Maria Janitschek
Ninive
1
Es war eine lange Gasse mit niederen Häuschen und Bäumen davor in der Frau
Lobreis wohnte Am Ende der Gasse stand die alte Kirche mit ihrem etwas schiefen
Turm und der grünlichen Patina auf dem steil abfallenden Dach Früher vor
Jahrhunderten war das Kirchlein katholisch gewesen jetzt gehörte es den
Evangelischen
Alle Sonntage war Gottesdienst Dann erklang eine alte wundersame Orgel und
der Pfarrer ein weisshaariger Greis sprach von der Güte Gottes Manchmal wenn
die Kirchtüre geöffnet blieb schlüpfte wohl gar eine Schwalbe in den
dämmerigen Gottesraum Dann kicherten die Kinder und stießen sich verstohlen an
Es war ein stiller Winkel dieses Sienental und wie für müde Menschen zum
Ausruhen geschaffen Die aber noch nicht müde waren fanden es unerträglich
langweilig Zu diesen gehörte auch Johanne Grün die achtzehnjährige Enkelin der
Frau Lobreis Ihre Eltern waren schon vor Jahren gestorben sie selbst war
damals noch so jung gewesen dass sie sich ihrer fast nicht mehr erinnerte Sie
lebte mit ihrer Großmutter zusammen Seit die alte Frau das Gehör verloren
hatte sprachen sie wenig miteinander Johanne besorgte die kleine Wirtschaft
Das Häuschen enthielt nur drei Stuben die bald in Ordnung gebracht waren
Ebenso der kleine Garten in dem sie ihr Gemüse pflanzten Hie und da erschien
ein oder das andere flachshaarige junge Mädchen bei Grossmuttern um Grüße von
den Eltern zu bestellen die Alte ging nie aus oder mit Johannen ein
Viertelstündchen zu plaudern
Aber das geschah nicht zu häufig
Da wars denn recht ruhig in dem kleinen Haus Johanne blieb sehr viel sich
selbst überlassen Sie strickte Strümpfe in allen Farben und Längen und
beschenkte alljährlich die Großmutter mit verschiedenen »Haussegen« Nadelkissen
und ähnlichen mühsam und zierlich hergestellten Arbeiten Aber die Zeit wollte
ihr trotz des Fleißes nicht schneller vergehen
Manchmal wenn es ihr gar zu einsam wurde verließ sie das Haus und besuchte
einen der beiden Orte die ihre einzige Freude bildeten Da war die Kirche mit
ihrer dämmerigen Halle wo sichs so herrlich träumen ließ oder der alte Kaffee
und Zuckerladen an der nächsten Ecke wo man gegen geringes Entgelt auch Bücher
zu leihen bekam Die Bücher die sie da holte hatten ebenfalls einen leisen
Modergeruch an sich Es waren verschiedene alte Autoren die mit fleckig
gewordenen Kupfern geziert waren Fräulein und Frauen im Keifrock mit hohen
Frisuren und süsslichem Lächeln oder Jünglinge mit stolzen Zügen die irgend
eine Heldentat vollführten sah man da
Seit der bejahrte Ladenbesitzer gestorben war und eine entfernte Verwandte
man hielt sie wenigstens dafür das Geschäft übernommen hatte gabs auch neue
Bücher zu lesen Johanne brauchte keine Leihgebühr zu bezahlen da sie
sämtlichen Hausbedarf in dem Laden kaufte Die Ladeninhaberin die aus einer
großen Stadt gekommen war schwärmte mit ihr um die Wette für »interessante
Geschichten« Sie war ein älteres Fräulein das wenig Aussicht mehr im Leben
hatte und deshalb sofort hierhereilte das Erbe zu übernehmen Sie lasen
Erzählungen von Christoph Schmid und Klauren mit derselben Andacht sie weinten
über das Schicksal der Helden Bulvers und regten sich über Eugen Sue auf Am
meisten ergriff Johanne in jener Zeit ein Band von der seligen Mühlbach der
»Berlin vor fünfzehn Jahren« hieß und sehr rührselig geschrieben war Manchmal
kamen dann einige moderne Autoren hereingeschneit die im Auftrage des Fräuleins
von den Verwandten in der Stadt für das Geschäft zu billigem Preise eingekauft
wurden Dann saß Johanne halbe Nächte über die Blätter geneigt das heiße
Gesicht in die Hände gestützt und las Und die Großmutter schüttelte
missbilligend den Kopf und schalt über den Lichtverbrauch wenn sie am andern Tag
den langen verkohlten Docht in der Oellampe sah
Die Leute im Markte nannten Johanne wegen ihrer Lesewut scherzend die
Märchenprinzessin Äusserlich sah sie aber keiner Prinzessin ähnlich Sie war
mittelgross besaß ein etwas stumpfes Näschen einen kindischen Mund der fast
immer ein wenig geöffnet stand eine schmale nicht besonders schön geformte
Stirne und reiches braungoldnes Haar das sie aber recht ungeschickt
aufsteckte Nur eine Schönheit war ihr eigen Ein Paar großer lieber blauer
Augen voll träumender Sehnsucht und Kindergüte Über diesen Augen wölbten sich
tiefschwarze Brauen in schönen Bogen gezeichnet Der alte Pfarrer pflegte wenn
er die Großmutter besuchte mit den Fingern über diese Brauen zu fahren
»Wirklich nicht gefärbt« sagte er dann jedesmal die Spitzen seiner Finger
aufmerksam betrachtend Johanne wurde immer sehr rot und lachte Einmal als er
kam fand er sie strickend und dabei lesend
»Was liest du denn da« fragte er Sie reichte ihm das Buch hin Es war ein
Roman Walter Scotts Der Pfarrer sah sie missbilligend an
»Wie kannst du solches Zeug lesen Das verdreht dir den Kopf Du müsstest
weniger lesen und mehr im Haus arbeiten«
Solange die Großmutter lebte ließ sich wenig tun
Abends ging Johanne zu Fräulein Wewerka und klagte ihr dass der Pfarrer sie
ausgescholten hätte
»Ach in einem so langweiligen Nest« meinte das Ladenfräulein »was soll man
denn anders tun als lesen besonders wenn man so allein steht wie Sie Lesen
Sie nur weiter das ist kein Unrecht«
Da augenblicklich niemand in den Laden kam setzten sich die Beiden auf das
alte schwarze Ledersopha und plauderten
»Nirgends ists so gemütlich wie bei Ihnen« meinte das junge Mädchen und
blickte in dem engen verräucherten Stübchen umher
»Das machen wohl nur die vielen Bücher auf den Wandregalen« sagte Fräulein
Wewerka »mir kommts schrecklich ungemütlich hier vor Ich bin an die großen
Räume in der Stadt gewöhnt aber was will man machen Hätte ich das Geschäft
verkauft so wäre ich sicher dabei zu kurz gekommen So trägt es mir wenn auch
nicht hohen aber sichern Gewinn von dem ich später einmal in der Stadt leben
kann«
»Also Sie gehen wieder dahin zurück« Johanne blickte sie neidvoll an
»Ja später nach einigen Jahren sagen Sie es aber noch niemandem«
»Mein Gott wie schön muss es dort sein« seufzte die Kleine
»Und die vielen berühmten Leute die in so einer Stadt wohnen der Kaiser
und die Generale und die Künstler alle« setzte Fräulein Wewerka hinzu »Mein
Bruder ist Redakteur einer Zeitung und selbst Schriftsteller alle die
bekanntesten Dichter kommen zu ihm und unterhalten sich mit ihm Auch große
Schauspieler und deren Frauen Das ist herrlich Da weiß man doch dass man lebt
und auf der Höhe seiner Zeit steht«
»Ach ja jawohl« die Augen des jungen Mädchens glänzten »wenn ich doch auch
einmal dahin könnte Aber ich habe keinen einzigen Menschen da«
»O was das betrifft« meinte das alte Fräulein »ist man erst dort so macht
man genug Bekanntschaften«
In diesem Augenblick ertönte mit dünnem Klang die Ladenklingel Betty
Wewerka erhob sich um die eintretenden Kunden zu bedienen Johanne schüttelte
ihr die Hand und entfernte sich das erhaltene Buch sorgsam unter ihrem Tuche
verbergend
So wenig inhaltreich das Gespräch war für Johanne barg es dennoch eine
Fülle Stoffes zum Nachdenken Sie konnte die ganze Nacht nicht schlafen Sie
hatte noch keine große Stadt gesehen und ihre Phantasie zauberte ihr Bulvers
Pompeji vor Marmor auf den Straßen herrlich gekleidete Menschen Häuser aus
edlem Gestein Gärten voll köstlicher Gewächse Und in dieser prächtigen
Umgebung schritten sie dahin die Berühmten klassisch schöne Gestalten denen
man es ansah dass sie wunderbare Bücher schrieben und himmlische Musik machten
»Da weiß man dass man auf der Höhe seiner Zeit steht« Ach Gott ja Mit
einem Seufzer kehrte sich Johanne zum dreissigsten Mal in dieser Nacht in ihrem
Bettchen um und entschlief endlich Am Morgen saß sie verträumt am Herde und
bereitete das Frühstück Drin in der Stube gröhlte die Großmutter dass der
Kaffee so lange auf sich warten lasse Johanne machte ein Mäulchen Heute zum
ersten Mal fand sie dass die Großmutter doch gar zu wenig auf sich hielt Sah
sie eigentlich nicht aus wie eine Hexe in ihrem blauen altmodischen
Tuchspenzer über dem schwarzen kurzen Rock der die in Filzschuhen steckenden
Füße sehen ließ Und diese große schwarze Bänderhaube die sie wer weiß wie
lange schon trug und aus der ihr verrunzeltes blasses Gesicht fast unheimlich
hervorblickte Auch krochen immer ein paar Büschel fahler Haare aus der Haube an
den Schläfen hervor Und manchmal konnte sie ordentlich wild aussehen die
Großmutter wenn ihr etwas gegen den Willen geschah denn sie hatte noch recht
lebendige Augen graue durchdringende und es wäre schwer gewesen sie
anzulügen Freilich in dieser verblichenen wenig schönen Hülle steckte ein
wackeres braves Herz das viel gelitten und viel gekämpft hatte
Während Johanne sie mit weniger zärtlichen Blicken als sonst betrachtete
fiel ihr dies plötzlich ein und sie trat leise zu ihr und zog ihre Hand an die
Lippen
Dann ging sie um Raupen von den Kohlköpfen zu suchen
Trotzdem äußerlich alles war wie gestern innerlich tief in ihr drängten
sich fremde neue Bilder Am Nachmittag besuchten sie zwei junge Mädchen
Sie plauderten wie immer ihre harmlosen Neuigkeiten aus Nachbar Hausners
Hahn war abgestochen worden weil er von Alter blind war und die Körner im
Futtertrog nicht mehr sah Fiedlers Karl hatte seinen Schuhladen neu
angestrichen und die Bäckerliese hatte endlich das ersehnte kleine Mädchen zu
ihren fünf Buben gekriegt
Johanne bemühte sich ein interessiertes Gesicht zu zeigen Aber bei sich
dachte sie sonst gibts nichts Die jungen Mädchen fanden sie einsilbig und
sie fand die jungen Mädchen langweilig und so trennten sie sich zum ersten Mal
weniger herzlich als sonst Als sie fort waren und die Großmutter wie
gewöhnlich in ihrem Sessel schlafend saß während das Strickzeug müßig in ihrem
Schoss lag zog Johanne ihr Buch hervor Es waren Gedichte und der Mann der sie
geschrieben hatte hieß Hans Tage
Johanne las von blauen Lüften mit singenden Sternen von heimlichen Wäldern
mit Vögeln die träumten und im Schlaf ihr goldenes Gefieder wiegten Sie las
von Menschen die mit Kronen auf den Häuptern umherschritten und jeden sie
Begegnenden »du« und »Bruder« nannten von großen Festtafeln die sich von einem
Ende der Stadt zum andern zogen und nie leer wurden so dass es keinen Hunger
mehr im Lande gab Von köstlichen Spielen an denen alle auch die keinen
Reichtum besaßen teilnehmen durften Von Kraft Schönheit Gesundheit die
Jeder haben konnte der sie begehrte Sie las und las und weinte warme junge
Tränen über diese Welt voll herrlicher Güte die der edle Dichter den Armen
schenken wollte und auch schenkte wenn auch nur auf den Buchseiten Johanne
küsste den Namen des Autors und saß die Hände im Schoss gefaltet lange Stunden
in seligem Rausche da Was musste das für ein Mensch sein der so Herrliches
schrieb
Eine Art Christus ein ganz Grossartiger
Und schön musste er sein der so dichten konnte
Gleich einem Menschen der Vorzeit mit Schultern stark wie aus Marmor die
mitleidig das ganze Leid der Menschheit auf sich laden wollten mit Händen die
vor Gnade tropften mit Augen leuchtend und groß und blau wie die Südsee
Der stand auf der Höhe seiner Zeit Wer doch seine Hand berühren ihm ins
begeisterte Auge schauen durfte Mit ihm sprechen Geist von seinem Geist
empfangen Johanne suchte schauernd und glühend ihr Schlafstübchen auf
Im Sommer glich Sienental einem blühenden Garten in dem sich die kleinen
Häuser wie Lustäuschen ausnahmen Auch die »Hauptstraße« die lange Gasse in
der Johanne wohnte war voll vom Dufte der Linden dem Gezwitscher der Vögel
Man konnte sich sehr wohl fühlen in diesen Gässlein auf diesen Plätzen wo
das Gras zwischen den Steinen wucherte und Gänse Enten und gackernde Hühner
umherstiegen
Aber im Winter Als ob alles ausgestorben wäre Selbst der Klang der alten
Orgel drang nur spärlich herüber und besaß nicht die Macht den dicken eisigen
Nebel zu durchbrechen der über der Gegend lagerte Dann schlichen die Leute in
große grobe Tücher gehüllt umher und nur ihre vor Kälte bläulichen Nasen
guckten aus den Hüllen Und jeder hielt sich soviel wie möglich im Innern seiner
Wohnung auf und draußen war alles voll unbetretnen Schnees und voll Einsamkeit
Johanne erschienen diese leeren langen Tage und Abende an der Seite der tauben
Großmutter unbeschreiblich traurig Sie saßen dann einander gegenüber die Alte
nickte und die Junge beschäftigte sich mit irgend einer Handarbeit und
beobachtete dabei das Gesicht der Greisin
Und dann dachte sie so werde auch ich einst aussehen wenn ich alt bin und
sie konnte nicht genug staunen wie diese Frau mit dem eingetrockneten fahlen
Gesichte einmal rund und rosig und schön war und Liebe und Gefallen erregt
hatte
Und doch war ihr oft genug erzählt worden dass ihre Großmutter die schönste
Frau in Sienental gewesen sei und ehe sie ihren Mann den Gemeindeschreiber
geheiratet hatte von Freiern umlagert war
Einmal sagte der Pfarrer zu Johanne »Du müsstest frömmer sein Kind dann
vergingen auch deine schwermütigen Gedanken
Siehst du wer einen liebenden Vater über sich im Himmel weiß und ein
reines Herz hat wen keine Sorgen und Krankheiten plagen der ist doch töricht
wenn er sich nicht glücklich und zufrieden fühlt« Der gute Pfarrer Das war
alles schön und wahr aber
Wenn doch der liebe Vater im Himmel ein wenig näher gewohnt oder sich
manchmal herab bemüht hätte dass man den Kopf auf seine Füße drücken und ihm
hätte sagen können wie lieb man ihn habe Johanne sehnte sich leidenschaftlich
nach einer blutvollen Wirklichkeit Und da sie durch ihr beständiges Denken und
Grübeln und durch das viele Lesen über die Interessen junger Mädchen ihres
Alters hinausgewachsen war so blieb ihr nur ein Mensch mit dem sie sich
leidlich unterhalten konnte das Ladenfräulein an der Ecke Fast jeden Abend saß
Johanne ein Stündchen dort und hörte mit glänzenden Augen den wahren und
erdichteten Geschichten zu die Betty Wewerka ihr erzählte Manchmal brachte sie
auch konfuses Zeug vor dass das junge Mädchen an ihrem gesunden Menschenverstand
zu zweifeln begann Dann rötete sich ihre spitze Nase und die kleinen schwarzen
Augen nahmen einen irren unbestimmten Ausdruck an Aber sie fand sich meist
wieder zurecht und ging dann schnell über ihren seltsamen Zustand hinweg
Natürlich bildete die große Stadt den Schauplatz ihrer Erzählungen und ihr
Bruder der berühmte Schriftsteller war der Held
Johanne kannte bereits jede Straße jeden Platz jedes größere Gebäude
dieser gerühmten Stadt Einmal erzählte ihr Betty von den köstlichen
Gartenanlagen die sich dort befänden »Das muss ja das reine Ninive sein« rief
Johanne die eben einen exotischen Roman las in dem Frau Semiramis vorkam
Und seit dieser Zeit nannte sie den Schauplatz von Bettys Geschichten
scherzend Ninive Man wird unwillkürlich zu Übertreibungen geneigt wenn man
seine Lieblingsstätten jemandem schildert umsomehr wenn dieser Jemand gar so
wenig mit seiner Verwunderung und naiven Freude geizt wie Johanne Sie hetzte
die Andere förmlich die Wunder der Großstadt noch wunderbarer zu schildern als
sie waren Und jemehr Johanne mit ihrer Phantasie sich in die Ferne hineinlebte
und wünschte um so entfremdeter wurde ihr die Nähe Der Ort wo man nichts
erfahren hat lässt einen kalt sei er auch noch so schön Erst das Erlebnis
gibt ihm die Weihe macht ihn lieb interessant Johanne hatte hier nichts
durchlebt als eine Schulzeit die ihr heute sehr langweilig erschien viele
viele mit Handarbeit ausgefüllte Stunden Nächte in denen ihr nichts träumte
und Tage die kein Ende zu nehmen schienen
Ihr war es als ob drüben in »Ninive« mächtige Ereignisse auf sie warteten
große Wandlungen ihres Lebens ihrer harrten Ihre junge Seele war überaus
hungrig denn sie war ganz leer weder schlecht noch gut weder zum Höchsten
noch zu Niederm geneigt die Seele eben eines jungen Mädchens das noch nichts
erfahren hat als den Frieden seines Hauses Augenblicklich lebte in ihr eine
große warme Liebe zu jenen Menschen deren Werke sie las Alle zusammen könnte
sie persönlich kennen lernen wenn sie hinüberkäme in die »Wunderstadt« meinte
Betty Auch Hans Tage lebte dort der Dichter mit dem weichen gnädigen Herzen
Eines Tages schob die Großmutter die Suppe mit einer Bewegung des
Widerwillens zurück
»Versalzen«
Am andern Tage brummte sie »Der Kaffee ist verbrannt er schmeckt gallig«
Am dritten Tage schlief sie immerfort und war kaum zu bewegen die Augen zu
öffnen Da nahm Johanne die Hände der alten Frau in die ihren und hauchte
darauf denn sie waren eiskalt Sie sah ratlos im Stübchen umher Die alten
bräunlichen Möbel in ihrer großen derben Eckigkeit konnten ihr nicht raten
Sie breitete eine gewärmte Decke über die Großmutter und ging zum Arzt Das
war ein alter grober Mann der schon seit mehreren Dezennien hier Kranke heilte
und tötete wies eben kam Aber man rief doch lieber ihn als den modischen
Medizindoktor der einen goldnen Klemmer auf der Nase sitzen hatte feine
gestickte Wäsche trug und furchtbar über die dummen Sienentaler schimpfte Der
Doktor verordnete der alten Frau heißen Wein in den Eierdotter gesprudelt
waren einen warmen Ziegelstein unter die Füße und wenn dies nicht half den
Pfarrer
Es half wirklich nicht Sie tat immerzu als schliefe sie und stand auf
nichts Rede und Antwort Johanne holte ein paar Nachbarinnen weinte und ging
endlich zum Pastor Der kam legte seine Hand der Kranken auf die Stirne und sah
ihr lange in das wachsfarbene Gesicht Er sprach auch einige leise Worte zu ihr
als sie aber regungslos blieb faltete er die Hände zu einem stummen Gebet und
schritt leise hinaus Draußen stand Johanne zitternd und sah ihn an Er lächelte
mild und nahm ihre Hand in die seine
»Sie schläft hinüber sei ganz ruhig und lass sie Gegen Abend komme ich
wieder«
Und als abends die Lichtlein im Orte angezündet wurden und der Hofhund des
Nachbars kläglich zu weinen begann öffnete der Geistliche behutsam die Tür und
sah die Großmutter wie nachmittags in ihrem Bette ruhen aber ein weißes
Tüchlein lag auf ihrem Antlitz
Da nahm er das am Bett schluchzende Kind das er getauft und konfirmiert
hatte in seine Arme und sagte
»Nun stark sein Kleine Wir alle haben einen Tag vor uns da man ein
Tüchlein über unser Gesicht breitet«
2
Johanne erhielt einen Vormund
Es war ein alter Mann der früher das Schlächtergeschäft betrieben hatte und
jetzt in einem kleinen Hause mit seiner kränklichen Frau der Ruhe pflegte
Er war ein guter Freund der Großmutter gewesen und es schien allen
natürlich dass er die Sorge um das junge Mädchen übernahm Seltsam weder die
alte Frau noch der Pfarrer noch Ritter der Vormund hatten sich jemals die
Frage vorgelegt was geschieht mit dem jungen Mädchen wenn es einmal allein in
der Welt steht Der Verkauf des Häuschens mit dem Garten würde kaum mehr als
vier fünftausend Mark ergeben haben Davon konnte aber kein Mensch leben Also
lag es nahe dass Johanne sich irgendwo als Magd verdingte
Auf dem Lande brauchen sie aber kräftige Dirnen die gut feldarbeiten
können Und Johanne war eher schwächlich als stark Außerdem verstand sie gar
nichts von der Landwirtschaft Was sollte man mit ihr beginnen Ritter meinte
du bleibst jetzt ruhig bei uns Das Häuschen suchen wir zu verpachten wenn du
dich einmal verheiratest hast dus bequem und kannst dich gleich in dein
Eigentum hineinsetzen
Johanne wohnte nun bei den beiden alten Leuten Die Frau war sehr wunderlich
und konnte es nicht leiden wenn Johanne las oder sich mit feinen Handarbeiten
beschäftigte Sie ließ sie unaufhörlich scheuern und putzen obzwar alles in
Küche und Haus vor Sauberkeit glänzte Man zeichnete ihr jeden ihrer Schritte
vor und wenn sie etwas länger ausblieb als gewöhnlich gabs Schelte Und dabei
hatte sie ein kleines unfreundliches Stübchen in dem sich kein Ofen befand und
wo sie Winters frieren musste Sie wurde von Tag zu Tag trauriger Die schöne
Welt war nun versunken die ihr von den Büchern in denen sie früher lesen
durfte in ihre Einsamkeit gezaubert wurde Die beiden greisen wunderlichen
Leute waren kein Ersatz für die Großmutter Die Sehnsucht nach jungen Menschen
nach Leben nach Freude wurde täglich mächtiger in ihr Da draußen in der Welt
wars so herrlich und sie in diese schreckliche Wüste verbannt
Eines Tages lief sie ohne Erlaubnis davon in den Laden des alten Fräuleins
und klagte ihr Leid Betty strich ihr beschwichtigend über das Haar und zog sie
auf das alte Ledersopha im Stübchen neben dem Laden
»Wenn ich so ein lieb jung Mädchen wäre wie Sie ich wüsste wohl was ich
tät Ich ginge nach Ninive lernte da etwas zB Kindergärtnerei erhielte
eine feine Stellung machte nette Bekanntschaften und vergnügte mich«
Johanne fasste die Sprecherin an den Händen
»Ach Gott könnt ichs doch könnt ichs doch Aber es geht ja nicht Hab ich
doch keine Seele dort die sich meiner annehmen würde«
»Und wenn Sie jemand dort fänden ein bisschen Geld besitzen Sie ja auch um
sich irgendwo in einem anständigen Hause einzulogieren würden Sie hinreisen«
»Und ob und ob« rief Johanne mit glänzenden Augen
»Dann will ich an meinen Bruder schreiben er soll etwas für Sie Passendes
suchen«
Johanne schrie glückselig auf
»Ach Gott wird das herrlich mit ihnen allen die ich so lieb habe die
meine Freunde sind in derselben Stadt sein dieselbe Luft atmen dürfen Betty
Betty« Plötzlich machte sie ein ernstes Gesicht
»Aber der Vormund wird ers erlauben wird er drauf eingehen«
»Ich rede mit ihm« versprach Betty Wewerka in deren Interesse es zu liegen
schien Johannes Wunsch zu unterstützen
In Wahrheit befand sich ihr Bruder in misslichen Verhältnissen in denen ihm
jede auch die kleinste Einnahme zu gute kam Erhielt er Johanne in Pension so
flossen ihm ein paar hundert Mark jährlich mehr zu
Fräulein Wewerka bearbeitete nun die beiden alten Ritters stellte ihnen
vor wieviel gute Anregung Johanne im Haus ihres Bruders empfinge wie sie in
der Stadt tüchtig lernen würde es seien dort viele Fortbildungsschulen für
junge Mädchen man dürfe dem »Bildungsdrang« eines jungen Menschen kein
Hindernis in den Weg legen usw
Schließlich gaben die beiden Alten nach und willigten in die Übersiedelung
ihres Mündels nach der Stadt ein
Es wurde ein Termin festgesetzt an dem Johanne reisen sollte
Das junge Mädchen ging wie im Traum umher Die Seligkeit ließ sie Essen und
Trinken vergessen ließ sie den Bekannten die sie anhielten um ihr ein paar
freundliche Worte zu sagen die Antwort schuldig bleiben Wenn sie an ihrem
lieben alten Häuschen in dem sie ihre Kindheit verbracht hatte vorüberschritt
lachte sie heimlich und sagte du altes schräges Ding nun werde ich bald
anderes als dich zu sehen bekommen Es war sehr undankbar aber sie hatte noch
kein Leid kennen gelernt wie sollte sie den Frieden zu schätzen wissen
Sie nähte sich schnell eine Aussteuer die ihr großartig erschien Als sie
ein halb Dutzend grober Hemden etliche Röcke und Leibchen zusammengearbeitet
hatte packte sie alles in einen großen alten Holzkoffer den sie noch von ihren
Eltern besaß und stellte sich ihrem Vormund als reisefertig vor Man wartete
noch etliche Tage bis der Brief von Bettys Bruder kam Er lautete sehr
freundlich Das junge Mädchen möge nur kommen Er und seine Frau würden es
selbst überwachen und ihm hilfreich in seinen Bestrebungen an die Hand gehen
»Und früher oder später sehen Sie mich auch« sagte Fräulein Wewerka »Ich
warte nur bis ich eine bestimmte Summe beisammen habe dann komme ich für immer
nach Ninive«
Nun galts noch zwei Besuche Der eine war schnell getan Es war der auf den
Kirchhof Mutter und Vater hörten still und unbekümmert unter ihren Blumenhügeln
die Abschiedsworte der Fortziehenden Die Toten ereifern sich nicht denn sie
wissen vieles das da kommt
Auch der zweite Abschiedsbesuch verlief friedlich Er galt dem Pfarrer
»Weißt du« sagte der alte Herr ruhig zu dem jungen Mädchen »dir abraten
dein Glück in der Fremde zu suchen würde zu nichts führen Du gingest doch
Zieh denn Vergiss nicht dein Abendgebet täglich zu sprechen und vergiss noch
etwas nicht Du kommst dereinst wieder Johanne und dann wirst du kaum erwarten
können diesen alten treuen Boden unter deinen Sohlen zu spüren Ich werde es
vielleicht nicht erleben aber denke manchmal daran Es wird dir ein Trost und
eine Mahnung sein«
Und dann segnete er sie und entließ sie Weinend und doch lachend sah sie
einige Tage später nach einem langen Abschied von ihren Bekannten die letzten
Häuschen ihres Heimatsortes hinter sich entschwinden Ein Wäglein brachte sie
zur Eisenbahnstation Noch einen letzten Blick auf die beiden Pappeln vor dem
Kirchlein dann verbarg ein Hügel den Ort der wie eine treue Mutter ihre ersten
Schritte bewacht hatte
Aber Kinder entlaufen oft ihren Müttern um in der Fremde zu weinen
3
Also das ist sie die heisserträumte heisserwünschte Stadt der Großen Ninive
In die Ecke einer Droschke gedrückt ihren großen Holzkoffer vor sich
durchsauste Johanne die Straßen die nach der Wohnung Herrn Wewerkas führten
Sie sah zum ersten Mal drei vier Stock hohe Häuser Pferdebahnen Schutzleute
Reklamewagen Dampfbahnen dazwischen ein schwarzes Gewimmel von tausend und
abertausend geschäftig hineilenden Menschen
Der Lärm der Großstadt erschien ihr ohrenzerreissend die hinfliegenden
Wagen die Reiter die Dampfbahnen machten sie schwindlig Sie hatte sich das
alles anders vorgestellt märchenhaft still harmonisch diese lebenrauchende
brutale Wirklichkeit erschreckte sie Vor einer riesenhaften Mietskaserne hielt
der Wagen Sie bezahlte und ließ ihren Koffer in den Hausflur stellen der
herbeieilende Portier versprach ihn gleich hinauf zu Wewerkas zu schaffen Dann
schritt sie über vier Treppen die mit einem nicht allzu sauberen Läufer bedeckt
waren und klingelte an einer Wohnung Ein »Ah« eine Hand die sie fasste und
hineinzog und das Schicksal schloss hinter ihr die Tür Die ersten zehn
Minuten war sie so befangen dass sie nichts sah als die Frau die sie neben
sich aufs Sopha gezogen hatte und freundlich mit ihr sprach
Frau Wewerka eine Vierzigerin mit blassem Teint und verschleierten
melancholischen Augen einem schmalen Mund der das Verschweigen gewohnt schien
war eine nicht unsympatische Person Ihre Kleidung mochte als nachlässig
gelten nach Johannes Begriffen schien sie sehr elegant
»Meine Schwägerin hat sehr recht getan Sie an uns zu adressieren« sagte
sie »wir werden unser Möglichstes für Sie tun Morgen gleich wollen wir nach
dem Fröbelhaus gehen wo die jungen Mädchen im Unterricht unterwiesen werden Ich
freue mich sehr Sie bei uns zu haben ich liebe die jungen Mädchen sehr bin
selbst ziemlich vereinsamt wir besitzen keine Kinder jedenfalls hoffe ich dass
wir manch angenehmes Plauderstündchen miteinander zubringen werden nichtwahr«
Durch so viel Freundlichkeit taute endlich Johannes Verlegenheit hinweg und
sie fand einige herzliche Worte Sie sprach von Sienental und wie glühend sie
sich hierhergesehnt habe dass Betty ihr soviel Herrliches von »Ninive« erzählt
habe usw
Als bei dem Worte Ninive Frau Wewerka fragende Augen machte teilte ihr
Johanne mit wie sie der großen Stadt um ihrer schönen Gärten und Anlagen um
der herrlichen Bauwerke willen die sich da befinden sollten den Namen
beigelegt habe
»Ich glaube meine Schwägerin hat sehr übertrieben« lächelte mit ihrem müden
Munde Frau Wewerka ȟbrigens Ninive ist gut und bezeichnend Wir wollen den
Namen beibehalten Und nun will ich Sie aber in Ihr Stübchen führen damit Sie
sich waschen und umkleiden können«
Sie durchschritten eine Stube in der viel Schriften und ganze Ballen Papier
herumlagen Ein riesiger Schreibtisch einige Regale von Büchern vollgepfropft
ein hoher Wandschirm der irgend etwas verbergen sollte vervollständigte die
Einrichtung dieses Zimmers Dann folgte ein kleines Gemach eine Art Essstube mit
Tisch Stühlen Büffet einer Nähmaschine einem Pianino und endlich das Johanne
zugedachte Zimmerchen
»Sehr hübsch« rief das junge Mädchen und sah sich freudig um
Die Wirtin lächelte »Gefällt es Ihnen Das freut mich Nun machen Sie sichs
bequem In einer Stunde klopfe ich Wir essen um drei Ja richtig Ihren Koffer
«
»Der Portier bringt ihn eben« sagte ein älteres Dienstmädchen und öffnete
dem unter seiner Last keuchenden Mann die Tür
»Ist das alles« fragte Frau Wewerka während die Magd mit geringschätzigem
Blick den alten Holzkoffer musterte
Johanne nickte »Ja alles«
»Nun dann auf Wiedersehen«
Das junge Mädchen trat an das schäbig aussehende Eisengestell mit dem
Waschservice wusch sich brachte ihr Haar in Ordnung und kauerte sich nieder
den Koffer auszupacken Sie öffnete die Laden der Kommode In der einen befanden
sich etliche Herrenhemden doch die andern waren leer Ihre zwei Kleider hing
sie in eine Ecke vor die ein Vorhang gezogen war um die Garderobe vor Staub zu
schützen Ein Tisch mit einer verschossenen roten Sammetdecke zwei Stühle ein
grüner Plüschfauteuil ein Bett über das eine bunte Kattundecke gebreitet lag
bildeten das Innere der Stube Bis gestern hatte es den Gatten als Schlafzimmer
gedient nun hatten sie ihre Betten hinter den Wandschirm in Herrn Wewerkas
Arbeitszimmer gestellt um dieses hier vermieten zu können Johanne bewunderte
die kleinen Gipsbüsten des Kaisers und der Kaiserin an der Wand erfreute sich
an zwei Oeldrucken die Rotkäppchen und Schneewittchens Abenteuer darstellten
und fand die Aussicht aus der vier Stock hoch gelegenen Wohnung in die breite
endlos sich hinziehende graue Straße bewundernswert
Als sie so im Anschauen des ihr fremden Lebens vertieft am Fenster lag
klopfte es Frau Wewerka und ein Herr traten herein
»Mein Mann möchte Sie gerne begrüßen Fräulein«
Er schüttelte dem verlegenen jungen Mädchen die Hand und bot ihm den Arm
»Herzlich willkommen Darf ich Sie zu Tisch führen Wir haben nicht weit zu
gehen unsere Wohnung ist klein wie ein Taubenschlag Hier bitte«
Er rückte ihr im Nebenzimmer einen Stuhl zwischen sich und seiner Frau
zurecht Das Dienstmädchen stellte mit unfreundlichem Gesicht eine Suppenterrine
auf den Tisch Johanne war sehr verlegen und brannte sich den Mund mit der
heißen Suppe
Die Hausfrau gewahrte die Unsicherheit der Kleinen wandte sich an ihren
Mann und begann mit diesem zu plaudern
»Nun und was wars heute Wird Lohringer kommen«
Herr Wewerka der hastig in seinem Teller herumlöffelte wischte sich den
Mund mit der nicht sehr sauberen Serviette
»Keine Rede Ich sagte dir ja er hat wieder den Spleen Seit einer Woche
lässt er Niemanden vor die leeren Flaschen die die Dienerin jeden Morgen aus
seinem Zimmer nimmt geben vielleicht die Erklärung dazu«
Die Frau schüttelte den Kopf und warf etliche Worte des Bedauerns über den
wunderlichen Menschen hin Währenddessen betrachtete Johanne Wewerka von der
Seite Er stand ungefähr im gleichen Alter wie seine Gattin Sein Gesicht war
wie tättowiert von hundert Falten und Fältchen die sich um Augen und Mund
zogen Das fahlblonde Haar an den Schläfen schon spärlich fiel glatt aus der
hohen hügeligen Stirn Seine Mundwinkel waren etwas schlapp und erzählten
mancherlei Er sah Betty Wewerka nicht im geringsten ähnlich
»Sagen Sie mal Fräulein Grün« wandte er sich plötzlich an seine
Beobachterin »wie findet sich meine Schwester eigentlich in die Rolle einer
Kaffeeund Zuckerverkäuferin Macht sie Geschäfte oder bleibt man ihr alles
schuldig«
Er lachte und Johanne bemerkte seine bräunlichen Zähne die von starkem
Nikotingenuss zeugten
»O sie ist nicht gern in Sienental sie «
»Essen Sie zuerst und erzählen Sie dann« Frau Wewerka legte ihr etwas
Gemüse und zwei dünne Scheibchen Hammelfleisch auf den Teller
Johanne aß einige Bissen dann sagte sie schüchtern
»Fräulein Betty will ja auch bald hierherkommen nur eine gewisse Summe
müsste sie beisammen haben meint sie«
Das Ehepaar warf sich einen Blick zu
»Es war eine Torheit« meinte Wewerka »dass sie das Geschäft nicht gleich
verkaufte Ihr und uns wäre mit dem Gelde gedient gewesen so hat keiner etwas
Was für ein Mensch war denn eigentlich der alte Nehring der Besitzer des
Geschäfts«
»O der war ja schon achtzig Jahr alt« versetzte Johanne
Wewerka lächelte »Das weiß ich Er hatte einen Sohn dieser war mit meiner
Schwester verlobt Sie hatten einander schrecklich gerne der Alte widersetzte
sich aber ihrer Verbindung Eines Tages gingen die verrückten Liebesleute in den
Wald und er schoss zuerst ihr dann sich eine Kugel in den Kopf Er blieb auf
der Stelle tot sie wurde gerettet doch trug sie eine große Gedächtnisschwäche
davon Sie lag monatelang im Spital verlor natürlich ihre Stellung sie war
Leiterin eines großen Putzgeschäftes hier gewesen Nun es war ein Elend« der
Sprecher nahm einen Schluck Wasser aus dem Glase vor sich »ein Elend Später
wandten wir uns wiederholt an den Alten dass er doch für das arme Geschöpf etwas
tun möge zwingen konnte man ihn ja zu nichts Er setzte aber allen
Vorstellungen ein taubes Ohr entgegen Erst als er starb Verwandte besaß er
nicht erinnerte er sich der unglücklichen Kreatur die durch seine Härte um
ihr Lebensglück und ihre Gesundheit gekommen war Ihre verlorene Jugend und
ihren gesunden Verstand hat er ihr aber doch nicht zurückgeben können«
Johanne saß stumm da Frau Wewerka seufzte und bat dann fertig zu essen
das Mädchen müsste sich etwas beeilen weil heute Waschtag sei Nach dem
Hammelfleisch gabs nichts mehr als einige Stückchen Konfekt von dem billigen
das arme Leute für die Christbäume ihrer Kinder kaufen Herr Wewerka plauderte
noch ein wenig mit Johanne dann erhob man sich Nachmittags wollten sie dem
jungen Mädchen die Stadt zeigen
Da sie weder einen Wagen noch eine Pferdebahn benutzten ermüdete Frau
Wewerka bald überließ Johanne ihrem Mann und kehrte nach Hause zurück
Als die beiden auf ihrem Streifzug eben vor einem glänzenden Schaufenster
standen und er meinte sie schwelge in der Pracht der ausgestellten Juwelen
sagte sie plötzlich ihm ins Gesicht blickend
»Die Geschichte die Sie mir heute erzählt haben ist sehr traurig Ich kann
sie gar nicht loswerden Nur eins verstehe ich nicht Wenn Ihre Schwester ihn so
lieb hatte wie kams dass sie ihn überlebte«
Er sah überrascht in die großen warmen Kinderaugen die sich auf ihn
gerichtet hatten
»Wie meinen Sie das Fräulein«
»Mein Gott wenn wenn man einen so lieb hat und man weiß dass er fort
ist für immer ich hätte mich gleich aus dem Fenster gestürzt«
Er lächelte in ihr erregtes Gesicht
»Das sagt man aber man tötet sich nicht so leicht«
»Aber er tats doch«
Sie gingen ein Stückchen weiter
»Zum Glück gibts nicht viele so entschiedene Naturen da würde die Welt ja
nach drei Tagen in Trümmer geschlagen«
Johanne hatte ein Wort auf den Lippen doch sie sprach es nicht aus Später
zog anderes ihre Aufmerksamkeit auf sich Abends war sie müde und ging bald nach
dem Nachtmahl das noch etwas kärglicher als das Mittagessen war auf ihr
Zimmer Aber Ninive war doch herrlich trotz allem
Am andern Tage machte Frau Wewerka verschiedene Gänge mit ihr zur Vorsteherin
und zu den Lehrerinnen des Fröbelhauses denen sie das junge Mädchen sehr warm
empfahl Johanne erregte in ihrer geschmacklosen plumpen Kleidung mit ihrer
bäuerlichen Schüchternheit in der Anstalt weder Interesse noch besondere
Teilnahme Man ließ sie ein kleines Aufnahmeexamen machen in dem sie nur ihre
Leseund Schreibekünste bekunden sollte und steckte sie dann in die Klasse zu
den andern Schülerinnen Sie verbrachte täglich fünf Stunden in der Anstalt und
die Vorsteherin versprach ihr wenn sie sich brav zeige binnen einem Jahre eine
Stellung wenn auch für den Anfang eine sehr bescheidene Es galt also ein Jahr
tapfer auszuhalten Johanne schrieb ihrem Vormund und legte einige Zeilen
Wewerkas bei Ritter antwortete ihr er würde ihr die nötigen Mittel für ein
Jahr geben damit sie den Kursus absolvieren könne Dann freilich müsste sie für
sich selbst sorgen denn das Häuschen zu verkaufen liege ihm fern Das könne sie
einmal tun wenns ihr beliebe und sie volljährig sei
Die Stunden die Johanne nicht im Fröbelhaus verbrachte war sie zu Hause
Herr Wewerka arbeitete viel auf seiner Stube indes seine Frau mit dem
Dienstmädchen den kleinen Haushalt besorgte
Dann und wann empfingen sie Besuche
Meist von Herren Dann wurde laut debattiert geschrien manchmal auch
deklamiert Es waren wohl Kunstangehörige die so lebhaft sich bejahten
Aber sie gingen nicht in goldenen Gewändern trugen keine Kränze auf dem
Haupt rochen nicht nach den Gärten der Semiramis
Meist waren sie sogar sehr nachlässig gekleidet und nichts weniger als
berückend Einmal erzählte Johanne bei Tisch wie sie sich früher Dichter
vorstellte Da brach das Ehepaar in ein nicht endenwollendes Gelächter aus
»Du Kajetan in einem weißen Kleide mit einem Kranz aus Rosen in den üppigen
Locken«
»Nein Sie dachte ich mir nie so« meinte Johanne zu Wewerka »ich weiß
nicht warum«
»Oho« protestierte er scherzend »das fasse ich als Beleidigung auf Sie
zweifeln an meiner höheren Veranlagung Heute haben Sie ja recht Ich bin der
Redakteur einer kleinen volkswirtschaftlichen Zeitung der meist über billige
Rapskuchenfabrikation über Molkerei Pferdeställe und ähnliches schreibt Aber
einst war es anders Da machte ich Terzinen und Jamben dass es nur eine Lust
war Sehen Sie ich habe schon allerlei versucht Zuerst studierte ich Jura
dann begleitete ich eine naturwissenschaftliche Expedition auf ihrer
afrikanischen Reise dann wurde ich Sekretär eines reichen Grafen dann erfand
ich ein Instrument ein Besteck das als Löffel Gabel und Messer zugleich
diente Auch Schauspieldirektor war ich«
»Nein« rief das junge Mädchen mit glänzenden Augen »wie klug und gelehrt
müssen Sie doch sein«
»Nichtwahr« meinte er mit Humor »ein famoser Kerl Ich habe « Frau Wewerka
warf ihm einen mahnenden Blick zu »ich habe noch allerhand Interessantes
begonnen Man will eben nicht hungern man braucht täglich wenn man auch nur
von Brot lebt einige Groschen Woher die nehmen und nicht stehlen Da wird man
schließlich das Mädchen für alles«
»Aber liebten Sie denn nicht von dem Vielen das Sie begonnen hatten Eins
besonders«
»Und ob« meinte er Zum Beispiel Jura Aber wovon hätte ich leben sollen
bis ich als Professor oder Advokat Geld verdient hätte Dann wie gerne wäre ich
der edlen Dichtkunst treu geblieben Aber der Magen zieht ein Stück Mettwurst
dem duftigsten Liebesgedicht vor«
Johanne schüttelte eigensinnig den jungen Kopf Sie war schon vertrauter mit
ihren Wirten geworden
»Ich glaubs nicht dass Sie Jura besonders liebten Dann hätten Sie nicht
davon lassen können«
»Auch nicht im Verhungern«
»Auch nicht«
»Donnerwetter Aber da wäre ich ja ein Narr gewesen mein kleines Fräulein
was denken Sie denn Wenn die Welt aus lauter solchen Querköpfen bestünde würde
sie sich das Hirn einrennen«
An diesem Abend als Johanne zu Bett ging gelangs ihr nicht einzuschlafen
Sie musste immerfort an den Mann denken mit den tausend Fältchen im Gesicht der
alles versucht hatte Er ist untreu dachte sie Er gleicht seiner Schwester
die wars auch sonst hätte sie nicht leben können Diese Beiden aber die
andern Menschen gleichen ihnen wohl nicht Wie seltsam Alles ist anders als
ich mir vorstellte dachte die Kleine aber so ganz ganz anders
Eines Tages eben als sie sich zum Mittagessen niederliessen kam Besuch Es war
ein großer junger aber schon stark gebeugt gehender Mann der Johanne als Herr
Schüler vorgestellt wurde
»Essen Sie mit uns einen Löffel Suppe« sagte die Hausfrau freundlich ließ
noch ein Kouvert auflegen und rückte ihm einen Platz am Tisch zurecht
»Du machst ein so ernstes Gesicht war dein Weg umsonst« Wewerka und der
Neuangekommene wechselten einen Blick
»Was wars denn« Frau Wewerka sah ihren Mann an
»Aber liebes Kind dränge dich doch nicht «
»Ja ja eure ewige Geheimniskrämerei ich glaube du bist Privatdetektiv
geworden und Schüler ist dein Helfer wie«
»Erraten Gnädige erraten«
Er blickte Johanne forschend an
Frau Wewerka machte einige freundliche Bemerkungen über sie dann setzte sie
munter hinzu
»Sehen Sie Johanne der ist auch einer von den Berühmten aber er trägt
sich ganz simpel und hat auch keinen Kranz auf höchstens einen von Dornen
aber den sieht man nicht«
Als Schüler von der Naivität des jungen Mädchens vernahm brach er in
herzliches Lachen aus
»Wir wollen unsere Sache später besprechen« meinte er zu Wewerka und wandte
sich Johanne zu
Sie brachte sehr ungeschickte verlegene Antworten vor und jedesmal wenn
sie eine Dummheit gesagt hatte machte sie einen trotzigen Mund und verteidigte
hartnäckig ihre Meinung Nach Tisch gingen sie alle vier in Wewerkas
Arbeitszimmer wo die Hausfrau Cigaretten herumreichte »Wir erlösen euch bald
von unserer Gegenwart« scherzte sie
Die Herren protestierten und Johanne fand endlich Mut den neuen Bekannten
zu mustern Eine Brille verbarg zum Teil den hungrigen Ausdruck seiner dunklen
Augen Seine Züge waren einnehmend wenn auch nicht hübsch Ein schwarzer kurz
gehaltener Bart umrahmte das schmale blasse Gesicht dessen Charakteristikum
Johanne in dem Worte »übernächtig« zusammenfasste
Er sah aus wie einer der nicht zur Ruhe kam wie ein Gehetzter Mit
achtzehn Jahren hatte er die kleine Summe seines elterlichen Vermögens
verausgabt sein Maturum gemacht und kam hierher um philologische Studien an
der Universität zu treiben
Er mietete bei einer kleinen Beamtenfamilie ein Stübchen Die Frau eine
große hagere Blondine bediente ihn Sie stand kurz vor ihrem vierzigsten Jahre
und schien mit allen Hoffnungen abgeschlossen zu haben Sie war eine gute Seele
die mit ihrem wortkargen unfreundlichen Mann in stillem Einvernehmen lebte Er
behandelte sie nicht gut nicht schlecht er war ein armer Teufel der rein
mechanisch ohne innere Freude weiterlebte Weil es ihnen recht knapp ging
vermieteten sie ein Zimmer ihrer kleinen Wohnung Meist waren es Studenten die
bei ihnen wohnten Sie hatte immer Glück gehabt und ihre Miete von ihnen
pünktlich empfangen Auch Ernst Schüler bezahlte im ersten Monat Aber im
zweiten verschob er die Zahlung von Tag zu Tag Er lief ratlos umher pumpte
seine Kollegen an und brachte es endlich so weit die Hälfte der Mietssumme
aufzutreiben
»Nehmen Sie vorlieb« lachte er verlegen und drückte Frau Wachmann ein paar
Markstücke in die Hand »ich habe beim besten Willen nicht mehr borgen können
schmeissen Sie mich hinaus «
Sie hatte Mitleid mit ihm wie vierzigjährige Frauen mit Jünglingen zu haben
pflegen er gewahrte seinen Vorteil Im nächsten Monat bezahlte er weder den
Rest der alten noch die neue Miete Er sah seine Wirtin treuherzig an
»Ich habe nichts nichts Frau Wachmann Aber Sie können meine Uhr
versetzen vielleicht erhalten Sie dafür einen Teil meiner Schuld an Sie und es
gibt überdies noch ein Mittagessen für mich ich bin seit drei Tagen nüchtern«
Er war es in der Tat. Er sah jammervoll aus Sie eilte in die Küche und
brachte ihm Suppe und einige Brötchen
Während er hastig aß rannen ihm zwei Tränen über die Backen
Sie drehte sich um dann legte sie die Hand auf sein Haar und sagte leise
»nicht verzweifeln«
Seit diesem Tage nährte sie ihn und er wohnte bei ihr ohne einen Heller zu
bezahlen Sie betrog ihren Mann und berechnete ihm alles höher um das Nötige
für Ernst herauszuschlagen
Einmal umschlang er sie mit beiden Armen »Wenn ich dich nicht hätte«
Da neigte sie ihren Kopf auf seine Schulter und küsste ihn leise auf den
Hals Seit diesem Tage verlangte er mehr als Kost und Wohnung von ihr und sie
gab ihm alles was er verlangte Sie war eine ungeschickte Heuchlerin und bald
hatte ihr Mann alles heraus
Er jagte sie und ihn aus dem Hause
Ernst Schüler nahm die Ratlose Verzweifelnde an der Hand und sagte ruhig
Geh nur mit mir Er blieb die ersten Tage bei einem Freunde der ein
Mansardenstübchen bewohnte
»Liebst du sie denn« fragte der Student ironisch »Sie soll dich doch
adoptieren dann ist euch beiden geholfen vielleicht nimmt sie ihr Mann dann
wieder zurück«
»Ich liebe sie nicht« antwortete Schüler »aber sie ist grenzenlos gut gegen
mich gewesen Ich werde sie nicht verlassen«
»Dann hast du ihre Güte übel vergolten« meinte der andere »Heute oder
morgen setzest du sie ja doch sicher auf die Straße dann kann sie verkommen
denn einen dritten findet die nicht«
Ernst antwortete nicht Von diesem Tag an besuchte er die Universität nicht
mehr Weder Frau Wachmann noch der Student bei dem sie alle beide wohnten
wussten durch etliche Wochen was er trieb Dann kam er eines Tages nach Hause
Er sah hohläugig und finster aus legte aber einiges Geld auf den Tisch Eine
Assekuranzgesellschaft hatte ihn engagiert Er mietete eine Stube mit einer
Küche setzte seine Freundin in die Stube wohnte in der Küche und gab sich als
ihr »Zimmerherr« aus
Niemand legte ihnen etwas in den Weg
Herr Wachmann tat keinen Schritt um seine Frau zurückzuholen Sie führte
kein glückliches Dasein Schüler war jeden Abend von Hause fort Kam er dann in
der Nacht heim so war er furchtbar aufgeregt Sie durfte ihn nie fragen wohin
er ging dann wurde er grob Manchmal kamen etliche meist junge Leute mit ihm
Dann befahl er ihr unsichtbar zu sein Sie verkroch sich in einer Ecke der
Küche und saß die ganze Nacht halbschlafend da während von drinnen hitziges
Stimmengewirr heraustönte So gings ein Jahr fort
Schüler war längst nicht mehr in jener Assekuranzgesellschaft aber was er
tat konnte sie nicht herausbringen und zu fragen getraute sie sich nicht
Manchmal fasteten sie mehrere Tage oder sie bereitete ihm mit dem kargen
Geld das er ihr brachte dünne Suppen und mageres Gemüse dann scherzte er
»Saperlot du bist die schlechteste Köchin meines Lebens Matilde«
Eines Tages las sie auf allen Plakaten den Namen ihres Freundes Er sollte
am Abend in einer antisemitischen Versammlung das Wort führen Er kam zwei Tage
nicht nach Hause dann mit heiterem Gesichte und Geld in der Tasche Er schlug
ihr ihre zwei Weingläser entzwei fasste sie um die Mitte und tanzte mit ihr
»Miet eine bessere Wohnung Alte und setz mir wieder was Ordentliches zu
essen vor wir werden jetzt reiche Leute«
Es erschienen verschiedene gutgekleidete Herren und sprachen lange in der
Stube mit ihm Einer sagte gar einmal »gnädige Frau« zu ihr was sie hoch
erröten machte Sie bezogen eine nette kleine Wohnung Aber die Herrlichkeit war
von kurzer Dauer Eines Tages wurden ihnen ihre Habseligkeiten gepfändet
Nun mieteten sie sich für etliche Wochen in ein kleines Einkehrhaus ein Sie
bekam Schüler selten zu sehen und grämte und ängstigte sich Einmal erschien er
sehr elend aussehend Er hatte ein dickes Manuskript in der Tasche »Wenn das
nicht zum Helfer in der Not wird schiess ich mir eine Kugel vor den Kopf« sagte
er finster auf das Papier deutend Er ging aufgeregt die ganze Nacht hin und
her Am Morgen entfernte er sich Das Papier enthielt eine mühsame Arbeit
Einige jüdische Familien deren Häupter an der Spitze großer sozialer
Unternehmungen standen wurden darin verschiedener privater Ausschreitungen
beschuldigt Ihre Stellung in der Gesellschaft war gefährdet Ein ungeheurer
Prozess mit vielen schmutzigen Enthüllungen drohte Das bekannte Skelett das ja
in jedem Familienhause verborgen sein soll war hier mit erbarmungslosem Griff
ans Licht gezerrt Es gehörte zähe Ausdauer ungewöhnliche Orts und
Personalkenntnis dazu dies Schriftstück zu verfassen Es hieß »Enthüllungen«
und war nichts weiter als die letzte verzweifelte Anstrengung eines zum
Schurken gewordenen Menschen sich Geld zu verschaffen Nach einigen Tagen kam
Schüler heiter und ruhig zurück
»Ich habe in der Teresienstrasse eine Wohnung gemietet bin Redakteur am
Tagesbericht geworden und bitte dich nun dir anständige Kleider und anständige
Mobilien für unsere Wohnung zu kaufen Hier hast du Geld« Er drückte ihr einen
Tausendmarkschein in die Hand
Er hatte erreicht was er wollte
Man hatte ihm eine feste Stellung zugesichert wenn er schweige Er
erhielt einen gut bezahlten Posten an einer nicht übel angeschriebenen Zeitung
Nun lebten sie sorgenlos nebeneinander
Er ging täglich nach seiner Redaktion schrieb wütende Artikel gegen die
Antisemiten und gab sich als braven Judenfreund Er himmelte Baron Hirsch an
und verfasste ein Adressbuch der bekanntesten jüdischen Familien In seinen
müßigen Stunden dichtete er auch Nachdem er zwei Jahre am Redaktionstisch
gearbeitet hatte erzwang er sich einen Urlaub mit guten Diäten Unter dem
Decknamen eines Berichterstatters reiste er ab
Zunächst nach Frankreich Seine Freundin ließ er zu Hause Er sandte etliche
Reiseberichte an seine Zeitung Matilde Wachmann erhielt dann und wann eine
Postkarte Endlich verstummte er ganz Es vergingen einige Wochen es verging
ein Monat Eines Tages klingelt es Frau Wachmann geht zu öffnen Ernst Schüler
ein junges schönes Mädchen an der Hand tritt ein
»Hier ist Matilde Wachmann meine Wirtschafterin die mir mehr als
Wirtschafterin die mir Freundin und Beraterin ist Sei gut gegen sie Hier
meine kleine süße Frau die ich deinem Herzen empfehle« Er warf einen Blick
auf die beiden Frauen die einander anstarrten und ging hinein sich seiner
Reisekleider zu entledigen
Alice war klein herzig neunzehnjährig Er hatte sie in einem
lotringischen Städtchen kennen gelernt wo er ihren Bruder einen ziemlich
bekannten Schriftsteller besuchte Sie besaß nichts als den Anzug den sie eben
trug ein verschossenes grünes Röcklein mit gelben Seidenrosetten geziert Er
hatte sich rasend in sie verliebt und sie halb zur Kirche geschleppt
Der Bruder war nicht dagegen gewesen denn die Sorge um den Unterhalt seiner
Schwester hatte ihn immer viel beschäftigt Seine schriftstellerischen Einkünfte
waren gering und außerdem hatte er noch für seine beiden Kinder zu sorgen
Die kleine Alice mit ihrem brauen Lockenköpfchen ihren sonnigen großen
Augen und wunderbaren Pfirsischfarben lachte gerne trank mit Vorliebe süße
Weine und brauchte täglich drei Stunden um ihre Stirnlöckchen vor dem Spiegel
zu ordnen Von Wirtschaft verstand sie nichts Aber sie kommandierte brav ihre
Haushälterin
Das Weib mit den vor Kummer eingefallenen Wangen den stumm anklagenden
Augen ging wie ein düsterer Schatten im Hause umher
Hätte sie fort sollen Wohin Jetzt wo das Alter vor der Türe stand wo
sie so viel um ihn gelitten wo sie ihn liebte mit dem Wundgefühl des Weibes
das alles hingegeben hat
Sie blieb und lauschte vor der Schlafzimmertür den Liebkosungen des jungen
Paares Alice glaubte anfänglich alles was ihr Mann über Matilde Wachmann
gesagt hatte Aber eines Tages warf sich die ältere Frau an die Brust der Jungen
und schluchzte in herzzerreissendem Jammer »Nimm ihn mir doch nicht ganz Lass
ihn mir doch auch ein bisschen« Da begriff das junge Weib Von der Zeit an war
sie zurückhaltender gegen Ernst Manchmal wenn er nach Hause kam fand er die
beiden Frauen Hand in Hand nebeneinander sitzen Das war ihm nicht recht Das
wollte er nicht Er verbot seiner Frau den gar zu vertraulichen Umgang mit der
andern »So jag sie fort« schrie sie in Tränen ausbrechend
Das konnte er nicht Alice stieß ihn wenn er sie liebkosen wollte von
sich
Es kam eine Zeit wo er in die mütterlichen Arme Mathildens flüchtete um
das Leid das ihm sein Weib bereitete zu vergessen
Die junge Frau weinte sich die Augen rot Da siegte wieder Mathildens Güte
»Geh zu ihr versöhne sie sie stirbt oder verlässt dich sonst« Er warb wie ein
Liebhaber um sie Sie wurde wieder gefügig gegen ihn aber traurig blieb sie
sehr traurig Und ihre rosige Schönheit begann zu verbleichen
An einem der Tage in dieser Periode war es als Schüler zu Wewerka kam Die
beiden hatten immer allerlei geheime Geschäfte miteinander die meist nicht sehr
lauterer Natur waren Während Ernst mit dem Ehepaare plauderte aber die warmen
neugierigen Kinderblicke Johannens auf seinem Antlitz ruhen fühlte stieg ein
Gedanke in ihm auf
»Fräulein Grün« wandte er sich an sie »wissen Sie wem Sie ähnlich sehen«
Das junge Mädchen lachte
»Einem Mops in der Schule in Sienental nannten sie mich immer die Mopsin
weil ich eine so kleine Nase habe«
»Einem Mops ähnlich zu sehen wäre keine Schande« meinte Schüler ernstaft
»das ist eine Hunderace die alle Tage seltener wird aber leider kann ich die
angegebene Ähnlichkeit nicht entdecken hingegen sehen Sie meiner Frau
ähnlich
Vielleicht macht das weil ihr beide gleichalterig und von derselben Statur
seid«
»Ja Sie haben recht« nickte Frau Wewerka »sie haben Ähnlichkeit
miteinander«
»Kann ich nicht finden« meinte der Hausherr
»Na egal Fräulein Grün möchten Sie nicht einmal meine Frau besuchen Ihr
seid beide fremde eingewanderte Naturkinder recht unerfahren und müsstet euch
gut verstehen Hm«
Johanne dankte erfreut O ja sie würde sehr gerne hingehen
Die war so unschuldig dabei ein herziges harmloses Ding die konnte Alice
empfangen Mehrere Frauen seiner Kollegen bei denen die junge Frau Besuch
gemacht hatte waren so taktlos gewesen an dem Verhältnis zwischen Matilde und
ihrem Gatten zu rühren Das hatte sie so in Verlegenheit und Wut versetzt dass
sie nicht mehr zu bewegen war mit ihnen zu verkehren So lebte sie ganz einsam
dahin Johanne mit ihrem urwüchsigen Wesen würde ihr sicher Freude machen
Es wurde ein Tag verabredet an dem Frau Wewerka sie hinausführen sollte
Sie wohnten in einem ziemlich entlegenen Stadtteile Später nahm die Hausfrau
das junge Mädchen bei der Hand
»So jetzt wollen wir diese beiden Männer ihrem geheimen Komplotte
überlassen kommen Sie Johanne«
Sie entfernten sich
»Die Idee ist gut« sagte Wewerka und zündete sich eine neue Cigarette an
»das Mädel wird deine Frau freuen Ich habe selten so ein liebes unschuldiges
Ding gesehen«
»Na sie wird sich schon abschleifen«
Schüler kniff die Augen zu »Wär schade wenn sie einem Tölpel in die Hände
geriete«
Und er überlegte dass dieses kleine Mädchen eigentlich ein Kapital sei aus
dem man Nutzen ziehen könnte
Dann rückten die Beiden einander näher und redeten mit gedämpfter Stimme von
Dingen von denen sie nicht wünschten dass sie ein Anderer höre Sie waren
einander ebenbürtig
Der Kampf ums tägliche Brot hatte sie gemein gemacht verbrecherisch ohne
dass sie die Kühnheit und den Mut des wirklichen Verbrechers besessen hätten
4
Frau Wewerka stellte die beiden jungen Damen einander vor blieb noch ein
Weilchen und empfahl sich mit dem Vorwand dringende Kommissionen zu haben
Johanne gefiel es sehr gut bei Schülers Es herrschte im Gegensatz zu Wewerkas
eine wohltuende Ordnung und Sauberkeit da
Hübsche gutgehaltene moderne Möbel zierten die freundlichen Räume Auf
einem Sessel in Alicens kleinem Zimmerchen in das sie zuletzt ihren Gast
geführt hatte saß eine Taube und gurrte
»Das ist meine beste Freundin« sagte die junge Frau das Tierchen an sich
nehmend »es liebt mich und kränkt mich nie«
Und ihr rosiger Mund presste sich auf das blaugraue Gefieder Johanne sah sie
zögernd an Sie hätte gerne gefragt kann Sie denn jemand kränken Sie sind ja
so lieb und schön Aber die Zurückhaltung Alicens machte auch sie kälter und
zurückhaltender Frau Schüler die in ihrem jungen Leben schon so viel
Hässliches Misstrauenerweckendes gesehen hatte verlor langsam die herzige
Zutunlichkeit die junge Frauen und Mädchen so entzückend kleidet Nachdem sie
Johanne mit ein wenig Hausfrauenstolz ihre nette Wohnung gezeigt hatte setzte
sie sich mit großem Ernst an ihr Teetischchen und bereitete Tee Sie redeten
allerlei höchst gleichgültige Dinge Alice fragte sie wie ihr die
Kindergärtnerei gefiele und ob sie auch die kleinen unartigen Kinder hauen
dürfe Johanne erzählte von den Eigenarten verschiedener Kleinen dann trat eine
Pause ein Sie blickten einander an und wussten nicht weiter
»Sie haben eine reizende Bordure an Ihrer Schürze« stotterte Johanne um
etwas zu reden »Haben Sie sie selbst gestickt«
»O nein« Alice sah sie treuherzig an »ich arbeite nicht gern«
»So«
Wieder Pause
»Haben Sie diesen Kuchen selbst gebacken«
»Ja das heißt nicht ich unsere Wirtschafterin«
»Aber Ihre Wohnung ist wirklich nett hier möchte ich auch wohnen«
»Finden Sie sie nicht klein Drei Zimmer nur Man sagt hier in der Stadt
mieteten die Leute ganze Etagen«
»Wewerkas haben auch nur vier Zimmer«
»Ja«
»Aber nicht so hübsch eingerichtet wie Sie«
»Nein«
»Die Möbel sind sehr verbraucht«
»Wohl weil sie sehr viele Umzüge mitmachten Ernst mein Mann erzählte es
mir Auch übersiedelt sind sie schon mehrmals«
»So« Johanne sah sie fragend an Sie hätte gern mehr über ihre Hausherren
erfahren Aber die kleine Hausfrau schwieg und sagte nichts mehr Nun werde ich
wohl gehen müssen dachte Johanne warum haben mich Wewerkas nur
hierhergeschickt Dieser eleganten jungen Frau bin ich zu bäuerisch Alice
knapperte an ihrem Konfekt und sah forschend das junge Mädchen an Endlich blieb
ihr Blick an den plumpen genagelten Schuhen ihres Gegenüber hängen Johanne
errötete und zog schnell den Fuß zurück Dann stand sie auf
»Entschuldigen Sie dass ich Sie belästigt habe«
Sie schüttelten einander die Hände
»Es hat mich sehr gefreut«
Draußen zog sie rasch ihr Jaket an und eilte die Treppe hinab Man hatte
noch kein Gas angezündet es war fast dunkel Als sie auf dem letzten
Treppenabsatz stand hörte sie von oben leise hastige Schritte und fühlte eine
Hand auf ihrer Schulter
»Kommen Sie bald wieder ja«
»O« mit einem freudigen Ausruf wollte sich Johanne umwenden doch die
andere war schon oben verschwunden Wie lieb von ihr Das junge Mädchen trat
lächelnd auf die Straße Alice war ihr überaus sympathisch gewesen nur hatte
deren Kälte sie ein wenig verwirrt
Freilich wie hätte sie auch gleich das erste Mal anders sein sollen Sie
kannte Johanne noch gar nicht Aber von Glück hatte man wenig auf ihrem Gesicht
gelesen Sollte Schüler nicht gut gegen sie sein Das war doch gar nicht zu
denken Sie war in Gedanken versunken und verlangsamte ihre Schritte Plötzlich
tauchte ein Mann an ihrer Seite auf
»So allein schönes Kind«
Er trug einen Cylinder und sah sehr vornehm aus Johanne blickte ihn
erschrocken an und beschleunigte ihren Gang Aber das störte ihn nicht
»Gehen Sie weit« Er wollte nach ihrem Arm fassen Sie blieb stehen
»Ich weiß nicht Sie sind sehr komisch ich kenne Sie doch gar
nicht«
Ihre erschreckten Augen schienen ihm zu gefallen
»Allerliebster Balg nun sagen Sie aber haben wir noch weit zu gehen«
»Wir Wohnen Sie denn bei mir im Hause«
Er lachte auf »Das wohl kaum Aber ich werde vielleicht oft zu Ihnen
kommen wenn wir einander gefallen«
Ihr Gesicht färbte sich glühend
»Was fällt Ihnen eigentlich ein Sie «
»Pst pst« er legte den Finger an den Mund »nicht so laut machen Sie doch
keine so langen Geschichten und kommen Sie «
Da fuhr ihre Hand blitzschnell in sein Gesicht Sie wusste einen Augenblick
nichts von sich erst als jemand ihren Arm ergriff und festhielt kam sie zur
Besinnung
»Oho Madamchen was treiben Sie denn da« Ein Mann mit einer Pickelhaube
stand vor ihr
»Der der der Freche dort« sie wandte sich suchend um entdeckte aber
nur ein paar fremde Menschen die sie lachend umstanden »er wollte mit mir
gehen«
»Na das wird Ihnen nicht zum ersten mal passiert sein« meinte der Wächter
des Gesetzes
»Was«
Zornbebend trat sie ihm einen Schritt näher und hätte sich wer weiß wozu in
ihrer Unerfahrenheit hinreißen lassen wenn nicht der Schutzmann den die
ehrliche Entrüstung der Kleinen aufklärte grob ausgerufen hätte
»Wenn Sie sich solchen Angriffen nicht aussetzen wollen wählen Sie keine
berüchtigten Gassen zu Ihrem Spaziergang verstanden«
Sie begriff nicht ganz was er meinte dunkel aber dämmerte es in ihr dass
sie eiligst diese Gegend verlassen müsse Laufenden Schrittes machte sie sich
davon Zu Hause berührte sie mit keinem Wort ihr hässliches Abenteuer
Als sie in ihrem Stübchen war drückte sie das brennende Gesicht in die
Hände und weinte Zum ersten mal in ihrem Leben hatte eine schmutzige Hand in
ihre junge reine Seele gegriffen
Das war Ninive die Stadt der Herrlichen Wo waren die doch Wo war das was
sie erträumt hatte
Mehrere Tage lang fühlte sie sich sehr gedrückt und hätte am liebsten das Haus
nicht verlassen Eines Nachmittags jedoch als die Schule zu Ende war schlug
sie einem innern Wunsche gehorchend den Weg zu Schülers ein Er würde wie
immer wohl in der Redaktion sein und Alice war allein Die Mutmaßung traf zu
Die blasse verhärmt aussehende Frau die ihr öffnete sagte Frau Schüler sei
anwesend Alice kam ihr freundlich entgegen Sie hatte ihr Täubchen im Arme
»Das ist nett von Ihnen Sehen Sie eben habe ich mit meiner Freundin
gespielt Nun kann ich sie ja wieder zurücktragen« Sie lief mit dem Tierchen
davon kehrte schnell wieder zurück zündete den Docht unter ihrer Teemaschine
an und zog Johanne neben sich auf das kleine Sopha neben dem Teetisch
»Was machen Sie immer Ich langweile mich so sehr Sie auch«
»Ich weiß nicht« Johanna sah still vor sich hin »ich langweile mich
nicht aber ich bin gar nicht so froh wie ich geträumt habe dass ich es hier
sein müsse«
Alice ergriff sie beim Arm »Auch Sie Sehen Sie mir gehts ebenso Ganz
genau so Woran liegt das«
»Bei Ihnen begreife ichs nicht« meinte Johanne »Sie müssen doch sehr
glücklich sein Sie haben einen lieben Mann ein reizendes Heim«
Alice legte ihre Hand auf Johannens Mund »Seien Sie still«
Das junge Mädchen sah sie erstaunt an
»Wie«
»Haben Sie auch Geschwister« fragte Alice hastig weiter plaudernd »Ich
wohnte bei meinem einzigen Bruder Er ist Schriftsteller in einem kleinen
lotringischen Städtchen an der französischen Grenze Ich war nicht gerade
glücklich aber doch zufrieden bei ihm Er hatte nämlich ein Verhältnis und zwei
Kinder die sich den ganzen Tag bei uns aufhielten Ich liebte sie nicht diese
Kinder Sie waren schmutzig und ungezogen Und sie erst Eine Hallendame sag ich
Ihnen Aber trotz allem ich wollte ich wäre dort geblieben Wir hatten ein
kleines Gärtchen vorm Haus da gabs Flieder und Jasmin« sie stockte und
schwieg
»Warum hat er sie nicht geheiratet« fragte Johanne leise
»Ach dazu war sie ihm zu ungebildet«
Das junge Mädchen schüttelte den Kopf »Ich weiß nicht es ist alles so
so halb« Endlich hatte sie das Wort gefunden »Lauter Halbes wohin man
schaut Keiner gibt sich ganz jeder nur einen Teil und begehrt auch wieder
nur einen Teil vom Andern Welch seltsame Welt«
»Haben auch Sie schon Erfahrungen gemacht« Alice blickte sie mit wachsender
Teilnahme an »Ich glaube wir sind gleich alt Nicht«
»Ich bin bald neunzehn«
»Und ich war vor etlichen Tagen zwanzig«
»Sie sind auch schon Frau«
»Sie werden es wohl bald oder kennen Sie keinen Mann den Sie heiraten
möchten«
»Ich kenne überhaupt nur vier Männer« lachte Johanne »unsern Pastor meinen
Vormund Herrn Wewerka und Ihren Mann Nein unsern alten Doctor in Sienental
den ja auch« setzte sie hinzu
Das harmlose schlichte ehrliche Wesen des jungen Mädchens gefiel Alice
immer besser Es strömte etwas Gesundmachendes Kraftvolles aus ihrer Nähe Sie
war so sauber ihr roter Mund mit seinen prächtigen schneeweißen Zähnen glich
einer silberklaren Quelle die nur Reines ans Licht trägt Sie traten einander
immer näher Bei einem der nächsten Besuche den Johanne ihr machte erfuhr sie
alles Ihre Hände waren eiskalt als sie zum Abschied sie in die ihrer neuen
Freundin legte
»Dass wir uns nach dem heutigen Tag nicht mehr Sie sagen können begreifst
Du« meinte die junge Frau sich die letzten Tropfen aus den Augen wischend
»Ich will Dir auch eine treue Freundin sein zähle auf mich« sagte Johanne
ernst »Ich hab viel gelesen in früheren Jahren aber so Trauriges nicht wie
ich hier täglich sehe und höre Sag mir nur glaubst Du dass alle Menschen
unrein sind Vielleicht haben wir eben nur solche kennen gelernt wir müssen uns
umsehen und suchen damit wir nicht verzweifeln Diese Frau Wewerka scheint auch
eine dunkle Vergangenheit zu haben Jüngst stritten sich die Beiden im
Speisezimmer ich wohne nebenan und vernehme jedes Wort Ihr Mann sagte
Angenehm kann es mir ja nicht sein mit Deinem früheren Anbeter zu verkehren
aber wenn seine Lage wirklich so glänzend geworden ist lass ihn immerhin
herkommen vielleicht erweist er sich nachträglich dankbar gegen dich«
Alice presste die Zähne auf die Lippen
»Hast Du Deinen Mann lieb« fragte Johanne als sie schon an der Tür war
Die junge Frau sah auf die Spitzen ihrer winzigen Lackschuhe und errötete
»Er kann so süß sein Man schmilzt in seinen Armen dahin In diesen
solchen Momenten liebe ich ihn aber dann wenn wir beide nüchtern sind bei
Tage oder unter fremden Leuten möchte ich ihn oft anspeien vor Verachtung Sie
hat mir noch viel anderes von ihm erzählt«
»Sie ists doch die mir immer die Türe öffnet«
»Ja die«
»Uralt Wie kann er die nur lieben«
»Es ist ja bloß Mitleid«
»Er ist doch aber kein guter Mensch«
»Gott gut Son bisschen weich«
»Ja ja Halb Nicht kräftig genug zu etwas Ganzem Nicht dich verlieren
nicht die Andere verlieren«
An diesem Abend geschah etwas Seltenes Johanne die sonst keine besondere
Freundin des Betens war warf sich vor dem Schlafengehen auf die Kniee und
betete innig Sie betete dass Gott ihr und ihrer jungen Freundin gute reine
Menschen entgegenführen möge an denen sie sich halten und stützen könnten
Sie war erst wenige Monate da und schien innerlich um Jahre gealtert Sie
erfuhr mit jedem Tage Neues vom Leben
Ihre kindliche Bewusstseinsdämmerung war einer grellen blendenden Ahnung
gewichen Das Pflaster ihres Ninive schien von Tränen heiß zu sein und von
fiebernden Sohlen die über ihm hinwegschritten Manchmal ging sie nach der
Kirche und hörte eine Predigt an Aber die geistreichen eiskalten Tiraden
dieser eleganten Priester machten sie nicht froher Ihr inneres Leid zusammen
mit der schlechten wenig gesunden Nahrung ließ sie rasch abmagern und nahm
ihrem Gesichte die rosige Farbe Sie glich jetzt den anderen Grossstadtmädchen
mit heißen überwachten Augen und fahler Haut Am Abend fiel sie immer totmüde
ins Bett Die Schule lag weit weg von hier und sie musste täglich viermal den
Weg zu Fuß zurücklegen Auch gestand sie sich ehrlich dass ihr die Pädagogik
nicht das geringste Interesse abgewann Sie lernte ohne Freude ohne Hoffnung
Aber beharrlich wie sie war kam es ihr nicht in den Sinn an einen anderen
Beruf für sich zu denken Einmal sagte sie zu Alice »Weißt Du es ist auch
trostlos Die ewige Schule Herr und Frau Wewerka Wenn ich Dich nicht hätte«
»Und Du hast doch so wenig von mir« meinte Alice »Aber weißt Du mir ist
jüngst ein Einfall gekommen Ich will Ernst bestimmen dass er nette Leute zu uns
bringt Was meinst Du Leide ich nicht ebenso wie Du unter dem Einerlei Den
ganzen Tag fast allein das traurige Gesicht Mathildens vor mir Immer kann
man auch nicht lesen Wir wollen uns ins Leben stürzen willst Du«
Johanne lächelte »Aber wie fängt man das an«
5
Eines Tages sagte Herr Wewerka bei Tisch »Fräulein Johanne Ende dieser Woche
werden wir einige Gäste bei uns sehen Auch Ihre Freundin Alice mit ihrem Mann
Es ist Ihnen doch nicht unangenehm«
»O ich freu mich darauf« sagte Johanne überrascht dann grübelte sie ob die
kleine Frau das so eingefädelt hatte und warum sie nicht bei sich wo es doch
viel hübscher war die Gäste empfinge Sollte etwa Mathildens Gegenwart daran
schuld sein Schämte Alice sich die Gäste von ihr bedienen zu lassen
Der Sonnabend kam heran Johanne hatte sich auf Frau Wewerkas Rat ein
einfaches Kleidchen machen lassen das ihre schöne schlanke Gestalt
vorteilhafter hervorhob als die plumpen Nähkünste von Sienental es taten
Frau Wewerka lieh sich aus einer Anstalt das nötige Service aus und bestellte
die bekannte Kochfrau Das unfreundliche Dienstmädchen machte zum erstenmal ein
etwas heiteres Gesicht Sie hoffte auf Trinkgelder
Die ersten Gäste die eintrafen waren Schülers
»Frau Borstig hat abgesagt aber ihr Mann kommt« sagte die Hausfrau
»Sie hat wohl ihr gutes Kleid versetzt« meinte Schüler boshaft Dann machte
er Johanne den Hof Alice sah reizend aus in ihrem dekolletierten blauen
Kleidchen und dem hochfrisierten Haar Es war nicht zu leugnen ein wenig
kokottenhaft sah sie aus aber jede Französin wenn sie nicht alt und hässlich
ist sieht geputzt so aus Man saß einige Zeit im Wohnzimmer wo Frau Wewerka
zum erstenmal Johanne empfangen hatte In der Abendbeleuchtung machte es sich
ganz elegant Die Nippessachen aus dem FünfzigPfennigbazar die auf Konsolen
und Schränken umherstanden verloren an Wertlosigkeit unter dem verklärenden
Licht der rotbeschirmten Lampen Man erwartete zehn Gäste Frau Borstig hatte
abgesagt also kamen nur Herren Kurz nach der anberaumten Stunde stellten sich
die Geladenen ein Herr Borstig und Herr Berner Herr Doctor Lang und noch
andere Namen klangen an Johannes Ohren
Sie war verlegen und hielt sich beharrlich an Alices Seite Man redete zu
ihr sie antwortete zerstreut endlich trat ein Herr zu ihr und bat um die Ehre
sie zu Tisch führen zu dürfen Johanne sah ihn ratlos an Ob er sich ihrer
Verlegenheit erbarmen würde Er tat es
»Gnädiges Fräulein sind wohl erst kurze Zeit hier ich hatte noch nirgends
das Vergnügen Ihnen zu begegnen« Er war ein hochaufgeschossener junger Mensch
mit einem Durchschnittsgesicht und einem faden Lächeln um den süsslichen
Frauenmund Johanne sah ihn heimlich an und bemühte sich aus seinem Äußern zu
erkennen welchen Standes oder wes Geistes Kind er sei
»Ja ich bin noch nicht lange hier« sagte sie unbeholfen
»Und gefällt es Ihnen bei uns«
»Mit jedem Tage weniger« gestand sie
»Warum« fragte er ein wenig interessiert
»Es ist sehr öde in dieser Stadt«
»Öde« lachte er »eher alles als das Vielleicht leben Sie nicht wie man
in einer solchen Stadt leben muss um sie kennen und lieben zu lernen«
»Ich wüsste nicht wie ich anders leben sollte Ich studiere hier«
»Ah Gehen Sie auch in Gesellschaften Theater«
Sie schüttelte den Kopf »Dieses ist die erste Gesellschaft die ich
mitmache«
Ein geringschätziges Lächeln zuckte um seinen Mund »Wewerkas führen ein
sehr zurückgezogenes Leben Früher traf man öfters mit ihnen zusammen«
»Sind Sie befreundet mit ihnen«
»Gewiss« Er sah sie ironisch an »Wir sind alle befreundet hier«
In diesem Augenblick gab die Hausfrau ein Zeichen Es entstand ein
fröhlicher Tumult Da die Damen in der Minderheit vorhanden waren fassten sich
etliche der Herren scherzend unter den Arm und führten einander zu Tische
Plötzlich hörte sie hinter sich flüstern »Machen Sie mir das Kind nicht
verrückt« Sie sah sich um und blickte in Schülers lächelndes Gesicht
Bei Tisch saß ihr gegenüber Alice deren Nachbar Johannes Begleiter
verständnisvolle Blicke zuwarf Während die Andern durcheinander schwatzten und
schrien sagte Johanne leise »Ich habe Ihren Namen vergessen entschuldigen
Sie«
Ihr Nebenmann lachte
»Das zeigt mir wie wenig berühmt ich noch bin sonst hätten Sie ihn im
Gedächtnis gehabt noch bevor Sie mich persönlich kannten Ich heiße Babinsky«
Sie sah ihn fragend an »Sind Sie Künstler weil Sie vom Berühmtsein
sprechen«
»Ach gnädiges Fräulein«
»O bitte lassen Sie das gnädig ich bin ein einfaches Mädchen«
»Ich bin Schriftsteller ob ichs schon zum Künstler gebracht habe weiß ich
nicht Die Welt behauptet es« Er schluckte ein großes Stück Fleisch hinab
»Aber ich ich bin natürlich unzufrieden mit mir wie es alle bedeutenden
Geister mit sich sind Haben Sie auch von meinem Freund Mink noch nichts
gehört« Er deutete auf Alicens Tischnachbar hinüber
»Was ist er« Sie schämte sich innerlich über ihre Unwissenheit
»Der größte Lyriker der Gegenwart« sagte Babinsky nachlässig »Ich habe es
mindestens neulich in meinem Essay ausdrücklich betont«
»Ah Sie sind auch Redakteur«
»O nein« sagte er sich in die Brust werfend »ich bin dramatischer Dichter
aber nebenbei schreibe ich auch Kritiken Ich wohne mit Mink zusammen Wir
ergänzen uns trefflich Braucht er praktische Winke irgend eine Handlung eine
besonders drastische Szene so wendet er sich einfach an mich bedarf ich einer
weichen lyrischen Stimmung eines besonders zarten Bildes ist er mir
behilflich«
»Das ist rührend« sagte Johanne »Und in welchem Theater hier gibts ja so
viele werden Ihre Stücke aufgeführt«
Der große Dichter leerte sein Glas in einem Zuge und lehnte sich behaglich
zurück
»Bis jetzt habe ich nur eins aufführen lassen das närrischste Die Zeit ist
noch nicht reif für meine Ideen Übrigens behauptete mein Freund neulich in
seiner Abhandlung über mich als Dramendichter dass die Aufführung meiner Stücke
eine andere Szene als die auf unsern Teatern übliche erheischt«
»Herr Mink schreibt über Sie und Sie über Herrn Mink wie komisch« Das
junge Mädchen lachte
»Was ist da Komisches dabei« meinte Babinsky achselzuckend »Sehen Sie den
Herrn dort unten am Ende des Tisches der eben mit Wewerka spricht«
Johanne beugte sich vor
»Der mit der großen Nase und dem langen Haar«
»Ja ja der Nun sehen Sie der schreibt er ist Romandichter beständig
über sich selbst Kritiken weil kein Kritiker es tut«
»Aber nein« rief Johanne »lachen denn die Leute nicht darüber«
»Die wissen ja nicht dass die großen Lobeserhebungen die er sich zollt von
ihm selbst geschrieben sind«
»Prosit Babinsky« riefs von gegenüber »Prosit Mink« Die Freunde tranken
einander zu Alice nickte freundlich zu Johanne hinüber
»Wenn das doch mir gälte« scherzte Babinsky
»Kennen Sie sie Sie ist noch nicht lange hier«
»Ich hörte viel von ihr gesehen hatte ich sie bis heute noch nicht Sie ist
ein reizendes Weib«
»Sie ist meine Freundin« sagte Johanne ernstaft ohne zu wissen warum
»Gratuliere« Babinsky verneigte sich vor Johanne »Ist er auch Ihr Freund«
»Kennen Sie ihn« fragte das junge Mädchen ohne vom Teller aufzusehen
»Wie meine Westentasche Sehen Sie er verdreht sich eben den Hals nach
Ihnen ich glaube er ist verliebt in Sie«
»Wer ist der Herr der neben ihm sitzt« fragte Johanne kühl
»Das ist der bekannte Marschner ein Verleger«
»Weshalb ist er bekannt«
Das junge Mädchen sah auf den ältlichen Mann mit der emporstrebenden Nase
und den herabhängenden Mundwinkeln der immerfort Frau Wewerka anstierte
»Erstens weil er die Kunst versteht von den Schriftstellern das höchste
Honorar herauszuschlagen «
»Sie von ihm meinen Sie«
»Nein Fräulein er von ihnen Es gibt Dichter ich natürlich gehöre nicht
zu diesen die den Verleger gut bezahlen wenn er sie druckt Sodann ist er der
Mann der größten Auflagen Er beginnt nämlich gleich mit der zwölften Auflage
eines Dichtwerkes in seinem Verlage auch versteht er es gut Titelauflagen
unters Publikum zu schmuggeln aber pardon das werden Sie kaum verstehen
endlich Danke gnädige Frau ich komme gleich nach« Er verneigte sich gegen
die Hausfrau die ihm zutrank »Von wem sprach ich doch Ja richtig endlich hat
er neulich eine Erbschaft gemacht und ist augenblicklich im beneidenswerten
Besitze eines hübschen Mammons«
Johannes Brauen runzelten sich leicht und sie presste die Zähne auf die
Lippen
»Was ist Ihnen« Babinsky sah sie verblüfft an
»O nichts« sagte sie und suchte den feuchten Glanz ihrer Augen zu verbergen
Dann blickte sie auf Frau Wewerka und den Alten »Wissen Sie ich würde
wahnsinnig werden wenn ich ewig hier bleiben müsste«
»O« rief Babinsky »wahrhaftig warum Und wohin wollen Sie denn«
»Mein Jahr hier studieren ein Examen machen und dann in eine Provinzstadt
in Stellung gehen Das ist ja schrecklich in diesem Ninive« Sie bemühte sich
ihre Erregung zu verbergen und zu scherzen
»Ninive« fragte er
Da erzählte sie ihm von ihrer früheren Schwärmerei für die Stadt deren
Boden ihr jetzt unter den Füßen brannte Er belustigte sich höchlich über den
Namen
»Ich werde in Zukunft auch so sagen wenn Sie mich nicht auf Diebstahl
verklagen« scherzte er
Die Hausfrau erhob sich die andern folgten ihr Jetzt erst bemerkte
Johanne dass ein Stuhl am Tische leer geblieben war
»Darf ich Ihnen meinen Freund vorstellen« sagte Babinsky und stellte Mink
der von Alice verlassen wurde Johanne vor »Das Fräulein ist eine große
Pessimistin Bemühe Dich sie heiter zu machen sie will Ninive verlassen« Er
erklärte Mink heiter die Bedeutung des Namens
»Es wäre schade«
Der kleine blonde Mann mit der Kartoffelnase der kaum zwanzig Jahr alt
schien aber in Wirklichkeit älter war blickte neugierig in Johannes Gesicht
Er hatte schon die ganze Zeit her bei Tische ihre reinen schönen Züge
bewundert Er nahm den Kneifer ab wie befriedigt über das was seine scharfen
Gläser entdeckt hatten
»Ich bin ein schlechter Überzeuger ich selbst möchte zuweilen aus Ihrem
Ninive durchbrennen Da müsste man den Hans Tage hier haben der «
»Wie« rief Johanne dunkel errötend »Hans Tage kennen Sie Ach Sie
Glücklicher nein den«
Die beiden Freunde warfen sich einen lächelnden Blick zu »Kennen Sie ihn«
fragte Mink der bei der backfischhaften Äußerung etwas Bewunderung für Johanne
verlor
»Er ist ein Genie« sagte sie freigebig »Ich war wie im Himmel als ich
Einiges von ihm las Seit einem Jahr wünschte ich nichts sehnlicher als ihm zu
begegnen Es muss ein herrlicher Mensch sein«
»Ein herrlicher Mensch« nickte Babinsky und sah zu Mink hinüber »wo steckt
er denn augenblicklich Wir wollen ihn gefesselt vor die Füße seiner Bewunderin
legen«
»O wenn nein«
Sie ist doch riesig albern dachte Wewerka der leise zu den Dreien getreten
war und küsste Johanne die Hand
»Mahlzeit Wie haben sich eure Herrlichkeit amüsiert«
Mink legte seine Hand leicht auf Babinskys Arm und schlenderte nach dem
Sopha wo Frau Wewerka Cercle hielt
»Gefallen Ihnen die beiden jungen Leute« flüsterte Wewerka »Es sind zwei
unserer bekanntesten Dichter«
»Sie scheinen überhaupt nur Berühmteiten hier zu haben« Ihre Blicke
glitten über die Gäste hin
»Ironisch Johanne« Der Hausherr sah ihr in die Augen »Ich habe in der
Tat nur bekannte Namen hier«
»Einige Herren zum Beispiel den dort mit den aufgekrempelten Hosen es ist
doch nicht nass hier kenne ich noch nicht auch den dort mit dem schwarzen
Backenbart nicht«
»Der erstere ist nicht ernst zu nehmen Er lebt augenblicklich sehr wie
soll ich sagen primitiv Übernachtet meist in Kaffeehäusern und so
Gegenwärtig ohne Stellung und Arbeit Er ist Journalist und zwar ein sehr
gewandter Früher war er Priester dann trat er aus dem Orden aus und ging zur
Feder über Sein Chefredakteur kündigte ihm weil er zu sehr über die Katholiken
loszog Man sagt er gehe wieder ins Kloster zurück Wahrscheinlich nicht in
dasselbe aus dem er kam Der Herr mit dem Backenbart saß er nicht rechts von
Ihnen ist Maler hat eben eine eklige Geschichte hinter sich wegen eines
Modells Na das passt nicht für Ihre Ohren Übrigens der Eine auf den ich
noch rechnete ist nicht gekommen«
In diesem Augenblick hörte man von draußen heftig die Klingel ziehen und
nach ein paar Augenblicken trat ein Mann herein auf den Herr und Frau Wewerka
mit Vorwürfen dass er so spät komme losstürzten Der Angekommene mochte Ende
der Dreißig oder Anfangs der Vierzig sein Er hatte scharfgeschnittene Züge
einen dunklen Teint sehr wenig Haare auf seinem prächtig gewölbten Schädel und
diese wenigen so glatt gestrichen als machte es ihm Freude die elfenbeinerne
Platte noch bedeutender erscheinen zu lassen Mit kühlen Blicken musterte er die
Anwesenden und beruhigte die stürmische Liebenswürdigkeit der Hausherren
»Ihr habt doch genug jeunesse dorée hier was braucht ihr mein ehrwürdiges
Greisenhaupt in Euerer Mitte«
»Herr Max Lohringer Fräulein Johanne Grün« stellte die Hausfrau die beiden
einander vor dann führte sie ihn zu Alice Johanne sagte zu Mink der wieder zu
ihr getreten war »Wer ist doch dieser Herr Ich habe schon irgendwo seinen
Namen gehört«
Mink ließ durch eine Grimasse den Zwicker von der Nase fallen »Max
Lohringer Hm Das ist schwer zu beantworten Er ist nämlich gar nichts Das
wurmt ihn deshalb schimpft er über alles und alle Besonders über die Kunst und
was mit ihr zusammenhängt die Künstler Er möchte für sein Leben gern auch
einer sein besitzt aber auf keinem Gebiet das mindeste Talent«
»Wirklich wie schade« sagte Johanne Dann näherte sie sich Alice die eben
vorbei kam
»Du denk Dir Mink und Babinsky kennen Tage«
Die junge Frau sah die Freundin fragend an »Tage Wer ist das«
»Wie den kennst Du nicht Nun ja Du bist erst so kurz hier Dein Mann
kennt ihn sicher Er ist einer der berühmtesten Dichter von allen Du könntest
mir einen riesigen Gefallen tun Lade die beiden Freunde zu Euch ein und sage
ihnen sie sollen Tage mitbringen Ja magst Du Ich möchte ihn für mein Leben
gerne kennen lernen Er erscheint mir als der einzige bedeutende Mensch in
diesen trostlosen «
»Na na Du hast Dich heute doch ganz gut unterhalten Aber wies mit dem
Einladen wird Ernst hat auf meine Bitte uns Gäste zuzuführen Frau Wewerka
bestimmt diese Gesellschaft zu geben Sie deutete es mir an Ich glaube er
will bei uns niemand empfangen Du weißt ja weshalb«
»Ich dachte es mir« sagte Johanne
»Aber versuchen ihn zu bitten kann ich ja Schließlich für einen Abend
wird wohl andere Bedienung zu haben sein«
»Was für Weltgeschicke werden hier gebraut«
Max Lohringer stand neben den beiden Damen Johanne fühlte ein Paar weicher
dunkler Augen auf sich gerichtet
Alice lachte »Meinen Sie das sagen wir Ihnen«
Er sah von der einen zur andern Sie schienen ihm beide zu gefallen Dann
wandte er sich an die junge Frau
»Mir braucht man nichts zu sagen lassen Sie mich nur ihre Hand fühlen ich
bin Gedankenleser«
»Ei« rief Frau Schüler während es Johanne heiß durch die Wangen strömte
Sie hatte in eben demselben Augenblick gedacht wie kommt der eigentlich hierher
er sieht ganz anders aus als die Übrigen
»Wissen Sie was meine Freundin eben innerlich beschäftigt« Alice blickte
übermütig auf Johanne
Er sah mit einem langen Blick in das schöne Gesicht des jungen Mädchens
»Sie suchen«
»Gefehlt« sagte sie ihre Bestürzung tapfer verbergend »Das hätte ich
garnicht nötig«
Er verbeugte sich »Das war königlich gesprochen Sind Sie angehende
Schauspielerin« Nun lachten beide
»Die« sagte Alice »sie ist erst ein halb Jahr unter kultivierten
Menschen«
Johanne blickte zu Lohringer auf
»Aber es waren brave Leute von denen ich kam wenn sie auch mit dem Messer
statt mit der Gabel aßen«
»Sie schwärmen für Naturzustände Sind wohl auch Vegetarierin in Wolle«
»Was ist das«
Er sah sie mit ironischem Lächeln an Man reichte Bier herum Er dankte
»Aber vielleicht ein Glas Wein oder Tee« sagte Frau Wewerka herantretend
»Danke« rief er entschiedener als nötig war und ging auf die beiden
Dichterfreunde zu mit denen er sich in ein Gespräch einließ
Später trat Schüler zu Johanne und wich für den Rest des Abends nicht mehr
von ihrer Seite Lohringer ging gelangweilt bald zu diesem bald zu jenem Er
war der erste der aufbrach
Spät nach Mitternacht entfernten sich auch die Übrigen Johanne fühlte sich
müde und abgespannt als sie ihr Lager aufsuchte
6
Es war kein erfreuliches Leben
Der Unterricht dieser Kinder mit ihren frühreifen altklugen Gesichtern in
denen der Charakter der Eltern bereits ausgeprägt stand lastete wie eine
schwere Pflicht auf Johanne Man merkte es in ihrem Umgang mit den Kleinen »Sie
sollen mit Liebe den Kindern entgegentreten nicht mit der Miene verdrossenen
Pflichtgefühls« sagte die Lehrerin
»Es sind ja nicht meine eignen« drangs unwillkürlich über die Lippen des
Mädchens Nachher schämte sie sich des Wortes Eine unendliche Leere und
Trostlosigkeit bemächtigte sich ihrer
Diese riesigen Mietskasernen mit ihren prunkvollen Aufgängen ihren
Telephonen elektrischen Beleuchtungsapparaten Dampfheizungen ihren
hundertartigen technischen Überraschungen diese Mietspaläste in denen eine
bis zur Sinnlosigkeit unruhige hastende Menge aus und eineilte erschienen ihr
wie mächtige steingewordene Lügen Früher hatte sie geglaubt dass in schönen
Palästen glückliche Menschen wohnen müssen nun hatte sie mehr und mehr Einblick
in das Leben erhalten Die Füße aller dieser hinstürmenden Menschen waren
schmutzig und staubig von den Wegen die sie wandelten Die Kinder sahen nicht
wie Kinder aus und die Erwachsenen besaßen alle etwas greisenhaft Blasiertes
Erschöpftes Auf der Straße durfte man keinen Moment langsam gehen oder vor
einem Schaufenster stehen bleiben ohne sich den ärgsten Insulten auszusetzen
In den Kirchen predigten Priester die eher alles als das was sie
verkündeten zu glauben schienen Und die Kunst Waren die Herren Mink und
Babinsky nicht typisch für die Zustände die da herrschten
»Ninive« stand als Sonnenuhr über den andern Städten des Reiches Welche
Stunde sie in Sachen des guten Geschmacks zeigte die galt für alle Kunstfreunde
des Landes Wenn Herr Babinsky Herrn Mink in langen Berichten lobte und Herr
Mink Babinsky als das größte Genie pries mussten die guten Provinzler es nicht
glauben Und der Ehrenmann Schüler der an der Spitze eines großen Blattes stand
und im »Brustton ehrlicher Überzeugung« seine hochherzigen lieberalen
Gesinnungen und Ansichten in die Welt posaunte einstweilen genügte ihm der
Gehalt den sein Chef ihm auszahlte stand er etwa vereinzelt da War Wewerka
besser Dass seine sogenannte Redakteurstellung nur ein Scheinamt war hinter dem
er allerlei dunkle Spekulationen verbarg mit denen er von Zeit zu Zeit irgend
einen der biederen Landwirte brav »hineinlegte« war Johanne längst klar
Schmutz überall wo man anfasste
In manchen Augenblicken war ihr als höre sie langes Gras um sich flüstern
und spüre frischen Wind auf ihren Wangen spielen Aber mit ihrer angeborenen
Festigkeit oder wars der Trotz der Jugend die ein einmal ins Auge gefasstes
Ziel nicht lassen will sagte sie sich nein Der Kurs musste hier beendet
werden koste es was es wolle und wenn selbst ihr körperliches Wohlbefinden
darunter leiden sollte Alle die Erfahrungen die ihre kindlich reine durch ihr
einsames Jugendleben doppelt empfindsame Seele trafen zehrten an ihrer
Gesundheit und Kraft Ihre Wangen wurden von Tag zu Tag blasser Sie unterschied
sich jetzt in nichts mehr von den anderen Grossstadtmädchen mit ihrer ärmlichen
Eleganz ihrer zierlichen Haltung ihren alles sehenden und sich über nichts
verwundernden Augen
Ihre braven genagelten Schuhe hatte sie schon lange in die Ecke geworfen
Sie konnte auf diesem heißen Asphaltpflaster nicht darin gehen Sie trug jetzt
dünne Schuhchen die wenig kosteten und bald zerrissen waren
Eines Tages erhielt sie ein winziges rosa Briefchen »Meine liebe kleine
Hanne komm übermorgen Nachmittag zu mir Nimm Dir aber vor stark zu sein denn
Du wirst den treffen nach dem Dein Herz verlangt Ich möchte beinahe glauben
dass Schüler in Dich verliebt sei Kaum sprach ich Deinen Wunsch aus als er auch
schon Schritte tat ihn zu erfüllen Hüte Dich vor Ernst Er tut nichts
umsonst «
Im ersten Moment sagte sich Johanne nein ich gehe nicht hin Dann als der
Tag anbrach da sie hingehen sollte fasste sie eine verzehrende Neugierde eine
Hoffnung eine Rührung Vielleicht kam Gutes aus der Begegnung mit diesem Manne
der doch kein niederer Mensch sein konnte nach all dem was er geschrieben
hatte Sie zog ihr bestes Kleid an und ging zu Schülers Alice war am Teetisch
beschäftigt um sie gruppiert saßen drei Herren Zwei von ihnen kannte Johanne
Es waren Mink und Babinsky der dritte war ein kleiner verwachsen aussehender
Mensch mit wulstigen Lippen einer birnenförmigen Nase rötlichem Haar und
klugen spähenden Augen
»Herr Tage Fräulein Grün« stellte Alice die beiden einander vor Alle
schwiegen und blickten auf das junge Mädchen Sie wurde rot und blass dann sagte
sie die innere Belustigung der Andern ahnend zu Tage »Gerade so habe ich Sie
mir gedacht«
Alice lachte und zog die Angekommene neben sich auf das Sopha Tage der
sich neben den Freunden niederließ blickte ironisch auf die Andern
»Wie schlecht müssen meine Gedichte sein«
Mink schlug ihm auf die Schulter »Sag doch lieber was muss ich für ein
prächtiger Junge sein denn dass deine Gedichte vortrefflich sind bist du ebenso
überzeugt wie wir«
Es flogen einige Wortwitze hin und her dann reichte Alice den Tee herum
Tage wandte sich an Johanne und zog sie in ein Gespräch Er hatte etwas Feines
Wählendes in seiner Sprache etwas überaus Beruhigendes Jedes Wort schien ehe
es ausgesprochen war wohl überdacht zu sein Auch seine Art sich auszudrücken
war ungewöhnlich Man sah dass er mit Leuten aus der Gesellschaft zu verkehren
pflegte Er war nicht der Mann wie ihn Johanne aus seinen Gedichten erwarten
konnte aber sie war nun schon gewohnt alles anders zu finden als sie gehofft
hatte
Im Laufe des Gesprächs fiel ihr auf dass er gewisse gelehrte nach
Litteraturgeschichte riechende Phrasen wieder und wieder gebrauchte auch dass
die beiden andern jungen Leute ihn mit besonderer Zuvorkommenheit behandelten
Sie konnte nicht recht klug aus ihm werden Indes sie nach und nach ihre
natürliche Lebendigkeit und Anmut wiederfand und ihre Augen den gewöhnlichen
treuherzigen warmen Ausdruck erhielten fühlte er sich von Wort zu Wort das
sie sprach mehr gefesselt
Seine Stärke war es ja solche kinderreine liebliche Mädchengestalten zu
zeichnen Mädchen mit blauen Bändern im Haar voll süßer törichter Einfalt Und
weil jeder Mann in jeder Frau nur das sieht und hört was er in sie hineinlegt
so spürte Tage nichts von all dem Starken Ringenden in dieser jungen Seele Er
hörte nur ihre Unschuld und Sehnsucht reden Alice unterhielt sich mit Mink und
Babinsky indes sie von Zeit zu Zeit einen forschenden Blick auf die beiden
miteinander Sprechenden warf
Als Johanne endlich aufstand sie fühlte wie ihre Wangen zu brennen
begannen erhob sich mit ihr zugleich Tage
»Sie gehen Darf ich Sie geleiten«
»Bitte« sagte sie einfach
Die Dichterfreunde erhoben sich ebenfalls Auf der Straße trennten sie sich
von Johanne und ihrem Begleiter
Die Beiden gingen eine zeitlang schweigend hin dann sagte Tage
»Dichter besitzen etwas was man poetische Licenz nennt das heißt die
Freiheit zu sagen was andere nicht sagen dürfen Und wenn ich nun von diesem
meinem Rechte Gebrauch mache werden Sie mir hoffentlich nicht zürnen nichtwahr
nein«
Sie schwieg verlegen
»Sie sind ein wunderbares Geschöpf Sagen Sie haben Sie eigentlich schon
einmal geliebt« Sie fühlte einen schmerzlichen Stich durch ihr Herz gehen Sie
geliebt Wen etwa Sie die ganz Einsame
»Nein ich ich ging immer allein«
Klang es nicht wie das Bekenntnis eines mittelalterlichen Gretchens Ich
ging immer allein
»Geben Sie mir doch Ihren Arm« bat er »es geht sich so besser in dem
Gedränge« Sie legte schüchtern ihre Hand auf seinen Arm Sie gingen durch
elektrisch beleuchtete Straßen mit herrlichen Schaufenstern tausenden von
Menschen einem Gewimmel von Wagen die sich des riesigen Verkehrs wegen nur
stockend fortbewegen konnten
Sie fühlte wie er sie ansah wie er von Zeit zu Zeit ihren Arm inniger an
sich drückte Ein leiser Taumel ergriff sie Als ob sie träumend dahinschwebe
Als sie endlich bei ihrem Hause hielten sagte er leise Fräulein Johanne
wann gehen Sie immer nach dem Fröbelhaus Würden Sie zürnen wenn ich Ihnen
begegnete« Sie antwortete nicht sondern schüttelte nach Kinderart den Kopf Er
sah ihr einen Moment lang starr in die Augen zog ihre Hand an seine Lippen
öffnete ihr die Haustür und verschwand im Gewühl der Straße Sie schritt
langsam hinauf berührte kaum ihr Nachtessen und begab sich zu Bette Lange
Stunden lag sie mit offenen Augen da und lauschte in sich hinein in heimlicher
Verwunderung
Am andern Tag als die Unterrichtsstunden beendet waren kam er wirklich auf
sie zugeeilt Er war elegant gekleidet und überreichte ihr drei rote Rosen Sie
freute sich plauderte ein wenig mit ihm und dachte so oft sie ihn ansah Gott
wie hässlich Aber mit der Zeit würde sie es vielleicht übersehen Sie blühte wie
die Rosen in ihren Händen nur um ihre Augen lag ein ganz feiner träumerischer
Ausdruck
Tage blickte sie sehr verliebt an
Sie machten einen Umweg nach ihrem Hause Heute sprach er auch von seinen
Gedichten
»Wissen Sie« meinte er unter anderem »ich verkehre nur selten mit meinen
Kollegen Es sind alles rohe und was mehr ist unfähige Burschen Im
Litteraturverein trifft man sich ja zuweilen aber ich schneide sie wo ich
kann Man wird gleich um Protektion angepumpt und haste nicht gesehen rufen sie
einen als ihren Freund und Genossen aus Meine Einzelstellung in der Literatur
verbietet mir solche Verbrüderung«
»Ja ich lachte und weinte damals über Ihre Strophen« sagte Johanne »ich
fühlte mich erhoben wenn ich in Ihren Gedichten las«
»Das höre ich oft und es freut mich sind sie doch « er seufzte tief auf
»mit Herzblut geschrieben Manches junge Mädchen hat mir schon bekannt seit ich
Ihre Poesien kenne glaube ich wieder an das Gute und Schöne im Leben«
Von diesem Tag an begleitete er sie sehr häufig nach Hause
Eines Herbstabends es dunkelte schon früh zog er sie in den Flur ihres
Hauses und stammelte »Johanne Johanne ich vergeh vor Sehnsucht« Und er
brachte sein Gesicht dem ihren nah Sie wollte etwas erwidern da hatte er beide
Lippen auf die ihren gepresst als wollte er ihre Seele schlürfen und war
davongeeilt Sie stand einen Augenblick an die Mauer des dunklen Eingangs
gelehnt und vermochte sich nicht zu rühren Dann ging sie hinauf und weinte Am
andern Tag wollte sie ihm einen empörten Brief schreiben aber sie kannte seine
Adresse nicht
Zum Glück erschien er heute nicht Sie würde vor Scham und Ärger
wahrscheinlich auf der Straße eine Szene gemacht haben
Nachmittags ging sie zu Schülers Sie wollte dort seine Straße erfahren Auf
dem Wege dahin überlegte sie ob er vielleicht vorhabe sie zu heiraten Aber
selbst dann schien es ihr durfte er sich nicht so betragen Sie war mit sich
unzufrieden obzwar sie nicht wusste wie sie sich hätte anders benehmen sollen
Er hatte sie überrascht
Bei Schülers öffnete Alice die Türe Sie hatte rotgeweinte Augen und war
sehr aufgeregt
»Denk Dir Madame ist krank oder behauptet mindestens es zu sein Sie
arbeitet nichts und liegt auf der faulen Haut Glaubst du er ließe mich einen
andern Dienstboten mieten Keine Spur Ich meint er soll so lange das Nötige
besorgen bis sie wieder flott ist Wie findest du das Ich finde es unerhört«
Die kleine Frau trippelte nervös in ihrem Zimmer auf und ab »Unsere alte
Wirtschafterin in St Estephe ließ mich nie in die Küche O ich bin sehr
unglücklich« Sie warf sich in einen Sessel »Weißt du was er jetzt tut Er
macht sich sein Bett selbst und lässt Essen aus dem Gasthaus kommen Alles wegen
der Alten Welch gutes Herz wie«
Johanne suchte die Freundin so gut sie konnte zu beruhigen Dann bat sie um
Tages Adresse
»Ich weiß sie nicht« sagte Alice »aber Mink kennt sie Er soll sie dir
mitteilen Liebst du etwa das Scheusal Hans Tage«
Johanne errötete »Muss man alle gleich lieben mit denen man auf der Straße
geht«
»Na ich ich schaff mir jetzt um jeden Preis einen Verehrer an mir ist dies
Leben unausstehlich«
Johanne fasste ihre Hände »Alice mach nicht so böse Scherze Du bist eine
verheiratete Frau«
»Wer hat denn angefangen« rief die junge Frau erregt »er oder ich Wer hat
mich schändlich hintergangen Und ich hielt so viel von ihm« Sie brach in
Tränen aus »Nun tue ich ihm was er mir getan hat«
»Harre doch aus Es muss sich ja ändern wenn sie stirbt «
»Ach was die stirbt nicht«
Johanne ging traurig fort Nichts als Elend wohin man blickte Und in ihrer
eignen Brust ein Sturm widersprechender Gefühle Ach wenn sie doch wirklich
Einen besessen hätte der ihr gehörte mit Leib und Seele Es war zu trostlos so
allein dahinzutreiben Wenn Tage ihr Halt und Stütze sein könnte Aber durfte
sie das hoffen Berechtigte sein Benehmen dazu Fasste er etwa einen Kuss ebenso
ernstaft auf wie sie Vielleicht Die Tränen traten ihr in die Augen als sie
das Glück erwog jemanden zu haben an dessen Brust sie ihr Haupt lehnen könnte
Wenn sie ihn jetzt hier gehabt hätte sie würde ihm weich und hingebend
begegnet sein
Am andern Tag als sie aus der Schule kam er hatte sie wieder nicht
erwartet klopfte es und ihr Hausherr trat herein Die hundert Falten in seinem
Gesicht waren alle lebendig und zuckten
»Ich bringe Ihnen die gewünschte Adresse« sagte er sich niederlassend »Mink
begegnete mir vorhin und teilte sie mir mit Er wollte selbst zu Ihnen kommen
hatte es aber sehr eilig Fräulein Johanne Fräulein Johanne sind Sie
eifersüchtig wollen Sie ihn überraschen Lassen Sie sich von einem
Uneigennützigen davor warnen Sie würden keine angenehmen Entdeckungen machen«
Er rückte seinen Stuhl näher dem ihren »Tage ist durchaus kein tadelloser
Charakter Fräulein Johanne Ich würde dies Ihnen nicht mitteilen wenn mich
nicht durch meine liebe Frau Freundschaft mit Ihnen verbände«
»Aber« stotterte das junge Mädchen »Herr Tage geht mich ja eigentlich
nichts an ich weiß nicht was Sie «
»Sie interessieren sich für ihn Sie gehen mit ihm ich selbst habe Sie an
seinem Arm gesehen« er sah ihr tiefes Erröten »Sie sind ein unschuldiges
erfahrungsloses Mädchen Ehe Sie es recht wissen stecken Sie im Unglück«
»Was wollen Sie mir also sagen« fragte sie plötzlich kühl Dieser Mensch da
spielte sich auf den Wächter der Unschuld der Tugend hinaus War es nicht
lächerlich
Er Der Wewerka erriet aus dem verächtlichen Aufwerfen ihrer Lippen ihre
Gedanken
»Ich wollte Sie nur warnen« versetzte er in biederem Ton »sich Hoffnungen
zu machen wenn Tage Ihnen Dinge verspricht wie man sie zuweilen jungen Mädchen
verspricht Er ist nicht mehr frei Er ist durch die verschiedensten Bande an
eine Frau gefesselt die ebenso alt und kokett wie hochvermögend ist Das
letztere weniger durch ihren Reichtum als durch ihre Verbindungen Sie arbeitet
für die ersten Blätter der Residenz Sie hat ihm zu seiner Berühmteit
verholfen sie und sein Protektor der berühmte Professor Kneilenbregg vor dem
Tage auf den Knieen rutscht Früher trieb er philologische Studien unter ihm
Der Mann der sich so angebetet sieht und der als Gesellschaftsfex in den
Salons wo er Sekt trinkt und den Frauen den Hof macht viel für einen jungen
Autor tun kann bestimmte seine Verehrerinnen nicht allein Tages Bücher zu
kaufen sondern auch in ihm eine Zukunftsnummer zu erblicken Die Weiblein gehen
ja immer auf den Leim wenn ein berühmter Mann sie da haben will Innerlich
denkt er zu seiner Ehre will ichs annehmen ebenso wie die andern nämlich dass
Tage ein Phrasenheld aber nichts weniger als ein echtes Talent sei Aber der
Kerl verstehts wo es ihm darum zu tun ist ausgezeichnet zu schmeicheln Und
dem großen Mann ist das Lob und die Bewunderung selbst wenn sie aus dem Munde
des Allerkleinsten kommt immer willkommen Der bekannte Dichter Tage singt ihm
widmet ihm Bücher was Wunder wenn er sich gedrängt fühlt zu quittieren
Die pikante Baronin Tages Geliebte und Gönnerin ist schon etliche Male
sehr eifersüchtig auf den großen Mann gewesen Aber sie haben sich wieder
verständigt Dass Tage wenn er den Dichterkranz aus dem roten Haar legt auch
ein Mensch sei dem es nach ihren geschminkten Lippen nach frischen dürstet
scheint sie nicht wissen zu wollen Er hintergeht sie fortwährend mit kleinen
Ladenmädchen ohne dass sie es ahnt Und aber vergeben Sie Sie sind ganz blass
geworden«
Johanne hatte sich erhoben und ging heftig auf und nieder
»Warum erzählen Sie mir das alles Herr Tage kann tun was ihm beliebt Er
ist sein eigener Herr Er kümmert mich nicht«
»Mir scheint ich hätte über diesen Mann nichts Böses sagen sollen Aber
dass das Ihnen so nahe geht«
»Herr Wewerka« rief sie zornig mit dem Fuße stampfend »ich verbitte mir
jede Beleidigung von Ihnen«
Er trat zu ihr und wollte besänftigend ihre Hand ergreifen
»Aber Fräulein Johanne nur die Freundschaft für Sie ließ mich von diesem
Unwürdigen «
»Lassen Sie das Wort Unwürdiger es gibt noch viel Unwürdigere als den«
Ihre Augen blitzten
In Wewerkas Gesicht regte sich keine Miene »Fräulein Johanne Sie haben
recht es gibt noch bösere Burschen als ihn lassen wir das Thema«
In diesem Augenblick wurde geklopft und Schüler trat herein
»Fräulein Johanne guten Tag n Tag Wewerka Lasst Euch nicht stören«
»Ich war eben im Begriff zu gehen Herr Gott« rief Wewerka seine Uhr
hervorziehend »schon so spät Auf Wiedersehen«
Er verneigte sich vor Johanne zwinkerte Schüler zu und eilte hinaus
»Wie gehts wie gehts Schönste der Schönen Irr ich mich oder sind Sie
erregt Ihre Augen blitzen Ihre Wangen brennen Hat er das zustande gebracht«
Er deutete nach der Türe durch die Wewerka verschwunden war Johanne lächelte
schwach
»Ja wir plauderten und ich geriet in Eifer«
Schüler sah im Zimmer umher »Eigentlich ein Käfig hier viel zu armselig
für eine Gestalt wie Sie Na sagen Sie Fräulein Johanne apropos sind Sie mit
mir zufrieden dass ich Ihnen so prompt Ihr Ideal Herrn Tage offeriert habe«
»Reden wir nicht von dem« rief Johanne Schüler lächelte »Sie hatten wohl
Streit mit einander Na ich meinte nur Sie sehen ich tue Ihnen zu Liebe was
ich kann tuen Sie mir auch etwas zu Liebe«
»Und das wäre« Ihre Augen richteten sich fest auf ihn
»Kommen Sie öfter zu meiner Frau Das arme kleine Ding liebt Sie herzlich
und fühlt sich grenzenlos einsam Ich kann aber nicht anders Ich bin tagsüber
an meine Redaktion gefesselt Fangen Sie gleich morgen an ja Ich möchte sie
überraschen mit Ihnen sagen Sie aber nicht dass Ihr Besuch nur auf meine Bitte
erfolgt sei Ja wollen Sie schlagen Sie ein«
Sie legte flüchtig ihre Fingerspitzen in seine dargebotene Hand Dann ging
er Sie öffnete das Fenster und lehnte sich hinaus
Die Geschichte die ihr Wewerka mitgeteilt hatte beschäftigte sie Ob sie
wahr wäre Warum nicht Weshalb sollte er sie erfunden haben Das hässliche
Äußere des Mannes ließ auf ein ähnliches Inneres schließen In seinen klugen
Augen lag Berechnung Und ein anständiger Mensch hätte sich gegen ein junges
schutzloses Mädchen auch nicht so betragen Das war der beste Beweis für seine
unvornehme Seele Schmerz bereitete ihr das Gehörte nicht aber eine leise
Beschämung Hatte sie doch gedacht ihm wirkliches Interesse einzuflößen Er
verkehrte mit jungen Mädchen um die Zärtlichkeit seiner alten Geliebten besser
ertragen zu können Dort entschädigte er sich für den bitteren Trank der ihm im
vergoldeten Kelche gereicht wurde Und der »große Mann« hielt seine schützenden
Fittige über diesen stolzen Charakter gebreitet und baute mit seinen weißen
vornehmen Händen an dem Piedestal auf das er seinen Schützling stellte Wie
hochherzig Wenn es nicht zum Weinen wäre wäre es zum Lachen Mein Gott in
welche Gesellschaft bin ich geraten dachte sie und legte die Hände vor das
heiße Gesicht
7
Als sie am nächsten Tag bei Schülers klingelte öffnete ihr Alice selbst
»Du« Sie sah verwundert und erfreut aus »Weißt Du wer da ist Na leg nur
erst ab« Sie half der Freundin aus dem Jacket und führte sie in ihr
Empfangszimmer Von dem Sopha in der Ecke erhob sich Lohringer Er begrüßte
Johanne
»Ist das nicht nett« rief Alice »Sie zum ersten mal hier und nun kommt sie
« Sie schenkte der Freundin ein Schälchen Tee ein »Du siehst schlecht aus
Liebchen fehlt Dir etwas«
»O nichts« sagte Johanne mir gehts gut ich bin nur schnell gelaufen«
»Die Damen haben sich gewiss allerlei mitzuteilen« meinte Lohringer und
wollte sich erheben
»Wie Sie wollen schon gehen Sie sind ja erst gekommen«
»Ihr Gemahl erlaubte mir auch nur einen Blick auf Sie zu werfen Gnädigste
Gucken Sie doch morgen nachmittag mal zu meiner Frau sagte er gestern als er
bei mir war sie langweilt sich so Ich habe nun seinen Wunsch erfüllt finde
Sie aber nichts weniger als gelangweilt«
»So so« Alice sah schmollend vor sich hin »Also nur auf Bitten meines
Mannes kamen Sie hierher Ich dachte es geschah aus eigenem Antrieb«
Er zerkrümelte gleichgültig ein Stückchen Kuchen zwischen seinen Fingern
»Sie haben mich ja gar nicht eingeladen Frau Schüler«
»So« sagte sie linkisch »Nun ich will diese Versäumnis nachholen Ich will
sehr liebenswürdig gegen Sie sein«
»Das ist nett von Ihnen« sagte er lachend und versenkte seine Augen in die
ihren
Johanne errötete ohne zu wissen warum
»Haben Sie Tage nicht gesehen« fragte ihn Alice in leichter Verlegenheit
»Er versprach mir zu kommen kam aber nicht mehr nach dem ersten Male«
»Ich habe ihn nicht gesehen vielleicht aber kann Ihnen Ihre Freundin
Auskunft über den berühmten Dichter geben«
»Sie irren« bemerkte Johanne trocken »ich bin dem Herrn seit mehreren Tagen
nicht mehr begegnet«
»Warum sagst du dem Herrn mit so verächtlicher Betonung«
»Tat ich das« Ihre Blicke beschäftigten sich angelegentlich mit der
Bordure des Serviettchens »Ich weiß es nicht«
»Ja überhaupt das gnädige Fräulein hat sich merkwürdig verändert«
»Sagen Sie nicht das gnädige sonst verderben Sie sichs mit ihr«
»Ich sah Sie nämlich neulich mit Tage und wunderte mich nein nein Sie
sahen mich nicht wunderte mich wie ein junges Mädchen sich so schnell
verwandeln kann«
»Wie sehe ich denn aus« Ihre Augen begegneten kalt den seinen
»Sie waren früher sehr hübsch und uninteressant jetzt sind sie sehr
interessant und weniger hübsch«
Alice konnte eine kleine Bewegung der Freude nicht unterdrücken Sie würde
ihre Freundin noch viel inniger geliebt haben wenn sie weniger schön gewesen
wäre »Ich finde Sie haben recht« meinte sie »Du grämst Dich über etwas
Johanne Man merkts Deinen trüben Augen an«
»Ich wüsste nicht worüber« sagte das junge Mädchen ruhig »Mir steht Niemand
so nahe dass ich mich um seinetwillen grämen könnte«
»Mit neunzehn Jahren« rief Lohringer und schlug scherzhaft die Hände
zusammen »Sie reden wie ein über die Welt erhabener indischer Heiliger«
»Woher wissen Sie mein Alter«
»Kann mich wahrhaftig nicht mehr besinnen« Er dachte einen Augenblick nach
»Ich glaube von Schüler«
In diesem Augenblick trat der Genannte herein Alle waren erstaunt Er warf
einen flüchtigen Blick auf Johanne dann auf Lohringer und lachte
»Schaut mich nicht so verblüfft an ich komme vom Leichenbegängnis eines
Freundes da wollte ich bevor ich ins Bureau gehe noch einen Blick herauf
tun« Er setzte sich zärtlich neben seine Frau
»Gib mir ein Schälchen Tee Haben Sie die gewünschten Papiere erhalten
Lohringer Wie gehts Johanne Blass und zum Anbeissen schön Na gib mir einen
Kuss Ali So adieu meine Freunde«
Lohringer zog seine Uhr und erhob sich
»Ich werde mich ebenfalls empfehlen«
Schüler blieb unter der Türe stehen
»Sie wollen fort Und Sie desgleichen Johanne Na dann weißt Du was
kleine Frau Bist Du im Stande in zehn Minuten ein Kleid überzuwerfen Um halb
sechs erhalte ich einen interessanten Besuch auf meinem Bureau Ali ben Hirun
der Indier der Schlangen in Nähnadeln verwandelt und kleine böse Frauen in
Eichkatzen hat sich bei mir angekündigt Willst Du ihn sehen Vielleicht
verehrt er Dir eine indische Kostbarkeit den Zahn eines heiligen Elephanten
oder einen versteinerten Wurm aus den Wunden eines sechstausend Jahre alten
Säulenheiligen Herr Lohringer ist gewiss so gütig Fräulein Johanne nach Hause
zu bringen«
»Warum denn« fragte das junge Mädchen indes Alice sich umzukleiden eilte
»Weil ich es nicht für gut halte dass Sie im Finsteren den weiten Weg nach
Hause machen«
»Es ist ja erst sechs«
Er lachte »Es ist November Fräuleinchen Bitte wollen wir uns noch einmal
setzen wir gehen dann alle miteinander« Er warf sich in einen Sessel
»Ich muss gleich fort« sagte Johanne hastig »grüßen Sie Alice«
»Dann gestatten Sie« bemerkte Lohringer mit kühler Höflichkeit »dass ich dem
Wunsch unseres Wirtes Rechnung trage Adieu Schüler«
Dieser erhob sich »Also wirklich Sie sind eine Satanin Johanne Möchte
wohl wissen was Sie heute vorhaben Adieu Lohringer gute Nacht gnädiges
Fräulein«
Sie traten auf den Korridor wo eben eine ältere nur notdürftig bekleidete
Frau das Gas entzündete
Schüler fuhr bei ihrem Anblick heftig zurück und flüsterte ihr zornig etwas
zu Johanne riss ihr Jäckchen vom Kleiderhaken und eilte von Lohringer gefolgt
hinaus Draußen zog sie es an
»Weshalb eilen Sie so« fragte er lächelnd
»Das ist leicht zu erraten« antwortete sie
»Pflegen Sie durch die Langegasse oder über den Naschmarkt nach Hause zu
gehen«
»Wos näher ist«
Sie schritten ein Stück stillschweigend hin Sie hatten den nächsten Weg
eingeschlagen
»Die schönen Schaufenster« sagte er nach einer Weile »nicht einen Blick
erhalten sie von Ihnen Sonst ist es das Entzücken der Damen vor jeder dieser
Spiegelscheiben stehen zu bleiben«
»Ich interessiere mich nicht für Putz« sagte Johanne apatisch
»Aber für Juwelen«
»Auch nicht«
Er lachte »Aber vielleicht für hübsche Kunstgegenstände oder auch das
nicht«
»Augenblicklich auch das nicht«
»Wahrhaftig« er betrachtete sie von der Seite »Sie sind eine seltsame junge
Dame Die Liebe interessiert Sie nicht und der Glanz der Welt lässt Sie kalt
sind Sie etwa fromm«
»Nein«
»Auch nicht fromm«
»Ich bin unzufrieden«
»Glückliches Kind« sagte er »wenn ich noch unzufrieden sein könnte« Er
nahm den Cylinder ab und fuhr sich mit seinem Taschentuch über den Schädel
»Unzufriedenheit ist das Symptom der Jugend Unzufriedene haben noch allerlei
Wünsche Sagen Sie doch was wäre der Ihre Es interessiert mich insofern als
Sie einen ganz besonderen Wunsch haben müssen da Sie die von Andern am meisten
begehrten Dinge kalt lassen«
»Wunsch Ach Gott ich möchte von hier fort sein «
»Ninive nannten Sie einmal die Stadt« scherzte er
»und vergessen können dass ich dagewesen sei«
»Haben Sie denn so traurige Erfahrungen gemacht« Er verlangsamte seine
Schritte
»Ja recht traurige«
»Schade dass wir nicht näher mit einander bekannt sind vielleicht würden
Sie mir einiges mitteilen vielleicht könnte ich Sie trösten«
»Das könnten Sie wohl nicht« meinte sie zögernd »Sie müssten mich denn blind
machen«
»O wie meinen sie das« Er sah sie interessiert an
»Ich meine man sieht allenthalben so Trauriges dass einem das Herz schwer
wird«
Er blieb stehen
»Hm Ich glaube Sie zu verstehen aber ich kann Ihren Missmut nicht gut
heißen Er ist kindisch Entschuldigen Sie meine Offenheit Sie sollten lachen
zu dem was Sie sehen und kein schweres Herz bekommen«
»Da müsste ich schlecht sein«
»O nein liebes Fräulein nur klug Wenn es schlecht Wetter ist schürzen
Sie Ihr Kleid hoch damit der Strassenschmutz es nicht berührt Wollen Sie etwa
Mitleid mit dem armen Schmutz haben und ihm zu Liebe Ihr Kleid unsauber machen
Sollten Sie ihn beweinen Nein Sie schreiten leichtfüssig drüber hinweg«
»Wie seltsam dass Sie so sprechen Gehören Sie denn nicht auch zu Jenen mit
denen Sie verkehren«
Sie sah ihm neugierig ins Gesicht
Er schwieg ein Weilchen dann sagte er nachlässig »Nicht so ganz Ich lebe
hier verkehre in allen möglichen Kreisen ohne die Einen zu hoch die Andern zu
gemein zu finden Ich kann nicht behaupten dass die Fürstin Rammelsburg bei der
ich gestern meinen Tee trank mir mehr imponierte als wen kennen wir
gemeinschaftlich als etwa Frau Wewerka Jede besitzt die Fehler und Vorzüge
eben ihrer Klasse die eine führt ein Battisttaschentuch an ihr Näschen die
andere ein baumwollenes Der Effekt ist der gleiche Aber was ich sagen will
ich gehöre weder zu den Spitzbuben noch zu den Biedermännern Man braucht
Wewerkas um sich ihrer hier und da in heiklen Angelegenheiten zu bedienen Man
ist in einer vorgerückten Nachtstunde nachdem man verschiedene Flaschen Sekt
hinabgespült hat nicht abgeneigt mit Babinskys und Konsorten Bruderschaft zu
trinken Was schadet es Narren sind wir ja alle nur gibt sich jeder anders
Ich meinerseits ziehe ja auch die vor die ihr Narrentum in anständige Form
kleiden Aber « über sein scharfgeschnittenes Gesicht flog ein gutmütiges
Lächeln »wer wird sich die Komik des Lebens zu Herzen nehmen«
»Ich kann nicht so kalt sein« versetzte Johanne leise »mich schmerzt all
das was ich sehe Und dann der Gedanke dass ich werden könnte wie sie«
»Warum nicht Es gibt Menschen die ein Unrecht auf sich laden müssen um
nachher durch ihre Reue zu sittlicher Höhe zu gelangen Vielleicht gehören Sie
zu diesen Üben Sie immerhin ein bisschen Niedertracht vielleicht finden Sie
dadurch den Weg zu sich«
»Nein nein« rief sie lebhaft »lieber will ich nicht übermäßig gut werden
als auf unsauberen Nebenwegen zur Vollkommenheit gelangen«
Er zuckte die Schultern »Was ist auch im Grunde unsauber dem einen dies
dem andern das Was Ihnen schrecklich erscheint empfindet zum Beispiel Ihr
Freund Schüler als Verdienst«
»Mein Freund Schüler« rief sie mit Nachdruck und blieb stehen »O Herr
Lohringer wie können Sie mir so unrecht tun Ist er nicht der Ihre mehr als
der meine«
Lohringer sah einem auffallend gekleideten hübschen Mädchen nach dann sagte
er gleichmütig
»Ich habe das Schicksal ein entfernter Vetter des Herrn von Buch zu sein
des Herausgebers der Zeitung an der Schüler angestellt ist Wenn er irgend ein
Anliegen hat das er sich nicht getraut dem Chef vorzutragen wendet er sich an
mich Ich habe ihn einmal auf einem literarischen Kongress kennen gelernt Das
ist die Freundschaft deren Sie mich bezichten mein Fräulein«
»Bat er Sie heute zu sich« Ihre Augen hingen forschend an seinem Gesichte
Er sah sie an zögerte während ein fast unmerkliches Lächeln seine Lippen
umspielte und sagte dann »nein«
Sie atmete auf »Aber Sie sagten es doch«
»Das tat ich nur um die kleine Frau zu ärgern und ihr recht ungalant zu
erscheinen«
»Wirklich Ich danke Ihnen« Sie reichte ihm die Hand Sie waren vor ihrem
Hause angekommen Er las mit seinem Scharfblick in ihrer Seele
»Gute Nacht Fräulein Johanne und lachen Sie bitte Sie doch gewiss«
»Wenn ich kann« entgegnete sie und ging hinauf
8
Er schlenderte noch eine zeitlang umher dann begab er sich nach Hause Er
wohnte in einem Riesenmietspalast im fashionabelsten Viertel der Stadt in einem
jener Häuser wo man einander jahrelang auf der Treppe im Flur begegnen kann
ohne zu wissen wer der Andere ist wie er heißt
Lohringers Wohnung behaupteten boshaft einige seiner Freunde gliche dem
der in ihr hauste Sie habe schöne Einzelheiten sei aber im Ganzen kahl Sie
hatten nicht unrecht Aber das war erst nach seiner großen Wandlung so gekommen
Als Sohn begüterter Eltern die längst tot waren hatte er sich nach seiner
Majorennerklärung sofort in den Strom des Lebens gestürzt Vom Gymnasium mit
guten Zeugnissen entlassen immatrikulierte er sich auf der Universität um
verschiedene Fächer zu studieren Er liebte Philosophie hörte aber auch
medizinische Kollegia trieb Nationalökonomie und interessierte sich lebhaft für
Sternkunde Man sah ihn am Seziertisch als eifrigsten Hörer Professor Körners
des berühmten Anatomen und vermutete er würde den andern Wissenschaften untreu
und ganz Mediziner Doch bald schlug er sein Quartier im eisernen Turm des
Observatoriums auf und versenkte sich mit fieberhaftem Eifer in die Geheimnisse
des Firmamentes Eines Tages war er ganz von der Universität verschwunden Er
war an die Malerakademie nach Wien gegangen und schrieb seinen Freunden sie
sollten ihn in Ruhe lassen Hier zeichnete und malte er ein Jahr
Man rühmte ihm gute Befähigung nach wie ehedem seine Lehrer sein brillantes
Auffassungstalent bewundert hatten Er begann nebenher zu modellieren und war
eben im Begriff sich ein Atelier zu mieten als ein Bekannter von ihm der
Musiker war und gute Erfolge als Komponist hatte ihm einredete er wäre nicht
zum Maler sondern vielmehr zum Musiker befähigt Hierauf komponierte Lohringer
mit Hilfe des Freundes einige Lieder die von schönen gefeierten Sängerinnen in
den Musiksälen der Residenz gesungen wurden
Aber eines Tages war ihm auch dieser Sport langweilig geworden Er besaß die
Gabe seine Empfindungen sehr gut schildern zu können und ließ auf japanischem
Büttenpapier in nur zweihundert Exemplaren seine fin de siècleGefühle
drucken
Die Kritiker meist gute Bekannte von ihm erhoben ein Beifallsgeschrei und
begrüßten in ihm ein Talent ersten Ranges Wenn er nur ein bisschen gläubiger
gewesen wäre Aber er war ein kluger und ehrlicher Bursche wenigstens ehrlich
gegen sich selbst Er warf die Feder fort verabschiedete sich von seinen
Bekannten und ging auf eine Reise um die Welt
Er sah viel Neues genoss alles was der Besitzer eines gewinnenden Äußern
und einer vollen Geldbörse genießen kann und kam eines Tages hierher
Während all der Jahre da er die verschiedenartigsten Wandlungen in sich
durchgemacht hatte war er nach außen hin immer der Gleiche geblieben ein
vornehmer Verschwender
Die Sektquellen bei ihm schienen von unversiegbarer Tiefe zu sein man genoss
bei ihm die raffiniertesten Diners und die schönsten Frauen stritten um die
Ehre an seinen Tafeln die Honneurs zu machen
Eines Tages stand er als lustiger Kahlkopf vor dem Spiegel was ihm aber
näher ging als Kahlbeutel Das schwere Vermögen war dahin dahin bis auf einen
Rest Schulden Max Lohringer war nicht der Mann zu verzweifeln oder in
Ratlosigkeit zu versinken Er schaffte seine Geliebten seine Pferde seine
fürstliche Wohnung ab In einer einsamen Nacht leistete er sich selbst
Gesellschaft und fragte den vernünftigen Kerl in sich was er wohl tun könnte
um das zu verdienen was ihm bisher so unendlich gleichgültig gewesen war Geld
Der vernünftige Kerl in ihm sagte Mein Freund dein Unglück ist deine
Universalität Du kannst alles deshalb kannst du es in nichts zu etwas
Bedeutendem bringen Denn das Geschrei junger Leute von der Herrlichkeit
vielseitiger Begabung ist Unsinn Große Künstler überhaupt große Menschen die
mit aller Willenskraft einem Ziel zustrebten sind immer einseitige Leute
gewesen Wenn sie neben ihrer großen Lebensaufgabe noch anderem Sport huldigten
so ist dies noch allemal Dilettantenarbeit geblieben die nur blinde Vergötterer
als künstlerische Tat ausschrien Da jedes Verhängnis aber bekanntlich außer
einer Unglücks auch eine Glücksseite hat so ist diese Salonvirtuosität des
Geistes dieses Mädchenfürallestum für eine Sorte von Leuten von nicht zu
unterschätzendem Vorteil Für die die um Taglohn arbeiten müssen Sie sind des
Vormittags Photographen und schreiben des Abends eine Musikkritik Sie singen
den Ritter vom Gral und verzapfen Bier Also Max Lohringer ein Ganzes auf
irgend einem Gebiet wirst du nicht leisten aber es wird dir glücken Geld zu
verdienen wenn du deine zwei Hälften ausspielst Oder noch besser teile dich
in acht Achtel oder zwölf Zwölftel
So sprach der vernünftige Kerl in Max Lohringer und er predigte nicht
tauben Ohren Lohringer verkaufte seine Möbel seine Bilder alle im Laufe der
Jahre gesammelten Kunstschätze Er mietete sich diese kleine Wohnung in dem
großen Zinshaus stellte einfache Holzmöbel hinein und begann Schritte zu tun
sich einen Lebensunterhalt zu suchen Er fühlte sich innerlich nicht gebrochen
Als er alles verloren hatte erkannte er wie wenig er verloren hatte Was
geschieht da Als ob das Schicksal ihn für seine stoische Gleichgültigkeit
belohnen wollte Eines Tages bekommt er eine amtliche Zustellung dass eine
Schwester seiner Mutter um die er sich niemals bekümmert hatte gestorben sei
und ihn zum Erben eingesetzt habe Viel wars nicht Seine Zinsen betrugen
viertausend Mark jährlich ein Pappenstiel für den Lohringer von ehedem Die
Erhaltung seines Stalls hatte ihn mehr gekostet
Aber es war doch immerhin um nicht zu verhungern Ein Anderer hätte sich nun
zu dem Einkommen noch eine gut honorierte Stellung gesucht Lohringer tat
anders Der Müßiggang das Ideal mancher Naturen die zum Philister zu viel
Künstler und vielleicht zum Künstler zu wenig Geniales haben war seine
Schwäche
Aufstehen wenn andere Leute ihr Mittagbrot verzehren in einem Klub Zeitung
lesen und frühstücken einer Matinee im Opernhaus beiwohnen im Café etliche
Billardpartien spielen einige Stunden lang auf dem Sopha ausgestreckt ein gutes
Buch lesen vielleicht ein Rundgang durch die Kunstschätze der Stadt später ein
kleines ausgesuchtes Diner hierauf ins Schauspiel oder in ein feines
VariétéTheater das war nach seiner Meinung ein reichlich ausgefüllter Tag Er
würde auf alle diese Genüsse verzichten haben können wenn es hätte sein müssen
Aber da es nicht sein musste war er zufrieden und lebte nach diesem Rezept ein
bescheidenes behagliches Junggesellenleben ohne Aufwand ohne Freunde und
Freundinnen Nur manchmal so alle Vierteljahre einmal geschah es dass er sich
einschloss und ein Dutzend Flaschen leer trank Man fand ihn dann wenn er aus
seiner freiwilligen Haft wieder hervorkam ernstaft und würdig Es schien als
hätte seine Natur es nötig von Zeit zu Zeit einen Exzess zu begehen um hernach
doppelte Einkehr in sich zu halten Ob er sich besondere Liebenswürdigkeiten in
solchen Stunden sagte wer weiß es Jedenfalls lag ein guter Kern in ihm viel
Ehrlichkeit und trotz allen wüsten Lebens in seiner Vergangenheit eine gewisse
unberührte Naivität Menschen und Dingen gegenüber die ihm imponierten Das
»Kind im Mann« schien bei ihm noch nicht erstorben zu sein
Als er jetzt in sein Wohnzimmer trat dessen Wände nur ein paar
Zeichnungen bedeckten und dessen einfache Möbel auf einem blanken Parkettboden
standen er hatte seit seiner Verarmung eine Idiosynkrasie gegen Teppiche und
Oelgemälde vielleicht weil er so auserlesene wie er besaß doch nicht mehr
haben konnte blickte ihm von seinem Schreibtisch ein rotes Rohrpostbrieflein
entgegen
»Zu schade Wir gingen gar nicht fort dh ich nicht Ich langweilte mich
den ganzen Abend zu Hause Bitte kommen Sie morgen Vielleicht können wir einen
Spaziergang mit einander verabreden Alice Schüler«
Donnerwetter Max zwirbelte seinen Schnurrbart er war noch sehr schön
weich und dunkel zwischen den Fingern Er lädt mich ein sie lädt mich ein Er
für die Andere sie für sich selbst Ein liebes gutes Paar Es ist doch
angenehm wenn man der Vetter des Herausgebers einer Zeitung ist deren
Redakteur mehr Gehalt wünscht Wenn die Personen nur etwas interessanter in
dieser Geschichte wären Johanne mit ihrem Jungfrauenpatos
Lohringer drückte auf den elektrischen Knopf dass das Zimmer taghell
erleuchtet strahlte trat vor den Spiegel streichelte seinen Schädel und lachte
9
Etliche Tage später saß Johanne Alice gegenüber Beide schienen sehr unruhig
Beide sahen zerstreut nach der Tür und erröteten bei jedem Geräusch »Er wird
kommen« sagte Alice und legte die bunte Stickerei an der sie wie ein Kind mit
dicken Kreuzstichen arbeitete zur Seite »Er wird kommen Er kommt immer wenn
ich ihn darum bitte«
»Sonst nicht« fragte Johanne mit leiser Bosheit
»Ich weiß es nicht ob er sonst käme« Die junge Frau zuckte die Schultern
»Weißt Du mir ists schon egal Mag er denken was er will wenn er nur kommt
und mich unterhält Er ist der einzige Mensch meiner Bekanntschaft der etwas
Vertrauenerweckendes hat Man kann sich auf ihn verlassen«
»Ja er ist der Einzige der wenn auch kein Heiliger doch ein anständiger
Mensch zu sein scheint« versetzte Johanne mit einem leisen Seufzer
»Warum meinst Du dass er kein Heiliger sei« fragte Alice der Freundin in
die Augen blickend
»Er tut oft Äußerungen die darauf schließen lassen«
»Macht er Dir Liebeserklärungen«
Johanne lachte »Nicht die Spur Im Gegenteil Als er mich neulich nach
Hause brachte sah er unterwegs jedem hübschen Mädchen nach«
»Hat es nicht geklingelt«
»Ja es hat geklingelt«
Alice neigte sich mit errötendem Gesicht über den Teekessel und zündete den
Docht an
»Herr Lohringer« meldete die kleine Zofe Sie war erst seit kurzem hier
»Guten Tag ah gnädiges Fräulein « er verbeugte sich vor Johanne »das ist
nett wie gehts Ihnen sind Sie schon heiterer geworden«
Sie ließ sich nieder
»Ich bin sehr heiter« meinte Johanne verlegen »Sie auch«
»Sie sehen es ja« scherzte er »Wenn ich nicht heiter wäre würde ich dann
hierher kommen«
Er sah ihr in die Augen Sie schlug die ihren nieder Seine Bemerkung
missfiel ihr sie wusste nicht warum Unterdessen hatte Alice den Tee eingegossen
und reichte ihn in winzigen Schälchen unher
»Ich habe die Eukalyptusmarmelade nirgends auftreiben können Lohringer wir
wollen morgen zusammen nach Straffs Konditorei gehen vielleicht finden wir eine
andere Sorte die Ihnen schmeckt«
»O sehr gütig liebes gnädiges Frauchen«
»Schon wieder« rief Alice schmollend »Haben Sie mir nicht neulich
versprochen mich einfach Alice zu nennen Vor der da« sie deutete auf
Johanne »brauchen Sie sich nicht zu hüten sie ist meine Freundin«
Um Lohringers Lippen zuckte es leicht
»Es ist nicht die geringste Ihrer guten Eigenschaften dass Sie so klug in
der Wahl Ihrer Freundinnen sind«
Die jungen Damen sahen einander an Eine von uns ironisiert er aber welche
dachten beide
Lohringer beobachtete die jungen Gesichter die seinetwegen in heißem Rot
prangten Es schien ihm Scherz zu machen hier den Tausendsassa zu spielen
Johanne trank ihren Tee hastig aus
»Ich mag die Leute nicht die nie ernst sind«
»O ist das auf Frau Schüler gemünzt«
»Nein auf Sie«
»Du brauchst ihn doch auch gar nicht zu mögen« rief Alice
»Woher wissen Sie das« meinte er »Mir liegt sehr viel daran «
»Hoffentlich nur dass ich Sie mag«
»Glauben Sie« Er sah Alice mit einem unverschämt harmlosen Lächeln in die
Augen »Ich bin ein guter Mensch der das Gebot der Nächstenliebe befolgt«
»Und wer ist Ihnen der Nächste« Sie sprang auf und trat so dicht zu ihm
dass ihr Kleid ihn streifte
»Da nun doch Eine aufgestanden ist stört es weniger wenn auch die Andere
sich erhebt Leb wohl«
Johanne reichte Alice die Hand hin
»Du gehst schon Hast Du es so eilig Nun dann adieu«
Sie bemühte sich nicht sie zurückzuhalten Lohringer stand auf und
verneigte sich vor Johanne
»Gnädiges Fräulein behalten Sie mich nicht in zu schlechtem Andenken Sehen
Sie Sie gefielen mir riesig bloß Ihr Patos Ihre tragische Art der Auffassung
ist mir ärgerlich«
»Das bedauere ich sehr aber ich bin eben wie ich bin «
Sie versuchte zu lächeln aber in ihren Augen lag ein Glanz wie von
aufsteigenden Tränen Sie schritt rasch hinaus Draußen auf der Straße wurde
sie so müde dass ihre Füße sie kaum trugen Von allen Menschen hier
interessierte sie nur Einer und diesen Einen gewann die Freundin Und diese
Freundin war doch verheiratet hatte ein Heim eine Zukunft einen Mann der sie
in seiner Weise anbetete Sie Johanne besaß nichts Niemanden Sie biss die
Zähne zusammen Nun würde sie auch Alice verlieren Sie konnte es nicht mit
ansehen wie sie ihn umschmeichelte umstrickte Erstens lehnte sich ihr Herz
dagegen auf dann aber ihr Rechtsgefühl Und da schalt er sie pathetisch
Empfand er denn nicht selbst das wenig Vornehme seiner Handlungsweise War es
notwendig dass er dem Beispiel der Andern folgte Heute hatte sie es deutlich
gesehen dass Alice mit ihm in vertraulichere Beziehungen trat Geahnt hatte sie
es schon früher
An diesem Abend weinte sie sich in den Schlaf In der Nacht erwachte sie
alle Augenblicke Es war doch traurig kaum zu ertragen Rings nichts wie Elend
moralisches anderes Wenn sie wenigstens eine Beschäftigung gehabt hätte die
ihren Geist ausfüllte Aber diese Pädagogik die sie so kalt und gelangweilt
ließ Obs denn nichts anderes für sie gab Aber was
Sie erwog alle Beschäftigungen die eine Frau erwählen kann Doch überall
stand ein nicht wegzuräumendes Hindernis im Wege ihre zu mangelhafte Erziehung
Sie sprach keine fremde Sprachen konnte sich schwer in feineren Formen bewegen
Sie hatte die Zeit in der andere junge Mädchen sich fürs Leben vorbereiten bei
der alten Großmutter verträumt Sie konnte nicht hoffen jemals eine bessere
Stellung zu finden Es war zu traurig
Einige Tage ging sie überaus elend umher Selbst Frau Wewerkas freudige
Mitteilung dass ihre Mittel es nun erlaubten eine größere elegantere Wohnung
zu mieten stimmte sie nicht besser Einmal als sie den Schulhof verließ
begegnete ihr draußen Tage Er errötete leicht bei ihrem Anblick und zog tief
den Hut
»Es wäre abgeschmackt zu behaupten dass ich Ihnen zufällig hier begegne
Sie schrieben mir einen bösen Brief ein Anderer würde es nicht gewagt haben
Ihnen jemals wieder vor die Augen zu treten Aber ich versuche es Zürnen Sie
mir noch«
Er sah ihr flehend ins Gesicht Zuerst war sie empört als sie ihn sah dann
tat es ihr ordentlich wohl dass ein Mensch so gut zu ihr sprach Sie schüttelte
den Kopf
»Ich zürne nicht aber«
»Ach den Nachsatz lassen Sie ihn Fräulein Johanne«
Er nahm ihr die Schulmappe aus der Hand und trug sie wie er es früher immer
getan hatte
»Gehen Sie nach Hause«
»Ja«
»Darf ich Sie begleiten«
Sie antwortete nicht
»Ach schmollen Sie doch nicht Seien Sie gut Die Stärke der Frauen ist ja
das Verzeihen Verzeihen Sie Darf ich Sie begleiten«
Er sah sie hartnäckig an »Übrigens wissen Sie Sie sehen aus als wären
Sie sehr krank Fehlt Ihnen etwas«
»Ja und nein« sagte sie gleichgültig »Ich langweile mich«
»Endlich« Er seufzte affektiert auf »Ich habe immer im Stillen gestaunt
dass Sie diese grässliche Kleinkinderbewahranstalt da besuchen«
»Was sollt ich sonst« fragte sie achselzuckend »Ich verstehe zu wenig um
etwas Besseres zu beginnen«
»Mein Gott man braucht doch kein Philo der Gelehrsamkeit zu sein um im
Leben etwas zu erreichen«
Sie schritten langsam neben einander hin
»Wie bin ich glücklich neben Ihnen gehen zu dürfen« sagte er »Sie glauben
nicht «
»Machen Sie mir keine Liebeserklärungen« bemerkte sie mit der Kälte der
Frau die nicht liebt
»Das würde ich nicht wagen« sagte er schlau »ich wollte Ihnen nur eine
Freundschaftserklärung machen Sie sind wirklich das einzige junge Mädchen «
»Das dumm genug war einen Augenblick lang an Ihre Idealität zu glauben«
»Wieso« fragte er lauernd
»Nun Sie sind doch ein sehr praktischer Mann«
»Man scheint mich bei Ihnen verleumdet zu haben« versetzte er mit einem
bösen Zucken seiner Mundwinkel
»Das schadet nichts Menschen wie ich haben immer Neider Was hat man Ihnen
denn alles erzählt«
»O nichts«
»Aber bitte sagen Sies doch Es interessiert mich wirklich«
Sie warf den Kopf zurück und sah ihn etwas geringschätzig an »Dass Sie sehr
schlau in der Wahl Ihrer Freunde sind nicht die Regungen Ihres Herzens sondern
Ihres rechnenden Verstandes sprechen lassen«
Er zuckte die Schultern »Sonst nichts Mein Gott das ist ja nicht einmal
eine Verleumdung Das ist wahr Finden Sie es schlecht«
Jetzt wie er so sprach fand sie im Innern eigentlich keinen Grund ihn zu
verachten War sie schlechter oder besser und klüger geworden Sie vermochte
sich ihre Selbstfrage nicht zu beantworten
»Sie machen eine alte Frau glauben dass Sie sterblich in sie verliebt sind
um sich ihres Einflusses ihrer Börse zu versichern«
Er errötete stark
»Also das Nun sehen Sie wenn diese alte Frau so töricht ist sich in
einen jungen Menschen zu vergaffen sich und ihr Hab und Gut zu seiner Verfügung
zu stellen weshalb sollte der junge Mensch nicht das Anerbieten annehmen sie
glücklich machen und sich gleichzeitig von etlichen dummen Sorgen befreien«
»Das ist aber gemein«
»Fragen Sie die Welt Fräulein Johanne ob sies gemein findet«
»Sie tun keinen Schritt der Ihnen nicht Vorteil verheisst Sie hingen sich
an einen Mann der großen Einfluss besitzt und verherrlichten ihn Warum war es
kein einfacher schlichter lieber Mensch sondern ein Machtaber der seine
Kreaturen gut und reich versorgt«
Tage lächelte vergnügt »Mich freuts dass Sie so ehrlich reden Auch freuts
mich dass Sie sich etwas in der Welt in der wir leben umzusehen beginnen
Glauben Sie ich wäre im Unklaren über den Wert der Schätzung Kneilenbreggs«
»Aber «
»Bitte lassen Sie mich ausreden glauben Sie er wäre im Unklaren über den
Grund meiner öffentlich betonten Verehrung für ihn Fräulein Johanne wir
Menschen benützen einander manchmal lieben wir uns dabei um so besser
manchmal nicht dann scheinen wir etlichen empfindsamen Seelen roh und
egoistisch Aber glauben Sie mir aus purem Edelmut liebt kein Jüngling sein
Mädchen und sei er noch so schwärmerisch veranlagt«
»Sie reden von Ihresgleichen «
»Nein von Unseresgleichen Warum würden Sie lieben Nicht weil er reich
schön gefeiert ist beileibe Weil Sie in seinen Armen sich selig fühlten Sie
benützten ihn also als Spender beglückender Gefühle für Sie«
»Hässlich« sagte sie kurz
»Ach gehen Sie Hässlich Das Leben ist nun einmal so dagegen lässt sich
nichts machen Ich benütze die Anderen mögen sie mich auch benützen wenns
ihnen passt«
»Ich möchte wohl wissen « sie hielt verschämt lächelnd über ihr
vorschnelles Wort inne »ich möchte wissen warum Sie mich «
»Warum ich Sie verehre« Er bemühte sich eines treuherzigen Blickes »Sehr
einfach weil Ihre Anmut meine Dichterphantasie anregt weil Sie wunderbar
reinigend und gut auf mich wirken«
»So ist das auch wahr« fragte sie ernst
»Gewiss ists wahr Fräulein Johanne Ich verspreche Ihnen auch immer
ungeheuer brav zu sein«
»Gut es soll mich freuen«
Er blieb stehen »Dann darf ich also auch hoffen Sie dann und wann zu
sehen«
»Gewiss Sie können mich ja immer sehen wenn ich zur Schule geh«
»Ach diese Schule Tun Sie doch etwas anderes Schriftstellern Sie«
Er wusste dass sie ihn jetzt mit zwei halb freudigen halb fragenden Augen
anblickte Er sah weg Er hatte lange darüber gegrübelt wodurch er sich dieses
Mädchens das einen starken Eindruck auf ihn machte versichern konnte Er war
noch nie im Leben der Erste bei Einer gewesen hier konnte er es werden wenn er
einigermaßen klug war Sein Rat war der glatte Boden wohin er sie locken
wollte
»Wie können Sie glauben dass ich Talent habe ich bin nie über das
Briefschreiben hinaus gekommen«
»Wenn Sie sich mir ein wenig anvertrauen wollten«
»Das ist doch nur Scherz von Ihnen«
»Aber gar nicht« Sie waren bei ihrem Hause angekommen »Sehen Sie es wäre
doch viel schöner als gefeierte Schriftstellerin große Honorare einzustreichen
als eine arme schlechtbezahlte Bonne bei verzogenen Kindern zu spielen« Er
stand ihr gegenüber und sah sie lächelnd an Sein Gesicht schien ihr den
Ausdruck großer Gutmütigkeit zu besitzen
»Das abzuleugnen wäre dumm aber wie anfangen«
»Pah wie Schreiben Sie etwas irgend eine Kleinigkeit eine Skizze was
immer Ich brings unter Als Erstlingsarbeit braucht es keine besondere Sache zu
sein«
»Aber ich weiß gar nichts«
»Ach Gott beschreiben Sie wie traurig einem Mädchen zu Mute ist das
allein steht und sich sein Brot verdienen soll Oder die Gefühle einer ganz
jungen Dame die gern auf einen Ball möchte aber von ihren Eltern zu Hause
gehalten wird usw«
Johanne lehnte neben ihrer Haustür und sah sinnend vor sich nieder
»Und wenn es zu dumm wird und niemand es drucken will«
»Das lassen Sie nur meine Sorge sein Überhaupt deshalb machen Sie sich
keinen Kummer Der Grad seiner Begabung ist nicht Hauptsache beim
Schriftsteller Er muss nur in massgebenden Kreisen wo die Kritik gemacht wird
verkehren«
»Wahrhaftig«
»Aber selbstverständlich Ich kenne ganz talentlose Schriftsteller die in
allen Blättern als Genies gepriesen werden Warum Sie verkehren in Salons wo
die Größen der Presse und Tageskritik aus und eingehen Über den Mann mit dem
man gestern politisiert und angestossen hat kann man doch heute nicht
vernichtend herfallen Schließlich ist es nicht vielleicht auch ein armer
Teufel Hat er nicht erzählt dass er drei kleine Kinder und außer seiner Frau
noch deren Eltern zu erhalten habe Man fertigt sein Buch das tief unter der
Mittelmässigkeit steht mit einigen lobenden Worten ab Man gönnt dem armen Tropf
Erfolg«
»Und glauben die Leute solche Berichte«
»Das Publikum glaubt alles was gedruckt ist Bei uns kritisieren die
Kritiker weniger die Bücher als die Menschen die sie geschrieben haben
Eine Gans mit vornehm klingendem Namen veröffentlichte jüngst in einem
großen Tagesblatt einen Roman der so dumm war dass viele Leute ihn für eine
Mystifikation ihres gesunden Verstandes hielten Die Kritik lobte Wie könnt ihr
euch so blamieren fragte ich einen Rezensenten Was willst du meinte er die
Frau ist bekannt als brillante Reiterin als gute Mutter als treffliche
Hausfrau Viele Mädchen und Frauen der Gesellschaft verehren sie Man würde es
übelnehmen ihr nachzusagen dass sie ein Schaf sei Auch weiß man nie ob man
solche Leute nicht einmal brauchen kann«
»Unglaublich« meinte Johanne mit bäuerlichem Ernst »aber jetzt muss ich
hinaufgehen«
»Fräulein Johanne« er griff mit gutgespielter Schüchternheit nach ihrer
Hand »versprechen Sie mir eine Kleinigkeit zu schreiben Ich mache schon das
Übrige Sie sollen sich einmal so einen Salon ansehen wo die Tagesgrössen
verkehren Es muss Sie doch auch interessieren«
»Das tut es auch Nun aber adieu«
Sie nickte ihm zu und sprang die Treppe hinauf Er ist doch ein guter
Mensch Und Schriftstellerin zu werden wie herrlich
Und wenn sie am Ende wirkliches Talent hätte Wenn sie berühmt würde
Freilich unangenehm wars dass sie ihm und seiner Anregung das alles danken
sollte Aber was tats Schließlich musste sie sich wirklich ihre allzuschwere
Auffassung vom Leben abgewöhnen Dieser Tage zB den sie so baar aller guten
Eigenschaften geglaubt hatte war im Grunde kein schlechter Mensch Er besaß
vielleicht mehr Charakter als der der so bittere Worte über ihn gefällt hatte
Wer weiß wer weiß Ihre Augen blickten wieder munterer Eine Hoffnung war über
sie gekommen Die weiße Winterlandschaft die sie von ihrem Fenster aus sah
erschien ihr nicht mehr so entsetzlich Sie suchte die ganze Nacht nach einem
Stoff den sie zu einer Skizze verarbeiten wollte
Am nächsten Tag ließ sie sich krank melden blieb zu Hause bekritzelte
etliche Bogen zerriss sie wieder und schrieb endlich in einem Zuge etwas nieder
von dem sie nicht wusste ob es brauchbar war oder nicht
10
Etliche Tage später erhielt Hans Tage einen auf allen vier Seiten
engbeschriebenen Bogen dabei lag ein Zettel »Ich weiß nicht ob Sie das
brauchen können Johanne«
Donnerwetter die geht ins Zeug lachte er entfaltete den Bogen und las
Gebet
Das Fieber steigt und steigt Und der Arzt ist weggegangen Freilich was sollte
er hier noch weiter Die Krankenwärterin ist aufs Genaueste unterrichtet Sie
weilt im Nebengemach Elise wird doch ihr einziges Kind nicht von fremder Hand
pflegen lassen Eher zusammenbrechen vor Erschöpfung Aber man bricht nicht
zusammen wenn man sich aus Liebe opfert nein Es liegt eine stählende feiende
Kraft in solchem Sichaufgeben
Die junge Mutter beugt sich mit fieberndem Lächeln über das Kind Blickt ihr
nicht aus dessen gespannten ernsten Zügen der Tod entgegen Wer hätte in diesem
Gesicht die kleine Emmy wiedererkannt das holde herzige Geschöpfchen das man
so leicht erfreuen so leicht glücklich machen konnte Ein zum Kreisen
gebrachter Fingerhut und sie jauchzte ein rotbäckiger Apfel den man ihr
schenkt und ihr Auge leuchtet vor Dankbarkeit So harmlos und ursprünglich war
sie so voll goldener Freude an jedem Lächeln des Lebens ein Vöglein das in
den rosenroten Morgen hineinjubiliert und nicht weiß dass es eine Nacht gibt
Und jetzt gerade jetzt wo sie anfing zu erwachen wo sie aus sich selbst das
Gute zu lieben begann jetzt mit sieben Jahren sollte sie sterben müssen
Elise strich zitternd über das blonde Haar der Kleinen das sonst mutwillig
in hellen Goldfarben das Köpfchen umlockte Heute lag es fahl wie
zusammengekittet in kleinen steifen Strähnen um die brennende Stirne
Nein Gott konnte das nicht tun Es war ja ihr Liebstes Ihr Mann
Schiffskapitän trieb in fernen Gewässern umher Er wusste von nichts er erfuhr
es erst wenn alles vorüber war Aber es durfte nicht nein nein Elise
wirft sich auf die Kniee und breitet die Arme nach oben Lieber Gott hast du
nicht so viel reifwelke müde Blumen in deinem Schöpfungsgarten So viel
Unkraut das keiner Biene nicht dem Wind Freude gibt wenn er duftdurstig über
die Felder streicht Lieber Gott nimm doch von diesem und nicht mein armes
junges Blümlein hier das eben erst die Augen zu deinem Himmel aufzuschlagen
begann Hörst du hörst du lieber Gott Du musst mich ja hören denn du bist
allgegenwärtig Siehe ich will nie wieder Zerstreuungen ersehnen Putz
Schmuck Anerkennung ich will nichts weiter als dieses kleine Seelchen da will
ihm dienen es hegen und pflegen bis es eine große schöne starke Seele
geworden ist die dir Wohlgefallen bereitet Hörst du mich auch mein Gott
hörst du mich auch Der Arzt meint wenn sie erwachte mit klarem Bewusstsein
nach Nahrung verlangte mich erkennte dann wäre sie gerettet Sie muss also
erwachen sie muss erwachen Die Hände der jungen Frau ringen sich
schmerzhaft Ich gebe mein halbes Leben für sie du mein Gott mein Augenlicht
o ich will gern blind werden um ihre Gesundheit zu retten ich ich nur
noch ein paar zwei ein einzig Jahr lass sie mir du mein lieber guter lieber
Gott bitte bitte bitte Du musst hörst du du musst In ausbrechender
Verzweiflung stürzt sie ans Fenster und streckt die Arme zum Himmel
Da schrillt ein Klang herüber Drüben jenseits des Platzes liegt das hohe
düstere Gefängnisgebäude in dessen Hof die schwersten Verbrecher gerichtet
werden Die Betende kennt das Glöcklein Es läutet nur wenn Einer zum Sterben
geführt wird Ihre entsetzten Augen glauben den armen Sünder in den Hof
hinausschwanken zu sehen
Es ist eine Frau
Elise schauert zusammen Hat die auch eine Mutter gehabt die zum Himmel für
sie flehte Die um ihr Leben zu Gott schrie Allmächtiger vielleicht hat
ihr stammelndes Gebet das Leben ihres Kindes erhalten erhalten damit dieses
aus ihm wurde
Allmächtiger
Sollte man vielleicht nicht so heiß beten und bitten den Herrn zwingen
wollen etwas zu tun was vielleicht besser ungetan bliebe Sollte man
unterlassen etwas erkämpfen zu wollen was dann das Rot des glutvollen
Wunsches an sich trägt aber als Blutflecken vielleicht
Die gefalteten Hände der jungen Frau lösen sich und sinken steif starr
herab
Ists vielleicht besser nicht allzuheiss zu beten gar nicht um etwas zu
bitten sondern in Gelassenheit in erstrittener Stille in lächelnder
Opferbereiteit im Wissen dass das Beste geschieht das Kommende zu erwarten
O Gott ich will nicht bitten
Das Weib bricht in die Kniee und neigt seine Stirn
Da regt sichs im Bettchen der Kleinen und ein Stimmchen flüstert
»Mama Mama ich bin so hungrig«
Er ging etliche Male in der Stube auf und nieder schüttelte dann und wann
den Kopf trat wieder zu dem Bogen las ihn faltete ihn zusammen steckte ihn
ein und ging fort
11
»Ich war einmal in der Lage Ihnen einen Gefallen erweisen zu können üben Sie
jetzt Vergeltung«
Der große schwarzlockige Mann der sich träg in einem Sessel schaukelte
lachte
»Aber gewiss Tage Sagen Sie nur Ihren Wunsch Wenn ich kann erfülle ich
ihn gern«
Tage sah sich einen Augenblick in dem luxuriösen Herrenzimmer um dann sagte
er nachlässig »Sie geben nächste Woche ein Fest Laden Sie eine junge hübsche
begabte Schriftstellerin die mich interessiert mit ein Ich möchte das Mädchen
gern unter die Menschen bringen«
»Sie Tausendsassa Und wenn die Baronin kommt«
»Die kommt nicht lieber Klingenberg Seien Sie außer Sorge«
Der Mann mit den dunklen Locken nickte
»Va bene aber mit wem soll die Dame kommen Sie wissen ich stehe über all
diesen Formalitäten aber meine Frau ist darin etwas peinlich«
»Dürfte Frau Wewerka sie herbringen«
Klingenberg sprang auf »Um Gotteswillen Er hat sich durch seine letzten
Schwindeleien ganz unmöglich gemacht sie na da brauchen wir keine Worte zu
verlieren«
Tage zuckte die Schultern »Nun dann kommt Fräulein Grün allein Sie als
fremde hier zugereiste Dame darfs ja«
Klingenberg nickte »Gewiss übrigens es werden ja mehr Leute da sein sie
wird nicht sitzen bleiben überdies Sie kommen ja auch«
»Natürlich« sagte der Poet Er stand auf und reichte dem Andern die Hand
»Also abgemacht und Dank«
»Soll ich sie persönlich einladen«
»Nicht nötig« meinte Tage »ich bringe sie einfach Sonnabend her«
»Gut«
Alfred Klingenbergs Salon war eine bekannte Versammlungsstätte aller Künstler
Hier gingen Maler Bildhauer Dichter und Kritiker aus und ein
Viele kamen nur des guten Essens wegen Andere der Bekanntschaften wegen
die man da machte wieder Andere um Käufer oder Interessenten für ihre
Kunstschöpfungen zu finden Alfred Klingenberg und Frau die beide selbst auf
allen Kunstgebieten herumtasteten wollten durch die Künstler die sie um sich
versammelten wenigstens indirekt mit Frau Kunst verkehren Er besorgte selbst
die Delikatessen die er seinen allezeit hungrigen und durstigen Gästen
vorsetzte Es war dem Ehepaar lange ein großer Schmerz gewesen dass Professor
Kneilenbregg der »große Mann« wie ihn Lohringer nannte nicht zu der Schaar
seiner Stammgäste zählte Eines Tages als wieder die Rede darauf kam warf sich
Tage der als Liebling Kneilenbreggs galt und viele Vorteile von Klingenbergs
zog stolz in die Brust und versprach mit ihm zu reden Und in der nächsten
Sonnabendgesellschaft brachte er den Gefeierten Langersehnten mit Das wars
worauf Tage vorhin anspielte
Mit einem Siegerlächeln um den wenig anmutigen Mund ging er von Klingenberg nach
der Redaktion eines lyrischen Käseblattes wo die Dichter ihre Photographien in
Geldnoten eingewickelt hinsandten um sich an der Spitze des Blattes klischiert
zu sehen warf Johannes Bogen auf den Tisch und sagte zu dem überaus
zuvorkommenden Redakteur
»Du Flick hör mal Lass das Zeug da abschreiben und brings wenn möglich
in der übernächsten Nummer Ich hab der Dichterin die Arbeit schwer bezahlt
will aber nichts von Dir dafür Man muss auch ideal sein können Apropos den
Reklameartikel über Eure Zeitung habe ich schon fast fertig In einigen Tagen
geht er ab Adieu also«
»Sei unbesorgt«
Die beiden schüttelten einander die Hände
12
Nachmittags erwartete Tage Johanne »Ich war zweimal vergebens hier« bemerkte
er »ich habe Ihnen viel zu sagen«
»Ich habe zwei Tage lang geschwänzt« Sie sah ihn übermütig an »Es ist so
merkwürdig etwas zu tun was man nicht soll«
Er überhörte ihre Bemerkung nahm den Hut ab und verbeugte sich vor ihr
»Ich habe die Ehre in Ihnen eine junge hoffnungsvolle Schriftstellerin zu
begrüßen«
»Wieso wirklich nein« stammelte sie und wurde dunkelrot im
Gesichte
Er erzählte ihr allerlei Wahres und Erlogenes über ihr »Manuskript« Sie
schritt glückselig neben ihm hin Nein dass sie dazu Talent hätte nie hätte sie
das gedacht Aber eine gewisse Wonne habe es ihr in der Tat bereitet die
kleine Skizze zu schreiben Vielleicht sei das ein Zeichen des Talentes
»Naturallement« sagte er dann erzählte er ihr von Herrn und Frau
Klingenberg »Sie kennen sie doch selbstverständlich dem Namen nach jeder
Künstler macht dort der Kunst seine Antrittsvisite« Er flocht ein dass dieses
großartige Ehepaar darauf brenne die Dichterin der entzückenden kleinen
Geschichte bei sich zu sehen »Nächsten Sonnabend hol ich Sie ab Sie gehen doch
natürlich hin«
Sie sträubte sich anfänglich ein bisschen dann versprach sie mitzukommen
Sie hatte sich so lange unglücklich und verlassen gefühlt so dass die
Entdeckung sie ganz berauschte ein wirkliches Talent in sich zu haben welches
ihr Zerstreuung und Anregung bot sie von der öden Zukunft eines Kindermädchens
bewahrte und ihr am Ende gar noch Ruhm und Geld eintrug Die Freude verklärte
ihr schönes Gesicht und machte es noch anziehender Mit feuchtem Glanz in den
Augen dankte sie Tage Ihm wurde bei dem heißen dankbaren Blick dieser dunklen
Augen ganz seltsam zu Mut Er hätte sie am liebsten an sich gerissen und blutig
geküsst Er wusste jetzt wodurch man diese Seele eroberte Nicht durch
Leidenschaftlichkeit durch Schmeichelei nicht indem man den »berühmten Mann«
hervorkehrte sondern indem man sie zur Dankbarkeit zwang Es gibt vornehme
Naturen denen das Bewusstsein eine Verbindlichkeit gegen jemand zu haben zur
Eisenkugel wird die sie nie mehr abstreifen können Darauf hatte er hier
gerechnet Er war noch nie einem so schönen reinen Mädchen begegnet
Seine Hässlichkeit und innere Hohlheit ließ ihn nach Vollendetem die Arme
ausbreiten nach Jemand der eigene Art besaß und von dem Tross der Nachbeter
abwich Er musste um seines Vorteils willen den Verehrer einer alten welken Frau
spielen und entschädigte sich dafür bei kleinen Grisetten Aber dies kostete
erstens Geld zweitens war es mit so viel unbehaglichen Nebendingen verbunden
Wenn er Johanne zur Geliebten gewann die Baronin würde er ja nie lassen
natürlich nicht dann fielen diese peinlichen Nebenumstände weg Sie besaß
etwas Vermögen um vor der Hand leben zu können sie war klug um auch etwas
Anderes als bloße Liebesunterhaltung zu bieten und ehrlich schien sie auch
wenn sie sich einmal gab konnte man ihrer sicher sein
Tage verabschiedete sich verliebter denn je von ihr Sie setzte sich gleich
wieder hin um zu »dichten« Aber es ging nicht sie war in diesen Tagen zu
aufgeregt
Eines Nachmittags erhielt sie ein Blatt zugeschickt Es war eine
Zeitschrift und ihr Name prangte auf der ersten Seite Wir bringen hier hieß
es eine kleine Novellette von Johanne Grün einem neuen glänzenden Stern am
Litteraturhimmel Mit schweren Opfern ist es uns gelungen diese Arbeit zu
gewinnen die wie die meisten Dichtungen der jugendlichen Autorin eben an eine
große Zeitschrift im Auslande abgehen sollte Darauf folgte Johannes Skizze
Zuerst machte sie ein ganz verdutztes Gesicht dann aber weinte sie vor Freude
Am andern Morgen kam eine gedruckte Einladungskarte von Klingenbergs Am
Nachmittag drückte sie wiederholt Tages Hände
»Das Honorar erhalten Sie später« sagte er leichthin Auch das noch Ob sie
gleich ihre Lernzeit am Fröbelhaus abbrechen sollte Natürlich riet er Lust
hätte sie ja doch keine dazu Sie solle sich sofort wieder an eine kleine
schriftstellerische Arbeit machen
In ihrer Hoffnungsduselei in ihrem Rausch beging sie in der Tat den
Schritt mitten im zweiten Semester aus dem Erziehungskurs fortzubleiben Sie
war wie umgewechselt Sie jubelte auf wie ein in die Falle gegegangenes und
wieder befreites Vöglein
Am Ende der Teresienstrasse in der sie wohnte lagen große noch unbenützte
Bauplätze Früher waren es Aecker und Gärten gewesen und einzelne Bäume standen
noch hie und da herum Obgleich es Winter war war es doch schön und frei dort
Die glitzernde Schneefläche durch die sich ein schmaler Pfad schlang lud
zu einsamen Spaziergängen ein Von jenem etwas erhöhten Terrain aus konnte man
das Weichbild der Riesenstadt überschauen Dort machte Johanne mit Tage öfter
Spaziergänge
Er schwärmte und sie begann ihm langsam zu glauben Sie erzählte ihm
mancherlei aus ihrer Kinderzeit ihre Zunge löste sich nach und nach endlich
gab sie sich als das was sie wirklich war als ein leben und liebedürstendes
Geschöpf Er hütete sich ihr ironisch wie Lohringer zu begegnen er merkte dass
sie das hasste
Am Sonnabend holte er sie ab Sie hatte ihr weißes Kleidchen angezogen
dasselbe das sie in ihrer ersten Gesellschaft bei Wewerkas trug Tage bat sie
ihr Haar loser und tiefer zu stecken Sie gehorchte ihm und sah mit dem etwas
unbändigen leicht gefesselten dunklen Haar im Nacken entzückend aus
»Ich habe riesiges Herzklopfen« sagte sie auf Klingenbergs Treppe Er
beschwichtigte sie Einen Augenblick tanzte ihr alles vor den Augen als sie die
vielen Lichter und Menschen sah dann fühlte sie ihre Hand geschüttelt und ein
großer eleganter Herr mit schwarzen Locken stand vor ihr
»Fräulein Grün meine Frau«
Die kleine dicke Frau mit den kostbaren Brillanten in den Ohren nickte ihr
zerstreut zu »Recht erfreut dass Sie uns beehren Na Tage Ihre letzte
Photographie ist ja trefflich geworden Sie steht in allen Schaufenstern der
Buchhandlungen«
»Mir sehr peinlich« sagte er mit gerunzelten Brauen Er verschwieg dass er
selbst allen bedeutenderen Buchhandlungen angeboten hatte sein Bild in ihrem
Schaufenster auszustellen Johanne wurde von der Hausfrau einer Menge Menschen
vorgestellt Sie knixte bescheiden und sah die wenigsten derselben an Tage
hatte sie böswillig verlassen Sie blickte sich als die Vorstellung endlich
beendet war verlegen nach einem bekannten Gesicht um Da trat eine hübsche
große Frau zu ihr
»Fräulein Grün Sie wohnen bei Wewerkas nichtwahr Wie gehts Ihnen haben
Sie sich schon bei uns eingewöhnt«
Die Frau war sehr geschminkt und geschnürt und trug ein prachtvolles
grünsamtnes Kleid mit reichem Zobelbesatz Johanne blickte sie bewundernd an und
stammelte einige verlegene Worte Die Dame lächelte über die naive Kleine
plauderte noch etliches und trat dann zu einer anderen Gruppe Johanne stand
tief verlegen da und wusste nicht was sie beginnen sollte Da hörte sie eine
bekannte Stimme neben sich
»Eher hätt ich geglaubt den Kaiser von China hier zu finden als Sie«
»Herr Lohringer«
Seine dunklen Augen sahen sie entzückt traurig vorwurfsvoll an
»Was treiben Sie alles Weshalb kommen Sie nicht mehr zu Frau Schüler«
»Ach« sie senkte den Kopf »hörten Sie denn nicht von dem Neuen in meinem
Leben«
»Sie haben eine kleine Skizze geschrieben«
»Ich bin Schriftstellerin geworden«
»Sapristi Aber hoffentlich nur zum Sonntagsvergnügen«
»Nein ich ich habe meinen Kursus unterbrochen ich will mich ganz der
Schriftstellerei widmen«
»Aber mein Gott « er sah sie kopfschüttelnd an »das ist doch ein
leichtsinniger Streich Hat wohl Tage auf dem Gewissen wie«
»Ja ich bin ihm furchtbar dankbar«
»So so« meinte Lohringer indem er sie anblickte »nun ich sagte Ihnen ja
einmal Sie müssten sehr viel durchmachen bevor Sie den richtigen Weg zu sich
entdecken«
»Sie reden wie ein Prediger« Sie sah ihm mit aufsteigendem Zorn und voll
Weh in die Augen »Und wer handelt weniger «
»gut korrekt edelmütiger als ich Hm Wollten Sie das sagen«
»Ja« versetzte sie ehrlich
»Na lassen wir das« sagte er heiter »Sie sind noch zu jung um einen
reifen Menschen zu verstehen hier ist auch gar nicht der Ort um ein
ernsthaftes Gespräch zu führen Ich freue mich Sie getroffen zu haben und
glauben Sie nur nicht dass ich ein Zerstörer bin Ich habe die tiefste Achtung
vor allem Ganzen« er neigte sich näher zu ihr »verstehen Sie wo ich aber
Scherben finde da zögere ich nicht meinen Fuß darauf zu setzen auch auf die
Gefahr hin sie noch mehr zu zerbrechen
Haben Sie den Mann dort mit dem hageren Gesicht und dem weiten Mund schon
beobachtet«
Johanne wandte mechanisch den Kopf zur Seite wo jener Herr stand
»Das was Sie mir eben sagten interessiert mich viel mehr als «
»Es ist der berühmte Weiden« fuhr Lohringer fort »ein Schriftsteller
dessen Spezialität darin besteht die Werke bekannter Dichtergrössen noch einmal
herauszugeben Da er selbst nichts in sich hat sucht er wenigstens seinen Namen
mit dem von Leuten zusammenzubringen die etwas sind Man schreibt große Artikel
über ihn und sein merkwürdiges Genie«
»Sagen Sie nur« fragte Johanne die der Doppelgänger der Genies wenig
interessierte »wer ist jene Frau in dem herrlichen Sammetkleid sie sprach
vorhin so vertraut zu mit«
»Ach die« Lohringer fixierte die Dame »Das ist Frau Borstig Freut mich
dass es ihr wieder gut geht Sie besitzt nämlich nur das eine Gesellschaftskleid
das ihr ein reicher Verehrer widmete Da es ihr und ihrem Gatten er ist
Zeichner bei einem Witzblatt sehr elend geht befindet sich das kostbare Kleid
meist auf dem Leihhaus In dieser Zeit schlägt sie Unwohlseins wegen alle
Einladungen aus«
Johanne kicherte
»Ach und die Dame dort Glauben Sie dass die Brillanten an ihrem Halse echt
sind«
»Pst« machte Lohringer »und ob Der Schmerbauch neben ihr ihr Mann ist
der gefürchtete Kritiker an der Großen Presse Früher war sie Modell Heute
nimmt sie teil an der Herrschaft ihres gestrengen Kritikergatten und vernichtet
arme Teufel die sie nicht anbeten in der Lauge ihrer Kritik«
Plötzlich rief Johanne so laut dass ein paar Damen sich malitiös nach ihr
umwandten »Mink Mink nein wie hübsch Ich habe ihn schon eine Ewigkeit nicht
mehr gesehen«
Lohringer lachte »Sind Sie verliebt in ihn Soll ich ihn holen gehen Sie
wissen doch schon«
»Was denn«
»Dass er sich von Babinsky getrennt hat«
»Was von seinem Busenfreund«
»Ja der Busenfreund den der edle Mink bis auf den letzten Heller ausgesogen
hatte besaß eines Tages nichts mehr Da wurde Mink grob ließ seinen Koffer in
die Wohnung eines anderen Bekannten tragen und machte Babinsky öffentlich
herunter Mink hat eine weiterzige Natur Er quartiert sich einmal bei diesem
dann bei jenem Freunde ein Da lebt er ein paar Jahre lässt sich erhalten
kleiden macht alle Arten Vergnügungen mit natürlich auf des Andern Kosten und
ist eines Tages der Gastgeber ausgebeutet geht der edle Dichter schimpfend von
ihm und sagt ihm die schändlichsten Dinge nach So knappert er sich durch die
Brotkörbe seiner Freunde hindurch«
In diesem Augenblick entstand eine Bewegung in der Gesellschaft
»Ei sieh Lohringer« Tage schüttelte ihm die Hand »Darf ich um die Ehre
bitten Sie zu Tisch führen zu dürfen gnädiges Fräulein«
Johanne legte lachend ihren Arm in den seinen Lohringer sagte »Auf
Wiedersehen später« und ging seine Tischdame zu suchen Die Flügeltüren des
Speisesaals wurden geöffnet und in langer glänzender Reihe verfügte sich die
Gesellschaft an die festlich mit frischen Blumen und altem Silber geschmückte
Tafel
Klingenberg kehrte den besorgten Hausherrn heraus und ließ seine Augen bald
hier bald dorthin spazieren Das Diner begann mit gebackenen Austern die
Diener reichten auserlesene Weine herum wobei sie den Namen der Sorte diskret
flüsterten Tage trank Johanne mit glänzenden Augen zu Dann sagte er leise
»Was wollte Lohringer Er schlug ja förmlich Wurzeln bei Ihnen«
»Ich war ihm sehr dankbar Ohne ihn hätte ich wahrscheinlich einsam in einer
Ecke gestanden«
»Was Ihnen einfällt Ich konnte mich Ihnen nicht gleich widmen Es waren
allerlei Bekannte da die mit mir ein Wort sprechen wollten Aber ich wäre
längst gekommen wenn ich ihn nicht wie angenagelt neben Ihnen erblickt hätte
Prosit Doktor«
Ein Herr mit einer Glatze erhob sein Glas gegen Tage Der Dichter trank ihm
Bescheid
»Ein Freund von Ihnen«
»Ein famoser Kerl Denken Sie er ist Unterlehrer gewesen Eines Tages fällt
ihm ein eine Zeitung herauszugeben Er pumpt sich einige tausend Mark
verschickt Prospekte mietet ein Bureau und zwei kleine Buben die für die Ehre
sich Redakteure nennen zu dürfen ihm halb umsonst arbeiten Aber keine Katze
abonniert auf das Blatt Das erste Vierteljahr vergeht Dahlke gerät in
Verzweiflung Was tut er Er stellt jeden Tag ein Eingesandt das er natürlich
selbst schreibt an den Kopf seines Blattes Einmal heißt es Wir entgegnen dem
Herrn Einsender von gestern dass unser Blatt Katholiken sowohl wie Protestanten
freien Spielraum lässt sich auszusprechen Dann Herr Dr H meint wir verträten
weniger das Interesse unserer jüdischen Mitbürger das ist ein Irrtum Uns sind
alle Menschen gleich ob Heiden ob Christen Dahlke verschickte ein Jahr lang
gratis das Blatt Schließlich geriet er noch auf andere Kniffe Er setzte auf
Rätsel und Charaden die jedes Schulkind lösen konnte namhafte Preise Er
schimpft und poltert in dem Eingesandt gegen sein Blatt dieses Blatt mit der
humanen Tendenz Schmeichelt allen Konfessionen natürlich figurierten alle
möglichen Namen unter jenem Eingesandt und gewinnt schließlich Abonnenten
Heute zählt seine Zeitung ihrer dreissigtausend Aber was ich sagen will trauen
Sie nicht dem Lohringer Er ist falsch neidisch«
»Das glaub ich nicht« versetzte Johanne und sprach etliche warme Worte zu
Lohringers Gunsten Tage zuckte etwas ärgerlich die Schultern und kam auf
anderes Man saß beinahe zwei Stunden bei Tisch Dann verteilten sich die Gäste
in Gruppen Die Herren gingen ins Rauchzimmer Tage wich den Rest des Abends
nicht mehr von Johannes Seite Einige Male tauchte Lohringer neben ihnen auf
lächelte heimlich und verschwand wieder Um Mitternacht wurde das junge Mädchen
müde und bat Tage sie nach Hause zu bringen Er nahm eine Droschke Unterwegs
sagte sie »Es war sehr schön Aber eigentlich nichts anderes als eine Table
dhôte wo man nichts zu bezahlen braucht Ich aß einmal mit Herrn und Frau
Wewerka im Königshof an einer solchen Aber da durfte man dem Kellner klingeln
«
13
An einem sonnigen Winternachmittag trat Johanne bei Alice ein Sie fand die
junge Frau seltsam verändert Eine nervöse Unruhe sprach aus ihrem länger und
schmäler gewordenen Gesichtchen
»Ein Wunder dass du dich meiner noch erinnerst Bitte nimm Platz Was tust
du immer Man sagt du schriftstellerst Hast du wirklich allein das Gebet
geschrieben oder nicht dein Freund«
Die kleine Zofe kokett gekleidet wie ihre Herrin kam herein und brachte
den Teetisch in Ordnung Als sie wieder hinausgegangen war trat Johanne zu
Alice und nahm ihren Kopf zwischen die Hände
»Was hast du denn Du bist ganz verändert Wo ist Matilde«
»Im Spital Sie fährt wohl nun bald ab Er besucht sie alle Augenblicke«
»Aber Alice jetzt da sie geht sei doch nicht so böse auf sie vergib
ihr«
»Hahaha vergeben Na Es gibt Dinge im Leben die man nie vergibt
wenigstens eine Frau nicht Reden wir von anderm«
»Alice«
Die junge Frau holte trällernd eine Schmuckkassette herbei
»Sieh mal wie nett Dieses Kollier hat er mir neulich geschenkt«
»Wer«
»Na wer wird mir denn ein Kollier schenken Herr Schüler natürlich Mit dem
Andern ist ja nichts anzufangen« Sie unterdrückte einen Seufzer
»Meinst Du Lohringer« fragte Johanne schüchtern Sie wusste nicht warum
aber bei der Bemerkung der Freundin jauchzte innerlich etwas in ihr auf
»Ja ich meine ihn«
»Aber er kommt doch oft zu dir nicht«
»Gewiss Was habe ich aber schließlich von seinem Kommen wenn er mich ewig
als Spielsache als unmündiges Kind behandelt Meinst du er führte jemals ein
ernsthaftes Gespräch mit mir«
»Das tut er nicht ich weiß wohl aber innerlich ist er doch ein ganz
ernsthafter Mensch«
»Ach was innerlich Das geht mich nichts an Wenn er nur äußerlich täte
was ich will«
»Was willst du denn«
»Mein Gott was willst du Frag doch nicht so albern«
Johanne errötete »Aber du bist doch eine verheiratete Frau«
»Kommst du mir mit dem« rief Alice heftig »Wer hat mir denn beigebracht
dass das Band der Ehe nur zum Zerreissen da ist Wer hat mich denn mich die
Unerfahrene eingeweiht in den ganzen Schmutz die Niederträchtigkeit
vorurteilsloser Anschauungen Wer denn Wenn ich ihm eine gelehrige Schülerin
bin ist das kein Unrecht nichts Wundernswertes«
»Ich weiß nicht eine Frau ist doch aber kein Mann« meinte Johanne »Ein
Mann kann sich besudeln die Flecken lassen sich ausmerzen an einer Frau
bleiben sie haften«
»Ach Gott tu nicht so fromm du hast doch auch Einen Und überdies
Flecken was sind Flecken Wenn ich das so nehmen wollte Die ersten die nie
wieder sich ausmerzen lassen hat mir mein eigener Mann beigebracht Was ich
jetzt tue ist nicht mehr als dass ich einen schönen Schleier voll gestickter
Blumen über sie lege Lass mich gehen «
Johanne zitterte vom Kopf bis zu den Füßen vor Scham Ärger und Mitgefühl
Aber das Wort »Du hast doch auch Einen« brannte auf ihr Alice machte sich bei
ihrem Teekessel zu tun dann trat sie vor den Spiegel und ordnete die kleinen
reizenden Löckchen Johanne saß ein Weilchen still im Sessel dann erhob sie
sich
»Adieu Alice«
»Wartest du den Tee nicht ab« fragte jene ohne sich umzuwenden
»Nein«
»Na dann geh und verachte mich« Sie kehrte sich schnell mit tragischer
Gebärde um und lachte höhnisch
»Ich dich verachten Keine Rede«
Johanne blickte sie mit ihren blauen treuherzigen Kinderaugen an
»Leid tust du mir«
»Wirklich« Die junge Frau näherte sich ihr einen Schritt
»Gewiss Alice Du verkennst mich Ich bin nicht mehr so wie ich war« Ihre
Stimme schwankte ein wenig »Aber das mit dem Einen ist unrichtig Tage ist nur
mein Freund nicht mehr Ich «
»Du Liebe« Alice warf sich ihr an die Brust
»Ich denke nicht mehr so streng das heißt über die Anderen Es muss wohl
so sein müssen dass keiner ganz und rein bleiben kann weil Alle nur halb und
nicht lauter sind Weißt du ich komme eben vom Lande bei uns sind sie anders
Wenn sie fallen geschieht es so plump und ehrlich das jeder mit dem Finger auf
sie zeigen sie verachten meiden kann je nachdem er will Hier vollzieht sich
alles unter dem Schleier des Scheins Der blendet einem die Augen man weiß
schließlich nicht mehr was echt was unecht was hässlich was schön ist Leb
wohl Alice«
»Komm doch bald wieder hörst du«
»Ich wills«
Auf dem Nachhausewege dachte Johanne über sich und die Freundin nach Hatte
Alice im Grunde genommen so unrecht Ihr Mann hatte sie betrogen sie suchte bei
einem Andern Trost für das ihr zugefügte Leid Dieser Andere war ebenfalls kein
Schurke er nahm vom Leben was es ihm bot
Er wie Tage beide verlachten ihre strengen bäuerlichen Grundsätze Und die
Andern Mink Wewerka Babinsky alle deren Gestalten in deutlichen Umrissen in
ihrem Gedächtnis hafteten diese ganze Gesellschaft war einer Ansicht Sie stand
allein mit ihrem Protest gegen die herrschende Sitte War es eigentlich nicht
lächerlich Wenn sie eine große Schriftstellerin werden wolle müsse sie den Mut
haben dem Leben wie es war ruhig ins Auge zu sehen sagte ihr Tage beständig
vor Sie wollte es auch tun Es gehörte eben dazu Schließlich wenn man sie
das kleine Landmädchen auf die eine und die ganze Gesellschaft auf die andere
Seite stellte musste doch die Mehrzahl recht behalten gegen sie Lag nicht
vielleicht viel Selbstüberhebung in ihr
Sie ging nach Hause und begann eine kleine Geschichte zu schreiben Sie
schickte sie Tage Er erwartete sie draußen auf den Baugründen und sagte ihr
diese Geschichte sei nicht so gut wie die erste aber er wolle sich doch
bemühen sie unterzubringen Er hätte zwar rasend viel zu tun aber ihr zu
liebe Draußen war es einsam fast niemand ging hier Er bot ihr den Arm Sie
hing sich an ihn Sie plauderten von Literatur Manchmal sprach sie so kluge
schöne Worte aus dass er innerlich staunte Sie hatte unleugbar viel Begabung
Nur ihre dumme Unerfahrenheit und die bornierten Ansichten hinderten sie Es
sprach so viel Schulmädchenhaftes aus ihr Ihre ortographischen Fehler waren
etwas Natürliches und ließ sich verbessern Aber das andere zu ändern war ein
schweres Stück Arbeit Nun mit etwas Geduld würde es schon gelingen
»Ich habe eine Bitte an Sie Johanne« sagte er ihren Arm inniger an sich
drückend »wollen Sie ja dazu sagen«
Sie nickte
»Sagen Sie mir Du Ja Es ist so lieb brüderlich Wenn ich einem Menschen
Sie sage kann ich nie warm neben ihm werden auch nie ganz herzlich zu ihm
sprechen Also ja«
»Aber es schickt sich doch gar nicht Sie sind ein berühmter Mann und ich
mein Gott«
»Du bist ein Närrchen du wirst mich bald weit überflügelt haben«
»Nein « Sie lachte kindisch
»Nun Johanne«
War es nicht unhöflich gegen ihn der so gut mit ihr war wenn sie seine
Bitte abschlug
»Meinetwegen« sagte sie leise
Sie schüttelten einander die Hände Hinter ihnen lag die große Stadt mit
ihrem Trubel ihrer Gemeinheit ihrem Strebertum ihrem Elend Vor ihnen weiße
unbetretene Schneeflächen von denen dann und wann ein einzelner Rabe aufflog
»Warum plötzlich so einsilbig« fragte er nach einer Pause
»Das tut so wohl« sie deutete auf die freien Felder »Das erinnert mich an
Sienental an die liebe Stille dort an die alten verkrüppelten Weiden«
»Liebst du Sienental sehr«
»Ich würde es noch mehr lieben wenn ich Jemand dort besäße Aber ich habe
niemand da der mir nahesteht Trotzdem ist mir der Ort das liebste auf Erden«
»Aber hier hast du jemand der dir nahesteht Johanne« Er zog ihre Hand an
seine Lippen »Glaubst du dass ich dich von Herzen liebhabe Johanne«
»Ja Sie sind sehr gut gegen mich«
»Ich bin weder der Herr Sie noch ein guter Kerl Lieb haben sollst du mich
Das ist unabhängig vom Gutsein«
Sie erschauerte leicht unter seinen Worten und hing sich fester an ihn
Als sie zurückkehrten war es Dämmerung Vor ihrem Hause nahm er Abschied
Sein Gesicht neigte sich nah zu dem ihren Sie erschrak Er lachte und sagte
ihr gute Nacht
14
Jetzt da die ganzen Tage ihr gehörten und sie tun konnte was sie wollte da
ihr Ehrgeiz geweckt war und sie von Erfolgen träumte warf sie sich mit aller
ungebrochenen sanguinischen Hoffnung auf das Schreiben Sie schrieb eine Reihe
Novelletten und brachte sie Tage mit
Es war ausgemachte Sache zwischen ihnen dass er sie jeden Tag zum
Spazierengehen abholte Frau Wewerka lächelte diskret Sie war gewiss die Letzte
die Steine auf andere warf wenn es auch unleugbar war dass die Kleine dumm war
riesig dumm Die Spekulation die Schüler mit ihr zu machen gedachte war
misslungen oder hatte vielmehr andere Wege genommen als er beabsichtigte Nicht
Johanne seine eigne Frau war die Veranlasserin dass seine Wünsche bezüglich
einer Gehaltsaufbesserung erfüllt wurden Davon ahnte er freilich nichts Er
ließ es sich nie träumen in Lohringer einen Nebenbuhler zu erblicken Er dankte
ihm herzlich für seine Fürsprache und begegnete ihm freundschaftlich Dass er mit
Johanne nicht in nähere Beziehungen getreten war sah er wohl aber dass dies
nicht an Schüler lag musste Lohringer zugeben Jener hatte kaum sein Interesse
für das junge Mädchen wahrgenommen als er ihm auch so weit dies anging die
Gelegenheit bot sich ihr zu nähern Was zwischen den Beiden sich weiter
abspielte war nicht weiter seine Sache Lohringer der Schülers Absicht
durchschaut hatte mochte sich innerlich über die Verschiebung der Dinge
belustigen Wewerkas hatten ebenfalls Schülers Pläne gekannt aber sie schwiegen
natürlich
Eines Tages sagte Hans Tage zu Johanne als sie wieder auf ihrem
Lieblingsweg promenierten »Hör Schatz du musst jetzt eine zeiltang pausieren
Ich habe nun schon sieben Novellen von dir Zwei davon habe ich untergebracht
aber die übrigen «
»Und das Honorar« fragte sie plötzlich zu seiner Überraschung
Es war ihm recht unbehaglich dass er auch hier wieder in seine Börse greifen
musste Aber da er anfänglich so protzig getan hatte durfte er jetzt nicht
zurück Na auf ein paar Goldfüchse sollts ihm nicht ankommen
»Erhältst Du in diesen Tagen« sagte er »Es ist aber sehr klein Liebchen
Weißt du größere Honorare kommen erst später Die ersten Jahre gehts immer nur
tropfenweise«
»Aber später glaubst du doch dass ich viel verdiene denn wovon sollte ich
sonst leben Dann müsste ichs ja am Ende bereuen nicht doch die Kindergärtnerei
weiter «
»Aber Kleine« sagte er ärgerlich »lass doch das später Für jetzt bist du
zufrieden nicht« Er presste ihren Arm leidenschaftlich an sich
Diese bäuerliche Vorbedachtsamkeit verstimmte ihn brachte ihn in
Verlegenheit
Was kümmerte ihn ihr später
Vielleicht brachte sies in der Tat zu etwas auf litterarischem Gebiete
Vielleicht nicht Ihm galt hauptsächlich die Gegenwart Ach dass diese kleinen
Mädchen so viel Mätzchen machten bevor sie sich ergaben Sie erhielt wirklich
eine kleine Summe Auf der Postanweisung stand »Für die Novellen Gebet und Ein
armes Mädchen«
»Warum war die Redaktion nicht genannt nur dein Name« fragte sie später
Tage
»Weil ich es von der Redaktion abholte um es sofort an dich zu senden« log
er
Dann quälte sie ihn er solle sich doch mit den anderen Sachen beeilen Er
wurde ungeduldig
Einmal bat er sie zu Klingenbergs zu gehen Es sei Brauch Leuten bei
denen man eingeladen war einen Besuch zu machen
»Ach die sind mir zu langweilig« meinte sie
»Du musst aber« beharrte er
Sie ging nicht »Was hatte ich davon als ich dort war Wenn du und
Lohringer nicht gewesen wärt «
»Ja Lohringer« sagte er bissig
»Lass ihn du weißt ich mag ihn gut leiden«
»Gott ja schwärme für ihn Seine Glatze ist ja auch wirklich
anschwärmenswert«
»Du bist roh« rief sie
Sie gingen kühl auseinander und sprachen sich etliche Tage nicht Sie
langweilte sich fürchterlich Seine Werke drei Bände Gedichte die er ihr
gebracht hatte kannte sie schon auswendig Sie besaß auch keine rechte Lust zu
lesen Die Frage was wird nun aus mir bring ichs auch wirklich zu etwas lag
schwer auf ihr Sie schrieb allerlei kleine Sächelchen tastete unsicher in sich
herum und wusste nicht recht welchen Stoff sie wählen sollte
Grade als sie recht unglücklich den Kopf in die Hände gestützt dasaß kam
Tage Sie gingen spazieren Als sie die Stadt hinter sich hatten sagte sie
»Weißt du ich glaube doch dass es eine Dummheit von mir war was ich getan
habe Vielleicht wärs das Beste ich ging wieder ins Fröbelhaus zurück«
»Tus« sagte er achselzuckend
»Nun bist du auch noch so gegen mich« rief sie weinerlich
»Was willst du denn eigentlich«
Er blieb stehen und sah sie an
»Mein Gott etwas Sicheres vor mir erblicken eine Tätigkeit haben Ich
sitze den ganzen Tag in den Ecken herum«
»Du schriftstellerst ja« bemerkte er ungeduldig
»Aber ich glaube es kommt nichts dabei heraus«
»Warum glaubst du das«
»Weil ich denke ein Mensch der wirkliches Talent in sich hat weiß doch
was er schreiben soll Ich aber weiß nie wozu ich die Feder ansetzen soll Es
ist manches in mir aber verworren so ich weiß nicht wie«
Er nickte »Aber ich weiß es Ich will dir etwas sagen Ein Mädchen so ganz
ohne jede innere Erfahrung ohne jede Erschütterung der Seele ich will ehrlich
zu dir reden kann unmöglich etwas leisten Du müsstest einmal «
»Was denn«
»im Arm eines Mannes gelegen haben« er sah von ihr fort »gebebt
gejauchzt geweint haben eine Erfahrung gemacht haben dann wäre die Künstlerin
in dir reif und du brächtest schöne Bücher zu stande Was du jetzt schreibst
ist lauter Kinderstammeln die Redaktionen wollen es nicht Die ersten zwei
Stücke gefielen aber immer das gleiche Gesänglein anzuhören ermüdet«
»Also« fragte sie leise
»Also du wirst es wissen«
Sie sahen beide zu Boden
Sie zog ihr Taschentüchlein heraus und drückte es leicht an die Augen Das
war unverblümt Und trotzdem genau hatte sie ihn doch nicht verstanden
»Also wird nichts aus mir« sagte sie nach einer Weile tonlos
»Wenn du dir selbst hindernd im Weg stehst« Er zuckte die Schultern
»Was soll ich denn tun« rief sie leidenschaftlich »Jeder behandelt mich
als kindisches Ding belächelt bemitleidet mich was soll ich denn tun«
Tage blieb stehen und sah ihr in die Augen »Dem Mann zu dem du dich am
meisten hingezogen fühlst angehören«
Sie spürte heiße Schauer über sich gehen
»Du ahnst nicht welche Veränderung mit dem Weibe nach einem mutigen Schritt
vorgeht Die Welt erscheint ihm in ganz anderen Farben eine ungeahnte
Lebenskraftund Lust rauscht durch seine Adern Schönheit Gesundheit Geist
übergiessen es mit ihren beglückenden Gaben Ein Mädchen ist immer eine vor den
Toren des Lebens Harrende erst das Weib dringt hinter das Geheimnis des
Daseins«
»Ach vielleicht hast du recht aber « sie seufzte
Er warf die Arme um sie und presste einen heißen Kuss auf ihre frischen
Lippen
»Johanne«
Sie sagte garnichts Mit gesenktem Haupte schritt sie neben ihm nach Hause
Und nun begann ein stillschweigendes erbittertes Kämpfen zwischen ihnen
Einen Tag war er stürmisch zärtlich kühn gegen sie Wenn sie ihn erzürnt
in seine Schranken zurückwies blieb er am nächsten Tag aus und vernachlässigte
sie Für sie die keine rechte Beschäftigung hatte waren solche Tage voll
Verzweiflung Sie schrieb verwirrtes Zeug zerriss es wieder rannte hundertmal
ans Fenster irrte planlos durch die Straßen und rief ihn endlich Und wenn er
dann kam und sie auf den Wegen draußen mit seinen wilden glühenden Küssen
überfiel und Dinge von ihr forderte die ihr das Rot in die Wangen trieben und
sie empört auffuhr begann er zornig höhnisch bitter zu werden und blieb
wieder weg Einmal schickte sie ihm einen Pack Manuskripte
»Lauter dummes Zeug mein Kind« sagte er als er sie nach einer Szene
wiedersah »Lass das Schreiben für jetzt Du bringst nichts zustande du bist zu
unruhig«
»O Gott« sagte sie traurig »aber es ist ja gar nicht wahr warum sollte ich
unruhig sein«
»Weil das Blut in deinen Adern nach Erfüllung schreit stell dich doch nicht
gar so dumm Man sieht es dir ja im Gesicht an«
Er redete ihr so lang von dem Aufruhr in ihr vor bis sie schließlich daran
zu glauben begann Sie weinte über sich selbst Aber sie widerstand
Zu Hause saß sie am Fenster gekauert und wusste nicht sollte sie beten oder
verzweifeln
Wenn sie noch einen Menschen besessen hätte dem sie sich anvertrauen
konnte Aber sie besaß niemand Frau Wewerka mit ihrem stillen vielsagenden
Lächeln war ihr unausstehlich Alice würde sie ausgelacht haben Sie hörte fast
ihr tue doch was dich freut Närrchen Lohringer war sogar der Meinung der
Mensch müsse Erfahrungen machen um »sich selbst« zu finden Also alle und alles
drängte sie zu dem Einen Sie weinte fortwährend nahm kaum Nahrung zu sich und
fühlte sich todunglücklich
Währenddessen begann Tages Geduld zu erlahmen So lange Zeit so viele
hundert Wege Bitten Szenen hatte ihn kein Weib gekostet Freilich sie alle
die er besessen hatte waren nicht mehr rein gewesen Aber trotzdem Er
verwünschte diese dumme spröde Mädchenhaftigkeit die sich sträubte und von
einem Tag auf den andern um Aufschub bettelte Er sah schon hier konnte keine
Beredsamkeit keine Schmeichelei wirken hier musste er zu einer brutalen Tat
seine Zuflucht nehmen Sein Begehren nach ihr war durch die halben
Vertraulichkeiten die sie von seiner wilden Art bedrängt ihm gewährte aufs
Äußerste entfacht
Einmal nur diese spröde Teufelinne ganz in den Armen halten dann mochte sie
seinetwegen laufen wohin sie wollte
Ich kann morgen erst gegen Abend kommen schrieb er ihr eines Tages erwarte
mich nicht vor der Dämmerstunde Er kam um die angegebene Zeit etwas erhitzt
»Ich hatte sehr viel Laufereien heute«
»Dann magst du wohl jetzt nicht mehr ausgehen« meinte sie
»Natürlich natürlich mag ich ausgehen« sagte er nervös »Komm nur es ist
sehr schön draußen Wir können uns ja auch einen Wagen nehmen Auf die Felder zu
gehen ist heute zu spät« setzte er hinzu als sie ihren gewohnten Weg
einschlagen wollte »gehen wir ein wenig in die Stadt«
Sie gingen Arm in Arm eine Weile Plötzlich schlug er sich vor die Stirne
»Herrgott dass ich das vergessen konnte Ein wichtiger Brief der heute noch
abgehen muss Nichtwahr du erlaubst doch dass ich einen Augenblick in meine
Wohnung hinaufspringe ihn zu holen Er liegt auf dem Schreibtisch Wir sind ja
grade hier an meiner Straße«
»Ich habe noch nie dein Haus gesehen« sagte sie harmlos »wohnst du hübsch«
»Ha eine Idee Schatz Willst du mit hinaufkommen Es sieht dich niemand
Ja willst du«
Sie zögerte und blickte ihn ungewiss an
»Na wie du willst Dann wart also hier unterm Tor bis ich wieder
herabkomme« sagte er barsch
»Sei doch nicht gleich so «
»Weil du einem auch die kleinste Bitte abschlägst Ich wäre ja gar nicht
darauf gekommen Deine Frage brachte mich dazu Na Also wart« Sein gekränkter
ehrlicher Ton rührte sie
»Gut also ich will zu dir hineingucken aber «
Er fasste sie stürmisch um die Mitte und trug sie halb die Treppe empor Sie
kicherte und wollte sich losmachen aber er ließ sie nicht aus den Armen Oben
schloss er auf und stieß sie scherzhaft in ein Zimmer das er durch einen Druck
auf den elektrischen Knopf erleuchtete
Es war ein großer durch Teppiche Felle und etliche Divans sehr wohnlich
hergestellter Raum Auf mehreren Tischen lagen Bücher Bildwerke Manuskripte
umher In einer Ecke stand ein zierlicher Teekessel Hinter einem hohen
eleganten Wandschirm befand sich das Bett Die Wände bedeckten zahlreiche gute
Radierungen Stiche und mehrere Oelgemälde
»Sehr hübsch« rief Johanne sich auf dem Absatz umdrehend Er sprang zu
einem Eckschränkchen und nahm eine Flasche und zwei Gläser heraus
»Seinen Gästen muss man mit etwas aufwarten« Er goss sich und ihr ein Glas
dunklen Weines ein »Auf dein Wohl Johanne Nun«
Zögernd stieß sie an
»Trink doch Mädel« Er zog sie neben sich aufs Sopha Dann kramte er einige
Zeitungen fort die eine Schale schöner Südfrüchte verdeckt hatten »Knabbere
auch ein bisschen dazu Magst du eine Tasse Tee er ist im Moment fertig Hier
ist Konfekt« Er schob ein Tellerchen mit Zuckerwerk heran
»Aber nein« sagte sie überrascht »das sieht ja aus als ob du Gäste
erwartest Kommt jemand zu dir«
»Außer der die gekommen ist niemand«
»Aber du wusstest doch garnicht dass ich käme wie konntest du das alles für
mich herstellen«
Er lachte »Ich dachte schon lange dass du mich vielleicht einmal besuchen
würdest aber sappristi frag nicht so viel«
Er riss sie an sich Sie zog die Brauen schmerzlich zusammen »Lass mich doch
das mag ich nicht«
»Was Wie Magst du nicht Wart kleiner Unhold heute will ich mich rächen
für all die Teufeleien womit du mich seit Monden quälst« Er wollte sie auf
seinen Schoss ziehen Sie stieß ihn von sich und erhob sich
Er knirschte die Zähne zusammen bemühte sich aber ruhig zu bleiben
»So so du entfliehst mir na meinetwegen aber den Wein trink doch
gefälligst aus er ist nicht vergiftet wenn er auch von mir ist«
»Ich mag keinen Wein« sagte sie und näherte sich der Tür
Er sprang auf
»Johanne Bleibe doch noch einen Augenblick Schau es ist so hübsch dass du
da bist Wer weiß wenn wieder ich will ganz brav sein Komm noch ein
bisschen«
Seine Hand ergriff die ihre während er mit der andern das Weinglas an ihren
Mund hob
»Mir zu liebe aber ex«
Sie tat einen Schluck
»Ex« kommandierte er
Sie trank das Glas leer
»Und jetzt noch ein Augenblickchen ja« Er zog sie neben sich Sie sah
umher
»Wo ist denn der Brief Du sagtest doch er eilte«
»Ach was meinetwegen Ich bin augenblicklich so glücklich dass mir alles
andere gleichgültig ist«
Er nahm eine Feige von dem Tellerchen und wollte sie zwischen ihre Lippen
stecken
Sie lachte und bog sich zurück
»Magst du nichts Süßes«
»O doch«
»Na dann also « Plötzlich hatte er seine Arme um sie geworfen
»Du ich bin ganz rasend Quäl mich doch nicht so Mädel Gib mir einen
Kuss«
Sie wollte etwas entgegnen er presste sein Gesicht auf das ihre
»Du erdrückst mich ja «
»Ach was «
»Hörst du«
Ihre Hand fasste krampfhaft sein Haar
»Lass mich«
»Fällt mir nicht ein Die Komödie muss ein Ende haben Dummes Ding gib doch
nach hörst du«
Mit einer zornigen Bewegung suchte sie ihn abzuschütteln dabei glitt die
Tischdecke herab und der Inhalt der Weinkaraffe ergoss sich in roten Strömen über
beide
Er sprang in die Höhe »Auch das noch«
Sie hörte ihn ein heftiges Schimpfwort murmeln und stürzte hinaus
Ihr Hut ihre Jacke ihre Handschuhe waren oben liegen geblieben Barhäuptig
in ihrem dünnen Kleidchen mit losgegangenen Flechten rannte sie durch die
Gassen
Die Leute blieben stehen und sahen ihr nach In ihrem Zimmer angelangt fiel
sie halb bewusstlos aufs Bett
Zwei Tage lang lag sie wie im Fieber Frau Wewerka sah ab und zu nach ihr
Am dritten Tag als sie sich wohler fühlte und aufstehen wollte sagte die
Hausfrau »Mein armes Kind teilen Sie mir doch mit was Ihnen widerfahren ist
man braucht sich nicht alles gefallen zu lassen Vielleicht kann ich Ihnen
irgend einen guten Rat geben«
Das junge Mädchen schüttelte den Kopf
»Lassen Sie mich nur mir ist ganz gut Ich habe mich neulich erkältet das
ist alles«
»Nun wie Sie wollen Ein Dienstmann hat übrigens ein Packet für Sie
gebracht Es war so unordentlich verschlossen dass alles beim Empfang
herausfiel Hut Handschuhe und Jacke habe ich in Ihren Schrank gehängt«
Frau Wewerka lächelte ein wenig
Johanne kehrte sich gegen die Wand und flüsterte »danke«
Nachmittags stand sie auf Sie ging aus einer Ecke in die andere sah zum
Fenster hinaus und kehrte wieder ins Bett zurück
Sie fühlte sich wie zerbrochen Ihre Hände und Füße zitterten Die Arme
unter dem Kopf verschränkt lag sie da Was nun Was sollte sie nun beginnen Ins
Fröbelhaus zurückgehen den ironischen Gesichtern der Lehrerinnen begegnen Dann
musste sie jedenfalls auch den abgebrochenen Kurs wieder von vorn beginnen was
so viel hieß als den Aufenthalt hier um ein Jahr verlängern
Nur das nicht Lieber Sollte sie geradewegs nach Sienental zurück
Aber was würde ihr Vormund der Pastor und jeder der sie kannte von ihr
denken Und was sollte sie in Sienental Kartoffel schälen in der Küche der
alten Schlächterin Mein Gott War jung sein wirklich ein Glück Was sollte sie
nur mit sich anfangen Jetzt da sie die ganze Schurkerei Tages kennen gelernt
hatte glaubte sie auch nicht mehr an ihr Talent Er hatte ihr wohl nur
eingeredet dass sie dichterische Begabung besaß um Macht über sie zu gewinnen
Sie begann ihn zu durchschauen Und das war der Mann dessen Biographie in
allen frommen Familienblättern stand dessen Gedichte junge Mädchen auswendig
lernten dessen Name als einer der besten galt Freilich sie wussten nichts von
seiner Gemeinheit Er sprach ja immer so edle Gedanken in seinen Gedichten aus
Ihm galt in seinen Versen die Reinheit als das höchste Gut die Güte gegen
Mensch und Tier besonders gegen hübsche junge Mädchen als erstes Gebot
Christi Man bekam ordentlich feuchte Augen wenn man diese lieben kleinen
feinen Lieder las Umsomehr als sie so angenehm abstachen gegen die heißen
ungesunden Gefühlsergüsse manch anderer Dichter Allerdings die waren deshalb
nicht schlechter nur ehrlicher Sie gaben sich wie sie waren In einem
glichen sich alle die zur Fahne der Kunst schworen besonders der Dichtkunst
abgesehen von dem Hass und Neid womit sie einander befehdeten es galt ihnen
kein Mittel als zu gering auch kein täglicher Meinungswechsel um zu Geld und
Ansehen zu kommen
Es war sehr traurig das alles in der Nähe ansehen zu müssen und lächerlich
zu denken dass diese »Künstler« Einfluss auf ihre Zeit und auf alle naiven
unverdorbenen Gemüter hatten Fort von hier rief es in Johanne Und doch wieder
fort ohne etwas auch nur das Geringste erreicht zu haben
War das nicht allzu kläglich Gott Gott Sie sprang aus dem Bette und warf
sich auf die Kniee Sie wollte beten aber es ging nicht Kein Tropfen Trostes
kam in ihre Seele Mit trockenen Lippen wühlte sie sich wieder in ihre Kissen
Ob es nicht das Beste wäre zu sterben Sie ließ alle Todesarten an ihrem Geiste
vorüberziehen Sie malte sich ihre einzelnen Schrecken aus Und doch was waren
sie im Vergleich zu diesem entsetzlichen trostlosen Jammerleben In einer
Verzweiflung die an Irrsinn grenzte verbrachte sie die halbe Nacht Erst gegen
Morgen sank sie in unruhigen Schlaf
Als sie die Augen aufschlug war es Mittag Das Mädchen brachte ihr das
Frühstück ans Bett »Nein wie Sie aussehen zehn Jahre älter« sagte sie
erschreckt
Johanne erhob sich kleidete sich langsam an und setzte sich an den Tisch
Was tun was beginnen
Frau Wewerka kam herein
»Gehen Sie doch ein wenig ins Freie Die Luft wird Ihnen gut tun Wir
ordnen indessen Ihr Zimmer«
Johanne kämpfte eine Stunde lang Dann setzte sie den Hut auf zog ihr
Jäckchen an und ging hinab Als sie über die Treppe schritt fragte es in ihr
Wirst du auch wieder herauf kommen Wer weiß Wenn aber nicht wo wirst du
morgen früh erwachen Sie fuhr sich über die feuchte Stirn und ging Sie wusste
nicht wohin Ihre Füße trugen sie mechanisch vorwärts Von Zeit zu Zeit hob sie
den Kopf und sah sich um Wenn sie doch an einer Kirche vorbeikäme Vielleicht
gings heute mit dem Beten Sie irrte durch dunkle Straßen in entfernten
Vorstädten kam an mehreren Gotteshäusern vorüber die ihr geistesabwesender
Blick übersah und rannte weiter weiter Sie hörte Uhren schlagen sah die
Menge der drängenden Leute sich lichten Millionen angezündeter Gasflammen die
Stadt wie in Funken hüllen Omnibusse und Wagen zu den Nachtzügen nach den
Bahnhöfen rasseln sie sah wie Voraneilende sich nach ihr umsahn endlich
konnte sie nicht weiter Vor einem großen Hause mit drei Toren taumelte sie an
die Wand und sank nieder
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»Ist dir schlecht« Eine Hand legte sich sanft auf ihre Schulter Sie sah auf
War sie gestorben und im Himmel erwacht Wirklichkeit konnte dies nicht sein
Ein Mann in einem falben Wollkleide das um die Mitte durch einen Strick
zusammengerafft war stand vor ihr Seine Füße waren nackt Und wie sich müd
vor Schwäche ihr Blick nach seinem Haupt erhob lächelte sie
Das war ja Christus und sie war wohl tot
»Warum lächelst du«
Sein mildes Gesicht mit dem in der Mitte glatt gescheitelten über die
Schulter wallenden Haar neigte sich zu ihr
»Fühlst du dich wohler«
»Christus« stammelte sie und schloss die Augen
Er hob sie in seinen Armen empor »Ich bin nicht Christus Ich bin ein armer
Mensch der in des Herrn Fusstapfen geht nichts weiter Aber kann ich dir
wirklich nicht irgendwie helfen Willst du nicht mit hereinkommen wir haben
hier im Hause einen Saal da kannst du dich ein wenig erholen komm«
Sie folgte ihm ohne ein Wort zu erwidern die Augen auf ihn wie auf ein
Wunder gebannt An seiner Hand betrat sie den Saal Etliche vereinzelte
Gasflammen brannten noch Es standen viele Stühle umher Vorn auf einem Podium
befand sich ein Tisch An diesem Tisch saß ein Mensch tief über ein Blatt Papier
gebückt und schrieb
»Angelus hier ist ein Kind das ich halb bewusstlos vorm Tore fand bring
ihm ein Glas frisches Wasser willst du«
Der Schreibende sah auf die Beiden und erhob sich rasch »Ja Meister
Johannes« Er sprang elastisch vom Podium herab und eilte hinaus
Er war genau gekleidet wie der den er Meister Johannes genannt hatte
Johanne erholte sich allmählich von ihrer Ohnmacht und sah sich mit wachsendem
Staunen um
»Mein Gott wo bin ich denn Das ist ja wie im Traum«
»Du bist im Saale der Gesellschaft der Wahrheitssucher Du kennst doch aus
Zeitungen und vielleicht vom Hörensagen unsern Verband Sieh dich nicht so
erschreckt um«
»Willst du trinken« fragte der wiedergekehrte junge Mensch indem er ein
Glas Wasser an ihre Lippen hob
»Danke nein« Sie bog den Kopf zurück
»Dann setz dich wenigstens und ruhe ein bisschen aus« Meister Johannes zog
sie auf einen der hölzernen Sessel nieder
Angelus stellte sich vor sie und sah mit zwei großen leuchtenden Augen in
ihr Gesicht Er glich einem zehnjährigen Kinde an Wuchs und die langen blonden
Haare gaben ihm ein mädchenhaftes Aussehen »Sie weiß nicht was ihr geschehen
ist« sagte er lächelnd zu dem Aelteren dessen Augen wohlgefällig an dem blassen
Antlitz des Mädchens hingen »Wir erscheinen dir wohl sonderbar« setzte er
freundlich hinzu »Bist du uns noch nie auf der Straße begegnet«
»Nein ich habe noch keinen von Ihnen jemals gesehen«
»Du die Wahrheitssucher kennen das Sie nicht Zu uns musst du schon Du
sagen«
»Ich habe nie von Ihnen gehört« flüsterte Johanne scheu und ließ ihre Blicke
von einem zum andern gleiten
»Wir haben die Unglücklichen sehr lieb« sagte der Aeltere mit einer
wunderbar wohllautenden Stimme »und bemühen uns ihnen Glück zu geben wo wir
können Als ich dich vorhin draußen zusammengesunken fand dachte ich es sei
dir ein Unglück geschehen aber es scheint du warst nur müde und hast dich
wieder erholt Wohnst du weit«
»In der Teresienstrasse«
»Kannst du allein zu deinen Eltern kehren oder sollen wir sie
benachrichtigen lassen«
»Meine Eltern« Johanne durch alle Aufregungen der jüngsten Zeit schwach
geworden fühlte Tränen in ihre Augen steigen »Ich hab keine Eltern ich
besuche hier bloß eine Schule und bin fremd in der Stadt«
Die beiden Männer warfen einander einen Blick zu
»Aber doch Verwandte« meinte Johannes
»Nein Niemand Ich will auch wieder fort« Ihre Stimme brach Sie lehnte
sich in den Stuhl zurück und versuchte ihr Schluchzen zu unterdrücken
»Wein Dich aus« sagte der junge Angelus und nahm ihre Hand in die seine
»Hier darfst Dus Du bist unter Brüdern Hat Dir jemand ein Leid zugefügt«
Sie konnte nicht sprechen
»Du hast wohl eine große Enttäuschung erlitten« meinte Johannes mild
»Mehr« stotterte sie »Ruchlosigkeit Gemeinheit Niedertracht
allenthalben«
Seine Mienen wurden ernst »Wie so jung sprichst du schon so Das muss eine
harte Schule gewesen sein durch die du deinen Weg nahmst«
Sie entgegnete nichts ihr Kopf sank auf die Brust Eine Weile herrschte
Schweigen dann fragte Johannes »Bist du fromm«
Sie schüttelte den Kopf »Ich möchts aber sein o wie sehr möcht ichs sein
Ich habe ja niemand «
»Aber dich selbst doch«
»Auch nicht Ich weiß nicht was ich mit mir anfangen soll Ich es ist das
Beste zu sterben« Ihre Verzweiflung erwachte aufs neue Sie erhob sich und
wollte fort Johannes hielt sie zurück
»Du kleines törichtes Kind Jetzt wo dir Gott Menschen zeigt die die
Macht haben dir dein Leid zu nehmen willst du sterben Weißt du was Wir
bringen dich nach Hause du schläfst dich aus und morgen kommst du auf mein
Bureau Da wollen wir beraten was mit dir angefangen werden soll Lösch hier
aus Angelus und schließe gut ab In einer Stunde bin ich zu Hause«
Der junge Mensch verneigte sich schweigend Dann bot er Johanne die Hand
»Guten Muts Schwester«
»Hast du Lust zu gehen« wandte sich Meister Johannes an Johanne Sie
nickte
»Dann komm« Sie traten hinaus
Unterwegs fragte er sie allerlei aus Ob sie schnell und fix im Schreiben
sei ob sie vorlesen könne Sie erzählte aus ihrem Leben Mit jeder Minute
gewann sie mehr Ruhe in sich Mehreremale blieb sie unterwegs stehen War es
denn wirklich kein Traum Aus der hellsten Verzweiflung heraus dieses Gefühl der
Sicherheit des Geborgenseins plötzlich
Sie hatten einen überaus langen Weg zurückzulegen und jetzt erst erkannte
sie wie weit sie vorhin in ihrer halben Bewusstlosigkeit gelaufen war Sie sagte
noch immer »Sie« zu ihm bis er seine Hand energisch auf ihren Kopf legte ihr
fest in die Augen sah und bemerkte »nun wirst du aber Du sagen«
Da wurde es ihr wundersam zu Mut und sie sagte Du Als sie bei ihrem Hause
angelangt waren kannte er bereits einen Teil ihres Kummers Er sah sie gütig
an nannte ihr die Straße in der er wohnte und verabschiedete sich Und sie
schritt wieder die Treppe empor die sie vorher nicht mehr zu betreten geglaubt
hatte und fühlte stillen Frieden in sich
Am andern Tag um die angegebene Stunde fand sie sich bei ihm ein
An seiner Tür stand auf einer Tafel »Johannes Vorstand des Vereins
Wahrheitssucher Redakteur der Zeitschrift An der Schwelle des Jenseits
Mitglied des spiritistischen Vereins Seele Schriftsteller« Er empfing sie in
einem einfach aber behaglich eingerichteten Gemache hinter einem mächtigen
Schreibtisch sitzend Angelus stand vor einem Schränkchen mit Zählen von Geld
beschäftigt Er nickte ihr liebevoll zu
»Da bist du ja setz dich Johanne« sagte der Meister und wies auf einen
Stuhl
Sie errötete unter seinen forschenden Blicken die ihr bis an die Seele
gingen
»Du bist sehr schön« sagte er »Das sah ich gestern nicht Mir dünkte du
wärest hässlich«
Und da sie protestieren wollte schüttelte er den Kopf »Du musst dir
angewöhnen die Wahrheit ob süß ob bitter ruhig anzuhören es ist kleinlich
und unehrlich gegen sich selbst wenn man aus falscher Scham gegen Tatsachen
opponiert Also sag mir eins Aber vorher Du glaubst nun wohl nicht mehr zu
träumen oder mit Geistern zu tun zu haben Wir sind höchst einfache übrigens
viel bekannte Menschenkinder die sich ganz in der Wirklichkeit bewegen Unser
Ziel ist die Schäden der Zeit zu verbessern Wir wollen den Materialismus nicht
bekriegen sondern leidenschaftslos untersuchen und beweisen dass er durchaus
kein Gegner sondern nur der ungeschickte Ausdruck für unsere eigene
Weltanschauung ist« Und da sie ihn etwas verständnislos ansah fuhr er fort
»Um dir meine Worte durch ein Beispiel zu veranschaulichen Wir geben den
Menschen nicht unrecht die da behaupten mit dem Tode wäre alles aus Das wäre
es auch wenn es einen Tod gäbe Nun liegts auf unserem Wege zu zeigen dass es
eben keinen gibt sondern nur eine Formverschiebung Ich habe absichtlich mir
ein so einfaches Beispiel gewählt um dich heute nicht zu sehr anzustrengen Du
erhieltest mithin eine Ahnung unserer Bestrebungen In diesem Sinne leiten wir
eine Zeitschrift haben Vereine gegründet und bemühen uns Menschen für unsere
Ziele zu gewinnen Vor allem ziehen wir jeder Heuchelei jeder falschen Scham
jeder Gewinnsucht zu Leibe Wir wollen wie Christus einfach und schlicht unter
unseres Gleichen verkehren in denen wir nicht Fremde sondern Brüder erblicken
Wir haben uns schon zahllose Freunde in allen Städten Europas erworben
geschweige in anderen Erdteilen wo unsere Lehre seit Jahrtausenden Anhänger
besitzt Du siehst also dass du es mit ganz realen Menschen zu tun hast Andere
unserer Eigenschaften wirst du später begreifen lernen Obwohl wir nun keinen
Mangel an Händen haben die jede Minute bereit sind für uns tätig zu sein so
sind wir doch jeder Zeit willig neue Kräfte für uns zu gewinnen Wenn du also
Lust hast in unsere geistige Genossenschaft zu treten wollen wir nicht
scheuen Opfer für dich zu bringen die unsere geringe Macht nicht übersteigen«
Er befragte sie über ihre Vermögensverhältnisse und ob ihr Vormund
einverstanden wäre wenn sie ein neues Leben begänne »Wir wollen dich hier als
unsere Sekretärin anstellen du wirst tagsüber bei uns sein mit uns essen und
alle kleinen Sorgen und Freuden mit uns teilen Abends bist du frei und kannst
nach Hause gehen Miete dir hier in der Nähe ein Zimmerchen Die Miete musst du
aus deinen eigenen Mitteln bezahlen Geld kann ich dir nicht geben auch Kleider
musst du dir selbst beschaffen Übrigens wirst du auch vegetarische Kost
vertragen können Unser Essen schließt Fleisch und alkoholhaltige Getränke aus«
»O ich esse was es gibt« sagte Johanne »darauf hab ich nie geachtet«
In diesem Augenblick kam der Postbote und brachte ein Packet Briefe Meister
Johannes hielt den Stoß lächelnd Johanne hin »Siehe sie zu öffnen mir in
Kurzem den Inhalt mitzuteilen und nach meinem Diktat zu beantworten wird von
nun an deine Beschäftigung sein«
»Wenn ich es nur auch richtig mache«
»Das wird dein guter Wille dich lehren Auch wird dir Angelus in den ersten
Tagen an die Hand gehen«
»Gewiss« sagte vom Schrank her der junge Mensch
»Also willst du« Johannes hielt ihr die Rechte hin Sie legte die ihre
hinein
Ein wunderbares Gefühl des Friedens überkam sie als seine Finger die ihren
einschlossen Sie senkte die Augen vor seinem durchdringenden Blick
»Jetzt gehst du wohl nach Hause dich mit deiner Wirtin zu verständigen«
Es war zwei Tage vor Mitte Februar
»Ich habe nie etwas über Kündigung mit ihr ausgemacht Aber ich glaube sie
lässt mich ziehen«
»Solltest du dich mit ihr nicht verständigen können so komme ich selbst
hin« meinte er ruhig »Von morgen ab kannst du bei uns sein«
Ein dankbarer Blick aus ihren Augen traf ihn Er neigte leicht den Kopf und
wandte sich seinen Briefen zu Sie wartete noch eine Sekunde dann fühlte sie
dass sie entlassen war
Mit beflügelten Schritten eilte sie nach Hause Es war ein weiter Weg denn
Meister Johannes Wohnung sowie der Saal in den er sie gestern geführt hatte
lagen im Arbeiterviertel der Stadt Hier mitten unter den Leuten des vierten
Standes den »Kleinen« hatte er sich niedergelassen
Johanne war ganz überwältigt von dem Neuen das ihr entgegentrat Religion
Tugend Weisheit schienen sich zu diesen Menschen geflüchtet zu haben Die ganze
Bibel schien neu aufzuleben in den reinen schlichten Gestalten des Meisters und
seines Jüngers Wie alt wohl Johannes sein mochte dreizig vierzig mehr
Johanne konnte sich nicht erinnern in ihrem Leben einen so edlen Kopf gesehen
zu haben Auch Angelus gefiel ihr doch sah er zu mädchenhaft aus während der
Aeltere den Stempel gereifter Männlichkeit in seinen bewussten Zügen trug
Sie erklärte Frau Wewerka in kühlen Worten als Sekretärin des Vereins der
»Wahrheitssucher« angestellt zu sein und fortziehen zu wollen »Mit meinem
Vormund habe ich mich schon auseinandergesetzt« fügte sie hinzu Sie hatte ihm
ein Kärtchen ziemlich dunklen Inhalts gesendet
»Ich will meinen Mann holen« sagte Frau Wewerka Johanne zuckte die
Schultern
»Wie Sie wollen aber die Stellung habe ich angenommen also da ist nichts
zu ändern Sie können sich ja dort erkundigen Meister Johannes wird Ihnen gerne
Auskunft geben«
»O ich kenne den Verein die Zeitschrift und ihren Redakteur Wer kennt ihn
nicht Er bemüht sich ja angelegentlich aufzufallen Er hat unter der
Aristokratie viele Anhänger namentlich Damen Na wenns Ihnen Spatz macht
versuchen Sies Ich will Sie nicht zurückhalten«
Trotzdem erschien Herr Wewerka Er machte ein sehr verdutztes Gesicht zu
Johannes Eröffnung
»Hüten Sie sich vor diesen Wölfen im Schafspelz « Er wollte eine Rede
beginnen Johanne unterbrach ihn ungeduldig Er solle doch schweigen von den
Wölfen im Schafspelz Mehr Niedrigkeit und Gemeinheit als sie von anderer Seite
in diesen dreiviertel Jahren kennen gelernt habe gäbe es sicher nicht auf der
Welt Deshalb ginge sie ja auch Sie ertrüge es nicht länger in dieser
Atmosphäre Wewerka lächelte ironisch zu seiner Frau hinüber »Der Meister mit
den langen Haaren und den hübschen nackten Füßen hats ihr angetan Da nützt
kein Abreden Gehen Sie zu Fräulein Johanne treiben Sie ein wenig Spiritismus
lassen Sie sich die Geister interessanter Toter zitieren und fühlen Sie sich als
Übermensch Schad nix und ist lehrreich Vielleicht kommen Sie wieder einmal zu
uns zurück«
Sie lächelte herb und empfahl sich Bis Ende März war ihre Pension
vorausbezahlt also konnte sie gehen wohin ihr beliebte
Sie suchte in der Nähe der Kasernenstrasse in der Johannes wohnte ein
Stübchen fand ein ihr passendes im vierten Stock bei einer alten
Blumenmacherin und ließ sofort ihre Habseligkeiten hinüberschaffen
Als in der neuen winzigen Wohnung ihre Sachen ausgepackt waren fiel sie
auf die Kniee und dankte Gott dass er sie aus dieser Atmosphäre der Gemeinheit
geführt hatte Wewerkas Urteil über Johannes fiel ihr ein Aber das war ja
natürlich Die Schmutzigen hassen die Reinen Und er war rein das stand in den
edlen Zügen seines Gesichtes geschrieben Sie erzählte ihm am nächsten Tag
alles was ihre früheren Hauswirte über ihn gesagt hatten Er nickte
»Das weiß ich ja längst Ein Teil der Menschen sieht in mir einen Betrüger
weil sie es nicht fassen dass man für andere Zwecke als sein eigenes
Wohlergehen arbeiten kann Andere vergöttern mich wieder und nennen mich einen
Auserlesenen was mich fast noch mehr ärgert Ich will nicht überschätzt werden
Ich liebe die Menschen deshalb möchte ich ihnen Gutes tun sie so glücklich
wie möglich wissen Glücklich wird man nur wenn man sich selbst kennt Ich
lehre sie das und auch lehre ich sie ihre Grenzen zu erweitern Wir sind viel
mächtiger als die meisten von uns glauben«
Sie legte Hut und Jäckchen ab und ließ sich am Schreibtisch nieder Er
diktierte ihr einige Briefe die sie zu seiner Zufriedenheit nachschrieb Um die
Mittagsstunde erschien eine ältere Frau und meldete dass das Essen angerichtet
sei
»Hast du auch für Paulus gedeckt« fragte Johannes Er kommt geradeswegs vom
Bahnhof hierher«
»Glaubst du schon mittags«
»Er schriebs«
»Dann will ich noch ein Kouvert für ihn auflegen Angelus wartet schon er
ist eben aus der Stadt gekommen«
Johannes führte seine neue Sekretärin in ein geräumiges höchst einfach
möbliertes Gemach nebenan Auf einem mit weißer Wachsleinwand bezogenen Tische
standen etliche Schüsseln Eine enthielt gekochtes Gemüse eine andere eine
Mehlspeise die Johanne unbekannt war Angelus erhob sich und verneigte sich
schweigend vor den Beiden Johannes legte dem jungen Mädchen das sich
schüchtern benahm eine tüchtige Portion Gemüse und Mehlspeise auf ihren Teller
»Du musst zugreifen mein Kind es gibt nur noch Obst«
»Die Gräfin grüßt dich Meister sie wird dir ihre Tochter mit den
gewünschten Abzügen schicken« sagte Angelus während er tüchtig einhieb
Plötzlich hörte man draußen sprechen die Tür öffnete sich und ein neuer
Ankömmling trat herein
»Paulus« rief Angelus
Der Eingetretene verneigte sich vor Johannes schüttelte Angelus die Hand
und sah auf Johanne
»Unsere neue Sekretärin« bemerkte der Meister Paulus reichte ihr die Hand
über den Tisch »Sei gegrüßt« Dann ließ er sich nieder und nahm Speise auf
seinen Teller
»Alles gut abgelaufen«
»Jawohl Meister Zwanzig neue Vereinsmitglieder hab ich dir geworben
darunter zwei von bekanntem Namen Auch unserer Zeitschrift gewann ich etliche
Freunde Ich will dir später mehr erzählen«
»Und wie stehts mit den Schulden die du einkassieren solltest«
»Ich bringe nur ein Drittel des erhofften Betrages«
»Die Menschen haben nie Geld zu Dingen übrig deren Ernte in der Zukunft
liegt« versetzte der Meister
»Sie müssten noch mehr gepackt werden« sagte Paulus
»Oder ganz fallengelassen werden« ergänzte Angelus »was dasselbe ist denn
dann müssen sie sich mit erneuter Kraft aufraffen«
Sie sprachen über einige Personen die Johanne unbekannt waren
Währenddessen fand sie Musse Paulus zu betrachten
Er trug dieselbe Tracht wie seine Genossen Auch sein Haar floss lang über
die Schultern Aber seinem Gesicht fehlte der Ausdruck der Milde der den Mienen
der beiden Andern eigen war Vielleicht lag es auch daran dass Augen und Haar
tiefschwarz waren Das hervorspringende hagere Kinn die Nase mit ihrem Höcker
deutete auf viel Willenskraft und Selbstbewusstsein An ihm war nichts Demütiges
Christushaftes außer seiner Tracht Aber trotzdem fühlte sich Johanne sofort
als er eintrat unter seinem Banne
Die Wirtschafterin brachte warmes gekochtes Obst herbei Sie aßen davon
dann lehnte sich Johannes einen Augenblick zurück
»Wisst ihr das Neueste Die Polizei hat mir untersagt meinen Vortrag am
Sonnabend zu halten Es wäre Anarchismus was ich predigte«
»Du« Paulus schüttelte den Kopf »du Anarchismus Du predigst doch nur
Gehorsam gegen das Gesetz«
»Was eigentlich so viel wie Krieg dem Gesetz bedeutet« meinte Angelus »Denn
wenn Einer dieses wörtlich erfüllte «
»Du fassest das zu kirchlich auf« bemerkte der Meister »Wenn ich sage
bezahlt eure Steuer weil es die Satzung eures Staates gebietet will ich doch
nicht Aufruhr stiften«
»Wenn du sagst ihr müsst sie bezahlen und es mangeln ihnen hierfür die
Mittel so treibst du sie dazu sich diese auf vielleicht unerlaubte Weise
anzueignen«
»Ich werde von einer Persönlichkeit zur andern gehen ich weiß ja ungefähr
wer alles in meinen Vortrag gekommen wäre und ihnen mündlich mitteilen was ich
auf dem Herzen habe«
Die beiden jungen Leute warfen sich einen bedeutsamen Blick zu
»Soll ich vielleicht die Fürstin Leiningen aufsuchen Sie möge sich für dich
einsetzen dass man dich hinfür frei schalten und walten lässt Sie verkehrt bei
Hofe«
»Was fällt dir ein Paulus« Der Meister lächelte »jemehr Hetze gegen mich
umso besser Unsere Brüder Buddha Christus und Mohammed wurden alle verfolgt
mit Steinen beworfen lächerlich gemacht Was wäre ein Reformator ohne
Verfolgung Hass Missgunst seiner Zeitgenossen Man darf sich nie gegen drohende
Missgeschicke auflehnen und sie abzulenken trachten das weißt du doch«
Paulus errötete leicht »Ich betrachte was dir droht nicht als große
Prüfung sondern nur als kleines Hindernis das du kräftig überwinden wirst«
»Was dasselbe bedeutet« rief Angelus »Die kleinen Nadelstiche des Lebens
sind für den Helden unerträglicher als Schwertstreiche«
Johannes erhob sich mit ihm die Andern
»Ich ziehe mich für eine Stunde zurück Johanne« sagte er zu dem jungen
Mädchen »Angelus soll dir Bücher im Bureau zeigen in denen du indessen lesen
kannst«
Johanne ging mit den beiden jungen Leuten ins Arbeitszimmer Angelus stieg
auf einen Tritt und suchte unter den Büchern des Regals
»Wann kamst du hierher« fragte Paulus sich an den Tisch lehnend und
Johanne fixierend Sie erzählte ihm wie der Meister sie fand
»Und gefällt es dir bei uns« fragte er
»Unendlich« Sie senkte die Blicke »Es ist eine ungeahnte Welt für mich«
»Bloß musst du dir abgewöhnen zu erröten und die Blicke niederzuschlagen
Wir sind hier reine freie Menschen die nichts vor einander zu verbergen haben
Wer hier die Tür hinter sich geschlossen hat hört auf Mann oder Weib zu sein
er ist bloß Mensch«
»Mir ist das neu« meinte sie
»Hier hast du ein Buch« sagte Angelus niedersteigend und reichte ihr einen
Band
»Glaubst du auch dass ich das verstehe« fragte sie schüchtern
»Du kannst uns ja fragen wenn dir etwas unklar ist«
»Wie alt bist du« fragte Paulus der älter als Angelus aussah
»Beinahe zwanzig«
»Hm« machte er sah sie von oben bis unten an und verließ das Zimmer
»Du liest ja nicht« bemerkte Angelus nach einer Weile Er saß auf einem
Hocker und schnitt ein dickes Buch auf Johanne lehnte am Schreibtisch und sah
sinnend vor sich hin
»Nein ich kann nicht Ich muss immerfort an das Neue denken das ich seit
vorgestern kennen gelernt habe Ich begreifs ja eigentlich noch immer nicht
Was will Meister Johannes«
»Die Welt verbessern« erwiderte Angelus lakonisch
»Aber wie denn«
»Indem er allen Menschen lehrt sich wie Brüder untereinander zu begegnen
Leid und Sorge Freude und Reichtum unter einander zu teilen«
»Göttlich« rief das junge Mädchen begeistert »Aber wie kam er nur darauf«
»Das liegt in der Zeit liebe Schwester An allen Ecken kannst du
Religionsumformer Weltverbesserer und Propheten der neuen Epoche aufstehen
sehen Bloß die einen sind die falschen Führer unserer ist der echte«
»Wann kam es über ihn« fragte sie leise
»Wann Er war einmal sehr krank und lag monatelang im Spital Er war früher
Musiker und verdiente durch Unterricht seinen Lebensunterhalt Ein
Gelenkrheumatismus lähmte seine Hände Als er aus dem Spital kam hatte er
keinen Heller keinen Bissen Brot Es blieb ihm nichts übrig als an die Türen
seiner Freunde und Bekannten später auch Fremder zu pochen Da lernte er tief
in die Menschenherzen blicken Er sah die Härte die Selbstliebe die
Vergötterung des Mammons die da wohnten Alle die hässlichen Eigenschaften der
Menschen entüllten sich ihm nackt denn wer verstellt sich vor einem Bettler
Sein edles Herz litt sehr unter diesen Erfahrungen Mehr über die Andern als
über seine eigene Not grämte er sich
Wie diesen Menschen helfen emporhelfen ging ihm im Kopfe herum Er sprach
an allen Pforten an die er bittend klopfte ein paar tiefe aus der Seele
kommende Mahnworte Manche Leute hörten auf ihn manche ließ ihn stehen und
schlugen ihm die Tür vor der Nase zu manche verlachten ja misshandelten ihn
Aber einige lauschten ihm luden ihn ein näherzutreten und gaben ihm willig
Gehör Er erwarb sich Freunde Gönner Anhänger Man gab ihm so viel dass er
viele seiner herrlichen Ansichten in kurzen Schriften niederlegen drucken und
veröffentlichen lassen konnte Er redete auch dann und wann in besonders dazu
gemieteten Lokalen die von Zuhörern dicht besetzt waren Eine edle Frau die
sich sehr für seine Ansichten begeisterte gab ihm die Mittel eine Zeitschrift
zu gründen Man abonnierte darauf viele weil er und seine Lehre plötzlich Mode
geworden war andere weil sie die tiefen Wahrheiten derselben ergriffen Eines
Tages schossen die Begüterten seiner Anhänger eine Summe zusammen die es ihm
ermöglichte diese Wohnung hier zu mieten und sich ganz seinen reformatorischen
Bestrebungen hinzugeben Ich stand eben vor dem Abiturientenexamen es ist zwei
Jahre her als ich seine Lehre verkünden hörte und von ihr so gepackt wurde dass
ich sofort hierherkam und mich ihm mit Leib und Seele hingab Auch Paulus der
Sohn reicher Eltern verzichtete auf alle Vorteile und die Liebe seiner Familie
und folgte ihm Er hat in allen Kreisen warme Anhänger man nennt ihn einen
neuen Messias er aber will nur Johannes sein Er lehrt die Liebe die
Lauterkeit die Gemeinsamkeit in allem Er ist überaus gütig und behält nichts
von den Geldern die für ihn fortwährend einlaufen für sich Alles verwendet er
zu wohltätigen Zwecken so zB erhält er uns beide mich und Paulus«
In diesem Augenblick trat der von dem sie sprachen herein Johanne noch
überwältigt von dem eben Vernommenen ergriff seine Hand und zog sie an ihre
Lippen Er fuhr liebkosend über ihre Wange
»Willst du nun arbeiten Kind«
Sie setzte sich an den Schreibtisch und er die Hände auf dem Rücken
verschränkt schritt auf und nieder Er diktierte ihr etliche Briefe Er nannte
alle Leute du Einige der Antworten waren an hochgestellte Persönlichkeiten
gerichtet Eine Prinzessin hatte angefragt ob es etwas Übles zu bedeuten habe
dass ihr Teeglas zersprungen sei Ein junger Kaufmann glaubte den Geist seines
Vaters gesehen zu haben und erlaubte sich an den Meister die Frage wie er sich
in Zukunft bei ähnlichen Erscheinungen zu verhalten habe Zwei Schulmädchen
beschworen Johannes sie als Jüngerinnen anzunehmen Ein Herr bat um die Adresse
des Tuchlagers von dem der Meister den Stoff zu seiner Kutte bezöge
Mehreremale kräuselten sich Johannens Lippen zu einem Lächeln während der
Diktate Johannes zürnte ihr nicht darob
»Es gibt seltsame Gesellen aber die ewige Liebe nimmt alle auf Ihr gilt
der Kern nicht die Form Dieses alles ist gutes Material verwendbar für mich«
Er spricht wie ein Gott der Schöpfungen in der Hand hält dachte das junge
Mädchen Und er ist auch eine Art Gott Später kam Paulus herein Er setzte
sich neben Angelus der über ein Bündel Rechnungen vertieft war
»Soll ich dir helfen«
»Nein ich danke dir«
Paulus langte einen Stoß Zeitschriften herab Er blätterte sie flüchtig
durch und machte hie und da eine Bemerkung mit dem Blaustift in sein Notizbuch
So arbeiteten sie einträchtig neben einander Plötzlich klopfte es und eine
junge elegante Dame trat ein
»Ich grüße euch« Ihre Hände drückten die der Freunde
»Meine neue Sekretärin« stellte der Meister Johanne vor
»Ich hoffe du wirst dich hier sehr glücklich fühlen« sagte die Dame zu dem
jungen Mädchen Dann ließ sie sich nieder und zog ein Päckchen Blätter heraus
»Gefallen sie dir« Es waren Lichtdrucke nach einer Photographie des
Meisters die sie selbst ausgeführt hatte Johannes betrachtete sie
interessiert
»Ich finde sie sehr ähnlich nur hast du mir eine gar zu patetische Pose
gegeben«
»Du darfst eine annehmen« entgegnete das Fräulein kurz«
»Zeig« bat Paulus und zog Johannes eins der Blätter aus der Hand
Angelus sah ihm mit glänzenden Augen über die Schulter und reichte das Blatt
dann Johanne hinüber Es stellte Johannes in seiner gewöhnlichen Kleidung dar
die eine Hand wie segnend erhoben die andere auf die Brust gelegt
»Gefällt es dir« fragte die junge Dame den Kopf nach Johanne wendend
»Sehr«
»Dann behalte es« In ihrer Stimme lag ein herrischer Tonfall
»Ich habe vorläufig dreitausend Stück bestellt Man wird sie da du selbst
Sonnabend nicht reden darfst und Professor Preuer statt deiner den Vortrag hält
an der Tür des Saales verteilen Das wird mehr wirken als wenn du persönlich
erschienst denn Jeder wird fragen warum spricht er heute nicht Und die
Antwort darauf wird der Richter derer sein die es dir untersagten«
»Seid gegrüßt«
Ein junger Mann von kolossalen Körperformen trat herein
»Komtesse auch hier«
Er schüttelte Allen die Hände und warf einen fragenden Blick auf Johanne
die ihm als Mitglied des Hauses vorgestellt wurde
»Ach endlich die Bilder« Er machte der Gräfin einige schmeichelhafte
Bemerkungen
»Warum kamst du so lange nicht« fragte sie ihn vorwurfsvoll
»Ich konnte nicht« Ein Schatten verdüsterte sein Gesicht »Luise weicht
nicht von meiner Schwelle«
»Schwacher« rief Paulus mit seiner tiefen Stimme
»Starker« sagte Angelus »was ja dasselbe bedeutet denn ein Schwacher ist
immer stark in seiner Schwäche«
Johannes schüttelte missbilligend den Kopf »Hast du ihr denn einmal
eindringlich ins Gewissen geredet«
»Ach Meister« der junge Mann machte eine vielsagende Handbewegung »ich
bat ich drohte ich «
»So versuchs doch auf übersinnlichem Wege« rief Paulus finster
»Noch nicht« meinte Johannes »das ist das Letzte zu dem man greifen soll
Wo ist sie jetzt«
»Bei mir natürlich«
»Geh doch hinauf Meister« bemerkte die Komtesse »fasse du sie Dir kann
nichts misslingen«
Johannes sann etliche Sekunden nach dann sagte er »Wenn ihr es wünscht
will ichs tun«
»Du bist gnädig« rief der junge Mann dankbar »Es ist wahrhaftig die höchste
Zeit Seit fast einem Monat komme ich zu keiner Selbstbesinnung mehr nicht zum
Lesen eines innerlichen Buches Sie liegt mir immerfort in den Ohren wie sie
zur Vollendung gelange und ihren begehrlichen unruhigen Leib zum Schweigen
bringe Sie behauptet alle innerlichen Übungen machen sie noch aufgeregter «
»Weil sie sie falsch anwendet« versetzte Johannes
»Warum jagtest du sie nicht gleich das erste Mal fort« fragte Paulus
streng
»Darf das ein Bruder Christi«
»Das darf er Jakob wenn er erkennt dass es keine Prüfung sondern eine
Versuchung ist«
»Was dasselbe bedeutet« ließ sich des kleinen Angelus Stimme vernehmen
»Prüfungen bestehen nicht immer in Leiden Versuchungen nicht immer in Peris
die einen verleiten wollen«
»Nein eine Peri ist Luise nicht«
Die Komtesse errötete leicht unter dem zurechtweisenden Blick von Johannes
»Wisst ihr wenn es euch angenehm ist nehmen wir jetzt unser kleines
Abendmahl und ich gehe dann mit dir Jakob nach deiner Wohnung Du Johanne«
wandte sich der Meister an das junge Mädchen »bist nach dem Essen für heute
entlassen«
Sie verneigte sich wie sie es von den Andern gesehen hatte
Auf ein Klingelzeichen von Johannes erschien die Wirtschafterin
»Ich bitte Laura bereite sofort unsere Mahlzeit wir wollen hernach noch
tätig sein«
Die Wirtschafterin verschwand hurtig
Johanne wunderte sich insgeheim dass die beiden Neuangekommenen weltliche
Gewänder trugen und nicht gekleidet waren wie ihr Meister Bald bat die
Haushälterin zu Tische
Man begab sich ins Speisezimmer Johanne kam neben Paulus zu sitzen Sie
bebte so oft er sie ansah und ihr eine Schüssel reichte Sein kurzangebundenes
Wesen seine dunklen Augen machten ihr bange vor ihm
»Du isst ja nichts« sagte er zu ihr »dir mundet wohl unsere vegetarische
Kost nicht wie«
»O sehr gut ich habe nur noch keinen großen Appetit ich war in letzter
Zeit nicht ganz wohl« Sie wusste kaum was sie stotterte
»Und jetzt bist du zufrieden«
»Ich hoffe es zu werden«
»Das ist gut gesprochen blicke nur nie in die Vergangenheit immer
vorwärts«
»Paulus« rief die Komtesse herüber »sage doch Landgreen er soll nicht so
dumme Artikel schreiben
Er schlägt in der Innern Stimme vor alle Anhänger von Johannes sollten sich
gleich kleiden damit man sie an ihrem Äußern erkenne wie die Soldaten an den
Aufschlägen ihres Regiments Es ist doch ein Unterschied ob man Apostel oder
nur Jünger ist Ihr müsst gekleidet gehen wie euer Meister wir die Jünger
ziehen uns je nach unserm Geschmack an nicht«
Ihr Nachbar der Dicke nickte zustimmend
»Schlägt er irgend eine bestimmte Farbe vor« fragte Paulus
»Schwarz schlägt er vor wenn es noch wenigstens weiß wäre«
»Was ganz dasselbe wie schwarz bedeutet weil beide eigentlich keine Farben
sind« rief Angelus »Ich bin ganz mit Landgreens Vorschlag einverstanden Unsere
Freunde sollen auch äußerlich erkennbar sein Man kann sich nicht genug deutlich
betonen«
Eine kleine Pause trat ein
Dann sagte Johannes indem er die zurückgeschobenen Teller der Gäste
bemerkte »Nun meine Lieben wie wärs wenn wir uns erheben Ihr seid ja alle
fertig«
Man stand auf Johanne verneigte sich vor dem Meister
»Ich kann also gehen«
»Bis morgen« sagte er ihr gütig die Hand reichend Die Andern nickten ihr
freundlich zu
»Wir gehen ja alle lauf uns nicht davon« scherzte Angelus und trat neben
ihr aus der Tür
Sie ging nach Hause zündete ihr Lämpchen an in diesem Stadtteil gabs
keine elektrische Beleuchtung und versank in Gedanken Dieser Johannes
Christus in eigener Person Welche Liebe und Güte welche Milde in jedem seiner
Worte in jeder seiner Bewegungen Er hatte sie nur aus Barmherzigkeit zu seiner
Sekretärin gemacht denn heute am ersten Tag war es ihr schon klargeworden dass
er was er mühsam ihr diktierte viel besser und schneller hätte selbst
schreiben können Es geschah nur aus Barmherzigkeit Er teilte sein Brot mit
ihr mehr konnte er nicht teilen denn er besaß ja nichts Wie Christus O dass
es also doch solche Menschen auf Erden gab Nun würde sie das Leben wieder zu
freuen zu interessieren beginnen Die trüben Erfahrungen die sie gemacht
hatte das zweifeln am Dasein alles Guten ertrank in diesem rauschenden
Glücksgefühl Ein Weib muss an etwas glauben Ist es nicht Gott so ist es ein
Mann den es liebt Johanne besaß wenig Talent zur Religion die Liebe war ihr
fremd sie war bisher fast verschmachtet vor innerer Einsamkeit Früher hatte
sie wie alle jungen Mädchen Idealvorstellungen in der Seele getragen Sie
betete die Dichter an die ihr als Priester des Guten und Schönen erschienen
sie liebte eine Stadt die ihr als der Nährboden hoher herrlicher Ideen
geschildert war Das waren Träume eines jungen Mädchens das noch nie über seine
Scholle gekommen war
Die Wirklichkeit zeigte ihr in den angebeteten Künstlern eine Menschensorte
die falschen Juwelen gleich nur durch die Spiegelscheiben der Entfernung
wirkte die Wirklichkeit zeigte ihr die Stadt ihrer Träume als eine Brutstätte
widrigsten Strebertums einen Zusammenfluss aller dunklen zweifelhaften
Existenzen des Reiches Sie war in sich fassungslos zusammengebrochen denn was
gibts Bittereres für einen jungen Menschen als Verehrtes verachten zu müssen
zu erkennen dass es nichts der Anbetung Wertes gibt
Nun jubelte es in ihr auf Sie hatte geirrt Ja es gab noch gute reine
Menschen Wahrheitssucher Christus Aehnliche O man durfte wieder lieben
verehren sich ohne Argwohn hingeben Man konnte tiefe Atemzüge tun ohne
fürchten zu müssen giftige Miasmen in sich zu trinken Dies junge Mädchen fast
ungebildet voll irriger Begriffe ohne Lebensform besaß brennenden Abscheu vor
allem Niedrigen Entsetzen vor jeder Gemeinheit leidenschaftliche Liebe zu
allem Hohen Reinen Guten Vielleicht hatte das viele Lesen in früherer Zeit
manchen guten schönen Keim in ihr erweckt vielleicht die Einsamkeit ihre Seele
so staubfrei und nach Reinheit lüstern gemacht Ungesund veranlagten Naturen
bekommt beides das Lesen und die Einsamkeit schlecht Ihr wurde es zum Heile
Das bisschen Liebe zur Romantik schadete nicht Es kleidet junge Leute besser
als die verabscheuungswürdige Blasierteit das feiste Satttun Eines dessen
Magen noch garnicht für starke Kost aufnahmefähig ist
Die nächste Zeit die Johanne in der Mitte dieser seltsamen Gesellschaft
verlebte glich mehr oder minder dem ersten Tag Johannes diktierte ihr Paulus
warf bei Tisch dann und wann Bemerkungen hin die Angelus in seiner gewohnten
Weise parierte Fremde erschienen und erwiesen dem Meister Ehren Eines Tages
erhielt sie auch von ihrem Vormund einige Zeilen Sie möge zusehen wie sie
vorwärtskäme nur solle sie Gottes und der Ehrlichkeit nie vergessen Nach ihren
früheren Bekannten verspürte sie nicht die geringste Sehnsucht Im Gegenteil
Sie verließ nie ihren Stadtteil um nur keinem von ihnen zu begegnen
Paulus sollte in der nächsten Zeit wieder für einige Zeit verreisen Er
musste dann und wann fort um seinem Meister Anhänger zu gewinnen und die
Gewonnenen zur Treue zu ermahnen Am Nachmittag vor seiner Abreise hatte
Johannes einige wichtige Gänge Die Polizei verfolgte ihn in der jüngsten Zeit
fortwährend und überwachte jeden seiner Schritte So sehr fördernd und dienend
dies auch in mancher Beziehung für ihn war in anderer belästigte es ihn doch
So zum Beispiel weigerte man sich Paulus der nach Russland reisen sollte
einen Pass auszustellen bevor er den Zweck seiner Reise angab »Tät ichs ihr
würdet mich ja doch nicht verstehen« sagte er stolz und entfernte sich aus dem
Bureau Der Meister begab sich nun selbst dahin
Johanne war mit dem Abschreiben eines Manuskriptes für ihn beschäftigt
Plötzlich fühlte sie eine brennende Glut ihren Nacken heraufziehen Sie wandte
sich um und begegnete Paulus Blicken die fest auf ihr ruhten
»Wie hast du mich erschreckt« stammelte sie
»Sonst nichts nur erschreckt«
Er trat ganz nahe zu ihr ohne die Augen von ihr zu lassen
»Aber mein Gott« rief sie angstvoll und wollte aufspringen
»Bleib sitzen ich tue dir nichts« sagte er befehlend »ich will nur ein
Experiment mit dir machen«
»Ach«
»Es tut dir nicht weh sei nur ruhig« Seine Hände begannen Striche auf
ihrer Stirn zu ziehen »Nein nicht die Augen schließen sieh mich an Denk an
etwas recht Liebes zum Beispiel an einen Tag deiner Kindheit Hörst du Aber
setz dich bequemer so« Er drückte sie leicht in den Stuhl zurück und fuhr
fort seine Striche zu ziehen
»Nun« fragte er nach einer Weile
Sie schwieg Er wiederholte mit einiger Ungeduld die Frage Sie flüsterte
etwas
»Ich habe dich nicht verstanden« sagte er kurz In ihrem Gesichte merkte man
die Anspannung ihres Willens
»Ich denke daran« hauchte sie
»Nun was war da« Seine Hände bewegten sich gleichmäßig über ihrer Stirne
»Ich war in Kerners Obstgarten«
»In Kerners Obstgarten so und was tatest du da«
»Ich aß Äpfel«
»Äpfel assest du viele«
»O die so unter den Bäumen herumlagen«
»So so Rote weiße«
»Ich glaube« sie stotterte »es waren rote«
»Aha Und was tatest du dann«
»Dann Wir erhielten Butterbrod und sauere Milch«
»Das war gut wie«
»O ja «
»Besonders das Butterbrod nicht Aber zu dünn geschnitten du hättest ein
dickeres Stück vorgezogen«
»M ja es war auch Salz darauf«
»Aha«
Die Lider waren ihr zugesunken ihr Atem ging gleichmäßig Paulus neigte
sich tiefer über sie In seinen Blicken lag beobachtendes Abwarten »Und du
magst das Salz nicht sehr nichtwahr«
»Nein besonders das grobkörnige nicht«
»Aber das ist seltsam da sitzt ja ein Hahn auf dem Baum wie kommt denn der
herauf Sieh nur«
»Ein Hahn« sie stockte dann leiser »ich sehe keinen«
»Da da sieh nur genau Er hat rotgelbe Federn jetzt schlägt er mit den
Flügeln er will noch höher flattern nein sieh nur«
»Ich sehe nicht«
»Aber freilich siehst du da schau nur gut hin du musst ja sehen du bist
doch nicht blind nun« Seine Stimme klang ungeduldig
»Ach ja jetzt jetzt sehe ich « kam es stotternd von ihren
Lippen
»Glaubst du dass er höher flattert«
»Nein ich glaubs nicht«
»Es könnte aber doch sein O da regt er schon die Flügel eins zwei drei
nun ist er auf dem oberen Ast«
»Und er will noch höher«
»Siehst du er guckt hinauf ja wenn er aber oben ist muss er doch wieder
herunter der dumme Hahn da schau wie er sich ratlos umsieht ah jetzt ist er
erschrocken da unten steht die Katze siehst du sie«
»Nein «
»Wie Natürlich siehst du sie schau nur hin«
»Ja ja ich seh sie schon«
»Sie ist grau mit einem weißen Fleck hinterm linken Ohr glaubst du dass sie
ihm ein Leid antut«
»Nein das nicht er fliegt ja gut aber sie klettert doch den Baum
hinauf«
»Oh nun ist sie ihm nahe schwups er ist fort wo denn«
»Da am Rasen sitzt er«
»Was ist das Johanne im Schlaf« Angelus war hereingetreten Paulus
flüsterte ihm etwas zu und strich Johannes Stirn weiter
»Du sie ist ja errötet sie schläft nicht«
»Das kann auch in der Hypnose vorkommen Sie hat etwas gesehen das sie
erschreckt«
»Johanne schläfst du« fragte Angelus
Da zuckten ihre Mienen sie seufzte tief und setzte sich mühsam die Augen
öffnend auf
»Ach ich bin so müde«
»Siehst du sie hat doch geschlafen« sagte Paulus Angelus holte ihr ein
Glas Wasser Sie nahm ein Schlückchen verzog aber den Mund
»Weißt du wo du warst«
»Nein«
»Du hast uns von einem Obstgarten erzählt in dem ein brauner Hahn auf einem
Baum saß«
»So« sagte sie schüchtern und schlug die Augen nieder »ich weiß nicht«
»Nun aufs nächste Mal Sie ist ein gutes Medium für uns wertvoll« Er
blickte Angelus an »Nur muss sie eben noch tüchtig geübt werden Nach einigen
Versuchen wirds besser gehen als das erste Mal«
Bald darauf kam Johannes zurück
Das junge Mädchen schrieb wieder weiter während er mit Paulus im Esszimmer
weilte
»Du solltest doch etwas Geistiges zu dir nehmen« hörte sie Paulus Stimme
sagen »du siehst sehr angegriffen aus Ein Glas Wein «
»Lieber zusammenbrechen als Wein oder Fleisch genießen O Paulus dass du
mir noch immer ähnliches zumuten kannst« Des Meisters Stimme klang
vorwurfsvoll Johanne fühlte ihr Herz hochschlagen vor Bewunderung für ihn Noch
matt von der Sitzung legte sie die Feder aus der Hand und lauschte seiner
Stimme
»Glaub mir Paulus« entgegnete er auf einige Worte seines Schülers »es ist
nicht alles eins Fleisch erweckt den Teufel in uns Fleisch macht uns
blutgierig erregt unsere Sinne« »Einmal keinmal« hörte sie sagen
»Sohn kein einziges Mal gerade dieses eine Mal könnte der Satan benützen
«
Angelus rückte geräuschvoll den Stuhl zurück und ging zu den Beiden
Johanne wunderte sich insgeheim dass der Meister so große Wichtigkeit auf
etwas so Geringfügiges wie das Essen legte
16
Allmählich wuchs Johanne in ihre neue Stellung hinein
Sie lernte manches Nützliche und hörte von Vielem das sie verblüffte das
sie aber nicht enträtseln konnte Sie hörte von Spiritismus Magnetismus
Okkultismus Magie sprechen ohne auch nur den geringsten Begriff von all diesen
Dingen zu haben Mit der Zeit nahm sie sich ein Herz und fragte Johannes nach
diesem und jenem Er erklärte ihr vieles Er sagte ihr dass all diese Dinge
Mittel wären den Menschen die Blindheit zu nehmen und sie sehend zu machen Er
sagte ihr dass die Zeit vorüber sei wo ein alter weissbärtiger Gott im Himmel
saß und Regen und Sonnenschein machte dass man sich unter Gott mehr als
Menschenform denken müsse Geist Willensäusserung Kraft die nicht über den
Sternen sondern in den Sternen regiere Dass man Gott umso näher trete je mehr
man sich diese Kraft zu eigen mache und den eigenen Willen sowie den der Anderen
beherrsche Zu diesem Zweck seien all diese übersinnlichen Manipulationen die
ihr so unbegreiflich erschienen nötig Später würde sie übrigens selbst alles
verstehen selbst mitwirken in diesen Vorgängen die sie auf eine höhere Stufe
der Vollendung brächten Schließlich sagte er ihr noch dass die Welt ein kaltes
graues Loch sei und nur unser Geist unsere Vorstellung Leben und Gestalten in
sie hineinzaubere unser Geist der allmächtige Gott Sie mit ihrer Phantasie
und Liebe zu allem Ungewöhnlichen war bald ganz für seine Anschauung gewonnen
Sie war ihm grenzenlos dankbar dass er sich ihr dem armen unbedeutenden
Mädchen so offenbarte und sie in seine schöne Welt hinaufzog Sie durchschaute
nicht die große Klugheit dieser Art Menschen die wissen dass die kleinen Kinder
am meisten Geschrei machen und sich deshalb zuerst an diese mit ihren Lehren
wenden Hier im Viertel der »Geringen« die mit der Welt und ihren Gesetzen
unzufrieden waren wo die Jugend mit unterdrückten Wünschen und unmöglichen
Zukunftsplänen umherging fielen alle selbst die tollsten Verkündigungen auf
fruchtbaren Boden
Der Meister scheute es nicht sich manchmal zu bücken um eine oder die
andere unbedeutende Menschenpflanze aufzuheben und sie in seinen Garten zu
setzen wo sie unter seiner Pflege zum mächtigen Baum emporwuchs Und Johanne
dachte an Angelus dies blonde rührende Kind der mit seinen nackten Füßen und
seinen ehrlichen Augen mehr Reklame für Johannes machte als es der gefeiertste
Name hätte tun können
Paulus wirkte nicht wie der sanfte Bruder Bei ihm wars der wilde
unbändige herrische Mut der bezwang jedem Widersacher seiner Ideen zu Leibe
rückte und ihn sich eroberte
Man konnte diesen Menschen der in so rauer Unmittelbarkeit sich gab nicht
für unehrlich halten Der Meister war klug gewesen in der Wahl der Beiden Es
erschienen übrigens die mannigfaltigsten Leute bei ihm Junge Mädchen die kaum
der Schule entwachsen waren und den Drang zu Märtyrerinnen in sich zu spüren
meinten junge Leute die vom Genuss blasiert waren und nach neuen Erregungen
dürsteten alte Frauen und Männer denen vor dem Tode graute und die eine
Lebensversicherungspolice für ihren Astralleib vom Meister begehrten Er hatte
für alle eine gütige Verheißung ein aufmunterndes Wort einen Blick einen
Händedruck der sie beruhigte froh machte
Einigen ganz herabgekommenen Leuten half er aus dem Geldschatz der manchmal
reicher manchmal spärlicher für ihn einlief Diese Menschen die er von
physischem Untergang errettete waren des Lobes für ihn voll und riefen ihn als
den edelmütigsten Helfer und Menschenfreund aus
Und Johannes ließ sie schreien und seine Verherrlichung in die Welt tragen
Er sah keinen Gott in Christus aber das Ideal des besten Menschen dem er
ähnlich werden wollte Deshalb machte er auch keinen Unterschied im Verkehr mit
den Leuten und scheute sich nicht tauben Gräfinnen Privatvorträge über
Okkultismus und ähnliches zu halten junge Mädchen in magnetischen Schlaf zu
versetzen um sie wenigstens vorübergehend hellsehend zu machen Eines oder des
Andern Gebreste zu heilen geliebte Verstorbene herbeizucitieren Das war
eigentlich Paulus Stärke Johanne sah mit wachsender Ehrfurcht wie dieser
Mann alles konnte und alles voll immergleicher Würde und Sanftmut tat Und wenn
sie überlegte was schließlich sein Gewinn war Er lebte wie ein Eremit aß
Früchte und Gemüse trank Wasser und ging in einem elenden Wollkleid mit nackten
Füßen herum Er schlief ohne Matratze Er hatte kein anderes Bestreben als
seinen Mitmenschen nützlich zu sein Johanne betete ihn an In jedem Augenblick
hätte er ihr Leben fordern können sie würde es ihm einwandlos hingegeben haben
Er hatte ihre Seele die krank geworden war im Schmutz der Welt wieder
aufgerichtet ihr den Glauben an die Menschen und ihren eigenen Wert
zurückgegeben
Ohne Schmerz hatte sie dem alten Christengott im weißen Bart gekündigt und
war in das mystische Reich der indischen Philosophie hinübergezogen Es war kalt
dort es gab keine Musik keine Engel keine Festmähler woran weissgekleidete
Märtyrer teilnahmen aber man brauchte auch keinem »Herrn« Reverenzen zu machen
denn im Reiche des »Nichts« war jeder Mensch sein eigener Gott und trug seine
eigene Krone Freilich bis man so weit war und sich durch hunderttausend
Verkörperungen durchgearbeitet hatte Aber immerhin das Ziel war des Ringens
wert
Mit ganzer Inbrunst gab sich Johanne der Lehre ihres Meisters hin Hier
brauchte sie keinen Argwohn zu haben keine Enttäuschung zu befürchten Der Mann
trog nicht Man brauchte nur einen Blick in das ehrliche junge Gesicht des
kleinen Angelus zu tun
17
Paulus war triumphierend von Moskau zurückgekehrt Er brachte eine lange
Namenliste von Personen mit die der Genossenschaft beigetreten waren und
»Wahrheitssucher und Finder« werden wollten Auch Geld und schmeichelhafte
Briefe an den Meister brachte er mit
Eines Tages traf es sich dass er mit Johanne allein war Angelus und
Johannes waren nach außen einige Stationen weit zu einem Freunde des Meisters
gefahren Johanne schrieb während Paulus im Zimmer aufund niederschritt und
scheinbar über ein tiefes Problem brütete Plötzlich flog die Tür auf und eine
große schwarzgekleidete Frau trat herein Johanne stieß einen Schrei aus ließ
die Feder fallen und flüchtete in Paulus Nähe
»Was willst du« herrschte er die Dame an Sie richtete ihre dunklen
unheimlich glühenden Augen auf ihn
»Nicht dich Johannes und Jakob Wo ist Jakob Ihr habt mir ihn gestohlen
Gebt mir ihn wieder«
Paulus trat zu ihr sah ihr in die Augen und legte seine Hand auf ihre
Schulter Die schwarze Ledertasche die sie trug glitt ihr aus den Fingern Er
hob sie auf streifte den Ring über ihr Handgelenk und sagte »Geh
augenblicklich«
»Nein« Sie stampfte mit den Füßen auf Plötzlich lehnte sie sich an die
Wand und erbleichte Paulus fasste sie führte sie hinaus und schloss die Tür ab
»Entsetzlich« stammelte Johanne
»Was denn«
»Die Frau«
»Sie ist halb irrsinnig ich wollte wetten sie verbarg in der Tasche irgend
eine Waffe sich oder einen Andern zu töten«
»Womit hast du sie plötzlich so ruhig gemacht«
»Durch meinen Blick«
»Kannst du das wirklich«
»Wenn der Andere sich nicht sträubt ja«
»Dann ists ja keine Kunst« wagte Johanne einzuwerfen »wenn er sich aber
sträubt«
»In den meisten Fällen auch dann du weissts ja von dir selbst«
»Ach ja damals « sie senkte die Augen und fuhr verwirrt fort »Wer war
die Unglückliche«
»Eine Frau die sich von ihrem Mann scheiden ließ um Jakob zu heiraten Sie
gingen eine zeitlang zusammen er war damals noch keiner der Unseren da
erkannte er dass sie nicht zu ihm tauge Ein echter Wahrheitssucher lässt sich
nicht durch Fesseln erniedrigen Was braucht er die Ehe jedes Weib ist sein
das er sich wünscht im Geiste natürlich« setzte er trocken hinzu »Wir halfen
ihm sich von ihr loszulösen Seiter hasst sie uns«
Johanne schlich nach der Tür schloss sie auf und sah vorsichtig hinaus Die
Frau war verschwunden
»Die Arme« hauchte das junge Mädchen Paulus fixierte sie
»Du redest recht töricht Es gibt Menschen die zur Finsternis bestimmt
sind wie andere zum Licht Man soll kein Mitleid mit solchen haben«
»Du bist hart«
Johanne setzte sich in den Armsessel am Schreibtisch Ihre Lippen zitterten
»Warum bist du so aufgeregt« fragte er »Deine Pupillen sind ganz groß und
starr « Er näherte sich ihr »Ich glaube augenblicklich wärst du willst du
eine Sekunde dich zurücklehnen und dich bemühen an nichts zu denken«
Er brachte seine Hände an ihre Stirn und sah sie an Sie spürte die Säume
seiner weiten Ärmel auf ihren Schläfen Sie brannten sie förmlich sie fühlte
wie ihr alles Blut nach dem Herzen schoss dann schloss sie die Augen Mein Gott
wenn nur Jemand käme war ihr letzter Gedanke dann schwand ihr für einen
Augenblick das Bewusstsein
Paulus neigte sich über sie und presste einen wahnsinnigen Kuss auf ihre
Lippen Sie hatte die Empfindung der Menschen denen ein Amputeur den nackten
Knochen berührt Sie wagte nicht sich zu bewegen Was er wohl weiter tun
mochte Er war einige Minuten ganz still dann sagte er und sie fühlte wie er
seine Hände von ihrer Stirne zurückzog
»Johanne ich befehle dir erwache«
Sie schlug die Wimpern auf
»Hast du geträumt« fragte er und blickte ihr in die Augen
Sie sah ihn entsetzt an Seine Brauen wulsteten sich »Warum willst du es
leugnen Du bist unwahr du schrakst auf Was sahst du Gestehe«
»Mir war als hättest du mich « sie stockte
»Was« herrschte er sie an
»Geküsst«
Er lachte Zum ersten Mal sah sie ihn lachen
»Du Närrin nein du bist wirklich zu kindisch man kann in der Tat mit dir
noch nichts anfangen Ich befahl dir doch du solltest an nichts denken und nun
dachtest du während des Einschlafens das Dümmste Nun«
Er verließ sie achselzuckend
Sie legte den Kopf in die Hände
Mein Gott das war kein Traum keine Einbildung Sie fühlte noch das Mark in
sich schauern bei der Berührung seiner Lippen So lebendig kann kein Traum
wirken Wenn es aber kein Traum war dann dann war er ein Betrüger ein Lügner
Er der Schüler des Meisters Konnte dieser eine solche Brut grossgezogen haben
er der Ehrliche Kindliche Oder wäre nein nein er war ehrlich rein groß
Was konnte er dafür wenn sich unter seinen Jüngern ein Judas befand
Mein Gott er musste ja ehrlich sein Ihre Seele war verloren wenn auch
dieser Glaube sich als falsch erwies Wenn sie auch diesen Halt verlor Nein
nein Sie faltete zitternd die Hände dann wandte sie sich wieder ihrer
Schreiberei zu Er würde ja noch vor Abend zurücksein Dann wollte sie ihm alles
mitteilen alles Später kamen mehrere Personen die Johannes suchten Zur
Essenszeit war er da Er machte ein sehr heiteres vergnügtes Gesicht und war
während der Mahlzeit redseliger als sonst Nach Tisch zog er sich wie immer
für eine Stunde auf sein Zimmer zurück Johanne war des Glaubens er schliefe
ein wenig Sie kannte seine Milde Er würde ihr sicher vergeben wenn sie einmal
seinen Schlummer störte Sie wartete ein Weilchen Paulus und Angelus waren in
freundschaftlichen Streit über irgend etwas entbrannt entfernte sich leise
pochte schüchtern an Johannes Tür und trat ein Der Meister saß vor einem
gebratenen Hühnchen und zerlegte sich eben den einen Flügel Vor ihm auf dem
Tische stand eine Flasche Wein und ein Glas
»Johanne« fuhr er bei ihrem Eintritt bestürzt auf dann lächelte er gleich
»Siehe wozu mich heute der Gehorsam verdammt Mein Arzt befahl mir dies
Gericht einzunehmen das ich so sehr verabscheue«
Was ging sie an was er aß
»Ach Meister« rief sie vor ihm auf die Kniee sinkend »was kümmert mich
deine Nahrung Sag mir lieber was ich in meiner Verzweiflung denken soll«
Er schob den Teller zurück und legte die Hand auf ihr Haupt
»Was hast du denn Kind«
»Erstens hab ich mich der Lüge vor dir anzuklagen Paulus wollte mich vor
einiger Zeit in magnetischen Schlaf versetzen Er wurde zornig als ich ihm
einige Male bei seinen Voraussetzungen nicht recht gab zuletzt log ich um
seine Zufriedenheit zu erhalten Ich behauptete Dinge zu sehen von denen ich
keine Spur sah«
»Ist das alles« fragte Johannes
»Dann glaube ich nicht im mindesten dass ein Mensch einen andern bewusstlos
machen könne und «
»Das ist dumm von dir« unterbrach sie Johannes »Zufällig trifft sichs dass
heute Abend im Verein Seele Sitzung ist Wir wollen alle hingehen Ich will
auch dich mitnehmen Du wirst dich überzeugen dass jemand in Trance zu bringen
etwas durchaus gewöhnliches ist was alle Tage vorkommt und von dem kühlsten
Skeptiker nicht mehr angezweifelt wird«
»Ich bitte dich nimm mich nur gewiss mit« bat sie mit glänzenden Augen
»Was hast du sonst noch« fragte er
»Paulus ach «
»Nur weiter weiter« drängte er mit leiser Ungeduld
»Paulus hat mich vorhin als du fortwarst einschläfern wollen Aber es
gelang ihm nicht Er «
»Nun«
»Er aber glaubte es sei ihm gelungen und «
»Und«
»Küsste mich«
Einen Augenblick schwieg Johannes ohne eine Miene seines Gesichtes zu
verziehen dann sagte er ruhig »Du hast geträumt Kind sicher Ich kenne
Paulus zu gut Ihm ist jedes Mädchen gleichgültig er hat keinen andern
Gedanken als unserer Sache zu dienen Glaub es mir Du warst aufgeregt und hast
geträumt«
Er sah sie überzeugt an dass ihr gesunder Verstand zu wanken anfing und sie
langsam an die Möglichkeit eines Irrtums von ihrer Seite zu glauben begann
Still schritt sie ins Arbeitszimmer zurück
»Warst du bei Johannes« fragte Angelus erregt
Sie bejahte
»Das darfst du nie wieder« sagte er eifrig »Der Meister schläft um diese
Zeit und verbot uns ihn da zu stören«
»Ich wills nicht wieder tun« sagte sie kurz »aber geschlafen hat er
nicht«
Sie wusste nicht warum sie spürte einen galligen Geschmack auf der Zunge und
kalte Schauer gingen ihren Rücken hinab Später kam Johannes und arbeitete mit
ihr Angelus rechnete wie gewöhnlich und Paulus ging ab und zu
Einmal entfernte er sich von Johannes gefolgt Nach einer Weile kehrten
beide mit ruhigen Gesichtern wieder zurück Aber auf Paulus braunen Wangen
dünkte Johanne einen Schimmer von Röte zu entdecken
Nach dem Abendessen ging sie mit Johannes nach der in ihrer Nähe gelegenen
Straße in der der Verein »Seele« sein Lokal hatte
Paulus und Angelus waren vorausgegangen
»Wir vermeiden es« bemerkte Johannes »öffentlich miteinander auszugehen
mehrere von uns erregen Aufsehen einer verliert sich leichter im
Strassengedränge« Trotzdem zog er die Blicke der Leute mächtig an und fast jeder
Vorübergehende blieb stehen und sah dem seltsam gekleideten Manne nach Sie
hatten bald das Haus erreicht
»Nun pass auf habe keine widerstrebenden Gedanken und warte bis die Sitzung
beendet ist ich will dich wieder hinausbringen« sagte er und öffnete Johanne
die Tür des Saales »Geh auf die andere Seite« fügte er hinzu nach den
Stuhlreihen rechts deutend während er selbst zu seinen beiden Schülern schritt
Es dauerte lange bevor die Sitzung begann Johanne sah sich indessen etwas
im Saale um
Es waren etwa zwei bis dreihundert Menschen anwesend meist jüngere Leute
dunkel gekleidet Man sah keiner wollte die Aufmerksamkeit auf sich lenken
jeder wünschte den Vorgängen auf dem Podium möglichst zu folgen Johanne
bemerkte dass alle diese Menschen eine grünlich fahle Gesichtsfarbe hatten dass
alle wie sie sich in ihrer Naivität zurechtlegte »unausgeschlafen« aussahen
Das mochte wohl von der Wucht der Ideen herrühren bei diesen Auserwählten die
die Tore anderer Welten sich zu öffnen bemühten Und das junge Mädchen spähte
in diesen Gesichtern nach den Charakteren deren Larven sie waren Aber jemehr
sie Umschau hielt umso krampfhafter zog sich ihr Herz zusammen Diese
ausgehöhlten Wangen diese eingesunkenen glanzlosen trüben Augen diese Münder
mit ihren schlaffen Winkeln ihrer blassen Farbe von erhebenden Erfahrungen
redeten die nicht Schöne reine Visionen mussten doch hell und stolz auf die
Mienen wirken Diese Menschen da sahen aus als wühlten sie in Verwesung als
verzerre ein Krampf ihre Muskeln Sie hatten alle etwas Nächtliches an sich
etwas Scheues Geducktes Unehrliches Und Johanne schien plötzlich als ginge
ein Modergeruch von ihnen aus eine faulige Süße schwamm in der Luft ein
krankes heißes fieberndes Begehren nach einer Erfüllung die sie in der realen
Welt des Genusses nicht mehr fanden Der Atem wurde ihr schwer es schien ihr
als stünden lauter glotzende Ungeheuer um sie herum und erwarteten ein
unerhörtes Etwas von dem sie sich keine Vorstellung machen konnte
In diesem Augenblick trat ein Mann auf das Podium und verkündete dass Miss
Lanster das Medium keine Sitzung halten könne sie fühle sich noch von der
letzten her zu angegriffen Er würde statt dessen einen Vortrag halten mit dem
die geehrte Gesellschaft heute fürlieb nehmen müsse Er würde über das
Geschlechtsleben der Geister reden
Der Mann besaß eine zurückweichende Stirn harte an den Schläfen
hinaufgezogene Brauen und eine heisere Flüsterstimme Die Anwesenden um ihre
Erwartungen für den heutigen Abend gebracht murmelten einen Augenblick unter
sich dann spannten sich ihre Mienen sie setzten sich auf ihren Stühlen zurecht
und beugten sich nach vorn um dem Redner zu lauschen
»Das Geschlechtsleben liebe Damen und Herren« begann der Vortragende da
erhob sich Johanne und ohne nach rechts oder links zu blicken verließ sie den
Saal Draußen schöpfte sie tief Atem Und die diese kranken blassen
verkommenen Gestalten sollten mit den Geistern Anderer verkehren können diesen
Ohren sollten sich die Chöre himmlischer Sphären mitteilen diesen neugierigen
hungrigen trüben Augen die heiligen Bürger des Totenreiches sich enthüllen Das
glaub ich einfach nicht sagte sich Johanne Warum sah sie nicht einen Gesunden
unter ihnen Warum nicht Männer und Frauen mit freien Stirnen und klugen
ehrlichen Augen Warum diese Spitalgestalten mit ihren fahlen ungesunden
Farben Wenn das gesund wäre was sie hier erlebten könnten sie dann davon
erkranken Nein gesunde Menschen konnten diese Erfahrungen nicht machen Man
muss krank dazu sein unwahr
Sie lief in die kühle Märznacht hinaus Und plötzlich überkam sies wie
wenn auch er ein Unehrlicher wäre Wenn seine Lehren andern Absichten dienten
als er vorgab
Mit müdem Gesicht erschien sie am nächsten Tag im Bureau Auf Johannes
Frage warum sie gestern so plötzlich verschwunden sei gab sie an sich unwohl
gefühlt zu haben Er betrachtete sie mit prüfenden Augen
»In der Tat, du siehst elend aus Vielleicht strengt dich das Schreiben zu
sehr an die ungewohnte Kost «
»Ach Meister« lächelte sie schwach »das alles macht mich nicht krank Lass
nur«
»Ich will dir etwas sagen« meinte er freundlich »gehe du jeden Tag nach
Tisch eine Stunde spazieren Hier in der Nähe liegt der botanische Garten laufe
ein bisschen drinnen herum ich wünsche dass du es tust«
Sie fühlte sich gerührt über seine Güte »Ja denn wenn dus wünschest will
ichs tun« sagte sie Dann sprachen sie nicht weiter darüber Sie schrieb einen
Aufsatz für ihn ins Reine er sah sie dann und wann von der Seite an Es wäre
ihm peinlich gewesen dieses junge brave ehrliche Mädchen das ihn wie einen
Gott verehrte so genügsam so fleißig so anspruchslos war zu verlieren
Nach einer Weile sagte er
»Übermorgen Abend halte ich in den Sälen von Sommers Brauerei einen Vortrag
über die Rückkehr zur Natur Es wird mich freuen dich in der ersten Reihe zu
erblicken«
Sie dankte ihm für seine Einladung Endlich würde sie ihn vor versammeltem
Volke reden hören endlich den Mut bewundern dürfen mit dem er seine
Anschauungen vor der Welt vertrat Sie brannte vor Ungeduld Sie bat ihm im
Stillen ab dass sie einen Augenblick den Schatten eines Zweifels an der
Lauterkeit seiner Bestrebungen in sich hatte auftauchen lassen er war doch der
gütigste reinste herrlichste Mensch von allen Sie gehorchte seiner Weisung
schon heute und trieb sich ein halbes Stündchen draußen umher
»Siehst du« sagte er als sie widerkam »deine Wangen haben schon Farbe
erhalten« Sie lächelte Vom Spazierengehen sicher nicht Aber durfte sie ihm
sagen wovon Am liebsten hätte sie ihr Haupt auf seine Füße gedrückt und
gestanden weil ich meinen Zweifel gegen dich überwunden habe mein Herr und
Meister
Am übernächsten Abend ging sie hochklopfenden Herzens nach den Sälen der
Brauerei Er Angelus und Paulus waren schon eine Stunde vorher hingegangen
Als sie eintrat sah sie an der Tür Angelus vor einem großen Tisch sitzen
der mit Stößen von Bildern des Meisters bedeckt war
»Was machst du da« fragte sie überrascht
»Ich verkaufe sein Bild das Stück für zehn Pfennig« Seine Augen leuchteten
glücklich
Johanne entgegnete nichts und ging nach vorn
Sie fand kaum ein Plätzchen mehr in der fünften Bankreihe Der große Saal
war gedrängt voll Menschen Und in jedem Augenblick kamen noch neue Gruppen
gezogen Endlich erschien Johannes
Seine Blicke glänzten er schien schlanker blasser magerer als sonst Sein
schlichtes Christushaar fiel lang auf die Schultern herab Er begann zu
sprechen Leise fast zaghaft voll demütiger Bescheidenheit »Ich spreche zu
den Armen Unglücklichen zu den Stiefkindern dessen was die Welt Glück nennt
Je verachteter Einer unter euch hier ist umso heißer umarmt ihn meine Seele als
Bruder umso mehr Anrecht besitzt er auf meinen Rat auf meine Liebe« Seine
Augen überflogen das Publikum Es waren meist Leute aus dem Arbeiterstande Sehr
viele Frauen Auch Einige die dichte Schleier verhüllten Aber die Mehrzahl
bildete das unruhige nach Besserung seiner geistigen und physischen Lage
hungernde Element des vierten Standes Die Frauen waren andächtig wie in der
Kirche Manche hatten Tränen in den Augen Der bloße Anblick dieses frierend
aussehenden Christusmannes mit den nackten Füßen und dem edlen blassen Gesicht
ergriff sie schon
Er wolle ihnen allen helfen sagte er Seine Rede war nicht geistreich
wirkte aber durch ihre Herzenswärme und die ungeheuer kluge Einfalt sehr
packend
Es war eine Rede genau wie diese Leute sie brauchten »Ich könnte es besser
haben« sagte er unter anderm »aber ich will nicht Ihr darbt warum soll ein
Bruder von euch schwelgen Freilich es tun dies Hunderttausende aber die
Herr verzeih ihnen denn sie wissen nicht was sie tun die kennen nicht euer
Elend eure Notlage Sie würden sonst weinen und euch helfen wo sie können
glaubt mir das Ich aber will von Haus zu Haus gehen und an die Herzen der
Mächtigen an die Herzen derer pochen die bei den Gesetzen mitzusprechen haben
Ich will meine Schüler in alle vier Winde aussenden dass sie die Lehren von
der Liebe aussäen« In diesem Tone gings fort »Ich selbst bin ja ein Armer
gleich euch Ich habe nichts was ich mein nenne Ich wünsche auch nichts als
der guten Sache zu dienen möge ich selbst im Dunkel vergehen«
Und warum lässt du hundertweise deine Bilder verkaufen Wie darfst du das
zulassen wenn du so demütig so bescheiden bist riefs in Johanne Sie horchte
nur noch halb hin Sie wäre ihm am liebsten mitten hineingefahren in seine Rede
um ihm dies und jenes vorzuhalten was ihr missfiel Sie vernahm ein großes
lindes Schmeicheln aus seinen Worten heraus das sie verdross Er warb um den
Beifall dieser Menschen Und Christus hatte sie doch mit Stricken
hinausgetrieben die ihm nicht gefielen Sollten diese Leute hier die er so
demütig anredete wirklich lauter Auserwählte sein
Johanne atmete erleichtert auf als der Vortrag beendet war der übrigens
nicht das aufgestellte Programm einhielt Über die Rückkehr zur Natur war kein
Wort gefallen
Das laute Beifallsgeschrei am Schluss der Rede zeigte dass er den Geschmack
der Leute getroffen hatte
Als Johanne zum Ausgang gelangte standen Dutzende von Menschen um den Tisch
und kauften die Bilder des Meisters Angelus strich das Geld lächelnd in die
Lade
»Ist das ein süßer kleiner Kerl« hörte sie eine ältere Frau zu einer
anderen sagen Sie wandte den Kopf weg und trat so rasch sie konnte hinaus
Vor der Tür draußen stand Paulus eine Sammelbüchse in der Hand Zur
Erhaltung des Heims unseres Meisters stand darauf
Paulus mit seiner finster abweisenden herben Miene sah aus wie ein
enttronter Herrscher Die Weiblein starrten ihn an und ließ je nach ihren
Vermögensverhältnissen einige Geldmünzen in die Blechbüchse in seiner Hand
gleiten
Mit brennenden Wangen eilte Johanne nach Hause Auf ihrem Bettrande saß sie
lange Stunden und grübelte vor sich hin Ihre Brauen waren schmerzhaft
zusammengezogen
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»Wie gefiels dir gestern« fragte Johannes sie am nächsten Tag in seiner
gewohnten gütigen Weise
»Deine Rede war mir zu weich aber am meisten verdross mich der Bilderverkauf
und die Sammelbüchse Du forderst ja die Wahrheit Meister« Sie sah ihn mit
Augen an in denen Tränen zitterten
Er lächelte gutmütig scheinbar ohne sich im mindesten über ihre Offenheit
zu ärgern
»Das alles verstehst du nicht Kind Aber ich danke dir für deine
Offenheit«
Sie senkte den Kopf Diese Demut seiner Worte ergriff sie wieder War sie
abermals gegen den Gerechten ungerecht gewesen O ihr Kopf schmerzte von all
dem Denken und Grübeln Ihr Herz zwang sie beständig vor ihn auf die Kniee aber
der Verstand der kalte unerbittliche Richter
Bei Tisch sagte Johannes
»Warum sprichst du nicht mehr mit Johanne Paulus Habt ihr Streit mit
einander gehabt Kinder Kinder«
Paulus schüttelte den Kopf
»Ich habe nichts gegen dich Johanne«
Er sah sie kalt an und doch fühlte sie ein unbestimmtes Lodern aus seinem
Wesen
»Auch ich bin dir nicht böse« erwiderte sie ihm ruhig
Nach dem Essen ging sie ihren kleinen Spaziergang zu machen Als sie
wiederkam und eintrat stockte ihr der Atem vor Bestürzung
Auf einem Stuhl Johannes gegenüber saß Schüler Paulus und Angelus
leicht aneinander gelehnt standen neben ihrem Meister Angelus Augen hingen
mit fast zärtlichem Blick an Schülers Lippen Johanne war einen Augenblick wie
gelähmt dann grüßte sie leicht und ließ sich ohne Hut und Jäckchen abzulegen
am Schreibtisch nieder Ihre Pulse hämmerten Mechanisch schlug sie eine
Schreibmappe auf und tat als suche sie etwas
»Wie gesagt« fuhr Johannes weiter fort »wenn Sie das nicht anficht ist
nichts im Wege dass Sie einer der Unseren werden«
»Wie sollte mich der Hohn der Plebs bekümmern Meister Verspottet sie nicht
alles Hohe Ernste was über ihren niederen Horizont hinausreicht« Schüler sah
leicht nach der zusammengekauerten Gestalt am Schreibtisch hinüber und fügte
hinzu »Was meine Bekanntschaft in andern Städten betrifft muss ich sagen dass
sie sich meist auf die oberen Zehntausend erstreckt Aber das wird Sie nicht
hindern mich zu ermächtigen für Ihre gute Sache Propaganda zu machen Das
Volk« er lachte »das Volk steckt man ja leicht in die Tasche zu fürchten sind
nur die kritischen Kreise Und wie gesagt ich habe Freunde im Reichstag
tüchtige Redner wenn so einer mal Ihre Ideen ernstaft anpackte und unter die
Leute brächte wissen Sie das zöge So einer gilt als nichts weniger dem als
Schwärmer den hält man nüchterner Beurteilung fähig«
»Das wäre allerdings sehr fördernd für uns« meinte Johannes »nur ich kann
so wenig Ihre Mühe vergüten Herr Schüler «
»Aber lieber Meister« Schüler machte eine abwehrende Handbewegung »ich
wiederhole Ihnen ja der angebotene Gehalt genügt mir einstweilen Und was ich
sagen will wünschen Sie im Interesse Ihrer Sache dass ich eh « er lächelte
ein wenig »gekleidet gehe wie Sie«
»Darüber will ich noch nachdenken« bemerkte Johannes
»Schön dann erlaube ich mir also in diesen Tagen vorzusprechen um
dieselbe Stunde nichtwahr« Er erhob sich rasch verbeugte sich tief vor
Johannes und schüttelte Paulus und Angelus die Hand Dann schritt er ohne
rechts oder links zu sehen hinaus
Mit einer heftigen Bewegung war Johanne vom Schreibtisch aufgesprungen und
ihm nachgeeilt Auf der Treppe erreichte sie ihn
»Was soll das« Ihre Lippen zitterten »Sie lügen und beschwindeln diese
Menschen Das kann ich nicht zugeben Ich stehe in den Diensten dieses Mannes
Seine Interessen sind auch die meinen«
»Aber zum Teufel vor allem bleibe ich nicht hier auf der Treppe stehen «
»Nein ich gehe mit Ihnen« sagte sie fest Sie schritten zusammen hinab Auf
der Straße bohrte sie ihre Augen in die seinen »Also stehen Sie mir Rede
weshalb wollen Sie diesen Mann der Ihnen sicher nichts Böses zugefügt hat
betrügen Sie bieten sich ihm als Träger seiner Ideen an als seinen Herold
Sie«
Aus ihren Worten klang unsägliche Geringschätzung
Schüler drehte nervös die Enden seines Schnurrbarts zwischen den Fingern
»Vor allem schreien Sie nicht so laut die Leute bleiben stehen Dann sagen
Sie mir sind Sie verrückt oder mit welchem Recht mischen Sie sich eigentlich
in meine Angelegenheiten«
»Ich sagte Ihnen ja schon dass ich in Diensten dieses Mannes stehe dass ich
ihn hochschätze er mir heilig ist «
»Ja ja ja das ist alles recht das geht mich ja nicht im mindesten etwas
an«
»Und dass ich es nicht dulden werde dass Sie ihn irreführen«
»Wer will ihn denn irreführen alle Wetter« Schüler blieb stehen seine
Brauen furchten sich zornig »Er ist ein bekannter Schwindler der zu faul zum
Arbeiten sich aufs Komödiespielen verlegt Er weiß dass die Welt heute nach
Neuem hungrig und jeder Gaukler und Taschenspieler ihr willkommen ist Er nützt
das aus Er hat ganz recht ich würde es auch so machen wie er wenn ich schon
früher auf die gute Idee gekommen wäre einen Heiligen zu spielen«
»Es ist nicht wahr was Sie sagen« rief Johanne ungestüm »der Mann glaubt
was er lehrt«
»Aber so lassen Sie sich doch nicht « Der Redakteur lachte hell auf »Er
glaubt kein Wort von dem Schwefel den er predigt Für so dumm dürfen Sie ihn
nicht halten das hieße ihn wirklich beleidigen Übrigens saß er bereits
zweimal im Gefängnis wegen Erbschleicherei er versucht sich auf allen
möglichen Gebieten natürlich immer in der Maske des Christus das versteht sich
von selbst Auch Paulus der schöne junge Ritter saß etliche male Er hat mit
verschiedenen Medien die er hypnotisierte unerlaubte Dinge getrieben Na
Fräulein Johanne Sie schütteln sich ich kann Ihnen versichern die
Gesellschaft ist nicht sauberer als ich vielleicht den kleinen Angelus
ausgenommen den er noch nicht ganz eingeweiht hat Vor kurzer Zeit noch hätte
ich mich für viel zu gut gehalten mit diesen Leuten in Verbindung zu treten
aber augenblicklich stehe ich vor de rien Meine Stellung an der Zeitung ist mir
gekündigt worden meine Möbel sind verkauft Dass meine Frau mit Babinsky
durchging werden Sie wohl längst erfahren haben «
Johanne blieb stehen und schlug stumm die Hände zusammen
»Mir bleibt nichts übrig als einen Verdienst zu suchen wo ich ihn finde«
Er nahm den Hut von der feuchtgewordenen Stirn
»Aber trotzdem weiß Johannes wer Sie sind« hauchte Johanne totenbleich
»Natürlich natürlich weiß ers er kennt mich ja schon längst Glauben Sie
mir er weiß auch dass ich ihn ganz kenne deshalb stellt er sich so fügsam an
Er macht mir auch den Schwindel des Dusagens nicht vor wie Sie bemerkt haben
werden er «
»Ich danke Ihnen« sagte das junge Mädchen plötzlich wandte sich kurz um und
ging in das Bureau zurück Johannes schrieb Angelus las Paulus war abwesend
»Meister« sagte Johanne mit einer ihr selbst fremden Stimme »hüte dich vor
dem Mann der da eben von dir ging er ist dir nicht gut«
»Wieso« Johannes Augen blickten sie scharf an »Woher weißt du das«
»Er sagte mir Dinge von dir die nicht wahr sein können nicht wahr sein
dürfen« schrie das junge Mädchen auf seine Hände wie im Fieber ergreifend
»Hörst du Johannes jag ihn fort wenn er wiederkommt«
»Ich verstehe dich nicht« Er erhob sie würdevoll »Was meinst du Fasse
dich vor allem«
Angelus trat erschrocken zu den Beiden
»Er sagt du seist ein Gaukler der nicht glaubt was er lehrt«
»Bah« Johannes lächelte schwach »Du weißt doch längst dass ich Feinde
habe«
»Gut aber bediensten bei dir bediensten wirst du doch einen solchen nicht«
»Gerade« sagte er ruhig
»Nein du wirsts nicht« rief sie in Tränen ausbrechend
»Das ist meine Sache denk ich «
»Nein das ist aller Sache die sich für deine Ideen interessieren«
»Johanne du wirst anmassend«
»Fürchtest du ihn« brach es verzweifelt aus ihr »bangt dir vor ihm Tust
du deshalb wie er will«
Da trafen sie zwei Blitze aus seinen Augen und eine jähe brennende Röte
ergoss sich über sein Gesicht
»Gehe«
Er wandte sich ab
»Johannes beim lebendigen Gott du ahnst nicht was du an einer
Menschenseele verbrichst wenn du mich im Glauben an die Wahrheit der Worte
dieses Schurken lässt«
»Dieser Mann ist kein Schurke er ist mein Freund und übrigens« er drehte
sich blitzschnell nach ihr um »entfernen Sie sich gefälligst sofort aber
sofort« Seine Züge waren von wildem Zorn verzerrt Angelus fiel vor ihm auf die
Kniee und suchte seine Hände zu fassen
Johanne schritt hinaus
Sie spürte ein kaltes Gefühl im Rücken sonst meinte sie sich ganz wohl zu
fühlen Ich kann ja noch lesen sagte sie sich auf der Straße die Namen der
Ladenschilder buchstabierend Ich lebe noch Das ist die Kasernengasse und dort
biegt die Straße ein in der ich wohne Der Schlag hat mich also nicht
getroffen denn ich habe noch meine Sinne beisammen Mit festen Schritten stieg
sie ihre vier Treppen hinauf öffnete ihr Stübchen und ließ sich an dem
hölzernen Tisch nieder Sie stützte den Kopf in die Hände
Ja Johanne Johanne Grün aber mein Gott Mit einemmale wurde ihr
unheimlich zu Mut sie sprang auf und eilte zu der alten Blumenmacherin hinüber
»Herr je haben Sie kalte Hände« sagte das Mädchen das den feinen Draht
weggelegt und Johannes Rechte ergriffen hatte
»Eine Wasserrosenguirlande« murmelte Johanne die Blumen an denen die
Arbeiterin beschäftigt war mechanisch betrachtend »Wirklich hübsch ich liebe
sehr diese Blumen bei uns zu Hause auf dem kleinen See im Walde gabs ihrer
genug Ach die Welt ist doch toll Marie nicht Aber wissen Sie ich werde
wieder gehen ich geh zu Bett es ist mir zu kalt Wir haben ja auch erst März
da darfs einen schon frieren ohne dass man sich dessen zu schämen braucht
nicht« Mit gebeugtem Kopf schritt sie hinaus gefolgt von den erstaunten
Blicken der Anderen
In ihrem Stübchen begann sie sich auszukleiden plötzlich fuhr sie sich an
die Stirne zog die abgestreiften Kleider wieder an und eilte fort Auf der
Straße sahen ihr die Leute nach Sie lief lange beinahe dreiviertel Stunden
Mit dem Instinkt der Trunkenen fand sie die Straße die sie suchte die Nummer
von der sie in früheren Zeiten viel hatte reden hören
Sie rannte die Treppe hinauf klingelte an einer Tür nannte der öffnenden
Frau ihren Namen und trat ein
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»Johanne« rief Lohringer »ists möglich Erlebe ich es oder träumt mir«
»Sie erleben es« sagte sie und ließ sich in einen Sessel fallen
»Was ist Ihnen geschehen« Er trat zu ihr und ergriff ihre beiden Hände
»Ninive hat mir eben den letzten Gnadenstoss gegeben«
Bis so weit reichte ihre erzwungene Fassung Dann sank sie zurück Er sprang
nach Wasser rieb ihr die Schläfen ein und hauchte auf ihre eiskalten Hände
Endlich schlug sie die Augen auf Und jetzt brach ein heißes Schluchzen aus
ihr
Lohringer hatte viele Frauen weinen sehen aber das hatte er noch nicht
erlebt Hier schien ein Herz in Tränen zu schmelzen
Er schritt ganz blass im Zimmer auf und nieder während sie weinte weinte
weinte
Endlich setzte er sich mit dem Rücken gegen sie in eine Zimmerecke und saß
so wie ihm schien eine Stunde lang Sie weinte noch immer Da stand er auf
trat zu ihr und sagte »Aber zum Donnerwetter jetzt ists genug« Er fasste ihren
Kopf zwischen seine beiden Hände und sah ihr in die hochroten verschwollenen
Augen »So groß ist das Unglück nicht Johanne glauben Sie doch Mit zwanzig
Jahren Ich bitte Sie Sie werden sich schon wiederfinden«
Sie fuhr auf »Ich mich finden Ich habe mich ja garnicht verloren
Lohringer«
»Na was zum Teufel flennen Sie denn«
Er ließ ihren Kopf los und begann wieder im Zimmer auf und nieder zu
schreiten
»Was haben Sie denn Johanne Sie sind doch ein so vernünftiges Mädchen Ein
liebes Mädchen Weiß Gott Sie waren mir immer wert ein paarmal war ich schon
nahe daran es Ihnen zu sagen Aber Sie waren ja damals so riesig dumm Glaubten
immer ich hätte einen Schwarm für Frau Schüler Und mich dauerte das kleine
Geschöpf nur weil sie einen Schuft zum Mann hatte und weil ich nicht erwidern
konnte was sie für mich fühlte Mit der Zeit hat sies auch gemerkt trotzdem
ich für sie tat was ich konnte Aus Trotz ist sie mit Babinsky der in der
letzten Zeit viel bei ihnen verkehrte durchgegangen Und wo waren Sie
Johanne« fragte er sich unterbrechend und blieb vor ihr stehen
Sie erwiderte eine Weile nichts dann »Kennen Sie Meister Johannes«
»Den großen Erzgauner der sich für den Propheten Elias oder sonst wen
ausgibt Na und ob Wer kennt den nicht hier Was ist mit ihm«
»Ich war bei ihm als Sekretärin angestellt«
»O Sie Aermste« Weiter sagte er nichts Dann holte er eine Flasche und
zwei Gläser und goss ihr Wein ein sie trank trocknete sich die Augen und
seufzte
»Wie konnten Sie das tun Ich erfuhr durch Bekannte dass Sie irgend eine
Stellung angenommen hatten aber welche und wo wusste ich nicht sonst hätte ich
Sie am Schopf von dort entführt«
»Wewerkas warnten mich ja aber ich glaubte ihnen nicht Sie wissen ich
ach ich war eine große Närrin« Sie lachte indes ihre Augen tropften
»Mir scheint wahrhaftig jetzt haben Sie nicht unrecht« Er fasste
freundschaftlich ihre Hände »Dachten Sie denn nicht gleich dass ein Kerl der
aus dem Glauben harmloser Esel Münze schlägt ein Bauernfänger sein muss Ein
anständiger Mensch lässt sich doch nicht von Andern erhalten es sei denn er
wäre alt schwach oder krank Der Meister zählt vierzig Jahre ist nicht auf den
Kopf gefallen wie seine schlau angestellten Schwindeloperationen zeigen hat
also gar keine Entschuldigung für sein Faulenzerleben«
»Sie haben recht aber Sie wissen ja « das kleine Mädchen aus früheren
Jahren brach wieder durch »ich sehnte mich so sehr nach etwas Grossem
Gewaltigem dem ich mich ganz hingeben durfte Die Künstler entpuppten sich als
etwas ganz anderes als ich in ihnen vermutete Da dachte ich vielleicht hält
die Religion was die Kunst versprach Er nannte seine Lehre das neue
Evangelium Ich wollte dessen Priesterin werden«
»Sie waren eben ein Kind Johanne sonst hätten Sie nicht Menschen die
durch aufsehenerregende Kleidung durch Kokettieren mit Verfolgungen durch ein
nach allen Seiten hin auffallendes herausforderndes Benehmen die Aufmerksamkeit
der Leute auf sich ziehen wollen für wirklich fromme Männer gehalten Es sind
gemeine Reklamehelden die so handeln nichts anderes Ebenso wenig wie ein
großer echter Künstler in die Posaune für sich stoßen lässt ebenso wenig kehrt
ein echter Gottesmann den Christustypus heraus und zieht mit wallendem Haupthaar
und nackten Füßen durch die Welt«
Johanne stand auf trat ans Fenster sah einige Zeit hinaus und wandte sich
dann wieder zu ihm
»Das war die andere Seite Lohringer nun kenn ich die auch Religion und
Kunst werden gefälscht in Ninive Schade um die vielen Gläubigen «
»Ach Johanne« er machte eine geringschätzige Handbewegung »sagen Sie nicht
schade Was sich hier zusammenfindet ist bereits angefault Ninive ist der
große Kanal in dem alle Schmutzkloaken des Reiches zusammenfliessen Ninive ist
der Schlupfwinkel aller dunklen Existenzen die ungestört ihre Maulwurfsarbeit
verrichten wollen Ninive ist der Zufluchtsort der impotenten Halbkünstler Hier
suchen sie durch Extravaganzen durch Geschrei und Verbrüderung mit Tagesgrössen
ihre unbekannten Namen dem Volke ins Gedächtnis zu prägen Oder glauben Sie
wirklich dass ein echter Dichter hierher käme um zu arbeiten Ich sage Ihnen
Johanne der verbirgt sich in die tiefste Einsamkeit und baut schamhafte
Entfernungen zwischen sich und die Menschen Ein echter Dichter bedarf nicht der
Anregung auf den spektakelerfüllten Straßen der hat Anregung in sich genug Der
braucht nicht mit Kollegen im Café zu sumpfen um die Stoffe die er ausarbeiten
will zu besprechen Der hat in sich Rat und Wissen der braucht nicht die
kleinen Mädchen von der Straße auszuholen dem weist der Genius die letzten
dunkelsten Abgründe der Menschenbrust«
Johanne hörte ihm aufmerksam zu »Sie haben recht Heute weiß ich es weil
ichs erfahren habe früher dachte ich mir das ganz anders« Sie ließ sich
nieder »Wissen Sie auch weshalb ich zu Ihnen gekommen bin Lohringer«
Er hielt in seinem Auf und Niederschreiten inne und senkte die Augen
»Nein eigentlich nicht Aber ich bin garnicht neugierig Sie sind da und
das ist mir eine große sonnige Freude«
»Als mich die tiefste Ratlosigkeit und Verzweiflung packte und ich nicht ein
noch aus wusste standen Sie plötzlich vor mir Da lief ich schnell her Ihre
Adresse hatte ich noch behalten Sie müssen mir raten was ich tun soll Auf
was ich mich werfen soll um nicht gar zu traurig zu werden«
Er ließ sich neben ihr nieder und sah ihr fest in die Augen »Vor allem
fort von hier«
»Wie« Trotzdem sie diese Stadt verabscheuen gelernt hatte erschien ihr der
Gedanke fort zu sollen doch nicht einleuchtend »Wie« sagte sie schüchtern
»glauben Sie wirklich dass kein Platz für mich hier ist«
Er schüttelte energisch den Kopf
»Nein nein für Sie ist kein Platz da Sie sind ein Kind Was sollen Kinder
in einer großen fremden verderbten Stadt Sehen Sie auch Dichter sind Kinder
deshalb meiden sie diese nüchternen staubheissen Städte diese Millionenstädte
welche der geistige und physische Ruin der Nationen sind Gehen Sie aufs Land
wo die Quellen rauschen und die Vögel singen Gehen Sie in die schöne schlichte
Einsamkeit wo die Luft rein ist und die Menschen harmlos und naiv sind Gehen
Sie nach Sienental zurück«
»Nach Sienental« Ein warmer Ton klang durch ihre Stimme »Aber was soll
ich dort tun«
»Haben Sie denn gar Niemand dort«
»Den alten Pastor ein paar junge Mädchen den Vormund und «
»Und«
»Ein altes Häuschen mit schiefem Dach vor dem ein Garten liegt«
»Und da fragen Sie was Sie tun sollen und da sagen Sie einsam wären Sie
dort Ein Häuschen mit schiefem Dach und einen Garten davor und zwanzig Jahre
alt «
»Und traurig bis zum Sterben dabei« fügte sie leise hinzu und ihre Augen
begannen aufs neue zu tropfen
»Und wer pflegt die Blumen und streichelt mit liebevollen Blicken das alte
müde Häuschen das gewiss Mutter und Großmutter schon bewohnten und das jetzt
einsam steht und friert und «
»Ich werde mich fürchten Es sind nur drei Stuben drin aber die werden mir
unendlich still vorkommen«
»Nehmen Sie sich eine brave Magd Johanne Und wie lange denn dann kommt
Einer und begehrt Sie zum Weibe und führt Sie aus dem Häuschen weg«
Sie lächelte »Damit schrecken Sie mich nicht«
»Sie haben ja nichts verloren Johanne« seine Augen blickten sie warm und
so innig an dass sie die ihren senkte »manche Verwundung tragen Sie davon
aber ärmer kehren Sie nicht heim Sie haben tapfer Ihren Schatz behütet Kind
schütteln Sie leichten Herzens den Staub von den Füßen Die Röte Ihrer Wangen
wird wiederkehren und mit ihr wieder der Glaube an das Gute den Sie heute
verloren wähnen«
»So soll ich wirklich gehen Sie werden mich daheim auslachen dass ich so
schnell zurückkehre«
»Ist dies nicht harmloser als wenn ein oder der andere Schurke hier über
Sie triumphiert hätte«
Sie nickte »Das schon aber «
»Apropos« sagte er plötzlich kühl die Augen von ihr ablenkend »haben Sie
auch Geld zur Heimreise Ihr Vormund kanns mir ja zurücksenden wenn Sie dort
sind ich strecke Ihnen einstweilen vor«
Sie dankte »Ich habe freilich noch Geld Nicht viel aber genügend um nach
Hause zu kommen Ich brauchte ja nichts in letzter Zeit Mein Zimmer ist für
einen Monat vorausbezahlt«
Er spielte mit den Enden seines weichen Schnurrbarts
»Wissen Sie es ist eigentlich furchtbar dumm von mir dass ich Sie berede
fortzugehen Gerade ich« er stockte dann sah er ihr voll in die Augen »aber
ich mag Sie von Herzen gern leiden und möchte Ihr Bestes selbst wenn dieses mit
der Befürchtung verbunden wäre Sie nie wiederzusehen«
»Warum das« fragte sie leise »Wenn ich ja hingehe können Sie mich doch
besuchen«
»Besuchen« Er schüttelte den Kopf »Und selbst wenn ichs tät was gälte es
Ihnen Sie suchen Ganzes und verabscheuen die Halben und ich gerade bin so ein
Halber ein Viertelsmensch Wenn ich das nicht wäre Johanne und wenn ich zehn
Jahr jünger wäre« sie errötete brennend »und es hier nicht gar so nüchtern
aussähe« er fuhr sich über den kahlen Schädel »dann würde ich jetzt wohl sagen
Johanne nehmen Sie mich mit nach Sienental und na fort damit«
Er erhob sich und schritt wieder auf und nieder
»Wenn Sie die Einsamkeit so lieben warum bleiben Sie hier wohnen« fragte
sie »Warum gehen Sie nicht hin wo es still und ländlich ist«
»Ja die Frage die spricht ein Kindermund leicht aus aber sie beantworten
kann kein Weiser Warum sieht man oft ein dass man wie ein Lump handelt und
ändert sich doch nicht Warum erkennt man dass dies oder jenes der Gesundheit
Gift sei man lebt höllisch gerne und fährt doch ruhig fort das Gift zu
genießen Warum Wer weiß es Wenn ich Ihnen gestehe dass mir diese
Kaféhausabende mit ihrem ewig gleichen nichtssagenden Geschwätz ihrer ewig
gleichen geistigen Langeweile unentbehrlich sind dass mir diese staubigen
menschendurchwühlten Straßen mit ihrem ohrenzerreissenden Getöse täglich zu
durchbummeln unerlässliche Gewohnheit ist würden Sie mich auslachen Und doch
ists so Ich brauche diese dicke von tausend Gerüchen von Qualm und Staub und
fremdem Odem geschwängerte Luft Ich würde verzweifeln wenn ich sie misste Für
mich ists zu spät auf einem andern Boden Wurzeln zu fassen Ich geh schon als
Halber hinüber Ich seh wie ein Gelähmter die schöne grüne Welt um mich aber
ich kann nicht zu ihr«
Johanne senkte traurig den Kopf Beide schwiegen eine Weile dann erhob sie
sich Sie fasste seine Rechte »Dank Lohringer ich will einpacken«
»Also wirklich« Er sagte es halb schmerzhaft halb freudig »Nun Gott mit
Ihnen mein liebes gutes Kind Und eins müssen Sie mir versprechen Kommt es
einmal in Ihrem Leben dass Sie der Hilfe oder des Rates eines treuen Menschen
bedürfen dann erinnern Sie sich meiner«
Er nahm eine Karte aus seinem Portefeuille auf der sein Name und seine
Adresse stand »Hier Adieu Johanne«
»Adieu« hauchte sie »und behalten Sie mich in gutem Andenken«
Er lächelte wendete sich rasch um und ging zum Fenster
Sie eilte fort
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Die alte Blumenarbeiterin machte ein höchst verdutztes Gesicht bei Johannes
Eröffnung Aber Johanne sagte es ihr so lieb dass sie selbst noch Hand mit beim
Einpacken anlegte Der alte hölzerne Koffer war bald gefüllt Dann schlief sie
noch einmal in dem frostigen Stübchen traumlos totmüde ohne jede Aufregung
Am nächsten Morgen fuhr sie nach dem Bahnhof nahm sich ein Billet bis zur
Station von wo aus die Postkutsche sie weiterbringen musste gab ihren Koffer
auf und sprang leichtfüssig ins Koupé
Ja er hatte recht gehabt Es war das Beste zurückzukehren Sie hatte kein
Glück gefunden da drinnen in der großen Stadt Sie war zu einfältig für alle
diese gewichsten aufgedrahteten Menschen in ihren geborgten Festkleidern
Sie hatte in ihrer Naivität gemeint dass unter vornehmen Gewändern auch
saubere Wäsche sein müsse der Anblick des Schmutzes unter der glänzenden
Außenseite machte sie krank
Das Zeichen zur Abfahrt ertönte der Zug begann aus der Halle zu rollen
Sie erhob sich und beugte sich zum Koupéfenster hinaus
»Adieu Ninive wir haben einander nicht verstanden Bald werde ich deinen
Staub von meiner Seele geschüttelt haben«
Und ein frohes Gefühl starker ungebrochner Kraft stieg in ihr auf
Lohringer war der Einzige dessen Bild sie mit hinübernahm in ihre stille
Heimat Sie zog sein Kärtchen heraus und streichelte es Wer weiß vielleicht
kam er doch noch gings durch sie Vor der Hand würde sie ja doch keine Zeit und
Musse haben
Sie wollte wie er ihr geraten hatte ihr Häuschen übernehmen und sich eine
handfeste Magd dingen Sie wollte den Garten brav betreuen ihren Menschen dort
eine liebevolle Gefährtin sein
Mein Gott am Ende wars gar nicht so traurig was sie erwartete
Und verloren verloren hatte sie ja in der Tat nichts Viel viel älter war
sie geworden aber das schadete nichts Ihre Erfahrungen wollte sie tief in sich
einsargen
Je näher sie der Heimat kam umso freudiger pochte ihr Herz Schon die Luft
diese erdreichduftige breite weiche Luft da draußen auf den Feldern durch die
der Zug eilte Einmal kam noch eine hässliche Rückerinnerung über sie Sie fuhr
sich mehreremale mit dem Taschentuch über die Lippen und drückte sich mit
geschlossenen Augen in die Ecke Sie war allein im Koupé Zuletzt nickte sie
ein Als der Schaffner die Station ausrief an der alle aussteigen mussten
sprang sie elastisch aus dem Wagen Da stand auch schon der alte runzelige
Postillon aus Sienental neben der alten Kutsche Johanne schüttelte ihm die
Hand »Besorg mir den Koffer Anton« Er besorgte ihn »Das is ja noch der alte«
grinste er »den kenn ich aber schon lange« Sie lachte und schwang sich in den
Wagen Aber lange konnte sie es nicht so ruhig aushalten Sie erhob sich während
des Fahrens und sich an den Schultern des alten Kutschers festhaltend begann
sie ihn auszufragen
Was alle machten wie es allen ginge
»Der Pastor ist halt hinüber« sagte er lakonisch
»Wie« rief sie schmerzhaft »mein lieber guter alter Pastor« Die Tränen
flossen ihr aus den Augen als Anton des Langen und Breiten berichtete wie und
woran er starb »Er war halt schon an die achtzig« schloss er Sie ließ sich
zurück in den Wagen sinken und sann traurig nach Den hätte sie gern getroffen
»Noch wer is tot« sagte der Postillon sich halb nach ihr umwendend »das
Fräulein von der Blauen Kugel« »Fräulein Wewerka« »Ja die« »Auch die«
Während des weitern Weges sprach Johanne nichts mehr Aber die reine von
Frühlingsahnungen erfüllte Luft scheuchte bald die Wolken von ihrer Stirn
Jauchzende Lerchen stiegen schaarenweis vom braunen leicht begrünten Boden auf
die Sonne durchbrach die weißen Wolken und als der alte graue Kirchturm mit
den davorstehenden zwei Pappeln sichtbar wurde hatte es sich ganz aufgeklärt
An der Biegung der Marktstrasse standen ein paar feiste kleine blondhaarige
Buben denen ein Zipfel Hemds rückwärts herauslugte und begrüßten jubelnd den
Postillon
Johanne hieß ihn halten »Fahr meinen Koffer zum Vormund ja« bat sie ihn
»ich komme gleich nach«
Ohne sich umzusehen eilte sie durch die breite Straße an ihrem
hochgipfeligen Häuschen vorüber nach dem Friedhof Hier brauchte sie nicht
lange zu suchen Gleich am Eingang lag das Grab des alten Pastors Sie kniete
davor nieder Ob sie betete ob sie ihm etwas erzählte Die Pappeln rauschten
mit ihren ersten paar Blättchen dazu und die Sonne goss ihren Friedensschein auf
ihr gesenktes Haupt
Ein Haufe rotwangiger lärmender Schulkinder die zum offenstehenden
Friedhofsgitter hereinstürmten weckte sie aus ihrer Andacht Noch ein paar
Minuten auf der Eltern und der Großmutter Grab dann verließ sie den Friedhof
und schritt langsam die Straße hinab Aber feste Schuhe muss ich mir machen
lassen dachte sie im Gehen die hier sind zu unsolid für diesen derben
ehrlichen Boden Vorm Häuschen des Vormunds machte sie Halt Wo wohl der
Geranienstock hingekommen war der am Fenster neben der Haustür stand Sollte
er im Winter erfroren sein Noch einmal wandte sie sich zurück und sah in die
lichtumflossene weite Landschaft hinaus Ein Fink begann von einem Baum des
Vorgärtchens sein Frühlingslied zu schmettern Hinten aus dem Stalle brüllte
eine Kuh
Da gings wie ein Lachen über Johannes ganzes Gesicht mit einer resoluten
Gebärde stieß sie die Tür des Häuschens auf Das erste was sie erblickte war
ihr alter Holzkoffer der mitten in der Stube stand
»Da ist sie wirklich« sagte die alte Frau ihr entgegenkommend und der
Vormund legte die Pfeife aus dem Mund
Johanne schüttelte die Hände der alten Leute
»Ja sie ist wirklich da und nun sollt ihr aber Eure Freude an mir haben
Gearbeitet wird dass Alle sich wundern werden gebt mir nur den Schlüssel zu
meinem Häuschen Ich freue mich närrisch auf die alte braune Stube Muhme du
bist ja ganz stumm und starrst mich an«
Sie fasste die alte Frau und küsste sie herzhaft auf den Mund
»Ich bin sehr sehr glücklich«
Da trat der Vormund sachte zu ihr zog sein tabakduftendes blaues
Taschentuch heraus und fuhr ihr damit über die Augen
»Das waren die letzten Vormund« lachte sie