1881_Spyri_Heidikann.html




        
                                 Johanna Spyri
                    Heidi kann brauchen was es gelernt hat
                                 Reisezurüstungen
Der freundliche Herr Doktor der den Entscheid gegeben hatte dass das Kind Heidi
wieder in seine Heimat zurückgebracht werden sollte ging eben durch die breite
Straße dem Hause Sesemann zu Es war ein sonniger Septembermorgen so licht und
lieblich dass man hätte denken können alle Menschen müssten sich darüber freuen
Aber der Herr Doktor schaute auf die weißen Steine zu seinen Füßen so dass er
den blauen Himmel über sich nicht einmal bemerken konnte Es lag eine
Traurigkeit auf seinem Gesichte die man vorher nie da gesehen hatte und seine
Haare waren viel grauer geworden seit dem Frühjahr Der Doktor hatte eine
einzige Tochter gehabt mit der er seit dem Tode seiner Frau sehr nahe zusammen
gelebt hatte und die seine ganze Freude gewesen war Vor einigen Monaten war ihm
das blühende Mädchen durch den Tod entrissen worden Seiter sah man den Herrn
Doktor nie mehr so recht fröhlich wie er vorher fast immer gewesen war
    Auf den Zug an der Hausglocke öffnete Sebastian mit großer Zuvorkommenheit
die Eingangstür und machte gleich alle Bewegungen eines ergebenen Dieners denn
der Herr Doktor war nicht nur der erste Freund des Hausherrn und dessen
Töchterchens durch seine Freundlichkeit hatte er sich wie überall die
sämtlichen Hausbewohner zu guten Freunden gemacht
    »Alles beim alten Sebastian« fragte der Herr Doktor wie gewohnt mit
freundlicher Stimme und ging die Treppe hinauf gefolgt von Sebastian der nicht
aufhörte allerlei Zeichen der Ergebenheit zu machen obschon der Herr Doktor
sie eigentlich nicht sehen konnte denn er kehrte dem Nachfolgenden den Rücken
    »Gut dass du kommst Doktor« rief Herr Sesemann dem Eintretenden entgegen
»Wir müssen durchaus noch einmal die Schweizerreise besprechen ich muss von dir
hören ob du unter allen Umständen bei deinem Ausspruche bleibst auch nachdem
nun bei Klärchen entschieden ein besserer Zustand eingetreten ist«
    »Mein lieber Sesemann wie kommst du mir denn vor« entgegnete der
Angekommene indem er sich zu seinem Freunde hinsetzte »Ich möchte wirklich
wünschen dass deine Mutter hier wäre mit der wird alles gleich klar und einfach
und kommt ins rechte Geleise Mit dir aber ist ja kein Fertigwerden Du lässest
mich heute zum drittenmale zu dir kommen damit ich dir immer noch einmal
dasselbe sage«
    »Ja du hast recht die Sache muss dich ungeduldig machen aber du musst doch
begreifen lieber Freund«  und Herr Sesemann legte seine Hand wie bittend auf
die Schulter seines Freundes  »es wird mir gar zu schwer dem Kinde zu
versagen was ich ihm so bestimmt versprochen hatte und worauf es sich nun
monatelang Tag und Nacht gefreut hat Auch diese letzte schlimme Zeit hat das
Kind so geduldig ertragen immer in der Hoffnung dass die Schweizerreise nahe und
es seine Freundin Heidi auf der Alp besuchen könne und nun soll ich dem guten
Kinde das ja sonst schon so vieles entbehren muss die langgenährte Hoffnung mit
einemmal wieder durchstreichen  das ist mir fast nicht möglich«
    »Sesemann das muss sein« sagte sehr bestimmt der Herr Doktor und als sein
Freund stillschweigend und niedergeschlagen da saß fuhr er nach einer Weile
fort »Bedenke doch wie die Sache steht Klara hat seit Jahren keinen so
schlimmen Sommer gehabt wie dieser letzte war von einer so großen Reise kann
keine Rede sein ohne dass wir die schlimmsten Folgen zu befürchten hätten Dazu
sind wir nun in den September eingetreten da kann es ja noch schön sein oben
auf der Alp es kann aber auch schon sehr kühl werden Die Tage sind nicht mehr
lang und oben bleiben und da die Nächte zubringen kann Klara doch nun gar
nicht so hätte sie kaum ein paar Stunden oben zu verweilen Der Weg von Bad
Ragaz dort hinauf muss ja schon mehrere Stunden dauern denn zur Alp hinauf muss
sie entschieden im Sessel getragen werden Kurz Sesemann es kann nicht sein
Aber ich will mit dir hineingehen und mit Klara reden sie ist ja ein
vernünftiges Mädchen ich will ihr meinen Plan mitteilen Im kommenden Mai soll
sie erst nach Ragaz hinkommen dort soll eine längere Badekur unternommen
werden so lange bis es hübsch warm wird oben auf der Alp Dann kann sie dort
von Zeit zu Zeit hinaufgetragen werden da wird sie diese Bergpartien erfrischt
und gestärkt wie sie dann sein wird ganz anders genießen als es jetzt
geschähe Du begreifst auch Sesemann wenn wir noch eine leise Hoffnung für den
Zustand deines Kindes aufrecht erhalten wollen so haben wir die äußerste
Schonung und die sorgfältigste Behandlung zu beobachten«
    Herr Sesemann der bis dahin schweigend und mit dem Ausdrucke trauriger
Ergebung zugehört hatte fuhr jetzt auf einmal empor
    »Doktor« rief er aus »sag es mir ehrlich Hast du wirklich noch Hoffnung
auf eine Änderung dieses Zustandes«
    Der Herr Doktor zuckte die Achseln »Wenig« sagte er halblaut »Aber komm
denk einmal einen Augenblick an mich lieber Freund Hast du nicht ein liebes
Kind das nach dir verlangt und sich auf deine Heimkehr freut wenn du weg bist
Nie musst du in ein verödetes Haus zurückkehren und dich allein an deinen Tisch
hinsetzen Und dein Kind hats auch gut daheim Muss es auch vieles entbehren
das andere genießen können so ist es in manch anderem auch vor vielen
bevorzugt Nein Sesemann ihr seid nicht so sehr zu beklagen ihr habt es doch
recht gut so zusammen zu sein denk an mein einsames Haus«
    Herr Sesemann war aufgestanden und ging nun mit großen Schritten im Zimmer
auf und ab wie er immer zu tun pflegte wenn ihn irgendeine Sache stark
beschäftigte Auf einmal stand er vor seinem Freunde still und klopfte ihm auf
die Schulter
    »Doktor ich habe einen Gedanken Ich kann dich nicht so sehen du bist ja
gar nicht mehr der Alte Du musst ein wenig aus dir heraus und weißt du wie Du
sollst die Reise unternehmen und das Kind Heidi auf seiner Alp besuchen in unser
aller Namen«
    Der Herr Doktor war sehr überrascht von dem Vorschlage und wollte sich
dagegen wehren aber Herr Sesemann ließ ihm keine Zeit Er war so erfreut und
erfüllt von seiner neuen Idee dass er den Freund unter den Arm fasste und nach
dem Zimmer seines Töchterchens hinüberzog Der gute Herr Doktor war für die
kranke Klara immer eine erfreuliche Erscheinung denn er hatte sie von jeher mit
einer großen Freundlichkeit behandelt und ihr jedesmal wenn er kam etwas
Lustiges und Erheiterndes zu erzählen gewusst Warum er das jetzt nicht mehr
konnte wusste sie wohl und hätte so gern ihn wieder froh gemacht Sie streckte
ihm gleich die Hand entgegen und er setzte sich zu ihr hin Herr Sesemann rückte
seinen Stuhl auch heran und indem er Klara bei der Hand fasste fing er an von
der Schweizerreise zu reden und wie er sich selbst darauf gefreut hatte Über
den Hauptpunkt aber dass sie nun unmöglich mehr stattfinden könne glitt er
eilig hinweg denn er fürchtete sich ein wenig vor den kommenden Tränen Dann
ging er schnell auf den neuen Gedanken über und machte Klara darauf aufmerksam
wie wohltätig es für ihren guten Freund wäre wenn er diese Erholungsreise
unternehmen würde
    Die Tränen waren wirklich aufgestiegen und schwammen in den blauen Augen
wie sehr sich auch Klara Mühe gab sie niederzudrücken denn sie wusste wie
ungern der Papa sie weinen sah Aber es war auch hart dass nun alles aus sein
sollte und den ganzen Sommer durch war die Aussicht auf die Reise zum Heidi
ihre einzige Freude und ihr Trost gewesen in all den langen einsamen Stunden
die sie durchlebt hatte Aber Klara war nicht gewohnt zu markten sie wusste
recht gut dass der Papa ihr nur versagte was zum Bösen führen würde und darum
nicht sein durfte Sie schluckte ihre Tränen hinunter und wandte sich nun der
einzigen Hoffnung zu die ihr blieb Sie nahm die Hand ihres guten Freundes und
streichelte sie und bat flehentlich
    »O bitte Herr Doktor nicht wahr Sie gehen zum Heidi und dann kommen Sie
mir alles zu erzählen wie es ist dort oben und was das Heidi macht und der
Großvater und der Peter und die Geißen ich kenne sie alle so gut Und dann
nehmen Sie mit was ich dem Heidi schicken will ich habe schon alles ausgedacht
und auch etwas für die Großmutter Bitte Herr Doktor tun Sies doch ich will
auch gewiss unterdessen Fischtran nehmen so viel Sie nur wollen«
    Ob dieses Versprechen der Sache den Ausschlag gab kann man nicht wissen
aber es ist anzunehmen denn der Herr Doktor lächelte und sagte
    »Dann muss ich ja wohl gehen Klärchen so wirst du uns einmal rund und fest
wie wir dich haben wollen Papa und ich Und wann muss ich denn reisen hast du
das schon bestimmt«
    »Am liebsten gleich morgen früh Herr Doktor« entgegnete Klara
    »Ja sie hat recht« fiel hier der Vater ein »die Sonne scheint der Himmel
ist blau es ist keine Zeit zu verlieren für jeden solchen Tag ist es schade
den du noch nicht auf der Alp genießen kannst«
    Der Herr Doktor musste ein wenig lachen »Nächstens wirst du mir vorwerfen
dass ich noch da bin Sesemann so muss ich wohl machen dass ich fort komme«
    Aber Klara hielt den Aufstehenden fest erst musste sie ihm ja noch alle
Aufträge an das Heidi übergeben und ihm noch so vieles anempfehlen das er recht
betrachten und ihr dann davon erzählen sollte Die Sendung an das Heidi konnte
ihm erst später zugeschickt werden denn Fräulein Rottenmeier musste erst alles
verpacken helfen sie war aber eben auf einer ihrer Wanderungen durch die Stadt
begriffen von denen sie nicht so schnell zurückkehrte
    Der Herr Doktor versprach alles genau auszurichten die Reise wenn nicht
am Morgen früh so doch wo möglich noch im Laufe des folgenden Tages anzutreten
und dann bei seiner Heimkehr getreulich Bericht zu erstatten über alles das er
gesehen und erlebt haben würde
    Die Diener eines Hauses haben oft eine merkwürdige Gabe die Dinge zu
erfassen die im Hause ihrer Herren vor sich gehen lange bevor diese dazu
kommen ihnen Mitteilung davon zu machen Sebastian und Tinette mussten diese
Gabe in hohem Grade besitzen denn eben als der Herr Doktor von Sebastian
begleitet die Treppe hinunterging trat Tinette ins Zimmer der Klara ein die
nach dem Mädchen geschellt hatte
    »Holen Sie diese Schachtel voll ganz frischer weicher Kuchen wie wir sie
zum Kaffee haben Tinette« sagte Klara und deutete auf die Schachtel hin die
schon lange bereit gestanden hatte Tinette erfasste das bezeichnete Ding an
einer Ecke und ließ es verächtlich an ihrer Hand baumeln unter der Tür sagte
sie schnippisch
    »Es ist wohl der Mühe wert«
    Als der Sebastian unten mit gewohnter Höflichkeit die Tür aufgemacht hatte
sagte er mit einem Bückling
    »Wenn der Herr Doktor wollten so freundlich sein und dem Mamsellchen auch
einen Gruß vom Sebastian bestellen«
    »Ah sieh da Sebastian« sagte der Herr Doktor freundlich »so wissen Sie
denn auch schon dass ich reise«
    Sebastian musste ein wenig husten
    »Ich bin  ich habe  ich weiß selbst nicht mehr recht  ach ja jetzt
erinnere ich mich Ich bin eben zufällig durch das Esszimmer gegangen da habe
ich den Namen des Mamsellchens aussprechen gehört und wie es so geht man hängt
dann so einen Gedanken an den andern an und so  und in der Weise «
    »Ja wohl ja wohl« lächelte der Herr Doktor »und je mehr Gedanken einer
hat je mehr wird er inne Auf Wiedersehen Sebastian der Gruß wird bestellt«
    Jetzt wollte der Herr Doktor rasch durch die offene Haustür enteilen aber
er traf auf ein Hindernis der starke Wind hatte Fräulein Rottenmeier
verhindert ihre Wanderung weiter fortzusetzen eben war sie zurückgekehrt und
wollte ihrerseits durch die offene Tür eintreten Der Wind hatte ihr weites
Tuch in das sie sich gehüllt hatte aber dergestalt aufgebläht dass es gerade
so anzusehen war als habe sie die Segel aufgespannt Der Herr Doktor wich
augenblicklich zurück Aber gegen diesen Mann hatte Fräulein Rottenmeier von
jeher eine besondere Anerkennung und Zuvorkommenheit an den Tag gelegt Auch sie
wich mit ausgesuchter Höflichkeit zurück und eine Weile standen die beiden mit
rücksichtsvoller Gebärde da und machten einander gegenseitig Platz Jetzt aber
kam ein so starker Windstoß dass Fräulein Rottenmeier auf einmal mit vollen
Segeln gegen den Doktor heranflog Er konnte eben noch ausweichen die Dame aber
wurde noch ein gutes Stück über ihn hinausgetrieben so dass sie wieder
zurückkehren musste um nun den Freund des Hauses mit Anstand zu begrüßen Der
gewalttätige Vorgang hatte sie ein wenig verstimmt aber der Herr Doktor hatte
eine Art und Weise die ihr gekräuseltes Gemüt bald glättete und eine sanfte
Stimmung darüber verbreitete Er teilte ihr seinen Reiseplan mit und bat sie in
der einnehmendsten Weise ihm die Sendung an das Heidi so zu verpacken wie nur
sie zu packen verstehe Dann empfahl sich der Herr Doktor
    Klara erwartete dass sie erst einige Kämpfe mit Fräulein Rottenmeier zu
bestehen haben würde bevor diese ihre Zustimmung zum Absenden all der
Gegenstände geben werde die Klara für das Heidi bestimmt hatte Aber diesmal
hatte sie sich getäuscht Fräulein Rottenmeier war ausnehmend gut gelaunt
Sogleich räumte sie alles weg was auf dem großen Tische lag um die Dinge alle
die Klara zusammengebracht hatte darauf auszubreiten und dann vor ihren Augen
die Sendung zu verpacken Es war keine leichte Arbeit denn die Gegenstände die
da zusammengerollt werden sollten waren vielgestaltig Erst kam der kleine
dicke Mantel mit der Kapuze den Klara für das Heidi ausgesonnen hatte damit es
im kommenden Winter die Großmutter besuchen konnte wann es wollte und nicht
warten musste bis der Großvater kommen konnte und es dann in den Sack
eingewickelt werden musste damit es nicht erfriere Dann kam ein dickes warmes
Tuch für die alte Großmutter damit sie sich darin einhülle und nicht frieren
müsse wenn der Wind wieder so schaurig um die Hütte klappern würde Dann kam
die große Schachtel mit den Kuchen die war auch für die Großmutter bestimmt
dass sie zu ihrem Kaffee auch einmal etwas anderes als ein Brötchen zu essen
habe Jetzt folgte eine ungeheure Wurst die hatte Klara ursprünglich für den
Peter bestimmt weil er doch nie etwas anderes als Käse und Brot bekam Aber sie
hatte sich jetzt anders besonnen denn sie fürchtete der Peter könnte vor
Freuden die ganze Wurst auf einmal aufessen Darum sollte die Mutter Brigitte
diese bekommen und erst für sich und die Großmutter einen guten Teil davon
nehmen und dem Peter den seinigen in verschiedenen Lieferungen abgeben Jetzt
kam noch ein Säckchen Tabak der war für den Großvater der ja so gern ein
Pfeifchen rauchte wenn er am Abend vor der Hütte saß Zuletzt kam noch eine
Anzahl geheimnisvoller Säckchen Päckchen und Schächtelchen welche Klara mit
besonderer Freude zusammengekramt hatte denn da sollte das Heidi allerhand
Überraschungen finden die ihm große Freude machen würden Endlich war das Werk
beendet und ein stattlicher Ballen lag reisefertig an der Erde Fräulein
Rottenmeier schaute darauf nieder in tiefsinnige Betrachtungen über die Kunst
zu packen versunken Klara ihrerseits warf Blicke froher Erwartung darauf hin
denn sie sah das Heidi vor sich wie es vor Überraschung in die Höhe springen
und aufjauchzen würde wenn das ungeheure Paket bei ihm anlangte
    Jetzt trat Sebastian herein und hob mit einem starken Schwung den Ballen auf
seine Schulter um ihn unverzüglich nach dem Hause des Herrn Doktors zu
spedieren
 
                              Ein Gast auf der Alm
Das Frührot glühte über den Bergen und ein frischer Morgenwind rauschte durch
die Tannen und wogte die alten Äste mächtig hin und her Das Heidi schlug seine
Augen auf der Ton hatte es erweckt Dieses Rauschen packte das Heidi immer im
Innersten seines Wesens und zog es mit Gewalt hinaus unter die Tannen Es schoss
von seinem Lager auf und hatte kaum Zeit sich fertig zu machen das musste aber
doch sein denn Heidi wusste nun recht gut dass man immer sauber und ordentlich
aussehen muss
    Jetzt kam es von dem Leiterchen herunter des Großvaters Lager war schon
leer es sprang hinaus Draußen vor der Tür stand der Großvater und schaute den
Himmel an nach allen Seiten hin wie er jeden Morgen tat um zu sehen wie der
Tag werden wollte
    Es zogen rosige Wölkchen oben hin und mehr und mehr blaute der Himmel und
drüben floss es wie lauter Gold über die Höhen und das Weideland denn eben kam
droben die Sonne über die hohen Felsen heraufgestiegen
    »O wie schön O wie schön Guten Tag Großvater« rief das Heidi
heranspringend
    »So sind deine Augen auch schon hell« gab der Großvater zurück dem Heidi
die Hand zum Morgengruß hinhaltend
    Jetzt lief das Heidi unter die Tannen und hüpfte vor Freuden über das Tosen
und Sausen da droben unter den wogenden Ästen herum und bei jedem neuen Windstoß
und lauten Wipfelbrausen jauchzte es auf vor Wonne und sprang noch ein wenig
höher
    Unterdessen war der Großvater zum Stall hingegangen und hatte dem Schwänli
und Bärli die Milch abgenommen dann hatte er beide schön geputzt und gewaschen
zur Bergreise und brachte sie nun auf den Platz heraus Als das Heidi seine
Freunde erblickte kam es herangesprungen und fasste sie beide um den Hals
begrüßte sie zärtlich und sie meckerten fröhlich und zutraulich und jede von
den Geißen wollte dem Heidi mehr Zuneigung beweisen und drückte ihren Kopf noch
immer näher an seine Schultern heran so dass es zwischen den zweien fast
zerdrückt wurde Aber das Heidi hatte keine Furcht und wenn das lebhafte Bärli
gar zu arg bohrte und drängte mit seinem Kopfe dann sagte das Heidi »Nein
Bärli du stossest ja wie der große Türk« und augenblicklich zog Bärli seinen
Kopf zurück und stellte sich ganz anständig hin und das Schwänli hatte auch
schon seinen Kopf in die Höhe gereckt und machte eine vornehme Gebärde so dass
man deutlich sehen konnte es dachte bei sich »Das soll mir denn keiner
nachsagen dass ich mich benehme wie der Türk« Denn das schneeweiße Schwänli war
noch ein wenig vornehmer als das braune Bärli
    Jetzt hörte man von unten herauf die Pfiffe des Peter ertönen und bald
kamen sie heraufgesprungen die lustigen Geißen alle voran der flinke
Distelfink in hohen Sprüngen Gleich war das Heidi wieder mitten in dem Rudel
drin und vor lauter stürmischen Begrüßungen wurde es hin und hergeschoben und
dann schob es wieder ein wenig denn es wollte zu dem schüchternen Schneehöppli
vordringen das ja von den größeren immer wieder weggedrängt wurde wenn es dem
Heidi entgegenstrebte
    Nun kam der Peter heran und tat einen letzten fürchterlichen Pfiff der
sollte die Geißen aufscheuchen und der Weide zujagen denn er wollte Platz
bekommen um dem Heidi etwas zu sagen Die Geißen sprangen ein wenig auseinander
auf den Pfiff hin so konnte der Peter vorrücken und sich nun vor das Heidi
hinstellen
    »Du kannst einmal wieder mitkommen heut« war seine etwas störrige Anrede
    »Nein das kann ich nicht Peter« entgegnete das Heidi »Jeden Augenblick
können sie jetzt von Frankfurt kommen und dann muss ich daheim sein«
    »Das hast du schon manchmal gesagt« brummte der Peter
    »Es gilt aber immer noch und es gilt bis sie kommen« gab das Heidi zurück
»Oder meinst du etwa ich müsse nicht daheim sein wenn sie von Frankfurt zu mir
kommen Meinst du etwa so etwas Peter«
    »Sie können zum Öhi kommen« versetzte der Peter knurrend
    Jetzt ertönte von der Hütte her die kräftige Stimme des Großvaters
    »Warum gehts nicht vorwärts mit der Armee Fehlts am Feldmarschall oder
an den Truppen«
    Augenblicklich machte der Peter Kehrum schwang seine Rute in der Luft dass
sie sauste und alle Geißen die den Ton wohl kannten auf und davon rannten der
Peter hinter ihnen drein alle miteinander in vollem Trab den Berg hinan 
    Seit das Heidi wieder daheim beim Großvater war kam ihm hier und da etwas
in den Sinn woran es vorher nicht gedacht hatte So machte es jetzt alle Morgen
mit großer Anstrengung sein Bett zurecht und strich so lange daran herum bis es
ganz glatt aussah Dann lief es in der Hütte hin und her stellte jeden Stuhl an
seinen Ort und was etwa da und dort herumlag oder hing das kramte es alles in
einen Schrank hinein Dann holte es einen Lappen herbei kletterte auf einen
Stuhl hinauf und rieb so lange mit seinem Lappen auf dem Tische herum bis
dieser ganz blank war Wenn dann der Großvater wieder hereinkam schaute er
wohlgefällig um sich und sagte etwa »Bei uns ists jetzt immer wie Sonntag das
Heidi ist nicht vergebens in der Fremde gewesen«
    Auch heute hatte das Heidi nachdem der Peter fortgetrabt war und es mit dem
Großvater gefrühstückt hatte sich gleich an seine Geschäfte gemacht aber es
wurde fast nicht fertig damit Draußen war es heut Morgen gar so schön und alle
Augenblicke geschah wieder etwas was das Heidi in seiner Tätigkeit unterbrach
Jetzt kam durch das offene Fenster ein Sonnenstrahl so lustig hereingeschossen
und es war geradezu als rief er »Komm heraus Heidi komm heraus« Da konnte
es nicht mehr drinnen bleiben es rannte hinaus Da lag der funkelnde
Sonnenschein um die ganze Hütte herum und auf allen Bergen glänzte er und weit
weit das Tal hinunter und der Boden dort am Abhang sah so goldig und trocken
aus es musste ein wenig darauf niedersitzen und umherschauen Dann kam ihm auf
einmal in den Sinn dass das Dreibeinstühlchen noch mitten in der Hütte stand und
der Tisch noch nicht geputzt war vom Morgenessen Nun sprang es schnell auf und
lief in die Hütte zurück Aber es währte gar nicht lange so sauste es draußen
so mächtig durch die Tannen dass es dem Heidi in alle Glieder fuhr es musste
schon wieder hinaus und ein wenig mitüpfen wenn alle Zweige da droben hin und
her wogten und rollten Der Großvater hatte einstweilen hinten im Schopf
allerlei Arbeit zu verrichten er trat von Zeit zu Zeit unter die Tür hinaus und
schaute lächelnd Heidis Sprüngen zu Eben war er wieder zurückgetreten als mit
einemmal das Heidi laut aufschrie
    »Großvater Großvater Komm komm«
    Er trat rasch wieder heraus fast erschrocken was mit dem Kinde sei Da sah
er wie dieses dem Abhange zulief laut schreiend »Sie kommen sie kommen Und
voran der Herr Doktor«
    Das Heidi stürzte seinem alten Freund entgegen Dieser streckte grüßend
seine Hand aus Wie das Kind ihn erreicht hatte umfasste es zärtlich den
ausgestreckten Arm und rief in voller Herzensfreude
    »Guten Tag Herr Doktor Und ich danke auch noch viel tausendmal«
    »Grüß Gott Heidi Und wofür dankst du denn schon« fragte freundlich
lächelnd der Herr Doktor
    »Dass ich wieder heim konnte zum Großvater« erklärte ihm das Kind
    Dem Herrn Doktor gings wie ein Sonnenschein über das Gesicht Diesen
Empfang auf der Alp hatte er nicht erwartet Im Gefühl seiner Einsamkeit war er
unter tiefsinnigen Gedanken den Berg hinaufgestiegen und hatte noch nicht einmal
gesehen wie schön es um ihn her war und dass es immer schöner wurde Er hatte
angenommen das Kind Heidi werde ihn kaum mehr kennen es hatte ihn so wenig
gesehen und er kam sich vor wie einer der kommt den Leuten eine Enttäuschung
zu bereiten und den sie darum nicht ansehen mögen weil er ja die erwarteten
Freunde nicht mitbrachte Statt dessen leuchtete dem Heidi die helle Freude aus
den Augen und voller Dank und Liebe hielt es immer noch den Arm seines guten
Freundes fest
    Mit väterlicher Zärtlichkeit nahm der Herr Doktor das Kind bei der Hand
»Komm Heidi« sagte er in freundlichster Weise »führe mich nun zu deinem
Großvater und zeige mir wo du daheim bist«
    Aber das Heidi blieb noch stehen und schaute verwundert den Berg hinunter
    »Wo sind denn Klara und die Grossmama« fragte es jetzt
    »Ja nun muss ich dirs sagen was dir leid tun wird wie mir auch« erwiderte
der Herr Doktor »Sieh Heidi ich komme allein Klara war recht krank und
konnte nicht mehr reisen und so kam auch die Grossmama nicht mit Aber dann im
Frühjahr wenn die Tage wieder warm und schön lang werden dann kommen sie ganz
sicher«
    Das Heidi stand sehr betroffen da es konnte gar nicht fassen dass es nun
alles was es so sicher vor sich gesehen hatte auf einmal gar nicht mehr sehen
sollte Regungslos stand es eine Weile wie verwirrt von dem Unerwarteten
Schweigend stand der Herr Doktor vor ihm und ringsum war alles still nur hoch
oben hörte man den Wind durch die Tannen sausen Da fiel es dem Heidi auf einmal
wieder ein warum es heruntergelaufen sei und dass der Herr Doktor ja gekommen
sei Es schaute zu ihm auf Da lag etwas so Trauriges in den Augen die zu ihm
niederschauten wie es noch gar nicht gesehen hatte so war es nie gewesen wenn
der Herr Doktor in Frankfurt es angeblickt hatte Das ging dem Heidi zu Herzen
es konnte nicht sehen dass jemand traurig war und nun gar der gute Herr Doktor
Gewiss war er so weil Klara und die Grossmama nicht hatten mitkommen können es
suchte schnell nach einem Trost und fand ihn
    »O es währt gewiss nicht lange bis es wieder Frühling wird und dann kommen
sie ja bestimmt« tröstete das Heidi »bei uns währt es gar nie lang und dann
können sie ja viel länger da bleiben das will die Klara gewiss noch lieber und
jetzt wollen wir zum Großvater hinauf« Hand in Hand mit dem guten Freunde stieg
es nun zu der Hütte hinan Es war dem Heidi so sehr daran gelegen den Herrn
Doktor wieder froh zu machen dass es ihn noch einmal zu überzeugen anfing es
währe so wenig lang auf der Alm bis die langen warmen Sommertage wiederkommen
dass man es kaum merke und dabei wurde das Heidi selbst so überzeugt von seinem
Trost dass es oben dem Großvater ganz fröhlich entgegenrief
    »Sie sind noch nicht da aber es währt gar nicht lang so kommen sie auch«
    Für den Großvater war der Herr Doktor kein Fremder das Kind hatte ja so
viel von ihm gesprochen Der Alte streckte seinem Gast die Hand entgegen und
bewillkommte ihn mit Herzlichkeit Dann setzten sich die Männer auf die Bank an
der Hütte auch für das Heidi wurde da noch ein Plätzchen gemacht und der Herr
Doktor winkte ihm freundlich dass es neben ihm sitzen solle Nun fing er an zu
erzählen wie Herr Sesemann ihn ermuntert habe die Reise zu machen und wie er
auch selbst gefunden es möchte gut für ihn sein da er sich seit langem nicht
mehr recht frisch und rüstig fühle Dem Heidi sagte er dann ins Ohr es werde
bald noch etwas den Berg heraufkommen das aus Frankfurt mit hergereist sei und
ihm eine viel größere Freude machen werde als der alte Doktor Das Heidi war
sehr gespannt darauf zu erfahren was das sein könne Der Großvater ermunterte
den Herrn Doktor sehr die schönen Herbsttage noch auf der Alm zuzubringen oder
wenigstens an jedem schönen Tage heraufzukommen denn hier oben zu bleiben dazu
konnte ihn der AlmÖhi nicht einladen da war ja keine Gelegenheit den Herrn zu
logieren Er riet aber seinem Gast nicht bis nach Ragaz zurückzukehren sondern
unten im Dörfli ein Zimmer zu beziehen das er im dortigen Wirtshaus in einer
einfachen aber ganz ordentlichen Art finden werde So könnte der Herr Doktor
jeden Morgen nach der Alm heraufkommen was ihm wohltun müsste meinte der Öhi
auch würde er dann gern den Herrn noch auf allerlei Punkte führen weiter hinauf
in die Berge wo es ihm gefallen sollte Diesem gefiel der ganze Vorschlag sehr
wohl und es wurde festgesetzt dass er ausgeführt werden sollte
    Unterdessen war die Sonne in den Mittag gekommen der Wind hatte sich schon
lange gelegt und die Tannen waren ganz still geworden Die Luft war für die Höhe
noch mild und lieblich und säuselte erfrischende Kühle um die sonnebeschienene
Bank
    Jetzt stand der AlmÖhi auf und ging in die Hütte hinein kam aber gleich
wieder und brachte den Tisch heraus den er vor die Bank hinstellte
    »So Heidi nun hol herbei was wir zum Essen brauchen« sagte er »Der Herr
muss nun vorlieb nehmen ist unsere Küche auch einfach so ist das Esszimmer doch
anständig«
    »Das meine ich auch« erwiderte der Herr Doktor indem er auf das
sonnebeleuchtete Tal hinunterschaute »und die Einladung nehme ich an hier oben
muss es schmecken«
    Das Heidi lief nun hin und her wie ein Wiesel und brachte herbei was es nur
drinnen im Schranke finden konnte denn dass es den Herrn Doktor bewirten durfte
war ihm eine ungeheure Freude Der Großvater bereitete unterdessen das Mahl und
trat nun heraus mit dem dampfenden Milchkrug und dem goldig glänzenden
Käsebraten
    Dann schnitt er schöne durchsichtige Schnitten von dem rosigen Fleisch
herunter das er hier oben an der reinen Luft getrocknet hatte Dem Herrn Doktor
schmeckte sein Mittagsmahl so gut wie das ganze Jahr durch noch kein einziges
Mal
    »Ja ja hierhin muss unsere Klara kommen« sagte er jetzt »da wird sie zu
ganz neuen Kräften gelangen und wenn sie eine Zeit lang isst wie ich heute so
wird sie rund und fest werden wie sie in ihrem Leben noch nie war«
    Jetzt kam von unten herauf einer angestiegen der hatte einen großen Ballen
auf dem Rücken Wie er oben bei der Hütte ankam warf er seine Last auf den
Boden hin und sog ein paar gute Züge von der frischen Almluft ein
    »Ah da kommt was mit mir von Frankfurt hergereist ist« sagte der Herr
Doktor aufstehend und das Heidi mit sich ziehend trat er an den Ballen hin und
fing an ihn aufzulösen Als die erste schwere Hülle weg war sagte er
    »So Kind nun fahr weiter fort und hol dir deine Schätze selbst heraus«
    Das Heidi tat so und wie nun alles auseinanderrollte schaute es mit
großen verwunderten Augen auf die Dinge hin Erst als der Herr Doktor wieder
herzutrat und von der großen Schachtel den Deckel weghob dem Heidi bedeutend
»Sieh was die Großmutter zum Kaffee bekommt« da schrie es auf vor Freuden »O
O Jetzt kann die Großmutter einmal schöne Kuchen essen« und sprang rings um
die Schachtel herum und wollte gleich alles zusammenpacken und zur Großmutter
hinuntereilen Aber der Großvater sagte gegen Abend wollten sie dann
miteinander den Herrn Doktor begleiten und die Sachen mitnehmen Jetzt fand das
Heidi auch das schöne Säckchen Tabak und brachte es schnell dem Großvater
herüber Das gefiel ihm sehr wohl er füllte gleich sein Pfeifchen damit und
die beiden Männer sprachen nun auf der Bank sitzend und große Rauchwolken von
sich blasend über allerhand Dinge während das Heidi hin und her sprang von
einem seiner Schätze zum andern Auf einmal kam es wieder zu der Bank zurück
stellte sich vor den Gast hin und sowie die erste Pause im Gespräch entstand
sagte es sehr bestimmt
    »Nein es hat mir nichts mehr Freude gemacht als der alte Herr Doktor«
    Die beiden Männer mussten ein wenig lachen und der Herr Doktor sagte das
hätte er nicht gedacht
    Als die Sonne bald hinter die Berge hinabsteigen wollte stand der Gast auf
um seine Rückreise nach dem Dörfli anzutreten und dort Quartier zu nehmen Der
Großvater packte die Kuchenschachtel die große Wurst und das Tuch unter seinen
Arm der Herr Doktor nahm das Heidi an die Hand und so wanderten sie den Berg
hinunter bis zur GeissenpeterHütte Hier musste das Heidi Abschied nehmen es
sollte drinnen bei der Großmutter warten bis es wieder abgeholt würde vom
Großvater welcher seinen Gast nach dem Dörfli hinunter geleiten wollte Als der
Herr Doktor dem Heidi die Hand zum Abschied bot fragte es »Wollten Sie etwa
gern morgen mit den Geißen auf die Weide hinaufgehen« denn das war das
Schönste was es kannte
    »Es bleibt dabei Heidi« erwiderte er »wir gehen zusammen«
    Nun gingen die Männer weiter und das Heidi trat bei der Großmutter ein Erst
schleppte es mit Anstrengung die Kuchenschachtel mit dann musste es wieder
hinaus um die Wurst zu holen  denn der Großvater hatte alles vor der Tür
niedergelegt  nachher musste es erst noch einmal hinaus das große Tuch zu
holen Es brachte alles so nahe an die Großmutter heran als nur möglich damit
sie recht alles berühren könne und wisse was es sei Das Tuch legte es ihr auf
die Knie
    »Es ist alles aus Frankfurt von der Klara und der Grossmama« berichtete es
der hocherstaunten Großmutter und der verwunderten Brigitte der die
Überraschung so in die Glieder gefahren war dass sie unbeweglich zugeschaut
hatte wie das Heidi mit der größten Anstrengung die schweren Gegenstände
hereingeschleppt und nun alles vor ihren Augen ausgebreitet hatte
    »Aber gelt Großmutter die Kuchen freuen dich furchtbar stark Sieh nur
wie weich sie sind« rief das Heidi immer wieder und die Großmutter bestätigte
»Ja ja gewiss Heidi was sind auch das für gute Leute« Dann strich sie wieder
mit der Hand über das warme weiche Tuch und sagte »Aber das ist etwas
Herrliches für den kalten Winter Das ist etwas so Prächtiges dass ich nie
geglaubt hätte ich könnte in meinem Leben dazu kommen«
    Das Heidi aber musste sich sehr verwundern dass die Großmutter an dem grauen
Tuch noch mehr Freude haben konnte als an den Kuchen Die Brigitte stand immer
noch vor der Wurst die auf dem Tische lag und schaute sie fast mit Verehrung
an In ihrem ganzen Leben hatte sie nie eine solche Riesenwurst gesehen und
diese sollte sie nun selbst besitzen und einmal sogar anschneiden das kam ihr
unglaublich vor Sie schüttelte den Kopf und sagte zaghaft »Man wird doch noch
den Öhi fragen müssen wie das gemeint sei«
    Aber das Heidi sagte ganz ohne Zweifel »Das ist zum Essen gemeint und gar
nicht anders«
    Jetzt kam der Peter hereingestolpert »Der AlmÖhi kommt hinter mir drein
das Heidi soll « er konnte nicht mehr weiter Seine Blicke waren auf den Tisch
gefallen wo die Wurst lag und der Anblick hatte ihn so überwältigt dass er
kein Wort mehr fand Aber das Heidi hatte schon gemerkt was kommen sollte und
gab schnell der Großmutter die Hand Der AlmÖhi ging zwar jetzt nie mehr an der
Hütte vorbei ohne schnell hereinzutreten und die Großmutter zu begrüßen Sie
freute sich auch immer wenn sie seinen Schritt hörte denn er hatte jedes Mal
ein ermunterndes Wort für sie Aber heute war es spät geworden für das Heidi
das alle Morgen mit der Sonne draußen war Der Großvater aber sagte »Das Kind
muss seinen Schlaf haben« und dabei blieb er So rief er durch die offene Tür
der Großmutter nur eine gute Nacht zu und nahm das heranspringende Heidi bei der
Hand und unter dem flimmernden Sternenhimmel hin wanderten die beiden ihrer
friedlichen Hütte zu
 
                                Eine Vergeltung
Am andern Morgen in der Frühe stieg der Herr Doktor vom Dörfli den Berg hinan in
der Gesellschaft des Peter und seiner Geißen Der freundliche Herr versuchte ein
paar Mal mit dem Geissbuben ein Gespräch anzuknüpfen aber es gelang ihm nicht
kaum dass er als Antwort auf einleitende Fragen unbestimmte einsilbige Worte zu
hören bekam Der Peter ließ sich nicht so leicht in ein Gespräch ein So
wanderte die ganze schweigende Gesellschaft bis hinauf zur Almhütte wo schon
erwartend das Heidi stand mit seinen beiden Geißen alle drei munter und
fröhlich wie der frühe Sonnenschein auf allen Höhen
    »Kommst mit« fragte der Peter denn als Frage oder als Aufforderung sprach
er jeden Morgen diesen Gedanken aus
    »Freilich natürlich wenn der Herr Doktor mitkommt« gab das Heidi zurück
    Der Peter sah den Herrn ein wenig von der Seite an
    Jetzt trat der Großvater hinzu das MittagsbrotSäckchen an der Hand Erst
grüßte er den Herrn mit aller Ehrerbietung dann trat er zum Peter hin und hing
ihm das Säckchen um
    Es war schwerer als sonst denn der Öhi hatte ein schönes Stück von dem
rötlichen Fleisch hineingelegt er hatte gedacht vielleicht gefalle es dem
Herrn droben auf der Weide und er nehme dann gern sein Mittagsmahl gleich dort
mit den Kindern ein Der Peter lächelte fast von einem Ohr bis zum andern denn
er ahnte dass da drinnen etwas Ungewöhnliches versteckt sei
    Nun wurde die Bergfahrt angetreten Das Heidi wurde ganz von seinen Geißen
umringt jede wollte zunächst bei ihm sein und eine schob die andere immer ein
wenig seitwärts So wurde es eine Zeit lang mitten in dem Rudel mit
fortgeschoben Aber jetzt stand es still und sagte ermahnend »Nun müsst ihr
artig vorauslaufen aber dann nicht immer wieder kommen und mich drängen und
stoßen ich muss jetzt ein wenig mit dem Herrn Doktor gehen« Dann klopfte es dem
Schneehöppli das sich immer am nächsten zu ihm hielt zärtlich auf den Rücken
und ermahnte es noch besonders nun recht folgsam zu sein Dann arbeitete es
sich aus dem Rudel heraus und ging nun neben dem Herrn Doktor her der es gleich
bei der Hand fasste und festhielt Er musste jetzt nicht mit Mühe nach einem
Gespräch suchen wie vorher denn das Heidi fing gleich an und hatte ihm so viel
zu erzählen von den Geißen und ihren merkwürdigen Einfällen und von den Blumen
oben und den Felsen und Vögeln dass die Zeit unvermerkt dahinging und sie ganz
unerwartet oben auf der Weide anlangten Der Peter hatte im Hinaufgehen öfters
seitwärts auf den Herrn Doktor Blicke geworfen die diesem einen rechten
Schrecken hätten beibringen können er sah sie aber glücklicherweise nicht
    Oben angelangt führte das Heidi seinen guten Freund gleich auf die schöne
Stelle wohin es immer ging und sich auf den Boden setzte und umherschaute denn
da gefiel es ihm am besten Es tat wie es gewohnt war und der Herr Doktor ließ
sich gleich auch neben das Heidi auf den sonnigen Weidboden nieder Ringsum
leuchtete der goldene Herbsttag über die Höhen und das weite grüne Tal Von den
unteren Alpen tönten überall die Herdenglocken herauf so lieblich und
wohltuend als ob sie weit und breit den Frieden einläuteten Auf dem großen
Schneefeld drüben blitzten funkelnd und flimmernd goldene Sonnenstrahlen hin und
her und der graue Falknis hob seine Felsentürme in alter Majestät hoch in den
dunkelblauen Himmel hinauf Der Morgenwind wehte leise und wonnig über die Alp
und bewegte nur sachte die letzten blauen Glockenblümchen die noch übrig
geblieben waren von der großen Schar des Sommers und nun noch wohlig ihre
Köpfchen im warmen Sonnenscheine wiegten Obenhin flog der große Raubvogel in
weiten Bogen umher aber er krächzte heute nicht mit ausgebreiteten Flügeln
schwamm er ruhig durch die Bläue und ließ sichs wohl sein Das Heidi guckte
dahin und dorthin Die lustig nickenden Blumen der blaue Himmel der fröhliche
Sonnenschein der vergnügte Vogel in den Lüften alles war so schön so schön
Heidis Augen funkelten vor Wonne Nun schaute es nach seinem Freunde ob er auch
alles recht sehe was so schön war Der Herr Doktor hatte bis jetzt still und
gedankenvoll um sich geblickt Wie er nun den freudeglänzenden Augen des Kindes
begegnete sagte er
    »Ja Heidi es könnte schön sein hier aber was meinst du Wenn einer ein
trauriges Herz hierher brächte wie müsste er es wohl machen dass er an all dem
Schönen sich freuen könnte«
    »O o« rief das Heidi ganz fröhlich aus »hier hat man gar nie ein
trauriges Herz nur in Frankfurt«
    Der Herr Doktor lächelte ein wenig aber das ging schnell vorüber Dann
sagte er wieder »Und wenn einer käme und alles Traurige aus Frankfurt mit hier
herauf brächte Heidi weißt du da auch noch etwas das ihm helfen könnte«
    »Man muss nur alles dem lieben Gott sagen wenn man gar nicht mehr weiß was
machen« sagte das Heidi ganz zuversichtlich
    »Ja das ist schon ein guter Gedanke Kind« bemerkte der Herr Doktor »Wenn
es aber von ihm selbst kommt was so ganz traurig und elend macht was kann man
da dem lieben Gott sagen«
    Das Heidi musste nachdenken was dann zu machen sei es war aber ganz
zuversichtlich dass man für alle Traurigkeit eine Hilfe vom lieben Gott erhalten
könne Es suchte seine Antwort in seinen eigenen Erlebnissen
    »Dann muss man warten« sagte es nach einer Weile mit Sicherheit »und nur
immer denken jetzt weiß der liebe Gott schon etwas Freudiges das dann nachher
aus dem anderen kommt man muss nur noch ein wenig still sein und nicht
fortlaufen Dann kommt auf einmal alles so dass man ganz gut sehen kann der
liebe Gott hatte die ganze Zeit nur etwas Gutes im Sinn gehabt aber weil man
das vorher noch nicht so sehen kann sondern immer nur das furchtbar Traurige
so denkt man es bleibe dann immer so«
    »Das ist ein schöner Glaube den musst du festhalten Heidi« sagte der Herr
Doktor Eine Weile schaute er schweigend auf die mächtigen Felsenberge hinüber
und in das sonneleuchtende grüne Tal hinab dann sagte er wieder
    »Siehst du Heidi es könnte einer hier sitzen der einen großen Schatten
auf den Augen hätte so dass er das Schöne gar nicht aufnehmen könnte das ihn
hier umgibt Dann möchte doch wohl das Herz traurig werden hier doppelt
traurig wo es so schön sein könnte Kannst du das verstehen«
    Jetzt schoss dem Heidi etwas Schmerzliches in sein frohes Herz Der große
Schatten auf den Augen brachte ihm die Großmutter in Erinnerung die ja nie mehr
die helle Sonne und all das Schöne hier oben sehen konnte Das war ein Leid in
Heidis Herzen das immer neu erwachte sobald die Sache ihm wieder ins
Bewusstsein kam Es schwieg eine Weile ganz still denn das Weh hatte es so
mitten in die Freude hineingetroffen Dann sagte es ernstaft
    »Ja das kann ich schon verstehen Aber ich weiß etwas dann muss man die
Lieder der Großmutter sagen die machen einem wieder ein wenig helle und
manchmal so hell dass man ganz fröhlich wird Das hat die Großmutter gesagt«
    »Welche Lieder Heidi« fragte der Herr Doktor
    »Ich kann nur das von der Sonne und dem schönen Garten und noch von dem
andern langen die Verse die der Großmutter lieb sind denn die muss ich immer
dreimal lesen« erwiderte das Heidi
    »So sag mir einmal diese Verse die möchte ich auch hören« und der Herr
Doktor setzte sich zurecht um aufmerksam zuzuhören
    Das Heidi legte seine Hände ineinander und besann sich noch ein Weilchen
    »Soll ich dort anfangen wo die Großmutter sagt dass einem wieder eine
Zuversicht ins Herz kommt«
    Der Herr Doktor nickte bejahend
    Jetzt begann das Heidi
Ihn ihn lass tun und walten
Er ist ein weiser Fürst
Und wird es so gestalten
Dass du dich wundern wirst
Wenn er wie ihm gebühret
Mit wunderbarem Rat
Das Werk hinausgeführet
Das dich bekümmert hat
Er wird zwar eine Weile
Mit seinem Trost verziehn
Und tun an seinem Teile
Als hätt in seinem Sinn
Er deiner sich begeben
Als solltst du für und für
In Angst und Nöten schweben
Als fragt er nichts nach dir
Wirds aber sich begeben
Dass du ihm treu verbleibst
So wird er dich erheben
Da dus am mindsten gläubst
Er wird dein Herz erlösen
Von der so schweren Last
Die du zu keinem Bösen
Bisher getragen hast
Das Heidi hielt plötzlich inne es war nicht sicher dass der Herr Doktor auch
noch zuhöre Er hatte die Hand über seine Augen gebreitet und saß unbeweglich
da Es dachte er sei vielleicht ein wenig eingeschlafen wenn er dann wieder
erwachte und noch mehr Verse hören wollte würde er es schon sagen Jetzt war
alles still Der Herr Doktor sagte nichts aber er schlief doch nicht Er war in
eine lang vergangene Zeit zurückversetzt Da stand er als ein kleiner Junge
neben dem Sessel seiner lieben Mutter die hatte ihren Arm um seinen Hals gelegt
und sagte ihm das Lied vor das er eben von Heidi hörte und das er so lange
nicht mehr vernommen hatte Jetzt hörte er die Stimme seiner Mutter wieder und
sah ihre guten Augen so liebevoll auf ihm ruhen und als die Worte des Liedes
verklungen waren hörte er die freundliche Stimme noch andere Worte zu ihm
sprechen die musste er gerne hören und ihnen weit nachgehen in seinen Gedanken
denn noch lange Zeit saß er so da das Gesicht in seine Hand gelegt schweigend
und regungslos Als er sich endlich aufrichtete sah er wie das Heidi in
Verwunderung nach ihm blickte Er nahm die Hand des Kindes in die seinige
    »Heidi dein Lied war schön« sagte er und seine Stimme klang froher als
sie bis jetzt geklungen hatte »Wir wollen wieder hierherkommen dann sagst du
mirs noch einmal«
    Während dieser ganzen Zeit hatte der Peter genug zu tun gehabt seinem Ärger
Luft zu machen Da war das Heidi seit vielen Tagen nicht mit auf der Weide
gewesen und nun da es endlich einmal wieder mit war saß der alte Herr die
ganze Zeit neben ihm und der Peter konnte gar nicht an das Heidi herankommen
Das verdross ihn sehr stark Er stellte sich in einiger Entfernung hinter dem
ahnungslosen Herrn auf so dass dieser ihn nicht sehen konnte und hier machte
er erst eine große Faust und schwang sie drohend in der Luft herum und nach
einiger Zeit machte er zwei Fäuste und je länger das Heidi neben dem Herrn
sitzen blieb je schrecklicher ballte der Peter seine Fäuste und streckte sie
immer höher und drohender in die Luft hinauf hinter dem Rücken des Bedrohten
    Unterdessen war die Sonne dahin gekommen wo sie steht wenn man zu Mittag
essen muss das kannte der Peter genau Auf einmal schrie er aus allen Kräften zu
den zweien hinüber
    »Man muss essen«
    Das Heidi stand auf und wollte den Sack herbeiholen damit der Herr Doktor
auf dem Platze wo er saß sein Mittagsmahl abhalten könne Aber er sagte er
habe keinen Hunger er wünsche nur ein Glas Milch zu trinken dann wolle er gern
noch ein wenig auf der Alp umhergehen und etwas weiter hinaufsteigen Da fand
das Heidi dann habe es auch keinen Hunger und wolle auch nur Milch trinken und
nachher wolle es den Herrn Doktor hinaufführen zu den großen moosbedeckten
Steinen hoch oben wo der Distelfink einmal fast hinuntergesprungen wäre und wo
alle die würzigen Kräutlein wüchsen Es lief zum Peter hinüber und erklärte ihm
alles und dass er nun erst eine Schale Milch vom Schwänli nehmen müsse für den
Herrn Doktor und dann noch eine die wolle es für sich haben Der Peter schaute
erst eine Weile sehr erstaunt das Heidi an dann fragte er
    »Wer muss haben was im Sack ist«
    »Das kannst du haben aber zuerst musst du die Milch geben und hurtig« war
Heidis Antwort
    So rasch hatte der Peter in seinem Leben noch keine Tat vollendet als er
nun diese fertig brachte denn er sah immer den Sack vor sich und wusste noch
nicht wie das aussah das drinnen war und nun ihm gehörte Sobald drüben die
beiden ruhig ihre Milch tranken öffnete der Peter den Sack und tat einen Blick
hinein Als er das wundervolle Stück Fleisch gewahr wurde da schüttelte es den
ganzen Peter vor Freude und er tat noch einen Blick hinein um sich zu
versichern dass es auch wahr sei Dann fuhr er mit der Hand in den Sack hinein
um die erwünschte Gabe zum Genuss herauszuholen Aber auf einmal zog er die Hand
wieder zurück als ob er nicht zugreifen dürfe Es war dem Peter in den Sinn
gekommen wie er dort hinter dem Herrn gestanden und gegen ihn gefaustet hatte
und nun schenkte ihm derselbe Herr sein ganzes unvergleichliches Mittagsessen
Jetzt reute den Peter seine Tat denn es war ihm gerade so wie wenn sie ihn
verhinderte sein schönes Geschenk herauszunehmen und sich daran zu erlaben Auf
einmal sprang er in die Höhe und lief zurück auf die Stelle hin wo er gestanden
hatte Da streckte er seine beiden Hände ganz flach in die Luft hinauf zum
Zeichen dass das Fausten nicht mehr gelte und so blieb er eine gute Weile
stehen bis er das Gefühl hatte die Sache sei nun wieder ausgeglichen Dann kam
er in großen Sprüngen zu dem Sack zurück und nun da das gute Gewissen
hergestellt war konnte er mit vollem Vergnügen in sein ungewöhnlich leckeres
Mittagsmahl beißen
    Der Herr Doktor und das Heidi waren lange miteinander herumgewandert und
hatten sich sehr gut unterhalten Jetzt aber fand der Herr es sei Zeit für ihn
zurückzukehren und meinte das Kind wolle nun auch gern noch ein wenig bei
seinen Geißen bleiben Aber das kam dem Heidi nicht in den Sinn denn dann musste
ja der Herr Doktor mutterseelenallein die ganze Alp hinuntergehen Bis zur Hütte
vom Großvater wollte es ihn durchaus begleiten und auch noch ein Stück darüber
hinaus Es ging immer Hand in Hand mit seinem guten Freunde und hatte auf dem
ganzen Wege ihm noch genug zu erzählen und ihm alle Stellen zu zeigen wo die
Geißen am liebsten weideten und wo es im Sommer am meisten von den glänzenden
gelben Weideröschen und vom roten Tausendgüldenkraut und noch anderen Blumen
gebe Die wusste es nun alle zu benennen denn der Großvater hatte ihm den Sommer
durch alle ihre Namen beigebracht so wie er sie kannte Aber zuletzt sagte der
Herr Doktor nun müsse er zurückkehren Sie nahmen Abschied und der Herr ging
den Berg hinunter doch kehrte er sich von Zeit zu Zeit noch einmal um Dann sah
er wie das Heidi immer noch auf derselben Stelle stand und ihm nachschaute und
mit der Hand ihm nachwinkte So hatte sein eigenes liebes Töchterchen getan
wenn er vom Hause fortging 
    Es war ein klarer sonniger Herbstmonat Jeden Morgen kam der Herr Doktor
zur Alp herauf und dann ging es gleich weiter auf eine schöne Wanderung Öfters
zog er mit dem AlmÖhi aus hoch in die Felsenberge hinauf wo die alten
Wettertannen herunternickten und der große Vogel in der Nähe hausen musste denn
da schwirrte er manchmal sausend und krächzend ganz nahe an den Köpfen der
beiden Männer vorbei Der Herr Doktor hatte ein großes Wohlgefallen an der
Unterhaltung seines Begleiters und er musste sich immer mehr verwundern wie gut
der Öhi alle Kräutlein ringsherum auf seiner Alp kannte und wusste wozu sie gut
waren und wie viel kostbare und gute Dinge er da droben überall herauszufinden
wusste so in den harzigen Tannen und in den dunkeln Fichtenbäumen mit den
duftenden Nadeln in dem gekräuselten Moos das zwischen den alten Baumwurzeln
emporspross und in all den feinen Pflänzchen und unscheinbaren Blümchen die
noch ganz hoch oben dem kräftigen Alpenboden entsprangen
    Ebenso genau kannte der Alte auch das Wesen und Treiben aller Tiere da oben
der großen und der kleinen und er wusste dem Herrn Doktor ganz lustige Dinge von
der Lebensweise dieser Bewohner der Felsenlöcher der Erdhöhlen und auch der
hohen Tannenwipfel zu erzählen
    Dem Herrn Doktor verging die Zeit auf diesen »Wanderungen er wusste gar
nicht wie und oftmals wenn er am Abend dem Öhi herzlich die Hand zum Abschied
schüttelte musste er von neuem sagen
    »Guter Freund von Ihnen geh ich nie fort ohne wieder etwas gelernt zu
haben«
    An vielen Tagen aber und gewöhnlich an den allerschönsten wünschte der
Herr Doktor mit dem Heidi auszuziehen Dann saßen sie öfter miteinander auf dem
schönen Vorsprung der Alp wo sie am ersten Tag gesessen hatten und das Heidi
musste wieder seine Liederverse sagen und dem Herrn Doktor erzählen was es nur
wusste Dann saß der Peter öfter hinter ihnen an seinem Platze aber er war jetzt
ganz zahm und faustete nie mehr
    So ging der schöne Septembermonat zu Ende Da kam der Herr Doktor eines
Morgens und sah nicht so fröhlich aus wie er sonst immer ausgesehen hatte Er
sagte es sei sein letzter Tag er müsse nach Frankfurt zurückkehren das mache
ihm große Mühe denn er habe die Alp lieb gewonnen Dem AlmÖhi tat die
Nachricht sehr leid denn auch er hatte sich überaus gern mit dem Herrn Doktor
unterhalten und das Heidi hatte sich so daran gewöhnt alle Tage seinen guten
und liebevollen Freund zu sehen dass es gar nicht begreifen konnte wie das nun
mit einemmale ein Ende nehmen sollte Es schaute fragend und ganz verwundert zu
ihm auf Aber es war wirklich so Der Herr Doktor nahm Abschied vom Großvater
und fragte dann ob das Heidi ihn noch ein wenig begleiten werde Es ging an
seiner Hand den Berg hinunter aber es konnte immer noch nicht recht fassen dass
er ganz fortgehe
    Nach einer Weile stand der Herr Doktor still und sagte nun sei das Heidi
weit genug gekommen es müsse zurückkehren Er fuhr ein paarmal zärtlich mit
seiner Hand über das krause Haar des Kindes hin und sagte »Nun muss ich fort
Heidi Wenn ich dich nur mit mir nach Frankfurt nehmen und bei mir behalten
könnte«
    Dem Heidi stand auf einmal ganz Frankfurt vor den Augen die vielen vielen
Häuser und steinernen Straßen und auch Fräulein Rottenmeier und die Tinette und
es antwortete ein wenig zaghaft »Ich wollte doch lieber dass Sie wieder zu uns
kämen«
    »Nun ja so wirds besser sein So leb wohl Heidi« sagte freundlich der
Herr Doktor und hielt ihm die Hand hin Das Kind legte die seinige hinein und
schaute zu dem Scheidenden auf Die guten Augen die zu ihm niederblickten
füllten sich mit Wasser Jetzt wandte sich der Herr Doktor rasch und eilte den
Berg hinunter
    Das Heidi blieb stehen und rührte sich nicht Die liebevollen Augen und das
Wasser das es darinnen gesehen hatte arbeiteten stark in seinem Herzen Auf
einmal brach es in ein lautes Weinen aus und mit aller Macht stürzte es dem
Forteilenden nach und rief von Schluchzen unterbrochen aus allen Kräften
    »Herr Doktor Herr Doktor«
    Er kehrte um und stand still
    Jetzt hatte ihn das Kind erreicht Die Tränen strömten ihm die Wangen
herunter während es herausschluchzte
    »Ich will gewiss auf der Stelle mit nach Frankfurt kommen und will bei Ihnen
bleiben so lang Sie wollen ich muss es nur noch geschwind dem Großvater sagen«
    Der Herr Doktor streichelte beruhigend das erregte Kind
    »Nein mein liebes Heidi« sagte er mit dem freundlichsten Tone »nicht
jetzt auf der Stelle du musst noch unter den Tannen bleiben du könntest mir
wieder krank werden Aber komm ich will dich etwas fragen Wenn ich einmal
krank und allein bin willst du dann zu mir kommen und bei mir bleiben Kann ich
denken dass sich dann noch jemand um mich kümmern und mich lieb haben will«
    »Ja ja dann will ich sicher kommen noch am gleichen Tag und Sie sind mir
auch fast so lieb wie der Großvater« versicherte das Heidi noch unter
fortwährendem Schluchzen
    Jetzt drückte ihm der Herr Doktor noch einmal die Hand dann setzte er rasch
seinen Weg fort Das Heidi aber blieb auf derselben Stelle stehen und winkte
fort und fort mit seiner Hand so lange es nur noch ein Pünktchen von dem
forteilenden Herrn entdecken konnte Als dieser zum letztenmal sich umwandte und
nach dem winkenden Heidi und der sonnigen Alp zurückschaute sagte er leise vor
sich hin
    »Dort oben ists gut sein da können Leib und Seele gesunden und man wird
wieder seines Lebens froh«
 
                              Der Winter im Dörfli
Um die Almhütte lag der Schnee so hoch dass es anzusehen war als ständen die
Fenster auf dem flachen Boden denn weiter unten war von der ganzen Hütte gar
nichts zu sehen auch die Haustür war völlig verschwunden Wäre der AlmÖhi noch
oben gewesen so hätte er dasselbe tun müssen was der Peter täglich ausführen
musste weil es gewöhnlich über Nacht wieder geschneit hatte Jeden Morgen musste
er jetzt aus dem Fenster der Stube hinausspringen und war es nicht sehr kalt
so dass über Nacht alles zusammengefroren war so versank er dann so tief in dem
weichen Schnee dass er mit Händen und Füßen und mit dem Kopf auf alle Seiten
stoßen und werfen und ausschlagen musste bis er sich wieder herausgearbeitet
hatte Dann bot ihm die Mutter den großen Besen aus dem Fenster und mit diesem
stieß und scharrte der Peter nun den Schnee vor sich weg bis er zur Tür kam
Dort hatte er dann eine große Arbeit denn da musste aller Schnee abgegraben
werden sonst fiel entweder wenn er noch weich war und die Tür aufging die
ganze große Masse in die Küche hinein oder er fror zu und nun war man ganz
vermauert drinnen denn durch diesen Eisfelsen konnte man nicht dringen und
durch das kleine Fenster konnte nur der Peter hinausschlüpfen Für diesen
brachte dann die Zeit des Gefrierens viele Bequemlichkeiten mit sich Wenn er
ins Dörfli hinunter musste öffnete er nur das Fenster kroch durch und kam
draußen zu ebener Erde auf dem festen Schneefeld an Dann schob ihm die Mutter
den kleinen Schlitten durch das Fenster nach und der Peter hatte sich nur
darauf zu setzen und abzufahren wie und wo er wollte er kam jedenfalls
hinunter denn die ganze Alm um und um war dann nur ein großer ununterbrochener
Schlittweg
    Der Öhi war nicht auf der Alp den Winter er hatte Wort gehalten Sobald der
erste Schnee gefallen war hatte er Hütte und Stall abgeschlossen und war mit
dem Heidi und den Geißen nach dem Dörfli hinuntergezogen Dort stand in der Nähe
der Kirche und des Pfarrhauses ein weitläufiges Gemäuer das war in alter Zeit
ein großes Herrenhaus gewesen was man noch an vielen Stellen sehen konnte
obschon jetzt das Gebäude überall ganz oder halb zerfallen war Da hatte einmal
ein tapferer Kriegsmann gewohnt der war in spanische Dienste gegangen und hatte
da viele tapfere Taten verrichtet und viele Reichtümer erbeutet Da war er
heimgekommen nach dem Dörfli und hatte aus seiner Beute ein prächtiges Haus
erstellt darinnen wollte er nun wohnen Aber es ging gar nicht lange so konnte
er es in dem stillen Dörfli nicht mehr aushalten vor Langeweile denn er hatte
zu lange draußen in der lärmvollen Welt gelebt Er zog wieder hinaus und kam gar
niemals mehr zurück Als man nach vielen vielen Jahren sicher wusste dass er tot
war übernahm ein ferner Verwandter unten im Tal das Haus aber es war schon am
Verfallen und der neue Besitzer wollte nicht mehr aufbauen So zogen arme Leute
in das Haus die wenig dafür bezahlen mussten und wenn ein Stück abfiel von dem
Gebäude so ließ man es liegen Seit jener Zeit waren nun wieder viele Jahre
darübergegangen Schon als der Öhi mit seinem jungen Buben Tobias hergekommen
war hatte er das verfallene Haus bezogen und darin gelebt Seiter hatte es
meistens leer gestanden denn wer nicht verstand vorweg dem Verfall ein wenig
zu begegnen und die Löcher und Lücken wo sie entstanden gleich irgendwie zu
stopfen und zu flicken der konnte da nicht bleiben Der Winter droben im Dörfli
war lang und kalt Dann blies und wehte es von allen Seiten durch die Räume dass
die Lichter auslöschten und die armen Leute vom Frost geschüttelt wurden Aber
der Öhi wusste sich zu helfen Gleich nachdem er zu dem Entschluss gekommen war
den Winter im Dörfli zuzubringen hatte er das alte Haus wieder übernommen und
war den Herbst durch öfter heruntergekommen um darin alles so herzurichten wie
es ihm gefiel Um die Mitte des Oktobermonats war er dann mit dem Heidi
heruntergezogen
    Kam man von hinten an das Haus heran so trat man gleich in einen offenen
Raum ein da war auf einer Seite die ganze Wand und auf der andern die halbe
eingefallen Über dieser war noch ein Bogenfenster zu sehen aber das Glas war
längst weg daraus und dicker Epheu rankte sich darum und hoch hinauf bis zur
Decke die noch zur Hälfte fest war Die war schön gewölbt und man konnte gut
sehen das war die Kapelle gewesen Ohne Tür kam man weiter in eine große Halle
hinein da waren hier und da noch schöne Steinplatten auf dem Boden und
zwischendurch wuchs das Gras dicht empor Da waren die Mauern auch alle halb weg
und große Stücke der Decke dazu und hätten da nicht ein paar dicke Säulen noch
ein festes Stück der Decke getragen so hätte man denken müssen diese könne
jeden Augenblick auf die Köpfe derer niederfallen die darunter standen Hier
hatte der Öhi einen Bretterverschlag ringsum gemacht und den Boden dick mit
Streu belegt denn hier in der alten Halle sollten die Geißen logieren Dann
ging es durch allerlei Gänge immer halb offen dass einmal der Himmel
hereinguckte und einmal wieder die Wiese und der Weg draußen Aber zuvorderst
wo die schwere eichene Tür noch fest in den Angeln hing kam man in eine große
weite Stube hinein die war noch gut Da waren noch die vier festen Wände mit
dem dunkeln Holzgetäfel ohne Lücken und in der einen Ecke stand ein ungeheurer
Ofen der ging fast bis an die Decke hinauf und auf die weißen Kacheln waren
große blaue Bilder hingemalt Da waren alte Türme darauf mit hohen Bäumen
ringsum und unter den Bäumen ging ein Jäger dahin mit seinen Hunden Dann war
wieder ein stiller See unter weitschattigen Eichen und ein Fischer stand daran
und hielt seine Rute weit in das Wasser hinaus Um den ganzen Ofen herum ging
eine Bank so dass man da gleich hinsitzen und die Bilder studieren konnte Hier
gefiel es dem Heidi sogleich So wie es mit dem Großvater in die Stube
eingetreten war lief es auf den Ofen zu setzte sich auf die Bank und fing an
die Bilder zu betrachten Aber wie es auf der Bank weiter gleitend bis hinter
den Ofen gelangte nahm eine neue Erscheinung seine ganze Aufmerksamkeit in
Beschlag in dem ziemlich großen Raum zwischen dem Ofen und der Wand waren vier
Bretter erstellt so wie zu einem Äpfelbehälter Darinnen lagen aber nicht
Äpfel da lag unverkennbar Heidis Bett ganz so wie es oben auf der Alm gewesen
war ein hohes Heulager mit dem Leintuch und dem Sack als Decke darauf Das
Heidi jauchzte auf
    »O Großvater da ist meine Kammer o wie schön Aber wo musst du schlafen«
    »Deine Kammer muss nah beim Ofen sein damit du nicht frierst« sagte der
Großvater »die meine kannst du auch sehen«
    Das Heidi hüpfte durch die weite Stube dem Großvater nach der auf der
andern Seite eine Tür aufmachte die in einen kleinen Raum hineinführte da
hatte der Großvater sein Lager errichtet Dann kam aber wieder eine Tür Das
Heidi machte sie geschwind auf und stand ganz verwundert still denn da sah man
in eine Art von Küche hinein die war so ungeheuer groß wie es noch nie in
seinem Leben eine gesehen hatte Da war viel Arbeit für den Großvater gewesen
und es blieb auch noch immer viel zu tun übrig denn da waren Löcher und weite
Spalten in den Mauern auf allen Seiten wo der Wind hereinpfiff und doch waren
schon so viele mit Holzbrettern vernagelt worden dass es aussah als wären
ringsum kleine Holzschränke in der Mauer angebracht Auch die große uralte Tür
hatte der Großvater wieder mit vielen Drähten und Nägeln fest zu machen
verstanden so dass man sie schließen konnte und das war gut denn nachher ging
es in lauter verfallenes Gemäuer hinaus wo dickes Gestrüpp emporwuchs und
Scharen von Käfern und Eidechsen ihre Wohnungen hatten
    Dem Heidi gefiel es wohl in der neuen Behausung und schon am andern Tag
als der Peter kam um zu sehen wie es in der neuen Wohnung zugehe hatte es
schon alle Winkel und Ecken so genau ausgeguckt dass es ganz daheim war und den
Peter überall herumführen konnte Es ließ ihm auch durchaus keine Ruhe bis er
ganz gründlich alle die merkwürdigen Dinge betrachtet hatte die der neue
Wohnsitz enthielt
    Das Heidi schlief vortrefflich in seinem Ofenwinkel aber am Morgen meinte
es doch immer es sollte auf der Alp erwachen und es müsse gleich die Hüttentür
aufmachen um zu sehen ob die Tannen nicht rauschten weil der hohe schwere
Schnee darauf liege und die Äste niederdrücke So musste es jeden Morgen zuerst
lang hin und her schauen bis es sich wieder besinnen konnte wo es war und
jedesmal fühlte es etwas auf seinem Herzen liegen das es würgte und drückte
wenn es sah dass es nicht daheim sei auf der Alp Aber wann es dann den
Großvater reden hörte draußen mit dem Schwänli und dem Bärli und dann die
Geißen so laut und lustig meckerten als wollten sie ihm zurufen »Mach doch
dass du einmal kommst Heidi«  dann merkte es dass es doch daheim war und
sprang fröhlich aus seinem Bett und dann so schnell als möglich in den großen
Geissenstall hinaus Aber am vierten Tage sagte das Heidi sorglich »Heute muss
ich gewiss zur Großmutter hinauf sie kann nicht so lange allein sein«
    Aber der Großvater war nicht einverstanden »Heute nicht und morgen auch
noch nicht« sagte er »Die Alm hinauf liegt der Schnee klaftertief und immer
noch schneit es fort kaum kann der feste Peter durchkommen Ein Kleines wie
du Heidi wäre auf der Stelle eingeschneit und zugedeckt und nicht mehr zu
finden Wart noch ein wenig bis es friert dann kannst du schon über die
Schneedecke hinaufspazieren«
    Das Warten machte zuerst dem Heidi ein wenig Kummer Aber die Tage waren
jetzt so angefüllt von Arbeit dass immer einer unversehens dahin war und ein
anderer kam
    Jeden Morgen und jeden Nachmittag ging das Heidi jetzt in die Schule im
Dörfli und lernte ganz eifrig was da zu lernen war Den Peter sah es aber fast
nie in der Schule denn meistens kam er nicht Der Lehrer war ein milder Mann
der nur hier und da sagte »Es scheint mir der Peter sei wieder nicht da die
Schule täte ihm doch gut aber es liegt auch gar viel Schnee dort hinauf er
wird wohl nicht durchkommen« Aber gegen Abend wenn die Schule aus war kam der
Peter meistens durch und machte seinen Besuch beim Heidi
    Nach einigen Tagen kam die Sonne wieder hervor und warf ihre Strahlen über
den weißen Boden hin aber sie ging ganz früh wieder hinter die Berge hinab so
als gefalle es ihr lange nicht so gut herunterzuschauen wie im Sommer wenn
alles grünte und blühte Aber am Abend kam der Mond ganz hell und groß herauf
und leuchtete die ganze Nacht über die weiten Schneefelder hin und am andern
Morgen glitzerte und flimmerte die ganze Alp von oben bis unten wie ein
Kristall Als der Peter wie die Tage vorher aus seinem Fenster in den tiefen
Schnee hinabspringen wollte ging es ihm wie er nicht erwartet hatte Er nahm
einen Satz hinaus aber anstatt ins Weiche hinab zu kommen schlug es ihn auf
dem unerwartet harten Boden gleich um und unversehens fuhr er ein gutes Stück
den Berg hinunter wie ein herrenloser Schlitten Sehr verwundert kam er
schließlich wieder auf seine Füße und nun stampfte er mit aller Macht auf den
Schneeboden um sich zu versichern dass auch wirklich möglich sei was ihm
soeben begegnet war Es war richtig wie er auch stampfte und einschlug mit den
Absätzen kaum konnte er ein kleines Eissplitterchen herausschlagen die ganze
Alm war steinhart zugefroren Das war dem Peter eben recht er wusste dass dieser
Zustand der Dinge nötig war damit das Heidi einmal wieder da heraufkommen
konnte Schleunig kehrte er um schluckte seine Milch hinunter welche die
Mutter eben auf den Tisch gestellt hatte steckte sein Stücklein Brot in die
Tasche und sagte eilig »Ich muss in die Schule«
    »Ja so geh und lern auch brav« sagte die Mutter beistimmend
    Der Peter kroch zum Fenster hinaus  denn nun war man eingesperrt um des
Eisberges willen vor der Tür  zog seinen kleinen Schlitten nach sich setzte
sich darauf und schoss den Berg hinunter
    Es ging wie der Blitz und als er beim Dörfli da ankam wo es gleich weiter
hinab gegen Maienfeld hin ging fuhr der Peter weiter denn es kam ihm so vor
als müsste er sich und dem Schlitten Gewalt antun wenn er auf einmal den Lauf
einhalten wollte So fuhr er zu bis er ganz unten in der Ebene ankam und es von
selbst nicht mehr weiter ging Dann stieg er ab und schaute sich um Die Gewalt
der Niederfahrt hatte ihn noch ziemlich über Maienfeld hinausgejagt Jetzt
bedachte er dass er jedenfalls zu spät in die Schule käme da sie schon lange
begonnen hatte er aber zum Hinaufsteigen fast eine Stunde brauchte So konnte
er sich alle Zeit lassen zur Rückkehr Das tat er denn auch und kam gerade oben
im Dörfli wieder an als das Heidi aus der Schule zurückgekehrt war und sich mit
dem Großvater an den Mittagstisch setzte Der Peter trat herein und da er
diesmal einen besonderen Gedanken mitzuteilen hatte so lag ihm dieser oben auf
und er musste ihn gleich beim Eintreten los werden
    »Es hat ihn« sagte der Peter mitten in der Stube stillstehend
    »Wen Wen General Das tönt ziemlich kriegerisch« sagte der Öhi
    »Den Schnee« berichtete Peter
    »O o Jetzt kann ich zur Großmutter hinauf« frohlockte das Heidi das die
ganze Ausdrucksweise des Peter gleich verstanden hatte »Aber warum bist du denn
nicht in die Schule gekommen Du konntest ja gut herunterschlitten« setzte es
auf einmal vorwurfsvoll hinzu denn dem Heidi kam es vor das sei nicht in der
Ordnung so draußen zu bleiben wenn man doch gut in die Schule gehen könnte
    »Bin zu weit gekommen mit dem Schlitten war zu spät« gab der Peter zurück
    »Das nennt man desertieren« sagte der Öhi »und Leute die das tun nimmt
man bei den Ohren hörst du«
    Der Peter riss erschrocken an seiner Kappe herum denn vor keinem Menschen
auf der Welt hatte er einen so großen Respekt wie vor dem AlmÖhi
    »Und dazu ein Anführer wie du einer bist der muss sich doppelt schämen so
auszureissen« fuhr der Öhi fort »Was meinst wenn einmal deine Geißen eine da
und die andere dort hinausliefen und sie wollten dir nicht mehr folgen und nicht
tun was gut ist für sie was würdest du dann machen«
    »Sie hauen« entgegnete der Peter kundig
    »Und wenn einmal ein Bub so täte wie eine ungebärdige Geiß und er würde
ein wenig durchgehauen was würdest du dann sagen«
    »Geschieht ihm recht« war die Antwort
    »So jetzt weißt was Geissenoberst wenn du noch einmal auf deinem Schlitten
über die Schule hinaus fährst wenn du hinein solltest so komm dann nachher zu
mir und hol dir was dir dafür gehört«
    Jetzt verstand der Peter den Zusammenhang der Rede und dass er mit dem Buben
gemeint sei der fortlaufe wie eine ungebärdige Geiß Er war ganz getroffen von
dieser Ähnlichkeit und schaute ein wenig bänglich in die Winkel hinein ob so
etwas zu entdecken sei wie er es in solchen Fällen für die Geißen gebrauchte
    Aber ermunternd sagte nun der Öhi »Komm an den Tisch jetzt und halt mit
dann geht das Heidi mit dir Am Abend bringst dus wieder heim dann findest du
dein Nachtessen hier« Diese unerwartete Wendung der Dinge war dem Peter höchst
erfreulich sein Gesicht verzog sich auf alle Seiten vor Vergnügen Er gehorchte
unverzüglich und setzte sich neben das Heidi hin Das Kind aber hatte schon
genug und konnte gar nicht mehr schlucken vor Freude dass es zur Großmutter
gehen sollte Es schob die große Kartoffel und den Käsebraten die noch auf
seinem Teller lagen dem Peter zu der von der andern Seite vom Öhi den Teller
voll bekommen hatte so dass ein ganzer Wall vor ihm aufgerichtet stand aber der
Mut zum Angriff fehlte ihm nicht Das Heidi rannte an den Schrank und holte sein
Mäntelchen von der Klara hervor jetzt konnte es ganz warm eingepackt mit der
Kapuze über dem Kopf seine Reise machen Es stellte sich nun neben den Peter
hin und sobald dieser sein letztes Stück eingeschoben hatte sagte es »Jetzt
komm« Dann machten sie sich auf den Weg Das Heidi hatte dem Peter sehr viel zu
erzählen vom Schwänli und Bärli dass sie beide am ersten Tag in dem neuen Stall
gar nicht hatten fressen wollen und dass sie die Köpfe hatten hängen lassen den
ganzen Tag und keinen Ton von sich gegeben hatten Und es habe den Großvater
gefragt warum sie so tun dann habe er gesagt sie tun so wie es in Frankfurt
denn sie seien noch nie von der Alm heruntergekommen ihr Leben lang Und das
Heidi setzte hinzu »Du solltest nur einmal erfahren wie das ist Peter«
    Die beiden waren so fast oben angekommen ohne dass der Peter ein einziges
Wort gesagt hätte und es war auch als ob ihn ein tiefer Gedanke beschäftigte
dass er nicht einmal recht zuhören konnte wie sonst Als sie nun bei der Hütte
angekommen waren stand der Peter still und sagte ein wenig störrisch »Dann
will ich noch lieber in die Schule gehen als beim Öhi holen was er gesagt
hat«
    Das Heidi war derselben Meinung und bestärkte den Peter ganz eifrig in
seinem Vorsatz Drinnen in der Stube saß die Mutter allein beim Flickwerk sie
sagte die Großmutter müsse die Tage im Bett bleiben es sei zu kalt für sie
und dann sei ihr auch sonst nicht recht Das war dem Heidi etwas Neues sonst
saß die Großmutter immer an ihrem Platz in der Ecke Es rannte gleich zu ihr in
die Kammer hinein Sie lag ganz von dem grauen Tuch umwickelt in ihrem schmalen
Bett mit der dünnen Decke
    »Gott Lob und Dank« sagte die Großmutter gleich als sie das Heidi
hereinspringen hörte Sie hatte schon den ganzen Herbst durch eine geheime Angst
im Herzen gehabt die sie noch immer verfolgte besonders wenn das Heidi eine
Zeit lang nicht kam Der Peter hatte berichtet wie ein fremder Herr aus
Frankfurt gekommen sei und immer mit auf die Weide komme und mit dem Heidi reden
wolle und die Großmutter meinte nicht anders als der Herr sei gekommen das
Heidi wieder mit fortzunehmen Wenn er auch nachher schon allein abreiste so
stieg die Angst doch immer wieder in ihr auf es könnte irgendein Abgesandter
von Frankfurt herkommen und das Kind wieder zurückholen Das Heidi sprang zu dem
Bett der Kranken hin und fragte sorglich »Bist du stark krank Großmutter«
    »Nein nein Kind« beruhigte die Alte indem sie das Heidi liebevoll
streichelte »der Frost ist mir nur ein wenig in die Glieder gefahren«
    »Wirst du dann auf der Stelle gesund wenn es wieder warm ist« fragte
eindringlich das Heidi weiter
    »Ja ja wills Gott noch vorher dass ich wieder an mein Spinnrad kann ich
meinte schon heute ich wolle es probieren morgen wirds dann schon wieder
gehen« sagte die Großmutter in zuversichtlicher Weise denn sie hatte schon
gemerkt dass das Kind erschrocken war
    Ihre Worte beruhigten das Heidi dem es sehr angst gewesen war denn krank
im Bett hatte es die Großmutter noch nie getroffen Es betrachtete sie jetzt ein
wenig verwundert dann sagte es
    »In Frankfurt legen sie einen Shawl an zum Spazierengehen Hast du etwa
gemeint man müsse ihn anlegen wenn man ins Bett geht Großmutter«
    »Weißt du Heidi« entgegnete sie »ich nehme den Shawl so um im Bett dass
ich nicht friere Ich bin so froh darüber die Decke ist ein wenig dünn«
    »Aber Großmutter« fing das Heidi wieder an »bei deinem Kopf geht es
bergab wo es ganz bergauf gehen sollte so muss ein Bett nicht sein«
    »Ich weiß schon Kind ich spüre es auch wohl« und die Großmutter suchte
auf dem Kissen das wie ein dünnes Brett unter dem Kopfe lag einen besseren
Platz zu gewinnen »Siehst du das Kissen war nie besonders dick und jetzt habe
ich so viele Jahre darauf geschlafen dass ich es ein wenig flach gelegen habe«
    »O hätt ich nur in Frankfurt die Klara gefragt ob ich nicht mein Bett
mitnehmen könne« sagte jetzt das Heidi »da hatte es drei große dicke Kissen
aufeinander dass ich gar nicht schlafen konnte und immer weiter
herunterrutschte bis wo es flach war und dann musste ich wieder hinauf weil
man dort so schlafen muss Könntest du so schlafen Großmutter«
    »Ja freilich das gibt warm und man bekommt den Atem so gut wenn man so
hoch liegen kann mit dem Kopf« sagte die Großmutter ein wenig mühsam ihren
Kopf aufrichtend so wie um eine höhere Stelle zu finden »Aber wir wollen jetzt
nicht von dem reden ich habe ja dem lieben Gott für so vieles zu danken das
andere Alte und Kranke nicht haben schon das gute Brötchen das ich immer
bekomme und das schöne warme Tuch hier und dass du so zu mir kommst Heidi
Willst du mir auch wieder etwas lesen heute«
    Das Heidi lief hinaus und holte das alte Liederbuch herbei Nun suchte es
ein schönes Lied nach dem andern denn es kannte sie jetzt wohl und es freute
sich selbst das alles wieder zu hören es hatte ja seit vielen Tagen die Verse
alle die ihm lieb waren nicht mehr gehört
    Die Großmutter lag mit gefalteten Händen da und auf ihrem Gesichte das
erst so bekümmert ausgesehen hatte lag jetzt ein so freudiges Lächeln als wäre
ihr eben ein großes Glück zuteil geworden
    Das Heidi hielt auf einmal inne
    »Großmutter bist du schon gesund geworden« fragte es
    »Es ist mir wohl Heidi es ist mir wohl geworden darüber lies es noch
fertig willst du«
    Das Kind las sein Lied zu Ende und als die letzten Worte kamen
Wird mein Auge dunkler trüber
Dann erleuchte meinen Geist
Dass ich fröhlich zieh hinüber
Wie man nach der Heimat reist 
da wiederholte sie die Großmutter und dann noch einmal und noch einmal und auf
ihrem Gesicht lag jetzt eine große freudige Erwartung Dem Heidi wurde so wohl
dabei Der ganze sonnige Tag seiner Heimkehr stieg vor ihm auf und voller
Freude rief es aus »Großmutter ich weiß schon wie es ist wenn man nach der
Heimat reist« Sie antwortete nichts aber sie hatte die Worte wohl vernommen
und der Ausdruck der dem Heidi so wohl getan hatte blieb auf ihrem Gesicht
    Nach einer Weile sagte das Kind wieder »Jetzt wirds dunkel Großmutter
ich muss heim aber ich bin so froh dass es dir jetzt wieder wohl ist«
    Die Großmutter nahm die Hand des Kindes in die ihrige und hielt sie fest
dann sagte sie
    »Ja ich bin auch wieder so froh wenn ich auch noch liegen bleiben muss so
ist es mir doch wohl Siehst du das weiß niemand der es nicht erfahren hat
wie das ist wenn man viele viele Tage so ganz allein daliegt und hört kein
Wort von einem andern Menschen und kann nichts sehen nicht einen einzigen
Sonnenstrahl Dann kommen so schwere Gedanken über einen dass man manchmal
meint es könne nie mehr Tag werden und man könne nicht mehr weiter Aber wenn
man dann einmal wieder die Worte hört die du mir vorgelesen hast so ist es
wie wenn einem ein Licht davon aufgehen würde im Herzen an dem man sich wieder
freuen kann«
    Jetzt ließ die Großmutter die Hand des Kindes los und nachdem es ihr gute
Nacht gesagt lief es in die Stube zurück und zog den Peter eilig hinaus denn
es war unterdessen Nacht geworden Aber draußen stand der Mond am Himmel und
schien hell auf den weißen Schnee dass es war als wollte der Tag schon wieder
angehen Der Peter zog seinen Schlitten zurecht setzte sich vorn darauf das
Heidi hinter ihn und fort schossen sie die Alm hinunter nicht anders als
wären sie zwei Vögel die durch die Lüfte sausen
    Als später das Heidi auf seinem schönen hohen Heubett hinter dem Ofen lag
da kam ihm die Großmutter wieder in den Sinn wie sie so schlecht lag mit dem
Kopfe und dann musste es an alles denken was sie gesagt hatte und an das
Licht das ihr die Worte im Herzen anzünden Und es dachte wenn die Großmutter
nur alle Tage die Worte hören könnte dann würde es ihr jeden Tag einmal wohl
Aber es wusste nun konnte eine ganze Woche oder vielleicht zwei vergehen ehe
es wieder zu ihr hinauf durfte Das kam dem Heidi so traurig vor dass es immer
stärker nachsinnen musste was es nur machen könnte dass die Großmutter die Worte
jeden Tag zu hören bekäme Auf einmal fiel ihm eine Hilfe ein und es war so
froh darüber dass es meinte es könne gar nicht warten dass der Morgen
wiederkomme und es seinen Plan ausführen könne Auf einmal setzte das Heidi sich
wieder ganz gerade auf in seinem Bett denn vor lauter Nachdenken hatte es ja
sein Nachtgebet noch nicht zum lieben Gott hinaufgeschickt und das wollte es
doch nie mehr vergessen
    Als es nun so recht von Herzen für sich und den Großvater und die Großmutter
gebetet hatte fiel es auf einmal in sein weiches Heu zurück und schlief ganz
fest und friedlich bis zum hellen Morgen
 
                          Der Winter dauert noch fort
Am andern Tage kam der Peter exakt zur rechten Zeit in die Schule
heruntergefahren Sein Mittagessen hatte er in seinem Sack mitgebracht denn da
ging es so zu wenn um Mittag die Kinder im Dörfli nachhause gingen dann
setzten sich die einzelnen Schüler die weit weg wohnten auf die Klassentische
stemmten die Füße fest auf die Bänke und breiteten auf den Knien die
mitgebrachten Speisen aus um so ihr Mittagsmahl zu halten Bis um 1 Uhr konnten
sie sich daran vergnügen dann ging die Schule wieder an Hatte der Peter einmal
einen solchen Schultag mitgemacht dann ging er am Schluss zum Öhi hinüber und
machte seinen Besuch beim Heidi
    Als er heute nach Schulschluss in die große Stube beim Öhi eintrat schoss das
Heidi gleich auf ihn zu denn gerade auf ihn hatte es gewartet »Peter ich weiß
etwas« rief es ihm entgegen
    »Sags« gab er zurück
    »Jetzt musst du lesen lernen« lautete die Nachricht
    »Habs schon getan« war die Antwort
    »Ja ja Peter so mein ich nicht« eiferte jetzt das Heidi »ich meine so
dass du es nachher kannst«
    »Kann nicht« bemerkte der Peter
    »Das glaubt dir jetzt kein Mensch mehr und ich auch nicht« sagte das Heidi
sehr entschieden »Die Grossmama in Frankfurt hat schon gewusst dass es nicht wahr
ist und sie hat mir gesagt ich soll es nicht glauben«
    Der Peter staunte über diese Nachricht
    »Ich will dich schon lesen lehren ich weiß ganz gut wie« fuhr das Heidi
fort »du musst es jetzt einmal erlernen und dann musst du alle Tage der
Großmutter ein Lied lesen oder zwei«
    »Das ist nichts« brummte der Peter
    Dieser hartnäckige Widerstand gegen etwas das gut und recht war und dem
Heidi so sehr am Herzen lag brachte es in Aufregung Mit blitzenden Augen
stellte es sich jetzt vor den Buben hin und sagte bedrohlich
    »Dann will ich dir schon sagen was kommt wenn du nie etwas lernen willst
Deine Mutter hat schon zweimal gesagt du müssest auch nach Frankfurt dass du
allerhand lernest und ich weiß schon wo dort die Buben in die Schule gehen
beim Ausfahren hat mir die Klara das furchtbar große Haus gezeigt Aber dort
gehen sie nicht nur wenn sie Buben sind sondern immerfort wenn sie schon ganz
große Herren sind das habe ich selber gesehen und dann musst du nicht meinen
dass nur ein einziger Lehrer da ist wie bei uns und ein so guter Da gehen
immer ganze Reihen viele miteinander in das Haus hinein und alle sehen ganz
schwarz aus wie wenn sie in die Kirche gingen und haben so hohe schwarze Hüte
auf den Köpfen«  und das Heidi gab das Maß von den Hüten an vom Boden auf
    Dem Peter fuhr ein Schauder den Rücken hinauf
    »Und dann musst du dort hinein unter alle die Herren« fuhr das Heidi mit
Eifer fort »und wenn es dann an dich kommt so kannst du gar nicht lesen und
machst noch Fehler beim Buchstabieren Dann kannst du nur sehen wie dich die
Herren ausspotten das ist dann noch viel ärger als die Tinette und du
solltest nur wissen wie es ist wenn diese spottet«
    »So will ich« sagte der Peter halb kläglich halb ärgerlich
    Im Augenblick war das Heidi besänftigt »So das ist recht dann wollen wir
gleich anfangen« sagte es erfreut und geschäftig zog es den Peter an den Tisch
hin und holte das nötige Werkzeug herbei
    In dem großen Paket der Klara hatte sich auch ein Büchlein befunden das dem
Heidi wohlgefiel und schon gestern Nacht war es ihm in den Sinn gekommen das
könne es gut zu dem Unterricht für den Peter gebrauchen denn das war ein
AbcBüchlein mit Sprüchen
    Jetzt saßen die beiden am Tisch die Köpfe über das kleine Buch gebeugt und
die Lehrstunde konnte beginnen
    Der Peter musste den ersten Spruch buchstabieren und dann wieder und dann
noch einmal denn das Heidi wollte die Sache sauber und geläufig haben
    Endlich sagte es »Du kannsts immer noch nicht aber ich will dir ihn jetzt
einmal hintereinander lesen wenn du weißt wies heißen muss kannst dus dann
besser zusammenbuchstabieren« Und das Heidi las
Geht heut das A B C noch nicht
Kommst morgen du vors Schulgericht
»Ich geh nicht« sagte der Peter störrisch
    »Wohin« fragte das Heidi
    »Vor das Gericht« war die Antwort
    »So mach dass du einmal die drei Buchstaben kennst dann musst du ja nicht
gehen« bewies ihm das Heidi
    Jetzt setzte der Peter noch einmal an und repetierte beharrlich die drei
Buchstaben so lange fort bis das Heidi sagte
    »Jetzt kannst du die drei«
    Da es aber nun bemerkt hatte welch eine Wirkung der Spruch auf den Peter
ausgeübt hatte wollte es gleich noch ein wenig vorarbeiten für die folgenden
Lehrstunden
    »Wart ich will dir jetzt noch die anderen Sprüche lesen« fuhr es fort
»dann wirst du sehen was alles noch kommen kann«
    Und es begann sehr klar und verständlich zu lesen
D E F G muss fliessend sein
Sonst kommt ein Unglück hintendrein
Vergessen H I K
Das Unglück ist schon da
Wer am L M noch stottern kann
Zahlt eine Buss und schämt sich dann
Es gibt etwas und wüsstests du
Du lerntest schnell N O P Q
Stehst du noch an bei R S T
Kommt etwas nach das tut dir weh
Hier hielt das Heidi inne denn der Peter war so mäuschenstill dass es einmal
sehen musste was er mache Alle die Drohungen und geheimen Schrecknisse hatten
ihm so zugesetzt dass er kein Glied mehr bewegte und schreckensvoll das Heidi
anstarrte
    Das rührte sogleich sein mitleidiges Herz und tröstend sagte es
    »Du musst dich nicht fürchten Peter komm du jetzt nur jeden Abend zu mir
und wenn du dann lernst wie heut so kennst du allemal zuletzt die Buchstaben
und dann kommt ja das andere nicht Aber nun musst du alle Tage kommen nicht so
wie du in die Schule gehst wenn es schon schneit es tut dir ja nichts«
    Der Peter versprach so zu tun denn der erschreckende Eindruck hatte ihn
ganz zahm und willig gemacht Jetzt trat er seinen Heimweg an 
    Der Peter befolgte Heidis Vorschrift pünktlich und jeden Abend wurden mit
Eifer die folgenden Buchstaben einstudiert und der Spruch beherzigt
    Oft saß auch der Großvater in der Stube und hörte dem Exerzitium zu indem
er vergnüglich sein Pfeifchen rauchte während es öfter in seinen Mundwinkeln
zuckte so als ob ihn von Zeit zu Zeit eine große Heiterkeit übernehmen wollte
    Nach der großen Anstrengung wurde der Peter dann meistens aufgefordert noch
dazubleiben und beim Abendessen mitzuhalten was ihn alsbald für die
ausgestandene Angst die der heutige Spruch mit sich gebracht hatte reichlich
entschädigte
    So gingen die Wintertage dahin Der Peter erschien regelmäßig und machte
wirklich Fortschritte mit seinen Buchstaben
    Mit den Sprüchen hatte er aber täglich zu fechten Man war jetzt beim U
angelangt Als das Heidi den Spruch las
Wer noch das U in V verdreht
Kommt dahin wo er nicht gern geht 
da knurrte der Peter »Ja wenn ich ginge« Aber er lernte doch tüchtig zu so
als stehe er unter dem Eindrucke es könnte ihn doch heimlich einer beim Kragen
nehmen und dorthin bringen wohin er nicht gern ginge
    Am folgenden Abend las das Heidi
Ist dir das W noch nicht bekannt
Schau nach dem Rütlein an der Wand
Da guckte der Peter hin und sagte höhnisch
    »Hat keins«
    »Ja ja aber weißt du was der Großvater im Kasten hat« fragte das Heidi
»Einen Stecken fast so dick wie mein Arm und wenn man ihn herausnimmt so kann
man nur sagen Schau nach dem Stecken an der Wand«
    Der Peter kannte den dicken Haselstock Augenblicklich beugte er sich über
sein W und suchte es zu erfassen
    Am andern Tage hieß es
Willst du noch das X vergessen
Kriegst du heute nix zu essen
Da schaute der Peter forschend zu dem Schrank hinüber wo das Brot und der Käse
drin lagen und sagte ärgerlich
    »Ich habe ja gar nicht gesagt dass ich das X vergessen wolle«
    »Es ist recht wenn du das nicht vergessen willst dann können wir auch
gleich noch einen lernen« schlug das Heidi vor »dann hast du morgen nur noch
einen einzigen Buchstaben«
    Der Peter war nicht einverstanden Aber schon las das Heidi
Machst du noch Halt beim Y
Kommst du mit Hohn und Spott davon
Da stiegen vor Peters Augen alle die Herren in Frankfurt auf mit den hohen
schwarzen Hüten auf den Köpfen und Hohn und Spott in den Gesichtern
Augenblicklich warf er sich auf das Ypsilon und ließ es nicht wieder los bis er
es so gut kannte dass er die Augen zutun konnte und doch wusste wie es aussah
    Am Tag darauf kam der Peter schon ein wenig hoch beim Heidi an denn da war
ja nur noch ein einziger Buchstabe zu verarbeiten und als ihm das Heidi gleich
den Spruch las
Wer zweifelnd noch beim Z bleibt stehen
Muss zu den Hottentotten gehen
da höhnte der Peter »Ja wenn kein Mensch weiß wo die sind«
    »Freilich Peter das weiß der Großvater schon« versicherte das Heidi
»wart nur ich will ihn geschwind fragen wo sie sind er ist nur beim Herrn
Pfarrer drüben« und schon war das Heidi aufgesprungen und wollte zur Tür
hinaus
    »Wart« schrie jetzt der Peter in voller Angst denn schon sah er in seiner
Einbildung den AlmÖhi mitsamt dem Herrn Pfarrer daher kommen und wie ihn die
zwei nun gleich anpacken und den Hottentotten übersenden würden denn er hatte
ja wirklich nicht mehr gewusst wie das Z hieß Sein Angstschrei ließ das Heidi
stillstehen
    »Was hast du denn« fragte es verwundert
    »Nichts Komm zurück Ich will lernen« stieß der Peter mit Unterbrechungen
hervor Aber das Heidi hätte jetzt selbst gern gewusst wo die Hottentotten
seien und es wollte durchaus den Großvater fragen Der Peter schrie ihm aber so
verzweifelt nach dass es nachgab und zurückkam Nun musste er aber auch etwas tun
dafür Nicht nur wurde das Z so manchmal wiederholt dass der Buchstabe für alle
Zeit in seinem Gedächtnis festsitzen musste sondern das Heidi ging gleich noch
zum Syllabieren über und an dem Abend lernte der Peter so viel dass er um einen
ganzen Ruck vorwärts kam  So ging es weiter Tag für Tag
    Der Schnee war wieder weich geworden und darüberhin schneite es neuerdings
einen Tag um den andern so dass das Heidi wohl drei Wochen lang gar nicht zur
Großmutter hinauf konnte Um so eifriger war es in seiner Arbeit an dem Peter
dass er es ersetzen könne beim Liederlesen So kam eines Abends der Peter heim
vom Heidi trat in die Stube ein und sagte
    »Ich kanns«
    »Was kannst du Peterli« fragte erwartungsvoll die Mutter
    »Das Lesen« antwortete er
    »Ist auch das möglich Hast dus gehört Großmutter« rief die Brigitte in
hoher Verwunderung aus
    Die Großmutter hatte es gehört und musste sich auch sehr verwundern wie das
zugegangen sei
    »Ich muss jetzt ein Lied lesen das Heidi hats gesagt« berichtete der Peter
weiter Die Mutter holte hurtig das Buch herunter und die Großmutter freute
sich sie hatte so lange kein gutes Wort gehört Der Peter setzte sich an den
Tisch hin und begann zu lesen Seine Mutter saß aufhorchend neben ihm nach
jedem Vers musste sie mit Bewunderung sagen »Wer hätte es auch denken können«
    Auch die Großmutter folgte mit Spannung einem Vers nach dem andern sie
sagte aber nichts dazu
    Am Tage nach diesem Ereignis traf es sich dass in der Schule in Peters
Klasse eine Leseübung stattfand Als die Reihe an den Peter kommen sollte sagte
der Lehrer
    »Peter muss man dich wieder übergehen wie immer oder willst du einmal
wieder  ich will nicht sagen lesen ich will sagen versuchen an einer Linie
herumzustottern«
    Der Peter fing an und las hintereinander drei Linien ohne abzusetzen
    Der Lehrer legte sein Buch weg Mit stummem Erstaunen blickte er auf den
Peter so als habe er desgleichen noch nie gesehen Endlich sprach er
    »Peter an dir ist ein Wunder geschehen So lange ich mit unbeschreiblicher
Geduld an dir gearbeitet habe warst du nicht imstande auch nur das
Buchstabieren richtig zu erfassen Nun ich obwohl ungern die Arbeit an dir als
nutzlos aufgegeben habe geschieht es dass du erscheinst und hast nicht nur das
Buchstabieren sondern ein ordentliches sogar deutliches Lesen erlernt Woher
können zu unserer Zeit denn noch solche Wunder kommen Peter«
    »Vom Heidi« antwortete dieser
    Höchst verwundert schaute der Lehrer nach dem Heidi hin das ganz harmlos
auf seiner Bank saß so dass nichts Besonderes an ihm zu sehen war Er fuhr fort
    »Ich habe überhaupt eine Veränderung an dir bemerkt Peter Während du
früher oftmals die ganze Woche ja mehrere Wochen hintereinander in der Schule
gefehlt hast so bist du in der letzten Zeit nicht einen Tag ausgeblieben Woher
kann eine solche Umwandlung zum Guten in dich gekommen sein«
    »Vom Öhi« war die Antwort
    Mit immer größerem Erstaunen blickte der Lehrer vom Peter auf das Heidi und
von diesem wieder auf den Peter zurück
    »Wir wollen es noch einmal versuchen« sagte er dann behutsam und noch
einmal musste der Peter an drei Linien seine Kenntnisse erproben Es war richtig
er hatte lesen gelernt
    Sobald die Schule zu Ende war eilte der Lehrer zum Herrn Pfarrer hinüber
um ihm mitzuteilen was vorgefallen war und in welcher erfreulichen Weise der
Öhi und das Heidi in der Gemeinde wirkten
    Jeden Abend las jetzt der Peter daheim ein Lied vor so weit gehorchte er
dem Heidi weiter aber nicht ein zweites unternahm er nie die Großmutter
forderte ihn aber auch nie dazu auf
    Die Mutter Brigitte musste sich noch täglich verwundern dass der Peter dieses
Ziel erreicht hatte und an manchen Abenden wenn die Vorlesung vorbei war und
der Vorleser in seinem Bett lag musste sie wieder zur Großmutter sagen
    »Man kann sich doch nicht genug freuen dass der Peterli das Lesen so schön
erlernt hat jetzt kann man gar nicht wissen was noch aus ihm werden kann«
    Da antwortete einmal die Großmutter
    »Ja es ist so gut für ihn dass er etwas gelernt hat aber ich will doch
herzlich froh sein wenn der liebe Gott nun bald den Frühling schickt dass das
Heidi auch wieder heraufkommen kann es ist doch wie wenn es ganz andere Lieder
läse Es fehlt so manchmal etwas in den Versen wenn sie der Peter liest und
ich muss es dann suchen und dann komm ich nicht mehr nach mit den Gedanken und
der Eindruck kommt mir nicht ins Herz wie wenn mir das Heidi die Worte liest«
    Das kam aber daher weil der Peter sich beim Lesen ein wenig einrichtete
dass ers nicht zu unbequem hatte Wenn ein Wort kam das gar zu lang war oder
sonst schlimm aussah so ließ er es lieber ganz aus denn er dachte um drei
oder vier Worte in einem Vers werde es der Großmutter wohl gleich sein es
kommen ja dann noch viele So kam es dass es fast keine Hauptwörter mehr hatte
in den Liedern die der Peter vorlas
 
                         Die fernen Freunde regen sich
Der Mai war gekommen Von allen Höhen strömten die vollen Frühlingsbäche ins Tal
herab Ein warmer lichter Sonnenschein lag auf der Alp Sie war wieder grün
geworden der letzte Schnee war weggeschmolzen und von den lockenden
Sonnenstrahlen geweckt guckten schon die ersten Blümchen mit ihren hellen Augen
aus dem frischen Gras heraus Droben rauschte der fröhliche Frühlingswind durch
die Tannen und schüttelte ihnen die alten dunkeln Nadeln fort dass die jungen
hellgrünen herauskommen und die Bäume herrlich schmücken konnten Hoch oben
schwang wieder der alte Raubvogel seine Flügel in den blauen Lüften und rings um
die Almhütte lag der goldene Sonnenschein warm am Boden und trocknete die
letzten feuchten Stellen auf dass man wieder hinsitzen konnte wo man nur
wollte
    Das Heidi war wieder auf der Alp Es sprang dahin und dorthin und wusste gar
nicht wo es am schönsten war Jetzt musste es dem Winde lauschen wie er tief
und geheimnisvoll oben von den Felsen heruntersauste immer näher und immer
mächtiger und jetzt schoss er in die Tannen und rüttelte und schüttelte sie und
das war als jauchze er vor Vergnügen und das Heidi musste auch aufjauchzen und
wurde dabei hinund hergeblasen wie ein Blättlein Dann lief es wieder auf das
sonnige Plätzchen vor der Hütte und setzte sich auf den Boden und guckte in das
kurze Gras hinein zu entdecken wie viele kleine Blumenkelche sich öffnen
wollten und schon offen waren Da hüpften und krochen und tanzten auch so viele
lustige Mücken und Käferchen in der Sonne herum und freuten sich und das Heidi
freute sich mit ihnen und sog den Frühlingsduft der aus dem frisch
erschlossenen Boden emporstieg in langen Zügen ein und meinte so schön sei es
noch nie auf der Alp gewesen Den tausend kleinen Tierlein musste es so wohl sein
wie ihm denn es war gerade als summten und sängen sie in heller Freude alle
durcheinander
    »Auf der Alp Auf der Alp Auf der Alp«
    Vom Schopf hinter der Hütte hervor tönte es hie und da wie ein eifriges
Klopfen und Sägen und das Heidi lauschte auch einmal dorthin denn das waren
die alten heimatlichen Töne die es so gut kannte die von Anfang an zum Leben
auf der Alp gehört hatten Jetzt musste es aufspringen und auch einmal dorthin
rennen denn es musste doch wissen was beim Großvater vorging Vor der Schopftür
stand schon fix und fertig ein schöner neuer Stuhl und am zweiten arbeitete
der Großvater mit geschickter Hand
    »O ich weiß schon was das gibt« rief das Heidi in Freuden aus »Das ist
nötig wenn sie von Frankfurt kommen Der ist für die Grossmama und der den du
jetzt machst für die Klara und dann  dann muss noch einer sein« fuhr das Heidi
zögernd fort »oder glaubst du nicht Großvater dass Fräulein Rottenmeier auch
mitkommt«
    »Das kann ich nun nicht sagen« meinte der Großvater »aber es ist sicherer
einen Stuhl bereit zu haben dass wir sie zum Sitzen einladen können wenn sie
kommt«
    Das Heidi schaute nachdenklich auf die hölzernen Stühlchen ohne Lehne hin
und machte still seine Betrachtungen darüber wie Fräulein Rottenmeier und ein
solches Stühlchen zusammenpassen würden Nach einer Weile sagte es bedenklich
den Kopf schüttelnd
    »Großvater ich glaube nicht dass sie darauf sitzt«
    »Dann laden wir sie auf das Kanapee mit dem schönen grünen Rasenüberzug
ein« entgegnete ruhig der Großvater
    Als das Heidi noch nachsann wo das schöne Kanapee mit dem grünen
Rasenüberzug sei erscholl plötzlich von oben her ein Pfeifen und Rufen und
Rutenschwingen durch die Luft dass das Heidi sofort wusste woran es war Es
schoss hinaus und war augenblicklich von den herabspringenden Geißen dicht
umringt Denen musste es wohl sein wie es dem Heidi war wieder auf der Alp zu
sein denn sie machten so hohe Sprünge und meckerten so lebenslustig wie noch
nie und das Heidi wurde dahin und dorthin gedrängt denn jede wollte ihm
zunächst kommen und ihre Freude bei ihm auslassen Aber der Peter stieß sie alle
weg eine rechts und die andere links denn er hatte dem Heidi eine Botschaft zu
überbringen Als er zu ihm vorgedrungen war hielt er ihm einen Brief entgegen
    »Da« sagte er die weitere Erklärung der Sache dem Heidi selbst
überlassend Es war sehr erstaunt
    »Hast du denn auf der Weide einen Brief für mich bekommen« fragte es voller
Verwunderung
    »Nein« war die Antwort
    »Ja wo hast du ihn denn genommen Peter«
    »Aus dem Brotsack«
    Das war richtig Gestern Abend hatte der Postbeamte im Dörfli ihm den Brief
an das Heidi mitgegeben Den hatte der Peter in den leeren Sack gelegt Am
Morgen hatte er seinen Käse und sein Stück Brot darauf gepackt und war
ausgezogen Den Öhi und das Heidi hatte er wohl gesehen als er ihre Geißen
abholte aber erst als er um Mittag mit Brot und Käse zu Ende war und noch die
Krumen herausholen wollte war der Brief wieder in seine Hand gekommen
    Das Heidi las aufmerksam seine Adresse ab dann sprang es zum Großvater in
den Schopf zurück und streckte ihm in hoher Freude den Brief entgegen »Von
Frankfurt Von der Klara Willst du ihn gleich hören Großvater«
    Das wollte dieser schon gern und auch der Peter der dem Heidi gefolgt war
schickte sich zum Zuhören an Er stemmte sich mit dem Rücken gegen den
Türpfosten an um einen festen Halt zu haben denn so war es leichter dem Heidi
nachzukommen wie es nun seinen Brief herunterlas
Liebes Heidi
Wir haben schon alles verpackt und in zwei oder drei Tagen wollen wir abreisen
sobald Papa auch abreist aber nicht mit uns er muss zuerst noch nach Paris
reisen Alle Tage kommt der Herr Doktor und ruft schon unter der Tür Fort
fort  Auf die Alp Er kann es gar nicht erwarten dass wir gehen Du solltest
nur wissen wie gern er selbst auf der Alp war Den ganzen Winter ist er fast
jeden Tag zu uns gekommen dann sagte er immer er komme zu mir er müsse mir
wieder erzählen Dann setzte er sich zu mir hin und erzählte von allen Tagen
die er mit Dir und dem Großvater auf der Alp zugebracht hat und von den Bergen
und den Blumen und von der Stille so hoch oben über allen Dörfern und Straßen
und von der frischen herrlichen Luft und er sagte oft Dort oben müssen alle
Menschen wieder gesund werden Er ist auch selbst wieder so anders geworden als
er eine Zeit lang war ganz jung und fröhlich sieht er wieder aus O wie freu
ich mich das alles zu sehen und bei Dir auf der Alp zu sein und auch den Peter
und die Geißen kennen zu lernen Erst muss ich in Ragaz etwa sechs Wochen lang
eine Kur machen das hat der Herr Doktor befohlen und dann sollen wir im Dörfli
wohnen nachher und ich soll dann an schönen Tagen auf die Alp hinaufgefahren
werden in meinem Stuhl und den Tag über bei Dir bleiben Die Grossmama kommt mit
und bleibt bei mir sie freut sich auch zu Dir hinaufzukommen Aber denk
Fräulein Rottenmeier will nicht mit Fast jeden Tag sagt die Grossmama einmal
Wie ists mit der Schweizerreise werte Rottenmeier Genieren Sie sich nicht
wenn Sie Lust haben mitzukommen Aber sie dankt immer furchtbar höflich und
sagt sie wolle nicht unbescheiden sein Aber ich weiß schon woran sie denkt
Der Sebastian hat eine so erschreckliche Beschreibung von der Alp gemacht als
er von Deinem Begleit nachhause kam wie furchtbare Felsen dort herunterstarren
und man überall in Klüfte und Abgründe niederstürzen könne und dass es so steil
hinaufgehe dass man auf jedem Tritt befürchten müsse wieder rücklings
herunterzukommen und dass wohl Ziegen aber keine Menschen ohne Lebensgefahr da
hinaufklettern können Sie hat sehr geschaudert vor dieser Beschreibung und
seither schwärmt sie nicht mehr für Schweizerreisen wie früher Der Schrecken
ist auch in die Tinette gefahren sie will auch nicht mit So kommen wir allein
Grossmama und ich nur Sebastian muss uns bis nach Ragaz begleiten dann kann er
wieder heimkehren
    Ich kann es fast nicht erwarten bis ich zu Dir kommen kann
    Lebe wohl liebes Heidi die Grossmama lässt Dich tausendmal grüßen
    Deine treue Freundin
                                                                          Klara
Als der Peter diese Worte vernommen hatte sprang er von dem Türpfosten weg und
hieb mit seiner Rute nach rechts und links so rücksichtslos und wütend drein
dass die Geißen alle im höchsten Schrecken die Flucht ergriffen und den Berg
hinunterrannten in so masslosen Sprüngen wie sie noch selten gemacht hatten
Hinter ihnen her stürmte der Peter und hieb mit seiner Rute in die Luft hinein
als habe er an einem unsichtbaren Feind einen unerhörten Grimm auszulassen
Dieser Feind war die Aussicht auf die Ankunft der Gäste aus Frankfurt welche
den Peter so sehr erbittert hatte
    Das Heidi war so voller Glück und Freude dass es durchaus am andern Tag der
Großmutter einen Besuch machen und ihr alles erzählen musste wer nun von
Frankfurt kommen und besonders auch wer nicht kommen werde das musste für die
Großmutter ja von der größten Wichtigkeit sein denn sie kannte die Personen
alle so genau und lebte mit dem Heidi alles was zu seinem Leben gehörte
immerfort mit der tiefsten Teilnahme durch Es zog auch beizeiten aus am
folgenden Nachmittag denn jetzt konnte es seine Besuche schon wieder allein
unternehmen die Sonne schien ja wieder hell und blieb lange am Himmel stehen
und über den trockenen Boden hin war es ein herrliches Bergabrennen während der
lustige Maiwind hinterhersauste und das Heidi noch ein wenig schneller
hinunterjagte Die Großmutter lag nicht mehr zu Bett Sie saß wieder in ihrer
Ecke und spann Es lag aber ein Ausdruck auf ihrem Gesicht als habe sie es mit
schweren Gedanken zu tun Das war so seit gestern Abend und die ganze Nacht
durch hatten diese Gedanken sie verfolgt und nicht schlafen lassen Der Peter
war in seinem großen Grimm heimgekommen und sie hatte seinen abgebrochenen
Ausrufungen entnehmen können dass eine Schar von Leuten aus Frankfurt nach der
Almhütte hinaufkommen werde Was dann weiter geschehen sollte wusste er nicht
aber die Großmutter musste weiter denken und das waren gerade die Gedanken die
sie ängstigten und ihr den Schlaf genommen hatten
    Jetzt sprang das Heidi herein und gerade auf die Großmutter zu setzte sich
auf sein Schemelchen das immer da stand und erzählte ihr mit einem solchen
Eifer alles was es wusste dass es selbst immer noch mehr davon erfüllt wurde
Aber auf einmal hörte es mitten in seinem Satz auf und fragte besorgt
    »Was hast du Großmutter freut dich alles gar kein bisschen«
    »Doch doch Heidi es freut mich schon für dich weil du eine so große
Freude daran haben kannst« antwortete sie und suchte ein wenig fröhlich
auszusehen
    »Aber Großmutter ich kann ganz gut sehen dass es dir angst ist Meinst du
etwa Fräulein Rottenmeier komme doch noch mit« fragte das Heidi selber etwas
ängstlich
    »Nein nein Es ist nichts es ist nichts« beruhigte die Großmutter »Gib
mir ein wenig deine Hand Heidi dass ich recht spüren kann dass du noch da bist
Es wird ja doch zu deinem Besten sein wenn ich es auch fast nicht überleben
kann«
    »Ich will nichts von dem Besten wenn du es fast nicht überleben kannst
Großmutter« sagte das Heidi so bestimmt dass dieser mit einemmal eine neue
Befürchtung aufstieg sie musste ja annehmen dass die Leute aus Frankfurt kommen
das Heidi wieder zu holen denn da es nun wieder so gesund war konnte es ja
nicht anders sein als dass sie es wieder haben wollten Das war die große Angst
der Großmutter Aber sie fühlte jetzt dass sie es vor dem Heidi nicht merken
lassen sollte es war ja so mitleidig mit ihr und da könnte es sich vielleicht
widersetzen und nicht gehen wollen und das durfte nicht sein Sie suchte nach
einer Hilfe aber nicht lange denn sie kannte nur eine
    »Ich weiß etwas Heidi« sagte sie nun »das macht mir wohl und bringt mir
die guten Gedanken wieder Lies mir das Lied wo es gleich im Anfang heißt Gott
wills machen«
    Das Heidi wusste jetzt so gut Bescheid in dem alten Liederbuch dass es auf
der Stelle fand was die Großmutter begehrte und es las mit hellem Ton
Gott wills machen
Dass die Sachen
Gehen wie es heilsam ist
Lass die Wellen
Immer schwellen
Denk wie du so sicher bist
»Ja ja das ists grad was ich hören musste« sagte die Großmutter erleichtert
und der Ausdruck der Bekümmernis verschwand aus ihrem Gesichte Das Heidi
schaute sie nachdenklich an dann sagte es
    »Gelt Großmutter heilsam heißt wenn alles heilt dass es einem wieder ganz
wohl wird«
    »Ja ja so wirds sein« nickte bejahend die Großmutter »und weil der
liebe Gott es so machen will so kann man ja sicher sein wies auch kommt Lies
es noch einmal Heidi dass wirs so recht behalten können und nicht wieder
vergessen«
    Das Heidi las seinen Vers gleich noch einmal und dann noch ein paarmal denn
die Sicherheit gefiel ihm auch so gut
    Als so der Abend herangekommen war und das Heidi wieder den Berg
hinaufwanderte da kam über ihm ein Sternlein nach dem andern heraus und
funkelte und leuchtete zu ihm herunter und es war gerade als wollte jedes
wieder neu ihm eine große Freude ins Herz hineinstrahlen und alle Augenblicke
musste das Heidi wieder stille stehen und hinaufschauen und wie sie alle ringsum
am Himmel in immer hellerer Freude herunterblickten da musste es ganz laut
hinaufrufen »Ja ich weiß schon weil der liebe Gott alles so gut weiß wie es
heilsam ist kann man eine solche Freude haben und ganz sicher sein« Und die
Sternlein alle schimmerten und glänzten und winkten dem Heidi zu mit ihren Augen
fort und fort bis es oben bei der Hütte angekommen war wo der Großvater stand
und auch zu den Sternen hinaufschaute denn so schön hatten sie lange nicht mehr
heruntergestrahlt
    Nicht nur die Nächte auch die Tage dieses Maimonats waren so hell und klar
wie seit vielen Jahren nicht mehr und öfters schaute der Großvater am Morgen
mit Erstaunen zu wie die Sonne mit derselben Pracht am wolkenlosen Himmel
wieder aufstieg wie sie niedergegangen war und er musste wiederholt sagen »Das
ist ein apartes Sonnenjahr das gibt besondere Kraft in die Kräuter Pass auf
Anführer dass deine Springer nicht zu übermütig werden vom guten Futter«
    Dann schwang der Peter ganz kühn seine Rute in der Luft und auf seinem
Gesicht stand deutlich die Antwort geschrieben Mit denen will ichs schon
aufnehmen
    So verfloss der grünende Mai und es kam der Juni mit seiner noch wärmeren
Sonne und den langen langen lichten Tagen die alle Blümlein auf der ganzen
Alp herauslockten dass sie glänzten und glühten ringsum und die ganze Luft weit
umher mit ihrem süßen Duft erfüllten Schon ging auch dieser Monat seinem Ende
entgegen als das Heidi eines Morgens aus der Hütte herausgesprungen kam wo es
seine Morgengeschäfte schon vollendet hatte Es wollte schnell einmal unter die
Tannen hinaus und dann ein wenig weiter hinauf um zu sehen ob der ganze große
Busch von dem Tausendgüldenkraut offen stehe denn die Blümchen waren so
entzückend schön in der durchscheinenden Sonne Aber als das Heidi um die Hütte
herumrennen wollte schrie es auf einmal aus allen Kräften so gewaltig auf dass
der Öhi aus dem Schopf heraustrat denn das war etwas Ungewöhnliches
    »Großvater Großvater« rief das Kind wie außer sich »Komm hierher Komm
hierher Sieh Sieh«
    Der Großvater erschien auf den Ruf und sein Blick folgte dem ausgestreckten
Arm des aufgeregten Kindes
    Die Alm herauf schlängelte sich ein seltsamer Zug wie noch nie einer hier
gesehen worden war Zuerst kamen zwei Männer mit einem offenen Tragsessel
darauf saß ein junges Mädchen in viele Tücher eingehüllt Dann kam ein Pferd
darauf saß eine stattliche Dame die sehr lebhaft nach allen Seiten blickte und
sich eifrig mit dem jungen Führer unterhielt der ihr zur Seite ging Dann kam
ein leerer Rollstuhl von einem andern jungen Burschen gestoßen denn die
Kranke die hineingehörte wurde den steilen Berg hinan auf dem Tragsessel
sicherer transportiert Zuletzt kam ein Träger der hatte auf sein Reff so viele
Decken Tücher und Pelze übereinandergehäuft dass sie oben noch hoch über seinen
Kopf hinausragten
    »Sie sinds Sie sinds« schrie das Heidi und hüpfte hochauf vor Freude
Sie waren es wirklich Nun kamen sie näher und näher und nun waren sie da Die
Träger setzten ihren Sessel auf die Erde das Heidi sprang herzu und die beiden
Kinder begrüßten sich mit ungeheurer Freude Jetzt war auch die Grossmama oben
und stieg von ihrem Pferd herunter Das Heidi rannte zu ihr hin und wurde mit
großer Zärtlichkeit begrüßt Dann wandte sich die Grossmama zum AlmÖhi um der
sich genaht hatte um sie zu bewillkommnen Da war gar keine Steifheit in der
Begrüßung denn sie kannte ihn und er sie so gut als hätten sie schon lange
Zeit miteinander verkehrt
    Gleich nach den ersten Worten der Begrüßung sagte auch die Grossmama mit
großer Lebhaftigkeit »Mein lieber Öhi was haben Sie für einen Herrensitz Wer
hätte das gedacht Mancher König könnte Sie darum beneiden Wie sieht auch mein
Heidi aus  Wie ein Monatsröschen« fuhr sie fort indem sie das Kind an sich
zog und ihm die frischen Backen streichelte »Was ist das für eine Herrlichkeit
um und um Was sagst du Klärchen mein Kind was sagst du«
    Klara schaute in völligem Entzücken um sich so etwas hatte sie ja in ihrem
ganzen Leben nicht gekannt nicht geahnt
    »O wie schön ists da O wie schön ists da« rief sie ein Mal ums andere
aus »so hab ich mirs nicht gedacht O Grossmama hier möcht ich bleiben«
    Der Öhi hatte derweilen den Rollstuhl herbeigerückt und einige der Tücher
vom Reff heruntergenommen und hineingebettet Jetzt trat er an den Tragsessel
heran
    »Wenn wir das Töchterchen nun in den gewohnten Stuhl setzten so wäre es
besser daran der Reisesessel ist ein wenig hart« sagte er wartete aber nicht
darauf ob da jemand Hand anlegen werde sondern hob sofort die kranke Klara mit
seinen starken Armen sachte aus dem Strohsessel und setzte sie mit der größten
Sorgfalt auf den weichen Sitz hin Dann legte er ihr die Tücher über die Knie
zurecht und bettete ihr die Füße so bequem auf die Polster als hätte der Öhi
sein Leben lang nichts getan als Menschen mit kranken Gliedern gepflegt Die
Grossmama hatte im höchsten Erstaunen zugeschaut
    »Mein lieber Öhi« brach sie jetzt aus »wenn ich wüsste wo Sie die
Krankenpflege erlernt haben noch heute schickte ich alle Wärterinnen die ich
kenne dahin dass sie dasselbe tun Wie ist denn so etwas möglich«
    Der Öhi lächelte ein wenig »Es kommt mehr vom Probieren als vom
Studieren« entgegnete er aber auf seinem Gesichte lag trotz des Lächelns ein
Zug der Traurigkeit Vor seinen Augen war aus längstvergangener Zeit das
leidende Antlitz eines Mannes aufgestiegen der so in einen Stuhl gebettet da
saß und so verstümmelt war dass er kaum ein Glied mehr gebrauchen konnte Das
war sein Hauptmann den er in Sizilien nach dem heißen Gefecht so an der Erde
gefunden und weggetragen hatte und der ihn nachher als einzigen Pfleger um sich
litt und nicht mehr von sich gelassen hatte bis seine schweren Leiden zu Ende
waren Der Öhi sah seinen Kranken wieder vor sich es war ihm nicht anders als
ob es jetzt seine Sache sei die kranke Klara zu pflegen und ihr alle die
erleichternden Dienstleistungen zu erweisen die er so wohl kannte
    Der Himmel lag dunkelblau und wolkenlos über der Hütte und über den Tannen
und weit über die hohen Felsen weg die grau schimmernd hineinragten Klara
konnte sich gar nicht genug umschauen sie war ganz voller Entzücken über alles
was sie sah
    »O Heidi wenn ich nur mit dir herumgehen könnte hier rund um die Hütte und
unter die Tannen« rief sie sehnsüchtig aus »Wenn ich doch alles mit dir
ansehen könnte was ich schon so lange kenne und doch noch nie gesehen habe«
    Jetzt machte das Heidi eine große Anstrengung und richtig es gelang der
Stuhl rollte ganz schön über den trockenen Grasboden hin bis unter die Tannen
Hier wurde Halt gemacht So etwas hatte ja Klara wieder in ihrem Leben nie
gesehen wie die hohen alten Tannen waren deren lange breite Äste bis auf den
Boden herabwuchsen und da immer größer und dicker wurden Auch die Grossmama die
den Kindern gefolgt war stand in hoher Bewunderung da Sie wusste nicht was das
Schönste an den uralten Bäumen war ob die vielen rauschenden Wipfel hoch oben
im Blau oder die graden festen Säulenstämme die mit ihren gewaltigen Ästen
von so vielen vielen Jahren erzählten die sie schon da oben gestanden und auf
das Tal niedergeschaut hatten wo die Menschen kamen und gingen und immer wieder
alles anders wurde und sie waren immer dieselben geblieben
    Unterdessen hatte das Heidi den Rollstuhl vor den Geissenstall hingeschoben
und hatte da die kleine Tür weit aufgerissen damit Klara auch alles recht sehen
könne Da war nun freilich für diesmal nicht sehr viel zu sehen da die Bewohner
nicht daheim waren Ganz bedauerlich rief Klara zurück
    »O Grossmama wenn ich doch nur Schwänli und Bärli noch erwarten könnte und
alle die anderen Geißen und den Peter Die kann ich ja alle gar nicht sehen
wenn wir dann immer so früh fort müssen wie du gesagt hast das ist so schade«
    »Liebes Kind jetzt erfreuen wir uns an all dem Schönen das da ist und
denken nicht daran was noch fehlen könnte« berichtigte die Grossmama dem
Stuhle folgend der nun wieder weitergeschoben wurde
    »O die Blumen« schrie Klara wieder auf »ganze Büsche so feine rote
Blümchen und alle die nickenden Blauglöckchen O wenn ich doch heraus könnte und
sie holen
    Das Heidi rannte augenblicklich hin und brachte einen großen Strauss zurück
    »Aber das ist noch gar nichts Klara« sagte es die Blumen auf ihren Schoss
legend »Wenn du einmal mit uns auf die Weide hinaufkommst dann wirst du erst
etwas sehen Auf einem Platz zusammen so viele viele Büsche von dem roten
Tausendgüldenkraut und noch viel viel mehr blaue Glockenblümchen als hier und
so viele Tausend von den hellen gelben dass es ist wie lauter Gold das am
Boden glänzt Der Großvater sagt sie heißen Sonnenaugen und dann sind noch die
braunen weißt mit den runden Köpfchen die riechen so gut und da ist es so
schön Wenn man da sitzt dann kann man gar nicht mehr aufstehen so schön ist
es«
    Heidis Augen funkelten vor Verlangen wieder zu sehen was es beschrieb und
Klara war wie angezündet davon und aus ihren sanften blauen Augen leuchtete
ein völliger Widerschein von Heidis feurigem Verlangen auf
    »O Grossmama kann ich wohl dahin kommen Glaubst du ich kann so hoch
hinauf« fragte sie sehnsüchtig »O wenn ich nur gehen könnte Heidi und so mit
dir auf der Alp herumsteigen überall hin«
    »Ich will dich schon stoßen« beruhigte sie das Heidi und nahm nun zum
Zeichen wie leicht das gehe einen solchen Anlauf um die Ecke herum dass der
Stuhl fast den Berg hinuntergeflogen wäre Da stand aber der Großvater in der
Nähe und hielt ihn eben noch rechtzeitig auf in seinem Lauf
    Während der Besuch unter den Tannen stattgefunden hatte war der Großvater
nicht müßig gewesen Bei der Bank vor der Hütte stand jetzt der Tisch und die
nötigen Stühle und alles lag schon bereit damit hier das schöne Mittagsmahl
eingenommen werden konnte das noch in der Hütte drinnen im Kessel dampfte und
an der großen Gabel über den Gluten schmorte Es währte aber gar nicht lange so
hatte der Großvater alles auf den Tisch gesetzt und fröhlich saß nun die ganze
Gesellschaft beim Mahle
    Die Grossmama war in hellem Entzücken über diesen Speisesaal von dem aus man
weit weit hinab ins Tal und über alle Berge weg in den blauen Himmel hinein
schauen konnte Ein milder Wind fächelte den Tischgenossen liebliche Kühlung zu
und säuselte drüben in den Tannen so anmutig als wäre er eine eigens zum Feste
bestellte Tafelmusik
    »So etwas ist mir noch nicht vorgekommen Es ist eine wahre Herrlichkeit«
rief die Grossmama wieder und wieder aus »Aber was seh ich« setzte sie jetzt
in höchster Bewunderung hinzu »ich glaube gar du bist an einem zweiten Stück
Käsebraten angekommen Klärchen«
    Wirklich lag das zweite golden glänzende Stück auf Klaras Brotschnitte
    »O das schmeckt so gut Grossmama besser als die ganze Tafel in Ragaz«
versicherte Klara und biss mit großem Appetit in die gewürzige Speise hinein
    »Nur zu Nur zu« sagte der AlmÖhi wohlgefällig »Das ist unser Bergwind
der hilft nach wo die Küche zurückbleibt«
    So nahm das fröhliche Mahl seinen Verlauf Die Grossmama und der AlmÖhi
verstanden sich ausnehmend wohl und ihr Gespräch war immer belebter geworden
Sie stimmten in allerhand Meinungen über Menschen und Dinge und den Verlauf der
Welt so gut überein dass es war als hätten die beiden schon jahrelang in einem
freundschaftlichen Verkehr gestanden So ging eine gute Zeit dahin und auf
einmal schaute die Grossmama gegen Abend hin und sagte
    »Wir müssen uns bald rüsten Klärchen die Sonne ist schon weit vorgerückt
die Leute müssen bald wiederkommen mit Pferd und Sessel«
    Aber auf das eben noch so fröhliche Gesicht der Klara kam ein ganz trauriger
Ausdruck und sie bat eindringlich
    »O nur noch eine Stunde Grossmama oder zwei Wir haben ja die Hütte noch
gar nicht gesehen und Heidis Bett und die ganze Einrichtung O wenn der Tag nur
noch zehn Stunden hätte«
    »Das ist nun nicht gut möglich« meinte die Grossmama aber die Hütte wollte
sie auch gern noch ansehen Man brach also gleich vom Tisch auf und der Öhi
lenkte den Stuhl mit fester Hand der Tür zu Aber hier ging es nicht weiter der
Stuhl war viel zu breit um durch die Öffnung eingehen zu können Der Öhi besann
sich nicht lange Er hob Klara heraus und trug sie auf seinem sicheren Arm in
die Hütte hinein
    Hier lief die Grossmama hin und her und besah sich genau die ganze
Einrichtung und hatte ihren großen Spaß an der ganzen Häuslichkeit die so
hübsch aufgeräumt und wohlgeordnet aussah »Das ist ja wohl dein Bett dort auf
der Höhe Heidi nicht wahr« fragte sie jetzt und stieg gleich unerschrocken
das Leiterchen hinauf zum Heuboden »O wie das hübsch duftet das muss ein
gesundes Schlafgemach sein« Und die Grossmama ging zu dem Loch hin und guckte
durch und schon stieg auch der Großvater mit der Klara auf dem Arm nach und
hintendrein hüpfte das Heidi herauf
    Jetzt standen sie alle um Heidis schön ausgerüstetes Heubett herum und ganz
nachdenklich schaute die Grossmama darauf hin und zog von Zeit zu Zeit in langen
Atemzügen den würzigen Duft des frischen Heues mit Behagen ein Klara war von
Heidis Schlafstätte völlig hingerissen
    »O Heidi wie lustig hast dus doch Vom Bett aus siehst du gerade in den
Himmel hinein und hast einen so schönen Geruch um dich und hörst die Tannen
rauschen draußen O so lustig und kurzweilig hab ich noch gar kein Schlafzimmer
gesehen«
    Der Öhi schaute jetzt zu der Grossmama hinüber
    »Ich hätte so meine Gedanken« sagte er »wenn die Frau Grossmama mir glauben
wollte und ihr die Sache nicht widerstrebte Ich meine wenn wir das Töchterchen
ein wenig hier oben behielten so könnte es zu neuen Kräften kommen Es sind da
so allerhand Tücher und Decken mitgekommen aus denen bereiten wir hier ein ganz
apart weiches Bett und um die Pflege des Töchterchens müsste die Frau Grossmama
keine Sorge haben die übernehme ich«
    Klara und Heidi jauchzten miteinander auf wie zwei freigelassene Vögel und
über das Gesicht der Grossmama kam ein ganzer Sonnenschein
    »Mein lieber Öhi Sie sind ein prächtiger Mann« brach sie aus »Was meinen
Sie was ich eben jetzt dachte Ich sagte im stillen Müsste nicht ein Aufenthalt
hier oben das Kind ganz besonders stärken Aber die Pflege die Sorge die
Unbequemlichkeit für den Wirt Und Sie kommen und sprechen es aus als wäre da
gar nichts dabei Ich muss Ihnen danken mein lieber Öhi ich muss Ihnen von
ganzem Herzen danken« Und die Grossmama schüttelte dem Öhi die Hand ein Mal ums
andere und immer wieder und der Öhi schüttelte auch die ihrige mit einem ganz
erfreuten Gesicht
    Sofort ging der Öhi zur Tat über Er trug Klara in ihren Sessel vor die
Hütte zurück vom Heidi gefolgt das nicht wusste wie hoch es vor Freude
springen wollte Dann lud er gleich die sämtlichen Tücher und Pelzdecken auf
seine Arme und sagte wohlgefällig lächelnd »Es ist gut dass die Frau Grossmama
so wie zu einem Winterfeldzug gerüstet hatte das können wir brauchen«
    »Mein lieber Öhi« antwortete die Herzutretende lebhaft »Vorsicht ist eine
schöne Tugend und schützt vor manchem Ungemach Wenn man auf den Reisen über
Ihre Gebirge ohne Sturm und Wind und Wolkenbrüche davonkommt so kann man nur
danken und das wollen wir tun und meine Schutzmittelchen sind auch so noch gut
zu gebrauchen darin sind wir einig«
    Während dieses kleinen Gespräches waren die beiden nach dem Heuboden
hinaufgestiegen und begannen nun die Tücher über das Bett hinzubreiten eins
nach dem andern Da waren ihrer so viele dass das Bett zuletzt aussah wie eine
kleine Festung
    »Jetzt soll mir noch ein einziger Heuhalm durchstechen wenn er kann« sagte
die Grossmama indem sie noch einmal mit der Hand auf allen Seiten eindrückte
aber die weiche Mauer war so undurchdringlich dass wirklich keiner mehr
durchstach Nun stieg sie befriedigt die Leiter hinunter und trat zu den Kindern
heraus die mit strahlenden Angesichtern nah zusammensassen und ausmachten was
sie nun tun wollten vom Morgen bis zum Abend so lange Klara auf der Alp bleiben
durfte Aber wie lange würde das sein Das war nun die große Frage welche
augenblicklich der Grossmama vorgelegt wurde Die sagte das wisse der Großvater
am besten ihn müssten sie fragen und als dieser eben herzutrat und nun die
Frage an ihn gerichtet wurde meinte er vier Wochen seien gerade recht um
beurteilen zu können ob die Alpluft ihre Schuldigkeit an dem Töchterchen tue
oder nicht Jetzt jubelten die Kinder erst recht auf denn die Aussicht auf
solches Zusammenbleiben übertraf alle ihre Erwartungen
    Nun sah man von unten herauf wieder die Sesselträger und den Pferdeführer
mit seinem Tier heranrücken Die ersteren konnten gleich wieder umkehren
    Als die Grossmama sich anschickte ihr Pferd zu besteigen rief Klara
fröhlich aus »O Grossmama das ist nun gar kein Abschied wenn du schon
fortreitest denn nun kommst du von Zeit zu Zeit zu uns zu Besuch auf die Alp
um zu sehen was wir machen und das ist dann so lustig nicht Heidi«
    Heidi das heute von einem Vergnügen ins andere fiel konnte seine
zustimmende Antwort nur durch einen hohen Freudensprung ausdrücken
    Nun bestieg die Grossmama das feste Saumtier und der Öhi ergriff den Zügel
und führte das Pferd mit sicherer Hand den steilen Berg hinunter Wie auch die
Grossmama eiferte er möchte doch nicht so weit mitgehen es half nichts der Öhi
erklärte er werde ihr sein Geleit bis zum Dörfli hinunter geben da die Alp so
steil und der Ritt nicht ohne Gefahr sei
    In dem einsamen Dörfli gedachte die Grossmama nun sie allein war nicht zu
bleiben Sie wollte nach Ragaz zurückkehren und von dort aus dann von Zeit zu
Zeit ihre Alpenreise wiederholen
    Noch bevor der Öhi wieder zurückgekehrt war kam der Peter mit seinen Geißen
dahergerannt Als diese merkten wo das Heidi war stürzten sie alle der Stelle
zu im Augenblick war die Klara in ihrem Stuhl samt dem Heidi mitten in dem
Rudel drinnen und drängend und stossend guckte immer eine der Geißen über die
andere her und jede wurde gleich vom Heidi der Klara genannt und vorgestellt
    So kam es dass diese in der kürzesten Zeit die langerwünschte Bekanntschaft
mit dem kleinen Schneehöppli dem lustigen Distelfink den sauberen Geißen des
Großvaters mit allen allen bis hinauf zum großen Türk gemacht hatte Der
Peter aber stand derweilen abseits und warf seltsam drohende Blicke auf die
vergnügte Klara hin
    Als nun die Kinder beide freundlich zu ihm hinüberriefen »Gute Nacht
Peter« gab er durchaus keine Antwort sondern hieb mit seiner Rute so grimmig
in die Luft hinein als wollte er diese völlig entzweischlagen Dann lief er
davon und sein Gefolge hinter ihm her
    Zu allem Schönen das Klara heute auf der Alp schon gesehen hatte kam nun
noch der Schluss
    Als sie oben auf dem Heuboden auf dem großen weichen Bette lag zu dem nun
auch das Heidi emporkletterte da schaute sie durch das offene runde Loch
gerade mitten in die schimmernden Sterne hinein und voller Entzücken rief sie
aus
    »O Heidi sieh es ist gerade wie wenn wir auf einem hohen Wagen in den
Himmel hineinfahren würden«
    »Ja und weißt du warum die Sterne so voller Freude sind und uns so mit den
Augen winken« fragte das Heidi
    »Nein das weiß ich nicht was meinst du denn« fragte Klara zurück
    »Weil sie droben im Himmel sehen wie der liebe Gott alles so gut einrichtet
für die Menschen dass sie gar keine Angst haben müssen und ganz sicher sein
können weil alles so kommt wie es heilsam ist Das freut sie so sieh wie sie
winken dass wir auch so fröhlich sein sollen Aber weißt Klara wir müssen auch
nicht vergessen zu beten wir müssen recht den lieben Gott bitten dass er auch
an uns denke wenn er alles so schön einrichtet dass wir auch immer so sicher
sein können und uns vor gar nichts fürchten müssen«
    Jetzt saßen die Kinder noch einmal auf und sagten jedes sein Nachtgebet
Dann legte sich das Heidi auf seinen runden Arm und schlief augenblicklich ein
Aber Klara blieb noch lange wach denn etwas so Wunderbares wie diese
Schlafstätte im Sternenschein hatte sie noch in ihrem Leben nicht gesehen
    Sie hatte ja überhaupt kaum je die Sterne gesehen denn außer dem Hause war
sie des Nachts nie gewesen und drinnen wurden die dichten Vorhänge längst
niedergelassen bevor die Sterne kamen So wenn sie jetzt die Augen zumachen
wollte musste sie sie gleich noch einmal aufschlagen um zu sehen ob denn die
beiden großen hellen Sterne immer noch hereinfunkelten und so merkwürdig
winkten wie das Heidi gesagt hatte Und immer noch war es so und Klara konnte
es nicht genug bekommen in das Flimmern und Leuchten hineinzuschauen bis
endlich ihre Augen von selbst zufielen und sie nur im Traum noch die zwei
großen schimmernden Sterne sah
 
                         Wie es auf der Alp weiter geht
Eben war die Sonne hinter den Felsen heraufgestiegen und warf nun ihre goldenen
Strahlen über die Hütte und über das Tal hinab Der AlmÖhi hatte wie er jeden
Morgen tat still und andächtig zugeschaut wie ringsum auf den Höhen und im Tal
die leichten Nebel sich lichteten und das Land aus dem Dämmerschatten
herausschaute und zum neuen Tag erwachte
    Heller und heller wurden oben die lichten Morgenwolken bis jetzt die Sonne
völlig heraustrat und Fels und Wald und Hügel mit goldenem Lichte übergoss
    Jetzt trat der Öhi in seine Hütte zurück und ging leise die kleine Leiter
hinauf Klara hatte eben die Augen aufgeschlagen und schaute in der höchsten
Verwunderung auf die hellen Sonnenstrahlen die durch das runde Loch
hereindrangen und auf ihrem Bett tanzten und blitzten Sie wusste gar nicht was
sie sah und wo sie war Doch jetzt erblickte sie das schlafende Heidi an ihrer
Seite und nun ertönte auch die freundliche Stimme des Großvaters »Gut
geschlafen Nicht müde« Klara versicherte sie sei nicht müde und einmal
eingeschlafen sei sie auch die ganze Nacht nicht mehr erwacht Das gefiel dem
Großvater und nun fing er gleich an und besorgte die Klara so gut und so
verständnisvoll als wäre es geradezu sein Beruf kranke Kinder zu besorgen und
es ihnen bequem zu machen
    Das Heidi hatte jetzt seine Augen auch aufgemacht und sah auf einmal mit
Erstaunen wie der Großvater die schon fertig gerüstete Klara auf den Arm nahm
und forttrug Da musste es doch dabei sein Blitzschnell ging seine Ausrüstung
vor sich dann gings die Leiter hinunter und nun war auch das Heidi aus der
Tür und stand draußen mit großer Verwunderung betrachtend was der Großvater
jetzt wieder ausführte Er hatte am Abend vorher als die Kinder schon oben auf
ihrem Lager angekommen waren überlegt wo der breite Rollstuhl unter Dach
gebracht werden könnte Die Tür der Hütte war ja viel zu schmal hier konnte er
nie eingefahren werden Da war ihm ein Gedanke gekommen Er machte hinten am
Schopf zwei große Laden los so dass da eine große Einfahrt entstand Der Stuhl
wurde hineingestossen und die hohen Bretter wieder an ihre Stelle gebracht wenn
auch nicht fest gemacht Das Heidi kam eben an nachdem der Großvater Klara
drinnen in ihren Stuhl gesetzt dann die Bretter weggenommen hatte und nun mit
ihr aus dem Schopf in den Morgensonnenschein herausgefahren kam Mitten auf dem
Platz ließ er den Stuhl stehen und ging dem Geissenstall zu Das Heidi sprang an
Klaras Seite
    Der frische Morgenwind wehte um die Gesichter der Kinder und ein würziger
Tannenduft kam mit jedem neuen Windeswehen herüber und durchströmte die sonnige
Morgenluft Klara zog tiefe Züge und lehnte sich in ihren Stuhl zurück in einem
Gefühl des Wohlseins wie sie es nie empfunden hatte
    Noch nie in ihrem Leben hatte sie ja auch frische Morgenluft draußen in der
freien Natur eingeatmet und nun wehte die reine Alpenluft um sie so kühl und
erfrischend dass jeder Atemzug ein Genuss war Dazu der helle süße Sonnenschein
der gar nicht heiß war hier oben und so lieblich warm auf ihren Händen lag und
an dem trockenen Grasboden zu ihren Füßen Dass es so auf der Alp sein könnte
das hätte sich Klara gar nicht vorstellen können
    »O Heidi wenn ich nur immer immer hier oben bei dir bleiben könnte« sagte
sie jetzt sich ganz wohlig hin und her wendend in ihrem Stuhl um so recht von
allen Seiten Luft und Sonne einzutrinken
    »Jetzt siehst du dass es so ist wie ich dir gesagt habe« entgegnete das
Heidi erfreut »dass es am schönsten auf der ganzen Welt beim Großvater auf der
Alm ist« Eben trat dieser aus dem Stall heraus zu den Kindern heran Er brachte
zwei Schüsselchen voll schäumender schneeweisser Milch und reichte eins der
Klara das andere dem Heidi
    »Das wird dem Töchterchen wohltun« sagte er Klara zunickend »sie ist vom
Schwänli die gibt Kraft Zum Wohlsein Nur zu« Klara hatte noch nie Milch von
einer Geiß getrunken sie hatte erst zur Sicherheit ein wenig daran riechen
müssen Als sie nun aber sah mit welcher Begier das Heidi seine Milch
heruntertrank ohne ein einziges Mal abzusetzen  so erstaunlich gut schmeckte
sie ihm  da setzte Klara auch an und trank und trank und wahrhaftig sie war
so süß und kräftig als wäre Zucker und Zimmet darin und Klara trank zu bis
nichts mehr im Schüsselchen war
    »Morgen nehmen wir zwei« sagte der Großvater der mit Befriedigung
zugesehen hatte wie Klara Heidis Beispiel gefolgt war
    Jetzt erschien der Peter mit seiner Schar und während das Heidi durch die
allseitigen Morgenbegrüssungen gleich mitten in die Herde hineingedrängt wurde
nahm der Öhi den Peter ein wenig auf die Seite damit dieser verstehen könne
was er ihm zu sagen hatte denn die Geißen meckerten immer eine stärker als die
andere vor lauter Freude und Freundschaftsbezeugungen sobald sie das Heidi in
ihrer Mitte hatten
    »Jetzt hör zu und pass auf« sagte der Öhi »Von heut an lässest du dem
Schwänli seinen Willen Es hat die Fühlung wo die kräftigsten Kräutlein sind
also wenn es hinauf will so gehst du nach den anderen tuts ja auch gut und
wenn es höher will als du sonst mit ihnen gehst so gehst du wieder und hältst
es nicht zurück hörst du Wenn du auch ein wenig klettern musst schad nichts
du gehst wo es will denn in der Sache ist es vernünftiger als du und es muss
nur noch vom Besten bekommen dass es eine Prachtmilch gibt Warum guckst du dort
hinüber wie wenn du einen verschlucken wolltest Es wird dir niemand im Wege
sein So jetzt vorwärts und denk dran«
    Der Peter war gewohnt dem Öhi aufs Wort zu folgen Er trat gleich seinen
Marsch an man konnte aber sehen dass er noch etwas im Hinterhalt hatte denn er
drehte immer den Kopf um und rollte mit den Augen Die Geißen folgten und
drängten das Heidi noch eine Strecke mit vorwärts Das war dem Peter eben recht
»Du musst mit« rief er jetzt drohend in das Geissenrudel hinein »du musst mit
wenn man dem Schwänli nach muss«
    »Nein ich kann nicht« rief das Heidi zurück »und ich kann jetzt lang
lang nicht mitkommen so lange die Klara bei mir ist Aber einmal kommen wir
dann miteinander hinauf der Großvater hat es uns versprochen«
    Unter diesen Worten hatte das Heidi sich aus den Geißen herausgewunden und
sprang nun zu Klara zurück Jetzt machte der Peter mit beiden Fäusten eine so
drohende Gebärde gegen den Rollstuhl hinunter dass die Geißen auf die Seite
sprangen er sprang aber auf der Stelle nach und ohne Aufenthalt eine ganze
Strecke weit hinauf bis er außer Sicht war denn er dachte der Öhi könnte ihn
etwa gesehen haben und er wollte lieber nicht wissen was für einen Eindruck
das Fausten dem Öhi gemacht habe
    Klara und Heidi hatten für heute so viel im Sinn dass sie gar nicht wussten
wo anfangen Das Heidi schlug vor zuerst den Brief an die Grossmama zu
schreiben den hatten sie ja bestimmt versprochen und so für jeden Tag einen
neuen Die Grossmama war doch ihrer Sache nicht so ganz sicher wie es in die
Länge da droben der Klara behagen und auch wie es mit ihrer Gesundheit gehen
würde und so hatte sie den Kindern das Versprechen abgenommen ihr jeden Tag
einen Brief zu schreiben und alles zu erzählen was sie erlebten So konnte die
Grossmama auch sogleich wissen wenn sie oben nötig werden sollte und bis dahin
ruhig unten bleiben
    »Müssen wir in die Hütte hinein zum Schreiben« fragte Klara die wohl dafür
war der Grossmama Bericht zu geben aber da draußen war es ihr so wohl dass sie
gar nicht weg mochte
    Aber das Heidi wusste sich einzurichten Augenblicklich rannte es in die
Hütte hinein und kam mit seinen sämtlichen Schulsachen und dem niedrigen
Dreibeinstühlchen beladen wieder zurück Nun legte es sein Lesebuch und
Schreibheft der Klara auf den Schoss dass sie darauf schreiben konnte und es
selbst setzte sich an die Bank hin auf sein Stühlchen und nun begannen sie beide
der Grossmama zu erzählen Aber nach jedem Satz den Klara geschrieben hatte
legte sie ihren Bleistift wieder hin und schaute um sich Es war gar zu schön
Der Wind war nicht mehr so kühl nur lieblich fächelnd wehte er um ihr Gesicht
und drüben in den Tannen flüsterte er leise In der klaren Luft tanzten und
summten die kleinen fröhlichen Mücken und weit umher lag eine große Stille auf
dem ganzen sonnigen Gefilde Groß und still schauten die hohen Felsenberge
herüber und das ganze weite Tal hinab lag alles wie im stillen Frieden Nur
hier und da schallte das frohe Jauchzen eines Hirtenbuben durch die Luft und
leise gab das Echo die Töne oben in den Felsen wieder
    Der Morgen war dahin die Kinder wussten nicht wie und schon kam der
Großvater mit der dampfenden Schüssel daher denn er sagte mit dem Töchterchen
bleibe man nun draußen so lang ein Lichtstrahl am Himmel sei So wurde das
Mittagsmahl wie gestern vor der Hütte aufgestellt und mit Vergnügen
eingenommen Dann rollte das Heidi den Stuhl samt der Klara unter die Tannen
hinüber denn die Kinder hatten ausgemacht den Nachmittag wollten sie dort in
dem schönen Schatten sitzen und einander alles erzählen was sich zugetragen
seit das Heidi Frankfurt verlassen hatte Wenn auch das alles im gewohnten
Geleise weiter gegangen war so hatte Klara doch allerlei Besonderes zu
berichten von den Menschen die im Hause Sesemann lebten und die dem Heidi ja so
gut bekannt waren
    So saßen die Kinder nebeneinander unter den alten Tannen und je eifriger
sie im Erzählen wurden desto lauter pfiffen die Vögel oben in den Zweigen denn
das Geplauder da unten freute sie und sie wollten auch mitalten So flog die
Zeit dahin und unversehens war es Abend geworden und schon kam das Geissenheer
heruntergestürmt der Anführer hinterdrein mit Stirnrunzeln und grimmiger Miene
    »Gute Nacht Peter« rief ihm das Heidi zu als es sah dass er nicht im
Sinne hatte still zu stehen
    »Gute Nacht Peter« rief auch Klara freundlich hinüber
    Er gab keinen Gruß zurück und jagte schnaubend die Geißen weiter
    Als Klara jetzt sah wie der Großvater das saubere Schwänli zum Melken nach
dem Stalle führte da ergriff sie auf einmal ein solches Verlangen nach der
gewürzigen Milch dass sie es fast nicht erwarten konnte bis der Großvater damit
kommen würde Sie musste selbst erstaunen darüber
    »Das ist aber einmal kurios Heidi« sagte sie »so lang ich weiß habe ich
nur gegessen weil ich musste und alles was ich bekam schmeckte nach
Fischtran und tausendmal habe ich gedacht Wenn man nur nie essen müsste Und
jetzt kann ich es fast nicht erwarten bis der Großvater kommt mit der Milch«
    »Ja ich weiß schon was das ist« entgegnete das Heidi ganz
verständnisvoll denn es gedachte der Tage in Frankfurt da ihm alles im Halse
stecken blieb und nicht hinunter wollte Klara aber begriff die Sache doch
nicht Sie hatte aber so lange sie lebte noch nie einen Tag lang in der freien
Luft gesessen wie heute und nun gar in dieser hohen belebenden Bergluft
    Als der Großvater mit seinen Schüsselchen herankam erfasste Klara schnell
dankend das ihrige und in durstigen Zügen trank sie hintereinander und war
diesmal noch vor dem Heidi zu Ende
    »Darf ich noch ein wenig haben« fragte sie dem Großvater das Schüsselchen
hinhaltend
    Er nickte wohlgefällig nahm auch Heidis Gefäß wieder in Empfang und ging
zur Hütte zurück Als er wieder kam brachte er auf jedem Schüsselchen einen
hohen Deckel mit der war aber von anderem Stoff als die Deckel gewöhnlich
sind
    Der Großvater hatte am Nachmittag einen Gang nach dem grünen Maiensäss
hinüber gemacht zu der Sennhütte wo die süße gelbe Butter gemacht wird Von
dort hatte er einen schönen runden Ballen mitgebracht Jetzt hatte er zwei
feste Schnitten Brot genommen und die süße Butter schön dick darauf gestrichen
Diese sollten nun die Kinder zu ihrem Nachtessen haben Gleich bissen auch alle
beide so tief in die appetitlichen Schnitten hinein dass der Großvater stehen
blieb und zuschaute wie das weiter gehen würde denn das gefiel ihm
    Als Klara nachher auf ihrem Lager wieder nach den schimmernden Sternen
schauen wollte ging es ihr wie dem Heidi an ihrer Seite die Augen fielen ihr
auf der Stelle zu und es kam ein so fester gesunder Schlaf über sie wie sie
ihn niemals gekannt hatte
    In dieser erfreulichen Weise verging auch der folgende Tag und dann noch
einer und dann folgte eine große Überraschung für die Kinder Es kamen zwei
kräftige Träger den Berg heraufgestiegen jeder trug auf seinem Reff ein hohes
Bett fertig aufgerüstet in der Bettschaft beide ganz gleich bedeckt mit einer
weißen Decke sauber und nagelneu Auch hatten die Männer einen Brief von der
Grossmama abzugeben Da stand darin dass diese Betten für Klara und Heidi seien
dass das Heu und Deckenlager nun aufgehoben werden solle und dass von nun an das
Heidi immer in einem richtigen Bett schlafen müsse denn im Winter solle das
eine der beiden ins Dörfli hinuntergeschaft werden das andere aber oben
bleiben damit Klara es immer vorfinde wenn sie wiederkomme Dann lobte die
Grossmama die Kinder um ihrer langen Briefe willen und ermunterte sie täglich so
fortzufahren damit sie immer alles mitleben könne als ob sie bei ihnen wäre
    Der Großvater war hineingegangen hatte den Inhalt von Heidis Lager auf den
großen Heuhaufen geworfen und die Decken weggelegt Nun kam er wieder um mit
Hilfe der Männer die beiden Betten dortinauf zu transportieren Dann rückte er
sie hart aneinander damit von beiden Kopfkissen aus die Aussicht durch das Loch
dieselbe bliebe denn er kannte die Freude der Kinder an dem Morgen und
Abendschein der da hereinglänzte 
    Unterdessen saß die Grossmama unten im Bade Ragaz und war hoch erfreut über
die vortrefflichen Nachrichten die täglich von der Alp zu ihr
heruntergelangten
    Das Entzücken über ihr neues Leben steigerte sich bei Klara noch von Tag zu
Tag und sie wusste nicht genug zu sagen von der Güte und sorglichen Pflege des
Großvaters und wie lustig und kurzweilig das Heidi sei noch viel mehr als in
Frankfurt und wie sie jeden Morgen beim Erwachen immer zuerst denke »O
gottlob ich bin noch auf der Alp«
    Über diese ausnehmend erfreulichen Berichte war die Grossmama jeden Tag aufs
neue froh Sie fand auch da alles so stand so könne sie ihren Besuch auf der
Alp gar wohl noch ein wenig verschieben was ihr nicht unlieb war denn der Ritt
den steilen Berg hinauf und wieder herunter war ihr doch etwas beschwerlich
vorgekommen
    Der Großvater musste eine ganz besondere Teilnahme für seinen Pflegling
gefasst haben denn es verging kein Tag an welchem er nicht irgendetwas Neues zu
seiner Kräftigung ausdachte Er machte jetzt jeden Nachmittag weitere Gänge in
die Felsen hinauf immer höher und jedesmal brachte er ein Bündelchen mit
zurück das duftete schon von weitem durch die Luft wie gewürzige Nelken und
Tymian und kehrten die Geißen am Abend heim so fingen sie alle zu meckern und
zu springen an und wollten alle miteinander in den Stall eindringen wo das
Bündelchen lag denn sie kannten den Geruch Aber der Öhi hatte die Tür gut
zugemacht denn er kletterte den seltenen Kräutchen nicht nach hoch an die
Felsen hinauf damit die Geissenschar ohne Mühe zu einer guten Mahlzeit komme
Die Kräutlein waren alle für das Schwänli bestimmt damit es immer noch
kräftigere Milch hergebe Man konnte auch gut sehen wie die außerordentliche
Pflege bei ihm anschlug denn es warf den Kopf immer lebendiger in die Höhe und
machte ganz feurige Augen dazu
    So war nun schon die dritte Woche gekommen seit Klara auf der Alp war Seit
einigen Tagen hatte der Großvater des Morgens wenn er sie heruntertrug um sie
in ihren Stuhl zu setzen jedesmal gesagt »Will das Töchterchen nicht einmal
probieren ein wenig auf dem Boden zu stehen« Klara hatte dann wohl versucht
ihm den Gefallen zu tun aber sie hatte immer gleich gesagt »O es tut zu weh«
und hatte sich an ihn festgeklammert er ließ sie aber jeden Tag ein wenig
länger probieren
    Ein so schöner Sommer war seit Jahren nicht auf der Alp gewesen Jeden Tag
zog die strahlende Sonne durch den wolkenlosen Himmel hin und alle kleinen
Blumen machten ihre Kelche weit auf und glühten und dufteten zu ihr empor und am
Abend warf sie ihr Purpur und Rosenlicht auf die Felsenhörner und das
Schneefeld hinüber und tauchte dann in ein golden flammendes Meer hinab
    Davon erzählte das Heidi seiner Freundin Klara immer wieder denn nur oben
auf der Weide konnte man das alles so recht sehen und von der Stelle oben am
Abhange erzählte es mit besonderem Feuer wie dort jetzt die großen Scharen der
glitzernden goldenen Weideröschen stehen und Blauglöckchen so viele dass man
meine dort sei das Gras blau geworden und daneben ganze Büsche von den braunen
Kolbenblümchen die so schön riechen dass man nur auf den Boden sitzen müsse zu
ihnen und gar nicht mehr fort wolle
    Eben jetzt unter den Tannen sitzend hatte das Heidi aufs neue von den
Blumen dort oben und der Abendsonne und den leuchtenden Felsen erzählt und
dabei war ein solches Verlangen in ihm aufgestiegen wieder einmal dorthin zu
kommen dass es mit einemmal aufsprang und davonrannte dem Großvater zu der im
Schopf auf seinem Schnitzstuhl saß
    »O Großvater« rief es schon von weitem hinüber »kommst du morgen mit uns
auf die Weide O jetzt ist es so schön dort oben«
    »Es bleibt dabei« sagte der Großvater zustimmend »aber dann muss mir das
Töchterchen auch einen Gefallen tun es muss mir heut Abend das Stehen noch
einmal recht probieren«
    Frohlockend kam das Heidi mit seiner Nachricht zu Klara zurück und diese
versprach gleich sovielmal versuchen zu wollen auf ihren Füßen zu stehen als
der Großvater nur wolle denn sie freute sich ganz ungeheuer diese Reise nach
der schönen Geissenweide hinauf zu machen Das Heidi war so voller Jubel dass es
gleich dem Peter entgegenrief sobald es ihn am Abend beim Herunterkommen
erblickte
    »Peter Peter morgen kommen wir auch mit und bleiben den ganzen Tag dort
oben«
    Als Antwort brummte der Peter wie ein gereizter Bär und schlug mit Wut nach
dem unschuldigen Distelfink der neben ihm trabte Aber der flinke Distelfink
hatte die Bewegung zur rechten Zeit wahrgenommen Er machte einen hohen Satz
über das Schneehöppli weg und der Hieb sauste in die Luft hinaus
    Klara und Heidi bestiegen heut voll herrlicher Erwartungen ihre zwei
schönen Betten und so erfüllt waren sie von ihren Plänen für morgen dass sie
beschlossen die ganze Nacht wach zu bleiben und immerfort davon zu sprechen
bis sie wieder aufstehen durften Kaum lagen sie aber auf ihren guten Kissen so
hörten die Gespräche plötzlich auf und Klara sah im Traum ein großes großes
Feld vor sich das war ganz himmelblau anzusehen so dicht besäet war es von
lauter Glockenblumen und das Heidi hörte den Raubvogel oben in den Höhen wie
er herunterschrie »Kommt kommt kommt«
 
                     Es geschieht was keiner erwartet hat
In aller Frühe trat der Öhi am andern Morgen aus der Hütte und schaute ringsum
wie der Tag sich gestalten wolle
    Auf den hohen Bergspitzen lag ein rötlichgoldener Schein ein frischer Wind
fing an die Äste der Tannen hin und her zu wiegen die Sonne wollte kommen
    Eine Weile noch stand der Alte und schaute andächtig zu wie nach den hohen
Berggipfeln die grünen Hügel golden zu schimmern begannen und dann aus dem Tale
leise die dunkeln Schatten wichen und ein rosiges Licht hineinfloss und nun Höhen
und Tiefen im Morgengold erglänzten die Sonne war gekommen
    Jetzt holte der Öhi den Rollstuhl aus dem Schopf heraus stellte ihn zur
Reise gerüstet vor die Hütte hin und trat dann hinein um den Kindern zu
sagen wie schön der Morgen erwacht sei und sie herauszuholen
    Eben jetzt kam der Peter herangestiegen Seine Geißen kamen nicht
zutraulich wie gewohnt an seiner Seite und nahe vor und hinter ihm den Berg
herauf sie schossen scheu umher dahin und dorthin denn der Peter hieb alle
Augenblicke ohne jede Veranlassung um sich wie ein Wütender und wo er traf tat
es nicht wohl Der Peter war auf dem höchsten Punkt des Zornes und der
Erbitterung angelangt Seit Wochen hatte er nie mehr das Heidi für sich gehabt
so wie ers gewohnt war Kam er am Morgen von unten herauf so wurde schon immer
das fremde Kind in seinem Stuhl herausgetragen und das Heidi gab sich mit ihm
ab Kam er am Abend von oben herunter so stand noch der Rollstuhl mit seiner
Inhaberin unter den Tannen und das Heidi machte sich mit ihr zu schaffen Nie
war es noch zur Weide hinaufgekommen den ganzen Sommer und nun heute wollte es
kommen aber mitsamt dem Stuhle und der Fremden darin und wollte die ganze Zeit
nur mit dieser sich abgeben Das sah der Peter voraus und das hatte seinen
inneren Grimm auf den höchsten Punkt gebracht Jetzt erblickte er den Stuhl der
so stolz da auf seinen Rollen stand und schaute ihn an wie einen Feind der ihm
alles zuleide getan hatte und heut noch viel mehr tun wollte Der Peter schaute
um sich  alles war still kein Mensch zu sehen Wie ein Wilder stürzte er jetzt
auf den Stuhl packte ihn an und stieß ihn mit so erbitterter Gewalt dem
Bergabhang zu dass der Stuhl förmlich davonflog und augenblicklich verschwunden
war
    Jetzt stürzte der Peter die Alm hinan als hätte er selber Flügel bekommen
und er setzte kein einziges Mal ab bis er oben zu einem großen Brombeerstrauch
gelangte hinter dem er verschwinden konnte denn er begehrte nicht dass der Öhi
ihn erblicke Er wollte aber doch gern sehen was der Stuhl mache und der
Strauch auf dem Bergvorsprung war gut gelegen Der Peter konnte halb verborgen
die Alm hinabschauen und kam der Öhi zum Vorschein hurtig sich ganz
verstecken So tat er und was erschauten seine Blicke Weit unten schon stürzte
sein Feind dahin von immer größerer Gewalt getrieben Jetzt überschlug er sich
wieder und wieder dann machte er einen hohen Satz dann schlug es ihn wieder
auf die Erde nieder und überschlagend rollte er seinem Verderben entgegen
    Schon flogen da und dort die Stücke von ihm weg Füße Lehnen
Polsterfetzen alles hoch in die Luft geworfen Der Peter empfand eine so
unbändige Freude an dem Anblick dass er mit beiden Füßen zugleich in die Luft
springen musste er lachte laut auf er stampfte vor Wonne er sprang in Sätzen
im Kreis herum er kam wieder an denselben Platz und guckte den Berg hinab Ein
neues Gelächter erscholl neue Luftsprünge der Peter war völlig außer sich vor
Vergnügen über diesen Untergang seines Feindes denn er sah lauter gute Dinge
vor sich die nun kommen würden Jetzt musste die Fremde abreisen denn sie hatte
kein Mittel mehr sich zu bewegen Das Heidi war wieder allein und kam mit ihm
auf die Weide und am Abend und Morgen war es für ihn da wenn er kam und alles
war wieder in der alten Ordnung Aber der Peter bedachte nicht wie es geht
wenn man eine böse Tat begangen hat und was dann nachher kommt
    Jetzt kam das Heidi aus der Hütte gesprungen und rannte dem Schopf zu
Hinter ihm her kam der Großvater mit Klara auf dem Arm
    Die Schopftür stand weit offen die beiden Bretter daneben waren
weggestellt bis in den hintersten Winkel war es taghell Das Heidi guckte hin
und her lief um die Ecke kam wieder zurück die ungeheuerste Verwunderung lag
auf seinem Gesicht Nun trat der Großvater heran
    »Was ist das Hast du den Stuhl weggerollt Heidi« fragte er
    »Ich suche ihn ja allenthalben Großvater und du hast gesagt er stehe
neben der Schopftür« sagte das Kind immer noch nach allen Seiten mit den Augen
herumsuchend
    Der Wind war unterdessen stärker geworden eben klapperte er an der
Schopftür herum und warf sie auf einmal krachend gegen die Wand zurück
    »Großvater der Wind hats gemacht« rief das Heidi und seine Augen blitzten
auf bei der Entdeckung »O wenn er den Stuhl bis ins Dörfli hinabgejagt hätte
dann bekäme man ihn erst viel zu spät wieder und wir könnten gar nicht gehen«
    »Wenn er dortinunter gerollt ist so kommt er gar nicht mehr zurück dann
ist er in hundert Stücken« sagte der Großvater um die Ecke tretend und den
Berg hinabschauend »Aber kurios ists doch zugegangen« setzte er hinzu indem
er auf das Stück zurücksah das der Stuhl erst um die Ecke der Hütte herum zu
machen hatte
    »O wie schade jetzt können wir gar nicht gehen und vielleicht gar nie«
jammerte Klara »nun muss ich gewiss heimgehen wenn ich keinen Stuhl mehr habe
O wie schade Wie schade«
    Aber das Heidi schaute ganz vertrauensvoll zu seinem Großvater auf und
sagte
    »Gelt Großvater du kannst schon etwas erfinden dass es nicht so geht wie
die Klara meint und dass sie nicht auf einmal heim muss«
    »Jetzt gehen wir für einmal auf die Weide wie wir uns vorgenommen haben
dann wollen wir sehen was weiter kommt« sagte der Großvater Die Kinder
jubelten
    Er trat nun wieder in die Hütte zurück holte einen guten Teil der Tücher
heraus legte sie auf den sonnigsten Platz an die Hütte hin und setzte Klara
darauf Dann holte er den Kindern ihre Morgenmilch und führte Schwänli und Bärli
vor den Stall hinaus
    »Warum der nur so lang nicht von da unten heraufkommt« sagte der Öhi vor
sich hin denn Peters Morgenpfiff war ja noch gar nicht ertönt
    Jetzt nahm der Großvater Klara wieder auf den einen Arm die Tücher auf den
andern
    »So nun vorwärts« sagte er vorangehend »die Geißen kommen mit uns«
    Das war dem Heidi eben recht Einen Arm um Schwänlis und einen um Bärlis
Hals gelegt wanderte das Heidi hinter dem Großvater her und die Geißen hatten
solche Freude einmal wieder mit dem Heidi auszuziehen dass sie es fast
zusammendrückten zwischen sich vor lauter Zärtlichkeit
    Oben auf dem Weidplatz angelangt sahen die Kommenden mit einemmal da und
dort an den Abhängen die friedlich grasenden Geißen in Gruppen stehen und
mitten drin den Peter der Länge nach auf dem Boden liegend
    »Ein ander Mal will ich dir das Vorbeigehen vertreiben Schlafpelz was
heißt das« rief ihm der Öhi zu
    Der Peter war bei dem Ton der bekannten Stimme aufgeschossen
    »War noch niemand auf« gab er zurück
    »Hast du etwas von dem Stuhl gesehen« frug der Öhi wieder
    »Von welchem« rief der Peter störrisch zurück
    Der Öhi sagte nichts mehr Er breitete seine Tücher an dem sonnigen Abhang
hin setzte Klara darauf und fragte obs ihr so bequem sei
    »So bequem wie im Stuhl« sagte sie dankend »und am schönsten Platz bin ich
da Da ists so schön Heidi so schön« rief sie rings um sich blickend aus
    Der Großvater schickte sich zur Rückkehr an Er sagte sie sollten sichs
nun wohl sein lassen miteinander und wenn die Zeit da sei sollte Heidi das
Mittagsmahl herbeiholen das er in den Sack verpackt drüben in den Schatten
gelegt hatte Dann sollte der Peter ihnen Milch dazu geben so viel sie trinken
wollten aber das Heidi sollte gut aufpassen dass er sie vom Schwänli nehme
Gegen Abend wollte der Großvater wiederkommen jetzt wollte er vor allem dem
Stuhle nachgehen und sehen was aus ihm geworden sei
    Der Himmel war dunkelblau und um und um war nicht ein einziges Wölkchen zu
sehen Auf dem großen Schneefeld drüben blitzte es wie von tausend und tausend
Gold und Silbersternen Die grauen Felsenhörner standen hoch und fest an ihrem
Platz wie vor alter Zeit und schauten ernstaft ins Tal hinab Der große Vogel
wiegte sich oben im Blau und über die Höhen strich der Bergwind hin und wehte
kühl rings um die sonnige Alp Den Kindern war es unbeschreiblich wohl Hier und
da kam ein Geisslein heran und ließ sich ein wenig nieder bei ihnen am öftersten
kam das zärtliche Schneehöppli und legte sein Köpfchen an das Heidi heran und
wäre da wohl gar nicht mehr weggegangen hätte es nicht ein anderes von der
Herde wieder vertrieben So lernte Klara jetzt eine um die andere von den Geißen
so nahe kennen dass sie niemals mehr eine mit der andern verwechselte denn jede
hatte ja auch ein ganz besonderes Gesicht und ihre eigene Art
    Sie wurden jetzt auch so zutraulich zu Klara dass sie ihr ganz nahe kamen
und ihre Köpfe an ihren Schultern rieben das war immer das Zeichen ihrer nahen
Bekanntschaft und Zuneigung
    So waren schon einige Stunden vergangen da kam es dem Heidi in den Sinn
wenn es doch einmal hinübergehen könnte an den Platz wo die vielen Blumen waren
und sehen ob sie auch alle offen stehen und so schön seien wie vor dem Jahr
Erst am Abend wenn der Großvater wieder kam konnte man auch mit Klara
hinübergehen und dann machten die Blumen vielleicht schon wieder die Augen zu
Das Verlangen stieg immer höher im Heidi es konnte nicht mehr widerstehen
    Ein wenig zaghaft fragte es »Wirst du nicht bös Klara wenn ich geschwind
von dir fortlaufe und du allein sein musst Ich möchte so gern sehen wie die
Blumen sind aber wart«  dem Heidi war ein Gedanke gekommen Es sprang auf die
Seite und riss ein paar schöne Büschel von den grünen Kräutern aus dann nahm es
das Schneehöppli um den Hals das ihm gleich zugelaufen war und führte es der
Klara zu
    »So jetzt musst du doch nicht allein sein« sagte das Heidi indem es auf
seinen Platz neben Klara das Schneehöppli ein wenig hindrückte was das Geisslein
gleich gut verstand und sich niederlegte Dann warf Heidi seine Blätter der
Klara in den Schoss und diese sagte erfreut das Heidi solle jetzt nur gehen und
die Blumen recht ansehen sie wolle gern allein mit dem Geisslein bleiben das
hatte sie ja noch gar nie erlebt Das Heidi rannte fort und Klara fing nun an
Blättchen für Blättchen dem Schneehöppli hinzuhalten und dieses wurde so
zutraulich dass es sich ganz an seine neue Freundin anschmiegte und die
Blättchen ihr langsam aus den Fingern frass Man konnte auch gut sehen wie wohl
es ihm war dass es da so ruhig und friedlich in gutem Schutz liegen durfte denn
draußen bei der Herde hatte es immer viele Verfolgungen auszustehen von den
großen und starken Geißen Der Klara kam es so köstlich vor so ganz allein auf
einem Berge zu sitzen nur mit einem zutraulichen Geisslein das ganz
hilfsbedürftig zu ihr aufsah ein großer Wunsch stieg auf in ihr auch einmal
ihr eigener Herr zu sein und einem andern helfen zu können und nicht nur immer
sich von allen anderen helfen lassen zu müssen Und es kamen der Klara jetzt so
viele Gedanken die sie gar nie gehabt hatte und eine unbekannte Lust
fortzuleben in dem schönen Sonnenschein und etwas zu tun mit dem sie jemand
erfreuen konnte wie sie jetzt das Schneehöppli erfreute Eine ganz neue Freude
kam ihr ins Herz so als ob alles was sie wusste und kannte auf einmal viel
schöner und anders sein könnte als sie es bis jetzt gesehen hatte und es wurde
ihr so schön und wohl zumute dass sie das Geisslein um den Hals nehmen und
ausrufen musste »O Schneehöppli wie schön ist es hier oben wenn ich nur immer
da bei euch bleiben könnte«
    Das Heidi war unterdessen an dem Blumenplatz angekommen Es stieß einen
Freudenschrei aus Von leuchtendem Gold bedeckt lag die ganze Halde da Das
waren die schimmernden Cystusröschen Dichte dunkelblaue Büsche von
Glockenblumen wiegten sich darüber und ein so starker gewürziger Duft wogte um
die sonnige Halde als wären die köstlichsten Balsamschalen da oben
ausgeschüttet worden Der ganze Wohlgeruch kam aber von den kleinen braunen
Kolbenblümchen her die ihre runden Köpfchen hier und da bescheiden zwischen den
Goldkelchen emporstreckten Das Heidi stand und schaute und zog den süßen Duft
in langen Zügen ein Auf einmal kehrte es um und kam außer Atem vor Erregung zu
Klara zurück
    »O du musst gewiss kommen« rief es ihr schon von weitem zu »sie sind so
schön und alles ist so schön und am Abend ist es vielleicht nicht mehr so Ich
kann dich vielleicht tragen meinst du nicht«
    Klara schaute das erregte Heidi mit Verwunderung an sie schüttelte aber den
Kopf
    »Nein nein was denkst du Heidi du bist ja viel kleiner als ich O wenn
ich nur gehen könnte«
    Jetzt schaute das Heidi suchend um sich es musste etwas Neues im Sinne
haben Dort oben wo der Peter vorher auf dem Boden gelegen hatte saß er jetzt
und starrte auf die Kinder herunter So hatte er schon seit Stunden gesessen und
immerzu herabgestarrt so als könne er nicht fassen was er vor sich sah Er
hatte den feindlichen Stuhl zerstört damit alles aufhören und die Fremde sich
gar nicht mehr bewegen könne und eine ganze Weile nachher erschien sie da oben
und saß vor ihm auf dem Boden neben dem Heidi Das konnte ja nicht sein und
doch war es immer noch so er konnte hinsehen wann er wollte
    Jetzt schaute das Heidi zu ihm auf
    »Komm hier herunter Peter« rief es sehr bestimmt
    »Komme nicht« rief er zurück
    »Doch du musst komm ich kann es nicht allein machen du musst mir helfen
komm schnell« drängte das Heidi
    »Komme nicht« ertönte es wieder
    Jetzt sprang das Heidi eine kleine Strecke den Berg hinan dem Angeredeten
entgegen
    Da stand es mit flammenden Augen und rief hinauf
    »Peter wenn du nicht auf der Stelle kommst so will ich dir auch etwas
machen das du dann gewiss nicht gern hast das kannst du glauben«
    Diese Worte gaben dem Peter einen Stich und eine große Angst packte ihn an
Er hatte etwas Böses getan das kein Mensch wissen sollte Bis jetzt hatte es
ihn gefreut aber nun redete das Heidi wie wenn es alles wüsste und was es
wusste sagte es alles seinem Großvater und vor dem fürchtete der Peter sich ja
wie vor keinem andern Wenn der nun vernähme was mit dem Stuhl vorgegangen war
Den Peter würgte die Angst immer ärger Er stand auf und kam dem wartenden Heidi
entgegen
    »Ich komme aber dann musst du das nicht machen« sagte er so zahm vor
Furcht dass das Heidi ganz mitleidig wurde
    »Nein nein das tu ich nun schon nicht« versicherte es »komm jetzt nur
mit mir es ist nichts zum Fürchten was du tun musst«
    Bei Klara angelangt ordnete nun das Heidi an auf der einen Seite sollte
der Peter auf der andern wollte es selbst Klara fest unter dem Arm fassen und
aufheben Das ging nun ziemlich gut aber jetzt kam das Schwierigere Klara
konnte ja nicht stehen wie sollte man sie nun festhalten und vorwärts bringen
Das Heidi war zu klein um ihr mit seinem Arm eine Stütze zu bieten
    »Du musst mich jetzt um den Hals nehmen ganz fest  so Und den Peter musst
du am Arm nehmen und ganz fest darauf drücken dann können wir dich tragen«
    Aber der Peter hatte noch nie jemandem den Arm gegeben Klara umfasste diesen
wohl der Peter aber hielt ihn ganz steif am Leib herunter wie einen langen
Stecken
    »So macht man es nicht Peter« sagte das Heidi sehr bestimmt »Du musst mit
dem Arm einen Ring machen und dann muss die Klara mit dem ihrigen durchfahren
und dann muss sie ganz fest aufdrücken und du musst um keinen Preis nachgeben
dann kommen wir schon vorwärts«
    Das wurde nun so ausgeführt Man kam aber nicht gut vorwärts Klara war
nicht so leicht und das Gespann zu ungleich in der Größe auf der einen Seite
ging es herab und auf der andern hinauf das gab eine ziemliche Unsicherheit in
den Stützen
    Klara probierte es hier und da ein wenig mit den eigenen Füßen zog aber
einen nach dem andern immer bald wieder zurück
    »Stampf einmal recht herunter« schlug das Heidi vor »dann tut es dir gewiss
nachher weniger weh«
    »Meinst du« sagte Klara zaghaft
    Sie gehorchte aber und wagte einen festen Tritt auf den Boden und dann mit
dem zweiten Fuß sie schrie aber ein wenig auf dabei Dann hob sie den einen
wieder und setzte ihn leiser hin
    »O das hat schon viel weniger weh getan« sagte sie voller Freude
    »Machs noch einmal« drängte eifrig das Heidi Klara tat es und dann noch
einmal und noch einmal und auf einmal schrie sie auf
    »Ich kann Heidi O ich kann Sieh sieh Ich kann Schritte machen einen
nach dem andern«
    Jetzt jauchzte das Heidi noch viel mehr auf
    »O o Kannst du gewiss selbst Schritte machen Kannst du jetzt gehen Kannst
du gewiss selbst gehen O wenn nur der Großvater käme Jetzt kannst du selbst
gehen Klara jetzt kannst du gehen« rief es ein Mal ums andere in jubelnder
Freude aus
    Klara hielt sich wohl fest an auf beiden Seiten aber mit jedem Schritt
wurde sie ein wenig sicherer das konnten alle drei empfinden Das Heidi kam
ganz außer sich vor Freude
    »O nun können wir alle Tage miteinander auf die Weide gehen und auf der Alp
herum wo wir wollen« rief es wieder aus »und du kannst dein Lebtag gehen wie
ich und musst nie mehr im Stuhl gestoßen werden und wirst gesund O das ist die
größte Freude die wir haben können«
    Klara stimmte mit dem ganzen Herzen ein Gewiss kannte sie gar kein größeres
Glück auf der Welt als auch einmal gesund zu sein und herumgehen zu können wie
die anderen Menschen und nicht mehr elend die ganzen Tage lang in den
Krankensessel gebannt zu sein
    Es war nicht weit zu der Blumenhalde hinüber Dort sah man schon das
Glitzern der Goldröschen in der Sonne Jetzt waren sie bei den Büschen der
blauen Glockenblumen angekommen wo zwischendurch der sonnige Boden so einladend
aussah
    »Können wir nicht hier niedersitzen« fragte Klara
    Das war ganz nach Heidis Wunsch und mitten in die Blumen hinein setzten
sich die Kinder Klara zum erstenmal auf den trockenen warmen Alpenboden hin
das gefiel ihr unbeschreiblich wohl Und nun rings um sie die wiegenden blauen
Glockenblumen die schimmernden Goldröschen das rote Tausendgüldenkraut und um
und um der süße Duft der braunen Kolbenblümchen der würzigen Prünellen Alles
war so schön so schön
    Auch das Heidi neben ihr meinte so schön sei es noch nie gewesen da oben
und es wusste gar nicht warum es eine solche Freude im Herzen hatte dass es nur
immer hätte laut jauchzen mögen Aber auf einmal kam es ihm dann wieder in den
Sinn dass Klara gesund geworden war das war zu allem Schönen ringsumher noch
die allergrösste Freude Klara wurde ganz still vor Wonne und Entzücken über
alles was sie sah und über alle die Aussichten die ihr aufgegangen waren
durch das eben Erlebte Das große Glück hatte fast nicht Platz in ihrem Herzen
und der Sonnenglanz und Blumenduft dazu überwältigten sie mit einem Wonnegefühl
das sie völlig verstummen machte
    Auch der Peter lag still und regungslos mitten in dem Blumenfeld denn er
war fest eingeschlafen
    Leise und lieblich wehte hier der Wind hinter den schützenden Felsen hervor
und säuselte oben in den Büschen Von Zeit zu Zeit musste das Heidi wieder
aufstehen und dahin laufen und dorthin denn es war immer irgendwo noch schöner
die Blumen noch dichter der Wohlgeruch noch stärker weil ihn da der Wind hin
und herwehte überall musste es wieder hinsitzen
    So vergingen die Stunden
    Die Sonne war längst über den Mittag hinaus als ein Trüppchen der Geißen
ganz ernstaft auf die Blumenhalde zu geschritten kam
    Es war nicht ihr Weideplatz sie wurden nie dahin geführt denn es gefiel
ihnen nicht in den Blumen zu grasen Sie sahen aus wie eine Gesandtschaft der
Distelfink voran Die Geißen waren sichtlich ausgegangen ihre Gesellschafter zu
suchen die sie so lange im Stich gelassen hatten und über alle Ordnung hinaus
fortgeblieben waren denn die Geißen kannten ihre Zeit wohl Als der Distelfink
die drei Vermissten in dem Blumenfeld entdeckte stieß er ein überlautes Meckern
aus und auf der Stelle stimmte der ganze Chor ein und fortmeckernd kamen sie
alle dahergetrabt Jetzt erwachte der Peter Er musste sich aber stark die Augen
reiben denn es hatte ihm geträumt der Rollstuhl stehe wieder schön rot
gepolstert und unversehrt vor der Hütte und noch im Erwachen hatte er die
goldenen Nägel um das Polster herum in der Sonne blitzen gesehen aber jetzt
entdeckte er dass es nur die gelben Glitzerblümchen auf dem Boden gewesen waren
Jetzt kam dem Peter die Angst zurück die er beim Anblick des unbeschädigten
Stuhles ganz verloren hatte Denn wenn auch das Heidi versprochen hatte nichts
zu machen so war doch nun die Furcht im Peter lebendig geworden die Sache
könnte auch sonst noch auskommen Er ließ sich jetzt ganz zahm und willig zum
Führer machen und tat alles perfekt so wie das Heidi es haben wollte
    Als sie nun auf dem Weideplatz angekommen waren holte das Heidi hurtig
seinen vollen Speisesack herbei und schickte sich an sein Versprechen zu lösen
denn auf den Inhalt des Sackes hatte seine Drohung sich bezogen Es hatte wohl
bemerkt am Morgen wie viel gute Sachen der Großvater da hineinpackte und mit
Freuden hatte es vorausgesehen dass dem Peter davon ein gutes Teil zufallen
werde Als er dann aber so störrig war wollte es ihm zu verstehen geben dass er
nichts bekomme was der Peter aber anders gedeutet hatte Nun holte das Heidi
Stück für Stück aus seinem Sack heraus und machte drei Häufchen davon die
wurden so hoch dass es voller Befriedigung vor sich hin sagte »Dann bekommt er
noch alles was wir zu viel haben«
    Jetzt trug es jedem sein Häufchen zu und mit dem seinigen setzte es sich
neben Klara hin und die Kinder ließ sichs wohlschmecken nach der großen
Anstrengung
    Es ging aber wie das Heidi vorausgesehen hatte als sie beide völlig satt
waren blieb noch so viel übrig dass dem Peter noch einmal ein Häufchen so groß
wie das erste zugeschoben werden konnte Er aß still und beharrlich alles auf
und dann noch die Krumen aber er vollzog sein Werk nicht mit der gewohnten
Befriedigung Dem Peter lag etwas auf dem Magen das nagte und würgte ihn und
klemmte ihm jeden Bissen zusammen
    Die Kinder waren so spät zu ihrer Mahlzeit gekommen dass schon gleich
nachher der Großvater zu sehen war der die Alm hinanstieg um sie abzuholen
Das Heidi stürzte ihm entgegen es musste ihm zuerst sagen was sich ereignet
hatte Es war indes so erregt von seiner beglückenden Nachricht dass es die
Worte fast nicht fand sie dem Großvater mitzuteilen er verstand aber sogleich
was das Kind berichtete und eine helle Freude kam auf sein Gesicht Er
beschleunigte seinen Schritt und bei Klara angekommen sagte er fröhlich
lächelnd
    »So haben wirs gewagt Nun haben wirs auch gewonnen«
    Dann hob er Klara vom Boden auf umfasste sie mit dem linken Arm und hielt
ihr seine Rechte als starke Stütze für ihre Hand hin und Klara marschierte mit
der festen Wand im Rücken noch viel sicherer und unerschrockener dahin als sie
vorher getan hatte
    Das Heidi hüpfte und jauchzte nebenher und der Großvater sah aus als sei
ihm ein großes Glück widerfahren Jetzt nahm er aber Klara mit einemmal auf
seinen Arm und sagte »Wir wollens nicht übertreiben es ist auch Zeit zur
Heimkehr« und er machte sich gleich auf den Weg denn er wusste dass nun der
Anstrengungen für heute genug waren und Klara der Ruhe bedurfte 
    Als der Peter später am Abend mit seinen Geißen nach dem Dörfli herunter
kam stand eine Menge von Leuten an einem Knäuel zusammen und eins stieß das
andere ein wenig weg um besser sehen zu können was mitten drin am Boden lag
Das musste der Peter auch sehen er drückte und drängte rechts und links und
bohrte sich hinein
    Da jetzt sah ers
    Auf dem Grase lag das Mittelstück vom Rollstuhl und noch ein Teil des
Rückens hing daran Das rote Polster und die glänzenden Nägel zeugten noch
davon wie prächtig der Stuhl in seiner Vollkommenheit ausgesehen hatte
    »Ich war dabei als sie ihn hinauftrugen« sagte der Bäcker der neben dem
Peter stand »wenigstens 500 Franken war er wert das wett ich mit jedem Es
nimmt mich nur wunder wie es zugegangen ist«
    »Der Wind kann ihn heruntergejagt haben das hat der Öhi selbst gesagt«
bemerkte die Barbel die nicht genug das schöne rote Zeug bewundern konnte
    »Es ist gut dass es kein anderer ist ders getan hat« sagte der Bäcker
wieder »dem gings schön Wenn es der Herr in Frankfurt vernimmt wird er schon
untersuchen lassen wies zugegangen ist Ich für mich bin froh dass ich seit
zwei Jahren nie mehr auf der Alm war der Verdacht kann auf jeden fallen der um
die Zeit dort oben gesehen wurde«
    Es wurden noch viele Meinungen ausgesprochen aber der Peter hatte genug
gehört Er kroch ganz zahm und sachte aus dem Knäuel heraus und lief aus allen
Kräften den Berg hinauf so als wäre einer hinter ihm drein der ihn packen
wollte Die Worte des Bäckers hatten ihm eine furchtbare Angst eingejagt Er
wusste ja jetzt dass jeden Augenblick ein Polizeidiener aus Frankfurt ankommen
konnte der die Sache untersuchen musste und dann konnte es doch auskommen dass
er es getan hatte und dann würden sie ihn packen und nach Frankfurt ins
Zuchthaus schleppen Das sah der Peter vor sich und seine Haare sträubten sich
vor Schrecken
    Ganz verstört kam er daheim an Er gab keine Antwort auf gar nichts er
wollte seine Kartoffeln nicht essen eilends kroch er in sein Bett hinein und
stöhnte
    »Der Peterli hat wieder Sauerampfer gegessen er hats im Magen dass er so
ächzen muss« meinte die Mutter Brigitte
    »Du musst ihm ein wenig mehr Brot mitgeben gib ihm morgen noch ein Stücklein
von dem meinen« sagte die Großmutter mitleidig  Als die Kinder heut von
ihren Betten in den Sternenschein hinausschauten sagte das Heidi
    »Hast du nicht heut den ganzen Tag denken müssen wie gut es doch ist dass
der liebe Gott nicht nachgibt wenn wir noch so furchtbar stark beten um etwas
wenn er etwas viel Besseres weiß«
    »Warum sagst du das jetzt auf einmal Heidi« fragte Klara
    »Weißt weil ich in Frankfurt so stark gebetet habe dass ich doch auf der
Stelle heimgehen könne und weil ich das immer nicht konnte habe ich gedacht
der liebe Gott habe nicht zugehört Aber weißt du wenn ich so bald fortgelaufen
wäre so wärest du nie gekommen und du wärest nicht gesund geworden auf der
Alp«
    Klara war ganz nachdenklich geworden »Aber Heidi« fing sie nun wieder an
»dann müssten wir ja um gar nichts beten weil der liebe Gott ja schon immer
etwas viel Besseres im Sinn hat als wir wissen und wir von ihm erbitten
wollen«
    »Ja ja Klara meinst du es gehe dann nur so« eiferte jetzt das Heidi
»Alle Tage muss man zum lieben Gott beten und um alles alles denn er muss doch
hören dass wir es nicht vergessen dass wir alles von ihm bekommen Und wenn wir
den lieben Gott vergessen wollen so vergisst er uns auch das hat die Grossmama
gesagt Aber weißt du wenn wir dann nicht bekommen was wir gern hätten dann
müssen wir nicht denken der liebe Gott hat nicht zugehört und ganz aufhören
zu beten sondern dann müssen wir so beten Jetzt weiß ich schon lieber Gott
dass du etwas Besseres im Sinn hast und jetzt will ich nur froh sein dass du es
so gut machen willst«
    »Wie ist dir das alles so in den Sinn gekommen Heidi« fragte Klara
    »Die Grossmama hat mirs zuerst erklärt und dann ist es auch so gekommen und
dann hab ichs gewusst Aber ich meine auch Klara« fuhr das Heidi fort indem
es sich aufsetzte »heute müssen wir gewiss dem lieben Gott noch recht danken
dass er das große Glück geschickt hat dass du jetzt gehen kannst«
    »Ja gewiss Heidi du hast recht und ich bin froh dass du mich noch
erinnerst vor lauter Freude hätte ich es fast vergessen«
    Jetzt beteten die Kinder noch und dankten dem lieben Gott jedes in seiner
Weise für das herrliche Gut das er der so lange krank gewesenen Klara geschenkt
hatte
    Am andern Morgen meinte der Großvater nun könnte man einmal an die Frau
Grossmama schreiben ob sie nicht jetzt nach der Alp kommen wolle es wäre da
etwas Neues zu sehen Aber die Kinder hatten einen andern Plan gemacht Sie
wollten der Grossmama eine große Überraschung bereiten Erst sollte Klara das
Gehen noch besser lernen so dass sie allein auf das Heidi gestützt einen
kleinen Gang machen könnte von allem aber müsste die Grossmama keine Ahnung
haben Nun wurde der Großvater beraten wie lang das noch währen könnte und da
er meinte kaum acht Tage so wurde im nächsten Brief die Grossmama dringend
eingeladen um diese Zeit auf die Alp zu kommen von etwas Neuem wurde ihr aber
kein Wort berichtet
    Die Tage die nun folgten waren noch von den allerschönsten welche Klara
auf der Alp verlebt hatte Jeden Morgen erwachte sie mit der lauten
Freudenstimme in ihrem Herzen »Ich bin gesund Ich bin gesund Ich muss nicht
mehr im Rollstuhl sitzen ich kann selbst umhergehen wie die anderen Menschen«
    Dann folgte das Umhergehen und jeden Tag ging es leichter und besser und
immer längere Gänge konnten gemacht werden Die Bewegung brachte dann einen
solchen Appetit mit sich dass der Großvater seine dicken Butterschnitten täglich
ein wenig größer machte und mit Wohlgefallen sah wie sie verschwanden Er
brachte jetzt auch immer gleich einen großen Topf voll von der schäumenden Milch
herbei und füllte Schüsselchen um Schüsselchen So kam das Ende der Woche heran
und damit der Tag der die Grossmama bringen sollte
 
                Es wird Abschied genommen aber auf Wiedersehen
Die Grossmama hatte einen Tag vor ihrer Ankunft noch einen Brief nach der Alp
hinauf geschrieben damit sie oben bestimmt wüssten dass sie komme Diesen Brief
brachte am andern Tag der Peter in der Frühe mit sich als er auf die Weide zog
Schon war der Großvater mit den Kindern aus der Hütte getreten und auch Schwänli
und Bärli standen beide draußen und schüttelten lustig ihre Köpfe in der
frischen Morgenluft während die Kinder sie streichelten und ihnen glückliche
Reise wünschten zu ihrer Bergfahrt Behaglich stand der Öhi dabei und schaute
bald auf die frischen Gesichter der Kinder bald auf seine sauber glänzenden
Geißen nieder Beides musste ihm gefallen denn er lächelte vergnüglich
    Jetzt kam der Peter heran Als er die Gruppe gewahr wurde näherte er sich
langsam streckte den Brief dem Öhi entgegen und sobald dieser ihn erfasst
hatte sprang er scheu zurück so als ob ihn etwas erschreckt habe und dann
guckte er schnell hinter sich gerade als ob von hinten ihn auch noch etwas
hätte erschrecken wollen dann machte er einen Sprung und lief davon den Berg
hinauf
    »Großvater« sagte das Heidi das dem Vorgang verwundert zugeschaut hatte
»warum tut der Peter jetzt immer wie der große Türk wenn der eine Rute hinter
sich merkt dann scheut er mit dem Kopf und schüttelt ihn auf alle Seiten und
macht auf einmal Sprünge in die Luft hinauf«
    »Vielleicht merkt der Peter auch eine Rute hinter sich die er verdient«
antwortete der Großvater
    Nur die erste Halde hinauf lief der Peter so in einem Zuge davon sobald man
ihn von unten nicht mehr sehen konnte kam es anders Da stand er still und
drehte scheu den Kopf nach allen Seiten plötzlich tat er einen Sprung und
schaute hinter sich so erschreckt als habe ihn eben einer im Genick gepackt
Hinter jedem Busch hervor aus jeder Hecke heraus meinte jetzt der Peter den
Polizeidiener aus Frankfurt auf sich losstürzen zu sehen Je länger aber diese
gespannte Erwartung dauerte je schreckhafter wurde es dem Peter zumute er
hatte keinen ruhigen Augenblick mehr 
    Nun musste das Heidi seine Hütte aufräumen denn die Grossmama sollte doch
alles in guter Ordnung finden wenn sie kam
    Klara fand dieses geschäftige Treiben Heidis in allen Ecken der Hütte herum
immer so kurzweilig dass sie mit Vorliebe dieser Tätigkeit zuschaute
    So vergingen die frühen Morgenstunden den Kindern unversehens und schon
konnte man der Ankunft der Grossmama entgegensehen
    Jetzt kamen die Kinder bereit und zum Empfang gerüstet wieder heraus und
setzten sich nebeneinander auf die Bank vor der Hütte in voller Erwartung auf
die kommenden Ereignisse
    Auch der Großvater trat jetzt wieder zu ihnen er hatte einen Gang gemacht
und hatte einen großen Strauss dunkelblauer Enziane mitgebracht die leuchteten
so schön in der hellen Morgensonne dass die Kinder aufjauchzten bei dem Anblick
Der Großvater trug sie in die Hütte hinein Von Zeit zu Zeit sprang das Heidi
von der Bank um auszuspähen ob von dem Zug der Grossmama noch nichts zu
entdecken sei
    Aber jetzt da kam es von unten herauf gerade so wie das Heidi es erwartet
hatte Voran stieg der Führer dann kam das weiße Ross und die Grossmama darauf
und zuletzt kam der Träger mit dem hohen Reff denn ohne reichliche Schutzmittel
zog die Grossmama nun einmal nicht auf die Alp
    Näher und näher kam der Zug Jetzt war die Höhe erreicht die Grossmama
erblickte die Kinder von ihrem Pferd herunter
    »Was ist denn das Was seh ich Klärchen Du sitzest nicht in deinem
Sessel Wie ist das möglich« rief sie erschrocken aus und stieg nun eilig
herunter Bevor sie aber noch bei den Kindern angekommen war schlug sie die
Hände zusammen und rief in der höchsten Aufregung
    »Klärchen bist dus oder bist dus nicht Du hast ja rote Wangen
kugelrunde Kind Ich kenne dich nicht mehr »Jetzt wollte die Grossmama auf
Klara losstürzen Aber unversehens war das Heidi von der Bank geglitten Klara
hatte sich schnell auf seine Schultern gestützt und fort wanderten die Kinder
ganz gelassen einen kleinen Spaziergang machend Die Grossmama war plötzlich
still gestanden erst vor Schrecken sie meinte nicht anders als das Heidi
stelle eben etwas Unerhörtes an
    Aber was sah sie vor sich
    Aufrecht und sicher ging Klara neben dem Heidi her jetzt kamen sie wieder
zurück beide mit strahlenden Gesichtern beide mit rosenroten Backen
    Jetzt stürzte die Grossmama ihnen entgegen Lachend und weinend umarmte sie
ihr Klärchen dann das Heidi dann wieder Klara Vor Freude fand die Grossmama
gar keine Worte
    Auf einmal fiel ihr Blick auf den Öhi der bei der Bank stand und mit
behaglichem Lächeln nach den dreien herüberschaute Jetzt fasste die Grossmama
Klaras Arm in den ihrigen und wanderte mit ihr unter immerwährenden Ausrufungen
des Entzückens dass es ja wirklich so sei dass sie umherwandern könne mit dem
Kinde der Bank zu Hier ließ sie Klara los und ergriff den Alten bei beiden
Händen
    »Mein lieber Öhi Mein lieber Öhi Was haben wir Ihnen zu danken Es ist Ihr
Werk Es ist Ihre Sorge und Pflege «
    »Und unseres Herrgotts Sonnenschein und Almluft« fiel der Öhi lächelnd ein
    »Ja und Schwänlis gute schöne Milch gewiss auch« rief nun Klara
ihrerseits »Grossmama du solltest nur wissen wie ich die Geissenmilch trinken
kann und wie gut sie ist«
    »Ja das kann ich an deinen Backen sehen Klärchen« sagte jetzt die
Grossmama lachend »Nein dich kennt man nicht mehr rund breit bist du ja
geworden wie ich nie geahnt dass du je werden könntest und groß bist du
Klärchen Nein ist es denn auch wahr Ich kann dich ja nicht genug ansehen
Aber nun muss auf der Stelle telegraphiert werden an meinen Sohn in Paris er muss
sogleich kommen Ich sag ihm nicht warum das ist die größte Freude seines
Lebens Mein lieber Öhi wie machen wir das Sie haben wohl die Männer schon
entlassen«
    »Die sind fort« antwortete er »aber wenns der Frau Grossmama pressiert so
lässt man den Geissenhüter herunterkommen der hat Zeit«
    Die Grossmama bestand darauf sofort ihrem Sohne eine Depesche zu schicken
denn dieses Glück sollte ihm keinen Tag vorenthalten bleiben
    Nun ging der Öhi ein wenig auf die Seite und hier tat er einen so
durchdringenden Pfiff durch seine Finger dass es hoch oben von den Felsen
zurückpfiff so weit weg hatte er das Echo geweckt Es währte gar nicht lange
so kam der Peter heruntergerannt er kannte den Pfiff wohl Der Peter war
kreideweiss denn er dachte der AlmÖhi rufe ihn zum Gericht Es wurde ihm aber
nur ein Papier übergeben das die Grossmama unterdessen überschrieben hatte und
der Öhi erklärte ihm er habe das Papier sofort ins Dörfli hinunterzutragen und
auf dem Postamt abzugeben die Bezahlung werde der Öhi später selbst in Ordnung
bringen denn so viele Dinge auf einmal konnte man dem Peter nicht übertragen
    Dieser ging nun mit seinem Papier in der Hand für diesmal wieder
erleichtert davon denn der Öhi hatte ja nicht zum Gericht gepfiffen es war
kein Polizeidiener angekommen 
    Endlich konnte man sich denn fest und ruhig zusammen um den Tisch vor der
Hütte herumsetzen und nun musste der Grossmama erzählt werden wie von Anfang an
alles sich zugetragen hatte Wie zuerst der Großvater jeden Tag ein wenig das
Stehen und dann ein Schrittchen mit Klara probiert hatte wie dann die Reise auf
die Weide gekommen war und der Wind den Rollstuhl fortgejagt hatte Wie Klara
vor Begierde nach den Blumen den ersten Gang machen konnte und so eins aus dem
andern gekommen war Aber es währte lange bis diese Erzählung von den Kindern
zu Ende gebracht wurde denn zwischendurch musste die Grossmama immer wieder in
Verwunderung und in Lob und Dank ausbrechen und immer wieder rief sie aus
    »Aber ist es denn auch möglich Ist es denn auch wirklich kein Traum Sind
wir denn auch alle wach und sitzen wir hier vor der Almhütte und das Mädchen
vor mir mit dem runden frischen Gesicht ist mein altes bleiches kraftloses
Klärchen«
    Und Klara und Heidi hatten immer neue Freude dass ihre schön ausgedachte
Überraschung so gut gelungen war bei der Grossmama und immer noch fortwirkte
Herr Sesemann hatte unterdessen seine Geschäfte in Paris beendet und auch er
hatte vor eine Überraschung zu bereiten Ohne ein Wort an seine Mutter zu
schreiben setzte er sich an einem der sonnigen Sommermorgen auf die Eisenbahn
und fuhr in einem Zuge bis nach Basel von wo er in aller Frühe des folgenden
Tages gleich wieder aufbrach denn es hatte ihn ein großes Verlangen ergriffen
einmal wieder sein Töchterchen zu sehen von dem er nun den ganzen Sommer durch
getrennt gewesen war Im Bade Ragaz kam er einige Stunden nach der Abfahrt
seiner Mutter an
    Die Nachricht dass sie eben heute die Reise nach der Alp unternommen habe
kam ihm gerade recht Sofort setzte er sich in einen Wagen und fuhr nach
Maienfeld hinüber Als er da hörte dass er auch noch bis zum Dörfli hinauffahren
könne tat er dies denn er dachte die Fusspartie den Berg hinauf werde ihm
immer noch lang genug werden
    Herr Sesemann hatte sich nicht getäuscht die unausgesetzte Steigung die Alp
hinan kam ihm sehr lang und beschwerlich vor Noch immer war keine Hütte in
Sicht und er wusste doch dass auf dem halben Wege er auf die Wohnung des
Geissenpeter stoßen sollte denn oftmals hatte er die Beschreibung dieses Weges
vernommen
    Es waren überall Spuren von Fussgängern zu sehen manchmal gingen die
schmalen Wege nach allen Richtungen hin Herr Sesemann wurde unsicher ob er
auch auf dem richtigen Pfade sei oder ob vielleicht die Hütte auf einer andern
Seite der Alp liege Er sah sich um ob kein menschliches Wesen zu entdecken
sei das er um den Weg befragen könnte Aber es war still ringsum weit und
breit war nichts zu sehen noch zu hören Nur der Bergwind sauste dann und wann
durch die Luft und im sonnigen Blau summten die kleinen Mücken und ein
lustiges Vögelein pfiff da und dort auf einem einsamen Lärchenbäumchen Herr
Sesemann stand eine Weile still und ließ sich die heiße Stirne vom Alpenwind
kühlen
    Jetzt kam jemand von oben heruntergelaufen es war der Peter mit seiner
Depesche in der Hand Er lief gradaus steil herunter nicht auf dem Fußweg auf
dem Herr Sesemann stand Sobald der Läufer aber nahe genug war winkte ihm Herr
Sesemann dass er herüberkommen sollte Zögernd und scheu kam der Peter heran
seitwärts nicht gradaus und so als könne er nur mit dem einen Fuß richtig
vorankommen und müsse den andern nachschleppen
    »Na Junge frisch heran« ermunterte Herr Sesemann
    »Jetzt sag mir mal komme ich auf diesem Weg zu der Hütte hinauf wo der
alte Mann mit dem Kind Heidi wohnt bei dem die Leute aus Frankfurt sind«
    Ein dumpfer Ton furchtbarsten Schreckens war die Antwort und so maßlos
schoss der Peter davon dass er kopfüber und über die steile Halde hinabstürzte
und fortrollte in unwillkürlichen Purzelbäumen immer weiter und weiter ganz
ähnlich wie der Rollstuhl getan hatte nur dass glücklicherweise der Peter nicht
in Stücke ging wie es bei dem Sessel der Fall gewesen war
    Nur die Depesche wurde arg zugerichtet und flog in Fetzen davon
    »Merkwürdig schüchterner Bergbewohner« sagte Herr Sesemann vor sich hin
denn er dachte nicht anders als dass die Erscheinung eines Fremden diesen
starken Eindruck auf den einfachen Alpensohn hervorgebracht habe
    Nachdem er Peters gewalttätige Talfahrt noch ein wenig betrachtet hatte
setzte Herr Sesemann seinen Weg weiter fort
    Der Peter konnte trotz aller Anstrengung keinen festen Standpunkt gewinnen
er rollte immer zu und von Zeit zu Zeit überschlug er sich noch in besonderer
Weise
    Aber das war nicht die schrecklichste Seite seines Schicksals in diesem
Augenblick viel erschrecklicher waren die Angst und das Entsetzen die ihn
erfüllten nun er wusste dass der Polizeidiener aus Frankfurt wirklich angekommen
war Denn er konnte nicht daran zweifeln dass der Fremde es sei der den
Frankfurtern beim AlmÖhi nachgefragt hatte Jetzt am letzten hohen Abhang
oberhalb des Dörfli warf es den Peter an einen Busch hin da konnte er sich
endlich festklammern Einen Augenblick blieb er noch liegen er musste sich erst
wieder ein wenig besinnen was mit ihm sei
    »Gut so wieder einer« sagte eine Stimme hart neben dem Peter »Und wer
kriegt morgen den Puff da droben dass er herunterkommt wie ein schlechtvernähter
Kartoffelsack«
    Es war der Bäcker der so spottete Da er da droben aus seinem heißen
Tagewerk weg sich ein wenig erluften wollte hatte er ruhig zugesehen wie eben
der Peter dem Heranrollen des Stuhles nicht unähnlich von oben
heruntergekommen war
    Der Peter schnellte auf seine Füße Er hatte seinen neuen Schrecken Jetzt
wusste der Bäcker auch schon dass der Stuhl einen Puff bekommen hatte Ohne ein
einziges Mal zurückzusehen lief der Peter wieder den Berg hinauf Am liebsten
wäre er jetzt heimgegangen und in sein Bett gekrochen dass ihn keiner mehr
finden konnte denn da fühlte er sich am sichersten Aber er hatte ja die Geißen
noch oben und der Öhi hatte ihm noch eingeschärft bald wiederzukommen dass die
Herde nicht zu lang allein sei Den Öhi aber fürchtete er vor allen und hatte
einen solchen Respekt vor ihm dass er niemals gewagt hätte ihm ungehorsam zu
sein Der Peter ächzte laut und hinkte weiter es musste ja sein er musste wieder
hinauf Aber rennen konnte er jetzt nicht mehr die Angst und die mannigfaltigen
Stöße die er soeben erduldet hatte konnten nicht ohne Wirkung bleiben So ging
es denn mit Hinken und Stöhnen weiter die Alm hinauf
    Herr Sesemann hatte kurz nach der Begegnung mit Peter die erste Hütte
erreicht und wusste nun dass er auf dem richtigen Wege war Er stieg mit erneutem
Mute weiter und endlich nach langer mühevoller Wanderung sah er sein Ziel
vor sich Dort oben stand die Almhütte und oben drüber wogten die dunkeln Wipfel
der alten Tannen
    Herr Sesemann ging mit Freuden an die letzte Steigung gleich konnte er sein
Kind überraschen Aber schon war er von der Gesellschaft vor der Hütte entdeckt
und erkannt worden und für den Vater wurde vorbereitet was er nicht ahnte
    Als er den letzten Schritt zur Höhe getan hatte kamen ihm von der Hütte her
zwei Gestalten entgegen Es war ein großes Mädchen mit hellblonden Haaren und
einem rosigen Gesichtchen das stützte sich auf das kleinere Heidi dem ganze
Freudenblitze aus den dunkeln Augen funkelten Herr Sesemann stutzte er stand
still und starrte die Herankommenden an Auf einmal stürzten ihm die großen
Tränen aus den Augen Was stiegen auch für Erinnerungen in seinem Herzen auf
Ganz so hatte Klaras Mutter ausgesehen das blonde Mädchen mit den angehauchten
Rosenwangen Herr Sesemann wusste nicht war er wachend oder träumte er
    »Papa kennst du mich denn gar nicht mehr« rief ihm jetzt Klara mit
freudestrahlendem Gesicht entgegen »bin ich denn so verändert«
    Nun stürzte Herr Sesemann auf sein Töchterchen zu und schloss es in seine
Arme
    »Ja du bist verändert Ist es möglich Ist es Wirklichkeit«
    Und der überglückliche Vater trat wieder einen Schritt zurück um noch
einmal hinzusehen ob denn das Bild nicht verschwinde vor seinen Augen
    »Bist dus Klärchen bist dus denn wirklich« musste er ein Mal ums andere
ausrufen Dann schloss er sein Kind wieder in die Arme und gleich nachher musste
er noch einmal sehen ob es wirklich sein Klärchen sei das aufrecht vor ihm
stand
    Jetzt war auch die Grossmama herbeigekommen sie konnte nicht so lange
warten bis sie das glückliche Gesicht ihres Sohnes erblicken sollte
    »Na mein lieber Sohn was sagst du jetzt« rief sie ihm zu »Die
Überraschung die du uns machst ist recht schön aber diejenige die man dir
bereitet hat ist noch viel schöner nicht« Und die erfreute Mutter begrüßte
nun mit großer Herzlichkeit ihren lieben Sohn »Aber jetzt mein Lieber« sagte
sie dann »kommst du mit mir dort hinüber unsern Öhi zu begrüßen der ist unser
allergrösster Wohltäter«
    »Gewiss und auch unsere Hausgenossin unser kleines Heidi muss ich noch
begrüßen« sagte Herr Sesemann indem er Heidis Hand schüttelte »Nun Immer
frisch und gesund auf der Alp Aber man muss nicht fragen kein Alpenröschen kann
blühender aussehen Das ist mir eine Freude Kind das ist mir eine große
Freude«
    Auch das Heidi schaute mit leuchtender Freude zu dem freundlichen Herrn
Sesemann auf Wie gut war er immer zu ihm gewesen Und dass er nun hier auf der
Alp ein solches Glück finden sollte das machte Heidis Herz laut schlagen vor
großer Freude
    Jetzt führte die Grossmama ihren Sohn zum AlmÖhi hinüber und während nun
die beiden Männer sich sehr herzlich die Hände schüttelten und Herr Sesemann
begann seinen tiefgefühlten Dank auszusprechen und sein unermessliches Erstaunen
darüber wie nur dieses Wunder hatte geschehen können da wandte sich die
Grossmama und ging ein wenig nach der andern Seite hinüber denn das hatte sie
nun schon durchgesprochen Sie wollte einmal nach den alten Tannen sehen
    Da harrte ihrer schon wieder etwas Unerwartetes mitten unter den Bäumen
da wo die langen Äste noch einen freien Platz gelassen hatten stand ein großer
Busch der wundervollsten dunkelblauen Enziane so frisch und glänzend als
wären sie eben da herausgewachsen Die Grossmama schlug die Hände zusammen vor
Entzücken
    »Wie köstlich Wie prächtig Welch ein Anblick« rief sie ein Mal ums andere
aus »Heidi mein liebes Kind komm hierher Hast du mir das zur Freude
bereitet Es ist vollkommen wundervoll«
    Die Kinder waren schon da
    »Nein nein ich gewiss nicht« sagte das Heidi »aber ich weiß schon wers
gemacht hat«
    »So ists droben auf der Weide Grossmama und noch viel schöner« fiel hier
Klara ein »Aber rat einmal wer dir heut früh schon die Blumen von der Weide
heruntergeholt hat« Und Klara lächelte so vergnüglich zu ihrer Rede dass der
Grossmama einen Augenblick der Gedanke kam das Kind sei am Ende heut selbst
schon dort oben gewesen Das war aber doch fast nicht möglich
    Jetzt hörte man ein leises Geräusch hinter den Tannenbäumen es kam vom
Peter her der unterdessen hier oben angelangt war Da er aber gesehen hatte
wer beim Öhi vor der Hütte stand hatte er einen großen Bogen gemacht und wollte
nun ganz heimlich hinter den Tannen hinaufschleichen Aber die Grossmama hatte
ihn erkannt und plötzlich stieg ein neuer Gedanke in ihr auf Sollte der Peter
die Blumen mit heruntergebracht haben und nun aus lauter Scheu und
Bescheidenheit so heimlich vorbeischleichen wollen Nein das durfte nicht sein
er sollte doch eine kleine Belohnung haben
    »Komm mein Junge komm hier heraus frisch ohne Scheu« rief die Grossmama
laut und steckte ein wenig den Kopf zwischen die Bäume hinein
    Starr vor Schrecken stand der Peter still Er hatte keine Widerstandskraft
mehr nach allem Erlebten Er fühlte nur noch das eine »Jetzt ists aus« Alle
Haare standen ihm aufrecht auf dem Kopf und farblos und entstellt von höchster
Angst trat der Peter hinter den Tannen hervor
    »Nur frisch heran ohne Umwege« ermunterte die Grossmama »So nun sag mir
mal Junge hast du das gemacht«
    Der Peter hob seine Augen nicht auf und sah nicht wohin der Zeigefinger der
Grossmama wies Er hatte gesehen dass der Öhi an der Ecke der Hütte stand und dass
dessen graue Augen durchdringend auf ihn gerichtet waren und neben dem Öhi
stand das Schrecklichste das der Peter kannte der Polizeidiener aus Frankfurt
An allen Gliedern zitternd und bebend stieß der Peter einen Laut hervor es war
ein »Ja«
    »Na nu« sagte die Grossmama »was ist denn das Erschreckliche dabei«
    »Dass er  dass er  dass er auseinander ist und man ihn nicht mehr machen
kann« brachte mühsam der Peter heraus und nun schlotterten seine Knie so dass
er fast nicht mehr stehen konnte Die Grossmama ging nach der Hüttenecke hinüber
    »Mein lieber Öhi rappelt es denn wirklich ernstlich bei dem armen Buben«
fragte sie teilnehmend
    »Gar nicht gar nicht« versicherte der Öhi »der Bube ist nur der Wind der
den Rollstuhl fortgejagt hat und nun erwartet er seine wohlverdiente Strafe«
    Das konnte nun die Grossmama gar nicht glauben denn sie meinte boshaft sehe
der Peter doch ganz und gar nicht aus und sonst hätte er doch keinen Grund
gehabt den so notwendigen Rollstuhl zu zerstören Aber dem Öhi war das
Geständnis nur die Bestätigung eines Verdachtes gewesen der gleich nach der Tat
in ihm aufgestiegen war Die grimmigen Blicke die der Peter vom Anfang an der
Klara zugeworfen hatte und andere Merkmale seiner Erbitterung gegen die neuen
Erscheinungen auf der Alp waren dem Öhi nicht entgangen Er hatte einen Gedanken
an den andern gehängt und so hatte er genau den ganzen Gang der Dinge erkannt
und teilte ihn jetzt der Grossmama in aller Klarheit mit Als er zu Ende war
brach die Dame in große Lebhaftigkeit aus
    »Nein mein lieber Öhi nein nein den armen Buben wollen wir nicht weiter
strafen Man muss billig sein Da kommen die fremden Leute aus Frankfurt
hereingebrochen und nehmen ihm ganze Wochen lang das Heidi weg sein einziges
Gut und wirklich ein großes Gut und da sitzt er allein Tag für Tag und hat das
Nachsehen Nein nein da muss man billig sein der Zorn hat ihn überwältigt und
hat ihn zu der Rache getrieben die ein wenig dumm war aber im Zorn werden wir
alle dumm«
    Damit ging die Grossmama zum Peter zurück der noch immerfort bebte und
schlotterte
    Sie setzte sich auf die Bank unter die Tanne und sagte freundlich
    »So nun komm mein Junge da vor mich hin ich habe dir etwas zu sagen Hör
auf zu zittern und zu beben und hör mir zu das will ich haben Du hast den
Rollstuhl den Berg hinuntergejagt damit er zerschmettere Das war etwas Böses
das hast du recht wohl gewusst und dass du eine Strafe verdientest das wusstest
du auch und damit du diese nicht erhaltest hast du dich recht anstrengen
müssen dass keiner es merke was du getan hattest Aber siehst du wer etwas
Böses tut und denkt es weiß es keiner der verrechnet sich immer Der liebe
Gott sieht und hört ja doch alles und sobald er bemerkt dass ein Mensch seine
böse Tat verheimlichen will so weckt er schnell in dem Menschen das Wächterchen
auf das er schon bei seiner Geburt in ihn hineingesetzt hat und das da drinnen
schlafen darf bis der Mensch ein Unrecht tut Und das Wächterchen hat einen
kleinen Stachel in der Hand mit dem sticht es nun in einem fort den Menschen
dass er gar keinen ruhigen Augenblick mehr hat Und auch mit seiner Stimme
beängstigt es den Gequälten noch denn es ruft ihm immer quälend zu Jetzt kommt
alles aus Jetzt holen sie dich zur Strafe So muss er immer in Angst und
Schrecken leben und hat keine Freude mehr gar keine Hast du nicht auch so
etwas erfahren Peter eben jetzt«
    Der Peter nickte ganz zerknirscht aber wie ein Kenner denn perfekt so war
es ihm ergangen
    »Und noch in einer Weise hast du dich verrechnet« fuhr die Grossmama fort
»Sieh wie das Böse das du tatest zum Besten ausfiel für die der du es
zufügen wolltest Weil Klara keinen Sessel mehr hatte auf dem man sie
hinbringen konnte und doch die schönen Blumen sehen wollte so strengte sie
sich ganz besonders an zu gehen und so lernte sies und geht nun immer besser
und bleibt sie hier so kann sie am Ende jeden Tag hinauf zur Weide gehen viel
öfter als sie in ihrem Stuhl hinaufgekommen wäre Siehst du wohl Peter So
kann der liebe Gott was einer böse machen wollte nur schnell in seine Hand
nehmen und für den andern der geschädigt werden sollte etwas Gutes daraus
machen und der Bösewicht hat das Nachsehen und den Schaden davon Hast du nun
auch alles gut verstanden Peter ja So denk daran und jedesmal wenn es dich
wieder gelüsten sollte etwas Böses zu tun denk an das Wächterchen da drinnen
mit dem Stachel und der unangenehmen Stimme Willst du das tun«
    »Ja so will ich« antwortete der Peter noch sehr gedrückt denn noch wusste
er ja nicht wie alles enden würde da der Polizeidiener immer noch drüben stand
neben dem Öhi
    »So nun ists gut die Sache ist abgetan« schloss die Grossmama »Nun sollst
du aber auch noch ein Andenken an die Frankfurter haben das dich freut So sag
mir nun mein Junge hast du auch schon mal was gewünscht das du haben
möchtest Was wars denn Was möchtest du am liebsten haben«
    Jetzt hob der Peter seinen Kopf auf und starrte die Grossmama mit ganz
kugelrunden erstaunten Augen an Noch immer hatte er etwas Erschreckliches
erwartet und nun sollte er auf einmal bekommen was er gern hätte Dem Peter
kam alles durcheinander in seinen Gedanken
    »Ja ja es ist mir Ernst« sagte die Grossmama »du sollst etwas haben das
dich freut zur Erinnerung an die Leute von Frankfurt und zum Zeichen dass sie
nicht mehr daran denken dass du etwas Unrechtes getan hast Verstehst dus nun
Junge«
    In dem Peter fing die Einsicht aufzudämmern an dass er keine Strafe mehr zu
befürchten habe und dass die gute Frau die vor ihm saß ihn aus der Gewalt des
Polizeidieners errettet hatte Jetzt empfand er eine Erleichterung als fiele
ein Berg von ihm ab der ihn fast zusammengedrückt hatte Aber nun hatte er auch
begriffen dass es besser geht wenn man gleich eingesteht was gefehlt ist und
auf einmal sagte er
    »Und das Papier hab ich auch verloren«
    Die Grossmama musste sich ein wenig besinnen aber der Zusammenhang kam ihr
bald in den Sinn und sie sagte freundlich
    »So so es ist recht dass dus sagst Immer gleich bekennen was nicht
recht ist dann kommts wieder in Ordnung Und jetzt was hättest du gern«
    Nun konnte der Peter auf der Welt wünschen was er nur wollte Es wurde ihm
fast schwindelig Der ganze Jahrmarkt von Maienfeld flimmerte vor seinen Augen
mit all den schönen Sachen die er oft stundenlang angestaunt und für immer
unerreichbar gehalten hatte denn Peters Besitztum hatte nie einen Fünfer
überstiegen und alle die lockenden Gegenstände kosteten immer das Doppelte Da
waren die schönen roten Pfeifchen die er so gut für seine Geißen brauchen
konnte Da waren die lockenden Messer mit runden Heften Krötenstecher genannt
mit denen man in allen Haselrutenhecken die besten Geschäfte machen konnte
    Tiefsinnig stand der Peter da denn er überdachte welches von den zweien
das Wünschbarste wäre und er fand den Entscheid nicht Aber jetzt kam ihm ein
lichtvoller Gedanke so konnte er sich noch bis zum nächsten Jahrmarkt besinnen
    »Einen Zehner« antwortete Peter jetzt entschlossen
    Die Grossmama lachte ein wenig
    »Das ist nicht übertrieben So komm her« Sie zog jetzt ihren Beutel heraus
und nahm einen großen runden Taler heraus darauf legte sie noch zwei
Zehnerstückchen
    »So wir wollen gerade Rechnung machen« fuhr sie fort »das will ich dir
erklären Hier hast du nun gerade so viele Zehner als Wochen im Jahre sind So
kannst du jeden Sonntag einen Zehner hervornehmen und verbrauchen das ganze
Jahr durch«
    »Meiner Lebtag« fragte der Peter in harmloser Weise
    Jetzt musste die Grossmama so ungeheuer lachen dass die Herren drüben ihr
Gespräch unterbrechen mussten um zu hören was da vorgehe
    Die Grossmama lachte immer noch
    »Das sollst du haben Junge  das gibt einen Passus in mein Testament 
hörst du mein Sohn  und nachher geht er in das deinige über also Dem
Geissenpeter einen Zehner wöchentlich so lang er am Leben ist«
    Herr Sesemann nickte zustimmend und lachte auch herüber
    Der Peter schaute noch einmal auf das Geschenk in seiner Hand ob es auch
wirklich wahr sei Dann sagte er »Danke Gott«
    Und nun rannte er davon in ganz ungewöhnlichen Sprüngen aber diesmal blieb
er doch auf den Füßen denn jetzt trieb ihn nicht der Schrecken davon sondern
eine Freude wie der Peter noch gar keine gekannt hatte sein Leben lang Alle
Angst und Schrecken waren vergangen und jede Woche hatte er einen Zehner zu
erwarten sein Leben lang 
    Als später die Gesellschaft vor der Almhütte das fröhliche Mittagsmahl
beendet hatte und nun noch in allerlei Gesprächen zusammensass da nahm Klara
ihren Vater der ganz strahlte vor Freude und jedesmal wenn er sie wieder
anschaute noch ein wenig glücklicher aussah bei der Hand und sagte mit einer
Lebhaftigkeit die man nie an der matten Klara gekannt hatte »O Papa wenn du
nur wüsstest was der Großvater alles für mich getan hat So viel alle Tage dass
man es gar nicht nacherzählen kann aber ich vergesse es in meinem ganzen Leben
nicht Und immer denke ich wenn ich nur dem lieben Großvater auch etwas tun
könnte oder etwas schenken das ihm so recht Freude machen würde nur auch halb
so viel wie er mir Freude gemacht hat«
    »Das ist ja auch mein größter Wunsch liebes Kind« sagte der Vater »ich
sinne schon immer darüber nach wie wir unserem Wohltäter unseren Dank nur auch
einigermaßen dartun könnten«
    Herr Sesemann stand jetzt auf und ging zum Öhi hinüber der neben der
Grossmama saß und sich ausnehmend gut mit ihr unterhalten hatte Er stand aber
jetzt auch auf Herr Sesemann ergriff seine Hand und sagte in der
freundschaftlichsten Weise
    »Mein lieber Freund lassen Sie uns ein Wort zusammen sprechen Sie werden
es verstehen wenn ich Ihnen sage dass seit langen Jahren ich keine rechte
Freude mehr kannte Was war mir all mein Geld und Gut wenn ich mein armes Kind
anblickte das ich mit keinem Reichtum gesund und glücklich machen konnte
Nächst unserm Gott im Himmel haben Sie mir das Kind gesund gemacht und mir wie
ihm damit ein neues Leben geschenkt Nun sprechen Sie womit kann ich Ihnen
meine Dankbarkeit zeigen Vergelten kann ich nie was Sie uns getan haben aber
was ich vermag das stelle ich zu Ihrer Verfügung Sprechen Sie mein Freund
was darf ich tun«
    Der Öhi hatte still zugehört und den glücklichen Vater mit vergnüglichem
Lächeln angeblickt
    »Herr Sesemann glaubt mir wohl dass ich meinen Teil an der großen Freude
über diese Genesung auf unserer Alm auch habe meine Mühe ist mir wohl dadurch
vergolten« sagte jetzt der Öhi in seiner festen Weise »Für die gütigen
Anerbietungen danke ich Herrn Sesemann ich habe nichts nötig so lang ich lebe
habe ich für das Kind und mich genug Aber einen Wunsch hätte ich wenn mir der
erfüllt werden könnte so hätte ich für dieses Leben keine Sorge mehr«
    »Sprechen Sie sprechen Sie mein lieber Freund« drängte Herr Sesemann
    »Ich bin alt« fuhr der Öhi fort »und kann nicht mehr lange hier bleiben
Wenn ich gehe kann ich dem Kinde nichts hinterlassen und Verwandte hat es
keine mehr nur eine einzige Person die würde noch ihren Vorteil aus ihm ziehen
wollen Wenn mir der Herr Sesemann die Zusicherung geben wollte dass das Heidi
nie in seinem Leben hinaus muss um sein Brot unter den Fremden zu suchen dann
hätte er mir reichlich zurückgegeben was ich für ihn und sein Kind tun konnte«
    »Aber mein lieber Freund von dem kann ja niemals eine Rede sein« brach
Herr Sesemann nun aus »das Kind gehört ja zu uns Fragen Sie meine Mutter
meine Tochter das Kind Heidi werden sie ja in ihrem Leben nicht anderen Leuten
überlassen Aber da wenn es Ihnen eine Beruhigung ist mein Freund hier meine
Hand darauf Ich verspreche Ihnen nie in seinem Leben soll dieses Kind hinaus
um unter fremden Menschen sein Brot zu verdienen dafür will ich sorgen auch
über meine Lebenszeit hinaus Nun aber will ich noch etwas sagen Dieses Kind
ist nicht für ein Leben in der Fremde gemacht wie auch die Verhältnisse wären
das haben wir erfahren Aber es hat sich Freunde gemacht Einen solchen kenn
ich der ist noch in Frankfurt da tut er seine letzten Geschäfte ab um dann
nachher dahin zu gehen wo es ihm gefällt und sich da zur Ruhe zu setzen Das
ist mein Freund der Doktor der noch diesen Herbst hier ankommen wird und
Ihren Rat dazu in Anspruch nehmend sich in dieser Gegend niederlassen will
denn in Ihrer und des Kindes Gesellschaft hat er sich so wohl befunden wie
sonst nirgends mehr So sehen Sie das Kind Heidi wird fortan zwei Beschützer in
seiner Nähe haben Mögen ihm beide miteinander noch recht lange erhalten
bleiben«
    »Das gebe der liebe Gott« fiel hier die Grossmama ein und den Wunsch ihres
Sohnes bestätigend schüttelte sie dem Öhi eine gute Weile mit großer
Herzlichkeit die Hand Dann fasste sie auf einmal das Heidi um den Hals das
neben ihr stand und zog es zu sich heran
    »Und du mein liebes Heidi dich muss man doch auch noch fragen Komm sag
mir mal Hast du denn nicht auch einen Wunsch den du gern erfüllt hättest«
    »Ja freilich das hab ich schon« antwortete das Heidi und blickte sehr
erfreut zu der Grossmama auf
    »So das ist recht so komm heraus damit« ermunterte diese »was hättest du
denn gern Kind«
    »Ich hätte gern mein Bett aus Frankfurt mit den drei hohen Kissen und der
dicken Decke dann muss die Großmutter nicht mehr mit dem Kopf bergab liegen und
kann fast nicht atmen und sie hat warm genug unter der Decke und muss nicht
immer mit dem Shawl ins Bett gehen weil sie sonst furchtbar friert«
    Das Heidi hatte alles in einem Atemzuge gesagt vor Eifer zu seinem
gewünschten Ziel zu kommen
    »Ach mein liebes Heidi was sagst du mir da« rief die Grossmama erregt aus
»Das ist gut dass du mich erinnerst In der Freude vergisst man leicht woran man
zu allererst hätte denken sollen Wenn uns der liebe Gott was Gutes schickt
müssten wir doch gleich an diejenigen denken die so vieles entbehren Jetzt wird
auf der Stelle nach Frankfurt telegraphiert Noch heute soll die Rottenmeier das
Bett zusammenpacken in zwei Tagen kann es da sein Wills Gott soll die
Großmutter gut schlafen darin«
    Das Heidi hüpfte frohlockend rings um die Grossmama herum Aber auf einmal
stand es still und sagte eilig
    »Nun muss ich gewiss geschwind zur Großmutter hinunter es wird ihr auch
wieder angst wenn ich so lang nicht mehr komme«
    Denn nun konnte das Heidi es nicht mehr erwarten der Großmutter die
Freudenbotschaft zu bringen und es war ihm auch wieder in den Sinn gekommen
wie es der Großmutter angst gewesen als sie zuletzt bei ihr war
    »Nein nein Heidi was meinst du« ermahnte der Großvater »Wenn man Besuch
hat läuft man nicht mit einemmal auf und davon«
    Aber die Grossmama unterstützte das Heidi
    »Mein lieber Öhi das Kind hat so unrecht nicht« sagte sie »die arme
Großmutter ist auch seit langem viel zu kurz gekommen um unsertwillen Nun
wollen wir gleich alle miteinander zu ihr gehen und ich denke dort warte ich
mein Pferd ab und wir setzen dann unseren Weg weiter fort und unten im Dörfli
wird sogleich das Telegramm nach Frankfurt aufgegeben Mein Sohn was meinst du
dazu«
    Herr Sesemann hatte bis jetzt noch gar nicht Zeit gehabt über seine
Reisepläne zu sprechen Er musste also seine Mutter bitten nicht sogleich ihr
Unternehmen auszuführen sondern noch einen Augenblick sitzen zu bleiben bis er
seine Absicht ausgesprochen habe
    Herr Sesemann hatte sich vorgenommen mit seiner Mutter eine kleine Reise
durch die Schweiz zu machen und erst zu sehen ob sein Klärchen imstande sei
eine kurze Strecke mit zu reisen Nun war es so gekommen dass er die
genussreichste Reise in Gesellschaft seiner Tochter vor sich sah und nun wollte
er auch gleich diese schönen Spätsommertage dazu benutzen Er hatte im Sinne
die Nacht im Dörfli zuzubringen und am folgenden Morgen Klara auf der Alm
abzuholen um mit ihr zur Grossmama nach dem Bade Ragaz und von da weiter zu
ziehen
    Klara war ein wenig betroffen über die Anzeige der plötzlichen Abreise von
der Alp aber es war ja so viel Freude daneben und überdies war da gar keine
Zeit sich dem Bedauern hinzugeben
    Schon war die Grossmama aufgestanden und hatte Heidis Hand erfasst um den Zug
anzuführen Jetzt kehrte sie sich plötzlich um
    »Aber was in aller Welt macht man nun mit Klärchen« rief sie erschrocken
aus denn es war ihr in den Sinn gekommen dass der Gang doch für sie viel zu
lang sein würde
    Aber schon hatte in gewohnter Weise der Öhi sein Pflegetöchterchen auf den
Arm genommen und folgte mit festem Schritte der Grossmama nach die jetzt mit
vielem Wohlgefallen zurücknickte Zuletzt kam Herr Sesemann und so ging der Zug
weiter den Berg hinunter
    Das Heidi musste immerfort aufhüpfen vor Freude an der Seite der Grossmama
und diese wollte nun alles wissen von der Großmutter wie sie lebe und wie alles
bei ihr zugehe besonders im Winter bei der großen Kälte da droben
    Das Heidi berichtete über alles ganz genau denn es wusste schon wie das
alles zuging und wie dann die Großmutter zusammengeduckt in ihrem Winkelchen saß
und zitterte vor Kälte Es wusste auch gut was sie dann zu essen hatte und
auch was sie nicht hatte
    Bis zur Hütte hinunter hörte die Grossmama mit der lebhaftesten Teilnahme
Heidis Berichten zu 
    Die Brigitte war eben daran Peters zweites Hemd an die Sonne zu hängen
damit wenn das eine wieder genug getragen war das andere angezogen werden
konnte Sie erblickte die Gesellschaft und stürzte in die Stube hinein
    »Jetzt grad geht alles fort Mutter« berichtete sie »es ist ein ganzer
Zug der Öhi begleitet sie er trägt das Kranke«
    »Ach muss es denn wirklich sein« seufzte die Großmutter »So nehmen sie das
Heidi mit das hast du gesehen Ach wenn es mir nur auch noch die Hand geben
dürfte Wenn ich es nur auch noch einmal hörte«
    Jetzt wurde stürmisch die Tür aufgemacht und das Heidi war in wenigen
Sprüngen in der Ecke bei der Großmutter und umklammerte sie
    »Großmutter Großmutter Mein Bett kommt aus Frankfurt und alle drei Kissen
und auch die dicke Decke in zwei Tagen ist es da das hat die Grossmama gesagt«
    Das Heidi hatte gar nicht schnell genug seinen Bericht herausbringen können
denn es konnte die ungeheure Freude der Großmutter fast nicht abwarten Sie
lächelte aber ein wenig traurig sagte sie
    »Ach was muss das für eine gute Frau sein Ich sollte mich nur freuen dass
sie dich mitnimmt Heidi aber ich kann es nicht lang überleben«
    »Was was Wer sagt denn der guten alten Großmutter so etwas« fragte hier
eine freundliche Stimme und die Hand der Alten wurde dabei erfasst und herzlich
gedrückt denn die Grossmama war hinzugetreten und hatte alles gehört »Nein
nein davon ist keine Rede Das Heidi bleibt bei der Großmutter und macht ihre
Freude aus Wir wollen das Kind auch wieder sehen aber wir kommen zu ihm Jedes
Jahr werden wir nach der Alm hinaufkommen denn wir haben Ursache an dieser
Stelle dem lieben Gott alljährlich unseren besonderen Dank zu sagen wo er ein
solches Wunder an unserem Kinde getan hat«
    Jetzt kam der echte Freudenschein auf das Gesicht der Großmutter und mit
wortlosem Dank drückte sie fort und fort die Hand der guten Frau Sesemann
während ihr vor lauter Freude zwei große Tränen die alten Wangen herabglitten
Das Heidi hatte den Freudenschein auf dem Gesichte der Großmutter gleich gesehen
und war jetzt ganz beglückt
    »Gelt Großmutter« sagte es sich an sie schmiegend »jetzt ist es so
gekommen wie ich dir zuletzt gelesen habe Gelt das Bett aus Frankfurt ist
gewiss heilsam«
    »Ach ja Heidi und noch so vieles so viel Gutes das der liebe Gott an mir
tut« sagte die Großmutter mit tiefer Rührung »Wie ist es nur möglich dass es
so gute Menschen gibt die sich um eine arme Alte bekümmern und so viel an ihr
tun Es ist nichts das einem den Glauben so stärken kann an einen guten Vater
im Himmel der auch sein Geringstes nicht vergessen will wie so etwas zu
erfahren dass es solche Menschen gibt voll Güte und Barmherzigkeit für ein
armes unnützes Weiblein wie ich eins bin«
    »Meine gute Großmutter« fiel hier Frau Sesemann ein »vor unserem Herrn im
Himmel sind wir alle gleich armselig und alle haben wir es gleich nötig dass er
uns nicht vergesse Und nun nehmen wir Abschied aber auf Wiedersehen denn
sobald wir nächstes Jahr wieder nach der Alm kommen suchen wir auch die
Großmutter wieder auf die wird nie mehr vergessen« Damit erfasste Frau Sesemann
noch einmal die Hand der Alten und schüttelte sie
    Aber sie kam nicht so schnell fort wie sie meinte denn die Großmutter
konnte nicht aufhören zu danken und alles Gute das der liebe Gott in seiner
Hand habe wünschte sie auf ihre Wohltäterin und deren ganzes Haus herab
    Jetzt zog Herr Sesemann mit seiner Mutter talabwärts während der Öhi Klara
noch einmal mit nachhause trug und das Heidi ohne auszusetzen hochauf hüpfte
neben ihnen her denn es war so froh über die Aussicht der Großmutter dass es
mit jedem Schritt einen Sprung machen musste
    Am Morgen darauf aber gab es heiße Tränen bei der scheidenden Klara nun sie
fort musste von der schönen Alm wo es ihr so wohl gewesen war wie noch nie in
ihrem Leben Aber das Heidi tröstete sie und sagte
    »Es ist im Augenblick wieder Sommer und dann kommst du wieder und dann ists
noch viel schöner Dann kannst du von Anfang an gehen und wir können alle Tage
mit den Geißen auf die Weide gehen und zu den Blumen hinauf und alles Lustige
geht von vorn an«
    Herr Sesemann war nach Abrede gekommen sein Töchterchen abzuholen Er stand
jetzt drüben beim Großvater die Männer hatten noch allerlei zu besprechen
Klara wischte nun ihre Tränen weg Heidis Worte hatten sie ein wenig getröstet
    »Ich lasse auch den Peter noch grüßen« sagte sie wieder »und alle Geißen
besonders das Schwänli O wenn ich nur dem Schwänli ein Geschenk machen könnte
es hat so viel dazu geholfen dass ich gesund geworden bin«
    »Das kannst du schon ganz gut« versicherte das Heidi »Schick ihm nur ein
wenig Salz weißt wie gern schleckt es am Abend das Salz aus des Großvaters
Hand«
    Der Rat gefiel der Klara wohl
    »O dann will ich ihm gewiss hundert Pfund Salz aus Frankfurt schicken« rief
sie erfreut aus »es muss auch ein Andenken an mich haben«
    Jetzt winkte Herr Sesemann den Kindern denn er wollte abreisen Diesmal war
das weiße Pferd der Grossmama für Klara gekommen und jetzt konnte sie
herunterreiten sie brauchte keinen Tragsessel mehr
    Das Heidi stellte sich auf den äußersten Rand des Abhanges hinaus und winkte
mit seiner Hand der Klara zu bis kein Pünktchen mehr von Ross und Reiterin zu
sehen war  
    Das Bett ist angekommen und die Großmutter schläft jetzt so gut jede Nacht
dass sie gewiss dadurch zu ganz neuen Kräften kommt
    Den harten Winter auf der Alp hat die gute Grossmama auch nicht vergessen
Sie hat einen großen Warenballen nach der GeissenpeterHütte gesandt darin war
so viel warmes Zeug verpackt dass die Großmutter sich um und um damit einhüllen
kann und gewiss nie mehr zitternd vor Kälte in ihrer Ecke sitzen muss
    Im Dörfli ist ein großer Bau im Gang Der Herr Doktor ist angekommen und hat
vorderhand sein altes Quartier bezogen Auf den Rat seines Freundes hin hat der
Herr Doktor das alte Gebäude angekauft das der Öhi im Winter mit dem Heidi
bewohnt hatte und das ja schon einmal ein großer Herrensitz gewesen war was man
immer noch an der hohen Stube mit dem schönen Ofen und dem kunstreichen Getäfel
sehen konnte Diesen Teil des Hauses lässt der Herr Doktor als seine eigene
Wohnung aufbauen Die andere Seite wird als Winterquartier für den Öhi und das
Heidi erstellt denn der Herr Doktor kennt den Alten als einen unabhängigen
Mann der seine eigene Behausung haben muss Zuhinterst wird ein festgemauerter
warmer Geissenstall eingerichtet da werden Schwänli und Bärli in sehr
behaglicher Weise ihre Wintertage zubringen
    Der Herr Doktor und der AlmÖhi werden täglich bessere Freunde und wenn sie
zusammen auf dem Gemäuer herumsteigen um den Fortgang des Baues zu besichtigen
kommen ihre Gedanken meistens auf das Heidi denn beiden ist die Hauptfreude an
dem Hause dass sie mit ihrem fröhlichen Kinde hier einziehen werden
    »Mein lieber Freund« sagte kürzlich der Herr Doktor mit dem Öhi oben auf
der Mauer stehend »Sie müssen die Sache ansehen wie ich
    Ich teile alle Freude an dem Kinde mit Ihnen als wäre ich der nächste nach
Ihnen zu dem das Kind gehört ich will aber auch alle Verpflichtungen teilen
und nach bester Einsicht für das Kind sorgen So habe ich auch meine Rechte an
unserem Heidi und kann hoffen dass es mich in meinen alten Tagen pflegt und um
mich bleibt was mein größter Wunsch ist Das Heidi soll in alle Kindesrechte
bei mir eintreten so können wir es ohne Sorge zurücklassen wenn wir einmal von
ihm gehen müssen Sie und ich«
    Der Öhi drückte dem Herrn Doktor lange die Hand er sagte kein Wort aber
sein guter Freund konnte in den Augen des Alten die Rührung und hohe Freude
lesen die seine Worte erweckt hatten 
    Derweilen saßen das Heidi und der Peter bei der Großmutter und das erstere
hatte so viel zu tun mit Erzählen und der letztere mit Zuhören dass sie alle
beide kaum zu Atem kommen konnten und vor Eifer immer näher auf die glückliche
Großmutter eindrangen
    Wie viel war ihr auch zu berichten von alledem das den ganzen Sommer durch
sich ereignet hatte denn man war ja so wenig zusammengekommen während dieser
Zeit
    Und von den dreien sah immer eins glücklicher aus als das andere über das
neue Zusammensein und über alle die wunderbaren Ereignisse Jetzt aber war das
Gesicht der Mutter Brigitte noch fast am glücklichsten anzusehen da mit Heidis
Hilfe nun zum erstenmal klar und verständlich die Geschichte des unaufhörlichen
Zehners herauskam Zuletzt aber sagte die Großmutter
    »Heidi lies mir ein Lob und Danklied Es ist mir als könne ich nur noch
loben und preisen und unserem Gott im Himmel Dank sagen für alles was er an uns
getan hat«