersten Linie
gekostet der übrige Kreis derselben war noch von Polen besetzt die zweite und
dritte Linie unberührt man hoffte jede Stunde auf Ramorinos Ankunft man dachte
nicht an ein Ende
    Aber Krukowiecki dachte daran Chrzanowski der Gouverneur von Warschau der
alles zu verhaften befahl was in der Stadt die Waffen erhebe Prondzynski der
mutlos war
    Krukowiecki ließ in die Stadt hineinsagen alles sei verloren man möge ihn
zu Unterhandlungen bevollmächtigen Er erhält vorläufige Erlaubnis man denkt
er wolle Zeit gewinnen aber die Armee erhält keine Befehle für den nächsten
Tag noch beordert er Wagen welche man vorschlägt um dem Ramorinoschen Korps
die Ankunft zu beschleunigen gegen Mitternacht beruft er Prondzynski Er soll
neue Unterhandlungen anknüpfen und erhält von Krukowiecki die geheime Weisung
Rückkehr unter russische Herrschaft sei die Grundlage Um drei Uhr des Morgens
reitet Prondzynski nach Wola Feldmarschall Paskiewitsch empfängt ihn barsch in
Gegenwart des Grossfürsten Michael und des General Toll der Grossfürst aber
vermittelt es soll bis neun Uhr Waffenstillstand sein Präsident Krukowiecki
solle selbst zur Unterhandlung nach Wola kommen
    Nach acht Uhr des Morgens am 7 September ritten also Krukowiecki und
Prondzynski mit dem russischen Parlamentär General Dannenberg nach Wola
Paskiewitsch empfing sie von einem glänzenden Generalstabe umgeben und man
ging ins kleine Wirtshaus von Wola um zu unterhandeln
    Das wichtige Verhältnis wurde dadurch eingeleitet dass der russische
Feldmarschall den polnischen Präsidenten hart und rau anging wie den Vertreter
einer bereits ganz verlorenen Sache und dass Krukowiecki sich nun ebenfalls
zornig in die Brust warf und aufzählte was alles für Hilfsmittel den Polen
noch zu Dienst wären Der Grossfürst Michael vermittelte hierbei ebenfalls
Paskiewitsch verlangte unbedingte Unterwerfung und Räumung von Warschau
Krukowiecki erklärte seinen Beitritt fügte aber hinzu dass die Zustimmung des
Reichstags nötig sei dass diese indessen erfolgen werde Bis sie verschafft sei
bis Nachmittag zwei Uhr solle der Waffenstillstand ausgedehnt werden
    Zwischen den russischen Zurüstungen zu einem neuen Sturme ritten die beiden
Polen zurück und zwar einen andern Weg als sie gekommen waren Dies rettete
Krukowiecki das Leben an dem Wege den er des Morgens genommen hatte harrte
seiner der Tod die Demokraten welchen er jetzt ein Entsetzen geworden
lauerten ihm auf
    Warschau war unterdessen in der wunderlichsten Unruhe und Ungewissheit
niemand dachte an eine so nahe Endkatastrophe und doch fühlte man sich unter
dem peinigenden Drucke einer Gefahr drohenden Luft man fragte sich »Was ist«
»Was geschieht« »Warum schweigen die Kanonen« »Siegen wir« »Warum ist der
Präsident bei den Russen«
    Nur die höher Gestellten sahen den Abgrund an welchen sie geführt waren
ohne doch auch genau zu wissen wie tief er sei ob ein Sprung retten könne der
Vizepräsident welchem vor den unheimlichen Schritten Krukowieckis graute legte
seine Stelle nieder ihm folgten die meisten Minister dennoch fürchtete noch
niemand das Entsetzlichste was bereits neben ihnen stand
    Es ist vormittags zehn Uhr der Reichstag versammelt sich Krukowiecki und
Prondzynski kommen an wie soll die Forderung des russischen Feldmarschalls
welche die ganze jetzige Existenz vernichtet den Deputierten vorgetragen
werden Prondzynski wird hineingeschickt er soll als betrauter Offizier den
rettungslosen Waffenzustand schildern
    Erhjetzt fieberisch bewegt von den Eindrücken die ihn schleudern tritt er
ein und bittet um eine geheime Sitzung Man schließt die Türen räumt die
Galerien Prondzynski gibt eine hinreissende Schilderung dass Warschau kaum noch
eine Stunde zu halten sei dass der Feldmarschall den Wiener Traktat
vollständige Amnestie Pressfreiheit Freiheit von russischer Besatzung biete 
ein Teil des Reichstags ist erschüttert da erhebt sich der Landbote Worcell und
ruft man solle sich vertagen und niemals einen solchen Vertrag bestätigen es
erhebt sich der Landbote Jelowicki und erklärte jene Darstellung sei lügnerisch
übertrieben General Bem habe versichert die Stadt könne sich noch
vierundzwanzig Stunden halten unterdes sei Ramorino da Paskiewitsch habe
bereits soviel Munition verschossen als Napoleon zu seinem ganzen Zuge bis
Moskau mitgenommen er müsse in kurzem erschöpft sein
    »Herren Landboten« beginnt Prondzynski aufs neue  Bonaventura Niemojewski
verbietet ihm das Wort und ermahnt die Versammlung standhaft zu sein sich
nicht einschüchtern zu lassen
    Es ist ein Uhr Prondzynski zieht einmal um das andere seine Uhr heraus und
ruft »Meine Herrn entscheiden Sie sich es sind nur noch wenig Minuten übrig
der Sturm beginnt von neuem die Russen dringen in die Tore«
    »Lasst die Sturmglocken läuten« ruft Anton Ostrowski »alles mit Waffen
hinaustreiben gegen den Feind«
    »Auf der Stelle« stimmt Nakwaski bei »und der Bischof mit dem heiligen
Kreuz soll vorangehn«
    »Wählt Niemojewski zum Präsidenten«
    »Nein fragt Krukowiecki«
    »Keine Volksbewaffnung sie erwürgt auch uns«
    Da dröhnten die Fenster von dem Schlage welchen zweihundert Kanonen
donnerten Paskiewitsch begann den neuen Sturm
    »Erwählt den Kaiser von Russland zum König von Polen wenn Polen ganz Polen
bleibt« rufen fünf bis sechs Stimmen darunter Lelewels Ostrowskis
    »Erwartet das Ärgste auf diesen Stühlen wie römische Senatoren« ruft
Szaniecki »zwingt den entmutigten Prondzynski der unser fähigster General ist
an die Spitze der Truppen zu eilen«
    »Ja ja so seis« ruft alles Prondzynski entweicht
    »Öffnet die Türen« ruft der Reichstagsmarschall »verhandelt das
Eigentumsrecht der Bauern So soll uns der Feind finden«
    Aus dieser Zerfahrenheit wo stolze Phrasen einzelne Kühnheit aber
nirgends eine gefasste durchdringende Energie nirgends überwältigende
herrschende Persönlichkeiten und Entschlüsse zu finden waren aus dieser
Versammlung welche von den Ereignissen überflügelt war ließ sich keine Rettung
erwarten Und diese Versammlung war das einzig noch geachtete mächtige Institut
der ganzen Revolution Prondzynski mochte übertreiben aber er tat es sicher
nicht so lügnerisch als man ihm vorwirft Paskiewitsch hatte wirklich große
Wahrscheinlichkeit des Gelingens für sich da die Dinge einmal so weit getrieben
waren und er eine unumschränkte Entschlossenheit für sich hatte
    Der Hauptsturm war diesen Tag auf den Mittelpunkt der polnischen Position
auf Czysti gerichtet das mit zweihundert Kanonen verheerend angegriffen wurde
Auf der Uminskischen Linie wo ebenfalls stürmisch vorgedrungen ward gelang der
russische Angriff nicht sondern ward zurückgeworfen aber Czysti wurde bald so
weit demontiert dass es sturmreif war Paskiewitsch der mitten im Feuer hielt
und seine Truppen unablässig vordrängte musste zwar persönlich zurück da eine
Kugel seinen Kopf gestreift und verwundet General Toll indessen übernahm das
Kommando und war eben im Begriff den Sturm zu beginnen Da kam Prondzynski
mitten durch das beiderseitige Feuer gesprengt und brachte die Nachricht
Krukowiecki sei vom Reichstage autorisiert zu unterhandeln
    General Berg wurde mit ihm zurückgesendet dieser verlangt schriftliche
Autorisation vom Reichstage Krukowiecki hat eine solche nicht und schickt dem
Reichstage seine Entlassung Sie wird angenommen der Sturm auf Czysti beginnt
Prondzynski lässt sich noch einmal von Krukowiecki in den Reichstag schicken
Niemojewski und der Marschall erheben sich gegen ihn der Lärm beginnt von
neuem er erhält aber doch die schriftliche Erlaubnis mit Rücksicht auf den
Geist der früheren Gesetze in Unterhandlung zu treten Rasch lässt nun
Krukowiecki seine Abdankung wieder vom Tische nehmen und sendet abends um sechs
den immer reitenden Prondzynski nochmals ins russische Lager mit jener
Bevollmächtigung und mit einem eignen Unterwerfungsbriefe an den Kaiser von
Russland
    Unterdessen ist Czysti genommen und die Russen dringen durch diese eine
Lücke in die Vorstädte die Uminskischen Linien welche noch unversehrt sind in
der Flanke und im Rücken lassend Von hier aus greifen nun die Polen an und es
entsteht ein neues entsetzliches Gemetzel die Nacht bricht ein der Tod mäht
wüst da fehlen plötzlich überall die polnischen Truppen wie sie von
Malachowski und Uminski beordert waren auf Krukowieckis Befehl sind sie in die
Stadt und bis nach Praga hinübergezogen worden Chrzanowski lässt niemand über
die Brücke von Praga flüchten es ist offenbar darauf abgesehen Krukowieckis
Unterwerfung an die Russen zu bestätigen
    Es herrscht die trostloseste Verwirrung man rennt man klagt man schimpft
Truppen ziehen dazwischen aus den Vorstädten herein knattert das Gewehrfeuer
braust das Kampfgetümmel  da bringt der Marschall Ostrowski noch einen kleinen
Teil der Landboten im Palaste zusammen Krukowiecki wird von ihnen abgesetzt
Die beiden Ostrowski unterzeichnen es und tragen es selbst zu ihm hin viele
Landboten folgen
    »Was wollen Sie« schreit er und gerät in schäumende Wut als ihm die
Absetzung mitgeteilt wird  »sagt dem Grossfürsten dass er jetzt die Stadt
beschiesse ich nehme die Entlassung nicht an holla Ordonnanz die Gitter vom
Reichstagspalaste sollen geschlossen werden ich will sehen ob der Reichstag
meinen Vertrag ratifizieren wird«
    Aber dies war die letzte Wut er wartete selbst die Rückkehr Prondzynskis
nicht ab ließ alles im Stich und entwich über die Weichselbrücke Die
Verwirrung war nun noch größer als der russische Parlamentär ankam und nur mit
Krukowiecki unterhandeln wollte es war mitten in der Nacht und man musste
Reiter abschicken um Krukowiecki zurückzuholen
    Am 8 September endlich vormittags gegen 12 Uhr ward eine militärische
Kapitulation abgeschlossen nach welcher Warschau und Praga übergeben wurden und
die polnische Armee mit ihren Effekten nach Plock abmarschieren sollte
    Um diese Zeit ritt Valerius zum letzten Male durch die Straßen am Hause des
alten Grafen vorüber wo er mit Konstantien glücklich gewesen war sie stand
neben dem alten Herrn am Fenster und sah in das vorübertosende militärische
Getümmel der Graf hatte seine sonstige stille Miene und man konnte darauf
lesen dass er nicht flüchten sondern sich mit den Russen abfinden werde Sie
mochten Valerius in dem Wirrwarr nicht erkennen aber es war diesem ein
schneidender Eindruck der Fürstin Augen lächelnd auf diesem Untergange ruhen zu
sehen »Bist du ein unbedeutender Geist« sprach sein Gewissen »ist sie ein so
überlegener Oder gibt Geburt und Stellung auch in den wichtigsten Fragen soviel
richtigere Einsicht Sie hat es dir voraus gesagt dass es so kommen würde du
hast es jetzt zum Schrecken gesehen was eine Macht die in strenges Verhältnis
in strenge Einheit gefügt ist Überlegenes leistet Wie gewaltig und ganz ist
dir in den letzten Tagen der russische Feldherr entgegengetreten neben diesen
aufgelösten Revolutionszuständen Hätte er nicht auch siegen müssen wenn nicht
gerade von den Krukowiecki und Chrzanowski hantiert worden wäre Täuscht man
sich nicht eben weiter wenn dieser Untergang auf einzelne Persönlichkeiten und
Zufälligkeiten geschoben wird Was ist alle Frage und Untersuchung und Redensart
im Staatsleben was bleibt der ewige Mittelpunkt Kraft und Macht  wo wohnt sie
in dieser Verworrenheit«
    Der Zug war just vor des Grafen Hotel ins Stocken geraten und Valerius
musste dort harren wie im Feuer einer Batterie Auch Williams sonst so düstres
Angesicht sah er am Fenster und er glaubte die Schadenfreude darauf zu
erkennen
    Als er endlich bis an die Brücke gekommen war fand er ein Drängen und ein
Gewirr dass er sein Pferd auf die Seite schieben und sich ruhig im Warten
bescheiden musste In den Heereszug drängte sich alles was bisher in Warschau
regiert oder mitgesprochen hatte dieser und jener der bis daher ein vornehmer
Mann gewesen war trug sein Bündel sein Kästchen was er eben zunächst retten
wollte die ganze letzte Zeit gewann hier das Ansehen eines Mummenschanzes der
plötzlich verboten wird auf die enge Passage dieser Brücke war mit einem Male
alles angewiesen was bisher agiert hatte
    Sieh da auf einem kleinen Vorsprunge stand Leopold und sah neugierig dem
allen zu Valerius rief ihn an der Kleine bewies sich auch hier wie immer
redselig und heiter »Es ist ein historischer Moment den muss ich mir
betrachten lieber Alter sieh sieh wie das höchst interessant sich gestaltet
hat ich hab mirs gedacht Lieber es musste so kommen eine gestorbene alte
Geschichte bleibt eine Leiche man mag tun was man will«
    Es war ein wunderlich ironischer Eindruck auf Valerius dass selbst dieser
kleine leichtsinnige Fant sich überlegen fühle ihn gewissermaßen beschäme oder
herausfordere Er fragte ihn ob er sich denn nicht retten wolle dass er hier im
dünnen Leibrock mit dem Zuschauen begnügt sei
    »Wovor mich retten Ich bin ja kein Revolutionär bin ein neutrales Element
die zerstörende Leidenschaft der Menschen du weißt es ja ist nie meine Sache
gewesen nur die gefällige  schau schau kennst du ihn noch von neulich da
sah er anders aus«
    »Krukowiecki Krukowiecki« sprach hie und da ein Vorüberziehender aber man
hatte in der allgemeinen Notwendigkeit keinen Raum zu absonderlicher Beachtung
auch nicht zu zorniger Er hatte seinen Mantel umgeschlagen und ritt unter dem
polnischen Zuge als wäre nichts Störendes zwischen ihm und seinen Patriotischen
Landsleuten vorgefallen
    Valerius reichte Leopold die Hand er wollte nun ebenfalls durchzukommen
versuchen »Leb wohl Gott weiß wo wir uns wiedersehen«
    »In Petersburg oder in Paris Lieber«
    »In Petersburg Hansnarr«
    »Höre Valerius bist du vielleicht stark bei Kasse«
    Das Gewühl drängte den Befragten weiter ein Wagen der rasch vorwärts
strebte nötigte ihn zu großer Aufmerksamkeit auf sein Pferd  »ach Herr von
Valerius« hörte er eine sanfte Stimme rufen sie kam aus dem Wagen und war
Hedwigs welche mit der steinalten Großmutter und dem Vater darin saß Die arme
Kleine hatte ein verschwollen geweintes Antlitz und streckte ihm die Hand
entgegen »Bitte begleiten Sie uns« bat sie inständig »Wie freue ich mich in
allem Elend dass ich Sie gerettet sehe«
    Ihr Vater lag mehr als er saß totenbleich im Wagen nur die alte Gräfin saß
kerzengerade wie sie immer gesessen hatte und starr und geisterhaft sah ihr
toter Blick vor sich hin
    Jenseits der Brücke hatte General Bem vierzig Kanonen auffahren lassen und
sie kamen eben dazu als Krukowiecki die Weisung erhielt man werde auf ihn
schießen wenn er das rechte Weichselufer betrete Zusammenfallend suchte der
alte Intrigant mühsam einen Weg nach Warschau zurück er war vernichtet
Valerius war übrigens nicht mit vielen andern der Meinung dass er offener
Verräterei anzuklagen sei er sah jenes unglücklichste Moment des polnischen
Nationalcharakters zum äußersten in ihm wirksam welches den einzelnen
persönlichen Einfluss den einzelnen persönlichen Ehrgeiz ohne aufopfernde
Rücksicht für das Ganze und Große um jeden Preis geltend macht Wo diese
Fähigkeit der Entäusserung und Entsagung fehlt glaubte Valerius jetzt mehr als
je da sei auch keine Kultur und als Ergebnis derselben kein gedeihender
Staat möglich So stellte sich ihm das polnische Unglück als ein regelmässiger
Verlauf der ganzen polnischen Geschichte dar in welcher niemals die einzelne
Person dem allgemeinen Bewusstsein einer allgemeinen Notwendigkeit untergeordnet
worden in welcher das Opfer im feinsten Sinne des Wortes unbekannt geblieben
sei In dieser Weise habe auch Krukowiecki blindlings hineingewirtschaftet und
nur dafür gearbeitet bis zum letzten Augenblicke selbst als Überlieferer an
den Feind die Hauptperson zu bleiben nebenher sei er der gepriesene Patriot
gewesen mehr aber Krukowiecki als Patriot
    Sie waren im Freien links nach der Straße von Plock zog das Heer geradeaus
vor ihnen lag der Weg nach Siedlce die früher so wichtige große Chaussee Auf
dieser wollte die Familie weiter um dann rechts durch die Wälder nach ihrem Gut
zu gelangen und dort ergeben die weitere Entwicklung des Dramas abzuwarten
Hedwig bat unter immerwährenden Tränen Valerius möge sie begleiten das
kindliche Anschmiegen rührte ihm die Seele Florian düster und
niedergeschlagen fand sich mit einigen Bauern ein um wie er sagte die alte
Gräfin in Sicherheit zu bringen er antwortete dem fragenden Valerius das
Ramorinosche Korps rücke durch die Wälder herauf dem könne er sich anschließen
der Graf sprach nicht ein Wort der Wagen rollte weiter Valerius trabte halb
unschlüssig hinterher von der sich zum öfteren umschauenden Hedwig wie gezogen
Er wusste es wie gefährlich der Weg für ihn sei mitten in das von Russen
überschwemmte Land hinein
    Florian mit den Bauern war beritten es ging rasch nach den Wäldern zu in
einiger Entfernung folgte ein einzelner Reiter
    Auch Florian sprach kein Wort nur seine Handbewegung drückte aus »Alles
ist verloren« ein einziges Mal als Valerius sagte es sei ja nur Warschau hin
erwiderte er »Warschau ist alles die großen Herren haben ihr Spiel verloren
und wir kommen hinterdrein«
    Bei einbrechender Nacht vernahm man aus der Ferne jenes ruckweis murmelnde
Geräusch welches den Anzug von Truppen bezeichnet der Wagen hielt still
Florian und die Bauern ritten auf Rekognoszierung aus es war eine windige
unfreundliche Nacht der Hufschlag des Reiters welcher dem Zuge gefolgt war
näherte sich rasch hielt aber plötzlich still als er etwa auf zehn Schritt dem
Wagen nahe gekommen war
    Valerius ritt langsam und vorsichtig nach ihm hin und erkannte  Joel
    Florian brachte die Nachricht es sei ein Teil des Ramorinoschen Korps
wahrscheinlich dessen Avantgarde man könne die Reise ruhig fortsetzen  Dies
Korps war dadurch so verspätet worden dass es sich mit Gefechten gegen den Feind
zu tief eingelassen und dass es mehrmals widersprechende mitunter ganz sorglos
klingende Nachrichten von Warschau erhalten hatte
    Es konnte wünschenswert sein Stanislaus darunter ausfindig zu machen damit
sich dieser seiner Braut annehme es sprach aber niemand davon es war Nacht
und wie immer bei solchem Begegnen von großer Schwierigkeit aus einem
marschierenden Heere den einzelnen auszufinden Um einen ungenierten Fahrweg zu
gewinnen bog man auf Nebenwege ab die Nacht war bald wieder still und tot um
die Reisenden und Valerius den eine schwere Bangigkeit überfiel tiefer in das
verlorne Land hineinzureiten fand es nun doch geratener einen Rückweg zu
suchen welcher ihn mit der Ramorinoschen Kolonne vereinigte
    Joel der sich dem Wagen nicht zu nähern wagte beschwor ihn umsonst er
ritt hin um von Hedwig Abschied zu nehmen Was sollte er hier Was konnte er
helfen
    Aber es war bereits zu spät Die Heeresabteilung welcher sie eben begegnet
waren bildete nur eine Nebensäule des Ramorinoschen Korps die leichte Reiterei
der Russen umschwärmte es bereits in diesem Augenblicke erschien dicht neben
ihnen ein Kosak man sah ihn beim Scheine der Wagenlaternen er mochte die
polnischen Uniformen von Valerius und Joel erkennen war schnell wie ein Blitz
wieder verschwunden und gleich darauf vernahmen die Reisenden aus allen Seiten
des Waldes ein schreckenerregendes Hurra Die Kosaken stürzten zwischen den
Bäumen hervor Florian mit den Bauern gaben Feuer Valerius und Joel zogen die
Säbel und verteidigten sich gegen die eindringenden Lanzen aber aller
Widerstand war nutzlos der feindliche Trupp ward immer stärker und mochte wohl
ein Pulk von hundert Mann sein das Kämpfen war bald zu Ende der alte Graf lag
im Blute sterbend ausgestreckt im Wagen Valerius und Joel waren entwaffnet und
gebunden Florian als Schmied von Wavre erkannt schwer verwundet war an ein
Kosakenpferd gebunden seine Bauern hatten entweder unter den Lanzenstichen und
Kugeln der Kosaken ihr Leben verloren oder hatten sich in das Waldesdickicht
gerettet Hedwig saß vorn auf dem Sattel des bärtigen Führers dieser
Kosakenabteilung der sie mit den rauen schmutzigen Händen liebkosen wollte
man ritt und fuhr nach einer Waldblösse um dort den nahen Morgen zu erwarten und
den Wagen zu plündern
    Da wurde ein Feuer angezündet der alte Graf welcher indessen verschieden
war aus dem Wagen geworfen und man ging eben daran die Gräfin welche
fortwährend unbeweglich geblieben war anzufassen als Florian in
übermenschlicher Anstrengung Reiter und Pferd an welche er mit einem starken
langen Riemen gebunden war mehrere Schritte mit sich fortriss auf den
Wagentritt sprang den im Wagen stehenden Kosaken mit einem Schlage ins Genick
niederwarf um den Gürtel fasste und brüllend in die Lanzen der übrigen warf
    Auffallenderweise trat eine große Stille ein die Kosaken schienen das
heilige Gefühl des Schmiedes zu erkennen und zu ehren sie machten keine
Anstalt den also getroffenen Kameraden zu rächen wie ihnen überhaupt eine
solche kameradschaftliche Verpflichtung nicht eigen zu sein scheint Florian
stand eine Weile unangefochten neben der unbeweglich sitzenden Gräfin das Feuer
beleuchtete sein verwildert fliegendes dickes Haar und seine Züge welche die
entsetzlichste Wut ausdrückten  nur Joel entfuhr der Ausruf »Florian«
    »Schweig Jude« erwiderte dieser und in demselben Momente verschwand er
unter den Pferden Der Kosak an dessen Tier er gefesselt war hatte es
fortgedrängt Florian war hinuntergezerrt und da die Kosaken nach der
Erschütterung des Schweigens eine lebhafte Bewegung machten so war er unter den
Hufschlägen ihrer Rosse zermalmt worden
    Der erste Morgenschein flog grau über den Himmel man erkannte dass die alte
Gräfin leblos war und nur noch mumienartig dasaß schonend hoben sie die Kosaken
aus dem Wagen und setzten sie an einen Baum
    Dort saß sie drohend noch im Tode als man aufbrach eine schreckliche
Leiche einsam im Walde einige Schritte vor ihr lag der verstümmelte Leichnam
Florians einige Schritte neben ihr der erschlagene Graf ihr Sohn
    Hedwig Valerius und Joel sahen noch tiefer aus dem Walde auf die Lichtung
zurück über welche ein grauer Morgen aufging
    Hedwig war totenbleich aber ohne Träne
 
                                      32
Der Kosakentrupp welcher die drei Gefangenen transportierte war folgenden
Tages nicht weit gekommen die Nachricht vom Falle der Hauptstadt mochte beim
Ramorinoschen Korps eingetroffen sein wenigstens hielt es inne in seinem
Marsche und die leichte Verfolgung der Kosaken ward dadurch ebenfalls gehemmt
Sie rasteten des Abends in einem kleinen Heidedörfchen und der Teil welchem
zunächst die Bewachung der Gefangenen anheimfiel nahm eine Scheune und deren
Umgebung zum Nachtquartier Hedwig war noch immer sehr begünstigt und durfte
ohne Fessel bleiben man sah es nicht gern wenn sie sich den beiden
Schicksalsgefährten zugesellte hinderte es aber doch nur leichthin und ohne
Nachdruck
    Es wurde Nacht die Kosaken lagen unordentlich auf der Tenne umher und
schliefen durch die zerschlagenen Torflügel der Scheune schimmerten die in
Kohlen zusammenfallenden Feuer herein um welche her die Piken aufgesteckt waren
und die kleinen Pferde standen und lagen
    Valerius und Joel denen die Hände fest auf den Rücken gebunden waren
blieben wach und dachten auf Flucht Hedwig lag in einiger Entfernung von ihnen
und sprach leise zu Valerius herüber Der Kosak neben ihr hatte dies zwar
mehrmals verboten wenigstens war durch Pantomime und Betonung dies unverkennbar
gewesen obwohl sie des Kosaken Mundart nicht verstand sie hatte aber keine
Notiz davon genommen und der Kosak war endlich eingeschlafen
    »Nach einer Viertelstunde« sagte sie leise »werde ich meinem Wächter das
Messer aus dem Gürtel ziehen und den Strick durchschneiden an welchem er mich
festhält dann komme ich zu Ihnen um Ihre Bande zu lösen  geben Sie doch dem
Kerl welcher von hier aus vor Ihnen liegt einen Stoß damit er sich ein wenig
anders legt über seine breite Figur kann ich nicht geräuschlos wegsteigen«
    Es geschah der Gestossene knurrte und erwachte halb warf sich aber in eine
andere Lage Hedwig vollführte an ihrem Nachbar das Vorhergesagte glücklich und
schlüpfte leise zwischen den schlafenden Gestalten hin hier über ein Bein dort
über einen Arm hinwegschreitend  plötzlich entstand ein Geräusch vor der
Scheune und mehrere Kosaken fuhren in die Höhe Hedwig die just neben Valerius
angekommen war kauerte sich zusammen die Kosaken riefen hinaus und man
antwortete von draußen Hedwigs Lage war peinlich und wenn ihr eigentlicher
Wächter erwachte so wurde sie mehr als dies Dennoch schnitt sie in Eile die
Stricke um Valerius Hände durch und gab ihm das Messer damit er Joel ein
Gleiches tue
    Mit Entsetzen gewahrte sie dass auch ihr Wächter jählings sich aufrichtete
und seine Stimme zu einigen unverständlichen Lauten erhob  aber wie bewusstlos
und vom Schlaf überwältigt fiel er sogleich wieder zurück es ward still
    Schweigend verharrten die drei zur Flucht Fertigen Joel ergriff im Drange
seines Gefühls Hedwigs Hand um sie zu küssen sie zog dieselbe aber rasch
zurück und Valerius bei der seinigen ergreifend eilte sie vorsichtig über die
Schläfer hinweg nach dem Tore Dort schlüpften alle drei durch die Öffnung
welche durch losgerissene Planken geboten war Sie standen im Freien der Wald
lag nur etwa zwanzig Schritt entfernt die Nacht war schwarz und finster wenige
Kohlen glühten noch in den Haufen Es musste aber darauf gerechnet werden dass an
mehreren Punkten eine reitende Schildwacht aufgestellt sei die man umgehen
müsse die schwere Aufgabe blieb auch noch übrig sich durch den Knäuel von
Pferden und Lanzen und auswärts Schlafenden ohne Geräusch hindurch zu
schleichen Hedwig riss eine Pike aus der Erde die beiden Folgenden taten ein
Gleiches sie waren glücklich den gefüllten Kreis passiert da hörten sie dicht
neben sich den langsamen Tritt eines Pferdes Dies war der patrouillierende
Kosak sie bückten sich rasch zur Erde sein Auge aber schon mehr an die Nacht
und Dunkelheit gewöhnt schien doch etwas gesehen zu haben er hielt sein Pferd
an und streckte wie prüfend und untersuchend die Lanze nach der Gegend wo sie
kauerten Hedwig welche zunächst damit in Berührung kam schlug sie fort
sprang auf und stieß ihre Pike mit aller Anstrengung nach dem Reiter Ein
Schrei eine lebhafte Bewegung des Pferdes war die nächste Folge Die Fliehenden
eilten jetzt rücksichtslos schnell nach dem Walde hinter sich hörten sie den
schnellen Pferdetritt und ein paar hin und her fliegende Kosakenworte
zuverlässig war es der zweite Wachtposten welcher zu dem ersten getroffenen
heransprengte das Nötige hörte das Pferd nach ihnen wendete und schreiend
hinter ihnen dreinsetzte Sie waren eben bis zwischen die Bäume gekommen ein
Ruck verriet dass der Lanzenstich des Kosaken gegen einen Stamm geprallt war
wenige Momente darauf knallte ihnen aber ein Schuss nach und sie hörten den Lärm
der aufgeschreckten Schläfer
    Hedwig welche wieder die Hand von Valerius ergriffen hatte zuckte heftig
zusammen sie war getroffen Nur eine kleine Strecke konnte sie noch vorwärts
dann brach sie zusammen der Wald war ein dichtes Gestrüpp Valerius trug sie
noch einige Schritte mit Hilfe Joels der bei Erkennung des Unglücks in Jammer
ausbrechen wollte und nur mühsam von Valerius zur Ruhe gebracht wurde Mitten in
dem dichten Gestrüpp kamen sie auf einen kleinen lichten Fleck etwa von der
Größe eines Zimmerchens dort ertasteten sie einen mit der Wurzel
herausgerissenen Baum durch die ausgehobenen Wurzeln hatte sich unten eine Art
Höhlung gebildet da hinein brachten sie das arme Mädchen
    Unterdessen entstand rings im Walde ein brausendes Getümmel der nacheilenden
Kosaken die in den eng stehenden Bäumen nicht wohl fortkamen bald sahen die
Flüchtlinge über das Gestrüpp herüber auch Kienspäne leuchten aber man glaubte
die Fliehenden schon weiter es hielt sich kein Verfolger damit auf durch das
dichte Gesträuch einen beschwerlichen Weg zu suchen
    Der Lärm und die Gefahr hörten aber keinen Augenblick auf und man musste des
Schlimmsten gewärtig sein
    Der Schuss war in den Rücken des Mädchens gedrungen die Sprache wurde immer
schwächer der Tod näherte sich schnell Und noch in diesem Zustande wies sie
die beflissenen Dienstleistungen Joels zurück Als der weiter spähende Teil der
Kosaken wieder am Versteck vorüber zurückzukehren schien starb die arme Hedwig
in Valerius Armen
    Die Freunde saßen erstarrt und schweigend bei der Leiche bis zum Morgen der
Gedanke an den nahen Feind schien ganz vergessen zu sein wenigstens ging Joel
ohne weitere Vorsicht sobald es Tag geworden hinüber nach dem Heidedorfe um
ein Grabscheit zu leihen
    Die Kosaken waren glücklicherweise fort er fand den Spaten grub auf der
kleinen Lichtung seiner Geliebten die bis in den Tod seine Liebe abgewiesen
hatte ein tiefes Grab und bestattete sie mit dem ebenfalls schweigenden Freunde
in schauerlicher Waldesstille
     Sie waren später auf dem Wege nach Joels Vaterstädtchen wo der alte
Manasse schwerkrank daniederliegen sollte Valerius konnte den Versuch nicht
mehr wagen durch die verfolgenden Russen hindurch bis zu Ramorinos Korps zu
dringen er musste Joels Vorschlag annehmen Dieser war Tag und Nacht mit ihm
durch die Wälder gewandert zehnmal hatten sie seitab sich bergen müssen um den
russischen Truppen zu entgehen Joel hatte nur das Allernotwendigste gesprochen
am nächsten Morgen war ihm der starre Schmerz in strömende Tränengüsse
aufgegangen und damit war ihm denn auch die Sprache wiedergekommen und er
konnte in einem gewissen Zusammenhange folgendes vorschlagen Valerius solle mit
zu Manasse kommen von dort wollte ihn Joel nach Krakau bringen
    »Dort« sagte er »werden wir diese unglücklichen Soldatenjacken los ich
werde wieder das was ich bin und bleiben muss um eine Existenz zu haben ein
Judenjunge ich gehe auf den Schacher da lässt mich die Welt gewähren Sie stößt
mich sie behandelt mich verächtlich sie weist mich in den Winkel aber das
wird meinem Herzen wohltun es wird Ruhe haben Ich habe ein Mensch sein wollen
mit Menschen man hat dazu gelächelt und ich habe leider nicht sterben können
an diesem Lächeln andrer Unglück ist der Tod unser Unglück ist das Leben
Namenlos namenlos Unglück Ists ein nationaler Zug den wir vom Jordan
mitgebracht haben diese feige Liebe zum Leben oder ist er uns eingewachsen
durch die über tausendjährige Gefangenschaft Wer weiß es Oder hängen wir in
aller Erniedrigung stolz und gläubig an der alten Tradition das vornehmste
Volk das auserwählte Volk Gottes zu sein  Wir können den Tod nicht suchen und
wünschen so notwendig er uns sei Ich werde ein Schacherjunge um weiter zu
leben
    Und was hab ich erlebt Ein gemeiner Bauer verschmäht den Ausdruck meiner
Teilnahme ein Mädchen das mich geliebt hätte ich weiß es wäre ich ihrer
Abstammung gewesen diesem Mädchen blieb ich zuwider bis in den Augenblick des
Todes weil mein Leib eine nationale Atmosphäre hat die ihr fremd und
unheimlich ist weil ich an den Jordan gehöre und an der Weichsel ein
verachteter Fremdling bin Fremd fremd fremd in dem Worte liegen alle
Abgründe der Existenz Euch stinkt die Zwiebel die anderen duftet Nur das
verwegene Glückskind trete aus seinem Kreise ich werde ein Schacherjude und
vergesse meine Philosophie und Kenntnis die ich in falschen Kreisen erlernt
habe Gott gebe dass ich zurück kann Der Christ verstösst mich und ich habe
schon lange den Juden in mir verstoßen Weh Dies wird der Zwitterzustand den
diejenigen durchmachen müssen wie eine lebenslange schmerzliche Geburt die
sich einlassen auf Emanzipation Ihr haltet diese Gewährnis der Emanzipation für
eine besondere Gunst für ein wohlschmeckendes Recht das ihr uns gewährt  weh
der emanzipierte Jude zieht ein stechend Hemd auf seinen Leib das er Zeit
seines Lebens mit Schmerzen tragen muss um außen Frack und Weste darüber zu
tragen wie ihr tragt Wer hilft wer hilft gegen historisch Unglück
    Und diesem Volke das in grobe Kinderei entzweit ist diesem polnischen das
in ungebildeter Persönlichkeit auseinanderklafft und deshalb wieder verloren hat
sein Spiel es wird ihm nicht viel besser gehen als den Juden und wenn es nicht
wandert so wird es doch beherrscht sein von Fremden freilich immer noch ein
Glück gegen ein Geknechtetwerden in der Fremde Hatten meine Väter vor ihrem
Untergange Streitigkeiten unter sich so warens doch große Fragen der Ewigkeit
Der Sadduzäer sprach Es lebt kein Fleisch fort in anderer Welt der Pharisäer
wollte Gesetz und Prophezeiung und Glaube wörtlich und ganz Habt ihr die Fragen
geschlichtet an denen wir untergegangen sind  Was war hier neben uns hier in
Polen zu fragen Über ein bisschen Verwaltung ob das Ding so heißt oder so 
pah Aber was höhn ich so spricht kein Schacherjude und mein Unglück ist
unwandelbar«
    Er setzte sich erschöpft nieder Valerius rastete schweigend neben ihm Dann
sprang er hastig wieder auf und rief »Ach ich sollte fliegen Manasse hat mir
nach Warschau sagen lassen er sei schwer krank und wo bleibt mein Sohn Joel
und ich bin meinem Vergnügen mit der kleinen Hedwig nachgelaufen s war wohl
ein schlimmes Vergnügen und nun ists aus für immer aber es war doch mein
Gelüst und ich habe versäumt was allein hält in diesem Leben das Band
zwischen Eltern und Kindern Vater Manasse lebe noch ich komme du bist vom
besten Stamme vom Stamme Levi und jeder Jude hat ein zäheres Leben als ein
Mensch von anderem Volk wir sind in allen Dingen die Aristokratie der Welt von
reinem uraltem Blut  aber was hilft alle Wahrheit und was ist wahr Das was
geglaubt wird sonst nichts Wir ältesten Aristokraten wir handeln mit Band und
heißen Juden  o Hedwig wenn du mich einen Augenblick geliebt hättest dann
wäre alles gut  weiter weiter«
    Die Wanderer kamen des Abends vor dem Städtchen an in welchem Manasse
wohnte sie traten in das erste Häuschen um sich zu orientieren und
umzukleiden Das tat wirklich not denn es war ein Trupp Russen im Orte in dem
Hause wohnte ein jüdischer Trödler welcher Joel mit lebhafter Freudenäusserung
empfing und mit wahrem Jubel den Anzug eines wandernden Bandkrämers
zusammenschleppte einmal über das andere rufend »Nun haben wir Euch wieder
Herr Joel nun seid Ihr wieder von unsere Leut Gottes Wunder wie wird sich der
heilige Rabbiner Euer Vater Manasse freuen«
    Joel strich sich die Haare anders und der elegante Reiter glich wirklich im
Handumkehren einem Bandjuden aufs Haar so dass Valerius erschrak Die Klagen des
schönen jungen Mannes welche er so lebhaft mitfühlte waren ihm viel würdiger
erschienen solange der Klagende in besserer Kleidung neben ihm hergegangen war
Er schalt sich über solche Schwäche fuhr in den Bauernanzug der ihm auf Joels
Veranlassung geboten wurde und begleitete diesen zu Manasse
    Es war ein kleines dürftiges Haus sie traten in die Stube und fanden sie
dunkel
    »Wer stört einen sterbenden Juden« stöhnte eine leise hohle Stimme aus dem
Winkel
    Joel mit der Örtlichkeit vertraut ging ein paar Schritte seitwärts und
machte Licht
    »Weh mir wer dringt in mein Haus mit Gewalt« sprach stärker die traurige
Stimme Valerius sah zwischen dem Ofen und einem alten Schranke in schmutzigem
Pelzrocke eine Gestalt hocken zusammengekrümmt mit langem schneeweissem Barte
und kahlem Haupte er hätte von selbst Manasse nicht wieder erkannt
    »Vater Manasse« sprach Joel leise
    »Gott meiner Väter meine Ohren sind stumpf meine Augen sind stumpf aber
das ist ein Paradiesesodem der mich umweht«
    Und lang auf richtete sich die magere todesartige Gestalt und streckte die
zitternden dürren Hände vor
    »Vater Manasse es ist Joel Euer Kind«
    Die Erkennung und Begrüßung hatte etwas schauerlich Heftiges
Konvulsivisches Der Alte fiel darauf erschöpft zusammen und mit den Worten
»Nun Gott Abrahams lass deinen alten Manasse in Frieden fahren du hast meine
Gebete erhöret« ward er bewusstlos
 
                                      33
Manasse lag auf dem Tode die letzten Monate wo er sich von seinem Sohne
verlassen glaubte wo sein Besitz in fortwährender Gefahr schwebte hatten ihn
reißend schnell ans Grab geführt der Freudenmoment des Wiederfindens hatte
seine Kraft erschöpft
    »Behalte mein Sohn Joel behalte den Rock den du zur Freude deines Vaters
wieder angezogen hast bleibe ein Jude und du behältst dein Volk zum Troste
deine Väter und das Unglück deiner Väter du behältst reine Tränen und ein
stilles Herz lass mich gelitten haben für dich mein Sohn Ich habe gelebt unter
den Christen mit ihnen für sie ich habe eine ihrer vornehmsten Töchter
geliebt sie hat mich wiedergeliebt solange sie mich hielt für ihresgleichen
du bist ihr Sohn Gott meiner Väter verzeihe mir diesen Abfall von meinem
Volke verzeihe mir dies Geständnis es ist mein einziges Kind dem ichs sage
die Wege der Menschen sind wunderbar es kann ihm nützen die schöne Dame Joel
die du gesehen hast bei des Herrn Grafen Stanislaus stolzem Vater die schöne
Dame aus Deutschland ist die Tochter deiner Mutter Gottes Wunder ich habe sie
angeschaut als sie bei mir vorbeigeritten ist in Warschau wie ein kindischer
Knabe sie sieht ähnlich ihrer Mutter wie du mir siehst ähnlich Joel da ich
jung und töricht war das Herz ist mir im Leibe gesprungen ich habe eine
sündliche Erinnerung gehabt an die Zeit wo ich meinem Volke untreu ward mit
einer Tochter der Abgefallenen ich habe es gebüßt mit einer strengen Strafe
die ich mir auferlegt Frage nichts mein Sohn es wird mir sauer davon zu
sprechen im schwarzen Kästchen findest du Briefe und Zeichen es wird mir
schwach mein Sohn rücke mir das Kopfkissen« 
    In dem Augenblicke drang wilder Lärm ins Haus die Russen hatten Kunde
erhalten von den Fremdlingen die Manasse beherbergte von Manasses Reichtume
den er vergraben halte Valerius flüchtete auf Joels Geheiß hinten aus dem
Hause Manasse im Sterben gestört riss sich mit letzter Kraft aus dem Bette und
stellte seine Entsetzen erregende Todesfigur dem Feinde entgegen
    »Ich habe nichts als mein Kind Joel weicht von der Schwelle eines
sterbenden Mannes oder der Fluch Adonais zerschmettre euer Gebein und eure
Seelen«
    Man stieß ihn beiseite und durchsuchte das Haus er war auf die Erde
gefallen und der starke Wille rang mit dem stark eindringenden Tode
    Unter polterndem Geräusch mit diesem oder jenem beladen fluchend zogen die
Soldaten wieder ab  »steig in den Keller  Joel grabe links im Winkel 
schnell  bring mir das schwarze Kästchen  schnell« 
    Joel wollte den sterbenden Vater nicht verlassen aber krampfhaft
schleuderte ihn dieser von sich  »das Gold allein  erhält uns  in der
Menschenwüste  fort Joel« 
    Joel eilte in den Keller fand das Kästchen und brachte es Manasse der mit
brechenden Augen und schwer arbeitender Brust am Boden lag Beim Anblick
desselben öffneten sich noch einmal die Augen weit er griff danach und stieß
noch folgende Worte schnell heraus »Ich habe edel sein wollen sie haben mich
verachtet  ich habe mich um nichts mehr gekümmert als um das Geld es ist das
beste was wir haben mehr es ach Joel mein Sohn« 
    Das Kästchen entfiel ihm er griff mit den mageren Händen heftig nach dem
Gesichte seines Kindes und verschied
    Tief im Hintergrunde des Gemütes lagen bereits diese Verwüstungstage als
Joel ein wandernder Bandjude und Valerius ein Bauer im südlichen Polen über
die Fläche hinstrichen  es war über einen Monat seit dem Falle Warschaus
vergangen so langsam hatten sie laviert um durch den herrschend gewordenen
Feind hindurchzukommen bis in die Nähe des Krakauschen Gebietes Unterdessen war
die polnische Armee nach mancherlei stürmischen Versuchen in der Wahl eines
neuen Generalissimus in der Wahl eines neuen Feldzugsplanes an die Preussische
Grenze gedrängt worden war dort übergetreten hatte die Waffen niedergelegt
war aufgelöst unterdessen war auch der raue Herbstwind tätig gewesen das Laub
fing zeitig an von den Bäumen zu fliegen der Himmel ward grau und grauer Die
beiden verwüsteten Wanderer sprachen wenig oder nichts von den nächsten Dingen
nur zuweilen wenn sie ruhten und das kümmerliche Mahl aus dem Reisesacke sie
gestärkt hatte sprachen sie und dann wurden es stets allgemeine Beziehungen
und es klang wie verlorenes Wort in eine Wüste hinaus
    In diesem südlichen Teile des Landes fanden sie mitunter eine Laubholzung
und an einem bleichen Nachmittage als sie eine solche verlassend wieder ins
Freie traten sahen sie am Horizonte Krakau die alte ehrwürdige Polenstadt die
Stadt des polnischen Gesanges und der Kirchen vor sich mit den plumpen Türmen
    Sie setzten sich unter einen Eichenbaum der spärlich gegen den rauen Wind
schützte und verzehrten ihr hartes Brot zu dessen Würze Joel einige Zwiebeln
hatte Als das kümmerliche Mahl beendigt war sahen sie noch lange schweigend in
die traurige Welt hinein in kleiner Entfernung lagen mehrere tote Pferde
zerstreut umher  das Rozyckische Korps hatte sich hier noch lange gewehrt ein
Mensch war nirgends zu sehen
    »Das Studium der Weltgeschichte« hub Valerius an »ist unser trauriger
Trost jede neue Epoche findet eine neue Stellung zu ihr eine neue Erklärung
derselben und doch halten wir uns immer an diesen einzigen Trost weil wir uns
immer erst beschwichtigt glauben wenn die Dinge auf ein Gesetz geführt sind
Menschen auch unser Stolz ist ein mitleidig gewährter Sonnenblick damit wir
unsere Schwäche vergessen Vor kurzem war es unsere natürlichste geschichtliche
Forderung dass Polen bestehen müsse das Schicksal entscheidet anders wir
erfinden ein anderes geordnetes Räsonnement damit wir unter einem neuen
weltistorischen Gesetze doch den Anschein bewahren als beherrschte unser Geist
die Welt Menschen Und wir sind einer wie der andere
    Ich habe nun die Polen gesehen sie sind wieder besiegt und ich glaube
jetzt sie werden nie siegen sie werden zermalmt unter einer großen
historischen Kombination Von Zeit zu Zeit wird die Welt verjüngt durch frische
von aller Kultur unberührte Völker So kamen einst die Römer gegen die Griechen
auf die Germanen gegen die Römer Die asiatischen Slawen haben ihre Zeit noch
nicht gefunden vielleicht finden sie selbige nie sie scheinen unschöpferisch
in der Einzelheit unbegabt vielleicht bilden sie doch einst ein neues großes
Element der Weltgeschichte Aber ihre Vorposten sind sicher verloren wie es
einst den Vandalen den Alanen selbst den Hauptstämmen der Goten ergangen ist
der Wende der Obotrite Wilze Leche ist früh zertreten worden der Böhme und
Mähre ist langsam aufgezehrt in germanischem Wesen der Pole ist tief angesteckt
von alt und neueuropäischen Verlangnissen Ideenrichtungen er will sogar
nichts Eigenes mehr als einen Namen er verlangt halb französischen halb
sonstigen Zuschnitt deshalb hat der Pole keine Zukunft er unterliegt dem
eigentümlicheren Russland Findet dieser Repräsentant des mächtigsten Slawentums
findet er Regenten die ohne Rücksicht auf das alte Europa Russland in ganz
eigener Nationalität zu einer Gewalt aufbilden so kann ein neues
weltistorisches Element entstehen das bisheriges freilich zermalmen müsste
    Selbst ohne so große Ausdehnung und Bedeutung kann Polen auf Jahrhunderte
als Polen verloren sein und was jahrhundertelang sich verliert das wird ein
anderes Lasst singen Jetzt ist Polen doch verloren
    Wer sich töricht unterfängt in Schnelligkeit die Weltgeschichte meistern
und ändern zu wollen wie wir in den letzten Jahren als eine Kleinigkeit
versuchten der beklage sich nicht wenn er zugrunde geht Handle wer sich
berufen fühlt aber keiner wage ins einzelne vorauszubestimmen was werden soll
wir kennen die Welt nur einen Schritt weit Ich will in meine Heimat gehen mir
eine Hütte bauen das Weite auch ferner betrachten aber nur fürs Nächste
wirken
    Hofft ihr Juden nicht seit achtzehnhundert Jahren umsonst auf ein wieder
erwachend jüdisch Reich ist das nicht euer Hauptunglück Warnet die Polen
damit sie nicht mit ihrem starr erhaltenen Schmerze europäische Juden werden
Ihr wollt es heut noch nicht glauben dass ihr in einem neuen Umschwunge der Welt
verloren gegangen seid und so seid ihr der ewige Jude geworden der nicht
sterben kann und überall leidet Gott bewahre dies Land vor einem ewigen Polen
Wer nicht sterben kann lebt auch nicht Diese Welt kreist einmal nur zwischen
Leben und Sterben Wie glücklich sind die Schotten in Engländer aufgegangen wie
schwer wird den Irländern der Tod die schon lange Engländer sind wie bedroht
jeder Ruck die Scheinpflanze Belgien wie ringt Spanien in tausend Schmerzen
weil die einzelnen Reiche nie sterben wollten«
    »Wie sollen wir sterben wir armen Juden weiser Christ« sagte Joel
    »Wenn ihr den Buchstaben der Tradition aufgebt aufgeklärte Juden werdet
euch emanzipieren lasst so sterbt ihr freilich langsam und schmerzhaft Von
jetzt an wo dieser Gedanke aufkommt werden noch drei Generationen zuckend
leiden wenns in Stille fortgeht und nicht nach dem gläubigen Unglauben
schlechter Christen eine ganz neue Offenbarung über die Welt kommt Gestehts
nur dass ihr just darum so hartnäckig seid weil das Christentum aus euch
erwachsen ist weil ihr die altklugen Väter bleiben den überflügelnden Kindern
nicht weichen wollt es gäb lang keine Juden mehr wäre das Christentum
unabhängig vom Mosaismus entstanden«
    »Vorderhand will ich schachern«
    Mit diesen Worten erhob sich Joel und die beiden Wanderer schritten im
Winde der immer mehr dunkle Abendwolken zusammenjagte auf Krakau zu
 
                                  Dritter Band
                                   Die Bürger
                             1 Hippolyt an Valerius
 Zu Pferde Kind zu Pferde Kind
 Lasst uns die Welt durchreiten
 Die Erde rennt so blitzgeschwind
 Sie wird uns noch entgleiten
Weißt Du noch mein Lieber wie ich diesen Vers in die Luft hineinsang Ich
wusste selbst nicht wo er herkam Wenn man ein wenig poetisches Geschick hat da
treten oft die verborgensten Gedanken des Innern plötzlich als kleine sangbare
Verse auf unsere Lippen Das ist das Geheimnis der Poesie und der Welt am Ende
weiß kein Mensch wie er zur sogenannten Wahrheit kommt auch die Gedanken sind
Zufälle oder göttliche Ordnung Es war damals ein schöner frischer
Sonnenmorgen und wir ritten über die taublitzende Fläche hin die Augen nach
den fernen dampfenden Bergen richtend In der Kraft unseren Jugend in der
Frische des Morgens fühlten wir allen Reiz des Daseins und schworen lustig
hinauf zum Himmel dass diese Welt zur Freude geschaffen sei zum Tummelplatze
des kecken mutigen Menschen und dass wir das beweisen wollten durch unser
fröhliches Wanderleben bis zum lachenden munteren Tode selbst Das alte Europa
das damals seine morsche Hülle kaum geschüttelt hatte wollten wir verjüngen
helfen wir jungen romantischen Narren Nun Freund wir leben doch für etwas
wenn wir auch den Schmetterling nicht mit drei schönen Worten aus der Puppe
locken alles was geschieht ist interessant für uns wir sehen überall neue
Jugend sprossen Wenn wir uns auch tausendfach irren so leben wir doch das
heißt wir empfinden nach allen Richtungen unsre Existenz wir haben Interessen
und der Tod findet doch etwas an uns zu töten der nächste Planet etwas
fortzusetzen Unsre übermütigen Jugendpläne die Welt umzugestalten haben wir
wohl zum Teil aufgegeben wir sind erschrocken vor der Mannigfaltigkeit der
Welt vor der Unerschöpflichkeit ihrer Verhältnisse und Zustände Aber so
kleinmütig und verzagt wie Du mein Freund bin ich noch lange nicht Pfui was
war das für ein mutloser Brief den Du mir aus Warschau geschrieben Kopf in die
Höhe Vielleicht finden wir schon nach den nächsten Schritten das Absolute
worin alle Schönheit und Herrlichkeit zusammengedrängt ist das Zauberwort das
alle Geheimnisse löst Immer weiter im einmal begonnenen Laufe »Lass brausen
Freund lass brausen« wir sind einmal auf dem Wege und Kinder und Weiber kehren
um wenn die Wetter losbrechen und alles stürzt und fällt
    Ja es ist wahr anders ists gekommen mit der revolutionären Zeit als wir
erwarteten es hat manchmal das Ansehen als trieben Kobolde ihr Spiel mit uns
als sei das Neue schlechter als das Alte der üppige Kaufmann mit dem Geldbeutel
in der Hand widerwärtiger als der alte Adelige mit dem Stammbaum aber nur
weiter Freund weiter Wenn der Gedanke wenn die Theorie nicht mehr recht
behalten soll dann müsste ja die Vernünftigkeit der Erde und mit ihr die Erde
selbst zugrunde gehen Der Gedanke ist ja der Geist Gottes
    Ich habe Dir seit dem Sommer 30 seit Paris nichts mehr über mein Leben
geschrieben Offen gestanden Freund jenes deutsche Mädchen jene zauberische
Julia hat soviel von meiner ursprünglichen Kraft zerbrochen dass ich seit jener
Zeit nicht mehr gern von mir erzähle Wir sind wie die Weiber wir gestehen es
uns nicht gern dass wir älter und somit unmächtiger werden Julia hat mir das
fabelhafte Vertrauen auf meine Kraft und Macht geraubt und dadurch den Zauber
meiner Jugend erschüttert Sie war das erste Mädchen das mir widerstand In
jener Nacht wo ich alles vergeblich aufgeboten hatte um sie zu erweichen
rannte ich wie toll durch die Straßen von Paris ich stürzte mich in die Seine
um meine Glut zu kühlen meine Eitelkeit und Zuversicht waren ins Herz
getroffen Ich kenne den sentimentalen Liebesjammer nicht den die Deutschen so
ausführlich beschreiben und woraus sie eine Art von Poesie gemacht haben
Wehmut und Tränen kamen mir also nicht zu Hilfe um die wilde unbefriedigte
Kraft in mir zu brechen sie musste daher in sich selbst vertoben O es war eine
grausame Wirtschaft
    Als die Ruhe wiederkam und ich mich umsah da graute mir vor diesem neuen
Wesen in Frankreich Die Lüge hatte den Kampfplatz behauptet in lauter
Täuschungen ließ sich das leichtsinnige törichte Volk herumschaukeln und es
schnitt mir durchs Herz wenn ich den Jubel ansah welchen sie beim Anblicke
ihres neuen Königs erhoben Dieser Bürgerkönig Ludwig Philipp ist der größte
Repräsentant unserer jetzigen Tage Gott geb es nicht der neuen Zeit Er ist
wirklich der Held einer Durchgangsepoche welche die Winde beflügeln mögen und
man darf ihm den Ruhm einer gewissen Größe nicht versagen Er hat nicht nur das
alte Bourbonentum und alles was um und dran war bezwungen nicht nur die
Jakobiner unterworfen sondern allen Liberalismus bewältiget Man kann ihn
Ludwig XIV des neuen Jahrhunderts nennen jener hat die Aristokratie gestürzt
und ward der Abgott des Adels dieser hat die Demokratie unterdrückt und heißt
der Bürgerkönig Er besitzt alle Eigenschaften die zu einem Helden dieser
neuesten Art nötig sind er ist klug sehr klug und zwar beinahe so klug als
Talleirand denn er hats lange nicht merken lassen dass er klug ist Er
vermeidet ferner die Extreme setzt Krieg oder Frieden nie auf eine Karte und
wenn ers einmal öffentlich tun muss so spielt er privatim eine ganz andere
sichere Partie Das Repräsentativsystem das sonst den Königen hinderlich war
ist durch seine Klugheit für ihn die bequemste Regierungsart geworden ist die
öffentliche Partei im Nachteile so tragen die Minister Schande und Verlust der
Thron desavouiert sie und zeigt bescheiden wie er bereits privatim viel
vorteilhaftere Dinge vorbereitet habe siegt das Ministerium so schließt er
sich emphatisch diesem Siege an zuckt die Achseln zur Privatpartei und bedauert
gegen die fremden Gesandten dass ihm die Hände gebunden seien In der ersten
Hälfte des 18 Jahrhunderts regierten die Abenteurer aller Art mit kecken Lügen
und Intrigen einen großen Teil von Europa an die Stelle jener berechnenden
Personen sind jetzt berechnete Begriffe getreten man herrscht jetzt mit einer
gewissen Staatsalgebra und in kurzer Zeit ist aller Fortschritt den wir
erwarteten auf ein paar Formeln gezogen diese werden studiert die neue
Wissenschaft ist fertig ihr Ursprung und Beikram werden auf die Seite geworfen
    Als der Adel gestürzt ward kam der Despotismus an die Reihe diesen
stürzten die Jakobiner die Jakobiner unterlagen den Soldaten die Soldaten
überwältigte das Geld Und das Geld herrscht heute noch denn die Bildung deren
Herrschaft wir zu befestigen glauben steht im Solde des Geldes Ludwig Philipp
ist auch der König des Geldes und die Börse bedeutet jetzt Frankreichs
Generalstaaten Was ist nun geblieben von der alten Poesie der Herrschaft Etwa
die Tapferkeit Allerdings ist eine gewisse Tapferkeit noch zu finden Aber
diese Tapferkeit hat nichts von jener poetischen Eigenschaft die wir so nennen
sie ist die Tapferkeit des Kaufmannes der sich für seine besseren Warenballen
schlägt der aber den Kampf aufgibt wenn er bedenklich wird um wenigstens
einen Teil jenes Vermögens zu retten Es ist nichts mehr von dem ritterlichen
Elemente des Streites zu entdecken nichts mehr von romantischen Fratzen jenes
Schlachtrufes »Sieg oder Tod König oder nichts« nein »Alles oder doch etwas«
heißt die neue Parole
    Diese Prosa beugt mich zu Boden Die Poesie des Rittertums haben wir
gestürzt und um die Poesie des Liberalismus sind wir vorläufig gebracht Wird
die Zeit kommen und wann wird sie kommen wo die Geldinteressen wieder die
zweite unterstützende nicht aber herrschende Stelle einnehmen werden
Frankreich als Flügelmann Europas ist auch das Horoskop Europas Über kurz
oder lang sinkt auch die englische Aristokratie unter den Zahlen der britischen
Kaufleute und so gehts weiter Oder ist nicht eigentlich jetzt schon das Geld
ein wesentliches Moment der englischen Lords Besitz ist die Losung unserer
Tage und die Kultur wenn sie was gelten soll muss sich ebenfalls danach
richten Erfinde eine Poesie des Besitzes oder wir gehen unter in dieser
breiten Prosa
    Du hast recht wenn Du mir Vorwürfe machst über mein völliges Stillschweigen
seit so langer Zeit ich hatte aber auch recht Ich fing an einherzutappen
statt einherzuschreiten durch die Welt Soll ich meinen Freund mit herumzerren
in der trunkenen Bewegung Schon bin ich wieder fester und da bin ich auch
wieder bei Dir Wo Dich meine Briefe treffen werden  denn jetzt werd ich Dir
öfter schreiben  weiß ich nicht ich will sie alle nach Grünschloss schicken
früher oder später kommen sie Dir von dort sicher in die Hände Warum nicht nach
Warschau Weil ich jeden Tag dachte Warschau ist wieder russisch und nun ists
soweit und Leopold sagt mir Du seist über die Brücke wer weiß wohin es ist
zuviel brutale Eitelkeit der Personen unter jenen Starosten als dass ihnen etwas
gelingen könnte was sie gemeinschaftlich unternehmen
    Warum ich nicht zu euch gekommen bin Ich weiß es selbst nicht Ich habe die
Polen früher nicht leiden mögen ich sah sie nur in der Fremde mit ihrem Stolze
ihren Bedienten ihrer abstossenden Nationalität  diesen Krieg erwartete ich
nicht von ihnen Und Du weißt ich handelte immer weniger nach allgemeinen
Begriffen mehr nach besonderer Vorliebe als Du mein objektiver Freund Du
schreibst von einer Goldrolle die ich Dir mit meinem letzten kurzen Briefe nach
Warschau geschickt haben soll Das ist ein Irrtum mein Billett ging allein an
Dich
    Nun will ich Dir erzählen Ich verließ Paris Ungern ja mit Schmerz schied
ich von den Franzosen Sie sind und bleiben das liebenswürdigste Volk der Welt
selbst ihre Irrtümer und die Täuschungen welche sie erleiden keimen aus ihrer
Liebenswürdigkeit Eine gewisse Ritterlichkeit hat immer ihre Missgriffe erzeugt
auch die letzten Wenn sie sich wie die Helden geschlagen hatten dann verziehen
sie auch großmütig wie die Helden Der ganze moderne Wirrwarr selbst mit
Berechnung und Geld wird von ihnen und durch ihre Lebhaftigkeit so bunt und
interessant ausgebildet dass er immer noch einen Schimmer von Poesie behält Ist
ihnen auch oft die Freiheit wieder entglitten die Gleichheit haben sie aus
allen Stürmen gerettet der reiche Bankier und der ärmste Journalist einer
repräsentiert seinen Monsieur wie der andere und das ist nicht etwa gesellige
Duldung mit allerlei Rückhaltsgedanken wie man sie in den besten Gesellschaften
Deutschlands findet nein es ist eine Sache an sich ein Absolutes Jeder Mann
gilt für einen Mann und seine Worte werden nach ihrem absoluten Werte beachtet
nicht nach Rücksichten Das Geld ist mächtig aber nicht allmächtig Keime zu
allerlei neuen lockenden Zuständen liegen überall am Tage nirgends ist Tod und
Erstarrung
    Ich wollte mir das neue Königreich betrachten das gegen alle diplomatische
Erwartung aus den Niederlanden aufgewachsen war Diese wilde Pflanze Belgiens
hatte einen eigentümlichen Reiz für mich Den Polen verzeihen die ärgsten
Stabilitätsmänner in schwachen Stunden eine Revolution Es ist Geschichte da
sagen sie nationales tiefes Element Aber was wollen diese Belgier deren Name
so unbekannt und neu ist wie die Namen Ligurien Batavien und dergleichen die
aus dem französischen Paroxismus der neunziger Jahre hervorwuchsen Die Klagen
dieses Volkes über Holland fahren sie fort sind nur Zeichen von eigensinnigem
Übermut das Ganze ist die frevelhafteste Revolution die noch dagewesen ist
    Gerade das interessierte mich Ich glaubte eine mutwillige
Freiheitssympatie darin zu finden Es ist kein ordinäres anständiges Mädchen
dachte ich das mit gutem Rechte eine Ehe verweigert sondern ein eigensinniges
kapriziöses wildes Ding das als selbständiges Geschöpf auch seine Launen
geltend machen will Und Du weißt ja solche Mädchen sind mir immer die
interessantesten gewesen Hier ist Natur üppige Natur Ursprüngliches dort
kaltes Produkt beschränkter Erziehung
    So ritt ich denn im Spätherbst über die nördlichen Flächen Frankreichs
dahin immer hinab nach der Meeresniederung und sah mich an einem hellen Mittage
in den breiten glänzenden Straßen von Brüssel Eine vornehme blendende Stadt
Ich betrachtete mir lächelnd die Kanonenkugeln die in dichten Scharen aus
manchen Häusern guckten unwillige Zeugen der lärmenden Septembertage und der
entschlossenen Holländer diese schimmernde Stadt um jeden Preis wieder zu
erobern Ich brachte mein Pferd unter und eilte nach dem Park Vielleicht war es
hier das erstemal dass ich den Kämpfen um Recht und Freiheit grollte als ich so
manchen der schönen stattlichen Bäume welche hier ihren majestätischen
Schatten ausbreiten zerstört verstümmelt sah Ein stolzer ausgebildeter Baum
ist wie ein fertiger abgerundeter Mensch seine Verstümmelung erinnert an
Barbarei Es war ein schöner Tag wie ihn die späte Jahreszeit in diesen
Gegenden bringt und der Park war erfüllt von Spazierenden zu Fuß zu Ross und zu
Wagen Ein gewisser Freiheitsübermut lag auf vielen Gesichtern Eine gelungene
Revolution macht stolzer als eine gewonnene Schlacht man glaubt den eigenen
Schulmeister überwunden zu haben und der dünkt uns bekanntlich immer gelehrter
und gewaltiger als alle anderen Der Menschenschlag in dem neuen Belgien schien
mir übrigens wirklich abgesondert und voll Eigentümlichkeit und ich glaubte
eine Menge historischer Schattierungen herauszublicken spanisches
verschlossenes Feuer aus den Zeiten Philipps französische Lebhaftigkeit
nördliches behagliches saftiges Fleisch gemischte Charakterlosigkeit und was
man dergleichen mehr beim ersten Anblicke zusammenfaselt Einen jungen Mann der
neben zwei Damen hertänzelte hatte ich mit eingerechnet und je näher er
heranschritt desto mehr beschäftigte mich dies kleine bewegliche französische
Gesicht mit schwarzen krausen Haaren die unter dem weißen Hute hervorquollen
mit schwarzen unruhigen Augen  denke Dir wie ich über meine Klassifikationen
lachen musste als ich in dem kleinen Männchen unsern Leopold erkannte Er wurde
schneller mit mir fertig mich sehen an meinen Hals fliegen tausend Fragen
ausstoßen mich den Damen vorstellen war das Werk von zwei Minuten Diese Damen
nun waren die Frau und Tochter eines reichen vornehmen Advokaten van Waelen
Die Familie ist sehr angesehen und rühmt sich mit spanischen Granden vermischt
zu sein Leopold hatte mich mit seiner schnellen Gewandtheit unter dem alten
spanischen Namen vorgestellt den ich seit Jahren beinahe vergessen hatte Der
gute Junge dachte nicht daran wie dieser klangvolle Name ihm gefährlich werden
könne Er empfahl mich so vortrefflich bei dieser Familie dass ich in wenig
Tagen ein hochangesehener Hausfreund war Frau van Waelen ist dreißig Jahre alt
und eine strotzende flamändische Schönheit von hohem vollem Wuchse feurigem
Auge sie ist schweigsamen und dennoch innerlich lebhaften Temperamentes Die
besten üppigsten Formen für einen Rubens eine Frau für Promenade Haus und
Bett wie sie ein Advokat nur wünschen kann Stolz auf sich selbst eitel auf
ihre Tochter kommt sie in die wunderliche Verlegenheit ob sie die nahenden
Liebhaber sich oder der Tochter wünschen soll Denn Herr van Waelen ist ein
langer trockener Gesell mit einem buschigen Backenbarte seiner einzigen
Schönheit Es war wirklich ein ganz neues Element in dem ich mich beim
Eintritte in dies Haus bewegte Denke Dir eine Wohnung die äußerlich
unscheinbar verschlossen aussieht und von Jalousien versteckt wird und Du
stehst mit mir vor van Waelens Hause Ein blank schimmernder Klöpfel hängt auf
der dunkeln hell lackierten breiten Haustüre Man klopft die Türe öffnet sich
durch einen Druck der vom fernen Bedientenzimmer ausgeht man tritt in einen
weiten Hausflur alles ringsum Treppen Türen Dielen glänzt von Glätte und
Sauberkeit Ein Besucher gleich mir der mit der Lokalität schon bekannt ist
geht geradeaus er weiß dass die Treppen des Vorderhauses nur wenige Tage des
Jahres nur bei großen Festen betreten werden sie führen zu den Prachtzimmern
welche die Geschichte der Familie entfalten Kunstarbeiten die sich forterben
wie Schlösser bei deutschen Ritterfamilien Der Blick nach einem breiten
viereckigen Hofe ist offen Dieser ist mit Quadern gepflastert ein offener
Saal ein kleiner Markusplatz auf den Seiten von den Flügeln des Hauptgebäudes
hinten vom eigentlichen Wohngebäude begrenzt Eine große Glastüre mit buntem
Glase führt in das letztere und zwar unmittelbar in den Salon wo sich die
Familie gewöhnlich aufhält Eine patriarchalische Stille ist ringsum über alles
ausgegossen der tiefste Familienfriede scheint auf dem Ganzen zu lagern und
unsere stürmischen Jugendgedanken kamen mir frivol vor als ich das erstemal in
diese Räume trat In dem Salon sitzt die Frau vom Hause mit ihrer Tochter Sie
sind mit weiblicher Arbeit beschäftigt und sprechen selten Die Aussicht geht
auf den Garten wo im Frühlinge die berühmten Tulpen der Niederlande blühen Die
Möbel des Salons sind weniger modern als massiv und kostbar dunkle samtene
Tapeten bedecken die Wände schwere rotseidene Gardinen mit goldenen Troddeln
beschatten die Fenster alles ist prächtig gediegen alles atmet vornehmes
Schweigen und Ruhe Die Mutter empfängt den Besuch mit zurückhaltender
würdevoller Artigkeit die Tochter errötet denn ihre Haut ist so fein und
durchsichtig dass das Blut bei der geringsten Bewegung darauf sichtbar wird Sie
ist fünfzehn Jahre alt und so groß wie die Mutter Alle Formen sind bereits
schön und rund an ihr ausgebildet  ich wurde unterbrochen 
 
                            2 Hippolyt an Valerius
Schreiben und sagen könnt ihr alles aber ob ein einziges Wort von aller
Weisheit der Menschen wahr ist das weiß der Himmel Wenn man einmal zu zweifeln
anfängt so muss man alles bezweifeln Du weißt es ist sonst nicht meine Sache
skeptisch zu sein aber wenn mir einmal solch eine Stunde kommt dann ist alle
Welt für mich fraglich Lieber Gott ist irgend ein Satz eine Wahrheit in der
Welt von welcher nicht auch das Gegenteil plausibel gemacht werden kann Das
ist ein schrecklicher Triumph der Bildung der immer wieder einmal deutlich
hervortritt wenn ein Volk seine Vollendung erreicht zu haben glaubt um ihm
begreiflich zu machen die Welt sei mehr als unser Geist In diesen letzten
Worten hast Du die Probe von diesem traurigen Exempel vor ein paar Tagen
schrieb ich ganz anders da war der Gedanke der Geist Gottes und das Ding hatte
auch seine Logik  ach Sklaven Sklaven die wir sind in unsichtbaren Ketten
gegen welche alles Toben und Wüten vergeblich ist
    Erinnerst Du Dich der Sophisten in Griechenland welche die Schulweisheit so
vornehm wegwerfend anzusehen pflegt Diese Leute sind ein entsetzliches
historisches Moment Sie waren die Gründer der eigentlichen Bildung sie wandten
die Philosophie auf alles an sie emanzipierten das Denken für den täglichen
Gebrauch  und sie waren wirklich der Grenzstein Griechenlands Nicht dass ich
die unhistorische Plumpheit nachsagen möchte die Sophisten hätten Griechenlands
Untergang herbeigeführt Sie produzierten nicht sowohl etwas sondern sie waren
ein Produkt Der Kreis von Griechenlands lebendiger Entwickelung ward in ihnen
vollendet wie die Zeit fröhlicher Jugendjahre  die Jahreszeit und die
Weltgeschichte wartet nicht auf unsere Wünsche Und Freund es will mich
manchmal bedünken als sei die Welt wieder auf solchem Punkte Damals wurde das
Altertum geschlossen jetzt geht das Mittelalter zu Ende wenn es auch äußerlich
schon mit Kaiser Max Berlichingen und Sickingen gestorben ist Weltperioden
sterben immer jahrhundertelang Das Christentum die Fahne der mittleren Zeit
ist jetzt wie damals die Weisheit der Alten in Lebensgefahr sein göttliches
Element der Humanität ist in die allgemeine Kultur aufgenommen wie in
Griechenland das Denkgesetz nun beginnen die neuen unzuberechnenden
Gestaltungen und wir stehen mitten im Wirrwarr und unseren Händen entschlüpfen
die Urteile über Dinge und Gedanken Wir sind wieder bei dem traurigen Satze
Sagen und schreiben könnt ihr alles aber ob ein einziges Wort von aller
Weisheit der Menschen wahr ist das weiß der Himmel
    Du hast mich nicht angesteckt Freund mit Deinen Warschauer Briefen Jeder
denkende Mensch der an den Parteiungen seiner Zeit lebhaften Anteil nimmt
liest und denkt seinen Faust Gott sei Dank ich tue es selten und bin härteren
Stoffes denn Du Rasches Wirken beschleunigt die Zustände je unsicherer man im
allgemeinen wird desto kräftiger muss man im besonderen im Nächsten wirken
nicht aber unschlüssig stehen bleiben wie es Dir am Ende begegnen wird Das
nächste klar ausgesprochene Ziel der Menschen ist die Freiheit schaff sie
herbei wir wollen sehen was danach entsteht  »schlag Du erst diese Welt in
Trümmer die andere mag danach entstehen« 
    Leopold wars der mich in der Beschreibung Margaretens van Waelens schöner
Tochter störte Du kannst ermessen wie er nach gewöhnlicher Manier nicht drei
Tage mit zwei schönen Weibern leben konnte ohne der älteren zu sagen sie sei
bezaubernd und die jüngere den Engel seines Lebens um Herz und Hand zu bitten
So wie er damals in aller Geschwindigkeit eine Prinzessin heiraten wollte so
macht ers noch heut mit jedem hübschen Mädchen Es ist nicht etwa die Absicht
eines ungeschickten Roué der unter der schützenden Ägide einer baldigen
Hochzeit dreist seinen Liebeswünschen folgen zu können glaubt  Gott bewahre es
ist Leopolds schnell erregtes überwallendes Herz es ist sein augenblicklicher
vollkommener Ernst und das Wunder ist groß dass ihn noch nirgends eine Schöne
ebenso schnell beim Worte genommen hat Er hätte in den nächsten acht Tagen in
der Güte seines Herzens die zweite in den nächsten vierzehn Tagen die dritte
geheiratet Ich habe neuerdings den Jungen lieb gewonnen Du erinnerst Dich dass
mir eine Zeitlang seine leichtsinnige Faselei sein immerwährendes Lügen völlig
zuwider war Er ist eigentlich noch ganz derselbe aber bei dieser platten
alles berechnenden Zeit ist mir sein Leichtsinn eine Art von Poesie geworden
der Junge bewegt sich fortwährend in der Welt herum als lebt er noch zu König
Artus Zeit alle Begebenheiten seines täglichen Verkehres sind zwar in seinem
Munde nach den gewöhnlichen Begriffen Lügen wenigstens Unwahrheiten aber sie
sind romantisch sie beleben das tote Einerlei unseres geselligen Treibens Und
mir tut solch ein verschollenes ritterliches Interesse manchmal so not dass ich
froh bin mich Leopolds Täuschungen hingeben zu können  Also er sprang ins
Zimmer während ich an Dich schrieb  »Hippolyt« schrie er »spanisches Blut
Enkel des Cid es gibt romantische Geschäfte noch siegen die Kaufleute nicht
über die alte herrliche Welt mit den bunten unerwartet wechselnden
Erscheinungen Hippolyt die Liebe lässt nicht alle Romantik untergehen Tallon
will morgen Margareten entführen  beim Hahn des Äskulap beim Zauberer Merlin
es ist kein Scherz keine Posse komm mit mir Du sollst es selber hören Du
weißt wir sind eingeladen übermorgen früh Waelens nach dem Felde von Waterloo
zu begleiten Tallon ist von der Partie im Vorwerke la belle alliance wartet
der Wagen mit Napoleons sechs Rappen die ihn damals nach Brüssel zur Krönung
führen sollten und welche jetzt Herrn Tallon mit der schönen Margarete nach
Valenciennes zur Hochzeit bringen sollen Lache immer aber setz Dir den Hut auf
und folge mir Du sollst selber hören«
    Ich brauche nur ein paar Worte meiner abgebrochnen Schilderung zuzusetzen
damit Du die Sache übersiehst Leopold der liebenswürdigste Begriff von Liebe
fügte sich mit der rührendsten Gutmütigkeit in die zweite Stellung als er sah
dass ich ihn bei Margareten aus der ersten verdrängt hatte Seine zarte wenn
auch unermüdliche Zudringlichkeit war dem Mädchen erwünscht gewesen weil sie
den unangenehmen Bewerbungen eines Herrn Tallon in den Weg getreten war den
Margareta nicht leiden mochte Zudem missfällt der kleine Schelm niemals einem
Weibe Dieser Tallon nun ist eine der rätselhaften Erscheinungen wie sie seit
der Revolution hier in Belgien gar nicht selten sind Man weiß nicht genau wo
er hergekommen man weiß nicht genau was er ist aber er zeigt sich überall als
einen entschlossenen Revolutionär der furchtlos zu den gewagtesten Schritten
rät und bei der gefährlichsten Gelegenheit vorangeht Er ist von
außerordentlicher Bildung und Geschmeidigkeit ein Mann von etwa dreißig Jahren
mit einem ausdrucksvollen Gesichte und stechenden schwarzen Augen Er hat sich
wie gesagt bei allen Vorfällen der Revolution tapfer und unerschrocken
bewiesen er spielt die Rolle eines glänzenden Ehrenbürgers des neuen Staates
Lebensart und Gewohnheiten bezeichnen ihn als einen reichen Mann
    Natürlich war ein solcher Mann in Waelens Hause sehr willkommen Herr van
Waelen gehört als Advokat zu der abstrakten liberalen Partei deren Ziel die
Republik ist Der Anführer dieser Richtung ist de Potter Diese Leute sind die
Protestanten der neuen Ära der bare kühle Rechtsverstand ist ihr Panier die
Prosa ihre Gebieterin Mit Herrn van Waelen ist Tallon vollkommen daccord wenn
sie nebeneinander im Salon auf und nieder gehen und Europa regieren und
einrichten Mancher schnelle Seitenblick aber den Tallon auf Frau van Waelen
wirft und welchen diese mit einem stolzen Lächeln beantwortet unterrichtet den
aufmerksamen Zuschauer dass Tallons Glaubensbekenntnis mit diesen mageren Ideen
nicht erschöpft ist Frau van Waelen ist katholisch ultramontan katholisch sie
gehört zur fanatischen Glaubenspartei die sich mit den protestantischen
Republikanern zum Sturze der holländischen Herrschaft verbunden hat Ihr Held
ist der Erzbischof von Mecheln In stillen Stunden mag Herr Tallon katholisch
revolutionär sein die Revolution im allgemeinen ist das Geschäft rühriger Leute
wie Tallon Margarete liebt die orangegelben Westen wenn man sie über Politik
fragt so ist sie für ein selbständiges Reich Belgien wie die anderen aber
lächelnd meint sie der Prinz von Oranien sitze gut zu Pferde die alten
Bekanntschaften würden nicht zerrissen wenn er auf einen Thron zu Brüssel
gesetzt würde und ein Hof wäre doch notwendig sonst wäre Brüssel nicht
Brüssel und die Kaufleute klagten abends zuviel in der Teestunde Mit
Margareten lächelt Herr Tallon Trügt mich nicht alles so ist der Bursch ein
Italiener obwohl er sich für einen Franzosen ausgibt Die Italiener waren immer
die Agenten der Weltgeschichte wenn nicht im großen und ganzen dann im kleinen
und einzelnen Cäsar der Papismus Machiavell die Bilder die Opern Napoleon
alles das stammt von dorther
    In dieser Familie siehst Du nun den größten Teil von Belgien in Tallon
vielleicht einen Revolutionär von Profession oder Neigung nous verrons Kurz
seine Heiratsbewerbungen sind bis jetzt an dem Mädchen gescheitert das
revolutionäre Interesse Belgiens nimmt ab Tallon hat vielleicht also ohnehin
Lust das Land zu verlassen tiefe Leidenschaft liegt offenbar hinter diesen
schwarzen Augen Leopolds Geschichte von Entführung ist nicht unmöglich  ich
folgte dem Kleinen
    »Halt« sprach er unterwegs »tritt mit mir in diesen Laden kauf uns zwei
Blusen wir müssen echt belgisch aussehen wenn wir was erfahren wollen«
    Ich tat dem Kleinen den Willen wir warfen die blauen Hemden über und nun
führte er mich durch eine Menge Straßen bis vor ein kleines Wirtshaus Man hörte
schon von weitem den Lärm der Zecher Dieses Hotel hieß vor der Revolution »Zum
guten König Wilhelm« als es aber in den Journalen Mode wurde den guten König
Wilhelm nur Guillaume le bourreau zu nennen da änderte der Wirt dieses Hotels
ebenfalls seine Devise Das Schild ändern oder gar ein neues machen zu lassen
wäre zu kostspielig gewesen er strich also auf Autorität der Journale das Wort
König aus und setzte das beliebt gewordne an die Stelle So siehst Du denn jetzt
die mehr als wunderliche Überschrift für einen Gasthof »Zum guten Henker
Wilhelm« Das Bild selbst ist dem Künstler von vornherein so vortrefflich
geraten dass es nicht der mindesten Abänderung bedurft hat  tritt herein hier
findest Du die echtesten Wallonen Flamländer und Brabançonen Du sollst kaum in
Deinem Leben mehr fluchen gehört haben
    Du darfst Dich nicht wundern wie Leopold zu solchen Detail und
Lokalkenntnissen gekommen ist Dass er mit seiner Beweglichkeit überall
herumschnüffelt weißt Du ohnehin und dann hat er während des
Revolutionskampfes als Arzt figuriert und dieser Gasthof ist ein Hauptdepot
gewesen
    Wir traten in eine niedrige Schenkstube und setzten uns in den dunkelsten
Winkel Der Wirt dessen Wange und Backenbart von Fett und Wohlsein glänzte
fragte nach unserm Begehr »Ach sieh da Herr Doktor« sprach er an sein
Samtkäppchen greifend zu Leopold »das ist doch schön von Ihnen dass Sie auch
in langweiligen Friedenszeiten mein Haus nicht verschmähen ich habs wohl immer
gesagt der Herr Doktor ist ein echter Volksfreund er tut nicht apart und macht
sich mit jedermann gemein ohne Unterschied  hab ich recht Herr Doktor«
    »Ohne Unterschied« entgegnete Leopold »setzen Sie sich zu uns Herr
Motten helfen Sie uns eine Flasche feinen Roten ausstechen und erzählen Sie uns
von Krieg und Frieden und wie teuer die Metze Hafer« 
    »Hehe immer der alte Spassvogel wie in den munteren Septembertagen  he
Charles eine Rote hinten aus der Ecke im zweiten Keller  Hol der Teufel die
Holländer mein Herr Sie können glauben unser kleiner Herr Doktor hier hat
manchen Wallonen zum Lachen gebracht während er ihm den braunen Arm vom Leibe
schnitt den sie drüben im Park dem armen Jungen zerschossen hatten immer hat
der kleine Doktor  mit Permiss dass ich mich so freundschaftlich ausdrücke 
immer hat er einen Spaß bei der Hand aber hier kommt der Rote«
    Während der Wirt einschenkte machte mich Leopold auf zwei sonnverbrannte
Gesichter aufmerksam die allein beim nächsten Tische saßen »Das sind Tallons
Spitzbuben horch auf sie ich beschäftige den Wirt« flüsterte er mir zu
    Die Burschen aber saßen schweigend bei ihren Schnapsgläsern und bliesen die
Rauchwolken aus den Tonstummeln welche sie im Munde hielten Ich hatte Zeit
das ganze Terrain zu rekognoszieren soweit es die Tabakswolken gestatteten In
Belgien ist das Rauchen schon wieder viel allgemeiner als in Frankreich Es
waren noch drei Tische besetzt aber die Blusen machten alle Gestalten so
einförmig und das Durcheinander von Dialekten verwirrte mich auf der andern
Seite so dass ich zu keiner klaren gesonderten Vorstellung kommen konnte
    Ein schwarzer Krauskopf welcher eintrat erregte die allgemeine
Aufmerksamkeit alles rief und trank ihm zu bon jour Jacques bon jour
Jacques scholl es von allen Seiten und das allgemein werdende Gespräch ging
jetzt in ein raues hart klingendes Provinzialfranzösisch über Nur der neu
angekommene Jacques sprach geläufig
    »Die Franzosen sollen leben« rief ein kleiner Blusenmann
    »Die Franzosen sollen leben« setzte ein anderer hinzu »solange sie Belgien
Belgien sein lassen und weiter nichts wollen«
    Jacques warf ihm einen unwilligen Blick zu und sagte »Waren die Franzosen
nicht immer großmütig Ist das Land nicht weit genug von der Bidassoa bis an den
Rhein brauchen die Franzosen mehr«
    »s soll uns lieb sein Jacques« erwiderte der Opponent lachend
    »Ihr seid ein misstrauisch Volk« sprach Jacques »wenn ihr ein Volk seid« 
    »Halloh« schrie aus einem Munde die ganze Stube alles war aufgesprungen
und aus mancher Bluse sah man diese oder jene Waffe hervorblitzen 
»Unverschämter Franzose« brummte der Wirt
    Jacques schlug ein Gelächter auf griff nach seinem Glase als ob ihn die
Drohungen welche von allen Seiten auf ihn flogen gar nicht kümmerten und
rief »Messieurs es leben die nördlichen Italiener«
    Brummend setzte sich alles nieder  »Nördliche Spanier sind wir« sprach
der Opponent »so wahr ich Juan Meravilla heiße« 
    »Heilige Mutter Gottes« rief einer »das klingt spanisch«
    »Was hat die heilige Mutter Gottes mit Belgien zu tun« erinnerte der
größere von den sonnverbrannten Burschen zu denen sich Jacques gesetzt hatte
»die hilft heutzutage nicht mehr«
    »Hör einmal Highmans dergleichen Anzüglichkeiten auf unsere katholische
Religion verbitten wir uns wir Spanier« 
    »Ach du spanischer Schafskopf bleib mit deinem dummen Zeuge zu Hause um
eure Mutter Gottes kümmert sich heutigentags kein vernünftiger Mensch mehr und
um eurer Pfaffen willen haben wir uns das Blut nicht abzapfen lassen im
September« 
    Ein drohendes Murren erhob sich an mehreren Orten »Highmans ist ein Mensch
ohne Gewissen« murmelte Herr Motten der Wirt »Ihr Wohlsein Herr Doktor«
setzte er hinzu und leerte schlürfend sein volles Glas
    »Da seht Euch Vetter Motten an« rief Highmans »der weiß seine Heiligen zu
behandeln er trinkt ihnen ein Glas Rotwein nach dem andern zu nicht wahr du
Wirt zum Henker das ist die beste Religion«
    »Du bist ein gottloser Mensch« brummte Motten »wer einmal mit englischen
Matrosen verkehrt hat der verlernt s Beten und Singen« 
    »Aber s Trinken lernt er Motten zum Henker und das muss deine Religion
sein wenn du ein aufgeklärter Geist bist  drüben in Luxemburg nennen sies
Saufen ein schönes Wort beim lustigen Altenglend«
    »Der Teufel hole Alt und Neuengland« rief der spanische Belgier »sie
haben uns bei Waterloo die Holländer gebracht und« 
    »Du stockblinder Spanier wie lange ist das her« unterbrach ihn Highmans
»weißt du denn wie weit s bis Waterloo ist«
    Jener dachte nicht daran dass die Frage wörtlich gemeint sein könne und
schwieg Ich aber verwandte nicht Auge noch Ohr von Highmans und es entging mir
nicht als dieser leise an Jacques sich wendend die Frage wiederholte »Ich
bin nie draußen gewesen« setzte er hinzu »und habe übermorgen ein Geschäft
da«
    Währenddessen war der sogenannte Meravilla aufgestanden und dicht an mich
herangetreten als nähme etwas in meiner Nähe seine Aufmerksamkeit in besonderen
Anspruch »Holla« schrie er plötzlich »ein Orangemann«
    Bei diesen Worten fuhr alles auf und stürzte hinzu  »Was Wie Nieder mit
den Orangisten«
    Ich der ich nur auf Highmans geachtet hatte wurde jetzt erst inne dass es
mir galt und dass der spanische Belgier  die Hand nach mir ausstreckte Ich warf
ihn unsanft zurück und fragte was dem Narren einfiele
    »Nieder mit ihm ihr Belgier« rief er zornig hielt sich aber in einiger
Entfernung »unter der Bluse an der schwarzen Halsbinde trägt er eine
Orangeschleife«
    Ein wildes Geschrei erhob sich und der ganze Haufe drängte auf mich ein
Ich erinnerte mich dass mir Margarete den Tag vorher im Scherz eine solche
Schleife an das Halstuch gesteckt hatte beim schnellen Ankleiden als mich
Leopold drängte war dies verräterische Parteizeichen vergessen worden
    Herr Motten der Wirt erhob sich ebenfalls mit seinem feisten Leibe vom
Stuhle und sah mit unverkennbarer Angst in die Falten meiner Bluse hinein »Beim
glücklichen September« murmelte er »ein Orangeband Aber mein Herr Doktor wie
können Sie in solcher Gesellschaft meinen wohl und patriotisch renommierten
Gasthof« 
    »Wirf doch den Lappen weg« flüsterte Leopold und störte Herrn Motten in
seiner Rede Der Haufe stürzte aber schon wirklich auf das gelbe Band los Du
weißt indessen dass der Träger desselben zufällig ein Paar gesunde Fäuste
besitzt diese warfen denn auch die nächsten Stürmer ohne weiteres zu Boden und
bewaffneten sich mit der halbleeren Weinflasche Eine augenblickliche Pause trat
ein und ich nahm das Wort folgendermaßen »Meine Herren Belgier oder Spanier
wie Sie sich nennen ich bin kein Orangist diese ihnen so verhasste Schleife ist
sehr zufällig von einer schönen Dame an mein Halstuch befestigt worden eine
sonstige Bedeutung hat sie für mich nicht und ich stünde keinen Augenblick an
sie zu entfernen hätten Sie sich nicht in eine so drohende Stellung geworfen
als sollt ich dazu gezwungen werden Das Haus Oranien ist mir sehr
gleichgültig aber zwingen lass ich mich auch nicht zur gleichgültigsten
Handlung Setzen Sie sich ruhig an Ihre Plätze dann will ich Ihren Wünschen
willfahren dem ersten aber der sich mir nähert schlag ich den Hirnschädel
ein«
    Herr Motten war der erste welcher sich mit einem bedeutungsvollen
Seitenblicke entfernte Herr Juan Meravilla fluchte bei den Heiligen und setzte
sich und zu meiner eigenen Verwunderung taten die übrigen ein Gleiches
Jacques Highmans und sein Nachbar hatten merkwürdigerweise gar keinen Anteil an
dem Vorfall genommen sondern waren in leisem eifrigem Gespräche begriffen Es
war nicht ratsam länger zu weilen und auf dieses zu horchen wir bezahlten
unsere Zeche an Charles und gingen Herr Motten stand im Hausflur und schien auf
uns zu warten Er machte eine schlaue Miene und schüttelte einige Worte heraus
die ungefähr andeuten mochten er kenne den Lauf der Welt und ein guter
Gastwirt sei ein unparteiischer Punkt »es ist nur wegen meines Schildes«
setzte er hinzu »dass ich mich erkundige ob wir eine Änderung zu erwarten
haben Denn sehen Sie ich habe den Henker draußen nicht hingeschrieben sondern
Highmans und der Spanier drin aber mich würde man beim Kopfe nehmen wenn man
aber nur den rechten Augenblick weiß da geht das schon Ich weiß am besten wie
die vornehmen Herren für den Prinzen von Oranien sind den Gott schützen möge
und Geld ist die Seele  vielleicht könnten Eure Herrlichkeit einem armen
betriebsamen Bürger einen Wink geben« 
    »Morgen mittag Punkt zwölf Uhr Herr Motten« sagte ich und ging Leopold
mit fortziehend Herr Motten stand noch mit abgezogenem Käppchen unter seinem
Henkerschilde als wir schon weit fort waren Die europäische Politik mochte ihn
schwer beunruhigen
    Ich hatte eigentlich nicht viel mehr erfahren als Highmans Frage wie weit
es bis Waterloo sei welche mit Leopolds Aussage in einer Beziehung zu stehen
schien
    Gegen die Teezeit ging ich nach Waelens Hause Herr Tallon war mir bereits
zuvorgekommen und das Gespräch wendete sich nach allen Seiten um die Partie
nach Waterloo welche den Tag darauf veranstaltet werden sollte Die politischen
Beziehungen ließ nicht auf sich warten Herr van Waelen sprach vom Könige
Pharamund dem Gründer des salischen Gesetzes und den stolzen gewaltigen
Chlodowigs und Chlotars die alle in Belgien gesessen »Von hier aus« sprach er
mit Emphase »ist Frankreich erobert worden Belgien ist der Ursitz der
Merowinger bis heutigentags der Mittel Grenz und Sammelpunkt der romanischen
und germanischen Völker«
    Ich hatte mich still zwischen Frau und Fräulein van Waelen eingeschoben
ließ die politisierenden Herren im Zimmer auf und ab gehen und sah bald in die
glänzend dunkelblauen Augen Margaretens bald auf die weiße schöne Hand der
Mutter Es ist gar kein Wunder dass sich hier eine Malerschule ausgebildet hat
mai findet nicht leicht anderswo ein lockenderes schöneres Fleisch eine
lebhaftere Inkarnation und auch das Fleisch hat seine Rechte ja seine
Geheimnisse es schafft die Form es sänftigt und hebt die Gedanken es spiegelt
das Blut und Leben des Menschen  die asketischen Leute müssen alle plastische
Kunst verdammen wenn sie konsequent sein wollen Die Schönheit des Laokoon
beruht auf denselben Gesetzen wie die Schönheit der marmornen Venus Gott soll
nun aber durchaus den schönen Leib dafür geschaffen haben dass er nicht gesehen
werde Die protestantischchristliche Gesittung hat doch recht viel Ähnliches
von einer Pensionsschulmeisterei wo den Kindern gerade nur soviel frische Luft
gestattet wird als sie zum kümmerlichen Leben durchaus nötig haben
    Worin liegt es wohl dass ältere Frauenzimmer einen so großen Reiz für
jüngere Männer haben Die Tatsache ist nicht abzuleugnen dass die jungen
Burschen sich zumeist in die Frauen von dreißig Jahren verlieben Dass ihnen
solche weiter und behilflicher entgegenkommen als die blöden Mädchen löst das
Rätsel noch keineswegs Es muss noch irgend ein Mysterium der Reife darunter
verborgen liegen Ich gehöre doch eigentlich nicht mehr zu den jungen Burschen
und ich kann mich eines großen Interesses für die schöne Frau van Waelen nicht
erwehren obwohl ich Margareten schöner und liebenswürdiger finde Dieses
wunderliche Verhältnis hat auch alle meine Bewerbungen gelähmt die zweifellose
Einheit und Ganzheit meiner früheren Wünsche ist dadurch gelähmt und sie wars
welche mir immer die Kraft und Zuversicht des Gelingens einflößte Ich verliere
meinen Charakter in diesem Zustande und mit ihm mein Heil denn dies beruht
immer in dem Gleichartigen zwischen unserem Charakter und der daraus fließenden
Handlung und Folge
    Nur wenn ich mich recht geläutert und hoch gestimmt fühle da siegt
Margaretens poetisches Jugendwesen völlig Und so wars an jenem Abende
    Du hast noch kein Bild von ihr ich wurde damals in der Beschreibung
gestört Sie ist hoch und schlank  was könnte auch eine der gewöhnlichen
zusammengedrückten Figuren für ein Interesse erregen Der Wuchs ist die
Freiheit ist die Idee des Körpers er macht aus dem Leibe die schöne Säule
welche in weichen runden Begrenzungen ringsum und aufwärts nach Luft und Himmel
strebt Und nun sind alle Formen Margaretens die Schultern die Hüften und was
sonst nach außen strebt erst so fein jugendlich ich möchte sagen unschuldig
gerundet es ist noch keine Spur zu sehen dass sie einst ebenso überreif stark
überfüllt aussehen werden wie dies leicht bei Weibern von üppiger Vegetation
eintritt es ist über das ganze Mädchen noch jener lockende Höhenduft des
Lebensmorgens ausgegossen wie man ihn auf fernen ersehnten Bergen liegen
sieht dass ich dies süße Kind nur mit einer wohltuenden Sehnsucht erblicken
kann mit einer Sehnsucht von so wunderlichem Gemisch wie sie mir eigentlich
fremd ist Von jenem keuschen unschuldsvollen Elemente das die Deutschen oft
im Munde führen und das auch gewiss nur echt germanisch ist mag etwas dabei
sein von meinen innigen tiefen Liebesgedanken zu meinem gestorbenen Engel
Desdemona regt sich auch wohl etwas in mir wenn mich Margareta mit ihren
dunkelblauen Augen vertrauensvoll anblickt Aber es sind doch alles dies nur
Teile und Anfänge das unwiderstehliche Etwas welches keine Wahl mehr überlässt
jenes psychische Mysterium der Liebe fehlt noch Und so ist es immer nur ein
beglückendes Wohlbehagen das ich an der Seite des Mädchens empfinde aber wenn
ich mich ihm eine Stunde hingebe dann sehe ich recht wie dem Kinde die Flügel
wachsen und es wird das blaue Auge glänzender und Wort und Wesen kühner ich
bemerke ein Wetterleuchten an unserem Horizonte und ich glaube manchmal über
kurz oder lang ist das Gewitter da und der Blitzstrahl dem nichts entrinnen
kann fährt hernieder Ich habe soviel deutsche Gewohnheit bei Euch angenommen
dass ich diesen unbestimmten Dämmerzustand bereits liebe wie wenig er auch sonst
zu meinem Wesen stimmt das die Mittelzustände gern überspringen mag Es sind
kleine niedrige Lehnstühle nach veralteter Form welche im Salon benutzt
werden Aber es sitzt sich deutsch behaglich auf den rotsamtenen Polstern und
ich saß wie ein wohliger Glückspilz am Teetische zwischen den Frauen ließ
Leopold die Mutter unterhalten und erzählte der Tochter Märchen und Geschichten
Wenn ich mich so recht stark und kräftig fühle so wild und katalonisch wie
Dus manchmal nanntest so dass ich den Herrgott herausfordern möchte die Erde
auf meine Hand zu legen dann gebe ich dem dunkeln ja dem farbigen Teint des
Weibes den Vorzug dann erscheint mir das nördlicheuropäische Weiß schwächlich
und krankhaft ich bilde mir ein solch ein weißes blasses Geschöpf hat keinen
Gegendruck keinen Widerstand für meine Kraft es müsse zerbrechen unter meinen
Armen Aber jene braune weltstürmende Kraft ist durch Juliens Widerstand
gebrochen ich weiß nicht ob sie mir noch einmal in ihrer alten Macht und Fülle
wieder kommen wird und der elegische weiße Teint ist jetzt mächtig über den
schwachen Hippolyt Margaretens Haupt ist durchsichtig wie ein heiterer
Abendhimmel ich sehe den kleinsten Gedanken in ihren Adern hüpfen und dies
klare griechische Antlitz liegt wie ein aufgeschlagenes Buch vor mir Ihr Haar
ist  ja wenn ich das einfache platte Wort hinschreibe so erschrickst Du und
die Illusion ist Dir zerstört die Leute haben sich eingebildet rotes Haar sei
ein für allemal garstig Die guten Leute Brandrotes schattenloses Haar ist
allerdings widerwärtig es verödet das Gesicht Aber Margaretens Locken dichte
glänzende Locken sind aus Gold und Kastanienbraun so schimmernd gemischt dass
ich nie etwas Schöneres gesehen zu haben glaube Das farblose matte Blond ist
durch die Tiefe der Goldfarbe völlig vernichtet und das Schattige des
Kastanienroten die dunklen Augenbrauen heben das weisseste Antlitz überaus Es
bleibt ein merkwürdig Spiel der Natur dass sie das Temperament durch äußere
Zeichen ankündigt hinter solchem Haar muss ein heißes Umarmungsfeuer lodern ich
fühle so etwas von elektrischer Wirkung wenn ich die weichen Finger dieses
Mädchens berühre
    Ich sagte ihr mit halben Worten etwas davon dass Monsieur Tallon sie in
Waterloo entführen wolle Das Blut schoss ihr ins Gesicht und verließ es
plötzlich wieder sie sah mich mit einem herzdurchdringenden Blicke an worin
allerlei Bitte lag
    Monsieur Tallon aber hatte längst ein Auge auf uns und nötigte mich durch
eine geschickte Wendung an dem politischen Gespräche teilzunehmen
    Du glaubst gar nicht wie ich all die politischen Redensarten satt habe
selbst wenn ich sie selber mache selbst wenn ich sie Dir gegenüber mache
Wahrhaftig aufrichtig zu sein ist doch über die Massen schwer es spricht ein
gelernter gebildeter Mensch in uns der wenigstens bei mir immer noch etwas
ganz anderes ist als ich selber Ganz eigentlich lebt ein so tiefer
bestialischer Drang in mir der Dich entsetzen würde fänd ich einmal die ganz
rücksichtslosen Worte dafür Herrschen will ich despotisch herrschen das ist
alles und ich verarge es keinem Staate keinem Herrn wenn er für abstrakte
Forderungen auch nicht den kleinsten Zipfel seiner Macht hingibt die Macht ist
alles die Kraft die Gewalt Was Gesetz was Regel Wenn sie mir in den Weg
treten so sind sie mir im Wege und ich stoße sie beiseite Ich lüge mir und
lüge Dir wenn ich mich in Räsonnements ergehe denn meiner eigentlichen Seele
sind sie alle fremd Aber Ihr Prinzipienmenschen bildet und karrt Leute meines
Schlages genießen herrschen leben oder die Kugel trifft sie
    »Warum Frau van Waelen« sagte ich leise zu ihr »kümmern Sie sich um
Politik die Sie mit Ihrer Schönheit mit Ihrem Herzen Kummer und Leben bereiten
können Erst wenn wir selbst unmächtig werden fragen wir nach Parteien eher
nicht nur die Mittelmässigkeit assoziiert sich nur die Prosa warum bleiben Sie
nicht allein Ich bin auch allein«
    »Holen Sie mich heute im Theater ab den letzten Akt des Stückes liebe ich
nicht«
    Es ist ein prächtiger Anblick diese hohe volle Frau in den schwer seidenen
Gewändern schweigend ruht die Schönheit ihres Antlitzes wie ein tiefer See auf
dessen Grunde die bewegtesten Geheimnisse und Leidenschaften schlafen zuweilen
tritt solch ein leiser Druck aus unbekannter Tiefe in das schwarze Auge der
schönen Frau van Waelen
    Ich werde sie abholen
    Natürlich war ich zeitig im Theater sie saß in vollem Putze da ich sollte
sie zu einer Soiree fahren die sie heute abend noch besuchen wolle eine
vornehme irische Familie die tags darauf Brüssel verlassen werde empfange zum
letzten Male »Es sind interessante Katholiken die mein Mann nicht kennt und
nicht goutiert  haben Sie Lust vorgestellt zu sein man wird Sie als ein
spanisches Kind willkommen heißen und die Leute halten die paar Monate welche
sie hier zubringen offenes Haus«
    Die Frau glich dem schönsten Rubensschen Bilde von einer spanischen Königin
das er malen konnte und doch war der prächtige Nacken und Schulterbau nicht so
feist fleischig wie ihn Rubens leicht machte und doch war der gesund und
kräftig weiße Teint dieser Fratz ebenso schön Nicht das krankhafte Weiß das
man bleich nennen soll Und wie üppig warm und kräftig war die Atmosphäre des
Weibes
    Ich drängte zur Abfahrt Einen so vortrefflichen Bedienten wie jetzt habe
ich nie gehabt die Italiener sind geborene Bediente und Kuppler Nicht ein Wort
hatte ich ihm gesagt als ich sie in meinen Wagen hob und er ließ durch alle
krummen Straßen Brüssels fahren die er nur finden konnte ehe wir zum Hotel der
Irländer kamen
    Frau van Waelen kam meiner stürmischen Umarmung weniger stürmisch aber heiß
und fest entgegen wies indessen mein wildestes Drängen insoferne entschieden
ab als sie mir verhieß schon morgen zum einsamsten Rendezvous ein Zimmer ihres
Hauses zu öffnen
    Was interessierten mich die Irländer und die katholischen Belgier welche
diese Revolutionsspielerei eingeleitet haben Meine Erwählte war so auffallend
schön dass ich drängte und drängte um nur wieder im Wagen zu sein und diesen
lockenden Leib zu küssen Eine magere Brüsselerin die viel mehr Spitzen als
Reiz bei sich trug tippte meiner Dame den Nacken an und belehrte sie lächelnd
dass an der Schultereinfassung hinten etwas zerrissen wäre ihre Kammerjungfer
müsse sehr leidenschaftlich sein
    »Ja Werteste das ist sie« erwiderte lächelnd meine Dame und wir gingen
dem Zuschnitte der Gesellschaft nach ungewöhnlich früh aber die Zeit war lang
bis zum andern Tage und mein Blut heiß und mein Giacomo kannte Brüssel so gut
dass wir erst nach einer guten Stunde vor Waelens Hause ankamen
    Morgen ist morgen verstehst Du nach Leopolds Rechnung zwischen dem
Übermorgen wo sie nach Waterloo fahren liegt also noch ein Tag und eine Nacht
 nun Adieu der Schlaf soll mich suchen
    Ich schreibe Dir weiter nach mehreren Tagen und zwar aus Ostende angesichts
des Meeres Höre wie sichs begab
    Als ich an jenem »morgen« zu Waelens kam fand ich die schöne Frau vom Hause
allein im Salon es war ein sonniger Herbstnachmittag Margareta war im Garten
Herr van Waelen auf dem Kaffeehause Sie winkte mir beredsam mit den großen
Augen und wir stiegen die Treppe hinauf gingen durch die prächtigen Gemächer
des Vorderhauses und rasteten in einem schönen Eckzimmer Zwei große üppige
Gemälde der flamändischen Schule lachten von der silberweiss tapezierten Wand
der Sonnenschein blitzte nur in einzelnen Ritzen durch die geschlossenen grünen
Jalousien
    Hier zeigte sie mir eine unbemerkbare Tapetentür welche auf einen Korridor
des Nebenhauses führt gab mir die nötigen Instruktionen und verhieß mir zum
Abende den Schlüssel welcher das unbewohnte Nebenhaus und die Türe des
Korridors öffne Wie einst die Burgherren zu ihren Schlössern so haben heute
die lebelustigen Weiber verborgene Gänge und Türen
    Sie war offenherzig und von reizender Innigkeit und vertraute mir unter
anderem dass Tallon früher umsonst lebhaft nach ihrer Gunst gestrebt die
Domestiken bestochen verführt und das Ärgste getrieben habe Ja sie fühle
sich nicht ganz sicher ob der abscheuliche Jakobiner nicht irgend was näheres
ahne von einem geheimen Zugange in diese Gemächer Da seine Bewerbungen kein
Gehör erreicht so habe sich der gemeine Mensch zu Margariten gewendet »ein
Greuel« sagte Frau van Waelen »der mein Innerstes empört ich hätte den
Menschen längst aus dem Hause gejagt nähme er nicht mein Mann mit seiner
jammervollen Politik ein so fanatisches Interesse an ihm aber ich werde eher
das Äußerste tun ehe ein Mann meine Tochter berührt dessen Auge erst
wohlgefällig auf mir geweilt und gewünscht hat Wenn ich Waelen betrüge einen
öden kläglichen Mann so vergibt mirs mein Beichtvater aber weder dieser noch
mein Herz vergeben mir jene frevelhafte Verbindung«
    Ich hielt es nicht für gut sie durch Mitteilung des Verdachtes über die
WaterlooPartie zu beunruhigen und war mir genügender Kraft bewusst solch ein
abenteuerlich Unternehmen zu zersprengen
    Ich kam des Abends wieder fand die Familie Leopold und Tallon im Saale und
suchte emsig ein halbes têteàtête mit Frau van Waelen damit ich die Schlüssel
erhielte Sie schien mir unruhig und zu meinem Erstaunen wagte Tallon die
wunderlichsten Sticheleien als ob er die gestrige Spitzendame gesprochen und
meinen Giacomo ausspioniert habe Man muss so borniert für nichts Interesse haben
als für politisches Gewäsch wie dieser Waelen um so unberührt zu bleiben wie
er bleibt
    Endlich konnte mir Frau van Waelen zuflüstern wir könnten uns nicht sehen
die Schlüssel seien spurlos fort sie argwöhne alles gegen diesen Tallon der
aus dem Wege geräumt werden müsse
    Wie ein ruhiger feuerspeiender Berg in dessen Innerem ungesehen fulminante
Ausbrüche bereit liegen erschien mir die Frau
    Am andern Morgen bewaffnete ich Giacomo tüchtig der sich so ungeschickt
anstellte dass eine halbe Stunde Zeit darüber vertrödelt wurde nahm einen
handfesten Kutscher und fuhr mit Leopold nach der Hügellehne von Waterloo
hinaus Waelens und Tallon waren schon da wir sahen sie aus der Ferne auf dem
Hügel stehen und  zwei Kerle sprangen aus dem nahen Gehölze hoben blitzschnell
Margarita in den Wagen warfen den Kutscher vom Bocke und sprangen auf den Bock
Tallon machte einige Grimassen mit Armen und Beinen sprang ebenfalls nach die
Peitsche flog der Wagen verschwand und als wir im Karriere oben ankamen flog
er schon weit in der Ebene dahin
    Frau van Waelen schrie mir wie eine Furie entgegen »Retten Sie mein Kind«
Herr van Waelen schnupfte und schimpfte auf die Strassenpolizei
    Ich befahl meinem Kutscher im Karriere nachzujagen er weigerte sich ich
warf ihn Waelens Kutscher nach und jagte selbst die Pferde durch ein unnützes
unpassendes Zugreifen Giacomos in die Zügel wurden die Pferde plötzlich falsch
gewendet der Wagen stürzte die Tiere gingen durch was weiß ich Auf diese
Weise kam ich um die direkte Verfolgung musste mühsam ein Städtchen und eine
Post suchen und so hatte der Schurke weiten Vorsprung ich fuhr lange in der
Irre herum bis mich neue Anzeichen nach Ostende führten Nach der Küste zu
schien der Räuber seine Beute gebracht zu haben und es kam mir nun schon die
lebhafte Besorgnis er möchte bereits eingeschifft sein
    Du glaubst übrigens nicht welch eine reizende Figur bei dem allem die
geraubte Margarita spielte in meiner Phantasie  das schlanke noch so
mädchenhafte Geschöpf welch eine ursprüngliche Tragik musste sich ausdrücken auf
diesem zarten ausdrucksvollen Gesichte wenn sie gegen die Brutalität eines
verhassten Entführers in Kampf und Sträuben geriet
    Das erste was mir in Ostende aufstiess war  ich traute meinen Augen nicht
und schlug mir die Täuschung aus dem Sinne  es war Giacomo Eine solche
Erscheinung huschte im Gedränge des Hafendammes an mir vorüber wie ein Schatten
ich griff danach aber sie war auch im lichtlosen Gewühle der Menge wie ein
Schatten verwischt
    In den Gastöfen bei allen abgehenden Schiffen erkundigte ich mich umsonst
kindisch dass ich mich nie in meinem Leben an die Polizei wenden mag  Du hast
gewiss recht dass sie ein heilsam notwendig Institut ist so wie die Welt eben
steht und liegt mir widerstrebt aber jedes Institut das bloß da ist den
natürlichen ursprünglichen Äußerungen der Menschheit aufzupassen die
immerwährende lebendige Erinnerung dass wir nur nach dem Schema leben sollen 
lassen wirs ich bin ein wilder Mensch und Du ein zivilisierter wir vereinigen
uns nicht darüber kurz ich fragte nicht und entschloss mich nach London zu
gehen Das Meer ist weit solch eine Einschiffung kann einem leicht entgehen
der Abenteurer hielt sich auch gewiss nicht so lange in dem Staate auf wo er den
Gesetzen so sicher entgegengetreten war
    Es war ein nebeliger Morgen als ich nach dem Schiffe ging man sah nicht
drei Schritte vor sich da eilt ein Mann in derselben Richtung nach dem Hafen an
mir vorüber der Matrose welcher meine Habseligkeiten trägt ruft ich weiß
nicht warum etwas aus das ungefähr wie »Vorgesehen« oder »Attention« klingen
mochte jener Mann wendet sich um wir sehen uns ich schreie auf und stürze
nach ihm hin er wendet sich blitzschnell und geräuschlos wie eine Schlange
seitwärts und verschwindet im Nebel ich hinterdrein bald hier bald da werde
ich seiner einen Moment ansichtig aber nimmer lebhaft da die Finsternis ihn
stets mit wenig Schritten seitwärts meinen Blicken entzieht Plötzlich als ich
ihn wohl zum fünften Male wieder vor Augen bekomme steht er ich jage gegen ihn
los er streckt mir ein Pistol entgegen und sagt atemlos was weiß ich denn ich
beachtete es nicht und griff danach der Schuss blitzt und knallt vor meinem
Gesicht ich fühle einen Ruck im Arme seine Kehle ruht aber bereits in meiner
andern Hand Wir waren an eine kleine abgelegene Strandhöhe geraten seitab vom
Hafen das Meer rauschte einen Schritt hinter meinem Feinde  »Sag im
Augenblicke wo ist Margarita oder ich schleudere dich ins Meer« damit hielt
ich ihn bereits halb übergebeugt nach hinten Er röchelte und winkte wie
bereitwillig mit dem Kopfe meine Faust ließ kein Sprechen zu ich lüftete sie
ein wenig und er bekannte eiligst das Verlangte In diesem Augenblicke fühlte
ich mich von hinten ergriffen mein rasches Gegenwirken warf Tallon ins Meer
der neue Gegner war Giacomo ein Schuft der mich also immer betrogen hatte
Der wie ich später bemerkte getroffene linke Arm versagte mir seinen Dienst
und ich hatte auf Tod und Leben zu ringen damit ich mich des geschmeidigen
Burschen erwehrte ihn auf die Meerseite drängen und hinabdrücken konnte Er
klammerte sich aber so fest dass ich das Gleichgewicht verlor und mit
hinabstürzte
    Die kalte Woge verschlang und bedeckte uns hier unter der Wasserdecke musste
ich mich noch zu ein paar verzweifelten Stößen aufraffen um mich der stets noch
festaltenden Klaue des ergrimmten Italieners zu erwehren Der Strom riss uns nun
auseinander ich kam an die Luft und wusste nicht wo Küsten wo Meerseite war
da der Nebel nichts sehen ließ aber die landwärtskommende Welle warf mich den
mit einem Arm Rudernden glücklich an den Strand Wie es den Schuften ergangen
ist weiß ich nicht ich blickte nicht um sondern stürzte fort um Margaritens
Versteck zu suchen der Meeresfrost schüttelte mich warm quoll das Blut aus der
Armwunde
    Ein anständiger Mensch musste sich erst umkleiden den Chirurgus rufen und
nach dem Mantelsacke sehen welchen der Matrose geschleppt hatte unterdes wäre
eine der Ratten wieder ans Land gekrochen und hätte Margariten beiseite
gebracht
    Sie empfing mich mit einer Freude über mein Erscheinen als ob des Menschen
guter Engel plötzlich in die Hölle träte und Himmelsluft und Himmelsglück statt
der Verdammnis böte und mit einem Weh über die Wunde und das Fieber welches
mich befiel als ob die Sonne nicht mehr aufgehen wollte
    Vergib ich referiere nicht ganz passend weil ich momentan in der tollsten
Lustigkeit zu Paris sitze und eben aus St Pélagie komme wo Leopold der Holde
wegen übermässiger Schulden weilt und eben mit den geistreichsten Schuldenmachern
Frankreichs eine Konferenz hielt wie die Schulden dieses Negative der Welt in
das Positive aus der Gefangenschaft in die Herrschaft umzuwandeln seien Es
kamen ausgelassen geistreiche Dinge vor  man ist sehr munter in St Pélagie 
und ich bin von tollen Einfällen völlig turbiert So will ich einen Preis
aussetzen wie man der Sonne einen Flanellmantel umschlägt damit sie nicht so
dreist und ohne weiteres auf die jetzt so rücksichtsvolle Erde falle
    Aber ich fasse mich Wie wunderbar gestaltete sich das alles in Ostende Ein
flüchtig wildes Fieber warf mich Margarita pflegte mein und stand in lodernder
Liebe ich weiß nicht weil ich ihr Retter war oder um was sonst Und wie
duftend und üppig entfaltete sich diese Knospe Aber was ich nicht suche
verlange erkämpfe was sich mir als unbegehrtes Geschenk in den Schoss wirft
das ist nichts für mich
    Ich sagte wir wollten nach Brüssel  da schrie sie auf und wehrte ab und
umklammerte meine Schultern und flüsterte »Die Mutter würde mir mein Glück
nicht gönnen«
    Aber was sollte ich auf die Länge in Ostende Ich bestellte uns Plätze auf
einem Fahrzeuge und sagte ihr wir wollten in die weite Welt  bald trug uns das
Meer das Meer das ich allein seit meiner Jugend unverändert liebe Es war ein
schlankes freies Schiff das mit Wind und Wellen kräftig rang  ich hasse die
Dampfschiffe diese künstliche Vermittlung des Menschen mit dem Elemente diese
repräsentative Schiffahrt wo das freie kräftige gefährliche Ineinander des
Menschen und des Meeres gestört ist
    Ich hatte den Verdacht in einer Spelunke des Schiffes Giacomo gesehen zu
haben nur er hatte solche dolchartige neapolitanische Augen  eines Nachts
stieg ich auf das Verdeck der Mond schien hell das Meer ging hoch und
schäumend von einem frechen Nachtwinde getrieben der aus Osten kam und uns
nicht an die Küste ließ Am Bord saß eine dunkle Gestalt ich sah dass sie
zusammenfuhr da ich mich nahte  es war Giacomo
    Ich trat ihm ruhig nahe fragte ihn nach Tallon und ob er auch entkommen sei
aus jenem Bade Giacomo wusste es nicht Hin und Herfragen belehrte mich dass
jener Tallon ein Bruder Giacomos ein Neapolitaner und wirklich ein
Revolutionsabenteurer sei Übrigens log Giacomo wie immer von jener Schusswunde
ist mein Arm gelähmt und diese mir ungewohnte Schwäche mag wohl etwas dazu
beitragen dass ich mich feindseliger gegen die Welt fühle als sonst Ich fasste
den Schurken eh er sich dessen versah bei Schulter und Hüfte und schleuderte
ihn ins Meer Wind und Wellen rauschten hoch sonst war nichts zu vernehmen 
    Wir kamen abends in Brüssel an ohne dass Margarita gewusst hätte wo sie sei
ich ließ beim Hause ihres Vaters vorfahren und eh sie zu einer rechten
Äußerung kommen konnte standen wir im Salon vor Herr und Frau van Waelen
    »Du verrätst mich Hippolyt« rief sie und sank in Ohnmacht
    Aber so etwas wie das Antlitz der Frau van Waelen und deren Gebärde habe
ich niemals gesehen ich glaube es ist das erste gewesen wovor ich in meinem
Leben wirklich erschrocken bin Die unglücklichen Worte Margaritas mochten ihr
eine Geschichte erzählt haben  »Mann« schrie sie mir entgegen und streckte
die Arme nach mir aus wie eine Furie die mich zerfleischen wollte »Mann du
bringst den Greuel über unsere Familie«  Herr van Waelen eilte die
Schnupftabakdose in der Hand zwischen uns sie schleuderte ihn zur Seite und
ich entwich
    Ich bin zum ersten Male entflohen aber vor einem tollen Weibe Zufällig
weil die Wogen just hierher trieben bin ich wieder nach Paris gekommen hier
fand ich Leopold der sich aus der umgestürzten Kutsche hierher bewegt und hier
lustig gelebt hatte Ach ist das eine Welt die es einem so schwer macht
lustig zu leben
 
                            3 Valerius an Hippolyt
Gott weiß ob Du jemals diese Zeilen erhältst Gott weiß ob Du sie lesen
kannst Ich kritzle sie mit einem Bleistifte auf kleine Papierstückchen die ich
durch den Zufall mitunter bekomme und die zum Teile ganz schmutzig sind  ich
bin im Gefängnisse und dass ich endlich soviel erreicht habe heimlich des Tages
einige Zeilen aufzuschreiben ist ein überschwenglicher Vorteil Lange Wochen
lange Monde sind ohne ihn vorübergezogen langsam langsam ach wie bleiche
ausgehungerte Wesen Freund wie habe ich gelitten wie leide ich Was hätte ich
darum gegeben tags nur einen kleinen Gedanken aufschreiben zu dürfen der sich
aus der Gedankenqual die sich unerlöst furienartig in dem Verstossenen
herumzauset allen übrigen vordrängt Wenn man nichts loswerden kann aus dem
Inneren dann steht sich Geist und Gedächtnis ab wie Wasser das nicht bewegt
wird entweder das Gesetz und die Ordnung hören auf und der regellose Wahnsinn
erlöst oder man verfällt in eine dumpfe Schwäche welche der kleinsten
Geistesoperation nicht mehr gewachsen ist 
    Das Blatt war zu Ende und ich habe lange kein neues ergattern können heute
war an einem Eierkuchen den ich zum Mittagessen erhielt ein Stückchen Papier
angebacken das benutze ich trotz seiner Fettigkeit Ich fühle es wie aus
weiter Ferne es wäre mir viel wohltätiger wenn ich Dir in einer gewissen
Ordnung erzählte aber die Kraft dazu gebricht in gezwungenem Nichtstun in dem
ewigen machtlosen Denken auf welches ich angewiesen war ist all solche Strenge
der Darstellung verloren gegangen ich tappe und greife bald hierhin greife
bald dahin Niemals kann ich schildern was ich gelitten und leide diese
schweren Innerlichkeiten sehen so unbedeutend aus wenn ich sie mit einem Worte
bekleide jedes Wort ist schon zu kurz zu frivol dafür sie sind viel zarter
als Worte vielleicht könnte sie nur Musik wiedergeben jedenfalls wird nur
Liebe sie ahnen und verstehen Und dann die Bezeichnung verschwindet mir unter
den Händen weil mein Gedächtnis die Spannkraft verliert und die Einförmigkeit
doch immer wieder neue Nuancen des Schmerzes entwickelt und man nun bestrebt
ist dies alles zusammenzudrängen könnte mans die ganze Menschheit müsste von
einem elektrischen Schlage des Wehs betroffen werden es gibt unbeschreiblich
Leid in der Welt das Gefängnis ist ein solches Ach das Papier ist aus ich
sehe kaum was ich geschrieben und die Freude war so kurz
    Es ist doch schon ein Zweck für den ich jetzt lebe seit ich das kleine
kleine ach so vortreffliche Stückchen Bleistift gefunden in einer kleinen
Uhrtasche der Beinkleider die ich niemals benutzt oder beachtet hatte Es ist
doch ein Geschäft wenn auch nur von zehn Minuten Denke Dir das Entsetzliche
wenn ich früh erwache das kleine düstere Gemach wiedersehe das ich im Schlafe
vergessen habe und mit Entsetzen wieder daran erinnert werde dass mein Leben
beendigt ist auf eine so trostlose Art Wir haben geklagt wenns keinen Reiz
gab ach Freund was ists erst wenns gar kein Geschäft gibt Sobald ich
aufgestanden bin mich angekleidet und mein kärglich Frühstück verzehrt habe
dann bin ich fertig nun liegt der lange öde Tag vor mir grau wie die
Unterwelt der Alten ich habe kein Buch ich höre nichts ich sehe nichts es
ist mir keine Tätigkeit übrig als in dem kleinen Raume herumzugehen die
Gedanken schweifen zu lassen bis sie schwindlig werden gleich meinem Kopfe
ruckweis kommen und gehen atemlos am Ende die Dienste versagen Gegen zwölf
oft lange vor zwölf bringt der Wärter das Mittagbrot das ist doch eine
Unterbrechung die magere Speise ist doch ein Gegebenes woran der Gedanke sich
wieder aufrichtet ich möchte langsam darüber wenigstens eine halbe Stunde
hinziehen wenn auch die eigentliche Mahlzeit in zehn Minuten verzehrt sein
kann aber der Wärter gestattet eine solche Ausdehnung nicht er hat noch
dreißig andere zu füttern und Geschirr und Besteck müssen gleich wieder fort
damit ich keinen Missbrauch damit treibe Die Türe rasselt zu es ist zwölf
sieben Stunden breiten sich vor mir aus sie wollen durchgebracht sein dann
kommt ebenso flüchtig das bisschen Abendessen dann sind neue Gedanken zu suchen
für den Abend ehe der Schlaf zu finden ist welcher dem Gefangenen ohne
Bewegung und Luft so träge sich nähert so unmutig Und das ist nur ein Tag und
so reiht sich ausdruckslos einer an den andern bis man eben verrückt wird von
den unbeschäftigten Gedanken oder starr sich wie das Tier der Wüste in den
Winkel hockt
    Könnt ich Dir nur folgerecht erzählen das würde mir nützlich sein es
drängt und bäumt sich von Gedanken alles so durcheinander dass ich nicht weiß
wonach ich greifen soll und ich zittere dass man meinen Bleistift oder die
beschriebenen Papierstückchen entdeckt und ich wieder in die alte Wüste geworfen
werde Wenn die Wache auf dem Korridore einen unregelmässigen Schritt macht so
fahre ich zusammen ich denke man sieht es meiner Tasche an dass verbotenes
Papier darin steckt und es treibt mich ein halber Wahnsinn dem Wärter zu
sagen wenn er mich ansieht unaufgefordert zu sagen »Denken Sie nicht etwa
dass ich hier rechts in der Tasche Papierstückchen und einen Bleistift habe« 
So nerven und geistesschwach wird man man weiß es noch eine Zeitlang man
sieht sich bei lebendigem Leibe sterben Ich denke an alle die
heruntergekommenen Leute meiner Bekanntschaft es fiel eins nach dem andern von
ihnen ab der Besitz der Umgang die Kleidung sie wollten doch noch auf
Augenblicke leben sie tranken oder sie stahlen gar und taten noch Schlimmeres
und endeten kläglich und die Welt höhnte darüber und verdammte sie
rücksichtslos Ich tat es nie und jetzt im Elende fühle ich wie nahe
beieinander die guten und die schlechten Taten ruhen so nahe wie die
glücklichen und unglücklichen Geschicke ein kleiner Mangel führt zum nächsten
großen man greift nach der nächsten Rettung Geist und Nerve wird schwach und
verwirrt Wahl hört völlig auf der Zufall weiß was daraus werden mag und die
Menschen verurteilen  Ach mein Raum ist wieder aus ich bin wieder wer weiß
wohin geraten 
    Mit peinlicher Mühe habe ich mir tagelang vorgesagt was ich damals noch
dazu schreiben wollte als der Papierfetzen zu Ende war und ich habe lange
keinen erreichen können solch ein halb übrig bleibender Gedanke quält und
martert er will entweichen weil er nur ein Halbes ist mein Gedächtnis wird
ohnedies täglich schwächer Es war dies in einiger Entfernung von meinem Kerker
höre ich zuweilen Ketten rasseln ich denke es mag ein Bösewicht sein und ich
fühls an meiner Schwäche dass ich ja auch gar nicht sicher bin ein solcher zu
werden O was ist der Mensch  Und zu einem Erzählen komme ich immer nicht
und mein Klagen darüber füllt den spärlichen Papierraum nutzlos Nun ich will
meine gefangenen Ideen noch spezieller einzufangen suchen für die Darstellung
diese notwendige Ordnung wird mir doch ein Geschäft sein und als solches ach
wie willkommen Heute habe ich nur ein Papierstreifchen das ums Licht gewickelt
war und muss schließen
    Triumph Der Wärter hat mir ein altes schlechtes Buch geliehen darin ist
vom Okulieren der Bäume von Vertreibung der Hühnerwurzeln vom Gelbmachen der
Butter und solchen Dingen die Rede aber es ist etwas Lesbares etwas außer mir
was zu Hilfe kommt ich habe einen Trost eine Hoffnung wenn mir die Gedanken
ausgehen ich klettere dann hinauf zu dem kleinen Fensterchen welches durch
Eisenstäbe und eine Blechblende von der Außenwelt abscheidet und nur ein
schmales Stückchen Himmel oben hereinlässt dort lese ich über das Buttermachen
und lese jede Zeile zweimal dreimal um recht lange Zeit über dem Buche
hinzubringen Wie berauschend scheint mir der Traum solch ein Gartenknecht
werden zu können der graben und hacken darf in Gottes freier Natur und wie
wollt ich mich bei der Wirtin beliebt machen mit den geheimnisvollen
Kenntnissen die ich aus der vergilbten Scharteke erlerne Und nun der große
Gewinn hinten und vorne in dem Buche sind zwei eingebundene schmutzige
Papierblätter die werde ich stehlen und aus der Mitte werde ich manches lose
Druckblatt herausziehen um über den Druck hinwegzuschreiben wenn es sich
später schwer lesen lässt so habe ich ein neues Geschäft des Entzifferns ich
bin jetzt sehr reich lieber Himmel Eher darf ichs aber nicht tun als bis ich
das Buch zurückgegeben und nach mehreren Tagen erkannt habe dass der Wärter
nichts vermisst Es kommen also wieder einige schlimme Fasttage
    Es ist gelungen und nun will ich erzählen aber nur vom Momente der
Gefangenschaft an das Vorhergehende hat seine großen Umrisse mit der äußeren
Welt gemein das vergesse ich nicht aber die kleinen Schattierungen zwischen
vier Wänden entgehen mir sie möchte ich festhalten Ich fühle es je länger
diese Einförmigkeit dauert desto ausdrucksloser wird sie mir ich gewöhne mich
und verliere in der Auffassung das Unterscheidende Ach und ein Ende ist nicht
abzusehen in der jetzigen Form kann es jahrelang dauern braucht gar nicht
aufzuhören O kein Mensch hört und sieht diesen Seufzer erfährts welch ein
entsetzlicher Schmerzesabgrund dahinter liegt Also durch viele Höfe und Gänge
mehrere Treppen aufwärts ward ich in ein kleines Gemach geführt die Tür ward
hinter mir zugeschlossen ich bemerkte noch anfangs nichts ich ward noch von
den wahrhaft lebendigen Gedanken der letzten Verhältnisse bewegt ich ging
stundenlang im Zimmerchen umher bis ich müde war Da bot sich zum Ruhen ein
kleines schwarzes Kanapee das zwar zu kurz war um sich darauf auszustrecken
das doch aber durch sein Dasein harte Kerkergedanken nicht aufkommen ließ
gegenüber stand ein roter ordinärer Tisch ein Bett und zwei dito Stühle fanden
sich vor auch ein kleiner Tisch mit Waschbecken und dergleichen Ich rümpfte
ein wenig die Nase dass mein Gemach schmal und lang statt viereckig sei dass man
aufs Sofa steigen müsse um zu dem vergitterten Fenster zu kommen und in den Hof
hinabzusehen Indessen die Eindrücke waren sehr flüchtig zu Anfange denkt man
auch das werde nicht lange dauern man ist noch zerstreuend mit der letzten
Außenwelt beschäftigt Die Gefängnisentbehrungen traten mir auch noch milde vor
die Augen im Felde hatte ich mir das leidige Tabakrauchen wieder angewöhnt man
gab mir Feuerzeug und Pfeife ich hatte eine volle Börse in der Tasche es wurde
nicht danach gefragt kurz es war nichts grell aufstörendes Gefängliches da Am
andern Tage ward ich verhört der Inquirent war ein sehr artiger Mann welcher
sich teilnehmend nach den kleinen Lebensbedürfnissen erkundigte mir seine
Bibliothek anbot und die lebhafte Hoffnung bestätigte dass mein Arrest wohl
nicht lange dauern würde Die aufgeregte Zeit mache größere Strenge und Sorgfalt
nötig man wisse dass ich revolutionäre Grundsätze gehegt und mich dafür
bewaffnet habe um mich der polnischen Revolution anzuschließen Das leugnete
ich nicht setzte aber hinzu dass die polnische Sache einmal für eine historisch
rechtmäßige gelte und dass ich ferner nirgends eine heilsamere Lehre gefunden
hätte als just in Warschau Auf das erste entgegnete er höflich »Sie sind ein
wissenschaftlich gebildeter Mann und werden leicht einsehen dass der bestehende
Staat nicht auf alle historische Rückforderung eingehen kann ohne stete Unruhe
und die beliebigste Rechtsänderung zu gestatten Sie wissen wie die Geschichte
vorrückt und sich gestaltet niemals alten Besitz respektierend wo kämen wir
hin wenn alle solche Rekriminationen gestattet würden wenn zB der Elsass von
Deutschland zurückbegehrt die römischdeutsche Kaisergewalt von Österreich
angesprochen würde Dass Sie zweitens das Missliche der Revolution kennen gelernt
glaube ich wohl aber Sie sehen ein dass solche Versicherung jetzt wo Sie im
Gefängnisse deshalb sind nicht von großem Belange ist Sie haben mit Ihren
Freunden durch Wort und Schrift die Revolution direkt propagiert Sie haben
selbst an der einen mit den Waffen in der Hand teilgenommen welche gegen die
gesetzlich bestehenden Traktate Europas gerichtet war das werden Sie
zugestehen und Sie müssen sichs nun gefallen lassen dass man sich Ihrer Person
versichert dass man die Gleichgesinnten von Ihnen zu erfahren sucht von Ihrer
bekannten Lebenstätigkeit auf unbekannte schließt und deren mächtig zu werden
trachtet« So kams in Gang was man eine Untersuchung nennt wie human dieser
Mann gegen mich war habe ich später mit großer Betrübnis eingesehen mit
Betrübnis darüber dass ich ihn nicht behielt Den zweiten Tag war mir schon
unruhiger im Gefängnisse zumute Die erste Illusion dass es in ein paar Stunden
vorüber sein könne war vorüber mit der Gegenwart fiel nun auch die unsichere
Zukunft lastend auf mich mein eigenes Interesse erschien mir so bedroht dass
mir die Interessen der Bücher welche mir der gütige Inquirent geliehen hatte
fremd und künstlich gemacht vorkamen ich hatte keine Ruhe zur Lektüre Ich
erinnere mich dass mir eine einzige Stelle von vielem Gelesenen einen Eindruck
machte die stand in »Deppings Erinnerungen aus Paris« er schildert einen
glücklichen Menschen und sagt zum Zeichen dass er wirklich Glück hatte wurde
er auch von einem tüchtigen Unglücke betroffen Diese Stelle war mir ein
wirklicher Trost die Dichter welche er mir mitschickte wollten wenig helfen
merkwürdigerweise auch Shakespeare nicht seine Dinge fielen alle in eine
tobendere willkürlicher wechselnde Zeit als dass eine Vergleichung gepasst
hätte seine Gedanken überstürzen sich in ihrem Reichtume so dass sie mir
deshalb weniger wahr und notwendig vorkommen Er schüttet sie dachte ich aus
einem Füllhorn des Genies unüberlegt ungepflegt und ungeprüft er weiß selbst
nicht ob sie immer wahr sind Und es tröstet nur was der Tröstende selbst
glaubt und wenn wir sehen dass sich das Wort des Schreibenden wirklich bewährt
hat Deshalb vielleicht war mir Goethe allein von Erquickung da war nichts
Überspanntes Übertriebenes nur das Zuverlässige war einfach gesagt das
Verlangen an die Welt war immer gemessen  diese Lektüre allein gab mir Ruhe 
Und was glaubte ich damals zu leiden wenn ich nichts anzufangen wusste als zu
lesen einmal ans Fenster zu klettern in den leeren Hof hinabzusehen wo
eintönig die Schildwache auf und nieder schritt und dann wieder zu lesen Man
wird so wüst davon man schlingt am Ende ohne Unterscheidung alles hinunter
nichts ist mehr frisch nichts lockt  ach und wie sehnsüchtig hab ich später
jene Zeit wieder herbeigewünscht Gefängnisse welche dem meinigen gegenüber
hatten Blechkasten vor den Fensterchen und sahen wie trostlos erblindet aus
wenn ich mitunter hinter ihnen sprechen gar lachen hörte so berührte es mich
immer unheimlich Mein freundlicher Wärter erwiderte mir auf Befragen
achselzuckend dort säßen schwere Verbrecher Ich schauerte es überlief mich
mit Grausen so durch ein Verbrechen vom Tageslichte abgeschlossen zu sein
Lieber Gott jetzt sitze ich schon seit vielen Monaten hinter solcher Blende
und doch bin ich noch derselbe nur schwächer doch lebe ich auch weiter und
das moralische Moment dieser Dämmerung kümmert mich nicht mehr der Mensch lernt
alles auch die Verbrechermaske tragen und am Ende hält er sie für sein
wirkliches Gesicht Ich vergesse es jetzt schon manchmal völlig dass ich kein
Verbrecher bin ich muss mich selbst daran erinnern dass es nur höhere
wechselnde Staatsrücksichten sind welche mich in den Zustand gebracht dass ich
nur selbst in dem Verhältnisse dergestalt sinke nach längerer Zeit werde ich in
moralischem Bewusstsein ganz in diesen Kerker gehören Wir sind nichts selbst
wir sind halb oder ganz unsere Verhältnisse Ich rufe mirs jetzt zurück was es
mir damals für verwundende Eindrücke gab wenn abends um zehn Uhr an die Tür
geklopft und bemerkt wurde das Licht sei auszulöschen jetzt fällt es mir nicht
mehr auf wenn die Wache schreit »Licht aus« in jenem ersten
Interimsgefängnisse saßen Vagabunden und solch leichtes Gesindel in meiner Nähe
das sich durch leichtsinnige rohe Äußerungen durch gemeinen Spektakel oft
auffällig machte zuweilen wurde des Abends ein Besoffener oder solch ein
Strassenheld eingebracht er tobte wie ein Tier und ich hörte wohl dass man ihn
hier im abgelegenen Korridor nicht eben zart zum Eintritte nötigte nun fluchte
der Kerl die halbe Nacht und wütete gegen die Tür bis er zusammenfiel  ja
damals kam ich mir sehr entwürdigt vor jetzt hielte ich es bereits für eine
Abwechslung eine Erholung gegen dies tote bleierne Einerlei das mich umgibt
das nur zuweilen vom Rasseln jener Kette unterbrochen wird Damals wo ich wüst
vom Lesen war und nur nach Abwechslung verlangte wo ich wie ein
Gefängnisdilettant mich betrug ward mir auch von vornherein eine Freistunde
bewilligt um auf einem kleinen verschlossenen Hofe herumzugehen und ich
törichter Mensch nahm gar kein Interesse daran es war heißer Sommer wenig
Schatten im Hofe und eine Stunde lang dort auf und ab zu gehen schien mir sehr
langweilig ich dünkte mir ein wildes Tier dessen Käfigdeckel aufgeschoben wird
und das vor Leuten hin und her rennt Einige Arbeitstuben der Behörde nämlich
und mehrere Gefängnisse sahen in den Hof ordinäre Gefangene spotteten über
mich dass ich im Hut und mit Handschuhen herumging wenn ich gar eben ein
frisches Hemd hatte dessen Manschetten sichtbar waren so musste die Wache oft
dem Spotte Ruhe gebieten Das kränkte mich tief und ich ließ die Stunde oft
vorübergehen  jetzt bin ich so abgestumpft dass ich alles täte einer Freistunde
willen so schmachte ich nach frischer Luft so dürste ich danach Ich ginge mit
meinem langen Barte und meinem wahrscheinlich verbleichten Antlitze auf einer
Galerie umher möchte zuschauen wer da wollte In jenem kleinen Hofe sah ich
einen langen Beamten stets an einem Pulte stehen und schreiben und ich bildete
mir steif und fest ein der schriebe meine Sache und er müsste nun bald meinen
Freibrief schreiben es war mir stets auffallend dass der Mann nicht mit
größerem Anteile auf mich heruntersah Gott weiß was der lange Wann geschrieben
hat aber er hätte etwas viel Besseres schreiben können Überhaupt ach wieviel
Anknüpfung und Romantik gabs da drüben in dem Gefängnisse Jetzt empfinde ich
es erst in dieser Öde und Entbehrnis wie man erst sieht dass man Blut hat wenn
mans verliert Auf den kleinen Hof ging auch ein Flurfenster wo Fremde
zuweilen erschienen wahrscheinlich solche die etwas petitionieren wollten Da
fand sich denn wohl auch eine Dame ein mitunter auch eine schöne in seidenem
Gewande mit einem Schleier Ach du lieber Himmel könnt ich doch in meinem
Leben noch einmal eine schöne Dame mit seidenem Gewande und Schleier sehen Vom
kläglichen Bedürfnisse zum Auskommen vom Auskommen zur Wohlhäbigkeit von
dieser zum Luxus zum gefälligen Reize wie weite Strecken liegen zwischen
alledem und diese ganze große Strecke liegt zwischen mir und der Welt Ich
liege hier im Staube Schmutz in der kümmerlichen Ernährung und strecke Hand
und Wunsch aus nach einem seidenen Gewande wie der Bettler nach einem
Goldstücke Bin ich derselbe dem eine Fürstin in den Armen gelegen der
Prachtgewänder zerrissen hat Ein Fetzen davon könnte mir jetzt einen
glücklichen Tag machen Oft habe ich solche Gelüste verhöhnt weil sie die
Harmonie eines Zustandes und auch der unterste hat eine weil sie diesen
Einklang zerstörten weil sie krankhaft seien O wie grausam war ich in solchen
Worten die tote Regel ist eben die Prosa der Tod  könnt ich meine Hand
jetzt nur einen Augenblick auf einen Seidenstoff legen um an dem feinen
glatten Stoffe zu empfinden es gibt noch Reiz und Schönheit in der Welt
    Der Papiervorrat war zu Ende und es ist wieder eine lange Pause
eingetreten durch rüstiges Darben habe ich mir einige Kreuzer abgespart an der
Rechnung welche der Wärter führt und mir ein Stückchen Kuchen kaufen lassen
weil bei mir zu Hause Kuchen etwas Sonntägliches Feiertägliches ist und ich
gern einmal solch einen Eindruck des Besonderen des Festlichen haben möchte
Nebenher  nun es ist gelungen und ich will mir den Platz nicht verringern
durch Erzählung der kleinen Intrige der Kuchen war in Papier eingeschlagen das
ich jetzt benütze Du glaubst nicht wieviel ich Schmerz habe bei Beschreibung
jener ersten Gefängniszeit weil sie mir jetzt so bunt und reich vorkommt gegen
die jetzige weil ich mich danach zurücksehne wie nach einem Eldorado So gibt
es auch unter den Bettlern Reichtum und Armut und über den glücklicheren
Genossen geht des Darbenden Wunsch nicht hinaus ich bin so weit gedrückt dass
ich das Berauschende einer totalen Freiheit gar nicht mehr hoffe nur nach jenem
Zustande schmachte wo keine Blende vor dem Fenster ist wo ich rauchen lesen
am Ende gar schreiben durfte schreiben mit ordentlicher Tinte wirklichen
Federn und auf ganz reines weißes Papier wo ich des Tages eine kleine Stunde
in den Hof kam und mitunter einen anderen Menschen sah als den Wärter Denke
welch ein Reichtum war folgendes In jenem Gefängnisse wurden auch die
leichtsinnigen Mädchen der Strassenromantik eingesperrt welche in ihrer
gesetzlichen Gesetzlosigkeit etwas versehen und sich hatten aufgreifen lassen
diese leichten Kinder welche zu Zwanzigen in einem großen Gemache kampierten
wo allerlei anderes Weibsbild das sich irgendwo im Netz der Vorschriften
verirrt haben mochte zusammentraf sangen und tändelten in ihrem Käfig wie es
ihnen die Langeweile eingab und solange es der Schliesser gestattete dessen
Verbot und Anrede allerdings unangenehm war Zuweilen nun wenn ich in die
Freistunde geführt wurde und an diesem Terrain vorüberkam stand die Tür offen
weil ausgefegt oder eine der Heldinnen abgerufen ward die unter den stark
aufmunternden Worten des Schliessers ihre Toilette beendigte Ich hatte dann
einen vollen Blick in dies Serail sie lagen zum Teile halb entkleidet wegen
der Wärme in allen Positionen umher oder saßen oder kauerten oder versuchten
es in dem Gedränge zu promenieren und schmachtender oder frecher wurde mir in
Eile als einem jungen Mannsbilde allerlei Teilnahme ausgedrückt Zuweilen gab es
wirklich schöne Geschöpfe darunter und der Schliesser machte mir stets einen
schlechten Eindruck wenn er ohne allen Unterschied jegliche Äußerung grob zur
Ruhe wies Freilich war der Mann abgehärtet ich sprach ihn zuweilen und er
sagte stets mit einem Fluche das Pack taugt all nichts erst haben sie sich
auf der Straße herumgetrieben ach da tun sie unschuldig wir lassen sie wieder
laufen dann kommen sie zum zweiten Male nun ists schon schlimmer und so
drei viermal fort bis sie zum Zuchtause reif sind und die Hübschesten sind
immer die Ärgsten  Es gab immer eine viertelstündige Unterhaltung wenn sie
auf den Hof gelassen wurden den ich von meinem Fenster sah laufen mochte
keine Frauenzimmer sind nicht für Bewegung sie zankten sich um die
Schattenplätzchen auch die Hässlichste dem Gefängnis tief Verlorene mochte den
Teint nicht aussetzen Die Alten zerrten die Jungen neckten sehr viele hatten
stets ein Töpfchen bei sich mit irgend welchem Esskrame aber mir erwuchs noch
ein spezielleres Interesse daraus Mein Wärter nämlich benutzte diese Garde um
mein Gemach täglich reinigen zu lassen und mit munterem Geschmacke wählte er
stets eine Handfeste fürs Grobe und eine Hübschere fürs Leichtere das Bett zu
machen den Staub abzukehren Das war den Mädchen auch eine Abwechslung und sie
kamen meist sehr heiter erzählten auch meist in der Kürze dieser Viertelstunde
ihre Lebensgeschichte Ein bildschönes Mädchen kam öfters wieder endlich Tag
für Tag der Wärter nahm ein gewiss herzliches Interesse an ihr und an ihrem
Schicksale er hatte sie gekannt da sie noch als kleines Mädchen herumgelaufen
war sagte sie sei ein wirklich gutmütiges Geschöpf und doch sei sie immer
wieder auf leichtsinnigem Verkehr mit Männern betroffen worden Sie nannte sich
Luise und war sehr kümmerlich und spärlich gekleidet Wenn sie beim Ausfegen
manchmal die Tür herumschlug so dass der Wärter auf der Türschwelle oder weiter
zurück auf dem Korridor uns einige Augenblicke nicht sehen konnte dann erhob
sie ihre gutmütigen schönen Augen so sanft und lockend gegen mich und es lag
ein so merkwürdiger Ausdruck darin dass ich sie gern weitläufiger befragt hätte
Sorgloser Leichtsinn war so unverkennbar dabei und doch so zutraulich und
harmlos Sie sagte mir auch dass sie wohl diesmal ins Zuchthaus kommen würde
sprach aber dies für mich so entsetzliche Wort so leicht aus wie wir einst vom
Kaffeehause redeten s ist schlimm meinte sie und nickte dabei mit dem Kopfe
Wenn man ihr aber die Backe streichelte so war das Lächeln gleich wieder da und
sie flüsterte »Vielleicht kann ich mich einmal des Abends zu Ihrer Tür
heraufschleichen«  »Aber mein Kind meine Tür ist ja zugeschlossen«  »So
Das ist freilich schlimm aber vielleicht gehts doch ach da unten ists
langweilig«  Längere Zeit als zu dieser Mitteilung nötig war dauerte unsere
halbe Einsamkeit nicht sie musste wieder fort ich ward wieder eingeschlossen
und ich konnte über die pikante Situation nachdenken wie mit einer
Zuchtauskandidatin getändelt werde Sie kam jetzt jeden Morgen und flüsterte
mir immer zu Ich komme nächstens So gabs doch eine ordentliche
Romananknüpfung dort wie duftig erscheint mir jetzt das unvorsichtige Mädchen
Eine gemeine Spitzbübin die mir ihre Lebensgeschichte erzählen wollte wäre mir
jetzt sehr erwünscht man hörte doch etwas verkehrte mit einem Menschen 
Wirklich huschte es eines Abends um meine Türe her und klopfte leise die kecke
Luise war da der Schliesser unten hatte den Schlüssel nicht umgedreht und sie
war heraufgeschlichen Aber bei mir war der Schlüssel zweimal umgedreht das
leichtsinnige Kind fragte ob ich kein Mittel wüsste die Wache kam unterdes vom
anderen Ende des Korridors langsam aber sicher herzugeschritten und Luise musste
fort Ich hab sie nicht wieder gesehen mit den guten treuen Augen hat sie
wahrscheinlich aufs Zuchthaus gemusst Aber auch dort wird sie jetzt mitunter
lachen und sich glücklicher fühlen als ich
    Ich lerne so klein schreiben und wahrscheinlich auf Kosten meiner Augen so
undeutlich Geschriebenes lesen dass ich gestern mit meinem Kuchenpapiere nicht
fertig geworden bin Das hat mir den besten Eindruck gegeben dies Stückchen
übrig bleibendes Papier hat mir die Möglichkeit eines Überflusses verschafft
eines Überflusses und ich bin ordentlich zufrieden gewesen im Verhältnisse zu
der sonstigen Zeit So macht das Verhältnis alles in der Welt so elastisch ist
der Mensch  Bei allen den Abwechslungen meines vorigen Gefängnisses fiel doch
die Länge der Abgeschlossenheit immer schwerer auf mich lass mich Dirs offen
gestehen manchmal glaubte ich erdrückt zu werden so einsam verlassen
unglücklich erschien ich mir und die heißen dichten Tränen brachen über mich
herein Ach wie ein Kind habe ich geweint manchmal stundenlang ich werde es
nie vergessen wie ich den Kopf an die Wand lehnte und mich rücksichtslos dem
schneidenden Weh hingab von der Welt ausgeschlossen zu sein Tag um Tag Nacht
um Nacht  Und wenn ich in einer gewissen Süßigkeit des ganz freigelassenen
Schmerzes erschöpft war da trat ein Vers von Goethe so oft mir auf die Lippen
ach so oft und brachte immer wieder neue Tränen Durchgefühlt durchgeweint
habe ich jedes Wort jede kleinste mögliche Bedeutung desselben es war das
Lied aus dem Wilhelm Meister das der Harfner und Mignon zu Wilhelms Schmerze
singen
Nur wer die Sehnsucht kennt
Weiß was ich leide
Allein und abgetrennt von aller Freude
Seh ich ans Firmament
Nach jener Seite
Ach wer mich liebt und kennt
Ist in der Weite
Es schwindet mir es brennt
Mein Eingeweide 
Nur wer die Sehnsucht kennt
Weiß was ich leide
    Eigentlich hätte ich das Lied wie Prosa ohne Absatz schreiben sollen wegen
des Papiermangels aber ich konnte mich nicht dazu entschließen ein König kann
in Lumpen gehen aber nicht betteln Leb wohl leb besser das Papier ist aus
empfinde nie bis ins Herz die so harmlos aussehenden Worte »Allein und
abgetrennt von aller Freude« 
Habe wieder ein Lied gemacht
Habe mich ausgeweint
Denke nun an die stille Nacht
Meinen einzigen Freund
Wenn die Sonne hinunter ist
Wird sie leichter die Not 
Denke dann Nicht mehr allein du bist
Ringsum ist alles tot
Was dich in der Ferne liebt
Ist jetzt stille wie du
Manches ist wohl um dich betrübt
Hat eben Zeit dazu
    Törichte Leute schmähen die Freude es gibt kein Leben ohne die Freude alle
Momente derselben sind allein unser Leben alles andere ist dumpfe tote Masse
selbst in der Traurigkeit im Schmerze sind es allein die unerkannten kleinen
Freudenpunkte die ein Leben ein Bewusstsein gestatten Hier in meinem Elend
ists der Tagesschimmer den ich sehe das körperliche Leben das ich in dieser
und jener Wendung oder Regung einmal empfinde des Genüge »Du bekommst etwas zu
essen«  oder »Du wirst dich bescheiden lernen« diese Freudenatome halten auch
mich am Leben Zum Beispiele dass ich wieder Papier habe lauter kleine
Stückchen aber viel Stückchen Ich kann wieder schreiben  In jenem Weh der
Abgeschlossenheit das mir so tränenreich war im damaligen Gefängnisse da saß
ich denn eines Tages brütend und traurig als ich zu meinem Inquirenten
beschieden wurde Ists Freiheit weiter dachte ich damals nicht soviel
Spielraum war damals noch gegeben  wie lange ist der fort Und der Wärter war
so gutmütig auf die Möglichkeit einzugehen und zu sagen »s muss wohl noch
nicht soweit sein«  Der Inquirent empfing mich ernstfreundlich und deutete mit
der Hand seitwärts auf den Hintergrund des Zimmers Eine Dame stand da
Gesichter Gedanken stürzten übereinander in meinem Herzen ich fands es war
Kamilla die ich in solcher Situation zu begrüßen hatte Welch ein Gemisch von
Empfindungen Das vortreffliche Mädchen hatte in Grünschloss erfahren was mir
begegnet sei hatte sich ohne weiteres selbständig allein aufgemacht war
hierher gekommen zu allen Herren und Behörden gelaufen um für mich zu wirken
um zu mir zu dringen Und sie weinte jetzt nicht sie fragte stark und eifrig
worin sie helfen und nützen könne O wieviel Rührendes Überschwengliches liegt
im starken liebenden Herzen eines Weibes Dass ich nicht ängstlich treu sei
wusste sie aus meinem früheren Wesen und Leben dass ich es ihr nicht geblieben
wusste sie nur zu gut aber sie ist ein wirklich liebendes ein echtes
unverfälschtes Weib sie kam dennoch da ich im Unglücke war im Glücke hätte
sie mich niemals gestört O du gute herzensreiche Kamilla Konstantie wohnt
näher und hätte mit der geringsten Anstrengung große Mittel für mich in Bewegung
zu setzen vermocht  hierbei drängt es mich Dir meine Schicksale von dem
Augenblicke an zu ergänzen wo ich mit Joel in Krakau ankam bis zu dem
Augenblicke meiner Verhaftung Ein Mensch der unser Freund sein musste wenn er
ein Herz besaß wenigstens ein Freund in bezug auf die Russen Slodczek den wir
vor den Toren Krakaus im Jammer fanden den wir retteten und nährten
überantwortete uns dem Feinde weil es ihm einen kleinen Vorteil brachte weil
er undankbar ist wie es ein nicht seltener slawischer Zug mit sich bringt weil
er den Ausländer und den Juden keiner weiteren Rücksicht wert achtete Zum Glück
waren wir an reine Kosaken gekommen und unser Weg ging nach dem südlichen
Sibirien weil er den Kosaken der wünschenswertere schien Der Kosak ist
gutmütig und in den meisten Teilen Sibiriens verkehrt er gern weil er es noch
für ein Privatreich seiner Stämme ansieht denn sie haben es in der zweiten
Hälfte des 17 Jahrhunderts dem russischen Reiche unterworfen Was soll ich Dir
nun sagen wo ich überall hingeraten bin Wir sind eben Tag und Nacht geritten
und an einem frischen Morgen haben die Kosaken miteinander beratschlagt das hat
nur ein paar Minuten gedauert und wir haben dann unsere ursprüngliche Richtung
aufgegeben und uns nach Süden gewendet Dann sind wir geritten lange lange
über unendliche Ebenen ich hatte vergessen was Sonntag oder Montag sei ich
habe auch mit Joel kein Wort gesprochen wir waren beide blasiert Endlich in
der Nacht wars da Joel zu mir trat und mich seit undenklicher Zeit wieder
einmal in deutscher Sprache anredete »Lass uns heimkehren« sprach er »ich habe
wieder Sehnsucht nach Menschen die Kosaken kümmern sich nicht darum ob wir bei
ihnen sind ob nicht unsere Pferde finden den Rückweg«  Wir brachen auf als
die Karawane schlief wir ritten viele viele Tage als ich zum ersten Male
wieder deutsch rings um mich sprechen hörte da war der Frühling aufgeblüht und
mit den Lauten und Blumen des Vaterlandes wachte meine alte Welt wieder auf die
alten Träume und Wünsche kamen wieder der Starrschlummer war gebrochen ich
streckte wieder die Arme aus nach dem Leben Aber ich war allein Joel war in
Galizien geblieben es blieb mir nichts übrig als zu singen und zu hoffen Ich
war ohne Reisemittel und an einem warmen Frühlingstage musste ich die letzten
Kräfte anstrengen um ein Schloss zu erreichen das im Schatten seiner hohen
Bäume am wohlbekannten Strome lag Ich wusste dass es Konstantien gehörte ich
wusste dass sie in der Frühlingszeit da zu wohnen pflegte und meine Sehnsucht
nach einem Herzen das mich kannte war so riesengross geworden Ich vergaß das
schöne Weib und alles übrige Verhältnis nur das Auge wollte ich sehen die
Stimme wollte ich hören eines Weibes das mich kannte das eine Teilnahme zeigen
mochte für den ewigen Wanderer Erschöpft dürstend hungernd von allerlei
Drang gepeinigt kam ich ans Schlosstor wo der Portier sein Stübchen hat ich
fiel auf die Bank ich fragte die Fürstin sei da war die Antwort sie säße
eben bei Tafel Der Portier musste mir Schreibzeug geben ich gab vor eine
drängende Mitteilung müsse der Fürstin sogleich gemacht werden ich schrieb ihr
mich einen Tag zu beherbergen ich käme ermüdet von der russischen Grenze hier
vorüber und sehnte mich ein bekanntes Wesen zu sprechen  der Portier welcher
den Brief selber aufs Schloss hinauftrug blieb sehr lange am Ende kam ein Wagen
herabgeschossen darin saß die Fürstin und William ich kauerte erschöpft auf
der kleinen Bank des Portiers sie brausten an mir vorüber Der alte Portier kam
mit dem Bescheide nachgehinkt das müsste seine vollkommene Richtigkeit gehabt
haben denn die Fürstin habe Hals über Kopf nach dem Wagen geschickt und da
fahre sie hin  Der alte Mann schenkte mir ein Stück Schwarzbrot und einen
Trunk dann schleppte ich mich weiter die herbe Wunde im Herzen
    Bald darauf begann die Gefangenschaft kam Kamilla Aber blass war das arme
Mädchen sehr geworden  ach wie durchdrungen war ich damals ihr diese rührende
Anhänglichkeit mit aller Liebe zu danken die nur in meinem Herzen gedeihen
könne In der Einsamkeit meines Gefängnisses malte ich mir es aus wie sie
zufrieden und glücklich sein würde wenn wir eine kleine häusliche Existenz
nebeneinander führten die Welt müsse freilich aufgegeben sein aber Kamilla sei
zufrieden mit einem Idyll Um diese Zeit trat eine Katastrophe ein und alles
wurde anders ich wartete täglich auf meine Befreiung eines Tages als der
Wärter mein Mittagessen brachte fiel mir sein stilles zurückhaltendes Benehmen
auf ich fragte er schwieg ich fragte dringender  »Erschrecken Sie nur
nicht« sagte er endlich »Sie kommen von uns weg und die Untersuchung wird
größer und strenger«  Wer die Fassung im Augenblicke verliert ist sehr
schwach oder wenig gebildet die Kultur ist ja eine Fassung ich glaube damals
tröstete ich den Wärter und aß mein Mittagbrot Als er abgeräumt und
zugeschlossen hatte als ich wieder so recht gefänglich allein war da stürzte
der Jammer wie ein Sturzregen über mich Mit jener Nachricht war nicht nur alle
Aussicht auf Freiheit vernichtet sondern ich wusste nun auch zuverlässig dass
ich mindestens ein halbes Jahr Gefängnis noch vor mir hatte O du zur schönsten
Reise Gegürteter lasse dich ins Bett drücken mit der Gewissheit viele Monate
darin leiden zu müssen vielleicht nicht mehr aufzustehen Es war ein schwerer
Nachmittag und Abend bis alle Hoffnungsmöglichkeit in mir erwürgt zum
Schweigen gebracht war Wer sich ergeben kann leidet weniger ich konnt es
nicht und kann es in meiner Jämmerlichkeit heute noch nicht nun kamen die
Gedanken an Flucht welche die Unruhe auf ihren Schultern tragen und eine
erhitzte Hoffnung hinter sich herschleppen  Mein damaliges Gefängnis lag
dergestalt in der Mitte aller fesselnden Anstalten dass ein Durchbruch unmöglich
schien An die Freistunde auf dem Hofe klammerte sich alles dieser Hof lag am
Fluße und war von diesem nur durch ein großes Tor getrennt das wurde zuweilen
des Nachmittags geöffnet und einer oder der andere Beamte setzte sich in den
Kahn welcher an der Treppe lag um zu angeln oder er schloss gar den Kahn los
um fortzurudern  der Glückliche er wusste nicht wie er beneidet wurde Je
näher die Gefangenschaft mit der freien Welt in Berührung kommt desto
schmerzhaft prickelnder wird sie die Vergleichung hebt oder schwächt alle
Eindrücke Die Sonne schien warm ich schwimme mit Leichtigkeit jenseits des
Flusses lockte die offene Straße ein kühner Entschluss konnte mich retten die
bestürzte Wache die neben mir stand wäre nicht so schnell zum Laden ihrer
Muskete gekommen dass ich nicht die auf größere Entfernung große Unsicherheit
des Schusses hätte riskieren können  wer mag die Situation beschreiben Die
Situation wo ein Entschluss in schnelle Tat übergehen soll in eine Tat die so
misslich war Was sollte geschehen wenn ich drüben pudelnass ans Land kroch am
hellen lichten Tage in der fremden Stadt die mitten im Lande liegt Und doch
wars so lockend Es hob sich der Fuß es pochte das Herz Wie schwer ist solch
ein Aufbruch wenn man besonnen bleibt und nicht von einer Leidenschaft
gestachelt wird  das Tor ward zugeschlagen und nun dachte ich Du hättest es
doch wagen sollen  Die Zeit war von peinigender Unruhe da ich auf den neuen
Gefängniszustand auf das neue Verfahren wartete sie war ganz überflüssig
förderte gar nicht zum Ende war ein unnützes Interregnum und doch ein
Gefängnis Sie dauerte wohl eine Woche ich lechzte nach der Veränderung nach
dem neuen Gefängnisse das Unbekannte schmeichelt mit tausend Möglichkeiten
auch für die Flucht hoffte ich neuen besseren Anhalt so kam der letzte Abend
und mit ihm ein schweres Gewitter Solange ich gefangen war hatte die Sonne
geschienen und dadurch war meine Unruhe meine Pein nur befördert worden je
lockender die Welt aussieht desto schwerer ist das Gefängnis Jetzt unter dem
giessenden Regen den krachenden Donnerschlägen den zuckenden Blitzen musste
jedermann im Zimmer bleiben ich hatte wieder eine gleiche Gemeinschaft mit der
Welt das war beruhigend Und welch ein Genuss für meinen Privataberglauben war
das Unwetter Solche ungewöhnliche Erscheinung musste einen großen Wechsel in
meinem Leben ankündigen wer im Unglück nicht abergläubisch wird der ist sehr
stark oder sehr fühllos oder sehr arm an Phantasie Jedes kleine Möbel jedes
Buch hatte mir eine Bedeutung wenn es so oder so postiert war jede
wiederkehrende Beschäftigung das Aufziehen der Uhr ob der rechte oder der
linke Strumpf zuerst ausgezogen wurde ob ich das Licht so oder so anzündete
oder auslöschte das hatte alles seine Bedeutung seinen Einfluss auf Europa und
rückwirkend auf mich Wenn man nichts zu tun hat als zu hoffen da wird jeder
Gegenstand tätig Und besonders wenn alles so einförmig wiederkehrt so
unverrückt bleibt Jetzt tobte ein wild Gewitter jetzt musste alles anders
werden Ach ja wohl
Wenn ich wieder hinunterkomm
Da sind die Blumen verschwunden
Da hat wohl auch dein liebes Aug
Sich neuen Weg erfunden
Es ist so lang so lange her
Dass man mich hält gefangen
Und da dein Herz eine Blume ist
Ists ihm wie jenen ergangen
Sollt ich die Welt je wiedersehen
Dein Aug je wieder erblicken
Ach Gott ich will den Blumen und dir
Verzeihung blicken und nicken
    Es ward anders Sonntag des Nachmittags nahm ich Abschied von meinem
Gefängnisse und so wie man wie gesagt auch unter den Dürftigen Reiche und
Arme findet so hoffte auch ich von einer Veränderung des Orts und der
Verhältnisse Ich setzte mich zu meinem Inquirenten in den Wagen auf meiner
Seite war er zugeschlossen zur andern hinaus aber sah ich die Straßen und die
Spaziergänger welche sonntäglich geputzt dahineilten zu ihrer Lust und
Erholung Das schneidet tief ins Herz Bist du schlechter als diese Masse
gewöhnlicher Leute Sie dürfen Sonne und Freiheit kosten und du siehst seit
langer Zeit beides zum ersten Male wieder und nur von weitem und nur um für
lange Zeit davon Abschied zu nehmen vielleicht für immer  Der Abend dieses
Tages fand mich in einem sehr kleinen und fast ganz dunklen Gefängnisse der
Verzweiflung Vorbote die Trostlosigkeit lag mit mir auf dem harten Lager das
Geld die Bücher der Tabak alles war mir abgenommen worden ich hatte nichts
zur Beschäftigung als die vier kahlen Wände einen fichtenen Tisch einen
fichtenen Schemel ein blechern Handbecken das im Staube des Fussbodens stand
Der Wärter ein großer vierschrötiger Mensch mit kahlem Kopfe war kurz fremd
und grob Es war das Äußerste was mir begegnen konnte dass ich nach dem
früheren Gefängnisse zurückverlangte wie nach einem Paradiese ich weiß kaum
mit welchen Kräften ich die ersten Wochen dieses Zustandes überlebt habe denke
Dir das kleine düstere Loch in den Winkel von zwei Gebäuden versteckt durch
einen Blechkasten verdunkelt und mich ohne den geringsten Anhalt darin
herumtappend den langen Tag und Abend ohne Gedanken ohne Hoffnung Die
Untersuchung war mir jetzt mit dem grauen Gesichte einer Unendlichkeit
angekündigt der Zustand konnte so lange dauern als mein Leben  o die
Menschen die Menschen dachte ich wohl manchmal da wenn ich aus der Dumpfheit
aufwachte die Menschen treiben miteinander das Unverantwortliche Umsonst aller
Wunsch Meine Existenz war ans Gefängnis verloren und zwar ans todeinsame
dunkle trostlose Was Rechtes Genaues weiß ich eigentlich nicht mehr von jener
ersten Zeit meiner jetzigen Gefangenschaft ich erinnere mich nur dass ich oft
aus einer Starrheit und Taubheit erwachte mich an der Mauer lehnend fand und
zusammenschauerte dass eine mir ganz fremde Gesellschaft in meinem Kopfe zu
wohnen schien und Dinge trieb von denen mein eigentliches Ich gar nichts wusste
Ich dachte mit Schauer an die Wahnsinnigen die furchtsam in sich selbst
zusammenkriechen Meine Nerven wurden nachgerade auch sehr zupassend
erschüttert der eintönige Schildwachentritt auf der Flur das regelmäßige
Ablösen nach je zwei Stunden besonders zur Nachtzeit zerrüttete mich ganz
Mein Bett stand nämlich an einer Mauer die den Gang bilden half durch welchen
die Wachmannschaft vorüber trottete war ich nachts eingeschlafen um die wüste
Existenz zu vergessen so fuhr ich immer nach je zwei Stunden hoch auf wenn die
Schritte tief an mein Ohr traten oder gar die Waffen klirrten und polterten
Gott bewahre meinen ärgsten Feind vor solchem Zustande war das Wort meiner
Mutter ich hatte einst von einem Gefangenen gehört der alle Stunden auf den
Anruf der Wache antworten musste es war ihm das Nervensystem dadurch so zerstört
worden dass er sich nicht mehr tief genug unter die Erde retten konnte um keine
Nähe kein Geräusch zu empfinden In einem Gemache das dreißig Fuß hoch mit
einem Erdwalle bedeckt war überfielen ihn Zuckungen und Krämpfe wenn jemand
über den Wall schritt Der Mann quälte mich sehr ich fuhr zusammen vor den
eigenen Bewegungen meines Armes oder Beines Es war recht schlimm und dass solch
Leben endlos vor mir lag ach und liegt dies mochte wohl das schlimmste sein
es scheidet sich schmerzhaft von Leben und Jugend und wenn man obenein nicht zu
der Entsagung kommt wenn man nicht scheiden will so leidet man sehr sehr 
Ich habe damals oft an das gedankenlos viel gebrauchte Bild des Prometeus
gedacht und die Herzenskenntnis der Griechen bewundert der gewaltige Mensch
ist in erschreckende Einsamkeit an den Felsen geschmiedet er der die Menschen
zusammenband gegen die Götter ist einsam starrt ins Unendliche Leere und an
der Leber nagt ihm der Geier gegen den er keine Abwehr keine Waffe besitzt
jawohl an der Leber nagt der einsame Kerker er wühlt und bohrt und der
stöhnende Seufzer ist eine Erleichterung
    Es sind wieder viele viele Tage vergangen ohne dass ich Dir schreiben
konnte die Mittel Papier zu erlangen waren alle versiegt jetzt ist wieder
ein Fetzen wenn auch grau und schmutzig in meiner Hand Ich sage nichts mehr
über jene erste Zeit des hiesigen Kerkers ich weiß nichts mehr ich habe nicht
geweint und nicht geklagt Tränen gibt es nur wenn wir die Hilfe des Leids in
der Nähe glauben wenn das Leid in unsere Vorstellung und Fähigkeit des
Schmerzes passt wenn das Leid uns natürlich bleibt Ich litt damals dergestalt
dass ich nicht daran gedacht habe es fehlten mir Bücher und Schreibmaterial und
sie könnten mir wohltätig sein Gott mag es wissen wie doch die langen Tage und
Nächte an mir vorübergezogen sind  sie sinds doch dessen erinnere ich mich
dass ich zuweilen den Schemel auf den Tisch gestellt habe um zu dem versetzten
kleinen Fenster hinaufzukommen um durch die schmale Lücke welche oben offen
blieb den Streifen blauen Himmels zu sehen nach dem ich dürstete wie ein
Wüstenreisender nach einer Wolke dürsten mag Dort oben am Fensterchen fand ich
die Worte Dantes mit Bleistift angeschrieben welche die Devise aller
Gefängnisse geworden und in allen zu finden sind die Worte »Lasst draußen die
Hoffnung die ihr hier eintretet«  Lasst draußen die Hoffnung das hat lange
lange in meinem Kopfe als einziger ungedachter Gedanke herumgeklappert wie
lange hab ich von dieser eintönigen Hoffnungslosigkeit gelebt  Eines Morgens
wards besser ich bekam ein anderes Gefängnis mein jetziges es liegt nicht an
jenem Durchgange wo die Wachposten vorübertrampeln das versetzte Fensterchen
ist etwas tiefer und ich sehe durch die Blendenöffnung oben die Spitzen eines
Baumes  Vorteile die mir einen glücklichen Tag bereiteten Alles übrige blieb
beim alten dennoch schien mir der Fortschritt riesengross für das Elend ist
alles Glück wohlfeil Aber es dauerte nicht lang Jetzt kam die schmerzhafteste
Sehnsucht nach Beschäftigung nach einem Anhalt der regellos schweifenden sich
zu Tode hetzenden Gedanken Ich warf mich aufs Bett drückte den Kopf in die
Kissen aber die Gedanken werden davon nicht berührt sie fangen ihren wüsten
Tumult wieder an sie schreien nach Stoff ich sprang wieder auf und lief umher
ich versuchte es ob nicht ein altes Lied in der eingetrockneten Kehle raste
krächzend begann ich denn die Stimme rostet in diesem Mangel aller Übung
völlig »Ruhe da« schrie die Wache unter dem Fenster die Wache auf dem
Korridor  ich hielt mich für verloren Aber wahrscheinlich hatten mich just die
Wachen gerettet der Zorn wachte auf und er fand leicht seinen Stoff so wurde
der Heisshunger nach Gedanken für den gefährlichen Augenblick beschwichtigt 
Ihr wisst es gar nicht da draußen was Ihr habt wenn Ihr Euch über Mangel oder
Langeweile beschwert Eure Tür ist offen Eure Fenster sinds ebenfalls Ihr
seht Menschen Ihr seht Tiere wenn Eure Gedanken gähnen was wisst Ihr von Leid
Wenn Euer Leben stocken will denkt an das schreckliche Nichts eines
Gefängnisses
    Hat denn nicht der menschliche Geist Kraft genug in sich ohne Anknüpfung
und äußere Mittel zu bestehen Ist der meine so besonders schwach Allerdings
produziert mein Geist unablässig aber weil das Geschaffene auf keine Weise nach
außen hin Erscheinung und Gestalt empfangen kann verwirrt sich alles in mir und
wird zur Last der Geistesarme mag in solchem Falle sogar besser daran sein
Einen kleinen Trost finde ich darin die traurigen Eindrücke in ein paar Verse
zu gestalten die also gewonnene Form befreit gewissermaßen und der also
geordnete Zustand erhält wieder etwas von dem Adel in Beziehung auf übrige Welt
wie man ihn bei solcher Erniedrigung am meisten braucht Mehr als zwei oder drei
behalte ich freilich nicht und ich möchte Dir gern einige ältere herschreiben
um neue machen zu können wenn Verse nur nicht soviel Platz wegnähmen Und ich
kann mich nicht entschließen sie als Prosa ohne Absatz herzuschreiben es
scheint mir dies eine grobe Beleidigung der Schönheit zu sein eine Figur in
schmutzigem Schlafrocke auf dem Balle Und wie rührend ist mir dies Bestreben
Dir all das aufzuschreiben da es wohl nie vor Deine Augen gebracht wird Diese
Unendlichkeit meines Gefängnisses ist eben der Tod selber in jetziger Weise
kann es ein Leben lang fortgehen wie beneidenswert scheint mir derjenige
welcher zu zwanzig Jahr Kerker verurteilt ist er kann doch berechnen ob ihm
wahrscheinlicherweise noch ein paar Jahre für die freie Luft und die Menschen
übrig bleiben jeder Tag fördert ihn doch O kommt Verse
Wie gehen die Stunden langsam hin
Ich glaube der Tag steht still
Mein müder abgehetzter Sinn
Weiß nicht mehr was er will 
Hat alles zehnmal schon durchirrt
Was jemals er erlebt
Was nur vorüber ihm geschwirrt
Was er gehofft erstrebt 
Er weiß nichts mehr und dumpf und tot
Liegt alles vor ihm da 
Mein Gott erbarm dich dieser Not
Der Wahnsinn tritt mir nah
Die Glocken läuten draußen
Die Leute beten zu Gott 
Und den Sturmwind hör ich brausen
O Glocken und Sturm weckt Gott 
Weckt Gott dass er mir helfe
Ich bin ja auch sein Kind 
Es heulen die Glocken wie Wölfe
Ans Fenster schlägt höhnend der Wind
    Mit dem Sonnenschein mag es draußen ein Ende haben Regen und Wind schlagen
an meine Blechblende es wird Herbst sein  das beruhigt mich in etwas nur die
Hypochondristen gehen jetzt draußen spazieren Aber es ist Sonntag hat mir der
Wärter gesagt und der Schmutz und das Unsonntägliche ist rings um mich her in
alter trauriger Gestalt
Heut ist Sonntag in der Welt
Es putzen sich alle Leute
Ein jeder hofft für Glück und Geld
Heut irgend eine Freude
Hab drum mein bestes Hemd erwählt
Wollt auch gern Sonntag haben 
Du sieche Brust so arg gequält
Sollst dich am Hemde laben
    Wenn sie auch Dir nicht nahe liegt denn Du bist ein gottloser Mensch aber
andern Leuten ist die Frage natürlich Warum suchst du keinen Trost bei Gott
warum flüchtest du nicht von aller Welt verlassen in den Schoss der Religion
Darauf muss ich gestehen dass ich nach der allgemeinen Ausbildung jetziger Jugend
alles auf die Festigung meines Charakters verwendet alle höheren Bezüge da
hinein gewoben habe und dass es mir nichts hilft ein Aussenliegendes zu suchen
Ist es mir nicht gelungen was die Menschen Gottheit und Religion nennen in
meine innersten Fasern aufzunehmen dann bin ich wirklich verlassen wenn die
Welt mich verlässt Also ist es mir aber niemals geworden meinen inneren Halt
haben nicht Leid noch Entbehrung erschüttert und insoweit hat mir der jetzt
ziemlich allgemeine Zustand welchen die Theologie beklagt Probe gehalten Ist
er ein falscher so wünsche ich denen Glück welche imstande sind einen anderen
mit sich in Einklang zu bringen ich glaube es gern dass der Traditionsgläubige
festeren Anhalt nach dieser Seite hin finden mag aber ich fürchte die übrigen
selbsteigenen Stützen des Charakters die selbstgezimmerten sind ihm schwächer
und unkräftiger Ich bin zu trocken vernünftig um einem Dogma anzugehören das
mir nicht auf dem Wege meines Gedankens zukommt und fühle mich zu sehr in
poetische Ahnungen hineingedrängt um mir das Unsichtbare vordefinieren oder
wegdefinieren zu lassen So glaub ich an die Kraft und Macht des Gebetes aber
wenn es ein Unglück ist so habe ich es die Kraft und Macht des Gebetes nur
darin zu finden dass es mir selber Kraft und Macht gewährt Soll ich Dirs nun
offen gestehen dass es mir wie kläglich und jämmerlich vorkam just im tiefen
Elende das Gebet so aufzusuchen wie es mir niemals nahegetreten niemals für
mein Ich natürlich gewesen war diese Verleugnung meiner selbst mochte ich
nicht Der innerste Gedanke eines nicht verwahrlosten Menschen ist für mich ein
Göttliches dagegen zu lügen ist mir ein Frevel eine Sünde wie es die
Terminologie nennt  das Glück vielleicht bekehrte mich zu etwas Herkömmlichem
das meinem Wesen sonst fremd ist das Unglück nimmer Der geheimste beste Stolz
ist gar oft der Lebensodem einer moralischen Existenz man muss ihn respektieren
selbst beim Bösewichte Ich konnte Gott bitten dass er mir das Betteln erlasse
weil ein solch Verhältnis zu ihm nie das meine gewesen aber ich konnte nicht
bitten dass er eingreifen möge in mein traurig Schicksal solches ruckweise
Regieren der Welt mag für viele ein segensreicher Trost sein wehe dem der ihn
leichtsinnig den Menschen rauben wollte für mich ist er ein Fremdes Ich habe
mit Gott gesprochen aber mein Individuum ist dabei für mich selbst unverloren
geblieben Sagt man ich habe keine Demut und sei deshalb noch weit ab von dem
was das Dogma heische so hat man vollkommen recht Aber es ist eben mein
Glaube dass ich nichts in mich aufnehmen kann was meiner besten Innerlichkeit
nicht zupassen will und dass ich nicht imstande bin ja es für frevelhaft halte
gegen mich selbst zu lügen
    Und nach alledem wirst Du mir doch glauben dass es meine besten Stunden in
diesem Elende sind wenn ich einen antwortreichen Verkehr mit der Gottheit
finde wie ich mir sie denke durch Welt und Geschichte regierend Eben wenn sie
antwortet aus mir heraus dann hab ich meines Erachtens das richtige Verhältnis
zu ihr gefunden Warum soll sie der eine nicht im brennenden Busche sehen der
andere im Säuseln der Lüfte hören der dritte im Todesschweigen der Wüste oder
des Kerkers
    Wenn Du diese schmutzigen Blätter je sehen solltest wie würdest Du lächeln
dass ich nach Deiner Meinung echt deutsch das letzte Stückchen Papier für
metaphysische Redensarten verbrauchte Ich hatte eben einen gesammelteren Tag
gehabt und über Gott gedacht und über die Art und Weise in welcher die
Menschen sich auf der Erde untereinander eingerichtet und dass sie soviel
einzelne ausstoßen müssen durch Gefängnis und Tod Nebenher hab ich mir eine
kleine Beschäftigung erfunden täglich wird mir eine Flasche ordinären Bieres
verabreicht an welcher der Kork mit Bindfaden festgehalten wird Diese kleinen
Stückchen sammle ich mir flechte ich zusammen und fasere sie dann am Ende auf
um eine Art Lunte zu erschaffen Mit dieser stehe ich dann stundenlang an der
heißen Ofenröhre  denn es ist kälter geworden und wird geheizt  und warte ob
sie sich nicht entzünden werde Der Ofen nämlich wird draußen gefeuert man hat
mir aber eine Pfeife und ein Restchen Tabak wieder gegeben für den Fall dass ich
endlich eine Freistunde bekäme und weil auf dem Hofe geraucht werden darf
Feuerzeuge sind in den Gefängnissen nicht gestattet und Rauchen ist streng
untersagt Pfeife und Lorgnette die mir gelassen ist sehen mich also ganz
ironisch an und die Lunte will sich nicht entzünden das Streben danach ist mir
aber doch eine Beschäftigung
    Jetzt ist noch neuer Schmerz von außen hinzugekommen  um Gottes willen
macht draußen nicht noch Forderungen an mich die Wände sind dick die Schlösser
und Gitter fest werft nicht noch Skorpionen in meine Einsamkeit ich kann
niemand helfen ich gebiete bloß über acht Schritte Raum Als mein alter Vater
Sonntags von der Kanzel gekommen ist da sind Pfarrkinder zu ihm getreten und
haben gefragt ob es denn wahr sei ein Reisender habe es erzählt dass der
älteste Pfarrsohn ein Verbrecher geworden sei Tritt uns erst die Beschränktheit
nahe mit allen Rechten der unkundigen Teilnahme des unerfahrenen Vorwurfs dann
wird die Lähmung vollständig Der Vater jammert und fragt und ich kann ihm
nicht helfen ja ich kann ihm nicht antworten denn es fehlt mir Papier und
Feder und zur Tortur hat man diesen Brief und ein Billett Kamillas
hereingelassen seit Monden das erste Verbindungszeichen mit der Welt und ein
so trauriges wie ein Grabesflor  verhängt ihr mir auch noch die Welt draußen
mit weinerlichen Wolken die Welt nach der ich schmachte Wo soll ich hin mit
meinen Wünschen Unglückliche Kamilla Sie hat nach Grünschloss keine Nachricht
gegeben wo sie hin sei sie hat Himmel und Erde aufgeboten in der fremden
Stadt um zu mir zu dringen mir zu helfen jetzt liegt sie erschöpft darnieder
niemand hilft ihr  und ich kann nichts tun als an die vier Wände laufen
Hinter jenen Eisenstäben
Liegt das weite offene Feld
Liegt die Freude liegt das Leben
Gottes große schöne Welt 
Tränen Tränen ach ihr brechet
Jene harten Stäbe nicht 
Ferne Sonnenstrahlen sprechet
Von der schönen Welt mir nicht
Denn es schmerzt mich so unsäglich
Dass das Herz mir stille steht 
Und so kommt die Welt mir täglich
Bis die Sonne untergeht
    Es ist Abend geworden und wieder Tag und wieder Abend und wieder Tag der
Geier hat sich dick gefressen an meinem Eingeweide jetzt ist es wieder ganz
still ein Lied ist mir geblieben aus der schlaflosen Nacht mit einem garstigen
Gefängnisschlusse
Hier gehen in goldenen Sälen
Die Menschen hin und her
Sie haben nur zu wählen
Was das Vergnüglichste wär
Hier weint ein blasser Vater
In dunkler Abendnot
Es fehlt ihm Trost und Rater
Die Kinder schreien nach Brot
Hier wandeln Liebesleute
In dunkler Straße hin
Sie kichern vor lauter Freude
Vor fröhlichem Lebenssinn
Hier sitzt in trüber Kammer
Der Gefangne mit seiner Qual
Mit seinem einsamen Jammer
Mit der schwarzen Gedanken Zahl
Und ob dem allem schweben
Himmel und Sterne still 
Dies ist das Menschenleben
Es kommt wies eben will
    Wisst Ihr was Resignation heißt Ihr versagt Euch eine Freude ja Ihr
entsagt manchem Notwendigem aber Ihr lebt weiter Ich kann dem trostlosen
Vater der verlassenen Geliebten mit keinem Worte beistehen und ich bin endlich
auch ruhig geworden ich schlafe wieder ein ich esse meine bescheidene Kost
was man sagt ich bin resigniert Sinds doch Gedanken neue Eindrücke gewesen
die ein paar Tage erfüllt haben ist doch solch stechender Schmerz auch ein
Gewinn neben Öde und Langeweile Ach Hippolyt ich habe es oft mit Redensarten
bekleidet ich hielts für unrecht das nackte schonungslose Wort zu wählen
aber muss es nicht einmal gesagt sein wenn es denn doch vorhanden ist Wenn der
Körper verschleimt und verstopft wird und man hat selbst Freiheit vor die Türe
zu gehen was ists mit dem Leben Wenn die Welt aus den Fugen reißt und nichts
allgemein Geglaubtes und Geachtetes übrig bleibt was lohnts zu leben Bewahrst
Du dabei Nerven wie straffe Stricke wohl Dir Du kannst mit Hilfe der
körperlichen Elastizität hie und da einen Reiz gewinnen die Verworrenheit zu
einem pikanten Anblicke ineinander dichten am kleinen Zustande Dich laben aber
wenn auch der Körper blasiert wird was dann Was ist der Ruhm Eine Nahrung
kindischer Eitelkeit was ist die Teilnahme welche Dir werden mag in
Freundschaft oder Liebe Ein Zufälliges weil Du just mit Leuten in Berührung
kommst die das mögen was Du scheinbar besitzest und was Dir über Nacht eine
Laune eine Krankheit rauben kann Was ist die Menschenentwicklung für welche
Du dich erhitzest Ein so langsam und mannigfach Werdendes dass Du Dich in
Ewigkeit seiner nicht bemächtigen kannst wo Du mit allen Schlüssen und
Folgerungen am scheinbaren Endpunkte Dich getäuscht Dich in den Händen einer
ewig unerklärten Macht siehst Was ist Poesie Eine Spielerei Deines Herzens
solange Dein Herz Kraft hat zu erfinden zu kombinieren zu empfangen und zu
genießen und wenn Dir die Kraft ausgeht ist sie nichts Elastische Fähigkeit
und Kraft ist alles von ihnen wird alles bedingt wenn sie Dir fehlen kommt zu
Deinem größten Reichtume die Blasierteit ein künstlich Wort das wir
aufgenommen haben um den garstigen Ausdruck »Stumpfheit« zu umgehen Ich möchte
die Augen schließen können und lange lange schlafen Klägliche schwächliche
Geschöpfe die ihren Zorn gegen den Gefängnisherrn richten der ist eben auch
eingefügt in den großen Zusammenhang welcher immer der einzelnen spotten muss
welcher von unzulänglichen Menschen erfunden ist Wenn man den Gefängniswärter
hassen wollte dann würden sie schnell zur Hand sein mit weisem Tadel und
meinen Der Mann kann nicht dafür Geht doch zwei drei vier Schritte weiter
wer kann dafür Der Mensch im großen das heißt der Mensch im kleinen ich habe
Lust ihn völlig aufzugeben und in Nacht und Öde zu versinken  So klug war
wohl Prometeus auch aber er konnte nicht sterben Das Leben allein ist schwer
und der Tod ist unmöglich Wenn ich nur schlafen könnte
    Graue graue Tage sind vorübergeschlichen vorübergekrochen ein kleines
Geschöpf hat sich meiner erbarmt ein Mäuschen und nun bin ich nicht mehr
allein Ich kann eigentlich diese kleinen Tiere nicht leiden aber in der Wüste
hören die feinen Unterschiede auf ist das kleine Ding doch ein lebendig Wesen
das unabhängig von mir seine Bewegungen macht und durch diese Selbständigkeit
in meine Öde und Leere Abwechselung ich möchte sagten objektive Abwechselung
bringt Wenn ich so ruhig auf meinem Schmerzenslager liege dann wagt sie sich
immer weiter vor um die kleinen Brotkrumen zu suchen die ich zerstreut habe
Fehlen diese so knubbert sie an meinen Stiefeln als wüsste sie dass ich keine
Stiefeln mehr brauche gläsern ist das kleine Auge aber die Bewegungen des
Körperchens deuten auf Wohlbefinden und Behaglichkeit  soll ich das Tier
beneiden Pfui wie schwach Wer aus dem Kreise seiner Existenz heraus will hat
seine Existenz schon verloren Aber ein Sperling setzt sich zuweilen auf die
Spitze des Blechkastens er gewährt keine Unterhaltung da er nicht lange
bleibt aber er gewährt mir Freude und bringt mir die Märchenwelt In diese
hüll ich mich wie in weiche endlose Gewänder mit denen man auch Augen und
Ohren verschließt um in eine ganz fremde Welt zu sinken Traum und Glaube sind
so gefällige Träger wenn unser Geist keine Hilfe hat ich reite sanft auf dem
Rücken des Vogels Rok hoch über die südlichen Wüsten Gebirge und Wasser dahin
nachts zwischen den Sternen umher bald links grüßend bald rechts Auf den
Sternen nämlich wohnen verteilt alle die Menschen die mir jemals wert gewesen
sind sie reichen mir die Hand beim Vorüberfliegen und wünschen mir glückliche
Reise  ach es wäre dem Herrgott doch eine Kleinigkeit was im Märchen möglich
ist in Wahrheit möglich zu machen und wie neu und interessant wäre die Welt
was gäbs für Kombinationen und die Dichter herrschten denn die Phantasie
herrschte Vielleicht ist die nächste Zukunft die Märchenzukunft Wenn ich jetzt
stürbe müsst ich sie finden Dann ist kein Gefängnis mehr möglich als Fliege
als Sperling flög ich davon Wo bin ich So wechselts im Menschenherzen und
das stete Erwachen in diesem schmutzigen Loche ist so unnennbar schmerzhaft
Manchmal wenn mich ein fester Schlaf und Traum beglückt wache ich rüstig auf
und erkenne dann mit Entsetzen wieder wo ich bin  Traum und Märchen sie
könnten vor Blasierteit und vor Kerker retten kommt kommt
    Steigt herunter auf goldenen Wolken
Es laufen Gedanken in mir herum
Darunter auch jenes Wort
Der Welten tiefes Mysterium
Hasch ich so fliegt es fort
Ich lausch oft ganze Stunden lang
Ob es ein Geist mir nennt
Ich höre nur verworrnen Klang
»All Wissen hat bald ein End«
Und sprech ich laut was ich empfand
Was mir durchs Herze zieht
So wird daraus solch bunter Tand
Ein klein armselig Lied
    Unglaubliches ist geschehen und die Veränderung ist groß von den alten
längst gelesenen Büchern die ich im ersten Gefängnisse hatte sind mir einige
verabreicht worden Für Lektüre helfen sie nun zwar nichts aber ich schreibe
jetzt alle weißen Plätzchen voll welche die Ränder des Gedruckten bilden und
die Titel und Schlussblätter bieten hoffnungsreichen Raum Die Freude war groß
und es ereignete sich noch Größeres Als ich heut morgen noch im Bette lag um
den Vormittag kürzer zu machen höre ich hinter der Wand neben mir Geräusch und
Stimmen Ich unterscheide dass ein Gefangener neben mir eingebracht wird ich
sehe die Hoffnung deutlich zu mir herantreten dass eine Verbindung vielleicht
gar ein Gespräch möglich zu machen ist der Verkehr mit einem Menschen tritt mir
nahe ich bin außer mir Um nichts zu übereilen ließ ich mehrere Stunden
vergehen Alles ist still und tot wie sonst ich klopfe leise an die Wand und
erschrecke selbst vor diesem signalartigen Geräusche  alles bleibt still ich
fasse mir ein Herz und da die Wache auf dem Korridor gerade abwärts schreitet
klopfe ich stärker  alles bleibt still leise ganz leise wie aus weiter Ferne
hör ich Erwiderung des Klopfens Vorsichtig langsam gesteigert setzen wir die
Versuche fort bis wir den Winkel in welchem mein Bett steht als den leichtest
schallenden aufgefunden Ich wage es sogar die heiser gewordene Stimme da
hineinzuschicken aber die Wache verhindert große Höhe und Stärke wir müssen
oft lange still sein aber in den Bemühungen hab ich allen Jammer vergessen
mein Kerker hat einen belebten Winkel alles andere existiert im Augenblicke
nicht mehr für mich es ist gegen Abend ich habe den Tag gewonnen und ich weiß
bereits den Namen meines Nachbars und dass er schon drei Monate sitzt mehr
freilich war noch nicht zu verstehen und ich weiß nicht wieviel ihm von meiner
Mitteilung deutlich geworden ist aber ich bin selig und wenn wir nicht mehr
haben können als das Klopfen es verbürgt doch eine Menschennähe die
Todeseinsamkeit ist vorüber
    Es hat lange an Papierlappen gefehlt dafür hat sich mit meinem Nachbar eine
Unterhaltung eingerichtet wobei zwar manches Wort verloren geht die aber doch
Anknüpfung an ein wirkliches Leben ist Gott was ists für Trost um eine
Menschenstimme um ein Gespräch nach solchem Grabesschweigen Wer nie gefangen
saß der weiß es nicht zu schätzen was Menschennähe sagen will Ich liege jetzt
den größten Teil des Tages auf meinem Bett das Gesicht nach unten kehrend weil
ich in dieser Stellung so unbequem sie auf die Länge ist meinen Nachbar am
besten verstehen kann Der Glückliche hat drei Bücher den Faust Dr
Katzenbergers Badereise und die Gerichtsordnung seiner Heimat er hat die Sachen
schon fünfmal durchgelesen und beginnt jetzt den sechsten Kursus aber es ist
doch ein Anhalt an gegebene Dinge und der ist von so großem Werte wie es jener
Punkt war den Archimedes außerhalb der Erde und seiner Umgebung suchte um den
Erdball in eine andere Bewegung zu setzen Er liest mir vor und obwohl die Wand
manches verschlingt und in je zwei Minuten eine Pause eintreten muss wenn die
Wache vorüberschreitet so geniess ich doch manches davon Freilich müssen wir
sehr aufpassen dass nicht einer der Wärter oder Aufseher nahen kann ohne dass
wirs bemerken denn sonst hat unsere Herrlichkeit schnell ein Ende Wir sind
aber schon so eingeübt wie ein paar Wilde die durch die stillen Urwälder
flüchten und auf große Entfernung hin den Tritt eines Hirsches oder Panters
einer Rotaut oder eines Weißen unterscheiden Wir haben auch ihren Signalruf
angenommen und wer von uns zuerst etwas nahen hört oder die Möglichkeit einer
Gefahr wittert der ruft »Hugh« und der andere schweigt sogleich Beneide mich
um die Romantik welche in meine Öde gekommen ist aber stähle mir auch die
Nerven dafür
    Kannst Du ein Bett zurechtmachen Unterrichte Dich ja beim nächsten
Kammermädchen es sollte mich sehr wundern wenn Du ein wirklich egoistischer
Feind des Menschenvereins dem Gefängnisse entgingest und dort ist solche
Kenntnis nötig Anfangs kam ich mir wie ein zu Weibern des Harems erniedrigter
Bettelsardanapal vor wenn ich abends vor dem zerwühlten Lager stand und meine
eigenen Hände gebrauchen sollte  das gibt sich mit der Zeit zwischen diesen
vier traurigen Wänden schwindet alle Illusion und gemachte Ehre das Notwendige
verhöhnt und drängt so lange das Herkömmliche bis man nur noch das nächste
Bedürfnis hört Ich bin noch weiter gediehen es wird selten und oberflächlich
ausgekehrt abgestäubt gar nicht so was ist Luxusartikel und der Wärter dem
dreißig Gefangene obliegen hat dafür auch wirklich keine Zeit der Schmutz ist
also arg und das bleibt ein lähmender Schmerz für mich für Wäsche kann ich nur
wenig vom schmalen Kostgelde das der Wärter auslegt absparen was bleibt mir
also übrig als bisweilen mein graues Blechhandbecken herzunehmen und Taschen
oder Handtücher zu waschen Und der Weltverbesserer bedürfte des Unterrichts von
einem alten Weibe Das Leben hat alle Taschen voll Ironie Jetzt da wirs
einander erzählen mein Nachbar und ich wird es spaßhaft wenn ein zweiter
derselben Notwendigkeit folgen muss dann wird sie dadurch auf der Stelle
legitim und sie kann als ein gerechtfertigtes Objekt zu allem ausgebeutet
werden Soll ich Dir nun das Schlimmste gestehen in den vierzehn Tagen hat sich
unser Gespräch und unsere Bekanntschaft schon sehr abgenutzt wir sind schon
mitunter auf dem Trocknen Er hat mehr Aussicht einmal wieder loszukommen als
ich aber ihn kümmert dafür eine andere Sorge aus der ich ihm ein Lied gemacht
habe
    Es singen drei Gefangene
Es zogen wohl drei Schwäne
Vom Süden nach dem Nord
Sie suchten alte Freunde 
Die Freunde waren fort
Es zogen wohl drei Schwäne
Vom Norden nach dem Süd
Sie suchten die alten Ufer 
Die waren verwüstet verblüht
Sie hatten nicht mehr Heimat
Nicht Freunde in der Welt 
Da haben an den Felsen
Sie sich die Köpfe zerschellt
Und wenn wir einst befreit
So kennt uns niemand mehr
Es bleibt uns nur zu sterben
Die Welt ist wüst und leer
Der Sommer scheidet kalter Wind
Fällt auf die Dächer nieder 
Des blauen Himmels Farben sind
In Grau verblichen wieder
Als ich die Welt zum letzten sah
Da war sie hell und milde
Ich weiß nicht was seitdem geschah
Ich sah sie nur im Bilde
Ich fühl auch heut nur kalten Wind
Seh keine Blätter fallen 
Wenn ferne Lieben gestorben sind
Hören wir Glocken hallen
    Du wunderst Dich vielleicht dass ich über das worin der Mittelpunkt meines
Elendes ruht über den Staat selbst so wenig denke und zusammenstelle ich
wundere mich manchmal selbst darüber aber es ist nicht anders Was sollt ich
Einen Staat konstruieren wie Sieiès von dem man sagt dass er immer mehrere
Exemplare des Staates in den Taschen gehabt Dies Definieren aus der Luft ist
nicht meine Sache und Du glaubst nicht wie die Gedanken zaumlos freigegeben
wie die Pferde der Ukraine in den unabsehbaren Steppen Du glaubst nicht wie
sie in der Irre müde werden Man denkt im geschäftlichen Leben wo des Tags kaum
zwei einsame Stunden gewährt sind viel mehr Darstellbares unser Inneres
braucht Abwechselung Anregung ebensogut um zu schaffen wie der Körper um
sich kräftig zu entwickeln Es gibt kein abgesondertes Innere als die
Schwärmerei Und soll ich toben dass der Staat Gefängnisse braucht Würden wir
einen Staat erhalten ohne sie Mein moralisches Gefühl das was man innerste
Ehre nennen kann verlangt jetzt gerade von mir die größte Milde weil ich
selbst hart betroffen bin und die Rache mir etwas Unehrenhaftes dünkt Die
Gefängnisse selbst anbelangend würde ich eine unabhängige Kommission der
Humanität im Staate errichten welche die Gefängnisse kontrollierte und
unabhängig vom Gericht und von der Regierung wenn auch mit Rücksicht auf den
jedesmaligen speziellen Fall des Gefangenen verfügte Die Untersuchungsarreste
sind der wunde Fleck sie erheischen strengste Aufsicht und sollen doch noch
nicht strafen meist sind sie aber schmerzhafter als der Strafarrest jedenfalls
sind sie zu sehr über einen Leisten und dem mitbeteiligten Untersuchungsrichter
zu sehr überlassen der zur Erreichung seiner Zwecke seine Torturgrade dadurch
in der Gewalt hat Du siehst das ist ein bloß Administratives und hat mit der
Staatsspekulation im großen gar nichts zu schaffen man hält sich eben immer an
das Nächste wenn man klug wird Wäre ich das früher geworden dann säße ich
schwerlich im Loche Alle Kenntnis und Förderung sonstiger Politik ist mir jetzt
benommen die Politik selbst also liegt tot in mir ich möchte auch nie einen
Staat aus dem Gefängnisse erfinden Ist die politische Fluktuation der neuen
Zeit ein Übel so ist sies eben darum weil man den Staat erfinden will statt
ihn werden zu lassen wachsen zu machen Soll er echt sein muss er sich
historisch entwickeln wie der Mensch wie die Pflanze  Es ist wieder ein
großes Ereignis dagewesen man hat mir einige von den Büchern gegeben die ich
mitgebracht habe Freilich hab ich sie schon gelesen aber es sind doch Bücher
ich werde doch überall wieder Mensch hinter der Wand eine halbe Gesellschaft
auf dem Tische ein gedrucktes Buch Welcher Fortschritt Schlegels Philosophie
der Geschichte ist dabei ein Buch welches zur Demütigung der Menschen
geschrieben ist  wozu hätte mir Gott den Stolz und die kühne Kraft gegeben und
damit soviel des Besten verwoben wenn ich sie nur vernichten sollte Ich
fühls einen größeren Gott zu haben dem mein Bewusstsein irgendwelcher
Tüchtigkeit wohlgefällig ist Auch in meiner Verlassenheit überhebe ich mich
dieser kläglichen Ansicht des entmutigten Schlegel Aber ich finde in dem Buche
Beschreibungen der indischen Einsiedler und Heiligen welche mir von großer
Beschäftigung sind weil sie auch mit der äußersten Einsamkeit zusammenfallen
Was kann der Mensch den ein fanatischer Glaube treibt Ich erschrecke davor
wie klein sind wir denen die skeptische Kultur jeden solchen unerschütterliches
Anhalt genommen ein guter Fanatiker erobert ein Stück Gottheit und ein Stück
Tier zugleich Diese Leute stellen sich auf die Einsamkeit eines hohen
Postamentes mitten in die verzehrende indische Sonne hinein strecken den Arm
in die Höhe bis er erstarrt verwächst in dieser Richtung sehen in die
blendenden Sonnenstrahlen unverwandt bis die Augen erblinden und denken nur
den Gottesgedanken um ganz in die Gottheit zu versinken was ihnen denn wohl am
Ende gelingt denn welcher Menschengeist versänke nicht am Ende dabei So werden
sie wirklich halbe Bildsäulen die Vögel bauen Nester auf ihnen die Wallfahrer
beten im Anschauen dieser Heiligen Und ich kann zehn Schritte umhergehen kann
liegen kann sitzen denken was ich will wie bequem hab ichs neben dieser
Menschenart und doch sinds auch Menschen Ich stelle mich jetzt manchmal eine
Zeitlang unter meine Fensterblende sehe in den Himmelsstreifen strecke den Arm
aus denke einen Gedanken bis ich wirblig werde und erschöpft zusammensinke
Dann empfinde ich dass mein Los noch beneidenswert
    Welch ein kalter Strom hat sich wieder an meine Einsamkeit hergewälzt Ich
habe kaum Fassung Dir zu schildern Gestern kam der entschlossene klirrende
Schritt des Ordonnanzsoldaten neben unserem Wächter den Korridor entlang und
über jeden von uns legte sich das atemlose Beben dass der Schritt vor seiner
Zelle halten seinen Namen rufen werde  das ist so schreckhaft Denke Dir wie
sehr unsere Nerven schon zerstört sind das Verhör allein kann uns fördern den
traurigen Zustand ändern wenn nicht in einen besseren verwandeln denn im
schlimmsten Falle ist Strafgefängnis eine Erholung gegen den Untersuchungsarrest
 und doch fürchten wir alle das Verhör wenigstens die Ankündigung desselben
das Klopfen den Namensruf das hastige Ankleiden den Gang durch die dunklen
Korridore Wenn man den Tritt der Ordonnanz hört da wünscht man stets er möge
vorübergehen man denkt an den Henker welcher ein Todesurteil bringt und bebt
Nur Ungestörteit unbeachtetes Zusammenkauern in den traurigen Kerkerschmutz
wünscht die furchtsame Seele  so wird die Furcht in Körper und Seele gebracht
wie man den Mut hineinbringen kann ich habe jetzt eine deutliche Vorstellung
von den Blödsinnigen welche in den Winkel kriechen sobald sich ihnen irgend
etwas naht Du glaubst nicht wie sehr man wie krampfhaft man die Erinnerung an
einen stolzen Menschen der man einst war zusammenhalten in sich hinein
klammern muss um nicht der kläglichste Wicht zu werden
    Der Sporenschritt des Ordonnanzsoldaten hielt still vor meiner Türe mein
Atem stockte und jagte es ward geklopft mein Name ward gerufen  wir schritten
durch den Korridor Die Ordonnanz ist ein bärtiger freundlicher Mann er sagte
ich sei sehr blass geworden und mein Bart sei lang sehr lang  er hat mich seit
mehreren Monaten nicht ins Verhör geholt An der Tür flüsterte er mir zu »Ich
bringe Sie heut vor einen andern Richter« Neuer Schreck  Wer ists  »s ist
der Herr Oberrichter«
    An der langen grünen Tafel saß er schwarz gekleidet mit dem Rücken nach
der Tür durch welche ich eintrat neben ihm der Protokollführer sonst war
niemand in dem großen Zimmer es war ganz still ohne umzublicken wies er mit
der Hand auf einen Sessel ich ging dahin sah den Oberrichter und stand wie vom
Schlage getroffen  es war Konstantin
    Er sah mich nur zuweilen mit halbem Blicke an und inquirierte vortrefflich
als einstiger Jakobiner kennt er alle Gedankengänge Pläne und Zustände sehr
gut es war ein interessantes Verhör Der Stil die Ausdrücke die Wendungen
welche wir früher gemeinschaftlich aufgesucht geübt wurden jetzt gegen mich
benützt Beim letzten Worte schellte er und eh ich noch meinen Namen
unterzeichnet hatte war die Ordonnanz wieder im Gemache und ich ward
abgeführt  Wir haben sonst nicht ein Wort miteinander gesprochen Aber alle
Leidenschaft und mit ihr alle Stärke war mit diesem Eindrucke wieder in mich
eingekehrt heute hört ich mit Begierde den Tritt der Ordonnanz das Klopfen an
meiner Tür den Namensruf  o Zorn du machst noch straffer und tüchtiger als
die Liebe darum sind die feindlichen Taten meistin soviel gewaltiger
    Heute empfing er mich in einem Vorderzimmer das auf einen offenen Teil der
Stadt sieht das Licht blendete mich in der Ferne erblickte ich harmlos
freigehende Menschen die Wintersonne in allem Glanze schien mir entgegen ich
hätte niedersinken mögen bestürmt von dem plötzlichen Eindrucke oder durch die
Fensterscheibe springen im trunkenen Drange nach Freiheit
    Er war allein und ging im Zimmer umher Folgendes war seine Rede
    »Es spricht heute nicht der Richter zu Ihnen sondern der Jugendbekannte
Ich kenne Ihren Gedankengang und weiß dass Sie sich in einem gewissen Stolze
meiner überheben da Sie der Unterdrückte vor mir stehen welcher ich eben
Gewalt und Macht über Sie habe dass Sie den Anfängen meiner Lebensgeschichte
nach die ich mit Ihnen gemeinschaftlich erlebt habe glauben diese meine
jetzige Stellung könnte mit einer Unwürdigkeit meines sittlichen Menschen
zusammenhängen weil sie mit dem Beginn meiner damaligen Lebensansichten auf den
ersten Anblick nicht harmoniert Um einer solchen Folgerung zu widersprechen
welche Ihrem inneren Schicksale eine falsche Richtung geben und mich in eine
falsche Position bringen könnte will ich Ihnen mit zwei Worten meine
Lebensentwicklung mitteilen Warum ich dies auf so förmliche Weise und nicht im
wiederangeschlagenen Tone unserer früher kordialen Bekanntschaft beginne wird
Ihnen erklärlich sein wenn Sie bemerken dass ich eben Persönliches aller Art
der Form unterordne wenn es sein muss gewaltsam und schonungslos unterordne
dass ich eben in der Ansicht zu meinem jetzigen Punkte gekommen bin die Form sei
alles sei die eigentliche Bildung der losgelassene seiner ganzen
Innerlichkeit freigegebene Mensch sei ein ewiger Feind des Zusammenlebens Als
Jakobiner als Vergötterer aller Revolution kam ich nach Paris und erkannte
langsam aber sicher dass die Gesellschaft darin zugrunde gehen müsse wenn
jeder Regung des unbändigen Menschen Folge gegeben werde Der erfindende Mensch
das Genie ist wild und grausam es entspricht dem reißenden Tiere bei welchem
sich ebenfalls die größte Potenz der Tierwelt vorfindet welches nur zum
Nachteile seiner Umgebung lebt und überall auf den Tod verfolgt werden muss
Dagegen ist die Schranke erfunden welche man Form nennt und je eiserner diese
ist desto besser wirkt sie Am äußersten Endpunkte der Revolution wird nichts
gewonnen als ein anderer Herr ein anderer Diener wenns hoch kommt ein
gelinderes Verhältnis zwischen diesen Ein Verhältnis also wieder eine Form
wieder die just durch ihre Entstehung bedroht ist Hat man früher die
Heiligkeit der Form zerreißen dürfen warum nicht später auch So wird die
Auflösung geboren und just der Wildheit ist das Tor geöffnet weil sie im
Erfinden am mächtigsten ist Und halten Sie das gelindere Verhältnis für einen
Gewinn Es führt zu nichts als zur Überhebung des Niedrigeren weil er seltener
und weniger zu gehorchen Leichteres zu leisten habe ist ihm jede Lösung und
Nichtbeachtung um so näher gelegt Erwarten Sie von der Masse die seine
Sonderung des Erlaubten weil Sie sein Verhältnis seiner gemacht Dann müsste die
Roheit von der Erde weichen und doch ist sie ein Urelement derselben Dieses
Hinaufexperimentieren bringt entweder immerwährenden Wechsel da jeder Mensch
einen Schritt weiter verlangt als er gestellt ist oder es bringt die
Blasierteit Warum Die ganze Welt ist in großen Unterschieden begründet sie
sind erforderlich damit wir einen Drang ein Interesse haben wenn diese
aufhören dann beginnt die Öde Dies war mein Los in Paris und es ist das was
ich mein Lebtag nicht mehr verwinden werde denn mein Verstand hat sich zwar
einen anderen Kreis eine andere Existenz geschaffen die in Schluss und
Notwendigkeit fest begrenzt ist aber mein Herz stammt aus der Geburt einer
anderen Welt weil meine Jugend revolutionär war mein Herz ist verarmt und
wird nur durch künstliche Mittel aufrecht erhalten Die Revolution hat mein
Leben verschlungen mein Automatenschatten der isst und trinkt küsst und
spricht lauft allein noch weiter  missverstehen Sie mich nicht mein Herz hängt
nicht etwa noch an der Revolution o nein ach ich beneide jeden Schwärmer für
ein schwunghaftes Leben ist sie unbezahlbar die Schwärmerei sie richte sich
auf was sie wolle In den unnatürlichen Gegensätzen aber wohinein ich geriet
ist alles drängende Leben in mir getötet worden wenn ich phantasierte so täte
ichs in einem künstlichen Wahnsinn dem ich mich selbst bewusstvoll in die Arme
stürzte und der sich meiner dann bemächtigte stärker werdend als ich selbst
An Dämonen möchte ich mich schließen um von einer stärkeren Macht geschwungen
zu sein aber mein kaltes Herz isoliert mich auch von diesen So verödet gewann
ich Julia das schöne Mädchen weil sie Gesetz und Maß in mir fand was sich
beides damals in seiner Geburt um so stärker herausdrängte weil sie einen
Schutz suchte vor der Wildheit Hippolyts Sie ward meine Frau und hat nie jemand
anders geliebt als ihn den tobenden Hippolytos das reizende Geschöpf war in
die Form hinein verzogen sie hatte das umgekehrte Unglück ihre natürlichen
starken Kräfte waren von Hause aus zusammengeschnürt und erstickt worden sie
hatte keinen Mut mehr zur dreisten Kraft und Freude an denen ein Teil zur
wirklich elastischen Existenz nötig ist sie konnte sich nur noch freuen wo die
Freude jedem anständigen Weibe erlaubt ist und verlor so jede eigene
persönliche Lust Sie und Hippolyt hätten sich vielleicht ergänzt und ein
gelungenes Paar gebildet mit mir dem gegen seine Anlagen formell Gewordenen
musste sie versteinern mich musste sie versteinern da dasjenige was sie in
meine Arme führte der Mord meines eigentlichen Lebens der Mord ihres Lebens
war Ob ich sie geliebt Später erst habe ich eingesehen dass ich von da an wo
der große Lebenswechsel in mir eintrat wo ich mein Herz auf Kosten der Bildung
erwürgte gar nicht mehr lieben konnte Wir stellten uns so weil es für solches
Verhältnis in der Form ist zärtlich zu sein und weil die Sinne da noch zu
Hilfe kommen glücklicherweise wussten wir nichts von dieser Verstellung das war
unser einziges Glück das uns je geblüht hat Wir haben Kinder gezeugt und ein
Haus gemacht und gelten für ein musterhaftes Paar  gegen die Welt haben wir in
alle Wege recht und dies ist das Opfer und der einzige Trost an dem ich wie an
einer Drahtschnur weitergehe gegen uns selbst haben wir unrecht und die Welt
mit ihrer schwer zu fügenden Ordnung trägt die Schuld Sie sehen ich bin so
sehr ein Opfer wie Sie ich habe mir ein größeres ebenso trauriges Gefängnis
bereitet aber mit mir gedeiht der Staat mit Ihnen verdirbt er Könnte man mir
diesen Glauben nehmen so gäbe man mir den Tod Das Gefängnis groß und klein
ist für die Menschenerfindung den Staat notwendig
    Das Nächste was mir zu entgegnen wäre vielleicht dies Sie haben Ihren
Wechsel in Staatsansichten gewaltsam übereilt Sie haben mit einem Male den
geistigen Blutumlauf Ihres Herzens gewendet und dadurch den Keim des Todes in
Ihr Herz gelegt Wohl es interessiert mich in meiner Blasierteit einen
Augenblick zu wissen ob es bloß die Manier gewesen ist die mich gestört hat
ich habe zu dem Ende Ihre Verhaftung bewirkt und diese in die strengsten
Grenzen eingedrängt jetzt will ich sehen was aus Ihren Meinungen geworden ist
In unserm damaligen Umgange lag der Fruchtknoten meines Lebens der jetzt
verdorrt ist den kleinen Reiz dessen ich noch fähig bin gewährt mir von
meinem ganzen Leben nur das Verhältnis zu jener Zeit Sagen Sie mir auf was für
einem Standpunkte der Meinung sind Sie jetzt«
    Gott weiß was ich ihm in meiner Entrüstung gesagt habe Am ärgsten
betroffen schien er von meiner Versicherung zu sein dass ich kein eigentlicher
Revolutionär mehr gewesen sei als ich das Gefängnis betreten dass ich niemals
in eine Verzweiflung meiner Ansichten geraten dass ich auch jetzt darin besonnen
und ruhig sei Ich habe ihn lange und habe ihn totenbleich gesprochen als wir
schieden war es dunkel Von dem wenigen was er erwiderte erinnere ich mich
nur der öfters wiederkehrenden Worte »Befreien kann ich Dich jetzt selbst nicht
mehr es ist ein eingeleitet Verfahren«
    Ermiss welchen Sturm ich danach mehrere Tage lang in meinem engen Käfig
durchgelebt habe Wohin gerät der Mensch wenn er das Heil nur immer in den
äußersten Gegensätzen sucht
    Der Mangel an Papier hat alle Folgerung jener Szene die reichlich in mir
gärte aufgehoben jetzt bewegen mich schon wieder ganz andere Dinge Es ist mir
eine Freistunde freilich nur einen Tag um den andern bewilligt worden o das
war ein Ereignis Ich wurde in einen kleinen Hof geführt der mit hohen Mauern
umgeben ist ein Aufseher schlug mir Feuer für die Pfeife Wie habe ich den Mann
beneidet um sein großes Stück Schwamm von welchem er mir ein kleines Endchen
anbrannte Der Instinkt ließ mich alsbald ein klein ganz klein Stückchen
abreißen um es für meinen dunklen Kerker zu sparen Noch eine Wache ist außer
dem Aufseher bei uns an der andern Seite des Hofes geht ein zweiter Gefangener
hin und her er ist bärtig und bleich wie ich aber er bläst aus seinem Stummel
anscheinend besten Mutes Rauch in die Lüfte Niemand darf ein Wort sprechen Die
Luft war dick und düster es regnete und schneite meine Gesellschafterin die
Maus hat wirklich ein Loch in meine Stiefel genagt das hat seine Übelstände
aber ich schlürfte doch diese kleine Gefängnisfreiheit mit vollen Zügen es war
wieder Welt wieder Leben was mir nahetrat Gegen Ende der Stunde war ich auch
schon mit meinem Gegenfüssler in Rapport getreten allmählich hatten wir den
Zwischenraum der uns trennte immer kleiner gemacht die Wächter waren des
Regens halber ins Schilderhaus gekrochen er flüsterte mir etwas zu was ich
freilich nicht verstand aber er lachte und das war großer Trost Kann doch
also auch hier gelacht werden Aus seinem ganzen Äußeren spricht eine Verhöhnung
der Ketten die hebt mich selber mit Als der Regen plötzlich heftiger wurde
warf er mir schnell etwas an den Fuß ich tat als fiele mir die Pfeife an die
Erde  so lügnerisch klug wird man in der Unterdrückung ohne weiteres und hob
es auf Es war ein kleiner Stein Beihilfe zum Feuerschlagen  bei der nächsten
Begegnung sagte er deutlich »Hosenschnalle« Wahrscheinlich soll sie die Stelle
des Stahls vertreten ich habe aber leider keine und zuckte mit den Achseln er
zuckte auch und lachte Jetzt plag ich mich nun den ganzen Tag mit einer
kleinen Schnalle meines Tragebandes um Feuer zu schlagen aber das Steinchen
hat wenig Feuer die Schnalle wenig Stahl ich schlage mir die Finger blutig
aber es ist doch eine Arbeit nach einem nächsten Ziele ich habe doch große
Fortschritte gemacht im Kerkerleben und weiß doch jetzt dass ich für eine
Stunde des Tages existiere für die Freistunde
    Ich habe heut gefragt welcher Monat in der Welt ist die Zeit ist lange von
mir gewichen und ein anderer Mensch kritzelt Dir diese Worte Der plötzliche
Eindruck frischer Luft nämlich war verheerend auf meinen Leib gestürzt ich
brach zusammen als ich aus der zweiten Freistunde wieder in mein Gefängnis kam
die Besinnung entwich lange Zeit der Wärter sagt viele Wochen hab ich im
hitzigen Fieber gelegen So teuer ist sonst die Zeit für ein Jugendleben wie es
das meinige noch sein könnte mir entweicht sie finster und unbeachtet Ich
finde da in meiner Tasche auf kleinem schmutzigem Blatte folgende Verse die
sich darauf beziehen sie lauten also
Weiß wohl eure Richtertugend
Was ihr mir genommen habt
Ach es ist ja meine Jugend
Die ihr langsam hier begrabt
Ohne Jugend ist das Leben
Wie ein Frühling ohne Grün
Alles kann man wiedergeben
Nur nicht Zeit und Jugendblühn
Und ein jeder Tag macht älter
Und ich leb doch keinen Tag
Und das Herz schlägt immer kälter 
Was euch Gott vergeben mag
    Ich sollte trauern dass ich jetzt kaum noch die Bedeutung solcher Worte
empfinde unnütz trivial erscheint mir jetzt alles nicht Klage nicht Zorn ist
mehr in mir ich bin stumpf ganz stumpf Was kümmerts mich ob ich im Glanz
oder Schmutz existiere was kümmerts mich Es ist ein Gesellschafter zu mir in
den Kerker gegeben worden aber das Loch ist nun so eng dass der eine sitzen
muss wenn der andere herumgeht Wir sprachen nun in den ersten zwei Tagen
mehreres mein Genosse ein baumstarker Mensch sitzt schon viel länger als ich
und ist tief vergrollt man könnte sich in der Abgeschiedenheit mit ihm fürchten
vor seiner mitunter vorbrechenden Wildheit wenn man sich noch mit Furcht und
Hoffnung abgäbe Gestern abend äußerte er als wir schweigend auf unseren Betten
lagen etwas wofür ich mich einen Augenblick interessiert habe er sagte
nämlich »Wenn einer in diesen Kammern sein Licht unter das Bett stellte und
solchergestalt Feuer ausbräche dann müssten wir alle in den schwer
verschlossenen Zellen verbrennen wie wilde Tiere und es müsste ein merkwürdiges
Geheul geben Zu etwa dreißig Türen von denen jede doppelt und dreifach
verschlossen ist hat nur ein Mann die Schlüssel von Rettung wäre also nicht
sehr die Rede Nun gibt es vier solcher Abteilungen es könnte also ein
tüchtiger Feuerschmaus von hundert Revolutionärs werden und der Staat wäre
einer großen Beunruhigung los«  Mitunter sind wir auch grob lustig und lachen
so laut dass es die Wache verbietet Ich glaube der Mensch braucht solch einen
Reiz und wenn sich keiner bieten will so wird er roh Jetzt würde ich nicht
mehr verwundert sein wie früher wenn ich Verbrecher in Ketten lustig sah die
Natur hilft sich und die Gemeinheit ist auch eine Rettung Wozu schreiben und
Gedanken spinnen Ich will nun endlich die Brücke abbrechen die noch von mir
zur Welt hinübergeht mein kleiner Bleistift ist auch zu End geschrieben  leb
wohl auf ewig
 
                            4 Valerius an Hippolyt
Heute vor acht Tagen ist der große Tag gekommen den ich nicht mehr zu hoffen
wagte Vor einigen Wochen wurde uns ein ander Gefängnis gestattet  wenn in den
kleinen Hof unserer Freistunde die Sonne hineinzüngelte ach da war mirs doch
manchmal noch ein schmerzlicher Stich dass ich wieder in das Dunkel unseres
Gefängnisses zurück musste das nach der Mitternachtseite belegen war Obwohl ich
sonst stumpf und gleichgültig geworden die Sonnenstrahlen mein eigentlich
Gottesleben zündeten doch eine kleine Flocke in meiner ausgebrannten Seele
Jetzt führte man uns in ein kleines Stübchen das auf den großen Hof sieht es
waren nur Gitter vor dem Fenster eine Blende war nicht da die Morgensonne
quoll warm herein  es war ein wunderbarer Moment alle die alten Freudenkräfte
meines Innern rüttelten und regten sich und es hob sich ein Drang als ob ich
noch einmal jauchzen könnte ich hätte wohl selbst den harten Kerkermeistern
einen Augenblick danken mögen Aber es kroch wieder zusammen mein
vergrollterer stärkerer Genoss schalt mich und sagte es sei unwürdig dieser
Gewalt gegenüber eine dankbare Regung zu zeigen wir saßen aber den ganzen Tag
am Fensters um uns zu sonnen und es beschlich mich zuweilen wieder ein leises
geheimnisvolles Behagen der Winter schien im Sturmeslaufe aus der Welt zu
ziehen und die Luft hatte wieder Befruchtung in sich Auch ein unterhaltender
Anblick war in der neuen Zelle auf dem großen Hofe genossen die Gefangenen
dieses Viertels ihre Freistunde nach jeder Stunde kam ein anderes Paar Alle
waren blass aber wie verschieden trugen sie ihr Unglück der eine rannte
stürmisch unaufhaltsam bis er am Laternenpfahl ausruhen musste der zweite
hatte Rock und Gesicht und Augen tief zugeknöpft der Hass war in hundert Falten
eingeschnürt er ging ruhig und gemessen umher der dritte war zerbrochen matt
elend der vierte gleichgültig und sorglos Wenn solche Unterhaltung nur früher
gekommen wäre die Empfängnis blieb doch gar zu taub in mir jetzt gabs auch
Schreibmaterial aber ich hatte nichts mehr zu schreiben So vergingen Wochen
und am Ende dacht ich s war im kalten Loche hinter der Blende drüben nicht
viel schlechter
    Heut vor acht Tagen kam der große Tag dieser einzige Gedanke seit sovielen
Monden ich ward frei stand allein und ungehindert auf der Straße kein Führer
hinter mir  ach und diese Freude aller Freuden kam zu spät sie konnte mich
nicht mehr recht bewältigen Erst spät abends als ich im Mondschein durch die
Straßen schlenderte meiner neuen Freiheit geniessend brach plötzlich ein heißer
Tränenstrom aus meinen Augen und von da an fühlte ich mich den Menschen wieder
näher ich dachte wieder in ihrer Weise schlug mir die Bekümmernis um meinen im
Kerker zurückgelassenen Kameraden aus dem Sinn bemerkte dass ich keinen Kreuzer
Geld besäße und in der großen weiten Freiheit nicht wüsste wohin mein Haupt zu
legen sei Ich kenne in dieser Stadt nichts als das Gefängnis und was damit
zusammenhängt ich wollte Konstantin um ein Nachtlager ansprechen wir brauchen
ja nicht miteinander zu reden und morgen nun morgen wird sich was anderes
finden oder auch nicht das Leben mag sich einen Weg suchen oder aufhören
wies will Du wirst schelten es unwürdig nennen dass ich mich nur um das Lager
auf einem Brette an Konstantin wende immerhin ich hasse schlecht von Hause
aus und jetzt erst gar schilt meinetwegen
    Um Konstantin zu finden musste ich wieder ans Gefängnishaus zurück dort
seine Wohnung zu erfragen  s hatte etwas Verhängnisvolles dass ich mir dort
Rat für die Freiheit holen sollte Sie fragten mich ob es mir so gut gefallen
hätte und ich wiederkommen wieder bei ihnen schlafen wollte Wahrhaftig es
wäre mir ganz recht gewesen hätten sie ein Lager zur Hand gehabt ich hätte
mich hingestreckt
    Konstantin saß mit seiner Frau am Teetische Er empfing mich kalt und Julie
eigentlich auch aber das Weib auch wenn es noch so blasiert und versteinert
wäre ist milder und sorglicher sie beklagte mein bleiches Aussehen und bat
mich den langen Bart abschneiden zu lassen über meine abgerissene Kleidung
sagte sie nichts sondern ihr Auge klagte nur darüber Der schöne Tee die
reinliche feine Zurüstung nahmen mich mehr als alles andere in Beschlag es kam
mir wieder eine leichte Wärme in Herz und Sinne
    Als uns Julie verließ sprach Konstantin »Wundern Sie sich nicht über meine
Kälte ich habe keine andere Äußerung mehr aber Ihr Eintritt in mein Haus
bewegt mich eigentlich sehr und wenn ich in mein erstarrtes Herz noch einen
kleinen Zugang hätte so würde ich dich willkommen heißen Dass du dich zu mir
wendest der dein Elend geschaffen ist eine Größe deines Herzens die mein
Verstand wohl anerkennt Lass dichs nicht irren wenn du etwas Ähnliches nicht
wieder von mir hörst«
    Ich blieb allein Sieh mein Herz ist groß weil ich kein Nachtlager hatte
und die letzte Zuflucht ergriff
    In einem Gartensalon habe ich die letzten Tage verlebt und mehr und mehr
bin ich zu mir gekommen und werde allmählich wieder Mensch Konstantin und seine
Frau sehe ich wenig sie kommt nur zuweilen in den Garten wo es zu knospen
anfängt und wir sprechen dann ein paar Worte miteinander
    Sonst laufe ich viel umher ins Freie hinaus es ist mir als wenn ich
dadurch von Tag zu Tag wärmer würde Die Zettel an Dich habe ich jetzt
abgeschrieben und ich schicke Dir den Pack nach Brüssel wo Du sein sollst Wer
hätte gedacht dass es doch noch an Dich kommen würde
 
                            5 Valerius an Hippolyt
Es wird mir täglich besser vielleicht weil der Frühling draußen immer wärmer
und voller wird Denke es ist mir schon wieder ein Lied aus dem Herzen
gewachsen nun wird alles wieder gut werden da ist es
Es ist ein Regen gefallen
In erster Frühlingsnacht
Nun drängen und treiben und wallen
Die Kräfte mit aller Macht
Die Keime in bunter Pracht
Junggrün springt auf den Zweigen
Mit der Sonne hin und her
Kein Strauch kanns mehr verschweigen
Kein Herz seis noch so schwer
Kein Herz seis noch so leer
Kein Auge kanns verbergen
Dass  ja wers nennen könnt
Der Herrgott steigt von den Bergen
Übers Tal die Ahnung rennt
Neuer Anfang kommt neues End
    Entsetzlich Ich nahm das Lied mit hinauf zu Konstantin und las es ihnen
beim Kaffee vor Sie waren beide eine lange Zeit ganz still dann sagte
Konstantin »Beneidenswerter Mensch deinem Herzen kommt alles Blut alle Wärme
alle Kraft wieder teilzunehmen«  und zu Julie setzte er hinzu »Wir bleiben
allein verdammt Sprich«
    »Was soll das Untersuchen« sagte sie »wir gehen weiter «
    »Wozu«
    »Hm«
    Darauf winkte er ihr und sie gingen ins Nebenzimmer  Julie ist wunderbar
schön und vollkommen geworden blendend weiß das große blaue Auge ist nur etwas
gläsern
    Es mochte keine Viertelstunde vergangen sein dass ich allein war da hörte
ich einen starken Schuss im Nebenzimmer ich stürze hinein  sie haben sich
gegenseitig erschossen sich wohl getroffen ins erstarrte Herz
    Ich eile von dannen um nicht wieder den Kerker zu sehen zunächst hält man
wohl mich für den rachedurstigen Mörder Welt du bist schwer
 
                           6 William an Konstantien
Ich muss Ihnen durchlauchtige Frau einen Vorfall berichten der ein schlagender
Beweis dafür ist was ich oft gegen Sie behauptet Der junge Roturier der
Predigerssohn Valerius welchen Sie in Warschau öfter viel zu angelegentlich in
Schutz nahmen hatte endlich wie das vorauszusehen war sein Quartier im
Gefängnisse erreicht  was ist mit störsamen Mitgliedern der Gesellschaft anders
anzufangen Sie werfen die Begriffe der Standesscheidung willkürlich
durcheinander und wenn sie Geist haben wird die Welt nur zu leicht dadurch
getäuscht denn die notwendigen Unterschiede sind einer dreisten Jugend immer
unbequem Ihr Einfluss weil er zu den leicht gereizten Leidenschaften spricht
ist rascher wirksam und folgenreich als die besonnene Widerlegung welche stets
Opfer und Resignation heischen muss ohne welche keine Gesellschaft bestehen
kann Es bleibt also gegen sie nichts übrig als die Gewalt Unsere
Standesgenossen hätten nur früher zu bedenken gehabt was riskiert wurde wenn
sie den Geist in ihre Kreise aufnahmen und ihm doch die bürgerliche Livree
ließ Englands Manier musste ein Beispiel sein wo der Geist aus unteren
Regionen eine Geltung erzwingt dann versieht man ihn auch mit der Dekoration
des höheren Standes der geistreiche Parvenu wird wirklicher Baronet dadurch
ist das Zerstörende seines Verhältnisses aufgelöst er konkurriert dann im Range
wirklich mit uns der ererbte Vorteil der Vorteil der Geschichte und des
notwendigen Instituts hat dann nichts Gehässiges mehr und sein notwendiger Sieg
über den Parvenu stört nicht mehr weil der Kampf auf gleichem Terrain geschieht
und scheinbar mit gleichen Waffen Ich meine das nicht einmal zum Nachteile der
unteren Klassen sondern nur im Interesse des Staats und der höheren Stände
Ergänzen müssen wir uns wenn wir mit der Geschichte bestehen wollen und dies
ist die beste Art sie reizt keine offenen Leidenschaften und erhält das
aufrecht was die Einsicht niemals aufgeben kann nämlich dass die Unterschiede
in der Verschiedenheit des menschlichen Wesens begründet und in einer geordneten
Einrichtung notwendig sind
    Bei uns ist diese Ansicht nicht eingeführt und nicht herrschend es bleibt
also nichts übrig als solche Subjekte einzusperren die man in England zu
Baronets machen würde Die positive Kriminalverfassung hat nun nicht genügenden
Anhalt zu ausgedehnter Strafe bei ihm vorgefunden und man hat ihn vor einigen
Tagen entlassen voraussetzend die harte Busse werde wohl beschwichtigt und
beruhigt haben Nun sehen Sie aber einmal deutlich vor Augen meine gnädigste
Frau was Sie so gern abzuweisen geneigt waren sehen Sies an diesem
schrecklichen Beispiele wohin der Mensch gerät wenn er die positiven
Hauptpunkte einer Zivilisation verlässt und auf eigene dreiste Hand ein
sittliches Leben improvisieren will Sie erinnern sich  doch nein er war nicht
selbst in Grünschloss aber er war ein Mitglied unsers Dichtervereins zu dem wir
uns am Schluss der Universitätszeit verbunden hatten Ein Herr Konstantin von
Müller exzentrisch über die Massen und in der besten Verirrung zum Jakobinertum
begriffen war eins der Mitglieder und besonders intim mit Valerius er
verleugnete seinen Adel und ging nach Paris mit der schönsten Absicht zu
septembrisieren Dort ist er zu sich gekommen und als Antirevolutionär
heimgekehrt Seine juristische Karriere hat ihm hier bald eine gute Stellung
gebracht er war ein gemessener sehr ordentlicher und beliebter Geschäftsmann
und ein feiner Mann guter Sozietät geworden Fräulein Julie die Sie aus
Grünschloss kennen wo sie vor dem frechen und rohen Hippolyt flüchtete war
seine Gattin Man sagt Valerius sei auf Herrn von Müllers Veranlassung in Haft
gebracht und streng gehalten worden Des Freigelassenen Rache wendete sich also
gegen diesen würdigen Mann der den Abgerissenen noch obenein mildtätig
aufgenommen hatte ja die gemeine Wut begnügt sich nicht an diesem einen Opfer
des Hasses vorgestern erschiesst dieser Tugendprediger Valerius den Mann und die
Frau und entweicht
    Der Bediente hat ihn noch ruhig die Treppe herunterkommen sehen und die
Worte sagen hören »Lauf nach dem Arzte die Herrschaften haben sich beide
entleibt« Natürlich ist er nachher verschwunden und die Steckbriefe verfolgen
ihn jetzt
 
                            7 Valerius an Hippolyt
Ich bin nach Grünschloss gegangen der Graf ist schwach und alt geworden und er
wusste nicht recht ob er sich freuen oder verlegen sein sollte da ich eintrat
Ach wie verwüstet erscheint mir alles der Park ist verwildert das Gebäude
wird schadhaft Alberta hat einen gleichgültigen Edelmann geheiratet bringt
Kinder zur Welt und scheint für die gewöhnlichsten Dinge ihren früher so
anmutigen Enthusiasmus zu versplittern Ihre Schönheit soll sehr
zusammengefallen sein und dass ich Dirs nur gerad heraussage der alte Herr
wird mitunter sogar etwas kindisch seinen barocken Liebhabereien denen wir
früher gern einen elastischen schwunghaften Geist unterlegten muss doch in
jeder Weise ein tüchtiger Mittelpunkt abgegangen sein Dadurch wird jetzt auch
zur Faselei was früher charakterspröde interessante Kaprice war und die Leute
verlachen ihn  das ist doch falsch jene Zeit mit ihrer Laune war doch in ihrer
Art interessant und der Bezug auf den Ausgang mit dem alten Herrn ist
unrichtig Ach die Welt die Welt was wirst sie alles durcheinander Und das
Leben in seiner schonungslos mähenden Weise was ist es ernstaft Wie traurig
erleb ichs an mir selbst auch im Verhältnis zu diesem Engel Kamilla den ich
vernichtet habe ich mag sie noch so sehr für einen Engel halten Sie ist nicht
hier sie ist aus der Welt verschwunden kein Mensch weiß das geringste von ihr
Da sieh den Menschen ganz und gar indem Du in mein Herz blickest in der ersten
traurigen Gefängniszeit hielt ich mich glücklich ganz und gar wenn ich ein ganz
kleines stilles Leben mit Kamilla führen ihr mit eitel Sorgfalt und Liebe
danken könnte was ihr Herz an mir getan  im Gefängnisse selbst verschwand
dieses Bild schon völlig ganz einsam in der Freiheit wünsch ich doch jetzt
nicht einmal an ihrem Herzen getröstet zu sein wenn auch nur für einen
Augenblick Ich möchte ihr Gutes und Liebes erweisen aber nicht in der Weise
wie es der Liebhaber will  das nennt die Welt nichtswürdig ach die Welt Wer
klassifiziert die Gefühle ohne zu lügen Für die Rohen für die Nichtdenkenden
bewahrt eure Tabellen das starke kräftige Individuum verschont damit wenn
ihrs nicht lähmen wollt
    Die Dankbarkeit ist eine Tugend der Gesinnung ein Herz das ihre Regung
nicht empfindet ist frevelhaft wer sie im allgemeinen nicht verlangt stellt
die Menschen einander mit fletschenden Zähnen gegenüber Die Dankbarkeit aber
wenn sie überall verlangt wird als fraglose Tat ist eine Last welche die
Menschen und den Fortschritt zu Boden drückt Die Größe kann fast niemals
dankbar sein und wenn die Liebe im Boden der Dankbarkeit groß gezogen werden
soll so wächst die Lüge oder die Mittelmässigkeit auf
    Auch Deine Briefe habe ich gefunden  Herr des Himmels schicke mir endlich
wieder einmal ein Menschenbild an dem ich mich laben kann Mensch wenn Du
nicht eine Welt erobern kannst so wirst Du ein gemeiner Frevler weil Du ganz
undankbar ganz rücksichtslos nur Deinen Gelüsten lebst Du musst ein Napoleon
werden oder man muss Dich totschlagen nur das Ausserordentlichste darf so frech
einseitig und egoistisch sein
    Der alte Herr hat mir heute einen Steckbrief gewiesen mit Konstantins Tode
geht es mir wie ich Dir sagte Er war sehr betreten ob er mich verbergen dürfe
 ich werde morgen in einen Wald gehen und mit einem Köhler Meiler brennen Und
ist die Welt nicht schwer
 
                            8 Hippolyt an Valerius
Gestern hat mir der kleine liebenswürdige Pelagianer folgendes aus seinem
Brüsseler Leben erzählt was er zum Teil noch neben mir angesponnen hat Du
weißt so gut wie ich dass auf die Wahrhaftigkeit Leopolds kein Sou zu verwetten
ist das folgende ist aber ziemlich allgemein bekannt worden und man bestätigt
mir das einzelne von vielen Seiten
    Eine reiche Handelsfrau Madame Joao fährt bei rauer Witterung durch eine
enge Straße in Brüssel es kommt ein Wagen entgegen daraus entsteht Verzug
Hinter einen Prellstein geschmiegt spärlich von Lumpen bedeckt sitzt ein
kleines Mädchen Das kleine Wesen in einem Körbchen Früchte zum Verkauf
haltend friert sehr und blickt mit ihren wunderbar schönen Augen rührend zu
Madame Joao auf Diese fühlt sich im Innersten betroffen von dem rührenden
Blicke lässt das Kind in den Wagen heben wärmt es findet ein fein gebautes
reizendes Geschöpf fragt nach Vater und Mutter desselben fährt dahin lässt
sich das Kind abtreten und verspricht den Eltern dafür eine jährliche
Unterstützung Das Mädchen heißt Maria und nimmt sich in den neuen Kleidern wie
ein Engel aus die wunderbaren Augen unschuldig lieb bittend wie man sie bei
Gemsen findet üben den gewinnendsten Zauber auf alle Welt Haut Farbe Formen
sind von zartester Feinheit die Sprache ist weich das Verständnis zeigt sich
sehr empfänglich das Gefühl überaus fein und tief die kleinste Erregung
desselben gießt eine schöne Röte über das sonst ein wenig blasse Gesichtchen
    Madame Joao ist sehr glücklich in dem neuen Besitze es vergehen ein paar
Jahre sie lässt Marien sorgfältig unterrichten diese lernt alles mit
Leichtigkeit und gedeiht aufs beste Madame Joao eine reiche unabhängige Witwe
in den besten Jahren hat einen jungen Schauspieler zum Hausfreunde namens
Jaspis dem sie sich sehr zugetan zeigt und der täglich ins Haus kommt Er ist
ein schöner feuriger Mann mit ganzer Seele Schauspieler und bekundet dies
durch lebhaften Vortrag jeder Weise durch dichterische Ausdrücke die ihm für
alles zur Hand sind Er macht den tiefsten Eindruck auf die damals zwölfjährige
Maria sie setzt sich oft auf die Treppe damit sie ihn beim Weggehen sieht sie
ist ungewöhnlich bewegt wenn er ein leichtes scherzendes Wort an sie richtet
oder wohl gar wie man mit einem kleinen Mädchen zu tun pflegt ihr die Locken
die Wange streichelt Es vergehen mehrere Jahre die in der Stille mit
aufwachsende Neigung Marias wird durch nichts unterbrochen sie ist
überglücklich und außer Gewohnheit lustig wenn die Tante Madame Joao sie mit
ins Theater nimmt Eines Nachmittags beim Kaffee sagt Herr Jaspis halb scherzend
zu ihr ob sie nicht Lust habe selbst Komödie zu spielen sie sei jetzt beinahe
fünfzehn Jahre und ein erwachsenes schönes Mädchen Wie ein Blitzstrahl zünden
die Worte Tränen stürzen Marien aus den Augen sie fällt der Tante um den Hals
und bittet sie beschwört sie um Erlaubnis aufs Theater zu gehen Die
überraschte Tante welche auf die Herzensbewegungen des Mädchens nicht so
sorgfältig acht gegeben hatte sagt ja Maria meldet sich Jaspis studiert ihr
ein Paar Rollen ein das Mädchen wogt in Glück und Bewegung sie küsst ihm die
Hand man findet dass sie eine geborene Schauspielerin sei Sie tritt auf das
wunderbare Mädchen mit dem unwiderstehlichen tiefsten Ausdrucke des Auges mit
dem feinen schönen Körper mit den zarten halb verschämten halb
herausdrängenden Bewegungen mit einer Stimme worin die Seele selber klingt
macht Furore Nun erst wird Jaspis aufmerksam er rechnet alles zueinander und
sieht es nun erst dass eine tiefe Neigung für ihn existiere Es rührt ihn und
bei der nächsten Begegnung nimmt er Maria in den Arm und küsst sie auf die Stirne
 das Mädchen erbebt und zittert am ganzen Leibe Solche Szene wiederholt sich
im Verlaufe der nächsten Zeit noch zweimal Jaspis spricht aber nie ein
erklärendes Wort dazu noch weniger spricht er direkt etwas aus was ein
Verhältnis ein Bündnis wünschen könnte die Tante dagegen welche irgendwie
etwas von dem Zustande geahnt haben mochte warnt Marien ohne Rückhalt vor
Jaspis sagt dass er nur zu geneigt sei in Tändelei mit einem Mädchen
einzugehen
    Maria wird krank um diese Zeit ist Leopold im Hause der Witwe eingeführt
worden Sein einschmeichelndes liebenswürdiges Wesen erwirbt ihm das größte
Wohlwollen der Witwe er überflügelt am Krankenbette der Kleinen mit leichter
Mühe die materiellen Versuche der übrigen Ärzte welche wie gewöhnlich nichts
als ein körperliches Krankheitsschema vor Augen haben Du weißt er versteht es
in mystischpoetischer Weise über das menschliche Herz zu sprechen ihm ist
jederzeit eine ganz scharmante ideale Welt zur Hand wenn ein sinniges
Frauenzimmer danach verlangt kurz er poetisiert Marien gesund und mit der
gefällig unterstützenden Witwe ist er bald Verlobter des liebenswürdigen
Mädchens Das geht so eine Weile aber beim Komödienspiel bleibt die neue
Berührung mit Jaspis nicht aus der scheint zwar noch immer keine Lust zu haben
nach einem eigenen ausgesprochenen Besitze aber wie das in der neidischen
Menschenbrust immer geht er will auch die Möglichkeit nicht abgeschnitten er
will auch Maria nicht als Eigentum eines anderen sehen Das alte halbe
Verhältnis wacht wieder auf Leopold der Wandelbare lässt sich mancherlei
kleine Seitenwege zuschulden kommen die Tante endigt und schickt Maria nach
Antwerpen wo ein Engagement offen ist und sie vom Publikum mit Enthusiasmus
empfangen wird Stürmischen unruhigen Herzens war sie angekommen denn am Tore
von Brüssel war Jaspis an ihren Wagenschlag getreten hatte ihr die Hand
hineingestreckt ihr mit weicher Stimme Lebewohl gesagt und zum erstenmal
wenigstens die Bitte direkt an sie gerichtet keinen andern zu heiraten
    Aber der Verkehr mit der großen Menge wirft seine Nebel auf das Herz der
allgemeine Beifall ist ein natürlicher Feind der halb Liebenden Maria gewann
eine unbefangene Stimmung Leopold der nach Antwerpen kam und sich um die
Stellung eines Teaterarztes und Teaterdichters bewarb kam ihr ganz angenehm
sie unterstützte sein Gesuch sie verschafte ihm den Kontrakt Er war so weich
so innig so poetisch auch von Lob und Enthusiasmus umgeben braucht man ein
Herz das an unserm Eigensten Innersten teilnimmt Du weißt wie verführerisch
Leopold sein kann Maria fühlte in Antwerpen mehr als in Brüssel wieviel
Missliches das Alleinstehen eines Mädchens hat Jaspis ließ nicht das mindeste
von sich hören kurz Leopold eroberte ihre Hand und ein tüchtiges herzliches
Wohlwollen mit ihr Sie umarmte ihn oft plötzlich mit den Worten »Du bist doch
mein herziger lieber Mann« So gings eine Zeitlang aufs beste da plagt den
Kleinen die alte Sucht nach Bewegung und Unruhe eine beissende Kritik sämtlicher
Schauspieler drucken zu lassen diese erklären allesamt und geharnischt der
Direktion nicht mehr aufzutreten wenn Leopold in Verbindung mit dem Theater
bliebe Sie muss sich zur Entlassung Leopolds entschließen Maria sendet
natürlich auch die ihrige und alle Welt erwartet dieser entusiastisch
geliebte Liebling des Publikums könne nicht entlassen werden die Direktion ist
in größter Verlegenheit aber die Schauspieler bestehen energisch auf ihrem
Entschlusse es wird auch Marien die Entlassung zugeschickt Nun sammeln sich
die Freunde des Paares die äußerst zahlreich sind de größte Teil des
Teaterpublikums das sie vergötterte schließt sich ihnen an man setzt fest
dass jede Schauspielerin die in einer Rolle Mariens auftreten würde
ausgepfiffen sein solle man bringt Marien Nachtmusiken und Vivats und erwartet
ungeduldig den Tag wo eine Rolle Mariens drankommen werde Die Direktion ist
klug genug den so weit als möglich hinauszuschieben unterdes erkaltete das
Interesse gegen die übertriebene Teilnahme bildet sich wie immer eine nüchterne
Opposition der Abend kommt die Nachfolgerin Mariens wird mit dem besten
Beifalle aufgenommen
    Diese Roheit weiche in jeder Masse liegt trifft Mariens Herz wie ein
Dolch sie treibt zur Abreise sie fühlt sich verlassen das Unglück führt sie
nach Brüssel zurück Die Tante tröstet aufs beste und warnt vor dem Theater
aber Marie kann es nicht entbehren die übrige Welt ist ihr zu prosaisch nur
auf den Brettern findet sie Nahrung für ihre ideale Sehnsucht Jaspis hat sich
unterdessen ebenfalls verheiratet bleich schwermütig tritt er ihr entgegen
aber durch den Nebel glaubt sie die alte verborgene Zärtlichkeit zu sehen Eines
Abends ergreift er ihre Hand bedeckt sie mit Küssen und sagt »Marie wir sind
beide unglücklich«
    Marie fällt in Ohnmacht sie muss nach Hause gebracht werden und von der
Stunde an hat sie ihr Lager nicht mehr verlassen es entwickelt sich eine
Herzkrankheit an welcher sie stirbt
    Das sind Eure kläglich halben Zustände und Verlangnisse Leopold sagt er
sei lange besinnungslos gewesen vor Schmerz jetzt hat ers lange vergessen und
erzählt die Sache seiner kurzen Verheiratung wie eine Novelle sonst woher
 
                            9 Hippolyt an Valerius
                                                                     Aus London
Ich habe Paris verlassen weil es mich langweilte fürs gewöhnliche Leben ist
fast alles erlaubt es reizt kein Widerstand und doch lockt auch keine
ungewöhnliche Kraft wo sie sich aber erhebt wird sie Fratze Es reizt auch
kein Widerstand bei den Weibern sie sind munter und gefällig ohne Nachdenken
und bleiben auch in der Liebe kokett Die deutschen Weiber haben mich verwöhnt
Es ist hier alles Kaprice eigentlich auch die Politik das Volk ist viel zu
gesellig und zu gefallsüchtig um eine dauernde Tüchtigkeit in sich und in einer
Form zu erzeugen Man muss nach Paris nur auf Besuch gehen dann ist es amüsant
in der Länge sieht all der Wechsel die Strebsamkeit wie Tändelei aus Die Leute
mags wundern Dich nicht der Du mich wirklich kennst dass ich so abfällig über
Frankreich rede jawohl das meiste von unsern Wünschen ist hier leicht gemacht
oder gar verwirklicht aber das Element aus welchem hier alles entsteht in
welchem es herumspielt kann mir nicht zusagen Man muss nicht in die Küche gehen
und die Späße der Köche anhören und ansehen wenn einem das Essen schmecken
soll Meine Wünsche meine Pläne meine Ansichten von Staat und Leben sie
quellen aus tiefer starker Leidenschaft  s mag wohl sein dass ich die Welt
darüber missbrauche und am End zugrunde geh  aber die französischen quellen
aus der Leidenschaftlichkeit das ist nicht mein Geschmack
    Ich bin zu den Republikanern gegangen da fand ich allerdings Hass und Zorn
und stolze Wut gegen die Unlauterkeit der Herrschenden welchen die Stelle das
Amt die Auszeichnung käuflich und feil ist für dies oder jenes Bessere für
eine Überzeugung für ein würdiges Verhältnis das sie spielend in den Kauf
geben Aber der Hass war auch sehr mit Deklamation verbrämt war unschöpferisch
und das eigentliche Leben der Leute war in kleinerem Verhältnisse entweder
ebenso wie das getadelte oder es war gegen allen Reichtum der Welt zynisch 
nichts fesselte mich
    Ich mag oberflächlich geblieben sein weil meine Liebhabereien und Aventüren
wie gewöhnlich meine Zeit in Beschlag nahmen dies mag ein Grund sein dass ich
immerwährend eine deutsche Anekdote auf der Zunge behielt die mir allen
Geschmack verleidete Ein deutscher Professor zerkaut in einer politischen
Unterhaltung die Zeitung welche er in der Hand hält man will endlich etwas
nachsehen und der Gegner sagt entrüstet »Herr Sie haben ja die Zeitung
gefressen«  »Drum« erwidert dieser »drum schmeckte mirs so nach Papier«
    Es schmeckt hier alles nach dem Journalpapier Die Kammern haben sich
überlebt es sind nur ein paar wirkliche ursprüngliche Potenzen übrig das ist
zuerst Ludwig Philipp und dann sinds ein paar Schriftsteller die freilich auf
den traurigen Ausdruck durch die Feder angewiesen sind Wenn man lange schreibt
so wird die Feder entweder durch das Einerlei oder die viele notwendige Wendung
unmächtig für den Zeitgenossen ihr Kraft erwacht erst wieder für den Enkel So
ists mit Lamennais den ich im Sinn habe der eine dämonische Potenz ist
hierher gehört dann die Dudevant auch der herzlich aufrichtige liebenswürdig
beschränkte Béranger und der lautere naive Nodier Andere haben mehr Geist und
Talent aber sie sind der Ursprünglichkeit zu weit abgewendet und tief in den
Fesseln von Ziererei und Manier
    Bei aller Wichtigkeit die ich Frankreich für die Weltgeschichte zuerkennen
muss bei der gebieterischen Wichtigkeit dass es der Mittelpunkt europäischer
Bewegung ist kam ich doch von dem Gedanken nicht los dies Volk sei eigentlich
der Schalksnarr unserer Weltregierung des Herrgotts Komödienhaus Wenn die
Franzosen selbst zum Schafott oder in die Kugeln rennen oder geschleppt werden
so tritt mir doch auch der Harlekin vor die Seele welcher in der Tollheit auch
das Ärgste tut und mit sich tun lässt der Don Juan welchen nur zum Ergötzen des
Parterres und weil er ein paar Weiber verführt hat der Teufel so lange holt
bis der Vorhang gefallen ist Ich habe schon daran gedacht ob nicht alle die
toten Franzosen die seit Anno 91 auf der Bühne gestorben sind nur für ein
Schauspiel agiert haben und alle noch leben und an einem schönen Sonntage mit
Blumensträussen und Koturnschritten dastehen auf dem Marsfelde wo ihnen die
Bewunderung Europas angratuliert wird
    Bei dieser Verhöhnung aller Illusion muss ich dem Volke unrecht tun und es
muss mich langweilen
    So kam mein letzter Abend ich muss Dir gestehen dass ich bei Weibern und
Männern nicht mehr für so frisch und interessant gelte als da ich mit
Konstantie hier war das stört natürlich meine Eitelkeit ich knirsche gegen die
Welt welche altert und bin nicht so unbefangen wie sonst Kurz eine schöne
Dame aus der vornehmen Welt ließ mich harren ergab sich nicht ich treffe sie
in einer großen Gesellschaft sie ist sehr schön den Abend und ich versuche das
Äußerste Ein Bedienter wird nach ihrem Hotel geschickt um den Wagen eine
Stunde später zu bestellen als er beordert war Als die Gesellschaft aufbricht
begleite ich sie ins Vorzimmer  ich war den Abend sehr sanft und zurückhaltend
gewesen  der Diener die Equipage fehlt ich hänge ihr den Mantel um und
berühre ihre schön gewölbten Schultern kaum mit der Fingerspitze soviel
Überwindung es mich kostet Sie hat nämlich die in Paris ungewöhnliche Manier
sehr verschlossen bis an den Hals verhüllt sich zu kleiden obwohl man am
schönen Wüchse der vollen Hand dem weißen schönen Halse den Umrissen unter
der seinen Hülle sehen konnte dass just ihre Büste sehr schön sein müsse Ich
sage der Diener warte vielleicht ungeschickt am Wagen ich bringe sie hinunter
ihre Equipage fehlt sie will kein Aufsehen machen entschließt sich steigt in
die meine
    Du magst denken dass ich die Situation zu benutzen suchte sie wehrte ich
wurde stürmisch das Widerstrebende lockt am meisten ich riss ihr den Kragen von
der Achsel und fand Nacken Schulter Brust voll und duftend vom schönsten
Leben 
    »Aber Monsieur« sagte sie lächelnd »fahren wir doch zu mir nach Hause
dort können wir ja die Liebkosung viel bequemer haben« Es geschah sämtliche
Dienerschaft eilte bestürzt herbei und entschuldigte das Ausbleiben des Wagens
mit erhaltenem Befehle  sie zog den Mantel fest um die Schultern und wendete
sich lächelnd zu mir »Ich danke sehr Monsieur für Ihre Artigkeit grüßen Sie
Margarita und schlafen Sie wohl«
    Du siehst mein Leben geht zu Ende und ich habe alle Ursache desperat zu
sein Ich kenne keine andere Existenz als eine vom Glück getragene vom Genuss
beschwingte darauf ist mein Leben gestellt Was wollt Ihr von mir wenn Ihr von
Treulosigkeit redet Solange mein Herz treu ist bin ich es auch Desdemonen
wäre ichs vielleicht für immer gewesen Julien sicher  es hat sich anders
gefügt soll ich die Treue lernen Ich bin zu alt und zu wild für die Schule
ich kann sterben aber nicht darben Und dies flatterhafte Paris will mich höhnen
 ich kann Nero begreifen wie er einer Regung zu Dienst eine ganze Stadt
anzünden lässt Ich hatte keine Zeit den Kleinen noch einmal in St Pélagie zu
besuchen jeder muss selbst sehen wie er sich hilft die Welt ist ein Kampf Der
Junge wird auch langweilig er hat sich teosophisches Zeug in den Kopf gesetzt
und mystische Redensarten wenn er so fortfährt ist er in kurzem fromm
    Und nun bin ich hier und wie befinde ich mich Sage mir um Gottes willen
was habe ich für eine Idee von Freiheit Die britische soll die freieste Nation
der Erde sein und ich werde des Teufels bei dieser freiesten Nation Ist das
alles dass ich nicht leicht verhaftet werden dass ich drucken lassen kann was
ich will und dergleichen Ist das die Freiheit Kann man in Sachen der Religion
und Moral bornierter sein als man hier ist Die Poesie des kirchlichen Glaubens
haben sie mit Mühe ausgetrieben wie der Exorzist einen Geist austreibt und das
notwendige Übel aller Religionen den Priester der sie zum Handwerke macht
haben sie in allem Pompe und aller Anmassung beibehalten Unter einer prächtigen
Kristallkuppel die mit Gold und Edelsteinen dekoriert ist bewahren sie eine
graue traurige Luft Und was nicht unter diese Kuppel will die Millionen
Dissenters welche sich in Sekten von der bischöflichen Kirche getrennt sie
sind ebenso aschfarben und traurig Und für diese phantasieentkleideten
mageren Dinge für diese leidenschaftslosen öden Formeln herrscht ein
tyrannischer Fanatismus wie ihn die Puritaner für ihr Holz und ihr Leder nur
haben konnten Die Puritaner hatten aber doch wenigstens den Kampf für sich den
Kampf auf Leben und Tod als Vermittlung zum Fanatismus jetzt erhitzt man sich
förmlich nur für die dürre Rute Und dies ist Atmosphäre des ganzen Landes des
freiesten Landes von Europa das mir entgegentritt wie eine große traurige
Dorfschule in welcher der abgeschabte Präzeptor seinen Stock schwingt dass alle
Köpfe scheu und stumm nach dem Boden gesenkt werden und kein Laut sich regt Ein
Sonntag hier in England hat das Ansehen als ob Bann und Interdikt auf der Erde
lastete furchtsame Stille schleicht über Straße und Feld und Wald der Wind
erschreckt wenn er Blätter bewegt die trübe neblige Luft kommt zu Hilfe dass
ich meine in Dantes Hölle zu wandeln und Deine traurigen Gefängnisworte zu
hören »Lasst draußen die Hoffnung«
    Ist das jener Gott welcher die Sonne geschaffen den lustigen Wald das
springende Reh den jubelnden Vogel die Schönheit und die Freude Jehova der
rachlustige selbst war heiterer und schöner Und diese Nation welche
solchergestalt das innerste Leben in eine traurige dunkle Höhle vergräbt ist
die freieste Wahrlich mein Bauer im Bastantale der am ärgsten Aberglauben
seines Mönches hängt der einem Rei netto und jeder andern Willkür ohne weiteres
untergeben ist er lebt in goldener Freiheit neben diesem gottfurchtsamen
gottdürftigen Briten Und diese Traueratmosphäre eines bornierten Gedankens
welchem sich aller innere Mensch dahier gebeugt hat sie durchdringt alle höhere
Tätigkeit dieses Volkes Die Literatur wird nach dem Moralkodex konstruiert und
gerichtet eine freie Schönheit eine Schönheit an sich besteht gar nicht diese
alten Grossmütter mit Hornbrillen diese Reviews kritisieren in einer
Altklugheit dass jedem Künstler die Haare zu Berge stehen müssen der
eigentliche Brite der nicht inkonsequent den Kreis seines Landes verlässt darf
kein Gemälde keine Statue mit Wohlgefallen anschauen Titians Fleisch ist gegen
die Moral der borghesische Fechter ist gegen den moralischen Anstand darum
leistet auch dies Volk in der bildenden Kunst nichts gar nichts Denn die
Liebhabereien einzelner die mitunter kolossal erscheinen weil man sehr reich
ist sind einzelnes das eigentlich Nationale hat damit nichts zu schaffen Und
wer in der Bildung frei und unbefangen geworden ist der wird im Parlamente wie
eben ein anderer in den moralischen und religiösen Jargon einstimmen weil er
sich fürchtet fürchtet teils vor den bornierten Genossen teils vor dem Volke
selbst Er wagt es nicht dafür einen Schritt zu tun dass dies Volk selbst
einmal über seine niedrigen hölzernen Kirchstühle hinwegsähe und so hält sich
das freieste Volk mit geläufiger Formel in ärgster Sklaverei des bornierten
Gedankens Sie haben Shakespeare ignoriert bis sie Garrik mit eminentem Talente
dazu verführt hat und wäre das rein Englische nicht so allgewaltig im großen
William ausgeprägt wir würden wunderliche Dinge hören jedenfalls ist dieser
englische Dichter in Deutschland bergehoch größer und richtiger gewürdigt als in
England Sie haben Shellei ausgestoßen und in den Tod gejagt sie haben Byron zu
Tode gemartert  das ist das freie England Ordinäre bürgerliche Verwaltung
darin sind diese guten Leute und schlechten Musikanten zu Hause darin sind sie
unbefangen dreist und frei wie kein Volk auf der Welt darauf haben sie sich
eben beschränkt auf dies Nächste Hausbackene dafür und für alle Entwicklung
der Art seien sie Euch vorsichtigen Schritt für Schritt weiter Tappenden
meinethalben ein Beispiel Mir sind sie unausstehlich mich interessiert das
große Gedicht der Freiheit und Schönheit nicht das Abc derselben ich kann
lesen und singen von der Größe und Lust des Menschen und will nicht warten bis
es Millionen beschränkten Volkes auch gelernt haben
    Und nun diese Lüge bei aller Prüderie und Moral Diese Eroberungen Englands
in andern Weltteilen diese unmoralischen Ansprüche mit Blut mit Strömen
Blutes verfochtenen Ansprüche auf Amerika diese ganze auswärtige Politik des
allertrivialsten kaufmännischen Vorteils mit lächelnder Hintansetzung alles
Prinzips verwünscht seist du heuchlerisches puritanisches Albion meiner Seele
ein Greuel Ich hatte es vergessen dass du den gewaltigen Napoleon echt
puritanisch ins Grab geärgert hast dass Hudson Lowe dein Sohn ist dass deine
Größe ordinärer Egoismus war für und für  o fort mit der Feder
    Du sagtest einmal zu mir ich müsse gar nicht über Nationen und deren
Freiheit reden denn ich hasste im Grunde jedes Gesetz weil es geniere ich
wollte Zügellosigkeit  meinethalben Warum genieren all Eure Gesetze Warum ist
mit mir kein Staat möglich Warum seid Ihr so arm Erfindet Erst wenn Ihr einen
habt auch für den ärgsten Unband dann will ich Euch preisen dann seid Ihr
wirklich zivilisiert Die weiteste Förderung muss in den Staat aufgenommen sein
nicht bloß die kleinste
    Ach Valerius wie sprech ichs aus Ich werde immer ungeduldiger immer
zorniger hätten nur all die Hindernisse die mich beengen einen Schädel und
wäre er von Eisen ich rennte dagegen wenn auch der meinige zerschellt würde
so ingrimmig werd ich Tag um Tag Ich tobe dass ich nur immer Einzelnheiten
fassen kann
 
                           10 Hippolyt an Valerius
Meine Unzufriedenheit mit England schließt jedoch meine bereitwilligste
Anerkenntnis der einzelnen Engländer nicht aus Ich finde die Personen von einer
außerordentlichen Tüchtigkeit und Potenz ich habe nie solche feste in Mut
Charakter und Kühnheit gehärtete Menschen gesehen oder richtiger  bei genauer
Betrachtung erkannt als hier Diese dichten gefesteten stählernen
Innerlichkeiten Herr des Himmels welch ein Reich der Titanengewalt hätten sie
aus diesen Inseln gemacht wäre die Nation nicht eine kaufmännische geworden 
der Kaufmann ist und bleibt ein geborener Feind des Poetischen des Genialen
Der Genius unseres romantischen Wunsches hat niemals Prozente gesucht und
Wechsel ausgestellt Die Engländer haben aus dem Handel das Größte gemacht was
daraus zu machen ist sie haben ein Netz über alle Erdteile und alle Ozeane
geworfen aber der Handel selbst ist ein Erwerb ein Kramgeschäft sei er noch
so groß die uneigennützigen die grandiosen Bewegungen der menschlichen Seele
die Götter der Menschheit haben nichts damit zu schaffen
    Wenn der Engländer heraustritt aus seinem Bannkreise der engen Sitte des
engen Glaubens so ist er auch der grossartigsten Frechheit fähig Wer nicht
frech sein kann der ist auch ohne Gewalt das Außerordentliche wird immer den
Göttern geraubt die Griechen hatten ihren Prometeus wir nennen es eben darum
das Außerordentliche
    So haben die Engländer die Republik erfunden welche das schreckende
Beispiel eines Königsschafottes gab welche Cromwell mit Krallen zeugen und
erziehen half welche England heute noch besitzt welche die ganze stürmische
Welt der modernen Politik geweckt hat und in Albion selbst nur prosaisch
niedergehalten ist durch ihre Geburt aus dem dürren Puritanismus durch ihre
Verheiratung an den Kaufmann Diese moderne Republik ist innerlich die frechste
Forderung sie heischt Genialität jedes einzelnen
    So haben die Engländer das Meer bezwungen sie haben die tausend und
abertausend Lords geschaffen deren jeder die Souveränität eines Imperators in
sich trägt uneingeschränkter Mensch sich fühlt ganz und gar
    Sie haben Shakespeare gezeugt der als ordinärer Schauspieler die Poesie des
Universums an seine Brust riss sie haben Gibbon gezeugt der das Christentum
verfluchte haben Chesterfield gezeugt der die Tugend mit der Klugheit
zerdrückte Shellei der Gott leugnete mit einen sanften Herzen Byron der die
Gesellschaft schlug mit Fäusten welche von Ambra dufteten
    Noch heut findet man Riesenpotenz im einzelnen Engländer noch heute ist
mitten in dieser Stadt Old Bailei der Aufenthalt allerfrechster Gemeinheit
beiläufigen Mordes unbezwungen London hat soviel Freudenmädchen wie ein
deutsches Herzogtum Einwohner und darunter die schönsten und die gemeinsten der
Welt noch heute findet man in England neben dem vernünftig berechnenden
Kaufmanne die grossmütigste erschütternd unbefangene Anerkennung des Ungeheuren
Teilnahme am Verwegensten  mit einer Rakete bis auf den Mond geschossen zu
werden mach es möglich und ein Engländer klammert sich kaltblütig an Deinen
Raketenstock
    Fähnrich es ist etwas vom Geschlechte des Tantalus das mit den Göttern
frech verkehrte im Engländer was meine schlaff werdende Seele welcher nichts
großes mehr zu Hilfe kommen will wunderbar schwellt  ich verkehrte mit einigen
Lords und Baronets von dieser Weise und mitunter schreit mein alter Mensch noch
einmal auf in Jauchzen und Genüge
    Ich lege Dir da ein Brieflein Leopolds bei das er mir mitgeschickt hat
sieh zu wie es Dich anmutet mir wird die Faselei unausstehlich
 
                            11 Leopold an Valerius
Nach langer Zeit drücke ich Dir wieder einmal die Hand mein Liebwertester Ich
bin seit wir in Warschau schieden noch durch manches Lebensverhältnis neben
Hippolyt leicht und ohne innere Gedanken ohne Beachtung des geheimnisreichen
tief liegenden Menschen geschlüpft Du weißt Hippolyt schöpft seinen Geist und
seine Welt nur aus einem sinnlichen Herzen Hier hatte ich mich brouilliert und
geriet nach St Pelagie ein artiger Aufenthalt der Zerstreuung bietet und
Einsamkeit wie mans kann und mag Es sitzen Leute hier die Millionen
kommandieren und sich zur Bezahlung irgend einer Schuld nicht verpflichtet
glauben das Weltliche hat ja tausendfache Deutung Es wird großer Aufwand
gemacht solange die Quellen fließen man trinkt singt spielt liebt lacht
man zieht sich zurück in Beschaulichkeit und Ernst Nach jenem ersten ist mir
das zweite geworden hier unter den fremd redenden Menschen ist mir die
Identität Gottes und des menschlichen Gedankens aufgegangen ich bin sehr
glücklich und beruhigt in mir still heiter es weht ein Hauch des Himmels durch
meinen Kopf durch mein Herz Valerius Du wärst am ersten fähig und würdig
dieses Glückes auch teilhaftig zu werden des Glückes das ein Ineinanderleben
des Geistes und Sinnes dieser Welt mit dem Geist und Sinne höherer Existenz
bietet Ich bin sehr glücklich auch die Verse sind mir wieder gekommen ich
habe ein großes Gedicht in Komposition wo die Gottheit säuselnd über eine
Engelschar hinschwebt die Engel wollen diesen ewigen Ton wiedergeben um den
Herrn der Heerscharen zu loben jeder versuchts auf seine Weise und so
entsteht die Musik in ihrer verschiedenartigen Äußerung Nun fliegen sie
voneinander in alle Zeiten in alle Länder kehren ein bei diesem Menschen bei
jenem schweben des Nachts über den Häuptern derselben und singen den Herrn
diese glücklichen Menschen sind dann vom nächsten Morgen an die großen Musiker
welche das träumerisch Vernommene zu fesseln suchen und der Welt überliefern So
verbreitet sich der Himmel die verschiedenen Apostel verstehen oft selbst nicht
die Sprache welche sie reden der Dichter nur deutet sie und das tu ich
jeder Walzer ist die Geschichte eines Menschen der sich im leichten Sinne zum
Ewigen durchschaukelt die Symphonie ist schon der Versuch sich einer ganzen
Himmelsgegend zu bemächtigen und der Schluss meines Gedichtes wird dann das
große letzte irdische Musikfest das profane Menschen das Ende der Welt nennen
da löst sie sich auf in verschwebende Harmonie der Mensch wird Ton die
Sinnesrichtungen entwickeln sich als Tonarten der vereinte große Herzschlag der
Menschheit wird Takt das allgemeine Aufgehen in die Gottheit wird Weltenchorus
jene unendliche nur von den zartesten Gemütern geahnte Symphonie der Sphären
    Dies Land hat den Wein erfunden um aus der irdischen Entzückung in die
überirdische zu gelangen Eine junge Gräfin aus der Champagne Lilli heißt sie
versorgt mich mit Champagner Wir lieben einander wie zwei Küsse die sich
unvermutet im Universums begegnen Ich habe sie hier in St Pelagie gefunden
wohin sie nach einer stillen Klause geflüchtet war weil die Welt ihr
Fallstricke legte und ihre Revenuen unvermutet ausgeblieben waren Wir haben
geschwärmt und gedichtet und gerungen miteinander vom Aufgange bis zum
Niedergange es ist endlich still um uns geworden der Priester hat seine Weihe
über uns gesegnet ein Verwandter hat die Schulden bezahlt sie hat den Staub
dieses Hauses von ihren Füßen geschüttelt und ich erwarte jetzt täglich dass
sie auch mir die Palme des Ausgangs senden werde
                                                                         Später
Es hat sich ein junger Mann an mich angeschlossen der zu denen in Frankreich
gehört welche die unruhige haltlose Welt wieder zu einem religiösen
Mittelpunkte führen wollen Er sagt gerade die lebhaftesten Kinder der Welt
müssten zuerst gewonnen sein weil in ihnen die größte Bewegung also auch die
größte Empfänglichkeit herrschte der neue Glaube müsse die Welt mit ihrem Sturm
und Drange des sinnlichen Lebens nicht leugnen sondern just auf den Fittichen
derselben hindurchführen Auch meine Frau hat er hier kennen gelernt und ihr
sehr gut gefallen er geht immer hellblau gekleidet halb elegant halb
orientalisch und in St Pelagie hält er sich nur auf um Proselyten zu machen
Geld hat er hinreichend da er einer großen wohlversehenen Gesellschaft
angehört Wenn ich nicht bald bereit würde so hat er mir versprochen mich aus
seinen Mitteln zu lösen
                                                                         Später
Der wackere Lichtblaue hat Wort gehalten Wir sind sogleich zu Véry gegangen und
haben gut gespeist dann haben wir mein Manuskript in die Druckerei seiner
Gesellschaft gebracht dann bin ich nach meiner Frau ausgewesen Jener Verwandte
war bei ihr und wollte mich eine Zeitlang nicht ins Zimmer lassen  unsere Ehe
ist noch ein Geheimnis Lilli war sehr aufgeräumt obwohl sie mir zu erzählen
hatte dass sie um ihre Güter in der Champagne betrogen sei Sie hat keine
Vorurteile und hat sogleich ihre Fähigkeiten und Kenntnisse in Kontribution
gesetzt sie tanzt und singt an einer scharmanten Bühne und gefällt sehr Der
Lichtblaue und ich wir machen Proselyten unter dem Personal
                                                                         Später
Lilli hat vollkommen recht sie sagt das Geld sei unter Liebenden eine
Nebensache aber wenn die Liebenden in der großen Welt lebten so sei es keine
Nebensache und ich müsste mit meinen Talenten auch etwas verdienen Sie hat mir
mit ihrem Verwandten welcher der vortrefflichste Pierrot von der Welt ist
Unterricht gegeben und ich wirke jetzt schon ganz leidlich als kleiner
Harlekin Der Himmelblaue sagt in dieser Weise könnte meine Einwirkung auf das
Personal immer intimer werden Meine Gage ist noch klein aber der Direktor
meint wenn ich so fortstrebte würde sie wachsen Sobald mein Musikhimmel in
Lettern steht sende ich Dir ein Exemplar die Druckerei scheint sehr langsam zu
arbeiten Ich lege Dir ein Rezept bei zu Kotelettes à la Dejanira sie sind eine
superbe Speise denke dabei an mich Adieu millionen myriadenmal Adieu
 
                           12 Hippolyt an Valerius
Sie haben hier in England so starre Gesetze der Religion und Moral dass die
Ausnahmen nirgends besser schmecken und das junge Geschlecht ist hungrig und
durstig das Gesetz ist einmal der Tod für alle Jugend wenn die Wildheit Gesetz
wäre ich glaube wir lebten dann des Gesetzes wegen zahm
    Unter dem Kreise mit welchem ich mich in Tollheit herumbewege zeichnet
sich mir ein Lord Henry aus von dessen Landsitz ich Dir schreibe Wir sind zur
Jagd hier und zum Ausruhen von den Mühen des Vergnügens  über die saftgrünen
weiten Hügelflächen jagen wir hin mit dem Morgenwinde welcher den Nebel jagt
die langgestreckten Pferde weifen dahin als hätten sie Atem und Kraft der
Götter das Wort Gefahr spricht niemand aus wer stürzt möge sich helfen der
Jockei und die Hunde wissen auch nichts davon Der Körper streckt sich und
prustet Frische in diesem zehrenden Klima die Leiber sind hier lang
aufgeschossen die Hautfarbe ist klar und fein und rot behaucht und es ist zum
ersten Male dass mir diese weißen Menschen nicht unkräftig erscheinen
    Lord Henry ist solch ein langer schmaler Engländer mit schweigendem länglich
englischem Gesichte das so schöne Ähnlichkeit mit dem Kopfe des hiesigen
Pferdes hat Er ist still und verschlossen aber was heraustritt ist so
energisch wie ein donnernder Windstoß aus übrigens ruhender Luft sei es
Meinung sei es Empfindung Das ist überhaupt ein Wort Eurer Sprache welches
ich liebe Empfindung statt dessen sprecht Ihr immer von Gefühl kann sein dass
ich Gefühl nicht habe aber Empfindung hab ich Es soll eine vulkanische
Vergangenheit unter Henrys schweigender Oberfläche und deren Geschichte ruhen
wenigstens erzählt man so an ihm selbst ist nichts zu spüren wenn er das
Berührende findet so steigt der Anteil und Drang in ihm auf wie ein kochender
gewaltiger Strudel wenn der Jockei ein humoristisch Verhältnis trocken
schildert so lacht er tüchtig Er soll zu einer nahen Verwandten in früher
Jugend liebend entbrannt gewesen sein und wie ein Berserker alles beiseite
geworfen haben was im Wege stand donnerndes bljetztreffendes Durcheinander
wird da erzählt  das Mädchen sei aus der Welt verschwunden niemand wisse
wohin
    Ich weiß dass ich Dir ein Greuel bin wenn ich diesen Punkt der
Verwandtschaftsliebe anrühre Dir ist sie ein Zivilisationsfrevel  ich habe nie
Empfindungen deren Ursprung in der Zivilisation ruhte vielleicht hat sie kein
kräftiger Mensch der nicht auch seine Nervenspitzen bis zur Furcht und
Artigkeit erzogen hat und meine Empfindung fragt nicht danach aus welchem
Schoße das Weib stammt welches mein Auge liebt mein Arm begehrt Was taten die
alten Völker wo es an Menschen fehlte Hatten sie solche Skrupel O nein
selbst die sanftesten nicht Hat mein Herz nach den Listen und Tabellen der
Übervölkerung zu fragen Die Griechen brandmarkten nur die Umarmung der eigenen
Mutter jedes Volk hatte seine individuelle Idiosynkrasie ich der ich keinem
allgemeinen also auch keinem Volke mich füge und keiner einzelnen Sitte eines
solchen ich empfinde keine Idiosynkrasie was gehen mich Eure Formeln an Und
ich glaube Lord Henry denkt ebenso
    Morgen machen wir eine Tour zu Pferde durch die Provinz
                                                                         Später
Gestern vormittag kamen wir an den Ausgang eines Eichenwaldes die Sonne
spaltete den Nebel ein stattlich Schloss lag auf dem Hügel vor uns aus der
gotischen Bauweise stammend aber glänzend erhalten dahinter donnerte die
Meeresbrandung Lord Henry rief einem Reitknecht zu vorauszujagen und einen
Besuch des Lord Roldan zu melden Dies ist Henrys Name nicht ich sah ihn
fragend an »Die alte Lady da oben« sagte er »hasst meinen Namen und mich ich
höre es gern wenn ein Todfeind von mir redet ich sitze einem solchen gern
einmal nahe die Aussicht von der alten Abtei da oben soll entzückend sein wir
reiten eben vorüber warum sollen wir nicht ein Stück Rindfleisch da oben essen
Auch soll die Lady eine schöne Tochter haben man sagts denn von uns hat sie
niemand gesehen die Alte kommt seit zehn Jahren nicht nach London«
    Wir wurden in die große steinerne Halle zu Tisch geführt ich denke hier
fortwährend Walter Scotts man sieht durch hohe Bogenfenster weit ins Meer
hinaus seitwärts auf grünes oder waldiges Bergufer Das Schloss ruht von dieser
Seite auf einem Felsen der senkrecht aus dem Meere aufsteigt das Wogenbrausen
ist eine Tafelmusik des ewigen Elements dessen Wellen ab und zu gehen zwischen
den Erdteilen dieses Planeten
    Die alte Lady ist eine hohe vornehme Frau höflich wie ein Buch nicht mehr
sprechend als die strengste Zensur einem Buche erlaubt hätte  sie kam allein
wie wir erwartet hatten wir waren sehr artig und bescheiden und sprachen über
Walter Scott und dessen Romane Es ist reizend wieviel unbefangen romantisches
Interesse in diesen Engländern lebt jede erfundene Person einer Geschichte
jedes Wort das diese spricht jede Wendung welche die Sache nimmt alles
findet hier den freundlichsten Boden findet und weckt den Reiz einer
Geschichte Wie arm seid Ihr dagegen Wo nicht ein Lehrgedanke das Faktum die
Schilderung die Begebenheit unterstützt oder gar rechtfertigt da meint Ihr
Unnützes zu treiben das Törichte nennt Ihr Romanhaftes darum besitzt Ihr auch
den reinen Roman nicht Ihn seid verdorben für reine bloße Bilder die nichts
sein wollen und sein sollen als Bilder
    Wir wurden eingeladen länger zu bleiben Abends zum Tee erschien die
Tochter schlank fein gefärbt wie der Pfirsich mit langen Augenlidern und
reichem Haare zurückhaltend aber naiv ernstaft mit aus der Tiefe
durchschlagender Lustigkeit kalt aber mit durchfliegenden Spuren tiefster
Innigkeit so ist Miss Anna
                                                                         Später
Wir sind noch immer hier Lord Henry der hier Engländer ist vom Scheitel bis
zur Sohle gefällt der alten Lady sehr und Anna gefällt uns beiden dem Lord
außerordentlich Er sieht scheel dazu dass ich sie gern habe ich lache seine
Lordschaft aus
                                                                         Später
Hui wir haben erfahren dass noch eine Dame hier ist Gestern abend bei klarer
Luft ließ wir uns auf dem Boote in der Brandung herumwerfen wir sehen beide
scharf wie Falken und entdeckten am Fenster eine schwarz gekleidete Figur die
nicht die Lady nicht Anna war
    Ohne weiteres sagten wirs so harmlos wie möglich bei unserer Rückkunft
der Lady Sie sagte ja und des Abends erschien die schwarze Dame  Henry fuhr
vom Sessel auf Miss Mary schauerte zusammen sie ist jene Jugendliebe Die alte
Lady scheint nichts Sicheres bemerkt zu haben bei dieser Szene
    Dies schwarz gekleidete Mädchen macht einen wunderbaren Eindruck sie ist
bleich wie Schnee kaum der Duft roten Blutes schimmert durch diese bleichen
Wangen durch diese weißen Hände Dunkles Haar und dunkle Augen heben wie der
lebendige Grundton eines kühnen Schmerzgesanges die in schwarzen Samt gehüllte
Figur Sie ist kein junges Mädchen mehr feine Züge des Leids schweben hin und
her durch das zarte Antlitz aber sie erhöhen die vornehme Tragik der ganzen
Erscheinung ich möchte sagen sie reizen wie das historische Kolorit eines
Romans
    Du weißt wie sehr ich die Jugendfrische des Weibes allem späteren Reize
vorziehe welche gefülltes schönes Fleisch gewähren mögen der Trieb ist mir ein
Knabe der das Wachstum noch vor Augen hat die Reife ist der letzte Schritt vor
dem Welken der Herbst ist magisch des Winters Tod lauert ihm auf der Schulter
aus des vollen Leibes lockender Haut seh ich die Falte lauschen welche der
nächste Erbe ist und nur von Unerfahrenen nicht gesehen wird Nur die junge Form
hat wirklich zeugende Kraft gesunde Sehnsucht echten Drang zeugende die
erfüllte Form hat eine Mattigkeit des Beendeten
    Dennoch sehe ich mit einem schönen Gefühle dies wunderbare Weib Miss Mary
ich erkenne dass ein Zauber dahinter ruht der so mächtig vielleicht mächtiger
sein kann als der Zauber junger Sinneswelt weil eine Atmosphäre darum webt
die etwas haben mag von Kraft des erfahrenen Herzens von Kraft historischer
Welt Dessen ward ich deutlich inne aber gefährlich ist sie mir doch nicht  Du
würdest vielleicht sagen Das ist eben dein Mangel
    Miss Mary sprach bei jenem ersten Erscheinen sehr wenig und ihre Stimme
wankte wie eine unsicher angeschlagene Harfensaite  Henry der beherrschte
Engländer konnte nur mühsam den erregten inneren Sturm niederhalten
                                                                         Später
Die Zeit vergeht es geschieht äußerst wenig und doch ist das Wort Langeweile
ganz unbekannt wir sind alle tief und rastlos bewegt es drängen und murmeln
tiefe Meeresströme unter den innersten Räumen unserer Welt wie sie in der
Wirklichkeit unten am Felsenabhange wühlen
    Wir sind alle wie im halben Somnambulismus die Lady ahnt unklar
Gefährliches aber sie weiß nichts und wehrt in keiner Weise und liebt Henry
Anna liebt ihn wahrscheinlich auch und über Miss Mary schweigt alle Sicherheit
Zuweilen sah ich eine plötzliche Röte ins bleiche Antlitz treten und ich meinte
ein Wachtfeuer auflodern zu sehen das den nahen Todfeind verkündet dann fliegt
ein Schauer über den zarten Leib wie eine kalte Luft rasch durch den heißen
Mittag fliegt
    Das ist ein dämonisches Verhältnis zu Henry ich glaube sie liebt ihn
nicht sie würde eher in meinem Arm weich und glücklich werden so sagt es mir
manchmal ein kleiner Strahl der hinter ihrem Blicke ruht und selten von einem
so geübten Auge wie das meine zu erkennen ist so sagt es mir die elektrische
Kraft welche sich äußert wenn ihr samtenes Kleid an mich streift oder gar die
schönen Finger wie ein Hauch an mich treffen Ihre Hand ist wie ein prächtig
Trauerlied voll melancholischer Lockung das in weiße Seide in köstlichen Stoff
gebunden ist ein wollüstiger Schmerz lockt aus dieser weißen Hand
    Weißt Du es nicht dass die ursprüngliche Neigung Hand und Locke des
schamhaften Mädchens treibt flüchtig wie ein Gedanke aber wirklich den
Geliebten zu berühren Sie weiß es nicht unbekannte Mächte tun es
    Aber das dämonische Verhältnis zu Henry wird nach außen stärker sein es
schließt die starken Ketten immer fester um sie sie schauert aber sie kann
sich nicht wehren die Hände sinken sie stürzt ihm in die Arme von dem sie
weiß dass er ihr Verderber Du wirst es sehen
    Und Henry Demselben Dämon ist er unterworfen und ein ebenso schlimmer der
englische Eigensinn eine Macht über Tod und Möglichkeit hinaus schließt sich
an und macht das tolle Verhältnis zum Verhängnis Henry liebt offenbar mit
aller sinnlichen Liebesneigung und Glut Miss Anna er ist bezaubert von ihr aber
er schlägt die Faust darauf dass es ihn selber zum Äußersten schmerzt und 
strebt nach Mary durchaus nach Mary
                                                                         Später
Es ist ganz so wie ich sagte er liebt Anna aber er will Mary besitzen
durchaus und sollte er sie aus den Wolken reißen
    Wir saßen des Morgens an der Fenstertür des großen Saales vor welcher ein
schmaler steinerner Sitz überem Meere hängt und das tief tosende Element
gleichsam verhöhnt Mary sprach mehr als gewöhnlich das heißt sie sprach denn
sonst schweigt sie meistens das entzückte Anna denn Anna liebt sie zärtlich
und verheisst in der Leidenschaftlichkeit womit sie das zuweilen ausdrückt dem
geliebten Manne einen Himmel von Feuer und Hingebung Sie umarmte Mary mehrmals
und war viel lustiger als sonst die alte strenge Lady war auch nicht zugegen
    Plötzlich stand Lord Roldan auf und führte mich auf die Seite kühl und
trocken also sprechend »Mein Herr Sie kokettieren mit den beiden Frauen die
mein sind mein sein sollen «
    »Beide« fragte ich lächelnd
    »Herr Sie erlauben sich meiner zu lächeln«
    Item er forderte wich und gegen Abend bestieg jeder von uns allein ein
Boot jeder nahm drei wohlgeladene Pistolen mit jeder überließ sich der
stürmischen Brandung Verabredet wars also dass wir aufeinander schießen
wollten so nahe als jeder imstande sei mit Welle und Ruder dem Boote des
anderen zu kommen
    Die Sonne schien klar aber die See ging hoch die Wellen warfen uns bald
nahe aneinander bald trennten sie uns weit Gleichzeitig blitzten die beiden
ersten Schüsse einen Knall hörte im Wogengebrause nur jeder von seinem eigenen
Pistol  wer getroffen wurde und des Ruders nicht mächtig blieb der war
unrettbar verloren
    Das Meer schleuderte uns auseinander keiner wusste ob die Kugel das Ziel
gefunden ich war unverletzt Es dauerte lange eh wir uns deutlich wieder
erblickten Lord Henry griff nach dem Pistol und zielte wie ich Die zweiten
Schüsse fielen ich sah dass Lord Henry das Ruder entglitt und er in den Raum
seines Bootes zurücksank die hochgehende Woge fasste sein Fahrzeug und
schleuderte es von dannen Ich strengte alle Kräfte an um es zu erreichen
damit er nicht das Opfer seines übermütigen Eigensinnes werde denn bei aller
feindseligen Betroffenheit davon liebe ich diese gewaltsame Natur und ich
setzte mein eigenes Leben daran um sie nicht dem wilden Elemente als Beute zu
lassen Aber meine Kräfte erschöpften sich jener Zustand der Schwäche der mir
so verhasst ist trat ein mein Geist schlug umsonst in den unmächtig werdenden
Körper hinein  da beschämten mich die Wellen sie warfen mir plötzlich Henrys
Boot entgegen ich sprang mit meinem Ruder hinein und überließ meinen Kahn dem
Meere
    Lord Henry lag blutend am Boden ich band mein Taschentuch um die Wunde und
legte ihn so wie es am wenigsten schmerzhaft zu sein schien
    Wir lachten beide auf  um ein Nichts um eine Kaprice vernichtet der Mensch
den anderen »Was soll mir aber das Leben« rief Henry »wenn ich nicht damit
schalten kann wie es mein wechselnder Wille eben heischt wer für das Leben
sorgt der lebt nicht dem ists eine Bürde was ich bewachen muss das ist nicht
mein und der eingeschränkte Besitz ist nur einer für die Knechte«
    Wir waren nun aber weit ins Meer hinausgetrieben und der Abend fiel dunkel
herab ich arbeitete dass der Schweiß in Strömen über mich stürzte die Sterne
gingen auf Henry ward totenstill die Wunde musste in der kalten Nachtluft
heftig schmerzen aber er verriet es nicht mit einem Laute
    Ich brach zusammen als ich das Boot endlich aus Ufer geworfen hatte und es
blieb mir doch noch die schwere Last Henrys den ich bis ans Schloss zu tragen
hatte Er ließ es nicht geschehen und schleppte sich auf meine Schulter
gestützt mit eigener Kraft
    Die Strenge der Umgangssitten in diesem Lande drückte schwer Miss Anna
verging vor Angst den leidenden Henry nicht sehen nicht pflegen zu können
    Ich verließ sein Zimmer nicht einem Machtlosen will ich nichts streitig
machen ich sah Miss Mary mit keinem Auge wir sprachen viel sehr viel
besonders über die Schwäche der Menschen
    Als er soweit wiederhergestellt war um im Zimmer umherzugehen ging ich zum
ersten Male von ihm um in freier rascher Bewegung Luft zu schöpfen ich ließ
ein Pferd satteln und jagte umher bis tief in den Abend hinein
    Das hatte die wildeste Eifersucht von neuem in ihm erweckt sein Gedanke
war ich könnte bei Miss Mary sein er ergreift eine Waffe und eilt nach den
Zimmern der Meerseite wo die Mädchen wohnen er dringt unbemerkt bis an ihre
Gemächer er hört Anna und Mary sprechen sie sind allein beruhigt schleicht er
zurück in den Saal da hört er vom andern Eingange desselben die Lady kommen Um
keinen Preis der Welt will er gesehen sein die Tür nach den Zimmern der Mädchen
hin ist noch offen der Verdacht die Indiskretion dieser ganze Sittenbruch
ein Engländer empfindet ihn wie eine Todsünde Aber es ist kein Ausweg übrig als
durch die große Fenstertür nach dem Meere sie ist einige Ellen hoch von
bergendem Holze hinter welchem man sich niederkauern kann auf der schmalen
Steinplatte die draußen über dem Meere hängt die Nacht ist dunkel Er ergreift
hastig diesen Ausweg und zieht die Türe leise an sich ohne sie ins Schloss zu
werfen denn wenn dies letztere geschieht so ist er ausgesperrt sie ist nur
vom Saale aus zu öffnen
    In dem peinlichen Momente wo die Lady mit einem leuchtenden Diener den Saal
entlang kommt bemerkt er kaum die entsetzliche Situation auf schmalem Raume
ohne Anhalt dicht über dem tiefen Abgrunde zu sein
    Die Lady kommt bis an die Tür schilt den Diener dass man das oft Gebotene
nicht beachte hat die Tür nicht geschlossen sei und drückt sie fest ins Schloss
 der Rückweg ist ihm abgeschnitten Die Lady geht in das Nebenzimmer von neuem
scheltend dass auch dorthin die Tür offen sei der Diener beteuert es sei
niemand dagewesen
    Das Nebenzimmer ist der Lady Schlafgemach die Kammerfrau kommt um die
Herrin zu entkleiden also auch die Hoffnung schwindet ein Fenster der Tür
einzubrechen und dadurch den Rückzug zu gewinnen das Geräusch würde die Lady
wecken mit Entsetzen wird er inne dass auch die Kammerfrau in der Nähe schläft
Die Lady dürfte im äußersten Falle das Missliche erfahren niemals aber eine
Dienerin
    Es wird still im Schloss die Lichter verlöschen aber dem reichen stolzen
Lord ergeht es hart Wind und Regen machen sich auf vom Meere sie überfallen
ihn der sich vor Frost kaum noch erhält Unbeweglich muss er stehen  denn jetzt
hat er sich wenigstens aufgerichtet  ein fester Anhalt ist nirgends wie immer
zieht die Gefahr wie eine Sirene der ganze Körper will im wüsten Schwindel nach
dem Abgrunde zu er kommt aus dem Krankenzimmer und ist mit Leichtigkeit von
Nachtluft Regen und unbequemer Stellung vernichtet  Er entschließt sich
lieber selbst hinabzuspringen der stolze freche Lord der sonst die dicksten
Taue des Menschenverkehrs ohne weiteres zerreißt er ist von diesem
Spinnwebfaden der Ehrensitte dergestalt umrankt dass er eher sich als einen
Schatten Anstand seiner Wirtin opfern will Dies sind Geheimnisse spezieller
Zivilisation
    Ich kam spät nach Hause und weil ich kein Licht in Henrys Zimmer sah so
meinte ich er sei zu Bett es war mir willkommen nun einmal nach mancher
gestörten Nacht fest schlafen zu können ich verriegle die Tür meines Gemachs
und liege bald im tiefsten Schlummer Henrys Reitknecht sagte mir am andern
Morgen er habe umsonst gepocht und gelärmt an meiner Türe da er seinen Herrn
vermisst und bei mir Rat gewollt habe Ich erinnere mich nur einen Augenblick
erwacht zu sein und mich beglückwünscht zu haben dass ich bei dem Sturm und
Regen der an die Fenster schlug im Trockenen und Sicheren sei
    Die Lust am Leben welche allen Geschöpfen innewohnt und welche die größten
Empfindungen gemacht hat trieb Lord Henry endlich auch zu einem Entschlusse und
Versuche  das Pistol welches er von seinem Zimmer mitgenommen lag neben ihm
auf der Steinplatte er unternahm noch einmal das Gefährliche sich zu bücken
und mit erstarrter Hand danach zu greifen Es gelang und er zielte nun mitten
ins Schloss der Tür hinein um sie aufzusprengen und mit einem tüchtigen Rucke
in den Saal und von dort rasch ehe jemand in den Weg treten könne auf den
Gang nach seinem Zimmer zu kommen
    Der Schuss versagte  Henry zwang seinen Sinn vor sich selbst zur Ruhe zum
Gleichmut zog das Gewehr noch einmal langsam auf drückte noch einmal ab es
knallte und krachte es gelang
    Natürlich geriet da oben alles in Bewegung man stürzte hinzu man fand das
Unerklärliche man mutmasste nach allen Richtungen  Henry um alledem eine
andere Wendung zu geben warb am nächsten Morgen um die Hand der Miss Anna
entdeckte der Lady seinen wahren Namen
    Bestürzt und erfreut trieb sie zur augenblicklichen Reise nach London damit
dort die Hochzeit gehalten würde Bestürzt war sie um Marys willen die einst
just vor Henry zu ihr gerettet worden war erfreut war sie weil Anna in
glühender Liebe für den Lord brannte weil ihr selbst der Schwiegersohn
wohlgefiel
    Es war noch nicht Mittag da fuhren wir alle gen London ich musste Harrys
Bitten weichen ich musste mit denn Mary blieb zurück weder er noch ich hatte
sie wieder gesehen
                                                                         Später
Seit der Zeit sind Wochen vergangen das Ehepaar schwelgt in den Flitterwochen
ich konnte das charaktervolle Bild Marys nicht vergessen und ihre verzauberte
Einsamkeit auf der Abtei in einer Stunde des Gedankens daran warf ich mich aufs
Pferd und ritt Tag und Nacht hinaus nach dem Felsenschlosse Jm Walde vor dem
Hügel ließ ich das Pferd meinem Burschen und eilte hinauf niemand begegnete
mir ich kam in den Saal Mary saß am Fenster und schaute ins Meer hinaus das
dunkle Haar hing aufgelöst über den bloßen Nacken und das schwarze Samtkleid
herab sie glich einer Balladenkönigin und hob staunenden Rufs ihre Arme da
sie mich sah
Das Kleid war schwarz der Leib war weiß
Die Hand war kalt das Herz war heiß
Sie wehrte rang und küsste 
    Es gibt Dämonen die ihre Krallen tief herein strecken in die Welt glaub
mirs Sie schüttelten dies Weib selbst in meinen Armen sie gönnten ihr keine
Ruhe kein Glück in den Träumen rang sie mit Henry
    Und diesem erging es ebenso von der Seite des liebenden und geliebten
Weibes ward er zur Nachtzeit getrieben und er flog nach der Abtei und als ich
nach einem Jagdausfluge von zwei Tagen zurückkehrte da stand Mary hinter der
offenen Fenstertür des Saales auf der Steinschwelle die über dem Meere hängt
ihr Samtkleid hing zerrissen an der einen Schulter das Haar flog aufgelöst im
Winde sie sang Liederverse Opheliens und mich kannte sie nicht mehr Es war
grausig und ich entfloh zum zweiten Male
    Lord Henry ist nicht wieder gesehen worden in Altengland
    Ich habe sonst ein fatumhartes Wesen ich kann arge Dinge sehen wie sie die
Menschen Unglück nennen und sehr unbefangen dabei bleiben für mich hat die
Welt starke Nerven weil sie ihr meiner Meinung nach notwendig sind Wir sind
wie Tiere in den Wald gesetzt und haben uns unserer Haut zu wehren Aber es
schauerte mich als ich am Eingange des Eichenwaldes mich noch einmal umwendete
und die verödete Abtei da oben sah das zürnende Meer dahinter hörte Wie lag
sie damals sonnenfröhlich da Wir haben unsern Fuß hineingesetzt und der Dämon
ist auf unsern Schultern gekommen  jetzt ist sie verwüstet
    Ich muss der Welt nicht mehr Gesicht zu Gesicht gegenüberstehen denn wo ich
hinblicke richt ich Unglück an oder helfe es anrichten Und wo kein Glück
mehr ist da ist der Tod Glück ist eben das richtige Verhältnis Ich habs
verloren  pah ich muss doch weiter
    Mit welcher Mühe entrinn ich der alten Lady der verzweifelnden über
ungewisse Verlassenheit hinstarrenden Anna So jung so rot so lebenswarm so
vertrauend so hingebend so schön so gut so lieb und so vernichtet Wenns
mich rührt Valerius wie muss es sein
    Gehts nicht auch mit mir zu Ende Ich erschrecke ich fliehe ich bedauere
 wie will das in mein Leben passen
    Sie verfolgen mich diese unglücklichen Weiber ich soll ihnen Auskunft
geben oder mit ihnen nach Auskunft suchen über Lord Henry
    Die stolzen schweigsamen Ladys diese schwarz gebundenen Velinbücher
welche die Sitte mit goldenen Spangen verschließt mit nördlichem Reife
behaucht und in denen morgenländisch glühende Märchen ruhen sie betrachten
mich kalt und scheu und neugierig Diese Vereinigung im Blicke ist echt
englisch Um solcher Welt der Untersuchung zu entgehen schliess ich mich an die
Genossen tollen Lebens ich brauche eine kräftigere Bewegung als sie das
Nachdenken über unabänderlich Geschehenes bietet  manche Nacht sprangen wir
durch die gaslichten Straßen hinaus in die Nacht um ein Landhaus zu besuchen
wo eine fröhliche Wirtschaft gedeiht Mädchen aus Afrika Bajaderen aus
Ostindien verschlossene Amerikanerinnen verschleierte Ladys verlarvte Kinder
begegnen uns dort Prinz Heinz hat reizloser liederlich gelebt
    Es ist ein Mädchen dort von allen die Perle genannt die mich wunderbar
fesselt obwohl sie mir niemals ihr Antlitz zeigt sie kleidet sich frei und
prächtig wie eine Indierin sie tanzt mit dem Tamburin zum Entzücken alle
übrigen haben ihr Antlitz gesehen und nennen sie schön zum Erstaunen alle
übrigen haben mit ihr geredet und finden sie liebenswürdig zum Berauschen  mir
nur zeigt sie ihr Antlitz nicht mir nur gönnt sie kein Wort aber sie sucht
mich sie hört mich sie verständigt sich mir durch die reizendste Pantomime
Perle du reizest mich zum Äußersten erhöre mich auch erfülle den Reiz Sie
schüttelt mit dem Kopfe
    Ich jagte heut allein hinaus und fand »die Perle« in einem mystisch
beleuchteten Zimmer wie es die deutschen Romanschreiber gern für
Liebesabenteuer schildern Umsonst drohte ich bat ich flehte ich sie den
verhüllenden Schleier vom Gesicht zu ziehen ein Wort zu sprechen umsonst Aber
übrigens war sie sanft war sie hingebend wiegte mich in süße Verlangnisse
überschüttete jene Neugier mit Wollust Als ich darein verloren war und sie
verloren glaubte raffte ich mich auf und riss ihr den Schleier vom Haupte  wen
erblickt ich und was erfuhr ich Nur ein Moment blieb mir Freiheit Margaritens
schönes aber tödlich drohendes Antlitz zu sehen im nächsten Augenblicke hatte
ich mit aller Anstrengung um mein Leben zu kämpfen Sie hatte behend wie eine
Schlange den leichten Schal ihres Halses um meinen Nacken geschürzt sie
schnürte ihn mit aller Kraft zusammen um mich zu erdrosseln  es war ein Ringen
um Leben und Tod mit einem starken wütenden Mädchen
    Als ich sie mühsam überwältigt und nach Luft geschöpft hatte lag sie
zitternd am Boden zitternd von der gewaltsamen Anstrengung und vor Wut  »Du
hast mich zur Bajadere gemacht« sagte sie halb erstickter Stimme »mache mich
auch zur Leiche oder ich werde dich verfolgen bis ich dich erwürgt habe«
    Ich eilte von dannen Dies schreib ich auf einem amerikanischen Schiffe
das auf Wind harrt um die Anker zu lichten Am Strande von wo ich ins Boot
sprang sah ich von neuem Margarita sie war es sicherlich obwohl ein dichter
Mantel und Schleier sie verhüllten wer könnte sonst die Worte sprechen die ich
deutlich bis auf die kleinste Silbe vernahm
    »Wo du auch hingehst meine Rache wird neben dir sein«
    Versuchs rachlustig Mädchen durch den Ozean zu schwimmen Leb wohl
sanfter Deutscher
 
                           13 Valerius an Hippolyt
Unsere Naturen schieden sich für immer Du gibst auf eine grob sinnliche Weise
so ganz und gar jedem Gelüste fraglos nach dass Dir am Ende gar kein Unterschied
mehr übrig bleibt von dem bloß Animalischen Wenn die Bildung nicht eine
gemeinschaftliche Natur wird mit dem was Sinn und Körper heischt und was der
einschränkende und ordnende Geist zulässt oder gebietet wenn sich nicht eine Ehe
geordneter Art zwischen Leib und Seele bewerkstelligen lässt dann hinaus mit dem
Menschen unter die Tiere des Waldes oder der Wüste er überhebt sich ihrer in
keiner andern Weise als dass seine Sinne vielleicht noch raffinieren
    Möge hie und da ein einzelner Mensch Deiner Gattung übrig bleiben wie man
für Wissenschaft und Kunst eine Urpflanze ein Urgeschöpf aufbewahrt um stets
ein echtes Bild vor sich zu haben wonach die Ausbildung geregelt werde möge
einem Geiste wie dem meinigen noch oft eine Erquickung ein Spekulationswecker
aufstehen in einem Menschen wie Du in einem teilnahmsvollen Verhältnisse wie
zwischen uns  aber die zivilisierte Welt muss Dich vernichten wie ganze
Gegenden ausziehen um einen Wolf zu erlegen Fahre wohl Ich werde Deiner
gedenken und zwar mit einer Liebe wie ich sie vielleicht allein auf der Welt
für Dich haben kann weil ich allein Deine innerlichste Menschenbedeutung
erkenne
    Wundere Dich nicht beklage Dich nicht Wer keine Beschränkung duldet der
duldet auch keine Liebe Du vereinsamst Dich für Deine Lust und so wirst Du
auch vereinsamt und vogelfrei für jeden Schützen der auf Dich zielen will so
vereinsamst Du Dich auch zum Tode Fahre wohl Ich sehe Dich einsam erschlagen
am Meeresstrande eines fernen Weltteils liegen Deine zornige Seele ringt sich
mühevoll vom starken widerspenstigen Leibe und stürzt drohend ins All hinaus
um ihre Verbindung mit der Gottheit zu suchen ihre unmittelbare Verbindung
Armer Hippolytos Das ist eben der tragische Mensch dass er nur mittelbar der
Gottheit sich bemächtigen kann und es ist wenig Aussicht vorhanden dass die
Unmittelbarkeit gleich nach diesem Leben eintreten werde Armer Hippolytos
    Jawohl jawohl wir haben uns einst alle erhoben für die Freiheit aber die
Freiheit für Zivilisierte ist nur ein freies Gesetz ja wohl haben wir uns
erhoben für den wahrhaften echten Verkehr zwischen den Geschlechtern und gegen
die lügenhafte Ehe aber nur gegen die lügenhafte wo in Wahrheit zwei Wesen in
eines aufgehen da ist eine Erfüllung des Menschentums gewonnen Was mir eine
Geliebte zurief das bezeichnet für mich den wahren Standpunkt sie sagte den
verehelichten Personen gelte der Kampf nicht der Ehe
    Haltet die Ehe offen wie der Herr des Himmels seine Hand offen erhält für
den wahrhaft notwendigen Wechsel der irdischen Welt den Wechsel von Tag zu
Nacht von Schnee zu Blumen schüttelt die Personen welche durch Lüge mit dem
Institute Frevel treiben schützet diejenigen welche von der Unwahrheit einer
Verbindung gefesselt und zertrümmert werden kämpft gegen und für die
Verehelichten haltet die Tür der Erfindung offen doch vermengt damit nicht die
Ehe selbst
    Aber ist Dein Verhältnis zum Weibe etwas anderes als ein Krieg ein
Raubzug Soll ihn das Weib guteissen kann ihn der Mann loben Du willst vom
Weibe nur die Lust das Weib kann aber auch ein Herz geben eine Ewigkeit darin
und vergleichen willst Du nicht weil Dus nicht brauchen kannst Du vernichtest
also das Weib
    Fahre wohl Der Schrecken wird Dich ereilen in der freien Welt Amerikas
Dort ist die Freiheit ein Rechenexempel und ein schlimmeres als das um
deswillen Du Europa fliehst In einer durchwirkten alten Welt sind die Zahlen
dieser unpoetische Behelf abgestumpft und die Mannigfaltigkeit entschädigt für
einzelnes Missfällige  dort drüben in der amerikanischen Anfänglichkeit stehen
sie noch nackt und einzeln da wie ein Pfahlwerk das die Zeit überkleiden soll
und an diesem Pfahlwerke wirst Du gespiesst Ein Rechenexempel ein Pfahlwerk der
Freiheit ist dem poetischen Gelüste viel unerträglicher als eine bekleidete mit
geschichtlichem Moos bewachsene Untertänigkeit der bloße Begriff ist ein
Rezept die Gewohnheit aber ist eine Speise und Speise braucht der Mensch
Fahre wohl
    Ich bin wirklich von Grünschloss nächtlicherweile ins Gebirg gewandelt und
habe als Kohlenbrenner die Berge durchstrichen aufwärts und abwärts Hier in
einem abgelegenen Tale saß ich eines Morgens und labte mich an dem harten
schwarzen Brote das in meinem Schnappsacke zu finden war die Sonne schien die
Vögel sangen mein Leib war gesundet und gekräftigt mit ihm mein Geist ich
dachte damals Ei nun du bist ja nicht allein klug in der Welt sie wirds so
gut machen und besser als du lass sie gewähren glaube ihr betrachte sinne
dichte von neuem aber im kleinen Mit der großen Welt bist du gescheitert
versuchs mit dem verjüngten Maßstabe harke die Erde pflanze Kohl wirke auf
den Nachbar suche das Nächste wage dich nur langsam und äußerst vorsichtig mit
dem Schluße mit der Forderung ins Allgemeine
    Da trat ein Bauer zu mir der aus dem Holze kam und grüßte mich er fragte
ob ich feirig sei und warb meine Fäuste und meine Tageszeit Und zwar für
seinen Garten für seine Baumschule wenn ich dergleichen verstünde »denn Ihr
seht mir« meinte er »nicht so recht aus wie Feldarbeit« Ich verstands und
es schickte sich gut es gedieh die Frucht und des Abends schwatzte der Bauer
mit mir und ließ sich erzählen und Ratschläge geben  es erquickte mich die
Macht des Geistes zu sehen des unbefangenen Geistes wie er sich abgesetzt hat
in mir durch soviel Erfahrung und Gedanken Es war mir Freude und Genugtuung
einen Erfolg solches unparteiischen lass mich sagen naiven Geistes auf den
Bauersmann zu sehen ich sprach nicht in Kategorien nicht im Jargon unserer
Kultur und es trat ein wirklich bildendes Verhältnis zwischen uns ein  was
erkannte ich Ach Nach bestimmten Zielen rennt man verfehlt sie und lässt die
Arme sinken man glaubt umsonst gestrebt und gewagt zu haben aber der Anfall
macht uns aufmerksam dass wir zu einem ganz anderen Besitze gekommen sind
zwischen den Fugen in denen wir uns bewegt zwischen den Fingern mit denen wir
gerafft und nichts errafft haben sind feine Sommerfäden hangen geblieben
Fäden welche eine Verkündigung stillen glücklichen Sommers sind Die Welt
besiegt man nicht aber einzelne Leitgedanken einzelne Weisheit derselben
siedeln sich unserer Seele an und statt der Herrschaft über das Ganze nach
welcher wir ausgezogen sind in Kampf und Streit finden wir eine Herrschaft über
uns selbst einen Aplomb unserer selbst eine Entsagung aus welcher heraus eine
Macht und Herrschaft unserem Geiste wächst größer und dichter denn alle
äußerliche
    Der Bauersmann erzählte seinem Herrn welch einen Gärtner er gewonnen der
Herr kam ich fand mit Leichtigkeit den höheren richtigen Bezug zu ihn ohne
ganz meinen Charakter zu verleugnen ohne das System aufzugeben dass mir die
Welt noch einmal von der Einzelnheit und von der Resignation aus zu erobern sei
Ich gefiel auch ihm  die Fassung das Verhältnis in welchem etwas erscheint
macht ja alles die meiste Beziehung welche in der Welt existiert ist ja in
den ersten tausend Jahren der Welt aufgefunden worden das Verhältnis in
welches diese Beziehungen zueinander gebracht werden dies allein ist das Neue
das Reizende ist die Aufgabe So war denn der weise Gärtner dem Gutsherrn ein
Wunder ich musste aufs Schloss musste einen großen Teil der Verwaltung
übernehmen mein Regiment über Obstbäume und den Bauer wuchs solchergestalt
reißend der Schlossherr jung und wacker hat es mir nach und nach über sich
selbst eingeräumt er weiß dass ich kein Gärtner bin dass ich eine bewegte
Geschichte habe aber wir schweigen darüber Die Polizei aus jenem Staate
drüben die mich für den Mörder Konstantins und Juliens hält soll mich nicht
quälen und ich will deshalb in der Stille bleiben Diesem über mir schaukelnden
Schwerte das meine Bewegung bannt sehe ich ruhig zu früher allerdings hätte
ich dies nicht vermocht wer aber resigniert hat ist viel stärker als wer
alles besitzt Ein Durchreisender kann mich allerdings erkennen denunzieren
aber ich denke es wird nicht geschehen
    Meine Macht wollte noch weiter hinaus der Gouverneur des Distrikts von
meinem Gutsherrn unterrichtet ließ sich mit mir ein wollte mir ein groß
Regiment anvertrauen ich hab es abgelehnt weil ich dabei wieder in die
Unsicherheit des offenen Meeres geworfen würde und weil ich fühle dass meine
Kraft und Ruhe doch noch sehr jung und schmächtig ist möge sie höher und
breiter und möge ihre Rinde wachsen mit den Jahren Fast berauschte es mich
schon wie dieser Weg des kleinen Schrittes doch so rasch und sicher zu großer
Herrschaft führe wer noch berauscht wird der ist noch zu jung Nicht wahr ich
werde ein Philister s ist nicht so arg mancherlei Hoffnung sogar mancherlei
Überschwenglichkeit schlägt schon wieder die Flügel in mir Wenn ich noch einmal
lieben könnte dann wäre alles gut ich fürchte aber diesen schönsten Keim
haben mir die Nachtfröste verdorben
    Ein ganz verschwiegen Tal  freilich ist mir die Verschwiegenheit gar zu
wünschenswert geworden  ein Tal mit der Ruhe und warmen Fruchtbarkeit des
Paradieses habe ich aufgefunden dort baue ich mir ein zierlich heimlich Haus
ich bin sehr gut bezahlt und habe das Geld dazu es wächst täglich und rundet
und schließt sich im freien Schatten dunkler Kastanienbäume die für mein
Sonnenherz eine große Spalte nach Morgen offen und frei lassen Du glaubst
nicht was mir das für Freude gewährt solch ein eigenes Besitztum zu schaffen
einen wunderbaren ganz neuen Reiz Ists ein Egoismus o lasst mir die kleine
Sünde ich stelle auch keine unbedingten Verlangnisse mehr an Euch ich bin
nicht mehr kategorisch seids auch nicht gegen mich Wirklich die größte
Freude Hippolyt Heute habe ich sogar eine Spekulation mit gewagt eine
industrielle die ich mit all meiner Erfahrung ausgerechnet habe Walden mein
Gutsherr sagt »Wenn sie gelingt so soll Ihr Gewinn das ganze Tal sein wo Sie
Ihr Haus bauen und ich rüste Ihnen die Besitzung mit zwei Stück Stammvieh von
jeder Sorte aus von Pferden von Ochsen von Kühen von Schafen von Ziegen« 
denke Dir dann hätte ich eine ganz vollkommene Wirtschaft Aus dem
unglücklichen Weltreformator würde ein beschränkter Landwirt dessen Besorgnis
das Kalben einer Kuh wäre  spotte zu ich bin gesund beschäftigt in diesem
Treiben und die große Welt in mir stirbt darüber nicht o sie ist so
geschäftig im Kleinen
    Triumph Es ist gelungen Ich bin Herr meines Tales der Besitz ein Wort
das uns bisher immer unbekannt geblieben ist rankt seine weichen
verführerischen Arme um mich und seine Macht ist im so größer weil ich ihn
selbst erworben habe Das Geschenk berauscht das Erworbene beglückt und
fesselt Der Regen welcher vom Himmel fällt der Sonnenblick welcher sich
durchdrängt und einen Wechsel verheisst sie haben jetzt einen viel wichtigeren
Bezug auf mich sie wirken zum Gedeihen meiner Frucht sie bestimmen die
jedesmalige Anordnung des Geschäfts ich gehöre jetzt zur großen Familie Gottes
welcher die Erde zur Verwaltung übergeben ist Denen die draußen sind die
umherschweifen lose über die besetzte Erde bleibe die Spekulation die
stürmische ins allgemeine brausende den anderen aber bleibe ungestört die
nächste Sorge die Verteidigung des Ruhenden  aus diesem Gemisch bilde sich die
Welt weiter aber es verachte mir keines das andere Und kommt man auf meinem
Wege zum Eigentume so entweicht die Spekulation nicht auch dem Ruhenden
kreiset das Blut aber sie geht in kleineren Schritten Trotzdem arbeitet sie
unablässig lass mir den kleineren Schritt
    Bin ich furchtsam geworden Du wirst es sagen aber ich habe eine Erfahrung
gemacht die mir einen andern Gedanken aufdrängt der Mut lässt sich nicht als
etwas Allgemeines aufstellen und verlangen so wie das Verdienst und der Fehler
bei jedem einzelnen ein eigenes sind so ist auch der Mut für jeden einzelnen
ein anderer Wenn er hinausgeht aus der eigentümlichen Bildung und Anlage des
Menschen so wird er ein forcierter ungedeihlicher  ich habs mit Schrecken
eingesehen Höre
    Mein Haus und Land waren bestellt ich konnte abkommen bestieg meinen
Klepper um aus meinem Zauberkreise wieder einmal in die Welt hineinzusehen Du
baust dich vielleicht in einen Irrtum ein sprach mein Geist zu mir du befängst
dich in Abgeschiedenheit betrachte rasch die fremde Welt mit einem prüfenden
Blicke Einige Meilen von uns liegt ein Bergstädtchen wo sich viele Straßen
kreuzen mancherlei Fremde zusammenfinden wo ein reger Menschenverkehr sich
bewegt  dorthin ritt ich und siedelte mich an um einige Wochen zuzuschauen
    Wen fand ich dort Ich trat in eine kleine Gesellschaft und an meinen Hals
flog Kamilla Die Leute guckten steckten die Köpfe zueinander verwunderten
fragten sich Das arme Mädchen war zu einer Verwandten hierher geflüchtet und
lebte still und anspruchslos   da erscheine ich der natürlichste Gedanke dass
ich sie aufgesucht fliegt wie ein Frühlingswind durch ihr Herz sie fragt
nicht sie beachtet nicht sie liebt das gute Mädchen
    »Du hast eine Antipathie gegen de Ehe« sagte sie »Valerius widersprich
nicht ich weiß es sie soll dir nicht gestört werden ich komme zu dir als
deine Geliebte ich will nie mehr sein als deine Geliebte nimm mich auf Was
kümmert mich sonst in der Welt als deine Liebe lass die Leute reden lächle
doch«
    Bin ich furchtsam den Formen dem Geklatsch unterworfen Es scheint so
denn ich ertrug es nicht dass man mit Fingern auf uns wies dass die
kläglichsten ordinärsten Weiber ihren Stuhl wegrückten wenn sich Kamilla neben
sie setzte Kamilla ein Engel neben diesem Tross Futter für Hebammen  ich sah
das Nichts dieser Geschöpfe wusste dass sie keinen Begriff davon hätten was
bloße Form was höhere innere Wahrheit was wirkliche Sittlichkeit sei ich
wusste alles aber ich ertrug es nicht Ich litt Folterqual für Kamilla Sie die
Feinfühlende empfand es nur zu bald Eines Abends waren wir in einem
öffentlichen Salon wo ein allgemeines Fest gefeiert wurde man setzte sich an
eine große Tafel um zu speisen es blieben für uns an einer Ecke zwei Plätze
leer wir gehen darauf zu eine ordinäre Kaufmannsfrau von der plebejsten Form
und Gesinnung sitzt auf dem angrenzenden Stichle sieht uns kommen steht von
ihrem Sessel auf legt ihn um setzt sich auf einen der beiden Plätze die wir
einnehmen wollten Ich frage höflich ob sie diese Stühle noch besetzen wolle
»Ja« erwidert sie mit lauter Stimme »ich will nicht neben einer Liebhaberin
sitzen dazu ist mir meine Reputation zu lieb« All mein Blut trat mir aus dem
Gesicht ins Herz zusammen ich erinnere mich kaum je eine solche Wut empfunden
zu haben ich fasste sie bei der Hand dass ihr wohl Hören und Sehen wenigstens
das Schreien vergehen mochte zog sie in die Höhe führte sie zwei Schritte
hinter den Stuhl und ihr sagend »Madame verkaufen Sie Bindfaden und bleiben
Sie unbekümmert um sonst etwas« gab ich Kamilla die Hand und wir setzten uns
O dieser Zustand Das ging nun wie ein Rottenfeuer um die Tafel herum bald
lauter bald leiser durchweg mit einem Ausbruch gegen uns drohend alles sah
auf uns ich schlang Gift hinunter mit dem Essen und die Rache mir sonst so
fremd schrie in mir Kamilla diesen Engel wie kannst du ihn rächen an der
Brutalität des Packs  je fremder diese Stimmung in meinem jetzigen Wesen war
desto verheerender tobte sie in mir umher
    Am andern Morgen war Kamilla verschwunden der Torschreiber hatte sie mit
einem Bündel unter dem Arme bei grauendem Tage fortwandern sehen ich schickte
Boten nach allen Richtungen ich jagte selbst nach allen Seiten umsonst Und
ich wusste obenein dass sie mittellos hinausgegangen war in die fremde
feindliche Welt ich war in Verzweiflung Ein Zettel allein auf meinem
Nachttische war mir geblieben folgender
        »Du hast nicht das Wesen Valerius ein illegales Verhältnis zu
        ertragen Du leidest Du sollst aber glücklich sein Ich gehe folge mir
        nicht mein Lieber es gibt nichts Gutes für Dich wenn Du mich fändest
        Meiner herzinnigsten unverbrüchlichsten Liebe für Zeit und Ewigkeit sei
        ganz gewiss suche Dir ein Eheweib sie wird Dich beglücken Du schläfst
        fest während ich dies schreibe ich küsse Dich noch einmal leise und
        schlucke den Tränenstrom hinunter damit er Dich nicht wecke dann geh
        ich für immer Bis an meinen Tod will ich für Dich beten Deine ach
        bis in die geheimste Faser des Herzens
                        Deine
                                                                       Kamilla«
    Wochen sind vergangen alle Nachforschung bleibt vergebens
 
                           14 Hippolyt an Valerius
                                                                  Auf dem Meere
Der Tag zieht eintönig vorüber die Nacht mit dem blitzenden Himmel steigt
einmal wie das andere herauf langsam und unmerklich entfernen sich die
europäischen Sternbilder das Meer rauscht und streicht hebt sich und fällt
einmal wie das andere  ich habe sie gewünscht diese großen
Elementarverhältnisse der Welt sie haben mich oft gestärkt Auch sie werden mir
einförmig und öde Du hast vielleicht recht ich brauche eine andere Welt
vielleicht da oben auf dem rotblinkenden Mars find ich Genüge in der Sonne
selbst vielleicht find ich Leben Auch wenn sie drückt und brennt und die
Menschen niederwirft ist sie mein Gestirn ich bin daheim wenn sie da ist ich
liebe sie selbst die versengende möcht ich umarmen
    Groll und Galle und Wildheit bleibt in meinem Herzen auch die
Meereseinsamkeit hilft nicht dagegen das europäische Land bleibt in mir liegen
ich sehe darauf hin wie auf einen bewegten schwarzen Ameisenhaufen es zuckt
mir in der Hand eine hohe Woge zu fassen und darüber hin zu schütten bis
nichts übrig wäre als unbelebter Boden Die Welt im ganzen ist anders gebildet
worden als ich sie haben möchte Die Geschichte hat nur für die Philister eine
Welt erfunden eine Zivilisation Ihr könnt nicht anders fertig werden als wenn
Millionen gekleidet sind einer wie der andere denken wünschen handeln einer
wie der andere die Gleichförmigkeit ist Euer einziges Mittel des
Beisammenlebens  ein trauriges mordendes Mittel Ich bin überzeugt dass erst
die unterste Klasse der Erdentwicklung erfüllt ist wenn Ihr das klägliche Ziel
erreicht und alles unter einen Hut unter eine Decke gebracht habt dann wird
die zweite die bedeutendere Entwicklung beginnen nach der ich schmachte die
Entwicklung der Mannigfaltigkeit der Tausend der Millionenfaltigkeit Dann
wird jeder ein eigener Mensch werden nach seinem Geschmack sich kleiden nach
seiner wirklichen Eigenheit reden nach seinem echten Herzen tun ohne dass der
in der Einzelnheit ohnmächtige Haufe erschrickt oder Schaden leidet Eure
Menschheit ist eine Hammelherde die gleichmäßig blökt dieser Begriff
Menschheit ist mein Greuel aber ich erlebe keinen neuen Ihr habt für
Jahrhunderte hinaus die Nivellierung gepachtet Ihr revolutioniert gar für die
Gleichmacherei Eure Langweil gähnt mich an wie das breite Wüstenmaul der
Sahara über welche zehn arabische Pferde mit abwechselnden Kräften jagen
können ohne ein anderes Ziel zu erjagen als den Tod Ihr habt das prächtige
Wort erfunden »Leute«  Leute darin liegt Eure Weisheit Euer Glück Wer zu
den »Leuten« gerechnet sein will der braucht nur einen Körper eine Nase einen
Magen und das gebräuchliche zu haben das reicht hin er ist von den Euren Der
Starke muss schwach werden der Schwache stark was über das Fahrwasser
hinausgreift das ist des Todes  heiße Sonne verkohle mich ich will des Todes
sein ehe ich in dieser Mittelmässigkeit fortvegetiere
    Habt Ihrs nie begriffen dass es der fürchterlichste Vorwurf war wenn Eure
Poeten die Poesie da suchten wo Ihr nicht wart wo Eure Welt nicht war Wenn
sie idealisierten eine poetische Welt erfanden und Euch darauf
Abonnementsbilletts verschaften Ihr verderbt für Eure Zivilisation so viel
Klugheit dass Ihr Euch selbst in Euren Lumpen nicht mehr erkennt »Fresst Staub
wie eure Muhme die Schlange«
    Darum habt Ihr soviel Verbrechen in Eurer Welt wie in der Erziehung eines
höflichen Kaufmannssohnes alles verboten ist und nur einzelnes ausnahmsweise
erlaubt wird Was wisst Ihr vom Verbrechen Wenn wir dessen nicht mehr fähig
sind so hören wir auf Menschen zu sein werden Zahlen und Begriffe In jedem
Menschen liegt jedes Verbrechen oder er ist kein vollständiger Mensch Was
erreicht Ihr nun mit Eurem Katechismus Das Verbrechen flüchtet sich in Eure
Tugend denn die Fähigkeit des Verbrechens ist die Urkraft welche Eure
Gleichmacherei nicht leiten und richten sondern töten will das vermögt Ihr
nicht denn Ihr bleibt stärker göttlicher als Ihr es wollt und begreift die
geknebelte Urkraft äußert sich nun gewaltsam sie wird darum Verbrechen sie
wird Verbrechen auch wenn sie zufällig in Euer Gesetz flüchtet der streng
Tugendhafte ist ein Verbrecher der Tugend und richtet mit der Tugend sein Unheil
an
    Das geschieht weil Ihr aus den ungeheuren Kräften des Alls lauter kleine
Dorfschulmeister machen wollt Ich habe manch sanftes und gutes Pferd gesehen
das störrisch und schlecht wurde nach wenig Wochen unter Hand und Schenkel eines
pedantischen hartdogmatischen Reiters So trenset und kandaret Ihr Euch eine
verbrecherische Tugend zurecht
    Ich habs beschlossen mein Fuß betritt den Boden Europas nicht mehr
gefallen mir die Yankees nicht so geh ich zu den Rotäuten der Wälder dort
wird es mir wohlgefallen Sie haben wenig Kultur aber darum auch wenig
Verdorbene
    Nachts wenn ich auf dem Verdeck umhergehe schleicht hinter mir vor mir
neben mir eine verhüllte Gestalt  ich habe nie begriffen was Ihr mit dem Worte
»unheimlich« ausdrückt jetzt empfinde ichs ich muss mir das vom Halse
schaffen Sie schleicht leise fast unhörbar dennoch erinnert sie mich an den
ehernen Tritt des Komturs im Don Juan
    Es sind einige deutsche Auswanderer auf dem Schiffe warum wandern sie aus
Lieber Gott weil sie zuviel Kinder für den kleinen Acker haben Über dies Abc
der Staatsnot lässt sich nichts sagen aber es sind auch einige Robespierrianer
mit uns was wollen diese aus der Welt machen Es ist ihnen nicht genug dass
gleichgemacht wird es soll auch gleichgeschlagen werden das Bäumchen das
etwas größer der Strauch welcher etwas niedriger ist als mans eben beliebt
das soll vertilgt sein und sie hoffen auch ihre Rechnung in Amerika zu finden
Sie erwarten es ich erwarte es  ach nein ich erwarte nichts Eure Revolution
ist noch prosaischer als Euer Altes was ich so von ein paar Probeexemplaren aus
Amerika sehe und höre das grinst mich an mit totem gläsernem Auge
    Der Wind streicht frisch aus Europa in unsern Rücken er ist meinem Herzen
günstig Heute morgen sind wir bei der großen Bank angekommen welche sich viele
hundert Seemeilen nach Nordnordost hinaufzieht und den Amerikaseglern Gefahr
droht Es walten hier die dichten Nebel wir fahren dahin in halber Nacht 
gibts einen einsameren grossartigeren Tod In der Dunkelheit mitten im
Weltmeere verschwindet man wie ein Atom O kläglicher kläglicher Zustand eines
Menschen Ein tyrannischer weit fordernder weit greifender Geist ist ihm
gegeben und ein Wechsel des Ortes reicht hin dass dies Geschöpf verschwindet
jach und unbemerkt
    Betrachte wie unsere Welt verarmt ist Das Mittelalter hatte seinen Teufel
seinen lieben Teufel zu welchem die sogenannte Frechheit flüchtete die Torheit
und die Klugheit glaubte ihn zu sehen er war ein Hilfsmittel wenn die bekannte
Welt mit ihren Gedanken und Kräften nicht mehr zureichen wollte er war eine
Brücke ins Grössere wenn auch eine brennende Welch eine Anreizung wäre mir das
mich ihm zu verschreiben Ihr vergesst solche Verhältnisse ganz und gar weil Ihr
Prosaisch nivelliert seid Euer Titanenelement verwässert habt Manchmal wenn
es in den dichten Nebeln dieses Meeres gar nicht Tag werden kann sitze ich hier
am Borde und schrei in die Wasserewigkeit hinaus ob es keinen Dämon gibt der
sich mit mir einlassen will hier wäre doch wahrlich der Ort für einen wüsten
schweifenden Urgeist Versuch es in totenstiller Nacht und Einsamkeit dem
Teufel zu rufen aber direkt in der Volkssprache zu rufen mit klarer
verständlicher Stimme Teufel hole mich Es liegt eine Reizung darin
    Aber die wüsten Wasser schweigen
    Der Kapitän hat Reisebeschreibungen in denen lese ich Da finde ich in der
einen folgendes Der Sultan war ein eifrig Gläubiger und als er nach Jerusalem
kam und die große Moschee zum Gottesdienste einrichten wollte wo der alte
Salomonische Tempel gestanden und wo der Christ gebetet hatte da ließ er die
ganze Moschee von oben bis unten mit Rosenwasser abwaschen damit kein Stäubchen
übrig sei das vom Christen verunreinigt wäre
    Von dem was Ihr religiöses Moment heißt mag nichts in mir sein denn Ihr
seid gewohnt nur das also zu nennen was mit Eurer positiven Überlieferung mit
der entsagenden zerknirschten Demut verbunden ist und mein Bezug zur Gottheit
ist ein forderndem ein trotziger ist dasjenige was die Griechen im Prometeus
zusammendichten  aber jener Sultan ist mir recht Hat man sich einen Gott
charakteristisch gebildet und angekleidet dann soll ihm auch kein Stäubchen
vorenthalten sein
    Aber Euer Glaube ist nicht gefasst nicht geschlossen schweift in
Erklärungen  was ist ein Glaube der erklärt wird Und dazu mögt Ihr Euch noch
wundern dass eine Zeit in Verwirrung umhergeworfen sei die weder eine
klassische Religion noch eben darum einen klassischen Staat noch eine
klassische Poesie hat Für meinen Blick gibt es nur zwei Seiten des Menschen
die Pole des Herzens und darum zwei Ströme der Welt um welche sich alles
bewegt Das ist die Selbstsucht und die Selbstaufopferung Jene hat das
ungeheure Altertum geschaffen diese ist mit dem Christentume eingetreten und
hat beinahe zweitausend Jahre Geschichte erzeugt Gegen sie hat sich ein
dreister neuer Geist erhoben der halb von ihr halb vom Altertume stammt
Philosophien haben sich gebildet die auf eigenem Fuße sich erheben und eine
Selbständigkeit neben der positiven Religion in Anspruch nehmen als
selbständige Staaten mit ihr unterhandeln Jede solche Philosophie ist
unchristlich auch wenn sie zu christlichen Resultaten kommt Durch sie ist der
Weltgedanke einer durchgehenden Selbstaufopferung erschüttert und nun mordet
sich die Größe des andern Prinzips der Selbstsucht wieder heraus um neues
Element zu bringen und vielleicht ein neues Dritte zu erzeugen und dieser
Kampf ist unsere klägliche Zeit Um so kläglicher da niemand mit der geteilten
Wahrheit seines Herzens offen herausgeht jeder ein Geordnetes lügt um sich
selbst zu beschönigen So seid Ihr alle beschränkte Menschen weil Ihr furchtsam
oder frech abteilt Euer Herz hat keinen Mut gegen Euer Gedächtnis die Besseren
halten zurück wegen der Gesellschaft und darüber verlieren sie ihr Wahres und
Großes ich will mich aber nicht beschränken darum werde ich ein Gott oder ein
Ungeheuer
    Da meine Geduld und meine Kraft schwindet so wird wohl ein Ungeheuer
entstehen Du magst recht haben
    Herrschen herrschen um dies eine Wort tobt aller Kampf der Welt Ich
wollte lieber ein Meer sein als ein so großer Ohnmacht sich bewusster Mensch
das Meer in seiner weiten Macht bäumt sich gegen eindringende Gewalten heulend
und schüttelnd ringt es mit dem Sturme sich zerschellend stürzt es an das
Gestein des Landes Ich aber liege kraftlos auf Brettern und Balken und wo ich
sei ich bin preisgegeben
 
                           15 Valerius an Hippolyt
Du gehst zu Grabe Du gehst zu Grabe Genosse meiner Jugendzeit Du hast Dich
allein in den Ozean geworfen Dein Arm ist stark Deine Kraft ist groß aber
wenn der Mensch allein mit den Elementen ringen will da ist ihm der Tod gewiss
nur in der Gemeinschaft ist der Mensch mächtig Weil er die Gesellschaft
erfunden hat ist er Herr der Welt und Du höhnst und tötest die Gesellschaft
Ich habe Deine letzten Briefe aus England erhalten  Deine Tragödie geht zu
Ende Du raffinierst schon mit Tallon und Lord Henry nach Äußerungen des Herzens
und Leibes erinnerst Du Dich Lotarios in Wilhelm Meister als er inne wird
dass eine Blutsverwandtschaft zwischen ihm und Teresen sei erinnerst Du Dich
dass er flieht Mag sein dass andere anders empfinden dass alles Ähnliche nur ein
Zivilisationsgefühl ist aber es will als solches geachtet sein die
Zivilisation muss Dich erschlagen und wenn sie es nicht tut so werdens die
Rotäute Amerikas tun denn auch sie sind eine Gesellschaft Wo zwei Geschöpfe
nebeneinander treten da entsteht ein Verhältnis und ein Verhältnis braucht ein
Gesetz
    Ich bin traurig bewegt Hippolyt Du bist der letzte an dem meine
Geschichte mein Herz mein Geist hängt alles neben dem ich geworden ist
zerplündert verwüstet Konstantin erstarrte und schied William der uns nie
mit Wärme nah getreten war ist im kalten Hochmute ein einseitiger
unbedeutender Herr geworden in welchem gar keine Welt sich entwickelt hat
Leopold blieb was er war ward was er werden musste ein Narr sein Ende wird
im Spitale sein Joel das schöne Herz schachert weil es die grausame Welt so
haben will die Weiber sind gestorben verdorben zerknickt Du kämpfest den
letzten Verzweiflungskampf mit Leben und Tod  ich allein habe mich in ein
grünes stilles Tal gerettet aber ich bin auch verarmt mein Herz ist nicht
erkaltet aber es hüpft nicht mehr kein Blick keine Hoffnung entzündet es
mehr ich baue mir eine neue Welt wie traurig ist das Die Menschen die ich
gewinne wissen nichts von meiner untergegangenen Welt sie sind neu für mich
die kennen nur den kahlen Valerius der von vorne anfängt die tausend Klammern
gemeinschaftlicher Geschichte fehlen uns ich bin ein Besuch Gott weiß es wenn
man nicht großes Glück hat so ist das Leben schwer schwer
    Und doch bin ich stillheiter wenn ich nicht Deiner gedenke wenn ich nicht
an Dich schreibe
    Mein Besitztum gedeiht die Leute suchen mich mein Haus wächst und seine
Ecken werden weich  ja Freund ich gestehe mirs selbst manches Philisterkorn
fängt schon an in mir zu wuchern Retten will ich solange ichs vermag aber
die Ursache die Ursache ist so herb und ich fürchte es ist ihr nicht mehr
abzuhelfen ich kann nicht mehr lieben Jene Bewegung und Teilnahme ohne dass
gefragt wurde warum jenes Wachstum der Empfindung bei Tage und bei Nacht dies
Frische Wogende dies Heiss und Kalte diese Überraschung unserer selbst dies
weit aufgehende bis zu Tränen aufgehende Herz der ganze Rausch eines stets
interessierten Gemütes alles alles dies es ist dahin
    Der raue Wind des Krieges die dampfige Luft des Kerkers sie haben das
Herz verhärtet und verdumpft ich muss mühsam erhalten was sich gerettet hat
muss mich ins Kleine ziehen um auszukommen Warme Tränen fließen mir seit langer
Zeit auf das Papier ich weine sie unserem Genie das sich aufgebröckelt hat an
einer feindlichen Welt
    Das ist die Welt sie führt alles zum Tode sie gab uns das Lächeln es tut
mir wohl Bin überhaupt viel glücklicher mein alter Kumpan als dieser Brief
ausdrückt ich kann mich nur des Gedankens nicht erwehren dass es der letzte
sei den ich an Dich schreibe Über das weite Weltmeer bist Du in blutigem Groll
von uns geschieden  man schlägt keine Brücke da hinüber
    Nimm nun den letzten Strich zu dem Bilde meines Lebens wie es sich wohl
hier unter Linden und Kastanien zu Ende spinnen wird  denn nach außen ist auch
der letzte Faden ein Faden der Besorgnis abgerissen den Gerichten nämlich ist
es durch Konstantins Hinterlassenschaft klar geworden dass er selbst der Täter
war und ein Mann gegenüber hat durchs Fenster die Katastrophe erblickt aus
Scheu vor Kriminalien aber lange sein Zeugnis zurückgehalten
    Ich bin gelöst von der zornigen Welt und in den warmen Sommerabenden
promeniere ich getrost über den Waldberg welcher die Grenze bildet Jenseits
der Grenze steht ein kleines Jagdschloss das hinabsieht ins weite Land dort am
Fenster steht jeglichen Abend ein Mädchen mit blitzendem Auge sie lacht sie
tollt ist witzig und munter will Geschichten hören von da und dort und kann
still und weich sein man sollt es nicht glauben
    Der Vater sagt wir liebten uns ich muss zwar den Kopf dazu schütteln aber
ich gehe heute abend wieder hin
    So geht alles Sinnen und Trachten der Welt am Ende immer wieder in ein
Handdrücken aus in ein Streicheln der Mädchenwange  der unruhigste Kopf ruht
am Ende aus auf eines Mädchens Schoße
    Hippolyt Bleibt uns Bewusstsein für neue Welten dann finden wir uns auf ein
und demselben Sterne wieder wir gehören zusammen auch wenn wir
entgegengesetzte Pole gewesen sind auf dieser Welt Stirb wohl Hippolyt O wie
natürlich ist der Wunsch eines Menschen dass unsere Seele eine Erinnerung einen
Zusammenhang trüge in neue Zustände wenn der Leib ausgespannt wird für immer
Was von Gott in uns war jauchzte sich dann geläutert entgegen Hippolyt ach
ich kanns nicht in Worte ordnen  stirb wohl
 
                           16 Margarita an Valerius
                                                                        Neuyork
Ich habe keinen Auftrag Ihnen die nachfolgenden Papierstücke Hippolyts zu
senden aber ich weiß dass er Sie stets seinen einzigen Freund auf der Welt
genannt hat ich gebe sie auf das Schiff Sind die Wellen nicht lüstern danach
so nehmen Sie diese Schlussworte eines gewaltigen Menschen freundlich auf
    »Fürchterliche Enttäuschung O fürchterlich Mache starr meine Faust Pluto
dass ich dieses Fratzenbild einer neuen Welt in Scherben schlage Die Freiheit
hofft ich zu finden und finde die bettelhafteste Armut und neben ihr noch
alle Frechheit der Armut Gold haben sie und suchen sie aber kein Leben allen
Reichtum des Menschen seine Lust seine Klage sein Sehnen seinen Feind sein
ewiges Herz seine schaukelnden Gedanken seine Titanengedanken seine Wollust
seine Verzweiflung den ganzen Roman des Menschen um den allein es sich lohnt
morgens aufzustehen abends sich niederzulegen alles das haben sie jenseits des
Meeres gelassen davon sind sie frei das ist ihre Freiheit Auch das Tier ist
frei von menschlicher Sorge  o«
    »Jetzt fühle ich was Tod heißt zum ersten Male in meinem Leben es ist ein
giftiger Reif auf mein Auge auf mein Herz gefallen mein innerster Kern löst
sich gähnend in Stücke ich bin träumerisch melancholisch ich schreibe auf
einzelne Papierstreifen ich fliehe die Menschen und suche die Bücher ich liege
im verschlossenen Zimmer und fürchte die Natur vor dem Meere zittere ich Ich
zittere ich Hippolyt  die Spiegel habe ich zugehängt um nicht zu sehen wie
ich vor mir selbst erröte«
    »Der Kerl welcher mir die Stiefel putzt ein plumper einfältiger Kerl
will behandelt sein wie ein Seigneur  wohl hattest Du recht Valerius die
gleiche Berechtigung haben sie verleumdet indem sie die Gleichheit daraus
machten Und diese Schwarzen O frecher Frevel mit der Freiheit Als wenn die
Bedienten Europas sich Geld gespart und sich einen Staat errichtet hätten Was
nicht auch Bedienter gewesen ist heißt Aristokrat wessen Antlitz anders
gefärbt ist der heißt Hund wird mit Füßen getreten zertreten Alle Prosa
Europas ist hier zur Herrschaft gediehen ich ersticke hier«
    »Keine Geschichte keine freie Wissenschaft keine freie Kunst Freier
Handel ist die ganze Freiheit ein Gott von Pappe in allerlei kleinen
Buchbinderausgaben ein Gott dem man keinen Geschmack zutraut weil man selbst
keinen hat  eine neue Welt welche von der alten nur ein paar Zahlen geerbt
hat was nicht Geld einbringt ist unnütz was nicht nützt ist überflüssig O
schöne Freude einer edlen Bildung warum habe ich dich mit Füßen gestoßen eine
Kaufmannsschule welche sich für eine Welt ausgibt rächt dich an mir«
    Die übrigen Zettel sind im Trubel der letzten Tage verloren gegangen hören
Sie die Erzählung derselben zum letzten Andenken an Ihren Freund
    Ich kam auf demselben Schiffe mit ihm hierher die Rache trieb mich ihn zu
vernichten Auf dem Schiffe konnte ich nicht an ihn kommen obwohl sich mir
mehrmals die Gelegenheit bot ihn rücklings über Bord zu stoßen ich fürchtete
mich vor ihm Und hier ach hier wurde ich wieder Weib der zerschmetterte
Titan jammerte meine Seele ich weinte hinter ihm her wenn er einmal einen
Spaziergang wagte Die stolze Gestalt war geknickt der wilde Kopf neigte sich
auf die Brust das schwarze Haar ergraute das große kühne Auge war
verschleiert und suchte den Boden seinem Lieblingstiere dem mutigen Rosse
wich er scheu aus dem Wege Ach Es war ein trüber regnerischer Tag als ich
mein Herz so bewegt fühlte von Mitleid und Weh dass ich zu ihm hintrat meinen
Schleier zurückschlug und sagte Hippolyt ich bin versöhnt kann ich Dir
helfen kann ich Dich trösten Er schrak zusammen dann nahm er meine Hand
küsste sie und es fielen Tränen darauf vielleicht die einzigen welche er in
seinem Leben geweint hat Es war später Nachmittag die Arbeiter kehrten heim
plötzlich drang Geschrei aus einem Zugange der nahen Stadt ein Neger stürzte
wie ein Pfeil heraus eine Schar Weisser hinter ihm drein der Schwarze hatte den
Vorsprung und flog wie ein Hirsch dem nahen Wäldchen zu schon war er dicht
daran da fielen zwei drei Schüsse der arme Flüchtling sprang hoch in die
Höhe dann stürzte er lang hin an den Boden Mit wildem Freudengeschrei stürzte
die immer größer werdende Menge nach dem Opfer hin an uns vorüber Mit
Entsetzen erkannte ich unter denen die ein Gewehr trugen das noch rauchte
Tallon den Verhassten Ich warf eilig meinen Schleier über  welche Veränderung
aber war mit Hippolyt vorgegangen Wie von einem elektrischen Schlage war die
ganze Gestalt aufgerichtet das Auge blitzte die Muskeln zuckten gewaltiger
als ich ihn je gesehen stand er da und schritt straffen Ganges dem Haufen nach
Dieser war über den Leichnam hergefallen ein deutscher Arbeiter hatte ein paar
Worte des Mitleids geäußert und man fiel eben auch ihn über her und schrie
»Lyncht ihn lyncht ihn« als Hippolyt wie ein Löwe in den Haufen hineinsprang
links und rechts die rohe Masse beiseite schleuderte den deutschen Arbeiter an
seine Seite riss und mit donnernder Stimme ihnen vorwarf dass sie ein
nichtswürdig Gesindel seien das Menschenrecht und Freiheit mit Füßen trete
    Sie stürzten mit Gebrüll auf ihn ein Hippolyt entriss dem einen die Büchse
schlug und mähte wie ein Atlet und schuf zweimal dreimal freie Bahn rings um
sich her er stand da wie ein zürnender Halbgott
    Tallon aber war zurückgetreten die tückische Schlange hatte seine Büchse
wieder geladen schlug an  ich sahs stürzte hinzu  zu spät Mitten in die
Brust getroffen stürzte der stolze Leib Hippolyts nieder mit furchtbarem Geheul
schlug die Menge über ihm zusammen
    Es war Abend geworden als sich die Rotte zerstreut hatte der Regen goss
der schöne Leib Hippolyts war zertreten und nur an den Kleiderfetzen war er vom
nackten Negerleichnam zu unterscheiden Ich habe die ganze Nacht bei ihm
gesessen und geweint dort die Raubvögel scheuchend von seinen verstümmelten
Resten hab ichs wie Dolchstiche empfunden dass ich ihn geliebt habe bis zur
Raserei auch da wo ich ihn morden wollte
    Ich werde in die Wälder hinüber gehen Kann solch ein großes Menschenbild
nicht bestehen in dieser Welt was tuts ob ein verloren Mädchen unter den
Weißen oder unter den Rotäuten oder in der Einsamkeit zugrunde geht  Klöster
gibts nicht mehr aber der Urwald ist noch nicht besiegt dort ist noch Raum
zum Sterben