1904_Ernst_schmaleWeg.html




        
                                   Paul Ernst
                           Der schmale Weg zum Glück
                                   Erstes Buch
Es war in den ersten Wintertagen wo um sieben Uhr schon Dunkelheit in den
Stuben ist Die Großmutter saß still in ihrem Lehnstuhl am Ofen und träumte im
Halbschlummer von ganz alten Zeiten als sie ein junges Mädchen war und einen
ungeschickten Freier auslachte Pollux lag auf der Seite vor dem warmen Ofen und
schnarchte plötzlich wachte davon auf klopfte mit dem Schwanz auf die Dielen
und legte sich wieder um Ganz laut tickte die Wanduhr wie sie es am Tage nicht
wagt Der kleine Hans saß mäuschenstill unter dem Tisch und stellte sich vor
dieser Tisch sei eine Stube die von allen Seiten verschlossen wäre und da säße
er in der Mitte und dann müsste nichts weiter auf der Welt sein wie diese Stube
    Dorrel ging in den Stall und die Laterne warf schnell einen Schein über die
Decke und dann die Wand entlang über die Spitzen der Rehgeweihe und über die
Gewehrläufe Dann hörte man wie der Melkeimer klirrte und wie sie mit der Kuh
zankte die Elsbeth hieß und zuletzt hörte man das Melken
    Die Tür ging auf und die Mutter trat mit der Lampe herein Die Großmutter
nahm schnell ihr Strickzeug in die Höhe und sagte dass sie gar nichts mehr habe
sehen können denn sie wollte es nicht Wort haben dass sie geschlafen Dann
deckte die Mutter mit dem leinenen Tischtuch das aus selbstgesponnenem Flachs
gewebt war und in der Mitte eine Naht hatte und der kleine Hans unter dem Tisch
saß jetzt viel heimlicher sah auf die raschen Füße der Mutter und betrachtete
wie der Rock sich bewegte Und so klapperten die Teller braune irdene Teller
und die Schüssel mit dem Haferbrei wurde auf den Tisch gesetzt sie war auch ein
irdenes Geschirr und war inwendig das Vaterunser mit Grün und Rot
hineingeschrieben dann kamen die blanken zinnernen Löffel und die Messer und
Gabeln mit Hirschhorngriff und ein Stück Schinken und ein Schinkenbrett für
jeden nur nicht für den kleinen Hans denn dem wurde sein Teil zugeschnitten
und er kriegte es in ganz kleinen Würfeln aber die Großen aßen ihren Teil in
Streifen
    Die Uhr hob aus zum Schlagen und der kleine Hans kroch unterm Tisch hervor
um die Zeiger zu betrachten wie sie zitterten während des Schlagens Da waren
mit einem Male laute und schnelle Schritte des Vaters vor dem Haus Pollux
sprang auf und stellte sich winselnd vor die Tür der Vater kam eilig herein und
langte nach der Schrotflinte Pollux sprang an ihm hoch die Mutter warf sich
ihm entgegen und rief »Bleib bleib ich habe eine Ahnung sie bringen dich tot
nach Hause« Er aber schob sie von sich pfiff dem Hund und ging wieder eilig
hinaus seine Wange blutete stark von einem langen Riss Die Mutter warf sich
laut weinend auf einen Stuhl der kleine Hans trat vor sie legte ihr die
Händchen in den Schoss und blickte zu ihr auf Die Großmutter aber in der Ecke
mit ihrer alten Stimme sprach tadelnde Worte und erzählte wie ihr selbst vor
vierzig Jahren die Arbeiter ihren Mann auf zwei jungen Tannen tot nach Hause
gebracht mitten durch die Brust geschossen aber sie habe nicht geweint obwohl
sie ein junges Weib gewesen damals und erst ein halbes Jahr verheiratet und
Hansens Vater sei nach ihres Mannes Tode geboren denn wer in seiner Pflicht
stirbt der hat einen guten Tod und Gott verlässt nicht seine Hinterbliebenen
und wenn ein Förster sein richtiges Geld kriege so müsse er auch sein Leben
einsetzen gegen die Wilddiebe Da weinte die Mutter noch stärker der kleine
Hans aber fasste ihren Arm und versuchte ihr ins Gesicht zu sehen denn er wollte
sie trösten
    Zuletzt wischte sie sich die Tränen von den Backen damit die Magd nichts
merken sollte von ihren Sorgen und ging in die Milchkammer die Milch in Satten
zu tun indessen Dorrel der Kuh Futter aufsteckte Und wie beide ihre Arbeit
beendet kamen sie zurück in die Stube und alle setzten sich an den Tisch zum
Abendbrot nur des Vaters Platz blieb leer und die Mutter sah nicht hin nach
der Stelle denn sie hatte Furcht die Tränen möchten ihr wieder in die Augen
steigen Jedem tat sie auf seinen Teller von dem Haferbrei und auf sein
Brettchen ein Stück Schinken dann betete sie mit lauter Stimme das Tischgebet
    Der Mond war draußen aufgegangen über den Spitzen der schwarzen Tannen und
es schien heller durch die dick beschlagenen Fensterscheiben Dorrel sprach
davon dass in der Nacht ein scharfer Frost kommen werde die andern schwiegen
plötzlich sagte Hans mit seiner hellen Stimme »Die Großmutter hat doch recht
wenn ich das Geld nehme so muss ich auch alles dafür tun sonst darf ich das
Geld nicht nehmen« Aber niemand antwortete auf seine Rede bloß die Magd
verwies ihm er solle nicht sprechen wenn die Erwachsenen unter sich Dinge zu
ordnen hätten Dann beredete sie mit der Mutter was am andern Tag getan werden
musste
    Nach dem Essen räumte die Mutter das gebrauchte Geschirr ab nur das Gedeck
für den Vater ließ sie liegen hob ihm auch in der Ofenröhre seinen Haferbrei
auf Dann war Hans wieder allein mit der Großmutter in der Stube
    Da hatte sich die Katze hereingeschlichen ging leise vor den Ofen putzte
sich mit Sorgfalt und dann setzte sie sich mit rechter Behaglichkeit schloss
die Augen halb und spann Hans lag vor ihr auf der Erde und sah ihr ins Gesicht
so dass sie verlegen wurde er hätte gern gewusst wie sie das Spinnen machte
Dann betrachtete er die beiden großen Bilder über dem Sofa das waren der
Beerdigungszug des Jägers und der Beerdigungszug des Fischers Dem Sarg des
Jägers folgten alle Tiere auf der Erde der Hirsch das Reh die Sau der Fuchs
und alle Vögel und ein kleines Eichhörnchen und bei dem Fischer folgten die
Fische denn es floss da ein Wasser Er dachte sich immer wie das sein müsste
wenn er auch ein Tier wäre und folgte da mit in dem Bilde man sah recht tief in
einen schönen und sauberen Wald hinein in dem musste es sich ganz gut lustwandeln
lassen und die Bäume waren ganz andrer Art wie man sie sonst sah Allgemach
kam der Sandmann und er rieb sich die Augen Da ging er zur Großmutter die
sich die Lampe ganz nahe gerückt hatte und ihr Strickzeug ganz dicht vors
Gesicht hielt und bettelte dass sie ihm die Geschichte von der weißen Schlange
erzählen sollte
    Da erzählte die Großmutter wie ein Vorfahr der Grafen denen die Wilder
hier gehörten ein Prasser und Schlemmer gewesen sei und ein böser Mann der
habe einen guten und frommen Diener gehabt der ihn oftmals zum Bessern ermahnt
aber niemals zur Umkehr habe bewegen können Eines Tages habe der Diener dem
Grafen eine verdeckte Schüssel müssen auf sein verschlossenes Zimmer bringen
und wie er von besonderer Neugierde bewegt das zwar nicht ehrbar von ihm
gewesen die Schüssel aufgedeckt habe sei eine gekochte weiße Schlange darin
gelegen in viele Stücke zerschnitten Da habe er sich nicht mehr bezwingen
können und sei ihm gewesen als werde ihm befohlen dass er eins der Stückchen
heimlich habe nehmen müssen Der Graf aber habe alles andere gegessen und nichts
gemerkt Wie nun der Diener am Fenster steht und in den Schlossgraben
hinuntersieht schwimmen da zwei weiße Enten und er merkt dass er ihre Sprache
versteht und sie erzählen sich dass das Schloss noch diese Nacht untergehen
soll der Herr aber stand auch am Fenster und lachte Daraus merkte der treue
Diener dass der Graf etwas Falsches verstanden hatte für seine Sünden verfiel
rasch auf eine List und sprach er habe sich eine lustige Jagd ausgedacht für
diesen Abend nämlich alles Schlossgesinde solle mit Fackeln kommen und der Herr
mit seinem einzigen Töchterchen denn seine Gemahlin war schon seit langem
verstorben solle auch kommen und dann wollen sie Krebse fangen in einem
Waldbach den er wisse weil es jetzt Zeit sei zum Krebsen Dies gefiel dem
Grafen und wurde so gemacht Und wie alle aus dem Schloss gezogen waren und sich
erlustigten und fröhlich waren kamen Blitze und Donnerschläge und ein Erdbeben
und das Schloss versank und an der Stelle ist jetzt die Elsgrube Da wurde der
Graf ganz blass und ging in sich und ging in ein Kloster vorher aber
verheiratete er seine Tochter mit dem frommen Diener und gab dem sein ganzes
Gut und von dem stammen in männlicher Reihenfolge die jetzigen Grafen ab
wiewohl der Name nicht gewechselt und noch der alte ist
    Unter dem Erzählen war Hans fast eingeschlafen Jetzt kam die Mutter um ihn
zu Bett zu bringen In der schrägen Dachkammer unter den kalkverputzten
Ziegeln zog er sich aus dann faltete er die Hände und betete mit der Mutter
zusammen sein Kindergebet
Abends wenn ich schlafen geh
Vierzehn Engel bei mir stehen
Zwei zu meiner Rechten
Zwei zu meiner Linken
Zwei zu meinen Häupten
Zwei zu meinen Füßen
Zwei die mich decken
Zwei die mich wecken
Zwei die mich weisen
In das himmlische Paradeischen
    Dann schlief er ein und der Mond zog langsam weiter hinauf über den stillen
Wald die Kuh klirrte einmal mit ihrer Kette und brüllte leise und behaglich
und dann legte sie sich schwer nieder zum Wiederkäuen kein Geräusch war im Haus
wie zuweilen ein Klappern mit dem Geschirr aus der Küche wo Dorrel abwusch
    Wie die Mutter wieder in die Stube trat hatte die Großmutter den Kopf auf
den Tisch gelegt und schluchzte dass das Licht der Lampe sich bewegte durch die
Erschütterung Die Mutter setzte sich still ans Fenster und so warteten die
beiden Frauen in der Nacht ob sie vielleicht einen Schuss hörten Lange warteten
sie so allein denn Dorrel kam nicht in die Stube wie sonst immer nach der
Abendarbeit sondern sie tat als habe sie heute mehr in der Küche zu verrichten
wie gewöhnlich sie wusste dass die beiden Frauen in Sorge saßen und wollte sie
schonen sie selbst aber dachte immer hin und her Was soll mit dem Kind werden
die Mutter kann den Jungen nicht erziehen der braucht einen Vater und über
ihrer nassen Planenschürze faltete sie ihre schwieligen Hände zu einem wortlosen
Gebet für ihren Herrn Es mochte gegen Mitternacht sein da hörte man den
schweren Tritt des Vaters vor dem Hause Die Mutter eilte die Haustür
aufzuschließen Er trat ein bot die Zeit hängte die Flinte an die Wand und
setzte sich an den Tisch Sie brachte ihm das Essen der Hund ging still zu
seinem Lager denn nur in Abwesenheit seines Herrn wagte er vor dem Ofen zu
liegen drehte sich im Kreis legte sich und schlief scheinbar ein indem er
doch aufmerksam das Gespräch verfolgte
    Es war ein Schreiben von der gräflichen Güterverwaltung gekommen in dem ihm
mitgeteilt wurde dass der Bocksklee abgetrieben werden solle Der Förster wurde
tief erregt und sprang auf Er hatte immer verlangt dass der Bocksklee ungestört
bliebe weil er den Westwind abfing und dadurch ein großes Gebiet vor Windbruch
schützte Aber der Herr hatte Geld nötig und da war es ihm gleichgültig was
geschehen mochte
    Der Graf war ein sehr freundlicher und liebenswürdiger Herr er gab dem
Förster die Hand und sagte zu ihm »Guten Tag mein lieber Werter« er fragte
nach seiner Frau und dem Jungen und lobte ihn wegen seines Eifers Aber der
Förster hatte keine Achtung vor ihm weil er leichtfertig war in Worten und
Werken und sein Gut vertat anstatt zu sparen und zu wirtschaften Deshalb
wollte er den kleinen Hans später auch nicht in Herrendienst geben wiewohl ihm
das Herz blutete wenn er dachte dass sein Junge einmal nicht das grüne Tuch
tragen sollte in dem Großvater und Urgroßvater stolz gewesen waren aber er
sollte einmal ein freier Mann werden dass er seinem Gewissen folgen durfte und
nicht gehorsamen musste wenn ihm unkluge Befehle gegeben wurden deshalb wollte
er ihn studieren lassen denn er dachte ein Studierter brauche niemandem zu
dienen und könne immer tun was recht ist Abends wenn er einmal ein
Halbstündchen Zeit hatte nahm er das Kind zuweilen auf den Schoss und sprach mit
ihm dass er fleißig sein müsse und lernen dann müsse er einmal nicht mit
krummem Rücken dastehen in der Welt sondern könne seinen geraden Weg gehen als
ein aufrechter Mann Der Graf war nicht böse aber er hatte keine langen
Gedanken Auf der Jagd war er so einfach wie einer von seinen Leuten aber wenn
er in der Stadt lebte so hätte er sich geschämt wenn er es nicht andern hätte
gleich tun sollen die reicher waren wie er Einmal hatte er im Försterhause
eingesprochen und mit der Frau Werter geredet über Haushalt Wirtschaft und
Kindererziehung da schienen seine Meinungen so verständig und ordentlich dass
die Frau sich immer noch wunderte wie so ein Herr solche Einsichten haben
konnte in Dinge die ihm doch ganz fern lagen aber in seinem Hause bekümmerte
er sich nicht um Einteilung Ordnung und Einrichtung Er nahm nur aus den Kassen
das Geld das er brauchte ohne sich zu überlegen ob er Einnahmen verzehrte
oder Vermögen Seine Kinder wuchsen auf ohne dass er sich klar machte zu
welchem Ende und unter welchen Einflüssen denn auch seine Frau hatte keine
Hausgedanken Deshalb trieben sich die beiden Söhne am liebsten in den Ställen
und Küchen herum und lernten wenig trotz teurer Hofmeister und die Tochter die
einen besonderen Trieb zum Lernen hatte und ganz unpassende Lehrer bekam wie
sie eben für ein ganz gewöhnliches Mädchen geeignet gewesen wären suchte
verstohlen in der vernachlässigten Bibliothek Bücher für sich und bat den alten
Pfarrer bis er sie im Lateinischen unterrichtete Einmal nahmen ihr die Brüder
heimlich ihre lateinischen Bücher fort und bauten sie auf ihrem Platz am
Kaffeetisch auf da hörte der Vater zuerst von ihren Studien schüttelte den
Kopf und sagte dass ihm ihre Wege nicht gefielen Sie presste die Lippen zusammen
und fuhr fort in ihrer Weise und bekümmerte sich niemand darum Es ging dem
Grafen wie es heute vielen reichen und vornehmen Leuten geht er hatte weder
Amt noch Dienst sorgte nicht für seine Angelegenheiten noch für seine Familie
fand kaum einmal ein wirkliches Vergnügen und doch hatte er nie Zeit sein
Leben zerfloss ihm zwischen den Fingern wie wenn ein Kind eine Handvoll Sand vom
Boden hebt
    Die Söhne kamen schon frühzeitig auf schlimme Wege Da war ein Bursche im
Stall an den hingen sich die Jungen der war ein tüchtiger Knecht machte seine
Arbeit sauber und ordentlich und hielt sein Geschirr gut aber war ein
Schürzenjäger durch den lernten sie frühzeitig viel und weil ihnen das
Gegengewicht der harten Arbeit wie sauren und einfachen Pflicht fehlte so wurde
das Unkraut in ihrer Seele üppiger wie es bei dem Verführer gewesen der später
ein ordentliches Weib kriegte das ihn gehörig in die Kandare nahm und zu einem
braven Manne machte Noch ärger war es dass die Knechte zum Scherz ihnen von
ihrem Branntwein gaben und lachten wenn sich die Jungen schüttelten nach dem
Trunk und doch wieder von neuem begehrten und wie sich einmal die Leute
untereinander rühmten welcher den schärfsten Schnaps getrunken habe und
allerhand beizende Mittel erzählten gestossenen Pfeffer Schwefelsäure die den
Branntwein perlen macht und Tabaksbrühe krähten die Jungen auch dazwischen und
verredeten sich dass ihnen das Schärfste das Wohlschmeckendste sei tranken auch
von dem gepfefferten Branntwein Endlich fand sich ein uralter Mann der früher
Taglöhner gewesen war und nun aus Gnaden auf dem Hofe erhalten wurde wofür er
die Gänse hüten musste der war schon in jungen Jahren ein schlechter und
liederlicher Bursche und nun in seinem Hochalter verwirrten sich ihm
vollständig alle Begriffe von Gut und Böse dass er in seinen Begierden schlimmer
wurde wie das Vieh nämlich nicht bloß schamlos sondern rühmerisch und frech
Wohl suchten die ehrbaren und ordentlichen Leute unter dem Gesinde dem Übel
Einhalt zu tun indem sie den Böswilligen verboten und die Jungen zu sich ziehen
wollten aber wo keine Zucht ist da gewinnen die Schlechten und Liederlichen
die Oberhand auch wenn sie in der Minderzahl sind und ungezogene Jugend geht
lieber zu der übelen Seite wo geprahlt und geschmeichelt wird wie zu ruhigen
und sittsamen Menschen und bescheidenen und strengen Worten denn nicht das
Laster ist verführend das ja meistens mehr mit Unbehagen und Schmerz verbunden
ist wie mit Freude und Wollust sondern die lasterhafte Gesellschaft verführt
durch freche und unbotmässige Reden übertreibende und lügnerische Erzählungen
und falsche Scham
    Viele Leute sehen auf ein Haus wie des Grafen und kaum eine geringe
Kleinigkeit kann in ihm geschehen die nicht in einem großen Kreise besprochen
würde und weite Wirkung ausübte das Wesen der Vornehmen wird genau erkannt und
beurteilt und mancher Taglöhner wusste von Art und Schlag des Grafen seiner
Gemahlin und seiner Söhne mehr wie er selbst In unserer Zeit ist die
Gesellschaft bis in ihre letzten Tiefen aufgerüttelt und alle alten Bande sind
gesprengt die bewirken dass es ein Unten und Oben gibt Manche Menschen meinen
dass dieser Zustände Ende eine völlige Gleichheit aller Menschen sein werde wer
aber genau zusieht der wird merken dass diese allgemeine Ungebundenheit im
Gegenteil eine neue und tiefere Scheidung der Gesellschaft bewirkt indem die
Tüchtigen sich zu den Tüchtigen scharen und die Schlechten zu den Schlechten
viele sinken so und viele steigen viele der Gestiegenen sinken wieder denn sie
können sich nicht oben halten manche aber bleiben oben und auch einer
gesunkenen Familie gelingt es wieder zu steigen wenn sie sich doch als tüchtig
erweist In solchem Vorgang übt der Anblick einer Familie wie des Grafen eine
außerordentliche Wirkung denn die Schlechten werden bestärkt im Leichtsinn oder
in aufrührerischer Gesinnung die Guten aber werden desto trotziger und stolzer
und bei beiden wird der Freiheitsinn gemehrt bei den einen der Sinn für die
Freiheit der Zuchtlosigkeit die sie und ihre Kinder in das wohlverdiente und
notwendige Verderben treibt bei den andern der Sinn für die Freiheit der Zucht
und Ehre die sie tüchtig machen sich zuoberst zu setzen in die verlassenen
Stühle denn nachdem sie gelernt in Ehre zu gehorchen vermögen sie auch in
Ehre zu befehlen
    Der Förster hatte seinen Abscheu vor der Wirtschaft auf dem Schloss immer
mehr vertieft Zwar durfte er seinem Herrn nichts sagen von seiner Meinung aber
wenn die beiden zusammenkamen so äußerte sich in ihrem Wesen dennoch deutlich
ihre wahre Beziehung die seelische die wichtiger ist wie die äußerliche der
zufälligen Verhältnisse Der Förster war ehrerbietig aber wortkarg und schritt
als ein großer magerer Mann in weiter und fester Gangart der Graf der klein
und durch sein fröhliches Leben fett war ging flüchtiger und schneller indem
er ein wenig zurückblieb und sprach oft Sätze mit denen er seinen Förster zum
Lächeln bringen wollte Der Förster behielt wohl was sein Herr sagte aber er
bezog sich später nie wieder auf seine Worte wenn sie nichts Dienstliches
betrafen der Graf aber erinnerte den Förster oft an frühere Aussprüche Doch je
liebenswürdiger der Graf war desto bitterer wurden des Försters Gedanken denn
er gedachte des alten Herrn der ein rauer und fester Mann gewesen war der von
jedem seine gebührende Ehrenbezeigung verlangte der hatte ihm einmal ein
Trinkgeld gegeben als er noch Jägerbursche war und dazu gesagt »Bleib ein
ordentlicher Kerl« wie er tot war und aufgebahrt lag war er in Uniform und
hatte den Helm auf dem Kopf aber wie sie ihn einsargten mussten sie ihm den
Helm unter den Arm geben das hatte er so angeordnet vor seinem Ende Dann musste
er auch immer den Bocksklee bedenken das war ein Vorwerk gewesen mit schlechtem
Boden das sein Urgroßvater aufgeforstet hatte und von seiner Hand war noch der
Plan da wie es mit dem Umtrieb gehalten werden sollte des Windbruches wegen
und wenn er sich die viele Mühe und Sorge die durchwachten Nächte und
arbeitsreichen Tage vorstellte die seine Vorfahren verbracht hatten bis der
Wald so stolz und wertvoll war so kam ihm der Groll bis an die Kehle und
hinderte ihn zu sprechen Keinen Stand gibt es der so mit der Arbeit der
Vergangenheit zusammenhängt und so mit der Hoffnung auf die Zukunft verwachsen
ist wie der Försterstand denn was ein Förster erntet das haben die Toten
gepflanzt deren Gräber längst eingesunken sind auf dem Kirchhof und was er
pflanzt das wird man ernten wenn die Söhne seiner Urenkel als Männer im grünen
Rock durch den Wald gehen Deshalb ist etwas Adeliges in einem rechten Förster
denn er weiß dass der Mensch nicht ein haltloses Gesindlein ist das morgen lebt
mit dem Taglohn von heute und sich dick tut mit seinem Elend und lumpigen
Verdienst sondern der Mensch lebt durch die Liebe der Vorfahren in Pflicht für
die Nachkommen nicht von seinem Verdienst sondern nach seinem Gewissen
    Ein Kind das in solchen Lebensumständen aufwächst bekommt etwas Besonderes
mit Es lernt früh die Beziehung seines eignen Lebens als eines fast zufälligen
zu Vergangenheit und Zukunft seines Geschlechtes aber doch nicht in der Form
des harten Erwerbsinns und des Stolzes auf den Besitz wie im Bauernstand
sondern in der Form des Gefühls für reine Ehre und strenge Pflicht denn nicht
für sich und seine Kinder pflegt der Förster sein Gut sondern für andere
    Kein Mensch weiß wie sich das Wesen eines Kindes bildet und wie Erbschaft
und Einfluss einander bestimmen Ganz kleine Kinder haben in viel höherem Masse
wie Erwachsene die Fähigkeit aus Miene und Haltung zu erfahren was in einem
andern ist und in viel höherem Masse haben sie auch den Trieb nachzuahmen
Äusserliches wie Innerliches Kaum hatte der kleine Hans gehen können da legte
er schon die Hände über den Rücken und ging ernstaft in der Stube auf und ab
mit steifen Schultern wie sein Vater tat am Sonntagnachmittag sagte er sein
Nein oder sein Ja mit derselben Betonung wie der Vater und da seine gesamte
Umgebung dieselbe war in der sein Vater und Großvater aufgewachsen waren so
nahmen alle seine angeborenen Triebe dieselbe Richtung wie sie bei Vater und
Großvater genommen hatten und seine Art wurde noch stärker wie die seiner
Vorfahren gewesen
    Und was erzog ihn alles Da erwachte er des Morgens und sein Hauch war
sichtbar in der kalten Luft unter dem kalkverputzten Ziegeldach und die kleinen
Fensterscheiben waren dick gefroren Und unten in der Stube saß er dann am
Fenster sah wie die Schneeflocken niedertanzten und sich sanft auf Zweige
legten und auf Bretter und auf den Erdboden der mit kleinen Steinchen bedeckt
gewesen aber wenn die großen Flocken ans Fenster wehten so vergingen sie
schnell indem sie niederglitten An manchen Tagen wenn es nicht schneite und
sehr kalt war taute auch in der Stube das Fenster nicht ab dann hauchte er an
die Scheibe und schmolz sich ein rundes Loch zum Ausschauen im Augenblick war
es wieder mit einer dünnen Eishaut bedeckt die war aber nicht weiß Im Walde
war ein Krachen Tönen und Donnern und der Wald stand doch ruhig und unbewegt
mit seinen schneebedeckten Zweigen in der hellen Sonne Wenn die Kälte so groß
war so wurde das Herz leicht und lustig und verlangte nach Gefahren dann
dachte er an den letzten Luchs den sein Großvater hier geschossen und seine
Fäuste ballten sich und an die Franzosenzeit dachte er wie da das ganze Dorf
in den Wald gezogen war und er schämte sich dass alle solche Furcht gehabt
hatten Denn wer recht hat und Gott fürchtet der muss ausharren wie im Buch der
Makkabäer erzählt ist von den sieben Brüdern und ihrer Mutter wie die Mörder
sechs zu Tode gemartert hatten da sprach der letzte der noch ein Kind war
»Worauf harrt ihr Gedenket nur nicht dass ich dem Tyrannen hierin gehorsam sein
will« und ließ sich auch martern trotzdem er noch klein war
    Abends las die Großmutter oft lange vor aus der alten Bibel deren Blätter
braun geworden waren durch die Finger so vieler Vorfahren die jetzt lange
vergessen lagen in ihren rasenbedeckten Gräbern aus den Geschichtsbüchern im
Alten Testament las sie und aus den Evangelien und der Offenbarung Johannis von
dem himmlischen Jerusalem und von der Schale des Zorns von den vier Reitern und
von dem Tier das über den Gewässern sitzt Wenn Hans dann mit ihr sprach über
das Gelesene so wunderten sich beide über die Verstockteit der Juden und
freuten sich dass wir die Offenbarung haben und dass unser Herr Jesus für uns
gestorben ist an den wir glauben müssen und können nicht irren Und wir sehen
alle Tage dass der Gerechte siegt und der Ungerechte vergeht denn wenn auch ein
schlechter Mensch scheinbares Glück hat so verrinnt das doch bald wie es Klaus
Hörgen geschah der aus der Fremde heimkam mit einem großen Vermögen sich ein
Haus kaufte und nichts mehr tat was geschieht Nach ein paar Jahren wurde ihm
sein Haus wieder verkauft und kam in Schimpf und Schande Dass es aber einem
guten Menschen schlecht ginge das ist noch nie geschehen es müsste denn sein
wie bei der frommen Genoveva weil der Herr sie prüfen wollte und ein Beispiel
geben für andre
    Im Sommer streifte der kleine Hans viele Stunden lang allein im Wald Da
lagen die Tannennadeln glatt und ungestört auf dem Boden und die hohen Stämme
standen regungslos nur wenn er zuweilen auf dem Rücken lag und in die Wipfel
schaute in der tiefen Stille spürte er ein leises Wiegen der Stämme und wie die
spitzenbehangenen Äste sich kreuzten hoch oben Das war eine andre Welt hoch
oben wenn man ein andres Wesen wäre ein Vogel oder ein Eichhörnchen so lebte
man da hüpfte von Ast zu Ast und alles was unten ist sähe ganz klein aus und
ginge einen nichts an In die Stille kam plötzlich das Klopfen oder das Hämmern
eines Spechtes ganz von weitem oder ein unmerklich leises Geräusch von einer
kleinen Meise mit blitzenden Augen Und Moos war da das drängte sich dicht und
eine Art sah aus wie ein Tannenwald im kleinen der Berg und Tal überzieht und
alles rund macht Ameisen auf einem solchen Moosberge kamen sich wohl vor wie
wir im Hochwald vor Gott aber waren wir gleich den Ameisen und ein Wald von
vielen Meilen wie ein Häufchen Moos Das war wunderbar wenn man auf der anderen
Seite die Würdigkeit der Menschen bedachte denn alle unsre Gedanken kannte ja
Gott dieses war auch der Grund weshalb wir um ein reines Herz beten weil wir
uns nicht gern schämen wenn Gott in uns hineinsieht Einmal hatte Hans gemerkt
wie Gott in ihn hineinsah aber da hatte er gerade ein reines Herz und das
machte ihn sehr froh und es war ihm als müsste es sich innerlich ganz
ausbreiten vor Gott wie ein Buch mit der ersten Seite aufgeschlagen hingelegt
wird er war im Walde und in einer sehr großen Stille
    Wir haben seltene Augenblicke im Leben wo uns unser inneres Wesen
symbolisch gezeigt wird wie wir ja auch im Traum statt Begriffe zu denken
Symbole sehen In einem solchen Augenblick da er zudem auf der äußersten Spitze
seines Lebens stand und sich in solcher Schicksalsstunde für immer nach links
wenden musste oder nach rechts hatte er in seinem späteren Leben einmal ein
schnell vorüberhuschendes Schattenbild eines hohen und ernsten Tannenwaldes und
sein Gefühl war wie Glockenklang Da entschied er sich nach der rechten Seite
und dann wurde ihm klar dass der Wald ein treuer Lehrer seiner Jugend gewesen
war und er wusste genau dass er ein andrer Mensch geworden wäre wenn er unter
Buchen oder Eichen aufgewachsen statt unter Tannen
    Ein treuer Lehrer war ihm auch Dorrel das Dienstmädchen Er war bei ihr im
Stall wo das trübe Licht in der großen alten Laterne brannte und Dorrel
melkte gleichmäßig und in langen Zügen indes die Kuh behaglich ihr Kleeheu aus
der Krippe zupfte ein ganz besonderer Ton war in dem Melken der nach Ordnung
Ehrbarkeit und Fleiß klang auch die Kuh steht bei einer faulen und hochmütigen
Melkerin nicht so ruhig und behaglich denn das liebe Vieh merkt wohl den
Unterschied im Wesen der Menschen und benimmt sich danach
    Dorrel hatte eine besondere Kunst sie konnte Schutzkrausen aus buntem
Papier für Talglichter machen die schnitt sie zuerst mit der Schere zurecht
und dann drehte sie mit der Schürze sie so dass sie schöne Falten bekamen Wenn
sie dem kleinen Hans etwas ganz besonders Gutes antun wollte so versprach sie
ihm dass sie ihm eine solche Krause machen wolle und dann freute er sich sehr
Sehr oft nahm sie ihn mit wenn sie aufs Feld ging und besonders wenn sie im
Herbst aus der Eisgrube Kartoffeln holte Da zog sie den Schubkarren aus der
Scheune legte den Sack auf und ließ dann den kleinen Hans sich setzen der saß
da mit geknickten Beinen und sah glücklich in Dorrels rotes strahlendes
Gesicht die den Sielen über die Schulter geworfen hatte und rüstig den Karren
vor sich hinschob Denn auch für sie war es eine große Freude wenn sie
Kartoffeln herausholte Während sie schob gab sie ihm Rätsel auf alte Rätsel
die sie selbst als Kind von ihrer Großmutter gelernt
Es ging ein Männchen über die Brücke
Es hatt ein Körbchen auf dem Rücken
Hatte drinne Sich sich
Hatte drinne Stich stich
Hatte drinne Weissgewaschen
Ohne Seif und ohne Wasser
    Das wusste Hans natürlich nicht was das war nämlich Spiegel Nadeln und
Eier Sehr merkwürdig war das Auch das war ein schweres Rätsel
Der König von Ägypten
Der hatt ein Ding das wippte
Er konnt es nicht verkaufen
Er musst es selber brauchen
    Das war nämlich seine Zunge
    Und in der Elsgrube war in der Mitte ein rundes Wasser das war ohne Grund
Vor vielen Jahren hatten die Leute einmal drei Heuseile aneinandergeknüpft und
unten einen schweren Stein angebunden und den hinabgelassen aber sie konnten
keinen Boden finden Hier hatte früher das Schloss des Grafen gestanden das
untergegangen war als der treue Diener von der weißen Schlange gegessen jetzt
aber lagen hier die Äcker die zum Forstaus gehörten
    Dorrel machte dem kleinen Hans eine Schleuder indem sie eine schwibbe Rute
von einer Weide abschnitt und die vorn zuspjetzte Auf die Spitze steckte Hans
die Kartoffeläpfel und schleuderte sie in die Luft so hoch flogen sie dass er
sie beinahe nicht mehr sehen konnte Ein anderer hätte gedacht sie flögen in
den Himmel aber Hans wusste aus seinem Lesebuch dass der Himmel unendlich hoch
über uns ist denn es gab Sterne deren Licht brauchte viele tausend Jahre ehe
es zu uns kam so hoch standen die und der Himmel musste doch natürlich noch
höher sein aber das glaubte Dorrel ihm nicht denn die meinte es würde viel
Unsinn gedruckt und man müsste nicht alles glauben was in den Büchern steht
    Während er spielte machte Dorrel Kartoffeln aus und fast über jeden Busch
freute sie sich dass er so viele Knollen hatte und meinte immer das sei doch
ein sichtbares Zeichen von Gottes Güte dass man eine einzige Kartoffel steckt
und nachher sind so viele da wenn sie einen besonders großen Busch fand so
rief sie den kleinen Hans und dann suchten sie zusammen die Knollen aus der
Erde und zählten sie Bei jedem Busch war sie immer von neuem gespannt und Hans
stand dann wohl neben ihr und sie rieten vorher wieviel Knollen der wohl
hätte dabei behauptete Hans dann etwa er müsse hundert haben oder zweihundert
und wollte nicht glauben dass das gar nicht möglich war wenn er dann ärgerlich
wurde so gab sie ihm ein neues Rätsel auf
Ule Ule
Er saß bei mir auf dem Stuhle
Er winkte mir ich wehrte mich
Er winkte mir so süße
Dass ich vergaß die Augen und die Füße
    Da musste Hans wieder betteln denn er wusste nicht was das war und war doch
recht neugierig Dorrel aber ließ ihn lange zappeln bis sie ihm zuletzt sagte
das ist der Schlaf
    Die fromme und treue Magd sprach nur aus ihrem braven und rechten Gemüt Sie
wusste dass es nicht gut ist für ein Kind wenn man ihm Zeit lässt ärgerlich und
ungezogen zu werden auch wenn man es alsdann straft sondern es ist besser
wenn man seine Gedanken ablenkt durch etwas Neues dass es seinen Ärger vergisst
denn leicht hinterlässt ein hässliches Benehmen Spuren in der Seele eines jungen
Kindes
Der kleine Hans wachte an einem Morgen auf weil die Vögel auf den Ziegeln
gerade über seinem Bett ein großes Klabastern und Schreien anstellten Ein
Stückchen Kalk vom Verputz war ihm auf die Bettdecke gefallen Die Morgensonne
schien durch das Fenster und die Blüten des Spalierapfels waren aufgebrochen
Ein vollbesetzter Zweig zog sich schräg vor den Scheiben hin Hans dachte wenn
die alle ansetzten dann würde es eine Menge Äpfel geben und sehr bequem waren
sie vom Fenster aus zu pflücken Indessen aber lag er in seinem warmen Bett und
hielt die Augen behaglich geschlossen Auf dem Dach waren jetzt auch Tauben das
hörte man am Gurren und an dem Trippeln Die warteten dass Hans in die Haustür
trat und ihnen das Futter streute sie kannten ihn ganz genau und ließ sich
nicht irre machen wenn ein andrer kam und sie anführen wollte Von den Äpfeln
konnte er übrigens im Herbst wenn sie reif waren immer jeden Abend einen mit
ins Bett nehmen dann zog er die Decke über die Ohren und aß ihn heimlich für
sich Die Sorte war auch gut
    Jetzt hörte er Schritte auf der Treppe ganz geschwind kniff er die Augen
zu aber sein Gesicht lachte Die Mutter trat ein warf ihm ein Kissen aufs
Gesicht fasste ihn darunter und hielt ihn fest dazu sang sie
Hab ein Vögelchen gefangen
Im Federbett
Habs inn Arm nein genommen
Habs lieb gehätt
    Hans strampelte und lachte die Mutter aber hob ihn aus dem Bett schwenkte
ihn und sang
Quibus quabus
Die Enten gehen barfuß
Die Gäns haben keine Schuh
Was sagen denn die lieben Hühner dazu
    Dann küsste sie ihn recht herzlich und er wischte sich den Mund ab und
rutschte aus ihrem Arme auf die Erde Ob er heute den Tauben wohl Erbsen streuen
durfte Aber es war ein ganz besonderer Tag Die Mutter kriegte ihn vor und
wusch ihn aussergewöhnlich gründlich dass er mit den Zähnen klapperte über das
nasse Wasser und ganz blankgescheuerte Backen bekam Dann kämmte sie ihm das
Haar glatt das ihm sonst borstig und hell in die Höhe stand erst bearbeitete
sie es mit Wasser nachher mit Pomade
    Hans fragte mit großer Neugierde was denn heute geschehen werde aber die
Mutter lachte nur und antwortete ihm nicht Sie holte den guten Anzug aus dem
Schrank und auch seinen Kragen und die Manschetten kriegte er die waren zwar
recht ausgewaschen und einem verwöhnten Stadtkind wären sie nicht mehr ganz
anständig erschienen für Hans aber waren sie eitel Prunk und Herrlichkeit Und
wie er nun so fein angezogen war ermahnte ihn die Mutter dass er sich fromm in
die Stube setzen sollte und ein Buch vornehmen damit er den guten Anzug schonte
und sich nicht unordentlich machte Da holte er seine Lesebücher zusammen den
Preussischen Kinderfreund drei Bände Spinnstube und die Bibel und begann für
sich zu lesen denn eigentlich war ihm das Lesen doch das Liebste und vollends
wenn der Vater nicht da war der immer wollte dass er etwas Nützliches
studierte die Mutter aber meinte es sei alles nützlich und gut was in seinen
Büchern stand So las er im Kinderfreund seine Lieblingsgeschichten von der
gnädigen Frau von Paretz und das Gedicht Als Kaiser Friedrich lobesam ins
heilge Land gezogen kam bei dem er immer meinte lobesam müsse mit großem
Anfangsbuchstaben geschrieben werden weil es doch der Nachname Kaiser
Friedrichs sei und in der Spinnstube las er die Geschichte von Wittington und
seiner Katze der dreimal Bürgermeister von London wurde welche Stadt
anderthalb Meilen lang und fast eine Meile breit ist
achttausendeinhundertundeinundneunzig Straßen hat hundert freie Plätze von
großer Ausdehnung zweimalhundertundfünfzigtausend Häuser und zwei Millionen
Einwohner Das war einmal eine Stadt
    Zuletzt sagte die Mutter dem Hans was bevorstand denn der Herr Graf mit
seiner Gemahlin und den Kindern wollten eine Lustfahrt durch den Wald machen und
dabei im Forstause einsprechen Denn es waren noch nicht die Zeiten die im
vorigen Kapitel geschildert sind und die bösen Zustände im gräflichen Hause
wurden noch nicht äußerlich bemerkt
    Da kam der erste Wagen der von stolzen Pferden gezogen wurde welche die
Beine tänzelnd hoben und den Kopf hochhielten nachher wie sie standen
spielten sie mutwillig mit dem Gebiss man sah es ihnen wohl an dass sie in
Herrendienst waren und in Wohlleben Der Kutscher trug eine sehr stolze Livree
und saß hochmütig auf dem Bock als gehe ihn die ganze Welt nichts an und die
Frau Gräfin mit der kleinen Komtesse lehnten im Wagen und sahen gar nicht so
stolz aus wie der Kutscher und lächelten beide freundlich indem die Mutter den
Schlag aufmachte Hans hörte wie die Frau Gräfin immer lobte und sagte »Schön
sehr schön ausgezeichnet liebe Frau Werter« Er musste eine Verbeugung machen
die ihm die Mutter vorher eingeübt hatte und war sehr verlegen am liebsten
wäre er ganz weit weg gewesen
    Da die Frau Gräfin ihm auftrug dass er der kleinen Komtesse alles zeigen
sollte was zu sehen wäre so fasste er die bei der Hand und ging mit ihr aus der
Stube sie war wohl ein Jahr jünger wie er aber er war fest entschlossen sie
mit »Sie« anzureden solange es ging wollte er sich indessen um die Anrede
drücken weil er doch nicht wusste ob es nicht komisch war wenn er »Sie« sagte
Sie sprach zuerst und erzählte dass sie ihr weißes Kleid nicht schmutzig machen
dürfe Sie hatte ein weißes Kleid das war ganz aus Spitzen wie aus Luft und
in der Mitte war ein blauseidenes Band Er wusste nicht recht was er antworten
sollte da fielen ihm seine Manschetten ein die zog er von den Händen und
zeigte sie ihr das war ihr sehr merkwürdig und sie sagte dass bei ihren
Brüdern die Manschetten aus einem Stück seien mit den Hemden aber so wie er es
habe sei es gewiss viel vernünftiger weil man sich dann nicht so schrecklich
viel umzuziehen brauche
    Nun führte er sie in den Stall die Treppe hinauf zum Heuboden Hier hatte
er im Heu sich einen langen Gang gegraben und am Ende hatte er eine Höhle
deren Decke war mit Brettern gestützt dass sie nicht einstürzte Eigentlich war
das eine Höhle der alten Deutschen aber man konnte hier auch Mann und Frau
spielen dann war die Höhle der Raum wo die Frau blieb und Mittagessen kochte
oder flickte und der Mann kam nach Hause aus dem Wald Die Komtesse war
einverstanden dass sie so spielen wollten Deshalb kroch er erst in den Gang
hinein und wie er hinten in der Höhle saß rief er ihr dass sie nachkommen
sollte damit er ihr das Innere zeigte das war freilich ganz dunkel Sie kroch
auch ganz tapfer nach wie sie aber in der Mitte des Ganges steckte hielt sie
plötzlich still und fing ganz jämmerlich an zu weinen weil sie mit einem Male
Angst kriegte Er tröstete sie und sagte die Mädchen hätten immer Angst und
sie solle nur weiter kriechen dann käme sie zu ihm aber sie weinte immer
lauter und rief nach ihrer Mama Da kroch er zurück und sie schob sich auch
rückwärts aus dem Gange und wie sie draußen standen sahen sie recht
unordentlich aus und waren voller Heu Dann wurde beschlossen sie sollte den
Mann vor dem Hause erwarten denn es müsste Sommer sein und in der Stube müsste
es heiß sein Deshalb ging er fort die Treppe hinunter aber mit dem Kopf
durfte er nicht verschwinden sonst wollte sie wieder weinen dann kam er
wieder trampelte laut mit den Füßen rief »Kusch Pollux« und sagte »Guten
Tag Frau was macht der Junge« Sie antwortete »Er ist artig gewesen darum
muss er auch einen Kuss kriegen« Diese Antwort brachte ihn aus dem Konzept weil
sie ihm ungewohnt war deshalb fragte er weiter »Hast du auch was Gutes
gekocht«  »Nein« sagte sie ich habe in der Semaine des Enfants gelesen« Nun
wusste er wieder nicht weiter deshalb sagte er »Ach das ist ein dummes Spiel
wenn du nicht so eine Heulliese wärst so könnten wir jetzt durch die Heuluke
durchklettern in die Kuhkrippe« Da versprach sie ihm dass sie auch ganz gewiss
nicht wieder weinen wollte und dann machte er die Heuluke auf sie legten sich
auf den Boden und sahen wie unten die Kuh in die Höhe guckte mit den Lippen
bettelte und durch die Nasenlöcher pustete Das war so komisch dass sie lachen
musste Hans zeigte ihr wie man sich durch die Luke in die Krippe niederlassen
konnte die Kuh pustete neugierig und leckte mit der Zunge ihn an weil sie
dachte er sei ein Heubündel das war noch komischer wie das andre aber mit in
die Krippe steigen mochte die Komtesse doch nicht
    Unten bei der Kuh waren Hansens Kaninchen Die wollte die kleine Komtesse
gern sehen Sie gingen hinunter und die Komtesse bewunderte den langen kleinen
Gang an der Wand der aus Brettern gezimmert war und das Schlupfloch das ein
Arbeiter schön blau und rot bemalt hatte Hans fing ein ganz weißes Kaninchen
und reichte es ihr an den Ohren hin es hielt ganz still wie sie streichelte
und plötzlich fing es stark an zu zappeln dass sie zuerst erschrak nachher
musste sie aber selber lachen über ihre Furcht wie sie die niedlichen roten
Augen sah Dann nahm Hans das Brett am Ende des Laufganges weg wo das Nest war
da lagen sechs kleine Kaninchen bei ihrer Mutter die waren ganz zahm und ließ
sich auf die Hand nehmen und ihre Mutter machte ein Männchen und schnupperte
nach oben Über das alles war sie so entzückt dass Hans zuletzt strahlte vor
Stolz und Freude und nachdem er sich lange überlegt ob er wohl nicht Zanke
bekäme von der Mutter wenn er ihr ein Geschenk anböte fragte er ob sie ein
Pärchen haben wolle Da war sie ganz glücklich und mit immer neuem Vergnügen
suchte sie sich zwei von den kleinen Tieren aus nahm sie in ihr Kleid und
sprang zu ihrer Mutter in der Stube Die sagte mehrmals die Tiere seien sehr
schön aber als das Kind sie bat ob es sie mitnehmen dürfe antwortete sie dass
es doch zu Hause keinen Raum hätte wo es sie lassen könne und die Kleine die
schon wusste dass auch noch eine leichtere Ablehnung endgültig war gab dem Hans
mit Tränen in den Augen und ohne Worte die Tierchen wieder zurück und setzte
sich dann still ans Fenster Die Frau Gräfin sagte dann sie sei wohl recht wild
gewesen und sie müsse jetzt artig sein ihre Brüder würden bald kommen Hans
stand da mit den beiden kleinen Kaninchen eins in jeder Hand und wusste nicht
wo er hingehen sollte in seiner Verlegenheit bot er sie der Komtesse noch
einmal stumm an die schüttelte das Köpfchen und sah durchs Fenster Seine
Mutter stand auf öffnete die Tür schob ihn hinaus und sagte ihm er solle die
Kaninchen wieder in den Stall bringen das tat er auch und weil er nicht recht
wusste wie er wieder in die Stube gehen solle so blieb er draußen unter der
Toreinfahrt steckte die Hände in die Hosentaschen und pfiff mit erkünsteltem
Gleichmut ein Lied Ganz wohl war ihm nicht denn er hatte wohl gesehen wie die
Frau Gräfin böse geworden war nur dass sie es nicht so zeigte wie seine Mutter
es pflegte
    Nach einer Weile aber kam die kleine Komtesse wieder heraus trat neben ihn
hin und sagte »Ich danke dir auch schön und du musst nicht böse sein wenn wir
einen Raum hätten für die Kaninchen so hätte ich sie nehmen dürfen« Dann zog
sie ein Albumbildchen hervor das stellte Dornröschen dar wie der Prinz es
gerade wachküsst das schenkte sie ihm Er steckte das Bild gleichmütig in die
Tasche Sie sagte dazu »Ich hätte es gerne selber behalten unser Küchenmädchen
hat es mir geschenkt aber dir will ich es geben«
    Indem sie noch so sprachen fuhr ein andrer Wagen vor in dem saßen der Graf
und die beiden Jungen die ungefähr in dem Alter waren wie Hans und auch der
Förster saß im Wagen Der Vater sprang schnell heraus und war der Herrschaft
behilflich beim Aussteigen Der Herr Graf fasste die kleine Komtesse beim
Zöpfchen sie warf sich ihm in die Arme und hätte wohl gern noch einmal gebeten
wegen der Kaninchen wenn sie gewagt hätte
    Nun trat die Frau Gräfin aus dem Haus und gab der Försterin freundlich die
Hand Die kleine Komtesse umfasste ihren Rock und bat der kleine Hans soll
mitfahren Sie bat so herzlich dass die Frau Gräfin fragte ob die Eltern das
erlaubten die sagten natürlich ja die Mutter zupfte Hans noch einmal zurecht
und dann stiegen alle ein Die Kinder durften in dem einen Wagen für sich
bleiben nachdem sie dem Kutscher auf die Seele gebunden waren der Graf war mit
seiner Gemahlin in dem andern und nun ging die Fahrt fort in den Wald
    Dem Hans war sehr befangen zumute denn er hatte das Gefühl dass er ganz
anders saß und sich bewegte und sprach wie die jungen Grafen die sahen so aus
als dachten sie gar nicht an ihre Bewegungen und er meinte dass sie wohl
heimlich über ihn lachen möchten Das Mädchen erzählte von den Kaninchen und
wie reizend die gewesen seien da sprachen die beiden Brüder geringschätzig und
meinten Kaninchen seien gar nichts Besonderes und wenn sie nur wollten
könnten sie Hunderte haben und wie die Kleine erzählte dass sie die beiden
geschenkten Jungen nicht hatte mitnehmen dürfen da lachten sie und sagten sie
verstehe das nicht wie man seinen Willen erreiche da müsse man so lange
heulen bis einem erlaubt werde was man wolle Hans kriegte runde Augen über
diese Ansichten und sagte zwar nichts die Brüder aber merkten wohl dass ihm
ihre Reden unrecht vorkamen deshalb machten sie sich gefasst ihren Spaß mit ihm
zu treiben denn sie hielten ihn für einen Duckmäuser
    Sie sagten nicht »Vater« und »Mutter« sondern der »Alte« und die »Alte« und
rühmten welche Taten sie mit ihrer Schnappschleuder begingen wie sie da den
Bauern die Fensterscheiben entzweischossen ohne dass jemand merkte von wem der
Schuss kam Noch nahmen sie scheinbar keine Notiz von Hans weil sie keine rechte
Anknüpfung hatten aber sie knufften sich heimlich um sich auf ihn aufmerksam
zu machen wie er dasaß mit seinen hellen Augen in dem blankgescheuerten
Gesicht Wie ihre Schwester von den Manschetten erzählte prusteten sie los mit
Lachen und sagten das seien Sparröllchen wie sie Herr Müller trägt der
Hofmeister gestern hatten sie gehört wie ihre Mutter zum Vater gesagt hatte
Herr Müller mit seinen Sparröllchen sei doch zu unterirdisch
    Hans wurde feuerrot und schämte sich sehr und hätte fast angefangen zu
weinen aber er bezwang sich noch Der älteste von den Brüdern fragte ihn
»Kannst du auch schon reiten Wir haben jeder einen Pony auf dem lernen wir
reiten ich darf schon allein« Hans schüttelte den Kopf dann erzählte er dass
ihre Elsbeth einmal wochenlang jeden Tag zweiundzwanzig Liter Milch gegeben
habe Da prusteten die Brüder wieder los das kleine Mädchen aber sagte zu ihm
»Du musst dich nicht ärgern über sie das sind dumme Jungen« Ihm aber war als
ob sie im Einverständnis sei mit den beiden die ihn auslachten und das kränkte
ihn am meisten aber er wusste nicht was er antworten sollte
    Indessen erzählten die andern weiter wie sie schon geraucht hatten und sich
Geld borgten von den Leuten und wie den einen der Vater einmal zur Rede
gestellt hätte er einfach alles abgestritten und der Vater hätte gelacht und
gesagt er könne sich gut herauslügen aber er der Vater merke doch die
Wahrheit aber getan hätte er ihm nichts Dann fragten sie Hans ob sein Vater
seiner Mutter auch zuweilen etwas vorlog Er schüttelte mit dem Kopf Sie
antworteten er sei noch zu dumm da merke er das nicht Da kam ihm plötzlich
ein neues Gefühl in die Bewunderung der Ruhmredigkeit der andern die Stimmung
von Zuhause und der Stolz den er gegenüber den Tagelöhnerkindern hatte und er
sagte »So einen Vater wie ich hat auch keiner« Der älteste von den beiden
antwortete überlegen »Das denkt man immer solange man noch klein ist« Dann
fragten sie ob sein Vater ihn schlug und Hans erzählte dass er eine Peitsche
hatte mit neun Riemen das war die neunschwänzige Katze mit der kriegte er
wenn er ungezogen gewesen war Da kam ihm wieder vor als sei bei ihm zu Hause
alles dumm und er selbst sei ganz dumm und die beiden erschienen ihm wieder
hoffnungslos überlegen Die Wagen fuhren zu einer Waldblösse die war von allen
Seiten eingeschlossen durch die hohen Tannen und war der Boden etwas abhängig
und mit braunem Gras bedeckt von vorigem Jahr schon kamen die ersten grünen
Grasspitzen aber hervor und die Primeln blühten Auf dem unteren Teil hatten
sich einige Birken angesiedelt die etwa mannshoch waren über denen schwebte
eben ein hellgrüner Hauch Aber an der trockensten und sonnigsten Stelle lag ein
großer flacher Stein Auf diesem deckten die Leute denn die Herrschaften
wollten im Freien vespern Die Kinder durften im Walde spielen Hans war aus
Schüchternheit ungeschickt weil er bei dem kleinen Mädchen die einzige
Zuneigung verspürte so hielt er sich immer zu dieser wiewohl er dadurch das
Spiel oft störte So versteckten sie sich hinter den Bäumen und es war in
seiner Nähe kein starker Baum und er blieb hinter einem ganz dünnen stehen
obwohl er selbst wusste dass ihn die andern gleich sehen mussten Wie er selbst
suchen sollte war er zu schüchtern die Jungen zu fangen die er fand und ließ
sie entkommen wiewohl er sich heftig ärgerte über diese Schüchternheit hinter
dem kleinen Mädchen dagegen lief er sehr eifrig her Über alles dieses wurden
die Jungen ärgerlich und zankten mit ihm er aber lächelte bloß entschuldigend
und konnte sich nicht verteidigen und die beiden kamen zu dem Schluss er sei
dumm Dass er sich immer an ihre Schwester heftete merkten sie bald und da
verspotteten sie diese sie habe einen Verehrer bekommen der Dumme sei in sie
verliebt Darüber wurde die ärgerlich und war kurz gegen Hans und wie der
obgleich er das merkte doch nicht abliess von seiner Art sagte sie ihm endlich
ganz grob er solle sie in Ruhe lassen er sei dumm Da stand er traurig für
sich allein da und sah zu wie die andern spielten und musste mit aller Gewalt
die Tränen zurückhalten Mit einem Male aber kam es über ihn nämlich plötzlich
bei einer ganz geringen Gelegenheit als es ihm schien der ältere Bruder sehe
spöttisch nach ihm hin da lief er wütend auf den zu packte ihn bei den Haaren
und schlug kräftig auf ihn ein der jüngere Bruder eilte herbei und griff Hans
an aber der ließ sich nicht irre machen fühlte wohl gar nichts von seinem
Angreifer Endlich kamen die Kutscher und trennten die drei
    Wie sie vor die Herrschaft gebracht waren klagten die Brüder mit geläufigen
Worten über Hans der habe das Spiel schon von Anfang an gestört dann sei er
brummig zur Seite geblieben und endlich habe er ohne Grund sie überfallen Hans
stand niedergeschlagen da denn das war alles richtig was die sagten und er
wusste selbst nicht weshalb er plötzlich so wütend geworden war Der Herr Graf
sagte zu seinen Söhnen sie würden gewiss schuld haben aber wenn sie denn nun
einmal keinen Frieden untereinander halten könnten so solle der Försterjunge
nach Hause gehen Nun dachte Hans dass er sich wohl erst bedanken müsse aber
das konnte er nicht deshalb drehte er sich um und ging langsam einige Schritte
und wie er dachte dass er weit genug sei lief er aus Leibeskräften bis er
atemlos nach Hause kam
    Hier fand er nur die Großmutter vor er ging zu ihr in die Stube und weinte
in ihren Schoss
    Wie der Vater nach Hause zurückkehrte wusste er schon von dem Geschehenen
rief den kleinen Hans zu sich und fragte ihn Der antwortete dass alle sehr
artig gewesen seien und besonders die kleine Komtesse aber ihn habe plötzlich
eine Wut gepackt er wusste nicht woher dass er habe den einen schlagen müssen
Mehr konnte er nicht sagen und keine weitere Vorhaltung nutzte etwas Endlich
fragte ihn der Vater ob er wisse dass er sehr ungezogen gewesen sei und Hiebe
verdient habe Da sagte er ja holte auch die neunschwänzige Katze herbei Wie
ihn der Vater schlug bezwang er sich zuerst und muckste nicht nachher aber
weinte er doch denn die Katze tat sehr weh
    Am Abend setzte er sich in der Dunkelheit ans Fenster der Vater saß still
in der Sofaecke Da stand er leise auf ging zu seinem Vater stieg dem auf den
Schoss und weinte an seiner Brust Der Vater dachte er müsse ihn trösten der
Schläge wegen und sagte er sei doch ungezogen gewesen und einem Vater tue das
selbst weh wenn er seinen Jungen schlagen müsse und das wisse er doch selbst
dass er die Schläge verdient habe Da nickte Hans und sagte »Das ist es nicht
das hat manchmal schon weher getan« Wie ihn der Vater nun weiter fragte fasste
er sich zuletzt ein Herz und sprach »Nicht wahr du lügst doch nicht« Hierüber
wurde der Vater ganz erstaunt antwortete dass er allerdings nicht lüge und
fragte dann wie Hans auf solche Gedanken komme Hans schluchzte von neuem und
erzählte endlich was die beiden Jungen auf der Fahrt und nachher gesprochen
hatten Der Vater wurde recht nachdenklich und begütigte ihn indem er ihm
sagte dass die jungen Grafen vorlaute Jungen seien die überall zuhörten auch
wo es ihnen verboten sei und nun in ihrer Dummheit allerhand falsche Meinungen
ausheckten Damit gab sich Hans am Ende zufrieden hörte allmählich auf zu
weinen und schlief zuletzt auf seines Vaters Schoße ein 
Der Großmutter war es den Winter hindurch schlecht gegangen sie klagte über
ihre Beine dass die sie nicht mehr recht tragen wollten und fürchtete sich vor
Zug abends ging sie früher zu Bett wie sonst und am andern Morgen erzählte
sie dass sie nicht habe schlafen können Dafür geschah es dass sie am Tage
unversehens einschlief wenn sie in ihrem Lehnstuhl am Ofen saß und strickte
das Strickzeug sank ihr in den Schoss und sie wachte auch durch lautes Geräusch
nicht auf Man musste aber tun als ob keiner etwas merkte hiervon sonst wurde
sie böse wenn sie die Augen wieder aufschlug so sah sie sich um ob jemand sie
beobachtete und dann nahm sie ihr Strickzeug vor das Gesicht
    Gegen den Frühling kam der Tischler der die Fenster in Ordnung bringen
sollte denn deren unterer Riegel war faul geworden und das Wasser lief auf die
Fensterbank Mit dem sprach die Großmutter über Särge fragte was die
verschiedenen Arten kosteten und wunderte sich dass alles so teuer geworden
war und erkundigte sich genau nach der Haltbarkeit Es zeigte sich dass bei
Särgen sehr viel Betrug unterlief denn die Handwerker hatten keine Furcht vor
Gott und keine Scham und glaubten bei einem Begräbnis müssten sie mehr verdienen
wie bei andern Arbeiten
    Als die Kraft der Sonne zunahm stand sie oft am Fenster und sah wie der
Schnee in sich zusammensank und dann kam Tauwind und Regenwetter und in den
Schlittenspuren auf der Landstraße schoss das Wasser bergab Jetzt sagte die
Großmutter oft »Nun schlagen die Bäume bald aus« sie dachte aber bei sich
wenn die Bäume ausschlügen so würde sie sterben auch sagte sie »Die
Schneeglöckchen erlebe ich noch« Das sprach sie alles für sich hin wenn sie
allein in der Stube war oder nur der kleine Hans auf seinem Fussbänkchen still
saß Einmal faltete sie die Hände und sagte »Des Menschen Leben währet siebzig
Jahre und wenn es hoch kommt achtzig Jahre und wenn es köstlich gewesen so
ist es Mühe und Arbeit gewesen«
    Wie sie noch Kind war hatten ihre Eltern sie in eine Sterbekasse
eingekauft und achtzig Jahre lang hatte sie ihre Pfennige gesteuert Jetzt las
sie viel in dem alten abgegriffenen Quittungsbuch in dem vorn die Satzungen
der Kasse abgedruckt standen und hinten auf leeren Blättern so viele Jahre
hindurch der Empfang des Beitrags bescheinigt wurde sie las und rechnete für
sich alle Kosten und Ausgaben zusammen
    Ein schöner Frühlingstag kam Das Stubenfenster stand lange auf und eine
Frühlingsluft drang herein eine frische und sonnenscheindurchtränkte Draußen
war es schon ganz trocken und die kleinen Vögel machten allerhand Zwitschern
Pfeifen und Tirilieren die Großmutter saß lange am Fenster und hatte diesmal
gar keine Furcht vor der Erkältung Dann sprach sie mit der Mutter wegen des
Grabes ihres toten Mannes das um diese Jahreszeit besorgt werden musste und
endlich sagte sie dass sie sich jetzt zu schwach fühle um noch aufzubleiben
sie wolle sich legen aber auf ihrer Kammer sei es ihr zu einsam ihr Bett solle
hier in der Stube aufgeschlagen werden in der Ecke wo ihr Lehnstuhl gestanden
    Die Mutter verspürte wohl was sie meinte und dass sie wusste sie werde von
diesem Lager nicht wieder aufstehen so antwortete sie dass heute abend wenn
der Mann zu Hause sei alles so gemacht werden solle wie die Großmutter es
wünsche
    Das geschah auch und nun war die Großmutter unten in der Stube im Bett sie
hatte viele Kopfkissen im Rücken so dass sie halb saß deshalb vermochte sie
auch noch zu stricken wie früher Wenn der Vater abends nach Hause kam ging er
erst zu ihr gab ihr die Hand und sprach ein paar Worte Es war als sei sie
jetzt viel wichtiger geworden wie vorher die Mutter fragte sie um manches
davon sie ihr sonst nichts mitgeteilt und recht oft erhielt sie ein besonderes
Leckerbisslein das die andern nicht bekamen
    Einmal rief die Großmutter die Mutter zu sich ans Bett Die kam und fragte
was sei Da sagte die Großmutter nach einer Pause »Ich wollte dir nur sagen
dass du immer gut zu mir gewesen bist so sind nicht alle jungen Frauen Ich bin
gewiss manchmal wunderlich gewesen aber ich habe es immer gut gemeint« Da sah
Hans wie seiner Mutter die Tränen kamen dass sie die Schürze vor die Augen nahm
und schnell fortging
    Dem kleinen Hans erzählte die Großmutter jetzt viel und wiewohl er gern
draußen war und mit dem schmelzenden Schnee spielte Flüsse leiten und Dämme
bauen dass sich große Teiche bilden und dann wieder Kanäle graben und
Wasserfälle machen so blieb er doch viel lieber in der Stube bei der Großmutter
und hörte ihre Erzählungen aus der alten Zeit
    Sie sprach aber von ihrem Vaterhaus das schilderte sie ganz genau von außen
und innen und zählte die Stuben und Fenster und Türen und die Öfen beschrieb
sie und die Treppe und die Haustür und alles wurde prächtig und märchenhaft in
ihrer Erinnerung Dann sprach sie von der Wiese und wie sie alle ins Heu gingen
mit großen Hauben aus Kattun und vom Garten erzählte sie und von den
Obstbäumen da war ein Apfelbaum der trug Borsdorfer solche Äpfel gab es nicht
mehr und von Kirschen hatten ihre Eltern alle Sorten und im Herbst wenn die
Abende länger wurden dann holten sie immer eine große Schüssel Pflaumen vom
Boden die wurde auf den Tisch gesetzt Der Urgroßvater war Silberbote gewesen
das war ein Bergmann auf den man besondere Stücke hielt der musste zweimal in
der Woche das ausgebrachte Barrensilber zur Münze bringen Da ging er denn
abends zum Herrn Bergrat der packte die Barren in einen Tornister den
versiegelte er dann kam er wieder nach Hause und verschloss den Tornister in
seinem Koffer und nahm den Schlüssel in die Tasche denn früh am andern Morgen
um drei Uhr musste er sich auf den Weg machen und acht Stunden weit gehen durch
den dicken Wald zur Winterzeit war oftmals der Weg verschneit und keine Trappe
Bahn dazu war damals der Wald noch gefährlich wegen der Wölfe und in der
Franzosenzeit gab es auch Räuber Deshalb holte der Vater die Bibel und das
Gesangbuch aus dem Schapp und las vor ein Stück aus den Evangelien von dem
Mann der unter die Räuber fiel oder ein andres dann knieten alle nieder und
beteten zum lieben Gott dass er ihn beschützen möge und am Ende sangen sie ein
frommes Lied Wenn die Kinder dann am andern Morgen aufwachten so war der Vater
schon lange auf dem Wege und erst am Abend um neun kam er wieder mit dem leeren
Felleisen und der Quittung das musste ein Kind beides gleich zum Herrn Bergrat
bringen Wenn es aber um die Zeit war dass der Vater heimkehren musste so
harrten alle in Angst und oftmals gingen sie ihm entgegen weil sie Furcht
hatten es möchte ihm etwas geschehen sein Aber Gott hat ihn immer behütet und
er hat ein hohes Alter erreicht
    In diese Erzählungen mischte die Großmutter Mahnworte und fromme Reden
indem sie begann »Und wenn ich tot bin so vergiss nicht was ich dir jetzt
sage« Sie erzählte aber sie habe gefunden dass in heutiger Zeit die Manschen
mehr Angst hätten um ihr tägliches Brot wie früher und sich viele Sorge machten
um Irdisches Als sie ein Kind gewesen haben die Menschen andre Gedanken
gehabt indessen sei es möglich dass die Ursache der Sorgen in dem beschlossen
sei dass die Menschen heute nicht mehr so ordentlich und gut seien wie früher
Es sagt aber der Psalmist »Ich bin jung gewesen und alt geworden und habe noch
nie gesehen den Gerechten verlassen oder seinen Samen nach Brot gehen« Diesen
Satz gab sie dem kleinen Hans ganz besonders und schärfte ihn dem Kinde vielmals
ein und fügte hinzu »Strebet zuerst nach dem Reiche Gottes so wird euch dieses
alles zufallen« und sagte nochmals »Hieran denke wenn ich tot bin und vergiss
nicht meine Worte«
    Weiter erzählte sie von ihrem Großvater den sie noch gekannt als einen
eisgrauen kleinen Mann der schon ganz in die Erde gewachsen war Der war weit
in der Fremde herumgekommen als ein Bergmann in Ungarn und Böhmen aber dann
wieder in die Heimat gekehrt mit seinem Ersparten und hatte das Haus gekauft und
die Wiesen Der las viel in einem alten Buche das hieß die »Insel Felsenburg«
darin waren Lebensbeschreibungen von allerhand Menschen und merkwürdige
Schicksale Reisen und Schiffbrüche bis alle endlich zusammenwohnten auf einer
einsamen Insel im Meer wo sie in Ehrbarkeit und Sitte lebten sich freiten und
Kinder kriegten und die Insel bevölkerten Sie die Großmutter hatte er am
liebsten die damals noch ein kleines Mädchen war und zu seinen Füßen saß auf
dem Fussbänklein »gerade wie du mein lieber Hans So vergehen die Jahre und
die Menschen werden groß und die alten sterben und junge kommen auf und ist
mir als sei es gestern gewesen dass ich aufhorchte wie er mir erzählte von den
Silbergruben in Ungarn und von den großen Meerschiffen Und ist zu denken dass
auch mein Großvater dereinst als Kind aufgeschaut hat zu seinem Ahn und geht
die Reihe der Geschlechter fort durch die Jahrhunderte und auch du mein liebes
Kind wirst einst Kinder haben und Enkel werden zu deinen Füßen sitzen und du
wirst denken War es nicht gestern dass ich hörte wie die Großmutter mir
erzählte Aber dann werde ich schon lange in der Erde liegen neben deinem
Großvater der so jung hat sterben müssen dass er deinen Vater nicht mehr
gesehen hat und habe ich an fünfzig Jahre die Stelle betrachtet wo ich
einstens neben ihm liegen werde«
    Der kleine Hans saß still und horchte auf der Großmutter Worte Noch
verstand er nicht was sie meinte denn ein Kind kennt nur den Tag und ist wie
ein Schmetterling in der Sonne der nichts weiß von gestern und morgen aber er
verschloss ihre Reden treu in seiner Seele und später haben die ihn getröstet
und beschützt als er keinen Trost von Menschen hatte und keinen Schutz Auch
sagte die Großmutter »Du bist zwar noch ein Kind aber du sollst doch schon
jetzt wissen was du sonst später erfahren hättest denn du bist ja mein Blut
und meines lieben Mannes Deshalb will ich dir erzählen wie ich und dein
Großvater uns lieb gewonnen haben denn auch du wirst einmal ein Mädchen lieb
gewinnen und heiraten«
    Die alte Großmutter die jetzt mit ihren achtzig Jahren strack in ihrem
Bette saß mit schneeweissem und glattem Scheitel die Augen nach vorwärts
gerichtet in ein neues Land war einst ein junges Mädchen gewesen hochgewachsen
und schlank wie ein Tannenbaum mit gelbem Ringelhaar und lustigen blauen Augen
Da sie so schön war und ihre Eltern eingesessene Leute die ein Stück vor sich
gebracht hatten so fehlte es ihr nicht an Bewerbern Nach der Art der jungen
und unerfahrenen Dinger die nicht wissen wie das Leben ein gar schweres Wesen
ist erschien ihr das als ein Scherz und Spiel und vermeinte sie dürfe stolz
sein auf solche Menge der Freier und äußerte den Stolz in allerhand Mutwillen
den sie mit ihnen trieb aus Gedankenlosigkeit denn sie hatte noch nicht
erfahren was Liebe ist Ganz besonders war ihr aber zugetan der junge
Jägerbursche der später ihr Mann werden sollte der war ihr indessen zu
ernstaft wiewohl ihre Eltern es gern sahen dass er sich um sie bewarb An
einem Abend ging er mit ihr zusammen einen Weg nach dem Dorfe zu und wie sie
auf der Anhöhe standen und unter sich die Lichter blinken sahen sprach er zu
ihr dass er sie lieb habe und wenn sie wolle so werde er sie heimführen als
seine Frau und sie lieben und ehren wenn sie ihn lieben und ihm gehorsamen
wolle aber er sei noch nicht angestellt und es sei recht möglich dass sie ein
paar Jahre warten müssten bis sie heiraten könnten
    Auf dieses erwiderte sie schnippisch denn sein ernster Ton hatte sie
verdrossen und dass er sprach von Gehorsamen Sie sagte aber dass sie einen Mann
nicht nehmen möge der schwarzhaarig sei sondern sie wolle einen Blonden und
zudem begehrten sie so viele zur Frau dass sie nicht nötig habe zehn Jahre zu
warten als Braut sondern wenn sie wolle so könne sie schon übers Jahr
heiraten Da sagte er sie spreche wie ein unverständiges Kind und vielleicht
sei sie auch noch zu jung um schon eine rechte Meinung in solcher ernsten Sache
zu haben Aber ihre leichte Art habe ihn sehr gekränkt und deshalb bitte er
sie wolle denken seine Worte seien ungesprochen Aber wenn er sie nicht zur
Frau bekommen könne weil sie ja nicht wolle und auch er ein so gedankenloses
Wesen nicht in sein Haus führen möge so solle sie doch immer auf ihn rechnen
weil er sie trotz allem lieb habe denn die Liebe kehrt sich nicht an die
Vernunft ja sie streitet mit ihr Es sei aber sehr möglich dass sie später
einmal seine Hilfe irgendwie gebrauchen könne und auch einen Groll wollten sie
nicht auf einander behalten Dieses stieß ihr wieder an die Krone so dass sie
noch törichter antwortete und ihn gänzlich von sich abwies
    »Aber merke dir mein liebes Kind« sprach sie von ihrem Bett zu dem kleinen
Hans der vor ihr saß »wir Frauen sind andern Wesens wie die Männer und wenn
du nicht vergisst was ich dir jetzt erzähle so sparst du dir später viel
Herzeleid und Kummer Vorher habe ich deinen Großvater nicht lieb gehabt aber
wie ich ihm so leichtfertig antwortete und er war ernst und streng aber
zugleich doch gut zu mir da kam plötzlich die Liebe zu ihm in mein Herz Nur
dass mich die Schamhaftigkeit hinderte ihm davon zu sagen ja es war als
triebe es mich ihn jetzt gerade zu kränken Das merke dir denn wir Frauen sind
ein schwaches Geschlecht und die Männer sind stärker als wir und gerader«
    So geschah es dass sie einen andern Bewerber offenkundig bevorzugte einen
Bergmann der lustig die Zither zu schlagen verstand und Lieder dazu sang und
fröhliche Streiche anzustellen wusste Mit dem lachte sie viel und es war ihr
lieb wie sie sah dass der andre finster wurde wenn er sie mit ihm erblickte
Und einmal ging sie denselben Weg mit diesem den sie vorher mit dem andern
gegangen und sprachen ähnliche Gespräche zusammen und kamen an dieselbe Stelle
auf der Höhe wo das Dorf unter ihnen lag mit seinen hellen Fenstern Da fragte
er sie ob sie ihn liebhaben wollte und zugleich umfasste er sie und wollte sie
küssen Wie sie aber seinen Arm verspürte tat sie einen Schrei und lief fort
hinab ins Dorf und kam unten an in großer Angst wiewohl sie nicht kindisch war
und schon einmal sich mit einem andern herzhaft abgeküsst hatte welches jedoch
gewesen war ehe der Jägerbursche mit ihr gesprochen
    Von der Zeit an war sie verändert und wurde ernster tanzte nicht und lachte
nicht mehr mit den jungen Leuten und kamen wohl mehrere Freier aber sie wies
alle ab So ging es drei oder vier Jahre Da begann sich Hansens Großvater
wieder langsam an sie zu machen er besuchte ihre Eltern am Sonntagnachmittag
spielte mit ihren jüngeren Geschwistern und sprach mit ihr selbst viel Von
seinen damaligen Worten redeten sie nicht wieder aber sie wussten beide auch
ohne dass sie es sich sagten dass sie jetzt verlobt seien und dass sie warten
wollten mit dem Heiraten bis er eine Anstellung habe »Und siehst du« sprach
die Großmutter zu dem Enkel »das danke ich deinem Großvater noch heute dass er
nie wieder von dem Früheren gesprochen hat obwohl er hätte über mich
triumphieren können denn ich hätte schweigen müssen wenn er gespottet Aber
dein Großvater war ein Mann wie er sein muss er war hart und ernst aber er war
auch mild und gut Dein Vater ist auch so geworden und du musst dir Mühe geben
dass du ihnen nachschlägst« Da sagte Hans »Ja Großmutter das will ich«
    Und die Großmutter mit ihren Augen die schon über das Grab hinaus suchten
schwieg eine lange Weile sie dachte an ihren Mann den sie nur wenige Wochen
gehabt und über ein halb Jahrhundert betrauert hatte und dass sie ihn bald
wiedersehen werde das machte ihr eine sonderbare Freude und heftiges Heimweh
    In Hans war eine wunderliche Ernsthaftigkeit und in sein Wesen kam eine
größere Reife durch diese Gespräche wie seinem Alter gewöhnlich ist in aller
sonstigen Erfahrung aber blieb er kindlich und unwissend und wurde seine
Erziehung gerade entgegengesetzt wie die Erziehung heute gewöhnlich ist da die
Kinder viel Fremdes sehen und manches Neue erfahren früh Furcht und Achtung
verlieren und gewjetzt werden dabei aber in ihr Wesen keinen Ernst bekommen und
oft noch im wesentlichen kindisch bleiben wenn sie schon Männer sein sollten
    In der Küche saß Dorrel Kartoffeln schälend mit einem bekümmerten Antlitz
Hans setzte sich ihr gegenüber Wie sie ihn ansah stand sie auf stellte ihre
Schüssel ab und rumorte mit den Herdringen Sie wollte aber verbergen dass sie
weinte Hans fragte »Weshalb weinst du« Da antwortete Dorrel nach langem
Zögern und vielem Drängen sie weine um die Großmutter dass die nun im Sterben
liege
    Hans wiegte den Kopf dann sagte er »Darüber muss man nicht weinen Wir
müssen alle sterben und das wissen wir Die Großmutter aber ist eine alte Frau
die in ihre Jahre gekommen ist sie hat keine Sorge hinter sich sondern weiß
dass sie meine Eltern in guter Ordnung verlässt dazu leidet sie keinerlei
Schmerzen sondern ihr Leben lischt aus wie ein Licht Deshalb hat sie selbst
auch nicht Kummer über ihren Tod vielmehr freut sie sich weil sie jetzt wieder
mit dem Großvater zusammenkommt« Dorrel hörte diesen Worten mit großer
Verwunderung zu und bekam eine sonderliche neue Achtung vor Hans die sie bis
dahin noch nicht gespürt Deshalb sagte sie nach einer Weile »Wenn du es so
nimmst so hast du recht aber ich weine um meinetwillen denn sie ist mir immer
eine gute Frau gewesen und ich habe sie lieb«
    Hiernach war Hans wieder eine Weile nachdenklich dann sprach er »Ich habe
sie auch lieb aber ich bin nicht traurig und will auch nicht weinen«
    Dorrel musste auf den Boden gehen um Räucherware zum Abendbrot aus der
Rauchkammer zu holen Sie bedachte sich wie sie es machen sollte dass sie nicht
allein war Endlich befahl sie dem kleinen Hans dass der die Laterne tragen
musste sie ging hinter ihm her mit Furcht Als sie oben waren merkte Hans dass
sie Angst hatte und weil er nicht wusste welches der Grund sein konnte fragte
er sie Sie sagte ihm sie fürchte sich weil ein Sterbendes im Hause sei Da
wurde er wieder nachdenklich und schüttelte endlich den Kopf über sie aber er
sagte nichts mehr Indessen hatte er von nun an das Gefühl verloren dass Dorrel
als eine Erwachsene über ihm stehe und empfand sie nur noch als eine
Gleichgestellte ja als eine solche die er unter Umständen beschützen dürfe
und Dorrel ging ohne Klarheit auf dieses veränderte Verhältnis ein Ihm selbst
war auch nicht bewusst worin der letzte Grund lag nämlich dass Dorrel in
Dumpfheit und unwissender Furcht befangen war und nur nach Trieben lebte die
sie nicht verstand er selbst aber lebte schon zu einem Teil in Helligkeit und
klarem Denken und Prüfen
    Eine Zeit der Dumpfheit und unwissenden Furcht kam für ihn später als in
der Großstadt das Fremde und Neue auf ihn einstürmte das er nicht fassen und
verarbeiten konnte und wie es gerade schien dass er in diesem Meer der
Finsternis versinken müsse da sollte ihm von der armen Magd ein helles Licht
kommen das ihm das Ufer wies und den Berg darauf er zu neuer Helligkeit
emporsteigen konnte
    Der Großmutter Zustand wurde immer schlechter sie schlief des Nichts sehr
unruhig und hatte Atembeschwerden Dass jemand bei ihr wachte wollte sie nicht
aber die Mutter schlich des Nachts mehrmals leise die Treppe hinunter und
horchte an der Stubentür Der kleine Hans brachte ihr die ersten Schneeglöckchen
an ihr Bett die sah sie lange mit glänzenden Augen an dann stellte sie die
Blümchen in ihr Wasserglas das neben ihr stand »Nun geht es bald zu Ende«
sagte sie zur Mutter »und für euch ist das auch eine Erlösung«
    In den letzten Tagen sagte der Förster er wolle nachts auf dem Sofa
schlafen damit jemand bei ihr sei Aber sie erwiderte er müsse früh aufstehen
und in seinen Dienst gehen da müsse er ordentlich ruhen und die Mutter solle
bei ihr bleiben wenn sie es nötig finde freilich sei sie eine alte Frau deren
Zeit abgelaufen sei und halte es nicht für richtig dass so großer Umstand um
sie gemacht werde
    So brachte die Mutter abends ihre Betten herunter Und in einer Nacht
richtete sich die Ahne plötzlich strack auf und rief »Anna wie ist mir denn«
Dann begriff sie dass das der Tod war der zu ihr kam Da sagte sie »Herr in
deine Hände befehle ich meinen Geist« Die Mutter war zu ihr geeilt und hielt
sie aufrecht wie die Ahne diese Worte gesprochen fühlte sie plötzlich dass der
Körper ihr schwer wurde in den Armen Leise legte sie die Gestorbene zurück auf
das Kissen drückte ihr die Augen zu und faltete ihr die Hände über der Brust
    Dann war viel Laufen und Besorgen wie das bei Sterbefällen so ist Der
Tischler kam wegen des Sarges und allerhand Umstände mussten gemacht werden
    Die Gestorbene lag still und ernst da Sie war sehr schön geworden im Tode
ein freies offenes und stolzes Gesicht hatte sie wie eine Fürstin und nichts
Kleinliches oder Furchtsames war da zu sehen Denn der Tod gibt jedem Menschen
die Würde die ihm gebührt wenn die Muskeln erschlaffen die unserm Gesicht den
zufälligen Ausdruck verursachen den es zwischen den Menschen hat so treten die
Knochen und Sehnen hervor die seine Grundlage bilden wer ein Bettler war
sieht dann aus wie ein Bettler und habe er im Leben auch eine königliche Figur
gehabt und ein tüchtiger und freier Mensch bekommt ein stolzes und vornehmes
Aussehen Da zeigt es sich dass alles äußere Geschick nur Zufall ist unsre
Figur und unser Wandeln unter den Menschen ein täuschender Schein und unser
wahres Leben das wir in der unbekannten wahren Welt geführt gibt hier ein
sonderliches Zeichen von sich
    Wie der Tischler mit seinem Gesellen den Sarg gebracht hatte legte der
Vater mit dem Meister die Tote hinein und setzte ihr den vertrockneten
Myrtenkranz auf und tat ihr den Brautschleier um den sie vor fünfzig Jahren
getragen und sorgsam aufbewahrt hatte denn so wollte sie vor ihrem lieben Mann
erscheinen an den sie ein halbes Jahrhundert gedacht hatte jeden Tag und für
dieses Andenken hatte sie ihren Sohn erzogen bis er ein stattlicher Mann
geworden und dann den Enkel der zwar nach seinem äußeren Wesen in ihre eigne
Art schlug nach seinem Innern aber ein Werter war Wie das geschehen war
bekamen der Tischler und sein Geselle ein Frühstück nach alter Sitte aßen und
tranken mit Bescheidenheit und lobten das Essen Hierüber empfand Hans einen
heftigen Hass gegen sie in der Art wie damals gegen den jungen Grafen und hätte
sich auf sie stürzen mögen
    Ein Junge von den Holzarbeitern die unweit des Forstauses wohnten war in
Hansens Alter und deshalb hatte der manches mit ihm gemein wiewohl keine
eigentliche Freundschaft zwischen den beiden bestand Den fragte er ob er
solche Gefühle auch habe denn seinen Vater zu befragen wagte er nicht aus
einer gewissen Scheu vor dem Erwachsenen Der grinste und schüttelte den Kopf
und wusste nicht was Hans meinte Nach längerem Überlegen kam er auf die
Vorstellung dass er auf diese Geständnisse und Fragen hin ihn hänseln könne
Aber wie er mit solcher Absicht anfing trat ihm Hans gleich mit geballter Faust
entgegen und wiewohl der Junge viel stärker war wie Hans wurde er da doch in
Angst versetzt und entschuldigte sich er habe nichts sagen wollen Hans ärgerte
sich und drehte ihm den Rücken
    Der Junge lief ihm nach und liebedienerte Er sprach von einem Vogelnest
das er gefunden und für Hans aufgehoben habe Hans erwiderte dass er das Nest in
Ruhe lassen solle Dann wies er ihm eine Hand voll Murmeln die er ihm schenken
wollte aber Hans schlug alles aus und ging weg
    Er hatte aber eine Sehnsucht danach recht fröhlich zu sein obwohl doch
seine Großmutter gestorben war die er sehr lieb gehabt und weil er niemand
fand mit dem er hätte fröhlich sein können so ging er traurig
niedergeschlagen und gereizt umher
    Wenn wir das Leben eines Menschen betrachten soweit es betrachtenswert ist
also seine Bildung so kann es uns einmal so scheinen als stelle es eine
zusammenhanglose Reihe von Zufällen dar in andrer Geistesverfassung erblicken
wir in demselben Leben ganz deutlich eine planmässige Führung durch Gott und
wiederum mögen wir einen unbeirrbaren Trieb sehen der diesen Einzelnen durch
die wirre Umwelt mit untrüglicher Sicherheit vorwärtsstiess dass er durch diese
Kraft sich das eine aneignete das andre zur Seite ließ endlich ist sogar eine
bewusste Gestaltung des Lebens durch diesen Willen des betreffenden Menschen zu
finden Wer hätte nicht wenn er über die Schicksale von Menschen nachdachte
schon diese merkwürdige Entdeckung gemacht dass man von derselben Sache als
derselbe Mensch vier so ganz verschiedene Meinungen haben kann
    Ein solches inneres Erlebnis wie der Hass gegen manche Menschen und das
unbestimmte Gefühl gegen den andern Jungen ist gewiss sehr wichtig für die
Bildung Aber wie soll man es deuten Es ist wohl am besten die Deutung ganz zu
lassen
    Zur Schule ging Hans ins Dorf etwa eine Viertelstunde den Berg hinunter
Ein Wässerlein rann aus dem Walde hinab auf dem Grunde eines langen und schmalen
Tales an diesem entlang waren die Häuser gebaut und die Felder zogen sich in
schmalen Streifen zu beiden Seiten den Berg in die Höhe Sehr beschwerlich war
das Pflügen auf diesen abhängigen Feldern und am schwersten war es den Dung
hinaufzuschaffen deshalb sahen die Leute alle verarbeitet aus und waren auch
arm aber sie hatten einen unverdrossenen Mut In der Jugend lebte damals ein
unruhiger Geist denn die welche gedient hatten und das leichte Leben draußen
gesehen litt es nicht mehr zu Hause dadurch kam viel Unfriede in die Familien
weil die Alten nichts von der Fremde hielten und wollten dass die Jungen zu
Hause blieben
    Kirche Pfarrhaus und Schulhaus waren eben solche hölzernen und
unscheinbaren Gebäudlein wie die Bauernhäuser nur dass in der Pfarre alle
Fenster mit Blumenstöcken besetzt standen und vor der Schule sich ein schmales
Gärtchen mit blühenden Stauden und Sträuchern hinzog Der Lehrer war ein alter
hagerer Mann mit rasiertem Gesicht und mit straffem weißem Haar und leuchtenden
Augen und hatte eine aufrechte Haltung Wenn er auf dem Katheder saß in seinem
schwarzen Rock vor der weissgetünchten Wand so sah Hans einen Heiligenschein um
seinen Kopf glänzen von welchem Gesicht er jedoch zu niemand sprach Am
schönsten war die Schule in den dämmerigen Winterstunden wenn biblische
Geschichte erzählt wurde solche wie der Engel des Herrn zu Abraham kam und zu
seinem Weibe Sara Und sprach Abraham »Herr habe ich Gnade gefunden vor deinen
Augen so gehe nicht vor deinem Knechte über Man soll Euch ein wenig Wasser
bringen und Eure Füße waschen und lehnet Euch unter den Baum« Und eilte in die
Hütte zu Sara und sprach »Eile und menge drei Maß Semmelmehl knete und backe
Kuchen« und lief zu den Rindern und holete ein zart gut Kalb und gab es dem
Knaben der eilete und bereitete es zu Und er trug auf Butter und Milch und
von dem Kalbe das er zubereitet hatte und setzte es ihnen vor und traten sie
unter den Baum und sie aßen Da sprachen sie zu ihm »Wo ist dein Weib Sara«
Er antwortete »Drinnen in der Hütte« Da sprach er »Ich will wieder zu dir
kommen so ich lebe siehe so soll Sara dein Weib einen Sohn haben« Das
hörte Sara hinter ihm hinter der Tür der Hütte Und sie waren beide Abraham
und Sara alt und wohlbetagt also dass es Sara nicht mehr ging nach der Weiber
Weise Darum lachte sie bei sich selbst Da sprach der Herr zu Abraham »Warum
lacht die Sara und spricht Meinst du dass es wahr sei dass ich noch gebären
werde so ich doch alt bin Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein Um diese Zeit
will ich wieder zu dir kommen so ich lebe so soll Sara einen Sohn haben« Da
leugnete Sara und sprach »Ich habe nicht gelacht« denn sie fürchtete sich Er
aber sprach »Es ist nicht also denn du hast gelacht«
    Bei solchen Geschichten hörten alle still zu wie der Lehrer erzählte und
keines rührte sich und die Dämmerung nahm zu in der Schulstube Hans wusste alle
diese Geschichten auswendig Wort für Wort weil er so viel in der Bibel las
und darüber lobte ihn der Lehrer oft Auch im Lesen und Schreiben war er der
Erste nur im Rechnen ging es bei ihm immer schlecht und in der Erdkunde
    In des Lehrers Garten stand ein Bienenhaus mit vielen Kasten voll Bienen zu
denen hatte Hans eine besondere Liebe Wenn er die Erlaubnis bekam so setzte er
die Mütze auf damit nicht ein Bienchen sich in seinem Haar verwirrend böse
würde und hockte auf die Erde nieder neben den Fluglöchern und sah zu wie die
Bienen eilig herauskamen aus dem Dunkeln und an den Rand des Flugbrettes liefen
und sich in die Lüfte ließ und wie die beladenen Arbeiterinnen zurückkehrten
und schwer auf dem Brettchen niederflogen und langsam in den Stock zurückgingen
Honig und Blütenstaub dort abzulegen Wenn ein rechter Arbeitstag war und die
Sonne schien warm und vom Grasgarten her duftete der Klee so war ein
wunderbares Gesumm in der Luft dann hätte er stundenlang zuhören mögen voll
mit fleißigen Bienen waren die Flugbrettchen besetzt und die Wachtposten
untersuchten eine jede ehe sie in den Stock durfte und ein Lichtstrahl fiel in
das Dunkel des Kastens in dem war gleichfalls ein Summen und Tosen von
fleißiger Arbeit So saß Hans neben den Fluglöchern und mit unbestimmten
Träumereien dachte er an das Fliegen in der funkelnden und blitzenden Luft und
stellte sich vor wie es sein müsste wenn er selbst so klein wäre und so flöge
wie unendlich groß und weit ihm dann alles erschiene und wie die ganze Welt
anders wäre und ein sonderliches Behagen überkam ihn durch Sonnenschein
Bienensummen und Kleeduft
    Der Lehrer hatte ein Buch darin waren alle Tiere abgebildet Da war der
Löwe der Tiger der Affe und dann die Meerungeheuer der Hammerfisch der
Sägefisch der Walfisch da war gezeichnet wie die Menschen in einem kleinen
Boot zu dem Walfisch heranrudern und die Harpune auf ihn schleudern das war
grausig anzusehen wenn man dieses kleine Boot verglich mit dem ungeheuren
Walfisch Ach so weit war die Welt so weit Unter den Bergen dehnte sich das
flache Land hin mit großen Städten Flüsse zogen und das weite Meer war da und
Inseln und andre Erdteile hier aber war ein enges Tal auf dessen Grund ein
Wässerlein plätscherte in dem wohnten Menschen und er selbst Hans Werter
wohnte oben im Wald aber noch höhere Berge gab es über seines Vaters Hause
von denen man weit sehen konnte das Forstaus aber stand inmitten der Tannen
und hatte keinen Ausblick
    Die Stunden beim Pastor hatte Hans gemeinsam mit Karl Gleichen des Pastors
Schwestersohn den der alte Mann zu sich genommen
    Karl Gleichens Eltern waren schon lange tot nach einem traurigen und
schmerzenreichen Leben
    Der Pastor hatte mit einer Schwester zusammengewohnt die war dreißig Jahre
jünger wie er welcher der älteste von den Geschwistern gewesen und ein wahres
Nestäkchen das geboren wurde als zwei der Geschwister schon verlobt waren
Von allen der ganzen Familie wurde sie verhätschelt und verzogen und sie hatte
auch eine schwache Gesundheit am meisten aber liebte sie der Älteste der sie
auch zu sich nahm wie die Eltern starben da sie eben aus den Kinderjahren
gewachsen er erzog sie völlig wie er es verstand als guter wunderlicher und
unbeweibter Mann und sie befahl ihm und führte seine Wirtschaft Ein reizendes
Mädchen war sie gewesen immer fröhlich und zwitschernd wie Milch und Blut war
ihr Gesicht und die schwere Last ihres Haares leuchtete gelb wie reifer Roggen
Und am besten stand ihr dass sie so ein verzogenes Kind war dem alles immer
nach Wunsch gegangen und sie wusste das auch dass ihr das stand und dass die
Leute sich über sie freuten Dazu hatte sie seltene Gaben in ihrem zierlichen
Körperchen das so recht war wie eine wehende Flocke zu Weihnachten und zu den
Geburtstagen dichtete sie niedliche und zarte Verschen welche sie die kleinen
Kinder im Dorf lehrte dass sie bei einer gemeinsamen Aufführung sie im
Pfarrhause aufzusagen wussten einmal hatte sie zwei ganz Kleine als Lämmer
verkleidet die nur mit ihren Schwänzchen wackelten weil sie noch nichts sagen
konnten Nun wohnte im Nachbarstädtchen eine Predigerswitwe ein beständig
klagendes und sich sorgendes armes Mütterchen Die hatte einen einzigen Sohn
der ungeraten war und schon auf der Schule nicht hatte guttun wollen sondern
entlaufen war und hatte sich als Schiffsjunge annehmen lassen Wie es ihm aber
auf der See nicht schmecken wollte so war er bald in abgerissenem Zustand zu
seiner Mutter zurückgekommen und da gab sie ihn nach vielen Ratschlägen in ein
Bankgeschäft zur Lehre aber nach einem halben Jahre musste sie einen großen
Schaden vergüten den der Junge angerichtet hatte und erhielt den dazu wieder
zurück Nach diesem trieb sich der eine Weile in dem Städtchen herum dann war
er plötzlich verschwunden und am Ende nach Jahren kriegte die Mutter einen
Brief von ihm aus Amerika dass er in einer großen Stadt als Kaufmann lebe und zu
guten Verhältnissen gekommen sei dann kam er selbst auch zum Besuch seiner
Mutter als ein hochgewachsener Mann mit blondem Kinnbart der einen grauen
Zylinder trug Er sah nicht gerade wohlhabend aus aber auch nicht armselig und
wenn er zwar wohl viel log und aufschnitt so glaubten die Leute doch dass er
sich gebessert habe und zu derjenigen Ehrbarkeit gekommen sei die einem Solchen
erreichbar werde Es stellte sich heraus dass er drüben Soldat gewesen war und
in einem Indianergefecht einen Schuss durch die Hand bekommen hatte wofür er
jeden Monat eine Pension bezog Wie es sich mit seinen eigentlichen Geschäften
verhielt wurde nicht recht klar indem er erklärte die Verhältnisse seien
drüben anders und sein Geschäftszweig der eine Art Vertretung auswärtiger
Häuser sei könne nur Jemandem erklärt werden der wie er in der Welt
herumgekommen sei und nicht immer zu Hause gesessen habe
    Dieser Mann lernte des Pfarrers Schwester die Friederike hieß bei einem
winterlichen Tanzvergnügen in der kleinen Stadt kennen und fasste gleich eine
heftige Zuneigung zu dem Mädchen und da er selbst auch etwas ganz
Absonderliches war und vornehmlich weil er einen bösen Ruf hatte so erwiderte
diese die Zuneigung in kurzer Zeit und ohne dass er viele Mühe aufwenden musste
Dem guten Pastor wurde wohl hinterbracht dass die Zwei Heimlichkeiten
miteinander hatten aber der lachte bloß und sagte die Friederike sei ein Kind
und er kenne sie besser wie alle andern Indessen ließ den Amerikaner sein böses
Blut nichts auf ordentlichem Wege betreiben und deshalb ging er nicht zum
Bruder wie es sich gehörte ihm seine Pläne und Verhältnisse mitzuteilen
sondern er beredete die kleine Friederike dass sie mit ihm heimlich entfloh bis
sie beide nach Hamburg kamen und wie sie inzwischen Besinnung erlangte so
schrieb sie von da einen traurigen Brief an den Pastor bat ihn um Verzeihung
für das Leid das sie ihm zugefügt und gab als einzige Entschuldigung an wie
er ihr die Flucht vorgeschlagen habe da sei es ihr gewesen als ob sie ihm
folgen müsse und über nichts habe sie mehr nachdenken können was solche Flucht
denn bedeute und nach sich ziehe Der gute Bruder reiste gleich und traf die
beiden auch in der großen Stadt wie sie auf ihr Schiff warteten Da hatte er
mit dem Amerikaner eine Unterredung wie es nun mit ihm und Friederike werden
solle und zeigte sich dass der Mensch gar nichts hatte wovon er selbst und
seine künftige Frau leben konnten denn er war als ein Habenichts auf dem
Zwischendeck nach Deutschland zurückgekommen und jetzt lebte er von dem was er
von seiner Mutter mitgenommen die ihm hatte sein geringes Erbteil auszahlen
müssen Er entschuldigte sich aber indem er sagte nachdem ihn das Schicksal
als einen armen Menschen in die Welt geworfen dürfte ihm doch niemand Vorwürfe
machen wenn er wenigstens Liebe begehre auf die doch jeder Mensch Anspruch
habe Dem frommen und treuherzigen Pastor war es recht schwer sich in die
Geistesverfassung des anderen hineinzudenken indessen fand er dass er
selbstsüchtig sei wie er aber das Friederike sagte und sie mit Tränen in den
Augen bat sie solle mit ihm zurückkehren wurde die gekränkt über den geringen
Vorwurf den er dem Amerikaner machte und sagte wenn ihr Liebster arm und
unglücklich sei so sei ihr Platz erst recht an seiner Seite und sie wolle ihm
schon helfen und ihn fördern Dergestalt erreichte der treue Bruder nichts
außer dass er sie wenigstens noch vor ihrer Abreise nach Amerika trauen durfte
nachdem sie sich vor dem Standesamt zusammengetan hatten
    Es verging nur eine ganz geringe Zeit da kam aus Amerika ein
schmerzensreicher Brief von der armen Friederike und machte sich der Pastor
wieder auf fuhr selbst über das Wasser und holte sein Schwesterchen nach Hause
denn jetzt folgte sie ihm willig Sie sah krank aus wie sie kam mit hohlen
Backen und ungesund glänzenden Augen die Haare trug sie kurz denn ihre schönen
Zöpfe hatte ihr der schlechte Mensch abgeschnitten und verkauft Bald gab sie
einem Kinde das Leben einem gesunden und starken Jungen der gleich recht
unbändig schrie aber von dem Kinde erholte sie sich nicht wieder und nach
einigen Monaten starb sie in gänzlicher Erschöpfung aller Lebenskräfte wie sie
im Letzten lag rief sie in Liebe und Sehnsucht immer nach ihrem bösen Mann und
bat er solle ihr verzeihen sie habe ihn lieb gehabt Den Jungen behielt der
Pastor und zog ihn auf in Liebe nach Spuren von seiner Mutter Wesen in ihm
suchend und in Furcht dass seines Vaters Art auf ihn vererbt sein könne Dieser
Junge war Karl Gleichen der mit Hans zusammen in des Pastors Studierstube saß
und die Anfänge des Lateins lernte
    Karl Gleichen wird den Hans Werter eine lange Weile begleiten deshalb ist
so ausführlich über seine Eltern geredet denn aus deren Schuld und Art entstand
sein Wesen das in allem anders war wie Hansens Wesen Karl war ein anmutiges
und liebenswürdiges Kind jeder Güte zugänglich und leicht nachgebend bei
scharfem Zureden offenherzig und gutmütig und gern hätte er Allen geschenkt
sein Verstand fasste leicht auf und behielt schnell und ohne Mühe zog er
Schlüsse jeder hatte ihn lieb und war gütig gegen ihn weil er ein so begabtes
gut geartetes und sonniges Kind schien aber er war erzeugt durch Schwäche und
Selbstsucht und ein ernster Mann hätte in seinen Vorzügen vielmehr Fehler
gesehen Seine Güte entsprang nicht aus einer Stärke sondern aus einer
Kraftlosigkeit weil er sich nicht wehren konnte gegen den Einfluss fremden
Willens und schnell gerührt wurde und mitlitt seine leichte Auffassung entstand
dadurch dass in ihm selbst nichts Eigenes und Starkes war das sich gegen die
fremden Gedanken wehrte sondern leicht hielten diese fremden Gedanken bei ihm
ihren Einzug nahmen Besitz von den Kammern seines Verstandes und zeugten hier
Kinder zwar blieben sie immer nur Fremde und wenn eine neue Einwanderung kam
so mussten sie bald weichen So geschah es dass er selbst Auswendiggelerntes nach
längerer Zeit wenn er es nicht gebraucht plötzlich spurlos verloren hatte als
habe er es nie gehabt Seine Offenheit hatte denselben Grund denn weil nichts
Eigenes und Unbewegliches in ihm war so entwickelte sich nicht die Scham des
Gedankens die oft scheinbar törichte Äußerungen von sich gibt aber auch bei
der größten Torheit immer Eignes und Starkes anzeigt Solche Menschen sind dann
leicht anmutig weil sie so ohne Zwang und Not im Innern leben und
liebenswürdig sind sie weil sie sich einem freundlichen Entgegenkommen sogleich
öffnen Auf solcher Schwäche ruhen aber zuletzt die Selbstsucht wie die
Eitelkeit denn weil die nötige Kraft nicht genügend vorhanden ist muss ein
solcher Mensch mit seinem Wollen haushalten um nur bestehen zu können während
dagegen ein starker Mensch überflüssige Kraft hat und daher selbstlos ist indem
er in Stolz und Freude von seiner Kraft andern mitteilt mag er in äußeren
Dingen dem Oberflächlichen auch karg scheinen weil er keine leichte Hand hat
Aber Liebe bei den Menschen haben mehr die Kinder vom Schlage Karls Hans war
verschlossen unliebenswürdig ängstlich im Verkehr hart hielt seine Sachen
fest und spendete nicht lernte schwer und zog schwer Schlüsse aus dem
Gelernten und außer seiner Eltern befolgte er niemandes Ermahnungen
    In des Pastors Studierstube saßen die beiden Jungen Hans übersetzte mit
oft stockender Stimme und in großer Anstrengung die Stirn finster faltend Karl
dachte träumend an Hansens Kaninchen und bedachte bei sich ob der Oheim ihm
wohl erlauben werde dass er sich auch ein Pärchen halte denn wenn er nur die
erste kleine Erlaubnis hatte so wollte er wohl mit der Zeit noch mehr bekommen
und einen Stall haben der viel schöner wäre wie Hansens
    An den Wänden herum standen auf den Gestellen viele alte Bücher denn der
Pastor war ein Freund ehrwürdiger Folianten in Schweinsleder und Pergament da
waren des teuren Gottesmannes Luther sämtliche deutsche Bücher in acht
Foliobänden des Tabernämontani Kräuterbuch und Gesneri Tierbuch daneben
Spangenbergs Adelsspiegel und Mansfeldische Chronika und noch manche andre alte
Chronik Das war ihm eine Freude wenn er dem kleinen Hans diese Bücher zeigte
langsam holte er den Band aus dem Börd strich liebkosend über den gepressten
Pergamentdeckel auf dem etwa ein sächsischer Kurfürst oder eine menschliche
Tugend abkonterfeit war dann öffnete er die Schliessen und schlug den Band auf
vor Hans dem das Herz klopfte Oft wunderte er sich woher der Junge diese
Freude an Büchern geerbt habe denn der stammte von Förstern und Bergleuten ab
und nicht wie er der Pastor von einer langen Reihe von Gelehrten und Dienern
des Wortes war doch in den Luterschriften vorn eine Eintragung eines
Vorfahren der auch Pfarrer gewesen und hatte diese Schriften gekauft und
binden lassen und kam ihn der Band auf einen Karolin zu stehen nach damaliger
Münze was für einen armen Pfarrherrn mag eine stattliche Ausgabe gewesen sein
Dafür aber hatten so viel Jahrhunderte diese Bücher in den Studierstübchen der
Nachkommen gestanden und hatten viele geistliche Moden erlebt Bärte und
Perücken und rasiertes Gesicht und eigenes Haar und die letzten Pfarrherren
waren alle starke Raucher gewesen davon die Bücher endlich ganz mit Tabakrauch
durchdrungen waren also dass er einem in die Augen biss wenn man sie aufschlug
    Noch andre Freuden hatte der Pastor die er mit Hansen teilte weil der so
nachdenklich war In einem Glasschrank stand ihm ein Straussenei und eine
Kokosnuss und viele fremde Muscheln dazu Pfeile von wilden Völkern ein großer
Bergkristall und die Fingernägel eines vornehmen Herrn in Siam denn die
adeligen Siamesen beschneiden ihre Nägel nicht aus Stolz sondern lassen sie
lang wachsen dass sie wohl fünf Zoll erreichen und mehr und sich wunderlich
krümmen Zu Winterzeiten hielt der Pastor allwöchentlich eine Missionsstunde ab
in welcher er vieles erzählte von dem Leben der Wilden dass die nackt
herumlaufen wie sie Gott geschaffen hat und sich gegenseitig verzehren und
Götzen anbeten die sie selbst gemacht aus Stein oder Holz so elend ist der
natürliche Mensch Da zeigte er dann auch seine Seltenheiten herum das
Straussenei und die Kokosnuss die Pfeile und die grausamen Fingernägel aus Siam
und war um diese Missionsstunden eine große Liebe für die armen Heiden in der
Gemeinde und viel wurde geopfert An Hans hatte der Pastor eine große Freude
dass er so offenen Herzens war für alle solche Kenntnis und deshalb erzählte er
ihm vieles was ihm auf dem Herzen lag Er erinnerte ihn aber ganz an seinen
Vater den Förster Der war zu ihm gekommen wie er selbst Student war als ein
armer Junge der eine Waise war und schon in den Wald gehen musste auf Arbeit um
das Brot für sich und seine Mutter zu verdienen denn das Gnadengeld das die
Mutter bekam für ihren toten Mann betrug nur zehn Silbergroschen die Woche und
das reichte nicht aus für die beiden hatte also den Studenten gebeten er möge
ihm Stunden geben in der Mathematik, des Abends wenn er aus dem Wald nach Hause
käme weil er nicht Arbeiter bleiben wollte sondern wollte einmal Förster
werden und gestand dass er nur einen halben Groschen zahlen könne für die
Stunde So war er denn ins Pfarrhaus gekommen um acht Uhr in der Dunkelheit und
hatte sich in des Studenten Dachstübchen an den Tisch gesetzt und gelernt Aber
weil es warm war in dem Studierstübchen und er hatte den Tag über fleißig
gearbeitet in der Kälte so wurde er müde und die Augen fielen ihm zu wider
Willen mitten während eines Beweises Da hatte der Student Mitleiden gehabt mit
dem armen Jungen hatte ihn schlafen lassen und derweilen eine lange Pfeife
rauchend in Bengels Gnomon studiert bis der wieder aufwachte sich besann und
weiterhin aufmerksam folgte wie sein Meister lehrte So lange war das nun her
und jetzt wollte der Sohn dieses armen Jungen selbst einmal Student werden und
später ein Prediger und das geschah darum weil der Junge von damals so fleißig
und treu gewesen war Auch für des Pastors Blumen hatte Hans viel Liebe und
Staunen Vornehmlich an Topfpflanzen hatte sich der Pastor gefreut wenig am
Garten als ein rechter Stubenhocker der den lieben Sonnenschein so recht genoss
durch die kleinen Scheiben seiner blumenbestandenen Fenster und zu Winterszeiten
im warmen Schlafrock sein geheiztes Stäbchen liebhatte
    Da standen merkwürdige Pflanzen besonders viele Kaktuspflanzen dabei war
auch eine Königin der Nacht die nur einmal im Jahr blühte und dann nur eine
Nacht Wenn diese Nacht war so lud der Pastor den Förster den Lehrer und den
Amtmann zu sich ein die Frau Pastorin setzte Wein und Torte vor und dann wurde
abgewartet wie sich die Blume öffnete Eine ganz sonderbare Geschichte erzählte
der Pastor von einer andern Pflanze die er »japanische Rose« nannte In
früheren Jahren hatte er einen solchen Topf von einem Amtsbruder geschenkt
bekommen der zwei Stücke besaß die er selbst aus Stecklingen grossgezogen
Lange Jahre wuchs grünte und blühte das Gewächs aber mit einem Male fing es an
zu kränkeln nahm ab und ging endlich ein und zu der gleichen Zeit starb der
Amtsbruder von dem der Pastor den Topf erhalten Diese Geschichte durfte Hans
nicht weitererzählen wegen der menschlichen Schwachheit weil Manche in der
Gemeinde sich noch mit abergläubischen Gedanken trugen
    Der Pastor war ein Letzter einer langen Reihe und weil er mit seiner Frau
keine Kinder hatte so schien es als wolle die Natur nicht dass er seine Art
fortführte Was so viele Generationen seit Jahrhunderten in innerlicher Arbeit
erstrebt hatten das war in ihm ein wirkliches Bild geworden er wusste nichts
von Schlechtigkeit oder bösem Wesen und kam ihm etwas Schlimmes nahe in seiner
Gemeinde so machte er ein erschrecktes und betrübtes Gesicht und dann lächelte
er ungläubig und seine Mienen zeigten an dass er vor einem Fremden und
Unverständlichen stand und keinen Rat wusste bald aber fand er sich wieder und
meinte ein Irrtum sei das und eine falsche Auslegung der Wirklichkeit Zwar er
predigte von der Erbsünde und von der natürlichen Bosheit des
Menschengeschlechtes aber in seinem Herzen wusste er nichts von diesen Lehren
er sprach da nur Worte die er nicht verstanden Mitten unter einer harten
Bevölkerung lebte er unter kleinen Bauern und Holzarbeitern die wohl tüchtige
und ordentliche Leute waren unter denen keine Liederlichkeit oder Faulheit
vorkam aber ihr Leben floh hin bei dürrer Berechnung von Besitz und Erwerb bei
zähem Halten am kleinen Vorteil der nicht ohne geringe Betrügereien war wie
sie bei solchen Leuten als ordnungsmässig betrachtet werden Die fanden bald
heraus dass der Pastor vom wirklichen Leben nichts wusste und keine Ahnung hatte
von dem was in ihnen vorging deshalb hielten sie ihn für dumm oder wie sie
sich das vorstellten für »überstudiert« und indem sie nun mit allem was sie
unmittelbar anging sich fern von ihm hielten vermehrten sie noch seine
Täuschung über die Wirklichkeit die ihn umgab
    Aber auch in der Seele solcher Menschen die ganz beschränkt auf Irdisches
und Bürgerliches sind gibt es doch ein höheres Leben Zwar gewinnt es scheinbar
keinen Einfluss denn es wird rasch bedeckt durch das Überwuchern des
Wirtschaftlichen aber vielleicht ist das ganz gut so und wenn es anders wäre
würden solche Manschen Schwätzer und scheinheilige Salbader Deshalb hatte der
Pastor doch eine große und segensreiche Bedeutung für seine Gemeinde sie wussten
alle dass er nicht an sich dachte und das Evangelium vom Rock erfüllt hatte ja
es gab sogar eine Geschichte über ihn von einem Paar neuer Stiefel und einem
wandernden Handwerksgesellen sie wussten dass hier keine Lüge keine Gier kein
Betrug war keine Habsucht und kein unlauteres Wesen sondern ein reines und
frommes Herz und ein klarer und guter Sinn und in dem bedrängten und beladenen
Leben das sie führen mussten bei harter Arbeit und schweren Sorgen um das
tägliche Brot und Kämpfen um die Ehrbarkeit des Wandels hatten sie an dem Pastor
ein Bild wie das eines glücklichen und frohen Engels der auf Erden wohnt
nichts weiß von Sünde und Schuld und Sorge und mit dem Finger zum Himmel weist
als zu einem freien und leichten Leben das als Ziel uns allen vorschweben
sollte Und was bedeutet das für einen beladenen Menschen der mühselig dahin
geht den Blick auf die Erde gerichtet Aber es ist gut für uns dass solche
Menschen selten sind
    In ihrer Art ebenso merkwürdig wie der Mann war die Frau Pfarrerin
    Sie war frühzeitig Waise geworden und hatte von ihren Eltern ein ziemliches
Vermögen geerbt ihres jetzigen Mannes Vater der alte Pastor der ein
entfernter Verwandter war wurde ihr als Vormund bestellt und nahm sie zu sich
ins Haus sie mit seinen Kindern zusammen zu erziehen
    Schon als kleines Mädchen fasste sie eine Neigung zu dem ernsten Ältesten
weil er ein liebes und gutes Wesen hatte und in vielen kleinen Dingen besorgt
werden musste wegen seiner Zerstreutheit Das hatte ihm eine Schwester einmal
gesagt da war er rot geworden und schämte sich denn er dachte sie wolle ihn
hänseln So behielt sie ihre stille Neigung wie er von Hause fortkam auf die
Schule und wie er erwachsener wurde und auf die Universität ging aber weil sie
eine herbe und verschlossene Natur war und ohne Zutunlichkeit so verspürte
niemand etwas von dem was sie heimlich bei sich dachte Und auch der Student
seinerseits der durch seine Jahre selbstbewusster geworden war wie er als Junge
gewesen dachte viel an sie mit Liebe und Hoffnung nur hatte er noch so viel
Schüchternheit dass er ihre Begegnung mied und spann sich noch mehr in seiner
tabaksqualmigen Dachstube ein wie er es sonst getan hätte ohne seine liebende
Gesinnung
    Wie er seine Examina bestanden und hoffen durfte dass er in wenigen Jahren
eine Pfarre bekommen werde da dachte er wohl dass er nun wagen dürfe mit ihr
zu sprechen über das was er im Herzen hatte So geschah es dass er einst an
einem Sonntagnachmittag nach der Predigt mit ihr durch die Felder ging und auf
beiden Seiten stand der hohe Roggen untermischt mit Kornblumen und roten
Kornrosen Und wiewohl er ihr nur ganz alltägliche Dinge erzählte aus Scheu so
spürte sie doch durch ein geheimes Überfliessen seines Herzens was er sagen
wolle aber da überfiel sie mit einem Male eine namenlose Angst und eine heftige
Scham und das spürte er sofort und zwar hatte er in seinem Herzen eine
Bewegung die das richtig deutete und er hatte Lust sie in seinen Arm zu
nehmen und an die Brust zu drücken aber da überkam ihn aus einem andern Winkel
seiner Seele plötzlich ein lähmendes Misstrauen und eine Furcht so dass sich alle
Gefühle in ihm zurückzogen als erschreckt und ihm ganz starr wurde im Herzen
    So redete er mit stockender Aussprache weiter was er Gleichgültiges
angefangen und ging neben ihr her und ihre bebende Hand streifte einmal über
das hohe Korn da sah er dass ihre Hand bebte und es begann wieder lebendig zu
werden in ihm aber die Erstarrung war bei dem feinen Menschen zu groß er wurde
ihrer doch nicht wieder Herr und so blieben die Worte ungesprochen zwischen den
beiden nach denen ihrer beider Herzen sich sehnten und sie gingen stumm nach
Hause
    Da war aber eine Schicksalsstunde versäumt die in langen Jahren nicht
wiederkam Sie dachte dass sie sich wohl geirrt habe in ihrem Gefühl dass er zu
ihr neige und er habe überhaupt keine wärmere Liebe für sie nur für die
andern und er meinte traurig für sie die große feste und herbe Jungfrau mit
den geschlossenen Lippen sei er zu gering und sie könne ihn nicht lieb haben
sondern müsse ihre Liebe auf einen andern richten Ohne Eifer dachte er das und
mit tiefer Trauer
    So vergingen Jahre ihnen beiden in stillem Sehnen bis jenes Unglück über
ihn kam mit seiner Schwester Wie er von Hamburg zurückkehrte da trieb es ihn
dass er zu ihr gehen musste die schon längst für sich gezogen war und allein
hauste sie waren aber nun beide Menschen weit über die vierzig da erzählte er
ihr alles davon er doch manches gar nicht recht verstand weder die blinde
Leidenschaft der Schwäche seiner kleinen Schwester noch die rohe Habgier der
Schlechtigkeit bei dem Manne Und wie er geendet und sie anblickte ohne Rat und
Trost da sah er dass in ihren Augen Tränen standen die sie vergeblich
zurückhalten wollte »Weinst du über sie« fragte er »Nein über dich« rief
sie in Selbstvergessenheit Da vergaß auch er alles und fragte als ob er
träume und lächelte dabei wie ein Kind »Hast du mich denn lieb« Aber eine
Erwiderung in Worten wurde nicht gegeben sondern sie kamen zusammen mit ihren
Herzen und ihr Gesicht das sonst unbeweglich und fest war lag an seiner Brust
und wurde von vielen Tränen überströmt
    So hatten sich die beiden gefunden nachdem sie des Lebens Höhe schon
überschritten und sich seit frühen Jahren nacheinander gesehnt und als sie sich
dann heirateten da war es als ob alles Glück das für sie bestimmt gewesen und
nicht verbraucht war in den langen Jahren als ob das sich angesammelt habe und
nun um sie sei und verging kaum ein Tag dass sie nicht darüber staunten wie
glücklich sie waren und machten sich selbst aufmerksam auf dieses oder das in
ihrem Leben und freuten sich über sich selbst
    Und das war sonderbar dass wer die beiden allein sah hätte gemeint diese
ernste Frau mit dem festgeschlossenen Mund müsse dem kindlichen Mann überlegen
sein auf dessen reiner Stirn nur die einfachen Gedanken zu lesen waren die ihn
bewegten und sie konnte auch nicht gut mit Kindern umgehen während dem Mann
alle Kinder anhingen und ganz mit ihm sprachen wie mit ihresgleichen welches
der stärkste Ausdruck kindlicher Zuneigung ist Wenn aber die beiden
zusammenstanden dann kam niemand mehr auf den Gedanken der Mann könne
schwächer sein wie die Frau sondern das natürliche Verhältnis von Mann und Weib
war offenkundig vorhanden obwohl sie in vielen Dingen für ihn sorgte dass er
hätte ganz unselbständig scheinen müssen so schnitt sie ihm bei Tisch das
Fleisch vor
    Das Pfarrhaus hat für die Leute auf dem Lande etwas Festtägliches durch die
Ruhe die wenigen Menschen in den vielen Räumen die blitzenden Fensterscheiben
mit den weißen Gardinen dahinter die sandbestreute Diele und die frommen
Sprüche die im Flur angebracht sind Und die beiden Leute waren festtägliche
Leute dazu das empfanden die Arbeiter und Bauern und noch mehr empfand es der
kleine Hans Wenn sich die Haustür in der Pfarre hinter ihm geschlossen hatte und
die Klingel lange nachschellte und er auf den Zehenspitzen über die Diele ging
mit dem knirschenden Sand der ein so lautes Geräusch zu machen schien so
schlug ihm jedesmal das Herz und in Freude verwandelte sich die Ehrfurcht erst
dann wenn er dem freundlichen Pastor die Hand gab Was sollen wir viel erfahren
von dem was äußerlich vorging in diesen Jahren Auf Hans wirkte das Wesen der
Alten und das Wesen Karls hatte Einfluss auf ihn zu den Wirkungen und
Einflüssen die er zu Hause hatte und im Wald ganz wenig wirkten auf ihn die
Jungen in der Schule und die Schule überhaupt obwohl die einen großen Raum in
seinen Erlebnissen einnahm aber was er hier hatte war nur ein Kennenlernen der
Dinge die ein Mensch gebraucht zu seinem äußeren Leben diese aber sind für
unsere Absichten gleichgültig
Wie Hans in sein zwölftes Jahr kam musste er des Pastors Unterricht verlassen
und in die Stadt gehen das Gymnasium zu besuchen mit ihm ging Karl Gleichen
    Hans wurde auf den Löwenhof gebracht zu einem Ackerbürger namens Löwe
Hier bekam er ein Dachkämmerchen mit einem Bett zum Schlafen den Tag über musste
er sich in der Wohnstube der Leute aufhalten an deren Tisch aß er auch nur die
Woche über war er hier Sonnabends wenn die Schule beendet war pilgerte er
durch das alte Stadttor hinaus durch die Felder hinauf in den Wald nach Hause
und Montag früh ging er wieder zurück in die Stadt Seine Mutter hatte
abgemacht dass sie für die Woche einen Taler bezahlen wollte an die Wirtsleute
den trug er Montags in der Tasche bei sich
    Diese Löwes waren alteingesessene Leute deren Voreltern fleißig und sparsam
gewirtschaftet hatten bei ihnen aber ging alles auf und es war wohl zu sehen
dass sie ihrer einzigen Tochter einst nichts hinterlassen würden Das geschah
aber so dass sie nicht eigentlich liederlich waren auch nicht wirklich
verprassten nur war der Mann von langsamer Art und ein Schläfer und die Frau
wiewohl flink und gewandt liebte sehr das Essen mehr aus Liebe zur Kochkunst
wie aus Leckerei denn es freute sie am meisten wenn es andern schmeckte Sonst
aber waren sie ordentliche und gute Leute
    Um vier Uhr des Morgens weckte die Frau den Mann der öffnete dann die
Kammerfenster und rief die Knechte und die Magd wach darauf sagte er dass er
erst wieder warm werden wolle und ging ins Bett zurück aus dem er dann nicht
vor sieben Uhr aufstand Da pflügten die beiden Knechte schon lange auf dem
Acker und die Magd hatte längst gemolken wenn aber des Herrn Auge nicht wacht
so geht der Pflug nicht tief und wird das Euter nicht leer und vieles wird
vertan und verworfen in der Wirtschaft Die Frau ging in die Küche und sagte
sie fühle sich so schlecht im Magen ihr sei als müsse sie etwas Besonderes
genießen und so briet sie schon am frühen Morgen sich allerhand Leckerbisslein
davon sie auch als eine kleine Person dick und rund wurde indessen der Mann
mit dem verschlafenen Gesicht mager und lang war
    Wohl sahen sie selbst ein dass sie auf diese Weise immer mehr zurückkamen
und namentlich an den Quartalsterminen wurde ihnen das klar Aber sie vermochten
nichts an ihrem Leben zu ändern wenigstens muss man rühmen dass sie sich nicht
gegenseitig Vorwürfe machten Nur heimlich klagten sie wohl einem andern ihr
Leid und zu solchem Vertrauen erwählten sie sich ihren Kostgänger Hans So rief
ihn etwa die Frau in die Küche briet eine schmackhafte Gänseleber schob ihm
die zu und sprach »Iss sie ist mit ungesalzener Butter gebraten« und erzählte
dann von ihrem Leben dass sie viele Anbeter gehabt habe die sie zur Frau
gewollt hätten aber sie habe nun zu ihrem Unglück diesen Mann genommen der sei
zwar gut zu ihr und trinke auch nicht aber er sei träge und schlafe zu viel
und sie könne allein das Wesen nicht halten so viel Mühe sie sich auch gebe
dazwischen erzählte sie dass sie in die Nudeln mit denen die Gans gestopft
wird buchene Asche nehme rühmte auch wohl die gebratenen Kartoffeln und
erzählte von welchem Landstück man die Kartoffeln zum Braten nehmen müsse und
von welchem sie als Salzkartoffeln oder in der Schale am besten schmeckten und
am Ende weinte sie in die blaue Schürze und sagte wenn sie noch einmal heiraten
sollte was ja Gott verhüten möge denn ihr Mann sei ja gesund und wohl aber
unmöglich sei doch nichts so werde sie sich besser in acht nehmen Und der Mann
rief den Hans zu sich nahm die kurze Pfeife aus dem Mund tippte ihm damit auf
die Brust und erzählte was er für ein Kerl gewesen sei in seinen jungen Jahren
und was er für Mädchen hätte heiraten können lobte dann seine Frau dass sie ja
gut sei und auch flink aber sie sei zu sehr auf das Essen und Trinken und
darüber gehe das Haus zugrunde Aber meinte er man könne ja nicht wissen wenn
seine Frau einmal sterben sollte so werde er sich in seiner zweiten Ehe ganz
besonders vorsehen und so waren beide schon recht in die Jahre gekommen und
meinten doch nach unbedachter Leute Art dass sie ihr Leben immer noch vor sich
hätten und es nach ihrem Gefallen lenken könnten
    Die Tochter der beiden war wenige Jahre älter wie Hans gutmütig und still
und hatte der beiden Eltern Eigenschaften in sich vereinigt schlief viel und aß
gern und war in ihren jungen Jahren auch schon artig aufgegangen zu einem
kugelrunden und zufriedenen Fräulein
    Hans aber hatte es gut in der Familie und wurde rechtschaffen gefüttert für
seinen Taler
    In der Schule war ihm das Einleben recht schwer Da bestand eine allgemeine
Verschwörung gegen die Lehrer alle Schüler hielten zusammen logen sich
gegenüber dem Lehrer heraus betrogen diese auch untereinander aber logen und
betrogen sie nicht Hätte einer sich dieser Ordnung nicht gefügt so hätten sie
ihn alle verachtet
    Karl fügte sich sehr schnell in die Verhältnisse sah in seines Nachbars
Hefte und hatte beim Abfragen ein Buch unter der Bank liegen und wie der Lehrer
einmal eine Aussage von ihm wollte log er mit offener und heiterer Miene
Hansen war es nicht möglich sich so zu geben gleichwohl aber sah er wohl ein
dass er nicht gegen die andern auftreten konnte und so stritten das alte
Pflichtbewusstsein und das neue das er hier bekam eine lange Zeit in ihm
miteinander bis er endlich einen Ausweg fand indem er selbst zwar keine
Betrügereien mitmachte aber willig seine Hefte und Bücher hergab wenn die
andern sie benutzen wollten Als einmal sein Nachbar beinahe ertappt wurde und
der Lehrer ihn befragte wurde er sehr rot und verlegen und sagte ängstlich er
wisse von nichts
    Die Lehrer hatten allerhand Spitznamen mit denen die Schüler sie unter sich
nannten allmählich gewöhnte er sich auch daran sie so zu nennen immer aber
behielt er dabei noch eine gewisse Scheu und Unbehaglichkeit
    Zwar nahmen die Schüler im ganzen und großen seine Art ruhig hin ohne
besonderes Nachdenken einmal aber kamen sie doch auf den Gedanken sie möchten
ihn hänseln weil er anders war wie sie und fiel ihnen ein sie wollten ihn auf
den Klassenschrank setzen Da wich er erst zurück und zog seine Arme fort an
denen sie ihn anfassen wollten aber wie sie ihn endlich umringt hatten und
weil er sich aus Verlegenheit nur ungeschickt und schwach wehrte da hoben sie
ihn bald unter lautem Geschrei auf den bestimmten Thron Wie er da saß standen
ihm vor Kummer die Tränen in den Augen aber wie er auch Karl unter der Schar
seiner Peiniger erblickte da fasste ihn ein heftiger Gram und es überkam ihn
eine besinnungslose Wut und er ergriff eine zusammengerollte Landkarte mit
Stäben die da oben lag und hieb unbarmherzig mit aller Kraft auf die Köpfe
unter ihm ein Die Jungen schrien auf und der Schwarm wickelte sich schnell
auseinander er aber sprang mit seiner Waffe vom Schrank herunter und verfolgte
die andern die vor ihm flohen bis sie zuletzt alle zur Tür hinausliefen und
diese von außen zuhielten damit er ihnen nicht nachkommen solle denn sie waren
in heftige Furcht gekommen Nach diesem Vorkommnis ließ sie ihn in Ruhe ohne
sich übrigens besondere Gedanken über den Grund zu machen er aber überlegte
sich das Ganze reiflich und kam zu dem Schluss dass einer wenn er sich nicht
fürchtet gar keine Gefahr läuft und wohl dreißig in die Flucht schlagen kann
    Fünf Jahre musste er auf dem Gymnasium verbringen das waren die fünf
schlimmsten Jahre seines Lebens Damals fühlte er wohl den Druck und hatte das
unbestimmte Gefühl als sei er Gefangener in einem Zuchthaus aber weil alle um
ihn herum in derselben Weise lebten und dieses Leben ganz natürlich und angenehm
fanden so kam ihm sein Unglück nicht zum Bewusstsein und er litt nur dumpf So
hatte er es später leichter wie er schwere Zeiten durchmachte in
Gewissenskämpfen und Sorge um das tägliche Brot denn da fühlte er sich
innerlich doch immer froh wenn er dachte dass das alles was man als das
Schlimmste hinstellt doch nicht so schlimm war wie dieses Leben in der Schule
das damals allen natürlich und angenehm erschien wenn auch alle litten gleich
ihm
    Vieles wurde gelehrt was ein jugendliches Herz wohl hätte begeistern
können aber was die Lehrer sagten und was gelernt werden musste war
gleichgültig und eine gemeine Arbeit ohne Sinn wie sie ein Holzarbeiter
verrichten mag der denkt am Sonnabend habe ich meinen Lohn verdient und einen
andern Sinn hat seine Arbeit nicht für ihn So war auch in der Schule alles
Arbeiten nur aus dem Zwecke zu verstehen dass man solche Dinge wissen musste
wenn man das Examen bestehen wollte das musste man aber bestehen sonst durfte
man nicht studieren deshalb freuten sich auch alle auf die Universität denn
sie hofften dass sie da das Zweckvolle und Sinnreiche sehen würden Aber weil
die Arbeit allen zuwider war und weil alle das gleiche wissen mussten Kluge und
Dumme so kam zu dem noch hinzu dass die Dinge die man wissen sollte so lange
wiederholt wurden und breitgetreten bis sie auch bei dem Dümmsten und
Gleichgültigsten festsassen Traurig und matt saßen die Jungen auf ihren Bänken
sahen sehnsüchtig aus dem Fenster wo die Schneeflocken wirbelten und eine
frische Kälte war oder starrten auf die tintenfleckigen und zerschnjetzten
Tische und die beschmierten Bücher indessen die gelangweilte Stimme des Lehrers
schläfrig an ihr Ohr klang der nun schon seit Stunden eine einfache
Konstruktion erklärte die jeder sofort verstanden hätte wenn er nur Lust hätte
bekommen können sie zu verstehen den einen oder andern ermahnte der Lehrer er
solle aufpassen und nicht träumen und wenn er dann einen fragte ob er jetzt
die Sache wiederholen könne so zeigte sich der gänzlich verständnislos und die
Erklärung musste von neuem angefangen werden So wurde an einem einzigen Satz von
Cicero eine ganze Stunde übersetzt
    Es ist zu sagen dass diese Bildung der Schule weder unsern Hans noch irgend
einen andern Jungen gebildet hat sondern nur die Bedeutung eines Wissens von
allerhand Dingen bekam das zum Teil sehr schnell wieder vergessen ward und so
erhielten alle diese Schüler ihre wahre Bildung neben und außer der Schule
weshalb über diese sowohl wie über die Lehrer hier weiter nichts zu sagen ist
    Kinder sehen die Dinge nahe scharf und gewissermaßen in einer einzigen
Fläche aber wenn ein Junge in die Zeit kommt die man die Flegeljahre nennt so
ändert sich unmerklich dieses Sehen und damit werden auch die Gefühle
verändert die er in sich hat denn es legt sich ihm ein Schleier über alles
dass die Umrisse verschwinden und die Dinge die früher allein standen sich zu
einem einheitlichen und untrennbaren Bild zusammentun und dieses Bild bekommt
dann Tiefe Vordergrund und Hintergrund seine Seele aber erfüllt sich nun mit
einer unbestimmten und undeutlichen Sehnsucht welche die Bilder immer weiter in
den Hintergrund treibt damit sie dort goldigere Farben annehmen und duftigere
Umrisse er kriegt Erinnerung und Hoffnung und der Gegenwart vergisst er und
weil so vieles eine neue Bedeutsamkeit erlangt hat die er früher nicht geahnt
so geht ihm nun oft bei einer Kleinigkeit das Herz auf als bei einem
tiefsinnigen Symbol dessen Bedeutung ihm nicht in Begriffen beifällt sondern
nur in einem dunkeln Gefühl und kommt alles das rein und ungestört durch
Äußeres aus dem Innern heraus bei dem einen so bei dem andern so Außerdem
während das Kind noch das Gefühl hatte dass alle andern Kinder ja selbst die
Tiere ihm gleich seien und deshalb noch keine Scham kannte überfällt jetzt den
Jungen eine heftige Schamhaftigkeit weil alles Neue nur ihm allein gehört und
kann sich diese Schamhaftigkeit aber nicht äußern wie es ihr entsprechen würde
weil der Junge sie selbst nicht versteht deshalb kommt sie zutage als Trotz
Ungezogenheit und auch als Lüge so nennt unsre liebe keusche Muttersprache
dieses Alter recht schön die Flegeljahre
    Welche von den vielen Zügen in denen sich diese Wandlung äußerte soll der
Erzähler nun wohl herausheben Es ist etwa zu erzählen wie Hans an einem
Mittwochnachmittag in der Stube seiner Wirtsleute sitzt wo hinterm Ofen der
Bauer im Halbschlaf träumt und hat eine alte Zigarettenschachtel die er
geschenkt bekommen die klebt er an allen Seiten sorgsam mit Kleister zu dass
kein Licht hinein kann und träumt in der Art wie einst da er zu Hause unterm
Tisch saß wie heimlich es wäre ganz klein zu sein und in solcher verklebten
Schachtel zu sitzen Wäre ein andrer in der Stube gewesen und nicht bloß der
verschlafene Wirt so hätte er sich geschämt solches Spiel zu treiben
    Durch Schule und Umgang werden derartige Neigungen auf bestimmte Wege
gelenkt und so kam Hans darauf sich eine Pflanzensammlung anzulegen Dazu
hatte er den stärksten Trieb im Frühling denn wenn der Rasen noch überall
vergilbt und schmutzig war so erschienen die gelben Blumen des Huflattich die
dann im Sommer die großen Blätter nachtreiben darauf kamen die Schneeglöckchen
und endlich begrünten sich die Wiesen erst an den feuchten Stellen wo die
Dotterblume ihre dicken Knospen aufbrach und glänzende Blätter entrollte und
wie es überall grün war da beblümte sich die Wiese mit Marienblümchen
Veilchen Männertreu Vergissmeinnicht Hahnenfuss Frauenmantel Löwenzahn
Schaumkraut und Storchenschnabel in den Wäldern aber wuchsen die Zankblümchen
Maiglöckchen und blauen Leberblumen Das alles war so dass das Herz weit wurde
und schien als könne diese Zeit nie aufhören und müsse die Wiese immer weiter
blühen und der Fuchsschwanz sich heben und Sauerampfer stehen und Kälberkropf
sich breiten und es werde niemals gemäht Alle diese Blumen kannte Hans schon
früher aber jetzt sagten sie ihm eine Sehnsucht und eine Freude die ihm bis
dahin unbekannt gewesen und einmal wie er ganz allein war und niemand ringsum
zu sehen inmitten der blühenden Wiesen da wagte er es dass er aufjauchzte aber
der Ton war ihm so sonderbar dass er gleich wieder verstummte aus Schrecken
    Aus dieser Zeit blieb ihm ein Erlebnis für sein ganzes Leben in der
Erinnerung das äußerlich zwar nichtig schien er war ausgegangen Pflanzen zu
suchen und trat aus dem Wald und sah vor sich ein Bauernhaus bei dem ein
großes abgezäuntes Weidestück war weil aber der Frühling eben seine ersten
Tage schickte so lag noch in einem schattigen Winkel etwas schmutziger Schnee
jedoch mitten durch das Stück floss ein Wässerlein eilfertig und geschäftig wie
diese Wässerlein im frühen Frühling dahinplaudern und an dessen Rändern war das
Gras schon grün und einige Büschel Narzissen standen da in deren einem eine
Narzisse aufgeblüht war diese Blume die für den Oberflächlichen kalt und leer
scheint und in Wahrheit doch eine fast unheimliche Leidenschaft in sich
schließt Wie Hans diese einsame Blume sah war es ihm als bliebe vor einer
sonderbaren Wonne sein Herz stehen und erst viel später wie er schon erwachsen
war wusste er dass da damals ein heftiges Glücksgefühl gewesen und verspürte
einen goldenen und sanften Abglanz davon auch nachher immer noch wenn er in
seiner Sammlung die gepresste Blume betrachtete Mit geringerer Stärke hatte er
solche Gefühle auf andern Gängen die er einsam machte und für sich; so wenn er
am Waldrand dahinschritt wo knorrige Wurzeln vorragten und die Zweige sich weit
überbogen indessen das Korn ruhig stand mit Mohn und Kornblumen oder er
wandelte einen schmalen Pfad zwischen den Kornfeldern und rechts und links
streiften ihn die schweren Ähren die überhingen und eine Lerche stieg
schmetternd in die Höhe aus der Mitte der unbewegten goldenen Frucht und wurde
zu einem kleinen Punkte oben im Blau von dem es herabjubelte ja selbst der
Strohduft in seines Vaters dämmernder Scheune vermochte eine Sehnsucht und
glückliche Freude zu erwecken Der Grund bei allem diesem aber war wohl dass es
ihm schien weil seine Brust sich weitete so fliesse er zusammen mit dem andern
und gehöre zu ihm so dass alles eins sei
    Nur ein dunkles und drohendes Gefühl stand auch in solchen Stunden immer im
Hintergrund das sich an die Schule knüpfte da waren unbekannte Gedanken dass
er eigentlich arbeiten müsse und dass er nicht seine Pflicht erfülle und dass er
niemals das schwere Abiturientenexamen werde bestehen können denn trotzdem er
unter den Ersten saß war er sich doch bewusst dass er lange nicht wusste was man
wissen musste und allerhand Vorwürfe machte er sich dann wenn er an seinen
Vater dachte wie fleißig der war und sich keine Freude gönnte nur damit er
selbst lernen sollte So schwer war diese Last welche die Schule auf seine
Seele legte dass er auch nach vielen vielen Jahren sie noch spürte wie er
schon längst erwachsen war und verheiratet und Kinder hatte
    In der Schule hörte er von Lehrern wie von Schülern etwas ganz anderes über
den lieben Gott wie er bisher gehört Die Religionsstunde hatten die Jungen bei
einem Lehrer dem ein langer blonder Bart gewachsen war und der oft einen
kleinen runden Taschenspiegel vorzog den er auf den Katheder legte und darin
seinen Bart betrachtete auch putzte er sich die Nägel so sorgfältig dass sie
glänzten wie poliert und wenn er sich setzte so zog er vorher mit zwei Fingern
die Hosenbeine in die Höhe um sie zu schonen weil sich die Knie sonst aus den
Hosen herausarbeiten Die andern Lehrer sprachen gar nicht vom lieben Gott
sondern sie redeten so von den Göttern der alten Griechen und Römer dass es war
als glaubten sie an die was natürlich bloß so schien Und die Jungen dachten
eigentlich gar nicht an Gott das war so dass er sich geschämt hätte vor ihnen
den Namen Gottes zu gebrauchen denn er hatte das Gefühl dass das nicht hierher
passte
    Mit Karl hatte er einmal ein Gespräch über diesen Punkt Da sagte dieser
heute glaubten überhaupt die meisten Menschen nicht mehr an Gott und die es
doch täten wären entweder Heuchler wie die Pfaffen oder sie seien Dumme Wie
Hans ihn fragte was dann sein Onkel sein sollte verstummte er zuerst und dann
erklärte er der sei »hinter seiner Zeit zurückgeblieben« Solche Meinungen
schienen Hans ganz schrecklich und er hatte großes Mitleid mit Karl der aber
lachte und sagte er wolle ihm ein Buch borgen in dem sei das alles ganz klar
bewiesen Zuerst wollte Hans das Buch nicht lesen dann aber meinte er dass er
Karl vielleicht auf bessere Wege bringen könne wenn er ihm solchen Widersinn
klar mache wie in dem Buche geschrieben sein werde und deshalb studierte er es
durch
    Da war nun aber plötzlich alles anders geworden Karl hatte recht in dem
Buch war ganz klar nachgewiesen dass es keinen Gott gab und dass nur die
Schlechtigkeit der Menschen insbesondere der Pfaffen die von der Dummheit der
Menschen ihren Vorteil zögen noch die falschen Ansichten aufrecht erhielte Gar
nichts konnte man gegen die Beweise des Buches vorbringen Das fiel ihm nun
schwer aufs Herz denn erstlich sollte er jetzt in einigen Wochen konfirmiert
werden und musste bekennen dass er an die christliche Lehre glaubte und das
konnte er nun nicht Wie er Karl fragte was der tun werde da konnte ihm der
auch keinen Trost geben sondern meinte das sei nur eine Formsache mit dem
Glaubensbekenntnis und man könne es nicht Lüge nennen wenn einer dazu sein »Ja«
sage denn jeder wisse ja doch was von diesen Dingen zu halten sei Diese
Meinung schien Hans nicht richtig und er beschloss deshalb einen Erwachsenen zu
fragen wiewohl er eine große Scheu hatte wie wenn er etwas Verbotenes getan
habe aber weil es sein musste so überlegte er sich lange wen er angehen solle
seinen Vater oder den guten Pastor und er entschloss sich endlich zu seinem
Vater zu gehen Der aber erwiderte ihm nichts auf das was ihn bekümmerte
sondern wurde nur ärgerlich und sprach er solle keine törichten Bücher lesen
sondern sich an seine Schulsachen halten und die ordentlich betreiben so werde
sich alles Weitere später schon von selber finden Das war das erstemal dass ihm
auf eine Bitte keine Gabe wurde von seinem Vater wiewohl nur deshalb weil der
ihn nicht verstanden und von da an verschloss sich das Herz des Kindes vor dem
Erzeuger und kam viel Kummer und schwerer Kampf aus solcher Entfremdung So sehr
aber hatte die Antwort ihn zurückgetrieben dass er nun noch weniger wagte zu
seinem alten guten Pastor zu gehen
    Wohl wusste er dass der Satan derlei Anfechtungen schickt dass wir nicht
glauben können und dass wir dann siegen wenn wir recht heftig zu Gott beten und
Gott die Hilfe abringen aber er sah auch ein wenn es nun keinen Gott gab so
war ja auch diese Lehre eitel Torheit und das schien ihm so klar dass es keinen
Gott gab dass kein Mensch mehr zweifeln konnte nachdem er das Buch gelesen es
hieß aber »Kraft und Stoff«
    Und die Sorge um die Konfirmation war nur das Nächste Weiterhin tat sich
ihm dann die Furcht auf wenn er nun die Schule zu Ende besucht hatte so sollte
er Theologie studieren nach dem Willen seiner Eltern das konnte er aber doch
alsdann nicht denn er wäre doch dann auch einer von denen geworden die das
Volk betrügen und die Wahrheit verhehlen Auch über diesen Punkt urteilte Karl
ganz leichtfertig indem er meinte diese Sorge habe noch lange Weile und
vorerst brauche man sich um sie nicht zu bekümmern
    Für einen jungen Menschen bedeutet der Glaube an Gott noch wenig er hat
noch so viel andern Glauben an sich und an die Menschen und an die Zukunft und
an die ganze Welt dass er jenen entbehren kann ohne dass etwas in ihm
zusammenbricht So empfand Hans seine Wandlung im Grunde gar nicht tief sondern
nur als eine Beunruhigung für seine Ehrlichkeit erst in seinem späteren Ringen
ging ihm wenigstens ein Teil der großen Fragen auf um die es sich hier handelt
Diese erste Anfechtung fand ihn in der Gedankenlosigkeit die der glücklichen
Jugend eigen ist und geziemt
    Gerade in den Wochen wo diese Gedanken einander am heftigsten anklagten und
entschuldigten kam noch eine zweite Angelegenheit zu ihrem Höhepunkt Hans
hatte nämlich eine Liebe gefasst wie das bei Knaben seines Alters geschieht und
in dieser ereignete sich etwas über alle Massen Grausiges
    Das Städtchen war bis zum Deputationshauptschluss reichsunmittelbar gewesen
dazu führte bis zu dem großen Umschwung im sechzehnten Jahrhundert hier der
Handelsweg vorbei und die Bürger trieben wichtige und weite Geschäfte bis tief
nach Asien hinein So waren sie reich und stolz geworden und hatten ein Rataus
gebaut noch in den romanischen Zeiten aus den gewaltigen Blöcken des dort
vorkommenden Syenitgesteins das Funken sprühte wenn man ihm einen Stahl
anschlug und waren in der wuchtigen Wand die kleinen Fenster verteilt die das
Licht von hoch herab in große Säle warfen und vorn führte eine steile und
schwere Freitreppe zum Stock am Eingang stand ein uralter und ungefüger
Steinblock an dem des Kaisers Schwert und Handschuh hingen Jetzt spielten
Kinder in luftigen Sommerkleidern auf der alten Treppe Noch andre alte Häuser
erhoben sich am Marktplatz stolz und trotzig wie Burgen wehrhafter Ritter aber
mit hohen Dachräumen in denen einst reiches Kaufmannsgut gelagert
    Als der Handel damals andere Wege einschlug hatten die klugen und
vorsichtigen Kaufherren einen verständigen Ersatz gesucht im Geldgeschäft und
Beteiligung am Bergbau und war eine zweite Blüte der Stadt gekommen aus diesen
Gewinnen die noch stolzer war wie die erste aber die großen Staatsbankerotte
die Wandlungen des Metallwertes und die Zerstörungen des Dreissigjährigen Krieges
hatten diesen Wohlstand von Grund aus vernichtet Seitdem kamen kleine Bürger
auf in den stolzen Häusern die in Läden Handwerksgeräte Kleiderstoffe und
allerhand geringe Kaufmannswaren verkauften an die Leute aus dem Gebirge oder
die Bauern vom Lande die an den Sonnabenden zur Stadt kamen hier einzuhandeln
wessen sie bedurften bei ihrem kleinen Wesen Und außer den alten Häusern
zeugten nur noch in der Kirche zu Sankt Blasien alte Wappen in den Fenstern
finstere Familienstühle mit sonderbaren Schnitzereien und prunkvolle Grabtafeln
an den Wänden von den stolzen Geschlechtern die einst hier gelebt ehe die
freisinnig gesinnten Kleinbürger in der Stadt hausten
    Nur eine der alten Familien hatte sich erhalten in sicherem Reichtum an
Grund und Boden in den Dörfern deren Letzte bewohnten noch das alte Haus aus
schweren Quadern mit kleinen Fenstern und gewaltigem Giebel den oben die große
eiserne Rolle zierte mit welcher einst die fremden Warenballen herausgewunden
wurden In den reichsstädtischen Zeiten war aus diesem Hause immer der
regierende Bürgermeister gewählt und der Iktus aber wie die Freiheit verloren
ging hatten sich die Herrschaften von allem zurückgezogen und nun führten sie
ein hochmütiges und abgeschlossenes Leben die Männer in Verwaltung ihrer Güter
und allerhand verschollener Gelehrsamkeit die Frauen in Sorge für das Haus
Wohltun und Frömmigkeit seit dem dreizehnten Jahrhundert wies die Hauptkirche
Stiftungen von ihnen auf angefangen mit einem Stück guten schwarzen Tuches von
acht Ellen für die Armut bei den Beerdigungen als Sargdecke zu nehmen Damals
nun lebte Herr Jobst Riemenschneider mit seiner Frau und einem einzigen
Töchterchen Johanna in dem alten Hause Herr Jobst war ein durchsichtig blasser
und feiner Mann mit einem verzehrten Gesicht der Scheu hatte vor Menschen und
alles Geräusch fürchtete und ganz im verborgensten Winkel des Hauses hatte er
seine Studierstube deren Türen waren gepolstert damit kein Laut sie
durchdringen sollte Hier forschte er in alten Akten und Archivstücken über die
frühere Geschichte seiner Stadt denn seit langen Jahren schon arbeitete er an
einem Werke das doch nie fertig zu werden schien weil ihm immer neue Zweifel
kamen wenn er glaubte er habe etwas festgelegt und dann musste er immer von
neuem untersuchen Unterdessen wurde in der allgemeinen Wissenschaft draußen ein
heftiger Kampf geführt über die Anfänge des Städtewesens und die ersten Zeiten
der Gilden und Zünfte und über die frommen Genossenschaften das alles betraf
seine Arbeiten aber er verspürte von diesen Kämpfen nichts denn seit seinen
Universitätsjahren hörte er nichts mehr von heutiger Wissenschaft sondern lebte
nur seiner beschränkten Aufgabe die doch von Jahr zu Jahr luftiger wurde und
weniger zu fassen Die Frau war bei der Heirat ein fröhliches junges Ding von
der niemand wusste woher sie stammte und es wurde heimlich erzählt ste sei
eine Schauspielerin gewesen Damals lebte noch des Herrn Jobst alte Mutter eine
kalte und fromme Frau mit scharfen grauen Augen Die mag das junge Ding wohl
sehr in die Zucht genommen haben denn man merkte ihr an wie sie sich
veränderte und traurig aussah und oft verweint Das einzige Töchterchen das sie
Johanna nannten wurde ihnen erst nach Jahren geboren Damals als Hans seine
Berührung mit diesen Manschen hatte war die Frau schon lange leidend und es
hieß sie müsse in den Süden gehen Johanna wuchs auf in dem alten Hause in dem
es noch ein Zimmer gab das ganz mit blauweissen Kacheln ausgelegt war auf
diesen Kacheln sah sie Schiffe und Windmühlen Schlösser Ruinen Fischer
Kirchtürme Chinesen und allerhand sonstige Dinge abgebildet die man sich
denken mochte Dann waren da große geschweifte Schränke die vier Türen hatten
und Kommoden mit wunderlichen Griffen seltsam geschwungene Stühle uralte
Bilder die ganz dunkel geworden waren und etwa einmal ein gespenstisch blasses
Antlitz mit blitzenden Augen sehen ließ Treppenstufen gingen zu Zimmern in
die Höhe Kronleuchter hingen seit Jahrzehnten eingehüllt und vergoldete Stühle
hatten festgebundene Bezüge And auf den Böden stand unter Staub
vielhundertjähriges Altertum eingelegte Truhen Spinnräder aus Mahagoniholz mit
Elfenbein alte Bücher in Schweinsleder mit messingenen Beschlägen Rechnungen
der Urahnen in Bändeln Medizinflaschen von längst vergessenen Toten und
sonstiges Krankengerät Wiegen und Kinderspielzeug darunter ein Puppenteater
aus der Rokokozeit und ein großer Ballen sorgfältig gesammelter alter Leinwand
von der an arme Wöchnerinnen geschenkt wurde wie seit Jahrhunderten schon
geschehen in diesem Hause
    Johanna war ein blasses Mädchen mit schwermütigen dunkeln Augen und
langlockigem Haar ihr Mund war schweigsam aber ihre Augen vermochten ein
tiefes und heftiges Gefühl zu erregen Als sie Hans zum ersten Male ansah war
es ihm als überfalle ihn eine ganz schreckliche Angst über die dachte er lange
nach und zuletzt wurde es ihm sicher dass er das Mädchen liebe Wie er darüber
klar war beschloss er mit Karl zu sprechen aber kaum hatte er dem den Namen
genannt da machte er ein glückliches Gesicht und begann zu erzählen wie sie
die Tochter seiner Wirtsleute besucht habe mit der sie zusammen zur Schule
ging denn er wohnte bei einem Oberlehrer und es sei eines Sonntagnachmittags
gewesen und sie hätten Pfänderspiele gespielt da hätte sie ihn mehrmals
angesehen und er wisse genau ihren Schulweg und habe eine Rose abgepflückt und
sei vor ihr gegangen dass sie ihn habe sehen müssen und dann habe er die Rose
für sie in einen stillen Winkel hingelegt und sie habe die Rose genommen und
seitdem lege er ihr jeden Morgen eine Rose hin und sie nehme und trage die
    Wie Karl das erzählte schämte sich Hans für ihn sowohl um die Frechheit
dass er die Rose hingelegt wie auch dass er ihm das erzählte und wurde ihm auch
sehr traurig im Herzen in weiter und unbestimmter Weise So sprach er nichts
mehr und suchte dass er bald nach Hause kam ging auf sein Dachkämmerchen und
begann heftig zu weinen der Wirtsleute guterziges Töchterlein aber das ein
zwei Jahre älter sein mochte wie er als sie nebenan das Schluchzen hörte kam
sie zu ihm und wollte ihn trösten riet auch gleich dass er wohl verliebt sei
Da sprach sie recht verständig und wie eine ganz erwachsene Person dass er doch
noch ganz jung sei und verloben könne er sich noch lange nicht und überhaupt
sei das alles nur Unsinn Wie aber Hans obwohl er sich schämte wie ein Dieb
doch immer heftiger zu schluchzen anfing da konnte sie in ihrer Gutmütigkeit
sich nicht mehr halten denn sie hatte nahe ans Wasser gebaut und fingen auch
ihr an die Tränen über ihre runden Bäckchen zu rollen in dicken Tropfen So
saßen die beiden auf Hansens Bettkante und kam ihr am Ende eine Erinnerung aus
einem Buche das sie gelesen und sagte sie Hans sie wolle seine Schwester
sein küsste ihn auf den nassen Mund und ging fort
    Nach wenigen Tagen hatte sie sich schon an Johanna heranzumachen gewusst und
wurde mit ihr recht befreundet Da dachte sie dann Hansen guten Trost zu
bringen denn Johanna hatte ihr gesagt sie möge Karl gar nicht leiden und habe
Hans viel lieber aber Hans glaubte ihr nicht sondern meinte sie wolle ihn nur
trösten durch solche Botschaften Einmal jedoch besuchte Johanna seiner
Wirtsleute Tochter und da sprach sie auch mit ihm einige Worte und sagte ihm
zuletzt weil es schon so dunkel sei und das Haus so abgelegen so möge er sie
doch eine Strecke begleiten und wie er das tat sagte sie ihm auf dem Wege
dasselbe über Karl
    Da bekam er einen so wilden Hass auf den dass er darüber erschrak denn er
hatte ein solches Gefühl noch nicht verspürt und war es ihm besonders heftig
wenn er Karl lachen sah denn da hätte er ihn mögen umbringen Und weil er in
diesen Tagen keinen Halt mehr fand in seinem Gebet so geriet er in Trübsinn und
tiefes Unglück und ihm war als sei er in einem Tal aus dem es keinen Ausweg
gibt weil er vorher gemeint es gebe einen Weg nach oben der in Wahrheit nicht
da war So geschah es das erstemal dass er dieses Gefühl hatte das ja die
meisten Menschen durch ihr ganzes Leben begleitet sie wissen es sich nur zu
verbergen dass sie es haben denn wenn sie das nicht täten so vermöchten sie ja
nicht zu leben
    Während diese Dinge nun solchergestalt liefen neben den Dingen der
Erwachsenen die meinten dass ihre Dinge wichtiger seien spitzte sich in der
Heimlichkeit eine andre Sache in Beziehung auf Johanna zu
    In Hansens Klasse war ein Schüler dessen Jahre weit über den Durchschnitt
seiner Mitschüler hinausgingen und der von diesen nicht sonderlich geachtet
wurde wegen seines törichten Wesens denn er ahmte in geckenhafter Weise die
Erwachsenen nach in seiner Tracht Haltung und Benehmen so hatte er dem
Religionslehrer abgesehen dass er eine große Silbermünze an der Uhrkette trug
was damals neu und elegant war und hatte sich einen steifen Hut gekauft wie
die jungen Kaufleute haben und trug Stege an den Hosen Sein Vater war ein
reicher Gutsbesitzer der wenige Stunden von der Stadt entfernt wohnte und von
dem erzählt wurde dass er habsüchtig sei und Geld auf hohe Zinsen ausleihe
    Als Hans an einem Morgen in die Klasse kam sah er wie dieser Mensch allein
auf seinem Platze saß und scheinbar eifrig in einem Buche studierte alle seine
Nachbarn waren von ihm gewichen und in einer Ecke des Schulzimmers wurde von
einigen heftig gestritten und erzählt von denen erfuhr Hans dass Ecker denn so
hieß jener bei einem Freunde einen Ring gestohlen habe der dessen Mutter
gehörte und diese in der Meinung dass ein Dienstbote die Tat begangen habe
der Polizei Nachricht gegeben und als Ecker den Ring beim Goldschmied zum
Verkauf bringen wollte sei er festgehalten und erkannt worden Wie der Lehrer
in die Klasse trat gingen alle schnell auf ihre Plätze der Lehrer aber rief
Ecker an und sagte es sei bereits Meldung über ihn eingelaufen und er solle
bis auf weiteres aus der Schule bleiben Da richtete sich Ecker auf mit einem
blassen und verzerrten Gesicht dass alle erschraken denn sie hatten ihre Blicke
auf ihn gewendet und machte sonderbare Bewegungen mit den Händen und stieg
unbeholfen auf die Bank und den Tisch und indem noch alle erstaunt waren was
dieses bedeuten solle da zog er ein Terzerol aus der Tasche wie es wohl Jungen
heimlich für ihr Taschengeld kaufen setzte sich das auf die Brust schoss ab und
stürzte vornüber auf die Bänke und Tische hin wo die andern entsetzt wegstoben
ehe sie noch wussten weshalb sie erschrocken waren
    Hans war es als höre er einen Fall eines schweren Geschirrstückes auf die
Erde denn er hatte die Handbewegung nicht verstanden und wie Ecker fiel wusste
er noch gar nicht was das bedeute Als ihm das aber klar wurde stieß er einen
lauten Schrei aus vor Entsetzen und nach einer kurzen Weile schrie er nochmals
und anhaltend Viele versammelten sich um ihn und er wurde nach Hause gebracht
    In den nächsten Tagen wurde erzählt wie alles zusammenhing Der Tote hatte
allabendliche Zusammenkünfte mit Johanna gehabt in der schlechtesten Straße des
Städtchens und hatten sie Leute da zusammen stehen und sprechen sehen Um diese
Liebe hatte der junge Mensch allerhand Ausgaben gemacht die an sich wohl gering
waren aber doch sein Vermögen überstiegen und so war er zu dem letzten
verzweifelten Streich gekommen
    Für Hans war es als ob er das alles in einem schweren Traum erlebe bei dem
man das Bewusstsein hat dass doch nichts Wirkliches geschieht sondern nur
Erträumtes und dass alles wieder in Ordnung ist wenn man aufwacht Und kam ihm
zwar nicht zu rechter Klarheit was innerlich bei ihm vorging aber es ward ihm
bewusst dass alle Neigung zu Johanna plötzlich erloschen war und ihm geschah
wie wenn ein verschönender Schleier plötzlich von ihrem Gesicht weggenommen war
so fiel ihm als hässlich auf dass sie über dem Nasensattel kleine Sommersprossen
hatte die sie vorher ihm besonders liebreizend gemacht und klang ihm auch ihre
Stimme mit einem Male scharf und widerwärtig Sie besuchte seine Wirtstochter
und sprach wieder mit ihm dass über sie viel gelogen werde und sie sei jetzt
nach jenem Todesfall so allein deshalb dürfe er sie nicht auch verstoßen Aber
ihm war das alles abscheulich und ganz kalt
    Wie oft die Letzten untergehender Geschlechter zeigte Johanna das
unheimliche Auftauchen längst vergessener Triebe der Urzeiten denn nicht
gestorben ist ja in uns das Blut unserer Vorväter die im Steinalter und in der
Bronzezeit düstere Höhlen bewohnten und mit bodengesenkten Blicken auf Raub und
Vernichtung zogen und es wird immer wieder regsam in uns selbst zu gewissen
Zeiten wenn die klare Vernünftigkeit schwach ist die unsre Vorfahren errungen
im jahrtausendlangen Kampf um das Freie Hohe und Gute und manche Menschen
erfüllt es gänzlich die wissen dann nichts von sittlichen Geboten und folgen
einer Selbstsucht die wir nicht glauben geben plötzlich sinnlos und ohne
Gedanken einer auftauchenden Begier nach und machen uns vielleicht verwundern
durch die Schärfe ihrer Sinne und die merkwürdige Kenntnis der Regungen in
andern Menschen wie durch die Fähigkeit diese Kenntnis zu ihrem Nutzen zu
verwenden
    Hans war dem geheimnisvollen Zwange der Natur unterlegen welche die
ehrbaren und braven Menschen treibt dass sie sich an solche unehrlichen und
schlechten hängen müssen und scheint in der frühen Jugend wo die Liebe noch
ganz geistiger Art und dunkle Sehnsucht der Seele ist dieser Zwang noch ärger
zu sein wie im späteren Alter der zwanziger Jahre Deshalb muss man wohl sagen
dass Liebe etwas Furchtbares und Grausiges ist und der Mensch ist glücklich zu
preisen den das Geschick davor behütet in ihre Tiefen zu sehen Aber bei
Hansen war das nicht ein Sehen oder ein Verstehen sondern ein ganz tiefes
heftiges Gefühl das stärker war wie alle klare Äußerung des Geistes und so
tief in ihm war der Kampf vor sich gegangen dass ihm nichts davon in sein
Bewusstsein kam und er vielmehr erstaunte dass seine Meinungen Gedanken Träume
und Liebe so plötzlich umgeschlagen hatten Aber mit einem Male überfiel ihn nun
das Gefühl der Einsamkeit und Verlassenheit in der Welt Das war den Sonntag vor
seiner Einsegnung
    Da wurde ihm zum ersten Male klar dass wir zwischen den Menschen wandeln wie
zwischen den wesenlosen Larven welche die Wüste erfüllen sie weichen zurück
wenn wir auf sie zugehen und wenn wir ihre Hände drücken wollen so fühlen wir
bloße Luft und ist nichts in der großen Wüste lebendig denn wir allein
    Es geschah aber in einem Wäldchen weil er sich sammeln wollte und ohne
Reden der Menschen sein dass ihm diese Klarheit kam und geschah wie er eine
Ameise betrachtete auf dem Wege die sich abmühte um etwas das für ihn selbst
ein Nichts war Da dachte er an sein Losungsbüchlein welche Losung ihm das
geben müsse für diesen Tag und siehe da stand geschrieben »Ich wache und bin
wie ein einsamer Vogel auf dem Dache« Über diese Worte kamen ihm die Tränen und
stürzten in großen Mengen aus seinen Augen und faltete die Hände und wiewohl
er keine Worte zu sagen wusste oder denken konnte so betete er doch und im
Bitten schon hatte er noch Tröstung Sicherheit und Ruhe
    Zwar bereits auf dem Heimwege kamen ihm wieder die alten Gedanken dass es
doch keinen Gott gebe und dass deshalb solche Erfahrungen wie er eben gemacht
ein Selbstbetrug seien aber da half ihm wieder ein Buch nämlich er hatte
Doktor Martin Luthers Tischreden zu Hause liegen die ihm der gute Pastor
geliehen in einer schönen alten Folioausgabe unbekümmert um die Derbheiten
und starken Ausdrücke des Buches denn er meinte was aus einem reinen Munde
kommt und in ein reines Herz geht das kann keinen Schaden tun und die heutigen
Menschen sind übermäßig verzärtelt in ihren Worten da sie doch in Gedanken und
Taten unreiner sind wie früher In diesem teuren und herrlichen Buche schlug
Hans auf den Zufall hin auf da stieß er auf die Stelle »M Antonius Musa
damals Pfarrherr zu Rochlitz hat auf eine Zeit D Martino herzlich geklagt er
könne selbst nicht glauben was er andern predige Gott sei Lob und Dank hat D
Martinus geantwortet dass andern Leuten auch so geht ich meinte mir wäre
allein so Dieses Trostes hat Musa sein Lebenlang nicht vergessen können«
    Hierüber wurde Hans fröhlich und zufrieden und schien ihm alles was er
Gelehrtes gelesen gegen Gott dummes Zeug zu sein Und beim frohen Blättern kam
ihm noch eine andere Stelle unter die Augen
    »Als über D Martini Luteri Tische disputieret ward wie ein lieblich Ding
der Tau wäre sprach D Martinus Ich hätte es nimmermehr gegläubet dass der Tau
so ein herrlich lieblich Ding wäre wenn nicht die Heilige Schrift den Tau
selbst hoch gelobt hätte da Gott sagt Dabo tibi de rore coeli ich will dir
vom Tau des Himmels geben Ach Kreatura ist ein schön Ding wenn wir sollen
Creationem glauben tum balbutimus et blaesi sumus und sagen Kledo für Credo
wie ein Kindlein spricht Lemmel für Semmel Die Worte sind wohl stark aber das
Herz spricht Kledo sed per hoc salvamur quia cupimus credere Ach unser
Herrgott weiß wohl dass wir arme Kindlein sind wenn wirs auch nur erkennen
wollten Sagen doch die Apostel selbst Dominus adauge nobis fidem Aber wir
sind alle klüger denn unser Herrgott wir könnens nicht verstehen nisi per
filium id est Christum Das ist alle seine Predigt dass er spricht per me
per me per me ihr könntets nicht tun wenn ihr euch gleich zerreisset durch
den Sohn werden wir zum Vater bracht Darum wenn wir nur glaubten dass unser
Herrgott klüger wäre so wäre uns schon geholfen«
Hans wurde mit Karl zusammen eingesegnet nicht in der Stadt sondern zu Hause
in dem kleinen Dörfchen bei dem guten und frommen Pastor der ihn in den ersten
Jahren unterrichtet
    Es saßen zusammen zehn Kinder auf den Bänken der Konfirmanden sechs Knaben
auf der einen Seite und vier Mädchen auf der andern und hatten die Mädchen das
alte Dorfkirchlein mit seinen hellen Fenstern und weissgetünchten Wänden durch
Kränze und Blumengewinde verziert mit den vollen und farbigen Herbstblumen
vornehmlich Georginen und Astern und der Boden war mit Tannengrün bestreut das
die Knaben den Tag vorher aus dem Walde geholt hatten unter fröhlichen Gesängen
und wichtigen Reden darüber wie sie sich morgen würden mit der kurzen Pfeife
sehen lassen auf der Dorfstraße und dass sie zum Erntefeste tanzen durften Sie
dachten wohl mehr an die Freuden der natürlichen Menschen bei der Feier aber
der natürliche Mensch und der geistige waren bei ihnen ja nicht so getrennt wie
wir meinen und wenn ein Junge der jetzt zur Seite ausspuckt wie er es bei den
erwachsenen Burschen gesehen und vom Tanzboden spricht mit überlegener Miene
wenn der erst durch sein Leben gepilgert ist durch Jugendtorheiten
Verliebteit Heiraten Kindererziehen Sorgen Arbeiten und Kummer und als ein
Greis im Hochalter vor seiner Hütte in der Sonne sitzt dann denkt er auch wohl
einmal an seine Einsegnung und da verspürt er dass er in Wahrheit doch noch
andre Gedanken gehabt wie an die kurze Pfeife und das Tanzen Es ist wohl recht
lächerlich dass auch Hans nicht die rechten Gedanken hatte ihm fiel immer die
Uhr ein die ihm der Vater geschenkt nebst der stählernen Kette und der
schwarze Anzug beengte ihn und dann fürchtete er sich dass er weinen werde
Karl saß neben ihm und war in sich versunken und hatte schwere Gedanken
    Die Kirche war ganz voll Da saßen unten die Frauen voran die Bäuerinnen
mit ihren Töchtern dann die Frauen der Holzarbeiter und hinten die Tagelöhner
Vorn sah man feste ruhige und glatte Gesichter denen man Sicherheit Ordnung
und Fleiß anmerkte und gute Gesundheit Dann kamen Gesichter in denen man viele
Mühe und Not las und Sorge um das tägliche Leben aber dabei doch Würde und
Ehrbarkeit und zuletzt sah man Übermut und niedergedrücktes Wesen fahrigen
Sinn Unterwürfigkeit und gedankenloses Dahinleben Auf dem Rang saßen die
Männer glattrasiert die alten und mit Bärten die andern und sie hatten nicht
so ihre geordneten Plätze wie die Frauen unten Hansens Eltern waren auch
zugegen und saßen im Pfarrstuhl und der Vater trug die grüne GalaUniform mit
dem Hirschfänger an der Seite und sah groß und stattlich aus und neben ihm die
Mutter die mit der Frau Pfarrerin die einzigen Frauen in städtischer Tracht
waren
    Wie die Gemeinde das Eingangslied gesungen kam der gute Pastor und las das
Evangelium und seine Stimme tönte schön und tiefklingend wie eine wohllautende
Glocke und nach dem zweiten Lied folgte dann die Predigt
    Die wendete sich fast nur an die Kinder und ihre Eltern der alte Mann
sagte dass sich nun das Tor auftat zum Leben und rühmte Gottes Güte dass der
uns die Gabe verliehen durch dieses Tor zu gehen nur mit Hoffnung und Freude
und siehe da als er diese Worte sprach wurden einer harten und strengen Frau
die Augen nass der reichsten Bäuerin und zog ihr Taschentuch hervor und weinte
still vor sich hin und die Tagelöhnerfrauen hinten stießen sich an und sahen
nach ihr mit Erstaunen Der Prediger fuhr fort und sprach von der Schuld wie
die sich jetzt anspinnt in diesen Jahren wenn sie nicht schon älter ist und
wie sie größer wird und größer und unversehens so groß dass sie uns überragt und
uns beherrscht wie einen Sklaven An dieser Stelle wurde Karl bleich und schaute
verzweifelt vor sich hin dass Hans erschrak wie er durch Zufall zur Seite
blickte und in sein verfallenes Gesicht sah Vieles verstanden die Leute nicht
in der Predigt so die Worte dass das Gute leichter sei wie das Böse und dass
man das Gute tue als ein froher Herr und das Böse als ein ingrimmiger Knecht
aber es war auch wohl nicht nötig dass die Leute alles verstanden denn für sie
konnten die Worte ja doch nicht Mahnung sein sondern nur Trost und den fassten
sie auch so selbst wenn zu dem andern ihre Gemüter nicht genug licht waren Und
nahm jeder den Trost in seiner Weise denn die stolzen und lebensklugen Bauern
hatten doch einen Winkel in ihrer Seele wo die Sicherheit nicht war der wurde
nun erhellt und die bekümmerten Holzarbeiter die sich sorgten wie sie die
Ihrigen rechtschaffen durch das Leben brachten fanden eine Hoffnung auf ein
Leben da es keine Sorgen und Kümmernisse gab aber die oberflächlichen und
prahlerischen Tagelöhner wurden wohl aus ihrer Selbstzufriedenheit erweckt doch
schwieg gleichzeitig der Stachel des Neides der sie sonst quälte und auch sie
wurden fröhlicher
    Wie der Glauben bekannt wurde sprachen die andern zaghaft und leise Hans
aber rief sein Ja laut und jubelnd dass ihn der gute Pastor freundlich ansah
und unter bangem Herzklopfen folgte dann die Abendmahlfeier bei der ein
unbegreifliches Geheimnis unsern Glauben mit den urältesten Hoffnungen Furchten
und Gedanken der Menschen verbindet und so auch in Leichtfertigen und
Gedankenlosen einen Schauer erzeugt der ernst macht
    Danach sang die Gemeinde das Ausgangslied und währenddem gingen die
Eingesegneten einer nach dem andern zu dem Pastor in die Sakristei brachten
ihm eingewickelt in Papier ihren Beichtgroschen wie es Sitte war seit
undenklichen Zeiten und niemand nahm daran einen Anstoß und erhielten einen
Spruch auf ihren Lebensweg Hansen aber sah der Pastor mit einem frohen Lächeln
an dann nahm er seine Hand legte ihm die Rechte aufs Haupt und sprach »Halte
was du hast« Das war in einer kleinen Sakristei die getünchte Wände hatte und
stand da ein Tisch aus gestrichenem Holz und darauf lag Bibel und Gesangbuch
davor das Kruzifix und ein Strauss Herbstblumen in einer blauen Glasvase das
Fenster war geöffnet und von draußen kam das Murmeln der gehenden Menschen und
herbstlicher Sonnenschein der in Tropfen durch das Laub eines Baumes fiel Wie
Hans in die Kirche zurückkam wartete da eine Taufgesellschaft und war die
Mutter früher Dienstmädchen bei der Herrschaft gewesen die einen Waldwärter
geheiratet und hatten das erste Kind Die Frau saß in einem Kirchenstuhl mit
verlegenem und glücklichem Gesicht und rosig und lächelnd und hielt das
Kindchen auf einem Kissen im Arm und schaukelte es damit es nicht schreien
solle das Kind aber wollte gar nicht schreien sondern sah erstaunt nach dem
großen Hängeleuchter der mitten in der Kirche von der blauen goldgesternten
Wölbung herabhing Der Vater stand aufrecht daneben in straffer Haltung als ein
früherer Soldat und trug einen Bart rund ums Gesicht in dem Oberlippe und Kinn
ausrasiert waren so dass nur der Kranz blieb und auch er blickte glücklich und
stolz auf das Kind doch suchte er unbeteiligt auszusehen und wollte seine
Gefühle verbergen als unpassend für einen gräflichen Beamten Die beiden
Grosseltern sollten Pate stehen denn die Eltern mochten keine Patengeschenke von
Fremden betteln Die saßen gleichfalls und ließ der Großvater seine Uhr an der
härenen Kette baumeln und wunderte sich dass das Kind gar nicht auf die
Merkwürdigkeit achten wollte indessen die Großmutter zur Seite geschäftig in
allerhand Linnenzeug kramte
    Wie der Pastor in die Kirche zurücktrat erhoben sich die Sitzenden und
traten alle zum Taufbecken Die Mutter sah den alten Pastor an der auch sie
einst getauft dann eingesegnet und endlich getraut hatte und wurde noch röter
und ihr frisches Gesicht strahlte und wollte gewiss sagen dass er das Kind
bewundern solle wie groß es war und verständig aber sie besann sich noch zu
rechter Zeit dass das unpassend gewesen wäre und in ihrer Verlegenheit schoss
ihr eine ganz feurige Welle über das Gesicht und machte einen Knicks vor dem
geistlichen Herrn wie es ihr früher beigebracht war wenn sie auf dem Schloss
etwas der Herrschaft zu übergeben hatte und reichte ihm das Kind Der alte Mann
lächelte freundlich nahm es ihr ab fasste ihm die Bäckchen und gab es der
Großmutter indem er der ganz verwirrt gewordenen Mutter zunickte
    Indem goss der Kantor das Wasser in das Taufbecken und prüfte mit dem Finger
die Wärme dann fand die Taufhandlung statt bei der das Kind sich artig und
ruhig hielt dank der unermüdlichen Bewegungen der Großmutter denn nur wie es
die dreimalige Benetzung verspürte schien es erstaunt und schlug die Augen über
sich und der Großvater welcher der Stolzeste schien rühmte es durch ein
leises Wort dem Vater am Ende kniete die Mutter nieder und der Pfarrer
erteilte ihr den Segen Karl erwartete Hansen denn er hatte ihm Wichtiges zu
sagen und wollte seine Seele erleichtern durch Erzählen Schon seit etlicher
Zeit hatten sich die beiden entfernt unmerklich und ohne sichtbaren Grund wie
sich zwei Baumstämme trennen die im Meer treibend einander gefunden hatten
und zusammen dahinschwammen eine lange Weile Wenn sie sich trafen hatten sie
sich nichts zu sagen trotzdem doch sonst der Jugend das Herz leicht überfliesst
von dem vielen Neuen das durch Auge und Ohr hereinkommt und gebildet wird durch
den schöpferischen Verstand und deshalb sprachen sie Gespräche wieder die sie
vorzeiten geführt wiederholten Worte die damals lebten und nun tot waren und
wunderte sich im stillen ein jeder wie wenig er zu sagen wusste Aber heute war
in Karl eine alte Liebe erwacht und sein Herz sehnte sich nach einem
teilnehmenden Gesellen So feinfühlig sind wir ohne dass wir es ahnen dass das
Fremde das in uns gekommen auf beiden Seiten wirkend uns trennt erst als
seine Reue die Schuld hinauswarf waren sie wieder zusammen wie vorher
    Karl erzählte aber von Johanna und seiner Liebe zu ihr und wie er sich
bisher nicht frei machen konnte trotzdem er sich selbst verachten müsse und er
sehe klar dass er immer niedriger und schlechter werde durch seine Zuneigung
heute aber habe er einen festen Entschluss gefasst dass er sich befreien wolle aus
seiner Untertanschaft Nicht so sprach er wie hier mit abgezogenen Worten
geschrieben ist sondern er redete als ein Halbwüchsling und ein Mensch der
nicht weiß welche Bedeutung die Handlungen des Menschen haben hätte seine
Erzählung für kindisch gehalten und sein ganzes Erlebnis Aber das ist eine
oberflächliche Meinung die durch die äußere Gestaltung welche einer Handlung
Alter und Bildung und sonstige formgebende Dinge anziehen sich bewegen lässt in
ihrem Urteil und einen sittlichen Kampf belächelt weil er in dem
siegfriedhaften Wesen eines unerfahrenen Gemütes vor sich geht und um Dinge die
einem Erwachsenen unbedeutend erscheinen da doch solche Vorgänge wichtiger
sind weil sie auf die weitere Bildung des Charakters einwirken wie scheinbar
bedeutsame Ereignisse in späteren Jahren
    Es kann ja kein Mensch trösten denn es gibt keinen Trost außer den einen
den jeder schon weiß dass wir Vergangenes nicht ändern können aber in der
bloßen Erzählung war ein Trost für Karl denn indem er alles genau seinem
Freunde schilderte wusste er dass er ein Zeichen von sich gab dessen dass er
nicht wieder zurückkehren würde zu dem was zu verlassen er sich vorgenommen So
gelangte er ans Ende seiner Geschichte frohen Mutes und auch Hans war fröhlich
und beide freuten sich einer neuen Freundschaft die ihnen leuchtete wie ein
Ährenfeld nach einem erquickenden Sommerregen wenn die Sonne sich in tausend
frischen Tropfen spiegelt und die Erde einen nahrhaften Geruch ausströmt denn
die Gedanken junger Leute laufen noch mit eiligen Kinderfüssen und besonders
laufen sie eilig vom Trüben zum Trostreichen Aber wer zu urteilen wüsste über
Menschen und Schicksale ahnen könnte aus ihrem Wesen der hätte gesehen dass
Karl wohl guten Willen hatte und einer guten Leitung folgte aber in seinem
Innern war doch Zuchtlosigkeit und Schwäche und auf irgendeine Weise musste
Schwäche einmal sein Schicksal entscheiden Jetzt war es so dass einmal und für
einen flüchtigen Augenblick und unverstanden aus den grauenhaften Tiefen die
wir ja alle haben in ihm der Gedanke auftauchte er möchte Hansen töten das
war ein nichtiger Gedanke wie uns tausende durch den Kopf gehen ohne Folgen
und selbst ohne Möglichkeiten von Folgen es war nur ein leises Lebenszeichen
des Bösen in ihm das sich des Vertrauens schämte und Hass empfand gegen den
Mitwisser der Schwäche
    Die beiden waren im Walde gegangen durch raschelndes Buchenlaub wie sie
zurückkehrten und zwischen den Bäumen hervortraten standen sie oberhalb des
Dörfchens das sich lang das Tal in die Höhe dehnte die Kirchenglocke läutete
zur Beerdigung und auf dem Kirchhofe predigte der Pastor vor einem offenen
Grabe an dem die Leidtragenden standen
    Der Verstorbene war ein recht unglücklicher Mensch gewesen denn schon seine
Eltern hatten im Armenhause gelebt und als leichtfertiges und träges Volk und
wie er noch ein ganz kleines Kind war hatte ihn die Mutter einmal im Zorn auf
die Erde geworfen davon er sich die Hüfte verrenkt und war ihm das Bein
verdorrt so dass er sich nur mit mähseligem Humpeln weiterschleppen konnte
hierdurch erhielt er den Namen Hinkeding Wie er etwa sieben Jahre alt sein
mochte starben seine beiden Eltern und die Gemeinde gab ihn dem Abdecker in
Kost der außerhalb des Dorfes lebte bei dem hatte er es noch übler wie bei den
rohen Eltern denn er erhielt nur schlechte Nahrung und geringe Pflege und musste
trotz seines Gebrechens und seiner Jugend doch viel arbeiten das er zwar willig
tat Die böse Dorfjugend beschimpfte ihn um diese Arbeit noch weiter und nannte
ihn Wasenmeister und mochte sich darum kein andres Kind mit ihm abgeben auch
hätten die Eltern es denen verboten wenn sie es getan hätten So wuchs
Hinkeding roh und tückisch heran nur mit dem alten Wasenmeister und seiner
bösen Frau hatte er zu sprechen die in schlechtem Rufe standen außer ihrem
ordentlichen Geschäft dass sie allerhand Zauberei und Aberglauben treiben
sollten Beim Konfirmandenunterricht musste er allein auf einer Bank sitzen denn
der damalige Pfarrer war zu schwach und unverständig um dem Unwesen zu steuern
und nach den Stunden fielen oft die andern über ihn her und schlugen ihn
wiewohl er sich wehrte mit allen Mitteln indem er trat und kratzte und einmal
zog er selbst ein Messer Niemals durfte er auf den Tanzboden kommen und auch
die geringsten Mädchen wendeten sich von ihm mit Verachtung denn selbst einer
Gutsmagd uneheliche Tochter die bei einem Bauern diente und ein Auge verloren
durch einen Stich mit der Heugabel mochte nicht mit ihm sprechen In solchen
Lebensverhältnissen hatte sich in ihm eine besondere Bosheit ausgebildet dass er
die Kinder erschreckte indem er plötzlich eins fasste und ihm unheimliche Dinge
sagte die er vielleicht auch ausgeführt hätte wenn er es gewagt oder dass er
den Mädchen bösartigen Schabernack antat um den er dann wieder von den andern
mit Grund gehasst und verfolgt wurde Später warf er sich darauf allerhand
Bücher zu lesen die er bekommen konnte denn wiewohl er in der Schule nichts
gelernt hatte weil in den Zeiten wo er jung war sich um solche Kinder niemand
bekümmerte wusste er sich allerhand Künste doch aus seinem eignen Geiste zu
lehren und hatte auch ohne Anleitung das Lesen gelernt Aus diesen Büchern kam
ihm nun viel verwirrtes Zeug in seinen Verstand denn er verschmähte einfache
und schlichte Schriften die er hätte verstehen können sondern wollte Bescheid
wissen wie die Welt geschaffen und weshalb das Böse in die Welt gekommen und
wie weit der Himmel von der Erde entfernt sei und solche Dinge denn es hatte
wohl seine arme umdüsterte Seele ein Sehnen nach Gott und nach Gerechtigkeit
denn wenn auch die Liebe dem natürlichen Menschen nicht eigen ist so hat er
doch ein Streben nach Gerechtigkeit Dergestalt kam er auf eigne Gedanken dass
es keinen Gott geben könne weil da ein Stern war dessen Licht erst nach
viertausend Jahren zu uns kam weil er so weit entfernt von der Erde war Und
bei dieser Meinung blieb er wie er aber nichts weiter hatte an das er sich
halten konnte so wurde er hochmütig auf seinen Verstand und verachtete alle
andern Menschen und verhöhnte sie und diese hinwiederum beharrten in ihrem
alten Spott und Hass und vermehrten nur ihr Lachen wie sie von seinen Ansichten
merkten und wenn er auch allen andern Spott fühlte so spürte er hier doch
nichts davon dass sich die jungen Burschen über ihn lustig machten wo sie ihn
fragten wie lang und breit der Himmel sei und ähnliches sondern erklärte ihnen
seine Meinungen achtete gar nicht ihres Lachens sondern hielt dieses wohl gar
für Anerkennung und verhöhnte sie wegen ihrer Dummheit und Unbildung Und so
groß war sein Eifer wenn er dergestalt lehren und sich rühmen konnte dass er
gar nicht merkte wie er Hinkeding Wasenmeister genannt wurde welche Namen ihn
sonst zu heftigem Zorne bringen konnten
    Wie der jetzige Pfarrer seines Vaters Stelle erhalten war es schon zu spät
gewesen noch auf den armen Menschen einzuwirken denn die Bosheit war schon
ganz unausrottbar in ihm gewurzelt und seine Meinungen hatten sich so in ihm
befestigt dass sie nicht mehr vernichtet werden konnten So war es mit ihm denn
immer schlimmer geworden dass er am Ende ein gefährlicher Mensch war der nur
durch ein Wunder noch kein schweres Unheil angerichtet vielleicht weil ihn
seine Unbehilflichkeit an vielem hinderte Denn weil sein eigenes Gemüt schlecht
war und weil gegen ihn alle Menschen sich schlecht gezeigt hatten so bildete
er sich die Gedanken es gebe gar keine Güte im Menschen und sei auch allen
alles erlaubt nur dass sich immer einer vor dem andern fürchte
    Dieser unglückliche Mann war nun im Hochalter gestorben und wiewohl die
Leute im Dorf gewollt hatten dass er beigescharrt werde wie ein Tier wegen
seiner Lästerungen und Bosheiten hatte der Pastor doch verlangt dass er ehrbar
geleitet wurde und nun hielt er ihm selbst eine Predigt
    Jetzt stand der Mann vor Gottes Thron und wartete auf sein Urteil Und sein
Ankläger brachte ein großes Buch vor in dem standen geschrieben die vielen
Schmähungen und Lästerungen Bosheiten und schamlose und niederträchtige
Handlungen Denn als eine im tiefsten Innern böse Person hatte er sich selbst an
den unschuldigen Tieren und an jungen Bäumchen vergriffen Aus bloßer Lust hatte
er viele hundert junger Bäume abgeschnitten die in Fröhlichkeit sich in der
Frühlingsluft zu strecken gedachten und Tiere hatte er nicht nur geworfen und
geschlagen sondern einmal hatte er einem jungen Hunde der ihm treuherzig
gefolgt war ein Auge ausgestochen und einem Pferd hatte er brennenden Schwamm
unter den Schwanz gebunden Nichts konnte sein Verteidiger erwidern wie dass er
erzählte von seiner elenden Kindheit und jämmerlichen Jugend und dass er nur
Schlechtes gesehen hatte in seinem Leben und nie Gutes ihm erwiesen war Aber
vor Gott gibt es keine Entschuldigung aus diesen Dingen denn er sagt dass er
den Menschen eine reine Sonne an den Himmel gestellt hat zu der sollen sie
aufschauen Da erzählte der Verteidiger zuletzt eine Geschichte die einzige
die er hatte aufzeichnen können in seinem Buch
    Vor langen Jahren der Mann war noch ein Jüngling gewesen hatte er einmal
an einem Raine unter einem Quitschenbaum gesessen und an einem hölzernen Löffel
geschnitzt denn er erhielt sich durch Anfertigung und Verkauf von allerhand
Holzwaren Da kam ein kleiner dreijähriger Junge zu ihm dessen Eltern im Feld
arbeiteten und durch einen geringen Hügel verdeckt waren nannte ihn und bat er
solle ihm eine Pfeife machen er konnte aber noch nicht alle Buchstaben
sprechen deshalb sagte er zu ihm Inkeding Da sah Hinkeding das Kind an stieg
auf den Baum der hoch war und glatt schnitt ein passendes Reis ab und machte
dem Kind eine Pfeife indem er beim Klopfen das Liedchen sang welches er selbst
als Junge oft gehört aber nie über seine Lippen gebracht hatte weil er allein
war und keine Pfeife haben mochte
    Er war noch ein Jüngling gewesen damals und als er älter wurde schnitt er
die Bäumchen ab und stach dem kleinen Hund ein Auge aus aber Gott sieht nicht
in der Zeit wie wir sondern ohne die Zeit was wir Menschen auch tun sollten
wenn wir uns herausnehmen in sittlichen Dingen zu urteilen und weil er keine
Seele von sich lässt die auch nur eine Ahnung des Guten hat denn er meint dass
durch Güte sich Güte vermehrt was freilich nur für den Himmel passt und nicht
für dieses irdische Gefängnis unsrer Seele hienieden so nickte er dem Manne
freundlich zu und nahm ihn auf in sein ewiges Leben
    In dem Augenblicke hatte der Pfarrer seine Rede am Grabe beendet und der
eine oder andre der Umstehenden nahm sich vor er wolle künftig seinen Kindern
verbieten solche Menschen zu verspotten und wolle ihnen selbst ein Beispiel
geben Und die beiden Jünglinge oben am Waldesrande die auf den Gottesacker
niedersahn dachten dass sie eben froh gewesen waren und dass ein Mensch
begraben wurde der unglücklich gewesen in seinem ganzen Leben
Nun hatte Hans die Schule durchgemacht und das Examen bestanden so sollte er
jetzt die Universität beziehen Bis dahin war er nie ganz von Hause weg gewesen
denn wenn er auch in den Wochentagen im Löwenhof in einem Dachkämmerchen war und
in der Schule auf den Bänken saß zwischen den andern so pilgerte er doch jeden
Sonnabend nach Hause durch den hohen Tannenwald an stillen Holzhauerdörfchen
vorbei zu seinem Vaterhaus das auf einer umschlossenen Waldwiese stand in
schwarzen Schiefern und krausen Rauch schickte es in die helle Luft Aber nun
sollte er weit fort reisen mit der Eisenbahn aus den Bergen in das ebene Land
und erst nach Monaten kam er wieder in die Heimat und wenn er dann seine
Studien beendet wer weiß in welche Ferne er dann gehen musste
    Da rief ihn die Mutter zu sich und ging mit ihm in die Schlafkammer oben um
ihm ungestört ihre Abschiedsworte zu sagen
    Sie machte ein Gleichnis und sprach Wenn du einen Tropfen Essig schüttest
in ein Fass edlen Weines so wird der Essig zu Wein und umgekehrt wenn du einen
Tropfen Wein giessest in ein Fass mit Essig so verliert er seine Natur und wird
zu Essig Also ist auch der Menschen Natur denn wenn ein guter Mansch kommt in
böse Gesellschaft so verliert er alsbald seine Art und nimmt schlechte Art an
gleichwie ein Böser der in gute Gesellschaft kommt sich zu guter Art schlägt
Dieses bedenke und hüte dich vor lockeren Buben die du viele treffen wirst auf
der hohen Schule und in der großen Stadt Denn wir ich dein Vater deine
Großmutter und unsre Magd Dorrel haben uns getreulich bemüht dass du ein guter
Mensch werdest jetzt aber müssen wir dich ziehen lassen mit Furcht und Sorgen
dass du uns nicht verdorben werdest und zurückkehrest als ein nichtsnutziger und
verkommener Mensch Und lass dich auch nicht verführen durch Neugierde und
Eitelkeit dass du zu tun bekommst mit solchen Buben und du meinst es soll nur
auf kurze Zeit sein nachher aber gedenkst du sie zu meiden sondern denke dass
das Böse sich an den Menschen hängt wie Kletten auch durch leise Berührung und
schwer ist es dass sich einer wieder befreit von dem Unkrautsamen an seinem
Gewande Besonders aber warne ich dich vor der Eitelkeit denn du weißt wohl
dass die Bösen spotten über die Guten und ihnen vorwerfen sie seien unfrei weil
sie nicht tun wie sie und hören auf erfahrene Leute dahingegen doch die Bösen
selbst unfrei sind denn wohl tun sie die ersten Schritte ohne Zwang alle
weiteren aber als Knechte ihrer früheren Taten ein Trinker kann nicht mehr
lassen vom Trinken und ein Hurer vom Huren sondern ihr Teufel zieht sie hinter
sich her an ihren Haaren Du musst aber wissen dass dieses die besondere
Verblendung des Satans ist dass er macht dass seine Knechte sich für frei
halten denn sie lügen nicht wenn sie der andern spotten sondern reden aus
ihrer wahren Meinung
    Und wirst du nicht bloß böse Buben finden sondern auch schlechte Mädchen
die dich verführen wollen zu Unkeuschheit und Werken der Wollust Dazu wird
deine eigne Begierde wach werden denn du bist jetzt in die Jahre gekommen da
der Mann sich nach dem Weibe sehnt und geschieht diese Verführung aus dem
natürlichen Menschen und ist deshalb stärker wie die andre zum Trinken Spielen
und Balgen Deshalb denke dass du keusche und reine Eltern gehabt hast denn
dein Vater ist in das Ehebett gestiegen als ein unbefleckter Jüngling gleichwie
ich als reine Jungfrau Und denke ferner dass du einst ehelichen wirst und
Kinder haben aber was für Kinder wirst du bekommen wenn du deine Kräfte
ausgibst in jungen und unfertigen Jahren Wenn du dich vergleichst mit deinem
Vater so wirst du finden dass du einmal größer und stattlicher sein wirst wenn
du in dein Alter kommst obwohl du viel in der Stube und über Büchern hast
sitzen müssen dessen Ursache ist das ehrbare und ordentliche Leben deines
Vaters der sich zusammengehalten hat in seiner Jugend damit sein Sohn einst
tüchtig sein solle
    Aber wenn du diese beiden Gefahren vermeidest so wird dir eine dritte
begegnen Denn du wirst in der Stadt Mädchen finden die sind zwar ehrbaren
Wandels und ordentlichen Herkommens und man kann ihnen nichts nachsagen aber
sie mögen nicht an sich selbst schaffen sondern sind leichten Herzens und
denken nicht an die Zukunft und meinen alles sei gut wenn sie nur einen Mann
haben den sie lieb haben können Hüte dich dass du dich mit solchen Mädchen
einlässt und etwa denkst ich will mich verloben jetzt und wenn ich fertig bin
mit meinen Arbeiten so will ich sie heiraten und denkst ich habe sie lieb
und sie hat mich lieb und wir werden ein gutes christliches Ehepaar sein
ehrlich leben und unsre Kinder gut aufziehen Dieser Liebe sollst du misstrauen
obwohl sie mit großer Schmeichelei deiner Natur und Seele daherkommt Denn ein
junger Mensch hat keine Erfahrung und weiß nicht wie schwer es ein Hausvater
hat und was ein Haus kostet und wie tüchtig ein Mädchen sein wird als
Hausmutter Deshalb öffne deine Augen und betrachte die Menschen die sich
frühzeitig verloben und verheiraten da wirst du finden dass das alles ein
leichtes Volk ist das sich freut ein Jahr lang und das andre Leben bringt es
hin mit Sorgen und Borgen Auch ich deine Mutter habe eine Liebe gehabt wie
ich achtzehn Jahre alt war zu einem jungen Kaufmann und wie mein Vater nichts
wissen wollte von dieser Liebe und der Bewerber traurig von ihm ging da meinte
ich dass ich sterben müsste vor Kummer und wäre ins Wasser gegangen wenn ich
nicht Gottes Wort gehabt hätte Heute segne ich meinen Vater im Grabe dass er
hart gegen mich war aus Liebe denn der Mann ist leichtsinnig gewesen und hat
sein Vermögen vertan durch törichtes Bauen und übermäßige Erweiterung seines
Geschäftes weil er etwas Besonderes vorstellen wollte Dann harrte ich sieben
Jahre und da kam dein Vater das war eine andere Liebe die ich zu dem hatte
denn ich ward ruhig durch ihn und stark Er hat mir keine süßen Worte gegeben
und mich nicht gerühmt aber seit ich seine Ehefrau bin habe ich keine andre
Sorge gehabt als die welche Gott jedem Menschen auferlegt nämlich um ihn in
seinem Beruf das ihm nicht ein Unglück geschieht und um dich mein geliebter
Sohn dass du gesund und gut aufwachsest und ein bös Wort habe ich nie von ihm
gehört
    Darum habe ich dir das erzählt wiewohl es mir eine schwere Aufgabe war
weil diese dritte Versuchung die schwerste ist Denke an meine Worte wenn du
vermeinst dass du ein Mädchen getroffen habest von der du nicht wieder lassen
kannst Vergiss nicht dass erst das Weib den Mann zum Manne macht deshalb darf
der Mann kein Jüngling mehr sein und deshalb soll er sein Weib auswählen nicht
bloß nach dem Gefühl der Liebe wie es von den heutigen Dichtern beschrieben
wird sondern mit Ernst und Furcht
    So sprach die Mutter zu Hans An manchen Stellen ihrer Rede färbte die Scham
ihre Wangen aber sie sprach ruhig und sicher als eine Mutter zu ihrem Sohn
Und der Sohn ward bewegt in seinem Herzen und fühlte wie er seine Mutter
liebte die stattlich und stolz vor ihm stand mit dem glatten und blonden
Scheitel
    Hans antwortete dass er ihre Worte behalten wolle Und er glaube dass er
keine großen Anfechtungen erleiden werde Denn es ist wohl ein unchristliches
Gefühl das ich habe aber ich glaube doch dass meine Meinung richtig ist ich
denke nämlich dass ich besser bin wie alle andern jungen Leute die ich bis
jetzt gesehen und deshalb muss ich mich zusammennehmen damit ich später auch
etwas leisten kann wenn ich ausgelernt habe Und ich will mich auch hüten dass
ich nicht hochmütig werde denn ich kann ja nicht so viel für mich sondern das
meiste habe ich von Natur nämlich von euch
    Nach diesem Gespräch war ein neues und andres Leben zwischen Hans und die
Mutter gekommen er war freier gegen sie und offen wiewohl er ihr auch früher
nichts Besonderes verheimlicht hatte aber er hatte das Gefühl dass er jetzt zu
ihresgleichen herangewachsen sei gleichwie er vor Jahren zu Dorrel
herangewachsen und ihr gleich bald dann auch ihr überlegen geworden war So
blieb jetzt nur noch der Vater über ihm Gegen den Vater hatte er noch die alte
kindliche Scheu gegen die Mutter aber hatte er eine neue Scheu bekommen wie er
sie etwa gegen seine Braut gehabt hätte und eine neue Liebe seit jener Bewegung
im Herzen die mehr zärtlich war wie früher Solches sind die Ringe unsrer
wachsenden Seele und wenn unsre Seele in Gesundheit und Kraft zunimmt so setzt
sie solche Ringe einen nach dem andern an und unser innerer Kern wird immer
heimlicher und verborgener vor dem Ahnen der andern Menschen
    Aber wie die Mutter mit Hans gesprochen hatte da nahm ihn auch Dorrel mit
sich auf ihr sauberes Dachkämmerchen wo ihr hochaufgetürmtes Bett stand mit rot
und weiß gewürfeltem Bezug und ein blankgescheuerter hölzerner Stuhl und ein
großer Koffer mit bunten Blumen bemalt
    Den Koffer öffnete sie zeigte ihm was darinnen war und sprach dass er
einst erben solle was sie besitze denn sie habe nur einen Bruder gehabt der
sei nach Amerika gegangen und habe dort eine Bauernstelle erworben seit langen
Jahren aber habe sie nichts mehr von ihm gehört und wisse gar nicht ob er noch
lebe und Kinder habe in fremde Hände aber solle ihr Gespartes nicht fallen
»Aber wenn du einmal heiratest so schenke ich dir dieses Tischtuch und zwölf
Servietten dazu habe ich den Flachs selbst gesät gezogen gebrochen gehechelt
und gesponnen und vom Weber habe ich ihn mir weben lassen mit künstlichen
Figuren von Bäumen und Tieren und einem Jäger Jetzt ist das Leinen zwar noch
hart und sieht grau aus aber wenn es erst ein Jahr lang im Gebrauch gewesen
ist so wird es weich weiß und glänzend Nur hüte dich vor den faulen
Wäscherinnen die in der Apotheke fressende Gifte kaufen die verderben dir
deine gute Leinwand und du hast am Ende nur Lumpen« Danach zeigte sie ihm ihr
Sterbehemd das hatte sie auch selbst gesponnen und mit schönen Spitzen besetzt
und wollte sie mit ins Grab nehmen ihre übrige Wäsche aber die gebraucht ist
welche er nicht behalten wollte sollte er verschenken einem armen und
ordentlichen jungen Dienstmädchen das sich noch nichts hat anschaffen
könnenund dem damit geholfen ist »aber es muss ein ordentliches und fleissiges
Mädchen sein die meine Sachen trägt mir zu Ehre und sie sauber hält nicht so
ein faules Bettlergesindel das in Lumpen umhergeht«
    Am Ende zog Dorrel noch ihre besonderen Kostbarkeiten hervor an denen ihr
Herz am meisten hing Da war erstlich ein gestickter Tabaksbeutel den hatte
ihre Mutter ihrem Vater einst als Braut geschenkt und hatte derzeit zwei Taler
gekostet war auch nie gebraucht von ihrem Vater aus Ehrfurcht weil er so
teuer gewesen Den hatte ihr Bruder damals mitnehmen wollen nach Amerika aber
sie hatte ihn nicht hergegeben weil sie dachte in Amerika könne er in
schlechte Hände kommen und zu Leuten die nicht verstünden wie kostbar er ist
Er war aber aus grüner Seide gehäkelt und waren Rosen Vergissmeinnicht und
Veilchen aus Perlen darauf und in der Mitte war ein Wort »Souvenir« das war
auch aus Perlen aber aus goldenen gefüttert war er mit guter Schweinsblase
Dorrel sagte wenn Hans erst Pastor sei dann werde er sich das Rauchen aus
einer langen Pfeife angewöhnen und natürlich hätte er dann seinen Tabak in
einem Kasten aber wenn er einmal auf Besuch gehe dann müsse er einen
Tabaksbeutel haben da solle er dann diesen nehmen denn für einen Pastor
schicke sich wohl so ein teures Stück aber nicht für einen Tagelöhner und
eigentlich sei es ein rechter Unsinn gewesen von ihrer Mutter ein solches
Geschenk zu machen Dann zeigte sie ihm einen geschnitzten Stockknopf aus
Knochen Der stammte desgleichen von ihrer Mutter her welche als Mädchen in
einem großen Hause gedient Der Knopf hatte auf einem Rohr gesessen das der
Herr zu tragen pflegte und wie das Rohr einmal zerbrochen war wurde der Knopf
mit fortgeworfen Dorrels Mutter aber hatte sich ihn ausgebeten abgeschraubt
und sorgfältig aufgehoben Jetzt sollte ihn nun Hans kriegen wenn er erst eine
Pfarre hatte und da sollte er sich ein gutes Meerrohr mit ordentlicher Zwinge
beim Drechsler kaufen und an den Knopf andrehen lassen denn der Knopf war zwar
altmodisch aber von guter Arbeit und weil die Mode sich immer ändert so kommt
es gewiss auch einmal wieder auf dass die Männer von Ansehen solche Art Stöcke
tragen
    Zuletzt hatte sie noch einen Hund aus Gusseisen der für einen
Briefbeschwerer dienen sollte und hatte noch eine ganz andre Geschichte
    Auch Dorrel war einmal ein hübsches junges Ding gewesen mit prallen Backen
und lustigen Augen aber brav und ordentlich war sie auch schon wie sie erst
ihre achtzehn Jahre hatte Da war da ein junger Knecht bei der gräflichen
Herrschaft auf dem Hofe der verliebte sich in sie und sie in ihn und wie
Kirmes war tanzten sie viel zusammen und er bezahlte für sie Himbeerwasser
und weil sie sich so recht glücklich fühlten wollten sie sich etwas schenken
was sie später einmal brauchen konnten in der Wirtschaft So kaufte Dorrel ihrem
Schatz eine Samtweste die mit bunten Blumen bestickt war und er kaufte ihr den
eisernen Hund denn er sagte wenn sie sich später erst etwas gespart hätten so
müssten sie sich einen Glasschrank kaufen und in dem würde sich der eiserne Hund
gar prächtig machen Wie sie aber nach Hause ging hatte sie schon Angst vor
ihrer Frau denn sie war damals schon bei Hansens Großmutter von der
mütterlichen Seite was die zu ihrer Liebschaft sagen würde und in Wahrheit
bekam sie auch starke Schelte und die Frau hielt ihr vor dass sie selbst nichts
habe und er habe zehn Geschwister und wenn sie heirateten so komme Hunger und
Kummer zusammen vornehmlich wo sie sich so läppisch zeigten und sich so
einfältige Geschenke aufschwatzen ließ von den Krämern denn wenn die Dummen
zu Markte gehen so lösen die Krämer Geld Darum solle sie ihr nicht wieder
kommen mit einer Liebschaft ehe sie nicht fünfundzwanzig Jahre alt wäre Da
seufzte und weinte Dorrel die Nacht durch aber bedachte sich doch dass die Frau
recht hatte und dass ihr Liebster erst noch zu den Soldaten musste Deshalb sagte
sie zu ihm was die Frau zu ihr gesprochen und versprach dass sie auf ihn
warten wolle und sie müssten ihre Zeit ausharren und sich erst anschaffen und
sparen Da schimpfte der Mann wohl recht auf ihre Frau und sagte die solle ihm
nur einmal in den Weg kommen der wolle er schon die Wahrheit sagen aber am
Ende musste er sich geben sah auch wohl ein dass Dorrel recht hatte Weil er
indessen wohl ein guter Kerl war aber einen leichten Sinn hatte ließ er sich
mit einer andern ein als er in der Stadt bei den Soldaten stand heiratete die
auch zog fort und kam nachher in großes Elend Dorrel aber brauchte lange bis
sie die Gedanken an ihn verwand und wie sie wieder so weit war dass sie dachte
sie möchte wohl heiraten da schien ihr keiner recht denn sie war inzwischen
etwas altjüngferlich geworden hatte große Besorgnis dass dieser liederlich
werden möchte und jener krank und der dritte faul später hätte sie wohl auch
einen Witmann bekommen können aber da bedachte sie dass sie es doch zu lange
gut gewohnt war bei ihrer Herrschaft und fürchtete sich vor den Sorgen und der
Not und so geschah es dass sie ledig blieb und die Liebesgeschichte mit dem
Knechtlein wo sie den eisernen Hund geschenkt kriegte war ihre einzige
    Diesen Hund nahm sie nun hervor wickelte ihn sorgfältig aus dem Papier und
reichte ihn dem Hans indem sie sagte weil er jetzt als Student so viel
schreiben müsse so solle er den Briefbeschwerer gleich haben denn sie schreibe
ja doch nicht weil sie niemand habe in der Welt Die Geschichte erzählte sie
ihm zwar nicht wie sie zu dem Hund gekommen aber wie sie an die alte Zeit
dachte da kamen ihr die Tränen in die verrunzelten Augen sie war aber auch
gerührt weil sie sich recht lebhaft vorstellte wie es erst wäre wenn Hans
nicht mehr am Sonnabend nach Hause käme da streichelte sie ihm mit ihrer rauen
Hand seine Backe und die Hand zitterte dem Hans aber stieg das Wasser auch in
die Augen wiewohl er sich schämte und unwillig war und so brummte er etwas
schlug seinen eisernen Hund wieder ins Papier und stolperte die Treppe hinunter
    Den Koffer nahm ein Holzfuhrmann mit nach der Stadt und gab ihn bei der
Eisenbahn ab indessen Hans selbst den Weg zur Bahnstation zu Fuß machen wollte
so verabschiedete er sich von der Mutter und von Dorrel und der Vater warf die
Büchse über die Schulter und sagte er wolle ihn eine Strecke begleiten
    So gingen die beiden Sie sprachen über die neue Art von Tannen die der
Graf hatte kommen lassen welche ein sehr schnelles Wachstum haben sollten und
der Förster zweifelte ob das Holz so wertvoll sein werde wie die gegenwärtigen
Arten das zu Fussbodendielen zersägt wurde weil es besonders fest war durch das
langsame Wachsen der Bäume auf dem felsigen Boden Hans wunderte sich dass sein
Vater so mit ihm sprach
    An einem Seitenwege machte der Vater Halt weil er zu seinen Arbeitern
musste gab dem Jungen die Hand und sagte »Sei fleißig und schreibe bald Wenn
dein Geld nicht reicht so musst du schreiben« Dann wendete er sich zur Seite
und Hans ging weiter
    Aber der Hund den der Förster an der Leine führte hatte aus allen früheren
Anstalten gemerkt dass etwas Besonderes geschehe und Hans auf länger fortging
wie sonst so legte er sich auf den Boden stemmte sich mit aller Kraft fest und
begann zu winseln Der Förster zog ihm das Ende der Leine über aber der Hund
winselte nur mehr und ließ sich nicht von der Stelle ziehen Da wendete sich der
Vater zurück und rief hinter Hans her »Der Hund will Abschied nehmen« Da
tanzte der Hund bellend und winselnd auf den Hinterbeinen und wie Hans
zurückkam leckte er dem ungestüm die Hände heulte und bellte Hans liebkoste
ihm den Kopf und musste sich zusammennehmen dass er nicht weinte Am Ende sprach
der Vater »Nun gehe du versäumst den Zug« und da wendete sich Hans und ging
der Hund aber wich auch jetzt nicht von der Stelle bis Hans durch eine Biegung
des Weges unsichtbar wurde dann beschnupperte er noch einmal seine Fussspur und
dann erst folgte er seinem Herrn auf den Nebenweg und war traurig und
niedergeschlagen
    So schritt nun Hans seine Straße fürbass Das war die alte Straße die er so
manchen Sonnabend heimwärts gegangen war frohen Mutes und in Trauer stadtwärts
Montags früh wenn die Vögel ihr Morgenlied sangen Eine gute feste Chaussee
war es zu den Seiten standen Ahornbäume deren Laub färbte sich schon
herbstlich und Quitschen mit roten Beeren im Winter fressen die Drosseln diese
Beeren und bekommen davon ein angenehm schmeckendes Fleisch Und auf der
Chaussee fuhren Holzwagen an einem sehr großen Stamm kam Hans vorbei den zogen
zwei schwere Pferde mit Mühe und war wohl bestimmt zu einem Mastbaum der sollte
auch in die weite Welt hinaus Der Fuhrknecht in manchesternen Kniehosen und
blauem Kittel grüßte
    Nicht weit von der Straße war die Elsgrube Hans bog ab und ging dahin Die
kleinen schiefgeschnittenen Äcker waren abgemäht und die Stoppeln sollten noch
umgepflügt werden der Kartoffelacker war umgewühlt und in der Mitte war ein
runder Aschenfleck wo das Kartoffelfeuer gebrannt hatte Merkwürdig trostlos
sah das alles aus Das stille kreisrunde Wasser glänzte grün inmitten des
kahlen Wesens einige geknickte Binsen hielten sich am Rande Hans dachte wie
gern er als Kind nahe gegangen wäre an das Wasser um vielleicht in der Tiefe
den Turm der versunkenen Burg zu sehen jetzt hätte ihm niemand verboten so
nahe an den Rand zu treten wie er wollte aber er hatte keine Sehnsucht mehr
nach dem Turm in der Tiefe In kindischem Tiefsinn dachte er »ja das ist ein
Symbol unsres Strebens« und er meinte das sei wahrhaftig seine Ansicht Aber
seine wirklichen Gedanken waren ganz anders
    Die waren wie die Tannen die sich den steilen Bergabhang in die Höhe
strecken gleich einem Heer das eine feindliche Befestigung stürmt mannhaft
stehen sie in Reih und Glied klammern sich mit ihren Wurzeln über Felsen und
Steine Nach oben streben sie nach Sonne Freiheit und Licht ihre unteren
Zweige lassen sie trocken werden denn sie mögen nichts mehr zu tun haben mit
dem Dunkel wo Ameisen geschäftig laufen Eilfertig plätschert ein kleines
Wässerlein den Berg hinab aufblitzend in einem verlorenen Sonnenstrahl das muss
ihre Wurzeln tränken Aber tiefer dringen ihre Wurzeln sind nicht zufrieden mit
des munteren Bächleins klarem Wasser sie gehen bis zu der Tiefe von wo die
Bergquelle in die Höhe steigt Die schaut aus der Erde zwischen Moos und
Tannennadeln wie ein dunkles Auge und kleine Sandkörnchen tanzen in dem
quellenden kristallklaren Dunkel Rührend ist es wie diese Sandkörnchen da
tanzen unermüdet Wenn man ruhig harrt und hört das leise Rauschen und
Plätschern so spürt man wie der Wald wächst im Herzen spürt man es und man
weiß dass man zusammengehört mit dem Wald und aus einem herauswächst mit ihm
und alles ist eins und gehört zu einem die leise wankenden Tannenwipfel und das
dunkle Auge des Bergquelles der moosbewachsene Felsblock und das spritzende
Wässerlein und das heimliche Wesen der Wälder mit seiner starken gesunden Luft
Eine Minute nur währt solche Verzückung aber für den inneren Menschen bedeutet
die Zeit ja nichts denn Jahre können träge vorübergehen ohne dass sie uns einen
Eindruck machen aber der Eindruck jener Minute ist immer noch in unsrer Seele
Die Straße ging in Windungen bergab bis zum Städtchen wo die Bahnstation war
da wartete der Zug der bestand aus zwei Personenwagen und vielen Wagen mit
Brettern Wellen Stempeln und Balken denn Holz war die Hauptware die von hier
verschickt wurde Ein hässlicher Kohlengeruch lag über dem Bahnhofe und stumpfe
und schmutzige Farbe aber für einen Augenblick drang der Duft des
frischgeschnittenen Holzes durch dass Hansen ein heftiges Heimweh ergriff
    Da fuhr der Zug und er fuhr erst durch Täler auf deren Grund Wiesen waren
die in der Mitte wo Wasser floss noch Grün zeigten sonst aber schon grau und
braun schienen und auf den Höhen standen Wälder aber nur noch vereinzelte
Tannen denn nun begann der Buchenbestand und schon waren die Blätter farbig
und eine vereinzelte Eiche leuchtete rot aus dem stumpferen Braun Bald aber
wurde das Tal breiter und die Hügel flacher die Wälder verschwanden und es
zogen sich Stoppelfelder in die Höhe und ab und zu winkte ein Dörfchen mit
einem Kirchturm
    Dann tat sich die Ebene auf die ganz weit war und durch die Trübe des
Himmels begrenzt wurde Hier war die Station wo Hans den Zug verlassen musste
die Wagen mit den Brettern und Stämmen blieben zurück das letzte von der
Heimat und nun wurde alles anders und wurde fremd denn selbst die Wagenabteile
waren größer wie die früheren und es schien als wenn in den andern noch etwas
heimische Luft und Helligkeit gewesen sei dazu sprachen die Leute eine andere
Sprache redeten über andere Dinge und ihre Gesichter waren Hansen nicht mehr
vertrauter Art
    Dahin raste der Zug Die Telegraphendrähte an der Seite flogen auf und ab
die Stangen blitzten vorüber und lange schmale Felder tanzten wie wenn sie
sich im Kreise um einen Mittelpunkt bewegten der in Hansens Wagen lag An
großen Rübenbreiten kamen sie vorbei wo eine Herde Polenmädchen mit nackten
roten Beinen mitten in der Nässe stand und Rüben herausholte und Wagen mit
breiten Rädern wurden beladen schwere Pferde zogen mit Anstrengung durch den
nassen Acker und der Wagen hinterließ eine tiefe Spur Nun kamen wieder ganz
andere Menschen in den Wagen Leute die sich breit machten und über Hansen
wegsprachen und unhöflich drängten Sehnsüchtig blickte er zum Fenster hinaus
dachte bei sich er hätte doch lieber mögen zu Hause bleiben im Wald und mit
der Flinte auf dem Rücken gehen und alle Manschen kannte er da und alle Wege
und in der Fremde war ihm das Herz schwer und wusste auch nicht was eigentlich
die Universität war und was er tun sollte wenn er nun auf dem Bahnhof stand in
Berlin Immer weiter eilte der Zug und fuhr über Sandboden wo häufige
Kiefernwälder kamen die schienen Hans natürlich zu sein dann kamen wieder
Äcker und große flache Seen dass es war wie eine Überschwemmung solche Art von
Wasser kannte er nicht das war so glatt und flach Bald senkte sich auch die
Dunkelheit ein Reisender zeigte ihm in der Ferne eine schwere Dunstwolke in der
Luft das war Berlin Das war Berlin was unter dieser Dunstwolke lag Wie er
das sah war ihm das Heimweh plötzlich vergangen
    Nun hielt der Zug die Türen der Abteile wurden hastig geöffnet und alle
Manschen liefen schnell und hastig eilten drängten und stießen sich und
Hansen überholten sie alle dass er als letzter eine ungeheuer breite Treppe
hinunterschritt die von einem Stein war der Hansen Granit schien und waren
die sehr breiten Stufen immer aus einem Stück geschlagen was sehr teuer gewesen
sein musste An Hans vorbei eilten andre in die Höhe hinter ihm kam ein neuer
Menschenstrom herab und unten in der Vorhalle wimmelte und kribbelte es von
eilfertigen Menschen Diese Vorhalle war außerordentlich hoch aber eine
hässliche Luft war da und schien alles schmutzig so dass Hansen ein plötzlicher
Ekel ankam denn ihm war als sei auch er mit einem Male ganz schmutzig
    So stand er am Ende draußen auf dem Platz und vor ihm war Berliner Leben
    Einen Rock trug er den der Schneider in der kleinen Stadt verschnitten
hatte denn er war ihm vorn zu eng auch sahen seine langen und knochigen Hände
weit aus den Ärmeln und sein Hut war von ganz alter Mode denn er hatte ihn
sich bei einem kleinen Hutmacher zu Hause gekauft und Kragen und Schlips passten
nicht zueinander und verschoben sich beständig und seine Füße waren in großen
plumpen Stiefeln und die Hose hatte ausgeweitete Knie In der einen Hand trug
er einen baumwollenen Regenschirm in der andern eine gestickte Tasche auf der
stand »Glückliche Reise« sein Großvater hatte sie gekauft wie er als junger
Mensch zum ersten Male von zu Hause weg musste So beschaffen waren Hans Werters
Kleider wie er zum ersten Male auf dem Berliner Pflaster stand Dazu war seine
Gestalt unglaublich mager lang und knochig und aus seinem hageren Gesicht das
mit langen blonden Stoppeln dicht besetzt war starrten ratlos zwei hellblaue
Augen Im Bergwald war Hans eine schöne und jugendlich männliche Erscheinung
aber hier auf der Königgrätzer Straße sah er recht komisch aus
    Eine ganz auffallend gekleidete junge Dame ging dicht an ihm vorüber
blickte ihm verwundert ins Gesicht und lachte ihn aus Er sah hinter ihr her und
wunderte sich dass eine solche Dame so unpassend sein konnte denn sie trug
einen Hut mit so großen Federn wie Hans noch nie gesehen schwang einen
nadeldünnen Schirm in der Hand und trällerte vor sich hin
    Dem Hans wurde schwach im Herzen und seine Sehnsucht nach der Heimat war
mit einem Male wieder ganz heftig dass sie ihm weh tat denn er fühlte sich
gänzlich verlassen von diesen eiligen Menschen die nur alle gerade vor sich
hinsahn
    Da aber gedachte er dass er ja keine unrechten Dinge vorhatte und fiel ihm
der Gesangbuchvers ein den er oft mitgesungen in der kleinen Dorfkirche vor
deren Fenstern die Linden standen
»Befiehl du deine Wege
Und was dein Herze kränkt
Der allertreusten Pflege
Des der den Himmel lenkt
Der Wolken Luft und Winden
Bestimmte Ziel und Bahn
Der wird auch Wege finden
Da dein Fuß gehen kann«
    Eine wunderbare Tröstung und Zuversicht überkam ihn so dass er rüstig
ausschritt durch das Treiben und Ziehen der Menschen hindurch denn es schreckte
ihn nicht mehr die Leere ihrer Gesichter und dass sie gestorbene Seelen hatten
welches ihm bewusst geworden war ohne dass er Klarheit über dieses Wissen hatte
 
                                  Zweites Buch
Die erste Zeit in Berlin war für Hansen recht traurig denn sie brachte ihm
große Enttäuschungen weil er gemeint auf der Universität müsse ganz Besonderes
und Herrliches sein und unter der Wissenschaft dachte er sich etwas Befreiendes
und Beglückendes das ihm in unklarer Weise als das höchste aller irdischen
Hoheit vorschwebte er konnte noch nicht wissen dass dieses Besondere und
Herrliche nicht ein greifbar Vorhandenes ist sondern vielleicht nur eine
Gemütsverfassung sein kann die einige begabte Menschen mit der Zeit durch ihre
Beschäftigung mit wissenschaftlichen Dingen erhalten Und nun fand er ein großes
und graues Gebäude das nach Staub aussah dann eine Diele in der sehr viele
Studenten standen und gingen die gar nicht der Vorstellung glichen die er sich
von Studenten gemacht sondern eher wie recht unelegante Kaufmannskommis
schienen und fast alle außerordentlich spiessbürgerliche Gesichter hatten und
endlich war da ein niedriger Kollegsaal mit vielen Bänken mit einem muffigen
Geruch Der Professor trat ein und wurde mit Trampeln begrüßt und war ein ganz
kleiner Mann in einem dicken Pelz und mit einem recht abgenutzten Zylinder wie
er diese Stücke an den Kleiderhaken hängte machte er eine komische
Hüpfbewegung und dann trat er auf den Katheder nickte mit dem Kopf und
entfaltete ein uraltes gebräuntes Heft aus dem er mit monotoner Stimme
außerordentlich lange Perioden vorlas indessen sein schwarzer Rock speckig
glänzte Die Studenten schrieben mit heftigem Eifer nach ohne dass einer den
Kopf hob und nachdem Hans zuerst immer gedacht hatte es müsse noch etwas
kommen schrieb er am Ende auch nach weil er aber langsam mit der Feder war so
kam er bald zurück und konnte nicht mehr folgen und so saß er zuletzt recht
ratlos und unglücklich da Wie die Glocke zum Schlagen aushob ließ der
Professor plötzlich seine Stimme zu einem Murmeln sinken hörte mit dem Ende des
Satzes auf klappte das gebräunte Heft zusammen hüpfte nach seinem Pelz und Hut
und ging hinaus Die Studenten aber schnappten ihre Tintenfässer zu steckten
die Hefte in die Mappen und gingen gleichfalls
    Das war die erste Vorlesung und die weiteren hatten einen ähnlichen
Charakter So wurde Hans niedergeschlagen und bekümmert denn wie er nun mit
seinen Heften unterm Arm zum Essen ging und sich bedachte was er gelernt habe
in diesen Stunden da fand er gar nichts in seinem Gedächtnis außer die
Vorstellung von einem ungeheuren und wüsten Raum in den er hineingestossen war
damit er weitergehen solle und sah weder Weg noch Wegweiser
    Gleich hinter der Universität am Kastanienwäldchen war damals ein
Speisehaus wo ein sehr großer Teil der Studenten aß Hans folgte der Menge und
kam in kleine Stuben wo an Tischen dichtgedrängt die jungen Leute saßen und
eilig ihre Speisen verzehrten indessen Kellner in jägergrünen Joppen mit
Hirschknöpfen geschwind mit Schüsseln und Tellern herumliefen und der Strom der
eintretenden Gäste dem Strom der herauskommenden begegnete Wie Hans einen Platz
gefunden an einem Tisch dessen übrige Stühle besetzt waren und die fleckige
Speisekarte genommen kam hastig ein Kellner im Vorbeilaufen heran und fragte
so dass Hans erschreckt aufs Geratewohl bestellte denn er war schon durch die
Eile und Menschenmenge geängstigt Dann aß er und trank mit der Schnelligkeit
die er bei den andern sah denn hinter dem einen Tischgenossen wartete bereits
einer auf dessen Platz und wie er fertig war kam der Kellner wieder zählte
zusammen und Hans bezahlte und weil ihm gesagt war dass man in Berlin den
Kellnern Trinkgeld geben musste so legte er ihm fünf Pfennige in die Hand mit
einem höflichen und verlegenen Murmeln denn er scheute sich und fürchtete der
Kellner würde beleidigt sein Wie alles abgemacht war hatte er ein leichtes
Herz und ging durch die gedrängten Zimmer zurück aus dem Hause Da fühlte er
sich recht einsam und verlassen denn einige gelbe Blätter hingen an den
Kastanienbäumen Sperlinge zankten sich auf der Straße ein grauer Dunst war in
der Luft und hässliche Farbentöne hatte alles schmutzige und stumpfe nichts
Leuchtendes war da welches das Herz leicht macht Er wunderte sich dass das
Studentenleben so aussah ganz anders hatte er es sich vorgestellt
    Seine Stube war ein langer und schmaler Raum der eine Form hatte wie ein
Handtuch oben am Fenster stand der Schreibtisch mit einem Stuhl davor dann kam
ein Sofa mit einem Sofatisch dann das Bett endlich der Waschtisch und
bildeten diese Möbel eine Reihe so dass man sich an ihnen allen vorbeidrücken
musste wenn man zum Schreibtisch gehen wollte Auf dem Waschtisch hatte er seine
neue Spiritusmaschine aufzustellen gedacht denn das hatte er sich so schön
ausgemalt wie er sich den Kaffee nachmittags selber kochen werde und dabei
wollte er dann fleißig studieren aber die Wirtin sagte das könne sie nicht
erlauben weil es ihre guten Möbel ruinieren werde und er solle den Kaffee bei
ihr in der Küche bereiten So ging er jetzt mit der Kaffeemaschine der Mühle
und dem andern Gerät in der Wirtin Küche und hatten die Leute nur die beiden
Räume also die vermietete Stube und die Küche in der sie kochten wohnten und
schliefen nämlich eine sehr dicke und schmutzige Frau ein finsterer Mann über
den die Frau meistens schimpfte eine Tochter von achtzehn und einen Sohn von
zwölf Jahren
    Hans fand die Frau allein vor die ihm seine Sachen abnahm und sagte sie
wolle ihm den Kaffee schon bereiten und obzwar ihm die Leute widerstrebten
ohne dass er freilich den Grund recht wusste so tat doch diese Freundlichkeit
seinem einsamen und bedrückten Gemüt wohl dass er in dem Augenblick eine
Zuneigung zu der dicken Frau fasste und sich nach ihrer Einladung auf den Stuhl
setzte den sie vorher mit der Schürze abgewischt Die Frau begann gleich zu
klagen dass ihr Mann oft keine Arbeit habe und alles vertrinke und dass die
Ferien über das Zimmer leer stehe und seien die Studenten meistens unsolide und
meinten die Stube sei ungeniert aber was wolle sie machen sie sei eine arme
Frau und nachdem sie sich die Augen mit der schmutzigen Schürze gewischt fuhr
sie fort dass ihre Tochter ihr auch Sorge mache die sei hinter den Herren her
mit der werde es noch einmal ein schlimmes Ende nehmen aber sie könne es nicht
halten Wie sie noch so im Klagen war kam die Tochter nach Hause und trug einen
neuen Hut und fragte ihre Mutter wie der ihr stehe die schlug die Hände
zusammen und jammerte über den Hut da antwortete das Mädchen den habe sie
geschenkt bekommen von einem Herrn und was sie treibe das gehe die Mutter gar
nichts an Darauf zog die Frau Hansen in den beginnenden Streit und fragte ihn
ob wohl eine Tochter so antworten dürfe das Mädchen ließ ihn aber gar nicht zu
Worte kommen sondern sagte sie wolle essen und schalt darüber dass so weniges
im Essschrank lag Inzwischen war der Kaffee fertig geworden dass Hans gehen
konnte er hörte aber noch eine höhnische Bemerkung der Tochter die auf ihn
zielte die verstand er zwar nicht indessen machte sie ihn verlegen und er
wusste nicht recht wie er sich benehmen solle wenn er wieder in die Küche gehen
musste durch die Tür drangen dann noch Worte der Mutter zu ihm die eine
Zustimmung zu den Reden der Tochter zu enthalten schienen Da fühlte er sich
wieder recht elend und unglücklich und mit Sehnsucht dachte er an seine Heimat
und an den Wald und selbst sein Dachkämmerchen auf dem Löwenhof war ihm jetzt
vertraulich in der Erinnerung wiewohl er nie ein heimliches Gefühl darin
gehabt sondern es immer nur als bloße Unterkunft betrachtet hatte Denn alles
erschien ihm namenlos scheusslich weil er sich auch eine Studentenbude immer
ganz anders gedacht hatte nämlich als ein Mansardenstübchen niedrig und klein
aber von quadratischem Grundriss mit einem alten ledernen Sofa und einem kleinen
eisernen Ofen in dem ein lustiges Feuer brannte und mit einem großen
Bücherbrett voller Bücher
    Nach dem Plane den er sich von seiner Tagesarbeit gemacht musste er nun die
gehörten Vorlesungen durcharbeiten So nahm er das erste Heft vor das enthielt
lauter Literaturangaben über den Gegenstand und er wusste nicht was er mit
diesen beginnen sollte dachte er müsse sie wohl auswendig lernen und schreckte
dann zurück vor den vielen fremden Namen an die sich ihm keine Vorstellung
knüpfte und bei dem zweiten Heft ging es nicht besser denn hier hatte der
Professor ganz weit hergeholte Dinge als Einleitung behandelt die mit dem
Gegenstand nichts zu tun hatten und weil Hans nicht genau nachschreiben konnte
sondern hatte Lücken lassen müssen so wurde er aus dem Ganzen gar nicht klug
Derart stieg seine Betrübnis auf einen solchen Gipfel dass er gar nichts mehr
mit sich anzufangen wusste und weil er gegen seine Unruhe doch irgend etwas tun
wollte so verließ er seine Stube und ging durch die Straßen Er wurde bald
müde denn das Gehen auf dem harten Pflaster war ihm ungewohnt und das Geräusch
und die Menge der Manschen strengten ihn an und wenn er die lange Straße
hinuntersah so erblickte er nur himmelhohe Häuser Drähte und Steinpflaster
und nirgends ein Fleckchen Erde wäre es auch nur so groß gewesen wie eine Hand
Nirgends war ein Fleckchen Erde alles war mit Steinen bedeckt Über eine Brücke
ging er aber auch die Ufer des Flusses waren mit Steinen vermauert Da fiel ihm
ein dass in dieser Stadt ein Kind geboren werden konnte und aufwachsen das gar
nicht wusste wie Erde aussieht und wie ein Wald und ein Kornfeld und eine Wiese
aussieht und als er das dachte hatte er ein großes Mitleid mit sich selbst
    So ging er und die Füße taten ihm weh und die Schultern und ein Ring lag
ihm um die Stirn und war ihm als habe er sich ausgeweint und könne nicht mehr
weinen In solcher Verfassung blieb er indem es begann zu dunkeln und die
Laternen wurden angesteckt und die Läden mit stechendem Licht erleuchtet und
die Menschen rasten immer gleichgültig vorbei Am Ende trat er aus Müdigkeit in
eine Wirtschaft und weil er sich graute vor seinem Zuhause und es zudem doch
noch am Anfang des Semesters war so beschloss er hier in der Wirtschaft zu
Abend zu essen und nicht zu Hause und wollte hier so lange bleiben bis es spät
genug war dass er zu Bette gehen konnte
    Eine Kellnerin brachte was er bestellte und setzte sich dann zu ihm an
seinen Tisch indem sie sagte er sei gewiss erst seit kurzem in Berlin und dann
erzählte sie ihr gefalle es sehr gut hier Hans antwortete in der Weise wie er
gewohnt war mit allen Menschen zu sprechen da stand sie plötzlich auf mitten
in seinem Satze in einer Art als sei er ihr ganz verächtlich und nachher war
sie ganz fremd zu ihm als habe sie nie freundlich an seinem Tische gesessen
    Inzwischen füllte sich die Wirtschaft mit Gästen und die meisten taten
sonderbar vertraulich zu den Kellnerinnen und es war als ob alle die hier in
dem rauchigen und niederen Raum saßen miteinander nahe bekannt seien Nach
einer Weile setzte sich an Hansens Tisch ein junger Mann der aussah wie ein
Künstler dem brachte die Kellnerin ein Glas Bier und zwei Butterbrote die aß
er gierig als sei er sehr hungrig Wie er mit dem Essen zu Ende war knüpfte er
ein Gespräch an und erzählte er wolle eine Operette komponieren und spiele hier
in der Wirtschaft abends Klavier wofür er fünfzig Pfennige und das beschriebene
Abendbrot erhalte aber von diesem Erwerb könne er nicht leben und wenn nicht
die gutherzigen Kellnerinnen wären so müsste er verhungern und seine Operette
würde viel besser werden wie der »Zigeunerbaron« Wie Hans antwortete dass er
dieses Werk nicht kenne vertiefte sich der andre in musikalischen Erörterungen
und zwischenhindurch klagte er bitter über das Los der Künstler in der heutigen
Gesellschaftsordnung Am Ende verbeugte er sich mit großer Eleganz vor Hans dass
dieser sehr verlegen wurde und ging zum Klavier setzte sich fuhr mit den
Fingern durch sein langes und dichtes Haar und begann mit großer Geläufigkeit
Tänze zu spielen sein Spiel schien Hansen aber ganz seelenlos obschon das
Pianino viel besser war wie des Lehrers im Dorfe altes Klavier
    Bald danach fragte die Kellnerin Hansen ob sie dem Klavierspieler ein Glas
Grog bringen solle weil er sich doch mit ihm unterhalten habe und indem Hans
dachte das müsse wohl so sein bejahte er die Frage aber er schämte sich doch
sehr für den Musiker Dieser nahm das Glas wendete sich zu Hans nickte ihm
dankend zu führte es an den Mund und fing dann gewandt einen neuen Tanz an
    Den ganzen Abend quälte sich Hans mit dem Gedanken dass er nachher der
Kellnerin ein Trinkgeld geben sollte denn das kam ihm unzart und beleidigend
vor weil es nicht mit Herzlichkeit geschehen konnte und deshalb keine
Freundlichkeit war die den Empfänger zu ihm in solche menschliche Beziehung
brachte dass dessen menschliche Würde die gleiche bliebe sondern er hatte das
Gefühl dass er das Mädchen dadurch unter sich drückte ebenso wie am Mittag den
Kellner und vorhin den Musiker Viel Schmutz muss ein Mensch erst an seinen
weißen Kleidern haben bis er gleichmütig das Geldstück in die vorgestreckte
Hand eines dienernden Menschen gleiten lässt und unbewusst jede Liebenswürdigkeit
die ihm ein Niedrigerstehender erwiesen durch eine kleine Münze vergilt statt
durch einen einfachen Dank und nicht nur seinen Bruder zieht er herab sondern
auch sich selbst
    Wie Hans den peinlichen Augenblick überstanden hatte und sich zum Gehen
wendete verspürte er mit den geschärften Sinnen die ein Mensch innerhalb einer
feindlichen Umgebung hat dass die Kellnerin sich hinter seinem Rücken gegen eine
andre über ihn lustig machte wie schon einmal an dem Tage die Wirtstochter
gegen ihre Mutter getan So wurde immer stärker das Bewusstsein in ihm dass er
lächerlich und dumm sei und alle andern Leute waren viel gewandter klüger und
erfahrener wie er denn solange wir die Welt noch nicht kennen wissen wir die
sittlichen Gegensätze nicht zu verstehen und beurteilen und halten sie für
Gegensätze des Verstandes und der Erfahrung und ist das einer der Gründe
weshalb mancher junge Mensch schlecht wird der von Natur nur oberflächlich war
    Langsam und müde ging Hans heimwärts und war es eben nach zehn Uhr wie er
an sein Haus kam und deshalb war es schon dunkel auf den Treppen aber er
tastete sich schnell am Geländer nach oben Als er fast oben angekommen trat er
auf einen Menschen der dalag Wie er schon ohnehin in erregter Verfassung war
durch alles vorige so stieß er einen Schrei aus und prallte zurück dass er fast
die steile Treppe hinabgefallen wäre Auf das Geräusch wurde die Korridortür
geöffnet und Hansens Wirtsleute später auch die Nachbarn erschienen mit
Lichtern und da zeigte sich dass eine betrunkene Weibsperson von etwa fünfzig
Jahren auf den Stufen lag die sich hatte auf den Hausboden schleichen wollen
um dort zu nächtigen und nun hier von Trunkenheit und Schlaf übermannt war
    Der finstere und schwarzbärtige Wirt Hansens stieß das Weib mit dem Fuße an
bis sie sich halb erhob in ihren stinkenden Lumpen und starrte mit dem
aufgedunsenen Gesicht sinnlos in die Lampe die der Mann in der Hand hielt er
brüllte er wolle die Polizei holen und gab ihr allerhand gemeine Schimpfworte
das Weib aber schien nichts zu merken sondern hockte da und sah zwinkernd mit
rotgeränderten und tränenden Augen in die Lampe Deshalb versetzte der Mann ihr
wieder Fußtritte um sie zum Aufstehen zu bewegen aber da empfand Hans einen
wilden Schmerz im Innern und rief er solle das lassen und die Frau menschlich
behandeln Hierüber war der Mann erstaunt und erwiderte wenn er selber
betrunken sei so werde er auch so behandelt und das noch dazu von den
Schutzleuten die doch von den Steuern lebten die er zahle diese Person jedoch
zahle keine Steuern Über diese Worte aber schien seine Frau sich zu ärgern
denn die rief ihm verächtlich zu er verdiene doch nichts und bezahle auch keine
Steuern und da lachten die andern Leute Das brachte den Mann in Wut so dass er
sich nun mit seinen Schimpfworten an seine Frau wendete und die Tochter griff
mit in den Streit ein indem sie in derselben verächtlichen Weise zu ihm sprach
wie die Mutter Da wollte der Mann die beiden schlagen aber indem nun die
Tochter kreischend fortlief und die fette Frau die Arme in die Seite stemmend
ihn mit wackelndem Busen erwartete hielten ihn die Nachbarn fest und suchten
ihn zu beruhigen Inzwischen hatte sich die Betrunkene unsicher erhoben und
weil sie noch ihren alten Plan in dem umnebelten Gehirn festhielt so wollte sie
höher steigen sie trat aber auf ihre Lumpen fiel halb hielt sich mit den
Händen an den schmierigen Stufen und starrte wieder in die Lampe Nun erschien
ein Schutzmann den ein andrer geholt hatte Der packte die Betrunkene und stieß
sie vor sich her die Treppe hinunter dass sie hätte kopfüber stürzen müssen
aber sie klammerte sich am Geländer fest und wimmerte Hans konnte den Anblick
nicht mehr ertragen denn ihm wurde als sei er krank deshalb ging er in seine
Stube schloss hinter sich zu und schob den Riegel vor So verlief der erste Tag
von Hansens Studentenleben und noch nie war er so unglücklich gewesen wie an
dem Abend Weshalb er ein so heftiges Gefühl von Jammer hatte konnte er sich
nicht klarmachen und es war auch gut dass er es sich nicht klarmachen konnte
denn sonst wäre er gänzlich verzweifelt Denn dieser Tag führte den ersten und
heftigsten Streich gegen seinen Glauben und von heute an wurde ihm Stück für
Stück Gott geraubt denn alle diese Menschen die er getroffen hatte waren
ohne Würde gewesen der Lehrer der mechanisch sein Pensum ablas und der
Kellner der gleichmütig seine Speisen brachte und die Wirtin und der
Musikant und die Betrunkene endlich Und wenn es Menschen gibt die keine Würde
haben so müssen wir an unsrer eignen Würde zweifeln nicht mit dem Verstande
denn das ist alles über den Verstand aber wir können nicht mehr den reinen
Glauben und die klare unschuldige Zuversicht haben
    Und wenn wir an unsrer Würde zweifeln so können wir an keinen Gott mehr
glauben der über uns ist und durch den unser kleines Leben einer Eintagsfliege
am Sommertage eine Bedeutung bekommt die höher ist wie die Bedeutung von
Millionen Welten und auch dieser Zweifel kommt nicht aus dem Verstande denn
dieser ist noch weit mehr über allem Verstande aber er kommt aus unserm ganzen
Menschen
    Dergestalt bereitete sich bei Hans der Glaube vor dass er ein Rad sei neben
andern Rädern in einem großen Räderwerk das für sich keinen Sinn hatte welches
die allgemeine Ansicht der Menschen war mit denen er nun zusammenkam
In einer philosophischen Vorlesung fand Hans seinen Platz neben einem älteren
Studenten der ihm durch seine eigne Art sehr auffiel denn er hatte seine
Stelle genau ausgemessen und durch Bleistiftlinien bezeichnet und erklärte
Hansen wie er das unumschränkte Recht innerhalb dieser Linien habe außer dass
er seine Nachbarn zur andern Seite müsse bei sich vorüber zu ihren Plätzen gehen
lassen und wenn jemand Bücher oder Hefte über die Linien hinaus neben ihn lege
so dürfe er die zurückschieben Mit diesem jungen Mann wurde Hans schon beim
zweiten Wiedersehen näher bekannt indem sich die beiden nach jugendlicher Art
über die philosophischen Fragen unterhielten welche die ihre Generation
beschäftigenden waren und indem sie nicht wussten dass das was jeder für sich
gedacht von vielen Altersgenossen geteilt wurde waren sie recht verwundert
über häufige Übereinstimmungen ihrer Ansichten und empfanden die als
Veranlassung zu engerem Verkehr und es bewirkte der Jahresunterschied gleich
dass Hans als der Nehmende erschien und Heller denn so nannte sich der andere
als der Gebende der ihm lehrte mit Freude und Genugtuung Dieses war das erste
Mal dass Hans das Gefühl der Freundschaft empfand welches der Liebe
verschwistert ist und so folgte er mit Bewunderung Glauben und Zuversicht
allem was ihm Heller sagte der aber stand völlig wie er sich ausdrückte auf
dem modernen Standpunkt und hatte auch einen Kreis von gleichgesinnten Freunden
die zu bestimmten Zeiten zusammenkamen das waren Studenten junge Kaufleute
junge Schriftsteller Maler Musiker und ähnliche Bei diesen führte er Hansen
ein wiewohl der eine große Besorgnis hatte dass er werde vor solchen Leute
nicht bestehen können mit seinem kleinen Wissen und Vermögen und saßen sie in
einem engen Hinterzimmer einer geringen Wirtschaft das an den übrigen Tagen von
Gesellschaften und Vereinen kleiner Bürger eingenommen war die sich in
sonntäglicher Gewandung und mit Bierfässern hatten photographieren lassen um
die Wände des Zimmers zu schmücken
    Hans fand seinen Platz zwischen zwei jungen Mädchen die sich mit großem
Eifer an den Reden beteiligten Die eine war eine Russin und hatte einen
russischen Studenten als Begleiter mit dem sie in freier Liebe lebte das war
ein schweigsamer Mensch von einer leuchtenden Blässe des Gesichtes mit hoher
Stirn und ganz dunklem Haar und langem schwarzen Bart den er unablässig strich
Der lange Bart den bei uns einer als Vierzigjähriger haben würde sah sehr
merkwürdig aus in dem ganz jugendlichen Gesicht Eine Zeitungsnotiz wurde in der
Ecke gelesen und besprochen die mitteilte dass des Russen Bruder der als ein
hervorragender Revolutionär galt in Petersburg gefangen genommen war und in
Schlüsselburg untergebracht und wie über den Tisch herüber der Russe nach der
Art des Gefängnisses gefragt wurde machte er mit unverändertem Gesicht eine
Handbewegung die bedeutete dass sein Bruder dort sterben werde dann bat er mit
fremdartiger Aussprache seinen Nachbarn um eine Zigarette Er war ärmlich
gekleidet und es wurde erzählt er sei sehr wohlhabend und gebe fast alles für
die Unterstützung der Arbeiterbewegung aus auch die Frau trug sich sehr einfach
und schien dazu unordentlich und sollte von sehr vornehmer Abkunft sein und aus
Überzeugung ihre Familie verlassen haben
    Hans kam in eine weihevolle Stimmung und ihm war als sitze er neben
Aposteln denn diesen Leuten erschien ihre Pflicht einfach und sie taten sie
ohne Ruhmredigkeit So erzählte der Russe er wolle mit seiner Frau bald in sein
Vaterland zurückkehren und hoffe dass er etwa ein Jahr lang wirken könne bis
man ihn nach Sibirien schicke Am allgemeinen Gespräch beteiligte er sich sehr
wenig und hatte eine sonderbare Art verächtlich über Menschen und Gedanken zu
reden
    Die andere Dame welche Helene genannt wurde hatte die Begleitung ihres
Bruders und waren die beiden das erstemal in der Gesellschaft und wurde von
ihnen erzählt dass sie soeben sich von ihren Eltern getrennt hätten und allein
lebten der Vater der beiden war ein kleiner Kaufmann dessen älterer Sohn war
befreundet mit einem Mitglied des Kreises der offiziell zur
sozialdemokratischen Partei gehörte der hatte ein Paket verbotener Schriften
bei seinem Freunde hinterlegt weil bei dem niemand einen Verdacht haben werde
der Vater aber hatte die Schriften gefunden wie er in argwöhnischer Besorgnis
seines Sohnes Sachen durchsuchte und war mit ihnen gleich auf die Polizei
gegangen aus Angst und aus unbedachtem Ärger über seines Sohnes Verkehr Weil
nun einige Schriften in mehreren Stücken vorhanden waren so nahm die Polizei
an das Paket sei zur Verbreitung bestimmt und verhaftete den Sohn des Angebers
zu dessen großer Bestürzung und weil sich bei weiterem Nachsuchen der
eigentliche Besitzer leicht ermitteln ließ nachher auch den
sozialdemokratischen Freund Der andre Sohn und die Tochter waren über die
Handlung ihres Vaters so entrüstet dass sie erklärten sie wollten nunmehr nicht
mehr in ihrer Familie bleiben gingen von Hause fort und mieteten sich zwei
Zimmer um für sich zu leben was ihnen dadurch möglich war dass sie beide Geld
verdienten nämlich der junge Mann als Reisender und das Mädchen als
Buchhalterin in einem Geschäft
    Der junge Mann der sich in der fremden Gesellschaft einsam fühlte begann
ein Gespräch mit Hans weil der gleichfalls hier unbekannt war und als ein
redegewohnter Herr fing er bald an zu erzählen und Hans hörte zu Er erzählte
aber mit Stolz welche Kunstgriffe er auf seinen Geschäftsreisen anwende um den
Bürstenbindern denn sein Artikel war Schweineborsten Ware zu verkaufen so
habe er auf einer Tour dem jungen Mann eines Konkurrenten alle Aufträge
vorweggenommen indem er sich mit ihm angefreundet habe und ihn abends
eingeladen und so betrunken gemacht dass er sein Notizbuch durchsehen konnte
Über diese Erzählung erstaunte Hans sehr und sagte eine solche Handlungsweise
sei doch nicht redlich der andre aber erwiderte im Geschäft sei das nun einmal
nicht anders und wer ein guter Geschäftsmann sein wolle der er selbst auch
wirklich sei der müsse so handeln Die Schwester aber nickte Hansen zu und gab
ihm recht und indem sie sagte dass sie zu ihrem Bruder schon immer ähnlich
gesprochen habe wie er setzte sie ihre Worte so dass gleich eine freundliche
und vertrauliche Beziehung zwischen ihr und Hansen entstand Dann sagte sie zu
ihm er dürfe es nicht unpassend finden dass sie zwischen so vielen jungen
Herren sei denn die seien doch alle Männer die das Höchste wollten und zudem
werde sie ja auch von ihrem Bruder beschützt
    Inzwischen hielt jemand einen Vortrag darüber ob man wohl auf der Bühne das
wirkliche Leben ganz genau darstellen könne und kam zu dem Ende dass das nicht
möglich sei weil man ja auf der Bühne immer eine Wand fehlen lassen müsse
nämlich nach dem Zuschauerraum hin über diesen Vortrag bezwangen die meisten
ein Lachen Heller aber lobte den Redner laut das Hansen sehr von seinem
Freunde verdross denn es schien ihm unehrlich So folgten noch allerhand Reden
und Gespräche
    Hans brach mit den Russen zugleich auf und wiewohl es schon recht spät war
nahmen ihn die beiden doch noch mit sich in ihre Wohnung Dieselbe bestand aus
drei recht elenden Räumen die hatten aber eine besondere Bedeutung denn ein
großer Teil der Freiheit welche das Paar genoss wurde durch diese
Wohnungseinrichtung erzeugt Sie wollten nämlich wie zwei gute Kameraden
zusammen leben nicht so wie es in der heutigen Ehe sei dass das Weib vom Manne
unterdrückt und ausgebeutet wird deshalb hatte der Mann eine Stube für sich
und die Frau hatte eine Stube und nur in wichtigen Fällen und nach besonderer
Anfrage und Einwilligung durfte einer des andern Raum betreten in der Mitte
aber lag ein Zimmer das ihnen beiden gemeinschaftlich gehörte und vornehmlich
für die Einnahme der Mahlzeiten bestimmt war Hatte einer Lust mit dem andern
zu plaudern so ging er in dieses Zimmer und klopfte an der Tür des andern und
wenn der wollte so kam er heraus wenn er aber nicht wollte so beachtete er
das Klopfen nicht und jener ging wieder in seine Stube zurück
    Auf dem Tisch in diesem Mittelzimmer stand eine russische Teemaschine deren
Schlot der Mann mit Kohlen füllte die er schnell zum Glühen brachte und
unterdessen legte die Frau einen Hering in Zeitungspapier gewickelt auf die
Tafel ein Brot und ein Messer Das geschah beim Schein einer alten
Petroleumlampe der die Glocke fehlte Der Mann ging mit weiten Schritten in dem
Stübchen auf und ab und indem er seinen weichen und schwarzen Bart langsam
strich blickte er gradeaus ins Leere wie wenn er in weiter Ferne ein Ziel
sehe das für andre unsichtbar war durch die Wände mit den schmutzigen Tapeten
dazu erzählte er in abgebrochenen Sätzen mit fremdartigen Tönen von
Schlüsselburg dass dort die Zellen der Gefangenen unter dem Wasserspiegel lägen
und die Gefangenen würden nach zwei oder drei Jahren wahnsinnig Die Lampe
flackerte durch den Luftzug wenn er vorbeiging Seine Frau saß auf dem
verdrückten und lumpigen Sofa und hatte die Beine auf den Sitz gezogen und die
Arme um die Knie geschlagen sie starrte unbeweglich vor sich hin
    Der Bruder war ein Künstler gewesen ein Musiker Ganz zarte weiche Hände
hatte er gehabt die schonte er ängstlich seiner Kunst wegen dass er sogar im
Bette des Nachts Handschuhe trug Ein merkwürdiges Leben hatte er in seinen
Fingerspitzen einmal durchblätterte er ein Buch da sagte er plötzlich das
Blättern mache ihn krank und war ganz blass geworden und hatte fieberige Augen
Wie nun sein erstes Werk gedruckt wird und er der Korrekturen wegen in der
Druckerei zu tun hat da sieht er wie die Bogen von der Maschine gebracht
werden in hohen Stößen an einen Tisch wo Kinder sitzen welche die Bogen
falzen müssen ganz kleine Kinder waren das von neun Jahren höchstens Knaben
und Mädchen die sahen blass aus und hatten fieberige Augen und griffen
eilfertig ein jedes zu nahmen den Bogen vor sich und falzten Als er sie
befragte antworteten sie dass sie oft Kopfschmerzen haben weil sie vierzehn
Stunden lang jeden Tag gedruckte Bogen von einem Stoß nehmen müssen knicken und
falzen aber es war nicht wegen der Fingerspitzen die waren hart geworden Zum
Spielen hatten sie keine Lust sondern sie wollten Geld verdienen und hofften
wenn sie erst erwachsen waren so wollten sie sich Branntwein kaufen jetzt
nahmen ihnen die Eltern immer ihr Geld weg Wie er das gehört hatte da warf er
seinen kostbaren Pelz ab und schenkte den einem Kinde es solle ihn seinem Vater
geben und dann setzte er sich zu den Kindern nahm einen Stoß Notenbogen und
falzte Bogen und wie seine Fingerspitzen bald rot wurden und feurig da begann
er plötzlich irr zu reden und wurde nach Hause gebracht in einem Wagen und
verfiel in eine schwere Krankheit in der er nichts von sich wusste sondern
schrie beständig dass er Kinder gemordet habe und einmal schrie er auch er
habe Kinderfleisch gegessen Wie er wieder aufstand mochte er nichts mehr von
seiner Kunst hören sondern kleidete sich in Lumpen und ging ins Volk pilgerte
auf der Landstraße arbeitete was seine schwachen Kräfte konnten und sagte den
Leuten der Kaiser und die Beamten und die Reichen müssten ermordet werden
Einmal banden ihn die Arbeiter die ihm zuhörten und führten ihn vor den
Richter aber er entsprang wieder aus dem Gefängnis Ein verlorenes Mädchen
lachte ihm zu eine ganz niedrige Dirne die von den Soldaten geliebt wurde Zu
der sagte er dass er sich vor ihr schäme weil sie ein größeres Leiden trage
wie einem Manschen möglich sei da weinte sie ging mit ihm und diente ihm
Zuletzt wollte er sich als Arbeiter verdingen bei einem Bau wo er Gelegenheit
hatte etwas gegen den Kaiser zu unternehmen da wurde er verhaftet und nun
wird er bald sterben denn er ist ganz krank
    Eine Zeitlang ging der Mann stumm auf und ab Dann sagte seine Frau »Ich
weiß woran er sterben wird an der Lüge Denn wir sind alle krank an der Lüge«
Darauf sprach sie ein heftiges Schimpfwort gegen die Deutschen »Ich habe uns
durchforscht« erwiderte der andre »und ich glaube wir lügen nicht Aber wir
sind feige Das ist das Verzehrende« Nun begannen die beiden einen Streit und
erniedrigten jeder sich selbst und einer den andern und ein sonderbarer Hass war
in ihnen und ihre Augen leuchteten voll Feindseligkeit Auf Hansen nahmen sie
gar keine Rücksicht als sei er nicht vorhanden und begannen russische Sätze zu
sprechen und plötzlich inmitten einer großen Erbitterung sprang die Frau vom
Sofa und warf ihre Arme um den Hals des Mannes und redete ihn mit heftigen
Liebkosungen an da strömten aus seinen Augen die Tränen und sie beklagte ihn
wollte ihn begütigen und war glücklich und froh Indessen kam unter dem Sofa ein
Kätzchen hervor das dehnte sich sprang auf das Polster und machte einen
krummen Rücken da eilte Natascha zu ihm und liebkoste es stürmisch
    In übler Verfassung verließ Hans das Haus der Russen und mochte es gegen
drei Uhr in der Nacht sein wie er durch die verödeten Straßen fröstelnd ging
Strassenreiniger mit einer sonderbaren Maschinerie begegneten ihm An der Ecke
stand ein Mann der in einem blankgeputzten Kessel warme Würstchen zum Verkauf
bot dessen Kundschaft bestand vornehmlich aus Studenten die in später
Nachtstunde nach Hause gingen und von diesen sowie in Erinnerung an vorige
Tage die besser waren hatte er sich ein eigenes Wesen angewöhnt Hans blieb vor
der jammervollen Gestalt mit dem aufgedunsenen Gesicht zerstreut stehen »Dic
cur hic« redete ihn der Mann an dann holte er mit der Gabel ein Würstchen
hervor und begann mit Berliner Redensarten seine Anpreisung Hans nahm und
bezahlte und wie der Mann sein Gesicht sah fuhr er mit Erzählungen und
Ruhmredigkeit fort und sagte Hans habe wohl keinen Sinn für das studentische
Leben und ein jeder müsse der Gottheit folgen die ihn antreibt so habe er für
seine Person immer eine besondere Neigung zur Germanistik gehabt und wenn er
nicht durch den Trunk so heruntergekommen wäre so könnte er jetzt wohl auf
einem Lehrstuhl sitzen mit mehr Recht wie mancher andre der weniger wisse wie
er Aber auch so wie er jetzt nachts an der Straßenecke stehe sei noch ein
Drang zum Höheren in ihm wie in jedem Menschen denn er sei Volksanwalt und
setze für das Volk Klageschriften und Gesuche auf und wenn er freie Stunden
habe so lese er so habe er Klaurens sämtliche Schriften durchstudiert weil
der Mann heute unterschätzt werde denn keiner von den gelehrten Herren gebe
sich die Mühe ihn durchzulesen
    Über diesem Geschwätz befiel Hansen ein heftiger Widerwille und zugleich
eine sonderbare Angst dass er sich von dem Manne losmachte und weiterging und
es war nun das erstemal dass ihn die Angst befiel die ihn von dieser Zeit an
immer begleiten sollte Sie war ganz unbestimmt und richtete sich auf nichts
nach vorwärts noch nach rückwärts aber ihm war als begehe er ein großes
Verbrechen Jetzt schien ihm das Gefühl noch sonderbar und er suchte nach
Gründen oder Ursachen und wie er in seinem Verstande nichts fand zur Erklärung
so wurde sie immer heftiger dass er am Ende Furcht hatte vor dem Alleinsein und
nicht nach Hause gehen mochte In solcher Verfassung traf er einen jungen
Dichter namens Krechting den er vorher in der Gesellschaft gesehen den
begrüßte er und folgte ihm in ein Café Krechting war ein kleiner und
verwachsener Mensch der schweigend mit langen und dünnen Beinen rüstig
ausschritt bis sie an ihren Ort kamen Da setzten sie sich und Krechting
blickte finster vor sich hin ganz unvermittelt fragte er dann Hansen ob er bei
den Russen gewesen sei und wie der bejahte pfiff er leise und trommelte mit
den Fingern auf dem Marmortischchen In dem hellen Raum saßen viele verlorene
Mädchen die sich geschminkt und geputzt hatten und deren Augen glänzten einige
suchten die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen viele aber waren müde und
ausdruckslos Hans hatte den Drang von sich zu erzählen und hätte mögen über
seine Angst klagen wenn der andre ihn nicht so kalt und zerstreut angesehen
hätte dass er nicht sprechen konnte Auf der Schule hatte er den Namen
Krechtings gelesen und eine undeutliche Kunde von ihm war zu seinen Ohren
gedrungen dass er eine große Achtung vor ihm gehabt aber dieser Mensch hier
entsprach gar nicht seiner Vorstellung So stieg seine Angst und Unruhe bis er
aus Verlegenheit eine gleichgültige Erzählung begann der Krechting eben mit so
viel Aufmerksamkeit zuhörte indem er flüchtig eine Zeitung überflog dass Hans
nicht verstummte einmal machte er eine bissige Bemerkung über einen
Schriftsteller dessen Namen in dem Blatt erwähnt war dann legte er es weg und
sah trübsinnig vor sich hin Endlich begann auch er zu reden und sprach
abgerissen und fast für sich selbst dass er nun zehn Jahre so lebe indem er die
Nächte durch irgendwelches Geschwätz anhöre dann an solch ekelhaften Ort gehe
wie hier und in der Frühe komme er nach Hause den Tag verbringe er mit
sinnlosem Tun und er wisse gar nicht wozu das alles sei Unterdessen seien
alle seine Freunde zu Ruhm und Reichtum gestiegen um ihn aber bekümmere sich
kein Mensch Deshalb habe er sich immer gewünscht wenigstens einen Hund möchte
er halten damit ihn doch ein lebendes Wesen erwarte bei seiner Heimkunft
indessen seine Wirtsleute hätten ihm das nicht zugegeben So habe er sich denn
ein Glas mit zwei Goldfischen gekauft aber die seien ihm langweilig Hans
fühlte wie aus dem andern ein Hass gegen ihn strömte und in ihm erhob sich ein
Widerwille wie vorher gegen den Menschen auf der Straße Indessen erklärte
Krechting sein Wesen dass er einen Jugendfreund gehabt mit dem habe er alle
Gedanken geteilt und seit der tot sei bleibe für ihn die Welt leer und kalt
denn er brauche einen Menschen von dem er zehren könne und für sich allein sei
er nur ein Schemen Hans solle das nicht für Eitelkeit halten wenn er ihm
solche Geständnisse mache denn ihm sei es gleich dass er gerade zuhöre nur
habe er ein Bedürfnis zu irgendeinem Menschen zu sprechen
    Ein Mädchen setzte sich an den Tisch der beiden indem sie ihnen den Rücken
drehte und es fiel Hansen auf wie durch die dünne Seidenbluse sich die
Bewegungen ihrer Schulterblätter bemerkbar machten bei den Gesten durch die sie
einen Eindruck in einem verschlafenen jungen Menschen erwecken wollte der in
ihrer Nähe saß Krechtings Augen waren wunderlich trübe geworden wie er sie auf
den Rücken des Mädchens geheftet hielt und indem sein Gesicht eine große
Anstrengung des Überlegens aufwies fuhr er fort dass er den Russen beneide
trotzdem der ein unreinlicher Mensch sei ein Stück Heiliger ein Stück Narr und
ein Stück Schuft aber dem sei es doch möglich geworden sich die letzten Zwecke
zu verschleiern durch seine sozialistischen Banalitäten und dadurch sei der
glücklich er jedoch Krechting könne sich nicht blind machen denn er wisse
dass es ein Ziel geben müsse jenseits des banalen Glückes für sich selbst oder
für andre aber er vermöge nicht zu erkunden welcher Art und Natur dieses Ziel
sei denn er sei kein vollständiger Mensch und ihm fehle irgendetwas das sein
Jugendfreund gehabt und den habe er verzehren müssen Indem fühlte das Mädchen
die Augen Krechtings im Rücken drehte sich um und lächelte den beiden zu Über
Hansen kam ein Schauer als vor etwas Grausigem und Gespensterhaftem eilig stand
er auf entschuldigte sich verwirrt und ging fort denn es war ihm plötzlich
gewesen als sehe er zwei leblose Masken und als sei Vernichtung und Nichtsein
hinter dem gedankenlosen Lächeln der Dirne und hinter den trüben Augen und den
gespannten Zügen Krechtings
    Lange irrte er noch durch die Straßen die bereits wieder lebendig wurden
durch die Menschen welche in der Frühe ihre Geschäfte betreiben müssen bis er
endlich todmüde war und seine Gedanken waren gänzlich verschwunden so ging er
nach Hause und legte sich zu unruhigem Schlaf Aus dem erweckte ihn am andern
Morgen Heller der unerwartet zu ihm kam und indem er auch im Schlummer noch
unter dem Eindruck des Abends gestanden fuhr er erschreckt in die Höhe durch
den Anruf des Besuchers
    Heller begann damit dass man vor wichtigen Entscheidungen des Lebens das
Bedürfnis habe sich einem Freunde mitzuteilen weniger um dessen Rat
einzuholen denn ein jeder tue ja doch was er schon vorher gewollt habe als um
selbst zur Klarheit des Willens zu kommen durch die Aussprache Nach dieser
Einleitung erzählte er dass Helene die er gestern zum ersten Male gesehen
einen sehr starken Eindruck auf ihn gemacht habe vornehmlich durch eine gewisse
Kühnheit und Überlegenheit des Willens die er in ihren Zügen bemerkt wozu dann
noch der Gedanke gekommen sei dass sie sich dieselben Gedanken errungen habe
die er selbst vertrete und voraussichtlich denn ganz sicher könne man ja nie
wissen ob man seine Meinungen nicht ändern werde mit den älter werdenden
Jahren auch immer vertreten werde und sei sein Geist so sehr mit diesem allen
beschäftigt gewesen dass er wohl gemerkt dieses seien die Anfänge der Liebe
Nun halte er es für eine große Verschwendung von Kraft wenn sich jemand einem
solchen Gefühl hingebe das durch die Zeit und die Hoffnung immer stärker werde
und dann vielleicht am Ende erfahre dass die geliebte Dame seine Gefühle gar
nicht erwidern könne oder möge denn nicht nur die Zeit die in der Hoffnung
verbracht sei alsdann für eine andere Tätigkeit verloren die vielleicht mehr
beglückt hätte und wir sollten doch immer in unserm Leben das größte Glück zu
erringen suchen das uns möglich sei ohne unsern Mitmenschen zu schädigen
sondern auch nachher wenn er die Enttäuschung gehabt komme eine verlorene
Zeit die je nach der Persönlichkeit des Betreffenden länger oder kürzer sei in
der einer sich nicht glücklich fühle und für alles andre unzugänglich bleibe
Aus diesen Gründen habe er sich entschlossen schon jetzt dem Fräulein seine
Gefühle zu entdecken obgleich dieselben noch gar nicht bis zur Liebe gediehen
seien sondern nur die Möglichkeit böten dass sich aus ihnen Liebe entwickle
welches er ihr genau und psychologisch auseinandersetzen werde und sie dann nur
fragen ob sie meine dass unter Umständen wenn nämlich er sich so entwickle
wie er denke auch sie sich so entwickeln werde dass sie seine Liebe erwidern
könne über das sie ihm ja wohl keine ganz sichere Antwort geben werde denn
durchaus Gewisses vermöge in psychologischen Dingen kein Mensch zu sagen aber
einen ungefähren Anhalt könne sie ihm wohl bieten Sollte alsdann die Antwort so
ausfallen wie er annehme so wolle er ihr vorschlagen dass sie öfters
zusammenkämen vielleicht eine Stunde täglich und in dieser Zeit wollten sie
über Literatur Psychologie oder Sozialismus sprechen wobei sie sich dann
genauer kennen lernen würden und so werde sich ihre Liebe nicht in
phantastischer Weise entwickeln sondern in genauem Zusammenhang mit der
Wirklichkeit und den beiderseitigen psychologischen Tatsachen
    Dieser Plan erschien Hansen sehr schön und würdig solcher neuen und
vollkommenen Menschen wie Heller und Helene waren deshalb lobte er ihn sehr
und wunderte sich viel im Innern über die Menschenkenntnis und Klugheit seines
Freundes Da er aber durch seine häusliche Erziehung gewöhnt war immer an die
notwendigen Unterlagen des Lebens zu denken so fragte er wie der Freund sich
nun seine Absichten weiter ausgedacht habe wenn alles so eintreffe nämlich er
zu Helene und Helene zu ihm eine Zuneigung fasse
    Hierauf erwiderte Heller dass allerdings an eine bürgerliche Ehe nicht zu
denken sei indessen könnten sie beide als gleichberechtigte und freie Menschen
einen Vertrag abschließen da sie ja ihre Gesinnungen hätten und er selbst
verdiene durch Stunden die er Gymnasiasten gebe so viel dass er seinen eigenen
Lebensunterhalt bestreite und Helene habe gleichfalls ihr Auskommen da sie
einen Beruf und eine Stellung habe indem sie aber zusammenlebten würden sie in
manchem noch sparsamer wirtschaften wie jetzt jeder einzelne wie sich ja im
kleinsten schon der Vorteil des Grossbetriebes erweise so wurden sie zum
Beispiel das Mittagessen zwar wie vorher in einer Gastwirtschaft zu sich nehmen
aber das Abendessen würden sie sich zu Hause bereiten wobei sie nicht nur mehr
Glücksempfindungen in sich auslösen könnten sondern auch sehr viel sparen Nach
diesem fuhr er fort was Hans in seiner Antwort noch gar nicht beachtet habe
das sei dass hier einmal eine der seltenen Gelegenheiten gegeben werde wo zwei
Menschen verschiedenen Geschlechtes in durchaus sittlicher Weise zusammenleben
könnten Denn in der auf Unterdrückung und Ausbeutung beruhenden bürgerlichen
Ehe wie wir wissen ist ein wirtschaftlicher Zwang da für die Frau dass sie
beim Manne bleibt auch wenn sie aufgehört hat ihn zu lieben denn sie würde
ohne Unterhalt sein wenn sie von ihm ginge Dagegen in dem vorliegenden Falle
halte nur die Liebe die beiden Gatten zusammen und wenn bei dem einen das
Gefühl erlösche das doch das Natürliche sei weil alle unsere Gefühle eine
Kurve beschreiben bis zu einer Höhe und von da wieder bis zum Nullpunkt so
könne dieser dem andern ruhig seinen Zustand enthüllen und die Trennung des
Verhältnisses das alsdann ja unsittlich sein werde sei sehr leicht
    Nachdem Heller sich durch seine Erzählung und Darlegung Klarheit über seine
Absichten verschafft machte er sich gleich ans Werk seinen Plan durchzusetzen
ging zu der Speisewirtschaft wo Helene in ihrer Mittagspause ihr Essen einnahm
und traf sie dort allein an einem Tische sitzend Es war eine Wirtschaft wo man
für billiges Geld isst und die Tischtücher hatten viele Flecken und ein
hässlicher Geruch war in der Luft und eilfertige Kellner liefen hin und her
indem sie ein großes Klappern mit den Tellern machten
    Wie Heller seine Rede ungefähr in der Art vortrug mit der er zu Hansen
gesprochen hatte wurde Helene ziemlich verlegen denn in Wirklichkeit wusste sie
gar nichts von den Ansichten die er bei ihr voraussetzte und hatte nur öfters
über manche Reden ihres Bruders lustig gelacht der jetzt im Gefängnis war denn
sie hielt den für etwas töricht Nun verstand sie zwar nicht alles von dem was
Heller ihr erklärte und wusste auch nicht recht welche Absichten er ihr
ausdrücken wollte weil sie aber sich nie anders gedacht hatte als dass sie
einmal nach ihres Kreises Sitte heiraten werde etwa einen elegant gekleideten
Geschäftsreisenden der ihr jeden Sonntagvormittag einen Blumenstrauß schickte
solange sie mit ihm verlobt war so fand sie doch aus der Verwirrung heraus dass
Heller sich mit ihr verloben wolle aber das solle noch eine Weile geheim
bleiben Deshalb sagte sie unter häufigem Stocken ihrer Rede sie könne ihm auf
seinen Antrag nicht recht antworten und wolle sich das überlegen was er gesagt
habe denn da er ein Student war und ihr feiner erschien wie ein Kaufmann so
hatte sie wohl eine gewisse Zuneigung zu ihm Auf diese Worte erwiderte Heller
dass er keinen andern Bescheid gehofft habe und sehr zufrieden mit diesem sei
nur bitte er sie alsdann dass er sie nun täglich zu einer bestimmten Stunde
besuchen dürfe Auf dieses antwortete Helene dass ihr Bruder mit dem sie
zusammenlebte augenblicklich nicht auf einer Geschäftsreise war und sie
verbrächten die Abende immer zusammen in ihrer Stube und wenn es ihm recht sei
so würden sie beide sich sehr freuen wenn er sie da besuche sobald ihr Bruder
aber reise was in etwa zwei Wochen geschehe weil da die Saison für den Einkauf
der Schweineborsten anfange so dürfe er nicht mehr kommen weil sie alsdann
allein bleibe und die Leute würden ihr Übles nachreden wenn sie ohne
Beschützer seinen Besuch empfinge obwohl er ja ein gebildeter Mann sei Zwar
schien diese Rede Heller nicht ganz das zu sein was er gemeint hatte trotzdem
aber war er voller Freude und Hoffnung verabschiedete sich von ihr mit Liebe
und erwartete mit Zuversicht den Abend Unterdessen besuchte Hans den Bruder
Helenens der Kurt hieß und tat das nicht aus einer besonderen Zuneigung
sondern aus Bescheidenheit weil er gern die andern näher kennen wollte und doch
nicht wagte an sie heranzutreten mit Kurt aber hatte er an dem Abend manches
besprochen Er traf ihn im Geschäft in einem kleinen Stübchen wo er einem
Arbeitsgenossen gegenüber an einem Schreibpult stand und an Geschäftsbriefen
schrieb Im Zimmer war nur noch der Telephonkasten und ein großer Geldschrank
in dessen offener Tür steckte der Schlüssel und an dem Bund hingen noch andre
Schlüssel Es war die Zeit der Mittagspause und wie Kurt Hansen begrüßte
richtete sich auch der andre Herr von seiner Arbeit auf schloss den Geldschrank
ab und steckte die Schlüssel in die Tasche und bereitete sich zum Essen Kurt
sagte ihm er werde noch einmal ein Unglück erleben wenn er die sämtlichen
Geschäftsschlüssel von der Haustür angefangen bis zum Geldschrank so
leichtsinnig behandle Inzwischen machte auch er sich strassenfertig und wanderte
mit Hans zu der Wirtschaft wo die beiden zusammen Mittag essen wollten Wiewohl
Hans zu Kurt keinerlei geistige Verwandtschaft spürte wurde er in der Folge
doch weiter mit ihm bekannt und weil seine Wohnung nicht weitab vom Geschäft
des andern lag so machte es sich wie von selbst dass er ihn öfters zum
Mittagessen abholte bei dem sie dann über allerhand gleichgültige Dinge mit
einer gewissen Behaglichkeit redeten Auch den Besitzer des Geschäftes lernte
Hans kennen der ein recht wunderlicher und altväterischer Mann jüdischer
Abkunft war welcher zu Hause unterdrückt wurde durch seine Frau die hatte
allerhand Bildungsinteressen und ließ ein verstiegenes Wesen schauen Diese traf
Hansen einmal im Geschäft redete ihn an und nachdem sie schnell allerhand aus
ihm herausgefragt lud sie ihn zu sich ein weil er ihren Kindern Freude machen
werde Sie hatte eine hohe Haarfrisur und rauschte stattlich mit einem
schwarzseidenen Kleide in dem engen Raume Unterdessen nahm Hellers Liebschaft
ihren weiteren Verlauf Er war mit Zolas Buch über den Experimentalroman
angekommen und hatte den Geschwistern vorgelesen und erklärt was für Kurt zwar
recht langweilig war aber Helene fasste eine stärkere Zuneigung zu ihm wiewohl
auch sie nur wenig von dem begriff was er vortrug und da einem Verliebten
solche Zuneigung nicht verborgen bleiben kann so kamen die beiden bald zu einer
Aussprache wobei Helene jedoch immer noch in ihrem Irrtum verharrte dass es
sich bei Heller um regelmäßige und bürgerliche Absichten handle Unter solchen
Umständen und da ihr schien als wolle Heller aus Zartgefühl nicht mit ihren
Eltern reden wegen der Handlungsweise ihres Vaters ging sie zu ihrer Mutter um
der ihr Herz auszuschütten und ihren Rat einzuholen und die welche niemand aus
dem ganzen Kreise kannte und sich keine rechte Vorstellung von allem machen
konnte teilte alles dem Vater mit Dieser war zwar im Grunde einverstanden mit
Helenens Wahl weil er dachte dass ein Studierter wenn er erst angestellt sei
ein angesehenes Amt und sicheres Einkommen habe aber weil er über Hellers
Studien und Aussichten nichts wusste so beschloss er seine Zustimmung erst noch
zurückzuhalten und vorerst den Bewerber um alles zu fragen was ihm nötig
erschien
    Er kam deshalb am Sonntagvormittag im Besuchsanzug und mit dem Zylinder der
von sehr alter Form war in Hellers Wohnung und begann in freundlicher Weise mit
dem zu reden indem er Helene lobte und erzählte dass er selbst immer sehr viel
Sinn für Bildung gehabt habe und auch das Konservationslexikon in Lieferungen
beziehe und für eine Ehe sei natürlich das Wesentliche gegenseitige Liebe und
Hochachtung er aber als Vater habe doch die Verpflichtung außerdem noch einen
Punkt zu bedenken und bei diesen Worten machte er die Gebärde des Geldzählens
und sah Heller erwartungsvoll an Der war recht verlegen über das Missverständnis
und schwieg denn es fiel ihm nichts ein was er hätte sagen können Der Alte
schob sein Schweigen auf die natürliche Schüchternheit eines jungen Mannes der
vor dem Vater seiner Braut steht wollte ihn zutraulich machen und sprach
deshalb weiter indem er die Macht der Bildung rühmte und die Neuzeit lobte
welche die Bildung auch dem Volke zugänglich mache wodurch Aberglaube und
schlechte Sitten ausgerottet würden Wie er sich bei dieser Gelegenheit
erkundigte welchem Studium sich Heller im besonderen zugewendet habe fand der
eine Möglichkeit aus seinem peinlichen Schweigen herauszukommen indem er
ausführlich erklärte dass er ursprünglich Teologe gewesen sei aber nachdem er
sich aus seinen ersten Ansichten heraus entwickelt habe so verzichte er jetzt
auf das teologische Studium und wolle zunächst seine Persönlichkeit bilden
dadurch dass er die verschiedensten Dinge auf sich wirken lasse Hierüber wiegte
der Alte den Kopf und hielt ihm entgegen dass doch die teologische Laufbahn
sehr viele Vorteile biete besonders indem ein junger Mann in ihr rasch zu Brot
komme was eine sehr wichtige Sache sei zumal wenn einer daran denke einen
Hausstand zu gründen Hierauf sprach Heller wieder von seinen Überzeugungen und
der Vater im schwarzen Rock wurde hingegen noch dringender mit den Anspielungen
auf die künftigen Erwerbsverhältnisse da erschien es Heller plötzlich als eine
Rettung wenn er diese als recht schlecht hinstellte und so erzählte er dass er
nicht gesonnen sei einen bestimmten Beruf zu ergreifen sondern er gedenke
vornehmlich für seine Ansichten zu wirken
    Nachdem der Streich mit der Übergabe der verbotenen Schriften so übel
abgelaufen war hatte der Alte seine Sicherheit verloren und deshalb wiewohl
er aus allem verspürte dass Hellers Absichten und Verhältnisse ganz anderer Art
waren wie er gedacht wurde er doch nicht ärgerlich wie ihm wohl sonst
geschehen wäre sondern er machte ein bekümmertes Gesicht seufzte und gab
Heller die Hand zum Abschied indem er sagte die Welt sei heute anders wie
früher und ein Vater mit erwachsenen Kindern habe viele Sorgen er vertraue
aber Heller dass er nicht schlecht an seiner Tochter handeln werde darauf ging
das alte Männchen unter vielem Dienern aus der Tür
    Nach diesem Besuch dachte Heller in einer neuen Gesinnung über seine Liebe
nach und kam zu dem Schluss dass bei dem Verhältnis doch auf beiden Seiten ein
Irrtum gewaltet habe indem Helene eigentlich noch gänzlich in den bürgerlichen
Anschauungen befangen war und sich nicht wie er vorher gemeint zu den modernen
Ideen durchgerungen hatte und ihn auch nicht richtig verstanden hatte und auch
sie hatte sich etwas andres von ihm gedacht Dazu kamen psychologische
Erwägungen denn es war ihm nicht entgangen dass sie in ihrem Anzuge sehr
ordentlich aber recht einfach war und keinerlei Reiz entfaltete wo doch
offenbar ein Mädchen wenn es liebt den Wunsch hat dem Mann auf jede mögliche
Weise namentlich aber durch den Anzug zu gefallen deshalb wenn sie in
Wahrheit eine Neigung für ihn hätte so müsste sich ihr Gefühl irgendwie in
kleinen Koketterien der Haartracht oder eines einfachen Schmuckes oder einer
gefälligen Bluse oder sonstwie äußern aber weil nichts dergleichen geschehen
so musste er zu dem Schluss kommen dass ihre Zuneigung zu ihm nur auf einem Irrtum
beruhte der ja erklärlich war dass sie unter ihren eigentümlichen Umständen
sich das einreden konnte sie liebe ihn während sie vielleicht nur Achtung
empfand
    Wie Heller sich das klar gemacht beschloss er ohne Zögern so zu handeln wie
es die Umstände forderten denn für sie beide schien es ihm das beste wenn sie
nunmehr nachdem sie diese Einsicht gewonnen in den gewöhnlichen Zustand
zurückkehrten in dem sie sonst gelebt hätten deshalb schrieb er gleich in
diesem Sinne an Helene einen Brief Diese aber war sehr traurig als sie Hellers
Meinung erfuhr und weinte heftig denn sie dachte dass sie durch irgend etwas
seine Zuneigung verscherzt habe prüfte alle ihre Handlungen und fand endlich
als einzigen Grund der möglich war dass sie die Angelegenheit ihrer Mutter
erzählt und dass vielleicht von ihrem Vater Schritte geschehen seien die ihn
verletzt hatten So ging sie zu ihren Eltern um sich zu erkundigen und wie sie
alles gehört machte sie unter vielen Tränen ihrem Vater heftige Vorwürfe und
sagte er habe gegen sie ebenso gehandelt wie gegen ihren Bruder und der alte
Mann geriet in große Not und versuchte sie mit allerhand Versprechungen und
Liebkosungen zu beruhigen aber sie sagte immer ihr Leben sei zerstört und
keinerlei Trost wollte helfen Es musste aber in solchen Fällen auf einen immer
alle Schuld geworfen werden und so vereinigte sich bald die Mutter mit der
Tochter gegen den Vater und am Ende kam Helene derart zu einer gewissen
Beruhigung weil sie beides Vorwürfe machen und Klagen auslassen konnte Wie
Heller den üblen Erfolg seines Planes vernommen hatte geriet er in große
Verlegenheit und beschloss dass er Helene weiterhin besuchen und scheinbar ganz
in der früheren Weise mit ihr verkehren wollte dabei aber sollte sein Zweck
sein sie sowohl durch Gründe wie durch Erregung von Stimmungen zu andern
Gefühlen zu bringen so dass sie ihre gefasste Liebe vergässe Indem er nach diesem
neuen Plan handelte geschah es indessen dass die beiden als zwei junge und
harmlose Leute sich immer weiter in dem Netz der Liebe verstrickten und wie es
öfter geschieht so kam es auch hier dazu dass der weibliche Teil schnell ein
Übergewicht erhielt nachdem erst einmal eine gewisse Klarheit in den
Beziehungen eingetreten war und da Helene als ein braves und ordentliches Wesen
keine Neigungen für Hellers neue Theorien aufwies so endeten die beiden zuletzt
mit einer gewöhnlichen und bürgerlichen Verlobung Und dieses Ende machte zwar
Heller manche Unruhe denn er vermochte nur schwer seine Gedanken auf solche
unerwartete Handlungsweise einzurichten im Grunde aber hatte er doch ein großes
Glück durch diesen Ausgang denn nun wurde seinem Bedenken und Reden ein Schluss
gemacht und er musste sich auf einen Broterwerb einrichten was für einen
solchen Mann doch nötig ist sonst wird er mit den Jahren anstatt klüger immer
läppischer und zuletzt gelangt er vielleicht sogar zu Bösartigkeit
    Diese geschilderte Entwicklung von Hellers Liebe ging naturgemäß in einem
längeren Zeitraum vor sich währenddessen unser Held Hans verschiedenes kennen
lernte von dem er vieles noch nicht gewusst Die Berichte Hellers vom Fortgang
seiner Geschichte hörte er zuletzt mit Kopfschütteln an denn wiewohl der andre
älter war wie er kamen ihm doch jetzt Bedenken über ihn und er schätzte ihn
nicht mehr so sehr hoch wie anfangs Da sich eine solche Wandlung aus der
größten Hochachtung nicht verbergen lässt so verspürte sie Heller wohl und
indem er durch sie an einer Stelle getroffen wurde wo er am leichtesten
verwundbar war nämlich in der besonderen Achtung die er vor sich selbst hatte
so wurde er merklich kühler Hans aber wurde inzwischen durch die Zufälle
solcher unbestimmten Situationen des Lebens wie er sich jetzt befand zu einem
weiteren Verkehr mit Krechting getrieben und zu einer Bekanntschaft in der
Familie von Kurts Herrn
Über diesen Geschäftsmann und seine Frau ist nichts Wichtiges zu sagen denn sie
sind ganz gleichgültige bürgerliche Personen gewesen Der Mann hatte sich von
unten in die Höhe gearbeitet und weil er nicht Zeit gehabt bei steigendem
Wohlstand sich geistig weiterzuentwickeln so hatte er nun immer ein Gefühl der
Scheu und Befangenheit in seinem neuen gesellschaftlichen Leben dazu hatte er
seine alten Gewohnheiten zum Teil beibehalten die er als ganz armer Mensch
gehabt und hielt viel von dem alten Aberglauben fest der sich bei den Juden
aus dem Osten untrennbar mit ihrer Religion gemischt hat Dergestalt trat er in
seinem Hause nicht hervor denn die Frau die er geheiratet als er schon
wohlhabend war mochte im Grunde wohl auch nicht mehr Bildung besitzen wie er
hatte sich aber die äußeren Formen angeeignet und zeigte eine verwirrte
Freundschaft zu vielen unzusammenhängenden Dingen mit denen man sich in der
gebildeten Gesellschaft beschäftigt und leitete nach diesen Wünschen das Haus
    Unter solchen Verhältnissen waren zwei gute und brave Kinder aufgewachsen
ein Sohn und eine Tochter und hatte der Sohn der jetzt ein junger Student war
wie Hans schon von Kindheit an eine sonderbare Neigung für ganz entlegene
Gelehrsamkeit gehabt und vermochte es durchzusetzen bei dem bekümmerten Vater
der in seines Herzens Grunde alle Leute die nicht viel Geld verdienen trotz
vieler Mühe zum Gegenteil für dumm halten musste dass er Vorlesungen über
orientalische Sprachen hören durfte die Tochter aber die vor Fremden Luise
genannt wurde war ein fünfzehnjähriges Mädchen von früher Entwicklung die eine
große Liebe für die Dichtung aufwies Bei diesen Leuten war Krechting sehr
bekannt und als Hans hier das erstemal einen Besuch machte mit großer
Schüchternheit und empfangen von einem erstickten Lachen der lustigen Luise da
traf er den dort an
    Krechting war gleichfalls jüdischer Abkunft und mochte damals achtundzwanzig
Jahre zählen Vor etwa zehn Jahren war er als Student nach Berlin gekommen und
hatte sich einer Gesellschaft gleichalteriger Schriftsteller angeschlossen in
der er nach kurzem berühmt geworden als Dichter von ganz besonderer Begabung
indem er auf eine neue und unerhörte Art sah und darstellte Dann hatte er ein
Büchlein drucken lassen und weil dieses gerade in die Zeit kam wo immer Neues
sich ablöste und die Kunstrichter einmal aus ihrer alten Ruhe geschreckt
gegen sich misstrauisch geworden waren und begannen alles Neue und Unerhörte
ebenso hoch zu preisen wie sie es bis vor kurzem verhöhnt hatten so fehlte es
ihm nicht und der verwachsene junge Mann wurde als der Begründer einer
besonderen Richtung gepriesen und als ein solcher sogleich den übrigen jungen
Größen der Dichtkunst beigezählt Seit dieser Zeit aber hatte er kein weiteres
Buch geschrieben und zwar folgten ihm nun andere Neutöner und wurden neben ihn
gestellt aber sein Name war befestigt und blieb gerade durch sein Schweigen
indem die Leute zwar mehr und mehr vergaßen was er eigentlich damals gesagt
hatte Dann sammelte von den jüngeren Kunstrichtern die zu jener Zeit den Ton
angegeben allmählich einer nach dem andern seine Aufsätze und in jeder solcher
Sammlung war auch ein Aufsatz über ihn darauf erschienen zusammenhängende
Bücher über die geistige Bewegung jener Zeit und in jedem hatte er eine
besondere Stelle und so bekam sein Ruhm bereits eine gewisse geschichtliche
Art und war anzunehmen dass man auch weiterhin über ihn schreiben werde wie bis
jetzt und nach langer Zeit etwa einige fünfzig Jahre später würde dann ein
jüngerer Gelehrter Quellenstudien über sein Leben machen seine Briefe
herausgeben und auch sein alsdann sehr selten gewordenes Buch denn nur wenige
Abzüge waren verkauft neu drucken lassen
    Seine Eltern hatten ihn nach Berlin geschickt damit er Rechtswissenschaft
studiere und dann Anwalt werde und als solcher einen großen Namen bekomme und
viel Geld verdiene er aber hatte das Berufsstudium bald aufgegeben und allerlei
anderes getrieben um seine Persönlichkeit auszubilden Da er von ärmlichem
Herkommen war so blieben endlich die Zuschüsse von zu Hause aus und indem er
trotz seiner Berühmteit und seiner vielen und verschiedenen Kenntnisse und
Fähigkeiten doch nicht viel verdienen konnte außer etwas Geringes durch
Musikstunden so gelangte er zu der Meinung über sein Schicksal die er mit der
Redewendung ausdrückte er sei unter den Frachtwagen gekommen Den meisten
Menschen war es wunderbar wie er sich zu ernähren vermochte indessen hatte er
sich doch immer durchgeschlagen bis jetzt vornehmlich durch Bekanntschaft in
wohlhabenden Kaufmannsfamilien dann durch Unterstützungen die er sich so
geschickt zu verschaffen wusste dass sie nicht kleinlicher Art waren und von
vielen kamen denn geringe Summen die er geliehen zahlte er pünktlich zurück
    Unter solchen Umständen hatte er jene zehn Jahre verbracht die in eine
wichtige Lebenszeit fielen wo sich Wesentliches im Menschen bildet Als er noch
Kind war machte einmal auf ihn eine Stelle aus dem Talmud einen besonderen
Eindruck wo geschrieben stand Wer eine gerechte Handlung tut ist ein Geselle
Gottes in der Weltschöpfung Solange er an Gott glaubte hatte er diesen
Gedanken als seinen Mittelpunkt und seinetwegen glaubte er später nicht mehr an
Gott denn solches Wort ist ja nur ein mytischer Ausdruck der Gottlosigkeit
die aus dem Hochmut kommt Deshalb hatte er nachher überhaupt keinen Mittelpunkt
mehr für sein Selbst und das einzige Feste in ihm war der Hochmut Seiner
Eltern schämte er sich bald die ordentliche Leute waren nach ihres Volkes Art
denn er schämte sich auch seines Volkes ja er legte den Namen seiner Eltern ab
und nahm einen fremden an dabei fühlte er aber wohl dass er immer mit sich
tragen musste was er hierdurch fliehen wollte nämlich das Erbteil der
Schlechtesten unter ihm den Sinn eines frechen Knechtes Dem hatte das
Schmarotzerleben seine besondere Farbe gegeben indem es seine innere
Verlogenheit so vergrößerte dass er endlich selbst bei ganz unmittelbaren
Äußerungen seines Gefühls nicht mehr wusste ob es wahr sei So kam es dass er
scheinbar unvereinbare Eigenschaften vereinigt nämlich Bosheit und
Empfindsamkeit Etwa als er einmal nach seiner Weise über sich selbst seine
Figur und seine Art bei diesen bürgerlichen Leuten Späße gemacht hatte und sich
umblickte mit unruhigen Augen um ganz die Wollust seiner Hanswurstdemütigung zu
genießen sah er die kleine Luise mit unmutigen Tränen kämpfen zwischen den
lachenden und sich schüttelnden Menschen denn einem edlen Herzen mag solche
Niedertracht als eine bittere Kränkung seiner selbst erscheinen da trieb ihn
die Bosheit sich immer mehr preiszugeben und weil er zufällig Schillers
Schrift über die Schaubühne als sittliche Erziehungsanstalt bei ihr gesehen so
zog er auch Gedanken aus dieser Schrift mit in seine Gemeinheit hier ging das
Mädchen aus dem Zimmer mit krummem Rucken und als er diese Bewegung eines
unschuldigen und hochgesinnten Kindes sah hörte plötzlich die Bosheit auf zu
wirken und über ein jammervolles Bedauern mit sich selbst hinweg gelangte er in
eine empfindsame Stimmung schlich dem weinenden Kinde nach legte seinen Arm um
sie die sich zornig sträubte und weinte mit ihr
    Außer jenen Leuten wo er Parasit war hatte er zwei Arten von Freunden und
Bekannten Die erste Klasse waren seine Altersgenossen gleich ihm Zerstörte
oder Gescheiterte Menschen mit Instinkten die gegen sie selbst gerichtet
waren die große Worte machten und an ihnen zweifelten ja sie selbst
verlachten wenn man sie nur fest ansah Menschen mit unruhigen Augen und
Vogelprofilen ungleichem Gang und verwirrtem Sprechen liederlich und schmutzig
angezogen und die meinten sie seien die Herren des geistigen Lebens und über
alle war in jenen Aufsatzsammlungen und Geschichtswerken geschrieben und
untereinander verachteten hassten und verleumdeten sie sich Die zweite Klasse
bestand aus ganz jungen Leuten nämlich treuherzigen Studenten reichen
Jünglingen und unruhigen Menschen von allerlei Begabung die hochkommen wollten
das heißt zu einer Stellung wie die erste Klasse sie hatte Und diesen Männern
entsprachen die Mädchen und Frauen des Kreises Mit unordentlichem Haar und
schlecht sitzenden Blusen waren sie zwischen den Männern und redeten mit denen
ohne Scheu Alle diese Menschen wähnten frei zu sein aber sie waren nur
losgekettet von den Banden in denen die Gesellschaft die Schwachen hält und
hatten sich schnell härtere Fesseln selbst geschaffen durch ihre leichtfertige
und unbehütete erste Jugend Nach jenem Vorfall mit Luise geschah es wie
Krechting das nächste Mal zu ihren Eltern kam dass sie verwirrt war und gab ihm
die Hand nicht zur Begrüßung Er rief »Und Sie geben mir die Hand nicht« Sie
sah ihn unwillig an und legte flüchtig ihre Hand in seine die war ganz kalt vor
Aufregung Da wurde er verlegen und begann sehr schnell zu reden vom Wetter und
den vielen Leuten auf der Straße und sie lachte und lief aus der Tür dass die
Mutter tadelnd hinter ihr her rief und sie entschuldigte Als er allein mit ihr
war sprach er ganz anders wie er sich vorgenommen Er wusste dass sie eine
schwärmerische Vorstellung von ihm hatte als von einem reinen und edlen Dichter
und dass er für sie ein Ideal war wie sich junge Mädchen oft aus der Unschuld
und Größe ihres Herzens ein Bild schaffen das sie einem beliebigen Mann
vorhängen ihrem Lehrer oder einem jungen Offizier einem Schauspieler oder
ähnlichen Mit spöttischem Hohn hatte er bei sich hierauf ein Gespräch
aufgebaut aber wie sie nun jetzt schüchtern und demütig vor ihm saß fühlte er
unerwartet Mitleiden mit sich selbst und um das zu unterdrücken fing er gleich
mit Reden an die noch mehr gelogen waren wie seine beabsichtigten Lügen und
zugleich so ungeschickt in Beziehung auf das Kindchen dass dieses gar nichts zu
antworten wusste und immer nur dasaß mit gesenktem Köpfchen und er fühlte dann
einen Zwang immer weiterzureden dass er immer läppischer wurde Er sprach »Sie
müssen mich sehr verachten dass ich so über mich selbst spotte und auch über
Schiller aber diese beiden Dichter verehre ich am höchsten nämlich mich und
Schiller und welchen Sinn hätten Götterbilder wenn man sie nicht von ihren
Sockeln stürzte Und haben Sie nicht schon bemerkt dass man ein eigenes
Machtgefühl bekommt wenn man sich selbst der Verachtung preisgegeben hat und
sieht die Gesichter der Höflichen ringsum die ihren Ausdruck zu
Liebenswürdigkeit zwingen Dass das Gefühl mehr wert ist wie sein Gegenstand
wissen Sie am besten«  hier spürte er herzklopfend seine Schamlosigkeit wie die
eines dritten  »nämlich aus der Liebe Und ich will nicht Macht ich will nicht
Liebe ich will nur den flüchtigen Rausch einer Sekunde genießen denn dieser
enthält alles Wertvolle aus ihnen jeder Besitz ist Enttäuschung deshalb lebe
ich als Chambregarnist nicht nur mit meinem physischen Menschen «
    Luise war aufgestanden schwer wurde ihr das Sprechen »Sie sind so
unglücklich« sagte sie schamhaft er spürte plötzlich ihre Lippen auf seiner
Stirn wie einen kühlen Hauch dann war sie unversehens aus dem Zimmer Da kam
Scham über ihn und er wusste nicht dass er sich nach ihr sehnte so zerstört war
er dass er das nicht wusste Hans wurde um eben jene Zeit mit der Familie
befreundet als sich diese Dinge abspielten So erlebte er auch den weiteren
Verlauf
    Zu Krechtings größerem Kreise gehörte ein junger Dichter den wir hier Peter
nennen wollen den hatte er schon vor langem mit der Familie bekannt gemacht
und war der merkwürdigerweise der einzige von den jungen Genies der Frau zu
welchem der Mann in eine Art von Beziehung geriet indem er nämlich gelegentlich
kleine Scherze über ihn machte die der harmlos erwiderte denn in so
verschiedenen Welten lebten die beiden dass sie sich gar nicht kränken konnten
    Peter war gleichfalls vor etwa zehn Jahren nach Berlin gekommen in einer
freilich unbekannten Absicht und hatte eine Anzahl seltsam ungeschickter und
kindischer Gedichte mitgebracht die recht töricht schienen wenn man sie für
sich las obschon zwar aus dem wirren und gleichgültigen Zeug zuweilen einmal
ein Wort besonders ein Beiwort oder ein Satz auffiel der dem Leser ans Herz
rühren mochte Las er aber selbst vor so bekamen diese schülerhaften Reime ein
ganz neues Leben denn seine guten und sanften Augen leuchteten und sein
Gesicht hatte einen Schein von innen heraus und die abgenutzten Worte und
Wendungen erhielten ein frühlingsmässiges und feines Gefühl Dann sagte jeder
lächelnd »Er ist ein großes Kind« aber alle wurden sonderbar froh glücklich
und gut als wenn seine bescheidene Seele mächtig geworden wäre über sie und
lächelten auch über ihn und dachten Er ist doch ein Dichter und das war mit
einer Freude empfunden wie gegenüber einem kleinen Kinde geschieht
    Auch dieser Jüngling hatte in jenen früheren Zeiten sein Bändchen
herausgegeben nur kein Kritiker beachtete es weder in feindlicher noch in
freundlicher Gesinnung und so schrieb niemand etwas über seine Gedichte aber
alle jene scharfsinnigen und klugen Schriftsteller liebten ihn und sagten »Er
ist doch ein Dichter« oder sie sagten »Er ist ein großes Kind« Und so lebte
auch er zehn Jahre lang in einer Weise die sich keiner erklären konnte denn
niemand nahm und druckte seine Arbeiten und er borgte von niemand außer etwa
einmal eine rührende Kleinigkeit zehn oder zwanzig Pfennige Es fand sich aber
dass er Unterkunft hatte bei ganz armen Leuten bei denen er als Student gewohnt
die gönnten ihm ein Plätzchen umsonst am Tage auf einem Stuhl in der Werkstatt
denn der Mann war Schuhmacher und des Nachts in der Küche in einer alten
eisernen Bettstatt die am Tage zusamengeklappt wurde sein weniges Essen aber
fand er bei Freunden wenn er die zur Abendbrotzeit besuchte oder die
Schuhmachersleute gaben ihm auch wohl von ihrer Suppe ab Weil der nun in seiner
Armut unterstützt werden sollte und ihm doch niemand ein Almosen bieten mochte
so war er von der Frau angenommen der Tochter und einigen ihrer Freundinnen
Unterricht in der Literatur zu erteilen wodurch er dreißig Mark im Monat
verdiente und weil er seit langen Jahren nicht so viel Geld gehabt hatte so
schöpfte er jetzt neue Zuversicht und hatte neue Kraft zu schaffen sagte auch
wie wohl es einem Dichter tue wenn er eine feste Einnahme habe die ihn vor der
Not schütze und ihm auch erlaube sich zuweilen ein gutes Buch zu kaufen Bei
seinen Schülerinnen hätte er wohl einen recht schweren Stand gehabt denn die
hatten bald gemerkt dass er vieles Sonderbare glaubte was man ihm aufbinden
mochte und dass sein Urteil und Wissen in der Literaturgeschichte recht
wunderlich schien aber er merkte es gar nicht wenn sie über ihn lachten
sondern lachte fröhlich mit sagte auch wohl wie gut es tue so zwischen Jugend
zu leben und ihre glückselige Heiterkeit in sein Herz aufzunehmen Und bald
entwickelte sich etwas Merkwürdiges dass seine Schülerinnen ganz mütterliche
Gefühle für ihn zu bekommen schienen und er folgte ihnen treulich wenn sie ihm
dieses oder jenes richteten oder anbefahlen für seine Kleidung oder seine
Lebensweise und wurden die Mädchen dabei dann ganz ernstaft und umsichtig und
zuletzt kamen sie auf den Gedanken weil er doch ein so guter Mensch sei wenn
auch nicht ganz klug so müsse er heiraten weil ein solcher wie er bei den
gegenwärtigen Zeiten wo die Männer meistens selbstsüchtig und ungebildet seien
eine Frau sehr glücklich machen werde durch die Bildung seines Herzens und er
selbst müsse auch jemand haben der für ihn sorge aber sehr reich müsse die
Frau sein da er ja niemals viel verdienen werde dabei stellte sich denn
heraus dass ihn alle diese zwitschernden und lachenden Mädchen so herzlich lieb
hatten dass ihn jede genommen hätte wenn nur die Eltern einverstanden gewesen
wären denn um seine eigene Einwilligung machten sie sich keine Sorgen
    Am nachdenksamsten aber wurde durch ihn Luise und fasste eine besondere
Neigung zu ihm und geschah das so dass Peter einmal mit ihr allein war und da
sie zu ihm Vertrauen hatte so erzählte sie ihm dass in ihrer Familie etwas
vorgefallen sei wie ja öfter geschah durch den Gegensatz der beiden Eltern und
dass man ihr nichts davon mitteilte Auf diese Klage antwortete er dass den
Eltern doch viel Trost im Leben fehle wenn sie die Kinder an ihrem Kummer nicht
teilnehmen lassen und den guten Kindern machen sie auch das Herz schwer denn
sie spüren doch von dem Unheil aber müssen dann ihre Lust am Helfen und Trösten
in ihrer Brust verschließen das nahm sie ihm nun zwar übel dass er sie für ein
Kind hielt aber wie er dann fortfuhr dass den Erwachsenen die Kinder gegeben
seien damit sie besser und heiterer würden und wie sie ihn fragte ob er
selbst durch sie besser geworden sei lachte er freundlich und sprach »Ja ich
habe Sie doch lieb« da fiel sie ihm um den Hals und küsste ihn und dann lief
sie schnell weg Nach Wochen aber sagte sie ihm dass sie ihn geküsst habe sei
geschehen weil er doch ein erwachsener Mann sei und sie noch ganz jung und er
sei doch ihr Lehrer
    Peter teilte ihr auch mancherlei Pläne und Wünsche mit so vor allem seinen
Gedanken eine Zeitschrift zu begründen die nur der reinen Kunst und dem
Schönen dienen solle und nicht abhängig sei von Rücksichten auf Gewinn und
Verdienst und meinte da er selbst jetzt doch für sich eine passende Einnahme
habe die für seine Bedürfnisse genüge so könne er die Leitung dieser
Zeitschrift ohne Belohnung übernehmen und solche Dichter die wohlhabend seien
würden ihre Werke umsonst zum Abdruck geben und die ärmeren Dichter müssten sehr
viel bezahlt bekommen Dann müsste sich ein Reicher finden oder es gebe
vielleicht auch mehrere reiche Leute die der Kunst helfen wollten man kenne
sie nur nicht und sie wüssten nicht wie weil sie vielleicht in entlegenen
Schlössern wohnten und es sei auch noch nicht eine solche Zeitschrift da der
sehr viel Geld schenke das müsse man dann natürlich recht sorgsam verwalten
damit auch das gewollte Ziel erreicht werde und es nicht Unwürdigen zugute
komme Wenn dann die Zeitschrift recht viele Leser habe dann könne man das Volk
zur wahren Kunst erziehen dass es sich nicht mit den schlechten und dummen
Büchern abspeisen lasse die ihm heute gegeben würden sondern gute Kost wolle
und dadurch würden auch wieder in Rückbeziehung die Dichter gehoben denn die
würden mehr Freude an ihrem Schaffen haben und manche gebe es von denen er für
seinen Teil glaube wennschon er keinen Namen nennen wolle die gewiss Schöneres
und Edleres schaffen würden wie sie jetzt täten wenn sie sähen dass es seine
Leser fände
    Durch solche gegenseitige Vertraulichkeit kamen sich die beiden immer näher
und wie nun in den Kindern der Plan entstanden war dass sie Peter verheiraten
wollten so kam sie zu dem Entschluss sie selbst wolle ihn zum Manne nehmen
wenn sie zu ihrem Alter gekommen wäre welche Gedanken sie aber noch verschwieg
aus Scham und Bedenken
    Es hatten aber die Eltern der jungen Mädchen am Ende gespürt dass in den
Literaturstunden mancher Unfug getrieben wurde und dass die Kinder seltsame
Ansichten und schlechte Kenntnisse erwarben Hierdurch kam zuletzt Zwistigkeit
und Ärger mit dem Lehrer und so wurden am Ende die Stunden aufgekündigt und
Luise erhielt von ihrer Mutter noch außerdem viele Vorwürfe über ihre besondere
Vertraulichkeit mit dem Dichter und wurde hässlich über ihn gesprochen Gegen
solche Reden wehrte sie sich zuerst und verteidigte ihn aber endlich wie sie
spürte dass sie durch ihre Widerworte das Übel nur ärger machte schwieg sie und
ersann einen Plan So erwartete sie ihn auf der Straße sprach ihn an und sagte
ihm dass er wohl gemerkt haben werde welche Wünsche sie habe nämlich später
einmal seine Frau zu werden aber jetzt sei ihr das Leben bei den Ihren so
unerträglich geworden dass sie nicht mehr so lange zu Hause bleiben wolle bis
sie sich ihnen weil sie dann ganz erwachsen sei offenbaren könne sondern sie
wolle mit ihm von Hause fliehen Sie würden aber sicher schon einen Ort finden
wo gute Menschen sie aufnähmen und sie seien doch beide auch nicht hochmütig
sondern würden gern jede Arbeit übernehmen um sich ihr Brot zu verdienen Peter
erwiderte ihr dass das zwar sehr schwer sei was sie vorhabe aber wenn sie
nicht mehr bei ihren Eltern bleiben könne welches er glaube wenn er ihrer
beider Art betrachte so wolle er ihr helfen und mit ihr entweichen und denke
er aber sie zu seiner alten Mutter zu bringen die weit weg in Westfalen lebe
in einer kleinen Stadt und zwar recht arm sei aber sie habe ihn sehr lieb und
mache ihm nie Vorwürfe dass er in den Augen der Welt kein großes Wesen geworden
sei wenn er ihr freilich auch immer erzählt habe dass er viel Geld verdiene
welches man als Schriftsteller ja könne indem mancher für einen kurzen Artikel
den er in einer Stunde schreibe hundert Mark oder noch mehr bekomme Dieser
Mutter solle sie dann behilflich sein weil sie nämlich außerdem dass sie für
Leute wasche einen kleinen Laden halte mit Schreibwaren für die Schulkinder
und so könne sie ohne Sorge und in Liebe leben
    Wie das Mädchen einverstanden war machten sie sich gleich auf den Weg nach
dem Bahnhof und kauften Fahrscheine und da sie nicht genug Geld hatten konnten
sie freilich nicht bis zum Ende fahren aber Peter tröstete sie und sprach dass
sie nur eine ganz kurze Strecke gehen müssten acht oder zehn Stunden durch
einen schönen Wald Und so fuhren sie nun und am Ende stiegen sie aus machten
sich auf die Füße und gingen und wie sie zu dem Walde kamen und hochwipflige
Bäume sie empfingen da fassten sie sich freundlich an die Hand und schritten
weiter fröhlichen Mutes wie zwei Kinder Laub raschelte unter ihren Füßen und
hoch über ihren Köpfen bogen die Zweige sich wölbend zur Höhe und durch grünes
Laub leuchtete Sonnenschein und Tropfen des Lichtes fielen auf den Boden voll
goldbraunen Laubes Und allerhand geheimnisvolle Märchenlaute waren da hinter
den Bäumen ein Klopfen und Zirpen und ein leises Huschen und ein Knistern
eine blitzende Fliege summte in einem schrägen Sonnenstrahl und ein ganz großer
Käfer flog mit tiefem Gebrumm rund um einen Baumstamm Der Dichter erzählte von
den Waldvögelchen von den kleinen Meisen die so klug schauen und von den
Finken vom Zeisig und Hänfling und von den wunderlichen Spechten und das
kleine Mädchen schmiegte sich an ihn ängstlich und voll Liebe und das Herz tat
sich ihr auf denn sie hatte bis dahin den Wald noch nicht gekannt weil ihre
Eltern immer mit der Eisenbahn an vornehme Orte gefahren waren bei denen es
Bäume auf Rasenplätzen gab und sorgfältig geharkte Wege
    Viele Stunden gingen die beiden und sie wurde recht müde denn sie war
solcher Wege nicht gewohnt er aber schritt immer freudig und zuversichtlich
weiter und deshalb mochte sie ihm nichts klagen denn von selbst merkte er
nicht ihre Ermüdung und so kamen sie am Ende vor das kleine Städtchen wo
Peters Heimat war und gingen durch das alte Tor die große Straße hinunter wo
neugierige Gesichter hinter blitzenden Fensterscheiben ihnen nachsahen und in
Nebengässchen und in einem ganz versteckten Winkel da stand ein uraltes
Häuschen ganz schmal und niedrig unter einem blühenden Lindenbaum und war die
obere Hälfte der Haustür geöffnet und man konnte durch den dämmerigen Hausflur
in ein Gärtchen sehen wo rote Rosen an hohen Stöcken blühten Da traten sie
ein und da kam Peters alte Mutter aus ihrem Stübchen und trug ihre alten
mageren Arme nackt und legte die Hand über die Augen um die Fremden zu
betrachten da umarmte sie schon ihr Sohn und küsste sie und in ihrem ehrlichen
Gesicht ging die Freude auf
    Wie sie nun alle drei in dem heimlichen und sauberen Stübchen saßen auf dem
schwarzledernen Kanapee unter den bunten Öldruckbildern und Peter erzählte
seine Geschichte und Vorhaben da schlug die alte Frau wohl immer nur die Hände
zusammen vor Verwunderung und wiegte den Kopf und sah liebevoll das zarte
Mädchen an aber nicht einmal kam ihrem braven Herzen der Gedanke dass ihr
großer Junge doch noch ein rechtes Kind sei denn sie hatte eine besondere
Hochachtung vor ihm Deshalb war sie mit allem einverstanden und jetzt lief sie
nun eilfertig hinaus in die Küche einen kräftigen Kaffee zu bereiten auf die
Anstrengungen der Reise Aber als die beiden jungen Leute allein waren begann
Luise plötzlich heftig zu weinen und wie er sie trösten wollte und streichelte
ihr die schwarzen Haare da machte sie eine unwillige Bewegung mit der Schulter
dass er ganz ratlos dastand Bald blickte sie wieder auf und sah in sein Gesicht
und da musste sie plötzlich hell auflachen aber das Weinen war noch nicht ganz
vorüber und das Böckchen stieß sie mitten im Lachen und ihre Augen füllten
sich wieder mit Tränen Indem kam die gute alte Mutter wieder in die Stube und
trug auf einem Präsentierbrett den Kaffee in einer sehr großen Kanne und zwei
Tassen denn sie selbst wollte nicht mittrinken weil sie sich für zu gering
hielt und eine rotlackierte Zuckerdose aus Blech stand bei der Kanne und wie
sie die Weinende erblickte fing auch sie an zu trösten und empfahl den Kaffee
indem sie eine lange Geschichte begann wie er eine wunderbare Heilung einer
Lahmen bewirkt hatte da lugten durch die Türspalte die beiden Mieterinnen die
sie in ihrem Häuschen hatte das waren zwei uralte Weiberchen sauber und
ordentlich und über die Massen neugierig Wie die Mutter die beiden bemerkte
nötigte sie dass sie hereinkommen mussten die entschuldigten sich vielmals und
standen hintereinander dann aber kamen sie in die Stube indem sie sich die
blanken Hände an den reinlichen blauen Schürzen abwischten und neugierig das
Pärchen betrachteten Aber bald wurden sie recht vertraut prüften mit den
Händen den Stoff von Luisens Kleid und fragten nach dem Preis tranken vergnügt
von dem schwachen Kaffee aus der großen Kanne nachdem sie zuerst vielmals
abgelehnt erzählten von ihren Krankheiten und fragten ob Luise auch die
Kaiserin recht oft sehe Peter war fröhlich und unbefangen zwischen den drei
gutherzigen alten Frauen lachte viel und erzählte so dass die drei nicht aus
dem Verwundern kamen Luise aber hatte inzwischen einen Entschluss gefasst zog
Peter auf die Seite und bat ihn dass er ein Telegramm an ihre Eltern schicke
das denen ihren Ort anzeige welches der sehr richtig fand und tat sofort was
sie begehrte
    So geschah es denn dass am nächsten Tage die Eltern des Kindes kamen in
großer Aufregung und Sorge aber wie sie den frohmütigen und harmlosen Dichter
die geschäftige und saubere alte Mutter und die braven andern Weiberchen um ihre
Tochter versammelt fanden die lachend ihrem Vater an den Hals flog da
vermochten sie nicht die empörten Reden an Peter zu führen die sie sich
vorgenommen sondern die Mutter machte nur ein gekränktes und kaltes Gesicht
und der Vater brummte etwas das nicht deutlich wurde durch die Liebkosungen der
lachenden Tochter und zuletzt weil sie ganz ratlos waren was das Ganze
bedeutet habe nahmen sie das Mädchen mit sich in ihr Gasthaus und luden den
Dichter zum Mittagessen ein das er ohne Schuldbewusstsein auch freundlich
annahm Nach diesem Anfang fanden die Eltern bald wie sie das ganze Begebnis
als einen Kinderstreich auffassen konnten was die ihrem Wesen angemessene Art
einer Erklärung war und so überwanden sie leicht ihren Groll und am Ende
lachten sie mit ihrer Tochter zusammen indem die Fröhlichkeit des unbefangenen
Kindergemütes auf sie überstrahlte
    Wie sie alle in dem Gasthause versammelt waren sprach Luise dass sie
gedacht habe sie wolle später wenn sie in ihre Jahre gekommen wäre den
Dichter heiraten aber nun sei ihr doch klar geworden dass sie ihn zwar immer
noch so lieb habe wie früher und vielleicht noch lieber aber seine Frau könne
sie nicht werden Das wolle sie ihm gesagt haben und weil sie sich noch nicht
geküsst hätten bis jetzt so wolle sie ihm nun zum Abschied von ihrem
gemeinsamen Plane einen Kuss geben als sie das gesprochen hatte fasste sie sein
Ohrläppchen beugte seinen Kopf zu sich nieder und küsste ihn auf die Lippen
dann lächelte sie indes ihr eine Träne in die Augen trat und auch der Dichter
lächelte So endete der beiden Liebesverhältnis
Indem Hans immer weiter in die Gedanken hineinkam die in dem Kreise der
Menschen um ihn herrschten gelangte er bald zu dem Entschluss dass er sein
Studium ändern müsse Aber Scheu vor den Eltern und Furcht vor dem Ungewissen
hielten ihn eine Zeit in einem peinigenden Zustande bis er sich am Anfang des
zweiten Semesters zu einer schnellen Tat entschloss denn durch Zufall war die
Tür der Amtsstube in der Universität einmal offen wie er gerade vorbeiging da
trat er ein und erklärte dass er sich in eine andere Fakultät umschreiben lassen
wolle und wie ihn der Beamte fragte was er denn zu studieren gedenke da sagte
er ohne Besinnen und ohne dass er vorher eine Absicht gehabt hatte er wolle
Historiker werden Dann belegte er seine neuen Vorlesungen fasste sich auch ein
Herz und besuchte einen der Lehrer der empfing ihn freundlich und hatte bald
Hansens Meinungen erkundet denn er hatte selbst in jungen Jahren freiheitlich
gesinnte Ansichten gehabt und wie damals gerade die Revolutionszeiten gewesen
waren hatte er als junger Gymnasiallehrer seinen Schülern lateinische Aufsätze
aufgegeben über die Vorzüge der Republik vor der Monarchie und darüber dass die
Verbrennung der Leichen richtiger sei wie das Begraben Wegen solcher Betätigung
seiner Gesinnungen hatte die Behörde ihn damals abgesetzt aber später wurde er
an die Universität berufen Dieser alte Mann bekam eine Freude an Hans und der
gewann so einige geringe Aussichten für seine Zukunft
    Inzwischen war sein Jugendgenosse Karl gleichfalls nach Berlin gekommen und
zeigte sich als von gleichen Ansichten So beschlossen die beiden eine nähere
Bekanntschaft mit wirklichen Arbeitern zu machen und da sie keinen andern Weg
wussten so dachten sie eine Volksversammlung zu besuchen und gerieten in die
Versammlung eines großen Fachvereins in der ein Vortrag über die
materialistische Geschichtsauffassung gehalten wurde denn damals wo das
Sozialistengesetz noch bestand hatten diese Fachvereine in Wahrheit eine Art
politischer Bedeutung die zwar nicht ausgedrückt war aber sich doch mit
Notwendigkeit von selbst aus den Umständen ergab Mit einer großen Furcht wie
vor etwas Ausserordentlichem hielten sich die beiden bescheiden im Hintergrund
wo neben ihnen am Tisch einige Arbeiter saßen ein alter Mann und zwei junge
Leute die sie zuerst misstrauisch betrachteten und endlich sagte der eine junge
Mann gerade heraus sie seien doch keine Schuhmacher es war nämlich der
Fachverein eine Verbindung der Schuhmacher und sie sollten ihm ihre Absichten
sagen Darauf erwiderte Hans dass sie Studenten wären und gern die Verhältnisse
der Arbeiter kennen lernen wollten Hierüber wurden die Gesichter der andern
freundlich und bewillkommten die beiden und zogen sich noch weitere Arbeiter an
ihren Tisch die alle fröhlich und liebenswürdig waren dabei stellte sich
heraus dass sie Hans und Karl für zwei Spitzel gehalten weil man an ihren
Daumen gesehen dass sie keine Schuhe machten und Hans trug Stiefel die zu
Hause von einem schlichten Schuster genau in der Form gearbeitet waren wie die
Kommissstiefel an denen die Geheimpolizisten erkannt wurden
    Hans war recht erstaunt über die braven und ordentlichen Gesichter der Leute
und über ihre sonntägliche Kleidung und fröhliche und ruhige Art Einen gewissen
Ernst hatten sie wohl alle aber der war mehr ehrbarer und bürgerlicher Art und
sie zeigten nichts Düsteres oder Trauriges sondern schienen als wenn sie alle
zufriedener und glücklicher Hoffnung lebten Die meisten der Anwesenden waren
jung und man sagte Hansen dass die Älteren weil sie verheiratet seien
gewöhnlich das Geld nicht aufwenden könnten welches das Gehen in die
Versammlung koste weil man doch sein Glas Bier trinke oder auch zwei und
seine Zigarre rauche
    Ganz vorn auf einer Erhöhung saßen an einem langen Tisch die
Vorstandsmitglieder und an einem Tischchen daneben ein Polizeioffizier mit einem
Schutzmann Nach einiger Zeit eröffnete der Vorsitzende die Versammlung und es
wurden einige Angelegenheiten des Vereins erledigt in merkwürdig förmlicher und
formelhafter Weise indem der Vorsitzende häufig erklärte so oder so sei die
parlamentarische Sitte denn das schien als besondere Hauptsache betrachtet zu
werden dass alles bis ins kleinste parlamentarisch zuging Bei einem Punkte
fragte Hansen sein Nachbar leise indem er annahm ein Student wisse diese
wichtigen Dinge ob das so richtig sei Man verspürte bei allen dass sie einen
freudigen Wunsch nach Form und Regel hatten und nach Kräften eine Ordnung
suchten um sich ihr zu unterwerfen Dann stand der Vortragende auf der über
die materialistische Geschichtsauffassung reden wollte Der war ein älterer
Arbeiter in dessen Gesicht sich eine merkwürdige geistige Anstrengung zeigte
wie er redete denn er holte mit schwerer Arbeit die Gedanken herauf und drückte
sie mit Mühe in Worten aus und deshalb sprach er sehr langsam und eindringlich
alle aber folgten ihm mit eigener großer Anstrengung Was er sagte hatte
eigentlich mit der Marxschen Theorie wenig zu tun es kam aber seine
Herzenssehnsucht heraus und die Herzenssehnsucht der Hunderte von Arbeitern die
ihm lauschten denn er meinte die Arbeiter seien heute von der Bildung
abgeschnitten und müssten sich die Bildung erwerben dann seien sie die Herren
der Welt und jeder von diesen Männern dachte bei seinen Worten dass er die
Bildung haben wolle und malte sich ein Gedankenbild zukünftigen Lebens der
Menschheit wo alles Leid verstummte Hass Neid und Unterdrückung verschwand und
die Menschen in gegenseitiger herzlicher Freundschaft lebten und sich bildeten
    Wie der Vortrag beendet war und einige aus der Versammlung nacheinander auf
die Stufe traten und ihre beistimmende oder abweichende Meinung sagten sprachen
Hans und Karl weiter mit den Männern die an ihrem Tische saßen Der eine war
erst vor kurzem aus dem Osten nach Berlin gekommen nachdem er zu Hause eine
mehrjährige Gefängnisstrafe abgebüsst hatte wegen Geheimbündelei Der erzählte
seinen Prozess und stellte seine Sache so dar dass er mit seinen Freunden die
das Gesetz wohl kannten keinerlei Geheimbund gehabt indem sich sich immer nur
freundschaftlich zu Ausflügen oder Zusammenkünften getroffen hatten Dann fuhr
er fort dass er zuerst der Meinung gewesen er sei ungerecht verurteilt nicht
dass die Richter gegen ihn besonders etwas gehabt hätten aber sie seien durch
ihre Klassenvorurteile verblendet dann aber habe er sich die Sache weiter
bedacht und sich im Geiste auf den Standpunkt des Richters gestellt denn wenn
einmal ein Gesetz sei und wenn es auch ungerecht ist so müsse doch der Richter
danach entscheiden und da habe er sich denn gesagt dass er und seine Freunde
eigentlich nur eine Umgehung des Gesetzes begangen hätten denn alles was das
Verbot des Geheimbundes bezwecke hätten sie doch getan und sich nur gehütet
die äußeren Formen eines Vereins anzunehmen und das habe der Richter wohl
eingesehen und darum müsse er sich jetzt selber sagen dass er gerecht
verurteilt sei und wenn er selbst Richter gewesen wäre so hätte er auch nicht
anders gekonnt
    Über diese Worte entstand eine Meinungsverschiedenheit indem einige sagten
wenn kein wirklicher Verein mit Satzungen und Vorsitzenden und festen
Versammlungen gewesen sei so wären sie in unrechtmässiger Weise bestraft und es
könnten ja dann alle andern Menschen auch verurteilt werden weil doch jeder
einen Kreis von Bekannten habe die mit ihm einer Gesinnung seien die andern
aber schlossen sich der Meinung des Erzählers an den sie Jordan nannten und
sagten Recht müsse sein und wenn sie selbst erst die politische Macht errungen
hätten was wohl schon in zehn oder zwanzig Jahren sein könne so müssten die
Gegner auch den Gesetzen gehorchen die sie selbst dann geben würden zwar
würden diese freilich auf keine Unterdrückung ausgehen und deshalb würden auch
die Gegner wohl willig sich ihnen fügen
    Sie fragten auch Jordan nach dem Aufenthalt in seinem Gefängnis denn es war
eine Nachricht durch die Zeitungen gegangen dass er und seine Freunde sehr viel
hatten erdulden müssen Da streifte Jordan seine Ärmel hoch zog die Manschette
ab und wies an seinem mageren Arm einen geröteten Streifen um den Knöchel denn
man hatte ihnen Ketten angelegt aber wie die Zuhörer Ausrufe machten erzählte
er dass das Tragen der Ketten nicht so schlimm sei wie man sich vorstelle denn
man habe ja ohnehin nicht viel Bewegung nur müsse man immer Vorkehrungen
treffen dass die Haut nicht durch das Eisen gescheuert werde denn solche Wunden
heilten sehr langsam und seien schmerzhafter wie manche gefährliche Verletzung
Und wie einige darauf wieder über den Leiter der Gefängnisse schalten dass er
sie unnützerweise mit diesen Ketten gequält habe entschuldigte er von neuem
indem er sagte man habe sie erst nach einem Fluchtversuch von zweien unter
ihnen geschlossen und wenn er selbst auch die Ketten für ein sehr wenig
wirksames Mittel gegen die Flucht halte so sei doch der Leiter der Anstalt
andrer Meinung gewesen und habe gedacht dass er auf diese Art weitere
Fluchtversuche unmöglich mache Der Erzähler schloss dann indem er
auseinandersetzte ein jeder Mensch stehe auf seinem Posten den er ausfüllen
müsse und anders könne er nicht und er selbst glaube dass unter den niederen
Gefängnisbeamten mancher sei der ihre Meinungen teile aber er müsse doch seine
Pflicht tun Und deshalb kämpfen ja auch sie er und die andern nicht gegen die
Menschen sondern gegen die Verhältnisse und man müsse auch nicht glauben dass
es in den höheren Ständen nur lauter rohe und gefühllose Menschen gäbe vielmehr
lebe da mancher der selbst in großer Bedrängnis sei
    Dieser Jordan war ein langer und hagerer Mann dem man in seinem
kummervollen Gesicht deutlich seine früheren Leiden ansah und sprach langsam
und gemessen und mit einer kindlichen Wichtigkeit Die Zuhörer schienen alle
recht ernst geworden als aber ein neuer sich zwischen sie setzte wurden
plötzlich alle heiter und begrüßten den lachend denn auch der hatte zwar erst
vor kurzem das Gefängnis verlassen wohin er wegen einer Majestätsbeleidigung
gekommen aber sie fingen an ihn zu necken und erzählten er sei bis über
beide Ohren verliebt in ein Mädchen die ganz außerordentlich zielbewusst war
denn so nannten sie es wenn jemand ihre Anschauungen teilte und die habe ihm
einmal gesagt sie könne ihn nicht lieben weil er noch keine Opfer gebracht
habe und sei nicht ein einziges Mal verurteilt das habe er sich so zu Herzen
genommen dass er noch denselben Abend in einer Versammlung eine Rede mit den
heftigsten Majestätsbeleidigungen gehalten für die man ihn sofort arretiert
habe Über diese Geschichte lachten alle und wie er selbst den Erzähler zum
Scherz mit dem Ellbogen stieß entstand unter Gelächter und Spässen ein
allgemeines scherzhaftes Schieben und Stoßen um den Tisch wie bei fröhlichen
Jungen dass der ernste Polizeileutnant seinen gesträubten Bart von dem Papier
auf dem er fleißig die Reden niederschrieb nach der Richtung wendete und der
Vorsitzende eine Glocke erklingen ließ und zu parlamentarischer Ordnung mahnte
    Auf der Bühne stand gerade ein Redner der seine abweichende Meinung von den
Gedanken des Vortragenden mühsam in recht unklaren Sätzen erklärte die doch von
den Versammelten mit musterhafter Geduld und Ruhe angehört wurden seine Meinung
aber war dass die Arbeiter die Bildung schon errungen hätten weil sie
»aufgeklärt« seien aber es gäbe noch eine zu große Menge von »unaufgeklärten«
Arbeitern und die seien der wahre Feind gegen den man kämpfen müsse Zum
Schluss trug er einen Vers vor der gegen den »Unverstand der Massen« gerichtet
war und großen Beifall erhielt
    Inzwischen erzählten die jungen Leute mit leiser Stimme wieder andere
Scherze Auf einen gewissen Polizeibeamten den sie den Spitzohrigen nannten
hatten sie einen besonderen Ärger und deshalb wurde ihm zum Verdruss regelmäßig
die neue Nummer des »Sozialdemokrat« in den Briefkasten gesteckt ohne dass er je
den Täter ausfindig machen konnte der »Sozialdemokrat« war damals das
anerkannte Blatt der Partei und wurde in England gedruckt und heimlich nach
Deutschland gebracht und hier im stillen verbreitet und besonders stolz waren
die Leute darauf dass das Blatt immer mit der pünktlichsten Regelmäßigkeit in
die Hände der Leser kam Über den Spitzohrigen erzählten sie noch andere
Geschichten der hatte bei einer Haussuchung in einer gipsernen Kaiserbüste
wichtige Schriftstücke der Partei entdeckt die der Besitzer an ihrem Ort ganz
sicher geglaubt aber nach einigen Tagen wie des Kaisers Geburtstag war hing
bei ihm eines Morgens eine blutrote Fahne aus dem Fenster statt der
schwarzweissen und hier vermochte er den Mann der ihm diesen Streich gespielt
nicht aufzufinden Mit besonderer Freude erzählte diese und andre Geschichten
der junge Mann der mit seiner zielbewussten Geliebten geneckt war und Weiland
genannt wurde und seiner Listigkeit merkte man wohl an dass er nicht
unbeteiligt war an derartigen Spässen
    Während diesem hatte der Redner auf der Bühne eine unvorsichtige Äußerung
getan über die erhob sich der Polizeileutnant setzte seinen Helm auf und
erklärte die Versammlung für aufgelöst Da standen sofort alle auf und indem
sie sich mit Ruhe zum Gehen bereiteten stimmten sie die Marseillaise an der
ein besonderer für ihre Verhältnisse passender Text untergelegt war
    Das machte auf Hans und Karl einen gewaltigen Eindruck wie die mutigen
leidenschaftlichen und jubelnden Töne dieses Liedes von Hunderten begeisterter
Männer gesungen in dem vorher so nüchternen Saale ertönten und es war als
wollten diese Leute jetzt alle gleich zum Kampf eilen und als müssten sie
siegen und die beiden Studenten waren so hingerissen von der Wucht dass sie
sich gleich dem Haufen angeschlossen hätten wenn die zu einer Barrikade gezogen
wären denn es war als sei ihnen die eigene Überlegung geraubt und als folgten
sie nur dem gemeinsamen Impuls der Menge so schritten sie im Takt mit den
andern und ihre Herzen schlugen hoch und nur ein Trieb war ihnen nach
vorwärts zu gehen
    Indessen währte das wunderliche Gefühl nur wenige Augenblicke denn auf der
Straße verstummte das Lied vor der Tür standen zwei Reihen Schutzmänner
zwischen denen alle hindurchgehen mussten Eine Stimme rief »Lasst euch nicht
provozieren« daraufhin war es mit einem Male als sei jetzt alles harmlos
kleine Gruppen schwenkten nach verschiedenen Richtungen ab ein Schutzmann
mahnte einmal zum Weitergehen und willig gingen alle weiter und zerteilten
sich es war nicht anders als seien alle von einem einfachen Vergnügen
gekommen Ohne weitere Überlegung hatten sich die beiden Studenten den Leuten
angeschlossen mit denen sie zusammengesessen und gingen die einen fragend und
die andern erklärend durch die Straßen welche so gleichgültig aussahen wie
sonst nur war es Hansens angestrengten Nerven als hallten ihre Schritte ganz
besonders auf dem Pflaster Nach kurzem Bereden traten sie in eine Wirtschaft
in der die Arbeiter bekannt waren denn der Wirt begrüßte sie mit
Vertraulichkeit die Vertraulichkeit von dem ungesunden und dicken Mann war
Hansen unangenehm
    Es stellte sich heraus dass der ältere Arbeiter von den beiden Studenten
eine Belehrung haben wollte denn er erzählte dass er viel gelesen habe und
besitze zu Hause eine Menge Bücher deshalb habe er auch keine Frau genommen
und ihn beschäftige vornehmlich eine Frage die sei ihm aber noch in keinem Buch
beantwortet wiewohl er keine Mühe gescheut denn er sei doch nur ein Arbeiter
und besitze nicht die rechte Vorbildung nämlich es werde gesagt dass unsre
Gedanken und auch das was wir wollen durch die Verhältnisse bestimmt werde in
denen wir leben und dass also die Verhältnisse schuld sind an allem Übeln das
geschieht Wenn das richtig sei dann könne man also dem Menschen der Böses
tut mit Recht keinen Vorwurf machen und dürfte ihn auch nicht strafen und auch
dieser Schluss werde von vielen für richtig gehalten Er aber meine das alles
könne nicht so sein denn dann verlohne es sich ja gar nicht dass man lebt und
er für seinen Teil wolle lieber tot sein als leben wenn es so sei
    Der Mann der zu Hans das sagte mochte etwa fünfzig Jahre alt sein und war
ein Schuhmacher und seine Gestalt und Gesicht waren auch die eines armen
Schuhmachers der vielleicht nach seines sesshaften Gewerbes Art zuweilen
wunderliche Gedanken hat Aber diese Worte rührten Hans ans Gewissen denn
plötzlich merkte er dass er ein ganz andrer Mensch geworden war wie früher und
dass er früher gedacht hatte er wolle lieber tot sein als so leben wie der Mann
schilderte und dass er jetzt so lebte Und dazu wurde ihm klar dass er jetzt
viel log denn der fröhliche Weiland redete wohl die Wahrheit und der
ernsthafte Jordan redete die Wahrheit und dieser Mann aber er selbst hatte
sich in Lügen gefangen und war dadurch in Gewissensangst geraten
    Er wusste aber nicht was er antworten sollte denn nicht nur gibt es ja
keine Antwort auf die Frage sondern er selbst war auch so verwirrt dass er auch
sonst nichts Rechtes zu sagen gewusst hätte Deshalb sprach er nur dass das eine
Sache des Glaubens sei wenn einer glaube dass er in seinen Gedanken und
Entschlüssen durch die Verhältnisse bestimmt werde so sei es so und wenn er
das nicht glaube so sei es nicht so Hiermit war dem Mann nun wohl nicht
sonderlich gedient aber er merkte wohl dass Hans ihm nicht mehr zu sagen wusste
und deshalb forschte er nicht weiter
    Jordan hatte mit Anstrengung zugehört Jetzt sagte er es sei richtig dass
die Verhältnisse unser Denken und Wollen bestimmen denn wenn wir alle in der
herrschenden Klasse geboren wären so würden wir so denken und handeln wie die
und die Arbeiter verurteilen und doch wären wir im übrigen genau solche
Menschen wie jetzt Hierüber versuchte Karl zu bemerken dass sie beide als
Studenten doch der höheren Klasse angehörten es zeigte sich aber dass die
Arbeiter die beiden gar nicht recht ernst nahmen sondern sie mit einer
liebenswürdigen Nachsicht betrachteten etwa wie ein alter Förster einen jungen
Herrn mit auf den Anstand genommen hat und dieses Urteil ergab sich nicht aus
den Worten die sehr zartfühlend waren aber man merkte es doch in der
Gesinnung Der alte Mann jedoch sagte zum Schluss wenn die Gerechtigkeit nur ein
Rauch sei so sei die ganze Welt sinnlos damit erhob er sich zum Gehen und war
erregt wie einer der einen heftigen Kampf für sein Liebstes streitet und dabei
doch das Gefühl hat dass sein Kampf nutzlos ist
Karl hatte sich mit Weiland angefreundet und mit dem verabredet dass sie
gemeinsam am Sonntag einen Ausflug in einen Vorort machen wollten der berühmt
war durch seine Tanzgelegenheiten und Hans ließ sich bereden mitzugehen Sie
kamen in einen niedrigen und sehr großen Saal der mit Zigarrenqualm und
Menschengeruch angefüllt war ein Lärmen Lachen und Schwatzen stieg in die
Höhe auf einer Bühne saß eine kleine Kapelle und die Paare drängten sich durch
die Menge zum Antreten Nach vielem Suchen fand Weiland seine Braut die mit
zwei andern Mädchen zusammensass welche von verlegener Freude ergriffen wurden
wie sie die drei sahen aber die Lustigkeit Weilands und der leichte Sinn Karls
überwanden bald die Befangenheit der ersten Minuten und nur Hans fügte sich
nicht so recht ein wofür er auch der besonderen Aufmerksamkeit der Mädchen
teilhaftig wurde Bald begann Weilands Braut mit Geläufigkeit zu erzählen und
redete mit Verachtung von ihren Eltern deren Anschauungen zurückgeblieben
seien denn ihr Vater war ein alter Achtundvierziger der immer noch auf dem
Standpunkt der bürgerlichen Demokratie stehe und der habe ihr ein
Sparkassenbuch angelegt und gehöre zur freireligiösen Gemeinde Ihr Wunsch wäre
dass sie mit Weiland in freier Liebe zusammenleben wollte aber ihr Vater
verlangte dass sie sich der bürgerlichen Trauung unterzögen Hans sprach am
meisten mit der einen Freundin einem stillen und blassen Mädchen das ein
schwarzes und oben geschlossenes Kleid trug und ihre Hände mit einem eigenen
schwermütigen Ausdruck lässig im Schoss liegen hatte Die erzählte dass sie
Weissnäherin war und für ein Geschäft arbeitete sie konnte nicht tanzen und
ihre Reden waren sonderbar müde und unfroh Ginmal antwortete sie auf eine
Bemerkung »Ach was hat man vom Leben den ganzen Tag sitzt man vor der
Maschine und wenn man heiratet so hat man dazu bloß noch Sorgen und Kummer«
Etwa achtzehn Jahre mochte sie alt sein Auch klagte sie in ihrer Art darüber
dass sie sich nun schon so lange gewünscht habe einmal einen feinen Herrn kennen
zu lernen und nun da sie das erreicht sei sie in solcher Verfassung dass sie
ihn von sich abschrecke Über diese Reden bekam Hans bald ein peinliches Gefühl
und war ihm als müsste er eine Schuld haben und zugleich war er aber auch
gereizt gegen das Mädchen die begann in klagender Weise weiter zu erzählen von
ihrem Leben und von ihren Verhältnissen da zeigte es sich dass ihre Eltern sich
ganz jung geheiratet hatten weil ihr Vater in Schlafstelle gewohnt bei den
Eltern der Mutter und dass sie von Leichtsinn schnell in Sorge geraten waren und
ihren Körper noch nicht hatten entwickeln können wie sie auch keine Ersparnisse
gehabt hatten für die Einrichtung des Hausstandes und wie dann in schlechter
und lichtloser Wohnung viele schwächliche und freudlose Kinder gekommen waren
die aufwuchsen in Bitterkeit und ohne Kraft mit blassen Backen und
hinschmachtendem Leib Über alle diese Umstände urteilte das Mädchen mit
wunderlicher Klarheit und am Ende sprach sie die armen Leute hätten sehr
unrecht wenn sie immer mehr Freiheit haben wollten denn sie seien wie die
Kinder die von guten Menschen beaufsichtigt werden müssten damit sie sich nicht
schädigten durch ihre eignen Torheiten und dieses Urteil hätten unter ihnen
viele Frauen aber die Männer verhöhnten sie deswegen und sagten sie seien
nicht aufgeklärt
    Wie das Gespräch diese Wendung genommen hatte verschwand ihnen beiden die
peinliche Stimmung und es entstand bald eine gewisse Behaglichkeit zwischen
ihnen indem sie auf die Dinge des gewöhnlichen Lebens kamen und das Mädchen
eine ernsthafte Mütterlichkeit gegen Hansen entwickelte gegen ihren Willen
denn sie hatte sich die ganze Woche darauf gefreut gehabt ein leichtes und
fröhliches Liebesband zu knüpfen mit einem Studenten den sie sich als einen
besonders lustigen und ganz aussergewöhnlichen Menschen vorgestellt aber nun
erzählte sie wie sie und ihre Mitarbeiterinnen kochendes Wasser geliefert
bekamen für ihren Kaffee und dass sie sich Geld gespart zu einem neuen Kleid
und wenn er sich nicht schäme mit ihr auszugehen so wolle sie dieses Kleid
tragen denn sie wisse bereits eine billige Gelegenheit für einen guten Stoff
der ihr auch zu ihrem Gesicht und Figur stehe
    Inzwischen tanzten die andern und die dünne Musik tönte durch das Lärmen
Zigarrenrauch ringelte sich in die Höhe zu der allgemeinen Wolke und Kellner
drängten sich eilfertig und aufgeregt durch die Menge wie Hans sie nach
schüchternem Bedenken zum Trinken aufforderte nippte sie zart an ihrem Glase
und klagte dann dass sie wenig vertragen könne
    Die andre Freundin war ein übermütiges gesundes und rotbackiges Wesen
deren Augen in Fröhlichkeit blitzten die hatte solche Lust zum Tanzen dass sie
nicht still sitzen mochte wenn die Musik ertönte und Karl der ein
geschmeidiger und leichter Tänzer war führte sie immer mit heiterer
Aufforderung in den Reigen Bald fanden sie heraus wie sie Hansen und die
Freundin necken konnte und Karl der durch alles gleichfalls in frohe Laune
geraten war stimmte mit ein aber obschon beide eine gutherzige Gesinnung dabei
hatten wussten sie doch nicht eine gewisse Taktlosigkeit zu vermeiden die durch
das Dissonieren der Meinungen ja leicht in dem lebendigeren Teil erzeugt wird
und so entstand ein nicht ganz behagliches Gefühl bei allen durch das besonders
Hansen plötzlich die schlechte Luft der Menschengeruch und der unfeine Lärm
hässlich auffielen so dass er stiller wurde und in sich versank
    Wenn Leute aus dem Volk recht gesund und in ihrer Art wohlgeordnet leben so
haben sie einen zutraulichen Glauben an sich selbst und an alles was sie tun
der sie sehr glücklich macht Von dieser Beschaffenheit war Karls Freundin Die
diente bei einer vornehmen Herrschaft und war recht tüchtig in ihrer Tätigkeit
und indem sie aus diesem die Überzeugung herausnahm dass alles was sie tat
überhaupt nicht besser getan werden könne hatte sie in ruhiger Zuversicht bald
die Herrschaft über den kleinen Kreis gewonnen dass selbst Weilands Braut sich
ihr unterordnete Es war für Hansen recht unbehaglich dass er sich dieser an
sich harmlosen Herrschaft nicht zu erwehren vermochte wenn er nicht eine
Missstimmung schaffen wollte und so hatte er hier zum ersten Male das Gefühl
dass doch eine Kluft zwischen den verschiedenen Klassen der Gesellschaft ist die
nicht überbrückt werden kann und wenn jemand den Versuch dennoch machen will
so begeht er vielleicht eine schlechte Handlung denn er zerstört die Wurzel des
Dranges nach Höherem
    In der Folge stellte sich heraus dass Karl bei dieser Zusammenkunft mit dem
Mädchen eine Liebschaft angeknüpft hatte die man mit dem Berliner Ausdruck als
Verhältnis bezeichnet Er bewegte sich in den seltsamsten Vorstellungen indem
die modernen sozialistischen Ideale mit alten romantischen Bildern vom Volk bei
ihm zusammenschmolzen und so erschien ihm dieses Mädchen aus dem Volke mit
ihrem Drange nach Freiheit und nach ungestümem Glück zugleich als eine kräftige
und ursprüngliche Natur und als ein Erstling einer großen Zukunft Es kamen die
beiden aber zusammen an Sonntagen die das Mädchen frei hatte und indem zu der
Zeit der Frühling begann dass er die Menschen aus den kahlen und grauen Straßen
hinauslockte in helles Grün fuhren sie aus der Stadt bis sie an Orte kamen wo
sie allein waren und sich auf heimlichen Wegen ergingen unter Kiefern welche
die ersten hellgrünen Spitzen vorsteckten Da sah sie viele Dinge die ihr
früher nicht bekannt gewesen waren wiel sie vorher die nicht beachtet Vögel
von allerlei Art und Frühlingsblumen und einen reinen klaren Himmel und zuerst
war sie einem gedankenlosen Drange gefolgt der sie nach Glück und Genuss trieb
wie sie aber ein Vögelchen gesehen hatte das einen Halm im Schnabel trug zu
seinem Neste und ein Himmelschlüsselchen das schüchtern sein Köpfchen beugte
auf einer großen Wiese da verschwand ihr das laute Lachen und ihre Augen
wurden ernster und ihr war als müsse Karl ein Halt sein für sie und das Leben
schien ihr nicht mehr eitel Jubel wie vorher Aber wie sie sich so änderte da
begann Karl seine Seele vor ihr zu verschließen denn auch ihn hatte nicht Liebe
zu ihr getrieben sondern Leichtfertigkeit und eine falsche Vorstellung die er
sich selbst geschaffen aber bei ihm wandelte sich der leichte Sinn nicht in
Treue und Zuneigung Das merkte sie gar bald und da seufzte sie heimlich und
kehrte bei sich ein aber schon war ihre Liebe zu groß geworden als dass sie
hätte sich entfernen können von ihm und so hing sie ihm weiter an in bitterer
Demütigung und ihr Kummer machte sie besser wie sie gewesen und ihr Gesicht
verlor zwar seine jugendliche Frische aber es bekam edlere Züge und selbst
ihre Bewegungen erhielten etwas Vornehmes das ihren Bekannten auffiel dass sie
es dem Einfluss Karls zuschoben Dieser aber lebte in Haltlosigkeit schämte sich
seiner selbst und war deshalb hart gegen sie denn schwache Menschen können es
nicht leiden dass sie geliebt werden und müssen den Liebenden plagen Unter
solchen Umständen geschah es dass sie sich gesegneten Leibes fühlte da erschrak
sie heftig und hatte zugleich eine heimliche Freude und außerdem überkam sie
wie aus einer Nacht die Erinnerung an ihre Heimat und an ihre Eltern und wie
sie sich schämen musste zu Hause wenn dort jemand etwas von ihr wüsste vor ihren
Freundinnen in Berlin aber schämte sie sich nicht auch hatte sie keine Freude
auf das Kind wenn sie bei denen war Wie Karl die Neuigkeit erfuhr durch
Weilands Braut und nicht durch sie selber da hatte auch er einen starken
Schrecken und indem sich verwirrte Gewissensbedenken in ihm erhoben die nicht
auf klaren und verständigen Gefühlen ruhten sondern auf Unwahrheit so beschloss
er bei sich dass er sie heiraten wolle Wie er ihr diesen Entschluss mitteilte
sprach sie zu ihm »Wenn du mir solche Worte gesagt hättest in unsrer ersten
Zeit bevor ich dich wirklich lieb hatte so wäre ich sehr stolz geworden durch
sie und hätte mich ohne weitere Gedanken gefreut deine richtige Frau zu werden
Nun aber weiß ich dass es ein Gefühl gibt das ich damals nicht kannte und das
wahrscheinlich viele Menschen nicht kennen und vielleicht hätte ich unter
andern Verhältnissen auch selbst bis zu einem späten Tode nichts von diesem
Gefühl erfahren da ich es nun aber kenne so kann ich nicht mit dir
zusammenleben denn du kannst mich nicht so ehren wie es nötig wäre weil ich
geringer Herkunft bin und mir nicht feine Art angewöhnen kann auch nicht der
rechten Bildung fähig bin was alles wohl jetzt in unserm Kreise und so lange
wir jung sind nicht so schlimm erscheint aber mir viele schmerzliche Stunden
erzeugen würde wenn ich erst älter bin und du in eine andre Gesellschaft
gelangt bist« Wie sie das gesagt hatte spürte Karl dass sie aus übergrosser
Liebe ihm mehreres verschwieg von dem sie gedacht hatte dass es ihn kränken
könne und es war ihm als ob er sich recht schämen müsse vor ihr Damals zog
zuerst Bitterkeit in sein Herz denn er sah plötzlich ein dass er ein niedriger
Mensch war und er begann sich selbst zu hassen und versuchte ob er andre
verachten könne denn solche Hölle entbrennt in unedlen Leuten wenn ihnen durch
die Betrachtung Edler ihr Unwert klar wird deshalb begann er lügnerische Worte
zu machen die sie schmerzten und in ihm am Ende eine große Leere schufen
    Wie nun ihre Zeit herannahte musste sie ihre gute Stelle aufgeben und indem
sie unwillig abwehrte dass er ihr in irgend etwas half nahm sie ihr erspartes
Geld von der Sparkasse und zog zu einem alten Kunkelweibe das in solchen Fällen
Mädchen Unterkunft gewährte hier saß sie in einer großen Hinterstube die ein
Fenster in der äußersten Ecke auf den Hof hinaus hatte und saß an dem Fenster
im trüben Winterlicht und nähte Windeln Binden und Hemdchen für das Kind das
sie erwartete Und daran dachte sie dass das ein kleines Wesen sein werde das
sie sich an die Brust legen wollte und alle andern Gedanken waren ihr
versunken nur stellte sie es sich immer wieder mit Absicht recht klar vor wie
klein das Kind sein werde weil sie es sich sonst zu groß gedacht hätte etwa
wie es auf einem Stühlchen sitzt und nach seinem Schüsselchen verlangt Mit
Kraft und Anstrengung vergaß sie dass sie es nicht bei sich behalten konnte
sondern sie musste nach ein paar Wochen wieder in Dienst gehen und das liebe
Kind musste bei der Frau bleiben denn wenn sie daran gedacht hätte dann hätte
sie immer weinen müssen so aber konnte es ihr vorkommen als gehöre ihr diese
Stube und sie sei verheiratet und am Abend komme ihr junger Mann und zuweilen
bedachte sie bei sich wie sie die Möbel anders stellen wolle und alles recht
reinlich halten Aber dann tat sich die Tür auf und das alte Kunkelweib kam
herein und erzählte ihre Geschichten wie sie sich mit den Leuten gezankt hatte
Da musste sie sehr an sich halten dass sie nicht weinte denn wenn Karl sie
besuchte so war ihr das auch kein Trost weil sie sah dass er nur um sich
ängstlich war und an sie dachte er eigentlich gar nicht ja es war zuzeiten
als sei es ihm ein besonderes Opfer welches er ihr brachte dass er sie
besuchte
    Wie es oft geht dass Verhältnisse die eigentlich längst sinnlos geworden
sind doch noch fortbestehen weil keine äußere Gelegenheit kommt die sie zum
Aufhören bringt so geschah es auch hier Denn nachdem das Mädchen wieder eine
neue Stellung erhalten hatte schien es äußerlich als sei zwischen beiden alles
wie vorher da sie doch beide mit Mühe und Verdruss ein drückendes Joch trugen
und Karl war oft heftig und ungerecht gegen sie und sie schwieg voller
Sanftmut Da bat sie ihn es war gerade am Jahrestag ihrer ersten Begegnung dass
sie wollten wieder an jenen Ort hinausfahren wo sie sich kennen gelernt Sie
kamen an und es schien äußerlich alles unverändert denn wie im vorigen Jahre
war der große und niedrige Raum vollgedrängt mit Menschen und spielte auf der
Erhöhung die geringe Kapelle und es war fast als schlage der Lärm der
Gespräche des Klapperns des Gehens und Kommens des Tanzens und der Musik im
gleichen Zeitmass an ihr Ohr nur saßen sie jetzt allein und ohne die Freunde
    Aber da wurde ihnen klar wie sie selbst sich verändert hatten denn sie
wurden von Widerwillen und heftiger Langeweile befallen und wo im vorigen Jahr
ihnen die Hoffnung einen weiten Raum gezeigt hatte hinter diesen tanzenden
Paaren da war es jetzt als sei das alles hier nicht räumlich sondern geschehe
in einer Fläche und sie hätten fliehen mögen weil das Gewühl ihnen nahe kam
Mit einem erzwungenen Lächeln führte Karl sie zum Tanze aber ihre Hände lagen
schlaff ineinander und sie beide dachten an den ersten plötzlichen Händedruck
den sie sich damals beim Tanz gegeben der sie beide elektrisch durchzuckt
hatte
    Während diesem überlegte sie sich eine Absicht führte ihn aus dem Saal in
den winterlichen Garten und sprach zu ihm »Ich sehe ein dass es für uns beide
am besten ist wenn wir nun auseinandergehen Wohl haben unsre Eltern recht
gehabt dass sie uns warnten vor der Leichtfertigkeit und sagten gleich gesellt
sich zu gleich Ich habe geglaubt wie viele heute das Leben sei leichter
geworden und die Alten seien altfränkisch und unter den Menschen herrsche mehr
Gleichheit wie früher Aber jetzt verspüre ich dass ich einem falschen Scheine
gefolgt bin denn in Wahrheit ist das Leben schwerer geworden weil ein jeder
allein steht in der Welt und keinen Menschen hat noch Meinung an die er sich
halten kann und in Wahrheit ist eine tiefere Ungleichheit unter die Menschen
gekommen wie sie früher war denn als du versuchtest wie du es nanntest mich
zu bilden da verspürte ich eine tiefe Kluft die nicht überbrückt werden kann
und wenn ich redlich sprechen soll so muss ich sagen ich weiß nicht welches
mehr wert ist deine Bildung oder das was ich für mich habe und auch behalten
will Und vielleicht ist das der einzige Unterschied gegen früher dass ich als
ein Dienstbote solche Gesinnungen habe und ausspreche Aber wir wollen nicht in
Hass und Erbitterung voneinandergehen denn wir haben doch einmal gedacht wir
gehören zusammen und ich wenigstens bin durch dich ein andrer Mensch geworden
Und wie ich dir schon sonst sagte will ich das Kind für mich behalten und will
mich seiner auch allein freuen du aber sollst keine Furcht haben durch uns
beide Und denke auch nicht dass ich ein trauriges Leben haben werde denn ich
will suchen dass ich einen guten und tüchtigen Mann bekomme der für mich passt
und will heiraten und ein rechtschaffenes Leben führen«
    Nach diesen Worten geschah nur noch Unbedeutendes und so trennten sich am
Ende die beiden nachdem einer den andern sonderbar beeinflusst hatte und dessen
Leben in eine neue Bahn geleitet
    Bei Karl kam es in den folgenden Wochen dass eine dichterische Begabung die
sich bis dahin nicht hatte zu äußern vermögen einen ihr angemessenen Ausdruck
fand Freilich war seine Dichtung nicht ein Kind der Kraft und Gesundheit und
ein freiwilliges Überfliessen sondern wie bei so vielen Menschen unsrer heutigen
Zeit war sie ein Kind der Schwäche die hier dem Seelenunkundigen durch
scheinbar scharfe Wiedergabe der Natur gerade als Stärke zu erscheinen
vermochte Zu jener Zeit kam aus dem Auslande der Einfluss gleichgestimmter
Seelen und weil der leere Nachton früherer Kunst der bei uns damals
vornehmlich zu hören war die Ohren und Geister nicht gegen die fremden Klänge
einzunehmen vermochte so geschah es dass gerade die Dürftigen und Schwächlichen
zu einer besonderen Entfaltung kamen und ein seltsames Gaukelspiel vortäuschen
konnten Karls Geschick wollte dass er mit in diese Bewegung geriet Aber weil
er ein schwacher Mensch war so hatte er nicht die Liebe zu den Dingen und
Menschen die ein Dichter haben muss der die Welt in sich aufnimmt in Heiterkeit
und Ruhe und sie vergoldet durch seine Freude Hoffnung und Willen zum Guten und
dann wieder aus sich heraus stellt in einen Rahmen damit die Menschen das Bild
anschauen mögen und glücklicher und besser werden sondern er beobachtete das
einzelne und zerfaserte es und wollte aus den untersuchten Stücken des Leichnams
wieder lebendige Körper schaffen und zerfaserte sich selbst in Hochmut und
Selbstverachtung und wollte neue seelische Wahrheiten bilden aus diesen Quellen
der Eitelkeit Und dieses alles bedeutete für die Geschichte seines Wesens einen
weiteren Schritt in die Auflösung Wie aber eine Frucht die sich aus der Blüte
entwickelt hat zum Fruchtansatz und allmählich gereift ist zum rotbackigen Apfel
und dann vom Baum gepflückt wird und aufgehoben im dunkeln Raum wie solcher
Frucht alles weitere Geschehen als eine weitere Entwicklung erscheinen muss
nicht nur dass sie noch reift auf dem Stroh und schmackhafter wird sondern
auch dass sie endlich vom Kernhause aus zu faulen beginnt und die Fäulnis sich
immer mehr ausdehnt bis der ganze Apfel verfault ist und der Schimmel ihn
bedeckt so muss auch solchem Menschen seine Auflösung als eine Weiterentwicklung
erscheinen und er mag sich sogar als einen Erstling preisen der künftigen
Zeiten wo eine neue Art Menschen leben wird die ihm gleich sind da er doch
nur ein fauler Apfel ist und nicht mehr wert als dass ihn die Hausfrau ausliest
und wirft ihn auf den Mist
Es ist schon früher berichtet dass die Gräfin viele Jahre lang bettlägerig
gewesen ist Welche Krankheit sie haben mochte das konnten die Ärzte nicht
bestimmt sagen denn es wechselten die Schmerzen und die Stellen des Leidens und
alle Anzeichen und nur das war immer das gleiche dass sie nicht ihr Bett
verlassen konnte
    Sie war eine harte Frau und hatte einen unruhigen Verstand der zu allen
Dingen schweifte und seit ihrer Krankheit vornehmlich aber zu den verschiedenen
Angelegenheiten des Haushaltes Diesen wollte sie beständig von ihrem Lager aus
leiten und die Dienstboten mussten ihr alles genau berichten und erklären und
indem sie in ihrer Einsamkeit nach diesen Antworten und Erzählungen sich ein
vollständiges Bild von allem machte befahl sie ihnen genau alles bis in das
geringste was getan werden sollte Aber da die Dienstboten sich sehr häufig
nicht an ihre Befehle kehrten und nach ihrem Belieben wirtschafteten und ihr
dann später trügerischerweise Falsches berichteten bildete sie sich doch eine
unrichtige Vorstellung von allem was vorhanden war und was geschah Dann kam
es dass die Leute ihre früheren Lügen vergaßen und nach dem wirklichen Stande
erzählten auch sonst sich Widersprüche herausstellten zwischen ihrem Bilde das
sie sich gemacht und den wirklichen Zuständen Hierüber geriet sie immer in
großen Zorn schalt viel und klagte dann das Geschehene ihrem Mann der sich
hierdurch noch mehr von ihr entfremdete als ohnedies durch ihre Krankheit
geschah Wie sie das verspürte machte sie ihm Vorwürfe und trieb sich und ihn
immer weiter in den Unfrieden hinein
    Die beiden Söhne die mit alten und in der Familie erblichen Namen Bolko und
Ivo genannt wurden hatten sich inzwischen in der bereits früher geschilderten
Art entwickelt und waren von Hause fortgekommen als Offiziere Die ganze Zeit
über verlangten sie von ihrem Vater immer sehr viel Geld der zwar für sich
selbst leichtfertig und unbedacht war für seiner Söhne zielloses Leben aber
doch einen klaren Blick hatte auf seine Ermahnungen freilich hörten sie nicht
sondern hielten ihm keck sein eigenes Beispiel vor und indem er Furcht hatte
über seine Verhältnisse selbst klar zu werden vermochte er ihnen auf diesen
Einwurf nicht eindringlich zu antworten denn sie lebten in der Meinung dass das
elterliche Vermögen viel größer sei als es in der Tat war So war er dahin
gelangt dass er schon Geld auf Wechsel genommen hatte und war in die Hände der
Wucherer geraten nun befiel ihn zuzeiten eine heftige Angst und sinnlose Reue
und während solche Stimmungen früher von selbst wieder verschwunden waren durch
die Wirkungen seines leichten Gemütes kostete es ihn jetzt Anstrengung sich
von ihnen frei zu halten Die Frau durfte von allen diesen Sorgen nichts
erfahren und wenn sie in ihrer Unwissenheit oft Verfügungen traf die ihm in
seinem Mangel schwierig wurden so musste er allerhand Ausflüchte ersinnen Lügen
erzählen und lange Geschichten vorbringen und zuweilen sich gekränkt stellen
oder Vergesslichkeit heucheln
    Die Tochter die allein zu Hause geblieben war stand ohne eine rechte
Bedeutung an der Seite denn sie merkte wohl dass der Vater Geheimnisse hatte
und aus Scheu und Mitleid wurde dadurch ihr Benehmen fremd gegen ihn was er
nach seinem bösen Gewissen ausdeutete als wisse sie vieles und zürne ihm und
die Mutter hielt sie von den Angelegenheiten des Hauses entfernt aus Eifersucht
weil sie selbst die Leitung behalten wollte und auch aus geheimer Furcht dass
ihre Unzulänglichkeit aufgedeckt werde So brachte die junge Dame ein freudloses
Leben hin in Sehnsucht nach einer Tätigkeit und Wirkung
    Indem die Dinge so lagen kam plötzlich der älteste Sohn Bolko unvorbereitet
zu einem kurzen Besuch der Vater erschrak als er das Telegramm erhielt und
wie des Sohnes sporenklirrender Schritt auf dem Gange hörbar wurde stockte ihm
das Blut Er führte ihn zur Mutter die den Ältesten immer besonders geliebt
hatte indem sie von seinem wahren Leben gar nichts wusste sondern ihn immer nur
kannte wie er als ein hübscher und schlanker Mensch mit offenem Gesicht
ehrerbietig in ihrem dämmerigen Krankenzimmer stand Sie freute sich mit einem
glücklichen Gesicht wie er ihr die Hand küsste und mit großer Zärtlichkeit
streichelte sie seine blonden Haare Dann ließ sie sich von ihm erzählen und er
musste Bälle beschreiben und Schlittenfahrten und auch von seinen Pferden sprach
er So hörte sie immer mit glücklichem Lächeln zu und als sie selbst einmal
einiges sprach suchte sie seinen Gedanken eine leise Richtung zu geben denn
sie hatte eine Heirat für ihn im Sinn und hätte gern gewusst welches seine
Meinung sei und in dieser kurzen Zeit erschien ihr plötzlich ihr eigenes Leben
gar nicht so unglücklich wie sonst und ihres Sohnes künftiges Leben war ihr
heiter und sonnig Er lachte aber über ihre Anspielungen und machte Scherze so
dass sie ein wenig gekränkt wurde aber nur ein wenig sie verzog den Mund wie
sie als junges Mädchen getan und ganz schnell wurde sie wieder zufrieden und
heiter seit sehr langer Zeit war sie nicht in solcher Verfassung gewesen Nach
einer Weile stand er auf um das Zimmer zu verlassen groß und stattlich war er
vor ihr und sie blickte in ein ungetrübtes und lachendes Gesicht Da überkam
sie eine besondere Zärtlichkeit und gab ihm einen Wink dass er sich über sie
beugen musste und sie selbst hob ihren Kopf und drückte ihm einen Kuss auf die
Stirn dabei überflog Röte ihr ganzes Gesicht und ihre Augen glänzten Wie er
zum Vater zurückkehrte fand er den in einer Ecke seines großen Lehnstuhls da
sah er ganz verfallen und grau aus schweigend wies er dem Sohn einen Platz an
Die Furcht vor dem Gespräch lastete auf beiden und um die Stille zu brechen
sagte der junge Mann endlich gleichgültige Sätze über die Ernte Der Vater
nickte nur denn ihm verschloss die Angst den Mund noch fester wie dem Sohne
zuletzt aber fragte er doch nach dem Grund des Besuches unvermittelt Da
schwieg der junge Offizier zuerst lange und endlich erzählte er dass er
Abschied von den Eltern nehmen wolle weil er am andern Tage einen Zweikampf
habe in dem er fallen werde Nichts weiter sagte er aber der Vater merkte dass
sein Sohn sich schämen musste über die Ursache und dass alles unabwendbar war
und saß da mit entsetztem Ausdruck und offenem Munde und den Sohn überkam ein
Ekel vor dem gedunsenen und schlaffen Schlemmergesicht deshalb fügte er in
härterer Sprache hinzu dass er seine Schulden und andre Verpflichtungen
aufgeschrieben habe und ihm das Verzeichnis geben wolle damit der Vater später
alles begleiche
    Da war es als sei dem Alten das Wichtigste gar nicht klar geworden und nur
das Geringere berührte ihn und fing an mit heftigen Worten auf den Sohn zu
schelten dass der Schulden gemacht habe und in seiner Verstörteit gebrauchte
er ganz gemeine Ausdrücke Hierdurch geriet der Junge in eine feindliche
Erregung und sprang ungestüm von seinem Stuhl auf und erwiderte die Vorwürfe und
sagte dem Vater dass er keine Eltern gehabt habe und auch sein Bruder habe
keine Eltern gehabt und auch seine Schwester nicht niemand habe sich um sie
gekümmert wie bezahlte Leute denn den Eltern waren sie zur Last weil die andre
Dinge vorhatten nur wurden sie zuweilen der Mutter vorgeführt in geputzten
Kleidern und mit einstudierten Reden nie haben die Eltern ein Herz gehabt für
die Kinder deshalb seien die nie mit einer Bitte zu ihnen gekommen ein
einziges Mal habe er erlebt dass die Schwester gebeten sie möchte gern
Kaninchen haben da sei ihr von der Mutter geantwortet dass kein Raum vorhanden
sei Viele Vorwürfe habe er sich selbst schon gemacht über sein verkehrtes
Leben das nun jetzt in jungen Jahren zu Ende sei und er wisse wohl dass er
selbst schuld habe denn trotz allem hätte er ein andrer Mensch werden können
aber außer ihm selbst seien die Verursacher seines Unterganges sein Vater und
seine Mutter Und nicht lange könne es dauern dann werde sein Bruder Ivo nach
Hause kommen in derselben Weise wie jetzt er Damit warf er das Verzeichnis der
Schulden auf den Tisch und sagte sein Erbteil müsse hinreichend groß sein dass
diese Summen nur eine Kleinigkeit dagegen ausmachten und dann ging er aus der
Tür erleichterten Herzens denn er war ein schwacher und schlechter Mensch und
war nun beruhigt in seinem Gewissen weil er sein Unrecht einem andern
aufgeladen hatte Wie nun die Nachricht kam von dem Tode des jungen Herrn da
ereignete sich das Sonderbare dass die alte Gräfin plötzlich von ihrem Lager
aufstand auf dem sie fünfzehn Jahre lang verharrt und war als sei sie nie
krank gewesen Sie ließ sich die Kleider kommen die sie damals zuletzt
getragen als sie sich gelegt und wählte sich ein dunkelfarbiges Gewand aus es
schien aber als sei sie größer geworden und ihre Figur hatte sich
verschmälert so dass das Kleid in sonderbarer Weise auf ihr hing und indem es
gleichzeitig unmodern geworden war und für einen jugendlicheren Menschen
gearbeitet machte sie einen seltsam unheimlichen Eindruck in ihrem Aufzug Mit
Leichtigkeit stieg sie die Treppen und besuchte alle Räume und Winkel und
betrachtete Vorräte und Einrichtungen und fand alles ganz anders wie sie es
sich auf ihrem Lager gedacht und geriet in heftige Erregung über die
Dienstboten und so schalt sie im Hause herum und zankte mit Bosheit während
die Leiche des Erstgeborenen gebracht wurde und der alte Herr verstört in seinem
verschlossenen und verriegelten Zimmer saß Nach dem Herkommen wurde der Tote in
einem großen Saal aufgebahrt der mit Tannengrün geschmückt war in dem Saal
hatten seit vielen hundert Jahren die Toten des Geschlechtes gelegen von
Lichten auf alten Leuchtern ihre wachsfarbenen Gesichter beschienen Die Leute
aus der Gegend und die Bedienten und die Arbeiter von den Gütern kamen die
Leiche anzusehen sie kamen mit ihren Frauen und den schüchternen Kindern und
hatten ihre Sonntagskleider angezogen Da sahen sie die Gräfin in wunderlicher
Kleidung die über die Leiche des Sohnes ausgestreckt lag und schluchzte dass
ihre Gestalt erschüttert wurde Viele Stunden lag sie so und wie sie sich
erhob begann sie wieder ihr misstöniges Schelten mit den erschreckten Leuten und
eilte aufgeregt durch alle Räume Kommodenschubladen aufziehend in denen sie
vor fünfzehn Jahren alte Flicken aufgehoben in Schränken wühlend und nach
längst vertragenen Kleidern forschend das Porzellan und Glas betrachtend das
die Wirtschafterin mit zitternden Händen auf den großen Ausziehtisch stellen
musste und das Silber nachzählend das sie selber putzen wollte
    Der alte Herr hatte mit schweren Sinnen gerechnet und gezählt zum ersten
Male kam ihm jetzt eine Art Klarheit seiner Lage und er fühlte sich gänzlich
hilflos Mit schweren Schritten ging er die Treppe hinab und gebeugt bestieg er
den Wagen um nach dem Orte zu reisen wo sein Sohn gestanden Hier suchte er
den Wucherer auf in seinem Hause das erst neu gebaut war denn der Mann war ein
Bauunternehmer eine marmorne Treppe erstieg er die mit einem teuren Teppich
belegt war und kam in ein prunkvolles Gemach es war ihm als verlasse ihn
alles Selbstbewusstsein das immer natürlich gewesen war wie er dem
stiernackigen Menschen gegenüberstand der seine gewöhnliche und gemeine Art mit
Kaltblütigkeit hinter einer eignen Höflichkeit verbarg welche der Graf in den
Kreisen welche er sonst gekannt noch nie getroffen hatte vielleicht war der
Mensch erst vor kurzem aus dem Zuchtause entlassen und trotzdem wusste er sich
so zu haben dass der adelige Mann verwirrt wurde vor ihm Vergeblich versuchte
der in einer vornehmen und nachlässigen Manier zu sprechen er musste abbrechen
und nach einer andern Weise suchen am Ende legte er dem andern mit
Schüchternheit seine Verhältnisse offen dar als sei der gegen ihn ein alter und
würdiger Herr dem er vertrauen müsse und der ihn ermahnen und tadeln aber
auch unterstützen werde In diesen Minuten als ihm der künstlich erhaltene
Stolz vor der Kraft eines ehrlosen Menschen zusammenbrach begann in dem Grafen
eine Verstörteit die ihn am Ende kindisch machte Der andre der seinen
Vorteil bald bemerkte wusste ihn zu den Absichten zu bestimmen die er selbst
sich gesetzt und so wurden die Schulden derart geordnet dass der Graf ihm kaum
je wieder aus den Händen kommen konnte Ivo der zweite Sohn wurde zu der
Beerdigung erwartet er verspätete sich aber in auffälliger Weise und kam erst
als die Träger den zugeschraubten Sarg eben auf die Achseln nehmen wollten
Nachdem die Feierlichkeit beendet war saßen die vier Familienmitglieder in
trüben Gedanken beisammen Am Ende begann der Sohn mit einem Scheine als handle
es sich nur um Unbedeutendes dass er den Vater auf andre Gedanken bringen wolle
und habe er in der letzten Zeit Unglück im Spiel gehabt und brauche er bis zum
übernächsten Tage eine bestimmte Geldsumme die ihm der Vater gewiss geben werde
absichtlich brachte er die Bitte in Gegenwart der beiden Frauen vor weil er
dachte dass für das erste sein Anliegen dadurch geringfügiger erscheinen müsse
    In dem alten Herrn wurden durch diese Worte längst vergessene Erinnerungen
lebendig und deren Drang übertäubte in seinem geschwächten Geist das
Verständnis dessen was er gehört So begann er von seiner Jugend zu erzählen
und wie man damals anspruchsloser gelebt habe denn nur an Königs Geburtstag
habe man Wein getrunken und sonst Kofent und er selbst habe einmal seinem
Vater kleine Schulden beichten müssen da habe ihn der übel aufgenommen und ihm
vorgerechnet was er selbst arbeite und verbrauche und habe ihm dann Hausarrest
gegeben vier Wochen lang Heute aber sei die Jugend leichtfertig und das
Eindringen der reichen Bürgerlichen in die Armee habe die Zeiten vornehmer
Einfachheit verdrängt Ivo saß da in großer Besorgnis denn in Wahrheit hatte er
große Schulden und wusste nicht wie er seines Vaters Reden auffassen sollte Und
wie der Vater geendet hatte begann die Mutter schalt auf die heutigen Zeiten
in denen es keine treuen und sorgsamen Dienstboten mehr gäbe und erzählte
weitläufig von ihrer Leinenaussteuer wieviel Dutzend sie von jeder Sache
gehabt und wie das alles auseinandergerissen sei so dass sie nichts
Vollständiges mehr vorfinde und das Wenige das noch in den Schränken liege
sei übel gewaschen dabei war als seien die fünfzehn Jahre ihres Krankenlagers
gar nicht gewesen und sie verwechselte die Zeiten denn indem sie von einigen
Leuten sprach dachte sie an deren Eltern die in den Jahren welche sie im Sinn
hatte so aussahen wie die jetzt Dem Ivo wurde es unheimlich durch seine eigne
Angst und durch das wirre Sprechen der Eltern und er blickte hilfesuchend auf
seine Schwester die aber hatte ihren eignen Gedanken nachgehangen und seine
Bitte überhört weil sie im Ton nicht auffällig gewesen war und da sie den
Verfall der Eltern allmählich hatte vor sich gehen sehen so waren ihr auch
diese Reden nicht auffällig gewesen So saß sie da im schwarzen und
geschlossenen Kleid die Hände im Schoße liegend und ins Leere blickend sie
bedachte aber wie sie es erreichen könne dass sie diesem Leben entfliehe denn
bis zur Unerträglichkeit hatte sich der Überdruss in ihr gesteigert
    Aber wie der junge Offizier sich derart ganz allein zwischen diesen drei
Menschen fühlte und seine Sorge ihm mit Schwere auf das Herz fiel stieg es ihm
heiß in die Augen und zwei Tränen rannen ihm über die Backen und in die Winkel
des zuckenden Mundes Hierdurch wurde die Schwester aufmerksam und indem ihr
nun seine früheren Worte in klares Bewusstsein traten fragte sie erschreckt ob
seine Schuldenlast vielleicht sehr hoch sei er aber war so bekümmert dass er
nicht zu reden vermochte und so nickte er nur mit dem Kopfe Dann während sich
inzwischen unter den Eltern ein Streit entspann um ein silbernes Salzfass das
die Mutter vermisste klagte er mit abgerissenen Worten der Schwester dass es ihm
an Mut fehle um seinem Leben ein Ende zu machen denn das sei ja doch der
einzige Ausweg Als er das sagte schrie sie laut auf und verhüllte ihr Gesicht
der Vater wendete sich langsam zu ihr und fragte sie nach der Ursache ihres
Schreiens und indem er an den Wortwechsel über das Salzfass dachte und in seinen
trüben Gedanken meinte dass es sich bei diesem um etwas Wichtiges handle das
auch seine Tochter schwer betrübe suchte er mit der alten Gewohnheit
liebenswürdiger Gesinnung sie zu trösten indem er sagte dass dieses Salzfass
sich schon noch wiederfinden werde und sie als ein Kind brauche sich nicht
solche Sorgen zu machen wie die Erwachsenen Bei diesen Reden wurde dem jungen
Ivo der Zustand seiner Eltern endlich ganz klar und er verspürte mit
Erschrecken dass er zu seinen eignen verworrenen Verhältnissen nun auch noch das
Bedenken der Familienangelegenheiten auf sich nehmen müsse und nur geringer
Trost war es ihm dass er jetzt die Möglichkeit in der Hand habe seine Lage in
die Richte zu bringen denn es ahnte ihm wohl wie arg alles verwickelt war
Indessen besprach er sich nun mit der Schwester was zu tun sei und beruhigten
die beiden die Eltern und brachten die mit Schonung dahin dass sie ungestört von
ihnen blieben und sich mit Ruhe beraten konnten
    Die ganze Nacht brannte in dem Arbeitszimmer des alten Grafen eine schlechte
Lampe ohne Glocke die sie sich aus der Küche hatten heraufbringen lassen bei
ihrem Schein lasen sie Aufzeichnungen Ausgabenberechnungen
Einnahmenverzeichnisse und allerhand Aufstellungen über die
Vermögensverhältnisse und als letztes fiel ihnen das Blatt Bolkos in die Hand
und die Urkunden über die Unterhandlungen mit dem Wucherer Es war den Ungeübten
nicht möglich ein klares Bild aus dem Wirrwarr zu gewinnen in dem sich der
alte Herr selbst ja schon seit langen Jahren nicht mehr zurechtgefunden hatte
aber eine recht deutliche Vorstellung von ihrer Lage gewannen sie doch
vornehmlich aus einem Schreiben in welchem der frühere Vermögensverwalter um
seine Entlassung bat der eine andre Stellung angenommen hatte Indessen drängte
die Zeit denn Ivos Hauptschuld war fällig und er hatte seine Ehre verpfändet
und so ersparte die Notwendigkeit eines schnellen Entschlusses ihnen die
Verzweiflung die sie überfallen hätte wenn sie sich länger hätten bedenken
können und es blieb kein weiterer Ausweg als dass sich Ivo an den Wucherer
seines Vaters wendete da dieser die Verhältnisse am besten kannte und deshalb
am leichtesten geneigt sein musste zur Aushilfe Was dann weiter geschehen
sollte insbesondere mit dem Vater und wie Ivo die Ordnung und Verwaltung der
Geschäfte in die Hand nehmen würde das musste man nachher bedenken
    Eine kurze Zeit war noch bis zur Abfahrt des Wagens für den Zug den Ivo
benutzen musste Er trat zu seiner Schwester und sein Gesicht das gestern noch
leichtfertige und leere Züge aufgewiesen hatte erschien gealtert und männlicher
geworden und indem er ihre Hand erfasste sprach er zu ihr in einem neuen und
tiefen Ton den sie bis dahin nicht von ihm gehört
    »Liebe Schwester wir sind die letzten von einem alten Geschlecht zu dem
viele Menschen durch Jahrhunderte aufgesehen haben Nun gehe ich einen schweren
Weg denn ich weiß nicht ob ich bekommen werde was ich suche bekomme ich es
aber nicht so muss ich sterben denn wenigstens liegt mir das ob zu achten dass
unser Name nicht in Unehren erlischt Du bleibst dann allein zurück aber ich
habe um dich keine Sorgen denn du wirst schon eine Stelle für dich finden in
der Welt das sehe ich jetzt mit ruhigen Augen denn seit mir offenkundig
geworden ist vor welcher Entscheidung und Ernsthaftigkeit ich stehe habe ich
plötzlich einen neuen Blick bekommen Leben und Menschen zu betrachten über die
ich vorher gar nicht nachgedacht Ich weiß dass mein Bruder meinte unseres
verfehlten Lebens Ursache seien unsre Eltern und ich selbst habe wohl dieser
Meinung beigepflichtet in Stunden wo das Gewissen mich mahnen wollte aber
dabei wusste ich doch immer im Herzen dass ich nur eine schlechte Ausflucht
meiner Angst suchte und im Innern wusste ich mit großer Furcht meines
verfehlten Lebens Ursache sei ich selbst denn ich gab mich hin an schlechte
Menschen und war gedankenlos und überlegte nicht meiner Schritte Folgen und
alles was ich tat verstrickte mich immer mehr in das Netz dessen Maschen mich
nun so eng umschnüren und schon daraus dass ich bisher immer mehr gefesselt
wurde würde ich annehmen wie auf die Stimme eines Dämons hörend dass mein
Suchen vergeblich sein wird und meines Lebens Ende unabwendbar nahe ist Nicht
wenig aber hat die heimliche Gewissensangst selber zu meiner Verstrickung
beigetragen denn sie selbst machte blind und gleicherweise das Streben ihr zu
entgehen indem ich sie mir leugnete machte blind Nun aber in dieser Nacht
der Verzweiflung habe ich ein neues Licht gesehen und ich weiß nun dass
niemand eine Schuld hat nicht meine Eltern und nicht ich sondern wir sind
getrieben durch eine Macht zu dem Ende das sie gewollt hat und ich glaube dass
ihr Wille gut und nützlich ist Denn wenn die Macht den Willen hat dass einer
ins Licht kommen soll und sein Geschlecht in die Höhe führen so ist der
pflichtlos und heiter sorgt nicht und ringt nicht und ohne sein Zutun wächst
er wie der Baum wächst hoch wird und breit und seine Form ist ebenmässig aber
wer ringt und wessen Gewissen kämpft und wer will und wessen Verstand ein Ziel
sieht der ist ein Mensch der zerfällt denn er hat sein Band nicht mehr und
was er auch tut das gereicht ihm alles zum Unsegen und zum schlimmsten Unsegen
gereicht es ihm wenn sein Gewissen ein eifriger Mahner ist Den andern aber
treibt es ruhig und in Kraft zur Höhe durch kluge Handlungen und törichte und
durch gute Taten und schlechte Und nun ist das sonderbarste dass mir jetzt
plötzlich die Fähigkeit geworden ist durch meinen Blick die Menschen zu
unterscheiden ob sie von dieser Art sind oder von jener denn zwar hat unsre
gegenwärtige Weise des Lebens die Kraft die Menschen stärker zu zersetzen und
aufzulösen wie frühere Zeiten und so entgehen auch die zum Glück Bestimmten
nicht solchen Jahren wo es scheint als haben sie ihr Band nicht mehr und ihre
Gedanken klagen einander an und ihre Handlungen scheinen keinen guten Ausgang
zu haben aber dennoch kann ich diese Guten deutlich unterscheiden von den
Geringen und indem ich die Augen schließe sehe ich deutlich vor mir wie meine
Freunde und Bekannten sich teilen in die beiden Lager Diese Worte wollte ich
dir hinterlassen zu einer Erinnerung an mich und auch als einen Trost wenn du
über mein Schicksal bekümmert sein solltest was ich zwar nicht denke denn ich
habe dir nichts erwiesen aus dem du eine Liebe gegen mich hättest schöpfen
können und nun ist es ja für solches zu spät Aber denke nur dass ich ohne
Bekümmernis und in Ruhe den Pfad schreite der mir vorgeschrieben ist«
    Nach dieser Rede ging Ivo und machte denselben Weg den sein Vater gemacht
zwei Tage vorher aber wie er vorausgesehen hatte sein Suchen nach Geld keinen
Erfolg Und so kam die Kunde in die Heimat dass der zweite Sohn seinem Leben
selbst ein Ende gemacht habe und mit dieser Kunde kam eine verwirrte Erzählung
von einem Mädchen die zu derselben Zeit in den Tod gegangen sei Das war ein
blutjunges Wesen das kaum zur Jungfrau herangereift war die wohnte mit ihrer
Mutter in einem kleinen Stübchen das ein schräges Dach hatte und ein einziges
Mansardenfenster aus dem man über die Dächer und in den rauchverhängten Himmel
der Großstadt sah Zwei weiß bezogene Betten ein ärmlicher Tisch und zwei
schlechte Stühle waren in dem Kämmerchen und ein herrlicher großer Spiegel aus
geschliffenem Glas in kunstvollem Glasrahmen aus Venedig der das Licht
tausendfach widerbljetzte
    Die Kleine war eine Schauspielerin die zu einem großen Theater gehörte
aber wegen ihrer Jugend und weil sie sich auf der Bühne befangen und eckig
zeigte erhielt sie keine großen Rollen sondern wurde immer nur zu ganz
unbedeutenden Nebenfiguren verwendet und meistens zu Dienstboten wo sie dann
einige unwichtige Worte zu sprechen hatte Es lebte aber eine große Sehnsucht in
ihr nach der Kunst und es berauschte sie wenn sie an die Lampen dachte und an
den dunkeln Zuschauerraum und an eine Leidenschaft die ihr das Herz
überfliessend machte dass sie hätte die Arme öffnen mögen und an den schönen
Klang voller und tiefer Worte Deshalb lernte sie eifrig für sich und studierte
und wenn sie einen Abend frei hatte so zündete sie Lichte an dass der herrliche
Spiegel blitzte und funkelte und trat im Kostüm ihrer Rolle vor den Spiegel und
spielte was sie am meisten liebte vornehmlich aber war das die Ophelia Da
trug sie ein weißes Kleid das durch einen goldenen Gürtel gehalten wurde und
ihre gelben Locken flossen über ihren zarten Nacken So stand sie vor dem
blitzenden Spiegel und sprach
    »Da ist Rosmarin das ist zur Erinnerung ich bitte Euch liebes Herz
gedenket meiner Und das Vergissmeinnicht das ist für Liebestreue Da ist
Fenchel für Euch und Aklei da ist Raute für Euch und hier ist welche für mich
wir können sie auch Reue Gnadenkraut nennen  Ihr könnt Eure Raute mit einem
Abzeichen tragen Da ist Masslieb  ich wollte Euch ein paar Veilchen geben aber
sie welkten alle da mein Vater starb Sie sagen er nahm ein gutes Ende«
    Währenddem stand die alte Mutter in der Ecke und Tränen des Glückes liefen
über ihr blasses Gesicht und sie freute sich der lieblichen und schön
klingenden Stimme und der gelben Locken und zarten Gestalt Und die Tochter
umarmte sie küsste sie und fragte »Wann werde ich die Ophelia spielen dürfen
Meinst du noch diese Spielzeit« Und vor Sehnsucht und Glück weinte auch sie
klare Tränen
    Und an dem Abend da Ivo auf seiner einsamen Stube saß und an sie einen
Brief schrieb voll schmerzlicher Worte des Abschiedes und der Sehnsucht nach
Glück und dann holte er seine Waffen hervor und machte sie bereit da geschah
es ihr dass Hamlet gegeben wurde und kurz vor dem Aufziehen des Vorhanges fiel
die Darstellerin der Ophelia die eine berühmte Künstlerin war über einen
vergessenen Bohrer und verletzte sich den Fuß derart dass sie nicht auftreten
konnte und wie der Inspizient und die Schauspieler in großer Verlegenheit
standen denn durch einen besonderen Zufall war die Darstellerin der die Rolle
sonst in der zweiten Besetzung anvertraut wurde für den Abend krank gemeldet
da trat die Kleine mit klopfendem Herzen vor und bot sich an und in der
allgemeinen Kopflosigkeit nahm man ihr Anerbieten an das in einem ruhigen
Augenblick wohl lächelnd abgewiesen wäre Und nun stellte sich die Kleine vor
die Lampen und den dunkeln Zuschauerraum im weißen Kleid mit dem goldenen
Gürtel wie sie so oft vor dem strahlenden Spiegel gestanden Wie Laertes sie
ermahnt »Schlaf nicht lass von dir hören« antwortet sie in süßer Verwirrung
ihr »Zweifelst du daran« Und in den drei Worten klang ihre Angst und Hoffnung
ihre Liebe und Furcht so wunderbar an die Ohren der Hörenden dass alle
zusammenzuckten als in Ahnung des angeknüpften Unheils dieser lieblichen
Gestalt und in einem Nu war ein Faden gesponnen zwischen ihrem Munde und den
Herzen der Zuschauer den spürte sie immer stärker werden wie sie dem Bruder
ihre kindliche Ermahnung gibt und ihrem Vater antworten muss bis zu dem »Ich
will gehorchen Herr« Da war erst eine atemlose Stille wie der Zwischenvorhang
fiel und ihr schien als müssten alle ihre Herzschläge hören und dann kam ein
sonderbares Geräusch das sie erst gar nicht verstand wiewohl sie schon oft den
Beifall für andre gehört hatte und wie sie noch so zweifelnd harrte da ging
der Vorhang wieder in die Höhe und ihre Mitspieler führten sie mit dankbarer
Verbeugung vor die Rampe Dann sprachen andre mit ihr und sie antwortete und
fühlte dass sie beglückwünscht wurde und trat wieder auf und das Stück hatte
seinen Fortgang und auch die Stelle sprach sie »Da ist Rosmarin das ist zur
Erinnerung ich bitte Euch liebes Herz gedenket meiner Und da ist
Vergissmeinnicht das ist für Liebestreue«
    Schwankend und mit unsicheren Schritten ging sie nach Hause wo ihre Mutter
sie erwartete die noch nichts ahnte und wie sie in das helle Kämmerchen trat
wo das dürftige Abendbrot auf dem Tische stand und die Mutter fleißig an einem
Kleid für sie nähte da konnte sie sich zuerst gar nicht verständlich machen
aber die Mutter erriet schon und jubelte und eine Lustigkeit kam ihr über das
verhärmte Gesicht und sie wurde beweglich und geschwätzig als eine alte
Schauspielerin die freilich nie zum Höheren gekommen war und indes die Tochter
munter aß erzählte sie alte Bühnengeschichten und die Legenden wie diese
entdeckt war und jener seinen ersten Erfolg gehabt hatte fragte dazwischen und
beantwortete selbst ihre Fragen und hatte endlich in allem ein so wunderliches
Wesen dass die Tochter zuletzt in ein lautes und herzliches Lachen ausbrechen
musste
    Erst spät gingen die beiden schlafen unter vielen Plänen und Hoffnungen und
früher wie sonst wachten sie wieder auf wie die helle Wintersonne auf die
gefrorenen Fensterscheiben schien Lachend vor Kälte sprang sie aus dem Bett
heizte schnell den kleinen Eisenofen an und kroch wieder in das warme Lager um
noch in behaglichen Gesprächen abzuwarten bis das Stübchen sich erwärmte und
das dicke Eis des Fensters abtaute Dann erhoben sich die beiden kleideten sich
an und bereiteten sich das Frühstück wie sie sich setzen wollten klingelte der
Briefträger sie kam jubelnd zurück da war ein Brief von Ivo der war gewiss
gestern im Theater gewesen und hatte gleich geschrieben
    Aber wie sie den Brief aufgerissen hatte wurde sie totenblass hastig
kleidete sie sich für die Straße an und eilte in Ivos Wohnung Da standen schon
Neugierige auf der Straße und Schutzleute bewachten den Eingang des Zimmers
damit nicht Unberufene eindringen sollten aber durch ihren Anblick wurden sie
bestürzt und ließ sie durch Da lag Ivo auf dem Fußboden unentstellt denn
seine Kugel hatte gut getroffen und nur die Tischdecke war ein wenig
verschoben Der Pistolenkasten stand auf dem Schreibtisch sie nahm die andre
Waffe heraus ehe den Schutzleuten ihre Bewegung klar wurde und indem sie gegen
sich abdrückte fiel sie neben ihrem Geliebten zur Erde
    Wie die Unglücksfälle über die gräfliche Familie hereinbrachen bemühten
sich bereitwillige Verwandte um Hilfe Ein Vetter erschien ein älterer und
unverheirateter Mann der als ein Sonderling galt der ordnete was zunächst
notwendig war denn die junge Gräfin Maria war zu unerfahren und die alten
Herrschaften schienen beide ihrer Sinne nicht mehr ganz mächtig zu sein Deren
Schicksal war nun bestimmt und unabänderlich und so bemühte sich der Vetter
vornehmlich für die junge Dame etwas auszudenken
    In der ersten Zeit erschien die recht verschlossen und ohne Teilnahme für
irgend etwas bis an einem Abend der Vetter im Ärger aus sich herausging und sie
schalt dass sie wohl auch nur so sei wie alle die etwas musizieren etwas
malen englische Romane lesen und Konversation machen Auf die Vorwürfe
erwiderte sie dass sie gar keine besonderen Talente gehabt habe und wohl gern
die Hauswirtschaft geleitet hätte aber das habe sie nicht gedurft aber wenn es
möglich sei dass sie etwas nach ihrem Willen tun dürfe so möchte sie wohl
Krankenpflegerin werden Hierüber wurde der Verwandte recht erstaunt und fragte
sie ob sie denn fromm sei das verneinte sie und sagte sie habe vieles
gelesen und wenn sie sich auch kein Urteil anmassen wolle so müsse sie doch
sagen dass sie nicht kirchengläubig sei und wie der Verwandte weiter forschte
stellte sich heraus dass sie gänzlich ateistisch gesinnt war und wollte aber
Menschen nützlich sein und eine Beschäftigung haben die sie befriedigte
    Da wurde der Verwandte gerührt und erzählte dass er als junger Mann eine
große Neigung zur Medizin gehabt und weil das damals nicht als standesgemäss
gegolten ein solches Studium zu beginnen so habe er sich von seiner Neigung
abwenden lassen dadurch aber habe er sein Leben eigentlich zugrunde gerichtet
denn indem er zu dem andern das er nun wirklich getrieben keine innere Neigung
gehabt sei er nie zu Befriedigung und rechter Arbeit gekommen Deshalb weil er
selbst das durchgemacht habe wolle er ihr helfen bei ihrem Vorhaben und es
freue ihn dass sie ihrem jetzigen Leben entsagen wolle denn das Leben der
Vornehmen werde im Grunde doch nur durch die Furcht vor den Leuten bestimmt die
trotzdem nicht so schlimme Dinge verhüten könne wie sie eben mit Vater und
Brüdern durchgemacht Nach solchen Worten schloss er sie in seine Arme und küsste
sie auf die Stirn und dann ermahnte er sie nochmals sie solle bei ihrem Mute
verharren denn der komme aus einem guten Gewissen und wenn Ängstliche ihr
vorstellen würden dass es ihre natürliche Pflicht sei dass sie ihre Eltern
pflege so solle sie nicht darauf hören sondern solle ruhig tun was sie sich
vorgenommen
Weiland hatte sich bald nach dem letzten Zusammentreffen mit Hans und Karl
verheiratet Um wenigstens äußerlich zu zeigen welche geringe Bedeutung sie der
bürgerlichen Eheform beilegten waren das Brautpaar mit den beiden Zeugen
welche Freunde von Weiland waren in Alltagskleidung zum Standesbeamten
gegangen da hatten sie in einem staubigen und leeren Vorzimmer gewartet und
waren dann zu dem Beamten eingetreten der hinter einem gelbpolierten Tisch saß
und einen Federhalter im Mund hielt und in der Rechten ein Lineal hatte Der
prüfte die Papiere der Zeugen nahm die Aushangsbescheinigung zu seinen Akten
füllte das Formular in seinem dicken Buche aus las dann seine Niederschrift
laut vor und ließ die Anwesenden unterschreiben indem er mit ärgerlichen Worten
mahnte dass sie keine Kleckse machen und nichts durchstreichen auch ihre
Vornamen nicht abkürzen sollten Dann unterschrieb er selbst und indem das Paar
und die Zeugen noch in Erwartung weiterer Geschehnisse standen winkte er
ungeduldig mit der Hand dass sie entlassen seien und gehen müssten Im Vorzimmer
wünschten die beiden Zeugen mit verlegenen Mienen Glück und das Brautpaar lud
sie der Verabredung gemäß zum Mittagessen ein So gingen die vier mit leerem und
verwirrtem Gemüt in eine Gastwirtschaft da bestellte der junge Ehemann nach der
Karte das Essen und die üble Stimmung besserte sich ganz allmählich indem alle
zuerst die Speisen lobten und dann die Unfreundlichkeit des Standesbeamten
tadelten nur die junge Frau blieb fast stumm und man sah dass sie sich
bezwang um nicht zu stören Nicht lange verharrte die Gesellschaft an dem
unbehaglichen Ort sondern nachdem sie gegessen hatten standen sie auf und
gingen und auf der Straße verabschiedeten sich die Freunde mit Danksagungen und
nochmaligem Glückwunsch und dann fassten die Eheleute sich unter den Arm und
gingen ihrem Heim zu das sie sich schon vorher eingerichtet hatten
    Sie gingen durch die Haustür und über den Hof und sahen die neugierigen
Gesichter der Mitbewohner an den Fenstern und erstiegen die schmalen Treppen und
gingen an den verschlossenen und mit Namenschildern versehenen Türen der
Wohnungen vorbei in die Höhe und immer niedergedrückter wurden sie wie sie so
immer höher stiegen auf der schmutzigen und ungastlichen Treppe Nur wie sie vor
ihrer Tür ankamen an der bereits das neue Namenschild befestigt war hatten sie
ein glücklicheres Gefühl aber wie sie dann aufgeschlossen hatten und in dem
engen und dunkeln Korridor standen fiel sie ihm um den Hals schluchzte und
weinte heiße Tränen aus dem tiefsten Herzen herauf und die Erinnerung an die
schmutzige Treppe die sich eintönig an den gleichmäßigen Türen vorbei in die
Höhe wand bewirkte ihnen beiden eine heftige Vorstellung von dem einförmigen
freudeleeren und gedrückten Leben das heute armen Leuten bevorsteht wenn sie
ihre Jugend verlassen und die Sorgen der Ehe auf sich nehmen Und wiewohl sie ja
jetzt noch jung waren und selbst die Sorgen noch nicht erlebt hatten und ein
fröhliches Stübchen hatten mit neuen Möbeln und frischen Gardinen und die Sonne
schien hier oben in ihre Fenster so standen doch vor ihrem Sinn die vielen
beladenen missmutigen vergrämten und besorgten Menschen die sie in ihrem Leben
schon gesehen und sie wussten dass nicht lange mehr ihre Heiterkeit und roten
Backen andauern würden
    Aber wie den armen Leuten gegeben ist dass sie die Gegenwart zu genießen
vermögen so kamen auch die beiden bald über ihre Verstimmung hinweg freuten
sich ihres Stübchens und ihrer Küche des neuen Sofas und des Salontisches auf
dem eine Visitenkartenschale stand und des Vertiko und wiewohl Sofa Tisch und
Schränkchen neben dem Teppich und den Stühlen und allem anderen ja neben den
bunten Bildern von Marx und Lassalle an den Wänden genau gleich waren tausend
andern Sofas und Tischen Schränkchen und Stühlen die in tausend andern
Wohnungen junger Leute standen so schien ihnen ihr Stübchen doch etwas
Besonderes und Schönes zu sein das kein anderer Mensch hatte und wenn sie zwar
der festen Meinung lebten dass die Zukunftsgesellschaft auch das häusliche Leben
viel vernünftiger ordnen werde wie es jetzt ist so waren sie doch jetzt
glücklich und zufrieden wie sie ehrfurchtsvoll vor ihrem Salontisch saßen auf
dem die Visitenkartenschale aus bronziertem Zinkguss in der Sonne blitzte
    So führten sie ihre erste Zeit in harmloser Freude und genossen beide das
Glück der jungen Ehe und die Vorstellung von einer besonderen Freiheit in ihr
die sie durch ihre Anschauungen und Gesinnungen hatten dass nämlich die Frau
nicht unterdrückt und ausgebeutet werde und dass sie so in Wahrheit in freier
Liebe lebten
    Derart hatten sie ausgemacht dass sie des Morgens abwechselnd früher
aufstehen wollten denn beide mussten um sechs Uhr auf ihrer Arbeitsstelle sein
und nun sollte den einen Tag der Mann und den andern Tag die Frau zuerst das
Bett verlassen um für beide den Morgenkaffee herzurichten Nach dieser
Verabredung begann den ersten Tag die junge Frau und mit sonderbarem Behagen
erwachte der Mann von einem leisen Huschen auf den Dielen da sah er durch die
halboffene Tür wie sie den neuen Petroleumapparat instand setzte und Wasser in
das Blechgeschirr mit prasselndem Geräusch aus der Wasserleitung ließ und
während das heiß wurde maß sie den Kaffee ab in die Mühle nahm die zwischen
die Knie und begann zu mahlen Dann wischte sie den sauberen Küchentisch noch
einmal ab und rückte die Stühle davor holte den Frühstücksbeutel herein und
setzte den Topf mit der Milch zurecht Und wiewohl das alles nur ganz einfache
Dinge waren die nun von jetzt an jeden Tag geschehen sollten so kam ihm doch
ein sonderbares Glücksgefühl ins Herz indem er zufrieden in seinem Bette lag
    Am andern Tag war die Reihe an ihm da stand er vorsichtig auf um seine
Frau nicht zu wecken die indessen mit verbissenem Lachen sich nur so stellte
als schlafe sie noch mit ungeschickten Händen brachte er die Kochmaschine in
Ordnung wie er es gestern gesehen aber schon als er das Wasser in die
Kasserolle ließ war er irr und wie er die Bohnen mahlen sollte wusste er
nicht wie viel er nehmen durfte Da musste er zu ihr gehen und sie fragen sie
aber antwortete dass er ganz ungeschickt sei und nie die Handgriffe lernen
werde und dass die Männer überhaupt solche Sachen nicht verstünden und dann
sprang sie geschwind aus dem Bett nahm alles in ihre flinken Hände und besorgte
mit Schnelligkeit das Frühstück indessen der Mann gehorsam zuschaute
    In solcher Weise geschah es dass nach einiger Zeit die rasche Frau doch alle
frauenhafte Arbeit in ihre Hände nahm indem sie freilich ihren Mann häufig
ausschalt dieser aber der sich schnell zu großer Geduld entwickelt hatte nahm
solches Schelten nicht übel da es ja nicht böse gemeint war und eigentlich eine
Zärtlichkeit ausdrücken sollte
    Wenn am Abend die Arbeit beendet war und das Abendbrot verzehrt und das
Geschirr aufgeräumt so begann für die beiden der schönste Teil des Tages denn
der Mann nahm vom Büchergestell an der Wand ein aufklärendes Buch etwa Bebels
»Frau« oder Zimmermanns »Wunder der Urwelt« las vor und erklärte die Frau
aber die fleißig stopfte und flickte hörte eifrig zu fragte und widersprach
und recht oft kam zwischen beiden eine lehrreiche Diskussion zustande In den
meisten Fällen drehte sich der Streit darum was die Arbeiter unter den
gegenwärtigen Verhältnissen tun könnten indem der Mann meinte dass sie sich
aufklären müssten und Bildung erwerben die lebendige Frau aber schalt dass die
Männer träge und mutlos seien und zu Taten vorgehen müssten und wenn sie selbst
ein Mann wäre so würde sie gewiss suchen die Arbeiterklasse durch ein Attentat
von einem besonders schlimmen Bedränger zu befreien damit die andern Furcht
kriegten Hierauf erwiderte der Mann dass sie durch solche Handlungen ja
Ausnahmegesetze rechtfertigen würde und den ruhigen Fortgang der Entwicklung
stören von dem man alles erwarten müsse
    Indem die beiden dergestalt für sich lebten geschah es ganz natürlich dass
sie weniger in Versammlungen gingen und der Mann auch geringeren Anteil nahm an
der geheimen Tätigkeit seiner Freunde in Verbreitung verbotener Schriften oder
im Sammeln von Geld er sagte ihnen aber dass er seinen Mann stehen werde wenn
es nötig sei und wenn etwa die zunehmende Macht der Arbeiter die Regierung zu
weiteren Unterdrückungsmassregeln treibe und diese dann in einer bewaffneten
Erhebung antworteten um die soziale Republik zu begründen das etwa in zwei
oder drei Jahren geschehen könne so wolle er selbstverständlich sogleich mit in
die Reihen der Kämpfenden treten
    Inzwischen zeigte es sich zu ihrer großen Freude dass die Frau ein Kind
erwartete und nun machten sie neue Pläne und Hoffnungen wie sie das nicht
wollten taufen lassen und als ein freies Wesen auferziehen ohne den Glauben an
alle die Erfindungen welche die herrschenden Klassen benutzten um das Volk
niederzuhalten und dazwischen erzählte die Frau von einem schönen Kinderwagen
auf den sie jetzt schon sparte denn er sollte Gummiräder haben und auch von
Jäckchen und Mützchen sprach sie diese Gedanken schienen zwar dem Mann töricht
allein er mochte doch nicht recht etwas gegen sie vorbringen denn sie konnte
viel schneller sprechen wie er und auch viel mehr Er selber trug sich indessen
mit noch andern Absichten denn es war damals zuerst die Sitte aufgekommen dass
die Spekulanten ihre unbenutzten Grundstücke die zu Bauplätzen bestimmt waren
in kleinen Abteilungen an Arbeiter verpachteten die allerhand Gemüse und Blumen
auf dem sandigen Boden zogen und sich eine Laube bauten und am Feierabend mit
Weib und Kind sich hier in ländlicher Arbeit erfreuten Einige Arbeitsgenossen
von Weiland hatten sich zusammengetan zu einer solchen Ansiedelung die sie
»KleinKamerun« nannten diesen dachte er sich anzuschließen wenn er seine Frau
von der Vortrefflichkeit des Planes überzeugte und die Frau sollte das
Abendbrot in der Laube zurichten und da würden sie dann im Freien essen und
das Kind sollte auch im Wagen anwesend sein und die frische Luft mit genießen
und nach dem Essen wollte er dann immer graben pflanzen und jäten Derart
lebten die beiden als zielbewusste und ganz umstürzlerisch gesinnte Arbeiter doch
in allerhand Wünschen wie sie wohl kleine Bürger haben mögen und es zeigte
sich auch an ihnen dass die Gedanken der Menschen immer viel weiter greifen wie
ihr eigentliches Streben ist das für einen Arbeiter in Wahrheit ja doch immer
nur auf ein größeres Behagen gehen kann und auf die Art von Freiheit und
Sittlichkeit welche er versteht nämlich des kleinen Bürgers weil er den
gerade über sich sieht
    So nahte sich die Zeit wo die Frau entbunden werden sollte Als eine
fleißige und frische Person ging sie noch bis in die letzten Tage auf ihre
Arbeit und weil sie jung und gesund war so geschah alles ohne besondere
Unfälle und in richtiger Weise Und nun war das Leben und das Glück das sich
jedesmal wiederholt wo eine Familie wenigstens nicht mit allzu großem
Leichtsinn gegründet ist wenn das Erstgeborene kommt zwar hatten sie nur ein
Mädchen aber doch war der Vater so stolz dass er meinte er sei fast allen
seinen Arbeitsgenossen überlegen und die Mutter dachte ein so kräftiges
gesundes und kluges Kind sei doch eine sehr große Ausnahme den Namen gaben sie
ihm nach den drei von ihnen am meisten verehrten Männern nämlich Marx Lassalle
und Bebel als Karoline Ferdinande Auguste Es stellte sich naturgemäß heraus
dass die Frau zunächst ihre Arbeit lassen musste und so hatten die Ehegatten
jetzt wieder viele Gelegenheit über die bessere Organisation solcher Dinge in
der künftigen Gesellschaft zu reden wo eine gelernte und geübte Pflegerin eine
Menge Kinder versorgen kann indes die Mütter ihrer Arbeit nachgehen die wegen
ihrer geringen Kenntnis und Übung auch wegen des bekannten Nachteils jeden
Kleinbetriebes doch gewiss ungeeignetere Pflegerinnen wären wie jene und meinte
die Frau sie würde sich sehr gern von der Gesellschaft an solche Stelle als
Pflegerin setzen lassen denn dabei hätte sie ihr Kind doch immer bei sich das
sie auch nicht bevorzugen wolle Inzwischen erwies sich das Kind als kräftig
wachsend und froher Gemütsart und bekam einen sehr schönen Wagen mit
Gummirädern um den vorher die Frau eines Amtsrichters vergeblich gefeilscht
hatte er war der aber zu teuer gewesen und auch alle seine Wäsche war sehr
schön
    Hans und Karl hatten die Freundschaft mit den beiden aufrecht gehalten und
obschon sie zwar kein rechtes Verständnis für kleine Kinder hatten so freuten
sie sich doch des Glückes der Eltern mit Zuweilen kamen sie am
Sonntagnachmittag in die kleine Wohnung mit den ängstlich geschonten Möbeln
brachten allerhand Zugebröte in Papier gewickelt wie Wurst und Käse und aßen
dann mit der Familie unter fröhlichen Gesprächen zu Abend und erzeugte die
Annäherung der Klassen in dem Schuhmacher und den Studenten auf beiden Seiten
ein besonderes Hochgefühl und eine gewollte Freude als kämen sie alle in eine
neue Freiheit indem es ihnen freilich oft mit Schwere auffiel dass es
eigentlich wenig war was sie einander sagen konnten und dass sie fast sich
gegenüberstanden wie Menschen verschiedener Sprachen die durch einige
allgemeinverständliche Laute und Zeichen einander ihre Freundschaft versichern
    Auch Jordan war oft zu Besuch bei den jungen Leuten jener ruhige Mann der
damals in der Versammlung ihnen die Spuren der Ketten an seinen Knöcheln gezeigt
hatte Einmal als er mit den beiden Studenten zusammen von dem Ehepaar wegging
war er in sehr trüber Stimmung und in jener Verfassung die zu Klagen und
Erzählungen treibt So sprach er von seiner Heimat wo er bei einem alten
Meister gelernt der ihn lieb gewonnen hatte weil er Sonntags nicht zum Tanzen
ging und zu Biere sondern zu Hause blieb und Bücher las der hatte ihm gesagt
wenn er seine Wanderschaft beendet habe so solle er wiederkommen dann sei er
selbst so weit dass er nicht mehr arbeiten könne dann solle er seine Werkstätte
übernehmen und seine Kundschaft bekommen Nun hatte er aber gesehen wie überall
das Handwerk durch die Fabriken verdrängt wurde und auch die Schuhmacher
konnten sich nicht lange mehr halten und wenn jetzt ein junger Mensch sich in
einem kleinen Ort als Meister niederließ so mochte er ja wohl noch ein paar
Jahre lang sein Auskommen haben aber dann ging das Handwerk doch zugrunde und
da war es besser gleich in jungen Jahren in die fabrikmässige Produktion zu
gehen solange man sich noch gewöhnen konnte und vielleicht bekam er eine
bessere Stellung Weshalb Jordan das erzählte wurde nicht klar aber der Grund
war dass er Heimweh hatte und sich aus dem großen Fabriksaal mit den
schnurrenden Maschinen und der hastigen Arbeit wegsehnte in die kleine
Schusterwerkstätte mit dem Schemel dem Knieriemen und der Glaskugel vor dem
Licht Weiterhin erzählte er dass er versprochen gewesen sei kurz vor seiner
Verhaftung und das Mädchen habe er auch von Jugend auf gekannt denn was man so
in Berlin sehe von Mädchen da wisse man bei keiner was der schon alles
passiert sei und das sei ja wohl nicht richtig wenn man als junger Kerl sein
Herz an ein Mädchen hängt denn man könne ja tausend haben für eine aber weil
er sie so lange gekannt und auch ihre Eltern so sei er doch der Meinung
gewesen er habe etwas Gutes Wie er aber wieder aus dem Gefängnis
herausgekommen sei da habe er sie mit einem andern verlobt gefunden und sie
habe ihm nur gesagt die Jugend gehe schnell vorbei und nachher kommen die
Sorgen darum sei man dumm wenn man seine Jugend mit Warten hinbringen wolle
Damals sei er an allem verzweifelt und wenn er nicht aus der Schrift von Engels
gegen Dühring gelernt hätte dass die Handlungen der Menschen durch die
Verhältnisse bestimmt werden so hätte er vielleicht dem Mädchen etwas angetan
nun aber sei das lange her und er sehne sich nach Weib und Kind und besonders
wenn er bei Weiland gewesen sei der zwar sehr leichtfertig gehandelt habe dass
er sich außer der Küche noch Stube und Schlafzimmer gemietet wenn er sich
jedoch die Mädchen ansehe so habe er zu keiner Lust dass er sie heiraten
möchte denn mit den Jahren werde man immer bedenklicher wiewohl ja alles
Überlegen doch nicht vor einem falschen Schritte bewahren könne denn Heiraten
sei immer ein Glücksspiel
    Aus diesen Reden ging hervor dass der treuherzige Mann wohl schon seine
Augen auf ein bestimmtes Mädchen gerichtet hatte aber er scheute sich vor dem
letzten Schritt aus Furcht wie denn ja auch Personen seines Schlages wenn sie
nicht ein ganz besonderes Glück haben übel anzulaufen pflegen in der Ehe
    Als die Weihnachtszeit heranrückte beschlossen Hans und Karl nicht nach
Hause zu reisen sondern sie wollten das Fest bei ihren Freunden verleben die
ihrer Meinung nach ihrem Herzen jetzt am nächsten standen So besorgten sie in
Fröhlichkeit die kleinen Geschenke die sie für einander und für die andern
Freunde ausgesucht hatten pilgerten hinaus zu der entfernten Straße und
erstiegen die vielen Treppen der hohen Wohnung
    Hier zeigte es sich dass die Frau den Baum herrichtete und dass der Mann mit
den Gästen in der Küche warten musste und war außer den beiden Studenten noch
Jordan anwesend und jenes Mädchen mit dem Karl sein Liebeserlebnis gehabt über
dieses unerwartete Wiedersehen schien Karl verlegener wie sie denn sie reichte
ihm unbefangen die Hand und schüttelte sie kräftig Jordan lachte wie er Karls
linkische Gebärde sah und die andern merkten wohl dass zwischen ihr und Jordan
Einvernehmen war Da wurde die Tür geöffnet und alle traten ins Zimmer wo auf
dem deckengeschützten Salontisch ein niedlicher Weihnachtsbaum brannte und die
Frau stand zur Seite und hatte das Kind auf den Armen das zwar noch ziemlich
teilnahmslos war und hielt in einem Händchen seine Kinderklapper und sah mit
etwas hängendem Kopf auf den Boden ungeachtet aller Aufmunterung der Mutter es
solle den Weihnachtsbaum betrachten Die andern legten verstohlen die
mitgebrachten Geschenke an die passenden Plätze und zeigten dann ihre
Bewunderung der Anordnung durch Ausrufe und Lobpreisungen welche die Frau mit
bescheidenem Stolze annahm Der kleine Weihnachtsbaum mit seinen Kerzen zeigte
sich noch einmal im Spiegel neben dem die Bilder von Marx und Lassalle
friedlich herabsahn Aus vielen Wohnungen des viereckigen Hofes glänzten durch
das Fenster andre Bäume und das Bewusstsein dass hier überall sich Menschen
freuten machte noch froher und glücklicher Da stimmte Weiland mit Heller
Stimme die Arbeitermarseillaise an
Wohlan wer Recht und Wahrheit achtet
Zu unsrer Fahne steht zuhauf
Wenn auch die Lüg uns noch umnachtet
Bald steigt der Morgen hell herauf
Ein schwerer Kampf ists den wir wagen
Zahllos ist unsrer Feinde Schar
Doch ob wie Flammen die Gefahr
Mög über uns zusammenschlagen
Nicht zählen wir den Feind nicht die Gefahren all
Der kühnen Bahn nur folgen wir
Die uns geführt Lassall
Den Feind den wir am tiefsten hassen
Der uns umlagert schwarz und dicht
Das ist der Unverstand der Massen
Den nur des Geistes Schwert durchbricht
Ist erst dies Bollwerk überstiegen
Wer will uns dann noch widerstehn
Dann werden bald auf allen Höhn
Der wahren Freiheit Banner fliegen
Das freie Wahlrecht ist das Zeichen
In dem wir siegen nun wohlan
Nicht predigen wir Hass den Reichen
Nur gleiches Recht für jedermann
Die Lieb soll uns zusammenkitten
Wir strecken aus die Bruderhand
Aus geistger Schmach das Vaterland
Das Volk vom Elend zu erretten
    Alle fielen ein und die mächtigen und jubelnden Töne des Liedes erfüllten
den engen Raum und klangen hinaus über den viereckigen Hof mit den
gleichförmigen Lichterreihen der Fenster und bald öffneten sich hier und da
Fenster und neue Stimmen aus den andern Wohnungen fielen ein und am Ende
sangen alle die armen Leute die rings um diesen Hof in dürftigen und engen
Stuben wohnten und ihr Lied stieg in die Höhe aus der Stätte ihrer täglichen
Hoffnungslosigkeit und Sorge zu dem klaren und sternenfunkelnden Himmel und
unser lieber Vater im Himmel hat es gewiss gern gehört wenn es auch nicht fromm
war und die großen Kinder nicht an ihn glauben wollten und hat sich seines
lieben deutschen Volkes gefreut dass auch solche Leute denen so wenig Gutes
geschieht doch so rechtlich und brav denken Wie der Gesang beendet waren alle
tief ergriffen das waren einfache Arbeiter die täglich in ihre Fabrik gehen
und Schuhe machen für den gemeinen Bedarf die ganzen langen Stunden des Tages
hindurch und Studenten die eben den ersten Schritt hinaus taten in die
Freiheit des Geistes die armen Leute die an die knechtische Arbeit für die
Notdurft gefesselt sind stehen gewiss auf der tiefsten Staffel der Leiter und
diejenigen die zu geistiger Freiheit zu dringen vermögen auch wenn sie
äußerlich nur bescheidene Stellen erringen stehen doch gewiss auf der höchsten
Staffel aber wiewohl die größte Entfernung zwischen ihnen war die unter
Menschen möglich ist so fühlten sie sich doch als wahre Brüder die sich lieb
hatten und sich nicht einer über den andern erhoben dachten und wurde so wieder
einmal lebendige Tat was unsre Vorfahren meinten wenn sie sagten dass vor Gott
alle gleich sind welches Wort heute für die meisten eine sinnlose Rede ist In
dieser neuen und wunderlichen Stimmung erhielten die armen Geschenke die sie
einander machten und ihre Gefühle die sie hatten einen ganz andern und
ernsteren Sinn wie vorher denn es war ihnen wie frommen Leuten in der Kirche
und nachdem erst ein Schweigen auf den Gesang erfolgt war wagten sie eine kurze
Weile nicht laut zu sprechen Hier begann nun Jordan ergriff die Hand des
Mädchens und sagte dass er sich diesen Abend ausgesucht um ihnen als seinen
Freunden mitzuteilen dass sie beide sich verlobt hätten »Zwar weiß ich« fuhr
er fort und das Mädchen erglühte rot »was vorher mit ihr geschehen ist aber
ich habe bedacht dass ich selbst sogar mehrere Liebschaften früher gehabt habe
und deshalb wäre es ungerecht von mir ste zu tadeln vielmehr wollen wir doch
alle dass auch die Liebe frei und ohne Zwang sein soll denn freilich wäre jede
solche Verbindung unsittlich die nicht frei wäre und wahrscheinlich werden in
der künftigen Gesellschaft wo die Not und die Gewalt fehlen die heute alles
Böse erzeugen die Menschen in Bälde so veredelt sein dass sie gleich zuerst und
ohne einen Irrtum erkennen für welchen Gatten ein jeder bestimmt ist dem sie
dann angehören ohne Wanken in Freiheit aber in Treue« Nach diesen Worten
schwieg er die andern aber freuten sich und wünschten ihnen beiden Glück und
als erster gab Karl der Braut die Hand mit frohem Gesicht
    Hierauf musste zuerst die Kleine zu Bett gebracht werden und die Braut die
aus Verschämteit nicht in der Gesellschaft der Männer ausharren mochte ging in
die Küche den Tisch für alle zu decken und das Mitgebrachte auszupacken das
jeder für das gemeinsame Abendbrot hier niedergelegt hatte Und während sie das
glänzende Tischtuch ausbreitete und in die Mitte die Lampe stellte und das
wenige Geschirr verteilte das nicht ausreichte für so viel Gäste besprachen
die vier Männer unter dem brennenden Baum ernste Dinge des Parteilebens denn
bei einer Haussuchung war eine Abrechnung gefunden aus der auf die Einzelheiten
der Organisation geschlossen werden konnte und gleichzeitig mutmasste man dass
die Polizei einen Angeber gefunden hatte der vieles wusste weil sie in der
letzten Zeit ganz sonderbares Glück gehabt bei ihren Verhaftungen Das erfüllte
alle mit banger Sorge und es wurde viel geraten und gedacht wo wohl der
Verräter zu suchen sei und Weiland sagte er habe jetzt immer ein schlechtes
Gewissen dass er in solchen Zeiten der Gefahr sich vom Leben der Partei so fern
halte aber die andern hielten ihm vor dass es doch besser sei wenn die
Unverheirateten sich den Gefahren aussetzen weil diese durch Gefängnis und
Ausweisung ja nicht in ihrer Lebenshaltung bedroht würden wie ein Familienvater
denn ein solcher könne vielleicht ganz zugrunde gehen durch eine Verfolgung
    Inzwischen hatte die Frau das Kind besorgt und war dann in die Küche
gegangen der andern zu helfen und nun rief sie mit heiterem Gesicht die Männer
in den engen und reinlichen Raum wo durch die Küchenbank und den Holzstuhl und
umgekehrte Kisten allerhand Sitzgelegenheiten geschaffen waren um den sauberen
Tisch Aber als sie eben sich unter allerhand Scherzen setzen wollten ertönte
plötzlich die Klingel im Flur die Frau rief noch fröhlich aus das seien ihre
Eltern die sie überraschen wollten trotzdem sie erst für den Feiertag einen
Besuch verabredet hätten und sprang glücklich zur Tür doch wie sie ungestüm
öffnete und eben die Draussenstehenden umarmen wollte prallte sie erstaunt
zurück denn ein feiner Herr im Zylinder ein andrer Herr im gewöhnlichen Anzug
ein Polizeioffizier und zwei Schutzleute traten ein und gingen in die Stube wo
noch der Weihnachtsbaum brannte die andern kamen ihnen aus der Küche entgegen
und so war der enge Raum plötzlich ganz mit Menschen angefüllt Da gab sich der
Herr mit dem Zylinder als der Staatsanwalt zu erkennen der andre Herr war sein
Sekretär Er teilte Weiland mit dass er genötigt sei bei ihm eine Haussuchung
vorzunehmen und drückte sein Bedauern aus dass er gerade am heutigen Abend
kommen müsse Weiland lachte über diese letzte Rede und deutete ihm an er solle
tun was sein Amt verlange Nun wurden zuerst die Anwesenden nach Namen Wohnung
und Grund ihres Hierseins befragt und ihre Antworten von dem Sekretär
aufgeschrieben dann begann das Nachsuchen währenddessen die Schutzleute die
Freunde genau beobachten mussten wiewohl sie eine Art freundlichere Stimmung
gegen die Überfallenen zu haben schienen die freilich durch den Ernst der
Amtspflicht verborgen wurde
    Mit umständlicher Gründlichkeit wurde erst das Schränkchen untersucht nach
etwaigen Schriftstücken zornbebend musste die arme Frau zusehen wie ihre
geringe Wäsche von den Männern hin und her gewendet wurde und mit Mühe hielt
Jordan sie zurück dass sie nicht schalt Endlich fand der Polizeioffizier ein
dünnes Paket Briefe auf das er dem Staatsanwalt reichte aber plötzlich stürzte
sich die Frau auf ihn zu entriss ihm das Paket und hielt es unter ihrer Schürze
Ein Lärmen und eine heftige Bewegung entstand sie rief das seien ihre Briefe
die sie ihrem Manne in der Verlobungszeit geschrieben der Staatsanwalt suchte
die Peinlichkeit durch Beschwichtigungen zu heben die Freunde redeten ihr zu
dass sie nicht durch unnützen Widerstand noch etwas Schlimmes anrichten möge da
gab sie die Briefe zurück das feurige Rot der Scham im Gesicht warf die
Schürze vor die Augen und setzte sich weinend in die Sofaecke wo die Freundin
sie mit unterdrückter Stimme zu trösten suchte Unterdessen fuhren die andern
mit ihren Nachforschungen fort in der wunderlichsten Weise indem sie selbst die
Bilder von der Wand nahmen und hinter ihnen versteckte Schriftstücke suchten
den Teppich aufhoben und sich an den Dielen bemühten Mit einem Eifer und einer
Ernsthaftigkeit verfuhren sie als seien die wichtigsten Dinge hier aufzufinden
durch welche das Bestehen des Staates in Frage gestellt werde und das glaubten
sie auch wohl wirklich Weiland hatte der Gesellschaft den Rücken gekehrt und
sah schweigend durch die Fensterscheiben weil er vermutete dass er einen
Ausweisungsbefehl bekommen werde wenn auch die Haussuchung fruchtlos verlaufen
musste und er wusste nicht was dann mit seiner jungen Frau und dem Kinde werden
sollte bis er an anderm Ort wieder Arbeit gefunden hatte denn durch die Natur
seiner Arbeit war er auf die wenigen großen Städte angewiesen wo es Fabriken
gab in denen er arbeiten konnte die standen aber meistens unter dem
Belagerungszustand Und wenn er wirklich anderswo eine Stelle für sich ausfindig
machte wo er vor neuer Ausweisung sicher war so dauerte es doch erst eine
Weile bis er wieder zu seinem gegenwärtigen Lohn kam denn als ein tüchtiger
und erprobter Arbeiter wurde er besonders gut bezahlt und dann machte der Umzug
noch große Kosten die er gar nicht aufzubringen vermochte weil sie beide ihre
Ersparnisse für die Einrichtung ausgegeben hatten In Gedanken sagte er halblaut
zu sich »Das ist doch unrecht das ist doch unrecht« Hans der neben ihm
stand drückte ihm still in einem überquellenden Gefühl die Hand Auf dem Tisch
unter dem Weihnachtsbaum lag der erste Band des »Kapital« von Marx als ein
Geschenk von Hans Der Sekretär schlug das Buch auf wies dem Staatsanwalt eine
Seite mit vielen Formeln die sehr gelehrt und schwer verständlich schien und
zuckte dabei als ein hochmütiger Subalterner die Schulter indem er dabei doch
die schuldige Demut gegen den Vorgesetzten zur Schau trug Hierauf wurde sehr
genau das kleine Bücherbrett durchsucht und die Bände einzeln herausgenommen und
nach Schriftlichem durchblättert und weil sich in der kleinen Sammlung mehrere
Bücher und Hefte fanden die verboten waren so wurden die dem einen Schutzmann
zum Mitnehmen übergeben So gedrückt und unfrei allen zu Mute war so musste sich
doch Hans fast des Lachens erwehren bei dem verängstigten Gesicht das dieser
machte wie er die gefährlichen Drucksachen in seine braven dicken Hände nahm
Wie die Nachforschungen im Schlafzimmer fortgesetzt wurden erwachte die Kleine
und begann jämmerlich zu schreien die Mutter trocknete sich das Gesicht ab
ging zu dem Wagen und nahm das Kind heraus aber die vielen Menschen und die
ungewohnte Stunde mochten es wohl so erschreckt haben dass es sich gar nicht
beruhigen wollte Der Schutzmann dem die Bücher anvertraut waren holte eine
Uhr aus der Tasche und suchte die Kleine zufrieden zu stellen indem er die vor
ihr bewegte und zuletzt wurde sie auch auf dieses Spielzeug abgelenkt
versuchte nach ihr zu greifen fing endlich an zu lachen und am Ende packte sie
den Mann mit beiden Händen in seinen dichten blonden Vollbart und erst wie er
mit ganz tiefer Stimme zu lachen begann zog sie erstaunt die Händchen wieder zu
sich Dadurch aber war die Mutter so aufgeräumt geworden dass sie gleichfalls
lachte zu erzählen begann und zu dem Kinde sprach Plötzlich zwar hielt sie
erschreckt inne denn es kam ihr alles wieder zum Bewusstsein aber es war doch
als sei eine leichtere Stimmung über alle gekommen Wie als eine Entschuldigung
sagte der Mann »Wir müssen doch unsre Pflicht tun«
 
                                  Drittes Buch
Einige Tage nach der Haussuchung bekamen Hans und Karl eine Vorladung vor den
Universitätsrichter denn die Polizei hatte der Universitätsbehörde Mitteilung
davon gemacht dass sie die beiden in Weilands Wohnung angetroffen auch weitere
Angaben über ihren sonstigen Umgang zugefügt den sie bereits seit einiger Zeit
mit Sorgfältigkeit beobachtet hatte
    Ein alter Herr empfing sie in seinem Amtszimmer mit ernsten und bekümmerten
Mienen legte ihnen erst die Anzeige vor und fragte ob sie die Nachrichten für
richtig anerkannten da waren allerhand wunderliche Dinge berichtet dass die
beiden einmal in einer Wirtschaft an einem Tische mit bekannten Sozialdemokraten
gesessen und dass sie ein andermal auf der Straße beim Abschiednehmen gerufen
»Auf Wiedersehen am Wahltage« Die beiden waren durch die Feierlichkeit der
Umstände befangen und gestanden mit stockender Stimme zu dass die Nachrichten
alle richtig seien da begann der alte Herr ihnen herzlich ins Gewissen zu
reden dass sie doch noch so jung seien und sich mit solchen Menschen zusammentun
wollten welche die Fürsten ermorden und alles umstürzen möchten was uns heilig
sei Über diese Rede kam Hans in einen heftigen Ärger dass er die jugendliche
Schüchternheit gegen den weisshaarigen und würdigen Mann überwand und entgegnete
solche Meinungen über ihre Absichten seien unrichtig und wollte eine lange
Auseinandersetzung beginnen Diese schnitt der Richter aber kurz ab indem er
mit verächtlicher Gebärde fragte ob er sich denn zu der Partei zähle und wie
Hans mit einem Ja antwortete und in seiner Erklärung fortfahren wollte
unterbrach er ihn wieder und sagte es sei gut Hierdurch stieg noch die
Empörung Hansens und er sagte schnell alle ehrlichen Leute müssten zu der
Partei halten Wie der Richter diese kecken Worte hörte verfinsterte sich sein
Gesicht sehr und er neigte bedenklich den Kopf
    Auf dem Flur draußen nachdem sie entlassen waren machte Karl Hansen
Vorwürfe über seine Heftigkeit und unbedachtsame Rede aber er antwortete er
habe nicht anders gekonnt und ihm sei gewesen als sitze plötzlich ein andrer
Mensch in ihm der sich auf den Richter losstürzen wolle und er habe den noch
zurückgehalten und nur einmal als Kind habe er ein ähnliches Gefühl gehabt wie
er mit den Kindern des Grafen habe spielen sollen und selbst noch jetzt wo er
vor der Tür stehe und alles abgetan sei geschehe ihm innerlich als treibe ihn
der andre zurückzukehren und den Richter totzuschlagen Das erschrecke ihn
selber denn er sei doch sonst ein sehr ruhiger Mensch
    Nun nahm die Angelegenheit der beiden ihren weiteren behördlichen Gang mit
Vernehmungen Verhandlungen und Beschlüssen und am Ende wurde ihnen »wegen
unzulässiger Begünstigung der sozialdemokratischen Bestrebungen« das Konsilium
abeundi erteilt Für Karl hatte der Schlag eine geringe Bedeutung denn der
hatte sich in der letzten Zeit gänzlich in die Literatur begeben und war ohnehin
nicht willens seine Universitätsstudien fortzusetzen Hans aber arbeitete an
einer Doktorarbeit und hatte den Gedanken später durch die Empfehlung seines
Lehrers eine Beschäftigung bei einem großen gelehrten Unternehmen zu finden und
so war für ihn dem Anschein nach eine große Gefahr vorhanden dass sein Leben
scheiterte denn es war wohl schwer eine Universität zu finden wo er nunmehr
zur Promotion zugelassen wurde und wenn ihm das wirklich gelang so hatte es
gewiss große Schwierigkeiten nachher die gewünschte Beschäftigung zu bekommen
    Weiland war aus Berlin ausgewiesen und hatte zunächst seine Familie
zurückgelassen und sich auf die Suche nach einer neuen Stelle in einem anderen
Orte begeben aber mehrmals war es schon geschehen wenn er bei seiner Arbeit
war dass Polizeibeamte in die Fabrik kamen und ihn durchsuchten Anfänglich
schrieb er mir Lustigkeit wenn er alsdann von seinem erschreckten Herrn
verabschiedet wurde und wieder weiterreisen musste aber zuletzt lauteten seine
Briefe ganz verzweifelt denn er schämte sich dass er kein Geld nach Hause
schicken konnte Die junge Frau hatte das Glück gehabt dass sie die beiden
Zimmer vermietete und so schlug sie sich denn ärmlich mit dem Kinde durch
indem sie in der Küche wohnte aber sie verbrachte ihre Tage mit manchen
heimlichen Tränen wenn der eine Mieter ihre geliebten Möbelstücke rücksichtslos
behandelte etwa mit den Stiefeln auf dem Sofa lag oder mit der Zigarre ein Loch
in die Tischdecke brannte Sie klagte auch zuweilen dem andern Mieter dem
welcher in der früheren Schlafstube wohnte derselbe war Aufseher in einer
Fabrik ein ruhiger und ordentlicher Mann von etwa dreißig Jahren der
verheiratet gewesen und von seiner liederlichen Frau verlassen war Dieses
Unglück Weilands drückte Hans noch besonders nieder und wie er auch für sich so
nirgends einen rechten Weg sah den er gehen konnte so erschien ihm sein ganzes
Leben in trüber Zwecklosigkeit Da bekam er unerwartet einen Brief von seinem
Lehrer dass er ihn aufsuchen möge denn wiewohl er dem durch sein Arbeiten
nähergetreten war hatte er doch nicht gewagt jetzt zu ihm zu gehen weil er
sich schämte wie denn Unglück argwöhnisch macht und die Menschen zu einem
unsinnigen Stolz verhärten kann Hansens Lehrer war ein alter Mann mit
schneeweißen Haaren und blitzenden blauen Augen den die Jahre nicht versteinert
hatten wie die einen dass er bei seinen vormaligen Meinungen stehen geblieben
wäre noch hatten sie ihn schwach gemacht wie die andern dass er sich zu
Gesinnungslosigkeit entwickelt hätte sondern als eine nicht auf das Handeln
angelegte Natur hatte er sich zu einer milden Skepsis entwickelt die in
verständigem Zuschauen ihr Genüge fand und die Wärme seines Herzens hob er für
die einzelnen Menschen auf die ihm irgendwie nahetraten wie unser Hans So
begrüßte er den mit dem Troste er wolle dafür sorgen dass er an einer
schweizerischen Universität promoviere und alsdann werde er auch eine Stelle
für ihn finden wo er zuerst in untergeordneter gelehrter Arbeit tätig sein
könne und aber doch Zeit habe eigenes zu leisten wenn er es vermöge Dann fuhr
er fort »Ich meine dass für jeden jungen Menschen wenn er anders Kraft in sich
hat eine Zeit kommen muss wo ihm alle bestehenden Einrichtungen unsinnig
erscheinen denn die haben ihren Grund ja nicht in den sittlichen Idealen
sondern in der menschlichen Gebrechlichkeit Ein junger Mann aber kennt nur die
sittlichen Ideale weil er die in sich trägt von der menschlichen
Gebrechlichkeit aber weiß er nichts die lernt er erst durch das Leben kennen
an sich wie an andern So erneuert sich um nur ein Beispiel zu nehmen für jede
Generation immer wieder der Zweifel an der bestehenden Eheform und wie der
junge Mensch an die Stelle der Ehe die Liebe setzen möchte so soll auch in
allen andern Verhältnissen an den Platz des Rechtes die Sittlichkeit treten Bei
tüchtigen Personen kommt mit der Zeit die Erfahrung die ihnen die relative
Vernünftigkeit alles Bestehenden zeigt und sie bewegt dass sie von ihrer
Schwärmerei ablassen und vielmehr das Bestehende durch Liebe und Geistigkeit
verklären weil sie anders keinen Ausweg für ihren guten Willen haben
untüchtige Personen aber lernen nicht durch die Erfahrung und indem sie bei der
Schwärmerei verharren werden sie am Ende aus ursprünglich guten und edelen
Menschen zu Narren und Verbrechern denn weil sie darin beharren das Gesetz für
unrechtmässig zu halten und allein ihrer Sittlichkeit folgen wollen verwechseln
sie mit der Zeit die Sittlichkeit mit ihren Trieben weil ja die Menschen bei
zunehmenden Jahren immer selbstsüchtiger werden außerdem aber gibt es schon von
Anfang an unter euch Verbesserern der Welt schlechte Menschen nämlich solche
bei denen nicht das sittliche Ideal und der Mangel an Erfahrung der Grund ihres
Abscheus gegen das Bestehende ist sondern ein Mangel an Zucht und leerer
Hochmut In deinem Falle mein lieber Hans kommt noch dazu dass wir heute in
einer Zeit leben wo ein jugendlicher Stand nämlich die Klasse der
industriellen Arbeiter die erst vor kurzem durch die gesellschaftliche
Entwicklung geschaffen ist die ihm historisch gebührende Stelle erstrebt
welche um einiges wenige höher ist wie die welche er gegenwärtig inne hat So
vereinigt er mit diesem Streben alle die jugendlichen Anschauungen von
Gleichheit der Menschen von erhöhter Sittlichkeit in allen Beziehungen und noch
viele andere die du ja kennst Und wende mir nicht eure merkwürdige
geschichtliche Auffassung und eure Entwicklungsvorstellungen ein denn auch die
sind nur eine jugendliche Illusion neben andern besonders bezeichnend für unser
braves nachdenkendes und vielstudierendes deutsches Volk Wenn erst die
Verfolgung aufhört so wird mit der Zeit auch die Illusion schwinden wenn auch
die Terminologie noch beibehalten werden mag«
    Inzwischen bereiteten sich für Karl neue Liebesbande vor Unvergessen war
noch in seiner Seele die Leidenschaft für Johanna die ihm die Jahre seiner
angehenden Jünglingszeit verzehrt hatte und es war nicht selten dass ihm ihr
eindringliches Gesicht des Nachts in verwirrten Träumen erschien die wohl keine
Erinnerung zurückliessen aber eine dunkle Sehnsucht und ein unbestimmtes Fühlen
in der Helle des Tages erzeugten Nun kam Johanna in diesen Zeiten nach Berlin
und hatte bald wie denn die Welt ja so klein ist Beziehungen zu dem Kreise
Karls gefunden so dass sie ihm unerwartet entgegentrat Das geschah aber so
    In ihre kleine Stadt war ein Fremder eingezogen ein etwa fünfzigjähriger
Herr der ein berühmter Geigenkünstler gewesen der hatte sich ein
altertümliches Haus am Bergabhang gekauft dessen großer Garten mit
weitschattenden hohen Bäumen sich den Berg hinaufzog Die alte Mauer um den
Garten wurde durch ein eisernes Staket erhöht an dem sich im zweiten Jahre
Ranken des wilden Weins zeigten die in Bälde so dicht und hoch wuchsen dass
niemand von irgend einem Punkte draußen in den weiten und schattigen Garten
blicken konnte und das Haus wurde fest verschlossen und nur auf langes Pochen
mit dem alten Türklopfer den Boten und Geschäftsleuten geöffnet denn ein Besuch
kam niemals an diese hohe und finstere Tür und als einzige Bedienung hatte der
Herr ein altes Weib nebst deren gleichfalls nicht mehr jungen Tochter die beide
abenteuerliche Gerüchte über ihn in dem neugierigen Städtchen verbreiteten
    Der Künstler hatte ein langjähriges Virtuosenleben geführt war an Höfen und
in Grossstädten herumgereist zuerst mit Übermut und Stolz nachher in Langeweile
und Ekel und wie er alle Künstlereitelkeit bis auf das letzte befriedigt hatte
und der Geschmack auf der Zunge ihm immer bitterer wurde war ihm der Gedanke
gekommen sich an diesen stillen Ort zurückzuziehen und ganz nur sich selbst zu
leben denn in seinen zerstreuten und verwirrten Umständen zwischen vielen
Menschen die alle leer waren und ihm schmeichelten war er auf den Gedanken
gekommen er sei ein Selbst und es sei wichtig und sogar nötig dass er dieses
Selbst in Sammlung und Ruhe rein und groß aus sich herausstelle
    Indessen vergingen ihm in dem alten Hause und stillen Garten die Tage und
Wochen und zuerst hatte er gedacht dieses müßige Dahingleiten der Zeit sei für
das Nächste nötig damit sich sein Geist erhole von dem zerreissenden Leben das
er geführt Aber auch späterhin wartete er vergeblich auf eine Sammlung und
Zunehmen der Kraft vielmehr glitten die Tage und Wochen wie vorher dahin wie
in einem tiefen Fluße schnell und ohne Halt und auch seine Unruhe vermochte
dieses Unheimliche nicht zu hemmen Und während er vorher gedacht hatte er
könne keine Liebe zur Kunst in sich bilden weil er nach der Willkür des Zufalls
fremden Leuten an verschiedenen und gleichgültigen Orten äußerliche Musik
vorspielen müsse so zeigte es sich nun dass er in der Einsamkeit gar nicht den
Bogen anrühren mochte und es ihm ein heftiges Unbehagen bereitete wenn er
seinen kostbar eingelegten Geigenkasten ansah
    Unterdessen hatten sich aus den Erzählungen der beiden Weiber in dem
Städtchen viele Legenden um ihn gebildet von denen er nichts ahnte denn er war
als ein hochgewachsener und schlanker Mann von künstlermässigem Aussehen ganz zu
einem Helden phantastischer Bilder geschaffen Auf Johanna die damals gegen ihr
neunzehntes Jahr ging hatten diese Geschichten und der Anblick seiner Gestalt
einen sehr tiefen Eindruck gemacht so dass sie eine heftige Liebe zu ihm fasste
und auf Mittel sann wie sie sich mit ihm bekannt machen könne Und am Ende fand
sie eines das freilich sehr gefährlicher Art war aber dadurch gerade ihrem
erregten Gemüt besonders zusagte Der Fremde hielt sich nämlich zwar von aller
Gesellschaft des Städtchens zurück aber im Winter wo auf dem großen See eine
prächtige Schlittschuhbahn war verschmähte er es nicht sich auf dem Eise zu
zeigen denn er war von Jugend an ein eifriger Läufer gewesen und zwar ging er
immer des Morgens auf die Eisbahn wenn die andern Bewohner der Stadt durch ihre
Tätigkeit verhindert waren so dass er seine kunstvollen Zirkel fast allein und
ohne lästige Gesellschaft zeichnen konnte Hierauf baute Johanna ihren Plan
denn an einer Stelle war das Eis dünn durch einen Quell der vom Boden aus das
Wasser bewegte und wiewohl der gefährliche Punkt durch Tannhecke immer genügend
gekennzeichnet war so hatten sich an ihm doch schon zwei Unglücksfälle
ereignet die Vorfahren erzählten dass durch diesen Quell der See mit dem großen
Netz der unterirdischen Wasseradern in Verbindung stehe welche den
Wassergeistern als Wege dienen zwischen ihren Städten und Schlössern Johanna
beschloss nun an einem Morgen wenn sie den Fremden auf dem See wusste
gleichfalls zum Schlittschuhlaufen zu kommen und wenn er in der Nähe war mit
scheinbarer Ungeschicklichkeit an die dünne Stelle zu geraten damit sie
einbreche und von ihm gerettet werde denn dass er vielleicht nicht so mutig sein
könne wie sie annahm das kam ihr gar nicht in den Sinn
    Nach diesem Plane ging sie nun vor und es geschah alles wie sie gewollt
hatte wenn schon ihr zuletzt schien als handle sie gar nicht absichtlich und
das Eis gab an der Stelle nach und sie sank ein mit einem wunderlichen Gefühl
darüber dass das Wasser doch nicht so kalt war wie sie sich gedacht und obwohl
sie hatte standhaft sein wollen schrie sie doch laut nach Hilfe aber es schien
ihr als habe sie dabei gar keine Angst Der Musiker kam eilfertig auf sie zu
und wie sie seine Figur so von unten sah erschien er ihr komisch ohne dass ihr
der Grund recht klar wurde rief sie dem ratlos Ängstlichen zu er solle sich
flach auf das Eis legen und ihr von weitem die Hand reichen unterdessen hielt
sie sich aufrecht im Wasser indem sie sich an das Eis festklammerte und die
Beine nicht in die Höhe ziehen ließ Er tat nach ihrer Vorschrift und sie sah
vor sich eine vornehme und schmale Hand in seinem Handschuh die ergriff sie
und so kam sie aus dem Wasser Wie sie beide aufrecht auf dem Eis standen und
sie sein entsetztes Gesicht sah in dem unter grauem Haar sich schon tiefe
Runzeln zogen da wurde sie so aufgeregt dass sie ihm um den Hals fiel und ihn
mehrmals auf den Mund küsste Er brachte sie schnell nach Hause und indem ihre
erschreckten Leute sie empfingen ging er mit dem Versprechen dass er sich
morgen nach ihrem Befinden erkundigen wolle
    Wie er am nächsten Tage kam war sie gesund und fröhlich denn der Anfall
hatte ihr nicht im geringsten geschadet und empfing ihn mit heiterem Lachen er
aber stand mit einer fremden Verlegenheit vor ihr die indessen ihr den
schlanken und nicht jugendlichen Mann noch liebenswerter erscheinen ließ Und
indem an die ersten Fäden sich bald weitere anspannen schien es ihm dass er
eine unwiderstehliche Liebe zu dem jungen Mädchen gefasst habe denn in seinem
unsteten Leben hatte er zwar manches verliebte Abenteuer bestanden aber es
hatte noch nicht ein Weib wirklichen Einfluss auf ihn gewinnen können So geschah
es am Ende dass die beiden sich heirateten wider den Willen des Vaters und zur
großen Verwunderung der kleinen Stadt
    Schon am Hochzeitstage wurde sie ungeduldig über ihn und sprach verletzende
Worte er schwieg aber seine Lippen zitterten und sein Gesicht sah alt aus da
hängte sie sich um seinen Hals und sagte ihm dass sie ihn lieb habe Nun
geschahen geheimnisvolle Dinge in dem stillen alten Hause Einmal wurde
bekannt dass der Mann ein junges Dienstmädchen das sie angenommen hatten in
ihrer Gegenwart mit einer Feuerzange geschlagen hatte und war nachher zu dem
Mädchen auf ihre Kammer gegangen hatte ihr Geld gegeben und gesagt seine Frau
sei schuld er habe nicht anders gedurft und sie solle heimlich aus dem Hause
gehen Noch viele andre sonderbare Geschichten wurden verbreitet und am Ende
nachdem die beiden noch nicht ein Jahr verheiratet waren wurde eines Morgens in
der Stadt erzählt dass der Mann sie heimlich verlassen habe Es folgte dann nach
einiger Zeit eine Ehescheidungsklage in welcher die Frau einen Eid schwor der
mit der Aussage des Mannes nicht übereinstimmte aber da dieser seine Aussage
nicht auf seinen Eid nehmen wollte so wurde ihr von den Richtern geglaubt wenn
schon die ganze Stadt der Meinung war dass sie im Unrecht sei Nach dieser
Scheidung mochte sie nicht mehr zu Hause bleiben weil niemand mit ihr verkehren
wollte und deshalb kam sie nach Berlin wo sie bei einem Meister Malunterricht
zu nehmen gedachte Hier gewann sie bald eine gewisse Stellung denn wenn früher
und auch noch jetzt in der ruhigeren Gesellschaft eine instinktive Abneigung
gegen die geschiedene Frau herrschte weil in ihr sich eine Verneinung dessen
verkörperte was der allgemeine Wille der Gesellschaft war so wird jetzt in den
unruhigeren Kreisen umgekehrt eine Geschiedene mit besonderer Freude empfangen
als eine Verkörperung der neuen Bestrebungen und auch ohne dass Johanna selbst
Erfindungen zu machen brauchte wurde von ihren Mitkämpferinnen gleich
angenommen dass sie eines der Opfer der bekannten männlichen Untugenden sei und
beklagt werden müsse und auch Männer schlossen sich der Meinung an
    Inzwischen war jene Luise welche die kindliche Entführungsreise mit dem
Dichter Peter gemacht hatte zu weiteren Jahren gekommen und durch jenes
unklare Streben und den Drang eine Kraft zu betätigen welche damals die Flucht
veranlasst hatten war sie zu einer Beschäftigung mit dem getrieben was man die
Frauenfrage nannte und hatte für sich selbst einen Ausgang gefunden denn sie
lernte fleißig bei Lehrern weil sie das Abiturientenexamen machen wollte und
dann in der Schweiz Medizin studieren und indem auch hier noch keine Scheidung
eingetreten ist zwischen den tüchtigen Menschen auf denen die Zukunft ruht die
ja irgendwie anders sein wird als die Gegenwart und den zerfaserten und
untüchtigen die nur aus Schlechtigkeit und Ohnmacht mit allem Neuen gehen so
kam sie in ihren Kreisen mit Johanna zusammen und gewann eine Zuneigung zu ihr
wie ja solche innerlich gänzlich zerstörten Personen von Johannas Art oft die
Liebe gerade der Besten gewinnen
    Karl hatte durch seine Natur die Gewohnheit dass er gern mit Frauen sprach
und nachdem seine wunderliche und unpassende Liebschaft ein Ende genommen
besuchte er wieder häufiger eine solche Gesellschaft wo er Frauen und Mädchen
antraf die zu seiner Klasse gehörten So kam er jetzt auch oft wieder zu
Luisen die ihn in ihrem jungfräulichen Stübchen empfing mit ihrem Bruder
zusammen der sich immer mehr zu einem wortkargen und scheuen jungen Gelehrten
entwickelt hatte und saßen die drei dann behaglich um den runden Tisch wo
Luise mit Freundlichkeit als Wirtin waltete und eine besondere Wärme die von
den friedlichen Wänden der reinen Luft des Zimmers und der Stille ihrer
Bewegungen ausging bewirkte in seinem Herzen ein besonderes Wohlgefühl dann
wurde nicht gestritten und disputiert nur Kleinigkeiten wurden erzählt oft in
Andeutungen die bloß den drei verständlich waren und zuweilen brachte Karl
eine Blume mit und wenn Luise die in einem zarten Glase auf den Tisch setzte
so freute er sich
    Schon länger hatte er von der neuen Freundschaft gehört aber wegen des
veränderten Namens war ihm keine Ahnung gekommen So fand er unvorbereitet an
einem Tage Johanna beim Eintritt in das Zimmer vor wie sie an dem Platz gegen
das einzige Fenster saß den er selbst sonst innehatte und so kam es dass er
sie bei der Vorstellung nicht erkannte sich gleichmütig verbeugte und
unbekümmert setzte Da sprach Johanna zu ihm »Ich denke wir müssen uns
kennen« Dieser Worte Klang trieb ihm plötzlich das Blut zum Herzen er sprang
auf und zitterte und war ihm als müsse er ohnmächtig werden sie aber brach in
ein silberhelles Gelächter aus das von einer wunderbaren Lieblichkeit anzuhören
war Da schien es ihm als geschehe das alles meilenweit entfernt von ihm
Es geschah Karl dass unter seinem gewöhnlichen Menschen den er kannte sich
plötzlich ein andrer und neuer Mensch erhob den er nicht kannte denn der hatte
bis dahin unbewegt geschlummert Ganz plötzlich erhob sich der und zeigte sich
als blind und ganz erfüllt von einer unsinnigen und leidenschaftlichen Liebe zu
Johanna und während er sonst alle andern Regungen durch genaue und kranke
Selbstbeobachtung in klares Licht stellen konnte war an diesem Treiben gar
keine Beobachtung möglich denn es schien als sei es ebenso einfach und nicht
zu untersuchen wie der Hunger oder Durst Gleichzeitig mit diesem verspürte er
einen neuen Wunsch nämlich dass er an Gott glauben könnte und indem er meinte
dass es keinen lebendigen Gott gibt betete er zu dem dass er ihm Glauben geben
möge an ihn Aber es war ein tiefes Dunkel und Schweigen und kein Trost kam
herab in sein furchtsames Herz
    Ehe er Johanna wiedersah hatte er oft an Luise gedacht und sie sich
vorgestellt und solches Bild hatte ihn dann getröstet Etwa sie saß unter einem
blühenden Kirschbaum in welchem die Bienen summten und ein Blütenblatt fiel
langsam sich drehend in ihren Schoss oder ihre großen und dunklen Augen hatten
jenen wunderbaren tiefinnerlichen Ausdruck den viele durchweinte Nächte
erzeugen wenn es die Dinge unsrer Seele gewesen sind um die wir geweint haben
und ihre kühle Hand lag auf seiner Hand Ruhe in ihm verbreitend und den
Frieden den sie sich erkämpft hatte Denn auch sie hatte schwere Zeiten in
ihrem Innern gehabt aber wenn es im Gespräch an diese kam so glitten die Worte
an ihr ab ohne Wirkung und nur im Gefühl teilte sie mit von dem was sie besaß
Und er wusste das Leben entflieht wie der Schatten einer Wolke dahinzieht über
schweigende Wälder und Berge
    Nun waren zu dem noch die Gefühle und Triebe des andern und untenliegenden
Menschen gekommen die sich um Johanna bewegten
    Sehr merkwürdig war es welche Übereinstimmung er mit ihr in scheinbar
unbedeutenden Dingen hatte die doch auf Tieferes in uns weisen so liebten sie
beide wenn im Bücherbrett die Bände eng zusammenstanden und wo eine Anzahl
Werke von geringerer Höhe neben größeren aufgestellt waren legten sie andre
oben quer über damit die Lücke ausgefüllt wurde Eine eigne Rührung überfiel
ihn als er das bemerkte Auch schien es als seien sie in allem der gleichen
Meinung und eine Uneinigkeit entstehe nur scheinbar und durch Missverständnisse
So gelangte er auch neben Johanna oft zu dem Gefühl der Beruhigung Zuweilen
wenn seine Gedanken einander widerstritten sagte sie ihm welches seine
richtige Meinung war ehe er selbst Klarheit gewonnen hatte bei solchen
Gelegenheiten konnte sie ihm scherzend vorwerfen er rede oft doppelsinnig
    Aber plötzlich wurde ihm dann klar dass sein Kreis enger geworden und dass
er das frühere Gefühl verloren hatte hinter seinem Bewusstsein breite sich noch
ein großer und dunkler Raum aus der ihm gehörte wenn er nur seine Schritte in
diese Pfadlosigkeit lenken wollte dann überkam ihn eine heftige Angst vor ihr
die ihn körperlich peinigte
    Einmal spielte er Schach mit ihr sie hatte einen Zug getan der das Spiel
gegen sie entschied und als es schon zu spät war wollte sie ihn zurücknehmen
Er antwortete dass das gegen die Regel sei da stand sie auf und sagte nun
wolle sie nicht zu Ende spielen Wie er ihren Gesichtsausdruck sah wurde ihm
plötzlich bewusst sie brauchte ihn nur und wie sie in diese Klarheit hinein
noch sprach dass er ihrem früheren Mann sehr ähnlich sei da spitzte sich in ihm
plötzlich ein starker Hass zu und er empfand fast körperlich wie sie einen
selbstsüchtigen Willen auf ihn wirken ließ und durch den vieles aus ihm
herausholte was ihm gehörte um es sich anzueignen und sich in roher Weise
damit zu schmücken Unter solchen Umständen gelangten sie zum Einverständnis
Und zwar geschah das scheinbar unvorbereitet aber er hatte es vorhergefühlt
Sie stand von ihrem Stuhl auf legte die Hände auf den Rücken und ging im Zimmer
auf und ab wie ein Mann Vorher hatte sie geraucht und von dem Ende ihrer
Zigarette im Aschenbecher stieg noch eine dünne Rauchsäule in die Höhe die
jedesmal in Verwirrung geriet wenn sie in die Nähe kam Sie begann damit dass
es doch nötig sei für sie beide zu Klarheit zu kommen und weil für sie selbst
die Peinlichkeit des Anfangens geringer sei so wolle sie beginnen denn in
seiner Natur liege es dass er endgültige Entschlüsse scheue Und wie sie so
sprach arbeiteten in ihm Furcht und Scheu und er sah unglückliche Zeiten
voraus und doch konnte er nicht aufspringen und ihr entgegentreten denn sein
Herz bebte in tiefer Sehnsucht zu ihr
    Dämmerung sammelte sich in den Winkeln des Zimmers Sie ging auf und ab
sprach stockend und langsam Es fiel ihm ein dass er einen Vorwand haben musste
um das Gespräch abzubrechen aber seine Angst fand keinen Vorwand und sein Herz
schlug ihr entgegen
    Ihr Tonfall war fremdartig und es wurde ihm plötzlich klar dass sich hier
für einen Augenblick in ihr der Vorhang lüftete durch den ihr eigenes Innere
sich vor ihr verbarg und dass sie erschrak vor sich selbst hätte er ihr jetzt
alles sagen können was er wollte seinen Hass seine Liebe seine Furcht und
seine Verachtung so hätte sie alles begriffen und hätte ihn ziehen lassen Aber
er brachte kein Wort über seine vertrockneten Lippen und schämte sich für sie
And weil sie im Staube lag und sich selbst verachtete in dieser Minute so sagte
er wider seinen Willen und tonlos »Du hast recht ich liebe dich über alles«
Wie diese Worte verhallt waren sonderbar waren sie verhallt in dem dunkelnden
Raume und sein Herz krampfte sich zusammen da war auch in ihr der Vorhang
wieder zugezogen und sie wusste nicht mehr dass sie im Staube gelegen hatte
Karl aber fühlte sich vernichtet dass er hätte mögen ohnmächtig werden
    Sie kam zu ihm und legte ihm die Arme um den Hals und er musste sie küssen
das war eine Heuchelei dass er sie küsste und eine Qual war es für ihn Sie wich
seinem Kuss aus scheu und befangen aber auch sie heuchelte ja indem sie
auswich nur wusste er dass ihr das keine Qual war Sie hatte jetzt einen
Menschen der ihre Leiden tragen musste einen Feigling der am Abgrund gestanden
hatte und hinuntergesprungen war in die Tiefe trotzdem er wusste dass er unten
zerschmettern würde aber er sprang hinunter weil etwas in ihm war das ihn
zwang sich in dieses Verderben zu stürzen Und siehe jetzt lachte sie schon
mit jenem melodischen Lachen das ihm so furchtbar war Er hätte sie fassen
mögen und weit von sich schleudern aber er zog sie an sich und flüsterte
Liebesworte And an Luise dachte er und ihren ruhigen Blick und wusste jetzt mit
Klarheit dass es nur seine Schwäche war die sie fern von ihm gehalten Denn
ihre Seele hatte sich zu ihm geneigt und wollte ihm ihre sanfte Blüte
erschließen
    Es folgten die äußerlichen Dinge Verlobung und Hochzeit und die
Aufmerksamkeit der Menschen und inzwischen ging der seelische Kampf der beiden
weiter denn auf der einen Seite drang sie in ihn hinein als etwas Fremdes
suchte ihn auszufüllen und sich an Stelle seines Eigenen zu setzen so dass er
hätte mit ihren Augen sehen müssen und mit ihren Gedanken urteilen und auf der
andern Seite nahm sie räuberisch von ihm passte das Geraubte sich an dass es ihr
altes Eigentum schien und zeigte ihm das gelegentlich ganz unbefangen Dann
erkannte er mit Wut Stücke von sich in fremder Gefangenschaft die er nicht
befreien konnte
    Doch er kam am Ende dazu dass er sich gegen das erste mit einem Erfolg
verteidigte und zuletzt wieder allein in sich war aber gegen das zweite gab es
für ihn keine Waffen Indessen stellte sich da unerwartet eine Hilfe für ihn
ein denn je mehr er sich abschloss und sie aus sich entfernte desto geringer
schien ihre Kraft zum Rauben zu werden wiewohl sie den Trieb dazu behielt
Dadurch kam sie in eine Enttäuschung die sie jedoch nicht verstand denn die
Lage erschien ihr jetzt so dass sie glaubte sie habe die ganze Welt aufgefasst
aber die sei ganz einfach und immer gleichmäßig und verursache ihr eine quälende
Langeweile Deshalb glaubte sie sich betrogen weil man doch die Erwartung habe
dass das Leben mehr sei und in Hass und Erbitterung über diesen vermeintlichen
Betrug schloss auch sie sich nun immer mehr ab und wendete die wenigen und
geringen Vorstellungen die sie erobert hatte mit Wut immer hin und her ob sie
nicht doch Neues an ihnen entdecke Darauf gewöhnte sie sich an zu klagen und
erzählte in allgemeinen Ausdrücken dass sie vom Unglück verfolgt sei und alles
fehlschlage was sie beginne und alle andern Menschen mehr Glück haben und so
fort so wurde sie endlich auch in ihrer Ausdrucksweise pöbelhaft denn nichts
zieht Menschen so sehr ins Gemeine wie solches Klagen Mehr und mehr wendete sie
sich in diesen Reden mit einer Spitze gegen Karl und am Ende nachdem alles
was geschehen war sich ihr ganz verkehrt hatte sagte sie sogar dass sie gegen
ihre eigentliche Neigung und Absicht und nur aus Mitleid Karls Weib geworden
sei welches Mitleid ihr nunmehr übel vergolten werde
    Johanna hatte den Plan aufgegeben eine bei ihr vorhandene geringe
malerische Begabung auszubilden weil ihr die Beharrlichkeit fehlte sich das
handwerksmässige Können anzueignen das für den Maler nötig ist und wie so viele
dachte sie dass der Schriftsteller dieses Könnens entraten kann und wie denn
damals als durch eine missverstandene Rückkehr zur Natur die Meinung aufkam
durch die Wiedergabe einer zufälligen Beobachtung könnte man ein Dichterwerk
schaffen viele Frauen solche Fähigkeiten zeigten so wendete sie sich nun der
Schriftstellerei zu Hierdurch entstanden auch äußere Gegensätze zu Karl denn
wenn auch bei ihm selbst die Begabung nicht zum Kunstwerk ausreichte so wusste
er doch um diesen Mangel schon bei sich genau denn er beschränkte als Mann sein
Wollen nicht auf sein Können und noch deutlicher sah er den Mangel aber bei
seiner Frau deren Begabung zudem noch geringer war wie die seinige da sie noch
mehr lediglich Ausdruck einer problematischen Natur war und von jener Art wie
sittlich geringwertige Menschen sie oft haben durch ihre Minderkraft
    Aber auch diese Kämpfe der Ehegatten fanden keine rechte äußere und
anschauliche Form die eine eigentliche Erzählung möglich machen würde und so
muss es auch hier am bloßen Bericht genügen
    Inzwischen hatten auch Karls frühere Geliebte und ihr Verlobter Jordan
geheiratet nachdem sie ihren gebührlichen Brautstand gehabt und hatte sie wohl
große Sehnsucht dass sie ihr Kind wollte zu sich nehmen das sie von Karl
bekommen aber sie scheute sich wie sie aber am Hochzeitstage von ihrem Mann in
die Wohnung geführt wurde die sie zusammen eingerichtet für sich da fand sie
in einem Kinderwagen liegen und ruhig schlafen das kleine Söhnchen denn ihr
Mann wollte ihr eine Freude machen Da weinte sie vor großem Glück küsste und
herzte den guten Jordan und weil das Kindchen eben aufwachte und nach einer
Nahrung schrie ging sie schnell in die Küche woselbst schon alles bereit
stand und richtete ihm seine Flasche und inzwischen spielte der Mann mit dem
Kleinen indem er ihm seine Uhr vorhielt und mit Schlüsseln klingelte Sie aber
bei ihrer Hantierung überlegte sich was sie ihm sagen wolle und wie sie wieder
in die Stube kam und das Kind besorgt hatte sprach sie zu ihm »Ich bin sonst
stolz gewesen und hätte von einem andern keine Gabe angenommen auch wenn ich
ihn lieb hatte wie ich ja in Wahrheit Karl lieb gehabt habe Von dir aber nehme
ich alles an und das nicht deshalb weil ich weniger stolz geworden bin
sondern weil du ein solcher Mensch bist dass sich einer nicht schämt wenn du
ihm gibst Und nicht eine gewöhnliche Dankbarkeit habe ich gegen dich sondern
weil ich weiß dass das Glück das du andern schenkst durch deine Güte wieder
reicher zu dir zurückgeht so liebe ich dich nur mehr in größerer Fröhlichkeit«
    Nun lebten die beiden in ruhigem Glück das sie dadurch noch mehr wärmte
weil sie beide vorher durch schweres Unglück gegangen waren und genossen das
Glück mit klarem Bewusstsein dass dieses Unglück notwendig für sie gewesen war
    Recht bald begann der Kleine aufrecht zu sitzen und dann wurde er aus dem
Wagen genommen und erhielt ein kurzes Kleidchen und versuchte zu gehen und
wiewohl er seinen Pflegevater nur eine kurze Zeit zu sehen bekam des Abends
wenn der von der Fabrik heimkehrte hatte er ihn doch besonders in sein Herz
geschlossen sah ihn viel an und hielt sich zu ihm denn auch ganz kleine Kinder
wissen schon den Gesichtsausdruck der Erwachsenen zu deuten und haben nach dem
ihre Gefühle Schon in den ersten Tagen wo er sich frei auf dem Fußboden
bewegen durfte hatte er gemerkt dass der Vater wenn er gekommen war seine
Schuhe wechselte und so brachte er ihm ohne dass es die Mutter ihm aufgetragen
seine Pantoffeln Hierüber erhob sich bei den Eltern eine große Freude und ein
besonderes Rühmen seiner Klugheit das bewirkte dass er auch fernerhin bei
dieser Erfindung verharrte Es bewunderten auch die andern Frauen im Hause den
Kleinen sehr und erzählten ihren Männern von dem Kind und der Kaufmann an der
Ecke fragte jedesmal die Mutter nach ihm wenn sie einholte Über alles dieses
wurde sie noch glücklicher und ihr Gesicht war so dass jeder froh werden musste
der sie ansah
    Weil sie doch nun einen Mann hatte und sich nach ihrer Vorstellung nicht
mehr des Kindes vor andern zu schämen brauchte so bekam sie eine besondere
Lust einmal mit den beiden zu ihren Eltern zu reisen die auf einem Dorfe und
mit der Bahn nicht allzu entfernt wohnten So beredete sie denn eine lange Zeit
mit ihrem Mann diesen Plan und wie die Witterung passend war und sie beide mit
Kleidung wohl versehen dass sie den Eltern gefallen mochten da erbat er sich
für einen Montag Urlaub und sie fuhren auf zwei Tage nach dem Ort mit großer
Freude der Kleine war sehr artig unterwegs und viele die mitreisten fragten
die Eltern über ihn ließ sich erzählen und freuten sich seiner
    Die Eltern der Frau waren Instleute die zu einem großen Gute gehörten und
ein Häuschen für sich hatten eine Kuh und zwei Schweine und ein Stück Acker
bekamen sie von der Herrschaft Sie verwunderten sich sehr über ihre Tochter
dass sie so schön gekleidet war und über den Schwiegersohn und über den Enkel
und waren über die Massen stolz und fröhlich und mussten die Kinder von allem
erzählen von der Arbeit des Mannes und von seinem Lohn und von ihrer Wohnung in
einem so großen Hause dass in dem einen Hause so viele Menschen wohnten wie
hier in dem ganzen Dorfe und dass sie polierte Rohrstühle in ihrer Stube hätten
Über das alles schlug die Mutter die Hände überem Kopf zusammen und der Vater
sagte nur »Ei ei« Und bei dieser freudigen Verwunderung der Alten wurde es
den beiden erst so recht klar wie gut sie es hatten und wie glücklich sie
lebten
    Dann nahm die alte Mutter den Enkel auf den Arm der ganz fein und vornehm
aussah in seinem großen weißen Hut neben ihrem verbrannten und verarbeiteten
Gesicht und ging mit ihm hinaus in den Hof ließ ihn die Schweine im Stall sehen
und erzählte ihm dass die zu Martini geschlachtet würden und dass dann Wurst
gemacht würde und er solle dann auch eine kleine Wurst haben und dann zeigte
sie ihm die Kuh die vor der Krippe stehend zurücktrat und sich umsah nach den
beiden mit ihren großen sanften Augen Und wie die Alte so allein mit dem
Jungen war und keiner sie sehen konnte herzte sie und küsste den Enkel
fortwährend denn vorhin hatte sie das nicht gewagt und das Kind streichelte
ihr die Backe und fasste lachend an ihre Nase Der Alte aber führte den
Schwiegersohn im Häuschen herum und zeigte ihm alle Einrichtungen wie er die
Wurst räucherte und wo er sein Korn aufhob denn er bekam Dreschanteil auch
das Dach zeigte er ihm und erzählte dass es früher mit Stroh gedeckt gewesen
sei aber er habe jetzt ein Ziegeldach hergestellt und zwar habe er Falzziegel
genommen was das Neueste sei und sehr viel besser als die Hohlziegel die man
früher gehabt und so redete er noch vieles Wirtschaftliche und Verständige mit
dem Schwiegersohn Und weil ihm der so gut gefallen hatte und er selbst hatte
doch auch seinen kleinen Stolz so nahm er ihn am Ende beim Ärmel und sprach zu
ihm er müsse nicht denken dass die Eltern seiner Frau Habenichtse wären und
wenn sie einmal starben so kamen doch auf jedes Kind etwa hundertundfünfzig
Taler die sie dann erbten
    Wie es gegen den Abend ging und die alte Frau daran dachte das Essen zu
bereiten da taten sich die beiden Alten zu einer heimlichen Unterredung
zusammen und dann brachten sie eine Flasche Wein zum Vorschein die hatte die
Herrschaft vor Jahren einmal geschickt als eine Stärkung für die alte Frau die
damals recht krank gewesen war aber sie hatte aus eigener Ehrfurcht nicht
gewagt das Geschenk anzurühren sondern es aufgehoben wenn einmal ein
besonderer und festlicher Tag sein sollte Sie lachten beide viel in
Behaglichkeit und in Unruhe über das Ereignis dass die Flasche nun entkorkt
werden sollte dann bereiteten die beiden Frauen am Herde das Essen und die
Mutter freute sich wie flink ihre Tochter war dachte auch seufzend früherer
Zeiten wo ihre Glieder noch nicht so steif geworden ganz leichtfertig ging sie
an den Speck und schnitt ein großes Stück ab auch viele Eier nahm sie und ein
großes Stück Butter stellte sie auf und wenn sie auch eine heimliche Furcht
hatte ob nicht zu viel aufgehe wenn sie den Tisch so üppig bereite so freute
sie sich doch wieder dass es ihren Kindern gut schmecken sollte Das gute Essen
und der Wein machte alle Lebensgeister noch froher und munterer und der alte
Vater erzählte aus seiner Jugend und rühmte die heutige Zeit dass es da jeder
besser habe und wer ordentlich und brav sei der erreiche auch etwas sei es
nun in der Heimat oder in Amerika und seine Bäcklein röteten sich unter den
grauen Stoppeln und er begann sogar die alte Mutter an die Zeit ihrer Verlobung
zu erinnern dass die erst sich schämte und ihm verbot und nachher gerührt wurde
und sich mit dem Schürzenzipfel ein Tränlein aus dem Auge wischte am meisten
lag ihm jedoch das neue Dach aus Falzziegeln am Herzen und er wurde nicht müde
dessen Vortrefflichkeit zu preisen Die beiden Alten hätten in ihrem Stolz das
Enkelkind gar zu gern ihrer Herrschaft gezeigt nur wussten sie nicht recht wie
sie das beginnen sollten denn sie hatten Furcht dass sie aufdringlich
erscheinen möchten und die Herrschaft denke vielleicht sie wollten etwas
geschenkt haben für das Kind da kamen sie am Ende überein dass die Tochter mit
dem Kleinen den alten Vater morgen auf dem Felde besuchen sollte zu einer Zeit
wo der Herr gewöhnlich geritten kam dann würde der fragen und er wollte ihm
alles erzählen und ihm seine Tochter zeigen und das Enkelkind und das sähe doch
dann aus als sei es bloßer Zufall gewesen Und wie sie so sprachen begannen
sie allerhand Vergleiche mit diesem Nachbarskind und mit jenem und keines
fanden sie war so prächtig wie das ihre denn an dem war alles zu bewundern
    So gingen am Ende alle schlafen und wie sie in den rundlich gestopften und
weichen Betten lagen denn die Alten hatten zwei leere Betten stehen und die
Federn waren von ihren Gänsen die sie selbst gezogen da waren alle so froh
dass es gar kein größeres Glück geben konnte und schliefen fest und ohne Träume
Und am andern Tage wurde die geplante Begegnung mit dem Herrn auch durchgeführt
und der Herr fragte auch und wie er alles gehört hatte sprach er freundlich
mit der Mutter und dem Kind und wiewohl er nur einige gleichgültige Worte
gesagt hatte so wiederholten die beiden Alten die doch immer wieder und waren
froh
    Dann aber ging es an das Abschiednehmen und die Ellern mit dem Kind fuhren
wieder nach Berlin zurück unter vielen Versprechungen und Plänen dass sie
selbst bald wieder kommen wollten und dass die Eltern sie in Berlin besuchen
sollten und dem Jungen hatte die Großmutter noch zwei schöne große Äpfel
heimlich in die Hand gegeben die vom vorigen Herbst waren und aussahen wie eben
gepflückt die hielt er mit großer Sorgfältigkeit fest bis die Mutter sie ihm
abnahm weil er müde wurde und schlafen wollte
    Nun geschah es aber dass das Kind krank wurde und fiel der Mutter zuerst
eine seltsame Aufgeregteit auf und besondere Röte des kleinen Gesichtes dann
wurde der Arzt gerufen und erkannte einen heftigen Anfall von Scharlach Wie die
Eltern seine Worte hörten bekamen sie zwar erst einen Schreck aber darauf
bedachten sie dass doch die meisten Kinder von dieser Krankheit befallen werden
und wieder genesen und das machte sie wieder guten Mutes Dann folgte ein
seltsamer Vorgang nämlich das Kind wurde immer kränker die Eltern aber als ob
sie eine heimliche Furcht hätten die sie durch gewollte Hoffnung beschwichtigen
könnten wurden gleichzeitig immer zuversichtlicher Aber am Ende geschah es in
einer Nacht wo die Mutter am Kopfende des kleinen Bettchens saß dass das Kind
plötzlich schneller atmete und weil die Mutter vom Arzt gehört hatte dass die
Entscheidung bevorstand so dachte sie bei sich jetzt überwindet es die
Krankheit das macht ihm Mühe plötzlich aber verzog sich der kleine Mund wie zu
einer kläglichen Bitte und das Gesichtchen sah mit einem Male viel älter aus
und da blieb der Atem stehen Das war der Mutter zuerst recht sonderbar aber
mit einem Male verstand sie was das bedeutete und schrie »Er stirbt er
stirbt« Da sprang der Mann vom Lager auf und kam mit einem ungläubigen Lächeln
und wollte beruhigende Worte sagen indem er die kleinen Händchen erfasste die
waren aber ganz anders geworden und das Wort stockte ihm
    So standen nun die beiden vor dem Leichnam und verstanden nichts nur dass
dem Mann einfiel dass er die Augen zudrücken musste Und wie die Augen
geschlossen waren und der Schatten der langen Wimpern sich abzeichnete war der
klägliche Ausdruck um den Mund des Kindes verschwunden und in dem wachsfarbenen
Kindergesicht zeigte sich ein tiefer Ernst und eine wunderbare Entschlossenheit
wie eines Helden der einen schweren Gang zu tun hat Da sank die Mutter auf die
Kniee und begann zu schluchzen Dem Mann aber zerstreuten sich noch immer die
Gedanken durch den Gram weil er keine Handlung zu tun hatte denn noch eine
lange Zeit war ihm als müsse er verlegen sein und lächeln und wunderte sich
über sich selbst denn er hatte das liebe Kind sehr gern gehabt und am Morgen
geschah ihm wunderlich wie er seine Hausschuhe erblickte die ihm der Kleine
abends immer angeschleppt hatte jeden einzeln und drückte ihn ungeschickt an
sich da strömte es ihm plötzlich aus den Augen ohne dass ein Aufhalten möglich
gewesen wäre unaufhörlich wie eine Quelle und ohne Schluchzen Da schonten
die beiden einander und sprachen nicht miteinander und taten ein jedes was
nötig war
    Am Abend des zweiten Tages sagte die Frau »Ich habe bis nun nicht an Gott
geglaubt und war stolz auf diesen Unglauben Jetzt aber weiß ich dass es einen
Gott gibt und zu einer Strafe für mich habe ich diese Einsicht gewonnen denn
ich habe dahingelebt in Leichtfertigkeit und ohne Gedanken und wie dieses Kind
kam habe ich es nicht aufgenommen als eine Bestrafung dafür dass ich nicht an
mich dachte und an die Aufgabe die ich erfüllen soll und auch nicht als ein
Geschenk das mich zur Besinnung Liebe und Nachdenken bringen konnte sondern
als eine zufällige und ungerechte Last die ich verabscheute und auch die
Freude die ich später an ihm gehabt ging nicht aus einer Belehrung und
Besserung hervor sondern nur aus derselben alten Leichtfertigkeit und
Gedankenlosigkeit nach der ich dahin gelebt habe wie ein Tier im Walde So ist
mir dieses Kind nun wieder genommen und ich habe meine Strafe dahin und weiß
nun dass alles das nicht möglich wäre wenn es nicht einen Gott im Himmel gäbe
Durch dessen Nachsicht habe ich bis jetzt gelebt nun aber kann ich nicht mehr
leben Wenn ich aber das tote Kindchen ansehe so ist mir als habe es alles das
gewusst und wiewohl es nur eben anfing die ersten Laute zu sprechen und ganz
kindisch war in seinem Wesen so hat es mich doch ganz durchschaut und in
seinem Innern hat es mich gerichtet das sehe ich an dem Ausdruck seines
Gesichtes«
    An Karl war eine Nachricht von dem Geschehnis gesendet er kam zu den
beiden und wie die Beerdigung war wohnte er der mit seiner Frau bei Für das
Kind hatte er keine rechten Gefühle gehabt da er es kaum gesehen denn die
väterliche Liebe wächst erst wenn ein Vater in einem größer werdenden Kinde
sein eigenes Bild wiedererkennt und jene besondere Liebe die wir zu den ganz
Kleinen haben auch wenn sie uns fremd sind in deren großen und unbestimmten
Augen noch ihre himmlische Heimat träumt die entsteht doch nur im ganz nahen
Zusammenleben Auch hatte er nicht mehr genug Zuneigung zu seiner früheren
Geliebten um mit ihr zu empfinden und zu verspüren was für sie das alles
bedeutete So überwog bei ihm das Gefühl der Peinlichkeit seiner wunderlichen
Lage und er hatte eine Empfindung von Leerheit die aber machte ihn betroffen
wie er neben den beiden tiefgebeugten Menschen stand und seine Frau war von
äusserlicher Höflichkeit und zeigte eine gewisse Neugierde So kam es dass sie
auf die hochgespannten und empfindlichen Seelen der andern verletzend wirkten
und denen ein hässliches Gefühl verursachten Nur einen Augenblick tauchte bei
Karl etwas Besonderes auf als er sah wie Jordan mit Zartheit seiner Frau den
Arm streichelte als könne er sie dadurch trösten da wurde ihm klar wie die
beiden zusammengehörten und eins waren und was in Wahrheit die Ehe bedeutet und
empfand ein tiefes Mitleiden mit sich selbst
    Auf dem Heimweg sprach Johanna gleichgültige Dinge in kalter und
selbstsüchtiger Weise und erregte in Karl eine tiefe Erbitterung Jordan und
seine Frau waren schweigend nach Hause gegangen denn der Mann wusste nicht was
er zu dem sagen sollte was in ihr sich jetzt bewegte und Gestalt annahm und
hatte Scheu und Ehrfurcht vor ihr ihr aber hatte dieses Zusammenkommen mit dem
früheren Geliebten einen neuen Eindruck gemacht dessen Folgen sich erst nach
Wochen zeigten Da sprach sie zu ihrem Manne »Ich habe ein herzliches Erbarmen
mit Karl denn er ist ein ganz unglücklicher Mensch und das nicht nur durch
sein ganz schlechtes Weib sondern auch durch sich selbst Es ist mir aber sein
Anblick eine Tröstung gewesen in meinem gegenwärtigen Leiden denn durch ihn
habe ich gesehen dass ich doch nicht verworfen bin Wir haben die christlichen
Lehren ja alle gehört aber weil sie uns nur äußerlich gelehrt wurden und nicht
eine Antwort auf das Fragen unseres Herzens waren so haben wir sie nicht
verstanden und dadurch sind sie uns fast in Vergessenheit geraten Jetzt weiß
ich was Gottes Liebe bedeutet und weiß dass Gott mich liebt Deshalb habe ich
keine Unruhe mehr mache mir auch keine Vorwürfe und Sorgen denn ich weiß dass
mir nur Gutes geschehen ist und dass mir nie Übles geschehen wird durch die
Liebe Gottes Diese Erkenntnis ging mir auf wie ich Karl beobachtete denn der
gehört nicht zu den Auserwählten weshalb das aber so ist weiß ich nicht und
das wird wohl ein Geheimnis sein das Gott sich vorbehalten hat« So sprach die
Frau und wiewohl der Mann den eigentlichen Sinn ihrer Worte auch später nicht
verstanden hat denn er war ein Mensch der auf anderm Wege zu seinem Ziele kam
nämlich durch seine eigne Milde und Güte so wusste er doch dass auch solches gut
ist und ließ sie nach ihrer Art denken
    Und so lebten die beiden sich immer mehr ineinander und am Ende erreichten
sie dasjenige Maß von Vollendung das bestimmt ist für solche Leute wie sie
sind mögen das nun gelehrte und hochmächtige oder schöne und berühmte Menschen
sein oder ein armes und unbeachtetes Arbeiterpaar das nicht unterschieden von
den andern in einer menschenerfüllten Stadt wohnt
Hans erhielt einen Brief von seiner Mutter er solle recht schnell nach Hause
kommen denn sein Vater sei sehr krank und weil er wusste dass das eine
gefährliche Krankheit war denn sonst hätte sie nicht so dringend geschrieben
so machte er sich eilig und voll Sorge auf die Heimfahrt und fuhr denselben Weg
wie damals als er vor Jahren nach Berlin gekommen war nur fehlte ihm jetzt der
Glanz der Erwartung und alles erschien ihm wie einem Enttäuschten und
sonderbar nüchtern war es auch in der Heimat die Luft und die Frische die
wohlbekannte Art von Menschen mit luftgefärbten Gesichtern und die Häuser und
Wälder Wie er den alten Weg zum Forstause ging da kam ihm keinerlei freudiges
Gefühl und nur auf den gemeinen Nutzen waren die Holzstösse das dünne Waldgras
und die hohen grauen Baumstämme gestimmt und das alte Haus erschien ihm klein
und dürftig mit der niederen Haustür und den winzigen Fenstern und es war als
hänge alles hier nur von der täglichen Notdurft ab in einer kleinlichen
beengenden und drückenden Weise und wiewohl das Stübchen genau so war wie
früher so schien es gering und unwohnlich und ganz jämmerlich waren die
hässlichen Litographien vom Leichenzug des Jägers und des Fischers die über dem
schwarzen Sofa hingen Der Vater ging mit großen Schritten in der Stube auf und
ab und begrüßte den Sohn in zerstreuter Weise ohne nach etwas zu fragen die
Mutter kam mit verweintem Gesicht aus der Küche wie alt und gebückt erschienen
die beiden die er als so stattlich in der Erinnerung gehabt waren denn das die
wenigen Jahre gewesen die derart alles verändert hatten Der Vater begann gegen
Hans gleich über einen Holzarbeiter zu schelten der etwas versehen hatte denn
er konnte seine Gedanken nicht mehr recht bewegen und weil er den Mann eben im
Sinne gehabt so musste er über ihn sprechen auch vermochte er sich keine
Vorstellung zu machen welche Sorgen und Gedanken in seinem Sohne sein mochten
den er früher doch so zärtlich geliebt hatte und die Mutter fing an zu klagen
wie sie mit Hans allein war über Schmerzen und allerhand
Krankheitserscheinungen bei sich und über die Teuerung aller notwendigen Waren
und dass der Vater so stumpf geworden war und auch sie schien über allerlei
Kleinigkeiten das Wichtigste zu versäumen und ihre Anteilnahme an Hansen zeigte
sich nur in Erkundigungen über allerhand äußerliche und geringe Dinge
    Da kam er sich fremd vor und ganz einsam und verlassen da fiel es ihm
schwer aufs Herz wie er die ganzen Jahre kaum an seine Eltern gedacht hatte und
ihnen selten etwas von dem Wichtigen mitgeteilt und besann sich wie sie
mochten gelitten haben unter seiner Kälte Er fragte nach dem Hühnerhund den
hatte der Vater totschiessen müssen weil er durch das Alter die Räude bekommen
hatte Wunderlich der Hund hatte schon seinen Lebenslauf beendet den er hatte
aufwachsen sehen von einem täppischen dickbeinigen und spielerischen Wesen zu
einem pflichttreuen und verständigen Jagdhund und er selber Hans war nahe an
das Mannesalter gekommen und hatte nicht die Arbeit für sein Leben
    Die alte Dorrel fasste seine Hand mit beiden Händen und streichelte sie
dabei fielen ihr die Tränen aus den Augen denn sie freute sich dass er so groß
und stattlich geworden war und beseufzte dass sie daraus ihr Alter erkannte
Dann erinnerte sie ihn wie sie zusammen Kartoffeln gerodet hatten und dabei
ging ihm zum ersten Male das Herz auf und es war als ob sich der Panzer
lockere der ihn fest umfing Aber nur einen Augenblick war das dann hatte er
wieder das Gefühl dass er nun an die Stelle der Eltern treten musste die im
Absterben waren und dass er doch das nicht konnte denn er fühlte sich noch als
ein Kind das geleitet wird und das Leben erschien ihm übermäßig schwer dass er
es gar nicht tragen konnte Das kam ihm aber vornehmlich vom Vater denn der tat
wohl scheinbar alles wie sonst aber alles was er tat hatte einen seltsamen
Anblick fast gespenstiger Art denn es ging aus einer zwecklosen Unruhe hervor
und nicht aus bedachten Absichten so stand er morgens lange vor Tag auf und
ging in den Wald vieles vergessend und sich um Kleinigkeiten erregend und
kehrte zu wechselnden Zeiten nach Hause zurück eine zerstreute Ratlosigkeit mit
sich führend Und indem Hans seiner Eltern Leben überdachte fand er dass sie
immer ehrlich und redlich ihre Pflicht getan für ihr Kind gesorgt und auch
andern Menschen geholfen hatten nach ihren Kräften Und wenn nun solches das
Ende war welchen Sinn und welche Bedeutung hatte dann wohl überhaupt das Leben
Da überkam ihn eine Furcht und es wurde ihm klar dass er bis dahin gewandert
war wie ein Träumender auf einem hohen Gebäude und jetzt war er aufgewacht und
sah ein dass man sich in die Tiefe stürzen muss In der Nacht stand die Mutter
mit dem Licht an seinem Bett denn der Anfall des Vaters wegen dessen sie ihn
hatte kommen lassen war wiedergekehrt Da lag der alte Mann in dem engen Bett
unbeweglich und ein Auge war geschlossen und war tief eingefallen und das andre
rollte in der Höhle hin und her als wolle er jeden besonders ansehen er konnte
aber auch nicht sprechen Am Fussende stand die Mutter und weinte still und in
der Tür stand Dorrel die schluchzte und das Auge des Sterbenden rollte stumm
in seiner Höhle Es war als ob jetzt ganz besondere Gedanken in dem Vater
waren an die er sonst nie gedacht die ganz neu und unerhört waren und seinem
Sohne mussten sie eine besondere Aufklärung geben Aber die Zunge war gelähmt
und nur einmal rief eine besondere Anstrengung ein unverständliches Murren
hervor Kurze Minuten dehnten sich endlos aus und das flackernde Licht erzeugte
hüpfende Schatten an der geweissten Wand Dieser Mann war nun alt und wollte
sterben Und nun war Hans ein Mann geworden und war so wie er selbst vor langen
Jahren seinen Vater gekannt hatte der nun ein alter Mann war und sterben
wollte Grauenhaft war das Denn es waren doch auch nur wenige Jahre dann war
er selber gleichfalls so alt wie dieser Mann der jetzt im Sterben lag und dann
musste er gleichfalls sterben Da war es ihm als verstehe er innerlich was der
Vater dachte und wollte kniete nieder vor der niedrigen Bettstelle und legte
seinen Kopf auf das Kissen neben den Kopf des Vaters und das rollende Auge
beruhigte sich und Hans verspürte wie aus seines Vaters Herzen eine heiße
Liebe zu ihm herüberströmte und die Mutter kniete auch vor dem Bett und hatte
seine Hand gefasst und auch auf die Mutter strömte Liebe und freundliches
Wohlwollen Und Hansens Herz erwiderte die Liebe und er fühlte deutlich dass er
zu seinem Vater gehörte denn alles andre was ihm geschienen war falsche
Äusserlichkeit gewesen Wie er sich dergestalt glücklich fühlte ging von dem
Sterbenden ein erleichtertes Seufzen aus und eine Bewegung ging durch den
ganzen Körper da erhob sich die Mutter und drückte ihm das Auge zu
    Er lag mit einem friedlichen und beruhigten Gesichte da und war als habe
er in den letzten Minuten nicht nur etwas Schönes empfangen sondern auch eine
große Weisheit die ihn in ein gläubiges Erstaunen versetzte und seine Züge hell
machte Hans sprach »Mutter ich kann nicht weinen denn er ist sehr glücklich
geworden« Die treue Dorrel aber kam an das Bett nahm die Hände ihres Herrn und
faltete sie und dann faltete sie ihre eigenen Hände die von vieler harter
Arbeit zeugten und betete leise Hans sprach zu seiner Mutter »Ich habe es
nicht um ihn verdient dass er mich so geliebt hat aber ich will sein Andenken
lieb haben«
    Viel dachte Hans darüber nach woher es gekommen sein möge dass seines
Vaters Liebe erst in den letzten Minuten zu ihm sprach und dass die Tage vorher
so wunderlich verwirrt gewesen und am Ende fand er darin eine Erklärung dass
seines Vaters Jugend zu schwer gewesen war und ohne Glück Es muss aber jegliches
Lebensalter auch das seiner Art entsprechende und gebührende Glück haben sonst
gedeiht der Mensch nicht zu seiner Vollkommenheit sondern wird wie ein Baum
der in seiner Jugend nicht nach allen Seiten hat frei wachsen dürfen Und wie er
weiter nachdachte fand er dass dieses Glück viel weniger von der äußeren
Gelegenheit abhängt wie vom Menschen selber ob er es aus sich herausbilden
will so dass also ein Mann wie sein Vater doch in seinem Innern einen Fehler
gehabt hat Aber diesen Fehler hatte er auch selber und glich wohl sehr seinem
Vater das wollen wir bedenken da unser Hans doch von deutscher Art und Sorte
ist
    Als ein sehr veränderter Mensch kehrte Hans nach Berlin zurück und es
schien in Wahrheit als ob er durch den Tod seines Vaters viel älter und ein
Mann geworden sei und besonders zeigte sich das indem seine Gefühle gegen
Personen die ihm bis dahin nahegestanden plötzlich ganz anders waren ohne dass
er einen Grund wusste Am ersten kam es zu einem Bruch mit Heller Der war längst
in der früher beschriebenen Art verheiratet und hatte sich ein kleines und
bürgerliches Leben begründet indem er seine Anschauungen in Zeitungen
verbreitete die von Arbeitern und kleinen Leuten gelesen wurden Hans besuchte
ihn wie er einen heftigen Einsamkeitsgram hatte und traf ihn in seinem
ärmlichen und sauber eingerichteten Zimmer wie er in einem großen und
gestickten Schlafrock am Schreibtisch saß er hatte etwas an Umfang zugenommen
und im Gesicht war ein Ausdruck eines herablassenden Wohlwollens ständig
geworden der sehr aufreizend wirkte Da verspürte Hans zu seiner großen
Verwunderung wie er ihm die Hand gab eine tiefe Verachtung gegen den alten
Freund und ihm war als sähe er eine unerträgliche und widerwärtige Maske die
ganz hohl war und unbewegte Züge hatte und alles ärgerte ihn der Schlafrock
und der anspruchsvolle lehrhafte Ton und besonders einige hochtrabende Worte
Und wie ihm Heller am Ende erzählte dass er beabsichtige sich für den Reichstag
aufstellen zu lassen und dass sein Wahlkreis ziemlich sicher sei da entfuhr es
Hans dass er grob wurde und Heller einen Intriganten nannte und das Sonderbare
kam ganz gegen seinen Willen und auch gegen seine vorherige Meinung aber die
Bezeichnung hatte den wunden Punkt des andern getroffen den Hans nur unbewusst
geahnt hatte denn er antwortete sehr gereizt und das Ende war dass Hans
fortging mit dem klaren Bewusstsein dass er für immer mit Heller auseinander war
    Nicht lange währte es da hatte er einen ähnlichen Vorfall mit Krechting
der sagte ihm er sehe aus ganz andern Augen wie früher und zeige einen
besonderen Stolz und aus diesem erkenne er dass sich sein Wesen geändert habe
und ein starkes Wollen in ihn gekommen sei und so würden wohl ihrer beiden Wege
jetzt auseinandergehen Denn wir erwürben uns Freunde und zehrten diese
innerlich aus und hierdurch wie durch anderes würden wir mit der Zeit neue
Menschen dann seien diese Freunde geschmacklos für uns geworden und wir würfen
das Geringe das von ihnen übrig sei gleichgültig zu anderm Unrat der sich aus
unsrer Vergangenheit um unsre Hütte ansammle und etwa wie ein neugieriger
Gelehrter die Küchenabfälle vorgeschichtlicher Völker durchwühle so könne
einmal ein Seelenforscher wenn einer von uns einmal für einen solchen
interessant wird den Abfallhaufen studieren und aus ihm die Geschichte des
Mannes erraten
    Krechting saß in seiner Stammkneipe an seinem gewohnten Tisch und wie er
mit seinem unglückseligen und verkümmerten Körperchen dasaß in seiner Ecke und
verbissen vor sich auf sein Glas sah da wurde Hans von tiefem Mitleid
ergriffen der andre aber verspürte seine Bewegung und sein Hochmut machte dass
er sich deren schämte und so wurde seine Stimme plötzlich heiser und rau wie
er fortfuhr dass er keinerlei Empfindungen von Hans wünsche denn er selbst habe
vielleicht nur einen gewissen Neid auf ihn weil er für sich immer an der Seite
stehen werde und bittere Urteile aussprechen indessen andre sich zu handelnden
Menschen bildeten aber im Grunde wolle er ja dieses Leben und nach einem
Jahrzehnt werde Hans ihn immer noch hier in dieser Ecke sitzen sehen und in der
gleichen Weise sprechen wie jetzt und werde inzwischen eine neue Anzahl
jüngerer Freunde mit ihm zusammengekommen sein und nach ihrer bestimmten Zeit
ihn wieder verlassen haben und so werde es gehen bis er zu alt sei für junge
Freunde Alles das sei ihm ganz klar und es müsse wohl so sein nur grüble er
vergeblich welches doch der Grund eines solchen Zustandes sein möge aber
wahrscheinlich habe auch der bezauberte Merlin nicht gewusst aus welchem Grunde
er in seiner Rosenhecke träumen müsse
    So zeigte Krechting doch wider seinen Willen seine Schwachheit und dadurch
bewies er dass er in Wahrheit eine Liebe zu Hans gehabt die sich freilich nie
geäußert hatte Aber Hans verspürte das Nichtgesagte und eine wunderliche
Wehmut befiel ihn eine Art Gefühl als trenne er sich von einer warmen und
treuen Heimat um auf das hohe Meer zu gehen und doch wusste er dass Krechting
ganz recht hatte und es war besser für beide dass sie sich in Freundschaft und
Ruhe trennten denn sonst wäre bald ein Streit zwischen ihnen ausgebrochen und
sie hätten sich gegenseitig tiefe Wunden geschlagen zum Abschied
    Inzwischen hatte Weiland noch mehrmals seine Stadt gewechselt weil er
überall durch die Nachforschungen der Polizei und auch durch Ausweisungen
vertrieben wurde bis er endlich nach gut zwei Jahren in Süddeutschland einen
ruhigen Aufenthaltsort fand zu dem er hoffte seine Familie nachkommen zu
lassen die er in der ganzen Zeit nicht gesehen und schon begann sich sein
Gemüt wieder zu erheitern durch die Hoffnung auf ein friedliches und anständiges
Leben Zu Hause aber war seine Frau mit jenem Zimmerherrn von dem schon
berichtet immer näher gekommen
    Das war eine ganz ruhige und einfache Entwicklung gewesen deren Ende beiden
unerwartet kam denn der einsame und stille Mann der bei seinen Arbeitsgenossen
in der Fabrik und im Wirtshaus nicht Gelegenheit hatte von dem zu sprechen was
ihn bedrückte fand in der engen und sauberen Küche der Frau wo das Kindchen
auf der Erde spielte und sich auch wohl an seinem Knie hochrichtete eine Wärme
und Zuneigung und so berichtete er sein Leben und hörte ihre Geschichte die
sie unter häufigem Weinen erzählte und bald teilte sie ihm aus ihres Mannes
Briefen mit von den vielen fehlschlagenden Hoffnungen und Versuchen und er
tröstete sie und freute sich an der Entwicklung des Kindes dann machten sie ab
dass die Frau für ihn kochen sollte und mit der Zeit besorgte sie alle seine
Angelegenheiten und wie sie nun immer mehr wirtschaftliche Dinge gemein
bekamen die besprochen werden mussten zu den andern Angelegenheiten die sie
sonst schon besprachen da geschah es dass er die ganze Zeit über wenn er zu
Hause war bei ihr in der Küche saß Sie schrieb in ihren Briefen an ihren Mann
vieles von dem Fremden und rühmte ihn sehr bis ihr endlich ihr Mann einmal in
neckischem Tone antwortete sie solle sich nur nicht in den andern verlieben
denn er selbst sei doch so lange von Hause fort Über diesen Scherz wurde sie
sehr nachdenklich und wie sie sich alles überlegt hatte sagte sie zu dem
Fremden dass die Leute im Hause Übles reden könnten wenn sie so oft zusammen
seien deshalb scheine es besser wenn er nicht zu häufig zu ihr komme Aber
schon hatte die Gewohnheit einen zu tiefen Eindruck gemacht und wenn der Mann
abends nach Hause kam hatte sie immer etwas das sie mit ihm bereden wollte
und so kam sie jetzt zu ihm auf sein Zimmer
    Aber doch hatte sie nun ein Bewusstsein dass sie etwas tat das nicht recht
gehörig war und deshalb fing sie ansich selbst Entschuldigungen zu machen
auch erwähnte sie des Fremden nicht mehr in ihren Briefen Ihre
Hauptentschuldigung aber die sie sich machte war die dass sie noch jung sei
und ihr Leben genießen wolle denn in dieser kindischen und offenherzigen Art
wissen die Leute sich ihre Vergehen darzustellen Und auch der Fremde der ein
braver und ordentlicher Mensch war hatte bis dahin aus allem kein Arg gehabt
aber nun wie ihn die Frau öfter besuchte und in ihrem geheimen Schuldbewusstsein
einen wunderlichen und verführerischen Reiz ausübte den sie vorher gar nicht
gezeigt da kam auch er zu Nachdenken und Verlangen und so steigerten sich
beide unbewusst immer gegenseitig bis der Mann eine leichte Zärtlichkeit wagte
die zwar anfänglich zurückgewiesen wurde aber wie es denn geschieht in solcher
Art dass er Mut bekam für einen neuen Versuch und bald ahnten sie jeder dass
sie auf brüchigem Eis wandelten
    Hierüber war der Frühling ins Land gekommen und die beiden verabredeten
sich zu einem Ausflug am Sonntag und fuhren mit der Bahn in einem überfüllten
Zuge zu einem der Orte nach dem sich diese Ausflüge richten gingen dort im
Walde der von vielen Menschen belebt war dann aßen sie in einer Wirtschaft zu
Abend und kehrten am Ende zum Bahnhof zurück um nicht allzu spät wieder in
Berlin zu sein Es war eine schöne und etwas strenge Frühlingsluft gewesen
welche die Nerven anspannt und ein Gefühl in uns weckt als stehe ein besonderes
Glück vor uns Auf dem Bahnsteig trafen sie einige andre Paare die gleich ihnen
frühzeitig zurückfahren wollten und war ihnen ein eigenes und sehnsüchtiges
Gefühl wie sie so diese heimlich flüsternden und vertraulichen jungen Leute
sahen In dem Zuge der wegen der Frühe fast leer war hatten sie ein
Wagenabteil für sich so fuhren sie allein durch das Dunkel nach Hause Da wurde
die Frau von einem neuen bräutlichen Gefühl übermannt und die Tränen kamen ihr
sie lehnte sich an die Schulter des Mannes der fasste ihre Hände und so fuhren
sie schweigend
    In der Folge entwickelte sich ein Trotz bei der Frau weil sie ihr Unrecht
fühlte sie behielt ihren Grund dass sie ihr Leben genießen wolle solange sie
jung war und sagte auch dass die Wohnungsverhältnisse Ursache seien und
endlich fand sie sogar dass ihr Mann weil er zu sehr an die Partei gedacht die
Familie vernachlässigt habe Wie sie aber ihrem Manne von allem schrieb
erwähnte sie von diesen Gründen und Ursachen nichts sondern sagte nur dass sie
den andern lieber gewonnen habe und als freier Mensch wolle sie sich von ihm
trennen und sich mit dem verbinden
    Dieser Brief kam gerade in Weilands schönste Hoffnungen und machte ihm einen
sehr tiefen Schmerz denn es war ihm als sei er plötzlich wie eine Pflanze die
aus der Erde gerissen ist und nachdem er etwa eine Woche in dieser Stimmung
verharrt hatte wurde ihm in seinem ganzen täglichen Leben so trostlos zumute
dass er dachte es könne so nicht bleiben sonst werde ihn der Überdruss zum
Trinken verführen deshalb beschloss er dass er Deutschland gänzlich verlassen
wollte und nach Amerika gehen um in eine völlig neue Umgebung zu kommen und
hier durch die Arbeit der Anpassung vielleicht neuen Sinn zu kriegen denn er
dachte sich dass er noch jung war und sein Leben noch nicht verloren zu geben
brauchte weil er es ja immer noch ganz von neuem zu begründen vermochte
    Indem er aber vorher noch von seiner Frau und seinem Kinde Abschied nehmen
wollte und besonders das Kind noch zum letzten Male sehen dachte er erst nach
Berlin zu fahren und zwar war er ja dort ausgewiesen aber er hoffte dass die
Polizei wenn er die Reise geheim betreibe doch nichts von ihm erfahren werde
und zur besonderen Vorsicht ließ er sich den Bart abnehmen und das Haar
schneiden um weniger leicht erkannt zu werden aber gerade diese Vorbereitung
erweckte einen Verdacht denn da er aus irgend einem Grunde für einen besonders
gefährlichen Menschen gehalten wurde so war er sehr genau beobachtet So kam er
in Berlin an und ging die bekannten alten Wege zu seiner Wohnung die er früher
immer mit großer Fröhlichkeit gegangen war und klingelte an der Tür und weil
ihn seine Frau nicht gleich erkannte auf dem dunkeln Flur so hieß sie ihn
unbefangen eintreten da stand er auf der Küchenschwelle und der Tisch der
damals ganz neu gewesen hatte auf der Platte seine Farbe verloren durch den
Gebrauch aber es war eine weiße Gardine vor dem Fenster und plötzlich wurde
ihm so wehmütig zu Sinn dass er hätte weinen mögen Seine Frau stand in der
äußersten Ecke und sah erschreckt auf ihn hin und das Kind war auf ihn zugeeilt
und hatte »Papa« gerufen in der Meinung er sei der neue Vater aber dann hatte
es seinen Irrtum erkannt und war vor dem fremden Manne erschreckt zurückgelaufen
und versteckte jetzt sein Gesicht in der Schürze der Mutter Das erschütterte
ihn mehr wie das Entsetzen seiner Frau dass sein Kind sich vor ihm fürchtete da
rief er mit schluchzender Stimme »Sehe ich denn aus wie ein Verbrecher dass ihr
vor mir Angst habt« Aber die Frau starrte ihn nur immer besinnungslos an und
das Kind machte das Köpfchen etwas los und blickte scheu zurück da kamen ihm
die Tränen und er wagte nicht einen Schritt vorzusetzen
    In diesem Augenblick traten Schutzleute durch die Flurtür herein die in der
Aufregung der beiden offen geblieben war und einer legte die Hand auf Weilands
Schulter und erklärte ihn für verhaftet wegen Bannbruchs zerstreut sah er dem
bärtigen Mann ins Gesicht dann schrie er laut den Namen seiner Frau der kamen
jetzt auch große Tränen über die Wangen aber sie stand noch immer gelähmt Vor
der Tür draußen sammelten sich neugierige Hausbewohner ein Murmeln und die
befehlende Stimme eines Schutzmannes wurde gehört Da wendete sich Weiland
langsam um und ging die Treppe hinab mit den Männern die ihn verhaftet hatten
und die Knie zitterten ihm und seine Frau mit dem Kind waren oben in der Küche
    Wie er zwischen den Polizisten aus der Haustür auf die sonnenhelle Straße
trat in deren Mitte ein Pferdebahnwagen fuhr da flüsterten Leute hinter ihm
er sei betrunken da ergriff ihn eine unbändige Wut und eine sinnlose
Verzweiflung dass er sich auf den einen Mann stürzen wollte Wie er eben die
Bewegung begann hörte er eine scharfe und schneidige Stimme rufen »Achtung«
Das durchzuckte ihn und das alte bekannte Schlagwort das er selbst
vielhundert Mal gerufen kehrte in ihn »Lass dich nicht provozieren« So ging er
denn ruhig mit nur die Fäuste hatte er geballt
    Er wurde wegen des Bannbruches zu einigen Wochen Gefängnis verurteilt und
während dieser Zeit hoffte er immer dass ihn seine Frau noch einmal mit dem
Kinde aufsuchen werde aber die schämte sich und so nahm der Mann von
Deutschland Abschied mit Bitterkeit im Herzen Aber als er vom Schiff aus New
York erblickte wo sich über dem breiten Lager der gewöhnlichen Häuser wie
gewaltige Türme des Mittelalters die Riesenbauten erhoben die mit ihrer
obersten Galerie die Wolken streifen und deren Wände doch blitzen von
spiegelnden Fensterscheiben denn nur aus Eisen und Glas sind sie erhoben da
war es als ob in ihm Begeisterung Kraft und neue Freude erwachten Und wie er
durch die breiten Straßen ging wo die Menschen sich rücksichtslos drängten mit
willensstark geradeaus gerichteten Blicken und jeder ein Ziel verfolgte und Mut
und Hoffnung hatte da richtete sich auch seine Haltung nicht in der
militärischen Art wie zu Hause sondern nach amerikanischem Wesen und ein
Einheimischer sah wohl verwundert den Einwanderer mit dem kleinen Bündel an der
gar nicht aussah wie ein gewöhnliches Grünhorn Und es glückte ihm dass er
gleich Arbeit bekam in seinem Geschäft und schon nach einem halben Jahre wie
er sich an das Neue gewöhnt hatte rückte er zu einem Meisterposten auf dann
wurde sein Ehrgeiz immer lebendiger und nicht lange währte es da musste ihn
sein Herr der einst gleich ihm als armer Schustergeselle eingewandert war mit
am Unternehmen beteiligen und nun hatte er den Weg frei vor sich der ihn einst
zum Reichtum führen musste Ganz sonderbar schnell hatte er sich seiner Sprache
entwöhnt und waren alle seine Manieren amerikanisch geworden und weit weit in
den Hintergrund traten ihm seine jugendlichen Bestrebungen und die Erinnerung an
Weib und Kind denn nur zuweilen im Traum kam es ihm dass er die alten Zeiten
sah Später heiratete er eine amerikanische Frau die ein schlankes und stolzes
Wesen war mit offenem Gesicht die ihm erschien wie eine Königin trotzdem sie
nur Buchhalterin gewesen war in seinem eignen Unternehmen und so bereitete er
mit die neue Gesellschaft vor die freilich ganz andrer Art ist wie die einst
von ihm geträumte und die einmal unbarmherzigen Krieg führen wird gegen uns
Altväterliche
    In Hans begann jetzt allmählich ein Gefühl der Einsamkeit denn die Jahre
waren vorüber wo man die Vorstellung hat von vielen unbekannten Freunden die
man nur anreden müsste auch verliert am Ende der Jünglingsjahre das Bewusstsein
gemeinsamer Überzeugungen seine Bedeutung das leicht Menschen zur Freundschaft
zusammenbringt denn in Wahrheit fängt jetzt das Alter an wo die Ehe eintreten
muss und die erfolgreiche Berufsarbeit in welcher die Fähigkeiten und Kenntnisse
verwendet werden die suchende Jünglingsjahre erworben haben Aber weder konnte
Hans an eine Ehe denken auch wenn er eine Liebesneigung gefasst hätte denn er
vermochte nur eben sich selbst zu ernähren noch erschien ihm seine Tätigkeit
als eine Berufsarbeit für das Leben denn sein Lehrer hatte es ihm wohl nach
seinem Versprechen verschafft dass er bei einem großen wissenschaftlichen
Unternehmen mitbeschäftigt wurde aber die Arbeit war ihm nur ein gemeiner
Broterwerb Aber welche Tätigkeit er sich aussuchen sollte das konnte Hans auch
nicht sagen und so machte er sich jetzt oft Vorwürfe dass er sich früher durch
zu vielerlei Interessen zersplittert habe
    Derart sah er nun auch andre Dinge in einem grauen und unerfreulichen
Schein die ihn früher glücklich gemacht hatten die unreife Begeisterung der
Jugend war erloschen und Erfahrung und Verständigkeit hatten noch nicht ein
neues Bild der Welt geschaffen so wunderte es ihn wie er in einer
Volksversammlung ein ganz neues Bild bekam wo er eine Rede von Heller hörte in
welcher der gehässig über die höheren Stände sprach und den Arbeitern
schmeichelte und die Versammelten jubelten ihm Beifall aber der Hochmut und
die kindische Art der Leute tat ihm weh und weil er selbst ein Mensch mit
Ehrfurcht war so kamen sie ihm vor wie freche Knechte Da erschien ihm
plötzlich der Drang nach Gerechtigkeit und der Wunsch auf Gleichheit als ganz
unreif und er kam sich vor wie das Kind das den Ozean mit der Nussschale
ausschöpfen wollte weil er einst geglaubt hatte er könne durch ein Urteil über
Recht und Unrecht in diesen gesellschaftlichen Vorgängen eine Einsicht haben
die doch durch den geheimen Lebenstrieb der gesamten Gesellschaft bestimmt
werden und in Wahrheit hatte er vielleicht die Auflösung und den Tod der
Gesellschaft erstrebt durch seinen Drang und seinen Glauben Ganz neu und
unbestimmt kam ihm nun zuerst der Gedanke dass dieser Maurer oder Zimmermann
neben ihm nicht behaglich leben dürfe wenn er selbst oder ein andrer sollte
höher kommen können nicht zu Behagen sondern zu höherer Wesenheit und indem
fühlte er plötzlich dass er diese Menge von dumpfen und selbstzufriedenen
Menschen hasste Aber so einsam war er dass er von dieser Unruhe und Verzweiflung
niemand mitteilen konnte und er hätte auch ein weibliches Wesen haben müssen
dem er seine Gedanken erzählte So fühlte er sich nun näher hingezogen zu Luise
die hatte ihr medizinisches Studium beendet und war nach Hause zurückgekehrt
und ihre Absicht war gewesen nun sich als Ärztin niederzulassen Aber wie sie
das gewollte Ziel erreicht hatte war plötzlich eine seltsame Müdigkeit und
gleichgültiger Sinn über sie gekommen und sie lebte wochenlang und dann durch
Monate untätig und wie es Menschen in dieser Verfassung geschieht häuften sich
allerhand Schwierigkeiten um sie als seien sie durch ihre Stimmung
herbeigezogen Hans verspürte nichts von dieser Lage und freute sich nur dass er
ihr manches mitteilen konnte aber einmal bei einem recht gleichgültigen
Gespräch sprach sie mit ihrer Stimme die jetzt müde war von Zwecklosigkeit Da
tat er einen erschreckten Blick in die dunkle Tiefe ihres Überdrusses und ihrer
unerklärten Verzweiflung und für sich selbst wusste er plötzlich dass er an
demselben Überdruss litt Und wie er sich nun so umsah nach andern da fand er
dass ihr Bruder ein glücklicher Mensch war Den hatte er früher immer verachtet
weil er gar keinen Sinn besaß für die Dinge die Hans und den andern wichtig
erschienen sondern er verharrte nur immer mit unverdrossenem Eifer bei seiner
kleinen Gelehrsamkeit Eben trat er ins Zimmer als Luise jene Worte gesagt der
Vater hatte ihm zum Geburtstag eine Geldsumme geschenkt und er hatte sich dafür
schmutzige Trümmer eines alten Buches gekauft ohne Titel und ohne Schluss das
ein Stück eines im siebzehnten Jahrhundert in Venedig gedruckten arabischen
Werkes war sein ganzes Gesicht strahlte von innerer Heiterkeit liebkosend
strich er über den zerfetzten Einband und Hans wechselte einen schnellen Blick
mit Luise und beide dachten sie möchten wohl gern solchen Glückes fähig sein
und verwunderten sich weshalb sie das nicht konnten
Die Ehe von Karl und Johanna hatte sich immer grausiger entwickelt in Hass und
Sehnen und er gewann bald das heimliche Gefühl des Sieges und wusste dass er in
Kürze frei sein musste von seiner Kette und sie war gänzlich ratlos und sah sich
von Unverständlichem umgeben Unmerklich hatte sich eine Wand erhoben zwischen
ihnen deren Wachsen hatte er gesehen und kannte ihre Fugen sie aber war
erstaunt über die neue Mauer denn ganz plötzlich merkte sie von ihr dann
schlug sie zornig gegen die empfindungslosen Steine und zuletzt sank sie in
sich zurück
    Er hatte schon lange geahnt dass sie ihn nach einiger Zeit vor andern
lächerlich machen werde und nun hatte sie damit begonnen indem sie über seine
Tracht spottete seine Gangart seine Art zu sprechen Und wiewohl sie wusste
dass er sehr litt und sich in ihm Bitterkeit häufte so fuhr sie doch fort in
dieser Weise aber der Grund war dass sie die Mauer einreissen wollte denn sie
verspürte wohl dass sie ihn gar nicht hatte weil sie nichts von ihm wusste wegen
dieser Mauer und sie wollte ihn ja verzehren Auch stellte sie in seiner
Gegenwart Betrachtungen über seinen Charakter an So fühlte er zuzeiten deutlich
hinter diesen Roheiten ein Flehen zu ihm eine Sehnsucht und einen Willen der
ihn halten wollte das machte ihn glücklich durch befriedigte Rache Ihr dunkler
Trieb suchte weiter und äußerte sich in andrer Form und dachte dass Karl
vielleicht nach irgend einer andern Seite eine starke Neigung hatte die ihn
unangreifbar machte deshalb suchte sie mit heftiger Eifersucht in allem was
ihn beschäftigte und begann Bücher zu hassen Bekannte zu verfolgen gegen
Gewohnheiten zu schelten aber fand nichts das ihr eine Erklärung gab Da
bezwang sie ihre Natur zu Freundlichkeit zu Entgegenkommen suchte ihn auf
seinem Zimmer auf indem sie eine andre Absicht vorschützte und wollte ihn
bewegen zu ihr zu sprechen ja sie ging zu ihm der gebückt über seinem Buche
saß und streichelte ihm die Stirn mit ihrer Hand und ihre Hand war weich und
kühl und etwas Seltsames floss aus ihr Aber sein Hass wurde so heftig dass er
sich nicht ruhig halten konnte und er stand hastig auf und ging fort Da setzte
sie sich und weinte und wie er zurückkam und sie mit verweintem Gesicht in
seiner Stube fand musste er sich zwingen dass er sich nicht auf sie stürzte um
sie zu töten
    So war die Vorbereitung zum Ausbruch Sie hatte eine große Gesellschaft
ihrer Freunde die ihm alle verhasst waren denn er sah in einem jeden von ihnen
einen Teil ihres Wesens lebendig vor sich An jenem Tage erschienen ihm alle
Gesichter unnatürlich verzerrt und wie sie um den runden Tisch sich drängten
und verwirrt durcheinander sprachen da saß er für sich und war zusammengesunken
und vergrübelt So hörte er wie durch einen Schleier eine Weile einzelne Worte
aus dem allgemeinen Gespräch die Johanna mit Krechting wechselte und langsam
wurde es ihm bewusst dass sie sich auf ihn bezogen und wie er aufblickte nahm
er einen Blick des Einverständnisses der beiden wahr das auf seine Kosten ging
Da stand gerade vor ihm ein Tellerchen mit Backwerk das nahm er und warf es
Johanna ins Gesicht Er warf mit Absicht so dass es ihr Gesicht flach traf
nicht mit der Kante damit sie nicht verletzt wurde Während er das tat war es
ihm als ob nicht er es sei der das tue sondern ein andrer der ihn gar nichts
anging denn er war ganz ruhig äußerlich wie innerlich und wunderte sich wie
er den Teller vor ihrem Gesicht sah In dem Augenblick wo er zielte waren alle
stumm geworden und hatten erstarrt auf ihn geblickt Das Tellerchen traf und
das Backwerk fiel wohl vor ihm auf die Erde aber das Tellerchen traf sie mitten
ins Gesicht Sie fing es im Herabfallen auf und hielt es in der Hand ohne
Gedanken indes sie ihn mit großen und erstarrten Augen ansah mit einem Male
schrie sie laut auf und warf es auf den Boden als sei es glühend Er aber erhob
sich und ging aus der Tür machte sich in seinem Zimmer strassenfertig und
schritt langsam die Treppe hinunter und aus dem Hause Alles ließ er dort und
nie kehrte er wieder zurück
    Ruhe und Frieden suchte er und etwas das er nicht nennen konnte So ging er
zu Luise In ihren Schoss hatte er seinen Kopf gelegt und langsam stiegen ihm
die Tränen in die Augen denn er hatte nicht sprechen müssen sondern sie hatte
ihn angesehen und dann hatte er sein Gesicht in ihren Schoss gelegt und nun
streichelte sie ihm die Haare Ruhig wurde ihm wie wenn nun alles Meer glatt
wäre und er dachte an nichts nur fühlen konnte er und er fühlte wie Ruhe in
sein Herz floss Dann wusste er dass er aufstehen musste und er stand auf und
setzte sich neben sie und sie sagte mit gütigem Gesicht dass er älter geworden
war Wie sie das sagte mit gütigem Gesicht strömte ihm das Blut zum Herzen und
er sah zwei feine Linien um ihre Mundwinkel Sie lächelte wie sie seinen Blick
bemerkte und scherzte dass auch sie nun die Jugend verlassen habe So plauderte
sie weiter und er wusste dass ihr das schwer wurde jetzt so sorglos zu
plaudern und einmal fing er einen besorgten Blick auf den sie auf sein Gesicht
warf aber er selbst hätte nichts sagen können sondern er hörte nur zu ihrem
leisen und freundlichen Wortfall Von Bekannten erzählte sie und von Bäumen und
Blumen Er liebte eine Bewegung an ihr wenn sie mit beiden Händen zurück an das
Haar fasste Seine Seele wiegte sich auf ihren Worten und er schloss die Augen
damit er nur den Klang allein habe
    Jetzt wusste er dass er jeden Tag und jede Stunde an sie gedacht hatte und
dass er zusammengeschreckt war wenn jemand einmal aus Zufall ihren Vornamen
genannt hatte Und nun saß sie neben ihm mit ihrer Güte und wollte ihm Liebes
erweisen in Zartheit Sie hatte die Hände in den Schoss gelegt und wie er eine
zufällige Bewegung machte berührte ihn ihr Kleid Sie merkte das und diese
Berührung war ihr peinlich aber sie beherrschte sich und sah ihn mit gutem
Lächeln an und erst eine Weile nachher nahm sie ihr Kleid zusammen und von ihm
weg mit einem entschuldigenden Blick Dann ging sie zu ihrem Flügel und
spielte und die Töne fluteten langsam heran und schienen groß und umgaben ihn
weich und hoben ihn und er fühlte sie um sich wie sie weich waren Dann
begannen sie in ihn einzudringen und mit einem leichten Schauer rührte etwas an
sein Herz und dann noch etwas da wurde es ihm frei im Haupte und leicht und
es war als ob alles sich im Herzen befinde in dem war eine süße Lust und es
verschwand auch alles um ihn weil es unbedeutend war und er sah nur wie Luise
spielte und in ihrem keuschen Nacken kräuselten sich dunkle Löckchen
    Von nun an lebte Karl wieder in der Weise wie vor seiner Verheiratung nur
dass auch ihn die Einsamkeit überkam und er viel auf seiner stillen Stube saß
und in seiner Seele bewegte sich herzkränkendes Grübeln und es war als sei ihm
das Band lockerer geworden das die verschiedenen Eindrücke Strebungen und
Ausflüsse zu unserm Ich vereinigt denn hierhin und dorthin begaben sich Teile
seines Selbst und wie von Schmetterlingen flatterte es bunt und willkürlich um
sein Haupt Aber das machte ihn nicht unglücklich sondern es schien ihm als ob
er zu Frieden und Ruhe wolle und wie wenn er in einem schweigenden Fluße
schwimme und seine Glieder sich lösten in dem Wasser mit leuchtenden Spitzen
    In dieser Zeit wurde er vorbereitet auf das Einfliessen eines Neuen in ihn
das schon lange sich um ihn geballt hatte Denn schon seit einiger Zeit war er
was ein wunderlicher Zufall in einer Großstadt scheint auf seinen Wegen öfters
einem Menschen begegnet der ihm in eigener Art auffiel vielleicht hätten ihn
andere kaum beachtet das war ein seltsam linkischer und verlegener Mann dessen
Kleidung nicht absonderlich war und dessen Gesicht Haltung und Gliedmaßen
ebenfalls nichts Merkwürdiges zeigten und doch war er im ganzen so eigentümlich
linkischer und verlegener Art wie Karl noch nie einen Menschen gesehen hatte
Wie das so geht schien der Mann umgekehrt auch für Karl ein gewisses Interesse
zu haben denn er sah ihn immer mit einem gewissen Aufleuchten des Gesichtes aus
den andern Menschen auf der Straße hervortauchen An einem nasskalten
Novemberabend etwa gegen neun Uhr wo die entlegene Straße recht einsam war
traf Karl den Fremden wie er unter dem aufgespannten Regenschirm mit Verdruss
eine kalte Zigarette betrachtete trat zu ihm und bot ihm seine Streichhölzer
an der Fremde dankte mit etwas übertriebener Höflichkeit und dann begann ein
Gespräch daraufhin dass sie sich so oft schon auf der Straße begegnet waren und
wie ihnen dann die ersten gleichgültigen Worte bald ausgingen da verspürten sie
beide den Wunsch einander nahe zu kommen und deshalb setzten sie sich zusammen
in eine Wirtschaft es stellte sich heraus dass sie Nachbarn waren Der Fremde
der sich Roch nannte wusste das Gespräch bald auf einen Weg zu leiten den Karl
mit großer Freude beging
    Er stammte aus einer wohlhabenden und guten Familie und war in wohlerzogenem
und bravem Zustande auf die Universität gegangen um nach dem Willen seiner
Eltern Jurisprudenz zu studieren Es entwickelte sich in ihm damals eine ganz
besondere Liebhaberei für Bücher die fast die Art einer Leidenschaft annahm
über der vernachlässigte er beinahe seine Studien und um die gewöhnlichen
Vergnügungen seiner Altersgenossen und Kameraden bekümmerte er sich gar nicht
so dass er sich zu einem etwas sonderlinghaften Menschen entwickelte Hierüber
war seine Familie nicht sehr vergnügt die wünschte dass er sich benehmen solle
wie Andere und ihm auch einige Jugendtorheiten gern verziehen hätte wenn sie
von der gewöhnlichen Art gewesen wären denn sie befürchteten dass er als ein
wunderlicher Mann später keine glatte Laufbahn haben werde die ihnen allen als
das Erstrebenswerteste erschien Deshalb wurde er in den Ferien auf Besuch zu
einem unverheirateten Oheim geschickt der in einer kleinen Stadt als Kreisarzt
lebte und als ein fröhlicher und allen Lebensgenüssen in Unbefangenheit
ergebener Mann bekannt war Vor dem hätte man ein leichtes Blut wohl sehr
gehütet diesen jungen und allzubraven Mann aber hoffte man durch ihn zu der
gewünschten mittleren Art von Führung und Auffassung des Lebens erziehen zu
können
    Des Oheims Betragen machte aber einen ganz unerwarteten Eindruck auf den
Jüngling denn der hatte bis dahin ganz treuherzig alles aufs Wort geglaubt was
öffentlich von unserm gesellschaftlichen Leben gesagt wird und hatte nichts
geahnt von den geheimen Veränderungen durch welche die einzelnen Stände
Berufe Klassen und Personen diese Meinungen ihren besonderen Bedürfnissen
anpassen und nun machte sich der Oheim der von altjunggesellenhaftem Zynismus
war einen besonderen Spaß daraus den jüngferlichen Neffen aus diesen
Vorstellungen zu entfernen und begann damit dass er ihm seine sämtlichen
Liebesgeschichten nach der Reihe erzählte Er war aber ein hochgewachsener
schlanker Mann mit schneeweissem Knebelbart rötlichem Gesicht und blitzenden
blauen Augen der so recht herzhaft aus der Brust heraus zu lachen vermochte
über den etwas verkümmerten Neffen Wie er noch Junge war wohnte neben seinem
Elternhause eine Hebamme die eine einzige Tochter hatte in seinem Alter ein
schwarzäugiges rasches und hübsches Mädchen Einmal musste er eine Bestellung
ausrichten und traf sie allein in der Stube da hängte sie sich um seinen Hals
küsste ihn stürmisch ab und bestellte ihn auf den Abend in den Garten und die
war seine erste Liebe gewesen damals war er zwölf oder dreizehn Jahre alt eine
Art Rührung huschte über das Gesicht des alten Erzählers wie er davon sprach
Vor wenigen Jahren kam er einmal wieder in seine Heimat und wie er allein durch
das Holz ging begegnete ihm ein sauberes und freundliches altes Mütterchen die
sprach ihn an und fragte er kenne sie gewiss nicht mehr und dann nannte sie
sich ihm als diese alte Liebste und sagte seufzend es seien nun fünfundvierzig
Jahre vergangen seitdem nun sei sie lange Großmutter und da wolle er gewiss
nichts mehr von ihr wissen aber da sei doch die Jugend noch einmal wieder in
ihm wach geworden Es stand da aber eine schöne alte Buche die ihre Äste
weithin breitete dass in einem runden Kreise unter ihr kein Unterholz war
sondern nur die gerollten braunen Blätter zwischen denen einige weiße Blümchen
wuchsen
    Dem Jüngling tat sich in diesen Wochen ein zauberischer Garten auf voll
herrlicher Früchte die ihn lockten dass er sie pflücken sollte nur dürfe er
nicht zu zaghaft sein sondern müsse ohne Furcht den Fuß über die Schwelle
setzen und so zog eine ganz unbändige und verstandlose Lebenslust in die fast
vertrocknete Seele des Jünglings Es floss aber am Ende des Gartens ein Fluss
leise und rasch dahin der sehr tief war und klardunkles Wasser hatte und über
ihn neigte sich genau auf der Grenze des Nebengartens eine alte Weide mit
tiefhängenden gelben Ruten an denen der Frühling kleine helle Blättchen
hervorgetrieben hatte Hier stand der Jüngling oft auf einer vorstehenden
Wurzel hatte den Stamm umfasst und sah in das still dahinschiessende Wasser denn
in seiner Klarheit schwammen kleine Fischchen in einem langen Zuge sie
schwammen gegen den Strom und oft standen sie unbeweglich und plötzlich
zuckten sie einmal blitzschnell mit den Schwänzen und flohen auseinander Diesem
Spiel sah er lange zu mit behaglicher Freude und ohne sich Gedanken zu machen
denn wie der Frühling unsere Sehnsucht erregt und unsre Lust zum Leben so
spendet er uns auch eine süße und träumerische Mattigkeit in welcher die
Stunden rasch dahinfliessen mit leisem und gleichmässigem Rauschen
    An einem Nachmittage wie er an diesen Platz gehen wollte erblickte er auf
der Nachbarseite durch das Gebüsch das noch licht war ein Mädchen in hellen
und zarten Kleidern das ganz in derselben Stellung stand wie sonst er selbst
denn sie stand auf der äußersten und unterspülten Wurzel des schrägstehenden
alten Baumes und hatte den zarten Arm um den ausgehöhlten Stamm geschlungen und
die Gestalt mit dem Köpfchen vorgeneigt und schaute angestrengt in das lautlos
fliessende Wasser Wie sie sein Rascheln hörte blickte sie sich schnell um und
hatte kornblumenfarbene Augen und ihre Gesichtshaut sah aus wie ein
Rosenblättchen und schien verlegen und es fiel ihm auf dass unter der
Oberlippe die etwas zu kurz war weiße Zähnchen hervorblinkten das ganz
wundervoll reizend erschien
    Nun wurden die beiden bald miteinander bekannt und es zeigte sich dass sie
die Tochter einer Witwe war deren Mann einen Kaufmannsladen gehabt die recht
ärmlich und allein in dieser kleinen Stadt ihr Leben hinbrachte Das Mädchen
hatte viel gelesen aus den Büchern ihres Vaters aber nur unsre Klassiker und
zwar neben Schiller und Goethe auch Wieland und Klopstock und dann Bulwer und
Kooper und ein Buch das hieß das Buch der Natur Hieraus hatte sie sich ein
wunderliches Wesen entwickelt das ebenso weltfremd war wie des Jünglings nur
dass in ihrer Seele sonderbare Phantasiegebilde lebten in denen die
verschiedenartigen Helden ihrer Bücher sich zusammengeschlossen hatten
    So einigten sie sich bald zu gegenseitiger Liebe und nachdem sie sich
zuerst am Tage häufig im Garten getroffen hatten verabredeten sie sich endlich
auch zu Zusammenkünften in nächtlicher Weile
    Indem nun aber in dem Jüngling damals zweierlei entgegengesetzte Wesen
waren kam er zu widersprechenden Handlungen denn durch die Reden seines Oheims
war auf der einen Seite seine Phantasie derartig verändert dass er in seiner
Liebe keine Grenzen mehr innehielt auf der andern Seite aber blieb er in seinem
eigentlichen Kern doch ein ganz anderer Mensch wie der Oheim und wurde durch
seine Liebe feinfühliger und gewann eine mehr edle Gesinnung so dass ihm nun
dessen Gespräche zuwider wurden weil es ihm schien als ob etwas Heiliges durch
sie beschmutzt werde während er doch selbst nach dem Sinn dieser Gespräche
gehandelt hatte und dann wurde ihm dieser Widerspruch immer quälender so dass
er am Ende trotz seiner immer noch wachsenden Leidenschaft für seine Geliebte
nicht mehr bei dem Oheim ausharren konnte und Abschied von ihm nahm dabei wusste
er keinerlei Rat was nun mit seiner Verbindung mit dem jungen Mädchen geschehen
sollte denn sie als seine Braut zu erklären wagte er vor seiner Familie nicht
und so schob er diese Sorge auf die Zukunft indem er sich für die Gegenwart nur
dem Gram über die Trennung hingab Nun geschah es aber dass die natürlichen
Folgen eintraten Wie seine Geliebte das merkte schrieb sie in ihrer tödlichen
Angst an ihn einen Brief und erzählte ihm das er aber war inzwischen wieder
gänzlich in sein eigentliches Wesen verfallen indem er eine heftige Angst vor
den Menschen hatte und nicht wusste was er tun müsse aus dieser Verfassung
heraus schrieb er an sie zurück und wie sie mit ihrem großmütigen Herzen diesen
Brief verstanden hatte da wusste sie genau dass sie nun allein stand in der Welt
und ihr keinerlei Hilfe kommen werde und so gab es nach ihrer Vorstellung denn
nur einen einzigen Weg noch den sie gehen konnte Inzwischen war Roch wieder in
seine Universitätsstadt zurückgekehrt und indem sein unruhig gemachtes Gewissen
ihn zwecklos hin und her trieb in einsamen Wanderungen wurde er noch einsamer
wie er schon gewesen und hatte wenigen Schlaf Da geschah es ihm dass er in
einer Nacht ein Gesicht sah nämlich er saß in seiner Stube und ohne Licht und
hatte seit Stunden schon sich in Gedanken abgegrämt und es mochte schon gegen
Mitternacht sein da erblickte er plötzlich deutlich den Weidenbaum auf dessen
schrägem Stamm jetzt Schnee lag und unter ihm eine schwarze Stelle des Flusses
der sonst unter schneebedecktem Eise dahinschoss aber an dieser einen Stelle war
er frei und an dem Baum vor der eisfreien Stelle kauerte seine Geliebte und
hatte nackte Arme und loses Haar wie sie aus dem Bett gestiegen und blickte in
das dunkle Wasser und ganz deutlich sah er die kurze Oberlippe welche die
Zähnchen sehen ließ und das rührte ihn besonders am Herzen dass er diese
Oberlippe so deutlich sah aber ganz blass war das Gesicht und grauenhaft ernst
und entschlossen er schrie laut auf und stürzte auf das Bild zu aber indem
glitt die Gestalt nach vorn über in das dunkle Wasser und noch während er
schrie war auch schon das ganze Bild verschwunden Wie er die Nacht verbracht
hatte erhielt er am andern Morgen einen Brief von ihr in dem sie ihm ihre
Absicht mitteilte dass sie aus dem Leben gehen wolle und so hatte er nun die
Bestätigung denn bis dahin hatte er noch nicht geglaubt dass das Gesicht ihm
einen wahren Vorgang geoffenbart Über dieses verfiel er in eine schwere
Krankheit und nachdem er die überstanden kam ein langdauernder Trübsinn über
ihn er gab alle seine früheren Pläne auf und verwendete seine Zeit auf die
Arbeit in den okkulten Wissenschaften denn nach seinem Erlebnis hatte nichts
mehr Bedeutung für ihn was in dem engen Kreise geschehen war der durch das
Licht erleuchtet ist und nur das erschien ihm wichtig was in der unendlichen
Dunkelheit verborgen ruht die jenseits dieser nahen Grenze liegt und so fand
er eine Beruhigung für sein Gewissen denn in Wahrheit war ja was er getan
unwichtig und sinnlos gewesen und seine Bedeutung war gar nicht verständlich
für den blöden Blick den wir hier haben So war es möglich für ihn dass er sich
am Leben erhielt
    Mit diesem Roch nun freundete sich Karl an und seine Lehren nahm er mit
großer Begierde auf Wie die beiden derart vertraut miteinander geworden waren
da erzählte ihm Roch er habe sich schon lange einen Freund gewünscht mit dem
zusammen er einen wichtigen Versuch anstellen könne der deshalb zwei Personen
erfordere weil er mit Gefahren verknüpft sei denn in einem alten mystischen
Buche das nur handschriftlich vorliege habe er eine Vorschrift für ein
Räucherpulver gefunden das früher von Beschwörern benutzt wurde um Geister
erscheinen zu lassen und enthalte das in seinen wirksamen Bestandteilen gewisse
berauschende Stoffe die wohl geeignet sein möchten den gewünschten Zweck zu
erfüllen da von ähnlichen Stoffen bekannt sei dass ein südamerikanischer
Indianerstamm sich seiner mit den gleichen Absichten bediene indem die Leute
die Geister ihrer Vorfahren sehen oder zu sehen glauben denn eben inwieweit
hier eine wunderliche physiologische Wirkung oder wirkliches Hereinragen andrer
Welten stattfindet das sei zu untersuchen
    Karl ging mit jener gewissen schauerlichen Freude auf den Vorschlag ein die
wir alle in solchen Fällen empfinden mögen und nachdem Roch auf seinem Zimmer
die Vorbereitungen getroffen lud er nun Karl an einem Abend zu sich Sein
Zimmer war ein sonderbarer Raum der ganz hoch oben in einem Hause lag das nur
von Arbeitern und zwar recht geringen bewohnt war Auf den Treppen spürte man
einen namenlos scheußlichen Geruch den erklärten die vier und fünf Namenszettel
übereinander an den Korridortüren indem sie zeigten wie dicht die elenden
Stuben bewohnt sein mochten durch allerhand Schlafburschen und sonstige ärmliche
Leute Von einem solchen Korridor ging es auch in Rochs Zimmer das war etwa
drei Meter lang und zwei Meter breit so dass schon das Eintreten schwierig war
weil die Tür auch nach innen ging und man sich neben dem Bett durchdrängen
musste An den Wänden hingen sehr viele Vogelbauer in denen Waldvögel auf
Sprossen schliefen Außer dem Bett standen nur noch eine alte Kommode und zwei
Stühle in dem Kämmerchen das in der Tat für weitere Möbelstücke keinen Raum
aufgewiesen hätte Nach einer verlegenen Bemerkung über die Dürftigkeit seiner
Wohnung wies Roch auf die Kommode wo bereits eine flache Schale mit dem Pulver
neben einer Spirituslampe bereit stand Die Vorschrift des alten Zauberbuches
lautete nach Abzug von allerhand Geheimniskrämerei dass man vorher lebhaft an
die Person denken solle deren Geist man zu sehen wünsche wobei es gleich war
ob man einen Lebenden oder Toten haben wollte und dass man die Erscheinung weder
anrede noch sich ihr nähere weil sonst ein großes Unglück geschehen könne denn
es seien Beschwörer von den erzürnten Geistern erdrosselt worden Nachdem sich
die beiden fest versprochen hatten dass sie dieses erste Mal die Vorschrift
genau befolgen wollten zündete Roch die Spirituslampe an welche in dem sonst
dunkeln Zimmer mit blauem und flackerndem Flämmchen brannte und dann streute er
etwas von seinem Pulver auf
    Eine lange Weile warteten die beiden indes das blaue Flämmchen hüpfte und
wie unentschlossen zuweilen ganz vergehen wollte Aber es ereignete sich nichts
Auffälliges nur war zuweilen ein Knistern hörbar wahrscheinlich wenn ein
Körnchen von dem Räucherwerk verbrannte merkwürdig laut schien den beiden
dieses Knistern Aus dem engen Hofe schallte in die Höhe und war verstärkt
durch die eng zusammenstehenden Wände der Häuser das Brüllen eines Betrunkenen
nach einer Zeit die den beiden wohl eine halbe Stunde schien mischte sich in
das Brüllen das Schreien und Jammern seiner Frau der hatte er heimlich das Geld
fortgenommen das sie durch Scheuern verdiente und sie konnte den Kindern
nichts zu essen geben Roch und Karl dachten fast nur an den Vorgang der sich
da unten im Hofe abspielte aber sie hielten sich doch noch immer ruhig
Plötzlich hob sich das blaue Flämmchen und erlosch Nun zeigte sich dass der
Lichtschein vom Hofe her eine ganz schwache Helligkeit ins Zimmer verbreitete
so dass nicht gänzliche Dunkelheit war Ein schwerer Rauch legte sich den beiden
auf die Brust und die Stimmen auf dem Hofe schienen sich in immer weitere
Entfernung zurückzuziehen indessen die Vögel in den Käfigen mit einem Male in
seltsamer Weise flatterten und sich geängstigt zeigten
    Plötzlich war es aus der Erde gestiegen wie eine graue Gestalt dann
schwebte es langschleppend in der Luft in der Entfernung von den beiden die
sie vorher auf dem Boden bezeichnet hatten Nachdem erhob sich aus dem Boden ein
zweites Wesen gekrümmt stieg es von unten auf und mit Anstrengung Nach einer
Weile schwebte es ebenso langschleppend Aber ganz undeutlich war das alles das
waren Schatten ohne Wunsch und Gesicht Langsam schwebten sie
    Eine lange lange Zeit währte das aber es war nicht klar ob Stunden
dahinflossen oder Minuten
    Da wurde langsam deutlich der ersten Gestalt Gesicht und Wesen und rann
zusammen zu der Figur Luisens Gramvoll sah sie aus und in ihren Augen ruhten
schwere Leiden die keine Form annahmen Eine heftige Liebe und tiefes Mitleiden
wallten auf in Karls Herzen er hatte den Willen auf den Schimmer zu eilen und
dieses schwermütige Gesicht an seine Brust zu drücken Aber indem erzitterte
schon das schwanke Wesen wie ein Bild im Wasser das plötzlich bewegt wird durch
eine Blüte die von einem überhängenden Baume leise herabfällt auf den glatten
Spiegel So bezwang er sich und hielt still und langsam glättete sich wieder
das Wesen und ward ruhig
    Derart verharrte alles eine lange Weile in atemlosem Schweigen da geschah
etwas in der andern Figur die bis dahin noch unbestimmt gewesen denn eilfertig
schoss es in ihr hin und her ballte sich und trennte sich wieder aber die Züge
wurden fester und schärfer und schon hatte Karl eine heimliche Angst dass ihm
Johanna erscheinen werde da tauchten in dem leeren Gesicht auf die Linien von
Johanna und es erschienen willensstarke Augen und ein auf Böses gerichteter
Blick wurde klar und hasserfülltes Gesicht Bis ins Innerste erschauerte Karl
vor Entsetzen denn alles Furchtbare dessen dieses Weib vielleicht einmal fähig
war hatte seine Äußerung in diesem Gesicht gefunden in den Linien sowohl wie
im Ausdruck Wenn im Leben solche Gesichter wären so würden alle Menschen
Furcht haben voreinander weil solches Aussehen möglich ist
    Dann verging wieder eine endlos lange Zeit und es war Karl als
verrauschten vor ihm Jahre während er angstvoll an seiner vorgeschriebenen
Stelle stand und sah denn wiewohl die Wesen stumm waren und ohne Bewegung
schwebten und ihre Gesichter rührten sich nicht wie bei toten Menschen und
wiewohl er bei allem innerlich wusste dass diese Gesichte nur Trugbilder eines
Rausches waren den der betäubende Rauch in seinem Gehirn erzeugt ja er dachte
sogar dass andre solcher betäubenden Mittel die Vorstellung eines schnellen
Fahrens durch die Lüfte verschaffen trotzdem wusste er als ganz gewiss dass
zwischen den beiden Wesen etwas geschah und dass Entsetzliches zum Ende kommen
musste
    Siehe da richtete das Wesen Johanna langsam wie vom Tode erwachend die
hasserfüllten Augen auf das schwache Wesen Luise und erst ging der Strahl der
hasserfüllten Augen neben ihr vorbei und dann streifte er sie und endlich traf
er sie ganz und das Wesen Luise erzitterte wie ein Bild im Teiche schwankte
und wollte sich auflösen Da durchfuhr es Karl dass er sie retten müsse und er
stürzte vorwärts mit erhobener Faust auf den Schemen Johanna Ein sehr lauter
Schlag erscholl dann fielen Glasscherben klirrend auf die Erde und das Fenster
war gänzlich zersplittert auch die oberste Scheibe Karl sah auf die Scherben
vor seinen Füßen und wusste nicht wie ihm geschehen Der andre suchte mit
zitternden Fingern das Licht anzuzünden Durch das offene Fenster drang kühle
Nachtluft und plötzlich wurde ihnen bewusst dass der Betrunkene unten auf dem
Hofe lärmte das war genau so wie vorhin und mit einem Male fiel auch das
Jammern der Frau ein genau so wie sie es schon gehört hatten und der Mann
antwortete dasselbe wie vorhin Karl sah nach der Uhr noch nicht eine Minute
konnte verflossen sein seitdem Roch das Pulver aufgeschüttet und doch war es
ihm wie vor einer ganz langen Zeit
    Schweigend stiegen die beiden die Treppe hinunter der Zank des Betrunkenen
und der streitenden Frau verfolgte sie Wort für Wort wie sie ihn schon kannten
Karl erschauerte und hielt sich am Geländer fest auch des andern Kniee
zitterten Und nachdem sie lange durch belebte Straßen gegangen waren sprach am
Ende Karl »Ich weiß was ich gesehen habe und es ist Übernatürliches dabei
aber ich kann es doch nicht glauben« Roch schwieg lange dann antwortete er
»Das eben ist das Grausige bei diesen Dingen dass man immer zweifeln muss ob man
nicht ein Betrüger ist oder ein Selbstbetrüger Auch dies hat das Mittelalter
gewusst das gesagt hat dass der Teufel ein Lügner und Betrüger ist Aber ich muss
tiefer hinein wiewohl ich weiß dass ich immer nur Lüge finden werde und
Selbstverachtung und ich weiß es nicht ob mich nicht das treibt dass ich mich
nach der Selbstverachtung sehne denn in der liegt die tiefste Wollust
beschlossen«
    Roch sagte nicht näher was er mit diesen Worten meine auch erzählte er
nie was er selbst gesehen hatte Und wie es oft geschieht dass wir eines
Menschen Leben in einem für uns beide wichtigen Punkte kreuzen und dann wieder
so schnell von ihm gehen wie wir ihn trafen so kam Karl recht schnell wieder
mit ihm auseinander durch ein Gefühl der Unruhe und Nichtbefriedigung für Karl
war dieser einzige Versuch genügend gewesen mit den unterirdischen Mächten in
Beziehung zu treten der andre aber verstrickte sich immer tiefer und fand
endlich seinen Kreis für den er geschaffen war in einer Anzahl gleich
Zerstörter die nicht an Gott glaubten und eine Satansgemeinde gegründet hatten
Um Luise schloss sich immer enger der Ring des Todes Wir wissen ja nicht durch
welche Kräfte am letzten Ende die entscheidende Willensrichtung gebildet wird
deshalb ist uns auch in den menschlichen Dingen so vieles unbegreiflich nämlich
alles das wo wir nicht auf irgendeine Weise Gründe unterbauen können Deshalb
kann ein Erzähler in solchem Fall nur die Ereignisse berichten die ihm
irgendwelche Bedeutung gehabt zu haben scheinen
    Es lebte damals ein früherer Gutsbesitzer mit seiner Frau und einzigem Sohn
in Berlin der Offizier war Der alte Mann hatte in jungen Jahren sein Gut in
fröhlicher Hoffnung übernommen nachdem er seine Geschwister ausgezahlt und eine
brave und schöne Frau geheiratet Nun war aber damals eine Zeit wo der Weizen
und die Wolle immer billiger wurden und die Arbeitslöhne immer stiegen so dass
die Ausgaben sich erhöhten und die Einnahmen sich minderten Er ging lange mit
sich zu Rate was er bei dieser Erscheinung wohl tun könne fragte auch seine
Nachbarn die zwar sich in ähnlicher Lage befanden und zuletzt las er selbst
Bücher wie wohl er sonst wenig studiert sondern hatte seine Universitätszeit
vielmehr mit lustigen und treuen Freunden in Heiterkeit ohne sonderliches
Arbeiten verbracht aber auch aus den Büchern fand er keine Auskunft die er
nicht zuvor schon selbst verworfen gehabt hätte Nun half er sich wohl mit
großer Sparsamkeit und seine treue Frau war sehr fleißig dass sie aus ihrer
Wirtschaft herauszog was möglich war aber mit der Zeit kam es sogar dahin dass
die Einnahmen geringer wurden wie die Ausgaben für den Betrieb und Zinsen Da
gelangte er in seiner Not zu Borgen und Wechselschreiben und weil nun auch sein
Gewissen schlecht wurde denn er wusste nicht wie er den Wucherer einmal
bezahlen sollte so schloss er die Augen und überlegte gar nichts mehr sondern
lebte wie einer der morgen sterben soll und Mut hat und sich heute noch freut
er beruhigte sich aber immer indem er sich sagte dass der Wucherer schon selbst
wissen werde wie er wieder zu seinem Gelde komme
    Aus dieser Betäubung riss ihn die Rede eines leichtfertigen Handwerkers Er
musste nämlich an einem Stall Reparaturen machen der erst vor nicht allzu langer
Zeit gebaut war aber weil der Zimmermann betrüglicherweise frisches Holz
genommen so waren einige Balken stockig geworden Wie er den Menschen nun zu
Rede stellte und ihn in scharfen Worten an seine Handwerkerehre erinnerte
erwiderte der patzig dafür sei ja der Bauherr da aufzuachten dass alles
ordnungsgemäss gemacht werde Diese Worte gingen dem alten Mann sehr nahe denn
er dachte bei sich dass er selbst ja ebenso vernünftelt habe wie dieser
unredliche Handwerker und dabei war er ein vornehmer und adeliger Mann der
Stolz hatte Deshalb fuhr er gleich in die Stadt zu dem Wucherer und erzählte
dem alles der heftig erschrak und nach Art solcher gemeinen Menschen in
hässlichen Worten ihm Vorwürfe machte Indessen gelang es doch das Gut
vorteilhaft zu verkaufen an einen wohlhabenden Herrn aus der Großstadt dessen
Vater viel Geld verdient hatte und der sich zu diesem ererbten Gelde nun eine
gesellschaftliche Stellung verschaffen wollte so blieben dem alten Herrn sogar
noch mehrere tausend Mark übrig
    Mit diesem geringen Gelde zog er nun nebst seiner Frau nach Berlin wo sein
Sohn schon früher lebte als ein frischer und unbefangener junger Offizier der
mäßig war und sehr verständig an seine Zukunft dachte Die Frau beschloss eine
große Wohnung zu mieten und Fremde bei sich aufzunehmen um Geld welcher Plan
ihr auch gelang da sie manche Familienbeziehungen hatte der alte Mann aber
welcher einsah dass er dergestalt keine Tätigkeit für sich selbst fand durch
die er zum Unterhalt der Familie beitragen konnte wollte nicht durch seiner
Frau Arbeit leben und bemühte sich so lange bis er eine Anstellung bei der
Pferdebahn erhielt als ein Aufseher über die Schaffner damit die immer
ordentlich alles Geld abliefern und nicht betrügen Und wiewohl sein Körper
schon gebrechlich war und dieser Dienst ihn recht anstrengte so fühlte er sich
doch nunmehr glücklich und zufrieden und erzählte seiner Frau des Abends vieles
über die verschiedenartigen Charaktere der Schaffner indessen die mit einer
Küchenarbeit für das Mittagessen des nächsten Tages beschäftigt war
    Bei diesen Eltern lebte der junge Offizier und weil er gesund und rotwangig
war auch vor seinen Vorgesetzten angenehm und bei seinen Kameraden beliebt so
dachte er dass er wohl eine Heirat machen könne durch die er seine
Glücksumstände wieder aufbesserte Und wie in Berlin alle verschiedenen Kreise
der Gesellschaft sich in der wunderlichsten Weise berühren so hatte er bei
einer gewissen Gelegenheit Luise kennen gelernt und durch ein lange geführtes
Gespräch liebgewonnen denn bis dahin hatte er nur solche jungen Damen gekannt
die mit ihm über Beförderungen und Rangliste sprachen Nun bedachte er zwar dass
sie eine Jüdin war und wenig angenehme Eltern hatte auch blieb es ihm nicht
unanstössig dass sie Studentin gewesen wenn schon ihr Benehmen nichts
Auffälliges zeigte indessen wusste er doch dass sie eine große Mitgift erhoffen
konnte auf die er ja angewiesen und dann hoffte er dass der Umgang mit den
Damen vom Regiment sie bald zu einer richtigen Offiziersfrau machen werde über
das alles hinaus gab bei ihm aber den Ausschlag dass er eine große Zuneigung zu
ihr gefasst hatte was freilich verwunderlich schien in Anbetracht der
sonderlichen Verschiedenheit zwischen den beiden So entschloss er sich denn und
schrieb ihr einen wohlgesetzten Brief in dem er sie fragte ob er ihren Vater
um ihre Hand bitten dürfe
    Ihre Eltern hatten aus Anzeichen schon vorher die Werbung geahnt die von
der Mutter begünstigt wurde der Vater aber der früher oftmals heftig gegen
reiche Glaubensgenossen gesprochen die ihre Töchter an Christen gaben war der
Verbindung feindlich gestimmt und so wurde schon lange bevor der Brief ankam
in der Familie lebhaft und nicht mit Würde über das Kommende gesprochen unter
tiefem Leiden Luisens die den jungen Mann wohl ganz gern sah als einen gesunden
und tüchtigen Menschen aber keine weitere Neigung zu ihm verspürte denn durch
diese Gespräche wurde ihr als werde ihr Innerlichstes und Heimlichstes ans
Licht gezogen und vor den Menschen zur Schau ausgebreitet Und wie nun der Brief
wirklich ankam da hatte sie eine heftige Angst vor den Gesprächen und Reden
die noch folgen würden und zudem wurde der Überdruss den sie schon lange
empfunden plötzlich sehr viel heftiger so beschloss sie dass sie aus dem Leben
gehen wollte ohne dass sie eigentlich einen augenscheinlichen Grund gehabt
hätte Ehe sie aber ihre Tat ausführte schrieb sie noch einen Brief an Hans
der ihrer Seele wohl am nächsten gestanden haben mochte In dem sagte sie
ungefähr folgendes
    »Ich sterbe weil ich auf keinerlei Weise sehen kann wie ich zu leben
vermöchte und weiß auch nicht wie andre Leute leben können Lange habe ich
nachgedacht denn ein jeder hat doch einen Willen zu leben und vielleicht wäre
es am besten für mich gewesen ich hätte jung geheiratet und Kinder gekriegt
denn nachdem wir für uns selbst an das Ende gekommen sind dass wir nichts mehr
zu erstreben sehen haben wir dann noch Ziele für die Kinder und ihr
Grösserwerden Und so ist meine törichte Liebe zu Peter wohl noch das klügste
gewesen in meinem Leben die ich durch zu viele Klugheit zerstört habe weil ich
geistig hochmütig war und keinen Glauben fassen konnte zu einem Mann Wenn du
einmal heiraten solltest und Töchter haben so erziehe sie nicht so dass sie
viel wissen denn schon Männer macht das unfroh aber Frauen vermögen dann nicht
zu leben weil sie nicht mehr sehen wie sie das können«
    Diesen Brief erhielt Hans am Weihnachtsabend als er allein in seiner Stube
saß und über sein bisheriges Leben nachdachte Da fand er dass er war wie ein
Baum im Herbstwinde denn wie trockene Blätter waren die Freunde abgefallen und
der Wind trieb sie hierhin und dorthin Und als er den Brief gelesen dachte er
sich dass dieses das Ende aller sei und nur einige wenige Jahre waren doch
vergangen dass so viele junge Leute zusammengewesen waren und Kraft gehabt
hatten und einen starken Willen zu allem was das Schicksal ihnen auch aufgeben
mochte und nun saß er selbst am Weihnachtsabend einsam in seiner Stube und
dachte nach wie Luise nachgedacht hatte denn auch er hatte einen Willen zu
leben aber er fand nicht wie das alles so gekommen sein konnte
    Und indem er angestrengt nachdachte und es schien ihm zuweilen als sehe er
ganz von weitem das letzte Ende des Gedankens den er erreichen wollte da
öffnete sich die Tür und jener Russe trat ein den er gleich in der ersten Zeit
seines Berliner Aufenthaltes kennen gelernt später war er immer in Beziehung zu
ihm geblieben aber er mochte ihm nicht wieder so nahe kommen wie in jener
Nachtstunde Dieser trat jetzt ein begrüßte ihn und sagte er habe ein
belastetes Herz und suche einen Mann zu dem er sich aussprechen könne Dann
erzählte er folgendes
    Vor Jahren wie er noch in Russland lebte hatte er einen Freund der ein
stiller Mensch war der von den revolutionären Wünschen und Gedanken ihres
Kreises nichts wissen mochte sondern sein Studium liebte nämlich Mathematik
Dieser lebte mit seiner Schwester zusammen einem sehr schönen Mädchen das aus
Liebe zu einem andern Studenten philosophische Schriften las und bedachte
    Nun war damals ein neuer Polizeimeister in Petersburg eingesetzt der eine
heftige Verfolgung solcher Personen begann die ihm politisch verdächtig
schienen Bei dieser Gelegenheit wurden auch das junge Mädchen und ihr Bruder
verhaftet und weil man bei ihr verbotene Bücher gefunden hatte so untersuchte
man sie besonders genau und befahl der Polizeimeister dass die Jungfrau in
seiner Gegenwart nackt ausgezogen werde damit man nachsehen könne ob sie nicht
noch heimlich an ihrem Körper etwas verborgen hatte Hierüber und wie sie die
lüsternen Augen des Polizeimeisters sah ward sie von so heftiger Scham
ergriffen dass sie ein Messer nahm das da auf dem Tische lag zum Spitzen der
Bleistifte und es sich in die Brust stieß und weil sie gerade auf die Stelle
des Herzens getroffen hatte und der Stoß nicht durch Kleider abgeschwächt wurde
so sank sie gleich um und verschied in wenigen Augenblicken
    Wie der Bruder dem nichts Verbotenes nachgewiesen werden konnte aus dem
Gefängnis entlassen war bereitete er eine Rache vor denn seine frühere
Gesinnung hatte sich durch dieses Ereignis gänzlich in ihr Gegenteil verwandelt
und da er die notwendigen chemischen Kenntnisse besaß so gelang es ihm leicht
ein Sprengwerkzeug zu machen durch das er den Polizeimeister töten wollte Er
hatte aber das Missgeschick wie er das Kästchen sorgsam über die Straße trug
dass die Masse sich vorzeitig entzündete und ihm einen Arm wegriss und beide Augen
blendete So wurde er vom Pflaster aufgenommen und durch geschickte Ärzte wieder
geheilt dann aber klagte man ihn seines Versuches wegen an und verurteilte ihn
zu einer zehnjährigen Gefängnisstrafe
    Die hatte der Mann nun abgebüsst und zwar zum Teil in Einzelhaft und dann
war er aus Russland fortgegangen und nach Berlin gekommen Solches Geschick aber
hatte ihn jedoch zu einem ganz merkwürdigen Menschen gemacht denn er war damals
achtzehn Jahre alt gewesen und zwar in seinem Fach recht tüchtig sonst aber
etwas unreif und kindisch In den zehn Jahren die er seitdem in Finsternis und
ohne alle Möglichkeit der Bildung verbracht war sein Geist dann nicht älter
geworden und auch seine Erfahrungen hatten sich nicht vermehrt nur zweierlei
war in seinem Innern geschehen nämlich erstens er hatte die revolutionären
Gedanken die er damals ohne Interesse angehört in sich befestigt und in einer
Art von matematischem Sinn und ohne Verständnis für die Wirklichkeit in sich
gestaltet und zweitens er hatte sehr viele und lebhafte Träume gehabt und
konnte in seiner Erinnerung nicht mehr unterscheiden zwischen Erlebtem und
Geträumtem und indem er auch jetzt noch derart träumte und zwar häufig
Vorgänge in solcher Weise wie er sie sich wünschte so befand er sich in
Wahrheit in einer ganz andern Welt wie seine Umgebung denn wenn ihm ein
Wunschgebilde dieser Art abgestritten wurde als nicht wirklich so hielt er den
Menschen für erträumt der gegen ihn stritt nicht aber seine Vorstellung weil
diese sich bereits ganz mit seinem gesamten Weltbilde verschmolzen hatte
    Wie dieser Mann nun eine kleine Weile in dem Kreise der russischen Freunde
in Berlin gelebt hatte die fleißig zusammenkamen auf ihren Zimmern und viel
disputierten stellte sich das wunderliche Wesen heraus dass er auf alle Mädchen
und Frauen des Kreises eine große Anziehungskraft ausübte trotzdem er
schauerlich anzusehen war durch die Verstümmelungen an seinem Körper und im
Gesicht und wollten ihm alle dienen und helfen Er aber hatte sich besonders an
des Erzählers Frau angeschlossen bei dem er auch wohnte und aß
    So verging nun eine Zeit während welcher die Frau nachdenklich und
schweigsam war dann aber sagte sie zu ihrem Mann dass sie ja doch beide sich
von den Vorurteilen der bürgerlichen Gesellschaft befreit hätten und sich als
Pfadsucher der neuen Menschheit wüssten die wie sie das oft besprochen auch
eine andre Form der Ehe bringen werde in dieser solle die Freiheit der
Persönlichkeit gewahrt bleiben und da die Persönlichkeiten sich heute immer
verschiedenartiger entwickelten so werde die neue Ehe viele voneinander
abweichende Typen aufweisen Nun wisse er wohl dass sie ihn liebe aber es sei
zu dieser Liebe eine neue Zuneigung in ihr Herz gekommen nämlich für ihren
gemeinsamen Freund und anfänglich habe diese Erscheinung sie recht beunruhigt
denn da die Gefühle zu ihm als ihrem Mann noch immer die alten seien so habe
sie ihn doch nicht verlassen mögen um den neuen Geliebten am Ende aber habe sie
sich gedacht dass auch solches in der künftigen Gesellschaft möglich sei dass
eine Frau mit zwei Ehegatten lebe wie umgekehrt ein Mann mit zwei Ehefrauen
was wir ja beides auch heute schon bei barbarischen Völkern in der Wirklichkeit
sehen und da sie doch die künftige Gesellschaft in ihrer Lebensführung
vorbilden wollten so schlage sie ihm vor dass der Freund in ihren Ehebund als
Gleichberechtigter aufgenommen werde
    Auf diese Rede konnte der Mann nichts erwidern da sie aber eine
Angelegenheit von großer Bedeutung für die künftige Ordnung der Menschheit
betraf so entschloss er sich dass er alles seinen Freunden unterbreitete damit
vorher eine gründliche Besprechung über die soziologischen und sittlichen Fragen
stattfinde die diesen Fall betrafen Dies geschah nun alles und nach einer
sehr genauen Prüfung kamen die Freunde zu dem Urteil dass die Frau recht habe
und nach ihrer Rede geschehen müsse Dem Spruch fügte sich der Mann und so
begannen die drei ihre neue Ehe
    Nun zeigten sich aber bald Unzuträglichkeiten die sich aus dem Wesen des
zweiten Gatten ergaben Durch seine Eigenart war er nämlich allen Vorstellungen
unzugänglich die bezweckten ihn zu etwas seinem Willen Entgegengesetzten zu
bewegen und nachdem zuerst aus Schonung alles nach seinen Wünschen gegangen
war herrschte er nachher hierdurch vollständig zur großen Beschwernis des
ersten Mannes Und während sonst das neue Verhältnis wohl hätte Dauer haben
können wurde es ihm nun unerträglich so dass er aus der Familie ausschied denn
die Frau hing mehr an dem zweiten Manne wie an ihm Derart lebte er nun schon
seit Wochen allein Hans wusste auf diese Bekenntnisse wenig zu antworten aber
da jemand der sein Herz erleichtern will denn der Mann hing noch an seinem
Weibe und sehnte sich nach ihr nicht verlangt dass man viel zu ihm spricht
sondern er ist froh wenn er selbst ohne Störung seine Beichte beenden kann so
fiel das dem andern nicht auf
    Nach einer Weile fuhr der fort nachdem er nun dergestalt allein lebe habe
er wieder mehr für die Verbreitung ihrer gemeinsamen Ideen tun wollen Und da
sei ihm Hans eingefallen dass er es in der Hand habe der Sache einen wichtigen
Dienst zu leisten
    Er wisse nämlich dass er gelegentlich noch jenen Kurt besuche den Schwager
Hellers den er gleichfalls an jenem ersten Abend kennen gelernt Wenn er nun
dem auf seiner Schreibstube einmal sage er wolle telephonieren bei ihm so
werde er und der andre den Raum verlassen und er nämlich Hans bleibe allein
Dann könne Hans auf einer Wachstafel Abdrücke der Schlüssel machen nach denen
er selbst der solche Künste gelernt habe Nachschlüssel anfertigen werde und
wenn dann einmal gelegene Zeit sei so würde er mit einem Freunde des Nachts das
ganze unbewachte Geschäft öffnen und aus dem Geldschrank eine Summe nehmen die
seine Freunde in Russland brauchten um eine Druckerei anzulegen und da
keinerlei Spuren eines Einbruchs zu bemerken wären und man nicht erfahren könne
auf welche Weise das Geld verschwunden sei so müsse dieser Plan ganz sicher
auszuführen sein Bedenken sittlicher Art aber werde er Hans doch wohl nicht
haben da man doch nur einem Ausbeuter nehme was er zu Unrecht besitze und das
verwende für die Befreiung der Menschheit
    Wie Hans diese Rede hörte wurde ihm wie durch einen Blitz sein eigenes Leben
und das Leben aller dieser Menschen erleuchtet und wurde von tiefem Entsetzen
fast geschüttelt und war ihm als müsse er den Russen niederschlagen in
Entrüstung und so sehr konnte er sich nicht bezwingen dass der andre nicht
seine Verfassung gemerkt hätte die war aber derart dass er in Angst geriet und
verlegen wurde und dann plötzlich ging Wie der andre fort war kamen dem Hans
die Tränen über sein Leben er legte das Gesicht auf seine Arme und weinte
bitterlich
    Aber noch nicht war die Zahl der Boten zu Ende die ihm an diesem
Weihnachtsabend geschickt wurden nämlich der Brief der toten Luise und dieser
Mensch der sich eben vom Narren zum Verbrecher entwickelte es kam noch ein
Wort von der treuen Dienstmagd seiner Eltern und das traf ihn am tiefsten
    Die Mutter schickte ihm zur Bescherung aus der Heimat ein Kistchen in das
sie allerlei gepackt was sie nützlich für ihn meinte denn Überflüssiges zu
schenken war ihrer sparsamen Art zuwider und auf dem Boden lag der Brief der
fest zusammengefaltet war in dem schrieb sie dass Dorrel gestorben war und
erzählte die Art ihres Hinganges und was sie ihr aufgetragen für ihn Denn
nachdem sie ihrer Frau alle ihre Habe nochmals gezeigt und gesagt dass dies
alles Hans erben solle sagte sie »Wie er zuletzt im Hause war zum Tode seines
Vaters da fiel mir auf dass sich sein Wesen verändert hat und dass seine Augen
anders sind wie früher Hierüber habe ich eine große Angst bekommen aber als
eine ungebildete Dienstmagd die keine Kenntnis hat von einer Gelehrsamkeit
wagte ich ihm nichts zu sagen Nun ich aber fühle dass ich sterben werde und
ich hoffe dass unser himmlischer Vater mich zu sich in sein Reich nimmt um
seines Sohnes willen so will ich versprechen dass ich oben fleißig Fürbitte tun
will für ihn bei Gott damit der sich seiner erbarme und recht bald ihn frei
mache aus seiner jetzigen üblen Verfassung«
    Es wohnte Hans bei braven und ordentlichen Leuten die gleich ihm ein trübes
Weihnachten feierten Der Mann war ein Zuckerbäcker gewesen und als ein
fleißiger und ordentlicher Mann der auch eine sparsame und häusliche Frau
hatte war er in seinen Verhältnissen recht vorwärtsgekommen Die beiden hatten
einen einzigen Sohn den sie mit vieler Liebe erzogen und vielleicht waren sie
allzu nachsichtig gegen ihn gewesen Sie hatten ihn auf die gute Schule getan
wo er als ein begabter und leicht auffassender Junge anfänglich rasche
Fortschritte machte aber wie er in die höheren Klassen kam wurde er träge
hielt sich zu den leichtsinnigen und schlechten Schülern und durch Rauchen und
Trinken vergnügte er sich in einer Weise die seinem Alter nicht zukam So
geschah es dass er die Schule nicht beenden und dann studieren konnte wie die
Eltern gedacht sondern er musste aus der Sekunda abgehen Da ließ sie ihn eine
mittlere Beamtenlaufbahn ergreifen und brachten ihn bei der Steuerverwaltung
unter und waren sehr stolz wenn er sie in seiner schmucken dunkelgrünen
Uniform besuchte zahlten auch viel Geld für ihn denn er machte große Ausgaben
weil er immer sein und vornehm erscheinen wollte Dann heiratete er frühzeitig
die Tochter eines andern Beamten die ein sehr schönes Mädchen war und es wurde
erzählt sogar ein Offizier habe um sie anhalten wollen Die war nun freilich
nicht vermögend und wusste nicht gut hauszuhalten sondern hatte ihre größte Lust
am Putz und Vergnügen aber da ihre Art der seinigen zusagte so lebten sie doch
recht unbekümmert und fröhlich zusammen
    Die alten Eltern gerieten in große Sorgen wie sie dieses Leben sahen und
die großen Ausgaben merkten und nachdem sie lange mit sich zu Rate gegangen
wie sie dem abhelfen könnten besuchte am Ende der Vater seufzend seinen Sohn
ermahnte ihn zur Sparsamkeit warnte ihn und sagte am Ende wenn er vielleicht
Schulden gemacht habe so solle er sie ihm nennen denn er wolle lieber für ihn
bezahlen als dass er ins Unglück komme Und über die herzlichen Worte war der
Sohn fast gerührt geworden wie es leichtfertiger Leute Art ist aber im
Nebenzimmer hatte die Schwiegertochter alles gehört die kam herein und schalt
auf den alten Mann sagte ihm dass er ihr Leben nicht verstehe und sie beide
beständig kränke und fügte noch viele bittere Worte hinzu über ihre vornehmere
Herkunft und besseren Gewohnheiten Über dieses alles wurde der Sohn beschämt
teils wegen seines Vaters dass ihm der ins Gewissen geredet teils wegen seiner
Frau weil die ihre Geburt gegen seinen Vater hervorhob der Zorn aber der aus
dieser Beschämung entstand richtete sich gegen seinen alten Vater als der es
gut gemeint hatte und so wurde er heftig und verbot dem am Ende sein Haus Da
ging der gute alte Mann wortlos aus der Stube küsste noch einmal den Enkel und
es flossen ihm Tränen über die Backen und dann mied er seinen Sohn dieser
aber da er sich schuldig fühlte mied ihn gleichfalls
    Nun geschah es nach nicht langer Zeit dass in der Kasse welche der junge
Beamte verwaltete Unterschleife entdeckt wurden denn weil sein Einkommen bei
weitem nicht ausreichte für sein Leben so hatte er erst Schulden gemacht und
wie die Schuldleute drängten hatte er fremdes Geld angegriffen So wurde er
denn gleich verhaftet und ihm der Prozess gemacht und zu Zuchthaus verurteilt
Die junge Frau die doch mitschuldig an seinem Verbrechen war gebärdete sich
wie irrsinnig beschimpfte ihren Mann vor andern Leuten und ließ sich von ihm
scheiden als von einem Ehrlosen Dann brachte sie das einzige Kind zu den
Schwiegereltern und sagte denen sie wolle eines solchen Mannes Sohn nicht
erziehen denn der schlage gewiss nach seinem Vater und sie selbst wolle nun ein
neues Leben anfangen nachdem ihr früheres zerstört nämlich sie habe eine große
Begabung für den Gesang und wolle Künstlerin werden Dann ging sie aus dem
kleinen Orte fort und es wurde erzählt dass sie Sängerin in einer großen Stadt
in einem jener Häuser geworden sei wo die musikalischen Darbietungen nur andre
Dinge verbergen sollen
    Auch die Eltern verließen ihre Stadt in der sie jung gewesen waren und
gearbeitet hatten und alt geworden waren und nahmen den Enkel mit sich denn
sie konnten die Schande nicht ertragen und meinten in der Großstadt vermöchten
sie sich am besten zu verbergen dass sie niemand sähe der sie gekannt und dass
das Kind ohne Vorwurf um seinen Vater aufwüchse
    Über dem allen waren nun Jahre vergangen und das Kind hatte zugenommen an
Größe und Verstand und sich zu großer Ähnlichkeit mit seinem Großvater
entwickelt war auch recht brav in der Schule und saß immer als einer der
Ersten So kam nun die Zeit heran dass ihr Sohn entlassen werden musste aus dem
Zuchtause dem Jungen hatten sie aber erzählt er sei in Amerika Und wiewohl
der Vater ihn noch einmal gesprochen nach seiner Verurteilung und sie sich
Briefe schrieben so wussten sie nicht ob er zu ihnen kommen werde und hatten
zwar große Sehnsucht nach ihm aber der Vater wagte doch nicht nach dem Orte
seiner Strafe abzureisen und ihn dort zu empfangen denn er fürchtete dass ihm
das wieder missfallen möchte und ihn wieder verhärte Deshalb waren jetzt ihre
Herzen gespannt in Furcht und Hoffnung denn gleich nach den Feiertagen waren
die Jahre abgelaufen So hatte nun dieses Weihnachtsfest für sie eine besondere
Bedeutung Und wie es oft geschieht dass guten Menschen Not und Sorge das Herz
offen machen für andere wie bei bösen sie es verschließen so sprach die Frau
zu dem Mann er solle zu dem Mieter hinübergehen und den einladen zu ihrem
Weihnachtsbaum denn sie hatte wohl gemerkt dass er ein einsamer Mensch war um
den sich niemand kümmern mochte an diesem Abend Aber als der Mann nun in seiner
festlichen Kleidung anklopfte und endlich die Tür öffnete da fand er Hansen
ohne Besinnung im Zimmer auf dem Boden liegen und neben ihm lag das geöffnete
Kistchen von der Mutter welches ein paar Schuhe enthielt Strümpfe und
Taschentücher und ein Stück Honigkuchen
    Wie der Arzt kam erkannte der schweres Nervenfieber und ordnete an dass
Hans gleich in ein Krankenhaus gebracht wurde So geschah und war Hans die
ganze Zeit besinnungslos wie er im Krankenwagen gefahren wurde und nur für
einen Augenblick hatte er eine gewisse Klarheit wie man ihn durch einen langen
Gang trug an vielen Türen mit Nummern vorbei Der Mann zu seinen Füßen war ganz
weiß gekleidet und wie er sich umwendete sah er dass der andre Mann ebensolche
Tracht hatte das war ihm wunderbar was das bedeuten mochte Auch standen da
zwei Krankenschwestern von denen sagte die eine »Und nicht einmal am
Weihnachtsabend hat man Ruhe das ist hier wie im Gefängnis« Da vergingen ihm
die Sinne wieder aber um das Wort »Gefängnis« bildeten sich allerhand wirre und
unfassbare Phantasien die ihm eine große Angst einflössten
Nach seiner bestimmten Zeit kam Hans wieder zur Besinnung aber da war sein
Körper sehr schwach und lag in großer Mattigkeit in einem Bett seine Seele
indessen war erfüllt von Bangigkeit Reue und Angst und erschien ihm sein Leben
nutzlos verschleudert und er meinte dass er mit allem am Ende sei
    Dieses merkte die Pflegerin die ihn besorgte dass er nicht die friedliche
und ruhige Stimmung des Gemütes hatte die nach einer schweren Krankheit uns
trösten soll und wieder ganz gesund machen Deshalb fragte sie ihn weshalb er
sich verzehre und hörte mit Geduld wie er sich selbst anklagte Da antwortete
sie ihm dass er sich aufrichten müsse und den Willen haben zu Kraft und Freude
und um ihm Mut zu machen sagte sie dass er sie selbst betrachten solle wie sie
ruhig sei und in Ordnung ihre Pflicht erfülle und habe doch Schweres in ihrer
Vergangenheit begangen das sie ihm erzählte
    Ihr Vater war ein einfacher Mann gewesen der in seiner frühen Jugend weit
in die Welt gekommen war und hatte da manches gesehen davon in seiner Heimat
niemand etwas bekannt war Deshalb kehrte er nach Hause zurück mit einem wenigen
von Geld das er in der Fremde verdient und tat sich mit einem reichen Bürger
seines Ortes zusammen einem Schlächtermeister und mutete auf Kohlen Und so
hatte er Glück und fand reiche Kohlenlager und war auch weiterhin verständig
indem er sich nichts abschwatzen ließ sondern mit seinem Genossen sein
Gefundenes selber ausbeutete und gelangte auf diese Weise zu großem Reichtum
dass er viele Zechen besaß und auch Eisenwerke baute und Bahnen anlegte und ward
seine Heimat durch ihn ganz verändert aus einem grünen und frischen Lande wo
Holzhauer wohnten und Gebirgsbauern zu großen Orten mit düsteren Häusern und
Straßen voll schwarzen Staubes und zu Luft voller Qualm der rauchenden Schlote
und zogen viele fremde Leute zu und auch die Einheimischen arbeiteten bei ihm
in Schächten und Hütten mit Verdrossenheit und Unmut Er selbst aber ward ein
schweigsamer und stiller Mann der des Morgens in der Frühe in seine
Arbeitsstube ging Briefe las und Antworten diktierte und wenn er einen ansah
von seinen Leuten so war sein Gesicht seltsam zerstreut denn er dachte an eine
Zeche oder eine Schwankung der Preise und seine Erholung war dass er am Abend
in das Klubhaus ging wo auch seine studierten und seinen Angestellten sich
erfreuten da setzte er sich allein in eine bestimmte Ecke und hatte vor sich
ein Glas eines bestimmten Weines und saß stumm da spielte etwa einmal mit
seinen Fingern Dann ging er nach Hause und wanderte lang auf und ab in seiner
Wohnstube und am Ende legte er sich schlafen in seinem Schlafzimmer das war
eingerichtet mit fürstlicher Pracht Er hatte als junger Bursche geheiratet ein
Mädchen seines Standes die war an zehn Jahre älter wie er von der hatte er
zuerst keine Kinder aber später bekam er mit ihr eine Tochter Nun war er
selbst mit der Zeit in Aussehen und Benehmen ein Mann geworden wie wenn er
immer in seiner jetzigen Lage gelebt hätte und hatte auch auf seiner
Wanderschaft fremde Sprachen gelernt und redete seine Muttersprache fast ohne
Dialekt die Frau aber konnte sich nicht recht in die neuen Zustände passen
denn nur dass sie prunksüchtig wurde und zänkisch sonst behielt sie alle ihre
alten Gewohnheiten und Sitten bei Das hatte den Mann nicht sehr gestört
solange das Kind nicht da war denn er lebte wenig mit ihr zusammen wie jedoch
das Kind geboren war und einige Jahre alt wurde da schied er sich von ihr und
sie zog weit weg er aber behielt das Kind
    Nun wurde das Mädchen erzogen von teuren Erziehern und am Mittag wenn
gegessen wurde sah sie der Vater immer denn sie musste ihm gegenüber sitzen
sonst sah er sie aber nicht weil er zu viel zu bedenken hatte Da wuchs denn
das Kind auf wie es mochte denn die Erzieher wagten nicht streng zu sein und
der Vater erfüllte ihr alle Wünsche weil er sie so wenig sah und doch wollte
dass sie ihn lieb hätte und wie er nicht mehr wusste was einem Kinde recht und
passend ist so schenkte er ihr viel kostbares Spielzeug Hierdurch gewöhnte
sich das Kind dass alles seinen Einfällen gehorchen musste und dass es teure
Dinge für nichts achtete und keine Grenze fand für seine Wünsche und das ganze
Leben erschien ihm langweilig So wuchs das Mädchen heran zu einem schönen
Fräulein und ihre Erzieherin redete ihr allerlei vor von der Liebe und von
vornehmen Heiraten Da kamen auch bald Freier von allerlei Art Es wollte aber
der Vater gern dass sie einen jungen Mann ehelichte der bei ihm diente in
seinem Geschäft und tüchtig war in aller Hinsicht Diesen ladete er oftmals zu
Tisch ein und fragte seine Tochter wie er ihr gefalle da antwortete sie dass
sie ihn sich gar nicht recht angesehen habe und wie er ärgerlich wurde über
diesen Hochmut und ihr sagte dass er selbst ein armer Arbeitsjunge gewesen der
mit einem Schnupftuchbündel in der Hand in die Fremde gezogen sei da zuckte sie
nur die Achseln und er vermochte nichts weiter über sie denn er musste zu viel
an seine Geschäfte denken und konnte deshalb ihr Wesen nicht erfassen
    Nun drängten sich um sie viele glänzende und vornehme Herren und
schmeichelten ihr und da sie unerzogen war und nicht bedachtsam weil sie
niemals auf Festes gestoßen war so glaubte sie wörtlich alles was ihr Schönes
gesagt wurde und ward noch hochmütiger lieb gewinnen aber konnte sie niemand
in der Art wie ihre Erzieherin ihr das geschildert hatte die ein hässliches und
armes Mädchen gewesen war das immer sehnsüchtig zur Seite gestanden hatte und
am Ende dachte sie dass sie ein Wesen von ganz besonderer Art sei das beglücken
könne wen sie wolle wie der Zufall aus den vielen Mitspielern einer Lotterie
einen herausgreift blindlings und ohne Grund Da war nun in dem Kreise ein
junger Offizier der ganz arm war und von bürgerlicher Herkunft und nicht
besonders ansehnlich aber er hatte ein braves Gemüt und einen rechtlichen
Charakter der durchschaute wohl ihr Wesen und weil er zudem bei so vielen
glänzenden Bewerbern doch gar keine Aussichten zu haben schien so hielt er sich
ganz still und ruhig im Hintergrunde und bekümmerte sich nicht um sie Diesen
nun weil er allein von allen abseits stand suchte sie gerade aus denn für so
hochstehend hielt sie sich dass seine Unansehnlichkeit und der Glanz der andern
vor ihren Augen ein ganz gleiches Verdienst hatten Der Jüngling der zuerst
glaubte dass sie nur mit ihm spielen wolle zog sich noch mehr zurück wie er
ihre Annäherungen bemerkte und das wiederum machte sie nur hartnäckiger so dass
er am Ende verspüren musste es sei ihr ernst mit ihrem Entgegenkommen Da
verfiel er der menschlichen Schwachheit dass die Hoffnung welche derart in ihm
erweckt wurde ihm einen glänzenden Schleier vor ihrem Bilde ausbreitete dass er
die Fehler und Mängel nicht mehr sah die er früher recht scharf bemerkt denn
er war auch stolz und kannte seinen Wert in seinem geringen Äußeren und es
schien ihm ein Besonderes von ihr dass sie ihn unter den andern nun
herausgefunden hatte so meinte er denn dass sie in einer glücklichen und
redlichen Ehe ihr voriges Wesen bald ändern werde das ihr ja nur äußerlich
angeflogen sei Und auch ihr Vater wurde getröstet über ihre Wahl denn er
hoffte dass er aus diesem jungen Mann sich werde einen Nachfolger erziehen
können Derart wurde dann die Hochzeit der beiden gefeiert aber schon an dem
Tage der Feier und vor der Trauung kam zwischen den beiden der erste Streit um
eine geringe Kleinigkeit und die Braut die schon festlich geschmückt war und
nur noch des Kranzes harrte und des Schleiers zog den Ring vom Finger und warf
ihn auf die Erde Da wendete sich der Bräutigam und wollte zur Tür hinausgehen
aber schon hatte er eine zu große Liebe gefasst dass er nicht mehr sich trennen
konnte deshalb kam er zurück hob den Ring auf und gab ihn ihr wieder mit
bittenden Worten
    Nun führten die beiden eine recht unglückliche Ehe denn der Mann war
ernstaft und wollte lernen damit er später alles leiten könnte wenn sein
Schwiegervater einst tot wäre die Frau aber verspottete und kränkte ihn und er
war ganz weich in ihrer Hand und konnte ihr nicht antworten wie er gemusst
hätte und sie selbst war dabei ohne Tröstung und langweilte sich weil sie
nicht wusste was sie wollte Ihr Vater indessen gewann mit der Zeit den Mann
lieb wie seinen Sohn denn er war viel um ihn und waren beide vom gleichen
Schlage deshalb sagte er ihm er solle sein Weib gehen lassen wie sie wolle
denn es sei ja auch eine Torheit wenn man sich Ruhe wünsche und Zufriedenheit
weil kein Mensch die erreichen könne außer etwa in ganz jungen Jahren wo man
nur seine Sehnsucht vor sich habe und nicht die Wirklichkeit So wurde denn der
Mann zu einem Menschen wie der Alte war
    Inzwischen waren noch viele Verehrer um die Frau die wohl sahen dass sie
unglücklich war und ihr weiter schmeichelten und sich kränken ließ von ihr
Da fiel es ihr ein aus Hochmut und Überdruss und weil sie ihren Vater und Mann
beleidigen wollte dass sie sich einen Liebhaber aussuchte das war ein windiger
junger Mensch der ein groß Wesen machte von sich aber von Schulden lebte und
von niemand geachtet wurde mit dem ließ sie sich ein denn es war ihr recht
dass er sie in wunderlicher Weise vergötterte wie es wohl in törichten Büchern
beschrieben wird Ihr Mann und Vater merkten nichts von dem Wesen trotzdem sie
recht offen war denn die hatten ihre Arbeit und dachten nicht an weiteres sie
aber trieb es so weit dass sie ein Kind bekam und ihr Mann meinte es sei sein
Kind und freute sich über das Söhnchen und ihr Vater hoffte dass es auf einen
von ihnen beiden schlagen möge und nicht auf die Mutter Danach entzweite sie
sich mit dem leichtfertigen Menschen denn der wurde von den Gläubigern gedrängt
und war in seiner beständigen Angst gegen sie nicht mehr so aufmerksam gewesen
wie vorher lieb gehabt aber hatte sie auch ihn nicht
    Nun geschah es dass die beiden Männer eine Erholung haben wollten von ihrer
schweren Arbeit kauften sich eine Lustjacht und machten mit der Frau und dem
Kinde eine Seereise Wie sie unterwegs waren bezog sich an einem Nachmittag der
Himmel und kam Regen und stürmisches Wetter so dass sie alle nach unten gingen
in die Kajüte indessen die drei Leute welche das Schiff bedienten auf dem
Deck arbeiteten In der engen und dumpfen Kajüte aber befiel sie alle eine eigne
Gereiztheit und sie begannen sich untereinander Vorwürfe zu machen indessen
draußen die Wogen wunderlich gingen da warf der Vater der Tochter vor dass sie
an nichts Freude habe und keinen Menschen liebe und die Tochter sprach gegen
den Vater dass er immer nur an sein Geschäft denke und sich nicht um sie
bekümmere und wie der Mann gut zureden wollte da höhnte sie den dass er nichts
verstehe wie in seiner Schreibstube sitzen und auch der Mann wurde heftig und
sagte dass er ihr Herr sei inzwischen war der Knabe der damals dreijährig sein
mochte ängstlich geworden und schmiegte sich an den Vater die Frau aber geriet
in einen masslosen Zorn und schrie niemand sei ihr Herr und indem der Mann das
Kind halten wollte weil das Schiff sehr schaukelte und er Furcht hatte der
Sohn möchte fallen und sich verletzen da rief sie das Kind gehöre ihr und
nicht ihm denn sie habe es von einem andern
    Wie sie diese Worte in blindem Hass hervorgestossen hatte taten sie ihr leid
denn die beiden Männer wurden ganz bleich aber in dem Augenblick rief das Kind
in großer Angst ihren Namen und da fielen sie alle um von einem starken Stoß
und rollten durch die enge Kajüte und konnten sich nur mit großer Mühe wieder
aufrichten aber wie sie sich aufgerichtet hatten da waren der festgeschraubte
Tisch und Stühle über ihren Köpfen in der Luft und das Geschirr das auf dem
Tisch gestanden lag auf dem Boden mit samt dem Tischtuch und nach einer Weile
sagte der Vater dass das Schiff gekentert war So trieben sie nun auf der See
mit dem Kiel nach oben und das Deck war unter dem Wasser und das Wasser drückte
und klopfte gegen die Decke der Kajüte und klatschte gegen die Tür und in
solcher Lage erhielt sich die Jacht durch die eingepresste Luft die nicht hatte
entweichen können weil sie so ganz schnell umgeschlagen war die Männer aber
die oben gewesen waren fortgeschwemmt und ertrunken Erst langsam wurde den
Eingeschlossenen das klar denn sie hatten eine große Angst Es quoll auch bald
Wasser von unten denn das beständige Schlagen der Flut machte die Bretter
locker und so mussten sich denn die Menschen beizeiten umsehen wo sie sich
besser sicherten und da sie nicht hinausgehen konnten aus dem kleinen Raum
denn vor der Tür war ja Wasser so blieb ihnen nichts als dass sie sich recht
hoch machten Deshalb schwang sich der Mann erst auf den Tisch der oben
festgeschraubt war in dem früheren Boden und prüfte die Haltbarkeit und dann
hob er die Frau hoch mit dem Kind und half dem Vater Wie das geschehen war
suchte er auf dem Boden nach Essen und fand einige Brötchen und Zwiebäcke und
ein Töpfchen mit Eingemachtem das reichte er alles hinauf und dann las er noch
die Messer und Gabeln auf die herumlagen denn mit denen wollte er oben eine
Diele entfernen damit sie noch höher kommen konnten in den hohlen Kielraum des
Schiffes So schnitt er erst den Fussteppich durch und machte sich dann daran
mit dem unpassenden Werkzeug die Schrauben herauszuschneiden welche die Dielen
auf den Sparren festielten denn aufdrehen konnte er sie nicht weil er dabei
sein Messer zerbrach Über diesen Anstrengungen verspürten sie wie das geringe
Licht das von unten durch das runde Fenster im Wasser kam immer geringer
wurde denn es waren ja auch nur wenige Lichtstrahlen die durch die
schaumbedeckten Wellen bis zu dem Fenster drangen und dazu stand unten das
Wasser in der Höhe von mehreren Fuß in der Kajüte auf dem lustig eine Schachtel
mit Streichhölzern und zwei Korke schwammen die Luft aber wurde immer
verbrauchter und schien immer schwerer zum Atmen entwich auch an einer Stelle
durch den Druck des Wassers unten mit einem leisen Pfeifen und dadurch stieg
das Wasser in dem Raum langsam immer höher Die beiden Männer arbeiteten
fleißig und der alte Mann hatte einen Überschlag gemacht dass bis zum andern
Morgen die ganze Luft aus dem Raume entwichen sein musste und das Wasser bis oben
stand und sie alle erstickte wenn sie nicht die Diele bis dahin gelöst hatten
und sich in den Kielraum retten konnten der aber würde wohl immer über dem
Wasser bleiben weil er ja durch das viele Holzwerk unten getragen wurde
    Wie es nun gänzlich Nacht geworden war und sie alle sehr müde waren
beschlossen sie dass sie eine kurze Weile schlafen wollten um neue Kräfte zu
schöpfen und der Vater erbot sich zur ersten Wache und wollte inzwischen
weiterarbeiten im Dunkeln und die zweite Wache sollte der Schwiegersohn
übernehmen So taten sie aber nach einer unbestimmten Zeit schreckte der Mann
aus dem Schlafe auf und hörte nicht mehr das leise Geräusch des arbeitenden
Messers das kleine Späne loslöste da wusste er dass der alte Mann ertrunken
war und deshalb arbeitete er allein weiter Es erwachte dann auch die Frau
durch große Beklommenheit des Atmens und das Wasser klatschte schon leise an
die Platte des Tisches auf dem sie saßen Indessen war es dem Manne gelungen
dass er die Schrauben der einen Diele an seiner Seite herausgeschnitten hatte
und nun riss er die Scheuerleiste fort und fasste vorsichtig mit zwei Gabeln von
beiden Seiten um sie zu biegen bis er sie mit den Händen fassen konnte und
indem die Frau half gelang es auch dass sich die Diele so weit bog und nun
begriff er sie und riss an ihr mit aller Kraft dass sie in der Mitte abbrach und
über ihnen eine schmale Öffnung in den Kielraum wurde Aber durch das
Gegenstemmen hatten sich zwei Schrauben gelöst durch welche die Tischbeine
befestigt waren und der Tisch glitt schräg ins Wasser Die Frau hielt sich noch
an der Diele über ihnen fest und schwang sich durch die gebrochene Öffnung in
den Kielraum das Kind aber war ins Wasser gerollt und der Mann wollte das Kind
retten und stürzte sich nach aber er stieß mit dem Kopf gegen etwas tat einen
lauten Schrei und kam nicht wieder und auch das Kind ist ertrunken
    Nun kauerte die Frau oben im Kielraum vor der Öffnung und der kalte Hauch
des Wassers drang zu ihr empor Nach langer Zeit kam eine geringe Helligkeit in
das Wasser unten da war es noch höher gestiegen und wie sie genau zusah
erblickte sie unter sich eine Hand mit gekrampften Fingern
    Wie sie gerettet war und sich erholt hatte von allem was sie ausgestanden
verspürte sie dass eine Wandlung in ihr vorgegangen Vornehmlich hatte sie jetzt
den Wunsch dass sie etwas tun wollte aber der war ihr nicht gekommen durch
Ängste des Gewissens Reue und Absichten von Busse sondern ohne einen andern
Grund nur weil sie ein neuer Mensch geworden war Deshalb überlegte sie sich
alles ihr früheres Leben und seine Bedingungen da fand sie dass ganz notwendig
alles so geschehen musste wie es wirklich geschehen war und sie selbst hatte
keine Schuld und auch andre nicht Denn ihr Vater konnte nicht leben wie er
wollte sondern war einem Zwange unterworfen dass er immer an seine Arbeit
denken musste und keine andern Gedanken haben durfte Und da er nun in einer
andern Klasse der Gesellschaft lebte wie vorher und sein Kind auch in dieser
Klasse leben musste so konnte er seine Frau nicht behalten deshalb war es
nötig dass er sein Kind Fremden anvertraute die aber waren arme Menschen
welche gänzlich von dem Kinde abhingen deshalb vermochten sie ihm nicht zu
widerstehen So war sie denn zu einem solchen Wesen geworden wie sie bis dahin
war und nur das blieb zu verwundern dass sie nicht noch Schlimmeres getan Nun
aber wollte sie einen neuen Weg gehen und da schien es ihr das beste wenn sie
Krankenpflegerin würde weil sie da wirklich tätig sein konnte denn alle
Untätigkeit war ihr jetzt ein Ekel So lebte sie nun schon seit einigen Jahren
und war sehr ruhig und genoss dasjenige Maß von Glück das ihrer besonderen Art
bestimmt war und wohl freilich nicht sehr groß sein mochte
    Dieses alles erzählte die Schwester dem Hans und der wunderte sich sehr
über ihren Frieden Aber nachdem er ihre Geschichte lange bedacht hatte da fand
er am Ende doch dass sie wohl ein andrer Mensch war wie er denn wiewohl er sich
viele Mühe gab zu Ruhe so hatte er doch beständig Gewissensbisse und
Selbstvorwürfe und das Leben erschien ihm ganz schwierig So sah er ein dass
die Gottlosen leichter leben wie die so an Gott glauben und ergab sich ihm
dass wir höher kommen sollen dadurch dass wir an Gott glauben denn wenn uns das
Leben schwierig wird so steigen wir indessen auf einen hohen Berg wo die Luft
härter und reiner ist und die Arbeit der Menschen ist tief unter uns die sie
treiben damit sie ihr fleischliches Leben erhalten
    Die meisten der Pflegerinnen hatten keine Geschichte gehabt und waren nur so
gewöhnliche Menschen die mit Widerwillen ihre Aufgabe erfüllen aber noch eine
andre Schwester wurde für Hans merkwürdig denn die bildete ein Gegenstück zu
jener ersten Deren Erlebnis war folgendes gewesen
    Sie war als Tochter eines höheren Beamten geboren und ihre Eltern lebten in
beständigen Sorgen weil ihre Mittel zu gering waren um den Aufwand zu
befriedigen den sie für nötig hielten So wurde sie schon frühe gewöhnt
überlegend und sparsam zu sein und nach außen doch eine gewisse Unbefangenheit
zu zeigen und ihr Wunsch war von Jugend an sie möchte einmal ein recht
tüchtiger Mensch werden damit sie ihrem späteren Mann in ihrer Art behilflich
sein könne
    Wie sie noch jung war bewarb sich ein recht gut gestellter Mann um sie ein
Rechtsanwalt der sie an Jahren ziemlich übertraf und auf das Zureden ihrer
Eltern heiratete sie den wiewohl sie keine besondere und aussergewöhnliche
Zuneigung zu ihm verspürte aber ihre Mutter hatte ihr in vertraulicher Weise
gesagt dass wohl überhaupt nur wenigen Menschen das Glück einer wirklichen Liebe
werde die man sich vorstelle in der Jugend Sie gewann mit der Zeit den Mann
auch in ruhiger und einfacher Weise lieb denn er war gut zu ihr und sehr
zuverlässig und tüchtig dass jeder vor ihm Achtung haben musste Kinder indessen
bekam sie nicht von ihm Nun stellte es sich aber heraus dass sie einen
verschiedenen Willen hatten über das was die Frau tun soll denn sie hatte
gemeint dass sie eine rechte Tätigkeit haben werde in Leitung des Hausstandes
guter Wirtschaft und umsichtiger Fürsorge er aber da er keine Kinder hatte und
viel verdiente wollte gar nicht dass seine Frau so viel Eifer auf diese Dinge
verwendete denn er mochte lieber dass sie sich schön putzte und darauf sann
wie sie ihm allerhand Spiel und Gaukelwerk vormachte wenn er von seiner Arbeit
kam Und ferner hatte sie gemeint dass die Frau mit dem Mann viel Ernstaftes
reden werde und von ihm manches lerne er aber war nicht zu gründlichen
Gesprächen mit ihr aufgelegt sondern wendete alles zu Scherz und Kurzweil wenn
er mit ihr war Hierüber wurde sie recht traurig und fühlte sich ohne Glück und
Befriedigung und empfand eine große Langeweile und zuweilen sogar einen Ärger
über ihren Mann
    Als dieses so ging kam in das Haus ein Verwandter des Mannes ein junger
Herr welcher seine Universitätsstudien beendet hatte und auch seine ersten
praktischen Jahre und nun als junger Assessor bei seinem geschickten und klugen
Oheim noch lernen wollte Dieser hatte viel Liebe zu aller Art von Kunst und
Dichtung und hatte auch über die Fragen unsers gesellschaftlichen Lebens
nachgedacht und besonders über die Bestrebungen der Frauen die heute mehr
Selbständigkeit und Beachtung wünschen Da geschah es bald dass er mit der Frau
in eifrige Gespräche kam und lieh ihr Bücher erzählte ihr von allem was heute
geschieht und was viele denken und sie stritten oft miteinander und weil sie
beide gute und harmlose Menschen waren und auch der Mann ohne Arg war so dachte
keiner von ihnen was aus diesem entstehen konnte Am Ende aber kam die Frau als
erste zur Klarheit was ganz plötzlich geschah es wurde nämlich ihr Mann
unvermutet von einer elektrischen Bahn überfahren und in solchem Zustand ins
Haus gebracht dass sie zuerst meinte er sei tot da verspürte sie plötzlich
dass sie den Jüngling liebte und in heftiger Verzweiflung kamen ihr die Tränen
aus den Augen der Mann war aber nur leicht verwundet gewesen und genas wieder
nach einiger Zeit Da beschloss sie wie er wieder ganz gesund war dass sie ihm
alles sagen wollte ging zu ihm und erzählte von Anfang an und schloss dass sie
eine Liebe zu dem andern gefasst habe Hierüber wurde der Mann sehr bekümmert
wie er aber sah dass sie selbst so verzweifelt war tröstete er sie und machte
ihr Mut sagte ihr dass er sie liebe und schonen wolle und sie werde die
Neigung überwinden und alles werde wieder gut sein wie es früher war und
darauf ging die Frau aus dem Zimmer und war in getroster Hoffnung dass alles so
geschehen müsse wie der Mann gesagt
    Der aber ließ sich alles noch eine Weile durch den Sinn gehen und dann
verblasste ihm die Rede seiner Frau und schien ihm nach einiger Zeit ganz
unwichtig denn sie schämte sich auch und sprach nie wieder zu ihm von dem
vorigen und ihre Scheu bemerkte er nicht Deshalb tat er nichts um das
Verhältnis zu ändern das bis dahin bestanden sondern ließ alles beim alten
und der Jüngling war nach wie vor in ihrer beider Nähe Und sie verschloss sich
immer mehr innerlich und hatte eine große Angst und fühlte sich einsam und ohne
Schutz
    Wie sie nun in diesen Gesinnungen sich von dem Jüngling ferner hielt wie
sonst da kamen auch diesem neue Gedanken und es wurde ihm bewusst dass auch er
seinerseits eine Neigung gefasst habe und so erklärte er sich die Zurückhaltung
der Geliebten so dass er meinte sie habe etwas von seiner Neigung verspürt und
sei etwa gekränkt und beleidigt und über diesem Gedanken wurde er recht
unglücklich und härmte sich ab mit Vorwürfen Und wie sie beide auf solchem Wege
waren da geschah es nach einiger Zeit mit Notwendigkeit dass sie zueinander
sprachen und am Ende wuchs dem Jüngling die Kühnheit und er gestand mit Worten
seine Liebe Da erhob sie sich sah ihn zärtlich an und ging von ihm auf ihre
Stube und hatte da einen Dolch heimlich verborgen eine altertümliche Waffe die
sie einmal in Italien gekauft hatte aus Freude an dem kunstvollen Griff und in
romantischer Spielerei den stieß sie sich in die Brust und sie stieß ganz
sicher und um ein Haar wäre sie da gleich gestorben aber durch einen
glücklichen Zufall und später durch die Kunst eines geschickten Arztes blieb sie
doch am Leben und genas langsam wieder indem sie in ihrem Stübchen am Fenster
saß und sehnsüchtig in die frühlingsblühenden Bäume vor ihrem Hause blickte Und
war in dieser Zeit ihr Mann sehr gut zu ihr brachte ihr viele Geschenke von
kostbaren Kleiderstoffen und schönem Schmuck und klagte dass er sich ihr nicht
so widmen könne wie er möchte weil seine Arbeit ihn festhielt von dem jungen
Vetter aber erzählte er nie der war fortgezogen in eine andere Stadt
    Wie sie nun wieder ganz gesund war setzte sich der Mann öfter mit ihr
zusammen und besprach mit ihr solche Dinge über die sie mit dem Jüngling
geredet hatte mit ihm aber früher nie denn mit ihm hatte sie nur Kindereien
getrieben Aber er war viel klüger und erfahrener wie der junge Mann und stammte
aus einer älteren Zeit die einen andern Glauben hatte und so stimmten seine
Worte nicht zu den Worten seiner Frau und waren wie die eines Lehrers zu einem
widerwilligen Schüler Hierüber kam es dass sie einen neuen Entschluss fasste und
aus ihres Mannes Haus ging bei der Nacht und in die Stadt reiste wo der Neffe
lebte in einem Studentenstübchen unterm Dach Den suchte sie auf in seiner
Wohnung und sprach sie wolle mit ihm leben
    Es wurde nun viel Übles geredet und das Gericht schied sie von ihrem Manne
und sie dachte dass sie jetzt den Geliebten heiraten wolle auch war alles schon
vorbereitet für dieses Ende Da geschah es dass sie an einem Abend mit ihm
ausging und er führte sie an seinem Arm sie gingen aber eine breite Straße wo
viele Geschäftsläden waren in denen große Spiegel stehen welche die Auslage
sollen reicher erscheinen lassen und die Spiegel stehen häufig so dass man sich
in ihnen ganz genau erblickt wenn man vorbeigeht und es ist als komme man
sich selbst entgegen So sah sie auch sich selbst am Arm ihres Geliebten und
durch einen Zufall erblickte sie neben dem ein sehr schönes Mädchen das etwa
einen Schritt vor ihm ging Da fiel ihr auf dass sie älter war wie der Mann und
dachte dass sie ein Unrecht tue indem sie ihn heiraten wollte und er werde die
Heirat später bereuen Sie sagte aber nichts sondern ging ruhig weiter nur
machte sie sich zu Hause heimlich zurecht schrieb ihm einen Brief zum Abschied
und reiste von ihm fort und weil sie nirgendshin wusste denn alle hatten sie
ausgestoßen so ging sie in eine Gesellschaft von Krankenschwestern lernte bei
denen mit großem Eifer und war nun am Ende in das Haus gekommen wo Hans jetzt
krank lag
    Diese hatte eine ganz andere Gemütsart wie jene erste denn sie lebte in
beständiger Gewissensnot und tat viel um ihrer Seele willen Es kam aber wohl
alles was sie tat aus ihrer Güte und Liebe und deshalb übte es eine gute
Wirkung sie selbst aber hatte dabei immer das Ende vor sich dass sie eine Qual
und Überwindung haben wollte deshalb ging sie zu denjenigen Kranken welche die
widerwärtigsten schienen und so hatte sie eine wahrhafte Busse
    Weil nun Hans doch seine Seele gesund machen wollte so sprach er auch mit
dieser über seine Furcht und Gedanken Da antwortete sie ihm dass sie ruhig sei
und keine schweren Gedanken habe wenn sie etwas Mühseliges und Widerstehendes
tue das in Wahrheit ein Opfer sei wenn sie aber äußerlich wohllebe so könne
sie nach einiger Zeit ihre Gedanken nicht mehr aushalten die sich untereinander
anklagen und verteidigen
    Hierdurch wurde es Hansen klar dass auch diese Frau wohl den Weg gefunden
habe der für sie selbst gangbar sei aber für einen andern Fuß war der nicht
geschaffen denn es war ja klar dass diese Frau ihre Geschichte nicht verwinden
konnte wie die erste sondern sie vermochte sich nur für eine Zeit zu betäuben
er aber wollte ein freier Mensch werden der nicht von Furcht Hoffnung und
Geschichte abhing sondern jede Handlung wollte er immer als ein Neuer und
Frischer tun nur konnte er zu diesem Wesen nicht auf die Weise kommen wie die
erste Frau sondern es musste eine besondere Weise für ihn geben Wie er in
dieser Verfassung lag und vieles grübelte hierüber besuchte ihn der alte Mann
bei dem er gewohnt und der ihn hatte einladen wollen zu seiner
Weihnachtsfreude als er ohnmächtig in seiner Stube auf dem Boden lag Der
erzählte allerlei mit fröhlichem Gesicht was sich ereignet unter den kleinen
Leuten die in dem Hause lebten und am Ende konnte er es nicht mehr
verschweigen was er vornehmlich auf dem Herzen hatte und doch nicht gleich zu
Anfang sagen wollen aus Bescheidenheit weil er sich nicht mit seinen eignen
Angelegenheiten vordrängen mochte denn sein Sohn war zurückgekommen aus dem
Zuchthaus wo er Wolle gesponnen hatte und hatte einen kahlen Kopf gehabt und
ein rasiertes Gesicht und hatte sehr blass ausgesehen und die Augen lagen ihm
tief Er war eingetreten und die Eltern hatten ihn zuerst nicht erkannt da
sagte er »Wollt Ihr mich denn verstoßen« Da erkannten sie ihn an der Stimme
und sprangen auf vom Stuhl und freuten sich ihm aber rollten große und runde
Tränen aus den Augen über die abgehärmten Backen und musste sich auf das Sofa
setzen und die Mutter lief gleich in die Küche und kochte ihm Schokolade die
hatte er als Kind immer gern getrunken und der Vater sprach mit ihm von den
Ernteaussichten und klagte über die Fleischpreise denn er wollte sich
anstellen als sei nichts Bedeutsames geschehen Dann kam der Knabe aus der
Schule und wie der seinen Vater sah der so lange in der Fremde gewesen war da
freute er sich und kletterte an ihm in die Höhe denn er war ein dreister Junge
und von seines Vaters Schande wusste er nichts Alles das erzählte der alte Mann
und freute sich über seines Sohnes Heimkehr der im Zuchthaus gesessen hatte und
hatte Wolle gesponnen und mehrmals sagte er »Er hat uns doch nicht vergessen
in den Jahren und alles wusste er noch wie es früher gewesen war als wir ihn
noch bei uns hatten«
    Das war Hansen wunderlich dass der alte Mann sich so freute und gar keinen
Vorwurf hatte sondern nur zu rühmen und zu loben wusste Da fiel ihm das
Evangelium vom verlorenen Sohn ein der hatte die Säue gehütet und machte sich
auf und kam zu seinem Vater Wie er aber noch ferne von bannen war sah ihn sein
Vater und jammerte ihn lief und fiel ihm um seinen Hals und küsste ihn Und als
Hans an dieses dachte da ging es ihm wie Schuppen von den Augen und sank ihm
wie eine Last von den Schultern und sein Herz ward leicht und er wusste dass
wir einen Vater im Himmel haben der uns lieb hat und sich freut wenn wir zu
ihm kommen keinen Vorwurf sagt sondern uns rühmt und lobt und spricht »Lasst
uns fröhlich sein denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig
geworden er war verloren und ist gefunden worden« So geschah in einem
Augenblick die Wendung in Hansens Leben und wurden seine Jünglingsjahre
abgeschlossen denn nun sah er einen ebenen Weg vor sich der durch Tage ruhiger
Arbeit zu einem friedsamen Alter führt Da wusste er dass auch die Not und Sorge
nötig gewesen war und aller Irrtum und das überflüssige Grübeln nicht zu dem
Ende freilich das er damals gemeint hatte zu einer abschliessenden Erkenntnis
zu kommen denn was half es ihm dass er wusste Nach der letzten Denker Meinung
ist mein Ich kein Wesen sondern ein Geschehen eine Beziehung eine mittlere
Linie aus subjektlosen Willensenergien sondern zu dem Ende dass er gänzlich die
jugendbegehrliche Vorstellung von Gott abstreife als einem Wunschwesen von dem
man allerlei erbittet und die neue gewann dass er so wenig Wesen ist wie ich
selber und doch mein lieber Vater im Himmel ist der sich freut über meine
Heimkehr
    Und wie das scheinbar zufällige äußere Wesen das innere umhüllt als sein
rohes Abbild so kamen nun auch die äußeren Ereignisse die den Übergang zum
Mannesalter bestimmen
    Die Tröstung die Hans gewonnen hatte aus dem Evangelium vom verlorenen
Sohne wirkte darauf dass er sich schnell kräftigte und von Tag zu Tag zunahm an
Stärke und Freude So geschah es dass er bald sein Krankenstübchen verlassen
konnte dessen Wände eng waren mit einer ganz hohen Decke und ging in den
allgemeinen Saal hinunter Hier saß er in einer seligen Müdigkeit am offenen
Fenster und frische Luft wehte an seinem lächelnden Gesicht vorbei in das große
Zimmer wo viele saßen und leise miteinander sprachen
    Da öffnete sich die Tür gegenüber und in dem Luftzug blähte sich die
Gardine auf und wie Hans zur Seite blickte sah er in der Türöffnung eine
Krankenschwester stehen in der schwarz und weißen Tracht die einen Blick hatte
der über vieles Nahe und Kleine hinweg in die Ferne zu schauen schien Für einen
kurzen Augenblick traf dieser Blick in seine erstaunten Augen dann wendete sich
die Schwester langsam und war wie unschlüssig und ging wieder zurück woher sie
gekommen und die Tür schloss sich hinter ihr auf deren weißen Fläche aber hob
es sich deutlich ab wie ein leichter Schatten der Entschwundenen welcher in dem
Geiste Hansens gewesen war und nun von den körperlichen Augen gesehen wurde
    In Hansens Herz fiel eine schwere Ahnung dass hier eine Schicksalswendung
des äußeren Lebens begann und auch das Mädchen hat in jenem Zusammenstossen des
Blickes ihr Herz erbeben fühlen Nach der Zeit erfuhr er dass das Mädchen jene
Gräfin Maria war mit welcher er als Kind gespielt hatte in dem Forstause
seines Vaters Die hatte bei ihrer Arbeit nicht gefunden was sie erwartet
Eintönig ging das Leben hin zwischen gewöhnlichen Menschen die nur an die
kleinen Sorgen des Lebens dachten und deren Aufschwung nur etwa einmal ein
gemeines Vergnügen war in dem sie sich von der Gleichmässigkeit der täglichen
Pflicht erholten So kam sie dahin dass sie ganz allein war und sich fremd
fühlte zwischen den andern wie sie sich schon zu Hause fremd gefühlt hatte und
weil sie nichts andres wusste so meinte sie am Ende das müsse so sein und es
gebe keine Gemeinsamkeit mit andern und ein jeder Mensch sei ein tiefer
Brunnen den eine Mauer umzieht der kann die Wolken wohl spiegeln und das tiefe
Blau des Himmels und die goldenen Sterne aber weiß nichts von den andern
Brunnen im Garten die schweigen wie er selbst schweigt und ihr dunkles Auge
blickt sehnsüchtig in den hohen Himmel Und so war sie zu der Meinung gekommen
dass wir zwar in unsrer Jugend glauben es sei ein Glück und ein Ziel unsres
Lebens für uns bereitet irgendwo aber das ist nur ein Glaube unsrer Jugend der
bewirkt dass wir wachsen und groß werden und dann ist er nicht mehr notwendig
und verschwindet in Dunst vor unsern Augen So war sie zu dem Punkt gekommen wo
die Liebe das größte Glück für sie werden musste denn die zeigte ihr ein Ziel
und Ende des Lebens
    Und desgleichen war Hans nun auf diesem Punkt denn er war ein Mann
geworden und nun musste er Weib und Kind haben und eine Stelle in der
Gesellschaft wo er arbeiten konnte mit den Kräften die er in den
Jünglingsjahren sich erworben hatte
Unterdessen fand auch Karl den Hafen in dem er jene Art von Ruhe haben sollte
die für ihn bestimmt war
    In Italien traf er ein Kloster das ganz abseits lag von der Straße in
einem großen Frieden einer Landschaft die mit weiten Zügen das Auge wunderbar
beruhigte dass ein Mensch keine Sehnsucht mehr empfand Da war ein heimlicher
und stiller Kreuzgang um einen kleinen Hof in dessen Mitte wuchs ein uralter
Ölbaum in tiefem Frieden dessen Blätter doch die salzige Luft atmen mochten
die vom Meere her über das Dach der Kirche wehte in diese Ruhe und
Abgeschlossenheit Vor vielen Jahrhunderten war der Baum gepflanzt und waren die
zierlichen Säulen des Kreuzganges gemeisselt von liebevollen Händen nach Gedanken
voller Gestalten und Bilder und damals war wohl lebendig jung und bunt
gewesen was heute so beruhigte und freundlich machte als ein abgeklärtes
Alter An drei Seiten denn auf der vierten lag die Kirche führte Tür neben Tür
jede in ein kleines und abgeschlossenes Häuschen mit einem winzigen Garten
umgeben von hoher Mauer in jedem Häuschen wohnte ein Mönch still für sich der
die Blumen seines Gartens pflegte und Bücher las alte Bücher in Pergament
gebunden und mit großen Schliessen die auf den Seiten bunte Anfangsbuchstaben
hatten und oft waren die Anfangsbuchstaben vergoldet Wenn die Glocke erklang
vom Turm der Kirche herab dann kam jeder aus seiner Tür in seinem weißen
Gewande und mit freundlichem Lächeln begrüßten sie einander durch wortloses
Neigen des Hauptes und gingen in den dämmernden Chor in die hohen geschnitzten
Stühle beteten und sangen Und wie über dem gewundenen Ölbaum die Jahrhunderte
still hingezogen waren dass es schien als seien sie kurze Tage gewesen denn in
gleicher Ruhe lächelte der helle Himmel auf ihn nieder und in gleicher Stille
wehte die salzige Luft über das Dach der Kirche so war noch heute der Zug der
weissgekleideten Mönche wie zu der Zeit des heiligen Benedikt und waren die
Jahrhunderte still hingezogen wie freundliche Sommertage indessen draußen in
der Welt Unruhe gewesen war Krieg Aufstand Gewissenszweifel Umsturz Neues
und wieder Neues nur dass die uralten Säulchen der Kreuzgänge nicht mehr an
Jugendfrische denken mochten und an bunte Keckheit sondern an ein friedliches
und beruhigtes Alter
    Hier verbrachte Karl erst eine Prüfungszeit nachdem er zur katholischen
Kirche übergetreten und am Ende wurde er mit unter die Zahl der Mönche
aufgenommen
    Da sah er dass auch hier Wirkungen der heutigen Zeit zu verspüren waren
Denn zwar fand er einige unter seinen neuen Freunden die kaum etwas wussten von
dem was ihn bewegte und die nichts erlebt hatten wie das Alte das in ihren
viel gelesenen Büchern stand aber zwei Männer waren da die waren gleich ihm
geflohen in diesen Frieden weil sie zu schwach gewesen nur dass ihre Geschichte
grausiger war wie die seine und sie gänzlich gebrochen hatte
    Der eine war ein Deutscher der aus einer sehr alten und vornehmen
katholischen Familie stammte die indessen durch viele Unglücksfälle im Laufe
der Zeiten fast gänzlich verarmt war Seine Eltern lebten in einer ganz
entlegenen Gegend auf einem kleinen Gut das seit vielen Jahrhunderten der
Familie gehört hatte und auch jetzt noch in ihrer Armut erschienen sie den
Gutsleuten als besondere und höhere Wesen denn auch die Leute waren hier seit
undenklichen Zeiten ansässig und einer jeden Familie Geschichte war in
irgendwelcher Art mit der Herrschaft vielfach verknüpft und alles was die
Herrschaft tat war ihnen bekannt Noch der Großvater der jetzt Lebenden hatte
auf seinem Sterbebette bestimmt dass ein Totengericht über ihn abgehalten werden
sollte von den armen Leuten der Gegend denn er wollte aufgebahrt werden im
großen Saale und die Leute sollten hereinkommen und der Priester sollte sie
fragen was sie urteilten über ihn und seinen Wandel
    Dieser Familie Sohn kam als junger Offizier nach Berlin und sah hier die
Leichtigkeit des Lebens und wie keiner einen Willen hatte sondern alle
umgetrieben wurden durch den reißenden Maelstrom und dabei glaubten sie es
geschehe durch ihre eigne Kraft dass sie schwammen und sei ihr Wille so Da
wirkte dieser Strudel so auf ihn dass er unmerklich wurde wie die andern und ihm
das Leben leicht ward weil er keinen Willen mehr hatte und nicht mehr dachte
was morgen geschehen werde So geriet er schnell in Schulden und war ihm das
gar nicht wichtig denn er sah dass alle andern gleichfalls verschuldet waren
Aber wie er nun wegen der Bezahlung gedrängt wurde und sich an seinen Vater
erinnerte der bei Tische abmass wieviel Brot er abschneiden durfte damit der
Laib auch hinreichte und dann dachte er dass das gar nicht zu Erzählungen
passte welche die andern von ihren Eltern machten da wurde es ihm unmöglich
dass er fernerhin so war wie die andern Nun fand er indessen aber auch nichts in
sich selbst wie er handeln sollte und so geschah es dass er etwas ganz Neues
beging welches in dem gesamten Kreise noch nicht erhört war er hat nämlich das
Geld einem Kameraden gestohlen
    Wie er das getan hatte er keine Ruhe mehr sondern machte sich heimlich auf
und entfloh nach Holland weil er dort wollte sich anwerben lassen für das Heer
das auf Java unterhalten wird Es glückte ihm aber nicht gleich an die rechte
Stelle zu kommen und so hielt er sich eine kurze Zeit in Antwerpen auf und in
dem Wirtshaus wo er speiste ward er mit einem ganzen Kreise von Abenteurern
bekannt die alle ähnliche Pläne und Absichten hatten indem der eine in dieser
und der andere in jener Weise gescheitert war In dieser Gesellschaft kam einmal
die Rede darauf was ein jeder früher getrieben und so wurde auch dieser
Jüngling nach seiner Geschichte gefragt Da er nach seinem ganzen Aussehen
Manieren und Haltung sich als früherer Offizier erwies so mochte er nichts
Ausgesonnenes angeben wie viele von den andern getan hatten sondern erzählte
dass er ein Offizier gewesen sei und wegen eines Ehrenhandels den Dienst
verlassen habe nur nannte er ein andres Regiment Wie er den Namen genannt
hatte da stand ein Mann auf der rechts zur Seite gesessen und ihm immer am
wenigsten gefallen von allen er war ein großer Mensch von soldatischer Haltung
der einen starken Schnurrbart und gebräuntes Gesicht hatte und über dem einen
Auge eine schwarze Binde trug vielleicht weil er sich unkenntlich machen
wollte Der stand auf und rief jetzt erkenne er den Sprecher denn er habe in
demselben Regiment gestanden und sei sein Kamerad gewesen damit ging er
freundschaftlich auf ihn zu und drückte ihm mit großer Freude die Hand Der
Jüngling bekam einen heftigen Schrecken über diese Anrede aber der Fremde ließ
ihn nicht zu Worte kommen sondern fragte ihn nach allerhand Namen Personen und
Geschichten und erkundigte sich und beantwortete selbst seine Fragen da wurde
dem Jüngling klar dass der Fremde ebensowenig bei dem Regiment gestanden wie er
selber aber er hatte gemerkt dass seine Rede gelogen gewesen war und da war er
auf die Meinung gekommen dass er etwas auf dem Gewissen haben müsse was
verborgen bleiben solle und deshalb dürfe er ihn nicht Lügen strafen wenn er
selber sich auch auf das Regiment und alte Kameradschaft berief und dadurch vor
den andern die ihm misstrauten eine Art Beglaubigung beibrachte dass er
wirklich der sei für den er sich ausgab Und wie dem Jüngling das plötzlich
klar wurde da sah er des Fremden unverbundenes Auge mit einem ganz schlechten
und widerwärtigen Ausdruck auf sich ruhen und wie der wieder seine Hand fasste
unter allerhand Beteuerungen da war ihm nicht anders als wenn ihn jetzt der
Satan ganz gefangen habe und ihn nicht loslassen werde und so begann der Fremde
auch schon mit Vorschlägen dass sie wollten zusammenziehen und gemeinsame
Wirtschaft machen wegen der alten Kameradschaft
    Durch diese große Angst wurde die Reue in ihm lebendig und er ging in sich
und sah ein was er begangen hatte Darauf bedachte er sich dass er sein
Verbrechen sühnen müsse denn sonst konnte er sich nicht erretten aus der Hand
des Satans Da wurde ihm klar dass er allein keinen Ausweg finden konnte weil
er zu geringe Erfahrung hatte und noch ohne Umsicht war und fuhr deshalb zu
seinem Vater dem alles zu erzählen und um seinen Rat zu bitten wie er sühnen
solle er meinte aber das angemessenste sei dass er sich den Gerichten anzeige
und ins Zuchthaus ging
    Sein Vater war ganz alt geworden sein Haar war weiß geworden und er sagte
ihm dass er nicht als einzelner auf der Welt dastehe sondern er sei der letzte
eines ruhmreichen Geschlechtes das immer in Ehren gelebt Das sei nun schon ein
sehr schweres Angehen dass er nach solcher Tat das Geschlecht nicht fortsetzen
dürfe sondern es müsse mit ihm aussterben denn wenn ein Dieb Kinder kriege so
werden die noch schlechter wie der Vater und so müsste der Name ganz in Unehre
fallen wie so vielen alten und vornehmen Namen heute in unsern Tagen geschieht
Deshalb dürfe er aber auch das nicht tun dass er seine Tat anzeige und vor aller
Welt die Busse auf sich nehme denn wenn die Welt erfahre dass einer des Namens
gestohlen habe so sei es ganz umsonst dass die Vorfahren gelebt hätten und
hätten Ehre gehabt denn alsdann ziehe er alle mit sich in seinen Schmutz Darum
solle er eine heimliche Sühne auf sich nehmen die gab er ihm an und die war
schwerer wie der Richter sie ihm auferlegte hätte Denn fünf Jahre lang sollte
er in einem Kloster die niedrigsten Arbeiten tun und den andern aufwarten und
dazu musste er besondere Fasttage halten und hatte ein schlechteres Lager wie die
andern und musste sich mit einer festgesetzten Zahl von Geisselhieben kasteien
    Dieses alles erfüllte der Jüngling genau wie es ihm vorgeschrieben war und
nach einer Zeit wurde er ruhig in seiner Seele und kriegte eine neue
Freudigkeit So kam das Ende heran wo er das Kloster verlassen durfte aber da
hatte er Angst vor der Welt denn in der Welt hatte er Unrecht gehabt und
Missmutigkeit und er dachte er sei zu schwach um draußen zu leben deshalb
blieb er in dem Kloster und war immer ein zufriedener und heiterer Mensch
    Der andre Freund den Karl gewann war ein geborener Protestant ein
Engländer Der stammte von strengen und gläubigen Puritanern ab die sich alle
Lust verboten und nichts haben wollten im Leben wie Arbeit und Tugend und reich
geworden waren durch harte und kalte Tätigkeit Von Geburt an war er blass und
kränklich gewesen und hatte als Kind solche Augen gehabt die in den Himmel zu
weisen schienen und sich fortsehnten aus den großen und leeren Stuben seiner
Eltern in heitere und hohe Räume voller Luft und Licht
    Schon frühzeitig hatte er eine besondere Lust zum Zeichnen bewiesen und
nicht nur traf er immer mit großem Geschick die Ähnlichkeit die er wollte
sondern es war auch ein Reiz von Schönheit und Anmut in seinen kleinen Bildern
der aus den Beziehungen der Linien kam und der Verteilung des Schwarzen und
Weißen Seine Eltern aber verboten ihm diese Übungen wie sie seine heftige
Leidenschaft sahen und wollten ihn zu einem klugen und gebildeten Kaufmann
erziehen der Gewinn finden konnte deshalb betrieb er seine Künste im
Verborgenen unter häufigen Gewissensbissen aber zuzeiten wenn er es nicht
mehr ertragen konnte dass er sich Vorwürfe um seinen Ungehorsam machte erzählte
er seinem Vater von seiner Verfehlung und dann wurde er streng bestraft dann
nach einer Weile konnte er seiner Lust doch nicht weiter widerstehen und
verschafte sich auf eine neue Weise die Möglichkeit dass er sie befriedigte
und zeichnete was er mochte denn die vorige Weise die er seinem Vater
gestanden hatte war ihm unmöglich gemacht
    So wuchs er heran zum beginnenden Jünglingsalter da veränderte sich
plötzlich die Art seines Zeichnens und seiner Vorwürfe Denn vorher hatte er
Menschen die er kannte auf dem Papier abgerissen und sie verschönt so dass sie
einen himmlischen Ausdruck bekamen und edler schienen wie im Leben und am
liebsten hatte er ganz reine weibliche Gesichter gezeichnet auf denen Gedanken
zu lesen sein mochten wie sie ein Engel ihnen in seltenen Augenblicken ins Ohr
flüstert Nun aber wendete sich alles Himmlische ins Teuflische und in
demselben Gesichtsschnitt war statt Reinheit und Klarheit wüste Unreinheit und
gemeine Begierde und nicht auf einfach Sinnliches ging das sondern auf etwas
Schmerzensvolles und wider alle Natur Scheussliches Er selbst aber beharrte in
seinem bisherigen Leben und war fleißig in seiner Arbeit die ihm aufgezwungen
war durch die Eltern und keine Handlung beging er von unkeuscher oder unreiner
Art vielmehr war er vor Mädchen und Frauen von seltsamer Befangenheit und
Furcht und oft errötete er im Gespräch mit ihnen und schlug die Augen nieder
nur dass er seinem Vater nichts mehr gestand von seinen heimlichen Kunstübungen
und so verborgen trieb er die gelehrt durch die früheren Jahre und ihre
Heimlichkeit dass der Vater gar keinen Argwohn mehr hatte und ganz fest glaubte
sein Sohn habe das Zeichnen endlich aufgegeben Dass er aber seinem Vater nichts
mehr gestand war seit dem ersten Bilde in seiner neuen Art
    Nun trieb es ihn indessen immer weiter in seiner eingeschlagenen Richtung
und dachte sich aus dass er nackte weibliche Körper zeichnen wolle in
wunderlichen Bewegungen und sollte etwa eine solche Figur Handschuhe tragen
oder einen Schnürleib und strengte seine Gedanken ganz stark an dass er sich ein
solches Bild denken konnte indem er nachts heimlich in seiner Kammer sich nackt
auszog und vor dem kleinen Spiegel über dem Nachttisch seinen eigenen Körper
betrachtete der schmal war und ganz unreif und in einem japanischen
Bilderbuch welches er verborgen aufhob studierte er die nackten Frauenleiber
und auf der Straße achtete er auf die Frauen die ihm begegneten besonders wenn
etwas Wind war und ihr Körper sich durch die Gewänder beim Schreiten
abzeichnete und entkleidete sie in seiner Vorstellung dass sie nackt
dahergingen und in alledem war eine schmerzliche Sehnsucht und eine tiefe Lust
    Unter diesem Studieren und Arbeiten bekam er eine Sammlung von
Heiligengeschichten in die Hand die las er sehr eifrig und besonders die
Geschichten von den heiligen Frauen wie der heiligen Katarina von Siena und
der heiligen Rosa von Lima Denen ahmte er nach in den Kasteiungen und
beschafte sich eine Kette schlang sich die um den Leib und die Kette rieb ihn
blutig und drang ihm ins Fleisch aber die Schmerzen taten ihm wohl und damals
wäre er glücklich gewesen wenn es ihn nicht zu gleicher Zeit nach dem andern
gedrängt hätte so zeichnete er die heilige Rosa wie sie als ganz junges
Mädchen auf einer Wiese steht und von vielen Schmetterlingen umflattert wird
die in ihrer Heimat Peru wunderbare große Flügel und herrliche Farben haben und
ein ganz großer Falter hatte schwarze und weiße Flügel der setzte sich auf ihre
Schulter und das war eine Berufung für sie welchem Orden sie angehören sollte
Dieses Bild zeichnete er aber die heilige Rosa hatte er ganz nackt gemalt als
ein dürftiges weibliches Wesen mit langen Haaren die in sonderbaren
Schlangenlinien gingen und um ihren Mund spielte es wie eine schmerzliche
Wollust und zugleich eine Unfähigkeit zur Lust Solche Bilder aber musste er
immer zeichnen und seine seelische Unkeuschheit wurde immer stärker
    Am Ende wurde er sehr leidend und wie ihn die Ärzte untersucht hatten
sagten sie dass seine Lungen erkrankt seien und er müsse nach dem Süden gebracht
werden Da ließ ihn sein Vater gen Italien reisen und wie er eine Weile an der
Riviera gelebt hatte und gesünder geworden war erfuhr er dass sein Vater
plötzlich gestorben sei Da machte er sich gleich auf und ging zu dem Kloster
und lebte dort eine Weile bis er es endlich erlangte dass er in die Zahl der
Mönche aufgenommen wurde
    Außer diesen zwei Männern waren in dem Kloster nur Brüder die keinerlei
Geschichte gehabt hatten Ein ruhiges und fröhliches Leben führten sie unter
allerhand sonderbaren Sachen da hatten sie ein Schränkchen das war ganz mit
Ruinenmarmor ausgelegt und eine Sammlung von Stücken aller Holzarten besaßen
sie die geschnitten und behobelt waren wie Bücher auch ein Stück Zedernholz
vom Libanon war darunter eine besondere Kostbarkeit schien aber ein Bildnis der
Muttergottes das aus bunten Vogelfedern hergestellt war und ein Kirschkern
auf dem ein Bruder die ganze Leidensgeschichte geschrieben hatte dass man sie
mit der Lupe lesen musste und fehlte kein Buchstabe
    Sehr selten geschah es dass Fremde das Kloster besuchten die alte
Wandbilder aus Giottos Schule betrachten wollten dann sprachen die Brüder bei
Tische viel darüber aus welchem Lande die Reisenden wohl stammen mochten und ob
sie Protestanten waren oder Katholiken wunderten sich auch dass sie so wenig
Freude an dem Kirschkern und dem Muttergottesbild zu haben schienen Zuweilen
wurde dann wohl darüber gestritten ob die Protestanten bald zur Kirche
zurückkehren würden oder noch lange in ihrer Verstockteit beharren
    So lebte Karl und von seiner früheren Welt erfuhr er fast nie mehr etwas
nur einmal kam zu ihm eine Nachricht über seine geschiedene Frau Johanna hatte
nach der Trennung ihren Kreis von alten Freunden beibehalten und auch durch neue
vermehrt und hatte ein Ansehen in ihrer Gesellschaft dass viele auf ihre
Meinung hörten und sie selbst hochhielten als eine Vorkämpferin und Befreierin
Alle in diesem Kreise lobten unsre heutigen Zustände und sagten dass in unsern
Tagen zum ersten Male das Individuum die Möglichkeit gänzlicher Freiheit
erhalten habe denn indem die Gesellschaft nicht mehr die volle Person in
Anspruch nehme sondern nur Betätigungen der Person verlange so könne sich
jeder zu dem entwickeln was er werden wolle und unterliege keinem äußeren
Zwange und so dachten sie dass aus jedem von ihnen ein Eigner und Besondrer
werden müsse Indem Johanna in diesen Anschauungen beharrte schloss sie einen
Liebesbund mit einem jungen Mann aus ihrer Gesellschaft und lebte mit ihm und
nach einiger Zeit sagten die beiden einander dass ihre Liebe erloschen sei und
dass sie unsittlich handeln würden wenn sie nun noch länger zusammenlebten und
so gingen sie in Freundschaft voneinander Dann folgte eine neue Liebe und in
solcher Weise führte sie ihr Leben
    Es geschah aber dass sie sich in diesen Umständen in Hoffnung fühlte und
hatte ein Kind Da sagte der Vater zu ihr dass sie nun sich gesetzlich heiraten
müssten weil die heutige Welt obschon sie im Grunde wohl ganz neu sei doch
noch die alten Formen bewahrt habe und deshalb sei in ihr kein Ort für eine
solche Gruppe wie er sie und das Kind wenn sie keine Ehe nach der
gebräuchlichen Form bildeten Sie antwortete ihm jedoch dass sie ihre Freiheit
bewahren wolle und keinem Zwange unterliegen und wolle ihr Kind auch allein
aufziehen und so tat sie auch lebte für sich und besorgte das Kind indem sie
allen erzählte dass sie eine geschiedene Frau sei und das Kind habe sie von
einem Freund sie wurde aber sehr stolz und froh wie sie verspürte dass sie von
vielen deswegen übel angesehen wurde und meinte dass alle Erlöser der Menschen
beständigen Undank geerntet hätten bis man später erst ihre Tat richtig
erkannt Dann begann sie und beschrieb ihr Leben von Kindheit an und sagte dass
sie genau alles erzählen wolle wie es in Wahrheit gewesen sei und nichts wolle
sie verschleiern und dieses Buch dachte sie dann herauszugeben damit jeder es
lesen könne
Die Komtesse Maria bewohnte ein kleines Stübchen das auf einen stillen Hof
hinausging mit Möbeln welche der Vermieterin gehörten und hatten wohl deren
gute Stube geschmückt als der Mann noch lebte Das Mahagoni das die über ein
Menschenalter gepflegt war von einer gewissen Traulichkeit und die Komtesse
hatte durch allerhand kleines Wesen das Behagliche noch erhöht so empfing eine
gewisse Wärme des Frauenhaften Hansen beim Eintritt und erzeugte in ihm eine
freundliche und friedliche Stimmung
    Es war einen Augenblick lang wie sie aus der Kanne in seine Tasse goss sie
hatte eine nicht allzugrosse Figur und in ihrer Bewegung war etwas
Hausmütterliches er stand aufrecht da und schien groß und energisch einen
Augenblick lang hatten sie beide ein Gefühl wie es wäre wenn sie einander
angehörten als Mann und Weib und dieses wäre ihr Heim das die Frau freundlich
und friedlich machte damit der Mann Ruhe fände und der Mann erhielte es und
die Frau hätte bei ihm Sicherheit Aber schnell verschwand das Gefühl durch
Demut und Stolz denn sie meinten jeder der andere sei höheren Glückes wert
und er wolle nicht unbescheiden sein
    Dann erzählten sie sich Zuerst war das Gespräch recht zaghaft denn als
Menschen die viel für sich gelebt verstanden sie nicht die Kunst der leeren
Worte und scheuten sich formelhafte Reden zu gebrauchen bei denen sie nichts
empfanden aber bald wurden sie recht eifrig denn sie waren auf etwas gestoßen
dafür sie beide Wärme hatten nämlich auf gelesene Bücher
    Da ereignete sich etwas Wunderbares Sie sprachen von diesem Buch und jenem
und beide hatten dieselben Bücher gelesen und waren auf die gleichen Fragen
gekommen und hatten die gleichen Gedanken gehabt Sie vertieften sich ganz im
Zeigen und Wiedererkennen und vergaßen sich und im Eifer geschah es Hans dass
er zu der Gräfin sagte »Du« worüber sie rot wurde er aber merkte nichts Und
dann wieder kam ihnen das Märchenhafte zum Bewusstsein dass sie sich gesehen
hatten als kleine Kinder vor vielen Jahren und jetzt waren sie beide erwachsene
Menschen und in der Zwischenzeit hatten sie ihre Köpfe über dieselben Schriften
gebeugt hatten dieselben Lehren ihren Geist erschüttert dieselben Fragen sie
umhergetrieben und hatte doch keiner vom andern gewusst als dass sie einmal
zusammen gespielt im Heu und im alten kleinen Forstause im Walde Und jedem war
gewesen lange Jahre hindurch als sei er allein in der Welt und die Menschen
waren ihm nur Schatten und Geräusche und lebten nicht und nun zeigte es sich
dass es noch einen Menschen gab der alle diese Gedanken und Gefühle gehabt
hatte und plötzlich war es jedem als sei die Welt nun lebendig geworden aus
einem Zauber und alle Menschen hätten Seelen bekommen Hans hatte wohl viele
Menschen getroffen die ähnlich sprachen und dachten und ähnliches studiert
hatten wie er aber die waren ihm doch tot gewesen das wusste er jetzt Denn was
das Lebendige zwischen ihnen schuf das merkten sie beide nicht in
Harmlosigkeit nämlich es kam zu den gleichen Meinungen und den gleichen
Büchern dass er ein Jüngling war und sie eine Jungfrau und dass sie an seiner
Brust liegen konnte und er sie umschlungen halten konnte Das war ein Glück in
ihnen das sie noch nie gespürt Sie überhasteten sich in ihren Reden fragten
und erwarteten keine Antwort machten Pläne nahmen sich Vorsätze vor und
lachten ohne dass sie einen rechten Grund hatten
    Noch vor einer Stunde waren sie einander fast fremd gewesen und nun schien
es ihnen als ob sie zueinander gehörten so hatten sie ohne Scheu ihre
natürlichen Bewegungen und Maria legte ihre Füße auf einen kleinen Schemel wie
sie gewohnt war ohne daran zu denken dass sie einen fremden Herrn zum Besuch
hatte nicht einen Bruder oder Gatten plötzlich fiel ihr die Unschicklichkeit
auf und sie errötete Wie ein kleines Mädchen errötete sie und so glücklich
sah sie aus wie ein kleines Mädchen in ihrer Schwesterntracht und
glattgestrichenem Haare Durch ihre Bewegung wurde er aufgeschreckt sah nach
seiner Uhr und fand mit großer Bestürzung dass er ganz unschicklich lange
geblieben war so stand er hastig auf und mit einer gewissen Befangenheit
trennten sich die beiden
    Als Hans sie das zweite Mal besuchte waren sie verlegen und kalt und in
ihre Worte wollte keine Wärme kommen und was sie sagten sagten sie nicht aus
Liebe und Überfluss sondern um ein schleppendes Gespräch zu erhalten und weil
alles was vorher so rosig erschien jetzt grau war so prüften sie nach bei
sich und fanden dass sie eine eigentliche Belehrung doch das vorige Mal nicht
voneinander empfangen hatten und dass sie ein jeder das schon gewusst was
besprochen war aber weder er noch sie warfen die Schuld davon auf den andern
sondern meinten jeder der Grund liege bei ihnen selbst so trennten sie sich
sehr früh
    Nachher machten sie sich schwere Gedanken wussten sich nicht zu erklären
woher die Kälte und Verlegenheit gekommen und meinten jeder er selbst sei
schuld daran indem er das erste Mal aufdringlich gewesen sei Denn schon hatte
in der Zwischenzeit die Liebe ihre seltsame Arbeit in ihren Seelen ausgeübt
nämlich den Geliebten verschönt und erhöht und so geschmückt dass er ein ganz
andres Wesen wurde aus einem kleinen Menschenkinde mit seiner Angst und
Verlegenheit ein zürnender Engel der unnahbar ist durch seinen Glanz und Größe
Und so sagte Hans bei sich dass er von niederem Herkommen war und später selten
vornehme Leute getroffen denn die meisten Bekannten und Gleichstrebenden waren
ähnlicher Abkunft wie er deshalb wusste er manches nicht was schicklich war
etwa ob man die Beine übereinanderschlagen durfte denn in einem Buche über den
seinen Anstand das er durchstudiert war das verboten und vielleicht habe er
die Komtesse durch solche Nachlässigkeit beleidigt und sie denke etwa nicht
wie man sie erklären müsse bei ihm sondern meine weil sie Krankenpflegerin
geworden sei und ihren Stand verlassen habe so glaube er dass man in solchen
Dingen ihr gegenüber nicht so sorgfältig zu sein brauche und solche Ansicht
müsse sie natürlich kränken Und Maria dachte dass Hans schnell alles spürte
was unsittlich oder unschicklich sein mochte denn sie kannte auch seinen Vater
gut und sah ihn in ihrem Geiste neben ihrem Vater hergehen da schien ihr dass
sie nicht weiblich gewesen sei und er könne meinen sie sei nicht
zurückhaltend und sie fürchtete er halte sie für schamlos
    Zu diesen Sorgen kamen noch kleine Missverständnisse und allerhand solche
Vorfälle die bei Liebenden eintreffen so lebten beide recht unglücklich wie
es ja gewöhnlich ist auch bei klugen und guten Menschen in den ersten
Liebeszeiten denn alles ist da noch trübe unbekannt und unausgesprochen und
erst wenn das klar und geordnet ist und eine ebene Straße sich unter den Füßen
hinzieht kann ruhiges Glück hereinfliessen Aber je selbständiger zwei Menschen
sind desto schwerer ist offenbar ein solches Ziel zu erreichen
    Unter solchen allgemeinen Umständen hatten sie an einem Frühlingstage einen
Ausflug gemacht an einen abseits von der begangenen Straße gelegenen Ort wo ein
See lag inmitten des eintönigen Kiefernwaldes der aus dem dürftigen Boden mit
Anstrengung hervorwächst und in dem ruhigen Wasser spiegeln sich die Kiefern
wider und der blasse Frühlingshimmel mit weißen Wölkchen Unter einer Birke
saßen sie die am Waldrande allein stand und sich an den hängenden Zweigen mit
ihren jungen Blättchen schmückte und wie sich Maria neigte da wuchsen
Leberblümchen wie zu Hause in dem hohen Buchenwalde da pflückte sie drei
Blümchen ab und Heimweh ergriff ihr Herz und um ihr Gefühl zu verbergen tat
sie behutsam die Blumen an ihre Brust dabei hatten sie ein Gespräch über etwas
andres aber auch ihm war das Heimweh gekommen und hinter ihren gleichgültigen
Worten teilte sich die Herzensbewegung des einen dem andern mit Hierüber
entstand eine Pause voll Befangenheit die süß und sehnsuchtsvoll war und wie
sie so schwiegen kam ein ganz kleiner Schmetterling der den Winter überlebt
hatte denn er hatte recht abgenützte Flügel und jetzt hatte ihn die liebe
Sonne gelockt aus seinem Versteck der suchte nach Blumen und es fror ihn und
in ungeschicktem Fluge kam er zu Marias Brust setzte sich auf ein Blümchen und
schlug freudig und zufrieden seine Flügel zusammen wie er früher getan hatte in
dem warmen Sommer des vorigen Jahres Sie sah mit glücklichem Gesicht auf das
Tierlein nieder und hielt sich ganz still und durch einen Blick wie ihn ein
Kind haben mag rief sie ihm dass er auch sehen solle Er neigte sich zu ihr
über die Blümchen mit dem Schmetterling und sein Gesicht kam vor das ihre und
beide verspürten eine Scheu und ein Klopfen des Herzens da fasste Hans sich Mut
und sah zur Seite und sah dass ihre Wangen rot waren und in ihren Augen Tränen
standen und hierüber geschah ihm dass er handelte ohne sich zu besinnen oder
zu überlegen er legte seinen Arm um sie und küsste sie und zwar verfehlte er
ihren Mund aber er verspürte doch wie sie den Kuss erwiderte und sah wie ihre
Augen sich schlossen Da tat sich ihm weit weit das Herz auf und ihm schossen
die Tränen in die Augen und er warf das Gesicht in ihren Schoss und weinte
weinte der Schmetterling war davongeflogen und Maria strich ihm sein Haar
leise mit ihren weichen Händen und einmal sagte sie »Du Lieber« mit
Anstrengung sagte sie das
    Und wie sein Haupt in ihrem Schoße lag und seine Augen weinten und sie
streichelte ihm das Haar das hell war und starr und eine kleine Meise hüpfte
über ihnen in dem durchsichtigen Geäst der frühlingsgeschmückten Birke da
kehrte ein in ihnen Zuversicht und Sicherheit und sie wussten dass sie neu
geboren waren wie in einem Stübchen bei ihren Eltern und dass es nicht mehr Not
Sorgen und quälende Gedanken gab und alles war einfach und selbstverständlich
und ihre Gedanken waren als gehörten sie schon lange zusammen seit vielen
vielen Jahren und vor undenklichen Zeiten sei etwas Unruhiges und Einsames
gewesen und alles war eins bei ihnen wie es natürlich ist bei einem alten
Ehepaar Lange verharrten sie so und es war als ob alles Glück nach dem sie
sich vergeblich gesehnt so lange Jahre jedes allein für sich als ob das
aufgesammelt gewesen sei und nun auf sie herniederregnete in diesen Minuten
unter dem durchsichtigen Birkengeäst und alles war ihnen gleichgültig ja sie
dachten an nichts und hatten nicht gewusst ob es Minuten waren oder Stunden als
ihm die Tränen des Glückes aus den Augen flossen unaufhaltsam aus der Tiefe
seines Herzens in dem das Glück saß und sie streichelte sein Haar das sie
lieb hatte und vielleicht waren es sogar nur Sekunden gewesen dass sie so
gesessen
    Sie besannen sich auch sahen sich ins Gesicht und lachten ganz ohne Grund
lachten sie Hansens Backen waren noch nass von Tränen Plötzlich errötete sie
ein ganz neuer lieblicher Ausdruck zog sich über ihr Gesicht und sie errötete
bis an die Haarwurzeln und an den Seiten bis zum Ohransatz und legte die Hand
vor das Gesicht und sagte »Ach ich schäme mich« Da war er ganz ratlos und es
war ihm als habe er unrecht gehandelt dass er sie geküsst aber sie legte
plötzlich ihre Hände um seinen Hals und drückte ihm einen Kuss auf die Lippen
einen frohen und innigen Dann strich sie ihm das Haar aus dem Gesicht und
sagte »Ich habe noch keinen Menschen lieb gehabt wie dich« Hierüber wurde er
wieder verlegen und lachte
    Bald erhoben sie sich und gingen zuerst schritten sie ganz ohne Gedanken
dann besannen sie sich dass sie zur Bahnstation gehen mussten suchten den Weg
auf und gingen dann wieder in der vorigen Weise Plötzlich fiel es Hans ein dass
er Maria den Arm geben wollte das tat er aber ganz ungeschickt und darüber
lachte Maria als wäre das etwas sehr Komisches und Hans lachte auch Darauf
trieben sie ganz kindische Scherze liefen eine ganze Weile mit untergefasstem
Arm und lachten wieder bis Maria die Tränen kamen das waren zwei runde Perlen
die nicht zerliefen sondern rund blieben Über diese freute er sich so dass er
sie küsste
    Eine Weile gingen sie dann wieder in Gedanken und still Da fing Hans
plötzlich an dass er sich besonders darauf freue wenn sie viele Kinder bekämen
Hierüber wurde sie wieder rot er aber merkte nichts und fuhr fort in der
Ausmalung seines Traumes wie er dem ältesten Jungen ein Steckenpferd kaufen
wollte und dem kleinen Mädchen ein Korallenhalsband und abends wollten sie mit
den Kindern in der dämmrigen Stube sitzen und schöne Lieder singen und Maria
musste auf dem Klavier begleiten Auch von der Erziehung sprach er dass man
hauptsächlich fest sein müsse und die Kinder nicht verwöhnen dürfe denn selbst
Härte sei besser wie übermäßige Weichheit Und allmählich fiel auch Maria ein
und so begannen die beiden fröhlich ihre Luftschlösser zu bauen Es zeigte sich
aber dass Hans ganz bestimmte Ansichten und Pläne hatte in allen diesen Dingen
über welche sich Maria sehr verwunderte und wiewohl vieles von diesen Ansichten
und Plänen ihren Wünschen nicht entsprach so empfand sie doch keinen Ärger wie
er so bestimmt war und ganz einfach annahm dass sie dasselbe wollen müsse wie
er aber sonst war sie immer gleich erbittert gewesen wenn sie gespürt hatte
jemand wolle dass sie etwas tue was ihr nicht einleuchtete So dachte sie
jetzt er sei wohl etwas tyrannisch aber sie freute sich heimlich darüber und
war gar nicht traurig hatte auch gar keine Lust dass sie sich ihre andre
Meinung klar machte sondern dachte nur bei sich ach es wird schon schön und
recht sein wie er es meint und er meinte doch viel Törichtes Plötzlich aber
bemerkte sie dass sie selbst sich vorstelle wie sie ihre Kinder kleiden wollte
und indem sie gar nicht daran dachte dass die zuerst ganz klein waren malte sie
sich einen recht schönen Matrosenanzug aus für den Jungen und stellte sich einen
Florentiner Strohhut vor für das Mädchen
    So gingen sie auf dem schmalen Weg durch den Wald Und durch den Wald zog
der Atem des Frühlings herb und streng die Kiefern reckten sich und hielten
sich in Bereitschaft ihre Kerzen aufzustecken ein Kreuzschnabel saß auf einem
Zweige und sah ruhig das Paar an das ist ein Vogel der auf Gott vertraut denn
er baut sein Nest mitten im Schnee wenn die andern Tiere allen Glauben verloren
haben und im Frühjahr sind seine Jungen schon fast erzogen
    Das Stationsgebäude war ein Haus wie alle diese Häuser und Menschen
warteten da die sahen gleichgültig und mürrisch aus wie sie immer aussehen
Aber der beiden Glück machte das dürftige Haus schimmernd und den glänzenden
Schienenstrang glückverheissend der sich gerade hinauszog weit fort wer weiß
wohin und alle Menschen die da warteten und an den Zug dachten und an ihre
kleinen Sorgen und Geschäfte wurden froh und glücklich Die beiden aber
dachten dass das Leben leicht ist und wunderten sich dass sie nicht schon
längst das gewusst hatten Und am merkwürdigsten war dass alle Menschen ihnen mit
Liebe Freundlichkeit und Schonung zu nahen schienen und es zeigte sich dass
alle Menschen gut sind Für den nächsten Tag hatten sie verabredet dass sie sich
im Tiergarten treffen wollten denn sie mussten einander viel sagen und vorher
wollten sie manches bedenken weil es doch überraschend gekommen war wie sie
sich gefunden hatten Hans war zuerst an der Stelle dann kam Maria die hatte
ein ernstes und ermüdetes Gesicht und begrüßte ihn liebevoll aber mit
sonderbarer Zurückhaltung und gab ihm einen Brief in die Hand und sprach
während er lese wolle sie sich auf eine Bank setzen In dem sehr langen Briefe
stand geschrieben dass sie viel mit sich gekämpft aber sie sei nun zu dem
Entschluss gekommen dass sie einander nicht angehören dürften denn gestern habe
sie sich durch ihre Gefühle die sie nicht leugnen wolle zu einer Übereilung
hinreißen lassen ihr Grund aber sei dass sie sich zu selbständig fühle um
glauben zu können dass sie eine gute Gattin sein werde Dann erzählte sie wie
sie ihre Jugendzeit zu Hause verbracht habe in den großen Sälen und habe keinen
Menschen gekannt denn mit den Offizieren und Gutsbesitzern die in ihrem
Elternhause verkehrt habe sie nichts zu sprechen gefunden außer ganz
gleichgültige Dinge und wie durch die Luft sei es angeflogen dass sie ganz
andere Meinungen bekommen wie alle Leute die sie kannte denn sie könne sich
nicht entsinnen dass jemand ihr etwas erzählt über solche Gedanken Deshalb habe
sie auch immer gedacht ihre Gedanken und Pläne seien unrecht weil sie niemand
gekannt der sie geteilt denn erst in ihrem neuen Kreise später habe sie die
Menschen getroffen die ebenso dachten wie sie Das erzählte sie ihm damit er
sehe wie ihre Gesinnungen nicht zufälliger Art seien und sich ändern könnten
sondern sie seien aus ihrem Wesen mit Notwendigkeit entstanden und deshalb
könne sie nicht anders werden wie sie jetzt sei Dann fuhr sie fort ihm zu
schildern welche große Anstrengung es sie gekostet bis sie alle Hindernisse
und Vorurteile der Familie überwunden und habe sich in Freiheit bilden dürfen
wenn sie jetzt an diese Zeiten zurückdenke so begreife sie oftmals nicht mehr
wie das alles möglich gewesen sei Und nun könne sie das alles nicht mehr opfern
und sich einem andern fügen eine Hausfrau werden und an ganz neue Dinge denken
und wenn sie es doch versuchen wollte so würde sie selbst unglücklich werden
und ihn unglücklich machen denn der Versuch werde gegen ihre Natur gehen Darum
sei es das beste er lasse sie und sie trennten sich jetzt was zwar ihnen
beiden schwer fallen werde aber da sie nun einmal in solchen unglücklichen
Zwiespalt hineingeraten dass sie einander lieb gewonnen hätten und doch nicht
als Gatten zusammenleben könnten so sei es besser jetzt Kummer zu leiden und
wenn es möglich ihre Neigung zu überwinden und dann später in der früheren Art
weiter zu leben wie eine Ehe zu führen die sicher unglücklich werden müsse und
vielleicht ihre gegenwärtige Liebe in Hass verwandeln werde
    Mit großer Trauer las Hans diesen Brief und wie er ihn zu Ende gelesen sah
er in Marias Gesicht das mit einem Ausdruck von unendlicher Liebe zu ihm
gewendet war da lachte er und sie hängte sich an seinen Arm und fragte
schüchtern was er nun denke und wie er sagte es werde alles gut werden und
sie wollten sich trotzdem ehelichen da drückte sie seine Hand und war
glücklich In diesem Augenblicke wurde ihm in seiner ganzen Weise offenkundig
was sie zum Opfer brachte nämlich die Freiheit und das Glück eines Blickes von
hohen Bergen und dass sie in Enge ging und kleine Sorgen auf sich nahm und das
tat sie weil sie ihn lieb hatte nicht für sich sondern für ihn Und er wusste
wohl dass er dieser Liebe unwert war und ihr nicht ein gleiches Opfer bringen
konnte und in Demut sagte er sich das alles Herrliche das wir erhalten ein
unverdientes Geschenk ist und in Dankbarkeit nahm er sich vor immer an diese
Stunde zu denken Er freute sich aber dass er nehmen durfte und dankbar sein
und schämte sich nicht dass seine Hände leer waren Solches sind die Werke der
Liebe in uns dass sie unsre schlechteste Eigenschaft überwindet nämlich den
Dünkel der nichts umsonst empfangen will
    Nachdem die beiden dergestalt zu einem unumstösslichen Entschluss gekommen
waren beredeten sie untereinander wie sie ihr äußeres Leben bilden würden Wie
die beiden Brüder und die Eltern gestorben war Maria die Erbin aller
Besitzungen der Familie Solange sie für sich allein lebte blieb ihr das
gleichgültig und sie hatte die Verwaltung einem Verwandten übergeben denn sie
war zufrieden dass sie ihren Beruf hatte und ihre Pflicht erfüllen konnte Nun
aber wurde das anders denn eine Familie will mehr Pflichten wie der einzelne
Hansens Tätigkeit war nicht derart dass sie ihn selbst auf die Dauer befriedigt
hätte geschweige dass er auf sie hin hätte mögen mit seiner Familie leben So
beschlossen die beiden dass Hans die Verwaltung der Herrschaft übernehmen
sollte und wussten wohl wie verschuldet der gesamte Besitz war so dass er
zurzeit im ganzen sogar eine passive Bilanz aufwies aber freuten sich dass sie
dadurch ein Ziel für frohe Arbeit bekamen denn sie glaubten dass wir nur
glücklich sein können in einer angestrengten Arbeit die einen Erfolg hat Und
nachdem sie dergestalt sich über den Plan und die Absichten klar geworden waren
setzten sie schleunigst alles Nötige ins Werk benachrichtigten die entfernten
Verwandten Marias die zwar den Kopf recht schüttelten aber doch keine
Schwierigkeiten machen konnten vielmehr recht gütig bei manchem halfen und
dann wurde die Hochzeit bald gefeiert
    So nahmen sie denn die schwere Last fröhlich und guten Mutes auf sich zogen
in ein kleines Häuschen das früher eine Beamtenwohnung gewesen war und
richteten sich ganz einfach ein Wohl hatten sie einen Besitz der auch nach
Abzug der Schulden noch Millionen wert war und doch lebten sie bescheiden aber
sie waren stolz und froh dass sie Sparen und Haushalten Arbeiten und Sorgen vor
sich hatten dessen Ende doch Sicherheit und ordentliches Leben für ihre Kinder
wurde denn wenn der Besitz auch groß und wertvoll war so blieb ihr Einkommen
doch gering und konnte nur durch langsames Abtragen der Schulden wieder groß
werden
    Am frühen Morgen ging Hans schon in den Wald und am späten Abend kehrte er
nach Hause Ein unbändiges Frohgefühl überkam ihn wenn er zwischen den
schweigenden Stämmen wanderte das alles gehörte ihm diese gewaltigen Buchen
deren Zweige hoch oben sich wölbten und die kleinen Bäumchen in der Schonung
gehörten ihm wo ein Strohwisch an einer Stange hing und das trockne Laub
gehörte ihm und die kleinen weißen Blümchen und die flinke Eidechse und der
Vogel auf dem Zweige die waren in seinem Walde den er einst seinen Kindern
vererbte Ihm wuchsen die kleinen einjährigen Pflanzen aus dem Samen die
dereinst über seines Enkels Haupte mächtig rauschen sollten für ihn saugten die
Blätter Sonnenschein ein Luft und Regen Deshalb forstete er auch nicht mit
Kiefern auf wo Buchen abgetrieben waren denn er wollte dass wieder Buchen
wuchsen wo Buchen gestanden hatten wenn er alte Bäume musste schlagen lassen
so war es ihm als müsse ihm das Herz bluten und nur weil er doch Einnahmen
wegen der Zinsen nötig brauchte ließ er abtreiben dann schlief er nachts
nicht ging aus Fenster und sah im Mondschein seufzend über den stillen Wald
hin mit Freuden aber ließ er jungen Bestand ausholzen wo Licht und Luft
geschaffen werden mussten für die Bäumchen Abends erzählte er wie er dies
machen wolle und das wie an kahlen Hängen angepflanzt werden sollte wenn er
erst mehr Geld habe wie in den Bruch Erlenbestand kommen müsse und wie ein
vernachlässigtes großes Gebiet am besten neu bepflanzt werde
    Seine schlimmste Sorge war dass die Haupteinnahme aus einem unsicheren
Bergwerksertrage floss und häufig überlegte er was zu beginnen sei wenn dieser
Ertrag einmal im Jahre geringer ausfalle Wohl sagte er sich dann heimlich es
sei leichtfertig von ihm gewesen dass er nicht bei der Übernahme mehr von dem
Besitz verkauft damit er das übrige desto sicherer halten konnte aber was er
sich auch überlegte nichts von dem was er besaß wollte er hingeben ja die
beiden Güter die er damals fortgegeben und die nun unter einem tüchtigen und
wohlhabenden Besitzer schnell gediehen reuten ihn oft und gab ihm einen Stich
wenn er in die Nähe ihrer Felder kam und dachte dass ihm die auch gehört hatten
Deshalb wusste er keinen anderen Ausweg als dass er immer sparsamer zu
wirtschaften suchte immer eifriger und umsichtiger alles beaufsichtigte Seine
Figur änderte sich er wurde hager und vornübergeneigt und seine Nase stand mit
einem scharfen Haken aus dem Gesicht und sein Gang wurde schnell und weit
ausschreitend So vergingen Wochen Monate und Jahre im Rechnen und Arbeiten
aber Rechnen und Arbeiten füllten das Leben der beiden nicht aus Denn zu seiner
Zeit bekamen sie ein schönes und gesundes Kind ein Knäblein dem folgten noch
andre Kinder bis zu der Zahl von fünf Für diese alle musste die Mutter sorgen
ohne große Hilfe das tat sie heiteren Gemütes und singend und die Kinder
wuchsen heran in Schnelligkeit und wenn der Vater des Abends nach Hause kam so
umringten sie ihn klammerten sich an seinen Beinen an und wollten an ihm
hochklettern und Maria begrüßte ihn mit lachenden Augen Sie war immer froh
auch ohne einen bestimmten Grund und hatte Beruhigung im Herzen und sichere
Gedanken Und auch Hans war beständig froh und sicher trotzdem er sich viele
Sorge machen musste um Geld und pünktliches Zusammentreffen von Einnahmen und
Ausgaben was für einen Mann sehr schwer ist der keine Begabung für
Geldgeschäfte hat bei seinen großen Rechnungen half ihm auch Maria denn er
verzählte und verrechnete sich häufig und geriet dann in große Ängste
    Was aber ganz besonders merkwürdig schien das war dass er sich gar nicht
mehr Gedanken machte über abstrakte Dinge und Fragen denn ihm war als sei
alles Grübeln plötzlich abgeschnitten und habe gar keinen Liebreiz mehr und
hätte er sich früher so gekannt so hätte er sicher geurteilt er sei beschränkt
geworden und doch war es ihm jetzt wenn er an sein früheres Wesen dachte als
sei er damals töricht und kindisch gewesen Und ebenso war es Maria dass alle
ihre Mühe und Arbeit die sie sich früher gemacht ihr kindisch vorkam und wenn
es auch gering war zu bedenken was ein Kind anziehen sollte und was ein andres
essen durfte und ob an einem Bach Weiden gepflanzt werden sollten für die
späteren Korbflechtarbeiten wenn die Äpfel aus einer neuen Anpflanzung erst
versendet wurden so schien beiden das doch heute viel wichtiger wie solche
Fragen nach Freiheit und Verantwortlichkeit und ähnlichem die sie früher
bedacht Und als sie einmal an einem glücklichen Nachmittag am Sonntag zusammen
im Garten saßen und von weitem die jubelnden Kinder hörten und sich über die
Wandlung wunderten kam ihnen eine Zusammenfassung oder Erklärung dieser
Erscheinung Es geschah das aber indem sie ein Schwalbenpärchen sahen die Lehm
zusammentrugen zu einem Neste für sich und ihre Kinder
    Da sagten sie Wie die Vöglein so leben auch die Menschen wachsen freien
sich kriegen Kinder ziehen sie groß und dann sterben sie und ihre Kinder tun
desgleichen und so ist die Erde bevölkert mit lebenden Wesen auf welche die
Sonne scheint Und jedesmal wenn Kinder heranwachsen denken sie das ist etwas
ungemein Merkwürdiges dass wir auf der Welt sind und es gibt nichts
Merkwürdigeres und mit uns wird alles neu und vor uns ist nichts gewesen nach
uns aber wird alles das sein was wir einmal Großes und Wichtiges schaffen
werden In Wahrheit aber erschaffen sie genau so Großes und Wichtiges wie die
Menschen vor ihnen geschaffen haben das sie gar nicht beachten Und in solcher
Gesinnung kommen sie auch zu weiterer Überhebung dass sie in sich hineinsehen
wollen und wollen wissen wie in ihnen alles zusammenhängt und woher es kommt
dass ihnen die Welt so erscheint wie sie ihnen wirklich erscheint und dann
denken sie dass sie das alles ändern können nach ihrem Wohlgefallen und können
bauen was sie wollen und einreissen was sie wollen
    Wenn es nun Gott gut meint mit solchen besonders hoffärtigen Menschen so
setzt er sie mitten in eine einfache und vernünftige Aufgabe und da sehen sie
dass einer mit dem andern zusammenhängt und dass die Menschen so leben wie es
ihnen vorgeschrieben ist und solche Gedanken haben wie Gott will dass sie
Gedanken haben ebenso wie diese Schwälblein vielleicht denken wunder welch ein
Werk sie verrichten und wie merkwürdig es ist dass sie Mann und Frau sind und
wie wunderbar einst ihre Eier sein werden und wie eigen ihr Nest und setzen
doch bloß Dreck zusammen wie alle Schwalben vor ihnen und nach ihnen und haben
Eier und brüten nach aller Schwalben Sitte weil so das Geschlecht der Schwalben
sich erhält auf der Erde das Fliegen und Mücken fängt und zum Herbst fortzieht
und im Frühjahr wiederkehrt Solche aber die zerfahren sind aus Hochmut finden
keine einfache und vernünftige Aufgabe sondern tun irgend eine widerwärtige
Tätigkeit damit sie ihr Brot verdienen und wenn sie ihr Tagewerk vollbracht
haben so brüten sie weiter und haben dumme Gedanken über ihre Wichtigkeit und
werden immer zerfahrener Inzwischen geht das Leben vor ihrem Fenster vorbei wie
ein schönes Mädchen und sie merken es nicht denn sie wissen nicht dass sie dem
Mädchen nachgehen sollten sie zur Frau begehren und mit ihr leben in Freude und
ohne überflüssige Gedanken Und nachdem sie immer zerfahrener geworden sind
beginnen sie auch immer dümmer zu werden und zuletzt enden sie in leerem und
einfältigem Geschwätz
    In Wahrheit können wir doch nichts wissen als dass wir hier auf dieser
schönen Erde wandeln und brave Menschen sein sollen und uns freuen Dann werden
wir älter in Heiterkeit und Glück und endlich sterben wir und im Gedächtnis
der Menschen leben wir eine Weile noch als verständige Leute oder als
unverständige
    Als sie solche Gedanken hatten blickten sie nach der Elsgrube hin denn die
konnten sie sehen von ihrem Hause aus und dachten dass hier einst die alte Burg
gestanden hatte und dass das damalige Herrengeschlecht heruntergegangen war und
ein treuer Diener hatte die letzte Tochter geheiratet und das neue Geschlecht
begründet Das hatte lange geblüht durch vielerlei Zeiten hindurch die Urzeiten
hatte es erlebt und das Lebensalter und die Renaissance das absolute Fürstentum
und die Neuzeit endlich war es untergegangen durch Untüchtigkeit und nun
gründete wieder ein treuer Mann aus der unteren Gesellschaft das dritte
Geschlecht und vielleicht erlebte das auch durch die Jahrhunderte Wandlungen
der Dinge Verhältnisse und Gedanken und es zeigte sich dass jede Zeit meinte
sie habe in allem das Richtige gefunden und vor Gottes Augen war das alles doch
nichts weiter wie die Reihenfolge der Schwalben die ein Nest unterm Hausdache
beziehen und wenn die Kinder dieses Geschlechtes klug waren so taten sie
dasselbe was jetzt Hans und Maria taten arbeiten und sich liebhaben ihre
Kinder erziehen und fröhlich sein
    So waren ihre Gedanken und die mochten wohl manchem von den andern
kleinbürgerlich erscheinen Aber was wir wert sind das sind wir ja nicht wert
durch unsre Gedanken sondern dadurch dass wir die Stelle auszufüllen vermögen
in die wir gesetzt sind denn wenn wir das können so bekommen wir Verstand und
richtige Gedanken und für die einen sind diese Gedanken richtig für die andern
jene Nur ist das eine Weisheit von der die Leute unsrer Zeit nichts wissen
wollen denn freilich ist sie nicht zu sehen sondern wir müssen sie glauben
Aber wissen wir dies nicht dass wir ja gar nicht die wahre Welt sehen sondern
nur einen trügerischen Schein
    In der wahren Welt steht Gott als ein Bauersmann im blauen Kittel vor dem
Scheunentor und worfelt Weizen Er nimmt eine Schaufel voll Weizen und
schleudert den in die Scheune Da fliegen zusammen durch die Luft Korn und Spreu
und wissen nicht wer sie in Bewegung gesetzt hat und wohin sie getrieben
werden doch sie verspüren dass eine Kraft in ihnen ist und dass dieselbe Sonne
sie blitzend bescheint und dass dieselbe Luft sie klar bestreicht Da denkt die
Spreu hoffärtig Siehe wir sind wie diese da und vielleicht sind wir auch
besser denn uns scheint wir fliegen höher und die Körner denken demütig Es
ist wohl so dass wir alle gleich sind Aber nur einen Augenblick verweilen sie
beide in der hellen Luft und unter der blitzenden Sonne denn was Jahrhunderte
sind für uns und unsre Welt des Scheins das ist ein Augenblick für Gott und für
seine wahre Welt Dann senken sich die schweren Körner zu dem Weizenhaufen auf
den sie fallen sollen und die Spreu trägt der Zugwind vor dem Scheunentor auf
einen andern Haufen zu der früheren Spreu
                                      Ende
 
                                   Nachwort1
Den Roman »Der schmale Weg zum Glück« habe ich vor nunmehr einem
Vierteljahrhundert geschrieben im Jahre 1901 Verschiedentlich wurde
angenommen er sei eine Art Selbstbiographie Das ist er nicht Er ist von
Anfang bis zu Ende bewusst aufgebaut und die Gestalten sind nicht Abbilder von
Personen die zufällig mein Leben gekreuzt haben sondern sie sind aus der
Phantasie neu geschaffen nach dem Bedürfnis das an ihren Stellen für sie war
Der Plan zu meinem Bau aber war aus meinem Gesamterleben gekommen ich erlebte
den Zusammenbruch der bürgerlichen Welt und die Sehnsucht zu einer neuen
Lebensform der Menschheit zu gelangen in welcher ich selber eine solche Stelle
fand dass ich mein Leben vor Gott rechtfertigen konnte
    Den Zusammenbruch wollte ich darstellen indem ich für die mir wesentlich
scheinenden Teile der bürgerlichen Welt Charaktere und Schicksale erfand diese
mussten aufgereiht werden an einem Faden welchen das Leben meines Helden gab
Wesen und Schicksal dieses Helden musste für diese Aufgabe geeignet sein
    Da stellte sich denn die deutsche Form des Bildungsromans als angemessen
dar Schon den Simplizissimus kann man als solchen bezeichnen Es ist wohl
verständlich dass gerade die Deutschen auf diese Form kommen mussten bei ihnen
wird dem ringenden Einzelnen die Bildung schwerer wie bei jedem andern Volk
nicht nur dass die Bildung des Deutschen weil sie immer persönliches Erleben
ist nicht gesellschaftliche Übereinkunft unter allen Umständen mehr Arbeit
erfordert sondern auch weil wir in unserer geschichtlichen Entwicklung immer
von Aufbau zu Zusammenbruch von Zusammenbruch zu Aufbau gegangen sind und kaum
je einmal eine längere Zeit ungestörter Ruhe gehabt haben und so fast immer die
Bildung des Einzelnen gleichzeitig eine schöpferische Mitarbeit an dem Werk der
Allgemeinheit sein musste
    Um die Auflösung der Gesellschaft an der Geschichte meines Helden ganz klar
darstellen zu können musste ich ihn selber zwar passiv gestalten wie ja der
Held der Erziehungsromane notwendig sein muss aber doch als natürlich gegenüber
der Unnatur gesund gegenüber deren Verfall wahr gegenüber der Zersetzung Ich
suchte mir eine Umgebung aus der ich einen solchen Charakter heraus entwickeln
konnte und fand das einsame Forstaus im Wald die kleinbürgerlich deutsche
Familie der alten Art die noch unberührt von der Zersetzung war ihre
Verbindung mit der noch schlichteren Vergangenheit durch die Großmutter So
ergab sich das erste Buch die Jugendgeschichte des Helden Es müssen in sie
hinein natürlich schon die ersten Fäden der späteren Unruhe reichen damit das
zweite Buch nicht ganz unvorbereitet als eine völlig andere Welt kommt denn der
Held muss ja doch mit dieser eine organische Verbindung haben dadurch ergab sich
vor allem die Jugendfreundschaft mit Karl
    Dass man den Roman für eine Selbstbiographie hält beweist dass mir die
Darstellung dieser rein ausgedachten Welt geglückt ist dass sie als Natur wirkt
wie sie sollte Ich selber stamme zwar auch aus dem Volk wie der Held meines
Romans aber bin in der Stadt aufgewachsen allerdings in einer Kleinstadt von
nur neuntausend Einwohnern als Sohn eines Steigers eines Beamten am Bergwerk
der gesellschaftlich etwa dem Förster entsprechen mag
    Wenn auch das Erzählte erfunden istso ist natürlich doch immer das Gefühl
das hinter ihm steht selbst erlebt Das mag den Irrtum erklären
    Das frühere deutsche Kleinbürgertum wird heute mit falscher Vornehmheit
belächelt von der Bourgeoisie wie vom Proletariat Wie jede Klasse die ihr
notwendig anhängenden Schwächen hat so hat sie natürlich auch das
Kleinbürgertum Für den freien Menschen gibt es selbstverständlich nur die
Einzelpersönlichkeit die denn keiner Klasse und keinem Stand angehört und
jeder Mensch der zu einer richtigen Klasse gehört hat die Schwächen dieser
Klasse Am leichtesten kann wohl einer aus der Aristokratie zu Freiheit
gelangen zu der Freiheit welche der Held meines Romans haben musste Aber was
man so ehrlich Aristokratie nennen kann das hat es nun einmal in unserm
Deutschland seit Jahrhunderten nicht mehr gegeben und ich für meinen Teil
finde dass das Kleinbürgertum bei uns sehr viel von den Leistungen übernommen
hat die eigentlich der Aristokratie zufielen und ich kann nicht finden dass da
die Bourgeoisie geschweige denn das Proletariat seine Erbschaft angetreten
haben Ich bin in meinem Leben mit Menschen aus allen Klassen und Ständen in so
nahe Berührung gekommen dass ich ihre Verhältnisse dichterisch darstellen
könnte Aber noch heute wenn ich einen Helden wie Hans brauchte würde ich ihn
mir aus dem alten Kleinbürgertum herausholen Das gesellschaftliche Ideal der
Klasse war die Rechtschaffenheit in der Rechtschaffenheit sind viele sittliche
Forderungen enthalten die sich sonst nur in dem Ideal der Vornehmheit finden
und das deutsche Ideal der Vornehmheit war durchaus kleinbürgerlicher Art es
hatte mehr von der kleinbürgerlichen deutschen Rechtschaffenheit als etwa von
den Vorstellungen von Gentleman und Kavalier der westlichen Völker die man
sonst geneigt ist unserem »vornehmen Mann« gleichzusetzen
    Ein Dichter nimmt Gefühl Vorstellungen und Gedanken aus seinem Volk
gestaltet sie und gibt sie so seinem Volk zurück Ich glaube dass es mir
gelungen ist den rechtschaffenen Kreis des ersten Buches aus meinem Volk zu
nehmen und ihn auch wiederzugeben Die Formen ändern sich in welchen ein Volk
lebt Das alte Kleinbürgertum ist heute fast verschwunden Aber Ehrfurcht
Treue Gewissenhaftigkeit Fleiß Aufopferung Glaube Unterordnung unter das
Höhere  alle Tugenden sind ewige Forderungen an uns die wir in den wechselnden
Formen des geschichtlichen Lebens immer neu erfüllen müssen Wenn ein Bild
dichterisch geglückt ist dann muss es bei den veränderten Verhältnissen der
Menschen auch so wirken dass es zu den Tugenden führt die es darstellt
    Als ich den Roman schrieb war ich fünfunddreissig Jahre alt Ich stand
damals noch in den Anfängen einer geistigen Entwicklung die ich auch heute noch
nicht abgeschlossen habe aber ich sehe heute doch mehr als ich damals sah
    Die heutige Auflösung der Menschheit muss man verstehen als ein Abwenden von
Gott Aber was Gott ist das kann ich auch heute noch nicht sagen das wird kein
Mensch sagen können auch wenn er das entfernteste mögliche Ende des Lebens
erreicht und bis zum Schluss immer lernt damals wusste ich naturgemäß noch
weniger ich hatte nur ganz dunkle Ahnungen
    Daraus ergibt sich dass die Darstellung einer zersetzten Gesellschaft eine
dichterische Aufgabe ist welche nie völlig gelöst werden kann Mir war das
damals schon klar Ich half mir indem ich aus dem mir wichtig erscheinenden
Teile der Gesellschaft Schicksale und Gestalten bildete die ich nebeneinander
stellte Der Roman meines Helden wurde dadurch zu einer äußerlichen Verbindung
dieser verschiedenen eigentlich in sich abgeschlossenen Stücke Auch heute
könnte ich das noch nicht anders machen So viel ist jedenfalls wohl Allen klar
dass die Ursache der allgemeinen Zersetzung zunächst darin liegt dass die
Menschen weder Zwecke für ihr Leben mehr sehen noch Menschen über sich haben
welche wenn diese Zwecke nicht da sind ihnen befehlen was sie tun sollen und
dadurch die selbstgefühlten Zwecke ersetzen Das äußert sich dann in den
verschiedenen Lebenskreisen je nach den Anforderungen die da gestellt werden
in der Ehe etwa ist nicht mehr der Zweck dass sich die Gatten gegenseitig zu
Gott führen und ihre Kinder erziehen oder in der Dichtung nicht mehr dass die
Hörer eine höhere Welt dargestellt erhalten nach welcher sie sich bilden
können indem sie tiefe Erschütterungen durchmachen sondern in der Ehe leben
die Menschen nebeneinander hin als gute Kameraden im besten Fall und in der
Dichtung stellen sie dar was ihrer zufälligen Begabung und Anregung angemessen
ist das sogenannte lart pour lart im besten Fall
    Wie immer in Zeiten der Auflösung bieten sich die sozialistischen und
kommunistischen Illusionen als Hilfe an
    Man muss unterscheiden zwischen diesen Illusionen als allgemeiner Sehnsucht
der Menschen nach einem Zustand in dem sie wieder Zwecke haben und der
heutigen Formung dieser Sehnsucht in den mehr oder weniger durch Marx bestimmten
Gedankengängen Für den Dichter ist nur das erste wichtig die marxistischen
Gedanken haben für ihn nur soviel Bedeutung als er sie zur Darstellung des
Einzelnen verwendet In dem Roman steht nun der zersetzten Gesellschaft diese
Illusion mit ihren Vertretern gegenüber
    Diese Vertreter sind soweit sie nur die Illusion haben gute und brave
Menschen welche aber tatsächlich nicht eine neue Form besitzen sondern nur die
Erwartung einer solchen welche wenn diese neue Form sich verwirklichen sollte
als die ersten tief enttäuscht würden wie mir ein solcher Mann der ein Führer
der Partei war nach der Revolution schrieb »Das ist nicht die
Sozialdemokratie für die ich mein Leben lang gekämpft habe« Und soweit sie
nicht durch die Illusion gelockt werden sind diese Vertreter genau solche
Ergebnisse der gesellschaftlichen Auflösung wie die andern ja sie sind noch
schlimmer weil ihnen auch noch die letzten schwachen Bande fehlen welche die
andern doch noch halten sie sind Narren Phantasten und Betrüger
    Der Held muss durch die beiden Welten hindurchgehen durch die zersetzte alte
Welt und die sozialdemokratische Welt die keine neue ist sondern entweder
Sehnsucht guter Menschen die früher ehrliche Kleinbürger gewesen wären oder
ein Schwindelgebilde bedenklichster Art Er muss gehen  wohin
    Die Zeit in welcher der Roman spielt war die Zeit der siebziger achtziger
und neunziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts sie war die Zeit die ich
selber erlebte Die Aufgabe meines Helden war meine eigene Aufgabe Ich selber
habe ein Ziel gefunden ich war schon auf dem Wege zu ihm als ich den Roman
schrieb indem ich mich zur Dichtung als zur Form zurückfand bekam ich ein
Gesetz über mir dem ich gehorchen konnte in dessen Gehorsam ich nun leben
durfte Aber mein Held sollte kein Dichter sein er sollte ein Mann sein wie
alle andern Männer Von allen Menschen ist dem Dichter die äußerste Freiheit
beschieden er braucht niemand und wenn ihn die Leute nicht beachten für die
er dichtet so kann er eben einsam leben wohl jeder wirkliche Dichter hat in
der Tat einsam gelebt außer in den ganz kurzen Zeiten wo die Menschheit Kultur
hatte Mein Held konnte nicht eine freie Einzelpersönlichkeit sein die mit
niemand von der Umwelt zusammenhängt er musste in irgendeine Lage kommen in
welcher er eng verbunden blieb mit den andern Menschen Das war die
Schwierigkeit Die Gesellschaft ist zersetzt sie duldet also keinen wahren
Menschen mehr mein Held sollte aber ein wahrer Mensch sein und musste innerhalb
der Gesellschaft leben Wohin konnte er gehen
    Ich wählte den Beruf des Forstwirts Die Forstwirtschaft braucht im
Verhältnis zum Kapital wenig Leute ihre Erzeugnisse werden ohne Schwierigkeiten
verkauft und man muss in ihr auf lange Jahrzehnte hinaus rechnen Bedenkt man
noch dass der Forstwirt von den andern Menschen entfernt wohnen muss so wird man
zugeben dass er sich mehr als die meisten andern Menschen vom heutigen Leben
fernhalten kann Ich habe dann noch besonders betont dass mein Held seinen Wald
nicht auf möglichst hohen Reinertrag anlegt sondern sich durch die inneren
Lebensgesetze des Waldes bestimmen lässt
    Der Forstwirt schafft für die Zukunft was er heute pflanzt das wird erst
nach drei Menschenaltern geerntet So sollte denn mein Held durch seine
Tätigkeit wenigstens in die Zukunft weisen in eine bessere Zukunft und die
Zukunft sollte mit der Vergangenheit verbunden sein über die trübe Gegenwart
hinweg denn der Held stammt ja aus einem Forstaus Er ist der Sohn eines
Försters des Mannes der als Diener den Wald betreut und er wird Besitzer des
Waldes und betreut ihn als Herr
    Mit der Vergangenheit verbindet ihn auch die Ehe mit der letzten Tochter des
adligen Geschlechts das in dunkle Zeiten zurückreicht und in dieser alles
zerstörenden Gegenwart nun auch mit zerstört ist seine Kinder werden das Blut
des kleinbürgerlichen Mannes und der adligen Frau in sich tragen die beide sich
aus dieser Zerstörung gerettet hatten
    Der Leser sieht was als zufällige Lebensbeschreibung erschien ist in
Wirklichkeit planmässig gebaut und hinter der Erzählung steht noch eine tiefere
Bedeutung Als der Roman erschien konnte man das wohl noch nicht so sehen
vielleicht wird es heute schon klarer sichtbar
    Wie weit das was ich hier »Bedeutung« nannte in dem Roman den angemessenen
Ausdruck gefunden hat das kann ich nicht recht beurteilen Ich war damals in
der inneren Krise in welcher ich den Weg zur Formfand der mir der Weg zum
Drama war Das Drama in welchem ich den Gefühlsgehalt darstellte der in diesem
Roman liegt war das erste Drama das ich nach meinen ersten Jugendversuchen
drucken ließ mein Demetrios Auch dieses Werk wurde damals ganz missverstanden
Wenn es einst auf die Bühne kommt dann wird es zum Volk sprechen wie ich
hoffe dass jetzt dieser Roman zu meinem Volk sprechen soll und es wird ihm
dasselbe sagen wie dieser Roman
 
                                    Fußnoten
1 Zu der 1926 in einer Buchgemeinschaft erschienenen Ausgabe