Sophie Wörishöffer
Robert der Schiffsjunge
Zu Hause
In dem holsteinischen Städtchen Pinneberg das damals noch ein Flecken war
stand vor ungefähr hundert Jahren am Ufer der Pinnau das Häuschen des alten
Schneidermeisters Kroll Ein Gemüsegarten reichte vom Hof bis zum Wasser herab
und mehrere baufällige Scheunen beherbergten unter ihren moosbewachsenen
Ziegeldächern allerlei Tiere die auf dem Lande die meisten Leute selbst halten
und schlachten Schweine Hühner und Tauben außerdem aber auch noch eine Kuh
und zwei Ziegen Daneben gab es einen Holzstall eine Geschirrkammer und einen
kleinen ausgemauerten Raum den etwa zehn bis zwölf Kaninchen bewohnten Sie
gehörten Robert dem fünfzehnjährigen Sohn des Meisters der als Oberaufseher
über alle Bewohner des Hofes von seinem Vater angestellt worden war obgleich er
dies Amt nicht immer zur Zufriedenheit des Alten verwaltete Besonders an
Sommerabenden brüllte grunzte und piepste es in den Ställen jämmerlich
durcheinander bis der Meister mit der Brille auf der Nase herauskam und all die
leeren Futtertröge sah »Wo steckt nur wieder der Junge Auf und davon sobald
die Feierabendglocke geschlagen hat anstatt sich noch in Haus und Hof nützlich
zu machen noch einen Groschen extra zu verdienen oder wenigstens ein gutes Buch
zu lesen Der schwimmt irgendwo auf der Aue oder auf dem Mühlteich und wenn es
mir nicht gelingt ihn zahm zu machen so wird er ein Vagabund ein
Taugenichts«
Und kopfschüttelnd versorgte der Alte die Tiere kopfschüttelnd nähte er
wieder seine Flicken auf die schadhaften Kleidungsstücke der Ortsbewohner und
überlegte zum hundertsten Male womit er seinen einzigen Sohn zur Vernunft
bringen sollte Robert war ein so kluger Junge konnte alles spielend vollenden
was andern die größte Mühe machte aber er hatte »seinen eigenen Kopf« wie der
Vater seufzend dachte und er verachtete heimlich das Schneiderhandwerk zu dem
er doch erzogen werden sollte Ja er verachtete es er warf Schere und
Bügeleisen in den Winkel sobald es irgend möglich war und lief lieber mit
einem Loch im Ärmel herum als es sich fein säuberlich zuzunähen
Meister Kroll ließ die Hand mit der Nähnadel in den Schoss sinken und schaute
vom Tisch herab ganz trübsinnig auf die Straße hinaus »Könnte es so schön
haben« murmelte er vor sich hin »könnte so warm sitzen und will durchaus in
die weite Welt laufen um sich erst einmal mürbe machen zu lassen und
auszuprobieren wie fremder Leute Brot schmeckt Soll aber nichts daraus werden
so wahr ich Hans Fürchtegott Kroll heiße Den einen Jungen besitze ich nur das
Häuschen ist schuldenfreies Eigentum und die Kundschaft nährt ihren Mann also
was will der Robert weiter Sag Mutter was meinst du dazu«
Die alte Frau fuhr mit der Schürze über die Augen »Es nützt ja nichts
Vater du kannst ihn nur halten bis er ausgelernt hat dann geht er zur See«
Der Alte nickte vor sich hin »Hat dirs wohl schon alles anvertraut nicht
wahr« brummte er »aber daraus wird nichts«
Die Mutter schwieg um ihren Mann nicht noch mehr aufzubringen und dadurch
dem Jungen zu schaden Sie machte Robert vielmehr wenn er spät nach Hause kam
allerlei heimliche Zeichen dass er nur ganz still ins Bett schlüpfen und sich
gar nichts merken lassen solle
»Der Junge muss sich doch am Abend ein bisschen austoben« dachte sie »Er ist
ja noch ein Kind das vergisst der Alte«
Sie nahm sich auch wenn es irgend möglich war der Tiere an und verschwieg
es dem Vater wenn Robert heimlich fortgelaufen war »Er mag nun einmal nicht
sitzen« überredete sie sich »und den einzigen Jungen habe ich nur Warum soll
er immer arbeiten als wären wir arme Leute die das Brot trocken essen müssen
Lass ihn nur laufen«
Die Folgen dieser falschen Erziehung zeigten sich aber bald Der Vater
schlug den Jungen mehr als er verdiente die Mutter dagegen half ihm immer
wieder sich durch kleine Lügen diesen Bestrafungen zu entziehen und Robert
selbst wurde immer trotziger und ungehorsamer
»Ich will kein Schneider werden« erklärte er eines Tages dem Alten rund
heraus »ich habe dazu keine Lust Das Seemannshandwerk ist auch ein ehrliches
Gewerbe nicht schlechter als sonst eins Ich möchte mehr von der Welt sehen als
nur das kleine Pinneberg«
Der Meister schüttelte den Kopf »Ist alles dummes Zeug« antwortete er
»Sollst in die Kundschaft hereinwachsen dies Häuschen übernehmen und eines
Tages hier begraben werden wie schon mein Großvater selig und mein Vater hier
begraben worden sind Sie waren Schneider vom Vater auf den Sohn und du wirst
es auch verstanden«
Robert weinte bitterlich »Ich sehe es aber gar nicht ein« schluchzte er
»Ich desto besser Bleibe im Lande und nähre dich redlich heißt der alte
Spruch Wers nicht getan hat der musste es bitter zu seinem Schaden erfahren«
Robert hob plötzlich den Kopf »Wenn aber jeder in seinem Lande geblieben
wäre dann sähe doch die Welt ganz anders aus« rief er »Christoph Kolumbus und
«
»Ach lass doch die greulichen Heiden Es hilft dir alles nichts die Krolls
sind von jeher Schneider gewesen und du wirst auch einer Da diese Naht nähst
du mir mit einem sauberen Steppstich Finde ich einen Fehler daran so schmeckst
du den Stock und nun den Mund gehalten wenn ich bitten darf Lehrjungen
plappern nicht während der Arbeitsstunden«
Robert musste sich fügen aber das Verlangen nach Erlösung aus diesen
Verhältnissen wurde immer stärker Hier bleiben fürs ganze Leben nie etwas
anderes sehen als den engen Hof und die enge Straße das war schrecklich Der
Vater erlaubte gar kein Vergnügen und keine Erholung er durfte nicht ein
einziges Mal mit der Eisenbahn nach Hamburg fahren oder mit anderen Jungen eine
Wanderung machen »Das alles kostet Geld und Zeit« war die Antwort die er
seinem Sohn gab »Was willst du in Hamburg Da stehen Häuser und laufen Menschen
wie hier Das Geld wäre ganz umsonst ausgegeben«
Robert senkte mutlos den Kopf »Und die Schiffe und die Elbe« fragte er
kleinlaut »Das ist doch sehenswert«
Der Alte wich und wankte nicht »War mir allezeit ein Greuel das
Matrosenleben« antwortete er »Die Kerle fluchen und trinken und sind
Verschwender hat so einer seine Heuer empfangen dann geht es darauf los als
könnte die Geschichte gar kein Ende nehmen In die Sparkasse wandert kein
Pfennig«
So endete jeder Versuch etwas mehr Freiheit zu erringen und Robert wurde
endlich ganz stumm und sprach nicht mehr mit seinem Vater
Um diese Zeit machte er eine Bekanntschaft die für seine ganze Zukunft von
Bedeutung werden sollte Der Seilermeister dessen Bahn an den Krollschen Garten
stieß hatte einen neuen Gesellen genommen und Georg so hieß er suchte sehr
bald die Freundschaft des Schneiderlehrlings
Nur wenige Jahre älter als Robert hatte er von der Welt schon ein gutes
Stück gesehen war als Schiffsjunge in fremden Ländern gewesen und kannte das
Seemannsleben genau Kein Wunder also dass sich Robert mit ihm befreundete
Zuerst sprachen die beiden nur über den Zaun hinweg dann aber schlüpfte
Georg hindurch und auf dem Heuboden entspann sich die lebhafteste Unterhaltung
Robert hörte auf das was ihm der Seiler erzählte wie auf eine Verkündigung
Endlich hatte er gefunden was er suchte endlich durfte er alle diese Dinge
kennenlernen nach denen er sich sehnte Selbst an die Bootsfahrten auf dem
Mühlteich dachte er nicht mehr sondern verbrachte jede freie Stunde neben dem
neuen Kameraden auf dem Heuboden oder im Holzstall Georg musste fortwährend
erzählen
Der schlaue Bursche wusste sehr bald seinen Vorteil wahrzunehmen »Willst du
eine Zigarre« fragte er einmal »oder ist dir eine Pfeife lieber«
Robert errötete »Ich ich habe noch nie geraucht« stammelte er
»Was Nicht geraucht« lachte der andere »Darfst wohl nicht kleiner Junge
was Gibt dir der Alte noch Schläge«
Robert sah zur Seite »Oh nein Und das Rauchen verbietet der Vater auch
nicht ich habe schon manche Zigarre verdampft aber «
»Ha ha ha und vor zwei Minuten sagtest du das Gegenteil Bürschchen Dich
haben sie aber schön in der Zucht«
»Gib her« rief Robert gereizt durch den Spott des anderen »Gib her Auch
wenn es mein Vater verbietet würde ich mich nicht daran kehren«
»Das meine ich aber auch Wie alt bist du eigentlich Junge«
»Bald sechzehn« entgegnete Robert »Du brauchst mich übrigens gar nicht
Junge zu nennen Georg Ich bin fast so alt wie du selbst«
Der Seiler lächelte überlegen »Wirst ja noch wie ein kleines Kind
behandelt mein Bester« sagte er »daher kommt es wohl Ich glaube du musst um
Erlaubnis fragen wenn du niesen willst Na da war ich ein anderer Kerl«
»So« fragte Robert mannhaft gegen den Tabakrauch kämpfend »und wie fingst
du die Geschichte an Warst du da schon Schiffsjunge«
»Natürlich Ach das ist ein herrliches Leben sage ich dir Es geht nichts
über die See Sollte ich so wie du auf dem Tisch sitzen und immer mit der Nadel
in die Lappen hineinbohren das wäre mir was rechtes Weiberarbeit und weiter
nichts ich danke«
Robert hatte große Lust zu weinen Die Beschäftigung die ihm von seinem
Vater aufgedrängt wurde erschien ihm in diesem Augenblick wie eine Art Schande
»Ja du hast gut reden« seufzte er »Aber was soll ich machen Mein Alter
lässt mich nicht los sooft ich ihn auch bitte«
Er verbiss das Unwohlsein das ihm die Zigarre verursachte Um keinen Preis
hätte Robert dem anderen eingestanden dass ihn dies männliche Vergnügen
jämmerlich über den Haufen zu werfen drohte »Warum verspottest du mich immer«
fragte er »Erzähle mir lieber von deinen Reisen«
Der Seiler gähnte »Die Kehle wird einem trocken dabei« antwortete er »Hat
dein Alter nirgends einen Schluck hinter seinen Flicken und Lappen verborgen«
»Branntwein« fragte Robert »den trinkt er nie«
»Welch ein Muster von einem Mann«
Robert erhob sich etwas schwankend aus dem Heu »Bier haben wir« sagte
er »Ich will dir eine Flasche holen«
»Du« rief ihm Georg nach »bring auch einen Bissen Brot mit und ein Stück
Speck oder dergleichen Deine Alte hat ja natürlich die Speisekammer voll«
Robert winkte ihm »Pst lass es doch niemand hören«
Dann aber schlich er fort und gelangte durch eine zerbrochene Scheibe in den
kleinen Vorratskeller Sein Herz klopfte zum Zerspringen als er eine
Bierflasche und ein tüchtiges Stück Schinken an sich nahm Das war gestohlen
sein Gewissen sagte es ihm laut genug
Jeden Augenblick glaubte er den schlürfenden Schritt des Vaters zu hören
Und nannte nicht dort jemand seinen Namen »Robert«
Er horchte aber alles blieb still Leise wie ein Dieb kroch Robert wieder
durch das Fenster in den Hof hinauf und brachte seinem Freund das Verlangte
»Da nun iss« sagte er »und dann erzähle Warum bist du überhaupt für immer an
Land gegangen«
Der Seiler setzte die Flasche erst wieder auf den Fußboden als sich kein
Tropfen mehr darin befand »Warum« wiederholte er »Hm ich habe einmal das
Bein gebrochen bin aus dem Mast gefallen und kann daher nicht mehr klettern«
»Aus dem Mast gefallen« wiederholte Robert »Binden sich denn die Seeleute
nicht fest da oben«
Der Seiler wollte sich ausschütten vor Lachen »Festbinden« rief er »das
ist köstlich Nein du sie machen sichs noch bequemer will ich dir sagen Die
Mutter muss mit an Bord und an Deck die Schürze ausbreiten dahinein fällt der
Junge wenn er das Gleichgewicht verliert«
Robert errötete Das und so vieles andere waren Anspielungen auf seine
abhängige Lage und auf den strengen Gehorsam den der Vater von ihm forderte
»Du bist glücklich« sagte er »kannst tun und lassen was du willst Aber
ich muss Schneider werden weil mein Vater durchaus will Wenn er nur erfährt
dass ich einmal auf dem Mühlenteich gefahren bin so gibt es schon «
»Ohrfeigen« ergänzte gleichmütig der andere »Kann ich mir genau denken
Aber warum fährst du nicht in der Nacht Eben jetzt haben wir die günstigste
Jahreszeit dazu Wahrhaftig ich möchte einmal an des Müllers Segelboot meine
Kunst wieder üben«
Roberts Herz klopfte Wie mutig war Georg wie leicht schien das alles wenn
man ihn so sprechen hörte An das Segelboot des reichen Müllers hatte er selbst
noch nicht einmal zu denken gewagt Das lag ja mit einer Kette und einem Schloss
fest an dem zierlichen über das Wasser hinausgebauten Gartenhaus es war das
Eigentum fremder Leute wie konnte man also davon sprechen als dürfte es der
erste beste zu seinem Vergnügen besteigen
»Ja« sagte er ganz verwirrt »aber das ist nicht erlaubt«
»Ach dummes Zeug Was schadet es den Planken wenn wir einmal darauf
herumtrampeln Du glaubst gar nicht wie angenehm es ist bei stillem Wetter im
Boot zu liegen und sich von den Wellen schaukeln zu lassen«
»Das weiß ich« rief mit glänzenden Augen der Junge »Oh es ist ein
Vergnügen wie kein anderes Den Kahn des Holzhändlers darf ich benutzen weil
ich den Leuten manchmal einen Gefallen tue und dann fahre ich oft nach
Feierabend quer über den Teich Der Vater darf es aber nicht wissen«
Georg kaute noch an dem mitgebrachten Schinken »Der platte schwerfällige
Kahn« sagte er verächtlich »der Klotz an dem man sich die Arme lahm rudern
muss Nein mein Junge was erst große Anstrengung kostet das ist kein Vergnügen
mehr Ein Segelboot fliegt wie eine Möwe über das Wasser aber dein Kahn ist ja
wie ein Schubkarren Versuch erst einmal den Unterschied«
Robert war bereits halb besiegt »Meinst du dass es ginge« fragte er »Ich
glaube das Boot ist angeschlossen«
»Nun dafür hat man krumme Nägel Wir wollen ja nicht stehlen«
»Wie komme ich nur aus dem Hause dass es die Eltern nicht merken« murmelte
Robert »Den Schlüssel darf ich auf keinen Fall nehmen«
»Ist ja auch gar nicht nötig Die Hoftür hat doch einen Riegel und den
zieht man leise zurück das ist das Ganze Die Alten schnarchen ruhig weiter«
»Ja« rief Robert »aber dann stände das Haus offen«
»Nun und was schadet das weiter Schätze werden in dem alten Kasten nicht
verborgen sein denke ich«
Robert lächelte »Schätze wohl nicht aber ein paar hundert Taler hat der
Alte doch im Schrank Er bringt es immer erst zur Sparkasse wenn das Tausend
voll ist so alle zwei oder drei Jahre«
Georg hatte aufmerksam zugehört »Sieh an« rief er »also ein Krösus im
kleinen Ja die Schneider sind kluge Leute und sparsam dazu«
Robert seufzte »Die Schneider sind doch überall verachtet« sagte er »Ich
mag keiner werden und wenn es auch noch so viel Geld abwirft«
Georg nickte »Wäre auch schade um einen so frischen kräftigen Jungen wie
du bist« meinte er »Gott wenn ich mir dich als Leichtmatrosen vorstelle du
könntest es in ein paar Jahren zum Kapitän bringen Und ein Kapitän ist ein
König im kleinen«
Robert fuhr mit der Rückseite der Hand über die Augen »Es hilft mir ja doch
nichts« stammelte er »Ich darf nicht fort«
»Ach Unsinn Komm nur erst einmal mit mir auf den Mühlenteich hinaus dann
wird dir der Mut schon wachsen Wie wäre es wenn wir morgen die Geschichte
versuchten Du legst dich um neun Uhr in deine Koje und schnarchst wie ein Bär
bis du merkst dass die Alten von ihren Sparkassenbüchern träumen dann schlüpfst
du zur Hoftür hinaus«
Robert fühlte wie ihn die Versuchung ergriff Was wäre es denn auch weiter
Die Söhne des Müllers durften nach getaner Arbeit im Boot fahren soviel sie
wollten er hatte es oft gesehen und auch dem Vater vorgehalten dann schüttelte
der Alte ärgerlich den Kopf »Der Müller ist ein reicher Mann« antwortete er
»da kann er es schon treiben wie es ihm gefällt Du aber bist armer Leute Kind
und musst Pfennig auf Pfennig legen Ich habs auch so gemacht«
Es war dem Jungen als höre er die warnende Stimme des alten Vaters aber
doch konnte er nicht widerstehen »Ich komme Georg« flüsterte er
unwillkürlich leise sprechend als fürchte er sich vor dem Verbotenen »Wo
treffen wir uns«
»Hm ich denke am Mühlenteich und bring mir von dem Schinken ein tüchtiges
Stück mit Deine würdige Frau Mutter hat dies verstorbene Borstenvieh
außerordentlich schmackhaft zubereitet«
Robert versprach es und dann trennten sich die beiden Genossen Während der
Seiler zufrieden lächelnd seine Dachkammer aufsuchte stahl sich Robert an
allen Gliedern wie gelähmt mit brennender Zunge und schwerem Kopf zunächst
wieder in den Vorratskeller hinunter um dort die leere Flasche an ihren Platz
zu stellen und dann ging er schleunigst zu Bett So unwohl hatte er sich noch
nie im Leben gefühlt
Am folgenden Morgen sah er ganz blass aus Er mochte kaum essen aber er
arbeitete den Tag über mit besonderem Fleiß um nur keinen Verdacht auf sich zu
lenken und ging früh wieder zu Bett
O wie lang wurde dieser Abend Der Vater hatte noch spät eine fertige Arbeit
ausgetragen und die Mutter knetete das Brot wer weiß wie lange Es schien dem
ungeduldigen Robert als sei ein Jahr vergangen seit er sich in die Federn
legte Zehnmal war er im Begriff wieder aufzustehen aber immer hinderte ihn die
Furcht sich dadurch verdächtig zu machen Sein böses Gewissen ließ ihn vor
jedem Geräusch erzittern
Aber alles nimmt ein Ende auch der längste Abend Endlich war der Teig
fertig und der Vater wieder nach Hause gekommen endlich das Licht ausgelöscht
und die Eltern zur Ruhe gegangen Robert konnte geräuschlos aus dem Bett und in
die Kleider schlüpfen
Seine Stiefel behielt er in der Hand Nur noch rasch wieder in den Keller
heute schon viel gleichgültiger als gestern dann zog er den Riegel von der
Hoftür Noch einmal sah er sich ängstlich um Sollte er wirklich die
ahnungslosen Eltern hintergehen ihr Hab und Gut preisgeben ihr Verbot
übertreten Noch auf der Schwelle zögerte er »Kein guter Sohn tut das«
flüsterte die Stimme des Gewissens
Ja aber wie wird Georg lachen wie wird er mich morgen verspotten dachte
er Ich höre es schon dass er sich lustig macht »Bist kein Kerl du kleiner
Schneider hast keinen Mut Geh und lass dir von den Alten die Lehren der
Weisheit und Tugend vorpredigen bis du ganz dumm geworden bist Die Schafsköpfe
leben am längsten«
Er murmelte eine Entschuldigung als stände Georg mit seinem mageren
blassen Gesicht und dem höhnischen Blick im Mondlicht unmittelbar vor ihm Nein
so feige und unzuverlässig konnte er sich nicht zeigen Hingehen musste er
Mit drei Sätzen war die Hecke des Nachbargartens überklettert und nun
gings in eiligem Lauf weiter Der schlurfende Schritt des einzigen alten
Nachtwächters sein Stolpern über das schlechte unebene Pflaster waren schon
von weitem zu hören er konnte einer Begegnung leicht ausweichen In weniger
als einer Viertelstunde hatte er die Gruppe hoher alter Linden erreicht in
deren Schatten sich der Eingang zum Garten des Müllers befand
Georg trat ihm plötzlich von der Seite entgegen so dass er erschrak
»Ach du bists« flüsterte er »Ich dachte schon der Müller «
»Lag hier auf der Lauer um uns zu fangen nicht wahr« lachte der Seiler
»Na komm nur im Garten ist niemand ich habe es schon ausgekundschaftet«
Die beiden durchschritten den langen Kiesgang und kamen an ein kleines
chinesisches Gartenhaus dessen Tür verschlossen war Robert wandte sich
bedauernd zu seinem Gefährten »Was nun« fragte er
Der Seiler suchte in allen Taschen »Wirst gleich sehen« sagte er »So musst
du die Sache anfassen Das ist keine Hexerei«
Er hatte ohne große Mühe das Schloss geöffnet noch ehe Robert eine
Einwendung machen konnte Mit pochendem Herzen folgte er ihm in den kleinen
offenen Raum an dessen Treppe das Segelboot auf dem Wasser lag Heller
Mondschein überflutete den breiten Teich und seine hübschen von grünen Wiesen
umrahmten Ufer weiße Schwäne zogen langsam vorüber
Georg wandte sich blinzelnd zu seinem jüngeren Gefährten »Wie angenehm ist
es doch ein reicher Mann zu sein nicht wahr Robert« fragte er »Aber der
Einfältige der Schüchterne wird es nie im Leben Sieh wie oft hast du schon im
stillen die Söhne des Müllers um ihr hübsches Segelboot beneidet aber hingehen
und es dir nehmen das wagtest du nicht Jetzt fahren wir und kehren uns nicht
daran wer das Ding bezahlt hat so macht es der Kluge überall«
»Aha ein hübsches Fahrzeug« fuhr er fort »verteufelt nett Alles so fein
gemalt und sauber gehalten man sollte meinen dass es richtige Teerjacken wären
die es unter den Händen haben Wahrhaftig auch ein Flaschenkorb Prosit
Müller«
Er trank ein paar Schluck von dem Branntwein den er fand und öffnete dann
das Schloss des kleinen Bootes alles mit einer Sicherheit als sei er der
rechtmäßige Eigentümer dieser Dinge Robert folgte ihm der Seiler setzte das
Segel und dann stießen sie ab Er schien so recht in seinem Element zu sein
das Vergnügen lachte ihn aus den Augen
»Pass auf Landratte« rief er »so bedient man ein Boot«
Robert horchte fast andächtig Sein Herz hüpfte vor Freude Unter sich den
blauen Spiegel des Teiches und über sich das weiße bauschende Segel er
glaubte dass es auf der Welt kein größeres Vergnügen geben könne Vergessen war
der Ungehorsam das Unrecht fremder Leute Schlösser gewaltsam geöffnet zu
haben und die Gefahr einer etwaigen Entdeckung Robert empfand nur die
Seligkeit in einem wirklichen Schiff wie er es nannte fahren zu dürfen
Langsam glitt das Boot über die Wellen dahin
»Du bist ja ganz stumm geworden« lachte der Seiler »Hast am Ende noch nie
die Planken eines Schiffes betreten«
»Ach« seufzte Robert »nie eins gesehen sogar«
»Unmöglich Du bist doch gewiss oft in Hamburg gewesen«
»Noch nie Vater gibt keinen Pfennig unnötig aus«
Georg zog verächtlich die Schultern empor »Dein Alter ist ein Narr« sagte
er »aber du bist ein dreifacher Pass nur auf die Gelegenheit zu einem
Abstecher nach Hamburg soll sehr bald kommen Hast du etwas zu leben
mitgebracht«
Robert reichte dem Freund das Bier und den Schinken »Sind alle Boote so
eingerichtet wie dieses« fragte er »Ach das Segeln ist doch ganz etwas
anderes als das Rudern«
»Habe ich dirs nicht gleich gesagt Däumling Aber das Ei will immer klüger
sein als die Henne Was wirst du erst für Augen machen wenn wir einmal auf
einem Dampfer sind«
»Wie sind die eingerichtet« fragte der Junge wissbegierig
Georg lachte laut »Wie tief ist das Meer bei Grönland Ebensogut könnte ich
das auf Stecknadelbreite angeben wie ohne weiteres beantworten wie Dampfschiffe
gebaut sind Sehr verschieden das ist erst einmal alles was du zu wissen
brauchst«
Der Seiler zog aus der Brusttasche seiner Jacke eine kleine Flasche hervor
und tat einen tüchtigen Zug Dann reichte er Robert den Rest »Trink aus mein
Junge« sagte er
Der hielt verlegen das Fläschchen in der Hand »Branntwein« fragte er
»Natürlich es ist kein Gift Hast wohl noch nie ein paar Tropfen über die
Zunge laufen lassen«
Robert umging die Antwort indem er das Getränk eilends verschluckte Es
schmeckte ihm schlecht aber er fühlte sehr bald eine angenehme Wirkung so
etwas wie ein Wachsen und Dehnen aller Kräfte eine Unternehmungslust wie er
sie nie vorher in dem Masse gekannt hatte
»Ich möchte dass das Amerika wäre oder Afrika« sagte er auf die bewaldeten
Ufer deutend »und dass dort Wilde hausten die wir bekämpfen oder überlisten
würden Hast du wohl schon wirkliche Schwarze gesehen Georg«
»Gesehen« lachte der Seiler »Das ist nicht schlecht wahrhaftig Ich bin
über ein Jahr lang als Heizer auf den RedRiverDampfern gefahren mit lauter
Negern als Schiffsmannschaft«
Roberts Augen glänzten »Habt ihr da Abenteuer erlebt du«
»Mit den Schwarzen Das sind urgemütliche Kerle sage ich dir Wenn ihre
Arbeit getan ist so balgen sie sich wie die Kinder und stoßen mit den
eisenharten Köpfen zum Spaß wie die Ziegenböcke gegeneinander Einmal als bei
einer großen Überschwemmung alle Holzlager weggespült waren und auch in den
durchnässten Wäldern kein brauchbares Feuerungsmaterial aufgetrieben werden
konnte nahmen wir zum Ersatz die Staketpfähle der Farmen und unsere Neger
mussten sooft der Vorrat zur Neige ging an Land um wieder Nachschub
herbeizuschaffen Das war überaus komisch
Stell dir vor dass unser harmloses kleines Gehölz der Urwald wäre mit
breiten himmelhohen Stämmen von Unterholz und Schlingpflanzen in eine grüne
unentwirrbare Wildnis verwandelt und von unzähligen Tieren bevölkert Affen und
Papageien in den Wipfeln ein brauner Bär mit seiner Familie am Ufer oder ein
schwerfälliger Alligator der so schnell es ihm seine kurzen unbehilflichen
Beine erlauben die Flucht ergreift dazu alle Arten von kleineren Tieren alle
möglichen Stimmen alle erdenklichen Geräusche Jeden Abend entzündeten wir
riesige Feuer um das Gesindel aus unserer Nähe zu vertreiben und dann mussten
die Neger in das Wasser hinein an einzelnen Stellen sogar bis unter die Arme
Sie jauchzten dabei vor Vergnügen und trugen auf ihren Schultern größere Lasten
als sie ein Weisser auf ebener Erde fortbringen könnte«
Robert legte den Arm über die Augen Er weinte
»Erzähle mir lieber gar nichts mehr Georg« schluchzte er »Solche
Abenteuer möchte ich erleben die ganze weite Welt sehen wilde Tiere und wilde
Menschen aber ich soll ja Schneider werden Am liebsten möchte ich sterben
Georg«
Der Seiler pfiff spöttisch durch die Zähne »Du bist ein Narr dir den Tod
herbeizuwünschen Halte dich doch lieber an das Leben und erobere es mit Gewalt
wenn andere es dir mit Gewalt aus den Händen reißen wollen In Hamburg gibt es
Kapitäne genug die einen solchen Jungen wie du bist an Bord nehmen ohne viel
nach Papieren oder der Erlaubnis des Herrn Vaters zu fragen Weil sich so ein
alter Schneidermeister in den Kopf gesetzt hat dass sein Sohn unbedingt auch mit
gekreuzten Beinen auf dem Tisch sitzen und allerlei Flicken zusammenstoppeln
soll darum ist die Welt noch nirgends mit Brettern vernagelt Lass mich nur
machen«
Robert fühlte wohl dass es nicht recht war Reden mit anzuhören die seinen
Vater beleidigten Georg hatte ja recht der Vater misshandelte sein eigenes
Kind
»Es sind schon viele Jungen auf und davongegangen weil es ihnen in der
Heimat nicht mehr gefiel« fuhr der Seiler fort »Ich selbst habs ja so
gemacht«
Robert fuhr auf »Du« fragte er ganz erstaunt
»Natürlich ich und kein anderer Meine Mutter war eine Milchhändlerin die
mich an jedem Morgen vor ihren Wagen spannte bis es mir nicht mehr gefiel Da
ging ich durch die Lappen wer wollte mir das verdenken Zum Hund fühlte ich
mich nicht geschaffen«
Robert saß da mit heißer Stirn und unruhigen Gedanken Seine Augen gingen
sehnsüchtig über das Wasser und den dunklen Wald
»Lass uns umkehren Georg« seufzte er »und am linken Ufer entlangfahren Da
liegen die kleinen Inseln auf denen wir als Schuljungen oft Krieg spielten und
denen wir Namen gaben Ich war immer der König«
Georg musterte die Umgebung »Vor allen Dingen müssen sich Eure Majestät die
LandrattenBezeichnungen abgewöhnen« antwortete er »Vom Umkehren weiß der
Seemann nichts und mit einem Segelboot so ohne weiteres einen andern Kurs
einschlagen das kann er auch nicht Die verschiedenen Arten der Fortbewegung
nennt man erstens wie wir es bisher taten vor dem Wind segeln wenn er von
hinten zweitens bei dem Wind wenn er von der Seite weht mit halbem Wind oder
backstags wenn er halb von hinten halb von der Seite kommt und kreuzen oder
lavieren wenn er entgegenweht dabei kann man sein Ziel natürlich auf geradem
Wege nicht erreichen sondern segelt in stumpfem oder mindestens doch rechtem
Winkel von einem Ufer zum andern Was du eben in richtiger Fuhrmannssprache
umkehren genannt hast heißt über Stag gehen das Kommando lautet Klar zum
Wenden und dann wenn alle Schooten bedient sind Wenden«
Er hatte während dieser Auseinandersetzung die erforderlichen Handgriffe
ausgeführt und Robert verfolgte mit fast zärtlichen Blicken jede Bewegung
seines Freundes
»Georg« rief er »jetzt fahren wir beim Wind nicht wahr«
»All right Sir« lachte der Seiler »Wahrhaftig du bist zum Seemann
geboren Gib doch noch einmal die Flasche da aus dem Kasten herüber Der Müller
wird ja nicht arm werden wenn ich mit seinem Kognak auf dein Wohl trinke«
Robert gehorchte widerstrebend nur um in seines Freundes Augen als ein
ganzer Mann dazustehen Georg machte sich ja aus solchen Kleinigkeiten nichts
also durfte er nicht weniger mutig erscheinen
Der Seiler hielt die Flasche gegen das Licht »Wird gar nicht bemerkt«
sagte er »und darauf kommt im Leben alles an«
Robert verbarg aufatmend die Flasche Obwohl niemand dabei war so schien es
ihm doch als sähen tausend Augen den Diebstahl Jetzt hatte das Boot den
eigentlichen Mühlenteich wieder erreicht und Georg hielt sich links wo
verschiedene kleine Inseln wie grüne Punkte im ruhigen Wasser lagen Durch alle
diese einzelnen Arme des Teiches kreuzte das kleine wendige Fahrzeug während
der Seiler von seinen Reisen erzählte und den lauschenden Jungen so gut zu
fesseln wusste dass er tief seufzte als der Garten des Müllers wieder erreicht
war
»Du fährst noch manches Mal mit mir nicht wahr Georg« fragte er
»Sooft du willst mein Junge Aber für heute müssen wir es genug sein
lassen glaube ich Mitternacht ist vorüber und bald wird es heller Tag
werden«
Die beiden brachten nun das Segel wieder in seine vorige Lage schlossen das
Boot an den Eisenring der Treppe und versperrten auch die vordere Tür Dann
schlichen sie durch den Garten auf die Straße hinaus
»Geh du allein« flüsterte Georg »und ich auch Wenn dann einer gesehen
wird so ist doch wenigstens der andere nicht entdeckt Gute Nacht«
»Gute Nacht« gab Robert zurück »Und vielen Dank Georg«
»Hat nichts zu sagen« lachte der »Aber du wenn einmal deine Alte ein
bisschen zu essen im Küchenschrank hat dann denk an mich Etwas Warmes bekomme
ich nie«
Robert stand vor Erstaunen still »Nie ein Mittagessen« wiederholte er
»Aber du verdienst doch wöchentlich dein bestimmtes Geld«
Georg zuckte die Achseln »Fürs Verhungern zu viel und fürs Sattessen zu
wenig« antwortete er »Ich bin ja noch ein Anfänger in diesem Handwerk musst du
wissen Es kommt alles durch den gebrochenen Fuß sonst wäre ich längst
Steuermann«
»Du Armer« rief der Junge gerührt »Ich will für dich tun was ich kann und
werde dir auch in Zukunft deine Kleider flicken Der Schneider soll doch zu
etwas gut sein«
»Es tranken ihrer neunzig ja neunmal neunundneunzig aus einem Fingerhut«
summte Georg spöttisch und dann winkte er im Halbdunkel der Linden noch einen
lachenden Abschiedsgruss Robert war jetzt allein Schnell die Flaschen
ergriffen einen letzten Blick zum Teich hinüber eine Rundschau ob auch alles
ganz ruhig sei und dann Fersengeld gegeben Husch husch über den Bahnkörper
vorbei am hohen alten Gefängnis durch die Straße an deren Ende erst der
Nachtwächter daherklapperte und dann in den Garten gekrochen
Nichts regte sich Jetzt stand er auf dem Hofplatz seines elterlichen Hauses
und probierte die Tür sie war offen Pikas der Spitz kroch ihm wedelnd
entgegen alles atmete so tiefen Frieden war so ganz ungestört ganz wie immer
dass es dem Jungen mit jeder Minute leichter ums Herz wurde Er warf Stiefel
Mütze und Jacke von sich dann schlich er an die angelehnte Tür zur Schlafkammer
seiner Eltern und sah hinein Die beiden alten Leute schliefen fest
Robert lächelte als er jetzt den Riegel der Hoftür vorlegte Welche
unnötigen Sorgen hatte er sich gemacht Georg verspottete ihn wirklich nicht mit
Unrecht das begriff er erst in diesem Augenblick und beschloss dass das nicht
mehr so bleiben dürfe
»Ich will kein Stubenhocker werden wie Georg sagt keiner der Branntwein
und Zigarren nur dem Namen nach kennt Andere Lehrjungen haben auch ihre freien
Stunden ich nehme also nur was mir als mein gutes Recht zusteht«
Er schlüpfte in sein Bett und träumte in verworrenem Durcheinander von
Segeln und Booten von erbrochenen Schlössern und leeren Flaschen Am Morgen
hatte er zwar ein Gefühl als müsste das Geheimnis der Nacht auf seiner Stirn zu
lesen sein aber das verzog sich auch bald wieder
Gegen Mittag schaute Georg verstohlen durch die Lücke im Zaun »Hast du
etwas zu essen Kleiner«
Robert schob hindurch was er unbemerkt hatte beiseite bringen können und
so ging es auch an den folgenden Tagen Er bestahl seine Mutter um sich die
Freundschaft des ehemaligen Matrosen zu erhalten und um mit ihm bei jedem
günstigen Wetter zu segeln Der Gedanke dass das Boot dem Müller gehörte dass
die Benutzung Unrecht sei war längst vergessen
Die beiden Kameraden sprachen nur noch darüber wie man es einrichten
könnte hinter dem Rücken des alten Schneiders einen Abstecher nach Hamburg zu
machen Robert brannte vor Begierde wirkliche Schiffe und Schiffswerften zu
sehen »Wenn ich nur Geld hätte« seufzte er
Der Seiler schien diesen Ausruf erwartet zu haben »Besjetzt du keinen
Spartopf Kleiner« fragte er »Alle wohlerzogenen Kinder haben doch einen«
Dieser Ton reizte jedesmal den ganzen Trotz Roberts Er wollte nicht wie ein
kleines Kind behandelt werden »Ich habe Geld« antwortete er »aber den
Schlüssel zum Spartopf gibt mir der Vater nicht Jeden Weihnachten wird der
Inhalt auf die Sparkasse getragen und für mich angelegt«
Georg lachte »Du bist ja ein reicher Mann Weißt du aber dass ich es von
deinem Alten sonderbar finde dir das Verfügungsrecht über dein Eigentum zu
entziehen Ich wenigstens ließe mir das nicht gefallen«
Robert errötete »Aber was soll ich dabei tun« fragte er kleinlaut
»Hm Notwehr ist erlaubt Hat er deine Sparbüchse so halte du dich an
seinen Geldkasten Wo er steckt das wirst du ja wissen«
Roberts Herz pochte schneller »Natürlich weiß ich das« antwortete er
»aber «
»Nun und das kleine Instrument das über eigensinnige Schlösser
hinweghilft kennst du ja Hier ist es«
Robert wehrte mit erhobenen Händen ab »Du« stammelte er »das kann ich
doch nicht tun Es ist Vaters Geld und nähme ich es so wäre es gestohlen«
Der Seiler steckte gelassen den Dietrich wieder in die Tasche »Bleib bei
deinen Ansichten Kleiner« sagte er »ich habe nichts dagegen Aber sag doch
einmal für wen spart und geizt denn eigentlich dein Alter Wem wird einmal
alles gehören was er zusammenstichelt«
Robert machte bei dieser Frage seines Freundes ein sehr vergnügtes Gesicht
»Mir natürlich« antwortete er »Ich bin ja das einzige Kind meiner Eltern«
Georg nickte leicht »Siehst du« sagte er »es ist alles dein rechtmässiges
Eigentum aber du lässt dich willig knechten«
Und nachdem er achselzuckend das gesagt hatte sprach er von etwas anderem
Er wusste dass Robert an seiner empfindlichsten Stelle getroffen war Wirklich
vergingen auch nur wenige Tage bis der Sohn des alten Schneiders auf allerlei
Umwegen wieder zu dem Geldkasten seines Vaters zurückkehrte
»Hör mal du wäre es eine große Sünde wenn ich es täte«
Der Seiler sah ihn mit dem unschuldigsten Gesicht an »Was denn«
Robert wandte sich errötend ab »Nun du weißt doch mit dem Geld«
stammelte er
»Ach Das hatte ich längst vergessen Du meintest ja es sei ein
Diebstahl also tus um Himmels willen nicht«
»Aber man kann doch davon sprechen« rief Robert unwillig
»Du sagtest es sei mein gutes Recht aus dem Geldkasten des Vaters das
herauszunehmen was er mir vorentält Glaubst du das wirklich Georg oder hast
du es nur so hingeworfen«
Der Seiler lächelte »Komische Frage ob dein Eigentum dein Eigentum ist
Sechs oder acht Taler wirst du wohl im Spartopf haben und über die musst du
allezeit frei verfügen können denke ich Ob es nun gerade dieselben Münzen sind
oder andere was macht das Es handelt sich ja um den Wert nicht um das
Geldstück und mehr als acht Taler brauchst du ja nicht aus dem Kasten zu
nehmen«
Robert warf stolz den Kopf zurück »Oho du sechsundzwanzig habe ich
bestimmt drin« sagte er »Ich bekomme immer das neue blanke Geld das sich
hier und da findet außerdem etwas zum Geburtstag und wenn ich den Kunden das
Zeug bringe manchmal ein Trinkgeld Das wandert alles in die Sparbüchse«
»Hahaha« lachte der Seiler »weshalb lieferst du denn die Trinkgelder an
den Alten ab du dummer Junge«
Robert stutzte Er hatte immer angenommen dass das so sein müsse sich aber
über das »Warum« nie Rechenschaft abgelegt Jetzt unter dem Einfluss Georgs
hielt er sein früheres kindliches Betragen für albern
»Du hast recht« sagte er zögernd »Ich glaube dass es kein so großes
Verbrechen wäre aus dem Geldkasten einige Taler herauszunehmen Aber wir
brauchen ja nur wenig«
Der Seiler zog die Stirn in krause Falten »Hm« machte er »wie mans
nehmen will Die Groschen fliegen nur so kann ich dir sagen«
»So lass uns einen ganzen Taler nehmen« rief ungestüm der Junge
»Einen Unter fünf ist nicht daran zu denken«
Robert erschrak aber das Verlangen die Elbe und wirkliche Schiffe zu
sehen ließ sich nicht mehr unterdrücken »So nehme ich fünf« entschied er nach
kurzem Bedenken »Aber wie fangen wir es denn überhaupt an unbemerkt von hier
fortzukommen«
»Das ist kinderleicht Dein Vater fährt in ein paar Tagen zum Elmshorner
Jahrmarkt um dort seinen Bruder zu treffen der mit Schusterwaren aus Oldenburg
herüberkommt Ist er erst einmal fort so haben wir freie Hand Deine Mutter
verrät nichts«
Roberts Augen leuchteten »Wie du dir alles ausdenken kannst« rief er »Das
wäre mir gar nicht eingefallen«
»Weil du dir die strenge Herrschaft deines Alten so gutmütig gefallen lässt
Junge«
Robert wechselte schnell den Gegenstand des Gesprächs »Du wollen wir nach
Hamburg fahren oder zu Fuß gehen« fragte er
»Natürlich fahren Zum Gehen hätte ich keine Stiefel Ach es ist ein
jämmerliches Leben so auf dem Trocknen wo man bald dies und bald das
Kleidungsstück anschaffen muss mit leeren Händen natürlich An Bord braucht
der Seemann das blaue Wollzeug und etwas Wäsche damit Schluss«
Robert sah mitleidig auf das blasse kränkliche Gesicht seines Freundes und
auf die zerfetzten Schuhe die Georg trug »Ob ich fünf Taler aus dem Kasten
nehme oder acht« dachte er »das bleibt sich im Grunde ganz gleich Zurückgeben
werde ich dem Vater alles und zwar von meinen Trinkgeldern Georg hat ganz
recht ich bin früher ein dummer Junge gewesen«
Er sprach nicht weiter von der Sache aber er beschloss für seinen Freund
ein Paar neue Stiefel zu kaufen und fühlte sich in diesem Gedanken ganz
glücklich Georg war ja doch wie er glaubte der einzige Mensch der es
wirklich gut mit ihm meinte
»Du verrätst aber nichts« bat er ihn »darauf muss ich mich verlassen
können«
»Ganz bestimmt« nickte Georg »obwohl die Geschichte gar nichts auf sich
hat Ich sollte nur an deiner Stelle sein Himmel noch einmal der Alte würde
einiges lernen Kein Meister darf seinen Lehrjungen schlagen also auch deiner
nicht«
Robert errötete »Aber er ist ja mein Vater Georg nicht allein mein
Meister«
»Das ist gleich Du bist konfirmiert und in der Lehre gerade so gut wie
irgendein anderer Er kann dich ja fortschicken sich von dir lossagen mehr
verlangst du ja nicht glaube ich«
Robert seufzte tief »Ach wenn er das tun wollte«
»Siehst du Kleiner Lass dir alle Gewissensbisse vergehen sie sind wirklich
unnötig Nähe und stopfe mit wahrer Andacht bis der Alte nach Elmshorn unter
Segel geht sei recht freundlich und gehorsam damit er keinen Verdacht fasst
und wir werden einen angenehmen Tag verleben das verspreche ich dir Du sollst
es nicht bereuen ein paar Taler geopfert zu haben«
»Wann ist Elmshorner Markt« fragte der Junge
»Nächsten Mittwoch Ich weiß dass dein Alter am Dienstag hinfährt und am
Donnerstag zurückkommt also haben wir den ganzen Mittwoch für uns«
»Noch vier Tage« seufzte Robert »Ach wäre es erst so weit«
»Das kommt alles eins nach dem anderen« tröstete Georg »Bleib du nur recht
fleißig und lass uns lieber während der ganzen Zeit nicht mehr miteinander
sprechen nur wenn du mir mittags ein paar Bissen durch den Zaun schiebst Dann
fährt der Alte ab und hält das heilige Grab für wohl verwahrt während wir fort
sind Gar zu gestrenge Herren werden betrogen das ist der Welt Lauf«
Robert sah ein dass sein Freund einen klugen Rat gegeben hatte und obgleich
es ihm sehr schwer wurde hielt er sich doch bis zur Abreise ganz von dem Seiler
fern und arbeitete auch tapfer drauf los so dass ihn der Vater sogar lobte was
selten oder nie geschah »Bist doch richtiges Schneiderblut« murmelte er mit
innigem Vergnügen eine Naht betrachtend die sein Sohn und Lehrjunge gerade
vollendet hatte »kannst es noch weit bringen in der Welt Vielleicht erlebe ich
ja dass der Herr Branddirektor oder der Herr Bürgermeister bei dir ihre neuen
Anzüge bestellen und das wäre eine Auszeichnung der die Krolls bis jetzt nicht
für würdig befunden wurden Vor allen Dingen lass dich nie verleiten irgendeinem
Verein beizutreten oder das neuerfundene Ding die Nähmaschine im Hause zu
dulden Solch moderner Firlefanz ist mir ein Greuel hat auch nie zum Segen
geführt das weiß ich gewiss Wie es mein Großvater und mein Vater gemacht haben
so mache ich es wieder und damit basta«
Der brave alte Mann sah nicht wie sein Sohn errötete als er ihn lobte
Robert fühlte jedes Wort wie eine Beschämung wie einen bitteren Vorwurf Er war
fast im Begriff dem Vater um den Hals zu fallen ihm alles zu gestehen und ihn
zu bitten »Vergib mir« aber dann musste er ja zugleich den Freund verraten und
musste den Ausflug nach Hamburg aufgeben Nein nein das konnte er nicht Die
weichere Regung das letzte Mahnen seines guten Engels wurde gewaltsam erstickt
und der Alte traf alle Vorbereitungen zur Abreise ohne zu ahnen welche Pläne
sein Sohn im Kopfe hatte Er bestellte und ordnete alles als ob er mindestens
ein Jahr lang ausbleiben wollte »Mutter vergiss das nicht Mutter behalte was
ich sage und Mutter hier auf diesen Kasten gib acht du weißt was darin
steckt« so klang es den ganzen Tag Der Vater verdarb sich selbst die Freude an
der kleinen Reise weil er alles von der schwersten Seite ansah Robert hätte
lachen mögen als er den dicken Wintermantel und das ungeheure Paket sah das
der Alte für die beiden Tage im schönsten Oktoberwetter mit sich herumschleppte
Er dachte an die Spottlieder seines Freundes und errötete für seinen Vater
Nein unmöglich konnte er das Leben so auffassen er wollte frei sein und
genießen nicht nur immer vorsichtige Schritte gehen und einmal sterben ohne je
gelebt zu haben
Endlich war der Alte nach vielen Ermahnungen und dreimaligem Umkehren
glücklich zum Bahnhof gekommen und Robert sah mit erleichtertem Herzen dem Zug
nach wie er am Mühlenteich vorüber ins weite dampfte Der Vater hatte daran
keine Freude weil er vielmehr seiner ganzen Natur nach die schwärzesten Bilder
entwerfen und die schlimmsten Möglichkeiten als wahrscheinlich ansehen würde Ob
Mutter auch die Schweine gehörig versorgen ob der Junge keinen Unfug machen
und ob das Haus nicht niederbrennen wird
Robert ging durch das Gehölz nach Hause Mochte sich sein Vater mit Grillen
plagen so viel er wollte das konnte ihn selbst nicht hindern sein Schicksal
nach Belieben einzurichten Er wusste mit welcher Freude er morgen nach der
anderen Seite davonfahren würde Ach hätte doch Georg zu Fuß gehen wollen dann
brauchte man nicht bis um halb neun Uhr zu warten sondern konnte um fünf schon
unterwegs sein Aber das ließ sich nun nicht mehr ändern und die Hauptsache
musste überhaupt erst getan werden bevor der ganze Plan einen sichern Boden
besaß Noch steckte das Geld im wohlverschlossenen Kasten
Robert besah pochenden Herzens den kleinen Dietrich den ihm Georg neulich
ohne weitere Bemerkungen überreicht hatte Ein Ruck und jeder Widerstand war
besiegt
»Mein ist alles« dachte er »ich nehme nur was mir gehört«
Er wartete bis die Mutter in den Stall hinausging um die Kuh zu melken
Dann öffnete er mit schnellem Griff den altmodischen Eckschrank der den
Blechkasten mit Geld und Papieren enthielt Jetzt nur noch der letzte Schritt
dann war die Reise gesichert
Er schlich zum Küchenfenster und blickte vorsichtig hinaus in den offenen
Stall Die Mutter begann erst ihre Arbeit nachdem sie das Tier mit frischem
Futter versorgt hatte sie rückte gerade jetzt den kleinen kreiselförmigen Bock
zurecht Warum sollte sie sich auch beeilen wie hätte sie denken können dass
ihr einziges Kind im Begriff war die Kasse des Vaters zu erbrechen
Da erschien plötzlich am Zaun das blasse Gesicht des Seilers Georg winkte
leicht mit der Rechten
Robert nickte errötend Schnell entschlossen eilte er in das Wohnzimmer
öffnete den Kasten und griff hinein Seine Sparbüchse stand auch darin wie
schwer fühlte sie sich an aber das war zu weitläufig er hatte keine Zeit zu
verlieren »Ob ich diese Taler nehme oder die« dachte er »das ist ja gleich
Eins zwei drei «
Die Münzen klirrten in seiner zitternden Hand er gab daher das Zählen auf
und griff nur noch einmal hinein dann schloss er den Kasten Das Geraubte war
schnell in der Tasche verborgen
Robert war nur bei halbem Bewusstsein er handelte wie im Traum ohne viel zu
überlegen Pfeifend schlenderte er in den Hof wo immer noch der Seiler am Zaun
stand und winkte hinüber »Komm« flüsterte er
Georg verschwand und erschien in der nächsten Minute an einer Lücke hinter
dem Hühnerstall »Schnell« raunte Robert ihm die gestohlenen Taler zusteckend
»da bei mir könnte es gefunden werden«
Der Seiler versteckte mit der größten Geschwindigkeit was ihm sein junger
Freund reichte »Wieviel ist es« fragte er
»Das weiß ich nicht aber genug wird es sein auch zu einem Paar Stiefel für
dich Kauf dir welche und komm später wieder hierher«
Der Seiler nickte nur dann verschwand er geräuschlos während Robert sich
am Hühnerstall zu schaffen machte Als nach einiger Zeit die Mutter zu ihm kam
erschrak sie über sein blasses Gesicht »Fehlt dir etwas« war die bange Frage
Robert wusste kaum was er antwortete »Ich habe Kopfschmerzen« sagte er
»Leg dich ins Bett Kind« ermahnte die besorgte Frau »Der Vater lässt dich
zuviel sitzen« fuhr sie fort »du hast nicht genug Bewegung«
Robert ergriff die gute Gelegenheit »Das ist es ja gerade Mutter«
schmeichelte er »und darum fühle ich mich auch nicht mehr so wohl wie früher
Ach wenn du mir einen rechten Gefallen tun wolltest «
Er zögerte absichtlich und sah nur mit seinen fieberhaft glänzenden Augen in
das Gesicht der Mutter »Aber du erlaubst es doch nicht« fügte er hinzu
»Nun« lächelte die alte Frau »erst lass einmal hören was du auf dem Herzen
hast«
»Nur ganz wenig« bat der Junge »einen einzigen freien Tag morgen Was
mir der Vater zu tun hingelegt hat das mache ich fertig du kannst es mir
glauben«
Die Alte schüttelte den Kopf »Wieder den ganzen Tag auf dem Wasser liegen
nicht wahr Das geht nicht Junge Was sollte ich dem Vater sagen wenn ein
Unglück geschieht«
»Ich denke nicht an den Mühlenteich« rief Robert hastig »Nur ein bisschen
herumstreifen wollte ich weiter nichts«
»Auch nicht mit dem Kahn des Holzhändlers fahren« forschte die Mutter
»Ganz bestimmt nicht«
»Nun dann lauf Musst aber abends zurück sein das sage ich dir«
Wer war froher als Robert Kaum ließ er sich Zeit dem Seiler noch durch die
Hecke ein paar Worte zuzuflüstern dann ging es an die Vorbereitungen zur Reise
Die Stiefel blank gebürstet den Konfirmationsanzug von jedem Stäubchen
gesäubert und das weisseste Hemd hervorgesucht auch das Taschentuch durfte
nicht vergessen werden Aber einen Stich durchs Herz gab es ihm doch als er die
Mutter an dem wenigen Wirtschaftsgeld zählen und rechnen sah bis sie ihm
endlich vier Groschen in die Hand drückte »Da mein Junge« sagte sie gutmütig
lächelnd »und kauf dir etwas dafür Ich komme schon zurecht bis der Vater
wieder hier ist«
Robert wurde dunkelrot vor Scham dennoch aber drängte es ihn
unwiderstehlich gerade jetzt von dem Geldkasten des Vaters zu sprechen Er
wusste nicht weshalb aber er musste es tun »Du hast ja die ganze Kasse« sagte
er in möglichst sorglosem Ton »wie könntest du also in Verlegenheit kommen
Mutter«
Die alte Frau nahm ihre Brille ab und sah ihn voll Erstaunen an »Du meinst
das Geld des Vaters Robert Wie dürfte ich das ohne seine Einwilligung
berühren«
»Oh« murmelte etwas fassungslos der Junge »warum denn nicht Was dem Vater
gehört das ist ja auch dein Eigentum Mutter«
»Freilich« nickte die Alte »aber Vater ist doch der Herr im Hause und was
er mir anvertraut das muss ich heilig halten Berechtigte Wünsche versagt er mir
nie«
Robert seufzte »Mir versagt er alle Mutter Ich wollte dass mit ihm so gut
umzugehen wäre wie mit dir dann «
Er stockte Das was er hinzufügen wollte durfte ja niemand wissen aber er
gab seiner Mutter einen herzhaften Kuss und schlich sich dann zu Bett um
heimlich zu weinen Er wusste selbst nicht weshalb die Tränen kamen fast von
selbst und das Vergnügen des andern Tages schien ihm nun nicht mehr halb so
verlockend wie früher
Am andern Morgen gingen er und Georg in aller Frühe fort um erst auf der
nächsten Station dem benachbarten Testorf den Eisenbahnzug zu besteigen Da
war denn freilich im hellen Sonnenlicht und während der Fahrt nach Altona aller
Kummer des vergangenen Abends vergessen Robert hatte nie eine Reise gemacht
nie in einem Eisenbahnwagen gesessen und überhaupt vom Leben noch nichts gesehen
als nur das kleine Pinneberg er war daher vor Freude ganz außer sich Seine
Fragen nahmen kein Ende besonders als man sich der Stadt näherte Er wollte
alles sehen alles wissen
»Du Georg wo ist denn hier die Elbe Wo sind die Schiffe« fragte er
Der Seiler zog ihn so schnell wie möglich in die nächste Straße hinein
»Erst will ich mir einmal Stiefel kaufen« antwortete er »Und höre Junge du
darfst hier nicht so laut sprechen alle Menschen sehen nach dir«
Robert stolperte jeden Augenblick über seine eigenen Füße Er konnte sich an
all dem Ungewohnten Grossartigen gar nicht sattsehen Jeder Wagen jedes
Schaufenster erregte seine Neugier in höchstem Masse
Als Georg die neuen Stiefel gekauft hatte ging es hinab zur Hafengegend
Der Seiler spielte immer den Kassenmeister »Du es waren im ganzen neun Taler«
sagte er mit einem prüfenden Blick auf Roberts glühendes Gesicht »kannst du
dich dessen erinnern«
Der Junge schüttelte den Kopf »Das ist ja gleichgültig Georg« antwortete
er »wenn nur genug übrig bleibt dass wir nicht zu hungern brauchen Ach da
sehe ich die Elbe«
Georg nickte »Wir haben Glück mein Junge Gestern ist das Kanonenboot
Blitz bei Neumühlen vor Anker gegangen dahin wollen wir zuerst«
Robert jubelte laut Er hatte die größte Lust in den belebten Straßen der
Hafengegend einen echt dörflichen Trab anzuschlagen um nur desto schneller das
Wasser zu erreichen Der Seiler hielt ihn lachend am Arm »Wir müssen uns erst
einen Mann von der Besatzung aufpicken« sagte er »So ohne weiteres an Bord
kommen das geht nicht«
Robert stand vor Schreck plötzlich still »Aber wenn wir keinen finden
Georg«
»Ach dummes Zeug Wer keinen Dienst hat nimmt Urlaub und sieht sich die
Stadt an« sagte er »Habe es ja selbst überall so gemacht«
Die beiden wanderten weiter und wirklich sollte sich Georgs Vermutung schon
sehr bald bestätigen Vor der offenen Tür eines Wirtshauses mit dem Schild »Zur
Seemannsheimat« saßen zwei Matrosen in Marineuniform mit blanken Knöpfen auf
ihren blauen Jacken und in den Nacken geschobenen Mützen deren flatternde
Seidenbänder die goldenen Buchstaben »Königliche Marine« trugen Die
viereckigen weissumsäumten Kragen gefielen Robert ganz außerordentlich
»Du« flüsterte er »du was sind das für welche«
Der Seiler sah hinüber »Aha da wäre ja was wir suchen« rief er »Komm
lass uns Anker werfen durstig bin ich auch schon«
Er zog Robert mit sich in die offene Tür des Wirtshauses hinein und
bestellte zwei Gläser Bier Es war dem Jungen wie ein Traum besonders als ihn
der Kellner mit »Herr« anredete Er in einem Wirtshaus das schien unerhört
Die Bekanntschaft mit den beiden Matrosen war bald gemacht und einer
erklärte sich bereit die beiden Freunde an Bord zu führen
»Unser Leutnant ist auf Urlaub« fügte er hinzu »aber der Obersteuermann
erlaubt schon dass ich euch das Ding zeige Die feine Welt von Hamburg kommt ja
doch später in Schwärmen an Bord also warum solltet ihr es nicht tun«
Er schob den Priem von einer Backe in die andere und musterte Robert halb
lachend
»Du bist ja verflucht fein getakelt« sagte er »ordentlich in Kneifzange
Schraube und mit Leesegeln auf beiden Seiten«
Robert errötete wie ein Mädchen Obwohl er nur ahnen konnte dass der Matrose
mit diesen Kunstausdrücken seinen schwarzen Anzug und das weiße Hemd meinte
fühlte er doch den Spott und antwortete dass er auch Seemannszeug tragen werde
wenn erst für ihn ein Schiff gefunden sei
Der Matrose lachte »Hasts Maul an der rechten Stelle« sagte er gutmütig
»Na komm nur mit ich will dir den Blitz zeigen«
Die drei wanderten also zum Fischmarkt hinab und hier nahm der Matrose eine
Jolle die bald zwischen Milchewern Schuten mit Früchten und Gemüse
Kohlenschiffen und Booten aller Art den Weg nach Neumühlen hinaus einschlug
Robert war ganz Auge und Ohr Sobald einer der vielen Elbdampfer wie sie diese
Gegend ständig passieren an der Jolle vorüberkam jubelte er laut vor
Vergnügen sehr zur Freude des Matrosen der über seine einfältigen Ausrufe
nicht genug lachen konnte Die Jolle tanzte im Wellengang der Dampfschiffe die
Oktobersonne sandte auf all das bunte bewegte Treiben des Stromes ihre hellsten
Strahlen herab und das Herz des Jungen schlug in grenzenloser Freude
Hier ein Blankeneser Dampfer der eine Gesellschaft hinausbeförderte in die
freie Luft des Herbsttages An Bord Gesang und Musik Grüssen mit Taschentüchern
und Hüten dort einer der großen HamburgAmerikaDampfer die »Hammonia«
Ihr entgegen kam aus dem Hafen ein anderes und »was ist das Zwei
Schiffe mit einem langen starken Tau aneinander gebunden und noch dazu ein
kleineres voran Wie unsinnig Sollen die so zusammen auf den Atlantik
hinausgehen«
Der Matrose wollte sich ausschütten vor Lachen »Junge du bist Geld wert«
rief er »Wahrhaftig ich glaube du hast dein Klössedorf noch niemals
verlassen«
Robert behielt immer die beiden Schiffe im Auge »Das habe ich auch nicht«
sagte er »aber einmal muss das erste Mal sein und anstatt mich auszulachen
könnten Sie mir wohl sagen was das da bedeutet«
Der Matrose nickte »Na dann pass auf Landratte« sagte er »Der Kleine ist
ein sogenannter Schlepper der die auslaufenden Überseeschiffe aus dem Hafen
herausbugsiert das kannst du zehnmal an einem Tage sehen Dort kommt schon
wieder ein Schleppzug und dort der dritte«
Roberts Blicke flogen von einem zum andern Wie schwimmende Häuser
erschienen ihm diese großen Schiffe wie bewunderte er die Matrosen die er in
der Takelage herumklettern sah »Georg« fragte er halblaut »hast du auch so
da ganz oben gesessen«
»Natürlich Kleiner Auch Seine Königliche Hoheit Prinz Adalbert von Preußen
hat das getan ehe er Admiral wurde Praktisch lernen muss jeder«
Robert seufzte »Ach du sagst muss Georg und ich denke es mir als das
schönste Vergnügen von der Welt Sich so oben im Mast schaukeln alles sehen
können und auf seine eigenen Kräfte angewiesen sein das ist doch ganz etwas
anderes als «
»Den Ziegenbock reiten« ergänzte äußerst ernstaft der Matrose indem er
aus einem Augenwinkel dem Seiler vertraulich zublinzelte »Du hast doch
jedenfalls deinen Anzug selbst genäht nicht wahr«
Robert errötete »Woher wissen Sie «
»Ach das sieht man an den Füßen« lachte der Matrose »sie legen sich immer
übereinander weißt du Na und warum wolltest du denn von der Nähnadel zur
Ruderpinne übergehen mein Junge Wird dir nicht bange bei dem Gedanken an die
See«
Robert lächelte verächtlich »Bange« wiederholte er »Was ist das«
»Schau wie der junge Hahn kräht Na du scheinst gerade für das
Salzwasser geboren zu sein Und nun sieh einmal dorthin das ist der Blitz«
Robert folgte der ausgestreckten Hand des Matrosen und konnte dann einen
Ausruf des Erstaunens nicht unterdrücken »Das da« rief er »Aber das ist ja
ein ganz kleines unscheinbares Ding«
Der Matrose lächelte wohlgefällig »Unscheinbar« wiederholte er
»unscheinbar du Gelbschnabel Und doch hat sich das Ding in den flachen
Gewässern bei der Insel Föhr einmal fast hundert Meter weit mit voller
Maschinenkraft durch den Sand gewühlt um im Dänischen Krieg 1864 den Kapitän
Hammer zu fangen es ist so stark gebaut dass kein Splitter davonfliegt wenn es
in voller Fahrt auf Grund läuft Hätte es das nicht gekonnt so würde sich
Kapitän Hammer niemals ergeben haben weil ja schon am folgenden Tage die
Waffenruhe begann Aber unser Kapitänleutnant wusste was sein Fahrzeug wert
war«
Die Jolle hatte sich mittlerweile dem ankernden Kanonenboot so weit
genähert dass der Matrose das Fallreep ergreifen und dem Führer andeuten konnte
wie er die kleine tanzende Nussschale festmachen solle Dann stiegen alle drei an
Bord
Robert berührte Georgs Arm »Du« flüsterte er etwas eingeschüchtert durch
die letzte Zurechtweisung des Matrosen »du zeig mir alles genau und sag mir
die Namen«
Georg nickte »Du kannst es doch nicht behalten Kleiner«
»Dann schreib ich mirs auf« beharrte der Junge »Ein Kriegsschiff sehe
ich ja sobald nicht wieder«
Der Matrose war inzwischen fortgegangen um die Erlaubnis des wachhabenden
Obersteuermanns einzuholen und als er zurückkam begann die Wanderung durch das
Schiff Wie sauber waren alle Fussböden gescheuert wie schön das Holz in Farbe
gehalten Robert konnte es nicht genug bewundern Nach außen hin glänzten die
Wände im tiefsten Schwarz während nur ein weißer breiter Streif um das ganze
Fahrzeug herumlief und die fein gebogene Form der Reeling scharf begrenzte Die
Innenseite in der Seemannssprache das »Schanzkleid« genannt war schneeweiß
die Kanonenpforten feuerrot und alles sauber lackiert
Es gab zwei schwere Geschütze an Bord und der Matrose erklärte dem lautlos
horchenden Jungen dass sie ein Panzerplatte von zwölf bis fünfzehn Zentimeter
durchschlagen könnten
Robert drängte sich immer näher an seinen freundlichen Lehrmeister heran
»Dürfen Sie mir auch zeigen wie eine Kanone bedient wird« fragte er verlegen
»Natürlich« lachte der gutmütige Matrose »Sieh mal so wird das gemacht«
Er zog eins der beiden Geschütze unter Aufbietung aller seiner Kräfte
zurück nahm den Wischer eine Stange mit einer runden Bürste am einen und
einem hölzernen Kolben zum Hineinstossen der Granate am anderen Ende und fuhr
damit in das Rohr hinein brachte zum Schein die Kartusche an ihren Platz stieß
mit dem Ladestock nach zog das Geschütz mit den Seitentaljen wie die
Flaschenzüge an beiden Seiten der Lafette genannt werden wieder nahe an die
Pforte heran richtete befahl selbst »Feuer« und zog ab
Robert hatte mit einem fast andächtigen Gefühl zugesehen »Ich will zur
Marine« sagte er unwillkürlich »ich will Seemann und Soldat werden wenn ich
auch zuerst auf einem Handelsschiff anfangen muss zur Marine will ich doch«
Der Matrose schlug ihn ermunternd auf die Schulter »Bleib dabei mein
Junge« antwortete er »Der Seemann muss geboren werden lernen lässt sich die
Vorliebe für das Wasser nicht und vergessen auch nicht Ich halte es keine vier
Wochen an Land aus ohne trübsinnig zu werden«
Der Matrose sah zu Georg hinüber der inzwischen mit mehreren anderen Leuten
von der Besatzung ein Gespräch angeknüpft hatte »Du« sagte er »ich glaube es
wäre für dich wahrhaftig das beste wenn du hierbleiben könntest Das
Galgengesicht da will mir durchaus nicht gefallen«
Robert errötete stark Der ehrliche Pommer mit seinen blauen treuherzigen
Augen und dem gutmütigen Gesicht sah freilich ganz anders aus als der
schmächtige blasse Georg aber dafür lebte der eine auch einen guten Tag
während der andere kaum das trockene Brot besaß Robert musste doch den
unglücklichen Freund in Schutz nehmen
»Georg ist ein ehrlicher Mensch« sagte er »nur geht es ihm schlecht und
daher sieht er so verkommen aus«
Der Matrose schüttelte den Kopf »Hm hm« brummte er »seine Flagge deutet
aber auf nichts Gutes mein Junge ist eine wahre Piratenflagge kann ich dir
sagen Wissen deine Eltern dass du mit ihm unterwegs bist«
Robert sah zur Seite »Die kennen ihn gar nicht« stammelte er
»Das dachte ich mir schon Na lass dich von ihm in kein unrechtes Fahrwasser
steuern kleiner Kerl darauf kommt es allein an Hast ja den Kompass da drinnen
in der Brust und der weist allemal auf den richtigen Kurs wenn du nur genau
acht gibst Jetzt geh mit mir ich werde dir ein wenig von diesen Masten und
Segeln erzählen«
Robert folgte nur zu gern der Aufforderung seines neuen Freundes Das
Gespräch war ihm schon äußerst peinlich geworden um so mehr da er recht gut
wusste zu welchem Ungehorsam ihn Georg schon verleitet hatte Was würde dieser
ehrliche gutmütige Seemann gesagt haben wenn er ihm die Geschichte von dem
Geldkasten des Vaters erzählt hätte
Sein Herz klopfte lebhaft als der Matrose den Unterricht begann Er hörte
nur halb was man ihm vortrug
»Siehst du« erläuterte der Pommer »das da ist der Fock oder Vormast der
mittlere der Grossmast und der dritte der Kreuz oder Besanmast Alle drei sind
gleich getakelt und alle Einzelteile tragen die Bezeichnung desjenigen Mastes
zu dem sie gehören Dadurch wird die Sache ungemein erleichtert Bis zum ersten
Absatz den du da oben siehst und den wir den Mars nennen bei euch Landratten
der Mastkorb heißt jeder Mast der Untermast dann folgt die Marsstenge und
darauf die Bramstenge Die starken Taue die auf beiden Seiten der Untermasten
herabreichen sich unten auseinanderspreizen und an den Wänden des Schiffes
befestigt sind heißen Wanten diejenigen aber die von den Masten nach vorn
gespannt sind nennt man Stage Die Querstangen an denen die Segel befestigt
werden heißen Raaen Jede Raa hat ihr besonderes Tauwerk worin sie hängt
nennt man den Hanger womit sie an dem betreffenden Mast oder der Stenge
gehalten wird das Reck womit sie auf und herabgezogen wird das Fall Die
Taue durch die sie schräg ein Ende nach unten das andere nach oben geheisst
wird sind die Topwanten diejenigen durch die sie in waagerechter Lage gedreht
wird die Brassen Wanten und Stage nennt man das stehende die Takelage der
Raaen und Segel das laufende Gut Das vordere Rundholz am Bug des Schiffes heißt
der Bugspriet und das darauf liegende der Klüverbaum Von diesem gehen nach
beiden Seiten die Klüverbackstage und nach oben bis zu den Stengen das Bram und
Stengenstag woran die dreieckig geformten Klüversegel fahren«
Es brauste in Roberts Ohren »Das ist verwirrend« gestand er
Der Matrose lachte »Hast du genug Kleiner soll ich aufhören« fragte er
»Nein nein es kehrt mir später alles ins Gedächtnis zurück Nur im
Augenblick wollte es mich verwirren Bitte fahren Sie fort«
»Na dann wollen wir das Garn weiter spinnen mein Junge Also die unteren
größten Segel heißen Untersegel die darauf folgenden Marssegel und die noch
höheren Bramsegel während die letzten hoch oben in der Spitze oder vielmehr an
den Stengen die Oberbramsegel genannt werden Die Takelage jedes Mastes erhält
nach ihm die Vorbezeichnung Groß Vor und Kreuz Was nun noch die beiden
Seiten des Schiffes betrifft so heißt diejenige von der der Wind kommt die
Luvseite während die entgegengesetzte die Leeseite genannt wird
An den Marssegeln von oben nach unten befinden sich vier Querabteilungen
jede mit einer Reihe dicht nebeneinander hängender Bindfaden versehen die
Reffbendsel heißen und dazu dienen bei starkem Wind die Marssegel zu
verkleinern Das nennt man reffen Zum Aufholen oder Wegnehmen der Segel dienen
die Geitaue die von den Schooten bis unter die Mitte der Raaen reichen und die
Gordings
So da hätten wir nun alles Jetzt brummt es im Kopf wie ein Bienenschwarm
nicht wahr Aber ich will dir sagen dass du die Geschichte leichter im
Gedächtnis behältst wenn du sie schon einmal gehört hast und dass dir darum
dieser kleine Vorgeschmack später beim wirklichen Lernen zugute kommen wird
Steht dein Entschluss Seemann zu werden schon ganz fest«
Robert seufzte »Ach wenn mich der Vater nur fortliesse« kam es zaghaft
über seine Lippen »Aber er tut es nicht«
Der Matrose schob die Mütze in den Nacken und die Hände in die Taschen »Das
tut er nicht dein Alter Warum denn nicht«
»Weil die Krolls alle Schneider gewesen sind«
Der Seemann machte ein äußerst bedenkliches Gesicht »Du« sagte er »das
ist schlimm Das ist eine richtige Klippe an der der beste Segler scheitern
kann Siehst du mein Vater war ein Seemann und mein Großvater auch ich
glaube bis zu Adams Zeiten Fünf Brüder habe ich aber alle sind Seeleute«
Der Matrose spuckte mit großer Kraft seinen Priem über Bord »Aber da sollen
doch hunderttausend Teufel dreinschlagen« rief er »wenn das nicht zu ändern
wäre Du musst deinem Alten nur richtig in den Ohren liegen dann wird er schon
klein beigeben denke ich«
Robert schüttelte den Kopf »Ich habe es oft versucht« antwortete er »aber
nichts ausgerichtet Was fange ich nur an um meinen Lieblingswunsch in
Erfüllung gehen zu sehen«
Der Matrose heftete auf den Jungen einen langen ernsten Blick »Lauf nicht
bei Nacht und Nebel davon Kleiner« sagte er »das bringt kein Glück Der zähe
alte Kerl ist immer dein Vater musst du bedenken aber schlag einmal vor ihm auf
den Tisch dass die Schere aus Angst zusammenklappt und sage Ich will kein
solcher Stichelant und Lappenbohrer werden der den ganzen Tag in der Stube
hockt und einen krummen Buckel kriegt von all dem Nähen ich bin ein Kerl und
will hinaus auf die See was denkst du würde er dir wohl antworten«
Robert sah zur Seite Er wusste genau was sein Vater auf ungehörige Reden
des Sohnes erwiderte aber er wollte davon lieber nicht sprechen sondern
schüttelte nur stumm den Kopf
Der Matrose pfiff durch die Zähne »Hat am Ende vielleicht noch ein Tauende
in Bereitschaft dieser wütende Schneider« sagte er »Na heule nur nicht was
kommen soll das kommt doch und wenn einer keinen Wagen kriegen kann so nimmt
er mit der Speiche fürlieb wie sie bei mir zu Hause sagen Du musst deine drei
Lehrjahre herunternähen und dann gehst du auf und davon Offen am hellen Mittag
nimmst du Abschied das kann dir der Alte nicht wehren«
Robert wechselte erschreckt die Farbe »Noch drei Jahre« stammelte er
»Die vergehen auch mein Junge Und ich will dir was sagen du kannst dich
schon während dieser Zeit für deinen zukünftigen Beruf ausbilden wenn es dir
wirklich Ernst ist mit dem Seewesen Komm ich habe ein Spielzeug für dich«
»Ein Spielzeug«
Ungläubig folgte ihm der Junge in das »Logis« den Schlafraum der Matrosen
Er sah sich vorher noch flüchtig nach Georg um aber der war in so lebhafter
Unterhaltung dass er ihn gar nicht bemerkte
Unter Deck setzte sich der Matrose auf eine Seekiste und öffnete dann eine
andere mit einem Schlüssel den er aus der Tasche nahm »Nun sieh einmal her«
sagte er »was ist das Sag mal Junge kannst du auch so etwas schnitzen«
Er hob mit spitzen Fingern aus einem Blechkasten ein ganz kleines Schiffchen
hervor das bei voller Takelage nur etwa zwanzig Zentimeter lang und
entsprechend hoch war »Das habe ich gemacht« fügte er voll Stolz hinzu
»Sie Aber wie denn Womit«
Der Pommer klopfte mit dem Knöchel des Zeigefingers auf den Blechkasten
»Darin ist das Gerät« sagte er »und auch das Buch aus dem ich die Geschichte
gelernt habe Willst du es einmal sehen«
Robert faltete vor lauter Begeisterung die Hände »O bitte« sagte er »sind
denn in dem Buch auch Bilder«
»Natürlich Na komm nur her und schau hinein«
Robert setzte sich zu ihm auf die Kiste und beide blickten andächtig in das
Buch Zeichnungen aller Schiffsteile gab es da und je weiter der Matrose
blätterte desto freudiger glänzten Roberts Augen Zuerst war nur mit einigen
Grundstrichen die ungefähre Form des Fahrzeuges angedeutet hier als Längs
dort als Querschnitt oder »Spantenriss« wie der Pommer sagte dann weiter bis
zum deutlich erkennbaren Kiel auf dem sich nur allmählich der Rumpf erhob
Immer verwickelter wurde das Ganze immer mehr Einzelbilder folgten in alle
Lagen alle Verbindungen und Fugen des Schiffes konnte man sehen alles was
dem Jungen unverständlich blieb erläuterte ihm in seiner derben aber klaren
Redeweise der Seemann Wie lachte er wenn Robert eine plötzliche Bemerkung
dazwischenwarf »Nun sieht es aus wie ein Fisch« rief er einmal und sein neuer
Freund antwortete ernstaft »Gewiss tut es das Von der Gestalt des Fisches hat
der Mensch die Bauart der Schiffe entlehnt Alle Weisheit stammt aus der Natur«
»Weiter« drängte Robert »da sind noch mehr Bilder Wenn mich Georg rufen
sollte muss ich ja fort«
Der Pommer sah herausfordernd nach der Gegend der Treppe hinüber »Wenn
Georg kommt so gebe ich ihm eins hinter die Ohren« sagte er »Mag den
Nussknacker nicht leiden«
Und dann ging es wieder an das Buch Abbildung neunundzwanzig zeigte schon
einen bedeutenden Fortschritt »Nun ist es eine Wiege« rief Robert »Aha und
hier sind die Abbildungen ganz fertiger Schiffe Fregatte Dreimaster Brigg
Schoner und Kutter Welches haben Sie denn nun nachgemacht«
»Modelliert heißt das Sieh her zu welchem passt das Ding«
Robert verglich Schiffchen und Bild aber nur einen Augenblick Dann hatte
er es herausgefunden »Eine Fregatte« rief er »ein Vollschiff unter allen
Segeln«
»Bravo« rief der Pommer »Sieh das Buch und das Gerät will ich dir
schenken Einen Klotz Ellernoder Lindenholz wird dir ja leicht jeder Tischler
geben und ein paar Leinwandreste deine Frau Mutter dann kannst du dir mit
Hilfe dieser Anweisungen ein ganzes Schiff von Grund auf selbst herstellen
jeden Namen jede Einzelheit und jede auch die geringste Kleinigkeit genau
kennenlernen bevor du Schiffsjunge wirst Das nennen die Leute teoretisch
gebildet und es taugt den Teufel nichts wenn einer damit auf seiner
Bodenkammer sitzen bleibt ohne die Sache auch praktisch auf dem Wasser zu
erproben aber es kann für die Seemannslaufbahn gut vorbereiten In New York
kannte ich ganze Gruppen junger Leute die sich ihre kleinen Boote von Grund auf
selbst zimmerten und dann Wettfahrten damit veranstalteten Na willst dus
haben«
Robert war stumm vor Freude Er sah nur in das gutmütige Gesicht des
Matrosen und der lachte zufrieden »Nimms mit« sagte er »und lerne daraus
so gut du kannst Wenn die Feierabendglocke schlägt wird dir dein Alter nicht
wehren dass du ein bisschen Schiff baukunst betreibst denke ich Gibt es denn in
dem verwünschten Dorf wo du wohnst gar kein Gewässer für das zukünftige
Fahrzeug«
Jetzt lachte Robert und erzählte seinem Kameraden von den kleinen Reisen im
Segelboot und von Georgs früheren Seefahrten Er gestand auch dass der Abstecher
nach Hamburg heimlich unternommen sei und wartete mit Herzklopfen was der
Matrose dazu sagen werde Merkwürdigerweise wünschte er lebhaft von ihm nicht
getadelt zu werden das war so ganz etwas anderes als mit Georg
Um den breiten Mund des Pommern zuckte ein Lächeln »Recht ist es nicht«
sagte er sich hinter den Ohren kratzend »durchaus nicht aber einmal ist
keinmal wollen wir denken Was hast du denn für den Rest des Tages noch vor«
Robert dachte plötzlich wieder an den Freund den er so treulos verlassen
hatte »Ja was Georg meint« erwiderte er »Ich bin noch nie hier gewesen«
»Hm dann halte dich nur von der Flasche fern und wenn du Geld bei dir
hast lass dich zu keinem Würfel oder Kartenspiel verleiten Geh auch nicht mit
in die Hamburger Matrosenschenken ich rate es dir«
Robert sah ihn mit seinen hellen Augen fragend an »Warum denn nicht«
meinte er
»Weil du noch ein dummer Junge bist und weil mancher von diesen Wirten ein
ganz geriebener Kerl ist der «
»Aber das verstehst du nicht« brach er ab »Willst du einmal eine Stelle
als Schiffsjunge haben so wendest du dich an den Kapitän selbst aber nicht an
solche Zwischenhändler die manchmal zwar sehr brave Geschäftsleute sind
manchmal aber auch Spitzbuben die man kielholen müsste bis sie das
Luftschnappen vergessen Davon brauchst du deinem liebenswürdigen Kameraden mit
den Eulenaugen nichts zu sagen Junge aber glaub mir dass ich es aus Erfahrung
weiß«
Robert steckte seufzend Buch und Kasten in die Tasche »Ach« sagte er »bis
dahin ist es weit Wer kann wissen ob jemals etwas daraus wird«
»Aber jetzt muss ich mich beeilen Georg wird sich wundern wo ich bleibe«
Er dankte dem Matrosen noch herzlich für das schöne Geschenk und dann
gingen die beiden wieder hinauf an Deck wo inzwischen der wachhabende
Unteroffizier mehrere Segel hatte »anschlagen« das heißt an den Raaen
befestigen lassen um sie bei dem schönen Wetter zu lüften Für Robert war dies
Manöver wieder etwas ganz Neues
Aber dann sah er um sich und entdeckte den Seiler der schon ungeduldig
wartete Georg winkte ihm ohne aber näher heranzukommen es schien als teile
er den Widerwillen des Matrosen wenigstens wartete er ruhig bis Robert zu ihm
kam Dem wurde der Abschied von dem freundlichen Pommer schwer genug Er gab ihm
wohl dreimal nacheinander die Hand und dankte immer wieder für das lehrreiche
Buch und das zierliche allerliebste Arbeitsgerät »Ich will es in Ehren
halten« versprach er »und tüchtig daraus lernen«
»Bravo mein Junge« antwortete der Matrose »Wer weiß wo wir uns noch
einmal im Leben begegnen Vielleicht bin ich dein Bootsmann wenn du für den
Flottendienst eingezogen wirst Und nun leb wohl Nimm dich vor deinem Kameraden
in acht ich mag ihn nicht«
Er winkte verstohlen mit den Augen zu Georg hinüber und entließ mit
mehrmaligem herzlichen Händedruck den Jungen der jetzt neben seinem Begleiter
in der Jolle Platz nahm Der Pommer sah von Bord des »Blitz« den beiden nach
»Davonlaufen wird er doch« dachte er »und in eine schwere Schule rennt er
blindlings hinein Junge dir steht noch manches bevor aber das wird nun einmal
dein Schicksal sein«
Die beiden im Boot sprachen inzwischen leise miteinander »Na was hattest
du denn so Geheimnisvolles unter Deck zu suchen« fragte der Seiler etwas
ärgerlich »Bliebst ja eine halbe Ewigkeit da unten und was ist denn das
hier«
Robert zeigte ihm Buch und Kasten Georg besah es mit prüfendem Blick »Das
erlaubt ja dein Alter nie« sagte er »du erlebst höchstens dass er es dir vor
der Nase wegnimmt und dass du einmal wieder so recht den kleinen Jungen spielst
das Kind das Schläge bekommt Gib den Trödelkram her ich will ihn für dich
verkaufen«
Aber Robert schüttelte den Kopf »Lass es mich behalten Georg« antwortete
er »der freundliche Matrose würde es sehr undankbar finden wollte ich sein
Geschenk für wenige Groschen verkaufen meinst du nicht auch«
»Ach dummes Zeug er siehts ja nicht«
»Das ist einerlei Georg ich ich müsste doch immer denken er sähe es Was
soll ich auch mit dem Geld«
Der Seiler antwortete nicht Er spürte offenbar den Widerstand des Jungen
und gab nach »Wollen wir uns nun eine Schiffswerft ansehen« änderte er ohne
Übergang das Gespräch
Robert jubelte laut »Ja ja ach Georg was für ein schöner Tag ist das«
»Weil wir Geld haben« konnte sich der Seiler nicht enthalten
beziehungsreich zu antworten »Nach Steinwärder« rief er dem Jollenführer zu
und schon sehr bald landeten sie an der kleinen angebauten Elbinsel die mitten
im Hafen liegt und einen so großartigen Anblick bietet Die Schiffe aller
Völker die Gesichter aller Rassen vom kohlschwarzen Neger durch alle
Schattierungen von braun und gelb des Malaien Mulatten Chinesen und Mongolen
bis zum blonden Engländer oder Schweden die Flaggen und Wimpel in jeder
erdenklichen Farbe das Rufen und Sprechen in fremder Mundart der Anblick
dieser unübersehbaren Reihen ankernder Schiffe alles zusammen überwältigte den
Jungen so dass er stumm dasaß Welche wunderlichen Namen trugen die
verschiedenen Schiffe wie seltsam und geheimnisvoll erschienen die geschnitzten
Figuren an ihrem Bug Hier ein Greis mit Krone und Dreizack und
langherabwallendem weißen Bart dort der Oberkörper einer Frau in einen
Fischschweif auslaufend und hier sogar ein greulicher Götze dort wieder ein
Tierbild
Das alles zog an dem Jungen vorüber und hinterließ einen einzigartigen
Eindruck Er war überwältigt von all dem Neuen Hier begann für ihn das Leben
hier öffnete sich ihm eine Welt von der er bisher nur geträumt hatte Das war
es wonach er sich sehnte und was er nicht vergessen konnte sooft auch die
Eltern ihm eindringlich vorstellten wie schrecklich und gefährlich das
Seemannsleben sei
Er verschlang mit den Augen jeden neuen Gegenstand und als ihn Georg
aufforderte aus dem Boot zu steigen da tat er es wie im Traum Er war wie
berauscht
»Komm« lächelte der Seiler »du zeigst ja ganz den Neuling Junge das
Dorfkind das noch nie etwas anderes gesehen hat als seine heimatlichen
Gänseweiden Hier ist die Seemannsschule und hier die Werft der
HamburgAmerikanischen DampfschiffahrtsAktiengesellschaft Weiter hinauf kommt
die weltbekannte Firma Godeffroy mit ihrer großen Werft für Handelsschiffe Aha
da liegt ein neuer Dreimaster dessen Stapellauf wohl in den nächsten Tagen
stattfinden wird Wir wollen doch versuchen das Ding zu besehen«
Die beiden gingen an den verschiedenen offenen Arbeitshallen vorüber und
Robert sah in natürlicher Größe eine Menge solcher halbvollendeter Einzelteile
von Schiffen solcher Modelle und Anfänge wie sie das Buch des Matrosen zeigte
Besonders ein halbfertiger kleiner Kutter zog ihn lebhaft an Das Ding sah aus
wie ein Gerippe von Holz und die in seinem Innern arbeitenden Zimmerleute
klopften im Takt des lustigen Liedes das sie bei ihrer Arbeit sangen Er wäre
schon gern hier geblieben um zu beobachten und zu bewundern aber Georg hatte
mittlerweile den Schiffszimmermann gebeten das neue Schiff besichtigen zu
dürfen und so kletterten denn beide die Leiter hinauf um an Bord zu kommen
Alle Türen alle Luken waren geöffnet um die Sonnenstrahlen recht
eindringen und den frischen Lack trocknen zu lassen Das Schiff sollte schon
binnen vierzehn Tagen seine erste Reise über den Atlantik antreten
»Das hier ist die Kapitänskajüte« erläuterte der Mann auf einen mäßig
großen Raum deutend dessen Decke sehr niedrig schien und durch dessen am
Fußboden befestigten Tisch der Mast in schräger Stellung mitten hindurchlief
Der war aber hier nicht bloß mit Ölfarbe gestrichen wie draußen an Deck
sondern mit Mahagoni belegt und als Träger einiger schwebender Blumengestelle
eingerichtet Dazu gab es ein behagliches Sofa und an beiden Seiten des Tisches
gepolsterte Bänke während sämtliche Wände aus beweglichem Fachwerk bestanden
und große Schränke hinter ihren Türen verbargen Den Boden bedeckte ein
Strohteppich in bunten Farben so dass das Ganze sehr wohnlich aussah Robert
hatte sich nicht träumen lassen welche Behaglichkeit eine solche Schiffskajüte
entwickeln könne
»Das hier ist die Schlafecke« fuhr der Zimmermann fort »denn ein Zimmer
kann man es wohl kaum noch nennen Aber an Raum muss eben gespart werden Nur das
Bett an der Wand befestigt das der Seemann Koje nennt ein Tisch und ein
Bücherschrank mehr findet sich hier nicht gegenüber ganz ähnlich
eingerichtet liegt die Steuermannskajüte und das Ganze wird mit dieser Tür
vollständig abgeschlossen«
»Willst wohl auch Seemann werden« lächelte der Zimmermann »Sieh Junge
dort ist das Logis Wollen es gleich näher ansehen«
Er führte seine Gäste am großen Mast vorüber nach dem Vorderteil des
Schiffes und hier sah Robert den wenig einladenden Raum in dem die Matrosen
ihre freien Stunden verbringen Eine enge schmale Koje so niedrig dass der
darin sitzende Mann kaum Platz hat sich ganz auszustrecken die Schiffskiste
als Stuhl und ein Tisch aus Tannenholz das ist alles was der Matrose an
Freiheit und Eigentum besitzt wenn er auf See ist
Aber Robert fand es schön er sehnte sich immer mehr nach dem Seemannsleben
je mehr er davon sah Auf dem Tisch sitzen und nähen nach genau festgesetzten
Stunden und zum Schlafen das Bett im Winkel der Diele war denn das nicht noch
viel schrecklicher als die halbe Gefangenschaft an Bord eines Schiffes
Er wäre am liebsten gleich hier geblieben hätte sich als Kajütenjunge
»anmustern« lassen und die erste Reise des neuen Seglers mitgemacht Sein Herz
klopfte ungestüm als der Zimmermann in eine andere Tür hineindeutete »Das da
ist die Kombüse« sagte er »und diese eisernen Hähne die ihr hier seht sind
die Pumpen Wollen wir nun auch in den Schiffsraum hinabsteigen«
Unten angekommen meinte Robert es sei fast wie in einem Grabe Er freute
sich als ihm die Sonne wieder ins Gesicht schien »Aber wenn das alles ganz mit
Ladung gefüllt ist« fragte er »wie untersucht man dann ob nicht das Schiff
vielleicht ein Leck bekommen hat«
Georg und der Zimmermann lächelten »Die Decksluken werden vor der Abreise
kalfatert das heißt wasserdicht verschlossen und während der ganzen Fahrt
nicht wieder geöffnet Erst in dem Hafen wo die Ladung gelöscht wird kommt ein
Mann der Reederei an Bord und bezeugt dem Kapitän schriftlich den Zustand in
dem sich die Luken befanden Nur wenn dieser ganz vorschriftsmässig ist trifft
den Kapitän für die etwaige Beschädigung der Ladung keinerlei Verantwortung Den
Wasserstand dagegen untersucht man täglich zweimal durch die Pumpen wobei sich
bis auf einige Linien feststellen lässt wieviel Wasser in das Schiff
eingedrungen ist Man nennt dies Verfahren Peilen«
Der Zimmermann sah sinnend vor sich hin »Es ist schrecklich wenn so ein
Leck in das Schiff kommt« sagte er »unheimlich weil man ihm nicht offen
begegnen kann Ich habs einmal erlebt sechs Tagereisen vor Kalkutta Da stieg
das Wasser so schnell dass alle Arbeit auf Deck liegenblieb dass nicht mehr
gekocht und nicht mehr geschlafen wurde weil wir nur unablässig pumpen mussten
um das nackte Leben zu retten Wenn einer von der Mannschaft umfiel wie ein
Toter dann sprang ein anderer an seine Stelle wortlos ohne einen Blick auf
den Röchelnden ohne Rücksicht auf die eigenen zerfetzten Hände Es war
grässlich wir brachten das Schiff nach Kalkutta aber von unseren dreizehn
Leuten lebten nur noch vier die übrigen sind in ihren Kojen oder an Deck vor
Erschöpfung gestorben ohne dass wir uns um sie kümmern konnten Wenn das Wasser
im Schiffsraum steigt und nur zwei Minuten die Arbeit an den Pumpen eingestellt
wird dann ist das so als stände der Tod hinter einem und man würde nicht
einmal darauf achten wenn der eigene Bruder ein paar Schritte weit davon im
Sterben läge Nun gottlob passiert das nicht alle Tage«
Robert hatte atemlos zugehört »Waren Sie längere Zeit hindurch Seemann«
fragte er
Der Zimmermann nickte »Sechzehn Jahre« antwortete er »Da lernt man das
Meer kennen«
Robert hatte noch eine Frage auf dem Herzen das sah der Mann und ermunterte
ihn freundlich sie auszusprechen »Na« sagte er »was wolltest du wissen
Junge ob ich den fliegenden Holländer gesehen habe und den Klabautermann oder
das berühmte Meerweib das sie hier auf St Pauli jedem gläubigen Binnenländer
für zwei Groschen zeigen das aber aus Wachs und Kitt zusammengeflickt ist wie
ich dir lieber gleich sagen will«
Robert schüttelte den Kopf »Das meine ich nicht« sagte er schüchtern
»aber ob es wohl im Meer noch unbekannte Tiere gibt große fürchterliche die
man in den naturgeschichtlichen Werken gar nicht aufgeführt findet«
Der alte Zimmermann spielte mit der Hand an einer Leine die gerade vor ihm
in der Luft hing »Ja ja« sagte er »darauf sollte ich eigentlich gar nicht
antworten Das Erzählen ist leicht wenn niemand die Geschichte widerlegen kann
Aber dennoch ich habe so etwas Ähnliches erlebt«
»Ach« rief Robert ungestüm »bitte erzählen Sie doch«
Der Zimmermann nickte »Ich will es tun« antwortete er »nur fehlt der
Sache eigentlich die Pointe das heißt die Erklärung aber wahr ist sie darauf
kann ich einen Eid leisten Wir waren auf dem Atlantik und trieben bei fast
völliger Windstille langsam dahin Ich hatte gerade die Wache am Ruder ungefähr
um fünf Uhr morgens da erhielt plötzlich das Schiff einen Stoß dass ich beinahe
gefallen wäre und dass alles an Bord aus dem Schlaf auffuhr Zugleich rumorte
und tobte es in dem stillen Wasser weiße Schaumblasen kräuselten sich am Bug
während die Wellen langsam wieder ruhiger wurden Wir sahen uns mit bangen
Gesichtern an und dann ging es ans Untersuchen Es wurde alle Stunden gepeilt
aber kein Tropfen Wasser war in das Schiff hineingekommen Erst als es später
zur gründlichen Überholung auf der Werft lag sah ich woher der Stoß gekommen
war In dem gekupferten Boden steckte bis zur Länge von fünfzehn Zentimeter ein
Horn von der Dicke eines starken Männerarmes Es war abgebrochen und vielleicht
hatte der rasende Schmerz das unbekannte Tier zu so starken Bewegungen
getrieben dass sich die Wellen ringsum auf bäumten Jedenfalls muss es ein
riesenhaftes Geschöpf gewesen sein das einen so spürbaren Anprall verursachen
und den Boden des Schiffes fünfzehn Zentimeter weit durchbohren konnte Der
Kapitän hat das Horn später überall gezeigt und bei vielen Männern der
Wissenschaft angefragt aber niemand kannte es«
Robert berührte den Arm des alten Mannes »Haben Sie es« fragte er mit
leuchtenden Augen »Ich möchte es so gern sehen«
Der Zimmermann schüttelte den Kopf »Es ist in England geblieben« sagte er
bedauernd »Da ich dir aber diesen Wunsch nicht erfüllen kann so wollen wir
dafür vielleicht einen Gang durch unsere Maschinensäle machen mein Junge Ich
will dir ein eisernes Schiff zeigen das ist mehr wert Den Grund des Meeres
werden wir nicht erforschen so wenig wie den Mittelpunkt der Erde oder den
Weltenraum Aber die Welt in der wir leben und die uns Brot geben soll müssen
wir möglichst genau kennen lernen vor allem da wo wir unseren Lebensberuf
ausüben Kannst ja vielleicht auf hoher See einmal einem solchen
Tiefseeungeheuer begegnen wie damals unser Fahrzeug wer weiß Willst du jetzt
das eiserne Schiff sehen«
Robert glaubte dass ihn der Zimmermann necken wolle »So dumm bin ich nun
aber nicht mehr« erwiderte er »Wie könnte denn Eisen schwimmen«
Der Alte und auch Georg lachten herzlich »Komm nur mit wenn du auch recht
klug bist zu lernen findet sich doch noch immer etwas«
Robert fühlte dass er errötete Ob es doch möglich war dass Eisen schwämme
Schleunigst folgte er den beiden anderen und kam nun mit ihnen an einen
schmalen Arm der Elbe wo ein eben vollendetes kleines Dampfschiff lag ein
Schraubenschiff und ganz aus Eisen in blaugrauer Farbe mit schlanken schönen
Linien Der Junge sah deutlich die einzelnen Eisenplatten und ihre Vernietungen
Die Säume der oberen Platten griffen über die darunterliegenden deren Dicke
höchstens drei Millimeter betragen mochte
»Ach« rief Robert »also es schwimmt weil es so dünne Platten hat Ja
natürlich «
»Das wusstest du nicht« lachte der Alte »Na gib dich gefangen Es ist
nicht das letztemal dass du deine Unwissenheit eingestehen musst Und was die
dünnen Platten betrifft so habe ich schon Schiffe mit zentimeterdicken Platten
gesehen wie zum Beispiel unsere jetzigen Panzerfregatten Und wie das möglich
ist will ich dir genau auseinandersetzen Jeder Körper schwimmt überhaupt nur
dann im Wasser wenn sein Gewicht kleiner ist als das der Wassermenge die er
verdrängt Ob ich also das hölzerne Schiff mit Eisen belade oder ein Fahrzeug
ganz aus Eisen baue das muss sich in seinen Folgen vollkommen gleich bleiben«
Robert hatte aufmerksam zugehört »Das habe ich verstanden« rief er »Wenn
man nur ein wenig nachdenkt und sich eine Sache in ihren Einzelheiten vor Augen
führt dann scheint alles einfacher und selbstverständlicher«
»Siehst du« nickte lächelnd der Alte »Das ist das große Geheimnis allen
Lernens Nicht in sich hineinreden lassen muss der Mensch sondern mit offenen
Augen sehen und selbst denken sonst bleibt das Ganze nur an der Oberfläche und
wird nie großen Nutzen stiften können Jetzt geht mit wir wollen uns auch das
Innere ansehen«
Sie stiegen nachdem die Laufbrücke passiert war eine hübsche gewundene
Treppe hinab und nun sah Robert den Dampfkessel Ein langes dickes Rohr ging
vom Kessel aus und teilte sich in zwei Arme von denen jeder in einen
gusseisernen Zylinder mündete dem er den im Kessel erzeugten Dampf zuführte
Der Zimmermann nahm von einem dieser Zylinder den Deckel herab so dass der
Kolben sichtbar wurde auf den der Dampf seine unmittelbare Wirkung ausübt
indem er bald von oben bald von unten in den Zylinder einströmt und so die
ständige Bewegung verursacht Fest verbunden mit diesem Kolben ist eine
Kolbenstange welche die mit einem Gelenk versehene Pleuelstange aufnimmt Diese
übersetzt die hin und hergehende Bewegung des Kolbens in eine drehende die
wiederum durch die Kurbeln auf die Schraubenwelle übertragen wird und so die
Schiffsschraube in Gang bringt
Robert begriff das alles weit leichter als er es für möglich gehalten
hätte und folgte mit großem Interesse jetzt auch seinen Begleitern durch die
Maschinensäle Es war fast vier Uhr nachmittags als sich die beiden nach einem
herzlichen Abschied von dem alten Zimmermann mit der Dampffähre wieder nach
Hamburg übersetzen ließ Robert meinte etwas kleinlaut dass er sich vor diesen
Häusermassen wirklich fürchte Es bleibe ja für Menschen gar kein Platz mehr
Georg zog ihn am Arm mit sich fort den Baumwall entlang bis zu den
Vorsetzen »Ich bin fast ohnmächtig vor Hunger« sagte er »Lass uns nur erst
einmal das Wirtshaus erreichen das ich suche Hier herum muss es sein«
Er überflog die vielen Wirtschaftsschilder und schien es dann entdeckt zu
haben »Aha da wäre ja der Fliegende Holländer« sagte er »Komm nur dass wir
jetzt erst etwas essen«
Er führte den Jungen in eine niedere unsaubere Gaststube deren Besitzer
hinter dem Schenktisch stand und die Groggläser füllte die ein kleiner
Kellnerjunge unablässig den spielenden und rauchenden Matrosen bringen musste
Das Zimmer war Kopf an Kopf von Gästen besetzt und Würfel und Karten gingen aus
einer Hand in die andere Man hörte überlautes Lachen Flüche und Ausrufe in
fremden Sprachen Spanier Engländer und Schwarze saßen hier in verworrenstem
Kauderwelsch durcheinander schreiend neben den Hamburgern die in breitem Platt
mit ihren Kameraden sich unterhielten Alles sang und lachte fluchte und
lärmte
Der Wirt war ein untersetzter Mann mit kurzem dickem Hals und riesenstarken
Armen die in schmutzigen Hemdsärmeln steckten Auf borstigen fuchsroten Haaren
saß im Nacken eine schmierige Mütze und die Augen lagen lauernd in
blutunterlaufenen tiefen Höhlungen
»Sieh da auch mal wieder da« redete er Georg an »Wen bringst du mir da
mein Junge Auch ein Früchtchen von deiner Art oder eine junge unschuldige
Landratte die Seewasser kosten will Da fangt erst mit einem Glas Genever an«
Und damit bot er Georg das Glas mit dem brennenden Getränk an das Robert mit
Widerwillen ausschlug
Der Seiler winkte dem Wirt verstohlen mit den Augen »Ein Freund von mir
dem ich Hamburg zeigen will bei Ihnen wollen wir erst einmal etwas Vernünftiges
essen«
Damit bestellte er bei dem Kellner zwei Portionen Beefsteak mit Kartoffeln
und zwei Glas Bier was auch sehr bald kam und worüber sich die beiden mit dem
ganzen Appetit der Jugend hermachten Als sie satt waren drängte Robert zum
Fortgehen Der Matrose vom »Blitz« hatte gewiss recht wenn er ihn vor dieser Art
Schenken eindringlich warnte denn was er sah das konnte ihm durchaus nicht
gefallen und vor dem Wirt empfand er geradezu Widerwillen
»Es ist einer von denen die gekielholt werden müssten« dachte er
Georg stand auf und knöpfte die Jacke zu »Bleib noch einen Augenblick
sitzen« sagte er »ich möchte mit dem Wirt noch ein paar Worte sprechen Der
Mann ist ein alter Freund von mir«
Robert machte große Augen »Der« sagte er
»Nun warum nicht« fragte mit ungewohnter Schärfe der Seiler »Ein solcher
Wirt kann nicht mit Lackstiefeln herumgehen wie ein großer Herr Er muss häufig
genug die streitenden Gäste selbst auseinanderbringen und dazu dauernd die
Gläser spülen Peter Volland ist ein kreuzbraver Mann sage ich dir«
Und mit diesen Worten ging Georg um hinter dem überschwemmten Schenktisch
den Wirt aufzusuchen Robert sah dass sich die beiden wie alte Bekannte
begrüßten und dass die Worte seines Freundes den stämmigen Schenkwirt äußerst
angenehm zu berühren schienen Ein wiederholtes Kopfnicken eine Handbewegung
und der ganze Ausdruck des Gesichtes sagten deutlich als habe er laut
ausgerufen »Ja Jawohl ganz gewiss«
Dann folgte halb versteckt hinter einer großen braunen Kanne eine
Fingerbewegung die des Zählens Jetzt nickte Georg und die beiden Vertrauten
trennten sich Der Seiler kam wieder in das Schenkzimmer
»So« rief er »nun lass uns gehen Kleiner Jetzt sollst du auf dem Weg zum
Altonaer Bahnhof noch die Läden der Schiffshändler kennen lernen Pass nur auf
es beginnt gleich hier in der Nähe«
»Was hattest du mit dem Wirt« fragte Robert »Ihr beide spracht und tatet
so als hättet ihr einen Handel abgeschlossen«
Der Seiler lachte etwas gezwungen »Einen Handel Dummes Zeug Junge Sieh
her hast du schon einmal solche Ankerketten gesehen und solches Ölzeug«
Er zog Robert von Schaufenster zu Schaufenster und ließ ihn alles bewundern
Der ganze Weg neben der Hafenmauer führte an Läden und Werkstätten vorüber die
mit der Seefahrt in unmittelbarer Berührung standen Außer den zahllosen
Matrosenschenken und großen Auswandererhäusern gab es da die Niederlagen der
Anker und Kettenschmiede Tauwerks Teer und Farbenhandlungen die
Werkstätten der Blockdreher und Segelmacher die Läden mit Schiffsproviant
Auswandererbedarf und Ölzeug dann die Geschäfte der Makler Agenten und
Ballastlieferanten und hundert andere mehr
An der unbebauten dem Strom zugekehrten Seite der Straße befanden sich
viele alte hölzerne nach holländischer Art gebaute oder eiserne Kräne und
Winden dann führten Treppen in kurzen Zwischenräumen hinunter an das Wasser
und an schweren Ketten lagen die zahlreichen Jollen die hier zwischen Schiffen
und Ufer einen ununterbrochenen Verkehr herstellten In der Straße selbst wogte
es von Hafenarbeitern und Seeleuten aller Rassen von Ewerführern
Schauerleuten Jollenführern Agenten der Schiffshändler und Makler Hier sprach
man alle Sprachen hier kannte man alle Münzen der Welt Hart an den Vorsetzen
lagen Torf und Kartoffelewer von der Unterelbe die einen bedeutenden Teil des
Bedarfs an diesen Artikeln in die Stadt bringen Überall lebte und webte auf
jedem Fussbreit der schmalen Straße das geschäftige Treiben einer Hafenstadt
überall regte sich der Handel nach allen Ländern der Welt
Es war für den Seiler keine leichte Aufgabe seinen jungen Freund vorwärts
zu bringen Zwanzigmal blieb er stehen um dies oder das zu bewundern oder eine
neugierige Frage zu stellen Er wollte alles sehen und alles wissen Nur sehr
ungern trennte sich der Junge von der Wasserseite Hamburgs und folgte dem Freund
durch St Pauli wieder zurück nach Altona »Nun haben wir aber auch alles
gesehen« sagte er zufrieden
Der Seiler lächelte halb spöttisch »Und die Museen mein Junge und der
Zoologische Garten Aber ich denke wir machen noch manche kleine Reise
zusammen« fügte er hinzu »Wenn die Geschichte nur nicht so teuer wäre«
»Was hat uns der Tag gekostet« fragte Robert
»Hm wenn wir wieder in Pinneberg angelangt sind so ist die Tasche leer
Aber du hast ja noch Vorrat in der Sparbüchse«
Robert antwortete nicht Er musste die vielen neuen Eindrücke dieses Tages
erst in sich verarbeiten bevor irgend etwas anderes seine Aufmerksamkeit
fesseln konnte Unterwegs im Wagen legte er die heiße Hand auf Georgs Arm »Lass
uns gleich wenn der Zug hält wieder umkehren« sagte er »ich kann es doch
nicht ertragen nun erst recht nicht«
Der Seiler zuckte die Achseln »Hättest besser zugreifen sollen« flüsterte
er Daumen und Zeigefinger mit einem bedeutsamen Blick gegeneinander reibend
»Ohne das kann man in der Welt keinen Schritt vorwärtskommen«
Robert sprach kein Wort mehr aber er ging nachdem er auf Umwegen nach
Hause geschlichen war gleich ins Bett ohne vorher zu essen oder seiner Mutter
irgend etwas zu erzählen Er wollte nur ungestört an das was er gesehen hatte
denken
Am folgenden Tag musste die Arbeit die der Vater für seinen Sohn und
Lehrling zurückgelassen hatte in aller Eile fertig gemacht werden aber es
fielen diesmal viele Tränen darauf »Wenn mich so alle diese kräftigen Seeleute
sehen könnten« dachte er »die Glücklichen die in Wind und Wetter draußen ihre
Arme brauchen dürfen während ich die Nähnadel halten muss«
Der Alte fand auch als er nach seiner Rückkehr jeden Stich musterte die
Arbeit schlecht und sparte daher nicht mit Zurechtweisungen Zur Strafe
beschränkte er die freie Zeit seines Jungen so dass Robert nur höchst selten mit
Georg einmal vertraulich sprechen oder an dem Holzklotz den er sich heimlich in
einen Winkel des Heubodens geschafft hatte ein paar Minuten meisseln konnte
Das Buch des Matrosen vom »Blitz« gab über alles genaue Auskunft und war so
verständlich geschrieben dass es gar keine Kunst mehr schien nach diesen
Anweisungen selbst ein kleines Schiff zu bauen Robert hatte sich in seinem
Versteck eine richtige Werkstatt eingerichtet denn die Mutter verriet ja
nichts und der Vater kam nie dort hinauf Zwar schüttelte Frau Kroll den Kopf
und meinte das werde noch einmal ein Unglück geben wenn es der Vater erfahren
sollte aber Robert kehrte sich nicht daran In seinem Vater sah er ja schon
längst den Feind dessen er sich mit allen Mitteln zu erwehren suchte Und Georg
schürte das Feuer wo er konnte Robert lieferte jetzt kein empfangenes
Trinkgeld mehr ab stahl für seinen Freund aus der Speisekammer der Mutter alles
Essbare und hatte auch schon mehrere Male wieder mit Hilfe von Georgs
Nachschlüssel den Geldkasten des Vaters bestohlen oder »von seinem Eigentum ein
paar Taler verbraucht« wie es der Seiler nannte Alles das machte ihm kaum
Gewissensbisse Wenn der Vater gewollt hätte wie er wenn er kein Tyrann gewesen
wäre so würde es ja nie geschehen sein aber durch diese Halsstarrigkeit diese
Ungerechtigkeit trug er ja an allem selbst die Schuld
Schalt er so hieß es »Ich will ja doch kein Schneider werden Habe ich
ausgelernt so gehe ich auf und davon«
Natürlich zog nach solchen Auftritten der Vater die Zügel nur immer
straffer und das Verhältnis zwischen ihm und seinem Sohn wurde immer
schlechter Robert hatte jetzt als das Wetter anfing kalt zu werden den
Schiffbau oben in der Ecke des Heubodens soweit vollendet dass er mehrere
Kleinigkeiten einkaufen musste um weiterarbeiten zu können aber es fand sich
dazu leider kein Geld und auch der Seiler erklärte keins zu haben
»Nimm es doch du weißt doch wo es liegt« sagte er höhnisch
Aber Robert schüttelte den Kopf »Was ich in der Sparbüchse hatte ist
verbraucht« antwortete er »und das übrige gehört mir nicht«
dabei blieb es Georg sah zu seinem größten Ärger dass Robert nicht
umzustimmen war aber er verbarg die Enttäuschung und half über alle
entstehenden kleinen Verlegenheiten beim Bau so gut wie möglich hinweg Man
konnte jetzt das zukünftige Schiff schon ganz deutlich erkennen
Da traf es sich dass Robert an einem Sonntag ausgeschickt wurde um in einem
ziemlich entfernten Dorf Arbeit abzuliefern und als er zurückkam sah er die
Mutter bitterlich weinend am Herd sitzen Nichts Gutes ahnend fragte er sie
nach dem Grund ihrer Tränen
»Geh fort« flüsterte ängstlich die alte Frau »lass dich beim Vater nicht
sehen Er ist furchtbar erzürnt«
Der Junge wurde rot vor Aufregung »Hat er mein Schiff gefunden Mutter«
stammelte er
Die Alte nickte unter ihrer vorgehaltenen Schürze »Ja Ach ja«
Robert flog zum Heuboden Alles fort das Buch das Gerät die Hobelbank
die er sich mit Georgs Hilfe selbst gebaut hatte und vor allem sein geliebtes
halbfertiges Schiffchen der beste Schatz den er besaß
Wo mochte es der Vater gelassen haben
Dieser Gedanke nahm ihm den Atem Wenn das Schiff sein »Blitz« zerstört
wäre
Er sprang wieder in den Hof hinab und stürmte an der weinenden Mutter
vorüber in das Wohnzimmer Da jetzt alles entdeckt war konnte ihm ja weder
Zögern noch Leugnen helfen
Der Alte stand kerzengerade mitten in dem kleinen Raum und neben ihm auf
dem Tisch lag ein schlankes eben erst aus der Haselnusshecke geschnittenes
Stöckchen Roberts ganze Einrichtung mit allem was dazu gehörte stand und lag
auf dem Fußboden Der alte Schneidermeister sah aus wie ein Toter
Seine und seines Sohnes Augen begegneten sich in einem festen langen Blick
Der Starrsinn und die unbeugsame Art des Vaters fanden ihren Widerhall in dem
Jungen der blass aber unbeirrt vor dem erzürnten Mann stehen blieb Minutenlang
herrschte drückendes Schweigen das nur durch die leisen bittenden Worte der
Mutter zuweilen unterbrochen wurde dann aber streckte der Meister die Hand aus
»Wem gehört das da« fragte er auf Roberts Schiff deutend
»Mir Vater und ich will es auch behalten«
»Still Von wem hast du das Buch und das Gerät bekommen«
Robert hatte sich auf diese Frage bereits vorbereitet Die Lüge flößte ihm
ja schon längst keinen Widerwillen mehr ein »Von Georg« erwiderte er ruhig
»Das ist nicht wahr« brauste der Alte auf »Solch ein Bettelbube den der
Seiler nur weil es ihm so schlecht geht überhaupt in Arbeit behält der kann
nichts verschenken Antworte woher du es hast«
»Von Georg Und willst du mir nicht glauben so lass es darum kümmere ich
mich nicht«
Der Schneider stutzte und ließ die Hand sinken »Ich glaube dass du die
Wahrheit sprichst« sagte er nach einer Pause »denn so dreist lügen könnte mein
Sohn nicht Ich wenigstens habe es solange ich lebe nicht gekonnt«
Robert ertrug mit äußerer Ruhe den Blick der diese Worte seines Vaters
begleitete In ihm stürmte es aber der Trotz hielt jede Rührung in Schranken
Er schwieg ohne sich von der Stelle zu bewegen
»Wer hat dir die Spielerei erlaubt« fuhr Meister Kroll fort »Du wusstest
welches Unrecht du begingst sonst würdest du aus der Sache kein Geheimnis
gemacht haben Du wolltest deinen Vater betrügen nicht wahr«
»Ich wollte dir das Schiff nicht zeigen Wenn du darin einen Betrug
erkennst so kann ich es nicht ändern«
Der Alte nickte »Ich weiß nun genug« sagte er kalt »Trag das Ding in die
Küche alles auch das Buch«
»Vater«
»Gehorche« rief rot vor Zorn der Alte »Willst du deinem Vater den Gehorsam
verweigern«
In diesem Augenblick erschien die Mutter Ohne ein Wort zu sagen ergriff
sie die verschiedenen Gegenstände und trug sie hinaus auf den Herd Robert sah
ihr zu unfähig jetzt einen Entschluss zu fassen Sollte er das Äußerste tun um
seiner Mutter das geliebte kleine Schiff zu entreißen Er konnte es nicht
aber er folgte wie im Traum der alten Frau und sah mit starrem Blick auf den
gefährdeten Schatz Der Vater wollte ihn vernichten das war sicher
Und wirklich betrat Meister Kroll die Küche Er handelte keineswegs im Zorn
sondern wohlüberlegt und mit größter Ruhe er machte aus der ganzen Sache ein
förmliches Strafgericht Zuerst warf er das Buch in die Flammen und dann
ergriff er das Beil und das Schiffchen
Robert stieß einen lauten Schrei aus »Vater Vater ich bitte dich« rief
er ausserstande noch in diesem verhängnisvollen Augenblick zu schweigen »ich
bitte dich lass mir das Schiff Es ist meine einzige Freude«
Der Alte schüttelte den Kopf »Gerade darum« entgegnete er nachdrücklich
»Liebtest du dein Fach und wärest du ein fleißiger gehorsamer Lehrjunge so
würde ich dir gern für deine Freistunden eine harmlose Spielerei erlauben Hier
aber handelt es sich um viel Ernsteres und die Strafe soll so tief treffen dass
du sie nie wieder vergisst«
Er hob die schwere Axt es war dem Jungen als würde er selbst getroffen
und der Schlag fiel dröhnend in den fertigen Rumpf des Schiffchens Ein
klaffender Spalt hatte es der Länge nach getrennt
Robert wandte sich ab Seine Fäuste waren geballt seine Lippen zuckten und
aus den Augen brachen Tränen aber er beherrschte sich doch er versuchte keine
Gegenwehr
Die Trümmer des zerstörten Baues flogen ins Feuer die übrigen Holzstücke in
den Winkel und das Gerät packte der Alte auf den Schrank »Das war eins« sagte
er »und nun geh ins Zimmer Junge Wir sprechen uns weiter«
Robert gehorchte schweigend Mochte der Vater tun oder lassen was er
wollte das schien jetzt nach dem Verlust des Schiffchens und des Buches ganz
gleichgültig wenigstens glaubte es der Junge aber er sollte sich täuschen
Meister Kroll rief auch die Mutter ins Zimmer »Höre« wandte er sich an
seinen Sohn »was ich dir zu sagen habe Nach meiner ursprünglichen Absicht
solltest du in drei Jahren zum Gesellen gemacht und vom Lehrling losgesprochen
werden aber das hast du nun nicht mehr verdient Deine Lehrzeit soll erst um
sein wenn du neunzehn bist sie ist auf vier Jahre erhöht worden So das
sagte ich dir als Meister und nun kommt der Vater Zieh die Jacke aus«
Der Junge hatte wie ein Gerichteter die schrecklichen Worte des Alten über
sich ergehen lassen fast unfähig den neuen Schlag in seiner ganzen Schwere
gleich zu fühlen jetzt aber richtete er sich plötzlich auf Alles Blut schoss
ihm ins Gesicht
»Vater du willst mich schlagen« presste er hervor
»Das will ich wie es meine Pflicht ist Zieh die Jacke aus«
Robert trat hastig zurück »Du darfst mich nicht schlagen Vater« rief er
außer sich »du darfst es auf keinen Fall denn ich bin konfirmiert Tu es
nicht Vater«
Aber der Alte zog ihn mit einem einzigen Griff zu sich »Ist es schon so
weit gekommen« rief er »will der junge Hahn gegen Gott und Menschen krähen
was Ich sollte meinen Jungen nicht mehr schlagen dürfen nur weil er kein
ABCSchütze mehr ist Wehre dich gegen deinen Vater du Taugenichts wenn du den
Mut dazu findest«
Die Schläge fielen schwer und dicht auf den Rücken des Jungen Robert fühlte
etwas wie eine Erstarrung einen schweren Schmerz aber er ertrug die
Bestrafung ohne seine Kräfte dem Vater entgegenzusetzen er wusste dass jetzt
sein Entschluss feststand dass diese Stunde zwischen ihm und dem Vater das letzte
Band zerschnitten hatte
Er sprach keine Silbe als der Vater den Stock in die Ecke warf und ihm
sagte dass er nun gehen könne Er hörte es kaum
Als aber der Abend kam schlich er sich hinaus und suchte seinen Freund
Schluchzend vor Gram und Zorn stammelte er in abgebrochenen Lauten die
Geschichte dieses Tages Auch ohne die tiefe Dunkelheit ringsumher wäre er zu
erregt gewesen um Georgs triumphierendes zufriedenes Lächeln bemerken zu
können »Ich will fort« schloss er »jetzt um jeden Preis und lieber heute als
morgen Georg hilf mir dass ich ein Schiff bekomme«
Der Seiler zuckte die Achseln »Nichts leichter als das« antwortete er
»nur musst du Geld beschaffen Ich besitze gar nichts«
Robert nickte »Es ist gut« sagte er »ich will es tun Der Vater sieht
mich nie im Leben wieder also kann er wohl für seinen Sohn das letzte Opfer
bringen Wieviel brauche ich«
»Hm je mehr desto besser Greif nur tüchtig hinein denn das Seezeug
kostet schweres Geld Inzwischen werde ich Erkundigungen einziehen wann ein
Schiff ausläuft das dich brauchen kann«
Der Junge erschrak »Bei Peter Volland« fragte er
»Ja bei ihm Er kennt alle Kapitäne und alle Agenten außerdem ist er mein
bester Freund der gewiss für dich tun wird was in seiner Macht steht Dein
Entschluss ist also bestimmt gefasst«
»Ganz bestimmt« erklärte Robert »Würdest du dir solche Behandlung gefallen
lassen Georg Ich glaube kaum«
Der Seiler lachte spöttisch »Wirklich nicht« antwortete er
»Ich wäre schon längst auf und davongegangen aber du hattest ja nie dazu
den Mut«
Robert dachte an die erlittene Strafe und ballte noch jetzt die Faust »Ich
habe Mut« flüsterte er »besorge du nur ein Schiff hörst du«
Der Seiler versprach noch am gleichen Tag an den Hamburger Baas zu
schreiben und wirklich brachte er auch nach kurzer Zeit einen Brief in dem
Peter Volland schrieb dass das holländische Schiff »Antje Marie« zur Abfahrt
bereit im Hafen liege »Kapitän van Swieten sucht gerade einen Jungen« schloss
er »und wenn dein Freund zur rechten Zeit eintrifft so kann er die Stelle
bekommen«
Robert jubelte laut »Aber du gehst mit Georg« bat er »du zeigst mir die
notwendigsten Wege und hilfst beim Einkaufen nicht wahr«
Der Seiler nickte »Kannst dich darauf verlassen Junge Sei nur guten
Mutes jetzt ist dein Glück gemacht wenn du das Geld erst hast«
»O darum sorge dich nicht Morgen abend ist bei meiner Tante Christine
eine Geburtstagsfeier und dahin gehen meine Eltern Ich habe also Zeit genug
den Kasten zu öffnen«
»Nimm ungefähr sechzig Taler« rief Georg »Das brauchst du bestimmt«
Robert nickte und arbeitete dann am folgenden Tag Seite an Seite mit dem
Vater ohne ein Wort zu sprechen Meister Kroll hatte ihm gesagt dass er erst
wie ein gutes Kind um Verzeihung bitten müsse und dagegen sträubte sich sein
Trotz »Ich bin mir keiner Schuld bewusst« dachte er »warum sollte ich also
nachgeben«
Der Tag schien endlos aber er ging doch zu Ende und aufatmend sah Robert
die Eltern fortgehen Der Vater sprach ja nicht mit ihm nur die Mutter hatte
leise gebeten er möchte nicht fortlaufen sondern auf alles achtgeben
Und nun war er allein Aber noch wachte alles auf der Straße und in der
Nachbarschaft noch konnte er den Raub nicht ausführen er wagte kaum daran zu
denken Seine Hand fütterte die Tiere im Hof gab der Kuh das Heu und den
Schweinen ihre wenig appetitliche Brühe aus Küchenabfällen und Schrot Es war
ihm ganz eigenartig zumute In den wenigen Worten »zum letzten Male« liegt ja
immer etwas Herzbeklemmendes und wenn das Gewissen unruhig vor der Zukunft
warnt so ist es doppelt schwer der Entscheidung fest entgegen zu sehen Robert
glaubte dass die Tiere noch niemals so zutraulich gegen ihn gewesen waren dass
er die enge kleine Heimat seiner Eltern noch nie so lieb gehabt hatte wie an
diesem Abend Er streichelte Pikas den alten zottigen Hund kraute die Köpfe
der Ziegen Träne auf Träne fiel über sein Gesicht herab
Er wollte fort der Entschluss wankte keinen Augenblick ihn lockte die See
und die Ferne aber dennoch
Er erschrak als Georgs Schatten seine Stirn streifte »Hast dus« fragte
der Seiler
Robert schüttelte sich wie im Fieberfrost Er reichte dem Freund das
Werkzeug das er in der Tasche getragen hatte und wandte den Blick ab »Du«
sagte er »mir ist das alles anvertraut ich soll es vor Spitzbuben behüten da
kann ich unmöglich den Kasten selbst erbrechen Tu du es für mich«
Der Seiler horchte auf Jähe Röte überflog sein blasses Gesicht seine Augen
funkelten »Ich« sagte er »Aber mir gehört ja das Geld nicht«
»Einerlei Ich na nenne mich ruhig feige Georg aber ich habe den Mut
nicht Ich kann kein Geld stehlen Das frühere war mein Eigentum«
Der Seiler lachte leise »Bist ein Kind« spöttelte er »bist ein
Muttersöhnchen das sich vor seinem eigenen Schatten fürchtet Aber gut ich
will hingehen und die sechzig Taler nehmen Ist vorn an der Straße die Tür
verschlossen«
»Ja Auch die Läden habe ich vorgelegt«
»Das war richtig Pass nur hier gut auf dass niemand kommt«
Die schlanke Gestalt schlüpfte ins Haus und Robert horchte atemlos Wenn
jetzt jemand klopfte wenn zufällig die Eltern zurückkamen
Der Angstschweiß drang aus allen seinen Poren Er stand auf dem Sprung sich
bei dem ersten Laut über den Zaun ins Freie zu retten Musste denn nicht jeder
sehen können dass er ein Verbrecher war dass er den Dieb in das Haus eingelassen
hatte
Schleichende Schritte kamen über den Hof Georg sah im Mondschein noch
bleicher aus als gewöhnlich Er war verwirrt er schien zu zittern
»Da« raunte er aus seiner Mütze die blanken Taler in Roberts Hände
schüttend »da Es ist doch merkwürdig und man wird ein Hasenfuß dabei«
Robert schob das Geld zurück »Behalte es« antwortete er »Du sollst ja für
mich einkaufen ich mag es nicht anrühren«
»War niemand in der Nähe« flüsterte Georg
»Kein Mensch Also morgen abend um halb sieben Uhr fahren wir nach Altona«
Der Seiler wog das Geld in der Hand »Hm« meinte er »diesmal müssen wir zu
Fuß gehen Man könnte uns sehen und die Geschichte wäre verraten Bist du erst
einmal bei Peter Volland so lass sie dich nur suchen dann hat es keine Not
mehr«
Robert strich das verworrene Haar aus der Stirn Er bekämpfte mit Mühe die
Bewegung die ihn durchzitterte »Du« sagte er »das ist so wie es der Lehrer
in der Schule erzählte weißt du von dem großen Ferdinand Kortez der hinter
sich die Schiffe verbrannte Damals habe ich das gar nicht so recht verstanden
aber nun ist mir alles klar geworden Und ich bin gerade in der gleichen Lage
nur dass ich nicht andere vorwärtstreibe sondern mich selbst Wir gehen also
bestimmt um sechs Uhr abends von hier fort«
»Was mich betrifft ja« antwortete Georg
»Und mich verlass dich darauf«
Der Seiler kroch durch die Hecke und Robert ging mit zaghaften Schritten in
das Schlafzimmer Musste es denn nicht an dem Schrank zu sehen sein dass ihn
diebische Hände geöffnet hatten Mussten nicht alle die stummen Zeugen der
schlechten ehrlosen Tat sich anklagend gegen den Sohn erheben der seines
Vaters Geld gestohlen hatte
Ein scheuer Blick streifte die Umgebung selbst nach Fussspuren suchte
Roberts böses Gewissen und geängstigt ging er im Dunkeln zu Bett aber ohne die
Augen schließen zu können Vielleicht wenn er einschlief kam ja der Vater
suchte zufällig in dem eisernen Kasten irgendein Papier und entdeckte alles Er
durfte nicht ruhen seine eigene Sicherheit gebot ihm zu wachen
Die Eltern kamen ziemlich spät nach Hause und Robert fühlte hinter den
gesenkten Wimpern einen schwachen Lichtschein der sein Auge traf Meister Kroll
schützte das Licht mit der Rechten als er sich über den regungslosen Jungen
herabbeugte Robert hörte einen unterdrückten schmerzlichen Seufzer
»Mutter« sagte der Alte »es ist doch eigentümlich Nun habe ich seit acht
Tagen kein Wort mehr mit dem Jungen gesprochen aber das rührt ihn nicht Robert
ist verstockt er fühlt für seine Eltern keine Liebe«
Der Lichtschein erlosch und der Junge biss in das Kissen um nicht laut zu
weinen Oh wäre er erst weit fort von hier damit diese schrecklichen Qualen
aufhörten Er hatte sich die Sache so leicht gedacht so herrlich und
beglückend jetzt dagegen fühlte er es wie eine Zentnerlast auf dem Gewissen
Was die Mutter antwortete das hörte er nicht Halb von wirren Träumen
geschreckt halb unruhig wachend verbrachte er die Nacht Jetzt endlich war ja
der letzte Morgen angebrochen und es dauerte nur noch Stunden bis die Erlösung
schlug Er zog seinen besten Anzug an steckte Kleinigkeiten die ihm besonders
lieb waren in die Tasche und nahm ein Buch scheinbar um zu lesen in
Wirklichkeit aber um gedankenlos über die Blätter hinweg ins Leere zu sehen
Wenn ihn doch der Vater nur einmal angeredet nur eine wenn auch noch so
geringfügige Bemerkung gemacht hätte dann war es eine Art von Abschied eine
halbe Versöhnung aber es geschah nichts Stunde um Stunde verstrich es schlug
eins zwei man trank Kaffee und der Alte las die Zeitung wie gewöhnlich die
Mutter saß im Sonntagsstaat strickend am Fenster und die Uhr hinter dem Ofen
tickte eintönig Drei vier fünf jetzt musste der Entschluss gefasst werden
»Darf ich ein bisschen fortgehen« fragte halblaut der Junge
Meister Kroll blickte auf »Du fragst als hättest du während der Woche
deine Pflicht getan und dich wie ein gutes Kind betragen« antwortete er langsam
und nachdrücklich »Glaubst du wirklich ein Vergnügen verdient zu haben«
Robert schwieg Er fühlte den alten Trotz mit neuer Gewalt erwachen Warum
musste der Vater jeden Augenblick benutzen um Moral zu predigen warum konnte es
in seiner Gegenwart keine Freude keine Freiheit geben Es drückte wie ein Alp
das ernste grübelnde Wesen des Alten der von den Wünschen und den Neigungen
eines Jungen nichts mehr zu wissen schien ja der das alles vielleicht nie im
Leben gekannt hatte
Ein Pause verging dann erhob sich Meister Kroll vom Stuhl »Deine Tante
Christine erkundigte sich gestern warum wir dich nicht mitgebracht hätten«
sagte er »doch als ich ihr die Gründe auseinandersetzte stimmte sie mir
vollkommen bei Sie schickt dir aber damit du an ihrem Geburtstag nicht
vergessen seist diesen Taler den ich in deine Sparbüchse stecken werde
Natürlich gehst du hin und bedankst dich«
Er suchte in der Tasche den Schlüssel zum Schrank und schloss auf Jetzt
zeigte sich der eiserne Kasten
Robert stand wie gelähmt Es brauste in seinen Ohren seine Hände sanken
schlaff herab und alles Blut war aus seinen Wangen gewichen Jetzt stand die
Entdeckung unmittelbar bevor jetzt sah der Vater die leere Sparbüchse und
vielleicht sogar auch den Raub der an seinem Geld begangen worden war
Noch eine Minute dann hatte er den Kasten geöffnet
Roberts Knie zitterten Er war halb bewusstlos
Da wandte sich der Alte um »Es ist einerlei« sagte er den Schrank wieder
schließend »ich habe meinen Schlüssel in dem andern Rock stecken lassen Der
Taler gehört dir du weißt es jetzt Und nun geh meinetwegen aber um zehn Uhr
bist du zu Hause das lass dir gesagt sein«
Er vertiefte sich wieder in die Zeitung und bemerkte daher nicht dass Robert
wie ein Betrunkener aus dem Zimmer wankte Alles drehte sich vor seinen Augen
wohin er blickte sah er den offenen Geldkasten wie gepeitscht entfloh er dem
elterlichen Hause
Die Gefahr war ihm so nahe gewesen so furchtbar nahe dass er sich fast
betäubt fühlte Also das sollte der Abschied sein
Aber daran durfte er jetzt nicht denken Nur fort fort Der Boden brannte
ihm unter den Füßen
Er ging dem Seiler entgegen und traf ihn gerade als er mit einem ziemlich
großen Bündel unter dem Arm aus dem Haus trat In der Hand hielt er einen derben
Knotenstock
»Aha« sagte Georg gutgelaunt »da bist du ja Weshalb läufst du denn bis
hierher an das Ende von Krähwinkel Wir müssen ja auf diese Weise an eurem Hause
wieder vorüber«
Robert trieb zur Eile »Das macht nichts« antwortete er »Aber weshalb
siehst du so reisefertig aus Was soll das schwere Bündel«
»Darum kümmere dich nicht mein Junge Es sind nur ein paar überflüssige
Kleidungsstücke darin die ich in Hamburg verkaufen will«
Er trat an Roberts Seite und die beiden durchschritten nun schweigend den
stillen Ort Auf dem entgegengesetzten Bürgersteig gehend sah Robert jetzt zum
letztenmal sein Elternhaus Durch die herzförmig ausgeschnittenen Fensterläden
schimmerte das Licht und Pikas saß vor der Tür Schweifwedelnd näherte er sich
in Sprüngen seinem jungen Herrn
Der Junge beugte sich herab um die Liebkosungen des einstigen
Spielkameraden und Kindheitsgefährten zurückzugeben Es wurde ihm weich so
seltsam weich ums Herz Wollte ihn Pikas warnen Wollte er ihm erzählen von dem
alten Vater der drinnen im Zimmer den Kopf in die Hand legte und seufzend
fragte »Mutter wie kann ein Kind so verhärtet sein« Die Stirn des Jungen
und die Schnauze des Hundes berührten sich »Leb wohl Pikas« flüsterte Robert
»leb wohl altes Tier«
Aber noch hielt er den Hund fest noch tönte ihm sein leises Winseln wie das
Weinen einer Menschenstimme ins Ohr Er konnte sich von dem Lichtschimmer hinter
den Fensterläden nicht losreißen konnte die Tränen nicht zurückhalten die über
sein Gesicht herabliefen
Da zupfte ihn Georg am Ärmel »Du soll der Alte herauskommen und dir eine
neue Tracht Schläge geben« fragte er
Robert fuhr auf Ein ungeduldiger Ruck der Hand wischte die Tränen aus den
Augen Er streckte den Arm befehlend gegen das Haus »Geh fort Pikas« sagte
er seine Stimme zur Festigkeit zwingend »geh fort«
Der Hund senkte den Kopf und trabte mit langsamen Schritten über die Straße
Vor dem Hause stand er still und sah bittend zurück
Robert riss sich gewaltsam los Ein halblautes »kusch« befahl dem treuen
Freund sich zu legen und dann wanderten die beiden jungen Leute in das Dunkel
des Novemberabends hinein Noch einige wenige Häuser noch hier und da ein Gruß
und hinter ihnen lag der kleine friedliche Heimatort Der Wind fuhr über die
Stoppeln und rauschte in den laublosen Zweigen der uralten Eichen am Wege graue
Wolkenschatten huschten wie Gespenster über den Himmel
»Es ist kalt« raunte Georg »knöpf deinen Mantel zu«
Aber die Worte klangen als hätten ihm die Zähne im Munde geklappert
Es war nach Mitternacht und in Peter Vollands Schenke drängten sich Kopf an
Kopf die Gäste Der Sonntag wird ja so gern bis in den Morgen hinein ausgedehnt
und so ging es auch hier obwohl sich die Folgen des Trinkens bei mehreren allzu
deutlich zeigten Diejenigen Matrosen die auf den Bänken in festem Schlaf
lagen waren noch am wenigsten lästig dagegen tobten manche durch das Übermaß
des Alkohols in streitlustige Laune versetzt wie die Wilden im Raum herum Das
Schreien Singen und Fluchen in allen Mundarten war betäubend
Besonders ein Spanier den die andern »Gallego« nannten trieb es im Trinken
und Lärmen am schlimmsten Er war ein mittelgrosser magerer Bursche von etwa
fünfundzwanzig Jahren mit kohlschwarzem lang herunterhängendem Haar schwarzen
tückischen Augen und einem wachsgelben Gesicht Sobald sich seine Matrosenjacke
zufällig öffnete sah man in der Brusttasche den Griff eines kleinen Dolches
Er und ein Malaie dem auch schon zu viel Rum über die Lippen geflossen war
standen sich wie Kampfhähne gegenüber während ein Teil der Gäste bemüht war
den Streit zu schlichten und wieder andere fortwährend hetzten
Peter Volland schien das alles nicht zu sehen und nicht zu hören Bis die
blanken Klingen in der Luft funkelten pflegte er sich in nichts zu mischen
dann aber begann seine Tätigkeit die meist im Hinauswerfen beider Parteien
bestand So weit war es aber jetzt noch nicht gekommen und Peter wartete ruhig
seine Zeit ab
Gallego saß gegen die Wand zurückgelehnt und sang mit herausforderndem Ton
ein spanisches Trinklied während der Malaie leise vor sich hinmurmelte An
demselben Tisch spielten mehrere andere das beliebte »Sechsundsechzig«
Peter Volland sprach eben in der Ecke des Zimmers mit zwei Neuangekommenen
es waren Robert und Georg Er hatte sie sehr herzlich begrüßt und dann
unaufgefordert eine Flasche Wein herbeigebracht Seine breite nicht eben
übermäßig sauber gehaltene Hand strich dem Jungen über das Haar »Also du willst
zur See gehen mein Kleiner« sagte er »das ist brav von dir Kein Beruf ist
freier und männlicher als der des Seemanns Na trink nur erst einmal und iss
tüchtig dann werde ich euch beiden eine Koje anweisen und morgen kannst du bei
Kapitän van Swieten anmustern«
Robert sah in das Gesicht des Wirtes Er fühlte wieder denselben Abscheu wie
damals »Haben Sie schon mit ihm gesprochen« fragte er zaghaft
»Freilich mein Junge Die Antje Marie geht nach Kuba unter Segel und nur
der Posten des Kajütenjungen ist noch unbesetzt Du sollst ihn haben und zwar
auf meine Fürsprache hin Ich sage dir ein besserer Kapitän als Gerret van
Swieten hat noch nie die Decksplanken eines Schiffes betreten Er ist eine Seele
von einem Mann«
»Liegt die Galliot hier in der Nähe« fragte Georg
»Hinten beim Grasbrook« war die Antwort
Dann ließ der Wirt seine beiden jungen Gäste mit der Flasche und dem
reichlich aufgetragenen Essen allein Die Matrosen am anderen Tisch schienen
sich für den Augenblick beruhigt zu haben und Robert gewann Zeit ein wenig
Umschau zu halten Wie war das alles so ganz anders als in der Heimat Pfützen
von Bier Branntwein und allen möglichen sonstigen Getränken bedeckten
Schenktisch und Fußboden die Decke war fast verräuchert und Vorhänge fehlten
ganz Zu diesen unangenehmen Eigenschaften kam noch der Geruch von Speisen und
Getränken der Dunst der nassen vom Regen durchweichten Jacken und der Qualm
zahlloser Zigarren kurz es war eine höchst ungemütliche für den Neuling
geradezu abstossende Atmosphäre Robert wandte sich an Georg
»Du lass uns schlafen« flüsterte er »Es gefällt mir hier sehr schlecht«
Der Seiler zuckte die Achseln »Daran musst du dich von jetzt an gewöhnen«
sagte er
»Aber die Matrosen sind doch nicht immer betrunken Georg Sieh dir den
Spanier an wie er die Augen rollt und die Fäuste ballt«
Georg lachte »Lass ihn doch Junge Das gibt gleich eine regelrechte
Keilerei aha da geht es schon los«
Und wirklich funkelte Gallegos Messer über den Köpfen der anderen
Wenigstens ein Dutzend Matrosen waren von ihren Stühlen aufgesprungen die Jacke
des Malaien flog unter den Tisch und seine muskulösen Arme streckten sich Er
knirschte eine Herausforderung deren Wortlaut niemand verstand die aber ihrem
Sinn nach nicht zweifelhaft war
Ein stummes wütendes Ringen begann Der Spanier war zu betrunken um das
kurze Dolchmesser gebrauchen zu können es schwebte von der Faust des Malaien
gehalten fast immer in der Luft während Gallego blutüberströmt sich unter
den Stößen und Schlägen des anderen auf dem Fußboden wälzte Seine Augen
hasserfüllt wie im Wahnwitz glänzend hingen an jeder Bewegung des überlegenen
Gegners Nur eine Sekunde eine einzige unachtsame Wendung und der Dolch würde
seinen Weg in das Herz des Malaien nicht verfehlen davon waren alle überzeugt
Sie standen in lautlosem Schweigen um das kämpfende Paar Niemand rührte
eine Hand um sie zu trennen
Da ertönte durch die Stille ein lautes Klopfen »Hallo« rief es von
draußen »aufmachen«
»Die Polizei« raunte Peter Volland mit kreidebleichen Lippen »Schnell
Gallego und auch ihr beide schnell«
Die letzte Aufforderung galt Robert und Georg Der Wirt sah zu dem Seiler
hinüber und der zog im Fluge den Jungen durch eine Hintertür des Schankzimmers
in einen dunklen Raum hinein »Es ist zu deiner Sicherheit« flüsterte er »Sei
ganz still«
Robert gehorchte obgleich ihn der wilde Auftritt heftig erschreckt hatte
Er sah noch das Dolchmesser des Spaniers sich erheben und hörte dann ein dumpfes
Röcheln Ehe er sich über irgendeine Einzelheit deutliche Rechenschaft geben
konnte schleppten zehn kräftige Arme den widerstandslosen Gallego in die dunkle
Küche hinein die Tür wurde verschlossen und dann dem immer lauter werdenden
Klopfen Folge geleistet
Robert und Georg beobachteten durch die Spalten eines verschobenen Vorhanges
alles was sich in der Schenke abspielte Neben ihnen auf dem Fußboden lag der
Spanier schwer atmend und leise murmelnd aber regungslos
Robert sah alles nur mit halbem Bewusstsein wie man die Gestalten eines
Traumes an sich vorüberziehen sieht
In seinem Blut schwimmend lag vorn der Malaie bei dem zwei Polizisten
standen und der trotz des langen und tiefen Stiches durch den Oberarm
fortwährend Flüche hervorsprudelte Peter Volland erklärte dass er von dem
ganzen Streit nichts wisse sondern im Keller beschäftigt gewesen sei und das
Klopfen erst nach der Tat gehört habe
Die beiden Polizisten schienen zu wissen dass keiner dieser Matrosen die
Kameraden verraten werde sie begnügten sich damit den Verwundeten in ihre
Mitte zu nehmen und ihn zur nächsten Wache zu bringen freilich nicht ohne
vorher die Namen der Anwesenden notiert zu haben Als sich die Tür hinter ihnen
und dem knirschenden Malaien schloss atmete Peter Volland erleichtert auf Er
ging zu dem Spanier mit dem er lange und eindringlich flüsterte Die Folge war
dass sich der Messerheld aus einer Hintertür hinausführen ließ nachdem ihm
vorher Hände und Kleider gereinigt worden waren und er auch seine Waffe wieder
eingesteckt hatte Der Wirt klopfte zurückkehrend auf Roberts Schulter
»Hast dich erschrocken Kleiner« fragte er »Das kommt manchmal vor man
kann beim besten Willen die Hitzköpfe nicht zur Ruhe bringen ehe Blut geflossen
ist Na dort stehen eure Betten geht schlafen Kinder«
Die Schenkstube war schon während dieser Unterhaltung leer geworden jetzt
wurde das Licht ausgedreht und alles war dunkel Robert klammerte sich an den
Arm des Seilers »Verlass mich nicht« bat er
»Dummes Zeug« erwiderte Georg »Du wirst bald selbst in die Lage kommen
dich einmal gehörig schlagen zu müssen Aber sei jetzt ruhig und lass uns
ausschlafen Wir haben morgen noch viel zu laufen«
Robert schwieg Es schien ihm als sei Georg ein anderer geworden
Unfreundlich und kurz angebunden ließ er nur wenig mit sich sprechen Der
Junge suchte schweigend das Bett und schlief trotz der ungeheuren Aufregung bald
ein Während der vorherigen Nacht hatte er ja kein Auge geschlossen so dass er
der Müdigkeit nicht widerstehen konnte
Es schlug acht Uhr als er am folgenden Morgen erwachte Nachdem er munter
geworden war ging sein erster Blick zu Georg hinüber aber er traute kaum
seinen Augen kaum unterdrückte er einen lauten Schrei das Bett war
unberührt und von Georg keine Spur zu sehen
Einen Augenblick fühlte er eine plötzliche Lähmung Was nun War es möglich
dass ihn der Seiler ohne Geld oder Schutz heimlich verlassen hatte Er sprang
auf und zog sich so schnell wie möglich an dann lief er in die Schenkstube wo
eine alte Frau den Fußboden scheuerte während Peter Volland auf zwei Stühlen
lag und die Zeitung las
»Guten Morgen« stammelte Robert noch ganz erschreckt »Bitte sagen Sie
mir wo Georg ist«
Der Wirt blickte auf Ein halb spöttisches halb gutmütiges Lächeln
umspielte seine Lippen »Georg« wiederholte er »Georg Ach der Wolfram
Nun der wird eben ausgegangen sein mein Kleiner ich weiß es nicht Margaret
gib dem Jungen ein Frühstück« wandte er sich an die schmutzige Frau
Robert hob angstvoll die Hand »Aber ich habe kein Geld« rief er »Georg
hatte alles bei sich und der ist fort Er hat nicht hier geschlafen«
Peter Volland zuckte die Achseln »Meine Gäste sind keine Gefangenen«
antwortete er »sie können kommen und gehen wie es ihnen Spaß macht Um das
Geld kümmere dich nicht Junge sondern iss und trink Wolfram wird schon
zurückkommen«
Diese Zuversicht belebte seinen Mut Er aß mit dem Appetit seiner sechzehn
Jahre was ihm die alte Margarete vorsetzte Kaffee Brot und Eier nur als ihn
Peter Volland fragte ob er auch einen kleinen »Magenwärmer« wünsche schüttelte
er errötend den Kopf
Der Wirt lachte »Sollst es schon kennenlernen« sagte er »Die Seeluft
zehrt sogar bis hier in die Elbe hinein Margaret gib die Geneverflasche«
Er nahm sie und trank ohne ein Glas in langen Zügen »So« sagte er »das
hält Leib und Seele zusammen Und nun mein Junge wenn du satt bist iss
übrigens solange du Hunger hast dann wollen wir deine Ausrüstung besorgen
Die Antje Marie sticht um drei Uhr nachmittags in See und daher müssen wir uns
beeilen«
»Um drei« Robert wurde blass wie der Tod »Ich bin verloren« rief er
»ich «
Der Wirt schien durchaus nicht erstaunt »Nun« lächelte er »nun Was haben
wir denn Kleiner Immer ruhig Blut das ist die Hauptsache«
»Oh« schluchzte der Junge »Sie wissen es doch ich habe kein Geld Georg
hat alles«
Der Wirt erhob sich schwerfällig aus seiner liegenden Stellung »Dieser
Wolfram« sagte er in neckendem Ton »dieser Teufelskerl Ich will ihm den Kopf
waschen wenn er hier wieder vor Anker geht Na heule nur nicht Kleiner Ich
habe noch so manches Stück Matrosengarderobe das mir als Pfand zurückgelassen
worden ist dahinein wollen wir dich stecken Komm einmal mit«
Er ging voran und Robert folgte ihm in ein halbdunkles auf einen engen
wüsten Hof hinausgehendes Zimmer wo alle möglichen Gegenstände übereinander
geschichtet und gestapelt herumlagen Seemannsjacken Mützen Lackhüte Stiefel
Seekisten Tauwerk und Tabakrollen alles türmte sich bunt und regellos bis zur
Decke
Peter Volland stemmte beide Hände in die Seiten »Nun such Junge« sagte
er »irgend etwas wird dir wohl passen und wenns ein bisschen zu groß ist so
musst du eben hineinwachsen Auch eine Kiste kannst du dir nehmen und Wollzeug
überhaupt was nötig ist um erst einmal den Bauernjungen abzustreifen Pack dir
alles gleich zusammen damit wir es in die Jolle schaffen und dann komm wieder
zu mir Deinen schwarzen Anzug kannst du mir in Verwahrung geben«
Mit diesen Worten ging er und Robert stand allein ziemlich ratlos vor all
dem Gerümpel das ihn umgab Draußen auf dem Hof ein großer Haufe von Scherben
Bierfässern Flaschen alten Körben und Packkisten hier drinnen das wenig
einladende Durcheinander von Garderobestücken in denen Motten und Schimmel
hausten das war seine augenblickliche Umgebung Aber zögern durfte er nicht
das wusste er Es war ihm als werde er verfolgt und könne in jedem Augenblick
entdeckt werden
Das passende Leinen und Wollzeug war bald gefunden ebenso ein Paar
Stiefel aber die Matrosenjacken waren alle viel zu groß »Was hilfts« dachte
Robert und suchte sich die kleinste heraus »ich muss hier ein Stück wegnehmen
und die Ärmel kürzen Dann geht es«
Er ließ sich heimlich von der mürrischen Margarete eine Nähnadel und etwas
Zwirn geben dann setzte er sich in der Nähe des Fensters auf eine umgekehrte
Kiste und nähte drauf los In der ersten Viertelstunde dachte er nur an die
Freude jetzt schon so bald am Ziel seiner Wünsche zu sein dann aber kam
langsam ein sonderbares Gefühl über ihn War es nicht eigenartig ja mehr als
eigenartig dass er am Anfang der neuen Laufbahn gerade das tun musste was er so
sehr hasste nämlich schneidern
Unwillkürlich ließ er die Hände sinken Wenn in diesem Augenblick der alte
Vater das Zimmer betreten hätte er würde sich ihm von innerem Drang getrieben
zu Füßen geworfen haben
Aber es war nur Peter Vollands rotes Gesicht das sich über ihn beugte »Was
Teufel da sitzt ja der künftige Nelson und näht wie ein echter gerechter
Meister Fips« lachte er »Junge was ist das«
Robert wandte sich verlegen ab »Oh« stammelte er »die Jacke war ein
bisschen groß aber nun geht es schon Man muss sich nur zu helfen wissen«
Der Wirt lachte noch immer »Und alles schon gepackt« sagte er »das ist
recht Wenn du die Jacke fertig hast wollen wir unsere Reise antreten«
Robert blickte auf »Ist Georg gekommen« fragte er
»Hab ihn nicht gesehen Aber wir brauchen ihn auch nicht Was willst du an
Bord mit Geld Wenn dich Kapitän van Swieten leiden mag hast du in Kuba Geld
und Freiheit soviel du brauchst Musst ihm nur recht zur Hand gehen das ist die
Hauptsache«
Robert versprach seine Pflichten so pünktlich wie möglich zu erfüllen und
dann fragte er welche Ladung die »Antje Marie« nach der Havanna zu bringen
habe
Peter Volland lächelte schlau »Welche Ladung« wiederholte er »Hm hm
Mehl und Pökelfleisch auch eine Partie Bielefelder Leinen mein Junge Außerdem
nimmt der Kapitän in dem spanischen Hafen Ferrol noch feine Weine hinzu Die
Antje Marie hat eine Menge von verschiebbaren Planken einen Kohlenraum mit
doppeltem Boden und Kajütenschränke wo niemand welche vermutet Darum braucht
auch der alte van Swieten nur zuverlässige Leute weißt du«
Er blinzelte vertraulich zu Robert hinüber der ihn aber durchaus nicht
verstand und beendete die Unterhaltung indem er nochmals zur Eile antrieb
Wirklich hatte der Junge schon gegen zwei Uhr nachmittags seine Arbeit fertig
die Jacke saß wie angegossen Der schwarze Anzug wanderte in den Kleiderschrank
des Wirtes Robert seufzte als er sein Eigentum hingab Was würden Vater und
Mutter gesagt haben wenn sie das gewusst hätten Der alte Meister Kroll war
nie im Leben jemand etwas schuldig gewesen hatte nirgends ein Stück seines
Besitzes aus Not verkauft wie schrecklich würde es ihn getroffen haben von
dem einzigen Sohn dergleichen zu hören
Aber das war wieder die Geschichte des Ferdinand Kortez seines
Lieblingshelden Er hatte auch die Schiffe hinter sich verbrannt
Die Seekiste wurde in die Jolle gesetzt Peter Volland ließ sich
schwerfällig auf eines der Mittelbretter gleiten und Robert sprang nach »Zur
Antje Marie« sagte der Wirt und dann fuhr Robert wieder denselben Weg den er
am Tage seines ersten Besuches schon einmal gefahren war nur nicht so leicht
war heute sein Herz wie damals Es klopfte schneller und schneller je näher man
an die holländische Galliot herankam
»Dort liegt das Schiff« sagte endlich der Wirt »und ein Schlepper ist
schon da Man scheint nur auf uns gewartet zu haben«
Die Jolle glitt unter dem Bug der Galliot dahin von Bord streckte sich ein
grauer Kopf den Ankommenden entgegen »Endlich« sagte in breitem Deutsch eine
Männerstimme »Noch zehn Minuten Volland und ich hätte das Fallreep einziehen
lassen«
Er winkte einem Matrosen der die Seekiste an Bord befördern half die Jolle
wurde befestigt und beide stiegen an Deck »Guten Tag van Swieten« sagte der
Wirt »da bringe ich den neuen Jungen Gefällt er ihnen«
Der Holländer musterte mit langem Blick die hübsche Erscheinung des Jungen
»Bist ein Hamburger Kind mein Junge« fragte er
»Nein Herr Kapitän« antwortete Robert »ich bin vom Lande aber «
Der Holländer hob die Hand »Weiß schon« schmunzelte er »weiß schon Ich
frage nach nichts was mich und mein Schiff nichts angeht Kann keinen feinen
Herrn an Bord gebrauchen und auch keinen Duckmäuser und Haarspalter der erst
allen Dingen auf den Grund sehen will Meine Männer müssen fixe Seeleute sein
und aufs Wort gehorchen willst du das«
»Ja Herr Kapitän«
»Den Herrn kannst du weglassen Aber ich denke wohl dass ich dich nehme
obgleich die Binnenländer auf See verflucht selten ihren Mann stehen besonders
die Preußen Hoffentlich bist du keiner«
»Doch Herr Kapitän ich bin aus Holstein«
»Dann taugst du nichts Die Preußen taugen alle nichts«
Robert sah empor »Oh das ist zuviel gesagt« rief er mutig »Auch König
Wilhelm ist ein Preuße und doch der beste Mann auf der Welt«
Jetzt lachte der Holländer »Art steckt drin Volland« schmunzelte er »Ich
behalte den jungen Schlingel und damit basta«
Der Wirt schüttelte die Hand seines Freundes als habe er damit für Robert
den Pakt endgültig abgeschlossen »Jetzt bist du Kajütenjunge auf der Antje
Marie wandte er sich an den Jungen und ich hoffe dass du meiner Empfehlung
Ehre machen wirst Wenn du wieder nach Hamburg kommst besuchst du mich«
Er verabschiedete sich dann von dem Holländer und wollte das Schiff
verlassen da zog ihn Robert am Arm »Bekomme ich nicht ein Anmusterungsbuch«
fragte er »und muss nicht mein Name «
Peter Volland blinzelte ihm zu »Hast du Papiere junger Schlingel« brummte
er »Soll dich die Polizei in Glückstadt abfangen und wieder nach Pinneberg
zurückbringen he«
Robert erbleichte Er selbst hatte sich rechtlos gemacht
»Anker lichten« kommandierte Kapitän van Swieten und gleichzeitig ertönte
auf dem Schleppdampfer ein gellender Pfiff
Der Wirt grüßte noch von der Jolle herauf das Fallreep wurde eingeholt die
Ankerketten rasselten und das Schiff begann sich leise zu bewegen
Zur selben Stunde saß in Pinneberg der alte Schneider im Lehnstuhl und
starrte wie geistesabwesend vor sich hin Er hörte nicht dass ihn die
schluchzende Frau zu trösten suchte Sein Gesicht seine Hände waren eiskalt
»Vater« bat sie ihn plötzlich »Vater sprich ein gutes Wort Unser Sohn «
Da sah er sie an »Wir haben keinen Sohn Mutter« kam es tonlos über seine
Lippen »Ein Dieb kann nie mein Sohn sein Schau her «
Er öffnete den Kasten und ließ die entsetzte Frau hineinblicken »Es ist
alles fort« sagte er dumpf »unser Geld meine Uhr deine paar Schmucksachen
Mutter deine Brautgeschenke du unglückliche Frau und unser Kind unser
eigenes hat es gestohlen«
Laut aufschluchzend verbarg der alte Mann das Gesicht in beiden Händen
An Bord der »Antje Marie«
Die Matrosen liefen an Deck hin und her der Schlepper arbeitete mit voller
Maschinenkraft und die Galliot folgte gehorsam in seinem Kielwasser An Bord
kommandierte der Lotse denn obwohl das Schiff schon mehrere Tage vorher
vollständig seeklar gemacht worden war unterzog man doch alles einer
nochmaligen genauen Prüfung Verschiedene Wanten wurden nachgesetzt die
Befestigung des großen Bootes das immer mitten auf Deck vor dem Grossmast steht
untersucht und die Segel auf den Rahen soweit gelöst dass sie auf Kommando
sofort gesetzt werden konnten
Robert stand in der Nähe des Matrosenlogis und sah hinter sich den Hafen von
Hamburg allmählich verschwinden dann folgte St Pauli mit dem Hafenkrankenhaus
auf der höchsten Höhe und endlich Altona Und nun passierte die Galliot das
reizende Neumühlen hier hatte im Oktober der »Blitz« gelegen hier hatte damals
die Sonne ein so bezaubernd schönes Landschaftsbild beschienen doch heute
kräuselte ein frischer Ostwind die Wellen am Bug zu weißem Schaum heute pfiff
es schneidend kalt durch das Takelwerk und an Land huschten in den Gärten die
welken Blätter wie Gespenster wirbelnd durcheinander
Starr heftete der Junge die Augen auf das Ufer Teufelsbrücke Blankenese
der Leuchtturm alles glitt schneller und schneller vorüber Immer breiter
wurde die Elbe schon ließ sich eine leichte Dünung spüren und Robert stand
noch ganz in Gedanken versunken da legte sich eine Hand auf seine Schulter
»Nun mein Junge was treibst du hier« fragte eine Männerstimme
Robert fuhr auf Der das sagte war ein älterer Mann von mindestens fünfzig
Jahren mit schwermütigem kränklichem Gesicht und großen tiefliegenden Augen
die jedoch freundlich auf den Jungen herabsahn »Möchtest du lieber wieder
zurück nach Hause Bei Glückstadt ist das noch möglich«
»Mohr« rief in diesem Augenblick die Stimme des Kapitäns von der Kajütentür
herüber »Mohr mach keine Dummheiten hörst du«
Der Alte wandte sich ab »Der Montag« flüsterte er mit einem unterdrückten
Seufzer »der Montag Es wäre so schade um dich«
Robert hatte inzwischen Zeit gefunden die Frage ganz zu verstehen »Ich
fühle durchaus keine Reue« antwortete er lebhaft »und ich will Seemann werden
um jeden Preis Aber was ist denn mit dem Montag« fügte er neugierig hinzu
Der Seemann schüttelte leicht den grauen Kopf »Er bringt kein Glück«
antwortete er »man soll nichts am Montag beginnen«
Kapitän van Swieten kam breitspurig über das Deck »Junge« sagte er »geh
in die Kajüte und wasch das Kaffeegeschirr hörst du Nachher soll dir der
Steuermann deine Pflichten genau aufzählen damit du sie ein für allemal
kennenlernst«
Die Worte wurden sehr freundlich aber so bestimmt gesprochen dass Robert
die Absicht des Kapitäns ihn von dem alten Matrosen zu trennen klar
durchschaute Aber warum das Der Mann mit den weißen Haaren und den ernsten
Augen hatte ihm doch sehr gefallen
Er ging in die Kajüte und begann das Kaffeegeschirr zu spülen Während
dieser Beschäftigung erschien der Steuermann dessen mürrisches Gesicht ihm von
vornherein Furcht einflößte und dessen roter Bart fast an eine Mähne erinnerte
Nachdem er in barschem Ton den neuen Kajütenjungen nach Namen und Herkunft
gefragt hatte sagte er stirnrunzelnd »Du scheinst mir ein sehr vorlautes Maul
zu haben das soll aber bald anders werden Du hast die Kapitänskajüte und auch
meine rein zu halten Stiefel zu putzen Kleider auszubürsten und bei Tisch zu
bedienen Für das Geschirr bist du verantwortlich und was du zerschlägst das
musst du von deiner Heuer bezahlen Deine Koje werde ich dir später zeigen Über
ihr befindet sich ein Wandschrank und aber geh nur gleich mit mir«
unterbrach er seinen eigenen Satz »du sollst den Schrank sehen damit dir
meine Befehle verständlicher werden«
Er führte den Jungen zum Vorderteil des Schiffes und gab ihm einen kleinen
Schlüssel »Mach auf« befahl er auf eine Tür deutend und fuhr dann in seiner
Erläuterung fort »Hier steht das Geschirr jedes in einem bestimmten Fach um
es vor dem Fallen zu sichern und darunter sind drei kleine Schubladen für den
wöchentlichen Bedarf des Kapitäns an Kaffee Tee und Zucker Das wird dir vom
Untersteuermann an jedem Sonnabend zugeteilt und damit musst du auskommen
Ertappe ich dich beim Naschen so schmeckst du das Tauende«
Robert wurde abwechselnd rot und weiß Ihm kam die Erinnerung an das
gestohlene Geld von dem er zwar keinen Groschen für sich behalten hatte dessen
Entwendung er aber doch begünstigt hatte Unfähig zu antworten schwieg er und
ließ den Obersteuermann seinen Vortrag beenden
»In jedem Matrosen siehst du deinen Vorgesetzten« fuhr dieser fort »und
untersteh dich nicht eine vorlaute oder trotzige Antwort zu geben Wenn der
Kapitän nach dir klingelt erscheinst du sofort mit der Mütze in der Hand
betrittst die Kajüte und fragst höflich nach seinen Wünschen Wenn ich selbst
dich rufe so antwortest du gar nicht sondern hörst nur was ich sage Auf
jeden Ungehorsam folgt eine Lektion mit dem Tauende das merke dir vor allem
Und jetzt geh an Deck um mit anzufassen wenn die Segel gesetzt werden«
Er verließ das Logis in dessen Nähe der Kapitän mit langsamen Schritten
auf und abgegangen war offenbar um die Unterhaltung zwischen ihm und Robert
deutlich zu hören Jetzt winkte er dem Obersteuermann ihm in die Kajüte zu
folgen
Kapitän van Swieten nahm aus dem Schrank eine Flasche trank und bot sie
dann dem anderen an »Renefier« sagte er »warum hast du den neuen Jungen so
hart angefahren Ich will die gewöhnlichen Schiffsgesetze auf meiner Galliot
nicht eingeführt haben ich kann sie nicht brauchen das habe ich dir schon oft
gesagt Ein Verräter untergräbt uns die ganze Zukunft und du selbst weißt doch
am besten welche goldenen Früchte das Geschäft trägt«
Der Obersteuermann zuckte die Achseln »Die Galliot ist nicht so ganz allein
dein Eigentum van Swieten« antwortete er »das vergiss nicht Oder willst du
mir im nächsten Hafen meinen Anteil auszahlen und dir einen anderen Steuermann
suchen Du selbst kannst kein Schiff über den Ozean führen das weißt du«
Der Kapitän wurde blass vor Ärger »Wenn du annimmst dass ich das weiß
Renefier so waren ja deine Worte überflüssig« sagte er »Was hast du davon
den Herrn zu spielen und vielleicht einen dummen Jungen gelegentlich
durchzuprügeln«
Des Steuermanns Augen blitzten »Was ich davon habe van Swieten«
wiederholte er »Den nötigen Respekt bei der Mannschaft dass du es nur weißt Es
geht auf der Antje Marie zu als hätte ein Weib das Kommando Komme ich heute
nicht komme ich morgen Das ärgert mich«
Der Kapitän trank wieder »Ach was« sagte er »das ist dummes Zeug
Renefier daran änderst du nichts mehr Wir sind eine Welt für uns wir bilden
eine geschlossene Gemeinschaft deren Glieder untereinander vor allen Dingen
gute Freunde sein müssen das geht aber nicht bloß mit dem Tauende mein
Bester Frisst der Schlingel ein paar Pfund Zucker so tu als hättest du es
nicht gesehen und gibt er eine naseweise Antwort so lache darüber dann
gefällt ihm das Leben an Bord und er ist treu Zehn bis zwanzig echte Spitzen im
Hafen von Havanna glücklich den Augen der Spürhunde entzogen ein paar Kisten
Champagner mit Geschick an Land gebracht und er kann so viel Geschirr
zerschlagen wie er Lust hat Ich sage dir du sparst Pfennige während du Taler
über Bord wirfst oder glaubst du dass der Bengel später die gefährliche Arbeit
für unsere Rechnung willig tut wenn man ihn jetzt hart anfasst Ich mache die
Reise zum sechzehnten Male und bin bei allen meinen Leuten beliebt du bist erst
seit acht Tagen an Bord und willst mir jetzt schon Lehren geben«
Der Obersteuermann nahm die Mütze ab und kratzte sich hinter dem Ohr
»Wollte auch ich hätte es nie getan« brummte er »Wie ist das Deck
gescheuert und wie sind die Kojen gelüftet wie ist der Proviant verstaut Zum
Davonlaufen«
Van Swieten lächelte überlegen »Kleinigkeiten« schmunzelte er
»unbedeutende Nebensachen Die Matrosen sind treu weil sie wissen dass der
Dienst auf der Antje Marie mehr einbringt als man jemals auf irgendeinem andern
Fahrzeug verdienen kann Das ist es was wir brauchen«
Der Obersteuermann schwieg und ärgerte sich im stillen Hätte er ahnen
können was im Logis die Leute flüsterten so würde ihm vollends die Galle ins
Blut getreten sein »Du« sagte einer »wie gefällt dir der neue Erste«
»Gestrenge Herren regieren nicht lange« rief ein anderer »Der braucht einmal
eine Sturzsee« meinte der dritte »So zehn Meter hoch aus dem Mast das kühlt
den Eifer« Die andern lachten »Wer weiß Wenn er das Maul zu voll nimmt
regnet es vielleicht einmal unvermutet hinein«
Robert hörte das alles mit Erstaunen Er hatte sich nach Georgs Berichten
den Dienst an Bord viel strenger und härter gedacht als er hier zu sein schien
Die buntgewürfelte Mannschaft besaß offenbar von Gehorsam nur sehr schwache
Begriffe es war mehr eine Art lustiger Zechkameradschaft denn auch mehr als
eine Flasche Rum sah Robert von Hand zu Hand gehen obwohl ihm sein Freund
häufig gesagt hatte dass Alkohol nur ausnahmsweise und in geringen Mengen vom
Steuermann verteilt werde
Sobald aber an Deck ein Kommando ertönte änderte sich wie durch einen
Zauberschlag das nachlässige Wesen der Leute Einer suchte es im Laufen und
Klettern dem andern zuvorzutun einer war noch schneller noch gewandter als der
andere Robert wurde als er mit Hand anlegen wollte von den Matrosen mehrfach
beiseite gedrängt und einmal fiel er er wusste nicht ob aus Versehen oder
infolge einer kleinen Neckerei sogar mit seiner ganzen Länge auf das Deck als
die Leute plötzlich ein Tau an dem er noch aus Leibeskräften riss wie auf
Verabredung losliessen Ein lautes Gelächter brachte ihn aber schnell wieder auf
die Füße
Der Wind bauschte die Segel das Schlepptau wurde losgeworfen und an Bord
der Galliot geholt unter dem lustigen Gesang der Matrosen glitt das Schiff
dahin Der Lotse ließ sich vor Helgoland von einem kreuzenden Kutter an Bord
nehmen und jetzt hatte Kapitän van Swieten das Kommando Es wurden noch mehr
Segel gesetzt und die Geschwindigkeit der Antje Marie auf neun Knoten geloggt
»Loggen« nennt der Seemann das Messen der Seemeilen die ein Fahrzeug in einer
Stunde zurücklegt
Die Galliot machte also neun Knoten in der Stunde und hatte daher die Insel
Helgoland schon sehr bald weit hinter sich gelassen Es war völlig dunkel als
Robert ein ganz eigentümliches Unbehagen fühlte Das starke Auf und
Niederstampfen des Schiffes die schiefe Lage nach der Leeseite erregten ihm
Übelkeit Seine Nase wurde spitz die Lippen farblos und das Gesicht fast
grünlich Er saß auf seiner Kiste von der er emportaumelte als zufällig der
mürrische Obersteuermann vorüberging Er wollte schnell nach irgendeiner Arbeit
greifen sank aber kraftlos zurück und konnte nur einen angstvollen Blick auf
den gestrengen Vorgesetzten werfen Das Schiff die Masten das Meer alles
schien sich mit ihm in rasender Geschwindigkeit zu drehen während die Kehle
zugeschnürt war und ein Krampf den Magen erfasste
»Seekrank« brummte Renefier »Geh an Deck in die frische Luft aber vorher
trink aus dieser Flasche einen tüchtigen Schluck Rum das tut dir gut«
Robert gehorchte mit vieler Mühe aber sowie das scharfe Getränk herunter
war stürzte er zur Kajütentür hinaus beugte sich über Bord und
Oh das tat ihm wohl aber zuerst glaubte er dass es der Tod sei der ihn so
entsetzlich würgte und die Eingeweide fast zerriss Er war nur halb bei
Bewusstsein als ihn zwei Arme von hinten erfassten und aufhoben Der alte Matrose
war es der Mann mit den schwermütigen freundlichen Augen Voll Mitleid trug er
den Jungen in seine Koje wo Robert sofort einschlief und erst mitten in der
Nacht wieder erwachte Die Seekrankheit in ihrer ganzen Stärke hatte ihn
ergriffen
Robert ertrug die Sache verhältnismäßig leicht Er spürte schon am folgenden
Morgen einen wahren Heisshunger und schlich sich in die Kombüse um etwas Essbares
zu erlangen Der Koch gab ihm auch gleich ein tüchtiges Stück Pökelfleisch mit
dem Rest des Schwarzbrotes das noch von Hamburg her an Bord war
Robert hätte aber alles vor Schreck beinahe fallen lassen als er dem Mann
ins Gesicht sah Das war Gallego der Spanier der vorgestern abend in Peter
Vollands Schenke den Malaien verwundet und den der Wirt so sorgfältig in
Sicherheit gebracht hatte bevor er den Polizisten die Tür öffnete Der Junge
stand jetzt verwirrt und sprachlos vor dem rohen Gesellen dessen braunes
Gesicht zerschunden und mit Pflastern bedeckt noch die deutlichen Spuren des
Kampfes trug
Sonderbarerweise war aber der Koch ihm gegenüber sehr zuvorkommend bot ihm
alles mögliche an und riet ihm dringend einen Magenbitter zu trinken wobei er
lebhaft bedauerte selbst von diesem unschätzbaren Stoff leider nichts zu
besitzen »Lass dir vom Untersteuermann etwas geben mein Junge« fügte er hinzu
»und dann kannst du mir immerhin ein paar Tropfen zukommen lassen Bei diesem
kalten Wind ist das eine wahre Wohltat weißt du ich mache es mit Fleisch und
Kaffee wieder gut«
Robert wagte nicht dem Spanier etwas abzuschlagen daher tat er was man
ihm sagte und Gallego stürzte den Branntwein auf einen Zug in die durstige
Kehle hinab
»Wir müssen gute Freunde werden« raunte er mit vertraulichem Blinzeln dem
Jungen zu »Ich mag dich leiden Kleiner«
Aber Robert teilte diese Zuneigung durchaus nicht Er ging dem Koch aus dem
Wege wenn es irgend möglich war und sprach nur mit ihm wenn er mittags seine
»Back« zum Füllen hingab Die dicke Erbsensuppe wurde dann auf der Seekiste
sitzend verzehrt wobei jeder Mann den Napf zwischen seinen Knien hielt Robert
erfuhr hier dass alle Matrosen ihre Spitznamen hatten weshalb er sich denn auch
nicht mehr wunderte von der ganzen Mannschaft »Moses« genannt zu werden Außer
ihm gab es einen »Speckesser« einen »Rotfuchs« einen »kleinen und großen
Russen« eine »Klappmütze« und so weiter Den alten Matrosen seinen Freund
Mohr nannten sie den »Geisterseher«
An diesen Mann schloss er sich ganz besonders an und von ihm lernte er die
Einrichtung des Schiffes kennen Seine Fahrten mit dem Segelboot und die
Erläuterungen die ihm der Matrose vom »Blitz« gegeben hatte erleichterten ihm
zwar wesentlich das Verständnis des Ganzen aber dennoch gab es vieles das er
jetzt zum erstenmal sah Und Mohr unterrichtete den Jungen und zeigte ihm alles
wenn sich dazu Zeit fand
»Der vordere Teil des Schiffes heißt der Bug« sagte er »und die
augenartigen Löcher die du dort auf jeder Seite in der Bordwand siehst nennt
man Klüsen Durch sie laufen die Ankerketten beim Herablassen und Hieven des
Ankers Außerdem trägt der Bug gewöhnlich einen Aufbau die Back die das
Vorschiff vor überkommenden Seen schützt und zugleich als Stand für den Ausguck
dient Im Bug unter und auf der Back enden alle Taue durch welche die
Vorsegel also die dreieckigen Klüversegel regiert werden«
Robert begriff alles ohne Mühe »Und was bedeutet es« unterbrach er »wenn
der Steuermann fragt Alles klar«
»Das heißt« antwortete der Alte »ob alles in Ordnung und alles vorbereitet
ist um irgendein Segelmanöver auszuführen Macht klar Deck zum Beispiel
bedeutet alle Tauenden an ihren bestimmten Plätzen aufzurollen so dass nicht
allein alles ordentlich aussieht sondern auch sofort für ein weiteres Manöver
bereit ist Du weißt ja Junge Ordnung ist das halbe Leben«
»Jetzt zum Achterschiff« drängte Robert und der Alte folgte lächelnd
seinem ungeduldigen Schützling nach hinten »Die Erhöhung unter der die Kajüte
liegt« begann er seinen zweiten Vortrag »heißt das Quarterdeck Das
Achterschiff ist ausschließlich für den Aufenthalt des Kapitäns und der
Steuerleute bestimmt wir Matrosen dürfen es nur auf ausdrücklichen Befehl
betreten Von hier aus wird das Schiff durch das Steuerruder regiert
seemännisch das Ruder genannt In seinem Kopf steckt eine eiserne Stange die
Ruderpinne die mit dem Steuerrad durch eine lange Kette verbunden ist Bei
gutem Wetter steht ein Matrose am Ruder bei schlechtem aber zwei«
Robert wollte mehrere Male den Alten unterbrechen jetzt endlich platzte er
heraus mit einer Frage die ihm schon längst auf der Zunge lag »Steuert denn
nicht der Steuermann selbst das Schiff«
»Der Steuermann beobachtet auf dem Kompass ob der Matrose am Ruder den
richtigen Kurs einhält Ist dieser zum Beispiel NordNordWest wie wir jetzt
laufen so muss die Spitze der Kompassrose NordNordWest zeigen und dabei immer
in der Mittellinie des Schiffes liegen weicht sie aber nach rechts oder links
ab so muss das Rad so lange gedreht werden bis sie wieder richtig zeigt«
Robert nickte »Noch eins« bat er »Anluven heißt doch das Schiff mit dem
Bug in den Wind drehen nicht wahr Aber was ist Backlegen«
»Backlegen heißt die Fahrt des Schiffes stoppen Die Segel am Fockmast
werden dabei nicht verändert am Grossmast aber brasst man die Raaen so herum dass
der Wind auf sie von vorn einwirken muss dadurch treibt er mit derselben Kraft
das Schiff nach hinten mit der er es durch die Vordersegel nach vorn treibt Es
ergibt sich also eine Gegenwirkung ein Gleichgewicht der Kräfte und das
Fahrzeug bleibt regungslos liegen Man wendet dies Manöver an wenn ein Boot
herabgelassen werden soll oder wenn die Kapitäne zweier sich begegnender
Schiffe zusammen sprechen wollen was wir Preien nennen«
»Aber jetzt müssen wir aufhören« fügte er hinzu »Ein anderes Mal mehr
darüber Und höre noch Junge Wenn dich der Koch verleiten will ihm von dem
Rum des Kapitäns zu geben so tu es nicht Unrecht bringt keinen Frieden«
Robert schlug die Augen nieder »Ich will es nicht tun bestimmt nicht
Onkel Mohr«
Der Matrose seufzte leise Seine Augen sahen starr über das Meer langsam
schüttelte er den Kopf »Sollst mein Erbe werden« flüsterte er »sollst haben
was ich besitze weil du mich Onkel genannt hast weil mir dein unschuldiges
Herz Vertrauen und Liebe entgegenbringt Du bist noch ein Kind und du bist
seit Jahrzehnten der erste der mir so menschlich begegnet ist Hab Dank«
Er glitt mit der wetterharten Hand über Roberts Haar und ging dann seiner
Arbeit nach Mit den übrigen Leuten sprach er wenig obgleich ihn keiner
belästigte sondern vielmehr alle eine gewisse Scheu vor ihm an den Tag legten
Er war von der ganzen Besatzung am längsten an Bord und Kapitän van Swieten
behandelte ihn fast wie einen gleichgestellten Freund Irgendein Geheimnis musste
aber doch den »Geisterseher« umgeben und irgendein Geheimnis umgab überhaupt
das ganze Schiff Robert fühlte es mehr ohne es jedoch deuten zu können
Es blieb ihm auch nur wenig Zeit an andere Dinge als an seine Arbeit zu
denken Man war in den englischen Kanal eingelaufen und dieses Fahrwasser ist
bekanntlich für den Seemann eins der gefährlichsten Es gibt viele Kapitäne die
während der Reise durch den Kanal nur von Zeit zu Zeit vollständig angezogen auf
dem Sofa einen Augenblick schlafen sonst aber immer an Deck sind um alles
selbst zu überwachen
Auch Kapitän van Swieten und sein Obersteuermann verdoppelten ihre Vorsicht
besonders da das Schiff bei Einbruch der Nacht in dichten Nebel geriet Die
grüne und rote Positionslaterne wurde auf beiden Seiten in die Wanten gesetzt
und eine weiße Laterne kam in den Vortop Der Untersteuermann der seines
besonders scharfen Auges wegen der »Fernkieker« genannt wurde verbrachte fast
die ganze Zeit neben dem Matrosen auf dem Ausguck und der Obersteuermann ging
fortwährend an Deck von einer Seite zur andern um ein vorübersegelndes Schiff
rechtzeitig zu bemerken
Diese Vorsicht war nur allzu gerechtfertigt Robert sah wie nacheinander
mehrere Schiffe in nächster Nähe rechts und links an der »Antje Marie«
vorüberzogen so nahe dass zwischen dem einen und dem andern Fahrzeug nur wenige
Meter Entfernung blieben Im Nebel sahen diese Schiffe geradezu riesig aus
lautlos wie Nachtgespenster glitten sie vorbei
Der Obersteuermann trat in die Kajüte »Ist kein Nebelhorn an Bord van
Swieten« fragte er
Der Kapitän nickte »Doch Renefier Hier im Schrank muss es liegen Such
nur es ist entweder da wo meine Kleider hängen oder bei den Notsegeln Finden
wirst du es bestimmt«
Der Steuermann warf ärgerlich durcheinander was ihm zwischen die Finger
kam Seine Füße stampften vor Ungeduld auf den Boden »Eine Teufelswirtschaft«
brummte er »Im dichtesten Nebel das Horn nicht finden Da soll doch «
Er brach ab weil die Tute auf dem Boden des Kleiderschrankes unter
Stiefeln und Tauenden vergraben endlich zum Vorschein kam Ohne ein weiteres
Wort zu verlieren ging er hinaus und drückte das Instrument dem nächsten
Matrosen in die Hand »Alle zwei Minuten« befahl er »Aha dort wird es auch
schon auf anderen Schiffen lebendig«
Und wirklich hörte man über das ruhige Wasser von allen Seiten die
klagenden langgezogenen Töne Es lief kalt über Roberts Rücken herab als er
das sonderbare Konzert mit anhörte Wie Warnungsrufe aus einer anderen Welt
klangen die Hörner
»Passiert es häufig dass zwei Schiffe zusammenstossen« fragte er flüsternd
einen der Matrosen der neben ihm stand
Der Mann nickte »Sehr oft sogar« bestätigte er »Ich selbst bin einmal
nahe daran gewesen auf Haaresbreite möchte ich sagen Das war in der Nordsee
und der Nebel so dicht dass wir vom Grossmast aus den Bugspriet nicht sehen
konnten Plötzlich ertönte ein furchtbares Krachen im Nu waren wir an Deck
aber da sank schon das Schiff unter unsern Füßen Ich weiß von dem ganzen
Vorfall nur noch soviel dass ich halb besinnungslos ein über mir erscheinendes
Tau ergriff Es war das Bugstag des anderen Schiffes ich hielt mich mit allen
Kräften daran fest und wurde auch schon nach wenigen Augenblicken durch ein
Schlingtau an Bord geholt Es war eine englische Brigg mit der wir
zusammengestossen waren Sie legte sich back setzte ein Boot aus und versuchte
auch die übrige Mannschaft des sinkenden Fahrzeuges zu retten aber bis man die
nötigen Vorbereitungen getroffen hatte war alles zu spät Vor unsern Augen
verschwanden die Mastspitzen als das Boot den Wasserspiegel berührte«
Robert fühlte doch ein unüberwindbares Grauen Er ging auch dann nicht zur
Koje als seine Wache abgelöst wurde sondern blieb an Deck und horchte und
spähte in den Nebel hinaus
Gegen Mitternacht wurde der Wind etwas stärker und sogar einzelne heftige
Stöße fuhren durch das Takelwerk »Alle Mann an Deck« erschallte die Stimme des
Obersteuermanns und die vor kaum einer Stunde zur Koje gegangene Wache musste
aus den warmen Decken wieder heraus und in der kalten Herbstnacht ihre
beschwerliche Arbeit verrichten
»Zwei Reffs in die Marssegel«
Einer vor dem andern stürmte die Mannschaft in die Wanten hinauf und jeder
bemühte sich der erste zu sein Selbst Gallego und der Kochsmaat ebenso der
Zimmermann die sonst nur an Deck arbeiteten mussten mit hinauf so dass bloß die
Leichtmatrosen und die Jungen von diesem gefährlichen Dienst verschont blieben
Sie bedienten an Deck die Fallen und Brassen Da bei der kleinen Besatzung nur
immer ein Mast zur Zeit vorgenommen werden konnte musste man bevor der Wind
ganz aufgekommen war schon die Segel wegnehmen
Es blieb jedoch alles ruhig und am Morgen strahlte bei scharfer Kälte die
hellste Sonne vom Himmel herab Robert sah wieder wenn auch nur als ferne
dunkle Umrisse die Küste des festen Landes er sah unzählige Fischerboote die
in größerer oder geringerer Nähe wie Nussschalen auf dem Wasser schwammen und
erlebte dann etwas was ihn ganz besonders interessierte Einer der Matrosen
der erst in Hamburg an Bord gekommen war schrieb auf seiner Kiste einen Brief
und steckte ihn dann in eine leere Weinflasche die er vorher gereinigt hatte
Zwei englische Schilling folgten dem Papier und dann erhob sich der Mann um
den Kapitän um etwas Siegellack zu bitten
Roberts Augen waren neugierig jeder Bewegung gefolgt »Was tun Sie da«
fragte er unwillkürlich »Wollen Sie die Flasche ins Meer werfen«
»Beinahe« lächelte der Mann »Aber hast du vielleicht auch ein paar Worte
an die Deinen zu bestellen so beeile dich Zehn Minuten will ich noch warten
Papier ist hier«
Robert ließ sich das nicht zweimal sagen er ergriff mit Freuden die
Gelegenheit seine alten Eltern zu beruhigen und um Verzeihung zu bitten Die
Feder flog förmlich über das Papier als zufällig der Kapitän in die Nähe der
Tür kam und den Jungen schreiben sah Rasch ging er zur Kajüte zurück
Als dann der Matrose um etwas Siegellack bat empfing er ihn sehr
freundlich »Holt nur ein Boot heran« sagte er »ich habe auch geschrieben und
will die Flasche schon verschließen«
Der Mann ging aber kaum war er fort als van Swieten mit einer langen
Schere Roberts Brief aus der Flasche zog und in seinem Taschentuch verbarg
»Besser so« murmelte er »Gott weiß welche Namen der Bengel nennt Könnte mir
am Ende den preußischen Konsul auf den Hals hetzen Nein nein besser so«
Der Matrose hatte inzwischen sein Taschentuch an eine Stange gebunden und
mit dieser einfachen Flagge dem nächsten entgegenkommenden Boot ein Zeichen
gegeben Das emporgehaltene Ruder gab ihm Antwort worauf sehr bald das kleine
Fahrzeug in einiger Entfernung von der Antje Marie über die Wellen tanzte und
dann fast unter den Bug herankam Die an einer Leine befestigte Flasche wurde
ins Meer geworfen von den Fischern aufgefangen und im Vorratskasten des Bootes
untergebracht Noch ein Gruß von beiden Seiten dann war die kurze Begegnung
vorüber
»Und diese Briefe werden wirklich auf die Post gegeben« fragte Robert
»Jedesmal« antwortete der Matrose »Das Geld ist nicht immer in ganz
sicheren Händen häufig wandert der Brief unfrankiert zum Schalter und die
lieben Angehörigen müssen das Porto selbst bezahlen aber vernichtet oder
unterschlagen wird kein Schreiben Auch der ärmste Fischer würde das nicht tun«
Robert sah mit leichtem Herzen dem Boot nach Zum erstenmal seit langer Zeit
empfand er wirkliche Freude Jetzt würden seine Eltern erfahren wo er war sie
konnten beruhigt sein und mussten doch auch verzeihen wenn er sie jetzt um
Vergebung bat
Aber er ahnte ja nicht dass unterdessen der Kapitän in aller Gemütsruhe
seinen Brief an einem Licht verbrannte Robert handhabte mit wahrem Eifer den
Scheuerbesen der ihm den Weg zur Kapitänswürde bahnen sollte und plauderte
dann während der Freiwache mit dem alten Mohr Jetzt näherte man sich auch schon
dem Atlantik der Wind wurde steifer und der Kurs musste etwas südlicher
genommen werden Robert hatte gegen Mittag mit zwei Leichtmatrosen das Bramsegel
zu setzen und kam dabei ebenso schnell in die Wanten hinauf wie seine
erfahreneren Genossen Es waren ihm während der kurzen Zeit die Seebeine schon
ganz nett gewachsen und nur das Schlingern des Schiffes von einer Seite zur
andern machte ihm noch Schwierigkeiten Bei dem großen Schwingungsbogen den da
oben die Bramstenge in der Luft beschrieb hieß es sich tapfer mit den Händen
festhalten und sicher in den Pferden stehen wie man die Haltetaue unter den
Rahen nennt Das Grossbramsegel war am schnellsten gesetzt und als die drei
wieder an Deck kamen erhielten sie sogar von dem mürrischen Obersteuermann ein
Lob
Am Abend kam jedoch eine Geschichte vor die Roberts gute Laune sehr ins
Schwanken brachte Man hatte jetzt das offene Meer erreicht und es herrschte
eine Kälte die das Spritzwasser an Deck innerhalb weniger Augenblicke zu Eis
gefrieren ließ Der Kapitän und der Obersteuermann unterhielten sich in
holländischer Sprache sehr lebhaft miteinander dann rief van Swieten durch das
offenstehende Fenster der Kajüte »Robert bring mir mein Nachtglas«
Der Junge beeilte sich einen steifen Grog zu mischen und ihn dem Kapitän zu
bringen in der besten Meinung den an jedem Abend üblichen Nachttrunk heute
einmal auf Deck reichen zu sollen aber o weh Van Swieten bemerkte das
unterdrückte Lachen der Mannschaft und da er seine eigene Schwäche nur zu gut
kannte ärgerte ihn der Vorfall nicht wenig Ein blauer Fleck an Roberts Oberarm
gab später von diesem Vorfall Zeugnis aber nebenbei hatte Robert auch die
Genugtuung das Grogglas schon leer zu sehen als er einige Augenblicke später
das in Wirklichkeit verlangte Nachtfernrohr dem Kapitän überbrachte Von der
Mannschaft glaubte ihm kein einziger dass dieser Irrtum unabsichtlich geschehen
sei und zu seinem Erstaunen sah er wie ihn der ärgerliche Zwischenfall in
ihrer Achtung hob »Das sind so Jungenstreiche« hieß es »wir habens ja selbst
nicht besser gemacht und der Alte säuft wirklich wie ein Schwamm«
Die Kälte stieg laufend und Renefier war der Ansicht dass Eisberge in der
Nähe seien Van Swieten meinte dasselbe und so wurde früh am nächsten Morgen
ein Matrose in den Mars des Fockmastes geschickt um scharfen Ausguck zu halten
Als bei Tagesanbruch die ersten Sonnenstrahlen das Meer vergoldeten ertönte
vom Mars der Ruf »Eisberge backbord voraus« Die ganze Mannschaft stürzte an
Deck der Kapitän und der Obersteuermann gingen auf das Kajütendeck und auch
Robert drängte sich vor um das ungeahnte Schauspiel mit anzusehen
Im Nordwesten erschienen hoch oben in der Luft prächtig glühende in
Regenbogenfarben schimmernde Spitzen seltsam geformt hier wie ein ganzer Wald
dort wie ein einsamer Fels Blau und purpurn violett und weiß verschwammen und
spielten die Farben während die Formen wie die Bilder einer Zauberlaterne
wechselten Je höher die Sonne am Himmel emporstieg desto tiefer herab auf den
Meeresspiegel fielen die glänzenden Lichter desto blendender wuchsen die
blitzenden Massen bis endlich als das große Tagesgestirn mit seiner
leuchtenden Scheibe das ganze weite Meer erhellte einige Hundert Eisberge in
ihrer ganzen Pracht majestätisch langsam vor dem Winde herantrieben
Wohl alle diese erfahrenen und sogar meistens alten Seeleute hatten ein
derartiges Schauspiel schon mehr als einmal gesehen aber dennoch standen sie
alle ganz in den Anblick versunken Nur Robert konnte nicht schweigen
Er suchte verstohlen die Hand seines alten Freundes »Wie schön« flüsterte
er »ach wie schön«
Der Alte nickte sehr ernst »Aber wenn zwei von diesen Riesen das Schiff in
ihre Mitte nehmen dann kracht es einmal schauerlich schnell und die
Riesendiamanten segeln weiter auf dem Meer aber schwimmen nur noch ein paar
Trümmer «
Die dunklen Augen des »Geistersehers« blickten wie im Traum Sein weißes
Haar flatterte im Wind »Lass mich es allein sein Vater im Himmel« murmelte er
»mich allein nicht das unschuldige Blut um meiner Sünde willen Lass es
vorübergehn«
Gallego legte von hinten die Hand auf Roberts Schulter »Der Alte hat seinen
schwarzen Tag« murmelte er »kümmere dich nicht um ihn Du geh in die Kajüte
und hole mir ein paar Tropfen Rum jetzt merkt es keiner«
Robert beachtete den Spanier gar nicht Er hatte nur Augen für Mohr Was
mochte es sein das den alten Matrosen so mächtig bewegte das seine
Aufmerksamkeit von der wirklichen Welt fast ganz ablenkte
Aber zu Betrachtungen war jetzt keine Zeit Das Kommando des Obersteuermanns
ertönte und das Schiff wurde erst in den Wind geluvt dann back gelegt Nur auf
diese Weise konnte man hoffen mit heiler Haut an der gefahrdrohenden
Nachbarschaft vorüberzukommen
Plötzlich hörte man von den kristallenen Riesen ein donnerähnliches Krachen
und Prasseln man sah wie einige der vielzackigen Häupter sich neigten
plötzlich umfielen und sich gegenseitig zertrümmerten während die Wogen
himmelhoch aufsprjetzten wie aus tausend Springbrunnen zugleich
Dann wurde es wieder ruhiger und nach wenigen Stunden war das
eindrucksvolle Schauspiel gänzlich vorüber
Diese im Atlantischen Ozean so oft angetroffenen Eisberge sind gleichsam
Kinder der großen Gletscher die von Grönlands Hochgebirge bis ins Meer
hineinragen Sie können besonders bei Nacht oder Nebel den Schiffen
außerordentlich gefährlich werden Diese Gletscher schieben ihre Eismassen
allmählich in das Wasser hinein dessen Temperatur wärmer ist als die der Luft
und das Eis so lange unterhöhlt bis der obere Teil dem Gesetz der Schwere
folgt vom Gletscher abbricht und ins Meer stürzt So treiben die Massen auf dem
großen Ozean der Windrichtung folgend nach Süden wo sie allmählich
zerschmelzen
Der alte Matrose nahm die Mütze vom Kopf und sah über das Meer Robert wagte
es nicht ihn zu stören aber als die beiden später allein waren da fragte er
»Onkel Mohr was dachtest du vorhin als wir die Eisberge sahen Du hattest so
sonderbare Augen«
Der Alte schüttelte den Kopf »Noch nicht« antwortete er »Das gehört mit
zu meinem Nachlass Wenn wir hinter Ferrol sind dann sollst du es erfahren
Diese Reise ist meine letzte«
Der Junge erschrak »Du willst das Seemannsleben aufgeben Onkel Mohr«
fragte er »Aber ob du es aushalten wirst an Land«
Der Matrose lächelte »Ich gehe nicht an Land Kind das große
Seemannsgrab nimmt mich auf Ich sterbe«
»Du Aber weshalb glaubst du das«
»Still Das erzähle ich dir zur rechten Zeit Für heute wollen wir Fische
fangen«
Der Junge fuhr auf »Wo« rief er »Wie ist das möglich«
»Siehst du nicht dass uns dauernd Fische aller Art begleiten« fragte der
Alte »Besonders die kleinen Delphine die man auch Tümmler und Schweinfische
nennt trifft man hier überall Sie schmecken vortrefflich wie du bald erfahren
wirst«
Gallego musste nun ein kleines Stück Fleisch hergeben das am Angelhaken
befestigt wurde An Stelle des Stockes wurde eine Leine genommen die man von
der Rolle ablaufen ließ und an Deck festhielt Plötzlich zuckte es so stark dass
die Bewegung einen großen Fisch zu verraten schien Zwei Matrosen sprangen
hinzu und mit vereinten Kräften zogen die drei Männer das zappelnde Tier bis
unter den Bug Hier wurde ihm eine Schlinge um den Kopf geworfen hinter die
Kiemen gehakt und nun der Fang an Bord geholt An Deck wurde das fast zwei Meter
lange Tier mit einem Schlag auf den Kopf getötet Nachdem die Eingeweide
entfernt waren ließ der Koch das Blut ablaufen wusch das Fleisch und zerlegte
es in Stücke Der Rücken mit Salz und Pfeffer eingerieben wanderte in die
Kombüse um sogleich wie Roastbeef gebraten und dann von Kapitän und Mannschaft
mit großem Appetit verspeist zu werden Auch weniger wohlschmeckende Gerichte
würden auf hoher See schon willkommen gewesen sein nur weil sie eine
Abwechslung boten Jeder Tag hatte seinen bestimmten Küchenzettel von dem man
nur notgedrungen abwich wenn der Vorrat an Lebensmitteln aus irgendwelchen
Gründen nicht mehr ausreichte und die Rationen verkürzt werden mussten Es konnte
also für den Matrosen in jedem Falle nur schlechter nie aber besser werden Wie
oft saß Robert mit seiner Schüssel auf der Kiste und konnte die schlimme Kost
kaum hinunterwürgen
Was dem Matrosen fast jeder Nationalität gesetzlich zustand war ein Pfund
Pökelrindfleisch dreimal wöchentlich dann ein halbes Pfund Pökelschweinefleisch
viermal und dazu abwechselnd Erbsen weiße Bohnen Reis und Graupen oder
Kartoffeln solange sie vorhielten
Einmal während der sieben Tage gab es auch Klösse mit Pflaumen und hin und
wieder »Labskaus« ein Gericht aus kleingeschnittenen Fleischresten die mit
zerstampften Kartoffeln Zwiebeln und Pfeffer tüchtig geschmort werden und sehr
gut schmecken
Im Hafen war die Sache natürlich anders Jeder Kapitän sorgte dann für
frisches Gemüse und Fleisch schon um die Leute gesund zu halten
An Getränken gab es Kaffee Tee Branntwein Rum und Wasser das in Tanks
und Fässern mitgenommen wurde
War aber auf diese Weise das Leben des Seemanns sehr hart und einfach so
war es andrerseits auch für einen von Haus aus kräftigen Körper sehr gesund
Robert wurde von Tag zu Tag stärker und gewandter er zeigte sich den
Anforderungen des harten Borddienstes durchaus gewachsen und konnte sich in die
Gemeinschaft der Matrosen gut einfügen
Als der spanische Hafen Ferrol erreicht war ging er mit den andern in der
fremden Stadt spazieren Die alte Jacke aus Peter Vollands Hinterzimmer hatte
ihm Kapitän van Swieten gegen einen neuen Seemannsanzug vertauscht aber Geld
bekam er nicht in die Hand und ebensowenig durfte er allein von Bord gehen
Immer begleitete ihn einer der älteren Matrosen
»Onkel Mohr« fragte er eines Tages seinen alten Freund »wann wirst du denn
endlich Urlaub nehmen um die Stadt anzusehen«
Der Matrose schüttelte den Kopf »Nie mein Junge«
»Und warum nicht« forschte Robert
»Weil mein Fuß überhaupt die Erde nicht wieder betreten soll«
Der Junge schwieg dann aber sah er treuherzig in das Gesicht des alten
Mannes »Onkel Mohr gehört auch das mit zu deiner Geschichte«
Der Greis beugte sich über seinen jungen Schützling »Hinter Ferrol«
murmelte er »wenn die Fahrt fast zu Ende geht wenn die Stunde schlägt«
Der Schiffbruch
Der Hafen war verlassen die Küste in der Ferne zurückgeblieben und die »Antje
Marie« segelte wieder auf hoher See An Bord aber regte sich geheimnisvolles
Leben
Robert sollte erfahren was Peter Volland meinte als er von den doppelten
Böden und verschiebbaren Planken des Schiffes sprach
Man hatte feine Weine geladen und verschiedene andere Waren Das alles
befand sich teils in der Kajüte teils war es im Logis aufgestapelt während
noch unzählige teure Waren aus den Schränken und Kisten der Kajüte hervorkamen
um dann in anderen Räumen verstaut zu werden Das ganze Schiff glich einer
großen Jahrmarktsbude in der alles Mögliche ausgebreitet daliegt um die
Schaulust der Käufer zu reizen
Hier prachtvoller flandrischer Samt dort Brüsseler Teppiche Mechelner
Spitzen und die Seidenwaren Frankreichs Feiner Battist Stickereien und
Schleier wechselten mit teuersten Sorten echten Champagners und Burgunders mit
Blumenzwiebeln von Harlem und den Ölgemälden alter berühmter Meister
Und nun ging man an das »Stauen« all dieser Dinge »Hast du es noch nicht
gewusst« fragte der alte Mohr »Wir treiben als Hauptverdienst den
Schmuggelhandel aber lass du dich dazu nicht brauchen Wenn sie dich abfassen
so wirst du bestraft und es kommt in deine Schiffspapiere Ist auch außerdem
kein ehrliches Geschäft«
»Was sollte ich denn dabei tun« fragte der Junge erstaunt
»Hm die zollpflichtige Ware an Land bringen entweder eine Bootsladung bei
Nacht und Nebel den Mittelsmännern zuführen oder einzelne Dinge an deinem
Körper in die Stadt schaffen Dafür gibt es freie Tage und ein paar Taler Heuer
mehr aber es ist doch nichts Gutes und du solltest dich lieber heraushalten«
»Onkel Mohr« fragte nach einer Pause der Junge »tust du es auch nicht«
Der Alte strich mit der Hand durch das weiße Haar »Ich Kind Ja ich tue
es obwohl ich das Land nicht betrete aber mit mir ist es etwas anderes als
mit dir Ich will schon dafür sorgen dass du frei ausgehst Im Augenblick musst
du freilich mitelfen das lässt sich nicht ändern«
Kapitän van Swieten erschien an Deck Der alte Holländer in seiner
altfränkischen nicht gerade seemännischen Tracht ließ sich selten ohne sein
Glas Grog sehen gewöhnlich glänzte sein breites Gesicht vor trunkener Röte Er
ließ durch den Untersteuermann jedem Matrosen eine Flasche Wein geben auch
Robert erhielt eine obwohl er nicht so recht wusste was er damit anfangen
sollte
»So Kinder« schmunzelte der Kapitän »nun macht euch dran Zuerst die
Flaschen verstauen Das andere findet schon leichter seinen Platz Also weg mit
den Kohlen damit wir fertig sind ehe Kuba in Sicht ist«
Ein beifälliges Murmeln der Matrosen antwortete dem »Alten« Die
Champagnerpfropfen knallten in die sengende Mittagshitze hinein und die
geleerten Flaschen flogen den tanzenden Korken nach ins Meer nur der
Obersteuermann sah äußerst verdrießlich in das weinrote behäbige Gesicht des
Kapitäns »Hättest auch nicht jedem Kerl eine ganze Flasche schenken sollen«
brummte er »Ein Glas voll wäre genug gewesen«
Van Swieten blinzelte vertraulich »Die Steinkohlen fallen dann aber so
verteufelt leicht oder schwer wenn du willst einmal aus Versehen an die
unrechte Stelle und meistens gerade dahin wo Champagner liegt« schmunzelte
er »Kennst das nicht Renefier und übrigens bin ich Kapitän wie du weißt und
kann auf meinem Schiff das tun was mir richtig scheint Die Pfennigfuchserei
schätze ich nicht daher habe ich überall wohin ich komme gute Freunde das
solltest du dir merken«
Der Obersteuermann nickte grimmig »Bis nach Havanna van Swieten dann
trennen wir uns« sagte er »Ich bin kein dummer Junge der sich mit einer
Schattenherrschaft begnügt«
Van Swieten zuckte die Achseln »Das ist deine Sache Renefier Jetzt
brauche ich aber alle Hände um die Steinkohlen fortzuschaffen«
Die Matrosen schaufelten abwechselnd bis eine Luke zum Vorschein kam unter
der ein hübsches tiefes Versteck lag Mit lustigem Gesang packten dann die
Leute von Hand zu Hand arbeitend sorgfältig die Champagnerflaschen auf das Heu
in den Verschlag und als alles gefüllt war wurden in die entstandenen Lücken
die Blumenzwiebeln gestreut so dass jeder Fussbreit Raum bedeckt war Als zuletzt
der Kohlenvorrat wieder über der Luke lag besichtigte van Swieten das Ganze und
schmunzelte sehr vergnügt »Nun lasst die Spürnasen kommen« sagte er »mir
solls recht sein Sind schon seit sechzehn Jahren daran vorübergelaufen also
werden sie es wohl auch diesmal tun«
Dann kamen die Spitzen und Teppiche an die Reihe Hier ließ sich ein Brett
verschieben und dort eins hier war ein verborgenes Schränkchen und da sogar
mehrere Tausende von Talern hätten nicht ausgereicht um den Wert all dieser
versteckten Gegenstände bar zu bezahlen Robert staunte als er sah wie
planmässig die Sache betrieben wurde Jetzt erst begriff er weshalb damals Peter
Volland der Wirt der Hamburger Matrosenschenke so besorgt war den betrunkenen
Koch der Verhaftung zu entziehen Van Swieten konnte ja für sein Schiff nur
eingeweihte Leute brauchen und wäre in der größten Verlegenheit gewesen wenn er
ohne den Spanier hätte absegeln müssen Und das wusste auch Georg der falsche
Freund als er ihn dem Heuerbaas in die Hände spielte alles war verabredete
Sache und er Robert der Betrogene
Doch tat es ihm nicht leid In Havanna fand sich bestimmt ein anderes
Schiff auf das er übergehen konnte um in strengere aber ehrlichere
Verhältnisse zu kommen wenn nur der alte Mohr nicht gewesen wäre Ihn wollte
er so ungern verlassen
Er suchte den alten Matrosen und fand ihn mitten in bunten Seidenstoffen auf
den Knien wie er ein Stück nach dem andern in den Verschlag packte der an der
Hinterwand der Kajüte angebracht war Das meiste war schon verstaut
Robert trat zu dem Alten »Onkel« fragte er leise »wie lange haben wir
noch bis nach Kuba«
»So acht Tage« sagte der Matrose »Warum fragst du mich«
Robert errötete »O ich meine nur so« antwortete er verlegen
Der Alte sah ihn an »Dir gefällt das nicht« sagte er nach einer Pause
»und du hast recht mein Junge Willst du in Havanna von Bord gehen«
»Mit dir Onkel« rief der Junge »Gehst du nicht so bleibe ich auch Du
bist von allen der einzige den ich gern habe«
Mohr erhob sich nachdem er die letzte Planke wieder eingefügt hatte von
seinen Knien »Ich habe dich auch lieb« antwortete er »und darum sollst du
fort mein Junge Brauchst ja von dem was du hier gesehen hast keinem Menschen
zu erzählen weil der Verräter immer eine jämmerliche Rolle spielt Aber um
keinen Preis darfst du hier einrosten vielleicht sogar selbst ein
Schmuggelhändler werden und später noch Schlimmeres nein nein die Mannschaft
der Antje Marie ist für dich kein gutes Beispiel du musst hier fort und ich
helfe dir dabei«
»Wird auf jeder Reise geschmuggelt« fragte nach einer Pause der Junge
»Immer Das Geschäft ist jetzt aber sehr schlecht geworden In früheren
Jahren als wir den aufständischen Chinesen Waffen und Munition lieferten war
es bedeutend besser Damals verdienten wir Geld wie Heu der Kapitän
wenigstens Ich selbst habe nie mehr genommen als ein Matrose für seine Arbeit
überall bekommt«
»Gar nichts von den Sonderzulagen für das Schmuggeln«
»Gar nichts aber trotzdem besitze ich ein hübsches Sümmchen und das soll
dir gehören mein Junge Lass dich nach Hamburg hin anmustern reise nach Hause
und bitte deinen Vater um Verzeihung das ist es was ich wünsche was du mir
versprechen musst Wenn du einwilligst wenn du versprichst vor deinem Vater
Abbitte zu tun dann hat sich ein Stückchen Bestimmung erfüllt dann würde ich
glauben auch für mich eine sehr gute Botschaft gehört zu haben Die letzte auf
Erden willst du sie mir bringen willst du nach Hause reisen und dich mit
deinem Vater versöhnen ehe du wieder zur See gehst«
Robert fühlte wie ihm das Herz schlug Recht hatte der Alte aber wenn
ihn sein Vater nicht wieder fortliess Wenn er noch einmal gezwungen wurde auf
dem Tisch zu sitzen und zu nähen
Der Matrose las den Gedanken von seiner Stirn »Kannst ja schon in Liverpool
oder Le Havre schreiben« sagte er »Aber denke nicht dass der Vater hart sein
würde unmöglich könnte er es wenn du freiwillig zurückkehrst«
In Roberts Augen standen Tränen »Ich möchte tun was du sagst Onkel Mohr«
flüsterte er »Ich möchte dass die Eltern ganz mit mir einverstanden wären aber
weglaufen müsste ich zum zweitenmal wenn sie hart blieben«
Der Alte lächelte »Komm mit« winkte er »Ich will dir zeigen dass meine
Worte mehr als ein leerer Schall sind Du sollst dein Erbteil sehen«
Er ließ den Jungen in die Schiffskiste blicken in der sich eine ziemlich
große Anzahl holländischer und spanischer Münzen befand »Das alles ist für
dich« sagte er leise »aber du musst tun worum ich dich gebeten habe nicht
wahr Junge Es kommt der Tag wo du mir für unser heutiges Gespräch dankbar
sein wirst darauf verlasse dich«
Robert gab gerührt und mit dem festen Vorsatz es zu halten das verlangte
Versprechen Dann reichte ihm der Alte die Flasche Champagner die er selbst bei
der Verteilung heute bekommen hatte »Trink es in den nächsten Tagen« sagte er
freundlich
»Und du Onkel Mohr« fragte der Junge dem der unbekannte schäumende Wein
ganz besonders gut gefallen hatte »warum willst du nicht«
Der seltsame Mann schüttelte den Kopf »Ich trinke keinen Alkohol«
antwortete er »Lass dirs gut schmecken«
Und dann ging er fort wie es seine Gewohnheit war wenn ihm ein Gespräch
peinlich zu werden schien Robert hatte längst erkannt dass irgendein großes
Unglück auf dem Alten lasten müsse aber er wagte nicht noch einmal danach zu
fragen Mohr würde ja bestimmt Wort halten und ihm alles freiwillig erzählen
Die Waren hatten jetzt fast alle ihren Platz gefunden und während der
folgenden Tage musste das ganze Schiff von oben bis unten gescheuert werden Der
Obersteuermann wetterte und fluchte an Deck herum als wolle er alles nachholen
was ihm während der ganzen Reise an unumschränkter Herrschergewalt verloren
gegangen war Die Matrosen murrten so laut dass es sogar der Kapitän bemerkte
und ein fast vollständiger Bruch zwischen den beiden war die Folge davon
Van Swieten hatte wie das sehr häufig geschah zuviel getrunken Er war
daher in streitlustiger Laune und wollte vor allen Dingen sein Ansehen als
Kapitän des Schiffes gewahrt wissen Ihm gehörte die »Antje Marie« er war Herr
an Bord und niemand durfte ihm widersprechen »Geh in deine Kajüte Renefier«
rief er mit lauter Stimme dem Obersteuermann zu »Geh und schlafe oder tue was
dir Spaß macht Deines Postens bist du enthoben du passt nicht auf mein Schiff
und noch weniger zu meinen Leuten«
Der Steuermann wurde blass wie eine Wand aber er beherrschte sich doch und
verließ schweigend das Deck nur als der Kapitän im Vorraum der Kajüte nahe an
ihm vorüberging fragte er leise »Van Swieten hast du dir deine Worte gut
überlegt Hast du an meiner Stelle einen Mann zur Verfügung der den Standort
aufnehmen kann und der es versteht eine Höhenberechnung aufzustellen
Besinne dich ehe es zu spät ist«
Der Kapitän schlug mit der Hand in die Luft »Unsinn« rief er »das kann
ich alles selbst und der Untersteuermann kann es auch Ich habe ihm schon
deinen Posten übertragen und du sollst dich nirgendwo mehr hineinmischen hörst
du Ich brauche willige Kerle die vor dem Teufel nicht bange sind und die den
Taler gern verdienen ohne lange zu fragen womit aber keine Scheuerweiber die
an nichts anderes als an Sand und Seife denken«
Der Obersteuermann zog sich sehr verletzt zurück und der Kapitän ging in
seine Kajüte um den letzten Rest nüchternen Bewusstseins mit Grog
hinunterzuspülen Der zweite Steuermann ein wenig tatkräftiger Mensch konnte
sich kaum durchsetzen so dass an Bord vollständige Unordnung entstand Nur die
notwendigsten Arbeiten wurden vorgenommen sonst aber lagen die Leute in ihren
Kojen und spannen wechselweise ein »Garn« wie der Seemann das Erzählen einer
Geschichte nennt Das Wetter blieb günstig der Wind schwach und die Sterne
sichtbar es ereignete sich also nichts Besonderes
Nur Mohr schüttelte den Kopf »Noch einen Tag und eine Nacht« murmelte er
»dann müssen wir den Hafen erreicht haben Seltsam seltsam«
»Mohr« sagte ein anderer »gib auch einmal etwas zum besten Du hast von
deiner Vergangenheit noch nie gesprochen also tue es jetzt«
Der Alte sah über das Wasser und sein tiefliegendes Auge glühte fast
unheimlich »Ich hätte heute abend ein Garn gesponnen auch ohne eure
Aufforderung Kameraden« antwortete er »Aber ob ihr meine Geschichte
unterhaltend finden werdet weiß ich nicht«
Die andern rückten näher und die kurzen Pfeifen wurden angesteckt Mohr zog
den Jungen näher zu sich heran »Morgen früh werden wir die blauen Berge von
Kuba aus der Ferne wie Schatten auftauchen sehen« sagte er »morgen scheint für
mich zum letzten Mal die Sonne darum hört alle was ich euch zu erzählen habe
und haltet euch daran«
Niemand widersprach ihm Sie kannten ja alle den Geisterseher der oft in
dunklen Nächten so unheimliche angstvolle Worte murmelte der sich im Schlaf
von einer Seite zur andern warf und träumend schluchzen konnte wie ein
geängstigtes Kind
»Der Klabautermann sitzt auf seiner Brust und drückt ihn« hatten dann wohl
einige heimlich erschauernd gesagt während andere den Kopf schüttelten »Die
Nachtmahr ist es das bleiche Gespenst sie will mit ihm würfeln um sein
Herzblut und er kann sich ihrer nicht erwehren «
Sie kannten ihn darum widersprach keiner
Mohr senkte den Kopf in die hohle Hand »Ich war mit zwanzig Jahren ein
lustiger übermütiger Junge« begann er seine Geschichte »der sich weder vor
Gott noch vor dem Teufel fürchtete und dahinlebte als dauerten Jugend und
Gesundheit ewig nur um alle Freuden des Daseins in vollen Zügen zu genießen
Das Seemannsleben gefiel mir nicht mehr weil die Zeit der Arbeit und der
Entbehrungen so lang war die Freudentage im Hafen aber sehr kurz und
besonders weil ich an Bord gehorchen musste wie ein Schuljunge Das konnte
gerade ich am allerwenigsten das erregte immer meinen Jähzorn und stürzte mich
in viele Verlegenheiten Einmal habe ich dem Kapitän der mir ein verweisendes
Wort sagte eine Ohrfeige gegeben und dafür als Meuterer die ganze Reise in
Eisen gelegen aber alles das konnte mich nicht zur Besinnung bringen Ich ging
also von Bord und legte mich einstweilen in meines Vaters Haus vor Anker Der
Alte war Wirt lebte mit einer bejahrten mürrischen Schwester ganz allein und
sah mich höchst ungern kommen Einen erwachsenen Sohn zu füttern der noch
obendrein jeden Augenblick mit den Gästen Streit anfing und es meistens vorzog
die besseren Weine und Kognaks selbst auszutrinken anstatt die Gäste freundlich
zu bedienen das liebte er wenig
Hätte ich Flaschen spülen Kegel aufsetzen und Bier abzapfen wollen hätte
ich bei der alten Tante den Küchenjungen gespielt und ihr Schosshündchen
gestreichelt dann wäre alles gut abgelaufen so aber wurde das Verhältnis
zwischen mir und meinem Vater immer schlechter bis ich zuletzt den ganzen Tag
auf der Bank lag und rauchte oder trank mit mir selbst und der Welt vollständig
zerfallen
Sollte ich nachgeben Wieder ein Schiff suchen mich von meinen Kameraden
auslachen lassen und der Tante die den Alten aufhetzte das Feld räumen Es
ärgerte mich nur daran zu denken aber der gegenwärtige Zustand konnte nicht
länger dauern Es musste bald anders werden das sah ich wohl da mir auch der
Vater niemals Geld geben wollte Es ist genug dass ich einen Taugenichts
ernähre sagte er mir einmal Du solltest dich schämen von deinem alten Vater
noch Geld zu verlangen Ich gebe dir nichts und wenn du keinen Anzug mehr
anzuziehen hast und keine Schuhe an den Füßen
Damals zerschlug ich in meiner wilden Wut alles was mir im Weg stand die
Flaschen und Gläser die Fensterscheiben und die Rohrstühle ich tobte wie ein
wildes Tier im Käfig und ging erst fort als kein heiles Stück mehr zu finden
war
Drei Tage lang trieb ich mich umher aß rohe Feldfrüchte hungerte und
schlief hinter den Zäunen dann kehrte ich zurück um nicht ins Gefängnis zu
kommen aber es war ein elendes Leben das ich führte mir selbst zur Last Der
Alte sagte nichts er fürchtete wohl einen ähnlichen Auftritt und ließ mich
daher tun und treiben was ich wollte Die Tante machte es ebenso sie ging im
weiten Bogen um mich herum und nahm ihr Hündchen auf den Arm sobald ich im
Zimmer erschien Das ärgerte mich aber viel mehr als wenn mir die beiden das
Leben täglich zur Hölle gemacht hätten ich wurde so grimmig so verbissen
oh ich kann euch nicht sagen wie
Du hängst dich auf dachte ich bei mir dann hat alles ein Ende Gerade vor
der Kammertür der Tante damit sie sich erschreckt
Den Nagel schlug ich auch richtig in die Mauer hinein aber weiter kam es
nicht Man hält doch am Leben fest und wenn es noch so elend ist
Um diese Zeit gerade an meinem Geburtstag kam einmal ein Mann in die
Schenke der mit allerlei Kleinigkeiten unter anderem auch mit Lotterielosen
handelte Ich lag wie gewöhnlich auf der Bank hinterm Ofen heute noch
schlechter gelaunt als sonst Es war ja mein Geburtstag aber kein Mensch
kümmerte sich darum niemand hatte mir ein freundliches Wort einen Glückwunsch
gesagt obwohl es der Alte ganz genau wusste Das ärgerte mich rasend Ich dachte
wieder an den Nagel über der Kammertür
Da trat der Mann zu mir und hielt zwischen den Fingern ein schmutziges
zerknittertes Blatt Kauft der Herr kein Los fragte er schmeichelnd Gerade das
letzte also das Glückslos weil man immer das beste bis zuletzt aufhebt
Nummer 26
Es durchfuhr mich sonderbar Heute an meinem Geburtstage wurde mir das Los
angeboten dessen Nummer die Zahl meiner Jahre angab Wie merkwürdig
Ich stand auf und zeigte das Papier dem Alten Vielleicht ist es ein Wink
des Schicksals flüsterte ich Vielleicht bringt es mir Glück
Er zuckte die Achseln und wusch seine Gläser ohne zu antworten Das brachte
mich schon auf weil es die anderen Gäste sahen
Der Losverkäufer schlich mir nach Sie sollten es nehmen drängte er Die
Ziehung ist schon in vierzehn Tagen und die Nummer bringt Glück Hab schon
einmal auf Sechsundzwanzig das große Los gehabt Wäre doch herrlich so viel
Geld nicht wahr
Mir stieg das Blut heiß zu Kopf Vater sagte ich mit lauter Stimme seid so
gut und leiht mir die paar Taler ich will es kaufen
Der Alte zögerte Er murmelte etwas das ich nicht verstand aber er griff
endlich doch in die Kassenschublade und zählte das verlangte Geld auf den Tisch
alles ohne ein Wort zu sagen Er hatte Angst vor mir das war ganz sicher
Er und ich wir sprachen von der Sache nicht weiter und das Los blieb in
meiner Tasche Die vierzehn Tage vergingen wie alle anderen ich las und trank
rauchte oder schlief und war immer schlecht gelaunt An den Gewinn dachte ich
schon längst nicht mehr
Da erschien eines Abends der Händler wieder als gerade das Gastzimmer Kopf
an Kopf besetzt war Er winkte mir schweigend ihm zu folgen Gewonnen
flüsterte er als wir draußen vor der Tür standen gewonnen Ich habe das Geld
mitgebracht Wieviel lassen Sie mich verdienen wenn ich es gleich auszahle
Hinter uns erschien in diesem Augenblick wie ein schwarzer Schatten der
Alte Was gibts fragte er hat das Los gewonnen
Der Mann hob warnend den Finger Pst flüsterte er nicht so laut die
anderen merken es Das schöne Geld könnte gestohlen werden Es ist eine große
Summe und ich bin ein geschlagener Mann wenn mich Diebe überfallen Nachher
wollen wir alles besprechen wenn die Gäste fort sind
Er ging voran in das Zimmer und ich folgte ihm halb berauscht vor Freude
Also endlich sollte meine Erlösungsstunde schlagen endlich sollte ich wieder
Geld besitzen viel Geld wie der Mann gesagt hatte Ach dieses Gefühl diese
rasende Freude Ich trank und trank bis meine Augen die Dinge ringsumher nicht
mehr mit Sicherheit unterscheiden konnten
Ich wollte das langweilige Dorf verlassen mit dem schnell erworbenen
Reichtum in eine größere Stadt ziehen und dort durch Leihgeschäfte mühelos immer
mehr Geld verdienen ich schmiedete Pläne über Pläne und in allen spielte mein
Vermögen die Hauptrolle
Karten und Würfel gingen von Hand zu Hand ich trank und verlor viel Geld
aber ich lachte darüber Was machte das aus da ich ja reich war
Aber wieviel mochte es nur sein Heute blieben auch die Gäste länger als
sonst Ungeduld brannte in allen meinen Adern Mitternacht war vorüber als
endlich die letzten halbbetrunkenen Bauern abzogen Jetzt waren außer mir selbst
nur noch mein Vater und der Händler im Schenkzimmer Die Tante saß nickend in
der Küche
Wieviel ist es fragte flüsternd der Alte und wieviel ist es wiederholte
ich zitternd vor Begier
Der Mann sah von einem zum andern Zwanzigtausend harte Taler raunte er
Habe es ja gesagt die Sechsundzwanzig ist eine Glücksnummer Was soll ich
haben wenn ich das Geld gleich auszahle anstatt in sechs Wochen
Mir flirrte und flunkerte es vor den Augen Tausend Taler rief ich sofort
Das ist fürstlich bezahlt also zahl das Geld aus
Da legte sich eine Hand auf meine Schulter Langsam langsam rief der Alte
was geht es dich an wieviel ich dem Händler geben will
Du
Ich starrte ihn an unfähig mehr als das eine Wort herauszubringen
Natürlich bestand er das Geld gehört mir ich habe das Los bezahlt und
kann zehn Zeugen bringen dass ich die Wahrheit sage
Heisser rann es durch meine Adern Mir hast du das Geld geliehen schrie ich
und du kannst es zurückerhalten sobald mir das Geld ausbezahlt ist Gib her
Mann hier hast du das Los und tausend Taler sind für dich
Der Mann griff nach dem Papier Ein solches Trinkgeld bot ihm bestimmt
niemand am wenigsten aber der habsüchtige Alte Er stand deshalb ganz auf
meiner Seite und begann hastig die Kassenscheine auf den Tisch zu zählen Dann
machte er sich davon so rasch ihn die Füße trugen
Der Vater legte seine Hand auf das Geld Mir gehört es raunte er und ich
werde es behalten Ergib dich im Guten oder
Ich sah ihm aus nächster Nähe ins Auge Oder zischte ich
Du wanderst morgen ins Gefängnis Ich habe das Los bezahlt ich bin hier im
Dorf als anständiger Mann bekannt ich betreibe ein ehrliches Handwerk du aber
bist ein Tagedieb und Herumtreiber der jetzt auch noch seinen alten Vater
bestehlen will
Die Habgier musste ihn völlig verblenden mir so drohend gegenüberzutreten
Ein Schein nach dem andern verschwand in seinen Taschen
Und da Kameraden da wars um mich geschehen Er hatte das Wort stehlen
ausgesprochen hatte meine Ehre tief verletzt
Ich ergriff einen schweren Hammer der zufällig auf dem Tisch lag «
Der alte Matrose hielt einen Augenblick inne Kalter Schweiß perlte von
seiner Stirn die Stimme klang kaum verständlich
Unter den Leuten herrschte Totenstille
»Vor meinen Augen war alles rot wie zuckende Blitze« fuhr er nach einer
Pause fort »Ich weiß nur noch dass mir die völlige Besinnung erst später
zurückkehrte Und da war ich nüchtern auf einen Schlag
Vor mir am Boden lag mit gespaltenem Schädel mein Vater und seine
gebrochenen Augen schienen starr zu dem Mörder aufzusehen Langsam rann das Blut
über die Kassenscheine die er im Fallen mit sich vom Tisch gerissen hatte
Alles war totenstill um mich herum nur ein eintöniges leises Geräusch hörte
ich ganz leise wie das Ticken einer Uhr Es war Blut das langsam über die
Stufen der Kellertreppe hinabtropfte und in mir ein eisiges Grauen wachrief Das
Licht brannte allmählich herab knisterte und zuckte noch ein paarmal hoch auf
dann erlosch es ganz
Ich rührte kein Glied Wie gelähmt wie erstarrt saß ich da Mörder schien
es in mir zu flüstern und Mörder ringsum in der stillen Luft bis mich fast
wahnwitzige Angst ergriff Ich musste fort von hier bevor es Tag wurde ich
konnte um keinen Preis noch einmal in dieses gebrochene Auge sehen
Stunde um Stunde verrann Der Tag rückte näher die Hähne im Dorfe begannen
zu krähen Hunde bellten und hier und da knarrten Wagenräder
Ich machte keine Bewegung atmete kaum da drang durch die Fensterläden ein
erster schwacher Schimmer er streifte die dunkle stille Gestalt am Boden
Schaudernd raffte ich mich auf und schlich zur Tür immer verfolgt von dem
Blick der toten Augen Wohin ich mich wandte da begegnete mir der schreckliche
Anblick Ich öffnete die Tür und trat hinaus ins Freie in den Frieden des
Sommermorgens
Oh Kameraden möchte keiner unter euch einmal das empfinden müssen was ich
damals empfand Ich fühlte den Fluch des Mordes auf mir und stürzte davon wie
einst die ersten Menschen aus dem Paradies«
»Onkel Mohr« flüsterte Robert sich an dem Alten festhaltend »du Armer«
Und auch die andern waren ernst und still Selbst diese rohe Schar
zusammengewürfelt aus aller Herren Länder verwahrlost in der steten Ausübung
eines widerrechtlichen Berufes war tief ergriffen von dem furchtbaren Schicksal
des Gefährten dessen silberweisses Haar sich heute noch beugte unter der Last
einer Erinnerung die ihn sein ganzes Leben verfolgt hatte
Nur Gallego schlich ungesehen im Dunkeln des Logis zu Roberts Koje und stahl
die Champagnerflasche mit der er sich in die Kombüse begab und in gierigen
Zügen den perlenden Schaumwein hinunterstürzte
Niemand beachtete ihn Alle standen ganz unter dem Eindruck der Worte des
Alten dessen Wesen ihnen jetzt erst anfing verständlich zu werden Darum das
Flüstern im Schlafe darum das leise flehende »Sieh mich nicht an bitte sieh
mich nicht an« wie es die Matrosen so oft von ihm gehört hatten
»Sprich weiter« bat eine Stimme »Dein Garn ist noch nicht zu Ende«
Der Alte hatte das heiße Gesicht des Jungen gestreichelt jetzt erhob er den
Kopf und warf das Haar zurück »Nein« sagte er »ihr habt recht Ich will euch
alles erzählen Hört zu
Ich besah beim ersten Tageslicht mein Gesicht in einem Bach der am Wege
vorüberfloss es war mir als stände darauf die Tat verzeichnet und dann als
ich das Haar etwas geordnet hatte wanderte ich nach Bremen das ungefähr drei
Meilen weit von meiner Heimat entfernt liegt und wo mich jeder Heuerbaas kannte
Ein Schiff zu bekommen war nicht schwer und schon nach vier oder fünf Tagen war
ich auf einem amerikanischen Dreimaster in völliger Sicherheit
Wir hatten Passagiere an Bord Frauen und Kinder es gab viel Unterhaltung
manches Neue manches Ungewohnte kurz ich erholte mich in verhältnismäßig
kurzer Zeit von dem Schrecken und fing an mich für weit mehr unglücklich als
schuldig zu halten Noch war die Reue nicht echt es musste schlimmer kommen
ehe ich aus meinem Trotz und Eigenwillen aufgerüttelt wurde«
Unter den Zuhörern entstand ein unwillkürliches Murmeln »Schlimmer«
fragten einige leise Stimmen
»Schlimmer« bestätigte der Alte »Um meinetwillen sind Hunderte dem Tode
zum Opfer gefallen haben Mütter ihre kleinen Kinder sterben sehen und sind
Tausende glühender Tränen geweint worden Wisst ihr nicht dass das Schiff an
dessen Bord sich ein Mörder ein unentdeckter Mörder befindet dem Untergang
geweiht ist Wisst ihr nicht dass es dem fliegenden Holländer entgegentreibt und
von seinem weißen Kiel in den Grund gebohrt wird«
Der alte Matrose hatte sich erhoben die Augen glühten wie in halbem
Wahnsinn die Hände streckten sich aus als wollten sie einen unsichtbaren Feind
abwehren Seine Brust keuchte schwer sein Gesicht war totenblass
Die andern suchten ihn zu beruhigen »Das ist ein Aberglaube Mohr« sagten
sie »Du bist so lange an Bord der Antje Marie und sie ist nie dem fliegenden
Holländer begegnet«
Der Alte lächelte »Die Antje Marie« wiederholte er sinnend »Das ist etwas
anderes Kameraden Wir stehlen dem Staat den Zoll wir fahren auf der breiten
Straße die dem Abgrund zuführt da braucht es keine besondere
Schuldverschreibung an den Teufel sie ist ja schon vorhanden und doch was
kommen wird das wissen wir ja heute nicht Ich will euch aber erzählen was mit
der Seemöwe geschah auf der ich angemustert hatte Lasst mich also ausreden«
Die Matrosen waren jedoch zu erregt um schweigen zu können »Hast du ihn
gesehen den fliegenden Holländer« fragten sie
Mohr nickte »Ich habe ihm ins Auge gesehen er erhob gegen mich die Hand
er winkte mir«
»Ach Unsinn Geisterseher du hast geträumt«
»Lass doch den Alten sein Garn spinnen Erzähle wie ging es der Seemöwe«
Mohr bekämpfte das Grauen das er noch jetzt in der Erinnerung empfand »Wir
waren am Kap der Guten Hoffnung« begann er »und das Wetter hielt sich
merkwürdig gut Trotzdem ließ der Kapitän alle Vorsichtsmassnahmen treffen und
schon beim ersten Windhauch mussten wir bis auf die Sturmsegel jeden Fetzen
Leinwand hereinholen Man kann ja wie ihr wisst in diesen Breiten dem Frieden
niemals trauen
Es war abends um elf Uhr als ich abgelöst wurde und mit den Matrosen zur
Koje gehen konnte aber bei der schwülen Luft blieben wir alle lieber noch ein
bisschen bei offenen Türen sitzen Es hatten sich auch obgleich das streng
verboten war mehrere Zwischendeckspassagiere zu uns gesellt und wir würfelten
auf unseren Schiffskisten Hier herum soll ja der fliegende Holländer sein Wesen
treiben meinte einer der Auswanderer ich hätte eigentlich Lust dem alten
Burschen zu begegnen Wer ein gutes Gewissen besitzt der braucht die Geister
nicht zu fürchten Solche und andere Reden flogen hinüber und herüber Meine
Kameraden nahmen es dem Auswanderer krumm dass er die bösen Gewalten des Meeres
herausforderte aber ich lachte dazwischen Lasst doch das Geisterschiff kommen
Wer das Herz auf dem rechten Fleck hat der trinkt mit dem alten Van der Decken
Brüderschaft Auf du und du alter Kamerad rief ich übermütig in die Nacht
hinaus meine Ration Rum hinunterstürzend und die Flasche in weitem Bogen über
Bord schleudernd Prosit alter Knabe
Das Wasser spritzte hoch auf über dem Schiff in der Luft erklang es wie
ein spöttisches langgedehntes Lachen He he he und dann noch einmal He
he he
Die Gesichter um mich herum wurden leichenblass und auch über meinen Rücken
lief es eiskalt herab aber ich ließ mir nichts merken sondern antwortete mit
halber Stimmer auf das gespenstische Lachen in der Luft
Schon die ersten Möwen Wir sind also nur wenige Meilen von der Küste
entfernt
Der Auswanderer der vorhin so großen Mut gezeigt hatte sah jetzt aus wie
ein durchgeschnittener Käse War es wirklich eine Möwe flüsterte er
Natürlich Haben Sie jemals gehört dass die Geister lachen
Wie der Wind heult schauderte er
Gehen Sie in die Koje Mann Sie haben ja doch Furcht trotz des guten
Gewissens
Er sah mich böse an Vielleicht beleidigte ihn mein herausforderndes Wesen
vielleicht durchschaute er es und las auf meinem Gesicht die verborgene Unruhe
Und Sie haben doch kein gutes Gewissen trotz Ihrer lauten Worte sagte er
Ich sprang auf die Fäuste geballt ganz derselbe unbändige wilde
Geselle der ich immer gewesen war ich hätte vielleicht in diesem Augenblick
einen zweiten Mord begangen wenn nicht das Kommando des Kapitäns wie ein Blitz
aus heiterer Luft dazwischen gefahren wäre
Alle Mann an Deck Marssegel reffen
Wir hatten nicht darauf geachtet dass es über uns und unter uns lebendig
geworden war Der Wind fegte über die weißen Wogenkämme es zischte brodelte
und gärte um den Bug der Seemöwe wie ich es nie vorher gehört hatte es ächzte
im Takelwerk und knarrte in den Masten während grelle Blitze aus den schwarzen
Wolkenmassen hervorschossen und der Donner über das Meer rollte
Der Sturm wuchs hoch und höher ging die See Der Kapitän ließ die
Zwischendecksluken schließen weil uns die angsterfüllten Menschen am Arbeiten
hinderten aber das Zwangsmittel half nur kurze Zeit Von innen sprengte die
Kraft der Verzweiflung das Eisen unaufhaltsam ergoss sich der Strom
halberstickter jammernder betender und schreiender Auswanderer auf das Deck
Es war eine grässliche Szene Die Stimme des Kapitäns übertönte zuweilen das
Brausen des Sturmes aber was er sprach das ging verloren Da galt kein
Kommando mehr da waren alle Bande der Ordnung und des Gehorsams auf einmal
gerissen da schrie jeder und niemand hörte Wilde Flüche mischten sich mit dem
erschütternden Jammern der Frauen und den Angstrufen der Kinder Einige beteten
oder sangen Sterbelieder andere sprachen mit lauter Stimme Worte voll Liebe und
Zärtlichkeit zu ihren viele hundert Meilen entfernten Angehörigen sie nahmen
von ihnen Abschied und baten sie ihnen zu vergeben was jemals Unfriedliches
oder Unversöhnliches geschehen sei
Hier lag eine Mutter auf ihren Knien und hielt in schützenden Armen die
Kinder deren kleine Gesichter sich angstvoll an ihrer Brust verbargen dort
segnete ein Greis mit weißem Haar zum letztenmal die Seinen während an der Tür
der Kapitänskajüte ein Priester mit lauter Stimme die Barmherzigkeit Gottes
anrief
Und von anderer Seite nahten zügellose schwankende Gestalten Einzelne
Männer hatten den Vorratsraum erbrochen und die Rumfässer hervorgezogen In den
Gesang und die Gebete der Todgefassten hinein tönte ihr trunkenes Lästern
Mehr und mehr wuchs der Sturm hoch und höher ging die See
Hier oder dort zerriss ein heller Schrei auf Sekunden die Luft Die Stelle
wo noch eben ein Mensch gestanden hatte war leer Aufgehört hatte Singen Toben
und Beten aufgehört hatten Kommando und Gehorsam die Vernichtung war
hereingebrochen
Dieser hats getan riefen meine Kameraden und kreidebleiche bebende
Lippen nannten mich flüsternd den Bösen der das Schiff ins Unglück gestürzt
hatte Augen voll Zorn blickten mir entgegen geballte Fäuste und wilde
Verwünschungen bedrohten mich
Er hat das Gespenst des Meeres herbeigerufen Er hat mit dem fliegenden
Holländer Brüderschaft getrunken
Werft ihn über Bord den Verfluchten
Tageshelle umgab uns auf allen Seiten das Schiff war nur noch ein Wrack
ohne Masten unaufhaltsam gingen die Wellen über Deck und spülten hinab was zu
schwach war ihrem Toben Widerstand zu leisten
He he he lachte hoch oben in der Luft die Möwe He he he
Aber ihr triumphierendes Schreien wurde übertönt ihr Hohnlachen erstickt in
einem Ruf des Entsetzens der allen noch Lebenden die Haare zu Berge trieb
Ich sah nach vorn weil alle andern es taten und was ich dort erblickte
das sieht auch der Vermessenste nicht ohne auf die Knie zu sinken und Erbarmen
zu erflehen
Über die schwarzen grün und violett gegipfelten Wogenkämme kam das
Geisterschiff daher gerade auf die Seemöwe los Schneeweiss vom Kiel bis zu den
Mastspitzen unter vollen Segeln aber es regte sich an Bord kein Stückchen
Leinwand es schaukelte oder stampfte nicht sondern glitt von unsichtbarer
Macht getrieben in pfeilschneller Fahrt und schnurgerader Richtung vorwärts
näher immer näher an uns heran Auf dem Grossmast glühte und funkelte bläulich
in majestätischer Höhe das SanktElmsfeuer weißes Licht ging von den Segeln
aus und in den Raaen arbeiteten die weißen Todesgestalten der sechs Matrosen
Alle in Leichentücher gekleidet standen sie auf den Köpfen im Takelwerk
während Kapitän van der Decken am Grossmast lehnte und aus hohlen Totenaugen zu
mir herübersah
Ja zu mir
Ich schrie vor Entsetzen Dieser Blick Hatte ich ihn nicht schon einmal
gesehen
Meine Besinnung drohte zu schwinden Da hob das Gespenst die rechte Hand und
winkte mir
Ganz nahe war das Geisterschiff herangekommen Auge in Auge stand ich dem
fliegenden Holländer gegenüber Wie ein kalter Schatten streifte es mein
Gesicht
Als ich zu mir kam lag ich in der Koje eines französischen Schiffes und
wurde freundlich gepflegt Kaum wagte ich eine Frage nach dem Schicksal meines
Schiffes ich wusste die Antwort vorher Von mehr als fünfhundert Menschen an
Bord der Seemöwe war ich der einzige Gerettete Die Matrosen des französischen
Schiffes hatten mich anscheinend leblos aus dem Wasser aufgefischt als die
Wellen meinen Körper bis unter den Bug trieben «
Der alte Mann schwieg und trocknete die Schweißtropfen auf seiner Stirn
»Ich war der Einzige« wiederholte er nach einer Pause »den das Meer zurückgab
den der Tod verschmähte Ich musste leben um zu wissen welches Opfer meine Tat
gefordert hatte an wievielen Unschuldigen mein Verbrechen gerächt worden war
Aber seitdem wurde aus mir ein anderer Mensch Ich ging an Bord der Antje
Marie die damals ihre erste Reise antrat und schwor mir selbst nie wieder in
die Gesellschaft ehrlicher Menschen zurückzukehren nie wieder festes Land zu
betreten allen Rechten allen Freuden zu entsagen und so meine Schuld zu büßen
Inzwischen sind dreißig lange Jahre vergangen Ich war wie ein
lebendiggestorbener Mensch aber ruhig in mir durch das Bewusstsein meiner Reue
Doch während der letzten Nacht im Hamburger Hafen hatte ich einen seltsamen
Traum Die Antje Marie trieb auf hoher See im hellsten Sonnenschein langsam
dahin Der Wind war still die Luft warm und das weite Meer wie ein glänzender
kaum bewegter Spiegel Ich stand am Ruder das Herz voll Frieden und Ruhe wie
es in vielen Jahren nicht gewesen war so ganz glücklich ganz als ob ein
schönes langersehntes Ziel erreicht sei da nahte aus der Ferne das
Geisterschiff des fliegenden Holländers Aber es erschreckte mich nicht mein
Herz blieb ruhig meine Augen sahen den Alten am Grossmast ohne sich abzuwenden
von dem Entsetzlichen
Das weiße Schiff kam näher und näher es segelte lautlos über die Antje
Marie hinweg und ich fühlte wie wir langsam tiefer und tiefer sanken Ich
schloss die Augen und ließ mich träumend von den weichen Armen der See umfangen
Am andern Morgen sagte mir der Kapitän dass wir bei Eintritt der Flut in See
gehen würden und nun wusste ich genug Es ist nicht gut an einem Montag
auszulaufen zumal nach einem solchen Traum Diese Reise ist meine letzte Noch
bevor wir den Hafen von Havanna erreicht haben bin ich ein toter Mann und eben
deshalb erzähle ich euch meine Geschichte um jeden einzelnen zu warnen Bittet
Gott dass er euch den Frieden des Gewissens erhalte das höchste Gut des
Menschen«
Niemand antwortete ihm nur Robert drückte ergriffen seine Hand Er verstand
ja jetzt weshalb ihn der alte Mann so eindringlich gebeten hatte nach Hause zu
reisen und die Verzeihung seines Vaters zu erbitten er freute sich dem
einsamen Unglücklichen wirklich teuer geworden zu sein
»Du stirbst nicht Onkel Mohr« sagte er zuversichtlich »Im Gegenteil nun
hast du alles einmal von der Seele herunter gesprochen und nun wird dir
leichter und besser zumute werden«
Der Alte nahm den Kopf des Jungen zwischen seine beiden Hände und küsste ihn
auf die Stirn »Leb wohl Kind« sagte er langsam »leb wohl du hast mich mit
dem Leben wieder ausgesöhnt hast noch einen letzten Schimmer von Liebe und
Vertrauen wieder aus der Gemeinschaft der Menschen zu mir dem Ausgestossenen
herübergebracht Sei gesegnet«
Ein lauter Ausruf des Obersteuermanns unterbrach die Stille die den Worten
des alten Matrosen gefolgt war
»Alle Mann an Deck Klar zum Wenden« schrie Renefier wie außer sich das
Ruder ergreifend in vergeblichem Bemühen die Galliot in den Wind zu drehen
Der Mann am Ruder zufällig sein erbittertster Gegner wollte seinem Befehl
nicht gehorchen und verteidigte mit beiden Fäusten den Platz »Rufen Sie den
Kapitän hierher« schrie er
Der Obersteuermann musste aber seiner Sache sehr sicher sein er schien jeden
Augenblick für kostbar zu halten denn er kehrte sich plötzlich von dem
widerspenstigen Matrosen ab und wendete das Schiff mit flatterndem Topsegel
indem er die Hauptbrasse schießen ließ Dann befahl er der Mannschaft das große
Segel zu reffen aber keiner wollte gehorchen Was hatte den sonst so ruhigen
und besonnenen Obersteuermann plötzlich aus der Fassung gebracht Meer und Wind
waren still keine Gefahr weit und breit was wollte er eigentlich
Er selbst benahm sich wie ein Wahnsinniger »Van Swieten« schrie er »Van
Swieten komm um Gotteswillen herauf In wenigen Minuten geht es um unser Leben
wenn deine Leute nicht gehorchen«
Unwillkürliches Entsetzen packte die Matrosen Nur Mohr stand aufrecht mit
gekreuzten Armen »Es kommt« sagte er leise »es kommt Herr sei ihnen
gnädig«
Robert stürzte an ihm vorüber zur Kajütentür »Herr Kapitän Herr Kapitän
Sie müssen an Deck kommen«
Van Swieten war wie gewöhnlich halb betrunken und fuhr aus ahnungslosem
Schlaf auf »Zum Teufel Junge was schreist du Willst du das Tauende kosten«
»Van Swieten« rief wieder der Obersteuermann »komm und gib mir das
Kommando zurück oder wir sind alle verloren Das Schiff steuert in voller Fahrt
auf die Kubariffe los«
Van Swieten taumelte an Deck »Was sagst du da Renefier
Geh in deine Kajüte und sei still Wo ist der zweite Steuermann«
Der Gerufene erschien mit bleichem ängstlichem Gesicht Er verteidigte sich
nicht als ihn der Obersteuermann bei beiden Schultern packte und derb
schüttelte
»Hast du den Standort aufgenommen Bursche Kannst du das überhaupt Wo
ist deine Höhenberechnung«
Die Zähne des jungen Menschen schlugen hörbar aufeinander »Ich weiß es
nicht« stammelte er »ich ich verließ mich auf den Herrn Kapitän«
»Da haben wirs Van Swieten siehst du jetzt was deine Gewaltmassnahme
angerichtet hat Wir sind alle verloren«
Da ertönte ein halb erstickter Ruf vom Ausguck her »Scharf wenden
Brandungsfelsen dicht am Bug«
»Nieder mit dem Ruder« rief Renefier dessen Geistesgegenwart ihn nie
verließ »Nieder damit«
Der Befehl wurde befolgt aber die Galliot verlor Fahrt streifte einen
schaumbedeckten Felsen und lief mit dem Heck auf ein Riff
Jetzt herrschte allgemeine Bestürzung Die Segel flatterten um die
knarrenden Masten die Taue rissen und peitschten umher die Brandung heulte
der Rumpf dröhnte die Leute schrien Da rief van Swieten wahrscheinlich nur um
sich Ansehen zu verschaffen mit lauter Stimme »Den Anker los« der
sinnloseste Befehl der überhaupt gegeben werden konnte
Der Anker schoss herab so dass sich das Fahrzeug vor ihm drehte und plötzlich
stillstand Niemand dachte daran die Segel zu reffen und so die Kraft der über
Deck gehenden Sturzwellen zu vermindern
Niemand sah es dass die Stelle an der eben noch der alte Matrose gestanden
hatte leer war
»Renefier« sagte van Swieten mit unsicherer Stimme »ich bitte dich in
Gegenwart meiner Leute um Verzeihung Du hast das Kommando an Bord«
Der mürrische Holländer antwortete keine Silbe darauf gab aber sofort seine
Befehle Sämtliche Segel wurden gerefft und die Anker aufgehievt um das heftige
Stampfen des Schiffes abzuschwächen Bei Tagesanbruch ließ Renefier ein Boot
bemannen und untersuchte selbst die Lage Die Galliot war mit der Flut über den
äußeren Saum des Riffes hinausgekommen und ziemlich tief in die Zacken der
Korallen eingedrungen
Totenstille herrschte an Bord als das bekannt wurde Van Swieten unfähig
den Schlag zu ertragen verbarg das Gesicht in beiden Händen und weinte
»Peilt die Pumpen« tönte Renefiers ruhiges Kommando
»Zehn Zentimeter Wasser im Schiff« meldete nach kurzer Pause der
Zimmermann
Der Obersteuermann erbleichte Die Galliot hatte also ein Leck und die
Ladung war auf jeden Fall verloren
»Vier Mann an die Pumpen« rief er »Das große Boot herunter«
Alle seine Befehle wurden jetzt mit unglaublicher Eile befolgt Es gab für
die Mannschaft der gestrandeten Galliot nur noch eine einzige Hoffnung auf Hilfe
und Erlösung aus dieser schrecklichen Lage nämlich eine Insel die nicht weit
von dem Riff aus dem Meer hervorragte
Das unglückliche Schiff lag fast in ihrem Schatten Wenn es möglich war
dorthin wenigstens die kostbaren Schmuggelwaren zu retten so ging doch nicht
alles verloren und man konnte hoffen mehr als das nackte Leben zu retten Ein
anderes Fahrzeug zu erwarten wäre vergeblich gewesen da ja kein Schiff der
gefährlichen Stelle nahe genug kommen würde um die Galliot zu sichten
»Los van Swieten« ermunterte Renefier »nimm fünf oder sechs Mann und
untersuche die Insel Wenn es dort irgendeinen Schutz gibt so müssen wir mit
dem Boot unsere Ladung hinüberschaffen und die Antje Marie ihrem Schicksal
überlassen Je früher wir anfangen desto mehr wird gerettet werden«
Der Kapitän sah aus wie ein Bild der Verzweiflung Gerade auf diese Reise
hatte er so große Hoffnung gesetzt gerade diesmal hatte er fast sein ganzes
Vermögen zum Ankauf der teuersten Waren verwendet um auf einen Schlag Tausende
zu verdienen Freunde und Mittelsmänner alle gut bezahlt hatten ihm in
Hamburg in Holland in Spanien und auf Kuba die Wege geebnet hatten ihm in die
Hände gearbeitet und das ganze Unternehmen gesichert jetzt war alles vorbei
»Mein Schiff« ächzte er »mein Schiff«
»Das ist verloren« sagte der Obersteuermann »Ergib dich van Swieten und
rette was noch von der Ladung geborgen werden kann«
Der Kapitän fuhr auf Es sah aus als sei der gutmütige immer lächelnde
Mann in wenigen Stunden ein Greis geworden Die Augen lagen wie erloschen in
ihren Höhlen die Haut war aschfahl die Hände zitterten leise
»Wo ist Mohr« fragte er halblaut
Die Matrosen schwiegen nur Robert konnte den Kummer um den alten Freund
nicht verbergen Ein lautes Schluchzen beantwortete die Frage
Van Swieten nahm die Mütze vom Kopf »Wenn du ein paar Hände frei hast
Renefier so lass die Flagge für ihn halbmast setzen« sagte er nach einer Pause
»Gib seinem Andenken die Ehre die wir der Leiche erwiesen hätten wenn Mohr in
unserer Mitte gestorben wäre Die Antje Marie ist ja leckgelegt auf immer«
Und sei es im bitteren Bewusstsein des erlittenen schweren Schadens sei es
in der Erinnerung an den Gefährten eines halben Menschenlebens der nun tot war
van Swietens Stimme brach als er die letzten trostlosen Worte sagte Er ging
in die Kajüte und schloss sich ein
Vier Mann wurden bestimmt die Insel zu untersuchen Robert drängte sich
dazu als die Leute das Boot bestiegen Von Wache und Ablösung war ja nicht mehr
die Rede er sah bittend in das finstere Gesicht des Obersteuermanns
Renefier nickte stumm Er hielt zwar besser als der Kapitän dem Unglück
stand aber im innersten Herzen empfand er die gleiche Verzweiflung Sein Auge
folgte dem Boot als ob es einem Sarge folgte mit trübem und hoffnungslosem
Blick
Die fünf Männer landeten nach kurzer Fahrt an einer seichten Stelle wo sich
das Boot bequem an überhängende Baumstämme binden ließ Ein wahres Paradies
öffnete sich ihren Blicken ein Fleck Erde so schön und malerisch wie ihn
keiner von ihnen je gesehen hatte Palmen ragten zum Himmel empor große bunte
Blüten rankten sich um ihre schlanken Stämme und unzählige Vögel wiegten sich in
den Zweigen
»Wie wunderbar wie schön« rief Robert
»Hm« meinte einer der Matrosen »das ginge schon an wenn nur nicht
vielleicht hinter den nächsten Bäumen so eine Bestie lauert die uns als
Frühstück in den Schnabel zu nehmen beliebt Das würde ich mir verbitten«
Robert lachte Er hatte den naturgeschichtlichen Unterricht seines alten
Pinneberger Lehrers noch zu gut behalten um auf Kuba oder den umliegenden
Inseln Raubtiere zu fürchten »Hier gibt es keine Bestien« antwortete er »nur
Skorpione und Taranteln die aber nicht so gefährlich sind wie man es meistens
von ihnen behauptet nur in den Sümpfen leben viele Krokodile«
»Was der Kerl alles weiß Ist es wahr Junge kann man sich darauf
verlassen Sonst holen wir uns doch lieber vom Schiff ein paar Gewehre«
»Ist nicht nötig Speckesser Lass uns nur ruhig ausspüren wo sich ein
Versteck befindet Aha eine Quelle hätten wir schon«
»Kommt mal her« rief ein anderer »seht mal was ist das Ein Kürbis
glaube ich«
Robert pflückte eine der reifsten Früchte und biss herzhaft hinein »Ach«
rief er »das schmeckt aber anders als Erbsen und Speck Es ist eine Ananas
sage ich euch in Europa die teuerste Frucht die es gibt«
Jetzt machten sich die Matrosen darüber her »Junge du sollst Professor
heißen« erklärte der »große Russe« »Deine Gelehrsamkeit hat uns zu diesem
Leckerbissen verholfen und dafür müssen wir dich belohnen«
»Wollen aber doch den Kameraden welche mitbringen« rief kauend der
Speckesser »Ach Gott hätte man doch eine Schiffsladung von den Dingen die
hier wild wachsen und säße damit in Hamburg wie schön wäre das«
»Nichts auf Erden ist vollkommen« schaltete der vierte ein »Lasst uns jetzt
aber schnell machen damit der Alte bei Laune bleibt Zu sagen hat er uns
freilich nicht mehr viel und an eine richtige Heuer ist auch schwerlich zu
denken«
»Vorwärts« drängte Robert dem bei der Erinnerung an das Schiff und an den
toten verlorenen Freund die Ananas nicht mehr schmeckte »Vorwärts Zuviel von
den frischen Früchten dürfen wir nicht essen sonst gibt es böse Folgen Das
Klima ist nicht gerade gesund am wenigsten für uns Nordländer«
Die Leute lachten und setzten sich wieder in Marsch Robert schnitt mit dem
Taschenmesser hier und da ein Stückchen Baumrinde herunter »Um den Rückweg zu
finden« sagte er
»Bravo Professor Denkst wohl an das Märchen von Hänsel und Gretel die
Erbsen auf den Weg streuten als sie heimlich in den Wald gingen wo die Hexe
wohnte«
»Ach« sagte ein anderer und blieb stehen um über das Meer zu sehen »ach
sprecht nur nicht von den deutschen Märchen das macht das Herz schwer Ich
habe ja auch zu Hause solche Hänsel und Gretel die auf den Vater warten dass er
ihnen Brot bringt Wenn wir nun niemals von hier erlöst würden oder wenn wir
ganz mit leeren Händen irgendwo an Land kämen ohne Geld ohne Kleidung ohne
Heuer«
Keiner antwortete ihm aber die gute Laune war verscheucht selbst bei
Robert Er ging voran durch das blühende duftende Gewirr von Pflanzen und
Blumen durch das Gras und das weiche grüne Moos Er war ganz still geworden
seit der Matrose von der Heimat gesprochen hatte Jetzt war es zu Hause Abend
und die alte Mutter betete vielleicht in diesem Augenblick dass Gott ihr Kind
beschützen möge dass er es erhalte und vor Gefahren behüte
Lautlos gingen sie weiter Jeder hatte ja daheim seine Lieben jeder fragte
sich ob er sie wiedersehen werde
So waren sie etwa eine Viertelstunde gegangen als sich der Boden zu erhöhen
begann und der Pflanzenwuchs weniger üppig schien Dafür aber entdeckten die
Matrosen einen überhängenden ziemlich breiten Felsvorsprung auf dessen Kuppe
das Moos in langen Flechten wucherte und der unter seiner gewölbten Decke der
kostbaren Ladung des gestrandeten Schiffes guten Schutz bieten konnte Von allen
Seiten offen hatte die Stelle nur ein Dach aber das war auch alles was man
brauchte und sofort wurde der Rückweg angetreten Jetzt hob sich die Stimmung
der Leute An Bord waren Lebensmittel für viele Wochen für Monate sogar und
wenn einige Tage an dem überhängenden Felsen gezimmert wurde so hatte man gegen
den Regen hinlänglichen Schutz Einmal musste ja auch ein Schiff in Sicht kommen
»Holla Jungens« rief der große Russe »nun lasst uns alle Segel setzen dass
wir die Ladung erst einmal hier verstauen Zuerst die Lebensmittel«
»Frisches Wasser fließt an unserem zukünftigen Hotel unmittelbar vorüber«
sagte der Speckesser »wir werden also Herrentage haben besonders wenn auch
ein bisschen Jagd betrieben werden kann Diese weißen und blauen Vögel scheinen
mir zum Fasanengeschlecht zu gehören«
»Und Fische gibt es auch« fügte Robert hinzu »Wenn wir nur erst alles hier
hätten Sechs Mann müssen ja ununterbochen bei den Pumpen bleiben«
»Der Zimmermann soll Flösse zusammenschlagen dann geht es«
Man hatte sich der Küste wieder genähert doch plötzlich legte Robert den
Arm auf die Schulter des Speckessers
»Was ist das Ein fremdes Boot am Schiff«
Alle sahen hinüber Wirklich lag seitwärts der Galliot ein großes
Fischerboot und an Deck standen mehrere Männer in roten Flanelljacken Van
Swieten und Renefier sprachen mit den Leuten
»Wo kommen die Kerle her«
»Wer sind sie und was wollen sie auf der Galliot Das scheint mir viel
wichtiger«
»Ob wir uns zu der Beratung melden«
»Wollen wir etwa die Kameraden im Stich lassen«
Ohne länger zu zögern drangen die fünf zu ihrem Boot vor und ruderten so
schnell wie möglich an das gestrandete Schiff heran Als sie das Deck betraten
gab ihnen Renefier heimlich ein Zeichen zu schweigen worauf der Speckesser in
gleichgültigem Ton sagte »Wir haben Wasser gefunden Herr Obersteuermann«
»Es ist gut Ich werde später weitere Anweisungen geben«
Dann setzte er seine Unterhaltung mit den Fischern wieder fort
Robert verstand natürlich davon keine Silbe aber später erfuhr er durch den
Kapitän selbst um was es sich handelte Die Fischer hatten angefragt welche
Ladung im Raum der Galliot verstaut sei und was man bezahlen wolle wenn sie mit
ihrer Bark die an einer entfernten Stelle vor Anker lag sämtliche Waren nach
Havanna beförderten
Van Swieten besann sich nicht lange Sein Plan war bald gemacht Er bewies
durch die Schiffspapiere dass sich Mehl und Fleisch an Bord befanden dass er
also bei einer so wenig wertvollen Ladung für den angebotenen Transport
höchstens zweihundert Dollar zahlen könne Darauf gingen die Fischer nach
einigem Handeln ein und versprachen am folgenden Morgen mit ihrer Bark zur
Stelle zu sein
Nachdem die beiderseitigen Bedingungen zu Papier gebracht waren zogen die
Spanier ab
Van Swieten hatte kaum die nötigen Abschiedsgrüsse gewechselt als er sich
händereibend zu den Matrosen wandte »Kinder« sagte er »das geht bei allem
Unglück noch besser als ich dachte Nun zeigt dass ihr Kerle seid und es soll
euer Schade nicht sein Wir müssen alle wertvollen Waren hier auf der Insel
unterbringen um sie den Spaniern zu entziehen sonst fordern die Kerle
mindestens das Sechsfache für die Überfahrt Bin ich erst einmal in Havanna so
habe ich Freunde genug um die Sachen hinüberzuschaffen«
Die fünf Abgesandten berichteten nun was sie gefunden hatten und sowohl
van Swieten als auch Renefier schienen zufrieden zu sein Es wurden in größter
Eile Vorbereitungen getroffen um die Schmuggelwaren an Land zu verstecken
Von den vierzehn Mann an Bord der Galliot mussten sechs die beiden Boote mit
den erforderlichen Lebensmitteln mit Werkzeugen und Geräten beladen dann
nachdem diese Dinge hinübergeschaft waren folgten die Waren und ehe es Abend
wurde hatten die Matrosen fast alles geborgen was dem Kapitän besonders
wertvoll oder wichtig erschien
»Morgen mit Tagesanbruch fahren wir noch einmal« bestimmte der Kapitän
»und dann bleiben drei von euch auf der Insel als Wache zurück Wer dazu Lust
hat kann sich melden Ich verpflichte mich euch innerhalb acht Tagen abzuholen
und gebe Verpflegung und Wein soviel ihr wollt nur dürft ihr das Versteck der
Waren nicht verraten sondern müsst wenn euch die Fischer aufspüren sollten
irgendein Märchen erfinden Nun wer will«
Robert trat mit der Mütze in der Hand vor Seine Augen baten so
eindringlich dass Worte gar nicht nötig waren »Herr Kapitän bitte lassen Sie
mich mitgehen«
Van Swieten lächelte »Meinetwegen du Schlingel Willst gern ein bisschen
Robinson spielen nicht wahr Na geh nur mit In Havanna finden wir uns
hoffentlich auf einem neuen Schiff wieder zusammen wenn es auch nicht die arme
brave Antje Marie ist und wenn wir auch den alten Geisterseher nicht mehr bei
uns haben Gott gebe ihm die ewige Ruhe amen«
Dann wurden die beiden zum Bleiben auf der Insel bestimmten Matrosen
ausgewählt Mohrs Seekiste kam als Roberts Eigentum in die Kapitänskajüte um
zunächst der Gefahr entzogen zu werden man peilte nochmals und fand dass das
Wasser im Raum nicht gestiegen war dann ging die Mannschaft zur Koje
Robert schlief nicht Zuviel stürmte auf ihn ein zu viele Gedanken frohe
und traurige beschäftigten ihn Die acht Tage auf der Insel sollten ihm zu
einem einzigen Freudentag werden Was er sich jemals Märchenhaftes und
Abenteuerliches ausgedacht hatte sollte jetzt Wirklichkeit werden In Pinneberg
veranstalteten ja schon die größeren Jungen so gern allerlei Räuberspiele sie
führten untereinander Krieg auf den Inseln im Mühlenteich und in der Aue wobei
Robert jedesmal der Anführer gewesen war aber was war das gegen die Freude
in einer wirklichen Wildnis zu leben in unbekannte Gegenden vorzudringen und
Neues immer Neues zu sehen
Sein Herz hüpfte vor Freude und wäre es nicht das Bild des alten Mohr
gewesen das zuweilen wie ein Schatten auftauchte so würde der Junge heimlich
den Schiffbruch der Galliot als ein sehr frohes Ereignis bezeichnet haben Aber
die Erinnerung an den verlorenen Freund kam immer wieder zurück mischte sich in
jede Hoffnung jede Freude er konnte sie nicht zurückdrängen sooft er es auch
versuchte
Wo mochte jetzt die Leiche sein Vielleicht von den Haien gefressen
vielleicht treibend im weiten Weltmeer
Roberts Augen wurden feucht als er an den Alten dachte Ja sein Wunsch
sollte erfüllt werden in Havanna wollte er nach Hamburg anmustern und mit den
Ersparnissen des unglücklichen Menschen nach Hause zurückkehren Er wollte
später von Mohrs Erbe das Steuermannsexamen machen ja und wenn er einmal ein
Schiff besaß so sollte es »Der Geisterseher« heißen zum Andenken an den
verlorenen Freund
Allmählich schlief er ein Wunderbar ruhig und still war die Tropennacht
Kein Hauch keine Welle bewegte das Wasser Hoch oben am Himmel glänzte der
Vollmond und im Meer spiegelte sich sein helles lächelndes Rund
Träumte Robert oder wachte er als er zu hören glaubte dass sich das Deck
mit Männern anfüllte dass ein Ringen und Stampfen ein Ächzen und Fluchen die
Stille der Mitternachtsstunde unterbrach
War es Wirklichkeit dass er die Männer an den Pumpen gefesselt an Deck
liegen sah und dass die fremden Gestalten ihre Arbeit übernommen hatten während
andere den Kapitän und den Obersteuermann gebunden in ein Boot schleppten
Robert fuhr auf und sah hart neben sich das braune bärtige Gesicht eines
der Fischer Noch war er selbst nicht bemerkt worden und sein Verstand riet
ihm sich vollkommen regungslos zu verhalten Was konnte der Überfall bedeuten
Das Rätsel sollte bald gelöst werden Er hörte wie van Swieten und Renefier
in deutscher Sprache miteinander verhandelten »Die Schurken« knirschte der
Kapitän »die verfluchten Schurken«
Renefier seufzte »Du bist an allem schuld« gab er zurück
Ein lautes Rufen der Spanier übertönte seine Worte Sie schnatterten
durcheinander und begannen im Logis und in der Kajüte zu suchen
Robert horchte angestrengt »Sie können den Jungen nicht finden« sagte van
Swieten »Ich wollte wünschen dass er entkäme«
Es rann heiß und kalt durch Roberts Adern Auf dem Bündel alter Segel das
er sich hinter der Kombüse als Lager eingerichtet hatte war er bis jetzt den
Räubern entgangen aber wie lange würde es dauern bis man ihn entdeckt haben
und mit den andern gefesselt in das Boot schaffen würde
Er durfte nicht zögern Auf der Insel befand sich alles was man für mehrere
Wochen zum Leben brauchte an Bord dagegen kam er in die Gefangenschaft einer
Verbrecherbande
Schnell entschlossen ergriff er ein starkes Tau zog es durch einen eisernen
Ring der Bordwand und ließ sich geräuschlos daran hinabgleiten in das Wasser
Dann zog er um seine Flucht gänzlich zu verbergen das Tau schleunigst nach und
schwamm in langen Zügen der Insel zu
Niemand entdeckte ihn keiner der Räuber ahnte etwas Das Boot mit der
gefangenen Mannschaft stieß ab als der Junge das Ufer erkletterte Durchnässt
bis auf die Haut allein in der weglosen Wildnis zitternd vor Schwäche und
Anstrengung sah er wie auf dem Schiff die Piraten das Kommando ergriffen hatten
und die Ladung als ihr Eigentum in Besitz nahmen
Als Robert den letzten Schatten des Bootes aus den Augen verloren hatte
sank er von der Aufregung betäubt ohnmächtig zu Boden
Allein
Die Nacht verging und die Räuber arbeiteten eifrig Sie schafften von der
Ladung soviel heraus dass gegen Morgen ihre Bark das fast leergewordene Fahrzeug
ins Schlepptau nehmen konnte
Als die Sonne hoch am Himmel stand war von der »Antje Marie« nichts mehr zu
sehen
Robert erhob sich und nahm alle seine Kräfte zusammen Jetzt war er allein
niemand konnte ihm raten oder helfen niemand hörte ihn er mochte rufen sooft
er wollte Im Anfang erdrückte ihn der trostlose Gedanke machte ihn unfähig
seine Lage ruhig zu überblicken oder für die nächste Zukunft irgendeinen
Entschluss zu fassen dann aber raffte er sich auf um wenigstens etwas zu essen
Der Magen verlangte sein Recht
Mit langsamen Schritten wanderte er am Strand entlang Es war ihm als könne
er dem Meer nicht den Rücken kehren als sei er ganz verlassen wenn erst das
dichte Gebüsch ihn umgab Und vielleicht vielleicht kam ja auch ein Schiff
Er ging weiter und weiter aber nichts zeigte sich Die Küste wurde immer
unwegsamer der Pflanzenwuchs spärlicher je weiter er vordrang auch der Hunger
quälte ihn stärker und der Durst trocknete seine Kehle aus
Zahlreiche Möwen kreuzten über dem Wasser in der heißen Luft Krebse und
Krabben bewegten sich am Ufer sonst war alles öde und totenstill
Robert fühlte es er musste jetzt essen oder er würde ohnmächtig werden
Schnell entschlossen wandte er sich und ging zurück zu dem ersten Ankerplatz des
Bootes um von dort aus die Stelle zu erreichen wo er Wasser und Nahrungsmittel
finden konnte Wohnten die Räuber auf dieser Insel und hatten sie das Versteck
der Strandgüter schon entdeckt so war er verloren aber Robert ergab sich in
das Unvermeidliche Er hatte alle Hoffnung fallen lassen
Mit brennendem Kopf beugte er sich über die Quelle die er schon am Vortage
entdeckt hatte und trank in langen durstigen Zügen Er wusch erst Gesicht und
Hände dann aber zog er sich aus und sprang ganz ins Wasser
Es war als ob er plötzlich von einem Teil seiner Sorgen und Befürchtungen
befreit sei Er schwamm bald auf dem Rücken bald mit den zahlreichen
langbeinigen Wasserspinnen lustig um die Wette obwohl dabei der Hunger nur
immer grimmiger zu toben begann Aber das schadete ja nicht er besaß zu Essen
genug um den knurrenden Gesellen zu befriedigen und daher gab er sich dem
Vergnügen des Badens erst einmal ungestört hin Dann schüttelte er den Staub aus
seinen Sachen rieb und reinigte sie so gut wie möglich und lief neu gestärkt
auf dem gestern bezeichneten Pfad durch das Gebüsch um zu dem Stapelplatz der
Waren zu kommen
Etwas schlug ihm aber doch das Herz als er näher kam Wenn vor ihm die
Räuber dagewesen waren und alles weggenommen hatten
Dann konnte er Melonen essen Ananas Bananen rohe Krabben und verschiedene
kleine Beeren die an den Büschen wuchsen weiter blieb ihm nichts übrig Wenn
sich der Magen gegen diese Kost sträubte so kamen Krankheit und Tod und deckten
alles zu Vergangenheit und Zukunft
Er schlich und lauschte er spähte durch die Zweige angstvoll und hoffend
zugleich
Aber es war zum Glück kein Mensch dagewesen Alles lag und stand wie es
gestern die Matrosen übereinandergestapelt hatten tiefer Friede ruhte auf der
ganzen Umgebung
Robert nahm mit erleichtertem Herzen von seiner künftigen Wohnung Besitz Er
musste sich einrichten musste sich den Verhältnissen anpassen und wie ein
Geizhals den vorhandenen Vorrat verwalten das wusste er
Aber noch hatte es keine Not Da waren Erbsen Reis Bohnen Pökelfleisch
Speck und Mehl Ferner fand er mehrere Angeln einen Spaten ein Fässchen Salz
eine kleine Kiste mit Zündhölzern und Kochgeräte also schien für den Magen gut
gesorgt Bei näherer Umschau entdeckte er noch eine Kiste mit Schiffsbrot und
als seine Zähne tapfer das harte Gebäck zerbissen wunderte er sich wie
ausgezeichnet es schmeckte Ein tüchtiges Stück Speck eine halbe Ananas und ein
Glas Wein vollendeten das sonderbar zusammengesetzte Frühstück dann stützte
Robert den Kopf in die Hand und fing an nachzudenken
Wo mochten jetzt seine Kameraden sein Lebten sie überhaupt noch
Wahrscheinlich lagen alle gefesselt auf dem Boden des Meeres wahrscheinlich
waren alle tot die Männer in deren Mitte er die Heimat verlassen hatte
Ganz allein hatte ihn das Schicksal dem Strand der unbewohnten Insel
zugeführt ganz allein war er zurückgeblieben ohne einen Freund einen
Menschen mit dem er sprechen konnte
So hatte er die alten Eltern zurückgelassen so verließen ihn die Menschen
Er sprang auf und ging ins Freie Krank durfte er nicht werden dann war
alles verloren Er musste wieder an den Strand gehen und nach Rettung Ausschau
halten darin lag seine einzige Hoffnung Es graute ihn sooft er das Gebüsch
und die aufgestapelten Vorräte erblickte Wenn das alles verzehrt war und noch
kein Schiff ihn bemerkt hatte was dann
Er ergriff eine große Wolldecke und wickelte sie zusammen Zwischen zwei
Bäumen am Ufer ausgespannt konnte sie vielleicht als Notzeichen dienen
vielleicht führte sie ein Schiff an die Küste das ihn aufnahm
Er dachte nicht daran dass auch die Räuber so sein Versteck finden und ihn
plötzlich überfallen konnten Das Gefühl des Verlassenseins ließ ihn noch zu
keiner klaren Überlegung kommen Beladen mit der Decke einem großen Stück
Segeltuch einer Rolle Garn und etwas Mundvorrat machte er sich auf den Weg um
den Strand wieder zu erreichen Das brandende Meer war doch nicht so entsetzlich
einsam wie der schweigende Wald
Aber er ging diesmal einen andern Weg Anstatt sich ganz links zu halten
bog er rechts ab und brauchte etwas mehr Zeit bevor er ans Ufer kam Hier
spülten die Fluten in tiefe Buchten hinein und die Gegend wurde mit jedem
Schritt schöner War an der entgegengesetzten Seite der Insel das Meer von
großartiger überwältigender Schönheit brach dort donnernd die Brandung an die
höhergelegene Küste so spielte es hier murmelnd und flüsternd wie ein stiller
träumender See unter dem Schatten uralter tief herabhängender Baumzweige rings
umgeben von weiten duftenden Blütenfeldern
Schmale Landzungen liefen zu beiden Seiten langgestreckt bis tief in das
Meer hinaus daher war es so still und friedlich am Strand daher verloren sich
die letzten Wellen des Ozeans hier still unter den Zweigen der Bäume
Robert sah auf Über der schmalen Bucht wölbten sich verschlungene Ranken zu
einer Kuppel Einzelne Sonnenstrahlen durchdrangen das dichte Gewinde leichter
spielender Südwind bewegte die weißen und purpurnen Blüten und die Vögel
sangen
Robert ging mit leisen Schritten durch das Gras Es war ihm wie in einer
Kirche wie damals als er in dem weltabgelegenen kleinen Heimatdörfchen
Rellingen vor dem Altar stand und eingesegnet wurde Der Pfarrer hatte ihn
gefragt ob er ein guter wahrhafter und ehrlicher Mensch bleiben wolle
Sonderbar auch diese Baumwipfel diese hüpfenden Sonnenstrahlen diese
Urwaldstille schienen dasselbe zu fragen Robert legte das Gesicht an den
schlanken Stamm einer Palme und umfasste das Holz als sei es ein lebendes
fühlendes Wesen Er dachte an Mohr an den toten geliebten Freund dessen Augen
er immer vor sich sah Armer alter Mann wie glücklich war dein Sterben gegen
das deiner ermordeten Kameraden
Robert erinnerte sich so lebhaft des Toten dass er ihn zu sehen glaubte
Dort unten wo die Schatten tiefer fielen im grünen Blattwerk der
Schlingpflanzen von Orangen und Palmen überragt war es nicht des alten
Freundes ernstes Gesicht Roberts Knie zitterten Er bog das Gebüsch zur Seite
und schlich näher mit pochendem Herzen leise als beträte er einen Tempel
Ja es war Mohr dessen Leiche der Tod an die Erde verzeihend zurückgab
nachdem er um seiner Tat willen sein ganzes Leben die Menschen geflohen hatte
Robert trat ganz nahe an die Leiche heran und zog sie mit Aufbietung aller
seiner Kräfte ganz auf den Strand Er sah voll Rührung in das stille Gesicht des
Toten ein Gefühl als sei er nicht mehr so ganz verlassen und allein
bemächtigte sich seiner Nun konnte er von dem Freund Abschied nehmen
Robert hatte nie eine Leiche gesehen Er handelte wie unter dem Einfluss
einer höheren Gewalt wusch und reinigte zuerst das Gesicht seines alten
Freundes von Blättern und Fasern dann legte er den Kopf auf ein Polster aus
dichtem blühenden Moos und faltete des Toten Hände
Obwohl er nie gesehen hatte wie man eine Leiche bettet so sagte ihm doch
das natürliche Gefühl was hier im Augenblick richtig und der Würde des Toten
angemessen sei
Nach dreißig Jahren zum erstenmal wieder an Land auf dem festen Boden der
Erde aber nur um ein Grab zu finden
Er streichelte das kalte Gesicht er sprach in Gedanken mit dem teuren alten
Mann und vergaß während dieser stillen Feier des letzten Abschieds dass er ganz
allein auf einer unbewohnten Insel im Weltmeer war
Er verstand jetzt weshalb sich der Alte zu ihm so besonders hingezogen
fühlte er sah mit hellerem Blick in seine und in die eigene Vergangenheit
Ernster wurden seine Gedanken immer klarer die Erkenntnis seiner Schuld
Vielleicht sah er Vater und Mutter nie wieder vielleicht war der Wind der
spielend die Zweige und das Wasser bewegte auch über ihre Gräber dahingeweht
sie hatten es nicht ertragen können dass ihr einziges Kind so lieblos gehandelt
hatte Und dann ja dann war er ihr Mörder wie der alte Mann dem ein einziger
Augenblick der Leidenschaft die Waffe in die Hand gedrückt hatte
Der Gedanke war schrecklich
Und ohne zu wissen was er tat ohne zu wollen oder zu überlegen beugte
Robert die Knie und betete »O Gott im Himmel gib dass dies nicht geschehe«
Die Sonne stand schon hoch am Himmel es wurde Zeit das schwierige Werk zu
beginnen Robert entkleidete den Toten wusch ihn und hüllte ihn in die Tücher
die er zu ganz anderem Zweck mitgebracht hatte Dann ging er auf dem kürzesten
Weg zu seiner Niederlassung zurück und holte einen Spaten um das Grab
auszuheben
Die Arbeit war nicht leicht aber Robert hätte um keinen Preis den toten
Körper seines alten Freundes unbeerdigt gelassen Er grub und grub bis sich der
Tag neigte und bis ihm die Hände bluteten dann legte er mit großer Anstrengung
so gut es ging die Leiche in ihr letztes Bett Das Grauen überwindend sprang
er in die Grube und brachte den Körper in die richtige Lage Noch einmal suchte
seine Hand die Rechte des Toten »Schlaf wohl lieber alter Freund«
Und dann begann er das Grab zu füllen
Schaufel auf Schaufel fiel hinunter und endlich war es getan Robert
wünschte sehnlichst irgendein Andenken ein Erinnerungszeichen anzubringen
aber nach längerem Überlegen ließ er den Plan fallen Kamen die Räuber an den
Strand so konnten sie durch den Anblick des frischen Grabes sehr leicht
veranlasst werden die ganze Insel zu durchsuchen und was noch weit schlimmer
war sie konnten das Grab selbst durchwühlen um sein Geheimnis zu erforschen
Nein ein Kreuz durfte Robert nicht befestigen das sah er ein
Er trat die aufgeworfene Erde herunter und legte Moos auf die Stelle dann
ging er langsam durch das Gebüsch zurück oft nur mit Mühe die eingeknickten
oder quer über den Weg gelegten Zweige wiederfindend an denen er sich vorwärts
tastete Es war fast dunkel als er sich im Hintergrund der Höhle aus Wolldecken
und Segeln ein Lager bereitete sich darauf ausstreckte und sofort einschlief
Am folgenden Morgen begann er sich einzurichten und einen festen Tagesplan
zu entwerfen Bevor er seine Lage überdachte und seinen Tag den Verhältnissen
gemäß einteilte wollte er erst seine Wohnung gemütlich herrichten erst
Ordnung schaffen und aufräumen Wie lange er die Gastfreundschaft dieser Insel
noch in Anspruch nehmen musste das ließ sich ja nicht voraussehen vielleicht
war es für sehr lange Zeit und so wollte sich der Junge auf den schlimmsten
Fall vorbereiten
Mohrs Beispiel stand hell vor ihm Was hatte dieser unglückliche immer
einsame immer seinen furchtbaren Erinnerungen überlassene Mann mit wahrhaft
unerschütterlichem Mut so lange ertragen
Robert sprach in Gedanken mit ihm Er wusste was Mohr gesagt haben würde
»Du bist in diese schwierige Lage ohne dein Verschulden hineingeraten mein
Junge nun ertrage das Übel wie ein Mann und versuche die beste Seite zu sehen
Darin liegt alle Lebensweisheit darauf ruht alles Glück und Gelingen
Verzweifle nicht an dem Unabwendbaren sondern sei immer bemüht dich den
Gegebenheiten anzupassen dann wird alles gut ausgehen«
Mohr hatte während mancher Freiwache wenn die andern würfelten und Karten
spielten mit dem Jungen über ernste Fragen gesprochen hatte so manches Gute in
Roberts empfängliches Herz gepflanzt und das alles trug schon jetzt seine
ersten Früchte
Ein kurzer Rundblick genügte ihm sich über seine nächsten Pflichten
Klarheit zu schaffen Nachdem er gefrühstückt und für das Mittagessen ein
gehöriges Stück Pökelfleisch in kaltes Wasser gelegt hatte begann er die Kisten
auszupacken und von den Brettern eine feste Wand herzustellen Nägel und anderes
Gerät besaß er ja ebenso Bindgarn und Segeltuch daher war die Sache gar nicht
so schwierig besonders weil er sich weder gegen Kälte noch gegen Feinde zu
schützen brauchte sondern nur gegen Regen und Insekten Robert zimmerte und
übernagelte alle Fugen mit Streifen geteerten Segeltuches dann machte er auf
gleiche Weise eine Tür die aber nur kriechend zu passieren war und
außerordentlich vorsichtig behandelt werden musste weil ihr der nötige
Eisenbeschlag fehlte
Vor Mittag hatte er diese Arbeit beendet und konnte sich nun als Besitzer
eines kleinen lichtlosen aber gegen Wind und Wetter geschützten Raumes
betrachten
Sinnend und ausruhend saß er vor dem brodelnden Kochtopf legte sein Gesicht
in beide Hände und wartete auf das Garwerden seines selbstbereiteten Mahles
über das er sich dann mit regem Appetit hermachte Nachdem er gegessen hatte
wählte er sorgfältig aus dem ganzen Vorrat das aus was gegen Feuchtigkeit am
notwendigsten geschützt werden musste nämlich Waffen und Pulver die
unentbehrlichen Zündhölzer Salz Zucker und Kaffee Dies alles brachte er in
die Höhle bedeckte es mit mehreren Segeltüchern und baute dann für die
Lebensmittel einen zweiten kleineren Verschlag den er mit seinen Vorräten
füllte und außerdem mit großen Steinen für etwaige Angriffe hungriger Tiere
unzugänglich machte Das Fleisch in der Tonne bedeckte er mit einem Haufen
frischer grüner Zweige um es möglichst lange geniessbar zu erhalten So war
gegen Abend für das Notwendigste einstweilen gesorgt und als sich Robert noch
aus Moos und Decken ein bequemes Lager gebaut hatte setzte er sich vor seiner
Hütte auf eine übriggebliebene Kiste und überließ sich seinen Gedanken
Er wollte in Zukunft die erste Hälfte jedes Tages den häuslichen Arbeiten
widmen und während der zweiten am Strand Ausguck halten oder die Insel
ringsumher untersuchen um festzustellen wie groß sie sei welche Früchte sie
trug und was sich von der Jagd erwarten ließ ebenso wollte er fischen und
Krebse fangen da doch sein Fleischvorrat schon sehr bald der Hitze erliegen
würde Er untersuchte auch das Kistchen mit Pulver und Blei und überzeugte sich
dass für wenigstens hundert Schüsse gesorgt war
Nur eins beunruhigte ihn Sollte er am Strand ein Notsignal befestigen oder
nicht Die spanischen Bukanier ohne Zweifel Räuber die unter der Maske
harmloser Fischer die gefährlichsten Eigenschaften verbargen wohnten jedenfalls
in der Nähe und mussten schon sehr bald seine Flagge bemerken Was dann geschah
ließ sich mit ziemlicher Gewissheit voraussehen
Und doch war für ihn auch wieder dieses gefährliche Notzeichen die einzige
Hoffnung von der Insel erlöst zu werden Hier landete kein Schiff hierher kam
niemand freiwillig das wusste er recht gut Aber wenn er eine der höchsten
Königspalmen erkletterte und er hatte es bereits versucht es gab schlanke
Stämme die er umfassen konnte dann ließ sich das Zeichen noch immer geben
sobald ein Schiff in die Nähe kam Es fanden sich unter den Waffen zwei
sechsläufige Revolver mit denen jedenfalls die Aufmerksamkeit vorüberfahrender
Schiffe leicht zu erwecken war das tröstete ihn sehr
Nachdem er den Entschluss keine Notflagge zu setzen einmal gefasst hatte
wurde ihm leichter ums Herz Er wusste nun was jeder Tag bringen würde und nahm
sich vor schon morgen einen größeren Ausflug zu machen Vorher aber wählte er
in nächster Nähe seiner Hütte einen jungen Baum und in diesen schnitt er zwei
tiefe Kerben um zu wissen und täglich festzustellen wie lange Zeit er auf der
Insel zugebracht hatte Einen anderen als diesen von Robinson Crusoe erfundenen
Kalender besaß er ja nicht aber es ging auch mit den Kerben ganz gut
Während der Nacht fiel ein starker Regen der Robert zwang sich vor allem
einen größeren Vorrat Brennholz ins Trockene zu bringen Er sammelte alle
Splitter der gestrigen Zimmerarbeit und holte aus dem Innern der dichten
undurchdringlichen Gebüsche mit seiner Axt das trockene Holz hervor Nachdem er
auf diese Weise einen hübschen Vorrat unter das Felsendach gebracht hatte baute
er daneben die Küche oder vielmehr den Herd aus Steinen und Felstrümmern die am
Ufer reichlich vorhanden waren Der Bach gab köstliches frisches Wasser Bananen
und Ananas wucherten überall er brauchte daher lange Zeit für seinen Unterhalt
keine Sorge zu tragen
Er verschob es auf den folgenden Tag die kostbaren Seidenstoffe und
Teppiche des Kapitäns wieder zu verpacken und stapelte fürs erste nur die
Kisten mit Wein und Champagner draußen vor der Höhle übereinander da ja diese
durch den Regen nicht verdorben werden konnten Dann traf er die Vorbereitungen
zu seinem beabsichtigten größeren Ausflug um die Insel
Schwere bis an die Knie reichende Seestiefel hatten die Matrosen für alle
Fälle mit hierhergebracht aber er besaß nichts was einer Tasche oder einem
Korb auch nur im mindesten ähnlich gesehen hätte Seinen Mundvorrat musste er
daher in ein Bündel knoten und auf dem Rücken tragen Er steckte eine Pistole in
die Brusttasche ein kleines Handbeil in den Gürtel und schnitt sich aus dem
Gebüsch einen tüchtigen Knüppel So ausgerüstet trat er seine Entdeckungsreise
an diesmal nach der entgegengesetzten Seite der Insel
Er fand dass das Unterholz dichter und dichter der Pflanzenwuchs immer
üppiger wurde je weiter er sich vom Strand entfernte Die Landschaft stand im
reichen Schmuck tropischer Schönheit während eine Unzahl von buntgefiederten
Singvögeln oft so traulich nahe herankam dass Robert glaubte die Tierchen mit
der Hand greifen zu können
Er bezeichnete rechts und links durch tüchtige Hiebe seinen Weg und fühlte
regelrecht ein Verlangen nach einem kleinen Abenteuer Die Pflanzen die er sah
interessierten ihn alle sehr da er ja aus dem Schulunterricht ihre Merkmale
genau kannte und wusste dass diese breitblätterige zu Tausenden den Boden
bedeckende Staude der Tabak sei dass dort die Indigopflanze blühte und dort der
Kakao Er pflückte die reifen Orangen vom Baum bewunderte die Schoten des
grünen Kaffees und machte endlich bei einer besonders schönen Stelle Halt um zu
rasten und etwas Schiffszwieback zu essen War er nicht in diesem Augenblick ein
zweiter Christoph Kolumbus der ja Kuba vor Zeiten entdeckte und mit seiner
widerstrebenden Mannschaft durchforschte Wie schnell sich doch im
Menschenleben die Verhältnisse ändern Vor kaum vier Monaten noch in dem
kleinen unbekannten Pinneberg ein kleiner unbekannter Schneiderlehrling und
nun ein Ansiedler auf dem klassischen Boden der einst Kolumbus Namen
unsterblich gemacht hatte Roberts Herz schlug höher Wie oft hatte er sich in
die Lage seines Lieblingshelden so lebhaft hineingedacht dass er Schritt um
Schritt seinen Entdeckungszügen folgte und träumend alles miterlebte Jetzt
stand er auf dem Fleck Erde den Kolumbus betreten hatte jetzt endlich blühte
um ihn herum die südliche Pracht der Tropen wohin er sich in Gedanken so oft
gewünscht hatte
In fast heiterer Stimmung setzte er seinen Weg fort Was jetzt den Boden
bedeckte war Zuckerrohr und daher schien einige Vorsicht geboten In der Nähe
dieser Pflanze die auf ganz trockenen Feldern nicht so leicht wild wächst
befindet sich meistens ein Sumpf ein stehendes oder verschlammtes Gewässer und
diese Bayous wie sie der Amerikaner nennt beherbergen Krokodile
Robert wusste dass auf den Antillen das Orinokokrokodil zu Hause ist und dass
es in der Umgebung seines sumpfigen Aufenthaltes kleine Streifzüge zu machen
liebt denen nicht selten sogar Menschen und größere Tiere zum Opfer fallen
er ging daher Schritt um Schritt weiter und suchte erst einmal das Wasser das
er in nächster Nähe vermutete Wirklich sollte ihn seine Erwartung nicht
täuschen Zu seiner Rechten dehnte sich ein schwarzer mit Schlamm und Moos
eingefasster See dessen Oberfläche träge im Sonnenschein dalag und grünlich
überzogen von Wasserpflanzen bedeckt einen widerwärtigen Modergeruch
ausströmte
Frösche quakten in der Tiefe der überhängenden Dickichte kleine Schlangen
glitten wie blitzende Streifen durch das Moos und die lästigen Moskitos waren
hier zahlreicher als an irgendeinem anderen Punkt der Insel
Robert ging weiter jetzt am Rand des verschlammten Sees entlang und prüfte
sorgfältig die Umgebung Nur ab und zu stand zwischen den Stämmen des
Zuckerrohrs ein einzelner Baum sonst war die Gegend flach wenn auch nicht
weniger schön als der Wald Es blühte in allen Farben besonders am Rand des
Sumpfes wo purpurne Blüten an langen Ranken auf dem Boden dahinkrochen und zu
dem eintönigen Grau des trockenen Schlammes einen lebhaften Gegensatz bildeten
Auch Wasservögel schienen hier ihre Heimat zu haben wenigstens sah Robert
einige ganz junge wollige Tierchen durch das Gewirr von Pflanzenresten dürrem
Reisig und lebenden Gewächsen dahinschlüpfen
Er ließ sich leise auf die Knie nieder Wie schön wäre es in der Höhle
einen kleinen Kameraden zu besitzen ein Vögelchen das nach und nach zahm
wurde aus seiner Hand frass und auf seine Stimme hörte Er konnte ihm aus einer
der Kisten ein Wohnhäuschen herstellen konnte es täglich mit Würmern und
Brotkrumen füttern
Dieser Wunsch beherrschte ihn vollständig Er beugte sich über den Rand des
Sumpfes und streckte behutsam die Hand aus
In diesem Augenblick ertönte hinter ihm ein zischender Laut halb ein
Schnaufen halb wie das Schnarchen eines schlafenden Hundes Die Büsche krachten
leise
Robert fuhr auf als habe ihn ein Schuss getroffen Er drehte sich
gedankenschnell nach der Stelle von wo der Laut gekommen war
Hinter ihm kaum zwei Schritte weit entfernt lag zwischen den
Zuckerrohrpflanzen ein Krokodil von etwa drei Meter Länge mit aufgesperrtem
Rachen dessen Hässlichkeit noch durch die kleinen raublustigen Augen mit ihren
drei übereinander liegenden Lidern bedeutend verstärkt wurde
Das Tier schoss im gleichen Moment vorwärts als Robert dessen
Geistesgegenwart ihn die Gefahr der Lage vollständig überblicken ließ einen
Seitensprung machte Er wusste dass die Krokodile an Land feige und unbeholfen
sind und dass sie sich mit ihrem kurzen Hals nur sehr schwer drehen können aber
dennoch blieb immerhin seine Lage bedenklich genug da ihn zur Rechten der Sumpf
am Rückzug hinderte und zur Linken das dichtstehende Zuckerrohr Ohne die
Blicke von seinem greulichen Feind zu wenden arbeitete er sich rückwärts in das
Gebüsch hinein unwillkürlich seinen Knüppel zum Schutz vorstreckend wobei ihm
Hände und Kleidung nicht wenig zerfetzt wurden Das Tier folgte ihm so schnell
es seine kurzen Beine erlaubten Auf freiem Gelände wäre es Robert ein Leichtes
gewesen sich der Gefahr zu entziehen ebenso hätte er auch schießen können
wenn nur die Pistole nicht vorher erst hätte geladen werden müssen dazu aber
blieb ihm keine Zeit
Solange seine Kräfte vorhielten ging alles gut als jedoch die Stämme des
Zuckerrohrs anfingen höher und umfangreicher zu werden als sie seinen
Schultern stärkeren Widerstand entgegensetzten begann sich die Entfernung
zwischen ihm und dem Krokodil langsam zu verringern Er fühlte wie ihm der
Schweiß ausbrach und wie ihm die Füße den Dienst zu versagen drohten
Hätte er nur einen Baum erreichen können Etwas Schiffszwieback und Fleisch
besaß er noch auch die Pistole um das Tier zu erschrecken er musste also
vielleicht die Nacht in den Zweigen des Baumes verbringen und das Krokodil
aushungern indem er es zwang andere Beute zu suchen Aber noch war kein
rettender Stamm in der Nähe
Es begann vor seinen Augen zu kreisen und die Umrisse wurden
verschwommener Seine Schläfen klopften und in seinen Ohren klang es wie das
Brausen des Meeres
Das Schnaufen des Raubtieres erklang in unmittelbarer Nähe er sah kaum noch
deutlich was um ihn herum vorging da stieß er plötzlich mit dem Rücken gegen
einen Baumstamm und jauchzte laut auf vor Freude
Den Stock den er immer noch festgehalten hatte unter Aufbietung seiner
letzten Kräfte dem Untier in den geöffneten Rachen schleudernd flog er
blitzschnell in die Zweige des Mango hinauf Es war zum Glück ein uralter Baum
dessen Äste bis tief zum Boden herabreichten und die nötige Stärke besaßen um
ihn tragen zu können Seine Hände bluteten sein Zeug hing in Fetzen herab und
seine Mütze lag unten zwischen dem Zuckerrohr aber er selbst war vorläufig in
Sicherheit
Mit beiden Armen umklammerte er den Stamm schloss die Augen und ließ seine
Brust wieder zu ruhigem Atmen zurückkehren Eine Frucht des Mangobaumes die
unmittelbar in der Nähe hing und deren Saft er begierig einsog brachte ihm
einige Abkühlung Er trocknete sich die Stirn und blickte hinab Das Krokodil
lag neben dem Baum
Robert öffnete die Jacke und ließ den Wind unter das schweissdurchnässte
Wollhemd dringen er glaubte fast ersticken zu müssen obgleich jetzt die größte
Gefahr vorüber war Das Krokodil blieb vielleicht zufällig in der Nähe doch
jagte es nicht mit Überlegung wie andere an Land lebende Raubtiere sondern
zog sich in seinen Sumpf zurück wenn es das Opfer nicht mehr sah Wenigstens
glaubte sich Robert zu erinnern es so gehört zu haben daher hoffte er dass
sich der schwerfällige Feind jetzt nach kurzer Rast auf die Beine machen werde
Von oben herab zu schießen wäre völlig nutzlos gewesen da eine Kugel an dem
Panzer des Tieres abprallen würde wie an glattem Stahl Nur wenn der Schuss in
das Auge traf konnte er töten
Viertelstunde auf Viertelstunde verrann die riesige Eidechse rührte sich
nicht vom Fleck Robert fühlte dass die knorrigen Äste des Baumes keineswegs ein
angenehmes Ruhekissen waren und dass seine Glieder anfingen zu schmerzen Er zog
die Pistole hervor lud sie und drückte ab dem Feind gerade auf den Rücken
aber ebensogut hätte er ein paar Blätter hinunterwerfen können Das Tier nahm
von dem Knall und von der Kugel durchaus keine Notiz
Robert begann zu klettern um wenigstens nicht fortwährend von den
Baumzweigen gedrückt zu werden Er schwang sich in die höchste erreichbare
Spitze und bombardierte das Tier mit einer wahren Flut von harten halbreifen
Früchten die er ihm alle geschickt auf den Kopf warf aber ohne die erhoffte
Wirkung zu erzielen Das Krokodil beachtete ihn beharrlich nicht
Robert musste sich mit dem Gedanken hier für die Nacht Quartier zu nehmen
endlich wohl oder übel befreunden Nur mit dem Schlafen sah es übel aus da er
nichts besaß um sich festzubinden Aber diese Nacht konnte ja nicht ewig
dauern Er zog seinen Mundvorrat aus dem Tuch hervor und fand den Zwieback zu
Pulver zerrieben das Fleisch aber plattgedrückt wie einen Pfannkuchen Jetzt
musste er doch lachen Seine Berührung mit den Stämmen des Zuckerrohrs hatte die
Verwüstung angerichtet Er aß die größten Brocken und das Beste vom Fleisch und
schüttete dann den Rest auf die Schnauze des Belagerers
Der schien zu schlafen er rührte kein Glied
Und so kam die Nacht heran Robert nahm das Tuch in dem er den Mundvorrat
getragen hatte und prüfte die Stärke Dann band er wenigstens einen Arm an den
nächsten Zweig um zumindest rechtzeitig geweckt zu werden wenn er dennoch
einschlafen und vielleicht fallen sollte So erwartete er die Nacht Regenwolken
verdeckten den Mond Finsternis hüllte alles in ihre undurchdringlichen
Schatten nur die Stimmen der Natur klangen zuweilen aus dem schweigenden Wald
herüber Ein Klatschen des Wassers ein vorüberhuschender Vogel ein Knistern
und Brechen im Unterholz oder gar ein leichter schnell erstickter Angstschrei
das war alles was Robert hörte
Er dachte an Pinneberg an die Eltern und an Mohr seinen lieben alten
Freund dessen Grab er morgen gleich besuchen wollte Das Geld das der
sonderbare Mann während eines halben Menschenlebens zusammengespart und ihm
vermacht hatte war mit allem übrigen von den Räubern gestohlen worden Robert
konnte also nicht mehr daran denken nach Hause zu reisen und sich mit den
Eltern zu versöhnen Sollte er als Bettler ohne einen Groschen oder
irgendetwas das ihm gehörte wieder in das Vaterhaus zurückkehren und bitten
Nehmt mich auf ich bin hungrig und bitte euch um etwas zu essen
Nein dagegen sträubte sich sein Stolz Er wollte vom nächsten Hafen aus
einen langen Brief schreiben wollte alles erzählen was er erlebt hatte
besonders diese letzte Gefangenschaft auf der einsamen Insel und den Verlust des
Geldes damit mussten sich die Eltern vor der Hand begnügen Er dachte so
lebhaft an die Heimat an das kleine niedere Wohnzimmer und die sauberen Möbel
dass er fast glaubte alle diese Dinge vor sich zu sehen War es das Rauschen des
Regens oder sprach dort seine alte Mutter zu ihm Ja gewiss sie tröstete ihn
sie legte die Hand auf seine Stirn und flüsterte Worte voll Liebe
Es wunderte ihn dass sie so plötzlich hier auf der entlegenen Insel bei ihm
stand er begriff nicht wie sie den Räubern entgangen war und dass ihr das
Krokodil kein Leid getan hatte
»Mutter« sagte er leise »der Vater irrt sich wenn er meint dass ich euch
nicht lieb habe gewiss er irrt sich Aber ich wollte ja so gern hinaus in die
weite Welt das war es«
Und in den Blättern spielte der Wind rauschte der Regen
Die Sonne schien hell und lachend auf sein erstauntes Gesicht herab als
Robert am folgenden Morgen erwachte Er blickte um sich steif am ganzen Körper
vor Schmerz aber neugestärkt durch den festen gesunden Schlaf von wenigstens
fünf Stunden Wie der Blitz durchzuckte ihn die Erinnerung an das letzte
Erlebnis des Vortages er sah durch die Zweige herab auf den Boden und prüfte
sorgfältig die Umgebung
Das Krokodil war verschwunden
Er atmete tief auf Jetzt musste er den günstigen Moment benutzen und
schleunigst Fersengeld geben bevor der Feind möglicherweise zurückkam Er
bewohnte höchstwahrscheinlich den Sumpf zur Linken und konnte sich zu einem
Morgenspaziergang veranlasst fühlen also musste Robert auf seiner Hut bleiben
Er kletterte unter grimmigen Schmerzen herab und machte etwa zwei Meter über
dem Erdboden auf einigen stärkeren Ästen Halt um erst die Pistole zu laden
Pulver und Blei hatte er vorsichtigerweise durch eine Blechkapsel vor
Feuchtigkeit geschützt und auch um den Revolver sein Taschentuch gebunden
Beides war in bester Ordnung daher konnte er es getrost wagen mit gespanntem
Hahn den Rückweg aus der Umgebung des Sumpfes anzutreten Schritt für Schritt
drang er nachdem er seine durchnässte Mütze wiedergefunden hatte durch das
gestern niedergetretene Dickicht vor und kam bis an die Stelle wo er den
kleinen Vogel hatte greifen wollen
Das Ufer war hier sehr breit und senkte sich nur ganz allmählich bis zum
Wasser herab Von der Vogelfamilie sah Robert keine Spur auch die Ranken
schienen an mehreren Punkten gewaltsam zerrissen und eine tiefe Erdfurche ging
von oben bis an den grünschillernden Tümpel herab Das Krokodil war also an
dieser Stelle ins Wasser gekrochen
Robert fasste die Waffe fester Jetzt hatte er vier Schüsse und konnte das
Ungeheuer an sich herankommen lassen
Als er etwa zehn Schritte gegangen war bewegten sich vor ihm auf halber
Höhe des Ufers die sonnenverbrannten Halme und raubgierige Augen starrten ihm
entgegen Das Krokodil lag in der Sonne und dehnte die schuppigen Glieder Es
mochte in diesem Augenblick nicht aufgelegt sein sich zu erheben und nach Beute
zu spähen nur die Augen glitzerten mordlustig und die Kinnladen bewegten
sich leise
Robert zögerte nicht lange Er zielte auf die Augen des Tieres und tötete es
fast auf der Stelle Der Körper zuckte noch einige Male der Schwanz schlug in
die Luft und die lippenlosen Kiefer bewegten sich im letzten Kampf dann waren
die Augen gebrochen
Ein Gefühl des Stolzes durchzog Roberts Brust Da lag das riesige Tier von
ihm getötet er hatte ein Krokodil erlegt Wie schade dass sich die Trophäe
nicht aufbewahren ließ Aber so gern er auch den Rückenpanzer abgelöst und
mitgenommen hätte davon musste er doch absehen Nachdem ihn ein Schlag mit dem
Beil auf die Schnauze überzeugt hatte dass das Tier tot sei wagte er sich näher
heran und besah den Körper Der Panzer aus gekielten Schildern war hart wie
Eisen so hart dass Robert auch nicht die geringste Spur seiner ersten
Pistolenkugel finden konnte Die Zunge fand er nachdem er mit dem Beil das Maul
geöffnet hatte ihrer ganzen Länge nach festgewachsen Ohren und Nasenlöcher
hatten verschliessbare Klappen Am Unterkiefer saßen Drüsen die einen
durchdringenden moschusartigen Geruch ausströmten
Robert trennte sich nur ungern von der Hoffnung irgendein Andenken mit nach
Hause nehmen zu können aber er musste doch endlich den Gedanken aufgeben und den
Weg zu seiner Niederlassung antreten Nachdem er noch einen ziemlich großen
Vogel erlegt hatte kehrte er durch das taufrische köstlich duftende Holz ohne
Zwischenfälle zu seiner Behausung zurück
Aber wie war sein Anzug zerfetzt und zerrissen wieviel Flecke hatte er
bekommen Robert seufzte als er sich auf sein Lager streckte und jedes Stück
einzeln untersuchte Endlich schüttelte er den Kopf Auch wenn er Nadel und
Faden gehabt hätte so wäre hier alle Schneiderkunst vergeblich gewesen aber
dennoch musste er der Moskitos wegen heiles Zeug haben Zwar befand sich genug
Segeltuch unter den mitgebrachten Sachen aber keine Schere keine Nähnadel und
kein Zwirn
Er begann seufzend den geschossenen Vogel zu rupfen nahm ihn aus und briet
ihn mit einigen Speckschnitten im Kochkessel Dann kochte er Kartoffeln
pflückte sich einige Ananas und tafelte im Freien vor seinem hölzernen Palast
wie ein König Das Jagdglück von heute morgen die kräftige Mahlzeit und die
weite Wanderung hatten ihn in gute Stimmung versetzt die nur durch den Gedanken
an Jacke und Hose einigermaßen getrübt wurde Wenn das seine Mutter gesehen
hätte sie bei der alles vor Sauberkeit glänzte
Er musste lächeln als er das dachte Waschen ließ sich auch nichts da er
keine Seife hatte Kopfschüttelnd räumte er die Überbleibsel der Mahlzeit fort
und machte sich dann daran eine Angel herzustellen Haken und Schnüre besaß er
glücklicherweise es fehlte also nur der Stock und den lieferte das nächste
Gebüsch in jeder Größe
Robert befestigte sein neues Jagdgerät nachdem er die Angelschnur mit einem
tüchtigen Stück Pökelfleisch daran ins Wasser geworfen hatte an einem Baum und
holte nun nach was durch die unfreiwillige Abwesenheit von seinem Haus
inzwischen versäumt worden war Er schnitt in den Palmstamm die dritte Kerbe
legte frisches Pökelfleisch ins Wasser bedeckte die Tonne mit neugepflückten
Zweigen und räumte die Seidenwaren in ihre Kisten Jetzt hatte er alles
geordnet sogar sein Schlafzimmer von Unkraut und Gras gereinigt und mit einem
ausgespannten Segeltuch ein Sonnendach errichtet Zufrieden blickte er um sich
»Ich kann nun die meisten Stunden des Tages am Strand zubringen« dachte er
»und das ist für mich die Hauptsache«
Als alle Arbeiten des kleinen Hausstandes besorgt waren sah er nach seiner
Angel Es hatte noch kein Fisch angebissen daher konnte Robert fürs erste ein
wenig ausruhen Wenn nur die lästigen Moskitos nicht gewesen wären
Sie drangen überall unter die zerrissenen Kleider und setzten sich frech auf
sein Gesicht Aber das war noch erträglich nur dass er so zerlumpt und mit
Flecken übersäet herumlaufen musste ärgerte ihn sehr
Eine Nähnadel Ein Königreich für eine Nähnadel
Und dann fiel ihm Georgs Schelmenlied wieder ein »Es tranken ihrer neunzig
ja neunmalneunundneunzig aus einem Fingerhut«
Wie hatte ihn Georg betrogen wie hatte er seine Arglosigkeit benutzt um
ihn in die Falle zu locken Noch glaubte er zu hören was der Matrose vom
»Blitz« damals sagte »Das ist ein Galgengesicht und du solltest dich von ihm
fernhalten mein Junge«
Er seufzte und ließ sich dabei von den Moskitos so lange stechen bis er
aussah als hätte seine Haut soeben das Scharlachfieber überstanden Die kleinen
Insekten bissen ihm das Sprichwort »Wer nicht hören will der muss fühlen« heute
recht empfindlich ins Gedächtnis ein Er wollte gerade aufstehen und eine
Handvoll grüner Blätter zerdrücken um sich mit ihrem Saft einzureiben als
plötzlich die Angelschnur in Bewegung geriet und unter dem Wasser verschwand
Robert sprang sofort auf Vorsichtig zog er einen Fisch von wenigstens fünf
Pfund ans Land und freute sich königlich über die gelungene Jagd Den wollte er
heute abend essen und dann von allen möglichen Resten der letzten Mahlzeiten
einmal wieder Labskaus braten Wenn nur Licht da wäre wenn die Matrosen nur an
ein einziges Fass Öl gedacht hätten aber da musste er alle Hoffnung aufgeben
Sobald die Sonne unterging hieß es wie bei den Hühnern »zu Bett«
Er schuppte den Fisch nahm ihn aus und legte die Stücke wie er es von
seiner Mutter oft gesehen hatte in Salzwasser dann ging er um am Strand nach
einem Schiff auszuschauen Die nach Havanna gehenden Fahrzeuge konnten zwar
unmöglich hierher kommen aber doch vielleicht ein Fischerboot ein Schiff das
kreuzen musste das Wasser einnehmen wollte oder vielleicht ein Zollschiff wenn
es überhaupt eins gab
Er nahm die Pistole wieder mit sich ebenso eine Decke und ging zum Strand
um einen vollständigen Ausguck einzurichten Vorher aber besuchte er das Grab
seines alten Freundes den einzigen Ort der ihm auf dieser Insel teuer war
Die Mooshalme hatten sich wieder aufgerichtet und in der gelockerten Erde
neue Wurzeln geschlagen Noch wenige Tage dann überspannte das grüne Netz wie
vorher den Boden und kein Auge sah dass hier ein Mensch die letzte Ruhe
gefunden hatte
Robert brach eine purpurne Kaktusblüte vom Stiel und legte sie auf die
Stelle die das Gesicht des Alten bedeckte dann ging er fort um seine kleine
Seewarte einzurichten Die Palmen am Ufer waren höher als die Mangobäume
Robert als geübter Turner und erfahrener Kletterer schwang sich mit
Leichtigkeit bis in die Krone der schlanken Stämme hinauf aber er musste dann
Hände und Füße gebrauchen um sich festzuhalten und konnte auch das nur für
kürzere Zeit Der astreiche Mango dagegen bot in seinem dichten Laubwerk einen
bequemen Sitz weshalb Robert nach längerer Überlegung beschloss hier Posten zu
fassen Er hieb mit seinem Messer in die Zweige und Blätter eine größere Lücke
hinein so dass der Blick auf das Meer vollständig frei wurde und suchte dann
einen Platz zum Sitzen den er auf allen Seiten säuberte Hier konnten ihn die
Sonnenstrahlen nicht erreichen hier konnte er sich frei bewegen und weithin
nach rechts und links Umschau halten während er außerdem in den höher gelegenen
Zweigen leicht ein Versteck fand sobald es etwa der Piraten wegen erforderlich
werden sollte Hier saß Robert nun mit einer Flagge die er sich aus einer
Stange und einem Segel gemacht hatte
Die abgehauenen Zweige und Blätter warf er sorgfältig ins Meer um von
seiner Arbeit keinerlei Spur zurückzulassen dann badete er am Strand wo ihn
salziger Schaum wie ein Sturzbad überflutete Schon der bloße Anblick des
Meeres der frische Hauch den es ausströmte belebten und kräftigten seinen
Mut Er wünschte trotz aller Gefahr nichts sehnlicher als dass die Hütte näher
am Ufer läge damit er die See täglich und stündlich vor Augen hätte Wohl
zehnmal sprang er wieder zurück in die klaren durchsichtigen Wellen oder
schwamm eine Strecke weit hinaus und ließ sich auf dem Rücken treiben bis die
Sonne unterging
Noch ein letzter Blick aus der Höhe des Mangobaumes nach allen Richtungen
noch das mitgebrachte Notzeichen oben in den Zweigen versteckt und dann ging es
heimwärts durch den grünen Wald
Der Himmel glühte und die Sonnenscheibe hatte sich mit grauen
Wolkenschleiern umhüllt Einzelne Windstösse fuhren durch den Wald allmählich
verstummte der Gesang der Vögel und schwere Tropfen fielen in Pausen
geräuschvoll auf die Blätter Robert beeilte sich noch vor Ausbruch des
Gewitters seinen Fisch zu kochen und die übriggebliebenen Kartoffeln in Speck zu
braten Er hatte kaum die Geräte vom Feuer genommen als das Unwetter mit aller
Kraft losbrach Sturm und Donner heulten um die Wette der Regen schlug
klatschend auf das Laubwerk herab und rote zuckende Blitze erhellten die
Umgebung Robert glaubte nie vorher ein Gewitter erlebt zu haben so sehr
überstieg das was er sah und hörte alles bisher Gekannte Ein Schauer von
unreifen Früchten hagelte ins Gras krachend stürzten ganze Bäume und hier und
da schlug der Blitz in besonders hohe Stämme die dann bis zur Erde herab
zersplitterten Robert aß rasch seine Mahlzeit und wollte sich in den Schutz der
Höhle zurückziehen da als er die Tür öffnete schwamm ihm das Moos seines
Lagers entgegen während die Decken triefend vor Nässe im Winkel lagen
Einen Augenblick lang stand Robert starr vor Entsetzen Wenn das Salz und
die Zündhölzer vom Wasser vernichtet worden waren
Über seine Stiefel lief der Strom ins Freie bis endlich nur noch etwas
Schlamm in der Höhle zurückblieb Robert stand noch immer unbeweglich von
diesem neuen Schlag wie betäubt Erst langsam erholte er sich und kroch hinein
um die gefährdeten Gegenstände untersuchen zu können Zum Glück waren bis in
diesen versteckten Winkel die Regenfluten nicht gedrungen er fand seine
kostbarsten Güter unversehrt
Für ihn selbst blieb freilich nur ein Ausweg nämlich der au mehreren
leeren Kisten ohne Decken oder irgendeinen Schutz die Nacht zu verbringen Aber
das sollte ihm nicht wieder passieren Die ganze Wetterseite der Wohnung musste
durch einen starken Erdwall vor dem Eindringen des Regens geschützt werden und
schon mit Tagesanbruch wollte er diese neue Arbeit beginnen
Bis auf die Haut durchnässt streckte er sich zum Schlafen aus Draußen tobte
noch der Donner zischten die Blitze sprühende Schauer von kalten Tropfen
drangen in die Höhle hinein Der Sturm schwoll zum wahren Orkan dessen Stöße
wie tiefe Orgelklänge bald brausend und gewaltig bald langgezogen und klagend
die Luft zerrissen
Ein schlecht befestigtes Brett wurde von der Gewalt des Windes
herausgerissen mit wütendem Anprall fuhr der nächste Stoß in die Hütte hinein
und brachte ganze Fluten von Regen mit sich Es war jetzt in dem engen Raum noch
ungemütlicher und trostloser als draußen Robert erhob sich um ins Freie zu
kriechen wo die Luft gewiss etwas weniger dumpf und erstickend war
Tiefe undurchdringliche Nacht umgab ihn der Boden war weich und
schlüpfrig der Sturm raubte im Freien den Lungen den Atem
Da durch das Gebrüll des Donners und das Sausen des Windes klang ein Ton
der in seiner kurzen Schärfe deutlich verriet dass ihn nicht der Sturm
hervorgebracht hatte
Ein Schuss Ein Kanonenschuss
Er hatte es deutlich gehört Zittern lief durch seine Glieder das Herz
schlug zum Zerspringen er lauschte atemlos
Und da kam es zum zweiten zum drittenmal Es waren Kanonenschüsse es
war ein Schiff das sich in Not befand
Er musste sofort hinaus an den Strand musste Zeichen geben er wollte um
jeden Preis die Menschen an Bord über seine Anwesenheit unterrichten und wenn
er schwimmen musste
Das alles durchzuckte ihn drängte sich ihm auf ohne eine bestimmte Form
anzunehmen und mechanisch tastete er sich fort Sooft ein Blitz die Umgebung
erhellte wurde es dem Jungen möglich einige Schritte weit zu gehen dann aber
versperrten Bäume den Weg oder zeigten ihm verschlungene Ranken dass er die
Richtung zum Ufer im Dunkel verfehlt hatte
Rechts und links lagen herabgerissene Zweige oft sogar ganze Bäume quer
über dem Weg Immer schneller und schneller folgten die Blitze fast
ununterbrochen krachte der Donner und in jede Pause hinein dröhnten die
Notschüsse des bedrohten Schiffes
Robert kämpfte mit der Kraft der Verzweiflung um an den Strand zu kommen
Schritt für Schritt vorwärts dringend brauchte er wenigstens eine Stunde ehe
der Weg von zwanzig Minuten zurückgelegt war Zerschunden im Gesicht mit
blutenden Händen und fieberheissem brennendem Kopf hatte er endlich das Meer vor
sich Brandend zischend und kochend den weißen Schaum turmhoch schleudernd
brach sich die See an der Küste Welle auf Welle überspülte das Ufer hoch in
der Luft kreischten flügelschlagend die Möwen pfeifend und heulend kam der
Sturm daher
Robert hielt beide Hände vor die Augen Dicht vor der Brandung spähte er
den nächsten Blitz erwartend hinaus auf die tobende See Ein neuer Kanonenschuss
zeigte ihm die Richtung in der das Schiff lag
Und dann zuckte aus den schwarzen Wolken der gelbe Strahl herab dann sah
er für Augenblicke das Fahrzeug Es war ein großes Schiff im Sturm fast ohne
Segel und von den Wellen wie ein Ball von einer Seite zur anderen geworfen
Jeden Augenblick konnte es der Sturm mit voller Gewalt auf den Strand treiben
Die Seeleute glaubten sich vielleicht in der Nähe einer bewohnten Insel
aber selbst wenn ein Boot zur Stelle gewesen wäre so hätte es in dem schweren
Wetter unmöglich auslaufen können Die Wellen gingen haushoch
Robert schwang in ohnmächtigem Kampf gegen das Toben des Sturmes sein Tuch
So nahe vor sich die Erlösung aus der Gefangenschaft so nahe in der
grauenvollen Nacht die Menschen Er glaubte es nicht ertragen zu können wenn
diese Hoffnung getäuscht werden würde
Bald sah er beim Schein der Blitze das Schiff in größerer und bald in
geringerer Entfernung vom Lande endlich aber so weit draußen dass er nur noch
die Umrisse erkannte In jeder Pause des Donners hielt er beide Hände vor den
Mund und rief so laut er konnte den Seemannsruf »Schiff ahoi« in die Nacht
hinaus aber ohne eine Antwort zu erwarten Der schwache Ton konnte nicht bis
zum Schiff dringen
Allmählich verstummten draußen auf dem Meer die Kanonenschüsse und die
Wucht des Sturmes ließ nach Blitz und Donner wurden schwächer der Regen hörte
auf einzelne Sterne zeigten sich am Himmel
Robert lauschte verzweifelt Allein in der undurchdringlichen Finsternis
überwältigte ihn der Schmerz so sehr dass er weinte
Erschöpft warf er sich auf den durchnässten Sand und wiederholte nur von Zeit
zu Zeit den langanhaltenden Ausruf mit dem sich die Seeleute zu erkennen geben
aber immer ganz vergeblich Seine Ungeduld wuchs von Viertelstunde zu
Viertelstunde Wie lang wie endlos lang war die Nacht
Er versuchte zu schlafen aber es misslang gänzlich Nicht einmal der
Halbschlaf erlöste ihn auf Augenblicke von der Qual der Ungeduld Er ging als
endlich Stille eintrat rastlos am Ufer auf und ab Jetzt lag das unruhige Meer
wie ein wildes Kind das sich müde getobt hat und nun sanft schläft ganz
lautlos und fast unbeweglich als bereue es sein Wüten Die Luft war abgekühlt
die letzten Tropfen von den Zweigen gefallen und der Wind vollständig zur Ruhe
gegangen Nichts regte sich in der stillen Sternennacht
Robert strengte sich an mit den Augen das Dunkel zu durchdringen er
glaubte ein Licht einen weißen Streifen zu sehen und schloss die Augen um sich
zu vergewissern ob ihn keine Einbildung täusche Aber dann wenn er wieder
aufsah war nur das Dunkel der Nacht um ihn er musste erkennen dass ihn seine
eigenen überreizten Sinne getäuscht hatten
Und auf die Nacht folgte endlich graue Morgendämmerung Nebel und Schatten
hier heller dort tiefer lagerten sich über dem Wasser spielten in allen
Formen und täuschten das Auge
Sah er nicht dort im halben Dunkel das Schiff mit ragenden Masten und
weißen flatternden Segeln Sah er es nicht hart an der Küste fast so nahe dass
es die Stimme erreichen konnte
Er rief laut so laut er konnte Aber kein Zeichen verriet dass in der Nähe
Menschen lebten Und die Nebel verzogen sich zerflatterten das was eben noch
ein Schiff gewesen war erschien nun als Turm als riesiges vorsintflutliches
Fabeltier als Bergspitze mit wallenden Baumkronen
Hundert Gestalten formten sich tiefe Täler und hohe unzugängliche Zinnen
Robert starrte in das Chaos immer noch hoffend immer noch festhaltend an dem
Gedanken der Erlösung Was er in der Nacht so nahe an der Küste gesehen hatte
das rettende Schiff sollte es am Morgen wo ein einziger Blick genügte ihn
aus der schrecklichen Einsamkeit zu befreien zu weit entfernt sein viel zu
weit für jede Verständigung
Es war ja unmöglich ganz unmöglich
Und heller und heller wurden die Nebelmassen der Tag brach an Ein kühler
Hauch glitt durch die regenschweren Blätter einzelne Tierstimmen erhoben sich
und gelbe und rote Wolkenränder umsäumten den Horizont
Roberts Zähne schlugen aufeinander Jetzt kam die Entscheidung
Er erkletterte den Baum aus dessen Krone sich das Meer weithin überblicken
ließ Nun teilten sich die Schatten ein goldener Streif schoss plötzlich hervor
andere folgten und die ganze blaue leicht bewegte Wasserfläche lag glänzend im
Licht des jungen Tages Weit aus der Ferne kaum noch erkennbar schimmerten die
vollentfalteten Segel des Schiffes
Robert stieß einen herzzerreissenden Schrei aus Er sah das Fahrzeug er
erkannte es deutlich aber es gab für ihn kein Mittel sich der Mannschaft
bemerkbar zu machen Seine Blicke folgten den weißen verschwindenden Segeln bis
ihm die Augen schmerzten und er verzweifelt den Kopf in die Hand sinken ließ
Endlich war auch der letzte weiße Punkt verschwunden Nur das Wasser dehnte
sich in blauer Unendlichkeit vor seinen Augen
Todesnot und Rettung
Wie trostlos war der heutige Rückweg Gestern konnte er hoffen ein weiches
Lager und eine gefüllte Vorratskammer anzutreffen er besaß bei aller
Verlassenheit eine Art Zuhause das ihm gehörte und wo er wohnte jetzt dagegen
musste er fürchten alles in schrecklicher Verwüstung wiederzufinden Alle
Zuversicht aller Mut war dahin Ach wenn es Tag gewesen wäre als das Schiff
so nahe an die Küste getrieben wurde oder wenn er es lieber nie gesehen hätte
Unempfänglich für die neuerblühte Schönheit der Natur für den doppelt süßen
Hauch der Blumen und den jubilierenden Gesang der Vögel ging er langsam durch
den Wald Was auf ihn wartete das wusste er nur zu genau
Und seine Vermutung sollte ihn nicht täuschen Als er sich der Höhle
näherte sah er schon von weitem den ganzen Umfang des angerichteten Schadens
Fast alle Planken waren aus ihren Fugen gerissen der Herd umgestürzt die
Kochgeräte unter Schlamm vergraben und das Schlimmste die Lebensmittel
durchnässt
Der kleine Bach sonst wie ein klarer blauer Spiegel schoss heute mit wildem
Ungestüm seine Ufer überflutend dahin und wälzte gelbe schlammige Wellen dem
Meere entgegen Abgebrochene Zweige Blätter und Halme trieben auf der
Oberfläche
Jetzt freilich schien die Sonne heiß und freundlich vom Himmel herab aber
auf ein Bild der entsetzlichsten Verwüstung Robert stand an einem Baum und sah
starr auf die Verwirrung Was sollte er nun beginnen was konnte er tun diesem
triefenden schlammüberzogenen Durcheinander diesen durchweichten Vorräten und
dem ungeniessbaren Trinkwasser gegenüber
Zuerst gab es zum Frühstück nur Wein und eine Ananas die er auch erst aus
einem Bett von Schlamm herausgraben musste bevor sie sich pflücken ließ Aber
das tat nach der Anstrengung und Aufregung der letzten Nacht bei ganz
durchnässten Kleidern und tiefster Hoffnungslosigkeit gar nicht wohl er fühlte
ein Frösteln als die kalte Frucht in seinen Magen gelangte Hätte er nur etwas
Wasser gehabt um Kaffee kochen zu können Aber dieser missfarbige Schlamm war
nicht trinkbar er musste jeden Gedanken daran aufgeben
Als ein Teil der Ananas verzehrt und ein Glas Wein dazu getrunken war
machte sich Robert daran seine Lebensmittel zu untersuchen Die Säcke mit
Hülsenfrüchten hatten zwar unter Dach gelegen aber der hereindringende
Sprühregen war doch stark genug gewesen sie zu durchnässen Besonders das Brot
und die Kartoffeln waren halb verloren Robert warf den größten Teil ohne
weiteres fort und suchte dann nach einigen trocken gebliebenen Brettern die er
in die Sonne legte und darauf den Rest sorgfältig ausbreitete Ebenso machte er
es mit den wollenen Decken die sämtlich von Wasser und Schlamm durchdrungen
waren
Dann begann er seine Wände auszubessern Nägel und Werkzeug hatte er
reichlich daher war diese Arbeit bald vollendet aber ohne den unglücklichen
Jungen wieder ermutigen zu können Wenn in der nächsten Nacht ein neues Gewitter
kam so hatte er ja doch umsonst gearbeitet das drückte ihn fast zu Boden
Um aber jedenfalls alles aufzubieten was er zu seiner Sicherung tun konnte
ergriff Robert den Spaten und begann hinter der Bretterwand einen festen Erdwall
aufzuwerfen den er außerdem noch mit größeren Steinen feststampfte Das ging
zwar langsam aber es versprach doch ein guter seinen Zweck erfüllender Schutz
zu werden daher blieb Robert unermüdlich den ganzen Tag hindurch beim Schaufeln
und Stampfen so dass gegen Abend ein schräger Erdwall vom Boden bis zu dem
niederen Felsendach hinaufreichte Jetzt konnte der Regen kommen er würde
wenigstens nicht eindringen können bevor die Decken in Sicherheit gebracht
waren
Die hatte die Sonne inzwischen vollständig getrocknet aber sie knisterten
unter den Fingern und verbreiteten große Staubwolken sooft er sie schüttelte
auch der Fußboden war noch nass und an frisches Moos war natürlich gar nicht zu
denken Robert klopfte so lange mit einem dünnen Stöckchen drauflos bis
wenigstens die getrocknete Erde herausgefallen war dann legte er die Decken und
sich selbst auf zwei leere Kisten wo er so gut es eben ging zu schlafen
suchte
Während des ganzen Tages hatte er nur Wein und Früchte gehabt daher freute
er sich am folgenden Morgen den Bach so ziemlich wieder klar zu sehen Er wusch
die Kochgeschirre suchte das sonnigste Plätzchen und holte von dem in der Höhle
versteckten Brennholz einen Arm voll herbei um Feuer anzumachen
Die lustigen Flammen und endlich der kräftige Kaffee gaben ihm einigermaßen
Mut und Zuversicht wieder zurück aber es saß doch ein heimliches Frösteln in
allen seinen Gliedern er tat die notwendigen Arbeiten fast gedankenlos als
gehe ihn das gar nichts an und oft ertappte er sich auf einem unwillkürlichen
Horchen Die Kanonenschüsse klangen immer noch in ihm nach die grausame
Enttäuschung ließ sich nicht leicht wieder verschmerzen
Er untersuchte jetzt auch seine Fleischtonnen Aus der einen die das
bedeutend empfindlichere Schweinefleisch enthielt quoll ihm ein Duft entgegen
der alle weitere Mühe überflüssig machte Er versenkte das ganze Fässchen in die
Erde und überdeckte es mit einer Schicht dichten Lehms dann setzte er die
Untersuchung fort Das Rindfleisch war noch gut erhalten ebenso der Speck
Robert säuberte nun das Innere seiner Wohnung und sammelte dann Moos um es
zu trocknen Bei dieser Gelegenheit fielen seine Augen zufällig auf die ganz
vergessenen Überreste seiner Fischmahlzeit Freilich konnte von diesem Gemengsel
kein Labskaus mehr gebraten werden aber ein anderer Gedanke tauchte plötzlich
auf Diese langen spitzen Gräten sollten sie sich nicht zu Nähnadeln brauchen
lassen
Sein Anzug war ja völlig zerrissen Nur Fetzen und Lumpen hingen noch von
seinen Schultern herab Die Gräten waren fest genug um jedes Zeug durchbohren
zu können aber es ließ sich an ihnen kein Faden befestigen Robert dachte nach
bis er darauf kam mit der Gräte in ein ganz dünnes leichtes Stück Holz
hineinzubohren und auf diese Weise ein Öhr herzustellen das dem einer Nadel
glich Er breitete das gesammelte Moos auf Segeltüchern im Sonnenschein aus und
machte sich dann daran mit seinem Taschenmesser ein Stückchen Holz ganz platt
zu schneiden Er wollte erst das kleine Loch hineinbohren und später der Nadel
ihre Form geben damit nicht ein plötzlicher Spalt die stundenlange Mühe
zunichte machen könne
Das Essen hatte ihm am Mittag nur halb so gut wie sonst geschmeckt ausgehen
oder jagen wollte er heute nicht und vor dem Anblick des Meeres empfand er
seit es ihn so betrogen hatte eine Art von Grauen daher widmete er seine ganze
Zeit der Nähnadel die ihm zu einem neuen Anzug verhelfen sollte Das
Durchbohren des Holzes erwies sich aber als keineswegs leicht Gräte auf Gräte
zerbrach und Robert wurde immer ärgerlicher Dann aber kam ihm ein glücklicher
Gedanke den er auch sofort ausführte Die ursprüngliche Absicht das Holz zu
durchbohren gab er auf und schnitt statt dessen die stärkste Gräte mit dem
Messer aus der Reihe der übrigen heraus Nun legte er ein ganz spitzes Hölzchen
zum Feuer und ließ es heiß werden Die Flammen ausblasend drückte er das
glühende Ende auf die obere Seite der Fischgräte und siehe da ein leichtes
Zischen zeigte dass eine kleine Vertiefung entstanden sein musste Wie oft hatte
er auf diese Weise seine Mutter ein Fischbeinstäbchen durchbohren sehen Waren
denn die Gräten nicht aus demselben Stoff Allerdings nahm die Mutter dazu eine
Haarnadel und hatte also ein bedeutend besseres Werkzeug als er aber mit den
kleinen Splittern des sehr harten Holzes ging es zur Not auch wenn auch weit
schwerer und viel langsamer
Robert blieb geduldig Er wendete von Zeit zu Zeit das feuchte Moos und warf
das getrocknete in eine Kiste dann arbeitete er weiter an dem winzig kleinen
Nadelöhr das doch so großer Mühe und Beharrlichkeit bedurfte Heimlich dachte
er dabei an die vielen bitteren Verwünschungen die er noch vor wenigen Monaten
auf alles was Nähnadel hieß herabgerufen hatte Ob er gerade dafür zur Strafe
jetzt so unermüdlich das Stück Holz in seiner Hand zuspitzen ins Feuer stecken
und wieder zuspitzen musste
Er schloss ermüdet die Augen Es war ihm alles so gleichgültig geworden so
fremd er arbeitete nur um nicht müßig dazusitzen
Und endlich als er zum hundertsten Male die Gräte an das Licht hielt
zeigte sich dass sie durchbohrt war Robert war sehr stolz Wenn er jetzt ohne
Kreide ohne Zwirn und Schere nur mit einer Fischgräte und zerfasertem
Segelgarn einen Anzug nähen konnte so war das ein Werk das ihm nicht jeder
Schneider nachmachte Er musste unwillkürlich lächeln Vater Großvater und
Urgroßvater alle Krolls soweit sich der Stammbaum der Familie zurückführen
ließ hatten ja mit gekreuzten Beinen auf dem Tisch sitzend das Leben
durchstichelt aber wie entsetzt würden sie sein wenn sie sehen müssten dass der
letzte Spross dieser ansehnlichen Reihe von Schneidern ihr Handwerk mitten im
Urwald und mit einer Fischgräte fortführte
Robert schüttete das trockene Moos auf die Stelle wo er schlafen wollte
und räumte seine Decken wieder ein so dass jetzt wenigstens ein gutes weiches
Lager da war Draußen sah es noch fürchterlich aus die Zweige geknickt und das
Gras zerstampft der ganze Boden feucht und aufgewühlt als hätten dort Soldaten
exerziert aber Robert kümmerte sich nicht darum Er hatte für heute genug
daher legte er sich ohne Abendbrot zu Bett und träumte fortwährend von dem
Schiff das im Schlaf und im Wachen seine Gedanken beschäftigte Er sah sich auf
dem Mangobaum sitzen und rund um ihn herum war es heller sonniger Tag Die
Kameraden auf dem großen Dreimaster der gerade an die Küste herankam hatten
ihn längst bemerkt sie winkten ihm zu sie riefen ihn an und er wollte so
schnell wie möglich zur Erde klettern
Wer aber im Traum fällt der hat das Gefühl als weiche unter ihm jeder
feste Halt als stürze er ins Bodenlose er erwacht mit klopfenden Pulsen und
Schweißtropfen auf der Stirn atemlos wie jemand der lange und schnell gelaufen
ist
Auch Robert fuhr vom Lager auf »Das Schiff« murmelte er »das Schiff«
Dann aber erkannte er seine Umgebung atmete die drückende Luft des engen
geschlossenen Raumes und taumelte auf um zu trinken Die Zunge klebte ihm fast
am Gaumen seine Stirn brannte Fieberdurst raste in allen seinen Adern
Er kroch durch die niedere Tür hinaus in den Vorraum und hob das dort
stehende Gefäß mit Wasser zum Munde um zu trinken Aber wie kalt war der Wind
wie durchschauerte es ihn und trieb ihn zurück unter die schützenden Decken
Er musste krank sein das fühlte er genau
Schon wandte er sich um wieder in die Höhle zu schlüpfen als zufällig sein
Blick die nächste Umgebung streifte Er fuhr mit der Hand über die Augen
Dort wo das Mondlicht von Blättern und Zweigen gebrochen zwischen den
hohen Stämmen am Boden spielte in der Nähe der aufgestapelten Kisten mit Wein
bewegte sich nicht dort im Gebüsch eine menschliche Gestalt
Nur Augenblicke dauerte die Erscheinung nur wie ein Schatten glitt sie
zwischen dem Grün dahin aber dennoch
Ein Schauer durchrieselte Roberts ganzen Körper Wie gebannt wie gelähmt
blieb er stehen und starrte unverwandt hinüber Nein nein es war unmöglich er
konnte sich nicht täuschen er hatte deutlich einen Menschen einen Mann in
Seemannskleidung durch die Zweige schlüpfen sehen Noch jetzt bewegten sie sich
wie von einer plötzlichen Berührung
Roberts geistige und körperliche Kräfte kehrten plötzlich zurück Er trat
auf den freien Platz hinaus und rief mit lauter Stimme »Wer ist da«
Aber nur der Nachtwind antwortete ihm Kein Laut unterbrach die tiefe
Stille
Robert lauschte und dann rief er wieder bis es ihm kalt über den Rücken
herabrieselte und er sich selbst für wahnsinnig hielt bis ihn in der weglosen
Wildnis die eigene Stimme wie ein unheimliches Etwas erschreckte
Im dichten Gebüsch zu suchen wäre unmöglich gewesen da die Dunkelheit jede
Flucht begünstigt haben würde da sich der Fliehende in nächster Nähe hätte
verstecken können ohne gesehen zu werden Wer war er überhaupt Ein Mensch
oder ein Gebilde des wachen Traumes ein Schatten den die Mondstrahlen
hervorgezaubert hatten
Robert wusste es nicht Er glaubte bestimmt die Erscheinung gesehen zu
haben aber woher sollte sie gekommen sein und warum sollte sie sich verbergen
wollen
Wenn die Piraten den Schlupfwinkel ihres entflohenen Opfers wirklich
aufgespürt hätten so würden sie keinesfalls zögern sich mit offener Gewalt des
Raubes zu bemächtigen und ihn als lästigen Zeugen dieser Unternehmung beiseite
zu schaffen Wen sollten sie auch fürchten Was sollte sie hindern einen
wehrlosen Jungen zu töten nachdem sie schon eine ganze Schiffsmannschaft hatten
verschwinden lassen
Die Insel war klein vielleicht eine bis anderthalb Meilen im Durchmesser
und kaum so lang wie breit Robert hatte sich auf seinem letzten Ausflug völlig
überzeugt dass sich hier keine Ansiedlung befand dass er der einzige Bewohner
war und dass das nächste benachbarte Eiland etwa auf Kanonenschussweite entfernt
lag
Woher sollte also dieser Seemann gekommen sein Ein Unglücklicher ein
Schiffbrüchiger war er ja bestimmt nicht da er doch sonst nicht geflohen wäre
Robert schüttelte den Kopf Er hatte so lebhaft an das Schiff gedacht dass
sein Auge Gestalten erblickte die in Wirklichkeit nicht vorhanden waren Und
doch berührte ihn dieser kleine Zwischenfall äußerst unangenehm Er schob eine
Kiste vor die Tür ehe er sich zum Schlafen hinlegte und konnte auch dann noch
lange Zeit kein Auge schließen Unwillkürlich horchte er ob nicht irgendein
Geräusch die Rückkehr des Unbekannten verriete aber alles blieb still
»Hätte ich Pikas hier« dachte Robert »hätte ich nur irgendein lebendes
Wesen und wäre es ein dummes kleines Vögelchen Aber so ganz allein das ist
schrecklich«
Er wälzte sich unruhig auf seinem heißen Lager und schlief erst gegen Morgen
ein Als dann die Sonne hoch am Himmel stand machte er sich daran die ganze
nächste Umgebung der Höhle genau zu untersuchen aber ohne einen anderen Erfolg
als am vorigen Abend Es war keine Spur der Gegenwart eines Menschen zu finden
kein Anzeichen dass jemand dagewesen war
Robert ging bis an den Strand sah über das Meer nach allen Richtungen
forschte auch an der Küste des gegenüberliegenden Eilandes mit angestrengten
Blicken nach einem Schiff oder Boot aber nichts zeigte sich kein Laut war zu
hören
Robert wandte sich seiner Niederlassung wieder zu Er war jetzt vollkommen
überzeugt in der vergangenen Nacht nur besonders lebhaft geträumt oder
gefiebert zu haben und gab seufzend die letzte Hoffnung auf Jetzt musste er sich
zuerst einen neuen Anzug nähen daran allein hatte er zu denken obgleich es ihm
lieber gewesen wäre sich wieder hinzulegen und in den Tag hineinzuschlafen
Er suchte aus dem reichlichen Vorrat aller möglichen Stoffe den dunkelsten
und haltbarsten heraus dann schnitt er einen langen Streifen Segeltuch ab nahm
an seinem eigenen Körper Maß und begann mit dem Taschenmesser auf einer Kiste
zuzuschneiden Anstatt der Knöpfe würde er Bindfaden verwenden müssen das ließ
sich nicht ändern und Futter gab es auch nicht Aber dennoch war alles besser
als die Lumpen die er jetzt trug Als Robert die mühevolle Arbeit des
Zuschneidens beendet hatte nahm er eine Rolle Bindgarn das er aufdrehte bis
der Faden zum Nähen geeignet schien dann holte er seine künstliche Nadel und
fädelte ein
Aber an das Mittagessen musste ja auch gedacht werden obwohl er nur wenig
Hunger verspürte Er machte also Feuer setzte Fleisch und Bohnen auf und war
nun abwechselnd am Kochen und am Schneidern Ach wie langsam das ging wie oft
der Faden riss und wie groß die Stiche wurden
Aber es hielt zusammen und das war die Hauptsache Robert behandelte seine
Fischgräte als sei sie ein Diamant von unschätzbarem Wert immer in der Angst
das mühsam hergestellte Nadelöhr plötzlich zerbrechen zu sehen Wo der Stoff
doppelt und dreifach übereinander lag bohrte er mit andern rohen Gräten erst
ein Loch hinein bevor der Stich gewagt wurde Dazwischen legte er Holz ins
Feuer und goss von Zeit zu Zeit etwas Wasser nach alles ohne daran Freude zu
haben
Seine Gedanken waren immer bei dem Schiff wie er es so nahe an der Küste
sah so ganz nahe im gelben Schimmer der Blitze dass selbst die Menschen klar
erkennbar wurden dass er deutlich den Mann am Steuer und den bei der Kanone
unterscheiden konnte Warum musste es Nacht sein als die Rettung fast mit der
Hand zu erreichen war
Robert stützte den Kopf gegen einen Baumstamm und schloss die Augen Ich bin
krank dachte er ich werde bald noch elender sein und dann ganz verlassen ganz
allein auf dieser Insel sterben Wenn es nur nicht allzu langsam geht
Als er nach einer Pause die Augen öffnete war das Feuer erloschen und der
Duft des Essens sagte ihm dass es gar sei Er nahm aber nur einige Löffel voll
dann stellte er das übrige bei Seite und nähte eifrig weiter um noch bis zum
Abend das angefangene Kleidungsstück zu beenden Zum Strand wollte er nicht erst
gehen Weshalb auch Die Schiffe fuhren ja doch vorüber
Er begriff nicht mehr warum er sich mit so großer Mühe den Ausguck auf dem
Mangobaum gebaut hatte warum er überhaupt irgend etwas anderes getan hatte als
sich hinzulegen und zu sterben Schon hatten die Erbsen und die anderen
Hülsenfrüchte einen verdorbenen Geschmack angenommen schon zeigte sich an der
Außenseite der Fässer ein leichter Schimmel und das Brot ging zur Neige weil
der größte Teil davon durch den Regen vernichtet worden war der Tod grinste
ihm aus hohlen Augen von allen Seiten entgegen
Eine sonderbare Angst bemächtigte sich seiner Ganz ohne Widerstand durfte
er sich nicht ergeben das fühlte er sonst war es bald um ihn geschehen Diese
Stimmung lähmte alle Kräfte
Er raffte sich auf und nähte weiter bis die Dämmerung herabsank Nun war
die Hose fertig morgen kam die Jacke dran und dann noch ein neues Wollhemd
um das alte gelegentlich im Bach waschen zu können Baden mochte Robert nicht
er dachte mit einer Art von Grauen an die Kälte des Wassers
In dieser Nacht schlief er besser und fühlte sich auch am andern Tage
leidlich wohl obgleich er noch immer nicht wieder an den Strand hinabging
Abwechselnd nähend und aufräumend verbrachte er in einer Art von geistiger
Untätigkeit die Stunden an diesem und auch an den folgenden Tagen Der
Palmenstamm hatte jetzt bereits achtzehn Kerben aufzuweisen Brot und Fleisch
waren zu Ende der Rest des Specks verdorben und die Hülsenfrüchte gänzlich
ungeniessbar geworden aber Robert empfand dennoch keinen Mangel Er lebte nur
von Wasser und etwas Wein ohne jemals Hunger zu fühlen Seine Kräfte wurden
allmählich schwächer seine Nächte immer unruhiger In dem schwarzen überall
schlotternden und wunderlich geformten Anzug blass und abgemagert erkannte er
kaum sein eigenes Bild sooft er es im Spiegel des Wassers betrachtete
Lange Stunden verbrachte er tagsüber halb schlafend halb seinen trüben
Gedanken nachhängend in den Zweigen des Mangobaumes am Ufer Zu tun gab es ja
für ihn nichts mehr und auch die Jagd hatte er vernachlässigt Warum harmlose
Tiere töten da er sie doch nicht essen konnte
Seine Blicke gingen über das Wasser und seine Gedanken verwirrten sich
zuweilen unmerklich Er hielt nach dem Schiff Ausschau dessen Auftauchen ihn
krank gemacht hatte er sah im Geiste immer vor sich die weißen Segel und hörte
die rollenden Donner des Geschützes
In seiner Behausung auf dem Mooslager lag er oft halb betäubt Er dachte an
die Heimat an die Kameraden vom Schiff und an die Nacht als er hierher schwamm
an diesen gastlichen Strand der ihm zum Grab werden sollte
Dreiundzwanzig Kerben zeigte der Stamm Robert war nicht am Meeresufer
gewesen seine Kräfte hatten für den weiten Weg nicht ausgereicht er saß vor
der Tür seiner Höhle gegen den Erdwall gelehnt und hielt die Augen im
Halbschlummer geschlossen Stunde um Stunde verrann er scheute sich aufzustehen
und blieb in der einmal gewählten bequemen Stellung sitzen Heute war der Mond
hinter Wolken versteckt kein Strahl erhellte den kleinen freien Platz aber
Roberts Augen hatten sich so an die Dunkelheit gewöhnt dass sie jeden Baum
jeden einzelnen Zweig deutlich unterschieden
Er wachte mit geschlossenen Lidern Seine Gedanken wanderten Da rauschte es
hinter ihm als wenn die Büsche gestreift und zurückgebogen würden Ein Schatten
fiel über den Rasen
Robert öffnete die Augen Ohne sich zu bewegen ohne ein Glied zu rühren
sah er hinüber zu der Stelle von wo der Laut gekommen war
Der Mann in Seemannskleidung stand wieder keine fünf Schritte weit von ihm
entfernt Er hielt in der Hand etwas wie eine Pistole oder ein Werkzeug
Robert war jetzt überzeugt einen Menschen vor sich zu sehen Er konnte sich
nicht täuschen das war ein Mann von Fleisch und Blut aber kein
Fiebergebilde kein Gaukelspiel irgendwelcher Träume
Er drehte langsam den Kopf »Im Namen Gottes« sagte er »wer Sie auch sein
mögen geben Sie mir Antwort«
Aber noch hatte er die Worte nicht ausgesprochen als der Unbekannte
zwischen den Büschen verschwand lautlos ohne sich umzusehen ohne eine Silbe
zu antworten wie er gekommen war
Das alles vollzog sich innerhalb einer Minute und ging gedankenschnell
vorüber aber Robert spürte wie das Grauen in ihm hochstieg War das der Geist
eines seiner Kameraden von der Antje Marie Wollte ihn der Tote rufen ihn den
andern nachziehen in das stille Grab
Er suchte und forschte nicht wo die Erscheinung geblieben war Aber er
hatte heftigen Durst Hitze und Kälte wechselten in seinen Adern er tastete
nach dem Wasserbehälter um zu trinken Doch der war leer Robert hatte
vergessen ihn am Tag neu zu füllen
Ermattet kroch er in die Höhle und streckte sich auf sein Lager Zum Bach zu
kommen war in der Dunkelheit unmöglich daher musste er ohne einen kühlenden
Schluck einzuschlafen suchen Jetzt schüttelte heftiges Fieber seine Glieder er
begann irre zu reden und sich mit dem nächtlichen geheimnisvollen Besucher zu
unterhalten »Mohr« flüsterte er »alter Onkel Mohr du bist es ich sehe dich
wohl und ich weiß dass du mich zu dir rufen willst in das Grab das ich
gegraben habe Aber warum sprichst du nicht mit mir lieber Onkel Mohr ich
möchte so gern so gern einmal wieder eine menschliche Stimme hören«
Robert warf den Kopf von einer Seite zur andern Er seufzte tief wie
erleichtert »In Pinneberg bist du gewesen Onkel Mohr Und du sagst dass sie
mir nicht böse sind dass sie mich noch lieb haben und mich wie einen Toten
betrauern Aber wo blieb denn mein Brief Den haben die Fischer verloren
wie ich das Schiff verlor das große schöne Schiff das ich immer suche so
lange schon und so sehnsüchtig Das Meer ist tückisch es hat mir das eine
Fahrzeug geraubt und es besitzt doch so viele viele warum durfte ich meins
nicht wiederfinden«
Er schluchzte im Traum und dann wurde alles still Das Fieber schüttelte
ihn kalter Schweiß perlte auf seiner Stirn das Bewusstsein war vollständig
geschwunden
Am nächsten Morgen erwachte er mit dumpfen Kopfschmerzen und an allen
Gliedern wie zerschlagen Während der ersten Stunden des Tages lässt das Fieber
meistens etwas nach so konnte sich auch Robert mit klarer Besinnung obgleich
schwer krank vom Lager aufrichten Er kroch mühsam hinaus ins Freie und
schlich an jedem Baume einen Halt suchend bis zum Bach um erst einmal zu
trinken dann setzte er sich in die Sonne und lehnte den Kopf an die Palme die
heute den fünfundzwanzigsten Einschnitt hätte erhalten sollen Er konnte ihn
nicht hineinkerben die Anstrengung wäre zu groß gewesen
Auch sein Gedächtnis war geschwächt Er wusste nicht genau ob ihm von der
Erscheinung dieser Nacht nur geträumt hatte oder ob er sie wirklich vor sich
gesehen hatte Dort hinten bei den zehn großen Kisten mit Wein dort hatte der
Mann gestanden nun schon zweimal gewiss es war der Tod der ihn holen kam
Ein Frösteln schlich durch seine Adern Selbst die Sonne mit ihren
glühenden versengenden Strahlen konnte ihn nicht mehr erwärmen seine Finger
waren weiß wie die einer Leiche und das unangenehme Zittern wollte gar nicht
aufhören
Ich möchte einen Schluck Wein trinken dachte er und dann werde ich mich
wieder hinlegen um zu sterben Die Fingerspitzen sind glaube ich schon tot
Er befühlte mit der rechten Hand die Finger der linken »Alles steif und
kalt« dachte er »Oh wie ich mich auf den Wein freue«
Er schleppte sich mit Mühe bis zu den Kisten und öffnete die obere Sie war
leer
Robert griff sich an die Stirn Er hatte nach oberflächlicher Berechnung
vielleicht vier Flaschen ausgetrunken in der Kiste aber waren fünfundzwanzig
gewesen Wie kam das
Doch gleichgültig Es kümmerte ihn nicht mehr ob diese Flaschen vorhanden
gewesen waren oder ob er sich vielleicht in ihrer Anzahl geirrt hatte Er warf
mit Aufbietung aller seiner Kräfte die leere Kiste herab und öffnete die zweite
Alles leer
Plötzliche Glut schoss durch Roberts ermatteten Körper Fieberhaft erregt hob
er Deckel auf Deckel bis alle zehn Kisten offen vor ihm dastanden
Alles leer
Die Erscheinung die er zweimal gerade an dieser Stelle gesehen hatte war
also doch kein Geist kein Schattenbild gewesen sondern ein Mensch der
allnächtlich hierherkam um zu stehlen ein Dieb der dem Verschmachtenden die
letzte Labung geraubt hatte
Aber wer Wer
Es brauste vor seinen Ohren seine Sinne verwirrten sich Er glitt an den
Kisten langsam zu Boden und blieb bewusstlos liegen
Es war am Abend des zweiten Tages danach Durch den Wald kamen drei Männer
die neben sich einen vierten mit gebundenen Händen als Gefangenen zu führen
schienen Sie trugen sämtlich Fischerkleidung aber in den Gürteln steckten
breite Messer und auf den Schultern lagen kurze Gewehre
»Wirklich« sagte in spanischer Sprache der Gefangene »ihr irrt Kameraden
Ich bin unschuldig an dem Verbrechen das mir zur Last gelegt wird ich weiß von
nichts und habe diese Insel nie betreten Ihr seht ja dass hier weder Wege noch
Stege zu finden sind«
Einer der Bewaffneten deutete auf die Axtiebe die Robert den Bäumen
beigebracht hatte »Hier muss noch vor kurzem jemand gegangen sein« antwortete
er finster »Du solltest lieber alles gestehen«
»Ich habe nichts zu gestehen« beharrte der andere »Was hätte es mir auch
nützen können in eurem Boot eine öde unbewohnte Insel anzulaufen Diego hasst
mich daher hängt er mir die sinnlose Verleumdung an«
Der Erste deutete jetzt auf Fussspuren die im Sand deutlich erkennbar waren
»Was ist das« fragte er »Ich glaube deine Stiefel passen merkwürdig genau
hinein du Scheinheiliger«
Der Gefangene erschrak sichtlich »Ach das ist ein Irrtum Rafaele« rief
er rasch »Du bist ungerecht du willst mich los sein und doch habe ich dir
nichts getan Aber wir müssen uns mehr links halten rechts ist ein Sumpf«
»Ach Und ich glaubte du habest die Insel niemals betreten Bursche«
Der Gefangene biss sich auf die Lippen
»Nicht wahr« lachte der andere »Da hast du dich schön hereingelegt Aber
das schadet nicht weiter Auf jeden Verrat steht der Tod und ein Leben hast
du ja nur zu verlieren«
Der Gefangene wurde blass wie Kreide »Mehr links« stammelte er »mehr
links oder wir kommen in den Sumpf«
»Der übrigens schon weit hinter uns liegt« ergänzte kaltblütig Rafaele »Du
musst wissen dass wir früher einmal ein Jahr lang auf dieser Insel wohnten du
Verräter«
Jetzt schwieg der Gefesselte Er schien nach dem fehlgeschlagenen Versuch
seine Wächter zu täuschen sich in das Schicksal das ihn erwartete zu ergeben
wenigstens sprach er nicht weiter sondern schauderte nur unwillkürlich als er
sich mit seinen Begleitern dicht vor Roberts Behausung befand
Der andere hatte ihn beobachtet »Los« drängte er »was tatest du hier
Leben Menschen auf dieser Insel«
Der Gefangene versuchte die gefesselten Hände zu falten »Gnade« stieß er
hervor »und ich will euch alles sagen«
Der dritte der Männer ließ in diesem Augenblick einen leisen Ausruf hören
Gedankenschnell legte er die Waffe in Anschlag
»Dort ist eine Wohnung« raunte er
Der erste packte mit festem Griff die Schulter des Gefangenen »Jetzt
sprich« zischte er »oder du sollst mein Messer zwischen den Rippen fühlen ehe
du Zeit hast ein Vaterunser zu beten Wer befindet sich in dieser Höhle«
Der Gefesselte zitterte an allen Gliedern »Ein Kind« stammelte er »nur
ein einzelner Junge«
»Und du was hast du hier gemacht Du hast ihm unsere Geheimnisse verraten
hast mit ihm verhandelt und «
»Er sah mich nie Er weiß nicht dass ich in seiner Nähe war«
»Aber was wolltest du dann hier«
»Ich wusste dass Vorräte von Wein auf dieser Insel lagerten« stammelte der
Gefesselte »ich nahm ihn da er niemand gehörte Das ist alles Rafaele ich
schwöre es dir das ist alles«
Der Fischer schüttelte zweifelnd den Kopf »Um zu trinken fuhrst du in jeder
Nacht hierher« fragte er »Das ist undenkbar«
»Gnade« winselte der Gefangene »Gnade Es ist so wie ich sagte«
Der Fischer stieß ihn verächtlich von sich »Da bleibst du« befahl er Und
dann sich an die beiden andern wendend fragte er leise »Was habt ihr
entdeckt«
Der eine richtete sich langsam auf »Es ist wie er behauptet« nickte er
»Nur ein Junge und noch dazu ein toter glaube ich«
Rafaele schien erleichtert aufzuatmen Wahrscheinlich stimmte es ihn milder
dass offenbar kein Verrat im Spiel war und dass also auch keine Gefahr für ihn
selbst bestand
Er trat näher beugte sich über den leblosen Körper und sah lange in das
blasse Gesicht Ein unmerkliches Zucken ging über die erstarrten Züge »Das Kind
lebt« sagte er nach einer kurzen Pause »Was beginnen wir mit ihm«
Die beiden anderen sahen ihn bedeutsam an »Die Toten plaudern nichts aus«
meinte mit etwas unsicherer Stimme der eine
»Das ist wahr« bestätigte der zweite »Aber ein bewusstloser «
»Und ein Kind dazu« ergänzte Rafaele »Bei San Jago man ist zwar ein
Bukanier man zwingt die Schiffe ihre Ladung zum Strandgut werden zu lassen
und man stopft das Maul das durch sein Geschrei Aufsehen erregen könnte aber
«
Dann nickte er langsam mit dem Kopf »Wir töten keine Kinder« sagte er
»Wir nehmen diesen Burschen mit uns und wenn er wieder zu sich kommt wenn wir
erfahren was er von dem Schicksal seiner Genossen weiß so wird sich
entscheiden ob er leben darf oder nicht«
»Jetzt bringt mir den dort« fügte er auf den Gefangenen deutend hinzu
»Wir wollen hier Gericht halten«
Einige Stöße mit dem Kolben beförderten den Gefesselten in die Nähe seiner
Richter Nur ein einziges Wort murmelten seine Lippen »Gnade«
»Schweig« rief Rafaele »Du wirst antworten wenn ich dich frage sonst
aber keine Silbe sprechen Ist dieser Junge von der Besatzung der Antje Marie
Und wusstest du dass er auf dieser Insel war«
»Ja ja«
»Sind noch mehr Waren hier außer dem gestohlenen Wein Und warum wurden sie
auf die Insel geschafft«
»Um sie euch zu entziehen Es lagern noch große Ballen teurer Seidenstoffe
und Spitzen hier«
Alle drei Piraten ließ zugleich einen halberstickten Ausruf hören »Das
ist natürlich inzwischen durch den Regen alles verdorben« meinte Rafaele »Und
du Verräter du Schuft weshalb hast du uns das verheimlicht«
»Weil ihr sonst auch den Wein beansprucht und verkauft haben würdet«
»Tier« sagte verächtlich Rafaele »Bestie ohne Herz und Gewissen treulos
gegen den Kameraden von deinem Schiff und gegen die Genossen zu denen du im
Augenblick gehörst Um zu trinken um dich zu berauschen stahlst du uns
vielleicht Tausende und verurteiltest gleichzeitig den wehrlosen Jungen fast
einen Monat lang hier zu leben du nahmst ihm den Wein du fragtest nicht ob er
noch irgend etwas Essbares besaß du trankst nur trankst Sprich jetzt weißt
du was dir bevorsteht«
Der Unglückliche antwortete nicht Kalter Schweiß rann über sein Gesicht
herab die gefesselten Hände zuckten er rang vergeblich nach einem Laut
»Du hast bei deiner Aufnahme in unsere Gemeinschaft den Treueid geleistet«
fuhr Rafaele fort »du hast gelobt kein persönliches Eigentum zu besitzen und
kein Geheimnis für dich zu behalten und diese Eide hast du gebrochen Was
erwartet dich also«
Wieder kam keine Antwort von den Lippen des Gefesselten
»Der Tod« sagte Rafaele nachdrücklich »Los Kameraden bindet ihn an einen
Baum aber so dass er sich nicht befreien kann Dann sucht ob noch Wein oder
Rum zu finden ist«
»Wir haben schon welchen entdeckt« antwortete einer seiner Begleiter »Hier
stehen mehrere kleine Kisten mit Rum der ihm ganz entgangen sein muss«
»Gut Also tut was ich sagte«
Die beiden Räuber nahmen den Gefangenen zwischen sich und führten ihn in das
nächste Dickicht wo sie ihn an einer jungen Palme festbanden Sechsfache Seile
umschnürten seinen Körper nur die Arme blieben frei
Rafaele nahm aus einer Kiste sechs Flaschen Rum die er neben den Baum
stellte Dann begann er sein Gericht
»Wie du gemessen hast so soll dir gemessen werden« sagte er feierlich
»Wie du deinen hilflosen Kameraden verlassen hast so verlassen wir dich wie du
alles verleugnet hast um zu trinken so verstoßen wir dich aus unserer Mitte
und überliefern dich dem Tode auf dem Weg den du selbst wähltest Trinke bis
du stirbst«
Er schwieg und prüfte die Festigkeit der Fesseln Helles Mondlicht fiel auf
die grauenhafte Gruppe der bewaffneten Räuber und des in sich zusammengesunkenen
Verräters
»Hast du noch etwas zu sagen« fragte Rafaele »Kein Mensch wird jemals
wieder etwas von dir hören also sprich wenn dich noch irgendein Bekenntnis
drückt wenn es irgendeine Botschaft für dich auszurichten gibt«
Der Verurteilte sah mit starren Augen von einem seiner Henker zum anderen
Die Lippen bewegten sich aber kein Laut drang hervor
»Auf« befahl Rafaele »Wir haben noch einen weiten Weg vor uns«
Die drei wandten sich zum Gehen da rang sich ein heiserer Schrei aus der
Brust des Gefesselten Seine Arme griffen in die leere Luft ein verzweifeltes
Keuchen brach über seine aschfahlen Lippen
»Gnade Gnade«
Keiner der Bukanier hörte auf die entsetzlichen Laute Sie gingen mit
schnellen Schritten zu Roberts Ansiedlung zurück und überließen den Verurteilten
seinem furchtbaren Schicksal
Er hatte sich selbst gerichtet um seiner zerstörenden höllischen
Leidenschaft willen Gallego der Schiffskoch dem es gelungen war seine
Landsleute für sich zu gewinnen und ihr Genosse zu werden Gallego der im Leben
nur ein Glück kannte zu trinken und der nun darum sterben musste
Leise schaukelnd glitt das Boot über die Wellen Ein paar Decken unter
Roberts Kopf gelegt einige Tropfen Branntwein ihm mühsam eingeflößt und
außerdem der frische seine brennende Stirn umspielende Seewind hatten seine
Lebensgeister zurückgerufen Er war noch ohne Besinnung aber die Gedanken
begannen sich zu regen und einzelne abgebrochene Worte drangen über seine
Lippen
»Das Schiff Wo ist das Schiff Als ich wieder hinübersah war es fort
Soll es niemals niemals zurückkehren«
Die drei Bukanier saßen in tiefem Schweigen Sie wagten kaum ihre Blicke zu
erheben kaum in dies jugendliche vom Tod schon berührte Gesicht zu sehen
Vielleicht war ihnen das Abscheuliche ihres Berufes nie so deutlich vor Augen
geführt worden als eben durch die unbewussten Worte des kranken Kindes Sie
mussten glauben dass mit dem verlorenen Schiff die Galliot gemeint war und sie
wussten ja nur zu gut was aus ihr geworden und wie das alte unbrauchbare
Fahrzeug auf Strand gesetzt und zu Brennholz zerschlagen worden war
Es schien als ob sich in diesen abgehärteten Verbrechern doch noch der
Funke einer alten warmen Menschlichkeit regte als sie diesen halbverhungerten
durch ihre Schuld zum Gerippe abgemagerten und dem Tode überlieferten Jungen vor
sich sahen Sie dachten vielleicht an ihre eigene schuldlose Jugend an den
langen Weg der Verbrechen an den ersten Fehltritt der sie weiter geführt hatte
auf abschüssiger Bahn immer weiter bis zu Raub und Mord an wehrlosen Menschen
Leise rückte der eine die Decken und leise glättete der andere das Haar
über Roberts Stirn Als man den Strand der größeren Insel erreicht hatte trugen
abwechselnd zwei Männer den Schwerkranken bis zu der hölzernen Hütte die der
Bande als Wohnsitz diente Hier legten sie ihn auf ein gutes weiches Lager und
bedeckten seine Stirn mit kalten Umschlägen Der Koch musste außerdem einen
schweisstreibenden Tee zubereiten der dem Kranken eingeflößt wurde so oft er
Durst verspürte
Das war im ganzen wenig heilkünstlerischer Aufwand aber vielleicht gerade
deswegen drang die unverdorbene Natur des Jungen am ehesten wieder durch Am
neunten Tage kam endlich die Krisis aus der Robert mit vollem Bewusstsein
erwachte Freilich war er so schwach dass ihm die Lippen zitterten und dass er
kaum den Kopf drehen konnte aber dennoch streifte sein Blick mit grenzenlosem
Erstaunen die Umgebung
Fenster aus Glas Türen mit Schlössern eine wohleingerichtete Küche mit
blankem Geschirr rauchende spielende Männer um einen Tisch versammelt und
darauf die Überreste einer leckeren Abendmahlzeit so sah er zum erstenmal das
Innere der Hütte
Hätten nicht wehende Baumzweige in die offenen Fenster einen Gruß
hereingenickt hätten nicht mehrere Nebengebäude und eine Anzahl großer Hunde
das Gegenteil bezeugt so würde Robert geglaubt haben dass er sich noch an Bord
der Antje Marie befinde dass alles was dazwischen lag nur ein schrecklicher
beängstigender Traum gewesen sei Er versuchte sich der letzten Ereignisse
deutlich zu erinnern aber das ermattete Gehirn vertrug noch keine Anstrengung
er schlief nach wenigen Minuten wieder ein
Als Robert am folgenden Morgen wieder erwachte fühlte er sich kräftig
genug eine leise kaum verständliche Frage zu stellen »Wo bin ich«
Zwei der Bukanier die gerade im Zimmer waren wandten sich zu ihm »Gut
Freund Kamerad« antwortete einer »Lieg du nur still und erhole dich armer
Kerl«
Das konnte Robert zwar nicht verstehen da es in spanischer Sprache gesagt
worden war aber der Ton beruhigte ihn Man hatte auf seine Fragen freundlich
geantwortet das hörte er wohl
Der Koch brachte ihm ein reichliches Frühstück aus gekochten Fischen
Früchten Reis und Braten aber Robert konnte natürlich davon so gut wie gar
nichts essen er war auch zu gespannt auf eine Erklärung wie er hierher
gekommen sei als dass er an irgend etwas anderes hätte denken mögen Die Männer
die ihn umgaben erkannte er auf den ersten Blick als die Räuber der Antje Marie
und die Mörder seiner Kameraden aber wie hatten sie ihn aufgefunden und warum
war nicht auch er getötet worden
Der Bukanier stellte noch verschiedene Fragen die Robert weder verstand
noch beantworten konnte auch Rafaele der Anführer der Bande kam und
überzeugte sich dass sein Gast der spanischen Sprache vollkommen unkundig sei
am folgenden Tage aber erschien er wieder in Begleitung mehrerer anderer unter
denen einer das Deutsche so halb und halb radebrechen konnte
Jetzt begann ein regelrechtes Verhör in dessen Verlauf Robert wohl fühlte
dass nur seine eigene Vorsicht und Klugheit ihm das Leben retten konnte Sechs
von diesen wildaussehenden bewaffneten und schwarzbärtigen Flibustiern
umstanden sein Lager und beobachteten ihn scharf während er die gestellten
Fragen beantwortete
»Wann hast du die Galliot verlassen« hieß es »und weshalb«
»Am Mittag« antwortete Robert »und auf Befehl des Kapitäns Wir brachten
Waren nach der Insel wo drei von uns für einige Zeit bleiben sollten Meine
Kameraden ließ mich allein um noch einmal zum Schiff zu fahren aber sie
kamen nicht zurück Ich bitte Sie sagen Sie mir wo die Antje Marie jetzt
liegt«
Die Bukanier traten zusammen Es entstand ein Murmeln und Beraten bei dem
auf Roberts Stirn der Schweiß in großen Tropfen perlte Jetzt hing sein Leben an
einem einzigen Haar und obendrein fühlte er in der Nähe dieser Verbrecher eine
wirkliche Furcht So allein und schutzlos unter Mördern ihrer Willkür
preisgegeben vielleicht mit der Aussicht an einen Baum gebunden und erschossen
zu werden oder als eine Art Sklave für immer hier auf der Insel bleiben zu
müssen das war mehr als beängstigend Die großen Blutunde mit den lechzenden
Zungen und den rotunterlaufenen Augen umstanden wie Höllenwächter sein Lager
und die Piraten sprachen noch immer lebhaft in spanischer Mundart
»Eine Kugel« sagte der erste »eine Kugel Kameraden das macht die Sache
kurz«
»Aber es ist ein unnötiges Blutvergießen Danielo Das Kind hat uns nichts
getan sein Tod bringt uns keinen Gewinn«
»Er kann uns verraten«
»Er ahnt nichts das hörst du ja Wir sind Fischer die ihren
Erlaubnisschein von der Regierung gelöst haben Jedermann weiß dass wir hier
wohnen jedermann kennt die Strandgesetze die das geborgene dem Meer
entrissene Gut den Bergern zusprechen Was fürchtest du also«
»Dass der Schlingel lügt Ich wollte wetten ihn auf der Galliot gesehen zu
haben Er weiß genau dass wir dort waren«
Rafaele wandte sich wieder zu dem Dolmetscher und ließ den Kranken fragen
ob er auf dem Schiff irgendwelche fremden Männer gesehen habe Robert antwortete
der Wahrheit gemäß dass er von dem Abkommen das van Swieten mit einigen
Fischern abgeschlossen hatte durch den Kapitän selbst unterrichtet worden sei
und dass man manche Waren nur deshalb auf die Insel überführt habe um den hohen
Wert der Ladung zu verheimlichen »Der Kapitän wollte uns in ein paar Tagen von
Havanna aus abholen« schloss er seinen Bericht
»Und du weißt nicht wohin er gesegelt ist Du hast das Schiff nicht
wiedergesehen«
»Nein«
Rafaele wandte sich zu den andern »Kameraden« sagte er »unsere Gesetze
werden in jedem einzelnen Fall durch Stimmenmehrheit festgestellt und dies gilt
auch für diese Angelegenheit Wollt ihr es so wird der Junge erschossen ich
aber mag damit nichts zu schaffen haben sondern erkläre ein solches Todesurteil
für Mord Und nun entscheidet«
Danielo hob die Hand »Er sterbe« sagte er mit festem Ton »Nur die Toten
sind ungefährlich nur ihrer ist man ganz sicher«
Aber keiner außer ihm rührte sich Rafaele war als Anführer zu beliebt und
auch zu gefürchtet um nicht durch seine Stimme die Sache von vornherein
entschieden zu haben Alle Bukanier schwiegen
»Danielo« sagte nach einer Pause der Räuber »du hörst dass sich niemand
deiner Meinung anschliesst Der Junge bleibt am Leben und bleibt hier bis sich
Gelegenheit findet ihn auf ein Schiff zu setzen Jetzt könnt ihr gehen«
Die Bukanier entfernten sich und Robert blieb mit seinem Wärter dem Koch
allein zurück ohne über den Ausgang der Sache irgend etwas erfahren zu haben
Nach und nach aber beruhigte er sich doch da man ihn fast gar nicht mehr
beachtete sondern ihn ganz sich selbst überließ
Nur Gomez der Koch behandelte ihn freundlicher und lehrte ihn einzelne
spanische Worte die Robert mit deutschen Ausdrücken beantwortete so dass aus
der Unterhaltung der beiden ein Kauderwelsch entstand wie es komischer wohl
selten gehört worden ist
Wenn der blasse abgemagerte Kranke vor der Tür im Sonnenschein saß und mit
langsamen schwachen Bewegungen für seinen neuen Freund irgendeine kleine Arbeit
verrichtete das Gemüse putzte Früchte schälte oder die Messer schliff so
brachte ihm Gomez heimlich ein gutes Glas Wein und ein gebratenes Huhn oder
dergleichen wobei dann das spanischdeutsche Wörterbuch um manchen kostbaren
Ausdruck bereichert wurde Doch die beiden kamen gut miteinander aus und das
war genug da sie fast immer allein die Insel bewohnten Rafaele und seine Leute
kamen manchmal wochenlang nicht nach Hause manchmal nur für die Nächte und
wieder an anderen Tagen nur zum Mittagessen der Koch aber musste immer darauf
vorbereitet sein sooft es verlangt wurde ein schmackhaftes Mahl zu bereiten
Robert sah in einem der Nebengebäude eine Speisekammer die für einen
grossstädtischen Gastwirt vollkommen ausgereicht haben würde Frisches Geflügel
die feinsten Fische Früchte Gemüse und Weine alles war vorhanden Ganze
Fässer voll Butter lagen im Schatten einer Erdhöhlung ganze geschlachtete
Kälber und Ochsen hingen an eisernen Haken Die Bukanier vertauschten den
Ertrag ihrer Fischerei im Hafen von Havanna gegen andere Lebensmittel und
brachten nur dann einige eingeweihte Händler mit auf die Insel wenn es solche
Geschäfte gab die im engsten Vertrauen der Käufer und Verkäufer abgeschlossen
werden mussten Schon längst waren die Seidenstoffe und Spitzen aus Roberts
Niederlassung herübergeholt worden und schon als der Junge noch ohne Besinnung
dalag hatte man sie zu Geld gemacht
Er sah keine Überreste des unglücklichen alten Schiffes und auf seine
wiederholten Fragen hieß es dass es untergegangen sein müsse niemand wisse
davon Robert war jetzt erst vollkommen überzeugt dass alle seine Kameraden
ermordet worden waren aber er hatte Selbstbeherrschung genug das nicht
öffentlich durchblicken zu lassen und erkundigte sich desto mehr nach den
Einzelheiten seiner Erlösung von der Insel
Hätte ihm nicht der Koch den Namen Gallego genannt so würde er die ganze
halb in Worten halb durch lebhafte Gebärden vorgetragene Erzählung kaum
begriffen haben so aber verstand er ihren inneren Zusammenhang sogleich Gomez
schloss beide Augen um anzudeuten dass es dunkel gewesen sei darauf schlich er
unhörbar auf den Fußspitzen bis zu einigen Flaschen die er schnell ergriff
unter den Arm schob mit scheuen Blicken nach allen Seiten sah und dann mit
denselben Katzenschritten davonhuschte
Robert hatte ihn verstanden »Gallego« sagte er »Antje Marie nicht wahr«
Dann machte er die Bewegung des Trinkens
Der Koch nickte lebhaft und fuhr in seiner Erzählung fort indem er mit
gerecktem Oberkörper jemand nachzublicken schien Er ballte die Faust
»Karacho« murmelte er »Dieb«
Dann ergriff er ein Seil stürzte sich auf den Besen der in stiller
Beschaulichkeit an der Tür lehnte sah ihn mit rollenden Augen an und schnürte
ihn gegen einen Pfahl »Muertos« rief er »Muertos« und schloss wieder die
Augen um anzudeuten dass das Wort so viel wie Tod bedeute
Als er sah dass ihn Robert verstanden hatte legte er mit bezeichnendem
Blick den Finger auf den Mund »No hablan Nichts ausplaudern« sagte er
Robert schüttelte den Kopf Die Kenntnis von dem Aufenthalt Gallegos unter
der Bande hätte ihm ja bestimmt das Leben kosten müssen daher konnte der
schlaue Gomez vollkommen überzeugt sein dass er schweigen würde
Also dieser wüste Trinker der Mann den er schon in Hamburg mit scharfem
Messer auf seinen Nebenmenschen hatte losgehen sehen war es gewesen der ihn
durch das gespenstische mitternächtliche Erscheinen auf der Insel so sehr
erschreckt hatte der von seiner verzweifelten Lage genau wusste und dennoch
nichts tat um ihn zu befreien oder ihm wenigstens beizustehen als er krank
dalag
Seine Strafe war schrecklich gewesen Robert vergab dem Gerichteten was er
ihm getan hatte und wünschte seiner Seele aufrichtig Frieden Er bat den Koch
an einem freien Tag mit ihm hinüberzufahren zu der Insel die er aus mehr als
einem Grunde vor seinem Abschied von dieser Gegend noch einmal wiedersehen
wollte Anfangs weigerte sich Gomez aus Furcht vor der Rache der andern die
immer noch gegen Robert ein heimliches Misstrauen hegten dann aber gab er nach
und als eines Tages die ganze Bande fort war segelte er mit seinem jungen
Schützling hinüber Welch ein eigentümliches Gefühl war es für Robert den Platz
wiederzusehen an dem er so bittere hoffnungslose Stunden durchlebt hatte
Mit Gomez ließ sich zu wenig sprechen um solche Erinnerungen in Worten
wiederzugeben Desto besser aber konnte er das als die kleine Niederlassung
erreicht war Der Koch streichelte voll Mitleid die eingefallenen Wangen des
Jungen und aus dem was er in seiner lebhaften Sprechweise hervorsprudelte
entnahm Robert deutlich genug dass er gegen die beiden plumpen Messingtöpfe aus
der Kombüse der Antje Marie und gegen die leere Tonne in der das Pökelfleisch
gewesen war die größte Nichtachtung ausdrücken wollte Bei solcher Kost konnte
ja keine Gesundheit bestehen
Robert sah noch einmal in die Höhle hinein in der er fast einen Monat lang
gewohnt hatte und dann suchte sein Blick den einzigen Gegenstand den er zur
Erinnerung an diese Insel mit sich nehmen wollte die Nähnadel aus der
Fischgräte
Er hatte längst aus dem reichlichen Vorrat der Flibustier einen neuen
anständigen Matrosenanzug erhalten aber er wollte doch die Gräte mit der er
sich in höchster Not geholfen hatte für immer aufbewahren ja er hoffte in
diesem Augenblick nichts sehnlicher als dies kleine selbstgefertigte Werkzeug
einmal seinem Vater zu zeigen und ihm beweisen zu können dass sich das Krollsche
Blut in der Stunde der Gefahr glänzend bewährt hatte dass es den Schneider
offenbart hatte ohne Tisch ohne Schere ohne Bügeleisen nur mit einer
Fischgräte
Und richtig da steckte sie Zwischen zwei Brettern war ein kleiner freier
Raum wohin er sie damals gelegt hatte Voll Freude verbarg er seinen Schatz in
der Tasche um dann nach einem letzten Abschiedsblick auf die Umgebung mit Gomez
den Baum zu suchen an dem Gallego so trostlos umgekommen war
Da die beiden auf gut Glück das Gebüsch durchstreiften dauerte es ziemlich
lange bis die Stelle gefunden war Ein schauerlicher Anblick bot sich ihnen An
einer Palme von Seilen umschnürt stand aufrecht das Gerippe des Verurteilten
Bis auf die Knochen abgenagt von Geiern und Füchsen weiß gebleicht von den
sengenden Strahlen der Sonne so sahen sie die letzten Überreste des
Unglücklichen der durch Trunksucht sein eigener Henker geworden war Sämtliche
sechs Flaschen Rum die Rafaele in die Nähe des Baumes gelegt hatte waren bis
auf den letzten Tropfen leer wahrscheinlich also hatte sich Gallego durch den
masslosen Genuss des Alkohols einen ganz plötzlichen Tod zugezogen
Stumm sahen sich die beiden an und dann machte Robert eine halb
unwillkürliche Bewegung die der Spanier sofort mit lebhaften Gebärden
beantwortete Er lief zurück zu seiner Höhle um den Spaten zu holen und ein
Grab zu graben Die Flibustier hatten ja alles Gerät das sich vorfand
unbeachtet liegen lassen
Als er zurückkam ergriff Gomez sofort das plumpe Werkzeug und sagte wieder
mit seinen ausdrucksvollen Gebärden ganz verständlich »Gib her armer Junge du
hast ja keine Kräfte«
Robert war sehr damit einverstanden Er wünschte ohnehin für den letzten
Besuch an Mohrs Grab keinen Zeugen und entfernte sich daher während Gomez grub
auf dem bekannten Wege um zum Strand zu kommen Als er hier das letztemal ging
war es im halben Fieber in stumpfer Ergebung dem Unvermeidlichen gegenüber
gewesen jetzt dagegen mit neuer Hoffnung neuem Mut für die Zukunft Liessen
ihn die Räuber nicht gutwillig fort so würde sich ja die Gelegenheit zur Flucht
früher oder später finden Er fühlte sich jeden Tag kräftiger werden und gab
nichts verloren
Die Rettung von dieser Insel im Augenblick der höchsten Gefahr war ja fast
ein Wunder zu nennen Er fühlte die ganze volle Dankbarkeit gegen das Schicksal
erst hier wo er am verzweifeltsten gewesen war als das Schiff das er in der
Gewitternacht so nahe am Strand gesehen hatte vor seinen Augen in der Ferne
verschwand
Ein Gesangbuchvers den er vom Chor der kleinen heimatlichen Dorfkirche
herab so oft mit seiner klaren Stimme gesungen hatte ein alter vergessener
Vers fiel ihm hier am Ufer der entlegenen Insel plötzlich wieder ein er summte
ihn halblaut vor sich hin und empfand dabei so ganz seine tiefe Wahrheit
Der Wolken Luft und Winden
Gibt Wege Lauf und Bahn
Der wird auch Wege finden
Da dein Fuß gehen kann
Er glaubte die Natur nie so schön gesehen zu haben wie heute als er nach
langer schwerer Krankheit den ersten Ausflug machte Fast heiter ging er an die
letzte Ruhestätte des alten Freundes Dort grünte und blühte es in allen Farben
dort murmelte das Wasser und warf spielend leichte Wellen an den Strand Robert
hatte Mühe die Stelle wiederzufinden so üppig war während der zwei Monate die
Pflanzenwelt überall vorgedrungen Aber er fand es doch und pflückte eine kleine
weiße Blume die zu der Fischgräte in den kleinen ledernen Brustbeutel wanderte
welchen ihm Gomez geschenkt hatte
Der war gewiss schon ganz ermüdet und wunderte sich dass ihm so gar kein
Beistand geleistet wurde Robert sah noch einmal zurück er sah noch einmal über
das Meer dann kehrte er sich ab Der gutmütige Gomez hatte als er wieder bei
ihm anlangte das Gerippe des Gerichteten bereits mit einer leichten Erdschicht
bedeckt und so war denn der kleine Ausflug für diesmal beendet Man fuhr zurück
zu der Niederlassung der Räuber wo Gomez vor allen Dingen eine tüchtige
Mahlzeit auf den Tisch brachte Robert hatte überhaupt nie in seinem Leben
bessere Tage gehabt als gerade jetzt Er wurde zu keiner bestimmten Arbeit
gezwungen sondern half nur dem Koch wo es sich traf und pflegte den Garten
in dem die Bande alles baute was zur Vervollständigung einer feinen Küche
gehört Außer den bekannten Gewürzkräutern und Gemüsen gab es dort Liebesäpfel
spanischen Pfeffer Champignons und anderes mehr Auch Ananas und Bananen
wuchsen da und außerdem hielten sich die Flibustier einen großen Hühnerhof
einige Schweine und Kühe Nur Pferde hatte man nicht weil eben keine Felder
bebaut wurden
Robert war sozusagen der Herr all dieser reichlichen Schätze Die Flibustier
kümmerten sich darum fast gar nicht Sie schafften nur Proviant in Massen
herbei während seine Verwendung dem Koch überlassen blieb Auf ein
anstrengendes gefährliches Tagewerk sollte ein üppiges Mahl und ein guter Trunk
folgen das war es was sie wollten und wofür sie lebten
Die Speisekammer stand immer auf die Früchte wuchsen in Fülle die
Weinfässer lagen in einer Art von Erdhöhlung die nie verschlossen wurde und
Arbeit gab es fast gar nicht Robert konnte glauben in das Schlaraffenland des
Märchens versetzt worden zu sein er musste dies Leben verführerisch nennen aber
dennoch hatte er keinen Augenblick das Verlangen der Bande anzugehören Er
dachte täglich und stündlich an den Augenblick der ein Schiff hierherführen und
ihn befreien sollte
Warum ihn wohl die Fischer noch immer hier behielten Er begriff es nicht
und fragte einmal den Koch danach Gomez wiegte mit schlauem Lächeln den Kopf
Er setzte den Zeigefinger auf Roberts Brust »Bukanier« sagte er
Der Junge errötete »Ich Niemals Gomez«
Der Koch zuckte die Achseln »Roberto Bukanier« wiederholte er »no hablan
andere Bukanier«
Jetzt begriff er die Meinung des Spaniers »Ich soll erst an den Verbrechen
der Räuber teilnehmen damit ihnen mein Schweigen sicher ist« fragte er in dem
eigentümlichen Kauderwelsch in dem die beiden miteinander sprachen »War es so
ausgeklügelt Gomez«
Der Koch nickte lebhaft »Ja« rief er »ja«
»Und ich sage nein« rief entschieden der Junge »Mein gutes Gewissen sollte
ich um dieser Seeräuber willen verlieren Oho das geht nicht so leicht wie
ihr denkt Zum Verbrecher lasse ich mich nicht machen«
Er ging wieder an seine Gartenarbeit die zwar nicht notwendig war die er
aber begonnen hatte um sich etwas zu beschäftigen Er grub zierliche Beete wo
sonst alles wie Kraut und Rüben durcheinander wuchs oder er machte den Hühnern
eine hölzerne Einfriedigung damit sie nicht in den Garten kamen und räumte die
Vorratskammern auf
Gomez obwohl ein vortrefflicher Koch und ein guter harmloser Mensch war
doch keineswegs reinlich oder ordnungsliebend daher fand Robert immer Arbeit in
Fülle Außerdem schoss er gelegentlich einige Vögel fischte und flickte auch
wohl des Kochs Kleidungsstücke so dass er immer beschäftigt war Heimlich aber
beobachtete er fortwährend das Meer und seufzte wenn wieder der Abend kam ohne
dass sich ein Schiff der Insel genähert hätte
Die Bukanier nahmen von ihm nicht die geringste Notiz Vielleicht wollten
sie ihm das arbeitslose gute Leben erst ganz zur Gewohnheit werden lassen
damit er sich von selbst nachgiebig zeigen sollte wenn sie ihm die Wahl stellen
würden entweder für immer in ihre Gemeinschaft überzutreten oder zu der harten
Arbeit des Matrosen zurückzukehren Sie ließ ihn wie ein Haustier an ihrem
Tisch essen und unter ihrem Dach schlafen ohne sich um ihn zu kümmern
Da sah er eines Tages dass zu ganz ungewohnter Zeit die Räuber eilig und
bestürzt heimkehrten dass sie den Koch herbeiriefen und laut miteinander
sprachen Robert fühlte wie ihm das Herz gegen die Rippen pochte Was war
geschehen
Er schlich sich an den Koch heran und fragte ihn aber was dieser
antwortete das lag zu weit außerhalb des Gesichtskreises täglicher
Angelegenheiten er verstand ihn diesmal nicht
Da rief ihn der der etwas deutsch sprach zu sich »Du« sagte er »es
kommt morgen ein Abgesandter der kubanischen Regierung hierher um die Inseln zu
besichtigen nach versteckten Waren zu forschen und überhaupt seine verdammte
Fuchsnase in anderer Leute Angelegenheiten zu stecken Der Teufel hole ihn Du
aber unterstehst dich diesem Mann oder seinen Begleitern vor Augen zu kommen
und jetzt hilfst du mit unsere Vorräte in ein Versteck zu schaffen wo sie vor
diesem Spürhund sicher sind Es ist alles mit schwerer Arbeit redlich verdient«
schloss er »aber die verfluchten Regierungsbeamten diese Blutsauger und
Menschenschinder brauchen nicht zu wissen dass wir uns in besseren Sachen als
nur in Bananen und Fischen satt essen können sonst werden gleich die Steuern
erhöht so dass ein rechtschaffener Kerl keinen Piaster mehr für sich behält
Wenn du nicht gehorchst Junge dann «
Ein bezeichnender Blick und ein Gliff an das kurze Gewehr vervollständigten
seine geharnischten Worte Robert sah dass es bitterer Ernst war und dass er
gehorchen müsse wenn er nicht sein Leben aufs Spiel setzen wollte Er ging also
zu Gomez um von ihm nähere Aufträge zu erhalten
Ein Boot wurde auf den Strand gezogen und mit den Vorräten der Speisekammer
beladen dann ruderten es zwei Räuber in einen kleinen Fluss dessen Windungen
und Krümmungen unter dichtem Gebüsch den Männern nicht erlaubten in ihrem
Fahrzeug aufrecht zu stehen Kniend oder liegend brachten sie mit äußerster
Anstrengung meistens durch Schieben und Ziehen das Boot vorwärts aber dafür
waren auch ihre kostbaren Schätze sicher geborgen Nur ein Eingeweihter konnte
den Lauf dieses schlangenartig gewundenen Wasserlaufs verfolgen nur wer sein
Eigentum vor den Blikken anderer bewahren wollte konnte sich entschließen in
diese Wildnis vorzudringen Robert musste im Laufe des Tages mehr als einmal die
beschwerliche Fahrt mitmachen und sowohl Lebensmittel als auch die besseren
Möbel der Wohnung Munition und Waffen unter dem undurchdringlichen Gebüsch
verbergen helfen Alles was nicht mit dem Fischereigewerbe im Zusammenhang
stand wurde sicher versteckt so dass sehr bald die ganze Behausung nach
äußerster Armut aussah In der großen Vorratskammer lagen Segel Netze und Taue
im Wohnzimmer standen nur noch ein hölzerner Tisch und ein paar rohe Bänke
während die guten Betten des anstoßenden Raumes durch Haufen von Seegras ersetzt
waren
Die Räuber fischten eifrig so dass die Abgesandten der Regierung einige Tage
später unter zahllosen Leinen mit zum Trocknen aufgehängten Fischen den Weg zu
der Behausung der Räuber suchen mussten
Robert wagte es nicht sich blicken zu lassen Er saß hinter einem
aufgestapelten Haufen von Brennholz und verschlang das Regierungsschiff mit den
Augen Manchmal war er nahe daran vor den Beamten hinzutreten und im Namen der
Gerechtigkeit zu verlangen dass man ihn von der Insel befreie Es schien so
einfach und lag so nahe aber Robert zögerte es zu tun Wenn ihn der Spanier
nicht verstand oder wenn er von den Flibustiern bestochen worden war gewisse
Dinge weder zu hören noch zu sehen
Nein nein Robert musste sich ergeben musste wieder nachdem Rafaeles
Erlaubnisschein zur Fischerei von dem Beamten erneuert worden war die weißen
Segel des Regierungsschiffes sich entfalten und im Abendsonnenschein den Strand
verlassen sehen Das Herz wurde ihm so schwer wie seit langem nicht seine
Augen füllten sich mit Tränen kaum konnte er ein Schluchzen gewaltsam
unterdrücken
Viel lieber hätte er das harte Schiffsbrot gegessen und die schwere Arbeit
des Seemanns willig ertragen als dass er hier unter Verbrechern unnütz
dahinlebte ja er meinte sogar dass selbst der Tod besser sei als dieser
entwürdigende Zustand Aber dennoch gab es kein Mittel zu seiner Befreiung er
sah wie sich das Schiff entfernte weiter und immer weiter alle Hoffnung war
fürs erste wieder dahin
Gomez kam und sah ihn freundlich tröstend an Er allein verstand den Jungen
er allein empfand ein gewisses rohes Mitleid und suchte es durch reichliche
Weinspenden zu zeigen Die Bukanier ihrerseits tranken zur Feier des Tages so
lange bis sie sämtlich besinnungslos unter den Tischen lagen
Die Ankunft des Beamten war schon seit mehreren Monaten vorausgesehen und
gefürchtet worden daher atmeten jetzt alle auf nachdem sich das drohende
Unwetter verzogen hatte und während der folgenden Zeit herrschte unter der
Bande fröhlichste Stimmung Es vergingen acht Wochen in denen für Robert kein
Tag anders verstrich als der vorhergehende dann aber fiel wie ein Blitz aus
heiterer Luft ein ungeahntes Ereignis in dies ruhige Leben hinein und änderte
auf einen Schlag alles
An dem Felsen der auch der unglücklichen Galliot so verderblich geworden
war strandete ein französisches Vollschiff das zwar bei dieser Katastrophe
kein Leck erhielt aber doch nicht ohne die Hilfe eines anderen Fahrzeuges
wieder loskommen konnte Der Kapitän ließ daher die Notflagge setzen und unter
den Flibustiern herrschte die größte Aufregung
An Bord des Franzosen glänzte nicht allein eine sehr achtunggebietende
Messingkanone sondern die Mannschaft sah auch nicht danach aus als ob es ganz
leicht sei mit ihr fertig zu werden Vielleicht war der Kapitän auf alles
vorbereitet da er seine Leute bewaffnet hatte und eine starke Wache an Deck
hielt
Ein offener Angriff wurde von den Räubern überhaupt niemals unternommen
aber auch im Dunkeln ließ sich hier nur schwer etwas ausrichten Außerdem drohte
noch ein anderer Umstand den Flibustiern diesmal ihre Beute streitig zu machen
Am unteren Ende der Insel lebte nämlich noch eine zweite Bande ehrenwerter
Fischer die auch den gestrandeten Fahrzeugen zur Hilfe zu eilen pflegte und die
sogar diesmal das Notzeichen des Franzosen noch etwas früher bemerkt hatte als
Rafaele und seine Genossen
Es kam zu einem Wettrudern das damit endete dass das Boot der Gegenpartei
um zwei Minuten früher unter dem Bug des Franzosen anlegte Bachicho so hieß
der Anführer der zweiten Bande hatte also das Spiel gewonnen und konnte wenn
sich weiter nichts erreichen ließ doch immerhin den französischen Kapitän für
die zu leistende Hilfe nach Möglichkeit schrauben Rafaele dagegen musste mit
seinen Leuten unverrichtetersache wieder abziehen
Das spanische Blut wallte und die Hand griff nach dem Messer Nur einer ganz
kurzen Beratung bedurfte es um einstimmig festzustellen dass mit dieser
Niederlage die Sache selbst noch nicht zum Austrag gekommen sei Das große Boot
wurde fertig gemacht die Segel befestigt Haufen von Munition an Bord gebracht
und im Gebüsch am Strand ein Beobachter zurückgelassen
Als es dämmerte meldete er dass sich das kleine Boot mit den beiden
Unterhändlern vom Schiff wieder entfernt habe und nun bestiegen zehn Bukanier
unter Anführung Rafaeles das größere Fahrzeug um im Schutz der einsetzenden
Dunkelheit zur entgegengesetzten Seite der Insel zu fahren und dort den Feinden
jede Verbindung mit dem gestrandeten Schiff abzuschneiden
Robert sah diese Vorbereitungen aber ohne ihren Zusammenhang ganz zu
begreifen er wandte sich an den Koch der mit gespannter Aufmerksamkeit den
Verlauf der Dinge beobachtet hatte Es war jetzt ganz dunkel und von dem
französischen Schiff herüber dröhnten Signalschüsse Der Kapitän schien
ungeduldig geworden zu sein da jetzt nachdem sich vorher zwei Parteien darum
bemüht hatten die erbetene Hilfe ganz ausblieb
»Gomez« fragte der Junge »was bedeutet das Wird da unten gekämpft«
Seine Handbewegung verständigte den Koch dessen lebhaftes Gebärdenspiel ihm
sofort Auskunft gab Gomez führte gewaltige Hiebe in die Luft legte an kniff
ein Auge zu und rief »Puff« Dann deutete er in die Gegend des gestrandeten
Schiffes »Pilot Steuermann Lotse« raunte er »Pilot Havanna Rafaele
Gomez Pilot Andere Bukanier no no«
Seine Hand durchschnitt waagrecht die leere Luft um anzudeuten dass keiner
der übrigen Räuber imstande sei ein Schiff nach dem Hafen von Havanna zu
steuern
Robert hatte sofort begriffen »Gomez« flüsterte er mit halber Stimme und
nachdem ihn ein schneller Rundblick überzeugt hatte dass kein Lauscher in der
Nähe sein »Gomez das Schiff braucht also um in den Hafen zu kommen einen
Mann der das Fahrwasser genau kennt und kann ihn auf dem üblichen Weg nicht
erreichen weil bis hierher die Lotsenschiffe nicht kommen Ist es so«
»Ja« nickte der Koch dem Roberts Deutsch das ohnehin mit vielen
spanischen Worten durchsetzt war ganz verständlich klang
»Ja«
Robert legte beide Hände auf die Schultern des schwarzbärtigen Freundes
»Gomez« bat er während seine Stimme vor Erregung heiser klang »Gomez nimm
mich mit dir«
Der Spanier schien zu verstehen um was ihn sein Schützling bat »Mi figlio
mein Sohn« sagte er kopfschüttelnd und mit bedauerndem zärtlichem Ton »mi
figlio kann nein tun no no Rafaele so «
Und dann ergriff er seinen Kopf und zerrte daran als wolle er ihn
herabreissen ohne Zweifel um anzudeuten dass ihn Rafaele zur Strafe für solchen
Verrat unter allen Umständen töten werde
Robert ließ seufzend die Arme sinken Gomez hatte die Wahrheit gesprochen
das wusste er wohl und doch gab es ihm einen Stich ins Herz »Aber das Schiff
sitzt ja fest« sagte er nach einer Pause »wie soll es ohne den Beistand eines
anderen Fahrzeuges von der Klippe loskommen«
Gomez streckte blitzschnell seine zehn Finger in die Luft und dann wieder
zwei Darauf vollführte er mit beiden Armen schaufelnde Bewegungen als backe er
ein Brot und rolle und schiebe den Teig im Trog umher
»Du meinst dass um zwölf Uhr nachts die Flut kommt und das Schiff flott
macht« fragte Robert
Der Koch nickte »Nur Pilot Pilot« wiederholte er
Robert sah sehnsüchtig über das Wasser »Rafaele wird selbst gehen«
antwortete er nach einer Pause
Der Koch zuckte die Achseln »Quien sabe wer weiß« murmelte er
Und wirklich sollte sich die Befürchtung die er im stillen gehegt haben
mochte erfüllen Das kleinere dem großen nachgefolgte Boot der Flibustier kam
zurück und brachte mehrere Verwundete vor allem auch den Anführer selbst
Während fast alle noch Zurückgebliebenen schnellstens zur Verstärkung geschickt
wurden rief Rafaele den Koch der zugleich als Heilkünstler aushalf zu sich
Gomez verband die Stichwunde im Arm den Streifschuss am Hals und den Hieb der
einen Finger fast ganz von der Hand getrennt hatte dabei aber sprach der
Verwundete fortwährend und als endlich die Unterredung zu Ende war kehrte
Gomez mit schlauem Blinzeln in die Küche zurück
»Ich Pilot« raunte er »Havanna«
Robert erbleichte »Du« stammelte er
»Sst Sst Roberto so«
Er machte die Bewegungen des Schwimmens
Der Junge nickte eifrigst »Natürlich Gomez natürlich Ich kann schwimmen
und kann es aushalten so lange wie nur ein Mensch der sich damit das Leben
retten will«
»Sst Sst Aber Haifische« flüsterte Gomez und riss den Mund
sperrangelweit auf »Haifische so« dabei schnappte er fürchterlich und sah
den ganzen Oberkörper wiegend mit bedauernden Blicken auf seinen jungen Freund
Robert lächelte mit bleichen Lippen Er fühlte wie ihm ein Schauer über den
Rücken herabrann »Das tut nichts Gomez« antwortete er »ich habe ja den Weg
von der Klippe bis zum Strand schon einmal schwimmend zurückgelegt«
Gomez pfiff leise Seine beiden Hände stellten sich flach nebeneinander in
die leere Luft und dann trennte er sie um das Sechsfache des ursprünglichen
Zwischenraums »So« sagte er »und so«
Robert nickte »Ich weiß dass die Entfernung zwischen dieser Insel und dem
Schiff bedeutend größer ist als die andere« sagte er »aber ich setze alles an
alles Entweder gerettet oder tot einen Mittelweg gibt es nicht«
Das hatte nun zwar der brave Gomez keineswegs verstanden aber er erriet den
Sinn und seine durch Blicke und Bewegungen gegebenen Ratschläge zeigten dem
Jungen wie er es anfangen müsse bis zum äußersten Vorsprung der Insel zu
schleichen und dann auf kürzestem Wege schwimmend bis zum Schiff zu kommen Er
sagte ihm dass zwei andere Bukanier ihn begleiten würden um das Boot
zurückzurudern und dass er Gomez daher erst von dem französischen Schiff aus
für ihn sorgen könne Zu guter Letzt wiederholte er noch sein bedenkliches
»Haifisch Haifisch«
Aber Robert hatte genug gehört um einen ganz festen Entschluss zu fassen Er
tat zwar in der Küche seine gewöhnlichen Arbeiten brachte dem fluchenden
Anführer einen kühlenden Trunk und blieb absichtlich im Wohnzimmer zurück als
das Boot mit den drei Bukaniern vom Lande abstiess Rafaele hatte also gesehen
dass er zu dieser Zeit nahe bei seinem Bett stand und konnte später wenn die
Flucht gelang dem braven Gomez keine Vorwürfe machen
Dann aber suchte er mit fieberhafter Hast den Weg über den weißen sandigen
Strand bis zur letzten Klippe der Insel Keinen Blick sandte er rückwärts keine
Bedenken ließ er in sich aufkommen Jetzt lag die Freiheit offen vor ihm jetzt
oder nie hieß die Losung
Der Strand war vom Mondlicht hell überglänzt und auch auf dem Meer lag es
wie flüssiges Silber Weiße Schaumperlen rollten stärker auf den Strand die
Wellen hoben sich In einer Viertelstunde musste die Flut alles bis an den
Waldsaum unter Wasser gesetzt haben
Robert sah das Boot Es bewegte sich schnell vorwärts und war in der Ferne
nur noch als ein dunkler Punkt erkennbar Er hatte für die Ausführung seines
Planes keine Zeit mehr zu verlieren
Noch ein tiefer Atemzug dann warf er Jacke und Stiefel von sich nahm den
Brustbeutel mit seinen beiden einzigen Andenken an die Insel die Fischgräte und
die Blume von Mohrs Grab zwischen die Zähne dann sprang er ins Wasser
tauchte ein paarmal unter um sich der Erfrischung und Abkühlung so recht bewusst
zu werden und schwamm nun so schnell er konnte in der Richtung zum Schiff
Aber die Entfernung war weit und er wusste dass es in dieser Gegend zahllose
Haifische gab Wie oft hatten die Bukanier vom Strand aus einen geschossen um
das Fleisch wie Beefsteak gebraten zu essen wie oft hatte er es selbst
gekostet Jetzt konnte nur allzuleicht das Gegenteil eintreten der Gedanke war
grässlich
Aber noch sah er nichts Verdächtiges nur die blauen und silbernen Wogen
umgaben ihn Es erfüllte ihn mit stolzer Freude unter sich bergestief die
unergründliche Wassermasse und um sich die unbegrenzte Freiheit zu wissen Er
fühlte sich glücklich in dem Gedanken selbst wollen und selbst handeln zu
dürfen unbekümmert um die Meinung anderer
Der Mond schien hell herab nah und näher kamen die schwarzen Umrisse des
Schiffes in einiger Entfernung fuhr langsam das Boot mit den beiden Bukaniern
zur Insel zurück Jetzt würde man in wenigen Minuten dort seinen Namen rufen
ihn suchen Verdacht schöpfen
Der Gedanke trieb zur Eile Immer schneller durchschnitten seine kräftigen
Arme das Wasser mit immer stärkerem Anprall schlugen die Wellen an seine Brust
Er hatte jetzt das Schiff bis auf zehn Meter Entfernung erreicht Deutlich
zeigten sich an Deck die Gestalten mehrerer Männern er sah wie sich Gomez
über die Schanzkleidung beugte
»Schiff ahoi« rief er laut in ausbrechendem Jubel
Aber das letzte Wort blieb ihm fast in der Kehle stecken Was regte sich
dort rechts von ihm und plätscherte leise was ragte rundlich und aschgrau aus
den Wellen
Ein hässlicher Kopf tauchte auf ein bogenförmiges Maul öffnete sich im
Mondlicht schimmerten sechs Reihen sägenartig gezackter nach hinten gebogener
Zähne
Noch tiefer beugte sich Gomez über die Schanzkleidung herab
Robert tauchte schnell wie der Blitz und kam fast unter dem Bug des
französischen Schiffes wieder an die Oberfläche In diesem Augenblick krachte
ein Schuss langhallend über das Wasser die Wogen spritzten weißer Gischt schlug
an die Bordwände angstvolle Stimmen riefen »Schnell Schnell«
Robert erfasste das Tau das ihm zugeworfen wurde Wie eine Katze kletterte
er daran empor rückwärts blickend ob ihn der Hai verfolge Das Meer war rings
von Blut bedeckt purpurn kräuselten sich die Wellen das todverwundete Tier
rasend vor Schmerz und Wut erhob sich mit letzter Kraft zum Sprung
Scharfe Zähne packten und rjetzten den nackten Fuß des Jungen Er verdoppelte
seine Anstrengungen um der drohenden Gefahr zu entrinnen
Da griffen kräftige Arme unter seine Schultern Gomez hob mit raschem
Schwung den Halbermatteten an Deck »Amigo« sagte er schwankend zwischen
Rührung und Freude »mi Amigo doch Haifisch Gomez gerettet Roberto«
Der Junge schlang beide Arme um den Hals des Kochs und küsste seine bärtigen
Wangen Was er sagte und was Gomez dagegen hervorsprudelte das verstanden sie
beide nicht aber ihre Herzen fühlten es
Der französische Kapitän musste von dem Zusammenhang der Dinge bereits
unterrichtet sein denn er schenkte mitleidig dem ganz durchnässten und nur mit
Hemd und Hose bekleideten Gast einen Anzug aus seiner eigenen Garderobe ebenso
ließ er ihm Branntwein und Fleisch geben
Gomez lachte mit Augen und Mund Obgleich er zu den Räubern gehörte und
keineswegs gewillt war dies Leben mit einem anderen besseren zu vertauschen
war er doch gutmütig wie ein Kind Dass er den Hai erschossen hatte machte ihm
außerordentliches Vergnügen
Seine und Roberts Unterhaltung wurde aber sehr bald gestört In allen Fugen
des Schiffes knarrte und ächzte es unter dem Kiel regte es sich und dann
spürte man einen plötzlichen Ruck der die ganze Mannschaft aufatmen ließ
Die Blume von Frankreich war flott und der Lotse konnte sein Amt antreten
Robert warf die neugeschenkte Mütze hoch in die Luft Seine stürmische
Freude entlockte allen Zuschauern ein teilnehmendes Lächeln
Als sich das Schiff mit frischem Wind von der Insel entfernte als Gomez
obwohl er seit längerer Zeit nur noch den Kochlöffel geschwungen hatte jetzt
auf dem Achterdeck stand und in ruhig befehlendem Ton seine Kommandos gab da
packte es den Jungen wie wild Was gesprochen wurde das verstand er nicht aber
dennoch war er bei der Ausführung einer der ersten In die Masten hinauf ging
es als hätte er den ebenen Erdboden unter den Füßen und von oben herab jubelte
er ein befreites Lebewohl den verschwindenden Ufern zurück
Wie ferne Schatten zogen die Erlebnisse der letzten vier Monate an ihm
vorüber all die Stunden voll bitterer hoffnungsloser Verzweiflung Er achtete
nicht mehr darauf um dieses Freiheitsgefühls dieser Seligkeit willen versuchte
er alles zu vergessen
Die Blume von Frankreich lag wohlbehalten im Hafen von Havanna vor Anker
und schon vor Anbruch des neuen Tages hatten Gomez und Robert das Schiff
verlassen Es bestand kein Zweifel dass der Räuberhäuptling alles aufbieten
würde den Entflohenen wieder einzufangen und um seiner eigenen Sicherheit
willen zu töten daher musste Robert versuchen so rasch wie möglich an Bord
eines anderen Schiffes zu kommen
Gomez schüttelte bedenklich den Kopf Auf einem Segelschiff so schnell
angemustert zu werden hielt schwer und eins zu finden das gleich abfahren
wollte natürlich noch viel schwerer Aber von hier fort musste sein figlio sein
amigo und hermano Bruder wie er ihn abwechselnd nannte und daher durfte er
es einmal nicht ganz so genau nehmen musste sich mit einem Dampfer begnügen und
Gomez schaufelte in der Luft »Mi figlio es nicht anders gehen«
Robert lachte über das komische Gesicht in dem sich Schlauheit und Bedauern
so sonderbar vereinigten »Das schadet ja nicht« sagte er gut gelaunt »aber
kennst du einen Dampfschiffskapitän der mich mitnehmen würde«
Gomez pfiff leise Dann antwortete er in seiner Weise dass an Heizern immer
Mangel sei und ging mit dem Jungen zu einer Art Fähr oder Gasthaus wo schon
um diese Zeit reges Leben herrschte das allerdings wohl nie erlosch Hier
schien er bekannt zu sein denn manche nickten ihm zu und endlich sprach er
eifrig mit einem Mann der in seinem Äußeren den deutschen Matrosen auf den
ersten Blick verriet Der sah zu Robert hinüber und nickte indem er ein paar
spanische Worte sprach worauf Gomez den Jungen aufforderte hier zu bleiben
bis er selbst wiederkommen werde Das »no hablan« wurde noch flüsternd
hinzugefügt und dann verschwand er
Robert begriff sofort dass ihm in dem Matrosen ein Beschützer gewonnen war
um so mehr fühlte er sich verpflichtet über die Flibustier zu schweigen ja
sogar womöglich lieber nicht von seinem Aufenthalt auf der Insel zu erzählen
Das sollte ihm sehr leicht werden da der Seemann nur ein paar gleichgültige
Fragen hinwarf ihm das Grogglas zuschob und dann in den Halbschlummer
zurückfiel aus dem ihn Gomez geweckt hatte Der Koch kam auch sehr bald wieder
und brachte seinen Schützling auf einen Dampfer auf dem man deutsch sprach und
der innerhalb weniger Stunden in See ging
Der Kapitän versprach für die etwa zehn bis vierzehntägige Reise nach New
York dem jungen Heizer einen Lohn von acht Dollar und man war sehr bald
handelseinig Beim Abschied steckte der herzensgute Gomez noch in aller
Geschwindigkeit seinem jungen Schützling ein paar spanische Goldmünzen in die
Hand und wünschte ihm alles mögliche Gute Sein addio mi figlo war mit
ziemlich unsicherer Stimme gesprochen und auch Robert drückte wiederholt die
Hand des Mannes der ihn in schwerer Krankheit gepflegt und dessen fester Arm
ihm das Leben gerettet hatte
»Addio Addio «
Robert sah ihm nach solange er seine Gestalt auf der Hafenmauer erkennen
konnte Wenn er auch ein Räuber und Ausgestossener war so hatte doch der Spanier
ein warmes Herz und das sicherte ihm die dankbare Zuneigung des Jungen
Nach kaum zwei Stunden verließ der Dampfer den Hafen und Robert stand mit
der Schaufel in der Hand vor dem Kessel um jetzt ein sehr hartes Brot zu essen
das ihm im Anfang nach dem Schlaraffenleben auf der paradiesischen Insel zwar
nicht so recht schmecken wollte das er aber doch trotz blutender mit Schwielen
bedeckter Hände und schlafloser Nächte der Gemeinschaft der Bukanier um jeden
Preis vorzog
In New York
Von einer kurzen glücklich verlaufenen Reise an Bord eines Dampfers besonders
aber davon was ein Heizer auf hoher See erlebt lässt sich nicht viel
Interessantes berichten Wir beginnen daher gleich in New York nachdem im Hafen
Anker geworfen und Robert entlassen worden war Zwar gab sich der Kapitän alle
mögliche Mühe ihn wieder anzumustern und am liebsten ganz für sich zu gewinnen
aber Robert schlug das Anerbieten rund ab
Immer schwarz berusst da unten im glühend heißen Maschinenraum stehen und von
Zeit zu Zeit Kohlen in das Höllenfeuer schütten daran konnte er kein Gefallen
finden Hoch oben in den Mastspitzen an Deck im sausenden Nordsturm wo
Menschenkräfte ein Nichts werden das liebte er das war sein Leben und dahin
sehnte er sich zurück Der Freiheitsdrang seiner Seele verschärft durch
vierzehntägige Gefangenschaft im Maschinenraum des Dampfers brach mit ganzer
Macht hervor als ihm der Mastenwald im Hafen von New York zum erstenmal vor
Augen kam
Jetzt erst war sein Wunsch erfüllt jetzt war er in der weiten Welt und sah
und staunte ohne gleich alle neuen Eindrücke ganz in sich verarbeiten zu
können Was ihm besonders auffiel waren die riesigen amerikanischen Flussdampfer
mit den drei hoch übereinander gebauten Decks den riesigen Schaufelrädern und
dem etwa hundert Meter langen Schiffsrumpf Daneben lagen die großen
Chinafahrer diese Riesensegelschiffe gegen die sich die Blume von Frankreich
wie eine Nussschale ausnahm Die Unterrah eines dieser gewaltigen Segler hätte
schon für das französische Schiff als Mastbaum dienen können
Auf den Dämmen an der Hafenmauer sah er dasselbe Treiben wie auf dem
Baumwall in Hamburg nur in viel größerem Umfang und außerdem malerisch belebt
durch die verschiedenen Nationaltrachten der Farbigen in allen Abstufungen der
Chinesen und Orientalen In Hamburg hatte er diese Gesichtszüge und diese
Rasseeigentümlichkeiten schon kennengelernt aber doch nur unter der
alltäglichen Kleidung der Seeleute jetzt dagegen sah er Chinesen mit langem
Zopf und spitzen Schnabelschuhen Türken mit Turban und buntemKaftan sah
Armenier im langen dunkelbraunen Rock und Japaner mit ihrer hellen weiten auf
große Hitze berechneten Kleidung Alle diese Leute suchten und fanden Arbeit
schlossen und lösten neue oder ältere Verbindungen sprachen in babylonischer
Verwirrung gruppenweise durcheinander und waren mit den üblichen Arbeiten
beschäftigt die es eben nur im Hafen gibt sie löschten und luden die Schiffe
und waren an den Kränen und Umschlagplätzen tätig
Überhaupt hatte Robert von der Grossartigkeit der technischen Entwicklung in
Amerika bis jetzt noch keinen Begriff gehabt Wie staunte er als er die großen
GetreideVerladebrücken sah riesige Eisenkonstruktionen auf denen
Eisenbahnwagen bis über die Schiffe geschoben wurden dann öffnete sich eine
Klappe und der Weizen fiel direkt in den Laderaum
An anderer Stelle hob ein eiserner Kran spielend die schwersten Lasten aus
dem Schiffsraum heraus Riesige Ketten jede mit einem armesdicken Haken
versehen fuhren rasselnd in die Tiefe und wurden dort an der Kiste oder Tonne
die heraufzubefördern war festgelegt Dann auf ein gegebenes Zeichen drehte
ein Mann einen Hebel und die Last hob sich federleicht empor worauf wieder ein
anderer Hebel den ganzen fast zehn Meter hohen und ebenso breiten eisernen Kran
um seine eigene Achse drehte so dass nun die Tonne über dem bereitstehenden
Wagen in der Luft schwebte und nur durch einen Druck herabgelassen zu werden
brauchte
Was zehn Männer kaum in einer Stunde vollbracht hätten das wurde hier durch
das Ineinandergreifen der technischen Einrichtungen spielend in wenigen Minuten
getan
Robert ging langsam um alles zu sehen alles zu beobachten besonders aber
um das herrliche Gefühl der Freiheit so recht zu genießen In seiner Tasche
klapperten die Dollars und unter seiner Mütze wirbelte es von den Plänen und
Hoffnungen einer goldenen Zukunft Jetzt erst konnte er tun oder lassen was er
wollte konnte seinen Wunsch nach Abenteuern vollständig befriedigen und von Pol
zu Pol die ganze Erde kennenlernen Er war nun bald ein volles Jahr von Hause
fort und hatte das siebzehnte Lebensjahr beinahe erreicht seine besten Freunde
hätten in dem lang aufgeschossenen von der südlichen Sonne braun gebrannten
Matrosen mit dem ersten dunklen Flaum auf der Oberlippe und dem ganzen
gereifteren Aussehen wohl kaum das Kindergesicht wiedererkannt das er vor
Jahresfrist noch zeigte Auch die Stimme war tiefer und die Schultern waren
breiter geworden mit einem Wort Robert hatte sich recht gut herausgemacht und
der Gedanke nach Hamburg zurückzukehren lag ihm fern Ja wenn er das Geld
seines alten Freundes in der Tasche gehabt hätte Aber mit leeren Händen vor
den Vater treten Nein und tausendmal nein Erst musste er es zu etwas bringen
dann sollten die Pinneberger Augen machen und sich zuflüstern »Der Robert Kroll
ist doch ein Teufelskerl hat richtig draußen in der Welt das große Los
gewonnen«
Dieser Gedanke schmeichelte ihm sehr obwohl er dabei doch einiges
Herzklopfen verspürte Er wusste dass das was er wünschte nicht das war was er
unter allen Umständen hätte tun müssen nämlich seine alten Eltern um Verzeihung
bitten und sich mit ihnen aussöhnen Er wusste auch wie ganz anders er in der
Einsamkeit der unbewohnten Insel darüber gedacht hatte aber der Hang zu
Abenteuern und ungewöhnlichen Erlebnissen riss ihn mit sich fort
Er schlenderte im neuen hübschen Seemannsanzug am Hafen entlang und rauchte
eine Zigarre deren Rauch ihm schon längst kein Unbehagen mehr einflößte So
etwa fünf oder sechs Tage lang konnte er von seinem kleinen Schatz noch leben
und bis dahin würde sich ja eine Heuer finden möglichst nach unbewohnten wilden
Küsten vielleicht nach Afrika wo die Ansiedlungen der Weißen zwischen den
Bambushütten der Eingeborenen stehen wo man mit kleinen Muscheln anstatt mit
Geld bezahlt und die Schwarzen in ihrer ganzen Ursprünglichkeit kennenlernen
kann Er wollte sich überhaupt nur für eine Reise heuern lassen um ganz sein
eigener Herr zu bleiben So sehr wie jetzt da er eine schwere Zeit hinter sich
hatte war ihm die Reiselust die Freiheitsschwärmerei noch niemals zu Kopf
gestiegen
Sein Herz blieb freilich davon unberührt Er schrieb an die alten Eltern
einen so kindlichen Brief wie ihn nur ein liebevoller gehorsamer Sohn
schreiben konnte und wie er ungekünstelt aus seiner innersten Seele kam Dann
brachte er das umfangreiche Schreiben das natürlich vor allem einen Bericht
seiner Erlebnisse enthielt selbst zur Post und begann wiederum die Musterung am
Hafen Jedes Segel erregte ja seine Aufmerksamkeit jede Welle grüßte er mit
lachenden Augen
Er saß auf einer zwischen zwei Steinen schwebenden Kette und beobachtete das
Verladen eines Chinafahrers als sich ihm wie zufällig ein Mann näherte der in
englischer Sprache um etwas Feuer bat Robert hatte durch seinen Aufenthalt
unter den Matrosen der Galliot und des Dampfers diese Sprache oberflächlich
gelernt daher reichte er sofort dem Fremden die Zigarre Aber das Kraut das
der andere rauchte musste wohl nicht besonders viel wert sein denn das Feuer
verlöschte immer wieder ohne gezündet zu haben
Der Fremde bat endlich um einen Augenblick Geduld und warf die Zigarre fort
während er eine andere aus der Brusttasche nahm »Wahrer Schund was mir der
Gauner da gegeben hat« brummte er in deutscher Sprache
Robert lächelte »Sollten wir zufällig Landsleute sein«
»Ach Sie sind Deutscher«
»Aus der Nähe von Hamburg ja«
Der Unbekannte streckte mit der Miene eines angenehm Überraschten die Hand
aus »Das trifft sich ja gut« sagte er zuvorkommend »Auch ich bin Hamburger«
Robert berührte nachdem er die dargebotene Rechte kräftig geschüttelt
hatte seine Mütze und rückte etwas beiseite um auf der Kette dem Fremden neben
sich Platz zu machen dann als beide Zigarren lustig den blauen Dampf
emporwirbelten folgte erst ein allgemeines Gespräch das jedoch der Unbekannte
schon sehr bald und sehr geschickt auf Roberts persönliche Angelegenheiten
hinüberzuspielen wusste
»Sie sind wie ich sehe ein Seemann« fragte er »Schon Vollmatrose«
Robert lachte »Streng genommen bin ich noch Junge« antwortete er »aber
vielleicht gelingt es mir ja eine Heuer als Leichtmatrose zu bekommen Leisten
kann ichs«
»Das lässt sich denken Sie sehen aus wie ein kräftiger junger Mann von
zwanzig oder zweiundzwanzig Jahren«
Robert errötete ein wenig Noch hatte ihn niemand mit Sie angeredet und
viel weniger war er wie ein erwachsener Mann behandelt worden Wirklich
dieser Fremde gefiel ihm außerordentlich »Ich bin aber doch erst siebzehn
Jahre« antwortete er bescheiden »Um als Leichtmatrose anzukommen muss ich
schon großes Glück haben«
Herr Hastedt wie sich der Fremde nannte lächelte mit einer Art von
Gönnermiene »So wissen Sie nicht mein junger Freund dass an tüchtigen
Seeleuten immer Mangel ist« fragte er »Zwanzig Heuer für eine und wenn Sie
heute noch anmustern wollen Die Kapitäne suchen ihre Mannschaft mit der Laterne
zusammen«
Robert wusste nun zwar dass diese Behauptung nicht ohne einigen Grund war
aber ganz so leicht hatte er sich die Sache denn doch nicht gedacht überhaupt
wollte er bei seiner zweiten Wahl vorsichtiger sein und erst alles genau
kennenlernen ehe er den Vertrag abschloss
»Hm hm« meinte er und suchte seine Unerfahrenheit möglichst zu verbergen
»gute Schiffe haben wohl immer Besatzung genug Es ist mehr der Ausschuss der
wie Sie sagen mit der Laterne suchen muss«
Um die Mundwinkel des Fremden zuckte verhaltenes Lächeln das er aber
schnell zu unterdrücken wusste »Aber nein« gab er kopfschüttelnd zurück
»wirklich nicht Versuchen Sie es und die Erfahrung wird lehren dass ich recht
habe Selbstverständlich« fuhr er scharf betonend fort »dürfen Sie dabei
diejenigen Schiffe nicht mitrechnen zu denen sich die Matrosen drängen wie die
Fliegen um den Honigtopf Sie wissen welche ich meine«
»Natürlich« beeilte sich Robert zu antworten »natürlich Hauptsächlich
sind das wohl «
»Die Walfischfahrer« ergänzte der Fremde unbefangen nickend »Ich sehe Sie
haben sich ein hübsches Verständnis Ihres Faches schon erworben mein junger
Freund Ja ja die Walfischfahrer sind glückliche Leute Immer Jagd anregende
Beschäftigung sehr gutes Leben und Geld wie Heu Aber freilich da anzukommen
hält schwer«
Roberts Herz schlug wie ein Hammer Er wusste davon nicht das geringste
hatte sich über Walfischfahrer und Walfang nur oberflächlich unterrichtet aber
das durfte er ja nicht verraten und doch brannte er vor Begierde gerade auf
ein solches Schiff zu kommen Selbst wenn er nicht gewünscht hätte möglichst
viel Geld zu verdienen so würde ihn die Sache selbst unwiderstehlich gereizt
haben
Äusserlich blieb er aber ruhig und auch Herr Hastedt sah so gleichmütig über
den Hafen als sei nur vom Wetter die Rede gewesen »Ich kenne manchen der auf
zwei oder drei Fahrten zum reichen Mann wurde« fügte er hinzu
Robert nickte »Ja ja das habe ich auch schon gehört Die Heuer ist
glänzend und «
Wieder fiel ihm der Fremde ins Wort »Und so ein Anteil am Fang ist auch
nicht zu verachten da haben Sie sehr recht mein Herr Überhaupt arbeitet man
williger und lieber wenn es zum eigenen als wenn es zum Nutzen anderer
geschieht Davon kann sich auch der beste Mensch nicht freisprechen«
Robert hörte mit gespannter Aufmerksamkeit zu Einen Anteil am Gewinn
erhielten also die Matrosen auf den Walfischfahrern sie waren gewissermaßen
ihre eigenen Herren und arbeiteten in Teilung Oh wer das Glück hätte auf ein
solches Schiff zu kommen
Aber er wollte sich nichts merken lassen nicht den Neuling verraten »Ja«
sagte er leichthin »es war auch schon manchmal meine Absicht eine solche Reise
mitzumachen aber das muss sich zufällig treffen Gerade auf diesem Gebiet habe
ich keine Verbindungen«
Herr Hastedt blies den Rauch der Zigarre in Wolken von sich »Ich wüsste im
Augenblick auch nichts« sagte er bedauernd »Aber wie wäre es wenn wir ein
Glas Bier zusammen trinken würden«
Robert war einverstanden und die beiden neuen Bekannten schlenderten durch
die Straßen bis zu einem Wirtshaus das nicht gerade nach ausgesuchter
Gesellschaft aussah Das Schild war verräuchert und schwarz die Fenster blind
von Staub und das Innere war des wenig einladenden Äußeren würdig Dennoch aber
drängten sich die Gäste Kopf an Kopf obwohl freilich Robert keinen einzigen
Matrosen oder sonst einen Seemann entdecken konnte
Die Schenke lag in einer Nebenstrasse und ihre Gäste bestanden aus Bürgern
ziemlich niederer Klasse
Herr Hastedt bestellte für sich und seinen Begleiter Bier dann nahmen die
beiden an einem Nebentisch Platz ohne sich in die Unterhaltung der übrigen zu
mischen Alle möglichen deutschen Mundarten klangen zu ihnen herüber besonders
die Hessen und Nassauer waren sehr stark vertreten ebenso die Württemberger
deren Schwäbeln Robert kaum verstand Unter diesen Landsleuten einfachen
Handwerkern es waren alles Auswanderer ärmster Kreise befand sich ein
älterer Mann dessen Kupfernase den Trinker verriet und dessen Erzählungen die
Zuhörer außerordentlich zu fesseln schienen
»Geben Sie noch ein paar Geschichten zum besten Herr Kapitän« hieß es
»Wirklich man sollte es kaum glauben dass ein Mann dem Tode oft so nahe gewesen
und so oft entronnen sein kann wie Sie«
»Mer gruselt sich so scheene derbei« sagte ein zweiter dessen
Sperlingsfigur und schäbigeleganter Anzug den Schneider deutlich verriet
»Schießen Se los Herr Gabedän«
Der lächelte nach allen Seiten und tat dann einen gewaltigen Zug aus dem vor
ihm stehenden Grogglas »Auf Ihr Spezielles wie wir Studenten zu sagen
pflegten« nickte er zu dem Schneider hinüber »Ich war nämlich auch einmal
bevor ich zur See ging daheim in Göttingen Student bis mir die Bücherfresserei
zu langweilig wurde und ich auf und davon lief Mein älterer Bruder hatte eben
sein Schiff zur Walfischjagd ausgerüstet also eins zwei drei plätscherte
ich im Eismeer«
Bei dem Worte Walfischjagd hatte Robert unwillkürlich seinen Begleiter
angesehen aber dieser zuckte leicht die Achseln als wolle er sagen »Der Kerl
lügt ja«
Am anderen Tisch ging inzwischen die Unterhaltung lebhaft fort »Ich sage
Ihnen solche Fahrt macht Spaß und ist das Merkwürdigste was man erleben kann«
rief der als Kapitän Angeredete »Ich bin einmal in Sibirien schiffbrüchig
geworden und musste monatelang an Land leben Es war hinter Tobolsk ganz in der
Nähe der Behringsstrasse nur noch drei Meilen vom Mond entfernt«
Einer der Zuhörer hüpfte vor Erregung auf dem Sitz empor »Vom Mond«
wiederholte er »Das ist ja wohl nicht möglich«
Kapitän Witt so nannte sich der alte Mann nickte mit dem ernstaftesten
Gesicht »Wie ich Ihnen sage meine Herrschaften In dieser Gegend neigt sich
der Himmel zur Erde herab müssen Sie wissen es ist gerade da wo beide
zusammentreffen am Rande der Welt wo alles dunkel wird und man nicht
weiterkommen kann weil man sonst ins Bodenlose fallen würde Wenn sich der Mond
auf seiner Wanderung gelegentlich in diese Sackgasse verläuft so ist er der
Erde auf drei Meilen Entfernung nahe und wir wären fast einmal
hinaufmarschiert um den grinsenden Alten zu begrüßen aber es ist ein
unbehagliches Gefühl so ganz in die Enge zu geraten und sich von der Erde zu
entfernen Man weiß nicht wie es da oben eingerichtet ist und wohin die Fahrt
geht«
Die ganze Zuhörerschaft hatte andächtig gelauscht und erst als Kapitän Witt
schwieg atmeten die Mutigsten wieder auf »Gott was man nicht alles erfährt«
sagte einer »Da lebt man so seinen Tag herunter und denkt an nichts Böses
während andere dem Mond gerade ins Gesicht sehen Wie groß war er denn wohl so
aus der Nähe betrachtet«
»Oh ein ganz anständiger Kerl sage ich Ihnen Ich bin einmal vier Stunden
lang mit der Uhr in der Hand unter ihm dahinmarschiert und hatte noch nicht die
Hälfte seines Durchmessers erreicht Ein Schritt hier auf der Erde macht zehn
Meilen im Mond müssen Sie wissen«
»Zehn Meilen« echote die Versammlung »Aber um Himmelswillen wie erfährt
man denn solche Dinge«
Kapitän Witt trank sich neue Begeisterung aus dem Glas an das inzwischen
mehr als einmal gefüllt worden war »Dazu haben wir unsere Instrumente«
antwortete er mit der Miene eines vortragenden Gelehrten »Es lässt sich alles
auf den Meter genau berechnen«
»Aber wie lebt man denn in diesen Gegenden« fragte wieder einer aus der
Zuhörerschaft »Was zieht man an und was isst man«
Der Erzähler fuhr mit dem Rücken seiner Hand über den Mund »Die Kleidung
ist sehr einfach« antwortete er »Sie besteht aus Pelz und bedeckt den ganzen
Körper im Winter wird sie mit dem Haar nach innen und im Sommer nach außen
getragen Es ist daher einmal zu heiß und das andere Mal zu kühl aber davon
wissen die Russen nichts Man findet überhaupt nirgends so abgehärtete und rohe
Menschen wie gerade hier Den Kohl essen sie ungekocht und als Leckerbissen dazu
eine Talgkerze«
Widerwillen und Entsetzen wurden am Tisch laut Robert und Herr Hastedt
sahen sich lächelnd an
»Es ist erstaunlich was sich diese Landratten aufbinden lassen« flüsterte
der Fremde
»Glauben Sie überhaupt dass der Mann jemals im Eismeer gewesen ist« fragte
Robert
»Gott bewahre Er hat nie ein Schiff unter den Füßen gehabt Solche
Tagediebe werden von den Wirten freigehalten weil sie die Gäste durch ihre
Aufschneidereien zum Bleiben und zum Trinken veranlassen«
»Hören Sie nur jetzt fängt er wieder an«
Die Biergläser der beiden klangen leise aneinander »Auf eine gute Heuer für
Sie« flüsterte Herr Hastedt und dann horchte man um des Spasses willen nach dem
anderen Tisch hinüber
»Von einer Jagd im Eismeer sollte ich Ihnen erzählen meine Herrschaften«
ertönte des Kapitäns heisere Stimme »Well Das können Sie haben Seehunde
Walrosse Eisbären Moschusochsen Rentiere Füchse weiße Hasen Schneehühner
habe ich alle mit der Kugel oder der Harpune erlegt Welches Abenteuer ziehen
Sie vor«
Die biederen Landleute und Handwerker bestellten massenhaft neues Bier nach
bevor sie noch näher zusammenrückten und sich endlich für das schaurigste
Erlebnis des vielgereisten Berichterstatters entschieden
Der räusperte sich ehe er wieder die Stimme erhob »Nehmen wir also das
Walross« sagte er »Das Tier wird ungefähr fünf Meter lang und mindestens
zwanzig Zentner schwer Seine Haut hat eine Dicke von anderthalb Zentimeter Sie
können mir deshalb glauben dass sie einen kugelsicheren Panzer bildet Und diese
Hässlichkeit sage ich Ihnen Große Glotzaugen ohne Lider fast meterlange
Stosszähne und der Rachen verdeckt von Borsten die mindestens so dick sind wie
Stricknadeln Zu diesem teuflischen Aussehen kommt eine Stimme deren Brüllen
Bellen und Pusten auch den mutigsten Mann erschüttern kann Ich sage Ihnen ich
fürchte mich vor dem leibhaftigen Satan nicht wenn er nur in fester
körperlicher Gestalt vor mir erscheint so dass sich seine und meine Kräfte
miteinander messen können aber diese Ungeheuer haben doch manches Mal das
Blut in meinen Adern zu Eis erstarren lassen Wenn man so auf dem meterdicken
Eis wie auf dem sicheren Erdboden geht und von unten her taucht plötzlich solch
ein Höllenhund auf um uns die Stosszähne mit Seegras und den Überresten
getöteter Fische verziert in den Leib zu jagen da danke ich für das Vergnügen
Das ist des Spasses etwas zu viel«
»Meterdickes Eis« wiederholten ungläubige Stimmen »Die kann das Walross
durchbrechen«
»Ach wie gar nichts Das gibt ein kurzes Geprassel vor Ihren Füßen
entsteht plötzlich ein Loch das schwarze Wasser darin schäumt und zischt und
mein liebenswürdiges Ungeheuer mit den langen Zähnen schiebt sich ganz gemütlich
heraus um sich über Sie herzumachen sehen Sie das ist die Walrossjagd«
»Puh Und das haben Sie erlebt Mussten Sie vielleicht mit diesen
grässlichen Tieren kämpfen«
»Das will ich meinen Unser Schiff lag ziemlich weit von der Küste entfernt
an einer Stelle die für den Fang der Walrosse sehr geeignet war aber wir
hatten das Unglück gehabt bei einem plötzlichen Sturm mehrere Fleischfässer zu
verlieren und mussten daher soviel wie möglich an Land jagen um den Ausfall zu
decken Na das ging auch ganz nach Wunsch denn die Rentiere sind dort sehr
zahlreich aber eines schönen Tages verfehlten wir den Rückweg und schoben den
mit vier erlegten Tieren beladenen Handschlitten unglücklicherweise in das
Packeis hinein so dass uns der Boden immer wieder unter den Füßen brach Es ging
so nicht vorwärts das sahen wir nur zu bald und ließ daher den Schlitten
allein nachdem wir ihn auf eine feste Stelle gehoben hatten um ihn später mit
dem Boot an Bord zu holen Aber kaum war die mühevolle Arbeit beendet als
unmittelbar vor uns mehrere Walrosse auftauchten und ihre unangenehme Gegenwart
durch ein satanisches Gebrüll zu erkennen gaben Wir wie der Blitz über das Eis
davongelaufen es war als sei uns der Teufel auf den Fersen Wortlos ohne
Verabredung ohne Zeitverlust rannten wir drauflos aber das führte zu nichts
weil die schlauen Tiere tauchten unter dem Eis schwammen und alle Augenblicke
rechts oder links von uns wie böse Geister von unten hervorbrachen
Unwillkürlich verteilten wir uns um sie irre zu leiten und das Manöver gelang
über Erwarten gut Unverletzt kamen alle an die Boote aber der Schlitten war
zurückgelassen und ohne ihn konnten wir nichts anfangen Ihn später an Bord zu
holen war unbedingt notwendig
Nachdem wir erst einmal tüchtig gegessen und uns gut bewaffnet hatten
besetzten wir die Boote mit je vier Mann und einem Harpunier nahmen Gewehre
Messer und Lebensmittel mit uns und wollten jetzt aus Rache und einmal erweckter
Jagdlust unsererseits die Walrosse verfolgen
Gedacht getan Die Boote glitten am Rande des festen Eises dahin bis zu
der Stelle die wir als Lagerplatz der Tiere kannten Durch die Gläser
entdeckten wir auch wirklich eine ganze schlafende Herde aber außerdem auch den
Wächter der regelmäßig wie bei vielen andern Tiergattungen auch ausgestellt
wird um bei herannahender Gefahr ein Warnungszeichen zu geben
Das kurze Gebrüll ertönte und die Herde stürzte sich schon in einer
Entfernung von wenigstens zwanzig Meter Hals über Kopf ins Wasser aber vier
Walrosse schwammen uns geradewegs wie zur Herausforderung entgegen Unser
Harpunier neben mir im Bug des ersten Bootes stehend erwartete gefasst die
Tiere und als das erste herankam stieß er ihm die Harpune mit voller Kraft in
den Körper
Und nun folgte eine furchtbare Szene Das Walross sank schwer verwundet ins
Wasser zurück aber es richtete sich nach kurzer Pause wieder auf um ein
anhaltendes wildes Gebrüll auszustossen Daraufhin tauchten jetzt plötzlich die
borstigen Köpfe an zehn Stellen zugleich auf und umzingelten das Boot von dem
aus ihr Kamerad verwundet worden war
Für uns galt es nur noch das nackte Leben zu retten Wir alle stachen
schossen schlugen und schleuderten mit jedem Gerät das uns in die Hände kam
Dennoch aber wäre es um fünf unerschrockene Männer sehr bald geschehen gewesen
Eins der Ungeheuer schob den riesenhaften Körper gerade unter den Kiel des
Bootes hob es hoch empor so dass es zu schwanken schien dass wir fast den Halt
verloren und «
»Hören Sie auf« riefen schaudernd die zuhörenden Auswanderer »Das kann ja
kein Pferd ertragen«
Auch Robert und sein neuer Freund sahen sich an »Sollte er nicht trotz
allem Seemann gewesen sein« fragte Robert »Sollte er nicht diese Jagd wirklich
erlebt haben«
Herr Hastedt zuckte die Achseln »Ich kann mich irren« meinte er »Manchmal
kommt es mir selbst so vor Doch lassen Sie uns hören wie die Sache ausläuft
Der Wirt versorgt ihn schon mit einem frischen Grog«
»Weiter Weiter« drängten einige unter den Zuhörern »Der Kapitän sitzt ja
gesund hier bei uns also warum soll man sich fürchten Erzählen Sie weiter«
Der Kapitän tat einen tiefen Zug »Das Boot schwebte also gleichsam« fuhr
er fort »schien zu zittern und im nächsten Augenblick umschlagen zu wollen
zwei riesige weiße Hauer bogen sich von unten herauf über den Rand ein
Schreckensschrei zerriss die Luft Das Fahrzeug lag jetzt so auf einer Seite dass
das Wasser hineinzulaufen begann immer stärker schob und drängte das
schnaufende Tier unter dem Kiel
Da richtete ich mich auf nahm alle meine Kräfte zusammen und holte aus zu
einem Axtieb der einen Stein hätte brechen müssen Richtig das Walross trieb
mit gespaltenem Schädel tot an der Oberfläche des Wassers
Es war aber auch in letzter Sekunde wie man so sagt Noch eine Minute
länger und wir alle hätten im Meer gelegen den Ungeheuern zur sicheren Beute
Als die anderen Boote herankamen zeigte sich dass wir während des kurzen
erbitterten Kampfes neun Walrosse harpuniert getötet und verwundet hatten Die
Fahrzeuge schwammen buchstäblich in Blut im Wasser ringsumher sah man überall
die sterbenden Tiere und noch viel Mühe kostete es die riesigen Körper mit
Seilen einzufangen und am Boot zu befestigen
Der Kampf war wild die Gefahr groß gewesen aber dennoch hatten wir bei
dieser Jagd nicht allein unsern Schlitten geborgen sondern erbeuteten auch
außer den Häuten und Zähnen noch neun Tonnen Tran Ja ja wenn man so an seine
Jugend zurückdenkt und wie schön damals das Leben war man könnte ganz
wehmütig werden Jetzt spalte ich längst schon keinen Walrossschädel mehr«
Es schimmerte etwas wie echte Trauer in den Augen des Kapitäns als er diese
letzten Worte sprach »Die Zeit auf meines Bruders Schiff da oben im Polareis
war die reichste und glücklichste die ich durchlebt habe« fuhr er fort
»Solange ich ein junger kräftiger Mann war konnten nur Kampf und Gefahr mich
begeistern ich habe oft gedacht dass bei ewig gutem Wind und hellem
Sonnenschein der Teufel Seemann werden möchte aber nicht ich Sich durchsetzen
mit allen Naturkräften kämpfen List gegen List setzen und überwinden was sich
feindlich entgegenstellt das allein heißt leben«
Robert hatte sich unwillkürlich vorgebeugt Er glühte förmlich seine Augen
leuchteten und seine Brust hob sich schneller Was dort der alternde Mann mit
dem Feuer langvergangener Tage aussprach das war ja sein eigenes
Glaubensbekenntnis das empfand er ja genau so Nur kein tatenloses Dahinleben
kein ängstliches Zurückbleiben in den engen Grenzen des Gewohnten des
Alltäglichen nur kein Scheindasein ohne Kampf und Sieg
Er nahm sein Glas und ging zu dem alten Kapitän hinüber um mit ihm
anzustossen Woher ihm der Mut dazu so plötzlich kam begriff er selbst nicht
aber es war geschehen kaum dass ihm der Gedanke gekommen war »Ihr Wohlsein
Kapitän« sagte er freundlich »Wer so viel erlebt hat wie Sie der darf
wirklich zufrieden auf seine Jugend zurückblicken«
Anscheinend sehr angenehm überrascht erhob sich der Erzähler und stieß
kräftig mit Robert an Seine und Hastedts Blicke begegneten sich dabei wie
zufällig und nur auf Augenblicke aber doch schien es als hätten sich beide ein
geheimes Zeichen gegeben Während sich Hastedt gleichgültig zum Fenster wandte
schüttelte der Kapitän mit gewinnender Herzlichkeit die Hand des Jungen »Ein
Landsmann« sagte er »und ein lustiger Seewolf obendrein was Freut mich ganz
besonders Ihre werte Bekanntschaft gemacht zu haben«
Robert errötete »Sie erzählen so sehr fesselnd und anregend« sagte er
etwas verlegen »Kommt nicht noch ein bisschen mehr«
Der Kapitän blinzelte ihm vertraulich zu als wollte er sagen »Diesen Eseln
muss man es faustdick geben bevor ihnen die Geschichte wirklich gefällt Ich
lüge ihnen natürlich die Haut voll dass es nur so zischt«
Laut sagte er aber mit ermunterndem Lächeln »Ich muss mich also jetzt
verteufelt in acht nehmen da einer von meinem Handwerk dabei ist nicht wahr
Sie werden mir gehörig auf die Finger sehen ob ich wohl in das Garn ein paar
kleine Flunkereien hineinspinne«
Robert lachte mit »Erzählen Sie ruhig weiter Ging die nächste Reise
vielleicht an den Südpol und von da zur Sonne hinauf«
Kapitän Witt blinzelte noch stärker »Sie Allerweltskerl« sagte er »also
Sie haben mir die Geschichte nicht geglaubt Aber das beweist nur dass Sie
ihre schätzenswerte Nase nicht in jede Windrichtung gesteckt haben oder waren
Sie schon in Sibirien«
Robert schüttelte den Kopf »Leider nicht« antwortete er »Sehen möchte ich
allerdings gern die ganze Erde aber das lässt sich wohl schwerlich
verwirklichen«
»Hm hm Sie haben ja noch ihr ganzes Leben vor sich können manchen Knoten
segeln und manchen Hafen kennenlernen junger Brausekopf Aber Sie gefallen mir
wenn auch das Ei ein bisschen klüger sein möchte als die Henne in diesem Fall
freilich als der Hahn Setzen Sie sich zu uns und rufen Sie auch Ihren
Begleiter herüber«
Herr Hastedt stellte sich vor man brachte neues Bier und der alte Seemann
nahm den Faden seiner Erzählung wieder auf
»Eisbären kennen Sie alle nicht wahr meine Herrschaften« fragte er »Sie
haben welche in den zoologischen Gärten gesehen doch haben diese in
unzulänglichen Gehegen gefangenen Tiere nur wenig Ähnlichkeit mit den in
Freiheit lebenden«
Der Eisbär ist stark wie ein Löwe hinterlistig wie ein Tiger und schwimmt
dabei wie ein Fisch Einmal hätte mich einer doch beinahe erwischt ich kam
wirklich nur mit genauer Not davon Wir hatten nämlich an Bord nichts zu tun es
war Sonntag und daher ging ich an Land etwas spazieren um mir die
Grossartigkeit dieser eingefrorenen ewig unter Eis begrabenen Natur aus nächster
Nähe anzusehen Nichts Böses ahnend die brennende Zigarre im Mund und die Hände
in den Taschen meines Pelzes wandere ich so dahin ziemlich weit vom Schiff
entfernt »Was sie jetzt wohl in der Heimat machen« denke ich und werde so ein
bisschen wehmütig als ich mir das Bild des Elternhauses deutlich vorstelle Die
blinde Großmutter im Lehnstuhl am Ofen der Vater mit kurzer Pfeife die
Zeitungen lesend und Mutter und Schwestern am Herd beschäftigt Alles ist so
gemütlich die Blumen am Fenster blühen die Nachbarn grüßen herein und das
Zimmer wird von dem Ofen angenehm durchwärmt Herrgott denke ich könntest du
für ein paar Stunden dort sein dich einmal wieder an frischem Fleisch und
Gemüse satt essen und von dem alten Kachelofen gründlich auftauen lassen das
wäre so etwas Aber daraus wird ja nichts mein Junge du bist am Nordpol und
bewunderst Eisblöcke mehr ist für den Augenblick nicht zu haben
Und wie ich gerade bei diesem trüben Gedanken ein bisschen stärker seufze
legen sich mir von hinten ein paar Pranken auf die Schultern und zwingen mich in
die Knie Ehe ich mich recht besinnen kann packen scharfe Zähne meinen Kopf
der glücklicherweise ziemlich rund und hart gewachsen ist und den außerdem die
festgebundene Pelzkappe schützte so dass das Maul des riesigen Tieres nicht groß
genug war um mich ernstaft verwunden zu können Dennoch aber schleppt es mich
fort ohne Halten wie eine Windsbraut über Stock und Stein über Eis und
Gletscher während ich schreie Kinder na jeder unter euch kann sich
vorstellen wie
Meine Fäuste bearbeiten das zottige Fell und meine Kehle springt fast von
der unnatürlichen Anstrengung aber der Bär kümmert sich um nichts er segelt
vorwärts wie eine Fregatte unter vollen Segeln immer hast du nicht gesehen
hier über einen Eisblock wo meine armen Beine den Sprung mitmachen müssen dass
ich fast glaube sie gehören mir gar nicht mehr und dort durch einen Tümpel
Schlampeis dass das Wasser wie eine Schlange über meinen Körper kriecht Gott
im Himmel das war eine Fahrt Trotzdem aber verlor ich das Bewusstsein nicht
sondern sagte mir dass ich den Zähnen des Bären unrettbar verfallen sei wenn er
erst einmal die freie offene Eisbahn erreicht haben würde Dann konnte kein
Mensch mehr mit ihm um die Wette laufen und ich wurde gefressen wie ein Seehund
oder ein Fisch Bis zum Meer also hatte ich noch Hoffnung von meinen Kameraden
gehört zu werden ich schrie dass mir das Blut aus Mund und Nase stürzte
Na sie haben es ja dann auch gehört und die denen damals bei der
Walrossjagd mein Axtieb das Leben rettete haben den Bären mit ihren Gewehren so
tapfer verfolgt und von der freien Fläche abgeschnitten dass er schließlich um
sein eigenes Leben zu retten mich fallen lassen musste Ich lag wie ein Toter
auf dem Schnee und wurde von einigen meiner Kameraden an Bord gebracht während
alle anderen den Bären jagten Als ich zur Besinnung kam lag ich blutüberströmt
in meiner Koje Kopf und Hals waren von den Zähnen des Tieres zerfleischt Arme
und Beine an den scharfen Eissplittern aufschlagen und die Haut von den Fingern
fast ganz abgeschält
»Nun dafür halfen Eis und Verbände Ich konnte schon nach acht Tagen das
Fell des erlegten Bären von den Füßen abziehen und machte mir daraus nachdem
ich es gereinigt und mit Alaun gerieben hatte ein Paar Strümpfe die wärmsten
die ich jemals besessen habe Haare und Klauen blieben dran also konnte ich auf
dem blanken Eis laufen wie der beste Schlittschuhkünstler«
Ein Murmeln um den Tisch gab das Erstaunen der Zuhörer zu erkennen Kapitän
Witt trank und blinzelte hinter dem Glas zu Robert herüber als wolle er sagen
»Hast du gehört«
»Mehr Herr Kapitän mehr« rief der Junge dem die ganze Erzählung größten
Spaß machte und der heimlich noch immer hoffte auch etwas von der Walfischjagd
zu hören »Sie waren bei den Strümpfen aus Eisbärenfell stehen geblieben«
Der Erzähler strich den Schnurrbart »Im Gegenteil mein Freund ich lief
auf diesen Strümpfen wie der Wind« lächelte er »Ich habe sogar einen lebenden
Fuchs mit bloßen Händen gefangen und in den Käfig gesteckt nur aus Langeweile
Wir stellten den kleinen Kerl in seiner Falle neben dem Schiff auf einen
Eisblock hatten aber nicht daran gedacht dass in der Nähe der Kombüse der Block
allmählich schmelzen müsse und so fiel denn eines Tages der ganze Bau mit
Geprassel in sich zusammen Reineke schaute verdutzt durch die plötzlich
entstandene Lücke auf das Eisfeld hinaus und rannte dann mit gestrecktem Schweif
in rasender Geschwindigkeit davon Wir lachten zu sehr um ihn aufhalten zu
können Diese vielen Füchse weiße graue und blaue sind allerdings für die
Mannschaft eines Grönlandfahrers oft eine große Plage da sie in
Mondscheinnächten oder beim Nordlicht so anhaltend bellen dass an keinen Schlaf
zu denken ist«
Herr Hastedt sah verstohlen zu Robert hinüber »Der alte Bursche ist doch im
Eismeer gewesen« flüsterte er »Hätte es wirklich nicht gedacht aber diese
Einzelheiten überzeugen mich Nun wie stehts Herr Kroll machen wir noch
einen kleinen Spaziergang zusammen«
Robert schob ihm die Flasche zu »Bleiben Sie doch« antwortete er »Wir
sitzen hier ja ganz gemütlich«
Aber der DeutschAmerikaner hatte nach der Uhr gesehen und schüttelte jetzt
den Kopf »Bedaure wirklich Herr Kroll ich muss gehen Time is monei wissen
Sie Ich freue mich aber Ihre angenehme Bekanntschaft gemacht zu haben
Kapitän ich empfehle mich Ihnen«
Er reichte den beiden die Hand und Robert hörte auch dass zwischen ihm und
dem Erzähler noch einige englische Worte gewechselt wurden schnell und leise
er achtete nicht darauf dann bezahlte Herr Hastedt das Bier grüßte nochmals
mit der Hand und ging
»Vielleicht sehe ich Sie morgen oder übermorgen hier wieder« rief er noch
von der Tür zurück
Robert setzte sich wieder in den Kreis Er hatte schon mehr getrunken als
gut war ein ganz fremdes Gefühl des Übermutes und der Sorglosigkeit ergriff
ihn Heute wurde er zum erstenmal von Männern als Mann behandelt er trank und
sprach wie sie er hatte den »Jungen« gänzlich abgeschüttelt
Sein Blick streifte herausfordernd die plaudernde Tischrunde »Still« rief
er mit zwei Fingern auf die Tischplatte schlagend »Still Der Kapitän will von
seinen Erlebnissen auf der Walfischjagd erzählen«
Die andern schwiegen aber Witt schüttelte den Kopf »Für diesmal nicht
mehr« antwortete er »Ich habe nur den einen Zug mitgemacht und der endete
als wir den Wal jagten so traurig dass mich die Erinnerung noch heute schmerzt
Mein Bruder verlor dabei das Leben und unser schönes Schiff ging in Splitter«
Roberts Augen glänzten vor Begier die Geschichte zu erfahren »Kapitän«
sagte er sich halb über den Tisch beugend »so müssen Sie nicht sprechen Habe
ich eine Gefahr hinter mir dann sehne ich mich nach der nächsten ist ein Kampf
beendet so denke ich an den zweiten Glauben Sie mir auch ich habe trotz
meiner Jugend schon böse Stunden durchlebt und dem Tod mehr als einmal ins Auge
gesehen«
Der Kapitän horchte auf »Sie« sagte er »Alle Wetter das möchte ich
genauer erfahren«
Sein Wink veranlasste den Kellner Roberts Glas wieder zu füllen ohne dass es
besonders auffiel Auch durch die andern aufgefordert begann er eine
Schilderung seiner Erlebnisse und redete und trank sich in einen Rausch hinein
der seine Wangen erglühen und seine Bewegungen unsicher werden ließ
Besonders Kapitän Witt flocht Bemerkungen ein die alle dazu dienten das
Selbstgefühl und die Lust des Jungen an abenteuerlichen Fahrten nur noch immer
mehr zu stärken Er schlug zuletzt mit der Faust auf den Tisch und schwur noch
die ganze Welt umsegeln zu wollen
Der Kapitän streckte den Arm aus »Keinen solchen Schwur« sagte er ernst
»Das tut nicht gut die Schicksalsmächte hören es und fangen den Vermessenen
in seinen eigenen Schlingen«
Robert lachte »Ich bin nicht abergläubisch« rief er »Das kommt erst mit
dem Alter Haben Sie eine solche Geschichte von einem Schwur den die bösen
Gewalten gehört haben selbst mitgemacht Kapitän Nein nicht wahr Nur Ihre
Frau Großmutter hat es erzählt und die hatte es von einer Tante«
Ein stummes Kopfschütteln beantwortete die übermütigen Worte Der Kapitän
malte mit dem Zeigefinger in dem verschütteten Bier auf der Tischplatte und
sprach keine Silbe nur Robert konnte nicht schweigen »War es vielleicht die
Geschichte von dem zersplitterten Schiff Ihres Bruders Kapitän« forschte er
»War es das«
Witt blickte auf Der Ernst in seinen Zügen war echt das Beben seiner
Lippen ungewollt »Ja« antwortete er langsam und deutlich »Ja es war der
vermessene gotteslästerliche Schwur der Schiff und Mannschaft den Untergang
bereitete Es war mein Bruder der sich im Eigensinn verging und den der Tod
ereilte als er seines Sieges gewiss zu sein glaubte«
Robert stand auf »Das muss ein tapferer unerschrockener Mann gewesen sein«
rief er »ein braver Seemann dessen Andenken in Ehren bleiben soll Stoßen Sie
an Kapitän«
Der alte Witt nickte und trank »Ich wills erzählen« sagte er nach einer
Pause »Solch einem Heisssporn kann es gar nicht schaden einmal eine tüchtige
Lehre zu erhalten Also hören Sie zu meine Herrschaften obgleich die
Geschichte traurig genug ist
Wir waren im nördlichen Eismeer und jagten den Wal hatten aber nur sehr
wenig Glück gehabt nur eine kleine unbedeutende Ausbeute an Walrossen oder
Seehunden gemacht und keinen größeren Walfisch gesehen Die Mannschaft murrte
auch dass es zu kalt sei um an Deck arbeiten zu können dass wir umkehren müssten
und dass sie feste Heuer verlange wenn der Kapitän noch immer an dieser
äußersten Grenze der Eisregion bleiben wolle
Mein Bruder aber war ein Trotzkopf ohnegleichen Ich habe noch Lebensmittel
für zweihundert Tage an Bord sagte er mir einmal unter vier Augen mein Schiff
ist fest und meine Leute sind gesund wer weiß ob es mir nicht bestimmt ist
das seit Jahrhunderten vergeblich gesuchte und von vielen sogar geleugnete
offene Polarmeer zu erreichen Wer weiß ob ich nicht bis zum Nordpol komme
Wilhelm und dann wäre ich der bedeutendste und am meisten bewunderte Mann
meiner Zeit geworden Die Leute müssen sich fügen wie ich will
Bei solchen Worten schüttelte ich wohl den Kopf und zeigte ihm das
Bedenkliche an der Sache aber im Grunde lockte mich der Gedanke ebenso sehr wie
ihn selbst Und wenn unser Schiffstagebuch auch nur einen Breitengrad mehr
nannte als ihn bisher ein anderes Fahrzeug erreicht hatte so war das immerhin
der Mühe wert nur nicht für die Leute die keinen Ehrgeiz besaßen sondern Geld
verdienen wollten Über den eigentlichen Strich der Walfischjagd aber waren wir
hinaus das wussten alle
Seit acht Tagen haben wir kein Schiff mehr gesehen hieß es Man muss
umkehren oder man friert plötzlich ein und kann elend verhungern
Es besteht keine Gefahr tröstete mein Bruder Lebensmittel sind genug an
Bord wir jagen mehr frisches Fleisch als wir brauchen und für den Wasservorrat
sorgt der Schnee für das Brennmaterial die ungeheuren Massen Treibholz Was
wollt ihr also
Bei solchen Gelegenheiten musste der Untersteuermann ein paar Flaschen Rum
herausgeben und so hielten wir die Leute hin während das Schiff den
achtzigsten Breitengrad beinahe erreicht hatte Da kam uns ein anderes Fahrzeug
in Sicht
Jetzt kehrte den Matrosen der gesunkene Mut zurück und als schließlich der
Däne denn ein solcher war es mit uns Seite an Seite lag da ging die
Geschichte ausgezeichnet obwohl mein Bruder den Zufall heimlich verwünschte An
Bord des Kong Frederik waren nämlich die Blattern ausgebrochen Kapitän und
Steuermann gestorben und der Untersteuermann nicht erfahren genug um unter so
schwierigen Verhältnissen die Lenkung des Schiffes allein zu übernehmen Der
Kong Frederik war verschlagen worden und sein junger Führer bat uns dringend um
einen Mann der es verstände das Schiff wieder nach Europa zu bringen
Nun das konnten wir tun da uns zufällig mehr Leute zur Verfügung standen
als für unsere Zwecke erforderlich waren aber mein Bruder rasch entschlossen
und tatkräftig wie immer verabredete bevor wir uns trennten mit dem jungen
Dänen eine Art von Tauschabkommen Die Matrosen auf beiden Schiffen sollten
gefragt werden wer lieber auf dem Kong Frederik nach Hause zurückgehen wolle
oder Lust habe auf unserem eigenen Schiff in diesen Breiten noch länger zu
kreuzen Am folgenden Morgen sollte die Übersiedlung stattfinden
Ich hatte am Abend dieses Tages mit meinem Bruder eine längere und sehr
ernste Unterredung Sein Gesicht strahlte vor Freude Wilhelm sagte er das
Schicksal ist mir günstig ich bekomme lauter neue Matrosen Die Dänen sind
überhaupt ein tollkühnes mutiges Volk sie fürchten sich vor dem leibhaftigen
Satan nicht und ganz besonders diese Mannschaft gefällt mir Es sind lauter
Seeländer Kerle mit Eisenfäusten und eisernem Sinn Solche brauche ich alter
Junge Ja wenn es mir gelänge das Polarmeer zu erreichen wenn ich Zeit
genug behielte in das ewige Eis des Nordpols meinen Namen wie in Granit zu
hauen dann wollte ich gern sterben Hundert Jahre tausend Jahre nach mir käme
vielleicht ein anderer dorthin und läse es ich wäre für die Jahrbücher der
Geschichte unsterblich geworden
Ich konnte die Begeisterung nur halb verstehen Zehn Jahre jünger als er
liebte ich das Leben noch mehr als den Ruhm und das sah er vielleicht Du
sollst mich nicht begleiten Wilhelm sagte er du gehst mit dem »Kong Frederik«
nach Hause und wäre es nur um unseren Eltern wenigstens einen Sohn zu
erhalten Ich bekomme Leute genug die Kerle haben sämtlich vor dem
Unglücksschiff auf dem der Tod seine Ernte gehalten hat einen heillosen
Respekt Sie verlassen es lieber heute als morgen du gehst mit meinen
Einfaltspinseln die Angst haben zu verhungern auf das dänische Schiff über
Ich sprang beleidigt auf Johannes rief ich das darfst du nicht verlangen
du darfst mich nicht feige oder unmännlich nennen Ich bleibe wo du bist und
teile dein Los
Aber er schüttelte den Kopf Ich will es nicht erklärte er Du bist kein
Seemann Wilhelm bist in die Musterrolle nicht eingeschrieben und noch nicht
einmal mündig Der Vater hat dich mir mitgegeben um den Herrn Studenten ein
wenig zahm zu machen wie du weißt also kann ich Gehorsam verlangen
Mein Blut begann zu kochen War das im Ernst gesagt das vom Gehorsam
Johannes fragte ich zitternd vor Zorn
Sein Blick sein Ton entwaffneten mich Nein sagte er das Wort war
schlecht gewählt mein Junge Aber du tust es mir zuliebe ich weiß es
Dagegen konnte ich nichts machen Johannes sagte ich noch an einer letzten
Hoffnung festhaltend lass uns das Schicksal fragen und seine Stimme den Streit
schlichten In alten Zeiten wurde alles durch Gottesurteil entschieden warum
nicht auch jetzt noch
Er lächelte Also los antwortete er Aber woher willst du das Orakel
nehmen
Ich lief rasch zu meiner Kiste und holte die Würfel hervor Einfach genug
Johannes rief ich Wer weniger Augen wirft der ergibt sich Soll das gelten
Mein Bruder nickte Du bist leichtsinnig Wilhelm antwortete er ernst Du
willst einen Zufall über dein ganzes Lebensglück entscheiden lassen anstatt der
Vernunft zu folgen
Aber ich hielt die Würfel schon in der Hand Das ist jetzt gleich Johannes
soll es gelten
Er beugte sich vor Meinetwegen also Wir wollen es als ein Gottesurteil
nehmen Gib her die Würfel
Ich reichte ihm die klappernden Dinger und verfolgte mit gespannter
Aufmerksamkeit jede seiner Bewegungen Wer hätte wohl gedacht dass hier Leben
und Tod an einem einzigen Auge hingen
Er ließ die Würfel fallen so dass einer auf den Fußboden der Kajüte rollte
Nimm das Licht rief er hastig sieh nach aber lass die Augenzahl die oben
liegt so bleiben wie sie ist
Ich nahm ein Streichholz und beleuchtete den Boden Etwas abergläubisch bist
du aber selbst Johannes sagte ich mit klopfendem Herzen den Würfel suchend
Aha dort liegt er und die Sechs ist geworfen Wo liegt der andere
Hier antwortete er und hob die Hand hoch Ich habe ihn festgehalten
Auch sechs rief ich bestürzt während er laut und fröhlich lachte So war
die Frage also zu meinen Ungunsten entschieden
Und dabei blieb es Ich bereitete mich mit schwerem Herzen darauf vor das
Schiff zu verlassen und mit dem Dänen nach Europa zurückzukehren Während der
ganzen letzten Nacht gingen wir beide nicht zu Bett mein Bruder und ich
sondern er schrieb Briefe an Eltern und Freunde und wir besprachen noch vieles
das sich uns bei dieser ganz unvermuteten Trennung hoch oben im Eismeer
plötzlich aufdrängte Vorn im Matrosenlogis war es ebenso lebendig Die Dänen
vom anderen Schiff überboten sich in lauten Worten und mehr als einmal hörte
ich die Bemerkung dass sie geradezu darauf gewartet hätten eine Reise bis zum
Polarmeer mitzumachen Unser Volk hat lange vor Kolumbus Amerika entdeckt hieß
es wir nannten es »Wiinland« und gründeten dort weite Königreiche Die Dänen
und Norweger sind die wahren Entdecker Amerikas warum sollten sie nicht den
Weg zum Nordpol finden
Und dann klangen die Gläser gegeneinander Auf dem Kong Frederik hatte sich
alle Ordnung gelöst Die Leute holten ohne zu fragen ein Fässchen Rum herüber
und man zechte bis nach Mitternacht
Inzwischen hatte sich der Wind bedeutend verstärkt es herrschte eine fast
unerträgliche Kälte und als der Tag anbrach sahen wir in einiger Entfernung
vor uns schwimmende Eisberge von so riesigen Ausmassen wie wir sie vorher noch
nie gesehen hatten sie sahen aus wie erstarrte Gebirge wie Gletscher die bis
zum Himmel reichten
Zwei von ihnen die beiden größten trieben in einer Entfernung von etwa
einer halben Meile nebeneinander her
Ich verstand von der Seefahrt damals noch nicht viel aber diese beiden
Ungetüme waren mir doch unheimlich Johannes sagte ich ist das nicht gerade
der Kurs den du steuern wolltest Natürlich muss dein Plan jetzt fallen
Aber er schüttelte den Kopf Mein Plan fällt nicht Wilhelm Der Wind ist
günstiger als je ich wage die Sache
Johannes Du wolltest zwischen den Eisbergen hindurchsegeln
Ja Sie können mich auch im Atlantischen Ozean treffen wenn es das
Schicksal will Hier heißt die Sache ein tollkühnes Wagestück dort ist sie
unvermeidlich und überfällt vielleicht den furchtsamsten Kapitän auf der kurzen
Reise zwischen Hamburg und New York Ich will den Versuch wagen
Wenn er in diesem Ton sprach dann ließ sich mit ihm nichts machen aber ich
hoffte noch dass sich die Mannschaft weigern würde und als der Umzug der Leute
beendet war raunte ich unserem auf das dänische Schiff übergehenden Steuermann
die Geschichte ins Ohr Er erschrak offenbar sehr
Kapitän hörte ich ihn sagen die Sache geht schief Das müssen Sie
aufgeben
Bei diesem Wind rief mein Bruder Das tue ich niemals Steuermann Haben
wir während der ganzen letzten Wochen solchen Wind gehabt
Das nicht Kapitän Es ist in dieser Beziehung allerdings ein sehr günstiger
Augenblick für die Weiterreise nach Norden aber die Eisberge
Johannes wandte sich plötzlich uns beiden zu Sein Lieblingsgedanke
beherrschte ihn vollständig Und wenn ich bis zum jüngsten Tag zwischen diesen
Eisblöcken kreuzen müsste so gebe ich meinen Plan nicht auf rief er mit
glühenden Augen Ich will hindurch um jeden Preis
Der Steuermann schwieg Er reichte seinem bisherigen Vorgesetzten die Hand
und wünschte ihm eine glückliche Fahrt Dann ging er auf den Kong Frederik
hinüber um das Kommando des Schiffes zu übernehmen
Ich musste wider Willen folgen Der Augenblick der Trennung ließ sich nicht
länger hinausschieben da das dänische Schiff aus Mangel an Lebensmitteln und
Mannschaft so schnell wie möglich den Heimweg antreten wollte Johannes bat ich
noch einmal lass mich bei dir bleiben
Aber er schob mich fort Nein nein Junge du machst mich nicht irre Geh
und grüße zu Hause die Eltern Vielleicht komme ich ja glücklich und berühmt
zu euch zurück Das Schiff ist mein Eigentum die Leute folgen freiwillig und
außerdem hast du meinen Schwur gehört Ich kann und will nicht anders handeln
Behüt dich Gott Wilhelm und nun geh
Noch eine Umarmung noch ein fester Händedruck und dann wurden die Taue
gelöst Während der Kong Frederik nur schwerfällig beinahe kriechend gegen den
immer stärker aufkommenden Wind zu kreuzen versuchte flog meines Bruders
unglückliches Schiff wie eine weiße Möwe über die Wogen Es war eine
schreckliche Stunde
Von Minute zu Minute verstärkten sich die Windstösse Die Eisberge taumelten
und neigten sich wie Berauschte sie stießen donnernd gegeneinander sie
trennten sich auf größere Entfernungen und drängten sich dann wieder ganz nahe
zusammen
Meines Bruders Schiff war jetzt mitten zwischen ihnen Es tanzte vor dem
Wind es gehorchte jeder Bewegung des Ruders schien der drohenden Gefahr zu
spotten
Ein tolles Stück raunte der Steuermann Ein halber Wahnsinn aber fünf
Minuten solcher Fahrt bringen ihn hindurch
Mir stockte der Herzschlag Ich konnte kaum sprechen Glauben Sie dass es
gelingt Steuermann fragte ich
Ein erschreckter Ausruf von seinen Lippen antwortete mir Er streckte nur
die Hand aus
Zwei der schwimmenden Gebirge waren von rechts und links an das Schiff
herangekommen Wie eine Nussschale lag es zwischen den riesigen Eismassen auf dem
Wasser nahe und näher rückten die eisenharten spiegelglatten Wände
Johannes rief ich unwillkürlich obgleich er viel zu weit entfernt war um
meine Stimme zu hörenJohannes
Noch in diesem Augenblick sehe ich das Entsetzliche als sei es gestern
geschehen Ein Windstoß trieb die Eisberge gegeneinander ein Krachen wie von
stürzenden Welten erschütterte die Luft das Meer zischte und schlug hohe
Wellen dann glitten die Massen zur Seite spielend als sei nun ihre
furchtbare Aufgabe vollbracht
Der Raum zwischen den beiden Eisriesen war leer nur Trümmer und Splitter
bedeckten die Oberfläche des Wassers
Der vermessene Schwur meines Bruders hatte sich wortgetreu erfüllt Er
kreuzt bis zum Jüngsten Tage zwischen den Eisbergen des Nordmeeres«
Der Kapitän hatte geendet und sein Gesicht ließ erkennen dass wenigstens
diese traurige Geschichte nicht erfunden war Alles schwieg um die schmerzliche
Erinnerung des Alten ungestört abklingen zu lassen selbst Robert war stiller
und etwas nüchterner geworden Mochte auch Kapitän Witt seit einer Reihe von
Jahren schon ein Gewohnheitstrinker und Wirtshausgänger sein dies hatte er
wirklich erlebt
»Das ist es« nickte er schließlich »was ich von übereilten Schwüren sagen
wollte Sie tun niemals gut Und nun auf Wiedersehen«
Er erhob sich und griff nach seinem Hut um zu gehen Robert folgte ihm
»Kapitän« bat er »lassen Sie uns noch ein Stück zusammen gehen Ich suche eine
Heuer und ich möchte noch etwas mit ihnen sprechen Wissen Sie kein Schiff für
mich«
Der Alte stand lächelnd still »Geradewegs ins Eismeer hinein nicht wahr«
»Ehrlich gesagt ja Ich habe mir die tropische Sonne auf den Kopf scheinen
lassen und die ganze Pracht des Südens gesehen jetzt möchte ich den Nordpol
kennenlernen Ewiger Schnee Gebirge von Eis sie können niemals reizvoller
erscheinen als gerade dann wenn man vorher das Gegenteil kennengelernt hat
Bin ich aus dem Eismeer zurück so mache ich vielleicht eine Landreise klettere
auf die höchsten Gebirge und in die tiefsten Täler oder «
»Ich komme von der sibirischen Küste nie zurück« ergänzte trocken der Alte
»Möglich Aber dann habe ich bis zuletzt gelebt was ich unter leben
verstehe« rief Robert
»Also um die Sache kurz zu machen Sie hätten gern eine Heuer als
Leichtmatrose auf einem Walfischfahrer«
»Ja Kapitän Aber es soll schwer daran zu kommen sein hörte ich«
Der Alte ging ein Stück weiter ohne zu sprechen dann legte er plötzlich
die Hand schwer auf Roberts Schulter »Junge« sagte er »wenn das nun alles ein
verfluchter Schwindel wäre wenn die Nordlandfahrer für Geld und gute Worte
keine Besatzung zusammenfinden könnten ja und wenn Herr Hastedt ein Schlepper
wäre ein ganz gemeiner Gauner der an dir ein paar Dollar zu verdienen hofft
he Was würdest du dann sagen«
Robert konnte zuerst vor Erstaunen kein Wort hervorbringen »Das verstehe
ich nicht« antwortete er endlich
»Well so will ich es dir auseinandersetzen denn deine Jugend und
Unerfahrenheit tut mir leid Siehst du kein Matrose heuert gern auf einem
Grönlandfahrer an weil die Strapazen der Reise doppelt so groß sind weil wenn
ein Unglück geschieht die Küste keinen Schutz bietet weil sich die Gefahren
häufen Hunger und Frost das Schiff bedrohen und der Gewinn vielleicht ganz
ausbleibt Willst du jetzt immer noch auf Walfang gehen Junge«
Robert kämpfte mit sich ehe er antwortete Also sein liebenswürdiger
Landsmann Herr Hastedt hatte ihn gründlich hinters Licht geführt und er war
ihm wie ein dummer Junge ins Garn gelaufen Alles Blut schoss ihm ins Gesicht
der Eigensinn packte ihn und hinderte ihn ruhig nachzudenken
»Ich will trotzdem« rief er »Die Gefahren und Entbehrungen kann ich mir
natürlich vorstellen aber hochinteressant muss die Sache dennoch sein«
Der Alte nickte »Das ist sie auf jeden Fall Unvergleichlich aber kein
sicheres Geschäft außer wenn das Glück besonders günstig ist Dann allerdings
regnet es Geld da die Mannschaft außer ihrer Heuer von vier Dollar monatlich
auch ein Sechstel des Reingewinnes zu beanspruchen hat Im Durchschnitt wird
aber der gewöhnliche Matrosenverdienst nicht überschritten und dafür ist der
Dienst an Bord sehr viel härter Jetzt überlege dir die Geschichte du
Tollkopf Schlaf darauf wie man in Deutschland sagt Ich habe dir die Wahrheit
gesagt und was du tust das tust du auf eigene Rechnung und Gefahr«
Robert schlug ein als ihm der Kapitän die Hand bot »Ich will es« rief er
»Mein Entschluss steht fest Aber vor allen Dingen gehört dazu ein Schiff das
nach Grönland fährt Wissen Sie eins«
Der Kapitän deutete mit der Rechten auf den Hafen »Alle diese schwarzen
Schiffe mit der hohen Bordwand und den vielen Booten sind Grönlandfahrer« sagte
er »Das dritte in der Reihe wird schon in wenigen Tagen die Reise nach dem
Eismeer antreten der Kapitän ist ein persönlicher Bekannter von mir Jetzt aber
will ich mit dem ganzen Plan nichts mehr zu schaffen haben Junge Du bist genau
so wie mein Bruder und ich mag dich nicht in den Tod schicken«
Robert errötete »In den Tod« wiederholte er
»Ja Wenn früher in meiner Heimat SchleswigHolstein die Männer auf Walfang
gingen dann wurde an jedem Sonntag von der Kanzel herab für sie gebetet Jeder
Name wurde genannt für jeden sprach der Geistliche eine Fürbitte das überleg
dir junger Freund«
Er nickte und ging davon ohne sich umzusehen In ihm dem tiefgesunkenen
Helfershelfer eines »Schleppers« von Beruf der für freie Zeche in den
verachteten Lagerbierkneipen des Matrosenviertels von New York die Gäste
unterhielt in ihm hatte das hübsche offene Gesicht seines jungen Landsmannes
doch soviel Ehrgefühl wieder erweckt dass er wenigstens den Sündenlohn
verschmähte Wenn Robert jetzt in das Bierhaus und in Hastedts Gesellschaft
zurückkehrte so war er gewarnt und wusste dass er seine Haut zu Markte trug
»Ein aufgeweckter liebenswerter Bursche« dachte er »schade um das junge
Blut schade Ach wer wieder siebzehn Jahre alt wäre Wer noch einmal von
vorn anfangen könnte«
Und kopfschüttelnd lenkte er in den nächsten Keller um für ein Beefsteak
und ein Glas Grog sein Garn wieder weiterzuspinnen
Auf Walfang
Robert hatte seinen Rausch ausgeschlafen aber keineswegs den abenteuerlichen
Plan aufgegeben Obgleich er genau wusste dass es nicht klug war sich so dem
ungewissen Schicksal anzuvertrauen konnte er doch seinem Drang nach neuen
Erlebnissen nicht widerstehen »Ich bin frei« dachte er »frei wie der Vogel in
der Luft niemand darf mir meinen Weg vorschreiben niemand darf mir Gesetze
geben also warum soll ich nicht das tun was mir am besten gefällt Ob ich
einige Jahre früher oder später nach Pinneberg zurückkehre ist im Grunde
gleich Erst will ich die Welt sehen«
Er ging zum Hafen hinab mit dem Vorsatz sofort an das von dem alten Witt
bezeichnete Schiff zu fahren und sich von dem Kapitän anheuern zu lassen da
legte sich plötzlich von hinten eine Hand auf seine Schulter und Herr Hastedt
begrüßte ihn mit ausgesuchter Höflichkeit
»Freut mich dass ich Sie wiedersehe« sagte er »Noch keine Heuer
angenommen«
Roberts Plan war im Augenblick gemacht »Warte« dachte er »dich will ich
bezahlen du Schuft Ich könnte dich ja auf der Stelle durchprügeln aber das
wäre nicht empfindlich genug Du sollst es verlernen deine Landsleute zu
betrügen«
Er wandte sich äußerst freundlich zu ihm »Noch keine Heuer angenommen Herr
Hastedt Ich hoffe immer noch dass mir das Glück eine Fahrt ins Eismeer
zuspielt«
Herr Hastedt bot ihm eine Zigarre an und sagte dann »Ja ja nach Grönland
wo es Dollars regnet wie Schneeflocken Ich glaube es Ihnen wohl und hm ich
hätte auch vielleicht etwas für Sie in Aussicht Die Sache ging mir dauernd im
Kopf herum und da ich doch als Agent aller möglichen Geschäftshäuser fast die
ganze Stadt kenne so habe ich mich nach einer Heuer für Sie umgesehen Ist
Ihnen die Geschichte etwa fünf Dollar wert dann können Sie als Leichtmatrose
anmustern natürlich durch meine Vermittlung«
»Ach das wäre ja herrlich« rief Robert »Was für ein Glück dass wir uns
begegneten«
»Sie wollen also die fünf Dollar daran wenden Natürlich nichts für mich
mir würde es nie einfallen von Ihnen Geld zu nehmen aber ein Bekannter der
solche Geschäfte betreibt wissen Sie«
Robert lächelte »Mir ist die Heuer mehr als fünf Dollar wert« sagte er
ohne auf die Frage direkt einzugehen »Lassen Sie uns doch gleich den
Geschäftsmann aufsuchen Herr Hastedt«
»Well« rief der »Wir müssen uns auch so beeilen da das Schiff zur
Ausfahrt bereit liegt Wenn Sie kein bares Geld mehr haben sollten Herr Kroll
so kann die Bezahlung warten bis Sie an Bord gehen Es gibt dann fünf Dollar
Handgeld«
Robert nickte »Das passt mir gut« meinte er »Für meine letzten paar Kröten
muss ich unbedingt Wollzeug anschaffen Wo wohnt denn der Mann«
»Oh der ist schnell gefunden Hier auf dem Kai Kommen Sie nur mit mir«
Die beiden gingen in ein nahegelegenes Wirtshaus wo wirklich der besagte
Zwischenhändler bei einem Glas Grog die Zeitungen las Er sah ziemlich schäbig
aus und sprach ebenso gut deutsch wie Robert selbst Offenbar hatte er nur auf
sie gewartet das merkte Robert sofort
»Euch will ich die Suppe versalzen« dachte er »Wartet nur ihr Gauner Nur
Geduld die Strafe entgeht euch nicht«
Er ließ sich dem schäbigen Herrn vorstellen und hörte noch einiges über
schlechte Geschäfte riesigen Zulauf der Matrosen zu den Fahrten nach dem
Eismeer und Ähnliches dann erklärte Herr Hastedt dass er jetzt gehen müsse
wünschte Robert nochmals Glück und verschwand nachdem er noch mit dem anderen
einige bezeichnende Blicke und Flüsterworte gewechselt hatte
Jetzt gingen die beiden Zurückgebliebenen zum Hafen und Robert merkte dass
es das dritte Schiff war wohin der DeutschAmerikaner die Jolle rudern ließ
»Also ganz geschäftsmässig wird das betrieben« dachte er »Dieses Fahrzeug soll
zuerst auslaufen ihm werden also die ersten Dummen zugeführt Na wartet«
Er kletterte gewandt an Bord und half dem ängstlichen Agenten der sich mit
beiden Händen an seine Jacke klammerte lachend über die Schanzkleidung dann
sah er sich das Schiff an Ein einziger Rundblick zeigte ihm größte Ordnung und
mustergültige Sauberkeit es war alles zweckmäßige eingerichtet alles bestens
erhalten und in gutem Zustand Nur riesig hoch schienen ihm die Masten dort
die Oberbramraa schwebte ja beinahe in den Wolken
»Gott da hinauf zu müssen« schüttelte sich der Agent »Brr«
Robert lachte Ihm hüpfte das Herz vor Freude als er wieder ein Schiff
unter den Füßen fühlte »Wollen Sie einmal sehen wie es gemacht wird« rief er
und im nächsten Augenblick flog er wie der Wind an den Tauen hinauf »Ach das
ist der Mühe wert Kommen Sie mir doch nach Sie glauben nicht welche
Aussicht man hier hat«
»Scheusslich Scheusslich«
Der Mann schloss ängstlich die Augen als sich Robert ziemlich rücksichtslos
wieder herunterliess und gewandt auf die Fußspitzen sprang »Aber wenn nun das
Schiff schaukelt und auf der Seite liegt« sagte er entsetzt »wie machen Sie es
dann«
Roberts Augen leuchteten »Dann wird es erst herrlich« rief er »Wenn das
Schiff schlingert und stampft wenn der Sturm heult und der Regen die Augen
blendet dann hat die Sache erst ihren wahren Reiz«
»Gott behüte mich welch ein Übermut«
Inzwischen war der Obersteuermann an Deck gekommen und hatte sich den fixen
gutgewachsenen Jungen mit unverkennbarem Wohlwollen betrachtet Solche Leute
konnte man brauchen
Der Agent sprach leise mit ihm während sich Robert nachdem er die Mütze
abgenommen hatte zurückhielt und dann als eine Art von Verhör begann offen
antwortete Der Obersteuermann nickte sehr zufrieden »Wie werden etwa zehn bis
zwölf Monate auf See bleiben« fuhr er fort »Wollen Sie für die ganze Reise
heuern und zwar mit fünf Dollar Handgeld vier Dollar Monatslohn und
Teilhaberschaft an einem Sechstel vom Reingewinn so schreiben sie Ihren Namen
in diese Musterrolle Das Geld gibt es beim Eintritt in den Dienst«
Robert spürte wie ihm das Herz schlug Es war als werde er sich erst jetzt
seines unüberlegten Streiches wirklich bewusst als höre er wie ihm Mohr
zuflüsterte »Tus nicht tus nicht die Reue kommt nach«
Aber dann schwebte ihm wieder die verlockende Seite der Sache vor Augen
Nein nein er musste auch das ewige Eis sehen musste wissen was es heißt
wirkliche Kälte zu ertragen nachdem ihm die Tropensonne fast das Hirn verbrannt
hatte als er fiebernd und todesmatt auf der Insel lag
Er schrieb mit festen Zügen seinen Namen in das Register Robert Eduard
Kroll Leichtmatrose So jetzt rollte die Kugel jetzt konnte er nicht mehr
zurück und wollte es auch nicht Er wollte die Welt sehen und etwas erleben
Der Obersteuermann nahm die Musterrolle zurück und befahl dem neuen
Leichtmatrosen übermorgen früh um sieben Uhr an Bord zu sein Dann war er
entlassen
Der Agent kletterte wieder mit Ächzen und Seufzen das Fallreep hinab Er
schüttelte sich als er auf der Hafenmauer stand und nach dem Segler
zurückblickte »Das Schiff heißt Vogel Greif« sagte er »Aber ich möchte
lieber auf dem festen Land ein Karrenschieber werden bevor mich ein
solcherVogel greifen dürfte Doch die Neigungen sind ja verschieden Herr Kroll
nicht wahr Kann ich Ihnen bei Ihren Einkäufen noch behilflich sein so verfügen
Sie über mich«
Robert dankte »Und vergessen Sie nicht zur verabredeten Zeit an Bord zu
sein«
Der schäbige Herr grüßte höflich »Ich werde mich pünktlich einstellen«
Die beiden trennten sich und Robert ging um sich für das nordische Klima
einzukleiden Derbes Wollzeug schwere Seestiefel und dick gefütterte Jacken
dazu Faustandschuhe und wollene Strümpfe alles wurde zusammengekauft und in
der Seekiste geordnet denn Robert gehörte bei allen seinen Fehlern doch
durchaus nicht zu denen die das Geld sinnlos ausgeben Er war eigensinnig
leidenschaftlich und vielleicht auch etwas eitel er liebte die Ordnung und
achtete darauf dass er immer sauber aussah Jetzt empörte ihn die heimliche
Schurkerei der beiden DeutschAmerikaner »Die eigenen Landsleute arme
unwissende Auswanderer zu verraten und zu verkaufen« dachte er voll Entrüstung
»o pfui wie schändlich Aber wartet Halunken ich werde euch einen Denkzettel
geben an dem ihr länger als bis morgen zu kauen haben sollt«
Er bezahlte am Morgen des zur Abreise bestimmten Tages seine Rechnung beim
Schlafbaas nahm die Kiste auf die Schulter und ging froh zum Hafen hinunter
Jetzt begann das neue Leben Nicht mehr Junge nicht mehr mit du angeredet
und von den älteren Matrosen gehänselt werden nicht mehr die Arbeiten einer
Scheuerfrau verrichten und vor allem die Aussicht auf Abenteuer Wer war
glücklicher als er
An Bord sah er etwa fünfundzwanzig bis dreißig sehr verschiedene Gesichter
schwarze braune gelbe und weiße darunter auch die halb ängstlichen halb
verlegenen mehrerer Auswanderer die vielleicht von Beruf Schuster oder
Schneider waren sich aber durch die Versprechungen des Schleppers zum Walfang
hatten überreden lassen
Eine Gruppe von ihnen stand flüsternd und scheu auf dem Vorderdeck Erst
wenn die ganze Mannschaft vollzählig und die Musterrolle verlesen war gab es
Handgeld und erst dann konnte der widerwärtige Agent der ganz abgesondert an
der Schanzkleidung lehnte und alles scharf beobachtete seinen Sündenlohn
erhalten Noch fehlten zwei Geworbene wie Robert zufällig hörte daher begrüßte
er den Mann nur flüchtig und setzte sich auf seine Seekiste um den Augenblick
der Auszahlung zu erwarten
Als die beiden letzten Auswanderer arme Hessen die von weinenden Frauen
und Kindern bis an die Jolle begleitet wurden das Deck betreten hatten verlas
der Obersteuermann die Musterrolle und gab dann jedem einzelnen das versprochene
Handgeld Robert sah die Farbigen und diejenigen deren Äußeres befahrene
Seeleute verriet mit den empfangenen Dollarnoten zum Logis zurückkehren es
waren nur die anderen die dem Agenten das Geld als Maklergebühr zu zahlen
hatten
Der Mann drängte sich jetzt schmunzelnd vor
Roberts Augen funkelten Er trat dicht an den DeutschAmerikaner heran und
zwang ihn mit festem Griff ihm in eine entlegene Ecke zu folgen
»Sieh mich an du Spitzbube« sagte er leise »hör zu was ich dir jetzt zu
sagen habe und was du deinem würdigen Genossen Herrn Hastedt von mir
bestellen kannst Ihr seid beide ein paar Erzhalunken die ihre in Not geratenen
Landsleute in die Falle locken und an ein ungewisses Schicksal verkaufen
wollten Ihr spiegelt den armen von Hunger und Elend getriebenen Menschen
goldene Berge vor während sie in Wirklichkeit das letzte verlieren und selbst
ihre Gesundheit aufs Spiel setzen Glaubt nicht dass ihr mich getäuscht hättet
Ich wollte aus anderen Gründen die Reise mitmachen aber die dort die
unglücklichen Auswanderer das sind eure Opfer ihr Teufel in Menschengestalt
Und jetzt antworte du Schuft willst du machen dass du fortkommst ohne auch
nur einen einzigen Cent bekommen zu haben oder willst du dass ich laut meine
Worte wiederhole Dann sei Gott deinem Rücken gnädig«
Der Agent stand käsebleich vor dem erregten jungen Menschen »Herr Kroll«
sagte er »ich weiß nicht Sie verlangen Dinge die «
Robert ließ den Arm los »Aha du willst also nicht nachgeben Du hoffst
vielleicht auf den Beistand der Schiffsoffiziere Aber bei Gott du sollst
spüren wie gern ich dir deinen Lohn auszahle Ein Wort und «
Der Agent antwortete kein Wort mehr sondern verschwand so schnell dass man
staunen musste wie gewandt er diesmal das Fallreep hinabkletterte Robert sah
sein ziemlich gewagtes Spiel vollständig gelungen er hatte wieder einmal einer
Gefahr getrotzt und die Oberhand behalten er war mit Recht stolz darauf
Wenn der mit Kapitän und Obersteuermann unter einer Decke spielende Agent
die Hilfe der beiden ernstlich angerufen hätte so würde Robert nicht ohne
Strafe davongekommen sein aber er wusste und rechnete damit dass der Makler im
Bewusstsein seines Betrugs dazu nie den Mut finden würde und so wagte er die
Sache Als der Agent in seiner Jolle so schnell davonfuhr ohne sich auch nur
noch ein einziges Mal umzusehen wurden die andern aufmerksam und endlich wurde
Robert von allen Seiten gefragt was er mit dem Mann verhandelt habe
Doch er hütete sich die Wahrheit zu sagen und überließ es den Leuten sich
ihr eigenes Bild zu machen Nur eins begriff er nicht Was wollte der Kapitän
mit diesen Jammergestalten
Aber ihn kümmerte das nicht besonders da doch noch genug Matrosen an Bord
zu sein schienen Der Kapitän war noch an Land konnte aber in jeder Minute
eintreffen und dann mussten die Anker gelichtet werden Der kleine
Schleppdampfer der das Segelschiff aus dem Hafen bugsieren sollte lag schon
vorgespannt und alles an Bord war zum Aufbruch gerüstet
Als der Kapitän endlich an Deck erschien wurden die zum Auslaufen nötigen
Vorbereitungen getroffen und Robert konnte sich den Mann genau ansehen obwohl
Kapitän Wright keinen der Matrosen zu bemerken schien sondern ohne Gruß oder
Blick in die Kajüte ging und selbst mit dem Obersteuermann nur wenige Worte
wechselte Robert sah dass der Offizier beinahe militärische Haltung einnahm und
dass er wiederholt die Hand an die Mütze legte alles Dinge die man auf der
»Antje Marie« nicht gekannt hatte und die einen sehr strengen Vorgesetzten
verrieten
Er sah auch ganz so aus dieser hochgewachsene Amerikaner mit den breiten
muskulösen Schultern Sein Gesicht war regelmäßig aber kalt seine Augen grau
und scharfblickend Haar und Bart fuchsrot
Wie bei so vielen Grönlandfahrern gehörte auch in diesem Fall das Schiff
nicht etwa einem Reeder sondern dem Kapitän selbst der vielleicht fremdes Geld
darin stecken hatte dem aber doch niemand Vorschriften für seine Reisen machen
konnte Thomas Wright war auf dem »Vogel Greif« wie auf einer Insel im Weltmeer
der unumschränkte Herr und König
Bald nachdem er die Tür der Kajüte hinter sich geschlossen hatte erschien
auch der Lotse Das Schiff erzitterte von Grund auf legte ab und verließ fünf
Minuten später den Hafen
Der Lotse gab dem Mann am Steuer seine Anweisungen für den richtigen Kurs im
Kielwasser des Schleppers sonst war die Mannschaft unbeschäftigt bis der
Befehl gegeben wurde die Marssegel zu lösen
Robert als Leichtmatrose hatte mit mehreren andern die Oberbramsegel zu
bedienen und war der erste oben in den Wanten als das Kommando kam Als er die
ungewohnte Höhe erklettert hatte glaubte er fast in den Wolken zu sein
Den Hafen und die Stadt mit ihren Türmen und gewaltigen Häusermassen sah er
jetzt wie die Figuren eines Jahrmarktes und musste schnell auf seine Bändsel
blicken um nicht vom Schwindel ergriffen zu werden
Nachdem alle Segel gelöst waren konnten die Leute wieder eine Zeitlang im
Logis bleiben um ihre mitgebrachten Sachen zu verstauen und die erste
Tagesmahlzeit in Empfang zu nehmen Das war gegen die Verpflegung auf der »Antje
Marie« ein erheblicher Unterschied besonders da es Zucker und Branntwein
überhaupt nicht gab Die Auswanderer bedankten sich für alles was sie
bekamen während die Seeleute große Augen machten und manches halblaute »damned«
die zerflatternde Hoffnung auf einen tüchtigen Schluck Rum begleitete Robert
vermisste den Branntwein nicht als etwas das er unbedingt brauchte aber die
unkluge Sparsamkeit des Kapitäns die auf einen starrsinnigen habsüchtigen
Charakter schließen ließ missfiel ihm Wer für eine Handvoll Dollar das
herkömmliche Recht der Matrosen so verletzen konnte der war bestimmt kein guter
Mensch und Robert hasste alles Unedle und Kleinliche
Während er die Koje das Logis und die Kombüse besichtigte hatte das Schiff
bei Sandy Hook die Schlepptaue des Dampfers gelöst und nun erscholl anDeck das
Kommando des Lotsen »Brasst voll hinten«
Robert tat wieder seine Pflicht der Kurs wurde östlich genommen und nach
einer Stunde voller Fahrt bei allen Segeln tauchte in der Ferne der
Lotsenschoner auf der an dieser Stelle ununterbrochen kreuzt um von den
Schiffen sobald das offene Fahrwasser erreicht ist die Lotsen wieder an Bord
zu nehmen
Der Obersteuermann benachrichtigte den Kapitän der kurz darauf an Deck kam
um mit prüfendem Blick den Stand der Dinge zu mustern Dann zog er die
Brieftasche heraus und nahm einen Scheck den er unterschrieb und dem Lotsen
überreichte »Eine Anweisung auf meinen Bankier in New York Sir Ich nehme nie
bares Geld mit an Bord«
Der Lotse machte ein erstauntes Gesicht »Kein bares Geld Kapitän Aber es
können doch Fälle eintreten wo man es unbedingt braucht In fremden Häfen «
»Ich laufe keinen an Sir«
Der Lotse zuckte die Achseln »Well Kapitän Sie können natürlich tun was
Ihnen richtig erscheint Ich würde mich lieber für alle Fälle rüsten besonders
bei einer Fahrt in das Eismeer Lassen Sie bitte das Schiff backlegen Sir«
wandte er sich an den Obersteuermann
Inzwischen hatten die Schiffsjungen den Ölrock und die lederne Tasche des
Lotsen in ein herabgelassenes Boot befördert und der Kapitän ließ dem
scheidenden Gast noch ein Glas Sherry bringen Dann wurde das kleine Boot
nachdem es die kurze Entfernung bis zum Schoner zurückgelegt hatte wieder
eingeholt und der »Vogel Greif« setzte seine Reise fort
Es ging alles wie am Schnürchen alles wie auf einem Kriegsschiff das
stellte Robert schon während der folgenden Tage fest An Deck wurde kein lautes
Gespräch und kein Gesang erlaubt aber auch an den Mahlzeiten gegeizt als seien
Schiffsbrot und Speck die teuersten Dinge und mit den Resten des vorigen Tages
wurde die nächste Mahlzeit womöglich wieder eingeschränkt
Der Untersteuermann sah alles »Morris« sagte er bei einer Gelegenheit
»Ihr habt gestern Euer Fleisch nicht aufgegessen und Ihr Sheppard liesst die
Klösse stehen Das geht nicht Ihr dürft das Eigentum des Kapitäns nicht
verschwenden Was übrig bleibt das gebt dem Koch zurück«
Gegen solche Ansprüche erhoben sich manche halblauten Einwendungen »Wenn
Eure Klösse wirklich Klösse wären so würde ich sie auch gegessen haben« brummte
Sheppard »aber Mehl und Wasser tun es nicht allein Sir das gibt kleine
Kanonenkugeln weil kein Tröpfchen Fett in den Teig gekommen ist«
Der Untersteuermann schüttelte den Kopf »Ihr seid ein sehr anspruchsvoller
Bursche Sheppard« sagte er »Wo sind denn die Klösse geblieben«
»Ja da müsst Ihr die Haifische fragen Sir«
Ein halbunterdrücktes Lachen folgte dieser Antwort »Ich weiß wo sie sind«
nickte Morris »bei meinem Fleisch das zufällig ein Knochen war Ich
entschädige mich dafür durch Aufzählung aller Branntweinrationen die uns seit
Beginn der Reise vorenthalten worden sind«
Der Untersteuermann hielt es für besser die Unterredung zum Abschluss zu
bringen Jeder Matrose fühlt sich durch schlechte Küche in seinen heiligsten
Empfindungen verletzt das wusste er und fürchtete mit Recht dass ein verstärkter
Druck vielleicht einen Ausbruch herbeiführen könnte Wenn er aber auch für
diesen Tag schwieg so folgten doch viele Tage und viele ähnliche Auftritte Es
wurde bei bestem Wetter ständig OstNordOst gesteuert und Robert konnte nicht
umhin dem Kapitän das Zeugnis eines hervorragenden Seemanns zuzugestehen
Thomas Wright hielt seine Wache so gut wie der letzte Kajütenjunge er ließ sich
durch den Obersteuermann pünktlich alle vier Stunden wecken und machte
persönlich eine Runde um den Stand der Dinge bis ins kleinste hinein selbst zu
beurteilen Als man in die Nähe der Newfoundlandsbänke kam schlief er nur für
Augenblicke auf dem Sofa und ging dann an der gefährlichsten Stelle während der
ganzen Nacht auf Deck von einer Seite zur anderen um Ausschau zu halten
»So möchte ich werden« dachte Robert »Aber kein Leuteschinder er ist ein
Geizhals durch und durch«
Der unzufriedene Sheppard der neben ihm auf seiner Kiste saß und vielleicht
beim Anblick des rastlosen Kapitäns das gleiche dachte stieß ihm mit dem
Ellbogen in die Seite »Du« sagte er »heuerst du zum zweitenmal auf dem Vogel
Greif«
»Wieso Ich fahre überhaupt auf keinem Schiff zum zweitenmal«
»Oho Das Meer sieht sich überall ähnlich mein Junge und vom Land kriegt
man ja doch verdammt wenig zu sehen Wo es gute Asche setzt« hier machte er die
Fingerbewegung des Zählens »da werfe ich Anker«
Robert ging auf die letzte Anspielung nicht ein »Warum fragst du also«
sagte er
»Na wegen der Verpflegung Komm erst einmal in die Breiten wo es fünfzehn
Grad Kälte gibt und dann mit leerem Magen und ohne einen Tropfen Rum da wirst
du die Geschichte schon unbequem finden«
Robert zuckte die Achseln »Der Kapitän isst was wir bekommen« antwortete
er »Es wird für ihn nichts anderes gekocht also was willst du«
Aber der Amerikaner gab nicht nach »Gerade das ist eine Schande« sagte er
»Man muss seine Vorgesetzten auch achten können wenn es gut gehen soll Der aber
würde immer nur Furcht erwecken das heißt mir nicht Ich hielte ihm lieber
heute als morgen meine Faust unter die Nase«
Robert lachte »Lieber nicht Kamerad Er antwortet dir bestimmt mit
Kettenarrest darauf kannst du dich fest verlassen Und vielleicht gibts ja
bald auch Branntwein«
»Den Teufel gibt es Der Vogel Greif behält keinen Mann länger als für die
eine Reise während der man ja nicht von Bord kann nachher gehen alle Es ist
auf dem ganzen Schiff nicht einer der vor der letzten Ausfahrt schon dagewesen
wäre Wie bist du eigentlich hierher geraten wo doch meistens nur du weißt
schon was ich meine«
Aber an Roberts erstauntem Gesicht sah er dass der wirklich nicht wusste
worum es sich handelte »Nun nun« fügte er rasch hinzu »man hat ja
verschiedene Gründe Und du bist ja überhaupt noch zu jung um schon einmal
drüben gewesen zu sein«
»Wo drüben«
»Im SingSing das Zuchthaus des Staates New York Heutzutage heuert ja
niemand dessen Papiere ganz sauber sind auf einem Grönlandfahrer Aber wenn
man einmal von den verdammten Tintenklecksern ins schwarze Buch geschrieben ist
dann ist es schwer einen guten Kapitän zu finden«
Robert lachte diesmal jedoch etwas gezwungen »Nein« rief er »das waren
wirklich nicht meine Gründe Aber verzeih ich will dich nicht beleidigen
aber bist denn du «
Sheppard nickte »Ja« seufzte er »leider Aber ich bin kein Dieb oder
Strassenräuber Es ging nur einmal unglücklicherweise eine Pistole los im Streit
natürlich na und die traf einen anderen vor die Stirn So kommt es im
Leben«
Robert bewahrte seine äußere Ruhe obwohl ihm das Herz heftig schlug Er war
von den Bukaniern der westindischen Inseln schon einiges gewohnt daher erschrak
er nicht so sehr trotzdem aber hatte er ein unangenehmes Gefühl Neben ihm saß
also wieder einmal ein Mörder und vielleicht waren unter der übrigen Mannschaft
noch mehrere die auch keine bessere Vergangenheit hatten
Das Blut stieg ihm heiß zu Kopf Wenn er das vorher gewusst hätte
»Nun« fuhr Sheppard fort »du bist mir auf meine erste Frage noch die
Antwort schuldig Wie bist du hierher gekommen«
Robert nahm sich gewaltsam zusammen »Oh« sagte er »ich wollte die Welt
kennenlernen weiter nichts«
Der Amerikaner rückte näher »Halten wir zusammen du« fragte er
»In allem was recht ist ja«
»Du bist ein Schlauberger« lächelte Sheppard »Aber ich meine auch nur das
was recht ist verlass dich darauf«
»Dann sind wir gute Kameraden«
Hier wurde die Unterhaltung von anderen unterbrochen und es vergingen
mehrere Tage ohne dass Robert wieder mit dem Amerikaner sprach Man hatte jetzt
die gefährlichen Bänke hinter sich und segelte im nördlichen Atlantik Die
Auswanderer mussten da sie zum Seedienst untauglich waren das Schiff scheuern
Kartoffeln schälen Geräte reinigen und andere untergeordnete Arbeiten leisten
also blieben die Leichtmatrosen von diesen unangenehmen Dingen ganz verschont
Robert konnte manche freie Stunde dazu verwenden einige gute Bücher die ihm
der Untersteuermann lieh zu lesen und dadurch seine geistige Ausbildung
fördern Während die andern würfelten oder auf den Kapitän schimpften vertiefte
er sich in Werke über Länder und Völkerkunde oder er versuchte sein
Matrosenenglisch durch grammatische Kenntnisse zu erweitern
Die Insel Jan Mayen war erreicht Robert sah Scharen von Seehunden auf den
Eisfeldern liegen und erwartete dass jetzt eine aufregende Jagd beginnen müsse
aber der Kapitän erklärte keine Seehunde fangen zu wollen
Die Leute sahen sich an »Passt auf« raunte Sheppard »er will bis nach
Nowaja Semlja hinauf um Wale zu fangen Diese Fische sind jetzt so selten
geworden dass man bis an solche entlegenen Küsten vordringen muss um sie zu
treffen Es wird gerade Tag geworden sein wenn wir in der Eiswüste ankommen«
Mehrere andere besonders die Auswanderer hörten bedenklich zu »Gerade Tag
Sheppard wie meinst du das«
Der Amerikaner lächelte ärgerlich »Gerade so wie ich es sagte Jungens
Auf Nowaja Semlja herrscht von Oktober bis Anfang März ununterbrochene Nacht In
diesen Breiten kann kein Mensch leben und das Innere der Insel ist so unbekannt
und unerforscht wie das Innere von Afrika«
Die biederen Schuster und Schneider schüttelten sich vor Angst »Jesus«
fragte einer »ist es denn auf dem Meer auch Nacht«
Gelächter der Seeleute antwortete ihm »Nun« tröstete Sheppard »es wird ja
Mitte März werden bis wir frühestens da oben angelangt sind wenn « hier
machte er eine Kunstpause und sah langsam von einem zum andern »wenn wir uns
überhaupt damit einverstanden erklären dass das Schiff so weit gegen die
Eisgrenze vordringt«
Robert antwortete mit einem bedeutsamen Wink »Sheppard« sagte er »überleg
dir deine Worte Mann«
Der Amerikaner zuckte die Achseln »Ich meine nur so Robert« sagte er
»Wenn alle so dächten wie ich dann würde bei Jan Mayen der Seehund gejagt und
nicht bei solcher Verpflegung wie wir sie bekommen blindlings auf die
Eisgrenze losgesteuert«
Mehrere andere umdrängten ihn »Was meinst du damit Sheppard« fragten sie
»Gibt es denn eine Grenze wo das Wasser aufhört flüssig zu sein wo wie man so
sagt die Welt mit Brettern vernagelt ist«
Sheppard nickte »Ich bin 1864 mit Nordenskjöld dort oben gewesen« sagte
er »und weiß Bescheid Da müsst ihr euch außerhalb des heizbaren Raumes das
Getränk so in den Mund schütten dass eure Lippen von dem Gefäß nicht berührt
werden Die Kälte ist so stark dass das Metall die Haut zu verbrennen scheint«
»O Gott Davon hat in New York der Agent keine Silbe gesagt«
Der Amerikaner lachte spöttisch »Das glaube ich euch Leute Würde auch
verdammt schlecht als Empfehlung gepasst haben meine ich«
Robert schwieg Er hatte über die Erlebnisse verschiedener Forscher zu viel
gelesen um nicht zu wissen dass Sheppard die Wahrheit sprach aber einerseits
schreckte ihn der Gedanke an bevorstehende Strapazen nicht besonders zurück und
zum andern hielt er es nicht für richtig die Stimmung der Leute so zu
beeinflussen
Doch Sheppard gab nicht nach »Wenn wir nur ganz einig wären« fuhr er fort
»dann ließe sich die Sache so leicht machen Man erklärt dem Kapitän ganz
höflich dass er entweder umkehren oder die ganze Arbeit allein machen müsse So
wird ihm die Wahl sehr vereinfacht sollte ich meinen«
Robert sah in Sheppards erregtes Gesicht »Das ist die eine Seite der
Sache« sagte er möglichst unbefangen »aber es gibt auch noch eine zweite Wenn
wir das Pech hätten einem amerikanischen Kriegsschiff zu begegnen so könnte es
uns passieren dass wir sämtlich mit einer Kanonenkugel unter den Füßen an die
Raa gehängt würden Hast du daran auch gedacht Kamerad«
»Pah ein Kriegsschiff kommt nicht hierher Und außerdem sterben müssen wir
doch wenn bei Nowaja Semlja ohne Branntwein gejagt werden soll Ich will lieber
an der Unterraa hängen als verhungern und erfrieren«
»Ich auch« antworteten mehrere Stimmen
»Hört« meinte Morris nachdem eine drückende Pause vergangen war »ich
hätte euch etwas Vernünftiges vorzuschlagen Sagt aber vorher eins Weiß jemand
ob auch wirklich Branntwein an Bord ist Denn sonst helfen ja alle Worte
nichts«
Wenigstens zehn bis zwölf Männer riefen einstimmig »Es ist genug da Wir
haben mehrere Fässer voll gesehen«
»Well« nickte Morris »dann schickt in aller Güte eine Abordnung zum
Kapitän und lasst ihn um eine kleine tägliche Ration bitten Wir werden ja daraus
sehen wie er denkt«
Sheppard kräuselte spöttisch die Lippen »Versucht es« antwortete er kurz
»Beugt den Nacken und er wird ohne zu zögern darauf treten Übrigens wer
wollte denn zu ihm gehen und um etwas bitten«
»Ich« »Und ich« »Wir auch« kam es von allen Seiten
Sheppard kreuzte die Arme »Zu dem rotaarigen Judas Hütet euch vor den
Gezeichneten steht in der Bibel«
Roberts Blicke gingen wieder zu dem Matrosen »Sheppard kannst du im Ernst
so ungerecht sein einen Mann um der Farbe seines Haares willen als schlechten
Menschen hinzustellen«
Sheppard lachte »Die Bibel sagt es ja nicht ich« antwortete er »Übrigens
scheinst du als Seemann deinen Beruf ein wenig verfehlt zu haben mein Kleiner
Hättest lieber ein Geistlicher werden sollen Der Reverend Kroll hätte bestimmt
auf seine Zuhörer einen gewaltigen Eindruck gemacht«
Robert errötete aber er blieb ruhig »Das ist möglich Sheppard Mir war
aber das Seemannsleben doch lieber besonders weil ich seine Gefahren und
Entbehrungen nicht so hoch bewerte Nehmt mich gefälligst aus wenn ihr im Namen
der Mannschaft um Rum bittet«
Die Augen des Amerikaners blitzten »Du bist wirklich für deine siebzehn
Jahre ziemlich vorlaut« sagte er »Aber warte doch ein wenig bis du das letzte
Wort sprichst Ich habe noch eine Trumpfkarte auszuspielen die auch dich
stutzig machen wird mein Junge«
Robert bewahrte seine kühle Haltung »Meinetwegen Sheppard« sagte er
Der Matrose sah von einem zum andern Er schien sich an der angstvollen
Spannung der Gesichter heimlich zu freuen »Hört also« begann er »dass uns
etwas Furchtbares droht Im Logis liegt einer der Männer krank und elend in
seiner Koje er hat Skorbut«
Sheppard sprach halblaut und machte lange Pausen zwischen seinen Worten um
ihre Wirkung zu erhöhen
Keiner wagte eine Silbe zu sprechen Jeder fühlte zentnerschwer das Gewicht
des Gesagten mehr als einer wurde bleich bis in die Lippen
»Steckt das an« fragte endlich zaghaft einer der Auswanderer
»Wie die Pest« antwortete Sheppard »Voraussichtlich wird kein Mann auf dem
ganzen Schiff verschont bleiben und warum das Weil der Kapitän mit
Branntwein Zucker und Sauerkraut an uns gespart hat weil er uns zwingt in
unmenschlicher Kälte zu leben Dadurch kommt der Skorbut und wir müssen
umkehren ehe es zu spät ist«
Man sah jetzt wie die Aufregung stieg Einzelne Gruppen flüsterten und das
Für und Wider wurde lebhaft erwogen »Aber wenn er nicht will wenn er durchaus
nicht will« fragten die Zaghaftesten
»Er muss wenn wir wollen«
»Der verfluchte Agent« hieß es jetzt »Der Betrüger der uns ins Unglück
gestürzt hat Kanntest du ihn Robert Du sprachst bei der Abreise so eifrig
mit ihm dass er darüber ganz vergaß die Maklergebühr von uns zu fordern«
Robert lächelte »Ja« sagte er gedehnt »das vergaß er vielleicht weil
ich es so wollte Ich fand es schon schlimm genug dass er euch auf einen
Grönlandfahrer gelockt hatte und fand dass er dafür keine besondere Belohnung
mehr brauchte«
Sheppard hatte erstaunt zugehört Jetzt schlug er derb auf Roberts Schulter
»Das war brav von dir Junge« sagte er lebhaft »Wie fingst du das an«
»Nun ich versprach ihm eine Tracht Prügel Das ist sehr einfach«
»Teufelskerl« lachte der Amerikaner »Und wer solche Haare auf den Zähnen
hat wie du der will sich gegen seine Kameraden mit einem Leuteschinder von
Kapitän verbünden«
»Durchaus nicht Aber ich finde dass Männer den Entbehrungen widerstehen
müssten dass ihr nur des vernachlässigten Magens wegen nicht klein werden
dürftet Hat einer von der Mannschaft den Skorbut so ist das schlimm aber die
Behauptung dass wir alle ihn bekommen scheint mir ziemlich gewagt«
»Das ist sie nicht Die Krankheit steckt an sage ich euch«
Robert schüttelte den Kopf Er ging ohne ein weiteres Wort hinzuzufügen an
die Koje des Kranken und fragte ihn freundlich ob er etwas für ihn tun könne
aber der Arme hörte ihn kaum »Etwas Säuerliches« flüsterte er halb
verständlich »etwas Säuerliches zu trinken«
Roberts gutes Herz empörte sich in diesem Augenblick gegen die Härte des
Kapitäns vielleicht noch mehr als es bei den andern der Fall gewesen war Alle
anderen dachten an sich selbst, er dagegen hatte nur den hilflosen Kranken im
Auge
»Ich will sehen was ich machen kann« tröstete er und blieb dann überlegend
vor der Tür des Logis stehen Eine schneidende Kälte fuhr ihm entgegen der
Schnee wirbelte um seinen Kopf und der Atem stockte ihm fast in der Kehle Wie
Eisbären beschneit und von oben bis unten in ihre Jacken geknöpft sahen die
wachtabenden Matrosen aus
Robert blickte über das Schiff weg zur Tür der Kajüte »Ob ich geradewegs zu
ihm gehe und ihm die Sache vortrage« dachte er »Ich darf es eigentlich nicht
es ist gegen alle Schiffsgesetze aber wenn noch ein Funke von Menschlichkeit
zurückgeblieben ist so muss er den Kranken besser verpflegen«
Der Obersteuermann der gerade Wache hatte ging in diesem Augenblick nahe
an Robert vorüber
Robert berührte leicht mit der Hand die Mütze »Herr Obersteuermann« fragte
er »wissen Sie dass einer der Matrosen krank ist«
Der Offizier runzelte die Stirn »Ja« sagte er kurz »Und was kümmert das
Euch wenn man fragen darf«
»Alles Herr Obersteuermann Für den Kranken wie für die gesamte Besatzung
des Schiffes Der Matrose hat Skorbut«
Mr Pikes der Obersteuermann sah flüchtig hinüber zur Kajüte als fürchte
er dass möglicherweise drinnen das schlimme Wort gehört sein könne »Still«
raunte er in barschem befehlendem Ton »Wohinein mischt Ihr Euch Das ist
kein Skorbut und der Kranke ist nur einer dieser faulen hessischen Brotfresser
die der Kapitän umsonst füttert bis später die gefangenen Fische zerhackt und
ausgebraten werden Für diese Weiberarbeiten bekommt die Bande den vollen
Matrosenlohn und dann reißt sie noch das unverschämte Maul weit auf Kümmert
Euch nicht um den Mann Kroll ich rate Euch gut«
Aber Robert schüttelte den Kopf Sein alter Trotz brach wieder durch »Herr
Obersteuermann« antwortete er »das ist gleich wer von der Mannschaft
erkrankt Keiner darf ohne Pflege bleiben Wollen Sie den Kapitän bitten sich
der Sache anzunehmen Weiß er überhaupt dass der Skorbut ausgebrochen ist«
Mr Pikes stampfte mit dem Fuß auf »Woher wisst Ihr das« rief er
»Von Sheppard der diese Krankheit zu kennen behauptet Ich selbst war eben
noch bei dem unglücklichen Menschen Es wird doch an Bord eine Apotheke sein«
Mr Pikes antwortete darauf nicht »Geht ins Logis Kroll« sagte er »Das
ist alles meine Sache nicht aber Eure«
»Sie wollen also dem Kapitän keine Mitteilung machen Herr Obersteuermann
Dann geschieht es von anderer Seite verlassen Sie sich darauf«
»Ah Drohungen«
»Nein Aber ich will Sheppard und den andern das sagen was ich eben von
Ihnen hörte Mr Pikes Dann geht eine Abordnung der Matrosen zum Kapitän und
vertritt bei ihm die Sache des kranken Kameraden Ich hoffe dass Sie hierin
keinen Verstoss gegen die Schiffsgesetze sehen«
Der Obersteuermann ein Amerikaner vom gleichen harten Holz wie der Kapitän
der Obersteuermann sah mit aufeinandergepressten Lippen in das frische Gesicht
des hochaufgeschossenen Matrosen Er hatte mit dem geübten Blick langjähriger
Erfahrung schon längst den Stand der Dinge erkannt und wusste dass ein einziges
Fünkchen genügte um das Pulverfass in die Luft zu sprengen Er selbst musste auf
der Seite des Kapitäns stehen und schien nicht daran zu zweifeln wer die
Oberhand behalten würde
»Sprecht nicht von Skorbut« sagte er leichthin »Der Kranke wird natürlich
in Behandlung genommen werden aber wozu gleich Lärm schlagen Ich will den
Kapitän benachrichtigen«
Robert griff wieder an seine Mütze und der Obersteuermann sah ihm als er
in das Logis zurückging böse nach »Was bis jetzt auf allen Schiffen gelungen
ist« dachte er grimmig »das musste gerade hier fehlschlagen Es war mir
unmöglich unter den Matrosen verschiedene Parteien zu bilden ich konnte keinen
einzigen auf meine das heißt auf die Seite des Kapitäns bringen Aber weshalb
entzieht er auch den Kerlen das letzte warum knausert er um ein paar Dollar für
Grog Verdammt dass ich ihm jetzt die Geschichte melden muss«
Er zögerte noch so lange wie möglich und ging erst nachdem seine Wache
abgelaufen war zum Kapitän in die Kajüte Dort sagte er dass sich einer der
Auswanderer krank gemeldet habe
Thomas Wright blickte auf »Was ist es Mr Pikes«
Der zuckte die Achseln »Kommen Sie selbst herüber Herr Kapitän Faulheit
scheint es nicht zu sein Der Mann hat volles Bewusstsein aber die Lippen sind
blau das Gesicht leichenblass und die Augen eingesunken Er klagt über
Gliederreissen«
Der Kapitän zog die Mundwinkel herab »Es ist gut« sagte er rasch »Ich
komme«
Und fünf Minuten später erschien er im Logis wo ihn ein unheimliches
Schweigen empfing Der Obersteuermann begleitete seinen Vorgesetzten und führte
ihn an die Koje des Kranken »Hier Herr Kapitän Der Mann ist offenbar
leidend«
Thomas Wright beugte sich über den Unglücklichen und untersuchte sorgfältig
dessen Zahnfleisch Mit einem leisen »damned« richtete er sich wieder auf »Es
soll sofort im Raum zwischen den Fässern ein Lager zurechtgemacht werden«
befahl er »und dorthin bringt ihr den Kranken mit dem nötigen Bettzeug Der
Koch soll ihm Pflaumen so zubereiten dass er sie trinken kann außerdem muss ihm
der Mund dreimal täglich mit Löffelkrautspiritus ausgewaschen werden Macht dass
ihr hinunterkommt und friert den Kranken so legt eine Wärmflasche an seine
Füße Das ganze Logis wird sofort mit Karbolessig gescheuert«
Er sprach die Worte in festem befehlendem Ton er war so vollständig der
Herr der Lage dass niemand daran dachte sich dieser grausamen Anordnung zu
widersetzen Begleitet von einem »Zu Befehl Herr Kapitän« des
Obersteuermanns verließ er das Logis
Der Kranke kümmerte sich um nichts Leise wimmernd lag er da
Sheppard war der erste der wieder Worte fand »Habt ihr nun den Beweis«
raunte er »Es ist Skorbut und der arme Teufel soll da hinunter in die Eisluft
um so schnell wie möglich zu sterben«
»Nun nun« begütigte ein anderer »So schlimm braucht man es ja nicht
gleich zu sehen Es geschieht um uns zu schützen«
Sheppard zuckte die Achseln »In drei Tagen haben wir einen Toten« sagte
er »Bis dahin aber werden noch mehr Leute erkrankt sein passt nur auf was ich
sage Wer zwanzig Jahre lang zur See gefahren ist der kennt die Geschichte«
Morris spuckte grimmig den Kautabak auf den Fußboden »Ist es nicht
schändlich« flüsterte er »dass der Kapitän mit Gewalt Walfische jagen will
Alle diese Eisinseln an denen wir vorüberkommen sind voll von Walrossen die
Seehunde gar nicht zu zählen aber nein der Kapitän hat es nur auf Walfische
abgesehen«
»Ich weiß weshalb« fuhr Sheppard fort »Dies ist seine letzte Reise Er
will dann den Vogel Greif verkaufen und in New York Häuserspekulant werden
Vorher aber will er noch einen guten Fang von Spermfischen machen Diese Tiere
liefern ja den teuren Walrat für Kirchenlichter also ist eine Ladung davon ein
kleines Vermögen für sich allein Dass wir darunter leiden den geizigen Kapitän
reich zu machen dass vielleicht mehrere von uns dabei drauf gehen was fragt
er danach«
Inzwischen hatten mehrere Matrosen den Kranken aufgenommen in Wolldecken
gehüllt und hinuntergetragen in den Raum wo er auf altem Segeltuch gebettet
wurde Die Luft war hier schrecklich Über einer Ladung von Ballast lagen die
für den Tran bestimmten Fässer die einen so abscheulichen Geruch ausströmten
dass es fast unmöglich war in ihrer Nähe zu atmen Dazu kam die Kälte des
ungeschützten unter der Oberfläche des Wassers liegenden Raumes die feuchte
drückende Luft und die ständige Dunkelheit die durch keinen Tageslichtschimmer
erhellt wurde Hier gesund zu werden schien ganz unmöglich
Nachdem der Umzug des Kranken beendet war mussten die Auswanderer das
Volkslogis von oben bis unten reinigen Die Matrosen von der Freiwache halfen
unaufgefordert mit und es schien fast als ob die Ruhe wieder einigermaßen
hergestellt sei da brachte ein Zwischenfall neuen Zündstoff Einer der
Auswanderer wollte die Luke öffnen und zu seinem kranken Gefährten in den Raum
hinabklettern um nach ihm zu sehen aber der Obersteuermann vertrat ihm rasch
den Weg »Niemand darf hinunter« befahl er »Der Kapitän hat es verboten«
Der Mann wagte keinen Widerspruch aber die Sache wirkte auf die Leute sehr
entmutigend und Sheppard nahm die Gelegenheit wahr das Feuer zu schüren »Der
da unten krepiert wie ein Hund« sagte er »und nach ihm kommen andere
Vielleicht wandern wir alle in den Raum hinab um dann in ein paar Tagen den
Haifischen vorgesetzt zu werden Ihr wollt es ja nicht besser haben«
»Es ist zu gewagt« meinten einige »Wir haben heute den letzten Tag im
Februar« sagten andere »in wenigen Tagen muss ja unser Ziel erreicht sein in
jedem Augenblick kann sich die erste Walfischherde zeigen warum sollen wir
also in zwölfter Stunde noch ein Wagnis unternehmen«
dabei blieb es und die Leute taten nach wie vor ihre Arbeit aber unter
drückendem Schweigen das der Kapitän offenbar sehr wohl bemerkte Er hatte
gewiss seine bestimmten Gründe als er befahl die Harpunen hervorzuholen
instand zu setzen und Leinen daran zu befestigen Ebenso ließ er größere Stücke
Fleisch kochen und mit Schiffsbrot und Wasser in Körbe packen damit alles
bereit sei die Boote zu besteigen wenn sich ein Walfisch zeigen sollte
Es kam aber keiner Walrosse und Pinguine auf allen Eisschollen träge
Seehunde die sich im kümmerlichen Sonnenschein ausruhten Eisbären die ihre
furchtbaren Pranken gegen das Schiff erhoben weiße Füchse und Robben alles war
zahlreich vertreten aber weit und breit von Walfischen nichts zu sehen
Der Kranke im Raum musste noch leben da keine Bestattung angeordnet war
aber keiner seiner Gefährten hörte etwas von ihm In aller Stille waren noch
drei weitere Männer hinuntergeschaft worden und zwei andere klagten heimlich
über Gliederschmerzen aber sie flehten die übrigen an davon dem Obersteuermann
nichts zu sagen das schreckliche Gefängnis unter Deck war ja schlimmer als
selbst der Tod
Am Abend des vierten Tages ließ der Kapitän sämtliche Harpunen in seine
Kajüte bringen Er selbst der Obersteuermann und die beiden Untersteuerleute
standen vielleicht nicht ganz zufällig dicht nebeneinander als der Befehl
gegeben wurde zwei Stücke Segeltuch sowie zwei Trossen Bindgarn bereit zu
halten und an zwei Brettern kleine Säcke mit Steinkohlen zu befestigen
Totenstille folgte den Worten Sheppard streckte verstohlen zwei Finger aus
»Zwei Leichen« sagten seine Augen
Und jeder hatte ihn verstanden Der Befehl musste lauter und nachdrücklicher
wiederholt werden bevor er befolgt wurde
Es war ganz klare heitere Luft natürlich unter schneidender Kälte da man
sich dem 75 Grad nördlicher Breite nahe befand Riesige Eisschollen dehnten
sich rechts und links Eisberge segelten in majestätischer Pracht nickend und
winkend von fernher vorüber eine blutrote Sonne Kälte verheissend und machtlos
sank gegen den Horizont herab fast gänzliche Windstille lag über der
eingefrorenen Welt
Der Obersteuermann befahl vier Matrosen in den Raum hinabzusteigen und die
Leichen in ihre Decken gehüllt heraufzutragen Als jedoch die Luken geöffnet
wurden ertönten aus dem Innern des Schiffes schwache wimmernde Laute die
einen Stein hätten rühren müssen Die unglücklichen Kranken baten um Gottes
willen sie in freier Luft unter Menschen und wie Menschen sterben zu lassen
aber nicht in dem grässlichen lichtlosen von solcher Pestluft erfüllten Raum
»Erbarmen Erbarmen« jammerte es »Um Gottes willen Erbarmen«
Wie ein Mann drangen die Matrosen bis zur großen Luke vor Ohne eine Frage
eine Erklärung wollten sie die sterbenden Menschen an Deck bringen da ertönte
die Stimme des Kapitäns »Die Kranken bleiben im Raum Holt die Leichen«
Ein Schrei der Entrüstung antwortete ihm »Das ist Barbarei« rief Sheppard
»Auf Jungens das lässt sich kein redlicher Mann gefallen«
Der Kapitän hatte sich blitzschnell zur Kajüte gewandt und stand dann vor
dem ganzen erbitterten Haufen seiner Leute ehe noch einer Zeit fand sich zu
entschließen In der Rechten hielt er die blitzende Harpune
»Der erste der ohne meinen Befehl in den Raum hinabsteigt hat das Eisen im
Leibe« sagte er so kaltblütig als habe er die gleichgültigste Massnahme
angeordnet »Vier Mann vor Ihr da und ihr«
Er bezeichnete die Männer welche die Toten heraufschaffen sollten mit
ausgestreckter Hand »Beeilt euch« fügte er hinzu
»Erbarmen Erbarmen« wimmerte es unten »Gott im Himmel vergib uns unsere
Sünden erlöse uns vom Übel«
Robert drängte sich vor Sein Gesicht war leichenblass
»Herr Kapitän« rief er außer sich »Sie versuchen Gott«
Sheppard jauchzte »Hast du endlich genug Kamerad Auf lasst uns die
Kranken heraufholen selbst wenn dafür einer von uns harpuniert werden sollte
wie ein Tier Dann wird der Mörder von den übrigen in Stücke zerrissen«
Wilde Blicke und wilde Rufe antworteten von allen Seiten »Herr Kapitän«
rief Robert »Sie haben mir gedroht und ich werde der erste sein der
hinabsteigt Ich setze mein Leben ein für meine gerechte Überzeugung«
Er betrat die Leiter und kletterte in den Raum während Thomas Wright
rasend vor Zorn die schreckliche Waffe durch die Luft schleuderte
Das alles geschah innerhalb weniger Minuten
Sheppard der ununterbrochen die Bewegungen des Kapitäns verfolgt hatte hob
im gleichen Augenblick als die Waffe geschleudert wurde eine Stange die er
schon vorher ergriffen hatte und die Harpune kräftig getroffen flog wie vom
Bogen geschnellt durch das Takelwerk und weit hinaus in das stille
eisglitzernde Wasser Ebenso schnell hatten drei oder vier Matrosen vor der Tür
der Kajüte Posten gefasst
Der Kapitän und seine Getreuen hatten nur die Wahl entweder ihre Sache
verloren zu geben oder sich mit der Mannschaft in einen Faustkampf einzulassen
Es war Mr Pikes der Obersteuermann der den schäumenden Kapitän an beiden
Schultern ergriff und ihn hinderte sich auf Sheppard zu stürzen
»Ruhig um Gottes willen ruhig« mahnte er »Noch ist kein Verbrechen
geschehen noch lässt sich alles in Güte ausgleichen Herr Kapitän lassen Sie
die Leute damit erst die Leichenbestattung vor sich gehen kann Wollen wir denn
unsere toten Kameraden ohne alle Feierlichkeit über Bord werfen«
Sheppard lachte »Die Harpunen heraus oder wir weichen keinen Schritt«
»Holt sie« befahl Mr Pikes der für den halb besinnunglosen Kapitän
eintrat »Dann aber gebt Ruhe«
Sheppard und Morris betraten die Kajüte um die schweren Wurfgeschosse in
das Mannschaftslogis hinüberzubringen Sie nahmen auch die beiden Revolver des
Kapitäns an sich
Als die beiden Männer das Deck betraten sahen sie wie Robert mit mehreren
andern die Kranken heraufschafte Beide lagen im Sterben aber sie dankten
dennoch durch rührende Blicke und halblaute Worte ihren Helfern
Inzwischen waren auch die Toten eingehüllt und auf ihrem letzten mit einer
Last von Kohlen beschwerten Lager befestigt worden
»Herr Obersteuermann« sagte Sheppard ruhig »wollen Sie das Schiff beilegen
lassen«
Mr Pikes antwortete ihm keine Silbe Er redete dem Kapitän zu sich mit
Fassung in das Unabänderliche zu fügen und scheinbar nachzugeben »Über kurz
oder lang bietet sich die Gelegenheit zu einem Handstreich« fügte er flüsternd
hinzu »wir lassen dann die Rädelsführer in Eisen legen und haben gewonnenes
Spiel Gehen Sie jetzt in die Kajüte«
Thomas Wright schien das einzusehen oder er war vielleicht vor Zorn unfähig
sich zu fassen jedenfalls gehorchte er wie ein Kind und nachdem er sich
entfernt hatte gab der Obersteuermann die erforderlichen Befehle das Schiff
beizulegen Als der »Vogel Greif« mit weitausgespannten Flügeln wie eine Möwe
auf dem Wasser lag regungslos und von den Sonnenstrahlen rosig überhaucht da
traten alle diese wetterharten Männer diese rauen und zügellosen Burschen
still und ernst an die Bordwand
Heute wurden zwei Männer aus ihrer Mitte dem Meer überliefert nach
wenigen Stunden sollten ihnen zwei weitere folgen und vielleicht stand in
kürzester Frist auch ihnen das gleiche Schicksal bevor Niemand konnte
voraussehen wie bald ihn die Seuche befallen und dem Tode in die gierig
geöffneten Arme werfen würde
Es ist etwas unendlich Ergreifendes so ein Seemannsbegräbnis Ernst und
still waren die beiden Leichen aufgehoben und halb über die Bordwand
hinausgelegt worden Langsam feierlich schwebte das Sternenbanner der
Vereinigten Staaten am Grossmast auf Halbstock dreimal empor und dreimal wieder
herab letzte Grüße letztes Lebewohl für die toten Kameraden
Und dann trat Robert vor Sein offenes Gesicht war blass vor innerer
Bewegung »Matrosen« sagte er »unser Kapitän ist nicht erschienen um für die
Toten wie üblich ein Gebet zu sprechen So lasst es mich an seiner Stelle tun da
doch die beiden Toten meine Landsleute waren arme deutsche Auswanderer denen
eine Gesellschaft von Seelenverkäufern auch noch das Letzte nahm das sie
besaßen Gesundheit und Leben Lasst mich Gott bitten dass dem schändlichen
Treiben dieser Schurken bald ein Ende gemacht werde um der vielen armen
Menschen willen die in ihre Hände fallen und dass er diesen Unglücklichen
ewigen Frieden schenken möge Amen«
Alle hielten die Mützen in der Hand auf allen Gesichtern lag tiefer Ernst
Sie standen ganz unter dem Eindruck der Stunde
»Los« befahl halblaut der Obersteuermann
Soweit wie möglich streckten sich die Arme ein letzter Blick ein Gedanke
wie ein Segenswunsch und das Meer spritzte auf Unaufhaltsam zog das
mitgegebene schwere Gewicht die Toten in die Tiefe
»Brasst voll hinten« ertönte die feste Stimme des Obersteuermanns
Jeder der Matrosen tat seine Schuldigkeit die Raaen flogen herum und das
Schiff setzte langsam den alten Kurs fort dann aber sammelten sich alle vor
der Tür der Kajüte Sheppard ergriff das Wort
»Wir bitten den Kapitän uns jetzt anzuhören« sagte er
Mr Pikes zeigte seine ruhigste Miene »Seid vernünftig Leute« antwortete
er »Ein schnelles Wort ist bald gesprochen wie ihr alle wisst aber es wird oft
bereut Der Kapitän wollte euretwegen die rettungslos verlorenen Kranken im Raum
lassen um die Gefahr der Ansteckung zu bekämpfen Ihr habt die Sterbenden
eigenmächtig in das Logis heraufgetragen und müsst nun die Folgen auf euch
nehmen Was wollt ihr noch mehr«
Sheppard lächelte spöttisch »Eine Kleinigkeit Herr Obersteuermann« sagte
er »Wir verlangen dass das Ruder gedreht wird Wir wollen in solchen Breiten
wo Menschen zu leben gewohnt sind unsere Arbeit tun Wir hätten auch bei
gehöriger Verpflegung und besonders mit den gewohnten Branntweinrationen die
Fahrt bis nach Nowaja Semlja unweigerlich fortgesetzt aber elendig umkommen
damit der Kapitän an uns eine Handvoll Dollar spart das wollen wir nicht Noch
sind uns keine Walfische begegnet und wer weiß ob wir überhaupt welche treffen
vielleicht wenn der Skorbut die ganze Jagd unmöglich gemacht hat Also müssen
wir umkehren«
Mr Pikes blieb ganz ruhig »Umkehren nachdem noch kein Cent verdient
worden ist Leute Umkehren in dem Augenblick wo uns vielleicht goldene Berge
erwarten Jede Stunde kann den Gewinn bringen jeder Augenblick kann Walfische
in Scharen an unser Schiff führen«
Sheppard schüttelte den Kopf »Oder auch den Tod für uns alle« sagte er
finster »Wir sind entschlossen umzukehren wir wollen den Kapitän zwingen
seinen Kurs zu ändern Gebt Raum Sir oder es geht nicht gut«
Mr Pikes ließ seine Blicke von einem zum andern gehen »Das ist Meuterei«
sagte er in ernstem mahnendem Ton »Habt ihr euch die Folgen genau überlegt
Leute«
»Ganz genau Der Kapitän und alle Offiziere müssen vor dem Hafen von New
York einen Eid schwören von dem Vorgefallenen mit niemand zu sprechen oder
keiner sieht das Land wieder Wir sind uns unserer Rechte und unseres
Entschlusses vollkommen bewusst«
Der Obersteuermann trat zur Seite »So versucht euer Heil Leute Kommt als
Bettler vielleicht krank und elend nach New York zurück werft euren eigenen
Vorteil über Bord und ruiniert einen ehrlichen Mann während die Gelegenheit
günstig ist Ich habe euch nichts mehr zu sagen«
Er wandte sich ab Sheppard streckte die Hand aus um den Türdrücker der
Kajüte zu ergreifen
Da ertönte vom Vorschiff her ein lauter fast jubelnder Ruf Der Mann am
Ausguck verließ seinen Posten und kam zu den andern gestürzt
»Die Fische Die Fische«
Wie ein elektrischer Schlag durchzuckte das Wort die erregten Männer Als
hätten alle nur noch einen Gedanken so folgten die Augen der Richtung in die
der Matrose mit ausgestrecktem Arm wies Vergessen schien der wilde Entschluss
offener Meuterei vergessen war die Furcht vor der Krankheit untergegangen in
der plötzlichen Hoffnung auf Gewinn
»Die Fische« jauchzten zwanzig Stimmen »die Fische«
Mr Pikes atmete auf wie ein Halbertrunkener den eine unerwartete Hilfe dem
Meer entriss Er erkannte im Augenblick seinen Vorteil er zögerte keinen
Augenblick ihn zu ergreifen
Ohne den Kapitän zu fragen befahl er die Boote herabzulassen und die Körbe
mit Lebensmitteln hineinzusetzen Dann wandte er sich zu Sheppard »Holt die
Harpunen Maat Ihr habt sie in Verwahrung soviel ich weiß«
Der Amerikaner sah mit düsteren Augen auf das Drängen und Treiben der
anderen Niemand beachtete ihn niemand kümmerte sich um das Verhängnis das im
entscheidenden Augenblick den Sieg in die Hände des Gegners hinüberspielte
Gewinn Geld das war es was den Leuten vorschwebte was sie einer den
andern zurückdrängend in die Boote trieb
Sheppard kreuzte die Arme »Holt die Harpunen Mr Pikes« sagte er »und
gebt dem wilden Kapitän die schwerste in die Hand damit er seine Mordlust
befriedigen kann Die Menge ist es niemals wert dass sich ein ehrlicher Kerl um
ihretwillen aufopfert ich habe es bitter genug in diesem Augenblick erfahren
müssen«
Der Obersteuermann ließ die Harpunen verteilen und gab auch Sheppard eine in
die Hand »Geht mit Mann« ermunterte er ihn »kühlt Euer heißes Blut auf der
Jagd Und dort seht hin eine Möweninsel Tausende von Eiern ungezählte
frische Braten macht dass Ihr fortkommt Das Vorgefallene ist vergessen ich
schwöre es Euch im Namen des Kapitäns«
Sheppard lächelte spöttisch »Wir sind Todfeinde Sir« sagte er »und jeder
würde dem andern das Genick brechen wenn es ihm möglich wäre Sucht keinen
Schleier darüber zu werfen Wessen Stunde zuerst schlägt der packt das Glück
beim Schopf«
Er hob spielend die schwere Harpune zwischen zwei Fingern hoch und als der
Obersteuermann unwillkürlich zurücktrat lachte er laut »Ich bin kein
Meuchelmörder Mr Pikes aber ebensowenig fürchte ich auch einen ehrlichen
Kampf bei dem es Blut kostet Das merkt Euch Die da frei herumlaufen und wie
vornehme Herren behandelt werden das sind oft größere Schurken als die armen
Teufel hinter den Eisengittern des SingSing«
Er sprang in das letzte Boot dass die Wellen spritzten und Mr Pikes
murmelte hinterdrein einige Worte die halb wie eine Verwünschung halb wie
Spott klangen Dann sah er über das ruhige Meer
Die Fische waren dem Schiff immer näher gekommen Wie Rauchsäulen stiegen
geräuschvoll die weißen Wasserstrahlen aus den Nüstern der gewaltigen Tiere
empor Wenigstens dreißig Wale schwammen dem »Vogel Greif« entgegen
»Das kam zur rechten Zeit« dachte der Obersteuermann erleichtert »Jetzt
einige ertragreiche Züge etwas Jagdglück und wir haben die Meute in unsern
Händen Die beiden Anführer Sheppard und Kroll werden bei nächster Gelegenheit
in Eisen gelegt und wenn einmal diese Hitzköpfe beseitigt sind so zittern die
übrigen vor einer ungeladenen Pistole«
Er drehte sich um und klopfte an die Tür der Kajüte aber niemand antwortete
ihm Konnte der Kapitän in solchem Augenblick schlafen Unmöglich
Er klopfte noch einmal Wieder keine Antwort Einer unbewussten Furcht
nachgebend öffnete er die Tür und sah den Kapitän ohne Besinnung auf dem
Fußboden liegen Der furchtbare Blutandrang hatte dem jähzornigen Mann das
Bewusstsein genommen
Mr Pikes behielt seine ganze Geistesgegenwart Er schlug dem Kapitän eine
Ader und legte ihm Eis auf die Stirn ohne irgend jemand zur Hilfe zu rufen
Dann als der Kranke wieder zu sich kam teilte er ihm die Nachricht von dem
Erscheinen der Walfische mit und sah jetzt seinen Vorgesetzten ebenso überrascht
und beglückt wie es vorher die Mannschaft gewesen war »Sind alle fort« fragte
der Kapitän sich gewaltsam sammelnd »Haben die Leute endlich Ruhe gegeben
Sind die Anführer in Ketten gelegt worden«
Mr Pikes erzählte in kurzer klarer Schilderung das Vorgefallene und kam
dann mit seinem Vorgesetzten dahin überein es gänzlich totzuschweigen Kapitän
und Mannschaft eines Schiffes hoch oben auf dem 75 Grad nördlicher Breite
verlassen von aller Welt und allen Gefahren ausgesetzt Kapitän und Mannschaft
eines solchen Schiffes waren zu sehr aufeinander angewiesen um nicht um jeden
Preis Frieden halten zu müssen Später wenn man in befahrene Gewässer
zurückkam wenn man anderen Schiffen begegnete oder vielleicht irgendeinen
Handstreich vollführen konnte dann
Die Augen des Kapitäns und des Obersteuermanns trafen sich Sie hatten sich
vollkommen verstanden
Und dann gingen sie wieder an Deck Weder von den Walfischen noch von den
Booten war das Allergeringste zu sehen
Der Mann am Ruder gab die Richtung welche die Jäger genommen hatten als
nördlich an und das Schiff hielt jetzt diesen Kurs Kapitän Wright ging in
brennender Ungeduld rastlos auf und ab er konnte sich kaum zurückhalten mit
dem letzten noch übrig gebliebenen Boot die Jäger zu begleiten und persönlich an
der Verfolgung teilzunehmen aber die Sonne sank ins Meer herab ohne dass auf
der glitzernden eisigen Fläche das mindeste zu entdecken gewesen wäre Selbst
der ruhige Mr Pikes zeigte auf seiner Stirn mehrere Falten
Wo nur die Leute blieben Es waren auf dem Schiff außer den beiden
obersten Offizieren nur noch vier Mann mit diesen allein den Hafen von New
York jemals wieder zu erreichen war eine Unmöglichkeit
»Lassen Sie alle fünf Minuten einen Kanonenschuss abfeuern« befahl der
Kapitän »und dazwischen eine Rakete steigen«
Mr Pikes wiederholte den Befehl aber die Unruhe wurde dadurch nur noch
vermehrt Der Schuss verhallte mit hundertfachem Echo die Rakete blaue und
goldene Lichter über das Meer ausgiessend zeigte den erstarrten Blicken der
Männer fast im gleichen Augenblick die Lösung des Rätsels Eisberge umgaben von
allen Seiten das schwer bedrohte Schiff
Zwischen den Schüssen war es totenstill auf Deck Nur aus den Kojen der
Kranken und Sterbenden drang leises Wimmern herüber
»Wir müssen das Schiff backlegen« entschied nach einer Pause der Kapitän
»Mir scheint dass der Wind etwas stärker geworden ist und außerdem wissen wir
nicht welchen Kurs die Boote steuern Es ist nicht unmöglich dass wir uns
voneinander entfernen«
Mr Pikes griff an die Mütze »In diesem Fall würden Sie und ich selbst mit
Hand anlegen müssen Herr Kapitän« sagte er
»Das macht nichts Sir Man hat es ja schon oft getan«
Und Thomas Wright erkletterte trotz des verwundeten Armes die Masten um mit
dem Obersteuermann und den übrigen vier Leuten das erforderliche Segelmanöver
auszuführen Abwechselnd krachten die Schüsse und stiegen die Raketen und
Leuchtkugeln auf aber niemand beantwortete die Zeichen
Ein Eisberg hoch wie ein Haus schwamm so hart an dem Schiff vorüber dass
es knirschte und rauschte dass Splitter davonflogen Möwen glitten mit
schwerem Schlag durch die Luft der Sturmvogel umkreiste das Takelwerk und stieß
eigentümliche kurze wie ein Signal klingende Töne aus aber nichts zeigte
sich
Da endlich gegen Mitternacht durchdrang ein Laut die tiefe Finsternis Ein
langgezogenes »Ahoi Ahoi« scholl deutlich zu den beiden horchenden Offizieren
herüber und beide sprangen hocherfreut von ihren Sitzen auf Die Leuchtkugeln
folgten ununterbrochen die Zurufe wurden erwidert und das Feuer in allen Öfen
geschürt Welch ein Fang war jetzt wohl gemacht worden welcher Gewinn stand in
Aussicht
»Herr Kapitän« sagte bescheiden der Obersteuermann »sollte es nicht gut
sein wenn diesmal Branntweinrationen verteilt würden«
Thomas Wright schüttelte den Kopf »Damit die Kerle glauben dass sie mir
Furcht eingeflößt haben Mr Pikes Arbeiten sollen sie und die Pistolen
kommen nicht mehr aus meinem Gürtel Übrigens ist nichts zu fürchten wenn
klingende Belohnung in Aussicht steht«
Er ging bis zum Fallreep den Ankommenden entgegen und beugte sich vor um zu
sehen wie groß die Ausbeute gewesen war »Hallo Jungens« rief er ganz gegen
seine Gewohnheit »was bringt ihr denn«
Ein leises Lachen antwortete Das war Sheppards Stimme aber er sprach kein
Wort
»Los« drängte Robert »antworte doch«
»Tu du es Ich würde den Schuft am liebsten mit der Harpune anreden«
»Nun Leute« fragte noch einmal der Kapitän »was habt ihr gefangen«
»Nichts Sir« antwortete Robert durch die tiefe Stille »Nachdem unsere
Boote ziemlich weit vom Schiff entfernt waren haben wir die Walfische aus den
Augen verloren und trotz aller Bemühungen nicht wieder auffinden können«
»So hat also keine Jagd stattgefunden«
»Keine Herr Kapitän«
Thomas Wright erschrak aber ohne sich den Leuten gegenüber etwas merken zu
lassen »Schadet ja nichts« rief er ermunternd »Wenn erst einmal der Fisch in
der Nähe ist so trifft man ihn bald genug wieder Morgen wird die Jagd neu
beginnen und dann glücklicher sein«
Er ging in die Kajüte um sich von seinem Ärger einigermaßen zu erholen
während die Matrosen halberfroren müde bis zum Umsinken das Logis aufsuchten
Sheppards erster Blick ging zu den Kojen der Kranken
»Beide eiskalt« flüsterte er in Roberts Ohr »Gestorben wie ihre Vorgänger
allein und ohne Pflege Hörst du den Sturmvogel Seine Stimme bringt Unglück
er ist ein Warner der nur verfluchte dem Untergang geweihte Fahrzeuge
umkreist«
Robert lächelte gezwungen Er dachte zurück an die Erzählung seines alten
Freundes wie hoch in der Luft die Möwe lachte als Mohr von tollem Übermut
getrieben den fliegenden Holländer herbeirief »So schicke dem Schreier eine
Kugel durch die Brust dann schweigt er bestimmt« antwortete er
Sheppard hob erschrocken die Hand »Um Himmels willen nicht Wer den
Sturmvogel tötet der zieht das Verhängnis auf sich herab Gib nur acht wir
sehen keinen Fisch wieder wir gehen hier oben elend zu Grunde«
Robert antwortete nicht und die beiden krochen so schnell wie möglich unter
ihre Wolldecken um wenigstens die erstarrten Glieder einigermaßen aufzutauen
Am folgenden Morgen waren wieder zwei Matrosen unfähig aufzustehen obgleich bei
den abgehärteten Seeleuten die Krankheit nicht so heftig auftrat wie bei den
unglücklichen deutschen Auswanderern Sie mussten sich krank melden aber sie
baten die andern zu verhindern dass sie in den Raum geschafft würden
Sheppard nickte sonst zeigte keiner dass er das angstvolle Flehen
verstanden habe Robert der gerade Ausguckwache hatte war nicht dabei
Der Kapitän versuchte diesmal keine Zwangsmassregeln Er gab den noch
vorrätigen Löffelkrautspiritus heraus ließ Pflaumen abkochen und bewilligte den
Kranken etwas Zucker im übrigen kümmerte er sich nicht um sie Auch das
Begräbnis der beiden in der letzten Nacht Gestorbenen wurde auf seine Anordnung
möglichst abgekürzt damit man wenn sich Fische zeigen sollten die Verfolgung
sofort aufnehmen könne
»Heute haben wir einen hellen klaren Tag Jungens« sagte er »da kann uns
gar nichts fehlen Passt nur auf sobald sich das Blasen der Fische bemerkbar
macht«
Er ließ auch zur Vorsicht die großen Trankessel und mehrere Fässer an Deck
bringen Gegen Robert und Sheppard veränderte er keine Miene
Es mochte vielleicht neun Uhr morgens sein als der Ausguckmann dasselbe
Zeichen gab wie gestern »Die Fische Die Fische«
Zwischen den Eisriesen die im stillen Wasser überall majestätisch
dahinsegelten und langsam der schwachen Windrichtung folgten zeigten sich die
blasenden Walfische Es war ein schönes und anregendes Schauspiel der goldene
Sonnenschein der die Eisriesen umspielte und mit tausend diamantenen Tropfen
überflutete die emporgeschleuderten Wasserstrahlen aus den Nüstern der
riesenhaften Tiere und das stille beinahe unbewegte Meer mit seinen zahllosen
treibenden größeren und kleineren Eisschollen Man konnte begreifen dass sich
die Jagdlust der Männer bis zum Taumel steigerte
In zehn Minuten stießen die Boote ab In dem Fahrzeug des Kapitäns waren
außer Robert noch drei Matrosen In atemloser Eile ging es den blasenden Fischen
entgegen
Thomas Wright stand aufrecht mit der Harpune in der Hand Sein rotes Haar
schien phosphorisch zu leuchten seine Augen glühten Eine starke wilde
Leidenschaft sprach aus jeder Bewegung
Immer näher kamen die Boote den Fischen Schon sah man die mit Moos und
Schlingpflanzen überwachsenen von Muscheln Wassermäusen Spinnen und Käfern
bewohnten breiten Rücken der Wale deutlich durch das kristallklare Wasser
schimmern schon erwarteten zwanzig Arme den Augenblick um die tödliche Waffe
in das Fleisch des Opfers zu bohren da hörte das Blasen auf das Wasser
beruhigte sich die grünen inselgleichen Erhöhungen über der Oberfläche
verschwanden und von den Fischen war nichts mehr zu sehen
Ganz wie am Tage vorher entzogen sie sich den Blicken der Fänger als eben
die Jagd beginnen sollte Thomas Wright wurde blass bis in die Lippen
»Ihnen nach« rief er wütend »Sie können nicht weit sein und ich will
unter keinen Umständen ohne Beute zum Schiff zurück«
Sein Eifer hatte die übrigen angesteckt Alles ruderte um die Wette alles
überbot sich zwischen den Eisschollen hindurchzusteuern und die Spur der
entflohenen Tiere zu verfolgen aber ohne Erfolg Weit und breit war kein
Fisch zu sehen
»Wir müssen uns geirrt haben« rief der Kapitän »Vielleicht hinter diesen
Eisblöcken Zwei Boote in gleicher Linie Dort werden sie sein«
Ob er sich und die andern täuschte niemand konnte es wissen Sein ganzes
Gesicht war aschfahl als auch hinter dem bezeichneten Eisberg kein Walfisch
gefunden wurde »Damned« rief er »steckt denn der Teufel in den Tieren«
Sheppard und Morris wechselten einen höhnischen Blick »Der Sturmvogel«
raunte der erste »Hast du ihn gestern gehört«
Und als wolle das Verhängnis seine Worte bestätigen so zeigte sich in
diesem Augenblick der Warner hoch oben in der Luft und blieb lange
flügelschlagend gerade über den Köpfen der Leute stehen Sein Schrei heftig und
ruckartig tönte weit über das Wasser
Thomas Wright sah wild empor »Verfluchter Vogel was willst du« rief er
zähneknirschend während er zur Büchse griff »Da nimm das«
Der Schuss krachte und das getroffene Tier stürzte unmittelbar neben dem
Boot des Kapitäns ins Meer Nur der rechte Flügel war getroffen worden daher
lebte es und setzte heftig flatternd sein Geschrei in verstärktem Masse fort
Die Augen sahen dem Kapitän gerade ins Gesicht der Schnabel hatte sich gegen
ihn geöffnet
»Der Wahnsinnige« flüsterte Sheppard »er selbst hält über sich Gericht«
Von allen Booten sahen die Matrosen stumm erschreckt herüber Aller Augen
waren auf den Kapitän geheftet der blind vor Zorn vorwärts stürzte und offenbar
den Vogel mit bloßer Faust erwürgen wollte denn er griff so heftig und
unvorsichtig über den Bootsrand hinaus dass er das Gleichgewicht verlor und
kopfüber ins Wasser fiel
Die Eisschollen neben dem Boot treibend gerieten in größere Bewegung
schlossen sich über und nebeneinander schaukelten auf den blau oder
grünschillernden Wellen von Thomas Wright war keine Spur zu sehen
Totenstille herrschte einen Augenblick lang in den Booten Unsicher sahen
sich alle an Sheppard hob sein Ruder wie um zu sagen »Wer ihn auftauchen
sieht der schlage zu«
Aber nur einen Augenblick lang lag der Druck auf den Männern Dann war
Robert dem Kapitän nachgesprungen und wie eine Ente in das Eiswasser
hinabgetaucht
Sheppard ließ das Ruder fallen »Wie schade wenn um dieses Schurken willen
der brave Junge ertrinken sollte« rief er
Morris schüttelte den Kopf »Die beiden sind verloren«
Es schien aber als sollte sich die schlimme Vermutung nicht bestätigen
Roberts Kopf kam in einiger Entfernung vom Boot an der Oberfläche zum Vorschein
und bald danach auch der des Kapitäns der jedoch besinnungslos zu sein schien
»Hilfe Hilfe« rief Robert mit lauter Stimme »Kommt so rasch ihr könnt
hierher«
Ohne Zögern wurden alle Ruder eingesetzt und schon in weniger als einer
Minute nahm das vorderste Boot die beiden Verunglückten an Bord Robert war
unverletzt aber der Kapitän blutete aus mehreren Kopfwunden besonders jedoch
aus der Wunde am Arm deren Verband sich gelöst hatte Er öffnete wohl hin und
wieder die Augen ohne aber etwas anderes als verworrene Worte zu sprechen
Robert presste nachdem er den Rockärmel aufgeschnitten hatte Daumen und
Zeigefinger auf die verletzte Ader Dann band er mit Hilfe einiger anderer um
den ganzen Arm ein festgedrehtes Tuch Ohne dass weiter gesprochen worden wäre
kehrten die Boote zum Schiff zurück
Im Wasser schrie immer noch der angeschossene Sturmvogel Als das letzte
Boot an Bord geheisst war sahen alle in der Ferne die speienden Fische
Am folgenden Morgen und an noch vielen anderen wiederholten sich die
Ereignisse der beiden letzten Tage Einer nach dem andern erkrankten die
Matrosen Leiche auf Leiche wurde in das Meer versenkt und die Stimmung der
Leute sank immer mehr
Der »Vogel Greif« kreuzte auf und ab verfolgte nach verschiedenen
Richtungen meilenweit die Spur der Fische und kämpfte beharrlich gegen Wind und
Wetter immer noch nach dem Willen des starrsinnigen Kapitäns der unter allen
Umständen mit einer reichen Ausbeute heimkehren wollte
Es war als hätten sich geheimnisvolle Mächte verschworen an jedem neuen
Tage Scharen von Fischen in die Nähe des Schiffes zu führen immer wieder die
Hoffnung der Leute aufzustacheln und sie dann ebenso häufig auf das grausamste
zu täuschen Manche von den Matrosen weigerten sich bereits diese schreckliche
Jagd mitzumachen sie blieben zur Bedienung des Schiffes zurück und sahen dann
den andern nach wie sie in rasendem Eifer die Boote vorwärts trieben um den
blasenden Tieren näher zu kommen und wie dann in dem Augenblick als die
Harpunen geschwungen werden sollten die Fische verschwanden
»Geht das mit rechten Dingen zu« fragten sie sich
Ein Kopfschütteln war die Antwort »Ich glaube es nicht und ich weiß auch
woran die Sache liegt Der Kapitän bringt dem Schiff Unglück«
»Pst« warnte der erste »Deine Worte können dich den Hals kosten«
»Ach was gebe ich viel auf den herzlosen Menschen Sag doch bist du
kürzlich unten im Raum gewesen«
Der andere schüttelte sich »Seit wir die armen Kerle da unten ächzen und um
eine ruhige Sterbestunde bitten hörten« antwortete er »gehe ich nicht
hinunter«
Sein Kamerad neigte sich noch dichter zu ihm »Du« raunte er »die da unten
ächzen noch Glaub es oder glaub es nicht aber wenn dich der Steuermann
hinunterschickt so sprich vorher ein Gebet denn ich sage dir dass es im Raum
nicht geheuer ist War auch eine Schändlichkeit sondergleichen die armen Kerle
in der Pestluft ersticken zu lassen«
Nach einer Pause spuckte der erste den Kautabak über Bord und nickte
geheimnisvoll »Daran liegt es auch dass wir keine Fische fangen« flüsterte er
»Der Wüterich konnte ja nicht einmal dem unschuldigen Vogel das Leben schenken«
»Sheppard sagt er möchte gern in New York ein Häuserspekulant werden so
ein Halsabschneider der den Leuten das letzte wegnimmt und damit Wucher treibt
wenn er wirklich jemals seine Heimat wiedersieht«
»Ja wenn Da hast du recht Sieh die Boote kommen schon zurück es
besteht kein Zweifel dass über Schiff und Besatzung ein Fluch liegt Wäre der
Mörder von Bord so könnte es schon anders vorwärts gehen«
»Pst Lass das Sheppard nicht hören Was kommen soll das kommt doch«
Die Unterhaltung wurde hier durch das Auftauchen der Boote gestört Nur noch
zwölf Matrosen der Obersteuermann und der Kapitän waren an Bord des »Vogel
Greif« die übrigen waren der schrecklichen Krankheit erlegen während noch zwei
andere der eine Untersteuermann und ein Matrose krank umherschlichen
Die Stimmung war äußerst gedrückt obwohl Sheppards unausgesetzte Hetzereien
jetzt selten ein williges Ohr fanden Der Gedanke nur mit elf anderen den
Gewinn einer vollen Ladung zu teilen der Gedanke vielleicht durch diese
einzige Reise reich zu werden berauschte die Männer Die sehnlichst erhoffte
Jagd konnte ja nicht immer täuschen Speiende Fische zeigten sich überall kamen
bis auf wenige Meter an das Schiff heran folterten in der Nacht durch ihr
Blasen die aufgeregten Männer und schwammen in langen Zügen an den Eisbergen
vorüber sie mussten doch einmal gefangen werden können
Und dann malte sich jeder das Bild weiter aus Vier bis fünfhundert Dollar
würden auf seinen Anteil fallen er brachte vielleicht ein kleines Vermögen mit
nach Hause Nein nein jetzt nicht weich werden nicht unverrichtetersache
heimkehren Morgen hatte man vielleicht schon den ersten Fisch an der Harpune
bei Tagesanbruch kam das langersehnte Glück
Sheppard nickte wenn ihm solche Einwendungen entgegengehalten wurden
»Well also ihr glaubt dass sich das Glück unserem verfluchten Schiff zuwenden
könnte« fragte er »Unsere toten Kameraden haben ihren Mörder bei Gott
verklagt und um ihretwillen wird der Vogel Greif wenn ihr nicht endlich zur
Einsicht kommt hier mit Mann und Maus untergehen Jetzt sind wir vier Monate
lang unterwegs woher sollen denn die Lebensmittel genommen werden um uns
wieder nach New York zu bringen Und wenn auch noch der Obersteuermann stirbt
wie wollen wir es machen mit so schwacher Mannschaft das Schiff zu bedienen«
»Sieh doch nicht so schwarz« hieß es dann »Der erste Steuermann ist ja
ganz gesund«
»Heute noch« rief der Amerikaner »Aber wisst ihr was morgen geschieht«
»Morgen fangen wir vielleicht den ersten Wal«
Sheppard lachte spöttisch »Denkt an mich ihr fangt ihn nie«
Die beiden Matrosen deren Gespräch wir neulich belauscht hatten nickten
finster Heute schwiegen sie noch aber bei der nächsten Gelegenheit traten sie
offen auf Sheppards Seite »So kann die Sache nicht länger gehen« sagte der
eine »Wenn nur die größere Hälfte der Mannschaft zu uns hielte dann ließe sich
noch etwas hoffen aber unter den augenblicklichen Verhältnissen steuert die
Geschichte in den Abgrund das ist sicher«
»Morris steht zu uns« flüsterte Sheppard »Wollen wir einen Handstreich
wagen«
Der eine Matrose hob den Arm wie zum Schlag »Du meinst so« fragte er
bedeutsam
»Ja« antwortete der Amerikaner kurz und kalt »Wenn es darauf ankommt ob
vierzehn Menschen zu Grunde gehen sollen oder ob einer ins Gras beißt so kann
die Entscheidung nicht zweifelhaft sein«
Jetzt war das Eis gebrochen und die vier Verbündeten hielten heimlich Rat
wie der verbrecherische Plan am leichtesten auszuführen sei »Wenn wir nur den
Kroll zu uns herüberziehen könnten« meinte der eine »das wäre schön Dieser
Bursche fürchtet sich vor dem leibhaftigen Satan nicht«
Sheppard schüttelte den Kopf »Aber ebensowenig wird er guteissen was er
nun einmal Mord nennen würde« sagte er »Lasst ihn ganz aus dem Spiel
womöglich könnte er den Kapitän noch warnen Hat er ihn doch neulich unter
Gefahr seines eigenen Lebens aus dem Wasser gezogen«
»Lasst ihn ganz beiseite« meinte auch Morris »Wir vier können es gut
allein und wenn einmal der rotaarige Judas den Haifischen vorgeworfen ist so
kommt das Schiff aus dem Bann los Wir fangen Fische bis die Ladung voll ist
und sind wohlhabende Leute Der Obersteuermann muss nach unserer Pfeife tanzen«
Die vier Verbrecher reichten sich die Hände »Heute noch« fragte Sheppard
»Je eher desto besser denke ich Der Kapitän muss jetzt Wache halten so
gut wie irgendeiner von uns also überfallen wir ihn während Mr Pikes
schläft«
»Nun gut Am besten zwischen zwölf und ein Uhr nachts weil dann die
ermüdeten Leute fest schlafen und also der Kapitän nicht sofort Hilfe
herbeiholen kann Eins nur beunruhigt mich«
»Was denn« fragte Morris
»Dass wir nach dem Tode des Kapitäns nur einen Steuerkundigen an Bord haben
Der zweite Steuermann lebt zwar noch aber er kann es nicht mehr lange machen
Wir wären also verloren wenn Mr Pikes das Geringste zustiesse«
Morris zuckte die Achseln »Das muss gewagt werden« sagte er
»Und das soll es« nickte Sheppard »Also um Mitternacht«
Sie gaben sich noch einmal das Versprechen gegenseitiger Treue dann gingen
sie ihrer Arbeit nach An diesem Tage wurde nicht versucht Walfische zu jagen
obwohl sich die Tiere ebenso zahlreich wie sonst in der Nähe des Schiffes
zeigten Kapitän Wright stand an der Schanzkleidung und sah düster über das
Meer Wie war der Mann verändert
Dunkle Ringe lagen unter seinen Augen das früher so braune frische Gesicht
erschien fahlgrau und wie gebrochen war seine ganze Haltung »Heute ist
Montag« dachte er »und an diesem Tag soll man keine Entschlüsse fassen nichts
anfangen und nichts vollenden aber morgen morgen will ich noch einmal diese
unheimliche schreckliche Jagd beginnen und ihr Ausgang soll mein Schicksal
bestimmen Wird wieder keiner dieser gespenstischen Fische gefangen so kehre
ich um und begnüge mich mit Robben und Walrossen Damned Es ist die schwerste
Stunde meines Lebens wo ich befehlen muss das Ruder zu wenden und wo mir diese
Satansbrut ins Gesicht lachen darf«
Seine Lippen pressten sich aufeinander »Ich kann mein Ziel noch nicht
erreichen« dachte er »ich kann nach den schweren Verlusten dieser
Unglücksfahrt das Schiff noch nicht aufgeben Der Teufel hole die verwünschten
Tiere die mich an der Nase herumführen«
Er sah nach allen Seiten und seine bleichen Lippen zuckten vor Erregung
»Vier sechs zehn Fische« murmelte er »und dort noch einer und dort aber
was nützt es mir sie zu verfolgen Oh der Wahnsinn könnte mich erfassen
sooft ich daran denke«
Seine Blicke schweiften wie im halben Irrsinn über das Wasser »Der dort
kommt immer näher« dachte er »immer näher Er fordert mich heraus ob ich das
Boot aussetzen lasse und ganz allein die Jagd beginne Wahrhaftig das Tier
schwimmt bis unter den Bug des Schiffes Es ist ein Riese seiner Art wenigstens
zwanzig Meter lang und was für ein Umfang Ich werde ihm eine Kugel in den
Kopf jagen nur um ihn zu töten«
Er schlich auf Zehenspitzen zur Kajüte als könne das Geräusch seiner Tritte
den Fisch verscheuchen und nahm von der Wand die doppelläufige Flinte Aber als
er zwei Minuten später zu der verlassenen Stelle zurückkehrte scholl ein
heiseres halblautes Gelächter über das Deck
»Schon den Gedanken lesen einem diese Teufelstiere aus dem Hirn heraus«
knirschte er »Ich möchte mich ins Meer stürzen und auf dem untersten Grund
suchen um sie mit bloßen Fäusten anzufallen«
Er warf das Gewehr weg Seine Augen funkelten wie die eines Tigers seine
Nägel gruben sich in das eigene Fleisch bis das Blut hervorkam
»Wenn mich doch der deutsche Bursche nie gerettet hätte« dachte er in
masslosem Groll »Was nützt es zu leben wenn der Einsatz verloren ist Diese
Meuterer werden mir von morgen an offen Hohn sprechen«
Er verbarg das Gesicht hinter der vorgehaltenen Hand Niemand sollte sehen
wie es in seinen Zügen arbeitete wie die rasende Verzweiflung darin Raum
ergriff
Und weiter und weiter lief der Zeiger des Chronometers der Tag neigte sich
dem Abend zu »Morgen noch« dachte er »morgen noch und dann gebe ich das
Spiel verloren«
Der Kapitän wanderte auf und ab bis um acht Uhr abends seine Wache zu der
auch Robert gehörte abgelöst wurde und er sich in der Kajüte auf das Sofa
strecken konnte Wirre Bilder durchzuckten seine erhitzen Sinne Bald sah er
seine vierzehn toten Matrosen wie sie ihn aus hohlen Leichengesichtern
anstarrten und kläglich um Erlösung aus dem dumpfen Raum flehten wie sie ihm
zunickten und die Knochenhände erhoben »Daran ist allein dein unmenschlicher
Geiz Schuld deine Härte mit der du uns das Notwendigste zum Leben
vorentieltest nur weil wir dir wehrlos ausgeliefert waren weil uns die
Möglichkeit fehlte das Gesetz gegen dich zur Hilfe zu rufen«
Und wieder lachten die Toten »Merkst du nichts Wir rächen uns da wo es
dich am empfindlichsten trifft an deinem Geldbeutel wir machen mit den Fischen
gemeinsame Sache und zwingen dich das zu tun was du aus Menschlichkeit um
sterbender und leidender Unglücklicher willen nicht wolltest«
Im Traum wälzte sich der gefolterte Mann unruhig von einer Seite zur andern
Er erwachte endlich in Schweiß gebadet zuckend an allen Gliedern Nur langsam
konnte er sich aus dem heftigen Anfall erholen und die Gegenwart in sein
Gedächtnis zurückrufen Ja ja er hörte es das Blasen der Fische rings um das
Schiff er hörte es mit unbeschreiblicher Wut
»Diese Qual muss ein Ende haben« dachte er »oder es ist mein Tod«
Als ihn Mr Pikes weckte hatte er keinen Augenblick ruhig geschlafen
Fieber glühte auf seiner Stirn seine Hände zitterten »Es ist gut Sir« sagte
er »ich komme gleich Alles in Ordnung nicht wahr«
Der Obersteuermann griff an die Mütze »Alles beim alten Herr Kapitän«
antwortete er doppelsinnig
Thomas Wright unterdrückte einen Seufzer »Ich verstehe Sie recht gut Mr
Pikes« begann er wieder »und ich weiß auch dass Sie recht haben Morgen mit
Einbruch der Dunkelheit wird das Schiff gewendet wenn nicht die Jagd
begonnen hat«
Der Obersteuermann trat einen Schritt näher »Herr Kapitän« sagte er »wenn
es möglich wäre Einfluss auf Ihre Entschlüsse auszuüben so würde ich dringend
raten Lassen Sie uns schon heute schon jetzt umkehren Auf den Gesichtern
der Leute steht nichts Gutes«
Thomas Wright schüttelte den Kopf »Heute am Montag Sir Ich kann es
nicht und ich muss auch noch den morgigen Tag haben um meine Frage an das
Schicksal stellen und seine Antwort erhalten zu können Morgen soll noch eine
Jagd stattfinden eine letzte angestrengte Jagd und das Ergebnis soll als
Urteilsspruch gelten Fangen wir auch nur einen Fisch ja haben wir auch nur
mit einem Wal einen Kampf zu bestehen so bleibe ich noch anderfalls «
Eine Handbewegung vollendete den Satz »Haben Sie übrigens bei der
Mannschaft irgendwelche besonderen Merkmale beobachtet Sir« fügte er hinzu
Der Obersteuermann zuckte die Achseln »Nichts Bestimmtes Herr Kapitän
aber dennoch ich weiß nicht «
Der Kapitän reichte ihm die Hand »Gut gut Mr Pikes« sagte er
freundlich »Sie erfüllen Ihre Pflicht zu meiner vollen Zufriedenheit Das werde
ich Ihnen nicht vergessen Was Ihre Vermutungen betrifft so wäre es wohl das
beste wenn wir beide bis morgen abend nicht mehr zu Bett gingen damit keiner
von uns den Meuterern allein gegenübersteht Was halten Sie davon Sir«
»Ich bin vollständig Ihrer Meinung Herr Kapitän Doch dürfen wir die Leute
nicht aufmerksam machen Also bleibe ich bei halbangelehnter Tür in der Kajüte
falls meine Gegenwart an Deck notwendig werden sollte«
Thomas Wright nickte »Well« sagte er »ich werde gleich erscheinen«
Der Steuermann zog sich zurück und zwei Minuten später hatte der Kapitän
seine Wache übernommen Robert stand am Ruder als er das Deck betrat
Der schwache Wind der letzten Tage war in vollkommene Windstille
übergegangen Die Segel hingen schlaff herab das Meer glich in seiner
Unbeweglichkeit einem schwarzen nur von einzelnen Lichtstrahlen überglänzten
Spiegel dessen Ruhe und Einförmigkeit drückend wirkte Kern Laut ringsumher
unterbrach die Stille
Kapitän Wright blickte prüfend zu den Welken auf Eine tiefschwarze breite
Bank nach oben von grauen Streifen umsäumt stand regungslos wie ein Fels im
Norden »Aha« murmelte der Seemann »ich dachte es doch Diese Ruhe konnte
nur ein Vorbote sein«
Er ließ die leichten Segel wegnehmen und beobachtete dann den dunklen
Horizont Über der Wolkenbank erhob sich allmählich ein breiter scharf
begrenzter Lichtbogen der in steter wellenförmiger Bewegung einmal zu wachsen
ein andermal schwächer zu werden schien Die Mitte des Bogens in schönstem
prachtvollstem Rot nahm plötzlich eine glänzendere durchsichtigere Färbung an
es bildete sich eine Feuerkugel aus der in schneller blendender Reihenfolge
einzelne blitzartige Strahlen hervorschossen die nun stärker und immer stärker
die schwarze untere Bank durchdrangen Sich nach allen Himmelsrichtungen
ausdehnend flatternd wie ein windbewegtes Band sich krümmend in plötzlichen
anmutigen Windungen wie eine Schlange so sah man diese purpurnen
lichtdurchschimmerten Streifen an ihren äußersten Spitzen bald in grünen bald
in blauen oder gelben Farbtönungen Ein eigenartiges zischendes Geräusch ein
Knattern und Rollen wie von zerplatzendem Feuerwerk begleitete diese
Naturerscheinung die in solcher Schönheit nur an den beiden Polen der Erde
beobachtet werden kann
Das Nordlicht in unseren Breiten ein dunkler und ein rötlicher am Himmel
feststehender Streif dem man keine besondere Schönheit abgewinnen kann bietet
in den Polarregionen ein so wunderbares Schauspiel wie man es kaum beschreiben
kann
Eine halbe Stunde mochte vergangen sein Noch stand das Nordlicht am
Horizont und noch schlief der Wind Kapitän Wright lehnte mit gekreuzten Armen
an der Kombüse und beobachtete die Erscheinung die selbst er der langjährige
Grönlandfahrer in so seltener Pracht noch niemals gesehen hatte Vielleicht
hatte er seinen Gedanken überlassen im Augenblick ganz vergessen dass ihn
meuternde und erbitterte Matrosen umgaben vielleicht war er zu unerschrocken
um überall Verrat und Gefahr zu fürchten jedenfalls bemerkte er nicht dass
zwischen der Kombüse und dem Mannschaftslogis mehrere dunkle Gestalten am Boden
kauerten und dass ab und zu ein leises kaum vernehmbares Flüstern die Nacht
durchdrang Seine Augen suchten in den Segeln nach dem ersten stärkeren Luftzug
und seine Ohren horchten mit stillem Grimm auf das ferne Geräusch der blasenden
Walfische
Er stand unbeweglich gegen die Wand der Kombüse gelehnt
»Damned« flüsterte hinter ihm von dem Geräusch des Nordlichts übertönt
Sheppard »wie lange will er uns noch den Rücken kehren«
»So gib ihm den Stich zwischen die Schultern« raunte Morris »Ein kaltes
Eisen schmeckt auch da nach Tod«
»Wenn es richtig trifft« nickte Sheppard »Mir ist der Hals lieber«
»Pah« meinte einer der Deutschen »warum greifen wir ihn nicht offen an
Freunde hat er nicht und sich gegen uns alle wehren kann er ebensowenig«
»Das zwar nicht aber Freunde könnte er doch finden Zum Beispiel Kroll Wo
steckt der«
»Pst Er hat die Wache am Ruder Hört zu Leute ich will in dem Augenblick
wenn sich der Kapitän zufällig hierherwendet den Stich in die Brust wagen
dann aber müsst ihr mir beistehen Morris schießt die Pistole auf ihn ab damit
er endgültig genug hat du August verriegelst die Tür der Kajüte und du Emil
wirfst dich denen entgegen die etwa an Deck stürzen und ihm beistehen wollen
Vor allen Dingen aber das lasst euch um Gottes willen gesagt sein vor allen
Dingen ist die Person des Steuermanns unverletzlich Wir spielen um hohen
Einsatz wenn wir mitten im Eismeer den einen der beiden Steuerkundigen töten
das wisst ihr alle und darum denkt daran was ich euch sage Mr Pikes ist
selbst in einem Handgemenge unverletzlich«
Die Verbündeten gaben leise ihre Zustimmung und dann warteten alle bis der
Kapitän seine jetzige Stellung ändern würde
Sie hatten nicht lange zu warten Ein weisslicher Schaum bildete sich an dem
glockenförmigen Bug des »Vogel Greif« ein kalter Hauch wehte über die Stirnen
der Männer und ein leiser pfeifender Ton fuhr durch das Takelwerk Die
Erscheinung war ein Vorläufer des Sturmes
Kapitän Wright ging mit langsamen Schritten über das Deck »Da hätte ich
höchstwahrscheinlich schon den Ausspruch des Schicksals« dachte er »Morgen
wird es mir kaum möglich sein mit der geringen Anzahl Leute die nötigen
Segelmanöver auszuführen viel weniger kann ich an eine erfolgreiche Jagd
denken Damned das Verhängnis ist gegen mich«
Diese Worte ein Fluch sollten seine letzten sein Er hatte sich beim
Zurückgehen der Kombüse wieder genähert und diesen Augenblick benutzte
Sheppard um wie eine Tigerkatze vorzuspringen und ihm das Messer bis ans Heft
in die Brust zu stoßen
Ein wilder gellender Schrei aus dem Munde des tödlich Getroffenen weckte im
gleichen Augenblick die ganze Mannschaft
Morris der erhaltenen Anweisung getreu erhob die Pistole um auf den noch
im Sterben ringenden Kapitän zu schießen als von der Kajüte her Mr Pikes
bewaffnet und angezogen dem Kampfplatz zustürzte
»Schufte« rief er »Feige Schurken ihr «
Weiter kam er nicht Der Schuss krachte und ins Herz getroffen stürzte Mr
Pikes neben dem sterbenden Kapitän auf das Deck Ströme von Blut liefen über die
Planken noch wenige Augenblicke starren wortlosen Entsetzens dann waren
beide Verwundeten tot
Der erste der sich aufraffte war Sheppard »Unglücklicher« rief er »was
hast du getan Jetzt sind wir alle verloren«
Morris stand totenbleich da Seine Hände zitterten seine Augen rollten
wild »Ich habe geschossen« antwortete er mit heiserer Stimme »wie du es
befahlst Sheppard Kann ich dafür wenn mir ein anderer in den Weg läuft«
Niemand widersprach ihm Bleiche entsetzte Gesichter sahen sich an
tödlicher Schreck sprach aus ihnen Die Frage »Was nun« drängte sich
unwillkürlich jedem einzelnen auf
Auch Robert sah von einem zum andern Da trafen sich seine und Sheppards
Blicke »Was willst du« rief mit steigender Wut der Amerikaner »Mich einen
Mörder nennen uns alle ans Messer liefern wenn das Schiff jemals einen Hafen
wiedersieht nicht wahr Geh fort hole ein Rumfass ich befehle es dir«
»Sheppard im Angesicht der Toten willst du trinken«
Der Amerikaner lachte »Auf diesem Schiff regiert der Teufel« rief er »Es
wird früh genug als Wrack am Strande liegen also lasst uns die paar Tage
genießen so gut es geht Den Rum her sage ich«
Zwei von der Mannschaft gierig und unbändig wie er selbst waren bereits in
den Vorratsraum hinabgestiegen hatten die Tür mit Axtschlägen geöffnet und
schleppten jetzt eins der Branntweinfässer herbei Um keine Zeit zu verlieren
schlug man auch hier den Boden heraus so dass sich Blut und Branntwein an Deck
miteinander mischten Dann begann das Gelage
Nachdem die Leute vier Monate lang den gewohnten und beinahe unentbehrlichen
Alkohol jeden Tag vermisst hatten stürzten sie jetzt wie die wilden Tiere
darüber her so dass sie schon nach einer Viertelstunde vollständig betrunken
waren und in diesem Zustand schreckten sie vor keiner Abscheulichkeit mehr
zurück
»Fasst an« rief Sheppard »Über Bord mit den Toten«
Ein rohes Lachen antwortete ihm »Eins zwei drei«
Das Wasser spritzte hoch empor das Meer zog weite Kreise und ein Hai der
dem Schiff schon längere Zeit gefolgt war öffnete gierig das Maul mit den sechs
Reihen nach innen gebogener sägenförmig ausgefeilter Zähne noch einmal
wiederholte sich das barbarische Schauspiel dann wurde notdürftig das Blut
abgewaschen und weitergetrunken bis alle Teilnehmer des entsetzlichen Gelages
unfähig waren auch nur noch die Hände aufzuheben
Fünf von den Männern lagen regungslos an Deck und hätten unbedingt erfrieren
müssen wenn nicht die andern so barmherzig gewesen wären sie in das Logis zu
schleppen Als die wilden Stimmen verhallt waren hielten die Besonnenen einen
verzweifelten Kriegsrat
»Was soll aus uns werden« fragten die Mutlosesten »Dieser Sheppard wird
jetzt wie ein Teufel an Bord regieren und uns alle sobald es ihm gefällt dem
Kapitän nachschicken«
»Morgen haben wir Sturm« warf ein anderer ein »Es ist gleichgültig was
wir wünschen und was wir beschließen das Schiff wird ein Wrack sein ehe noch
die nächste Nacht vergeht Sheppard muss uns vor Gott verantworten uns rettet
nichts«
Eine unheimliche Stille folgte diesen nur zu wahren Worten dann fuhr der
Sprecher fort »Ist einer unter uns der etwas von Steuerkunde versteht«
Alle schüttelten die Köpfe »Aber der zweite Steeurmann lebt ja noch« rief
plötzlich Robert
Man eilte zu seiner Koje Der Mann war noch warm aber vor einer
Viertelstunde etwa gestorben
»Es nützt nichts« sagte verzweifelt der Matrose »Wir sind verloren Hört
ihr wie es durch das Takelwerk heult«
Wirklich pfiff und ächzte der Wind in den Segeln Das Schiff flog wie eine
Möwe über die Wellen Niemand achtete auf den Kurs niemand befahl und niemand
gehorchte Bange Todesstille herrschte in dem kleinen Kreis
»Wäre nur Sheppard erst einmal nüchtern« meinte Robert »Er versteht
vielleicht das Notdürftigste denn er hat ja die ganze Sache eingeleitet«
Der andere schüttelte den Kopf »Das glaube ich nicht und ebenso sicher ist
es auch dass Sheppard nicht mehr nüchtern werden wird bis er zur Hölle fährt
Du kennst diese Sorte von Seeleuten nicht sie sind wilde Bestien wenn der
Alkohol ihren Verstand umnebelt Sheppard hätte bei täglichen mäßigen Rationen
seine Arbeit treu erfüllt und wäre vernünftig geblieben bei vollen Fässern aber
wird aus ihm ein Teufel der alle Vernunft verlacht Er trinkt trinkt und
geht bewusstlos mit den letzten auseinanderbrechenden Planken des Vogel Greif in
die Tiefe Uns zieht er nach sich das ist das Schlimmste«
Roberts Augen glühten »So lasst uns jetzt gleich die Fässer an Deck rollen«
rief er »und lasst das Teufelsgebräu aus den Speigatten laufen Dann bleibt
Sheppard nüchtern ob er will oder nicht«
Der Kamerad lächelte »Willst du ihm sagen dass du es warst der den
Branntwein verschüttet hat« fragte er
»Ja Weshalb nicht«
»Weil er dich auf der Stelle totschlagen würde mein Freund«
»Das ist wahr« sagte eine andere Stimme »Wir können es nicht tun Alles
was uns übrig bleibt ist Gott um Gnade bitten Wüssten wir wenigstens wo wir
im Augenblick sind und ob eine Küste in der Nähe ist«
Der erste Matrose nickte »Das glaube ich euch sagen zu können Kameraden
Die letzten Wale die ich gestern abend gesellen habe waren Breitnasen eine
Gattung die man vor allem an der nördlichsten Küste von Lappland trifft Dort
also müssen wir sein«
Robert atmete auf »Lappland« wiederholte er »das ist immer noch besser
als Grönland oder NowajaSmelja die beide an ihren Eismeergrenzen ganz
unbewohnt sind Werden wir an die Küste getrieben und kommen mit dem Leben
davon so besteht doch einige Aussicht dass uns ein Stamm der Wanderlappen
begegnet dass wir zu Menschen gelangen«
Die übrigen seufzten »Was für einen Mut du hast Kamerad Als ob man daran
denken dürfte lebend den Strand zu erreichen«
Roberts frisches Gesicht sah aus wie lauter Jugendkraft und Zuversicht
»Matrosen« sagte er »das ist nicht der Weg der zum Ziel führt Wir müssen an
die vielen Schiff brüchigen denken die schon gut an Land gekommen sind und
müssen alle unsere Kraft einsetzen um den Tod zu schlagen Jeden Augenblick
kann das Schiff auf die Klippen laufen darum lasst uns gerüstet sein Einer muss
an den Ausguck Wen wählt ihr dazu«
Der erste Matrose reichte ihm die Hand »Geh du selbst Kamerad Dein Herz
und deine Augen sind jung geh du An Rettung ist nicht zu denken aber warne
uns rechtzeitig dass man im letzten Augenblick ein Vaterunser beten und
wenigstens ruhig sterben kann«
Robert hörte nicht auf das was die Mutlosen sagten Er kletterte trotz des
wilden Wetters so ruhig über die Bordwand hinaus und an den Strickleitern empor
als sei es der schönste Sommerabend und kein Wölkchen am Himmel
Der Wind flog durch sein dichtes Haar riss und rüttelte an den schwachen
Strängen denen er sich so sorglos anvertraute bog die Raaen unter seinen Füßen
und peitschte das lose Takelwerk hoch oben am Messingknauf den die Strafwache
putzen muss und an dem er selbst so manches Mal gehangen hatte aus reiner Lust
am gefährlichen übermütigen Spiel
Er atmete tief auf und sah um sich so gut es die Dunkelheit zuließ Nichts
als weißen schäumenden Gischt haushohe Wellen und schwarze gähnende Abgründe
konnten seine Augen unterscheiden
»Jetzt sterben« dachte er »Unmöglich das kann Gott nicht wollen Ich
glaube dass ich mich retten werde und vielleicht die anderen dazu Dann gibt es
eine Wanderschaft durch die Eiswüsten Rentierblut oder vielleicht sogar Tran
als Nahrung Kampf mit Bären und Wölfen endlose Einsamkeit in Schnee und Kälte
dann heißt es jeden Augenblick um das Dasein kämpfen und ihm jeden Fussbreit
Boden ablisten Mag es schwer werden mögen die Hände bluten und die Füße den
Dienst versagen ich will aushalten aber nur nicht sterben«
Er schlug die Arme um den Körper und hielt scharfen Ausguck bis der Morgen
dämmerte aber kein Land kam in Sicht In unaufhaltsamer Fahrt stürmte der
»Vogel Greif« durch die Wogen vorwärts
Als es heller Tag geworden war kam der Neger um Roberts Wache zu
übernehmen Drinnen in der Kajüte brannte ein behagliches Feuer ebenso war
Kaffee gekocht worden und etwas kaltes Fleisch hervorgesucht Die fünf
Betrunkenen taumelten und krochen überall umher um sich mühsam der letzten
Vergangenheit zu erinnern und dann wieder an die Branntweinfässer
zurückzukehren Vergeblich waren Roberts Bitten vergeblich seine eindringlichen
Vorstellungen Sheppard brummte einen Fluch »Wer kann gegen das Schicksal«
sagte er »wer kann sich gegen den Teufel behaupten Das Schiff ist ihm
verfallen seit der verfluchte Mörder den nun die Haifische gefressen haben
den Sturmvogel erschoss Da hilft nichts also lasst uns lustig sterben wenn doch
einmal gestorben sein muss«
Robert gab aber die Sache noch nicht auf »Sheppard« sagte er »willst du
nicht uns allen helfen statt dich sinnlos zu betrinken und vielleicht aus dem
tierischen Rausch nie wieder zu erwachen«
»Geh zum Teufel mit deinem Geplärr«
Und das zweite Rumfass wurde in die Kapitänskajüte geschleppt wüste
Gassenhauer wurden angestimmt und weitergezecht und gejubelt bis tiefe Stille
eintrat bis da unten in dem kleinen gemütlichen Raum wieder fünf leblose
Körper auf dem Boden lagen wie gestern
Aber die andern hatten keineswegs die Hände in den Schoss gelegt sondern
getan was sich im Augenblick tun ließ Man spannte schwere Seile quer über das
Deck um für die notwendigsten Massnahmen einen einigermaßen festen Halt zu
haben dann wurden auch die großen Segel eingezogen und auf diese Weise die
Fahrt des steuerlosen Schiffes etwas ermässigt Da sich kein Kurs verfolgen und
kein Segelmanöver ausführen ließ so kam es ja allein darauf an der Strömung zu
folgen und das Weitere abzuwarten
Der Wind wurde gegen Mittag immer stärker Das Barometer fiel plötzlich sehr
tief und der Orkan brach los so dass sich das Schiff mit kahlen Masten ganz auf
die Seite legte Nachdem es sich ebenso schnell wieder aufgerichtet hatte
setzte es die Fahrt mit unheimlicher Geschwindigkeit fort wohin das wusste
niemand Der Druck des Windes war so groß dass er keine hohe See mehr aufkommen
ließ sondern alles Wasser gleich in Schaum verwandelte
Da klang durch das Toben des Sturmes ein Schrei wie ihn ein Mensch nur in
höchster Verzweiflung und Todesnot ausstoßen kann
»Land Land Gott im Himmel das ist die Küste«
Zwischen den aufgespannten Seilen hielten sich die Matrosen mühsam aufrecht
Aller Augen starrten auf die verhängnisvollen Eisblöcke die sich in einer
Entfernung von wenigen hundert Metern riesig und unbeweglich emportürmten Nein
das schwamm nicht das stand fest im Sturm und streckte seine letzten Ausläufer
bis in das brodelnde zischende Meer dessen Wellen es zuweilen hoch überspülten
und für den Augenblick ganz in sich vergruben
Wie ein Pfeil schoss das Schiff geradewegs der Brandung entgegen Noch einige
Minuten und es musste in tausend Trümmer zerschellen
Der alte Neger stand zufällig zwischen den Haltetauen neben Robert »Jetzt
ist es vorbei« sagte er »Der Tod erwartet uns«
»Noch nicht« rief Robert unter Aufbietung aller seiner Kräfte »noch nicht
Mongo Es ist noch Hoffnung solange wir leben«
Fast im gleichen Augenblick stand das Schiff in einer fürchterlichen
Brandung und lief mit solcher Wucht auf Grund dass der Stoß die ganze kleine
Besatzung zu Boden warf
Die Masten drehten sich knarrend schwankten und stürzten gleichzeitig über
Bord das ganze Achterdeck wurde wie ein Federball fortgeschleudert für
Sekunden sah Robert noch die Leichengesichter Sheppards und seiner Genossen
dann kam die Katastrophe
Ein unheimlicher donnerähnlicher Krach spaltete das Schiff von einem Ende
zum anderen weiße Sturzseen gingen darüber hin Robert fühlte sich
emporgehoben vom Wirbel fortgerissen und geblendet von den rauschenden Fluten
Dann verlor er die Besinnung
»Im hohen Norden«
Kennt ihr das Märchen von der Entstehung Norwegens
Lasst es euch erzählen
Als Gott der Herr die Welt erschaffen und alles ringsumher geordnet hatte
da blickte er zufrieden auf das vollendete Werk Plötzlich aber wurde sein
Nachsinnen gewaltsam gestört durch den Fall eines ungeheuren Felsbrockens der
in das Meer stürzte Als der Schöpfer aufsah erblickte er den Teufel der
hohnlachend dem gewaltigen von seiner Hand geschleuderten Block nachschaute
»Die Achse des neu entstandenen Erdballs soll brechen« rief Luzifer »der ganze
Bau soll in Trümmer fallen weil ich ihn hasse«
Aber Gottes Liebe war stärker als der Hass des Bösen Zwar schwankte der
Erdball und drehte sich in seinen Grundfesten erschüttert um die eigene Achse
aber des Herrn Hand gab dem Felsblock einen Halt im Meer und sein Herz erbarmte
sich des toten starren Gesteins Er segnete die wildzerrissenen schwarzen
überall wie unheimliche Riesen aus dem Ozean auftauchenden Berge und streute in
die tiefen Täler den letzten Rest übriggebliebener Erde Aber ach Er begann mit
diesem Werk der Barmherzigkeit im Süden wo bald darauf hohe Bäume grüne Wiesen
und goldene Ährenfelder wuchsen für den Norden behielt er kein Körnchen Erde
zurück
Dennoch belebte der Segen des Weltschöpfers auch die kahlen toten Felsen
Keine Blume blüht dort keine Frucht reift und kein Vogel singt aber in die
ewigstarren Eisfelder setzte Gott ein Geschöpf halb Kuh halb Hirsch das mit
Milch und Butter Blut Fleisch Fell und Sehnen die Menschen vor dem Hungertode
bewahrt das Rentier Und alle Ströme alle Seen und Flüsse das Meer und die
Fjorde füllte er mit Fischen
Das ist Norwegen das ist das Land hoch oben unter dem siebzigsten
Breitengrad wo auch Walfisch und Eisbär leben
Abwechselnd schwarz und mit Eis überzogen ragen die Felsspitzen vom Meer bis
zu den Wolken in hundertfachen Abstufungen hoch und immer höher empor Hier
schlägt die Brandung grünlich schillernd weissschäumend und gewaltig wie ein
wildes Urweltgeschöpf donnernd im sprungartigen Anprall gegen einen Felsen der
seit dem ersten Schöpfungstage die steinerne Brust flach und unbewehrt dem Toben
des Meeres darbietet der wie ein Kaiser im wallenden Mantel von Schnee und Eis
stolz über seine Vasallen hinwegsieht und dessen Haupt die Sonnenstrahlen
krönen
Dort stürzen die Wellen sich gegenseitig überholend und zurückdrängend wie
von Feinden getrieben in regelloser Flucht durch die schwarzen steinernen
Säulen unter deren Bogen ein verborgenes Echo wohnt das spottend seit
Jahrtausenden jeden Laut zurückwirft
Wie die Ruinen und halb verkohlten Überreste einer zerstörten Riesenstadt
so ragen die zerrissenen gespaltenen und vielgeformten Felsgipfel aus dem Meer
hervor wie ein starrer steinerner Gürtel umgeben sie terrassenförmig das Land
Und über die höchsten Spitzen erheben sich schneebedeckt unnahbar und
ehrfurchtgebietend die fernen Gipfel der Riesenberge blauverhüllt von Dunst
und Wolkenschleiern vom Zauber der Sage geheiligt
Die Sonne schien hell herab das Meer lag ruhig wie ein schlafender Riese
die Möwen schwebten mit weißen Flügeln über dem Wasser und hoch oben in der
reinen eiskalten Luft zog ein Adler seine Bahn
Er schraubt sich tiefer und tiefer herab er späht mit seitwärts gewandtem
Kopf und zieht immer engere kleinere Kreise
Was da unten die Wellen spielend emporheben was sie bald der Küste zuführen
wollen und bald von ihr wieder entfernen das weiße stille Gesicht mit der
klaffenden Stirnwunde und den geschlossenen Augen ist es ein willkommener
Fund eine Beute für die kreischende Brut im unzugänglichen Felsennest
Tiefer senkt sich der Raubvogel noch tiefer
So bleich das Gesicht so reglos die ganze Gestalt der da auf den Wellen
treibt ist tot
Noch wenige Armeslängen und der Adler packt mit scharfem Schnabel seine
Beute Schon schwebt er unmittelbar über dem Körper des Leblosen
Da fliegt ein schweres Holzstück sausend durch die Luft das Raubtier stößt
einen Schrei aus und taumelt empor in eiliger Flucht
Schwarze Arme teilen die Flut ein dunkles Gesicht beugt sich über den
Toten und kräftige Hände tragen ihn an den Strand auf das Bett von Felsen und
Schnee
Mongo der alte Matrose schüttelt den Kopf
»Wenig Hoffnung« denkt er »aber doch will ich es versuchen doch alles
mögliche tun bevor ich den armen Jungen seinem Schicksal überlasse«
Und er entblößt die Brust des Bewegungslosen er reibt mit Schnee die
starren Glieder er walkt den ganzen Körper wie der Bäcker den Teig damit das
verschluckte Wasser herauslaufe er haucht den eigenen Atem zwischen die kalten
Lippen
Und endlich nach langer unermüdlicher Anstrengung hört er den ersten
schwachen Seufzer der das zurückkehrende Leben ankündigt Ein Freudenstrahl
überfliegt sein schwarzes Gesicht
»Wo bin ich Wo sind die andern«
Robert griff mit beiden Händen in den Schnee wie um sich zu halten um sich
zu überzeugen dass er wache Seine Augen forschten gespannt in den Zügen des
Negers »Mongo« fragte er »wo ist der Vogel Greif«
Der Schwarze schüttelte den Kopf »Frage die Wellen Bob frage den Sturm
Jeder hat ein Teil davongetragen«
Robert stützte sich auf die Ellbogen In diesem Augenblick war selbst sein
Trotz sein unbesiegbarer Mut gebrochen Wo noch vor kurzem das schwere
stattliche Schiff gelegen hatte da dehnten sich die Wogen in blauer
Unendlichkeit wo ihn ein sicheres festes Dach vor Sturm und Schnee beschützt
hatte da strich der Wind kalt durch sein Haar und über seine Glieder
»Mongo« flüsterte er »sind wir die einzigen Geretteten«
»Ja Bob Als ich zur Besinnung kam da war alles fort nur ein paar Trümmer
schwammen auf den Wellen und etwas weiter zwischen Klippen sah ich dich Das
übrige weißt du Ich fürchte wir sind dem Tode des Ertrinkens nur entgangen
um jetzt zu verhungern« fügte er hinzu
Robert erhob sich mit schmerzenden Gliedern und versuchte einige Schritte zu
gehen »Nichts ist verloren Mongo« antwortete er eine Zuversicht heuchelnd
die er in Wirklichkeit nicht besaß »Auf wir müssen in den Klippen nachsuchen
ob irgendwo ein Vorratsfass oder einige Warfen an das Ufer gespült worden sind
Es waren Kisten voll Säbel und Pistolen an Bord«
Mongo lächelte ungläubig »Was wolltest du damit Bob«
»Gegen Feinde uns wehren Mongo und Beute machen damit wir essen können
Lass uns suchen«
Der Neger war zwar nicht überzeugt aber er erhob sich doch und begann mit
Robert die Klippen zu durchstreifen Bretter Bohlen und Planken Stücke von den
Kajütenmöbeln Segeltuch und hundert andere Kleinigkeiten trieben auf den
Wellen aber es war nichts zu finden das mit einer Waffe oder etwas Essbarem die
mindeste Ähnlichkeit gehabt hätte
Stunde auf Stunde verging die beiden eifrigen Sucher stillten den nagenden
Hunger mit etwas Schnee den sie im Munde schmelzen ließ sie trösteten sich
gegenseitig und durchstöberten unermüdlich jede Felsspalte immer in der
Hoffnung doch noch irgend etwas Brauchbares zu finden »Vielleicht hier« rief
Robert sooft er in eine neue Vertiefung hinabsah »es muss uns doch endlich
gelingen«
Aber nichts zeigte sich ihren forschenden Augen Langsam brach die Dämmerung
herein Sterne erschienen am Himmel der Mond erhob sich in festen klaren
Umrissen aber nicht der geringste Erfolg krönte die Bemühungen so vieler
Stunden Die beiden Schiffbrüchigen sahen sich fragend an
»Was nun Bob« fragte kopfschüttelnd der Neger
»Erst einmal fort von hier« antwortete der junge Matrose
»Vielleicht lebt hinter den nächsten Bergen ein Stamm der Küstenlappen und
wenn wir den erreicht haben so ist wenigstens das Leben gerettet Der Winter
hat sich ausgetobt Mongo das Schlimmste ist überstanden daher lass uns
kämpfen solange wir atmen«
Der Schwarze antwortete nicht Er ging an Roberts Seite landeinwärts über
Klippen und Vorsprünge durch Schluchten und Täler bis sie in verhältnismäßig
flaches Gelände kamen wo sie leicht Fuß fassen konnten und wo die Kälte weit
weniger spürbar war da hier der eisige von Norden kommende Seewind keinen
Eingang fand Beide hatten sich zum Schutz gegen Raubtiere mit Trümmern von
Schiffsplanken bewaffnet und wanderten schweigend weiter
Mond und Sterne verbreiteten einen so hellen Schein dass nur in den
Schluchten der Felsen die Nacht ihr dunkles Recht geltend machen konnte
Zuweilen krächzte ein Raubvogel oder strich mit scheuer Hast ein weißer Hase
vorüber sonst war alles still
Robert achtete genau auf die Pflanzenwelt Dass hier in dieser nördlichen
Zone nichts Geniessbares wuchs wusste er recht gut aber das war es auch nicht
was er suchte
In diesen Küstenstrichen nistet auf flachem Boden in den Ranken der
kümmerlichen Pflanzen besonders der wollblättrigen Weide der große Eistaucher
dessen Eier in niederen Nestern ausgebrütet werden Robert hatte gelesen dass
mit diesen Nestern manchmal ganze Flächen bedeckt sind und daher war seine
Hoffnung wenigstens einige Vogelfamilien zu finden durchaus nicht ganz
unbegründet
»Auf Mongo« sagte er »jetzt werden wir Eier essen Gib nur acht bald ist
der Tisch für uns gedeckt«
Der Neger seufzte schmerzlich »Mich friert« entgegnete er »Es ist
schrecklich so unter Eis und Felsen zu sterben«
»Still Mongo wer denkt daran Du musst Mut fassen Alter«
Und Robert versuchte den Schwarzen zum Sprechen zu bringen Das würde ihn
ermuntern ihn neu beleben und die Wanderung durch Hunger und Kälte erträglicher
machen »Erzähle mir einmal wo du geboren bist alter Seewolf« fuhr er fort
»Natürlich in Afrika wo die Sonne am stärksten brennt«
Der Schwarze nickte »Wer ich bin« fragte er halb traurig halb
triumphierend »wer ich bin Der rechtmäßige König von Dahomei mein Junge«
Robert lachte dass wenigstens sechs verschiedene Felsenechos lustig den
Klang zurückwarfen »Du ein König« wiederholte er
»Alle tausend Donnerwetter da muss ja ein gewöhnlicher Sterblicher
wenigstens zehn Schritte hinter dir gehen und dich Majestät nennen«
Der Neger lachte gutmütig mit »Du junger Spitzbube« schmunzelte er »du
übermütiger Schlingel Aber was ich gesagt habe ist buchstäblich wahr«
»Nun« rief Robert »und wie kamst du denn von deinem Bambustron in die
Matrosenjacke hinein«
Der Schwarze schauderte halb vor Kälte halb in der Erinnerung an das was
er vor dieser Unglücksfahrt im Leben schon durchgemacht hatte »Ich wurde mit
Hunderten meiner Brüder als Sklave nach Nordamerika verkauft« antwortete er
»Als Sklave« wiederholte der Junge »Du Armer wie kam das Erzähle doch
davon Wenn wir den Ernst und die Gefahren des Augenblicks vergessen so werden
wir die Wanderung viel leichter ertragen«
Der Neger schüttelte den Kopf »Die Wanderung ohne Ziel« sagte er
hoffnungslos
»Das weißt du ja noch nicht Mongo Erzähle mir lieber wie es in dem
königlichen Palast in Dahomei aussieht Kennt man überhaupt bei deinem Stamm
Gesetz und Rechte«
Der alte Neger schwieg längere Zeit »Rechte« sagte er dann »Nein Bob
das Volk hat keine kennt und wünscht keine Rechte nur der König herrscht nach
Laune und Willkür zusammen mit den Priestern die zwischen ihm und seinen
Untertanen als Vermittler stehen Siehst du mein Junge ich bin jetzt länger
als dreißig Jahre ein Christ wie du ich verabscheue natürlich die Grausamkeit
und die zügellose Wildheit meines Volkes aber dennoch geht mir das Herz weit
auf wenn ich an Afrika zurückdenke Die Stadt in der ich geboren wurde heißt
Abomei und das königliche Haus meines Vaters war eine große breite Halle aus
Bambusstäben und Lehm mit einem Dach aus Segeltuch Zahme Strausse gingen
majestätisch nickend auf und ab junge Panter spielten mit mir im Sande und
die zahlreichen Sklaven waren meine Pferde auf deren Rücken ich spazieren ritt
sooft es mir Spaß machte Ich trug als das Königskind von Dahomei an meinem
Körper nur Seide und goldene Spangen ich spielte mit den Schädeln erschlagener
Feinde und schoss zum Zeitvertreib die auf Stangen gesteckten Köpfe
hingerichteter Untertanen mit dem hölzernen Bogen herab
Ach Bob du kennst Afrika nicht das Paradies der Erde Alles wächst dir
dort entgegen ohne dass du zu säen oder das Feld zu bestellen brauchst die
Bambusstäbe liefern dir das Dach unter dem du schläfst das Meer ist dein
Badeplatz die Sonne dein Feuer Du brauchst als Kleidung nur einen
Lendenschurz du kennst keine Arbeit keine Mühe und Sorgen das Leben ist
überall Genuss nirgends ein Kampf Ach es bedrückt mich doch so in der
Eiswüste zu enden es graut mir vor dem Norden mit seinem Frost und Sturm«
Robert schüttelte abwehrend den Kopf »Ich liebe den Norden alter Mongo«
rief er »ich liebe das Kalte und Grossartige ich will säen bevor ich ernte
ich will nichts geschenkt haben sondern alles erringen und selbst verdienen
Siehst du wenn jetzt ein gedeckter Tisch hier am Wege stände dann könnte man
sich wohl hinsetzen und die guten Dinge über den Schnabel nehmen nicht wahr
Aber schau her es gehört schon ein bisschen Geduld und Verständnis dazu aus
diesen kleinen Brustfedern die hier und da auf dem Boden liegen auf
Brutstätten der Eisvögel zu schließen Gib nur acht ich finde bald die Nester
und dann schmeckt das mühsam Gesuchte besser als hätte es der Zufall hergeweht
Horch schrie nicht dort ein Vogel«
Der Neger fasste den Stock fester in die Hand »Ein Tier war es jedenfalls«
sagte er
Robert schlich auf den Zehenspitzen um den nächsten Felsen herum und dann
ertönte ein heller Freudenruf dem ein Kreischen Flattern und Piepsen von
zahllosen Vogelstimmen folgte »Hurra Mongo Hurra Wenigstens tausend Nester
wenigstens dreitausend große Eier« rief Robert »Jetzt lass uns essen und wenn
jemals ein Abendbrot besser geschmeckt hat als dieses aus rohen Eidottern so
will ich nicht Robert heißen Lappland soll leben« Er schleuderte als er das
erste Ei getrunken hatte die zerbrochene Schale hoch in die Luft und machte
sich über das zweite her Der Neger folgte seinem Beispiel so dass während der
nächsten Minuten das Gespräch völlig stockte Wenn eine der aufgeschreckten
angstvollen Vögelmütter zu nahe herankam so musste der Stock helfen und endlich
sahen sich die beiden neu gekräftigt an
»Hast du jetzt wieder Mut Mongo«
»Du bist ein Schlingel Ich habe dirs ja schon früher gesagt«
Robert lachte »Wer schweigt oder die Antwort umgeht der hat zugestimmt
wie du weißt Alter Jetzt nehmen wir noch ein paar Eier mit uns aus jedem
Nest eins der armen Mütter wegen und dann weiter«
Er ging voran eine lustige Seemannsmelodie pfeifend »Komm Mongo« fuhr er
fort »rasch nach Afrika dort ist es gemütlicher als hier in Lappland Du hast
mir den Palast beschrieben und deine Spielgefährten zweibeinige und Vierfüssler
jetzt sei so gut ein wenig von der Leibgarde zu erzählen Gibt es Soldaten bei
euch« Der Neger lächelte dass seine weißen Zähne hervorschimmerten
»Amazonen mein Junge ein reguläres Korps von Weibern« antwortete er
»Damit führte mein Vater Krieg und hat viele Schlachten siegreich gewonnen Die
tapferen Frauen sind wie alle Einwohner des Königreichs bis zum Gürtel
unbekleidet tragen aber an allen Gelenken in Nase und Ohren eine Unmenge
Schmuck Ketten und Spangen Knöpfe Glasperlen und Federn Sie führen als Waffe
einen kurzen Hirschfänger den sie mit großer Geschicklichkeit handhaben Ihre
Musikinstrumente sind Trommeln und Pfeifen
Wenn aber die alljährlichen Menschenopfer beginnen so erfüllt diese
eigenartige Garde erst ihre wahre Bedeutung Der dazu bestimmte Tag fällt nach
christlicher Zeitrechnung auf den sechsten Mai und die Feier selbst ist
wirklich bestialisch Hast du starke Nerven Bob um das anhören zu können«
Robert nickte lebhaft »Aber Mongo es sind ja keine Erfindungen die du mir
erzählen willst sondern ein Stück Völkerkunde etwas wirklich Wahres also lass
mich alles erfahren Die Menschenopfer eines heidnischen Volkes können wohl nur
scheusslich und bestialisch sein glaube ich«
Der Neger seufzte »Ja du hast recht Bob« antwortete er »scheusslich ist
das alles Aber da es dein Wunsch ist diese Dinge kennen zu lernen so höre
weiter Das Fest von dem ich sprach wird zu Ehren Abomas der großen
Abgottsschlange gefeiert und zwar folgendermaßen Der König mein Vater
eröffnet selbst den Zug Seine Kleidung besteht aus weiten türkischen Hosen
gelben Maroquinstiefeln einer Unzahl verschiedenfarbiger seidener Halsund
Leibbinden und einem dreieckigen Hut mit wallenden Straussenfedern Ihn umgeben
seine Gardisten ungefähr zweihundert gänzlich verwilderte blutdürstige Weiber
und nun beginnt das eigentliche Opfer
In einiger Entfernung von dem mit farbiger Seide und metallenen Zieraten
reichgeschmückten Thron entfernt stehen hinter einer dornigen Hecke vielleicht
fünfzig bis sechzig Gefangene die schon vorher zum Tode verurteilt waren und
die nun durch die Amazonen bis an den Tronsessel geschleppt werden
Bluttriefend zerfetzt an allen Gliedern kehren diese entmenschten Furien mit
ihren Opfern über die tausend spitzen Stacheln der Hecke zum Richtplatz zurück
und nun entreisst der König der ersten die ihm ihren Sklaven zu Füßen legt das
Schwert um damit auf einen Schlag dem Unglücklichen das Haupt abzuschlagen
Ist erst einmal Blut geflossen so beginnt eine Szene wie sie grauenhafter
nicht gedacht werden kann Es scheint als ob sich eine Art von Wahnsinn der
Menschen bemächtigte als ob die Grenze zwischen Mensch und Tier für den
Augenblick niedergerissen worden sei Fünf Tage lang dauert das Morden wobei
die Amazonen zuletzt das warme Blut ihrer Opfer mit Branntwein vermischen und
trinken während der grässlich Verstümmelte noch lebend zusieht Am sechsten
Tage nachdem Massen von Sklaven getötet worden sind kehrt alles zur gewohnten
Ruhe zurück«
Robert hatte schweigend zugehört »Das übersteigt wirklich alles
Glaubhafte« sagte er dann »Ich begreife nicht wie sich ein Volk von seinem
Herrscher das gefallen lassen kann Finden vielleicht noch andere Opferfeste
statt«
»Es gibt noch eine zweite heilige Schlange Daboy genannt und diese
fordert das Opfer einer einzigen aber der schönsten Jungfrau des Landes
Alljährlich am ersten November erlässt der König einen Befehl dass sein Injumann
oder Oberpriester die Runde macht um das unglückliche Mädchen das getötet
werden soll auszuwählen Während dieser Stunden darf kein Untertan das Haus
verlassen denn wer etwa dem Priester begegnen würde der wäre des Todes
schuldig Das dumme irregeleitete Volk löscht sogar aus Furcht gesehen zu
werden das Feuer in den Hütten
Um Mitternacht verlässt der Injumann einen geweihten Hain dessen Betreten
allen nicht zur geistlichen Brüderschaft gehörenden Negern auf das strengste
untersagt ist Seine Kleidung besteht aus einem langen Mantel aus schwarzem
Pelz der bis auf den Fußboden herabfällt Eine ebensolche Kapuze bedeckt den
Kopf der mit dieser mächtigen spitz zulaufenden und übermäßig großen Haube
genau wie die Schnauze eines Bären aussieht die Hände stecken in Tigertatzen
und vor dem Gesicht trägt er eine ganz weiße Maske mit überlanger spitzer
Nase«
»Ha ha ha« lachte Robert der seine Heiterkeit nicht länger im Zaum
halten konnte »Der reine Polichinell wie ich ihn in Hamburg habe auf der
Straße reiten sehen mit einem großen Knüppel bewaffnet und ebenso aussehend
Das ist darauf berechnet den dummen Schwarzen Respekt einzuflößen Nimms mir
nicht übel Mongo aber darüber muss ich wirklich lachen«
Der Alte gab ihm einen scherzhaften Schlag auf die Schulter »Tu dir keinen
Zwang an mein Junge« sagte er gutmütig »Ich weiß ja selbst dass nichts
anderes dahintersteckt und dass der Injumann meines Vaters ein großer Spitzbube
war ein Gauner der seinen Vorteil kannte und wahrzunehmen verstand Er hatte
auch um für alle Fälle gerüstet zu sein ein Gefolge von zehn Priestern die
ähnlich gekleidet waren und ihn auf Schritt und Tritt begleiteten Diese
schreckliche Schar findet auf ihrem Weg jede Tür weit geöffnet um das schönste
Mädchen aussuchen zu können Sobald sich aber der greuliche Lärm den alle elf
auf trompetenartigen Instrumenten hervorbringen von weitem hören lässt fallen
sämtliche Einwohner auf ihre Knie und verbergen das Gesicht im Sand Wer es
nicht täte der wäre verloren
So zieht der Injumarnn bis zum nächsten Morgen durch die Straßen wobei er
auch zur Wahrung seines Ansehens von Zeit zu Zeit ein paar Menschen ermordet
Bei Anbruch der Dämmerung packt er plötzlich das erkorene Opfer um es in den
geheiligten Hain zu schleppen Während er das zitternde Mädchen entführt
müssen die Eltern und sonstigen Angehörigen das Gesicht wie alle übrigen im Sand
verbergen und dürfen durch keine Bewegung keinen Laut verraten dass sie
überhaupt von dem ganzen Vorgang etwas bemerken Auch am folgenden Tage scheint
kein Glied der Familie das junge Mädchen zu vermissen wenn nicht etwa wie das
häufig geschieht Vater und Mutter mit der Ehre prahlen die ihnen durch die
Wahl des Injumanns zuteil geworden ist
Am dritten Tage versammelt sich das ganze Volk und mit ihm der König am Ufer
eines Flusses Greuliche Musik begrüßt den Herrscher das Opfer wird
herbeigeführt und der Injumann jetzt in gewöhnlicher Kleidung naht von
anderer Seite Das Gesicht und der ganze Körper des unglücklichen Wesens sind
bis zu den Fußspitzen herab mit Kreide dick bestrichen so dass es selbst den
Eltern unmöglich sein würde ihr Kind zu erkennen Mit langsamen gemessenen
Schritten bewegt sich das bebende Opfer bis zu einer Bank an der es in hegender
Stellung befestigt wird Der Injumann nimmt neben ihm seinen Platz ein und
scheint mit emporgewandten Blicken auf das Volk den Segen der Gottheit
herabzuflehen worauf nach einem einzigen Schwertstreich der Kopf des
Schlachtopfers in den Fluss hinabrollt Der blutende Körper wird sorgfältig unter
dem höchsten Baum auf eine Matte gelegt wo er bleiben soll bis ihn die Göttin
Daboy in das Land der Ruhe trägt Tatsächlich aber «
»Bringen ihn die Priester schon in der nächsten Nacht beiseite um dann dem
Volk von einem Wunder erzählen zu können nicht wahr« fragte Robert
»So ist es Bob« antwortete der Neger »Aber trotz aller dieser
Abscheulichkeiten trotzdem liebe ich Afrika Unter seiner Sonne möchte ich
begraben liegen Es ist seltsam aber je älter ich werde desto heftiger packt
mich das Heimweh«
Stumm ging Robert neben seinem Gefährten lange Zeit dahin bis er endlich
leise fragte »Und du warst nie wieder in deiner Heimat Mongo«
»Nie« antwortete der Neger »Nachdem ich dreißig Jahre lang Sklave gewesen
war hatte ich vom Christentum und dem Segen der bürgerlichen Welt zuviel
gesehen und die Barbarei meiner Väter zu sehr verabscheuen gelernt um jemals
wieder in Afrika leben zu können am wenigsten als König von Dahomei dessen
Thron aus den Schädeln Erschlagener aufgebaut ist dessen Füße die Köpfe von
Sklaven als Schemel benutzen und der alljährlich diese grauenvollen Opfer
begehen muss Ich bleibe meiner Heimat fern eben um des Heimwehs willen so
seltsam das auch klingen mag«
Robert verstand den Alten vollkommen und ernste Gedanken bewegten sich
hinter seiner jungen Stirn Wie vieles hatte er schon gelernt und manchen Irrtum
eingesehen obgleich er doch erst anderthalb Jahre von Hause fort war Er
dachte an den strengen unerbittlichen Vater in diesem Augenblick mit einer Art
von Rührung Der Alte hatte wohl gewusst wie schwer es ist sich den Weg durch
das Leben selbst zu bahnen er wollte keineswegs irgendein launenhaftes Gelüst
zur Geltung bringen wenn er den Sohn hart anfasste sondern er hoffte und
wünschte dem einzigen geliebten Kind Sicherheit fürs Leben zu geben
In den Augen des jungen Matrosen schimmerte es feucht er legte den Arm um
die Schultern des Negers »Du Mongo wollen wir da hinaufklettern hoch hinauf
wo der Felsgrat über dem Abgrund hängt und uns hinunterstürzen Dann hat alles
ein Ende«
Der Neger schüttelte den Kopf »Du Wildfang wie der Augenblick mit dir
durchgeht Bist du es etwa jetzt dem die Beschwerden der Wanderung zu groß
werden«
Robert errötete »Wirklich nicht Mongo« rief er »aber du hattest mich mit
deiner Erzählung ganz durcheinander gebracht Warum ist im Leben alles so schwer
und so unsicher Sieh wenn ich ein Schneider geblieben wäre bescheiden und
anspruchslos die Mütze in der Hand und den Buckel krumm dann könnte ich ein
gemachter Mann sein der sich in vier engen Wänden die Welt erträumt Taler auf
Taler legt und endlich stirbt wie eine Pflanze die der Herbst verweht und
wenn du nach Dahomei zurückkehren wolltest so könntest du sogar König sein
aber nun sag mir warum es uns gerade uns von da forttreibt wo uns das Glück
erwartet Kannst du das Rätsel lösen Alter«
Der Schwarze wiegte bedächtig den Kopf »Ich glaube dass ich es kann« sagte
er freundlich lächelnd »Der Mensch soll sich überwinden lernen das ist es«
Robert schüttelte sich »Du das beklemmt die Brust« antwortete er »Pass
auf ich muss einmal richtig laut schreien dass sich die alten Berge wundern
sonst ersticke ich«
Er blieb stehen und streckte beide Arme aus als ob er seinen Lungen den
weitesten Spielraum verschaffen wollte Dann wiederhallten die düsteren
Bergesschluchten von einem langgedehnten Schrei der als Echo noch minutenlang
erst stärker und dann immer schwächer in der Ferne nachklang Unwillkürlich
horchten die beiden Wanderer als müsse doch eine Antwort zu hören sein
Aber ringsumher schwieg alles Der Wind fuhr kalt über kahle Höhen daher
sonst kein Laut keine Lebensnähe
Die beiden setzten ihren Weg fort Immer mehr ging es bergan immer steiler
wurde der Pfad immer spärlicher der Pflanzenwuchs Endlich begann der Boden zu
knistern und zu krachen das Eis war hier nicht geschmolzen sondern bedeckte
als harte Schicht den Felsen Nur langsam konnten die Wanderer vorwärts kommen
Am Himmel erlosch Stern auf Stern die kalte Luft schnitt förmlich in die
Lungen der beiden und raubte ihnen fast alle Kräfte Gesprochen wurde nicht
mehr
Der Neger berührte Roberts Schulter »Dort hinter dem Felsblock lass uns
einen Augenblick rasten« sagte er mit matter Stimme »Du bist jung Freund
aber meine Glieder versagen fast den Dienst«
Robert nickte stumm Er ließ den Alten sich setzen und gab ihm das letzte
Ei das noch übriggeblieben war »Erhole dich Mongo« sagte er »Ich glaube
dass dort die Sonne aufgeht wir werden also wenigstens bald sehen können in
welcher Umgebung wir uns befinden«
Er erkletterte den höchsten Gipfel und beobachtete von hier aus den
Sonnenaufgang Erst gelblich und dann in leichtes Rot übergehend spielten
breite Säume an den Wolkenrändern wie Feuerschlangen die weiter kriechend an
Umfang zunahmen und deren Licht langsam anfing nach unten hin die Gipfel und
Felskämme zu erhellen während die Schluchten noch im tiefsten Dunkel dalagen
Spitze auf Spitze trat scharf hervor hier wie ein Kirchturm schlank und
vereinzelt dort wie ein kniendes Weib und dort wieder wie eine
mittelalterliche Ritterburg mit Zinnen und Türmen
Immer tiefer drangen die goldenen Sonnenstrahlen Überall Zacken an Zacken
wohin das Auge sah überall Eis und Stein wie gemeisselt die ganze Umgebung Nur
ein Adlerpaar schwebte fern am Wolkensaum sonst war es als läge der Hauch des
Todes über dieser steinernen Welt Kein Baum kein Tier keine Menschenwohnung
ja nicht einmal ein grünes Blatt erinnerte an das Leben
Jetzt stand die Sonne hoch am Himmel Robert wandte sich um rückwärts zu
blicken und nun atmete er auf Was dort hinten so blau und silbern glänzte das
war das Meer das war seine geliebte seine vergötterte Welt
Lange blieb er so dann aber nachdem er sich überzeugt hatte dass kein
Schiff in der Nähe war ging er zurück zu seinem alten Kameraden der noch immer
den Kopf an die Felswand lehnte und ihn mit trübem Lächeln empfing Robert sah
mitleidig wie grau das früher so glänzende Schwarz des Negers geworden und wie
geschwächt er war
»Auf Mongo« sagte er ermunternd »hier können wir nicht bleiben du weißt
es so gern ich dich auch schonen möchte Sieh das dort ist das Eismeer also
die Nordgrenze von Lappland demnach führt der Weg durch diesen Engpass nach
Süden Wir müssen ihn verfolgen damit uns Wanderlappen begegnen denen wir uns
auf ihrem Zug nach den Lofoten anschließen können Komm Mongo«
Der Schwarze erhob sich nickend »Du hast recht Bob« antwortete er
»obwohl ich doch nicht glaube dass es uns etwas nützen wird Aber zuerst mein
junger Freund ist heute Sonntag«
Er nahm das Taschentuch das er an Stelle der verlorenen Mütze um den Kopf
gewunden hatte ab und Robert tat dasselbe So standen die beiden und sahen vom
Felsen herab stumm in das schweigende steinerne Tal zu ihren Füßen Vielleicht
dachten sie kaum ganz bewusst dachten keine Worte keine Gebete aber dennoch
hörten sie ein Klingen wie von Kirchenglocken doch wendeten sich ihre Blicke
langsam zur Sonne und ein stiller tiefer Friede kam über beide
Robert lächelte dem Alten entgegen »Komm« sagte er »nun gehts bergab
Das wird dir leichter werden«
Mongo antwortete nicht Nachdem die bunten Turbane geordnet waren zogen
beide Wanderer durch einen schmalen steilen Felsenpass dessen beide Seiten sich
manchmal über ihren Köpfen berührten in das Tal hinab und sahen nun eine weite
Ebene vor sich Die Vegetation zeigte hier wieder Unmassen von Rentierflechten
aber auch schon einige kleine verkrüppelte Gebüsche die Robert als Kiefern
erkannte Er suchte zu seinem heimlichen Bedauern vergebens unter allen Ranken
nach Vogelnestern es fand sich kein einziges
»Mongo« erinnerte er »du bist gestern mit deiner Erzählung im Rückstand
geblieben Wie gerietest du in die Sklaverei der Amerikaner«
»Durch den Krieg« antwortete der Neger »Ich war vielleicht vierzehn Jahre
als uns ein feindlicher Stamm überfiel und in einer einzigen Schlacht zu Grunde
richtete Mit etwa vierzig oder fünfzig anderen Gefangenen Männern und Frauen
wurde ich nach Lagos geschleppt wo ein Sklavenschiff bereit lag uns nach
Amerika zu bringen«
Robert horchte auf »Mongo du sagst ein Sklavenschiff Gab es denn
Fahrzeuge die für den Menschenhandel ganz besonders eingerichtet waren«
Der Schwarze nickte »Ja mein Junge Die Kostbarkeit der Ware erforderte
eine sehr sorgfältige Behandlung Auf keinem Fahrzeug der gesamten Handelsmarine
herrschte solche Sauberkeit und Ordnung wie auf einem Sklavenschiff An jedem
Morgen musste das Deck mit Sand und Steinen abgekratzt werden dann ließ der
Kapitän alle Sklaven einzeln an sich vorübergehen und bewachte selbst die
regelmäßigen Mahlzeiten seiner lebendigen Fracht Es gab auch täglich Rum um
Skorbut zu verhüten aber von irgendeiner Freiheit von Menschenrechten konnte
natürlich keine Rede sein«
Robert horchte atemlos Er vergaß Hunger und Einsamkeit um seiner ganzen
Entrüstung Luft zu machen »Und dafür fanden sich Seeleute« rief er »Sie
ließ sich wohl auch noch für ihr Schweigen bezahlen«
»Das will ich meinen Bob Die Matrosen eines Sklavenschiffes müssen
Henkersdienste tun und dürfen keine zartfühlenden Menschen sein Zuerst wird an
Bord des Schiffes der Sklave vollständig entkleidet und das Haar glatt
abrasiert dann bringt man die Männer in den Schiffsraum und die Weiber in die
Kajüte während sämtliche Kinder an Deck bleiben wo ihnen als einziger Schutz
gegen das Wetter ein Stück Segeltuch gespannt wird Je zehn müssen immer aus
einer Schüssel essen und zwar nach einem bestimmten Verfahren um eine
ungleiche Verteilung zu vermeiden Auf einen Wink des wachhabenden Matrosen
dürfen sie zugreifen und bei einem zweiten schlucken So wiederholt sich das
Verfahren bis alle satt sind Es kommen aber auch Fälle vor wo sich einzelne
in der Absicht des Selbstmordes weigern das Essen anzurühren und diese werden
dann scharf beobachtet Meldet der Aufpasser dass die Krankheit erfunden ist so
beeilt man sich den scheinbar verlorenen Appetit durch die neunschwänzige Katze
wieder herzustellen scheint aber der Sklave tatsächlich leidend zu sein so
kommt er auf die Krankenliste das heißt man hängt ihm eine Schnur mit einem
Knopf um den Hals und schickt ihn in das Vorderkastell
Wenn alle gegessen haben so müssen sie die Hände und das Gesicht in
Seewasser waschen außerdem reinigt man ihnen dreimal wöchentlich das Innere des
Mundes mit Weinessig ebenso werden die Männer rasiert und allen die Nägel
geschnitten weil sie fast dauernd besonders nachts miteinander kämpfen«
Robert hob fragend den Blick »Aber weshalb Mongo Diese Männer hätten
zusammenhalten müssen alle für einen und einer für alle dann wäre es ihren
Peinigern weniger leicht geworden sie zu Sklaven zu machen«
Der Neger schüttelte den Kopf »Sie waren damals vor beinahe vierzig
Jahren nicht viel besser als Tiere« antwortete er »sie ließ sich
misshandeln ohne mehr als einige seltene von Mischlingen angefachte Aufstände
zu wagen Männer konnte man diese entnervten Geschöpfe nicht nennen Wie sie
vor dem Injumann ihrer Heimat die Gesichter im Sande versteckten so beugten sie
vor den Weißen das Haupt und ließ sich zur Schlachtbank führen wie zahme
Schafe oder Gänse die dem Tod wehrlos entgegengehen«
Robert klopfte vertraulich auf die Schulter des Alten »Armer Mongo« sagte
er »und das alles hast auch du erduldet«
Der Neger lächelte »Das Bob O ich sage dir dass es nichts war sich auf
dem Sklavenschiff allnächtlich zu halber Länge zusammenzukrümmen des
beschränkten Raumes wegen dass es nichts war sich mit dem Eisenring um den Hals
an die Decksplanken schließen zu lassen und am Tage mit noch einem andern
Unglücksgefährten zusammen an eine fusslange Eisenstange geschmiedet zu sein die
es weder ihm noch mir erlaubte eine schnelle unbedachte Bewegung zu machen
nichts gegen das was ich später erlebte«
»Ach« rief Robert »nachdem du verkauft worden warst Mongo«
»Ja Kind dann Als junger Bursche in deinem Alter kräftig sorglos
unbekümmert um die Zukunft ertrug ich alle Strapazen des ungewohnten Lebens
ohne mir viel daraus zu machen wechselte oft meine Herren weil immer hohe
Preise für mich bezahlt wurden und erwarb mir überall Freunde aber später
kam das Unglück Wirst du mir glauben Bob dass ich vier Kinder habe auch
einen Jungen in deinem Alter und dass sie mir zusammen mit meiner Frau aus dem
Hause weg verkauft wurden während ich machtlos zusehen musste wie man sie
fortschleppte die armen Unglücklichen Hilflosen«
Robert stand still Seine Augen flammten vor Zorn »Mongo« sagte er
»Mongo und du schlugst nicht alles tot was dir in den Weg kam Du ließest dir
die Deinen rauben ohne sie zu verteidigen«
Der Neger seufzte »Lieber Bob das kennst du nicht« antwortete er »Mit
mir litten noch sechzehn andere brave Männer das gleiche Schicksal und selbst
unser Herr ein guter menschenfreundlicher Mann ging an diesem Tage blass und
traurig umher aber er konnte nicht anders handeln als er tat die bestehenden
Verhältnisse zwangen ihn zu der unvermeidlichen Grausamkeit die seinem Herzen
ganz fern lag Ich würde ihm heute noch die Hand drücken wenn er mir begegnen
sollte«
»Mongo dem Mann der dir Frau und Kinder verkaufte«
»Ja Bob ja Es geht im Leben nirgends mit dem Kopf durch die Wand das
habe ich dir schon so oft gesagt der Mensch muss es lernen sich in das
Unabänderliche zu fügen«
»Sieh« fuhr er fort »wir lebten auf einer Farm etwa zehn Meilen von New
Orleans entfernt und unser Herr behandelte uns gut vielleicht zu gut sogar er
achtete in seinem Sklaven den Mitmenschen und war der menschenfreundlichste
liebenswürdigste Grundbesitzer der ganzen Umgebung Jeder Neger hatte seine
Hütte und sein Gärtchen jeder durfte es wagen frei und offen mit der
Herrschaft über alles das zu sprechen was er wünschte und worüber er sich mit
Recht beklagen zu können glaubte aber eben deshalb war auch dieser gütige und
gerechte Mann von allen benachbarten Gutsherren gehasst Als ihn mehrere
Missernten und verschiedene Überschwemmungen in Geldverlegenheiten brachten da
fand er alle Türen verschlossen bis endlich ein Wucherer ihn in die Krallen
bekam und das schöne Grundstück mit sämtlichem toten Inventar gegen eine Fabrik
in der Stadt vertauschte Was half also alle Trauer alle Verzweiflung das
lebende Inventar nämlich die Sklaven musste unter den Hammer um die
Umzugskosten und die der ersten Einrichtung zu decken Wir Männer waren für die
Fabrikarbeit bestimmt aber mit den Frauen und Kindern konnte man in der Stadt
nichts anfangen also wurden sie verauktioniert O Bob das war ein
fürchterlicher Tag und mehr als einmal habe ich während dieser Stunden bei mir
gedacht dass es eine schreckliche aber gerechte Wiedervergeltung sei für die
Menschenopfer von Dahomei
Was meine Väter viele Menschenalter hindurch ihren Untertanen zugefügt
hatten das wurde jetzt gerächt es war zum Sterben traurig Bob aber doch
noch besser als wäre ich regierender König geworden und hätte Leid über andere
Menschen gebracht
Unser Herr berief uns alle zu sich Er war so blass wie eine frischgetünchte
Wand als er das schreckliche Urteil ausgesprochen hatte Ihr wisst es Leute
sagte er ich kann nicht anders Ich würde in Gottes Namen Konkurs erklären und
als Squatter im Urwald neu wieder anfangen wenn ich damit so viele Familien vor
Leid und Unglück bewahren könnte aber was würde das nützen Meine Gläubiger
verkaufen euch doch
Niemand antwortete ihm denn da war kein einziger der nicht gewusst hätte
dass der arme Mann die Wahrheit sprach Einen Eigentümer musste damals jeder
Sklave haben so gut wie jedes Haustier wie jeder Gegenstand irgend jemand
gehören muss Es erhob sich keine Stimme kein Widerspruch nur ein verhaltenes
Schluchzen hörten wir das kam von einem der mit seiner alten Mutter
zusammenlebte und der es nicht ertragen konnte ruhig an den Verkauf der
gebrechlichen alten Frau zu denken Unser Herr legte seine Hand über die
schmerzende Stirn Wenn ihr mich tötet sagte er wenn ihr mich nicht lebend aus
eurer Mitte lasst so kann ich das begreifen
Und da tat es mir im Herzen leid um den unglücklichen Mann Bob Ich ging zu
ihm der immer gütig und freundlich gewesen war und gab ihm die Hand ein
Mensch dem andern Und alle meine Brüder taten dasselbe«
»Mongo Mongo ich hätte ihn zwischen meinen Fäusten erwürgt«
Der Neger sah ruhig in die glänzenden Augen seines jungen Gefährten »Weil
du noch keine Besonnenheit kennst Bob weil du bis jetzt nur das für wahr und
echt hältst was sich wie ein Wirbelsturm Bahn bricht« antwortete er »Glaub
mir ich fühlte es tief genug als sich mein Weib und meine Kinder zum
letztenmal an mich hingen aber ich trug das für mich allein Bob ich machte
weder den Meinen noch dem armen Herrn das Herz schwerer als es ja schon war«
Robert verstummte vor dieser Seelengrösse des armen alten Negers »Er ist
mehr Fürst als er selbst ahnt« dachte er »solche Gesinnung muss man wahrhaft
königlich nennen«
»Hast du die Deinen nie wiedergesehen Mongo« fragte er nach einer Pause
»Meine älteren Söhne« antwortete der Neger »Sie haben mich als später der
Bürgerkrieg ausbrach aufgesucht und dann Seite an Seite mit mir für die
Freiheit des schwarzen Volkes gekämpft Sind beide an einem Tage gefallen die
armen Jungen ich selbst habe sie begraben«
»Armer Mongo Und deine anderen Kinder deine Frau«
»Der Jüngste lebt Ich sagte ja er ist in deinem Alter und fährt zur See
wie wir Von meiner Frau und meiner Tochter habe ich nie wieder gehört Sie sind
damals nach Matanzas verkauft und meinen Nachforschungen ganz entzogen worden«
»Aber Mongo wie ist es einem Menschen möglich das alles so ruhig zu
ertragen Ich an deiner Stelle hätte «
Der Neger lächelte »Nun kleiner Bob was hättest du«
»Ich weiß es nicht« gestand Robert »Aber sicher ist es dass ich niemals
lernen werde ein Unglück oder etwas das sich meinen Absichten gerade in den
Weg stellt mit Ruhe oder sogar mit Ergebung zu tragen«
Mongo sah ihn gutmütig spottend an »Wollen es noch nicht aufgeben«
antwortete er »Die Zeit ändert vieles und macht aus jungen Brauseköpfen ernste
verständige Männer Wir müssten allerdings erst einmal wieder aus dieser Einöde
heraus und unter Menschen sein bevor es überhaupt möglich ist an irgend etwas
anderes zu denken Findest du nicht dass der Boden allmählich an Festigkeit
verliert«
Robert erschrak »Mongo« stammelte er »du hast recht Was bedeutet das«
Der Neger blickte sorgenvoll über die endlose Niederung »Es ist ein Sumpf
in der Nähe« antwortete er »Wir gehen ihm entgegen furchte ich«
»Mein Gott was soll dann aus uns werden«
Der Neger schwieg und beide gingen vorwärts Immer unsicherer wurde das
Erdreich unter ihren Füßen bis endlich ein weiteres Vordringen unmöglich war
Robert schleuderte einen Stein etwa zwanzig Schritte weit voraus und schon dort
spritzte der Schlamm hoch auf
»Was nun« dachte er unwillkürlich
Mongo prüfte bedächtig beide Seiten des langgestreckten Tales Zur Linken
die steile Felsenkette mit himmelhohen Spitzen zur Rechten niedere Anhöhen
zerklüftet und unwegsam aber doch die einzige Aussicht auf einen festen
Fußpfad der sich wenigstens betreten ließ ohne plötzlich unter den Schritten
der Wandernden zu versinken
»Dorthin müssen wir uns wenden« sagte er »Es ist fast aussichtslos
fürchte ich aber dennoch lass uns das letzte versuchen«
»Wie mich der Durst quält« seufzte Robert »Was gäbe ich um eine Handvoll
von dem Schnee der dort oben liegt«
»Mir wäre ein Fuhrwerk lieber« versuchte der Neger zu scherzen »Die alten
Beine wollen nicht so recht weiter besonders wenn man Seemann ist der immer
nur im Vorschiff wie auf einer Präsentierschüssel umherstelzt ohne die Kräfte
anders als mit den Fäusten zu üben«
Inzwischen suchten die beiden Verirrten den Rand des Sumpfes um auf
kürzestem Wege in das jenseitige Felsengebirge hinüberzugelangen Ihre Richtung
verlor dadurch den südlichen Strich und wurde etwas westlich aber das ließ sich
nicht ändern weil ihnen keine andere Wahl blieb Nach stundenlangem Klettern
Überspringen und Ausbiegen war endlich ein Zugang gefunden und die beiden
Wanderer nahmen ihre alte Richtung wieder auf ohne zu wissen wohin
Der Hunger quälte beide die Schwäche des Negers wurde immer größer und die
Beschwerden des Weges von Viertelstunde zu Viertelstunde unerträglicher
Manchmal öffnete sich unter ihren Füßen plötzlich die Erde und ein Felsspalt
ins Bodenlose hinabgähnend zeigte sich dann wieder schoss springend und
stäubend ein Giessbach rechts oder links über die Klippen herab fast ihren
Lippen erreichbar nur auf wenige Meter von ihnen getrennt aber durch eine
Kluft von schwindelnder Tiefe Robert beugte sich halb verzweifelt vor so weit
es ihm irgend möglich war er suchte mit den Händen das Wasser zu erreichen
aber ganz vergeblich Der Wasserstaub befeuchtete sein Gesicht während er vor
Durst gerade durch die Nähe des Wassers rasend wurde
»Es ist vergeblich« seufzte er »Lass uns weitergehen Mongo ich kann den
Bach nicht sehen ich sterbe beinahe vor Durst«
Der Alte richtete sich aus seiner zusammengesunkenen Haltung wieder auf
»Dass dich nach dem kalten Wasser so verlangt« murmelte er »ich begreife es
nicht Mir wäre ein bisschen Wärme viel lieber Hu wie kalt es hier oben ist«
Wieder ging es vorwärts ohne dass weiter gesprochen wurde Es schien als
sei die Lage zu ernst zu unerträglich um noch eine Unterhaltung zuzulassen
Nur manchmal hustete der Schwarze wenn ein neuer Windstoß kälter als die
früheren über den Höhenkamm daherfuhr
Die Sonne begann hinter den Bergen zu versinken Robert dachte mit Grauen an
den Einbruch der Nacht und an die Notwendigkeit diese langen düsteren Stunden
frierend und hungernd auf den Steinen zu verbringen Ihn schwindelte bereits
sein Kopf schmerzte und der Wunsch um jeden Preis zu schlafen wurde immer
stärker Er hätte die Augen schließen und alles um sich herum vergessen mögen
»Wärme« ächzte Mongo »ach Wärme Ich kann nicht weiter«
»Wasser Wasser meine Zunge klebt am Gaumen«
»Lass uns eine Stelle suchen wo wir sitzen können« flüsterte matt der
Neger »Meine Füße tragen mich nicht mehr Oder nein Bob geh du allein weiter
geh in Gottes Namen mein Kind und überlass mich dem Tode der schon seine Arme
nach mir ausstreckt Du sollst nicht bei mir bleiben hörst du«
Robert schüttelte den Kopf »Nein Mongo niemals Ehe ich dich verlasse
sterben wir beide zusammen Nein keine Macht der Welt ändert diesen Entschluss«
Der Alte blieb erschöpft stehen »Wie plötzlich das kommt« murmelte er
»Ich kann unmöglich weitergehen Bob«
Robert zog den Arm des Negers unter den seinen »Dort sehe ich eine Art
Vorsprung oder Plattform« sagte er »komm Mongo stütze dich auf mich Wir
wollen langsam hingehen«
Schritt für Schritt den taumelnden alten Mann führend gelangte er zu einer
Art Terrasse oder natürlicher Bank vor der sich ein breiter Felsspalt öffnete
Was auf der andern Seite lag war schwarzer verwitterter Fels mit zahllosen
Schluchten und Höhlungen deren tiefes Dunkel ihm unheimlich entgegengähnte
Robert kümmerte sich nicht mehr darum Er selbst war weit entkräfteter als
er dem Alten zugestehen wollte und auf seinen Augenlidern lastete es wie Blei
»Das ist der Tod« dachte er »Hunger und Kälte drohen uns zu besiegen Oh es
wäre schrecklich hier zwischen nackten Felsen zu sterben von aller Welt
verlassen den Raubtieren zur Beute«
Mongo legte die todkalte Rechte auf seines jungen Freundes Schulter »Bob«
sagte er noch einmal »Bob geh fort Du musst leben weil du jung bist um
deiner Zukunft deiner Eltern willen Geh weshalb willst du mich sterben sehen
Noch bist du nicht hungrig genug um mein Blut trinken zu können Geh
Geh «
Robert schluchzte ohne es zu wissen aus Schwäche »Dein Blut Mongo
Großer Gott sprich nicht so schreckliche Worte Ich sterbe mit dir oder wir
«
Er unterbrach sich plötzlich selbst »Mongo was ist das Ein Schatten
der sich bewegt dort dort«
Seine ausgestreckte Hand deutete auf den gegenüberliegenden Felsen »Sieh
Mongo ich bitte dich sieh«
Der Neger öffnete gleichgültig die Augen Ein matter seelenloser Blick
streifte die bezeichnete Richtung »Wo Bob ich sehe nichts«
Im nächsten Augenblick sanken die Wimpern bereits schwer wieder herab Seine
Lippen bebten wie die eines bewusstlosen Fieberkranken
Roberts Herz klopfte schneller Dort drüben bewegte sich ohne Zweifel ein
lebendes Wesen Schatten zuckten auf und verschwanden er sah es deutlich und
er sah sogar noch mehr den Kopf eines Tieres mit geöffnetem Maul und
lechzender Zunge er hörte ein heiseres Schnaufen
»Mongo Mongo ein Wolf«
Er konnte sich nicht mehr um den Alten kümmern Langsam erschien jetzt
hinter der Felsenecke auf der andern Seite der breiten Kluft die hagere
langgestreckte Gestalt des Raubtieres Der dicke unförmige Kopf die falschen
schiefstehenden Augen besonders aber die heiße rote Zunge verrieten den
schlauen Feind der nur von äusserstem Hunger getrieben werden kann einen
lebenden Menschen anzufallen der dann aber auch alles daransetzt und
unerbittlich sein Opfer verfolgt bis er es gepackt und überwältigt hat
Das Tier musste halb verhungert sein denn es bestand fast nur noch aus Haut
und Knochen Das fahlgelbe ins Weissliche spielende Fell hing ihm schlotterig um
die Rippen und der lange behaarte Schweif schleppte am Boden
Fast schien es als sei das Tier im Begriff zum Sprung anzusetzen dann
aber zog es sich plötzlich zurück als ob es fürchtete dass für die weite
Entfernung seine Kraft nicht ausreichen werde Es stieß ein kurzes dem
Hundegebell ähnliches Kläffen aus und beobachtete die beiden unerwarteten Gäste
seines Felsengebietes
Robert hatte alle seine Geistesgegenwart beisammen Er maß in Gedanken die
Breite der Kluft und fragte sich ob der Angriff wahrscheinlich sei Wenn das
Tier glücklich herüberkam dann war er verloren dann gab es gegen diese
fürchterlichen Zähne keine Waffen
Natürlich er hätte fliehen können aber dann musste er den hilflosen Alten
im Stich lassen Doch der Gedanke lag ihm völlig fern »Nie nie und wenn ich
in der nächsten Minute von den Fangzähnen des Tieres in Stücke zerrissen werde«
Fast schien es als sollte es so kommen Der Wolf trat an den äußersten Rand
des Felsens setzte Vorderund Hinterläufe so nahe wie möglich nebeneinander und
duckte sich zum gewaltigen Sprung Ihn trieb der nagende Hunger selbst das
Aussichtsloseste zu unternehmen um nur überhaupt etwas für die knurrenden
Eingeweide zu erjagen
Robert wurde immer ruhiger je näher der entscheidende Augenblick herankam
Er wusste was ihm allein übrig blieb wenn der Wolf den Sprung wagte und er war
entschlossen sein eigenes und Mongos Leben so teuer wie möglich zu verkaufen
Seine Fäuste waren geballt seine Augen begegneten dem Blick des Raubtieres
Da erhob sich der Wolf wie es schien zögernd mit innerem Widerstreben zum
Sprung Im nächsten Augenblick schwebte die dürre gelbe Gestalt über dem
Abgrund in der Luft
Das war es worauf Robert gewartet hatte Mit aller Kraft warf er die linke
Faust der Bestie entgegen während er sich selbst mit der Rechten an den Felsen
klammerte Hätte der Wolf mit Krallen oder Zähnen die andere Seite erreichen
können so würden ihn selbst die vereinten Kräfte mehrerer Männer von dort nicht
wieder vertrieben haben während bei dem übermäßig weiten Sprung schon der Stoß
von Roberts Faust genügte um das Tier aus dem Gleichgewicht zu bringen
Sekundenlang drehte sich mit allen Gliedern arbeitend und ringend das
große Tier in der Luft dann stürzte es mit dumpfem Poltern hier und da
aufschlagend oder die Wände streifend hinab in das Bodenlose Robert hörte ein
kurzes Ächzen einige röchelnde Töne und darauf wurde alles still
Er wischte sich den Schweiß von der Stirn der trotz des eisigkalten Windes
in großen Tropfen daraufstand Er fühlte dass er taumelte dass sich alles um ihn
drehte Und was war das Was lief ihm warm über die linke Hand herab
Blut Ganze Ströme von Blut Eine tiefe Fleischwunde zog sich über die
obere Fläche der Hand hin vielleicht von den scharfen Felszacken gerissen
vielleicht von den Zähnen des wütenden Tieres
Robert sah sich rasch nach dem Alten um Was hatte vorhin der Neger gesagt
»Mein Blut möchtest du ja doch nicht trinken« Das fiel ihm jetzt plötzlich
wieder ein Vielleicht ließ sich dadurch die schwindenden Kräfte des
Verhungernden zurückhalten vielleicht konnte Mongo noch schlucken und sich
erholen
Er trat zu dem Betäubten legte dessen Kopf in seinen rechten Arm und ließ
von der Wunde der linken Hand das Blut auf die halbgeöffneten Lippen träufeln
Schon bei den ersten Tropfen sah er wie Mongo begierig sog aber offenbar ohne
Bewusstsein was um ihn herum geschah
»Es ist gut« dachte Robert »dass mich der Wolf ein wenig geschrammt hat So
konnte ich dem armen Mongo doch noch einen letzten Dienst erweisen Wir werden
nun beide schlafend erfrieren Aber mich freut es doch dass ich den Wolf tötete
es muss grässlich sein lebend von Zähnen und Krallen zerrissen zu werden«
Nachdem die Wunde ausgeblutet war ließ er den Kopf des Negers sanft gegen
die Felsenlehne zurücksinken und suchte selbst eine etwas bequemere Stellung
Mongos Lippen bewegten sich »Das war gut« murmelte er »ach so warm Nun
möchte ich schlafen«
Robert lächelte während ihm sein Herz schwer wurde Er nahm in Gedanken
Abschied von allen die er liebte Morgen mit Tagesanbruch würde er tot sein er
fühlte es und der nächste Wolf der dann des Weges kam würde zwei Leichen zum
Frass vorfinden
Hin Schauer überrieselte ihn Gab es denn keine keine Rettung
Nein es war alles verloren Schon der Versuch aufzustehen und einige
Schritte zu gehen misslang vollständig Sobald er sich erhob drehten sich
Felsen und Klüfte ja selbst die Sterne am Himmel im Kreise herum
Und dabei fühlte er weder Frost noch Hunger nur eine unbeschreibliche
Mattigkeit ein Verlangen nach Schlaf das fast bis zur Betäubung gesteigert
war Er schloss die Augen und faltete die Hände »Vater im Himmel dir befehle
ich meine Seele vergib mir meine Schuld und lass mich selig auferstehn
«
Ein Lächeln umspielte seine Lippen Er fühlte sich wie auf Flaum gebettet
wie getragen und aller Druck war von seiner Brust genommen Tönten nicht dort
durch die Stille des Abends leise Glöckchen Bewegten sich nicht dunkle Schatten
durch den Felsenpass auf ihn zu
Ein halblauter Anruf durchdrang die Luft Wie Gespenster verschwanden die
nächtlichen Gestalten nur ein leises Knacken war rings in den Felsspalten zu
hören
Robert lächelte Er wusste es jetzt ihm hatte von der ganzen grauenvollen
Wanderung durch die Steinwüste nur geträumt er war nicht einsam nicht
verlassen sondern Menschen beugten sich über ihn fassten seine Hände und
redeten in fremder Sprache Er wurde aufgehoben ein scharfer Geruch drang in
seine Nase und heiß wie fliessendes Feuer lief Branntwein durch seine Kehle
hinab
Auf flüchtige Augenblicke erwachte er ganz Im Sternenschein sah er kleine
dunkelhäutige und seltsam in Rentierfelle gekleidete Menschen um sich herum
versammelt er hörte dass sie miteinander sprachen und fühlte die Wärme des
eingeflössten Branntweins alle seine Adern durchrieseln
»Das sind wandernde Lappen« dachte er glücklich »gottlob wir sind
gerettet«
Und dann konnte er dem Schlaf nicht länger widerstehen
Als er erwachte strahlte die Sonne hell vom Himmel herab Ein Dach aus
Rentierfellen wölbte sich über seinem Kopf Felle lagen unter ihm und auf ihm
während Mongo an seiner Seite ebenso weich gebettet noch fest schlief Der Alte
atmete ruhig seine Farbe war nicht mehr so grau sein ganzes Aussehen besser
Robert schob die Felle zurück und erhob sich um mehr zu erfahren Als er
durch eine Spalte der Zeltbahnen hinaustrat ins Freie drohten zwar seine Füße
noch den Dienst zu versagen aber er überwand diese Schwäche und blickte um
sich Ein vollständiges Zeltlager der Wanderlappen lag vor ihm Überall waren
auf starke Pfähle die Rentierfelle gespannt überall wimmelte es von den braunen
Gestalten die hin und herliefen um auf heißen Steinen ihre Mehlkuchen zu
backen die Rentiere zu beaufsichtigen oder zu melken und sie dann
hinunterzutreiben in das Tal wo Rentierflechte und Moos wuchsen das sich die
klugen Geschöpfe selbst suchten
Nur ein mächtiges großes Tier ein Sechzehnender mit mehreren Glöckchen um
den schlanken Hals stand festgebunden neben einem Zelt das etwas größer war
als die übrigen Dieses Ren schien gegen alle sonstige Gewohnheit als Reittier
zu dienen denn auf seinem breiten Rücken lag ein Sattel aus Leder und Wollzeug
An den Zeltstangen hingen Zügel Peitsche und verschiedene Geräte während alles
nach großer Armut aussah Die Kleidung schien bei Männern und Frauen gleich zu
sein sie bestand überall aus einem langen Pelzrock der enge Beinkleider
ebenfalls aus Pelz erkennen ließ Dazu kam eine spitze mit Federn geschmückte
Mütze und sogenannte »Komager« selbstgefertigte plumpe Stiefel aus
Rentierleder Eine kurze Pfeife sah Robert bei fast allen Männern und Frauen
Er hatte Zeit genug sich umzusehen da sich niemand besonders um ihn
kümmerte sondern jeder ganz mit dem Frühstück beschäftigt schien Eine alte
Frau abschreckend hässlich und braun wie eine Indianerin hockte neben einem
flachen Fels auf dem ein helles Feuer loderte Sie rührte in dem
darüberhängenden eisernen Kessel und sang mit tiefem Kehlton ein Lied dessen
schwermütige Weise zu der ganzen verödeten Umgebung besonders gut passte Als
letztes Wort eines jeden Verses hörte Robert immer einen und denselben Namen
»Jubinal«
»Das wird die Zauberin des Stammes sein« dachte er »Die heilt Kranke und
bespricht das Vieh und liest in den Sternen Vielleicht gehört ihr sogar dieses
schöne Rentier mit seinen klugen Augen«
Er streichelte den braunen Rücken während ihn die Alte heimlich beobachtend
ansah Dann stand sie auf und brachte ihm einen hölzernen Napf voll dampfender
Milchsuppe und einen Löffel Ihre Gebärden luden ihn ein sich zu setzen und zu
essen
Robert übersah den schwärzlichen Rand der Schüssel und den plumpen Löffel
von äußerst zweifelhafter Sauberkeit er atmete mit wahrem Entzücken den Duft
der frischen Milch Aber das wollte er nicht allein haben sondern Mongo sollte
es mit ihm teilen
Er nickte lebhaften Dank und wollte ins Zelt zurückkehren als ihn die Alte
am Arm festhielt Ihre Handbewegungen zeigten ihm dass für seinen Begleiter noch
reichlich Suppe da sei er möge nur ruhig essen
Und so setzte er sich denn auf ein Felsstück um das sonderbare Mahl zu
beginnen Einige Lappen brachten ihm heiße Mehlkuchen die er vielleicht zu
Hause in Pinneberg kaum für Pikas gut genug gefunden hätte die ihm aber
erfroren und halb verhungert wie er war ganz köstlich schmeckten
Das Mütterchen am Herd füllte mit stillem Lächeln zum zweitenmal den großen
Napf und freute sich sichtlich als auch diese Portion hinter Roberts Lippen
verschwand
Was sie sagte klang so entschieden wie ein »Nun wirst dus aushalten mein
Söhnchen« dass er den Sinn deutlich heraushörte und mitlachte Seine Kräfte
waren jetzt so ziemlich zurückgekehrt und sein Mut hatte seine alte Spannkraft
vollständig wiedergefunden Er ging von einer Gruppe zur anderen versuchte
überall vergeblich in deutscher oder englischer Sprache eine Unterhaltung
anzuknüpfen und ließ sich endlich eine jener kurzen verräucherten Pfeifen
anbieten die von allen geraucht wurden
Nachdem er schließlich alle einzeln begrüßt hatte ging er in sein Zelt
zurück und sah nach dem Neger Mongo lag mit offenen Augen da und schien zu
glauben dass er träume Ein Dach über ihm warme Felle um ihn herum er begriff
nicht was das alles bedeuten könne
»Bob« murmelte er »Bob wo sind wir«
Robert lachte »Noch auf derselben Stelle von gestern Alter« rief er
fröhlich »Die Geister des Gebirges haben uns alles Nötige hergebracht und
stehen auch weiterhin zu unserer Verfügung Soll ich sie dir zeigen«
Mongo richtete sich mühsam auf »Du sitzst schon wieder auf dem hohen Pferd
Spitzbube« sagte er gutmütig lächelnd »Leih mir für ein paar Züge die Pfeife
hörst du«
Robert gab sie ihm sofort und der Schwarze rauchte tüchtig drauflos »Ach«
sagte er »das wärmt das tut gut«
Und als er eine Zeitlang sinnend dagelegen hatte während der heiße Rauch
sein Gesicht umspielte heftete er plötzlich auf Robert einen fragenden Blick
»Du« sagte er »Bob was war das gestern was hast du mir zu trinken gegeben
Es hat mir im letzten Augenblick geholfen War es Branntwein aus den Flaschen
der Lappen«
Robert errötete »Ich glaube wohl Mongo« versicherte er
Da sah der Neger die große klaffende Wunde »Bob« rief er »Bob du
sprichst die Unwahrheit du hast mich dein Blut trinken lassen du guter
Kerl«
Der Junge lachte »Mach um Gotteswillen keine Heldentat daraus« sagte er in
heiterem Ton »Der Wolf hatte das Loch gerissen also konnte ich dir wohl den
angenehmen Trunk in den Mund laufen lassen Brr ich sollte dich eigentlich um
Verzeihung bitten Mongo«
Der Neger reichte ihm matt die Hand »Du bist ein braver herzensguter
Junge Bob« sagte er gerührt »und wenn mein Leben auch nur das eines alten
Niggers ist gerettet hast dus doch«
Robert schüttelte die dargebotene Hand »Und so weiter« lachte er »Jetzt
steh nur auf Alter und stütze dich auf mich dass du hinauskommst in den
Frühstückssalon aus Felsen mit einer blauen Wolkendecke darüber Draußen wächst
eine warme Milchsuppe sage ich dir dass dein Magen verborgene Schleusen auftut
und mehr vertragen kann als sonst in vier Mahlzeiten«
Er half dem Alten sich zu erheben und führte ihn dann in die Sonne wo er
zitternd auf den nächsten Sitz zurücksank »Hat mich doch verteufelt
angegriffen Bob« murmelte er »Bin noch ganz schwach«
Robert sprang zurück und brachte einige Felle die er dem Alten über die
Schultern legte und dann erschien auch das braune Weib mit der Holzschale
deren Inhalt den Neger neu belebte Er schlürfte in langen behaglichen Zügen
»Du« sagte er endlich »hat sich der Häuptling schon gezeigt oder sahst du ihn
noch nicht«
»Welcher Häuptling Mongo«
»Nun einen Anführer wird der Stamm doch haben Kind Und in diesem Zelt
hier wohnt er«
Seine ausgestreckte Rechte deutete auf das größere und etwas sorgfältiger
hergerichtete Zelt das Robert schon früher aufgefallen war »Das ist der
Priester oder Anführer« fügte er hinzu »Dort hinter den Fellen steckt er das
kannst du mir glauben«
»Dann locke ihn heraus Mongo«
Der Neger lächelte »Wie leicht du umspringst mit solcher braunen Majestät
Bursche Und nebenbei wer kann sich in seiner Sprache verständlich machen«
»Ja da steckt der Knoten Ich hoffte dass diese braunen Kerle dänisch reden
würden dann hätte ich zur Not antworten können aber es muss mehr russisch sein
was sie sprechen dem Grunzen ihrer Rentiere nicht unähnlich«
»Du junger Taugenichts wie dir der Kamm schwillt sobald es dir
einigermaßen leidlich geht Und ich habe dich doch gestern abend beten hören
oder dachtest du vielleicht laut als es schien dass alles verloren sei«
Robert drohte errötend dem Alten mit dem Zeigefinger »Nun« sagte er »darf
denn ein tüchtiger Kerl nicht mehr in der Not seinen Herrgott anrufen ohne von
solch einem bösartigen hinterlistigen Mongo gleich belauscht zu werden Du
Erzschelm stelltest dich schlafend um mich den Wolf allein töten zu lassen
jetzt weiß ichs«
Der Neger sah fragend von seiner Suppenschüssel auf »Den Wolf Bob Ich
denke du hast die Geschichte nur geträumt«
»Dachtest du« lachte Robert »Das Tier liegt dort drüben im Abgrund und
hier meine Hand zeigt die Spuren des Kampfes«
Er hob die Wunde empor so dass Mongo heftig erschrak »Nun nun« rief er
»und damit läufst du so ruhig umher als sei es ein Mückenstich Aber warte die
braune Hexe dort wird bestimmt irgendeine Salbe besitzen oder ich müsste mich
auf solche klugen Mütterchen nicht verstehen«
Er erhob sich und ging mit langsamen Schritten noch schwankend wie ein
Schiff unter vollen Segeln auf den Herd zu und setzte sich dort neben die Alte
mit der er eifrig gestikulierend ein Gespräch anzuknüpfen versuchte Beide
redeten konnten sich aber kaum verständigen Schließlich musste Mongo seinen
Zweck erreicht haben denn das Mütterchen humpelte fort um aus einem der Zelte
einen alten verrosteten Blechnapf herbeizuholen den sie von einer dichten
Staubschicht befreite einige Splitter und Steine herauswarf und darauf mit
einem Messer etwas von dem Inhalt auf ein weiches Lederläppchen strich
»Komm her Bob« rief der Neger »Lass dir die Hand verbinden«
Robert näherte sich gehorsam »Weiß Gott« dachte er »wie sich die beiden
alten Menschen verständigt haben Es muss schon so eine Art von Verwandtschaft
sein die sie beide fühlen anders könnte ich mir die Sache nicht erklären«
Er ging aber doch hin und spürte auch schon sehr bald die heilende Wirkung
der Salbe Das Brennen an den Rändern der Wunde hörte auf die straffgespannte
Haut wurde wieder weich und die Röte ging zurück Mongo erklärte dass jetzt die
Sache ohne Gefahr sei »Und wo haben wir nun den erlegten Wolf« fragte er »Der
Bursche muss doch diesen guten Leuten sein Fell abtreten wenn die Kluft nur
einigermaßen zugänglich ist«
Robert ging rasch zu der Stelle die ihm vom gestrigen Abend her noch
deutlich in Erinnerung war und blickte in den sonnenbeleuchteten Abgrund hinab
»Da unten liegt der Räuber« rief er »du kannst ihn von hier aus deutlich
sehen Mongo aber heraufholen lässt er sich nicht In den zackigen Spalt würde
kein Mensch hinabsteigen können«
Mongo lächelte »Wir nicht Bob aber unsere braunen Freunde können das Gib
nur acht was du erleben wirst«
Er winkte einen der Lappen zu sich heran zeigte ihm in seiner
Gebärdensprache das erlegte Tier und versuchte ihm klar zu machen dass Robert
der glückliche Sieger sei Der Rentierjäger schien kaum seinen Augen zu trauen
»Mit der bloßen Faust« fragten seine erstaunten Augen Robert nickte lachend
Er deutete in den Abgrund hinab und schüttelte den Kopf als wolle er sagen
»Aber dorthin führt doch kein Weg«
Der Lappe pfiff durch die Zähne Dann besprach er sich mit einigen anderen
die neugierig herbeikamen und lebhaft durcheinander redeten Der ganze Trupp
machte sich an die Untersuchung der Felsschlucht um auszukundschaften ob nicht
ein Weg hinabführe auf den untersten Grund aber hier war alle Mühe vergebens
man musste von oben hineinsteigen oder man kam niemals dahin
Robert bat die Leute das Wagnis aufzugeben fand jedoch damit kein Gehör
Im Gegenteil der gewandteste Bursche ließ sich von den andern ein festes Seil
um den Leib schnüren das drei Männer festielten und kletterte dann mit einem
langen unten zugespitzten Gebirgsstock von Klippe zu Klippe in die Schlucht
hinein Mehr als einmal verloren seine Füße den festen Halt so dass er plötzlich
über der schwindelnden Tiefe in freier Luft am Seil schwebte aber ohne ein
Zeichen von Hast oder Unruhe suchte er die nächste Spitze die ihm erlaubte
darauf zu treten und gelangte so allmählich von Stufe zu Stufe immer tiefer
hinab In der Mitte des Weges verengte sich der Spalt und es schien unmöglich
hier eine freie Bewegung auszuführen Während der tollkühne Jäger mit halbem
Körper zwischen den Felsen stand konnte er nicht sehen wohin seine Füße
traten sondern suchte tastend mit den Zehenspitzen nach einem erreichbaren
Halt
Oben schwieg alles Robert und Mongo sahen sich an »Was wird er jetzt tun«
dachten beide ohne jedoch auch nur ein einziges Wort zu sprechen
Der Lappe rief in seinen tiefen Kehltönen einige kurze Silben herauf und
sogleich ließ die drei Männer die ihn hielten langsam das Seil in die Tiefe
hinab bis endlich aus der Schlucht ein neuer Zuruf verkündete dass unten der
Jäger wieder festen Fuß gefasst hatte Frei am Seil hängend hatte er sich
furchtlos von den Fäusten der Obenstehenden durch den Engpass tragen lassen und
konnte jetzt wieder klettern
Robert klatschte unwillkürlich in die Hände Das war mehr als selbst ein
tüchtiger Seemann leisten konnte der im Sturm aussenbords die Strickleitern
erklettert Diese Ruhe diese tollkühne Sicherheit flössten ihm hohe Achtung ein
»Bravo« rief er »Bravo«
Die Lappen beachteten seinen Beifall kaum Sie hielten die ganze Sache
höchstwahrscheinlich für ein sehr alltägliches Ereignis und dachten nur an die
Wolfshaut die sie um jeden Preis an sich bringen wollten Vom Grunde der
Schlucht herauf hörte man jetzt wieder einige Worte worauf das Seil sofort
nachgab Während es einer der Männer festhielt liefen die beiden anderen fort
um ein zweites ähnliches herbeizuholen das dann auf den Felsboden der Schlucht
herabgelassen wurde Nachdem der untenstehende Jäger dies Seil an dem Körper des
toten Wolfes befestigt hatte ließ er sich in derselben Weise wie er
hinuntergekommen war auch wieder heraufbefördern und dann machten sich alle
vier daran mit vereinten Kräften den Wolf heraufzuziehen
»Siehst du« sagte Mongo »Ich wusste es wohl So verbringen diese Menschen
das ganze Leben Immer in Gefahr immer auf der Jagd kletternd und springend
die gesunden Glieder aufs Spiel setzend und den Tod verachtend das ist ihr
Beruf Im Sommer fangen sie auf unzugänglichen Klippen und in tief versteckten
Felsenhöhlen die jungen Möwen die Alken und Schwimmvögel im Winter jagen sie
das Ren und zu allen Jahreszeiten kämpfen sie mit großen Raubtieren um doch
für diese unausgesetzten Mühen und Gefahren kaum soviel zu haben dass sie sich
jeden Tag satt essen können Das ist der strenge geizige Norden«
Roberts Augen leuchteten »Aber er erzieht Männer Mongo« antwortete er
»Im Süden gibt die Erde dem Menschen freiwillig alles was er braucht und
erschlafft ihm daher ebenso wie sie ihn übermütig macht Denke an die
Menschenopfer von Dahomei Alter und frage dich ob sie hier im Norden unter
solchen Männern möglich wären«
Mongo wiegte den Kopf »Hm hm« antwortete er »Menschen werden nicht mehr
abgeschlachtet das ist sicher aber dennoch «
»Nun Mongo dennoch«
Der Neger hob die Hand »Ich weiß nichts Bestimmtes« sagte er »möchte aber
behaupten dass diese Leute doch noch Heiden sind Es gibt so kleine Zeichen
dafür«
Robert schüttelte den Kopf »Das ist unmöglich Alter Seit länger als
hundert Jahren sind die letzten Lappen zum Christentum bekehrt werden getauft
und konfirmiert wie alle anderen schwedischen oder norwegischen Bürger«
Mongo lachte »Ja Bob das wohl Sie zahlen auch Steuern und sind doch
Wilde ebenso lassen sie ihre Kinder taufen und beten doch zu Pakal und Jubinal
Ich bin schon einige Male in Trondhjem gewesen und habe selbst mit Leuten
gesprochen die das Innere Skandinaviens bereist hatten Dorthin gehen noch
heute die Missionare ebenso wie nach Grönland oder Afrika«
Die Lappen hatten mittlerweile den toten Wolf heraufgezogen und über den
Rand des Abgrundes auf die feste Erde gelegt Das Tier war ein Riese seiner Art
fast anderthalb Meter lang und mit Zähnen die auch dem Mutigsten Furcht
einflößen konnten
»Armer Kerl« lachte Robert »du hofftest halb verhungert wie du warst auf
einen fetten Braten und fandest dagegen den Tod«
Mongo nickte »Ging es Sheppard und Morris besser als diesem Tier« fragte
er »Sie wollten Gewalt an die Stelle des Rechts treten lassen und mussten es mit
ihrem eigenen Leben bezahlen Wer andern eine Grube gräbt fallt selbst hinein«
»Die Unglücklichen« schauderte Robert »Sahst du ihre Leichen Mongo«
Der Neger schüttelte den Kopf »Ich sah einen Hai Bob der mit grünlich
schillerndem Rücken die Trümmer des gestrandeten Schiffes umschwamm Ein Delphin
glitt an ihm vorüber ohne dass er es bemerkte er musste also wohl sehr satt
sein «
Robert antwortete nicht Seine Blicke bewunderten die schnellen Handgriffe
mit denen das Fell abgezogen und der Körper des Tieres zerlegt wurde Während
die unbrauchbaren Überreste ohne lange Umstände wieder in den Felsspalt geworfen
wurden hing man die ganze Beute an ausgespannten Seilen auf um sie von dem
scharfen Nordost vollständig austrocknen zu lassen Die Lappen gingen in den
Zelten ihren verschiedenen Arbeiten nach machten Holzschnitzwaren verfertigten
aus Rentiersehnen einen groben Zwirn und strickten Handschuhe Die Frauen webten
einen braunen Wollstoff aus dem ihre Sommerkleider bestanden und das alte
Mütterchen kochte auf den Steinen des Herdes zum Mittagsmahl ein Stück gedörrtes
Rentierfleisch dem Zwiebeln und verschiedene Wurzeln zugesetzt wurden
Noch immer hatte sich die Tür des großen Zeltes nicht geöffnet
Robert und Mongo machten sich auf um die Ausdehnung und die nächste
Umgebung des Lappenlagers auszukundschaften Da sie mit keinem der Männer
sprechen konnten musste die Verständigung über ferneres Beieinanderbleiben von
selbst erfolgen Gutmütig und harmlos wie die armen Leute waren schien das für
sie offenbar eine ausgemachte Sache zu sein
Mongo sah vor einem der Zelte einen Lappen sitzen der mit der
Handschuhstrickerei beschäftigt war Das luftige Gebäude lag etwas abseits von
den übrigen und war ganz schmucklos und niedrig Es schien als Stall zu dienen
denn aus dem Innern des kleinen Raumes drang das lustige Krähen eines Hahnes
weit in das Gebirge hinaus
Mongo lächelte eigentümlich »Komm« sagte er »lass uns einmal in dies Zelt
hineinsehen Alle anderen durften wir ja besichtigen warum also dies nicht«
Er ging mit Robert bis an die Wand aus Fellen und wäre im nächsten
Augenblick hineingeschlüpft wenn nicht der Lappe plötzlich den Arm ausgestreckt
hätte Ein verständliches Kopfschütteln zeigte den beiden dass das Betreten
nicht erlaubt sei In diesem Augenblick krähte der Hahn zum zweitenmal und der
langgezogene Ton schien den Lappen offenbar zu erschrecken Er zuckte und sah
misstrauisch empor
Ein ungeduldiger Laut und ein gebieterisches Ausstrecken des Zeigefingers
legte den beiden nahe ihre Absicht sofort aufzugeben und weiterzugehen Mongo
hatte auch alles erfahren was er wissen wollte »Dort werden die Opfertiere
gefangen gehalten« sagte er »Glaub mir der Stamm hätte sich nie so weit nach
Norden hinauf verirrt wenn nicht die Reise mit einem geheimen Zweck verbunden
wäre Diese christlich getauften und konfirmierten norwegischen Bürger wollen
einen heidnischen Götzendienst verrichten deshalb sind sie hier«
»Oh Mongo du träumst«
»Aber nein mein Junge Die Regierung verfolgt und bestraft natürlich solche
Ausschreitungen sie kann sie aber nicht unterdrücken sondern nur aus ihrem
Bereich verbannen Hier wo kein Dorf und keine Ansiedlung mehr steht wo kein
Baum oder Strauch wächst und kein Mensch seinen Wohnsitz aufschlagen könnte
hier hört das Gesetz auf Gesetz zu sein Die Saita so heißt der Tempel oder
Opferstein Jubinals ist in dieser unwegsamen Wüste vor allen Blicken allen
Enteiligungen und Beobachtungen wirksam geschützt Das Opfer kann vollzogen
werden ohne die heidnische Schar straffällig zu machen und eben deshalb
wandert der Stamm auf seinem Wege zum Meer durch diese wüste Gegend Gib nur
acht wir werden die Saita sehr bald finden«
Robert konnte nicht glauben was der Neger sagte »Aber Mongo« wandte er
ein »wie wäre das möglich Denk doch an den ständigen Verkehr der Lappen mit
den Norwegern ihren Küstenhandel ihre Besuche auf den Märkten von Bergen und
Trondhjem Sie sind längst schon keine Wilden mehr«
Mongo schüttelte den Kopf »Lappen und Lappen« antwortete er »das ist ein
Unterschied Während die Grenznachbarn des Norrlandes am Lyngenfjord schon
beinahe als gewöhnliche norwegische Ansiedler und Viehzüchter gelten können
sind die nomadischen Stämme oben an der Polargrenze wieder ein ganz anderer
Menschenschlag der zu den Samojeden und Kirgisen in weit näherer Verwandtschaft
steht als zu den Weißen Du musst bedenken dass Norwegen von einem Ende zum
anderen gemessen seine dreihundert Meilen lang ist«
Robert nickte »Das wusste ich zwar auch Mongo« antwortete er »Aber wo
hast du all diese Einzelheiten erfahren«
»Kind ich bin länger als fünf Jahre auf Walfang Was soll ein alter Mensch
machen In den Fabriken wollen die Leute einen vollwertigen Arbeiter haben und
in den vornehmen Häusern einen jungen gewandten Diener also blieb mir nichts
übrig als auf Grönlandfahrern den Tran auszubraten dafür taugt jeder der nur
Augen und Hände besitzt«
»Und nun gib acht« fuhr er fort »dort hockt wieder eine Lappe mit kurzer
Pfeife und hölzernen Stricknadeln zwischen den Fingern Es ist die Saita die er
bewacht«
Mongo versuchte nicht sich diesem zweiten Hüter bemerkbar zu machen Robert
und er schlugen eine seitliche Richtung ein um die ziemlich hohe Felsspitze von
hinten in Augenschein zu nehmen »Siehst du« flüsterte der Neger »dort wimmelt
es von eingegrabenen Figuren und Zeichen Das sind sogenannte Runensprüche die
aus der vorchristlichen Zeit stammen«
»Die will ich in der Nähe sehen« drängte Robert »und wenn ich zu diesem
Zweck länger als der ganze Stamm hier bleiben müsste Mongo wer hat dir das
alles erzählt«
Der Schwarze lächelte »Ich bin fast sechzig Jahre alt du Heisssporn das
vergiss nicht Wenn jemand in meinem Alter zwei Drittel seines Lebens in guten
Häusern verbracht hat viel mit Missionaren verkehrte und im allgemeinen an der
Geschichte der farbigen Völkerstämme durchaus Anteil nahm so ist es kein
Wunder dass er ihre Religionsübungen oder besser gesagt ihren Götzendienst
genauer studiert hat Ich könnte dir voraussagen wie lange die Lappen noch
bleiben und was sich dort an diesem Felsen am letzten Abend ihres Hierseins
ereignen wird«
Robert zitterte vor Neugier »Nun Mongo und «
»Willst du es dir nicht lieber selbst ansehen« lächelte der Neger
»Gern Aber wird man uns zulassen«
»Natürlich nicht« lachte Mongo »Komm lass uns einen anderen Zugang suchen
Dieser braune Geselle in seiner rührenden Einfalt zeigt uns ja dass hier die
Saita liegen muss«
Die beiden Abenteurer umgingen suchend den Felsen dessen Rückwand sich in
einem Gewirr von Klippen und Schluchten verlor den aber doch eine ziemlich
breite Kluft von seiner Umgebung derartig trennte dass kein Mensch ohne weiteres
hinübergelangen konnte Desto besser ließ sich allerdings der ganze obere Raum
von hier aus frei überblicken besonders da die hinteren Zacken und Spitzen
bedeutend höher lagen als der vordere glatte Felskegel Mongo und Robert sahen
eine Art flachen etwa einenMeter hohen natürlichen Sockel aus Granit den
jedoch Menschenhände geformt und abgeschliffen haben mussten vielleicht vor
tausend Jahren schon da die Runensprüche in ihren Einzelheiten nur noch schwer
erkennbar waren In der Mitte des flachen Steines war alles schwarz überkohlt
»Siehst du« flüsterte Mongo »darum die beschwerliche Reise in den höchsten
Norden hinauf wo nicht einmal Brennmaterial zu finden ist wo die Rentiere halb
verhungern und alte Leute und Kinder vor Kälte umkommen Wenn der Vollmond hoch
am Himmel steht wird hier das Opferfest gefeiert«
»Und dazu meinst du dient der Hahn der in dem verschlossenen Zelt
krähte«
»Ein Pferd ein Hahn und ein Habicht« erwiderte Mongo »Das Pferd wird hier
der äußeren Verhältnisse wegen durch ein Ren ersetzt höchstwahrscheinlich ein
ganz weißes was man sehr selten findet Früher nahm man statt dieser Tiere
Menschen so zum Beispiel forderte das große jährliche Sühneopfer
neunundzwanzig und ebenso viele starke Tiere«
»Aber das muss doch in der vorchristlichen Zeit gewesen sein Mongo«
»Natürlich Die letzten Überreste dieser entsetzlichen Opfer aber haben sich
hier in dieser weltabgelegenen Gegend zum Teil noch erhalten wenn sie auch nur
noch an Tieren vollzogen werden«
»Mongo hast du selbst jemals ein solches Opfer mit angesehen«
Der Neger schüttelte den Kopf »Ausserhalb meiner Heimat nicht Bob Aber ich
will dir Gelegenheit geben deine Neugier zu befriedigen indem ich das Zelt
behüte und niemand hineinlasse angeblich weil du krank seist während du
hier von diesem Felsen aus die Geheimnisse Jubinals und seiner Anhänger
erforschen kannst Nur lass dich nicht abfassen Junge sonst könnten deine
Gebeine allzuschnell denen des Hahns und des Habichts nachwandern müssen«
Robert lachte lustig »Ich ein lappländisches Opfertier« rief er »O du
lieber Gott wenn das mein Vater gehört hätte der grundsätzlich alles was
außerhalb Europas liegt für heidnisches Unwesen erklärt«
Mongo lachte mit »Jetzt komm nur« sagte er »wir müssen uns doch wieder
bei unseren Gastfreunden sehen lassen und versuchen ihnen bei ihrer Arbeit zu
helfen Auch könnte es uns keineswegs schaden wenn wir ein Stück Rentierfleisch
zwischen die Zähne bekämen«
Sie gingen zu den Zelten zurück und hier sah Robert wie mehrere Frauen
beschäftigt waren aus ihren groben selbstgewebten Stoffen die verschiedensten
Kleidungsstücke zuzuschneiden Er lachte so lustig dass die Lappländerinnen
erstaunt aufsahen
»Du Mongo« rief er »habe ich dir nicht die Fischgräte gezeigt mit der
ich mir auf meiner kubanischen Insel einen Anzug nähte Das war ein
Lehrlingsjahr des fahrenden Schneiders und jetzt kommt das zweite
Hochverehrte in Schmutz getauchte mit Tran gesalbte mit Zwiebeln parfümierte
und ohne Kenntnis der Seife oder des Handtuches herangewachsene Beherrscherin
der Rentierzone« wandte er sich an eine der rauchenden und aus kleinen
rötlichen Schlitzaugen verwundert dreinschauenden Frauen »wollen Sie mir
huldreichst gestatten die Schere aus Ihren braunen Pfoten zu entwenden und
Ihrer eingefrorenen Phantasie durch die Kenntnisse des deutschen
Kleiderkünstlers zu Hilfe zu kommen«
Er nahm mit zierlichem Griff und der ernstaftesten Miene von der Welt die
Schere und begann zu Mongos großem Ergötzen den unförmigen sackartigen Rock der
Lappländerin in ein hübsches glattsitzendes Kleidungsstück zu verwandeln Als
er es mit großen Stichen zusammengeheftet hatte überreichte er es der
Eigentümerin die ihm neugierig auf die Finger sah und offenbar nicht erwarten
konnte den neuen Schmuck ihren Stammesgenossinnen zu zeigen Sobald sie den
Rock in der Hand hielt eilte sie fort und das Durcheinander von Frauenstimmen
zeigte nur zu bald welches Aufsehen Roberts Kunst erregt hatte Von allen
Seiten kamen die Weiber mit großen Stoffballen herbei
»Da hast dus« rief laut lachend der Neger »Jetzt ist dein Urteil
gesprochen vorwitziger Bursche Du bist nun «
»Leibschneider der Zwerge« ergänzte Robert »Hurra das deutsche Märchen
ist Wirklichkeit geworden«
Mongo sah mit stillem Vergnügen das hübsche lebensfrohe Gesicht und die
schlanke Gestalt Roberts »Ist ein prächtiger Kerl« dachte er »hat ein Herz
wie ein Kind und Mut wie ein Löwe Jetzt sitzt er doch bei der Nähnadel als sei
er ein eingefleischter Schneider und gestern abend hat er mit derselben Faust
einen Wolf erlegt«
Robert blinzelte ihm zu »Weißt du was ich im Grunde erreichen will«
fragte er »Eine Mütze für dich und mich Mongo Die Taschentücher sind doch auf
die Dauer unbequem Aus diesen Abfällen aber stelle ich uns beiden ein paar
tadellose Kopfbedeckungen her«
Mongo nickte »Soll mir sehr angenehm sein du junger Spitzbube Kannst mich
vielleicht als Altgesellen verwenden«
»Tut mir leid Tranbrater Die Nähnadel ist kein Rührlöffel Aber geh und
stibitze mir irgendwo eine Pfeife wenn du kannst Diese braunen Heiden rauchen
zwar Moos statt Tabak glaube ich aber in der Not frisst der Teufel Fliegen wie
du weißt Ich möchte nicht gern mit erfrorener Nase wieder nach Pinneberg
zurückkehren«
Mongo lachte »Wie kommt es nur dass wir so guter Laune sind« fragte er
»Hm ich denke weil wir nur wie durch ein Wunder davongekommen sind Alter
Im Anblick des Todes lernt man den Wert des Lebens erst kennen Schau her das
wird deine Mütze Sollen auch Ohrenklappen darankommen«
»Wenn du soviel Stoff auf die Seite bringen kannst ja Ich will inzwischen
Pfeifen besorgen«
Mongo humpelte davon und verständigte sich abermals durch Gebärden mit der
Alten die ihm zu ein paar Pfeifen verhalf von denen er eine dem nähenden
Robert zwischen die Lippen schob »Jetzt werde ich mich nach etwas Feuchtem
Gebranntem umsehen« fügte er hinzu »Es ist außerordentlich frisch hier oben«
»Du solltest unter deine Felle kriechen« riet Robert »Das Klima sagt dir
offenbar nicht zu«
»Nun nun dir vielleicht Monsieur Naseweis«
»Naserot willst du sagen Bester Ich fühle mich übrigens wirklich gut«
»Schlingel« lachte der Alte und ging während Robert zurückblieb von den
Frauen wie von einer Garde aufgescheuchter Gänse umschnattert Er hatte sehr
bald eine tüchtige Anzahl Röcke zugeschnitten und nähte dann drauflos um für
seinen alten Freund noch vor Anbruch der Nacht die warme Mütze fertig zu machen
Bei dieser Arbeit behielt er das Zelt des Häuptlings immer im Auge aber ohne
das Mindeste zu entdecken Als die braune Alte das Fleischgericht für gar hielt
trug sie eine Schüssel voll davon bis vor die Tür aus Fellen und entfernte sich
wieder ohne hineingesehen oder gesprochen zu haben
Robert beobachtete verstohlen diesen kleinen Vorgang Was würde jetzt
geschehen
Da kam hinter den Fellen eine braune Hand zum Vorschein Leise wurde der
Holznapf nach innen gezogen
»Sich du Schlingel« dachte der Junge belustigt »Da sitzest du im Trocknen
und pflegst deine faule Haut während deine betörten Brüder arbeiten Kann mir
schon denken wie die Gaukelei eingefädelt wird du betest und rufst Jubinals
Gnade auf deinen Stamm herab als würdige Vorbereitung für das Opferfest nicht
wahr In Wirklichkeit aber lässt du dich von deinen Stammesgenossen versorgen und
hast keineswegs vergessen eine tüchtige Flasche Branntwein in die
geweihteEinsamkeit mit hineinzunehmen Will mir aber die Geschichte um jeden
Preis ansehen«
Er stand auf und ging zu der Alten am Feuer Obgleich sich die Wunde die
ihm der Wolf gerissen hatte auf dem Rücken seiner Hand befand so schmerzte sie
ihn doch bei der Näharbeit sehr stark und daher hoffte er auf ein wenig Salbe
die ihm das Mütterchen auch bereitwillig gab Ein Gericht Fleisch mit Zwiebeln
erhielt er obendrein
»Wozu diese Leute eigentlich ihre Wohnungen haben« dachte er »Alles
geschieht in Freien essen arbeiten plaudern kochen Die Hütte dient nur zum
Schlafen«
Er aß das Fleisch nicht ohne einiges Widerstreben und half dann gutmütig der
Alten die Menge hölzerner Löffel und Schüsseln wieder abzuwaschen Handtücher
gab es nicht sondern jeder Napf wurde umgestülpt und damit war alles getan
was die Reinlichkeitsbedürfnisse des Stammes erforderten
Bis Robert die Mütze für den Alten fertig hatte war es bereits dunkel
geworden und mehrere von den Männern gingen in die Ebene hinab um die Rentiere
herbeizutreiben Fast alle kamen auf den bekannten schrillen Pfiff ihrer Hüter
freiwillig heran und ließ sich melken diejenigen aber die das Zeichen des
Hirten unbeachtet ließ wurden mit einem langen ledernen Lasso eingefangen
Robert zählte über hundert Köpfe darunter mindestens dreißig milchgebende Kühe
natürlich aber zu dieser Jahreszeit keine Kälber Die ganze Herde wurde nachdem
sie gezählt worden war ohne weiteres für die Nacht sich selber überlassen
Diese Tiere sind ebenso anhänglich wie klug sie folgen wie Hunde ihrem Herrn
und brauchen deshalb nicht eingesperrt werden
Nur das Reittier blieb gefesselt Jedenfalls gehörte es dem Zauberer der
hinter seinen Zeltwänden eben noch einen so gesunden Appetit entwickelt hatte
Robert lachte sooft er sich der Hand erinnerte die den gefüllten Napf
sorgfältig in Sicherheit brachte während jedenfalls der ganze Stamm gläubig
annahm dass mit dem Inhalt des Geschirres den Göttern ein Opfer bereitet werde
Er freute sich auf das bevorstehende Schauspiel dermaßen dass ihm die nächste
Nacht nur von Feuer und krähenden Hälmen träumte So merkwürdig hatte er sich
die Reise an den Nordpol auch in seinen kühnsten Erwartungen nicht gedacht
Am nächsten Morgen war seine erste Frage »Mongo worauf warten die braunen
Gesellen ehe sie ihre Zauberkünste beginnen«
Der Neger kroch behaglich tiefer in die warmen Felle hinein »Auf den
Vollmond du ungeduldiger Mensch« sagte er »Für heute geschieht noch nichts«
Und so wurde es tatsächlich Der zweite Tag verging wie der erste Robert
entwickelte seine Schneiderkünste beobachtete das verschlossene Zelt und
rauchte das geheimnisvolle Kraut das er heute missmutig Mongo gegenüber für
getrocknete Reste von Kohl oder Rüben erklärte Die neue Mütze saß ihm frech auf
einem Ohr die großen Seestiefel hatten frischen Tranglanz erhalten und die
zerrissene Jacke war mit Rentierzwirn ausgebessert worden Beide Hände in den
Taschen stand er vor dem Alten
»Mongo du bist jetzt mein Spiegel« sagte er »Wie sehe ich aus«
»Hm Wie einer an dem noch einiges zurecht gerückt werden muss ehe aus
ihm ein vernünftiger Mensch wird«
Robert lachte »Achte auf den Mond Schwarzer« antwortete er »Ich hätte
große Lust mir von einem dieser braunen Kerle ein Gewehr zu leihen und ein
wenig auf die Jagd zu gehen Länger als zwei Tage halte ich es bei der Nähnadel
nicht aus«
Mongo schüttelte den Kopf »Und wenn du dich verirrst Bob«
»Keine Angst Ich bin vor Anbruch der Nacht zurück Aber Mongo gib gut acht
auf den Stand des Mondes hörst du Und noch eins besorge mir durch deine
braune Freundin ein Gewehr Alter Du und sie ihr seid ja doch Vertraute nicht
wahr«
»Sehr vertraut« nickte der Neger »Sie schenkt mir die größte Zwiebel aus
dem Topf und ich zerhacke ihr dafür das Brennholz Dann zeigen wir uns
gegenseitig wie an den Handgelenken und in den Schultern die Gicht reißt oder
wir frösteln gemeinsam wenn der Ostwind über die Berggipfel pfeift Ja es
ist ein entzückendes Dasein das Leben unter dem fünfundsiebzigsten Grad
nördlicher Breite«
Robert streckte sich lang aus und warf die Arme hoch empor »Dieser
herrliche Norden« rief er lachend »geh Alter hole mir eine Schusswaffe
Gewehr oder Bogen wenn es nur etwas ist«
Und Mongo ging Robert lehnte sich an den nächsten Felsen und musste lachen
als er sah wie der Neger das Küchenbeil nahm und es auf die Alte anlegte um
seinen Wunsch begreiflich zu machen Sie verstand ihn sofort hinkte zu einem
der jungen Männer und redete mit ihm lange hin und her Der Lappe schien zuerst
das Gesuch rund abschlagen zu wollen später aber erhob er sich und brachte
widerstrebend eine alte Jagdflinte herbei Die notwendige Munition hing in einem
kleinen Lederbeutel daran
So ausgerüstet wanderte Robert los Die Luft war klar und ruhig der Himmel
blau und die Sonne heute wärmer als an den Tagen vorher An den Strand konnte er
nicht vordringen da der Weg dahin viel zu weit war Er musste sich also mit
einem Ausflug in die höchsten Gebirgsgegenden begnügen Vielleicht sah er ja von
dort aus in weiter Ferne das Meer vielleicht konnte er einen Gruß hinübersenden
zu weißen Segeln die langsam im Sonnenglanz dahinglitten
Das Gewehr auf der Schulter ging er pfeifend weiter Längst hatte er sich in
einem Berggipfel von sonderbarer tierähnlicher Gestalt eine Art von Wegweiser
gesucht der ihn nicht irreleiten konnte Sobald er das Bild in gerader Richtung
vor sich sah oder ihm genau den Rücken kehrte befand er sich dem Lappenlager
gegenüber
Robert lief bis die Lungen den Dienst versagten er kletterte über die
unwegsamsten Pässe und sprang wie ein Seiltänzer von Klippe zu Klippe nur um
seinem Übermut die Zügel schießen zu lassen Immer höher und höher hinauf trugen
ihn seine flinken Füße immer weiter entfernte er sich von den Zelten der
Lappen Es war aber auch zu verlockend schön hier oben wie in einem Tempel
fast Überall hohe Säulen regelmäßig und großartig zu einem natürlichen
gewaltigen Bau vereint Hohe Bogen schwangen sich von Kuppe zu Kuppe gedämpft
fiel das Sonnenlicht in den mittleren freien Raum und brausend wie ein
Orgelton sang der Ostwind seine Melodie dazu
»Warum steht die Saita Jubinals nicht hier oben« dachte er »Kann es denn
eine noch schönere Stelle geben«
Er sah sich um Kein Baum kein Strauch keine Spur des Lebens und doch war
es ein großartiger erhebender Eindruck Langsam wanderte er durch das Schiff
dieser natürlichen Kirche an deren entgegengesetzter Seite ein Wasserfall mit
donnerähnlichem Tosen zwischen die zerklüfteten Felsen hinabstürzte Schäumend
Silbertropfen spritzend und ringsumher alles mit feinem Gischt bestäubend
stürzte das Wasser auf das Gestein herab Spitze Zacken ragten daraus hervor
aber kein Zeichen verriet wo sich ein Abzugskanal aus diesem Felsental befand
Robert blickte staunend hinab Wo blieben diese schäumenden Wassermassen
Da sah er eine kleine weiße Möwe mit grauem perlartigem Federmantel wie
sie kreischend von oben herab in den Felsspalt mehr taumelte als flog Die
ausgebreiteten Flügel glänzten von schimmernden unzähligen Wassertropfen die
roten Füßchen suchten auf dem feuchten Gestein vergeblich Halt und das Köpfchen
duckte sich wie vor einer drohenden Gefahr
Im gleichen Augenblick erkannte Robert auch den Räuber der das kleine
scheue Tierchen verfolgte Ein riesiger Seeadler schoss herab an der Möwe
vorüber und fast in das Wasser hinein Er hielt sich mit den scharfen Fängen auf
einer vorspringenden Klippe und schien eine Weile außer Fassung weil er sein
Opfer in blinder Eile verfehlt hatte
Die Möwe schwebte hoch in der Luft ehe sie ihr Verfolger erreichen konnte
Alle Jagdlust erwachte in Robert als er den Adler so nahe bei seinem
eigenen Versteck auf den Klippen sitzen sah Es war ein besonders großes sehr
schönes Tier dessen stolze Haltung und feuriges Auge ihm ein wahrhaft
vornehmes königliches Aussehen gaben
Es saß auf der vorspringenden Klippe und bog den schlanken Hals der
entfliehenden Möwe nach dann breitete es die Flügel aus um sich wieder in die
Luft zu erheben
Robert hielt den Atem an Über zwei Meter mochtes das Tier messen wenn man
die äußerste Flügelspannweite rechnete wie ein Riesenbildwerk unbeweglich
wie die Klippen ringsumher saß es auf der schmalen Felszacke Die Wassertropfen
schleuderten spielend einen Perlenregen über das braune Gefieder herab zornig
blickte das Auge der entkommenen Möwe nach
Robert hob das Gewehr Sollte er abdrücken
Fast war es Mord Das Fleisch des Adlers konnte nicht gegessen werden
sein Leben in der endlosen Steinwüste schadete niemand Mit welchem Recht durfte
er das Tier töten
Da erhob sich der Adler um den Flug durch die Lüfte fortzusetzen Robert
besann sich nicht länger es lockte ihn zu unwiderstehlich Der Schuss krachte
mit zehnfachem Echo der Pulverdampf schwebte über der Kluft und neugierig sah
der junge Schütze hinab Die Klippe war leer
Er trat bis an den äußersten Rand und beugte sich vor um besser in den
sprudelnden Gischt hinabschauen zu können An den unteren Zacken und Klippen
musste ja das getroffene Tier hängen geblieben sein da es auf der kreisenden
schaumbedeckten Oberfläche nicht zu erkennen war Wenigstens einige Federn
einige Blutspuren musste er finden
Aber so sehr er seine Augen auch anstrengte zwischen jede Klippe blickte
und zehnmal die ganze Umgebung musternd überflog es zeigte sich nichts Dort
wo das Wasser blieb war auch der Vogel verschwunden auf geheimnisvolle
unerklärliche Weise ohne eine Spur in der zerklüfteten verwitterten Umgebung
zurückzulassen
Robert sah kopfschüttelnd an der andern Seite des Berges hinab Er stand in
einer Höhe von beinahe hundert Metern über dem Talkessel der in den Sumpf
ausmündete Vielleicht ließ sich also auf halbem Wege in der Mitte oder am Fuße
des Berges diesem seltsamen wie ein mitternächtlicher Spuk verschwindenden
Wasserfall noch weiter nachforschen Gedacht getan vorsichtig kletternd suchte
er einen Pfad an der ziemlich steil abfallenden Gebirgswand deren vielfache
Vorsprünge Ecken nnd Plattformen seinen Füßen als Stützpunkte dienten Schritt
für Schritt hinabsteigend sah er immer nach unten nie aber zur Seite seines
Weges und auf diese Weise verlor er die eingeschlagene Richtung vollständig aus
den Augen Hinter ihm vor ihm rechts und links türmte sich das Gebirge
überall führten stufenartige Abhänge in die Tiefe mehr und mehr verloren die
Sonnenstrahlen an Licht und Wärme und die Kälte wurde immer durchdringender
Robert merkte nichts davon Seine Tollkühnheit riss ihn weiter Er wollte den
erlegten Adler wiederfinden wollte wissen wohin das unterirdische Wasser
gelangte und wie tief hinab ihn dieser Weg führen werde daher kletterte er
rüstig weiter immer im Glauben dass es leicht sein müsse wieder
hinaufzusteigen wenn er Lust habe Das ging ja von Stufe zu Stufe bequem wie
eine Treppe und bestimmt tausendmal besser als in den schaukelnden Wanten eines
Schiffes
Tiefer immer tiefer kletterte er hinab Dämmerung umgab ihn der Wind
schwieg ganz die Luft war kalt wie Eis
Und jetzt stand er auf festem Boden Vor ihm wölbte sich eine enge finstere
Halle von steinernen Bogen überdacht unter denen ein schmaler Weg
hindurchführte Während das Innere dieser Felsenhöhle fast nächtlich dunkel
erschien zeigte an ihrem äußersten Ende ein Lichtschimmer dass dort die Sonne
ungehindert von oben eindringen konnte Robert hielt das wieder geladene Gewehr
schussbereit in der Hand und drang mutig vor
Die Grotte besaß nur geringe Ausdehnung Schon nach zehn bis zwölf Schritten
erweiterte sie sich bedeutend das Tageslicht fiel voll herein und eine Art
scharfkantiger Brüstung erhob sich unmittelbar vor Roberts Füßen Der Weg war
hier plötzlich zu Ende
Das Schauspiel aber das sich jetzt seinen Augen bot war schöner und
eindrucksvoller als alles bisher Gesehene In einer Tiefe von vielleicht zehn
Metern lag zwischen den Felsen ein blauer See mit regungsloser spiegelglatter
Oberfläche Anscheinend unergründlich tief lag das Wasser wie ein blauer Teppich
da von allen Seiten stiegen die Felsen steil empor hier in schlanken
anmutigen Formen dort verworren und wild zerklüftet als hätten die alten
Götter der Sagenzeit im Kampfe Trümmer auf Trümmer geschleudert als hätte die
Erde unter ihren Fusstritten gebebt und wäre in tausend Scherben zerfallen die
nun hier über und nebeneinander liegen geblieben waren Vorspringende Altane
streckten sich plötzlich aus der Mauer heraus und spiegelten ihre gefälligen
Formen im Wasser des Sees stumpfe Kegel hoben die wenig schönen Häupter zu
Hunderten aus dem zackigen Gestein empor und umgaben eine Säule die schlank und
schmucklos wie ein Kirchturm zum Himmel ragte
Das war eine Welt für sich das schien nicht mehr der Erde anzugehören
das überwältigte fast das Herz des Menschen
Bis an den oberen Rand war dieser tiefe mit Wasser gefüllte Talkessel
vollständig ungangbar Robert befand sich ganz im Schoss der uralten Steinriesen
in geheimnisvoller tiefverborgener Mitte aus der kein Ton empordrang zur
Oberwelt
Was jeden anderen erschreckt haben würde das erfüllte ihn mit stolzer
Freude Er hob den Lauf des Gewehres langsam empor und zielte auf die schlanke
Turmspitze Wie hier im eingeschlossenen Raum der Schuss krachen musste
Und dann wälzte sich der donnerähnliche Schall an den Wänden entlang Wie
betäubender Lärm aus zehn zwanzig Geschützen kaum zu ertragen so krachte es
und rollte und hallte wider Die höchste Spitze ein Stückchen wie ein kleiner
Stein war herabgeschossen und fiel plötzlich in das stille blaue Wasser An
den Wänden spielten kleine weiße Schaumwellen während in der Mitte des Sees
die zitternden unregelmässigen Kreise immer größer und größer wurden Nach
wenigen Minuten war alles so still wie zuvor
Robert lud das Gewehr und hing es an dem Lederriemen wieder über seine
Schulter dann nach einem letzten bewundernden Blick auf die Felswand suchte
er durch die Grotte den Rückweg Erst jetzt fiel ihm ein dass er weder den
Adler noch den Ausfluss des Wasserfalles gesehen hatte Es musste also mitten in
dem Gewirr von Klippen entweder zur Rechten oder zur Linken etwa auf halber
Höhe noch eine Stelle geben die das Wasser langsam fliessend passierte bevor es
in den See einmündete und wo auch der Adler hängen geblieben war
Diese Stelle wollte er finden
Vor dem ziemlich dunkeln Ausgang der Höhle erhoben sich so viele Stufen und
Zacken dass es auch einem Ortskundigen auf den ersten Blick unmöglich gewesen
wäre hier diejenigen herauszufinden die ihm vorhin als Treppe gedient hatten
Robert sah hinauf Von allen Seiten Schluchten und Kuppen Spalten und Engpässe
hoch oben in weiter Ferne hier oder da ein Streifen blauen Himmels aber
nirgendwo ein Zeichen des Weges der ihn hierher gefuhrt hatte
Noch schlug sein Herz so ruhig und gleichmäßig wie immer er versuchte die
einzelnen Stufen des Gesteins der Reihe nach mit den Augen in Verbindung zu
bringen und zu berechnen wie er am besten nach oben kommen könnte Vergebens
Dieser mündete nach rechts jener nach links der dritte lief in eine steile
ganz glatte Wand und der vierte zeigte Unterbrechungen über die kein
menschlicher Fuß hätte hinwegspringen können Robert fragte sich umsonst wie er
durch dieses Gewirr überhaupt bis auf den Boden der Schlucht hinabgefunden habe
Aber was half es Die Sache musste auf gut Glück hin versucht werden Er
kletterte mit der Hast der Aufregung in den nächsten Spalten empor und fühlte
bald den Wind wieder um seine Stirn wehen Jedenfalls hatte er an Höhe gewonnen
das gab ihm neuen Mut
Von Zeit zu Zeit prüfte er die Entfernung des Himmels von seinem
augenblicklichen Standort Sonderbar sie blieb immer die gleiche
Wo er sich jetzt befand war er auch vorhin nicht gewesen daran erinnerte
er sich deutlich
Die Zacken hörten auf und eine Art Rinne oder Durchgang führte tiefer in
den Fels hinein Zugleich hörte Robert ein starkes Rauschen wie von Wasser Ganz
in seiner Nähe plätscherte es aber sehen konnte er nichts Vorsichtig
weitergehend suchte er überall die Spuren des verlorenen Weges stellte jedoch
dabei fest dass sich die Rinne der er folgte allmählich senkte
Er kehrte um bis zu der Stelle wo er das starke Rauschen bemerkt hatte Es
war ununterbrochen hinter der Felswand zu hören doch ließ sich kein Tropfen
Wasser erkennen das Gestein war überall vollkommen trocken und fest
Er kehrte noch einmal um bis nach einer Wanderung von fünf Minuten der Pass
sich dermaßen verengte dass kaum noch ein Durchschlüpfen möglich war Robert
kroch vorwärts er maß besorgt die Entfernung zum Tageslicht
Aber jetzt erschrak er doch so sehr dass es kalt über seinen Rücken
herablief Was er hoch über sich sah war die zierliche schlanke Spitze des
turmartigen Felsens er befand sich demnach bedeutend unter dem Spiegel des
Sees
Einen Augenblick lang stockte das Blut in seinen Adern Schweiß stand auf
seiner Stirn und seine Knie zitterten Das geheimnisvolle unterirdische Wasser
hatte ihn verlockt den Zauberberg zu betreten und aus seinen verschlungenen
Irrgängen den Rückweg zur Sonne zu den Menschen vergeblich zu suchen
Kindheitsmärchen stiegen in seiner Erinnerung auf er dachte an Rübezahl an
den Leibschneider der Zwerge an »Schneewittchen über den Bergen bei den sieben
Zwergen« an den Kobold Rumpelstilzchen und all die anderen Gestalten deren
Abenteuer er so gern gelesen und an deren Stelle er sich tausendmal gewünscht
hatte
Jetzt war er so ein verzauberter gefangener Märchenheld der dem Bann des
Hexenmeisters nicht früh genug aus dem Wege ging und hinter dessen Schritten
sich die Felsen gehorsam ihrem Herrn leise aneinander schoben so dass er
niemals wieder an die Oberfläche gelangte niemals zurück zu den Seinen
Ein Schauder überlief ihn Der stille bergestiefe See hoch über seinem
Kopf das war merkwürdig beklemmend und seltsam
Sollte er rückwärts gehen oder weiter vordringen
Er entschied sich für das Letztere Vielleicht machte er sich Hoffnung
liegt der Ausgang ganz nahe vielleicht sind es nur noch wenige Meter bis
dahin
Und fast schien es als sei diese Vermutung richtig gewesen Der schmale
Schacht lief aus in ein freies weites Tal Robert sah sich plötzlich von dem
Druck der ihn umgebenden engen Felsmassen erlöst und atmete befreit auf
Aber als er näher herankam was war das
Kleine Wasserlachen glitzernd im Schein der untergehenden Sonne hatten
sich hier und da gebildet kleine Vertiefungen waren mit bläulichem Schlamm
überzogen ein unangenehmer Modergeruch erfüllte die Luft
Robert wollte nicht glauben was sich seinen Augen gebieterisch aufdrängte
Er setzte den Fuß auf die schwarze glatte Fläche aber er tat es zögernd
vorsichtig
Eine kleine Lache bildete sich sofort um seinen Fuß Robert taumelte zurück
vor Schreck es war ein Sumpf an dessen Rand die Felsspalte ausmündete
Er war wie betäubt Jetzt musste er den ganzen beschwerlichen Weg nach oben
noch einmal suchen
Aber sollte ihn denn der Sumpf wirklich nicht tragen
Er versuchte es noch einmal Aber umsonst ganz umsonst Wenn er fester
auftrat spritzte ihm der Schlamm entgegen
Halb verzweifelt entschloss er sich umzukehren Ihm graute vor dem Rauschen
des unsichtbaren Wassers Er lief so schnell wie möglich an dieser Stelle
vorüber und atmete auf als er sie hinter sich hatte
Weiter immer weiter hinein in das Felsenlabyrint Roberts Hände bluteten
aber er ließ nicht ab einen Weg zu suchen Oben am Himmel wurde es allmählich
dunkel er musste sich beeilen wenn ihn nicht die Nacht überraschen sollte
Wieder hatte er einen Gipfel erklettert und hielt Umschau
Keine Verbindung mit den höhergelegenen Spitzen kein Pfad der von einer
Kuppe zur andern geführt hätte
Robert presste die Lippen zusammen Er dachte nicht mehr rechnete oder
beobachtete nicht mehr Seine Pulse hämmerten zehnmal machte er denselben Weg
zehnmal kam er im Kreislauf an den eben verlassenen Platz zurück
Alle Schüsse bis auf einen den er für den Fall eines Angriffs zurückhielt
gab er in die Luft ab um möglicherweise den Lappen ein Zeichen zu geben
niemand antwortete niemand hatte ihn gehört
Von Zeit zu Zeit machte er kurze Rast Seine Schläfen hämmerten Hände und
Füße schmerzten er atmete schwer Wie lange noch würde er diesen ebenso
fruchtlosen wie gewaltigen Anstrengungen standhalten können
Aber solche Augenblicke der Erholung waren kurz Getrieben von innerer
Unruhe sprang er schon nach wenigen Minuten wieder auf und begann noch einmal
den Kampf
Und dann kam ein Augenblick wo er sich für verloren hielt Ein Felsblock
der nur lose gelegen haben musste vielleicht vom Blitz einmal aus größerer
Höhe herabgestürzt ein schwerer platter Felsblock rollte unter seinen Füßen
in eine tiefe Kluft hinein und riss ihn unwiderstehlich mit sich fort Robert
schloss die Augen er konnte nichts tun um sich zu retten und erwartete
widerstandslos den letzten vernichtenden Schlag Auf dem Rücken liegend das
Gewehr in beiden Händen glitt er auf dem großen Stein in die Tiefe
Aber er hatte Glück Als der Block auf Klippen und Spitzen einen Halt
gefunden hatte konnte Robert unversehrt wieder aufstehen er war tüchtig
durchgerüttelt und hatte die Knie blutig gestoßen im übrigen jedoch schien der
plötzliche Sturz keine schlimmen Folgen gehabt zu haben
Robert überblickte wieder die Gegend Es war kaum noch hell und keine Zeit
mehr zu verlieren wenn er noch einen Versuch machen wollte das Lager der
Lappen vor Einbruch der Dunkelheit zu erreichen Vorsichtig stieg er den
nächsten Felsgrat wieder hinauf
Und da welch ein Glück Da rauschte der Wasserfall in unmittelbarer Nähe
da stand er wieder in dem tempelartigen Raum von dem aus er vor drei langen
fürchterlichen Stunden die Wanderung in das Innere des Berges unternommen hatte
Jetzt erst gönnte er sich eine längere Rast um aufzuatmen Der Rückweg war
gesichert die Zeit zu der ihn Mongo erwarten musste war noch nicht
überschritten und die Richtung des Lappenlagers leicht gefunden Zwischen den
Bergen wo die Zelte standen brannte ein Feuer das durch die Dämmerung
heriiberschimmerte
Robert trocknete den Schweiß von der Stirn Wie wunderbar hatte ihn der
fallende Stein gerade in dem Augenblick gerettet als er sich verloren glaubte
»Ich will vorsichtiger werden« dachte er »und ich will Mongo von der
ganzen Geschichte kein Wort erzählen Wenn ich zu unüberlegt handelte so habe
ich auch genug Angst dafür ausstehen müssen deshalb geht es niemanden etwas an
als nur den lieben Herrgott und mich selbst«
Als Robert mit langsamen Schritten die äußere Umgebung des Lagers betrat
kam ihm Mongo entgegen »Pst Bob sprich mit niemand« flüsterte er »lass mich
nur das Gewehr abgeben und geh du gleich in unser Zelt Wenn mich nicht alles
täuscht so wird in dieser Nacht das Opferfest gefeiert werden Ich habe so
meine Beobachtungen gemacht«
»Heute Mongo« antwortete Robert »Das kommt früher als du erwartet
hattest«
Der Neger rieb sich fröstelnd die Hände »Schadet ja nichts Bob« sagte er
»Um so eher geht es zurück nach dem Süden nach Bergen wo sich für uns beide
schon eine Heuer finden wird«
Roberts Gesicht hellte sich auf »Eine Heuer« wiederholte er »ach Mongo
wenn wir erst wieder Schiffsplanken unter den Füßen haben«
»Will mich auch von Herzen freuen wenn es erst Anker auf heißt« sagte der
Alte »Aber jetzt geh du nur in unser Zelt mein Junge«
Robert verschwand und der Neger brachte das Gewehr zurück wofür er einige
Mehlkuchen und einen Napf mit Milch von der alten Frau eintauschte Robert
fühlte jedoch keinen Appetit sondern stand noch ganz unter dem Eindruck des
eben Erlebten so dass Mongo endlich die veränderte Stimmung seines jungen
Freundes bemerken musste »Hast du eigentlich nichts geschossen Junge« fragte
er »Das Gewehr war doch mehr als einmal zu hören«
Robert errötete »Ich habe einen Adler getroffen Mongo ein prachtvolles
Tier aber der Körper fiel zwischen die Klippen ich konnte ihn nicht
erreichen«
»Dann wollen wir morgen wenn dazu noch Zeit bleibt zusammen hingehen Bob
Es wäre doch hübsch als Andenken an diese Eiswüste einen Adlerflügel
mitzunehmen«
Robert schüttelte den Kopf »Ich habe es versucht Mongo dahin wo das
tote Tier liegt führt kein Weg Überall steile Felswände Jahrtausende altes
Gestein und doch rauscht in nächster Nähe ein unsichtbarer Wasserfall Weißt
du ich glaube dass viele dieser Felsen hohl oder doch von Einschnitten
durchzogen sind«
Der Alte nickte »Natürlich Bob woher kämen sonst die Sagen und Märchen
von den Bewohnern unterirdischer Felshöhlen Hierzulande hausen die Trollen in
jedem Gebirge«
In Robert flammte bei diesen Worten des Negers sein alter trotziger Übermut
auf »Mit zwölf oder zwanzig tüchtigen Männern mit Seilen und Mauerhaken
ausgerüstet möchte ich die Geheimnisse dieser Felsen erforschen« rief er »und
überall auf den Grund sehen«
Mongo lächelte rücksichtsvoll »Überall Bob« wiederholte er »glaubst du
das wirklich Denkst du dass du erreichen wirst was Hunderte vergeblich mit
allen Mitteln versuchten«
Roberts Herz klopfte heftig »Und warum nicht Mongo Einer kann nur der
erste sein das musst du doch zugeben Wenn vielleicht tausend Jahre vor mir
schon ein Mensch das Rauschen dieses unsichtbaren Wasserfalles hörte und rechts
und links oben und unten in allen Spalten allen Klüften vergeblich nach ihm
suchte ist es darum gesagt dass niemand nach ihm mehr Glück haben soll als
er«
Mongo beugte sich in der Dunkelheit des Zeltes weit vor und beleuchtete mit
der kurzen Pfeife das blasse Gesicht des Jungen »Und glaubst du« fragte er
langsam »dass es ein so großer Gewinn sein würde das Innere dieses einen
Felsens kennenzulernen Tausende bleiben unerforscht Rätsel reiht sich an
Rätsel während du alt wirst Bob während andere das erreichen was du
anstrebtest« Denk an die Nordpolfahrer an ihre ungeheuren Anstrengungen bis in
unsere Tage Keiner hat das Ziel erreicht keiner wird es erreichen aber viele
hundert brave Männer wurden ein Opfer ihres Wissensdranges
Roberts Augen glühten »Willst du damit sagen dass das Leben zu viel wert
wäre um es für die Erforschung des Unbekannten in der Natur zu wagen Mongo
Sollten tüchtige Männer solange noch ein Fleck Erde unbekannt und unerforscht
daliegt die Hände falten und denken vielleicht könnte ich mir bei der Sache
schaden«
Der Neger schüttelte den Kopf »Nein« antwortete er »nein gewiss nicht
Bob Aber es gibt einen Unterschied zwischen besonnener Forschung und dem
Ungestüm der Gott versucht indem er alle Schranken niederreisst und übermütig
sagt Ich will«
Robert schob den hölzernen Napf zur Seite und warf sich der Länge nach auf
die Rentierfelle »Mongo« rief er »und doch gibt es nichts Schöneres als im
Bewusstsein seiner Kraft sagen zu können Ich will«
Es entstand eine Pause dann fragte plötzlich der Alte »Kennst du die
Geschichte vom König Belsazar mein Junge«
»Nein Was war mit ihm Mongo«
»Nun Belsazar lebte herrlich und in Freuden er herrschte ohne sich um
göttliche oder menschliche Gesetze zu kümmern und eines Tages sogar als er
erhitzt vom Wein seines Übermutes kein Ende mehr kannte da schrieb er an die
Wand des Saales die frevelhaften Worte Jehova dir künd ich auf ewig Hohn ich
bin der König von Babylon Aber was geschah plötzlich während seine Schranzen
und Speichellecker Beifall klatschten Eine Hand erschien an der Mauer und
verwischte die Schrift nicht einmal sondern immer wieder sooft der König die
Worte erneuerte Noch in derselben Nacht ermordeten ihn bestochene Diener«
»Sieh Bob« fuhr der Alte fort »das passt für dich und passt auch wieder
nicht Du bist ein braver Kerl aber ein Tollkopf der das Eisen biegen und mit
dem Leben spielen möchte Die unheimliche Hand die dem Belsazar Halt geböte
täte auch dir manchmal gut«
Robert antwortete nicht Hatte der kluge alte Mann doch tiefer gesehen als
er ihm erlauben wollte
Fast schien es so denn Mongo kam auf das Gespräch nicht wieder zurück Er
sah durch die Spalten der Felle und prüfte ringsum die stille Umgebung »Es ist
Zeit Junge« flüsterte er dann »Mach dass du hinkommst schleiche dich
vorsichtig auf dem Nebenweg zum Felsen und lass mich sorgen dass niemand hier
eindringt Die Kerle sind alle verschwunden«
Robert erhob sich hastig vom Lager »Auf Wiedersehen« gab er zurück »Das
Opfer möchte ich um keinen Preis versäumen«
Mongo legte die Hand auf seinen Arm »Aber wenn sie dich entdecken sollten
Bob du kennst mich Sobald ich dich rufen höre antwortet dir das
Kriegsgeschrei von Dahomei und dein Freund kommt mit dem Holzbeil seiner
liebenswürdigen Vertrauten das er zu diesem Zweck schon in Sicherheit gebracht
hat Dort unter den Fellen liegt es«
Robert lachte »Du bist ein Querkopf Alter« sagte er »ein richtiger
Moralprediger aber das Herz hast du auf dem rechten Fleck und ich glaube die
Faust auch Ich möchte mich mit dir trotz deiner sechzig Jahre nicht
erzürnen«
Der Neger schmunzelte zufrieden »Ich glaube dass du recht hast Junge Aber
ich wäre längst ein toter Mann wenn mich nicht dein Blut am Leben erhalten
hätte«
Robert knöpfte die Jacke von oben bis unten zu »Das stimmt Mongo aber wo
wäre ich wenn du mich nicht aus dem Wasser gezogen hättest«
»Im Haifischmagen junger Spitzbube Mach dass du fortkommst«
Sie trennten sich lachend und Robert schlich davon er wollte auf Umwegen
den Felsen erreichen von wo aus man die Opferstätte bequem überblicken konnte
Als er näher herankam zeigte es sich dass der ganze Stamm mit Ausnahme seiner
weiblichen Angehörigen bereits versammelt war und dass auf dem Felsen der zur
Feier dieses seltsamen Gottesdienstes ausersehen war schon ein helles Feuer
brannte
Die Beleuchtung war an diesem Abend nur gerade hell genug um die
benachbarten Zinnen und Kuppen in dunklen Umrissen von dem Dämmergrau des
nächtlichen Himmels abzuzeichnen Wie Riesenwächter Ungeheuer aus der
Fabelzeit erhoben ringsum die alten Berge ihre Häupter von Wolken verschleiert
stand der Mond am Himmel und zu Füßen des Opfersteines neben den Runensprüchen
früher Jahrhunderte scharten sich die dunklen pelzbekleideten Gestalten um
mit entblößten Häuptern ehrfurchtsvoll schweigend ihre Andacht zu verrichten
Wahrscheinlich hatte der größere Teil von ihnen daheim im Winterquartier in
der kleinen hölzernen Kirche aus der Hand des wandernden Missionars die
Christentaufe und später den Segen der Konfirmation empfangen aber dennoch
beteten sie zu Jubinal wie es die Voreltern getan hatten und wie es ihnen von
Kind auf durch Vater und Mutter schon heimlich eingeprägt worden war
Robert konnte sich bis an die äußerste Brüstung vorwagen und alles
überblicken ohne selbst gesehen zu werden Das erste was er bemerkte waren
die für das Opfer bestimmten Tiere ein weißes Rentierkalb ein Habicht und ein
Hahn Auch der Zauberer war zugegen doch konnte ihm Robert nicht ins Gesicht
sehen Er hatte weißes spärliches Haar und trug ein langes Gewand das aus dem
Fell eines Eisbären gefertigt schien und mit schwarzen Pelzstreifen besetzt war
Den Kopf bedeckte eine übergrosse spitze Mütze aus Federn und Bast kunstvoll
geflochten und mit Muscheln geschmückt
In der Hand trug dieser Mann ein großes blitzendes Messer
Vor ihm loderte jetzt das von mächtigen Holzblöcken unterhaltene Feuer hoch
empor während er selbst in unbeweglichem Stillschweigen verharrte Nachdem er
offenbar ein stummes Gebet beendet hatte legte er plötzlich das Messer auf den
nächsten Felsen und näherte sich mit erhobenen Händen einer bestimmten Stelle in
der Steinwand Ein kräftiger Griff schob zwei der kleineren Blöcke langsam zur
Seite und ließ eine dunkle Höhlung dahinter erkennen
Sobald die Steine wichen waren sämtliche Lappen auf ihre Knie gesunken und
hatten das Gesicht in den Händen verborgen als fürchteten sie die körperliche
Nähe eines höheren allmächtigen Wesens das vielleicht imstande war sie durch
einen einzigen Blick zu töten oder ihre verborgensten Sünden auf der Stirn zu
lesen
Der Zauberer nahm aus dem dunklen Raum eine seltsam geformte steinerne
Puppe von der Größe eines sechsjährigen Kindes die jedoch nur den Rumpf
darstellte ohne Arme und Beine Sie sah uralt verwittert und grau aus und war
plump behauen mit einem Kopf der ohne Hals in gleicher Breite der Schultern
aus dem Körper herauswuchs Das Gesicht war abschreckend hässlich während in der
Gegend der rechten Achselhöhle aus dem armlosen Rumpf ein kleiner stumpfer
Hammer hervorragte
Diesen Götzen setzte der Zauberer mit allen Zeichen der höchsten Ehrfurcht
und Vorsicht auf die Mitte der Tischplatte Dann nachdem er lange stumm in das
hässliche Antlitz gesehen hatte hob er den Blick und sprach laut zu den
Versammelten einige Worte die Robert natürlich nicht verstand die aber
offenbar andeuten sollten dass sich Jubinal in gnädiger Stimmung befinde und dass
es seine Verehrer wagen dürften ihr Antlitz zu erheben
Robert bemerkte auch sehr bald wie einer nach dem anderen schüchtern
emporsah wie sich diese in ständiger Todesgefahr aufgewachsenen und sonst so
mutigen Männer scheu aneinander drängten wie sie kaum zu atmen und kaum die
Köpfe zu erheben wagten weil eine unförmige Steinpuppe vor ihnen auf dem
Felsentisch stand
Dann griff der Zauberer zu dem blanken Messer Ein Wink brachte die
Opfertiere in seine Nähe Zuerst schnitt er dem weißen Kälbchen die Stirnhaare
ab ebenso dem Hahn und dem Habicht die kleinen Federn über den Augen und warf
sie in das Feuer das sie knisternd verzehrte
Hierauf zog er aus den Taschen seines weiten Gewandes eine Handvoll
Gerstenkörner bestreute damit alle drei Tiere und begann dann das
Schlachtopfer Eine Kufe von Holz stand bereit das Blut aufzufangen mehrere
Männer hielten die zuckenden Glieder der Tiere und nach wenigen Minuten war
dieser vorbereitende Teil des Festes lautlos vorübergegangen
Robert fühlte sich ziemlich enttäuscht Er hatte bis jetzt nichts gesehen
was ihm irgendwie feierlich vorgekommen wäre auch die nun folgende Handlung
fand er eher widerwärtig als erhebend Der Zauberer nahm das Holzgefäss mit dem
angesammelten Blut und begann ringsumher sowohl den Opferstein als auch den
Fußboden und die greuliche Figur zu bespritzen Durch die sofort gerinnenden
schwärzlichen Tropfen sah die Gestalt nun erst recht abschreckend aus Robert
begriff nicht wie es möglich sei ein so unschönes Bild anzubeten
Von diesem Augenblick an wurde jedoch die Sache etwas erträglicher Der
Zauberer nahm aus dem Fleisch der getöteten Tiere die Lebern Herzen und Lungen
heraus dann warf er alles übrige in die Flammen während er dazu mit lauter
Stimme ein Gebet sprach Dichter schwarzer Rauch wälzte sich in die Nachtluft
empor Massen von Funken wirbelten auf und ein nahes Echo warf den Schall
zurück
Noch während die Knochen langsam verkohlten während der Zauberer immerfort
betete steckte er die herausgenommenen Teile der Opfertiere an einen Spieß den
er über dem verglimmenden Feuer langsam drehte Von Zeit zu Zeit übergoss er das
Fleisch mit einigen stark duftenden Tropfen aus einer kleinen Flasche Der
Geruch der sich entwickelte war angenehm aber fast betäubend Robert konnte
sich nicht erinnern ihn schön früher irgendwo kennengelernt zu haben
Und dann begann eine Feierlichkeit die durchaus dem christlichen Abendmahl
glich Die gebratenen Herzen Lungen und Lebern wurden in ebenso viele Stückchen
zerschnitten wie Andächtige versammelt waren und darauf eine mit Stroh
umflochtene Flasche hervorgeholt die dem Geruch nach einen starken alten Wein
enthalten musste
Der Zauberer nahm seinen Platz neben dem Götzenbild ein und hielt in einer
Hand eine Schüssel mit den Fleischstücken in der anderen die große Flasche Auf
ein gegebenes Zeichen bewegte sich der erste dem Altar am nächsten stehende
Lappe mit scheuem langsamem Schritt bis vor den Opferstein wo er demütig und
mit auf der Brust gekreuzten Armen das Steinbild begrüßte um dann von der
Platte des Zauberers einen Bissen und aus der Flasche einen Schluck zu erhalten
Ihm nach folgte der zweite und darauf in ununterbrochener Reihe alle Anwesenden
Während dieser Handlung wurde kein Wort gesprochen keine einzige unnötige
Bewegung gemacht Schweigend wie er gekommen war trat jeder Lappe wieder an
seinen Platz zurück und eben in diesem Ernst in dieser strengen Feierlichkeit
lag etwas Erhebendes Das Feuer war fast erloschen nur manchmal knisterten und
flammten rote Brände noch plötzlich empor sonst aber versank nach und nach der
Holzstoss in graue stäubende Asche der Rauch lichtete sich die Umrisse der
dunklen Gestalten verschwammen allmählich und nur der feine durchdringende
Duft blieb in der Luft zurück
Robert fühlte sich tiefer ergriffen als er selbst für möglich gehalten
hätte Unwillkürlich erinnerte er sich des Tages als er in der Dorf kirche zu
Rellingen das Abendmahl empfing Wenn auch jenes christliche Sakrament und
dieses heidnische Opfer der armen Lappen ganz verschiedenen Anschauungen
entsprangen beide waren der Ausdruck einer Religion des allen Menschen
gemeinsamen Bedürfnisses sich einer höheren unbeirrbaren Macht schutzsuchend
anzuvertrauen
Was aber der jugendlichen Unbefangenheit Roberts bisher ganz entgangen war
das lernte er hier in der Wildnis kennen die geistige und nicht bloß äußerliche
Bedeutung eines Gottesdienstes Jeden Sonntag war er früher mit Vater und Mutter
zur Kirche gegangen ohne Widerrede zwar und ohne leichtfertige Gedanken aber
doch auch nur gewohnheitsmässig während ihm durchaus nichts gefehlt haben würde
wenn der sonntägliche Kirchenbesuch unterblieben wäre Die armen ungebildeten
Hirten dagegen brauchten für die bevorstehenden Käufe und Verkäufe für den
Fischfang und die Reise nach dem Süden vor allen Dingen den Segen und den
Beistand Jubinals sie pilgerten meilenweit nach Norden um auf den alten
geweihten Steinen ihrer Vorväter das Opfer darzubringen und ihre Gebete mit
denen des Zauberers zu vereinen
Der Gottesdienst war jetzt beendet Die Steinpuppe wurde hinter den beiden
bewegliehen Felsblöcken verborgen die Asche in alle vier Winde verstreut und
das hölzerne Gefäß sowie Schüssel Messer und Flasche einem der Männer
überantwortet Stillschweigend wie sie gekommen waren entfernten sich die
Lappen
Robert hatte im Augenblick ganz vergessen dass ihm der Tod drohte wenn er
entdeckt werden würde Sorglos sprang er nachdem der letzte der Andächtigen
verschwunden war bis an den Fuß des geweihten Felsens um jetzt den Opferplatz
genauer zu besichtigen und besonders das merkwürdige Götzenbild aus nächster
Nähe zu betrachten
Er legte die Hand an die verschiebbaren Blöcke hielt sie jedoch plötzlich
zurück Durfte er das verschlossene Behältnis erbrechen und durch bloße
Neugierde entweihen was andere für heilig hielten Durfte er da eindringen
wo man ihm den Zutritt unbedingt verweigert haben würde
Robert schwankte nur kurze Zeit dann hatte er sich überwunden er wandte
sich um und suchte das Zelt in dem Mongo rauchend saß »Du« sagte er nach
einer Pause »das war kein Hokuspokus wie ich erwartet hatte«
»Sicherlich nicht Bob Ich möchte überhaupt keines Volkes Religion mit
dieser Bezeichnung herabsetzen Eins ist in allen Irrtümern immer wahr nämlich
der Glaube an ein höheres Wesen und in dem Einen ist alles enthalten«
Robert antwortete nicht nur nach einer Pause sagte er leise »Gute Nacht«
Am nächsten Morgen begannen mit Tagesanbruch die Vorbereitungen zum Auf
bruch Als Robert und Mongo aus dem Zelt hervorkrochen herrschte unten im Tal
schon rege Tätigkeit Die Lasttiere standen gekoppelt die übrigen hatte man mit
Glocken versehen und mehrere Treiber mit Stöcken und Lassos in den Händen
waren so aufgestellt dass sie die zusammengetriebenen Tiere erfolgreich an jeder
Flucht hindern konnten
Wo das Zelt des Zauberers gestanden hatte wehte jetzt der Wind über die
kahle Fläche Es war abgebrochen und jede Spur beseitigt ebenso fand sich unter
den Lappen kein einziger den Robert als den eisgrauen Oberpriester der letzten
Nacht hätte wiedererkennen können Alle Männer beschäftigten sich mit dem
Abbruch des Lagers sie bepackten die Rentiere und schnürten zusammen was sie
selbst auf ihren eigenen Rücken tragen mussten
Auch ein Wagen mit einem ledernen Schutzdach halb Schlitten halb Karre
wurde hervorgezogen und mit zwei tüchtigen Rentieren bespannt Dahinein setzte
man die kleinen Kinder und die alten Frauen während alle übrigen den langen Weg
von sechzig bis achtzig Meilen auf ihren eigenen Füßen zurücklegen mussten
Robert und Mongo halfen überall so dass gegen neun Uhr morgens nachdem das
Frühstück eingenommen war die kleine Karawane ihren Zug beginnen konnte
Vierzig bepackte Rentiere alle am Leitseil eines Führers oder einer Führerin
wanderten zu zwei und zwei gekoppelt mit der Sicherheit kletternder Ziegen über
unwegsame Pfade obgleich ihre Last keineswegs leicht war Zelte Decken
Brennmaterial Kochgerät und die zum Verkauf angefertigten Waren vor allem aber
die gesammelten wertvollen Pelze lagen auf ihren breiten geduldigen Rücken und
doch mussten sie sich an den Rastplätzen die spärliche Kost aus Rentierflechten
selbst zusammensuchen mussten sogar stellenweise den Schnee aufscharren ehe sie
Nahrung finden konnten
Die braune Alte verteilte dann warme Milch Mehlkuchen und etwas Fleisch
das zu diesem Zweck schon vorher gekocht worden war der ganze Stamm lagerte
sich um den Wagen und mitten in der Wildnis wurde ein fröhliches Mahl gehalten
Bei solchen Gelegenheiten sah Robert auch den Zauberer der auf seinem großen
gezähmten Ren den Zug eröffnete und dem alle eine gewisse Ehrfurcht bezeugten
Roberts Wanderlust kannte keine Grenzen Die ganze Sache erschien ihm wie
der Zug der Israeliten durch die Wüste dem gelobten Lande entgegen Jetzt gab
es keine Gefahren mehr sondern nur die Beschwerden des Marsches und die
machten ihm trotz Mongos Seufzen und Brummen nur Spaß »Siehst du das Gebirge
dort« konnte er sagen »Da möchte ich hinüberklettern«
»So lauf dass dir die Knochen knacken du unkluger Junge Als ob es noch
nicht schlimm genug wäre durch Sümpfe und über steinige Hügel zu pilgern«
Robert lachte »Sei doch nicht so unwirsch Mongo Es ist ja schon bedeutend
wärmer und an geschützten Stellen wächst ab und zu ein Bäumchen Noch vierzehn
Tage dann haben wir die Weideplätze der reichen Lappenfürsten vor uns dann
folgt noch ein kurzer Aufenthalt in den Lofoten und mit erster Gelegenheit geht
es nach Bergen oder Trondjhem wo um diese Zeit immer viele Schiffe liegen Wir
werden schon hinkommen Alter«
»Aber wie Die Sohlen bluten und der Rücken schmerzt O nein ein Seemann
der meilenweit zu Fuß gehen muss das ist ja schrecklich«
Robert unterdrückte einen Seufzer »Freilich Mongo« antwortete er »wenn
wir ein Boot hätten und Wasser um darauf zu schwimmen das wäre angenehmer«
Der Neger schüttelte den Kopf »Ein Schiff Bob ein Schiff« rief er
lebhaft »Wie schrecklich es werden kann nur Wasser und ein Boot zu haben das
lässt du dir nicht träumen Nein nein da lobe ich mir noch das feste Land wenn
es auch ein bisschen steinig ist und die Füße zerreißt«
Robert horchte auf »Du« sagte er »hast du solch eine Bootfahrt schon
erlebt Bitte Mongo erzähle das hilft dir über die Fussschmerzen hinweg«
»Meinst du Schlingel Ich finde es ist dazu auch noch früh genug wenn wir
uns abends zur Erholung auf den harten Steinboden strecken«
Und dabei blieb es Als die beiden vom tüchtigen Marsch ermüdet sich unter
ihren Fellen zur Ruhe legten und sich rauchend und plaudernd die Zeit bis zum
Einschlafen vertrieben da erzählte Mongo von seiner unglücklichen Bootfahrt
»Es war auf einem Passagierschiff« sagte er »einer Bremer Bark die
Auswanderer nach Australien bringen sollte Es befand sich darunter auch die
Familie eines wohlhabenden Kaufmanns der nach Sidnei übersiedeln wollte bei
dem aber unterwegs eine schwere Lungenkrankheit zum Ausbruch kam Wir hatten
eine ausgezeichnete Fahrt und befanden uns bereits im Indischen Ozean Noch
heute weiß ich nicht wie es dazu kam aber plötzlich in der Nacht ertönte aus
dem Zwischendeck der Ruf Feuer Feuer Du kannst dir die Verwirrung denken
Bob beschreiben lässt sich das gar nicht Die Frauen kreischten oder wurden
mitten auf Deck ohnmächtig so dass man die armen hilf losen Geschöpfe wie
kleine Kinder forttragen musste die Männer kamen fassungslos die Treppe
heraufgestürzt und jammerten die Kinder schluchzten weil sie alle Erwachsenen
in Tränen und Aufregung sahen und die Mannschaft arbeitete mit der Hast der
Todesangst an den Booten um sie aufs Wasser hinabzulassen und mit den nötigen
Lebensmitteln zu versehen Wir hatten in Anbetracht der vielen Menschen eine
große Gig und noch drei weitere Boote zur Verfügung aber was machte das aus da
mehr als achtzig Personen innerhalb kürzester Zeit darin Platz finden oder mit
dem brennenden Schiff untergehen mussten
Und diese Erkenntnis verbreitete sich an Bord mit unheimlicher
Schnelligkeit In Todesangst drängte sich jeder an die Schanzkleidung um in das
nächste Boot hinabzuspringen Solche Stunden bringen ja auch den Besonnensten
außer Fassung und lassen alle menschlichen Überlegungen zurücktreten Da kennt
keiner mehr seinen Freund oder Bruder da stößt er jeden mitleidslos zurück um
selbst der erste zu sein
Aber unser Kapitän war ein richtiger Mann ein Kerl der den Kopf auch im
wildesten Sturm oben behielt und dessen eiserner Wille sich immer durchsetzte
Er trat mit dem geladenen Revolver unter die erregte Menge
Ruhig Leute rief er gebieterisch aus noch bin ich Kapitän auf diesem
Schiff und verlange Gehorsam Obersteuermann nehmen Sie einen der drei
Schiffsjungen vier Matrosen und sechs von den Passagieren in die Gig Hier
diesen Herrn mit den beiden Damen und drei Kindern Gott befohlen Roland
kommen Sie glücklich an die nächste Insel
Er drückte die Hand des Offiziers der ihm einige leise Worte zuflüsterte
worauf unser braver Kapitän mit einem Kopfschütteln antwortete Dann wurden vier
Mann ausgewählt darunter ich der heulende Junge mit Rippenstössen ermuntert
und die Passagiere in das Boot hinunter befördert Ach Bob das war ein
schrecklicher Auftritt Der Kapitän hatte sich in der Eile verzählt und nur drei
Kinder gerechnet es klammerten sich aber vier laut jammernd an die Kleider der
Mutter die natürlich kein einziges Kind zurücklassen wollte Da half nichts
der Kapitän musste nachgeben obgleich schon die Anzahl von zwölf Personen für
unsere Gig viel zu groß war Wir stießen so schnell wie möglich von dem
brennenden Schiff ab während der Kapitän mit gespanntem Revolver die
nachdrängenden Menschen abwehrte Ohne seine kaltblütige Entschlossenheit hätten
sich zwanzig auf einmal in das kleine Fahrzeug gestürzt und es rettungslos
untergehen lassen
So sahen wir denn aus einiger Entfernung zu dem unglücklichen brennenden
Schiff hinüber und konnten beobachten wie der Kapitän auch die drei kleineren
Boote bemannte In jedes kamen ein Steuerkundiger ein Matrose ein Junge und
fünf Passagiere immer Frauen und Kinder zuerst Als das letzte Boot im Begriff
war abzustossen wurde der mutige Mann der an sich selbst keinen Augenblick
gedacht hatte von der Überzahl der Verzweifelten zurückgeworfen und mindestens
zehn Männer sprangen über die Schanzkleidung in das Boot Natürlich entstand ein
furchtbares Durcheinander ein Rufen und Drohen zuletzt ein vielstimmiger
Schrei des Entsetzens und dann sank das Fahrzeug vor unseren Augen pfeilschnell
in die Tiefe Bald darauf kam es kieloben wieder an die Oberfläche Einzelne der
Ertrinkenden tauchten noch ein paarmal aus dem Wasser auf und griffen mit den
Armen hilflos um sich dann wurde es still um das Schiff nur einige Matrosen
schwammen zu dem gekenterten Boot richteten es auf und nahmen die Plätze ihrer
verunglückten dem blinden Wahnsinn der Passagiere geopferten Kameraden ein Der
Wind wurde immer stärker er blies mit kurzen Stößen in die schon zum Teil
brennenden Segel und trieb das steuerlose Schiff vor sich her während die rote
höllische Glut alles in ihren weiten Feuermantel hüllte Der Kapitän stand mit
verschränkten Armen am Heck und grüßte noch einmal zu uns herüber dann entzog
sich das Schiff unseren Blicken Wir sahen noch die brennenden Masten stürzen
einen Augenblick lang verbreitete sich Tageshelle und dann erlosch plötzlich
alles Die See war über ihre Beute dahingegangen
Wir durften uns dem Mitgefühl für die unglücklichen Kameraden nicht lange
ungestört hingeben denn unsere eigene Lage war bedenklich genug Die Gig war
etwa sieben Meter lang und anderthalb Meter breit stellt man sich also darin
dreizehn Menschen vor darunter Frauen und Kinder dann wird einem der Ernst der
Lage vollständig klar Überdies waren auch die Matrosen von Anfang an mutlos
weil sie die Unglückszahl Dreizehn fürchteten Dreizehn Personen Wie konnte das
gut gehen
Ärgerliche Blicke verfolgten das kleinste Kind der Frau Ein Murren
durchlief den Kreis der Seeleute Eins ist an Bord zuviel sagten sie ziemlich
ohne Scheu
Roland unser Steuermann ließ aber nichts dergleichen aufkommen er stellte
sofort einen Mann an das Ruder einen anderen an den Ausguck und ließ den Jungen
Wasser schaufeln so dass die beginnende Meuterei im Keim erstickt wurde Aber
die arme Mutter hatte doch verstanden dass man ihr Kind verwünschte und
schluchzte krampf haft Sie hielt jetzt durch diese Herzlosigkeit der Matrosen
das kleine Geschöpf für gefährdet und fiel von einer Ohnmacht in die andere Nun
stell dir die Lage vor Bob ein hustender kranker Vater eine alte Großmutter
die vor Angst und Schrecken kaum noch ihr Bewusstsein behält die ohnmächtige
junge Frau das schreiende Baby und drei andere unruhig krabbelnde Kinder
dazu ein Seegang dass die Wellen nur immer so in die Gig hineinstürzten und der
Junge gar nicht so viel ausschaufeln konnte wie in derselben Zeit wieder
zurückflutete Die Lage der armen Frau war schrecklich ich habe sie von Herzen
bedauert dabei war kein trockener Faden an uns allen die armen Kinder standen
bis an die Knie im Wasser und jede neue See überschüttete sie mit einem
Sprühregen
Die Schiffsordnung wurde genau eingehalten die Lebensmittel regelmäßig
verteilt und das Wasser so sparsam wie möglich verbraucht aber dennoch war die
Stunde wo wir alle vor Hunger und Durst umkommen mussten mit ziemlicher
Gewissheit vorauszusehen Vierzehn lange Tage hatten wir schon in dem
gebrechlichen kleinen Fahrzeug auf hoher See verbracht die Frauen und Kinder
lagen im Fieber der Schwindsüchtige hustete sich fast zu Tode aber noch war
kein Schiff keine Küste in Sicht gekommen und das Wasser in den Fässern begann
abzunehmen
Die Matrosen versuchten wieder zu meutern Dreizehn an Bord So können wir
ja kein Land erreichen
Roland verbot solche Worte aber heimlich wurden sie doch geflüstert nur
dass die arme Mutter sie nicht mehr hörte Sie lag im heftigsten Delirium und
musste offenbar immer mit den Schrekkensszenen der Feuersnacht beschäftigt sein
denn alle ihre verworrenen Reden deuteten auf die Angst hin die sie im
Fieberwahn immer wieder durchlebte
Am fünfzehnten Tage besaßen wir nur noch einige wenige Stücke Brot und
keinen Tropfen Wasser mehr aber es gab auch einen Menschen in dem
verlassenen verschlagenen Boot weniger Die kranke Frau war ihren Leiden
erlegen ohne das verlorene Bewusstsein wiedererlangt zu haben Auch der Säugling
lag wie tot in den Armen seiner Großmutter die immer noch bei jeder stärkeren
Bewegung des Bootes ein Ach du allerhöchster Gott nicht unterdrücken konnte
Nie werde ich die Leidensgestalt dieser alten Frau vergessen wie sie so
wochenlang vor mir dasaß unveränderlich mit dem weissseidenen Hut und dem grauen
Kleid auf dessen Schleppe die Matrosen bei jeder Bewegung traten Die arme Alte
war wie ein Steinbild sie schien an ihren Platz festgewachsen und selbst als
wir die Leiche ihrer Schwiegertochter so schonend wie möglich über Bord gehen
ließ selbst in diesem Augenblick liefen nur die großen Tränen über das
runzelige ganz weiße Gesicht herab aber sie schluchzte nicht und rührte kein
Glied
Am nächsten Tage starb auch das Kleine
Wir waren jetzt an Bord nur noch elf Unsere Zungen klebten am Gaumen
unsere Lippen wurden schwärzlich und sprangen auf unsere Kräfte schon
erschöpft durch den Mangel an Nahrung drohten uns zu verlassen Wir erwarteten
in einer Art dumpfer Verzweiflung den Tod die kleinen Kinder schliefen fast
immer
Da eines Morgens früh ich werde den Augenblick nie im Leben wieder
vergessen erhob sich der Matrose am Ausguck plötzlich auf die Fußspitzen
Land rief er mit schwacher aber vor Freude schluchzender Stimme Land
Alles taumelte auf Unser Steuermann versuchte ein Hurra das ihm in der
Kehle stecken blieb der Junge fuhr mit beiden Knöcheln seiner Daumen in die
Augen und der hustende Schwindsüchtige fragte in heiserem Ton Ist es das
Festland von Australien
Er dachte nur an sich und trotz seiner schrecklichen Krankheit war Rettung
aus der augenblicklichen Gefahr der einzige Gedanke den er fassen konnte alles
andere war ihm gleichgültig
Die alte Großmutter rührte sich nicht Sie hatte wahrscheinlich den Ausruf
des Matrosen nicht einmal verstanden
Und doch wiederholten alle von Zeit zu Zeit das erlösende glückbringende
Wort Land Land
Alle Blicke hingen an dem grünen bewaldeten Ufer an den immer näher und
näher aus dem Wasser hervortretenden Umrissen der Küste Es grünte und blühte in
allen Farben hohe Wipfel rauschten im Morgenwind Kletterpflanzen schlangen
sich von Zweig zu Zweig bunte Vögel besonders Papageien wiegten sich in den
Laubkronen und hier oder da lugte ein Affe aus dem Gebüsch Dazu die goldenen
Sonnenstrahlen und die heitere würzige Luft die Aussicht auf Wasser
vielleicht auch auf frische Früchte kurz wir waren in einer Art von Taumel
Ist es Australien krächzte wieder der unglückliche Kranke
Roland war der einzige der vollkommen ruhig blieb und auch jetzt noch die
Ordnung aufrecht erhielt Es ist eine Insel mein Herr antwortete er auf der
unser Aufenthalt nicht von Dauer sein kann weil dort wahrscheinlich Wilde
hausen und zwar ein bösartiger grausamer Stamm dessen vergiftete Pfeile auch
bei dem geringsten Streifschuss töten
Der Kaufmann erschrak sehr Mein Gott ich gehe gar nicht an Land stammelte
er
Das ist auch keineswegs erforderlich sagte Roland lächelnd
Die Küste war inzwischen erreicht und wir sahen Kokospalmen mit reifen
Früchten Bananen und Feigen Unsere Freude kannte keine Grenzen
Ich sage dir Bob das ging wie auf Flügeln bis die reifen Nüsse angebohrt
waren und jeder von uns diesen natürlichen Becher an die Lippen setzte Der
alten Frau und den armen kranken Kindern flößte ich selbst etwas Kokosmilch ein
obgleich es bei den Kleinen nicht viel mehr nützte als sie vor dem Ende noch
einmal zu erquikken aber ich musste immer an meine eigenen Kinder denken die
auch einst so schutzlos fremder Gnade überlassen in die Welt hinausgestossen
worden waren und darum nahm ich mich der Verlassenen an Ihrem Vater konnten
wir trotz allen Zuredens keine Kokosmilch aufdrängen Das reizt den Husten
antwortete er Nüsse sind sehr schädlich
Und dann nachdem der erste Heisshunger gestillt war schafften wir Vorräte
in das Boot Zwei Mann gingen mit geladenen Gewehren tiefer in die Wildnis
hinein und suchten eine Quelle während zwei andere die nächststehende Palme in
aller Eile fällten und die Früchte an Bord brachten Auch Bananen und Feigen
rafften wir zusammen soviel sich tragen ließ dann nahm unser Steuermann mit
dem Oktanten genau die Sonnenhöhe zeigte uns auf der Karte wo wir waren und
nachdem die beiden vorhandenen Fässer mit wundervollem frischem Wasser gefüllt
waren stießen wir vom Lande ab In diesem Augenblick tönte uns aus den nächsten
Büschen das Kriegsgeschrei der Malaien entgegen und ein Hagel von Pfeilen
schlug rechts und links ins Wasser Die halbnackten gelben Gestalten die
hässlichen Gesichter und das wütende Geschrei übten im ersten Augenblick eine
solche Wirkung dass wir nicht schnell genug vom Lande fortkamen um einem
zweiten Hagel hölzerner Pfeile zu entgehen obwohl wieder keiner traf Nur ein
einziger bohrte sich in den weißen Hut der alten Dame die ihn ärgerlich ergriff
und über Bord warf
Zugleich aber stürzten sich sechs oder zehn Wilde in das Wasser und
schwammen aus allen Kräften dem Boot nach offenbar um es zu entern Der
schwindsüchtige Herr stieß einen lauten Schrei aus
Leute Leute um des Himmels willen erschlagt die Räuber rief er
Unsere Matrosen machten auch wirklich Miene die Lenkung des Bootes gänzlich
fallen zu lassen und den Kampf mit den Malaien aufzunehmen aber Roland
verhinderte rechtzeitig dies tolle Wagnis das unfehlbar unseren Untergang hätte
herbeifuhren müssen
Seine Befehle in festem Ton gegeben brachten das kleine Fahrzeug in noch
schnellere Fahrt und bald hatten wir die schwimmenden Wilden weit hinter uns
gelassen Nur das teuflische Kriegsgeschrei gellte uns über den Ozean nach
Wir hatten aber doch wieder für mindestens acht Tage Proviant und Wasser
daher verspotteten wir aus sicherer Entfernung die wütenden Gelben und sangen
ihnen Spottlieder zu oder warfen Kokosschalen nach den auf und abtauchenden
Köpfen Der Kranke hustete dass es in jedem Augenblick schien als müsse seine
eingefallene Brust springen
Und so fuhren wir auf gut Glück weiter Tag um Tag verging eine Kokosnuss
nach der anderen wurde zersägt wir alle waren krank von der unverdaulichen
Nahrung und ehe eine Woche seit der Landung auf der Insel vergangen war
starben die unglücklichen kleinen Kinder aus Mangel an richtiger Pflege vor
unseren Augen ohne dass wir Mittel besaßen sie zu retten Am neunten Tage
hatten wir wieder keinen Tropfen Wasser mehr und lagen bei fast völliger
Windstille fast verzweifelt auf dem Boden des Fahrzeuges
Nur Roland behielt seinen festen unerschütterlichen Mut Er zeigte uns auf
der Karte wo sich das Boot befand und dass wir dem kleinen Hafen von Plangei
auf Sumatra ganz nahe sein müssten ja dass das Land jeden Augenblick in Sicht
kommen könne aber seine Worte machten keinen Eindruck Wir hörten kaum auf
ihn sondern ergaben uns ohne Gegenwehr der tiefsten Mutlosigkeit
Es wurde Nacht die See ging höher und höher ein Sturm brach los und noch
einmal hatten wir Glück Ströme von Regen fielen herab auf unsere brennenden
Stirnen wir konnten trinken trinken
Du ahnst nicht Bob was es heißt langsam zu verdursten Die schwerste
Krankheit der heftigste Schmerz sind dagegen Kinderspiel
Roland nickte zufrieden Jetzt gebt acht Leute rief er Es zieht ein
Gewitter herauf und wo die Blitze herabfahren da ist Land
Neu erfrischt und belebt hoben sich alle Köpfe Wir waren bis auf die Haut
durchnässt unsere Füße standen bis über die Knöchel im blanken Wasser aber das
ließ sich doch immer noch weit besser ertragen als vorher der quälende Durst
Neugierig sahen wir unserem Steuermann über die Schulter als er in der
Dunkelheit einen noch dunkleren Punkt bezeichnete Ich möchte wetten dass dort
das Ufer liegt rief er
Wir strengten unsere Augen an und rieten hin und her bis plötzlich der
erste gelbe Blitz über den Horizont dahinlief und gedankenschnell herabzuckte
dann jubelte der Steuermann ein lautes Hurra
Seht ihrs Kinder seht ihrs Dort ist Land
Wissen Sie das genau Herr fragte einer der Matrosen
So genau wie man überhaupt derartige Regeln aufstellen kann antwortete
Roland Nur ausnahmsweise schlägt der Blitz in der Nähe des Landes ins Wasser
Aber für diesen Fall befurchte ich nichts da der elektrische Funke immer die
gleiche Richtung verfolgt Vor uns ist Land
Diese sichere Überzeugung verfehlte ihre Wirkung nicht obwohl jetzt eine
neue schwere Sorge unsere Kräfte in Anspruch nahm Wir hatten auf dem
schwankenden Boot mit einem einzigen Segel und ohne eine Notspiere dem
orkanartigen Gewittersturm standzuhalten Blitz und Donner rasten immer stärker
der Wind heulte und der Regen schoss in Strömen herab aber doch waren wir voll
Hoffnung da das Land immer näher kam Wir sahen es beim Schein der roten
zuckenden Blitze ganz deutlich
Nun musst du wissen dass Plangei zu dem von den Holländern beherrschten Teil
der Insel Sumatra gehört und dort also durchaus schon europäische Einrichtungen
bestehen Der Strandvogt ein wetterbrauner tüchtiger Kapitän von der
holländischen Marine ließ ein großes mit zehn Malaien bemanntes Boot
auslaufen um uns Hilfe zu bringen und uns zugleich als Lotsen zu dienen Es gab
noch einen harten Kampf mit den empörten Wellen der Junge wurde über Bord
gespült und konnte erst nach lange Anstrengung wieder aufgefischt werden aber
dennoch brachten uns die braven Seeleute schließlich wohlbehalten ans Ufer
Ich sage dir es war wie im Paradies Bob als wir endlich festen Boden unter
unseren Füßen fühlten als wir warme Speise bekamen und uns zum Schlaf so bequem
wie möglich ausstrecken durften Die schlechten hölzernen Häuser die halbwilden
Malaien die harten Schlafstellen aus Seegras und Wolldecken alles erschien uns
wunderbar berauschte uns förmlich Wir tanzten und jubelten wie Kinder am
Weihnachtsabend
Der Strandvogt behielt uns acht Tage lang in seinem gastfreundlichen Hause
dann ließ er unser Boot ausrüsten und mit Lebensmitteln versorgen und nach
einem herzlichen dankerfüllten Abschied ging es wieder auf die Reise um längs
der Küste über mehrere kleine Fischerdörfer nach dem bedeutenderen Hafen von
Padang zu kommen Vorher jedoch hatten wir noch eine Szene zu bestehen die uns
allen ins Herz schnitt Die alte Dame war durch das erlebte schreckliche Unglück
vollkommen stumpfsinnig geworden sie ließ sich aus dem Boot und in das Haus des
Strandvogtes tragen ohne von ihrer Umgebung irgendwelche Notiz zu nehmen doch
als wir an Bord gingen und ich sie sorgfältig an ihren gewohnten Platz setzen
wollte da schien eine Erinnerung des Überstandenen in dem gestörten Gehirn
wieder aufzuleben Sie sträubte sich wie in Todesangst klammerte sich mit
beiden Händen an die Türpfosten und zitterte wie ein erschrecktes Kind
Wir konnten es kaum mit ansehen mussten aber doch freundliche Gewalt
brauchen denn in Plangei gab es weder zu Wasser noch zu Lande ein
Beförderungsmittel nach anderen Hafenplätzen während Roland trotzdem
verpflichtet war die beiden geretteten Passagiere des verbrannten Schiffes an
das Bremer Konsulat abzuliefern und zu Protokoll zu geben was im Boot geschehen
war seit es das untergehende Schiff verlassen hatte Von den drei kleinen
Booten die mit uns zugleich abstiessen hatten wir wie ich zu erzählen vergaß
nie etwas wiedergesehen«
Robert hatte der Schilderung des Alten gespannt zugehört »Und ihr erfuhrt
auch später nichts Mongo« fragte er teilnehmend bei den letzten Worten
»Doch« nickte der Neger »Ein aus der Sundastrasse kommendes Schiff hat die
vier treibenden gekenterten Boote aufgefischt und eingeliefert Sie trugen alle
den Namen Susanna erwiesen sich also dadurch als die zu der verbrannten Bark
gehörigen kleinen Rettungsboote aber von den Insassen war keiner am Leben
geblieben Gottes Wege sind unerforschlich Bob So viele junge Menschen gingen
mit dem Schiff in wenigen Stunden unter und zwei Menschen die dem Tode schon
verfallen waren kamen mit dem Leben davon Wir brachten die geistesgestörte
alte Frau und den kranken Mann wohlbehalten nach Padang wo sie der Konsul in
Empfang nahm und mit dem nächsten Dampfer nach Hause schickte Wir Seeleute
erhielten die Heuer ausbezahlt man sammelte für uns und tat alles Mögliche um
uns die Leiden dieser schrecklichen Reise vergessen zu lassen dennoch aber wird
mir jede Einzelheit der Fahrt ewig im Gedächtnis bleiben Was wir während dieser
Wochen ertrugen das spottet aller Schilderung und lässt sich furchtbarer nicht
denken«
Robert zog seine Decke über die Schultern herauf »Ich glaube es dir
Mongo« nickte er »Die Tatlosigkeit die enge Gefangenschaft auf so kleinem
Raum muss ganz entsetzlich gewesen sein Ich wäre gewiss «
»Nun« fragte nach einer Pause der Alte
»Nichts Mongo Gute Nacht«
»Gute Nacht mein Junge«
Die beiden schliefen Seite an Seite unter den warmen Rentierfellen bis am
nächsten Morgen das gewohnte Zeichen eine Art Kuhhorn mit seinen
melancholischen Brummtönen zur Weiterreise mahnte Und wieder ging es über Berge
und Täler mit jedem neuen Sonnentag entfaltete sich alles ringsumher zum
Erwachen zum Leben Der Boden verlor die Felsbildung der Wind hörte auf Kälte
und Regen mit sich zu führen überall begann es zu grünen und zu blühen und der
Baumbestand nahm immer mehr zu Es gab jetzt schon Kiefern Birken und schlanke
Tannen sogar einige kleine Eichen es wurde wärmer und dann kam endlich der
Tag an dem man bei dem großen Lappenlager am Fuße des Kilpis angelangt war Der
Maalself stürzte von einem hohen stumpfen Kegel mit donnerndem Rauschen in sein
steinernes Bett herab die Abhänge des himmelhohen Felsens erhoben sich kantig
und zackig fast bis zu den Wolken empor und hohe Bäume ragten im Schmuck des
jungen Grün aus dem tiefen Tal herauf Hier war jeder Meter Boden fruchtbarstes
Ackerland hier gab es weite Rasenflächen und überall weideten Rentiere deren
ausgedehnten Futterplatz man sorgfältig eingefriedet hatte
In der Nähe des Wasserfalles an einer besonders geschützten Stelle lagen
die Wohngebäude die Stallund Arbeitsräume der Lappen alles nur riesige Zelte
mit vier Stämmen in der Erde befestigt und durch Pflöcke gehalten aber mit
geteertem oder geöltem Segeltuch bespannt und gut eingerichtet Während bei dem
wandernden Stamm überall die bitterste trostlose Armut zutage trat herrschte
hier bei den reicheren Verwandten offensichtlicher Wohlstand der sich besonders
in der Kleidung ausprägte Statt der rohen ungeschlachten Säcke aus Fellen
trugen diese Hirten und Hirtinnen die Tracht der weißen Kolonisten nämlich die
Männer das blusenartige Jagdhemd mit Tuchhosen großen Lederstiefeln und
schwarzem spitzem Hut den eine Adlerfeder schmückte und die Frauen das
braune oder helle Kleid mit langen Flechten und einer breiten schneeweißen
Schürze
Die geöffneten Türen des großen vorderen Zeltes zeigten im Innern eine
vollständig eingerichtete Meierei Es wurde Butter und Käse bereitet man
scheuerte die blanken Geräte und kochte an einem riesigen Feuer für die ganze
große Schar das Essen
Es sah hier alles anders aus als bei den armen Nomaden die im Winter
Handschuhe strickten und Zwirn und Holzgeräte arbeiteten um sie im Frühling
gegen die unentbehrlichsten Lebensmittel und Hausgeräte bei dem Krämerkolonisten
einzutauschen und doch trotz aller Mühe ewig in dessen Schuld zu bleiben Dieser
Stamm dagegen trieb ausgedehnten Handel und bedeutenden Fischfang in den
Lofoten
Der Zauberer verließ als man den Lagerplatz erreicht hatte sein Reittier
und näherte sich allen andern voran dem Wohnzelt das höchstwahrscheinlich
einem Anführer oder besonders reichen Manne gehörte Schon sehr bald kam er
zurück begleitet von einem Lappen der ihm Zeltplätze anwies und dann die Herde
einer Musterung unterwarf Jedem Tier das in die Umfriedung getrieben wurde
schnitt er ein Zeichen in das Haar die älteren aber wurden zum Schlachten
bestimmt und in einen gesonderten Raum gesperrt Alles was Robert sah deutete
auf Ordnung und Wohlstand hin
Von ihm selbst und seinem schwarzen Gefährten musste der Zauberer auch
gesprochen haben da sich der junge Lappe nachdem er die Tiere ausgesondert
hatte den beiden näherte und ihnen seine derben braunen Fäuste darbot
»Ihr seid willkommen« sagte er in einer Sprache die so sehr an die
Dänische erinnerte dass ihn Robert sofort verstand »Bleibt unsere Gäste
solange es euch beliebt und seid zufrieden mit dem was wir bieten können Hier
ist niemand reicher als der andere hier sind keine Herren und keine Diener
sondern jeder findet sein bescheidenes Teil an den Gaben Gottes Kommt in das
Zelt meines Vaters und esst und trinkt«
Robert schlug sofort ein Zwar klangen die Worte des jungen Burschen etwas
blumenreich und aussergewöhnlich aber doch vertrauenerweckend Er übersetzte sie
dem Neger und die beiden traten in das Zelt wo ihnen Rentiermilch
Bärenschinken und eine kalte gebratene Rentierkeule sowie die bekannten
Mehlkuchen vorgesetzt wurden Nach wenigen Stunden schon waren sie mit ihren
neuen Gastgebern gut befreundet und Helge der Sohn des alten Stammesführers
versprach ihnen sie schon morgen nach dem Westfjord mitzunehmen wo jetzt die
getrockneten Fische von den Stangen gehoben verpackt und verladen wurden die
man seit dem März der Sonne und dem Wind ausgesetzt hatte
Für diese Arbeit trafen die Wanderlappen hier ein während die Männer von
der ersten Reise dem Märzfischzug bereits wieder nach Norden gegangen waren
um dort während der Sommermonate zu ernten was der kurze Sonnenschein dem Boden
abgerungen hatte um zu jagen und die Stammtiere der zahllosen Rentierherden zu
weiden Ewig unterwegs lebt und stirbt der Lappe auf der Wanderschaft über die
Gebirge und Hochflächen seiner öden Heimat
Robert sprang vor Freude während Mongo den ganzen Tag ausruhte und sich von
den Strapazen der Wanderung wieder zu erholen suchte »Hier sind Lebensmittel im
Überfluss« sagte er »ich brauche also kein Brennholz zu spalten oder Wasser
herbeizuschleppen wie damals in dem verwünschten Gebirge wo eine Zwiebel schon
ein Leckerbissen war und ein Stück gekochtes Leder ein Feiertagsschmaus Meine
alte Freundin sitzt wie ich sehe auch den lieben langen Tag im Sonnenschein
ohne zu arbeiten ich mache es wie sie«
Robert lachte und bestieg mit Helge die großen geduldigen Rentiere die sie
nach dem Westfjord bringen sollten Seine Reitkunst war zwar seit Pinneberg
nicht mehr geübt worden so dass er wie ein richtiger Seemann auf dem Rücken des
Tieres hing oder besser wie ein Feuerzange auf dem Rost Helge lachte laut
aber schon nach kurzer Zeit hatte Robert die erste Angst überwunden die Hörner
des gutmütigen Tieres losgelassen und sich straffer aufgerichtet »Habe ich doch
nie im Leben gehört dass die Rentiere zum Reiten benutzt werden« sagte er »Ich
hielt sie nur für milchgebende Kühe deren Fell und Fleisch man wie das der
Rinder verwendet«
Helge nickte »Ist auch ganz so wie du sagst Herr« antwortete er »Die
gewöhnlichen Rentiere aus den Finnmarken setzen ihren Reiter sofort wieder ab
oder lassen überhaupt einen solchen Versuch gar nicht erst zu aber die von der
Halbinsel Kola eine größere zahmere Rasse die jedoch selten eingefangen wird
eignet sich zum Reiten ganz besonders Du kannst so ruhig sein als sässest du
auf dem Schoss deiner Mutter der Tiermer wird dich nicht abwerfen«
Robert sah auf »Tiermer« wiederholte er »das Wort habe ich schon häufig
gehört Was bedeutet es«
Der Lappe sah ihn misstrauisch an »Weiß nicht Herr« antwortete er kurz
»Ist eben ein Name wie deiner und meiner auch«
»Du sollst mich nicht Herr nennen Helge« rief der Junge »Ich heiße
Robert gewöhnlich abgekürzt in Bob«
Der Lappe neigte lächelnd den Kopf »Aber du bist ein Weisser« sagte er
»und du verachtest wie alle deine Brüder die armen schmutzigen Bewohner der
Finnmarken«
Robert lachte hell auf »Ich und jemand verachten« rief er »Das gibt es
bei uns zu Hause nicht Wir schätzen den Mann nach seinem Verdienst aber nicht
nach seiner Hautfarbe«
Der junge Lappe seufzte tief »Dann möchte ich dass unser Gebiet an deine
Heimat stiesse Bob Hier sind wir nur geduldet wie die Tiere der Wüste da man
sie nicht töten darf«
Robert schwieg Er dachte an das heidnische Opfer hoch oben auf den
Felsenbergen der äußersten Eismeerregion an das steinerne Götzenbild und die
Blutstropfen auf seinem abschreckenden Antlitz er glaubte plötzlich den feinen
Wohlgeruch wieder zu atmen und sah die braunen Gestalten wie sie sich vor dem
Bilde Jubinals tief verneigten und dann das sonderbare Abendmahl aus den Herzen
der Opfertiere empfingen
dabei hatte er das »Tiermer« gehört er wusste es jetzt genau
Schweigend ritt er mit seinem Begleiter weiter Der breite Westfjord
schimmerte schon von weitem herüber als er zu dem jungen Lappen begann »Bist
du ein Christ Helge«
Derselbe misstrauische Blick von vorhin streifte ihn wieder »Wir sind alle
Christen Herr« antwortete der Bursche
»Auch der Stamm mit dem ich hierher kam«
»Auch der Wo trafst du übrigens meine Brüder«
»Am Eismeer« antwortete Robert »Hoch oben im Gebirge«
»So so Rastete der Stamm an dieser Stelle«
»Einige Tage lang Ich konnte mit niemand sprechen und weiß also nicht
warum Aber sage mir doch« fügte er hinzu um den Gegenstand des Gesprächs zu
wechseln »sage mir doch wie dein Rentier heißt Helge«
Der junge Lappe schien einen Augenblick zu zögern dann aber heftete er den
Blick auf Roberts Gesicht und antwortete ruhig »Das Tier heißt Jubinal«
»Jubi «
Robert ließ den Namen unvollendet Er besann sich zur rechten Zeit dass es
gefährlich und undankbar sein würde die Geheimnisse der armen Nomaden
auszuplaudern »Es kam mir wieder so vor als hätte ich auch dies Wort schon
einmal gehört« sagte er nur »Vielleicht heißen viele Tiere so«
»Sehr viele« war die einsilbige Antwort
Wieder stockte das Gespräch und Robert wandte seine ganze Aufmerksamkeit
dem Westfjord zu Da sah er an langen Stangen am Ufer die Millionen getrockneter
Fische in der Luft hängen und überall die arbeitenden Männer welche die
reichliche Beute in Sicherheit brachten
In den Buchten lagen zu Hunderten die Fischerboote und weiter draußen die
Jachten die den Ertrag des Fanges nach Tromsö bringen sollten Robert sah
sehnsüchtig nach den schlanken Fahrzeugen mit dem weißen Bug und den weißen
glänzenden Segeln »Helge« sagte er »kennst du keinen von den Kapitänen«
Der Lappe nickte »Kenne sie alle Herr Sind die Krämer von den
Ansiedlungen in den Schluchten und an den Fjords jeder fuhrt sein eigenes
Schiff«
Robert machte ein erstauntes Gesicht »Krämer« wiederholte er »Und diese
Männer sind gleichzeitig auch Seeleute«
»Ja Seefahrer Grosshändler Gaardbesitzer Krämer und Viehzüchter alles
zugleich Hier ist nur der etwas wert der die raue Gegend und das raue Wetter
in jeder Weise auszunutzen versteht Sonst könnte er sich nicht ernähren«
Robert fühlte sich ziemlich enttäuscht »So hat also wohl jeder dieser
KrämerKapitäne seine Schiffsbesatzung fix und fertig in Knechten und Lehrjungen
dastehen« rief er verächtlich
»Du sagst es Herr« antwortete der Lappe
»Und fremde wirkliche Matrosen werden nicht geheuert«
»Auf diesen Jachten nein Du musst dich in Bergen nach einem Kapitän
umsehen Dort gibt es welche aus aller Herren Länder«
Robert atmete auf »Helge wüsstest du eine Gelegenheit bald dahin zu
kommen« fragte er den jungen Lappen
Der zuckte die Achseln »Müssen sehen Herr« antwortete er
Robert begriff nicht weshalb der junge Mensch plötzlich so verändert und
schweigsam erschien Helge hatte offenbar anfangs großes Gefallen an ihm
gefunden und jetzt war er fast abweisend geworden Als sie das Ziel erreicht
hatten und die Rentiere an einen Baum gebunden waren näherte er sich Robert
»Du bleibst an meiner Seite Herr« sagte er leise aber im Ton eines Befehls
»Begleite mich ich habe mit den Männern dort zu sprechen«
dabei deutete er mit der Rechten auf eine Gruppe von Lappen die auf langen
Holzbänken die gedörrten Fische zu einzelnen Haufen schichteten und bei dieser
Arbeit laut sangen oder sprachen während sich der salzige unangenehme Geruch
weithin bemerkbar machte »Wir reiten in einer Viertelstunde zurück« fügte er
hinzu
Robert schüttelte den Kopf Etwas in ihm sträubte sich gegen diesen Ton
»Ich bleibe am Strand« sagte er »und zwar um womöglich mit einem der Schiffer
zu sprechen«
»Das verbiete ich« beharrte der Lappe
»Du Mit welchem Recht«
»Ich zwinge dich dazu Du bist ein Gast im Zelt meines Vaters du bist ein
Bettler den das Meer an unseren Strand geworfen hat das vergiss nicht«
Roberts Blut schoss heiß in seine Wangen Das Wort »Bettler« nahm ihm wieder
einmal seine ganze Besonnenheit Ehe sich der Lappe versah brannte auf seinem
Gesicht ein Schlag der ihn fast zu Boden geworfen hätte »Nimm das von dem
Bettler« rief der junge Matrose zornig Er stand mit blitzenden Augen und
geballten Fäusten vor seinem Gegner der zwar wütend wie ein gereiztes Raubtier
aussah aber keinen Versuch machte die Ohrfeige zurückzuzahlen »Bist du auch
noch ein Feigling dazu« rief er
In diesem Augenblick berührte die Hornspitze einer langen Pfeife von hinten
seine Schulter und als er sich umsah bemerkte er einen älteren Mann in
Schiffertracht der mit spöttischer Miene den ganzen Auftritt beobachtet hatte
»Schlagen sich zwei junge Narren auf offener Heerstraße« sagte er spöttisch
lachend
»Der Lappe hat mich beleidigt« rief Robert errötend »Er hat mich einen
Bettler genannt weil ich schiffbrüchig an diese Küste geworfen wurde und auf
der Wanderung vom Eismeer hierher notgedrungen das Brot seines Stammes essen
musste Ist das gut und gerecht Herr«
Der Mann antwortete nicht Seine blauen klugen Augen forschten in dem
Gesicht des Lappen »Warum hast du das getan Helge« fragte er
Der junge Rentierhirt schwieg
Der Norweger lächelte schlau »Du bist also am Nordkap gestrandet« wandte
er sich zu Robert »Als Walfischfänger natürlich Und da oben trafst du die
Lappen«
»Ja Herr«
»Wir kennen hier keine Herren Junge Ich bin der Patron Gulbrandson das
genügt Und du Schlingel« redete er den anderen an während sich sein
breiter Mund zum Grinsen verzog »du fürchtest dass dieser schlagfertige junge
Seebär wohl ausplaudern könnte was höchstwahrscheinlich da oben in der Eiswüste
passiert ist nicht wahr Oder denkst du dass deine schmutzigen Gesellen am
Nordkap wo kein Baum wächst und kein Leben gedeiht zu Jesus Christus gebetet
haben he«
Helge sah mit misstrauischem Blick auf »Wir sind alle Christen Patron
Gulbrandson« antwortete er verbissen
»Aha Dachte wohl dass ich den Nagel auf den Kopf getroffen hätte« lachte
der Norweger »Ist nicht angenehm für Götzendienerei und Heidenkram vor Gericht
gerufen zu werden und in das Gefängnis zu wandern wie Kann mir das lebhaft
denken und kein Jubinal und kein Tiermer schützt davor wenns herauskommt
Aber würdest du denn hingehen und wie ein altes Weib ausschwatzen was du
gesehen hast Bursche wie« wandte er sich an den erstaunten Robert der jetzt
erst den Zusammenhang der Dinge vollständig begriff
Eine Handbewegung antwortete ihm »Nein niemals« rief der junge Matrose
»ich würde niemals den Verräter spielen«
Patron Gulbrandson lachte »Du gefällst mir« nickte er »Willst sicherlich
eine Heuer annehmen nicht wahr Möchtest nach Bergen fahren denke ich«
»Ja ach ja In das Lager der Lappen gehe ich nicht wieder zurück und
sollte ich hier verhungern müssen Nehmen Sie mich mit nach Tromsö Patron«
Der Norweger rauchte in großen Wolken »Kennen hierzulande gar kein Sie«
brummte er »Ist vielleicht dänische und deutsche Sitte wir mögen es nicht
Nennt einer den andern du und wenns der Amtmann von Tromsö selber ist Aber du
gefällst mir Junge habe dirs ja schon gesagt ist Mut in dir und eine frische
Art mag dich leiden mit einem Wort Meine Jacht geht morgen nach Tromsö
unter Segel und wenn du mitwillst so komm an Bord ich erlaube es Aber vorher
noch Frieden mit diesem Burschen hier Der Mensch soll nicht im Zorn scheiden
und wäre es auch von einem gelben schmutzigen Lappen«
Da wandte sich Helge plötzlich ab und rannte wie ein Hase in Sprüngen zu den
Rentieren deren Halfter er durchschnitt und sich auf den Rücken des einen
schwang
Mit einem wilden gellenden Schrei jagte er in das Gebirge zurück Wie der
Blitz schoss ihm Tiermer das ledige Ren auf den Fersen nach
»Fort ist er« sagte Olaf Gulbrandson »Kenne sich einer aus bei den Lappen
Sie sind von ihren Tieren so wenig zu trennen wie von ihren alten
Heidengöttern und wenn bis zum jüngsten Tage von unserem Herrn und Heiland
gepredigt werden würde«
Er hatte das mehr für sich als zu seinem jungen Begleiter gesprochen Jetzt
erst sah er dass Robert kreidebleich dem dahinjagenden Hirten nachblickte
»Nanu« rief er »was ist denn los Junge Siehst ja aus wie ein altes Weib das
im Gebirge einem Höhlengeist begegnet ist«
Robert gab ganz verstört den erstaunten Blick des Patrons zurück »Leb
wohl« sagte er »ich muss fort ich darf mich nicht länger auf halten Patron
Da oben bei den Lappen ist noch ein Gefährte von mir ein alter Neger den ich
nicht verlassen darf«
Er wollte sich rasch abwenden aber Olaf Gulbrandson hielt ihn am Arm
zurück »Du bist nicht gescheit Junge« rief er »glaubst du etwa dass es dir
möglich wäre zu Fuß über die Fjellen zu laufen«
»Ich muss und wenn es noch so schwer sein sollte Sie könnten den Alten
ermorden«
»Pah Das fällt ihnen nicht ein Sie bewachen ihn bis er auf einem Schiff
sitzt und der Stamm ins Innere des Landes zurückgeht Wie konntest du Helge aber
auch von dem Baalsdienst seiner Genossen erzählen«
»Das habe ich nicht getan« rief Robert lebhaft »Du darfst mir nicht solche
Gedankenlosigkeit zutrauen Patron Ich wusste noch nicht einmal was der Lappe
dachte als er schon aus einigen Andeutungen zusammengesetzt hatte dass ich
nun meine Schuld ist es nicht Aber dem Neger darf nichts geschehen Patron
Gulbrandson Bitte lass mich fort hörst du«
»Das tue ich nicht Junge du läufst in dein Verderben hinein blind und
toll wie ein Verrückter Du kennst ja den Weg gar nicht fünf Stunden müsstest du
marschieren auch wenn es dir gelänge dich zurechtzufinden also gib den Plan
auf Der Neger wird nicht ermordet ich Olaf Gulbrandson stehe dir dafür«
Robert schüttelte den Kopf »Willst du mir wirklich raten meinen Gefährten
im Stich zu lassen und selbst hier in Sicherheit zu bleiben während sein
Schicksal von der Großmut einiger Lappen abhängt Patron Gulbrandson willst
du das wirklich«
Der Schiffer runzelte die Stirn »Sind alle Grünschnäbel in Deutschland so
vorlaut alten Leuten derartige Fragen zu stellen Bursche«
Robert wandte sich ab »Leb wohl Patron ich danke dir nochmals für dein
freundliches Anerbieten aber ich darf nicht Wenn ich mit Mongo wieder hierher
zurückkomme wird deine Jacht längst die Anker gelichtet haben Glück auf die
Fahrt«
Er grüßte und lief ohne weiteres fort den Spuren der beiden galoppierenden
Rentiere nach Olaf Gulbrandson schob die Pelzmütze in den Nacken rauchte wie
ein Fabrikschornstein und sah ihm sprachlos nach Erst als Robert seinen Blicken
zu entschwinden drohte fasste er sich
»Hallo Junge« rief er mit gewaltiger Stimme »hast du denn den Teufel im
Leib Ich will dir helfen dir Leute mitgeben hörst du Komm zurück
Schlingel«
Robert stand unschlüssig still als er aber den Norweger mit langen
Schritten nachkommen sah kehrte er um und ging ihm entgegen »Sprichst du im
Ernst Patron Gulbrandson« fragte er »Sonst halte mich nicht auf es würde
nichts nützen«
Der Norweger war ganz außer Atem »Ich scherze nie Junge« antwortete er
»aber am allerwenigsten in ernstaften Dingen Du sollst ein paar Kerle haben
die den Weg kennen und Brot und Fleisch auf die Wanderung sonst könntest du
nicht lebend in das Lappenlager kommen Wart einen Augenblick«
Sein gellender langgezogener Pfiff rief aus einem der Boote zwei Männer
herbei die in ledernen Kleidern mit schweren Stiefeln und Pelzmützen an Land
kamen begleitet von mehreren ganz kleinen schlanken Hunden wie sie zum
Vogelfang zwischen den Klippen verwendet wurden Es waren »Quäner« Mischlinge
von Lappen und Weißen
Olaf Gulbrandson schien diese Leute in seinem Lohn zu haben denn er befahl
ihnen mit kurzen Worten den nötigen Proviant aufzupacken und den jungen
Matrosen in das Lappenlager zu führen Heimlich flüsterte er dabei noch einige
Worte die Robert nicht verstand
Die Vogelfänger gingen zu einer Bretterhütte am Strand und kamen dann sehr
bald zurück auf den Schultern trugen sie eine Art Lederranzen und in den Händen
lange eisenbeschlagene Stöcke So ausgerüstet machten sie sich mit Robert auf
den Weg und alle drei marschierten in die Steinwüste hinein
Patron Gulbrandson sah ihnen mit zufriedenem Lächeln nach »Ist ein frischer
Junge« murmelte er »könnte ein Norweger sein einen so festen Willen hat er
Wird sich durchsetzen wird den Schwarzen befreien und sollte es blutige Köpfe
kosten«
Er kehrte zu den arbeitenden Lappen zurück während die drei anderen ohne
viele Worte ihres Weges zogen Auch die Quäner waren überzeugt dass dem Neger
kein Leid geschehen werde und diese dreifache Versicherung beruhigte Robert
einigermaßen Es war Nacht als er mit seinen beiden Begleitern das Lager der
Lappen erreichte
Die Rentiere grunzten in ihrer eigentümlichen Weise die Zelte lagen in
dunklen Umrissen da und alles war totenstill Robert teilte geräuschlos die
Vorhänge der luftigen Behausung in der Mongo und er während der letzten Nacht
geschlafen hatten er tastete am Boden und untersuchte mit Händen und Füßen den
ganzen kleinen Raum
Vergebens es war niemand darin
Ein eisiges Grauen überlief seine Glieder Wo sollte er jetzt den Alten
suchen
Leise flüsternd teilte er seine Entdeckung den beiden Quänern mit »Wollen
wir Lärm machen das ganze Lager in Aufruhr bringen mit Gericht und
Geistlichkeit drohen« fragte er
Ein Zischen wie ein halblautes verächtliches Lachen traf sein Ohr »Schau
her« flüsterte einer der Vogelfänger »hier ist das Mittel den Verlorenen
wiederzufinden allerdings nur wenn du irgendeinen Gegenstand hast der mit ihm
in Berührung gekommen ist den er getragen hat oder worauf er lag Gibt es
dergleichen«
Er zog bei diesen Worten die beiden kleinen wieselähnlichen Hunde aus den
Taschen seiner weiten Lederjacke hervor und setzte sie sorgfältig auf den Boden
»Sind keine Felle im Zelt« fragte er
»Das wäre das beste«
Robert unterdrückte einen Freudenruf »Hier Hier« antwortete er »aber
werden die kleinen Dinger imstande sein eine Spur zu verfolgen«
Die Quäner antworteten nicht Sie rieben nur mit den Rentierfellen die
Schnauzen der beiden kleinen Tiere dann folgte der leise bestimmte Befehl
»Such Freia Such Tor«
Die Hunde gehorchten sofort Sie schnupperten eine Zeitlang am Boden und
wandten sich dann wie auf Verabredung dem eingezäunten Platz zu wo die Rentiere
gefangen gehalten wurden Dort gingen sie spürend und suchend im Kreise herum
»Sven« flüsterte einer der Vogeljäger »gib mir die Flasche Wir werden
noch meilenweit wandern müssen«
Der andere reichte ihm das Verlangte »Weshalb Steen Norrick« fragte er
»Das wirst du sehen Sven Aha es geht schon weiter«
Die Hunde hatten sich während seiner letzten Worte in Bewegung gesetzt und
liefen statt einem der Zelte vielmehr dem Ausgang des Tales zu Über eine
Viertelstunde lang gingen die drei Männer schweigend den Tieren nach bis
endlich Robert seine Unruhe nicht länger zügeln konnte »Ich bitte euch« sagte
er »wohin gehen wir Die Hunde laufen ja direkt ins Gebirge hinein«
Steen Norrick pfiff leise »Du kannst vielleicht ein Schiff steuern oder ein
Segel am obersten Top festmachen Freund« sagte er »aber von der Jagd
verstehst du nichts Überlasse es nur uns zu beurteilen was Tor und Freia
leisten können Diese Hunde laufen nie zu ihrem Vergnügen in der Welt herum wie
es eure tun sondern sie arbeiten und spüren ihr Leben lang ganz wie wir
selbst Nun was gibts denn Freia«
Die letzten Worte galten der kleinen Hündin die offenbar die Spur verloren
hatte und nun winselnd zurücklief um sie noch einmal zu suchen Aber sooft
auch der Faden wieder gefunden wurde an einer bestimmten Stelle zerriss er
immer aufs neue Hier konnten die Füße des Negers den Boden nicht mehr berührt
haben
Die Vogeljäger trennten sich Bei dem schwachen Schein des Mondes nahm der
eine das Hündchen Tor unter den Arm und ging mit ihm etwa zwölf bis zwanzig
Schritte weiter in den Wald hinein während Sven der andere bei Freia blieb
und das Tier in der nächsten Umgebung der Stelle an der die Spur aufhörte
weitersuchen ließ
Robert sah stumm dem Treiben der beiden riesigen schweigsamen Männer zu
die mit ihren derben Gliedern und ihren Hünengestalten einen äußerst
zuverlässigen Eindruck machten Er dachte beschämt an den Patron Gulbrandson
Was wäre wohl aus ihm geworden wenn sich der erfahrene alte Mann nicht so
väterlich seiner angenommen hätte
»Ruhe« ermahnte er sich selbst »Ruhe Es muss ja der richtige Weg sein Die
beiden Jäger sehen nicht aus als könnten sie etwas Unüberlegtes tun«
Er beobachtete abwechselnd die Versuche der Quäner Während Steen Norrick
von Zeit zu Zeit das Hündchen einige Schritte weit vorwärts trug brachte Sven
das seinige an jede Felsspalte jeden Engpass und jede Klippe aber immer noch
ohne den geringsten Erfolg bis endlich Steen Norrick einen halblauten Ruf hören
ließ Der andere Quäner ergriff sofort seinen Spürhund folgte mit langen
Schritten dem Vorangegangenen und machte es Robert schwer zu folgen Der
Jagdeifer hatte offenbar die beiden Vogeljäger ergriffen dass sie darüber alles
andere vergaßen
»Hast du die Spur gefunden Steen Norrick«
Der andere deutete auf das Zwerghündchen »Von nun an wirds besser gehen«
sagte er »Behalte Freia nur im Arm ich bin meiner Sache sicher«
Schweigend setzte der kleine Zug seine Wanderung fort bis sich nach etwa
fünfzig Schritten die gleiche Szene wiederholte Jetzt aber war und blieb die
Spur verloren
Die Jäger sahen sich an »Rentiere« sagte Sven »Der Neger sollte reiten
und weigerte sich er fiel herab wurde weiter geschleift wieder auf das
Rentier gehoben und festgebunden«
Steen Norrick nickte »Ja du hast recht Sven Böge« antwortete er »Gut
so haben wirs leichter«
Sie pflückten sorgfaltig das spärliche Moos das auf dem Felsboden wuchs
und rieben wieder die Schnauzen der beiden Hunde »Such Such«
Tor und Freia folgten jetzt den Spuren der Rentiere Es ging ohne
Unterbrechung talauf talab immer weiter und als gegen Morgen der Boden etwas
sumpfig wurde erkannte man deutlich im Dämmergrau des jungen Tages die Spuren
der Hufe die sich auf der feuchten moorigen Erde scharf abgedrückt hatten
»Wirklich« rief Robert »eure Hunde behalten recht Wie habt ihr ihnen nur
das Spüren beigebracht und wozu braucht ihr es wenn ihr nur Vögel jagt«
Steen Norrick lächelte »Du fragst viel auf einmal« antwortete er »Die
Fähigkeit des Spürens ist diesen Tieren von Natur eigen Wir richten sie nur
besonders ab auf den Vogelfang weil sie dazu die geeignete Größe haben«
»Wieso denn das« fragte Robert neugierig
»Nun da die Alken und Möwen in Felsritzen ihre Nester bauen so braucht man
diese winzigen Hündchen um sie aufzuspüren Wohin kein Menschenfuss gelangen und
kein Blick dringen kann da finden Tor und Freia die brütenden Vögel denen man
dann meistens leicht die Eier wegnehmen kann In vielen Fällen sind auch die
alten Tiere zu erreichen die man ohne solche Hunde nur selten auftreibt«
Robert staunte Weiter ging es immer weiter obwohl seine Kräfte anfingen
nachzulassen Man war jetzt zehn Stunden ohne Aufenthalt marschiert und die
kleinen Hunde liefen immer noch nebeneinander mit der Nase am Boden vorwärts Es
schien als sei bis jetzt an kein Ende dieser aufregenden Wanderung zu denken
Da hob plötzlich Steen Norrick die Hand Alle drei Männer standen still
»Ein Ren« flüsterte der Vogeljäger »ich höre deutlich das Grunzen«
Die beiden andern horchten atemlos Deutlich klang jetzt der leise Ton durch
die stille Morgenluft zum zweitenmal herüber
Es konnte keine Täuschung sein Hinter einem Gebüsch lagerten die Gesuchten
Steen Norrick legte den Finger auf den Mund Dann lockte er durch eine
Bewegung seiner Hand die beiden Hündchen zu sich heran gab jedem aus dem Ranzen
ein Stück Fleisch und versenkte sie wieder in seine weiten Jackentaschen
Dann kamen aus den Brusttaschen der beiden Jäger plötzlich zwei
doppelläufige Pistolen zum Vorschein Mit gespanntem Hahn den schweren
Bergstock in der linken schlichen die riesigen Nordländer vorwärts und Robert
folgte ihnen
Helges Stimme tönte sehr bald der kleinen Schar entgegen Was er aber
sprach das blieb dem jungen Matrosen unverständlich da es die Mundart der
Gebirgslappen war in der er offenbar mit einem Kameraden sprach So eifrig auch
Robert horchte den Sinn der Worte verstand er nicht
Desto besser begriffen jedoch die Vogeljäger Sie sahen sich lächelnd an
und dann neigte sich Steen Norrick zu Robert herüber »Der gelbe Schurke hat
deinen Freund geknebelt und ihm seit seiner eigenen Rückkehr vom Westfjord
nichts mehr zu essen gegeben« raunte er »Es ist seine Absicht den Neger noch
eine ganze Tagereise weit in die Wüste zu führen und ihn dort halbverhungert
auszusetzen damit er nie wieder zu den Weißen zurückkehren könne Jetzt lass
mich weiter horchen aber sei ganz still«
Robert bezwang mit Mühe seine Erregung Er wagte jedoch nicht sich den
Anordnungen der beiden Vogeljäger zu widersetzen
Die Lappen sprachen fortwährend miteinander und Steen Norrick horchte
angestrengt »Dachte es wohl« flüsterte er in Roberts Ohr »dir war das gleiche
Schicksal bestimmt Sobald du dich im Lager wieder blicken ließest wollte man
auch dich in die Wüste führen Kannst deinem Herrgott danken dass du die
Geschichte von den heidnischen Opfern nicht am Feuer der Lappen erzähltest
sonst wärest auch du jetzt auf dem Rücken eines dieser Tiere von der Insel Kola
rettungslos in die Steinwüste gebracht worden und kein Mensch hätte dein
Verschwinden bemerkt niemand von den Deinen hätte jemals wieder etwas von dir
gehört Werde vorsichtiger Junge bevor du wieder die Sitten und Gefahren
fremder Länder gegen dich herausforderst«
Robert antwortete nicht Das war eine ernste und zugleich milde Lehre aber
sie drang ihm in ihrer Einfachheit tief ins Herz
Steen Norrick nahm jetzt die Pistole schussbereit und winkte seinem
Begleiter dasselbe zu tun Wie ein Gespenst aus dem mitternächtlichen Grabe
emporsteigt lautlos und plötzlich so standen im nächsten Augenblick die
Riesengestalten der beiden Vogelfänger vor den entsetzten Lappen die ihrer
Sache vollständig sicher sich ganz bequem in das Moos gelagert hatten und bei
Branntwein Brot und Fleisch eine längere Rast hielten während der unglückliche
Mongo auf dem Rücken des Rentiers so von Seilen umschnürt war dass er kaum atmen
konnte und in halber Betäubung dalag Seinen Bitten um einen Schluck Wasser war
mit Hohnlachen geantwortet worden
Sobald Robert sah dass die Vogelfänger den Kampf aufnahmen sprang er mit
einem freudigen »Hurra Mongo die Hilfe ist da« aus dem Gebüsch und drang
bis zu dem gefesselten Freund vor
»Sven Böge« rief er »Sven Böge gib mir dein Messer«
Der Riese trat ohne die beiden wie versteinert dasitzenden Lappen aus den
Augen zu lassen näher und überreichte dem jungen Matrosen ein Messer das
bestimmt sein mochte im Notfall einem Bären den Genickfang zu geben Robert
zerschnitt so schnell es ging die Seile und half dem Alten herab
Helge und sein verbrecherischer Gefährte hatten sich inzwischen einigermaßen
gesammelt und waren von ihren Sitzen aufgesprungen »Was wollt ihr Steen
Norrick und Sven Böge« fragte mit drohendem Blick der Sohn des
Lappenhäuptlings »weshalb bedroht ihr friedliche Jäger Setzt euch zu uns und
nehmt was wir euch bieten können«
Diese Dreistigkeit empörte selbst die ruhigen Nordländer »Schurken« rief
Sven Böge während sein Gefährte vor Abscheu auf den Boden spuckte »elende
gelbe Diebe und Heiden die ihr seid Wollt ihr etwa leugnen diesen Neger hier
als Gefangenen in die Wüste geschleppt zu haben wollt ihr leugnen dass oben
am Nordkap ein greuliches Zauberwesen getrieben worden ist ihr Spitzbuben und
Heiligtumsschänder«
»Auf« befahl Steen Norrick »Wir bringen euch an Händen und Füßen gefesselt
nach der Stadt angeklagt der Götzendienerei und des Menschenraubes Da könnt
ihr im Gefängnis eure Schandtaten bereuen Wir beide mein Vetter und Genosse
Sven Böge und ich selbst werden bezeugen dass ihr alles dieses eingestanden
habt denn wir haben vorhin eure ganze Unterhaltung Wort für Wort mit angehört«
Diese Worte änderten plötzlich die ganze Lage Während sich der zweite Lappe
auf die Knie warf und heulend um Gnade flehte kreuzte Helge die Arme und sah
unverwandt in das Gesicht des Vogeljägers »Geh Steen Norrick geh und bringe
uns in das Gefängnis Sohn eines weißen Vaters dessen Frau deine Mutter
Steen Norrick auch aus dem Stamme der Samelads hervorgegangen ist Schände
den Herd an dem deine Mutter aufwuchs schände dein eigenes Mischblut indem du
uns dem Richter preisgibst«
Die Adern auf der Stirn des Nordländers schwollen seine Augen glühten
seine Fäuste ballten sich und schon im nächsten Augenblick krachte ein Schuss
den jedoch Sven Böges plötzlicher geschickt angebrachter Schlag gegen den Lauf
der Pistole unschädlich verhallen ließ Der Vogeljäger war an seiner
verwundbarsten Stelle getroffen man hatte ihm seine Abstammung vorgeworfen und
dadurch seinen Zorn auf das heftigste gereizt
»Lass mich« knirschte er mit Sven Böges kräftigen Armen ringend »Lass mich
der gelbe Hund soll sterben«
»Steen Norrick« sagte mit warnender Stimme der andere »besinne dich Hast
du vergessen was der Patron Gulbrandson befahl«
Der Jäger schien zu erschrecken wenigstens zögerte er »Willst du dich von
diesen schmutzigen Schuften ohne weiteres kränken lassen« schrie er
»Ein Lappe kann mich weder beleidigen noch kränken Steen Norrick«
»Das sagt der Sohn einer Frau aus dem Blut der Samelads« murmelte Helge
»Die Pest über dich«
Und mit diesen Worten stürzte sich der Nordländer auf den Lappen den er
ohne weiteres zerdrückt haben würde wenn nicht von anderer Seite plötzlich
etwas dazwischen gekommen wäre Die beiden kleinen Hündchen in den Taschen
durch die ungestümen Bewegungen Steen Norricks in Gefahr gebracht begannen
jämmerlich zu heulen so dass der Vogeljäger erschrak als habe ihn eine Schlange
gebissen Den Lappen von sich stossend beruhigte er seine Lieblinge während
Sven Böge mit energischem Griff den zweiten Gelben vom Boden emporzog und ihm
befahl die Tiere aufzuzäumen Nachdem das geschehen war erhielten Mongo und
Robert die Anweisung sich abmarschbereit zu halten und das dritte Ren wurde
mit Vorräten beladen bevor es der Nordländer am Zügel ergriff
»Komm hierher Helge« rief er
Der Lappe gehorchte zögernd Sein Gesicht war vor Zorn und Furcht aschgrau
Sven Böge packte ihn wie einen Warenballen und untersuchte mit seinen großen
Händen jede Falte jede Tasche ehe er ihn wieder freigab Nachdem er auch den
zweiten Lappen auf Schusswaffen abgetastet hatte trieb der Jäger die Rentiere
zum Auf bruch »Vorwärts« befahl er Und dann wandte er sich zu den Lappen
»Dass ihr euch in angemessener Entfernung haltet ihr Spitzbuben Wer sein gelbes
Gesicht sehen lässt dem geht es schlecht«
Ein Zungenschlag brachte die Tiere in Bewegung Robert und Mongo ritten
während die Vogeljäger zu beiden Seiten gingen Steen Norrick schien sich seines
Zornausbruchs zu schämen denn er biss die Lippen aufeinander und sprach keine
Silbe
Robert klopfte ihm auf die Schulter »Wie können wir euch danken« fragte
er »Ihr habt uns beiden das Leben gerettet«
Der Nordländer lächelte »Mach nicht so viele Worte Fremder« antwortete
er »oder würdest du in unserer Lage anders gehandelt haben«
»Nein« rief mit überzeugender Sicherheit der junge Matrose »nein bestimmt
nicht«
Die Vogeljäger sahen ihn wohlwollend an »Na also« meinte Steen Norrick
Und dann ging es im ersten Sonnenlicht des Morgens durch das Gebirge Die
beiden Nordländer schienen keine Müdigkeit zu kennen Ebenso straff und sicher
wie sie vor gut zehn Stunden aufgebrochen waren marschierten sie auch jetzt
eisern dahin bis gegen Mittag Rast gehalten wurde Robert erhob sich neu
gestärkt nahm die leeren Ranzen und Körbe auf den Rücken und überredete die
Nordländer jetzt zu reiten Er selbst ging an Mongos Seite und erzählte ihm
was er während der Zeit ihrer Trennung erlebt hatte Der Neger konnte immer noch
kein Wort sprechen aber er drohte gutmütig mit erhobenem Zeigefinger als ihm
der junge Sausewind erzählte dass er dem Lappen gegenüber ganz ahnungslos die
Namen »Jubinal« und »Tiermer« genannt habe
Robert errötete wieder »Ich will vorsichtiger werden Mongo« sagte er auf
englisch »diese Lehre soll mir nicht verloren gehen«
»Du junger Spitzbube« wollte Mongo mit seinem Lieblingsausdruck antworten
aber er brachte nur ein unverständliches Krächzen heraus so dass alle laut
lachten
In bester Stimmung erreichte der kleine Zug gegen Abend das Ufer des
Westfjords Das Lappenlager hatten die Jäger umgangen so dass es zu keinem
Streit oder Kampf gekommen war
Roberts erster Blick ging zum Wasser Er suchte die Wimpel der Jacht und
was er im stillen gehofft hatte das bestätigte sich Das schlanke Schiff lag
noch vor Anker während Patron Gulbrandson breitspurig und mit der langen Pfeife
im Munde auf dem Strandweg stand
Sein wetterbraunes Gesicht lachte als er die Ankömmlinge sah »Hallo« rief
er »das nenne ich Glück Habt drei Rentiere erbeutet und einen Neger Brr wird
der aber in der Stadt Aufsehen erregen«
Robert streckte voller Dankbarkeit dem Alten seine beiden Hände entgegen
»Du hattest recht Patron Gulbrandson« sagte er »und ich bitte dich wegen
meiner unüberlegten Worte um Verzeihung«
Der Norweger schmunzelte »Konnte mir denken was inzwischen geschehen ist«
antwortete er »kenne die gelben Spitzbuben seit vierzig Jahren aus täglichem
Umgang und weiß was sie wert sind Haben wohl Ach und Weh geschrien als die
Quäner plötzlich auftauchten dachten nicht dass hinterm Berge auch noch Leute
wohnen«
Die beiden Vogeljäger erzählten nun alles was sich ereignet hatte und der
Patron nickte äußerst zufrieden »Wolltet gern mit nächster Gelegenheit nach
Tromsö ihr beiden« fragte er mit der Pfeifenspitze zugleich auf Robert und
den Neger deutend
Mongo verstand ihn nicht aber Robert antwortete an seiner Stelle und sah
unwillkürlich dabei voll Sehnsucht hinaus auf den Fjord wo die hübsche Jacht
vor ihren Ankerketten schaukelte
»Würdest du uns wohl an Bord des Heimdal mitnehmen Patron Gulbrandson«
fragte er »Der amerikanische Konsul in Bergen «
»Soll sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern« schloss brummend der
Alte »Denke wohl dass Olaf Gulbrandson der Mann ist ein paar schiffbrüchigen
Seeleuten zu helfen ohne dass es ihm gleich jemand bezahlen müsste Könnt an Bord
gehen der Schwarze und du euch vom Steuermann etwas Vernünftiges zu essen
geben lassen und euch in den Hängematten aufs Ohr legen So ihr wisst nun
Bescheid«
Er wehrte alle Dankesäusserungen ab und schritt langsam zu den Arbeitern an
der Holzbank hinüber wo er einem Lappen befahl die drei Rentiere wieder in das
Lager seiner Brüder zurückzuführen Dann trat er in die Hütte der beiden Quäner
in der offenbar verschiedene Abschlüsse und Rechnungen ins reine gebracht
wurden denn die Jacht hatte ihre volle Ladung an getrockneten Fischen und
Federn schon übernommen das sahen die beiden Freunde als sie an Bord kamen
auf den ersten Blick Man wartete also nur auf den Patron um die Anker zu
lichten
Robert und Mongo aßen mit bestem Appetit die seltsame Suppe die ihnen der
Steuermann vorsetzte nämlich Hafergrütze mit getrockneten Pflaumen und kleinen
Heringen das norwegische Nationalgericht Sie lachten dabei heimlich und der
Neger schüttelte sich sogar ein wenig aber später glich ein tüchtiges Stück
Pökelfleisch mit Klössen alles wieder aus obwohl jegliches Gemüse das hier in
der Polarzone den Wert einer seltenen ausländischen Frucht gehabt hätte an Bord
des »Heimdal« vollständig fehlte Man kennt in diesen Breiten nicht einmal den
Anbau der Kartoffel die während des zu kurzen heißen Sommers lang ins Kraut
schießt aber keine Knollen ansetzt
Nach dem Essen taten Robert und Mongo wie ihnen gesagt worden war sie
suchten die langentbehrte Ruhe und schliefen bald wie die Bären ohne zu
bemerken dass an Deck die Anker gelichtet wurden und der »Heimdal« flink wie ein
Delphin durch die Wogen dahinschoss
Erst gegen Morgen erwachte Robert und glaubte zu träumen als er den Seegang
fühlte und die Wellen klatschend an das Schiff schlagen hörte Er schloss
nochmals die Augen um sich der schmeichelnden Empfindung wieder hinzugeben
doch als ihm dann die Erinnerung an die Bilder der letztvergangenen Tage langsam
zurückkehrte sprang er aus seiner Hängematte heraus um womöglich an Deck ein
wenig zu helfen und die Gastfreundschaft des »Heimdal« nach Kräften zu
vergelten Er konnte sich auch nicht länger enthalten einmal wieder in die
Masten zu klettern und sich da oben in freier Luft vom Wind schaukeln zu lassen
An Bord des Schiffes waren außer dem Patron und dem Steuermann nur noch drei
Matrosen lauter Hünengestalten schweigsam wie die Vogeljäger und offenbar
ebensowenig wirkliche Seeleute wie ihr Kapitän selbst Robert konnte überall
unaufgefordert zugreifen er fand Arbeit genug für mehr als einen Mann
Olaf Gulbrandson sah mit zufriedenem Lächeln dass sich sein junger Gast
nützlich zu machen suchte »Hör zu Junge« sagte er »was du verzehrst das
schenke ich dir und was du verdienst das bezahle ich Den Schwarzen lass nur
in seiner Hängematte bleiben damit er wieder zu Kräften kommt ehe er eine neue
Heuer annimmt«
Und so geschah es dann Robert half an Deck während der Heimdal vier Tage
lang durch die Sunde und Fjorde und endlich durch die Straße von Tromsö segelte
um am Morgen des fünften Tages an der hölzernen Landungsbrücke festzumachen
Während die geladenen Fische und Federn auf ein größeres nach Bergen
bestimmtes Schiff des Patrons übernommen wurden sollte die Jacht zurückfahren
und den Arbeitern auf den Lofoten eine neue Partie Salz und Lebensmittel
bringen Olaf Gulbrandson überwachte in Tromsö selbst die Verladearbeiten aber
er wollte nicht wieder an die Fischplätze zurückkehren sondern persönlich seine
Waren in Bergen verkaufen und Robert und den Neger dorthin mitnehmen Mongo half
jetzt tüchtig die Federsäcke und Ballen trockener Fische aus dem Raum
heraufzubefordern er hatte sich gut erholt und konnte sogar nach einer
einförmigen Negermelodie ein englisches Lied singen in das die Norweger mit
einfielen ohne zu wissen welchen Sinn die Worte hatten
Robert lachte lustig sooft er das wunderliche Quartett des Schwarzen und
der drei norwegischen Matrosen mit anhörte Gewandt wie er war übersetzte er
endlich die Strophen ins Dänische so dass nun in zwei verschiedenen Sprachen
gesungen wurde was auf Deutsch etwa folgendermaßen lautet
»Neger auf dem Land Sehen das Schiff kommt in
Der Kaptän kommt an Land Mit der Hand am Kinn
Kaufmanhsschiff ahoi Kaufmannsschiff ahoi
Gib die Taler mir«
dabei fiel Ballen auf Ballen und Sack auf Sack in den Raum der Ellen
Gulbrandson wie das Schiff zu Ehren der verstorbenen Frau des Patrons genannt
worden war Schon nach wenigen Tagen konnte die Reise weitergehen und zwar
nicht wie Robert geglaubt hatte auf dem offenen Meer sondern durch ein
verschlungenes Labyrinth von Wasserstrassen kleinen und großen Buchten
Engpässen und Stromschnellen zwischen den Felsen immer in Sicht der Küste und
in einer Umgebung wie man sie sich großartiger kaum vorstellen konnte
Als das weite Wasserbecken des Hafens rings umschlossen von glatten
steilen Felsen sich vor ihnen öffnete als Robert endlich wieder die Masten
vieler Schiffe aus aller Herren Länder zum Himmel ragen sah da hüpfte ihm das
Herz vor Freude
Hier war das Leben wieder wie sonst Überall sah man Menschen auf der
Straße man erkannte Lastfuhrwerke und Equipagen kurz man war von den letzten
Ausläufern der Kultur wieder ganz zu ihr zurückgekehrt wie denn auch die
Berechnung des Patrons eine zurückgelegte Strecke von zweihundert Meilen
nachwies
Diesen weiten Weg hatte die »Ellen Gulbrandson« in zwölf Tagen gemacht
Alles was der Patron unternommen hatte war vom Glück begünstigt worden und
daher seine Stimmung sehr gut Er schlug mit der flachen Hand auf Roberts
Schulter und sah ihn freundlich an »Junge« sagte er »bleib bei mir du bist
gerade so einer wie ich es gern habe einer der seine Kräfte fühlt und sie
gebrauchen will Schlag ein Bob Im Sommer auf der Küstenfahrt zwischen Bergen
und den Lofoten im Winter zu Hause am Baalsfjord wo meine Speicher stehen und
wo die erhandelten Waren an die Fischer verkauft werden Kannst hineinwachsen in
mein Geschäft Junge kannst mit der Zeit ein Gaardbesitzer sein ja und kannst
sogar später einmal meine Enkelin heiraten wenn du ein gemachter Mann bist der
seine Schiffe auf dem Wasser und seine Pachtäuser an Land besitzt Freilich
zählt das Püppchen jetzt erst fünf Jahre aber es ist auch noch ein weiter Weg
vom Leichtmatrosen bis zum selbständigen Patron und Kaufmann«
Robert hatte anfänglich ernstaft zugehört dann aber lachte er laut Der
Gedanke von seiner späteren Frau zu sprechen war doch wirklich urkomisch Wie
konnte der vernünftige Mann solche Scherze machen
»Nimm es um Gottes willen nicht übel Patron Gulbrandson« antwortete er
endlich »aber das was du sagtest ist zu lustig ich kann mir nicht helfen«
Der Alte verzog freundlich den breiten Mund »So lache doch ruhig« sagte
er »Wer lacht der sündigt nicht Aber unser Handel ist gemacht was«
Robert schüttelte den Kopf »Ich kann nicht Patron« antwortete er »ich
kann nicht und wenn du mir goldene Berge versprichst Ich bin dir großen Dank
schuldig ich werde niemals vergessen was du mir und dem alten Neger getan
hast aber mich in ein Haussperren lassen das kann ich nicht«
»Dummes Zeug das Alle Menschen leben in Häusern du auch«
»Nein Patron ich nicht Ich bin der einzige Sohn meiner Eltern ich hätte
zu Hause in Deutschland ein sicheres ruhiges Leben haben können lief aber
lieber heimlich in dunkler Nacht davon um frei zu sein um ein Seemann zu
werden Nun weißt du warum ich nicht bei dir bleiben kann«
Der Alte schien nicht so recht mit sich im reinen ob er hier tadeln oder
loben sollte Er wiederholte nur »Davongelaufen«
»Ja Patron Gulbrandson«
»Dann willst du also jetzt auf einem Hamburger Schiff heuern um deine
Eltern aufzusuchen und sie um Verzeihung zu bitten«
Robert errötete »Das kann ich noch nicht Patron« antwortete er »Ich kann
nicht mit leeren Händen zurückkommen und da bisher alles immer wieder verloren
ging was ich zusammengebracht hatte so muss ich erst einmal eine gute Reise
hinter mir und einige hundert Taler in der Tasche haben bevor ich heimkehre
Wirklich ich hatte überall Unglück«
Olaf Gulbrandson hob mahnend den Finger »So ganz unverdient Junge« fragte
er »Du sollst Vater und Mutter ehren auf dass dirs wohl ergehe und du lange
lebest auf Erden Hast diesen Satz ganz vergessen he«
»Bestimmt nicht Patron aber von der See lassen kann ich nicht«
Der Alte wandte sich ab »Nun nun« brummte er »habe dir nichts zu
befehlen musst deine eigene Haut zu Markte tragen Segen wirds niemals bringen
darauf darfst du dich immerhin fest verlassen Unrecht Gut gedeiht nicht«
Als er aber später im Boot an einen der großen amerikanischen Dreimaster
heranfuhr da dachte er doch im stillen »Schade dass der Bengel so hartnäckig
ist Ich hätte ihn gern mit mir nach Hause genommen Wirklich schade«
Mit dem Kapitän des Amerikaners verabredete er dann eine Heuer für Robert
und für den Neger schenkte jedem noch einen neuen Anzug und brachte sie in
seiner Jolle an Bord »Vorher aber schreibst du an deine Eltern« ermahnte er
den Jungen »ich selbst will den Brief auf die Post geben«
Robert gehorchte und schilderte nun alles was ihm inzwischen begegnet war
ebenso bat er sie ihm nach San Franzisko seinem nächsten Bestimmungsort eine
Antwort vorauszuschicken Zuletzt versprach er bald zurückzukehren und schloss
mit der Bitte ihm seinen unüberlegten Jugendstreich zu verzeihen
Patron Gulbrandson versenkte den Brief in die Tasche seiner weiten
Lederjacke dann zahlte er beiden Seeleuten auf Heller und Pfennig was sie
während der Herreise verdient hatten und schüttelte ihnen zum letztenmal die
Hand »Lebt wohl Lebt wohl«
Mongo dankte ihm immer wieder für die Rettung von einem schrecklichen Tode
bat ihn die beiden Vogeljäger zu grüßen und es den Sohn des Lappenhäuptlings
nicht entgelten zu lassen dass er ihn so heimtückisch überfallen und in die
Wüste geschleppt habe Robert hielt immer noch die Rechte des Nordländers
Der Abschied wurde allen schwer »Könntest ja bei mir bleiben Junge« sagte
Olaf Gulbrandson noch einmal
Aber Robert schüttelte den Kopf »Ich kann nicht Patron«
»Nun so behüt dich Gott Wildfang«
Die Jolle stieß ab und einige Minuten später war sie im Gewirr der vielen
Fahrzeuge verschwunden
Zwei Tage darauf lichtete der Stern von San Franzisko die Anker und mit
lustigem Matrosengesang begann die neue Fahrt einer ungewissen Zukunft
entgegen Was sie bringen würde das wusste nur Gott
Nach dem Goldland
Der schwere Bergenfahrer riesig in seinen Ausmassen ein neues tüchtiges Schiff
mit guter Besatzung und moderner Ausrüstung hatte einen beträchtlichen Teil
seiner Reise bereits zurückgelegt und war ohne Zwischenfall bis in die
Grenzgewässer des Stillen Ozeans gelangt Kap Hörn kam in Sicht
Robert stand am Grossmast und bewunderte das Schauspiel das sich im Licht
der sinkenden Sonne seinen Augen bot Während er Ähnliches und noch
Grossartigeres in Norwegen häufig gesehen hatte waren ihm doch diese
Klippenbildungen ganz neu
Steil und senkrecht schwarz und vollkommen nackt ohne eine einzige lebende
Pflanze erhob sich der über fünfhundert Meter hohe Berg aus dem Meer und ragte
mit seinem dunklen Gipfel fast bis in die blau und violett umsäumten Wolken
hinein Als letzter Ausläufer der Kordilleren bildete das Vorgebirge
gewissermaßen einen Wall gegen den dauernden Anprall der Meeresbrandung
In weitem Bogen glitt das Schiff daran vorüber und vermied den rasenden
Strudel wo weiße Wellenköpfe mit Kronen von Schaum urweltlichen
Fabelgeschöpfen gleich den Felsen stürmten daran zerstäubten und wieder
zurücksanken in die blaue Unendlichkeit aus der sie entstanden Bei jedem
Windstoß aufspringend eine die andere überrollend furchtbare bergestiefe
Täler bildend und wie hohe unübersteigbare Mauern sich türmend so glichen die
Wogen einem Heer gewappneter Krieger die sich immer neu ergänzen der eine aus
dem Blut des anderen unbesiegbar und unerschöpflich
Über dem Gipfel des Berges lag es blaugrau die Luft war verhältnismäßig
kalt und neblig alles Zeichen dass noch vor Einbruch der Nacht ein Sturm zu
erwarten sei und dass die notwendigsten Massnahmen dafür getroffen werden mussten
Robert war jetzt schon erfahrener Seemann genug um dies selbständig überblicken
zu können er arbeitete eifrig an der Sicherung der Boote der Ersatzspieren und
der Kanone auf dem Vorderdeck er kletterte wie ein Seiltänzer hin und her um
die Taue zu spannen zwischen denen es den Matrosen allein möglich ist während
eines heftigen Sturmes auf den Füßen zu bleiben
Die Segel wurden gerefft die leichten ganz weggenommen und an allen
Bändseln Musterung gehalten mit einem Wort überall nachgesehen ob das Schiff
für den bevorstehenden Sturm gerüstet sei Der Obersteuermann ging prüfend von
einer Seite zur anderen
»Jetzt kommts bald« sagte er halb zu sich
Robert dessen liebenswürdige Dreistigkeit ihm überall solche kleinen
Freiheiten sicherte die sich im Leben nur der ungestraft erlauben darf der das
Vertrauen seiner Vorgesetzten im hohen Masse besitzt und von dem man weiß dass er
eine bestimmte Grenze nie überschreiten würde Robert sah sich um »Woran
erkennen Sie das Steuermann« fragte er lebhaft
Der Amerikaner spuckte seinen Tabak ins Meer und schob ein frisches
Priemchen zwischen die Zähne Dann deutete er mit der Rechten über das Wasser
»Siehst du diesen schillernden bald grünlichen bald weißen Streifen der wie
ein flatterndes Band auf der Oberfläche des Meeres liegt Nun das ist ein
Vorbote«
»Aber die Luft scheint doch noch ganz ruhig zu sein Steuermann«
Der Alte nickte »Scheint nur Bob Wirst bald das Konzert beginnen hören«
Und so kam es wirklich Die Nacht war hereingebrochen tiefe Dunkelheit lag
um das Schiff am Himmel glänzte kein Stern und durch die Takelage fuhr ein
unheimliches Ächzen Immer furchtbarer heulte und tobte die Brandung am Felsen
immer stärker wurden die Windstösse und höher die Wogenkämme Der Schaumstreif
hatte sich mit unheimlicher Geschwindigkeit in ganze Berge von Schaum
verwandelt
Der Kapitän in Ölrock und Südwester erschien an Deck Bei den Marsfallen
und Brassen standen die vom Obersteuermann dorthin beorderten Leute auch das
Grosssegel war eingezogen worden und auf dem ganzen Schiff alles fertig um den
schlimmen Gast zu empfangen Wildes Heulen durchbebte die Luft
Der Kapitän rückte den Hut tiefer in den Nacken »Laufen Marssegel«
kommandierte er mit starker Stimme und dann weiter »Holt auf Luvbrassen aus
Refftaljen«
Der Befehl wurde sofort ausgeführt das Schiff legte sich fast flach auf die
Seite und flog wie ein Blitz durch die kochende See Da ertönte vom Steuerrad
her durch die Nacht ein lauter Schrekkensruf Der Kopf des Ruders war
abgesprungen
Einen Augenblick lang schien es als könne das Schiff dem Druck des Windes
nicht widerstehen die Brassen spannten sich zerplatzten mit lautem
donnerähnlichem Knall und wurden im nächsten Augenblick vom Sturm entführt
Das Schiff konnte in jeder Sekunde von der Brandung erfasst werden
Der Kapitän war ohne Zweifel kein besonnener Mensch Er ließ es erst zum
Äußersten kommen ehe er das letzte gefährliche Manöver versuchte dann
endlich entschloss er sich
Keine Stimme hätte das Brausen des Sturms durchdringen können Nur Zeichen
waren möglich und auf diese hin versammelten sich alle Matrosen um den
Kreuzmast Dort mussten die noch vorhandenen Segel geborgen werden oder das
Schiff war rettungslos verloren
Im Logis war niemand mehr Jeder hatte ungerufen seine Koje verlassen um da
zu sein wenn Not an den Mann kam Die Leute wurden gut behandelt erhielten
reichliche Rationen und täglich Branntwein daher waren sie zur Stelle wo es
darauf ankam Tüchtigkeit zu zeigen
Das Kreuzsegel konnte zwar nicht gerettet werden sondern flog wie ein
Fetzen Papier im Sturm den vorangegangenen nach aber der Zweck des Unternehmens
war doch erreicht Der »Stern von San Franzisko« richtete sich langsam aus
seiner gefährlichen Lage auf die Zimmerleute konnten das Ruder ausbessern und
das Schiff kam allmählich vor den Wind Die größte hauptsächlich durch die
Unschlüssigkeit des Kapitäns entstandene Gefahr schien beseitigt obwohl der
Sturm noch immer weitertobte und jeder Mann an Deck bleiben musste um für alle
Fälle zur Hand zu sein
»Hast du nun gesehen wie schnell die Geschichte geht« fragte der
Obersteuermann nachdem er mit dem Taschentuch das Gesicht abgetrocknet und ein
neues Stück Kautabak in den Mund gesteckt hatte »Ich sagte dirs ja«
Robert lachte »Das war zur Feier meines Geburtstages Steuermann Hätte mir
wirklich nichts Schöneres denken können als so einen tüchtigen Sturm der das
Blut in Bewegung bringt«
»Mit achtzehn Jahren« brummte der Alte halb verdrossen halb angenehm
berührt wie alle die mit Roberts frischer und gesunder Natürlichkeit in
Berührung kamen »Na wenn dein Geburtstag ist so sollst du auch später eine
Extraration haben«
Robert wandte sich zu dem hinter ihm stehenden Neger »Und du sollst sie
trinken Mongo« sagte er »Das war wieder einmal ein kleines Abenteuer was«
In diesem Augenblick tönte durch die Nacht ein Kanonenschuss aus ziemlicher
Nähe herüber Alle horchten auf wie von einem elektrischen Schlag getroffen
alle blickten unwillkürlich in die Richtung des Schalles obgleich die
herrschende Finsternis jedes Sehen unmöglich machte
Ein Schiff in Seenot
Jetzt folgte deutlich ein zweiter Schuss
Der Obersteuermann war der erste der die Sachlage erfasst hatte »Das Schiff
treibt uns steuerlos mit dem Wind entgegen« sagte er »Der zweite Schuss klang
bedeutend näher und Achtung dieser noch viel mehr«
»Steuermann« rief unruhig der Kapitän »ist es nicht als wäre das fremde
Schiff genau in unserem Fahrwasser Wir laufen Gefahr zusammenzustossen«
»Das verhüte Gott Sir«
Und dann brachten seine ruhigen Kommandoworte den »Stern von San Franzisko«
weiter ins Meer hinaus so dass er gegen den Wind aufkreuzte Die Kanonenschüsse
kamen jetzt immer schneller hintereinander und endlich nachdem sich der Sturm
bedeutend gelegt hatte wurde auch auf dem Bergenfahrer ein Schuss abgefeuert um
eine Antwort zu geben
Ein hundertstimmiger Freudenschrei hallte alle Herzen erschütternd über
das Meer Robert ergriff in heftiger Bewegung den Arm des Obersteuermanns
»Wir müssen helfen Sir wir müssen die Boote aussetzen« rief er
»Alles zu seiner Zeit du Grünschnabel Wolltest du etwa mir nichts dir
nichts in diese Dunkelheit hinausstürmen vielleicht an dem bedrohten Schiff
vorbei vielleicht direkt unter seinen Bug so dass du übersegelt wärest ehe
sich der Teufel die Schuhe putzt Lass nur erst einmal die Leuchtkugeln ihre
Schuldigkeit tun«
Robert schämte sich seiner Übereilung Immer mussten ihn besonnenere Menschen
wie ein kleines Kind zurückhalten Er schwieg deshalb und wartete ab was folgen
werde
Der Steuermann sollte wieder recht behalten Nach wenigen Minuten schon
entfaltete sich ein wundervolles grossartiges Schauspiel Aus der dunklen
Umgebung des Meeres stiegen farbige meist pupurrote Leuchtkugeln auf die in
ununterbrochener Reihenfolge einen Schauplatz furchtbarer Verheerung mit ihrem
Schein überfluteten
Ohne Masten und ohne Quarterdeck lag ein Schiff fast bis zur Höhe seiner
Schanzkleidung unter Wasser in nächster Nähe des Bergenfahrers Es trieb kaum
noch weil der Wind keinen Widerstand mehr fand aber es wurde auch nur noch
durch die verzweifelten Anstrengungen der Besatzung etwa einem Meter über Wasser
gehalten Rastlos arbeiteten die Matrosen an den Pumpen rastlos folgten die
Leuchtkugeln aufeinander und überschütteten mit einem Feuerregen das nächtliche
dunkle Meer
Es war ein zauberhaft schöner Anblick die Brandung am Fuße des Vorgebirges
von farbigen Lichtern angestrahlt hier purpurn dort azurblau und dann tief
violett aber niemand fand Zeit oder Ruhe um sich diesem Schauspiel
hinzugeben Das bedrängte Schiff nahm die Aufmerksamkeit aller viel zu sehr in
Anspruch
Der unschlüssige Kapitän näherte sich mit fragendem Gesicht seinem Offizier
»Ein Auswandererschiff« sagte er »wo sollen wir alle diese Menschen
unterbringen«
Die Antwort war kurz und bezeichnend »Wir werden sie nicht alle lebend an
Bord bekommen Sir«
»Meinen Sie Steuermann Aber lassen Sie die Boote herunter in jedes vier
Mann Ich glaube das Wasser ist ruhig genug«
Er verschwand in der Kajüte und der Steuermann ließ sich zunächst von einem
der Matrosen das Sprachrohr bringen Dann fragte er an ob man auf dem sinkenden
Schiff noch Feuerwerkskörper genug habe um den Rettungsmannschaften die nötige
Beleuchtung zu leisten Erst als diese Frage bejaht war wurden die Boote zu
Wasser gelassen
Robert sprang allen voran gleich in das vorderste Er wollte der erste bei
der gefährlichen Rettungsarbeit sein und das schwerste dabei selbst tun Der
Stern von San Franzisko lag jetzt back und das fremde Schiff trieb kaum
merklich in einiger Entfernung an seiner Seite
Der Steuermann beobachtete beim Schein der Leuchtkugeln dass es tiefer und
tiefer sank dass die pumpenden Matrosen mit der Hast der Verzweiflung
arbeiteten Ein stummes leichtes Kopfschütteln ein Seufzer deuteten darauf
hin dass es kaum möglich sein werden alle Schiff brüchigen zu retten
Die Boote wurden von den Wellen wie Nussschalen hin und her geworfen Es
verging eine volle Viertelstunde bis es dem ersten gelang an das sinkende
Schiff heranzukommen Jetzt ergab sich ein stummes grauenhaftes Ringen Während
zwei Matrosen unter Auf bietung aller ihrer Kräfte bemüht waren das Boot an der
niederen Bordwand des Schiffes festzuhalten wehrte der dritte die Unglücklichen
ab die sich von Verzweiflung getrieben fast kopfüber in das zur Rettung
bereite Fahrzeug hineinstürzen wollten und der vierte endlich nahm die zum
Übersetzen bestimmten Schiffbrüchigen in Empfang Ängstliche Rufe begleiteten
das abstossende Boot
Und so wiederholte sich die gleiche Szene noch achtmal Alle Männer
arbeiteten dass ihnen der Schweiß in Strömen vom Gesicht lief sie kämpften mit
heldenmütiger Ausdauer gegen Wind und Wellen bezwangen die Erschöpfung ihrer
Kräfte und widerstanden den Versuchen der Auswanderer sich gewaltsam der Boote
zu bemächtigen Sie wurden alle von ihren Kameraden abgelöst nur Robert nicht
er ließ keine Müdigkeit an sich herankommen und gab nicht nach bis die
Rettungsversuche abgebrochen werden mussten
Nur zu richtig sollte der Obersteuermann prophezeit haben Etwa fünfzig
Passagiere von dem sinkenden Schiff waren unter Gefahr und Anstrengung an Bord
des Stern von San Franzisko gebracht worden während immer noch über zweihundert
Menschen ungeduldig auf ihre Übernahme warteten Im tiefsten Dunkel der Nacht
unter Klagen Geschrei flehentlichen Bitten und Verwünschungen vollzog sich das
Rettungswerk
Und dann kam das furchtbare Ende
Die Matrosen an den Pumpen erkannten die Unmöglichkeit das Wrack noch
länger über Wasser zu halten Sie berieten einen Augenblick lang untereinander
und dann versuchten sie schwimmend den kurzen Weg bis zu dem Bergenfahrer
zurückzulegen Mehr als einer ertrank mehr als einer kam in der furchtbaren
Brandung um aber was bedeutete das Schicksal dieser einzelnen gegen alle die
Unglücklichen die noch an Bord waren Zwanzig auf einmal stürzten sich die
Männer an die Pumpen obgleich keine irdische Macht imstande war das Unglück
aufzuhalten Mit furchtbarer Schnelligkeit sank das Wrack nur noch eine
Handbreit lag es über dem Wasser
Ganz zuletzt noch drängte sich ein junger Mann an Roberts Boot heran Bisher
hatte er tapfer geholfen die Frauen und Kinder voranzuschicken hatte mit
vernünftigen Worten die Andrängenden abgewehrt und allen Mut zugesprochen
jetzt dachte er an die eigene Rettung »Lasst mich hinter eurem Boot schwimmen
Landsleute« bat er »ich will niemand einen Platz streitig machen nur gebt mir
ein Tau dass ich in der Dunkelheit den Weg finde«
Robert wurde aufmerksam Schon vorher hatte er geglaubt diese Stimme zu
kennen jetzt aber nur um so mehr Er konnte in dem vollbesetzten kaum seiner
augenblicklichen Last gewachsenen Boot keinen einzigen Platz mehr vergeben und
doch ergriff ihn die bescheidene im holsteinischen heimatlichen Deutsch
vorgebrachte Bitte des anderen »Wirst du dich halten können« fragte er
mitleidig »Die See geht hoch und dann es sind Haifische hier«
Der Fremde seufzte »Fängt mich einer so ist die Sache zu Ende« sagte er
»Aber um meiner alten Eltern willen muss ich versuchen durchzukommen Nimm mich
mit Landsmann ich bitte dich«
Robert löste von seinem Körper den Ledergürtel dessen eines Ende er am
Bootsrand in einem Eisenring befestigte und den er kaum noch früh genug dem
Fremden zuwerfen konnte um ihn vor dem plötzlichen Sturz ins Meer zu bewahren
Ein »ich danke dir Landsmann« verhallte in den Schreckensäusserungen der
nun folgenden Szene Die Leuchtkugeln versagten in den feuchten Händen
Dunkelheit umgab das sinkende Schiff und beinahe zweihundert Menschen gingen
mit ihm jammernd und schreiend in die Tiefe
Auf dem »Stern von San Franzisko« begannen jetzt von neuem die Raketen und
Leuchtkugeln ihren Dienst Erst nachdem von s des untergegangenen Schiffes
in dieser Beziehung nichts mehr getan werden konnte gab der vorsichtige
Steuermann den Befehl die Feuerwerkskörper an Deck zu holen und abzubrennen
Man besaß also wieder Licht konnte hier und da noch Schwimmende auf den Wellen
erkennen und ins Boot ziehen um sie auf das überfüllte Schiff zu bringen
Robert taumelte fast als er seine letzte lebende Fracht abgesetzt hatte und
andere Hände das Boot emporzogen Er sah wie durch eine Art Schleier das
Segelmanöver durch das der »Stern von San Franzisko« wieder vor den Wind
gebracht wurde Das Schiff verfolgte seinen Kurs nachdem alles getan war um
dem Tod möglichst viele Opfer zu entreißen es entfernte sich von der
Unglücksstätte Trümmer und Leichen in seinem Kielwasser zurücklassend Jetzt
ging es selbst einem unsicheren Schicksal entgegen denn woher sollte man auf
der noch bevorstehenden langen Reise Lebensmittel und Trinkwasser für die neuen
Passagiere nehmen
Als den Frauen und Kindern die Kajüte eingeräumt und die Männer im Logis und
auf dem Vorderdeck so gut wie möglich untergebracht waren als endlich jeder
ohne Ausnahme eine Ration Grog erhalten hatte suchte Robert im Schein der
erwachenden Morgendämmerung unter allen diesen hingestreckten teils
schlafenden teils dumpf vor sich hinbrütenden Gestalten den jungen Mann den er
zuletzt gerettet hatte
So ohne jede Hoffnung ohne irgendwelches Eigentum dem Mitleid anderer
überlassen hatte ihn selbst das Schicksal zweimal an einen fremden Strand
geworfen er empfand jetzt wahres Mitgefühl für die armen Menschen er freute
sich der Möglichkeit hier vielleicht wieder abtragen zu können was ihm selbst
in der Stunde der Not andere getan hatten vor allem aber wollte er jetzt
wissen wer der junge Mann war und wo ihm seine Stimme schon einmal begegnet
sei
Die meisten Geretteten saßen aufrecht oder lagen mit gestütztem Kopf da
ihren traurigen Grübeleien hingegeben teils leise weinend teils zusammen
flüsternd oder in starrer trotziger Verzweiflung Niemand hatte sein bisschen
Eigentum gerettet vielen dagegen waren ihre Angehörigen entrissen worden viele
hatten den liebsten Menschen den sie auf Erden besaßen vor sich sterben sehen
müssen ohne selbst irgend etwas zu seiner Rettung unternehmen zu können und
alle ohne Ausnahme sahen sich ihrer Barschaft ihrer Papiere ihrer letzten
Aussicht auf weiteres Fortkommen im Goldland beraubt
Wenn sie jetzt im Hafen von San Franzisko landeten so waren sie Bettler
anstatt einer erträumten besseren Zukunft entgegen zu gehen Kein Wunder also
dass nur wenige schlafen konnten dass fast alle diese armen Leute mit starren
Augen vor sich hinsahn trostlos und erschüttert bis ins tiefste Herz
Robert suchte bis er endlich ganz hinten im Logis einen jungen Menschen
bemerkte der auf einer Seekiste saß und das Gesicht in der hohlen Hand verbarg
Der musste es sein Robert erkannte ihn an dem Anzug den er schon in der Nacht
gesehen hatte
»Landsmann« sagte er die Rechte auf die Schulter des Fremden legend »sei
nicht so mutlos Freund mir ist es schon schlimmer ergangen als dir«
Der Angeredete hob den Kopf und sah auf Ein plötzliches Erstaunen freudige
Überraschung spiegelte sich in den Zügen der beiden jungen Leute
»Gottlieb« stammelte Robert »Gottlieb du bist es«
»Robert Kroll« rief der andere »Ist es möglich Robert der in ganz
Pinneberg für tot gilt Mein Gott ich glaube zu träumen«
Robert erschrak »Gottlieb« fragte er zögernd als habe er vor etwas Angst
»Gottlieb du kommst also aus unserer Heimat Sprich ich bitte dich leben
meine Eltern«
Der junge Holsteiner nickte »Sie leben beide Robert obwohl dein Vater
seit deiner Flucht kränkelt Er ist in sich gebrochen der alte Mann«
Robert wechselte die Farbe Es war ihm als schnüre ihm jemand die Kehle
zusammen »Kamen denn meine Briefe nicht in Pinneberg an« stammelte er endlich
»Einer Robert Von New York aus wie deine Mutter erzählte Die Leute aber
glaubten es nicht weil so viel Abenteuerliches darin stand und auch dein Vater
wollte von dem Brief nichts wissen Es muss erst ganz anders kommen hat er
gesagt Robert muss als reuiger Mensch nach Hause zurückkehren und seine Mutter
und mich auf den Knien um Verzeihung bitten so gehört es sich nach Gottes
Willen Er ist von mir zum Schneider bestimmt und wenn er nicht gehorchen will
so habe ich keinen Sohn Der Brief bleibt unbeantwortet«
Robert schüttelte unwillkürlich den Kopf »Immer noch der alte Starrsinn«
dachte er »Oh wie recht hatte ich nicht ohne Mittel die meine
Selbständigkeit sichern nach Pinneberg zurückkehren zu wollen Um Verzeihung
bitten werde ich den Vater ja aber Schneider werde ich nicht«
Er dachte sich voll Trotz in diesen Entschluss hinein aber dennoch tat es
ihm weh dennoch sah er immer im Geiste das Bild des alten Mannes wie er krank
und traurig dasaß Gerade an seinem Geburtstag kam ihm auf so wunderbare Weise
die ernste Mahnung an das was er seinen Eltern getan hatte
Die beiden jungen Leute schwiegen lange Auch der Auswanderer dem das Meer
alles genommen hatte stand ja an einem Wendepunkt seiner Zukunft die jetzt
aussichtsloser als je vor ihm lag
»Wie kommt es dass du Europa verlassen hast Gottlieb« fragte endlich
Robert »und wohin willst du«
Der junge Holsteiner seufzte tief »Ich wollte nach Kalifornien um Gold zu
suchen Robert« antwortete er tonlos
»Du Und ich glaubte immer dass dir dein Geschäft alles bedeute dass du in
deines Vaters Kundschaft hineinwachsen und für immer in Pinneberg bleiben
wolltest Du weißt doch noch bei unseren Kriegs und Räuberspielen im Gehölz
machtest du meistens den Zuschauer aber wenn wir einmal einen Laden errichteten
oder bei den kleinen Mädchen in der Puppenwirtschaft zu Gast waren so fühltest
du dich in deinem Fahrwasser«
Gottlieb nickte »Du hast ganz richtig gesehen Robert Ich wäre glücklich
gewesen den kleinen Krämerladen meiner Eltern eines Tages auf eigene Rechnung
übernehmen zu können aber das Schicksal wollte es nicht Wir brannten ab als
das Haus bis unter Dach mit unversicherten Waren voll war mein alter Vater
wurde schwer krank und erblindete gänzlich Was sollte ich nun beginnen Mit dem
Gehalt als Gehilfe in anderer Stellung könnte ich die Eltern nicht ernähren
also musste ich mein Glück anderwo suchen Schon so viele vor mir hatten in den
Goldminen Schätze gesammelt ich wollte es auch Aber jetzt «
Die innere Bewegung erstickte seine Stimme Er fuhr mit der Hand über die
Stirn ehe er weitersprach »Jetzt muss ich in San Franzisko eine Stelle als
Hausknecht oder Kellner suchen« fügte er endlich seufzend hinzu »Es soll eben
nicht sein dass aus mir ein Goldgräber wird ich sehe es ja«
»Du passt sicherlich nicht dazu« warf Robert ein
»Das fühle ich selbst aber ich muss eben und ich werde es«
Robert klopfte seinem Freund auf die Schulter Er hatte schon längst
beschlossen ihm zu helfen »Mach dir keine Sorgen Gottlieb« sagte er »ich
habe genug Geld um dir helfen zu können Fünfzig Dollar gibt es doch wenn ich
abmustere und damit kommst du bequem ins Goldland«
Gottlieb streckte gerührt die Hände aus »Bist immer noch der alte Robert
Kroll« rief er »der sein Butterbrot teilte und für den schuldigen Kameraden
die Tracht Prügel hinnahm ohne ihn zu verraten Gott segne dich«
»Ach was wollen wir nicht lieber gleich Tränen vergießen du«
Aber er umarmte doch in seiner ungestümen Art den so unerwartet gefundenen
Freund und unter seinen Wimpern schimmerte es feucht Dann zwang er ihn sich
schlafen zu legen und trat selbst die Morgenwache an frisch und kräftig wie
immer
So hoch da oben in den Tauen fast unterm Flaggenknopf wo es heute viel zu
tun gab kamen ihm viele Gedanken ernste und heitere Er fühlte das Gewicht
seiner Schuld tiefer und nahm sich vor noch einmal noch dringender und
herzlicher den Vater um Verzeihung zu bitten »Mag er im Unrecht sein« dachte
Robert »ich muss ihm alles vergeben weil er mein Vater ist und muss ihm das
Unrecht das ich begangen habe wieder abbitten Bei der nächsten Reise werde
ich Vollmatrose dann gibt es bessere Heuer und dann kann ich umso leichter eine
kleine Summe sparen damit mir die Eltern nichts zu schenken brauchen Mag der
Vater unerbittlich bleiben wenn ich zu ihm komme ich will es doch tun denn
ich würde es mir sonst ewig vorwerfen müssen«
In der Kajüte des Kapitäns stand zur selben Zeit der Obersteuermann und sah
mit ernster Miene seinem Vorgesetzten ins Auge »Wir müssen Herr Kapitän«
sagte er mit großer Entschiedenheit
Mr Barrow strich sich das Haar aus der Stirn kratzte sich hinter den
Ohren wiegte den Kopf und war offenbar unschlüssiger als je »Bis zur Insel
Juan Fernandez könnten wir doch vielleicht kommen Steuermann« antwortete er
endlich
Der schüttelte den Kopf »Ganz unmöglich Sir«
»Auch nicht wenn die Rationen halbiert werden«
»Auch dann nicht«
»Verfluchte Geschichte Wie soll ich das vor der Reederei verantworten«
»Dass wir schiffbrüchige Menschen retteten Sir Kein Gericht der Welt kann
Ihnen Strafe dafür zuerkennen«
»Aber wenn dem Schiff in der Magelhaensstrasse etwas zustösst Niemand wählt
den Weg durch diese Klippen«
Der Obersteuermann zuckte die Achseln »Entweder Oder« antwortete er
»Wir haben eine Überzahl von sechzig Köpfen an Bord und müssen also folgerichtig
in etwa acht Tagen ohne Wasser sein Befehlen Sie dass wir weitersegeln so «
»Nein niemals das wäre ja noch viel schlimmer Aber dass mir das passieren
musste Die erste Reise als Kapitän und gleich ein Wagnis auf Leben und Tod«
Der Steuermann schwieg Was sein Vorgesetzter sagte war vollkommen richtig
aber die vielen Klagen hätte er sich ersparen können
»In Gottes Namen denn« seufzte Mr Barrow endlich »Geben Sie die nötigen
Befehle dass wir in die westliche Durchfahrt der Magelhaensstrasse einlaufen Es
wird ja gerade noch früh genug sein«
»Bis auf eine Stunde Sir«
Und der Steuermann betrat mit erleichtertem Herzen das Deck Er musste den
jugendlichen Kapitän überall da wo schnelle Entschlossenheit und geschulter
Blick nötig waren vollständig ins Schlepptau nehmen das wusste er schon aber
es war ihm immer wieder gleich unangenehm »Der wird sich noch wundern« dachte
er »wenn jeden Tag die Kinder schreien sooft er arbeiten will und wenn diese
zwanzig Frauen in der Kajüte ans Waschen kommen oder sich untereinander zanken
Na auch die längste Fahrt hat ein Ende und das Bewusstsein sechzig Menschen
vom Tode errettet zu haben ist schon einige Unannehmlichkeiten wert«
Er gab der Mannschaft die nötigen Befehle für den veränderten Kurs und
nachdem die Einfahrt in die Magelhaensstrasse passiert war ging es mit doppelter
Kraft daran alle die hundert kleinen Schäden der letzten Nacht wieder
auszubessern Das Deck war schmutzig und nass die schöne weiße Ölfarbe mit den
Spuren von hundert Füßen übersäet die Wanten und Pardunen zum Teil zerrissen
die Türen ausgehängt die Segel unordentlich verstreut und die Kombüse in der
fortwährend gekocht worden war in einer heillosen Verwirrung
Während die jüngere Mannschaft in den Pferden stehend oben alle Hände voll
zu tun hatte mussten die älteren Leute an Deck arbeiten so dass als später
Frauen und Kinder dazukamen ein buntes Jahrmarktsbild daraus wurde Es gehörte
alle Geduld alle Ruhe des erfahrenen Seemanns dazu um hier eine erträgliche
Ordnung wiederherzustellen
Wer den beschränkten Raum auf Handelsschiffen kennt der wird sich die
Schwierigkeiten bei der Unterbringung von sechzig Menschen leicht vorstellen
können
Kajüte Vorraum Wandschränke ja selbst der Gang hinter der Kajüte jeder
Zentimeter Boden war mit altem Segeltuch und Decken belegt um über vierzig
Menschen Frauen und Kindern als Schlafstelle zu dienen Das kleine Völkchen
ergoss sich jetzt wie ein Bienenschwarm auf das Deck und angstvolle Mütter
liefen schreiend hinterher mit einem Wort es war eine heillose Verwirrung
Zudem sprach die Mannschaft englisch und die Schiffbrüchigen bestanden sämtlich
aus Deutschen so dass an eine wirkliche Verständigung gar nicht gedacht werden
konnte und dass Robert fast nichts anderes mehr tat als Übersetzen und Befehle
vermitteln
Der Kapitän saß in seiner kleinen Schiffskajüte wie ein gefangener Löwe im
Käfig und sooft eins der Kinder neugierig die Tür öffnete fuhr es erschreckt
vor dem finsteren Gesicht zurück das ihm entgegenblickte Es war aber auch
wirklich zum Haarausreissen wie Mr Barrow meinte man konnte keinen Fuß mehr
vor den andern setzen konnte sein eigenes Wort nicht verstehen und nirgends zu
seinem Recht gelangen
Zum Glück blieb das Wetter freundlich so dass über das Quarterdeck ein
Sonnensegel gespannt und den Frauen befohlen wurde sich während des Tages dort
aufzuhalten Die Schiffsjungen mussten dauernd putzen und scheuern die Kinder
blieben auf bestimmte Grenzen angewiesen und alles ging nachdem es zur
Gewohnheit geworden war leidlich nur des Steuermanns Stirn umwölkte sich mehr
und mehr je schneller er den Fleischfässern und den Brotkisten auf den Grund
sah
Was half aber alles Sträuben Die Decksluken mussten geöffnet und ein Teil
der aus getrocknetem Kabeljau bestehenden Ladung angegriffen werden Alle diese
Hungrigen wollten ja leben
Robert diente als Vermittler als Adjutant und Dolmetscher Er schloss
während dieser Zeit eine neue und tiefere Freundschaft mit dem jungen
Auswanderer den er schon von Kind auf kannte und der so ganz anders als er
selbst war Gottlieb schauderte sooft er an die Zukunft dachte
»Das sollen da in den Goldminen lauter Räuber und Totschläger sein« sagte
er einmal »Ich glaube sie tragen alle Waffen«
»Das tut man in ganz Amerika selbst in der größten Stadt«
Gottlieb war entsetzt »Wie soll das nur werden« seufzte er »Ich mag gar
nicht daran denken Ja wenn du bei mir wärst Robert«
Aber der lachte »Ich sollte täglich zwölf Stunden lang in der Erde
herumwühlen und Goldstaub waschen Das wäre mir denn doch zu langweilig«
»Oh« seufzte Gottlieb »langweilig Das ginge schon wenn man nur arbeitet
und etwas vorankommt Aber diese schlechten Menschen das Trinken und Raufen
brr mir graut davor Weißt du ich kann nicht so mit den Leuten fertig werden
wie du Im Laden ist man höflich und zurückhaltend man spricht über dieses oder
jenes und kann sich sauber halten aber da in den Minen soll es ja hergehen
wie bei einem Jahrmarkt wenn die Messer aus den Taschen gezogen werden und
einer über den andern stolpert Glaubst du dass ich mein Glück auf diesem Weg
machen werde Robert«
Der junge Matrose sah die kleine schwächliche Gestalt seines ehemaligen
Schulkameraden und half sich mit einem »Nun warum denn nicht« über die
unangenehme Antwort hinweg »Sicherlich wäre es besser du hättest einen
Menschen neben dir Gottlieb« fügte er dann hinzu »aber ich selbst spüre gar
keine Lust der See den Rücken zu kehren Will in San Franzisko auf einem
Hamburger Schiff für Hinund Herreise heuern so dass vielleicht vier oder acht
Tage zum Urlaub nach Pinneberg übrigbleiben Es ist besser dass ich bereits
gebunden bin bevor ich nach Hause komme und dass ich mich auch nicht lange
aufhalten kann sonst könnte vielleicht der Krieg mit meinem Vater wieder
beginnen Genug Geld um wenn es nötig sein sollte in Pinneberg acht Tage im
Wirtshaus leben zu können verdiene ich ja während der Heimreise«
Er seufzte heimlich bei diesem Gedanken Der Boden brannte ihm unter den
Füßen seit er wusste dass sein alter Vater krank war und vielleicht sterben
würde ohne ihm vorher vergeben zu haben
Gottlieb wiegte den Kopf »Wäre es da für dich nicht besser in den Minen
ein kleines Kapital zu sammeln und damit zu den Eltern zurückzukehren«
antwortete er »Das geht doch schneller als durch die magere Monatsheuer«
Robert lachte »Du willst mich von meinem Plan abbringen« sagte er »aber
das gelingt dir nicht so leicht Vor der Hand werde ich mich erst einmal mit an
Land schicken lassen um Wasser einzunehmen Ich freue mich schon ordentlich auf
einen kleinen Spaß mit den Patagoniern«
»Aber das sind doch Wilde«
»Natürlich gerade darum Möchtest du denn nicht gern so ein Dorf aus
Indianerzelten im Naturzustand sehen Gottlieb«
»O du lieber Himmel um keinen Preis Aber du liefst ja schon als Kind
solchen Abenteuern nach Robert Erinnerst du dich noch als einmal in Pinneberg
die Zigeunerbande lagerte«
»Und ich drei Tage lang die Schule versäumte« lachte Robert »An die Tracht
Prügel werde ich denken solange ich lebe Du warst nicht mit hinauszulocken
weder durch Bitten noch irgendein anderes Mittel«
»Nein bestimmt nicht Was sieht man denn auch an schmutzigen zerlumpten
Menschen«
Robert schüttelte den Kopf »Du bist eine rechte Landratte« lachte er
»Willst dann also höchstwahrscheinlich nicht mit uns auf die Wasserjagd gehen«
Gottlieb sah schaudernd zu dem fernen dunklen Uferstreifen hinüber »Wenns
nicht sein muss Robert dann lass mich an Bord bleiben« antwortete er »Die
Patagonier sind Räuber haben Pferde und eiserne Waffen«
»Nun« rief Robert »du Hasenfuß sind wir etwa schlechter dran«
»Pferde haben wir doch nicht«
»Um Reissaus zu nehmen meinst du Na lass es nur gut sein du kannst in
der sicheren Kajüte bleiben Ich begreife nur nicht woher du bei dem Untergang
des Schiffes den Mut nahmst bis zuletzt an Bord zu bleiben und den kopflosen
Auswanderern einen ruhigen vernünftigen Widerstand entgegenzusetzen«
Gottlieb errötete »Du« sagte er »was unbedingt getan werden muss das kann
ich auch und tue es ohne mich zu weigern aber nicht gern Lieber gehe ich
meinen Weg in Frieden so wie früher als das kleine alte Haus noch stand und
ich von sechs Uhr früh bis zehn Uhr abends hinter dem Ladentisch stand Meine
Waagschalen waren immer so sauber und Tüten im voraus geklebt auf ein
Vierteljahr ach wie gut hatte ich es damals«
Robert schüttelte den Kopf »Mein Gott« dachte er »mein Gott warum ist
dieser stille harmlose Mensch nicht als Sohn meines Vaters geboren worden und
ich dagegen als der welcher hinausmusste in die Welt eben um eine höhere
Pflicht zu erfüllen Wie glücklich wären wir dann beide«
Er brach die Unterhaltung plötzlich ab Ihm fiel wieder ein was Mongo
einmal gesagt hatte da oben in der nordischen Eiswüste unter den Zeltdecken der
Lappen »Der Mensch soll lernen sich selbst zu überwinden«
Und er musste sich eingestehen dass eigentlich das wonach man wirklich
verlangt und was man begehrt doch zu leicht ausgeführt wäre als dass es eine
ernste Aufgabe genannt werden könnte
»Gottlieb und ich wir werden uns ergänzen« dachte er »Ich glaube es
würde gar nicht schaden wenn ich ihn auf ein paar Monate in die Minen
begleitete Glückt es mir mit einem hübschen Vorrat an Goldstaub nach Pinneberg
zurückzukehren so kann ich dem Vater zeigen dass ich auch ohne die Nähnadel
immer noch würdig bin seinen Namen zu tragen und von ihm Sohn genannt zu
werden Ich will «
Ein plötzlicher Befehl unterbrach seinen Gedankengang Die grünen Ufer der
Küste waren schneller als es Robert für möglich gehalten hatte zu ganzen
Wäldern und Höhenketten herangewachsen sie lagen jetzt so nahe dass für ein
Anlaufen schon Vorbereitungen getroffen werden mussten
Wie schlug sein Herz als er das Ufer sah Weisser Sand im Sonnenschein
glänzend und dichte Buchenwälder alles erinnerte ihn mehr als jeder andere
Strand den er bis jetzt betreten hatte an die deutsche Heimat
Und überall blühten Fuchsien in allen Farben allen Größen und
Schattierungen Nicht wie bei uns in Deutschland als Sträucher und
Zwergpflanzen sondern als schlanke Bäume die mit Tausenden und Abertausenden
der glockenförmigen Blüten übersäet waren Vom reinsten Weiß bis zum tiefsten
Rot fanden sich alle verschiedenen Arten während der Moosboden am Ufer mit
breitblätterigen Schlingpflanzen bedeckt war
Auf den Abhängen des ersten Höhenzuges weidete eine Herde Guanakos während
mehrere kleine Pekaris die sandigen Stellen der Uferbank aufgewühlt hatten und
im Sonnenschein ahnungslos schliefen In allem bot die Insel das Bild einer
Landschaft von überwiegend nordischem Charakter
Keiner von der ganzen Besatzung des Schiffes war jemals auf dieser Insel
gewesen keiner wusste ob und wo hier Quellen zu finden waren aber man durfte
nicht länger warten da sich der Wassermangel bereits in den letzten Tagen sehr
empfindlich bemerkbar gemacht hatte Der junge Kapitän gönnte sich weder am Tage
noch in der Nacht eine längere Ruhe sondern suchte ständig bald auf der Karte
bald auf dem Wasser nach Klippen an denen sein Schiff scheitern konnte er
fürchtete seit dem Abenteuer mit dem sinkenden Fahrzeug jedes nur mögliche
Unglück und dachte jetzt sogleich an einen Überfall der Patagonier »Diese
Stämme führen dauernd untereinander Krieg« sagte er seufzend »sie leben allein
vom Raub also muss mit der größten Vorsicht verfahren werden Zwanzig Mann
sollen sich bis an die Zähne bewaffnen und auf der Suche unter allen Umständen
zusammenbleiben Bei der ersten Quelle wird Halt gemacht und die ganze
Expedition so schnell wie möglich beendet Die Schiffsjungen bleiben an Bord«
Als alle diese Weisungen erteilt worden waren trat er noch einmal an das
Fallreep »Leute wagt nichts« rief er »Findet sich hier kein Wasser so
suchen wir auf einer andern Insel Es gibt ja leider nur allzuviele davon«
Der Untersteuermann als Führer der kleinen Truppe antwortete mit einem »All
right Sir« und dann stießen die Boote ab Robert sah zu seinem größten
Erstaunen dass Gottlieb mit hineingesprungen war »Nanu« rief er »wozu das
Bleib doch auf dem Schiff wenn du an solchen Dingen keinen Gefallen findest«
Der junge Auswanderer schüttelte den Kopf »Sprich nicht so laut Robert«
flüsterte er errötend »Alle Leute sehen mich an Ich will mit dir gehen weil
du mich sonst für feige halten würdest und das bin ich doch nicht Ich werde
schon meinen Mann stehen«
Robert handhabte kräftig das Ruder Aus seinen blauen Augen und dem ganzen
Ausdruck des sonnenbraunen Gesichtes lachte die frohe Zuversicht der Jugend »Du
bist ein guter Kamerad Gottlieb« rief er »ich will dir deine Treue vergelten
darauf darfst du bauen Schaumal sieht das nicht ganz so aus wie die
Inselgruppe und die Gehölze hinter unserem Pinneberger Mühlenteich«
»Wahrhaftig« antwortete Gottlieb »ich dachte in diesem Augenblick das
gleiche«
Robert hatte sich von seinem Sitz erhoben und zeigte jetzt mit dem Ruder auf
die Waldung vor dem Boot »Weißt du noch« rief er »wie wir bei unsern
Kriegsfahrten die größte Insel immer Patagonien nannten und die Kühe des Müllers
Patagonier den schwarzen Stier aber den Kaziken Brombeeren Himbeeren
hauptsächlich Nüsse das alles war die Beute und der Rastplatz unter den
Buchen wo wir regelmäßig ein Feuer anzündeten unser Biwak Die Gefangenen
wurden auf einer ganz kleinen kahlen Insel ausgesetzt und oft trotz ihrer
Bitten am Abend nicht wieder an Bord genommen wodurch «
»Dann die ganze Geschichte an den Tag kam« ergänzte Gottlieb »Das
unerlaubte Betreten des fremden Grund und Bodens das Feuer die kleine Rache an
einem Kameraden alles wurde dem Rektor hinterbracht und trug seine sauren
Früchte«
»Ja das war hart« lachte Robert »Hätte ich so viele Taler Gottlieb wie
ich Hiebe bekommen habe du könntest dein Haus wieder aufbauen und deine Tüten
in Frieden weiterkleben Aber macht nichts die wildesten Jungen werden die
tüchtigsten Männer«
Während dieser Erinnerungen der beiden Schulkameraden hatte das Boot den
Strand erreicht und Robert sprang allen voran auf die Kiesel Er warf die Mütze
in die Luft und fing sie wieder auf unbekümmert um alle Gefahren der Welt
»Schnell« rief er »Der Steuermann ist unser General und wir sind die
Landungstruppen Komm heraus Kazike von Patagonien wenn du den Mut hast«
Das hatte er aber lieber in deutscher Sprache gerufen und niemand verstand
es außer Gottlieb »So sei doch ruhig« mahnte der »das hier sind ja andere
Gegner als die harmlosen Kühe die du damals in die Flucht schlugst«
»Oho der gehörnte Kazike war auch nicht zu verachten Er hat mich einmal
mit noch drei andern über sein ganzes Gebiet gehetzt bis wir mehr tot als
lebendig in unser Boot plumpsten und selbst dahin wollte er uns noch
nachlaufen Ich sage dir der Anblick war urkomisch Bis an die Brust im Wasser
stehend halb erschreckt pustend und zornig das dumme Gesicht uns
entgegengestreckt so brüllte er aus Leibeskräften während wir ihn reizten mit
dem Ruder stießen und immer nahe vor ihm umherfuhren bis er endlich Reissaus
nahm Ich muss heute noch lachen wenn ich daran denke«
Gottlieb schüttelte den Kopf »Wie kann man aber auch einen Stier necken«
sagte er »Du versuchst aber auch die unglaublichsten Dinge«
»Ich versuche alles und fürchte nichts So jetzt nimm diesen Säbel da du
doch mit dem Gewehr nicht umgehen könntest«
Der ganze Zug setzte sich in Bewegung Jeder Mann trug Waffen und außerdem
einen Eimer den der Seemann »Pütz« nennt mit der Inschrift »Stern von San
Franzisko« Ohne ein lautes Wort ein überflüssiges Geräusch und in
dichtgeschlossener Reihe drangen die Seeleute vor während ihnen vom Bord des
Schiffes der Kapitän durchs Fernrohr nachblickte und unruhig wie ein Tiger im
Käfig an der Schanzkleidung auf und ab ging
»Wenn keiner zurückkommt Steuermann was fangen wir an«
»Noch ist es ja nicht so schlimm Sir«
Dann verstummte auch an Bord das Gespräch und ebenso still wie an Land die
Matrosen verhielten sich dort die Zurückgebliebenen Alle fünf Minuten sah der
Kapitän auf die Uhr
Robert und Gottlieb marschierten Seite an Seite beide entzückt von dem
Schatten der Buchen und dem weichen Rasen auf den sie traten Seit Jahr und Tag
hatte der junge Matrose keine grüne Landschaft mehr gesehen keine Blume keinen
Singvogel in den Zweigen Das alles war ja in Norwegen nur höchst selten und
vereinzelt vorgekommen dort wirkte sich noch die Nähe des ewigen Eises aus
Hier aber wuchs und blühte es überall hier war es wie in einem deutschen
Sommer
Nur von einer Quelle oder einem Fluss zeigte sich nichts
»Ob wir uns doch in mehrere Abteilungen teilen« meinte der Steuermann
»Möglicherweise zieht sich dieser Wald Gott weiß wie weit fort ohne in ein Tal
auszumünden So zwischen den Stämmen werden wir niemals eine Quelle finden«
»Aber der Alte hat es verboten« meinte einer
»Der Alte ist ein Hasenfuß sage ich euch Haben wir irgendein
Lärminstrument eine Pfeife oder etwas Ähnliches bei uns«
Es meldeten sich mehrere die schon aus Vorsicht eine kleine Zinkflöte mit
schrillem durchdringendem Ton zu sich gesteckt hatten und dann ließ der
Steuermann regelrecht abstimmen wer für Teilung sei und wer nicht »Bedenkt
was ihr tut Leute« sagte er »die Folgen müssen wir selbst tragen Der Kapitän
hat uns da wir in diesem Augenblick nicht auf seinem Schiff stehen auch keine
Gesetze zu geben wir sind es die ihre Haut zu Markt tragen und wir selbst
müssen über unser Handeln entscheiden Also wie ist es teilen oder
zusammenbleiben«
»Teilen« klang fast wie aus einem Mund die Antwort der Matrosen »Was
sollte uns denn auch weiter begegnen Die Kerle hierherum sind keine
Menschenfresser«
Und dann erhielten je fünf Mann eine Alarmflöte man verabredete dass auf
das erste Zeichen hin alle dem bedrohten Punkt zueilen sollten und dass man sich
an dieser Stelle wiedertreffen wollte Wer Wasser entdeckt hatte musste sofort
ein Zeichen geben
Die vier kleinen Trupps verteilten sich nach allen Himmelsrichtungen und
ringsumher wurde es wieder still In Roberts Zug befand sich Gottlieb als
Freiwilliger daher waren hier im ganzen sechs Männer zusammen Der Weg den sie
verfolgten führte offenbar in eine Niederung da er wenig Baumwuchs zeigte und
zuweilen plötzlich tief abfiel aber dennoch hörte oder sah man keinerlei
Gewässer
Über eine halbe Stunde lang mochten die Matrosen vorwärts gegangen sein als
durch die stille Morgenluft ein ganz unerwarteter Ton an ihre Ohren drang In
nächster Nähe wieherte ein Pferd Im Nu hemmten alle ihre Schritte
»Es wäre doch hübsch wenn hier hinter den Bäumen ein Dorf läge« raunte
einer der Seeleute »Dann sehen wir unser Schiff nicht wieder«
Robert winkte den andern »Wir müssen uns der Pferde bemächtigen« flüsterte
er »Haben wir sie und unsere Schusswaffen so werden wir immer die Oberhand über
die Wilden behalten«
»Du hast recht« meinte der Steuermann »das ist ein guter Gedanke Aber wir
kommen nur nicht ungesehen so weit heran um die Tiere einfangen zu können«
»Lasst mich den Weg auskundschaften« drängte Robert »Gebt mir die Pfeife
damit ich euch im Notfall benachrichtigen kann und bleibt in der Nähe Aber das
müsst ihr auch so denn da wo Pferde sind wohnen bestimmt Menschen und ebenso
sicher ist bei ihren Hütten auch Wasser zu finden«
Die fünf Männer waren damit einverstanden nur Gottlieb berührte Roberts Arm
und flüsterte halblaut »Lass mich mit dir gehen ich bitte dich«
»Nein auf keinen Fall Du bleibst bei den andern hörst du Gottlieb Mir
macht die Geschichte großen Spaß für dich wäre es ein Opfer«
Gottlieb schüttelte den Kopf »Lass mich doch Robert Du hast mir das Leben
gerettet also will ich für dich nicht weniger tun«
Auch Mongo drängte sich an Roberts Seite »Vier Augen sehen mehr als zwei
du junger Spitzbube nimm mich mit dir«
»Kommt nicht in Frage« entschied Robert »Setzt euch ins Moos und esst euer
Frühstück damit ihr bei Kräften bleibt Lebt wohl«
Er verschwand zwischen den Bäumen und den Zurückgebliebenen blieb in der
Tat nichts anderes übrig als Rast zu halten Nur essen konnte niemand und als
die fünf eine Flasche mit Rum von Hand zu Hand gehen ließ da entdeckten sie
dass Gottlieb fehlte Der junge Auswanderer war heimlich davongeschlichen ohne
dass ihn die anderen beobachtet hätten
Mongo schmunzelte wohlgefällig »Er wird sich schon durchschlagen« sagte er
und meinte Robert »mir ist um ihn nicht bange Habe ihn lieb als wäre er mein
eigener Sohn das könnt ihr glauben Leute aber doch laufe ich ihm nicht nach
Er ist unvorsichtig hört auf keinen vernünftigen Rat und hält nur seine eigene
Meinung für die richtige das muss er sich noch abgewöhnen Lasst ihn nur
tüchtig in die Klemme geraten«
Während dieser Worte horchte der alte Mann angestrengt und konnte keinen
Tropfen Rum hinunterbringen Immer war es ihm als höre er in der Ferne Roberts
Stimme
Der kroch inzwischen wie eine Schlange weiter Noch sah er nichts als das
Unterholz und hier oder da eine freie Fläche dann jedoch wurden die Lichtungen
häufiger bis endlich ein tiefes Tal sich offen ausbreitete und mehr als zehn
weidende Pferde in der Ebene sichtbar wurden Seitwärts lagen aber auch etwa
zwölf bis zwanzig Zelte aus Fellen und zahlreiche Kinder jeden Alters spielten
an den Ufern eines Flüsschens das auf der Talsohle über Kiesel und weißen Sand
bis zum Meeresufer hinablief
Robert sah die blaue Fläche der See zwischen den Baumstämmen schimmern das
Dorf lag also unmittelbar am Strand und das Wasser wäre von der
entgegengesetzten Seite her mit leichter Mühe zu erreichen gewesen während es
kaum möglich schien von seinem Standort bis an den Fluss vorzudringen Ob er
wagen durfte auf die Weidefläche hinauszutreten und die Pferde vor den Augen
der Wilden zu entführen
Zaum und Lederzeug schien hier ein unbekannter Luxus zu sein die Tiere
liefen vollkommen fessellos umher aber sie schienen sehr zahm da sie den
Lockrufen der kleinen rotbraunen Kinder wie Hunde gehorchten Robert versuchte
ein ähnliches Mittel aber ohne Erfolg
»Hätte ich doch einen Lasso« dachte er ärgerlich Und wieder rief er leise
ohne jedoch einen günstigeren Erfolg zu erzielen die Tiere weideten in
ungestörter Ruhe die Sonne schien hell vom Himmel herab und die kleinen Kinder
spielten ganz wie ihre weißen Altersgenossen mit Kieseln und Sand
Aber etwas musste geschehen Die Zeit verging die Kameraden warteten der
Kapitän war gewiss schon ganz außer sich also alles drängte zur Eile
Robert hielt noch einmal scharfe Umschau Aus den spitzzulaufenden Hütten
drang oben stellenweise leichter bläulicher Rauch hervor auch einige
Haustiere wie Schweine und Hunde liefen umher aber kein erwachsener Mensch
ließ sich blicken Vielleicht war der Stamm auf einem Kriegszug und nur ein
paar alte Frauen beaufsichtigten die Kinder vielleicht glückte es mit einem
geschickten Griff die Pferde zu entführen und dann hatten die Seeleute das
Spiel gewonnen
Gedacht getan Robert trat hinaus auf das freie Feld und näherte sich dem
ersten Tier das ihn ruhig herankommen ließ Sein Herz schlug schneller als er
eine mitgebrachte Leine aus der Tasche hervorzog und sie um den Hals des Pferdes
legte
Da tönte aus ziemlicher Entfernung durch die Waldesstille das verabredete
Zeichen Robert horchte Es waren drei kurze gellende Pfiffe also Wasser
gefunden und der Zweck der ganzen Expedition erreicht Höchstwahrscheinlich
hatten die Kameraden denselben Fluss nur etwas weiter hinauf entdeckt
Von zwei Seiten kam Antwort aber Robert gab keinen Laut von sich Der Pfiff
hätte bestimmt die Wilden aus ihren Schlupfwinkeln hervorgelockt Er schwang
sich auf eins der Pferde und wollte eben davonsprengen als ihn ein lauter
mehrstimmiger Ausruf erreichte Er wandte sich um und erkannte unten zwischen
den Hütten etwa zehn bis zwölf Patagonier
Zugleich wurde das Pferd bei seinem Namen gerufen machte eine plötzliche
Schwenkung und galoppierte mit dem erschrockenen jungen Menschen geradewegs in
das Dorf hinab Robert wäre schon nach wenigen Minuten mitten unter den Wilden
angelangt und von ihnen zweifellos gefangen worden wenn er nicht noch
rechtzeitig abgesprungen wäre Mit langen Sätzen lief er in das Gebüsch hinein
Die Wilden folgten ihm Ihr lautes Kriegsgeschrei mischte sich mit den Tönen
der Pfeife und den antwortenden Stimmen der Matrosen Die ganze stille und
friedliche Umgebung war in Aufruhr geraten Von weitem hörte man die Pfeifen
Mongo rief laut und angstvoll Roberts Namen die Pferde galoppierten stampfend
und schnaubend auf der Weidefläche die Hunde bellten und die Wilden heulten
Eine Art Wurfspiess oder Lanze plump aus Eisen hergestellt flog haarscharf
an Roberts Kopf vorüber wenigstens dreißig Wilde waren jetzt auf seiner Spur
und liefen heulend und schreiend wie ein Schwarm höllischer Geister dem
fliehenden jungen Matrosen nach Mit Mänteln aus Pferdeleder und Schuhen aus der
abgestreiften Haut des Pferdefusses an der noch die Hufe unverändert saßen mit
greller Malerei im Gesicht und sonderbar heraufgebundenem mit Federn
durchflochtenem Schopf sahen sie aus wie die leibhaftigen Teufel während ihr
Kriegsgeschrei auch dem Tapfersten Furcht einflößen konnte
Roberts Pfeife gab ihre schrillen Töne von sich die vier Matrosen schossen
aufs Geratewohl in die Luft um womöglich den Feind zu erschrecken und von
weitem gaben die Kameraden das Antwortzeichen kurz es war ein Lärm als sollte
die alte Erde aus den Fugen gehen
Allen voran stürmte Mongo Im Laufen zielte er und traf einen der Wilden
tödlich Die übrigen stutzten doch unwillkürlich Vielleicht schreckten sie vor
der noch fast unbekannten Feuerwaffe zurück vielleicht hatten sie gehofft nur
mit einem einzigen Gegner kämpfen zu müssen und wurden irre als jetzt die
Matrosen von allen Seiten dem Kampfplatz zueilten
Schuss auf Schuss krachte Mehrere Wilde fielen aber auch einige Weiße wurden
getroffen und immer hartnäckiger kämpften die erbitterten Gegner Die
Patagonier hatten den ersten lähmenden Schreck überwunden sie schlossen sich
fester zusammen drangen in geschlossener Front gegen ihre Widersacher vor und
schienen durch den vereinten starken Anprall fast das Übergewicht zu erlangen
Ihre stumpfen schweren Waffen schlugen empfindliche Wunden ihre auf etwa
fünfzig Mann angewachsene Zahl brachte die Matrosen zum Weichen
»Wir müssen uns absetzen« rief mit lauter Stimme der Steuermann »Zieht
euch mit vorgehaltenem Gewehr bis an den Strand zurück Leute diese Wilden
haben keine Boote«
Aber der Befehl verhallte ungehört und schon in der nächsten Viertelstunde
wären die Patagonier Herren der Lage gewesen wenn nicht ein unvorhergesehener
Zwischenfall die ganze Sachlage urplötzlich verändert hätte
Seitwärts vom Kampfplatz hörte man ein gellendes Pfeifen und zugleich das
Stampfen von Pferdehufen Die Wilden horchten auf und hielten im Angriff inne
denn wirklich erschien auch schon in der nächsten Minute das galoppierende
jagende Rudel ihrer aneinandergekoppelten Pferde Das erste hielt ein Reiter am
Zaum der selbst ein lediges Tier ritt
Brausend und stampfend verschwand der Zug ebenso schnell wie er gekommen
war aber schon der bloße flüchtige Anblick hatte die Wilden von dem Kampf mit
den Weißen vollständig abgelenkt Ihr einziger Reichtum ihre Pferde waren in
Gefahr und dafür ließ sie alles im Stich
Mit gellendem Geschrei setzten sie dem einzelnen Reiter und seiner Beute in
das Unterholz nach so dass sich die Matrosen plötzlich allein sahen Nur ein
Schwerverwundeter lag ächzend im Gras und mehrere andere hinkten mit
zerschlagenen oder zerschossenen Gliedern schwerfällig davon
»Schnell« rief der Steuermann »Um Gottes willen schnell In fünf Minuten
können die Wilden zurück sein«
»Wer war denn der Reiter« fragte einer während die Schar so schnell wie
möglich zum Strand zurücklief »Er hat uns das Leben gerettet aber
höchstwahrscheinlich wird er dafür jetzt verloren sein Wir dürfen ihn nicht im
Stich lassen«
Robert überflog die Gesichter Was er schon vorher zu sehen geglaubt hatte
das bestätigte sich ihm jetzt Es war Gottlieb der zu der plötzlichen List
gegriffen hatte und der nun den Patagoniern ausgeliefert war Robert wollte
umkehren und ihn suchen
»Mongo« rief er »geh mit mir Ich kann den armen Gottlieb nicht in den
Händen der Wilden lassen ohne alles für ihn versucht zu haben«
Der Neger schüttelte den Kopf »Wenn er nicht durch seine Schlauheit
davonkommt ist für ihn keine Rettung möglich« sagte er »Wir alle hätten ins
Gras beißen müssen aha der Kapitän hat schon Angst wie man hört«
Ein Kanonenschuss donnerte vom Wasser herüber und die Mannschaft antwortete
durch lautes »Schiff ahoi« nur Robert folgte äußerst widerstrebend Den
Freund so zu verlassen fand er feige und doch musste er die Unmöglichkeit ihm
zu helfen selbst einsehen Seufzend schüttelte er den Kopf
Jetzt war der Strand erreicht und die bei den Booten zurückgebliebenen
Leute waren froh als sie ihre verloren geglaubten Kameraden wiedersahen An
Bord ging noch immer der Kapitän wie ein Verzweifelter auf und ab
Dieselbe Stille von vorhin lag wieder über der ganzen Insel Man konnte
meinen dass alles ein Traum gewesen sei eine plötzliche schreckliche
Erscheinung so schnell war es gekommen und so schnell vorübergegangen Die
Matrosen fragten und erkundigten sich erst jetzt untereinander nach dem
eigentlichen Verlauf des ganzen Unternehmens
Bei Roberts Hilferuf hatten alle das gefundene Wasser sofort im Stich
gelassen und waren zu seiner Unterstützung so schnell wie möglich dem Schall
gefolgt Daraus ergab sich allerdings dass alle Mühe umsonst und die ganze Fahrt
vergeblich gewesen war Niemand brachte auch nur einen Tropfen Wasser mit
Robert beruhigte die andern »Lasst nur« sagte er traurig »Ich habe die
Stelle entdeckt wo wir ganz bequem mit dem Boot soviel Wasser einnehmen können
wie wir brauchen aber das bringt uns nur den armen Gottlieb nicht zurück
Wo er jetzt sein mag Vielleicht wird er von den Rotäuten gemartert«
Rechts von ihm teilte sich in diesem Augenblick das dichte Gebüsch Ein Kopf
kam zum Vorschein ein verlegen errötendes Gesicht sah durch die Zweige und der
ganze schüchterne Gottlieb schlüpfte heraus völlig unversehrt aber mit
zerrissener Jacke und ohne Mütze
»Ach« sagte er »ihr seid alle da Das ist wirklich ein Glück«
Robert glaubte kaum seinen Augen trauen zu dürfen »Gottlieb« rief er
»Gottlieb wie war das möglich Wie bist du den Wilden entkommen«
Der bescheidene junge Mensch flüchtete sich um nicht so angestarrt zu
werden zu seinem ehemaligen Schulkameraden und drängte ihn schnellstens
aufzubrechen »Lass uns schnell machen Robert« sagte er »das sind ja wahre
Menschenfresser diese Kupfergesichter«
»Aber Gottlieb wie bist du ihnen entkommen«
Der junge Pinneberger winkte mit der Hand »Mach doch nicht solchen Lärm
darum Robert« sagte er »Als der ganze Schwarm vom Kampfplatz eine tüchtige
Strecke weit fortgelockt war ließ ich mich einfach zu Boden gleiten und
versteckte mich im dichten Gebüsch das ist ja gar nicht der Rede wert jeder
andere hätte es auch getan«
Robert drückte gerührt die Hand seines bescheidenen Freundes Dann
übersetzte er das was Gottlieb berichtet hatte den Matrosen die darauf hin
ihrer Anerkennung durch kräftige Schläge auf die Schulter ihres Retters Ausdruck
gaben »Frage ihn doch wie er eigentlich auf den guten Gedanken kam Bob«
drängte der Steuermann
Robert tat es und Gottlieb lächelte verlegen »Ja siehst du« antwortete
er »etwas musste ich doch auch leisten So ein Draufgänger bin ich nicht also
wollte ich durch List versuchen die Feinde von uns fernzuhalten Ich koppelte
die Pferde aneinander nahm sie an die Leine und ritt im sausenden Galopp an
euch vorüber weil ich gleich dachte dass die Wilden zunächst ihrem Eigentum
nachjagen würden Das übrige weißt du«
Robert übersetzte auch dies und nach erneuten lebhaften Dankesäusserungen
bestieg man endlich die Boote Der Kapitän raufte sich fast die Haare als er
sah dass mehrere Matrosen für längere Zeit arbeitsunfähig geworden waren Einer
hatte sogar den Arm gebrochen ein anderer hinkte schwer und der dritte hatte
eine tiefe Wunde an der Schulter
Mr Barrow war so außer sich dass ihn der Obersteuermann zum zweitenmal
vertreten musste Der Stern von San Franzisko wurde gedreht und auf der andern
Seite der Insel so nahe an den Strand herangebracht dass seine Kanone leicht die
schmale Flussmündung bestreichen konnte Ein Boot mit sechs Mann fuhr soweit
hinauf wie nötig schien um reines Süsswasser zu erhalten dann füllte man die
Tonnen ohne einen Wilden zu Gesicht zu bekommen Robert und Gottlieb sahen noch
einmal das Dorf von der anderen Seite ehe die Reise fortgesetzt wurde
»Du« sagte der junge Matrose »du wolltest mich doch in die Minen
mitnehmen nicht wahr Gut hier hast du mein Versprechen Wir wollen
zusammengehen«
Gottliebs Freude war so groß dass er sich kaum beherrschen konnte obwohl er
den Entschluss seines Freundes aus Bescheidenheit nicht annehmen wollte Robert
ließ ihn gar nicht erst zu Worte kommen »Es bleibt dabei« sagte er »ich gehe
mit dir nach Kalifornien«
Mehr wurde darüber nicht gesprochen aber die Sache war abgemacht Die
Matrosen schafften soviel Wasser an Bord als irgend untergebracht werden
konnte und dann ging die Reise weiter Als das Schiff die vordere
vorspringende Spitze der Insel umsegelte sahen die Matrosen hinter allen Bäumen
die roten Gesichter der Wilden Es waren mindestens hundert kriegerische
Gestalten
»Passt auf Kinder« rief der Steuermann »jetzt sollen es die Halunken
haben«
Er ließ das Ruder so drehen dass die Kanone gegen das Ufer gerichtet war
Dann krachte der Schuss donnernd und widerhallend durch die stille Morgenluft
natürlich nur blind aber doch den Wilden zur heilsamen Warnung
Der Erfolg war so komisch dass die ganze Schiffsbesatzung ja sogar der
ängstliche Kapitän in ein schallendes Gelächter ausbrach An Land lagen die
Rotäute alle flach auf dem Erdboden als habe der Pulverdampf tödliche Wirkung
gehabt Einige verbargen die Gesichter im Sand so dass der Schopf mit Federn und
Schnüren im Wind flatterte andere lagen auf dem Rücken und wagten nicht sich
umzudrehen
»Noch eins« rief belustigt der Steuermann »noch eins«
Und wieder krachte der Schuss Einige der Gestalten wollten aufspringen und
fliehen aber es kam nur zu einem leichten Ruck Die Todesangst hielt alle am
Boden fest
Der Kapitän hatte unterdessen die Verletzten in ärztliche Behandlung
genommen und das Schiff steuerte seinen früheren Kurs weiter Solange die
Matrosen das Ufer noch genauer erkennen konnten sahen sie die entsetzten Wilden
regungslos wie Leichen daliegen
»Ganz wie der Pinneberger Stier« lachte Robert »Nur dass der mit gesenktem
Kopf reissaus nahm während die Rotäute liegen bleiben Wären nicht unsere
Kameraden verwundet worden so könnte man die ganze Geschichte einen guten Spaß
nennen«
»Von dem wir aber doch keine Fortsetzung brauchen« warf der Steuermann ein
»Durch die Magelhaensstrasse zu segeln ist immer bitterer Ernst«
»Sind Sie schon früher einmal hindurchgekommen Mr Tompson« fragte
Robert
»Einmal schon und noch dazu mit Passagieren Vor etwa zwölf Jahren zog ja
alle Welt in die Goldminen um dort das Glück zu suchen«
Robert winkte heimlich seinem Schulkameraden »Und es wohl auch häufig zu
finden Sir nicht wahr« fragte er
»Häufig Das nun gerade nicht mein Junge Wem ein Gewinn in den Schoss
fällt der gibt ihn meist ebenso schnell wieder aus und macht noch obendrein auf
gut Glück Schulden Die Digger sind ein leichtlebiges Völkchen«
Robert lächelte Er wusste dass er es verstand mit seinem Eigentum sparsam
und ordentlich umzugehen und dass er daher zu den wenigen gehören würde die
tatsächlich imstande waren in den Minen ihr Glück zu machen »Was gehört
eigentlich zur Ausrüstung eines Goldsuchers« fragte er den Steuermann der
offenbar gut aufgelegt war und mit sich reden ließ »Ist die Geschichte sehr
teuer«
Der Steuermann zuckte die Achseln »Das kommt darauf an Bob wie man es
anfängt Je mehr man hineinsteckt desto mehr kommt auch wieder heraus Wer also
Pferd und Karre besitzt eine abgelegene Stelle aufsuchen will und die Sache im
großen betreibt der hat mehr Aussicht als ein anderer armer Teufel der nur mit
Spaten und Hacke losgeht Es haben aber auch solche schon Glück gehabt und sind
reich geworden«
Robert und Gottlieb sahen sich verstohlen an dann aber fragte der junge
Matrose weiter und lockte aus dem erfahrenen Steuermann so ziemlich alles
heraus was er wissen wollte Die Hauptfrage war natürlich die »Hat ein
fleißiger sparsamer Mann als Goldsucher Aussichten weiterzukommen«
Der Steuermann nickte »Das steht fest In den Goldstädten wird mehr Staub
von den Wäschern verloren als ausreichen würde einen vernünftigen Menschen zu
ernähren Wer täglich seine zehn bis zwölf Stunden arbeiten will der kann
sagen dass er es bei einigem Glück zum wohlhabenden Mann bringen wird obgleich
vielleicht unter Tausenden nur einer wirklich das erträumte Vermögen findet Es
gibt nirgends im Leben so viele Wechselfälle wie gerade in den Minenstädten«
Robert übersetzte das alles seinem Freund der sich zwar während der kurzen
Zeit an Bord schon soviel Englisch angeeignet hatte dass er einigermaßen
verstand was gesprochen wurde dem aber doch sehr viel daran lag gerade hier
alles aufs Wort genau zu erfahren Er fand das was der Steuermann gesagt hatte
recht befriedigend und hoffte dass es ihm doch vielleicht schon bald möglich
sein werde monatlich sechzehn bis zwanzig Dollar nach Pinneberg zu schicken
»Davon können die Eltern schon leben« sagte er
Robert sah ihn erstaunt an »Aber dabei wirst du nie ein kleines Vermögen
sammeln Gottlieb« sagte er
»Wenn ich nicht mehr erübrigen kann als für meine alten Eltern erforderlich
ist nein Aber ich bin auch schon glücklich wenn mir nur das gelingt«
»Und du wolltest aus diesem Grund ständig in den Minen bleiben«
»Solange es nicht anders geht ja Der Gedanke Vater und Mutter im
Armenhaus zu wissen wäre mir viel schrecklicher als alle Entbehrungen und
Strapazen«
Robert musste an seine Eltern denken sie waren wohlhabende Leute und
brauchten nicht für den Frieden ihrer alten Tage fürchten Gottlieb fühlte und
handelte überlegter als er aber ihn leiteten auch zwingendere Gründe
»Ich bleibe bei dir bis du dich eingelebt hast« versprach er ihm »Wenn
wir nur erst in San Franzisko wären Vielleicht wartet dort ein Brief aus
Pinneberg auf mich ach ich wäre zu glücklich«
»Wie lange brauchen wir noch bis dahin« fragte Gottlieb
»Dreißig Tage etwa Ich wollte dass sie vorüber wären«
»Bring mir doch etwas Englisch bei Robert dann vergeht uns die Zeit
schneller«
Der junge Matrose seufzte »Wenn ich doch mehr Geduld hätte« antwortete er
»Aber etwas besser ist es ja schon geworden also darf man die Hoffnung nicht
aufgeben Sieh dort tauchen wieder neue Inselgruppen auf«
Gottlieb stieß ihn heimlich mit dem Ellbogen an »Du was tut der Steuermann
jetzt« fragte er
Robert sah hin »Ach er lotet Der Kapitän hat also wieder Angst dass wir
auflaufen«
Da Robert gerade Freiwache hatte näherten sich die beiden dem
Obersteuermann der mit dem damals erst kürzlich erfundenen Patentlot die
Meerestiefe maß Auch der Kapitän war dabei und machte ein ernstes Gesicht
»Steuermann haben Sie mit etwa 2000 Meter Tiefe gerechnet« fragte er »So
viel müssen wir hier herum vermuten«
»All right Sir Die Leine läuft noch weiter aus«
Das eigenartig geformte Lot wurde jetzt über die Schanzkleidung des Schiffes
herabgelassen und beide hatten auf diese Weise Gelegenheit es genau kennen zu
lernen Weder auf der Antje Marie noch auf dem Vogel Greif war jemals gelotet
worden Robert sah deshalb interessiert zu
Das Patentlot hat am äußersten Ende einen kleinen scharfen Spaten dessen
Fläche ein Deckelkästchen bildet Solange die Leine abläuft bleibt der Deckel
offen beim Heraufziehen schließt er sich und hält in dem Kästchen etwas Sand
oder Schlamm vom Meeresgrund fest der mit an die Wasseroberfläche befördert
wird
Robert erwartete ungeduldig das Ergebnis der Lotung Endlich stand die
Leine also war der Grund des Meeres erreicht
»Wieviel Meter Leine hatten wir« fragte schnell der Kapitän
»2500 Meter Sir«
Mr Barrow seufzte erleichtert dann wandte er sich an Robert »Messt einmal
Kroll da Ihr Euch doch für die Sache interessiert«
Robert sprang sofort herbei und während der Obersteuermann mit Hilfe eines
Matrosen das Lot wieder heraufzog maß er die trocken gebliebene Leine
»Dreihundert Meter Sir« meldete er bald danach »Also eine Tiefe von 2200
Meter«
»Das hatte ich mir gedacht« nickte der Kapitän »Jetzt nur noch ein
günstiges Ergebnis der Untersuchung des Grundes und ich bin für heute
zufrieden«
Inzwischen war das Kästchen heraufgezogen worden und zeigte an seinem
Inhalt dass der Grund des Meeres an dieser Stelle felsig war denn auch nicht
das kleinste Teilchen Schlamm oder Sand hatte sich festgesetzt nur einige
kleine scharfe und feste Körper waren darin und der Kapitän nahm seufzend diese
spitzen Zäckchen in die Hand »Da haben wirs« sagte er »Es sind
Koralleninseln in der Nähe«
»Man sieht sie über dem Wasser Sir« erlaubte sich der Steuermann zu
bemerken »Viele haben Baumwuchs und lassen sich aus einiger Entfernung deutlich
erkennen«
Der Kapitän nickte »Das weiß ich wohl Steuermann« antwortete er »aber um
zu sehen braucht man bekanntlich Licht Wenn unser Schiff in der Nacht auf eine
Koralleninsel stößt ist es verloren«
Der Steuermann antwortete nicht Er war froh als sich Mr Barrow wieder in
seine enge Schlafkajüte zurückgezogen hatte um auf der Karte und in wenigstens
zehn Hilfsbüchern zum hundertstenmal die Eigenarten dieser Meeresbreiten genau
zu studieren
»Herr Obersteuermann« fragte Robert »was ist eigentlich eine
Koralleninsel«
»Das werden wir früh genug sehen mein Junge« war die Antwort »Noch vor
Abend begegnen uns sicherlich mehrere«
»Gut aufgepasst« rief er dann dem Matrosen am Ausguck zu »Ihr kennt
hoffentlich die Bewegung des Wassers wo Korallenriffe sind«
»Well Sir« scholl es zurück »Noch nichts zu sehen«
Der ganze Tag verging wirklich ohne das geringste Zeichen von Gefahr gegen
Abend erschien an Deck wieder das sorgenvolle Gesicht des Kapitäns »Hier herum
sind drei Koralleninseln« seufzte er »ich habe unseren Standort bis auf eine
halbe Meile herausgerechnet und bin meiner Sache vollständig sicher«
Der Steuermann nickte »Ich wusste es aus Erfahrung Sir« antwortete er
»aber nur zwei von diesen Riffen liegen auf unserem Weg das dritte berühren wir
nicht«
Der Kapitän fuhr sich mit der Hand durchs Haar und wanderte ruhelos auf und
ab
»Korallen in Sicht« rief in diesem Augenblick vom Ausguck her der Matrose
»Eine langgestreckte Insel an Backbord«
Sofort war der Kapitän bei ihm Zum Glück lag die gefährliche Stelle hundert
Meter aus dem Fahrwasser des Schiffes Es konnte ruhig daran vorübersegeln ohne
den Kurs ändern zu müssen
»Genau beobachten ob der Lauf des Riffes etwa nach rechts ausbiegt«
schärfte er dem Matrosen ein »Oder besser noch lasst zwei Mann Wache halten
Kroll Ihr stellt Euch dorthin und passt auf Ich glaube dass Ihr zuverlässig
seid«
Robert errötete vor Freude und nahm den Platz am Ausguck als eine Art
Ehrenposten ein
Den Blick auf das Riff gerichtet sah er über die Schanzkleidung hinab ins
Meer Bei fast völliger Windstille glitt das Schiff langsam durch die leichten
Wellen während die Sonne ihre letzten Strahlen herabsandte und dadurch die
klare Durchsichtigkeit des Wassers noch bedeutend erhöhte Auf See kann man oft
bis zu einer Tiefe von etwa fünf Metern sehen hier aber reichten die
Korallenbäume fast bis an die Meeresoberfläche
»Findest du nicht dass das Riff allmählich nach rechts verläuft« fragte
Robert den Matrosen der mit ihm Ausguck hielt
»Mir kommt es schon seit einigen Minuten so vor Mach lieber Meldung Bob«
Sofort erschien der Kapitän an Deck »Ich hatte es mir doch gedacht« winkte
er dem Steuermann »Wir müssen das Schiff backlegen und bis Tagesanbruch vor dem
Wind treiben«
Mr Tompson nickte »Ist gut Sir« antwortete er »hat aber auch seine
Gefahren Wir können an den Strand geworfen werden«
»Verdammt Verdammt Steuermann wozu raten Sie«
»Ich würde die Sache wagen besonders da uns jeder Zeitverlust von größtem
Nachteil ist«
»Der Ladung wegen Wir können froh sein wenn das Schiff nur noch Ballast
genug behält um überhaupt segelfähig zu bleiben«
Der Steuermann stand immer noch wartend da Es war jetzt vollständig dunkel
geworden und ein bestimmter Entschluss notwendig
»Lassen Sie das Schiff backlegen Steuermann« rief endlich halb verzweifelt
der Kapitän »Es gibt eine helle Sternennacht und ich will lieber diese paar
Stunden verlieren als vielleicht mit voller Fahrt in das Riff hineinlaufen Um
vier Uhr früh ist es Tag«
»All right Sir«
Mr Tompson gab die notwendigen Befehle und der Stern von San Franzisko
verlor rasch an Fahrt Nach einer Stunde erschien am Himmel der Mond und
beleuchtete mit seinem weißen Licht das Meer Die Strömung trug das Schiff
langsam aber stetig rückwärts
Das Nachtglas des Kapitäns kam keinen Augenblick zur Ruhe Bald stand Mr
Barrow am Heck und bald hinter der Kombüse so dass die Leute heimlich lachten
»Wenn ein anderer das Kommando führt dann ist der Kapitän ein tüchtiger
Seemann« flüsterte einer der Matrosen »Ich selbst bin mit ihm gefahren als er
noch Steuermann war und damals merkte man von dieser Unruhe nichts Seit er
selbst ein Schiff befehligt und alle Verantwortung allein trägt ist er wie
umgewandelt«
»Nicht zum Kapitän geboren« meinte ein anderer »Der echte Seemann wird
immer kaltblütiger je größer die Gefahr wird«
Der erste zuckte die Achseln »Das kann sich eben keiner selbst aneignen«
antwortete er »Es liegt im Blut«
»Mag sein« beharrte der zweite »aber dann muss man eben Schneider werden
nur kein Seemann«
Robert fühlte wie das Blut in seine Wangen trat Er fühlte sich zum Kapitän
geboren und dennoch wie erschwerte ihm alles die eingeschlagene Laufbahn
»Es ist kein Segen dabei« dachte er unwillkürlich »Es war nicht der
richtige Weg auf dem ich mein Ziel zu erreichen suchte und daher treffe ich
überall auf Hindernisse Ach könnte ich nur für eine Stunde hinüberfliegen nach
Pinneberg«
Ein Geräusch auf dem Achterdeck störte ihn aus seinen Träumen Die Frauen in
der Kajüte hatten bemerkt dass irgend etwas Aussergewöhnliches vorging eine
hatte durch ihre Vermutungen und Schlussfolgerungen die Einbildungskraft der
anderen nur noch immer mehr erhitzt außerdem sah man den Kapitän ständig an
Deck und fühlte dass das Schiff nur trieb anstatt unter vollen Segeln zu
stehen das alles brachte die Auswanderer in Unruhe Der ganze Strom ergoss
sich über das Deck schreiende Kinder drängten sich den Müttern nach und aus
dem Logis wurden die erstaunten Männer herbeigerufen um im Notfall ihren
schluchzenden Frauen beizustehen
»Steuermann« rief Mr Barrow »ich bitte Sie was bedeutet das«
Robert verließ seine Koje um als Dolmetscher zu dienen Wo es galt einem
Menschen zu helfen da war er immer der erste »Was ist denn los« fragte er
»warum schlaft ihr nicht«
Das Händeringen und Weinen kehrte sich jetzt gegen ihn Er möge nur die
Wahrheit sagen hieß es jeden Augenblick könne das Schiff versinken oder
kentern man sei auf das letzte Stündlein vollkommen gefasst
Robert musste laut lachen und vielleicht gerade dadurch beruhigte er die
angstvollen Menschen am meisten Seine erklärenden Worte brachten die Frauen
ohne weiteres wieder zurück in die Kajüte und zwar so schnell dass der Kapitän
erst nachträglich erfuhr um was es sich gehandelt hatte Fortan wurde der
Zugang zum Achterdeck nach Einbruch der Dunkelheit abgesperrt
Am frühen Morgen machte der Kapitän seine Berechnung und es ergab sich dass
das Schiff etwa vier bis fünf Wegstunden weit zurückgetrieben war Man konnte
also jetzt das gestern passierte Korallenriff und auch noch ein zweites
kleineres bei hellem Tageslicht umsegeln und sich auf allen Karten überzeugen
dass nun der Weg frei sei Dennoch aber wachte der Kapitän noch die ganze
folgende Nacht obgleich mehrere Matrosen sahen dass er manchmal beim ruhelosen
Auf und Abgehen mit geschlossenen Augen gegen die Pardunen stieß Erst als das
offene Meer wieder erreicht war ging auf dem »Stern von San Franzisko« alles
den gewohnten Gang und nachdem man an einer kleinen anscheinend unbewohnten
Insel nochmals ohne weitere Zwischenfälle Wasser eingenommen hatte erreichte
das Schiff nach drei Wochen wohlbehalten den Hafen der kalifornischen
Hauptstadt
Mr Barrow fand zu seiner großen Erleichterung in den Reedern
verständnisvolle Menschen die vollkommen gutiessen was er getan hatte Sie
veröffentlichten sogar in den Zeitungen einen Artikel in dem sie die Tat ihres
Kapitäns würdigten und die allgemeine Aufmerksamkeit der vielen in San Franzisko
ansässigen Deutschen auf die unglücklichen Auswanderer lenkten so dass von allen
Seiten Spenden eintrafen und sicherlich mancher von den Schiffbrüchigen doppelt
soviel geschenkt bekam als ihm bei Kap Horn verloren gegangen war
Auch das Abenteuer mit den Wilden ging von Mund zu Mund die Matrosen des
»Stern von San Franzisko« wurden die Helden des Tages man kam an Bord um sich
die Einzelheiten dieses Falles erzählen zu lassen und die Zeitungen brachten
den Kampf mit den Patagoniern in solchen Übertreibungen dass Robert darin fast
keinen wahren Zug mehr wiederfand
Sein erster Weg an Land führte zur Post Vielleicht hatte sich ja doch der
Vater bewegen lassen ihm zu verzeihen ihm wenigstens einige gute wohlgemeinte
Worte zu schreiben wie sehr wünschte er es
Sein Herz klopfte zum Zerspringen als er den Postbeamten murmeln hörte
»Kroll Kroll Es muss etwas da sein das diesen Namen trägt«
»Aha« fügte er dann hinzu »hier ist es schon«
Und Robert hielt in seiner Hand einen kleinen plump zusammengefalteten
Brief aus grobem Schreibpapier ohne Umschlag mehrere Male gesiegelt und mit
einer Adresse von unbekannten Schriftzügen »An den Herrn Leichtmatrosen Robert
Kroll aus Pinneberg auf dem Schiff Stern von San Franzisko in Franzisko wenn
das Schiff glücklich ankommt sonst soll der Brief verbrannt werden«
Halb lächelte er als er das seltsame Schriftstück in den Händen hielt und
halb packte ihn eine unbestimmte Furcht Das hatte die Mutter von irgendeiner
guten Freundin schreiben lassen er wusste es vorher aber warum
Wenn nun der Vater gestorben war
Ohne sich umzusehen verließ er das Postgebäude und ging in ein nahegelegenes
Wirtshaus um den Brief zu lesen Er brauchte mehr Mut diese ungeschickten
Siegel zu brechen als in der nordischen Eiswüste vor dem zum Sprung ansetzenden
Wolf
Erst nach mehreren Minuten vergeblicher Anstrengung gelang es ihm die
unförmigen Buchstaben zu folgendem Inhalt zusammenzustellen
Mein geliebter Sohn Robert
Liese Schmidt die Tochter unserer alten Brotfrau deine Schulkameradin
schreibt mir diesen Brief worin ich dir zunächst unsere herzlichen Grüße sage
das heißt der Liese und meinen denn der Vater ist so bös dass man in seiner
Gegenwart nicht einmal deinen Namen aussprechen darf Den letzten Brief den du
von Bergen hierhergeschickt hast wollte er gar nicht annehmen und fast wäre
derselbe wieder zurückgesandt worden in die weite Welt hinein wenn ich nicht
den Herrn Postmeister mit vielen Tränen gebeten hätte mir doch die Botschaft
von meinem einzigen Kinde nicht zu entziehen Erst schwankte er lange und ich
bot ihm schon in großer Herzensangst einen ganzen Taler über das geforderte
Porto aber dann ließ er sich doch erweichen obgleich er das Geld nicht nahm
Ich wills tun liebe Frau sagte er weil ich die unglückliche Geschichte mit
Ihrem nichtsnutzigen Jungen du darfst es nicht übel aufnehmen lieber Robert
aber er sagte wirklich so von früher her kenne und weil ich Sie herzlich
bedaure Man ist ja auch Mensch nicht bloß Beamter
Siehst du auf diese Weise erlangte ich deinen Brief den mir Liese Schmidt
vorlas und bei dem ich Gott vielmals inbrünstig gedankt habe dass Er Seine treue
Hand über dich gehalten in der Stunde der Gefahr Ich bin auch am
nächstfolgenden Tage zur Kirche gegangen und habe ein Achtschillingstück in den
Klingelbeutel gesteckt aus großer Herzensfreude Dein Vater weiß dass ich den
Brief heimlich an mich gebracht habe und ebenso alles was darin stand Ich
erzähles ihm immer nebenbei so als hätte ichs in der verwichenen Nacht
geträumt und dann merke ich wohl wie genau der alte eigensinnige Mann zuhört
aber weiter darf ich nicht gehen sonst schneidet er mir das Wort vor dem Munde
ab Träume was du willst Mutter sagt er und erzähle mir auch alles das nur
sprich nicht von dem Entlaufenen Ich habe keinen Sohn das weißt du
So steht es bei uns mein geliebter Junge und Vater ist krank dazu Er
grämt sich sehr um dich und wenn du wiederkommen und deine Lehrzeit nochmals
anfangen wolltest so würde das mir eine große Freude sein Du könntest ja
wahrlich jetzt genug haben von dem wilden Leben wo es dir doch aller
christlichen Zucht und Ehrbarkeit mangelt als da sind Sonntags zur Kirche
gehen und ein reines Hemd sowie ein ordentliches Essen auf dem Tisch Wenn ich
gar bedenke dass du einen schwarzen Mohrenmenschen deinen Freund nennst so
bitte ich unsern Herrn und Heiland dir diese Greuel nicht anzurechnen
Ferner benachrichtige ich dich dass Pikas unser Hund noch lebt und dass
wir von dem Seiler der dich damals zum Bösen verlockt und hernach verlassen
niemals wieder ein Wort gehört haben Sonst wüsste ich nichts Neues und schließe
meinen Brief mit der Bitte doch die nächste Post an mich und nicht an den Vater
zu adressieren Er nimmt von dir nichts an Viel tausendmal lieber aber wäre
mirs du kämest selbst und söhntest dich aus mit dem Alten Das
Schneiderhandwerk nährt seinen Mann und ist auch gefahrlos und christlich dabei
Liese Schmidt meint dasselbe wie ich womit wir beide dich herzlich grüßen und
dich dem lieben und getreuen Gott vielmals empfehlen
Deine zärtliche Mutter Anna Kroll
Nachschrift Die Liese Schmidt will so gern auch einmal einen Brief von dir
haben damit sie den Leuten ein bisschen erzählen kann hauptsächlich schreib uns
bald ob in San Franzisko die Menschen alle schwarz sind und ob sie zu Schimpf
und Schande ohne Kleider herumlaufen DO
Lange starrte Robert auf die Schrift und eine ganze Welt verschiedener
Empfindungen stand in ihm auf Wie es die Mutter in ihrer rührenden
Herzenseinfalt hier ausgedrückt hatte so dachte und fühlte auch der
starrsinnige Vater Was ihnen vor einem halben Jahrhundert von ihren Eltern
eingeprägt worden war daran hielten sie beharrlich fest was außerhalb ihres
Gesichtskreises lag das verstanden sie nicht mehr Konnte man ihn zwingen in
dies Gefängnis freiwillig zurückzugehen und sich selbst zu verleugnen
Nein niemals Er fühlte sein Gewissen nachdem er diesen Brief gelesen
hatte sogar bedeutend leichter Trotz gegen Trotz Wollte der Vater von dem
einzigen Sohn keinen Brief annehmen nun so sollte er auch nicht wieder damit
belästigt werden Waren die alten Leute um den guten Lebenswandel ihres Sohnes
so sehr besorgt und hielten sie den treuen Mongo für ihn als Gefährten zu
schlecht dann sollten sie bald genug ihren Irrtum erkennen
Robert biss die Zähne zusammen Er brauchte nur ein wenig Glück in den Minen
nur zwei oder dreihundert Taler Überschuss und alles war gut Der
»nichtsnutzige« Junge der verleugnete beklagte Sohn konnte nach Hause
zurückkehren und den Kleinstädtern zeigen dass ihre bösen Vorahnungen ohne allen
Grund gewesen waren Aber hingehen und mit leeren Händen um Verzeihung bitten
das würde er niemals tun Er hatte es lange genug geglaubt eine Versöhnung
eine Rückkehr für möglich gehalten und sich eingebildet dass der Vater mit
offenen Armen den Sohn willkommen heißen werde jetzt war er enttäuscht
worden
Finster vor sich auf das unberührte Bierglas starrend saß er da und
grübelte fast ohne zu wissen was er dachte ohne zu merken dass sich mehrere
Leute in seine Nähe setzten und ihn dauernd beobachteten Erst als ihm jemand
die Hand auf die Schulter legte sah er auf
»Nun Mr Kroll erst einen Tag an Land und schon Grillen fangen Kommen Sie
mit mir ich will Ihnen ein Lokal zeigen wo getanzt wird das ist besser«
Robert erkannte einen Angestellten des Handelshauses für das Kapitän Barrow
fuhr er erwiderte sehr höflich die Worte des jungen Mannes dankte ihm auch für
seine Freundlichkeit aber er lehnte doch entschieden den Vorschlag ab Sobald
der »Stern von San Franzisko« den Rest der Fracht gelöscht und das ganze Schiff
von oben bis unten gereinigt worden war gab es Löhnung und dann gings hinauf
in die Goldminen Robert erinnerte sich nur zu gut daran was ihm der Steuermann
gesagt hatte dass nämlich meistens in den Wirtshäusern sofort wieder ausgegeben
werde was mit Mühe und Anstrengung verdient worden sei außerdem war er auch
durchaus nicht in der Stimmung zu tanzen sondern hätte am liebsten gleich den
andern Gästen den Rücken gekehrt und wäre hinausgegangen Doch das war
unmöglich Seit dem gestrigen Tag hatte sich das Gerücht von dem Kampf mit den
Wilden schon soweit verbreitet dass man überall in der Stadt davon sprach und
als man jetzt einen unmittelbar daran Beteiligten erkannte wurde er ohne eine
ausführliche Schilderung des Abenteuers nicht wieder fortgelassen
Als er endlich an Bord kam war Kapitän Barrow in bester Laune Es hatte
sich alles nach Wunsch abgewickelt eine zweite Reise sollte sofort nach Räumung
des Schiffes angetreten werden und die Mannschaft konnte an Bord bleiben ohne
erst abzumustern Der »Stern von San Franzisko« ging nach Hamburg von wo er
eine Ladung feiner Rheinweine abholen sollte An Bord entfaltete sich eine rege
Tätigkeit
Nach Hamburg Robert fühlte in der Tasche den Brief seiner Mutter wie
Feuer brennen Wenn er ihn nicht erhalten hätte wäre er vielleicht schon in
wenigen Wochen auf dem Wege nach Hause gewesen vielleicht hätte er sogar sein
Versprechen Gottlieb gegenüber rückgängig gemacht hätte ihm nur das nötige
Reisegeld geschenkt und selbst alles aufgegeben um sich mit dem Vater zu
versöhnen und seinen Segen zu erbitten Aber jetzt
Sein Entschluss stand unwiderruflich fest Er schlug es aus für die neue
Reise zu heuern und ging gar nicht wieder an Land um kein Geld unnötig
auszugeben Wie die übrigen schiffbrüchigen Auswanderer erhielt auch Gottlieb
soviel geschenkt dass die beiden nach Auszahlung der Heuer ihre Fahrt ins
Goldland sofort antreten konnten Sämtliche Ausrüstungsgegenstände wollten sie
um den teuren Transport zu sparen an Ort und Stelle kaufen nur den Anzug der
Goldgräber die ungeheuren Kanonenstiefel und den breiten Ledergurt schafften
sie sich gleich an Das bare Geld wurde sorgfältig versteckt und dann nahm
Robert von seinen bisherigen Kameraden einen herzlichen Abschied Nur den Neger
sah er nicht
Auf seine Frage hieß es dass auch Mongo am Tage vorher abgemustert habe
Roberts Erstaunen stieg immer mehr Sollte sich der Alte nachdem er mit ihm so
schwere Stunden geteilt hatte jetzt ohne ein Wort des Abschieds von ihm trennen
wollen
Unbegreiflich Aber die Zeit drängte und daher konnte Robert keine weiteren
Nachforschungen halten Seufzend kletterte er das Fallreep hinab »Leb wohl du
blaues geliebtes Meer jetzt soll ich dich monatelang nicht einmal mehr sehen
soll Hunderte von Meilen landeinwärts fahren und mit Spaten und Axt die Erde
durchwühlen«
»Leb wohl«
Er sah nicht zurück sondern bezwang die aufsteigende Bitterkeit um
Gottlieb nicht zu verletzen
Es musste sein und Roberts fester Wille unterdrückte erfolgreich jede
Missstimmung Er sprach dem schüchternen Freund Mut zu und führte ihn zum
Bahnhof wo für die ganze Reise nach den Minenstädten die Karten gelöst wurden
Wenn ihn erst einmal die fremde Welt die er jetzt betreten sollte umgab wenn
er eine neue geregelte Tätigkeit besaß so musste auch seine frühere Zuversicht
zurückkehren Und ging es wirklich nicht konnte er das Leben in den Minen
unmöglich ertragen nun so stand ihm ja der Weg zur nächsten Hafenstadt immer
offen Für den Augenblick musste er jedoch den Kopf oben behalten
Nur dass er Mongo nicht mehr gesehen hatte tat ihm leid Der Alte musste
irgendeinen ganz besonderen Grund haben da er ja nicht einmal ein Abschiedswort
gefunden hatte
Das Glockenzeichen ertönte die Türen wurden geöffnet und die beiden
stiegen in den Wagen da sahen sie draußen ein schwarzes lächelndes Gesicht
da stand Mongo im ledernen »Digger«Anzug und saß im nächsten Augenblick drinnen
neben den beiden überraschten Freunden
»Du junger Spitzbube wer soll dich aus der Patsche ziehen wenn ich es
nicht tue Bist ja ein viel zu großer Sausewind und Wagehals als dass man dich
allein reisen lassen könnte«
»Aber Scherz beiseite« fügte er hinzu »wollt ihr mich überhaupt mitnehmen
Schaden kanns euch nicht in den Minenstädten jemanden zu haben der sich
auskennt«
Robert war glücklich über die Nähe des Freundes Er und auch Gottlieb
schlugen bereitwillig ein als ihnen Mongo die Hand entgegenstreckte
»Aber warum hast du uns nicht schon viel früher etwas davon gesagt alter
Geheimniskrämer« fragte Robert
Der Neger wiegte den Kopf »Ich wusste es ja vorher selbst nicht du
Schlingel« antwortete er »Die Minen sind es auch keineswegs die mich locken
sondern nur deine Nähe Es ist für einen alten Menschen wie mich doppelt schwer
so ganz allein dazustehen«
Robert drückte ihm seufzend die Hand »Auch für einen jungen Mongo«
erwiderte er
»Hast doch deiner Mutter geantwortet Junge« fragte der Neger
»Natürlich Sie nimmt ja meine Briefe an«
»Nun nun du musst das nicht mit so großer Bitterkeit betonen Dein Vater
hat wie die Schnecke in ihrem Gehäuse sein Leben lang auf demselben Tisch
gesessen den schon zwei Generationen der Krolls als häuslichen Thron
behaupteten er kann sich eine andere Möglichkeit einfach nicht denken daher
ist er widerborstig wie ein Igel und quält sich und andere Oder glaubst du
etwa dass er sich nicht im stillen bittere Sorgen um dich macht«
»Das glaube ich kaum Mongo«
»Ach was weißt du davon Ein Vater kann nie aufhören sein Kind zu lieben
aber er kann es auf verkehrte Weise zeigen das ist wahr«
»Lass uns über die traurige Angelegenheit nicht wieder reden Mongo« bat
Robert »Ich kann vor ihm nicht nachgeben wie zur Zeit meiner Schuljahre oder
auch später noch als er mein halbfertiges Schiff mit dem Küchenbeil zerschlug
und mich regelrecht durchprügelte«
Mongo antwortete nicht Wozu gleich den Anfang der Fahrt mit trüben
Erinnerungen oder noch trüberen Zukunftsaussichten vergällen Robert war aus
der jungenhaften Sehnsucht nach Abenteuern längst aufgerüttelt er fühlte den
Zwiespalt mit dem eigenen Gewissen sehr deutlich und das war für den Augenblick
vollständig genug
»Mongo« fragte Robert nach einer Pause »bist du schon früher einmal in den
Goldminen gewesen Es schien mir vorhin so«
Der Schwarze nickte »Wo wäre ich nicht gewesen Bob« fragte er wehmütig
»Überall ohne Heimat ohne Familie ohne Glück da greift man bald nach rechts
bald nach links und sucht nach einem Platz wo man für immer bleiben möchte«
Robert blies den Rauch seiner Zigarre in die heitere Morgenluft hinaus Er
fühlte sich von der erfrischenden Fahrt durch die Herbstlandschaft von dem
hellen Sonnenschein und der schönen Umgebung mehr und mehr angeregt Vielleicht
ging es ja jetzt dem Glück entgegen jedenfalls wollte er sich nicht länger
quälen es half ja doch nichts
»Mongo« sagte er »du kennst also das Leben in den Minen aus Erfahrung und
kannst uns dort helfen«
»Natürlich Bob Eben deshalb begleite ich euch ja«
Robert übersetzte die Worte des Negers und auch Gottlieb freute sich in
Mongo einen erfahrenen Menschen zur Seite zu haben »Du gehst ja doch schon bald
wieder zurück Robert« sagte er
Der errötete »Weshalb du Ich will mit dir in den Minen das Glück suchen«
antwortete er
»Möchtest du es finden Robert« sagte Gottlieb einfach in seiner
bescheidenen Art »Möchten wir alle Glück haben«
Mongo zog aus der Tasche ein großes Paket Fleisch und Brot sowie eine
Korbflasche die er den beiden jungen Gefährten hinreichte »Auf die
Verwirklichung unserer Hoffnungen« sagte er
Und alle drei tranken reihum
Der Eisenbahnzug hatte die Station Bandigo verlassen und die Landschaft
wurde immer schöner Wälder von Eichen und Buchen manchmal auch von Tannen
säumten die Strecke Dann wieder ging es am Ufer eines blauen Sees entlang oder
durch eine weite Ebene
Roberts für alles Schöne so empfängliche Herz gab sich den unbekannten
Freuden der Fahrt vollständig hin Während seine beiden Reisegefährten
Mittagsruhe hielten beobachtete er die Landschaft ringsumher und ließ sich
nicht die kleinsten Einzelheiten entgehen Es war alles anders als zu Hause in
Deutschland wo er zwar nur von Pinneberg nach Altona also gerade zwanzig
Minuten gefahren war wo er aber doch die Bahnanlagen häufig gesehen hatte
Streckenwärterhäuschen gab es nicht die Stationen waren manchmal nur hölzerne
Schuppen mit hochklingenden Namen aber höchst ärmlicher Einrichtung
»WaterlooHotel« oder »VereinigteStaatenHotel« las er mehr als einmal beim
Aussteigen jedoch sah Robert nur einige Farbige ein paar spuckende Tabak
kauende und trinkende Yankees und zu essen konnte man nur ein paar dürre
Butterbrote haben hier Sandwiches genannt dafür aber überall Branntwein den
er nur ungern trank Meistens bezahlte er das scharfe Getränk um dann am
Brunnen seine Reiseflasche mit frischem Wasser zu füllen und den Fusel stehen zu
lassen
An einer kleinen ganz am Ausgang eines Waldes liegenden Station sahen die
drei eine Menge Menschen stehen Man sprach und gestikulierte lebhaft eine
Gruppe von Frauen schien in großer Unruhe und verschiedene Männer fluchten in
allen möglichen Ausdrücken Es musste irgendein aussergewöhnliches Ereignis
vorgefallen sein
Robert lief voran ehe ihm noch Mongo und Gottlieb folgen konnten Im
Augenblick interessierte ihn nur das was dort passiert war
Aber seine Neugierde sollte wenig Befriedigung finden Ein paar Kilometer
weit oberhalb der Station war ein Zug entgleist die Schienen aufgewühlt und zum
Teil mit Trümmern bedeckt und der Verkehr für die nächsten Stunden unterbrochen
Es blieb jetzt den Reisenden nur die Wahl entweder bis zum folgenden Morgen in
einigen Holzschuppen und leeren Wagen ein Unterkommen zu suchen oder aber mit
der Postkutsche die Fahrt fortzusetzen
Die drei sahen sich an und Mongo erkannte sofort worauf Robert
hinauswollte »Hierbleiben« neckte er »hierbleiben Bob Nicht wahr du hast
jetzt keine Lust mit zwanzig anderen Passagieren bei Nacht und Nebel in der
engen Kutsche weiterzufahren Brr eine kalte Partie müsste das sein«
»Und gefährlich« warf Gottlieb ein »Es sollen hier sogar noch Büffelherden
vorkommen«
»Und wilde Raubtiere« fügte der Neger mit besorgtem Gesicht hinzu »und
blutdürstige Indianer«
Jetzt verstand Robert was Mongo wollte und die beiden lachten lustig
»Komm nur ruhig mit« versicherte der Schwarze dem erstaunten Gottlieb »es wird
uns schon nichts kosten höchstens etwas Zähneklappern Aber in diesen luftigen
Holzställen wird es kaum angenehmer sein als dort« fügte er hinzu
»Und außerdem hätten wir eine ganze Nacht unnütz verloren« warf Robert ein
Das half den schüchternen jungen Menschen umzustimmen Alle drei nahmen im
Postwagen Platz Robert auf dem Bock beim Kutscher und fort ging es mit einem
Gespann von sechs kräftigen Pferden in die mondhelle Nacht hinein
Am Wegesrand zeigten sich bald tief ausgetretene Spuren die alle in einer
Richtung dahinliefen und die der Kutscher dem fragenden Robert als Büffelspuren
bezeichnete »Wir werden sehr bald die Herden selbst sehen« fügte er hinzu
»Ist es das erstemal dass Ihr die Steppe passiert Sir«
Robert bejahte und nun erzählte ihm der Kutscher dem offenbar diese
Unterhaltung auf seinem einsamen Sitz sehr willkommen war von den Tieren die
in dieser Gegend vorkommen
»Die Büffel erkennt Ihr von selbst Sir« lächelte er »aber seht Euch auch
einmal diese kleinen vierbeinigen Burschen an Das sind Präriehunde«
Robert beugte sich vom Sitz herab und bemerkte mehrere kleine Tiere von
dunkelbrauner Farbe mit weißem Bauchfell Sie gehören zum Geschlecht der
Hamster wohnen in Erdlöchern und zeigen den Menschen gegenüber nicht die
geringste Scheu Robert wandte sich voll Erstaunen zu dem gesprächigen Kutscher
»Hunde nennt Ihr diese Tiere« fragte er
Der Kutscher zuckte die Achseln »WishTonWish sagen die Indianer Sir
Ich weiß nicht wie der Vergleich mit Hunden entstanden ist«
Aber Robert hatte schon wieder eine neue Entdeckung gemacht »Seht doch«
rief er »vor jedem dieser Erdlöcher sitzt eine kleine Eule«
»Well Sir die Tiere wohnen beieinander und außerdem auch noch
Klapperschlangen gehörnte Eidechsen und Landschildkröten Der WishTonWish
baut die Höhle und das andere Völkchen nimmt ungebeten Besitz davon der
WishTonWish schleppt die Wintervorräte zusammen und die übrigen teilen sich
den Raub so geht es oftmals im Leben Sir«
Robert seufzte heimlich Aber hier war keine Gelegenheit sich in Grübeleien
zu versenken Auf jedem Schritt bei jeder Drehung der Räder begegneten ihm neue
Wunder Ein Tier mit schmutziggelbem grauschillerndem und langhaarigem Fell
etwas kleiner als ein gewöhnlicher Wolf mager und mit falschen feigen Augen
umschlich die nächsten Büsche Es blieb in scheuer Entfernung obgleich es das
vorüberrasselnde Gefährt ständig beobachtete
»Wie heißt dieser widerwärtige Bursche« fragte Robert
Der Kutscher schlug in der Richtung des wolfsartigen Tieres kräftig mit der
Peitsche durch die Luft worauf der graue Schatten wie in den Boden hinein
verschwand »Nicht wahr« rief er grimmig »das ist ein widerwärtiger
Hungerleider ein falscher Patron Sage Euch Sir es gibt mir immer einen Stich
durchs Herz wenn ich solchen Burschen sehe Vor einiger Zeit stürzte mir mitten
auf dem Wege das Handpferd und blieb mit gebrochenem Bein im Sande liegen Na
da musste ich es töten Sir um es zu erlösen aber das Herz tat mir weh dabei
kann ich Euch sagen Hatte mit dem braven Bill schon seit dem Jahre 1865 diesen
Weg befahren als noch der Indianerhäuptling CutNose die Schlitznase mit
seiner braunen Horde die Gegend unsicher machte und alle Passagiere den
geladenen Revolver ständig in der Faust hielten Aber gegen den Tod ist kein
Kraut gewachsen Sir musste den alten Bill liegen lassen hatte ja keine Zeit
ihn zu begraben und sah nun alle Tage wenn mich mein Weg vorüberführte auf
seinem armen Körper die Koyotes sitzen und gierig das Fleisch von den Rippen
zerren seitdem hasse ich die Bestien Ein lebendiges Tier greifen sie nicht an
aber Leichen sind selbst unter der Erde vor ihren Krallen nicht sicher Sie
gleichen an Raubgier und Feigheit ganz den Hyänen«
Die Postkutsche hatte während dieser langen Erzählung ihren Weg weiter
verfolgt der Koyote kam nicht wieder zum Vorschein aber noch eine Menge
anderer Tiere bevölkerte die Nacht Beutelratten trippelten durch das Gras
Schwärme von Kibitzen und Raben segelten durch die Luft hier und da zeigten
sich wunderschöne braune Antilopen schlanke rehäugige Geschöpfe die jedoch
beim Herannahen der Kutsche sofort die Flucht ergriffen
Dazwischen lagen überall am Wege bleichende Tiergerippe besonders von
Büffeln deren Spuren jetzt auch immer deutlicher aus dem weichen Boden
hervortraten bis zuletzt die riesigen schwarzbraunen Tiere erst vereinzelt und
dann immer zahlreicher auftauchten Roberts Herz schlug schneller Wieviel
Merkwürdiges wieviel Schönes sah er in dieser Nacht
»Wisst Ihr Sir« begann nach einer Pause der Amerikaner »ich fahre nun seit
sechs Jahren und länger täglich durch diese Gegend aber jedesmal erscheint sie
mir neu Das macht das Grossartige glaube ich das Wilde Ursprüngliche Wenn
Meilensteine am Wege ständen und Strassengräben und Wirtshäuser da wären dann
käme auch gewiss bald die Langeweile so aber ist alles das in jeder Stunde neu
und doch wie ein lieber alter Bekannter den man freudig begrüßt wenn er zur
Tür hereintritt Und glaubt Ihr wohl Sir dass diese Gegend ihren Dichter hatte
Ich habe ihn selbst gekannt damals zu Schlitznases Zeiten Er hat die Fahrt
mit mir und dem alten Bill den die Koyotes frassen oft gemacht wollt Ihr
einmal hören was er schrieb da auf Euren Sitz und auf den Einband eines
Buches das er bei sich trug Mir hat ers zuerst vorgelesen nachher aber ist
es gedruckt worden«
Und der Amerikaner ganz erfüllt von seiner Sache begann in wenig
künstlerischer aber begeisterter Weise ein einfaches Lied zu singen das in
treffenden Bildern das Leben in den Wäldern und Prärien des Landes schilderte
Mit einem lustigen Peitschenknall der das Sechsgespann zu erhöhter Eile
antrieb schloss der brave Postillion die letzte Strophe des Gedichtes das auf
seinem Kutschbock geschrieben worden war und das er sicherlich schon vielen
Reisenden vorgetragen hatte »Seht nur« rief er »da sind auch die
Büffelherden«
Und wirklich war die Postkutsche jetzt mitten auf dem Weideplatz Von allen
Seiten stürmten in brausendem Galopp die Tiere heran ihre Hufe dröhnten auf dem
Grasboden ihre Nüstern stießen schnaubend den Atem aus ihre kurzen Hörner
wühlten die Erde auf Dicht hinter dem plumpen unförmigen Hals erhob sich ein
buschiger Höcker während der Vorderkörper mit der gewaltigen Brust und dem
dicken Kopf zum Hinterteil in keinem richtigen Verhältnis zu stehen schien Der
gewaltige Rumpf und die schlanken fast zierlichen Beine die feurigen Augen und
der große hässliche Kopf passten durchaus nicht zueinander
Robert bemerkte jedoch dass die schwerfälligen Tiere schneller als ein Pferd
laufen konnten besonders aber dass sie eine wahrhaft riesige Körperkraft
besaßen Der Kutscher sagte auch dass die Büffel zur Landwirtschaft nicht
verwendet werden könnten weil ihre Wildheit und völlig unberechenbare Kraft
nicht zu zügeln sei Ihnen ist kein Zaun zu stark kein Graben zu breit und kein
Fuhrwerk zu schwer sie überrennen alles
Jetzt befand sich die Kutsche mitten in der unübersehbaren Masse der auf
ihrer großen Herbstwanderung begriffenen Tiere Manchmal musste im Schritt
gefahren manchmal gehalten werden so dicht umdrängten die Büffel das Gespann
und die Kutsche Mit lang heraushängender Zunge vorgestrecktem Hals und krummem
Buckel rannten die braunen Riesen scheu an dem Postwagen vorüber während die
jüngeren Kälber neugierig herankamen jedoch von ihren Müttern sofort wieder zur
Herde zurückgedrängt wurden Etwa zwei Stunden lang fuhr der Wagen durch die
endlosen Massen der Tiere dann erst war die Ebene wieder frei Robert atmete
auf als die Kutsche wieder schneller vorwärtskam So wenig er sich gefürchtet
hatte die Nähe der riesigen Büffelherde war doch fast erdrückend gewesen
Dann aber fiel es ihm ein sich nach seinen Gefährten umzusehen Das Innere
des Wagens war von einer Hängelampe trübselig erleuchtet so dass er in den
Reihen der Sitzenden auch Mongo und Gottlieb leicht erkennen konnte Der Neger
schlief den Schlaf des Gerechten wobei sich sein Kopf vertraulich gegen
Gottliebs Schulter gelehnt hatte Der dagegen wachte Seine blauen gutmütigen
Augen sahen angstvoll aus dem gegenüberliegenden Fenster während die rechte
Hand den geladenen Revolver schussfertig hielt Der schüchterne junge Mann wagte
es offenbar nicht sich auf seinem Platz zu bewegen sondern saß steif wie eine
hölzerne Puppe während er ab und zu wenn der Wagen besonders hart aufstiess
die Rechte mit dem Revolver vorsichtig hob um Mongos herabgleitenden Kopf ein
wenig wieder aufzurichten
Robert lachte in sich hinein Das Bild war urkomisch obwohl es etwas
rührend wirkte Gottlieb dachte ja nie an sich sondern immer nur an andere er
ertrug das Unvermeidliche mit Haltung und war frei von aller Selbstsucht das
machte ihn so liebenswert
Robert wandte sich ab als habe er sich auf etwas Unrechtem ertappt Ob er
jemals so gut so anspruchslos werden würde wie Gottlieb
Er knüpfte das Gespräch mit dem Kutscher wieder an und beide unterhielten
sich bis es gegen Morgen etwas kälter wurde und an den Wolkenrändern die ersten
lichten Streifen erschienen Der Postillion reichte seinem jungen Begleiter eine
Büffeldecke in die er sich vollständig einhüllte
»Es gibt heute noch Regen« sagte er »Ihr hättet Euch besser mit Decken
versorgen sollen Sir«
Robert lächelte »Ein Seemann fürchtet die Nässe nicht« antwortete er
»Aber weshalb meint Ihr dass wir bei diesem herrlichen Wetter Regen zu
befürchten hätten«
Der Kutscher deutete mit dem Peitschenstiel auf einen rötlichen Schimmer am
östlichen Horizont »Wisst Ihr nicht dass diese dunkle Färbung einen nassen Tag
ankündigt« fragte er »Hat Euch Eure Mutter nie gesagt dass das Morgenrot
Wasser in den Brunnen trägt«
Robert nickte »Doch« antwortete er »ich kenne das Sprichwort aber ich
habe nie so recht daran geglaubt«
»Seid Ihr aber ein Starrkopf« lachte der Kutscher »Aber da hinten liegt
auch schon die Station« fügte er hinzu »und wenn mich nicht alles trügt so
wird in einer kleinen halben Stunde der Zug von dort abgehen«
Er bog über eine Lichtung und lenkte in eine holprige Straße ein an deren
Seiten einige hölzerne Häuser die »Stadt« andeuteten Vor dem Bahnhofsgebäude
hielt er endlich Die Fahrt hatte vierzehn Stunden gedauert
Robert kletterte vom Bock und öffnete die Tür des Wagens »Hallo« rief er
»habt ihr endlich ausgeschlafen ihr beiden«
Gottlieb sah ihn an wie einen der aus unmittelbarer Todesgefahr noch
glücklich gerettet wurde »Ich habe mich um dich so sehr geängstigt« sagte er
»Wenn nun die entsetzlichen Tiere den Wagen angegriffen hätten«
Robert lachte »Dann wärest du ja nicht besser geschützt gewesen als ich«
antwortete er
Gottlieb errötete »Wenn auch aber ach es ist doch schrecklich dieses
Leben in ständiger Gefahr«
Und seufzend kletterte er aus der Tür »Lasst uns ins Haus gehen« bat er
»Mongo erwacht schon«
Der Neger hatte die ganze Zeit geschlafen hatte nichts gesehen und gehört
sondern von Afrika geträumt und dass er den Königstron von Dahomei wieder
besteigen sollte
»Du« sagte er »Bob ich könnte es doch nicht mehr«
»Was denn Alter«
»Ach so du hast es nicht miterlebt obgleich ich dich immer an meiner Seite
sah das vergaß ich Aber komm nur herein mein Junge damit wir einen tüchtigen
Schluck Whisky bekommen Mir träumte ich sei im Königspalast von Dahomei und
man reichte mir Blut aus einem Menschenschädel brr das war grässlich«
Alle drei verließen die offene Straße und betraten das Brettergebäude wo
wieder gegen teure Preise nur Branntwein und einige magere Sandwiches zu haben
waren Aber wer Hunger hat nimmt mit allem vorlieb der Wirt konnte kaum soviel
herbeischaffen wie von der durchfrorenen zusammengerüttelten Reisegesellschaft
verlangt wurde und lange nicht alle Passagiere waren satt als der schrille
Pfiff der Lokomotive zum Einsteigen mahnte »Vorwärts« rief Robert »noch zwei
Tage und eine Nacht dann ist unser Ziel erreicht«
»Dann suchen wir Gold« fügte Gottlieb mit glänzenden Augen hinzu »Robert
was würdest du tun wenn dir ein tüchtiger Gewinn in den Schoss fiele«
»Dann baue ich dir in Pinneberg das abgebrannte Haus deiner Eltern wieder
auf« rief der junge Matrose »Alles soll so schön werden wie früher und du
müsstest glauben dass die ganze Zwischenzeit ein böser Traum gewesen sei«
Gottlieb drückte stumm die Hand seines Freundes »Und du Mongo« fragte er
nach einer längeren Pause »was tätest du«
Der Neger schüttelte den Kopf »Ich habe einen Sohn« sagte er »und wenn
die Summe nur klein wäre so müsste sie für ihn sein fände ich jedoch Schätze
dann sollten sie meinen armen Unglücksbrüdern zugute kommen dann würde ich in
Afrika Schulen errichten und das Volk frei machen Dahomei müsste ein zweites
Liberia werden«
Gottlieb legte die Hand über die Augen und blieb lange stumm »Lassts gut
sein« brachte er endlich hervor »Wenn uns Gott nur so viel schenkt dass wir
unser täglich Brot haben und ein paar Taler zurücklegen können«
Und der Eisenbahnzug donnerte über Berg und Tal Die Herbstluft wehte
spielend gelbe Blätter in den Wagen und die Herzen der Reisenden schlugen
schneller mit jeder Station die hinter ihnen zurückblieb
Nur ein Gedanke erfüllte alle »Gold«
In den Minen
Eine Minenstadt in den Golddistrikten von Kalifornien ist etwas so ganz anderes
als sonst ein Ort oder überhaupt ein Wohnsitz zivilisierter Menschen dass für
das Verständnis des folgenden erst einige Erklärungen notwendig sind
Nicht um zu bleiben und für ihre Familien eine Heimat zu gründen kommen die
Menschen hierher nicht um den Boden urbar zu machen und zu bebauen arbeiten
sie sondern nur um der Erde ihre Schätze zu entreißen und auf der Suche nach
neuem Gewinn immer weiterzuziehen Man wagt und hofft anstatt zu wissen man
wandert anstatt zu wohnen man setzt alles auf eine Karte und spart seine
Kräfte nicht um sein Glück zu finden
Nach diesem Grundsatz gestaltet sich hier das äußere Leben Ein paar Bretter
werden notdürftig zu einem Haus zusammengeschlagen das unentbehrliche Gerät aus
Blech und Eisen hineingebracht ein Bett aus Wolldecken auf dem Fußboden
hergerichtet und zum Selbstschutz gegen Diebe die erforderlichen Massnahmen
getroffen dann ist das Heim des Goldsuchers fertig Seine Familie hat er
meist in der nächstgelegenen Stadt zurückgelassen seine Gesundheit darf er
nicht schonen sein Leben muss er stündlich aufs Spiel setzen aber wenn ihm
das Glück günstig ist so kann er nach kurzer Zeit in die zivilisierte Welt
zurückkehren und als gemachter Mann künftig sein Leben genießen
Das Ziel lockt Tausende an wo einer erliegt da treten zehn andere an seine
Stelle wo einer einen reichen Fund gemacht hat da folgen ihm Unzählige um das
gleiche Glück zu finden aber dennoch gelingt es im allgemeinen nur wenigen mit
leichter Mühe zu einem beträchtlichen Vermögen zu kommen
Die Straßen einer solchen Goldstadt sind keineswegs planmässig angelegt
gepflastert oder sogar beleuchtet es gibt keine Bürgersteige und keinen
Polizeischutz Davon findet man keine Spur Zwei tiefe Gräben von etwa
anderthalb Meter Breite durchziehen in ihrer ganzen Länge die Straße und die
Erdwälle zu beiden Seiten dienen als Fußweg An starkbelebten und daher
plattgetretenen Stellen läuft der Verkehr so ziemlich wo aber nach der Laune
irgendeines Miners ein Quergang etwa bis vor die Tür des nächsten Hauses
angelegt worden ist wo der Regen sich zum Tümpel angesammelt oder die gehäufte
Erde einen Hügel gebildet hat da hört einfach die Verbindung auf und wer
hinüber will der muss selbst sehen wie er es am besten anstellt
Der Miner bezahlt für jeden Liter Wasser den er für seine Arbeit braucht
zwischen zwanzig bis fünfzig Cent er hat das Recht überall nach Gold zu
suchen aber er läuft Gefahr vielleicht umsonst zu graben und umsonst sein
kleines Betriebskapital verschwendet zu haben alle diese Dinge machen ihn
rücksichtslos und hart er verfolgt die gelben Körner und wäre es bis unter das
einstürzende Haus des nächsten Nachbarn er kümmert sich um keinen und keiner
kümmert sich um ihn
Als Schutz gegen die zahllosen rohen und gesetzlosen Menschen die sich in
den Golddistrikten sammeln hat jeder nur die Kraft seiner Fäuste die
Sicherheit seiner Augen Der Amerikaner ist durchweg »selfmademan« er hat
sich durch eigene Kraft emporgearbeitet und braucht die Waffe ohne lange zu
zögern
Das alles ist Grundbedingung ist die alleinige Existenzmöglichkeit in den
Minenstädten wo sich der Auswurf aller Länder sammelt Das Leben macht den
einzelnen Menschen roh es stumpft die edleren Eigenschaften seines Charakters
ab und lässt von dem was er vielleicht früher in besseren Verhältnissen gewesen
war wenig oder nichts mehr übrig
Wo der Revolver im Gürtel steckt und das Messer ebenso zum Brotschneiden wie
zum Selbstschutz verwendet wird da hört der Begriff »Gemütlichkeit« vollständig
auf da stockt sozusagen das innere geistige Leben und nur das »Soll und Haben«
scheint noch einer wirklichen Beachtung wert
Die Minenstädte und ihre Bewohner bilden eben Ausnahmen bei denen kein
Maßstab des gewöhnlichen täglichen Lebens angelegt werden kann
Auch die drei Freunde hatten eine schwere Zeit bis sie sich einigermaßen an
den rauen Ton von Lenchi so hieß die Minenstadt gewöhnen konnten Der Ort lag
fast völlig in der Wildnis er war von der letzten Eisenbahnstation aus nur auf
Maultieren oder Eseln in mehreren Tagen erreichbar und stellte kaum den ersten
Anfang einer bewohnten Kolonie dar In Idaho dem ursprünglichen Ziel ihrer
Reise hatte man den Goldsuchern gesagt dass in Lenchi bedeutend bessere
Aussichten beständen weshalb sie unter Aufopferung der letzten baren Mittel die
lange Maultierreise unternahmen und erst nach weiteren sechs Tagen an ihrem
Bestimmungsort anlangten
Robert war so ziemlich in seinem Element aber der arme Gottlieb litt wie
ein Märtyrer Während der ersten Nacht wanderte er ruhelos wie ein irrendes
Gespenst durch das hölzerne Haus in dem sie Quartier genommen hatten jeden
Augenblick vor Schreck zusammenfahrend jeden Augenblick darauf gefasst dass der
Sturm der über die Wälder dahinfegte und sogar durch die zahllosen Spalten der
Bretterwände bis in das Haus hineinfuhr den ganzen luftigen Bau mit sich
forttragen und zerschellen werde
Fast wie der berüchtigte texanische »Norter« brauste dieser Sturm unter
klagendem langanhaltendem Heulen durch die Wälder entwurzelte die uralten
Baumriesen und peitschte die Wellen der kleinen Flüsse dass sie rings ihre Ufer
weit überfluteten Am Himmel ballten sich schwarze Wolken donnernd und ächzend
zerrissen Windstösse die Luft prasselnd fiel der eisige Regen auf das
Schindeldach
Erst einzeln dann immer häufiger und stärker drangen die Tropfen bis in das
Innere des Holzverschlages der den drei Freunden als Schlafraum diente
Gottlieb den die Angst nicht zur Ruhe kommen ließ flüchtete mit seinen Decken
in einen anderen Winkel aber auch hier kamen die plätschernden Fluten nach und
in stiller Verzweiflung setzte er sich endlich auf den Tisch schlafen konnte
er ja doch nicht
Robert und Mongo waren ganz anders als er Sie hatten ihn ausgelacht als er
von seinen Befürchtungen sprach und schliefen jetzt ungestört weiter obgleich
der rücksichtslose Regen an ihren Kleidern herabrieselte und von oben in ihre
Stiefel eindrang Gottlieb saß regungslos auf dem weißen grobgezimmerten Tisch
Seine Gedanken wanderten zu dem abgebrannten kleinen Krämerhaus seiner Eltern
von Zeit zu Zeit wischte er die Tränen aus den Augen obwohl kein Laut verriet
dass er sich zum Sterben unglücklich fühlte
Nur wenn im Wald ein Koyote sein wildes Geheul erschallen ließ wenn ein
Raubvogel kreischend über das Dach flog oder ein gehetztes Tier flüchtig an der
dünnen Wand vorbeihuschte fuhr er jählings auf um zu horchen Der Schweiß
brach ihm aus der Atem stockte die Hände hoben sich abwehrend bis wieder
alles in die frühere Stille zurücksank und er den Faden seiner Gedanken fast
unbewusst fortspinnen konnte
Die beiden andern schliefen Robert nahm wie wir wissen die Dinge nie von
der schweren Seite und Mongo war zu sehr an die Wechselfälle des Lebens
gewöhnt als dass ihn irgend etwas hätte um seine Nachtruhe bringen können Erst
gegen Abend hatte man den Ort erreicht mit genauer Not ein Unterkommen gefunden
und im allgemeinen von den Goldgräbern nur Klagen gehört man musste sich also
stärken um morgen den Kampf mit einer fremden Welt festen Fußes aufnehmen zu
können und dazu gehört vor allen Dingen ein ruhiger Schlaf
Soviel Lärm und Toben die Hütte auch umgab es störte niemand außer dem
armen Gottlieb der sich an diese halbwilden Verhältnisse durchaus nicht
gewöhnen konnte und dessen Einbildungskraft dauernd damit beschäftigt war neue
Schreckensbilder heraufzubeschwören Bald glaubte er draußen das Schnaufen eines
Bären deutlich zu unterscheiden bald dachte er an einen Büffelzug der sich
natürlich gerade über diese Hütte dahinwälzen würde und ein anderes Mal glaubte
er sogar zu fühlen wie der Sturm die Wände bog Es waren Höllenqualen die er
während dieser ersten Nacht im Goldlande ausstehen musste
Und als der neue Tag anbrach begannen die Schwierigkeiten Es mussten
Gummistiefel zu höchsten Preisen auf Kredit gekauft werden ebenso Hacke und
Schaufel Der einzige Händler am Ort berechnete die unverschämtesten Preise
aber die drei Freunde konnten froh sein dass er ihnen überhaupt die Bezahlung
stundete sie wären ohne ihn vollständig ausserstande gewesen irgendeine Arbeit
zu beginnen
Das Wasser kostete hier in Lenchi kein Geld aber dafür gab es auch nur
einen wilden Gebirgsbach dessen herabstürzende Arme die Goldwäscher ihren
Gängen zuleiteten und so ihrer Arbeit dienstbar machten Die Freunde konnten
jetzt wählen ob es ihnen vorteilhafter schien selbst eine Mine anzulegen
vielleicht zufällig an ganz goldarmer Stelle oder ob sie in dem schon als
metallhaltig erkannten Gang eines früheren Besitzers die Erlaubnis zum Graben
bezahlen wollten Der Händler lieh auch Gelder gegen hundert Prozent Zinsen er
bot sogar Summen unaufgefordert an
»Wir nehmen es« rief Robert »Zu verlieren haben wir nichts kann es uns
also schaden Dass wir mittellos sind weiß der Mann ja er handelt also
freiwillig und darf sich später nicht beklagen«
»Wir nehmen das Geld« meinte auch Mongo »und legen dann unsere eigene Mine
an Wenn der Schelm nicht wüsste dass hier das Geld nur aufgehoben zu werden
braucht so würde er uns keinen Cent borgen darauf verlasst euch«
Robert nickte »Ganz meine Meinung« fügte er hinzu
Gottlieb allein schüttelte den Kopf »Die schweren Zinsen können wir nicht
tragen« erwiderte er »Man sollte lieber den Betrüger anzeigen«
Mongo lachte lustig »Wo denn« fragte er »Etwa bei den Tieren im Walde
oder bei den Goldwäschern die er vermutlich alle in seinen Klauen hält«
Gottliebs kaufmännisches Gewissen empörte sich immer mehr »Solche
Blutsauger« sagte er heftig »solche Halsabschneider Es ist eine Schande mit
ihnen zu verkehren Wenn ich dem Händler hundert Prozent verspreche so stehle
ich dies Geld meinen Eltern«
Robert zuckte die Achseln »Tust du es nicht Gottlieb so wirst du
vielleicht nie imstande sein ihnen einen einzigen Taler zu geben Was ist nun
schlimmer«
»Ihr seid also entschlossen« fragte Gottlieb
»Wir müssen Kind« nickte der Neger
Und noch am selben Tage wurde der Handel abgeschlossen Zähneknirschend
unterschrieb Gottlieb den Wechsel der ihn verpflichtete nach drei Monaten die
Summe von einhundert Dollar an Samuel Ekiwa zurückzuzahlen wofür ihm die Hälfte
dieses Geldes bar ausgezahlt wurde Robert und Mongo schlossen denselben
Vertrag Dann pachteten sie von einem Minenbesitzer das Recht auf bestimmte
Strecken der Rinne und die Arbeit begann
Robert als der Kräftigste und Entschlossenste lockerte die Erde mit der
Hacke Mongo suchte die Steine heraus und Gottlieb schüttelte die nasse Erde
durch das Sieb einem Holzrahmen mit darübergespanntem Wolltuch in dem sich die
Goldkörner festsetzten
Er jubelte laut als Samuel Ekiwa den Ertrag des ersten Arbeitstages auf
zwanzig Dollar abschätzte Das ergab über sechs Dollar für jeden während doch
die täglichen Ausgaben für Lebensmittel nach seiner Meinung höchsten fünfzehn
Groschen deutschen Geldes betrugen »Ich jedenfalls kann damit gut auskommen«
versicherte er »und wenn «
Das spöttische Grinsen des Händlers unterbrach den angefangenen Satz »Sie
essen doch im Store Gasthaus nicht wahr Sir« fragte Ekiwa
Gottlieb bejahte »Ein Glas Bier und Brot zum Frühstück« erwiderte er
schon Schlimmes ahnend »dann ein Mittagessen Kaffee und am Abend Tee mit
Brot Das kann höchstens fünfzehn Groschen kosten«
Der Händler zog seine Schultern bis an die Ohren empor »Ich werde Ihnen die
Preise in den Minenstädten nennen« antwortete er mit halbgeschlossenen Augen
während er an den Fingern zählte »Da ist das Glas Bier von heute morgen mit
einem Vierteldollar da ist «
»Um Gottes willen« unterbrach ihn Gottlieb schreckensbleich »was sagen
Sie Das kleine Glas Bier sollte «
»Einen Vierteldollar kosten ja« ergänzte Ekiwa »Das Brot mit Butter einen
halben Dollar das Mittagessen drei Dollar das «
»Um Gottes willen ist man denn einer Räuberbande in die Hände gefallen«
»Das Bier und Brot wie am Morgen« fuhr der Händler fort »der Kaffee
außerdem einen halben Dollar Was wollen Sie Sir man muss alle diese Dinge
übermäßig teuer kaufen man zahlt für die Fracht allein schon fünfzehn Cent Gold
für das Pfund und zwar auf eine Entfernung von vierhundert Meilen Das
berechtigt den Verkäufer seinen Verdienst ebenso hoch anzusetzen«
Gottlieb rechnete im Stillen Also vier Dollar Zeche für einen Tag an dem
er keine Zigarre geraucht kein Stück Käse zum Brot gegessen keinen Schluck
Branntwein getrunken hatte Vier Dollar Was blieb ihm von seinen sechs die er
im Geiste schon als ungeheuren Reichtum angesehen hatte wenn nun auch noch die
Kosten für Wohnung Wäsche und Schuhzeug hinzukamen
»Wie ist es denn mit der Miete« fragte er ganz ratlos »Was kostet hier ein
Paar neue Stiefel«
Der Händler zuckte die Achseln »Miete ist wenig« erwiderte er »damit lässt
sich kein Geschäft machen weil jeder vernünftige Mensch sein Haus selber baut
Stiefel kosten fünfundzwanzig Dollar Strümpfe einen Dollar«
»Herr des Himmels das ist unerhört« ächzte Gottlieb
Hier mischte sich Robert in das Gespräch »Ein Haus sollten wir uns bauen
Sir« fragte er »Darf man denn das hinstellen wo es einem gefällt«
Ekiwa nickte »Hier in Lenchi ja« sagte er »Das Land gehört der
Regierung das Holz liefert der Wald und das Gerät borgt man Nur die Nägel
müssen Sie von mir kaufen«
Gottlieb sah auf »Zu welchem Preis Sir«
»Das Stück für einen Vierteldollar mein junger Freund«
»Mein Gott Der Nagel zu acht Pfennig ist in Deutschland der teuerste«
Der Händler zog ein verdriessliches Gesicht »Warum sind Sie nicht dort
geblieben wo alles so viel besser und billiger ist als hier« fragte er
»Lassen Sie uns die Rechnung abschließen Sir« drängte Robert »Vier Dollar
braucht man am Tag um sich satt zu essen einen fünften für Wohnung und
sonstige Kleinigkeiten also behalten Sie den Überschuss zur langsamen Tilgung
unseres Wechsels Aller Anfang ist schwer das müssen wir bedenken ehe wir uns
über die ungünstigen Verhältnisse beklagen«
Ekiwa nickte lebhaften Beifall »Very well« rief er »Very well Sir Seid
gerade der Mann wie ihn Amerika braucht Habt Kopf und Fäuste auf der rechten
Stelle Müsst euch nächsten Sonntag wenn nicht gegraben wird ein Haus bauen
ein paar Decken kaufen und euch Stühle und einen Tisch zimmern Umgebrochene
Baumstämme findet ihr überall«
Die beiden andern wandten nichts ein und so wurde der Handel zum Abschluss
gebracht Während der ganzen Woche arbeiteten die drei Freunde vom Morgen bis
zum Abend ohne jedoch mehr als zwischen achtzehn und vierundzwanzig Dollar zu
verdienen Sie konnten also noch nichts zurücklegen und mussten sogar die für den
Hausbau erforderlichen Nägel auf Kredit kaufen Robert aber behielt seinen
unzerstörbaren Mut Er freute sich wie ein Kind auf den Sonntag wo der Hausbau
beginnen sollte und war glücklich als er mit Mongo hinauszog in den Wald um
Pfähle und Balken zu schneiden
Gottlieb musste unterdessen den Bauplatz von Gras und Buschwerk reinigen das
Gerät borgen und die Beschläge für Fenster und Türen kaufen »Wir können ihn
hier doch nicht brauchen« hatte Mongo gesagt »Jeden dürren Ast würde er für
eine Klapperschlange halten und jeden Hund für einen heranschleichenden Wolf«
Und die beiden zogen los Der Herbst färbte das Laub in gelben und roten
Schattierungen die meisten Blumen waren verblüht das Moos am Boden zeigte das
tiefdunkle Grün das dem Verdorren vorangeht und der Wind wehte schon
empfindlich kühl von den Felsengipfeln herab Aber diese Zeit ist eine der
schönsten des ganzen Jahres Die Sonne vergoldet eine Farbenpracht wie sie der
Frühling nicht aufzuweisen hat ihre Strahlen erwärmen ohne zu brennen ihr
Licht fällt gleichsam halbverschleiert aus weißem Gewölk herab und die Luft ist
erfüllt von würzigem Tannenduft
Mongo und Robert folgten dem Lauf eines der kleinen Flüsse von denen das
Goldland wie von einem vielarmigen Netz durchzogen ist Alles war still wie in
einem weiten Dom nur ab und zu schoss irgendein Tier durch das Gebüsch oder
schallte der Kriegsruf des Falken durch die Luft Am Ufer blühte noch das
Vergissmeinnicht die Vogelbeere neigte ihre reifen Früchte an schwankenden
Zweigen über das Wasser herab und hohes Schilf füllte die Buchten An einer
Stelle war eine uralte der Länge nach vom Blitz gespaltene Eiche quer über das
Flüsschen gefallen und bildete eine Brücke auf der Robert mit Vergnügen
herüberbalancierte
»Erst ein Bad Mongo« sagte er »ich kann nicht widerstehen«
»So spring hinein junger Spitzbube ich werde unterdessen ein paar Bäume
aussuchen die wir als Eckpfähle brauchen können«
Und Mongo begann einige besonders schlanke Tannen für seinen Zweck
auszuwählen dann nahm er die Axt von der Schulter und hieb tapfer hinein »Du«
sagte er »das Brettersägen bleibt uns erspart Der Wirt aus dem Store will uns
mehrere alte Packkisten billig überlassen damit können wir die Wände
beschlagen Schindeln für das Dach sind uns zu teuer wir nehmen Bretter und
decken Erde darüber«
»Brr« rief Robert »Ich kenne das von meiner Robinsoninsel her Beim
nächsten Regen träufelt dir der Schlamm ins Gesicht«
»Gut dann müssen wir eben auf die Jagd gehen um uns Felle zu verschaffen
Das bloße geteerte Segeltuch wie es die meisten Hütten haben wird sehr bald zu
kalt sein«
Robert sprang ans Ufer und ließ sich von den Sonnenstrahlen trocknen »Ja
der Winter« sagte er nachdenklich »Wenn uns nun die Quelle mit deren Wasser
wir arbeiten zufrieren sollte Mongo was dann«
»Dann schlagen wir dem Händler ein Schnippchen und werden Trapper«
Robert sah den Neger ratlos an »Trapper Mongo was ist das«
»Ein wandernder Jäger Bob Diese Männer wohnen nirgends aber sie haben
überall Freunde selbst unter den Indianern sie kennen die Wildnis wie ihre
eigene Tasche und besitzen in Höhlen oder sonstigen Verstecken Niederlagen wo
sie ihre erjagten Pelze und Felle aufbewahren bis sie im Herbst und Frühling
nach der nächsten Station geschafft und an reisende Händler verkauft werden Für
das Geld kauft sich der Trapper Waffen Schiessbedarf lederne Kleider und
Stiefel Sein Dach ist der blaue Himmel sein Bett das Moos des Waldes seine
Nahrung die erlegten Tiere«
Robert hatte sich während der Worte des Negers wieder angezogen und hieb
jetzt mit wuchtigen Streichen gegen den zweiten Baum »Hast du solche Trapper
kennengelernt Mongo« fragte er
»Oh mehr als einen Bob aber es ist schon länger her Es sind meistens
verwegene Kerle die Gott und den Teufel nicht fürchten häufig auch Verbrecher
die sich in die Wälder flüchteten um dort unter angenommenem Namen ihrer Strafe
zu entgehen Natürlich gibt es auch ehrliche Leute darunter«
Robert seufzte »Ich möchte es nicht« antwortete er nach längerer Pause
»Mongo wie ich mich nach dem Wasser sehne davon machst du dir keinen Begriff«
»Jetzt schon Das musst du um Gottliebs willen bekämpfen Bob Was sollte
denn ohne uns aus dem armen Jungen werden«
Robert lächelte »Ja ja Mongo ich weiß es und will auch geduldig
aushalten Nur darf ich kein Wasser sehen das macht mich jedesmal ganz
traurig«
Mongo hatte keine Zeit den letzten Satz zu beantworten Der Baum an dem er
arbeitete neigte sich und musste bevor er fiel gestützt werden um nicht mit
der Krone in den benachbarten Zweigen hängen zu bleiben Beide Männer strengten
ihre Kräfte bis zum äußersten an und bald darauf lag der erste Pfeiler des
künftigen Hauses zu ihren Füßen Ehe eine Stunde verging folgte der zweite die
Äste und Kronen wurden abgehauen die Stämme zusammengebunden und dann setzten
sich Mongo und Robert auf die gestürzte Eiche um erst einmal zu frühstücken
Das Brot ohne Butter und das dünne Bier schmeckten nach getaner Arbeit
vortrefflich die Unterhaltung drehte sich um ihre Hoffnungen und Aussichten
und für das Vergnügen sorgten die Vögel die vertraulich näherkamen um vor den
Füßen der beiden Goldsucher die herabgefallenen Brotkrumen vom Boden
aufzupicken
Aus den nächsten Zweigen lugte ein Eichkätzchen hervor Frösche quakten im
Uferschilf und hier und da glitt eine Schlange durch das Moos
Robert beobachtete alles »Ob hier wohl noch ein Überfall wilder Tiere
möglich wäre« fragte er »Und ob es giftige Schlangen gibt«
Mongo schüttelte den Kopf »Vielleicht während der Nacht« erwiderte er
»oder einige fünfzig Meilen hinter den letzten Minen An giftigen Schlangen gibt
es nur aber selten die Klapperschlange Wir haben glaube ich durchaus
nichts zu befürchten und sind ja außerdem bis an die Zähne bewaffnet Gewehr
Revolver Dolchmesser das sollte wirklich genügen selbst wenn uns ein Wolf
oder ein Bär die Ehre erweisen sollte Du streckst ja übrigens diese Sorte mit
der bloßen Faust nieder junger Spitzbube«
Robert lachte »Nicht übertreiben Mongo« erwiderte er »Der ausgehungerte
Wolf verlor auf dem haarscharfen Felsgrat durch meinen Faustschlag das
Gleichgewicht und stürzte ab das ist alles«
»Ja ja« nickte der Neger »ich weiß schon mich ließest du dein Blut
trinken du guter Kerl Das bin ich dir immer noch schuldig«
»Unsinn Hattest du mich nicht aus dem Wasser herausgefischt Und übrigens
muss das unbedingt auf Gegenseitigkeit beruhen«
Mongo bot ihm den Rest aus der Bierflasche »Auf gegenseitiger Freundschaft
und Treue ja« erwiderte er freundlich
In diesem Augenblick tönte ganz aus weiter Ferne ein Hilferuf Es klang als
wenn jemand in Todesnot seine letzten Kräfte zusammennahm und mit versagender
Stimme einen einzigen Namen hervorstiess »Robert Robert«
Die beiden Freunde sprangen wie elektrisiert von ihren Sitzen auf Einer sah
den andern an »Was war das«
Und wieder hörte man »Robert Mongo «
»Du man ruft uns«
»Das ist Gottlieb« fügte Robert hinzu »Was mag er haben«
»Jedenfalls müssen wir ihm aber doch antworten Lass uns nur erst genau die
Richtung seiner Stimme erkennen«
Beide horchten aber schon in den nächsten Minuten wiederholte sich der
verzweifelte Schrei jetzt aber viel näher so dass sich deutsich erkennen ließ
auf welchem Weg der Flüchtende in den Wald hinein und den vermissten Freunden
entgegenlief
»Lass uns antworten« rief Robert und dann legten beide die Hände hohl vor
den Mund Ein zweistimmiges langgedehntes »Hier« schreckte alle Vögel in der
Nähe auf Selbst die Frösche ließ ihren Gesang einen Augenblick verstummen
Stille folgte dem schallenden Ausruf
»Das hat er gehört« sagte endlich Mongo »Aber was in aller Welt kann ihn
denn so außer Fassung bringen ich begreife es nicht«
»Vielleicht doch ein wildes Tier« meinte Robert etwas bedenklich »Wir
können uns ja auf alle Fälle vorbereiten«
Und beide nahmen die geladenen Gewehre in Anschlag Alles blieb still kein
weiterer Hilferuf war zu hören aber in einiger Entfernung knackten die Büsche
als ob ein Mensch oder ein Tier gewaltsam hindurchbrach
Mongo legte den Finger auf die Lippen »Pst« raunte er »Wir können ja
nicht wissen ob es Gottlieb ist oder vielleicht ein Feind der ihn verfolgt«
Das sollte sich jedoch sehr bald klären Die Stimme des jungen Pinnebergers
unterbrach mit lautem Angstschrei die Stille und dann folgte erneut der
klägliche Ruf »Robert Mongo Wo seid ihr«
»Hier Hier« antworteten beide »Gottlieb was fehlt dir«
»Schiesst nicht« tönte es in größter Herzensangst zurück
»Schiesst um Himmels willen nicht ich bitte euch«
Wieder sahen sich Mongo und Robert voll Erstaunen an Was bedeutete das
alles
Jetzt aber hörte man in nächster Nähe die Schritte des jungen Menschen Eine
Minute später erschien Gottlieb auf der kleinen Lichtung am Fluss überblickte
atemlos die Umgebung und floh dann unter die Wurzeln des Eichenstammes wo er
sich wie ein Dachs zusammenkauerte
»Rettet euch« schrie er »rettet euch Ein greuliches Untier verfolgt
mich und wird gleich hier sein Auf die Bäume um Gottes willen auf die Bäume«
Robert unterdrückte mit Mühe ein Lachen das ihn überkam Er und der Neger
sahen nach allen Seiten aber ohne von einem Ungeheuer das Allergeringste
entdecken zu können »Gottlieb« rief der junge Matrose »so sei doch
vernünftig War es ein Bär den du gesehen hast«
»Ein Bär Nein das glaube ich nicht oder vielmehr weiß ich genau dass es
keiner war Aber um Gottes willen rettet euch doch«
»Wie sah denn das Tier aus« rief ungeduldig der Neger
»Grässlich« tönte es unter den Baumwurzeln hervor »Es hat Augen wie Kohlen
ist grau mit einem furchtbaren Horn und teuflischen mörderischen Augen
Gesehen habe ich es nicht ganz sondern nur teilweise aber das greuliche
Stampfen und Schnaufen klingt mir noch in den Ohren«
Robert und Mongo wussten nicht mehr woran sie waren Auf welches Tier hätte
denn diese seltsame Beschreibung passen könen
»Es hat dich verfolgt Gottlieb« fragte Robert
»Ja Ich ging in den Wald um euch zu suchen und zu helfen da brach es aus
den nächsten Büschen hervor und zwar so nahe dass mich der glühende Atem
streifte dass ich sekundenlang das entsetzliche Horn an meiner Schulter spürte
Ihr könnt euch denken wie schnell ich weglief aber das Untier war mir immer
auf den Fersen Nur einmal sah ich mich um ein Gebüsch war zwischen ihm und
mir aber da erkannte ich eine Riesengestalt greuliche Augen «
»Hilf Himmel« unterbrach er seine Beschreibung »dort kommt es Rettet
euch Rettet euch «
Und schnell kroch er noch tiefer unter die Baumwurzeln Robert und Mongo
nahmen ihre Gewehre wieder in Anschlag
Ein Gebüsch in der Nähe des Flusses bewegte sich als ob der Wind sehr stark
wehte Die Zweige zitterten und krachten aber kein Tier kam zum Vorschein
»Mongo« rief Robert »leben hier herum Affen«
»Bist du nicht gescheit Junge Gehörnte Affen«
»Ja wer weiß denn was Gottlieb in seiner Angst gesehen hat«
Der Neger ging mit vorgehaltenem Gewehr auf den Busch zu »Ich will doch
sehen was dahinter steckt« sagte er kurz entschlossen
»Mongo« schrie Gottlieb »Mongo um Gottes willen nachher bin ich dein
Mörder Geh nicht hin ich bitte dich um alles in der Welt geh nicht hin«
Doch der Neger ließ sich nicht irre machen Er brummte etwas wobei man das
Wort »Hasenfuß« ziemlich deutlich heraushörte und dann drang er vor
Im selben Augenblick teilte sich das Gebüsch Ein Tier von etwa anderthalb
Meter Länge und fast einem Meter Größe sprang mit solcher Wucht dem Schwarzen
entgegen dass er kopfüber ins Gras kugelte während Robert nur durch seine
bewunderungswürdige Gelenkigkeit einem gleichen Schicksal entging Der
unvermutete Angreifer stand mit gesenkten Hörnern kampfbereit vor dem Platz an
dem eben noch sein zweites Opfer gestanden hatte Gottlieb schrie vor Angst der
Neger sah sich halbsitzend voll Verwunderung um und Robert lachte was er
konnte Das alles geschah innerhalb weniger Sekunden
Mongo war der erste der wieder sprach »Nun« sagte er ärgerlich und sich
den Rücken mit der flachen Hand reibend »was ist denn das für ein Unsinn«
Das Tier stieß ein kurzes Schnaufen oder Prusten aus Es scharrte mit dem
Vorderfuss im Grase
Robert lachte immer noch »Ein Moufflon« rief er »ein Schafbock Das
ist ja zum Totlachen«
Aber die beiden andern teilten keineswegs seine Heiterkeit Mongo stand auf
und ballte gegen den Bock die Faust so dass das Tier mit einem plötzlichen
Niesen etwas zurückwich »Warte« rief er »du sollst das Vergnügen mich in den
Sand gestreckt zu haben mit dem Leben büßen«
Gottlieb war zögernd bis an den Rand der Baumwurzeln vorgekrochen Das Wort
Schafbock hatte ihn beschämt aber dennoch flössten ihm die beiden Hörner
erhebliche Furcht ein »Robert« fragte er verwirrt »hältst du das Tier für
gutmütig«
Der wischte die Lachtränen aus den Augen »Gottlieb« rief er »hat dich
denn nie in Pinneberg ein Schafbock verfolgt Weißt du nicht dass diese Tiere
ebenso mutig wie furchtsam sind Dieser große Kerl hat spielen wollen weiter
nichts«
»Spielen Unmöglich«
»Dann schau her«
Und Robert kraute mit der Rechten die Stirn des Bockes der sogleich seine
Kampfstellung aufgab und zum Zeichen größter Zutraulichkeit leise den Schweif
bewegte »Mongo« sagte er »schenke ihm das Leben Alter«
Aber der Neger war böse »Dummes Zeug« brummte er »Gib ihm eine Ohrfeige
Bob damit er fortspringt Ich mag kein Tier töten wenn es wie an der
Schlachtbank ahnunglos vor mir steht«
Robert der wohl erkannte wieviel das Fleisch und das Fell des Tieres wert
seien tat was Mongo sagte und der Bock sprang mit lustigen Sprüngen über die
Lichtung In weniger als zwei Minuten hatte ihn die Kugel des Negers zu Boden
gestreckt Durch den Kopf geschossen war er sofort tot
»So« sagte der glückliche Schütze mit etwas spöttischem Ton »so Gottlieb
nun komm hervor mein Kleiner Dieses Ungeheuer wäre unschädlich gemacht und
vielleicht findest du sogar demnächst Mut genug das Fell nach Hause zu
schleppen Ich will den Burschen gleich ausweiden«
Gottlieb kroch ziemlich geknickt aus seinem Versteck hervor »Ihr müsst es
nur nicht allen Leuten erzählen« bat er »Wirklich gegen mich war der Bock
sehr bösartig«
Unter Roberts erneutem Lachen gingen dann alle drei an die Arbeit Das Haus
sollte vor Abend zum Einzug fertig sein also hatte man keine Zeit zu verlieren
sondern musste noch mehrere Stämme schlagen bevor man in Lenchi mit dem Bau
begann Während Mongo kunstgerecht den Bock zerlegte fällten die beiden anderen
einige Tannen und dann wurden die Stämme bis zu dem Lagerplatz geschleift
Schwer beladen trat man den Rückweg an
Der Boden war bereits von Pflanzen und Steinen gesäubert die erforderlichen
Löcher gegraben und die Packkisten herbeigeschleppt Gottlieb hatte so fleißig
gearbeitet dass die beiden anderen ihr Lob nicht zurückhalten konnten
Inzwischen hatten sich mehrere deutsche Goldgräber um den Bauplatz herum
versammelt und besonders den Bock bewundert Endlich machte einer den Vorschlag
ein tüchtiges Stück des frischen Fleisches sogleich an Ort und Stelle zu braten
Für die Beschaffung von Kartoffeln Mehl Eiern Butter Früchten und Branntwein
sowie Kaffee wollte man eine Sammlung veranstalten und nach gemeinschaftlich
eingenommenem Mahl mit vereinten Kräften den Hausbau beginnen
»Ich liefere den Bratspiess« schrie ein riesiger Sachse »und drehen will
ich ihn auch«
»Von mir könnt ihr Blechteller und Messer haben Und Kuchen backen kann ich
auch« meinte ein anderer
Der Dritte trommelte mit den Fäusten so lange auf eine Packkiste bis er
sich Gehör verschafft hatte »Silentium meine Herrschaften ich bin ein
Zimmermann und führe daher in dieser ehrenwerten Versammlung den Vorsitz Kochen
oder backen ist nicht meine Sache ebensowenig habe ich Geld oder Hausgerät
aber einen riesigen Appetit auf frischen Braten und einen unlöschbaren Durst
Später will ich den Bau mit diesen meinen Händen allein fertig machen Was sagt
ihr dazu«
»Angenommen« rief Robert »Meine Stimme habt Ihr Hier sind fünfzig Cent
für den Einkauf von Lebensmitteln«
Der Sachse nahm den formlosen Filzhut vom Kopf warf den ersten Beitrag
hinein und ging nun von einem zum andern um überall zu sammeln »Ein armer
Handwerksbursche« sagte er »hat in sechs Wochen nichts Warmes im Leibe
gehabt«
Und Gabe auf Gabe fiel in den Hut Auch Goldstücke rollten hinein Dann
entzündete einer ein riesiges Feuer der andere bereitete den Braten und der
dritte schälte die Kartoffeln während sich der Kuchenbäcker mit aufgestreiften
Ärmeln Messer und Revolver im Gürtel daran machte eine Torte anzurühren Aus
allen Häusern wurden Blechgeschirre herbeigebracht die Packkisten mussten ehe
sie als Wände ihr Dasein beschlossen vorher als Sitzgelegenheiten dienen und
das geteerte Segeltuch das die Nässe von dem zukünftigen Dach fernhalten
sollte ließ sich einstweilen ausgezeichnet als Abschirmung gegen die
Sonnenstrahlen verwenden Jeder wollte dazu beitragen das so schnell
veranstaltete Fest zu einem gemütlichen Beieinander zu gestalten
Und als der Braten seine lockenden Düfte ausströmte als der Kaffee dampfte
und die Torte hellbraun und locker aus dem Blechnapf hervorgegangen war da
klopfte der Zimmermann der bisher müßig im Gras gelegen hatte wieder auf die
nächste Packkiste Sein tiefer Bass stimmte eine Weise an die allen bekannt war
»Was ist des Deutschen Vaterland «
Und laut und freudig fielen über zwanzig Stimmen bei der nächsten Strophe in
das alte Heimatlied ein
Dann hatte der Koch sein Werk vollendet Kaum besaß er Kraft genug den
Riesenbraten auf die schnell errichtete Tafel zu heben Da stand er als wackerer
Feldherr rings umgeben von Gurken Kartoffeln Sauerkraut und Backpflaumen da
schimmerte im Hintergrund die Torte und dampfte der Kaffeekessel Alles war
herrlich geraten alles lockte zum Genuss und zur Freude
Gottlieb zupfte Robert am Ärmel »Du« flüsterte er »erzähl es diesen
Leuten nicht wie wir zu dem Braten gekommen sind«
Robert winkte halb lachend halb gerührt »Aber nein was fällt dir ein«
sagte er
»Und lass auch den Alten nichts ausplaudern du«
»Ach Unsinn Dort ist dein Platz und nun wollen wir essen«
Der Braten war zwar sehr schmackhaft aber er stellte die Kauwerkzeuge der
Festteilnehmer auf eine ziemlich harte Probe was jedoch weiter kein
Missvergnügen sondern nur einige derbe Scherze hervorrief Die Goldgräber waren
ja nicht verwöhnt daher wurde auch ein zäher Bissen noch mit gutem Appetit
verspeist Alles übrige war tadellos gelungen die Torte sogar ganz
ausgezeichnet nur das Tischgerät ließ manches zu wünschen übrig
Schwere fünfzinkige Gabeln sah man am zahlreichsten die Messer der
Goldgräber mussten zum Zerlegen dienen und spitze Holzstäbe als Spieße an denen
Kartoffeln und Fleisch zum Mund geführt wurden Als Nachtischteller für die
Torte dienten große Blätter während der duftende Kaffee aus Blechtöpfen
getrunken wurde Zum Schluss machte eine dickbauchige Flasche die Runde
Es war drei Uhr nachmittags als endlich der Hausbau begann Unter einem
Kreuzfeuer von Scherzworten wurden die Kisten in Bretterhaufen verwandelt man
rammte die vier Eckpfähle ein setzte die Türbalken und schlug das Eisen an
darauf nagelten einige ein Fenster zusammen andere zimmerten die Tür und ein
besonders wohlhabender Hamburger der schon länger in den Minengegenden lebte
brachte keuchend unter der schweren Last einen Ofen den er feierlich den drei
Freunden zum Geschenk machte Die Wände wuchsen unter den vereinten
Anstrengungen der Männer zauberhaft schnell empor das Dachgerüst wurde
errichtet es fehlte jetzt nur noch der Überzug aus Segeltuch und das Haus
war fertig Diesen Augenblick benutzte der Zimmermann um auf das Dach zu
klettern und mit einigen Hammerschlägen das Publikum darauf aufmerksam zu
machen dass er eine Rede halten wollte
»Pst« hieß es »er will vom Gerüst fallen stört ihn nicht«
»Aber in Versen« ermahnte einer
»Die wachsen nicht wild mein Junge« tönte es vom Dach herab »und
Treibhäuser dafür fehlen hier leider Also Ladies und Gentlemen «
»Ladies glänzen durch ihre Abwesenheit« hieß es wieder
»Was uns nicht hindern soll zuerst auf ihre Gesundheit zu trinken Ich tue
es für euch alle« fügte er mit komischer Würde hinzu und nahm einen Schluck
aus der Flasche »Unsere Mütter und Frauen unsere Schwestern und Bräute daheim
in Deutschland sollen leben Eins zwei drei Hurra«
»Und noch einmal Hurra«
»Jetzt aber die Rede« drängte das Publikum
Der Zimmermann räusperte sich »Ein Schafbock war die erste Veranlassung zu
diesem Fest« begann er im Ton eines vortragenden Professors »wir erheben ihn
daher mit Recht zum Schutzpatron des neuerbauten Hauses Alles was hier künftig
geschieht stehe unter seinem Zeichen Mögen die Eigentümer beständig in der
Wolle sitzen und von ihren goldenen Errungenschaften gehörig ins Horn stoßen
können Mögen sie von allen Schafsköpfen gemieden und ihnen der Hammelbraten
immer nahe sein möge ihnen das Goldene Vlies zuteil werden und Lammesgeduld
wenn sich der Boden als ausgebeutet erweist Mögen sie niemals Böcke schießen
aber vor Freuden Bocksprünge machen und baldigst ihr Schäfchen ins Trockene
bringen vor allen Dingen aber sich durch keinen Fehlschlag ins Bockshorn jagen
lassen«
Er versuchte eine zierliche Verbeugung und erhob nochmals die Flasche Ein
Beifallssturm belohnte seine wohlgelungene Rede »Weiter weiter« rief man von
allen Seiten
Der Zimmermann schüttelte den Kopf »Nur eins noch« erwiderte er »Ein Hoch
auf unseren König Wilhelm den Schirmherrn von Deutschland«
»Eins zwei drei Hurra«
Die Flasche flog mit kräftigem Schwung nach alter deutscher Sitte über den
Kopf des Redners ins Gebüsch und zersplitterte zu tausend Scherben
Mit Einbruch der Dämmerung war das Segeltuch befestigt Erde darauf geworfen
und der Ofen gesetzt Die drei Freunde konnten ihren Einzug halten
Noch manches Stück Hausgerät wurde von den Goldsuchern zur Verfügung
gestellt drei übriggebliebene Kisten ersetzten die Stühle und einen Tisch
versprach der Zimmermann am nächsten Sonntag zusammenzuschlagen
Als sich die Gesellschaft zum Aufbruch rüstete erschien Robert mit einer
frischen Flasche unter dem Arm »Jetzt noch die Taufe« schlug er vor »Straßen
gibt es in Lenchi nicht Nummern also noch viel weniger daher scheint es das
Beste jedem Haus einen Namen zu geben Mongo und Gottlieb was meint ihr
wollen wir unsere Wohnung NeuPinneberg nennen«
Die beiden andern waren einverstanden und der Zimmermann schrieb sofort mit
einem ausgeglühten Feuerbrand den neuen Namen über die Tür dann ging die
Flasche reihum und mit allgemeinem Händeschütteln trennte man sich
Die drei Freunde trugen aus ihrem bisherigen Quartier die Schlafdecken und
was sie sonst besaßen herbei holten frisches Wasser um am folgenden Morgen den
Kaffee selbst kochen zu können und legten sich endlich schlafen nachdem sie
noch einmal alle Einzelheiten dieses arbeitsreichen Tages durchgesprochen
hatten Sie waren nun Hauseigentümer waren gesund und konnten arbeiten wenn
auch der Wechsel noch unbezahlt war
Es musste um jeden Preis ein größerer Verdienst erzielt werden sonst rückte
der eigentliche Zweck der ganzen Unternehmung in immer weitere Ferne Vielleicht
brachte der Winter sogar einen Stillstand der Arbeit so dass neue Schulden zu
den alten kamen Robert konnte lange nicht einschlafen Er fürchtete sich davor
Schulden zu haben
Zwar wusste Samuel Ekiwa dass seine Kunden arme Abenteurer waren außerdem
hatte er selbst das Geschäft vorgeschlagen aber dennoch drückte Robert der
Gedanke dem Händler verpflichtet ja sogar von ihm abhängig zu sein Er seufzte
tief Wenn nun vielleicht der Mann nur aus Eigennutz zum Hausbau geraten hatte
ja wenn er sich beizeiten ein Pfandobjekt sichern wollte um am Verfallstage
die Hütte in Beschlag zu nehmen wenn der Wechsel uneingelöst blieb Robert
fröstelte »Du« sagte er leise »Gottlieb wachst du noch«
Der junge Kaufmann fuhr auf »Hast du etwas Verdächtiges bemerkt Robert«
»Nein nein Aber gib doch endlich einmal auf in allen Ecken Gefahren zu
suchen Ich meine nur was du hm hm was du so überhaupt von unserer
gegenwärtigen Lage denkst und ob sie sich nicht ein wenig verbessern ließe«
Gottlieb stützte sich auf den Ellbogen »Ich hatte einen Plan« flüsterte
er »aber die Sache geht nicht Es gibt hier nur wenige Goldsucher die sich aus
Ekiwas Händen schon ganz freigemacht haben die meisten hält er an so sicheren
Fäden dass es nur auf ihn ankommt sie täglich und stündlich zu Bettlern zu
machen Diese Leute arbeiten um ihre Zinsen zu bezahlen vom Kapital wird kein
Cent abgetragen Mit Gewalt kann man also gegen den Händler nichts ausrichten«
»Das wäre wohl auch nicht der richtige Weg« warf Robert ein »Wir haben
freiwillig die Wechsel unterschrieben und sind verpflichtet sie ordnungsgemäss
einzulösen«
Gottlieb schüttelte lebhaft den Kopf »Jeden Spitzbuben muss man entlarven
und womöglich unschädlich zu machen suchen« rief er »Aber dieser hier ist ein
ganz gewiegter Schlauberger Er zieht von Minenstadt zu Minenstadt mit den
ersten Goldsuchern im Lande herum und beutet die armen Menschen die sich noch
nicht recht zu helfen wissen rücksichtslos aus Die Leute sagen dass er an
englischen und deutschen Banken schon Tausende hinterlegt habe«
Robert lachte »Wie der Kaufmann in dir durchkommt« sagte er »Du fühlst ja
gegen diesen Wucherer richtige Erbitterung«
Gottlieb ballte die Faust »Dieser Schuft« knirschte er »Der ehrliche
Kaufmann kann höchstens fünfzehn Prozent im Durchschnitt verdienen dieser
Mensch dagegen verdient mindestens hundert Nein wenn mein Vater wüsste dass ich
mit einem Halsabschneider Geschäfte mache«
Jetzt musste auch Robert an seine Eltern denken Ja wenn sie ihn hier sehen
könnten sein Lager auf bloßer Erde die undichten Wände und das ganze nach
deutschen Begriffen selbst für einen Pferdestall ungeeignete Gebäude
Es wurde still in dem engen Raum Die Gedanken wanderten und glitten
unmerklich hinüber in das Land des Traumes Die beiden jungen Menschen waren zu
Hause in Pinneberg sie erkannten die alte vertraute Umgebung sie sahen die
Bilder früherer Tage und wussten nichts mehr von der harten Gegenwart
Woche auf Woche verging Die emsigen Goldwäscher verdienten jetzt nachdem
sie sich in die ganze Art und Weise ihrer neuen Beschäftigung hineingelebt
hatten anstatt der früheren zwanzig Dollar vielleicht fünfundzwanzig und
manchmal auch dreißig sie lebten zurückgezogen wie die Mönche berechneten
jeden Groschen und nutzten jede Stunde aber die Aussichten für die Zukunft
wurden nicht besser
Der Wechsel war zwar bezahlt die Stiefel aber mussten durch neue ersetzt
werden und die alten Kleider reichten für die kältere Jahreszeit nicht mehr
aus Nachdem das Unentbehrlichste angeschafft war blieb kein Cent mehr übrig
Gottlieb konnte obwohl er jetzt schon seit sechs Wochen in den Goldminen lebte
doch seinen Eltern nicht das Allergeringste schicken und Robert hatte keinen
Dollar im Kasten wenn auch beide zwölf Stunden lang täglich arbeiteten
Der Händler sagte dass ihnen das Glück außerordentlich günstig sei Mancher
müsse jahrelang Schulden über Schulden machen und könne endlich nur noch die
Zinsen bezahlen In den Goldstädten gebe es keine sichere Lebensgrundlage
sondern eben nur ein »Wer wagt gewinnt«
Und so wurde unermüdlich fortgearbeitet zuletzt als die Tage kürzer
wurden beim Schein eines großen Feuers das vom Rand der breiten Waschrinne bis
in die Tiefe hinab seine roten zuckenden Lichter warf Wie Kobolde wie die
Heinzelmännchen aus dem Märchen erschienen dort unten die dunklen Gestalten mit
den schweren bis über die Knie reichenden Stiefeln und dem eng anliegenden
Bergmannsanzug aus Leder Unermüdlich schleuderte Mongo die Steine auf den
oberen Rand unermüdlich hackte Robert und sichtete Gottlieb aber Woche auf
Woche verging das ersehnte Glück blieb aus der große Klumpen Goldes von dem
jeder Wäscher träumt den er hinter jeder Erdscholle vermutet wurde nicht
gefunden
Mongo trug nach Feierabend beim Mondschein sorgfältig die
herausgeschaufelten Steine nach NeuPinneberg und errichtete dort um die
hölzernen Wände herum eine Art Schutzwall bei dem er zwar lediglich an die
kommende Winterkälte dachte den aber Gottlieb mit großer Freude wachsen sah
weil er nach seiner Meinung Schlangen und Kriechtiere von der Wohnung fernhielt
und Raubtieren den Zugang sehr erschwerte »Du solltest uns auch ein Drahtgitter
flechten Alter« sagte er »und eine Eisenstange wollen wir quer vor die Tür
legen Wenn hier nicht alles so teuer wäre hätte ich fürs Leben gern einen
Hund«
»Ach du bist ein Angstase das nimm mir nicht übel Solltest lieber um
etwas Mut zu bekommen morgen mit uns auf die Jagd gehen«
Gottlieb erschrak »Auf die Jagd« wiederholte er »Ich danke«
Und dabei blieb es Er ließ sich kein Gewehr in die Hand drükken sondern
verschloss wenn am Sonntag seine Gefährten zur Jagd gingen sorgfältig die Tür
und schrieb bogenlange Briefe in denen er seinen Eltern genauestens schilderte
wie er lebte und dass es bis jetzt ganz unmöglich gewesen sei auch nur den
kleinsten Überschuss zu erzielen Diesen Briefen fügte Robert jedesmal eine
Einlage bei und wenn von Gottliebs Familie ein Brief ankam so hatte er
regelmäßig die Freude auch von seiner alten Mutter ein paar Zeilen vorzufinden
Der Vater dächte immer noch wie früher hieß es er wolle von Versöhnung nichts
wissen und verlange vor allem ein reumütiges Geständnis Robert wisse schon in
welcher Beziehung Das sei an der ganzen Sache das Schlimmste und wenn einmal
ihr Sohn als Bettler in die Heimat zurückkehre so müsse man darin Gottes Fügung
erkennen Aber fuhr die Mutter fort Robert solle doch kommen lieber heute als
morgen es lasse sich wohl alles ausgleichen und außerdem habe sie auch von
ihrem Bruder Klaus der ohne Erben gestorben sei kürzlich ein paar hundert
Taler geerbt Die würden schon reichen
Robert las kopfschüttelnd den Brief zum zweitenund zum drittenmal Alle
diese Anspielungen diese Hinweise auf etwas noch Schlimmeres als seine Flucht
aus dem Elternhause er verstand sie nicht Sprach vielleicht seine Mutter von
den fünfzig oder sechzig Talern die Georg für ihn aus dem Geldkasten des Vaters
genommen hatte Dachte der Alte an diese verlorene Summe zuerst und dann an den
Sohn der in jedem Brief inständig um Verzeihung bat
Aber er wusste es ja einen mitfühlenden freundlichen Vater hatte er nie
gehabt sondern nur einen strengen unnachgiebigen Erzieher dessen bürgerliche
Ehre tadellos dastand der aber nichts verzeihen und sich niemals in die Seele
seines Kindes hineindenken konnte
Mutlos ließ er den Kopf in die Hand sinken Überall unter seinen Füßen da
wo er nachts zur Ruhe ging da wo er sein kärgliches Mahl verzehrte und wo er im
Schweiße seines Angesichts arbeitete überall konnte das Gold liegen aber er
fand es nicht fand es nicht ob er auch grub und schaufelte bis ihm das Blut
aus den Fingern heraussprang Manchmal wenn ihn die innere Unruhe überwältigte
fuhr er mitten in der Nacht vom Lager auf grub im Mondschein an irgendeiner
beliebigen Stelle mit fast wahnwitziger Hast ein Loch in den Boden und bildete
sich ein dass er den roten Schatz finden müsse dass es plötzlich wie Blut unter
seiner Hacke hervorquellen werde unaufhaltsam ein Königreich ein Paradies der
kühnsten Hoffnungen
Und wenn dann der graue nüchterne Wintermorgen mit Hagelschauern und kalten
Windstössen langsam aus der Nacht emporstieg wenn Mongo erschrocken den
erschöpften Freund hereinholte in das durchwärmte Haus und ihm vorstellte dass
sein Beginnen töricht sei dass erst viel viel tiefer unter der Oberfläche der
Erde Gold gefunden werde dann schüttelte er trübe den Kopf »Lass mich Alter
ich kann nicht ertragen dass du davon sprichst«
Der Neger überredete ihn jeden Sonntag wenigstens die Büchse über die
Schulter zu nehmen und mit hinauszugehen in den Wald da gerade jetzt bei der
Kälte das Wild viel leichter anzutreffen war als im Sommer Manches Reh mancher
Hirsch wurde geschossen und an den einzigen Wirt von Lenchi verkauft manches
Moufflon musste sein wolliges Fell für wärmere Winterkleidung hergeben mancher
Koyote verendete unter Mongos Kugel aber dennoch gelang es dem gutmütigen
Schwarzen nicht Roberts trübe Stimmung zu verscheuchen
Er hatte seine Mutter dringend um Aufklärung gebeten hatte sie angefleht
ihm im nächsten Brief mit klaren Worten zu sagen weshalb der Vater so
unversöhnlich sei »Die erbärmlichen fünfzig Taler können doch unmöglich der
Grund sein« schloss er »Vater kann doch nicht aus der kleinen Summe ein
Ereignis machen das ihn und mich für immer trennt Ich habe ihm der durch
diesen Verlust in keiner Weise wirklich betroffen wurde das Geld genommen um
erst einmal nach Hamburg zu kommen und um es von der nächsten Heuer
zurückzuzahlen Anstatt zu verdienen konnte ich aber während zweier Reisen kaum
das nackte Leben retten woher sollten also Überschüsse kommen
Vater braucht mir nicht erst zu sagen dass es niemandes Recht sei einem
anderen ohne Erlaubnis Geld zu nehmen er sollte aber wissen dass es die Pflicht
eines Vaters ist seinem Sohn zu helfen und ihn zu halten wenn er nach seiner
Meinung gestrauchelt sei Doch kann er unbesorgt sein Ich komme nach Pinneberg
nicht eher zurück bis ich ihm seine fünfzig Taler auf den Pfennig zurückzahlen
kann nicht eher und wenn wir uns nicht mehr wiedersehen«
Als er den trotzigen erbitterten Brief abgesandt hatte bereute er sehr
bald seine harten Worte Es tat ihm leid die alte Mutter so gekränkt zu haben
und heimlich fürchtete er obwohl er es sich nicht eingestehen wollte dass
vielleicht der Vater inzwischen gestorben sei ohne dass er sich mit ihm
ausgesöhnt habe
So kam es zwar nicht aber was nach langen eintönigen Monaten die Mutter
antwortete das beruhigte ihn doch keineswegs Er möge das alles nur ruhen
lassen schrieb die alte Frau und kam wieder auf das unerwartet geerbte Geld
zurück »Sei nur erst einmal hier mein Junge dann schaffen wir schon Rat
obwohl du ja Robert das muss ich dir sagen nicht so offen die Wahrheit
verleugnen solltest Aber lass das nur lass das wir haben genug zu essen auch
für dich mit und wir wollen das Gewesene vergessen wenn du den Vater nur um
Verzeihung bittest Die Hauptsache ist komm«
Aber Robert schüttelte den Kopf »Nie« dachte er »nie«
Und so verging der Winter so kam der Frühling ohne den drei unermüdlichen
Goldwäschern besseren Erfolg zu bringen Sie waren schuldenfrei hatten
wetterfeste Kleidung und tüchtiges Gerät aber kein Kapital Gottlieb wusste
jetzt dass seine alten Eltern ins Armenhaus gezogen waren diese Nachricht hatte
ihn schwer getroffen er wurde krank und die Freunde mussten ihn pflegen
anstatt zu arbeiten dann verging längere Zeit während der er zwar
wiederhergestellt aber doch noch für jede Anstrengung zu schwach war Robert
und Mongo konnten in diesen Wochen nur einen sehr geringen Verdienst erzielen
und es schien als vereinige sich alles um dem Glück in den Weg zu treten um
ihren Anstrengungen täglich ein neues ungeahntes Hindernis entgegenzusetzen
Während die Natur ringsumher zu neuem Leben erwachte gingen die drei Freunde
mit blassen Gesichtern herum und in NeuPinneberg hatte sich die Sorge als
steter Gast eingebürgert
Es war an einem Aprilsonntag als Robert und Mongo im Walde umherstreiften
ohne einen Hirsch aufspüren zu können Der Ertrag der Jagd war doch immer ein
sehr willkommener Zuschuss für die Hausstandskasse daher unterliessen es die
beiden Freunde nie am Sonntag hinauszuziehen und nach Beute Ausschau zu halten
Meistens schossen sie mehr als sich ohne Hilfe fortbringen ließ heute aber
kehrte ihnen das Glück den Rücken sie hatten noch kein Tier gesehen und waren
doch schon einen tüchtigen Marsch weit von Lenchi entfernt
»Lass uns Vögel schießen« schlug Mongo vor »Besser etwas als gar nichts«
Robert schüttelte den Kopf »Wir gehen nach Hause« sagte er unmutig »Man
legt sich ins Bett und schläft das ist die einzige Freude die einem das
Leben noch bietet«
»Zu schlafen Aber Bob ist es schon so weit gekommen«
Robert antwortete nicht und die beiden schritten eine Zeitlang schweigend
nebeneinander her bis endlich der Neger in der Absicht seinen jungen Gefährten
etwas aufzuheitern die Hand ausstreckte und auf mehrere Insekten deutete die
sich in den Blüten am Wege schaukelten »Das sind Bienen« sagte er »wollen wir
den Baum aufsuchen in dem sich das Nest befindet«
Roberts Interesse erwachte plötzlich »Ein Bienennest« wiederholte er »das
möchte ich wirklich gern sehen«
»Wir brauchen nur der Flugspur folgen Bob Vielleicht sind ja auch ein paar
Scheiben Honig zu erobern obgleich jetzt im Frühling nicht viel vorhanden sein
kann«
Die beiden gingen weiter in den Wald hinein und immer zahlreicher wurden
auf den Blumen am Wege die einzelnen Bienen Je tiefer jedoch die beiden Jäger
in das Dickicht vordrangen desto unruhiger zeigten sich seltsamerweise die
kleinen fleißigen Tierchen Sie ließ die schönsten Blütensträucher unbeachtet
und schwärmten zu Hunderten summend und aufgeregt in der Luft herum
Mongo stand kopfschüttelnd still Vorsichtig lud er sein Gewehr ergänzte
die Läufe des Revolvers und lockerte auch noch das große Jagdmesser in der
Scheide
Robert lächelte »Nun Alter« sagte er »willst du Bienen schießen und das
Wild gleich an Ort und Stelle ausweiden«
Mongo nickte »Du junger Spitzbube« sagte er »tu nur dasselbe Es kann in
keinem Fall schaden«
Robert blieb stehen »Alter« rief er »was hast du denn«
Mongo legte den Finger auf die Lippen »Pst Bob Hier in der Nähe muss
entweder ein Mensch oder ein größeres Tier sein« sagte er »Die Bienen sind
offenbar erschreckt ihr Eigentum ist bedroht und ihre Sicherheit gefährdet«
Jetzt folgte Robert dem Beispiel seines erfahrenen Kameraden und nahm sein
Gewehr in Anschlag »Vielleicht ein Bär Mongo« fragte er halblaut
»Das vermute ich Bob Lass uns der Spur nachschleichen aber sprich nicht«
Die beiden glitten so geräuschlos wie möglich durch das dichte Unterholz
vorwärts bis eine kleine Waldlichtung plötzlich größere Vorsicht erforderte
Das Schwirren der Bienen schien hier seinen Mittelpunkt gefunden zu haben
Stellenweise hatten sich Tausende zu einem Schwarm geballt
Mongo hob warnend die Hand »Vorsichtig Bob hier herum muss es sein«
Robert war wie umgewandelt Aller Mut alle Lebenslust waren plötzlich
zurückgekehrt Das Jagdfieber hatte ihn ergriffen
»Wir wollen hier einen Augenblick warten« flüsterte Mongo »Auf die
Lichtung hinauszutreten wäre unvorsichtig bis wir nicht genau wissen woran wir
sind Aber dort ist eine kleine Lücke wie mir scheint ich gehe voran«
Er glitt durch das weiche jeden Schall dämpfende Gras und spähte durch die
Zweige während Robert leise nachschlich Ganz geräuschlos drangen sie vorwärts
und erreichten sehr bald den Beobachtungspunkt Mongo winkte mit der Rechten
»Schau her« flüsterte er lächelnd
Robert lugte durch die Zweige und hätte beinahe einen Schrei der
Überraschung ausgestoßen
Jenseits der Lichtung am Saum des Unterholzes stand ein uralter
vielleicht tausendjähriger Baum dessen unterer Stamm halb verfault war und eine
breite Höhle zeigte Gelbe schwammige Auswüchse bedeckten den Zugang des
Bienennestes das sich jedenfalls im Inneren der alten Eiche befand Tausende
von summenden Insekten verdunkelten die Luft und vor dem Baum stand der
Störenfried dessen Erscheinen die fleißigen kleinen Tierchen aufgescheucht
hatte
Ein mittelgrosser Bär mit glänzend braunem Fell lehnte auf seinen
Vorderpfoten gegen den Baumstamm und suchte mit seiner spitzen Schnauze in der
unzugänglichen Höhlung nach der ersehnten Beute
Jetzt steckte er den ganzen Kopf in das Loch hinein so dass er im Augenblick
weder hören noch sehen konnte was um ihn herum vorging
Mongo schob mit schneller Handbewegung seinen jungen Freund vor die Lücke
an der er selbst stand Die eigene Waffe schussbereit haltend keinen Blick von
dem Raubtier lassend flüsterte er gutmütig »Schiess Bob schiess aber ziele
nach dem Hals hörst du«
Robert legte an Sein Auge glühte sein Herz schlug schneller die Jagdlust
beherrschte ihn
Noch eine halbe Minute dann krachte der Schuss
Und nun geschah etwas Unbegreifliches Anstatt den Kopf des Bären zu
treffen schlug Roberts Geschoss auf halbem Wege mitten in der Luft gegen einen
harten Körper es gab einen plötzlichen scharfen Laut und völlig plattgedrückt
schlug die Kugel dicht neben dem jungen Mann in das Gebüsch zurück Der Schuss
selbst verhallte wie der Donner eines schweren Gewitters
Im gleichen Augenblick wandte der Bär den Kopf sah einen Augenblick zu den
beiden Jägern herüber und ließ dann seine Vorderpfoten vom Baum herabgleiten Er
ging gerade auf seine Feinde los
»Mongo« schrie Robert »was war das Um Gottes willen gib Feuer«
Die Mahnung war überflüssig Ohne sich um den Grund des seltsamen
Zwischenfalls weiter zu kümmern hatte der Neger sein Ziel ins Auge gefasst und
den Kopf des Bären aufs Korn genommen Der Schuss krachte und das tödlich
getroffene Raubtier wälzte sich im letzten Kampf am Boden
Jetzt erst sah Mongo nach allen Seiten »Junge« sagte er »es ist nur eine
Erklärung möglich Noch ein zweiter Jäger muss mit dir zugleich geschossen haben
und beide Kugeln trafen sich auf ihrem Weg zum Ziel«
Noch ehe Robert antworten konnte bestätigte sich die Richtigkeit dieser
Vermutung Über die Lichtung kam mit schnellen Schritten ein hochgewachsener
schlanker Mann von etwa fünfzig Jahren Das braune ganz bartlose Gesicht die
dunklen ernstblickenden Augen das kurzgeschnittene Haupthaar und die gerade
Haltung machten einen vertrauenerweckenden Eindruck während dagegen die
eigentümliche halb indianische Kleidung den Blick unwillkürlich fesselte
Auf dem Kopf trug dieser Mann eine Mütze aus Biberfell mit mehreren
Adlerfedern geschmückt Seine eng anliegende Kleidung bestand aus Leder
unterhalb der Knie trug er Gamaschen aus gleichem Stoff Sie waren ohne Zweifel
eine indianische Arbeit und zeigten reiche Verzierungen aus Federn kleinen
Muscheln den Borsten des Stachelschweines und einer Art geschnitzter Knöpfchen
aus rotem Seifenstein Tierköpfe Sternenbilder und Schlangen alles war über
und nebeneinander in künstlicher Stickerei dargestellt ebenso hatte der breite
Ledergürtel mit daranhängender Scheide eine geschmackvolle Verzierung aus
Muscheln und kleinen flachen Steinen An der linken Hüfte des Jägers hing eine
Jagdtasche aus Otterfell mit darübergeknüpftem Bezug aus Bindgarn
»Da haben wirs« rief Mongo »Ein Trapper«
Robert sah mit fragenden Augen der fremden Erscheinung entgegen »Haben Sie
vorhin geschossen Sir« rief er
Der Pelzjäger neigte leicht zum Gruß das Haupt »Gottes Frieden mit euch«
sagte eine wohlklingende tiefe Stimme »Der Bär ist eure Beute«
»Aber Sie haben doch auch geschossen« wiederholte Robert
Der Trapper sah ihn lächelnd an »Mein junger Freund hat eine bewegliche
Zunge« sagte er »War es seine Kugel die im Fluge die meinige traf«
Robert errötete leicht »Mongo« rief er »du hattest also doch recht«
»Es war nicht anders möglich Kind«
Der Trapper sah von einem zum andern »Wessen Kugel traf gegen die meine«
fragte er wieder
»Ich schoss auf den Bären« erwiderte Robert »wahrscheinlich mit Ihnen
zugleich Sir Dass sich die Kugeln begegneten ist ein merkwürdiger Zufall«
Der Pelztierjäger neigte den Kopf »Es gibt keinen Zufall mein junger
Freund« sagte er in seiner halbindianischen Sprachweise »Der Flug des Vogels
wird geleitet von unsichtbarer Hand der Zug der Wolken ist ein Verkünder des
Menschenschicksals In dem Zusammentreffen der beiden Kugeln sprach der große
Geist zu mir und zu dir«
Robert fand die Erscheinung des seltsamen Mannes von Augenblick zu
Augenblick anziehender Obgleich seiner Gesichtsbildung nach ein Weisser war er
doch so braun wie die Indianer des hier heimischen Komanchenstammes Robert
musste an Unkas den letzten Mohikaner denken an Lederstrumpf und viele andere
Namen die er aus Büchern kannte als er den hochgewachsenen Mann vor sich
stehen sah
»Wie meint Ihr das« fragte er »Sollte der kleine Vorfall seine tiefere
Bedeutung haben können«
Der Pelzjäger streckte die Hand aus »Wer kann in die Zukunft sehen«
erwiderte er ernst »Der große Geist redet und seine Kinder horchen Vielleicht
kommt die Stunde in der du meiner bedarfst oder ich deiner je nachdem
Der Jaguar wird kommen sobald du ihn rufst er wird an jedem Abend auf dein
Zeichen achten und an jedem Morgen die Wolken nach ihrer Sendung fragen«
Roberts Spannung wuchs mehr und mehr »Aber Ihr wisst nicht wer ich bin
nicht wo ich wohne« sagte er
Der Trapper deutete mit der Rechten in die Gegend des Minenlagers »Du
wohnst in dem Talgrunde den die Weißen Lenchi nennen« antwortete er »und du
suchst in den Eingeweiden der Erde die gelben Körner für die ihr eure Seelen
verkauft Der Jaguar kennt deinen Namen nicht aber er wird dich finden wenn
ihm der große Geist befiehlt deinen Wigwam zu suchen«
Robert nannte seinen Namen und fragte dann ob die Bezeichnung »Jaguar« nur
Scherz sei oder ob der Trapper wirklich so heiße »Seid Ihr denn nicht ein
Weisser wie ich« fügte er hinzu
Eine Pause folgte dieser Frage Man sah dass der Pelzjäger nur ungern
antwortete »Der große Geist liebt seine weißen und roten Kinder mit gleicher
Stärke und gleicher Treue« erwiderte er dann »Der Jaguar ist der Bruder der
Komanchen«
Robert erkannte dass er nicht weiter fragen dürfe Mochte sich hinter dem
seltsamen Namen des Fremdlings vielleicht ein anderer verbergen den er einst
als Kind in christlicher Taufe erhalten hatte heute war der sonnenbraune Mann
ein Gefährte und Freund der Indianer heute sprach er vom großen Geist anstatt
von Gott aber er fürchtete und verehrte die Gesetze dieses ewigen Vaters und
dadurch wurde der Unterschied ausgeglichen
»Meine Brüder wollen vor Nacht zurück in die Stadt der Weißen« fuhr er
fort »Es sind fünf Stunden bis dahin und der Bär ist eine schwere Last«
Robert dachte jetzt wieder an das erlegte Tier das unter Mongos Händen
inzwischen sein schönes wolliges Fell hergegeben hatte Der Neger schnitt die
Keulen heraus während das übrige als ungeniessbar den Koyotes überlassen wurde
Er trocknete gerade an einigen breiten Blättern das Messer als ihn Robert
anredete »Soll ich dir helfen Alter«
Mongo lächelte gutmütig »Jetzt nicht mehr mein Guter« sagte er mit
freundlichem Spott »Aber schleppen musst du dass dir der Buckel kracht«
Robert lachte »Ein hübscher Trost für den weiten Marsch« antwortete er
Der Jaguar legte die Fingerspitzen auf seine Schultern »Kennt mein weißer
Bruder den Weg über den BrownCreek« fragte er
Mongo und Robert verneinten »Dann würden wir dem Minenlager um ein großes
Stück näher sein« erwiderte der Neger »Aber von Lenchi aus ist kein Übergang
zu entdecken«
Der Pelzjäger deutete mit der Rechten nach Norden »Ich kenne die Stelle wo
der BrownCreek so schmal ist dass er durchwatet werden kann« sagte er »Wenn
mir meine Brüder folgen wollen so werde ich vorangehen«
»Das nehmen wir gern an« rief der Neger erfreut »Einige Stunden weniger
ist für alte Knochen ein äußerst angenehmes Geschenk«
Auch Robert erklärte sich einverstanden und nachdem der Trapper schweigend
einen Teil des fortzuschaffenden Fleisches auf seine Schultern geladen hatte
machten sich die drei Männer in der Abenddämmerung auf den Weg Es war für die
beiden Freunde ein eigentümliches Gefühl sich so in der pfadlosen Wildnis dem
völlig unbekannten Führer gewissermaßen mit gebundenen Händen wehrlos zu
überliefern Wenn er sie vielleicht in einen Hinterhalt locken oder den
Komanchen als Gefangene zuführen wollte
Aber nein dieser Mann konnte keinen Verrat begehen Robert verwarf den
Gedanken ebenso schnell wie er gekommen war Allerdings bewachte er fast
unausgesetzt jede Bewegung des Pelzjägers ohne jedoch wirklichen Argwohn zu
spüren da Mongo der gründliche Menschenkenner so vollkommen ruhig schien
Allmählich begann er wieder auf die Umgebung zu achten Die wundervolle Ruhe
der Frühlingsnacht das leise Spiel der windbewegten Zweige auf den von hellem
Mondlicht überfluteten Lichtungen der schwere Flügelschlag vorüberhuschender
Nachtvögel das eilige Rascheln aufgescheuchter kleiner Tiere im Laub alles das
nahm ihn mehr und mehr gefangen
Auf freien Flächen wo sich die Schatten in scharf begrenzten Umrissen
abzeichneten schien der Pelzjäger mit seiner spitzen reichverbrämten
Kopfbedeckung mit der hohen Gestalt und dem eng anliegenden Anzug ein
vorweltlicher Riese zu sein wie ihn uns die Märchendichter malen Er ging mit
leichten Schritten schweigsam und aufrecht durch die Wildnis voran bis endlich
nach mehrstündigem Marsch das Ufer des BrownCreek erreicht war Nach kurzer
Wanderung am Fluss entlang traf man auf ein dichtes Gebüsch das sich fast bis
auf den Wasserspiegel herabneigte Zugleich schienen Felsen den Wasserlauf zu
hemmen eine graue steile Wand schob sich neben dem Gebüsch in den Fluss hinein
und das Plätschern der Wellen war verschwunden
Der Trapper stand still und suchte mit den Augen eine bestimmte Stelle der
Felswand »Hier ist es« sagte er »Meine Brüder mögen mir folgen«
Es war eine enge gewundene Felsspalte die sich bald darauf zu einem
Gewölbe öffnete durch die der Pelzjäger seine neuen Freunde führte Nach
wenigen Schritten in tiefer grabesähnlicher Finsternis schien plötzlich von
oben herab der Mond wieder auf den Weg Von rechts her fiel das Wasser langsam
sickernd durch einen engen Kanal in seinen für eine kurze Strecke unterbrochenen
Lauf zurück während sich auf der linken Seite ein ähnlicher Abfluss öffnete Das
Wasser war innerhalb dieser natürlichen Höhlung kaum anderthalb Meter tief so
dass es leicht und ohne alle Gefahr durchwatet werden konnte
Auf der entgegengesetzten Seite musste ein ziemlich steiler Abhang erklettert
werden und dann war die bekannte Umgebung von Lenchi erreicht Noch eine Stunde
Marsch stand den beiden Goldsuchern bevor bis sie sich in NeuPinneberg
ausruhen konnten
Der Trapper ließ die Bärenkeule die er bis jetzt getragen hatte auf das
Moos herabgleiten »Meine Brüder können von hier aus ohne Führer ihren Wigwam
erreichen« sagte er freundlich »Der Jaguar wünscht ihnen eine gesegnete
Nachtruhe«
Mongo drückte dankbar seine Hand »Möchten wir bald in der Lage sein Euch
Euren Freundschaftsdienst vergelten zu können Jaguar« erwiderte er »und
möchten wir Euch einmal bei uns als Gast willkommen heißen Nehmt unseren
herzlichsten Dank«
Der Pelzjäger behielt seine stolze wenn auch liebenswürdige Haltung Er
richtete auch an Robert den gleichen Abschiedswunsch »Du und ich wir sehen uns
heute nicht zum letztenmal« sagte er »Unser Lebensfaden läuft eine Zeitlang
vereint«
Robert hielt die braune Hand des Trappers »Wann kommst du uns besuchen«
fragte er
Der Jaguar deutete mit erhobenem Arm zum Himmel »Sieh die Wolken« sagte
er »sie sind die Propheten und Sendboten des großen Geistes Von Lenchi nach
den Jagdgründen der Komanchen ziehend immer drei in einer Reihe siehst du
sie«
Robert hätte nicht lachen können Er nickte stumm
»Nun« fuhr der Pelzjäger fort »ehe drei Nächte vergehen wirst du meiner
bedürfen Der große Geist hat gesprochen«
Fast kalt überlief es den jungen Mann bei diesen Worten Die Art und Weise
des Fremdlings hatte etwas so Seltsames Pakkendes Es war unmöglich das was
der Jaguar mit solcher Bestimmtheit behauptete als Torheit zu verlachen
»Versteht es mein weißer Bruder das Geschrei der Elster nachzuahmen« fuhr
der Jäger fort Robert lächelte Schon als zehnjähriger Junge konnte er die
Stimmen vieler ihm bekannter Tiere nachahmen Statt einer Antwort klang
täuschend ähnlich das Krächzen und Kollern der Elster in die Nacht hinaus
Der Jaguar neigte das Haupt »An jedem Abend wenn die Sonne untergeht
findet mich bei dem Übergang des BrownCreek dein Ruf« fuhr er fort »Dreimal
in kurzen Pausen ahmst du die Elster nach und ich verspreche dir an deine
Seite zu treten«
Robert drückte seine Hand In mancher Beziehung verriet doch das Wesen des
Trappers noch den Weißen Er gab die Rechte was kein Indianer tut und berührte
zum Abschied die spitze Mütze
Robert fühlte sich seltsam berührt »Ist das was mir bevorsteht Gutes oder
Böses Jaguar« fragte er beklommen
Der Pelzjäger blickte wieder zum Himmel empor Er schien von dem
Indianerglauben an die weissagende Kraft der Wolken vollkommen durchdrungen
»Sieh die drei weißen Inseln im blauen unendlichen Meer« erwiderte er »ein
Stern leuchtet hindurch Er beschützt dein Haupt er bedeutet dir Segen Gute
Nacht«
Die braune Hand zog sich zurück der Pelzjäger stand mit kurzem Sprung auf
dem natürlichen Wall und war im nächsten Augenblick verschwunden
Der Nachtwind fuhr über die Stelle an der er gestanden hatte im Osten
dämmerte schon ein heller Streif und bis nach Lenchi war es noch weit
Schweigend beide unter dem Eindruck des eben Erlebten gingen die beiden
Freunde über die wohlbekannten Wege ins Tal hinab Es wurde nichts mehr
gesprochen nur vor der Tür von NeuPinneberg legte Robert die Hand auf Mongos
Schulter
»Lass die Sache vorderhand unter uns bleiben Alter« flüsterte er »Gottlieb
denkt sonst womöglich dass der Jaguar in nächster Nacht mit einer Indianerhorde
geritten kommt um unsere Skalpe zu rauben«
Mongo lachte »Du junger Spitzbube« antwortete er nur aber Robert wusste
dass er unbedingt auf seine Verschwiegenheit zählen konnte
Als die beiden das Innere der Hütte betraten sahen sie den geängstigten
Gottlieb wie er in einer Ecke kauerte und sein Gewehr krampfhaft in beiden
Händen hielt »Mein Gott wo seid ihr gewesen« rief er »Ich hatte schon Angst
euch hätten wilde Tiere gefressen«
Robert ließ das Fell und die Keule auf den Fußboden gleiten »Beinahe
hättest du recht gehabt« lachte er »Wir bringen aber den Bären mit anstatt
ihm zum Frass zu dienen«
Gottlieb sprang auf wie von einer Feder geschnellt »Du hast einen Bären
«
Mehr konnte er nicht hervorbringen Die Büchse schwankte in seiner Hand wie
ein geknickter Halm
Robert breitete im Mondschein das Fell aus »Beruhige dich« sagte er
»Dieser Meister Petz ist nur noch ein Stück Vergangenheit«
Lachend warf er sich auf sein Lager und schlief bald darauf ein
Am folgenden Morgen ging Gottlieb zum erstenmal wieder mit hinaus an die
Arbeit Obwohl er nur wenig helfen konnte wurde doch im ganzen mehr geschafft
als während der letzten Wochen während der er vollständig gefehlt hatte Der
Ertrag war überhaupt ein sehr guter das Wolltuch blitzte von Gold und die
Stimmung nahm dementsprechend einen erneuten festlichen Aufschwung Man
arbeitete tapfer um womöglich das Versäumte wieder einzuholen
Die Jagdbeute wurde mit lebhaftem Beifall begrüßt und mit blanken Dollars
bezahlt alles schien nach Wunsch zu gehen und Robert dachte bei sich dass doch
die Prophezeiung des Trappers nur ein Schattenbild ein Hirngespinst gewesen
sein könne »Wie sollte ich zwischen heute und morgen in die Lage kommen die
Hilfe dieses fremden Mannes in Anspruch nehmen zu müssen« fragte er sich »Es
ist fast undenkbar«
Dennoch aber kamen ihm die Worte des Jaguars nicht mehr aus dem Sinn
Am dritten Morgen herrschte fast tropische Hitze Das seltsam unbeständige
Klima Kaliforniens schwankt unvermittelt zwischen glühender Hitze und
empfindlicher Kälte und gerade an diesem Tage schien die Luft vollständig
stillzustehen Kein Hauch bewegte die Blätter auf den Bäumen und kein Vogel
sang Die drei Freunde arbeiteten trotz der glühenden Hitze eifrig weiter da
die Ausbeute gut zu werden versprach Bei jedem neuen Axtschlag erschienen mehr
glitzernde Punkte in dem losgebröckelten Erdreich immer näher rückte endlich
der ersehnte Erfolg
Am Abend war der erzielte Gewinn größer als jemals zuvor
Robert und Gottlieb atmeten auf Endlich schien sich das Glück ihnen
zuzuwenden Endlich fanden die langen erfolglosen Mühen den schwerverdienten
Lohn
»Noch zwei Monate so wie heute« dachte Robert »und ich habe das Geld das
mir fehlt um es meinem Vater zurückzuzahlen ich kann in San Franzisko eine
Heuer suchen und in einigen Wochen in Pinneberg sein O Gott wenn es gelänge«
Er saß auf einer Kiste und träumte vom Wiedersehen in der Heimat er sah
sich in Pinneberg bei seinen Eltern und war glücklich endlich wieder zu Hause
zu sein
Robert hörte nicht dass sich draußen der Wind erhob und Wolken von Staub
gegen die einzige Scheibe der Hütte warf dass leise grollend der Donner
heraufzog und fahler Schein den westlichen Horizont erleuchtete Kein
Regentropfen kühlte die unerträgliche Hitze nur immer stärker rollte es und
knatterte und zischte bis endlich ein furchtbarer Schlag die Luft zerriss
Robert fuhr auf Den gelben Blitz hatte er gesehen ohne dass er sich dessen
wirklich bewusst wurde Jetzt aber zerriss der Traum der furchtbare
Wetterschlag hatte ihn zerstört
Robert wollte vor die Hütte treten und sich nach seinen beiden Gefährten
umsehen aber ein solcher Wirbel von Staub quoll ihm entgegen dass er den Plan
fallen lassen musste Mongo und Gottlieb würden sicherlich bei diesem Wetter im
Wirtshaus Zuflucht gesucht und gefunden haben
Er setzte sich wieder an seinen früheren Platz aber der Faden seines
schönen Traumes war doch zerrissen Im Gegenteil er fürchtete jetzt nur der
Grund der Waschrinnen könnte morgen so durchweicht sein dass sich nicht arbeiten
ließ
Robert lächelte »Ich gerate in Gottliebs Fahrwasser« dachte er
Und während sein Blick die vorüberwirbelnden völlig undurchsichtigen
Staublawinen mit einiger Sorge beobachtete erscholl plötzlich auf der Straße
ein Ruf der ihm das Blut in den Adern erstarren ließ
Er sprang auf er horchte voll Angst vielleicht vielleicht hatte ihn ja
sein Ohr getäuscht vielleicht war das Schreckliche nur ein Irrtum
Aber schon nach wenigen Augenblicken musste er erkennen dass er durchaus
richtig gehört hatte Noch einmal noch zehnmal hundertfach wiederholte sich
der Schreckensruf in dem tosenden Unwetter
»Feuer Feuer «
Die Stadt aus Holz und geteertem Segeltuch brannte Der Wirbelwind trug die
Funken wie einen glühenden Regen über die Dächer weiter
Es gab nur einen einzigen Wasserlauf in der Nähe man hatte keine
Feuerspritze keine Leitern keine Noteimer man rannte in plötzlicher Angst
kopflos hin und her während der Himmel schwarz und bleigrau in tiefen Wolken
herabhing ohne dass auch nur ein einziger Regentropfen fiel während die
gefrässigen Flammen mit tausend roten Zungen an den ausgedörrten Holzwänden
emporleckten und in rasender Schnelle wachsend bald zum Glutmeer wurden in
dessen Nähe sich nichts Lebendes mehr wagen durfte
Robert stürzte jetzt hinaus auf die Straße Alles wirbelte ihm entgegen
Schreiende Frauen und Kinder Männer die ratlos dies und das vorschlugen ohne
aufeinander zu hören ohne vielleicht selbst zu wissen was sie sprachen
Dass es tatsächlich keine Rettung gab sah im Grunde jeder
Und immer heißer wurde die Luft Brennende Holzstücke und Stoffetzen
schleuderte der Sturm auf entfernte Dächer an zehn Stellen loderte es empor
blutrote Gluten färbten den Himmel
Mongo und Gottlieb stürzten durch den dichten Rauch herbei wie ein
Verzweifelter warf sich der junge Pinneberger auf die Kiste die sein ganzes Hab
und Gut enthielt »Meine Eltern« schluchzte er »o meine unglücklichen Eltern
Ich werde sie nie wieder aus dem Armenhause erlösen können«
Und halb sinnlos vor Schmerz schlug er mit der Stirn gegen die harte Kiste
Sein Weinen klang herzzerreissend
»Mongo« fragte Robert verstört »ob wohl das Feuer bis hierher kommt«
Der Neger fuhr sich seufzend durch das weiße Haar »Es ist ein Unglück
Bob« erwiderte er »aber wir müssen es eben wie Männer ertragen In zehn
Minuten brennt unser Haus in zehn Minuten sind wir Bettler denn auch die
Waschrinne wird dermaßen verschüttet werden dass wochenlange Arbeit notwendig
ist um sie wieder gebrauchsfähig zu machen«
»Um Gottes willen Und das in einem Augenblick als ich glaubte und
hoffte dass nun eine neue und bessere Zeit anbrechen werde«
Der Alte streichelte Roberts blasses Gesicht »Du weißt ja nicht wozu
dieser neue schwere Schlag gut ist mein Junge« tröstete er »Auch dies Unglück
ist von Gott gesandt obwohl es so aussieht als hätte sich das Glück gegen uns
verschworen Komm Bob warst ja in schlimmeren Stunden ein ganzer Mann sei es
also auch heute Hilf mir unsere Decken und unser Arbeitsgerät zu bergen«
Robert fuhr auf »Du hast recht Alter« sagte er »Wir wollen nie
verzweifeln Lass uns tun was irgend möglich ist«
Der Neger sah zu der brennenden Siedlung hinüber Nur noch fünf Häuser
standen zwischen NeuPinneberg und dem zischenden knisternden Flammenmeer
»Schnell« rief er »Da fliegen schon die ganzen brennenden Wollhemden und
Jacken aus Samuel Ekiwas Laden auf unser Dach Arme Hütte du hattest trotz des
schönen Richtspruchs kein Glück«
Er ging rasch hinein und Robert folgte ihm Gottlieb lag noch regungslos
mit dem Gesicht auf der Holzkiste
»Komm Freund« drängte Mongo ihn an der Schulter rüttelnd »Komm es ist
höchste Zeit oder du läufst Gefahr zu ersticken«
Gottlieb antwortete nicht erst als auch Robert ihm zuzureden versuchte
schüttelte er stöhnend den Kopf »Lasst mich lasst mich ich will nicht
gerettet werden Was nützt mir das Leben wenn ich ein Bettler bin«
Aber Mongo verstand die Sache anders Als der verzweifelte junge Mensch in
seine vorige Lage zurücksinken wollte ergriff er ihn und stellte ihn mehr
kräftig als sanft auf die Füße »Bitte deinen Herrgott um Verzeihung Bursche«
sagte er streng »und da diese Decken trage hinaus Beeile dich das Feuer ist
dir hart auf den Fersen«
Er selbst und Robert ergriffen inzwischen die wenigen
Einrichtungsgegenstände die in NeuPinneberg überhaupt vorhanden waren
Gottlieb wurde ohne weiteres gezwungen mit anzupacken und als bald darauf die
Flammen das kleine Gebäude erfassten da war es wenigstens leer Das Hab und Gut
der unglücklichen Goldwäscher lag in einiger Entfernung von der Brandstätte auf
einem Haufen während die Menschen stumm zusahn wie ihre Häuser krachend
einstürzten und in einer jähen plötzlich aufwirbelnden Lohe in sich
zusammensanken
Nach zwei Stunden hatte das verheerende Feuer die ganze Stadt zerstört
Dumpfe Verzweiflung lastete auf den Menschen unheimliche Stille lag über der
ganzen Stätte der Vernichtung
Gegen Morgen fiel der Regen in Strömen herab Was in Lenchi atmete wurde
bis auf die Haut durchnässt kein Feuer konnte entzündet werden die Lebensmittel
waren verbrannt und das schlimmste die Waschrinnen wie Mongo vorausgesagt
hatte vollständig verschüttet Das Stampfen und Flüchten der Tiere die eiligen
Fußtritte der Menschen hatten hier und da die Erde in den künstlichen Kanal
zurückgeworfen Trümmer aller Art waren hineingefallen Asche und Stroh bildeten
große Haufen So musste sich das Wasser das die Goldwäscher künstlich abgeleitet
hatten jetzt nachdem ihm der Weg versperrt war eine andere Bahn suchen
Allmählich überflutete es alle Straßen der verbrannten Stadt wohin die Menschen
traten da versanken ihre Füße im Schlamm und als endlich hinter den dichten
Regenwolken die Sonne erschien beleuchtete sie ein Bild furchtbarer Verwüstung
Die drei Freunde saßen nebeneinander auf einem Baumstamm den Mongo kürzlich
von Ästen und Zweigen befreit hatte um ihn als Heizungsmaterial zu verwenden
Der Regen fiel plätschernd auf ihre Köpfe herab die Füße standen im Wasser und
die Hände lagen untätig im Schoss
Heute war auch Robert mutlos »Man hat keine Wohnung nichts zu essen und
was das Schlimmste ist keine Arbeit«
»Um so mehr muss man sich bemühen den Kopf oben zu behalten Bob«
Robert hob beide Hände empor An seinen vollständig durchnässten Kleidern
liefen die Tropfen überall herab »Aber was sollen wir anfangen« fragte er ganz
hoffnungslos »Es ist ja alles verloren«
Mongo sah ihm bedeutsam ins Auge »Und das sagst du Bob«
Robert errötete Zwar hatte er sich während der langen schrecklichen Nacht
mehr als einmal unwillkürlich der sonderbaren Andeutungen des Pelzjägers
erinnert aber immer noch konnte er die Sache nicht ernst nehmen »Und wenn ich
hinginge« dachte er »wenn ich die Hilfe des Jaguars in Anspruch nähme was
könnte es mir nützen«
»Lass uns erst einmal sehen ob nicht an irgendeiner Stelle Kaffee gekocht
wird« schlug der Neger vor »Einige von den Goldwäschern hatten ja
Petroleumöfen«
Gottlieb drückte mit kläglicher Miene das Wasser aus seiner Mütze »Es gibt
hier ja kein Dach mehr« ächzte er
Das klang doch so komisch dass die beiden andern trotz der Schwere des
Augenblicks laut lachen mussten »Komm Bob« rief Mongo »wo war es schlimmer
hier unter Menschen wo die Luft warm ist wo es Trinkwasser gibt oder am
Eismeer in der Felsenwüste ohne Baum und Strauch ohne eine Quelle ohne Wild
ganz allein und verlassen Sag mein Junge wo war es schlimmer«
Robert nickte »Dort Alter« antwortete er »sicherlich dort« Wenn wir
aber bei alledem nur erst einmal einen Zufluchtsort gefunden hätten und wenn
der entsetzliche Regen aufhören wollte Das Geschirr rostet die Gewehrmunition
wird unbrauchbar und Lebensmittel werden auch kaum noch zu bekommen sein
Gottlieb deutete mit einer leichten Neigung des Kopfes zur Seite »Dort
stolpert Samuel Ekiwa heran« sagte er »Was mag der wollen«
Wirklich kam der kleine Händler über die Schuttaufen und Wassertümpel
dahergehüpft wie eine Bachstelze Auch er troff von oben bis unten aber das
listige Gesicht zeigte keineswegs Trübsal oder Verzweiflung Schon von weitem
begrüßte er die drei
»Nichts gerettet« rief er sich umsehend »Alles verbrannt Mit
Erlaubnis«
Und dann setzte er sich auf das Ende des Baumstammes wollte in gewohnter
Weise die Stirn mit dem Taschentuch trocknen fand es aber noch bedeutend
durchnässter als sein Gesicht selbst und steckte das Tuch nachdem er es
ausgerungen hatte wieder ein »Was werden die Herren jetzt zunächst beginnen«
fragte er
»Schon ein Plänchen fertig«
»Haben Sie etwa einen Vorschlag Mr Ekiwa« erwiderte Robert
»Vielleicht« schmunzelte der kleine Mann »Vielleicht Zwei machen ein
Paar wie Sie wissen meine Herren«
»Gut versuchen wir also ob es uns gelingt eine Einigung zu finden«
Der Händler blinzelte vertraulich »Zunächst müssen Sie bauen« sagte er
»Aber es ist in Lenchi kein einziges Brett aufzutreiben es kann Ihnen niemand
helfen da jeder für sich selbst genug zu tun hat Was denken Sie also
anzufangen«
Robert zuckte die Achseln »Es ist bald Sommer wir können ja zunächst ein
Zelt aufschlagen« meinte er
»Well Sir well sehr richtig Dachte ganz das Gleiche Habe einen hübschen
Posten geteertes Segeltuch ebenso Schiessbedarf und Kleidungsstücke alles was
Sie wünschen was zur neuen Einrichtung erforderlich ist Wirklich Sir ich
greife ihnen nach Kräften unter die Arme meine es mit Ihnen und den beiden
anderen Herren wie ein Bruder können Sie glauben So viele Abnehmer für die
Ware Puh so viele wie Sand am Meer aber hierher komme ich zuerst
wahrhaftig Sie müssen schon in der nächsten Nacht wieder unter Dach und Fach
schlafen«
Er nickte bei jedem seiner Worte und die Regentropfen rannen an seiner
langen Nase regelmäßig wie exerzierende Soldaten nacheinander herab »Schlagen
Sie ein Sir« sagte er »Außer mir besitzt niemand hier in Lenchi das was
Ihnen fehlt«
»Aber wie haben Sie das alles vor dem Feuer schützen können Mr Ekiwa«
Der Händler schmunzelte »Eiserne Kisten Sir Sicherheitsschlösser teure
Ware teure Fracht Aber was tut man nicht um andern gefällig zu sein was muss
man nicht wagen um mit Ehren durch die Welt zu kommen«
Hier streckte Gottlieb die Hand aus »Mr Ekiwa« sagte er »welche Preise
machen Sie in diesem Augenblick für Zeltleinen und Gewehrmunition«
Der Händler zuckte die Achseln »Teurer als gewöhnlich wird es werden Sir«
»Das ist begreiflich Aber wieviel teurer Mr Ekiwa«
»Hm ich gebe Ihnen das notwendigste Zelttuch und Bindgarn für jeden einen
neuen Anzug ein paar Hemden und Strümpfe Schiessbedarf Seife kurz alles was
Sie im Augenblick brauchen ich sorge für die Herren wie ein Bruder bewillige
sechs Monate Frist und verlange für diese Hilfe nur einen Wechsel über tausend
Dollar von jedem von Ihnen unterschrieben«
Gottlieb sprang wie außer sich auf seine Füße »Das dachte ich mir« rief er
in höchster Entrüstung »das wusste ich im voraus Herr Sie sind ein «
Mongos Hand legte sich ermahnend auf seine Schulter »Still Gottlieb nicht
grob werden mein Junge Man sagt leicht ein Wort zuviel wie du weißt«
Der Händler nickte wie eine chinesische Pagode »Mag überhaupt mit diesem
Herrn nichts zu tun haben« rief er »Halte ihn für einen ganz unerfahrenen
Burschen der besser zu Hause geblieben wäre um sich hinter seiner Mutter zu
verstecken und sich von ihr mit Zwiebackbrei füttern zu lassen Mr Kroll was
sagen Sie zu meinem Plan«
Robert erhob sich etwas heftig von seinem Sitz »Dass ich genau so denke wie
mein Freund« erwiderte er »Ich unterschreibe keinen Wechsel der mir die Kehle
zuschnürt Zweihundert Dollar mehr darf das neue Zelt nicht kosten«
»Keinen Cent mehr« rief Gottlieb »Schon das ist ein Sündengeld«
Der Händler zeigte durch allerhand Gesten seine unverhohlene Nichtachtung
»So schlafen Sie unter freiem Himmel« rief er »gehen Sie zu Grunde wie und
wann Sie wollen Mich kümmerts nicht von mir bekommen Sie keinen Fetzen
Segeltuch«
Und ohne Gruß und Abschied davonstürzend ließ er die drei Freunde in noch
größerer Ratlosigkeit zurück
»Was nun« fragte Robert
Gottlieb war vollständig in Zorn geraten »Einerlei« rief er »Lieber
sterben als solche Bedingungen unterschreiben«
Mongo hob die Hand »Kinder« schaltete er ein »so schlimm wird es ja nicht
gleich werden Pulver und Blei sind geborgen Ich habe beides in eine
Blechkapsel geschüttet und vor dem Regen mit einem großen Brett geschützt Wir
können also zu jeder Zeit einen Braten schießen das ist schon etwas meine
ich«
Robert nickte »Wenn nur nicht unsere Waschrinne verschüttet wäre« seufzte
er
Mongo sah zu den grauen Wolken empor »Der Regen scheint noch nicht aufhören
zu wollen Bob« sagte er »Wir müssen uns erkundigen was die andern vorhaben
müssen uns hier nicht so absondern und uns die Sache immer schwerer vorstellen
Kommt nur Kinder kommt wir sprechen erst einmal mit unseren Bekannten«
Er ging voran und die beiden andern folgten ihm Der Anblick all dieser
zerstörten Wohnstätten dieser Trümmer und verkohlten Balken über die das
Wasser von oben und unten dahinrauschte war schrecklich Jammernde weinende
Frauen saßen an der Stelle auf der noch bis vor kurzem ihre Häuser gestanden
hatten Sie schienen sich von diesem Fleck Erde obwohl er sich von der
trostlosen Umgebung in nichts mehr unterschied doch immer noch nicht trennen zu
können sondern hielten krampfhaft ihre kleinen erschreckten Kinder in den
Armen und schluchzten nur um so heftiger je eindringlicher die Männer sie zu
trösten versuchten
Aber auch andere Bilder boten sich unseren Freunden Aus den verschiedenen
Wirtschaften und Vergnügungslokalen hatte man beim Ausbruch des Feuers natürlich
zuerst das Wertvollste die Branntwein fässer gerettet und jetzt wurde auf
offener Straße das Geschäft fortgesetzt Schon zu dieser frühen Stunde sah man
Betrunkene dahertaumeln sah man ganze Gruppen von Goldwäschern wie sie sich
auf den Trümmern ihrer Häuser gelagert hatten und rohe Gassenhauer absangen oder
sich je nach Laune die Köpfe blutig schlugen
Was noch nüchtern war das schien allen Mut verloren zu haben Einzelne
drückten Roberts Hand oder sprachen ein paar Worte des Bedauerns der eigenen
Ratlosigkeit andere erklärten dass sie den vorrätigen Goldstaub verkaufen und
so schnell wie möglich nach einer neuen Minenstadt aufbrechen wollten »Hier in
Lenchi musste man ohnehin schon auf alle Annehmlichkeiten des Lebens verzichten«
meinte der Zimmermann »es gab kein Theater keine Bücher keine Zeitungen ja
nicht einmal Strassenbeleuchtung und trotzdem war alles brandteuer Und wie wird
es jetzt erst werden wo Monate dazu gehören bis Bretter herbeigeschaft sind
um nur wenigstens wieder feste Wände um sich herum zu fühlen Ich bleibe nicht
Mr Kroll Wollen Sie mit mir gehen«
»Noch weiter in die Wildnis hinein«
»Etwa hundert Meilen ja«
Robert schüttelte den Kopf »Das muss ich mir wirklich erst überlegen«
antwortete er
Und dann wanderten die drei weiter um nach Lebensmitteln Ausschau zu
halten Der Lehmofen des einzigen Bäckers in der Stadt hatte natürlich von den
Flammen nicht erfasst werden können daher dampfte hier ein tüchtiger
Kaffeekessel und das warme Gebäck lud zum Essen ein Aber alle Preise waren
über Nacht auf das doppelte gestiegen die Tasse Kaffee kostete heute einen
halben Dollar und ein Brötchen nicht viel weniger Sich mit dem gesunden Appetit
der Jugend sattessen hieß sich arm machen
In einer Gruppe sprachen mehrere Männer von dem was jetzt zuerst angefangen
werden müsse Die nötigen Arbeiten zur Wiederherstellung der Waschrinne konnten
etwa acht Tage kosten aber während dieser verdienstlosen Zeit musste man leben
und würde dadurch in drückende Schulden geraten Was war zu machen es gab
keinen anderen Ausweg
dabei regnete es unaufhörlich und viele der arbeitsfähigen Männer waren
betrunken Durchnässt von Russ und Asche geschwärzt vom Alkohol gerötet mit
verworrenem Haar meistens ohne Kopfbedeckung sahen sie aus wie böse Geister
die der Unterwelt entstiegen waren und auf Trümmern und Brandstätten ihr Wesen
trieben
Robert versuchte sie zu ernüchtern zu einem gemeinsamen tatkräftigen
Vorgehen aufzurütteln aber ganz vergeblich Sie verstanden ihn entweder gar
nicht oder sie lachten ihm offen ins Gesicht
Entmutigt gab er die Sache auf Wenn nicht ein paar hundert Hände Zugriffen
um die Waschrinne die jetzt schon vollständig einem reißenden Gebirgsbach
glich wieder in ihren früheren Zustand zurückzuversetzen so blieb alle Arbeit
und Mühe des Einzelnen vollständig fruchtlos Die umhertaumelnden Betrunkenen
machten es den wenigen Besonnenen geradezu unmöglich irgend etwas zur
Verbesserung der gemeinsamen Lage zu unternehmen
Robert knirschte vor Zorn »Mongo« sagte er »jetzt erst durchschaue ich
den Spitzbubenplan des Händlers Er wollte uns zur Annahme seines Vorschlages
drängen bevor wir wussten wie schwer es sein würde die Waschrinne wieder
instandzusetzen Ich glaube es ist das beste wir schließen uns denen an die
von hier fortziehen«
Der Neger wiegte den Kopf »Willst du nicht erst einmal heute abend
hinausgehen zum BrownCreek« fragte er
Robert war noch nicht entschlossen ob er diesen Versuch machen sollte
»Mongo« fragte er »denkst du im Ernst daran«
Der Alte zuckte die Achseln »Das wäre zuviel gesagt Bob aber ich an
deiner Stelle würde den Versuch machen«
Robert nickte »Gut« erwiderte er »Du sollst deinen Willen haben Alter
Bei Einbruch der Dämmerung bin ich am Übergang des BrownCreek«
Gottlieb hatte das ganze Gespräch mit angehört ohne es zu verstehen Jetzt
wurde er neugierig »Wohin willst du gehen Robert« fragte er
Der lachte »Mongo« rief er »jetzt muss der Fuchs zum Loch heraus Erzähle
du die sonderbare Geschichte Alter«
Aber das war keineswegs eine leichte Aufgabe Was Robert vorausgesehen
hatte trat sofort ein Gottlieb bemühte sich mit allen Kräften die Sache zu
vereiteln »Die bekannte Kriegslist der Indianer« rief er »du bist verloren
wenn du hingehst Der Bösewicht skalpiert uns um unter seinen Genossen mit dem
Sieg über einen Weißen zu prahlen«
Mongo fuhr ihm etwas ärgerlich dazwischen »Du brauchst ja nicht
mitzugehen« brummte er
»Aber das will ich doch unter allen Umständen« rief lebhaft der sonst so
schüchterne junge Mensch »Robert ist hierher mitgegangen um mich zu
beschützen es versteht sich also von selbst dass ich mich jetzt an seine Seite
stelle Mich wird nichts zurückhalten meiner Überzeugung zu folgen«
Robert drückte die Hand seines ehemaligen Schulkameraden »Ich danke dir
Gottlieb« sagte er herzlich »Du kannst getrost mit hinausgehen an die
verabredete Stelle der Pelzjäger führt nichts Böses im Schilde dessen bin ich
vollkommen sicher«
Gottlieb schüttelte den Kopf »Ich durchaus nicht« seufzte er »Die
Komanchen wissen natürlich schon von dem Unglück das Lenchi betroffen hat sie
kommen in hellen Haufen herangezogen und wollen plündern morden und von allem
was gerettet wurde Besitz nehmen Der geheimnisvolle Pelzjäger ist ihr
Kundschafter weiter nichts«
»Und du bist bei all deiner Liebenswürdigkeit und Treue ein Angstase
Gottlieb das nimm mir nicht übel du siehst Gespenster am hellen Tage Was
würdest du sagen wenn der Jaguar auch dich mit größter Freundlichkeit
begrüßte«
»Er soll mich möglichst gar nicht sehen« gestand Gottlieb »Ich verstecke
mich solange du mit ihm verhandelst und bei der ersten verdächtigen Bewegung
schieße ich ihn nieder das ist alles«
»Alle Achtung wie tapfer Aber ich bitte dich um Himmels willen den
Feldzug nicht eher zu eröffnen bis du von mir dazu aufgefordert wirst«
Mongo lachte »Eben wollte ich dieselbe Bedingung stellen« fügte er hinzu
»Denn dass auch ich mitgehen werde hast du doch niemals bezweifelt Bob«
»Niemals« bestätigte Robert
Und so machten sie die drei nachdem sie noch für den Rest ihres Goldstaubes
ein schmales und schlechtes Mahl eingenommen hatten frühzeitig auf den Weg um
mit Beginn der Dämmerung am BrownCreek zu sein
Die Sonne war hinter den Regenwolken verschwunden die nassen Zweige
schlugen im Abendwind aneinander und ringsumher war alles still Nur eine
Antilopenherde jagte über die Ebene und ein paar aufgescheuchte Raben
flatterten aus den nächsten Büschen
Mongo legte die Hand auf Roberts Arm »Du wir wollen uns in nächster Nähe
ein Versteck suchen Gottlieb und ich« flüsterte er »Wozu den Jäger durch
Misstrauen beleidigen«
Robert nickte »Das finde ich auch Alter Ist es nicht seltsam gerade
heute nach drei Tagen muss ich den Trapper aufsuchen«
Der Neger sah sich um »Schau her« sagte er »in diesem dichten Gebüsch
wollen wir bleiben so dass uns der Jaguar nicht entdecken kann während wir
jedoch imstande sind alles zu überblicken Nur musst du dich nicht überreden
lassen auf die andere Seite des Flusses zu gehen Ohne Führer finden wir uns
niemals durch das Steingewirr«
Robert nickte »All right Mongo Ich bin allerdings überzeugt dass der
Jaguar ein Freund ist«
»Ich auch Bob Aber Vorsicht kann niemals schaden Und jetzt Gott
befohlen Mach dass du auf deinen Posten kommst«
Gottlieb drängte sich vor »Robert ich will bei dir bleiben« bat er »Ich
kann dich nicht so allein lassen«
Robert schob ihn mit sanfter Gewalt zurück »Ich rufe dich wenn ich in
Gefahr kommen sollte Gottlieb ich rechne fest auf deine Wachsamkeit« sagte
er »aber jetzt muss ich allein gehen Was sollte der Jaguar von mir denken wenn
ich es nicht gewagt hätte ohne Begleitung zu kommen«
Der andere seufzte »Du bist zu unvorsichtig« antwortete er zog sich dann
aber doch an Mongos Seite in das Gebüsch zurück
»Wenn es nun dunkel wird bevor der Wilde kommt« raunte er »und wenn wir
den armen Robert nicht mehr sehen können was dann«
»Und wenn nun der Jüngste Tag in diesem Augenblick hereinbricht Gottlieb
wenn ein Erdbeben kommen sollte was dann«
Der eingeschüchterte Gottlieb wagte kein weiteres Wort Mongo war nicht
besonders geduldig das wusste er schon aus Erfahrung Es gab sofort eine
tüchtige Lehre wenn er einmal allzuviel Angst zeigte
Im Gebüsch wurde also alles still nur der Wind rauschte in den Zweigen
Robert ging mit leichten Schritten bis an die Steinwand deren Umrisse im
Dämmerlicht klar erkennbar dalagen Er überflog forschend die ganze Umgebung
niemand war in der Nähe nichts verriet die Gegenwart eines menschlichen Wesens
Eine Minute später hörten die beiden Versteckten den Ruf der wilden Elster
laut hinaustönen in den dämmernden Abend Nach kurzen Pausen folgte der zweite
und der dritte Schrei
»Jetzt müssen wir genau achtgeben« flüsterte Gottlieb »Wenn sich mehrere
Indianer zeigen dann müssen wir «
Er unterbrach seinen Satz durch ein leises »Ach da ist er schon Mongo
sieh ein wahrer Riese aber doch nur einer«
Und wirklich war der Trapper schon im nächsten Augenblick erschienen Er
stand auf dem steinernen Vorsprung wie der Geist des Gebirges wie ein
überirdisches Wesen Die spitze Mütze warf ihren Schatten und die ganze hohe
Gestalt glich einer Marmorstatue
»Der Jaguar grüßt dich« sagte die tiefe klangreine Stimme »Er hat seinen
Freund an dieser Stelle und zu dieser Stunde erwartet«
Robert drückte herzlich die Hand des Jägers der inzwischen von der
Steinwand herabgesprungen war »Du weißt also schon welches Unglück mich und
ganz Lenchi betroffen hat Jaguar« fragte er
Der Jäger zeigte nach der Gegend des verbrannten Minenlagers hinüber »Der
Jaguar sah die roten Feuergarben welche den drei weißen Wolken nachzogen«
erwiderte er »Der Große Geist hat gesprochen und seine Söhne werden
gehorchen«
Roberts Hoffnung begann sich wieder zu beleben Der Jäger sprach mit so
überzeugender Sicherheit dass es wirklich schien als wisse er einen Ausweg aus
dieser Notlage Robert legte bittend die Hand auf seine Schulter »Jaguar«
sagte er »kannst du mir helfen und willst du es Ich würde dir ewig dankbar
sein«
Der Trapper lächelte unmerklich »Ist mein junger Freund in diesem
Augenblick mehr geneigt an die Macht des Großen Geistes zu glauben« fragte er
halblaut
Robert errötete etwas »Das tat ich wohl immer Jaguar« antwortete er
»Aber ich sehe wirklich keinen Weg wie du mir helfen könntest Bitte sag mir
was hast du vor«
Der Jäger schüttelte leicht den Kopf »Das ist nicht so schnell erklärt«
antwortete er »das ist nicht in zwei Worten gesagt Außerdem wird unter den
Söhnen des roten Volkes niemals anders als am Feuer und nach der Mahlzeit Rat
gehalten Rufe deine Freunde damit sie im Lager des Jaguars mit ihm Salz essen
und die Friedenspfeife rauchen«
Dunkle Glut schoss über Roberts offenes Gesicht »Meine Freunde« wiederholte
er »Was willst du damit sagen Jaguar«
Der Jäger sah ihm fest ins Auge »Redest du mit gespaltener Zunge« fragte
er in leise mahnendem Ton
Robert fühlte sich beschämt »Nein wirklich nicht Jaguar« sagte er fest
»Du sollst mich nicht umsonst an das was ich dir und mir schuldig bin erinnert
haben«
»Mongo« rief er dann mit lauter Stimme »Mongo Gottlieb Kommt hierher«
Der Neger kam sofort aus seinem Versteck hervor und Gottlieb folgte ihm
äußerst widerstrebend hatte aber doch nicht den Mut allein zurückzubleiben
»Du Mongo« raunte er während er den langen Schritten des Schwarzen
nachzukommen suchte »das klang nicht wie ein Hilferuf«
»Weshalb denn auch Junge Wer denkt denn überhaupt daran«
»Ja aber« verteidigte sich Gottlieb »was man so im allgemeinen von den
Indianern gelesen hat das «
»Pst spare deine Weisheit für ein anderes Mal Der Jaguar könnte dich
hören und außerdem ist er ein Weisser wie du selbst das habe ich dir schon
zwanzigmal gesagt«
»Ich weiß« flüsterte Gottlieb »ich weiß aber der Name «
»Sei ruhig hörst du«
Es blieb aber auch zu weiteren Reden keine Zeit mehr Mongo begrüßte den
Halbindianer mit kräftigem Händeschütteln
Der Trapper gab auch Gottlieb die Hand »Ist dieser junge Mann euer Freund«
fragte er »Wird er euch begleiten«
»Wenn wir von hier fortgehen ja«
»Nun so kommt denn Das Feuer im Lager des Jaguars brennt das Mahl ist
bereit und die Pfeife gestopft Der Jaguar wusste dass seine weißen Brüder zu ihm
kommen würden dass er in der Wildnis ihr Führer sein soll und dass ihn der Große
Geist gesandt hat um sie zu beschützen er wird tun wie ihm jener gebot«
Er stand mit einem Satz auf dem Vorsprung und war im nächsten Augenblick
jenseits des Felsens verschwunden Ohne auch nur rückwärts zu blicken folgten
erst Robert und dann Mongo Nur Gottlieb zögerte einen Augenblick doch dann
überwand er sich und sprang verzweiflungsmutig den Vorangegangenen nach
Der Jaguar zog wie in der ersten Nacht seine Begleiter an der Hand durch das
gewundene Felsentor und durch das Wasser bei welcher Gelegenheit sich Gottlieb
nicht enthalten konnte laut aufzuschreien »Robert Robert Was ist das«
Der bemühte sich ernst zu bleiben »Wir überschreiten den BrownCreek
Gottlieb« antwortete er
»Ach so Gott ich dachte aber «
Ein freundschaftlicher Rippenstoss des Negers bewog ihn seine weiteren
Mutmaßungen lieber unter Verschluss zu halten Der Übergang war auch jetzt
vollzogen und die andere Seite des Flusses erreicht ohne dass sich etwas
Verdächtiges gezeigt hätte Dieselbe Ruhe trat wieder ein dasselbe Rauschen und
Flüstern des Windes in den Zweigen nur von fern sah man einen Schimmer als ob
dort Feuer zwischen den Bäumen hervorleuchtete
»Robert Robert siehst du den roten Schein dort hinten«
Die unruhige Stimme zitterte so dass sie Roberts Mitleid erregte Er presste
heimlich die Hand seines Freundes »Ich bitte dich Gottlieb sei doch
vernünftig Meinst du denn wirklich dass Mongo und ich mit aller Gemütsruhe ins
Verderben hineinlaufen würden«
»Also du glaubst nicht an Verrat Robert Es lauern dort keine Komanchen
hinter den Bäumen«
»Ach dummes Zeug«
Der Jaguar schritt während dieser Unterhaltung voran und schon sehr bald
hatte man einen Felsvorsprung erreicht wo an geschützter Stelle ein Feuer aus
mächtigen Holzblöcken emporloderte Moosbewachsene und von Büffelfellen
überdeckte Sitze bildeten den Hintergrund einer Art Höhle der nur der Tisch
fehlte um ganz behaglich und wohnlich auszusehen In einer Ecke lag ein
geräucherter Bärenschinken eine am Spieß gebratene Hirschkeule und eine große
Anzahl der flachen indianischen Maiskuchen »Dampers« genannt die zwischen zwei
heißen Steinen gebacken und warm verzehrt werden
Eine Flasche und eine eigentümlich geschnitzte Pfeife aus rotem Seifenstein
gehörten ebenfalls zur Einrichtung
Gottlieb sah das alles auf einen Blick Besonders die Pfeife beruhigte ihn
sehr »Wenn solch ein brauner Heide mit jemandem geraucht hat dann tut er ihm
kein Leid mehr« dachte er »das habe ich oft gelesen Ach was würde ich
geben um jetzt in Pinneberg zu sein Schrecklich dies Leben zwischen Wilden«
Er beobachtete mit pochendem Herzen jede Bewegung des Jägers Nachdem sie
Platz genommen und es sich nach Möglichkeit bequem gemacht hatten entzündete
der Jaguar die Pfeife aus der er unter tiefstem Schweigen einige Züge tat und
sie dann dem Neger als ältestem Gast weiterreichte Von hier ging sie zu Robert
und schließlich in Gottliebs Hände der sie dem Trapper zurückgab
Nachdem auf diese Weise die allen indianischen Stämmen geheiligte Sitte
befolgt worden war forderte der Jaguar seine Gäste auf zuzulangen Auch
während der Mahlzeit wurde vollständiges Schweigen bewahrt erst als die vier
Männer satt waren und zum Abschluss die Flasche rundumging brach der Jäger die
Stille die den drei Goldsuchern schon längst beklemmend geworden war
»Haben meine Freunde die Absicht wieder nach Lenchi zurückzukehren« fragte
er
Mongo stieß heimlich gegen Roberts Fuß als wollte er ihm sagen »Antworte
du« und der gab bereitwillig Auskunft »In Lenchi haben wir kaum noch
Aussichten auf nennenswerten Gewinn« sagte er »aber wir haben kein Geld
anderswo hin zu ziehen Von hier bis nach Idaho ist es weit wie sollten wir die
teure Reise bezahlen«
Der Trapper nickte langsam »Ich habe für meine Brüder einen Vorschlag«
sagte er
»Du« rief Robert mit gespannter Aufmerksamkeit »Du Jaguar und
welchen«
Der Trapper beschrieb mit dem ausgestreckten rechten Arm in der Luft einen
Halbkreis »Der Jaguar kennt das Land zwischen Fels und Meer den ganzen Strich
zwischen Oregon und Mexiko ganz Kalifornien wie seine eigene Tasche« erwiderte
er »Der Jaguar hat seit dreißig Jahren diese Jagdgründe durchstreift er weiß
von einer Stelle wo das gelbe Metall in Körnern zu finden ist und wo es fast
unmittelbar unter der Oberfläche liegt mühelos zu erreichen für den der einmal
diese Spur gefunden hat Soll euch der Jaguar dorthin führen«
Alle drei Männer hatten mit angehaltenem Atem die Worte des Pelzjägers
verfolgt Selbst Gottlieb vergaß als er von Goldkörnern reden hörte seine
anfängliche Furcht und beugte sich lebhaft vor »Wo ist das« stammelte er
freudig und unruhig zugleich »Wo ist das«
Auch Robert konnte sich nicht zurückhalten »Und wo liegt diese Stelle«
fragte er den Trapper
Der sah von einem zum anderen »Weit in den Jagdgründen der Komanchen«
erwiderte er »mehr als zwanzig Tagemärsche von hier«
»Bei den Wilden also« rief der junge Auswanderer unbedachtsam
Der Trapper lächelte »Bei den Wilden ja«
Er winkte den anderen als sie versuchen wollten Gottliebs Taktlosigkeit
wieder gut zu machen In seinem Wesen offenbarte sich überhaupt eine
eigentümliche Mischung zwischen Weißen und Indianern Während er in Haltung und
Sprache ganz den Rotäuten seinen langjährigen Gefährten glich während er
alle ihre Sitten und Gebräuche vielleicht ohne es zu wissen angenommen hatte
war er doch im Grunde ein Weisser geblieben Er nahm das beleidigende Wort »die
Wilden« keineswegs übel auf sondern sagte freundlich »Die Goldschlucht liegt
am Fuße der Sierra Nevada im Lande der roten Kinder des Großen Geistes«
Gottlieb senkte etwas beschämt den Kopf »Ich wollte nichts Beleidigendes
sagen« stammelte er
»Weiter« drängte Robert »Ist dieser Ort schon als goldhaltig bekannt
Jaguar Gibt es dort eine Niederlassung«
Der Trapper schüttelte den Kopf »Kein Weisser kennt die Stelle keine
Ansiedlung ist weit und breit nur die Komanchen haben in diesen friedlichen
Tälern ihre Dörfer«
Roberts Hand legte sich schwer auf die des Pelzjägers Fest und fragend sah
er ihn an »Jaguar« sagte er »werden uns deine Brüder die Komanchen in ihren
Wohnsitzen dulden Können wir ungefährdet mit dir in die Wildnis ziehen«
Der Jäger hob zwei Finger gegen den sternklaren Nachthimmel »Bei dem Namen
des Großen Geistes über den Wolken bei der Macht dessen der zwei Kugeln im
freien Raum sich begegnen ließ als Wahrzeichen eines Bundes zwischen seinen
Kindern du kannst es tun ohne das mindeste befürchten zu müssen«
Das war wenn auch nicht ganz frei von den Riten indianischer Religion
beinahe ein christlicher Eid und Robert wusste dass er ihm glauben durfte
Langsam sagte er »Gut Jaguar ich vertraue dir vollständig und ich bin
bereit dich durch die Steppe zu begleiten«
Mongo nickte »Und ebenso ich Jaguar wenn du es erlaubst«
Gottlieb wollte sprechen aber er brachte kein Wort hervor Er reichte nur
den andern folgend dem Jäger die Hand
Der Jaguar ließ nochmals die Flasche herumgehen »Wollen meine Brüder vorher
noch nach Lenchi zurückkehren« fragte er
Robert und Mongo wechselten einen schnellen Blick Beide hatten keinen
Grund die Stadt noch einmal wiederzusehen »Wir sind frei wie die Vögel unter
dem Himmel« antwortete der Neger »uns hält dort nichts mehr zurück«
Gottlieb wischte sich die großen Schweißtropfen von der Stirn »Und was wird
aus unseren Decken und unserem Gerät« seufzte er
Der Jaguar lächelte »Mein weißer Bruder soll sanft schlummern« erwiderte
er freundlich als spräche er zu einem schüchternen Kind »Der Jaguar hat Pelze
und Büffelfelle überall am Wege in Höhlen versteckt Und die Komanchen werden
ihm bereitwillig ihre Werkzeuge leihen um damit das Gold aus dem Boden zu
graben mein Bruder mag sich vollständig beruhigen«
Gottlieb sah zaghaft empor »Soll es denn gleich weitergehen« fragte er
»Nur für etwa zwei Stunden Dort gibt es eine Hütte in welcher der Jaguar
zu übernachten pflegt Meine Freunde werden von den Anstrengungen der letzten
Nacht sehr ermüdet sein«
»Wirklich« gestand Mongo »ich spüre es«
»So lasst uns aufbrechen« ermunterte Robert »Frisch gewagt ist halb
gewonnen«
Alle vier Männer ergriffen ihre Büchsen und unter Führung des Trappers ging
es in den schweigenden nächtlichen Wald hinein
Ein zweistimmiges starkes Hundegebell war das erste was den Wandernden nach
einigen Stunden scharfen Marsches entgegenscholl und was sogleich Gottliebs
Befürchtungen wieder aufkommen ließ
»Mein Gott Hunde Sollten Sie sich in der Richtung geirrt haben Herr
Jaguar«
»Durchaus nicht« erwiderte gutmütig der Trapper »Meine Freunde werden
sogleich erkennen dass diese treuen Tiere unsere Bundesgenossen sind Sie
bewachen meine Hütte«
Der Jäger schob zwei Finger in den Mund und pfiff auf eigentümliche Weise
so dass es weit hinausschallte in den regennassen Wald Das Hundegebell
verstummte sofort
Gottlieb war jedoch noch nicht beruhigt »Du« raunte er Roberts Arm
berührend »du ob die Tiere an der Kette liegen«
Der lachte im stillen »Das glaube ich nicht« antwortete er »aber sie
gehorchen wie du siehst und werden uns bestimmt nicht auffressen Du musst dich
übrigens etwas zusammennehmen Gottlieb Die Indianer verachten die Furcht
sollen sie dich deiner Ängstlichkeit wegen über die Achsel ansehen«
Gottlieb seufzte »Offen gestanden das wäre mir ziemlich gleichgültig«
gab er zurück »Ach du lieber Gott ich gehe ja nicht wie ihr anderen zum
Vergnügen in diese schreckliche Wildnis«
Robert drückte ihm gerührt die Hand »Du wirst immer an uns und besonders
an mir die eifrigsten Beschützer finden« versprach er »und dann überlege dir
doch dass wir vielleicht jetzt nur wenige Monate brauchen um zu unserem Ziel zu
kommen Wenn du nun in Pinneberg das kleine alte Haus wieder aufbauen könntest
und wenn du gewissermaßen imstande wärest deinem blinden Vater das Augenlicht
zurückzugeben indem er alles an der altgewohnten Stelle wiederfände alles
durch sein Tastgefühl erkennen könnte was ihm jetzt in fremder Umgebung
verloren gegangen ist Dafür musst du ein Opfer bringen Gottlieb«
»Großer Gott tue ich es denn etwa nicht in diesem Augenblick«
»Sicherlich aber mit innerem Widerstreben Versuch doch einmal das Gute an
der Sache zu sehen Wir lernen doch soviel Neues und Schönes kennen«
Aber Gottlieb schüttelte den Kopf »Ich kann daran nichts Schönes finden«
»Nicht Das darfst du nicht sagen Aber still jetzt der Trapper schlägt
Feuer wir werden zu Hause sein«
Gottlieb schob sich noch näher an die Seite seines Freundes »Ein prächtiges
Zuhause« stöhnte er »Das ist ein großer Maulwurfshaufen weiter nichts Und wo
wohl die Hunde sind«
Die Frage wurde ihm im nächsten Augenblick beantwortet Eine niedere Tür
knarrte in ihren Angeln ein Kienspan flammte auf und zwei große Blutunde
umdrängten die Knie ihres Herrn seine Hände leckend schweifwedelnd und mit
leisen Schmeichellauten
Der Trapper stellte gewissermaßen die Menschen und die Tiere einander vor
»Es ist gut Antilope« sagte er »gut Schlangentöter hier begrüßt auch
meine Freunde«
Und die beiden Tiere mit dem furchtbaren Gebiss legten sich gehorsam den
Fremden zu Füßen Antilope und Schlangentöter mit dem Pelzjäger schon durch
Jahre verbunden seine Gefährten seine Freunde fast streckten sich auf den
Boden als wollten sie die Herrschaft des Menschen hierdurch anerkennen
»Und nun ruht euch aus« bat der Trapper indem er von einem Haufen im
Winkel mehrere Büffeldecken nahm und ausbreitete »Schlaft wie ich es tun
werde und der Große Geist behüte eure Nachtruhe«
»An euren Posten Antilope und Schlangentöter«
Die Hunde erhoben sich um vor der Hütte Wache zu halten die vier ermüdeten
Männer streckten sich auf das schnell bereitete Lager und waren bald
entschlummert Selbst Gottlieb schlief obwohl ihm dauernd von abgerissenen
Skalpen und Marterpfählen träumte
Am folgenden Morgen begann nach einem kräftigen Frühstück die große
Wanderung durch den grünen taufrischen Wald
Bei den Komanchen
Es würde wenig lohnend sein den Weg der vier Männer näher zu verfolgen Sie
durchzogen endlose Urwald und Präriegebiete manchmal fuhren sie ein Stück mit
der Postkutsche doch musste der größte Teil des Weges zu Fuß zurückgelegt
werden Gottlieb konnte sich anfangs gar nicht an die tagelangen Märsche
gewöhnen Er verwünschte seine Nachgiebigkeit gegen Roberts verwegene Pläne gab
oft zehnmal in einer Stunde sein Leben verloren und hoffte auf nichts mehr aber
allmählich fügte er sich in das Unvermeidliche und fing an ein besserer Kamerad
zu werden
Robert war geradezu begeistert Diese Sommernächte unter freiem Himmel dies
Wandern durch die taufrischen Wälder im ersten Morgenlicht wenn die
Vogelstimmen erwachten und die Sonne langsam höher stieg er konnte sich
nichts Schöneres denken Und wie glücklich war er wenn er einen prächtigen
Braten geschossen hatte wie stolz befestigte er an seiner Mütze die erste
Adlerfeder
Es war ja nicht das erste Mal dass er einen Adler schoss doch war ihm
damals wie wir wissen der Körper des Vogels in den Spalten der Felsschlucht
verloren gegangen
Und endlich kam der Tag an dem der Jaguar erklärte dass vor Sonnenuntergang
das Dorf der Komanchen erreicht sein werde Gottliebs alte Unruhe überfiel ihn
ruckartig noch einmal wieder aber diesmal konnte er sich beherrschen Als der
Rauch aus den Hütten der Rotäute zwischen den Büschen sichtbar wurde fing er
leise an zu singen und Robert und Mongo wechselten verstohlen einen lächelnden
Blick
Doch zur Furcht schien auch wirklich kein Anlass zu sein Friedlich lag das
Indianerdorf in der Talmulde die Männer machten im Gegensatz zu den Wilden auf
der Insel der Magelhaensstrasse einen ruhigen und besonnenen Eindruck die Frauen
erschienen so zart und klein dass Robert unwillkürlich staunte Ihre schwarzen
schlichten Haare waren mit Perlen und Muscheln durchflochten sie trugen lange
Gewänder aus einem selbstgewebten leichten Stoff und waren damit beschäftigt
Netze Jagdtaschen und Körbe zu flechten Mokassins zu sticken Maiskuchen
zwischen zwei heißen Steinen zu backen oder in Steinkrügen Wasser aus der nahen
Quelle herbeizuholen Von den Männern waren nur wenige zu sehen während einige
Kinder im Sand spielten und die ganz kleinen die noch nicht allein gehen
konnten in Körben an den nächsten Bäumen aufgehängt waren
Überall liefen Haustiere frei umher Pferde weideten in der Nähe der Hütten
und eine Ziegenherde erkletterte die Abhänge
Die beiden Hunde des Trappers von ihren Kameraden unten im Dorf mit lautem
Gebell herausgefordert sprangen voran und machten so gewissermaßen Meldung von
dem Eintreffen der kleinen Karawane aber obgleich mehrere Indianerinnen die
vier Männer herankommen sahen zeigte doch niemand besonderes Erstaunen schien
niemand die Ankommenden überhaupt zu bemerken
Der Jaguar schien das nicht weiter merkwürdig zu finden »Meine roten Brüder
leben gegenwärtig mit allen ihren Nachbarn im Frieden« sagte er »sie haben die
Streitaxt begraben und wissen daher dass sie nicht auf ihrer Hut zu sein
brauchen Der rote Mann ist nicht neugierig«
Robert dagegen hatte schon wieder so viele Fragen auf der Zunge dass er
nicht damit zurückhalten konnte
»Jaguar« fragte er »hast du im Dorf eine Hütte Und bist du eigentlich
Familienvater Erwarten dich zu Hause Frau und Kinder«
Der Trapper ging lange schweigend an seiner Seite »Einen Wigwam hat der
Jaguar auch in diesem Dorf« erwiderte er endlich »aber Kinder erwarten ihn
nicht darin Das Weib des Jaguars liegt seit dreißig Jahren im Walde unter den
höchsten Bäumen begraben«
Robert tat es leid gefragt zu haben und jetzt wechselte er sofort den
Gegenstand des Gesprächs Mit der Vergangenheit des Jaguars verknüpfte sich
seiner Meinung nach überhaupt ein trauriges Geheimnis deshalb wollte er lieber
jede Frage in dieser Richtung vermeiden
»Auch nicht einmal die Kinder achten auf uns« sagte er »Diese
Verschlossenheit muss doch tief im Blut liegen«
»Nur mich schienen die kleinen Wesen mit ihrer besonderen Aufmerksamkeit zu
beehren« lächelte Mongo »Einige sind schon in die Hütten geflüchtet«
Gottlieb beobachtete alles mit aufmerksamen Augen »Besser als bei den
Patagoniern ist es ja« meinte er »aber doch alles nur sehr provisorisch
angelegt Die faulen Kerle sollten anstatt so auf den Büffelhäuten
herumzuliegen und zu rauchen lieber ihren Zelten feste Wände bauen Ich glaube
man arbeitet hier gar nicht«
Das alles hatte er aber auf deutsch gesagt so dass nur Robert es verstand
Der lachte »Nein der Indianer arbeitet nicht« erwiderte er »Krieg und
Jagd sind seine einzigen Beschäftigungen während dagegen die Frauen die
Hausarbeit besorgen Ich bin sehr neugierig das merkwürdige Volk
kennenzulernen«
Gottlieb schüttelte sich »Diese Malereien auf Brust und Armen sind
abscheulich« sagte er »Und wer weiß ob man sich hier überhaupt wäscht«
Robert sah zu den hohen Bergspitzen der Sierra Nevada empor »Hoffentlich
finden wir hier Gold« seufzte er »Es wäre geradezu furchtbar wenn wir uns
darin getäuscht hätten«
»Und das sagst du Du der diesem Wilden alles aufs Wort glaubte«
»Das tue ich auch jetzt noch aber wer weiß ob der Jaguar die Sache genau
kennt ob es wirklich Gold ist was er meint«
Gottlieb senkte den Kopf »Ich mache mich auf alles gefasst« erwiderte er
Jetzt wurde das Gespräch der beiden für einen Augenblick unterbrochen denn
der Wigwam des Jaguars war erreicht und der Trapper ließ seine Gäste eintreten
Niemand von den Dorfbewohnern kümmerte sich um sie
In dem Zelt aus Büffelfellen befand sich eigentlich nichts vielmehr zeigte
das üppige Moos des Fussbodens dass sich dort seit längerer Zeit kein
menschliches Wesen mehr aufgehalten hatte Die drei Freunde mussten verschiedene
Käfer und Eidechsen aus ihrer Häuslichkeit aufschrecken bevor es ihnen gelang
ein Plätzchen zum Ausruhen ihrer ermüdeten Glieder zu finden
Der Jaguar machte sich sofort auf den Weg um erst einmal für etwas
Bequemlichkeit und für etwas Essbares zu sorgen Die Goldgräber blieben einen
Augenblick allein
»Ein schönes Mauseloch das hier« murrte Gottlieb »Wenn man sicher ist
nicht skalpiert und gemartert zu werden so stellt man schon höhere Ansprüche
als auf dem glatten Boden auszuruhen nachdem man einen Spaziergang von
zweihundert Meilen hinter sich hat Das ist ja als wären die Menschen hier
taubstumm«
Robert lachte »Vermisst du die Neugier mit der sich in Deutschland sofort
alles zusammendrängt wenn irgend etwas Unerwartetes geschieht« fragte er
Gottlieb errötete »Man spricht doch gern ein Wort« brummte er »Die Leute
könnten wohl ein paar Stühle herbringen finde ich«
»Wenn sie nun aber selbst keine besitzen« spöttelte Mongo »Wenn sie nun
entweder stehen oder auf Büffeldecken liegen«
»Ach du großer Gott Und das sollen wir nun auch tun«
»Wir können uns ja später hölzerne Sitze zurechtzimmern mein Bester Auf
mich macht das alles hier einen sehr guten Eindruck muss ich offen sagen«
»Auf mich auch« rief Robert »Du bist nur noch zu verwöhnt Gottlieb daher
kommt es Wenn du wie Mongo und ich unter den schmutzigen Lappen gelebt
hättest so würde dir dies hübsche friedliche Dorf schon besser gefallen«
Der junge Pinneberger senkte seufzend den Kopf »Ich sehe nur noch gar keine
Vorbereitungen für den eigentlichen Zweck unserer langen Wanderung« gestand er
»O Gott wann werde ich endlich meinen armen Eltern das erste Geld schicken
können Hier ist doch nichts als Urwald wann werden wir jemals hier Gold
finden«
Tränen standen ihm in den Augen »Dass hier so gar keine Arbeitsfreude zu
finden ist« schluchzte er »das lähmt mich förmlich Und wenn wir wirklich
heute Gold graben so wird es uns in der nächsten Nacht wieder gestohlen«
Hinter ihm teilten sich die Zeltvorhänge Der Jaguar erschien beladen mit
Büffelfellen und Lebensmitteln An seinem Arm hing eine sogenannte Kalebasse
ein ausgehöhlter großer Kürbis mit frischem Wasser »Mein junger Freund mag
sich beruhigen« sagte er freundlich »alle seine Wünsche sollen erfüllt werden
Das rote Gold im Erdenschoss wartet seiner und was er findet das gehört ihm
allein Der Indianer bestiehlt keinen Fremdling der in seinen Dörfern weilt«
»Und nun meine Freunde esst und trinkt« fügte er hinzu
Robert und Gottlieb sahen sich etwas fassungslos an Verstand der
geheimnisvolle Mann die deutsche Sprache Offenbar hatte er Gottliebs letzte
Worte gehört
Aber nachzufragen wäre unbescheiden gewesen »Wir danken dir von ganzem
Herzen Jaguar« rief Robert »Wir hoffen ganz sicher dass wir eine reiche
Ausbeute haben werden«
Der Trapper neigte zustimmend den Kopf »Der Jaguar wird morgen in aller
Frühe die Häuptlinge der Komanchen zusammenrufen« antwortete er »und wird mit
ihnen und seinen weißen Freunden die Friedenspfeife rauchen Danach kann die
Arbeit im Gebirge ihren Anfang nehmen Das Gold liegt überall«
Gottlieb hob das heiße noch von Tränen feuchte Gesicht zu dem Trapper
empor Der niederdrückende Eindruck den das schweigsame Dorf auf ihn gemacht
hatte war zu stark gewesen als dass er ihn in sich verschließen konnte
»Jaguar« flüsterte er »Jaguar ist es wirklich so wie Ihr sagt Ist Gold
viel Gold hier zu finden«
Der Trapper lächelte »Du kannst ein reicher Mann werden« erwiderte er »es
hängt nur von dir ab«
Die Worte waren so einfach und freundlich gesagt dass Gottlieb laut
aufschluchzte Ehe er vielleicht über das was er tat selbst nachgedacht hatte
ergriff und küsste er die Hand des Trappers
»Gott segne dich Jaguar« presste er mühsam hervor
Robert lächelte gerührt Er selbst war durch all das was er in den letzten
Jahren erlebt hatte reifer geworden er war in sich fester und ruhiger als
Gottlieb der in seinem Wesen immer noch sehr viel Kindliches Hilfloses trug
Auch jetzt so sehr ihn die Worte des Pelzjägers freuten begnügte er sich mit
einigen kurzen dankenden Worten Darauf begann das Mahl dem alle gleich tapfer
zusprachen und anschliessend wurden die Büffeldecken zum Schlafen ausgebreitet
Am folgenden Morgen bildete sich inmitten der kleinen Niederlassung ein
Halbkreis ernster schweigsamer Gestalten Sie waren alle mit Büchse und
Tomahawk bewaffnet aber verschiedenartig tätowiert und trugen langes
schwarzes Haar das auf den nackten von einem Pelzmantel lose umgebenen
Oberkörper herabhing Ohne ein einziges Wort der Unterhaltung nahmen die
Rotäute am Boden Platz und warteten mit gekreuzten Armen und der Würde von
Fürsten geduldig was da kommen werde
Mitten im Kreis lag eine Pfeife
Endlich erschien der Jaguar und mit ihm die drei Freunde Robert verschlang
förmlich mit den Augen das seltsame Bild der zur Beratung versammelten Rotäute
Mongo war ein ruhiger Zuschauer und Gottlieb murrte in sich hinein da der
Trapper deutsch verstand und er also seine Meinung nicht laut äußern durfte
Keiner der Indianer schien die Neuangekommenen zu bemerken
Und dann hielt der Jaguar eine lange Rede von der natürlich die drei
Freunde kein einziges Wort verstanden Robert horchte nur aufmerksam auf die
Laute dieser seltsamen Sprache die ganz aus Vokalen zu bestehen schien und die
bei der vorwiegenden Gleichartigkeit aller Silben gewiss außerordentlich schwer
zu erlernen sein musste Der Trapper schilderte ohne Zweifel die merkwürdige Art
und Weise wie er die Goldgräber kennengelernt hatte und fügte dann zum Schluss
in fragendem Ton noch etwas hinzu das sicherlich nur eins bedeuten konnte ob
nämlich die Rotäute wagen wollten auf seine des Jaguars Bürgschaft hin den
Weißen zu erlauben in ihrem Gebiet nach Gold zu suchen
Als er schwieg erhob sich der Älteste des kleinen Kreises und antwortete
ihm dann entspann sich ein längeres Hin und Herreden das schließlich in
allgemeine Abstimmung überging Das Ergebnis musste sehr zufriedenstellend sein
denn der Jaguar wandte sich jetzt zum erstenmal an die stumm dasitzenden
Goldgräber
»Meine roten Brüder sind bereit mit euch die Friedenspfeife zu rauchen«
sagte er »sie bieten euch die Gastfreundschaft ihres Wigwams sie versprechen
euch dass ihre Squaws für euch kochen und den Damper backen dass sie euch
Jagdtaschen und Mokassins sticken und eure Kürbisflasche mit frischem Wasser
füllen sollen sie wollen mit euch Salz essen und auf die Jagd gehen aber
vorher müsst ihr geloben keinem Weißen das Geheimnis dieser Goldschlucht zu
entdecken Die roten Männer werden seit langer Zeit von den Jagdgründen ihrer
Väter vertrieben werden Jahr um Jahr weiter zurückgedrängt in die Gebirge es
ist daher verständlich dass sie ihre Weideplätze so lange wie möglich zu
schützen suchen Erkennen meine Freunde diese Notwendigkeit an«
Mongo und die beiden Weißen erklärten sofort ihr Einverständnis und gaben
das Versprechen über ihre Kenntnis von Goldvorkommen innerhalb des
Indianergebietes vollständiges Stillschweigen zu bewahren Gleichzeitig baten
sie den Trapper ihren Gastgebern auf das herzlichste in ihrem Namen zu danken
Der Jaguar übersetzte alles worauf die Pfeife in Brand gesteckt und von dem
Ältesten der kleinen Versammlung nach den ersten Zügen dem Nebenmann übergeben
wurde und so reihum den ganzen Kreis durchlief Als jeder einzelne die üblichen
drei oder vier Züge getan hatte war der Zweck dieser Feierlichkeit erfüllt und
nun konnten sich die drei Freunde als Angehörige des Indianerdorfes betrachten
Die einen boten ihnen Pferde und Hunde zur Jagd an die anderen legten ihnen
Geschenke in Gestalt von Waffen Büffelfellen und selbstgefertigten Arbeiten zu
Füßen immer aber bewahrten die Rotäute vollständige Zurückhaltung und ebenso
sprachen sie nur um das Allernotwendigste zu sagen während ihnen eine
eigentliche Unterhaltung ganz unbekannt schien
Durch alle Wigwams wurden die drei Freunde geführt und alle Frauen setzten
sich ihnen zum Zeichen ihrer Unterwürfigkeit zu Füßen oder küssten die Zipfel
ihrer Kleider Nur Mongo wurde mit weniger Respekt behandelt Einmal drängten
sich sogar mehrere Frauen neugierig an ihn heran und eine von ihnen fuhr mit
ausgestrecktem Zeigefinger über sein Gesicht worauf dann alle sorgfältig die
Fingerspitze prüften offenbar um zu erkennen ob die schwarze Farbe echt sei
Der Neger nahm mit gutmütiger Ruhe diesen kleinen Scherz als das was er
wirklich war nämlich kindliche Unwissenheit die beiden jungen Leute dagegen
wollten sich vor Lachen ausschütten besonders als die Indianerin die Mongos
ehrliches Gesicht berührt hatte sich heimlich die Hand an ihrem Kleid reinigte
Nachdem das ganze Dorf besichtigt worden war ging es hinaus zu den Abhängen
der Sierra Nevada Der Jaguar und mehrere Indianer führten ihre Gäste bis in ein
tief eingeschnittenes Tal das vielleicht noch nie ein Weisser vor ihnen betreten
hatte Steil erhoben sich zu beiden Seiten die bewaldeten Gebirgszüge
unübersehbar erschien das grüne Meer der Baumwipfel
Der Trapper schien seinen Schützlingen eine Überraschung bereiten zu wollen
Er stieß das schwere Jagdmesser tief in die lockere Erdschicht des Felsens
hinein und warf Moos und Flechten mit der Hand zurück Nachdem er dann von der
härteren Unterlage ein Stückchen gewaltsam losgebrochen hatte hielt er es
lächelnd ins Sonnenlicht
»Robert« sagte er »schau her mein Freund«
Es blitzte und glänzte wie tausend Funken und blendete im ersten Augenblick
förmlich die Augen Was hier der Trapper zwischen den Fingern hielt das war
mehr Gold als man in Lenchi während einer ganzen Stunde gewinnen konnte
Ein Schauer überrieselte Roberts ganzen Körper
»Jaguar« stammelte er »Jaguar das ist Gold«
Der Trapper nickte »Für dich« fügte er hinzu »Für euch alle«
»Gottlieb« rief Robert »Gottlieb was sagst du dazu«
Statt aller Antwort warf der junge Mensch seine Jacke von sich und begann
mit fast wahnwitzigem Eifer den Boden aufzulockern bis die Quarzschicht
blosslag dann erst wurde er ruhiger »Jaguar« rief er »sprich sag es mir
noch einmal soll dies alles wirklich uns gehören«
Und mit beiden Händen die losgebrochenen Stücke emporhaltend wühlend im
goldhaltigen Gestein hatte er Mühe seine überschwengliche Freude zu bezähmen
Am liebsten wäre er gleich angefangen zu graben
»Aber wie bringt man das Gold aus dem Quarz heraus« fragte er endlich den
Trapper
»Durch Klopfen« erwiderte der »Du schaffst die freigelegten Stücke in
unseren Wigwam und dort werden dir die Squaws helfen das gelbe Metall von den
Schlacken zu säubern«
Gottlieb blickte auf Immer noch schien ihm alles unfassbar »Warum in aller
Welt lebst du seit Jahren neben diesem unermesslichen Schatz ohne ihn zu heben«
fragte er »Warum tun es alle deine roten Freunde«
Der Trapper lächelte »Die farbigen Kinder des Großen Geistes sind keine
Kaufleute« antwortete er »sie arbeiten nicht und gehorchen keinem Zwang Sie
sind freie Männer die auf dem Grund und Boden ihrer Väter leben und ehe sie
den Weißen dienstbar werden viel lieber sterben um in die ewigen Jagdgefilde
einzugehen«
Gottlieb schüttelte den Kopf »Also sie arbeiten gar nicht« fragte er
»Nein gar nicht Die Arbeit ist Sache der Squaws«
Gottlieb antwortete nicht mehr aber was er bei sich dachte das war für die
armen Rotäute sehr wenig schmeichelhaft Er konnte sich nun einmal nicht damit
abfinden dass die Indianer jede Arbeit für unter ihrer Würde ansahen
Und dann lief er ins Dorf zurück und erbat sich Hacke Schaufel und Korb um
bis in die sinkende Nacht hinein zu arbeiten und ganze Berge von Quarz
freizulegen Er konnte das edle Metall unbekümmert draußen vor dem Zelt liegen
lassen niemand berührte es
Auch Robert und Mongo waren nicht faul Während der Trapper jeden Tag auf
die Jagd ging wohl auch mehrere Nächte hintereinander fortblieb und die
Indianer entweder dasselbe taten oder in ihren Wigwams auf den Büffelhäuten
lagen türmte sich unter den rastlosen Anstrengungen der drei Freunde ein so
großer Haufen von Quarz dass jetzt endlich einmal an die Reinigung des Gesteins
gedacht werden musste
Der Jaguar hatte aus weichem Antilopenleder kunstvoll einen Beutel genäht
darin sollte das gewonnene reine Gold aufbewahrt werden Sobald sich der Haufe
von Quarz einigermaßen vergrößert hatte musste einer der drei mehrere Tage im
Dorf bleiben und mit den schweigsamen Frauen der Rotäute das Gold durch leichte
Schläge aus dem bröckelnden Gestein herauslösen Robert sah es immer sehr gern
wenn ihm Gottlieb diesen Teil der Arbeit abnahm und der wiederum blieb weit
lieber im Wigwam bei den Squaws als dass er draußen die Hacke schwang
Ein Büffelfell auf den Knien den schon recht rundlichen Sack mit Gold neben
sich saß er wie ein Alleinherrscher im Kreise der stummen schüchternen
Geschöpfe die seinem leisesten Wink gehorchten und die er nebenbei großmütig in
den nützlichen Eigenschaften der Ordnung und Sauberkeit unterrichtete
Inzwischen hackte Mongo unermüdlich den leicht zerschlagenen Quarz aus dem
Boden heraus und ließ Robert hin und wieder mit den Rotäuten zur Jagd gehen
Das waren für den jungen Matrosen die schönsten Tage Sich so in Begleitung
mehrerer Hunde auf dem Rücken eines Mustangs wie die Indianer ihre halbwilden
Pferde nennen in Wald und Steppe herumzutreiben Hirsche Adler und häufig
sogar Büffel oder Bären zu jagen ach das begeisterte ihn über alles Mongo
verriet nichts er ließ Robert gewähren und wenn sich Gottlieb wunderte dass so
wenig Quarz geschlagen sei dann sagte er »Du musst dich einmal selbst daran
machen mein Junge Lass mich an deine Stelle treten und nimm du dafür meine«
Das tat Gottlieb nicht gern Er mochte sich von dem Goldsack keinen
Augenblick mehr trennen und fing an Vorschläge zu machen wie man das schon
gewonnene Metall einwechseln und nach Deutschland überweisen könne Sechshundert
Taler war der angesammelte Vorrat immerhin schon wert erkonnte also zweihundert
den Eltern schicken sie aus dem Armenhaus erlösen und ihnen für die Zukunft
goldene Berge versprechen Das war zu verführerisch als dass es ihm länger Ruhe
gelassen hätte »Du wie fangen wir es an« fragte er Robert »Jetzt fehlt uns
an unserm Glück nur noch die Postverbindung mit Deutschland Es wäre zu schön
Briefe schreiben und Briefe empfangen zu können«
Robert seufzte leise Die Erinnerung an Pinneberg führte ihm alte trübe
Bilder vor Augen ließ ihn wieder so recht erkennen dass nichts auf Erden
vollkommen ist und warf über das sorglose Leben bei den Indianern einen dunklen
Schatten So durfte es so konnte es nicht immer bleiben und doch war es so
schön
Ein breiter Fluss zog sich quer vor dem Dorf hin die Rotäute besaßen Kanus
und Ruder und ließ ihren Gast oft ganze Tage lang darin fahren wohin er
wollte Zwischen bewaldeten Ufern treibend die Büchse im Arm so lag er auf dem
Rücken und war glücklich wie ein Gott Erlöst von der Sorge um das tägliche
Brot frei wie ein Vogel unter guten harmlosen Menschen was blieb ihm noch
zu wünschen übrig
Und doch lebte tief in seinem Innern eine Stimme die nie schwieg und deren
leise Vorwürfe er allen anderen nur nicht sich selbst verbergen konnte
Oft arbeitete er rastlos tagelang im Schweiße seines Angesichts er holte
doppelt ein was er versäumt hatte aber die innere Unruhe blieb Gerade jetzt
wo das Leben so schön war drückte es ihn manchmal wie eine Zentnerlast Mongo
blieb das nicht verborgen der Neger sah wie Robert mit sich rang und als
Gottlieb von einer Geldsendung nach Deutschland zu sprechen begann da sagte er
wie zufällig während er Robert leise zunickte »Der Jaguar will hinunter nach
Stockton und seine Felle verkaufen Bob wie wäre es wenn du ihn
begleitetest«
Robert errötete »Mongo« erwiderte er nach einer Pause »wenn ich von hier
fortgehe muss es nach Hamburg sein Ich würde mich selbst verachten müssen
wenn ich eine andere Heuer annehmen könnte Jetzt wo das Gold da ist «
Der Schwarze nickte freundlich »Du kannst doch auch von Stockton mit den
andern wieder zurückkommen Bob« sagte er
Robert schüttelte den Kopf »Es ist so schön hier Mongo« seufzte er »und
ich möchte so gern bleiben aber darf ich es Damals in Lenchi hatte ich das
schmerzlichste Heimweh da sehnte ich mich nach Pinneberg während hier der
Gedanke daran ganz in den Hintergrund gedrängt worden ist«
»So komm doch von Stockton wieder zurück« wiederholte der Neger
»Aber auf wie lange Damit ändere ich nichts«
Mongo schwieg aber als nach kaum einer Woche der Jaguar erklärte in
wenigen Tagen aufbrechen zu wollen da sah er dass die Trennung bevorstand
Jetzt musste sich Robert entscheiden jetzt musste es sich zeigen ob er fähig
war einer Neigung zu widerstehen und der Kindespflicht zu gehorchen Wer wusste
welchen Weg Robert jetzt gehen würde
Der Neger berührte die Sache nicht wieder Robert dagegen schien so oft wie
möglich darüber sprechen zu wollen »Du« sagte er als beide am letzten Abend
allein waren »ich glaube einen Ausweg gefunden zu haben«
»Nun Bob lass hören«
Robert sah zur Seite ein sicheres Zeichen dass er mit sich uneins war
»Mongo« fuhr er fort »ich denke mir die Sache so Zugleich mit der Sendung
Gottliebs an seine Eltern schicke ich meinem Vater etwa hundert Taler also das
was ich ihm damals genommen habe sage ihm noch einmal dass ich mein Vergehen
bereue und bitte ihn mir zum Zeichen der Versöhnung einen Brief zu schreiben«
Tut er das so soll alles gut sein sonst aber
Eine Pause verging dann sagte der Schwarze »Nun Bob sonst aber«
»Sieht mich Pinneberg nie wieder« vollendete Robert entschlossen »Du bist
mein Freund Mongo der Jaguar hat mich gern und es fehlt mir hier nichts
soll ich mich wirklich von euch trennen nur um eines Eigensinns willen den
wohl kaum jemand gerechtfertigt finden würde«
Der Neger lächelte trotz des Ernstes der auf seinem gutmütigen Gesicht
stand »Könntest du wirklich für immer hier bei den Wilden bleiben wollen Bob«
fragte er »Könntest du dein Ziel für erreicht halten wenn du eine Hütte dieses
Indianerdorfes bewohnst und von der Welt abgeschnitten wie eine Rotaut im Walde
lebst Könntest du denn dem Meer für immer den Rücken kehren wollen«
Jetzt fuhr Robert auf »Nein« rief er »Nie Aber im Augenblick bin ich
hier glücklich ich möchte es bleiben solange es möglich ist Wächst die
Sehnsucht nach neuen Ländern wieder in mir so suche ich mir ein Schiff und
lasse mich einfach weitertreiben«
Der Neger schüttelte sehr ernst den Kopf »Lasse mich einfach
weitertreiben« wiederholte er »Da hast du mehr gesagt als vielleicht in
deiner Absicht lag Bob Nimm es deinem alten Freunde nicht übel aber dein Plan
taugt nichts So kann nie etwas aus dir werden wenn du mit neunzehn Jahren noch
lebst wie ein Kind das nur die Stunde begreift und nur von dem weiß was es
sieht Kannst du dich wirklich damit zufrieden geben dass du dich irgendwie und
irgendwohin treiben lässt«
Robert wurde nachdenklich »Mongo« sagte er nach einer Weile »es ist nicht
das erste Mal dass du so mit mir sprichst Darf denn ein Mensch nie ungestraft
glücklich sein«
Der Schwarze legte die Hand beruhigend auf seine Schulter »Im Gegenteil
Bob« sagte er zuversichtlich »im Gegenteil der Mensch soll überall glücklich
sein und zwar durch die Überzeugung das Richtige und Gute zu tun Und nun lass
uns davon nicht länger sprechen solche Dinge muss der Mensch mit seinem
eigenen Gewissen ausmachen«
Er ging und Robert blieb in Gedanken versunken allein zurück Wie schön war
es hier Endlich konnte er einmal tun was er wollte Freiheit Ungebundenheit
der weite grüne Wald mit all seinen Tieren der Fluss und das Gebirge in dem er
herumklettern und auf das Dorf herabschauen konnte
Und das alles sollte er freiwillig aufgeben und von hier wo er glücklich
war nach Pinneberg gehen um seinen eigensinnigen Vater um Verzeihung zu bitten
und sich von der ganzen Ein wohnerschaft des kleinen Städchens angaffen zu
lassen »Robert Kroll ist wieder da« würden die Leute sagen »Robert Kroll der
vor drei Jahren seinem Vater das Geld stahl und heimlich fortlief Jetzt wird er
wohl erkannt haben was die Heimat wert ist Er wird sich nach Hause
zurücksehnen und seinen Streich bereuen«
Es war ihm als höre er die spöttischen Worte und sähe all die bekannten
Gesichter wie sie sich neugierig herandrängten um zu fragen zu horchen und
ihre Ermahnungen vom Stapel zu lassen
Ungeduldig wanderte er auf und ab Alle diese Gedanken waren ihm nicht
gekommen als es ihm in Lenchi so schlecht ging da mals hätte er jeden Tag
abreisen können damals hätte er jedes Opfer gebracht um das Geld das er nicht
besaß seinem Vater auf den Tisch zu legen aber jetzt war das alles anders
Hier fühlte er sich wohl hier hatte er alles was er sich wünschte und das
sollte er aufgeben um den Kampf dem er kaum entronnen war erneut zu beginnen
Er schüttelte den Kopf Wenigstens jetzt noch nicht nein noch nicht Das
Leben unter den Rotäuten würde vielleicht bald seinen Reiz verlieren dann war
es immer noch früh genug nach Deutschland zurückzukehren Vorerst wollte er mit
dem Trapper die Reise nach Stockton machen und sich den antwortenden Brief des
Vaters für Ende September oder Anfang Oktober zu welcher Zeit der Jaguar eine
zweite Fahrt beabsichtigte erbitten Sein Entschluss stand fest und nun wurde
er ruhiger
»Wenn ich zurückkomme seid ihr schon reiche Leute« sagte er als sich spät
abends alle drei im Zelt zur Ruhe legten »Du Gottlieb denkst dann vielleicht
schon an eine zweite Geldsendung nach Pinneberg«
Der junge Kaufmann war nicht gerade in guter Stimmung Mit dem tatkräftigen
entschlossenen Freund ging ihm doch ein starker Halt verloren und das
beunruhigte ihn »Wenn dir nur nichts passiert« seufzte er »Der Trapper fort
und du fort das ist nicht schön«
»Innerhalb von fünf Wochen bin ich ja zurück Gottlieb«
»Du Das glaube ich nicht«
»Aber du wirst es sehen Ich will doch noch mehr Büffel und Hirsche
schießen meinst du nicht auch Mongo«
»Hm du junger Spitzbube ich weiß nicht recht«
Robert fuhr auf offenbar gereizt Er der sonst so gutmütig war nahm in
letzter Zeit alles übel
»Ihr glaubt mir nicht« rief er entrüstet
Der Neger legte beruhigend die Hand auf seinen Arm »Bitte Bob« flüsterte
er »wir glauben dir ja«
Robert wagte nicht dem väterlichen Freund zu widersprechen aber er schwieg
unwillig »Sie glauben dass ich heimlich fortgehe« dachte er und das verletzte
ihn sehr »Ich will den beiden zeigen dass ich ein Mann bin«
Auch Gottlieb kroch leise an seine Seite »Robert« flüsterte er mit beiden
Händen seinen Arm umklammernd »Robert wenn du nach Pinneberg kommst sei
nicht gleich so bös ich sage ja wenn dann besuche meine Eltern obwohl sie im
Armenhause wohnen und erzähle ihnen von mir willst du das«
Robert lachte halb und halb ärgerte er sich »Natürlich würde ich das tun
Gottlieb« antwortete er »wenn ich wirklich die Absicht hätte nach Hause
zurückzukehren Aber daran wird gar nicht gedacht«
Der schüchterne Gottlieb drückte seine Hand »Lass uns einmal annehmen du
wärest wirklich dort« erwiderte er »gleichgültig ob daraus etwas wird oder
nicht aber würdest du in das Armenhaus gehen um dort jemand zu besuchen«
»Hast du auch nur einen einzigen Augenblick daran zweifeln können
Gottlieb«
Der andere lehnte sich zufrieden auf seihe Felle zurück »Nein Robert«
antwortete er aufrichtig »das habe ich nicht«
»Nun Gott sei Dank das ist wenigstens etwas«
»Du erzählst also meinen Eltern noch einmal alles was ich ihnen schon
geschrieben habe« fuhr Gottlieb fort »wie sehr uns das Unglück verfolgt hat
und wie teuer man hier lebt Tröste den armen alten blinden Mann Robert und
sag ihm dass ich unermüdlich vom Morgen bis zum Abend arbeite um ein paar
tausend Taler zusammenzubringen damit wir das Haus wieder aufbauen und das
Geschäft neu einrichten können Aber im übrigen sieh zu dass sich die Geschichte
nicht gleich so herumspricht Es braucht ja nicht jeder zu wissen dass ich hier
ziemlich viel Geld verdiene«
Jetzt lachte Robert laut heraus »Mensch« rief er »was faselst du da In
fünf Wochen bin ich wieder zurück ohne von unserer Heimat mehr gesehen zu haben
als du der hier bleibt«
Gottlieb unterdrückte einen Seufzer »Na ja Robert« antwortete er »ich
sagte doch alles unter der Voraussetzung dass du nach Pinneberg kämst Wird
daraus nichts so erledigen sich natürlich meine Bitten von selbst«
Damit endete das Gespräch und am folgenden Morgen begannen die
Vorbereitungen zur Abreise Vier Indianer und sechs Pferde gehörten außer dem
Trapper und Robert mit ihren Tieren zu der kleinen Karawane Die beiden ledigen
Pferde sollten mit den Fellen und Pelzen des Jaguars beladen werden man führte
sie am Zügel mit sich bis zu dem Stapelplatz der als Hauptniederlage des Jägers
in einiger Entfernung vom Dorf lag
Robert hatte sich von den Indianern und ihren Frauen verabschiedet nur noch
seine Freunde begleiteten ihn vor das Dorf hinaus
Es war ein heller sonniger Julimorgen die Luft war frisch und der Himmel
heiter Roberts Wanderlust war erwacht
Noch einmal wandte er sich zu den beiden andern »Lebt wohl Gottlieb und
Mongo« sagte er ihnen die Hände schüttelnd »lebt wohl und auf
Wiedersehen«
»Verliere nur das Geld nicht« bat der junge Pinneberger ängstlich »Ich
bitte dich Robert ist das Gold sicher verwahrt«
»Vollkommen sicher« antwortete Robert zum zwanzigsten Mal »Der Jaguar hat
mir einen Ledergurt genäht in dem es bis zum jüngsten Tage sitzen könnte ohne
von irgendeinem Unglück bedroht zu werden«
Gottlieb betastete nochmals die Stelle an Roberts Körper »Wir wollen das
Beste hoffen« seufzte er »und in Stockton gibst du den Betrag auf die Post
nicht wahr«
»Das werde ich tun Gottlieb sei ganz beruhigt Die Quittung bringen wir
dir wieder mit zurück«
»Schön Robert schön und viel Glück auf die Reise«
Er trat zur Seite um dem Neger Platz zu lassen Mongo streckte seinem
jungen Freund beide Hände entgegen
»Denk zuweilen an mich Bob« bat er mit leisen Worten Robert versuchte
umsonst seiner Stimme einige Festigkeit zu geben Was er fühlte verstand er
selbst nicht ganz »Mongo« sagte er endlich »Mongo ich verdanke dir viel du
hast mir in manchen Dingen den rechten Weg gewiesen hab Dank Alter«
Der Neger schüttelte den Kopf »Nein« sagte er »das darfst du nicht sagen
Aber nun geh Männer dürfen sich nicht so schwach zeigen«
Er fühlte vielleicht die Tränen die in seinen ehrlichen Augen standen er
suchte nicht sie zu verstecken »Gott beschütze dich Bob« fügte er hinzu
»Leb wohl Mongo leb wohl«
Und Robert ging die wenigen Schritte bis zu den Pferden er wollte nicht
noch einmal wieder zurückblicken wollte es kurz machen und sich vollkommen
ruhig zeigen aber plötzlich kehrte er um und umschlang mit beiden Armen den
Hals des Negers »Mongo Leb wohl«
Er küsste das schwarze Gesicht und wandte sich rasch ab Die vier Indianer
und der Jaguar saßen schon in ihren Sätteln
»Es ist ja nur für fünf Wochen« wiederholte er sich immer wieder »es ist
nicht der Rede wert und doch tut es mir weh « »Noch ein letzter Gruß mit
der Hand ein Winken und dann flogen die schnellen Tiere der Steppe zu«
Fort ging es im scharfen Trab durch Busch und Wald Die gewohnte Umgebung
blieb allmählich zurück und die Landschaft bildete immer neue Schönheiten Zu
zwei und zwei hintereinander ritten die sechs Männer und mindestens zehn Hunde
umsprangen bellend den kleinen Zug Gesprochen wurde wenig was Robert im Grunde
sehr gelegen kam da er mit seinen Gedanken lieber allein gelassen sein wollte
Einer der Indianer der neben dem Trapper ritt beugte sich über den Hals
des Pferdes zu ihm hinüber »Weiß der Jaguar was sein Bruder der fliegende
Pfeil in diesem Augenblick dachte« fragte er leise
Der Trapper senkte den Kopf Er wandte keinen Blick von Roberts Gestalt
»Ich weiß es« erwiderte er in den tiefen Tönen der Komanchensprache »die
Gedanken des fliegenden Pfeiles sind auch die des Jaguars Vor dreißig Jahren
zogen deutsche Auswanderer arme Goldsucher von San Franzisko aus mit ihrem
einzigen Pferd mit Kindern und geringem Hausrat in die Minenstädte die damals
erst entdeckt worden waren Bei dieser kleinen Karawane befand sich ein junger
Bursche der die ganze Hoffnung seiner Eltern war ein Junge so voll Leben
und so mutig wie der dort «
Der fliegende Pfeil blickte zum Himmel hinauf »Eine weiße Wolke segelte
über die Wälder« fügte er hinzu »und ein Sternstand über der Hütte des roten
Mannes Der junge Bursche blieb bei den Komanchen und als ihn seine Eltern
aufforderten mitzuziehen in das Goldland als sie ihn verzweifelnd baten nicht
seine jungen frischen Kräfte ihrem schwierigen und gefahrvollen Vorhaben zu
entziehen da war er taub für die Bitten der alten Leute und sein erzürnter
Vater fluchte ihm «
Der Jaguar war blass geworden unter der braunen Hautfarbe »Die Welt wird alt
und verjüngt sich wieder« sagte er wie zu sich selbst »die Menschen bleiben
die gleichen Jetzt sind der fliegende Pfeil und der Jaguar Männer mit grauem
Haar und dieser junge Mensch dort der damals noch nicht geboren war verlässt
die Seinen um frei in der Wildnis zu leben Möge ihm der Große Geist gnädiger
sein als mir«
Der Indianer erhob sich im Sattel und hielt Umschau »Noch vor Einbruch der
Nacht müssen wir das Grab der Kirschblüte erreicht haben« sagte er
Der Trapper nickte und dann versanken beide wieder in das frühere
Stillschweigen Wie Robert selbst waren auch sie ganz mit ihren Erinnerungen
beschäftigt
Gegen Mittag wurde Halt gemacht und im Schatten einiger Bäume eine Mahlzeit
von kaltem Fleisch und Maiskuchen eingenommen Nach kurzer Rast brachen die
Reiter wieder auf um noch vor Abend ein Reh oder einen Hirsch zu schießen
Mit Antilope und Schlangentöter voran ging es in den stillen tiefen Wald
hinein die Jäger stellten bald einen stattlichen Sechzehnender der schon nach
kurzer Zeit zur Strecke gebracht war sie nahmen die besten Stücke heraus
beluden damit eines der Packpferde und suchten dann die versäumte Zeit durch
schnelleres Reiten wieder einzuholen Gegen Abend musste eine Höhle der Sierra
Nevada in der die Pelze des Jaguars lagerten erreicht sein Robert war zwar
etwas zerschlagen und kreuzlahm als er diesen ersten Tag mit seinem langen
anstrengenden Ritt hinter sich hatte aber daran dachte er jetzt nicht weiter
Er freute sich auf die Höhle die ihm der Jaguar zeigen wollte
Starr und zerklüftet ohne allen Baumwuchs erhoben sich hier die Felsen des
Gebirges Zur Rechten lag dichter Wald zur Linken ragten die riesigen
Steinmassen himmelhoch empor Die Nähe des gewaltigen Felsmassivs wirkte fast
erdrückend
Der Trapper und der fliegende Pfeil als die ersten im Zuge machten Halt
und nun entwickelte sich ein emsiges Treiben Es wurde ein Feuer entzündet die
Hirschkeule an den Spieß gesteckt und ein paar flache Steine glühend gemacht um
dazwischen die Maiskuchen zu backen Nur ungern schienen sich die Indianer
diesen Beschäftigungen zu unterziehen Robert bemerkte aufs neue wie sehr die
rote Rasse alle Arbeit verachtet und unter ihrer Würde hält Was sonst die
Squaws taten das mussten die Männer jetzt notwendigerweise selbst verrichten
aber es geschah mit sichtlichem Widerstreben obgleich der Trapper und Robert
mit bestem Beispiel vorangingen
Nachdem die Mahlzeit beendet war legten sich die Rotäute neben ihren
Pferden in das Moos während der Jaguar Robert aufforderte mit ihm das Lager
von Pelzen und Büffelfellen in Augenschein zu nehmen
Zwei derbe Kienspäne waren bald aus einer nahestehenden alten Tanne
herausgehauen und an dem verglimmenden Küchenfeuer in Brand gesetzt dann ging
es durch das Felsengewirr vorwärts Schon nach einigen Minuten hätte Robert den
Rückweg unmöglich wiederfinden können Bald weit bald sich vollständig
verengend kreuz und quer liefen die Gänge im Innern des Felsens neben und
durcheinander her bis sich endlich eine weite Höhle vor den beiden Männern
öffnete Von oben her fiel das scheidende Tageslicht durch die Spalten herein
dennoch aber blieben die Ecken und Winkel der weiten Halle in Dunkel gehüllt
und der Eindruck des Ganzen war äußerst abenteuerlich und geheimnisvoll
Der Jaguar hob die Fackel empor »Hier siehst du die Schätze die sich dein
Freund auf seinen Wanderungen durch Wald und Steppe zusammenträgt« sagte er
»Schau hin der Bär und der Wolf der Koyote und der Büffel der Panter und der
Biber alle haben ihr Kleid ausziehen müssen um es dem Menschen zu leihen
Morgen werden wir mit dem Ertrag des Winters die Packtiere beladen«
Roberts Augen folgten der angedeuteten Richtung Ganze Haufen von Pelzen und
Fellen lagen im Hintergrund der Höhle auf und übereinandergeschichtet alles
nach der Art geordnet alles sauber getrocknet und zusammengelegt wie in den
Schränken der sorgsamsten Hausfrau Die Pelze schienen aber auch der Stolz und
die Freude des Trappers zu sein obwohl sein dunkles Gesicht sehr ernst und fast
traurig aussah
»Vor dreißig Jahren hat der Jaguar in diesen Felsen gewohnt« sagte er
halblaut »Hier brannte sein Feuer hier ruhte er von den Anstrengungen des
Tages aus und hier fiel auf ihn die Hand des Großen Geistes der nicht will
dass das Unrechte Frieden gebe«
Die letzten Worte sprach er sehr leise und als Robert teilnahmsvoll fragte
weshalb er so traurig sei da schüttelte er den Kopf »Ein anderes Mal«
erwiderte er »Die Augen des Jaguars müssen hell bleiben und sein Geist frei
er darf sich von seinen Erinnerungen nicht beirren lassen«
»Aber komm« fuhr er fort »der Jaguar will dir noch mehr zeigen«
Robert folgte ihm bis zum Ausgang der Höhle deren Vorhöfe nach rechts und
links in einzelne Gänge abzweigten Einen dieser Wege verfolgten die beiden bis
zu einem freien Raum dessen weit geöffnete Decke den Abendhimmel mit seinen
tausend funkelnden Sternen deutlich erkennen ließ und dessen Boden mit weichem
Moos bewachsen war Von allen Seiten durch steinerne Wände eng umschlossen
glich der Platz einer großen Grabkammer
Eine Pyramide aus losgehauenen Felsstücken und kleinen Steinen erhob sich in
der Mitte des Raumes von Wucherpflanzen mit tausend Ranken überwachsen und halb
verhüllt Weiße Blumen an langen schilfartigen Blättern neigten überall im
leisen Abendwind ihre Glocken
Der Trapper blies die Fackeln aus »Wir brauchen sie nachher um den Rückweg
zu finden« sagte er »während uns hier die Sterne leuchten Sieh mein junger
Freund unter diesem Stein schläft Kirschblüte das Weib des Jaguars«
Robert empfand kein Erstaunen Er hatte sich das schon gedacht und wusste
auch dass damit noch ein besonderes Geheimnis verknüpft sein müsse aber danach
fragen mochte er nicht er schwieg daher während der Trapper ein paar
herabgefallene Steine wieder an ihren Platz legte und die Ranken darüber hinzog
»Der Jaguar hat seit dreißig Jahren dieses Grab behütet wie seinen Augapfel«
sagte er leise »es ist sein Gotteshaus er betet zum Großen Geist sooft er
hierherkommt und der Große Geist hört ihn Des Jaguars Seele hat Frieden
gefunden«
Er strich sachte mit der Hand über die Ranken des sonderbaren Grabmals
»Komm« sagte er dann »du bist jung und ein guter Mensch du willst das
Richtige ohne es begreifen zu können wie wir alle Der Jaguar wird dir in
Stockton seine Geschichte erzählen damit du erkennen lernst ob dich dein Weg
zurückführen darf in den Wigwam des roten Mannes oder ob du über das große
Wasser ziehen musst um den Zorn deines Vaters in Segen zu verwandeln«
Robert errötete stark »Hat dir Mongo von meiner Geschichte erzählt
Jaguar« fragte er
Der Trapper bejahte »Du bist ein Kind« fügte er hinzu »und der Jaguar ist
ein alter Mann das gibt ihm das Recht dich zu warnen Aber komm jetzt die
Zeit für das was dir dein Freund zu sagen hat ist noch nicht erfüllt«
»Er entzündete wieder die Fackeln und ging dann durch das Gewirr
verschlungener Wege voran bis an den Ausgang des Felsens Robert war mit den
Worten des Trappers gar nicht einverstanden Der Trotz der ihn so leicht
ergriff« regte sich auch jetzt wieder in ihm »Und wenn alle behaupten dass ich
unbedingt abreisen müsste ich will es nicht« dachte er »Es ist doch immer
dasselbe Sobald man mit alten Leuten zusammenkommt wollen sie der Jugend ihren
Weg vorschreiben Aber zu befehlen hat mir niemand auch Mongo nicht obgleich
er mich so gern zähmen möchte Ich will nicht nach Deutschland zurück jetzt
erst recht unter keiner Bedingung gerade weil alles dazu drängt und treibt«
Und mit diesem Entschluss legte er sich neben den andern auf das Moos um zu
schlafen während die Hunde Wache hielten
Am nächsten Morgen ging man daran die Vorräte aus der Höhle zu tragen und
die Tiere zu bepacken Dann wurde wenn auch langsamer die Reise fortgesetzt
Bis nach Stockton waren es noch etwa zehn Tage man durfte sich jedoch nicht
aufhalten da mit einem solchen Ritt durch eine unbewohnte und von Raubtieren
bevölkerte Gegend manche Gefahr verbunden ist die möglichst rasch umgangen
werden muss zumal wenn die Reisenden einen Wert von mindestens zweitausend
Dollar mit sich führen
Robert sorgte während der Reise fast täglich für die Küche das heißt er
schoss den Braten und der Trapper bereitete ihn für das Mahl zu Die Nächte
wurden unter freiem Himmel verbracht am Morgen in einem der zahllosen
Nebenflüsse des San Joaquin ein erfrischendes Bad genommen und die Zeit der
stärksten Mittagshitze verschlafen mit einem Wort es war ein Leben wie es
sich Robert in seinen verwegensten Träumen nicht schöner vorstellen konnte
»Ich bleibe bei den Wilden solange es mir gefällt« dachte er »und dann
suche ich in San Franzisko ein Schiff ich will leben um glücklich zu sein«
Er hütete sich mit dem Trapper unter vier Augen zu sprechen und als
endlich die Umgebung der Stadt Stockton erreicht war als man nicht mehr jagen
konnte sondern von den Farmern das Fleisch kaufen musste da hatte die Reise für
ihn den hauptsächlichsten Reiz verloren »So in einer Stadt leben könnte ich
nicht« dachte er »nein entweder auf dem Wasser oder in der Wildnis bei den
Rotäuten«
Er übersah fast geringschätzig die neugierigen Blicke der Farmer mit denen
der Zug von Indianern und Tieren überall empfangen wurde Nur wenn ein deutscher
Laut sein Ohr traf schoss ihm das Blut in die Schläfen
»Wo es mir gut geht da ist mein Vaterland« sagte er sich aber dieser
Trotz konnte ihn doch nicht wirklich beruhigen und er fragte den Trapper immer
wieder wie lange man sich notwendigerweise in Stockton aufhalten müsse
»Fünf bis sechs Tage« lautete die Antwort »Der Jaguar will nicht allein
seine Felle verkaufen sondern sich auch mit allen unentbehrlichen Dingen für
die nächsten Monate ausrüsten Er braucht Schiessbedarf Stiefel und Feuerwasser
er muss sich ein neues Messer kaufen und den Squaws die seinen Wigwam besorgen
ein Geschenk mitbringen Hat der junge Weiße so große Eile wieder
zurückzukehren in das Lager der roten Männer«
Robert bejahte äußerlich gelassen obwohl ihm das Blut in die Wangen trat
»Jede Entscheidung lässt mich ruhiger werden« dachte er »nur das dauernde
Hin und Herüberlegen ist unerträglich Wenn wir nur erst wieder im Gebirge
wären«
Auf diese Weise wurde endlich an einem glühend heißen Tage Ende Juli 1870
die Stadt Stockton erreicht und Robert sah nach fast einem Jahr zum erstenmal
wieder einen Hafen Außer den kleinen Postdampfern die auf dem San Joaquin die
Verbindung mit San Franzisko aufrechterhalten gab es nur einige Holzschiffe
Kähne und Boote doch selbst dieser matte Abglanz all der Herrlichkeiten die
Robert in den größeren Hafenstädten begeistert hatten ließ sein Herz schneller
schlagen
»Ich könnte nach San Franzisko fahren und dort das Geld auf die Post geben«
dachte er und war schon im Begriff den andern seinen Entschluss mitzuteilen
Aber dann fiel ihm auch wieder ein dass irgendwelche unvorhergesehenen Umstände
die Rückreise verhindern könnten und er dadurch von seinen Gefährten getrennt
werden würde »Nein« beschloss er »ich will der Versuchung widerstehen Die
beiden der Jaguar und Mongo sollen sehen dass ich ein Mann bin und kein Kind
das sich befehlen oder beeinflussen lässt«
Er begleitete also den Trapper und die Rotäute in eine Herberge vor der
Stadt wo sie bereits von früheren Reisen her bekannt waren und wo sich sogleich
das Volk in Scharen sammelte um die roten Fremdlinge anzustaunen Während die
Indianer mit ihrem unzerstörbaren Gleichmut ohne irgend jemand zu beachten auf
dem Hof des Wirtshauses ihr Zelt aufschlugen ihre Felle ausbreiteten und sich
rauchend darauf ausstreckten ging Robert durch die Straßen der Stadt um einen
Goldkäufer zu suchen Das Geschäft war bald abgeschlossen und eine Summe von
nahezu fünfhundert Dollar in seinen Ledergürtel gewandert nach deutschem Geld
also für Gottlieb und ihn selbst je dreihundert Taler Den Anteil seines
Freundes brachte er mit einem schnell entworfenen Brief den Gottlieb leider
unter den Komanchen nicht hatte schreiben können zur Post und erst als er dies
pünktlich erledigt hatte dachte er an seine eigenen Wünsche Den Brief an
seinen Vater wollte er erst abends in aller Ruhe aufsetzen und jedes Wort darin
genau abwägen vorher aber noch die Stadt ansehen und darauf hatte er sich
schon lange gefreut in einem anständigen Gasthaus einmal wieder ordentlich
mit Messer und Gabel zu Mittag essen
Der Trapper verhandelte mit einer Gruppe von Pelzhändlern er ließ sie
durcheinander schnattern jedes Fell besonders ausbreiten und tadeln um jeden
Cent lange feilschen und über die schlechten Zeiten im allgemeinen bittere Klage
fuhren ohne von seiner Forderung das Allergeringste abzulassen
Höchstwahrscheinlich kannte er die Art dieser Geschäftsleute schon ganz genau
denn er schwieg zu dem was sie sagten als sei er stocktaub Robert dagegen
fühlte sich nachdem er die Sache fünf Minuten lang mit angesehen hatte recht
unangenehm berührt er fragte den Jaguar ob er ihm in irgendeiner Weise helfen
könne und als der Trapper dankend ablehnte ging er fort um ein Gasthaus zu
finden
Seine Augen suchten die Schilder über den Haustüren ab bis ihm eine große
Inschrift in deutscher Sprache entgegenschimmerte »Zur deutschen Heimat« las
Robert und trat in die weite saubere Vorhalle in der große Fässer lagerten
und von da in den Speisesaal
An mindestens zehn Tischen saßen Kopf an Kopf die Gäste Laute Unterhaltung
schwirrte dem Ankommenden entgegen deutsche Worte hörte man überall deutsche
Zeitungen gingen von Hand zu Hand und auf den ersten Blick ließ sich erkennen
dass irgendein besonderes Ereignis die Menschen in Aufregung versetzt haben
musste
Robert achtete anfänglich nicht darauf sondern hielt sich bescheiden zurück
und forderte nach sorgfältiger Durchsicht der Speisekarte eine Portion seines
Lieblingsgerichtes dem er tapfer zusprach Als er gegessen hatte bat er um
eine deutsche Zeitung Vielleicht konnte er ja daraus von der Heimat irgendeine
Neuigkeit erfahren
Der Kellner zuckte die Achseln »Wir nehmen seit die Nachricht kam von
jedem Blatt sechs Exemplare« antwortete er »aber dennoch ist nie eins zu
erreichen Die Stammgäste halten sie fest als wären es Heiligtümer«
Robert blickte auf »Welche Nachricht« fragte er
»Nun die von der Kriegserklärung natürlich«
Auf Roberts Gesicht malte sich unverkennbares Erstaunen »Eine
Kriegserklärung« wiederholte er »Wo ist denn Krieg«
Der junge Mann schüttelte den Kopf »Sie kommen wohl aus den Goldminen«
antwortete er »aber das macht nichts Sie werden schon genug davon zu hören
bekommen Uns ich meine natürlich unseren König in Berlin ist von Frankreich
der Krieg erklärt worden und alles was deutsch spricht marschiert an den
Rhein um die Grenzen zu schützen«
Er entfernte sich mit seinen Tellern und Schüsseln und ließ Robert in
größter Aufregung zurück Deutschland war von Frankreich der Krieg erklärt
worden das war ein kühnes gewagtes Spiel das hieß alles auf eine Karte
setzen
Robert fühlte wie ihm das Herz klopfte Fast ehe er selbst wusste was er
beabsichtigte war er zu einer der Gruppen an den anderen Tischen getreten und
hatte in deutscher Sprache gebeten ihm von dem großen Ereignis doch mehr zu
erzählen Noch wusste er ja keine Einzelheiten sondern nur die Tatsache selbst
Die Leute wandten sich erstaunt um und musterten prüfend die Erscheinung des
braungebrannten jungen Menschen »Wahrhaftig« sagte einer »ich glaube das ist
ein Halbindianer Wenigstens sind Mütze und Gürtel Komanchenarbeit«
»Hallo« rief der zweite »kamt Ihr nicht heute früh mit noch einigen
anderen aus den Gebirgen herab Ich denke dass ich Euch wiedererkenne«
Robert nickte »Ihr habt recht« erwiderte er »aber «
»Alle Teufel was tut Ihr denn bei den Rotäuten« unterbrach der Mann »Ein
so junger Bursche kann doch unmöglich daran denken Trapper zu werden«
Robert konnte seinen Ärger schlecht verbergen »Ich glaube« antwortete er
nachdrücklich »dass das meine Sache ist Aber Sie scheinen nicht die Absicht zu
haben mir das zu sagen was ich gern wissen möchte Ich will Sie nicht länger
stören«
Vom anderen Tisch herüber wurde ihm ein Bierglas gereicht »Auf Deutschlands
Sieg« rief ein stämmiger Mann dessen Äußeres deutlich den »Digger« verriet
»Warst wohl in Lenchi oder Idaho was Hast gute Beute gemacht und bist mit den
Rotäuten hierhergekommen um die teure Reise auf der Bahn zu sparen denke
ich«
Robert unterdrückte seinen Unwillen und nahm das dargebotene Glas »Ich
danke Ihnen Sir« sagte er »Sie haben wirklich das Richtige getroffen Die
Komanchen sind mir gute Freunde ich achte sie ebenso wie alle anderen
Menschen«
Die Männer lachten »Es wollte auch niemand von uns die Rotäute
beleidigen« hieß es »aber man wundert sich doch einen Weißen zu sehen der
ständig mit ihnen zusammenlebt«
»Du« rief wieder der Digger »willst du jetzt nach Deutschland und dich
freiwillig zu den Soldaten melden Dann können wir zusammengehen«
Dunkle Röte färbte Roberts Wangen »Ist es Wahrheit mit der Nachricht von
der Kriegserklärung« fragte er nochmals
Nun endlich wurde ihm von allen Seiten Auskunft gegeben Er nahm gedankenlos
die Zeitung die man ihm reichte sein erster Blick fiel auf den Erlass des
Kriegsministeriums in Berlin bei allen Truppenteilen den Eintritt Freiwilliger
zu gestatten
Es wirbelte in seinem Kopf das Blut pochte in den Schläfen ein einziger
Gedanke verdrängte alle andern Das Vaterland war in Gefahr der König
erwartete dass keiner zurückbleiben werde wo es galt die Heimat zu schützen
Aller Zwiespalt war vorüber alle Zweifel gelöst Es gab für ihn keine
persönlichen Interessen mehr keinen Trotz gegen seinen Vater oder gekränkte
Eigenliebe das bedrohte Deutschland rief und er musste folgen Seine Augen
suchten den Goldgräber »Ich gehe mit dir« antwortete er fest
»Bravo Trotz deiner Jugend bist du ein ganzer Kerl Komm lass uns
anstossen«
Die übrigen bestellten Wein und die Gläser klangen aneinander Der
Begeisterungsrausch der damals ganz Deutschland ergriffen hatte zeigte sich
selbst hier jenseits des Atlantischen Ozeans Man trank bis die Köpfe erhitzt
waren Robert der nie einen Tropfen zuviel über seine Lippen kommen ließ war
rechtzeitig gegangen um zunächst dem Trapper mitzuteilen dass er mit dem
morgigen Postdampfer nach San Franzisko abreisen und sich von dort für Hamburg
anmustern lassen werde »Nicht wahr« sagte er »du verstehst das Jaguar du
würdest es ebenso machen«
Der Trapper fuhr sich mit der Hand über die Stirn Er schwieg lange Zeit
während der er alte trübe Erinnerungen zu bekämpfen schien Die Nachricht
Roberts musste ihn offenbar sehr ergriffen haben
»Komm« sagte er endlich »komm der Jaguar will seinem weißen Bruder die
Geschichte erzählen von der er neulich schon gesprochen hat Komm«
Robert folgte ihm und die beiden gingen langsam hinaus bis vor den Ort wo
endlich der Jaguar als sie ganz allein waren von seiner Jugend erzählte Wir
wissen aus dem Gespräch zwischen ihm und dem fliegenden Pfeil bereits dass er
derjenige war den sein eigener Vater verfluchte als er sich weigerte das
Indianerdorf wieder zu verlassen und seine Eltern zu begleiten aber wir wissen
nicht wie schrecklich der damals noch junge Mann vom Schicksal für diesen
Ungehorsam bestraft wurde
»Ich war verblendet« sagte der Trapper »ich hielt meine Ehre für bedroht
und fand Freude am Trotz gegen meinen alten Vater Der fliegende Pfeil ging mit
mir auf die Jagd ich lebte in seinem Wigwam ohne Sorge und Arbeit ich konnte
tun was ich wollte anstatt dem strengen Vater zu gehorchen und über alles was
ich tat Rechenschaft abzulegen Das verlockte mich zumal da dieser Streit
zwischen ihm und mir keineswegs der erste war Während ich die alten Leute
weiterziehen ließ ohne mich um ihr Schicksal zu kümmern ging es mir selbst
eine kurze Zeitlang ausgezeichnet Ich heiratete Kirschblüte die Schwester des
fliegenden Pfeils und wohnte in den Felsen wo sie begraben liegt aber nur
für wenige Wochen
Der Große Geist hatte den Fluch des beleidigten Vaters gehört er sandte das
Verhängnis das ihn erfüllen sollte er schlug das Auge des Jaguars mit
Blindheit dass er sein Liebstes nicht erkannte Drei Tage und drei Nächte
hatte er den grauen Bären verfolgt den gefährlichsten blutdürstigsten der
ganzen Gattung drei Tage und drei Nächte lang hatte er nicht geschlafen und
fast ohne Speise und Trank nur an das Raubtier gedacht das ihn immer wieder zu
necken und zu täuschen schien
Aber gerade das reizte den Trotz des Jaguars Er dachte an nichts anderes
als nur an diesen Bären der den Felsen umkreiste der beständig in der Nähe war
und dessen er doch nicht habhaft werden konnte Sein Blut strömte heiß durch die
Adern seine Ruhe war dahin er schlief nicht eher bis ihn die letzten Kräfte
verließen Doch schon nach kurzer Zeit taumelte er wieder empor um das Raubtier
zu verfolgen Wenn er meilenweite Strecken zurückgelegt hatte und erschöpft auf
das Moos des Weges sank dann trabte hinter ihm gewiss der Bär und schien seinen
ohnmächtigen Gegner verspotten zu wollen Kugel auf Kugel pfiff harmlos an ihm
vorüber das Tier war offenbar gefeit
Zuletzt sah ihn der Jaguar in heller Mondnacht durch das Gebüsch kriechen
als er sich zufällig ganz in der Nähe seiner Höhle befand Er schoss nicht es
graute ihm bereits vor dem Klang der niemals treffenden Büchse aber er schlich
nahe und näher heran er wollte seinen Todfeind von Angesicht zu Angesicht sehen
und empfand das wahnwitzige Verlangen Brust an Brust mit ihm zu ringen ihm
womöglich das Jagdmesser ins Herz zu stoßen und sich an seinen Qualen zu weiden
Lautlos schlich er heran
Der Bär zeigte sich im hellen Mondglanz nur für wenige Sekunden er sah in
das Auge des Jaguars und dann verschwand er als habe ihn die Erde
verschlungen Der Jaguar rührte sich nicht er starrte nur immer auf die eine
Stelle und wagte kaum zu atmen aus Furcht dass ihm sein Feind entgehen möchte
Stunde um Stunde verrann die Einsamkeit und Totenstille der Umgebung drückten
auf das Gehirn des Jägers aber er widerstand dem Schlafe um immer nach jenem
Gebüsch zu sehen um im gleichen Augenblick wenn das Raubtier zurückkehren
würde ihm die Todeskugel in das Herz zu schicken
Und dann dann kam das Verhängnis
Der Jaguar weiß nicht ob er wenige kurze Augenblicke lang vielleicht
geschlafen hat er hörte plötzlich ein Knistern und Rauschen er sah wie sichs
an jener Stelle hinter den Zweigen regte und dass etwas wie grauer Pelz durch die
Blätter schimmerte
Diesmal stand das Tier es schien seinen Feind zu erwarten es blieb auf
demselben Platz regungslos wie der Jaguar selbst
Wilde Freude ergriff den Jäger er hob lautlos die Büchse der Schuss
krachte dass ihn das Bergecho donnernd zurückwarf aber noch ein anderer
schwacher Laut mischte sich in das Getöse
Es klang wie das leise Wimmern eines Menschen
Der Jaguar taumelte auf Eiseskälte rann durch seine Glieder sein Herz
schlug stürmisch er stürzte halb besinnungslos zu der Stelle wohin er
geschossen hatte und bog die Zweige auseinander
Da lag Kirschblüte das Licht seines Auges sein junges schönes Weib und
aus ihrer Brust strömte das Blut über das Moos dahin Nur zu sicher hatte
diesmal des Jaguars Kugel ihr Ziel getroffen«
Der Trapper hielt inne überwältigt von der Macht der schrecklichen
Erinnerung unfähig weiterzusprechen Er stützte den Kopf in die hohle Hand und
sah starr vor sich auf den Weg
Robert versuchte kein Wort des Trostes Was hätte auch gesagt werden können
einem so vernichtenden Schmerz gegenüber »War Kirschblüte tot Jaguar« fragte
er nach einer Weile
Der Trapper nickte »Sie hat den Jaguar kaum noch erkannt« fuhr er fort
»sie hat ihm nicht mehr erzählen können weshalb sie dort in das Gebüsch
gegangen war aber er weiß dass sie ihn aufsuchen wollte weil er während des
ganzen vorigen Tages und der Nacht nicht nach Hause gekommen war Es war das
Verhängnis der Fluch der auf des Jaguars Haupt lastete
Und dann begann für ihn eine schreckliche Zeit Die Komanchen wollten den
Leichnam der erschossenen Kirschblüte nach Art ihres Volkes bestatten und im
dichten Wald ein Gerüst aufschlagen um den Körper in Felle genäht von der
Luft zerstören zu lassen Aber der Jaguar verweigerte die Herausgabe seines
toten Weibes Da wo sie gelebt hatte begrub er Kirschblüte nach der Weise des
Christentums in dessen Lehren er erzogen worden war und wenig kümmerte es ihn
was dazu die roten Männer sagten
Doch sollte die Strafe auf dem Fuße folgen Der fliegende Pfeil grub die
Streitaxt aus dem Boden die Komanchen verfolgten den Jaguar wie ein reissendes
Tier das in ihre Hürden eingebrochen war und ihr Eigentum geraubt hatte Er
musste in die Wälder flüchten heimatlos ganz allein er hatte kein Dach das
ihm Schutz gewährte kein Feuer an dem er sich wärmen durfte und der Zorn des
Ewigen schwebte über seinem Haupte Einmal kam er in die Nähe einer Minenstadt
hungernd frierend ermüdet zum Sterben da sah er eine Hütte und darin ein
Feuer an dem Kinder spielten er sah den Rauch vom Bratspiess zum Himmel steigen
und erblickte harmlose zufriedene Menschen
Es hatte geregnet der Jaguar in seinen abgetragenen Kleidern war bis auf
die Haut durchnässt er fühlte Fieber in den Adern und seine Füße bluteten
schon wollte er sich der Hütte der Goldgräberfamilie nähern und um einen Platz
an ihrem Feuer bitten da sah aus dem einzigen kleinen Fenster ein alter Mann
Das Haar war grau und das bleiche Antlitz von tiefen Furchen durchzogen die
Augen blickten dunkel und trübe
Dieser Mann den wenige Monate zum Greis gemacht hatten war des Jaguars
Vater
Nahe ganz nahe stand der Sohn dem er geflucht hatte ein Bettler in
Lumpen hungernd und frierend mit Fieber in den Adern
Und dieser Sohn dachte an das Bibelwort von dem Verlorenen der
zurückgekehrt war an die Verheißung dass dem Reuigen verziehen werden soll es
stritten wilde böse Mächte in seinem Herzen aber der Trotz behielt den Sieg
Wäre er ein wohlhabender Mann und ein glücklicher Mensch gewesen ja dann hätte
er mit tausend Freuden die Seinigen begrüßen können aber zu ihnen als
heimatloser fluchbeladener Bettler zurückzukehren sie zu bitten ihre Hilfe in
Anspruch zu nehmen
Nie
Er wandte sich ab und lief fort wie von bösen Mächten verfolgt
Und Jahre vergingen bis sein Trotz gebrochen war bis er sich mit den
Komanchen wieder aussöhnte und in ihrem Dorf seinen Wigwam erbaute Er hat das
Antlitz des Großen Geistes im Zorn gesehen und in der Versöhnung er hat seine
Stimme kennengelernt in der Natur und in den Ereignissen die ohne menschliches
Dazutun aus den Wolken herab sprechen So wusste er auch als sich seine und
seines weißen Bruders Kugel im Fluge trafen dass das ein Wahrzeichen sei und dass
er einen Freund gefunden habe dem die Kunde dessen was er gesündigt und was er
erlitten hatte als Warnung dienen könne
Möge der junge weiße Fremdling des Jaguars gedenken sooft ihn das heiße
Blut zum Widerstand treibt möge er sich allzeit erinnern dass es ein anderes
ist um die schnelle trotzige Tat und um den langen mahnenden Weg der Reue«
Er schwieg und Robert drückte ihm erschüttert die Hand Er dachte an das
stille Grab Mohrs an der Küste der kubanischen Insel Und die Gestalten dieser
beiden Männer das traurige Antlitz des Geistersehers und das ernste des
Trappers standen ihm noch vor Augen als er längst in das Wirtshaus
zurückgekehrt war und zum erstenmal wieder in einem Bett schlief
Am anderen Morgen nahm er Abschied von den Komanchen denen der Trapper
erzählt hatte um was es sich handelte und deren völlige Zustimmung er ihm ins
Englische übersetzte Sie alle begleiteten Robert bis an das Postschiff das ihn
nach San Franzisko bringen sollte
»Grüße Mongo und Gottlieb« bat er mit etwas unsicherer Stimme »und
versprich ihnen Briefe von mir Auch dir darf ich schreiben nicht wahr
Jaguar«
Der Trapper nickte »Unter dem Namen des Wirtes bei dem wir wohnen«
antwortete er »Wenn ich im Herbst noch lebe so erhalte ich dort den Brief
meines jungen Freundes«
»Gut also Aber jetzt läutet die Glocke zum drittenmal leb wohl Jaguar
leb wohl und noch einmal Dank für alles«
Der Trapper trat während die Matrosen die Haltetaue lösten auf die
Landungsbrücke Er hielt noch immer Roberts Hand und sah ihm fest ins Auge »Leb
wohl« sagte er in deutscher Sprache »leb wohl und der allmächtige Gott segne
dich«
Das Schiff begann sieh zu drehen die schrille Pfeife zerschnitt die
Abschiedsworte und die Hände lösten sich
Noch einmal grüßte der ernste Mann vom Lande herüber noch ein Lächeln
schwebte um die Lippen die nach dreißig langen Jahren das erste deutsche Wort
gesprochen hatten und dann traten andere Menschen dazwischen dann sah Robert
nur noch wie im Fluge die hohe spitze Mütze und die schlanke Gestalt des
Trappers Als er sich auf die Zehenspitzen erhob war alles verschwunden
So schnell zerrissen das Band der letzten Monate so ganz allein wieder
unter Fremden das Gefühl war sonderbar wehmütig
Der Deutsche den er gestern getroffen hatte war ebenfalls auf dem Dampfer
und wollte wie er zur Armee nach Deutschland gehen Robert hatte also einen
Reisebegleiter mit dem er über Vergangenes und Künftiges sprechen konnte einen
Mann der die Verhältnisse in den Minenlagern kannte aber auch aus früheren
Jahren her im Militärischen bewandert war Es ließ sich herrlich mit ihm
plaudern bis der Dampfer die Suisunbai und die Pablobai durchquert hatte und in
San Franzisko landete Dort trennten sich ihre Wege da der Goldgräber mit dem
nächsten Dampfer nach Deutschland ging während sich Roberts Angelegenheiten
nicht ganz so schnell regeln ließ Er war wie wir wissen sehr sparsam und
wollte daher keineswegs als Passagier nach Europa reisen sondern vielmehr auf
der Überfahrt noch ein gutes Stück Geld verdienen um sich in Hamburg einen
neuen Seemannsanzug zu kaufen und bei seinen Eltern nicht so abgerissen
anzukommen Er besaß außerdem kein Stück Wäsche sondern außer seinem Lederanzug
nur noch den Brustbeutel des Spaniers mit der Nähnadel aus einer Fischgräte
also musste er noch vieles zusammenkaufen
Zunächst erstand er eine Seekiste mit festem Schloss und verwahrte darin den
Komanchengürtel dann versorgte er sich mit dem nötigsten wollenen Unterzeug und
neuen derben Seestiefeln zog den Betrag für einen vollständigen Anzug und
weiße Wäsche noch außerdem ab und rechnete dann heraus was ihm in Hamburg
bleiben würde Mit der Heuer die er zu verdienen hoffte etwa zweihundert
Taler also nach Abzug des Betrages den er seinem Vater schuldete noch hundert
Taler das genügte ihm um auf seinem Besuch in Pinneberg unabhängig zu sein
Er wechselte das Geld in Banknoten um und legte es zu dem Gürtel in die
Kiste dann aber machte er sich auf um ein Schiff zu suchen und schon am
folgenden Tage war er unterwegs nach Hamburg
Heimkehr
In Europa waren inzwischen die ersten siegreichen Schlachten gegen Frankreich
geschlagen worden Robert ersah aus den Zeitungen die in England an Bord kamen
dass die deutsche Armee überall vorrückte und freute sich darauf bald selbst
Soldat sein und seine Pflicht für das Vaterland tun zu dürfen
An Bord eines Kriegsschiffes dem Feind gegenüber zu stehen und sich mit ihm
auf hoher See im Gefecht zu messen welch ein Erlebnis musste das sein
Niemand von der Mannschaft kannte die Pläne mit denen er sich trug niemand
beachtete den stillen schweigsamen jungen Matrosen der seinen Dienst an Bord
ordnungsgemäss erfüllte und in den wenigen Freistunden träumend auf das Wasser
hinaus blickte immer nachdenklicher und ernster je mehr sich das Schiff der
Heimat näherte
Jetzt war Helgoland in Sicht dann Brunshausen und endlich Cuxhaven Der
Lotse kam an Bord neue Siegesnachrichten verbreiteten sich unter den
Passagieren und Matrosen das Schiff lief in die Elbmündung ein es war
Holsteins Küste die sich dort in letzter Abenddämmerung von fernher abhob Tief
bewegt suchte Robert mit den Augen das geliebte Land
Holstein Er sah wie im Traum die grünen Ufer hinter denen nur wenige
Meilen entfernt sein Elternhaus lag Wie würde er es finden das niedere alte
Dach und wie die Menschen darin
Ein Schauer überlief ihn Wenn der Vater unbeugsam blieb Wenn er ihm die
Tür wies und alle Leute es erfuhren dass Robert Kroll im Elternhause ein
Ausgestossener war
Er verscheuchte gewaltsam die trüben Gedanken und ging wieder an die Arbeit
während das Schiff die Elbe hinauffuhr und endlich am späten Abend in Hamburg
vor Anker ging Für die Nacht war an eine Auszahlung der Heuer nicht zu denken
und auch am folgenden Vormittag verzögerte sie sich da mit einem Teil der
Mannschaft unterwegs Zwistigkeiten entstanden waren Erst abends um sieben Uhr
konnte Robert nachdem sich sein silberner Schatz um vierzehn Taler vergrößert
hatte an Land gehen
Mit welchen Gefühlen er aus der Jolle sprang und die Treppenstufen
hinaufstieg kann man kaum schildern Sein Herz klopfte bis zum Hals Einige
Minuten lang stand er im Menschenstrom am Hafen regungslos still um erst wieder
etwas ruhiger zu werden dann aber nahm er sich zusammen und ging mit der Kiste
auf der Schulter in das nächste beste Logierhaus um dort sein Hab und Gut in
Sicherheit zu bringen während er selbst einen Anzug und Wäsche kaufte und vor
allem ein Bad nahm um erst einmal wieder richtig sauber zu werden Als er
zurückkam braungebrannt und frisch mit einem kühnen Bärtchen auf der
Oberlippe ganz in frische Wäsche und den neuen Anzug gekleidet erregte er mit
seiner schlanken hochgewachsenen Gestalt und seinem sicheren Auftreten überall
Aufsehen und unverkennbares Wohlgefallen
Für heute war es zu spät noch nach Pinneberg zu fahren er musste daher
seine Ungeduld zügeln und versuchen den Rest des Abends so gut wie möglich zu
verbringen
Im Gastzimmer seines Logierhauses saßen die Menschen Kopf an Kopf Unter
ihnen befanden sich einige fremd aussehende Männer die Robert auf den ersten
Blick als französische Kriegsgefangene erkannte Es waren Offiziersburschen
deren Herren in Privatäusern aufgenommen worden waren und die man in
nahegelegenen Wirtschaftslokalen untergebracht hatte um sie ständig überwachen
zu können
Auch einer der Offiziere war darunter er saß für sich an einem Tisch
anscheinend ohne auf die lebhafte Unterhaltung der Gäste zu achten Manchmal
schrieb er in ein Buch einige kurze Bemerkungen und dann durchlief sein Blick
wie zufällig den Kreis der Umsitzenden zu denen auch die Gruppe der Burschen
gehörte
Einer von ihnen musste sich sehr langweilen Er malte bald mit dem
Zeigefinger auf der Tischplatte bald sprach er zu einem fast schwarzen Zuaven
hinüber oder zu dem Kellner der ihn durchaus nicht verstehen konnte und in den
Zwischenpausen zog er ein französisches Buch aus der Tasche um einzelne
abgebrochene Worte vor sich hin zu murmeln
Die Stammgäste am Nebentisch besprachen währenddem lang und breit das
Neueste vom Kriegsschauplatz wo die Armeen der Deutschen standen die
Kriegsschiffe lagen welche Küstenplätze man als bedroht ansehen müsse und wo
die Gefahr am größten sei
Robert beobachtete das ganze Treiben ohne ihm irgendein Interesse
abgewinnen zu können Er wandte sich an den Wirt und fragte ihn ob in dieser
Gegend noch eine Schenke sei deren Eigentümer Peter Volland heiße und ob er
ihm den Weg dahin zeigen könne
Der Mann in Hemdsärmeln schien sich zu besinnen »Peter Volland«
wiederholte er fragend »Ach ja doch nun hab ichs Peter Volland Der sitzt
im Zuchthaus«
Ein plötzlicher leiser Ausruf hinter ihm veranlasste Robert sich umzusehen
Es war ihm als beuge sich der Franzose der so unruhig sprach noch tiefer als
vorhin auf sein Buch herab Sonst bemerkte er nichts
»Im Zuchthaus« wiederholte er »Wie ist das möglich«
Der Wirt zuckte die Achseln »Da passierte vor drei Jahren eine dumme
Geschichte« sagte er »Es wurde in seinem Hause ein Seemann so schwer
verwundet dass er bald darauf starb und bei der Gelegenheit kam denn so manches
andere mit heraus Volland hatte noch ein kleines Nebengeschäft als
Seelenverkäufer indem er Jungen vom Lande an Schiffe vermittelte auf denen
geschmuggelt wurde oder manchmal noch Schlimmeres Sie wissen schon hohe
Versicherung Ladung von Steinen und ein Korallenriff an dem der Schoner
verunglückte Was gemacht werden kann wird gemacht Volland hatte auch noch
einen Mitschuldigen aber der war nicht aufzuspüren«
»Kerl« hörte in diesem Augenblick Robert die Stimme eines der Gäste »Kerl
ich glaube du verstehst deutsch du lauerst auf das was gesprochen wird«
Eine Faust schlug derb auf die Tischplatte und unter den Gästen entstand
allgemeine Unruhe während welcher sich der Offizier vom anderen Tisch unbemerkt
entfernte
»Dieser Kerl versteht deutsch« rief der Gast auf den schon erwähnten
Franzosen deutend »er ist bei dem was er reden hörte bald rot bald blass
geworden«
Roberts Blicke folgten der allgemeinen Richtung Da saß der Offiziersbursche
und schien unbekümmert zu lesen wenigstens hielt er das bärtige Gesicht tief
gesenkt obgleich ganz offenbar seine Hände leise zitterten Die übrigen
Franzosen flüsterten miteinander
»Du« rief der Wirt die Schulter des Mannes berührend »du verteidige
dich wenn du kannst oder gib Rede und Antwort wie ein ehrlicher Kerl Hast du
verstanden was gesprochen wurde«
Jetzt musste der Franzose aufblicken Er tat es aber nur einen Augenblick
lang ruhte sein Auge auf dem Gesicht des Wirtes dann wandte es sich wie von
unwiderstehlicher Macht angezogen Robert zu Etwas wie eine flehende Bitte
schimmerte in den eingesunkenen Augen
Robert erschrak ohne zu wissen weshalb Wo hatte er dies Gesicht schon
früher gesehen
Der Franzose stammelte in seiner Sprache einige Worte die niemand verstand
die aber einem Blitzschlag gleich Robert alles erklärten Als er die Stimme
hörte erkannte er den Mann
Eine unwillkürliche Bewegung der Hand verriet vielleicht diese Entdeckung
ein Name trat auf seine Lippen aber der Blick der bittenden Augen hielt ihn
zurück Robert konnte nicht zum Verräter werden auch jetzt nicht als ihm der
Mann gegenüberstand der ihm soviel Unrecht zugefügt hatte Er dachte nur
»Georg Georg« aber er sprach es nicht aus
Und der französische Gefangene las ihm seinen Entschluss von der Stirn Er
sah dreister um sich und fragte mit lauter Stimme was man von ihm wolle
Der Wirt schüttelte den Kopf »Sie irren sich« beruhigte er den entrüsteten
Gast »Dieser Mann versteht kein Wort«
Um Roberts Lippen kräuselte sich ein verächtliches Lächeln So tief war
Georg gesunken dass er dem Feind diente Das konnte er ihm weniger verzeihen
als den Diebstahl zu dem ihn damals die bittere Not getrieben haben mochte
Er ging hinaus und suchte durch einen weiten Spaziergang an der Elbe entlang
wieder ruhiger zu werden er dachte über die ernste Lehre nach die ihm dieser
Abend gegeben hatte und dass es doch wahr sei was ihm so oft gepredigt worden
war und was er immer wieder in den Wind geschlagen hatte dass jede Schuld auf
Erden ihre Strafe findet
Peter Volland im Zuchthaus Georg ein Kriegsgefangener der sein Vaterland
und seine Sprache verleugnen musste und endlich er selbst
Was erwartete ihn vielleicht zu Hause in Pinneberg
Er nahm sich vor es zu ertragen wie ein Mann und sich nichts zu vergeben
auch nicht seinem Vater gegenüber Je näher der Augenblick des Wiedersehens
heranrückte desto stärker wurde sein Trotz mit dem er sich auf sein Geld
berief
Wieder in das Logierhaus zurückgekehrt legte er sich sogleich ins Bett und
wollte möglichst die ganze Zwischenzeit bis zur morgigen Abreise ohne
Unterbrechung verschlafen Aber schon nach fünf Minuten wurde er durch einen
unerwarteten Besuch gestört Im Türrahmen stand Georg Er wagte wie ein armer
Sünder keinen Schritt über die Schwelle
Robert sah das eingesunkene blasse Gesicht des ehemaligen Seilers die
ganze kümmerliche Haltung und das Beschämende seiner Lage er vergaß im
Augenblick alles andere stand wieder auf und zog den Unglücklichen zu sich ins
Zimmer »Nun« sagte er »Georg was willst du von mir«
Der Gefangene sank erschöpft auf den nächsten Stuhl »Robert« bat er
»willst du mein Geheimnis bewahren Und und hast du mir verziehen Sieh
damals «
Robert unterbrach den angefangenen Satz »Lass das gut sein Georg«
erwiderte er »Ich denke nicht mehr an das was du mir getan hast ich habe dir
alles verziehen nur nicht dass du dein Vaterland verrätst«
Dunkle Glut schoss über das fahle Gesicht des Seilers »Ach du« stammelte
er in kläglichem Ton »rechne mir das nicht so sehr hoch an Ich verdiente mein
bisschen Brot als Diener des Franzosen mit dem ich nun in Gefangenschaft geraten
bin ja und da kam der Krieg aber ich habe nie gegen Deutschland gefochten
könnte es ja auch des lahmen Fußes wegen schon gar nicht Wie unglücklich ich
bin davon machst du dir keinen Begriff«
Roberts gutmütiges Herz hatte längst allen Groll vergessen »Nun«
antwortete er »das lässt sich als Entschuldigung schon hören Warum bist du denn
nicht mehr Seiler«
Der andere seufzte schmerzlich »Meine Gesundheit erlaubt mir keine
Anstrengungen« erwiderte er »Ich spucke Blut die Meister nehmen mich nicht
mehr in Arbeit«
»Du armer Kerl Man soll doch nie voreilig urteilen«
Und Robert schloss die Seekiste auf nahm aus der Brieftasche eine Banknote
von zehn Talern und drückte sie dem Seiler in die Hand »Jetzt geh Georg«
sagte er freundlich »lass uns nicht zusammen gesehen werden Wenn das raue
Volk das hier im Hause verkehrt den Deutschen in dir entdecken sollte so
wärest du höchstwahrscheinlich vor Misshandlungen nicht sicher Mir allerdings
darfst du vollkommen vertrauen Gute Nacht«
Der Seiler hatte widerstrebend das Geld angenommen Robert sah nicht den
tückischen Blick der eingesunkenen Augen er hörte nicht wie Georg nachdem er
scheinbar demütig gedankt und sich nach einem kurzen Lebewohl entfernt hatte
draußen einen Fluch in sich hineinmurmelte Dass Robert nur noch der verzeihende
großmütige Mensch war aber keineswegs der Freund von damals dass er
Barmherzigkeit übte aber ohne mit dem Dieb und Überläufer weiterhin
zusammenkommen zu wollen alles das sah er ganz deutlich und aus seinem
hässlichen Gesicht sprach boshafter Hass »Pinsel« murmelte er in den Bart
»alberner Narr der doch alles was er geworden ist mir verdankt Hat Geld in
der Brieftasche viel Geld sogar pah darauf pocht er und glaubt mich
beschimpfen zu dürfen aber er wird schon sehen wie weit ihn sein Weg führt «
Er nickte mehrere Male vor sich hin als wolle er sich einen gefassten Entschluss
recht fest einprägen und dann verschwand er hinter der Tür seiner Kammer die
nur angelehnt blieb
Unten im Gastzimmer schwieg allmählich der Lärm die Türen wurden
verriegelt das Licht ausgedreht und alles versank in tiefste Stille Jedermann
schien zu schlafen selbst auf den Straßen war nur noch der Nachtwächter zu
hören
Ins Fenster hinein schien der Mond durch die Spalten herabgelassener
Vorhänge hüpfend tanzten die Schatten durch das Zimmer und geisterhaft lautlos
drehte sich die Tür in ihren Angeln ganz langsam leise und heimlich wie eine
Schlange
Eine Gestalt huscht herein auf leisen Sohlen schleichend unhörbar sie
kauert neben Roberts Kiste ein Knirschen kaum wahrnehmbar ertönt es
rauscht wie welke Blätter im Wind
Und ebenso lautlos fällt die Zimmertür ins Schloss zurück
Am nächsten Morgen steckte Robert nur die Brieftasche zu sich machte aus
einigen unentbehrlichen Wäschestücken ein Bündel ließ die Kiste in der Obhut
des Wirtes zurück und fuhr mit dem Frühzug nach Pinneberg Er hatte sich einen
Platz am Fenster gesucht und sah nun hinaus in die Landschaft Allmählich
tauchte immer mehr Bekanntes Altgewohntes aus der Eintönigkeit der Torfmoore
und Heideflächen auf Zuerst Eidelstedt dann der kleine bescheidene Turm von
Rellingen wo er konfirmiert worden war wo er vom Chor herab mit Gottlieb und
den anderen Schuljungen so oft gesungen hatte wo er das Abendmahl erhalten und
als der Beste aus der Prüfung hervorgegangen war
Das Bild des Sonntagsgottesdienstes im stillen Dorf sah er unbewusst vor
sich Er sah die Decke der Kirche mit Engelchören und Blumengewinden sah die
andächtige Gemeinde und die Sonnenstrahlen wie sie spielend über das Altarbild
glitten Er hörte die Stimme des Pastors den Chor und die rauschenden
Orgelklänge
Dann tauchten die Dächer von Pinneberg auf die Räder drehten sich
langsamer und der Zug hielt
Roberts Herz schien still zu stehen Als sei er hier gestern zuletzt
gewesen so unverändert war die ganze Umgebung so altgewohnt die Menschen und
Dinge ringsumher Konnten wirklich drei lange Jahre vergangen sein seit er
heimlich nachts von hier fortging einem ungewissen Schicksal entgegen
Eine Hand legte sich auf seine Schulter »Mein Gott das ist ja Robert der
durchgebrannte Robert«
Robert fuhr herum und sah in ein wohlbekanntes Gesicht Der junge Mann in
der Uniform der Bahnbeamten einige Jahre älter als er selbst war ein alter
Schulkamerad und im Augenblick natürlich voller Neugier Näheres über die
Abenteuer des Ausreissers zu hören aber Robert schüttelte den Kopf »Später
Emil später« presste er hervor »Ich bleibe einige Tage hier und werde auch
dich besuchen Jetzt sag mir nur «
Er konnte nicht weiter sprechen aber der andere half gutmütig ein »Ob
deine Eltern leben meinst du Darüber beruhige dich sie sind gesund und
wohlauf«
Robert drückte herzlich die Hand seines Schulfreundes »Ich danke dir Emil
Und frage jetzt nicht weiter Ich kann nicht ruhig überlegen bevor ich nicht
mit meinem Vater gesprochen habe«
Emil zuckte leicht die Achseln »Soll ich zuerst hingehen du« fragte er
freundlich »Soll ich die erste Bresche schlagen«
Robert nahm sich zusammen »Auf Wiedersehen Emil vielen Dank aber ich
muss das selbst tun Wir sehen uns bald«
Er wandte sich ab und ging quer durch das Gehölz um nicht so häufig erkannt
zu werden Je eher sich die Sache entschieden hatte desto besser
Jetzt tauchten die Umrisse des Elternhauses vor seinen Blicken auf jetzt
sah er die weiße Wäsche auf der Leine und das Traubengeländer an der Giebelwand
Vor der Haustür im Sonnenschein lag ein grauhaariger alter Hund Pikas
Er hatte es unwillkürlich laut ausgesprochen das letzte Wort und schon
stürzte das Tier mit allen Anzeichen von Hundeliebe und Hundefreude auf ihn zu
versuchte an ihm emporzuspringen leckte seine Hände und warf sich dann wieder
winselnd und bellend ihm zu Füßen
»Pikas« sagte er halblaut »Pikas«
Von der Tür her tönte ein halberstickter Schrei Da stand mit ausgebreiteten
Armen weinend und lachend seine gute Mutter und alles vergessend stürzte sich
Robert an die Brust der schluchzenden alten Frau »Mutter« stammelte er nur
»meine liebe liebe Mutter«
Minuten vergingen ehe beide ihre Sprache wiederfanden dann sah die alte
Frau ängstlich zur Tür des Wohnzimmers »Robert« flehte sie »Robert mein
lieber Junge sei vernünftig Tu einen Fussfall damit er dir vergibt«
Robert runzelte die Stirn seine Lippen pressten sich aufeinander »Mutter«
sagte er mit einem tiefen Atemzug »das verstehst du nicht Aber lass mich mit
dem Vater sprechen je eher desto lieber Auch von dir muss ich noch erfahren
was du mir nach Lenchi nicht geschrieben hast Was war das Mutter Ich habe die
Anspielungen auf etwas was du mit deinem Erbteil ausgleichen wolltest wirklich
niemals verstehen können«
Die arbeitsharte Hand der alten Frau hob sich mahnend empor »Robert« sagte
sie mit leisem bittendem Ton »Robert sei nicht so verstockt Wenn du gegen
den Vater in diesem Ton auftreten willst dann geht die Sache niemals gut«
»Ach Gott« fügte sie erschreckend hinzu »ach Gott da kommt er selbst«
Die Tür des Wohnzimmers öffnete sich und auf der Schwelle erschien Meister
Kroll den das laute Gebell des Hundes und das Gespräch auf dem Flur neugierig
gemacht hatten Bei dem unerwarteten Anblick seines Sohnes den er offenbar
sofort erkannte wurde der alte Mann blass wie ein Toter Taumelnd mit bebenden
Lippen lehnte er sich gegen den Türpfosten Kein Wort des Willkommens
begrüßte den heimgekehrten Sohn
Die Mutter wandte sich flehend mit gefalteten Händen von einem zum andern
»Vater« sagte sie schluchzend »Robert ach Gott gebt euch doch ein gutes
Wort«
Robert streckte die Rechte dem alten Mann entgegen »Willst du mich in
deinem Hause nicht als dein Kind willkommen heißen Vater« kam es kaum
verständlich von seinen Lippen »Willst du mir nicht den unüberlegten
Jungenstreich verzeihen«
Aber der Alte ließ die Hand seines Sohnes unbeachtet Er schüttelte grollend
den Kopf »Ist das die Sprache eines reumütigen Herzens« fragte er »Darf ein
Verbrechen vergeben werden ohne «
Robert unterbrach ihn mit lauter Stimme Auch er war blass geworden die
Augen flammten der Atem keuchte und die Hände waren geballt Die ganze wilde
Leidenschaftlichkeit seiner Natur trat zutage »Was sagst du« zischte er
während sich die geängstigte alte Frau laut weinend zwischen den Mann und den
Sohn warf »was sagst du Auch mein Vater darf mich nicht ungestraft
beschimpfen«
Der Alte lachte spöttisch »Hättest am anderen Ende der Welt bleiben
sollen« erwiderte er »hättest vor dem Hause deines Vaters der sich immer noch
berechtigt hält dir mit der Elle Gehorsam beizubringen mindestens soviel
Achtung bewahren können dass du es mit deiner Gegenwart verschontest Jetzt geh
die Krolls haben es niemals mit Dieben gehalten«
Es war als hätten die Worte des alten Mannes die ganze Angelegenheit
plötzlich beendet als sei jede weitere Frage abgeschnitten und alle Heftigkeit
zu Eis erstarrt Beide totenbleich unnatürlich ruhig sahen Vater und Sohn
einander ins Auge Nur die Mutter hatte das Gesicht mit der Schürze bedeckt und
betete laut dass Gott Barmherzigkeit üben möge
»Du und ich« begann nach längerer Pause der Sohn »du und ich sind seit
dieser Stunde für immer geschieden Vater vorher aber will ich dir mit allen
Zinsen das Geld zurückzahlen das ich damals um mich auszurüsten aus deiner
Kasse nahm Etwa sechzig Taler waren es für die du jetzt hundert von mir
zurückerhältst Damit bist du hoffentlich bezahlt sollte das jedoch nicht der
Fall sein so stelle ich dir für den Rest einen Wechsel aus«
»Vater im Himmel« schluchzte die alte Frau »vergelte ihm die Sünde nicht«
Robert legte die Hand auf ihren gesenkten Scheitel »Still Mutter« sagte
er ruhig und kalt »still auch dein Sohn ist ein Mann«
Er wollte die Brieftasche hervorziehen aber der Alte hielt ihn zurück
»Einen Augenblick« sagte er gebieterisch »Lass die Komödie mit den sechzig
Talern du machst dich dadurch nur noch verächtlicher Aber sag wo du vor drei
Jahren die Schmucksachen deiner Mutter verkauft hast damit ich versuche ob
möglicherweise das eine oder andere zurückerworben werden kann«
Robert stand sprachlos »Die Schmucksachen meiner Mutter« wiederholte er
»Ja Die du zugleich mit den tausend Mark nein nur
neunhundertdreiundsechzig die der Geldkasten enthielt gestohlen hast«
Robert sah von seiner Mutter zu dem Alten und wieder zurück »Ich« fragte
er »ich Wer behauptet solchen Wahnsinn«
Die alte Frau faltete in ausbrechender Freude ihre Hände »Vater Vater«
rief sie jubelnd »siehst du denn noch nicht dass er unschuldig ist«
Meister Kroll schien sie nicht zu hören »Sag mir wo du die Gegenstände
verkauft hast« wiederholte er
»Ich weiß von alledem nichts ich habe keinen Wertgegenstand ich habe nicht
mehr als sechzig Taler genommen und die will ich zurückgeben«
Robert sagte es mit dem festen Ton der Wahrheit aber doch durchblitzte ihn
im gleichen Augenblick ein Verdacht der zu nahe lag als dass er ihn hätte
übersehen können Hohe Röte stieg ihm ins Gesicht er sah nicht auf er schien
in der Tasche die Mappe nicht zu finden
Sollte Georg den Diebstahl begangen haben Sollte der Dieb doch durch seine
Schuld in das Haus gekommen sein
»Sieh Mutter sieh wie er zittert und rot wird« sagte der Alte
schmerzvoll »Ist das die Sprache der Unschuld arme Frau«
Robert wollte nicht mehr antworten sondern erst den ehemaligen Seiler zur
Rechenschaft ziehen bevor er über diese Angelegenheit auch nur ein einziges
Wort weiter sprach »Es ist gut Vater« sagte er kalt »bleibe vorerst bei
deiner Meinung Ich fahre noch heute nach Hamburg zurück und wohne dort wo
meine Kiste steht Vorsetzen Nr 1000 im Richtigen Ankergrund Betrachte mich
wenn ich dein Haus nicht wieder betreten kann um mich zu rechtfertigen als
tot denn dann sehen wir uns im Leben nie wieder Einstweilen aber ist hier dein
Geld«
Er hatte bei diesen Worten die Brieftasche hervorgezogen und
auseinandergeschlagen Als er aber die Banknoten herausnehmen wollte sah er
dass sie vollständig leer war
Ein Schrei kam von seinen Lippen »Mein Geld« rief er »mein Geld O mein
Gott ich muss bestohlen worden sein«
Meister Kroll sah ihn halb traurig halb verächtlich an »Lass die Possen«
sagte er kalt »lass die Possen und bitte ehrlich und aufrichtig um Verzeihung
dann soll dir vergeben sein«
Auch die Mutter rang die Hände »Robert Robert um Gottes willen gib ein
gutes Wort Sag die Wahrheit mein armes Kind mehr verlangt ja der Vater
nicht«
Robert hörte nicht darauf »Vater« rief er »du glaubst mir also nicht
Denkst du vielleicht auch dass meine Behauptung das Geld gehabt zu haben eine
Lüge war«
Der Alte nickte »Lüge wie alles was du sagst Wer stiehlt und seinen
Eltern den Gehorsam verweigert weshalb sollte der nicht lügen«
Robert wandte sich zum Gehen »Es ist gut Vater« sagte er »Es ist alles
zu Ende Ich werde mich von Hamburg aus freiwillig zum Kriegsdienst melden und
wünsche dass mich die erste Kugel treffen möchte damit mir mein Vater verzeihen
kann was ich niemals getan habe Sollte jedoch noch einmal die Stunde kommen
welche die ganze Sache in ihrem wahren Licht zeigt so nimm heute schon meine
Vergebung Leb wohl«
Er küsste seine schluchzende Mutter steckte die Brieftasche wieder zu sich
und ging mit festen Schritten aus der Tür Nur der Hund wollte ihn begleiten
aber er musste ihm wie damals mit strengem Ton befehlen ihn allein ziehen zu
lassen
Die helle Herbstsonne schien auf die stillen Dächer einige Sperlinge
hüpften über die Straße und Kinder spielten vor den Häusern
Robert stand draußen die Tür seines Elternhauses hatte sich für ihn auf
immer geschlossen der Gedanke einer Aussöhnung mit dem Vater war dahin und eine
entsetzliche Öde bemächtigte sich seines Herzens Dies Gefühl hatte auch der
Jaguar gekannt als er hungernd und krank in die Wälder zurückfloh so war Mohr
durch sein langes Leben gegangen ohne Hoffnung auf eine bessere Zukunft
Es lief ihm eiskalt über den Rücken herab Zum erstenmal fühlte er sich
vollkommen gebrochen Ohne alle Mittel verfolgt von dem Zorn seines Vaters
ungerecht beschuldigt und ohne einen Freund wozu sollte er noch leben
Er sah Mongos schwarzes Gesicht vor sich Ach hätte er ihn in seiner Nähe
gehabt ihm hätte er alles anvertrauen können
Langsam ging er weiter Überall saubere Gärten und helle Fenster Er sah die
beladenen Erntewagen das schwarzbunte Vieh und die großen Gehöfte sah Menschen
bei der Arbeit und fühlte sich von allem so ausgestoßen
Er wollte fort von hier wo es Menschen gab die ihn kannten Niemand sollte
erfahren dass er das Haus seines Vaters nicht mehr betreten durfte
Fast laufend durcheilte er den kleinen Ort und folgte unwillkürlich der
Straße nach Hamburg Er besaß nicht einen Groschen also blieb ihm nur übrig
den Weg zu Fuß zurückzulegen und vor allen Dingen erst einmal mit dem Seiler
Abrechnung zu halten Dann musste vor allem die Seekiste verkauft werden um nur
das Allernotwendigste zum Leben zu haben und darauf wollte er sich bei dem
nächsten besten Reservebataillon einstellen lassen
Er fühlte sich zerschlagen an Leib und Seele selbst seine Vaterlandsliebe
schien wie ausgestorben Die Sonne brannte unbarmherzig herab der Durst quälte
ihn und die Füße versagten schon jetzt bei Beginn der Wanderung den Dienst
Und weiter ging er immer weiter am Himmel zog ein schweres Gewitter herauf
und die Tropfen fielen erst langsam dann schneller herab auf seine heiße Stirn
Er bemerkte es kaum er sah nicht die schwarzen Regenwolken und spürte nicht die
Feuchtigkeit die ihm durch die Kleider drang Ganze Schauer stürzten herab und
Robert troff vor Nässe Als ihm mitleidige Menschen in Rellingen ein Obdach
anboten da schüttelte er nur stumm den Kopf und ging weiter
Und einmal hörte er hinter sich die Stimme einer Bäuerin »Mein Gott ist
das nicht Robert Kroll den ich schon gekannt habe als er noch nicht über den
Tisch sehen konnte Lauft ihm doch nach der arme Junge muss ja krank sein er
sah ganz verstört aus«
Aber Robert lief als habe er ein Verbrechen begangen
Der Regen durchnässte ihn bis auf die Haut und seine Zunge klebte am Gaumen
Er setzte sich auf einen Stein am Wege und stützte den Kopf in die hohle
Hand Seine Glieder schmerzten ihn Unwillkürlich dachte er an den Tag in
Lenchi als er mit den beiden Gefährten so dasaß auf dem gestürzten Baumstamm
auch von Kopf bis zu den Füßen durchnässt auch ohne jegliche Aussicht aber doch
war ihm damals so ganz ganz anders zu Mute gewesen als heute
Noch nie hatte ihn ein äußeres Unglück beugen können Heute aber spürte er
zum ersten Mal die innere Qual der Reue und ihr konnte er sich nicht
widersetzen Wie er gemessen hatte so war ihm gemessen worden wie er die
schönsten Hoffnungen seiner Eltern zerstört und ihr Eigentum ohne Erlaubnis an
sich genommen hatte so musste er es jetzt selbst erfahren
Aber diesmal erwachte nicht sein Trotz diesmal ballte er nicht die Faust
wie er es sonst wohl getan haben würde sondern er senkte den Kopf noch tiefer
herab und gab sich immer mehr seinen trostlosen bitteren Gefühlen hin
Zum erstenmal erkannte er die Gerechtigkeit des Schicksals er sah sein
Unrecht ein und es schmerzte ihn tief
Viertelstunde auf Viertelstunde verging da tönte Hufschlag auf der
durchnässten Landstraße Robert fuhr erschrocken auf er horchte und spähte durch
das Gebüsch Wenn zufällig ein Gendarm oder Polizist des Weges kam so musste er
gerade jetzt im Kriege darauf gefasst sein nach seinem Pass gefragt und da er
gänzlich ohne Papiere war zur nächsten Polizeistation geführt zu werden Einige
schnelle Schritte ein rascher Sprung und er stand hinter einem Baum
Seine Geschichte anderen erzählen das konnte er nicht also blieb ihm
nichts übrig als nur das Versteck unter den tropfenden Zweigen
Als der Gendarm vorüber war ging Robert auf der Straße weiter immer
weiter bis er die ersten Häuser von Altona erreicht hatte Es dämmerte jetzt
bereits seine Stirn brannte und er spürte dass er den ganzen Tag nichts
gegessen hatte Nur wie im Traum setzte er seinen Marsch durch die Stadt fort
»Wenigstens heute kann ich mich ruhig schlafen legen« dachte er »die Kiste
sichert ja dem Wirt das Geld das ich ihm für ein Abendbrot und für die
Schlafstelle schuldig bin Ich könnte jetzt nicht mehr zu einem Trödler laufen
und um einige Groschen feilschen Auch Georg kommt morgen erst an die Reihe er
ist ja ein Gefangener und kann mir nicht entkommen«
Nachdem er sich verschiedene Male in der Straße geirrt hatte erreichte er
endlich das Hafentor Jetzt war er seinem Ziel nahe hatte die Aussicht bald
ins Bett zu kommen und vorher etwas zu essen daher wurde er unwillkürlich etwas
ruhiger
Von weitem erkannte er die Buchstaben des Schildes Der »Richtige
Ankergrund« war noch offen obwohl es schon nach zehn Uhr war und draußen im
strömenden Regen kaum noch ein Mensch zu sehen war
Gerade an der Biegung der Straße in der Nähe des Gastauses öffnete sich
der Blick auf das Wasser Im Dämmergrau des Abends und der nassen Luft ragte der
Mastenwald unheimlich bis zu den Wolken empor das Takelwerk knarrte und
knisterte im Wind Mehrere Matrosen Arm in Arm offenbar etwas angeheitert
lavierten singend über die ganze Breite der Straße
»Lieb Vaterland magst ruhig sein
Fest steht und treu die Wacht am Rhein«
Es griff wie Krallen in Roberts Herz Alles war für ihn verloren Wenn er
diese Schiffe sah diese Matrosen wenn er ihr fröhliches Singen hörte dann
glaubte er nicht länger leben zu können ohne wahnsinnig zu werden An die Mauer
gelehnt umtobt von den Schauern des Regens und dem Sausen des Sturms blickte
er über den Hafen Wo war all sein Stolz geblieben
Jetzt wusste er es Was ihn in aller Not gehalten und ihn so mutig und
zuversichtlich gemacht hatte das war immer die Überzeugung gewesen mit einem
einzigen guten Wort sein Vergehen wieder gutmachen und seine Eltern versöhnen zu
können Heute dagegen hatte er Vater und Mutter für immer verloren heute war er
aus dem Elternhause fortgewiesen worden ein heimatloser Bettler
Der ganze Schmerz des Alleinseins ergriff sein junges Herz Den Kopf in die
Hand gelegt bemühte er sich die Tränen zurückzuhalten die der Schmerz und die
getäuschte Hoffnung von drei langen Jahren unwiderstehlich heraufgelockt hatten
Ein Schatten kreuzte die Straße Aus dem Dunkel des nächsten Torweges trat
eine Gestalt im langen altmodischen Gehrock den derben Stock in der Hand das
graue Haar vom Regen an die Schläfen gepresst das bleiche Gesicht voll Gram und
Angst Langsam näherte sich der Alte dem weinenden jungen Menschen und kaum
vernehmbar klang es durch das Brausen des Windes »Robert «
Er taumelte auf er glaubte dass sich die Erde drehe dass er träumen müsse
oder dass ihn ein Spuk auf offener Straße quäle Beide Arme vorgestreckt starrte
er in das Gesicht des vor ihm Stehenden Kein Laut kam über seine Lippen
Da fragte der Alte noch einmal »Robert willst du mir nicht antworten«
Das klang so ernst so traurig das rührte das verzweifelte Herz des Sohnes
dass es bebte unter diesem Eindruck
»Vater« flüsterte er gequält »Vater du hast mich einen Dieb genannt«
Der Alte zog ihn an der Hand zur nächsten Gaslaterne »Robert« sagte er
»schau mich an und sag mir die Wahrheit Hast du die Schmucksachen deiner Mutter
von dem Geld will ich nicht einmal reden wirklich nicht genommen«
Robert war kreidebleich seine Lippen zuckten krampfhaft Fast unfähig zu
sprechen hob er die Rechte zum Himmel »Bei dem Gott an den wir beide
glauben« stammelte er kaum hörbar »ich habe es nicht getan und nichts davon
gewusst«
Der Alte sah ihn an lange unbeweglich und wie es schien erlöst von
schwerem Druck »Das kann mein Sohn nicht lügen« antwortete er endlich »Robert
willst du jetzt deine Bitte von heute morgen noch einmal wiederholen Willst
du «
Robert ließ ihn nicht ausreden Mit beiden Armen seinen Hals umschlingend
warf er sich schluchzend an die Brust des alten Mannes »Vater« quoll es von
seinen Lippen »lieber Vater vergib mir ich bitte dich tausend tausendmal«
Auch die Stimme des eigensinnigen alten Meisters war seltsam weich
geworden »Es ist gut« erwiderte er »alles gut Komm nur rasch dass wir die
Mutter beruhigen sie war ja fast außer sich heute morgen und nannte mich einen
Rabenvater der sein Kind in den Tod treiben wolle Komm wir müssen uns
beeilen damit wir eine Droschke bekommen«
Robert atmete wie neu belebt »Vater« sagte er »das geht nicht ich muss
vorher mit Georg sprechen muss ihn fragen «
Der Alte schüttelte den Kopf »Ich kann dir alles das genau erzählen
Robert er aber könnte es nicht mehr Lass uns laufen mein Junge«
Robert gehorchte und als wenige Schritte weiter beim Hafentor eine Droschke
gefunden war gingen die beiden erst in ein Wirtshaus um sich zu stärken Als
das Fuhrwerk mit ihnen durch Altona denselben Weg wieder zurückrollte den
Robert unter so ganz anderen Umständen eben erst gekommen war da erzählte
Meister Kroll seinem atemlos lauschenden Sohn dass am heutigen Morgen der
ehemalige Seiler einen Fluchtversuch gemacht habe indem er versuchte ein im
Hafen liegendes französisches Handelsschiff zu erreichen und dass er dabei
gefasst und tödlich verwundet worden sei
»Der Bursche verlangte sterbend nach dir mein Sohn« schloss der Alte seinen
Bericht »er wollte durchaus dass du ihm verzeihst ehe er diese Welt verlassen
müsse und ist endlich ohne Frieden und Versöhnung hinübergegangen Gott sei
seiner armen Seele gnädig«
Robert war von dieser Nachricht tief erschüttert es fiel ihm schwer sich
in die so plötzlich veränderten Verhältnisse hineinzufinden Dann aber fragte er
den Vater woher er diese Einzelheiten habe und Meister Kroll nannte ihm den
Wirt zum »Richtigen Ankergrund« als seinen Gewährsmann »Es ist auch der Polizei
ein Päckchen zugestellt worden« sagte er »das der Sterbende für dich bestimmte
und dem Aufzeichnungen beiliegen die er kurz vor seinem Tode noch diktierte
Jetzt aber mein Junge lass uns von dir sprechen« schloss er »und was du für
deine Zukunft geplant hast Ich will den Seemann in dir anerkennen da du doch
zum Schneider ganz und gar verdorben zu sein scheinst Das schneidet mir
freilich fast das Herz ab und spricht allen meinen Wünschen ein Todesurteil
aber wenn sich die Welt dahin geändert hat dass die Söhne eigenmächtig über ihr
Schicksal entscheiden dürfen nun dann muss ich mich eben wohl oder übel fügen
Ein Rabenvater bin ich doch nicht das soll mir die Mutter noch abbitten«
Robert lachte zum erstenmal wieder Er hatte es ja schon längst geahnt dass
die liebe alte Mutter dem starrköpfigen Mann solange zugesetzt hatte bis er
endlich mürbe geworden in den langen Rock gefahren und davongeeilt war dem zum
zweitenmal flüchtigen Sohn nach Nun hatte sich ja alles zum besten gewendet
und während der ganzen Fahrt berichtete Robert vom Vergangenen und Zukünftigen
erkundigte sich Meister Kroll nach allen Einzelheiten so genau und wurde so
lebhaft gesprochen dass den beiden die Fahrt wie im Flug verging
Die Mutter wachte noch sie hatte heißen Kaffee gekocht und frische Semmeln
herbeigeholt auf dem Tisch stand Roberts Teller von früher her seine Tasse
sein Besteck viele Worte wurden nicht gesprochen aber es war wie Weihnachten
bei den drei Menschen in dem kleinen Häuschen
Und dann musste sich Robert in das Bett legen in dem er als Kind geschlafen
hatte die beiden alten Leute aber schlichen leise auf den Zehenspitzen umher
Die Mutter hantierte geräuschlos in der Küche als ob eine ganze hungrige
Kompanie Soldaten bewirtet werden sollte und Meister Kroll saß mit gekreuzten
Beinen auf dem uralten Thron seiner Väter und nähte emsig Das Maß zu dem neuen
Anzug aber hatte er an den Kleidern seines Sohnes genommen
Und Robert selbst Er schlief und im Traum erblickte er ein liebes
bekanntes Gesicht Der Geisterseher von der Antje Marie beugte sich über ihn
herab aber jetzt nicht mehr ernst und trübsinnig wie früher sondern lächelnd
heiter lächelnd
Nach wenigen Stunden wusste ganz Pinneberg dass Robert Kroll wieder da sei
Man umdrängte ihn er wurde der Held des Tages man staunte und hörte zu mit
allen Ohren wenn er von seinen wunderbaren Erlebnissen sprach Jetzt hatten
alle diese guten Leute vorausgesehen dass das so kommen musste niemand hatte je
an dem Wiedererscheinen des Ausreissers und an seiner Tüchtigkeit gezweifelt
sondern jeder erinnerte sich gerade dieses glückliche Ende mit Sicherheit
vorausgesehen zu haben Robert erhielt Einladungen über Einladungen die er aber
fast alle ablehnte bis auf einen Besuch den er wirklich gern machte
Als die Hamburger Polizeibehörde das für Robert bestimmte Päckchen des
gestorbenen französischen Gefangenen nach Pinneberg weitergeleitet hatte fand
sich nicht allein das ganze Geld sondern auch ein umfassendes reumütiges
Geständnis des ersten und zweiten Diebstahls so dass Robert in den Augen seiner
Eltern vollständig gerechtfertigt war Es blieb nur die eigentliche Flucht und
die Zwangsanleihe von sechzig Talern die Robert niemals zu Gesicht bekommen
hatte beides aber wurde ihm und war ihm längst von Herzen vergeben
Meister Kroll wickelte die Banknoten wieder in das Papier »Da mein Junge«
sagte er »geh hin und bring das Geld den Eltern deines Freundes Die alten
Leute haben im Armenhause eine böse Zeit verlebt so dass ihnen die Erlösung aus
solchen Verhältnissen wohl zu gönnen ist Wir könnens ja tun und nebenbei
ich mag auch das einmal Gestohlene gar nicht besitzen Der Georg war ein Spion
weiter nichts er hatte sich mit Absicht zum Gefangenen machen lassen um hier
die Lage und Stärke der Armee auszukundschaften und dem Feinde zu hinterbringen
Mit solchen Dingen wollen wir nichts zu schaffen haben«
Robert nahm dankbar das Geld und ging hinaus vor den Ort um es im
Armenhause Gottliebs alten Eltern zu überreichen Er sagte aber dass es von
ihrem Sohn komme und sparte auf diese Weise den armen Leuten das schwere Wort
des Dankes
Als er nach Hause zurückkam fand er dort den Schein des
Landwehrbezirkskommandos der ihn sofort nach Kiel rief um von dort aus mit
einem für den Schutz der Handelsschiffe nach dem Mittelmeer bestimmten Dampfer
an Bord des Kanonenbootes »Meteor« gebracht zu werden Das Schiff lag im Hafen
von Havanna und sein Kommandant Kapitänleutnant Knorr hatte kürzlich
telegraphisch um etwa zehn Mann Verstärkung gebeten zu denen auch Robert
gehören sollte
Der Abschied von den Eltern war zwar schwer aber er war das was man einen
gesunden Schmerz nennt und wurde deshalb leichter ertragen Acht Tage später
war Robert von den Segenswünschen seiner Eltern begleitet schon wieder auf
hoher See
Auf dem »Meteor«
An Deck des Kanonenbootes Meteor im Hafen von Havanna standen zehn
Marinesoldaten und vor ihnen der Kommandant des kleinen Fahrzeuges
Kapitänleutnant Knorr Er hatte besonders einen der Ankömmlinge ständig im Auge
und erst als die anderen neun nach ihren persönlichen Verhältnissen gefragt
waren wandte er sich an diesen letzten »Sie wollen also als Freiwilliger
eintreten«
Robert denn er war es bemühte sich eine möglichst militärische Haltung
einzunehmen »Nur kurze Zeit zu früh Herr «
»Keine lange Rede« unterbrach ihn der Offizier etwas barsch »Ja oder
nein«
Robert errötete bis unter die Haarwurzeln Dieser Ton war keineswegs nach
seinem Geschmack »Ja« antwortete er mit erzwungener Ruhe
Über das wetterbraune Gesicht des Offiziers flog ein Lächeln »Die Antwort
heißt in diesem Fall künftig Zu Befehl« belehrte er und fuhr dann fort
»Welchen Grad haben Sie in der Handelsmarine erreicht«
»Ich bin Leichtmatrose Herr «
Die ungeduldige Hand hob sich mit dem Notizbuch schon wieder zu halber
Nasenhöhe »Bootsmann« rief der Offizier
Der Gerufene erschien in vorschriftsmässiger Haltung »Zu Befehl Herr
Kapitänleutnant«
Der Offizier begann auf und ab zu wandern »Da schickt man uns von Kiel
einen Freiwilligen« sagte er halb seufzend »Hole der «
»Na Bootsmann nehmen Sie ihn mit und geben Sie ihn einem der Maaten zum
Einpauken Ist das ein hm ich meine dass die Reservebataillone an Land
schon mit allem was Freiwilliger heißt ihre Not haben aber auf See «
Er hielt wieder inne und ein neuer ärgerlicher Blick streifte den
unwillkommenen Gast »Die anderen Leute werden als Matrosen eingestellt« fügte
er hinzu »Mit dem Freiwilligen müssen Sie mir bei allen Dienstmanövern ganz
fortbleiben Bootsmann bis er wenigstens nichts mehr verdirbt und keinen Anstoß
erregt Sorgen Sie dafür«
»Zu Befehl« antwortete der Bootsmann und ein Wink seiner Hand beorderte
die Ankömmlinge unter Deck Die schon geschulten Matrosen konnten den Weg
dorthin bereits ohne Mühe allein finden während Robert etwas enttäuscht und
trotzig stehen blieb und wartete was man ihm weiter befehlen werde
Der Bootsmann schien es unter seiner Würde zu halten den Freiwilligen
besser zu bewillkommnen als es der Kapitänleutnant selbst getan hatte Er
kümmerte sich um ihn weiter nicht mehr sondern rief in den Raum des
Zwischendecks hinein einen einzelnen Namen »Gerber«
Darauf erschien einer der Bootsmannsmaaten dessen Gesicht Robert auf den
ersten Blick bekannt vorkam Er fragte sich wo ihm diese gutmütigen blauen
Augen schon einmal begegnet sein konnten Er musste den Mann kennen
»Gerber« sagte der Bootsmann »in Ihrer Backschaft fehlt ja ein Mann seit
wir die Cholera an Bord hatten nicht wahr Na gut da haben Sie ihn aber so
wie er geht und steht Den Kriegsschiffsmatrosen müssen Sie ihm erst beibringen
Soll tüchtig gezwiebelt werden und nicht mit an Deck bis er die Sache
versteht«
Der blonde Maat begnügte sich damit zu nicken
»Komm hierher mein Junge« sagte er »erst lass dir in der Kombüse deine
Back füllen und dann wollen wir weiter sehen Sind ja alle einmal grüne Jungen
gewesen meine ich«
Und mit diesen für Robert nicht gerade schmeichelhaften Worten führte er
ihn zu dem Platz wo künftig sein Kleidersack hängen sollte und wo er das
angeschraubte flache Schränkchen erhielt das mit 35 Zentimeter Länge und 25
Zentimeter Breite das ganze Eigentumsgebiet des einfachen Matrosen an Bord eines
Kriegsschiffes darstellt »Da hast du deine Nummer und deine Uniform« sagte er
»hier die Reservestücke und hier die Waffen So das wäre das Eigentlich müsste
ich dich mit Sie anreden die Instruktion will es so aber das ist mir zu
offiziell und wenn wir außer Dienst sind geht es keinen Deubel was an So du
da Röder geh mal mit ihm dass er seine Back gefüllt kriegt Wie heißt du denn
mein Junge«
Robert nannte seinen Namen und nahm sich vor diesen gemütlichen
Vorgesetzten demnächst zu fragen wo er ihm früher schon begegnet sein könne
vor der Hand aber ließ er sich die gute und reichliche Mahlzeit des preußischen
Marinesoldaten vom Koch verabfolgen obwohl er nur wenig essen konnte So ganz
anders hatte er sich die Sache vorgestellt
Er hatte geglaubt dass jeder Freiwillige mit offenen Armen aufgenommen
werde und tatsächlich war die harmlose Äußerung des Maaten dass ja doch am Ende
jeder einmal ein grüner Junge gewesen sei das Höchste was man ihm zum Schutz
gegen ein unverhülltes Missfallen der Vorgesetzten überhaupt noch zugestand
Robert war einfach wie aus allen seinen Himmeln gefallen
Trotzdem aber musste er ein ruhiges Gesicht zeigen Die Dienstvorschrift an
Bord erlaubte keinerlei Ausnahmen das wusste er nur zu genau und fort von hier
konnte er jetzt unter keiner Bedingung Seine Begeisterung war zwar keineswegs
geringer geworden aber er hatte sich eben alles so anders vorgestellt wie es
in Wirklichkeit war Niemand dankte dem Freiwilligen dass er gekommen war
sondern er wurde wie eine Art nicht zu vermeidende Belästigung mit guter Miene
ertragen mehr schienen die Leute nicht tun zu können
Als er gegessen hatte näherte sich Robert seinem neuen Vorgesetzten »Ist
es vielleicht möglich dass ich Sie schon früher einmal gesehen habe Maat«
fragte er
»Das kann schon sein mein Junge Wie heißt du doch gleich Ach ja Kroll
ich weiß schon ist mir aber leichter wenn ich dich Nummer Acht nenne das
macht sich so gut und bleibt immer dasselbe wenn auch der Mann einmal wechselt
wie es uns kürzlich in Venezuela passierte als die Cholera an Bord kam Aber
was wolltest du noch«
»Wo ich Sie vielleicht schon einmal gesehen haben könnte Maat«
»Ja Kerl da besinne dich einmal Leg dein Gehirn in die Weiche wie wir
bei uns zu Hause sagen Ich bin in der halben Welt herumgekommen auf
Handelsschiffen und auf unserer Flotte Vielleicht kennst du mich vom Blitz
her«
Vom Blitz Jetzt erinnerte sich Robert sofort jetzt wusste er wo ihm das
gutmütige Gesicht schon früher begegnet war »Maat« rief er »erinnern Sie sich
noch an die Tage als das Kanonenboot Blitz auf der Elbe vor Neumühlen ankerte
Damals kam ein Junge zu Ihnen an Bord wissen Sie es nicht mehr«
Der Unteroffizier nahm die Tonpfeife aus dem Munde »Oho Nummer Acht also
das warst du Der Schneider dem ich mein Schiff und mein Buch schenkte Nun
beichte nur gleich alles du Tunichtgut bist doch richtig durchgebrannt nicht
wahr«
Robert nickte »Ja richtig durchgebrannt aber ich habe auch dafür
einstehen müssen und möchte das was ich dabei erlebt habe nicht noch einmal
durchmachen Jetzt ist die ganze Geschichte vergeben und vergessen mein Vater
hat mich für den Eintritt in die Armee mit Geld und Kleidung ausgerüstet und war
auch von Herzen einverstanden dass ich wieder zur See gehen wollte«
Der Unteroffizier legte zwei Finger an die Schläfe als grüße er
respektvoll »Das mag ich leiden von dem Alten« sagte er »dein Vater ist ein
ganzer Mann Da kommst du wohl direkt von Hause Nummer Acht«
»Geradewegs Maat und ich soll nun hier meine Ausbildung nachholen Bitte
lassen Sie mich alles an Bord so rasch wie möglich kennen lernen damit ich bei
einem Gefecht schon mit dabei sein darf«
Der Unteroffizier berührte Roberts Brust mit der Spitze seiner Tonpfeife
»Du bist ein Wildfang erster Klasse Aber tröste dich Wenn es zum Kampf kommt
so kannst du auch ohne Befehl und Kommando mit einspringen das sage ich dir
jetzt schon«
Roberts Herz klopfte schneller »Haben wir dazu Aussichten Maat« fragte
er
»Hm das kann man nicht wissen Kommt uns ein französisches Schiff vor die
Rohre so greifen wir es an dafür sind ja die Kanonen an Bord«
Robert lachte »Zeigt sich denn keins hier in der Nähe« fragte er
»Nicht die Bohne mein Junge Aber warte nur ab bis die Geschichte soweit
ist Ich muss dir ja erst beibringen wie man ein Geschütz bedient oder mit dem
Seitengewehr umgeht Und das will ich dir nur gleich sagen Nummer Acht wenn
ich beim Exerzieren mal ein bisschen ungemütlich werden sollte dann musst du dir
dabei nicht das Geringste denken Es ist so Gewohnheit und tut den Burschen
gut«
Robert lachte wieder »Wollen Sie gleich anfangen Maat« fragte er
Der Unteroffizier schüttelte den Kopf »Nee« erwiderte er gleichmütig
»Nee Bis zwei Uhr gehört uns die Mittagszeit und davon beißt bei mir die Maus
keinen Faden ab Du wirst übrigens von der Geschichte bald genug haben das
verspreche ich dir Jetzt aber lass uns eine Partie Dame spielen um die Ehre
natürlich was dich aber nicht abhalten soll wenn wir einmal zusammen an Land
gehen ein paar Knöpfe springen zu lassen Karten sind an Bord verboten«
Robert fügte sich dem Wunsch des freundlichen Maaten obwohl er selbst
eigentlich lieber das Schiff und alle seine Einrichtungen einer genauen
Besichtigung unterzogen hätte Aber auch während der Partie konnte er einiges
über seine neue Laufbahn erfahren
»Wo sind denn hier die Kojen der Mannschaft« fragte er
Der Maat überlegte rauchend mit in der Luft schwebendem Arm seinen
nächsten Zug »Die Kojen mein Junge Hierhin oder dorthin Hm Ich schlage
dir zwei Mann hast dus gesehen Und beim nächsten Zug springe ich bis in die
Ecke und setze den dritten Stein übereinander verstanden Und von Kojen
sprachst du Aber Junge im ganzen Schiff ist keine einzige«
Robert sah zweifelnd hinüber »Aber wo schläft man denn« fragte er
»In Hängematten mein Sohn Sie wird dir zugeteilt wenn du Freiwache hast
und du musst sie später sauber wieder aufrollen und an Deck in den
Finkennetzkasten legen Wird dir Schweiß genug kosten alles zu lernen und
unser erster Leutnant ist noch dazu ein Scheuerteufel durch und durch kann ich
dir sagen aber das bleibt unter uns«
Robert erschrak einigermaßen »Scheuern« wiederholte er »tun das denn
nicht die Schiffsjungen und Leichtmatrosen allein Ich denke wer Soldat ist
«
Der Unteroffizier sah ihn mit einem sorgenvollen Blick an »Du« sagte er
»Nummer Acht wenn du klug bist so denkst du gar nicht sondern hörst und tust
was man dir sagt Scheuern müssen alle und wenn sie na wenn sie des
Grossmoguls Söhne wären Übrigens schlage ich dir hier deinen vorletzten Mann«
Die Partie war demnach für Robert verloren und auch bei der zweiten erging
es ihm nicht besser Dann aber begannen die Übungen mit den Handfeuerwaffen
Heute und abwechselnd auch an den folgenden Tagen sollte jedoch Robert ganz
allein die ihm noch vollständig neuen Handgriffe nachholen während die übrigen
Matrosen aus Gerbers Abteilung auf die anderen Bootsmannsmaaten verteilt wurden
und dort die längst bekannten Übungen wiederholten
Das waren für den leidenschaftlichen ungestümen Robert zuerst sehr
qualvolle Tage Immer wieder dieselben gleichgültigen Handgriffe ausführen
immer wieder Einzelbewegungen machen wie ein Kind das seine Glieder gebrauchen
lernt und dabei nicht sprechen nicht das tun was man wollte ja nicht einmal
sich verteidigen wenn der gemütliche Maat aus seiner urfreundlichen Stimmung
gelegentlich ganz heraus und in einen Eifer hineingeriet der sich durch einen
Schwall aller erdenklichen Kraftausdrücke Bahn brach
Robert sträubte sich innerlich dagegen Er war ein Freiwilliger er diente
aus Begeisterung für die gute Sache des Vaterlandes und doch konnten
Kapitänleutnant und Offiziere diese Behandlung die er sich gefallen lassen
musste mit anhören ohne sich irgendwie in die Sache hineinzumischen Das war
unerhört und warf auf den Militärdienst wie Robert meinte einen höchst
verdunkelnden Schatten
Zwang und persönliche Unterordnung hasste er als Feinde seiner
freiheitsliebenden Natur
Nach und nach aber sah er die Sache auch wieder mit ganz andern Augen und
konnte nicht umhin ihr eine Art widerstrebender Achtung entgegenzubringen
Alles so sauber geordnet so bis ins Kleinste hinein durchdacht und danach
eingerichtet das entsprach zu sehr seinen eigenen Neigungen um nicht bei
vorurteilsloser Betrachtung auch von ihm gewürdigt zu werden Nur dass der
Einzelne kaum atmen durfte wie er wollte sondern fast völlig Maschine war das
störte ihn immer noch äußerst empfindlich Wenn Robert hörte dass Deckoffiziere
oder Kadetten den Offizieren mit »Zu Befehl« antworteten dann empörte ihn das
innerlich Ein »Ja« oder »Nein« hätte auch genügt meinte er und wäre eines
Mannes würdiger gewesen
Erst nachdem einige Wochen vergangen und Roberts aufrührerische Empfindungen
ein wenig in das gewohnte Gleis zurückgekehrt waren gewann er soviel geistige
Freiheit um sich nach einem Ausflug in die Umgegend zu sehnen Nur etwa drei
Stunden weit entfernt lag ja die Insel auf der er sein erstes Abenteuer
bestanden hatte wo er so nahe am Tode vorbeigegangen war und wo unter den hohen
Mangobäumen sein alter Freund den letzten Ruheplatz gefunden hatte Er wollte
Mohrs Grab sehen bevor vielleicht der »Meteor« plötzlich durch irgendein
Ereignis von hier abgerufen wurde und zu diesem Zweck fragte er eines Tages
seinen Vorgesetzten ob es nicht möglich sei auf kurze Zeit Urlaub zu bekommen
Der blonde Maat pfiff durch die Zhäne »Das wird schwer halten« meinte er
»Aber ich bin doch ein Freiwilliger« rief Robert »ich könnte morgen die
Sache wieder aufgeben wenn ich wollte«
»Hui Wie das in die Wolken hineinfliegt Könnte morgen die Sache wieder
aufgeben Dass du die Nase im Gesicht behältst mein Junge Ich sage dir du
stehst unter dem Kriegsgesetz so gut wie jeder andere Soldat und kannst das
einmal Abgemachte nicht wieder umstossen Ein Wort ein Mann du unruhiger
Geist«
Robert errötete »Ich denke ja auch nicht daran« erwiderte er hastig »Aber
was könnte es denn schaden wenn ich einmal mit der Barkasse auf sechs bis acht
Stunden nicht an Bord wäre«
Der Unteroffizier schob vor Schreck die Mütze in den Nacken »Das ist nicht
schlecht wahrhaftig Also auch die Barkasse sollte das Vergnügen mitmachen Da
müsstest du ja wenigstens sechs Mann zur Bedienung haben«
»Die will ich im Hafen schon auftreiben und bezahlen Kleinere Boote sind
für den Weg durch Klippen und Strudel nicht so recht zu brauchen In der Nähe
der Insel die ich besuchen möchte liegt ein unterseeisches sehr gefährliches
Korallenriff auf dem damals mein Schiff strandete überhaupt führt ja der Weg
dorthin über das offene Meer«
Gerber schüttelte den Kopf »Das schlag dir gänzlich aus dem Kopf Nummer
Acht« sagte er »Dafür wirst du nie die Erlaubnis erhalten«
»Aber warum denn nicht Ich bitte Sie warum nicht«
Der Unteroffizier wiegte seinen ganzen Oberkörper hin und her »Weil das
eine Unmöglichkeit wäre Nummer Acht weil das na ich sage es geht nicht
Wenn du mit der Barkasse spazieren fährst so möchte ein anderer vielleicht an
Bord eine Gesellschaft geben und der dritte sonst irgend etwas Ausgefallenes
anstellen Wer Soldat ist der darf an solche Dinge nicht mehr denken«
Robert schwieg aber der Gedanke ließ ihn nicht mehr los Von den Franzosen
zeigte sich nichts an den täglichen Übungen nahm er jetzt zusammen mit den
andern teil und hatte überhaupt das neue Leben an Bord des Kriegsschiffes etwas
besser begriffen und sich hineingelebt daher plagte ihn die Langeweile
ebensosehr wie es seinen Trotz herausforderte so vollständig ohne eigene
Tatkraft zu sein Auf hoher See wäre noch alles anders gewesen aber im Hafen
stillzuliegen täglich mit dem ungeladenen Gewehr zu exerzieren und in den
Freistunden auch noch einer strengen militärischen Disziplin unterworfen sein
das war grässlich
Eines Tages als Robert zur Steuerbordwache gehörte und wie gewöhnlich
abends um acht Uhr seine Hängematte erhielt hatte er seinen Plan fertig und in
allen Einzelheiten vorbereitet Der Mond schien fast taghell das Meer lag ruhig
und glatt wie ein Spiegel kurz es lockte ihn unwiderstehlich hinaus
Er schlief nicht obwohl es seine nächsten Nachbarn glauben mussten sondern
erwartete mit pochendem Herzen den Augenblick wo das Trillern der
Bootsmannspfeife im Zwischendeck ertönen und der Ruf Ronde Ruhe im Schiff auch
das letzte Wort unter der Mannschaft ersticken würde Endlich war es soweit er
drehte geschickt die Kleider seines Nebenmannes so dass der Schimmer der großen
Sicherheitslaterne nicht direkt auf seine Hängematte traf und dann stand er
behutsam auf
Die Ronde war vorüber und die Wache verteilt tiefe Stille herrschte im
ganzen Schiff
Robert fuhr geräuschlos in die Kleider und kroch an Deck ohne bemerkt zu
werden Hier oben war er geborgen obgleich eigentlich jetzt das Schwierige
seines Unternehmens erst begann Aber er hatte vorgesorgt Der Mann der am Bug
Wache hielt war auch ein Holsteiner ein naher Landsmann und sehr arm er sah
also für einige Taler gerade zufällig nach der andern Seite als Robert über
Bord kletterte da wo die Jolle bereitlag ihn an ein größeres Fischerboot zu
bringen das häufig zwischen dem Hafen und den Inseln kreuzte Ebenso sollte der
Holsteiner wenn um zwölf Uhr nachts die neue Wache mit Namen aufgerufen wurde
für seinen Landsmann antworten Gerber tat nichts um die Geschichte laut
werden zu lassen das wusste Robert und davon war auch der andere überzeugt
sonst hätte er sich wohl gehütet auf den gefährlichen Handel einzugehen
Der gemütliche Maat würde zwar in aller Stille Donner und Wetter fluchen
den Ausreisser noch Spiessruten laufen und kielholen lassen aber dabei doch die
ganze Geschichte bis an die letzten Grenzen des Möglichen vertuschen dafür
kannten ihn alle
Und Robert dachte nicht einmal so weit Er wollte nur erreichen was ihm auf
dienstlichem Wege nicht erlaubt wurde und schlug zu diesem Zweck die Folgen
gänzlich in den Wind Wie er am vorhergehenden Tage den Fischer hierher beordert
hatte so sprang er jetzt in die Jolle nur mit weißem Leinenzeug bekleidet das
Herz voll froher Hoffnung unbekümmert um das was daraus entstehen konnte Er
atmete förmlich auf als das leichte Fahrzeug unter ihm tanzte und der Wind ihm
spielend durch die Haare fuhr
Nach kurzer Fahrt stieg er von der Jolle in das größere Segelboot über und
nun ging es mit dem Wind aus dem Hafen hinaus Der Fischer kannte den Weg den
er nehmen musste ganz genau also war nach kaum zwei Stunden das Eiland das
Robert früher bewohnt hatte in Sicht Noch wenige Minuten dann stießen sie auf
das sandige Ufer und Robert konnte den Boden betreten der einst für ihn fast
zum Grab geworden wäre Taghell schien der Mond ein frischer Wind fuhr durch
die Zweige und Robert lief am Ufer entlang um zuerst das Grab des alten
Matrosen aufzusuchen So bekannt war das alles so unverändert er hätte den Weg
auch ohne den Mond gefunden
Aber hier unter den Bäume wo der Geisterseher schlief war es in der Tat
dunkel Die Wellen spielten in der stillen Bucht die uralten Mangos neigten
ihre Zweige bis auf den Wasserspiegel herab und ringsumher wuchs es in üppiger
Fülle Robert ließ ein Streichholz aufflammen entzündete die schon dafür
mitgebrachte Wachskerze und schützte das Licht mit der Hand Hunderte von Blumen
blühten dort wo Mohr begraben lag und der Wind spielte leise in den dichten
Blättern
Wo war die Blüte die Robert vor zwei Jahren zum Abschied hier gepflückt
hatte Er dachte mit Grauen an den Augenblick der sie vernichtete als ihn
hoch oben am Nordkap die Eismassen und das spritzende halberstarrte Wasser auf
den Strand warfen »Lieber alter Geisterseher wüsstest du was dein Freund der
kleine Schiffsjunge inzwischen alles erlebt hat seit er hier an dieser Stelle
dir dein letztes Bett grub«
Die Nähnadel aus Fischgräten lag jetzt in Pinneberg und war heimlich Meister
Krolls kostbarstes Besitztum eine Art Reliquie die zugleich zeigte was für
ein tüchtiger Kerl sein Sohn und welch ein unentbehrliches Gerät die kleine
Nähnadel war aber die Blume die Robert getrocknet hatte ging damals
verloren Heute steckte er in den kleinen Brustbeutel des Spaniers eine frische
schöne Blüte ehe er noch einmal mit langem Abschiedsblick das Grab überflog
Die Zeit drängte er wollte ja auch noch die andere Insel wiedersehen wo er
unter Räubern und Mördern gelebt hatte obwohl ihm der Fischer abriet dort an
Land zu gehen Die Piraten bewohnten noch immer ihren Schlupfwinkel und man
konnte doch nicht voraussagen ob sie ihn als Verräter betrachten und zulassen
würden dass er lebend zum zweitenmal die Insel verließ
Aber wiedersehen wollte er das Dach unter dem er einstmals Schutz gefunden
hatte
Das Fischerboot nahm seinen Kurs wieder auf es glitt durch die engen
Wasserstrassen zwischen den einzelnen kleinen Inseln und kam auch bis an die
flache Küste wo Rafaeles Fahrzeuge lagen wo von weitem sein Wohnhaus unter den
Bäumen zu erkennen war und die Hunde ein lautes Gebell erhoben als sich das
fremde Boot dem Strande näherte
Auch hier war alles wie es Robert verlassen hatte damals am Tage des
Messerkampfes zwischen den beiden Räuberbanden als das französische Schiff für
ihn zur Rettung wurde Wie sich doch die Verhältnisse geändert hatten Jetzt
hätte kein Fahrzeug der Grande Nation wagen dürfen den Weg des »Meteor« zu
kreuzen es wäre sofort angegriffen worden Wie sehnten sich die preußischen
Blaujacken danach wie hofften sie an jedem Morgen dass auch sie endlich zum
Kampf kommen würden Und Robert selbst war ja der Ungeduldigste gerade er
konnte am allerwenigsten den Augenblick erwarten wo es »losgehen« würde er
freute sich maßlos auf das erste Gefecht
Aber dazu schien ja noch immer keine Aussicht Der »Meteor« lag tatenlos an
seinen Ankerketten während die Landarmee Sieg auf Sieg erfocht Alle paar Tage
kamen Zeitungen an Bord man las mit Jubel wie der Feind überall zurückging und
wie sich die deutschen Truppen im Kampf auszeichneten ohne selbst daran
teilnehmen zu dürfen
Das ärgerte alle vom Kapitän bis zum Schiffsjungen herab am meisten aber
den ungeduldigen Robert
Er hatte jetzt auch die Pirateninsel wiedergesehen das Fischerboot
wendete und kreuzte gegen den Wind auf dem Hafen zu
Wenn um vier Uhr wieder die Wache abgelöst wurde ließ sich seine
Abwesenheit vielleicht nicht mehr verheimlichen daher durfte jetzt keine Zeit
mehr verloren werden
Die bewaldeten Ufer der Insel traten weiter und weiter zurück sie waren auf
dem offenen Meer noch einmal ließ Robert den Blick zurückgehen
Was war das dort Ein weißer Punkt hob sich vom Hintergrund des dunklen
Ufers ab Ein Schiff
Der Fischer blickte auf als er Roberts plötzliche Aufmerksamkeit sah »Das
ist ein Kriegsschiff« sagte er gleichgültig »Ich habe es schon vor mehreren
Tagen zwischen den Inseln bemerkt«
Roberts Herz stand fast still »Von welcher Nation Pedro« fragte er
atemlos
»Ja das weiß ich nicht Ich sah nur die Kanonen«
»Dann lass uns gleich wenden und die Sache genauer ansehen Ich bezahle ein
paar Piaster mehr wenn du mich bis unter den Bug des Schiffes bringst Du bist
Spanier und läufst dabei keine Gefahr«
»Das weiß ich wohl« nickte gleichmütig der Mann »Kann mir auch schon recht
sein wenn Ihr die Fahrt bezahlt«
Das Ruder wurde nochmals gedreht und der weiße Punkt angesteuert Robert
erkannte sehr bald die französische Flagge konnte drei Geschützpforten zählen
und las den Namen »Bouvet«
Jetzt wusste er genug um auf dem »Meteor« Meldung machen zu können Ein
französisches Kriegsschiff so nahe beim Hafen der langersehnte Gegner endlich
gekommen das Zeichen zum Kampf gegeben
»Schnell schnell« befahl er dem Fischer »Es ist zwar schon viel zu spät
aber es eilt trotzdem Wir können schon morgen ins Gefecht kommen«
Es war heller Tag als das Fischerboot neben dem »Meteor« anlegte Ein
Besuch einiger deutscher Familien aus der Stadt hatte das Schiff überschwemmt
so dass Robert der ohne Uniform war vielleicht unbemerkt hätte an Bord kommen
können aber das wollte er nicht einmal Die Strafe die ihn erwartete kümmerte
ihn nicht Vielmehr hätte er es für ehrlos gehalten die Nachricht von der Nähe
des feindlichen Kriegsschiffes zu verschweigen
Unter Deck stürmen und sich in die Uniform werfen war das Werk von zwei
Minuten ebenso schnell aber hatte ihn auch schon der gemütliche blonde Maat
erwischt und festgehalten »Du siebenmal« begann er seine Rede wurde jedoch
durch Robert entschieden an der Fortsetzung gehindert »Still« flüsterte er
»Stellen Sie sich vor Maat der Franzose kommt ich muss sofort zum
Kommandanten«
»Dass du die Motten kriegst Junge du stehst monatelang auf der schwarzen
Liste wenn er dich nicht sogar einsperrt Und was fabelst du da von dem
Franzosen«
»Warten Sies nur ab Maat Ging denn heute nacht alles gut«
»Du Schwerenöter hast ja einen Mitschuldigen der für dich antwortet und
einsteht Noch ist nichts bemerkt worden aber ich sage dir wenn du mehr solche
Streiche machst verpurre ich dir die Geschichte Du bist ja ein ganz
gefährlicher Ausreisser«
Robert lachte »Meinen Sie dass ich bestraft werde Maat« fragte er
»Und das gehörig Du musst die höchsten Stengen schmieren alle Tage
scheuern den Rost von den Ankerketten klopfen die Gallion waschen und die
Messingplatten putzen Du bekommst nur eine halbe Stunde Mittag deine
Grogration fällt aus und du hast Bordarrest wenn nicht eine richtige
Gefängnisstrafe für dich herausspringt Das glaube ich noch eher also behalte
die Nachricht für dich hörst du«
Robert schüttelte den Kopf Unmöglich das konnte er nicht und als die
Fremden von Bord waren meldete er sich bei Kapitänleutnant Knorr
Der sah ihn verwundert an »Nun« fragte er »was haben Sie«
Robert stand jetzt in dienstlicher Haltung vor ihm etwas blass zwar weil er
die entehrende Strafe fürchtete aber doch ruhig und ernst
Mit wenigen kurzen Worten berichtete er von seiner Beobachtung und hatte die
Genugtuung seinen Vorgesetzten auf das höchste überrascht zu sehen Er sprang
vom Sitz auf und ging erregt hin und her »Ein Franzose also Und was für ein
Schiff«
»Der Bouvet soweit ich erkennen konnte Herr Kapitänleutnant Er hatte drei
«
»Ja ja drei Geschütze ich weiß schon Nun das kann «
»Aber« fügte er hinzu sich plötzlich unterbrechend »weshalb haben Sie mir
die Sache gemeldet da doch kein Zeuge dabei war der Sie verraten konnte Ist
Ihnen bekannt dass für sämtliche Schiffe der deutschen Marine im Augenblick die
aussergewöhnlichen Gesetze des Kriegszustandes gelten Ich könnte Sie als
Deserteur behandeln und bestrafen lassen«
Robert zuckte unter dem entehrenden Wort die letzte Farbe wich aus seinen
Wangen und das Herz klopfte ihm zum Zerspringen
Der Kapitänleutnant sah ihm fest ins Auge »Weshalb meldeten Sie mir die
Sache« fragte er noch einmal
»Weil ich das für meine Pflicht hielt Herr Kapitänleutnant«
»Sie der ohne Erlaubnis von Bord ging«
»Ach« schoss es Robert plötzlich unwillkürlich heraus »das ist ja nichts
Dann nehme ich schon die Strafe auf mich bevor ich eine so wichtige Sache
verschweige Ein Deserteur bin ich nicht und das wissen Sie Herr
Kapitänleutnant«
Der Offizier wandte sich ab um ein ganz undienstliches Lächeln zu
verbergen Dann aber kam er zurück und legte die Hand auf Roberts Schulter
»Sie sind ein etwas aussergewöhnlicher Mensch Kroll« sagte er sehr ernst
»Sie dürfen aber Ihren Eigensinn niemals für Männlichkeit halten Lernen Sie
erst einmal Manneszucht und unbedingten Gehorsam jedes einzelnen sei er
Offizier oder Soldat gründlich als das kennen was sie wirklich sind nämlich
als Grundlage und Mittelpunkt aller militärischen Unternehmen als Voraussetzung
allen Kriegsglücks bevor Sie künftig Fälle wie den gegenwärtigen für ein
Nichts erklären Ihre Strafe ist Ihnen geschenkt weil ich Ihre Haltung trotzdem
anerkenne Denken Sie an das was ich Ihnen soeben gesagt habe Kroll und nun
gehen Sie«
Robert blieb doch noch einen Augenblick lang stehen Es brauste in seinen
Ohren und ein sonderbares Gefühl halb Beschämung halb Stolz erfüllte ihn
»Ich danke Ihnen Herr Kapitänleutnant« presste er hervor »Ich werde Ihre
Worte nicht vergessen«
Und dann ging er wie im wachen Traum hinab in das Zwischendeck wo ihn
Gerber mit heimlichem Herzklopfen erwartete
»Nun Nummer Acht du Erzbösewicht«
Robert schüttelte den Kopf »Es ist alles gut gegangen Maat« sagte er
»Und keine Strafe Kerl«
»Keine äußerliche wenigstens«
Der Unteroffizier erhob sich von seinem Sitz »Nanu« staunte er »das
verstehe ein anderer Sprich deutsch Nummer Acht was hat der Kommandant
gesagt«
Robert lächelte unwillkürlich »Nicht viel Maat aber es liegt mir doch
schwer im Magen Der Kapitänleutnant hat eine eigene Art zu sprechen«
Über Gerbers Vollmondgesicht glitt ein Sonnenstrahl der Befriedigung »So
so« schmunzelte er »nun begreife ich Du Satanskerl hat er gesagt
vielleicht ein bisschen feiner gedrechselt mit Glacéhandschuhen und so du
Höllenbrand diesmal will ichs schießen lassen weil dir der Franzose in die
Zähne lief und du mir die gute Nachricht nach Hause gebracht hast aber tus
nicht noch mal wieder du Galgenholz sonst sollen dich alle siebentausend
Haifische zugleich fressen Wars nicht so«
»Ganz ähnlich« lächelte Robert
»Siehst du wohl ich wusste Bescheid Kann ein Gesicht machen dass alle
Ratten im Schiff Reissaus nehmen möchten und ist doch eine Seele von einem Mann
Na lass dirs gesagt sein Nummer Acht und mach keine solchen Dummheiten
wieder«
Damit ließ er Robert allein der sich nun ganz ungestört seinen Gedanken
hingeben und sich wieder den Augenblick vergegenwärtigen konnte als ihn der
Offizier so ernst und wohlwollend zugleich ermahnte in Zukunft nicht mehr
Eigensinn und Männlichkeit miteinander zu verwechseln Gehörte denn wirklich
gerade dazu die größte Selbstbeherrschung und Willenskraft sich scheinbar
vollständig unterzuordnen
Er seufzte aber er wusste ganz sicher dass ihm dies nicht wieder begegnen
werde hatte er denn dem Kommandanten gegenüber mit dem trotzigen Davonlaufen
eines Schuljungen wirklich gezeigt dass er ein selbständiger Mann sei oder
vielleicht eher dass ihm die Grundbegriffe jeder gesetzlichen Ordnung noch
vollkommen fehlten
Das Blut kehrte in seine Wangen zurück »Möchte doch heute noch der Bouvet
kommen« dachte er »möchte doch der Kampf beginnen und ich als erster an Bord
des feindlichen Schiffes klettern können damit mich Kapitänleutnant Knorr loben
und sagen müsste ich sei doch ein Mann und tapfer dazu«
Er war an diesem ganzen Tag so aufgeregt dass Gerber mehrere Male heimlich
lächelte »Den Kroll hats aber gepackt« dachte er »würgt noch an dem schweren
Bissen den ihm unser Kapitänleutnant ins Maul gesteckt hat«
Gegen Abend endlich erschien der Bouvet und legte sich in dem neutralen
Hafen Seite an Seite neben den Meteor Etwas größer und schneller mit einer
Überzahl von zwanzig Mann Besatzung und besseren Geschützen war er dem Meteor
ziemlich in jeder Weise überlegen Bord an Bord lagen die beiden feindlichen
Schiffe auf dem Wasser
»Eine wunderliche Welt« sagte Gerber »Da ist der Bouvet der bei Helgoland
zusah als wir gegen die Dänen im Gefecht standen nun läuft er selbst unseren
Geschützen in die Zähne«
»Wisst ihr was Jungens« raunte er beim Essen in die Ohren seiner
Backschaft »wisst ihr was Ich möchte dass ein paar von der Mannschaft drüben
das Schiff verließen und an Land eine Kneipe aufsuchten Dann könnten wirs
ihnen zeigen was unsere Fäuste wert sind Das müsste ein ungeheures Vergnügen
sein und hätte doch das Völkerrecht nicht verletzt«
Die Seeleute hatten durchaus Lust zu dem Plan aber Gerber schüttelte
schmerzlich das Haupt »Wird nichts Kinder« fügte er hinzu »waren nur
Gedankenspäne fromme Wünsche wie man zu sagen pflegt Ihr sollt sehen dass es
schon morgen in aller Frühe eine Vermahnung setzt Immer Augen links wenn ihr
auf Backbord über das Schiff marschiert und Augen rechts wenns von Steuerbord
hergeht Ich kenne das«
Und richtig wie er vorausgesagt hatte so geschah es Am folgenden Morgen
wurde Generalmarsch geschlagen und als bis auf den letzten Mann die ganze
Besatzung an Deck versammelt war hielt der Kapitänleutnant eine Ansprache in
der er den Leuten befahl sich jeder Berührung mit den Franzosen zu entziehen
besonders aber an Land bei einer möglichen Begegnung sofort das Lokal zu
verlassen und auf keine Herausforderung einzugehen
Die Franzosen auf dem Bouvet sahen sich diese ganze Szene mit Interesse an
Sie schienen den Inhalt der Rede die dort gehalten wurde vollkommen zu
begreifen und vielleicht eben deswegen erhielten ungewöhnlich viele von ihnen
am Abend Urlaub Die Deutschen auf dem kleinen Kanonenboot das sich neben dem
Bouvet doch sehr schmächtig ausnahm diese übermütigen Deutschen sollten
womöglich eins draufkriegen
Etwa vierzig Mann von der Besatzung des französischen Schiffes gingen an
Land und auch der gewohnten Anzahl Deutscher war Urlaub erteilt worden Fast zu
gleicher Zeit verließen die Preußen und die Franzosen ihre Schiffe wobei ihnen
der Kapitänleutnant mit gerunzelter Stirn nachsah »Reibungen werden sich nicht
vermeiden lassen« äußerte er zu seinem Ersten Leutnant »Die Kerle brennen
förmlich darauf den Franzosen zu zeigen dass sie nicht weniger gut zuzuschlagen
verstehen wie ihre Brüder an Land«
Der Erste Leutnant lächelte bedeutsam »Und wir selbst« fragte er halblaut
»Wir ebenso wenn auch in anderer Form« erwiderte der Kommandant »Ich
wollte übrigens dass die Sache bald entschieden wäre besonders da ich an diesem
entlegenen Punkt ohne alle Instruktion ganz nach eigenem Ermessen handeln muss
Der Bouvet ist uns überlegen darüber besteht kein Zweifel«
Der Erste Offizier schwieg aber es war ein Schweigen das mehr als die
längste Rede ausdrückte so dass ihn der Kapitänleutnant fragend ansah »Sie
würden den Kampf aufnehmen Herr Leutnant«
»Ohne Bedenken«
Der Kapitänleutnant nickte leicht »Ich tus auch« bestätigte er
Damit war die Unterredung beendet aber die innere Unruhe des Kommandanten
zeigte sich deutlich in jedem Schritt in jeder Bewegung besonders als um die
festgesetzte Stunde nur ein Teil der beurlaubten Mannschaft an Bord erschien
die übrigen aber ausblieben Man fragte die Zurückgekehrten nach den andern
aber die Antworten lauteten so unbestimmt und ausweichend dass sich der Argwohn
des Kapitänleutnants bis zur Überzeugung steigerte Trotz aller Verbote musste
eine Schlägerei stattgefunden haben
Es wurde zwölf Uhr nachts bis spanische Polizisten die ausgebliebenen
Matrosen vom »Meteor« mit starkem Geleit an das Schiff brachten Mehrere unter
ihnen waren verwundet aber kein einziger zeigte über das was er
verbotenerweise getan hatte die mindeste Reue Franzosen und Deutsche waren
aneinander geraten hatten gehörig miteinander gerauft und sich gegenseitig die
Nasen blutig geschlagen obwohl niemand Sieger geblieben und niemand besiegt
worden war
Der Kapitänleutnant ließ die Verwundeten in das Lazarett bringen und die
übrigen so mäßig als es die Gesetze erlaubten bestrafen wobei jedoch sein
ganzes Benehmen zeigte dass er die Ursache der Übertretungen durchaus verstand
Ja er tat noch mehr Er schickte dem Kapitän des feindlichen Schiffes drei
Tage nacheinander eine Herausforderung zum Kampf auf offener See aber der
französische Kommandant weigerte sich und blieb vor Anker liegen als sei nichts
geschehen
Die Folge davon war dass sich die Besatzung des »Bouvet« an Land nicht mehr
sehen lassen konnte sondern wo sie erschien offen verhöhnt wurde
Auf die Dauer schienen die Franzosen das denn doch unbehaglich zu finden
sie lichteten die Anker und eines Morgens war der »Bouvet« verschwunden
Jetzt herrschte auf dem »Meteor« freudige Kampfstimmung Nach vierundzwanzig
Stunden durfte man den Feind verfolgen und ihn außerhalb des Hafens angreifen
mehr konnten sich die Blaujacken gar nicht wünschen
»Wenn er uns nur nicht entwischt« hieß es »Wenn er nur den Kampf
aufnimmt«
Als das Kanonenboot die Anker lichtete und zum erstenmal seit Robert an
Bord war der Dampf aus den Schloten strömte da umstanden Tausende von
Menschen besonders alle Deutschen die in der Stadt wohnten das Ufer und in
fast allen Sprachen außer in der französischen wurde dem »Meteor« ein Hoch
ausgebracht Die Besatzung antwortete mit einem dreifachen Hurra
Und dann rasselten die Ankerketten herauf das Schiff drehte sich die
Bevölkerung winkte mit Hüten und Taschentüchern und die Jagd auf den Feind
begann Hinter dem »Meteor« dampfte das spanische Kriegsschiff »Hernan Kortez«
das die Neutralität des Hafens wahren und für den Fall eines bedeutenderen
Unglücks in der Nähe sein wollte
Wie pochte Roberts Herz als das Schiff unter seinen Füßen Fahrt aufnahm
Jetzt erst war er Soldat jetzt erst hatte er das Ziel seiner Wünsche erreicht
denn jetzt ging es ins Gefecht Keiner von der ganzen Besatzung des »Meteor«
suchte so sehnsüchtig den Horizont nach dem Rauch des französischen Schiffes ab
Er war es auch der zuerst den »Bouvet« entdeckte
»Dort« rief er »dort Herr Kapitänleutnant ich sehe es deutlich«
Der Kommandant ließ sich das Glas reichen und dann bestätigte ein
Kopfnicken der ganzen Mannschaft dass Robert richtig gesehen hatte Es war in
der Tat der »Bouvet« der nun den Kampf eröffnete Es blitzte auf der Donner
rollte über das Wasser doch die Kugel schlug in weiter Entfernung vom
preußischen Schiff ins Wasser
»Wir schießen nicht bis die Entfernung zwischen beiden Schiffen auf
vierhundert Meter herabgesunken ist« sagte Kapitänleutnant Knorr ruhig
Ein Hoch der Mannschaft auf ihren Kommandanten antwortete seinen Worten
Jedes Herz schlug erwartungsvoll während das Schiff mit höchster Fahrt durch
die Wellen stampfte
Schuss auf Schuss erschütterte vom Bord des Bouvet die stille Morgenluft ohne
jedoch zu treffen während auf dem Meteor gleichsam zur Herausforderung von
allen drei Masten die Toppflaggen lustig flatterten
Endlich aber konnte das deutsche Geschütz antworten Auf dem Meteor blitzte
es auf und ein erster Gruß aus seinen Rohren pfiff durch das Takelwerk des
Franzosen Im gleichen Augenblick schien sich jedoch das Glück gegen die
Deutschen zu wenden Es erhob sich ein plötzlicher Wind dem das Kanonenboot
entgegenarbeiten musste während er andererseits den Bouvet mit schneller Fahrt
auf die Breitseite des Feindes zutrieb
Das alles ereignete sich innerhalb weniger Minuten und die Entfernung der
beiden Schiffe verringerte sich auf dreihundert Meter bevor man noch an Bord
des Meteor die neue Lage richtig erkannte Das Schlingern des weit kleineren
Fahrzeuges war durch den aufkommenden Wind so stark geworden dass kaum noch ein
richtiges Zielen möglich war Der Ernst des Augenblicks war unverkennbar
Der Kapitänleutnant behielt jedoch seine ruhige Geistesgegenwart Er stand
auf der Kommandobrücke und übersah mit sicherem Blick die Lage
»Ruhe« befahl er mit tiefer Stimme »Ruder hart Steuerbord Klar zum
Entern«
Der Befehl wurde sofort vollzogen Robert der dicht bei der Kommandobrücke
stand sah mit einer Art begeisterter Verehrung auf den Kommandanten der so
vollkommen ruhig und sicher die Lage überblickte »Ein solcher Mann will ich
werden« dachte er und packte sein Gewehr fester
Alles an Bord war totenstill aller Augen sahen auf den Kommandanten Durch
die hochgehenden fast tobenden Wellen brausten die beiden Schiffe aufeinander
zu Jetzt jetzt kam die Entscheidung
Nur noch Augenblicke dann waren vielleicht fünfundsechzig Menschen in den
Fluten des Meeres begraben dann berichteten die Zeitungen von einem glänzenden
Siege der Franzosen über das kleine preußische Kanonenboot Meteor
Und jetzt beide Fahrzeuge berühren einander
Aber da fliegt ein befreiendes Lächeln über das Gesicht des Kommandanten
Sein geübter Blick hatte ihn nicht getäuscht er hatte richtig gehandelt Im
spitzen Winkel trafen beide Schiffe zusammen es knirschte und krachte die
Bordwände berührten sich nur wenige Sekunden lang sahen sich die Gegner aus
nächster Nähe ins Auge dann war die größte Gefahr vorüber Niemand hatte Zeit
gehabt ans Entern zu denken
Jetzt aber eröffneten die Franzosen ein heftiges Gewehrfeuer das von den
Deutschen lebhaft erwidert wurde Neben Robert fiel der Steuermann und stürzte
sofort getötet auf die Decksplanken
Robert sah auf Ein wilder Zorn hatte ihn gepackt Er suchte mit den Augen
auf dem Bouvet den Schützen und hatte ihn nur zu bald entdeckt Halb von der
Takelage verborgen lauerte der Mann und erhob schon sein Gewehr zum nächsten
Schuss Es war unverkennbar der Kapitän auf den er zielte
Das erkennen und unbekümmert um die eigene Sicherheit zwischen die Kugel und
ihr Ziel springen war für Robert Sache eines Augenblicks Er fühlte einen
Schlag gegen die linke Schulter so dass er für einen Moment schwankte dann aber
nahm er noch einmal seine Kräfte zusammen legte an und gab Feuer
Wie damals in der Prärie der getroffene Adler so stürzte der Franzose aus
den Marsen herab Ein lautes Bravo des Kapitänleutnants belohnte den gelungenen
Schuss
»Sie haben für mich Ihr Leben in die Schanze geschlagen Kroll« sagte der
Kommandant laut »Ich danke Ihnen und werde es Ihnen nicht vergessen«
Robert wankte aber ein Glücksgefühl wie er es nie gekannt hatte durchzog
sein Herz Schon nahmen ihn einige Matrosen unter ihnen der blonde Maat in
ihre Mitte um ihn ins Lazarett zu führen
»Lasst doch« stammelte er »lasst nur ich kann allein gehen«
Aber Gerber ließ nicht locker »Du Tausendsassa du Schwerenöter« raunte
er »Kommt dieser Junge kaum an Bord hat noch keinen Schuss abgefeuert und
zeichnet sich schon vor allen aus Na das hätte aber leicht dein letzter
Augenblick werden können«
Robert lächelte matt »Es kam ja nicht auf mich an« flüsterte er »sondern
auf den Kommandanten«
Und dann verließ ihn das Bewusstsein Gerber trug ihn wie ein kleines Kind
ins Zwischendeck wo der Schiffsarzt mit seinem Assistenten bereitstand um die
Verwundeten zu verbinden »Schnell Herr Doktor« bat der keuchende
Unteroffizier »bitte sagen Sie mir ob es schlimm ist Ich möchts gern wissen
und muss doch wieder hinauf«
»Das Gewehrfeuer hat aufgehört« bemerkte der Arzt während er Roberts
Kleider öffnete und die Wunde untersuchte
»Wie kommt das«
»Gotts ein «
Der gemütliche Maat hätte fast einen Kernfluch vom Stapel gelassen aber er
besann sich noch zur rechten Zeit dass auch der Arzt ein Offizier sei
wenigstens dem Range nach und verschluckte seinen energischen Satz indem er
laut sagte »Zu Befehl Herr Doktor die Entfernung ist dafür zu groß geworden
Aber wie steht es denn mit der Wunde«
»Die ist nicht gefährlich« entschied der Arzt »Das Fleisch ist zerrissen
und die Muskeln haben stark gelitten Knochen oder edlere Teile sind nicht
verletzt«
Gerber lächelte sehr zufrieden Er ergriff sofort seine Mütze und stürzte
wieder hinauf
Oben an Deck hatte sich inzwischen die Lage völlig verändert Bei der
scharfen Berührung der beiden Schiffe waren die Boote vom »Meteor« vollständig
weggerissen die Fockraa abgebrochen und die Wanten zerschnitten der Grossmast
aber durch den schweren eisernen Kranbalken des Franzosen sogar eingeknickt
Kurz darauf stürzte der beschädigte Mast um riss den Besanmast mit sich und
schlug die Kommandobrücke in Trümmer Und nun entstand eine heillose Verwirrung
Die über Bord gegangenen Masten wurden vom Schiff an ihren Tauen nachgeschleift
und hemmten dadurch die Fahrt fast vollständig In diesem Augenblick hätte der
»Bouvet« entern und den Kampf vielleicht gewinnen können aber ein derartiger
Versuch wurde von seinem Kommandanten nicht unternommen
Der »Meteor« machte jetzt kaum noch Fahrt aber Kapitänleutnant Knorr gab
deshalb nichts verloren Er befahl die Taue zu kappen und gab der
Geschützbedienung Anweisung nach Möglichkeit auf den Dampfkessel des »Bouvet«
zu zielen
Der Schuss krachte und alle sahen gespannt zu dem feindlichen Schiff hinüber
»Er versucht zu entkommen« murmelte der Kapitänleutnant und stampfte mit
dem Fuß auf »noch eine halbe Stunde und der Hafen ist erreicht«
Aber da sahen plötzlich alle eine weiße Wolke die sich rings um das Schiff
verbreitete stärker und stärker anschwoll und endlich den »Bouvet« ganz
einhüllte Es konnte nicht zweifelhaft sein dass die Maschine getroffen war
»Hurra« kam es aus hundert Kehlen »Hurra das war ein Treffer«
Der »Hernan Kortez« der sich immer ganz in der Nähe des »Meteor« gehalten
hatte setzte ein Boot aus und wollte mehrere Ärzte sowie Erfrischungen und
Verbandmittel an Bord des deutschen Kriegsschiffes bringen aber Kapitänleutnant
Knorr lehnte mit höflichem Dank jede Hilfeleistung ab einmal um zu zeigen dass
auf seinem Fahrzeug alles in Ordnung sei zum andern aber auch um bei der
Verfolgung des bewegungsunfähig gewordenen Franzosen keine Zeit zu verlieren
Noch immer war der »Bouvet« in eine weiße Wolke gehüllt noch immer lag er auf
demselben Fleck aber auch der »Meteor« hatte genug zu tun um die Schraube von
Splittern und Tauwerk zu reinigen und alles zu kappen was auf beiden Seiten die
Fahrt hinderte
Der Kapitänleutnant ging von einer Seite zur andern wie ein Löwe im Käfig
»Wir müssen entern« wiederholte er »wir müssen ihn nehmen«
Aber es kam anders Die Maschine des »Bouvet« war zerstört das Dampfrohr
durchschossen und die Fahrt gehemmt doch gerade als die Schraube des »Meteor«
wieder voll in Tätigkeit getreten war hatten die Matrosen des »Bouvet« Segel
gesetzt und nun begann die Flucht nach dem Hafen von Havanna
Mit voller Kraft arbeitete die Maschine des »Meteor« aber die Entfernung
zwischen beiden Schiffen wurde größer und größer die Kugeln des Buggeschützes
auf dem Kanonenboot konnten den »Bouvet« nicht mehr erreichen und die
Verfolgung musste aufgegeben werden Außerdem verkündete ein Schuss vom Bord des
»Hernan Kortez« dass jetzt das Gebiet des Hafens wieder erreicht sei also musste
nach dem Völkerrecht der Kampf eingestellt werden Nach einer halben Stunde
lagen beide Schiffe wieder friedlich nebeneinander auf ihren alten Plätzen
Robert hatte während dieser ganzen letzten Zeit körperliche und seelische
Qualen zu bestehen Sein Bewusstsein kehrte schon unter den Händen des Arztes
zurück und die Schmerzen die er ertragen musste waren furchtbar aber mehr
noch verlangte er danach über den Verlauf des Kampfes Genaueres zu hören Von
Zeit zu Zeit kam jemand ins Zwischendeck und dann fragte der Arzt solange bis
er und mit ihm Robert alles gehört hatte
Erst als die Ankerketten durch die Klüsen rasselten und nun auch der Doktor
Zeit fand sein gelehrtes Haupt aus der Decksluke hervorzustrecken erst dann
legte sich Robert auf die Seite um zu schlafen
Als ihn der Arzt in Begleitung des Kapitäns am Abend noch einmal besuchte
und als der Kommandant lange und freundlich mit dem jungen Freiwilligen
gesprochen hatte da meinte Gerber aber er behielt es für sich dass doch der
verteufelte siebenmal übersegelte und von neun Millionen Haifischen gefressene
Bursche der Kroll ein wahres Glückskind sei »Um diese Wunde beneide ich ihn«
dachte er »sie ist eine hm na ich will sie eine Schicksalswunde nennen
Hast du nicht gesehen wird die Beförderung zum Maaten hinterdreinfliegen wenn
auch der Herr Freiwillige eben erst ausexerziert hatte als die Geschichte
losging«
Und der gemütliche Maat sollte recht behalten Als Robert mit dem Arm in der
Binde blass und abgemagert nach vier Wochen wieder umhergehen konnte da kam
aus Kiel ein Telegramm in dem Kapitänleutnant Knorr das eiserne Kreuz verliehen
wurde und das außerdem mehreren Leuten eine Beförderung brachte Robert wurde
wie es Gerber vorausgesehen hatte richtig zum Maaten ernannt obgleich der
Kapitänleutnant lächelnd dieser Nachricht hinzufügte wenn die da in Kiel ganz
genau wüssten wie kurz er erst
Robert erlaubte sich gegen alle Dienstordnung seinen Vorgesetzten zu
unterbrechen »Der ganze Winter wird ja vergehen bis die Ausbesserungsarbeiten
am Meteor beendet sein können« rief er »so lange bleibe ich einfach noch
Matrose und werde erst dann wirklich Bootsmannsmaat wenn Sie mich für fähig
halten Herr Kapitänleutnant«
Der Kommandant musste über diese Bescheidenheit lächeln doch Robert trug von
diesem Tag an die Uniform des Maaten er erhielt höheren Sold nahm aber nach
wie vor als Matrose am Dienst teil und bemühte sich mit doppeltem Eifer seine
beiden Hauptfehler seinen Trotz und seinen Jähzorn nach Möglichkeit zu
überwinden
Er hatte gelernt was es heißt durch Vernunft und Gehorsam aus
fünfundsechzig Menschen eine Körperschaft zu machen die auf den leisesten Wink
reagiert und nur ein gemeinsames Ziel kennt
Was wäre aus Schiff und Besatzung geworden wenn die Befehle des
Kapitänleutnants auch nur eine Minute lang nicht befolgt worden wären
Der Bouvet würde den Meteor gerammt und die ganze Besatzung mit dem Schiff
zu den Fischen geschickt haben
Robert erkannte nun klar genug als unbedingte Notwendigkeit was ihm im
Anfang wie eine Missachtung seiner männlichen Ehre erschienen war aber trotzdem
kamen noch häufig Augenblicke in denen ihm das Blut heiß ins Gesicht stieg und
er seinen Zorn kaum beherrschen konnte Zu einer gründlichen Erziehung gehört
eben viel Zeit und um mit einer solchen Veranlagung fertig zu werden braucht
man schon einen sehr festen Willen der erst in Jahren langsam heranreifen kann
Robert war noch längst kein besonnener Mensch obgleich ihn die Leute mit
Maat anredeten und er sich Mühe gab jeden Fehler zu vermeiden Während des
ganzen Winters als der Meteor ausgebessert wurde und also der Dienst beinahe
ganz aufgehoben war bemühte er sich die spanische Sprache zu lernen oder er
trieb Geographie Geschichte und andere nützliche Wissenschaften ebenso schrieb
er oft nach Hause und an die Freunde hoch oben in den Bergen der Sierra Nevada
Er konnte sich jetzt kaum noch vorstellen dass er einmal den Wunsch gehabt
hatte für immer in dem Indianerdorf zu bleiben Gottlieb hatte sich damals
Tinte Federn und Papier aus Stockton mitbringen lassen deshalb konnte er jetzt
selbst schreiben und den Brief durch einen der vielen umherstreifenden Indianer
nach Lenchi befördern lassen von wo er per Post über San Franzisko und Panama
nach Havanna gelangte
»Mir geht es äußerlich gut« schrieb der junge Goldsucher »und wenn ich
mich nicht so sehr nach den Eltern und nach geordneten Verhältnissen
zurücksehnte dann müsste ich sagen auch innerlich Wilde Tiere kommen nicht bis
in unser Dorf das steht fest die Komanchen skalpieren niemand der mit ihnen
die Friedenspfeife geraucht hat das weiß ich jetzt auch denn so ganz
allmählich lerne ich die Sprache der Rotäute und frage sie über alles aus Die
Squaws erzählen mir was ich wissen will Mongo arbeitet jetzt ständig beim
Losbrechen und ich beim Auskörnen du solltest mich nur sehen wie gut ich es
habe Robert Den Platz vor unserem Wigwam haben die Squaws von Moos und Wurzeln
gänzlich reinigen müssen und Mongo hat ihn mit einer gestampften Lehmschicht so
glatt und so fest gemacht wie den besten Holzfussboden Darauf wird nun das Gold
ausgesucht und der Lederbeutel ist jetzt schon ganz gefüllt Meistens lasse ich
mich den ganzen Tag über nicht stören sondern arbeite ununterbrochen während
mir die Squaws alles bringen was ich brauche Essen Trinken und vielleicht
einen Schluck Branntwein Die Rotäute machen es ja ebenso also weshalb sollte
ich es nicht tun Sie sehen mir auch jetzt während ich vor einem großen
flachen Stein auf den Knien liege und mühselig schreibe von weitem zu Näher
heran aber kommen sie nicht aus Furcht vor dem Zauber Ist das nicht wirklich
komisch
Soviel von mir und nun zu dir du lieber alter Junge den ich so gern hier
bei mir hätte Also du bist auf einem Kriegsschiff und fühlst dich ganz wohl da
wo es von Gefahren wimmelt Ich bin wirklich froh dass ich hier sicher sitze
hoch oben im Gebirge wo mich kein Einberufungsbefehl erreichen kann und du
du musst unbedingt mitten in den Kugelregen hineinlaufen Tat es nicht
entsetzlich weh als die Wunde genäht wurde Denn du musst wissen dass wir
drei der Trapper Mongo und ich die ganze Geschichte genau kennen Als der
Jaguar im Oktober wieder nach Stockton ritt hörte er dass ein französisches
Schiff vor dem Hafen von Havanna kreuzte und nun ruhte er nicht eher bis es
ihm gelang trotz des langen und mühevollen Weges Ende November noch einmal
hinunterzukommen nur aus heimlicher Sorge um dich den er seinen weißen Bruder
nennt und sehr ins Herz geschlossen hat Er brachte uns beiden dem Neger und
mir alle Zeitungen mit in denen das Gefecht beschrieben wurde auch dass du
dem Kapitän das Leben gerettet hast und selbst verwundet bist Ich verstehe
nicht wie du dich freiwillig melden konntest Nur gut dass ich so weit vom
Schuss bin
Aber jetzt leb wohl Robert Mein Privatpostbote ein Indianer steht da und
wartet Schreib bitte zum März wieder dann geht der Jaguar nach Stockton
Mit vielen herzlichen Grüssen dein Gottlieb«
Robert hielt diesen zerknitterten nicht gerade sauberen und gut duftenden
Brief den der Indianer in seinem Ledergürtel durch die Wildnis bis nach Lenchi
befördert hatte zwischen den Fingern und sah träumend ins Leere Hatte er
wirklich noch vor wenigen Monaten wünschen können dies Leben wie es Gottlieb
schilderte auch selbst weiterzuführen
Er konnte es kaum noch glauben Aber damals war er mit sich selbst uneins
und fürchtete sich vor etwas das ihm noch bevorstand und sich inzwischen so
günstig entschieden hatte die Aussöhnung mit dem Vater
Gottliebs Brief wurde als Andenken an die Zeit in den Bergen der Sierra
Nevada sorgfältig aufbewahrt und als bald darauf die Nachricht vom endlich
abgeschlossenen Frieden zugleich mit dem Heimberufungsbefehl für den »Meteor«
in Havanna eintraf da hatte Robert vorher noch Gelegenheit gehabt die kleine
Insel auf der er so lange als Einsiedler gelebt hatte auch bei Tage
wiederzusehen
Acht Mann erhielten die Erlaubnis einen ganzen Tag auf seinen Ausflug zu
verwenden und mit Robert an der Spitze durchzogen die fröhlichen Blaujacken das
ganze Eiland indem sie singend und lachend alle Vögel aus ihrer Ruhe
aufscheuchten und dann von der halbverfallenen Hütte feierlich Besitz ergriffen
um auf seinen leeren Weinkisten den mitgebrachten Proviant auszubreiten und
ausgiebige Rast zu halten
Am folgenden Tage lichtete der »Meteor« die Anker und dampfte nach Europa
wo er im Hafen von Kiel nach glücklich überstandener Reise eintraf
Robert hatte schon gleich nach Beendigung des Feldzuges darum nachgesucht
seine dreijährige Dienstzeit auf der Flotte ohne Unterbrechung abschließen zu
dürfen und da ihm das bewilligt worden war so kam er als Bootsmannsmaat auf
die Korvette »Gazelle« die im Sommer 1871 mit Kadetten nach Westindien und
Brasilien gehen sollte auch Gerber wurde diesem Schiff zugeteilt und nur den
Abschied von dem verehrten Kapitän Knorr empfand Robert als sehr schmerzhaft Er
trennte sich von diesem ebenso strengen wie gerechten Vorgesetzten nur äußerst
ungern Als aber der Kapitänleutnant halb scherzend halb ernstaft sagte »Wir
treffen uns noch einmal wieder Kroll wahrscheinlich wenn Sie bereits
Deckoffizier sind denn zur Handelsmarine gehen Sie ja doch nicht mehr zurück«
da lächelte er getröstet Wie ihn doch dieser Mann richtig erkannte Wirklich
es wäre jetzt ein harter Entschluss gewesen den Dienst an Bord eines
Kriegsschiffes mit seiner gerechten Behandlung seiner guten Verpflegung und den
interessanten anregenden Aufgaben wieder gegen ein Handelsschiff zu
vertauschen auf dem doch im Grunde die Willkür des Kapitäns in der Behandlung
der Mannschaft den Ausschlag gibt
Aber daran brauchte er vor der Hand nicht zu denken Noch standen ihm fast
anderthalb Dienstjahre bevor und was dahinter lag das fand sich später Erst
einmal gab es Urlaub in die Heimat und an einem frischen kühlen Aprilmorgen
bestieg Robert in Kiel den Zug nach Pinneberg kam also diesmal aus
entgegengesetzter Richtung in das kleine Städtchen zurück Am Bahnhof stand der
Vater noch in demselben grossväterlichen Gehrock den er vor dreißig Jahren als
Bräutigam eigenhändig genäht hatte noch mit dem riesigen Hut und den
Vatermördern von Anno dazumal die er nur trug wenn irgendeine besondere
Festlichkeit gefeiert werden sollte ein Spiessbürger durch und durch aber
doch sein Vater sein lieber guter Vater dem er sich in die Arme warf und ihn
freudig begrüßte
Und Meister Kroll schaute so stolz drein er schien allen Leuten die einst
sein schweres Leid gesehen hatten sagen zu wollen »Nun ist es aber anders
geworden was«
Und dann als der erste Rausch verflogen war drängte er zur Eile Die
Mutter in ihrer altgewohnten Bescheidenheit befangen in den Vorurteilen des
kleinen Städtchens hatte es ja nicht schicklich gefunden am hellen Morgen
schon im Sonntagsstaat spazieren zu gehen als gäbe es am Herd und in der Küche
gar keine Arbeit mehr sondern sie war daheim geblieben kochte und backte und
lief als sie das Pfeifen der Lokomotive hörte in jeder Minute ans Fenster um
nach den beiden Ausschau zu halten
Wie war das jetzt alles so ganz anders als damals im vorigen Herbst als
Robert nur bis auf den Flur gekommen war und ohne ein versöhnendes Wort wieder
fortging
Die Mutter wischte sich mit dem Schürzenzipfel die Tränen aus den Augen Als
aber nach ein paar Minuten die Erwarteten endlich erschienen da rollten sie ihr
doch über die Wangen herab und die alte Frau brachte vor Freude kaum ein Wort
über die Lippen
Robert durfte jetzt er für längere Zeit ausruhen und konnte mit Recht seinen
Urlaub genießen Und was hatte er nicht alles zu erzählen wie wurde der
schlanke braune Bootsmannsmaat mit dem zurückhaltenden sicheren Benehmen in
der ganzen Stadt bewundert und überall freudig begrüßt
Er verlebte in dem kleinen engen Heimatstädtchen wahrhaft glückliche Tage
aber dennoch erwachte in ihm die Sehnsucht nach dem Wasser schon sehr bald
wieder und als der Juni herankam ging es zurück nach Kiel um den Dienst auf
der Gazelle anzutreten Diesmal begleitete ihn der Vater bis an die Ostsee »Das
Schiff geht für zwei Jahre fort« meinte er »und es ist gut wenn sich der
Mensch auf alles vorbereitet Ich glaube ich werde dich nicht wiedersehen mein
Junge ich habe so eine Ahnung die nicht mehr weichen will«
Robert suchte ihm den trüben Gedanken auszureden aber der Alte schüttelte
den Kopf »Ich sterbe ja nicht weil wir davon sprechen« sagte er lächelnd
»aber ich will dir doch jetzt schon sagen dass meine Ansichten und Absichten in
vieler Beziehung anders geworden sind Die Mutter behält solange sie lebt
alles was ich hinterlasse Nach ihrem Tode aber magst du in Gottes Namen das
Haus verkaufen das Kapital kündigen und dir einen Anteil an einem Schiff dafür
sichern Ich wünsche dir Gutes für diesen Plan und segne ihn von Herzen das
wars was ich dir als Abschiedsgruss mit auf den Weg geben wollte«
Robert umarmte gerührt seinen treuen alten Vater »Ich glaube ja nicht an
deinen Tod« flüsterte er »im Gegenteil du hast eine ausdauernde Gesundheit
und wirst wie dein Vater und Großvater sicherlich weit über achtzig Jahre
werden aber dennoch möchte ich dich bei dieser Gelegenheit noch etwas fragen
Hast du mir den Schmerz und das Unrecht das ich dir damals bereitet habe
wirklich von Herzen vergeben«
Meister Kroll lächelte wehmütig »Mehr noch mein Junge« sagte er nach
einer Pause »Auch ich habe eine ernste Lehre erhalten Meine Sorge um dein Wohl
war immer die ehrlichste und aufrichtigste aber vielleicht «
»O Vater Vater« unterbrach ihn Robert »um Gottes willen verteidige dich
nicht deinem schuldigen Sohn gegenüber«
»Lass mich ausreden Kind Ich habe erkannt dass selbst die reinste Absicht
den Menschen irreleiten kann ich bin vielleicht aus Vaterliebe oft
willkürlich vorgegangen aber auch mir hat der Schmerz um dich eine Lehre
gegeben Aber ich glaube Robert wir haben uns jetzt verstanden und werden uns
innerlich nie wieder trennen wenn wir uns auch vielleicht auf Erden nicht mehr
sehen Versprich mir das«
Fest lagen die Hände des Vaters und des Sohnes ineinander Erst jetzt in
der Abschiedsstunde hatten sich diese beiden stolzen und trotzigen Menschen
gegenseitig ganz ausgesprochen und Robert fühlte wohl was ihm mit diesem
Geständnis sein eigensinniger in so ganz anderen Anschauungen erzogener Vater
geschenkt hatte »Grüß noch viel tausendmal die Mutter« presste er hervor »und
denk nicht an den Tod Vater Wir sehen uns wieder«
Meister Kroll nickte sehr ernst »Wir sehen uns wieder« sagte auch er »das
ist meine feste Zuversicht Und nun lass es uns kurz machen mein Junge Behüt
dich Gott auf allen deinen Wegen und bleib gut bleib ein braver Mensch«
Noch einmal drückte der alte Mann die Hand des Sohnes »Leb wohl mein
Kind«
Er wandte sich um zu verbergen dass seine Fassung schwankte er sah auch
nicht mehr zurück sondern ging langsamen Schrittes davon »Weh tuts doch«
dachte er »dass das alles so kommen musste und nicht anders Ich habe ihm von
Herzen vergeben und von Herzen gesegnet aber Gott weiß welche Kämpfe es
kostete Glaube doch ich hätte mich noch im Grabe gefreut den Jungen als
Schneidermeister zu sehen Aber das wäre wohl zuviel Glück gewesen es sollte
nicht sein«
Mit der »Gazelle« nach Westindien
Die Korvette »Gazelle« auf der Robert jetzt seinen Dienst als Bootsmannsmaat
antrat war ein bedeutend größeres Schiff als das Kanonenboot »Meteor« Eine
Korvette hatte damals auf dem Oberdeck zwei Geschütze schweren in der Batterie
zwanzig mittleren und sechs Geschütze leichten Kalibers Sie war etwa 60 m lang
und 15 m breit und hatte einen Tiefgang von 6 Metern Die Besatzung bestand aus
etwa 380 Mann Gegen die 65 Leute des »Meteor« war das eine bedeutende
Veränderung und Robert sagte sich dass dementsprechend auch der Dienst an Bord
strenger und die Bedeutung der geplanten Expedition wichtiger sein müsse als die
des Kanonenbootes natürlich abgesehen von dem Gefecht mit dem »Bouvet« auf der
Reede von Havanna
Eine Korvette diente damals meist als Stationsschiff in den Häfen
halbzivilisierter Völker zum Schutz dort ansässiger deutscher Staatsangehöriger
Da die »Gazelle« gleichzeitig als Schulschiff für Seekadetten Dienst tat so
herrschte an Bord desto größere Ordnung und Disziplin die Roberts Geduld oft
auf harte Proben stellte
Es wurde ihm nicht leicht aber er gewöhnte sich allmählich daran und als
das Schiff in die Tropen kam als er jeden Tag Neues und Fremdartiges sah waren
die kleinen Sorgen des Anfangs bald überwunden Er konnte jetzt wieder mit zehn
oder zwanzig Kameraden die Küsten der Inseln durchstreifen und frische Früchte
sammeln hier und da auf die Jagd gehen oder mit den Eingeborenen verhandeln er
lernte in den Städten die Lebensweise fremder Völker aus nächster Nähe kennen
und bereicherte nach Möglichkeit seine Sprachkenntnisse
Von seinen Eltern und den Freunden im Hochgebirge der Sierra Nevada erhielt
er häufig Briefe die er alle sorgfältig aufbewahrte Im Hafen von Haiti
erwartete ihn sogar ein kleines Päckchen und als er es öffnete war die Freude
groß
Eine Photographie hatten sie ihm von Stockton aus geschickt und keiner
fehlte darauf Da standen sie nebeneinander der liebe alte Mongo mit seinem
schwarzen ehrlichen Gesicht der Trapper auf die lange Büchse gestützt ernst
und ruhig wie immer ihm zu Füßen die beiden Hunde und im Hintergrund die
Indianer halb scheu halb neugierig jedenfalls von dem Gedanken der Zauberei
völlig durchdrungen und in diesem Augenblick ihrer Würde so ziemlich beraubt
Und dann erst erkannte er Gottlieb Robert lachte laut als er die Veränderung
seines schüchternen schmalen Gesichtes sah Das Haar bis auf die Schultern
herabhängend und mit langem Bart glich der junge Goldsucher in seinem
Lederanzug und den derben Stiefeln einer Art von Urmenschen Das wusste er auch
und sagte es selbst »Ich will mich dir noch in meiner ganzen Wildnispracht
zeigen« schrieb er »in einer Gestalt die ich in wenigen Stunden für immer
ablegen werde Wir sind auf dem Wege nach San Franzisko wir kehren zu
zivilisierten Menschen zurück als reiche Leute Robert aber das ganz im
Vertrauen gesagt Deshalb bevor ich den alten Menschen wieder anziehe nimm
noch ein Andenken an die Vergangenheit in der wir miteinander gelebt haben
Jetzt da es überstanden ist möchte ich doch die Erinnerung daran nicht
verkaufen
Bei ein paar Krämern bin ich hier in Stockton schon gewesen und habe
heimlich das Handwerk gegrüßt Aber man muss sich ihrer schämen der Schmutz
liegt in den Ecken man schenkt Branntwein aus die Leute sitzen auf allen
Kisten und Tonnen man streckt die Beine in lümmelhafter Weise von sich und
spuckt wie es einem Spaß macht auf den Fußboden
Ich kehre zurück nach Deutschland Robert im Ledergürtel stecken die
Wechsel hurra nach Deutschland«
Robert konnte sich von dem Anblick des Bildes kaum trennen Der Jaguar und
Mongo und die beiden großen gelehrigen Hunde sie weckten in ihm die
Erinnerung an viele schöne Tage
Er steckte die Aufnahme zu sich und suchte dann in der nächsten Straße ein
Wirtshaus Es war drückend heiß an diesem Tage Große schwarze Regenwolken
verdeckten die Sonne vollständig und die Luft lag wie Blei auf der Brust Kein
Windhauch regte sich die Blätter an den Bäumen hingen schlaff herab und die
Tiere verhielten sich scheu und teilnahmslos
Robert suchte mit noch einigen anderen Matrosen von der Gazelle Schutz unter
einem großen Leinwandzelt das einladend mitten in einem Garten lag Dort wurden
Flaschen aufgefahren deutsche und englische Zeitungen herbeigebracht und nach
Herzenslust gekneipt Es war heute der letzte Tag an Land und das musste noch
wahrgenommen werden Morgen sollte die Korvette wieder in See stechen
Das Bild von Stockton ging von Hand zu Hand Roberts Abenteuer von denen er
sonst nie viel sprach wurden bei dieser Gelegenheit lebhaft erörtert auch die
andern frischten so manche Erinnerung an eigene Erlebnisse wieder auf und es
ergab sich eine sehr angeregte Unterhaltung bei der die jungen Leute ganz
übersahn dass sich der Himmel immer dunkler färbte und einzelne Blitze die Luft
zerrissen
Deutsche Lieder wurden gesungen heitere Scherzworte den Vorübergehenden
nachgerufen sobald sie irgendwie die Neckerei der ausgelassenen Schar
herausforderten und lautes Lachen klang vom Zelt herüber bis zum nahen Hafen
wo die Schiffe aller Nationen friedlich vor Anker lagen
Da erschien plötzlich bleich wie ein Gespenst der Wirt ein brauner magerer
Spanier unter dem Eingang des Zeltes und rang jammernd die Hände »Madre de
dios« stammelte er seine eigene Sprache und ein schlechtes Englisch bunt
durcheinander mischend »Señores es kommt es kommt alle vierzehn Notelfer
beschützen uns flieht flieht«
Die Matrosen sprangen unwillkürlich von ihren Sitzen auf »Was kommt«
wiederholten sie Und einige meinten »Der Bursche hat den Sonnenstich«
»Betet« ächzte der Wirt »Betet San Christophoro Santa Anna Santa
Barbara «
»Der Kerl ist verrückt«
Aber im nächsten Augenblick verstummten alle derartigen Bemerkungen Ein
Wirbelwind urplötzlich und völlig unvorbereitet für jeden dem die klimatischen
Verhältnisse der Insel fremd waren ergriff das Zelt dessen Pfähle wie
Streichhölzer zerbrachen und dessen Leinwanddach gewaltig aufgebauscht mit
donnerartigem Krachen zerplatzte In weniger als einer Minute lagen sämtliche
Männer am Boden während Tische und Stühle wie lose Blätter vom Sturm entführt
wurden Überall im Garten knickten und krachten die Zweige der Obstbäume wurden
ganze Sträucher mit den Wurzeln aus dem Boden gerissen und die Früchte wie von
einem Hagelschauer auf die Erde geschleudert
»Lasst uns ins Haus laufen« rief Robert und raffte sich auf »Diese
Staubmassen ersticken einen ja förmlich«
Der Wirt auf seinen Knien liegend das Gesicht in den Händen verborgen
krümmte sich als ob er an Krämpfen litte »Nicht in das Haus Santissima
virgin nicht in das Haus« schrie er
Inzwischen hatte sich die Straße mit Menschen belebt Überall stürzten
Männer und Frauen aus den Türen schreiend gestikulierend die Heiligen
anrufend gänzlich fassungslos wie der Wirt selbst
Hoch in der Luft hörte man ein Sausen und Heulen es rollte wie ferner
Donner Vor einem Wagen der gerade in der Nähe stand scheuten die Pferde
rissen sich los und stürmten die Verwirrung nur noch steigernd durch die
menschenbelebte Straße
Und dann kam das Erdbeben Mit hohlem Rauschen stieg vor den Augen der
Matrosen die See von Minute zu Minute höher die Schiffe rissen an ihren
Ankerketten und dann plötzlich hob und senkte sich die Erde wie eine atmende
Menschenbrust
Es war unmöglich aufrecht zu stehen Schwindelnd und kaum noch ihrer Sinne
mächtig ließ die deutschen Matrosen das Unvermeidliche über sich ergehen
während ringsum die Südländer in ihrer Lebhaftigkeit durcheinanderschrien oder
laut beteten Nur als Robert blass und wie von einem Anfall der Seekrankheit
geschüttelt zufällig den Kopf hob und sah dass an der Hafenmauer die Boote von
den Pfählen gerissen und in das hochgehende Meer hinausgetrieben wurden raffte
er sich gewaltsam auf
»Kameraden unsere Jolle unsere Jolle«
Er versuchte zu gehen fiel dabei und versuchte es noch einmal bis endlich
das Beben etwas abzunehmen schien und Ruhe eintrat Bevor jedoch die Matrosen
taumelnd wie Schwerbetrunkene bis an die Ufertreppen kamen hatte sich das
kleine Fahrzeug bereits losgerissen und wurde von den zischenden kochenden
Wellen wie eine Nussschale herumgeworfen
Robert sprang schnell entschlossen ins Wasser und schwamm mit langen Stößen
der Jolle nach
Vergebens riefen vom Ufer die andern er hörte nicht Dicht vor ihm kaum
noch erkennbar im letzten Dämmerlicht des sinkenden Tages schaukelte auf den
Wellen das Boot das ihm anvertraut war und das er erreichen wollte Sein
leidenschaftlicher Eigensinn hatte ihn einmal wieder gänzlich mit sich
fortgerissen
Hart unter den Bug eines spanischen Schiffes ging die Jagd Robert schwamm
so schnell er konnte alle seine Kräfte waren zurückgekehrt sein Kopf klar und
seine Arme spürten keine Müdigkeit Die Jolle schien unter dem Fallreep des
Spaniers einen Augenblick lang still zu liegen sie drehte sich und schaukelte
ohne vorwärts zu kommen Robert streckte schon die Hand aus um sie zu erfassen
Aber der nächste Windstoß entführte ihm seine Beute Ein anderes kleines
Boot schoss unmittelbar neben ihm durch das Wasser dessen grünschillernde
Oberfläche sich allmählich zu beruhigen begann Ein einzelner Mann ruderte das
Fahrzeug das Robert sofort anrief »Bringt mich an Bord der Korvette Gazelle
Kamerad« bat er in englischer Sprache »Ich bezahle Euch die Mühe«
Der Fremde antwortete nicht aber er duldete dass Robert in sein Boot
kletterte und nahm dann seine Rudertätigkeit wieder auf offenbar um aus dem
Hafen herauszukommen
Robert war ausserstande in der Dunkelheit das Gesicht seines Begleiters zu
erkennen aber er glaubte missverstanden zu sein und wiederholte in spanischer
Sprache seine Bitte ihn an Bord der »Gazelle« zu bringen
Der andere hielt nur um so stärker und eiliger aus dem Hafen heraus jetzt
blieben die letzten Schiffe hinter dem kleinen Fahrzeug zurück und das offene
Meer schwarz wie Tinte war erreicht Der Ruderer arbeitete unter Aufbietung
aller seiner Kräfte während Robert endlich von bestimmtem Verdacht erfüllt
aufsprang und ihm die geballten Fäuste dicht vor das Gesicht hielt »Schurke«
rief er »willst du nicht hören«
Eine tiefe Stimme antwortete ihm »Hab ich dich« klang es mit teuflischem
Frohlocken »Jetzt kommst du nicht lebend davon«
Wie ein Blitz durchzuckte es Robert Sein scharfes Gedächtnis erkannte
sofort die Stimme obwohl er sie vor Jahren zuletzt gehört hatte »Rafaele«
rief er »Ihr seid es«
»Ich bin es« wiederholte der Flibustier »Stirb Verräter«
Und ehe sich Robert zur Wehr setzen konnte hatte er ihn um den Leib gefasst
und versuchte jetzt ihn über Bord zu werfen was allerdings bei der Körperkraft
und Gewandtheit des jungen Seemanns keine leichte Sache war und auch nur soweit
gelang als beide Gegner unfähig auf dem schwankenden Boden des Fahrzeuges
sicher zu stehen eng miteinander verschlungen ins Wasser stürzten und im
Augenblick von den Wellen verschlungen wurden
Schon nach einigen Augenblicken tauchten jedoch die Köpfe wieder empor
Beide Männer waren mit der Gefahr die sie umgab viel zu vertraut als dass sie
nicht versuchten sich sofort in Sicherheit zu bringen Ein Ringkampf im Wasser
musste für beide den Tod zur Folge haben
Robert behielt seinen Gegner fest im Auge »Rafaele« sagte er »Ihr habt
jetzt kein Kind mehr vor Euch sondern einen Mann der entschlossen ist sein
Leben so teuer wie möglich zu verkaufen Weshalb bezeichnet Ihr mich als
Verräter Ich habe Euer Geheimnis bis zu dieser Stunde mit keinem Menschen
geteilt darauf mein Wort«
Der Flibustier lachte »Aber Ihr könntet es schon morgen tun« erwiderte er
»Solange Ihr atmet bin ich in Gefahr«
Und während er sprach versuchte er mit einem schweren Faustschlag Roberts
Kopf zu treffen Der wich ihm aber geschickt aus und im nächsten Augenblick
schrillte der Ton der Signalpfeife langhallend über das Wasser
»Hier« schrie aus ziemlicher Entfernung Gerbers Bassstimme und zugleich gab
seine Pfeife Antwort »hier Junge wo steckst du denn«
Der Flibustier fiel mit der Kraft der äußersten Verzweiflung über seinen
Gegner her Er wusste jetzt dass er keine Zeit mehr zu verlieren hatte und dass es
ihm schlecht gehen würde wenn ihn die Leute von der »Gazelle« einfingen
»Kroll Kroll« rief es vom Boot her
Nochmals gelang es Robert das Signal zu wiederholen dann aber hatte der
Räuber Gelegenheit gefunden mit einem schweren Schlüssel den er in der Tasche
trug die Schläfe seines Gegners zu treffen und ihn dadurch im Augenblick zu
betäuben Ehe Robert einen Schrei ausstoßen oder einen Entschluss fassen konnte
hob ihn eine heranrauschende Welle auf und entführte seinen anscheinend leblosen
Körper aus dem Gesichtskreis des Räubers dem jedoch dieser Sieg von keinem
besonderen Nutzen sein sollte da gerade jetzt das von der Korvette ausgesandte
Boot mit schnellen Ruderschlägen herankam
»Hallo Kroll« rief Gerber »gib Antwort«
Der Räuber schwamm so schnell er konnte dem offenen Meere zu Vor allen
Dingen durften ihn die deutschen Seeleute nicht sehen Einen Fluch nach dem
andern murmelnd entzog er sich ihren Blicken wobei er jedoch vom Hafen zunächst
ganz abgeschnitten wurde Er sah dass die Matrosen im Boot nach allen Seiten
Ausschau hielten
»Das ist eine fremde Jolle« hörte er Gerbers Stimme sagen ohne natürlich
den Sinn der Worte mehr als nur erraten zu können »Der Kroll muss ertrunken
sein«
»Das ist doch unmöglich« meinte ein anderer »Jedes Kind könnte bei solchem
bisschen Wind den Hafen wieder erreichen Es war ja nur eine Mütze voll«
»Ganz gleich aber wo ist denn der Kroll geblieben«
»Dort Dort« rief plötzlich einer der Matrosen »Ich sah seinen Kopf«
Man steuerte der bezeichneten Stelle zu aber die meisten der Leute glaubten
doch dass sich ihr Kamerad geirrt haben müsse »Weshalb sollte denn Robert nicht
antworten« fragten sie
»Nun wisst ihr denn ob er überhaupt noch lebt«
»Wäre er tot so könnte der Körper nicht treiben«
Das war richtig man ruderte also schweigend mit aller Kraft der angegebenen
Richtung nach
Der Kutter durchschnitt von zwölf Paar kräftigen Armen getrieben in
rascher Fahrt die Flut Manchmal glaubten die Matrosen mit Sicherheit einen
schwimmenden Menschen zu sehen aber im nächsten Augenblick war die Erscheinung
verschwunden Schon machte sich unter den Leuten eine abergläubische Furcht
bemerkbar »Vielleicht ist es der Klabautermann« sagte einer »er lockt uns
mitten in der Nacht auf das offene Meer hinaus und keiner von uns sieht lebend
das Schiff wieder«
Gerber setzte die Signalpfeife an den Mund Lang anhaltend rollte der Ton
über das Wasser dann horchten alle
Es erfolgte keine Antwort
Aber wenn man auch mit dem Ohr nichts wahrnehmen konnte so war doch das
was man sah desto beängstigender Ein Streif wie das Kielwasser eines schnell
dahingleitenden Bootes zog sich durch das Wasser grünlich glänzend
schaumbedeckt und in Kreisen verrinnend eine Flosse wie ein Dreizack hob sich
aus den Wellen
Und dort dort wieder das Gesicht von vorhin jetzt in wilder
verzweifelter Flucht Arme die das Wasser teilten ein Kampf zwischen Mensch
und Raubtier ein Peitschen und Schlagen dann ein grässlicher Schrei ein
Knirschen wie von einer Säge
Konnte es Robert sein Weshalb sollte er nicht geantwortet haben
Die Matrosen sahen sich um schreckensstarr mit bleichen Gesichtern Nichts
vom Hafen nichts von der Korvette nur dunkle tiefschwarze Nacht ringsum
»Der Klabautermann« flüsterten sie »Gott stehe uns bei«
Einer tauchte die Hand in das Wasser und als der Schein eines Streichholzes
die herabfallenden Tropfen beleuchtete da war es rot von Blut
Was hätte es jetzt noch genützt weiter nachzuforschen Ob Robert ob ein
anderer den dort der Hai angegriffen hatte der brauchte keines Menschen
Hilfe mehr
Aber geheimnisvoll war das ganze Abenteuer Ein herrenloses Boot ein
schweigender Mann der hinausflüchtete auf das Meer warum wusste niemand zu
sagen die tiefe nächtliche Stille die Erinnerung an das kaum überstandene
Erdbeben alles das wirkte unheimlich und beklemmend auf die Herzen der Männer
Schweigend ohne ein Wort zu sprechen suchten sie den Rückweg Allmählich
traten die Lichter am Strande die dunklen Umrisse der Schiffe und das Geräusch
der Stadt wieder deutlicher hervor und Gerber als der Führer des Bootes
begann sich zu orientieren »Mehr Steuerbord« wies er den Mann am Ruder an
»ich weiß dass wir das Schwimmfloss dort passiert haben es war die Stelle an
der wir das Signal hörten Armer Kerl Ein so guter Kamerad«
Und Gerber schwieg weil er fürchtete dass weitere Worte nicht mehr ganz
sicher klingen würden Die Matrosen ruderten so schnell wie möglich um dem
Abenteuer ein Ende zu machen
Das Schwimmfloss war jetzt fast erreicht die breite Wasserstrasse zwischen
der Doppelreihe der Schiffe öffnete sich vor ihnen da erklang plötzlich aus
derselben Richtung wie vorhin die Signalpfeife nur schwächer matter als sonst
Auf den Köpfen der Matrosen sträubten sich die Haare Sie hielten wie auf
Verabredung mit Rudern ein und wagten kaum zu atmen Dort wo Robert zuletzt
gelebt und die Kameraden zur Hilfe gerufen hatte dort hielt sie jetzt der
Klabautermann zum besten
Gerber war der einzige der sich aufzuraffen vermochte Schweißtropfen
perlten auf seiner Stirn die antwortenden Klänge seiner Signalpfeife zitterten
wider Willen aber dennoch bewahrte der gemütliche Maat seine ganze Würde
»Vorwärts« befahl er »Wer sich weigert mir zu gehorchen wird dem
Kommandanten gemeldet«
Das half Einige Mutige rissen die anderen mit sich fort das Boot wurde
wieder flott und kam dem Schwimmfloss näher Im Dunkel erkannte man in
halbliegender Stellung eine menschliche Gestalt Ein Arm streckte sich dem Boot
entgegen
»Jungens« sagte eine schwache Stimme »seid ihr es«
Gerber räusperte sich zweimal bevor er sprechen konnte Dann trat er hart
an den Bootsrand »Im Namen Gottes sag wer du bist« rief er
»Gerber« kam es zurück »Ach Gott sei Dank dass ihr da seid Nehmt mich
auf ich glaube der Schurke hat mir den Kopf zerschlagen«
Jetzt erkannten alle dass sie den totgeglaubten Kameraden lebend vor sich
hatten und jeder wollte der erste sein der vor sich selbst und den andern die
abergläubische Furcht von vorhin zu leugnen suchte Robert wurde von allen
Seiten mit Fragen bestürmt
Er konnte sich kaum mit Hilfe der anderen bewegen Ihn schwindelte und der
Kopf schmerzte zum Zerspringen Nur in Bruchstücken erfuhren die Matrosen was
geschehen war
Rafaele hatte als er Robert umbringen wollte auf eine so entsetzliche
Weise den eigenen Tod gefunden der Mörder dem nichts heilig war hatte sich
widerstandslos durch das grobe physische Recht des Stärkeren besiegen lassen
müssen
Als das Boot zur Korvette zurückgekehrt war wurde Robert sofort ins
Lazarett gebracht und konnte erst nach mehreren Tagen alle Einzelheiten der
ganzen Sache zu Protokoll geben wobei ihm die Aussagen sämtlicher Bootsgasten
ergänzend zu Hilfe kamen Der Kapitän hielt sich jedoch nicht für berufen nach
dem Tode Rafaeles noch den kubanischen Behörden eine Mitteilung zu machen
Robert freute sich darüber sehr weil doch sonst sein einstiger Wohltäter
der Koch mit den andern hätte büßen müssen Wie er von den Wellen auf das
Schwimmfloss geschleudert worden war erinnerte er sich später nicht mehr und
auch die Jolle blieb verschwunden nur dem Bild Gottliebs und der Indianer war
nichts geschehen da es bei dem plötzlichen Erscheinen des Wirtes auf dem Tisch
gelegen hatte und nachher von den Matrosen mitgenommen worden war Robert aber
dankte dem Himmel in allem so gut davongekommen zu sein
Von der WestindienFahrt der Gazelle kam er im Jahre 1872 nach Deutschland
zurück machte mit demselben Schiff noch eine zweite Reise und ging dann
nachdem seine Dienstzeit abgelaufen war freiwillig auf die Arkona bis es im
Frühjahr 1874 bekannt wurde dass die Gazelle eine wissenschaftliche Reise um die
Erde antreten werde Robert bewarb sich darauf hin sofort um die Erlaubnis
diese Fahrt mitmachen zu dürfen und als er sie erhalten hatte nahm er Urlaub
um vorher noch einmal sein Heimatstädtchen zu besuchen
Schon im Jahre 1872 hatte er die längsterwartete Nachricht vom Tode seines
Vaters erhalten und das Wiedersehen mit der alten Mutter war daher sehr ernst
und wehmütig besonders da er die stille Hoffnung der alten Frau dass ihn der
Besitz des väterlichen Vermögens bewegen könne an Land zu bleiben doch trotz
aller Liebe nochmals enttäuschen musste Er fand die Mutter immer noch gesund im
übrigen aber auch seinen Freund Gottlieb als wohlhabenden Hausbesitzer und
Krämer mit grüner Schürze und roten Fäusten mit dem gleichen bescheidenen
Wesen und in dem Laden den er sich genau nach dem Muster des abgebrannten
Häuschens wieder aufgebaut hatte Eine niedrige Decke ein enges
Arbeitszimmerchen ein sicherer Hofraum und zwei mächtige Eisenstangen mit
denen er in dem harmlosen Pinneberg allnächtlich die Haustür versperrte das
war Gottliebs Paradies
Der junge Kaufmann führte seinen Freund in das kleine Hinterzimmer und holte
aus dem Keller eine Flasche Wein herauf »Ich kann wirklich nicht klagen«
schmunzelte er »So kleine zehntausend Mark sind in guten Hypotheken angelegt
und das Haus ist schuldenfrei alles was du siehst bar bezahlt Die Goldkörner
die mir meine Squaws aus dem Quarz herausklauben mussten haben gut vorgehalten«
Robert gratulierte lachend und fragte dann nach Mongos Schicksal
»Dem geht es gut« erwiderte Gottlieb »Er hat für seinen Anteil unseres
Verdienstes in New York eine kleine Schenke gekauft und kann nun auch seinem
Sohn die Steuermannslaufbahn ermöglichen Als wir uns trennten wünschte er vom
Leben nur noch dass es euch beide einmal wieder zusammenführen möchte«
Robert hob das Glas um mit Gottlieb anzustossen »Auf die Verwirklichung
dieses Wunsches« sagte er »Und darauf dass jeder von uns sein Ziel erreicht
so verschieden es auch sein mag«
Der junge Kaufmann erhob sich »Wart einen Augenblick« bat er »ich möchte
dazu erst meine Eltern herbeiholen«
Und dann brachte er die beiden alten Leute und legte die Hand seines blinden
Vaters in die des Freundes »Das ist Robert« sagte er mit etwas unsicherer
Stimme »der dem wir alles verdanken der mich unter Gefahr seines eigenen
Lebens gerettet hat und «
»Als der Schafbock in der Nähe war« raunte ihm Robert ins Ohr um das
beabsichtigte Kompliment zu unterbrechen und keine Rührung aufkommen zu lassen
»Du irrst dich übrigens es war Mongo der sich dem reißenden Tier tollkühn in
den Weg warf«
Da war es denn aus mit dem Ernst man lachte und neckte unbarmherzig den
jungen Hausherrn der so wunderbar Fersengeld gegeben hatte als ihm das Horn
des Moufflons durch die Büsche entgegenschimmerte Um aber gerecht zu bleiben
erzählte Robert außerdem auch die Geschichte als Gottlieb durch seine
Geistesgegenwart auf der Insel in der Magelhaensstrasse die ganze
Schiffsmannschaft vor dem Verderben bewahrt hatte eine Tatsache die der
bescheidene junge Mensch eben um ihrer Wahrhaftigkeit willen nie erwähnt hatte
obgleich er andererseits den schaudernden Kunden im Laden die unglaublichsten
Geschichten vorfabelte und sich Gefahren andichtete die er niemals bestanden
hatte und die aus der Nähe besehen doch sehr merkwürdig anmuteten
Robert trennte sich von ihm und der Heimat überhaupt in dem Bewusstsein
glückliche und geordnete Verhältnisse zurückzulassen besonders als ihm Gottlieb
zum Schluss noch anvertraut hatte dass er bei der diesjährigen Einberufung
zunächst zur Ersatzreserve überschrieben worden sei »Seit ich das wusste habe
ich mir noch eine Versicherungsagentur zugelegt und will außerdem eine
Wirtschaft eröffnen«
Robert wünschte ihm von Herzen alles mögliche Gute aber er begriff doch
noch weniger als sonst wie etwas so Enges und Begrenztes ein Menschenleben
ausfüllen konnte
»Und du möchtest nicht noch mehr von der Welt sehen« fragte er
»Behüte mich Gott« rief der junge Kaufmann schaudernd »Ich bin mit dem
zufrieden was ich hier habe Sich Gefahren aussetzen nur durch ein paar
Bretter von der Tiefe des Meeres getrennt sein und so seine Tage hinbringen
heißt in jeder Stunde Spiessruten laufen«
Robert geriet immer mehr in Eifer »Aber tausend neue Schönheiten sehen
immer lernen immer mehr erkennen und seinen Gesichtskreis erweitern ist das
denn nicht der Mühe wert« rief er
Gottlieb nickte »Du hast schon recht Aber dann lese ich lieber zu Hause
die Schilderungen solcher Reisen und lasse mir auf diese Weise neue Erkenntnisse
vermitteln Das macht die Sache angenehmer und billiger«
Jetzt lachte Robert »Du Erzphilister« sagte er »du eingefleischter
Spiessbürger Wir wollen uns nicht länger streiten es kommt dabei nichts heraus
weil wir eben Gegensätze bilden Aber etwas anderes gibt es noch wobei wir uns
hoffentlich besser verstehen Gottlieb wenn du wirklich glaubst mir einigen
Dank schuldig zu sein willst du ihn abtragen an meiner Mutter Darf ich dich
bitten ab und zu nach ihr zu sehen und ihr beizustehen wenn es notwendig sein
sollte«
Der junge Kaufmann ergriff die Hand seines Freundes und schüttelte sie
herzlich »Verlass dich auf mich« sagte er fest
Robert gab gerührt den Händedruck zurück Als er sich von Gottlieb
verabschiedete wusste er dass die alte Mutter immer einen Halt und einen treuen
Helfer in ihm finden werde
Die Trennung von ihr selbst wurde schwer sie war für beide ein
schmerzvoller Augenblick und nur das feste Gottvertrauen der alten Frau half
ihr über die abermalige Enttäuschung hinweg während Robert bereits das neue
Ziel vor Augen hatte und dadurch den Abschied leichter verschmerzte
Um die Erde
Am 21 Juni verließ die Gazelle den Hafen von Kiel um zunächst mehrere
Wissenschaftler zu astronomischen Beobachtungen nach der Kergueleninsel im
südlichen Eismeer zu bringen Der eigentliche Zweck der Reise lag jedoch in der
Erforschung des Meeresbodens und der Erkundung sicherer und kürzerer Seewege
Die Engländer hatten nacheinander mehrere Schiffe ausgeschickt hatten
bedeutende Entdeckungen gemacht und mit ihren Schleppnetzen in einer Tiefe von
500 Meter das Meer erkundet weshalb sollte man es also nicht auch von
Deutschland aus versuchen
Die Reichsregierung ließ die Korvette Gazelle für diese Aufgabe ausrüsten
das Schiff ging in See und schon in den ersten Tagen des Monats Juli wurden
Tiefenmessungen vorgenommen die auf der Höhe von Madeira das Resultat von 4800
Meter ergaben Robert hatte sich ein kleines verschliessbares Buch angeschafft
in das er jeden Tag die Erlebnisse dieser interessanten Reise niederschreiben
wollte Er war sehr glücklich darüber diese Fahrt der Gazelle mitmachen zu
dürfen die ihm kein Handelsschiff aber auch kein anderes Kriegsschiff jemals
bieten konnte
Handelsschiffe fahren nur um des materiellen Nutzens willen sie müssen vor
allen Dingen Zeit sparen daher wählen sie die bekanntesten Verkehrswege
umgehen alle Gefahren und vermeiden jeden Aufenthalt der nur dem Reeder Geld
kostet ohne irgendwelchen Gewinn zu bringen Robert wusste zum Beispiel wie
ungern die Handelsschiffkapitäne loten und dass sie sobald das Schiff etwa
hundert Faden Tiefe unter dem Kiel hat sofort alle weiteren Versuche aufgeben
also den Grund des Meeres nur in sehr seltenen Fällen kennenlernen können Um so
interessanter waren ihm daher jetzt die Tiefenmessungen die in bestimmten
Zwischenräumen von Zeit zu Zeit wiederholt wurden
In Funchal der Hauptstadt von Madeira lag das Schiff nur zwei Tage vor
Anker Robert konnte daher von der Insel nur wenig kennenlernen desto mehr aber
war er jetzt auf den Pik von Teneriffa gespannt der einige Tage später in Sicht
kam obgleich die Insel selbst nicht angelaufen wurde Dieser Vulkan dessen
Spitze schon in einer Entfernung von zwanzig Meilen aus dem Meer aufsteigt war
von großartiger überwältigender Schönheit und Robert bedauerte lebhaft nicht
zeichnen zu können um den Eindruck dieses Bildes so wie es sich ihm bot für
sich festzuhalten
Um den Fuß des Berges zog sich ein üppiger Pflanzenwuchs der jedoch
stufenweise nach oben hin immer dürftiger wurde bis endlich unterhalb des
kegelförmigen Gipfels das Ganze in eintöniges Grau überging Hier bestand der
Berg nur noch aus vulkanischer Asche Bimsstein und Lava Auf dem höchsten
Gipfel schimmerte es von den letzten Überresten des kaum geschmolzenen
Winterschnees und aus mehreren Spalten drang ständig dichter Rauch hervor
Robert hatte noch keinen Vulkan gesehen er wäre deshalb am liebsten an Land
gegangen und hätte den Berg näher erforscht
Den Dienst an Bord kannte er jetzt genau und an die strenge Disziplin hatte
er sich gewöhnt Der junge Bootsmannsmaat war bei seinen Matrosen beliebt von
den Vorgesetzten geachtet und durch die Erbschaft seines Vaters ein unabhängiger
Mensch unter solchen Voraussetzungen wurde diese Reise für ihn wirklich ein
großes und schönes Erlebnis Er hatte jetzt erkannt wie notwendig es ist sich
an Bord eines Schiffes der Gemeinschaft unterzuordnen Was er in seinem
jungenhaften Übermut nicht einsehen wollte das hatte er nun gelernt nicht
darauf kam es an den eigenen Trotz und Willen durchzusetzen sondern sich zu
beherrschen und durch Vernunft und Gehorsam dem Wohl des Ganzen zu dienen
Langsam wie er aufgetaucht war versank der Pik von Teneriffa im Meer und
wieder umgab die endlose See das Schiff Dann aber kam São Tiago in Sicht und
bei Praia warf die Korvette Anker um Kohlen zu übernehmen
Robert ging auch diesmal an Land aber der Vergleich mit Madeira dem
schönen blühenden Madeira fiel für die Insel Sao Tiago nicht gerade
vorteilhaft aus Das ganze Land bestand aus wildzerrissenen und zerklüfteten
rötlichbraunen Felszacken die nur an sehr vereinzelten Stellen mit einem
spärlichen unschönen Pflanzenwuchs bedeckt waren Robert hörte dass es hier nur
zwei oder dreimal im Jahre regne Da konnte natürlich kein Pflanzenwuchs
gedeihen Er sah aber auch nichts das auf Ackerbau oder Tierzucht hingedeutet
hätte Die Bedeutung des Hafen beruhte allein auf der Kohlenstation um
derentwillen vorüberfahrende Schiffe die Insel überhaupt nur anlaufen Nachdem
die »Gazelle« ihren Vorrat übernommen hatte verließ sie schon am 29 Juli also
nach zwei Tagen den Hafen um dafür die Negerrepublik Liberia zu besuchen
Robert sollte jetzt auch Afrika kennenlernen Mongos Vaterland von dessen
tropischer Schönheit ihm der Alte so viel erzählt hatte und das deshalb immer
schon das Ziel seiner Wünsche gewesen war Das Königreich Dahomei mit den
Ankerplätzen Palma und Lagos lag östlicher als Liberia das wusste er aber es
war ja dasselbe Land und musste demnach ganz ähnlich beschaffen sein Er freute
sich schon auf den Brief den er dem Alten aus seiner Heimat nach New York
schreiben wollte
Konnte auch Mongo vielleicht nicht lesen so gab es doch Leute genug die
ihm den Inhalt des Schreibens auseinandersetzen würden und Robert sah schon im
Geist den Neger schmunzeln »Dieser junge Spitzbube«
Weiter und weiter verfolgte die »Gazelle« ihren Kurs Jetzt musste Robert
wieder einmal die glühende Hitze des tropischen Sommers ertragen schlaff hingen
alle Segel herab das Deck flimmerte im Sonnenschein der Dienst wurde auf ein
Mindestmass beschränkt und den Leuten nach Möglichkeit mehr Freiheiten gestattet
Nach sechs Tagen kam die afrikanische Küste in Sicht Vom Kap Mesurado wehte
die Flagge der Negerrepublik und dann am 4 August erschien der Lotse
Diejenigen unter den Matrosen die bisher noch nicht in Afrika gewesen waren
und daher auch die Landessitten noch nicht kannten wandten sich ab um ihre
Heiterkeit zu verbergen Der Afrikaner erschien nämlich nur mit einem
Lendenschurz aus Baumwollstoff bekleidet und weil daran selbstverständlich
keine Taschen angebracht waren so trug er das Lotsenpatent in einer Blechkapsel
am Hals
Seine guten Navigationskenntnisse ließ jedoch den schwankenden Respekt der
Matrosen sehr bald zurückkehren und am 5 August konnte die »Gazelle« an der
Mündung des St Paulsflusses vor Anker gehen
Wie ganz anders wie urweltlich und ursprünglich von Technik und
Zivilisation vollständig unberührt erschien dieses Land Die Stadt selbst war
nur ein Dorf mit ungepflasterten unbeleuchteten Straßen der Hafen klein und
nichts weiter als eine natürliche zum Ankern günstige Bucht der St Paulsfluss
endlich brach unmittelbar aus dem Urwald hervor und mündete ohne dass die Ufer
befestigt oder durch eine Brücke verbunden waren ins Meer Überhaupt begann
unmittelbar hinter den letzten Häusern der bescheidenen dörflichen Stadt die
Wildnis so dass man mit Rücksicht auf die Gefahren die ein Eindringen in den
Urwald mit sich brachte von einem eigentlichen Erkundungszug ganz absehen
musste jedenfalls auf dem Land Die Dampfpinasse der Korvette dagegen machte
schon am nächsten Tage eine Fahrt auf dem St Paulsfluss und selbstverständlich
war Robert auch hier wieder der erste der ins Boot sprang ohne ein Kommando
abzuwarten Der erste Offizier kannte ihn ja und wusste dass er an solchen
Streifzügen Freude hatte während viele andere darunter besonders Gerber
glücklicher waren wenn ihnen unnötige Strapazen erspart blieben Diese übrigens
nur kurze Fahrt durch den Urwald gehörte später zu Roberts schönsten
Erinnerungen und auch Doktor Hüsker der Zoologe der als Wissenschaftler an
der Reise teilnahm erfreute sich einer reichen Ausbeute wunderschöner
Schmetterlinge und verschiedener auf der Oberfläche des Wassers lebender
Insekten besonders Spinnen und Käfer die hier in vielen Arten vorkamen
Der Fluss war zu breit als dass man von seiner Mitte aus beide Ufer
gleichzeitig beobachten konnte die Pinasse hielt sich daher auf einer Seite
aber auch hier gab es genug Interessantes und Schönes zu sehen Ein Stück von
der Stadt entfernt lagen ab und zu unter Palmen die leichtgebauten Hütten der
Neger während im Freien dicht davor jedesmal aus großen Steinen ein Herd
errichtet war und über einem Holzfeuer der Eisenkessel mit Palmenkernen
brodelte Die Bereitung des Palmöls ist fast das einzige was an Arbeit von der
schwarzen Bevölkerung geleistet wird und womit sie sich etwas Geld verdient In
diesen Breiten wächst beinahe alles was die Menschen brauchen wild im Urwald
Was sollte also die Schwarzen bewegen zu arbeiten
Es gibt am Äquator keinen Frost keinen Winter man braucht keine
schützenden Wände und keine wärmenden Kleider man kennt keinen Luxus also wozu
die Mühe die Sorge
Blühende Mimosen und Akazien ein Gewirr von Schlingpflanzen mit
wunderschönen glockenförmigen oder langgestielten lilienartigen Blüten
schlanke Palmen Bananen Brot und Parabäume säumten das Ufer das sich einmal
steil aus dem Wasser erhob dann wieder flach und von grünem Moos überzogen den
Fluss begrenzte Robert sah Nashornvögel und manchmal eine träge im Sonnenschein
daliegende zusammengerollte Schlange aber ein größeres Raubtier war ihm noch
nicht zu Gesicht gekommen Hätte er doch an Land gehen und mit einigen Kameraden
das Jagdglück versuchen dürfen
Aber daran war nicht zu denken Noch am selben Tage sollte die Korvette
wieder in See gehen also wäre jede etwaige Verzögerung streng bestraft worden
Robert schlug sich schweren Herzens die Sache ganz aus dem Kopf
Immer schöner und blühender wurde das Ufer Dichte Laubwände
undurchdringlich wie feste Mauern aus Blättern und Blüten traten bis dicht an
das Wasser heran Sie strömten einen berauschenden Duft aus der Wind fächelte
leise und fast betäubend drückte die Hitze
Roberts Gewehr kam nicht aus der Hand sollte es denn nichts gar nichts zu
schießen geben
Aber dort Ein Schatten glitt über das Moos die Ranken brachen und
zitterten ein Paar glühende Augen spähte aus dem Gebüsch hervor
Robert fuhr auf Mit einer Handbewegung verständigte er die andern »Ein
Leopard Ein Leopard«
Und jetzt zeigte sich das Tier in ganzer Größe auf der Lichtung Mit
glühenden Lichtern und wild gesträubtem Haar den schön gefleckten schlanken
Körper gekrümmt und leise mit dem langen Schweif peitschend stand der Leopard
am Wasser und hielt die Augen fest auf das Schiff geheftet Offenbar ahnte er
nichts von der Gefahr die ihm drohte
Die Pinasse stoppte ihre Fahrt langsam hob Robert die Büchse und legte
an
»Jetzt Jetzt« flüsterte Doktor Hüsker
Der Schuss krachte und sich überschlagend stürzte das Raubtier tödlich
getroffen auf den Sand Ganz nahe am Wasser zuckte der Körper noch einmal
schlugen die Läufe um sich dann dehnte sich das Tier verlor dabei seinen
letzten Halt und stürzte in den Fluss dass die Wellen über ihm zusammenschlugen
Noch sekundenlang regte sich der Körper
Ebenso schnell aber war er von der Pinasse aus mit einer bereitgehaltenen
Schlinge eingefangen Noch drei oder vier Minuten vorsichtiger Arbeit dann lag
die Jagdbeute auf dem Verdeck und Blut und Wasser liefen aus den Speigatten
heraus
Robert wurde von allen Seiten beglückwünscht und einstimmig als Besitzer des
schönen Felles anerkannt Doktor Hüsker verstand es das Abziehen sachgemäss zu
leiten und später das Zubereiten und Trocknen selbst zu besorgen Robert
durfte also mit Recht hoffen der Mutter daheim in Pinneberg für die kalten
Winterabende eine warme weiche Decke schicken zu können und darüber freute er
sich von Herzen
Er dankte bescheiden als ihm das Leopardenfell zugesprochen wurde aber er
war traurig als man die Pinasse wendete
Es ging zurück zum Schiff von dem aus der Kapitän Freiherr von Schleinitz
inzwischen dem deutschen Konsul Herrn Brohme und dem Präsidenten Roberts einen
Besuch gemacht hatte Das Fell des Leoparden wurde allgemein bewundert und von
der Mannschaft besonders von den Kadetten mit liebäugelnden Blicken
betrachtet aber Robert bewahrte sein Eigentumsrecht schon um ein Andenken
dieses Tages mit nach Deutschland zu bringen
Am Abend ging es weiter diesmal nach Ascension einer kleinen mitten im
Atlantik gelegenen einsamen Insel die nur angelaufen wurde um überall auf dem
Wege dorthin zu loten und Tiefe und Beschaffenheit des Meeresgrundes möglichst
genau festzustellen Die Fahrt verlief auch diesmal glücklich Ohne Zwischenfall
wurde die kleine Himmelfahrtsinsel erreicht auf der Robert wieder einmal Berge
bestieg die allerdings wenig bedeutend und nicht gerade interessant waren Am
Strande wurden ein paar riesenhafte Schildkröten als willkommene Zugabe für den
Tisch der Mannschaft erlegt weiter bot das Eiland nicht Bemerkenswertes
Im Meer aber entdeckte man nördlich von Ascension bei einer Tiefe von 3300
und 3000 Meter zwei verschiedene unterseeische Gebirge von 700 und 1000 Meter
Höhe eine sehr interessante Beobachtung die für die Wissenschaft von großer
Bedeutung war
Ein Tag auf Ascension dann wieder zurück nach Afrika So ging es kreuz und
quer über den Atlantischen Ozean
Jetzt sollte die Mündung des Kongo erreicht werden des zweitgrössten Stromes
der Erde dessen Wassermassen selbst die des Mississippi noch bedeutend hinter
sich lassen Der Kongo wurde erst später durch den berühmten Zug des Amerikaners
Stanlei in seiner ganzen Länge erforscht damals kannte man nur die Mündung des
Flusses dagegen noch nicht seinen Lauf Es war der gefährlichen Stromschnellen
wegen nicht möglich weiter als nur etwa dreißig Meilen stromauf zu fahren Die
Mannschaft der »Gazelle« unter Führung des Kapitäns erreichte auf der
Dampfpinasse die holländische Faktorei Boma wobei zugleich überall gelotet
wurde und beide Gelehrte der Botaniker Stabsarzt Doktor Naumann und der Zoologe
Doktor Hüsker eine reiche Ausbeute machten Besonders überraschend wirkte auf
Robert der Affenbrotbaum dieser Elefant der Pflanzenwelt Stämme von 20 Meter
Höhe bei einem Durchmesser von 7 Meter also ganz ungestalte gleichsam
verkrüppelte Gewächse waren hier nichts Seltenes Als die unförmigen Zweige
deren Länge von einem Ende zum andern oft mehr als 40 Meter beträgt an einer
Stelle über den Fluss hinauswuchsen konnten die Matrosen einige reife Früchte
mit Handspaken herunterschlagen Jeder kostete von dem Fleisch doch nur wenige
fanden den süßen Brei einigermaßen essbar Interessanter war es schon als Doktor
Naumann erklärte wie sich die Neger aus den zu Asche verbrannten Schalen der
Frucht in Verbindung mit Palmöl eine sehr gute Seife bereiten
Auf dem Markt von Boma herrschte ein buntes Leben Die Neger tauschten dort
ihre eigenen Produkte gegen europäische Waren vor allem gegen Alkohol dem sie
sehr verfallen sind Robert sah plötzlich einen sonderbaren Zug von offenbar
Halbbetrunkenen die alle bei trockenstem Wetter unter bunten Regenschirmen
einherzogen und in ihrer Mitte einen Mann führten der sich laut und
gestikulierend wie ein Sieger gebärdete Alles Volk staunte aus ehrerbietiger
Ferne
Die Europäer erkundigten sich natürlich eingehend und fragten solange bis
ihnen ein alter Holländer die erwünschte Auskunft gab Unter den Negern dieser
Gegend herrscht noch die bis zum vierzehnten Jahrhundert auch in Europa übliche
Sitte der Gottesurteile und zwar durch Anwendung des Hexentrankes Er wird aus
bestimmten wahrscheinlich in jedem Lande anders gebräuchlichen Bestandteilen
zusammengebraut und dem Verdächtigen eingeflößt Erkrankt oder stirbt der Mann
so ist seine Schuld bewiesen konnte dagegen vielleicht vorbereitet sein Magen
dem Angriff widerstehen so wird er in feierlichem Zuge durch die Stadt geführt
und mit allen Ehren freigesprochen Er ist unschuldig Gott selbst hat
gerichtet
Nachdem der Kongo vermessen worden war ging die Gazelle nach Kapstadt Auf
dem Wege bot sich den jetzt schon verwöhnten Seeleuten ein wunderbares
Schauspiel Sie sahen eines Nachts um das Schiff herum das sogenannte
Meeresleuchten das von winzig kleinen spindelförmigen Tierchen erzeugt wird
die sich zu Millionen an einer Stelle versammeln und das Wasser gleichsam zum
Glühen bringen Der Zug schwamm vorüber und von Bord wurde mit dem Schleppnetz
eine Menge dieser kleinen Tierchen heraufgeholt ohne jedoch den eigentlichen
Wunsch des Zoologen zu erfüllen denn außerhalb ihres Elementes leuchten sie
nicht mehr
Am 26 September lief die Korvette in die Tafelbai ein benannt nach dem
1100 Meter hohen Tafelberg zu dem noch im Westen der Löwenkopf und im Osten der
Teufelspik hinzukommen Kapstadt selbst machte auf Robert keinen andern Eindruck
als andere Hafenstädte auch es herrschte das gleiche Getriebe wie überall und
das Durcheinander von Weißen und Farbigen war ihm ja nichts Neues mehr
Aber schon nach wenigen Tagen begann die Fahrt nach der Kergueleninsel im
südlichen Eismeer die für die Gazelle weniger angenehm und ruhig wenn auch
sonst glücklich verlief Stürme hoher Seegang Nebel und Regenwetter wechselten
miteinander ab doch am 26 Oktober erreichte das Schiff wohlbehalten die Insel
und lief in die Bucht von BetsyKorn ein dem geschütztesten Ankerplatz um dort
die Astronomen zu landen und sie so gut es ging unterzubringen
Auf Kerguelen wollte der Kapitän etwa vierzehn Tage bleiben Robert fand
daher Gelegenheit die Insel nach allen Seiten zu durchstreifen obgleich er
nirgends einen besonders schönen Punkt entdecken konnte James Kook der
bekannte Weltumsegler nannte Kerguelen einfach das Desolationsland das
Verzweiflungsland und wirklich schien es den Leuten von der Gazelle als habe
er damit das richtige getroffen Kein Tier außer den Wasservögeln kein Baum
keine Blume nur ein riesiges Gewächs eine Art Kreuzblume der Kerguelenkohl
der als Gemüse zubereitet wirklich gut schmeckte und dessen Saft Doktor Naumann
ein erprobtes Mittel gegen den Skorbut nannte
Vom Land aus sah Robert wieder Walfische speien ebenso entdeckte er auch
Robben und alle Arten von Seevögeln jedoch keinerlei jagdbares Wild Am 12
November begann die Gazelle ihre Forschungsreise nach der Westküste der Insel
und von dort wurde unter persönlicher Führung des Kapitäns eine Expedition in
das Innere unternommen
Alles nur Stein und Fels sonst nichts Wohl nie vorher hatte ein Mensch
dieses Land betreten und nur ein Wissenschaftler könnte daran jemals etwas
Interessantes finden Freiwillig würde sich dort nie jemand niederlassen
Im Osten der Insel wurde ein schmaler Fluss von Basaltblöcken von dreißig
Meter Höhe förmlich eingekeilt es schien unmöglich auf den einzelnen
losgerissenen Felsstücken über die er seinen Weg nahm in das Innere dieser
nach oben hin ganz verdeckten und verengten Höhle einzudringen dennoch aber
versuchte es Robert der hier überhaupt bei jedem Schritt an die Eiswüste des
Nordpols erinnert wurde immer wieder Er war der einzige der es nicht aufgab
den gefährlichen Weg auf überhängenden Klippen einzelnen Vorsprüngen und vom
Wasser überspülten Steinen doch zu erzwingen Sollte er denn zum zweitenmal den
Lauf eines Gebirgsflusses in rätselhafter Weise aus den Augen verlieren sollte
er wieder wie damals in Norwegen das Land verlassen ohne sein Geheimnis
erforscht zu haben
Er schüttelte den Kopf als ihn die andern aufforderten doch davon
abzulassen Es bestand ja keine Gefahr er wollte es versuchen also vorwärts
und noch dazu am liebsten ganz allein Robert watete oder sprang dann kroch er
auf allen vieren balancierte an schaurigen Abgründen vorbei oder schwang sich
über eine breite Kluft
Aber was war das Er hatte es im stillen erwartet und doch packte es ihn
überraschend Das Wasser versiegte unter seinen Füßen immer weniger sickerte
über die Felsen bis es plötzlich ganz aufhörte gerade wie damals am Nordkap
Wo war der Fluss geblieben
Er sah zurück Aus einer schmalen Spalte drang Wasser hervor von rechts und
links liefen kleine Adern bis zur Mitte aber hier oben war alles trocken
Roberts Herz pochte laut »In Norwegen lag der See tief unten und oben
rauschte der Wasserfall« dachte er »hier verhält es sich umgekehrt Ich muss
hinauf«
Er sah an dem schneebedeckten Gipfel empor Bis nach oben war es noch weit
sicherlich ein stundenlanger beschwerlicher Weg aber was schadete das Dort
oben musste der See sein Ein See hunderte von Metern über dem Meeresspiegel
und er sollte Kerguelen verlassen ohne ihn gesehen zu haben
Nein
Proviant hatte er noch genügend in seinen Taschen der Tag war noch lang und
das Wetter frostklar also vorwärts Seine ganze alte Entdeckerlust war mit
einemmal wieder erwacht
Der Weg bergauf war steil und mühsam aber doch nicht so beschwerlich wie
das Waten durch das Flussbett Robert wählte für den Aufstieg die Außenseite des
Felsens wo ganze Strecken ohne große Anstrengung überschritten werden konnten
wenn auch wieder andere mit ihren scharfen Zacken die Kleider zerrissen und die
Haut abschürften so dass er bald an einigen Stellen blutete
Robert achtete nicht darauf Immer näher kam er einem Kranz von einzelnen
eigenartig geformten Felsblöcken die wie Riesennadeln zum Himmel emporstarrten
Sie sahen aus als ob von ihnen hier oben ein Schatz behütet werde sie
schienen eng gedrängt und oft merkwürdig geformt den Eintritt in ein Heiligtum
zu verwehren das noch nie der Fuß eines Menschen berührt hatte das hoch über
der Erde versteckt lag und nur der Sonne als Spiegel diente
Robert suchte lange nach einem Zugang Endlich Hier hingen zwei Blöcke
schräg gegeneinander Mit weiten faltigen Mänteln und riesigen von
Haubenbändern umgebenen Köpfen sahen sie aus wie plaudernde uralte Frauen die
sich von der Vergangenheit erzählen Die eine trug unter dem Mantel eine Krücke
und die andere hielt einen Korb
Robert bewunderte das seltsame Naturspiel Wie von Künstlerhand grob
gemeisselt in riesenhaften Formen erschienen ihm die Gestalten
»Lasst mich hindurch ihr beiden« lachte er »So alte Grossmütterchen können
ja den Enkeln nichts abschlagen«
Und auf Händen und Füßen kriechend gelangte er Korb und Krücke streifend
auf die andere Seite Hier aber wäre er fast in die Tiefe gestürzt Nur durch
einen schmalen Felsvorsprung vom Abgrund getrennt sah er unter sich von den
Felsen rings umgeben einen See dessen Spiegel keine Welle kräuselte Weiße
Kronen von Schnee lagen auf allen Ecken und Vorsprüngen in jedem geschützten
Winkel im Inneren jeder Spalte das Wasser aber war blau und rein wie Samt Am
Himmel erschien in diesem Augenblick die Sonne Wie Millionen funkelnder
Diamanten glänzte es da unten wie eine zweite goldene leuchtende Kugel
spiegelte sich das Tagesgestirn auf dem Wasser
Robert sah nichts als den Himmel und den See mit seinem Steinkranz Darüber
hinwegzublicken war ganz unmöglich
Lange blieb er in der kleinen abgeschlossenen Welt da oben wo seine Füße
kaum stehen konnten und wo es so still und so feierlich wie in einer Kirche war
Er bedauerte beinahe die andern denen der Weg zu weit und zu mühevoll gewesen
war um ihn freiwillig zu unternehmen Als er rückwärts kriechend mit
äußerster Vorsicht und nur um wenige Meter am Abgrund vorbei wieder aus dem
geheimnisvollen Zauberkreis des Felsengürtels hinausgelangte bot sich ihm nach
allen Seiten eine herrliche Aussicht Die Felsen ringsherum glitzerten und
funkelten in der Sonne durch die verschiedenen Gesteinsarten und bildeten die
merkwürdigsten Formen am seltsamsten aber kam es ihm vor so von oben herab wie
ein Kinderspielzeug auf dem Wasser die Gazelle liegen zu sehen deren Masten ihm
sonst wenn er an Deck stand so schwindelnd hoch vorkamen
Als er von seinem gefahrvollen Ausflug wieder unten anlangte hatte er so
viel Schönes gesehen dass ihn seine geschundenen Knie und blutenden Hände nur
sehr wenig kümmerten Doktor Naumann lächelte als er ihn sah »Nun junger
Freund einige Kobolde und Gnomen kennengelernt« scherzte er
»Nur Nixen Herr Doktor da oben ist ein See«
»Donnerwetter dann müssen wir ja hinauf ich fürchte nur dass es einen
starken Schneefall gibt Auch das Crosbiegebirge werden wir aus diesem Grunde
nicht erforschen können«
Und so kam es Die Besteigung dieses bedeutenderen Höhenzuges musste
unterbleiben wenn sich die Entdecker vor der Gefahr des Eingeschneitwerdens
schützen wollten
Man hatte auch jetzt von der Insel genug gesehen um mit Sicherheit
behaupten zu können dass hier keine Ansiedlung möglich sei Wenn im Hochsommer
schon ein solches Klima herrschte wie sollte es dann im Winter werden
Die Wissenschaftler und Photographen bezogen wieder ihre Kabinen auf der
Gazelle die Anker wurden gelichtet und fort ging es tausend Meilen weit über
den Ozean nach der Tropeninsel Mauritius Auf dieser Fahrt hatte die Korvette
mehrere Stürme zu bestehen doch wurde das Ziel schließlich ohne ernstaften
Schaden erreicht
Hier war man wieder mitten in den Tropen Überall grünte und blühte es und
die Luft war sommerlich warm eine idyllische kleine Welt die nur monatlich
einmal von einem Dampfer besucht wird Die Tiefenlotungen waren unterwegs
fortgesetzt worden Kohlen und Lebensmittel eingenommen die Briefe zur Post
gegeben und der ausgebrannte völlig mit Wald überwachsene Krater im Innern der
Insel von Robert und mehreren anderen einer Besichtigung unterzogen dann
dampfte die Gazelle wieder weiter mit Kurs auf Australien Hier kam Robert
nicht von Bord da nur die Haifischbai und der Dampiersarchipel ausgelotet
werden sollten
Interessanter waren dagegen die SundaInseln und zwar vor allem Timor das
schon ein mehr asiatisches Gepräge trägt
Es wurden nun nacheinander in viermonatlicher beschwerlicher Fahrt auf
lauter Nebenrouten und bisher wenig befahrenen Schifffahrtswegen die
Melanesischen Inseln genauer durchforscht wobei man weniger auf
Naturgeheimnisse und Naturschönheiten ausging sondern hauptsächlich neue
Verkehrswege und günstige Ankerplätze ausfindig machen wollte oder
Tiefenlotungen vornahm
Gelandet wurde zuerst auf Neuguinea und den drei kleinen Anachoreteninseln
wo Roberts altes Interesse an der Reise wieder auflebte als man mit den
Eingeborenen in Berührung kam Wie die Schwarzen Afrikas trugen sie als einziges
Kleidungsstück einen Lendenschurz sie besaßen jedoch wohleingerichtete
Kokospflanzungen und Kanus mit Segel und Masten im übrigen zeigten sie sich
nachdem die erste Scheu überwunden war als harmlose friedliche Menschen die
mit der Mannschaft der Gazelle einen lebhaften Tauschhandel anfingen und gern
die Produkte ihrer Heimat gegen Messer Scheren Knöpfe und Nadeln an die
Deutschen abliessen An der Südküste von NeuHannover wohnte ein ganz anderer
Menschenschlag Diese Wilden liefen vollständig unbekleidet herum es waren
schwarzbraune gut gewachsene Gestalten mit rot oder gelb gefärbtem kurzem Haar
geschlitzten Ohrläppchen Muscheln in den Ohren und am Hals und bunten
Armbändern Als sich die Korvette der Küste näherte stürzten sich sämtliche
Männer in die Kanus um das fremde Wunderding aus nächster Nähe zu sehen
während am Ufer die Frauen schreiend hüpfend und sich wie toll gebärdend
zurückblieben Aber schon sehr bald konnten auch sie ihre Neugier nicht mehr
bezähmen sie sprangen ohne weiteres ins Wasser und schwammen den Booten nach
waren aber ebensowenig wie die Männer zu einem Besuch an Bord zu bewegen
An der entgegengesetzten Seite derselben Insel kam es mit den Eingeborenen
sogar zu einem ernstlichen wenn auch nur kurzen Streit Hier sollte ein Fluss
ausgelotet werden und da die Korvette selbst einen zu großen Tiefgang hatte
musste die Dampfpinasse die Mündung hinauffahren und dabei auch mehrere von den
Wissenschaftlern am Ufer absetzen um die Pflanzen und Tierwelt der Insel zu
erkunden Als aber ein kleines Boot das den Verkehr mit dem Schiff aufrecht
erhielt zufällig einige Minuten lang unbewacht blieb wurde es von den
Eingeborenen gänzlich geplündert als die Matrosen zurückkehrten waren
Lebensmittel und Ausrüstungsgegenstände verschwunden ohne dass sich einer der
Wilden gezeigt hätte
Am folgenden Tage als die Besatzung im Flusswasser ihre Wollkleidung
gründlich gereinigt und zum Trocknen zwischen den Bäumen aufgehängt hatte kamen
die Eingeborenen jetzt schon dreister geworden in hellen Haufen heran und
vertrieben durch einen Hagel von Steinen die friedlich beschäftigten Matrosen
wobei sogar zwei ernstlich verwundet wurden
Von der Dampfpinasse antwortete sofort das kleine Bootsgeschütz und
daraufhin zogen sich die Wilden offenbar sehr eingeschüchtert zurück Am
andern Tage jedoch zeigte der ohrenzerreissende Lärm ihrer Kriegsinstrumente dass
sich die verschiedenen Stämme sammelten und offenbar Feindseligkeiten planten
Kapitän von Schleinitz beschloss dem zuvorzukommen
Er selbst stellte sich an die Spitze von vierzig Mann die alle ausreichend
bewaffnet waren und dann wurde der Zug nach den nächsten Dörfern unternommen
Natürlich befand sich unter der kleinen Schar auch Robert der diesmal jedoch
seine Erfinderfreude teuer bezahlen musste
Um an das Dorf heranzukommen musste zuerst das hohe von Gestrüpp und
Schlingpflanzen bedeckte Ufer erklettert werden die Matrosen sahen sich
gezwungen ihre Waffen und Patronen während des beschwerlichen Marsches über den
Köpfen zu tragen und als endlich die jenseitige Anhöhe erreicht war da starrte
das gestern gewaschene Zeug von Schlamm und Schmutz es war vollkommen durchnässt
und erschwerte sehr unangenehm den Marsch in das Innere der Insel
Aber die Blaujacken verloren ihren Mut nicht Ein Lied verkürzte die Zeit
und half über alle Belästigungen hinweg
Zugleich mit dem vor einer Anhöhe gelegenen Dorf das von aller Schönheit
tropischen Pflanzenwuchses umgeben war sahen die Deutschen einen Haufen von
etwa zweihundert Wilden die alle mit Speeren Keulen und Schleudern bewaffnet
waren sich aber sehr zurückhielten und sogar bei Annäherung der geschlossen
marschierenden kleinen Schar langsam zurückwichen Nur vier alte Männer
jedenfalls Häuptlinge blieben vor dem Dorfe auf einigen Steinen sitzen und
erwarteten die Fremden
Herr von Schleinitz der selbstverständlich die Angelegenheit so rasch und
einfach wie möglich zu beenden wünschte ließ an eine lange Stange ein weißes
Tuch binden und ging dann nur von einem Matrosen als Adjutanten begleitet zum
Dorf hinab
Schon von weitem versuchte er den Eingeborenen begreiflich zu machen dass er
sprechen unterhandeln aber nicht kämpfen wolle
Die Wilden mussten offenbar verstehen was das weiße Tuch bedeuten sollte
sie banden schleunigst ein junges Huhn an einen Stock und trugen diese
sonderbare Fahne dem deutschen Kapitän entgegen Damit war auch von ihrer Seite
die Zusammenkunft als friedlich anerkannt worden
Herr von Schleinitz nahm höflich dankend aber durchaus ernst und
hoheitsvoll das Geschenk in Empfang und vergalt es sofort durch Überreichen
eines Stückes Uniformtuch das schon zu diesem Zweck von Bord her mitgebracht
worden war
Dann aber nachdem die Insulaner ihr Entzücken in kindischer Weise zu
erkennen gegeben hatten bedeutete ihnen der Kapitän mit Hilfe der
Gebärdensprache dass er bestohlen worden sei und die Rückgabe des geraubten
Gutes unbedingt verlange Er fragte ob die Häuptlinge von diesem Diebstahl
Kenntnis erhalten hätten
Die Antwort war natürlich ein Nein
Herr von Schleinitz zuckte die Achseln Dann nahm er die Pistole und schoss
vor den Augen der vier Häuptlinge einen jungen Baum durch den Stamm so dass
weißer Saft aus dem Einschussloch hervorquoll hierauf deutete er mit der Rechten
auf die in einiger Entfernung stehenden Soldaten als wolle er sagen »Die dort
verstehen alle das Gleiche und werden euch empfindlich bestrafen wenn ihr nicht
das gestohlene Gut sofort herausgebt«
Die Wilden sahen in großer Angst auf den getroffenen Baum Sie berieten
leise untereinander gaben offenbar heimliche Befehle in das Dorf hinauf und
bemühten sich eine freundliche Miene zur Schau zu tragen Nach kurzer Zeit
näherte sich ein junger Bursche der die gestohlenen Dinge im Korb am Arm trug
und dem Kapitän zu Füßen legte worauf er sich mit Hasensprüngen wieder
entfernte offenbar sehr froh der Gefahr so glücklich entronnen zu sein Das
laute Gelächter der Seeleute folgte ihm nach
Herr von Schleinitz hatte inzwischen den Korb durchsucht und wandte sich
jetzt achselzuckend an die Wilden »Das ist noch längst nicht alles« sagten
seine Gebärden »es fehlen verschiedene Instrumente und andere Kleinigkeiten
Wir wollen eure Hütten in Brand stecken um euch zu bestrafen«
Das wirkte Die Häuptlinge baten das geraubte Gut den Weißen wieder
zuschicken zu dürfen sie wollten selbst im Dorf eine Haussuchung vornehmen und
ihr Möglichstes tun um alles Verlorene herbeizuschaffen Man möchte nur ihre
Wohnungen verschonen
Herr von Schleinitz erklärte sich mit diesem Angebot durchaus einverstanden
und die Seeleute konnten den Rückmarsch antreten ohne von ihren Waffen Gebrauch
gemacht zu haben was allerdings einigen unter ihnen gar nicht recht war da
doch im Lazarett der Korvette die beiden verwundeten Kameraden noch immer in
ihren Verbänden lagen und einer sogar eine tüchtige Stirnwunde davongetragen
hatte Wie massvoll und gerecht jedoch der Kapitän vorgegangen war mussten auch
die Kampflustigen anerkennen Wozu wäre es gut gewesen den hilflosen schlecht
bewaffneten Wilden die doch als harmlose Naturkinder kaum einen Begriff von
Recht und Unrecht haben konnten hier wegen einiger Vergrösserungsgläser
Schleppnetze und Lotungsapparate eine blutige Lehre zu geben
Die armen ahnungslosen Wilden wären dadurch nicht belehrt sondern nur
gekränkt worden für die Weißen aber wäre es nicht gerade rühmlich gewesen ihre
zehnfache Überlegenheit an primitiven Eingeborenen erprobt zu haben
Als die Soldaten an das Ufer zurückkamen fanden sie sämtliche gestohlenen
Gegenstände schon vor Jedenfalls hatten die Insulaner um sich keiner Gefahr
auszusetzen auf Nebenwegen irgendeinen schnellfüssigen Burschen entsandt und auf
diese Weise keinen als den Schuldigen gekennzeichnet Von Bord der Korvette war
beobachtet worden wie mehrere Schwarze aus dem Gebüsch hervorkrochen
schleunigst die Sachen in das Gras legten und wieder verschwanden
Das Ansehen des Deutschen Reiches war also gewahrt worden man hatte den
Diebstahl gerügt und Rückerstattung des Geraubten erlangt Herr von Schleinitz
hatte durchaus vorbildlich gehandelt
Nachdem diese Angelegenheit erledigt war nahm die Korvette zunächst Kurs
auf NeuIrland und die umliegenden Inseln wobei jedoch zu Roberts großer
Enttäuschung eine Berührung mit den Eingeborenen gänzlich oder doch soweit wie
möglich vermieden wurde Es lebten nämlich auf diesen Inseln damals noch
Menschenfresser daher hielt sich Herr von Schleinitz einem Zusammenstoß mit
diesen Stämmen möglichst fern Die Reise der Gazelle diente ja allein
wissenschaftlichen Zwecken so schien es das Klügste derartigen unangenehmen
Zwischenfällen schon von vornherein aus dem Wege zu gehen
Für Robert war diese Massnahme um so betrüblicher als er sehr viel
Reizvolles darin fand mit Wilden in Berührung zu kommen und in die Geheimnisse
ihrer Sitten und Lebensgewohnheiten einzudringen Er musste hier so ziemlich auf
alles Erhoffte verzichten da von s der Gelehrten nur Vermessungen und
Beobachtungen angestellt wurden ohne jedoch dabei die Menschen einzubeziehen
Einige Stämme zum Beispiel beim Passieren der Byronstrasse zeigten sich
herausfordernd und feindselig während andere durchaus friedlich waren sogar
eigene Landwirtschaft betrieben und den Weißen mit harmloser Vertraulichkeit
entgegenkamen Besonders auf den SalomoInseln wurden Fleisch frische Früchte
und Gemüse von den Bewohnern in Kanus an Bord gebracht wofür dann
Kleidungsstücke und sonstige Kleinigkeiten als Zahlungsmittel dienten
Auf NeuBritannien hatte die Gazelle eine eigentümliche Mission zu erfüllen
Vor langen Jahren waren auf dieser Insel gegen die Handelsniederlassungen der
hamburgischen Firma Godeffroy die gröbsten Gewalttätigkeiten verübt worden und
man wollte jetzt die Wilden vor etwaigen Wiederholungen warnen Da inzwischen
einige Jahre vergangen waren und im übrigen niemand an Bord die Sprache der
Eingeborenen verstand begnügte sich Herr von Schleinitz damit an eben der
Stelle wo damals Mord und Brandstiftung stattgefunden hatten auch jetzt wieder
einen Haufen brennbarer Gegenstände anzünden und einige Salven abfeuern zu
lassen Als die Wilden sahen welche Verheerungen unter Bäumen und Sträuchern
die Kanonenkugeln anrichteten erschraken sie so sehr dass ihnen die eiligste
Flucht als bestes Schutzmittel erschien Sie verschwanden wie in den Boden
hinein
Von hier aus fuhr die Gazelle nach den AucklandInseln wo jede Spur einer
Bevölkerung fehlte Die Forschungen der Wissenschaftler konnten zwar ohne
Störung betrieben werden doch ergaben sie keine besonders lohnende Ausbeute
Die Gazelle hat aber in bezug auf Hafenplätze und Tiefenlotungen gerade hier
das Wesentlichste für die Schiffahrt geleistet andererseits erfüllte sie ihre
Mission als Repräsentant des Deutschen Reiches bei vielen Fürsten der wenig
bekannten bisher immer übersehenen kleinen Inselreiche des Stillen Ozeans
In Levuka der Hauptstadt der Insel VitiLevu der größten FidschiInsel
verkehrten die Offiziere der Korvette in äußerst freundschaftlicher Weise mit
dem regierenden Landesherrn König Takembau der sich durchaus als denkender
und gebildeter Mann erwies und der auch seinerseits mehrere Male als Gast an
Bord der Korvette empfangen wurde Beim Abschied blieb er bis zum Augenblick des
Ankerlichtens und konnte sich erst trennen als die Maschine in Tätigkeit trat
Von den FidschiInseln ging die Korvette nach den TongaInseln auf denen
hellfarbige und kulturell auf einer höheren Stufe stehende Menschen leben Wie
ganz Australien leidet auch diese Inselgruppe an Wassermangel es gibt nur
wenige Tiergattungen aber einen verhältnismäßig ausgedehnten Pflanzenwuchs
Dagegen haben aber die Bewohner schon feste Häuser sie arbeiten und sind
kulturell die höchststehenden unter allen Völkern auf den Inseln des Stillen
Ozeans
Auch hier sah Robert einen farbigen Fürsten den siebzigjährigen König
Georg Der alte Herr empfing äußerst höflich die Vertreter des Deutschen
Reiches dankte für den Besuch und lud seine Gäste zur Tafel wobei ein
Missionar als Dolmetscher diente Am Nachmittag machte er an Bord der Korvette
einen offiziellen Gegenbesuch der von Seiten der Mannschaft mit einer
Ehrensalve von einundzwanzig Kanonenschüssen begrüßt wurde worauf sogleich an
Land die beiden einzigen vorhandenen Geschütze den Salut erwiderten Zu Ehren
des Fürsten hielt man an Bord eine Parade ab und gab ein Essen bei dem Herr von
Schleinitz ein Hoch auf König Georg ausbrachte Die Rede des Fürsten bescheiden
und dankbar aber doch seine Würde als Landesherr vollständig wahrend zeigte
einen denkenden für das Wohl seiner Untertanen eifrig besorgten Monarchen der
seiner Freude Ausdruck gab mit Deutschland die besten Beziehungen angeknüpft zu
haben und auch weiter noch knüpfen zu können indem er den deutschen
Auswanderern allen nur möglichen Schutz gewähre und sie den Eingeborenen des
Landes in jeder Beziehung gleichstelle
Auf ihre Fragen erfuhren die Offiziere dass die Deutschen auf den
Tongainseln vor allem mit Kobra handeln den zerschnittenen Kernen der Kokosnuss
die dort in großen Wäldern wächst und den bedeutendsten Ausfuhrartikel
darstellt Es lagen auch gleichzeitig mit der Gazelle noch sieben europäische
Schiffe im Hafen die gerade eine Ladung Kobra übernahmen
Von hier ging die Korvette nach den SamoaInseln und war nun wieder ganz vom
Zauber der Tropenwelt umgeben Am 24 Dezember warf die Gazelle im Hafen von
Apia auf Upolu Anker und die Mannschaft erhielt Erlaubnis an Land zu gehen und
dort den Weihnachtsabend zu verbringen
Das war eine eigenartige Feier Die Matrosen konnten sich nicht
entschließen in den Wirtschaften zu sitzen zu trinken und zu tanzen wie sonst
wenn sie nach langer Fahrt zum erstenmal wieder Land betraten Sie alle waren ja
einmal Kinder gewesen die am Weihnachtsabend um den Tannenbaum standen und mit
glücklichen Augen den Glanz seiner Kerzen sahen sie alle hatten ja daheim ihre
Lieben und wussten dass deren Gedanken jetzt bei ihnen waren kein einziger war
ausgelassen oder beging irgendwelche kleinen Tollheiten die sonst zum Leben
eines Matrosen an Land nun einmal gehören
Auch Robert war sehr ernst gestimmt Er sah die Farbenpracht tropischer
Wälder mit ihren bunten Blüten aber er dachte an die heimatlichen Tannen Er
glaubte den Harzgeruch zu spüren sah die kleinen bescheidenen Lichter und die
vergoldeten Früchte und erkannte das niedere Zimmer im Elternhause und auch
die Gesichter der beiden lieben alten Leute wurden vor seinen Augen lebendig
die Mutter die vielleicht jetzt weinend an ihren einzigen Sohn dachte der
Vater den er nun nicht mehr wiedersehen würde
Es beengte ihm die Brust er musste etwas sagen
»Jungens« sagte er »wollen wir uns einen Christbaum machen«
Mehrere Stimmen antworteten zugleich und alle waren einverstanden »Daran
dachte ich längst« rief Gerber »Die Fremde ist doch immer die Fremde man
wird ganz weinerlich wenn einen so die Erinnerungen an die alte Heimat
überfallen«
»Aber einen Tannenbaum gibts in ganz Apia nicht« meinte ein anderer
»Was schadet das Grün ist Grün und Lichter hat man ja auch hier«
Und so kam es Die Matrosen besorgten sich ein stattliches mit Blüten und
Früchten bedecktes Brotfruchtbäumchen das mit seinen Wurzeln aus dem Boden
gehoben und in einen großen Kübel gestellt wurde Dann ging es an den
Baumschmuck
Jeder einzelne der ganzen Schar brachte seine Lichter in Gedanken an die
lieben Angehörigen daheim in Deutschland jeder erzählte von den
Weihnachtsabenden früherer Jahre und wie die Kinderzeit so schön gewesen sei und
so glücklich
»An Land möchte man nicht leben« sagte Gerber »wahrhaftig ich hielte es
nicht aus ohne die See aber es ist doch eigenartig so Jahr für Jahr über die
Meere zu fahren und nur selten für wenige Tage unter Menschen ein Mensch zu
sein Wenn ich jetzt nach Hause komme finde ich lauter fremde Gesichter
meine alte Mutter starb seit wir von Kiel fortgingen und zwei Schwestern haben
geheiratet es ist alles anders geworden«
Robert legte ihm die Hand auf die Schulter »Keine trüben Erinnerungen
Gerber« sagte er ermunternd »Wir wollen singen das macht das Herz frei
Kinder noch einmal wir sind ja doch jetzt auf der Heimreise also warum denn
erst traurig werden«
Die Bowle wunderbar nach tropischen Früchten duftend wurde gebracht und
unter dem eigenartigen Weihnachtsbaum entfaltete sich ein buntes Bild Die
Matrosen saßen und lagen um den Tisch Zigarrenrauch erfüllte den Raum und
zwischen den Lichtern blühte es und trug reife Früchte am eigenen Stamm Die
Gesichter der Eingeborenen sahen von draußen herein horchten mit Erstaunen den
Klängen der deutschen Sprache und summten im Takt die Melodie ohne den Wortlaut
zu ahnen
»O du fröhliche
O du selige
Gnadenbringende Weihnachtszeit«
Es war ein schöner und froher Weihnachtsabend den die Matrosen von der
Gazelle im fernen Apia verlebten Erst gegen Morgen kehrten die jungen Leute zum
Schiff zurück singend fröhlich und bepackt mit allen möglichen guten Dingen
um an Bord die Armen von der schwarzen Liste die Wache gehalten hatten jetzt
nachträglich noch zu bewirten Sie erschienen wie die leibhaftigen guten Geister
des Weihnachtsabends und brachten die Festfreude auch zu den armen Missetätern
die einmal auf das frischgescheuerte Deck gespuckt in der Nähe des Grossmastes
laut gelacht oder vielleicht sogar eine Stenge ungeschmiert gelassen hatten
wofür ihnen dann die Strafwache unweigerlich zugefallen war
Am folgenden Tage ging es an eine Besichtigung der Umgebung Soviel
tropische Schönheit wie hier hatte Robert kaum an irgendeinem anderen Ort der
Welt gesehen Die ganze kleine Insel glich einem Garten in dem die einzelnen
Ansiedlungen zerstreut unter den Bäumen dalagen Deutsche Handelshäuser haben
für die Bedeutung der Insel sehr viel getan Sie betrieben den Ankauf der
einheimischen Erzeugnisse und beschäftigten durch Pflanzungen von Kaffee Mais
Baumwolle und Kokosnüssen viele Hunderte von Arbeitern
Robert fand bei einem Streifzug den er mit andern unternahm auf Upolu
keinen eigentlichen Urwald mehr aber er bereicherte seine Sammlung von
Mineralien und erstieg wieder Gebirgszüge von wo aus er herrliche Fernsichten
hatte
Und dann nach kurzem Aufenthalt lichtete die Gazelle ihre Anker und nahm
Kurs auf die Heimat
Um die Südspitze Amerikas herum durch die Magelhaensstrasse durch die
Robert wie wir wissen schon einmal gekommen war ging jetzt die Fahrt von der
Südsee in den Atlantischen Ozean vorher aber gab es noch eine unerwartete
Begegnung
Nach einer schnellen und glücklichen Reise lief die Gazelle am Neujahrstage
in die Magelhaensstrasse ein und traf dort überraschend die Korvette Vineta die
von Deutschland kam
An dem großen Korallenriff das Robert schon von seiner Reise von Bergen
nach San Franzisko her kannte lag die Gazelle beigedreht um eine nähere
Untersuchung des Riffs von der Pinasse aus vorzunehmen als plötzlich vom
Ausguck her der freudige Ruf »Schiff in Sicht an Backbord« alle Matrosen und
sogar die gelehrten Herren in Aufregung versetzte Die Magelhaensstrasse wird von
Handelsschiffen nur in Fällen eintretenden Wassermangels befahren es war daher
schon immer ein kleines Ereignis hier einem Schiff zu begegnen
Als man im Topp des herankommenden Fahrzeuges die deutsche Flagge erkannte
erscholl fast gleichzeitig hüben und drüben ein lautes freudiges Hurra der
Mannschaft Kanonendonner erfüllte die Luft beide Schiffe legten sich möglichst
nahe nebeneinander und dann wurden Boote ausgesetzt um die gegenseitigen
Beziehungen so eng wie möglich zu gestalten Landsleute fanden sich Freunde und
Bekannte freuten sich über das unverhoffte Wiedersehen der eine erzählte und
der andere hörte zu kurz es war ein Fest das hier auf See gefeiert wurde Die
Wissenschaftler machten eine reiche Ausbeute von besonders schönen seltenen
Korallen von Muscheln Schnecken und Fischen sowie einer Anzahl Insekten der
verschiedensten Arten die Matrosen erhielten einen freien Tag und eine
aussergewöhnliche Ration Grog die Offiziere endlich konnten politisieren über
dienstliche Angelegenheiten sprechen und alte Erinnerungen austauschen
Am folgenden Tag trennten sich die Schiffe die Mannschaft der Vineta gab
den heimkehrenden Kameraden noch Briefe und Grüße mit auf den Weg und die
Gazelle steuerte der Heimat zu
Nach fast zweijähriger Abwesenheit erreichte sie ohne Zwischenfälle im April
den Hafen von Kiel Man würdigte beim Empfang der Korvette nicht nur die
Verdienste der Wissenschaftler bei der Erforschung kürzerer und sicherer
Seewege sondern auch die einmalige seemännische Leistung von Kommandant und
Besatzung
Und hier nehmen wir von Robert Abschied Wir folgten ihm auf seinem
Lebensweg über alle Länder der Erde Das Schicksal ließ ihn durch eine harte
Schule gehen doch er hat seine Lehren beherzigt er hat an sich gearbeitet und
gelernt seinen Eigensinn und seinen Trotz die ihn einstmals aus dem Elternhaus
forttrieben zu beherrschen
Eins aber bewahrte sich Robert in all den Jahren seine Liebe zur See Nach
längerer Ruhezeit die er zu Hause bei seiner alten Mutter verbrachte zog er
noch einmal als Bootsmannsmaat hinaus Dann ging er nach Hamburg auf die
Seefahrtschule und legte dort sein Steuermannsexamen ab Als Kapitän eines
großen Seglers ist Robert noch lange Jahre über alle Meere gefahren