Paul Scheerbart
Tarub Bagdads berühmte Köchin
Ein arabischer KulturRoman
Erstes Kapitel
Helles Gelächter scholl durch ganz Bagdad Der Prinz Ali war aus Ägypten
zurückgekehrt Und er war gekommen hoch zu Ross mit stolzem Gefolge Doch das
Ross auf dem der Prinz saß war ein Schimmel gewesen Und diesen Schimmel hatte
der Prinz grün färben lassen Da musste natürlich ganz Bagdad hell auflachen
Alis grüner Schimmel war ein Ereignis
Es hatte sich wieder einmal gezeigt wie gut es der Prinz verstand von sich
reden zu machen Kein Mensch wurde klug aus diesem Ali War er durch sein
Selbstbewusstsein wirklich geschmacklos geworden Oder gab er sich nur so
geschmacklos aus Berechnung Wäre der Schimmel nach alter Sitte mit Henna rot
gefärbt gewesen dann würde Niemand gelacht haben doch grün Nein das ging
überen Spaß
Man konnte sich ja erklären was sich der Prinz gedacht hatte er wollte
die neue Farbe der Abbassiden zu höheren Ehren bringen Einst glänzte das Haus
Abbas unter der schwarzen Flagge Diese schwarze Flagge vertauschte man später
mit der grünen Das gefiel nun dem jungen Ali so gut dass er die neue Farbe
seines Hauses überall sehen wollte Und so musste denn schließlich auch der
Schimmel grün werden
Unglaublich
Unzählige Sterne glänzen aus dem tiefblauen Himmel auf Bagdad hinab sie
spiegeln sich in den lauen Fluten des Tigris und an den bunten Kacheln der
Minarette der Palast und Moscheekuppeln werden auch die Glanzlichter der
Sternenwelt glitzernd umhergestrahlt Die Chalifenburg mit ihren prächtigen
Türmen Kiosken und Galerieen hebt sich hoch heraus aus dem Häusergewirr der
großen Stadt aus der ein Nebeldunst magisch leuchtend aufsteigt Und am
Tigris entlang leuchten die weißen Mauern der Landhäuser in deren Gärten
schwanken die ruhigen Palmen im Abendwinde
Aber aus den Straßen und Gassen der herrlichen Stadt schallt helles
Gelächter zu den ewigen Sternen empor Jetzt endlich in der stillen Nacht kann
ganz Bagdad lachen nach Herzenslust denn der Prinz Ali hört das Lachen nicht
der ruht schon wieder in den weiten kühlen Prunkgemächern der Chalifenburg von
seinen vielen Reisen aus Der Chalif Mutadid hat seinen Sohn wohlwollend
empfangen und die Sklaven eilen in den Palästen auf den Zehen umher um die
Ruhe des gefeierten Prinzen nicht zu stören
Wie Ali am frühen Morgen auf seinem grünen Schimmel durch das große Tor im
Westen stolz hineinritt in die festlich geschmückte Stadt da mussten seine
Kammerdiener Goldmünzen unter die Menge streuen Dadurch entstand ein wüstes
Geschrei Kein Araber war zu stolz Alle balgten sich um die Goldstücke sodass
es viele blutige Köpfe gab
Durch die langen breiten Straßen die zur Chalifenburg führen zog der lange
Zug des stattlichen Gefolges auf Pferden und Kamelen unter betäubendem Lärm
dahin Das Volk jubelte wie rasend dem freigebigen Prinzen zu Es wurde beim
Herumschwirren der Goldstücke gejohlt und gelacht als hätte sich der blaue
Himmel aufgetan wie wenn sich die Huris aus dem Paradiese zur Erde
niederbeugten
Jetzt ist es Nacht und die Araber freuen sich über das blanke Gold Sie
werfen jetzt die Münzen ebenso verschwenderisch wie die Prinzen auf die Straße
Die guten Araber geben das gute Gold den dicken Weinhändlern guten Freunden und
lustig lachenden Mädchen dabei fällt ihnen aber der grüne Schimmel öfters
wieder ein und über den freuen sich Alle schließlich noch viel mehr als über
das Gold
Der Prinz Ali ist ein guter Mensch aber die Bürger Bagdads lachen ihn doch
von ganzem Herzen aus Und wenn er noch viel viel besser wäre sie würden ihn
trotzdem auslachen In dieser Nacht tragen die reichen Jünglinge Bagdads ihre
Säbel an grünen Schärpen um das Volk an Ali zu erinnern Das Volk versteht den
Scherz und lacht darüber immer wieder von Neuem immer wieder von Neuem
Ausgelassene Spottlieder wüste Zechgesänge mekkanische und persische
Liebesweisentolle wilde Jubelstürme brausen und wogen durch die Straßen und
Gassen der herrlichen Chalifenstadt In allen Weinkneipen in den Buden in
denen getanzt wird in den Häusern in denen reizende Sängerinnen mit feiner
Kunst zu singen verstehen überall wird geprasst und gezecht
Eine sehr lustige Nacht
Abseits in einem kleinen Gässchen steht vor seiner Haustür ein christlicher
Weinhändler mit einem alten Parsenpriester im Gespräch Sie schütteln sich beide
Hände zum Abschied Doch der Wirt redet noch immer obgleich der Priester Eile
zu haben scheint Der christliche Wirt sagt
»Bedenkt nur das Eine 892 Jahre man schreibe und sage
achtundertundzweiundneunzig Jahre die sind nun schon vergangen seit Christus
geboren ward und seine Lehren sind hier noch immer verachtet Man lässt wohl uns
Christen in Ruh lässt uns auch unsern Glauben aber das beweist doch nur dass
sich diese Araber garnicht um religiöse Dinge kümmern ihnen ist die Religion
überhaupt ganz gleichgültig selbst ihre eigene In Bagdad gibt es gar keine
Religion mehr«
Der Christ schüttelt traurig den Kopf
Der Parse versetzt aber hastig
»Verzeiht Ihr übertreibt In nächster Woche hol ich Euch ab Die Parsen
die sollt Ihr kennenlernen die haben noch Religion«
Der Parse entfernt sich schnell als wenn er wirklich Eile hat
Währenddem hört man auch hier wieder heisre Zecherstimmen erschallen Im
Keller des Weinhändlers ruft man laut und herrisch nach dem christlichen Wein
Indes der Wirt zögert noch auf der andren Seite der Gasse sieht er zwei
bekannte Dichter vorüberwandeln die grüßt er erst noch recht freundlich Dann
jedoch verschwindet der Christ er darf seine Gäste nicht warten lassen
Die beiden arabischen Dichter haben den Gruß des Christen garnicht erwidert
Sie sind mit ihren eigenen Gedanken so sehr beschäftigt dass sie den allgemeinen
Jubel nicht mehr mitempfinden
Suleiman der ältere Dichter träumte so im Gehen er wäre der Chalif Harun
und neben ihm plauderten indische Märchenerzählerinnen von den Tempeln ihrer
Götter am fernen Ganges Der alte Dichter glaubte zu hören wie neben ihm die
nackten Füße der Mädchen sich weich und gelenkig in den feuchten Sand schmiegten
und wie unter den gekrallten kleinen Zehen die Steinchen knirschten Dann dachte
der Alte an die schlanken Tänzerinnen die er gestern abend unter einem jener
rotseidenen Zelte auf dem Karawanenplatze bewundert hatte Die Tänzerinnen sahen
sehr schön und prächtig aus Er aber ach er hatte sich unter jenem
rotseidenen Zelte seines alten geflickten Ehrenkleides geschämt eine sehr
peinliche Erinnerung Dieses Ehrenkleid war ein Geschenk des Chalifen
Motawakkil Doch der lag längst im Grabe Suleiman seufzte nickte mit dem Kopfe
so vor sich hin und murmelte was
Safur der den Suleiman begleitete hörte das Murmeln und erriet gleich den
Gedankengang des alten Freundes denn sie gingen an einem seltsamen Hause
vorüber Über dessen Eingangspforte befanden sich kleine Fenster mit eisernen
Stäben Hinter den Stäben saßen Schneider bei hellem Lampenlicht und nähten
fleißig Sie nähten unzählige kostbare Gewänder für die Chalifenburg Und diese
kostbaren Gewänder blieben nicht in der Burg sie wanderten als Geschenke als
»Ehrenkleider« aus den großen Palästen hinaus in die weite Welt nach allen
Himmelsrichtungen bis nach Ägypten und Persien bis nach Indien und Afrika ja
bis nach China und Spanien Der Chalif hatte sehr sehr viel zu verschenken
Safur der jüngere Dichter wusste das Alles lächelte und fragte den älteren
Dichter listig
»Nun Denkst Du an Dein Ehrenkleid«
Suleiman unter dessen braunem Gesicht ein gut gepflegter weißer Spitzbart
glänzte blickte traurig auf sein Gewand Das war einst gute Seide gewesen
ledergelb mit großen lilafarbigen persischen Blumen Auf dem Rücken des
Ehrenkleides sah man noch das große Wappen des Chalifen schwarze schwungvolle
Schriftzüge Die helleren Farben des Kaftans waren nicht mehr ganz reinlich an
vielen Stellen etwas blank und fettig und an den Ärmeln und unter den Knieen
zeigten sich kleine Löcher und große Flicken
Suleiman gürtete seinen alten lilafarbigen Seidengurt fester um die Lenden
und schaute unter seinem nicht sehr reinen weißen Leinenturban dem jungen Safur
lange nachdenklich ins Gesicht
Safur ging in Beduinentracht Sein langes hellblau und braun gestreiftes
Gewand das aus dünner Baumwolle bestand hing ihm faltig ins Gesicht Ein alter
Lederriemen schnallte das Tuch um Stirn und Hinterkopf zusammen Die hellblauen
und braunen Streifen des feinen Kleides schlotterten lässig mitgezogen in
unregelmässigen Falten um Körper und Beine herum was sehr reizvoll aussah was
Safur wusste
Die nächste Gasse ist leider sehr schmutzig und die Sandalen der Dichter
werden nass ihre braunen Füße desgleichen Safur flucht hebt sein Kleid
vorsichtig mit den braunen hagren Fingern höher und ärgert sich über die
Pfützen und über manches Andre
»Jetzt« ruft er wütend »macht ein grüner Schimmel ein größeres Aufsehen
als die beste Kasside Gute Verse werden heute schon schlechter bezahlt als rote
Pantoffeln die allerdings in den Pfützen Bagdads sehr wertvoll sind «
Der gutmütige Suleiman hat seine Not mit dem Ärgerlichen versteht es aber
zu trösten sagt so ganz ruhig
»Sieh Safur Der Schmutz der Gasse ist noch nicht das Schlimmste auf dieser
schlimmen Welt Was Besondres haben wir ja nicht vor Unsre Sandalen werden
schon wieder trocken werden Nebenbei wundern muss ich mich denn doch dass Du
Dich gleichzeitig über den geringen Preis ärgerst den man heute für gute Verse
zu erhalten pflegt Warum machst Du nicht ein Lobgedicht auf unsern alten
Geizhals Said ibn Selm Der ist doch für Lobgedichte immer zu haben würde sich
über Safurs Verse sehr freuen und sie sehr gut bezahlen«
»Das Lobgedicht kannst Du machen« versetzt ingrimmig der jüngere Dichter
Und Suleiman meint drauf lächelnd »Oh Oh Das will ich mir gesagt sein
lassen Hast Recht Ein alter Dichter braucht auch viel eher einen reichen
Freund als ein junger Mensch wie Du einer bist«
Die nächste Gasse ist wieder trockner und Safur wird wieder freundlich Er
legt seinen rechten Unterarm auf den linken des alten Suleiman und plaudert
von Tarub
Dem Alten wird ein bisschen neidisch zu Mute er spricht bitter »Ja Wer
eine Tarub hat der kann stolz sein Der hats nicht nötig einen Said ibn Selm
zu loben Aber erzähl mir nicht mehr von ihr Erzähl mir lieber was Du jetzt
als Dichter vorhast«
Der zart empfindende Safur hört auch gleich von der Tarub auf und teilt
seinem alten Freunde fast zitternd vor Erregung mit dass er unter die
Beduinen gehen möchte Er habe kürzlich wieder die Antarsage gelesen und sei
ganz toll geworden schwärme nur noch für die blauäugigen Dschinnen jene wilden
schwarzen Wüstengeister die auf feurigen Hengsten nachts durch die Wüste jagen
um die Karawanen zu verfolgen An die Tarub dachte plötzlich der leicht
erregbare Dichter ganz und gar nicht mehr aber vom König Saiduk jenem
Geisterkönig der nur die Dschinnen niemals einen Menschen sehen durfte
konnte Safur nicht genug erzählen »Mir geht es« fuhr er mit brennenden Augen
fort »fast genauso wie dem König Saiduk Mir ist immer so als müsst ich wie
Saiduk beim Anblick eines Menschen sterben Nur die Dschinnen kann ich ohne
Furcht sehen Die Gespenster sind meine Freunde die erregen mein Blut Oh ich
liebe die Dschinnen und möchte nur Verse machen in denen heiß und toll die
rasenden Wüstengeister herumsprengen auf ihren feurigen Hengsten Meine Verse
müssen so heftig werden dass Jeder der sie hört zittern soll vor Erregung Das
ganze Gespensterreich der Wüste möcht ich nach Bagdad bringen damit Bagdads
faule Dickbäuche mal aufgerüttelt werden Aber wie die Geschichten anfangen und
enden sollen das ist mir leider noch ganz unklar Das ist hässlich Das macht
mich recht besorgt Wer weiß ob ich was fertigbringe Eigentlich bin ich ja
noch niemals zu was gekommen Jeden Tag will ich was Andres denn jeden Tag soll
und muss ich auch was Andres Ich hör jetzt allerdings jeden Abend ein so
seltsames Gesumm als wenn die Dschinnen in der Nähe sind«
Und er horcht aufmerksam in die Nachtluft hinein in der Käfer zirpen und
Nachtfalter herumflattern Der alte Suleiman wird ganz still er fühlt dass er
dem jüngeren Freunde nicht zu folgen vermag Er lebte zu allen Zeiten in der
Märchenwelt die vor achtzig Jahren unter Haruns Regierung die Dichter
beschäftigte Suleiman liebt das Liebliche er träumt nicht gern von
Gespenstern Märchenprinzen und lustige Zaubrer sind ihm viel angenehmer Die
Wüstengeister sind dem alten Dichter ganz fremde Wesen die er nicht leiden
kann da sie ihn erschrecken Das Jähe Stürmische Gespensterhafte ist nichts
für Suleiman dessen Träume sind still und sanft
Doch jetzt kommen die Beiden in die breiteren Straßen da ist es lauter Man
hört überall Singen Lachen und Lärmen Lustige Zecher schwanken Arm in Arm wie
vom Winde verwehte Papyrusrollen in Zickzacklinien vorüber
Vor der großen Moschee prügeln sich ein paar betrunkne Kameltreiber ihre
Kamele sehen verwundert zu alte Frauen schreien und das Volk das gemächlich
daneben steht lacht
Safur und Suleiman biegen rechts ab in einen schmalen Gang der Erstere
voran Sie gehen hintereinander schweigend einher an einem niedrigen Bretterzaun
entlang über den sie hinüberblicken können Es liegt ein großer Garten hinter
dem Bretterzaun Neben den mit bunten spiegelglatten Fliesen gepflasterten
Fusswegen des Gartens sind über den Erdboden kurz geschorene Rasen gebettet auf
denen einzeln große rote Tulpen blühen Weiterhin plätschern kleine
Springbrunnen in großen Teichen die vom Sternenlicht durchstrahlt mit ihren
kleinen Wellen glitzern und funkeln wie ein Heer arabischer Krieger mit blanken
Helmen und blitzenden Damascenerklingen
Lorbeeralleen verdunkeln die weiter hinten gelegenen Parkanlagen Neben den
Teichen ragen hohe Palmen in den Sternenhimmel hinauf Die Dichter gehen noch an
Myrtengebüschen vorbei und gelangen dann durch eine offene Tür in den großen
Park Still wandeln sie hier auf den bunten Fliesen der Fusspfade weiter Safur
denkt an seine Wüstengeister und Suleiman sucht nach einem feinen Ausdruck für
tiefe Gartenstille in den Vers soll sich gleich Erwartungsstimmung mit
hineinweben
In der Mitte des Parks steht ein leicht gebautes Sommerhaus mit weiten
indischen Galerieen in deren zierlichen Spitzbögen schaukeln sich
PapierAmpeln die ganz mit grellbunten Vögeln bemalt sind Vor der großen
Hallenpforte kauern verdrossen ein paar nubische Sklaven mit krausem Wollhaar
Der alte Suleiman sagt zu einem der jüngeren Nubier
»Geh hinein und sage dem dicken Kodama er möchte hinauskommen wir müssten
zur Sternwarte der Mond wär schon aufgegangen und die Mondfinsternis wär auch
bald da Geh schnell« Und der Dichter zeigt dem Nubier den Halbmond der jetzt
über die dunklen Lorbeeralleen im Osten in den Garten schaut Der Sklave rennt
eilig von dannen
Aus den inneren Gemächern des leicht gebauten Sommerhauses dringen jetzt
reine volle Saitentöne heraus Weiche Frauenstimmen schallen hell und wonnig
dazwischen Die Töne schwellen an und säuseln dann wieder dann hüpfen sie
trällern locken und girren wie Tauben klagen auch sehnenvoll wie verlassene
Geliebte murren und necken reizen und beruhigen
Es sind die Sängerinnen der alten Dschellabany Die singen vor den reichen
Jünglingen Bagdads und trinken mit ihnen feurigen Wein Ein wildes indisches
Freudenlied jubelt durch die üppigen Säle
Die Dichter warten draußen
Plötzlich wirds still
Und von zwei Fackelträgern grell beleuchtet schreitet eilig eine stattliche
schöne Negerin durch die mit herrlich durchbrochenen Zierleisten umrahmte
Hallenpforte hindurch Die schwarze Schöne streckt den beiden Dichtern die
vollen schwarzen Arme entgegen Ihre goldenen Armspangen glühen im grellen
Fackelschein Ein Perlendiadem schmückt ihr schwarzes Haar Ihre Brust hebt sich
in raschen Atemzügen unter schneeweissem Linnenzeug
Die Schwarze bittet die Dichter sehr erregt mit den Armen herumfuchtelnd
ihr zu folgen sie meint Kodama komme ja sofort mit und bis zur Sternwarte seis
doch nicht so weit Sie deutet dabei auf ihren breiten grünen Lendengurt der an
Alis grünen Schimmel gemahnen soll
Das Grün des seidenen faltigen Gürtels unter dem weißen lockeren Busentuche
hebt sich prächtig von den weiten rotseidenen Beinkleidern ab die unten am
schwarzen Fussknöchel zusammengeschnürt sind sodass die rote Seide in bauschigen
Falten überhängt und fast die Steinfliesen streift
Jedoch die Dichter wollen nicht mitkommen Safur sagt »Das kennen wir
schon Wenn wir zu Euch hineingehen so gehen wir nicht sobald wieder hinaus«
Die stattliche Negerin nestelt verlegen an ihrer dicken Perlenschnur die
ihren starken Nacken umkränzt muss dann aber mit ihren Fackelträgern ohne die
beiden Dichter abgehen
Wieder klingen die Saitentöne und die hellen hallenden Frauenstimmen durch
das Sommerhaus der alten Dschellabany vor deren gastlicher Tür Safur und
Suleiman geduldig warten und den Halbmond betrachten
Und nach einer guten Weile kommt dann der Kodama Bagdads dickster
Gelehrter auch endlich zum Vorschein Er ruft ärgerlich »Na ein Glas Wein
hättet Ihr doch noch trinken können« Indes die Dichter zeigen lächelnd auf den
Halbmond und erklären dem Kodama dass die Mondfinsternis sehr bald eintreten
müsse
Die Drei begeben sich daher ohne weiteren Verzug zusammen zur Sternwarte
die einst der gebildete Chalif Mamun für die Astronomen mit großen Kosten
erbauen ließ
Das weite Himmelszelt mit seinen Sternen funkelt
Der Halbmond steht drüben im Osten über den Lorbeeralleen
Der Garten ist still nur die Springbrunnen plätschern
Die roten Tulpen auf den geschorenen Rasen leuchten wie kleine rote Flammen
Im lauen Nachtwind schaukeln langsam die ruhigen Palmen
Aus der Ferne ganz leise dringt von den Gartenmauern hernieder der Lärm der
großen Stadt
Die Drei wandeln schweigend zur Sternwarte
Bagdads Lachen verhallt
Zweites Kapitel
Hoch oben auf dem Mittelturm der Sternwarte schaut der Sterndeuter Abu Maschar
durch ein dreieckiges Blechrohr zum schwarzen Saturn
In seinem weißen Beduinengewande steht Abu Maschar da oben unter den Sternen
wie ein Gespenst Ein pechschwarzer Vollbart wallt ihm bis auf den ledernen
Leibgurt hinab Zur Rechten und zur Linken des Sterndeuters stehen hohe
wunderliche Messgeräte Auf dem alten sehr breiten Holzgeländer sind lange
Papierstreifen mit Bleistücken beschwert ausgebreitet Und uralte vergilbte
Bücherrollen liegen am Boden
Abu Maschar murmelt was in seinen schwarzen Bart er murmelt in einer
unverständlichen Sprache die wohl nur die Bürger AltBabylons verstanden
hätten Er schreibt dabei Zahlen auf einen der langen Papierstreifen und blickt
dann stolz nach allen Seiten umher in die große funkelnde Sternenwelt In
seinem braunen Antlitz leuchten die großen schwarzen Augen unheimlich auf sie
starren in das tiefe Himmelsblau als wenn sie Geister sähen Abu Maschar
steht still gebannt wie eine Bildsäule
Die Sternwarte war eigentlich eine Ruine
Bald nach Mamuns Tode hatten sich Räuber der Sternwarte bemächtigt da nach
Mamuns Tode fast Niemand mehr Geld für die Himmelskunde erübrigen wollte
Als man nun später dahinterkam dass sich in den fünf Türmen auf denen sonst
nur gelehrte Männer emsig arbeiteten Räuber verborgen hielten ward das
prächtige Bauwerk von den Soldaten eines arabischen Hauptmanns gestürmt Und bei
diesem Sturm stürzten zwei Türme um und begruben viele Räuber und Soldaten unter
ihren Trümmern Auf dem Schutt wächst jetzt Gras mit wilden Blumen
Die Türme hatten einen Halbkreis gebildet und waren durch vier schwere
Holzbrücken miteinander verbunden
von diesen überlebten nur zwei den Sturm des Hauptmanns
Vom Mittelpunkte der durch die fünf Türme gegebenen Kreislinie aus hatte
eine mit Backsteinen erbaute feste Treppe fast bis zur Spitze des Mittelturmes
geführt Diese Treppe war bei dem Kampf mit den Räubern auch über den Haufen
geworfen worden
Über den Trümmern der Treppe wächst nun gleichfalls Gras
Nur das oberste Stück der Treppe hängt noch wie ein Widerhaken oben am
Mittelturm auf dem Abu Maschar wie eine Bildsäule dasteht
Die beiden andern Türme erreichen nicht dieselbe Höhe wie der welcher einst
der mittlere gewesen der diesem zunächst gelegene sieht sogar recht niedrig aus
dafür geht er allerdings mehr in die Breite befindet sich doch in seiner
Spitze der große Empfangssaal in dem die Astronomen einst von Mamun die
fürstlichen Geschenke empfingen
Auf dem großen fünfeckigen Altan der vor dem Empfangssaal hoch über den
Palmen in den Garten hinausragt spricht der berühmte Astronom Al Battany mit
Jakuby dem großen Weltreisenden über die Wissenschaft
Al Battany hat die Sternwarte wieder bewohnbar gemacht Mit seinen
wissenschaftlichen Instrumenten sitzt er oft im dritten der drei noch übrig
gebliebenen Türme Im Empfangssaal pflegt er seine Freunde zu empfangen die
dort gern aus und eingehen und besonders gern auf dem fünfeckigen Altane
weilen der sich auf der Außenseite des durch die drei Türme beschriebenen
Kreisabschnittes befindet
Der Empfangssaal mit dem Altan wird von den bedeutendsten Männern Bagdads
besucht Die Freunde des reichen Battany der sich wenn er allein sein will in
sein nicht weitab am Tigris gelegenes Landhaus begibt sind zum größten Teil
nicht sehr wohlhabend das aber beeinträchtigt ihre Bedeutung nicht im
Geringsten
In der Tiefe des Gartens unterm Altan und zwischen den Trümmern reiten zwei
Mongolen mit langen Lanzen auf schäumenden Rossen langsam fast schleichend auf
und ab Die gelben Mongolen mit ihren blanken Helmen wachen in jeder Nacht auf
dass kein Unberufener feindselig nahe Die Mongolen stehen im Solde des reichen
Al Battany der auch ein Dutzend schwarzer Sklaven in den unteren Gelassen der
Türme verteilte Hunde sind aber nicht da
Tiefernst ist das Gespräch zwischen dem großen Astronomen und dem großen
Weltreisenden der Jakuby heißt Die Beiden ergründen oben auf dem fünfeckigen
Altan die Bedeutung der arabischen Literatur
Der Battany schließt eine längere Auseinandersetzung über Bagdads
Gelehrtenwelt mit den folgenden heftigen Worten
»Überhaupt was weißt Du von unsren wissenschaftlichen Bestrebungen Du
pilgerst durch alle Länder und schreibst Dir alles auf was Du hörst und was Dir
grade zufällig dicht vor die Nase geführt wird Was verstehst Du von Bagdader
Zuständen und Verhältnissen Garnichts mehr als garnichts denn Du pflegst
alles falsch aufzufassen Der berühmte Geograph Jakuby denkt natürlich garnicht
daran dass er sich jemals irren könnte ih wo wird er denn Du bist
beneidenswert«
Und bei diesen Worten hob der Astronom bald den rechten bald den linken
Arm bald beide Arme zugleich höchst malerisch wenn auch etwas zu schnell in
die Höhe Malerisch sah das aus weil bei dieser Armbewegung eine dunkelblaue
Sammettoga mit dicker Goldstickerei prächtige weit aufschweifende Falten warf
Der Astronom verehrte sehr die alten Griechen er hatte sich ganz abenteuerliche
Vorstellungen von dem wissenschaftlichen Geist des Aristoteles gebildet sodass
er schließlich nicht umhin konnte eine dunkelblaue Sammettoga mit dicker
Goldstickerei zu tragen Den Aristoteles kannte der Gelehrte natürlich nur vom
Hörensagen er verstand nicht einmal so viel Syrisch um den alten Griechen in
syrischen Übersetzungen zu lesen geschweige denn im Urtext
Daher durfte man sich auch nicht wundern dass der berühmteste Astronom
Bagdads gleichzeitig eine indische ganz mit Gold überstickte Kappe die so rund
und klein wie ein flacher Suppentopf war auf dem Kopfe trug
Battanys Kopf ja der hatte so was vom Neger und was vom Inder sehr fein
sah er nicht aus aber trotzig straff die Nase dick und klein die Augen
heftig und nicht groß der Mund voll und die Ohren abstehend neben der
dicken braunen Nase gingen tiefe Falten zu den Backenknochen hinunter die
dunkelbraune Stirn schien sehr hoch da die indische Kappe fast im Nacken saß
Viel freundlicher schaute dagegen der Jakuby in die Welt Dessen Gesicht
lächelte unter einem helllila Seidenturban Spitz ragte die braune Nase unter
diesem Turban hervor Ein kleines graues Spitzbärtchen zierte das Kinn Der Bart
auf der Oberlippe und auf den Backen war sorgfältig abrasiert sodass die braune
schon vielfaltige Gesichtshaut zur Geltung gelangte
Jakuby hatte was Eigenes das durch seinen sauberen schwarzen Seidenkaftan
noch erhöht wurde
Der kleine zierlich gebaute Gelehrte erwiderte nach sehr langer Pause mit
feiner heller Stimme in jener überlegenen Art die in den Moscheen beim
gelehrten Gespräch üblich zu sein pflegte
»Oh mein lieber Freund Deinem heftigen persönlichen Angriffe will ich aus
dem Wege gehen Doch hör nur dieses
Wir Araber haben nun bald die ganze Welt erobert erobert mit der scharfen
Damascenerklinge Jetzt dünkt mich ist es an der Zeit die Welt auch in andrer
Weise zu erobern Nicht dürfen wir mehr mit den Augen der Krieger die Alles nur
besitzen wollen die Welt durchstreifen Wir müssen mit wissensdurstigen Augen
durch die Länder wandeln und Alles kennenlernen Alles was da kreucht und
fleucht Auch der gelehrte Mann kann erobern erobern indem er sein Wissen
bereichert Deshalb habe ich mit meinen schwächlichen Gliedern meine großen
Reisen unternommen einerseits durch Ägypten und Afrika bis nach Spanien
andererseits durch Persien und Indien bis nach China Und Jedermann weiß dass
mein Buch der Länder das ich im vorigen Jahre herausgab wirklich ein Werk
wurde das auch den der niemals über die Mauern Bagdads hinauskam mit allen
Ländern der Erde bekannt machen muss Das Buch der Länder weist ja noch viele
Lücken auf aber es ist doch in diesem Werke eine unvergleichliche Sammlung von
Wissensschätzen angehäuft «
Nun aber kann sich der heftige Astronom nicht mehr halten er unterbricht
den redseligen Freund mit hoch erhobenen Armen »Sammlung« schreit er »hab
ichs nicht gleich gesagt dass Du keine Ahnung von unsren wissenschaftlichen
Bestrebungen hast Jawohl sehr richtig Unsre Zeit leistet was in
Sammelwerken Wir sammeln alle unsre Kenntnisse als hätten wir nichts Andres zu
tun Und ein einziges Buch soll immer Alles umfassen natürlich An
Selbstbewusstsein fehlt es unsern gelehrten Sammlern nicht Wir tun so als
hätten wir garnicht mehr nötig noch fürderhin zu forschen zu ergründen oder
klarzustellen ih wo Jeder Gelehrte glaubt wir hätten bereits Alles begriffen
und vollkommen erklärt und es wäre heute nichts Anderes nötig als Sammeln
Sammeln Sammeln«
»Lass nur den Spott« gibt da Jakuby lächelnd zurück »hör nur dieses Sind
nicht die Geographen und Astronomen die Hauptgelehrten unsrer Zeit Die Einen
erforschen die Erde die Andern den Himmel Ist es nicht so«
Battany nickt und wird milder
Jakuby aber fährt jetzt mit stolz erhobener Nase fort
»So mein Freund Wer hat nun Recht Wenn somit die Geographen und
Astronomen die ganze Welt kennen lernen wollen müssen sie da nicht sammeln
Müssen sie nicht Müssen wir nicht Sammelwerke schreiben Mein Buch der Länder
nenne ich mit Stolz ein Buch das alles Wissenswerte der Erde zusammenfasst«
Battany wird unwillig es kommt ihm so vor als sei er plötzlich in die Enge
getrieben Er hustet verlegen stützt sich mit dem rechten Unterarm auf das
Geländer des Altans blickt in den Garten hinunter in dem die Mongolen langsam
herumreiten hustet wieder um den Jakuby am Weitersprechen zu hindern sammelt
sich und sagt dann hastig
»Nein so ist es nicht Umgekehrt ist es Weil die Araber eigentlich
überhaupt nur Sammelwerke schreiben deswegen spielen die Geographen und
Astronomen deren Tätigkeit am meisten zum Sammeln verleitet eine so große
Rolle unter uns Aber wir haben noch gar kein Recht zum Sammeln Ans Sammeln
darf man erst denken wenn man eine Unmenge erforscht entdeckt und begriffen
hat Wir haben aber noch lange nicht so viel wissenschaftlich feststehende
Tatsachen erkannt um die jetzt schon sammeln zu können Du fragtest mich vorhin
nach der Mondfinsternis Siehst Du sie schon Sie müsste nach meinen Berechnungen
da sein und sie ist noch nicht da Ich habe genau gerechnet und die
Mondfinsternis ist doch nicht da Ich stehe als Astronom immer vor unzähligen
Fragen die ich nicht beantworten kann und trotzdem soll ich sammeln Was
denn Etwa meine Fragen«
Und unter den kräftigen Armbewegungen zitterte der ganze Leib des
Astronomen
Der Halbmond stand unglaublich ruhig da ohne sich zu verfinstern Nur der
große Al Battany verfinsterte sich
Jakuby allerdings glich eher in seiner Ruhe dem Halbmonde wenn auch sein
spitzes Gesicht durchaus nichts Mondartiges an sich hatte Mit dem Gleichmut
eines unüberwindlichen Siegers bemerkte er mit seiner hellen Fistelstimme so von
oben herab
»Du magst sagen was Du willst Die Geographen und Astronomen sind dennoch
die größten Gelehrten die man sich denken kann Wir wollen eine ganze Welt
kennenlernen eine ganze Welt wissenschaftlich in uns aufnehmen Wir stehen vor
der größten Aufgabe die man sich denken kann Und wir werden diese Aufgabe
überwältigen wir haben sie bereits zum größten Teil überwältigt Ich erinnere
Dich nur an mein Buch der Länder «
»Hör auf« schreit Battany dazwischen »Du bist und bleibst beneidenswert
Aber Du bist auch ein Kind Du weißt garnicht was in der Welt vorgeht Du hast
von der Welt keine Ahnung Du willst eine Welt begreifen Lächerlich Albern
Was man nicht Alles wollen kann Ein Prahlhans bist Du mit Deinem Wollen Du
erinnerst mich an einen Vielfrass den unser Dichter Safur sehr schöne Verse
sprechen ließ Pass mal auf Der Vielfrass sagt als er hungrig zwar doch so
prahlerisch wie ein echter arabischer Gelehrter in eine große Gesellschaft
kommt die mit der Mahlzeit beinahe fertig ist also
Weiß Allah wann Ich mich mal verschnauf
Ich aß heut schon hundert Hammel auf
Verdaute sie gleich im Dauerlauf
Und löschte den Durst mit dem ganzen Nil
Mir stak mang den Zähnen manch Krokodil
Ihr nennt das doch hoffentlich nicht zuviel
Mehr kann ich trotzdem noch essen«
Und der Astronom steht breitbeinig da und brummt
Jakuby macht ein verblüfftes Gesicht und versteht nicht was Battany sagen
will Der indessen erklärt gleich indem er fortfährt »Du musst eben nicht
vergessen dass unserm Können denn doch so manche Grenzen gezogen sind Dass wir
uns oft verrechnen das ist noch nicht das Schlimmste Du willst die ganze Welt
kennenlernen Nun sag aber mal ganz leise unter uns Ist Dir das auch von
unserm Chalifen ausdrücklich erlaubt Darfst Du das Wir hier in Bagdad wissen
sehr genau dass der Chalif uns garnicht erlauben will der Wissenschaft so
obzuliegen wie wir möchten denken und schreiben sollen wir eigentlich nicht
Wenn wir aber das nicht mal sollen sind wir dann noch die größten Gelehrten«
Und nun streiten die Beiden nicht mehr über Sammeln und Forschen sie
flüstern nur noch ganz leise zischeln sich immer wieder was ins Ohr was von
der Chalifenburg von der Verfolgung der freien Wissenschaft und ähnlichen halb
heiteren halb traurigen Dingen
Der Schreiber Osman sitzt währenddem im Empfangssaal auf einem großen
persischen Teppich mit untergeschlagenen Beinen finster brütend wie ein
chinesischer Bonze da Seine dünnen braunen baumwollenen Beinkleider hängen
schlaff um die wulstigen Kniegelenke Wie eine dicke Tonne steht der breite
Fettleib des Schreibers auf dem Teppich Ein ganz kurzes braunes Jäckchen ohne
Ärmel umspannt des Schreibers breite Brust auf der ein schneeweisses Leinenhemd
vorschimmert Die weiten Ärmel des Hemdes sind auch sehr sauber der weiße
Leinenturban ebenfalls Das glatte braune Gesicht mit den dicken Pustbacken ist
rund und voll Die kleinen Augen starren auf die roten und blauen Muster des
Teppichs der geheimnisvoll wie ein Sterndeuterbuch aussieht und fast den ganzen
Boden bedeckt Osmans Stirn zeigt dicke Falten
Der Empfangssaal ist eine offene Halle Unter den zackig geschwungenen
Säulenbogen sieht man den dunkelblauen Himmel mit den Sternen Durch die offenen
Säulenbogen geht es zum fünfeckigen Altan hinaus auf dem Battany und Jakuby
eifrig flüstern Ein großer Himmelsglobus aus Kupfer tront vorn an der einen
Seite des Saales Hinten in den beiden Ecknischen der mit roten und silbernen
Querstreifen bemalten Wände brennt in zwei Kohlenbecken duftiges arabisches
Räucherwerk Die leichten wirbelnden Rauchwolken schweben durch das ganze Gemach
in langen bläulichen Fäden dahin Osman sitzt mitten auf dem Teppich mit der
Stirn dem Himmel zu und grübelt
Neben dem dicken Schreiber Osman rechts auf einem kleinen fünfeckigen
Ebenholztische dampft heißer chinesischer Tee in feiner Porzellanschale Der
Schreiber Osman ist kein gewöhnlicher Schreiber er lässt seine Gehilfen
schreiben er handelt nur mit den Büchern der großen Gelehrten die ihre
Schriften ihm zur Vervielfältigung und Verbreitung übergeben Der Buchhändler
hat schwere geschäftliche Sorgen er sitzt und rechnet und brütet und nickt
dabei zuweilen mit dem dicken Kopf langsam bedächtig wie ein Bonze beim Chalifen
von Peking
Bücherrollen liegen auf dem Teppich kreuz und quer Dem Globus gegenüber in
einer Alabasternische funkelt ein kupfernes Waschbecken fein getriebene
Arbeit das Gestell besteht aus drei schweren reich verzierten Eisenfüssen die
sich unten auf dem schwarzen Fliesenboden schneckenartig umkrümmen
Von der zierlichen Decke oben über die sich geometrische Figuren in blauen
und grünen Linien auf goldnem Grunde durcheinander spinnen hängen an eisernen
Ketten bunte maurische Lampen hernieder Sie beleuchten das braune Fettgesicht
des dicken Schreibers und lassen auch eine indische sitzende Götterfigur mitten
im Hintergrunde sichtbar werden Der Götze sitzt aber höher als der Schreiber
Im Empfangssaal ist es ganz still Nur die glühenden Kohlen knistern ein
bisschen Die duftigen blauen Räucherwolken wirbeln zur zierlichen Decke ziehen
in langen Fäden langsam durch die Säulenbogen in die Mondnacht hinaus
Zu Osman in die Empfangshalle kommen nun mit dem gelehrten Kodama die beiden
Dichter Suleiman und Safur Kodamas wohltönende Stimme wird von Osman schon von
fern als die Drei noch unten auf der Treppe waren gehört Kodama ist auch ein
Geograph aber er lässt sich nicht gern so nennen weil er nicht gern reisen mag
er ist zu dick
Osman blickt die Kommenden traurig an
Kodama schmunzelt so recht inniglich vergnügt er ist fast ebenso dick wie
der dicke Schreiber
Osmans Mondgesicht glänzt des Geographen Mondgesicht glänzt auch Dessen
gelbseidener Turban ist sehr schön Ach Kodamas kurzer schwarzer Sammetrock
ist auch sehr schön und gar seine breiten schwarzseidenen Hosen die sind die
schönsten Pluderhosen in ganz Bagdad
»Aber Osman warum bist Du denn so traurig« ruft der Geograph und er
schüttelt sich vor Lachen dass ihm die hellen Tränen über die rasierten braunen
Wangen rollen
Osman schweigt und seine Miene wird noch kummervoller
Safur betrachtet das indische Götzenbild Suleiman wärmt sich die Hände vor
dem einen Kohlenbecken Kodama streichelt den runden kupfernen Himmelsglobus und
wendet sich plötzlich ganz ernst zum jungen Safur und sagt sehr wohltönend
»Sieh nur mein Teurer hier kannst Du was lernen So rund wie diese Kugel ist
auch unsre Erde ja ja Hast Du denn schon meine kleine Schrift über die
Kugelgestalt der Erde zu Ende gelesen Nein Ich kann Dir nur raten lies was
ich da geschrieben Das könnte Dich auch dichterisch anregen Glaubst Du nicht
dass der Mensch auch so rund wie eine Kugel werden könnte Ich sage Dir möglich
ist das Zum mindesten sollten wir immer bestrebt sein runder zu werden Dürfte
nicht mein Leib noch schöner aussehen wenn er noch runder würde Bist Du auch
rund Nein Warum nicht«
Safur lacht laut auf und geht hinaus auf den Altan wendet sich aber gleich
zur Linken und schreitet eilig über die Brücke zum Mittelturm seinen Freund Abu
Maschar der noch immer oben auf dem Turme wie eine Bildsäule dasteht will er
besuchen
Indessen Kodama setzt sich behaglich neben Osman auf den persischen
Teppich und fragt den traurigen Schreiber
»Na was hast Du denn«
Kodama bekommt leider keine Antwort
Battany und Jakuby treten grade immer noch flüsternd mit mürrischen
Gesichtern in den Empfangssaal Sie sehen Bagdads dickste Freunde merkwürdig
steif auf dem Teppich sitzen Suleiman wärmt sich noch immer die Hände an dem
einen Kohlenbecken
Man begrüßt sich indem man schweigend leicht das Haupt nach vorne beugt
was sehr drollig aussieht
Es ist einen Augenblick wieder still
Dann jedoch knarren die Treppenstufen und herein stürmt wie ein Wilder der
große Philosoph Abu Hischam
Malerisch schlottert ihm sein alter Kittel um die dürren Beine die
armenische Pelzmütze sitzt ihm schief auf den lockigen braunen Haaren sein
zottiger Bart zittert ihm und die großen braunen Augen rollen ihm im Kopfe
Abu Hischam haut mit der Faust auf den Globus und stampft mit dem rechten
Fuß auf den Boden
Kodama springt empor Suleiman Battany und Jakuby kommen erschrocken näher
»Was ist denn los« schreit der dicke Kodama
Doch der Philosoph reckt die Faust zum Himmel auf und fragt heiser »Wisst
Ihr noch nichts«
»Ich weiß Alles« ruft traurig der dicke Schreiber
Die Andern aber wollen nun wissen was los ist Und Abu Hischam erzählt wirr
und erregt »Was wir immer gefürchtet ist geschehen Der Chalif Mutadid dieser
Hund er hats gewagt er hat ein neues Gesetz erlassen Er hat verboten man
höre nur Bücher herauszugeben die einen philosophischen oder politischen
Inhalt haben Das heißt wir dürfen überhaupt keine Bücher mehr herausgeben Ist
das nicht stark Weder Philosophisches noch Politisches soll ins Volk dringen
das heißt wissenschaftliche Bücher sollen nicht mehr geschrieben werden Was
sagt Ihr nun Er hats gewagt Der Hund Der Hund Dieses verfluchte Aas«
Und alle Sechs werden fürchterlich wütend sie schreien gellend
durcheinander
Battanys Toga fliegt umher wie ein Segel im Sturm Jakuby fuchtelt mit dem
rechten Zeigefinger vor seiner Nase herum Kodama schlägt sich immerfort mit den
Fäusten vor die Brust Suleiman ringt die Hände Osman stöhnt
Der Philosoph Abu Hischam brüllt wie ein Stier schimpft wie ein
Kameltreiber und hält wie sich der Lärm ein wenig gelegt eine Rede
»Freunde« ruft er »was ich schon immer empfahl das empfehle ich jetzt
noch einmal das muss jetzt endlich zur Tat werden Wir müssen einen Geheimbund
gründen und unsre Bücher unter uns herausgeben nicht fürs Volk Was haben wir
davon wenn unsre Bücher gekauft und gelesen werden von Leuten die uns garnicht
verstehen können Bilden wir lieber endlich eine abgeschlossene gelehrte
Gesellschaft die ihre Bücher nur unter ihre Mitglieder verteilt Wir Gelehrte
schreiben doch nur für die andren Gelehrten lasst uns drum einen Bund
schließen wie ichs schon öfters empfohlen habe Wir brauchen unsre Bücher
garnicht öffentlich herauszugeben Fürs Volk schreiben wir ja doch nicht Wir
versenden unsre Bücher nur an die einzelnen Mitglieder des zu uns gehörenden
Gelehrtenbundes und pfeifen dann auf die Gesetze des dummen Mutadid der besser
täte wenn er in den Wallgräben Bagdads die Schweine hütete«
Nach dieser unerwarteten Rede springt auch endlich der Schreiber Osman auf
der bis dahin still auf dem persischen Teppich saß und chinesischen Tee trank
Osman erhob sich furchtbar schnell was so aussah als wenn ein Gummiball einen
Klaps bekommen
»Ihr habt ja kein Geld« schreit der Schreiber »wollt Ihr Eure Bücher
verschenken«
Und es entsteht ein neuer Lärm der ist noch wüster als der erste Jakuby
bemüht sich vergeblich das Gespräch auf die bevorstehende Mondfinsternis die
garnicht erscheinen will zu lenken
Schließlich reden Alle zugleich sie schreien die Worte mit versengendem
Glutblick einander zu Niemand versteht was sie so heftig sagen
Safur aber oben auf dem Mittelturm schwärmt dem großen Sterndeuter Abu
Maschar von Himmelsgeistern und herrlichen Huris von den alten Göttern und von
den alten Gespenstern begeistert etwas vor er sagt
»Wenn ich so im tiefen unendlichen Blau die strahlenden Himmelsblüten
schaue dann fühlt sich meine Seele oft so mächtig bewegt und ich träume mir
dann da oben eine Welt zusammen in der Götter hausen übermenschliche Wesen
die noch viel feiner empfinden können als die besten Dichter der Erde Oh Abu
Maschar muss es nicht dort oben in den freien Weltalllüften viel wundervoller
sein als hier bei uns«
Abu Maschar erwidert mit ganz leiser Stimme
»Kein Ort der Erde ist wirklich schöner als der andre Wir können überall
glücklich sein Die Zustände sind überall gleich gut und gleich schlecht wie
man gerade sagen will Und in andren Welten kanns eigentlich auch nicht anders
sein Sieh Safur das ist eigentlich das Geheimnis meiner Prophetengabe dass
ich nirgendwo und auch nirgendwann einen besseren Zustand vermute als den
welchen ich grad in den einzelnen Augenblicken meines Lebens empfinde Die
Zukunft ist für uns kein verschlossenes Buch Zu allen Zeiten war es im Grunde
genauso gut und genauso schlecht um die Menschen bestellt als zu unsrer Zeit
hier in Bagdad Dass ich fest daran glaube die Welt wird weder besser noch
schlechter eine wirklich wesentliche Weiterentwicklung der Menschen gibt es
garnicht dieser Glaube hält mich grade macht mich sicher stolz fest und
bewusst das macht mich zum Propheten wie mich die Gelehrten in der Moschee
spöttisch nennen Ja Safur ich bin ein Prophet wenn ich in die Sterne schaue
so sehe ich die Zukunft unsre Welt ist ebensowenig veränderlich wie der
Sternenhimmel Scheinbar nur bietet sich uns ein ewiger Wechsel dar Die Zukunft
wird ebenso aussehen wie die Gegenwart Dieses Wort vergiss nicht Safur Was ich
sonst noch prophezeie ist im Grunde leerer bedeutungsloser Scherz Die Welt
bleibt wie sie ist Werde so ruhig wie dieser Sternenhimmel und hoffe nicht
auf andre oder bessere Zeiten«
Ein duftender Blütenwind weht durch Abu Maschars weißes Beduinengewand Safur
schaut mit trunkenen Blicken zum schwarzen Saturn Der Dichter versteht den
Propheten
Der Lärm in der Empfangshalle dringt jetzt schwächer zum Mittelturm empor
Ruhig steht der Halbmond glänzend ohne jeden Schatten über der alten
Sternwarte die einst der gebildete Chalif Mamun für seine Himmelsfreunde
erbauen ließ
Safur und Abu Maschar schauen schweigend in die Sterne die verblassen da
der Mond zu hell ist
Doch jetzt klopft es leise
Ein schwarzer Sklave steigt langsam die letzten Stufen der Treppe hinauf und
sagt ganz behutsam um nicht zu stören
»Der Herr Battany will aufm Boot im Tigris hinund herfahren lässt bitten
mitzukommen«
»Eine Kahnfahrt« ruft Safur
»Was gibt die Veranlassung« fragt Abu Maschar
»Der Mond scheint dem Herrn Battany zu hell« erwidert ernst der schwarze
Sklave
Die beiden Freunde schauen sich an und lächeln Schmunzelnd folgen sie dem
Schwarzen der hurtig die Treppe hinunterstolpert
Unten zügeln die beiden Mongolen ihre schäumenden Rosse
Die Sklaven rennen treppauf und treppab
Alles ist in Bewegung auf der Sternwarte
Der Halbmond steht ruhig am Himmel und glänzt
Drittes Kapitel
Lange feine Lichtfäden glitzern auf den lustigen kleinen Wellen des Tigris das
Licht von vielen Booten und das Licht von den helleren Sternen spiegelt sich in
der lauen Flut
Battany steht auf der äußersten Spitze des großen Bretterstegs an dem die
Lustbarken Bagdads zu landen pflegen und starrt hinein in den großen breiten
Strom auf dessen Wellen die langen Lichtfäden glitzern
Der Astronom atmet tief auf
Er ist einen Augenblick allein
Die kleinen Wellen plätschern um den Brettersteg
Ein kühler Wind weht sacht übers Wasser dahin
Der Tigris ist groß und breit
Die Rechte hat Battany fest aufs Herz gepresst Sein Hals reckt sich sehnig
nach vorn Seine Stirn ist von tiefen Falten durchfurcht Und seine Augen
brennen
Er murmelt
»Jakuby ist beneidenswert Jakuby ist beneidenswert«
Dem großen Gelehrten treten Wuttränen ins Auge
Er stöhnt laut erschrickt dann und spricht zu sich selbst leise mit
knirschenden Zähnen
»Jetzt werden sie kommen und mich höhnen Der Mond ist hell er steht
hinter mir hinter den Bäumen und lacht Bei Allah Ich verstehs nicht Ich
versteh nichts Wir können garnichts Nur die Esel bilden sich ein was zu
können Wenn ich nur Etwas vollbracht hätte nur Etwas Aber mir ward es
versagt Ich habe gearbeitet wie ein Steinträger und nichts dafür errungen
nichts Ich bin nur einsam geworden Kein Freund tröstet mich kein Freund Ich
hab allein meine Qual zu tragen allein«
Und er stöhnt wieder und atmet hastig mit der Linken fährt er sich über
die nassen Augen
Er blickt nach rechts er wartet auf seine Barke
Doch die Barke kommt nicht
»Heute kommt garnichts« murmelt er Zähne knirschend
Seine schwarzen Sklaven stehen mit Pechfackeln am Strande
Das Schilf wird grell beleuchtet
Von der Seite von der Battanys Barke kommen soll kommt nichts Aber auf
der andren Seite werden nun vier grüne Lampen sichtbar es nahen sehr rasch
vier große Boote auf denen sehr laut gelärmt wird
Battany horcht und will zum Ufer zurück er kennt die Stimmen die da in
den vier Booten lärmen
Die Tofailys nahen
Doch Battany besinnt sich und bleibt trotzig stehen
Die Tofailys sind tolles Volk sie bilden Bagdads berüchtigte Prassergilde
Schlemmer sind die Tofailys Aber sie schlemmen nicht auf eigene Kosten sie
lassen sich immer einladen Geld besitzen die Tofailys fast niemals aber
betrunken sind die Tofailys fast immer auch jetzt
Battany stampft zornig mit dem Fuß auf dass der Brettersteg poltert und
wackelt denn am Ufer erscheinen grade seine sieben Freunde Kodama und Abu
Maschar an der Spitze
Ein Zusammenstoß mit den Tofailys ist unvermeidlich
Auf dem größten der vier Boote steht der alte bucklige Dichter Al Rumy der
hat den Al Battany schon gesehen ruft ihm gleich höhnisch zu
»Mondprophet Die Halbmonde wollen ja nicht so wie Du willst Lass den Glanz
Deiner Goldstücke heller strahlen dann werden die Halbmonde sich eher
verdunkeln lassen Halbmondprophet Du Lichtfeind«
Da im Handumdrehen blitzt Battanys krummer Säbel drohend über seiner
indischen Mütze
Und wie natürlich blitzen auf den Booten der Tofailys sofort ebenfalls
die Säbel
Der bucklige Al Rumy holt sein grades Schwert langsam und lachend hervor und
deutet mit der Spitze des graden Schwertes tückisch auf den Astronomen
Die Tofailys sind nur noch wenige Schritte vom Brettersteg entfernt
Die Zahl der auf den vier Booten aufleuchtenden Klingen ist nicht allzu
groß die meisten Tofailys haben ihre Säbel in den Weinkneipen der Stadt als
Pfand hinterlassen versetzt was in Bagdad sehr häufig vorzukommen pflegt
Indes Battany ist fast allein
Die schwarzen Sklaven mit ihren Pechfackeln schreien nur sind nicht sehr
tapfer
Battanys Freunde sind gleichfalls ihrer Tapferkeit wegen nicht berühmt nur
Safur läuft auf den Steg zieht seinen langen Dolch und hält diesen wie einen
kleinen Speer wurfbereit
Der Kampf erscheint unvermeidlich
Doch da plötzlich spritzt das Wasser am Ufer hoch auf Unverständliche
Flüche schallen durch die Luft und zwei schnaubende schwarze Hengste schäumen
in den Tigris hinein Auf den Hengsten sitzen die beiden Mongolen wild funkeln
ihre Augen Die Spitzen der langen Lanzen blitzen im grellen Fackellicht ganz
hoch in der Luft
Und im selben Nu verschwinden die Säbel der Tofailys
Die betrunkenen Prasser springen danach lachend als wenn garnichts los
wäre aus den Booten raus patschen durchs Wasser zum Ufer oder klettern auf
den Brettersteg
Torkelnd und johlend ziehen die Betrunknen die Kähne ans Land
Die Mongolen senken die Lanzen und sehen zu reiten dann gemächlich an den
Strand zurück
Die Tofailys sind nicht Bagdads Dummköpfe im Gegenteil Gelehrte und
Dichter sinds zumeist
Der junge Geograph Hamadany ist zum Beispiel ein sehr gescheiter Mann und
dennoch hat er wieder viel zuviel getrunken bewusstlos liegt er in dem einen
Kahn sein Kopf hängt laut schnarchend hintenüber Die Schiffer haben große
Mühe die schlaffen Glieder des Trunkenbolds ans Land zu schleppen
Die Weinschläuche der Tofailys sind fast sämtlich leer Ein paar jüngere
Weinhändler zanken sich deshalb denn sie wollen voneinander erfahren wer von
ihnen die fernerhin noch für die Gesellschaft nötigen Schläuche beschaffen wird
Ein derartiger Zank dauert immer sehr lange
Währenddem höhnt ein Krämer den Safur meint so leichthin »Na Freundchen
Hat Dir auch Deine Tarub Bagdads berühmte Köchin wieder ein paar Pasteten in
die Tasche gesteckt Gib mir was ab Ich hab Hunger«
Safur dreht sich um nach der andren Seite
Battanys Barke ist endlich angekommen
Osman und Kodama sind die Ersten die in den schönen langen Kahn steigen
Jakuby und Suleiman folgen gleich dem Beispiel der Dicken sind aber nicht
so sicher wie diese in den Arm und Beinbewegungen
Abu Hischam und Abu Maschar sprechen so eifrig dass sie erst von Safur zum
Einsteigen aufgefordert werden müssen
Wie diese letzten Drei im Kahne Platz gefunden überreichen die schwarzen
Sklaven die Fackeln den Ruderern heben den Battany sehr gewandt auch ins Boot
und stoßen das Fahrzeug in den Strom hinein
Die Tofailys lärmen wieder lauter
Der Dichter Buchtury rennt jetzt mit einem halben Dutzend verrufener
Tänzerinnen auf den Brettersteg und ruft den Abfahrenden noch einige Bosheiten
nach die versteht man aber nicht mehr
Battanys Barke wird sacht in die Mitte des Stroms hineingerudert dort
stößt heftig der Wind in die Segel
Und fort gehts stromabwärts
Die Pechfackeln knistern flammen lodern und werfen lange rote
Farbenbündel die immerfort wackeln ins Wasser
Die Wellen klingen plätschernd um die Planken der langen Barke sie
brodeln und murmeln vorn um den weißen Holzschwan der die Spitze des Schiffes
verziert
Die eine Pechfackel hängt vorn an einer Stange befestigt hoch über dem
langen Schwanenhals ragt aber noch weiter vor als dieser in den
dunkelblauen Himmel hinein
Hinter dem Schwan sitzt Abu Maschar in seinem weißen Beduinengewande und
streichelt mit seinen langen braunen Fingern seinen langen schwarzen Bart
Neben dem Propheten sitzt Safur Der steckt jetzt seine rechte Hand
vorsichtig in die laue Flut und die Wasser wirbeln schäumend um seine braunen
Finger
Der Dichter fühlt wie der Tigris wohlig um seine Handfläche strudelt
wieder und wieder durch die Finger gleitet und so weich die Gedanken belebt
auch so voll sich anpackt wie flüssiger Schlamm
Kitzelnd spülen die Wogen um die Fingerspitzen des Dichters
Jasminduft weht vom Strande herüber Battany und seine Freunde heben
lächelnd die Nasen höher Suleiman besonders der spricht dabei zu Jakuby von
Narzissen und Lilien von Wasserrosen und Riesenveilchen
Die Gärten Bagdads liegen an den Ufern des Tigris wie schlafende Jungfrauen
und ihre überreiche Blütenpracht schwellt vollen Wohlgeruch auf den breiten
Strom hinaus
Prachtvoll ist die Nacht
Die Sterne funkeln die Fackeln flackern und die Wellen klingen plätschernd
gegen die Barke an
Der Astronom ist leider noch immer nicht heiter in dieser herrlichen
Nacht in der selbst Indiens verwöhnte Götter selig lächeln würden
Die Stimmung ist auf der Barke ein bisschen gedrückt
Osman der Schreiber ist entschieden der Traurigste
Kodama unter seinem gelben Turban scheint am lustigsten zu sein
Von den Fackeln werden grell beleuchtet die Dichter die Gelehrten und die
Sklaven
Dem Philosophen Abu Hischam wird die Pelzmütze zu warm er nimmt sie ab
Battany wundert sich darüber er sieht den Osman unter dem weißen neben
Kodama unter dem gelben Turban Jakuby unter dem lila gefärbten neben Suleiman
unter dem schmutzigen Turban ganz schweigend dasitzen Auch Safur und Abu
Maschar in ihren Beduinengewändern sitzen vorn ganz schweigend da
Und der Astronom erinnert sich plötzlich dass er seine Freunde zu einer
»Vergnügungsfahrt« einlud
Und er flüstert einem älteren Sklaven einen kurzen Befehl zu
Und gleich darauf packen die gehorsamen Diener geschäftig die Wein und
Esskörbe aus
Das verbessert die Stimmung
Der große Goldpokal wird mit Scherbett dem berühmten würzigen Eiswein
gefüllt
Bald geht der Pokal von Hand zu Hand
Alle trinken schmunzelnd mit der Zunge schnalzend das eiskalte duftende
Getränk
Alsdann werden Datteln und Bananen Feigen und Kirschen Äpfel und Mandeln
Weintrauben Pfirsiche Nüsse Oliven Erdbeeren und kleine ovale Honigkuchen in
fein getriebenen Metallschalen herumgereicht
Kodama knackt eine Nuss und fragt den Safur der in der Linken den Pokal und
die Rechte noch immer im Wasser hält »Sage mal lieber Freund Du siehst so
träumerisch mich an denkst Du an Deine Tarub Wie geht es denn Deiner
berühmten Köchin Wird sie nicht bald wieder eine neue Torte backen mit
Zucker Citronen und und frischen Kräutern oder so was weich Zerfliessendes
Hm«
»Frag sie doch selber« gibt Safur zurück »warum soll ich jetzt an die
Tarub denken Die Nacht ist so prächtig und ich fühle nur wie wohlig sich das
Wasser anfassen lässt Die Empfindungen der Hand scheinen mir augenblicklich noch
viel feinsinniger als dieser Eiswein Trink Du Abu Maschar Und wenn Du mir
einen Apfel schälen wolltest würd ich Dir dankbar sein Hier ist mein Dolch«
Abu Maschar nickt nimmt den Dolch und schält den Apfel
Kodama wendet sich an Osman und versucht ihn wieder zu trösten
Osman lächelt schwach und meint
»Die Luft ist sehr erquickend Wenn jetzt ein Dichter Obstverse vortrüge
würd ich mich sehr freuen«
dabei lächelt der Dicke schon ganz behaglich isst eine rote Kirsche nach der
andern und fühlt sich allmählich immer wohler vergisst sein Geschäft und
seine Sorgen
Die Kirschen sind gut
Safur der sonst für jede Speise für alles Süße und für alles Saure
prickelnde Vierzeiler aus seinem Beduinengewande herauszuschütteln pflegt
schweigt schweigt hartnäckig
Suleiman der am Maste sitzt beugt sich daher bedächtig zu den beiden
Dicken hinüber und spricht laut mit emporgezogenen Augenbrauen
»Ich sah im Traume eine Apfelkrone
Und die stülpt ich mir behutsam auf den kahlen Kopf
Doch Osman schenkte stöhnend mir zum Hohne
Einen Kirschenszepter tragen sollt ich den als Zopf« Alle lachen nun sehr
laut Suleiman muss seine Verse wiederholen Selbst Battany muss lachen
Nur Osman lacht nicht Der nimmt behutsam seinen weißen reinen Turban ab und
reicht ihn dem alten Dichter der kopfnickend für den neuen seinen alten gibt
Jetzt wirds gemütlich
Wieder geht der Goldpokal mit dem köstlichen Scherbett von Hand zu Hand Der
Wind bläst noch kräftiger in die Segel Die Wellen klingen hell plätschernd um
die Planken Die Sterne funkeln Die Barke schaukelt
Abu Hischam spielte mit seiner Pelzmütze Bald gab er ihr einen Puff mit der
Faust bald streichelte er das schwarze Fell Er knillte die Mütz und presste
sie hielt sie mit zwei Fingern an ein paar Haaren fest und ließ sie baumeln
Dann warf er sie ein wenig empor fing sie geschickt wieder auf schlug sie wie
man ein Kind schlägt versuchte sie auch auszuwringen wies die Wäscherinnen mit
schmutziger Wäsche zu tun pflegen schließlich fuhr er sich mit der rechten
Hand durch die wüst ins Gesicht hängenden Haare und klopfte gleich darauf dem
Battany aufs Knie Da ihm Jakuby gleichzeitig den Goldpokal reichte so setzte
er rasch seine Pelzmütz wieder auf den Kopf und trank hastig aber alsdann
sprach er
»Battany hör mal Du Suleiman pass auch auf Sagt doch Noch einmal Auf
der Sternwarte liesset Ihr mich nicht ordentlich ausreden Warum sollen wir denn
nicht Ist es denn nicht wirklich an der Zeit einen großen Gelehrtenbund zu
gründen Alle Gelehrten müssen wie ichs schon öfters empfahl diesem
Gelehrtenbunde angehören Wir könnten uns vielleicht die aufrichtigen Brüder
nennen oder oder die lauteren Brüder Wie denkt Ihr darüber Könnten
wir nicht einmal ganz in Ruhe die Sache überlegen Was Ein Gelehrtenbund muss es
sein und alle Gelehrten müssen dem Bunde angehören Niemand darf fehlen Auch
die Tofailys dürfen nicht vernachlässigt werden Werde nicht gleich wütend
Battany Schufte sind es zwar doch trotzdem sind sehr viele feine Köpfe unter
diesen Tofailys Eigentlich müssen wir uns doch auch zu den Tofailys zählen
Gewiss Battany Rede nicht Glaubs mir Boshaft sind ja die Schurken wir sinds
aber auch Du kennst mich ja Battany Du wirst mich nicht missverstehen Was
sagst Du Jakuby«
Jakuby versetzte mit seiner Fistelstimme
»Ich bin der Ansicht dass eine so gänzlich abgeschlossene Stellung der
Gelehrtenwelt dieser nicht zum Vorteile gereichen kann«
»Und ich« warf Battany verächtlich die Mundwinkel runterziehend
dazwischen »habe mich niemals zu den Tofailys gerechnet Ich pflege in andrer
Weise die Genüsse der Erde durchzukosten niemals in bezechter
Bewusstlosigkeit«
Weiche feine Saitenklänge dringen aus den Gärten die am Ufer liegen auf
den breiten Tigrisstrom hinaus
Auch eine Flöte ist zu hören
Abu Hischam fängt nach kurzer Pause wieder an heftig also
»Aber Prasser sind wir dennoch Jeder prasst nur in seiner eigenen Art Ich
mache mir auch nichts aus feinen Fressereien Was gehts mich an wie eine Torte
schmeckt ich bin froh wenn ich meinen Hunger stillen kann Doch genießen
prassen will ich auch Ich bin nur derber als Ihr Wenn wir auch nicht so
reich sind wie Du lieber Battany so bist Du doch nicht mehr als wir Du bist
ein Astronom und ich bin ein Philosoph Das heißt wir sind zwei Gelehrte Wir
sind sämtlich Gelehrte«
»Außer Osman« ruft Safur von der Spitze der Barke nach hinten hinüber
»Ganz recht Safur« sagt der Philosoph »dass hier Niemand etwas vor dem
Andern voraus hat das ist also klar«
»Ja Ja« meint nun Jakuby liebenswürdig »Dein Buch Der Zweifler scheint
mir sogar sehr höchst bedeutsam zu sein Zwar ich habe nicht alles
verstanden «
»Ich auch nicht« schreit lustig Kodama klopft dabei dem noch immer nicht
so recht vergnügten Osman herzhaft auf die Schulter
Alle müssen lachen
Abu Hischam spielt wieder mit seiner Pelzmütz und schwenkt sie schließlich
überem Kopf damit die Andern wieder auf ihn aufmerksam werden
Kodama jedoch reicht dem Philosophen den Goldpokal der Philosoph soll erst
wieder trinken Nach dem Trunk lässt der sich aber nicht mehr behindern er redet
wieder folgendermaßen
»Kommen wir also zum Schluss Sagt Seid Ihr jetzt nicht mit mir der
Überzeugung dass wir gezwungen sind uns zusammenzutun Das Verbot des dummen
Chalifen sagt doch genug Die Nacht ist sehr schön Die Möven krächzen Wie
segeln einer großen Zukunft entgegen Der entscheidende Augenblick ist gekommen
Demnach Brüder Hört Wollen wir jetzt nicht gleich unsern Bund den Bund der
lauteren Brüder in aller Form begründen Jetzt gleich muss es geschehen Warum
sollen wirs denn aufschieben«
»Ihr wollt wohl eine neue Prassergilde schaffen« stößt nun aufgeregt der
dicke Osman hervor
»Nein wir wollen« entgegnet Abu Hischam klug »der Prassergilde eine
Gelehrtengilde gegenüberstellen Nicht wahr Battany Bist Du nicht auf meiner
Seite wenn wir eine Gelehrtengilde gründen die im vollen bewussten Gegensatz
zur Prassergilde der Tofailys steht«
»Du willst wohl nur« wirft da höhnisch Kodama ein »dass wir uns aufregen
und demgemäss rascher zechen als sonst Nimm Hier hast Du den Krug Keiner wehrt
Dir heute mehr zu trinken als sonst Ich trink auch immer mehr immer mehr«
Abu Hischam lacht und trinkt
Battany pfeift dazu
Jakuby räuspert sich so verständnisinnig
Osman bricht aber in ein schallendes Hohngelächter aus sodass sich selbst
der gutmütige Suleiman unwillig umwendet
Eine andere Barke auch von Pechfackeln erleuchtet
wird dabei vorübergerudert stromaufwärts
Eine tiefe Frauenstimme tönt dunkel und tieftraurig aus dieser Barke hervor
ein südarabisches Totenlied hallt unheimlich übers Wasser hin
Battany und seine Freunde lauschen
Abu Maschar dem vorn allmählich zu häufig die Wellen über Bord spritzen
geht jetzt in die Mitte des Kahnes und setzt sich dem Abu Hischam gegenüber
Kodama gibt einem Sklaven der nicht schnell genug dem Sterndeuter Platz
macht einen sanften Klaps auf den Hinterkopf
Wie das südarabische Totenlied in der Ferne verhallt ergreift Abu Maschar
der bisher ganz still war etwas feierlich das Wort Er spricht leise fast
flüsternd
»Warum sollen wir eigentlich einen neuen Geheimbund gründen Wir Gelehrten
bilden doch bereits in der Menschenwelt eine so abgeschlossene Gesellschaft dass
wir diese auch schon einen Geheimbund nennen könnten Sind nicht die alten
Gesellschaftsformen so wie sie sind für unser Gesellschaftsbedürfnis vollauf
genug Wer wüst prassen und zechen will kann sich jederzeit unter die Tofailys
begeben Wer feinere Gesellschaftsgenüsse verlangt findet sie bei unsrem
gastfreien Battany auf schaukelnden Barken und auf unsrer Sternwarte Sind nicht
schon in den Verhältnissen in denen wir jetzt grade leben eigentlich sämtliche
Glückserreger die uns in den verschiedenen Augenblicken unsres Lebens
unentbehrlich erscheinen enthalten Was wir bedürfen verlangen und wünschen
das können wir unter den augenblicklich obwaltenden Verhältnissen ebenso leicht
und bequem erreichen wie in den erhofften anderen Zuständen die wir immer erst
schaffen müssen Jedoch wir haben garnicht nötig etwas Neues zu schaffen
Alles was wir wirklich brauchen ist bereits da Glaubt Ihr die Welt könnte
noch besser werden Glaubt Ihr ein Geheimbund könnte jemals irgend etwas besser
machen Die Welt ist wie sie war und wird so bleiben Wir haben keine
Ursache die sogenannte Entwicklung der Menschheit irgendwie zu fördern Eine
Entwicklung gibt es ja garnicht Wir werden nicht klüger werden als wir sind
Die Menschen werden nach tausend Jahren grade so klug und grade so dumm sein
wie wirs heute sind«
Abu Maschar hielt inne seine Augen glänzten im grellen Fackellicht
wunderbar schön
Alle hatten aufmerksam zugehört
Safur und Suleiman sahen bewundernd den großen Propheten an den
Dichtern passte die Weisheit des großen Sterndeuters
Jakuby jedoch und auch Battany sträubten sich gegen diese Weisheit hätten
gerne gleich erwidert wenn sie nur gewusst hätten wie und was
Osman und Kodama fühlten sich auch nicht angenehm berührt Kodama mochte
nicht allzu viel nachdenken liebte die längeren umständlichen Erörterungen
ganz und gar nicht liebte die bequeme Kürze den gedrungenen Witz das
abschneidende Schlagwort
Und Osman ja der wusste nicht recht ob Abu Maschar die richtige
Persönlichkeit sein würde den Abu Hischam mit seinem dummen Gelehrtenbunde
mundtot zu machen Der dicke Schreiber kannte den leicht erregbaren Philosophen
sehr genau so leicht war der nicht tot zu kriegen
Und richtig es dauerte auch garnicht lange und der Philosoph machte durch
deutliche Hand und Armbewegungen der Gesellschaft verständlich dass er bereit
wäre dem Propheten mit kräftiger Lunge Bescheid zu sagen Abu Hischam rief
gellend zornig mit den Fäusten gen Himmel drohend
»Prophet Der Unsinn den Du uns da auftischen willst schreit zum Himmel
wie Abels Blut«
Die Gesellschaft wird erregt
Die Sklaven blicken scheu zur Seite
Doch Battany wird plötzlich auch lebhaft
»Halt« stößt er heftig vor »jetzt haben wir dächt ich für heute genug
reden gehört Sehr schöne Reden warens sie waren nur leider zu schön So was
strengt an Ich möchte was vorschlagen Wir sind morgen abend bei Said ibn Selm
zum Abendessen geladen Wir könnten also morgen abend weiter reden Überlegen
wir uns bis dahin wie wir dem weisen Abu Maschar am besten antworten könnten
Seid Ihr einverstanden Ja Ich bin müde«
Lautes »Ja« in den verschiedensten Formen tönt von allen Lippen
erleichtert fühlen sich Battanys Freunde Nur Abu Hischam murrt ein bisschen
Doch das geht vorüber
Die Sklaven verteilen schon die Wolldecken
Und Alle freuen sich auf den Schlaf
Die Fackeln werden ins Wasser geworfen
Die Sterne werden blasser und blasser
Die Sklaven ziehen die Segel ein
Der Steuermann dreht um
Und die langen Riemen heben plätschernd die Barke immer wieder höher
bringen sie langsam stromaufwärts langsam
Dicht am Uferschilf rudern die Sklaven
Auf Battanys Barke ist es mäuschenstill Safur liegt in seiner Wolldecke auf
dem Rücken und betastet mit den Fingern das Holz auf seiner rechten Seite
Er blickt zu den verblassenden Sternen hinauf und träumt von seiner Tarub
Das Boot schaukelt so wohlig und die Augenlider fallen auch dem jungen
Dichter zu Er tastet im Traum überall umher Bald befasst er die Sterne bald
die Kochtöpfe Dann träumt er der Chalif hätte ihm befohlen aller Menschen
Nasen zu befühlen Und er atmet sehr schwer denn die Aufgabe dünkt ihn nicht
leicht
Suleiman denkt an sein stilles Zimmer bei seinem alten Gärtner Dort duften
feine Reseden auf dem Tischchen neben der alten breiten Matratze Und Rosenduft
weht hernieder Und junge Märchenprinzen beugen sich über das Lager des alten
Suleiman und der Rosenduft entströmt den kostbaren Kleidern der jungen
Prinzen Suleiman sinkt zurück ihm ist als läge sein Haupt mit seinem reinen
weißen Turban in einem duftigen Veilchenbeet
Laut schnarchen jetzt die Schläfer die langsam behutsam fast lautlos
nach Hause gerudert werden
Es wird Tag
Bagdad die Stadt erwacht
Der glühende Sonnenball taucht im Osten hinter der Stadt brennend empor
Hellauf glänzt die hohe Chalifenburg im strahlenden Tageslicht
An den Ufern des Tigris in den Gärten der Reichen wirds lebendig
Hübsche junge Sklavinnen baden hinterm Schilf kichernd
Und der Tau blitzt auf allen bunten Blumen im Sonnenschein
Ein Morgenwind umsäuselt die ruhigen Palmen die Schläfer und die kichernden
Mädchen die im Tigris baden
Viertes Kapitel
Und Safur lehnt an Tarubs Küchentür er ruft mit seitwärts geschobenem Kopf
»Ich stünde nimmer ganz allein
Wenn ich ewig könnte bei Dir sein«
Doch die Tarub stemmt die Fäuste in die Seiten und sagt zornig
»Jetzt kommst Du erst Ist jetzt Morgen Die Sonne geht ja bald wieder
unter Ich lass mir das nicht mehr gefallen«
»Tarub« erwidert wehmütig der Dichter »sei nicht so böse Battany lud uns
zu einer Kahnfahrt ein Wir sind eben erst zurückgekehrt Ärgre Dich nicht
Nein«
Tarub schnell besänftigt sagt rasch
»Na ja Ausreden hast Du immer daran fehlt es Dir nicht«
Bei diesen Worten hebt sie schon wieder geschäftig einen Kochtopf vom Feuer
runter stellt ihn auf die Platte und holt mit einem Blechlöffel vorsichtig das
Fleisch aus dem Topfe heraus Das Feuer schlägt lodernd in den russigen
Schornstein empor
In der Küche des reichen Said ibn Selm schaltet die Tarub wie eine Herrin
Sie wird fast rot vor Eifer
Der Dichter flüstert ihr ins Ohr
»Ja ja sei nur schön ernst das steht Dir gut ich weiß ja«
Und da lacht Tarub über das ganze Gesicht Safur aber greift nach ihrer
Hand die noch immer den Blechlöffel hält berührt sehr demütig mit den Lippen
die braunen Finger und sieht dann mit hoch emporgezogenen Augenbrauen unter
seinem braun und blau gestreiften Beduinengewande zur lachenden Köchin auf
Tarub schüttelt vergnügt den Kopf schreit aber plötzlich
»Nein wie Du wieder aussiehst«
Indes das kümmert den Dichter der nie an seiner Schönheit zweifelt sehr
wenig denn er schließt seiner braunen Köchin den Mund mit einem Kuss
Safur wandelt alsdann in der mit roten Mauersteinen gepflasterten Küche
langsam auf und nieder Er schaut immer wieder Tarubs grünen Wollrock an der
wie ein Sack in steifen Falten den Körper umschließt
Der grüne Rock hängt an roten Lederriemen die über die Schulter gehen und
hinten sich kreuzen
Das weiße Leinenhemd das den Oberkörper faltig umschließt sieht auch
sackartig aus Ganz kurz sind die Ärmel des Hemdes das so bläulichweiß
aussieht wie Kuhmilch die verwässert wurde
Die kräftigen braunen Arme wirtschaften am Herde so eifrig herum dass der
für gewöhnlich nicht sehr lebhafte Dichter ganz überrascht ist durch diese
flinken braunen Arme
Die Tarub ist fest gebaut wie aus Erz Ihr schwarzer Zopf fliegt bei jeder
Bewegung bald nach rechts bald nach links
Jetzt wendet sie das breite Gesicht zu ihrem Dichter Ihre großen schwarzen
Augen glänzen unter buschigen Brauen Sie zeigt ihm ihre weißen Zähne schüttelt
sich das schwarze strähnige Haar aus der niedrigen Stirn und fragt leise
»Was ist Dir denn wieder in die Krone gefahren«
Safur blickt seine Köchin nachdenklich an und sagt ernst
»Ich habe Hunger Tarub«
»Pfui« ruft sie da »schämst Du Dich nicht Ein solcher Feinschmecker wie
Du hat Hunger«
Safur versetzt ernst
»Ein wahrer Feinschmecker ist niemals satt«
Tarub ärgert sich über diese Worte sagt schnippisch
»Warum kamst Du denn nicht früher Jetzt wo ich soviel zu tun habe bist Du
hier Zieh doch den Vorhang fort«
Safur zieht den safrangelben Vorhang vom breiten Fenster zurück und schaut
in Saids grellbunten Garten hinein
Die Sonne scheint dem Dichter von links oben ein bisschen auf den Kopf und
auch auf die rechts gelegene weiße Küchenwand an der eine lange Reihe starker
Messer mit prächtigen Griffen glänzend aufbljetzt
Tarub geht dann mit ihrem Blechlöffel zu dem sinnenden Dichter dreht ihn um
und blickt ihn an steht breitbeinig da und wackelt mit dem ganzen Körper lustig
von rechts nach links und von links nach rechts wie ein Bär
Und indem sie die Augenbrauen so hochzieht wie vorhin der Safur fragt sie
schmeichelnd
»Nu Na Was möchtest Du jetzt wohl essen Nu Na Sag Ja«
»Alles« ruft da lachend der Dichter
Drob freut sich die Tarub wackelt wie ein Bär durch die ganze Küche und
spricht darauf sehr ernst indem sie die Hände faltet
»Oh Oh musst Du aber hungrig sein Setz Dich gleich da drüben auf die
Bastdecke schnell Ich werde vor Dir auch ein weißes Tuch auf die Erde
breiten Setz Dich«
Safur setzt sich denn auch mit untergeschlagenen Beinen und zufriedenen
Gesichtszügen auf die Bastdecke Und Tarub breitet das weiße Linnenzeug auf den
roten Ziegeln mit rasch bewegten Händen vor ihm aus
Danach bringt sie ihm das Essen
Sie erklärt
»Hier hast Du hartgesottene Steppeneier mit gelber Sonnentunke Der
Holzteller auf dem die Eier ruhen ist ganz neu und von einem ganz alten
Beduinen am Rande geschnitzt Und hier hast Du auf dunkelblauem Porzellan sauren
Waldsalat Nachher gibts Bratfisch Willst Du noch die Ölflasche«
Safur bittet um die braune mit dem langen Halse
Und auf einem Wandbrett unter alten Kruken und Gläsern Bechern und Näpfen
findet die Tarub nach längerem Suchen auch diese braune Ölflasche mit dem langen
Halse
Safur freut sich drüber
Tarub auch sie hebt die Lederriemen an denen das grüne Wollkleid hängt
höher Sie spannt die Sehnen des gedrungenen braunen Halses kräftig an stößt
das Kinn und die Unterlippe vor und sieht zu wie ihr Dichter isst Sie hofft
Safur werde ihr so recht was Nettes über die gelbe Sonnentunke sagen Der hört
aber gleich wieder mit dem Essen auf und redet jetzt die Finger der braunen
Rechten groß ausspreizend mit weicher Stimme
»Ich fühle mich so sehr wohl Ein großes Wohlbehagen empfand ich soeben Ich
empfinde das jetzt noch Kennst Du das auch Es war mir in meinem ganzen Körper
so unbeschreiblich wohlig Es überkam mich so plötzlich eine ganz selige
Stimmung Ich dachte nichts ich fühlte nur Mein ganzer Körper fühlte Nur ein
paar Augenblicke hielt es an Aber es war nicht eine einfache Sinnesempfindung
Ich schmeckte nichts und sah nichts ich fühlte auch nicht nur in den Fingern
alles fühlte an mir und in mir Ob eine so allgemeine körperliche
Gesamtempfindung nur eine Magenstimmung ist Ich habe noch garnicht Lust zum
Essen Ich fühle mich so sehr wohl Jetzt merke ich etwas über dem Magen unter
der Brust «
Besorgt fragt die Tarub
»Hast Du Leibschmerzen«
Safur schüttelt den Kopf und zerteilt wieder mit dem zierlichen kleinen
Spatenmesser die Steppeneier tut Sonnentunke mit einem Porzellanstäbchen hinauf
und isst wieder langsam bedächtig schmeckend
Der Dichter will dann Kamelsmilch
Und in einer feinen Tonschale die mit krausen Blumen bemalt ist reicht
Bagdads berühmte Köchin die Milch ihm hin Und er trinkt in langen Zügen
schlürfend mit der Zunge schnalzend lächelnd
Die Tarub pökert währenddem mit der Feuerzange in den glühenden Holzkohlen
herum rückt den Dreifuss zurecht setzt eine Bratpfanne hinauf und schmilzt Fett
darin Sie legt sodann einen großen Windfisch ins Fett und brät den Fisch
»Mir ist behaglich zu Mute« sagt der Dichter
Er kaut den frischen sauren Waldsalat und dabei schweift sein Blick über
die langen Reihen buntfarbiger irdener Kruken und Krüge die auf den
Wandbrettern stehen und sich prächtig von der weißen Kalkwand abheben Viele
Schüsseln stehen auch ringsum an den Wänden
Neben der Wassertonne liegt gehacktes Holz und brauner Torf
Auf einem gebeizten schwarzen Holzgestell tronen feierlich Porzellanschalen
und Tassen mit Blumen und seltsamen Figuren bemalt Das Porzellan ward aus dem
fernen China auf Dschunken nach Bagdad gebracht An diesem Porzellan bleiben
Safurs Blicke hängen und er meint lachend
»Du Tarub Jetzt habe ich bald aus allen jenen Schalen und Tassen die dort
auf dem schwarzen Gestell stehen gegessen und getrunken nicht«
»Ei ja« erwidert das braune Mädchen »aber sage mal
schmeckt es Dir denn auch Du sagst heute nichts«
»Wie sollte mir« ruft der oftmals überschwängliche Dichter »das was Du
kochst jemals nicht schmecken Ist doch unmöglich Ich habe ja schon alles
aufgegessen Tarub Niemand kocht wie Du glaubs mir Gib mir Brot und den
Salzbottel«
Tarub nickt vergnügt als wär ihr was geschenkt
Der Windfisch ist gebraten ganz knusprig Die große Köchin kostet ihn und
sagt »Hm«
Danach stellt sie Brot Salz und Fisch vor ihren lieben Dichter und sagt
»Nun«
Er streichelt ihre Hand und will noch eine Citrone bekommt sie auch
gleich
Der braun gebratene knusprige Windfisch liegt auf einem silberblanken
Zinnteller
Tarub kauert sich Safur gegenüber an die Erde betrachtet ihn freut
sich dass es ihm schmeckt
»Weißt Du Tarub« hebt nun der Dichter lachend an wie er sich die letzten
Gräten des Windfisches aus den Zähnen zieht »während ich so aß hatte ich einen
prächtigen Traum denn der Windfisch schmeckte vortrefflich
den lieb ich besonders gebraten Ich träumte mir war so als wäre ich
ein Riese und säße vor dem großen Meer und mir kamen die einzelnen Fischteile
wie wunderliche kleine Inseln vor Verstehst Du nicht Ich glaubte kleine
Inseln zu essen und das Meer brausen zu hören in dem die Windfische
herumspringen«
»Was Du auch Alles glaubst« ruft da erstaunt die Tarub
Safur aber fährt fort
»Man muss noch viel mehr beim Essen denken Ich verstehe nur das Eine nicht
denke Dir nur der große Weltreisende Jakuby doch sonst ein wirklich
feingebildeter Mann versteht vom Essen nichts wahrhaftig nichts
er hält die Genüsse der Zunge für ganz niedrige für tierisch«
Entrüstet ruft die braune Köchin
»Ist es möglich«
Der Dichter spricht nun weiter
»Ich versuchte den großen Gelehrten der doch fast alle Länder der Erde
kennt China Arabien Spanien Afrika zu widerlegen Ich sagte warum soll
ich mich für eine köstlich schmeckende Speise nicht ebenso herzlich begeistern
wie für eine neue Stadt oder für ein neues Buch Warum nicht Ich empfinde doch
beim Essen ebenso leicht was wie beim Lesen und Reisen Doch er verstand mich
nicht Und der alte Querkopf Abu Hischam den Philosophen meine ich der stand
dem Jakuby noch bei«
»Weißt Du« erklärt eifrig die Tarub »vom Essen verstehen eigentlich die
meisten Menschen nichts Dieser dicke Vielfrass der Schreiber Osman ich sage
nichts aber ich habe sehr oft das Gefühl als wärs ihm ganz gleichgültig was
er isst wenns nur viel ist«
Safur schiebt die Schuld an dieser Vielesserei den Tofailys in die Schuhe
diese Schlemmer müssten Alles unmäßig treiben anders wäre ihnen nicht wohl
Jetzt plaudern die Beiden erzählen sich was
Der Tarub fällt dabei was Neues ein
»Bei Allah« fängt sie erschrocken an »ich vergaß ja hast Du denn noch
nichts von dem Morde heute Morgen gehört Nein«
Safur hält diesen Mord nicht für besonders merkwürdig ist der Meinung dass
so was alle Tage in Bagdad vorkommt
Das bringt aber die Tarub ganz aus der Fassung sie redet ihrem Dichter ins
Gewissen
»Safur« sagt sie eindringlich mahnend wie eine Mutter »wie kannst Du so
sprechen Es ist doch schrecklich einen Menschen zu morden Über den Tod darfst
Du nicht so leichtfertig denken Sieh diese wüsten Tofailys haben den Mord
begangen einen alten Wollkrempler haben sie totgestochen Du solltest doch
nicht mehr mit den Tofailys verkehren sonst stechen sie Dich auch noch tot
Versprichs mir«
»Hier hast Du meine Hand« ruft feierlich der Dichter aus »ich will mich um
Deinetwillen niemals totstechen lassen«
Die Tarub springt ärgerlich auf sie ist bös immer wenn sie ernst wird
ist er spöttisch so recht nichtswürdig kann er sein
Safur tröstet seine ärgerliche Köchin in ganz eigener Art sagt
»Höre liebe Tarub Mord ist Mord Mord bleibt auch Mord ob Du darüber
traurig oder vergnügt bist wird aus dem Morde nicht etwas Andres machen
Tatsachen sind und bleiben unveranderlich Du kannst Dich über alles grämen
über alles kannst Du Dich ärgern kannst Dich aber auch über alles freuen
über alles lachen alles verspotten darfst auch alles beweinen Wie man sich
nach einer Tat oder einer festen Tatsache gegenüber benimmt das ist grausig
gleichgültig«
Diese weisheitsvollen Worte versteht die Tarub natürlich nicht das ist ihr
viel zu schwer
Sie wird aber immer ruhig wenn sie das Gefühl hat dass er doch eigentlich
schrecklich klug ist das weiß natürlich der schlaue Dichter
Er bekommt jetzt Durst und sie vergisst den Mord reicht ihm in einer
Muschel knieend ein paar duftende Oliven dar
Er beißt in eine Olive hinein und umarmt dann seine Tarub küsst ihr die
Stirn und die Augen die Wangen und den Hals die kleinen kalten Ohren und die
heißen Lippen
Wie er die Tarub loslässt eilt sie an den Pumpenschwengel und pumpt einen
hohen Silberbecher halb voll Wasser gießt Wein aus einer kleinen Kanne hinzu
und reicht es ihrem geliebten Dichter mit der Linken lächelt ihn innig an Der
schwarze Zopf liegt ihr dabei auf der linken Brust
Safur zieht die gute Tarub zu sich nieder und sie trinken Beide
Jedoch leichtfertig hat sie ihn genannt Das vergisst er nicht so schnell
er mutzt ihr das auf
»Leichtfertig« spricht er spitz »leichtfertig hast Du mich genannt Das
bin ich ja noch gar nicht Ich möcht es ganz gern werden Aber
O glaube mir es ist nicht leicht
Das ganze Leben leicht zu nehmen «
Pause
Sie trinken
Die Tarub bewundert des Dichters weiche Stimme die jetzt wieder recht
nachdenklich durch die Küche hallt folgendermaßen
»Ja das Leben Ich glaube ich nehme das Leben viel zu ernst Zwar ich
will nur genießen Doch ich kann nie fein genug genießen Ich möchte den Genuss
so fein machen wie einen Geist wie ein Frauenhaar Man muss so mit allen
Fingerspitzen genießen die feinste Reizung der Haut muss empfunden werden In
jedem Augenblicke müsste man anders erregt und bewegt werden und zwar bewusst
Man muss die Bewegung jedes fallenden Blattes mitfühlen Da ich so viel Neues in
jedem Augenblicke genießen will so bin ich auch immer wieder ein Andrer Jeden
Tag will ich auch was Andres
Was ich gestern war
Bin ich heute nicht
Jeder neue Morgen
Zeigt ein neu Gesicht«
Wieder Pause
Die kleine Tarub denkt er hat ne Andre
Er muss sie beruhigen
Er streichelt sie ist sehr zärtlich
Er flüstert ihr Schmeichelnamen ins Ohr nennt sie »lieber Bär« »protter
Bär« »Busselbär«
Sie lachen und essen Oliven und trinken Wein aus Bassora dazu der schmeckt
sehr schön
»Bär« fragt er »wie lange ist es schon her dass ich zu Dir in die Küche
komme«
Bär weiß nicht denkt es sei schon schrecklich lange Doch das glaubt er
nicht er meint
»Nicht doch Mir ist als wenn es erst ganz kurze Zeit wär Oh Der Genuss
der Menschen ist so flüchtig Man genießt eigentlich immer nur den einzelnen
Augenblick Ich glaube ein ständiges unveränderliches Glück gibt es garnicht
Wirklich Wir kennen nur Augenblicksgenüsse Darum darf man sich nicht darauf
beschränken bloß große noch erhabene Gefühle zu suchen und zu pflegen die
kann man doch nicht immer haben Man muss auch an allem was klein ist sich
ergötzen Sonst wird man sehr oft unbefriedigt und unglücklich sein Da drüben
die blanken Messingkessel und die bunten irdenen Tiegel die sind mir auch
allmählich lieb und wert geworden Ich suche an jeder Kleinigkeit etwas zu
finden Deshalb esse ich auch so bedächtig mit Verstand wie Du zu sagen
pflegst Man muss sich an den Augenblicksgenüssen festklammern als wären sie
alles was wir jemals erreichen könnten Die großen erhabenen Stimmungen sind
eigentlich auch nur für den Augenblick da Ja immer kann man sich nicht für
große Dinge und für große Empfindungen für das stark und heftig Erregende
begeistern oder man lügt sich was vor oder das Große ist nicht mehr groß«
»Ich möchte noch viel öfter« bemerkt zaghaft die kleine Tarub »mit Dir
zusammen sein Du musst mir noch Vieles erklären Ich verstehe Dich zuweilen
nicht so rasch Willst Du noch Wein Safur«
»Gutes Kind« entgegnet er freundlich »ach ja ein wenig«
Safur sitzt da in seinem braun und blau gestreiften Beduinengewande wie
ein hockendes Zebra
Er stützt den Kopf in die Hand Das feine schmale Gesicht mit dem ganz
schmalen feinen Nasenrücken sieht nachdenklich auf die schimmernde große
Muschel in der noch wie eine große grüne Perle eine Olive ruht
Aus Saids Garten weht ein starker Blumenduft in die Küche Vom Feuer her
riecht man jetzt das kochende Fleisch ganz schön ist das
Im russigen Schornstein hängen geräucherte Lammrippen
Der rote Ziegelboden ist sauber gescheuert Neben dem Herde steht noch der
schmutzige Scheuereimer
Und die Tarub in ihrem grünen Wollrock wirtschaftet in ihrer Küche so eifrig
herum dass Safur ganz erstaunt ist der versteht niemals wie man das
Wirtschaften so wichtig nehmen kann
Wieder bringt sie Wein aber sie hat ihn diesmal gewürzt mit alten
getrockneten Kräutern die sie aus alten Büchsen und Dosen hervorkramte
Der Wein duftet nun noch schöner als das Fleisch im Kochtopf fast schöner
als Saids Blumen
Safur und Tarub trinken
Der Wein macht den Dichter ganz tiefsinnig
»Der Mensch« flüstert er so als wenn er allein wäre »kann nicht in einem
fort lachen kann auch nicht fortwährend weinen kann nicht immer traurig sein
und auch nicht ewig sich selig fühlen Dieses glaube ich Daher muss man die
einzelnen Augenblicke des Lebens gesondert genießen und vor allem nicht immer
geneigt sein jeden Augenblick zu verlängern Jede Lust währt ihre Zeit wenn
sie vorbei ist dann ist sie vorbei Daran muss man sich gewöhnen An jedem Tage
in jeder Stunde sieht unser Wohlbehagen und unsre Erregung ganz anders aus
Oft ist uns auch die Unruhe und das Unbehagen nötig Die schmerzlichen
Empfindungen sind auch von manchen Genüssen garnicht zu trennen «
Das alles ist nun nichts für die Tarub die will ihn daher auf andre
Gedanken bringen er soll nicht soviel denken sie erzählt ihm
»Du Dichter Hör bloß Die Abla steht jetzt den ganzen Tag vor ihrem neuen
Spiegel Schrecklich Nicht«
»Das verleidet ihr« entgegnet der Dichter »den Genuss An einer und
derselben Sache kann man nicht stets das nämliche Wohlgefallen empfinden Der
Genuss lässt sich nicht wie ein Gummiband verlängern Wir müssen immer wieder neue
Reize suchen sonst stumpfen wir ab Selbst gebratenen Windfisch kann man nicht
alle Tage essen«
Der Dichter der sich jetzt sehr weise vorkommt erhebt sich bewundert die
Sauberkeit der Küche vergleicht Tarubs Küche mit einigen andren sehr
schmutzigen Küchen und schaut dann nachdenklich in eine tiefe Holzwanne in der
sich ein paar dicke Aale wild herumtummeln sie winden sich durcheinander und
hauen sich mit den Schwanzspitzen
Tarub rührt Teig aus dem dunkle Kronenklösse gemacht werden sollen hurtig
zurecht Alles geht sehr flink
Und beim Teigrühren erzählt die Tarub dass sie des Morgens jene schöne gelbe
Schüssel aus der Safur zum ersten Male in ihrer Küche gegessen und zwar junge
Hühner in altmekkanischer Brühe fallen gelassen habe und dass die schöne gelbe
Schüssel zerschlagen sei
Diese Nachricht stimmt den Dichter sehr sehr traurig er umarmt seinen Bären
und wird ganz gerührt
Und die Tarub beginnt nun in alten Erinnerungen zu kramen das Kramen mag
sie für ihr Leben gern
»Safur« hebt sie an »weißt Du auch dass Du mir damals noch die schöne
Zuckerbüchse mit Deinem alten Säbelknauf verbeultest«
»Ich weiß« sagt der Dichter
Er berührt gleichzeitig mit den Fingerspitzen ein paar dicke blutige
Rindskeulen die an kräftigen Eisenhaken vor der weißen Kalkwand hängen
»Oh« fährt aber der Bär fort »weißt Du auch noch wie Du da drüben an der
Wand auf den weißen Mehlsäcken sassest mit den Füßen strampeltest und mir Dein
erstes Gedicht an Deine Tarub vorlasest Weißt Du noch Mir waren gerade die
Speckstücke ins Feuer gefallen«
»Ich weiß« ruft lachend der Dichter
Er schiebt einen leeren Weinschlauch mit dem rechten Fuße an die Wand nimmt
das Beil vom Nagel und hackt seiner braunen Köchin ein bisschen Holz klein
Das Kochgeschirr aus blankem Messing das neben dem Herde hängt blitzt und
funkelt Die grün und blau gesprenkelten Honiggläser glitzern hinter dem
Pumpenschwengel
Die große Stahlschaufel lehnt am Türpfosten
Die blau und rot gestickten Leinentücher baumeln etwas schmutzig sind sie
über dem Kehrichteimer
In den Eiseimern taut das Eis
Es ist so schrecklich ruhig in der großen Küche des reichen Said
Eier quirlen soll der Dichter schließlich
Er tut es und denkt daran wie er die kleine Öllampe mit dem langen Docht an
der Schnauze zum ersten Mal in einer dunklen Nacht hier in der Küche brennen sah
er half da der Tarub noch die vielen Löffel putzen
Als er mit dem Quirlen fertig ist will er die kleine Öllampe die zwischen
kleinen lila gefärbten Näpfchen steht anstecken
Aber da kommt er schön an
»Bist Du verrückt« schreit die Tarub »jetzt am hellen Tage willst Du die
Lamp anstecken Du fängst ja wieder gut an Solche Dummheiten kann ich nicht
leiden«
»Sei doch nicht gleich so« spricht milde der Dichter dem die rauen Worte
wie Faustschläge vorkamen »diese Heftigkeit ist mir schrecklich mir wird
gleich ganz heiß wenn Du in so roher grober Weise redest«
Doch die Tarub geht an den hölzernen Pumpenschwengel und pumpt dass das
Wasser überschäumt und den blank gescheuerten Ziegelboden nass macht sie
lacht darüber aus vollem Halse ihr Lachen schallt in den Garten hinaus
»Da hättest Du bald das Wasser in die Milch gesprjetzt die großen
Milchschalen könnten auch mal bedeckt werden«
Also der Dichter
Doch seine dralle Köchin sagt rau
»Wasch Dir doch die Hände«
»Nein sei nicht so rücksichtslos« sagt er
Doch gleich darauf wäscht er sich wirklich die Hände
sie waren ja tatsächlich sehr sauber nicht
Wie die Hände sauber sind ist Safur wieder ruhiger er lächelt sogar
lächelt über seinen protten Bären der ihn immer wieder verletzt immer wieder
Die Erinnerungen an alte Zeiten machen den Dichter wieder friedlich er
freut sich über die vielen Kiepen mit Pfirsichen Birnen Gurken Waldbeeren und
Kirschen Am Fenster in einer Ecke liegen auch ein paar Dutzend Tauben in
einer Reihe ihre toten Köpfchen hängen trübselig auf der Seite
Tarub geht hinaus sie muss nach der eitlen Abla sehen ob die auch mit ihrer
Zuckerbäckerei fertig wird Saids Abendessen soll fürstlich werden
»Sollst doch nicht so die Stirn krausen« ruft sie noch als sie schon
beinahe draußen ist ihrem Dichter freundlich zu
Der Safur nickt und befühlt mit seinen reinen Händen die fein getriebene
Arbeit des großen kupfernen Eiskübels in dem künstlich Eis erzeugt wird
Er denkt spricht dabei zuweilen ganz laut
»Wie seltsam alle diese Küchengeräte auf mich einwirken Ich erinnere mich
heute fast an meine halbe Vergangenheit Als Tarub Kopfschmerzen hatte und ich
ihr Eisumschläge machte da war sie so dankbar so weich und zärtlich Dieses
Aufbrausen berührt mich so entsetzlich roh Aber die Erinnerung verschärft
doch die Genüsse Wenn ich aus einem alten mir vertrauten Kochtopf esse so
empfinde ich die früher genossenen Speisen noch einmal auf der Zunge nur so
halb aber sie würzen doch das neue Gericht Mit solcher Wiederholung eines
Genusses kann man wohl eine sehr verfeinerte verschärfte Empfindung erzielen
Wenn man nur alle Arten der Genussverschärfung genauer kennen würde
Verschärfen lässt sich ein Genuss aber nicht verlängern das ist wichtig
Zum Beispiel eine Liebesstimmung soll man auch nicht länger machen wollen als
sie ist sie ist auch kein Gummiband Jedenfalls ist mir nun das Eine klar
man muss in jedem Augenblick einen neuen Genuss oder einen verschärften Genuss zu
empfinden trachten man darf nicht kleben bleiben an der einzelnen
Lustempfindung Der verschärfte Genuss ist nur eine besondere Art von den neuen
Genüssen die Erinnerung spielt hier die Rolle eines feinen Gewürzes
Und dann darf man nie vergessen dass man einen andauernden Glückszustand nicht
in sich erzeugen kann Man muss immer im Auge behalten dass der einzelne Genuss
nicht allzu lange geniessbar ist man darf sich daher nicht bloß einer besondren
Gattung von Genüssen zuwenden man muss alle alle alle Genüsse durchkosten
wollen immer wieder andre immer wieder neue feine vergeistigte Gefühle aus
dem trockenen Brot muss man ebensoviel Genusserreger rausziehen können wie aus
der rasendsten tollsten glühendsten Liebesleidenschaft Das höchste Lebensglück
besteht in dem Leben das da aufweisen kann die größte Zahl von glücklichen
Augenblicken die man nicht verlängern soll die man auch nicht verlängern
kann die man nur zuweilen durch Erinnerungen und lustige Verse verschärfen
darf Verlieben darf man sich nicht in die einzelnen Genüsse kleben bleiben
darf man nicht an den einzelnen Augenblicken Man muss ohne Schmerz
weiterspringen wenn die eine Wiese ein bisschen abgegrast ist Nur nicht
traurig werden Mit geballten Fäusten oder anders will ich unermüdlich danach
streben die größte Zahl fein verzückter Augenblicke zu durchkosten Ich will
der glücklichste Mensch sein Nichts soll mir zu klein und nichts zu groß sein
Genießen will ich genießen«
Ein durchdringender Blütenwind strömt aus dem Garten kühl in die Küche
Safur fröstelt Er dreht sich um
Die Küchentür steht splarweit offen
Und Tarub Bagdads berühmte Köchin kniet dort auf der Schwelle faltet die
Hände tut so als ob sie ihren Dichter anbetet
Fünftes Kapitel
Piepsend schießen Schwalben vorüber vorüber an dem reichen Said ibn Selm der
unter seinem kostbaren Zeltdache steht und eine lange Küchenrechnung liest
Und er murmelt in seinen rechteckigen Bart
»Die Gewürze werden zu teuer viel zu teuer die Tarub verbraucht zu viel
viel zuviel Alles viel zu teuer viel zuviel«
Saids ältester Sklave der Hausmeister wagt es mit dem Kopfe zu schütteln
Said fragt erstaunt
»Oh mein Hausmeister warum schüttelst Du mit dem Kopf«
»Oh Herr« antwortet der alte Sklave treuherzig »die Tarub ist die
sparsamste Köchin die ich jemals sah«
»Das glaubst Du selbst nicht« ruft zornig der Herr des Hauses er wendet
sich und geht ab
Der Hausmeister steht einen Augenblick allein und denkt nach
Dann klatscht er in die Hände und es erscheinen hübsche junge Knaben mit
Räuchergefässen und kupfernen Waschbecken mit prachtvollen Teppichen und großen
gurkenförmigen Papierampeln die ganz dunkelrot sind
Unter dem kostbaren Zeltdache das schräg von der Hauswand in den Garten
hinuntergeht wie ein schlaffes Segeltuch auf Saids berühmter Estrade soll
gleich das üppige Abendessen eingenommen werden zu dem Battany und seine
Freunde feierlich geladen wurden
Die viereckige sehr geräumige Estrade ist vorn offen und führt da in den
Garten rechts links und hinten wird sie durch Teppiche abgeschlossen die man
zurückziehen oder leicht an die Seite schlagen kann wenn Jemand durch will
Die Knaben hängen flink vorn am Zelttuch die Ampeln auf stellen die
Räucher und Waschgeräte in die Ecken breiten die Teppiche die sie
mitbrachten auf den Boden und verschwinden dann wieder fast geräuschlos
Der Hausmeister ist abermals allein
Der Springbrunnen im Garten plätschert sehr laut und sehr lustig
Es wird allmählich dunkler
Und wies nun so dämmerig ist schiebt sich vorsichtig rechts durch die
Teppiche ein reizendes weißes Gesicht durch mit feuerroten Haaren in denen
weiße Rosen stecken das ist die eitle Abla
Und links erscheint ein gelbes Gesicht mit großen braunen Augen und
schwarzen Haaren in denen blaue Veilchen stecken das ist die Sailóndula ein
Mädchen aus dem fernen Indien
»St« macht das Mädchen rechts
»St« macht das Mädchen links
Und dann kommen sie Beide vor und umarmen den Hausmeister
Der schaut erstaunt erst die Abla an die so reizend aussieht in ihren
Beinkleidern aus hellblauer Seide ihr Oberkörper ist nur mit einem zarten
ganz dünnen weißen Spitzenhemd umhüllt Dann schaut er ebenso erstaunt die
Sailóndula an die einen weingrünen Seidenrock trägt der nur bis zum Knie
reicht Die schlanken Beine des gelben Mädchens sind vom Knie ab unverhüllt
»Kinder« bemerkt dann bedächtig der Hausmeister »wo habt Ihr denn die
schönen Kleider her«
»Die hat uns Said« erwidert die weiße Abla »beim Schneider Dschemil
gekauft Weißt Du auch warum« »Ach wie soll ich das wissen« versetzt der
Alte
Und nun erklären die beiden Mädchen flüsternd und hastig dass sie zu den
Gästen fürchterlich liebenswürdig sein sollen damit die Gäste nicht zuviel
essen
Und kichernd erzählen auch die Beiden dass sie einen Plan ausgeheckt haben
sie wollen dem Said dem alten Geizhals beim letzten Gericht einen Schlaftrunk
geben das heißt der gute Hausmeister soll dem Said den Schlaftrunk geben
Die Mädchen küssen den Alten und er weiß sich nicht zu helfen er verspricht
alles zu tun was man von ihm verlangt
Jetzt ist es aber ganz dunkel geworden
Die Knaben stecken die Öllämpchen in den gurkenförmigen roten Ampeln an
Wie die brennen erscheint die Tarub
Sie hat dunkelrote Rosen im schwarzen Haar der Zopf liegt ihr auf der
Brust Ein gelbseidener Rock umhüllt ihren braunen breiten Körper bis zum Knie
und schwarzseidene Beinkleider umhüllen bauschig ihre dicken Beine
Die sechs Arme der Mädchen sind ganz unbekleidet doch die sechs Füße
stecken in kleinen roten Lederpantoffeln
Was jedoch tut die Tarub
Oh die schimpft gleich wieder
Die muss immer schimpfen sonst kann sie nicht leben
Sie schimpft dass das Räucherwerk noch nicht brennt
Na die Knaben beeilen sich Myrrhen Weihrauch Sandarakholz und andre
wohlriechende Stoffe vorsichtig anzuzünden
Die Rauchwolken wirbeln empor
Und die Gäste erscheinen
Es kommen immer zwei zugleich Arm in Arm aber schweigend
Abu Maschar kommt mit Abu Hischam
Battany kommt mit Jakuby
Osman naht am Arm des Kodama
Die Mädchen kichern wie diese beiden Dickbäuche feierlich eintreten
Zuletzt erscheint Safur mit Suleiman
Der Letztere hält eine Rolle in der Hand
Die acht Freunde begrüßen die lachenden Mädchen die Tarub mit ganz
besondrer Hochachtung die benimmt sich daher auch ganz königlich die ist so
glücklich und so stolz
Die acht Freunde warten alsdann
Said pflegt immer seine Freunde warten zu lassen Das ist so Sitte in
seinem Hause
Nach einer guten Weile aber kommt der Hausherr endlich zum Vorschein er
trägt einen schwarzen Seidenkaftan und einen schwarzen Seidenturban
Zwei schwarze Knaben fächeln dem Hausherrn mit indischen axtförmigen Fächern
Kühlung zu
Die Gäste verbeugen sich
Said lächelt
Dann treten Alle zur Seite und Suleiman geht dem größten Geizhals von ganz
Bagdad diesem unglaublichen Said ibn Selm mit einer Ehrfurcht entgegen mit
der man in Bagdad gewöhnlich nur dem verrückten Chalifen zu nahen pflegt
Suleiman hebt dabei seine Rolle hoch empor und spricht
»Said ibn Selm wir grüßen
Feierlich Dein festlich Nahn
Said ibn Selm wir lächeln
Selig dass Du endlich kamst
Deine Augen Said grüßen
Alle die Dich heute sahen
Wie zwei stille Märchenblüten
In der Hand des Bräutigams
Immer kann man nicht verliebt sein
Ewig währt kein einzger Wahn
Aber heut muss ich Dich preisen
So wie Du s noch nie vernahmst
Said milder Freund wir ahnen
Was wir heut von Dir empfahn
Du verbreitest märchentrunken
Ach die Lust des Bräutigams
Wenn im Abenddunkel träumend
Deinen Garten wir durchschaut
Konnte nichts uns mehr beglücken
Als ein stiller Mondenschein
Said kannst Du darum zürnen
Wenn ich überseltsam kühn
Dich mit Mondenschein vergleiche
Ach ich bin in Dich verliebt
Said sieh in Deiner Nähe
Müssen wir vor Freude glänzen
Denn wir fühlen vor Dir horch nur
Einen neuen Mondesglanz
Alle Blumen schließen schamhaft
Ihrer Kelche zarte Ohren
Denn die Winde flüstern lüstern
Ach von wilden Liebespaaren
Tolles Jauchzen tönt nun selig
Durch des Gartens Blumenpracht
Das sind lustverzückte Verse
Die durchsprühn die Mondesnacht
Und wir stehen träumend stumm
Hörn ein himmlisches Gedicht
Ging der Mond schon auf Oh nein
Said wir gedachten Dein«
Leise klagend flötet eine Nachtigall in Saids Blumengarten
Said empfängt gerührt die Rolle in die das Lobgedicht fein säuberlich
hineingeschrieben
Darauf setzt man sich im Halbkreis auf die Teppiche der Hausherr in der
Mitte mit dem Gesicht zum dunklen Sternenhimmel vor dem die roten Ampeln
schaukeln
Links von Said sitzen vier Gäste
Rechts von Said ebenfalls
Feine weiße Tücher mit Fransen breiten flink die Knaben
vor den Gästen aus
Die Tarub erteilt leise die Befehle
Alles gehorcht der Tarub
Zuerst gibts Tigriskrebse in buttergelben Porzellanschüsseln
Wie die roten Schalen knacken und knistern ertönt im Garten in der Ferne
wunderbare Flötenmusik denn ein Gastmahl bei Said ist ohne Flötenspieler nicht
denkbar
Und die Nachtigallen schlagen zuweilen ganz verständig dazwischen
Der zweite Gang ist saurer Aal in Pantertunke Al Battanys Leibgericht
Der Springbrunnen plätschert
Die Flöten verstummen
Und die drei Mädchen überreichen jedem Gast einen Becher mit Wein
Feierlich heben alle die Becher empor und dann wird getrunken
Alten Wein aus Bassora trinkt man
Verständnisinnig trinkt man den alten Wein
Und dann gibts indische Schnecken
Die Gesichter der Gäste glänzen
Das Gespräch beginnt
Battany setzt dem Abu Maschar in wohlgesetzter Rede auseinander dass eine
Fortentwicklung der Welt und der Menschen durchaus nicht zu leugnen sei das
sähe man schon an der großen Stadt Bagdad die einst ein armseliger Marktflecken
gewesen das sähe man an den indischen Schnecken die in dieser Zubereitung
sicherlich in früheren Zeiten nicht gegessen worden wären
Said lächelt stolz dass son gelehrtes Zeug bei ihm geredet wird er
versteht natürlich kein einziges Wort von dem ganzen Gespräch an dem sich außer
Abu Maschar und Al Battany auch Abu Hischam und Jakuby beteiligen Man erhitzt
sich beinah deswegen lässt der Hausherr kälteren Wein bringen
Und die Flötenspieler flöten immerfort Man isst Antilopenschinken mit
gefrorenem Wurzelsalat und zwar nicht wenig
Die Liebenswürdigkeit der drei Mädchen dringt nicht durch
Als aber Kamelsgehirn gebacken aufgetragen wird auf flachen silbernen
Tellern da kann sich Safur nicht mehr halten
»Freunde« ruft er laut »Ihr esst nicht mit der nötigen Andacht Oh dieses
Kamelsgehirn entzückend wir müssen auf Tarubs Wohl trinken auf Tarubs «
Alle trinken auf ihr Wohl
Und dann essen Alle Kamelsgehirn und danach Schildkröten gesotten
Safur vergeht fast vor Seligkeit Er isst mit so großem Entzücken dass Alle
lachen müssen Seine Augen leuchten wie dicke große Glühwürmer Und der Said
sagt schmunzelnd zum Safur
»Junger Freund Gib Verse zum Besten«
Der junge Freund lässt sich diesmal nicht lange bitten spricht mit dem
Messer drohend
»Glaubt mir Den Hund ich töte
Der mir die schöne Kröte
Zu rauben wagen sollte
Der Ampeln dunkle Röte
Durchglühet meine Kröte
Als wenn sie brennen wollte
Weh dem der mir verböte
Die wunderbare Kröte
Zu speisen und zu preisen
O Kröte Schöne Kröte«
Und des Dichters Messer funkelt hell
Saids Gäste lachen und trinken
Das Gespräch über die Entwicklungsfähigkeit von Welt und Menschen kommt ganz
ins Stocken Battany kann nur noch dem Abu Hischam versichern dass der Plan
einen geheimen Gelehrtenbund zu gründen durchaus nicht übel sei und später wohl
zur Ausführung kommen könne
Abu Hischam reibt sich drob vergnügt die Hände
Jetzt wird aber armenische Rübenpastete aufgetragen und die macht den
Philosophen noch vergnügter denn die Rübenpastete ist sein Leibgericht
»Donnerwetter« brüllt er stürmisch »Said Du bist ja fürchterlich
aufmerksam gewesen«
Den andern Gästen schmeckt allerdings die armenische Rübenpastete ganz und
gar nicht
Sie verziehen die Gesichter
Said lächelt
Erst wie die gebratenen Tauben vom Demawand erscheinen wird die Stimmung
wieder gemütlicher
Wie die Knöchlein der Tauben knacken und knistern wird dem Safur der schon
sehr viel Wein getrunken so gereizt zu Mute
Die Flötenspieler flöten wieder
Und die drei Mädchen sind so aufdringlich
Allerdings das rührt die Gäste sehr wenig
Dem Battany ist die Liebenswürdigkeit der Mädchen sehr unangenehm er ist
daran gewöhnt dass die Frauen bescheiden in der Ecke stehen und kaum zu atmen
wagen
Kodama und Osman essen als wenn sie vierzehn Tage gehungert hätten
Said ärgert sich ärgert sich dass er den Mädchen ganz zwecklos die neuen
Kleider kaufte
Safur aber sieht auch mit Unwillen auf die beiden Dicken sie essen ihm
wieder zu schnell
»Langsam« fängt er an »essen diejenigen Menschen die das Essen
verstehen«
Said wirft dem Dichter einen dankbaren Blick zu und der Dichter fährt fort
»Unbegreiflich erscheint mir doch Manches Wir haben eigentlich sämtlich
hier in Bagdad die beste Gelegenheit unsre Gaumen auszubilden wer aber bildet
seinen Gaumen wirklich aus Ich glaube ich tu das nur allein Wer nicht zu
essen versteht versteht auch nicht zu genießen Wir müssen doch wenn wir das
Leben genießen wollen alle unsre Sinne ausbilden den Geschmackssinn dürfen
wir nicht vernachlässigen Wer sich immer den Magen überlädt wie Osman und
Kodama der ist doch eigentlich nur ein ganz gewöhnlicher Tofaily«
Osman und Kodama grinsen
Die Andern schweigen und essen bedächtiger
Said macht ein sehr schlaues Gesicht
Abu Hischam räuspert sich er will reden
Die chinesischen Fasanen die ihm die Sailóndula anbietet weist er barsch
zurück und beginnt nun bedächtiger als sonst
»Lieber Safur Du wirst uns bei allen Gelegenheiten umständlich
auseinandersetzen wollen dass Du Deine Sinne ständig verfeinerst so als wenn
darin die einzige Aufgabe Deines Lebens besteht Du denkst eben etwas Feineres
als verfeinerte Sinne gäbs garnicht Es gibt aber doch noch feinere Genüsse die
mit der Verfeinerung der Sinne ganz und garnichts zu tun haben Wenn ich an der
Weiterentwicklung der Welt arbeite oder über die wichtigsten philosophischen
Fragen nachdenke so empfinde ich doch mehr als bei Deiner Fresserei«
Alles lacht
Kodama sagt mit wohltönender Stimme während er drohend ein chinesisches
Fasanenbein schwingt
»Oh Abu Hischam um die Verfeinerung der Sprache wirst Du Dir auch keine
Verdienste erwerben Redet aber nur ruhig weiter es isst sich dabei ganz gut«
Doch nun reden Alle durcheinander
Die Süßigkeiten werden herumgereicht
Abla verteilt ihr Zuckergebäck und eine große ZobaïdaTorte
Sailóndula bietet ihren mit Mandeln und Bananen gefüllten Kataïf der in
Nussöl schwimmt so zärtlich bittend an dass ihr Niemand einen Korb gibt
Zwar Abu Hischam will nur noch altmekkanischen Kirschenpudding essen den
die Knaben auch schon herbeigeschleppt haben
Abla gibt ihm den Pudding läuft dann aber in den Garten und singt sie
singt ihr berühmtes Gazellenlied das sie schon öfters gesungen und das die
Gäste schon kennen
Safur wendet sich während des Gesanges flüsternd an den Philosophen und
fragt spöttisch
»Ei Abu Hischam über welche philosophischen Fragen denkst Du denn so
eifrig nach«
»Aber Safur« erwidert leise der Philosoph »Du musst ja nicht das Eine
vergessen wir leben nur in einer Scheinwelt Du glaubst immer nur dass Du Dich
an die greifbaren Genüsse halten müsstest und doch Du musst nicht vergessen
dass ich in Indien war und auch einmal ein Buch Der Zweifler schrieb Es gibt
wirklich noch eine andere Welt als die die wir mit unseren Sinnen begreifen
können«
Doch was ist das
Said fallen die Augen zu der Kopf fällt ihm auf die Brust und nun nein
hätte ihn nicht der Hausmeister aufgefangen der Herr des Hauses wäre mit der
Nase in den Kirschenpudding gefallen
Die Gäste springen erschrocken empor
Aber die Tarub und die Sailóndula kichern und tanzen vor Vergnügen
»Er hat ja ein Schlafpulver bekommen« sagt die Sailóndula »denn wir wollen
mit Euch auf der Sternwarte Wein trinken Beruhigt Euch«
Battany und seine Freunde müssen nun so laut lachen dass Said den der
Hausmeister vorsichtig auf die Seite legte beinahe wieder aufgewacht wäre
Ablas Gazellenlied verhallt sie eilt auf die Estrade und wird vom dicken
Kodama stürmisch geküsst
Die Gäste waschen sich alsdann in bester Laune die Hände und wandeln davon
zur nahen Sternwarte die drei Mädchen und die Sklaven mit den
Weinschläuchen folgen die Flötenspieler ebenfalls
Auf der Estrade bleibt nur der schlafende Said der schnarcht
Die roten Papierampeln schaukeln ein bisschen
Der Springbrunnen plätschert
Die Blumen duften stark
Das Räucherwerk duftet noch stärker
Wie verwüstete Dörfer liegen die Überreste der Torte und des Puddings auf
den kostbaren Teppichen umher
Die sauberen weißen Tücher mit den Fransen sind zerknillt und
durcheinandergeworfen
Die Estrade gleicht jetzt einem verlassenen Schlachtfelde
Der Halbmond steht schief über der Gartenmauer
Die Sterne sind wieder sehr hell
Die roten Ampeln verlöschen allmählich
Die Nachtigallen flöten wunderbar
Und Said schnarcht
Sechstes Kapitel
Die Mongolen reiten langsam um die Sternwarte rum und spitzen die Ohren sie
hören was
Sie zügeln ihre schwarzen Rosse und horchen weit über den Kopf der Pferde
gebeugt in das Dunkel hinein
Dann erkennen sie die Stimmen reiten rasch an den Turm der oben den
Empfangssaal trägt und wecken die Schwarzen
Nach ein paar Augenblicken sind die zwölf schwarzen Sklaven mit zwölf
Fackeln draußen
Die Sklaven eilen mit den Fackeln dem Herrn Battany der mit seinen
Freunden den Mädchen den Flötenspielern und Weinschläuchen langsam näher
kommt diensteifrig entgegen
Die Fackeln erleuchten den Pfad
Die Mongolen sitzen auf ihren Pferden ganz stramm
Und bald sind Alle oben im Empfangssaal
Nur die Mongolen sind unten geblieben
Der Herr Battany ist guter Dinge und schickt gleich die Flötenspieler in den
dritten Turm in dem er gewöhnlich zu arbeiten pflegt
Die Sklaven mit den Fackeln werden auf den Galerieen den beiden anderen
Türmen und auf dem Altane verteilt
Auf dem fünfeckigen Altan leuchten jetzt fünf Fackeln in fünf schwarzen
Fäusten
Die drei Mädchen schenken den Wein in die großen Becher
Und Alle trinken die großen Becher in einem Zuge aus
Und dann küssen die drei Mädchen den Battany und seine sieben Freunde so
stürmisch dass Allen ganz schwindlig wird
Jetzt wirds sehr laut
Alles lacht und schreit
Der Wein berauscht
Und Abla will singen doch sie will nur singen auf Abu Maschars hohem Turm
Abu Maschar soll mitkommen
Der Prophet geht schließlich lächelnd mit der weißen Abla auf seinen Turm
Und Abla singt oben den neuesten Gassenhauer die berühmten
SareppaStrophen die im Jahre 892 nach Christi Geburt in allen Schenken Bagdads
gesungen wurden
Die Strophen waren von einem unbekannten Sänger der berüchtigten Sareppa
gewidmet
Die Sareppa ist eine schlitzäugige Mongolin die besser reiten kann als die
Beduinen
Die Abla singt
»Warum bist Du bös auf mich
Wilder brauner Wüstensohn
Warum bist Du ärgerlich
Ist das meiner Liebe Lohn
Schenk mir Dein Ross
Und schenke mir Rosen
Liebst mich heute ganz allein
Morgen muss es anders sein
Komm wieder rein
Ich schenk Dir Wein
Willst Du eifersüchtig sein
Ach Du bist es nicht allein
Hör doch meine Freunde schrein
Jeder will mich heut schon frein
Schenk mir Dein Ross
Komm wieder rein
Willst Du meine Freunde schlagen
Steigst Du noch in meiner Gunst
Musst Dein Leben für mich wagen
Sonst ist Lieben keine Kunst
Schenk mir Dein Ross
Und schenke mir Rosen
Liebst mich heute ganz allein
Morgen muss es anders sein«
Alle lauschten die Strophen klangen weich und voll durch die Nacht
Die Fackeln flammten unheimlich in den Sternenhimmel hinauf
Unten flüsterten die Mongolen oh die kannten die Sareppa
Die Abla hatte nicht so gesungen wie man die SareppaStrophen in den
Schenken zu singen pflegt Manches hatte so schwermütig geklungen
Im Empfangssaal hätten die Männer beinah das Trinken vergessen
Doch die Menschen werden so anders wenn sie beim Trinken sind
Jakuby wackelt immer mit dem Kopf und mit seinem lila Turban redet
fortwährend zu Osman von Byzanz und von Damaskus setzt dem dicken Schreiber
auseinander dass er in diesen beiden Städten jede einzelne Sängerin gehört habe
Osman will das garnicht glauben
Battany ist zur Sailóndula sehr höflich ist entzückt von ihren kleinen
Füßen ihren Veilchen und ihren Augen nur ihr weingrünes Gewand will ihm nicht
gefallen
Kodama streichelt der Tarub die braunen Wangen und raubt ihr eine dunkelrote
Rose
Suleiman sitzt auf dem großen Teppich trinkt und lacht wundert sich dass
die Andern nicht auch sitzen und lachen Die Andern lächeln nur
Abu Hischam und Safur stehen auf dem fünfeckigen Altan und reden mit einem
fürchterlichen Eifer über die Welt und über den Genuss Die Schwarzen mit den
Fackeln staunen
Kodama singt
»Schenk mir Dein Ross
Und schenke mir Rosen«
Und der Dicke trinkt mit der Tarub er ist schon recht heiter
Sailóndula schaut zuweilen scheu zu dem indischen Götzenbild hinüber
In Battanys Arbeitszimmer flöten die Flötenspieler sie haben auch Wein zu
trinken bekommen
Abu Hischam sagt
»Lieber Safur wir täuschen uns ja so oft Wenn wir träumen denken wir doch
immer wir wachen Müssen wir deswegen nicht auch in unseren wachen
Augenblicken an unserm Wachsein zweifeln Wenn wir aber erst zweifeln dass
dieser Altan ein Altan ist so wird uns doch der Boden unter den Füßen
fortgezogen dann schwankt alles ja Safur dann schwankt Alles«
Und der Philosoph schwankte wirklich worüber Safur sehr lachen musste
Sie tranken wieder Saids Diener schenkten diensteifrig immer von Neuem die
großen Becher voll der erste Weinschlauch lag schon schlaff hinter dem
kupfernen Himmelsglobus
Abu Hischam spricht weiter
»Ja Safur Du hältst Dich für einen großen Schlaukopf Du willst immer mit
Deinen Sinnen genießen ei wenn Deine Sinne garnicht da sind was dann Das
Zweifeln musst Du lernen das Zweifeln hast Du noch nicht raus Leben heißt
zweifeln Genießen heißt auch nur zweifeln Immer schwanken muss man Die großen
Weisen schwanken und zweifeln immer Trotzdem kann man ganz vernünftig sein
man braucht deswegen nicht zum Gewohnheitssäufer zu werden Man kann trotzdem
das Große wollen die Welt kann noch alle Tage besser werden für die
Entwicklung der Welt müssen wir sogar kämpfen Das ist ja der Hauptgenuss wer
an der Verbesserung der Welt arbeitet der pfeift auf das Fressen und
Saufen der pfeift«
Der große Philosoph schwankt und pfeift
Die Flötenspieler flöten
Safur legt ernst seine Hand auf Abu Hischams Schulter und redet nun also
»Du irrst Dich wenn Du glaubst dass ich nur mit meinen fünf Sinnen genießen
will Ich will genießen in allen Formen in jeder Weise wie wo was das
ist mir ganz gleich Aber Alles will ich genießen und daher will ich auch mit
meinen fünf Sinnen genießen Immer will ich genießen daher will ich auch
genießen wenn ich esse Allerdings Du sagtest es gäbe noch eine
übersinnliche Welt Ich glaube ja an diese übersinnliche Welt Die soll drum
auch für mich da sein Indessen nur übersinnlichen Genüssen nachgehen das
scheint mir sehr unsinnig Das kriegen wir ja garnicht fertig Ich kann doch
nicht immerfort an Wüstengeister denken Allerdings Du hast Recht Zu große
Bedeutung darf ich den Genüssen der Zunge nicht beimessen«
Safur denkt nach Abu Hischam trinkt
Abu Hischam sieht so furchtbar altbacken aus nüchtern ist er auch nicht
mehr
Und Ablas Stimme ist nun auf der Galerie nebenbei zu hören sie singt leise
zu Abu Maschar
»Komm wieder rein
Ich schenk Dir Wein«
Das singt sie öfters
Der Prophet ist gutmütig freundlich zu ihr wie ein milder Vater
Die Beiden betreten jetzt den Altan
Safur begrüßt sie sehr freundlich Abu Hischam sehr spöttisch
Abu Maschar ist milde wie gewöhnlich
Die Drei trinken zusammen und reden
Sie reden aber Dinge die so schwer verständlich sind dass sich die weiße
Abla traurig abwendet
Den Schwarzen macht das Fackelhalten wenig Spaß die Sache ist auch nicht
grade leicht
Abla sieht in den Empfangssaal
Da brennen oben die maurischen Lampen
Rechts neben dem kupfernen Waschbecken liegen die vollen links die leeren
Weinschläuche Im Hintergrunde stehen Saids Diener In der Mitte des
Hintergrundes unter der indischen Götzenfigur liegt der alte Dichter Suleiman
und schläft er ist abgefallen
Battany wandelt in seiner blauen Sammettoga mit der Sailóndula auf dem
großen Teppich umher so vertraut und gemütlich
Ungefähr in der Mitte des Teppichs sitzt Kodama neben einem Weinschlauch
im Arme des dicken Geographen befindet sich die Tarub die sich von dem Dicken
lachend küssen lässt und ihm fleißig Wein einschenkt
Die Flötenspieler spielen nicht man hört nur reden lachen und flüstern
Die beiden Säulen die zwischen Altan und Empfangssaal die drei Spitzbogen
tragen sind nur dünn und können das Durchsehen nicht hindern
Die Abla sieht alles
Und sie ärgert sich über Kodama und auch über die Tarub singt spöttisch
sehr laut und hell
»Liebst mich morgen ganz allein
Heute muss es anders sein«
Und das singt sie immer wieder bis das der leichtsinnige Kodama versteht
Gleichzeitig sieht aber auch der Safur seine Tarub in Kodamas Arm
Donnerwetter da wird er wütend
Der Dicke lässt sich aber nicht leicht aus der Fassung bringen ruft dem
Dichter mit wohltönender Stimme zu
»Du schlauer Safur wir sind ja gute Freunde Unter Freunden nimmt man sich
so was doch nicht übel Ich wollte nur die kleine Abla ein bisschen eifersüchtig
machen Sei wieder gut«
Safur aber knirscht mit den Zähnen dass es Alle hören
Alle sind jedoch ziemlich berauscht sodass man diesen knirschenden Wutlauten
nicht zu große Bedeutung beimisst
Nur Battany merkt dass die Lustigkeit der Zecherei gestört werden könnte
und schreit daher mit donnernder befehlender Stimme
»Sailóndula wird hier auf unsrem Teppich tanzen Kodama steh auf Safur
sei vernünftig Trink Bruder Sailóndula tanz Alle Sklaven sollen mit den
Fackeln in den Saal kommen«
Die Rede wirkt
Man holt die Flötenspieler Die zwölf Schwarzen kommen mit den Fackeln in
den Saal
Kodama und Tarub stehen auf
Suleiman wird an die Seite gelegt
Auch Jakuby erscheint jetzt wieder er fällt immer hin und fuchtelt mit dem
Zeigefinger durch die Luft was sich sehr albern ausnimmt
Der dicke Osman kommt auch mit den Flötenspielern zusammen herein er ist
schrecklich lustig und kneift den Schwarzen in die Backen
Die Schwarzen grinsen
Sie sehen drollig aus
Dann aber bittet der große Al Battany seine Freunde auf den jetzt dunkeln
Altan hinaus die Tarub und die Abla werden von ihm ganz besonders höflich
gebeten
Tarub schimpft auf den Safur
Abla singt dazu
»Eifersüchtig willst Du sein
Ach Du bist es nicht allein«
Safur lacht und küsst die Abla
Man trinkt wieder noch hastiger als bisher
Wenn Sailóndula tanzt dann hat das was zu bedeuten
Schade nur dass der Suleiman schläft der sieht so gern tanzen
Abu Hischam der kaum stehen kann will jetzt wieder lallend vom Bunde der
lauteren Brüder reden man hält ihm aber den Mund zu und bittet ihn sich
hinzusetzen
Ach die Menschen werden so anders wenn sie getrunken haben
Im Empfangssaal tront die indische Götzenfigur rechts und links neben ihr
stehen die Flötenspieler mit den Flöten
Die Sailóndula im weingrünen Kleide geht in die Mitte des Teppichs und
blickt noch einmal scheu zum indischen Götzen hinauf
Vier Schwarze stellen sich an die hintere Seite des Teppichs vier rechts
und vier links
Die Fackeln flammen hoch auf
An der Decke wirbeln die Rauchwolken
Der indische Götze leuchtet und glänzt
Auch der kupferne Himmelsglobus wirft das Fackellicht zurück das kupferne
Waschbecken gleichfalls
Battany sitzt mit Tarub und Abla hinter dem Mittelbogen die Andern sitzen
und stehen hinter und neben dem Astronomen
Und Sailóndula tanzt
Die Flötenspieler spielen ein altes indisches Lied das klingt so weich und
getragen
Langsam bewegt die Sailóndula die Arme durch die Luft und biegt dabei den
Körper nach allen Seiten
Ihre gelben Finger recken sich und die Arme drehen sich und die Füße heben
sich dabei nur wenig nur so zaghaft
Die Muskeln der Beine spannen sich und dann dreht sich der ganze Körper der
Tänzerin
Die gelben Glieder drehen sich und beugen sich und krümmen sich sie
bewegen sich wie sich die Weisen der Flöten bewegen wie sich Bäume bewegen
im Abendwinde wie sich Schlingpflanzen ranken wie sich kleine Quellen durch
die Wiesen winden
Und die Fackeln qualmen dass man das indische Götzenbild kaum mehr sieht
Man sieht nicht mehr die Decke mit ihren blauen und grünen Mustern auf dem
prächtigen Goldgrunde
Aber man sieht noch die silbernen und roten Querstreifen auf den Wänden die
blitzen oft auf im Fackelschein
Die Schwarzen stehen tiefernst mit beiden Fäusten halten sie die Fackeln
ihre orangefarbigen Lendentücher leuchten
Die zwölf roten Flammen knistern
Die Flöten ziehen in weichen Tönen durchs Gemach
Die indische Sailóndula tanzt
Doch jetzt wollen Alle dass Sailóndula nackt tanze
Sie besinnt sich
Und Battany legt sich aufs Bitten
Abla bittet den Kodama um die roten Rosen die er der Tarub geraubt singt
leise
»Schenk mir Dein Ross
Und schenke mir Rosen«
Doch dann tanzt Sailóndula nackt ihr weingrünes Gewand fliegt hastig an die
Seite
Die Flötenspieler spielen ein wildes Jagdlied
Hei wie sich die gelben wunderschönen Glieder jetzt bewegen
Nicht mehr ruhig ist der Tanz
Ein wildes tolles verzerrtes Springen und Stampfen geht los
Der Körper des Mädchens zittert
Sailóndulas Muskeln schwellen an dass sie fast so stark erscheinen wie die
Muskeln der schwarzen Fackelträger
Aber jetzt plötzlich da weiten sich die Augen der nackten Tänzerin
Sie sieht was ein alter indischer Tempel steigt vor ihr auf mit
herrlichen Pforten und reizend durchbrochenen Türmen die wie Filigrangebilde
sich aufrecken wie Elfenbeinschnitzereien
Und neben dem Tempel fließt der heilige Ganges im Fackelschein
Und ein Jüngling kommt aus dem Tempel raus und starrt die Sailóndula an
Mit einem gellenden Schrei bricht das Mädchen zusammen
»Mein Kleid Mein Kleid« ruft es angstvoll
Battany und seine Freunde eilen auf die gelbe Tänzerin zu sie wissen nicht
was ihr fehlt
Sie aber reißt sich mit den Nägeln den Busen blutig dass das Blut ihren
gelben Leib hinunterrieselt
Und dann brechen ihr die Tränen hervor
»Meine Heimat« schluchzt sie
Und dann weint die Sailóndula wie ein Kind wie ein ganz kleines Kind
Battany gibt ihr Wein
Doch sie schlägt ihm den Becher aus der Hand
Sie weint furchtbar und windet sich dann in Krämpfen
Siebentes Kapitel
»Endlich« schreit Kodama in den frischen Morgenwind hinein »endlich sind wir
die dummen Frauenzimmer wieder los Die Tarub schnauzt die Sailóndula heult
und die Abla will immerfort Rosen haben Freunde wir sind frei darum wollen
wir jetzt auf dem Karawanenplatz Tee trinken Kommt«
Und der dicke Geograph geht breitbeinig voran die beiden Dichter Suleiman
und Safur folgen der Philosoph Abu Hischam desgleichen
Diese vier Leute hatten die drei Frauen nach Hause gebracht mit Mühe wie
sich ja denken lässt denn nüchtern war Niemand
Äusserlich machten jetzt die Vier einen sehr friedlichen Eindruck
Das war aber alles nur Schein
Der Wein hatte die Gemüter ganz gehörig aufgeregt
Gereizt wandte sich Safur an den dicken Kodama und verlangte Aufklärung in
Betreff der Tarub den Dichter plagte heiße Eifersucht Ein Wort gab das andre
der sonst so gemütliche Geograph mit den herrlichen seidenen Hosen hatte seine
ganze wohltönende Beredsamkeit aufzubieten um den Dichter davon zu überzeugen
dass eine Umarmung doch nur eine Umarmung und ein Kuss doch nur ein Kuss sein
könnte
Der gemütliche Dicke trat währenddem in die Bude eines alten Wunderdoktors
und ließ sich in vier zierlichen Näpfchen ein schwarzbraunes dickflüssiges
Getränk verabreichen das Wunder tun sollte gegen den Kater
Alle tranken das schwarzbraune Zeug und fühlten sich gleich beruhigt auch
Safur
Leichtgläubig wie alle Dichter ließ auch dieser leicht sich was einreden
Das schwergläubige Misstrauen schien dem Safur ohnehin eine recht lästige
Sache
Die Hitze ist auch schon recht lästig
Grelles Sonnenlicht flutet durch ganz Bagdad obgleich es noch immer Morgen
ist
Auf dem Karawanenplatz sieht es sehr bunt aus der Platz ist so bunt wie
ein Opal
Die hellen Zelte auf denen die Sonne brennt geben dem großen
Karawanenplatz das Ansehen eines großen Lagers
Die mächtigen Blätter der Bananen und die riesigen Palmen ragen in den
hellblauen Himmel so beruhigend hinauf so beruhigend wie das Grün der Oasen
Links zeigt ein indischer Schlangenbändiger seine Künste
Suleiman soll bezahlen und tuts
Suleiman denkt nur an den Schneider Dschemil denn Said hat dem Dichter eine
dicke Goldrolle geschenkt zum Lohne für das Lobgedicht
Das Gold hat den Alten schrecklich glücklich gemacht er benimmt sich
zuweilen ganz närrisch
Neben ruhenden Kamelen liegen prächtige bunte Teppiche aus Smyrna und
Damaskus
Gelbe Chinesen stehen feierlich neben grellfarbigen Seidenstoffen
Braune Araber handeln mit Wollenzeug Baumwolle und Leinen die Stoffe
zeigen auch alle Farben rote blaue gelbe braune und andere
Alte Ägypter verkaufen Rosenöl und Räucherwerk
Perser mit langen schwarzen Bärten bieten lustigen braunen Mädchen
himmelblauen Türkisenschmuck an
Und betrunkne Tofailys kommen jetzt torkelnd und johlend immer näher sie
sehen Kodama brüllen ihm was zu und dabei fällt der eine Tofaily wie ein
abgehackter Baum auf die eine Seite mitten in ein großes Lager irdener Töpfe und
Kruken die ein alter Mann aus Kufa neben sich auf der Erde fein säuberlich
aufgestellt
Mörderliches Geschrei Das Geschirr klirrt und klappert
Ein frecher nackter Junge reitet auf einem kleinen grauen Elephanten heran
und das Tier zerschlägt auch noch ein paar Töpfe
Höllenlärm
Die Tofailys lachen sind aber in großer Not die Kaufleute auf dem
Karawanenplatz verstehen im Entzweischlagen keinen Spaß
Kodama bezahlt schließlich die zerbrochenen Gefäße widerwillig zwar doch
mit Anstand
Die Tofailys sind drob natürlich ganz außer sich vor Vergnügen
Kodama wird von den Betrunkenen bestürmt wie von arabischen Kriegern eine
Burg bestürmt wird
Die Vier sind im Nu umringt
Und Alle wandeln lachend in die nächste Teebude
Schlitzäugige chinesische Mädchen bringen das heiße Getränk in blau bemalten
Porzellanschalen herbei
»Wie gehts Deinem Bären« fragt man den Safur höhnisch denn Safur wird
beneidet Sein Bär Bagdads berühmte Köchin leuchtet sehr hell an dem trüben
Himmel der Bagdads berühmte Männer überwölbt
Abu Hischam muss gleich wieder vom Bunde der lauteren Brüder sprechen
Doch es wird heiß
Auch unter den hellen Leinendächern der Zelte und Marktbuden nimmt die Hitze
ganz beträchtlich zu
Die Augen kann man garnicht mehr ordentlich offen halten die Sonne
blendet
Tiefblau sind die Schatten der Palmen und Bananen Vor den Teezelten liegt
die große Moschee Und rechts von der Moschee ragen die hohen auf einem Hügel
gelegenen Paläste der Chalifenburg mit vielen vielen Türmen und bunten Galerieen
in den glühenden Himmel hinauf
Träge zieht eine Karawane an den Teetrinkern vorüber Die Kamele nicken
einförmig mit den drolligen Köpfen die Pferde suchen mit der Schnauze den
heißen Erdboden zu erreichen Die Kameltreiber schwitzen und fluchen
Träge zieht die Karawane vorüber ein Bild tiefster Erschöpfung ein Bild
lähmender Schlaffheit
Das Gespräch unter den Teezelten verstummt man verabredet noch eine
Zusammenkunft abends auf der Tigristerrasse und trennt sich
Abu Hischam Kodama Suleiman und Safur wenden sich nach rechts gehen an
einer großen Bude die ganz mit kleinen indischen Götterfigürchen gefüllt ist
vorüber in die Stadt
In den Straßen ist es leer und heiß
Die blauen Schatten der niedrigen zumeist fensterlosen Hausmauern und die
blauen Schatten der Palmen und Bananen verkleinern sich die Sonne steht
schon hoch
Der dicke Kodama gähnt und will zur Sareppa die Andern wollen mit und man
geht hin
Der weiße Strassenstaub durchsengt die Sandalen
Donnerwetter Die Hitze ist stärker als tausend Löwen
Die Vier nehmen erst noch ein Bad
Das erfrischt ein bisschen
Dann gehts zur Sareppa
Da knallen die Peitschen
Da fliegen die Speere und die Pfeile
Da wiehern und stampfen die prächtigsten Hengste denn die Sareppa handelt
mit Pferden und ihre Hengste sind berühmt
Auf einem freien Platze der nur von ein paar Palmen beschattet wird jagen
junge nackte Mongolen auf schäumenden Hengsten im Kreise herum Die Mongolen
werfen dabei mit kurzen Lanzen nach einer Holzpuppe die hoch oben unter den
Blättern einer Palme hängt Die Lanzen sausen oft in weitem Bogen fast bis auf
die Straße hinaus dass man sich in Acht nehmen muss
Die beiden Gelehrten und die beiden Dichter gehen daher schleunigst unter
ein Holzdach unter dem Gras wächst da grasen die Pferde der Sareppa und
Beduinen bewundern die Pferde
Manche Beduinen kaufen sich ein Pferd unter diesem Holzdache doch die
meisten Beduinen kommen hierher um ihre Pferde zu verkaufen und dann bettelnd
herumzulungern
Bagdad diese üppige Stadt bricht manchem Wüstensohn den Hals
Und Safur spricht mit den Beduinen
Er spricht von den blauäugigen Dschinnen und will mehr von diesen wilden
Wüstengeistern wissen die nachts auf schwarzen Rossen über den heißen Sand
sprengen und die Menschen töten wollen
Die Beduinen erzählen viel von den Dschinnen Und vor Safur der träumend
zuhört erscheint ein wildes Weib mit schwarzem Gesicht und hellblauen Augen
die Haare hängen dem Weibe lang und strähnig an den Schläfen nieder Die Stirn
des schwarzen Weibes zeigt senkrechte dicke Furchen Die Mundwinkel des
bläulichblassen Mundes hängen tief runter ein dunkler Gespensterkopf vor
einem leuchtenden Nachthimmel
Safur erschrickt
Und er liebt das Gesicht
Aber plötzlich ist es wieder weg Er sieht nur noch die Beduinen vor sich
sieht die Pferde der Sareppa grasen und den alten Suleiman drüben an dem einen
Holzpfahl Kirschen essen
Safur hört nicht mehr was ihm die Beduinen erzählen Er versucht wieder
das Dschinnengesicht zu sehen kriegt es aber nicht fertig Ganz verstört kommt
er später zu seinen Freunden zurück und isst schweigend mit ihnen Kirschen
trinkt auch Wein mit ihnen der Kodama ist in bester Laune hat an jeder Hand
ein Mongolenmädchen und erzählt Schnurren dass die Mädchen sich krümmen vor
Lachen
Die Sareppa badet die ist heute nicht zu sehen
Die Beduinen werden aber bald aufdringlich die Obstjungens auch sodass man
sich nach einiger Zeit entschließt weiterzuwallen
Kodama übernimmt die Führung und bringt seine Freunde in ein berüchtigtes
Haus
Man geht in den großen Badegarten wos sehr laut ist Beduinen und ein paar
reiche Jünglinge aus Bagdads besten Familien zechen dort mit weißen
Armenierinnen
Das eine Mädchen singt mit gellender Stimme während sie ihren Jüngling an
die Ohren packt
»Willst Du meine Freunde töten
Steigst Du noch in meiner Gunst
Blutig muss Dein Dolch erröten
Sonst ist Lieben eitel Dunst«
Und das Unerwartete geschah
Blitzschnell zog der Jüngling seinen Dolch und stieß ihn einem jungen
Beduinen bis ans Heft in den Leib
Aber im nächsten Augenblick hatte der Jüngling einen furchtbaren Säbelhieb
Der Säbel ging ihm durch die linke Stirnseite durchschnitt das Auge und
blieb im Kopfe stecken
Lautlos brach der Heissblütige zusammen
Das dunkelrote Blut zweier Nebenbuhler besudelte den feinen bunten
Fliesenboden
Entsetzt wandten sich die beiden Gelehrten und die beiden Dichter ab und
schritten eilig an den Rosengebüschen und an den Gummibäumen an dem reizenden
großen Badeteich in dem Lotosblumen blühten vorbei hinaus ins Freie
Drinnen schrien die Weiber wie die Wahnsinnigen als wenn das berüchtigte
Haus ein Tollhaus geworden wäre
»Siehst Du« sagte draußen der dicke Geograph zum Safur »da siehst Du
wieder wohin die Leidenschaften führen Hüte Dich vor der Eifersucht«
Und im Sturmschritt rannte der Dicke seinen drei Freunden voran zur
Tigristerrasse
In Schweiß gebadet kamen die Vier dort an
Die Tofailys waren schon da
Die Sonne ging blutrot unter
Hastig erzählten die Vier ihr Abenteuer
Aber die Tofailys rührte das nicht allzu sehr Sie waren ja des Morgens von
einem Leichenschmaus gekommen von dem Leichenschmaus den die hübsche Witwe
des alten Wollkremplers gegeben den die Tofailys in jener grünen Schimmelnacht
in der Betrunkenheit erstochen haben sollten
Es ward Nacht
Man aß und trank
Abu Hischam sprach wieder vom Bunde der lauteren Brüder
Und als Alle recht viel getrunken hatten nahm Abu Hischam feierlich alle
Anwesenden in seinen Bund auf
Suleiman riet vergeblich zur Mäßigung Er erinnerte vergeblich an die
Empfindlichkeit des reichen Battany
Abu Hischam nahm sämtliche anwesenden Tofailys sehr förmlich in den Bund der
lauteren Brüder auf
Und darauf trank man bis Alles betrunken war
Die Tofailys lagen schließlich auf der Tigristerrasse umher wie die Scherben
einer zerbrochenen Waschschüssel
Safur dachte an seine Dschinne und an seine Tarub
An seine Tarub dacht er mit Ingrimm denn er wusste dass sie ihm wieder
Vorwürfe seiner wüsten Sauferei wegen machen würde
Der Tigris glitzerte im Mondenschein
Die lauteren Brüder verstummten und begannen zu schnarchen der Kopf ward
ihnen so schwer wie ein Henkerbeil
Safur dachte an seine blauäugige schwarze Dschinne
Jetzt sah er sie wieder hoch oben im Himmel übermenschlich groß von
funkelnden Sternen umstrahlt
Achtes Kapitel
Und als es abermals Morgen ward schien die Sonne so als wenn garnichts los
wäre
Jedoch die lauteren Brüder die allmählich erwachten hatten gleich das
Gefühl dass in ihren Köpfen was los war oder was losgehen wollte
Durch die persischen Eichen die auf der Tigristerrasse mächtig aufwuchsen
wehte ein sanfter Wind der leider garnicht kühl werden wollte
Safur erwachte unter einem blühenden Oleanderbaum
Der Dichter Buchtury erwachte neben großen weißen Lilien die das eirunde
rot und weiß gemusterte Fliesengetäfel in der Mitte der Terrasse umzäunten
Buchtury sah die Lilien den Safur und eine hohe Leiter Er hob diese Leiter
auf stellte sie senkrecht auf das rot und weiß gemusterte Fliesengetäfel und
bat ein paar Freunde die gerade nicht wussten was sie anfangen sollten die
Leiter festzuhalten
Und dann kletterte der Dichter auf die Leiter rauf sodass sein Kopf die
grünen Blätter einer sehr hochgewachsenen persischen Eiche berührte
Und in dieser Höhe begann der berühmte Tofaily der nichtswürdige Prasser
zu krähen
Mit krächzenden Lauten schrie er drauf in den Morgenwind seine Leib und
Magenverse hinein
Von seiner Leiter starrte Buchtury auf die Terrasse runter wie ein müdes
Pferd
Des Dichters Augen waren verglast
Den Safur sah er ganz blöde an und schrie
»Ihr die Ihr so viel dichtet
Ihr habt die Kunst vernichtet
Die schönste Kunst des Lebens
Die lerntet Ihr vergebens
Ihr habt ja ganz vergessen
Euch gründlich satt zu essen
Den Magen vollzuschlagen
Ist doch das Hauptbehagen
Das ist die schönste Kunst
Das Andre ist nur Dunst
Beim Hahnenkampf und Hochzeitsschmaus
Bei alten Bettlern seid zu Haus
Wo Kinder geboren Leichen begraben
Ist allzeit auch was zum Essen zu haben
In Keller und Küch beim Würfelspiel
Oh Kinder da gibts zu essen viel
Gut essen Freunde ist immer fein
Ihr müsstet nur eifrig dahinter sein
lhr schaut viel zuviel nach den Sternen
Ihr müsst erst das Essen erlernen
Salbet den Magen an jedem Morgen
Lasst Euch die Salbe vom Krämer borgen
Lasst Euch kneten den vollen Leib
Lustig ist dieser Zeitvertreib
Vergesst nicht täglich öfters zu baden
Oh baden baden nie kann das schaden
Tut überall nur als wärt Ihr zu Haus
Seid auch nicht ärgerlich lacht man Euch aus
Schlägt man die Tür Euch zu vor der Nas
Tut so als wärs ein lustiger Spaß
Klettert durch den Schornstein herein
Mutig muss der Hungrige sein
Ich hab oft schon Prügel empfangen
Oft mit dicken eisernen Stangen
Das war mir alles ein lustiger Spaß
Wenn nur erst da war ein leckerer Frass
Dann gabs nicht mehr Geschwätz und Getu
Sofort war fort die freundliche Ruh
Mit den Fäusten packt ich die Keulen an
Mit zween Fingern hab ich das nie getan
Wie kleine Mädchen zierlich zu speisen
Das überließ ich schwächlichen Greisen
Den Nachbarn hab ich nie angeschaut
Beim Essen sprach ich nicht einen Laut
Wie gerne mocht ich riechen
Gebratne Federviehchen
Einst konnt ich wie ein Löwe fressen
Doch die Zeit hab ich längst vergessen
Täglich aß ich ein Rind und zehn Tauben
Heute will mir das Keiner mehr glauben
Ich könnt so Manches noch sagen
Von meinem Magenbehagen
Bei Allah Wie wetzt ich die stahlharten Zähne
So wie in der Wüste die böse Hyäne
Ich leckte kaute kratzte frass
Ganz unbezahlbar war der Spaß
Nun leider wollen die Glieder nicht mehr
Sie sind zu trocken sie sind auch zu schwer
Doch was fletscht Ihr mit Eurem Nilpferdgebiss
Die Geduld mir bei Eurem Anstande riss
Was Faul alt und gebrechlich tut Ihr
Was Mit knurrendem Magen ruht Ihr
Auf In die Welt Den Würsten entgegen
Kinder Hier habt Ihr gleich meinen Segen«
Und Buchtury steht hoch oben auf der Leiter unter der persischen Eiche mit hoch
erhobenen Armen wie ein Schornsteinfeger da
Indessen der junge Safur wird jetzt sehr ärgerlich Er ist ja der größte
Feind der Vielesserei
Buchtury wollte den Safur nur höhnen
Dieser ruft daher sämtliche Tofailys zusammen und setzt ihnen auseinander
dass das Sattsein durchaus nicht anständig sei
Diese Rede wurde mit sehr drolligem Beifall aufgenommen das ja die Tofailys
gewöhnlich garnicht zum Sattessen hatten
Daran hatte der kluge Safur garnicht gedacht
Die Tofailys aber verlangten nun von Safur einige Leckereien sie hielten es
nach der Rede über die Unanständigkeit des satten Magens für notwendig sich in
der Enthaltsamkeit zu üben
Und dem armen Safur half nichts er musste ein Frühstück besorgen
Da er kein Geld besaß musste er mit schwerem Herzen seinen Dolch versetzen
Suleiman und Kodama hatten sich fortgestohlen
Abu Hischam besaß nie was
Die Tofailys ließ sich demnach auf Safurs Kosten ein herrliches Frühstück
geben frische Fische aus dem Tigris
Safur sprach mit sehr saurer Miene über die Vorzüge dieser frischen Fische
und bestellte noch da er ja den Dolch doch nicht mehr retten konnte einen
dicken Schlauch mit Wein
Demzufolge war die Gesellschaft sehr bald wieder betrunken
Der Tigris plätscherte unten am Ufer spöttisch lächelnd vorbei umspülte die
Rosengebüsche die Granatbäume ein paar stille Palmen und die persischen Eichen
floss dann nach Bassora und dann ins große Meer
Safur Abu Hischam und die Tofailys tranken unheimlich
Und ein toller ausgelassener Geist kam in die Gesellschaft
Der jüdische Weinwirt schüttelte bedenklich das lockige Haupt
Buchtury fiel über die Lilien den Abhang hinunter in den Tigris
Der jüdische Weinwirt rettete den Betrunkenen was nicht ganz gefahrlos
erschien
Nach diesem Unfall brachen die Zecher auf und wohnten in der Nähe der
Terrasse in der Sattelgasse einem Hahnenkampfe bei
Safurn kam als er die wütenden Hähne mit ihren scharfen Sporen aufeinander
loshacken sah eine grässliche Erinnerung
Er dachte plötzlich an seine Tarub beim Barte des Propheten die
Erinnerung war peinlich
Tarub pflegte wenn Safur betrunken ohne Dolch nach Hause kam ebenfalls wie
ein Hahn auf den betrunkenen Dichter loszuhacken
Safur ward daher ingrimmig und rannte davon
Aber er ging noch nicht zur Tarub zurück
Er trank sich erst in einigen Weinkellern Mut
Und dann ging er in die Moschee und zankte sich mit einigen Koranstudenten
Und dann ging er zu den Sängerinnen der alten Dschellabany und klagte den
Mädchen sein Leid
Er ließ sich ruhig auslachen lachte sich selber aus wurde jedoch immer
betrunkner und immer gereizter
Er fluchte auf die Tarub als wenn sie an seinem Rausch die Schuld trüge
Wies Nacht geworden und die Sterne funkelten stand der Dichter vor Saids
Gartenmauer und wusste nicht wie er da hingekommen Er knirschte fürchterlich
mit den Zähnen
Der sonst so kluge Dichter konnte sich nicht gerade halten schwankte wie
ein Rohr im Winde
Schlotternd hing dem Wüstlinge das braun und blau gestreifte Beduinengewand
um die Glieder rum
Und die Welt war so schrecklich heiß
Und Safurs Kopf war so schwer wie Blei
Und des Dichters Herz klopfte wie ein Schmiedehammer
Und des Dichters Hände zitterten wie die Blätter der Pappeln wenn der Wind
hindurchfährt
Ach schließlich kletterte Safur über die Gartenmauer fiel in eine
Dornenhecke zertrampelte ein Tulpenbeet stieß sich den Kopf an einem
Birnenbaum und stieg darauf etwas blutend und voll Schmutz durch das
Küchenfenster in Tarubs Küche
Tarub sieht ihn erschrickt wird aber gleich furchtbar wütend und wirft
ihrem Geliebten einen braunen Milchtopf mit Milch an den Kopf dass dem armen
Dichter die weiße Milch übers braune Gesicht rinnt
Dann schreit die Tarub wie eine Verrückte und haut ihrem Geliebten mit einem
Schrubber auf den Kopf
Safurn wird die Sache zu toll Er packt seine berühmte Köchin an die Gurgel
Aber ach in dieser wüsten Nacht ist er schwächer als seine berühmte
Köchin
Sie verprügelt ihren Geliebten und wirft ihn durchs Fenster in den Garten
Töpfe Flaschen Kruken Holzstücke Gläser Eimer voll Wasser und alte
Fleischstücke greulich alles dieses fliegt dem fein gebildeten
Feinschmecker dem großen Dichter an den Schädel
Und der betrunkene Dichter flieht
Und die Tarub Bagdads berühmte Köchin wütet in ihrer Küche wie eine toll
gewordne Dschinne auf dem Demawand
Niemand wagt es mehr in Tarubs Küche zu steigen in dieser Nacht ist es
ganz unheimlich in Saids Hause
Die Tarub wütet und schlägt manchen schönen Topf kurz und klein
Der Dichter flieht aus dem Garten raus weit fort er flucht jetzt auf
die Tarub wie ein Kameltreiber
Hässliche Schimpfworte schreit er in die Nacht hinaus und knirscht dazu mit
den Zähnen
In der Ferne blitzt es greulich grell
Unheimlich ist diese Nacht
Neuntes Kapitel
Wie nun wiederum der Morgen graute stand der Dichter Safur am Tigris und
starrte nach Osten
Berauscht sah der Dichter Safur nicht aus aber ein wenig verwüstet und
ein wenig verkommen das dünne Gewand war seltsamerweise nicht zerrissen ganz
wars geblieben indessen schrecklich schmutzig wars geworden Blut Wein
Milch Staub Blumensaft und Strassenpfützen hatten die braun und blau gestreifte
Baumwolle höchst unregelmäßig gemustert
Und Safur starrt halb blöde halb verträumt nach Osten Da wirds über
den breiten spiegelhellen Wassern des Tigris immer bunter
Die Sonne geht auf
Langsam hebt sich die brennendrote Scheibe aus den Fluten des Tigris raus
Und der Tigris glänzt jetzt auch brennendrot
Safur starrt in die heiße Farbenpracht und sieht plötzlich über der roten
Sonne in den glühenden Wolken ein schwarzes Gesicht das schwarze
Dschinnengesicht das er bei der Sareppa sah als ihm dort die Beduinen von den
Schrecken der Wüste berichteten
Purpurne und goldene Wolken umrahmen wunderlich das schwarze Gesicht das
nun die großen blauen Augen weit aufreisst
Der Blick der Dschinne ist furchtbar
Safur taumelt zurück
dabei bemerkt er aber dass rechts von der Sonne noch zwei Dschinnengesichter
vorkommen und links von der Sonne gleichfalls
Die neuen Gesichter sind etwas zur Seite gelehnt dass alle fünf Gesichter
wie ein Kranz die Sonne einschliessen
Und die Gesichter sehen ganz gleich aus
Ihre blassbläulichen schmalen Lippen öffnen sich ein wenig und zeigen weiße
fest zusammengepresste kleine Zähne
Safur traut kaum seinen Augen blickt in den höher gelegenen Himmel hinauf
Doch da beginnt er zu zittern dort höher oben zeigt sich ein zweiter
Gesichterkranz die Gesichter sind nur viel größer und viel schrecklicher
Und über dem zweiten zeigt sich ein dritter Gesichterkranz der ist noch
größer fast noch einmal so groß
Der ganze Himmel füllt sich mit schwarzen Dschinnengesichtern die langsam
aus dem dunklen Himmelsblau herauskommen und auf den Safur zuzustreben scheinen
Ganz oben am Himmel sind die Gesichter riesengross die schwarzen Haare
flattern wild um die schwarzen Ohren und um die schwarzen Stirnen doch so
wie die Haare an dem einen Gesichte flattern genauso flattern sie auch an dem
andern
Und den Dichter packt die Angst Ihm schlottern die Kniee Er sieht
plötzlich nichts mehr Ihm wird schwindlig und er bricht bewusstlos zusammen
Nach einer Weile hört er dann ein gellendes Pfeifen als wenn ein schneller
Wind vorübersause Gleichzeitig wird vor seinen Augen alles rot
Der Dichter will die Augen öffnen kanns aber nicht er glaubt er sei
blind geworden
Er ringt die Hände und schreit
Dadurch kommt er wieder zu sich seine Augen öffnen sich und Bagdad mit
dem Tigris liegt vor ihm Drüben am Ufer erhebt sich der Garten des reichen
Battany
Safur befindet sich auf einer Anhöhe und kann weit herumblicken
Der Himmel ist tiefblau
Die schwarzen Gesichter sind fort
Safur aber hat die Gesichter nicht vergessen er springt auf blickt sich
scheu um und rennt wie ein Rasender nach Battanys Landhaus
Er klopft dort heftig an die kleine Gartentür und die wird auch gleich
geöffnet der Hausmeister öffnet selbst kriegt jedoch beim Anblick des
Dichters ein so erschrockenes Gesicht dass das seine dem der großen Dschinne
nicht unähnlich sieht
Der Hausmeister hört garnicht mehr was der Dichter sagt lässt ihn hinein
und geht mit großen Schritten davon zu seinem Herrn
Battany steht in seinem Harem und grübelt
Seine Frauen liegen in prächtigen bunten Seidengewändern auf den Teppichen
und langweilen sich
Eine Perserin spielt eintönig auf einem langen Saiteninstrument das mit
blitzenden Diamanten verziert ist
Eine kleine Ägypterin schlägt dazu ein paar glockenförmige Cymbeln von Zeit
zu Zeit leise aneinander
Grün schillernde Fliegen summen durch das große Gemach
Die Frauen wehren mit ihren Fächern die Fliegen von sich ab
In großen kupfernen Eiskübeln taut laut tropfend das Eis
Oben an den bunt bemalten Holzwänden bewegen sich leise kleine
Sonnenlichter die durch die großen zierlich geschnitzten Windlöcher sich
hineinstehlen in den großen stillen Harem des reichen Al Battany dessen Frauen
sich immer langweilen
Der Harem ist ganz mit großen Granatbäumen umgeben damits nicht zu heiß
wird in den üppigen Gemächern
Und der Hausmeister kommt an
Er stürzt seinem Herrn zu Füßen
Die Frauen richten sich auf
Der Hausmeister sagt ängstlich
»O Herr der Dichter Safur ist da Aber ich glaube er ist wahnsinnig
geworden«
Die Frauen schreien
Battany lässt sich in seiner Sänfte in den Garten tragen
Zwei schwarze Sklaven halten von hinten hoch über Battanys indischer
Goldmütze einen großen roten Sonnenschirm
Sehr langsam wird Battany getragen
In seinem Landhause geht alles langsam zu laufen darf dort Niemand auch
die Sklaven dürfen nicht laufen
In seinem kleinen leicht gebauten Bücherkioske will der Astronom den
Dichter empfangen
Safur kommt rasch durch die Olivenallee näher
Der Bücherkiosk liegt da so ruhig wie eine Krone auf einer kostbaren
Stickerei
Die kostbare Stickerei besteht hier aus ganz kurz geschornen grünen Rasen
die von bunten Schnörkeln zierlich durchzogen sind
Die Schnörkel teilweise indische Buchstaben werden von kleinen Tulpen
gebildet
Es wurden aber nur drei verschieden gefärbte Tulpenarten verwandt
Die einen sind rotlila die andern weissgelb und die dritten graublau
Diese drei Farben heben sich wunderbar vom dunklen Rasengrün ab
Und da wo auf dem Grünen keine Tulpen wachsen da sitzen rote blau und
grün gelb und schwarz weiß und grau gefleckte Papageien fürchterlich steif auf
glatt geschnittenen dünnen Holzästen die alle mit weißem Silber beschlagen
sind
Die bunten Papageien machen einen so gelehrten Eindruck scheinen alle
sehr belesen sehr belesen denn sie sind ja vor dem Bücherkioske angekettet
Sehr saubre orange farbige nicht gemusterte Fliesenwege durchziehen in
weichen Linien die kurz geschorenen Rasen auf denen die Tulpen blühen und die
Papageien angekettet sind
Riesige Bananen umschließen im genau abgezirkelten Kreise das glatte
peinlich saubre Gartenkunststück
Und hierhin stürmt mit raschen Schritten der wilde Dichter Safur
Oh Oh Wie Battany zusammenschrickt
Der riecht gleich was los ist
Säuferwahnsinn hat den Dichter gepackt Säuferwahnsinn
Die Sklaven müssen sich entfernen
Battany und Safur wandeln zusammen über die orange farbigen nicht
gemusterten Fliesenwege doch nur dort wo das weit ausladende Dach des
Bücherkioskes noch Schatten spendet Safur erzählt wütend von der Tarub und von
der Dschinne wild durcheinander
Battany hört nur dass Safur Tag und Nacht und wieder Tag und Nacht und
wieder Tag und Nacht getrunken und sich schließlich mit seiner Tarub erzürnte
Der reiche Astronom ist daher auch sehr erzürnt wirft dem leichtsinnigen
Dichter seinen höchst liederlichen Lebenswandel vor und sagt ihm am Ende
»Mein lieber Safur Mit Dir ist wirklich nichts mehr anzufangen Du kannst
das Trinken nicht mehr lassen Du wirst noch ganz und gar verkommen Ich
verstehe Dich nicht Du kannst nie aufhören Du bist eben ein Gewohnheitssäufer
geworden Kannst Du Dich denn nicht daran gewöhnen mit den Andern nach Hause zu
gehen Musst Du immer so lange trinken bis Du im Rinnstein liegst Du hast das
doch garnicht nötig«
Dem Safur brummt der Kopf ihm zittern die Glieder Battanys laute Stimme
ist ihm schrecklich
Kleinlaut versetzt der Dichter
»Sieh mal Battany Du hast nicht das durchzumachen was ich durchzumachen
habe Glaubst Du es sei so leicht mit einem Weibe auszukommen von dem man
abhängt Du weißt wenn ich die Tarub nicht hätte könnt ich nicht mehr leben
Zum Betteln bin ich zu stolz Aber wenn ichs recht bedenke müsst ich auch zu
stolz sein bei dieser Tarub zu leben Ich kann mit der Tarub nur dann weiter
leben wenn ich ihr Herr bin und sie meine Sklavin ist Kannst Du nicht
Battany diesem Said die Tarub abkaufen und und mir schenken Tus doch
Sei mein Freund«
Battany lächelt verächtlich
Er setzt dem Safur dann ohne auf seinen Vorschlag einzugehen auseinander
dass er des Abends eine große Tigrisfahrt unternehmen möchte Der Said die Abla
und die Sailóndula und auch die Tarub sollen mitkommen
Battany will zwischen Safur und Tarub vermitteln
Dem Safur schmerzt der Kopf
Ihm ist alles recht
Innerlich ist ihm ganz klar warum er trank
Dass er von der Tarub so ganz und gar abhängt das hat ihn nach seiner
Meinung zum Säufer gemacht
Also denkt der Dichter gewöhnlich wenn er seinen Dolch versetzt und viel
zuviel getrunken hat
Er pflegt dann auch seinen Freunden vorzuwerfen dass sie sein Verhältnis zur
Tarub nur deshalb für ganz gut hielten damit er nicht seinen lieben Freunden
zur Last zu fallen brauche
Diese Vorwürfe spricht der Dichter der immer sehr vorsichtig ist natürlich
nicht laut aus
Und Safur soll baden
Er tuts in Battanys wunderbarem Teiche der in einem kleinen Talkessel
liegt
In dem Teiche blühen blaue Lotosblumen
Die großen Lotosblätter schwimmen auf dem Teiche wie riesige Topfdeckel
Die Sklaven reinigen des Dichters Kleid
Und nach dem Bade wird der Dichter von den Sklaven mit wohlriechenden Ölen
gesalbt
Die Baumwolle reinigen die Sklaven mit wohlriechender Seife
Safurn wird ein bisschen besser
Er bekommt auch was zu essen
Und dann steigt er in eine Sänfte und wird sanft mit Battany aus dem Garten
raus zum Said und zu seiner Tarub getragen
Unter den beiden roten Sonnenschirmen die groß rund und steif sind wird
die Haut der beiden Männer auf den Sänften auch ganz rot
In Battanys Harem wirds wieder lebhafter der Hausmeister muss erzählen von
Safur und von der alten Dschellabany
Die Frauen sind schrecklich neugierig
Und dann baden die Frauen in demselben Teiche in dem Safur badete wo die
blauen Lotosblumen blühen und die großen Lotosblätter herumschwimmen
Die Frauen baden unter hellgelben und hellblauen seidenen Sonnenschirmen
die Schirme sind riesig groß
Und die nasse Haut der gelben Inderinnen spiegelt das Grün der Lotosblätter
und auch die blauen und gelben Töne der Sonnenschirme dass die Haut so bunt
schillert wie entzückende Perlmutterschalen
Wunderbarer noch spielen die verschiedenen Lichtfarben auf den Leibern der
weißen Armenierinnen
Und die Leiber der schwarzen Frauen werden ebenfalls ganz bunt
Doch Battanys üppige Haremsfrauen langweilen sich auch im Bade sie sehen
die Farbenpracht der Lichtspiele nicht auf ihrer schön gepflegten Haut
Und wie die nassen Glieder der Frauen müde unter den blauen und gelben
Sonnenschirmen am Ufer liegen im Grase da spielen die Lichtfarben noch viel
großartiger auf den prächtigen üppigen Leibern die sich räkeln mit Arm und Bein
dadurch werden die Glieder noch immer reizvoller unbeschreiblich
Zehntes Kapitel
Der Wind bläst in die Segel und die Barken schießen stromauf
Die Wellen schaukeln
Es ist angenehm kühl auf dem Tigris
Es ist Nacht
Der Mond steht fast voll hoch am Himmel
Suleiman hat ein Märchen erzählt
Nun soll Safur eine wahre Geschichte erzählen
Sie sitzen in Saids großer Barke hinten hinter dem großen Segel
Battany und seine sieben Freunde sinds die in Saids großer Barke sitzen
Said mit seinen drei Köchinnen ist auch in der Barke
Die Tarub zerschneidet vorne eine große Nusstorte und kümmert sich nicht um
die Gesellschaft
Und Safur der sehr ernst dreinschaut erzählt
»Ein junger Beduine saß bei der alten Dschellabany und trank mit ihren
hübschen Sängerinnen Wein Das Trinken war sehr gemütlich denn die Sonne
stand noch sehr hoch Die Mädchen sind ein bisschen faul und der Beduine
spasst nicht mehr mit ihnen sondern erzählt ihnen was von seiner Geliebten die
ihm alle Tage zu essen und zu trinken gibt Die Mädchen lachen und schauen sich
den Beduinen sehr genau an Der aber erzählt weiter dass er seinen schönen Dolch
versetzt und nun große Furcht vor seiner Geliebten habe Da müssen die Mädchen
noch mehr lachen und sie trinken als wenns garnichts kostet Mit leeren
Taschen geht daher später im Sternenschein der junge Beduine von dannen nicht
grade das kann er nicht aber schwankend und mit schlotternden Gliedern Er
klettert über einen Zaun in einen Garten Die Blumen duften da paradiesisch
und goldene Äpfel fallen dem Beduinen auf die Nase Der Himmel wird ganz
dunkelblau Ein paar Sterne fallen aus dem dunkelblauen Himmel auch herunter
in den Garten in dem die Blumen leuchten und duften wie im Paradies Der
Beduine schwankt weiter und will sich in ein Fenster schwingen hinter dem seine
Geliebte wohnt Ein Duft von gebratenen Hasen weht ihm aus dem Fenster
entgegen Doch plötzlich fühlt er was Nasses auf seinem Kopf und sieht nichts
mehr Ein großer Eimer ist ihm überen Kopf gestülpt und frische Kuhmilch rieselt
ihm über seinen ganzen Leibfrische Kuhmilch«
Safur lacht und die Andern lachen auch
Dann fährt er fort
»Kaum hat der Beduine den Eimer vom Kopf gerissen so klatscht ihm eine
dicke Rindskeule an die rechte Wange Der Beduine wird wütend springt ins
Fenster hinein und packt packt seine Geliebte Die reißt sich aber los und
schlägt ihm mit einem Stück Holz überen Kopf Der Beduine wird immer wütender
Doch seine Geliebte schlägt ihm mit einem Wasserkrug um die Ohren dass der Krug
in tausend Stücke zerbricht Dann wirft sie nach ihm mit Eisstücken und
gläsernen Flaschen mit Schutt und Müll mit Fischköpfen und faulem Obst mit
Bratpfannen und schmutzigen Lappen dass der arme Beduine zurücktaumelt zum
Fenster Wie er aber am Fenster ist hat sie ihn rasch an den Beinen gepackt und
ihn kopfüber in den Garten geworfen «
Jetzt kommt Safur nicht weiter denn Alles lacht dass die Barke bedenklich
ins Schaukeln gerät
Safur lacht jetzt aber nicht
Die Tarub bringt die Nusstorte und wird mit einem Höllenlärm empfangen
Der Scherbettbecher geht wieder von Hand zu Hand
Es wird fast wüst
Die Mädchen werden gekniffen und geküsst
Safur kümmert sich aber nicht um den Lärm
Er blickt hinaus in den Urwald am Ufer und beachtet nicht dass man seine
gute Laune preist und ihn einen echten Dichter nennt der das Leben von der
lustigen Seite zu fassen vermag
Safur blickt in die Waldespracht die sich am Ufer hinzieht im vollen
Mondenschein
Die blauen großen Lotosblumen leuchten am Ufer wie Dschinnenaugen
Und der Dichter muss wieder an seine Dschinne denken und an die
Wüstengeister
Und er leidet leidet wie ein Beduine leidet der in der Wüste verdursten
muss
Aus dem Waldesdickicht am Ufer tönt zuweilen das Geheul wilder Tiere heraus
Die fliehen aber denn neben und hinter der großen Barke segeln drei kleinere
die dem Battany gehören
In diesen kleineren Barken sitzen Battanys Bogenschützen die die wilden
Tiere mit giftigen Pfeilen verscheuchen
Safur sieht wieder vor sich das Dschinnengesicht das er bei der Sareppa
sah
Diesmal sieht er das Gesicht im Wasser neben weißen Wasserrosen das
Gesicht scheint im Wasser unterzugehen sieht so qualvoll aus
Und Safur liebt dieses Gesicht
Und er seufzt dass es kein lebendes Wesen ist dass es kein Weib ist
Der Leidende sehnt sich nach der Leidenden
Und er liebt seine Dschinne und vergisst alles was um ihn vorgeht
Da stößt ihm die Tarub derb in die Seite
Und er schrickt zusammen
Die blauen Blumen am Ufer leuchten unter den großen Bananen unter den
dicken Stämmen der hohen Sagopalmen wie die blauen Dschinnenaugen der Wüste
Battany flüstert mit Abu Hischam
Und wie der Mond in voller Pracht erglänzt landet man am Ufer
Man will das Grab des Abu Nuwâs besuchen jenes großen Dichters der noch
zu Haruns Zeiten lebte und blutarm starb wie ein Lump und der dann sehr
berühmt wurde sodass seine Verse bald in Jedermanns Munde waren
Das Grab des Abu Nuwâs ist ganz mit gelben Rosen bedeckt ganz mit gelben
Rosen
Gelb ist die Farbe des Königs in Persien und in andern Ländern die von
Bagdad nicht weitab liegen
»Abu Nuwâs« murmeln jetzt die Männer die des großen Dichters Grab
besuchen
»Abu Nuwâs« murmeln auch die drei Frauen
Die Pechfackeln der schwarzen Sklaven knistern und flammen hoch auf
Die Gesellschaft ist plötzlich ganz ernst und ganz still geworden
Suleiman liest mit leiser Stimme die Grabschrift die auf einem kleinen
Alabasterblock mitten unter den gelben Rosen in zierlichen Schriftzügen zu lesen
ist
Abu Nuwâs hat sich die Grabschrift die Suleiman leise liest selbst
gedichtet
»Leb doch wies Dir grade passt
Machst Dich nur dadurch verhasst
Hast Du alles mal verprasst
Kannst Du wirklich nichts mehr erben
Darfst Du doch noch friedlich sterben
Stirb nur Selbst die Dichter sterben«
Kodama räuspert sich und will was sagen Battany kommt ihm aber zuvor
Battany sagt zum Safur der wieder sehr ernst dreinschaut
»Lieber Freund kannst Du uns nicht auch ein paar Verse zu hören geben Du
bist heute so ernst lass Dich nicht lange bitten«
Safur nickt und spricht nach einer Weile in der nur die Fackeln knisterten
»Du ruhst nun unter Rosen aus
Oh der Tod hat Dich befreit
Und milder wird mein Schmerz um Dich
Da ich weiß Du fühlst kein Leid«
Und Safur empfindet eine so gequälte Stimmung
Ihm ist als täten ihm die Fingerspitzen weh Sein ganzer Körper empfindet
so fein dass er jeden Luftzug zu spüren glaubt
Er hört den Tigris leise rauschen
Und er hört in der Ferne wilde Tiere heulen
Und er sehnt sich nach einem Wesen dem er mitteilen kann wie er eigentlich
immer leidet etwas Unerklärliches leidet das die andern Menschen nicht
kennen
Ihm ist oft so als sehne er sich nach einem Weibe das er lieben kann
Aber er weiß dass es solches Weib nicht gibt Bei diesen Gedanken sieht er
drüben neben Said seine Tarub stehen drollig ernst Und Safur muss lächeln
Doch Battany spricht jetzt auch sehr ernst
»Freunde Ihr wisst der große Philosoph Abu Hischam der unter uns weilt
wollte einen Gelehrtenbund gründen Ich glaube dieser Augenblick am Grabe des
größten arabischen Dichters ist so schön und feierlich dass wir dem Abu Hischam
der ein kluger tatkräftiger Mann ist wohl eine Freude bereiten wenn wir uns
hier am Grabe die Hand reichen und die Gesellschaft die wir bilden die
Gesellschaft der lauteren Brüder nennen Ich hoffe unser Kreis wird bald größer
werden«
Und Alle reichten sich die Hände sodass sie einen Ring um das Grab bildeten
Sehr drollig sahs zwar aus dass auch die drei Frauen und der dumme Said im
Ringe waren
Doch die Gesellschaft machte trotzdem einen sehr feierlichen Eindruck
Den Mond umkränzten rötliche Wolken In der Ferne am andern Ufer zuckte ein
bläuliches Licht auf es blitzte
Die Fackeln knisterten und flackerten hell
Als sich die Hände der lauteren Brüder voneinander lösten warf Abu Hischam
seine armenische Pelzmütze hoch in die Luft worüber Alle lachten
Elftes Kapitel
Am nächsten Morgen segelten die Barken des Battany und des Said weiter stromauf
zu den Eremiten
Man wollte auf Abu Hischams Wunsch zunächst den Eremiten die große Kunde vom
Bunde der lauteren Brüder überbringen
Abu Hischam schwamm in Seligkeit
Sein Herzenswunsch war erfüllt
Das Frühstück mundete den lauteren Brüdern sehr sehr gut
Es gab Fleischpasteten und kalten Bratfisch Pfirsiche Oliven und
Weintrauben afrikanische Schotentorte und Marzipan
Und man trank roten KufaWein
Beim Wein erhitzen sich die Gemüter
Die lauteren Brüder waren nahe daran sich zu zanken zankten sich
wirklich
Sie zankten sich über ein paar Verse des Abu Nuwâs was in der guten
Gesellschaft Bagdads zu jenen Zeiten durchaus nicht selten vorzukommen pflegte
Die Verse des Abu Nuwâs die den Zankapfel bildeten lauteten
»Ich sagte einst zu einer kleinen Süssen
In deren Hand ein Bündel von Narzissen
Von Dir zu scheiden ist das Schändlichste der Welt
Und sie Viel schändlicher zu lieben ohne Geld«
Die Stimmung ward sehr übermütig derbsinnlich zotig nicht grade sehr zart
im Gegenteil
Es hagelten die bösen Witze so dicht wie die Pfeile in einer Schlacht gegen
die Christenhunde und die anderen Ungläubigen
Die drei Weiber taten zuweilen so als hielten sie sich die Ohren zu
Die Tarub bekam am meisten zu hören
Safur musste seinen ganzen Witz zusammennehmen um sie zu schützen
Die beiden Dicken Kodama und Osman lachten dass ihnen die dicken
Schweißtropfen über die dicken braunen Pustbacken rollten die immer glänzender
zu werden schienen
Der alte Jakuby unter seinem helllila Turban kicherte wie ein verschämtes
Mädchen
Battanys Unterlippe wurde sehr dick
Said tat immer so als verstände er alles was einen sehr drolligen
Eindruck machte wenn die Witze sich gegen ihn selber richteten
Ich will dieses Morgengespräch nicht näher beleuchten
Die Sonne stand sehr hoch
Der Prophet Abu Maschar achtete nicht auf das Gelächter der Andern er hörte
sich mit dem alten Suleiman mehr vorn in der Barke die begeisterten
Erörterungen des Abu Hischam an der wie gewöhnlich nicht müde wurde über die
Ziele und Pläne des großen Geheimbundes zu reden
Immer wieder klangen von des Philosophen Lippen die beiden Worte
»Lautere Brüder«
»Lautere Brüder«
Währenddem sang die weiße Abla die sich mit einem großen weißen Federfächer
sorgsam vor den Strahlen der Sonne schützte eine südarabische Volksweise die
so recht in die angeheiterte Laune der »lauteren« Brüder hineinpasste
Abla sang mit heißer hoher Stimme
»Wenn Du mich nicht mehr lieben willst
So geh ich zum Kuppelweibe
Wenn Du mich nicht mehr lieben willst
So will ich Dich vergessen
In wilder toller Brunst
Bei Wein und Saitenkunst
Da lieb ich was ich finde
Verschwinde nur Verschwinde
Wenn Du mich nicht mehr lieben willst«
Und diese Verse hörten am Ufer auch ein paar Eremiten die nur in die Einsamkeit
gezogen waren um ihre Sinnlichkeit zu töten
Die lauteren Brüder landeten dann wieder um den Eremiten »guten Tag« zu
sagen
Abu Hischam erzählte den Eremiten vom Bunde denn die Eremiten waren fast
sämtlich große Gelehrte
Die alten gelehrten Einsiedler machten sehr große Augen als sie die neue
Kunde vernahmen
Die Gesellschaft wurde gleich größer
Und unter Battanys großen Zelten gings wieder mal sehr hoch her
Als die Einsiedler die nicht weitab wohnten in ihren ärmlichen schmutzigen
Hütten den Lärm vernahmen kamen sie gleich näher und waren bei den lauteren
Brüdern ganz guter Dinge
Sie ließ sich gern in die neue Gesellschaft aufnehmen
Äusserlich sagten die Eremiten immer sehr gern »Ja«
Was sie innerlich dachten pflegten sie für sich zu behalten
Wenns nichts kostete waren sie stets ohne Umstände für alles Mögliche zu
haben
Das wusste Abu Hischam daher hatte dieser kluge Philosoph auch gleich zu
den Eremiten gewollt er verstärkte durch die Eremiten seine Stellung
Es musste natürlich in der Absicht des schlauen Bundgründers liegen die
Machtstellung des Battany nach Möglichkeit zu beschränken
Übrigens Osmans Widerstand war sehr bald gebrochen der Buchhändler wurde
der Geschäftsführer der Gesellschaft und machte schließlich ein ganz
vergnügtes Gesicht zu verlieren war ja bei dieser gelehrten Gesellschaft
eigentlich garnichts
Ja Osman und Abu Hischam lagen sich sogar sehr bald brüderlich in den
Armen und schwuren sich ewige Treue
Abu Hischam hatte allen Grund mehr zu trinken als je was er denn auch
sehr gründlich besorgte
Als der Vollmond über dem Tigris aufging lag der große Philosoph Abu
Hischam der große Gründer des Bundes der lauteren Brüder wie ein Brett im
Grase und trank nicht mehr da er fest sehr fest schlief
Safur aber schlief nicht der plauderte mit den Eremiten über die Freuden
des einsamen Lebens und ihn überkams
Er wollte auch Eremit werden er beneidete bereits seine neuen Freunde
Als er hörte wie einfach die Mahlzeiten der Eremiten gewöhnlich zu sein
pflegten verzogen sich allerdings seine Gesichtszüge und bekamen einen
verdrossenen Ausdruck
Nein so weit war Safur noch nicht dass er um des einsamen Lebens willen
auf ein verständiges Essen und Trinken hätte verzichten wollen aber vielleicht
ließ sich Beides vereinen
Und über dieses »Vereinen« dachte Safur sehr angestrengt nach
So schmutzig und zerrissen wie die anderen Eremiten wollte Safur auch
nicht herumgehen
So weit war er noch nicht dass er sich um des einsamen Lebens willen im
Schmutz und Unrat hätte herumsielen wollen
Auch der Gedanke an das viele Ungeziefer der alten Einsiedler ward dem im
Äußeren sehr peinlichen Dichter ein bisschen ekelhaft eigentlich grässlich
Nein Ungeziefer mochte er nicht
Da stieß ihm wieder die Tarub in die Seite nicht derb aber vernehmlich
Sie wollte ihn sprechen allein
Und er entschuldigte sich bei den Einsiedlern empfahl ihnen sich neuen
KufaWein zu holen und und folgte der Tarub recht unlustig
Hinter blühendem Oleander ward die Tarub zu ihrem Dichter zärtlich
Der benahm sich jedoch anders als sonst ganz anders
Und und wies immer zu sein pflegt die Sprödigkeit reizte nur stieß
durchaus nicht ab
Bagdads berühmte Köchin bat ihren berühmten Dichter fussfällig um Verzeihung
sie flehte ihn an weinte dabei
Was die Tarub nie getan das tat sie jetzt sie bettelte um seine Liebe
und erzwang sie sich schließlich nicht grade gewaltsam aber so ähnlich
Safurn überliefs wie kaltes Wasser
Er musste an Saids Mehlsäcke denken die einst in Tarubs Küche einen so
drolligen Reiz in ihm erweckt
Der Vollmond schien seiner Tarub hell ins Gesicht
Die Oleanderbäume dufteten
Man hörte dann Stimmen in der Nähe
Und die Tarub eilte hurtig davon
Und dem Safur war so zu Mute wie einem Weibe zu Mute ist dem ein Fremder
Gewalt antat
Safur lag unter den Oleanderbäumen starrte in den Vollmond und träumte
von tiefer Einsamkeit von einem Weibe das nirgendwo lebt das er sich nur
denkt von einer andern Welt in ders andre Frauen gibt als hier auf der Erde
Safur will auch einsam leben ganz einsam ganz allein er will auf alles
verzichten und nur allein sein alle seine Freunde kränken ihn nur er ist es
müde mit ihnen zu spassen er will sie nicht mehr sehen
Und er ringt die Hände und stöhnt
Er möcht am liebsten gleich hier bleiben in der Einsiedlerwelt
Da raschelt was neben ihm
Safur fährt auf und sieht eine große Schlange
Die Augen der Schlange leuchten wie zwei Rubine
Der Leib der Schlange glitzert klebrig
Safur sieht es ist eine giftige Schlange und er springt an die Seite
sieht im nächsten Augenblicke rechts neben den Oleanderbäumen in der Tiefe den
Tigris und springt runter in die Flut
Safur ist gerettet er schwimmt langsam und sicher dorthin wo die Barken
liegen und die Lagerfeuer vor den Zelten brennen
Die Flammen der Lagerfeuer qualmen mächtige Rauchwolken in den Abendhimmel
hinein
Die glühenden Augen der Schlange starren aber unverwandt in die große gelbe
Mondscheibe
Die Schlange richtet ihren Oberkörper hoch auf und starrt mit ihren
glühenden Rubinaugen in den Mond als wolle sie den vergiften
Zwölftes Kapitel
Und nach vier Wochen stand der Vollmond über dem Mondtempel zu Hauran
Und im Mondtempel weilten Abu Maschar und Safur Abu Hischam und Battany
Suleiman und Jakuby
Die anderen lauteren Brüder waren auf Saids Barke mit den drei Frauen nach
Bagdad zurückgekehrt
Den beiden Dicken Kodama und Osman war die Reise nach Hauran zu
beschwerlich gewesen
Auch mochten sie einem »Fastenfest« nicht beiwohnen ein Fest ohne Essen
nannten sie nicht ein Fest
Ein »Fastenfest« ward aber trotzdem in Hauran gefeiert
Der Mondtempel ist ein Tempel der Ssabier
Die Ssabier sind nach der Meinung des Volkes Götzenanbeter Heiden
Doch die Meinungen des Volkes sind ja niemals massgebend
Die Ssabier sind mehr als sie scheinen
Ihre Religion ist ein Abglanz altbabylonischer und altassyrischer Kulte
Der Mondtempel zu Hauran ist Jahrtausende alt eine alte träumende Ruine
die wie eine sterbende Greisin von alter alter Zeit erzählt und Wunderdinge
weiß
Der Mondtempel wird hell vom Vollmond erleuchtet
Und in das Mondlicht flammen aus eisernen Schalen mächtig lodernde
Opferfeuer hinauf
Wohlriechendes Holz zumeist Sandarakholz wird in den eisernen Schalen
verbrannt sodass der ganze Tempel und die ganze Umgegend des Tempels wundersam
duftet wie die Nähe eines Gottes
Man fastet drei Tage und drei Nächte
Zu bestimmten Stunden erklingt an den Mauern und auf den Terrassen des
einsam und hoch gelegenen Tempels Musik von Cymbeln Flöten und
Saiteninstrumenten
Abu Maschar hat die lauteren Brüder hierher geführt er spricht jetzt mit
einem großen Priester dessen langer schwarzer Bart nach assyrischer Sitte
sorgsam gekräuselt ist sodass es aussieht als bestände er aus lauter kleinen
runden Löckchen
Der lange weiße Kaftan ist mit goldenen Sternen übersät die mit Goldfäden
hineingestickt sind
Über dem dunkelbraunen Gesicht des Priesters erhebt sich ein mächtiger
hellblauer Seidenturban mit sieben silbernen Vollmonden vorn über der Stirn Die
mit Silberfäden gestickten Monde sind von verschiedener Größe
Nur Männer Jünglinge und Knaben weilen im Tempel ein Weib darf den Tempel
nicht betreten
Und ein eintöniger Gesang tönt durch die Mondnacht
Die Gläubigen sitzen oder stehen einzeln nicht in Gruppen sie dürfen
nicht miteinander sprechen nur mit den sieben großen Priestern dürfen sie
sprechen
Die sieben großen Priester sehen sich im Äußeren fast gleich tragen
sämtlich den assyrischen Bart den Sternenkaftan und den hellblauen Mondturban
Jakuby macht sich fortwährend Notizen
Suleiman und Battany hocken in einer großen Grotte die der Mond nur zur
Hälfte erleuchtet
Abu Hischam wandelt vor der großen Tempelpforte auf dem großen Opferplatze
unruhig umher und erzählt jetzt dem einen der großen Priester von dem
Geheimbunde der lauteren Brüder
Der Priester hört ernst zu und sagt dann mit großen Augen
»Euren Bund nennt Ihr einen Geheimbund Und Ihr sprecht doch zu allen
Menschen von diesem Geheimbund Ihr wisst ja noch garnicht was ein Geheimbund
ist«
Unwillig wendet sich der Priester ab
Abu Hischam sieht ihm verblüfft nach
Der Gesang verhallt es wird ganz still nur die Opferfeuer knistern
Unheimlich still ist es
Auf einer der höchsten Terrassen die den großen Mondtempel umkränzen neben
einem uralten Götzenbilde spricht der allgewaltige Oberpriester Tschirsabâl mit
dem Dichter Safur
In der Tiefe an der Umfassungsmauer entlang zieht langsam eine feierliche
Prozession vorüber der ein offener leerer Sarg vorangetragen wird
Fackeln beleuchten die Prozession und Tempeldiener schwingen die alten
Räuchergefässe an langen Stangen
An vielen alten Götzenbildern zieht die Prozession vorüber die alten
starren Steingesichter der Götzen scheinen sich zu beleben wenn der leere Sarg
langsam vorüberzieht
Und Safur schaut von der Tempelterrasse in die mondbeglänzte arabische
Wüste in der die wilden Dschinnen hausen
Tschirsabâl ein Riese der fast zwei Köpfe größer ist als der durchaus
nicht kleine Dichter sagt zu diesem während er mit seiner mächtigen breiten
Brust tief aufatmet
»Atmest Du noch immer die schwüle Pestluft der Sinnlichkeit Woran dachtest
Du«
Safur erschrickt besinnt sich einen Augenblick und spricht dann hastig
»Nein nein ich glaube ich atme nicht mehr die schwüle Pestluft der
Sinnlichkeit Ich sehnte mich nur Ich sehnte mich allerdings nach einem
Weibe Aber diese Sehnsucht hatte nach meiner Meinung nichts mit Sinnlichkeit zu
tun wirklich nichts Denn versteh mich nur das Weib nach dem ich mich
sehne lebt noch nicht ist noch nicht geboren wird wahrscheinlich nie geboren
werden Sieh ich sah so lange da in die Wüste hinein und glaubte zuletzt eine
wilde Dschinne zu sehen mit schwarzem Gesicht und blauen Augen Ich bilde mir
jetzt fast schon ein dass diese Dschinne wirklich irgendwo lebt und ich liebe
diese Dschinne lieben will ich nicht sagen das Wort lieben ist zu oft
missbraucht es sagt mir zu wenig doch Du verstehst mich ja atme ich
Pestluft«
Tschirsabâl schüttelt den Kopf und erwidert sanft
»Nur die gewöhnliche Sinnlichkeit der tierisch lebenden Menschen erzeugt
Pestluft Wir müssen anders als die Tiere leben Nicht ein Weib darf das Ziel
unsrer Sehnsucht sein Die Gottheit müssen wir lieben«
»Die Gottheit« fragt Safur
»Ja den einzigen großen wahren Gott« versetzt der Priester »den müssen
wir lieben Die Götter und Götzen der Erde sind nur die Vermittler zwischen dem
Menschen und dem Einzigen dessen Namen wir nicht unnütz aussprechen sollen
Aber « und hier wird die Stimme des Priesters etwas heiser »wir sollen den
großen Gott der die ganze Welt umschließt wirklich lieben mit allen Nerven
und mit allen Muskeln die wir haben Und wisse der Allgott offenbart sich
in unsrem besten Freunde und ja im Freunde sollen wir den Gott
lieben noch mehr anders als menschlich lieben Ja Du hast Recht das Wort
lieben genügt nicht wenn wir die wahre große Leidenschaft bezeichnen wollen in
der Alles untergeht die Alles verschlingt die nur die ewige Vereinigung mit
dem Geliebten will die daher auch nur ihre ganze Befriedigung im Tode im
Letzten finden kann Die großen Priester der Erde dürfen nicht lieben wie die
gewöhnlichen Menschen sie dürfen nur den großen Gott lieben und ihn sollen
sie lieben im besten Freunde Safur versteh mich Vielleicht hörst Du meine
Worte nicht noch einmal Vielleicht sterbe ich in der nächsten Stunde und
Niemand sagt Dir mehr was es heißt Sehnsucht nach der ewigen Vereinigung mit
dem großen Gott haben und sterben sterben wollen sterben müssen weil man
nur lebt um sich ganz auflösen zu können in dem den man mehr liebt als Alles
Denk nach ob Du nicht auch so sterben willst Denk nach Safur Nur im Tode
wirst Du selig werden Nur der Sterbende hat Alles und mehr als Alles«
Und der gewaltige Riese zittert am ganzen Körper seine Augen glühen sein
Atem keucht wie der Atem eines blutdürstigen Tieres das sein Opfer sieht
Tschirsabâl stürmt mit großen Schritten davon und verschwindet in einem
dunklen Gange
Safur bleibt fast starr zurück
In der Tiefe des Tempels ganz tief tief unter den Grabkammern da
befindet sich ein stiller Saal der Opfersaal
Da ist es sehr kalt
Den Boden bedecken feine Alabasterplatten in die viele alte Zeichen und
Figuren hineingegraben sind Einzelne Stellen des Alabasterbodens in den Ecken
des Saales sind mit Keilschrift bedeckt
Und die Wände des Opfersaales bestehen aus blauem Lapis lazuli
Auch die Wände sind mit alten Bildern und mit Buchstaben bedeckt die
letzteren sind schweres Gold
Die Decke ist ganz von Silber
Ganz mit Silber beschlagen sind auch die großen breiten Tragbalken der
Decke
Das Silber ist aber nicht blank an manchen Stellen ist es sogar ganz
schwarz
Sehr kalt und sehr leer sieht der Saal aus
Und schrecklich still ist es da unten
Und da unten kommen jetzt die sieben großen Priester zusammen
Die blauen Turbane werfen die Priester hastig in die eine Ecke des
viereckigen Saals
Das Haar der Priester ist auch nach assyrischer Sitte gekräuselt nicht
kurz geschoren wie das Haupthaar der Araber in Bagdad
Dann aber betreten den Saal sieben Knaben mit langen nicht gekräuselten
Locken und in gelben Seidengewändern
Die Knaben sind groß und schlank
Ihre Haltung ist schlaff
Ihre schwarzen großen Augen glühen aber als wenn sie Entsetzliches sähen
Ihr Gesicht sieht so wächsern aus als hätten sie schon lange nicht mehr das
Tageslicht erblickt
Der Opfersaal wird nur spärlich von kleinen grünen Flämmchen erleuchtet die
an den Wänden in kleinen Ölschalen brennen
Das grüne Licht macht den Saal noch unheimlicher
Den Knaben sträuben sich zuweilen die Haare
In der Mitte des Saales steht auf einem eisernen Gestell eine längliche mit
himmelblauen Türkisen verzierte Wanne in der auch ein sehr großer Mensch
vollauf Platz haben würde
In der Wanne ruhen vierzehn große Perlen die sich in der Form ganz gleichen
nur in der Farbe verschieden sind
Die eine Perle ist schwarz
Das ist die Todesperle
Die vierzehn im Opfersaal versammelten Menschen treten an die Wanne und
greifen langsam gleichzeitig hinein und nehmen behutsam ohne hinzusehen eine
Perle heraus
Dann heben sie die Perle empor
Die schwarze Perle ist in den Fingern des größten Knaben der viel schöner
aussieht als die andern
Ein grässlicher Schrei schallt durch den stillen Raum
Tschirsabâl schrie der Knabe den er am meisten liebt der sein bester
Freund ist der Knabe hat die Todesperle in den Fingern der muss sterben
Und der Oberpriester heult wie ein wildes Tier
Die andern Priester zittern
Die Knaben weinen leise ihre Augen werden noch größer
Die sieben großen Priester des Mondtempels zu Hauran haben sich nach uralter
Sitte einen furchtbaren Schwur geleistet sie wollen sterben wenn sie die
schwarze Todesperle in die Finger genommen haben
Und die sieben Knaben die zum Teil schon älter sind haben denselben Schwur
geleistet wie die Priester
Doch die Knaben dürfen wenn sie den Schwur geleistet nie wieder mit andern
Menschen zusammenkommen Nur mit den sieben großen Priestern dürfen sie
zusammenkommen
Das Menschenopfer ist ein alter heiliger Brauch Der Vierzehnte wird immer
geopfert
Außer denen die den Schwur leisteten weiß kaum ein einziger Mensch dass im
Tempel zu Hauran Menschen geopfert werden Mit größter Vorsicht wird jeder
Neugewählte eingeweiht Nur diejenigen die den Tod ernstaft suchen werden
gewählt
Die Priester wissen dass die Macht der Ssabier gebrochen ist und sind darum
schon stets bereit sich opfern zu lassen
Ja die vierzehn Menschen die da unten im Opfersaal versammelt sind haben
sämtlich eine wahnsinnige Lust am Opfer sie sehnen sich nach dem Tode
aus übergrosser Liebessehnsucht ward die Todessehnsucht geboren
Die furchtbarsten Lustgefühle durchrasen jetzt diese vierzehn Menschen da
unten die im besten Freunde den Gott sehen und mit ihm zusammen in den Tod
gehen wollen
Doch es bereitet ihnen eine grausame grässliche Wollust dass sie nicht zu
gleicher Zeit sterben dass sie nacheinander sterben und über jeden gestorbenen
Freund mit wahnsinnigen Qualen herfallen wie die Hyänen über die Leichen
herfallen
Die feinsten gebildetsten Menschen sind die Priester sie fühlen die
feinsten Dinge sie wissen so Vieles das Niemand je geahnt
Und die Knaben sind womöglich noch feiner
Aber diese feinen Nerven sind ein Fluch für die feinen gebildeten Menschen
Sie »leiden« durch diese feinen Nerven und müssen sich daher immer nach dem
Tode sehnen im Tode den Erlöser sehen müssen sich noch mehr quälen das
Grässlichste und Entsetzlichste ist für die feinen Nerven eine Art Beruhigung
Der ungeheuer große Schmerz soll die kleinen Schmerzen vernichten
Die Vierzehn wollen immer ihren besten Freund töten weil sie ihn lieben
Und sie wollen sich auch von ihrem besten Freunde töten lassen aus Liebe Das
ist verrückte Liebe ein großartiger Wahnsinn
Eines hätte die Armen von der Todessehnsucht erlöst ein unaufhörliches
großes Kunstschaffen das immer wieder auf Riesenwerke sinnt
Doch das lag ihnen natürlich meilenfern
Und so schlachteten sie sich gegenseitig ab
Und ja wer beschreibt was da unten im Opfersaal vorgeht
Mit wahnsinniger Verzückung lässt sich der dem Tode verfallene Knabe die
Adern öffnen und die Andern füllen ihre goldenen Becher mit dem Blut des Knaben
und trinken das Blut
Und dann küssen Alle den blutenden Knaben mit einer wahnsinnigen Gier dass
dem Knaben der Atem ausgeht dass der Knabe erstickt wird
Und dann stößt der Riese Tschirsabâl seinem besten Freunde das heilige
Steinmesser in die Brust und kreischt kreischt grässlich ist das Gekreisch
Und dann legen sie den Toten in die Wanne machen ein Feuer unter der Wanne
und schneiden aus dem Körper des Knaben große Fleischstücke mit ihren heiligen
Messern heraus und dann verschlingen sie die Fleischstücke mit wahnsinniger
Verzückung
Sie glauben sie nähmen die Gottheit in sich auf
Und nach dem Mahl schleichen Alle davon und ihre Augen strahlen Fieberglut
aus
Wenn sich die Priester dem Volke wieder zeigen dann erschrickt das Volk
es weiß sich die furchtbaren Gesichter der großen Priester nicht zu erklären
Auf der Terrasse und in den Grotten des Tempels verteilen jetzt Tempeldiener
Brot und roten Wein
Das Brot hat die Form eines Menschenkindes
Tschirsabâl erscheint wieder oben auf der Terrasse auf der Safur weilt
Safur empfängt eben den Wein und das Brot trinkt trinkt isst isst und
sieht dann den Priester
Der Dichter sieht das entsetzte Gesicht des Riesen denkt aber gleich dass
er ihn froh begrüßen muss der Priester lebt ja noch
Und Safur will stürmisch den Priester umarmen schreit laut und lachend
»Nun wollen wir leben leben«
Doch der Riese taumelt zurück und ruft dem lebenslustigen Dichter mit
furchtbarer Stimme ein einziges Wort zu »Esel« heißt das einzige Wort
Und dann verschwindet Tschirsabâl hinter dem nächsten Gebüsch er starrt
entsetzt in den Mond und flüstert
»Mond sei mein bester Freund Menschen find ich nicht mehr Töte mich Töte
mich Ich halts nicht mehr aus«
Und er schlägt lang hin
Und der blaue Turban fällt in ein Myrtengebüsch
Dreizehntes Kapitel
Indes als nun abermals vier Wochen ins Land gegangen sind spielt sich wieder
in Tarubs Küche was ab
Die Tarub steht vor dem Herde und starrt ins Feuer ihr braunes Gesicht ist
ganz rot und ihre schwarzen Augen flackern noch heftiger als die Flammen des
Herdfeuers
Der berühmten Köchin rollen über die geröteten Wangen ein paar große dicke
Tränen
Die harte Tarub ist jetzt ganz weich
Safur blieb acht volle Wochen fort
Das war eine lange lange Zeit
Jetzt aber soll Safur wiederkommen er hats geschrieben noch heute kommt
er
Bei Allah die Tarub freut sich
Sie löst sich vor Rührung fast auf
Sie wäscht sich schon zum fünften Mal Hände und Gesicht obwohl sie
eigentlich den ganzen Tag nichts tat
Und sie trocknet sich ab mit einem Handtuch in das sie einst ein paar Verse
hineinstickte Verse die ihr lieber Safur ganz besonders für sie gedichtet
hatte
Auf dem Handtuch steht
»So hell und rein wie Gold und Wein
So ganz voll Glanz
Muss Küche Herd und alles sein«
Die Tarub liest das wieder sehr andächtig blickt dann in der Küche rum und
sieht ob alles in Ordnung
Sie schmunzelt alles ist gut
In den Kruken und Töpfen stecken duftende dunkelrote Rosen
An die hundert dunkelrote Rosen hat die Tarub in ihrer Küche verteilt
Die Messingkessel funkeln
Der rote Ziegelboden blitzt beinah so sauber ist er gescheuert
In den kupfernen Eiskübeln taut das Eis tropfend
Der Pumpenschwengel ist mit frischem Lorbeer bekränzt
Und es will Abend werden
Tarub dreht sich langsam um und sieht ihren Dichter endlich wieder
Stürmisch fällt sie ihm um den Hals und weint
Sie weinen Beide zusammen
Zwischen den Beiden scheint wieder alles so gut zu sein so gut
Jetzt merkt ihnen Keiner an dass sie sich mal zankten dass sie ihn mal
kränkte mit Milch und er mal ihre Liebe verschmähen wollte
Dichter und Köchin sind wieder ganz ein Herz und eine Seele
Wies dunkel geworden zündet die Tarub acht kleine Öllämpchen an zur
Erinnerung an die acht Wochen der Trennung
Na Safur ist auch gerührt
Sie essen Beide
Sie trinken Beide
Wies ihnen schmeckt nein das ist kaum zu sagen fast zu schön
Beide wieder ein Herz und eine Seele
Nun gehts ans Erzählen
Er erzählt ihr Alles
Und er schildert ihr das Fastenfest
Die Tarub schauert zusammen was Fürchterlicheres als »hungern« kennt sie
nicht
Wie Jemand freiwillig hungern kann vermag sie nicht zu verstehen
Und als nun Safur von dem großen Oberpriester Tschirsabâl erzählt wird sein
Ton immer heftiger
»Denk Dir Tarub« ruft er zornbebend »weißt Du wie mich der Esel nannte«
»Nein ich weiß nicht« erwidert die Tarub
Doch gleich darauf schreit der Dichter
»Esel hat er mich genannt Esel«
Die Erregung der Beiden ist anitzo nicht von Pappe
Safur vermag sich garnicht über den frechen Kerl zu beruhigen der es wagte
den feinsten Kopf von ganz Bagdad den geistreichsten Dichter der Araber einen
Esel zu schelten
»Hätt ich nur meinen alten Dolch gehabt« sagt leiser der kluge Safur »ich
hätte ihm schon bewiesen wie man in Bagdad frechen Hunden zu begegnen weiß
Aber der Kerl war ja zwei Köpfe größer als ich Mit bloßen Händen konnt ich doch
nichts gegen ihn machen«
»Siehst Du« versetzt da so recht ernst die Tarub »warum trinkst Du immer
soviel hättest Du nicht soviel getrunken so hättest Du damals nicht den Dolch
versetzt und hättest Dir das von diesem alten Priester nicht gefallen lassen
brauchen«
Diese Bemerkung beruhigt den Safur grade nicht Ermahnungen sind ihm sehr
sehr lästig
Er zieht daher verächtlich lächelnd seinen neuen Dolch hervor der noch
schöner und noch länger ist als der alte
Den neuen Dolch hat ihm der Battany geschenkt
Safur schimpft dann auf die Priester im Allgemeinen während die Tarub den
Dolch bewundert
Er nennt das Fastenfest einen lächerlichen Schwindel eine große Albernheit
eine Narretei hinter der nichts garnichts dahinter sei
Er ist wütend über das Wichtigtun der ssabisschen Priester über ihre
albernen Geheimnisse in denen alles was unklar und verschwommen ist eine
Heimstätte fand
Dem aufgeklärten Bagdader Dichter ist die Religion eigentlich in jeder Form
verhasst
Er hat eine Abneigung gegen alles Halbverstandene und Verschwommene im
Gefühlsleben
Er will das Gefühlsleben immer ganz klar durchschauen jede Schwelgerei im
Unklaren ist ihm unangenehm
Er lehnt sich in längeren Reden gegen die Unklarheit und gegen das
Verwaschene auf sodass der Tarub die natürlich nichts von alledem versteht
die Geschichte schon langweilig zu werden beginnt was sie ihm denn auch gleich
ein bisschen zu verstehen gibt
Na das gefällt ihm wieder nicht nein das verwundet ihn sogar er ist
verletzt und verstummt
Eine ganze Masse von Empfindungen stürmt auf ihn ein sodass er garnicht
weiß was alles erregend auf ihn einwirkt
Er hat eine aus sehr vielen Empfindungen zusammengesetzte Stimmung die er
nicht klar durchschauen kann
Dass er trotz seiner langen Rede über das Ungebildete im Unklaren wieder mal
selber nicht klar sehen kann und sich demnach auch ungebildet vorkommt das
ärgert ihn noch mehr
Er merkt dass er sich mit der Verdammung der verschwommenen und verwaschenen
Empfindungen eigentlich selber ins Fleisch schnitt
»Eigentlich« sagt er daher still zu sich »ist es ein bisschen unsinnig die
Empfindungen die wir nicht gleich ganz scharf zu durchschauen und zu
zergliedern vermögen zu verdammen Bei den Priestern zu Hauran spielen
sicherlich sehr viele geschlechtliche Geschichten mit ohne dass sich die
Andächtigen bewusst werden dass sie in ihrem andächtigen Getue hauptsächlich
wieder vom Geschlechtstriebe bewegt werden dessen unerbittliches protzenhaftes
Sichbreitmachen sie grade vernichten wollen Aber so unklar die Empfindungen
der Andächtigen auch sein mögen die Empfindungen sind doch sehr stark Ja
ich muss sogar zugeben dass alle klar zu zergliedernden Stimmungen nie eine so
große Kraft besitzen fast gar keine Kraft dagegen besitzen Die kräftig auf
uns einwirkenden die überwältigenden Empfindungen sind niemals klar zu
durchschauen Die Verdammung des Unklaren schließt auch eine Verdammung der
großen mächtigen Stimmungen in sich Und das geht denn doch nicht
Das Große darf man nicht verdammen Ob das Große durch Mitwirkung
geschlechtlicher oder halbkranker Geschichten entsteht oder nur durch große
edel genannte Geschichten entsteht das ist ja ganz gleich«
»Was ist gleich« fragt nun gereizt die Tarub die nur Safurs letzte fünf
Worte vernommen da der Dichter das übrige nicht laut ausgesprochen hatte
Und ihre Frage bringt ihn aus dem Text
Zum dritten Mal wirkt die Tarub unangenehm auf ihn an einem Abend dreimal
unangenehm das ist unerhört
Und er schaut sein Weib an nicht freundlich aber doch forschend
aufmerksam
So gern möcht er wissen was ihm eigentlich an seiner Köchin so unangenehm
ist wieder ne unklare Sache
Doch bald nickt er mit dem Kopfe
Er weiß Ihr fehlt die geistige Regsamkeit die Fähigkeit etwas Geistiges
Gedankliches zu verstehen ihr fehlt was nach seiner Meinung allen Weibern
fehlt
Der Geist fehlt seiner Tarub darum ist sie ihm unangenehm
Darum kann er sie nicht lieben wie er sie lieben möchte
Er empfindet plötzlich ganz klar dass er ein Weib überhaupt nicht lieben
könnte
Die Weiber reizen ihn nur zum Lachen oder zur Wollust zur Liebe nie
Das ist grade keine sehr erquickende Erkenntnis
Er denkt wieder an die Dschinne die ihm an jenem Morgen über der
Morgensonne erschien
Und er sehnt sich nach Liebe
Und nun wird die Tarub noch wieder zärtlich
Manche Augenblicke der Lust sind doch sehr merkwürdig sehr merkwürdig
Safur kommt sich später noch unklarer vor muss erst weinen über sich und
dann wieder lachen
Die Tarub merkt von seinen Gemütsbewegungen nichts glaubt ihm sei nicht
wohl
Er aber er der große Dichter ihm fällt plötzlich ein dass er ja noch
in Tarubs Küche weilt in der dunkelrote Rosen duften und acht Öllämpchen
brennen
Und in der Küche gibts ja noch so viel zu essen
Und drum will er wieder essen
Drob freut sich Bagdads berühmte Köchin sie gibt ihm eine große Aalpastete
und Wein aus Bassora
Er isst und trinkt
Er zerschneidet die Pastete mit dem Dolch steckt die Dolchspitze immer in
ein kleines Stück und führts so zierlich zum Munde
Die Tarub sieht ihm freundlich zu
Er denkt an die großen unklaren Stimmungen die so eng verbunden sind mit
Leid und Liebe mit allen möglichen ewigen Qualen mit den Qualen der
Empfindlichkeit
Aber die Empfindlichkeit kommt vom vielen Empfindenwollen
Safur denkt an alles dieses und kaut
Und beim Kauen werden ihm seine Gedanken verworren
Er will schließlich seine Gedanken los sein
Er trinkt und kaut kaut Aalpastete kaut kaut
Vierzehntes Kapitel
Die Sterne verblassen
Es wird Morgen
Die lauteren Brüder schlafen und träumen
Aber sie sind nicht zu Hause oder wo sie sonst des Nachts zu sein pflegen
In Saids Garten liegen die lauteren Brüder
Da schlafen sie da träumen sie
Denn Said will ein Morgenfest geben
Und ein Morgenfest beginnt in Bagdad immer mit Schlaf und Traum
Die Gäste kommen nachts in das Haus des Gastgebers legen sich schweigend
auf breite Sänften schlafen da schnell ein und werden dann behutsam in den
Garten hinausgetragen wo sie bis zum Aufgang der Sonne weiterschlafen
Nachts werden sehr viel Umstände gemacht
Die Sklaven schleichen mit kleinen Lämpchen im Garten herum und passen auf
dass die Schläfer nicht von Schlangen Fröschen Kröten Regenwürmern und
andrem menschenfeindlichem Gewürm belästigt werden
Selbstverständlich wird in solcher Nacht auch sehr viel Räucherwerk
verbrannt
Der Araber hat eine sehr fein gebildete Nase
Und wenn schlafende Araber was Feines riechen kriegen sie feine Träume
Battany mit seinen sieben Freunden Said selbst und der junge als Trunken
und Witzbold berühmt gewordene Geograph Hamadany das sind die lauteren Brüder
die nun in Saids Garten träumen man will die glückliche Rückkunft derer die
den Mondtempel zu Hauran besuchten feiern
Kodama und Osman haben deshalb ein halbes Schock berüchtigter Sängerinnen
mitgebracht natürlich ohne dem geizigen Said was davon zu sagen
Die Sonne geht wieder überem Tigris auf sehr dunkelrot mit vielen
dunkelroten Wolken
Sie ist aber kaum mit dem vierten Teil ihrer Scheibe sichtbar geworden so
erhebt sich in Saids Garten ein ohrzerreissender Gesang die Sängerinnen tun
ihre Schuldigkeit
Ein keusches Lied singen sie freilich nicht was sie singen wird für
gewöhnlich nur in den schmutzigsten Gassen von AltBagdad gesungen in jenen
Gassen in denen man mehr seine Börse als sein Herz in Acht nehmen muss
Doch Osman und Kodama lachen aus vollem Halse als sie das Lied hören
Nicht so lustig wie die Dicken erwachen die Andern
Namentlich Said der weiß vor Schreck nicht was er sagen soll
Die Andern wissen zuerst nicht wo sie sind sie schaun sich ängstlich um
Wie sie ganz wach sind verstehen sie bald ihre Lage
Battany findet zuerst die Sprache wieder er verwünscht das Geheul der
Weiber in den kräftigsten Ausdrücken
Die Dicken lachen aber
Safur hat Magenschmerzen und ist daher auch sehr ärgerlich außerdem ist er
noch müde
Die Andern haben eigentlich auch noch nicht ordentlich ausgeschlafen
Das Morgenfest fängt schön an
Auch in Bagdad ist es nicht allemal ein Vergnügen ein üppiges Fest
mitzumachen
Dem Said bereitet der Gesang das allergrösste Missbehagen er weiß die
dreißig Sängerinnen werden ihn mehrere Weinschläuche kosten und er hoffte
diesmal grade so recht billig wegzukommen
Said verzweifelt
Er weiß sich nicht zu helfen
Es mag kommen wies will er muss immer mehr zahlen als er wollte
Die Unverschämtheit der beiden Dicken grenzt in seinen Augen ans
Grenzenlose
Said beneidet seine Gäste die alles umsonst haben während er für das
kleinste Vergnügen immer gleich ein Vermögen opfern muss
Saids Gäste waschen sich mit Saids kostbarsten Seifen und salben Haupt und
Brust mit Saids kostbarsten Ölen
Und dann werden die Weinbecher bis zum Rande mit Wein gefüllt und jeder
Gast gießt seinen ganzen vollen Becher in den Garten begrüßt dabei die Sonne
und spricht ein paar persische Worte die er selber nicht versteht
Das ist das Sonnenopfer
Den Said wurmt das aber es ist nun mal Sitte und Sitte bleibt Sitte
Die Perser haben in Bagdad noch immer sehr viel zu sagen
Ja die reichen Leute die verstehens sich zu ärgern die armen Hunde
ärgern sich nicht halb soviel wie die reichen Gastgeber
Doch die Sonne bei Allah die ist so herrlich so göttlich so groß
dass der Ärger der lauteren Brüder bald verdunstet wie der Nebel auf den Blumen
und auf den Blättern der Bäume auf den Rasen und auf dem bunten Fliesengetäfel
der Fusswege
Wie die Mädchen verstummen wird in goldenen Gefässen seltenes kostbares
Zuckergebäck herumgereicht
Und darauf gibts Fleisch in würfelförmig geschnittenen Stücken teils
gebraten teils gekocht Hammel Rind und Hühner aber viele viele Pfunde
Man isst mit dem Dolch
Und man trinkt dazu den Wein in großen Zügen ein Morgenfest soll immer in
großen Zügen gefeiert werden
Aber die Stimmung lässt sich denn doch nicht zwingen
Wohl verdunstete der Ärger der Meisten doch die gute Laune kam darum noch
nicht auf
Die Sonne der Heiterkeit wollte nicht aufgehen wollte nicht
Das hatte so seine Gründe
Da war zuerst das schiefe Gesicht der beiden Reichen des Battany und des
Said ibn Selm deren Gesicht wirkte ansteckend
Als reiche Leute dachten Beide wie alle reichen Leute die da meinen sie
müssten überall genießen und schwelgen weil sie doch was »besitzen« als
wenn der Besitz ein unbeschränktes »Recht« auf den Genuss gäbe
Fühlten sich die Beiden als Gastgeber und als solche fühlten sie sich
eigentlich stets so glaubten sie sie müssten noch viel mehr genießen können
viel mehr als ihre Gäste die waren doch nur ihretwegen da
Die guten reichen Leute taten so als müsste ihre Gutmütigkeit ihre
Genussfähigkeit erhöhen was doch reiner Unsinn ist da bekanntlich nur große
Bildung genussfähig macht
So oder so ähnlich dachte Safur als er grade mit den beiden reichen
Leuten vernünftig reden wollte
Am Reden ward er leider durch seine Magenschmerzen verhindert er hatte
doch in der Nacht allzu viel Aalpastete gegessen
Das Fastenfest mochte auch Schuld an den Magenschmerzen haben
Ja das Fastenfest
Jakuby konnte sich über den Muiullempel zu Hauran garnicht beruhigen er
erzählte den beiden Dicken von den Priestern und den Götzen so viel dass bald
Alle dem alten Geographen zuhörten auch die dreißig Sängerinnen und Saids drei
Köchinnen der junge Hamadany ebenfalls da er noch nüchtern war
Jakuby schilderte besonders eingehend die Selbstgeisselung einiger Jünglinge
die sich mit schweren Ketten den Rücken zerschlugen und sich mit Steinmessern
grässlich verwundeten und so fürchterlich schrien und sich die fürchterlichsten
Brandwunden beibrachten Der eine Jüngling hielt sich als er auf einem Fuße
stand die brennende Fackel unter der Sohle des andern Fußes
Die dreiunddreissig Frauen kreischten bei diesen Erzählungen so entsetzlich
dass mans geradezu als Erholung empfand wie sie wieder ein paar abgedroschene
Lieder sangen
Osman und Kodama freuten sich auch jetzt wieder sie waren in so gereizter
Stimmung dass ihnen der Ärger der Andern das einzige Vergnügen zu bereiten
schien
Ganz Bagdad schien sich in gereizter Stimmung zu befinden
Es lag so was vom wilden Tier in der Luft so was Grausames
In den acht Wochen in denen Battany mit Safur Suleiman Abu Hischam Abu
Maschar und Jakuby nach Hauran reiste hoch zu Kamel mit seinen Mongolen und
seinen Schwarzen in diesen acht Wochen hatte sich manches Unangenehme in
Bagdad begeben
In der Chalifenburg hatte man sich mit dem Bunde der lauteren Brüder in sehr
gereizter Stimmung beschäftigt
Der Chalif tobte wie ein toller Hund als er von dem Geheimbunde hörte
Ach mit dem Chalifen Mutadid wars schon damals nicht ganz richtig er litt
am Verfolgungswahn in der Nacht erschien ihm immer ein weissgekleideter Geist
mit einem langen weißen Bart und einem langen weißen Dolch
Wenn der Geist dem Chalifen erschien dann konnten sich seine Diener die
Hände schütteln einem von ihnen gings dann an den Kragen
Der Chalif verstand keinen Spaß er ließ gleich den Henker holen seinen
dicken Henker der immer stolz in roter Seide durch die Paläste der Chalifenburg
wandelte und mit rollenden Augen um sich schaute
Der Chalif sagte in letzter Zeit nicht mehr warum er Jemanden köpfen ließ
Er ließ nur seine sämtlichen Hofleute zusammentreten deutete mit dem linken
kleinen Finger auf den dessen Haupt ihm am besten gefiel und danach konnten
die Andern abtreten
Die Henkersknechte banden den Auserwählten mit festen Stricken drückten ihn
auf einem Lederkissen auf die Kniee der dicke Henker in der roten Seide holte
weit mit seinem krummen Säbel aus und ein blutiger Kopf rollte über den
Teppich
Nach diesem Schauspiel ging der Chalif ganz beruhigt wieder schlafen
Aber diese nächtlichen geheimen Schauspiele bei denen eigentlich nur der
verrückte Chalif unbeteiligter Zuschauer war wirkten doch auf die Hofbeamten
sehr aufregend
Und die Aufregung der Hofleute übertrug sich bald auf die ganze Stadt
Man veranlasste den Chalifen alle möglichen neuen Gesetze zu erlassen um
seine Aufmerksamkeit von seiner nächsten Umgebung abzulenken
Es konnte ja wirklich garnicht mehr ein Vergnügen genannt werden ein Diener
am Hofe des allmächtigen Chalifen Mutadid zu sein
Bagdads Chalifenburg war damals die gefährlichste Gegend von ganz Bagdad
Wohl dem der da nichts zu tun hatte
Diese Zustände in der Chalifenburg und ihr Einfluss auf den Bund der lauteren
Brüder bildeten den Mittelpunkt des Gesprächs in Saids Garten
Man trank langsamer
Die Sängerinnen und Köchinnen wurden vernachlässigt und dadurch auch
gereizt
Safur der sonst so vorzüglich zu vergessen versteht kann heute seine
Magenschmerzen nicht vergessen
Said vergisst den Dicken die Sängerinnen nicht die obendrein noch sehr
anmasslich tun und die ganze Gesellschaft wahrlich nicht für die geistige Krone
Bagdads halten
Der junge Hamadany erzählt nun noch von dem schlechten Eindruck den die
lauteren Brüder auf die Tofailys machen
Und das schlägt dem Fass den Boden aus
Abu Hischam kriegt einen Hustenanfall so laut hat er gleich auf die
Tofailys geschimpft
Das ist ein so recht missglücktes Fest
Stimmung kommt überhaupt nicht mehr auf
Und doch duften die Rosen so wunderbar
Und die Riesenveilchen duften noch mehr
Und der Wein ist so vortrefflich
Das hilft aber alles nichts
Der Chalif wird immer verrückter
Und selbst den Reichsten kann es schlimm ergehen
Mutadids Henker spasst nicht
Die lauteren Brüder werden betrunken sie küssen die Sängerinnen und machen
dadurch die drei Köchinnen eifersüchtig
Was ist der Schluss
Die Weiber fangen an sich zu prügeln
Man kann sie kaum trennen
Die Sklaven müssen die Sängerinnen mit Gewalt zurücktreiben
Die drei Köchinnen sind in größter Gefahr gewesen
Die Sailóndula hat eine breite Kratzwunde über der Stirn
Der Abla hat man das hellblaue Beinkleid ganz mit Wein begossen
Und der Tarub blutet der ganze Kopf
Das ist ein sehr erquickendes Morgenfest
Die beiden Dicken können lachen
Alle haben sich gründlich geärgert
In den grellsten Misstönen schließt das Fest
Man geht in der denkbar schlechtesten Stimmung auseinander
Fünfzehntes Kapitel
Nach einigen Tagen ist wieder alles anders
Plötzlich ist wieder zu viel Stimmung in der Gesellschaft der lauteren
Brüder
Die meisten Brüder wollen Bagdad verlassen da man sich in der Nähe der
Chalifenburg nicht mehr sicher fühlt
Es liegt auf einmal sehr viel Reisefieber in der Luft
Auf dem Karawanenplatz geht es ungemein lebhaft zu
Dort ist jetzt der eigentliche Mittelpunkt von Bagdad
Vor Osmans Bücherbuden die sich auf der nördlichen Seite des
Karawanenplatzes befinden stehen fast immer Neugierige die was von den Büchern
der lauteren Brüder sehen und auch kaufen möchten
Osman macht vortreffliche Geschäfte
Kodamas Buch »Über die Kugelgestalt der Erde« wird sehr viel gekauft
Auch Abu Hischams »Zweifler« findet einige Käufer Jakubys »Buch der Länder«
findet viele Leser wird aber seltener gekauft das zu umfangreich und demnach
zu teuer ist
Die Gebildeten Bagdads namentlich die Koranstudenten sprechen mit
großer Hochachtung von dem Bunde der lauteren Brüder obschon die Tofailys ihr
Mögliches tun dem Bunde zu schaden
Der nichtswürdige AI Rumy hat bereits eine Schmähschrift über die lauteren
Brüder geschrieben in der diesen die ekelhaftesten Geschichten nachgeredet
werden
In einzelnen Weinkneipen in denen die Tofailys das große Wort führen
erregte die Schmähschrift großes Aufsehen
Gerüchte über eine bevorstehende Verfolgung der Brüder trugen aber dazu bei
dass man von dem neuen Gelehrtenbunde mit viel mehr Achtung sprach als den
Tofailys lieb sein konnte die natürlich nur giftig waren weil sie nicht an der
Spitze des Unternehmens standen
Buchtury hatte daher auch den Versuch gemacht einen »Bund der treuen
Männer« zu gründen Doch von diesem Bunde hörte nach seiner Gründung kein Mensch
wieder was
Osman zeigte ein sehr vergnügtes Gesicht Alles ging ihm nach Wunsch
Er stand sehr bald an der Spitze des Bundes der lauteren Brüder und das kam
vornehmlich seinem dicken Freunde Kodama zu Gute der täglich berühmter wurde
und eine große Gespreizteit in seinem Wesen zur Schau trug
Osman wohnte in der Nähe der Chalifenburg in einem alten sehr gut
eingerichteten Hause
An einem sehr heißen Morgen steht der dicke Schreiber zu Hause zwischen
Kisten und Kasten die mit allerhand Arten Papier gefüllt sind und spricht
lebhaft mit zwei Chinesen
Die Chinesen in fein mit Blumen gemusterten braunroten Seidengewändern
zeigen dem Schreiber neues chinesisches Papier und erläutern die Vorzüge
desselben
Osman ist entzückt er wird immer erregter und setzt dabei den Chinesen
auseinander wie wichtig für den gesamten Buchhandel die Herstellung eines
billigeren Papiers sei er brauche zu viel Papier
Man plaudert auch über die Vorzüge und Mängel der »Rollenform« in der die
Bücher herausgegeben werden
Der eine Chinese ist der Meinung dass man die langen Papierstreifen auch
kneifen und in eine »Lattenform« bringen könnte diese Bücher in »Lattenform«
würden sogar handlicher sein
Und dann zeigen die Chinesen dem arabischen Schreiber ein paar bunte
Zeichnungen die sie aus ihrer Heimat mitbrachten Drachen Tempel krause
Wolken und viele Krieger mit großen Schwertern und buschigen Augenbrauen
Die beiden chinesischen Kaufleute wirken in ihren ruhigen bedächtigen
Bewegungen so angenehm auf den dicken bequemen Osman dass der die chinesischen
Zeichnungen für drei recht schwere Goldstücke ankauft
Außerdem erklärt er den fremden Herren mit den schief geschlitzten Augen
dass er sie gerne öfters sprechen würde lädt sie ein erzählt vom Bunde der
lauteren Brüder vom Chalifen und von den »dünneren« Papierarten von diesen
letzteren bestellt er gleich eine ganze große Kiste denn er weiß dass die
Chinesen die auf Dschunken nach Bagdad kommen viel billiger das Papier liefern
können als die Perser die das Papier auf dem Landwege über Indien beziehen
Osman bemerkt garnicht dass die Chinesen Eile zu haben scheinen er erzählt
ihnen noch so viel von den neuen Lederkapseln in denen die besten seiner Bücher
aufbewahrt werden zeigt ihnen noch so viele neue Bücher über Sternkunde über
Alaun Vitriol Salmiak und andre Stoffe dass den gelben Herren ganz schwindlig
wird
Mit größter Hochachtung vor der Bildung der Araber entfernen sich die beiden
Herren mit den schief geschlitzten Augen höflich sagen sie noch dem überaus
liebenswürdigen Schreiber dass sie beim Chalifen von Peking nie so huldvoll
aufgenommen seien wie beim größten Schreiber von Bagdad
Wie die gelben Chinesen weg sind fängt der dicke Osman an ganz ernstaft
über die Zukunft des Papiers nachzudenken
Währenddem schreiben im großen Schreibersaale Osmans Schreiber mit
verdoppelter Sorgfalt denn Jakuby Kodama und Safur sehen ihnen zu
Weit über dreißig Schreiber beschäftigt der dicke Osman
Sie schreiben mit langen feinen Haarpinseln auf vortrefflichem
Baumwollpapier
Sie tauchen die Pinsel immer sehr vorsichtig in kleine weiße Kruken in
denen sich dünnflüssige chinesische Tusche befindet
Osmans Bücher sind sämtlich mit köstlicher Sorgfalt geschrieben
Die Buchstaben verbinden sich in geschmackvollster Art mit feinen
Schnörkeln
Die Schreiber sind die reinen Künstler sie malen mehr als sie schreiben
Das wissen sie sie sind drum auch ganz gehörig stolz und sehr sauber
gekleidet fast so sauber wie Osman der in seinen braunen baumwollenen
Beinkleidern und mit seinem braunen baumwollenen Jäckchen und mit seinem weißen
Leinenzeuge auf der Brust und auf dem Kopf so fein wirkt wie ein schön
geschriebenes Buch
In Osmans Hause herrscht musterhafte Sauberkeit auf keinem der vielen
Bücher ist ein Stäubchen zu sehen
Und Niemand staunt über diese musterhafte Reinlichkeit so wie Safur der
ist nahe daran im Reinemachen den Zweck des ganzen Lebens zu sehen
Safurs Stimmung wird bei Osman immer saubrer
Kodama sieht unter seinem gelben Turban aufmerksam einem jüngeren Schreiber
auf die Finger
Jakuby hat seinen lila farbigen Turban abgenommen und streichelt seinen
glatt rasierten braunen Schädel mit der linken Hand der Schädel sieht auch
riesig sauber aus
Im Schreibersaal ist es sehr ruhig
Lauter gehts im Hofraum zu der auf allen vier Seiten von verdeckten
Wandelgängen eingerahmt wird die auf der Mauerseite in hohen Spinden unzählig
viele Bücherrollen zeigen Die Spinde sind in verschieden große Fächer geteilt
Nach dem Hofraum zu dessen Boden ganz mit bunten Fliesen bedeckt ist in
deren Mitte ein kleiner Springbrunnen plätschert sind die Wandelgänge offen
Ein paar leichte geschnitzte Holzsäulen dienen den Dächern als Stütze Neben
der einen Holzsäule an ders schattig ist auf einem Teppich sitzt Abu Hischam
und spielt wieder mit seiner armenischen Pelzmütze
Der junge Geograph Hamadany und der junge Geschichtsschreiber Abu Hanifa
Beide mit weißen Turbanen auf dem Kopf und mit schwarzseidenen Kaftanen
bekleidet sitzen dem Philosophen gegenüber
Der junge Abu Hanifa hat »Die Geschichte des Chalifen Motawakkil« von
Baladory der vor einigen Wochen starb auf dem Schoße und verbreitet sich
eingehend über die Vorzüge des alten Baladory der als Historiker jedenfalls die
erste Stelle in Bagdad einnahm
Aus Abu Hanifas wohlgesetzter Rede geht deutlich hervor dass er jetzt der
erste Historiker Bagdads werden möchte er will auch über die Chalifen
schreiben aber über alle und dabei durchblicken lassen dass eigentlich alle
Abbassiden mit Ausnahme Mamuns nicht ganz bei Verstande waren sodass man
sich über den blödsinnigen Mutadid garnicht zu wundern brauche
Die Rede findet bei Abu Hischam sehr viel Anklang er unterbricht sie mit
den derbsten Witzen der Chalif hätte den Philosophen sofort köpfen lassen
wenn er ihn hätte reden hören
Doch Hamadany setzt dann etwas auseinander das dem Philosophen mit der
Pelzmütze weniger behagt
Hamadany hat ein Buch von Abu Hodail Hallâf auf dem Schoss und beweist dem
Abu Hischam indem er verschiedene Stellen wörtlich vorliest dass Abu Hodail
Hallâf vor fünfzig oder sechzig Jahren bereits alles das geschrieben hat was
Abu Hischam in seinem Buch »Der Zweifler« vor drei oder vier Jahren schrieb
Der Philosoph wird daher sehr wütend
Aber Hamadany ist unerbittlich in seiner Beweisführung
Die Unterhaltung wird natürlich sehr laut geführt
Hamadany lässt es an boshaften Bemerkungen nicht fehlen weist auch auf den
Titel hin den Abu Hodail Hallâf für seine Arbeit wählte die nannte nämlich
der alte Schriftsteller »Der Zweifel« die merkwürdige Verwandtschaft mit dem
Titel den Abu Hischam für seine Arbeit wählte der dieselbe »Der Zweifler«
nannte reizt den jungen Hamadany zu nichtswürdigen Betrachtungen über die
natürlich Abu Hischam fast aus der Haut fahren will
Indes gefolgt von Said und Suleiman betreten nun Abu Maschar und Al
Battany den Hof Der Letztere sagt sehr laut sodass Abu Hischam und Hamadany ihr
unerquickliches Gespräch gleich abbrechen
»Lieber Abu Maschar Du scheinst die Verhältnisse in der Chalifenburg
durchaus nicht zu kennen Wir werden tatsächlich verfolgt und sind nicht unsres
Lebens sicher Du kennst doch meinen Freund den allmächtigen Ssabier Tabit ibn
Quorrah der in der Chalifenburg mehr zu sagen hat als der Vezier und weißt
Du was mir Tabit schreibt da lies Er schreibt er könne uns nicht mehr
schützen und bäte uns in drei Tagen Bagdad zu verlassen und nicht vor
Jahresfrist wiederzukommen«
Abu Maschar liest und schüttelt den Kopf und meint ganz ruhig
»Ein Ort ist genauso sicher wie der andre Ich bleib hier Mir wird Niemand
was tun«
Battany zuckt die Achseln
Auch Kodama Jakuby Safur und Osman sind auf den Hof gekommen
Alle lesen den Brief des allmächtigen Tabit ibn Quorrah
Und Alle kriegen nun das Reisefieber in heftigster Form
Nur Osman will dableiben er hält sein Leben nicht für gefährdet da er zu
viel einflussreiche Freunde in der Chalifenburg zu haben glaubt
Said und Suleiman wollen auch in Bagdad bleiben der Erstere weil er seine
Güter nicht im Stich lassen möchte der Letztere weil er unter allen Umständen
auf Saids Kosten leben möchte
Abu Maschar bleibt natürlich aus reiner Halsstarrigkeit er sagt
»Ich kann ebenso leicht auf der Reise getötet werden wie in Bagdad Wir
können überall sterben Dem Tode werden wir doch nicht fortlaufen können Und
einmal müssen wir doch Alle sterben Die Furcht vor dem Tode ist lächerlich«
»Und Du ebenfalls« brüllt ihm Battany zu der schon gereizt wird wenn er
den Propheten bloß ein Wort sagen hört
Der Prophet schweigt nun
Die Andern aber die Bagdad verlassen wollen entwickeln ihre Reisepläne
ihnen kommt der Brief des Tabit ibn Quorrah im Grunde genommen garnicht
ungelegen der Brief ist ihnen eigentlich höchst angenehm
Das Reisefieber liegt ja grade in der Luft
Es ist auch wieder mal eine entsetzliche Seuche im westlichen Stadtviertel
wo die armen Leute wohnen ausgebrochen
Battany will nach Indien
Abu Hischam gedenkt nach Persien zu wandern
Safur sehnt sich plötzlich nach Ägypten
Hamadany wäre gern in Byzanz
Kodama wählt die bequeme Karawanenstrasse nach Mekka und beabsichtigt dort
längere Zeit zu bleiben
Jakuby geht nach Nordafrika
Abu Hanifa möchte nach Südarabien
Alle wollen in der Welt vom Bunde der lauteren Brüder erzählen der Bund
soll ein Weltbund werden
Osman streckt dem Safur und dem Abu Hischam bereitwillig Geld vor
Eine prächtige Zukunft leuchtet vor Aller Augen auf Safur ist froh für
einige Monate von der Tarub befreit zu sein
Das Reisefieber lässt die lauteren Brüder nicht mehr los
Jetzt gehts in die große Welt in die große Welt man weiß sich vor
Seligkeit garnicht zu lassen
Sechzehntes Kapitel
Die indischen Teppiche sind so weich der Fuß versinkt darin wie in einer
grünen Wiese
Und Al Battanys Fuß versinkt auch in diesen indischen Teppichen
Diese Teppiche ruhen aber in dem Palaste eines indischen Nabobs der in der
Nähe von Benares wohnt
Schon achtmal hat sich der Mond gerundet und achtmal ward er wieder
verdunkelt seit die lauteren Brüder Bagdad verließen
Die Christen schreiben bereits das Jahr 894
Die Zeit eilt
Der Astronom Al Battany ist ganz betäubt von den gewaltigen Eindrücken
seiner Reise
Ihm ist zu Mut als hätt er zum ersten Mal das Hochgebirge oder als hätt
er zum ersten Mal das ewige unermessliche Meer geschaut
Indien ist viel reicher größer und tiefer als er je gedacht
Ihn erdrückt fast der Reichtum der ihn umgibt Und er fühlt es jetzt erst
wieviel die Araber den Indern verdanken Bagdad wäre ohne Indien nur ein
ganz gewöhnliches Wüstendorf Der Astronom vergisst beinahe vollständig das was
die Araber von den andern auch höher entwickelten Völkern haben
Indien wird dem Al Battany zum Paradies
Und der Blick des Gelehrten wird immer stolzer ihm ward so viel Ehre
zuteil
Indische Gelehrte und indische Fürsten haben den großen Astronomen mit einer
Ehrfurcht begrüßt als wenn er als Feldherr Alle besiegt hätte nicht als käme
er als einfacher Mann zum heiligen Ganges
Battany wäre noch viel glücklicher gewesen wenn er das schäumende Wasser
seiner Eitelkeit mehr eingedämmt hätte
Aber er hatte auch zu viel Triumphe gefeiert
Eine Gesandtschaft aus Peking war sogar gekommen um Bagdads größten
Gelehrten zu begrüßen vor dem hatte sich ein Dutzend vornehmster Chinesen so
schrecklich tief verbeugt
Die Chinesen teilten dem Battany mit dass bereits der Chalif von Peking vom
Bunde der lauteren Brüder gehört habe und dass Er der Sohn der Sonne der
gelehrten Gesellschaft die herzlichsten Glückwünsche übersende
Und die chinesische Gesandtschaft überreichte dem Araber eine mit
Edelsteinen besetzte Kassette in der sich viele kleine Kunstwerke aus
Elfenbein Ebenholz und Perlmutter befanden
Und die Glückwünsche des Chalifen von Peking hatte Battany sofort mit den
Brieftauben die ihm Osman übergeben nach Bagdad gesandt Osman konnte
gleichfalls sehr vergnügt sein
Und wie sich Battany ein wenig heimisch fühlt speist er zur Nacht bei
seinem fürstlichen Freunde mit dreihundert andren Gästen in einem riesengrossen
Saale
Die andren Gäste sind Araber aus Benares Brahminen und indische Gelehrte
Ein paar tausend Sklaven bedienen
Die Zahl der Gerichte ist nicht zu zählen
Battany ist nun ganz und gar geblendet durch diese fürstliche Pracht
Er denkt an Saids Abendgesellschaften und muss lächeln
Nach dem Mahle geht man hinaus auf die hoch gelegene Parkterrasse
Und dort bietet sich den Gästen ein wirklich berückender Anblick dar der
jedes Auge berauschen muss
Der große Park ist erleuchtet aber wie
Tausend und aber tausend bunte Papierampeln glühen und brennen zwischen den
Blumen durch das Grün der Bäume
Wie Diamanten glühen und brennen die Ampeln wie Rubine Saphire Smaragde
Der Nabob gibt ein großes Garten und Lampenfest Blumenmädchen ganz mit
bunten Blütenketten umhüllt wandeln langsam hintereinander mit knisternden
Pechfackeln in wohl berechneten Kurven über den Kies der Gartenwege
Und im Hintergrunde flackern riesige Flammen empor rote und grüne
bengalische Flammen
Und neben den Springbrunnen puffen von Zeit zu Zeit mächtige Pulverhaufen in
die Luft die Pulverflammen schlagen blitzschnell unheimlich wie
Geisterfäuste in den dunklen Sternenhimmel hinein
Der Mond steht über den Kuppeln und Türmen von Benares wie eine große
Riesenkirsche
Der funkelnde Glanz der Sterne wird fast verdunkelt von der indischen
Lichtkunst
Battany und die arabischen Hauptleute sind nun tatsächlich geblendet
Ein indischer Nabob ist doch zu reich er kann mehr bieten als Bagdads
Chalifenburg
Ein junger indischer Gelehrter wendet sich jetzt lächelnd an den gefeierten
arabischen Gelehrten
Verschmjetzt sieht der gelbe Inder in Battanys braunes Gesicht dreht immer
seinen langen schwarzen Schnurrbart und erklärt umständlich dass ihm die
Bedeutung der ganzen Astronomie sehr unverständlich sei »denn« so sagt er
zum Schluss »wir sehen die Sterne doch nur mit unsrem Auge und mit den Fingern
können wir sie nicht greifen Was wir aber nur mit unsrem Auge sehen das ist
zunächst nur wirklich für unser Auge da obs außerhalb unsres Auges was
Daseiendes ist können wir gar nicht wissen Dass die Sterne da oben große Welten
sein sollen vermag ich daher nicht zu glauben ich glaube da oben gibt ein
junger Gott seinen Freunden ein Lampenfest das Fest wird bald zu Ende sein
denn einzelne Sterne verlöschen bereits Bedenke nur Für einen jungen Gott sind
hunderttausend irdische Nächte eine einzige himmlische Nacht Die Wandelsterne
sind Blumenmädchen mit Fackeln «
Der Inder blickt den Battany forschend an der aber steht so steif da dass
der Araber einem fast leid tun könnte er hat ja nichts verstanden
Schnurrbartdrehend wendet sich der indische Gelehrte schließlich ab ärgert
sich natürlich nicht wenig dass er seinen Witz vor einem dummen eingebildeten
Araber verschwendete
Hierauf spricht ein alter Brahmine mit dem Astronomen Der nimmt sich
jetzt furchtbar zusammen er will nicht wieder nachher vergeblich nach Worten
suchen
Eine wunderbare Musik tönt aus dem erleuchteten Garten in die Sternennacht
empor
Der Brahmine spricht von den Ssabiern das bekannt geworden dass Battany
auch ein Ssabier ist was sein Ansehen sehr erhöht
Und der Araber kann antworten er erzählt von Hauran von Tabit ibn
Quorrah und von Tschirsabâl
Auch andre Brahminen hören zu und sprechen mit
Man redet bald über die Religion im Allgemeinen
Die in arabischer Sprache geführte Unterhaltung wird sehr lebhaft
Ein sehr alter Brahmine dessen weißer Bart fast bis zur Erde reicht ist
der Meinung dass die Lehre Mohammeds den großen Religionen nicht beizuzählen
sei da diese Lehre die Aufklärung und die Freigeisterei in gefährlicher Weise
fördere Mohammed habe nur eine Ketzerreligion geschaffen ihre einfachen
viel zu verständigen Formen seien nicht fürs Volk das Volk wisse nur mit
»vielen« Göttern und mit einem umständlichen Kulte was anzufangen
Battany staunt und muss dem zustimmen erklärt dabei dass man sich in Bagdad
um Mohammeds Lehre selbstverständlich sehr wenig kümmere
»Das weiß ich« erwidert drauf der alte Priester »ich habe die Erfolge und
Misserfolge der verschiedenen Religionen durch ein langes Leben mit sehr
aufmerksamem Auge verfolgt Die Lehre Christi hat schon viel mehr für sich als
die Lehre Mohammeds Die christlichen Priester haben eben viel mehr gelernt und
viel mehr den älteren Religionen entnommen die christlichen Priester haben
nicht den großen Allgott in die Mitte ihrer Lehren gestellt sie haben auch den
Nebengöttern und den tieferen Gedanken der älteren Religionen eine Bedeutung
eingeräumt Natürlich verstanden hat ja kein einziger Christ die älteren
Religionen doch merks nur das schadet nicht allzuviel die neuen
Religionen entstehen immer nur dadurch dass einzelne Menschen die das religiöse
Feuer in den Adern haben die älteren Religionen missverstehen Nur das
rücksichtslose Nichtverstehenwollen oder das harmlosere Nichtverstehenkönnen
verwerflich Missverständnisse aber die schaden ist nicht so sehr Religionen
sind ja nicht dazu da von den Menschen verstanden zu werden Und der Erfolg
Oh glaube mir Das Klarverständliche und das Vernünftige das hat immer nur
einen sehr geringen Erfolg Man darf doch nicht vergessen dass die Menschen viel
viel häufiger unvernünftig und unverständig denken als vernünftig und
verständig Das Vernünftige ist den Menschen garnicht das Natürliche das
Unvernünftige viel mehr Warum hat Mani nicht denselben Erfolg wie Christus
warum hat Mazdak nicht denselben Erfolg wie Christus gehabt Ich glaube nur
weil die Jünger dieser Beiden zu gebildet waren Christi Jünger hatten ihren
Meister viel mehr missverstanden sie waren keine klaren Köpfe weil sie soviel
religiöses Feuer in sich hatten Dieses allein hat ihnen aber nicht den Erfolg
verschafft sondern ihre Fähigkeit alles so misszuverstehen und so unklar zu
sagen dass es dem Fassungsvermögen des gemeinen Volkes nicht fremd erschien
das hat den Jüngern Christi den Erfolg verschafft Ja ja ich weiß das
alles«
Der Inder streichelt zärtlich seinen langen weißen fast die Erde
berührenden Bart und lächelt lächelt wie ein Greis lächelt
Al Battany will nun wissen was die Religion eigentlich will Der Alte wird
ernst und spricht weiter wie für sich so dumpf und so verächtlich
»Aufklärung willst Du Aufklärung Ein echter Schüler Mohammeds bist Du Ein
Mann der aufgeklärten Wissenschaft ein Feind der Religion Kennst Du Buddha
nein Du kennst ihn nicht Er war auch ein Ketzer aber nicht ein so schlimmer
Ketzer wie Du Ich wundre mich dass Du Dich Ssabier nennst Die ssabisschen
Priester haben Dir wohl nur den Eintritt in ihren ersten Vorhof gestattet wo
das Volk verweilen muss Hör doch Battany Das Denken führt doch nie zur vollen
Klarheit führt doch überhaupt nie zur Klarheit wenn Du gründlich denkst
wird Dir das Klarste unklar werden Du aber denkst nicht gründlich Das Denken
führt nicht zur Klarheit das war nie so Aufs Verstandenwerden müssen daher
die weisen Priester verzichten selbstverständlich Man kann doch höchstens nur
missverstanden werden Mit dem Missverstandensein muss man zufrieden sein Ja
ja ich weiß das alles«
Der Brahmine murmelt danach unverständliches Zeug und geht fort die Inder
machen ihm Platz und verbeugen sich vor dem Greise sehr tief verbeugen sie
sich
Battany wird unwillig und will nun von einem Andern wissen was die Religion
eigentlich will
Wie da die Inder überlegen lächeln
Doch ein sehr fein gekleideter Inder der dem Gespräch bisher schweigend
zugehört antwortet dem Battany folgendermaßen
»Gelehrter Freund Ich verstehe Deine Neugierde Lass mich Dir antworten Du
wirst mich ja ebenfalls nur missverstehen doch vielleicht sag ich Dir was Dir
näher kommt Ich bin kein Priester und denke daher anders Bist Du nicht der
Meinung dass die gebildetsten Menschen der Erde grade infolge ihrer Bildung
schließlich eine übergrosse Empfindlichkeit in sich zur Ausbildung kommen lassen
Oh ja ja Und wenn sich diese Empfindlichkeit steigert wird sie zur größten
Qual erzeugt einen Zustand der immer unerträglicher wird und zuletzt nach
entsetzlichen Beängstigungen grauenhaften Träumen und wilden Wutausbrüchen
einen Abscheu vor dem Leben gebiert Oh ja ja Um die Empfindlichkeit und die
darauf folgenden Qualen zu vernichten dazu sind die Religionen da das wollen
die Religionen den Gebildeten sein wir haben sie drum auch nötig Dem Volke
soll aber die Religion nur ein Mittel sein das von ganz gemeinen Leiden erlöst
die Religion fürs Volk kann daher aussehen wie sie will sie darf sich nur
nicht so trocken wie die Lehre Mohammeds geben Jedes Mittel zur Vernichtung der
durch die verfeinerte Bildung erzeugten Seelenqual gehört ins Gebiet der
Religion Ob man betet oder dichtet ob man Tempel baut oder Bilder meisselt
das ist im Grunde ziemlich gleich doch es ist schlimm Du verstehst mich
wohl auch nicht nein«
Battany schüttelt betrübt den Kopf
Er der große Astronom steht plötzlich vor so vielen neuen Rätseln und
Fragen dass er fast heftig werden möchte
Als wenns nicht am Sternenhimmel genug der Rätsel gäbe
Er sagt daher sehr kurz dass er durchaus nicht geneigt sei alle Rätsel der
Erde aufzulösen er klammre sich zunächst nur an die für ihn begreifbaren Dinge
die ferner liegende »größere« Rätselwelt müsse für ihn noch unsichtbar
bleiben er wolle sich nicht verwirren lassen
Währenddem tanzen aber dicht unter der Terrasse hundert der schönsten
Bajaderen den langsam bewegten Schneckentanz
Die Bajaderen sind ganz nackt
Ihre gelben wunderbar schlanken Glieder biegen sich in entzückenden Kurven
roter Fackelschein macht sie bunt
Die Blumenmädchen stehen mit ihren Fackeln im Kreise rum und beleuchten den
Tanz
Battany ist ganz starr
Der Tanz ist berauschend
Wein wird herumgereicht
Ein Sufy setzt dem arabischen Astronomen auseinander wie viele Millionen
von Käfern und Schmetterlingen bei solchem Lampenfest einen qualvollen Tod
finden wie viele kleine feine Flügel dabei verbrannt werden
»Ein ewiges Sterben« meint der Sufy »geht durch die Natur. Der Tod ist
überall da Und man wird nur geboren um qualvoll leidend den Tod zu finden
man stirbt eigentlich vom ersten Augenblick seiner Geburt an Deshalb sollen wir
keine Kinder zeugen die Frauen nie berühren Das Heiligste was wir tun können
ist das was die Menschen dies nicht kennen das Unnatürliche nennen während
dieses Unnatürliche doch grade den feiner entwickelten Menschen als Pflicht von
der leidenden Natur auferlegt wird Hier hast Du den Kernpunkt aller Religionen
Erinnre Dich nur an die Ssabier«
Battany hört nicht hin
Er ist berauscht von den Bajaderen die verwirren ihn
Und in ganz außerordentlicher Erregung wandelt er nachdem der Tanz vorüber
mit den andern Gästen des indischen Nabobs zu dem Schauspielhause in dem ein
Schauspiel von dem fein gekleideten Inder aufgeführt wird der so fein von der
Empfindlichkeit und der Qual aller Gebildeten zu sprechen wusste und den
Battany auch nicht verstand
Den Gästen wird mit Riesenfächern kühle Luft zugewedelt
Ein Festzug bewegt sich zum Schauspielhause hin prächtige dicke Elephanten
schreiten würdevoll voran
Und die goldenen und silbernen Gewänder der Inder glitzern im Fackelschein
Die Waffen der Araber glitzern ebenfalls
Ein fürstlicher Kleiderprunk macht sich protzig breit
Die Blumenmädchen leuchten mit ihren Fackeln
Die Sängerinnen singen
Der Vollmond steht am Himmel in trüben Dunstwolken dicht über Benares in
dem die Pest wütet der stündlich Hunderte von Menschen zum Opfer fallen
Der heilige Ganges fließt langsam und träge auch an den Gärten des großen
Nabobs vorbei in dessen Reich die Pest nicht eindringt
Kodama jedoch der sitzt in Mekka und freut sich anders seines Lebens als
der Battany
Kodama isst Mekkas beste Rindskeulen auf und trinkt roten Wein dazu
eimerweise
Dem dicken Geographen ist in Mekka so recht behaglich zu Mute In jedem
Weinkeller ist der Dicke Stammgast
Und es gibt sehr viele Weinkeller in Mekka
Die christlichen und jüdischen Weinwirte sprechen von Kodama mit einer
Hochachtung fast mit derselben mit der Battany vom griechischen Dionysos
spricht
Der gemütliche Dicke geht auch gern auf Abenteuer aus denn den ganzen Tag
und die ganze Nacht nichts Anderes tun als Trinken Schlafen und Essen das
geht ja nicht
Und wenn der große Herr aus Bagdad mit den schönen schwarzen Pluderhosen
mit dem kurzen Sammetrock und dem gelben Turban mit seinem ganzen schweren
Leibe und mit dem glänzenden braunen Mondgesicht auf Abenteuer ausgehen will so
wendet er sich zunächst in die große Moschee in der einst der Prophet so gern
zu weilen beliebte
In der Moschee befinden sich nämlich stets einige hübsche Mädchen die vor
Liebesgram vergehen möchten Diese Mädchen liebt der dicke Kodama
Er mag sie nämlich so gern trösten
Um das zu können nimmt er sie mit in den tiefen Weinkeller der nicht
allzuweit ab von der Kaaba liegt
Und beim Weine müssen ihm die Mädchen alle ihre Liebesgeschichten erzählen
wie sie verführt verraten belogen betrogen und verlassen wurden Alles ganz
genau
Diese Geschichten sammelt der Dicke
Bei Allah das macht ihm Spaß darüber kann er ordentlich lachen
Siegelringe und bunte Glasfläschchen sammelt der Dicke auch
Der verstehts sich die Zeit zu vertreiben
Der alte Jakuby sammelt natürlich auf seinen Reisen derartige Nichtigkeiten
durchaus nicht der macht sich nur überall Notizen über die wichtigeren
Zustände und Angelegenheiten der Länder und Städte durch die ihn sein Pfad
führt
Bereits ist der Alte wieder durch ganz Nordafrika gewandert bis zu den
Ruinen von Kartago
Er hat diesmal verschiedene Kriegszüge mitgemacht und dabei auch mit
großer Unerschrockenheit seine Notizen niedergeschrieben mitten im Krachen der
Damascenerklingen beim Wiehern der Rosse und beim Fluchen der arabischen
Hauptleute die mit den störrischen Wüstensöhnen Nordafrikas sehr grausam
umgingen
Doch das Blutfliessensehen ist der alte Geograph nun müde geworden Er segelt
mit einem Seeräuberschiff nach Sizilien Vorzüglich hat ers verstanden vor den
Seeräubern arm und gebrechlich zu erscheinen
Jakuby ist ein kühner und gewandter Mann
Er begibt sich gleich nach Palermo schließt Freundschaft mit den dort
lebenden arabischen Gelehrten denen er von Bagdad wie von einem Weltwunder
erzählt und beobachtet dann mit seinen neuen Freunden den ÄtnaAusbruch der
stattfand als die Christen das Jahr 894 schrieben
Von der Gesellschaft der lauteren Brüder erzählt Jakuby natürlich so viel
dass sich verschiedene seiner Freunde schließlich auch als lautere Brüder
betrachten
Jakuby ist ein ganz vorzüglicher Apostel wenn auch zuweilen seine
Einzelheiten recht lächerlich wirken
Er weiß immer alles schnell zu erklären
Aber was er sagt ist fast immer falsch oft reiner Unsinn
»Hör nur dieses« meint an einem Abend einer seiner neuen Freunde als
wieder ein gewaltiger dunkelroter Feuerstrom wie eine Riesensäule in den Himmel
hinaufsprjetzt »hör nur dieses Jakuby Wo kommt all das Feuer her«
Und auf diese Frage weiß Jakuby zunächst gar keine Antwort zu finden
zuletzt behauptet er dass sich im Innern des Kraters Wasserdampf mit Schwefel
mische und sich dadurch entzünde
Diese Behauptung fördert natürlich gleich einen kräftigen gelehrten Zank zu
Tage denn die Gelehrten von Palermo kennen die Stoffe der Erde viel besser als
Jakuby
Der Alte ärgert sich dass man ihn widerlegt und ganz unverhohlen zu
verspotten wagt
Ja Jeder hat so sein Leid zu tragen
Und der feuerspeiende Ätna war doch so berauschend großartig die Erde
zitterte der Himmel füllte sich mit mächtigen Rauchwolken glühende Felsen
stürzten aus dem Himmel heraus ins Meer und versanken dort mit fürchterlichem
Gezisch
Die Feuersäule des Kraters erleuchtete ganz Sizilien Funkenasche fiel
dabei langsam herunter
Zum Donner in der Tiefe gesellte sich der Donner in den Lüften die von
grellen Blitzen fortwährend durchzuckt wurden
Die Rauchwolken verdunkelten zuweilen die Feuersäule die kam jedoch immer
wieder zum Vorschein was sehr unheimlich wirkte da sonst nur Blitze die
Gegend erhellten
Jakuby machte sich viele Notizen er ging dem feuerspeienden Berge so nahe
auf den Leib dass ihn seine Freunde verließen
Gegen Morgen schlug ein brennender Stein der blitzschnell zur Erde
niederfiel dem kühnen Gelehrten zwei Finger von der linken Hand ab
Abu Hanifa der in einem Dorfe Südarabiens weilte kam auch mit harten
Steinen in nähere Berührung
Indes das war freiwillig und schmerzlos
Der junge Abu Hanifa war nämlich nicht bloß Historiker er beschäftigte sich
auch mit allen andern Wissenschaften besonders gern mochte er die
verschiedenen Steinarten der Wüste untersuchen deshalb reiste er auch in
Südarabien und kam dort mit harten Steinen in nähere allerdings schmerzlose
Berührung
Osman ist über diese Sammelei nicht sehr froh da in Südarabien nur wenig
Menschen leben die für den Weltbund der lauteren Brüder in Frage kommen von
Steinen versteht Osman nichts
Der Trunkenbold Hamadany lebt in Byzanz und vertrinkt dort den Rest seines
väterlichen Erbteils
Hamadany zecht in Byzanz immer allein
Das versteht der ganz vortrefflich
Er mietet sich abends eine Gondel und lässt sich hinausfahren aufs Meer
aber nicht zu weit fort sodass er immer noch die große Stadt mit ihren Hügeln
und Tempeln sehen kann
Und wenn er dann so allein in seiner Gondel liegt dann trinkt er und blickt
in die Sterne in den Mond aufs Wasser auf die herrliche Stadt und und
arbeitet
Er arbeitet allerdings in eigentümlicher Art
Er ist ein sonderbarer Geograph
Er will aus der äußeren Form eines Landes die Schicksale dieses Landes
herauslesen
Die Landschaft sagt ihm alles
Die Menschen sagen ihm nichts denn die hasst er
Wenn die Sonne aufgeht ist Hamadany immer berauscht und er redet sich ein
dass er in diesem Morgenrausch das mächtige Byzanz besser kennenlerne als alle
andern Geographen
Morgens flutet gewöhnlich ein weiches rötliches Licht über die alte Stadt
ihre Tempel sind umhüllt von weichen Nebeln die in zarten matten Farben
hellblauen rosatönigen und gelblichen leuchten
Dem Hamadany kommt Byzanz des Morgens wie ein verlockendes Märchenland vor
in dem Wunderlampen brennen und verwünschte Prinzen wohnen feine Feenpaläste
ringsum
Indes der große Philosoph Abu Hischam wanderte zu Fuß durch ganz Persien
Als er aber nach Samarkand gekommen blieb er in Samarkand viel länger als
ers nötig hatte
In Samarkand traf er nämlich gute alte Jugendfreunde und die tranken sehr
gern
Da nun Abu Hischam eine lustige Gesellschaft über alles liebte so blieb er
in dieser lustigen Gesellschaft
Die Stadt gehörte ja seit mehr als sechzig Jahren den Arabern und es fehlte
da an nichts
Namentlich an einer Sache war kein Mangel an Wein fehlte es nicht
Und die Frauen von Samarkand fühlten sich sehr verlassen da alle Männer
beim Weine Weib und Kind in rücksichtsloser Weise vergaßen
So durfte man sich nicht wundern dass Abu Hischam allabendlich seine
Zecherei durch einen Gesang einleitete der in Samarkand seit Jahr und Tag bis
zur Erschöpfung gesungen wurde in den jeder Mann mit Begeisterung einstimmte
sobald er Wein vor sich hatte
Es war »der freie Rundgesang« von Samarkand den Abu Hischam so sehr liebte
so sehr dass er niemals trinken konnte wenn er diesen freien Rundgesang nicht
beim ersten Becher gesungen die Strophen gingen nämlich also
»Wohl dem der frei von Weib und Kindern
Sein Leben froh vertrinken kann
Der muss der Menschheit Leiden lindern
Der ist ein guter freier Mann
Der lebt im Sturm und Sonnenschein
Gemütlich in den Tag hinein
Der hat verjubelt alle Pein
Und darf auf Erden selig sein«
Der dicke Osman hörte davon glücklicherweise nichts sonst wäre er sehr böse
gewesen
Im Mondtempel zu Hauran wird jedoch ein Brief des Tabit ibn Quorrah
abgegeben
Der Brief der in Bagdad in der Chalifenburg geschrieben ist hat folgenden
Wortlaut
Meine heissgeliebten Freunde
Ihr denkt schlecht von mir und glaubt ich möchte Euch schaden Das will ich
aber nicht Ich will Euch nur warnen Die Priester im Mondtempel zu Hauran haben
nicht mehr dieselbe Macht wie einst als unsre Vorfahren noch in Babylon lebten
Babylon zerfiel und unsre Zeiten sind andre Vor ein paar hundert Jahren
durften sich Haurans Priester noch anders schützen als jetzt Wie der römische
Chalif Karacalla nach Hauran wollte haben ihn Haurans Priester in der Wüste
ermordet Heute dürfen Haurans Priester nicht mehr morden vergesst das nicht
In Bagdad ist man misstrauisch Hütet Euch drum vor neuen Freunden Hütet Euch
vor den lauteren Brüdern Der Dichter Safur weilt in Ägypten Er gehört auch zu
den lauteren Brüdern Warnt die Ägypter Warnt die Ägypter Safur ist neugierig
und schwatzt gern
Mit den glühenden Küssen der Freundschaft
Tabit ibn Quorrah
Die sieben Priester der Ssabier sind bestürzt Tschirsabâl besonders
Man spricht aber nicht weiter über den Brief sondern sendet Boten nach
Ägypten die den Safur suchen und beobachten sollen
Und dann gehen die Priester wieder an ihre Arbeit sie bereiten ein großes
Fest vor bei dem im Tempel ein Schauspiel vorgeführt werden soll eins mit
Falltüren verdeckten Lichtern und verdeckten Spiegeln mit Geistern und
Wundertaten mit Tod und Schrecken mit Donner und Blitz
Der Dichter Safur klettert während dieser Zeit auf eine große ägyptische
Pyramide die nicht weitab von Kairo wie eine Riesenburg daliegt von deren
Spitze aus Safur in die große afrikanische Wüste hineinschauen kann
Safur hat toll gelebt und alles Mögliche mitgemacht
Er genoss das Leben in vollen Zügen aber nicht so wie Kodama anders mit
der steten Sucht den einzelnen Genuss zu verfeinern
Er betete mit schwärmerischen ägyptischen Heiden die Engel an die in den
Pyramiden wohnen sollten
Nachts wurden die Engel angebetet
Er lebte mit diesen Ägyptern fast immer zusammen denn er wollte von ihnen
wissen ob er nicht mal die Engel der Pyramiden mit eigenen Augen schauen könnte
so wie man seine Mitmenschen mit eigenen Augen schaut
Er unterhielt sich mit den Ägyptern nur von der Geisterwelt
Und die Ägypter machten dem Dichter klar dass die Geister nur in den uralten
Denkmälern der Vorzeit hausen könnten in den alten großen Pyramiden
»Einen Geist« sagten die Ägypter »kannst Du allerdings mit eigenen Augen
schauen der Geist ist aber versteinert die große Sphinx die kannst Du
schauen mit Deinen Augen anbeten«
Und mit weisen Ägyptern und mit vielem Volk geht Safur in einer Mondnacht
hinaus zur Sphinx und betet die Sphinx an
Die Andächtigen liegen vor der großen Sphinx auf den Knieen
Fackeln und Lagerfeuer flackern ringsum zum Himmel auf
Safur genießt den großen Augenblick in tollster Verzückung er starrt in das
riesenhaft in den Sternenhimmel hinaufragende Sphinxhaupt mit glühender Inbrunst
hinein
Und er betet die Sphinx an lange länger als die Andern sieht nichts
von den Prozessionen hört nichts von den Gesängen der Priester die in stiller
Mondnacht heimlich hier ihren Götzendienst verrichten
Safur betet und genießt seine Seligkeit wie feurigen Wein ihm ist als
könne er sich dem überirdischen Wesen körperlich nähern
Er will die Sphinx umarmen denn er will den Genuss immer wieder den Genuss
den höchsten jeden
Er sagt sich
»Wozu wollen die Menschen mehr als den Genuss Wozu Immer wollen sie drüber
hinaus und sie können doch nicht ich auch nicht darum lieb ich die Sphinx
ich liebe die große Sphinx als wär sie ein Weib auch wenn sie noch viel
größer wäre ich säh in ihr das Weib doch«
Und Safur breitet die Arme aus und starrt in das steinerne Antlitz in dem
alle Rätsel der Welt ihre Spuren hinterliessen
Und Safur sieht plötzlich wie der Sphinx zwei schwarze riesige Flügel
wachsen wie sie davonfliegt hinweg in den Himmel hinein
Und Safur schreit auf denn er hat plötzlich das Gesicht der Sphinx anders
gesehen die Sphinx ist seine Dschinne die Dschinne die er zuerst bei
der Sareppa sah
Dem Dichter schwindet das Bewusstsein
Als er wieder erwacht liegt die riesige Sphinx so ruhig da wie vor tausend
Jahren rührt sich nicht
Aber die Sphinx ist nun doch dem Dichter eine steinerne Dschinne geworden
das große Wüstenweib dessen Leib zusammenwuchs und eins ward mit dem Löwen auf
dem das Wüstenweib einst als wilde Dschinne durch die Wüste ritt durch die
heiße große Wüste
Die Lagerfeuer flammen flackernd höher als erwachten auch sie wieder
Safur betet an das Weib das er lieben kann das er lieben will das er
lieben muss die große steinerne Dschinne seine Dschinne
Siebzehntes Kapitel
Als die lauteren Brüder nach und nach wieder in Bagdad zusammenkamen hatte
sich Vieles verändert
Die Christen schrieben schon das Jahr 895
Abu Maschar der sehr einsam auf dem Mittelturm der alten Sternwarte lebte
sagte wohl noch immer »In dieser Welt verändert sich nichts alles wird nach
tausend Jahren genau so gut und genau so schlecht sein wie heute«
Aber trotzdem Vieles hatte sich in Bagdad doch verändert
Besonders der alte Geizhals Said ibn Selm war ein ganz Andrer geworden
Er war nämlich ein Bettler geworden
Und da konnt er nicht mehr geizig sein nein nein
Der arme Said
Nun war er wirklich arm
Das kam so
Wie die lauteren Brüder in die Welt zogen befand sich die Chalifenburg in
heftigster Aufregung den Hofleuten wackelte der Kopf und sie wussten nicht
was sie vor Angst machen sollten
Der Zorn des verrückten Chalifen musste unter allen Umständen auf eine Sache
abgelenkt werden die mit den Hofleuten nichts zu tun hatte
Die plötzliche Flucht der Brüder berührte daher bei Hofe sehr peinlich und
und man sann auf Rache
Hätte man dem Abu Maschar an den Kragen gekonnt man hätts gleich getan
Doch den großen Propheten liebte und schützte das Volk die arabischen
Hauptleute und ihre Untergebenen waren nicht zu bewegen in die Sternwarte zu
dringen
Um den Koran kümmerte man sich sehr wenig eine Moschee hätte keinen
Heiligen vor den Soldaten geschützt doch die Sternwarte flößte viel mehr
Achtung ein dem großen Abu Maschar wich das Volk scheu aus die Soldaten erst
recht die hatten sogar eine höchst abergläubische Furcht vor den Sterndeutern
Der alte Suleiman war keine Persönlichkeit die nach was aussah
Und Osman hatte viel zuviel Freunde in der Burg er verschafte den
Hofleuten so manchen Vorteil und pflegte stets sehr freigebig zu sein
Daher blieb nur der alte Geizkragen Said ibn Selm an dem man sein Mütchen
kühlen konnte
Das geschah natürlich Said hatte Alles auszubaden
Fünf Hauptleute mit hundert bis an die Zähne bewaffneten Soldaten drangen in
Saids Haus verwüsteten alles und raubten was sie konnten
Nur die Tarub behandelte man glimpflich
Man erlaubte ihr alle Küchengeräte mitzunehmen und auch ihre Ersparnisse
durfte sie mitnehmen
Suleiman hatte vorher sein Schäfchen ins Trockne gebracht er hatte dem
Said sämtliche Schmucksachen gestohlen
Die Soldaten steckten schließlich alles was sie nicht mitnehmen konnten in
Brand und hätten auch den Said verbrannt wenn der nicht so schrecklich
geschrien hätte
Man ließ Said laufen allerdings splitternackt
Mitleidige alte Leute schenkten dem alten Geizhalse ein paar alte Lumpen
mit denen er sich notdürftig bekleiden konnte
So gings einem der reichsten Männer von ganz Bagdad
Die fünf Hauptleute mit ihren hundert Soldaten füllten ihre Taschen mit
blankem Golde bis zum Rande
Und der Chalif freute sich sehr als er das hörte die Hofleute gleichfalls
denn die wussten die Soldaten würden schon dankbar sein wenns nötig sein
sollte
Die Abla und die Sailóndula wurden von Osman aufgenommen der freute sich
auch
Die Tarub mietete sich eine Küche in der langen Straße
Die Küche lag in einem kleinen Gartenhause das von dem Besitzer nicht
benutzt wurde hinter großen Bananen lags
Als Safur nach Bagdad zurückkehrte ward ihm die Tarub feierlich von Osman
geschenkt
Safur wollte ja die Tarub schon immer so gern geschenkt haben
Jetzt hatte er sie und er war ihr Herr und sie war seine Sklavin
Die Sache hatte natürlich manchen Haken
Der Dichter konnte sich nicht gleich in seine neue Lage finden
Es hatte sich in Bagdad doch recht viel verändert
Es war so als wenn überall was zerrissen wäre überall so was Zerrissenes
Die Fäden mit denen die Menschen aneinander gebunden sind sind viel
dünner als man gemeinhin denkt zerreißen so leicht und sind so schwer wieder
zusammenzuknüpfen
Es ist daher auch garnicht verwunderlich dass als sich bei Osman der
Kodama der Safur und der Hamadany wieder mal nach fast zwei Jahren »guten Tag«
sagen die Einigkeit dieser vier lauteren Brüder eine bemerkenswerte Störung
schon in der ersten Stunde des neuen Zusammenseins erleidet
Safur spricht von Ägypten vom Lande der Pyramiden vom Lande der Sphinx
Und er spricht auch von dem was die ägyptischen Heiden von der Weltseele
lehren
Er teilt dem Osman die Namen von mehreren ägyptischen Gelehrten mit die
größere philosophische Werke geschrieben haben
Osman ist darüber sehr erfreut und schreibt sich die Namen sorgfältig auf
er will sich sofort mit den Ägyptern in Verbindung setzen
Osman kann garnicht genug Bücher herausgeben
Safur aber spricht weiter von der Weltseele von der Viereinigkeit und von
der Dreieinigkeit von Raum und Zeit von Geist und Stoff von Plato und
von Pythagoras von der Zahlenmystik und vom Überirdischen
Hamadany und Kodama hören eifrig zu
Indessen sie können bald nicht mehr dem Dichter folgen von der Weltseele
verstehen sie sowieso nichts
Es ist daher ganz erklärlich dass sie bald dem begeisterten Safur erklären
er würde unklar
Der Dichter der von Dingen sprach die er selbst nicht mal ordentlich
begriffen hatte ist natürlich höchst empört dass man ihm Unklarheit vorwirft
er ist wütend
Er merkt jedoch noch rechtzeitig dass der Vorwurf seiner Freunde nicht ganz
ungerechtfertigt genannt werden könne und legt demnach sehr geschickt
folgendermaßen los
»Freilich Klar soll ich sein Natürlich Die Dinge von denen ich rede
sind ja auch so einfach und klar dass es gar keine Mühe macht klar klar über
diese Dinge zu reden Freilich Natürlich Ein Hammelbraten ist immer was Klares
für Euch die Weltseele und der viereinige Gott muss deshalb auch klar für Euch
werden
Bei Allah merkt Ihr denn nicht wisst Ihr denn nicht dass die Leute die
immer nur das Nächstliegende das Erreichbare im Auge haben ohne große
Umstände klar sein können dass diese einfachen Leute diese bäurischen Tölpel
sich immer klar werden müssen Und wisst Ihr nicht dass andrerseits diejenigen
die in die tiefsten Tiefen der Welträtsel dringen möchten sehr selten klar sein
können In jedem feineren Kopfe der stets zu denken gewohnt ist ist die ganz
abgeschlossene Klarheit nicht so was Alltägliches Die Tarub allerdings wird
immer ganz klar sprechen weil sie nur das Nächstliegende Erreichbare haben
will Safur der dem Unerreichbaren nachjagt kann leider nicht immer so klar
sein Aber bei Allah seid Ihr nicht mehr als Tarub Warum nennt Ihr Euch
denn nicht Tarub Warum nicht Dummköpfe sind sich immer klar Das Rhinoceros
das im Nile zu baden pflegt hat ohne Zweifel den klarsten Kopf weils das
dümmste Tier der Welt ist Das Rhinoceros denkt über die Weltseele nicht nach
Tarub wird das auch nicht tun Warum werft Ihr mir denn mit solcher
Erbitterung fortwährend immer wieder und wieder von Neuem Unklarheit vor
warum warum Soll ich auch Tarub werden wie Ihr Ich wills nicht«
Oh Safur ist furchtbar böse seine Stirn zeigt fast tiefere Falten als das
Fell des ältesten Nilpferdes
Und dabei zittert der ganze Dichter wie eine Pappel durch die der Wind
fährt
Osman lächelt und sagt milde
»Lieber Safur sei nur nicht so grob Es widerspricht Dir ja Niemand Du
musst nicht immer gleich so aufbrausen«
Zu den Andern aber sagt der dicke Schreiber »In dem Safur steckt was Was
er sagt klingt gewöhnlich ganz toll aber etwas Wahres pflegt doch dahinter zu
sein«
Durch diese Äußerung fühlt sich der Dichter sehr geschmeichelt und wird
ruhiger
Wie das der dicke Kodama merkt fordert er die drei Brüder auf mitzukommen
in den nächsten Weinkeller
Hamadany und Safur folgen dem Dicken
Osman bleibt jedoch nachdenklich zurück auf seinem kühlen mit Fliesen
gepflasterten Hof neben dem plätschernden Springbrunnen
Unter den Arkaden an den vier Seiten des Hofes liegen die besten Bücher die
je mit arabischen Worten geschrieben wurden fein säuberlich in ihren Rollen
in ihren Schubfächern übereinander so wie in Ägypten die Mumien der toten
Könige übereinander liegen
Inzwischen will Kodama im Weinkeller hören welche Liebesabenteuer der Safur
in Ägypten erlebte
Die drei lauteren Brüder sitzen auf weichen Ziegenfellen mit einem
Parsenpriester zusammen um einen dicken Weinschlauch rum der christliche Wirt
schenkt fleißig immer wieder die Becher voll
Safur hört nicht auf den dicken Kodama sondern redet noch immer von der
Bedeutung des Unerreichbaren Hamadany stimmt ihm jetzt eifrig bei und
behauptet dass er auch nur das Unerreichbare erreichen möchte
Kodaman wird natürlich die Geschichte langweilig
Der Parsenpriester schweigt wien Alter
Der dicke Geograph ruft endlich sehr laut mit seiner vollen wohltönenden
Stimme
»Safur nun erzähl uns Welches Weib liebtest Du in Ägypten Welches Weib«
»Die Sphinx« erwidert der Dichter
»Sehr gut mein Sohn« sagt da lachend der Dicke
Und der Dichter erzählt von der Sphinx erzählt dass er nur ein
unerreichbares Weib lieben könnte ein überirdisches einen Wüstengeist eine
wilde Dschinne seine SphinxDschinne
Kodama freut sich wie ein kleiner Trutahn solche Art von Liebe ist ihm
noch garnicht vorgekommen
»SphinxDschinne« ruft er immer wieder trinkt dabei und lacht als wenn
er sich totlachen möchte
Hamadany glaubt den Dichter zu verstehen
Kodama erklärt zwar den Safur für verrückt man verträgt sich aber
trotzdem
Die Zecherei wird sehr lustig
Der Parsenpriester geht ernst fort
Der Hamadany lallt noch was von Byzanz und schläft dann selig ein
Der Dicke und der Dichter schwanken wie sie nicht mehr trinken mögen in
sehr redseliger Stimmung nach Hause durch die lange Straße
Safur redet fortwährend von der Dschinne die nicht lebt und die er trotzdem
liebt immer dasselbe
Kodama lacht ohn Unterlass dass die lange Straße dröhnt und zittert
Ein Cinaede der früher zu den Tofailys gehörte hat das Gespräch gehört
und versperrt nun plötzlich den beiden lauteren Brüdern den Weg
Die Brüder stutzen und denken der Cinaede will Geld haben Doch der hält
eine wohlgesetzte Rede
»Ihr gelehrten Männer« sagt er in bestem Arabisch »Ihr glaubt immer so
schrecklich klug zu sein Aber in manchen Dingen seid Ihr unerfahrener als ein
unschuldiges Mädchen Das Nächstliegende seht Ihr nicht Immer nach dem Fernen
nach dem Unerreichbaren strebt Ihr Dschinnen wollt Ihr lieben und Ihr wisst
nicht einmal weshalb Ihr die Dschinnen lieben wollt Ihr habt noch viel zu
wenig Weiber kennen gelernt daher wollt Ihr solche Weiber haben die keine
Weiber sind Ihr habt Euch wenn Ihr verliebt wart viel zu oft nur die Weiber
vorgestellt statt Ihnen ordentlich nachzustellen Ihr glaubtet zu oft auf die
Weiber verzichten zu können und seid drum zu Narren geworden Mit der Kraft
seiner Schenkel nicht mit der Kraft seines Gehirns soll der Mann lieben Das
Gehirn ist zum Lieben viel zu schade Das ist der Grund weshalb Ihr das
Unerreichbare wollt weshalb Ihr nach Weibern lüstern seid dies niemals gab
und niemals geben wird Liebt die Weiber die auf Erden leben sonst werdet Ihr
verrückt Seid nicht so geizig wie Said ibn Selm Gute Nacht«
Und der Cinaede bog in die nächste Seitengasse schwankend
In der nächsten Seitengasse gingen im Schatten der Mauer andre Cinaeden mit
ihren Dirnen in den dunkelsten Stadtteil in dem man mehr seine Börse als sein
Herz in Acht nehmen musste
Kodama lachte nicht mehr meinte nur väterlich mahnend zu Safur
»Sieh lieber Freund der Cinaede hatte garnicht so ganz unrecht
Verstandest Du ihn Er war einst nicht ungebildet«
»Ich verstand ihn« versetzte Safur
Schwankend gingen die Beiden weiter
Sie schwiegen
Durch die lange Straße kamen Tofailys näher die trugen auf einer Bahre
einen toten Ochsen auf der Brust eines jeden Tofaily leuchtete eine kleine
grüne Lampe
Die Tofailys wurden immer üppiger sie verspotteten die Religion die Welt
und alles andre
Sie feierten in dieser Nacht ihr Ochsenfest
Feierlich trugen sie durch die lange Straße einen toten Ochsen
Achtzehntes Kapitel
Viele viele weiße Störche flogen langsam über den Karawanenplatz die lange
Straße hinunter über den Tigris nach Norden
Und Safur stand mitten auf dem Karawanenplatz und sprach mit Said ibn Selm
dem alten verlumpten Bettler
Said redete wirres Zeug von großen Geschäften von Geldverdienen
Ehrlichkeit Treue von goldenen Sternen und von goldenen Pferden von
goldenen Herzen und von goldenen Kleidern
Den Dichter schmerzte das wirre Gerede
Er wandte sich ab und dachte an seine Tarub
Ja jetzt hatte er sie Seine Sklavin war sie und er war ihr Herr
Er seufzte tief wenn er nur gewusst hätte was er jetzt mit seiner Tarub
anfangen sollte
Ihm ward die große Köchin »geschenkt« aber was hatte er davon
Jetzt hatte er nichts mehr davon nur Ärger Zank und und es war kaum
zum Aushalten
»Wohl dem der nie ein Weib geschaut
Der fährt niemals aus seiner Haut«
Also reimte schwach lächelnd der große Dichter ders jetzt täglich
verwünschte dass er aus Ägypten zurückkehrte nach Bagdad der Stadt der Qual
Safur war für Bagdad jetzt wirklich ein »großer« Dichter da man Großes
von ihm »erwartete«
Osman hatte ihm ganz ernstaft mitgeteilt dass er fünf neue Schreiber
anstellen würde wenn er was von Safur herausgeben könnte
Doch Safur schrieb weniger denn je
Er redete nur von einem großen Dschinnengedicht das er mal in
vierundzwanzig großen Gesängen feierlichst der Welt überreichen wollte
Aber es wurde nichts draus wie gewöhnlich
Safur dachte immer erst ans Genießen
Eine anstrengende Tätigkeit hatte nur dann für ihn einen Reiz wenn er genau
wusste dass aus dieser anstrengenden Tätigkeit ein großer kräftiger Genuss
herauswachsen würde
Wusst er das nicht vorher so ging er der Anstrengung aus dem Wege denn für
ihn gabs nur ein einziges Endziel des Lebens und das Endziel hieß Genuss
Leider wurde das Leben in Bagdad immer ärmer an Genüssen
Der Chalif Mutadid war längst tot doch unter seinen Nachfolgern wurde
nichts besser
Der rasch in kaum zweihundert Jahren erworbene eroberte Reichtum ging
ebenso schnell noch schneller wieder zu Grunde
»Nur was alt wird hat Lebenskraft Und alt wird nicht was gleich am
Anfange mit wüstem Ungestüm auftritt«
Also sprach der weise Philosoph Abu Hischam als er vor Safur sich
verteidigte
Der Philosoph hatte grade in dem Augenblicke den Dichter getroffen als
dieser mitten auf dem Karawanenplatze die Fäuste zitternd gen Himmel hob und
laut ausrief
»Tarub erbarme Dich«
Das sah und hörte sich natürlich sehr putzig an
Deshalb gingen auch die Beiden schleunigst in die große Teestube zu den
chinesischen Teemädchen allwo auch Hamadany und Abu Hanifa weilten
Als Abu Hischam zum Tee auch einen vorzüglichen südkaukasischen
Kräuterschnaps bestellte da nahm das der Dichter garnicht gut auf warf
vielmehr dem lustigen Philosophen liederlichen Lebenswandel und Lauheit in
Betreff des Bundes vor
Und dagegen verteidigte sich der Abu Hischam mit den vorhin angeführten und
ähnlich klingenden Sätzen in Samarkand war der große Apostel mit der
armenischen Pelzmütze gemütlich geworden urgemütlich Zumeist dacht er nur ans
Festefeiern am liebsten hätt er jeden Tag die Gründung der Gesellschaft von
Bagdads lauteren Brüdern mit Mut und Durst von Neuem gefeiert
Was doch aus mancher Gesellschaft werden kann man sollt es kaum für
möglich halten
Und wie die vier Brüder wieder zuviel getrunken haben klagen sie wieder
über die entsetzliche Geldklemme in der sie sich befinden
Es ist zum Erbarmen
Ein Teemädchen will den Abu Hischam mitleidig ans Herz drücken doch der
wills nicht dulden er singt brüllend »das Abschiedslied des Beduinen« das im
Jahre 895 in allen Bagdader Tingeltangeln gesungen wurde natürlich bis zur
Erschöpfung so
»Mein Herz gehört der Welt
Kein Weib mir mehr gefällt
Ich lieb nicht mal das Geld
Ich liebe nur die Welt
Mein Herz gehört der Welt
Kein Weib mir mehr gefällt«
Und das immer wieder noch mal
dabei gelangten die Vier allmählich in die lange Straße in der man an
Gesang schon gewöhnt war
Wie Safur zur Tarub kommt gibts selbstverständlich wieder einen Höllenlärm
Töpfe fliegen dem Dichter nicht an den Kopf denn sie sind der Tarub jetzt
zu kostbar aber Schimpfworte hagelts unglaubliche Schimpfworte
Der Dichter ist erst geknickt durch die Rohheit durch die Gemeinheit
seiner berühmten Köchin dann jedoch packt ihn der Grimm
Und er fasst seine Tarub fest an umklammert wütend ihren Hals rollt mit den
Augen knirscht mit den Zähnen keucht und stöhnt
Indes die Tarub schimpft nun erst recht
Da kann er sich nicht mehr beherrschen
Er würgt sie plötzlich mit aller Kraft
Sie will sich frei machen
Und dabei stürzen Beide hin
Tarub schlägt sich ein Loch in den Kopf
Das fliessende Blut bringt den Dichter wieder zur Besinnung und er möchte
sich gleich selber den Kopf einrennen
Er schreit vor Angst wäscht ihr die Wunde mit Wasser aus weint und
zittert bittet seine Tarub um Verzeihung fleht wie ein Kind kniet vor ihr
küsst ihr die Hände den Mund die Augen die Stirn bittet in herzzerreissender
Weise nennt sie wieder »Bärchen Liebes Bärchen Mein guter Bär«
Na und dann wird wieder alles gut
Sie sagt nur zuletzt weinend
»Nein lange halt ichs nicht mehr aus So gehts nicht weiter Es muss anders
werden«
Er sagt »Ja ja es wird schon anders werden«
Doch das ist nur so hingeredet
Die Verhältnisse werden noch immer schlechter
Tarubs Ersparnisse gehen zur Neige
Und daran hat nicht bloß der Safur Schuld
Abu Hischam Abu Hanifa und Hamadany sind auch sehr oft bei Bagdads
berühmter Köchin
Und die ist sehr gutmütig sie gibt Jedem zu essen soviel er will Sie ist
so daran gewöhnt für Viele zu kochen dass sie garnicht bemerkt wie unklug ihr
verschwenderischer Haushalt ist
Safur sagt natürlich nie ein Wort
Er hört nur jeden Tag geduldig an wie sie auf die ganze Welt schimpft
Sie weiß nie wo das Geld bleibt und Safur muss immer neues Geld
auftreiben
Das tut er auch aber wie
Sie gibt ihm jeden zweiten Tag ein paar Tassen ein paar Messer oder ein
paar Töpfe und mit diesen Dingen muss der Dichter zum Trödler wandern
Manchmal bringt Abu Hanifa ein paar Gänse mit Hamadany bringt Fische Abu
Hischam Wein
Doch wenn diese Leute mal was mitgebracht haben so gehts auch gleich hoch
her und schließlich setzt die Tarub doch immer zu
Der geizige Kodama kommt auch zuweilen und bezahlt dann alles was
gegessen und getrunken wird doch bares Geld gibt er nicht er hält das nicht
für richtig seinen Freunden bares Geld zu geben die verstehen nach seiner
Meinung nicht mit barem Geld umzugehen es ist kostbar
An einem Tage gibts Pasteten am andern trocknes Brot manchmal nicht mal
das
Safur soll Geld verdienen das sagt ihm sein Bär jeden Tag Der Dichter
verzweifelt
Er soll zu den Tofailys gehen ist aber nicht dazu zu bewegen lieber lässt
er sich jeden Tag von seinem Bären die Ohren wundreden
Er ist denn doch fürchterlich vornehm
Höchstens geht er mit altem Geschirr zum Trödler
Den Osman mag er nicht mehr sehen weil der stets nach dem großen
Dschinnengedicht fragt
Wenn Safur in diesem Jammerleben an die Dschinnen denkt wird ihm ganz wüst
im Kopf
Diese täglichen groben Rohheiten des gewöhnlichen Lebens vertragen sich
nicht mit seiner Sehnsucht nach feinstem vergeistigtem Genuss
Überhaupt der Genuss
Wer kann noch an den Genuss denken wo das Leben auf dem Spiele steht
Leben leben wollen sie Alle das ist die Hauptsache an den Genuss
können sie Alle vor lauter Sorge garnicht denken
Aber das hindert Niemand jede Gelegenheit zum Trinken fleißig wahrzunehmen
Es geht Allen schrecklich schlecht doch betrunken sind sie Alle so
beinahe jeden zweiten Tag
Oft ruft Safur wenn er den teuersten Wein aus Bassora vor sich stehen hat
»Freunde eigentlich könnten wir doch gewöhnlichen Landwein trinken wozu
immer den teuren Wein aus Bassora«
Indessen wenn der Dichter so redet macht man ihn darauf aufmerksam dass
er doch der größte Feinschmecker sei und und dann trinkt er natürlich Alles
was man ihm vorsetzt
Das Jammerleben hat sehr viele drollige Seiten sehr viele
Schließlich leiden selbst diejenigen die eigentlich gar keine Veranlassung
zum Leiden haben
Auch der dicke Kodama bekommt ein leidendes Aussehen Er hat die weiße Abla
als Köchin in sein Haus genommen und die Abla ist ihm davongelaufen
Die Abla liebt die Veränderung und lebt jetzt bei der alten Dschellabany
die immer älter wird Dort bezaubert sie mit ihrem Gesange jeden Tag einen
anderen Jüngling
Ihre Worte sind süß wie Honig sie zerschmelzen auch so leicht wie der süße
Honig Was sie am einen Tage sagt und schwört hat sie am andern vollständig
vergessen manchen Jüngling hat sie zum trüben Kopfhänger gemacht
Die Sailóndula hats beim dicken Osman ebenfalls nicht aushalten können sie
tanzt jetzt auf dem Karawanenplatz unter jenen rotseidenen Zeltdächern die sich
so prächtig von dem tiefblauen Himmel abheben der so voll und groß Bagdad
überwölbt
Der Sailóndula liegen die dunklen Augen sehr tief im Kopf man sieht die
indische Tänzerin oft mit dem alten Sünder Suleiman zusammen der immer
schleunigst davonschleicht wenn er einen lauteren Bruder erblickt
Suleiman tut so als wenn er ärmer wäre denn je zuvor er will sein Geld
für sich behalten Nur dem Said schenkt er zuweilen ein paar Kupfermünzen
heimlich dass es Niemand bemerkt
Kommt der alte Said zur Tarub so gibt die auch immer was ein bisschen
Fleisch und ein bisschen Brot einen Schluck Wein und ein Silberstück
Said ist bescheiden und kommt nur einmal in der Woche redet dann von
goldenen Sternen und goldenen Pferden von goldenen Herzen und goldenen Kleidern
in seinen Augen flackert ein seltsamer Glanz wie ein Abglanz seines
einstigen Reichtums
Armer Said ibn Selm
Die Tarub wird stets sehr gerührt wenn sie ihn sieht die Kinder der
Nachbarschaft die sich scheu hinter den Bananen die vor Tarubs Küche wachsen
verstecken bekommen dann auch gleich was ab was Süßes Mandeln Feigen und
Rosinen
Die weichen Stimmungen werden jedoch immer seltener
Die Wogen des Jammers gehen zu hoch
Sogar der sonst so vergnügte Osman ist schlecht gelaunt er ist wütend dass
die neuen Bücher im Grunde allesamt nicht viel taugen und möchte am liebsten
nur die guten alten Bücher abschreiben lassen Er ist wütend auf Abu Hischam
wütend auf Safur und auch auf Kodama beinah auf alle Welt Geld gibt er
daher keinem Menschen mehr den lauteren Brüdern am allerwenigsten
In Bagdad floss der Wein nicht mehr in Strömen die Gelehrten und Dichter
wurden magrer mit jedem Tag
Sogar die Tofailys diese Prasser sahen sich oftmals vergeblich nach
guten Braten und dicken Weinschläuchen um viel öfter vergeblich als früher
Manche Freuden haben ja noch die Tofailys sie freuen sich dass die
»Gesellschaft der lauteren Brüder« wieder Ruf und Wert verlor sobald man einen
Bruder sieht höhnt man ihn in nichtswürdigster Art
Das in Bagdad nicht mehr soviel zu essen und zu trinken gibt so dringen die
»sinnlichen« Vergnügungen mehr in den Vordergrund die Zahl der Tingeltangel
mehrt sich unheimlich die alte Dschellabany ärgert sich darüber sehr
Die Frauen werden eifersüchtig auf die schönen Knaben
Die Diebe stehlen mit Vorliebe kleine Kinder was manchen Vätern nicht
unangenehm ist
Hamadany und Abu Hanifa haben gleichzeitig das Glück von ihren Vaterfreuden
in dieser angenehmen Form entbunden zu werden was unter den Tofailys ein
höllisches Gelächter hervorruft
Kodama beschäftigt sich eingehend mit den Empfindungen der Entmannten und
kommt hinter das Geheimnis der Sphinx er behauptet um Safur zu ärgern dass
eine Sphinx dasjenige Weib ist das nicht zur Hälfte einen Löwenkörper sondern
einen Manneskörper besitzt nach Kodamas Meinung unterscheiden sich die beiden
Geschlechter nicht so scharf wies den Anschein hat alle diejenigen deren
Geschlecht nicht ganz männlich oder nicht ganz weiblich ausgebildet ist
besitzen nach des dicken Geographen Ansicht Sphinxnatur
Osman sagt seinem dicken Freunde er möchte doch lieber ein Buch über die
Kugelgestalt der Sonne schreiben
Kodamas Lehre findet mehr Anklang bei den Sufys die sich eifrig bemühen in
Bagdad ausschweifende religiöse Kulte einzuführen
Safur kümmert sich um keinen Menschen da er sie sämtlich für zu dumm und zu
einfach hält spricht mal Jemand längere Zeit mit dem Dichter so wird der zum
Schluss gewöhnlich sehr grob und schreit dann
»Mein Freund Tarub bist Du Tarub warst Du Tarub wirst Du bleiben Die
Familie Tarub ist unsterblich unsterblich«
Das verstehen freilich die Meisten nicht daraus macht sich aber der große
Dichter ganz und gar nichts
Die Tarub die mit Müh und Not noch täglich für den Dichter was zu essen
kocht redet nur noch von »Geld« und ringt täglich die Hände zum Himmel dass sie
Safur jemals kennenlernte der sie nur um all ihr Hab und Gut gebracht habe
Und Safur wird wenn er das Wort »Geld« hört beinah verrückt er schreit
dabei wie ein wildes Tier wirft sich auf die Erde und weint zuletzt
Das ist schon eine Zucht bei der Tarub
Wenn der gutmütige ehrliche Abu Hanifa kommt atmet Safur erleichtert auf
dem kann der Bär sein Herz ausschütten was zu beruhigen pflegt
Den Abu Hischam mag der Bär nicht den Kodama und den Hamadany begrüßt er
dagegen jedesmal freundlicher
Safur wird von diesen Beiden mit seiner Sphinx gefoppt was die Tarub ganz
gern hat
Kodama behauptet dass eine Sphinx garnicht leicht zur Liebe zu bewegen ist
weil die Liebe in der Sphinx eine ganz andere Empfindung erzeuge als in den
anderen Weibern
Safur hält das für Hohn und sucht Beruhigung im Weinschlauch
Der gutmütige Abu Hanifa ist stets bereit seine letzten Silberlinge mit dem
Dichter zu vertrinken
Beim Weine beklagt man vornehmlich dass der reiche Al Battany immer noch
nicht aus Indien zurückkehren will Abu Maschar der ganz einsam auf der
Sternwarte wohnt wollte Nachricht geben wenn er was von Battanys Rückkehr
erfahren sollte Doch der Prophet lässt nichts von sich hören
Jakuby ist auch noch nicht in Bagdad Die Tarub wird immer aufgebrachter
Wie Safur in einer Nacht ganz betrunken in die Küche stolpert und behauptet
dass ihn seine Dschinne als Gespenst verfolge wird die Tarub so erregt dass sie
ihrem Dichter sagt
»Jetzt kann ichs nicht mehr aushalten Ich kanns nicht Du darfst meine
Küche nicht mehr betreten wenn Du jetzt nicht endlich Geld schaffst Ich muss
jetzt mein Geld wiederhaben mein Geld Ohne Geld darfst Du nicht
zurückkehren«
Safur sagt nichts und geht fort in die Nacht hinaus die Tarub wird ihm
auch zum Gespenst
Neunzehntes Kapitel
Wie die Sonne aufgeht sitzt Safur neben Abu Maschar auf der alten Sternwarte im
Empfangssaal
Da ist es still
Das Licht der Sonne ist rot
Rote Wolkenstreifen durchqueren den klaren blauen Morgenhimmel
Das indische Götzenbild im Hintergrunde des Saales wird auch rot
Rot funkeln gleichzeitig die silbernen Querstreifen der Wände und der
Goldgrund der Decke
Die maurischen Ampeln die noch immer an ihren langen Ketten hängen zeigen
auch rot glänzende Ecken und Flächen
Am heftigsten wirkt das Licht auf dem kupfernen Himmelsglobus und auf dem
kupfernen Waschbecken in der Alabasternische
Der Prophet und der Dichter sind ebenfalls rot geworden von oben bis
unten
Die Sternwarte ist auf der Ostseite ganz übergossen vom Morgenrot
Die beiden Männer die auf dem alten Teppich sitzen haben in der Nacht
nicht geschlafen
Doch sie sind drum nicht müde
Safur ist sogar heiter denn er hat eben gehört dass Battany bereits aus
Indien zurückgekehrt ist unten wiehern schon wieder die Rosse der Mongolen wie
einst
Der Dichter will sich am Tigris ein kleines altes Landhaus kaufen das dort
liegt wo die Eremiten hausen Er will auch Eremit werden und Battany soll bloß
so viel Geld hergeben dass er das kleine alte Landhaus das eigentlich nur eine
alte Lehmkate ist kaufen kann
Und Safur erzählt von seiner Reise nach Ägypten von der Wüste und von
seiner Dschinne
Er setzt dem großen Sterndeuter eifrig auseinander dass er seine Dschinne
liebe Er wisse sehr wohl dass sie nicht lebe und doch glaube er dass sie ihn
verfolge überall oft sei ihm so als berühre sie ihn an der Schulter mit ihren
Fingerspitzen
Leidenschaftlich sagt er
»Sieh ich weiß die Dschinne ist für mich unerreichbar aber ich kann das
Plumpe das Rohe das Körperliche nicht mehr ausstehen Ich muss nach einem
Geistigen streben das nicht von dieser Welt ist Ich will überall jetzt das
Unerreichbare haben in jene Welt in die andere will ich hinein Ich sehne
mich nach einem Weibe das so fein und zart ist wie irdische Weiber nie sein
können Mein Streben mag töricht meine Liebe mag eine tolle Liebe sein doch
ich kann nicht mehr anders Ich muss daher in die Einsamkeit Sieh Abu Maschar
ich bin ein Genussmensch Ich will mit meiner Dschinne zusammenkommen Vielleicht
gehts doch Man kann ja nicht wissen und wenn ich mir dabei den Schädel
einrennen sollte was schadets Die Genüsse dieser irdischen Welt befriedigen
meine Lustgier doch nicht mehr Oh verstehst Du mich Sprich doch«
Abu Maschar streichelt mit seinen langen braunen Fingern seinen langen
schwarzen Bart und spricht langsam in wohlerwogenen Sätzen
»Ich hörte schon von Deiner seltsamen Liebe Und ich bin nicht überrascht
durch Deine Worte Du gehörst zu den Menschen die in Allem feiner empfinden als
die Andern Dein Denken ist nicht einfach Du bist an verwickelte Gedanken
gewöhnt Die Andern verstehen Dich daher nicht und verletzen Dich So gehts
allen denen die mehr sind oder mehr sein wollen als das einfache Volk Und so
kams dass Du Dir in Deinem Gehirn ein Idol schufest das Du lieben und anbeten
wolltest Und diesem Idol rennst Du nun im wirklichen Leben nach Du bist auf
der Jagd nach dem Idol Das schadet nichts wenn Du stets im Auge behältst dass
dieses Idol für Dich unerreichbar bleiben muss Jeder feinere Kopf befindet sich
sein ganzes Leben hindurch auf der Jagd nach dem Idol die Jagd ist was ganz
Gewöhnliches Dieselbe ist auch nicht schädlich wenn man ihre Nutzlosigkeit
einsieht Du strebst nach dem Unerreichbaren wie Du sagst überall Ja ich
verstehe Du hast eben viele Idole Die einfachen Menschen finden ihre Idole
verkörpert hier auf der Erde vor die feineren Menschen finden ihre Idole nicht
auf der Erde verkörpert vor die sind ja dort hinter den Sternen Darum ist
es nur natürlich dass Du in jene Welt hinein möchtest Ich möchte das auch
daher bin ich Sterndeuter und Prophet Battany und viele Andre lachen dass ich
mich mit so abergläubischen Sachen befasse Aber will Battany nicht auch bloß
wissen was hinter jener blauen Himmelswand liegt Und ist etwa die Art in der
er was Tieferes erfahren will so sehr viel klüger als die meine O nein Wir
unterscheiden uns nur dadurch dass er stets glaubt etwas erreichen zu können
und ich nie glaubte und nie glauben werde ich könnte je in jene Welt hinein
Ich rechne nicht um was zu wissen sondern ich will mich durch das ewige
Rechnen nur betäuben Wir bleiben wie wir sind Wir werden später auch nicht
mehr wissen als wir jetzt wissen Die Welt ist starr und unveränderlich Es
gibt in der Welt keine wesentliche Weiterentwicklung Und der Einzelne wird sich
erst recht nicht weiterentwickeln Ist man ein feiner Mensch so bleibt man ein
solcher Ist man einfach so bleibt man einfach Geh also nur mit Deiner
übersinnlichen Liebe in die Einsamkeit Geh nur Battany wird Dir schon helfen
Wenn Du aber glaubst Du könntest in die andere Welt in die Welt der Geister
hinein so wirst Du Dir den Kopf einrennen Liebe nur Deine Dschinne aber
verlang nicht von ihr dass sie Dir körperlich erscheine Du willst doch nach dem
Unerreichbaren überall streben Würdest Du also einmal Deine Dschinne umarmen
können wie ein gewöhnliches Erdenweib so würde Deine Dschinne jeden Reiz durch
die Umarmung verlieren«
Und der Prophet lächelt streichelt mit seinen langen braunen Fingern seinen
langen schwarzen Bart und sieht dem Dichter lange ins Gesicht
Wie sich die Beiden trennen lächelt Abu Maschar nicht mehr er ist besorgt
um Safur dessen Leidenschaft kommt dem weisen Sterndeuter bedenklich vor
Der Dichter aber geht zum reichen Al Battany durch den Palmenhain über die
hohen Hügel am Ufer des Tigris an den Feigenbäumen vorbei bis zur Landstraße
auf der er einst vor Jahren am Himmel das schwarze Gesicht des Weibes sah das
nicht lebt und ihn doch verfolgt
Er denkt an jenen Morgen an dem er auch in Fieberstimmung zum Astronomen
kam um der Tarub willen Jetzt kommt er wieder in fieberhafter Aufregung zum
Astronomen wieder Tarubs wegen
Und wie damals sitzt ihm auch jetzt eigentlich die Dschinne mehr auf den
Fersen als die berühmte Köchin Er blickt über die Stadt hin die nun in der
heißen Sonne mit den hohen Palmen und den weißen Häusern mit der hoch gelegenen
bunten Chalifenburg mit den bunten Moscheen und den schlanken Minaretten wie
ein zartes feines Feenland daliegt wie eine wirkliche Stadt des Heils
Blau fließt der Tigris zur Linken des Dichters in der Tiefe und drüben
wohnt Al Battany
Safur ist bald wieder in der alten Olivenallee und dann im Bücherkioske den
die bunten Tulpen umblühen
Auf den kurz geschorenen Rasen krächzen die alten Papageien
Auf den orangefarbigen nicht gemusterten Fliesengängen kommen dem Dichter
zwei Inder entgegen die grade im Bücherkioske Schach gespielt haben
Die Inder kommen dem Safur noch steifer und stolzer vor als die andren
Menschen Der Bücherkiosk der wie eine Krone daliegt wirkt den Indern
gegenüber ganz einfach und bescheiden wie ein Fischerhäuschen
Safur wirft den Kopf in den Nacken zurück und mustert die Inder sein braun
und blau gestreiftes Beduinengewand zieht er dabei geschickt in schwungvolle
Falten
Die Inder lächeln ihre goldgestickten Kleider sind viel schöner
Al Battany lässt sich entschuldigen er wird gleich kommen
Und Safur muss sich dazu bequemen die Zeit des Wartens mit den Indern
zusammen zuzubringen der ältere von diesen entfernt sich bald
Der Zurückbleibende ist jener Schauspieldichter der in Benares vor Battany
so fein von der Empfindlichkeit und von der Qual aller Gebildeten zu sprechen
wusste der diese Empfindlichkeit und die daraus entspringende Qual durch die
Religion oder durch die Kunst auflösen überwinden wollte
Das Gespräch zwischen dem indischen und arabischen Dichter wird somit
naturgemäß nach einiger Zeit recht lebhaft
Allerdings die frostige Förmlichkeit wird auf beiden Seiten nicht durch
allzu große Liebenswürdigkeit verdrängt man will sich nichts vergeben
Safur spielt sich als Genussmensch auf behauptet dass jeder Augenblick des
Lebens der nicht einen Genuss biete ein überflüssiger Augenblick sei
Der Inder will den leidenschaftlichen Ton des Arabers sanfter stimmen
erreicht aber nur das Gegenteil
Die Laune des Safur ist so gereizt dass er sich sofort in gewagten
Behauptungen verhaspelt und immer kühner wird statt sanfter
»Sieh« sagt er »es liegt mir nicht bloß daran alles das zu genießen was
das einfache Volk auch genießen kann Früher suchte ich meine Zunge und meine
Fingerspitzen auszubilden und glaubte damit was Besondres zu tun Heute will ich
viel mehr Ich will das Unsinnige das Tolle das Unverständliche das
Unbegreifliche das Übersinnliche genießen Versteh mich recht ich will
nicht bloß all das verstehen das Verstehen scheint mir nicht so wichtig
genießen will ich das alles Ich will in die Welt der Geister dringen und ich
will genießen was nur die Geister genießen können«
Der Inder meint dass das sehr schwer sei und die Ausbildung ganz besondrer
Nervenkräfte verlange Er glaube auch dass derartige Anstrengungen den Körper
und den Geist zerrütten müssen
Aber da lässt sich der Araber nicht bange machen weist allerdings die
Anstrengungen vornehm ab anstrengen will er sich durchaus nicht
Das findet nun der Inder wieder sehr drollig Lächelnd etwas sehr
überlegen erwidert er folgendermaßen
»Die Araber sind doch sehr merkwürdig Sie kommen aus ihrer Wüste mit ihren
Schwertern und Lanzen wie ein Heuschreckenschwarm heraus und bilden sich ein
dass sie alles gleich mit Beschlag belegen können nur weil sie kräftige Arm
und Beinmuskeln besitzen Ihr wollt überall nur genießen Alles Alles Ihr
wollt nicht bloß essen und trinken ihr wollt auch gleich alle Religionen
genießen auch alle Künste selbst das Unverständliche und das Unverständige
Ihr traut doch Eurem guten Magen ein bisschen zuviel zu Lieber Safur von Dir
hat mir Battany viel erzählt Du bist ohne Frage ein sehr gebildeter Mensch
gereizter denn Viele Dass Du aber jeder Anstrengung jeder Müh und Arbeit streng
aus dem Wege gehen willst das wird Dein Untergang Du müsstest in großen und
langen Gedichten Deine Gereiztheit zu lösen trachten das tust Du natürlich
nicht Du bist ja ein viel zu vornehmer Araber der nur genießen will der nur
den Genuss für berechtigt hält als wenn der Genuss einem Dichter wie eine
reife Frucht in den Schoss fiele«
Der Inder muss herzhaft lachen
Er spricht noch in lässigem Tone über religiöse Übungen Fasten Rosenkranz
Selbstgeisselung Gebet und geschlechtliche Enthaltsamkeit wird dann aber
schweigsam da Safur verächtlich die Mundwinkel runterzieht
Die Beiden können sich nicht mehr verständigen Safurn kommts so vor als
wär er bei Osman der immerfort das Dschinnengedicht von ihm verlangt und er
empfindet eine heftige Abneigung gegen den indischen Dichter Es trennen sich
die Beiden wie Battany naht noch viel frostiger als sie sich begrüßten
Safur erlangt bei Battany sehr rasch das was er wollte Höchst vergnügt und
stolz wallt er mit drei dicken Goldrollen davon zu seiner Tarub
Draußen auf der Landstraße hört er noch ein paar Adler auf einer Palme so
zitternd pfeifen als hätten auch sie Gold bekommen Gold
Der Inder aber erklärt dem Battany unumwunden dass er von Safur garnichts
halte aus dem hätte mal was werden können wenn er mal zu den Füßen eines
Meisters gesessen hätte jedoch jetzt würde aus ihm garnichts mehr dem Safur
fehle sowohl der religiöse wie der künstlerische Ernst er hätte als Nabob
geboren werden müssen
Der Inder wird ganz aufgebracht sagt dem Battany ganz derb über das
Arabertum seine Meinung und schließt erregt
»Lieber Battany In Safurs Genusswut liegt eine gewisse Frechheit Es ist
unverschämt dort mühelos genießen zu wollen wo Andre nur im sauren Schweiß
ihres Angesichts kärglich Früchte sammeln dürfen Safur wird noch für seine
Frechheit bestraft werden seine Art sich zu benehmen ist übrigens empörend«
Nun Battany ist durch diese Eröffnungen nicht sehr entzückt lädt aber
ohne zu erwidern alle Inder die er mitgebracht hat zum Abend auf die
Sternwarte
Er prophezeit eine Mondfinsternis
Stolz ruft er
»Heute bin ich ein Prophet«
Und feuriger Wein muss die schlechte Laune des indischen Schauspieldichters
rasch fortschwemmen
Am Abend stehen die Inder mit Battany auf dem fünfeckigen Altane der
Sternwarte und schauen in den Vollmond
Abu Maschar ist auch auf dem Altane
Und der Mond verfinstert sich wirklich
Die Inder verneigen sich vor dem arabischen Astronomen
Abu Maschar steht steif wie ein Stock
Battany ist empört darüber
Der Sterndeuter sagt aber leise flüsternd
»Lieber Freund was hast Du nun erreicht Du weißt wieder etwas das des
Wissens nicht würdig ist Ob der Mond hell oder dunkel ist bleibt sich so
schrecklich gleich dass ich über Deine Freude lachen muss«
Und der Sterndeuter geht langsam davon auf seinen Mittelturm will wieder
rechnen
Battany sieht dem alten Kräkler wütend nach
Dann aber blickt der große Astronom starr in den immer dunkler werdenden
Mond und wird stolzer immer stolzer er ballt die Fäuste seine Augen
funkeln seine Rechnungen stimmen
Zwanzigstes Kapitel
Die Lehmkate am Tigrisstrande ist sehr hübsch
Da lebt die Tarub mit ihrem Safur anfänglich viel friedlicher als in Bagdad
Der Tigris ist da so breit und groß
Wenn man vor der Türe der Kate steht die auf einem Hügel erbaut ist so
überblickt man eine große dunkelblaue Wasserfläche
Die Palmen am gegenüberliegenden Ufer erscheinen ganz klein so breit ist
der Strom
In Bagdad lassen die vielen reich bewaldeten Inseln den Tigris viel kleiner
erscheinen
Safur steht vor seiner Tür und blickt hinaus in die große Wasserwelt über
die ein frischer Wind hinstreicht sodass kleine weiße Schaumkämme das dunkle
Blau der Flut durchstreifen
Unten am Ufer plätscherts und gurgelts was sich sehr lustig anhört
In die Aussenwände der gelbbraunen Lehmkate sind rote Tonplatten eingelegt
in die einst unförmliche altertümliche Figuren eingeknetet wurden was die
Bilder darstellen sollen kann man nicht mehr ordentlich erkennen Auf dem Dach
des Hauses ragt wie eine kleine Pyramide ein dunkelbraunes Zelt in den blauen
Himmel
Ein paar riesige Palmen stehen rechts links und hinten auf dem Hügel Adler
nisten in den Kronen der Palmen
Vor dem Hause ist ein großer viereckiger Platz ganz mit roten Ziegelsteinen
ausgelegt die schon recht ausgetreten sind
Unten am Ufer wächst hohes Schilf
Mächtige rosa blühende Oleanderbüsche und weiß blühende Myrtenbüsche
umwuchern den ganzen Hügel
Und oben rings um die alte Kate blühen unzählige weiße Rosen die duften
wunderbar
Safur schaut hinaus in die blaue Wasserwelt die weißen Schaumkämme und die
weißen Möven ziehen sanft über die Flut wie Geisterhände
In den Kronen der Palmen pfeifen leise die jungen Adler der Dichter glaubt
es seien Töne aus einer andren Welt
Er denkt dabei an seine großen Wüstenreisen an Damascus und Kairo In
seinen Gedanken reitet er wieder hoch zu Ross neben den Kamelen der Karawane
durch die einsame Wüste wie ein Beduine mit suchendem Auge und horchendem Ohr
wieder geht das Gesumm und Gesurr durch die Luft die Sterne funkeln die
Dschinnen locken und rufen in der Ferne klingen hell die blitzenden
Damaszenerklingen die Rosse wiehern der heiße Sand knirscht und überall
summts und surrts von Käfern und Nachtfaltern und die Dschinnen reiten
schneller Safur schrickt zusammen und hält die Hand vor den Augen
Von der blauen Pracht des großen Stromes der unten rauschend vorüberzieht
sieht und hört der Dichter nichts mehr
An das Wasser ist das Auge des Arabers nicht gewöhnt das Auge des Arabers
ist nur gewöhnt von Wüsten und von Palästen zu träumen in die wirkliche Welt
blickt es nicht gern hinein als wenns sich vor der blendenden hellen Sonne
fürchten müsse
Drum wirkt der große Tigris auf den Safur garnicht befreiend garnicht
groß
Anfänglich ist der Dichter in viel besserer Stimmung es ist ihm so Vieles
am Ufer des Tigris neu
Die Tarub ist auch viel verträglicher
Safur wird sogar wieder ein bisschen lustig und neckt seine Köchin dass sie
lachen muss
Er neckt sie aber so oft dass sie sich eines Tags drüber ärgert und zornig
sagt
»Ach hab Dich nicht immer so albern«
Na da ist es denn wieder mit der Neckerei zu Ende Safur ist wieder
verletzt
Aber es geht noch
Safur zieht morgens gewöhnlich mit einem langen Speer mit Pfeil und Bogen
mit Schwert und Dolch auf die Jagd
Abends angelt der Dichter
So kommts dass die Beiden nicht Mangel leiden
Datteln Bananen und Feigen gibts auch in der Umgegend
Und Battany schickt in jeder Woche Brot und Wein
Der Tarub ist nur das Leben ein bisschen zu einsam
Safur ist auch so schweigsam und in sich gekehrt dass sie sich ihm nicht
gern nähern mag
Sie scheuert daher ihre neue Küche mit großem Eifer putzt ihre Töpfe
Tassen und Krüge wischt den Ziegelboden täglich mit Wasser ordentlich auf
vernichtet das Ungeziefer wo sies nur findet kocht und näht singt und wäscht
klopft die Teppiche die sie sich in Bagdad kauften mit größtem Geräusch jeden
Morgen aus pflanzt Bohnen und Salat begiesst die weißen Rosen und melkt ihre
Ziege die berühmte Köchin ist geschäftiger denn je steht nie still
Allerdings ihre Küche kommt ihr recht klein und ärmlich vor mit stillen
Tränen denkt sie oft an Saids große Küche in der so bequem die Pumpe gleich bei
der Hand war denkt auch an ihre Küche in der langen Straße mit Wehmut
Indessen den Safur lässt sie davon nichts merken
Ja die Einsamkeit
Der Tarub ist oft so zu Mute als wäre sie in ein Gefängnis eingesperrt
worden obwohl es doch am Tigris so frei und lustig ist wie selten wo aber
der Natur bringt die berühmte Köchin nicht eine besondere Liebe entgegen es ist
ihr zu still in der Einsamkeit
Dem Safur ist dagegen das Leben in der Natur beinahe zu laut überall
glaubt er Geisterstimmen zu hören er spricht oft zu sich selbst und schrickt
zuweilen heftig zusammen seine Augen blicken nicht mehr kühn gradaus sie
haben eher was Scheues
Als daher nach einigen Wochen auf flinkem Segelboot die beiden Geographen
Kodama und Hamadany der Lehmkate einen Besuch abstatten werden sie ganz
freundlich empfangen
Bei einem guten Becher Weins lenkt Kodama der eigentlich in Osmans Auftrage
gekommen ist das Gespräch vorsichtig auf die alte Sphinx der Ägypter
Indes Safur will von der Sphinx nichts mehr wissen der Dicke hat sie ihm
verleidet das Zwitterhafte in der Sphinx das der Dichter anfänglich garnicht
sah berührte ihn sehr unangenehm als ers bemerkte Seine Dschinne hat mit der
Zeit wieder ein andres Gesicht bekommen das ähnelt jetzt eher dem einer
ägyptischen Prinzessin deren Seele verdammt ist immerfort auf der Erde
herumzuwandern und um einen verlorenen Ring zu klagen Safurn ists oft schon so
gewesen als habe sie ihn gebeten den Ring zu suchen was er dann auch tat
sehr zum Ärger der Tarub denn wenn er den Ring suchte pflegte er nie ein
Stück Wild heimzubringen
Der dicke Kodama hört also nichts Besondres wie er von der Sphinx spricht
wird demnach allmählich deutlicher will was von der Antarsage wissen und kommt
so schließlich zu Safurs Dschinnengedicht
Seltsamerweise ist da der Safur gleich Feuer und Fett die Flammen der
Begeisterung lodern hoch empor und der Dichter redet mit einem Eifer von dem
Gedicht dass der ziemlich vertrauensselige Kodama gleich glaubt Safur habe
wirklich angefangen das große Gedicht zu schreiben
Dem ist natürlich durchaus nicht so
Safur redet nur über das Dichten im Allgemeinen führt aus dass eine
wahrhaft treffliche dichterische Arbeit so wirken müsse wie ein feines
Brokatgewand das von jedem andren Standpunkt aus ein andres Gesicht eine
andre Farbenstimmung zeige das sei auch der Grund weswegen ihm jetzt so
oft seine Dschinne mit einem ganz andren Kopfe mit ganz andren Händen ganz
anders gekleidet erschienen sei
Kodama ist bald der Meinung dass Safur ein schier unendliches Gedicht
geschrieben habe und fährt höchst befriedigt nach Bagdad zurück um dem Osman
diese freudige Botschaft mitzuteilen
Hamadany bleibt als Gast in der Lehmkate noch über acht Tage und als auch
er nach Bagdad zurück will kommt grade der Abu Hischam mit dem Abu Hanifa an
und die Beiden verhindern natürlich den Hamadany nach Hause zu fahren
Der alte Philosoph Abu Hischam ist in so prächtiger Laune dass es bald
wieder hoch hergeht wie früher zu Bagdad in der langen Straße
Alles was in der Kate essbar und trinkbar ist wird an zwei Tagen vertilgt
und dann ist wieder die Not da
Diesmal hat aber die Not einen recht lustigen Anstrich
Wie am dritten Tage die Tarub den drei Gästen und ihrem Dichter
Ziegenmilch Bananen Feigen sieben Möveneier und weiter nichts vorsetzt
verschwindet das alles furchtbar schnell Safur isst nur ein einziges Ei sieht
sich verwundert nach mehr um sagt aber nichts
Jedoch die Tarub fragt mit ganz ernstem Gesicht »Nun seid Ihr schon satt«
Da werden die Gesichter der vier Männer ganz anders und und nach einer
Pause brechen plötzlich alle Vier in ein so fürchterliches Gelächter aus dass
sie Magenschmerzen bekommen nur vom Lachen
Es wird wieder gemütlich bei der Tarub
Die drei Gäste gehen nicht fort sie gehen mit Safur auf die Jagd und des
Abends hocken sie vor der Tür auf den roten Ziegelsteinen essen und trinken
was da ist reden tiefsinniges Zeug
Das Gespräch wird stets von den jüngeren Gelehrten von Hamadany und Abu
Hanifa in Fluss gebracht Die Tarub redet oft altklug mit die jungen Leute
wollen so Manches wissen was die Tarub weiß
Safur ist gemeinhin sehr einsilbig
Abu Hischam ist zumeist zu lachlustig Trotzdem spricht er zuweilen noch
über die schwierigsten Fragen
Er erklärt den jungen Gelehrten dass diese Welt garnicht wirklich da sei
dass kein Mensch wirklich da sei dass nichts da sei dass Alles nur Trug und
Schein sei und empfiehlt diese Weisheit immer im Kopfe zu behalten besonders
dürfe man diese Weisheit nicht vergessen wenns einem mal schlecht gehe denn
sage man sich in solchen schlechten Zeiten dass man eigentlich garnicht lebe
dass die Welt nur ein leeres Nichts dass demnach die schlechte Zeit auch nur ein
leeres Nichts sei so werde man bald über die Not schrecklich lachen müssen
»Lachen« sagt Abu Hischam »lachen muss der Mensch zu allen Zeiten und
trinken muss der Mensch wo er nur kann Lachen und trinken ist die Hauptsache«
Zuweilen wurde der Philosoph von den jungen Gelehrten veranlasst einige
Worte über die Entwicklung zu reden und dabei pflegte dann der lachlustige
Zecher ernster zu werden er erinnerte sich an die vielen Gespräche die einst
auf Battanys langer Barke so heftig die Gemüter erregt hatten das war schon
fast vier Jahre her und die Erinnerung stimmte den alten Philosophen sehr
ernst
Er wars ja gewesen der einst den »Bund der lauteren Brüder« feierlich
gründete aus dem jetzt so ganz was Andres wurde die Inder hatten sich
reingemischt und die Ägypter ebenfalls und an den Gründer des Bundes dachte
kein Mensch mehr
Wie schnell sich die Zeiten ändern
Abu Hischam schimpfte oft auf den Abu Maschar der immer behauptete dass die
Welt unveränderlich sei
Safur wird immer schweigsamer er sieht so leidend aus
Man besucht öfters die in der Nähe wohnenden Eremiten und Abu Hischam
redet dort wieder so vom Bunde als wenn er bei der ganzen Geschichte noch was
zu sagen hätte
Abu Hanifa der sehr boshaft ist bittet dann immer den Philosophen ja
keine Geheimnisse mitzuteilen er Abu Hanifa könne beim besten Willen weder
schweigen noch lügen
Dafür fragt dann gewöhnlich der Philosoph den Safur ob der ihm nicht sagen
könne wie indische Pfauenpastete schmecke er als Feinschmecker müsse das
doch wissen
So wird Safur der Feinschmecker zur Zielscheibe des Spottes
Der Dichter ärgert sich drüber nicht bloß weil er seiner Armut wegen
verspottet wird sondern weil er an die Zeiten in denen er sich als
»Feinschmecker« wohlfühlte nicht gern erinnert sein mag
Das Feinschmeckertum kommt ihm jetzt so schrecklich roh und dumm vor er
ist ja schon an ganz andre Genüsse gewöhnt er verkehrt mit Geistern mit Wesen
aus einer anderen Welt und dieser Verkehr ist denn doch für ihn so genussreich
dass dagegen alle Pasteten und alle Weine der Erde nichts sind
Der Besuch der drei Brüder ist dem Dichter recht lästig Nachts wenn die
Sterne glitzern und funkeln stiehlt er sich oft heimlich aus der Kate fort und
fährt mit seinem Nachen auf den Strom hinaus
Und in der Dunkelheit auf den plätschernden Wellen des Tigris sieht der
Dichter wunderliche feine Gestalten vorüberschweben und er hört Stimmen
laute und leise die locken und rufen die Möven krächzen dazu die Wellen
des Tigris plätschern und gurgeln es ist so Vieles zu hören
Einundzwanzigstes Kapitel
Und eines Morgens kommt langsam Battanys lange Barke den Tigris hinauf und
landet ebenfalls in der Nähe der Lehmkate
Osman Kodama Abu Maschar und der alte Jakuby entsteigen der langen
Barke
Tarub freut sich natürlich schrecklich über den neuen Besuch Safur
schneidet ein sauer und süßes Gesicht das hilft ihm aber nicht
Er hat nun sieben lautere Brüder als Gäste in seinem Hause die vier
zuletzt angekommenen bringen so viel zu essen und zu trinken mit dass sich die
Tarub garnicht zu lassen weiß vor Aufregung und Freude
Osman hat auch ein paar chinesische seidene Fenstervorhänge mitgebracht die
ganz mit bunten Blumen und noch bunteren Vögeln bestickt sind
Die Tarub hatte nämlich dem Kodama über die eisernen Kraten vor den Fenstern
geklagt hatte ihm gesagt dass die Kraten die der wilden Tiere wegen notwendig
waren in ihr stets ein unbehagliches Gefühl aufkommen ließ als wenn sie
sich im Gefängnis befände
Daher Osmans seidene Vorhänge
Osman ist immer schrecklich aufmerksam
Tarub freut sich wien Kind
Und der alte Jakuby hat fünf eiserne Flammenschalen mitgebracht nebst fünf
eisernen Dreifüssen der alte Geograph ist der Meinung dass man nur bei der
richtigen Beleuchtung gemütliche Feste feiern kann welcher Meinung Alle
bereitwilligst beipflichten
Die Stimmung ist bald eine recht gehobene
Und abends steht der Vollmond über dem Tigris und glänzt glänzt festlich
Vor der Lehmkate flackern fünf mächtige Flammen
Safur und Tarub sitzen vor ihrer Tür auf dem viereckigen mit roten Ziegeln
gepflasterten Platze von dem aus man den breiten im Mondlicht glitzernden
Strom wohl überschauen kann Und dort sitzen auch die sieben Gäste
Die Gesellschaft bildet einen wohl abgezirkelten Kreis Man isst mekkanische
Hühner indische Schnecken Antilopenschinken und Bagdader Marzipan und trinkt
wieder den köstlichen Wein aus Bassora dazu
Und man gedenkt der Abende bei Said ibn Selm wird ein bisschen wehmütig
bleibt aber trotzdem guter Dinge
Dass Al Battany der all die ess und trinkbaren Herrlichkeiten hersandte
selber nicht mitmacht und daheim bei seinen Indern blieb vermag die Stimmung
nicht zu verschlechtern
Die Abwesenheit des alten Suleiman der sich in so auffälliger Weise ganz
von den lauteren Brüdern zurückzog wird schon eher mit schmerzlichem Gefühl
empfunden
Der Wein macht natürlich die Gesellschaft sehr lebhaft Alle reden und
erzählen und haben sich so Vieles zu sagen
Nur Safur bleibt schweigsam er trinkt auch nicht
Und da kommt denn der Augenblick in dem Osman nach Safurs Gedicht fragt
Drauf erst tiefes Schweigen in der Runde
Als Safur ruhig sagt dass er augenblicklich noch nichts geschrieben habe in
einigen Wochen aber »vielleicht« anfangen könne da wirds so still dass man
sogar die Adler oben in den Palmen leise pfeifen hören kann
Die hiernach folgenden Auseinandersetzungen sind nicht grade sehr
erquicklich
Kodama sagt höchst ärgerlich
»Da hört sich doch alles auf«
Abu Maschar und Jakuby schütteln bedenklich den Kopf
Osman ist empört und recht grob erklärt die Unfruchtbarkeit eines begabten
Dichters für das größte Übel der Welt
Abu Hischam redet sehr altklug mit salbungsvoll bemerkt er
»Nichts ist so gefährlich wie die Nichtstuerei sie allein hemmt die
Entwicklung der Menschheit Durch Nichtstun kommen wir nicht weiter das prägte
mir bereits meine liebe Großmutter in frühester Jugend ein Die Faulheit ist ein
Laster Nur das unermüdliche Weiterstreben kann der menschlichen Gesellschaft
förderlich und nützlich sein Meine Freunde ich erinnere Euch an die
Gesellschaft der lauteren Brüder der wir doch Alle angehören wäre die
Gesellschaft die nun bald vier Jahre besteht wirklich imstande gewesen in die
Entwicklung der großen Gesellschaft die wir die Menschheit nennen mit Erfolg
tatkräftig eingreifen zu können wenn wir nichts getan hätten Nie und
nimmer meine Freunde Die Nichtstuerei ist daher ein schändliches
nichtswürdiges Laster das wir mit allen Kräften die uns zu Gebote stehen
bekämpfen und unterdrücken müssen«
Schallendes Gelächter belohnt diese köstliche Rede
Und Osman ruft ärgerlich
»Na Du sei doch man still«
Und Abu Hischam ist es er trinkt trinkt lange
Safur jedoch der sich das Lachen augenscheinlich abgewöhnt hat denn er
lachte wieder mal nicht erwidert dem Abu Hischam mit ganz ernster Miene
»Lieber Abu Hischam Du bist vollkommen im Irrtum wenn Du glaubst dass
diejenigen Menschen die immer was tun müssen um sich die Zeit zu vertreiben
die Entwicklung der Menschheit fördern Arbeiten kann schließlich Jeder das
ist nichts Besondres Du glaubst wohl Dichten sei auch nur Arbeiten nicht
wahr Nein Dichten und Arbeiten sind zwei ganz verschiedene Dinge Wer wirklich
was hervorbringen will das die Menschheit fördern kann der muss einem fernen
unerreichbaren Ziele zustreben Wer das nicht tut wird nichts Besondres tun
Wenn ich bloß ein Gedicht schreiben wollte wies jeder dumme Tofaily
fertigbringen kann so dürft ich mich nur gleich begraben lassen Ich will mehr
ich will das Unmögliche das Unbeschreibliche das Große das Bedeutende das
wird aber nicht in einem Tage geboren das wird vielleicht nie geboren doch
man soll dem Unmöglichen nachstreben nur so kann was Neues entstehen Ich
arbeite nicht ich dichte Und was ich mache geht Euch garnichts an Kümmert
Euch doch um andre Dinge Für Euch ist ja doch nur der ein berühmter Mann der
ein paar tiefe Gedanken in den Dreck ziehen und zu gewöhnlichen Gedanken machen
kann Ihr seids wahrlich nicht die die Entwicklung der Welt fördern Ihr habt
nur immer an mir gezehrt und Euch mit meinen Witzen gebrüstet Ihr habt nie
gewusst was Ihr von mir halten solltet Nennt mich doch unfruchtbar Nennt mich
doch wie Ihr wollt Es ist schon zuviel dass ich Euch Red und Antwort steh Ihr
rennt dem Erreichbaren nach das tut die Tarub auch natürlich Tarubs Brüder
seid Ihr nicht lautere Brüder Ganz Bagdad ist für mich Tarub die ganze
Welt die Ihr mit Euren stumpfen Sinnen sehen und begreifen könnt ist für mich
nur Tarub Ich aber will in eine andre Welt in die Ihr nie hinein könnt«
Da murren die lauteren Brüder und man muss befürchten dass es am Strande des
Tigris sehr sehr ungemütlich wird
Zum Glück ergreift wieder der lustige Abu Hischam das Wort streichelt
Tarubs Zopf und sagt
»Nun liebe Tarub sei nur nicht traurig dass Du auch Tarub bist Bagdads
berühmte Köchin zu sein ist auch ein Verdienst Mit dem großen Dichter Safur
kannst Du Dich natürlich nicht vergleichen der ist ja Bagdads berühmter
Dichter Aber wenn ich zwischen Euch wählen sollte so nähm ich doch die Köchin
lieber als den Dichter bei der Köchin weiß ich doch immer was ich habe Wo
bliebe die Literatur wenns keine Tarub gäbe Freunde seien wir nicht traurig
dass wir von Safur Tarubs Brüder genannt wurden Wir wollen gern den Namen Tarub
tragen Die Tarubs werden die Entwicklung der Welt besser fördern als die
Safurs Darum wollen wir zwei volle Becher auf Tarubs Wohl trinken«
Lachend geschiehts
Tarub ist gerührt
Die Stimmung der Gesellschaft wird wieder besser doch da fängt der Kodama
wieder an sagt der Tarub
»Du weißt Du auch dass Safur in Bagdad Deinen Namen tatsächlich als
Schimpfwort gebrauchte Wenn er einen Tofaily beleidigen wollte nannt er ihn
Tarub Wo Andre Esel riefen rief Safur Tarub«
»Sieh sieh« fällt da schnell der auch boshafte Abu Hanifa ein »gehörst Du
ebenfalls zur Familie Tarub Das hätt ich garnicht gedacht Du verteidigst ja
die Tarub vortrefflich Hetz nur schön Du bist wohl Tarubs Großmutter nicht
wahr«
Nun legen sich die Andern ins Mittel und stellen die Ruhe notdürftig wieder
her
Abu Maschar schüttelt immer den Kopf er versteht den Safur nicht mehr den
hielt er für seinen Freund und muss nun bemerken dass dieser Freund ihn nie
verstand Der Prophet seufzt
Jakuby erzählt von dem Einfluss der Inder auf Battany der kleidet sich
jetzt ganz und gar nach indischem Muster
Die Tarub weiß nicht recht ob sie dem Safur oder dem Kodama zürnen soll
des Letzteren Rede hat sie nicht ordentlich begriffen
Hamadany ist außerordentlich liebenswürdig zur Tarub hilft ihr die übrig
gebliebenen Teile der Antilopenschinken in die Küche tragen sodass die Tarub
wieder lustig wird
Osman möchte gern noch ein bisschen auf dem Tigris herumfahren
Safur ist sofort bereit erzählt aber einem plötzlichen Einfalle folgend mit
großer Begeisterung von der alten längst verfallenen Stadt Babylon von der
dort befindlichen Beluspyramide und von den beiden Riesen Harut und Marut die
in dieser Pyramide der Sage nach an den Beinen aufgehängt sein sollen
Diese Geschichte bringt die Gesellschaft auf andre Gedanken Man wird
neugierig
Und als Safur den Vorschlag macht auf der langen Barke gleich mal nach
Babylon zu fahren willigen Alle ein obwohl Babylon mehrere Tagereisen
entfernt garnicht so leicht zu erreichen ist
Tarub ist natürlich sehr traurig dass sie zu Hause bleiben soll doch sie
fügt sich
Man trinkt noch kräftig und steigt dann schwankend in die Barke nimmt
Lebensmittel für einen Monat mit und segelt wie die Sonne aufgeht mit gutem
Winde durch den kürzlich wiederhergestellten Kanal dem Euphrat zu nach
Babylon
Tarub sieht lange ihren sieben Gästen und ihrem Safur nach
Da der Wind den acht lauteren Brüdern günstig ist sind dieselben am zehnten
Tage bereits mitten in den Ruinen Babylons
Hamadany behauptet gleich dass er wär er als alter Babylonier zur Welt
gekommen das Schicksal der alten Stadt hätte voraussagen können
Er prophezeite auch der jungen Stadt Bagdad den Untergang denn Bagdad
verdanke ebenso wie Babylon nur »zufälligen Zeitumständen« und
Machtverhältnissen seine Entstehung und Bedeutung beide Städte seien nicht wie
Byzanz durch ihre natürliche Lage sondern durch die Willkür kurzsichtiger
Machtaber groß geworden
Es war sehr lustig anzusehen wie die arabischen Gelehrten in ihrer modernen
Bagdader Tracht zwischen den Ruinen herumkrochen Der wie gewöhnlich sehr ruppig
gekleidete Abu Hischam schien der Gegend noch am besten angepasst zu sein aber
die schwarzen Kaftane des Jakuby Hamadany und Abu Hanifa wirkten unter den
Tempelsäulen geflügelten Sphinxen unter alten Urnen Töpfen und Scherben sehr
fremdartig Die braunen baumwollenen Kleider des dicken Osman nahmen sich ebenso
drollig aus wie Kodamas schwarze Sammetjacke Selbst die Beduinengewänder des
Abu Maschar und des Safur schienen hier nicht herzugehören
Wie die drei weißen Turbane leuchteten
Wie lustig Jakubys violetter Turban von dem gelben des Kodama abstach
Safur sprach fast kein Wort und ging gewöhnlich seine eigenen Wege wären
ihm die Andern nicht immer in einiger Entfernung gefolgt man hätte ihn
verloren
Er bestieg auch allein die Beluspyramide die Andern warteten unten
Allmählich wurde jedoch Safurs sieben Freunden recht verdrießlich zu Mute
Des Dichters gereizte Stimmung übertrug sich
Man aß noch am Fuße der Pyramide bei Mondschein ein bescheidnes Abendbrot
das vornehmlich aus Brot und Früchten bestand bewunderte die Pyramide deren
Spitze längst fort war und die dadurch einen klotzartigen Eindruck machte
schlief unter den mitgebrachten Zelten so leidlich und rüstete am nächsten
Morgen zur Heimkehr
Nach längerem Suchen fand man die lange Barke wieder schiffte sich ein und
segelte nach Hause
Indessen die Barke war schwerer als bisher
Es stellte sich nämlich heraus dass Jeder eine ganze Masse Scherben alte
wunderlich geformte Eisenstücke Öllämpchen Alabasterfiguren Tonziegel mit
babylonischer Schrift und so weiter in seinen Gewändern verborgen gehalten und
in die Barke mitgenommen hatte
Kodama hatte sogar einen alten Siegelring gefunden der allgemeine
Bewunderung erregte
Die Folge dieses Sammeleifers war eine Überlastung des Kahnes
Auf der ganzen Rückreise mussten die Sklaven fortwährend das Wasser
ausschöpfen
Safur sprach zuweilen zu sich selbst und machte ein merkwürdiges Gesicht
Offenbar passte ihm die Gesellschaft nicht im mindesten da Alle nur von den
gleichgültigsten alltäglichsten Dingen sprachen Abu Maschar nicht ausgenommen
Des Dichters Gereiztheit wurde so ungemütlich dass Kodama am siebenten Tage
wütend ausrief
»Safur wenn Dir unsre Gesellschaft unangenehm ist so spring doch zum Kahn
hinaus und geh zu Fuß zu Deiner Tarub zurück Das Ufer ist ja hier dicht in der
Nähe«
Und was geschah da
Safur tat was ihm der dicke Kodama riet er sprang wirklich raus aus dem
Kahn drückte dabei leider so heftig mit dem rechten Fuß auf die Bordkante dass
der Kahn Wasser schöpfte und und versank
Na dies Geschrei
Die ganze Gesellschaft lag plötzlich im Wasser
Die Geschichte ist fast unbeschreiblich
Osman fährt während er noch mit den Wellen kämpft wutschnaubend auf den
dicken Kodama los schreit »Du naseweises Rindsvieh« und stuckst den
Geographen so heftig ins Schilf dass der mit dem Gesicht in den Morast fällt und
natürlich dabei Stirn und Wangen Augen Nase und Mund so beschmutzt dass man
sich gar keine rechte Vorstellung davon machen kann
Alle sind pudelnass geworden
Ertrunken ist Keiner da die Barke dicht am Ufer fuhr
Aber schmutzig sind Alle brr sehr
Man mag sich garnicht gegenseitig ansehen
Und man schimpft natürlich auf den Safur wie nur Wütende schimpfen können
Abu Hischam ist der Einzige der lachen kann
Safur ist verschwunden
Dafür erscheinen ein paar Eremiten mit langen Stangen am Ufer
Wie die ollen Eremiten die nassen schmutzigen Brüder schauen müssen sie so
lachen dass ihnen die Tränen über die hohlen Wangen rollen
Die Schiffbrüchigen müssen sich das ruhig gefallen lassen
Der Kodama kriegt am meisten ab er ist auch ganz kleinlaut
Von Safur aber sieht man keine Spur der ist vollkommen verschwunden
Man beschliesst Safur und Tarub nie wieder zu besuchen
Alle schwören sich das zu
Die Eremiten lachen sich krumm dabei
Die sieben lauteren Brüder reinigen wütend ihre Kleider ihre schönen guten
Kleider
Die Barke wird mit Mühe gehoben
Unzählige Schmutzflecke gehen nicht raus aus den Kleidern schändlich
gemein
Die Wascherei nimmt gar kein Ende
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Seine Freunde ist also Bagdads berühmter Dichter los die kommen nicht wieder
Jetzt hat er nur noch die Tarub die sich natürlich nicht wenig wundert als
Safur ihr mitteilt dass er sich mit den »Andern« erzürnt habe und dass die
»Andern« schon nach Bagdad gefahren seien
Der Tarub wird so schwül sie will Näheres wissen erfährt aber nichts
Sie sagt dann kurz
»Das wird ja ein schönes Leben werden«
Und nach diesen Worten geht sie in ihre Küche und wirtschaftet wieder herum
dass alles klirrt und klappert
Die Tarub muss immer arbeiten sonst ist ihr nicht wohl
Safur aber fängt jetzt an zu dichten
Das bereitet der Tarub natürlich eine große Freude
Sie bedauert allerdings dass Safur seltener auf die Jagd geht auch nicht
mehr angelt
Das macht aber nichts denn Tarub angelt selbst
Es gibt fast täglich Fische zu Mittag
Leider schickt Battany nicht mehr Brot und Wein das ist sehr peinlich
Es dauert drum nicht lange und die Tarub ist wieder so wie in der langen
Straße
Doch Safur geht jetzt einfach fort wenn die Tarub laut zu reden oder gar zu
schimpfen beginnt
Die Tarub wird so unglaubwürdig das auch klingen mag schließlich selber
schweigsam
Ein rührendes Zusammenleben
In der alten Lehmkate wirds immer stiller
Safur wird immer magrer Doch er fängt sein Dschinnengedicht wirklich an
auf prächtigem chinesischem Papier schreibt er die ersten Verse
Indessen er zerreißt gern das was er schrieb
Er fängt immer wieder noch mal an
Mit dem Dichten wills garnicht so recht gehen
Er kann nicht er hat das Leben eines Schlemmers geführt immer nur
genossen nicht gelebt um dichten zu können sondern gelebt um genießen
zu können
Was Safur dichtete waren immer nur Gelegenheitsscherze mit denen er
blendete Längeres Größeres hatte er nie fertig gebracht demnach wollt es
jetzt mit dem Dschinnengedicht nicht vorwärtsgehen wollte nicht
Die Tarub wird neugierig
Sie wundert sich dass Safur immer seine Verse zerreißt warum zerreißt er
sie denn
Als Safur mal fort ist setzt sie einzelne Papierteile die sie in einer
Ecke findet wieder zusammen und liest
»Ich sah Dich schon so lange nicht
Wo bliebst Du nur
Ich hört Dich auch so lange nicht
Ach Alles spricht
Und die Königin der Wüste will da schweigen
Nicht Du sollst mir endlich Alles Alles zeigen
Die ganze große Geisterwelt
Ich sehne mich zu sehr
Komm endlich zu mir her«
Das war mit riesig großen Buchstaben geschrieben aus der Schrift leuchtete
Safurs Selbstbewusstsein wie eine große Sonne heraus
Die Tarub versteht die Verse nicht
Aber sie will wissen wer die »Königin der Wüste« ist
Safur sieht so mürrisch und gereizt aus
Wie er wieder mal ein paar Verse zerreißt sammelt die Tarub gleich nachher
mit großem Eifer abermals die Papierteile setzt sie zusammen und liest
»Zum König Saiduk bist Du gegangen
Zum König mit den schwarzen Wangen
Wilde Dschinne komm zu mir«
Die Verse klären die Tarub nicht auf
Sie wird auch gereizt
Was will denn der Safur mit der Dschinne
Die Geschichte ist der großen Köchin unbegreiflich
Safur bleibt oft tagelang fort
Oft fährt er im Kahn den Tigris hinauf ganz allein
Zuweilen geht er auch auf die Jagd bringt aber selten was mit
Die Tarub wird misstrauisch und eifersüchtig
Eines Tages findet sie wieder ein paar zerrissene Verse die gingen so
»Nun lach nicht mehr so schaurig
Dein Lachen macht mich traurig
Und sprich zu mir ein Wort
Das Schweigen tötet die Liebe
Du sollst mich aber lieben
Ach hörst Du mich denn nicht«
Da regt sich das Weib in der Köchin
Sie wird eifersüchtig und schleicht ihrem Dichter nach doch sie trifft
kein Weib nur ein paar alte Eremiten
Die Eremiten forscht sie vorsichtig aus hört jedoch nichts von ihnen
Safurs Augen sehen so scheu aus
Manchmal spricht er zu sich selbst
Da findet die Tarub eines Morgens im Kahne abermals viel zerrissenes Papier
und auf all dem Papier steht immer dasselbe immer nur
»Du bist die Nacht
Du bist der Tod«
Diese Worte beruhigen das Weib denn dem wirds nun allmählich klar dass die
Dschinne garnicht lebt sonst könnt er sie doch nicht »Nacht« und »Tod« nennen
Doch was fehlt denn ihrem Dichter
Soll das der Anfang des großen Gedichts sein
Richtig jetzt fällt der Tarub ein dass er ein »Dschinnengedicht« schreiben
will
Sie wird ganz ruhig
Auf einem nicht zerrissenen Papierstreifen steht
»Und ewig bleibt sie still und stumm
Ich dreh mich müd im Kreis herum
Die Dschinne will mir nichts sagen«
»Ha Ha« ruft da die Tarub und schmeisst den Streifen fort dass die Dschinne
nichts sagt kommt der Köchin so schrecklich natürlich vor jetzt ist sie nicht
mehr eifersüchtig ganz und gar nicht
Doch sie fühlt sich jetzt einsamer denn je
Die Einsamkeit ist ihr grässlich
Und sie sehnt sich nach Bagdad zurück
Mit dem Safur ist es ja nicht mehr zum Aushalten sein Gesicht wird immer
hässlicher diese krausen Stirnfalten diese dicke Unterlippe
Manchmal allerdings ist der protte Bär recht in Sorge Safur sieht so krank
aus
Indes sie kann um Safurs Dichterei willen nicht ihr ganzes Leben so
hinfressen das geht nicht
Und Safur mag die Tarub nicht mehr ansehen ihn berührt das Körperliche an
ihr so unangenehm
Er ist sehr höflich zu ihr wünscht aber innerlich dass sie recht bald nach
Bagdad zurückkehren kann
Als Köchin ist sie ihm jetzt garnichts mehr
Er mag nur noch ungern was Besseres essen
Am liebsten isst er Brot und Früchte
In der Lehmkate wird nun alles so merkwürdig
Die Menschen da drinnen haben sich nichts mehr zu sagen sie sind einander
fremd geworden
Zank gibts nicht mehr
Einer geht am Andern vorbei als wär der nicht da
Eines Tages kriegt die Tarub aus Bagdad einen Brief vom Schneider Dschemil
sie möcht doch zu ihm kommen und seine Köchin sein sie solls gut haben er
der Schneider Dschemil sei jetzt sehr reich und wolle öfters Festessen
veranstalten und so weiter
Der Brief kommt der berühmten Köchin nicht ungelegen sie tut allerdings
anfangs so als wolle sie nichts vom Dschemil wissen aber wie Safur ihr ruhig
zuredet gibt sie dem Boten der ihr den Brief brachte einen andern Brief mit
in dem sie »Ja« sagt
Und dann gehts ans Packen
dabei wird ihr allerdings ein bisschen eigentümlich Safur ist ihr doch noch
nicht so ganz gleichgültig durchaus nicht
Sie findet auch jetzt ein sauber geschriebenes Gedicht das sie noch mal
heftig erregt da steht geschrieben und es ist nicht zerrissen
»Die Dschinne singt
Ja unter Deinen weißen Rosen
Will ich heut Abend mit Dir kosen
Horch auf meinen knatternden Peitschenknall
Oh der donnert grausig durchs Weltenall
Wirst ihn schon hören
Ich will um Deine Liebe werben
Mit ganz besondrem Wüstenwitz
Sieh Die mich lieben müssen sterben
Und wen ich küsse trifft der Blitz«
Noch einmal ist die Tarub wieder ganz Liebe zu ihrem Safur noch einmal unter
den weißen Rosen
Und Safur
Der wird zuweilen so wehmütig
Er fühlt dass die Tarub stets das schwere Bleigewicht war das ihn der
immer in eine andre Welt hinauffliegen wollte an die Erde fesselte die Tarub
war seine Sklavenkette
Aber wenn mal diese Sklavenkette abriss was dann
Wirds zu seinem Heile sein
Wirklich
War die Sklavenkette nicht auch zu was gut
Den Dichter fröstelt als berühre ihn eine Totenhand
Jetzt kann er fliegen in das andre Land
Ist das aber nicht der Tod
»Du bist die Nacht
Du bist der Tod«
Das murmelt leise der Dichter und fährt auf den Tigris hinaus er will dichten
Und er dichtet
»Meine Wüstenbraut
Mein dunkles Weib
Komm und küss mich tot«
Und dann wirft der Dichter all sein Papier und sein ganzes Schreibzeug ins
Wasser er will nicht mehr dichten es wird ja doch nichts
Warum soll er auch dichten warum
Er will seine Dschinne sehen seine Dschinne
Es flüstert in der Luft
Safur horcht und träumt und erschrickt zuletzt als ihn die Tarub vom Ufer
aus anruft
Der Kahn der die Tarub nach Bagdad bringen soll ist angekommen
Safur küsst seine Tarub noch einmal so stürmisch als wärs zum »letzten«
Mal
Und dann geht die Tarub fort weinend
Die weißen Rosen duften so wunderbar
Safur steckt noch seiner Köchin ein paar weiße Rosen ins schwarze Haar und
streichelt ihren schwarzen Zopf
Der Abendhimmel ist gelb
Bagdads berühmte Köchin hebt sich prächtig vom Himmel ab wie ein ehernes
Standbild
Safur liegt unten am Ufer und sieht seine Tarub da stehen vor dem gelben
Himmel
Und als der Kahn vom Ufer abgestoßen wird fängt die Tarub furchtbar an zu
weinen
Safur weint auch
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Ein leises Klingen geht durch die Luft
Safur fühlt sich so frei Ihm ist als würd er plötzlich emporgetragen
hinüber ins andre Reich
So als wenn er schwebe ist ihm jetzt
Er hat das Gefühl dass etwas Schweres von ihm genommen wurde er fühlt sich
erleichtert so frei so frei garnicht mehr irdisch
Eine wunderbare Seligkeit umfängt ihn
Wie froh ist er dass die Tarub fort ist
Er sieht plötzlich seine Dschinne vor sich und sinkt auf die Kniee
schließt die Augen und fällt zurück
Wunderbar duften die weißen Rosen
Safur träumt von Wolken und von Huris
Plötzlich hört er knatternden Peitschenknall einen furchtbaren Donner
Der Dichter will die Augen öffnen kann aber nicht er vermag nicht ein
Glied zu rühren
Und der Donner hört nicht auf
Seine Dschinne ist da er fühlt es
Ein Pferd wiehert und dann lacht wer
Ein hellblaues Licht blendet plötzlich des Dichters Augen Er sieht hinein
und sieht seine Dschinne auf schwarzem Ross hoch aufspringen ins blaue Licht
hinein
Die grauen Gewänder der Dschinne flattern und knallen wieder donnerts
Und die Dschinne reitet in den Himmel hinein sie dreht sich um ihre
Peitsche saust knatternd durch die Luft
Ein Stier springt empor ein wilder Stier der sprengt auch in die blaue
Luft hinauf
Safur erhebt sich ein Sturmwind erfasst ihn und im nächsten Augenblick
sitzt er auf dem Stier und nun gehts der Dschinne nach
Schwefelgelb wird die Luft
Auf grauen Wolken rasen der Dschinne Ross und Safurs Stier
Ein Blitz zerreißt die gelbe Luft
Aus tausend Kehlen lacht es
Über die Wolken hin rast vor dem Stier ein unzählbares Reiterheer König
Saiduk mit seinen Dschinnen
Und die Dschinne die er verfolgte stößt ihr Pferd in die Tiefe und schwebt
zum König und umhalst ihn Safur schreit und da fällt er kopfüber von seinem
Stier runter in die Tiefe sieht nichts mehr
Wie Safur erwacht liegt er am Tigrisstrande und der Vollmond leuchtet über
den Wassern und die weißen Rosen duften
In einigen Wochen wird Safur ein ganz Andrer Seine Augen liegen hohl im
Kopf und sein Leib ist abgemagert wie ein Gespenst geht er am Strande auf die
Jagd
Oft sieht er Hyänen
Unstet ist sein Blick scheu als hätt er ein Verbrechen begangen
Ans Essen denkt er nur selten
Wenn er aber angefangen hat zu essen dann isst er mit furchtbarem
Heisshunger Gewöhnlich schlingt er das ungekochte Fleisch wie ein wildes Tier
runter
Jetzt trinkt er mit Vorliebe heißes Blut
Und er wird dann immer sehr wild
In jeder Nacht fiebert er
Und seine Fieberträume sind entsetzlich
Er verfolgt immer seine Dschinne
Auch die Tarub erscheint ihm und sie ist sehr gut zu ihm sagt immer
»Sieh wenn Du mich nicht gehabt hättest dann hättest Du doch nie die
Dschinne geliebt Mir verdankst Du alles Das RohKörperliche hat das Geistige
erzeugt die Dschinne ist ja meine Tochter weißt Du das nicht«
Und diese Rede hört er mehrere Male und er wird dann immer sehr aufgebracht
und zankt sich mit der Tarub
Nachher jagt er wieder dem König Saiduk nach und prügelt sich mit ihm der
aber würgt ihn immer was furchtbar ist
Wenn dem tollen Dichter ein Eremit begegnet so verbirgt der sich im
nächsten Gebüsch
Zuweilen sind des Dichters Fieberträume sanfter besonders wenn der Mond
nicht scheint Dann träumt er wohl von prächtigen Gärten in denen er von vielen
schönen Frauen ganz langsam umhergetragen wird
Von Riesensphinxen träumt er auch deren Haupt ragt hoch in den Himmel bis
an die Sterne und die Brüste der Sphinxe sind so groß wie Erdkugeln oh
noch größer
Die ruhigen Träume werden jedoch immer seltener
Von den beiden Riesen Harut und Marut die in der Beluspyramide an den
Füßen aufgehängt sind träumt dann auch mal der Dichter
Wie er aber einmal erst von denen träumte kann er sie nicht wieder
vergessen
Er glaubt immer sie verfolgten ihn sie gingen hinter ihm mit den Köpfen
an die Erde stossend und zwischen ihnen seine Dschinne
Und diese Vorstellung lässt ihn nicht mehr los
Er will andre Geister zu Hilfe rufen
Er betet auf den Knieen zum König Saiduk
Nun will er unter allen Umständen in die überirdische Welt hinein er muss
er kann nicht mehr anders
Wenn er in der Lehmkate sitzt und brütet ist ihm so als wären Harut und
Marut draußen vor der Tür und würgten seine Dschinne seine Dschinne
»Mein Weib Mein Weib« schreit er dann und stürmt hinaus
Indessen da kommts ihm immer so vor als wenn Harut und Marut blitzschnell
mit der Dschinne ins Haus hineinschlüpfen
Immer sind sie hinter der einen Wand ob er nun vor der Kate oder mitten in
der Kate steht
Seine Blicke durchbohren die Wand
Er will hinter die Wand kommen hinter die Wand hinter die dumme Wand
Wie ein wildes Tier schreit er hin und wieder dass es schaurig nachts über
die Wasser hallt
Alle seine Muskeln spannen sich an er fühlt in sich übermenschliche
Riesenkräfte er will Harut und Marut vernichten
Grässlich schreit er daher jeden Abend
»Harut Marut Kommt heraus Harut Marut Ich erwürg Euch Harut Marut«
Wer auf dem Wasser vorbeirudert und das hört schaudert zusammen
Niemand wagt dem Dichter zu nahen
Eines Abends wie wieder der Vollmond über dem Tigris steht und sanft
leuchtet schreit Safur lauter denn je
Er will durch die Wand durch durch die dumme Wand grade da will er
durch wo eine rote Tontafel eingelegt ist aus der wunderliche Figuren
herauskommen
Er will da durchaus durch
Noch einmal schreit er wie ein wildes Tier
»Harut Marut Jetzt komm ich Mein Weib Mein Weib Harut Marut Jetzt«
Und mit fürchterlicher Kraft rennt er mit dem Kopf gegen die Lehmwand dass
sein Haus erzittert und dass sein Schädel birst
Mit gellendem Schrei bricht der Dichter zusammen
Die Hyänen kommen langsam näher
Wunderbar duften die weißen Rosen
Vierundzwanzigstes Kapitel
Die Sterne verblassen
Der Wind weht sanft über den Tigris
Es wird wieder Morgen
Die Christen feiern in Bagdad Neujahr und schreiben das Jahr 897
Die christlichen Weinwirte sind sehr freigebig gewesen gaben in der
letzten Nacht so manchen dicken Weinschlauch zum Besten
Man darf sich also nicht wundern dass sich Bagdad an diesem christlichen
Neujahrsmorgen in recht gehobener Stimmung befindet
Abu Hischam der mit Kodama fast die ganze Nacht Schach gespielt hat kehrt
noch auf der Tigristerrasse ein da lärmen die Tofailys
Abu Hanifa und Hamadany sind auch da
Die Tofailys zanken natürlich Sie hassen sich sie beneiden sich sie
verleumden sich wie gewöhnlich
Es ist bekanntgeworden dass der verstorbene Safur das Wort »Tarub« zuletzt
als Schimpfwort gebrauchte dass er das ganze ungebildete Volk »Tarub« nannte
Das hat sich sehr schnell herumgesprochen
Und nun gehört die Tarub wieder zu den »berühmtesten« Persönlichkeiten der
arabischen Literatur
Hamadany ist Tarubs Geliebter
Buchtury und Abu Hanifa machen sich ein Vergnügen daraus Tarubs Vorzüge in
den Schatten zu stellen
Abu Hanifa der jetzt schon einen Ruf als Spötter genießt weist zunächst
mit höhnischem Gesicht auf die Tugenden der Tarub hin preist ihre Gesundheit
ihren echten Zopf ihre starken Zähne ihre Kenntnis der Gemüsearten ihre
Sauberkeit ihre Arbeitsamkeit ihre Klatschsucht ihre Grobheit ihre einfachen
Sitten und und Abu Hanifa will sich totlachen
Schon möchte der Hamadany ärgerlich werden da kommt jedoch der Abu Hischam
und nimmt die Tarub in Schutz
»Kinder« erklärt er lachend mit dem Becher edlen Weins in der Hand
»Kinder was wär die Welt wenn wir keine Tarubs hätten Ihr seid ja sehr feine
Köpfe sehr feine Köpfe können aber Köpfe ohne Leiber leben seht Ihr Da
habt Ihrs die Tarubs sind die Leiber die sind auch nötig grade für Euch Die
Tarub die ich bekanntlich ebenfalls sehr liebe ist für die Entwicklung der
arabischen Literatur garnicht so unwichtig gewesen Wie oft hat uns Bagdads
berühmteste Köchin was Gutes gekocht Kinder ich glaube es gäbe unter uns
keine Verfeinerung wenns keine Tarub gäbe Tarub lebt unter uns wien erzenes
Standbild Ja Tarub ist das einfache Volk aber das bleibt und trotzt allen
Stürmen ist das garnichts Die feinen Köpfe gehen gewöhnlich entzwei die
Tarubs gehen nicht so leicht entzwei ist das nicht wahr«
»Ja« schreien Alle und lachen andre Tofailys stehen herum und hören zu
Abu Hischam schwankt fällt bald nach hinten bald nach vorn redet aber ruhig
weiter wie ihn zwei Tofailys festhalten
»Unsinn« ruft er laut »Unsinn ist die dumme Feinheit Beim Barte des
Propheten die Gesundheit ist doch auch was Ich trinke auf Tarubs Gesundheit«
Mit Gejohle klirren die Becher zusammen
Abu Hanifa schreit heftig
»Nur die Kranken preisen die Gesundheit Den Gesunden fällt das nicht ein«
Doch diese Bemerkung stört den lustigen Philosophen nicht im mindesten er
spricht weiter
»Meine Freunde Safur musste stets einem Idole nachjagen das garnicht lebt
also erzählte mir gestern der Prophet Abu Maschar ich laufe einem Idole nach
das wirklich auf der Erde da ist dem wir alle nachlaufen sollten Die Tarub ist
mein Idol das bet ich an Die Tarub ist das eherne Götzenbild das wir alle
umtanzen sollen sie ist was Festes sie steht in unsrer Mitte Da nun aber
Bagdads berühmte Köchin nicht hier ist so lasst uns ihren Geliebten den
Hamadany umtanzen«
Der Philosoph konnte kaum ausreden
Eh er sichs versah war Hamadany umringt und man tanzte um ihn rum
Das sah sehr drollig aus
Der Lärm schallte über den Tigris der aufgehenden Morgensonne entgegen
Wie sich die Aufregung ein bisschen gelegt hat geht Hamadany fort zu
seiner Tarub
»Heut Abend also bei Dschemil« ruft er noch lachend den Andern zu
Der Schneider Dschemil ist jetzt auch berühmt und wie
Die Tarub weinte viel das zog den Hamadany an er wollte sie trösten
und so kamen sie zusammen
Hamadany betrinkt sich garnicht mehr um seine berühmte Köchin nicht an den
Safur zu erinnern
Über den Karawanenplatz der im Frühlicht so farbenfrisch aufleuchtet wie
ein Haufen bunter Edelsteine reitet der Prinz Ali mit großem Gefolge er
will auf den Sklavenmarkt
Die jungen Araber die betrunken nach Hause wanken begrüßen den Prinzen in
sehr eigenartiger Weise sie stehen während er vorbeireitet auf einem Beine
was ihnen natürlich nicht leichtfällt
Diese Begrüssungsart entspricht einem besonderen Wunsche des Prinzen
Den Fremden ist es jedoch verboten den Prinzen auf einem Beine zu begrüßen
Der Ali hat noch immer die merkwürdigsten Einfälle
Es liegt in der Zeit eine gewisse Sucht nach auffälligen Geschichten Jeder
will bemerkt und »berühmt« werden dabei belacht zu werden gilt nicht als
Schande im Gegenteil
Der Prinz ärgert sich drum auch garnicht als er auf dem Sklavenmarkte mit
einem Spottliede empfangen wird das ihm hauptsächlich die Frauen gern zu hören
geben da er seiner ungewöhnlichen Neigungen wegen ebenfalls »berühmt« ist
Das sehr harmlos klingende Spottlied geht also
»Prinz Ali ist ein Mann
Prinz Ali ist ein Mann
Der wunderschön regieren kann
Man seh ihn sich nur länger an
Prinz Ali ist ein Mann«
Diese nicht grade geistreichen Verse haben zum Ruhme des Prinzen sehr viel
beigetragen er hört sie deshalb zuweilen mit größtem Wohlgefallen
Sein Bruder der Prinz Abdallah der durch seine eigenen Gedichte berühmt
werden will ist ordentlich neidisch auf dieses Spottlied auf ihn hat man noch
keins gemacht
Die Zeit leidet an Ruhmsucht
Abu Hanifa sagt Jedem dem was fehlt
»Mensch sei vergnügt Wenn man nur berühmt ist dann ist Alles gut«
Unzählige Araber murmeln ihm nach
»Wenn man nur berühmt ist«
Drollige Zeit
Von dem Chalifen hört man nicht mehr viel Man weiß garnicht mehr »wer«
eigentlich an der Regierung ist fragt auch nicht danach
Sehr viele religiöse Sekten werden gegründet
Der nichtswürdige Dichter Al Rumy ein Anführer der Tofailys hat auch eine
neue Religion gegründet deren Kultus sich um Wettlaufen Faustkämpfe und
Ringkämpfe dreht
Al Rumy hält die Leibesübungen für die besten Erlösungsmittel und preist die
in sehr marktschreierischer Weise an bei den Tofailys erzielt er einen
ungeheuren Erfolg
Die Tofailys verbesserten durch Al Rumys Religion die Aufnahmefähigkeit
ihres Magens
Osman beschäftigt an die hundert Schreiber
Die lauteren Brüder schreiben ja nicht allzu viel dafür schreiben aber die
Tofailys um so mehr besonders Dschinnengedichte werden von den letzteren
geschrieben
Buchtury hat auch ein langes Gedicht geschrieben in dem kommt eine
Dschinne vor die so viel isst und danach so dick und schwer wird dass sie
schließlich ihrem Hengst das Rückgrat zerbricht
Abu Hanifa schreibt über die Omijaden
Kodama schreibt Vorreden zu den Werken der älteren arabischen Literatur
Der alte Suleiman ist so gut wie verschollen er soll in Kufa leben Er
verschwand als sich die Sailóndula in den Tigris stürzte und ertrank
Jakuby klettert in den Ruinen von Persepolis umher und gedenkt nach
Nordchina zu pilgern unermüdlich ist der alte Herr
Die Sareppa hats Genick gebrochen
Die Abla ist krank
Said ist auch gestorben
Die arabische Literatur versammelt sich jetzt beim Schneider Dschemil
Es geht dort allerdings ein bisschen gemischt zu
Battany und Osman besuchen den Schneider nicht die haben sich
zurückgezogen
Osman gibt zuweilen einem ganz erlesenen Kreise von Gelehrten ein
fürstliches Abendessen mag jedoch die meisten lauteren Brüder nicht zu oft bei
sich sehen
Aus der »Gesellschaft der lauteren Brüder« ist jetzt wirklich ein
abgeschlossener Geheimbund geworden
Und zu diesem Geheimbunde gehören diejenigen die einst den Bund gründeten
zum großen Teile nicht mehr
Die Inder und die Ägypter die bei Al Battany ständig zu Gaste sind haben
sich ganz und gar des Bundes bemächtigt
Die Bundesangelegenheiten werden sämtlich in den Gärten des reichen Al
Battany erörtert Osman wird immer seltener zu Rate gezogen an die andern
Araber denkt man garnicht
Bei den Indern hat sich beinahe eine Feindschaft gegen das Arabertum
ausgebildet und öfters zog man in gehässigen Ausdrücken gegen den armen Safur
los in dem man das Urbild des Arabers sehen wollte der an seiner Genussgier zu
Grunde gehen musste
Als Osman den Toten mal in Schutz nahm ihn besonders als Dichter sehr
herausstrich und schließlich sagte
»Seine Tollheit war eine ganz ernste Tollheit er hatte Vieles in sich was
ihn sehr berühmt gemacht haben würde« da ward der kühne Schreiber fast
garnicht mehr von Battany eingeladen
Dass Safur ein echter Araber vom Scheitel bis zur Zeh war daran zweifelte
natürlich im Volk und unter den Tofailys kein Mensch bei Battany wurde ihm das
aber zum Vorwurf gemacht was glücklicherweise nicht allgemein bekannt
geworden ist sonst wärs dem Battany noch schlecht ergangen
Safurs Einfluss auf die Tofailys war recht groß die waren im Jahre 897
sämtlich große Feinschmecker geworden und viele von ihnen schrieben
Dschinnengedichte
Nicht immer das Beste kommt an die Oberfläche
Die Sternwarte ist fast verödet
Abu Maschar steht zwar noch immer auf dem Mittelturm und rechnet sonst ist
es aber ganz still die Mongolen reiten unten nicht mehr herum Battany hat
sich eine neue Sternwarte in seinem Garten erbaut
Der Prophet steht auf seinem Mittelturm wie ein Gespenst auch an dem
christlichen Neujahrsmorgen
Wie das Spottlied auf den Ali vom nahen Sklavenmarkt herüberhallt murmelt
der Prophet lächelnd
»Aha Ali kommt«
Und der Prophet rechnet weiter
Später sagt er seufzend
»Ach Ali kommt immer Auch die Lächerlichkeit ist unsterblich Und da
behaupten die Menschen noch dass sich die Welt entwickle Nein die entwickelt
sich nicht Die Welt wird nach tausend Jahren genauso klug und genauso dumm sein
wie sies heute ist«
Und der Prophet achtet nicht drauf dass die Sonne allmählich höher und höher
steigt und heißer wird
Der Prophet rechnet wieder rechnet