1876_Dahn_KampfumRom.html




        
                                   Felix Dahn
                                Ein Kampf um Rom
                               Historischer Roman
                                               Meinem lieben Freund und Kollegen
                                                     Ludwig Friedländer zu eigen
                                      Motto
 »Wenn etwas ist gewaltger als das Schicksal
 So ists der Mut ders unerschüttert trägt«
                                                                         Geibel
                                    Vorwort
Die wissenschaftlichen Grundlagen dieser in Gestalt eines Romans gekleideten
Bilder aus dem sechsten Jahrhundert enthalten meine in folgenden Werken
niedergelegten Forschungen
    Die Könige der Germanen II III IV Band München und Würzburg 18621866
    Prokopius von Cäsarea Ein Beitrag zur Historiographie der Völkerwanderung
und des sinkenden Römertums Berlin 1865
    Aus diesen Darstellungen mag der Leser die Ergänzungen und Veränderungen
die der Roman an der Wirklichkeit vorgenommen erkennen
    Das Werk ist 1859 in München begonnen in Italien zumal Ravenna
weitergeführt und 1876 in Königsberg abgeschlossen worden
    Königsberg Januar 1876
                                                                     Felix Dahn
 
                                  Erstes Buch
                                  Teoderich
                »Dietericus de Berne de quo cantant rustici usque hodie«
                                Erstes Kapitel
Es war eine schwüle Sommernacht des Jahres fünfhundertsechsundzwanzig nach
Christus
    Schwer lagerte dichtes Gewölk über der dunkeln Fläche der Adria deren
Küsten und Gewässer zusammenflossen in unterscheidungslosem Dunkel nur ferne
Blitze warfen hier und da ein zuckendes Licht über das schweigende Ravenna In
ungleichen Pausen fegte der Wind durch die Steineichen und Pinien auf dem
Höhenzug welcher sich eine gute Strecke westlich von der Stadt erhebt einst
gekrönt von einem Tempel des Neptun der schon damals halb zerfallen heute bis
auf dürftige Spuren verschwunden ist
    Es war still auf dieser Waldhöhe nur ein vom Sturm losgerissenes Felsstück
polterte manchmal die steinigen Hänge hinunter und schlug zuletzt platschend in
das sumpfige Wasser der Kanäle und Gräben die den ganzen Kreis der Seefestung
umgürteten
    Oder in dem alten Tempel löste sich eine verwitterte Platte von dem
getäfelten Dach der Decke und fiel zerspringend auf die Marmorstufen  Vorboten
von dem drohenden Einsturz des ganzen Gebäudes
    Aber dies unheimliche Geräusch schien nicht beachtet zu werden von einem
Mann der unbeweglich auf der zweitöchsten Stufe der Tempeltreppe saß den
Rücken an die höchste Stufe gelehnt und schweigend und unverwandt in Einer
Richtung über die Höhe hinab nach der Stadt zu blickte
    Lange saß er so regungslos aber sehnsüchtig wartend er achtete es nicht
dass ihm der Wind die schweren Regentropfen die einzeln zu fallen begannen ins
Gesicht schlug und ungestüm in dem mächtigen bis an den ehernen Gurt wallenden
Bart wühlte der fast die ganze breite Brust des alten Mannes mit glänzendem
Silberweiss bedeckte
    Endlich stand er auf und schritt einige der Marmorstufen nieder »Sie
kommen« sagte er
    Es wurde das Licht einer Fackel sichtbar die sich rasch von der Stadt her
dem Tempel näherte man hörte schnelle kräftige Schritte und bald danach
stiegen drei Männer die Stufen der Treppe herauf
    »Heil Meister Hildebrand Hildungs Sohn« rief der voranschreitende
Fackelträger der jüngste von ihnen in gotischer Sprache mit auffallend
melodischer Stimme als er die lückenhafte Säulenreihe des Pronaos der
Vorhalle erreicht
    Er hob das Windlicht hoch empor  schöne korintische Erzarbeit am Stiel
durchsichtiges Elfenbein bildete den vierseitigen Schirm und den gewölbten
durchbrochenen Deckel  und steckte es in den Erzring der die geborstne
Mittelsäule zusammenhielt
    Das weiße Licht fiel auf ein apollinisch schönes Antlitz mit lachenden
hellblauen Augen mitten auf seiner Stirn teilte sich das lichtblonde Haar in
zwei lang fliessende Lockenwellen die rechts und links bis auf seine Schultern
wallten Mund und Nase fein fast weich geschnitten waren von vollendeter
Form ein leichter Anflug goldhellen Bartes deckte die freundlichen Lippen und
das leicht gespaltene Kinn er trug nur weiße Kleider einen Kriegsmantel von
feiner Wolle durch eine goldne Spange in Greifengestalt auf der rechten
Schulter festgehalten und eine römische Tunika von weicher Seide beide mit
einem Goldstreif durchwirkt weiße Lederriemen befestigten die Sandalen an den
Füßen und reichten kreuzweis geflochten bis an die Kniee die nackten
glänzendweissen Arme umzirkten zwei breite Goldreife und wie er die Rechte um
eine hohe Lanze geschlungen die ihm zugleich als Stab und als Waffe diente die
Linke in die Hüfte gestemmt ausruhend von dem Gang zu seinen langsameren
Weggenossen hinunterblickte schien in den grauen Tempel eine jugendliche
Göttergestalt aus seinen schönsten Tagen wieder eingekehrt
    Der zweite der Ankömmlinge hatte trotz einer allgemeinen
Familienähnlichkeit doch einen von dem Fackelträger völlig verschiedenen
Ausdruck
    Er war einige Jahre älter sein Wuchs war derber und breiter  tief in den
mächtigen Stiernacken hinab reichte das dicht und kurz gelockte braune Haar 
und von fast riesenhafter Höhe und Stärke in seinem Gesicht fehlte jener
sonnige Schimmer jene vertrauende Freude und Lebenshoffnung welche die Züge
des jüngeren Bruders verklärten statt dessen lag in seiner ganzen Erscheinung
der Ausdruck von bärenhafter Kraft und bärenhaftem Mut er trug eine zottige
Wolfsschur deren Rachen wie eine Kapuze sein Haupt umhüllte ein schlichtes
Wollenwams darunter und auf der rechten Schulter eine kurze wuchtige Keule aus
dem harten Holz einer Eichenwurzel
    Bedächtigen Schrittes folgte der dritte ein mittelgrosser Mann von gemessen
verständigem Ausdruck Er trug den Stahlhelm das Schwert und den braunen
Kriegsmantel des gotischen Fussvolks Sein schlichtes hellbraunes Haar war über
der Stirn geradlinig abgeschnitten eine uralte germanische Haartracht die
schon auf römischen Siegessäulen erscheint und sich bei dem deutschen Bauer bis
heut erhalten hat Aus den regelmäßigen Zügen des offenen Gesichts aus dem
grauen sichern Auge sprach besonnene Männlichkeit und nüchterne Ruhe
    Als auch er die Cella des Tempels erreicht und den Alten begrüßt hatte rief
der Fackelträger mit lebhafter Stimme
    »Nun Meister Hildebrand ein schönes Abenteuer muss es sein zu dem du uns
in solch unwirtlicher Nacht in diese Wildnis von Natur und Kunst geladen hast
Sprich  was solls geben«
    Statt der Antwort fragte der Alte sich zu dem Letztgekommnen wendend »Wo
bleibt der Vierte den ich lud«
     »Er wollte allein gehen Er wies uns alle ab Du kennst ja seine Weise«
    »Da kommt er« rief der schöne Jüngling nach einer andern Seite des Hügels
deutend
    Wirklich nahte dorther ein Mann von höchst eigenartiger Erscheinung
    Das volle Licht der Fackel beleuchtete ein geisterhaft bleiches Antlitz das
fast blutleer schien lange glänzend schwarze Locken hingen von dem unbedeckten
Haupt wie dunkle Schlangen wirr bis auf die Schultern Hochgeschweifte schwarze
Brauen und lange Wimpern beschatteten die großen melancholischen dunkeln Augen
voll verhaltner Glut eine Adlernase senkte sich sehr scharfgeschnitten gegen
den feinen glattgeschornen Mund den ein Zug resignierten Grams umfurchte
    Gestalt und Haltung waren so jugendlich aber die Seele schien vor der Zeit
vom Schmerz gereift
    Er trug Ringpanzer und Beinschienen von schwarzem Erz und in seiner Rechten
blitzte ein Schlachtbeil an langem lanzengleichem schafft Nur mit dem Haupte
nickend begrüßte er die andern und stellte sich hinter den Alten der sie nun
alle vier dicht an die Säule welche die Fackel trug treten hieß und mit
gedämpfter Stimme begann
    »Ich habe euch hierher beschieden weil ernste Worte müssen gesprochen
werden unbelauscht und zu treuen Männern die da helfen mögen
    Ich sah umher im ganzen Volk mondenlang  euch hab ich gewählt ihr seid
die Rechten Wenn ihr mich angehört habt so fühlt ihr von selbst dass ihr
schweigen müsst von dieser Nacht«
    Der dritte der mit dem Stahlhelm sah den Alten mit ernsten Augen an
»Rede« sagte er ruhig »wir hören und schweigen Wovon willst du zu uns
sprechen«
    »Von unsrem Volk von diesem Reich der Goten das hart am Abgrund steht«
    »Am Abgrund« rief lebhaft der blonde Jüngling Sein riesiger Bruder
lächelte und erhob aufhorchend das Haupt
    »Ja am Abgrund« rief der Alte »und ihr allein ihr könnt es halten und
retten«
    »Verzeih dir der Himmel deine Worte«  fiel der Blonde lebhaft ein 
»haben wir nicht unsern König Teoderich den seine Feinde selbst den Großen
nennen den herrlichsten Helden den weisesten Fürsten der Welt Haben wir nicht
dies lachende Land Italia mit all seinen Schätzen Was gleicht auf Erden dem
Reich der Goten«
    Der Alte fuhr fort »Hört mich an König Teoderich mein teurer Herre und
mein lieber Sohn was der wert ist wie groß er ist  das weiß am besten
Hildebrand Hildungs Sohn Ich hab ihn vor mehr als fünfzig Jahren auf diesen
Armen seinem Vater als ein zappelnd Knäblein gebracht und gesagt Das ist starke
Zucht  Du wirst Freude dran haben
    Und wie er heranwuchs  ich habe ihm den ersten Bolz geschnitzt und ihm die
erste Wunde gewaschen Ich habe ihn begleitet nach der goldnen Stadt Byzanz und
ihn dort gehütet Leib und Seele Und als er dieses schöne Land erkämpfte bin
ich vor ihm hergeschritten Fuß für Fuß und habe den Schild über ihn gehalten
in dreißig Schlachten Wohl hat er seither gelehrtere Räte und Freunde gefunden
als seinen alten Waffenmeister aber klügere schwerlich und treuere gewiss nicht
Wie stark sein Arm gewesen wie scharf sein Auge wie klar sein Kopf wie
schrecklich er war unterm Helm wie freundlich beim Becher wie überlegen selbst
den Griechlein an Klugheit das hatte ich hundertmal erfahren lange ehe dich
du junger Nestfalk die Sonne beschienen
    Aber der alte Adler ist flügellahm geworden
    Seine Kriegsjahre lasten auf ihm  denn er und ihr und euer Geschlecht ihr
könnt die Jahre nicht mehr tragen wie ich und meine Spielgenossen  er liegt
krank rätselhaft krank an Seele und Leib in seinem goldnen Saal dort unten in
der Rabenstadt Die Ärzte sagen wie stark sein Arm noch sei jeder Schlag
seines Herzens mag ihn töten wie der Blitz und auf jeder sinkenden Sonne mag er
hinunterfahren zu den Toten Und wer ist dann sein Erbe wer stützt dann dieses
Reich Amalaswinta seine Tochter und Atalarich sein Enkel  ein Weib und
ein Kind«
    »Die Fürstin ist weise« sprach der dritte mit dem Helm und dem Schwert
    »Ja sie schreibt griechisch an den Kaiser und redet römisch mit dem frommen
Kassiodor Ich zweifle ob sie gotisch denkt Weh uns wenn sie im Sturm das
Steuer halten soll«
    »Ich sehe aber nirgends Sturm Alter« lachte der Fackelträger und
schüttelte die Locken »Woher soll er blasen Der Kaiser ist wieder versöhnt
der Bischof von Rom ist vom König selbst eingesetzt die Frankenfürsten sind
seine Neffen die Italier haben es unter unsrem Schild besser als je zuvor Ich
sehe keine Gefahr nirgends«
    »Kaiser Justinus ist nur ein schwacher Greis« sprach beistimmend der mit
dem Schwert »ich kenne ihn«
    »Aber sein Neffe bald sein Nachfolger und jetzt schon sein rechter Arm  
kennst du auch den Unergründlich wie die Nacht und falsch wie das Meer ist
Justinian  ich kenne ihn und fürchte was er sinnt Ich begleitete die letzte
Gesandtschaft nach Byzanz er kam zu unsrem Gelag er hielt mich für berauscht
 der Narr er weiß nicht was Hildungs Kind trinken mag  und fragte mich um
alles genau um alles was man wissen muss um  uns zu verderben Nun von mir
hat er den rechten Bescheid gekriegt Aber ich weiß es so gewiss wie meinen
Namen dieser Mann will dies Land dies Italien wieder haben und nicht die
Fussspur eines Goten wird er darin übrig lassen«
    »Wenn er kann« brummte des Blonden Bruder dazwischen
    »Recht Freund Hildebad wenn er kann Und er kann viel Byzanz kann viel«
    Jener zuckte die Achseln
    »Weißt dus wieviel« fragte der Alte zornig »Zwölf Jahre lang hat unser
großer König mit Byzanz gerungen und hat nicht obgesiegt Aber damals warst du
noch nicht geboren« fügte er ruhig hinzu
    »Wohl«  kam jenem der Bruder zu Hilfe  »Aber damals standen die Goten
allein im fremden Land Jetzt haben wir eine ganze zweite Hälfte gewonnen wir
haben eine Heimat Italien wir haben Waffenbrüder die Italier«
    »Italien unsre Heimat« rief der Alte bitter »ja das ist der Wahn Und die
Welschen unsre Helfer gegen Byzanz Du junger Tor«
    »Das sind unsres Königs eigne Worte« entgegnete der Gescholtene
    »Ja ja ich kenne sie wohl die Wahnreden die uns alle verderben werden
Fremd sind wir hier fremd heute wie vor vierzig Jahren da wir von diesen
Bergen niederstiegen und fremd werden wir sein in diesem Lande noch nach tausend
Jahren Wir sind hier ewig die Barbaren«
    »Jawohl aber warum bleiben wir Barbaren Wessen Schuld ist das als die
unsre Weshalb lernen wir nicht von ihnen«
    »Schweig still« schrie der Alte zuckend vor Grimm »schweig Totila mit
solchen Gedanken sie sind der Fluch meines Hauses geworden« Sich mühsam
beruhigend fuhr er fort »Unsre Todfeinde sind die Welschen nicht unsre Brüder
Weh wenn wir ihnen trauen O dass der König nach meinem Rat getan und nach
seinem Sieg alles erschlagen hätte das Schwert und Schild führen konnte vom
lallenden Knäblein bis zum lallenden Greis Sie werden uns ewig hassen Und sie
haben recht Wir aber wir sind die Toren sie zu bewundern«
    Eine Pause trat ein ernst geworden fragte der Jüngling »Und du hältst
keine Freundschaft für möglich zwischen uns und ihnen«
    »Kein Friede zwischen den Söhnen des Gaut und dem Südvolk Ein Mann tritt in
die Goldhöhle des Drachen er drückt das Haupt des Drachen nieder mit eherner
Faust der bittet um sein Leben der Mann erbarmt sich seiner schillernden
Schuppen und weidet sein Auge an den Schätzen der Höhle Was wird der Giftwurm
tun Hinterrücks sobald er kann wird er ihn stechen dass der Verschoner
stirbt«
    »Wohlan so lass sie kommen die Griechlein« schrie der riesige Hildebad
»und lass dies Natterngezücht gegen uns aufzüngeln Wir wollen sie niederschlagen
 so« und er hob die Keule und ließ sie niederfallen dass die Marmorplatte in
Splitter sprang und der alte Tempel in seinen Grundfugen erdröhnte
    »Ja sie sollens versuchen« rief Totila und aus seinen Augen leuchtete
ein kriegerisches Feuer das ihn noch schöner machte  »Wenn diese undankbaren
Römer uns verraten wenn die falschen Byzantiner kommen«  er blickte mit
liebevollem Stolz auf seinen starken Bruder  »sieh Alter wir haben Männer wie
die Eichen«
    Wohlgefällig nickte der alte Waffenmeister »Ja Hildebad ist sehr stark
obwohl nicht ganz so stark wie Winitar und Walamer und die andern waren die
mit mir jung gewesen Und gegen Nordmänner ist Stärke gut Ding Aber dieses
Südvolk« fuhr er ingrimmig fort  »kämpft von Türmen und Mauerzinnen herunter
Sie führen den Krieg wie ein Rechenexempel und rechnen dir zuletzt ein Heer von
Helden in einen Winkel hinein dass es sich nicht mehr rühren noch regen kann
Ich kenne einen solchen Rechenmeister in Byzanz der ist kein Mann und besiegt
die Männer Du kennst ihn auch Witichis«  so fragend wandte er sich an den
Mann mit dem Schwert
    »Ich kenne Narses« sagte dieser der sehr ernst geworden nachdenklich
»Was du gesprochen Hildungs Sohn ist leider wahr sehr wahr Ähnliches ist mir
oft schon durch die Seele gegangen aber unklar dunkel mehr ein Grauen als ein
Denken  Deine Worte sind unwiderleglich der König am Tod  die Fürstin ein
halbgriechisch Weib  Justinian lauernd  die Welschen schlangenfalsch  die
Feldherrn von Byzanz Zauberer von Kunst aber«  hier holte er tief Atem  »wir
stehen nicht allein wir Goten Unser weiser König hat sich Freunde Verbündete
geschaffen in Überfluss Der König der Vandalen ist sein Schwestermann der König
der Westgoten sein Enkel die Könige der Burgunden der Heruler der Thüringe
der Franken sind ihm verschwägert alle Völker ehren ihn wie ihren Vater die
Sarmaten die fernen Esten selbst an der Ostsee senden ihm huldigend Pelzwerk
und gelben Bernstein Ist das alles«  
    »Nichts ist das alles Schmeichelworte sinds und bunte Lappen Sollen uns
die Esten helfen mit ihrem Bernstein wider Belisar und Narses Weh uns wenn
wir nicht allein siegen können Diese Schwäger und Eidame schmeicheln solang
sie zittern und wenn sie nicht mehr zittern werden sie drohen Ich kenne die
Treue der Könige Wir haben Feinde ringsum offene und geheime und keinen
Freund als uns selbst«
    Ein Schweigen trat ein in welchem alle die Worte des Alten besorgt erwogen
heulend fuhr der Sturm um die verwitterten Säulen und rüttelte an dem morschen
Tempelbau
    Da sprach zuerst Witichis vom Boden aufblickend sicher und gefasst »Groß
ist die Gefahr hoffentlich nicht unabwendbar Gewiss hast du uns nicht hierher
beschieden dass wir tatlos in die Verzweiflung schauen Geholfen muss werden so
sprich wie meinst du dass zu helfen sei«
    Der Alte trat einen Schritt auf ihn zu und fasste seine Hand »Wacker
Witichis Waltaris Sohn Ich kannte dich wohl und will dirs treu gedenken dass
vor allen du zuerst ein männlich Wort der Zuversicht gefunden Ja ich denke wie
du noch ist Hilfe möglich und um sie zu finden habe ich euch hierher gerufen
wo uns kein Welscher hört Saget nun an und ratet dann will ich sprechen«
    Da alle schwiegen wandte er sich zu dem Schwarzgelockten »Wenn du denkst
wie wir so sprich auch du Teja Warum schwiegst du bisher«
    »Ich schweige weil ich anders denke denn ihr«
    Die andern staunten Hildebrand sprach »Wie meinst du das mein Sohn«
    »Hildebad und Totila sehen nicht die Gefahr du und Witichis ihr seht sie
und hoffet ich aber sah sie längst und hoffe nicht«
    »Du siehst zu schwarz wer darf verzweifeln vor dem Kampf« meinte Witichis
    »Sollen wir das Schwert in der Scheide ohne Kampf ohne Ruhm untergehen«
rief Totila
    »Nicht ohne Kampf mein Totila und nicht ohne Ruhm so weiß ich«
antwortete Teja leise die Streitaxt zuckend »Kämpfen wollen wir dass man es
nie vergessen soll in allen Tagen kämpfen mit höchstem Ruhm aber ohne Sieg
Der Stern der Goten sinkt«
    »Mir deucht er will erst recht hoch steigen« rief Totila ungeduldig »Lasst
uns vor den König treten sprich du Hildebrand zu ihm wie du zu uns
gesprochen Er ist weise er wird Rat finden«
    Der Alte schüttelte den Kopf »Zwanzigmal hab ich zu ihm gesprochen Er hört
mich nicht mehr Er ist müde und will sterben und seine Seele ist verdunkelt
ich weiß nicht durch welchen Schatten  Was denkst du Hildebad«
    »Ich denke« sprach dieser sich hoch aufrichtend »sowie der alte Löwe die
müden Augen geschlossen rüsten wir zwei Heere Das eine führen Witichis und
Teja vor Byzanz und brennen es nieder mit dem andern steigen ich und mein
Bruder über die Alpen und zerschlagen Paris das Drachennest der Merowinger zu
einem Steinhaufen für alle Zukunft Dann wird Ruhe sein im Osten und im
Norden«
    »Wir haben keine Schiffe gegen Byzanz« sprach Witichis
    »Und die Franken sind sieben wider einen gegen uns« sagte Hildebrand »Aber
wacker meinst dus Hildebad Sage was rätst du Witichis«
    »Ich rate einen Bund mit Schwüren beschwert mit Geiseln gesichert aller
Nordstämme gegen die Griechen«
    »Du glaubst an Treue weil du selber treu Mein Freund nur die Goten können
den Goten helfen Man muss sie nur wieder daran erinnern dass sie Goten sind
Hört mich an Ihr alle seid jung und liebt allerlei Dinge und habt vielerlei
Freuden Der eine liebt ein Weib der andre die Waffen der dritte irgendeine
Hoffnung oder auch irgend einen Gram der ihm ist wie eine Geliebte  Aber
glaubt mir es kommt eine Zeit  und die Not kann sie euch noch in jungen Tagen
bringen  da all diese Freuden und selbst Schmerzen wertlos werden wie welke
Kränze vom Gelag von gestern
    Da werden denn viele weich und fromm und vergessen des was auf Erden und
trachten nach dem was hinter dem Grabe ist Ich kanns nicht und ihr mein ich
und viele von uns könnens auch nicht Die Erde lieb ich mit Berg und Wald und
Weide und strudelndem Strom und das Leben darauf mit heißem Hass und langer
Liebe mit zähem Zorn und stummem Stolz Von jenem Luftleben da droben in den
Windwolken wies die Christenpriester lehren weiß ich nichts und will ich
nichts wissen Eins aber bleibt dem Mann dem rechten wenn alles andre dahin
Ein Gut von dem er nimmer lässt Seht mich an Ich bin ein entlaubter Stamm
alles hab ich verloren was mein Leben erfreute mein Weib ist tot seit vielen
Jahren meine Söhne sind tot meine Enkel sind tot bis auf einen der ist
schlimmer als tot  der ist ein Welscher worden Dahin und lang vermodert sind
sie alle mit denen ich ein kecker Knabe und ein markiger Mann gewesen und
schon steigt meine erste Liebe und mein letzter Stolz mein großer König müde
in sein Grab Nun seht was hält mich noch im Leben Was gibt mir Mut Lust
Zwang zu leben Was treibt mich Alten wie einen Jüngling in dieser Sturmnacht
auf die Berge Was lodert hier unter dem Eisbart heiß in lauter Liebe in
störrigem Stolz und in trotziger Trauer Was anders als der Drang der
unaustilgbar in unsrem Blute liegt der tiefe Drang und Zug zu meinem Volk die
Liebe die lodernde die allgewaltige zu dem Geschlechte das da Goten heißt
und das die süße heimliche herrliche Sprache redet meiner Eltern der Zug zu
denen die da sprechen fühlen leben wie ich Sie bleibt sie allein diese
Volksliebe ein Opferfeuer in dem Herzen darinnen alle andre Glut erloschen
sie ist das teure das mit Schmerzen geliebte Heiligtum das Höchste in jeder
Mannesbrust die stärkste Macht in seiner Seele treu bis zum Tod und
unbezwingbar«
    Der Alte hatte sich in Begeisterung geredet  sein Haar flog im Winde  er
stand wie ein alter hünenhafter Priester unter den jungen Männern welche die
Fäuste an ihren Waffen ballten
    Endlich sprach Teja »Du hast recht diese Flamme lodert noch wo alles
sonst erloschen Aber sie brennt in dir  in uns  vielleicht noch in hundert
andern unsrer Brüder Kann das ein ganzes Volk erretten Nein Und kann diese
Glut die Masse ergreifen die Tausende die Hunderttausende«
    »Sie kann es mein Sohn sie kann es Dank allen Göttern dass sies kann
Höre mich an Es sind jetzt fünfundvierzig Jahre da waren wir Goten viele
Hunderttausende mit Weibern und Kindern in den Schluchten der Hämusberge
eingeschlossen
    Wir lagen in höchster Not Des Königs Bruder war von den Griechen in
treulosem Überfall geschlagen und getötet und aller Mundvorrat den er uns
zuführen sollte verloren wir saßen in den Felsschluchten und litten so bitteren
Hunger dass wir Gras und Leder kochten Hinter uns die unersteiglichen Felsen
vor uns und zur Linken das Meer rechts in einem Engpass die Feinde in dreifacher
Überzahl Viele Tausende von uns waren dem Hunger dem Winter erlegen
zwanzigmal hatten wir vergebens versucht jenen Pass zu durchbrechen Wir wollten
verzweifeln Da kam ein Gesandter des Kaisers und bot uns Leben Freiheit Wein
Brot Fleisch  unter einer einzigen Bedingung wir sollten getrennt
voneinander zu vier und vier über das ganze Weltreich Roms zerstreut werden
keiner von uns mehr ein gotisch Weib freien keiner sein Kind mehr unsre Sprache
und Sitte lehren dürfen Name und Wesen der Goten sollte verschwinden Römer
sollten wir werden Da sprang der König auf rief uns zusammen und trugs uns
vor in flammender Rede und fragte zuletzt ob wir lieber aufgeben wollten
Sprache Sitte Leben unsres Volkes oder lieber mit ihm sterben Da fuhr sein
Wort in die Hunderte die Tausende die Hunderttausende wie der Waldbrand in die
dürren Stämme aufschrieen sie die wackeren Männer wie ein tausendstimmiges
brüllendes Meer die Schwerter schwangen sie auf den Engpass stürzten sie und
weggefegt waren die Griechen als hätten sie nie gestanden und wir waren Sieger
und frei«
    Sein Auge glänzte in stolzer Erinnerung nach einer Pause fuhr er fort
»Dies allein ist was uns heute retten kann wie dazumal fühlen erst die Goten
dass sie für jenes Höchste fechten für den Schutz jenes geheimnisvollen
Kleinods das in Sprache und Sitte eines Volkes liegt wie ein Wunderborn dann
können sie lachen zu dem Hass der Griechen zu der Tücke der Welschen Und das
vor allem wollt ich euch fragen fest und feierlich fühlt ihr es wie ich so
klar so ganz so mächtig dass diese Liebe zu unsrem Volk unser Höchstes ist
unser schönster Schatz unser stärkster Schild könnt ihr sprechen wie ich mein
Volk ist mir das Höchste und alles alles andre dagegen nichts ihm will ich
opfern was ich bin und habe wollt ihr das könnt ihr das«
    »Ja das will ich ja das kann ich« sprachen die vier Männer
    »Wohl« fuhr der Alte fort »das ist gut Aber Teja hat recht nicht alle
Goten fühlen das jetzt heute schon wie wir und doch müssen es alle fühlen
wenn es helfen soll Darum gelobet mir von heut an unablässig euch selbst und
alle unsres Volkes mit denen ihr lebt und handelt zu erfüllen mit dem Hauch
dieser Stunde Vielen vielen hat der fremde Glanz die Augen geblendet viele
haben griechische Kleider angetan und römische Gedanken sie schämen sich
Barbaren zu heißen sie wollen vergessen und vergessen machen dass sie Goten
sind  wehe über die Toren
    Sie haben das Herz aus ihrer Brust gerissen und wollen leben sie sind wie
Blätter die sich stolz vom Stamme gelöst und der Wind wird kommen und wird sie
verwehen in Schlamm und Pfützen dass sie verfaulen aber der Stamm wird stehen
mitten im Sturm und wird lebendig erhalten was treu an ihm haftet Darum sollt
ihr euer Volk wecken und mahnen überall und immer Den Knaben erzählt die Sagen
der Väter von den Hunnenschlachten von den Römersiegen den Männern zeigt die
drohende Gefahr und wie nur das Volkstum unser Schild eure Schwestern ermahnt
dass sie keinen Römer umarmen und keinen Römling eure Bräute eure Weiber lehrt
dass sie alles sich selbst und euch opfern dem Glück der guten Goten auf dass
wenn die Feinde kommen sie finden ein starkes Volk stolz einig fest daran
sie zerschellen sollen wie die Wogen am Fels Wollt ihr mir dazu helfen«
    »Ja« sprachen sie »das wollen wir«
    »Ich glaube euch« fuhr der Alte fort »glaube eurem bloßen Wort Nicht um
euch fester zu binden  denn was bände den Falschen  sondern weil ich treu
hange an altem Brauch und weil besser gedeiht was geschieht nach Sitte der
Väter  folgt mir«
 
                                Zweites Kapitel
Mit diesen Worten nahm er die Fackel von der Säule und schritt quer durch den
Innenraum die Cella des Tempels vorüber an dem zerfallenen Hauptaltar vorbei
an den Postamenten der lang herabgestürzten Götterbilder nach der Hinterseite
des Gebäudes dem Postikum Schweigend folgten die Geladenen dem Alten der sie
über die Stufen hinunter ins Freie führte
    Nach einigen Schritten standen sie unter einer uralten Steineiche deren
mächtiges Geäst wie ein Dach Sturm und Regen abhielt Unter diesem Baum bot sich
ihnen ein seltsamer Anblick der aber die gotischen Männer sofort an eine alte
Sitte aus dem grauen Heidentum aus der fernen nordischen Heimat gemahnte Unter
der Eiche war ein Streifen des dichten Rasens aufgeschljetzt nur einen Fuß
breit aber mehrere Ellen lang die beiden Enden des Streifens hafteten noch
locker am Grunde in der Mitte war der Rasengürtel auf drei ungleich in die Erde
gerammte hohe Speere emporgespreizt in der Mitte von dem längsten Speer
gestützt so dass die Vorrichtung ein Dreieck bildete unter dessen Dach zwischen
den Speersäulen mehrere Männer bequem stehen konnten In der so gewonnenen
Erdritze stand ein eherner Kessel mit Wasser gefüllt daneben lag ein spitzes
und scharfes Schlachtmesser uralt das Heft vom Horn des Auerstiers die Klinge
vom Feuerstein Der Greis trat nun heran stieß die Fackel dicht neben dem
Kessel in die Erde stieg dann mit dem rechten Fuß vorauf in die Grube wandte
sich gegen Osten und neigte das Haupt dann winkte er die Freunde zu sich mit
dem Finger am Mund ihnen Schweigen bedeutend Lautlos traten die Männer in die
Rinne und stellten sich Witichis und Teja zu seiner Linken die beiden Brüder
zu seiner Rechten und alle fünf reichten sich die Hände zu einer feierlichen
Kette Dann ließ der Alte Witichis und Hildebad die ihm zunächst standen los
und kniete nieder Zuerst raffte er eine Handvoll der schwarzen Walderde auf und
warf sie über die linke Schulter Dann griff er mit der andern Hand in den
Kessel und sprengte das Wasser rechts hinter sich Darauf blies er in die
wehende Nachtluft die sausend in seinen langen Bart wehte Endlich schwang er
die Fackel von der Rechten zur Linken über sein Haupt Dann steckte er sie
wieder in die Erde und sprach murmelnd vor sich hin
    »Höre mich alte Erde wallendes Wasser leichte Luft flackernde Flamme
Hört mich wohl und bewahret mein Wort Hier stehen fünf Männer vom Geschlechte
des Gaut Teja und Totila Hildebad und Hildebrand und Witichis Waltaris Sohn
Wir stehen hier in stiller Stunde
Zu binden einen Bund von Blutsbrüdern
Für immer und ewig und alle Tage
Wir sollen uns sein wie Sippegesellen
In Frieden und Fehde in Rache und Recht
Ein Hoffen Ein Hassen Ein Lieben Ein Leiden
Wie wir träufen zu Einem Tropfen
Unser Blut als Blutsbrüder«
    Bei diesen Worten entblößte er den linken Arm die andern taten desgleichen
eng aneinander streckten sich die fünf Arme über den Kessel der Alte hob das
scharfe Steinmesser und ritzte mit Einem Schnitt sich und den vier andern die
Haut des Vorderarmes dass das Blut aller in roten Tropfen in den ehernen Kessel
floss
    Dann nahmen sie wieder die frühere Stellung ein und murmelnd fuhr der Alte
fort
»Und wir schwören den schweren Schwur
Zu opfern all unser Eigen
Haus Hof und Habe
Ross Rüstung und Rind
Sohn Sippe und Gesinde
Weib und Waffen und Leib und Leben
Dem Glanz und Glück des Geschlechtes von Gaut
Den guten Goten
Und wer von uns sich wollte weigern
Den Eid zu ehren mit allen Opfern« 
    Hier traten er und auf seinen Wink auch die andern aus der Grube und unter
dem Rasenstreifen hervor
»Des rotes Blut soll rinnen ungerächet
Wie dies Wasser unterm Waldwasen« 
    Er erhob den Kessel goss sein blutiges Wasser in die Grube und nahm ihn wie
das andre Gerät heraus
»Auf des Haupt sollen des Himmels Hallen
Dumpf niederdonnern und ihn erdrücken
Wuchtig so wie dieser Wasen«
    Er schlug mit Einem Streich die drei spannenden Lanzenschäfte nieder und
dumpf fiel die schwere Rasendecke nieder in die Rinne Die fünf Männer stellten
sich nun mit verschlungenen Händen auf die wieder von Rasen gedeckte Stelle und
in rascherem Ton fuhr der Alte fort »Und wer von uns nicht achtet dieses Eides
und dieses Bundes und wer nicht die Blutsbrüder als echte Brüder schützt im
Leben und rächt im Tode und wer sich weigert sein Alles zu opfern dem Volk der
Goten wann die Not es begehrt und ein Bruder ihn mahnt der soll verfallen sein
auf immer den unteren den ewigen den wüsten Gewalten die da hausen unter dem
grünen Gras des Erdgrundes gute Menschen sollen mit Füßen schreiten über des
Neidings Haupt und sein Name soll ehrlos sein soweit Christenleute Glocken
läuten und Heidenleute Opfer schlachten soweit Mutter Kind koset und der Wind
weht über die weite Welt Sagt an ihr Gesellen solls ihm also geschehen dem
niedrigen Neiding«
    »So soll ihm geschehen« sprachen die vier Männer ihm nach
    Nach einer ernsten Pause löste Hildebrand die Kette der Hände und sprach
»Und auf dass ihrs wisst welche Weihe diese Stätte hat für mich  jetzt auch für
euch  warum ich euch zu solchem Tun gerade hierher beschieden und zu dieser
Nacht  kommt und seht« Und also sprechend erhob er die Fackel und schritt
voran hinter den mächtigen Stamm der Eiche vor der sie geschworen Schweigend
folgten die Freunde bis sie an der Kehrseite des alten Baumes hielten und hier
mit Staunen gerade gegenüber der Rasengrube in welcher sie gestanden ein
breites offenes Grab gähnen sahen von welchem die deckende Felsplatte
hinweggewälzt war da ruhten in der Tiefe im Licht der Fackel geisterhaft
erglänzend drei weiße lange Skelette einzelne verrostete Waffenstücke
Lanzenspitzen Schildbuckel lagen daneben Die Männer blickten überrascht bald
in die Grube bald auf den Greis Dieser leuchtete lange schweigend in die
Tiefe Endlich sagte er ruhig »Meine drei Söhne Sie liegen hier über dreißig
Jahre Sie fielen auf diesem Berg in dem letzten Kampf um die Stadt Ravenna
Sie fielen in Einer Stunde heute ist der Tag Sie sprangen jubelnd in die
Speere   für ihr Volk«
    Er hielt inne Mit Rührung sahen die Männer vor sich hin Endlich richtete
sich der Alte hoch auf und sah gen Himmel »Es ist genug« sagte er »die Sterne
bleichen Mitternacht ist längst vorüber Geht ihr andern in die Stadt zurück
Du Teja bleibst wohl bei mir  dir ist ja vor andern wie des Liedes der
Trauer Gabe gegeben  und hältst mit mir die Ehrenwacht bei diesen Toten«
    Teja nickte und setzte sich ohne ein Wort zu Füßen des Grabes wo er
stand nieder Der Alte reichte Totila die Fackel und lehnte sich Teja gegenüber
auf die Felsplatte Die andern drei winkten ihm scheidend zu Und ernst und in
schweigende Gedanken versunken stiegen sie hinunter zur Stadt
 
                                Drittes Kapitel
Wenige Wochen nach jener nächtlichen Zusammenkunft bei Ravenna fand zu Rom eine
Vereinigung statt ebenfalls heimlich ebenfalls unter dem Schutze der Nacht
aber von ganz andern Männern zu ganz andern Zwecken
    Das geschah an der appischen Straße nahe dem Kömeterium des heiligen
Kalixtus in einem halbverschütteten Gang der Katakomben jener rätselhaften
unterirdischen Wege die unter den Straßen und Plätzen Roms fast eine zweite
Stadt bildeten Es sind diese geheimnisvollen Räume  ursprünglich alte
Begräbnisplätze oft die Zuflucht der jungen Christengemeinde  so vielfach
verschlungen und ihre Kreuzungen Endpunkte Aus und Eingänge so schwierig zu
finden dass nur unter ortvertrautester Führung ihre inneren Tiefen betreten
werden können Aber die Männer deren geheimen Verkehr wir diesmal belauschen
fürchteten keine Gefahr Sie waren gut geführt Denn es war Silverius der
katholische Archidiakonus der alten Kirche des heiligen Sebastian der
unmittelbar von der Krypta seiner Basilika aus die Freunde auf steilen Stufen in
diesen Zweigarm der Gewölbe geführt hatte und die römischen Priester standen in
dem Rufe seit den Tagen der ersten Christen Kenntnis jener Labyrinthe
fortgepflanzt zu haben Die Versammelten schienen auch sich hier nicht zum
erstenmal einzufinden die Schauer des Ortes machten wenig Eindruck auf sie
Gleichgültig lehnten sie an den Wänden des unheimlichen Halbrunds das von
einer bronzenen Hängelampe spärlich beleuchtet den Schluss des niedrigen Ganges
bildete gleichgültig hörten sie die feuchten Tropfen von der Decke zur Erde
fallen und wenn ihr Fuß hier und da an weiße halbvermoderte Knochen stieß
schoben sie auch diese gleichgültig auf die Seite
    Es waren außer Silverius noch einige andere rechtgläubige Priester und eine
Mehrzahl vornehmer Römer aus den Adelsgeschlechtern des westlichen Kaiserreichs
anwesend die seit Jahrhunderten in fast erblichem Besitz der höheren Würden des
Staates und der Stadt geblieben
    Schweigend und aufmerksam beobachteten sie die Bewegungen des Archidiakons
der sich nachdem er die Erschienenen gemustert und in einige der einmündenden
Gänge in deren Dunkel man junge Leute in priesterlichen Kleidern Wache halten
sah prüfende Blicke geworfen hatte jetzt offenbar anschickte die Versammlung
in aller Form zu eröffnen
    Noch einmal trat er auf einen hochgewachsenen Mann zu der ihm gegenüber
regungslos an der Mauer lehnte und mit dem er wiederholt Blicke getauscht hatte
und nachdem dieser auf eine fragende Miene schweigend genickt wandte er sich
gegen die übrigen und sprach
    »Geliebte im Namen des dreieinigen Gottes Wieder einmal sind wir hier
versammelt zu heiligem Werk
    Das Schwert von Edom ist gezückt ob unsrem Haupt und König Pharao lechzt
nach dem Blut der Kinder Israel Wir aber fürchten nicht jene die den Leib
töten und der Seele nichts anhaben können wir fürchten vielmehr jenen der da
Leib und Seele verderben mag mit ewigem Feuer Wir vertrauen im Schauer der
Nacht auf die Hilfe dessen der sein Volk durch die Wüste geführt hat bei Tag
in der Rauchwolke bei Nacht in der Feuerwolke Und daran wollen wir halten und
wollen es nie vergessen was wir leiden wir leiden es um Gottes willen was wir
tun wir tuns zu seines Namens Ehre Dank ihm denn er hat gesegnet unsern
Eifer Klein wie des Evangeliums waren unsre Anfänge aber schon sind wir
gewachsen wie ein Baum an frischen Wasserbächen Mit Furcht und Zagen kamen wir
anfangs hier zusammen groß war die Gefahr schwach die Hoffnung edles Blut der
Besten war geflossen  heute wenn wir fest bleiben im Glauben dürfen wir es
kühnlich sagen der Thron des Königs Pharao steht auf Füßen von Schilf und die
Tage der Ketzer sind gezählt in diesem Lande«
    »Zur Sache« rief ein junger Römer dazwischen mit kurzkrausem schwarzem
Haar und blitzenden schwarzen Augen ungeduldig warf er das Sagum von der
linken Hüfte über die rechte Schulter zurück dass das kurze Schwert sichtbar
wurde »Zur Sache Priester was soll heut geschehen«
    Silverius warf auf den Jüngling einen Blick der lebhaften Unwillen über
solch kecke Selbständigkeit nicht ganz mit salbungsvoller Ruhe zu verdecken
vermochte Scharfen Tones fuhr er fort »Auch die an die Heiligkeit unsres
Zweckes nicht zu glauben scheinen sollten doch den Glauben an diese Heiligkeit
bei andern nicht stören um ihrer eignen weltlichen Ziele willen nicht Heute
aber Licinius mein rascher Freund soll ein neues hochwillkommenes Glied
unsrem Bunde eingefügt werden sein Beitritt ist ein sichtbares Zeichen der
Gnade Gottes«
    »Wen willst du einführen Sind die Vorbedingungen erfüllt Haftest du für
ihn unbedingt oder stellst du andre Bürgschaft« so fragte ein andrer der
Versammelten ein Mann in reifen Jahren mit gleichmäßigen Zügen der einen
Stab zwischen den Füßen ruhig auf einem Vorsprung der Mauer saß  »Ich hafte
mein Scävola übrigens genügt seine Person «
    »Nichts dergleichen Die Satzung unsres Bundes verlangt Verbürgung und ich
bestehe darauf« sagte Scävola ruhig  »Nun gut gut ich bürge zähster aller
Juristen« wiederholte der Priester mit Lächeln Er winkte in einen der Gänge
zur Linken
    Zwei junge Ostiarii führten von da in die Mitte des Gewölbes einen Mann auf
dessen verhülltes Haupt aller Augen gerichtet waren Nach einer Pause hob
Silverius den Überwurf von Kopf und Schultern des Ankömmlings
    »Albinus« riefen die andern in Überraschung Entrüstung Zorn
    Der junge Licinius fuhr ans Schwert Scävola stand langsam auf wild
durcheinander scholl es »Wie Albinus der Verräter« Scheuen Blickes sah der
Gescholtene um sich seine schlaffen Züge bekundeten angeborene Feigheit wie
Hilfe stehend haftete sein Auge auf dem Priester »Ja Albinus« sagte dieser
ruhig »Will einer der Verbündeten wider ihn sprechen Er rede«  »Bei meinem
Genius« rief Licinius rasch vor allen »braucht es da der Rede Wir wissen
alle wer Albinus ist was er ist Ein feiger schändlicher Verräter«  der
Zorn erstickte seine Stimme  »Schmähungen sind keine Beweise« nahm Scävola
das Wort »Aber ich frage ihn selbst er soll hier vor allen bekennen Albinus
bist du es oder bist du es nicht der als die Anfänge des Bundes dem Tyrannen
verraten waren als du noch allein von uns allen verklagt warst es mit ansahst
dass die edelen Männer Boëtius und Symmachus unsre Mitverbündeten weil sie
dich mutig vor dem Wüterich verteidigten verfolgt gefangen ihres Vermögens
beraubt hingerichtet wurden während du der eigentliche Angeklagte durch
einen schmählichen Eid dich nie mehr um den Staat kümmern zu wollen und durch
urplötzliches Verschwinden dich gerettet hast Sprich bist du es um dessen
Feigheit willen die Zierden des Vaterlandes gefallen«
    Ein Murren des Unwillens ging durch die Versammlung Der Angeschuldigte
blieb stumm und bebte selbst Silverius verlor einen Augenblick die Haltung Da
richtete sich jener Mann der ihm gegenüber an der Felswand lehnte auf und trat
einen Schritt herzu seine Nähe schien den Priester zu erkräftigen und er begann
wieder »Ihr Freunde es ist geschehen was ihr sagt nicht wie ihrs sagt Vor
allem wisst Albinus ist an allem am wenigsten schuldig Was er getan er tats
auf meinen Rat«  »Auf deinen Rat«  »Das wagst du zu bekennen«  »Albinus
war verklagt durch den Verrat eines Sklaven der die Geheimschrift in den
Briefen nach Byzanz entziffert hatte Der ganze Argwohn des Tyrannen war
geweckt jeder Schein von Widerstand von Zusammenhang musste die Gefahr
vermehren Der Ungestüm von Boëtius und Symmachus die ihn mutig verteidigten
war edel aber töricht Denn er zeigte den Barbaren die Gesinnung des ganzen
Adels von Rom zeigte dass Albinus nicht allein stehe Sie handelten gegen
meinen Rat leider haben sie es im Tode gebüßt Aber ihr Eifer war auch
überflüssig denn den verräterischen Sklaven raffte plötzlich vor weitern
Aussagen die Hand des Herrn hinweg und es war gelungen die Geheimbriefe des
Albinus vor dessen Verhaftung zu vernichten Jedoch glaubt ihr Albinus würde
auf der Folter würde unter Todesdrohungen geschwiegen haben geschwiegen wenn
ihm die Nennung der Mitverschworenen retten konnte Das glaubt ihr nicht das
glaubte Albinus selbst nicht Deshalb musste vor allem Zeit gewonnen die Folter
abgewendet werden Dies gelang durch jenen Eid Unterdessen freilich bluteten
Boëtius und Symmachus sie waren nicht zu retten doch ihres Schweigens auch
unter der Folter waren wir sicher Albinus aber ward durch ein Wunder aus
seinem Kerker befreit wie Sankt Paulus zu Philippi Es hieß er sei nach Athen
entflohen und der Tyrann begnügte sich ihm die Rückkehr zu verbieten Allein
der dreieinige Gott hat ihm hier in seinem Tempel eine Zufluchtsstätte bereitet
bis dass die Stunde der Freiheit naht In der Einsamkeit seines heiligen Asyles
nun hat der Herr das Herz des Mannes wunderbar gerührt und ungeschreckt von der
Todesgefahr die schon einmal seine Locke gestreift hat tritt er wieder in
unsern Kreis und bietet dem Dienste Gottes und des Vaterlands sein ganzes
unermessliches Vermögen Vernehmt er hat all sein Gut der Kirche Sanktä Mariä
Majoris zu Bundeszwecken vermacht Wollt ihr ihn und seine Millionen
verschmähen«
    Eine Pause des Staunens trat ein endlich rief Licinius »Priester du bist
klug wie  wie ein Priester Aber mir gefällt solche Klugheit nicht« 
»Silverius« sprach der Jurist »du magst die Millionen nehmen Das steht dir
an Aber ich war der Freund des Boëtius mir steht nicht an mit jenem Feigen
Gemeinschaft zu halten Ich kann ihm nicht vergeben Hinweg mit ihm«  »Hinweg
mit ihm« scholl es von allen Seiten Scävola hatte der Empfindung aller das
Wort geliehen Albinus erblasste selbst Silverius zuckte unter dieser
allgemeinen Entrüstung »Cetegus« flüsterte er leise Beistand heischend
    Da trat der Mann in die Mitte der bisher immer geschwiegen und nur mit
kühler Überlegenheit die Sprechenden gemustert hatte Er war groß und hager
aber kräftig von breiter Brust und seine Muskeln von eitel Stahl Ein
Purpursaum an der Toga und zierliche Sandalen verrieten Reichtum Rang und
Geschmack aber sonst verhüllte ein langer brauner Soldatenmantel die ganze
Unterkleidung der Gestalt Sein Kopf war von denen die man einmal gesehen nie
mehr vergisst
    Das dichte noch glänzend schwarze Haar war nach Römerart kurz und rund um
die gewölbte etwas zu große Stirn und die edel geformten Schläfe geschoren
tief unter den fein geschweiften Brauen waren die schmalen Augen geborgen in
deren unbestimmtem Dunkelgrau ein ganzes Meer versunkener Leidenschaften aber
noch bestimmter der Ausdruck kältester Selbstbeherrschung lag Um die scharf
geschnittenen bartlosen Lippen spielte ein Zug stolzer Verachtung gegen Gott und
seine ganze Welt Wie er vortrat und mit ruhiger Vornehmheit den Blick über die
Erregten streifen ließ wie seine nicht einschmeichelnde aber beherrschende
Redeweise anhob empfand jeder in der Versammlung den Eindruck bewusster
Überlegenheit und wenige Menschen mochten diese Nähe ohne das Gefühl der
Unterordnung tragen
    »Was hadert ihr« sagte er kalt »über Dinge die geschehen müssen Wer den
Zweck will muss das Mittel wollen Ihr wollt nicht vergeben Immerhin Daran
liegt nichts Aber vergessen müsst ihr Und das könnt ihr Auch ich war ein
Freund der Verstorbenen vielleicht ihr nächster Und doch  ich will vergessen
Ich tu es eben weil ich ihr Freund war Der liebt sie Scävola der allein der
sie rächt Um der Rache willen  Albinus deine Hand«  Alle schwiegen
bewältigt mehr von der Persönlichkeit als von den Gründen des Redners Nur der
Jurist bemerkte noch
    »Rusticiana des Boëtius Witwe und des Symmachus Tochter die einflussreiche
Frau ist unsrem Bunde hold Wird sie das bleiben wenn dieser eintritt Kann
sie je vergeben und vergessen Niemals«
    »Sie kann es Glaubt nicht mir glaubt euren Augen« Mit diesen Worten
wandte sich rasch Cetegus und schritt in einen der Seitengänge dessen Mündung
bisher sein Rücken verdeckt hatte  Hart am Eingang stand lauschend eine
verschleierte Gestalt er ergriff ihre Hand »komm« flüsterte er »jetzt
komm«  »Ich kann nicht ich will nicht« war die leise Antwort der
Widerstrebenden »Ich verfluche ihn Ich kann ihn nicht sehen den Elenden« 
»Es muss sein Komm du kannst und du willst es  denn ich will es« Er schlug
ihren Schleier zurück noch ein Blick und sie folgte wie willenlos
    Sie bogen um die Ecke des Eingangs »Rusticiana« riefen alle  »Ein Weib
in unserer Versammlung« sprach der Jurist »Das ist gegen die Satzungen die
Gesetze«
    »Ja Scävola aber die Gesetze sind um des Bundes willen nicht der Bund um
der Gesetze willen Und geglaubt hättet ihr mir nie was ihr hier seht mit
Augen«
    Er legte die Hand der Witwe in die zitternde Rechte des Albinus
    »Seht Rusticiana verzeiht wer will jetzt noch widerstreben«  Überwunden
und überwältigt verstummten alle Für Cetegus schien das weitere jedes
Interesse verloren zu haben Er trat mit der Frau an die Wand im Hintergrund
zurück Der Priester aber sprach »Albinus ist Glied des Bundes«  »Und sein
Eid den er dem Tyrannen geschworen« fragte schüchtern Scävola  »War
erzwungen und ist ihm gelöst von der heiligen Kirche Aber nun ist es Zeit zu
scheiden Nur noch die eilendsten Geschäfte die neuesten Botschaften Hier
Licinius der Festungsplan von Neapolis du musst ihn bis morgen nachgezeichnet
haben er geht an Belisar Hier Scävola Briefe aus Byzanz von Theodora der
frommen Gattin Justinians du musst sie beantworten Da Kalpurnius eine
Anweisung auf eine halbe Million Solidi von Albinus du sendest sie an den
fränkischen Majordomus er wirkt bei seinem König gegen die Goten Hier
Pomponius eine Liste der Patrioten in Dalmatien du kennst die Dinge dort und
die Menschen sieh zu ob bedeutende Namen fehlen Euch allen aber sei gesagt
dass nach heute erhaltenen Briefen von Ravenna die Hand des Herrn schwer auf
dem Tyrannen liegt tiefe Schwermut zu späte Reue über all seine Sünden soll
seine Seele niederdrücken und der Trost der wahren Kirche bleibt ihm fern
Harret aus noch eine kleine Weile bald wird ihn die zornige Stimme des Richters
abrufen dann kommt der Tag der Freiheit An den nächsten Iden zur selben
Stunde treffen wir uns wieder Der Segen des Herrn sei mit euch« Eine
Handbewegung des Diakons verabschiedete die Versammelten die jungen Priester
traten mit den Fackeln aus den Seitengängen und geleiteten die Einzelnen in
verschiedenen Richtungen nach den nur ihnen bekannten Ausgängen der Katakomben
 
                                Viertes Kapitel
Silverius Cetegus und Rusticiana stiegen miteinander die Stufen hinauf welche
in die Krypta der Basilika des heiligen Sebastian führten Von da gingen sie
durch die Kirche in das unmittelbar darangebaute Haus des Diakonus Dort
angelangt überzeugte sich dieser dass alle Hausgenossen schliefen bis auf einen
alten Sklaven der im Atrium bei einer halb herabgebrannten Ampel wachte Auf
den Wink seines Herrn zündete er die neben ihm stehende silberfüssige Lampe an
und drückte auf eine Fuge im Marmorgetäfel Die Marmorplatten drehten sich um
ihre Achse und ließ den Priester der die Leuchte ergriffen mit den beiden
andern in ein kleines niedres Gemach treten dessen Öffnung sich hinter ihnen
rasch und geräuschlos wieder schloss Keine Ritze verriet nun wieder dass hier
eine Tür
    Der kleine Raum jetzt mit einem hohen Kreuz aus Holz einem Betschemel und
einigen christlichen Symbolen auf Goldgrund einfach ausgestattet hatte in
heidnischen Tagen offenbar wie die an den Wänden hinlaufenden Polstersimse
bezeugten dem Zweck jener kleinen Gelage von zwei oder drei Gästen gedient
deren zwanglose Gemütlichkeit Horatius feiert Zurzeit war hier das Asyl für die
geheimsten geistlichen   oder weltlichen  Gedanken des Diakonus Schweigend
setzte sich Cetegus auf ein gegenüber in die Wand eingelegtes Mosaikgemälde
den flüchtigen Blick des verwöhnten Kunstkenners werfend auf den niederen
Lectus Während der Priester beschäftigt war aus einem Mischkrug mit
hochgeschweiften Henkeln Wein in die bereitstehenden Becher zu gießen und eine
eherne Schale mit Früchten auf den dreifüssigen Bronzetisch zu stellen stand
Rusticiana Cetegus gegenüber ihn mit unwillig staunenden Blicken messend Kaum
vierzig Jahre alt zeigte das Weib Spuren einer seltenen etwas männlichen
Schönheit die weniger durch das Alter als durch heftige Leidenschaften gelitten
hatte schon war hier und da nicht graues sondern weißes Haar in ihre
rabenschwarzen Flechten gemischt das Auge hatte einen unsteten Blick und starre
Falten zogen sich gegen die immer bewegten Mundwinkel Sie stützte die Linke auf
den Erztisch und strich mit der Rechten wie nachsinnend über die Stirn dabei
fortwährend Cetegus anstarrend Endlich sprach sie »Mensch sage sage Mann
welche Gewalt du über mich hast Ich liebe dich nicht mehr Ich sollte dich
hassen Ich hasse dich auch Und doch muss ich dir folgen willenlos Wie der
Vogel dem Auge der Schlange Und du legst meine Hand diese Hand in die Hand
jenes Schurken Sage du Frevler welches ist diese Macht«
    Cetegus schwieg unaufmerksam Endlich sagte er sich zurücklehnend
»Gewohnheit Rusticiana Gewohnheit«
    »Jawohl Gewohnheit Gewohnheit einer Sklaverei die besteht seit ich
denken kann Dass ich als Mädchen den schönen Nachbarssohn bewunderte war
natürlich dass ich glaubte du liebtest mich war verzeihlich du küsstest mich
ja Und wer konnte  damals  wissen dass du nicht lieben kannst Nichts kaum
dich selbst Dass die Gattin des Boëtius diese wahnsinnige Liebe nicht
erstickte die du wie spielend wieder anfachtest war eine Sünde aber Gott und
die Kirche haben sie mir verziehen Doch dass ich jetzt noch nachdem ich
jahrzehntelang deine herzlose Tücke kenne nachdem die Glut der Leidenschaft
erloschen in diesen Adern dass ich jetzt noch blindlings deinem dämonischen
Willen folgen muss  das ist eine Torheit zum Lautauflachen«
    Und sie lachte hell und fuhr mit der Rechten über die Stirn Der Priester
hielt in seiner wirtlichen Beschäftigung inne und sah verstohlen auf Cetegus
er war gespannt Cetegus lehnte das Haupt rückwärts an den Marmorsims und
umfasste mit der Rechten den Pokal der vor ihm stand
    »Du bist ungerecht Rusticiana« sagte er ruhig »Und unklar Du mischest
die Spiele des Eros in die Werke der Eris und der Erinnyen Du weißt es dass ich
der Freund des Boëtius war Obwohl ich sein Weib küsste Vielleicht ebendeshalb
Ich sehe darin nichts Besonderes und du  nun dir haben es ja Silverius und die
Heiligen vergeben Du weißt ferner dass ich diese Goten hasse wirklich hasse
dass ich den Willen und  vor andern  die Fähigkeit habe durchzusetzen was
dich jetzt ganz erfüllt deinen Vater den du geliebt deinen Gatten den du
geehrt hast an diesen Barbaren zu rächen Du gehorchst daher meinen Winken Und
du tust daran sehr klug Denn du hast zwar ein sehr bedeutendes Talent Ränke zu
schmieden Aber deine Heftigkeit trübt oft deinen Blick Sie verdirbt deine
feinsten Pläne Also tust du wohl kühlerer Leitung zu folgen Das ist alles 
Aber jetzt geh Deine Sklavin kauert schlaftrunken im Vestibulum Sie glaubt
dich in der Beichte bei Freund Silverius Die Beichte darf nicht gar zu lange
währen Auch haben wir noch Geschäfte Grüße mir Kamilla dein schönes Kind und
lebe wohl« Er stand auf ergriff ihre Hand und führte sie sanft zur Türe Sie
folgte widerstrebend nickte dem Priester zum Abschied zu sah nochmal auf
Cetegus der ihre innere Bewegung nicht zu sehen schien und ging mit leisem
Kopfschütteln hinaus
    Cetegus setzte sich wieder und trank den Pokal aus
    »Sonderbarer Kampf in diesem Weibe« sagte Silverius und setzte sich mit
Griffel Wachstafeln Briefen und Dokumenten zu ihm »Nicht sonderbar Sie will
ihr Unrecht gegen ihren Gatten gut machen indem sie ihn rächt Und dass sie
diese Rache gerade durch ihren ehemaligen Geliebten findet macht die heilige
Pflicht besonders süß Freilich ist ihr dies alles unbewusst  Aber was gibts
zu tun« Und nun begannen die beiden Männer ihre Arbeit solche Punkte der
Verschwörung zu erledigen die allen Gliedern des Bundes mitzuteilen sie nicht
für ratsam hielten  »Diesmal« hob der Diakonus an »gilt es vor allem das
Vermögen des Albinus festzustellen und dessen nächste Verwendung zu beraten Wir
brauchten ganz unabweislich Geld viel Geld«  »Geldsachen sind dein Gebiet«
sagte Cetegus trinkend »Ich verstehe sie wohl aber sie langweilen mich«
    »Ferner müssen die einflussreichsten Männer auf Sizilien in Neapolis und
Apulien gewonnen werden Hier ist die Liste derselben mit Notizen über die
einzelnen Es sind Menschen darunter bei denen die gewöhnlichen Mittel nicht
verfangen« »Gib her« sagte Cetegus »das will ich machen« und zerlegte einen
persischen Apfel  
    Nach einer Stunde angestrengter Arbeit waren die dringendsten Geschäfte
bereinigt und der Hausherr legte die Dokumente wieder in ihr Geheimfach hinter
dem großen Kreuz in der Mauer Der Priester war ermüdet und sah mit Neid auf den
Genossen dessen stählernen Körper und unangreifbaren Geist keine späte Stunde
keine Anspannung ermatten zu können schien Er äußerte etwas dergleichen als
sich Cetegus den silbernen Becher wieder füllte
    »Übung Freund starke Nerven und« setzte er lächelnd hinzu »ein gutes
Gewissen das ist das ganze Rätsel«
    »Nein im Ernst Cetegus du bist mir auch sonst ein Rätsel«  »Das will
ich hoffen«  »Nun hältst du dich für ein mir so unerreichbar überlegenes
Wesen«  »Ganz und gar nicht Aber doch für gerade hinreichend tief um andern
nicht minder ein Rätsel zu sein als  mir selbst Dein Stolz auf
Menschenkenntnis mag sich beruhigen Es geht mir selbst mit mir nicht besser als
dir Nur die Tropfen sind durchsichtig«  »In der Tat,« fuhr der Priester
ausholend fort »der Schlüssel zu deinem Wesen muss sehr tief liegen Sieh zum
Beispiel die Genossen unsres Bundes Von jedem lässt sich sagen welcher Grund
ihn dazu geführt hat Der hitzige Jugendmut einen Licinius der verrannte aber
ehrliche Rechtssinn einen Scävola mich und die andern Priester  der Eifer für
die Ehre Gottes«
    »Natürlich« sagte Cetegus trinkend
    »Andere treibt der Ehrgeiz oder die Hoffnung bei einem Bürgerkrieg ihren
Gläubigern die Hälse abzuschneiden oder auch die Langeweile über den geordneten
Zustand dieses Landes unter den Goten oder eine Beleidigung durch einen der
Fremden die allermeisten der natürliche Widerwille gegen die Barbaren und die
Gewöhnung nur im Kaiser den Herrn Italiens zu sehen Bei dir aber schlägt
keiner dieser Beweggründe an und« 
    »Und das ist sehr unbequem nicht wahr Denn mittels Kenntnis ihrer
Beweggründe beherrscht man die Menschen Ja ehrwürdiger Gottesfreund ich kann
dir nicht helfen Ich weiß es wirklich selbst nicht was mein Beweggrund ist
Ich bin selbst so neugierig darauf dass ich es dir herzlich gern sagen und mich
 beherrschen lassen wollte wenn ich es nur entdecken könnte Nur das Eine
fühl ich diese Goten sind mir zuwider Ich hasse diese vollblütigen Gesellen
mit ihren breiten Flachsbärten Unausstehlich ist mir das Glück dieser brutalen
Gutmütigkeit dieser naiven Jugendlichkeit dieses alberne Heldentum diese
ungebrochnen Naturen Es ist eine Unverschämtheit des Zufalls der die Welt
regiert dieses Land  nach einer solchen Geschichte  mit Männern wie  wie
du und ich  von diesen Nordbären beherrschen zu lassen« Unwillig warf er das
Haupt zurück drückte die Augen zu und schlürfte einen kleinen Trunk Weines
»Dass die Barbaren fort müssen« sprach der andere »darüber sind wir einig Und
für mich ist damit alles erreicht Denn ich will ja nur die Befreiung der Kirche
von diesen irrgläubigen Barbaren welche die Göttlichkeit Christi leugnen und
nur einen Halbgott aus ihm machen Ich hoffe dass alsdann der römischen Kirche
der Primat im ganzen Gebiet der Christenheit der ihr gebührt unbestritten
zufallen wird Aber solange Rom in der Hand der Ketzer liegt während der
Bischof von Byzanz von dem allein rechtgläubigen und rechtmäßigen Kaiser
gestützt wird« 
    »Solange ist der Bischof von Rom nicht der oberste Bischof der Christenheit
solange nicht Herr Italiens und deshalb der römische Stuhl selbst wenn ein
Silverius ihn einnehmen wird nicht das was er werden soll das Höchste Und
das will doch Silverius«
    Überrascht sah der Priester auf
    »Beunruhige dich nicht Freund Gottes Ich weiß das längst und habe dein
Geheimnis bewahrt obwohl du es mir nicht vertraut hast Allein weiter« Er
schenkte sich aufs neue ein » dein Falerner ist gut abgelagert aber er hat zu
viel Süße Du kannst eigentlich nur wünschen dass diese Goten den Thron der
Cäsaren räumen nicht dass die Byzantiner an ihre Stelle treten denn sonst hat
der Bischof von Rom wieder zu Byzanz seinen Oberbischof und einen Kaiser Du
musst also an der Goten Stelle wünschen  nicht einen Kaiser  Justinian 
sondern  etwa was«  »Entweder«  fiel Silverius eifrig ein  »einen eignen
Kaiser des Westreichs«  »Der aber« vollendete Cetegus seinen Satz »nur eine
Puppe ist in der Hand des heiligen Petrus «  »Oder eine römische Republik
einen Staat der Kirche «  »In welchem der Bischof von Rom der Herr Italien
das Hauptland und die Barbarenkönige in Gallien Germanien Spanien die
gehorsamen Söhne der Kirche sind Schön mein Freund Nur müssen erst die Feinde
vernichtet sein deren Spolien du bereits verteilst Deshalb ein altrömischer
Trinkspruch wehe den Barbaren«
    Er stand auf und trank dem Priester zu »Aber die letzte Nachtwache
schleicht vorüber und meine Sklaven müssen mich am Morgen in meinem Schlafgemach
finden Leb wohl« Damit zog er den Kukullus des Mantels über das Haupt und
ging
    Der Wirt sah ihm nach »Ein höchst bedeutendes Werkzeug« sagte er zu sich
»Gut dass er nur ein Werkzeug ist Möge er es immer bleiben«
    Cetegus aber schritt von der Via appia her wo die Kirche des heiligen
Sebastian den Eingang in die Katakomben bedeckt nach Nordwesten dem Kapitole
zu an dessen Fuß am Nordende der Via sacra sein Haus gelegen war nordöstlich
vom Forum Romanum
    Die kühle Morgenluft strich belebend um sein Haupt
    Er schlug den Mantel zurück und dehnte die breite starke gewaltige Brust
»Ja ein Rätsel bist du« sprach er vor sich hin »treibst Verschwörung und
nächtlichen Verkehr wie ein Republikaner oder ein Verliebter von zwanzig Jahren
Und warum  Ei wer weiß warum er atmet Weil er muss Und so muss ich tun was
ich tue Eins aber ist gewiss Dieser Priester mag Papst werden er muss es
vielleicht werden Aber eins darf er nicht Er darf es nicht lange bleiben
Sonst lebt wohl ihr Gedanken ihr kaum eingestandenen die ihr noch Träume seid
und Wolkendünste vielleicht aber ballt sich daraus ein Gewitter das Blitz und
Donner führt und mein Verhängnis wird Sieh es wetterleuchtet im Osten Gut
Ich nehme das Omen an«
    Mit diesen Worten schritt er in sein Haus Im Schlafgemach fand er auf dem
Zederntisch vor seinem Lager einen verschnürten und mit dem königlichen Siegel
gepressten Brief
    Er schnitt die Schnüre mit dem Dolch auf schlug die doppelte Wachstafel
auseinander und las
    »An Cetegus Cäsarius den Princeps Senatus Marcus Aurelius Kassiodorus
Senator
    Unser Herr und König liegt im Sterben Seine Tochter und Erbin Amalaswinta
wünscht Dich noch vor seinem Ende zu sprechen Du sollst das wichtigste
Reichsamt übernehmen Eile sogleich nach Ravenna«
 
                                Fünftes Kapitel
Atembeklemmend lag bange Stimmung schwer und schwül über dem Königspalast zu
Ravenna mit seiner düstern Pracht mit seiner unwirtlichen Weiträumigkeit
    Die alte Burg der Cäsaren hatte im Lauf der Jahrhunderte schon so manche
stilwidrige Veränderung erfahren Und seit an die Stelle der Imperatoren der
Gotenkönig mit seinem germanischen Hofgesinde getreten war hatte sie vollends
ein wenig harmonisches Aussehen angenommen Denn viele Räume die eigentümlichen
Sitten des römischen Lebens gedient hatten standen mit der alten Pracht ihrer
Einrichtung unbenutzt und vernachlässigt Spinnweben zogen sich über die
Mosaiken der reichen aber lang nicht mehr betretenen Badgemächer des Honorius
und in dem Toilettenzimmer der Placidia huschten die Eidechsen über das
Marmorgesims der Silberspiegel in den Mauern Dagegen hatten die Bedürfnisse
eines mehr kriegerischen Hofhalts manche Mauer niedergerissen um die kleinen
Gemächer des antiken Hauses zu den weiteren Räumen von Waffensälen Trinkhallen
Wachtzimmern auszudehnen Und man hatte anderseits durch neue Mauerführungen
benachbarte Häuser mit dem Palast verbunden daraus eine Festung mitten in der
Stadt zu schaffen Es trieben jetzt in der »piscina maxima« dem ausgetrockneten
Teich blonde Buben ihre wilden Spiele und in den Marmorsälen der Palästra
wieherten die Rosse der gotischen Wachen So hatte der weitläufige Bau das
unheimliche Ansehen halb einer kaum noch erhaltnen Ruine halb eines
unvollendeten Neubaus und die Burg dieses Königs erschien so wie ein Sinnbild
seines römischgotischen Reiches seiner ganzen politischen halbunfertigen
halbverfallenden Schöpfung 
    An dem Tage aber der Cetegus nach Jahren hier zuerst wieder eintreten sah
lastete ein Gewölk von Spannung Trauer und Düstre ganz besonders schwer auf
diesem Haus denn seine königliche Seele sollte daraus scheiden 
    Der große Mann der von hier aus ein Menschenalter lang die Geschicke
Europas gelenkt den Abendland und Morgenland in Liebe und Hass bewunderten der
Heros seines Jahrhunderts der gewaltige Dietrich von Bern dessen Namen schon
bei seinen Lebzeiten die Sage sich ausschmückend bemächtigt hatte der große
Amalungenkönig Teoderich sollte sterben
    So hatten es die Ärzte wenn nicht ihm selbst doch seinen Räten verkündet
und alsbald war es hinausgedrungen in die große volkreiche Stadt Obwohl man
seit lange einen solchen Ausgang der geheimnisvollen Leiden des greisen Fürsten
für möglich gehalten erfüllte doch jetzt die Kunde von dem drohenden Eintritt
des verhängnisvollen Schlages alle Herzen mit der höchsten Aufregung
    Die treuen Goten trauerten und bangten aber auch bei der römischen
Bevölkerung war eine dumpfe Spannung die vorherrschende Empfindung Denn hier in
Ravenna in der unmittelbaren Nähe des Königs hatten die Italier die Milde und
Hoheit dieses Mannes im allgemeinen zu bewundern und durch besondere Wohltaten
zu erfahren am häufigsten Gelegenheit gehabt Ferner fürchtete man nach dem Tode
dieses Königs der während seiner ganzen Regierung mit einziger Ausnahme der
jüngsten Kämpfe mit dem Kaiser und dem Senat in welchen Boëtius und Symmachus
geblutet die Italier vor der Gewalttätigkeit und Rauheit seines Volkes
beschützt hatte unter einem neuen Regiment Härte und Druck von Seite der Goten
zu befahren
    Endlich aber wirkte noch ein anderes Höheres die Persönlichkeit dieses
Heldenkönigs war so großartig so majestätisch gewesen dass auch diejenigen die
seinen und seines Reiches Untergang oft herbeigewünscht hatten doch in dem
Augenblick da nun diese Sonne erlöschen sollte sich niedriger Schadenfreude
nicht hingeben und ernsterer Erschütterung nicht erwehren konnten
    So war die Stadt schon seit grauendem Morgen  da man zuerst vom Palast
Boten nach allen Winden hatte jagen und einzelne Diener in die Häuser der
vornehmsten Goten und Römer hatte eilen sehen  in höchster Erregung In den
Straßen auf den Plätzen in den Bädern standen die Männer paarweise oder in
Gruppen beisammen fragten und teilten sich mit was sie wussten suchten eines
Vornehmen habhaft zu werden der vom Palaste herkam und sprachen über die
ernsten Folgen des bevorstehenden Ereignisses Weiber und Kinder kauerten
neugierig auf den Schwellen der Häuser Mit den wachsenden Stunden des Tages
strömte sogar schon die Bevölkerung der nächsten Dörfer und Städte besonders
trauernde Goten forschend in die Tore Ravennas Die Räte des Königs voraus der
Präfectus Prätorio Kassiodorus der sich in diesen Tagen um Aufrechterhaltung
der Ordnung hohes Verdienst erwarb hatten solche Aufregung vorausgesehen
vielleicht Schlimmeres erwartet
    Seit Mitternacht waren alle Zugänge zum Palast geschlossen und mit gotischen
Wachen besetzt Auf dem Forum des Honorius vor der Stirnseite des Gebäudes war
ein Zug Reiter aufgestellt Auf den breiten Marmorstufen die zu der stolzen
Säulenreihe des Hauptportals hinaufführten waren starke Scharen gotischen
Fussvolks mit Schild und Speer in malerischen Gruppen gelagert
    Nur hier konnte man nach Kassiodors Befehl Eintritt in den Palast erlangen
und nur die beiden Anführer des Fussvolks der Römer Cyprian und der Gote
Witichis durften die Erlaubnis dazu erteilen Ersterer war es der Cetegus
einließ Wie dieser den altbekannten Weg zum Gemach des Königs verfolgte fand
er in den Hallen und Gängen der Burg die Goten und Italier denen ihr Rang und
Ansehen Zutritt erwarben in ungleichen Gruppen verteilt
    Schweigend und traurig standen in der sonst so lauten Trinkhalle die jungen
Tausendführer und Hundertführer der Goten beisammen oder flüsterten einzelne
besorgte Fragen während hier und da ein älterer Mann ein Waffengefährte des
sterbenden Helden in einer Nische der Bogenfenster lehnte seinen lauten
Schmerz zu verbergen in der Mitte des Saales stand laut weinend das Haupt an
einen Pfeiler drückend ein reicher Kaufmann von Ravenna der König der jetzt
scheiden sollte hatte ihm eine Verschwörung verziehen und seine Warenhallen vor
der Plünderung durch die ergrimmten Goten gerettet
    Mit einem kalten Blick der Geringschätzung schritt Cetegus an dem allen
vorüber Er ging weiter
    In dem nächsten Gemach dem zum Empfang fremder Gesandten bestimmten Saal
fand er eine Anzahl von vornehmen Goten Herzogen Grafen und Edelen beisammen
die offenbar Beratung hielten über den Tronwechsel und den drohenden Umschwung
aller Verhältnisse
    Da waren die tapferen Herzoge Tulun von Provincia der die Stadt Arles
heldenmütig gegen die Franken verteidigt hatte Ibba von Liguria der Eroberer
von Spanien Pitza von Dalmatia der Besieger der Bulgaren und Gepiden
gewaltige trotzige Herren stolz auf ihren alten Adel der dem Königshaus der
Amaler wenig nachgab  denn sie waren aus dem Geschlecht der Balten das bei den
Westgoten durch Alarich die Krone gewonnen hatte  und auf ihre kriegerischen
Verdienste die das Reich beschirmt und erweitert
    Auch Hildebad und Teja standen bei ihnen
    Das waren die Führer der Partei die längst eine härtere Behandlung der
Italier welche sie hassten und scheuten zugleich begehrt und die nur
widerstrebend dem milden Sinn des Königs sich gefügt hatten Wilde Blicke des
Hasses schossen aus ihrer Mitte auf den vornehmen Römer der da Zeuge der
Sterbestunde des großen Gotenhelden sein wollte Ruhig schritt Cetegus an ihnen
vorüber und hob den schweren Wollvorhang auf der den nächsten Raum abschied
das Vorzimmer des Krankengemaches Eintretend begrüßte er mit tiefer Verbeugung
des Hauptes eine hohe königliche Frau die in schwarze Trauerschleier gehüllt
ernst und schweigend aber in fester Fassung und ohne Tränen vor einem mit
Urkunden bedeckten Marmortische stand das war Amalaswinta die verwitwete
Tochter Teoderichs
    Eine Frau in der Mitte der Dreissiger war sie noch von außerordentlicher
wenn auch kalter Schönheit Sie trug das reiche dunkle Haar nach griechischer
Weise gescheitelt und gewellt Die hohe Stirn das große runde Auge die
geradlinige Nase der Stolz ihrer fast männlichen Züge und die Majestät ihrer
vollen Gestalt verliehen ihr gebietende Würde und in dem ganz nach hellenischem
Stil gefalteten Trauergewand glich sie in der Tat einer von ihrem Postament
heruntergeschrittenen Hera des Polyklet
    An ihrem Arme hing mehr gestützt als stützend ein Knabe oder Jüngling von
etwa siebzehn Jahren Atalarich ihr Sohn des Gotenreiches Erbe Er glich
nicht der Mutter sondern hatte die Natur seines unglücklichen Vaters Eutarich
den eine zehrende Krankheit des Herzens in der Blüte seiner Jahre in das Grab
gezogen hatte Mit Sorge sah deshalb Amalaswinta ihren Sohn in allem ein
Ebenbild des Vaters werden und es war kaum mehr ein Geheimnis am Hofe von
Ravenna dass alle Spuren jener Krankheit sich schon in dem Knaben zeigten
Atalarich war schön wie alle Glieder dieses von den Göttern stammenden Hauses
Starke schwarze Brauen lange Wimpern beschatteten ein edles dunkles Auge das
aber bald wie in unbestimmten Träumen zerfloss bald in geisterhaftem Glanz
aufblitzte Dunkelbraune wirre Locken hingen in die bleichen Schläfe in denen
bei lebhafter Erregung die feinen blauen Adern krampfhaft zuckten Der edlen
Stirn hatte leiblicher Schmerz oder schwere Entsagung tiefe Furchen
eingezeichnet befremdlich auf diesem jugendlichen Antlitz Rasch wechselten
Marmorblässe und heißes Rot auf den durchsichtigen Wangen Die hoch
aufgeschossene aber geknickte Gestalt schien meistens wie müde in ihren Fugen zu
hangen und schoss nur manchmal mit erschreckender Raschheit in die Höhe Er sah
den eintretenden Cetegus nicht denn er hatte an der Mutter Brust gelehnt den
griechischen Mantel klagend um das junge Haupt geschlagen das bald eine schwere
Krone tragen sollte 
    Fern von diesen beiden an dem offenen Bogen des Gemaches der den Blick auf
die von den Gotenkriegern besetzten Marmorstufen gewährte stand in
träumerisches Sinnen verloren ein Weib  oder war es eine Jungfrau  von
überraschender blendender überwältigender Schönheit das war Mataswinta
Atalarichs Schwester Sie glich der Mutter an Adel und Höhe der Gestalt aber
ihre schärferen Züge hatten ein feuriges leidenschaftliches Leben das sich nur
wenig unter angenommener Kälte barg Ihre Gestalt ein reizvolles Ebenmass von
blühender Fülle und feiner Schlankheit mahnte an jene bezwungene Artemis in den
Armen des Endymion in der Gruppe des Agesander die nach der Sage der Rat von
Rhodos hatte aus der Stadt verbannen müssen weil diese marmorne höchste Einheit
schönster Jungfräulichkeit und schönster Sinnlichkeit die Jünglinge des Eilands
zu Wahnsinn und Selbstmord getrieben hatte Der Zauber höchster reifer
Mädchenschönheit zitterte über diesem Wesen Ihr reichwallendes Haar war
dunkelrot mit einem schillernden Metallglanz und von so außerordentlicher
Wirkung dass er der Fürstin selbst bei diesem durch die prächtigen Goldlocken
seiner Weiber berühmten Volk den Namen »Schönhaar« verschafft hatte Ihre
Augenbrauen aber und die langen Wimpern waren glänzend schwarz und hoben die
blendend weiße Stirn die alabasternen Wangen leuchtend hervor Die fein
gebogene Nase mit den zartgeschnittenen manchmal leise zuckenden Flügeln senkte
sich auf einen üppig schwellenden Mund Aber das Auffallendste an dieser
auffallenden Schönheit war das graue Auge nicht so fast durch die ziemlich
unbestimmte Farbe wie durch den wunderbaren Ausdruck mit dem es meist in
träumerisches Sinnen verloren manchmal in versengender Leidenschaft aufleuchten
konnte In der Tat, wie sie da an dem Fenster lehnte in der halb hellenischen
halb gotischen von ihrer Phantasie erfinderisch zusammengewählten Tracht den
weißen hochgewölbten Arm um die dunkle Porphyrsäule geschlungen und
hinausträumend in die Abendluft glich ihre verführerische Schönheit jenen
unwiderstehlichen Waldfrauen oder Wellenmädchen deren allverstrickende
Liebesgewalt von jeher die germanische Sage gefeiert hat Und so groß war die
Macht dieser Schönheit dass selbst die ausgebrannte Brust des Cetegus der die
Fürstin längst kannte bei seinem Eintritt von neuem Staunen berührt wurde 
    Doch wurde er sogleich in Anspruch genommen von dem letzten der im Gemach
Anwesenden von Kassiodor dem gelehrten und treuen Minister des Königs dem
ersten Vertreter jener wohlwollenden aber hoffnungslosen Versöhnungspolitik
die seit einem Menschenalter im Gotenreich geübt wurde Der alte Mann dessen
ehrwürdige und milde Züge der Schmerz um den Verlust seines königlichen Freundes
nicht weniger bewegte als die Sorge um die Zukunft des Reiches stand auf und
ging mit schwankenden Schritten dem Eintretenden entgegen der sich
ehrfurchtvoll verneigte In Tränen schwimmend ruhte das Auge des Greises auf
ihm endlich sank er seufzend an die kalte Brust des Cetegus der ihn für diese
Weichheit verachtete
    »Welch ein Tag« klagte er  »Ein verhängnisvoller Tag« sprach Cetegus
ernst »er fordert Kraft und Fassung«  »Recht sprichst du Patricius und wie
ein Römer«  sagte die Fürstin sich von Atalarich losmachend »sei gegrüßt«
Sie reichte ihm die Hand die nicht bebte ihr Auge war klar »Die Schülerin der
Stoa bewährt an diesem Tage die Weisheit Zenos und die eigne Kraft« sprach
Cetegus
    »Sagt lieber die Gnade Gottes kräftigt ihre Seele wunderbar« verbesserte
Kassiodor »Patricius« begann Amalaswinta »der Präfectus Prätorio hat dich
mir vorgeschlagen zu einem wichtigen Geschäft Sein Wort würde genügen auch
wenn ich dich nicht längst schon kennte Du bist derselbe Cetegus der die
ersten beiden Gesänge der Äneis in griechische Hexameter übertragen hat«  »
Infandum renovare jubes regina dolorem Eine Jugendsünde Königin« lächelte
Cetegus »Ich habe alle Abschriften aufgekauft und verbrannt an dem Tage da
die Übersetzung Tullias erschien« Tullia war das Pseudonym Amalaswintas
Cetegus wusste das aber die Fürstin hatte von dieser seiner Kenntnis keine
Ahnung Sie war in ihrer schwächsten Stelle geschmeichelt und fuhr fort »Du
weißt wie es hier steht Die Atemzüge meines Vaters sind gezählt nach dem
Ausspruch der Ärzte kann er obwohl noch rüstig und stark jeden Augenblick tot
zusammenbrechen Atalarich hier ist der Erbe seiner Krone Ich aber führe an
seiner Statt die Regentschaft und über ihn die Mundschaft bis er zu seinen Tagen
gekommen«  »So ist der Wille des Königs und Goten und Römer haben dieser
Weisheit längst schon zugestimmt« sagte Cetegus  »So taten sie Aber die
Menge ist wandelbar Die rohen Männer verachten die Herrschaft eines Weibes« 
und sie zog bei diesem Gedanken die Stirn in zornige Falten »Es widerstreitet
immerhin dem Staatsrecht der Goten wie der Römer« begütigte Kassiodor »es ist
ganz neu dass ein Weib «  »Die undankbaren Rebellen« murmelte Cetegus
gleichsam für sich »Wie man darüber denken mag« fuhr die Fürstin fort »es ist
so Gleichwohl baue ich auf die Treue der Barbaren im ganzen mögen auch
einzelne aus dem Adel Gelüste nach der Krone tragen Auch von den Italiern hier
in Ravenna wie in den meisten Städten fürchte ich nicht Aber ich fürchte 
Rom und die Römer« Cetegus horchte hoch auf sein ganzes Wesen war in
plötzlicher Erregung aber sein Antlitz blieb eisig kalt
    »Rom wird sich niemals an die Herrschaft der Goten gewöhnen es wird uns
ewig widerstreben  wie könnte es anders« setzte sie seufzend hinzu Es war
als ob die Tochter Teoderichs eine römische Seele hätte
    »Wir fürchten deshalb«  ergänzte Kassiodor  »dass auf die Kunde von der
Erledigung des Trons zu Rom eine Bewegung gegen die Regentin ausbrechen könnte
sei es für Anschluss an Byzanz sei es für Erhebung eines eignen Kaisers des
Abendlandes«
    Cetegus schlug wie nachsinnend die Augen nieder 
    »Darum« fiel die Fürstin rasch ein »muss schon ehe jene Kunde zu Rom
eintrifft alles geschehen sein Ein entschlossener mir treu ergebener Mann muss
die Besatzung für mich  ich meine für meinen Sohn  vereidigen die wichtigsten
Tore und Plätze besetzen Senat und Adel einschüchtern das Volk für mich
gewinnen und meine Herrschaft unerschütterlich aufrichten ehe sie noch bedroht
ist Und für dies Geschäft hat Kassiodor  dich vorgeschlagen Sprich willst du
es übernehmen«
    Bei diesen Worten war der goldne Griffel aus ihrer Hand zur Erde gefallen
Cetegus bückte sich ihn aufzuheben Er hatte nur diesen einen Augenblick für
die hundert Gedanken die bei diesem Antrag sich in seinem Kopfe kreuzten
    War die Verschwörung in den Katakomben war vielleicht er selbst verraten
Lag hier eine Schlinge des schlauen und herrschsüchtigen Weibes Oder waren die
Toren wirklich so blind gerade ihm dies Amt aufzudringen Und wenn dem so war
was sollte er tun Sollte er den Moment benutzen sogleich loszuschlagen Rom zu
gewinnen Und für wen für Byzanz oder für einen Kaiser im Abendlande Und wer
sollte das werden Oder waren die Dinge noch nicht reif Sollte er für diesmal 
aus Treulosigkeit  Treue üben Für all diese und manche andere Zweifel und
Fragen hatte er sie zu stellen und zu lösen nur den einen Moment da er sich
bückte sein rascher Geist brauchte nicht mehr er hatte im Bücken das arglos
vertrauende Gesicht Kassiodors gesehen und entschlossen sprach er den Griffel
überreichend »Königin ich übernehme das Geschäft«  »Das ist gut« sagte die
Fürstin Kassiodor drückte seine Hand »Wenn Kassiodor« fuhr Cetegus fort
»mich zu diesem Amte vorgeschlagen so hat er wieder einmal seine tiefe
Menschenkenntnis bewährt Er hat durch meine Schale auf meinen Kern gesehen« 
»Wie meinst du das« fragte Amalaswinta  »Königin der Schein konnte ihn
trügen Ich gestehe dass ich die Barbaren  verzeihe  die Goten nicht gern in
Italien herrschen sehe«  »Dieser Freimut ehrt dich und ich verzeih es dem
Römer«  »Dazu kommt dass ich seit Jahrzehnten dem Staat dem öffentlichen
Leben keine Teilnahme mehr zuwandte Nach vielen Leidenschaften leb ich  ohne
alle Leidenschaft  nur einer spielenden Muse und leichten Gelehrsamkeit
unbekümmert um die Sorgen der Könige auf meinen Villen«  »Beatus ille qui
procul negotiis« zitierte seufzend die gelehrte Frau  »Aber eben weil ich die
Wissenschaft verehre weil ich ein Schüler Platons will dass die Weisen
herrschen sollen deshalb wünsche ich dass eine Königin mein Vaterland regiere
die nur der Geburt nach Gotin der Seele nach Griechin der Tugend nach Römerin
ist
    Ihr zu Liebe will ich meine Musse den verhassten Geschäften opfern Aber nur
unter der Bedingung dass dies mein letztes Staatsamt sei Ich übernehme deinen
Auftrag und stehe dir für Rom mit meinem Kopf«
    »Gut hier findest du die Vollmachten die Dokumente deren du bedarfst«
    Cetegus durchflog die Urkunden »Dies ist das Manifest des jungen Königs an
die Römer mit deiner Unterschrift Seine Unterschrift fehlt noch« Amalaswinta
tauchte die gnidische Rohrfeder in das Gefäß mit Purpurtinte deren sich die
Amaler wie die römischen Imperatoren bedienten »Komm schreibe deinen Namen
mein Sohn« Atalarich hatte während der ganzen Verhandlung stehend und mit
beiden Armen vorgebeugt auf den Tisch gestützt Cetegus scharf beobachtet
Jetzt richtete er sich auf er war gewohnt in seinen Formen die Rechte eines
Khronfolgers und eines Kranken zu gebrauchen »Nein« sagte er heftig »Ich
schreibe nicht Nicht bloß weil ich diesem kalten Römer nicht traue  nein
ich traue dir gar nicht du stolzer Mann  es ist empörend dass ihr während
mein hoher Großvater noch atmet schon an seiner Krone herumtappt ihr Zwerge
nach der Krone des Riesen Schämt euch eurer Fühllosigkeit Hinter jenen
Vorhängen stirbt der größte Held des Jahrhunderts  und ihr denkt nur an die
Teilung seiner Königsgewänder«
    Er wandte ihnen den Rücken und schritt langsam nach dem Fenster zu wo er
den Arm um seine schöne Schwester schlang und ihr schimmervolles glänzendes Haar
streichelte
    Lange stand er so sie achtete seiner nicht Plötzlich fuhr sie auf aus
ihrem Sinnen »Atalarich« flüsterte sie hastig seinen Arm fassend und
hinausdeutend auf die Marmorstufen »wer ist der Mann dort im blauen Stahlhelm
der eben um die Säule biegt Sprich wer ist es« »Lass sehen« sagte der Jüngling
sich vorbeugend »der dort ei das ist Graf Witichis der Besieger der Gepiden
ein wackerer Held« Und er erzählte ihr von den Taten und Erfolgen des Grafen im
letzten Kriege
    Indessen hatte Cetegus die Fürstin und den Minister fragend angesehen »Lass
ihn« seufzte Amalaswinta »Wenn er nicht will zwingt ihn keine Macht der
Erde« Weiteres Fragen des Cetegus ward abgeschnitten indem sich der dreifache
Vorhang auftat der das Schlafgemach des Königs von allem Geräusch des
Vorzimmers schied Es war Elpidios der griechische Arzt der die schweren
Falten aufhebend berichtete der Kranke eben aus langem Schlummer erwacht
habe ihn fortgeschickt um mit dem alten Hildebrand allein zu sein dieser wich
nie von seiner Seite
 
                               Sechstes Kapitel
Das Schlafgemach Teoderichs schon von den Kaisern zu gleichem Zweck benutzt
zeigte die düstere Pracht des späten römischen Stils Die überladenen Reliefs an
den Wänden die Goldornamentik der Decke schilderte noch Siege und Triumphzüge
der römischen Konsuln und Imperatoren heidnische Götter und Göttinnen schwebten
stolz darüber hin überall in der Architektur und Dekoration waltete drückender
Prunk
    Dazu bildete einen merkwürdigen Gegensatz das Lager des Gotenkönigs in
seiner schlichten Einfachheit Kaum einen Fuß vom Marmorboden erhob sich das
ovale Gestell von rohem Eichenholz das wenige Decken füllten Nur der köstliche
Purpurteppich der die Füße verhüllte und das Löwenfell mit goldnen Tatzen ein
Geschenk des Vandalenkönigs aus Afrika das vor dem Bette lag bekundete die
Königshoheit des Kranken Alles Gerät das sonst das Gemach erfüllt war
prunklos schlicht fast barbarisch schwer
    An einer Säule im Hintergrund hing der eherne Schild und das breite Schwert
des Königs seit vielen Jahren nicht mehr gebraucht Am Kopfende des Lagers
stand gebeugten Hauptes der alte Waffenmeister die Züge des Kranken sorglich
prüfend dieser auf den linken Arm gestützt kehrte ihm das gewaltige das
majestätische Antlitz zu Sein Haar war spärlich und an den Schläfen abgerieben
durch den langjährigen Druck des schweren Helmes aber noch glänzend hellbraun
ohne irgend graue oder weiße Spuren Die mächtige Stirn die blitzenden Augen
die stark gebogene Nase die tiefen Furchen der Wangen sprachen von großen
Aufgaben und von großer Kraft sie zu lösen und machten den Eindruck des
Gesichts königlich und hehr aber die wohlwollende Weichheit des Mundes
bekundete trotz dem grimmen und leise ergrauenden Bart jene Milde und
friedliche Weisheit mit welcher der König ein Menschenalter lang für Italien
eine goldne Zeit zurückgeführt und sein Reich zu einer Blüte erhoben hatte die
damals schon Sprichwort und Sage feierten
    Lang ließ er mit Huld und Liebe das goldbraune Adlerauge auf dem riesigen
Krankenwart ruhen Dann reichte er ihm die magre aber nervige Rechte »Alter
Freund« sagte er »nun wollen wir Abschied nehmen«
    Der Greis sank in die Knie und drückte die Hand des Königs an die breite
Brust »Komm Alter steh auf muss ich dich trösten«
    Aber Hildebrand blieb auf den Knieen und erhob nur das Haupt dass er dem
König ins Auge sehen konnte »Sieh« sprach dieser »ich weiß dass du Hildungs
Sohn von deinen Ahnen von deinem Vater her tiefere Geheimkunde hast von der
Menschen Siechtum und Heilung als alle diese griechischen Ärzte und lydischen
Salbenkrämer Und vor allem du hast mehr Wahrhaftigkeit Darum frage ich dich
du sollst mir redlich bestätigen was ich selbst fühle sprich ich muss sterben
heute noch noch vor Nacht«
    Und er sah ihn an mit einem Auge das nicht zu täuschen war Aber der Alte
wollte gar nicht täuschen er hatte jetzt seine zähe Kraft wieder »Ja
Gotenkönig Amalungen Erbe du musst sterben« sagte er »die Hand des Todes hat
über dein Antlitz gestrichen Du wirst die Sonne nicht mehr sinken sehen«
    »Es ist gut« sagte Teoderich ohne mit der Wimper zu zucken »Siehst du
der Grieche den ich fortgeschickt hat mir noch von ganzen Tag vorgelogen Und
ich brauche doch meine Zeit«
    »Willst du wieder die Priester rufen lassen« fragte Hildebrand nicht mit
Liebe  »Nein ich konnte sie nicht brauchen Und ich brauche sie nicht mehr«
 »Der Schlaf hat dich sehr gestärkt und den Schleier von deiner Seele genommen
der sie solang verdunkelt Heil dir Teoderich Teodemers Sohn du wirst
sterben wie ein Heldenkönig«
    »Ich weiß« lächelte dieser »die Priester waren dir nicht genehm an diesem
Lager Du hast recht Sie konnten mir nicht helfen«  »Nun aber wer hat dir
geholfen«
    »Gott und ich selbst Höre Und diese Worte sollen unser Abschied sein Mein
Dank für deine Treue von fünfzig Jahren sei es dass ich dir allein nicht meiner
Tochter nicht Kassiodor es vertraue was mich gequält hat Sprich was sagt man
im Volk was glaubst du dass jene Schwermut war die mich plötzlich befallen und
in dieses Siechtum gestürzt hat«  »Die Welschen sagen Reue über den Tod des
Boëtius und Symmachus«  »Hast du das geglaubt«  »Nein ich mochte nicht
glauben dass dich das Blut der Verräter bekümmern kann«  »Du hast wohlgetan
Sie waren vielleicht nicht des Todes schuldig nach dem Gesetz nach ihren Taten
Und Boëtius habe ich sehr geliebt Aber sie waren tausendfach Verräter
Verräter in ihren Gedanken Verräter an meinem Vertrauen an meinem Herzen Ich
habe sie die Römer höher gehalten als die Besten meines Volkes Und sie haben
zum Dank meine Krone dem Kaiser gewünscht dem Byzantiner Schmeichelbriefe
geschrieben sie haben einen Justin und einen Justinian der Freundschaft des
Teoderich vorgezogen mich reut der Undankbaren nicht Ich verachte sie Rate
weiter Du was hast du geglaubt«  »König dein Erbe ist ein Kind und du hast
ringsum Feinde« Der Kranke zog die kühnen Brauen zusammen »Du triffst näher
ans Ziel Ich habe stets gewusst was meines Reiches Schwäche In bangen Nächten
hab ich geseufzt um seine innere Krankheit wann ich am Abend beim Gastgelag
den fremden Gesandten den Stolz höchster Zuversicht gezeigt hatte Alter du
hast ich weiß mich für allzu sicher gehalten Aber mich durfte niemand beben
sehen Nicht Freund noch Feind Sonst bebte mein Thron Ich habe geseufzt wann
ich einsam war und meine Sorge allein getragen«  »Du bist die Weisheit mein
König und ich war ein Tor« rief der Alte »Sieh« fuhr der König fort  mit
der Hand über die des Alten streichend  »ich weiß alles was dir nicht recht
an mir gewesen Auch deinen blinden Hass gegen diese Welschen kenne ich Glaube
mir er ist blind Wie vielleicht meine Liebe zu ihnen war« Hier seufzte er und
hielt inne »Was quälst du dich«  »Nein lass mich vollenden Ich weiß es mein
Reich das Werk meines ruhmvollen mühevollen Lebens kann fallen leicht fallen
Und vielleicht durch Schuld meiner Großmut gegen diese Römer Sei es darum Kein
Menschenbau ist ewig und die Schuld zu edler Güte  ich will sie tragen«
    »Mein großer König«  »Aber Hildebrand in einer Nacht da ich so wachte
sorgte und seufzte über den Gefahren meines Reiches  da stieg mir vor der
Seele auf das Bild einer andern Schuld Nicht der Güte nein der Ruhmsucht der
blutigen Gewalt Und wehe wehe mir wenn das Volk der Goten sollte untergehn
zur Strafe für Teoderichs Frevel  Sein sein Bild tauchte mir empor«
    Der Kranke sprach nun mit Anstrengung und zuckte einen Augenblick »Wessen
Bild Wen meinst du« fragte der Alte leise sich vorbeugend »Odovakar«
flüsterte der König Hildebrand senkte das Haupt Ein banges Schweigen
unterbrach endlich Teoderich »Ja Alter diese Rechte  du weißt es  hat den
gewaltigen Helden durchstossen beim Mahl meinen Gast Heiss spritzte sein Blut
mir ins Gesicht und ein Hass ohne Ende sprühte auf mich aus seinem brechenden
Auge Vor wenigen Monden in jener Nacht stieg sein blutiges bleiches
zürnendes Bild wie eines Rachegottes vor mir auf Fiebernd zuckte mein Herz
zusammen Und furchtbar sprachs in mir um dieser Bluttat willen wird dein
Reich zerfallen und dein Volk vergehen«
    Nach einer neuen Pause begann diesmal Hildebrand trotzig aufblickend
»König was quälst du dich wie ein Weib Hast du nicht Hunderte erschlagen mit
eigener Hand und dein Volk Tausende auf dein Gebot Sind wir nicht von den Bergen
in dies Land herabgestiegen in mehr als dreißig Schlachten im Blute watend
knöcheltief Was ist dagegen das Blut des einen Mannes Und denk wie es stand
Vier Jahre hatte er dir widerstanden wie der Auerstier dem Bären Zweimal hatte
er dich und dein Volk hart an den Rand des Verderbens gedrängt Hunger Schwert
und Seuche rafften deine Goten dahin Endlich endlich fiel das trotzige
Ravenna ausgehungert durch Vertrag Bezwungen lag der Todfeind dir zu Füßen
Da kommt dir Warnung er sinnt Verrat er will noch einmal den grässlichen Kampf
aufnehmen er will zur Nacht desselben Tages dich und die Deinen überfallen Was
solltest du tun Ihn offen zu Rede stellen War er schuldig so konnte das nicht
retten Kühn kamst du ihm zuvor und tatest ihm abends was er dir nachts getan
hätte Und wie hast du deinen Sieg benützt Die Eine Tat hat all dein Volk
gerettet hat einen neuen Kampf der Verzweiflung erspart Du hast all die Seinen
begnadigt hast Goten und Welsche dreißig Jahre leben lassen wie im Himmelreich
Und nun willst du um jene Tat dich quälen Zwei Völker danken sie dir in
Ewigkeit Ich  ich hätt ihn siebenmal erschlagen«
    Der Alte hielt inne sein Auge blitzte er sah wie ein zorniger Riese Aber
der König schüttelte das Haupt
    »Das ist nichts alter Recke alles nichts Hundertmal hab ich mir dasselbe
gesagt und verlockender feiner als deine Wildheit es vermag Das hilft all
nichts Er war ein Held der einzige meinesgleichen  Und ich hab ihn
ermordet ohne Beweis seiner Schuld Aus Argwohn aus Eifersucht ja  es muss
gesagt sein aus Furcht  aus Furcht noch einmal mit ihm ringen zu sollen Das
war und ist und bleibt ein Frevel  Und ich fand keine Ruhe hinter Ausreden
Düstre Schwermut fiel auf mich Seine Gestalt verfolgte mich seit jener Nacht
unaufhörlich Beim Schmaus und im Rat auf der Jagd in der Kirche im Wachen
und im Schlafen Da schickte mir Kassiodor die Bischöfe die Priester Sie
konnten mir nicht helfen Sie hörten meine Beichte sahen meine Reue meinen
Glauben und vergaben mir alle Sünden Aber Friede kam nicht über mich und ob
sie mir verziehen  ich konnte mir nicht verzeihen Ich weiß nicht ist es der
alte Sinn meiner heidnischen Ahnen  aber ich kann mich nicht hinter dem Kreuz
verstecken vor dem Schatten des Ermordeten Ich kann mich nicht gelöst glauben
von meiner blutigen Tat durch das Blut eines unschuldigen Gottes der am Kreuze
gestorben«  
    Freude leuchtete über das Antlitz Hildebrands »Du weißt« raunte er ihm zu
»ich habe niemals diesen Kreuzpriestern glauben können Sprich o sprich
glaubst auch du noch an Tor und Odhin Haben sie dir geholfen«
    Der König schüttelte lächelnd das Haupt »Nein du alter unverbesserlicher
Heide Dein Walhall ist nichts für mich Höre wie mir geholfen ward Ich
schickte gestern die Bischöfe fort und kehrte tief in mich selber ein Und
dachte und flehte und rang zu Gott Und ich ward ruhiger Und sieh in der Nacht
kam über mich tiefer Schlummer wie ich ihn seit langen Monden nicht mehr
gekannt« Und als ich erwachte da schauerte kein Fieber der Qual mehr in meinen
Gliedern Ruhig war ich und klar Und dachte dieses »Ich habe es getan und
keine Gnade kein Wunder Gottes macht es ungeschehen Wohlan er strafe mich
Und wenn er der zornige Gott des Moses so räche er sich und strafe mit mir mein
ganzes Haus bis ins siebente Glied Ich weihe mich und mein Geschlecht der Rache
des Herrn Er mag uns verderben er ist gerecht Aber weil er gerecht ist kann
er nicht strafen dieses edle Volk der Goten um fremde Schuld Er kann es nicht
verderben um des Frevels seines Königs willen Nein das wird er nicht Und muss
dies Volk einst untergehen  ich fühl es klar dann ist es nicht um meine Tat
Für diese weih ich mich und mein Haus der Rache des Herrn Und so kam Friede
über mich und mutig mag ich sterben«
    Er schwieg Hildebrand aber neigte das Haupt und küsste die Rechte welche
Odovakar erschlagen hatte
    »Das war mein Abschied an dich Und mein Vermächtnis mein Dank für ein
ganzes Leben der Treue  Jetzt lass uns den Rest der Zeit noch diesem Volk der
Goten zuwenden Komm hilf mir aufstehen ich kann nicht in den Kissen sterben
Dort hangen meine Waffen Gib sie mir  Keine Widerrede  Ich will Und ich
kann«
    Hildebrand musste gehorchen rüstig erhob sich mit seiner Hilfe der Kranke
von dem Lager schlug einen weiten Purpurmantel um die Schultern gürtete sich
mit dem Schwert setzte den niederen Helm mit der Zackenkrone auf das Haupt und
stützte sich auf den schafft der schweren Lanze den Rücken gegen die breite
dorische Mittelsäule des Gemaches gelehnt
    »So jetzt rufe meine Tochter Und Kassiodor Und wer sonst da draußen«
 
                               Siebentes Kapitel
So stand er ruhig während der Alte die Vorhänge an der Tür zu beiden Seiten
zurückschlug so dass Schlafzimmer und Vorhalle nunmehr Einen ungeschiedenen Raum
bildeten Alle draußen Versammelten  es hatten sich inzwischen noch mehrere
Römer und Goten eingefunden  näherten sich mit Staunen und ehrfürchtigem
Schweigen dem König
    »Meine Tochter« sprach dieser »sind die Briefe aufgesetzt die meinen Tod
und meines Enkels Tronfolge nach Byzanz berichten sollen«
    »Hier sind sie« sprach Amalaswinta
    Der König durchflog die Papyrusrollen
    »An Kaiser Justinus Ein zweiter an seinen Neffen Justinianus Freilich
der wird bald das Diadem tragen und ist schon jetzt der Herr seines Herrn
Kassiodor hat sie verfasst  ich sehe es an den schönen Gleichnissen Aber halt«
 und die hohe klare Stirn verdüsterte sich »Eurem kaiserlichen Schutze meine
Jugend empfehlend« »Schutze Das ist des Guten zu viel Wehe wenn ihr auf
Schutz von Byzanz gewiesen seid Freundschaft mich empfehlend ist genug von dem
Enkel Teoderichs« Und er gab die Briefe zurück »Und hier ein drittes
Schreiben nach Byzanz An wen An Theodora die edle Gattin Justinians Wie an
die Tänzerin vom Zirkus Des Löwenwärters schamlose Tochter« Und sein Auge
funkelte »Sie ist von größtem Einfluss auf ihren Gemahl« wandte Kassiodor ein
 »Nein meine Tochter schreibt an keine Dirne die aller Weiber Ehre besudelt
hat« Und er zerriss die Papyrusrolle und schritt über die Stücke zu den Goten im
Mittelgrund der Halle »Witichis tapferer Mann was wird dein Amt sein nach
meinem Tod«
    »Ich werde unser Fußvolk mustern zu Tridentum«
    »Kein Bessrer könnte das Du hast noch immer nicht den Wunsch getan den ich
dir damals freigestellt nach der Gepidenschlacht Hast du noch immer nichts zu
wünschen«
    »Doch mein König«
    »Endlich Das freut mich  sprich«  »Heute soll ein armer Kerkerwart weil
er sich weigerte einen Angeklagten zu foltern und nach dem Liktor schlug
selbst gefoltert werden Herr König gib den Mann frei das Foltern ist
schändlich und «
    »Der Kerkerwart ist frei und von Stund an wird die Folter nicht mehr
gebraucht im Reich der Goten Sorg dafür Kassiodorus Wackrer Witichis gib mir
die Hand Auf dass alle wissen wie ich dich ehre schenk ich dir Wallada mein
lichtbraun Edelross zu Gedächtnis dieser Scheidestunde Und kommst du je auf
seinem Rücken in Gefahr oder«  hier sprach er ganz leise zu ihm  »will es
versagen flüstre dem Ross meinen Namen ins Ohr  Wer wird Neapolis hüten Der
Herzog Tulun war zu rau  Das fröhliche Volk dort muss durch fröhliche Mienen
gewonnen werden«
    »Der junge Totila wird dort die Hafenwache übernehmen« sprach Kassiodor
    »Totila Ein sonniger Knabe Ein Siegfried ein Götterliebling Ihm können
die Herzen nicht widerstehen Aber freilich Die Herzen dieser Welschen« Er
seufzte und fuhr fort »Wer versichert uns Roms und des Senats« »Cetegus
Cäsarius« sagte Kassiodor mit einer Handbewegung »dieser edle Römer« 
»Cetegus Ich kenne ihn wohl Sieh mich an Cetegus« Ungern erhob der
Angeredete die Augen die er vor dem großen Blick des Königs rasch
niedergeschlagen Doch hielt er jetzt das Adlerauge das seine Seele durchdrang
ruhig aus mit dem Aufgebot aller Kraft »Es war krank Cetegus dass ein Mann
von deiner Art sich solang vom Staat ferngehalten Und von uns Oder es war
gefährlich Vielleicht ist es noch gefährlicher dass du dich  jetzt  dem Staat
zuwendest«  »Nicht mein Wunsch o König«
    »Ich bürge für ihn« rief Kassiodor  »Still Freund Auf Erden mag keiner
für den andern bürgen  Kaum für sich selbst  Aber« fuhr er forschenden
Blickes fort »an die Griechlein wird dieser stolze Kopf  dieser Cäsarkopf 
Italien nicht verraten«
    Noch einen scharfen Blick aus den goldnen Adleraugen musste Cetegus tragen
Dann ergriff der König plötzlich den Arm des nur mit Mühe noch fest in sich
geschlossenen Mannes und flüsterte ihm zu »Höre was ich dir warnend weissage
Es wird kein Römer mehr gedeihen auf dem Thron des Abendlands Still kein
Widerwort Ich habe dich gewarnt   Was lärmt da draußen« fragte er rasch
sich wendend seine Tochter die einem meldenden Römer leisen Bescheid erteilte
»Nichts mein König nichts von Bedeutung mein Vater«  »Wie Geheimnisse vor
mir Bei meiner Krone Wollt ihr schon herrschen solang ich noch atme Ich
vernahm den Laut fremder Zungen da draußen Auf die Türen« Die Pforte welche
die äußere Halle mit dem Vorzimmer verband öffnete sich
    Da zeigten sich unter zahlreichen Goten und Römern kleine fremd aussehende
Gestalten in seltsamer Tracht mit Wämsern aus Wolfsfell mit spitz zulaufenden
Mützen und langen zottigen Schafspelzen die über ihren Rücken hingen
Überrascht und bewältigt von dem plötzlichen Anblick des Königs der
hochaufgerichtet auf sie zuschritt sanken die Fremden wie vom Blitz getroffen
auf die Kniee
    »Ah Gesandte der Avaren Das räuberische Grenzgesindel an unsern Ostmarken
Habt ihr den schuldigen Jahrestribut«  »Herr wir bringen ihn noch für diesmal
 Pelzwerk  wollne Teppiche  Schwerter  Schilde  Da hangen sie  dort
liegen sie Aber wir hoffen dass für nächstes Jahr  wir wollten sehen«  »Ihr
wolltet sehen ob der greise Dieterich von Bern nicht altersschwach geworden
Ihr hofftet ich sei tot Und meinem Nachfolger könntet ihr die Schatzung
weigern Ihr irrt Späher« Und er ergriff wie prüfend eines der Schwerter
welche die Gesandten vor ihm ausgebreitet samt der Scheide nahm es mit zwei
Händen fest an Griff und Spitze  ein Druck und in zwei Stücken warf er ihnen
das Eisen vor die Füße »Schlechte Schwerter führen die Avaren« sagte er ruhig
»Und nun komm Atalarich meines Reiches Erbe Sie wollen dir nicht glauben
dass du meine Krone tragen kannst zeig ihnen wie du meinen Speer führest«
    Der Jüngling flog herbei Die Glutitze des Ehrgeizes zuckte über sein
bleiches Antlitz Er ergriff den schweren Speer seines Großvaters und
schleuderte ihn mit solcher Kraft auf einen der Schilde welche die Gesandten an
die Holzpfeiler der Halle gelehnt dass er ihn sausend durchbohrte und die Spitze
noch tief in das Holzwerk drang Stolz legte der König die Linke auf das Haupt
seines Enkels und rief den Gesandten zu »Jetzt geht daheim zu melden was ihr
hier gesehen«
    
    Er wandte sich die Pforten fielen zu und schlossen die staunenden Avaren
aus »Gebt mir einen Becher Wein Leicht den letzten Nein ungemischten Nach
Germanen Art«  und er wies den griechischen Arzt zurück  »Dank alter
Hildebrand für diesen Trunk so treu gereicht Ich trinke der Goten Heil« Er
leerte langsam den Pokal Und er setzte ihn noch fest auf den Marmortisch
    Aber da kam es über ihn plötzlich blitzähnlich was die Ärzte lang
erwartet er wankte griff an die Brust und stürzte rücklings in die Arme
Hildebrands der langsam niederknieend ihn auf den Marmorestrich gleiten ließ
und das Haupt mit dem Kronhelm auf den Armen hielt
    Einen Augenblick hielten alle lauschend den Atem an aber der König regte
sich nicht und laut aufschreiend warf sich Atalarich über die Leiche
 
                                 Zweites Buch
                                  Atalarich
                »Wo wär die selge Insel wohl zu finden«
                                                         Schiller Wilhelm Tell
                                                           III Aufzug 2 Szene
                                Erstes Kapitel
Nicht ohne Grund fürchtete und hoffte Freund und Feind in diesem Augenblick
schwere Gefahren für das junge Gotenreich Noch waren es nicht vierzig Jahre
dass Teoderich im Auftrag des Kaisers von Byzanz mit seinem Volk den Isonzo
überschritten und dem tapfern Abenteurer Odovakar den ein Aufstand der
germanischen Söldner auf den Thron des Abendlands erhoben Krone und Leben
entrissen hatte Alle Weisheit und Größe des Königs hatte nicht die Unsicherheit
beseitigen können die in der Natur seiner mehr kühnen als besonnenen Schöpfung
lag Trotz der Milde seiner Regierung fühlten die Italier  und wir wollen uns
hüten solche Gesinnung zu verdammen  aufs tiefste die Schmach der
Fremdherrschaft Und diese Fremden waren als Barbaren und Ketzer doppelt
verhasst Nach der Auffassung jener Zeit galten das weströmische und das
oströmische Reich als eine unteilbare Einheit und nachdem die Kaiserwürde im
Okzident erloschen erschien der oströmische Kaiser als der einzige rechtmäßige
Herr des Abendlands Nach Byzanz also waren die Augen aller römischen Patrioten
aller rechtgläubigen Katholiken von Italien gerichtet von Byzanz erhofften sie
Befreiung aus dem Joche der Ketzer der Barbaren Tyrannen Und Byzanz hatte
Macht und Neigung diese Hoffnung zu erfüllen Waren auch die Untertanen des
Imperators nicht mehr die Römer Cäsars oder Trajans  noch gebot das Ostreich
über eine sehr ansehnliche den Goten durch alle Mittel der Bildung und eines
lang bestehenden Staatswesens unendlich überlegene Macht
    An der Lust aber diese Überlegenheit zur Vernichtung des Barbarenreiches zu
gebrauchen konnte es nicht fehlen da das Verhältnis beider Staaten von
vornherein auf Überlistung Misstrauen und geheimen Hass gegründet war Vor ihrem
Abzug nach Italien hatte die Goten in den Donauländern angesiedelt an Byzanz
ein für beide Teile unerfreuliches Bundesverhältnis geknüpft das infolge des
Ehrgeizes ihrer Könige mehr noch der Treulosigkeit der Kaiser fast alle paar
Jahre in offenen Krieg zwischen den ungleichartigen Verbündeten umschlug
wiederholt hatte Teoderich obwohl in Zeiten der Aussöhnung mit den höchsten
Ehren des Reiches mit den Titeln Konsul Patricius Adoptivsohn des Kaisers
ausgezeichnet seine Waffen bis vor die Tore der Kaiserstadt getragen
    Um diesen steten Reibungen ein Ende zu machen hatte Kaiser Zeno ein feiner
Diplomat das echt byzantinische Auskunftsmittel getroffen den lästigen
Gotenkönig mit seinem Volk dadurch aus der gefährlichen Nachbarschaft zu
entfernen dass er ihm als ein Danaergeschenk Italien übertrug das erst dem
eisernen Arm des Helden Odovakar entrissen werden musste
    In der Tat, wie immer der Kampf zwischen den beiden deutschen Fürsten enden
mochte Byzanz musste immer gewinnen Siegte Odovakar so waren die Goten und ihr
furchtbarer König denen man schöne Provinzen und schwere Jahrgelder hatte
überlassen müssen für immer beseitigt Siegte Teoderich nun so war ein
Anmasser den man zu Byzanz niemals anerkannt hatte gestürztund gestraft und
da Teoderich im Namen und Auftrag des Kaisers siegen und als Stattalter
herrschen sollte durch eine ruhmvolle Eroberung das Abendland wieder mit dem
Ostreich vereinigt
    Aber der Ausgang des feinen Planes war doch nicht der erwünschte Denn als
Teoderich gesiegt und sein Reich in Italien gegründet hatte entfaltete sich
alsbald die ganze Grossartigkeit seines Geistes und erwarb ihm eine Stellung in
der bei aller Höflichkeit in den Formen doch jede Abhängigkeit von Byzanz
völlig verschwand
    Nur wo es ihm diente so um die Abneigung der Italier zu schwächen berief
er sich formell auf jenen Auftrag des Kaisers in Wahrheit aber herrschte er
auch über die Italier wie über seine Goten nicht als Stattalter und im Namen
des Byzantiners sondern kraft eignen Rechts kraft seines Sieges als »König
der Goten und Italier« Dies führte natürlich zu Misshelligkeiten mit dem Kaiser
die wiederholt in offenen Krieg zwischen den beiden Reichen aufloderten Es war
also kein Zweifel dass man zu Byzanz sehr bereit war dem Seufzen Italiens nach
Abwerfung des Barbarenjoches ein Ende zu bringen so wie man sich stark genug
fühlte Und die Goten hatten keine Bundesgenossen gegen diese innern und äußern
Feinde Denn Teoderichs Ruhm und Ansehen und seine Politik der Verschwägerung
mit allen Germanenfürsten hatten ihm doch nur eine Art moralischen Protektorats
keine sichre Verstärkung seiner Macht verschaffen können
    Es fehlte dem Gotenreich das eine geniale Persönlichkeit allzuverwegen und
vertrausam mitten in das Herz der römischen Bildungswelt gepflanzt hatte der
unmittelbare Zusammenhang mit noch nicht romanisierten Volkskräften es fehlte
der Nachschub an frischen germanischen Elementen der das gleichzeitig
entstehende Reich der Franken immer wieder verjüngt und wenigstens dessen
nordöstliche Teile vor der mit der Romanisierung verbundenen Fäulnis bewahrt
hatte während die kleine gotische Insel auf allen Seiten von den feindlichen
Wellen des römischen Lebens umspült und benagt diesen gegenüber von Jahr zu
Jahr zusammenschmolz
    Solange Teoderich der gewaltige Schöpfer dieses gewagten Werkes lebte
blendete der Glanz seines Namens über die Gefahren und Blössen seiner Schöpfung
    Aber mit Recht zitterte man vor dem Augenblick da das Steuer dieses
gefährdeten Schiffes in die Hand eines Weibes oder eines kranken Jünglings
übergehen sollte Aufstände der Italier Einmischung des Kaisers Abfall der
unterworfenen Angriffe der feindlichen Barbarenstämme waren zu besorgen Wenn
der gefährliche Augenblick gleichwohl ruhig vorüberging so war dies vor allem
der unermüdlich eifrigen und vorsorglichen Tätigkeit zu danken die Kassiodor
des Königs Freund und langbewährter Minister schon seit Wochen entfaltet hatte
und jetzt nach dem Tode Teoderichs verdoppelte Um die Italier in Ruhe zu
erhalten ward sofort ein Manifest erlassen das die Tronbesteigung
Atalarichs unter Vormundschaft seiner Mutter als eine bereits vollendete und
in aller Ruhe vollzogene Tatsache Italien und den Provinzen verkündete Sofort
auch wurden in alle Teile des Reiches Beamte entsendet die den Huldigungseid
der Bevölkerung entgegennehmen aber auch im Namen des jungen Königs eidlich
geloben sollten dass die neue Regierung alle Rechte und Freiheiten der Italier
und Provinzialen achten und in allen Stücken die Milde ja Vorliebe des großen
Toten für seine römischen Untertanen zum Muster nehmen werde
    Gleichzeitig wurde aber auch dafür gesorgt dass eine Furcht gebietende
Entfaltung der gotischen Heeresmacht an den Grenzen und in den wichtigsten oder
unruhigsten Städten des Reiches äußeren und inneren Gegnern die Lust zu
Feindseligkeiten vertreibe während mit dem Kaiserhof das gute Vernehmen durch
Gesandtschaften und Briefe sehr verbindlicher Haltung befestigt oder erneuert
wurde
 
                                Zweites Kapitel
Neben Kassiodor war es nun aber vor allen ein Mann der in jenen Tagen des
Übergangs eine bedeutende und wie es der Regentschaft schien
hochverdienstliche Rolle spielte
    Das war kein andrer als Cetegus
    Er hatte das wichtige Amt eines Stadtpräfekten von Rom übernommen Er war
sowie der König die Augen geschlossen spornstreichs aus dem Palast und den
Toren von Ravenna nach der ihm anvertrauten Tiberstadt geeilt und dort vor aller
Kunde des Geschehenen eingetroffen
    Sofort noch eh der Tag angebrochen hatte er die Senatoren in dem
»Senatus« dh dem geschlossenen Hallenbau Domitians nahe dem Janus Geminus
rechtsab vom Severusbogen versammelt darauf das Gebäude mit gotischen Truppen
umstellt die überraschten Senatoren  von denen er gar manchen erst neuerlich
in den Katakomben gesehen und zur Vertreibung der Barbaren angefeuert hatte 
von dem bereits vollzognen Tronwechsel benachrichtigt und nicht ohne einige
auf die von dem Saal aus deutlich sichtbaren Speere der Gotentausendschaft
gelinde hinweisende Worte mit einer keinen Widerspruch duldenden Raschheit für
Atalarich in Eid und Pflicht genommen
    Dann verließ er den »Senatus« wo er die Väter eingeschlossen hielt bis er
in dem flawischen Amphiteater wohin er eine Volksversammlung der Römer
berufen diese unter Beiziehung der starken gotischen Besatzung abgehalten und
die leicht beweglichen »Quiriten« durch eine meisterhafte Rede für den jungen
König begeistert hatte Er zählte die Wohltaten Teoderichs auf verhieß gleiche
Milde von dessen Enkel der übrigens bereits von ganz Italien den Provinzen und
den Vätern dieser Stadt anerkannt sei meldete eine allgemeine Speisung des
römischen Volkes mit Brot und Wein als den ersten Regierungsakt Amalaswintens
an und schloss mit der Verkündung siebentägiger Zirkusspiele  Wettfahrten mit
einundzwanzig spanischen Viergespannen  mit welchen er selbst die
Tronbesteigung Atalarichs und den Antritt seiner Präfektur feiern werde
    Da erhob tausendstimmiges Jubelgeschrei die Namen der Regentin und ihres
Sohnes aber noch lauter den Namen Cetegus das Volk verlief sich in heller
Freude die eingesperrten Senatoren wurden nunmehr entlassen und die ewige Stadt
war für die Goten erhalten Der Präfekt aber eilte nach seinem Hause am Fuß des
Kapitols schloss sich ein und schrieb eifrig seinen Bericht an die Regentin
    Jedoch ungestüm pochte es alsbald an der ehernen Vortür des Hauses Es war
Lucius Licinius der junge Römer den wir in den Katakomben kennengelernt er
schlug mit dem Schwertknauf gegen die Pforte dass das Haus dröhnte Ihm folgten
Scävola der Jurist  er war unter den Eingesperrten gewesen  mit schwer
gefurchter Stirn und Silverius der Priester mit zweifelnder Miene
    Vorsichtig lugte der Ostiarius an der Türe durch eine verborgne Luke in der
Mauer und ließ als er Licinius erkannte die Männer ein Heftig stürmte der
Jüngling den andern voraus den ihm wohlbekannten Weg durch das Vestibulum das
Atrium und dessen Säulengang in das Studierzimmer des Cetegus Dieser als er
die hastig nahenden Schritte vernahm erhob sich von dem Lectus auf den
hingestreckt er schrieb und verschloss seine Briefe in einer Kapsula mit
silberner Kuppel »Ah die Vaterlandsbefreier« sagte er lächelnd und trat ihnen
entgegen
    »Schändlicher Verräter« schrie ihn Licinius an die Hand am Schwert  der
Zorn ließ ihn nicht weitersprechen er zückte halb das breite Eisen aus der
Scheide
    »Halt erst lass ihn sich verteidigen wenn er kann« keuchte dem
Stürmischen in den Arm fallend Scävola der jetzt nachgekommen war »Es ist
unmöglich dass er abgefallen von der Sache der heiligen Kirche« sprach
Silverius im Eintreten
    »Unmöglich« lachte Licinius »wie seid ihr toll oder bin ichs Hat er
nicht uns die Ritter in ihren Häusern festhalten lassen Hat er nicht die Tore
gesperrt und den Pöbel für den Barbaren vereidigt«  »Hat er nicht« sprach
Cetegus fortfahrend »die edelen Väter der Stadt dreihundert an der Zahl in
der Kurie wie soviel Mäuse in der Mausfalle gefangen dreihundert hochadlige
Mäuse«  »Er höhnt uns noch Wollt ihr das dulden« rief Licinius Und Scävola
erbleichte vor Zorn »Nun und was hättet ihr getan wenn man euch hätte handeln
lassen« fragte der Präfekt ruhig die Arme auf der breiten Brust kreuzend »Was
wir getan hätten« antwortete Licinius »was wir  was du mit uns hundertmal
verabredet Sobald die Nachricht von dem Tod des Tyrannen eintraf hätten wir
die Goten in der Stadt erschlagen die Republik ausgerufen und zwei Konsuln
ernannt «  »Namens Licinius und Scävola das ist die Hauptsache Nun und
dann Was dann«  »Was dann die Freiheit hätte gesiegt«
    »Die Torheit hätte gesiegt« herrschte Cetegus losbrechend den Erschrocknen
an »Wie gut dass man euch die Hände band ihr hättet alle Hoffnung erwürgt auf
immer Seht her und dankt mir auf den Knieen« Er nahm Urkunden aus einer andern
Papyruskapsel und gab sie den Erstaunten »Da lest Der Feind war gewarnt und
hatte seine Schlinge meisterhaft um den Nacken Roms geschürzt Wenn ich nicht
handelte so stand in diesem Augenblick Graf Witichis mit zehntausend Goten vor
dem Salarischen Tor im Norden morgen sperrte der junge Totila mit der Flotte
von Neapel im Süden die Tibermündung und gegen das Grabmal Hadrians und das
Aurelische Tor war Herzog Tulun mit zwanzigtausend Mann von Westen her im
Anzug Hättet ihr heute früh einem Goten ein Haar gekrümmt was wäre geschehen«
    Silverius atmete auf Die beiden andern schwiegen beschämt Doch fasste sich
Licinius »Wir hätten den Barbaren getrotzt hinter unsern Mauern« sprach er
mutig das schöne Haupt aufwerfend  »Ja So wie ich diese Mauern herstellen
werde  eine Ewigkeit mein Licinius wie sie jetzt sind  nicht einen Tag« 
»So wären wir gestorben als freie Bürger« sprach Scävola »Das hättet ihr vor
drei Stunden in der Kurie auch gekonnt« lachte Cetegus achselzuckend
Silverius trat mit offenen Armen wie um ihn zu küssen auf ihn zu vornehm
entzog sich Cetegus »Du hast uns alle du hast Kirche und Vaterland gerettet
Ich habe nie an dir gezweifelt« sprach der Priester Da ergriff Licinius die
Hand des Präfekten die dieser ihm willig ließ
    »Ich habe an dir gezweifelt« rief er mit schöner Offenheit »vergib du
großer Römer Dies Schwert das dich heute durchbohren sollte dir ist es fortan
für ewig zu Dienst Und bricht der Tag der Freiheit an dann keine Konsuln dann
salve Diktator Cetegus« Und mit leuchtenden Augen eilte er hinaus Der
Präfekt warf ihm einen befriedigten Blick nach »Diktator ja doch nur bis zur
vollen Sicherheit der Republik« sprach der Jurist und folgte ihm »Jawohl«
lächelte Cetegus »dann wecken wir Kamillus und Brutus wieder auf und führen
die Republik da fort wo sie diese vor tausend Jahren gelassen Nicht wahr
Silverius«  »Präfekt von Rom« sprach der Priester »du weißt ich hatte den
Ehrgeiz die Sache des Vaterlands wie der Heiligen zu leiten ich hab ihn nicht
mehr seit dieser Stunde Dein sei die Führung ich folge Gelobe nur das Eine
Freiheit der römischen Kirche  freie Papstwahl«  »Jawohl« sagte Cetegus
»sowie nur erst Silverius Papst geworden Es gilt«  Der Priester schied mit
einem Lächeln auf den Lippen aber schwere Gedanken im Herzen »Geht« sagte
Cetegus nach einer Pause den dreien nachblickend »ihr werdet keinen Tyrannen
stürzen  ihr braucht einen Tyrannen« Dieser Tag diese Stunde wurden
entscheidend für Cetegus fast ohne seinen Willen ward er durch die Ereignisse
fortgetrieben zu neuen Stimmungen und Anschauungen zu Zielen die er sich
bisher nie mit solcher Klarheit vorgesteckt oder doch nie als mehr denn Träume
die er sich als Ziele eingestanden hatte
    Er erkannte sich in diesem Augenblick als alleinigen Herrn der Lage er
hatte die beiden großen Parteien der Zeit die Gotenregierung und ihre Feinde
die Verschwornen völlig in seiner Hand Und in der Brust dieses gewaltigen
Mannes wurde die Haupttriebfeder die er seit Jahrzehnten für gelähmt erachtet
plötzlich wieder in mächtigste Tätigkeit gesetzt der unbegrenzte Drang ja das
Bedürfnis zu herrschen machte sich mit einem Male alle Kräfte dieses reichen
Lebens dienstbar und trieb sie an zu heftiger Bewegung
    Kornelius Cetegus Cäsarius war der Abkömmling eines alten und unermesslich
reichen Geschlechts dessen Ahnherr den Glanz seines Hauses als Feldherr und
Staatsmann Cäsars in den Bürgerkriegen gegründet  man sagte er sei ein Sohn
des großen Diktators gewesen  Unser Cetegus hatte von der Natur die
vielseitigsten Anlagen und die gewaltigsten Leidenschaften und durch seine
gewaltigen Reichtümer die Mittel erhalten jene aufs grossartigste zu entfalten
diese aufs grossartigste zu befriedigen Er empfing die sorgfältigste Bildung
die damals einem jungen Adligen Roms gegeben werden konnte
    Er übte sich bei den ersten Lehrern in den schönen Künsten Er trieb zu
Berytus zu Alexandrien zu Athen in den besten Schulen mit glänzenden Erfolgen
das Studium des Rechts der Geschichte der Philosophie
    
    Aber all das befriedigte ihn nicht Er fühlte den Hauch des Verfalls in
aller Kunst und Wissenschaft seiner Zeit Die Philosophie insbesondre vermochte
nur die letzten Reste des Glaubens in ihm zu zerstören ohne ihm irgendwelche
Befriedigung in positiven Ergebnissen zu gewähren Als er von seinen Studien
zurückkam führte ihn sein Vater nach der Sitte der Zeit in den Staatsdienst
ein rasch stieg der glänzend Begabte von Amt zu Amt
    Aber plötzlich sprang er aus
    Nachdem er die Staatsgeschäfte zur Genüge kennengelernt mochte er nicht
länger ein Rad in der großen Maschine des Reiches sein das die Freiheit
ausschloss und obenein dem Barbarenkönig diente Da starb sein Vater und
Cetegus warf sich nun Herr seiner selbst und eines ungeheueren Vermögens
geworden mit der Gewalt mit welcher er alles verfolgte in die wildesten
Strudel des Lebens des Genusses der Lüste Mit Rom war er bald fertig da
machte er große Reisen nach Byzanz nach Ägypten bis nach Indien drang er vor
Da war kein Luxus kein unschuldiger und kein schuldiger Genuss den er nicht
schlürfte Nur ein stählerner Körper konnte die Anstrengungen die Entbehrungen
die Abenteuer die Ausschweifungen dieser Fahrten ertragen
    Nach zwölf Jahren kehrte er zurück nach Rom
    Es hieß er werde großartige Bauten aufführen man freute sich das üppigste
Leben in seinen Häusern und Villen beginnen zu sehen man täuschte sich sehr
    Cetegus baute sich nur das kleine Haus am Fuß des Kapitols bequem und von
feinstem Geschmack und lebte mitten in dem volkreichen Rom wie ein Einsiedler
    Er gab unvermutet eine Schilderung seiner Reisen heraus eine
Charakterisierung der wenig bekannten Völker und Länder die er besucht Das
Buch hatte unerhörten Erfolg Kassiodor und Boëtius warben um seine
Freundschaft der große König wollte ihn an seinen Hof ziehen Aber plötzlich
war er aus Rom verschwunden Das Ereignis das ihn in jenen Tagen betroffen
haben musste blieb allen Nachforschungen der Neugier der Teilnahme der
Schadenfreude verborgen
    Man erzählte sich damals arme Fischer hätten ihn eines Morgens am Ufer des
Tibers vor den Toren der Stadt bewusstlos und dem Tode nah gefunden
    Wenige Wochen später tauchte er wieder an der Nordostgrenze des Reiches in
den unwirtlichen Donauländern auf wo der blutige Krieg mit Gepiden mit Avaren
und Sclavenen raste Dort schlug er sich mit todverachtender Tapferkeit mit
diesen wilden Barbaren herum verfolgte sie mit erlesenen von ihm besoldeten
Scharen freiwillig in alle Schlupfwinkel ihrer Felsen schlief alle Nächte auf
der gefrornen Erde Und als der gotische Feldherr ihm eine kleine Schar zu einem
Streifzug anvertraute griff er statt dessen Sirmium an die feste Hauptstadt
der Feinde und eroberte sie mit nicht geringerer Feldherrnkunst als Tapferkeit
Nach dem Friedensschluss machte er abermals Reisen nach Gallien und Spanien und
Byzanz kehrte von da nach Rom zurück und lebte dort jahrelang in einer
verbitterten Musse und Zurückgezogenheit alle kriegerischen bürgerlichen
wissenschaftlichen Ämter und Ehren ausschlagend die ihm Kassiodor aufdringen
wollte Er schien für nichts mehr Interesse zu haben als für seine Studien
    Vor einigen Jahren brachte er von einer Reise nach Gallien einen schönen
Jüngling oder Knaben mit welchem er Rom und Italien zeigte und väterliche Liebe
und Sorgfalt erwies Es hieß er wolle ihn adoptieren solange dieser sein
junger Gast um ihn war trat er aus seiner Einsamkeit heraus lud die adlige
Jugend Roms zu glänzenden Festen in seine Villen und war bei den
Gegeneinladungen die er alle annahm der liebenswürdigste Gesellschafter Aber
sowie er den jungen Julius Montanus mit einem stattlichen Gefolge von Pädagogen
Freigelassenen und Sklaven nach Alexandrien in die gelehrten Schulen entsendet
hatte brach er plötzlich wieder alle Verbindungen ab und zog sich in seine
undurchdringliche Abgeschlossenheit zurück grollend wie es schien mit Gott und
der ganzen Welt Mit schwerer Mühe gelang es dem Priester Silverius und
Rusticianen ihn aus seiner ablehnenden Ruhe heraus und zur Teilnahme an der
Katakombenverschwörung fortzuziehen Er wurde wie er ihnen sagte Patriot aus
eitel Langweile Und in der Tat, bis zu dem Tod des Königs hatte er das
Unternehmen dessen Leitung doch in seiner und des Diakons Hand lag fast mit
Abneigung betrieben
    Dies wurde jetzt anders Der tiefste Zug seines Wesens der Drang in allen
möglichen Gebieten des Geistes sich zu versuchen die Schwierigkeiten zu
überwinden alle Nebenbuhler zu überflügeln in jedem Lebenskreise den er
betrat zu herrschen allein und ohne Widerstand und sobald er den Siegeskranz
genommen ihn gleichgültig wegzuwerfen und nach neuen Aufgaben auszuschauen
hatte ihn bisher bei keinem Ziele volle Befriedigung finden lassen Kunst
Wissenschaft Genuss Amtsehre Kriegsruhm alles hatte ihn gereizt alles hatte
er wie kein andrer gewonnen und alles hatte ihn leer gelassen Herrschen der
erste sein über widerstrebende Verhältnisse mit allen Mitteln überlegner Kraft
und Klugheit siegen und dann über knirschende Menschen ein ehernes Regiment
führen das allein hatte er unbewusst und bewusst von jeher erstrebt nur darin
fühlte er sich wohl
    In stolzen vollen Atemzügen hob sich darum in dieser Stunde seine Brust
er der Eisigkalte erglühte in dem Gedanken dass er über die beiden großen
feindlichen Mächte der Zeit Goten und Römer heute mit einem Zucken seiner
Wimper gebot und aus diesem Wonnegefühl der Herrschaft stieg ihm mit
dämonischer Gewalt die Überzeugung empor dass es für ihn und seinen Ehrgeiz nur
noch Ein Ziel gab welches das Leben der Mühe des Lebens wert machen könne nur
noch Ein Ziel ein sonnenfernes jedem andern unerreichbares  er glaubte gern
an seine Abkunft von Julius Cäsar und er fühlte das Blut Cäsars aufwallen in
seinen Adern bei dem Gedanken  Cäsar Imperator des Abendlands Kaiser der
römischen Welt    
    Als vor Monaten dieser Blitz zum erstenmal seine Seele durchzuckt hatte 
kein Gedanke  kein Wunsch  nur ein Schatten ein Traum  erschrak er und
lächelte zugleich über seine unermessliche Kühnheit Er Kaiser und
Wiederaufrichter des römischen Weltreichs Und Italien bebte unter dem Schritt
von dreimalhunderttausend gotischen Kriegern Und der größte aller
Barbarenkönige dessen Ruhm die Erde erfüllte saß gewaltig herrschend zu
Ravenna Und wenn die Macht der Goten gebrochen war so streckten die Franken
über die Alpen die Byzantiner übers Meer die gierigen Hände nach der
italienischen Beute zwei große Reiche gegen ihn den einzelnen Mann 
    Denn wahrlich einsam stand er in seinem Volk Wie genau kannte wie bitter
verachtete er seine Landsleute die unwürdigen Enkel großer Ahnen Wie lachte er
der Schwärmerei eines Licinius oder Scävola die mit diesen Römern die Tage der
Republik erneuern wollten
    Er stand allein
    Aber gerade dies reizte seinen stolzen Ehrgeiz Und gerade in diesem
Augenblick da ihn die Verschworenen verlassen hatten da seine Überlegenheit
gewaltiger als je ihnen und ihm selbst klar geworden war gerade jetzt schoss in
seiner Brust was früher ein schmeichelnd Spiel seiner träumenden Stunden gewesen
mit Blitzschnelle zum klaren Gedanken zum festen Entschluss empor
    Die Arme über der mächtigen Brust gekreuzt mit starken Schritten wie ein
Löwe seinen Käfig das Gemach durchmessend sprach er in abgerissenen Sätzen zu
sich selbst
    »Mit einem tüchtigen Volk hinter sich die Goten hinaustreiben Griechen und
Franken nicht hereinlassen das wäre nicht schwer das könnte ein andrer auch
Aber allein ganz allein von diesen Männern ohne Mark und Willen mehr gehemmt
als getragen das Ungeheure vollenden und diese Memmen erst wieder zu Helden
diese Sklaven zu Römern diese Knechte der Pfaffen und Barbaren wieder zu Herren
der Erde machen  das das ist der Mühe wert Ein neues Volk eine neue Zeit
eine neue Welt schaffen allein ein einziger Mann mit der Kraft seines Willens
und der Macht seines Geistes  das hat noch kein Sterblicher vollbracht  das
ist größer als Cäsar er führte Legionen von Helden Und doch es kann getan
werden denn es kann gedacht werden Und ich ders denken konnte ich kanns
auch tun Ja Cetegus das ist ein Ziel dafür verlohnt sichs zu denken zu
leben zu sterben Auf und ans Werk und von nun an  keinen Gedanken mehr und
kein Gefühl als für dies Eine«
    Er stand still vor der Kolossalstatue Cäsars aus weißem parischem Marmor
die das Meisterwerk des Arkesilaos und der edelste Schmuck ja nach der
Familientradition von Julius Cäsar selbst dem Sohne geschenkt das Heiligtum
dieses Hauses gegenüber dem Schreibdiwan stand
    »Hör es göttlicher Julius großer Ahnherr es lüstet deinen Enkel mit dir
zu ringen es gibt noch ein Höheres als du erreicht schon fliegen nach einem
höheren Ziel als du ist unsterblich und fallen fallen aus solcher Höhe das
ist der herrlichste Tod Heil mir dass ich wieder weiß warum ich lebe«
    Er schritt an der Bildsäule vorbei und warf einen Blick auf die auf dem
Tisch aufgerollte Militärkarte des römischen Weltreichs
    »Erst diese Barbaren zertreten  Rom  Dann den Norden wieder unterwerfen
 Paris  Dann zum alten Gehorsam unter die alte Cäsarenstadt das abtrünnige
Ostreich zurückheischen  Byzanz Und weiter immer weiter an den Tigris an
den Indus weiter als Alexandros  und zurück nach Westen durch Skytien und
Germanien an den Tiber  die Bahn welche dir Cäsar der Dolch des Brutus
durchschnitten  Und so größer als du größer als Alexander  o halt Gedanke
halt ein«
    Und der eisige Cetegus loderte und glühte mächtig pochten seine Adern an
den Schläfen er drückte die brennende Stirn an die kalte Marmorbrust Julius
Cäsars der majestätisch auf ihn niederschaute
 
                                Drittes Kapitel
Aber nicht nur für Cetegus wurde dieser Tag von entscheidender Bedeutung auch
für die Verschwörung in den Katakomben für Italien und das Reich der Goten
    Hatten die Umtriebe der Patrioten geleitet von mehreren Häuptern die über
die Mittel ja sogar über die Zwecke ihrer Pläne nicht immer einig waren bisher
nur langsame und unsichre Fortschritte gemacht so ward dies anders von dem
Augenblick an da der weitaus begabteste Mann dieser Partei da Cetegus die
Führung in die kräftige Hand nahm
    Unbedingt hatten sich die bisherigen Häupter des Bundes  sogar wie es
schien Silverius  dem Präfekten untergeordnet der seine Überlegenheit so
mächtig bewährt und das Leben ihrer Sache gerettet hatte
    Erst von jetzt an wurde der Geheimbund den Goten wahrhaft gefährlich
    Unermüdlich war Cetegus beschäftigt die Macht und Sicherheit ihres Reiches
auf allen Seiten zu untergraben mit seiner großen Kunst die Menschen zu
durchschauen zu gewinnen und zu beherrschen wusste er die Zahl bedeutender
Mitglieder und die Mittel der Partei von Tag zu Tag zu vermehren
    Aber er wusste auch mit kluger Vorsicht einerseits jeden Verdacht der
gotischen Regierung zu vermeiden andrerseits jede unzeitige Erhebung der
Verschwornen zu verhindern Denn ein leichtes wär es freilich gewesen
plötzlich an Einem Tage in allen Städten der Halbinsel die Barbaren zu
überfallen die Erhebung zu beginnen und die Byzantiner die längst hierauf
lauerten zur Vollendung des Sieges ins Land zu rufen Aber damit hätte der
Präfekt seine geheimen Pläne nicht hinausgeführt Er hätte nur an die Stelle der
gotischen Herrschaft die byzantinische Tyrannei gesetzt
    Und wir wissen er verfolgte ein ganz andres Ziel
    Um dies zu erreichen musste er sich zuvor in Italien eine Machtstellung
schaffen wie sie kein andrer besaß
    Er musste wenn auch nur im stillen der mächtigste Mann im Lande sein ehe
der Fuß eines Byzantiners es betrat ehe der erste Gote fiel Die Dinge mussten
soweit vorbereitet sein dass die Barbaren von Italien das hieß von Cetegus
allein mit möglichst geringer Nachhilfe von Byzanz vertrieben würden so dass
nach dem Siege der Kaiser gar nicht umhin konnte die Herrschaft über das
befreite Land seinem Befreier wenn auch zunächst nur als Stattalter zu
überlassen Alsdann hatte er Zeit und Anlass gewonnen den Nationalstolz der
Römer gegen die Herrschaft der »Griechlein« wie man die Byzantiner verächtlich
nannte aufzureizen
    Denn obwohl seit zweihundert Jahren seit den Tagen des großen Konstantin
der Glanz der Welterrschaft von der verwitweten Roma hinweg nach der goldnen
Stadt am Hellespont verlegt und das Zepter von den Söhnen des Romulus auf die
Griechen übergegangen schien obwohl das Ost und das Westreich zusammen der
Barbarenwelt gegenüber Einen Staat der antiken Bildung bilden sollten so waren
doch auch jetzt noch die Griechen den Römern verhasst und verächtlich wie in den
Tagen da Flaminius das gedemütigte Hellas für eine Freigelassene Roms erklärt
hatte der alte Hass war jetzt durch Neid vermehrt Deshalb war der Mann der
Begeisterung und der Hilfe ganz Italiens gewiss der nach Vertreibung der
Barbaren auch die Byzantiner aus dem Lande weisen würde die Krone von Rom die
Krone des Abendlands war sein sichrer Lohn Und wenn es gelang das neugeweckte
Nationalgefühl wieder zum Angriffskrieg über die Alpen zu treiben wenn Cetegus
auf den Trümmern des Frankenreichs zu Aurelianum und Paris die Herrschaft des
römischen Imperators über das Abendland wieder aufgerichtet hatte dann war der
Versuch nicht mehr zu kühn auch das losgerissene Ostreich zurückzuzwingen zum
Gehorsam unter das ewige Rom und die Welterrschaft am Strand des Tibers da
fortzuführen wo sie Trajan und Hadrian gelassen 
    Doch um diese fernher leuchtenden Ziele zu erreichen musste jeder nächste
Schritt auf dem schwindelsteilen Pfad mit größter Vorsicht geschehen jedes
Straucheln musste für immer verderben Um Italien zu beherrschen als Kaiser zu
beherrschen musste Cetegus vor allem Rom haben denn nur an Rom ließ sich
jene Gedanken knüpfen Deshalb wandte der neue Präfekt höchste Sorgfalt auf die
ihm anvertraute Stadt Rom sollte ihm moralisch und physisch eine Burg der
Herrschaft werden ihm allein gehörig und unentreissbar Sein Amt bot ihm dazu
die beste Gelegenheit es war ja die Pflicht des Präfectus Urbi für das Wohl
der Bevölkerung für Erhaltung und Sicherheit der Stadt zu sorgen Cetegus
verstand es meisterhaft die Rechte die in dieser Pflicht lagen für seine
Zwecke auszubeuten leicht hatte er alle Stände für sich gewonnen der Adel
ehrte in ihm das Haupt der Katakombenverschwörung über die Geistlichkeit
herrschte er durch Silverius der die rechte Hand und der von der öffentlichen
Stimme bezeichnete Nachfolger des greisen Papstes war und dem Präfekten eine
diesem selbst befremdliche Ergebenheit an den Tag legte Das niedre Volk aber
fesselte er an seine Person nicht nur durch vorübergehende Brotspenden und
Zirkusspiele aus seiner Tasche sondern durch großartige Unternehmungen die
vielen Tausenden auf Jahre hinaus Arbeit und Unterhalt  auf Kosten der
gotischen Regierung  erschaften
    Er setzte bei Amalaswinta den Befehl durch die Befestigungen Roms die
seit den Tagen des Honorius durch die Zeit und durch den Eigennutz römischer
Bauherren vielmehr als durch westgotische und vandalische Eroberer gelitten
hatten vollständig und rasch wieder herzustellen »zur Ehre der ewigen Stadt
und  wie sie wähnte  zum Schutz gegen die Byzantiner«
    Cetegus selbst hatte  und zwar wie die alsbald folgenden vergeblichen
Belagerungen durch Goten und Byzantiner bewiesen mit genialem Feldherrnblick 
den Plan der großartigen Werke entworfen Und er betrieb nun mit größtem Eifer
das Riesenwerk die ungeheure Stadt in ihrem weiten Umfang von vielen Meilen zu
einer Festung ersten Ranges umzuschaffen Die Tausende von Arbeitern die wohl
wussten wem sie diese reich bezahlte Beschäftigung verdankten jubelten dem
Präfekten zu wenn er auf den Schanzen sich zeigte prüfte antrieb besserte
und wohl selbst mit Hand anlegte Und die getäuschte Fürstin wies eine Million
Solidi nach der andern an für einen Bau an dem alsbald die ganze Streitmacht
ihres Volkes zerschellen und verbluten sollte
    Der wichtigste Punkt dieser Befestigungen war das heute unter dem Namen der
Engelsburg bekannte Grabmal Hadrians Dies Prachtgebäude von Hadrian aus
parischen Marmorquadern die ohne anderes Bindungsmittel zusammengefügt waren
aufgeführt lag damals einen Steinwurf vor dem Aurelischen Tor dessen
Mauerseiten es weit überragte Mit scharfem Auge hatte Cetegus erkannt dass das
unvergleichlich feste Gebäude in seiner bisherigen Lage ein Festungswerk gegen
die Stadt sich durch ein einfaches Mittel in ein Hauptbollwerk für die Stadt
verwandeln ließ er führte vom Aurelischen Tor zwei Mauern gegen und um das
Grabmal Und nun bildete die turmhohe Marmorburg eine sturmfreie Schanze für das
Aurelische Tor um so mehr als der Tiber knapp davor einen natürlichen
Festungsgraben zog Oben auf der Mauer des Mausoleums aber standen zum Teil
noch von Hadrian und seinem Nachfolger hier aufgestellt gegen dreihundert der
schönsten Statuen aus Marmor Bronze und Erz darunter der Divus Hadrianus
selbst sein schöner Liebling Antinous ein Zeus Soter die Pallas
»Städtebeschirmerin« ein schlafender Faun und viele andere
    Cetegus freute sich seines Gedankens und liebte diese Stätte wo er
allabendlich zu wandeln pflegte sein Rom mit dem Blick beherrschend und den
Fortschritt der Schanzarbeiten prüfend und er hatte deshalb eine reiche Zahl
von schönen Statuen aus seinem Privatbesitz hier noch aufstellen lassen
 
                                Viertes Kapitel
Vorsichtiger musste Cetegus bei Ausführung einer zweiten für seine Ziele nicht
minder unerlässlichen Vorbereitung sein Um selbständig in Rom in seinem Rom
wie er es als Stadtpräfekt zu nennen liebte den Goten und nötigenfalls den
Griechen trotzen zu können bedurfte er nicht bloß der Wälle sondern auch der
Verteidiger auf denselben Er dachte zunächst an Söldner an eine Leibwache wie
sie in jenen Zeiten hohe Beamte Staatsmänner und Feldherren häufig gehalten
hatten wie sie jetzt Belisar und dessen Gegner Narses in Byzanz hielten Nun
gelang es ihm zwar durch früher auf seinen Reisen in Asien angeknüpfte
Verbindungen und bei seinen reichen Schätzen tapfre Scharen der wilden
isaurischen Bergvölker die in jenen Zeiten die Rolle der Schweizer des
sechzehnten Jahrhunderts spielten in seinen Sold zu ziehen Indessen hatte dies
Verfahren doch zwei sehr eng gezogne Schranken
    Einmal konnte er auf diesem Wege ohne seine für andre Zwecke
unentbehrlichen Mittel zu erschöpfen doch immer nur verhältnismäßig kleine
Massen aufbringen den Kern eines Heeres nicht ein Heer Und ferner war es
unmöglich diese Söldner ohne den Verdacht der Goten zu wecken in größerer
Anzahl nach Italien nach Rom zu bringen Einzeln paarweise in kleinen Gruppen
schmuggelte er sie mit vieler List und vieler Gefahr als seine Sklaven
Freigelassenen Klienten Gastfreunde in seine durch die ganze Halbinsel
zerstreuten Villen oder beschäftigte sie als Matrosen und Schiffsleute im Hafen
von Ostia oder als Arbeiter in Rom
    Schließlich mussten doch die Römer Rom erretten und beschützen und all seine
ferneren Pläne drängten ihn seine Landsleute wieder an die Waffen zu gewöhnen
    Nun hatte aber Teoderich wohlweislich die Italier von dem Heer
ausgeschlossen  nur Ausnahmen bei einzelnen als besonders zuverlässig
Erachteten wurden gemacht  und in den unruhigen letzten Zeiten seines Regiments
während des Prozesses gegen Boëtius ein Gebot allgemeiner Entwaffnung der Römer
erlassen
    Letzteres war freilich nie streng durchgeführt worden aber Cetegus konnte
doch nicht hoffen die Regentin werde ihm erlauben gegen den entschiedenen
Willen ihres großen Vaters und gegen das offenbare Interesse der Goten eine
irgendwie bedeutende Streitmacht aus Italien zu bilden
    Er begnügte sich ihr vorzustellen dass sie durch ein ganz unschädliches
Zugeständnis sich das Verdienst erwirken könne jene gehässige Maßregel
Teoderichs in edlem Vertrauen aufgehoben zu haben und schlug ihr vor ihm zu
gestatten nur zweitausend Mann aus der römischen Bürgerschaft als Schutzwache
Roms rüsten einüben und immer unter den Waffen gegenwärtig halten zu dürfen
die Römer würden ihr schon für diesen Schein dass die ewige Stadt nicht von
Barbaren allein gehütet werde unendlich dankbar sein Amalaswinta begeistert
für Rom und nach der Liebe der Römer als ihrem schönsten Ziele trachtend gab
ihre Einwilligung und Cetegus fing an seine »Landwehr« wie wir sagen würden
zu bilden Er rief in einer wie Trompetenschall klingenden Proklamation »die
Söhne der Scipionen zu den alten Waffen zurück« er bestellte die jungen Adligen
der Katakomben zu »römischen Rittern« und »Kriegstribunen« er verhieß jedem
Römer der sich freiwillig meldete aus seiner Tasche Verdoppelung des von der
Fürstin bestimmten Soldes er hob aus den Tausenden die sich darauf
herbeidrängten die Tauglichsten aus er rüstete die Ärmeren aus schenkte denen
die sich besonders auszeichneten im Dienst gallische Helme und spanische
Schwerter aus seinen eignen Sammlungen und  was das Wichtigste  er entließ
regelmäßig sobald als möglich die hinlänglich Eingeübten mit Belassung ihrer
Waffen und hob neue Mannschaften aus so dass obwohl in jedem Augenblick nur die
von Amalaswinta gestattete Zahl im Dienst stand doch in kurzer Frist viele
Tausende bewaffnete und waffengeübte Römer zur Verfügung ihres vergötterten
Führers standen
    Während so Cetegus an seiner künftigen Residenz baute und seine künftigen
Prätorianer heranbildete vertröstete er den Eifer seiner Mitverschworenen die
unablässig zum Losschlagen drängten auf den Zeitpunkt der Vollendung jener
Vorbereitungen den er natürlich allein bestimmen konnte Zugleich unterhielt er
eifrigen Verkehr mit Byzanz Dort musste er sich einer Hilfe versichern die
einerseits in jedem Augenblick da er sie rief auf dem Kampfplatz erscheinen
könnte die aber andrerseits auch nicht ehe er sie rief auf eigne Faust oder
mit einer Stärke erschiene die nicht leicht wieder zu entfernen wäre
    Er wünschte von Byzanz einen guten Feldherrn der aber kein großer
Staatsmann sein durfte mit einem Heere stark genug die Italier zu
unterstützen nicht stark genug ohne sie siegen oder gegen ihren Willen im
Lande bleiben zu können Wir werden in der Folge sehen wie in dieser Hinsicht
vieles nach Wunsch aber auch ebenso vieles sehr gegen den Wunsch des Präfekten
sich gestaltete Daneben war gegenüber den Goten die zurzeit noch unangefochten
im Besitz der Beute standen um die Cetegus bereits im Geiste mit dem Kaiser
haderte sein Streben dahin gerichtet sie in arglose Sicherheit zu wiegen in
Parteiungen zu spalten und eine schwache Regierung an ihrer Spitze zu erhalten
    Das erste war nicht schwer Denn die starken Germanen verachteten in
barbarischem Hochmut alle offenen und geheimen Feinde wir haben gesehen wie
schwer selbst der sonst scharfblickende helle Kopf eines Jünglings wie Totila
von der Nähe einer Gefahr zu überzeugen war und die trotzige Sicherheit eines
Hildebad drückte recht eigentlich die allgemeine Stimmung der Goten aus Auch an
Parteiungen fehlte es nicht in diesem Volk
    Da waren die stolzen Adelsgeschlechter die Balten mit ihren weitverzweigten
Sippen an ihrer Spitze die drei Herzoge Tulun Ibba und Pitza die
reichbegüterten Wölsungen unter den Brüdern Herzog Guntaris von Tuscien und
Graf Arahad von Asta und andre mehr die alle den Amalern an Glanz der Ahnen
wenig nachgaben und eifersüchtig ihre Stellung dicht neben dem Throne bewachten
    Da waren viele welche die Vormundschaft eines Weibes die Herrschaft eines
Knaben nur mit Unwillen trugen die gern nach dem alten Recht des Volkes das
Königshaus umgangen und einen der erprobten Helden der Nation auf den Schild
erhoben hätten Andrerseits zählten auch die Amaler blind ergebene Anhänger die
solche Gesinnung als Treubruch verabscheuten Endlich teilte sich das ganze Volk
in eine rauhere Partei die längst unzufrieden mit der Milde die Teoderich
und seine Tochter den Welschen bewiesen gern nunmehr nachgeholt hätten was
wie sie meinten bei der Eroberung des Landes versäumt worden und die Italier
für ihren heimlichen Hass mit offener Gewalt zu strafen begehrten Viel kleiner
natürlich war die Zahl der sanfter und edler Gesinnten die wie Teoderich
selbst empfänglich für die höhere Bildung der Unterworfenen sich und ihr Volk
zu dieser emporzuheben strebten Das Haupt dieser Partei war die Königin
    Diese Frau nun suchte Cetegus im Besitz der Macht zu erhalten denn sie
diese weibliche schwache geteilte Herrschaft verhieß die Kraft des Volkes zu
lähmen die Parteiung und Unzufriedenheit dauernd zu machen Ihre Richtung
schloss jedes Erstarken des gotischen Nationalgefühls aus Er bebte vor dem
Gedanken einen gewaltigen Mann die Kraft dieses Volkes gewaltig zusammenfassen
zu sehen
    Und manchmal machten ihn schon die Züge von Hoheit die sich in diesem Weibe
zeigten mehr noch die feurigen Funken verhaltener Glut die zuzeiten aus
Atalarichs tiefer Seele aufsprühten ernstlich besorgt Sollten Mutter und Sohn
solche Spuren öfter verraten dann freilich musste er beide ebenso eifrig stürzen
wie er bisher ihre Regierung gehalten hatte Einstweilen aber freute er sich
noch der unbedingten Herrschaft die er über die Seele Amalaswintens gewonnen
Dies war ihm bald gelungen Nicht nur weil er mit großer Feinheit ihre Neigung
zu gelehrten Gesprächen ausbeutete in welchen er von dem wie es schien ihm
überall überlegenen Wissen der Fürstin so häufig überwunden wurde dass
Kassiodor der oft Zeuge ihrer Disputationen war nicht umhin konnte zu
bedauern wie dies einst glänzende Ingenium durch Mangel an gelehrter Übung
etwas eingerostet sei
    Der vollendete Menschenerforscher hatte das stolze Weib noch viel tiefer
getroffen Ihrem großen Vater war kein Sohn war nur diese Tochter beschieden
der Wunsch nach einem männlichen Erben seiner schweren Krone war oft aus des
Königs oft aus des Volkes Munde schon in ihren Kinderjahren an ihr Ohr
gedrungen Es empörte das hochbegabte Mädchen dass man es lediglich um ihres
Geschlechtes willen zurücksetzte hinter einem möglichen Bruder der wie
selbstverständlich der Herrschaft würdiger und fähiger sein würde So weinte
sie als Kind oft bittere Tränen dass sie kein Knabe war
    Als sie herangewachsen hörte sie natürlich nur noch von ihrem Vater jenen
kränkenden Wunsch jeder andre Mund am Hofe pries die wunderbaren Anlagen den
männlichen Geist den männlichen Mut der glänzenden Fürstin Und das waren nicht
Schmeicheleien Amalaswinta war in der Tat in jeder Hinsicht ein
aussergewöhnliches Geschöpf die Kraft ihres Denkens und ihres Wollens aber auch
ihre Herrschsucht und kalte Schroffheit überschritten weit die Schranken in
welchen sich holde Weiblichkeit bewegt Das Bewusstsein dass mit ihrer Hand
zugleich die höchste Stellung im Reich vielleicht die Krone selbst würde
vergeben werden machte sie eben auch nicht bescheidener und ihre tiefste
mächtigste Empfindung war jetzt nicht mehr der Wunsch Mann zu sein sondern die
Überzeugung dass sie das Weib allen Aufgaben des Lebens und des Regierens so
gut wie der begabteste Mann besser als die meisten Männer gewachsen dass sie
berufen sei das allgemeine Vorurteil von der geistigen Unebenbürtigkeit ihres
Geschlechts glänzend zu widerlegen
    Die Ehe des kalten Weibes mit Eutarich einem Amaler aus andrer Linie
einem Mann von hohen Anlagen des Geistes und reichem Gemüt war kurz 
Eutarich erlag nach wenigen Jahren einem tiefen Leiden  und wenig glücklich
Nur mit Widerstreben hatte sie sich ihrem Gatten gebeugt Als Witwe atmete sie
stolz auf Sie brannte vor Ehrgeiz dereinst als Vormünderin ihres Knaben als
Regentin jene ihre Lieblingsidee zu bewähren sie wollte so regieren dass die
stolzesten Männer ihre Überlegenheit sollten einräumen müssen Wir haben
gesehen wie die Erwartung der Herrschaft diese kalte Seele sogar den Tod ihres
großen Vaters ziemlich ruhig hatte ertragen lassen
    Sie übernahm das Regiment mit höchstem Eifer mit unermüdlicher Tätigkeit
Sie wollte alles selbst alles allein tun
    Sie schob ungeduldig den greisen Kassiodor zur Seite der ihrem Geist nicht
rasch und kräftig genug Schritt hielt Keines Mannes Rat und Hilfe wollte sie
dulden
    Eifersüchtig wachte sie über ihre Alleinherrlichkeit Und nur Einem ihrer
Beamten lieh sie gern und häufig das Ohr demjenigen der ihr oft und laut die
männliche Selbständigkeit ihres Geistes pries und noch öfter dieselbe still zu
bewundern der den Gedanken sie beherrschen zu wollen gar nie wagen zu können
schien sie traute nur Cetegus Denn dieser zeigte ja nur den Einen Ehrgeiz
alle Gedanken und Pläne der Königin mit eifriger Sorge durchzuführen Nie trat
er wie Kassiodor oder gar die Häupter der gotischen Partei ihren
Lieblingsbestrebungen entgegen er unterstützte sie darin er half ihr sich mit
Römern und Griechen umgeben den jungen König möglichst von der Teilnahme am
Regiment ausschließen die alten gotischen Freunde ihres Vaters die im
Bewusstsein ihrer Verdienste und nach alter Gewohnheit sich manches freie und
derbe Wort des Tadels erlaubten als rohe Barbaren allmählich vom Hof entfernen
die Gelder die für Kriegsschiffe Rosse Ausrüstung der gotischen Heere
bestimmt waren für Wissenschaften und Künste oder auch für die Verschönerung
Erhaltung und Sicherung Roms verwenden  kurz er war ihr behilflich in allem
was sie ihrem Volk entfremden ihre Regierung verhasst und ihr Reich wehrlos
machen konnte Und hatte er selbst einen Plan immer wusste er seine
Verhandlungen mit der Fürstin so zu wenden dass sich diese für die Urheberin
ansehen musste und ihn zu dem Vollzug seiner geheimsten Wünsche als ihrer
Aufträge befehligte
 
                                Fünftes Kapitel
Begreiflicherweise bedurfte es um solchen Einfluss zu gewinnen und zu pflegen
häufigeren Aufenthalts am Hof längerer Abwesenheit von Rom als seine dortigen
Interessen vertrugen Deshalb strebte er danach in die Nähe der Königin
Persönlichkeiten zu bringen die ihm diese Mühe zum Teil ersparen könnten die
ihn immer gut unterrichten und warm vertreten sollten Die Frauen von mehreren
gotischen Edelen welche grollend Ravenna verließen mussten in der Umgebung
Amalaswintens ersetzt werden und Cetegus trug sich mit dem Gedanken bei
dieser Gelegenheit Rusticiana die Tochter des Symmachus die Witwe des
Boëtius an den Hof zu bringen Die Aufgabe war nicht leicht Denn die Familie
dieser als Hochverräter hingerichteten Männer war in Ungnade aus der Königsstadt
verbannt Vor allem musste daher die Königin umgestimmt werden für sie
    Dies freilich gelang alsbald indem die Großmut der edelen Frau gegen das so
tief gefallne Haus wachgerufen wurde Dazu kam dass sie an die niemals
vollbewiesene Schuld von zwei edelen Römern nie von Herzen hatte glauben mögen
deren einen den Gatten Rusticianas sie als großen Gelehrten und in manchen
Gebieten als ihren Lehrer verehrte Endlich wusste Cetegus zu betonen wie
gerade diese Tat sei es der Gerechtigkeit sei es der Gnade die Herzen all
ihrer römischen Untertanen rühren müsse So war die Regentin leicht gewonnen
Gnade zu erteilen Viel schwerer ward die stolze und leidenschaftliche Witwe des
Verurteilten bewogen diese Gnade anzunehmen Denn Wut und Rachedurst gegen das
Königshaus erfüllten ihre ganze Seele und Cetegus musste sogar fürchten ihr
unbeherrschbarer Hass könnte sich in der steten Nähe der »Tyrannen« leicht
verraten Wiederholt hatte Rusticiana trotz all seiner sonst großen Gewalt über
sie dieses Ansinnen zurückgewiesen
    Da machten sie eines Tages eine sehr überraschende Entdeckung die zur
Erfüllung der Wünsche des Präfekten führen sollte
    Rusticiana hatte eine kaum sechzehnjährige Tochter Kamilla Aus ihrem echt
römischen Gesicht mit den edelen Schläfen und den schöngeschnittenen Lippen
leuchteten dunkle schwärmerische Augen der eben erst vollendete Wuchs zeigte
feine fast allzuzarte Formen rasch und leicht und fein wie einer Gazelle waren
alle Bewegungen dieser schlanken Glieder Eine reiche Seele mit schwungvoller
Phantasie lebte in dem lieblichen Mädchen Mit aller Inbrunst kindlicher
Verehrung hatte sie ihren unglücklichen Vater geliebt der Streich der sein
teures Haupt getroffen hatte tief in das Leben des heranblühenden Mädchens
geschlagen ungestillte Trauer heilige Wehmut mit der sich die
leidenschaftliche Vergötterung seines Martyriums für Italien mischte erfüllten
alle Träume ihres jungfräulichen Entfaltens
    Vor dem Sturz ihres Hauses ein gern gesehener Gast am Königshof war sie nach
dem Schicksalsschlag mit ihrer Mutter über die Alpen nach Gallien geflohen wo
ein alter Gastfreund den betrübten Frauen monatelang eine Zufluchtstätte bot
während Anicius und Severinus Kamillas Brüder anfänglich ebenfalls verhaftet
und zum Tode verurteilt dann zur Verbannung aus dem Reich begnadigt aus dem
Kerker sofort nach Byzanz an den Hof des Kaisers eilten wo sie Himmel und Hölle
gegen die Goten in Bewegung setzten Die Frauen waren als sich der Sturm der
Verfolgung verzogen nach Italien zurückgekehrt und lebten ihrem stillen Gram im
Häuschen eines treuen Freigelassenen zu Perusia von wo aus freilich Rusticiana
wie wir gesehen den Weg zu den Verschworenen in Rom wohl zu finden wusste
    Der Juni war gekommen die Jahreszeit in der vornehme Römer noch immer wie
zur Zeit des Horatius und Tibullus die dumpfe Luft der Städte zu fliehen und in
seine kühlen Villen im Sabinergebirge oder an der Meeresküste sich zu verstecken
pflegten Mit Beschwerde trugen die verwöhnten Edelfrauen den Qualm und Staub in
den heißen Straßen des engen Perusia mit Seufzen der herrlichen Landhäuser bei
Florentia und Neapolis gedenkend die sie wie all ihr Vermögen an den
gotischen Fiskus verloren
    Da trat eines Tages der treue Korbulo mit seltsam verlegenem Gesicht vor
Rusticiana Er habe längst bemerkt wie die »Patrona« unter seinem unwürdigen
Dach zu leiden und mancherlei Ungemach schon durch seine Hantierung  er war
seines Zeichens Steinmetz  zu erdulden gehabt und so habe er denn an den
letzten Kalenden ein kleines freilich nur ein ganz kleines Gütchen mit einem
noch kleineren Häuschen gekauft droben im Gebirge bei Tifernum Freilich an
die Villa bei Florentia dürften sie dabei nicht denken aber es riesele doch
auch dort ein selbst unter dem Sirius nicht versiegender Waldquell Eichen und
Kornellen gäben breiten Schatten um den verfallnen Faunustempel wuchre üppig
der Efeu und im Garten habe er Rosen Veilchen und Lilien pflanzen lassen wie
sie Domna Kamilla liebe und so möchten sie denn Maultier und Sänfte besteigen
und wie andre Edelfrauen ihre Villa beziehen
    Die Frauen von dieser Treue des Alten gerührt nahmen dankbar seine Güte an
und Kamilla die sich in kindlicher Genügsamkeit auf die kleine Veränderung
freute war heiterer belebter als je seit dem Tod ihres Vaters
    Ungeduldig drängte sie zum Aufbruch und eilte noch am selben Tage mit
Korbulo und Daphnidion dessen Tochter voraus Rusticiana sollte mit den
Sklaven und dem Gepäck sobald als möglich folgen
    Die Sonne sank schon hinter die Hügel von Tifernum als Korbulo Kamillens
Maultier am Zügel führend aus den Waldhöhen auf die Lichtung gelangte von wo
aus man das Gütchen zuerst wahrnehmen konnte Längst hatte er sich auf die
Überraschung des Kindes gefreut wenn er ihr von hier aus das anmutig gelegene
Haus zeigen würde
    Aber erstaunt blieb er stehen  er hielt die Hand vor die Augen ob ihn die
Abendsonne blende er sah umher ob er denn nicht an der rechten Stelle aber
kein Zweifel da stand ja an dem Rain wo Wald und Wiese sich berührten der
graue Markstein in Gestalt des alten Grenzgottes Terminus mit seinem spitz
zulaufenden Kopf der rechte Ort war es aber das Häuschen nicht zu sehen
vielmehr an seiner Stelle eine dichte Gruppe von Pinien und Platanen und auch
sonst war die ganze Umgebung verändert da standen grüne Hecken und Blumenbeete
wo sonst Kohl und Rüben und ein zierlicher Pavillon prangte wo bisher
Sandgruben und die Landstraße sein bescheidnes Gebiet begrenzt hatten
    »Die Mutter Gottes steh mir bei und alle oberen Götter« rief der Steinmetz
»bin ich verzaubert oder die Gegend Aber Zauber ist los« Seine Tochter reichte
ihm eifrig das Amulett das sie am Gürtel trug aber Aufschluss konnte sie nicht
geben da sie zum erstenmal das neue Besitztum betrat und so blieb nichts übrig
als das Maultier zur größten Eile zu treiben und springend und rufend
begleiteten Vater und Tochter den Trab des Grauchens die Wiesenhänge hinunter
    Als sie nun näher kamen fand Korbulo allerdings hinter der Baumgruppe das
Haus das er gekauft aber so verjüngt erneuert verschönt dass er es kaum
erkannte
    Sein Staunen über die Umwandlung der ganzen Gegend stieg aufs neue zu
abergläubischer Furcht offenen Mundes blieb er zuletzt stehen ließ die Zügel
fallen und begann eine wieder seltsam gemischte Reihe von christlichen und
heidnischen Ausrufen als plötzlich Kamilla ebenso überrascht ausrief »Aber das
ist ja der Garten wo wir gewohnt das Viridarium des Honorius zu Ravenna
dieselben Bäume dieselben Blumenbeete und auch an jenem Teich wie zu Ravenna
am Meeresufer der Tempel der Venus o wie schön welche Erinnerung Korbulo
wie hast du das angefangen« Und Tränen freudiger Rührung traten in ihre Augen
 »So sollen mich alle Teufel peinigen und Lemuren wenn ich das angefangen
habe Doch da kommt Kappadox mit seinem Klumpfuss der ist also nicht mit
verhext Rede du Zyklope was ist hier geschehen«
    Der riesige Kappadox ein breitschultriger Sklave humpelte mit
ungeschlachtem Lächeln heran und erzählte nach vielen Fragen und Unterbrechungen
des Staunens eine rätselhafte Geschichte Vor drei Wochen etwa wenige Tage
nachdem Kappadox auf das Gut geschickt war es für seinen Herrn der auf längere
Zeit in die Marmorbrüche von Luna verreist war zu verwalten kam von Tifernum
her ein vornehmer Römer mit einem Tross von Sklaven und Arbeitern und mit
hochbepackten Lastwagen an Er fragte ob dies die Besitzung sei welche der
Steinmetz Korbulo von Perusia für die Witwe des Boëtius gekauft Und als dies
bejaht wurde gab er sich als den Hortulanus Prinzeps dh als Oberintendanten
der Gärten zu Ravenna zu erkennen Ein alter Freund des Boëtius der aus Furcht
vor den gotischen Tyrannen seinen Namen nicht zu nennen wage wünsche sich
insgeheim der Verfolgten anzunehmen und habe ihm den Auftrag gegeben den
Aufenthalt derselben mit allen Mitteln seiner Kunst zu schmücken und zu
verschönern Der Sklave dürfe die beabsichtigte Überraschung nicht verderben und
halb mit Güte halb mit Gewalt hielt man den staunenden Kappadox auf der Villa
fest Der Intendant aber entwarf sofort seinen Plan und seine Arbeiter gingen
unverzüglich ans Werk
    Viele benachbarte Grundstücke wurden zu hohen Preisen hinzugekauft und nun
hob an ein Niederreissen und Bauen ein Pflanzen und Graben ein Hämmern und
Klopfen ein Putzen und Malen dass dem guten Kappadox Hören und Sehen verging
Wollte er fragen und dreinreden so lachten ihm die Arbeiter ins Gesicht Wollte
er sich davonmachen so winkte der Intendant und ein halb Dutzend Fäuste hielten
ihn fest »Und«  schloss der Erzähler  »so gings bis vorgestern morgen Da
waren sie fertig und zogen davon
    Anfangs war mir angst und bang da ich die kostspieligen Herrlichkeiten aus
dem Boden wachsen sah Ich dachte am Ende wenn Meister Korbulo das alles
bezahlen soll dann weh über meinen Rücken Und ich wollte dirs melden Aber
sie ließ mich nicht und obenein wußt ich dich fern von Haus Und wie ich
nachgerade das unsinnig viele Geld des Intendanten verspürte und wie der mit den
Goldstücken um sich warf wie die Kinder mit Kieseln siehe da beruhigte sich
allmählich mein Gemüte und ich ließ alles gehen wie es ging Nun o Herr weiß
ich wohl du kannst mich dennoch in den Block setzen und prügeln lassen Mit der
Rebe oder sogar mit dem Skorpion Du kannst es Denn warum du bist der Herr und
Kappadox der Knecht Aber gerecht Herr wäre es kaum bei allen Heiligen und
allen Göttern Denn du hast mich gesetzt über ein paar Kohlfelder und siehe sie
sind geworden ein Kaisergarten unter meiner Hand«
    Kamilla war längst abgestiegen und davongeschlüpft ehe der Sklave zu Ende
Mit vor Freude hochklopfendem Herzen durcheilte sie den Garten die Lauben das
Haus sie schwebte wie auf Flügeln kaum konnte ihr die flinke Daphnidion
folgen Ein Ausruf der Überraschung des freudigen Schreckens jagte den andern
so oft sie um eine Ecke des Weges um eine Baumgruppe bog wieder und wieder
stand ein Bild aus jenem Garten von Ravenna vor ihrem entzückten Auge Als sie
aber ins Haus gelangte und ein kleines Gemach desselben genau so bemalt
ausgerüstet geschmückt fand wie jener Raum im Kaiserschloss gewesen war in dem
sie die letzten Tage der Kindheit verspielt und die ersten Träume des Mädchens
geträumt dieselben Bilder auf den bastgeflochtenen Vorhängen die gleichen
Vasen und zierlichen Citruskästchen und auf dem gleichen Schildpattischchen ihre
kleine zierliche Lieblingsharfe mit den Schwanenflügeln da überwältigt von so
vielen Erinnerungen und noch mehr von dem Gefühl des Dankes gegen so zarte
Freundschaft sank sie schluchzend in freudiger Wehmut auf den weichen Teppichen
des Lectus zusammen Kaum konnte sie Daphnidion beruhigen »Es gibt noch edle
Herzen noch Freunde für das Haus des Boëtius« rief sie wieder und wieder Und
sie sandte das innigste Gebet des Dankes gegen Himmel 
    Als am Tage darauf die Mutter eintraf war sie kaum weniger ergriffen von
der seltsamen Überraschung
    Sogleich schrieb sie nach Rom an Cetegus und fragte welcher Freund ihres
Gatten wohl in diesem geheimnisvollen Wohltäter zu suchen sei Es war ihr eine
stille Hoffnung an ihn selbst dabei zu denken Aber der Präfekt schüttelte
nachdenklich den Kopf über ihren Brief und schrieb ihr zurück er kenne niemand
an den ihn diese zartfühlende Weise mahnen könne Sie möge scharf jede Spur
beachten die zur Lösung des Rätsels führen könne
    Es sollte sich bald genug enthüllen 
    Kamilla wurde nicht müde den Garten zu durchstreifen und immer neue
Ähnlichkeiten mit seinem trauten Vorbild zu entdecken Oft führten sie diese
Gänge über den Park hinaus und in den anstoßenden Bergwald dabei pflegte sie
die muntere Daphnidion zu begleiten die ihr gleiche Jugend und treue
Anhänglichkeit rasch zur Vertrauten gemacht Wiederholt hatte diese der Patrona
bemerkt ein Waldgeist müsse ihnen nachschleichen Denn vielfach knacke es
hörbar in den Büschen und rausche im Grase hinter oder neben ihnen Und doch sei
nirgends Mensch oder Tier zu sehen Aber Kamilla lachte ihres Aberglaubens und
nötigte sie immer wieder in die grünen Schatten der Ulmen und Platanen hinaus
    Eines Tages entdeckten die Mädchen vor der Hitze tiefer und tiefer in die
Kühle des Waldes flüchtend eine lebhafte Quelle die reichlich und klar von
dunkeln Porphyrfelsen traufte Doch sie rieselte ohne bestimmtes Rinnsal und
mühsam mussten die Durstenden die einzelnen Silbertropfen erhaschen »Wie
schade« rief Kamilla »um das köstliche Nass Da hättest du die Tritonenquelle
sehen sollen im Pinetum zu Ravenna Wie anmutig sprudelte der Strahl aus den
aufgeblasenen Backen des bronzenen Meergotts und fiel gesammelt in eine breite
Muschel von braunem Marmor wie schade« Und sie gingen weiter
    Nach einigen Tagen kamen beide wieder an die Stelle
    Daphnidion die voranschritt blieb plötzlich laut aufschreiend stehen und
wies sprachlos mit dem Finger auf die Quelle Der Waldquell war gefasst Aus
einem bronzenen Tritonenkopf sprudelte der Strahl in eine zierliche Muschel von
braunem Marmor Daphnidion jetzt fest an Geisterspuk glaubend wandte sich ohne
weiteres zur Flucht sie floh mit den Händen vor den Augen die Waldgeister
nicht zu sehen was für höchst gefährlich galt nach dem Hause zu der Herrin
laut rufend ihr zu folgen Aber Kamilla durchzuckte der Gedanke der Lauscher
der uns neulich hierher gefolgt ist gewiss auch jetzt in der Nähe sich an
unsrem Staunen zu weiden Scharf sah sie umher an einem wilden Rosenbusch
fielen die Blüten von schwankenden Zweigen zur Erde Rasch schritt sie auf das
Dickicht zu Und sieh aus dem Gebüsch trat ihr mit Jagdtasche und Wurfspeer ein
junger Jäger entgegen
    »Ich bin entdeckt« sagte er mit leiser schüchterner Stimme anmutig in
seiner Beschämung
    Aber mit einem Schreckensruf fuhr Kamilla zurück »Atalarich« stammelte sie
 »der König«
    Eine ganze Meerflut von Gedanken und Gefühlen wogte ihr durch Haupt und Herz
und halb ohnmächtig sank sie auf den Rasenhang neben der Quelle Der junge König
stand in Schrecken und Entzücken sprachlos einige Sekunden vor der hingegossenen
zarten Gestalt durstig sog sein brennendes Auge die schönen Züge die edelen
Formen ein flüchtiges Rot schoss zuckend wie Blitze über sein bleiches Gesicht
»O sie  sie ist mein heißer Tod«  hauchte er endlich beide Hände an das
pochende Herz drückend  »jetzt sterben sterben mit ihr«
    Da regte sie den Arm Das brachte ihn zur Besinnung zurück Er kniete neben
ihr nieder und sprengte das kühle Nass des Brunnens auf ihre Schläfe Sie schlug
die Augen auf »Barbar  Mörder« schrie sie gellend stieß seine Hand zurück
sprang auf und floh wie ein gescheuchtes Reh hinweg
    Atalarich folgte ihr nicht »Barbar  Mörder« hauchte er in tiefstem
Schmerz vor sich hin Und er verbarg die glühende Stirn in den Händen
 
                               Sechstes Kapitel
Kamilla kam in so hoher Aufregung nach Hause dass Daphnidion sichs nicht nehmen
ließ die Domna müsse die Nymphen oder gar den altehrwürdigen Waldgott Picus
selbst gesehen haben
    Aber das Mädchen warf sich in wilder Bewegung in die Arme der erschrockenen
Mutter Der Kampf verworrener Gefühle löste sich in einem Strom von heißen
Tränen und erst spät vermochte sie den besorgten Fragen Rusticianas Antworten
und Aufschluss zu geben
    In der tiefen Seele dieses Kindes wogte ein schweres Ringen
    Es war dem am Hofe zu Ravenna heranreifenden Mädchen nicht ganz entgangen
dass der schöne bleiche Knabe oft mit seltsamem träumendem Blick die dunkeln
Augen auf ihr ruhen ließ dass er wie mit Andacht dem Tonfall ihrer Stimme
lauschte Aber niemals war diese Ahnung inneren Wohlgefallens ihr bestimmt ins
Bewusstsein getreten der Prinz scheu und verschlossen hatte die Augen
niedergeschlagen wenn sie ihn über einem solchen Blick ertappte und ihn
unbefangen fragend ansah waren sie doch beide damals beinahe noch Kinder Sie
wusste nicht zu nennen was in Atalarich vorging  kaum wusste er es selbst  und
nie war es ihr eingefallen nachzudenken warum auch sie gern in seiner Nähe
lebte gern dem kühnen von der Art aller andrer Gespielen abweichenden Flug
seiner Gedanken oder Phantasien folgte gern auch schweigend neben dem
Schweigenden im Abendlicht durch die stillen Gärten wandelte wo er oft mitten
aus seinen Träumereien abgerissene aber immer sinnige Worte zu ihr sprach
deren Poesie die Poesie schwärmerischer Jugend sie so völlig verstand und
würdigte
    In das zarte Weben dieser knospenden Neigung schlug nun die Katastrophe
ihres über alles geliebten Vaters
    Und nicht nur sanfte Trauer um den Gemordeten glühender Hass gegen die
Mörder ergriff die Seele der leidenschaftlichen Römerin Von jeher hatte
Boëtius selbst in der Zeit seiner höchsten Gunst am Hofe ein hochmütiges
Herabsehen auf das Barbarentum der Goten zur Schau getragen und seit seinem
Untergang atmete natürlich die ganze Umgebung Kamillas die Mutter die beiden
rachedürstenden Brüder die Freunde des Hauses nur Hass und Verachtung nicht nur
gegen den blutigen Mörder und Tyrannen Teoderich nein gegen alle Goten und
vorab gegen Tochter und Enkel des Königs die seine Schuld zu teilen schienen
weil sie dieselbe nicht verhindert So hatte das Mädchen Atalarichs fast gar
nicht mehr gedacht Und wann er genannt wurde oder wann was ihr manchmal
begegnete sein Bild im Traume vor ihre Seele trat so gipfelte all ihr Hass
gegen die Barbaren in höchstem Abscheu gegen ihn Vielleicht gerade deshalb
weil im geheimsten Grund ihres Herzens jetzt eine widerstrebende Ahnung von
jener Neigung zitterte die sie zu dem schönen Königssohn gezogen 
    Und nun  nun hatte es der Frevler gewagt ihr argloses Herz mit tückischem
Streich zu treffen
    Sie hatte sowie sie ihn aus dem Dickicht schreiten sah sowie sie ihn
erkannte blitzschnell erfasst dass er es war der wie die Fassung der Quelle
so die Umgestaltung der ganzen Villa geschaffen Er der verhasste Feind der
Spross des verfluchten Geschlechts an welchem das Blut ihres Vaters klebte der
König der Barbaren All die Freuden mit welchen sie in diesen Tagen Haus und
Garten durchmustert brannten jetzt wie glühend Erz auf ihrer Seele Der
Todfeind ihres Volkes ihres Geschlechts hatte gewagt sie zu beschenken zu
erfreuen zu beglücken Für ihn hatte sie Dankgebete zum Himmel gesandt Er
hatte sich erkühnt ihren Schritten zu folgen ihre Worte zu belauschen ihre
leisesten Wünsche zu erfüllen  und im Hintergrund ihrer Seele stand
schrecklicher als all dies der Gedanke warum er das getan Er liebte sie Der
Barbar erkühnte sich es ihr zu zeigen Der Tyrann Italiens er wagte wohl gar
zu hoffen dass des Boëtius Tochter 
    O es war zu viel und schmerzlich schluchzend barg sie das Haupt in den
Kissen ihres Lagers bis dumpfer Schlaf der Erschöpfung auf sie niedersank
Alsbald erschien der eilig herbeigerufene Cetegus bei den ratlosen Frauen
Rusticiana hatte ihrem wie Kamillens erstem Gefühle folgen sofort die Villa und
die verhasste Nähe des Königs fliehen und ihr Kind jenseit der Alpen bergen
wollen Aber der Zustand Kamillas hatte bisher den Aufbruch verhindert und sowie
der Präfekt das Haus betrat schien sich die Flamme der Aufregung vor seinem
kalten Blick zu legen Er nahm Rusticianen allein mit sich in den Garten ruhig
und aufmerksam hörte er daselbst den Rücken an einen Lorbeerstamm gelehnt das
Kinn in die linke Hand gestützt ihrer leidenschaftlichen Erzählung zu
    »Und nun rede« schloss sie »was soll ich tun Wie soll ich mein armes Kind
retten wohin sie bringen«
    Cetegus schlug die Augen auf die er wie er bei angestrengtem Nachsinnen
pflegte halb geschlossen hatte
    »Wohin Kamilla bringen« sagte er »An den Hof nach Ravenna«
    Rusticiana fuhr empor »Wozu jetzt der giftige Scherz«
    Aber Cetegus richtete sich rasch auf
    »Es ist mein Ernst Still  höre mich Kein gnädigeres Geschenk hat das
Schicksal das die Barbaren verderben will in unsren Weg legen können Du
weißt wie völlig ich die Regentin beherrsche
    Aber nicht weißt du wie völlig machtlos ich bin über jenen eigensinnigen
Schwärmer Es ist rätselhaft Der kranke Jüngling ist im ganzen Gotenvolk der
einzige der mich wenn nicht durchschaut doch ahnt Und ich weiß nicht ob er
mich mehr fürchtet oder mehr hasst Das wäre mir ziemlich gleichgültig wenn der
Verwegene mir nicht sehr entschieden und sehr erfolgreich entgegenarbeitete
Sein Wort wiegt natürlich schwer bei seiner Mutter Oft schwerer als das meine
Und er wird immer älter reifer gefährlicher Sein Geist überflügelt mächtig
seine Jahre Er nimmt ernstlichen Teil an den Beratungen der Regentschaft
Jedesmal spricht er gegen mich Oft siegt er Erst neulich hat er es gegen mich
durchgesetzt dass der schwarzgallige Teja den Befehl der gotischen Truppen in
Rom erhielt in meinem Rom Kurz der junge König wird höchst gefährlich Und
ich hatte bisher nicht einen Schatten von Gewalt über ihn Zu seinem Verderben
liebt er Kamilla Durch sie wollen wir den Unbeherrschbaren beherrschen«
    »Nimmermehr« rief Rusticiana »Nie solang ich atme Ich an den Hof des
Tyrannen Mein Kind die Geliebte Atalarichs des Boëtius Tochter Sein
blutger Schatte würde «
    »Willst du diesen Schatten rächen Ja willst du die Goten verderben Ja
Also musst du wollen was dahin führt«  »Nie bei meinem Eide«  »Weib reize
mich nicht Trotze mir nicht Du kennst mich Bei deinem Eide Wie Hast du mir
nicht Gehorsam geschworen blinden unbedingten wie ich dir Rache verheißen
Hast dus nicht geschworen auf die Gebeine der Heiligen dich und deine Kinder
verflucht für den Eidbruch Man sieht sich vor bei euch Weibern Gehorche oder
zittre für deine Seele«
    »Entsetzlicher Soll ich all meinen Hass dir deinen Plänen opfern«
    »Mir Wer spricht von mir Deine Sache führ ich Deine Rache vollend ich
Mir haben die Goten nichts zuleid getan Du hast mich aufgestört von meinen
Büchern Du hast mich aufgerufen diese Amaler zu vernichten Willst du nicht
mehr Auch gut Ich kehre zurück zu Horatius und der Stoa Leb wohl«
    »Bleib bleibe Aber soll denn Kamilla das Opfer werden«
    »Wahnsinn Atalarich soll es werden Sie soll ihn ja nicht lieben sie soll
ihn nur beherrschen Oder« fügte er sie scharf ansehend hinzu »fürchtest du
für ihr Herz«  »Deine Zunge erlahme Meine Tochter ihn lieben eher erwürg
ich sie mit diesen Händen«
    Aber Cetegus war nachdenklich geworden
    Es ist nicht um das Mädchen sagte er zu sich selbst Was liegt an ihr Aber
wenn sie ihn liebt  und der Gote ist schön geistvoll schwärmerisch  »Wo
ist deine Tochter« fragte er laut
    »Im Frauengemach Auch wenn ich wollte sie würde nie einwilligen nie«
    »Wir wollens versuchen Ich gehe zu ihr«
    Und sie traten ins Haus Rusticiana wollte mit ihm in das Gemach Aber
Cetegus wies sie zurück
    »Allein muss ich sie haben« sprach er und schritt durch den Vorhang Bei
seinem Anblick erhob sich das schöne Mädchen von den Teppichen auf denen sie in
ratlosem Sinnen geruht Gewöhnt in dem klugen beherrschenden Mann dem Freund
ihres Vaters stets einen Berater und Helfer zu finden begrüßte sie ihn
vertrauend wie die Kranke den Arzt
    »Du weißt Cetegus«  »Alles«  »Und du bringst mir Hilfe«  »Rache
bring ich dir Kamilla«
    Das war ein neuer ein mächtig ergreifender Gedanke Nur Flucht Rettung aus
dieser qualvollen Lage hatten ihr bisher vorgeschwebt Höchstens eine zornige
Abweisung der königlichen Geschenke Aber jetzt Rache Vergeltung für die
Schmerzen dieser Stunden Rache für die erlittene Schmach Rache an den Mördern
ihres Vaters Ihre Wunden waren frisch Und in ihren Adern kochte das heiße Blut
des Südens Ihr Herz frohlockte über Cetegus Wort
    »Rache wer wird mich rächen du«  »Du dich selbst Das ist süßer«
    Ihre Augen blitzten »An wem«  »An ihm An seinem Haus An allen unsern
Feinden«  »Wie kann ich das Ein schwaches Mädchen«  »Höre auf mich
Kamilla Nur dir nur des edelen Boëtius edler Tochter sag ich was ich sonst
keinem Weib der Erde vertrauen würde Es besteht ein starker Bund von Patrioten
der die Herrschaft der Barbaren spurlos austilgen wird aus diesem Lande das
Schwert der Rache hängt über den Häuptern der Tyrannen Das Vaterland der
Schatte deines Vaters beruft dich es herabzustürzen«
    »Mich ich  meinen Vater rächen sprich« rief hocherglühend das Mädchen
die schwarzen Haare aus den Schläfen streichend »Es gilt ein Opfer Rom fordert
es«  »Mein Blut mein Leben wie Virginia will ich sterben«  »Du sollst
leben den Sieg zu schauen Der König liebt dich Du musst nach Ravenna An den
Hof Du musst ihn verderben Durch diese Liebe Wir alle haben keine Macht über
ihn Nur du hast Gewalt über seine Seele Du sollst dich rächen und ihn
vernichten«
    »Ihn vernichten«  Seltsam bewegt klang die leise Frage ihr Busen wogte
ihre Stimme bebte in der Mischung ringender Gefühle Tränen brachen aus ihren
Augen sie verbarg das Gesicht in den Händen  Cetegus stand auf »Vergib«
sagte er »Ich gehe Ich wusste nicht   dass du den König liebst«
    Ein Weheschrei des Zornes wie bei physischem Schmerz drang aus des Mädchens
Brust Sie sprang auf und fasste ihn an der Schulter
    »Mann wer sagt das Ich hasse ihn Hasse ihn wie ich nie gewusst dass ich
hassen kann«  »So beweis es Denn ich glaub es dir nicht«  »Ich will dirs
beweisen« rief sie »Sterben soll er Er soll nicht leben«
    Sie warf das Haupt zurück wild funkelten die blitzenden Augen ihr
schwarzes Haar flog um die weißen Schultern
    Sie liebt ihn dachte Cetegus Aber es schadet nicht Denn sie weiß es noch
nicht Sie hasst ihn daneben Und das allein weiß sie Es wird gehn
    »Er soll nicht leben« wiederholte sie »Du sollst sehen« lachte sie »wie
ich ihn liebe Was soll ich tun«  »Mir folgen in allem«  »Und was
versprichst du mir dafür was soll er erleiden«  »Verzehrende Liebe bis zum
Tod«  »Liebe zu mir ja ja das soll er«  »Er sein Haus sein Reich soll
fallen«
    »Und er wird wissen dass durch mich «  »Er soll es wissen Wann reisen
wir nach Ravenna«
    »Morgen Nein heute noch« Sie hielt inne und fasste seine Hand »Cetegus
sage bin ich schön«
    »Der Schönsten eine«
    »Ha« rief sie die losgegangenen Locken schüttelnd »Er soll mich lieben
und verderben Fort nach Ravenna Ich will ihn sehen ich muss ihn sehen« Und
sie stürmte aus dem Gemach  Sie sehnte sich mit ganzer Seele bei Atalarich
zu sein
 
                               Siebentes Kapitel
Noch am nämlichen Tage wurde die kleine Villa verlassen und der Weg nach der
Königsstadt angetreten
    Cetegus schickte einen Eilboten voraus mit einem Brief Rusticianas an die
Regentin Die Witwe des Boëtius erklärte darin dass sie die durch Vermittlung
des Präfekten von Rom wiederholt angebotene Rückberufung an den Hof nunmehr
anzunehmen bereit sei Nicht als eine Tat der Gnade sondern der Sühne als ein
Zeichen dass die Erben Teoderichs dessen Unrecht an den Verblichenen gutmachen
wollten
    Diese stolze Sprache war wie aus Rusticianas tiefstem Herzen und Cetegus
wusste dass solches Auftreten nicht schaden nur alle verdächtige Auslegung der
raschen Umstimmung ausschließen werde Unterwegs noch traf die Reisenden die
Antwort der Königin die sie am Hof willkommen hieß In Ravenna angelangt wurden
sie von der Fürstin aufs ehrenvollste empfangen mit Sklaven und Sklavinnen
umgeben und in dieselben Räume des Palastes eingeführt die sie ehedem bewohnt
Freudig begrüßten sie die Römer
    Aber der Zorn der Goten die in Boëtius und Symmachus undankbare Verräter
verabscheuten wurde durch diese Maßregeln die eine stillschweigende
Verurteilung Teoderichs zu enthalten schienen schwer gereizt Die letzten
Freunde des großen Königs verließen grollend den verwelschten Hof 
    Einstweilen hatten die Zeit die Zerstreuungen der Reise und der Ankunft
Kamillas Aufregung gemildert Und ihr Zorn konnte sich um so eher beschwichtigen
als ihr viele Wochen zu Ravenna verstrichen ehe sie Atalarich begegnete Denn
der junge König war gefährlich erkrankt
    Am Hof erzählte man er habe bei einem Aufenthalt zu Aretium  er wollte
dort mit geringer Begleitung der Bergluft der Bäder und der Jagd genießen 
in den Wäldern von Tifernum in der Hitze der Jagd einen kalten Trunk aus einer
Felsenquelle getan und sich dadurch einen heftigen Anfall seines alten Leidens
zugezogen
    Tatsache war dass ihn sein Gefolge an jener Quelle bewusstlos niedergesunken
gefunden hatte
    Die Wirkung dieser Erzählung auf Kamilla war seltsam Zu dem Hass gegen
Atalarich trat jetzt ein Zug von leisem Bedauern Ja eine Art von
Selbstanklage Aber andrerseits dankte sie dem Himmel dass durch diese Krankheit
eine Begegnung hinausgeschoben wurde die sie jetzt in Ravenna nicht minder
fürchtete als sie dieselbe da sie noch fern von ihm in Tifernum war lebhaft
herbeigewünscht hatte Und wenn sie jetzt in den weiten Anlagen des herrlichen
Schlossgartens einsam wandelte hatte sie immer und immer wieder zu bewundern
mit welcher Sorgfalt das kleine Gütchen des Korbulo diesem Muster nachgebildet
worden war
    Tage und Wochen vergingen
    Man vernahm nichts von dem Kranken als dass er zwar auf dem Weg der
Besserung aber noch streng an seine Gemächer gebunden sei Ärzte und Hofleute
die ihn umgaben priesen ihr oft seine Geduld und Kraft in den heftigsten
Schmerzen seine Dankbarkeit für jeden kleinen Liebesdienst seine edle Milde
Aber wenn sie ihr Herz ertappte wie gern es diesen Lobesworten lauschte sagte
sie heftig zu sich selbst »Und meines Vaters Ermordung hat er nicht gehindert«
und ihre Brauen zogen sich zusammen und sie legte heimlich die geballte Faust
auf das pochende Herz
    In einer heißen Nacht war Kamilla nach langem friedlosem Wachen endlich
gegen Morgen in unruhigen Schlaf gesunken Angstvolle Träume quälten sie Ihr
war als senke sich die Decke des Gemaches mit ihren Reliefgestalten auf sie
nieder Gerade über ihrem Haupte war ein jugendlich schöner Hypnos der sanfte
Gott des Schlafes von hellenischer Hand gebildet angebracht
    Ihr träumte der Schlafgott nehme die ernsteren trauervollen Züge seines
bleichen Bruders Tanatos an
    Langsam und leise senkte der Gott des Todes sein Antlitz auf sie nieder 
Immer näher rückte er  Immer bestimmter wurden seine Züge  Schon fühlte sie
den Hauch seines Atems auf ihrer Stirn  Schon berührten fast feinen Lippen
ihren Mund  Da erkannte sie mit Entsetzen die bleichen Züge das dunkle Auge
 Es war Atalarich  dieser Todesgott  Mit einem Schrei fuhr sie empor
    Die zierliche Silberlampe war längst erloschen Es dämmerte im Gemach
    Ein rotes Licht drang gedämpft durch das Fenster von Frauenglas Sie erhob
sich und öffnete es die Hähne krähten die Sonne tauchte mit den ersten
Strahlenspitzen aus dem Meer auf das sie über den Schlossgarten hinweg freien
Ausblick hatte Es litt sie nicht mehr in dem schwülen Gemach
    Sie schlug den faltigen Mantel um die Schultern und eilte leise leise aus
dem noch schlummernden Palast über die Marmorstufen in den Garten aus dem ihr
erfrischender Morgenwind von der nahen See her entgegenwehte Sie eilte der
Sonne und dem Meere zu Denn im Osten stieß der Garten des Kaiserpalastes mit
seinen hohen Mauern unmittelbar an die blauen Wellen der Adria Ein vergoldetes
Gittertor und jenseit desselben zehn breite Stufen von weißem hymettischem
Marmor führten hinab zu dem kleinen Hafen des Gartens in welchem die schwanken
Gondeln mit leichten Rudern und dem dreieckigen lateinischen Segel von
Purpurlinnen schaukelten mit silbernen Kettchen an den zierlichen Widderköpfen
von Erz befestigt die links und rechts aus dem Marmorkai hervorragten Diesseit
des Gittertors nach dem Garten zu fanden die Anlagen ihren Abschluss in einer
geräumigen Rundung die von weit schattenden Pinien dicht umfriedet war Ihre
Bodenfläche von üppigem sorgfältig gezognem Graswuchs bedeckt wurde von
reinlichen Wegen durchschnitten und von reichen Beeten stark duftender Blumen
unterbrochen Eine Quelle zierlich gefasst rieselte den Abhang hinab in das
Meer Die Mitte des Platzes bildete ein kleiner altersgrauer Venustempel den
eine einsame Palme hochwipflig überragte indes brennendroter Steinbrech in den
leeren Halbnischen seiner Aussenwände prangte Vor seiner längst geschlossenen
Pforte stand zur Rechten ein eherner Äneas Der Julius Cäsar zur Linken war
schon vor Jahrhunderten zusammengestürzt Teoderich hatte auf dem Postament ein
Erzbild des Amala errichten lassen des mystischen Stammvaters seines Hauses
Hier zwischen diesen Statuen an den Eingangsstufen des kleinen Fanum genoss man
des herrlichsten Blickes durch das Gittertor auf das Meer mit seinen buschigen
Laguneninseln und einer Gruppe von scharfkantigen malerischen Felsklippen »die
Nadeln der Amphitrite« genannt
    Es war ein alter Lieblingsort Kamillas
    Und hierher lenkte sie jetzt die leichten Schritte den reichen Tau von dem
hohen Grase streifend wie sie mit leis gehobnem Gewand durch die schmalen
Wieswege eilte Sie wollte die Sonne über das Meer hin aufglühen sehen Sie kam
von der Rückseite des Tempels ging an dessen linker Seite hin und trat eben auf
die erste der Stufen die von seiner Stirn zu dem Gitter hinabführten als sie
rechts auf der zweiten Stufe halb sitzend halb liegend eine weiße Gestalt
erblickte die das Haupt an die Treppe gelehnt das Antlitz dem Meere zuwandte
    Aber sie erkannte das braune das seidenglänzende Haar es war der junge
König
    Die Begegnung war so plötzlich dass an Ausweichen nicht zu denken Wie
angewurzelt hielt das Mädchen auf der ersten Stufe Atalarich sprang auf und
wandte sich rasch Eine helle Röte flammte über sein marmorbleiches Gesicht
Doch er fasste sich zuerst von beiden und sprach
    »Vergib Kamilla Ich konnte dich nicht hier erwarten Zu dieser Stunde Ich
gehe Und lasse dich allein mit der Sonne« Und er schlug den weißen Mantel über
die linke Schulter »Bleib König der Goten Ich habe nicht das Recht dich zu
verscheuchen  und nicht die Absicht« fügte sie bei
    Atalarich trat einen Schritt näher »Ich danke dir Aber ich bitte dich um
eins« setzte er lächelnd hinzu »verrate mich nicht an meine Ärzte an meine
Mutter Sie sperren mich den ganzen Tag über so sorgsam ein dass ich ihnen wohl
vor Tag entschlüpfen muss Denn die frische Luft die Seeluft tut mir gut Ich
fühls Sie kühlt Du wirst mich nicht verraten« Er sprach so ruhig Er blickte
so unbefangen
    Diese Unbefangenheit verwirrte Kamilla Sie wäre viel mutiger gewesen wenn
er bewegter Sie sah diese Unbefangenheit mit Schmerz Aber nicht um der Pläne
des Präfekten willen So schüttelte sie nur schweigend das Haupt zur Antwort
Und sie senkte die Augen
    Jetzt erreichten die Strahlen der Sonne die Höhe auf der die beiden
standen Der alte Tempel und das Erz der Statuen schimmerten im Morgenlicht Und
eine breite Straße von zitterndem Gold bahnte sich von Osten her über die
spiegelglatte Flut »Sieh wie schön« rief Atalarich fortgerissen von dem
Eindruck »Sieh die Brücke von Licht und Glanz«
    Sie blickte teilnehmend hinaus »Weißt du noch Kamilla« fuhr er langsamer
fort wie in Erinnerungen verloren und ohne sie anzusehen »weißt du noch wie
wir hier als Kinder spielten Träumten Wir sagten die goldne Straße von
Sonnenstrahlen auf die Flut gezeichnet führe zu den Inseln der Seligen« 
    »Zu den Inseln der Seligen« wiederholte Kamilla Im stillen bewunderte sie
mit welcher Zartheit und edlen Leichtigkeit er jeden Gedanken an ihre letzte
Begegnung fernhaltend mit ihr in einer Weise verkehrte die sie völlig
entwaffnete »Und schau wie dort die Statuen glänzen das wundersame Paar
Äneas und  Amala Höre Kamilla ich habe dir abzubitten« Lebhaft schlug ihr
Herz Jetzt wollte er der Ausschmückung der Villa der Quelle gedenken Das Blut
stieg ihr in die Wangen Sie schwieg in peinlicher Erwartung Aber ruhig fuhr
der Jüngling fort »Du weißt wie oft wir du die Römerin ich der Gote an
diesem Ort in Wettreden den Ruhm und den Glanz und die Art unserer Völker
priesen« Dann standest du unter dem Äneas und sprachst mir von Brutus und
Kamillus von Marcellus und den Scipionen Ich aber an meines Ahnherrn Amala
Schild gelehnt rühmte Ermanarich und Alarich und Teoderich Aber du sprachst
besser als ich Und oft wenn der Schimmer deiner Helden mich zu überstrahlen
drohte lachte ich deiner Toten und rief »Das Heute und die lebendige Zukunft
ist meines Volkes«
    »Nun und jetzt«  »Ich spreche nicht mehr so Du hast gesiegt Kamilla«
    Aber indem er so sprach schien er so stolz wie nie zuvor Und dieser
überlegne Ausdruck empörte die Römerin Sie war ohnehin gereizt durch die
unnahbare Ruhe mit welcher der Fürst auf dessen Leidenschaft man solche Pläne
gebaut ihr gegenüberstand Sie begriff diese Ruhe nicht Sie hatte ihn gehasst
weil er es gewagt ihr seine Liebe zu zeigen Und jetzt lebte dieser Hass auf
weil er es vermochte diese Liebe zu verbergen Mit der Absicht ihm weh zu tun
sagte sie langsam »So räumst du ein König der Goten dass deine Barbaren den
Völkern der Menschlichkeit nachstehen«
    »Ja Kamilla« antwortete er ruhig »aber nur in einem im Glück Im Glück
des Geschickes wie im Glück der Natur Sieh dort die Gruppe von Fischern die
ihre Netze aufhängen an den Olivenbäumen am Strande Wie schön sind diese
Gestalten In Bewegung und Ruhe trotz ihrer Lumpen lauter Statuen Hier das
Mädchen mit der Amphora auf dem Haupt dort der Alte der den Kopf auf den
linken Arm gestützt im Sande liegt und hinausträumt ins Meer Jeder Bettler
unter ihnen sieht aus wie ein enttronter König Wie sie schön sind Und in sich
eins und glücklich Ein Schimmer ungebrochenen Glücks liegt über ihnen Wie über
Kindern Oder edelen Tieren Das fehlt uns Barbaren«  »Fehlt euch nur das« 
»Nein uns fehlt auch Glück im Schicksal
    Mein armes herrliches Volk Wir sind hier herein verschlagen in eine fremde
Welt in der wir nicht gedeihen Wir gleichen der Blume der hohen Alpen dem
Edelweiss die vom Sturmwind vertragen ward in den heißen Sand der Niederung Wir
können nicht wurzeln hier Wir welken und sterben« 
    Und mit edler Wehmut blickte er hinaus in die blaue Flut Aber Kamilla hatte
nicht die Stimmung diesen weissagerischen Worten eines Königs über sein Volk
nachzusinnen »Warum seid ihr gekommen« fragte sie mit Härte »Warum seid ihr
über die Berge gedrungen die ein Gott als ewige Marken gesetzt hat zwischen
euch und uns Sprich warum«  »Weißt du« sprach Atalarich ohne sie
anzublicken wie mit sich selber und für sich selber fortdenkend »weißt du
warum die dunkle Motte nach der hellen Flamme fliegt Wieder immer wieder Von
keinem Schmerz gewarnt bis sie verzehrt ist von der schönen lockenden Feindin
Aus welchem Grund Aus einem süßen Wahnsinn Und solch ein süßer Wahnsinn ist
es ganz derselbe der meine Goten aus den Tannen und Eichen hinweggezogen hat
zu Lorbeer und Olive Sie werden sich die Flügel verbrennen die törichten
Helden Und werden doch nicht davon lassen Wer will sie drum schelten Sieh um
dich her Wie tief blau der Himmel wie tief blau das Meer und darin spiegeln
die Wipfel der Pinien und die Säulentempel voll Marmorglanz und fern da drüben
ragen schön gewölbte Berge und draußen in der Flut schwimmen grüne Inseln wo
sich die Rebe um die Ulme schlingt Und drüber hin die weiche die warme die
kosende Luft die alles erhellt Welche Wunder der Formen der Farben trinkt das
Auge und atmen die entzückten Sinne Das ist der Zauber der uns ewig locken und
ewig verderben wird«
    Die tiefe und edle Erregung des jungen Königs blieb nicht ohne Eindruck auf
Kamilla Die tragische Gewalt dieser Gedanken ergriff ihr Herz aber sie wollte
nicht ergriffen sein Sie wehrte sich gegen ihre weicher werdende Empfindung
Sie sagte kalt »Ein ganzes Volk gegen Verstand und Einsicht vom Zauber
angezogen« und kalt und zweifelnd sah sie ihn an
    Aber sie erschrak denn wie Blitze loderte es aus den dunkeln Augen des
Jünglings und die lang zurückgehaltne Glut brach plötzlich aus den Tiefen seiner
Seele »Ja sag ich dir Mädchen« rief er leidenschaftlich »Ein ganzes Volk
kann eine törichte Liebe einen süßen verderblichen Wahnsinn eine tödliche
Sehnsucht pflegen so gut wie  so gut wie ein einzelner Ja Kamilla es gibt
eine Gewalt im Herzen die stärker als Verstand und Wille uns sehenden Auges
ins Verderben reißt Aber du weißt das nicht Und mögest dus nie erfahren
Niemals Leb wohl«
    Und rasch wandte er sich und bog rechts vom Tempel in den dichten Laubgang
von rankendem Wein der ihn sofort vor Kamilla wie vor den Fenstern des
Schlosses verbarg
    Sinnend blieb das Mädchen stehen
    Seine letzten Worte klangen seltsam fort in ihren Gedanken lange sah sie
träumend ins offene Meer hinaus und mit wundersam gemischter Empfindung mit
verwandelter Stimmung kehrte sie endlich wieder dem Schloss zu
 
                                Achtes Kapitel
Noch am nämlichen Tage fand sich Cetegus bei den Frauen ein Er war in
wichtigen Geschäften von Rom herbeigeeilt und kam soeben aus dem
Regentschaftsrat der in des kranken Königs Gemach gehalten wurde Verhaltner
Zorn lagerte auf seinen herben Zügen
    »Ans Werk Kamilla« sprach er heftig »Ihr säumt zu lang Dieser vorlaute
Knabe wird immer herrischer Er trotzt mir und Kassiodor und seiner schwachen
Mutter selbst Er verkehrt mit gefährlichen Leuten Mit dem alten Hildebrand
mit Witichis und ihren Freunden Er schickt Briefe und empfängt Briefe hinter
unsrem Rücken Er hat es durchgesetzt dass die Königin nur noch in seiner
Gegenwart den Rat der Regentschaft beruft Und in diesem Rat kreuzt er all unsre
Pläne Das muss aufhören So oder so«  »Ich hoffe nicht mehr Einfluss auf den
König zu gewinnen« sagte Kamilla ernst  »Weshalb hast du ihn schon gesehen«
Das Mädchen überlegte dass sie Atalarich versprochen seinen Ungehorsam nicht
an die Ärzte gelangen zu lassen Aber auch sonst widerstrebte es ihrem Gefühl
die Begegnung dieses Morgens zu entweihen zu verraten
    Sie wich daher der Frage aus und sagte »Wenn der König sich sogar seiner
Mutter der Regentin widersetzt wird er sich nicht von einem jungen Mädchen
beherrschen lassen«  »Goldne Einfalt« lächelte Cetegus und ließ das Gespräch
ruhen solang das Kind anwesend war Aber insgeheim trieb er Rusticianen zu
veranlassen dass ihre Tochter den König fortan häufig sehe und spreche
    Dies ward möglich da sich dessen Befinden jetzt rasch besserte Und wie
äußerlich wurde er innerlich zusehends männlicher fester und reifer es war
als ob das Widerstreben gegen Cetegus ihm Leib und Seele kräftige
    So verbrachte er bald wieder viele Stunden in den weiten Anlagen des
Gartens Dort war es wo ihn seine Mutter und die Familie des Boëtius in den
Abendstunden häufig trafen
    Und während Rusticiana die Huld der Regentin mit voller Freundschaft zu
erwidern schien und aufmerksam ihren vertrauenden Mitteilungen lauschte um sie
wörtlich dem Präfekten wiedererzählen zu können wandelten die jungen Leute vor
ihnen her durch die schattigen Gänge des Gartens
    Oft auch bestieg die kleine Gesellschaft eine der leichten Gondeln in jenem
Hafen und Atalarich steuerte wohl selbst eine Strecke ins blaue Meer hinaus
nach einer der kleinen grünbuschigen Inseln die nicht weit vor der Bucht
lagen Auf dem Heimweg aber spannte man die purpurnen Segel auf und ließ sich
von dem frischen Westwind der sich bei Sonnenuntergang zu erheben pflegte
langsam und mühelos zurücktragen 
    Oft waren es auch der König und Kamilla allein die nur von Daphnidion
begleitet sich dieser Wanderungen im Grünen und auf den Wellen erfreuten
    Wohl sah Amalaswinta darin die Gefahr dadurch die Neigung ihres Sohnes
die ihr nicht entgangen war zu steigern Aber vor allen andern Erwägungen
segnete sie dankbar den günstigen Einfluss den dieser Umgang augenscheinlich auf
ihren Sohn übte er wurde in Kamillas Nähe ruhiger heiterer und war dann auch
weicher gegen seine Mutter der er sonst oft heftig und schroff gegenübertrat
    Auch beherrschte er sein Gefühl mit einer Sicherheit die bei dem reizbaren
Kranken doppelt befremdete und endlich würde die Regentin im Fall sich diese
Liebe ernster geltend machte sogar einer Verbindung nicht abgeneigt gewesen
sein die den römischen Adel völlig zu gewinnen und jedes Andenken einer
unseligen Bluttat auszulöschen versprach 
    In dem Mädchen aber ging eine wundersame Wandlung vor Täglich mehr fühlte
sie ihren Groll und Hass schwinden wie sie täglich klarer die edle Zartheit der
Seele den schwungvollen Geist das tiefe poesiereiche Gemüt des jungen Königs
sich entfalten sah Nur mit Anstrengung konnte sie gegen diesen wachsenden
Zauber sich immer wieder das Schicksal ihres Vaters als Talisman ins Andenken
zurückrufen immer mehr kam sie dazu unter den Goten und Amalern die jenes
Schicksal herbeigeführt mit Gerechtigkeit zu unterscheiden immer bestimmter
sagte sie sich wie unbillig es sei Atalarich um eines Unglücks willen zu
hassen das er nur nicht verhindert hatte und wohl schwerlich hätte verhindern
können Längst hätte sie ihn am liebsten völlig freigesprochen aber sie
misstraute dieser Milde sie scheute sie wie eine schwarze Sünde gegen Vater
Vaterland und eigne Freiheit
    Mit Zittern nahm sie wahr wie unentbehrlich dies edle Menschenbild ihr
wurde wie mächtig sie sich sehnte diese melodische Stimme zu hören und in dies
dunkle sinnige Auge zu blicken Sie fürchtete die frevelhafte Liebe die sie
sich nur schwer noch verhehlen konnte und die einzige Waffe mit der sie sich
noch dagegen wehrte der Vorwurf seiner Mitschuld an des Vaters Untergang
wollte sie sich nicht entwinden lassen So schwankte sie in wogenden Gefühlen
desto unsichrer je rätselhafter ihr Atalarichs geschlossene Sicherheit blieb
Sie konnte ja nicht daran zweifeln dass er sie liebe nach allem was geschehen 
aber doch
    Nicht eine Silbe nicht ein Blick verriet diese Liebe jene Äußerung mit
der er sie damals am Venustempel rasch verlassen war das bedeutsamste ja das
einzige bedeutsame Wort das ihm entschlüpfte
    Sie ahnte nicht was die hochwogende Seele des Jünglings durchgekämpft und
durchgelitten bis seine Liebe zwar nicht erlosch aber entsagte und noch
weniger in welch neuem Gefühl er die männliche Kraft solcher Entsagung
gefunden Ihre Mutter die ihn mit aller Schärfe des Hasses beobachtete und
darüber das eigne Kind zu überwachen vergaß schien noch mehr erstaunt über
seine Kälte »Aber Geduld« sprach sie zu Cetegus mit dem sie oft hinter
Kamillas Rücken Beratung pflog »Geduld bald binnen drei Tagen wirst du ihn
verwandelt sehen«  »Es wäre Zeit« meinte Cetegus »aber auf was vertraust
du«  »Auf ein Mittel das noch nie getäuscht hat«
    »Du wirst ihm doch kein Liebestränklein brauen« lächelte der Präfekt 
»Allerdings das werd ich tun das hab ich schon getan«  Jener sah sie
spöttisch an »Auch bei dir solcher Aberglaube bei der Witwe des großen
Philosophen Boëtius In Liebeswahn sind alle Weiber gleich«
    »Nicht Wahn und Aberglaube« sagte Rusticiana ruhig »Seit mehr als hundert
Jahren lebt das Geheimnis in unsrer Familie Ein ägyptisch Weib hat es dereinst
am Nil meine Ureltermutter gelehrt Und es hat sich bewährt Kein Weib unseres
Hauses hat ohne Erhörung geliebt«  »Dazu brauchts keinen Zauber« meinte der
Präfekt »ihr seid ein schönes Geschlecht«  »Spare deinen Spott Der Trank
wirkt unfehlbar und wenn er bis heute nicht wirkte «  »So hast du wirklich 
Unvorsichtige wie konntest du unvermerkt«  »Am Abend wann er vom Spaziergang
oder von der Gondelfahrt mit uns zurückkommt nimmt er einen Becher gewürzten
Falerners Der Arzt hat es ihm verordnet es sind Tropfen arabischen Balsams
darin Der Becher steht immer bereit auf dem Marmortisch vor dem Venustempel
Dreimal schon gelang es den Trank hineinzuschütten«  »Nun« meinte Cetegus
»es hat bis jetzt nicht sonderlich gewirkt«  »Daran ist nur deine Ungeduld die
Ursache Die Kräuter müssen im Neumond gebrochen werden  ich wusste das wohl
Aber gedrängt von deinen Mahnungen versucht ichs schon im Vollmond und du
siehst es wirkte nicht«  Cetegus zuckte die Achseln  »Aber gestern nacht
trat Neumond ein Ich war nicht müßig mit meiner goldnen Schere und wenn er
jetzt trinkt «  »Eine zweite Locusta Nun mein Trost sind Kamillas schöne
Augen Weiß sie von deinen Künsten«
    »Kein Wort zu ihr Sie würde das nie dulden Stille sie kommt« Das Mädchen
trat ein in lebhafter Erregung die lieblichen Wangen gerötet eine Flechte des
dunklen Haares war losgegangen und spielte um den feinen Nacken
    »Saget mir ihr die ihr klug seid und menschenerfahren sagt mir was soll
ich denken Ich komme aus dem Schiff O er hat mich nie geliebt der
Hochmütige er bemitleidet er bedauert mich Nein das ist nicht das rechte
Wort Ich kann es mir nicht deuten« Und in Tränen ausbrechend barg sie das
Haupt am Halse der Mutter  »Was ist geschehen Kamilla« fragte Cetegus 
»Schon oft« begann sie tiefaufatmend »spielte ein Zug um seinen Mund sprach
eine Wehmut aus seinem Auge als sei er der tief von mir Gekränkte als habe er
uns edel zu vergeben als habe er mir ein großes Opfer gebracht «  »Unreife
Knaben bilden sich immer ein es sei ein Opfer wenn sie lieben« Da blitzte
Kamillas Auge sie warf den schönen Kopf zurück und wandte sich heftig gegen
Cetegus »Atalarich ist kein Knabe mehr und man soll ihn nicht verhöhnen«
Cetegus schwieg ruhig die Augen senkend Aber Rusticiana fragte erstaunt
»Hassest du den König nicht mehr«  »Bis zum Tode Man soll ihn verderben
nicht verhöhnen«
    »Was ist geschehen« wiederholte Cetegus  »Heute stand jener rätselhafte
kalte stolze Zug deutlicher als je auf seinem Antlitz Ein Zufall äußerte ihn
in Worten« Wir waren eben gelandet Ein Käfer war ins Wasser gefallen der
König bückte sich und zog ihn heraus das Tierchen aber wehrte sich gegen die
mildtätige Hand und biss mit den Zangen des Kopfes in den Finger der ihn hielt
»Der Undankbare« sagte ich  »Oh« sprach Atalarich bitter lächelnd und er
setzte den Käfer auf ein Blatt »man verwundet die am meisten die am meisten
für uns getan« Und dabei flog sein Blick mit stolzer Wehmut über mich dahin
Doch rasch als ob er zuviel gesagt schritt er kalt grüßend hinweg »Ich aber«
und ihre Brust wogte ihre fein geschnittenen Lippen schlossen sich  »ich aber
trage das nicht mehr Der Stolze er soll mich lieben  oder sterben«  »Das
soll er« sagte Cetegus kaum hörbar »eins von beiden«
 
                                Neuntes Kapitel
Wenige Tage darauf wurde der Hof durch einen neuen Schritt des jungen Königs zur
Selbständigkeit überrascht er selbst berief den Rat der Regentschaft ein
Recht das bisher nur Amalaswinta geübt Die Regentin war nicht wenig erstaunt
als ein Bote ihres Sohnes sie in dessen Gemächer beschied wo der König bereits
eine Auswahl der höchsten Beamten des Reiches um sich versammelt habe Goten und
Römer unter diesen Kassiodor und Cetegus
    Dieser hatte zuerst beschlossen auszubleiben um nicht durch sein
Erscheinen das Recht anzuerkennen das sich der Knabe herausnahm ihm ahnte
nichts Gutes Aber ebendeshalb besann er sich bald eines andern »Ich darf der
Gefahr nicht den Rücken die Stirn muss ich ihr bieten« sprach er als er sich
zu dem verhassten Gang anschickte Er fand in dem Gemach des Königs alle
Geladenen bereits versammelt Nur die Regentin fehlte noch Als sie eintrat
erhob sich Atalarich  er trug eine langfaltige Abolla von Purpur die
Zackenkrone Teoderichs glänzte auf seinem Haupt und unter dem Mantel klirrte
das Schwert  von seinem Tronsessel der vor einer durch einen Vorhang
geschlossenen Nische stand ging ihr entgegen und führte sie zu einem zweiten
höheren Stuhl der aber zur Linken stand Als sie sich niedergelassen hob er
an »Meine königliche Mutter tapfre Goten edle Römer Wir haben euch hierher
beschieden euch unsern Willen kundzutun Es drohten diesem Reiche Gefahren die
nur wir der König dieses Reiches abwenden konnten«
    Solche Sprache hatte man aus diesem Munde noch nicht vernommen Alle
schwiegen betroffen Cetegus aus Klugheit er wollte den rechten Augenblick
abwarten Endlich begann Kassiodor »Deine weise Mutter und dein getreuer Diener
Kassiodor«   »Mein getreuer Diener Kassiodor schweigt bis sein Herr und König
ihn um Rat befragt Wir sind schlecht zufrieden sehr schlecht mit dem was die
Räte unsrer königlichen Mutter bisher getan haben und nicht getan Es ist
höchste Zeit dass wir selbst zum Rechten sehen
    Wir waren dazu bisher zu jung und zu krank Wir fühlen uns nicht mehr zu
jung und nicht mehr zu krank Wir künden euch an dass wir demnächst die
Regentschaft aufheben und die Zügel dieses Reiches selbst ergreifen werden«
    Er hielt inne Alles schwieg Niemand hatte Lust nach Kassiodors Beispiel
zu reden und dann zu verstummen
    Endlich fand Amalaswinta die diese plötzliche Energie ihres Sohnes
gleichsam betäubt hatte die Sprache wieder »Mein Sohn dies Alter der
Mündigkeit ist nach den Gesetzen der Kaiser«   »Nach den Gesetzen der Kaiser
Mutter mögen die Römer sich richten Wir sind Goten und leben nach gotischem
Recht Germanische Jünglinge werden mündig wann sie das gesammelte Volksheer
waffenreif erklärt
    Wir haben deshalb beschlossen alle Heerführer und Grafen und alle freien
Männer unsres Volkes so viele ihrer dem Rufe folgen wollen aus allen Provinzen
des Reichs zur Heeresschau zu laden nach Ravenna Mit dem nächsten Sonnwendfest
sollen sie eintreffen«
    Überrascht schwieg die Versammlung
    »Das sind nur noch vierzehn Tage« sprach endlich Kassiodor »Wird es
möglich sein in so kurzer Frist noch die Ladungen zu besorgen«  »Sie sind
besorgt Hildebrand mein alter Waffenmeister und Graf Witichis haben sie alle
bestellt«  »Wer hat die Dekrete unterschrieben« fragte Amalaswinta sich
ermannend »Ich allein liebe Mutter Ich musste doch den Geladnen zeigen dass
ich reif genug allein zu handeln«
    »Und ohne mein Wissen« sprach die Regentin  »Und ohne dein Wissen geschah
es weil es sonst gegen deinen Willen geschehen musste«
    Er schwieg Alle Römer waren ratlos und wie betäubt von der plötzlich
entfalteten Kraft des jungen Königs Nur in Cetegus stand sogleich der
Entschluss fest jene Versammlung zu verhindern um jeden Preis Er sah den Grund
all seiner Pläne wanken gern wär er mit aller Wucht seines Wortes der vor
seinen Augen versinkenden Regentschaft zu Hilfe gekommen gern hätte er schon
mehrere Male in dieser Verhandlung das kühne Aufstreben des Jünglings mit seiner
ruhigen Überlegenheit zu Boden gedrückt  aber ihm hielt ein seltsamer Zufall
Gedanken und Zunge wie mit Zauberbanden gefesselt
    Er hatte in der Nische hinter dem Vorhang Geräusch zu vernehmen geglaubt und
scharfe Blicke darauf geheftet da bemerkte er unter dem Vorhang durch dessen
Fransen nicht ganz bis zur Erde reichten die Füße eines Mannes
    Freilich nur bis an die Knöchel Aber an diesen Knöcheln saßen Beinschienen
von Erz eigentümlicher Arbeit Er kannte diese Beinschienen er wusste dass sie
zu einer vollen Rüstung gleicher Arbeit gehörten er wusste auch in unbestimmter
Gedankenverbindung dass der Träger dieser Rüstung ihm verhasst und gefährlich
aber es war ihm nicht möglich sich zu sagen wer dieser Feind sei Hätte er die
Schienen nur bis ans Knie verfolgen können Gegen seinen Willen musste er die
Augen immer und immer wieder auf jenen Vorhang richten und raten und raten Und
das bannte seinen Geist jetzt  jetzt da alles auf dem Spiele stand Er zürnte
über sich selbst aber er konnte Gedanken und Blicke nicht von der Nische
losreißen Der König jedoch fuhr ohne Widerstand zu finden fort »Ferner haben
wir die edelen Herzoge Tulun Ibbas und Pitza die grollend diesen Hof
verlassen aus Gallien und Spanien zurückgerufen Wir finden dass allzuviele
Römer allzuwenig Goten uns umgeben Jene drei tapfern Krieger werden mit Graf
Witichis die Wehrmacht unsres Reiches die Festen und Schiffe untersuchen und
alle Schäden aufdecken und heilen Sie werden nächstens eintreffen« Sie müssen
sogleich wieder fort sagte Cetegus rasch zu sich selbst Aber seine Gedanken
fuhren fort Nicht ohne Grund ist jener Mann dadrinnen versteckt
    »Weiter« hob der königliche Jüngling wieder an »haben wir Mataswinten
unsre schöne Schwester zurückbeschieden an unsern Hof Man hat sie nach Tarent
verbannt weil sie sich geweigert eines betagten Römers Weib zu werden Sie
soll wiederkehren die schönste Blume unsres Volkes und unsren Hof
verherrlichen«
    »Unmöglich« rief Amalaswinta »Du greifst in das Recht der Mutter wie der
Königin«  »Ich bin das Haupt der Sippe sobald ich mündig bin«
    »Mein Sohn du weißt wie schwach du warst noch vor wenigen Wochen Glaubst
du wirklich die gotischen Heermänner werden dich waffenreif erklären«
    Der König wurde rot wie sein Purpur halb vor Scham halb vor Zorn eh er
Antwort fand rief eine raue Stimme an seiner Seite »Sorge nicht darum Frau
Königin Ich bin sein Waffenmeister gewesen ich sage dir er kann sich messen
mit jedem Feind und wen der alte Hildebrand wehrfähig spricht der gilt dafür
bei allen Goten« Lauter Beifall der anwesenden Goten bestätigte sein Wort
    Wieder gedachte Cetegus einzugreifen aber eine Bewegung hinter dem Vorhang
zog seine Gedanken ab Einer meiner größten Feinde ist es aber wer
    »Noch eine wichtige Sache ist euch kundzutun« begann der König wieder mit
einem flüchtigen Seitenblick nach der Nische der dem Präfekten nicht entging
    Etwa ein Anschlag gegen mich dachte er Man wollte mich überraschen Das
soll nicht gelingen 
    Aber es überraschte ihn doch als plötzlich der König mit lauter Stimme
rief »Präfekt von Rom Cetegus Cäsarius« Er zuckte aber rasch gefasst neigte
er das Haupt und sprach »Mein Herr und König«  »Hast du uns nichts aus Rom zu
melden Wie ist die Stimmung der Quiriten Was denkt man dort von den Goten«
    »Man ehrt sie als das Volk Teoderichs«  »Fürchtet man sie«  »Man hat
nicht Ursach sie zu fürchten«  »Liebt man sie«  Gern hätte Cetegus
geantwortet Man hat nicht Ursach sie zu lieben Aber der König selbst fuhr
fort
    »Also keine Spur von Unzufriedenheit Kein Grund zur Sorge Nichts
Besonderes das sich vorbereitet«
    »Ich habe nichts dir anzuzeigen«  »Dann bist du schlecht unterrichtet
Präfekt  oder schlecht gesinnt Muss ich der in Ravenna kaum vom Siechbett
ersteht dir sagen was in deinem Rom unter deinen Augen vorgeht Die Arbeiter
auf deinen Schanzen singen Spottlieder auf die Goten auf die Regentin auf
mich deine Legionäre führen bei ihren Waffenübungen drohende Reden
Höchstwahrscheinlich besteht bereits eine ausgebreitete Verschwörung Senatoren
Priester an der Spitze sie versammeln sich nachts an unbekannten Orten Ein
Mitschuldiger des Boëtius ein Verbannter Albinus ist in Rom gesehen worden
und weißt du wo im Garten deines Hauses« Der König stand auf Die Augen aller
Anwesenden richteten sich erstaunt erzürnt erschrocken auf Cetegus
Amalaswinta bebte für den Mann ihres Vertrauens Aber dieser war jetzt wieder
völlig er selbst Ruhig kalt schweigend sah er dem König ins Auge
    »Rechtfertige dich« rief ihm dieser entgegen
    »Rechtfertigen gegen einen Schatten ein Gerücht eine Klage sonder Kläger
Nie«  »Man wird dich zu zwingen wissen« Hohn zuckte um des Präfekten schmale
Lippen
    »Man kann mich ermorden auf bloßen Verdacht ohne Zweifel  wir haben das
erfahren wir Italier  nicht mich verurteilen Gegen Gewalt gibt es keine
Rechtfertigung nur gegen Gerechtigkeit«  »Gerechtigkeit soll dir werden
zweifle nicht Wir übertragen den hier anwesenden Römern die Untersuchung dem
Senat in Rom die Urteilsfällung Wähle dir einen Verteidiger«  »Ich verteidige
mich selbst« sprach Cetegus kühl »Wie lautet die Anklage Wer ist mein
Ankläger Wo ist er«  »Hier« rief der König und schlug den Vorhang zurück
    Ein gotischer Krieger in ganz schwarzer Rüstung trat hervor
    Wir kennen ihn Es war Teja
    Dem Präfekten drückte der Hass die Wimper nieder Jener aber sprach »Ich
Teja des Tagila Sohn klage dich an Cetegus Cäsarius des Hochverrats an
diesem Reich der Goten Ich klage dich an den verbannten Verräter Albinus in
deinem Haus zu Rom zu bergen und zuhehlen Es steht der Tod darauf Und du
willst dies Land dem Kaiser in Byzanz unterwerfen«
    »Das will ich nicht« sprach Cetegus ruhig »beweise deine Klage«  »Ich
habe Albinus vor vierzehn Nächten mit diesen Augen in deinen Garten treten
sehen« fuhr Teja zu den Richtern gewendet fort »Er kam von der Via sacra her
in einen Mantel gehüllt einen Schlapphut auf dem Kopf Schon in zwei Nächten
war die Gestalt an mir vorbeigeschlüpft diesmal erkannt ich ihn Als ich auf
ihn zutrat verschwand er ehe ich ihn ergreifen konnte an der Tür die sich
von innen schloss«  »Seit wann spielt mein Amtsgenoss der tapfre Kommandant von
Rom den nächtlichen Späher«  »Seit er einen Cetegus zur Seite hat Aber ob
mir auch der Flüchtling entkam  diese Rolle fiel ihm aus dem Mantel sie
enthält Namen von römischen Großen und neben den Namen Zeichen einer unlösbaren
Geheimschrift Hier ist die Rolle« Er reichte sie dem König Dieser las »Die
Namen sind Silverius Cetegus Licinius Scävola Kalpurnius Pomponius 
Kannst du beschwören dass der Vermummte Albinus war«
    »Ich wills beschwören«  »Wohlan Präfekt Graf Teja ist ein freier
unbescholtener eidwürdiger Mann Kannst du das leugnen«
    »Ich leugne das Er ist nicht unbescholten seine Eltern lebten in nichtiger
blutschänderischer Ehe sie waren Geschwisterkinder die Kirche hat ihr
Zusammensein verflucht und seine Frucht er ist ein Bastard und kann nicht
zeugen gegen mich einen edelen Römer senatorischen Ranges« Ein Murren des
Zornes entrang sich den anwesenden Goten Tejas blasses Antlitz aber wurde noch
bleicher Er zuckte Seine Rechte fuhr ans Schwert »So vertret ich mein Wort
mit dem Schwert« sprach er mit tonloser Stimme »Ich fordere dich zum Kampf
zum Gottesgericht auf Tod und Leben«  »Ich bin Römer und lebe nicht nach eurem
blutigen Barbarenrecht Aber auch als Gote  ich würde dem Bastard den Kampf
versagen«  »Geduld« sprach Teja und stieß das halb gezückte Schwert leise in
die Scheide zurück »Geduld mein Schwert Es kommt dein Tag« Aber die Römer im
Saale atmeten auf
    Der König nahm das Wort »Wie dem sei die Klage ist genug begründet die
genannten Römer zu verhaften Du Kassiodor wirst die Geheimschrift zu
entziffern suchen Du Graf Witichis eilst nach Rom und bemächtigst dich der
fünf Verdächtigen durchsuchst ihre Häuser und das des Präfekten Hildebrand du
verhafte den Verklagten nimm ihm das Schwert ab«  »Halt« sprach Cetegus
»ich leiste Bürgschaft mit all meinem Gut dass ich Ravenna nicht verlasse bis
dieser Streit zu Ende Ich verlange Untersuchung auf freiem Fuß das ist des
Senators Recht«
    »Kehr dich nicht dran mein Sohn« rief der alte Hildebrand vortretend
»lass mich ihn fassen«  »Lass« sprach der König »Recht soll ihm werden
strenges Recht doch nicht Gewalt Lass ab von ihm Auch hat ihn die Klage
überrascht Er soll Zeit haben sich zu verteidigen Morgen um diese Stunde
treffen wir uns wieder hier Ich löse die Versammlung«
    Der König winkte mit dem Zepter in höchster Aufregung eilte Amalaswinta
aus dem Gemach Die Goten traten freudig zu Teja Die Römer drückten sich rasch
an Cetegus vorbei vermeidend mit ihm zu sprechen Nur Kassiodor schritt fest
auf ihn zu legte die Hand auf seine Schulter sah ihm prüfend ins Auge und
fragte dann »Cetegus kann ich dir helfen«  »Nein ich helfe mir selbst«
sprach dieser entzog sich ihm und schritt allein und stolzen Ganges hinaus
 
                                Zehntes Kapitel
Der heftige Schlag den der junge König so unerwartet gegen den ganzen Grundbau
der Regentschaft geführt hatte erfüllte bald den Palast und die Stadt mit
Staunen mit Schrecken oder Freude Zu der Familie des Boëtius brachte die
erste bestimmte Kunde Kassiodor der Rusticianen zum Trost der erschütterten
Regentin beschied Mit Fragen bestürmt erzählte er den ganzen Hergang
ausführlich und so bestürzt und unwillig er darüber war auch aus seinem
feindlichen Bericht leuchteten die Kraft der Mut des jungen Fürsten
unverkennbar hervor Mit Begierde lauschte Kamilla jedem seiner Worte Stolz
Stolz auf den Geliebten  der Liebe glücklichstes Gefühl  erfüllte mächtig ihre
ganze Seele
    »Es ist kein Zweifel« schloss Kassiodor mit Seufzen »Atalarich ist unser
entschiedenster Gegner er steht ganz zu der gotischen Partei zu Hildebrand und
seinen Freunden Er wird den Präfekten verderben Wer hätte das von ihm
geglaubt Immer muss ich daran denken Rusticiana wie so ganz anders er sich bei
dem Prozess deines Gatten benahm«
    Kamilla horchte hoch auf
    »Damals gewannen wir die Überzeugung er werde zeitlebens der glühendste
Freund der eifrigste Vertreter der Römer sein«  »Ich weiß davon nichts«
sagte Rusticiana  »Es ward vertuscht Das Todesurteil war gesprochen über
Boëtius und seine Söhne Vergebens hatten wir alle Amalaswinta voran die
Gnade des Königs angerufen sein Zorn war unauslöschlich Als ich wieder und
wieder ihn bestürmte fuhr er zornig auf und schwur bei seiner Krone der solle
es im tiefsten Kerker büßen der ihm noch einmal mit einer Fürbitte für die
Verräter nahe Da verstummten wir alle Nur Einer nicht Nur Atalarich der
Knabe ließ sich nicht schrecken er weinte und flehte und hing sich an seines
Großvaters Knie«
    Kamilla erbebte der Atem stockte ihr
    »Und nicht ließ er ab bis Teoderich in höchstem Zorn emporfuhr ihn mit
einem Schlag in den Nacken von sich schleuderte und den Wachen übergab Der
ergrimmte König hielt seinen Eid Atalarich ward in den Kerker des Schlosses
geführt und Boëtius sofort getötet«
    Kamilla wankte und hielt sich an einer Säule des Saales
    »Aber nicht umsonst hatte Atalarich gesprochen und gelitten
    Tags darauf vermisste der König an der Tafel schwer den Liebling den er von
sich gebannt Er gedachte mit welch edlem Mut er der Knabe für seine Freunde
gebeten als die Männer in Furcht verstummten Er stand endlich auf von seinem
Abendtrunk bei dem er lange sinnend saß stieg selbst hinab in den Kerker
öffnete die Pforte umarmte seinen Enkel und schenkte auf seine Bitte deinen
Söhnen Rusticiana das Leben«
    »Fort fort zu ihm« sprach Kamilla mit erstickter Stimme zu sich selbst und
eilte aus dem Saal
    »Damals« fuhr Kassiodor fort »damals mochten Römer und Römerfreunde in dem
künftigen König ihre beste Stütze sehen und jetzt  meine arme Herrin arme
Mutter« und klagend schritt er hinaus
    Rusticiana saß lange wie betäubt Sie sah alles wanken worauf sie ihre
Rachepläne gebaut sie versank in dumpfes Brüten Länger und länger schon fielen
die Schatten der hohen starken Türme in den Schlosshof auf welchen sie
hinausstarrte
    Da weckte sie der feste Schritt eines Mannes im Saal erschrocken fuhr sie
auf Cetegus stand vor ihr Sein Antlitz war kalt und finster aber eisig
ruhig
    »Cetegus« rief die Bekümmerte und wollte seine Hand fassen aber seine
Kälte schreckte sie zurück »Alles verloren« seufzte sie stehen bleibend
»Nichts ist verloren Es gilt nur Ruhe Und Raschheit« setzte er umblickend im
Gemach hinzu Als er sich allein mit ihr sah griff er in die Brustfalten
seiner Toga »Dein Liebestrank hat nicht geholfen Rusticiana Hier ist ein
anderer  stärkrer Nimm« Und rasch drückte er ihr eine Phiole von dunklem
Lavastein in die Hand Mit banger Ahnung sah ihn die Freundin an »Glaubst du
auf einmal an Magie und Zaubertrank Wer hat ihn gebraut«  »Ich« sagte er
»und meine Liebestränke wirken«  »Du«  es durchlief sie ein eisiges Grauen
»Frage nicht forsche nicht säume nicht« sprach er herrisch »Es muss noch
heute geschehen Hörst du Noch heute«
    Aber Rusticiana zögerte noch und sah zweifelnd auf das Fläschchen in ihrer
Hand Da trat er heran leise ihre Schulter berührend »Du zauderst« sagte er
langsam »Weißt du was auf dem Spiele steht nicht nur unser ganzer Plan Nein
blinde Mutter Noch mehr Kamilla liebt liebt den König mit aller Kraft der
jungen Seele Soll die Tochter des Boëtius die Buhle des Tyrannen werden«
    Laut aufschreiend fuhr Rusticiana zurück was in den letzten Tagen wie eine
böse Ahnung in ihr aufgestiegen ward ihr gewiss mit diesem Einen Wort noch
einen Blick warf sie auf den Mann der das Grausame gesprochen und hinwegeilte
sie zornig die Faust um das Fläschchen geballt
    Ruhig sah ihr Cetegus nach »Nun Prinzlein wollen wir sehen Du warst
rasch ich bin rascher  Es ist eigen« sagte er dann die Falten seiner Toga
herabziehend »ich glaubte längst nicht mehr noch solche heftige Regung
empfinden zu können Jetzt hat das Leben wieder einen Reiz Ich kann wieder
streben hoffen fürchten Sogar hassen Ja ich hasse diesen Knaben der sich
unterfängt mit der kindischen Hand in meine Kreise zu tappen Er will mir
trotzen  meinen Gang aufhalten er stellt sich kühn in meinen Weg Er  mir
wohlan so trag er denn die Folgen«
    Und langsam schritt er aus dem Gemach und wandte sich nach dem Audienzsaal
der Regentin wo er sich absichtlich der versammelten Menge zeigte und durch die
eigne Sicherheit den bestürzten Herzen der Hofleute einige Ruhe wiedergab Er
sorgte dafür zahlreicher Zeugen für all seine Schritte an diesem
verhängnisvollen Tag sich zu versichern Beim Sinken der Sonne ging er mit
Kassiodor und einigen andern Römern seine Verteidigung für den nächsten Tag
beratend in den Garten in dessen Laubgängen er sich umsonst nach Kamilla
umsah
    Diese war sowie sie Kassiodors Bericht zu Ende gehört in den Hof des
Palastes geeilt wo sie zu dieser Stunde den König mit den andern jungen Goten
seines Hofes beim Waffenspiel zu treffen hoffte Nur sehen wollte sie ihn noch
nicht ihn sprechen und ihm zu Füßen ihr großes Unrecht abbitten Sie hatte ihn
verabscheut von sich gestoßen ihn als mit dem Blut ihres Vaters befleckt
gehasst  ihn der sich für diesen Vater geopfert der ihre Brüder gerettet
hatte
    Aber sie fand ihn nicht im Hof Die wichtigen Ereignisse des Tages hielten
ihn in seinem Arbeitszimmer fest Auch seine Waffengesellen fochten und spielten
heute nicht in dichten Gruppen beisammenstehend priesen sie laut den Mut ihres
jungen Königs
    Mit Wonne sog Kamilla dieses Lob ein stolz errötend selig träumend
wandelte sie in den Garten und suchte dort an allen seinen Lieblingsstätten die
Spuren des Geliebten Ja sie liebte ihn kühn und freudig gestand sie sichs
ein er hatte es tausendfach um sie verdient Was Gote was Barbar Er war ein
edler herrlicher Jüngling ein König der König ihrer Seele Wiederholt wies sie
die begleitende Daphnidion aus ihrer Nähe dass diese nicht höre wie sie wieder
und wieder den geliebten Namen selig vor sich hinsprach Endlich am Venustempel
angelangt versank sie in süße Träume über die Zukunft die unklar aber golden
dämmernd vor ihr lag Vor allem beschloss sie dem Präfekten und ihrer Mutter
schon morgen zu erklären nicht mehr auf ihre Mitilfe gegen den König zählen zu
sollen Dann wollte sie diesem selbst ihre Schuld abbitten mit innigen Worten
und dann  dann sie wusste nicht was dann werden solle aber sie errötete in
holden Träumen
    Rote duftige Mandelblüten fielen aus den nickenden Büschen in dem dichten
Oleander neben ihr sang die Nachtigall eine klare Quelle glitt rieselnd an ihr
vorüber nach dem blauen Meer und die Wellen dieses Meeres rollten leise wie
ihrer Liebe huldigend zu ihren Füßen
 
                                Elftes Kapitel
Aus solchem Sinnen und Sehnen weckte sie ein nahender Schritt auf den Sandwegen
Der Gang war so rasch und so bestimmt der Tritt dass sie nicht Atalarich
vermutete Aber es war der König verändert in Haltung und Erscheinen
männlicher kräftiger fester Hoch trug er das sonst zur Brust gebeugte Haupt
und das Schwert Teoderichs klirrte an seiner Hüfte
    »Gegrüsst gegrüßt Kamilla« rief er ihr laut und lebhaft entgegen »Dein
Anblick ist der schönste Lohn für diesen heißen Tag«
    So hatte er noch nie zu ihr gesprochen
    »Mein König« flüsterte sie erglühend einen leuchtenden Blick noch warfen
die braunen Augen auf ihn dann senkten sich die langen Wimpern Mein König so
hatte sie ihn nie genannt solchen Blick ihm nie geschenkt »Dein König« sagte
er sich neben ihr niederlassend »ich fürchte so wirst du mich nicht mehr
nennen wenn du erfährst was alles heute geschehen«
    »Ich weiß alles«  »Du weißt Nun dann Kamilla sei gerecht schilt nicht
ich bin kein Tyrann« Der Edle dachte sie er entschuldigt sich um seine
schönsten Taten
    »Sieh ich hasse die Römer nicht der Himmel weiß es  sie sind ja dein
Volk  ich ehre sie und ihre alte Größe ich achte ihre Rechte Aber mein
Reich den Bau Teoderichs muss ich beschützen streng und unerbittlich und weh
der Hand die sich dawider hebt Vielleicht« fuhr er langsamer und feierlich
fort »vielleicht ist dies Reich schon verurteilt in den Sternen  gleichviel
ich sein König muss mit ihm stehen und fallen«
    »Du sprichst wahr Atalarich und wie ein König«
    »Dank dir Kamilla wie du heut gerecht bist oder gut Solcher Güte darf ich
wohl anvertrauen welcher Segen welche Heilung mir geworden Sieh ich war ein
kranker irrer Träumer ohne Halt ohne Freude dem Tode gern entgegenwankend
Da trat an meine Seele die Gefahr dieses Reichs die tätige Sorge um mein Volk
und mit der Sorge wuchs in meiner Brust die Liebe die mächtige Liebe zu meinen
Goten und diese stolze und bange und wachsame Liebe für mein Volk sie hat mein
Herz gestärkt und getröstet für  für andres bitter schmerzliches Entsagen
Was liegt an meinem Glück wenn nur dies Volk gedeiht sieh der Gedanke hat
mich gesund gemacht und stark und wahrlich des Grössten könnt ich jetzt mich
unterwinden«
    Er sprang auf beide Arme wiegend und schwingend
    »O Kamilla die Ruhe verzehrt mich O ging es zu Ross und in
waffenstarrende Feinde Sieh die Sonne sinkt Es ladet die spiegelnde Flut
Komm komm mit in den Kahn« Kamilla zögerte Sie blickte um »Die Dienerin Ach
lass sie Dort ruht sie unter der Palme an der Quelle sie schläft Komm komm
rasch eh die Sonne versinkt Sieh die goldne Straße auf der Flut Sie winkt«
 »Zu den Inseln der Seligen« fragte das liebliche Mädchen mit einem
holdseligen Blick und leicht errötend
    »Ja komm zu den seligen Inseln« antwortete er glücklich hob sie rasch in
den Kahn löste dessen Silberkette von den Widderköpfen des Kais sprang hinein
ergriff das zierliche Ruder und stieß ab Dann legte er das Ruder in die Öse zur
Linken und im hinteren Gransen des Schiffes stehend steuerte und ruderte er
zugleich eine schöne und malerische Bewegung und ein echt germanischer
Fergenbrauch
    Kamilla saß vorn nahe dem Schnabel des Kahns auf einem Diphros dem
griechischen zusammenlegbaren Feldstuhl und sah ihm in das edle Antlitz das
von der rotschimmernden Abendsonne beleuchtet war sein dunkles Haar flog im
Winde und herrlich waren die raschen und kräftigen Bewegungen des fein gebauten
Ruderers zu schauen Beide schwiegen Pfeilschnell schoss die leichte Barke durch
die glatte Flut
    Flockige rosige Abendwölklein zogen langsam über den Himmel der leise Wind
führte von den Mandelgebüschen des Ufers Wolken von Wohlgeruch mit sich und
rings war Schimmer Ruhe Harmonie Endlich brach der König das Schweigen und
sprach dem Boot einen kräftigen Druck gebend dass es gehorsam vorwärts schoss
»Weißt du was ich denke Wie schön muss es sein ein Reich ein Volk viel
tausend geliebte Leben mit der starken Hand durch Wind und Wellen sicher
vorwärts zu steuern zu Glück und Glanz  Was aber sannest du Kamilla Du sahst
so mild es sind gute Gedanken gewesen« Sie errötete und blickte seitab in die
Flut
    »O sprich doch sei offen in dieser schönen Stunde«
    »Ich dachte« flüsterte sie vor sich hin das feine Köpfchen noch immer
abgewendet »wie schön muss es sein von treuer geliebter Hand der man so ganz
vertraut gesteuert werden durch die schwanke Flut des Lebens«  »O Kamilla
glaub mir auch dem Barbaren kann man sich vertraun«   »Du bist kein Barbar
Wer zart empfindet und edel denkt und sich hochherzig überwindet und schweren
Undank mit Huld vergilt ist kein Barbar er ist ein edles Menschenbild wie je
ein Scipio gewesen« Entzückt hielt der König im Rudern inne das Schiff stand
»Kamilla träum ich sprichst du das und zu mir«
    »Mehr noch Atalarich mehr ich bitte dich vergib dass ich dich so
grausam von mir gestoßen Ach es war nur Scham und Furcht«  »Kamilla Perle
meiner Seele«  Diese welche das Gesicht dem Ufer zuwandte rief plötzlich
»was ist das Man folgt uns Der Hof die Frauen meine Mutter« So war es
Rusticiana hatte von des Präfekten furchtbarem Wink getrieben ihre Tochter im
Garten gesucht Sie fand sie nicht Sie eilte nach dem Venustempel Umsonst
Umherschauend sah sie plötzlich die beiden ihr Kind mit ihm allein auf dem
Schiff fern im Meer Im höchstem Zorn flog sie an den Marmortisch an dem die
Sklaven eben den Abendbecher des Königs mischten schickte sie die Stufen hinab
eine Gondel zu lösen gewann so einen unbelauschten Augenblick an dem Tisch und
stieg gleich darauf mit Daphnidion die ihr zorniger Ausruf geweckt die Stufen
hinab nach dem Schiff Da bogen zur Rechten aus dem dichten Taxusgang der
Präfekt und seine Freunde die ihr Lustwandeln ebenfalls an diese Stelle führte
Cetegus folgte ihr die Stufen hinab und reichte ihr die Hand in den Kahn zu
steigen »Es ist geschehen« flüsterte sie ihm dabei zu und die Gondel stieß ab
In diesem Augenblick war es dass das junge Paar auf die Bewegung am Ufer
aufmerksam wurde Kamilla stand auf sie mochte erwarten der König werde das
Schiff wenden Aber dieser rief »Nein sie sollen mir diese Stunde nicht
rauben die schönste meines Lebens Ich muss noch mehr von diesen süßen Worten
schlürfen O Kamilla du musst mir mehr du musst mir alles sagen Komm wir
landen auf der Insel dort da mögen sie uns finden« Und mächtig ausgreifend
drückte er mit aller Kraft auf das Ruder dass das Fahrzeug wie beflügelt
dahinschoss
    »Willst du nicht weiter sprechen«
    »O mein Freund mein König  dringe nicht in mich« Er sah nur ihr in das
liebliche Antlitz in das leuchtende Auge nicht mehr auf Weg und Ziel »Nun
warte dort auf der Insel  dort sollst du mir«  
    Ein neuer leidenschaftlicher Ruderschlag  da erdröhnte ein dumpfer Krach
das Schiff war angeprallt und fuhr schütternd zurück
    »Himmel rief Kamilla aufspringend und nach dem Schnabel des Schiffes
sehend ein ganzer Schwall von Wasser sprudelte herein ihr entgegen«
    »Das Schiff ist geborsten  wir sinken« sprach sie erbleichend  »Hierher
zu mir lass mich sehen« rief Atalarich vorspringend »Ah das sind die Nadeln
der Amphitrite  wir sind verloren« Die Nadeln der Amphitrite  wir wissen man
konnte sie von der Terrasse des Venustempels kaum erkennen  waren zwei schmale
scharfzackige Klippen zwischen dem Ufer und der nächsten der Laguneninseln sie
ragten kaum über den Wasserspiegel bei leisestem Wind gingen die Wellen über
sie weg Atalarich kannte die Gefahr dieser Stelle und hatte sie immer leicht
vermieden aber diesmal hatte er nur in der Geliebten Augen geblickt
    Mit einem Blick übersah er die Lage Es gab keine Rettung
    Ein Brett im Boden des leicht gezimmerten Gefährts war durch den Anprall an
der Klippe zertrümmert gewaltig drang das Wasser durch den Leck
    Das Schiff sank von Sekunde zu Sekunde
    Schwimmend mit Kamilla die nächste Insel oder das Ufer zu erreichen konnte
er nicht hoffen und das Ruderschiff Rusticianens hatte kaum erst abgestoßen
Mit Blitzschnelle hatte er all das überschaut erwogen eingesehen und warf
einen entsetzten Blick auf das Mädchen »Geliebte du stirbst« jammerte er
verzweifelnd »und ich ich habs verschuldet« Und er umfasste sie stürmisch
»Sterben« rief sie »o nein nicht so jung nicht jetzt sterben Leben leben
mit dir« Und sie klammerte sich fest an seinen Arm Der Ton die Worte
durchschnitten sein Herz
    Er riss sich los er sah nach Rettung ringsumher umsonst umsonst  immer
höher stieg das Wasser immer rascher sank das Schiff Er warf das Ruder weg
»Es ist aus alles aus Geliebte Lass uns Abschied nehmen«  »Nein nicht mehr
scheiden Muss es gestorben sein  o dann hinweg alle Scheu welche die
Lebendigen bindet«  und glühend drückte sie das Haupt an seine Brust  »o lass
dir sagen lass dir noch gestehen wie ich dich liebe wie lange schon seit 
seit immer All mein Hass war ja nur verschämte Liebe Gott ich liebte dich
schon da ich wähnte ich müsse dich verabscheuen Ja du sollst wissen wie ich
dich liebe« Und sie bedeckte ihm Augen und Wangen mit eiligen Küssen »O jetzt
will ich auch sterben  lieber sterben mit dir als leben ohne dich Aber nein« 
und sie riss sich von ihm los  »du sollst nicht sterben  lass mich hier
springe schwimme versuchs du allein erreichst die Insel wohl  versuchs und
lass mich«
    »Nein« rief er selig »lieber sterben mit dir als leben ohne dich Nach so
langem langem Sehnen endlich Erfüllung Wir gehören einander auf ewig von
dieser Stunde Komm Kamilla Geliebte lass uns hinab«
    Schauer der Liebe und des Todes rieselten durcheinander Er zog sie an sich
umschlang sie mit dem linken Arm und stieg mit ihr auf den kaum noch Hand breit
über Wasser ragenden Steuergransen schon schickte er sich zum jähen Sprunge an
 da entrang sich beiden ein froher Schrei der Hoffnung
    Blitzschnell bog vor ihren Augen um die schmale Landspitze die unfern von
ihnen ins Meer ragte ein Schiff mit vollen Segeln das gerade auf sie loseilte
    Das Schiff vernahm ihren Schrei es erkannte jedenfalls die Lage des
sinkenden Kahns vielleicht die Person des Königs vierzig Ruder aus zwei
Stockwerken von Ruderbänken zugleich in die Flut getaucht beförderten den Flug
des raschen Fahrzeugs das brausend vor ganzem Wind mit allen Segeln daherschoss
Die Leute auf dem Deck riefen ihnen zu auszuharren und bald  es war die
höchste Zeit  lag der Bauch der Bireme neben der Gondel die augenblicklich
versank nachdem das Paar durch die Lukenpforte des unteren Ruderstockwerks an
Bord gerettet war Es war ein kleines gotisches Wachtschiff der goldene
steigende Löwe das Wappen der Amalungen glänzte auf der blauen Flagge
Aligern ein Vetter Tejas befehligte es
    »Dank euch wackre Freunde« sprach Atalarich da er wieder Worte gefunden
»Dank ihr habt nicht euren König nur ihr habt eure Königin gerettet«
    Staunend sammelten sich Krieger und Matrosen um den Glücklichen der die
laut weinende Kamilla in seinen Armen hielt »Heil unsrer schönen jungen
Königin« jauchzte der rotblonde Aligern und die Mannschaft jubelte donnernd
nach »Heil Heil unsrer Königin« In diesem Augenblick rauschte der Segler an
dem Kahn Rusticianens vorbei der Schall dieses Jubelrufs weckte die Unselige
aus der Erstarrung von Entsetzen und Betäubung die sie ergriffen da die beiden
erschrockenen Rudersklaven die Gefahr des jungen Paares auf dem sinkenden Boot
entdeckt und zugleich erklärt hatten es sei ihnen unmöglich sie rechtzeitig
aus den Wellen zu retten Da war sie besinnungslos Daphnidion in die Arme
gefallen
    Jetzt erwachte sie und warf einen irren Blick umher Sie staunte war es ein
Traumbild was sie sah oder war es wirklich ihre Tochter die dort auf dem Deck
des Gotenschiffs das stolz an ihr vorüberrauschte an der Brust des jungen
Königs lag und jauchzten wirklich dazu jubelnde Stimmen »Heil Kamilla unsrer
Königin«
    Sie starrte auf die vorübergleitende Erscheinung sprachlos lautlos Aber
das rasch fliegende Segelschiff war schon an ihrem Kahn vorüber und dem Lande
nah Es ankerte außerhalb der seichten Gartenbucht eine Barke ward
herabgelassen das gerettete Paar Aligern und drei Matrosen sprangen hinein und
bald stiegen sie die Stufen der Hafentreppe hinan wo außer Cetegus und seiner
Begleitung eine Menge von Leuten sich versammelt hatte die vom Palast oder vom
Garten aus mit Schrecken die Gefahr des kleinen Schiffes wahrgenommen und jetzt
herbeieilten die Geretteten zu begrüßen Unter Glückwünschen und Segensrufen
stieg Atalarich die Stufen hinan
    »Seht hier« sprach er vor dem Tempel angelangt »seht Goten und Römer
eure Königin meine Braut Uns hat der Gott des Todes zusammengeführt nicht
wahr Kamilla« Sie sah zu ihm auf aber heftig erschrak sie die Aufregung und
der jähe Wechsel von Schrecken und Freude hatten den kaum Genesenen übermächtig
erschüttert sein Antlitz war marmorblass er wankte und griff wie Luft schöpfend
krampfhaft an seine Brust
    »Um Gott« rief Kamilla einen Anfall des alten Leidens fürchtend »dem
König ist nicht wohl Rasch den Wein die Arznei« Sie flog an den Tisch
ergriff den Silberbecher der bereit stand und drängte ihn in seine Hand
    Cetegus stand dicht dabei und folgte mit scharfem Blick jeder seiner
Bewegungen
    Schon setzte er den Becher an die Lippen aber plötzlich ließ er ihn nochmal
sinken er lächelte »du musst mir zutrinken wies der gotischen Königin ziemt
an ihrem Hof« und er reichte ihr den Pokal sie nahm ihn aus seiner Hand
    Einen Augenblick durchzuckte es den Präfekten siedend heiß Er wollte
hinzustürzen ihr den Trank aus der Hand reißen ihn verschütten
    Aber er hielt sich zurück Tat ers so war er unrettbar verloren Nicht nur
morgen als Hochverräter nein sofort als Giftmörder angeklagt und überführt
    Verloren mit ihm seine ganze Ideenwelt die Zukunft Roms Und um wen  Um
ein verliebtes Mädchen das treulos zu seinem Todfeind abgefallen   Nein
sagte er kalt zu sich die Faust zusammendrückend sie oder Rom  also sie Und
ruhig sah er zu wie das Mädchen hold errötend einen leichten Trunk aus dem
Becher nahm den der König darauf tief schlürfend bis zum Grund leerte Er
zuckte zusammen da er ihn auf den Marmortisch niedersetzte »Kommt hinauf ins
Palatium« sprach er fröstelnd den Mantel über die linke Schulter schlagend
»mich friert« Und er wandte sich
    Da traf sein Blick auf Cetegus er stand einen Augenblick still und sah dem
Präfekten eindringend ins Auge
    »Du hier« sagte er finster und trat einen Schritt auf ihn zu da zuckte er
nochmal und stürzte mit einem jähen Schrei neben der Quelle aufs Antlitz nieder
    »Atalarich« rief Kamilla und warf sich taumelnd über ihn Der alte Korbulo
sprang aus der Schar der Diener zuerst hinzu »Hilfe« rief er »sie stirbt 
der König«
    »Wasser rasch Wasser« sprach Cetegus laut Und entschlossen trat er an
den Tisch ergriff den Silberbecher bückte sich spülte ihn schnell aber
gründlich in der Quelle und neigte sich über den König der in Kassiodors Armen
lag indes Korbulo das Haupt Kamillens auf seine Knie legte
    Ratlos entsetzt umstanden die Hofleute die beiden scheinbar leblosen
Gestalten
    »Was ist geschehen Mein Kind« mit diesem Schrei drängte sich Rusticiana
die soeben gelandet an der Tochter Seite »Kamilla« rief sie verzweifelt »was
ist mit dir«
    »Nichts« sagte Cetegus ruhig sich prüfend über die beiden beugend »Es
ist nur eine Ohnmacht Aber den jungen König hat sein Herzkrampf hingerafft Er
ist tot«
 
                                 Drittes Buch
                                 Amalaswinta
                »Amalaswinta verzagte nicht nach Frauenart sondern kräftig
                wahrte sie ihr Königtum«
                                                       Prokop Gotenkrieg I 2
                                Erstes Kapitel
Wie ein Donnerschlag aus heitrem Himmel traf Atalarichs plötzliches Ende die
gotische Partei die an diesem nämlichen Tage ihre Hoffnungen so hoch gespannt
hatte Alle Maßregeln die der König in ihrem Sinne angeordnet waren gelähmt
die Goten plötzlich wieder ohne Vertretung in dem Staat an dessen Spitze jetzt
die Regentin ganz allein gestellt war
    Am frühen Morgen des nächsten Tages stellte sich Kassiodor bei dem Präfekten
ein Er fand diesen in ruhigem festem Schlaf
    »Und du kannst schlafen ruhig wie ein Kind nach einem solchen Schlag« 
»Ich schlief« sagte Cetegus sich auf den linken Arm aufrichtend »im Gefühle
neuer Sicherheit«  »Sicherheit ja für dich aber das Reich«
    »Das Reich war mehr gefährdet durch diesen Knaben als ich Wo ist die
Königin«  »Am offenen Sarge ihres Sohnes sitzt sie sprachlos Die ganze
Nacht«
    Cetegus sprang auf »das darf nicht sein« rief er »Das tut nicht gut Sie
gehört dem Staat nicht dieser Leiche Um so weniger als ich von Gift flüstern
hörte Der junge Tyrann hatte viele Feinde Wie steht es damit«
    »Sehr ungewiss Der griechische Arzt Elpidios der die Leiche untersuchte
sprach zwar von einigen auffallenden Erscheinungen Aber wenn Gift gebraucht
worden meinte er müsste es ein sehr geheimes ihm völlig fremdes sein In dem
Becher daraus der Arme den letzten Trunk getan fand sich nicht die leiseste
Spur verdächtigen Inhalts So glaubt man allgemein die Aufregung habe das alte
Herzleiden zurückgerufen und dieses ihn getötet Aber doch ist es gut dass man
dich von dem Augenblick da du die Versammlung verliessest immer vor Zeugen
gesehen der Schmerz macht argwöhnisch«
    »Wie steht es um Kamilla« forschte der Präfekt weiter  »Sie soll von
ihrer Betäubung noch gar nicht erwacht sein die Ärzte fürchten das Schlimmste
 Aber ich kam dich zu fragen Was soll nun weiter geschehen Die Regentin
sprach davon die Untersuchung gegen dich niederzuschlagen«  »Das darf nicht
sein« rief Cetegus »Ich fordre die Durchführung Eilen wir zu ihr«  »Willst
du sie am Sarge ihres Sohnes stören«  »Ja das will ich Deine zarte Rücksicht
bebt davor zurück Gut komme du nach wenn ich das Eis gebrochen«
    Er verabschiedete den Besuch und rief seine Sklaven ihn anzukleiden Bald
darauf schritt er in dunkelgraues Trauergewand gehüllt hinab zu dem Gewölbe
wo die Leiche ausgestellt lag Gebieterisch wies er die Wachen und die Frauen
Amalaswintens hinweg die den Eingang hüteten und trat geräuschlos ein
    Es war die niedrig gewölbte Halle in der ehedem die Leichen der Kaiser mit
Salben und Brennstoffen waren für den Scheiterhaufen bereitet worden Das
schweigende Gelass mit dunkelgrünen Serpentin getäfelt von kurzen dorischen
Säulen aus schwarzem Marmor getragen war nie von der Tageshelle beleuchtet
auch jetzt fiel auf die düstern byzantinischen Mosaiken auf dem Goldgrund der
Wandplatten kein andres Licht als von den vier Pechfackeln die an dem
Steinsarkophag des jungen Königs mit unstetem Schimmer flackerten
    Dort lag er auf einem tiefroten Purpurmantel Helm Schwert und Schild zu
seinen Häupten
    Der alte Hildebrand hatte ihm einen Eichenkranz um die dunkeln Locken
gewunden Die edelen Züge ruhten in ernster bleicher Schöne
    Zu seinen Füßen saß in langem Trauerschleier die hohe Gestalt der Regentin
das Haupt auf den linken Arm gestützt der auf dem Sarkophage ruhte der rechte
hing erschlafft herab Sie konnte nicht mehr weinen
    Das Knistern der Pechflammen war das einzige Geräusch in dieser
Grabesstille 
    Lautlos trat Cetegus ein nicht unbewegt von der Poesie des Anblicks Aber
mit einem Zusammenziehen der Brauen war dies Gefühl wie ein Anflug von Mitleid
erstickt Klarheit gilt es sprach er zu sich selbst und Ruhe Leise trat er
näher und ergriff die herabgesunkene Hand Amalaswintens »Erhebe dich hohe
Frau du gehörst den Lebendigen nicht den Toten«
    Erschrocken sah sie auf »Du hier Cetegus Was suchst du hier«
    »Eine Königin«
    »O du findest nur eine weinende Mutter« rief sie schluchzend  »Das kann
ich nicht glauben Das Reich ist in Gefahr und Amalaswinta wird zeigen dass
auch ein Weib dem Vaterland den eignen Schmerz opfern kann«
    »Das kann sie« sagte sie sich aufrichtend »Aber sieh auf ihn hin  Wie
jung wie schön  Wie konnte der Himmel so grausam sein«  »Jetzt oder nie«
dachte Cetegus »Der Himmel ist gerecht streng nicht grausam«
    »Wie redest du was hatte mein edler Sohn verschuldet Wagst du ihn
anzuklagen«  »Nicht ich Doch eine Stelle der heiligen Schrift hat sich
erfüllt an ihm Ehre Vater und Mutter auf dass du lang lebest auf Erden Die
Verheißung ist auch eine Drohung Gestern hat er gefrevelt gegen seine Mutter
und sie verunehrt in trotziger Empörung  heute liegt er hier Ich sehe darin
den Finger Gottes«
    Amalaswinta verhüllte ihr Antlitz Sie hatte dem Sohn an seinem Sarge seine
Auflehnung herzlich vergeben Aber diese Auffassung diese Worte ergriffen sie
doch mächtig und zogen sie ab von ihrem Schmerz zur liebgewordenen Gewohnheit
des Herrschens »Du hast o Königin die Untersuchung gegen mich niederschlagen
wollen und Witichis zurückberufen Letzteres mag sein Aber ich fordere die
Durchführung des Prozesses und feierliche Freisprechung als mein Recht«
    »Ich habe nie an deiner Treue gezweifelt Weh mir wenn ich es jemals müsste
Sage mir ich weiß von keiner Verschwörung und alles ist abgetan«  Sie schien
seine Beteurung zu erwarten Cetegus schwieg eine Weile Dann sagte er ruhig
»Königin ich weiß von einer Verschwörung«
    »Was ist das« rief die Regentin und sah ihn drohend an  »Ich habe diese
Stunde diesen Ort gewählt« fuhr Cetegus mit einem Blick auf die Leiche fort
»dir meine Treue entscheidend zu besiegeln dass sie dir unauslöschlich möge ins
Herz geschrieben sein Höre und richte mich«  »Was werd ich hören« sprach
die Königin wachsam und fest entschlossen sich weder täuschen noch erweichen zu
lassen »Ich wär ein schlechter Römer Königin und du müsstest mich verachten
liebte ich nicht vor allem andern mein Volk Dies stolze Volk das selbst du
die Fremde liebst Ich wusste wie du es weißt  dass der Hass gegen euch als
Ketzer als Barbaren in den Herzen fortglimmt Die letzten strengen Taten deines
Vaters hatten ihn geschürt Ich ahnte eine Verschwörung Ich suchte ich
entdeckte sie«  »Und verschwiegst sie« sprach die Regentin zürnend sich
erhebend  »Und verschwieg sie Bis heute Die Verblendeten wollten die
Griechen herbeirufen und nach Vernichtung der Goten sich dem Kaiser
unterwerfen«  »Die Schändlichen« rief Amalaswinta heftig  »Die Toren Sie
waren schon soweit gegangen dass nur Ein Mittel blieb sie zurückzuhalten ich
trat an ihre Spitze ich ward ihr Haupt«  »Cetegus«  »Dadurch gewann ich
Zeit und konnte edle wenn auch verblendete Männer von dem Verderben
zurückhalten Allgemach konnte ich ihnen die Augen darüber öffnen dass ihr Plan
wenn er gelänge nur eine milde mit einer despotischen Herrschaft vertauschen
würde Sie sahen es ein sie folgten mir und kein Byzantiner wird diesen Boden
betreten bis ich ihn rufe ich  oder du«
    »Ich rasest du«  »Nichts ist den Menschen zu verschwören sagt Sophokles
dein Liebling Lass dich warnen Königin die du die dringendste Gefahr nicht
siehst Eine andre Verschwörung viel gefährlicher als jene römische
Schwärmerei bedroht dich deine Freiheit das Herrschaftsrecht der Amaler in
nächster Nähe  eine Verschwörung der Goten«
    Amalaswinta erbleichte
    »Du hast gestern zu deinem Schrecken ersehn dass nicht deine Hand mehr das
Ruder dieses Reiches führt Ebensowenig dieser edle Tote der nur ein Werkzeug
deiner Feinde war Du weißt es Königin viele in deinem Volk sind blutdürstende
Barbaren raubgierig roh sie möchten dies Land brandschatzen wo Vergil und
Tullius gewandelt Du weißt dein trotziger Adel hasst die Übermacht des
Königshauses und will sich ihm wieder gleichstellen Du weißt die rauen Goten
denken nicht würdig von dem Beruf des Weibes zur Herrschaft«  »Ich weiß es«
sprach sie stolz und zornig  »Aber nicht weißt du dass alle diese Parteien
sich geeinigt haben Geeinigt gegen dich und dein römerfreundlich Regiment Dich
wollen sie stürzen oder zu ihrem Willen zwingen Kassiodor und ich wir sollen
von deiner Seite fort Unser Senat unsre Rechte sollen fallen das Königtum ein
Schatte werden Krieg mit dem Kaiser soll entbrennen Und Gewalt Erpressung
Raub über uns Römer hereinbrechen«  »Du malst eitle Schreckbilder«  »War ein
eitles Schreckbild was gestern geschah Wenn nicht der Arm des Himmels
eingriff warst nicht du selbst wie ich der Macht beraubt Warst du denn noch
Herrin in deinem Reich in deinem Hause Sind sie nicht schon so mächtig dass
der heidnische Hildebrand der bäuerische Witichis der finstre Teja in deines
betörten Sohnes Namen offen deinem Willen trotzen Haben sie nicht jene
rebellischen drei Herzoge zurückberufen Und deine widerspenstige Tochter und «
 »Wahr zu wahr« seufzte die Königin
    »Wenn diese Männer herrschen  dann lebt wohl Wissenschaft und Kunst und
edle Bildung Leb wohl Italia Mutter der Menschlichkeit Dann lodert in
Flammen auf ihr weißen Pergamente brecht in Trümmer schöne Statuen Gewalt
und Blut wird diese Fluren erfüllen und späte Enkel werden bezeugen solches
geschah unter Amalaswinta der Tochter Teoderichs«
    »Nie niemals soll das geschehen Aber «
    »Du willst Beweise Ich fürchte nur zu bald wirst du sie haben Du siehst
jedoch schon jetzt auf die Goten kannst du dich nicht stützen wenn du jene
Greuel verhindern willst Gegen sie schützen nur wir dich wir denen du ohnehin
angehörst nach Geist und Bildung wir Römer Dann wenn jene Barbaren lärmend
deinen Thron umdrängen dann lass mich jene Männer um dich scharen die sich
einst gegen dich verschworen die Patrioten Roms sie schützen dich und sich
selbst zugleich«
    »Cetegus« sprach die bedrängte Frau »du beherrschest die Menschen leicht
Wer sage mir wer bürgt mir für die Patrioten für deine Treue«
    »Dies Blatt Königin und dieses Jenes enthält eine genaue Liste der
römischen Verschwornen  du siehst es sind viele hundert Namen dies die
Glieder des gotischen Bundes die ich freilich nur erraten konnte Aber ich rate
gut Mit diesen beiden Blättern geb ich die beiden Parteien geb ich mich
selbst ganz in deine Hand Du kannst mich jeden Augenblick bei den Meinen selbst
als Verräter entlarven der vor allem deine Gunst gesucht kannst mich
preisgeben dem Hass der Goten  ich habe jetzt keinen Anhang mehr sobald du
willst ich stehe allein allein auf dem Boden deiner Gunst«
    Die Königin hatte die Rollen mit leuchtenden Augen durchflogen »Cetegus«
rief sie jetzt »ich will deiner Treue gedenken und dieser Stunde« Und sie
reichte ihm gerührt die Hand
    Cetegus neigte leise das Haupt »Noch eins o Königin Die Patrioten
fortan deine Freunde wie die meinen wissen das Schwert des Verderbens des
Hasses der Barbaren über ihren Häuptern hangen Die Erschrocknen bedürfen der
Aufrichtung Lass sie mich deines hohen Schutzes versichern stelle deinen Namen
an die Spitze dieses Blattes und lass mich ihnen dadurch ein sichtbar Zeichen
deiner Gnade geben«
    Sie nahm den goldnen Stift und die Wachstafel die er ihr reichte Einen
Augenblick noch zögerte sie nachdenklich dann aber schrieb sie rasch ihren
Namen und gab ihm Griffel und Tafel zurück »Hier sie sollen mir treu bleiben
treu wie du«
    Da trat Kassiodorus ein »o Königin die gotischen Großen harren dein Sie
begehren dich zu sprechen«
    »Ich komme Sie sollen meinen Willen vernehmen« sprach sie heftig »du
aber Kassiodor sei der erste Zeuge des Beschlusses den diese ernste Stunde in
mir gereift den bald mein ganzes Reich vernehmen soll hier der Präfekt von Rom
ist hinfort der erste meiner Diener wie er der treuste ist sein ist der
Ehrenplatz in meinem Vertrauen und an meinem Thron«
    Staunend führte Kassiodor die Regentin die dunkeln Stufen hinan Langsam
folgte Cetegus er hob die Wachstafel in die Höhe und sprach zu sich selbst
»Jetzt bist du mein Tochter Teoderichs Dein Name auf dieser Liste trennt dich
auf immer von deinem Volk«  
 
                                Zweites Kapitel
Als Cetegus aus dem unterirdischen Gewölbe wieder zu dem Erdgeschoss des
Palastes aufgetaucht war und sich anschickte der Regentin zu folgen ward sein
Ohr berührt und sein Schritt gefesselt durch feierliche klagende Flötentöne Er
erriet was sie bedeuteten
    Sein erster Antrieb war auszuweichen Aber alsbald entschloss er sich zu
bleiben »Einmal muss es doch geschehen also am besten gleich« dachte er »Man
muss prüfen wie weit sie unterrichtet ist«
    Immer näher kamen die Flöten wechselnd mit eintönigen Klagegesängen
Cetegus trat in eine breite Nische des dunklen Ganges in welchen schon die
Spitze des kleinen Zuges einbog Voran schritten paarweise sechs edle römische
Jungfrauen in grauen Klageschleiern gesenkte Fackeln in den Händen Darauf
folgte ein Priester dem eine hohe Kreuzesfahne mit langen Wimpeln vorangetragen
wurde Hierauf eine Schar von Freigelassenen der Familie angeführt von Korbulo
und die Flötenbläser Dann erschien von vier römischen Mädchen getragen ein
offener blumenüberschütteter Sarg da lag auf weißem Linnentuch die tote
Kamilla in bräutlichem Schmuck einen Kranz von weißen Rosen um das schwarze
Haar ein Zug lächelnden Friedens spielte um den leicht geöffneten Mund Hinter
dem Sarg aber wankte mit gelöstem Haar stier vor sich hinblickend die
unselige Mutter von Matronen umgeben welche die Sinkende stützten Eine Reihe
von Sklavinnen schloss den Zug der sich langsam in das Totengewölbe verlor
    Cetegus erkannte die schluchzende Daphnidion und hielt sie an »Wann starb
sie« fragte er ruhig  »Ach Herr vor wenigen Stunden O die gute schöne
freundliche Domna«  »Ist sie noch einmal erwacht zu vollem Bewusstsein«
    »Nein Herr nicht mehr Nur ganz zuletzt schlug sie die großen Augen
nochmal auf und schien rings umher zu suchen« »Wo ist er hin« fragte sie die
Mutter »Ach ich sehe ihn« rief sie dann und hob sich aus den Kissen »Kind
mein Kind wo willst du hin« weinte die Herrin »Nun dorthin« sagte sie mit
verklärtem Lächeln »nach den Inseln der Seligen« und sie schloss die Augen und
sank zurück auf das Lager und jenes holde Lächeln blieb stehen auf ihrem Mund 
und sie war dahin dahin auf ewig  »Wer hat sie hier herabbringen lassen« 
»Die Königin Sie erfuhr alles und befahl die Tote als die Braut ihres Sohnes
neben ihm auszustellen und zu bestatten«
    »Aber was sagt der Arzt wie konnte sie so plötzlich sterben«  »Ach der
Arzt sah sie nur flüchtig er hatte alle Gedanken bei der Königsleiche und die
Herrin litt ja gar nicht dass der fremde Mann ihre Tochter berühre Das Herz ist
ihr eben gebrochen daran mag man wohl sterben Aber still sie kommen« Der Zug
ging in derselben Ordnung ohne den Sarg zurück Daphnidion schloss sich an Nur
Rusticiana fehlte Ruhig schritt Cetegus den einsamen Gang auf und nieder sie
zu erwarten
    Endlich stieg die gebrochne Gestalt die Stufen herauf Sie wankte und drohte
zu fallen Da ergriff er rasch ihren Arm »Rusticiana fasse dich«
    »Du hier O Gott du hast sie auch geliebt Und wir wir beide haben sie
ermordet« Und sie brach auf seine Schulter zusammen »Schweig Unselige«
flüsterte er sich umsehend
    »Ach ich die eigne Mutter habe sie getötet Ich habe den Trank gemischt
der ihm den Tod gebracht«
    Gut dachte er sie ahnt also nicht dass sie getrunken geschweige dass ich
sie trinken sah »Es ist ein grausamer Streich des Geschicks« sagte er laut
»aber bedenke was sollte werden wenn sie lebte Sie liebte ihn«  »Was werden
sollte« rief Rusticiana von ihm zurücktretend
    »O wenn sie nur lebte Wer kann wider die Liebe Wäre sie sein geworden
sein Weib  seine Geliebte wenn sie nur lebte«  »Aber du vergisst dass er
sterben musste«  »Musste warum musste er sterben auf dass du deine stolzen Pläne
hinausführst O Selbstsucht ohnegleichen«  »Es sind deine Pläne die ich
ausführe nicht die meinen wie oft muss ich dirs wiederholen Du hast den Gott
der Rache heraufbeschworen nicht ich was klagst du mich an wenn er Opfer von
dir fordert Besinne dich besser Lebe wohl«
    Aber Rusticiana fasste heftig seinen Arm »Und das ist alles Und weiter hast
du nichts kein Wort keine Träne für mein Kind Und du willst mich glauben
machen um sie um mich zu rächen habest du gehandelt Du hast nie ein Herz
gehabt Du hast auch sie nicht geliebt  kalten Blutes siehst du sie sterben 
ha Fluch  Fluch über dich«  »Schweig Unsinnige«  »Schweigen nein reden
will ich und dir fluchen O wüsst ich etwas das dir wäre was mir Kamilla war
O müsstest du wie ich deines ganzen Lebens letzte einzige Freude fallen
sehen fallen sehen und verzweifeln Wenn ein Gott ist im Himmel wirst du das
erleben«
    Cetegus lächelte
    »Du glaubst an keine Macht im Himmel die vergelte wohlan glaub an die
Rache einer jammervollen Mutter Du sollst erzittern ich eile zur Regentin und
entdecke ihr alles Du sollst sterben«  »Und du stirbst mit mir«
    »Mit lachenden Augen wenn ich dich verderben sehe« Und sie wollte hinweg
Aber Cetegus ergriff sie mit starkem Arm »Halt Weib Glaubst du man sieht
sich nicht vor mit deinesgleichen Deine Söhne Anicius und Severinus die
Verbannten sind heimlich in Italien in Rom in meinem Hause Du weißt auf
ihrer Rückkehr steht der Tod Ein Wort  und sie sterben mit uns dann magst du
deinem Gatten auch die Söhne wie die Tochter als durch dich gefallen zuführen
Ihr Blut über dein Haupt« Und rasch war er um die Ecke des Ganges biegend
verschwunden
    »Meine Söhne« rief Rusticiana und brach auf dem Marmorestrich zusammen 
    Wenige Tage darauf verließ die Witwe des Boëtius mit Korbulo und Daphnidion
den Königshof für immer Vergebens suchte die Regentin sie zu halten
    Der treue Freigelassene führte sie zurück auf die verborgne Villa bei
Tifernum die je verlassen zu haben sie jetzt tief betrauerte Sie baute
daselbst an der Stelle des kleinen Venustempels eine Basilika in deren Krypta
eine Urne mit den Herzen der beiden Liebenden beigesetzt wurde
    Ihre leidenschaftliche Seele verband mit dem Gebet für das Heil ihres Kindes
unzertrennlich die Bitte der Rache an Cetegus dessen wahre Beteiligung an
Kamillens Tod sie nicht einmal ahnte nur das durchschaute sie dass er Mutter
und Tochter als Werkzeuge seiner Pläne gebraucht und in herzloser Kälte des
Mädchens Glück und Leben aufs Spiel gesetzt hatte
    Und kaum minder unablässig als das Licht der daselbst gestifteten ewigen
Lampe stieg das Gebet und der Fluch der vereinsamten Mutter zum Himmel empor
    Die Stunde sollte nicht ausbleiben die ihr die Schuld des Präfekten ganz
enthüllte und auch die Rache nicht die sie dafür vom Himmel niederrief
 
                                Drittes Kapitel
Am Hofe von Ravenna aber wurde ein zäher und grimmiger Kampf geführt
    Die gotischen Patrioten obwohl durch den plötzlichen Untergang ihres
jugendlichen Königs schwer betrübt und für den Augenblick überwunden wurden
doch von ihren unermüdlichen Führern bald wieder aufgerafft Das hohe Ansehen
des alten Hildebrand die ruhige Kraft des zurückberufenen Witichis und Tejas
wachsamer Eifer wirkten unablässig Wir haben gesehen wie es diesen Männern
gelungen war Atalarich zur Abschüttelung der Oberleitung seiner Mutter zu
verhelfen Jetzt gelang es ihnen leicht unter den Goten immer mehr Anhang zu
finden gegen eine Regentschaft in welcher der ihnen als Hochverräter verhasste
Cetegus mehr als je in den Vordergrund trat Die Stimmung im Heer in der
germanischen Bevölkerung von Ravenna war genügend zu einem entscheidenden
Schlage vorbereitet Mit Mühe hielt der alte Waffenmeister die Unzufriedenen
zurück bis sie durch wichtige Bundesgenossen verstärkt desto sicherer siegen
könnten
    Diese Bundesgenossen waren die drei Herzoge Tulun Ibba und Pitza die
Amalaswinta vom Hofe verscheucht und ihr Sohn soeben zurückberufen hatte
Tulun und Ibba waren Brüder Pitza ihr Vetter
    Ein andrer Bruder der ersteren Herzog Alarich war vor Jahren wegen
angeblicher Verschwörung zum Tode verurteilt und seit seiner Flucht verschollen
    Sie stammten aus dem berühmten Geschlecht der Balten das bei den Westgoten
die Königskrone getragen hatte und den Amalungen kaum nachstand an Alter und
Ansehen Ihr Stammbaum führte wie der des Königshauses bis zu den Göttern
hinauf Ihr Reichtum an Grundbesitz und abhängigen Kolonen und der Ruhm ihrer
Kriegstaten erhöhten Macht und Glanz ihres Hauses Man sagte im Volk Teoderich
habe eine Zeitlang daran gedacht mit Übergehung seiner Tochter und ihres
unmündigen Knaben zum Heile des Reiches den kräftigen Herzog Tulun zu seinem
Nachfolger zu bestellen
    Und die Patrioten waren jetzt nach dem Tode Atalarichs entschlossen für
den äußersten Fall das heißt wenn die Regentin von ihrem System nicht
abzubringen sei jene Gedanken wieder aufzunehmen
    Cetegus sah das Gewitter heranziehen er sah wie das gotische
Volksbewusstsein von Hildebrand und seinen Freunden wachgerufen sich immer
heftiger gegen die romanisierende Regentschaft sträubte
    Mit Unmut gestand er sich dass es ihm an wirklicher Macht fehle diese
Unzufriedenheit niederzuhalten Ravenna war nicht sein Rom wo er die Werke
beherrschte wo er die Bürger wieder an die Waffen gewöhnt und an seine Person
gefesselt hatte hier waren alle Truppen Goten und er musste fürchten dass sie
einen Haftbefehl gegen Hildebrand oder Witichis mit offenem Aufruhr beantworten
würden So fasste er den kühnen Gedanken mit Einem Zug sich aus den Netzen die
ihn zu Ravenna umstrickten herauszureissen er beschloss die Regentin
nötigenfalls mit Gewalt nach Rom zu bringen nach seinem Rom dort hatte er
Waffen Anhang Macht Dort war Amalaswinta ausschließlich in seiner Gewalt und
die Goten hatten das Nachsehen
    Zu seiner Freude ging die Regentin lebhaft auf seinen Plan ein Sie sehnte
sich hinweg aus diesen Mauern wo sie mehr eine Gefangene als eine Herrscherin
erschien Sie verlangte nach Rom nach Freiheit und Macht Rasch wie immer traf
Cetegus seine Maßregeln Auf den kürzern Weg zu Lande musste er verzichten da
die große Via flaminia sowohl als die andern Straßen von Ravenna nach Rom durch
gotische Scharen die Witichis befehligte bedeckt waren und daher zu fürchten
stand dass ihre Flucht auf diesem Wege zu früh entdeckt und vielleicht
verhindert würde So musste er sich entschließen einen Teil des Weges zur See
zurückzulegen aber auf die gotischen Schiffe im Hafen von Ravenna konnte man zu
einem solchen Zweck nicht zählen
    Zum Glück erinnerte sich der Präfekt dass der Nauarch Pomponius einer der
Verschwornen mit drei Trieren zuverlässiger dh römischer Bemannung an der
Ostküste des Adriatischen Meeres zwischen Ancona und Teate auf afrikanische
Seeräuber Jagd machend kreuzte Diesem sandte er Befehl in der Nacht des
Epiphaniasfestes in der Bucht von Ravenna zu erscheinen Er hoffte vom Garten
des Palastes aus unter dem Schutz der Dunkelheit und während kirchliche und
weltliche Festfeier die Stadt beschäftigte leicht und sicher mit Amalaswinta
die Schiffe zu erreichen die sie zur See über die gotischen Stellungen hinaus
bis nach Teate bringen sollten von da aus war der Weg nach Rom kurz und
ungefährdet
    Diesen Plan im Bewusstsein  sein Bote kam glücklich hin und zurück mit dem
Versprechen des Pomponius pünktlich einzutreffen  lächelte der Präfekt zu dem
täglich wachsenden trotzigen Hass der Goten die seine Günstlingsstellung bei
Amalaswinta mit Ingrimm betrachteten Er ermahnte diese geduldig auszuharren
und nicht durch einen Ausbruch ihres königlichen Zornes über die »Rebellen« vor
dem Tag der Befreiung einen Zusammenstoß herbeizuführen der leicht alle Pläne
der Rettung vereiteln konnte
    Das Epiphaniasfest war gekommen das Volk wogte in dichten Massen in den
Basiliken auf den Plätzen der Stadt Die Kleinodien des Schatzes lagen geordnet
und gepackt bereit ebenso die wichtigsten Urkunden des Archivs Es war Mittag
Amalaswinta und der Präfekt hatten soeben ihren Freund Kassiodor von dem Plan
unterrichtet dessen Kühnheit ihn anfangs erschreckte dessen Klugheit ihn
alsbald gewann Sie wollten gerade aus dem Gemach der Beratung aufbrechen als
plötzlich der Lärm des Volkes das vor dem Palast auf und nieder flutete lauter
und heftiger anschwoll Drohungen Jubelrufe Waffenklirren wild durcheinander
    Cetegus schlug den Vorhang des großen Rundbogenfensters zurück doch er sah
nur noch die letzten Reihen der Menge nachdrängen in die offenen Tore des
Palastes Die Ursache der Aufregung war nicht zu entdecken
    Aber schon stieg im Palatium das Getöse die Treppen hinan Zank mit der
Dienerschaft wurde hörbar einzelne Waffenschläge bald nahe schwere Tritte
Amalaswinta bebte nicht fest hielt sie den Drachenknauf des Tronstuhls auf
den Kassiodor sie zurückgeführt
    Cetegus warf sich indessen den Andringenden entgegen »Halt« rief er
unter der Türe des Gemaches hinaus »die Königin ist für niemand sichtbar«
    Einen Augenblick lautlose Stille
    Dann rief eine kräftige Stimme »Wenn für dich Römer auch für uns für ihre
gotischen Brüder Vorwärts«
    
    Und wieder erhob sich das Brausen der Stimmen und im Augenblick war
Cetegus ohne Anwendung bestimmter Gewalt von dem Andrang der Masse wie von
unwiderstehlicher Meeresflut bis weit in den Hintergrund des Saales
zurückgeschoben und die Vordersten im Zuge standen dicht vor dem Thron
    Es waren Hildebrand Witichis Teja ein baumlanger Gote den Cetegus nicht
kannte und neben ihm  es litt keinen Zweifel  die drei Herzoge Tulun Ibba
und Pitza in voller Rüstung drei prachtvolle Kriegergestalten Die
Eingedrungnen neigten sich vor dem Thron Dann rief Herzog Tulun nach rückwärts
gewendet mit der Handbewegung eines geborenen Herrschers »Ihr gotische Männer
harret noch draußen eine kurze Weile wir wollens in eurem Namen mit der
Regentin zu schlichten suchen Gelingt es nicht  so rufen wir euch auf zur Tat
 ihr wisst zu welcher«
    Willig und mit Jubelrufen zogen sich die Scharen hinter ihm zurück und
verloren sich bald in den Gängen und Hallen des Schlosses
    »Tochter Teoderichs« hob Herzog Tulun an das Haupt zurückwerfend »wir
sind gekommen weil uns dein Sohn der König zurückberufen Leider finden wir
ihn nicht mehr am Leben Wir wissen dass du uns nicht gerne hier siehst«
    »Wenn ihr das wisst« sprach Amalaswinta mit Hoheit »wie könnt ihr wagen
dennoch vor unser Angesicht zu treten Wer gestattet euch wider unsern Willen
zu uns zu dringen«  »Die Not gebeut es hohe Frau die Not die schon stärkere
Riegel gebrochen als eines Weibes Laune Wir haben dir die Forderungen deines
Volkes vorzutragen die du erfüllen wirst«  »Welche Sprache Weißt du wer vor
dir steht Herzog Tulun«  »Die Tochter der Amalungen deren Kind ich ehre
auch wo es irrt und frevelt«  »Rebell« rief Amalaswinta und erhob sich
majestätisch vom Throne »dein König steht vor dir« Aber Tulun lächelte »Du
würdest klüger tun Amalaswinta von diesem Punkt zu schweigen König
Teoderich hat dir die Mundschaft über deinen Sohn übertragen dem Weibe  das
war wider Recht aber wir Goten haben ihm nicht eingeredet in seine Sippe Er
hat diesen Sohn zum Nachfolger gewünscht den Knaben  das war nicht klug Aber
Adel und Volk der Goten haben das Blut der Amalungen geehrt und den Wunsch eines
Königs der sonst weise war Niemals jedoch hat er gewünscht und niemals hätten
wir gebilligt dass nach jenem Knaben ein Weib über uns herrschen solle die
Spindel über die Speere«
    »So wollt ihr mich nicht mehr anerkennen als eure Königin« rief sie empört
»Und auch du Hildebrand alter Freund Teoderichs auch du verleugnest seine
Tochter«
    »Frau Königin« sprach der Alte »wollest du selbst verhüten dass ich dich
verleugnen muss«
    Tulun fuhr fort »Wir verleugnen dich nicht  noch nicht Jenen Bescheid
gab ich nur weil du auf dein Recht pochst und weil du wissen musst dass du ein
Recht nicht hast
    Aber weil wir gern den Adel des Blutes ehren  wir ehren damit uns selbst 
und weil es in diesem Augenblick zu bösem Zwiespalt im Reich führen könnte
wollten wir dir die Krone absprechen so will ich dir die Bedingungen sagen
unter denen du sie fürder tragen magst«
    Amalaswinta litt unsäglich wie gern hätte sie das stolze Haupt das solche
Worte sprach dem Henker geweiht Und machtlos musste sie das dulden Tränen
wollten in ihr Auge dringen sie presste sie zurück aber erschöpft sank sie auf
ihren Thron von Kassiodor gestützt
    Cetegus war indessen an ihre andre Seite getreten »Bewillige alles«
raunte er ihr zu »s ist alles erzwungen und nichtig Und heute nacht noch
kommt Pomponius«
    »Redet« sprach Kassiodor »aber schont des Weibes ihr Barbaren«  »Ei«
lachte Herzog Pitza »sie will ja nicht als Weib behandelt sein sie ist ja
unser König«
    »Ruhig Vetter« verwies ihn Herzog Tulun »sie ist von edlem Blut wie
wir«
    »Fürs erste« fuhr er fort »entlässt du aus deiner Nähe den Präfekten von
Rom Er gilt für einen Feind der Goten Er darf nicht die Gotenkönigin beraten
An seine Stelle bei deinem Thron tritt Graf Witichis«
    »Bewilligt« sagte Cetegus selbst statt Amalaswintas
    »Fürs zweite erklärst du in einem Manifest dass fortan kein Befehl von dir
vollziehbar der nicht von Hildebrand oder Witichis unterzeichnet dass kein
Gesetz ohne Genehmigung der Volksversammlung gültig ist«
    Die Regentin fuhr zornig auf aber Cetegus hielt ihren Arm nieder »Heute
nacht kommt Pomponius« flüsterte er ihr zu Dann rief er laut »Auch das wird
zugestanden«
    »Das dritte« hob Tulun wieder an »wirst du so gern gewähren als wir es
empfangen Wir drei Balten haben nicht gelernt in der Hofburg die Häupter zu
bücken das Dach ist uns zu niedrig hier Amaler und Balten leben am besten weit
voneinander  wie Adler und Falk Und das Reich bedarf unsres Arms an seinen
Marken Die Nachbarn wähnen das Land sei verwaiset seit dein großer Vater ins
Grab stieg Avaren Gepiden Sklavenen springen ungescheut über unsre Grenzen
Diese drei Völker zu züchtigen rüstest du drei Heere je zu dreißig
Tausendschaften und wir drei Balten führen sie als deine Feldherrn nach Osten
und nach Norden«
    Die ganze Waffenmacht obenein in ihre Hände  nicht übel dachte Cetegus
»Bewilligt« rief er lächelnd
    »Und was bleibt mir« fragte Amalaswinta »wenn ich all das euch
dahingegeben«
    »Die goldne Krone auf der weißen Stirn« sagte Herzog Ibba
    »Du kannst ja schreiben wie ein Grieche« begann Tulun aufs neue »Wohlan
man lernt solche Künste nicht umsonst Hier dies Pergament soll enthalten  mein
Sklave hat es aufgezeichnet  was wir fordern«
    Er reichte es Witichis zur Prüfung »Ist es so Gut Das wirst du
unterschreiben Fürstin  So wir sind fertig Jetzt sprich du Hildebad mit
jenem Römer«
    Doch vor ihn trat Teja die Rechte am Schwert zitternd vor Hass »Präfekt
von Rom« sagte er »Blut ist geflossen edles teures gotisches Blut Es weiht
ihn ein den grimmen Kampf der bald entbrennen wird Blut das du büßen«  der
Zorn erstickte seine Stimme
    »Pah« rief ihn zurückschiebend Hildebad  denn er war der baumlange Gote
 »macht nicht soviel Aufhebens davon Mein goldner Bruder kann leicht etwas
missen von überflüssigem Blut Und der andre hat mehr verloren als er missen
kann Da du schwarzer Teufel« rief er Cetegus zu und hielt ihm ein breites
Schwert dicht vor die Augen »kennst du das«
    »Des Pomponius Schwert« rief dieser erbleichend und einen Schritt
zurückweichend Amalaswinta und Kassiodor fragten erschrocken »Pomponius«
    »Aha« lachte Hildebad »nicht wahr das ist schlimm Ja aus der
Wasserfahrt kann nichts werden«
    »Wo ist Pomponius mein Nauarch« rief Amalaswinta heftig
    »Bei den Haifischen Frau Königin in tiefer See«
    »Ha Tod und Vernichtung« rief Cetegus jetzt fortgerissen vor Zorn »wie
geht das zu«
    »Lustig genug Sieh mein Bruder Totila  du kennst ihn ja nicht wahr 
lag im Hafen von Ancona mit zwei kleinen Schiffen Dein Freund Pomponius der
machte ihm seit einigen Tagen ein so übermütiges Gesicht und ließ so dicke Worte
fallen dass es selbst meinem arglosen Blonden auffiel Plötzlich ist er eines
Morgens mit seinen drei Trieren aus dem Hafen entwischt Totila schöpft
Verdacht setzt alle Leinwand auf fliegt ihm nach holt ihn ein auf der Höhe
von Pisaurum stellt ihn geht zu ihm an Bord mit mir und ein paar andern und
fragt ihn wohinaus«
    »Er hatte kein Recht dazu Pomponius wird ihm keine Antwort gegeben haben«
    »Doch Vortrefflicher« er gab ihm eine Wie der sah dass wir zu sieben
allein auf seinem Schiff da lachte er und rief »Wohin ich segle Nach Ravenna
du Milchbart und rette die Regentin aus euren Klauen nach Rom« Und dabei
winkte er seinen Leuten Da warfen aber auch wir die Schilde vor und hui flogen
die Schwerter aus den Scheiden Das war ein harter Stand sieben gegen dreißig
Aber es währte zum Glück nicht lang da hörten unsre Bursche im nächsten Schiff
das Eisen klirren und flugs waren sie mit ihren Booten heran und erkletterten
wie die Katzen die Wandung Jetzt waren wir die mehreren aber der Nauarch  gib
dem Teufel sein Recht  gab sich nicht focht wie ein Rasender und stieß meinem
Bruder das Schwert durch den Schild in den linken Arm dass es hoch aufsprjetzte
Da aber ward mein Bruder auch zornig und rannte ihm den Speer in den Leib dass
er fiel wie ein Schlachtstier »Grüsst mir den Präfekten« sprach er sterbend
»gebt ihm das Schwert sein Geschenk zurück und sagt ihm es kann keiner wider
den Tod sonst hätte ich Wort gehalten Ich habs ihm gelobt es zu bestätigen
Er war ein tapfrer Mann Hier ist das Schwert«
    Schweigend nahm es Cetegus
    »Die Schiffe ergaben sich und mein Bruder führte sie zurück nach Ancona Ich
aber segelte mit dem schnellsten hierher und traf am Hafen mit den drei Balten
zusammen gerade zur rechten Zeit«
    Eine Pause trat ein in welcher die Überwundnen ihre böse Lage schmerzlich
überdachten Cetegus hatte ohne Widerstand alles bewilligt in der sichern
Hoffnung auf die Flucht die nun vereitelt war
    Sein schönster Plan war durchkreuzt durchkreuzt von Totila tief grub der
Hass diesen Namen in des Präfekten Seele Sein grimmiges Rachesinnen ward erst
durch den Ausruf Tuluns gestört »Nun Amalaswinta willst du unterzeichnen
oder sollen wir die Goten zur Wahl eines Königs berufen«
    Rasch fand bei diesen Worten Cetegus die Fassung wieder er nahm die
Wachstafel aus der Hand des Grafen und reichte sie ihr hin »Du musst o
Königin« sagte er leise »es bleibt dir keine Wahl« Kassiodor gab ihr den
Griffel sie schrieb ihren Namen und Tulun nahm die Tafel zurück
    »Wohl« sagte er »wir gehen den Goten zu verkünden dass ihr Reich gerettet
ist Du Kassiodor begleitest uns zu bezeugen dass alles ohne Gewalt geschehen
ist«
    Auf einen Wink Amalaswintens gehorchte der Senator und folgte den gotischen
Männern hinaus auf das Forum vor dem Schloss Als sie sich mit Cetegus allein
sah sprang die Fürstin heftig auf nicht länger gebot sie ihren Tränen
Leidenschaftlich schlug sie die Hand vor die Stirn Ihr Stolz war aufs tiefste
gebeugt Schwerer als des Gatten des Vaters ja selbst als Atalarichs Verlust
traf diese Stunde ihr Herz »Das« rief sie laut weinend »das also ist die
Überlegenheit der Männer Rohe plumpe Gewalt o Cetegus alles ist verloren«
    »Nicht alles Königin nur ein Plan Ich bitte um ein gnädiges Andenken«
setzte er kalt hinzu »ich gehe nach Rom«
    »Wie du verlässt mich in diesem Augenblick Du du hast mir all diese
Versprechungen abgewonnen die mich enttronen und nun scheidest du O besser
ich hätte widerstanden dann wär ich Königin geblieben hätten sie auch jenem
Rebellenherzog die Krone aufgesetzt«
    Jawohl dachte Cetegus besser für dich schlimmer für mich Nein kein
Held soll mehr diese Krone tragen  Rasch hatte er erkannt dass Amalaswinta
ihm nichts mehr nützen könne  und rasch gab er sie auf Schon sah er sich nach
einem neuen Werkzeug für seine Pläne um Doch beschloss er ihr einen Teil seiner
Gedanken zu enthüllen damit sie nicht auf eigne Faust handelnd jetzt noch ihre
Versprechungen widerriefe und dadurch Tulun die Krone zuwende »Ich gehe o
Herrin« sprach er »doch ich verlasse dich darum nicht Hier kann ich dir
nichts mehr nützen Man hat mich aus deiner Nähe verbannt und man wird dich
hüten eifersüchtig wie eine Geliebte«
    »Aber was soll ich tun mit diesen Versprechungen mit diesen drei Herzogen«
    »Abwarten zunächst dich fügen Und die drei Herzoge« setzte er zögernd bei
 »die ziehen ja in den Krieg  vielleicht kehren sie nicht zurück«
    »Vielleicht« seufzte die Regentin »Was nützt ein vielleicht« Cetegus
trat fest auf sie zu »Sie kehren nicht zurück  sobald dus willst«
Erschrocken bebte die Frau »Mord Entsetzlicher was sinnst du«  »Das
Notwendige Mord ist das falsche Wort dafür Es ist Notwehr Oder Strafe
Hattest du in dieser Stunde die Macht du hattest das volle Recht sie zu töten
Sie sind Rebellen Sie zwingen deinen königlichen Willen Sie erschlagen deinen
Nauarchen den Tod haben sie verdient«
    »Und sie solln ihn finden« flüsterte Amalaswinta die Faust ballend vor
sich hin »sie solln nicht leben die rohen Männer die eine Königin gezwungen
Du hast recht  sie sollen sterben«  »Sie müssen sterben  sie und« fügte er
ingrimmig bei »und   der junge Seeheld«
    »Warum auch Totila Er ist der schönste Jüngling meines Volks«
    »Er stirbt« knirschte Cetegus »o könnt er zehnmal sterben«
    Und aus seinem Auge sprühte eine Glut des Hasses die plötzlich aus der
eisigkalten Natur brechend Amalaswinta in Schrecken überraschte »Ich schicke
dir« fuhr er rasch und leise fort »aus Rom drei vertraute Männer isaurische
Söldner Die sendest du den drei Balten nach sobald sie in ihren Heerlagern
eingetroffen Hörst du du sendest sie die Königin denn sie sind Henker keine
Mörder Die drei müssen an Einem Tage fallen  Für den schönen Totila sorge ich
selbst Der Schlag wird alles erschrecken In der ersten Bestürzung der Goten
eile ich von Rom herbei Mit Waffen dir zur Rettung Leb wohl«
    Er verließ rasch die Hilflose an deren Ohr in diesem Augenblick von dem
Forum vor dem Palatium jubelndes Freudengeschrei der Goten schlug die den
Erfolg ihrer Führer die Besiegung Amalaswintas feierten
    Sie fühlte sich ganz verlassen
    Dass die letzte Verheißung des Präfekten kaum mehr als ein leeres Trostwort
zur Beschönigung seines Abgangs war ahnte sie mit banger Seele Gramvoll
stützte sie die Wange auf die schöne Hand und verlor sich eine Weile finster in
ihren ratlosen Gedanken Da rauschten die Vorhänge des Gemaches ein
Palastbeamter stand vor ihr »Gesandte von Byzanz bitten um Gehör Justinus ist
gestorben Kaiser ist sein Neffe Justinian Er bietet dir seinen brüderlichen
Gruß und seine Freundschaft«
    »Justinianus« rief die ganze Seele der bedrängten Frau Sie sah sich ihres
Sohnes beraubt von ihrem Volk bedroht von Cetegus verlassen ringsumher hatte
sie in trübem Sinnen vergeblich Hilfe und Halt gesucht und aufatmend aus tiefer
Brust wiederholte sie jetzt »Byzanz  Justinianus«
 
                                Viertes Kapitel
In den Waldbergen von Fiesole findet heutzutage der Wandrer der von Florenz
heranzieht rechts von der Straße die Ruinen eines ausgedehnten villenartigen
Gebäudes
    Efeu Steinbrech und Wildrosen haben um die Wette die Trümmer überkleidet
die Bauern des nahen Dorfes haben seit Jahrhunderten Steine davongetragen die
Erde ihrer Weingärten an den Hügelrändern aufzudämmen Aber noch immer
bezeichnen die Reste deutlich wo die Säulenhalle vor dem Hause wo das
Mittelgebäude wo die Hofmauer stand Üppig wuchert das Unkraut auf dem
Wiesgrund wo dereinst der schöne Garten in Zier und Ordnung prangte nichts
davon hat sich erhalten als das breite Marmorbecken eines längst vertrockneten
Brunnens in dessen kiesigem Rinnsal sich jetzt die Eidechse sonnt
    Aber in den Tagen von denen wir erzählen sah es hier viel anders aus »Die
Villa des Mäcen bei Fäsulä« wie man das Gebäude damals wohl mit wenig Fug
benannte war von glücklichen Menschen bewohnt das Haus von sorglicher
Frauenhand bestellt der Garten von hellem Kindeslachen belebt Zierlich war die
rankende Klemmatis hinaufgebunden an den schlanken Schäften der korintischen
Säulen vor dem Haus und der Wein zog freundlich schmückend über das flache Dach
Mit weißem Sande waren die schlängelnden Wege des Gartens bestreut und in den
Nebengebäuden die der Wirtschaft dienten glänzte eine Reinlichkeit waltete
eine stille Ordnung die nicht auf römische Sklavenhände raten ließ
    Es war um Sonnenuntergang
    Die Knechte und Mägde kehrten von den Feldern zurück die hoch mit Heu
beladenen Wagen mit Rossen nicht italischer Zucht bespannt schwankten heran
von den Hügeln herunter trieben die Hirten Ziegen und Schafe herzu von großen
zottigen Hunden umbellt
    Dicht vor dem Hoftor gab es die lebendigste Szene des bunten Schauspiels
ein paar römische Sklaven trieben mit tobenden Gebärden und gellendem Geschrei
die keuchenden Pferde eines grausam überladnen Wagens an nicht mit
Peitschenhieben sondern mit Stöcken deren Eisenspitzen sie den Tieren immer in
dieselbe wunde Stelle stießen Nur ruckweise ging es trotzdem vorwärts Jetzt
lag ein großer Stein vor dem linken Vorderrad jeden Fortschritt unmöglich
machend Aber der wütige Italier sah es nicht
    »Vorwärts Bestie und Kind einer Bestie« schrie er dem zitternden Rosse
zu »vorwärts du gotisches Faultier« Und ein neuer Stich mit dem Stachel und
ein neuer verzweifelter Ruck aber das Rad ging nicht über den Stein das
gequälte Tier stürzte in die Knie und drohte den Wagen mit umzureissen Darüber
wurde der Treiber erst recht grimmig »Warte du Racker« schrie er und schlug
nach dem Auge des zuckenden Rosses  Aber nur einmal schlug er im nächsten
Augenblick stürzte er selbst wie blitzgetroffen unter einem mächtigen Streiche
nieder
    »Davus du boshafter Hund« brüllte eine Bärenstimme und über dem Gefallenen
stand schier noch mal so lang und gewiss noch mal so breit wie der erschrockene
Tierquäler ein ungeheurer Gote einen derben Knüttel wiederholt auf den Rücken
des Schreienden schwingend
    »Du elender Neiding« schloss er mit einem Fußtritt »ich will dich lehren
umgehn mit einem Geschöpf das sechsmal besser ist als du Ich glaube du
Schandbub quälst den Hengst weil er von jenseit der Berge ist Noch einmal lass
mich das sehen und ich zerbreche dir alle Knochen im Leibe Jetzt auf und
abgeladen  du trägst alle Schwaden die zuviel sind auf deinem eignen Rücken
in die Scheuer Vorwärts«
    Mit einem giftigen Blick stand der Gezüchtigte auf und schickte sich hinkend
an zu gehorchen
    Der Gote hatte das zuckende Ross sogleich aufgerichtet und wusch ihm jetzt
sorglich die geschürften Knie mit seinem eignen Abendtrunk von Wein und Wasser
    Kaum war er damit zu Ende als ihn vom nahen Stall her dringend eine helle
Knabenstimme rief »Wachis hierher Wachis«  »Komme schon Atalwin mein
Bursch was gibts«  und schon stand er in der offenen Türe des Pferdestalles
neben einem schönen Knaben von sieben bis acht Jahren der sich heftig die
langen gelben Haare aus dem erglühenden Antlitz strich und mit Mühe in den
himmelblauen Augen zwei Tränen des Zornes zerdrückte Er hatte ein zierlich
geschnjetztes Holzschwert in der Rechten und hob es drohend gegen einen
schwarzbraunen Sklaven der mit gebognem Nacken und mit geballten Fäusten
trotzig ihm gegenüberstand
    »Was gibts da« wiederholte Wachis über die Schwelle tretend
    »Der Rotschimmel hat wieder nichts zu saufen und sieh nur zwei Bremsen
haben sich eingezogen oben an seinem Bug wo er mit der Mähne nicht hinreichen
kann und ich nicht mit der Hand und der böse Kacus da wie ichs ihm sage will
mir nicht folgen und gewiss hat er mich geschimpft auf römisch was ich nicht
verstehe« Wachis trat drohend näher
    »Ich habe nur gesagt« sprach Kacus langsam zurückweichend »erst ess ich
meine Hirse das Tier mag warten bei uns zu Lande kommt der Mensch vor dem
Vieh«  »So du Tropf« sagte Wachis die Bremsen erschlagend »bei uns kommt
das Ross vor dem Reiter zum Futter mach vorwärts«
    Aber Kacus war stark und trotzig er warf den Kopf auf und sagte »wir sind
hier in unserm Land  da gilt unser Brauch«  »Eia du verfluchter Schwarzkopf
wirst du gehorchen« sprach Wachis ausholend  »Gehorchen Nicht dir Du bist
auch nur ein Sklave wie ich und meine Eltern haben schon hier im Hause gelebt
als deinesgleichen noch Küh und Schafe stahlen jenseit der Berge« Wachis ließ
den Knüttel fallen und wiegte seine Arme »Höre Kacus ich habe ohnehin noch
einen Span mit dir du weißt schon was für einen Jetzt gehts in einem hin« 
»Ha« lachte Kacus höhnisch »wegen Liuta der Flachsdirn Pah ich mag sie
nicht mehr die Barbarin Sie tanzt wie eine Jungkuh«  »Jetzt ists aus mit
dir« sagte Wachis ruhig und schritt auf seinen Gegner zu Aber dieser wandte
sich wie eine Katze aus dem Griff des Goten riss ein spitzes Messer aus der
Brustfalte des Wollrocks und warf es nach ihm da sich Wachis bückte sauste es
haarscharf an seinem Kopf vorbei und fuhr tief in den Pfosten der Tür »Na
warte du Mordwurm« rief der Germane und wollte sich auf Kacus werfen da
fühlte er sich von hinten umklammert
    Es war Davus der die Gelegenheit der Rache scharf erpasst hatte
    Aber jetzt ward Wachis sehr zornig
    Er schüttelte ihn ab packte ihn mit der Linken am Genick erwischte mit der
Rechten Kacus an der Brust und stieß nun mit Bärenkraft seinen beiden Gegnern
die Köpfe zusammen jeden Stoß mit einem Ausruf begleitend »so meine Jungen 
das für das Messer  und das für den Rückensprung  und den für die Jungkuh« 
und wer weiß wie lange diese seltsame Litanei noch fortgedauert haben würde
hätte sie nicht ein lautes Rufen gestört
    »Wachis  Kacus  auseinander sag ich« rief eine volle starke
Frauenstimme und vor der Tür erschien ein stattliches Weib in blauem gotischem
Gewand Sie war nicht groß und doch imposant ihr schöner Bau eher mächtig als
zart Die goldbraunen Haare waren in reichen doch einfachen Flechten um das
runde Haupt geschlungen die Züge regelmäßig aber eher fest als fein
gezeichnet Geradheit Tüchtigkeit Verlässigkeit sprachen aus den fast
allzugrossen graublauen Augen die unbedeckten vollen Arme zeigten dass sie der
Arbeit nicht fremd An ihrem breiten Gürtel über den das braune Untergewand von
selbstgewirktem Zeuge bauschte klirrte ein Bund von Schlüsseln die Linke
stemmte sie ruhig in die Hüfte und befehlend streckte sie die Rechte vor sich
hin
    »Eia Rautgundis strenge Frau« sagte Wachis loslassend »musst du denn
überall die Augen haben«
    »Überall wo mein Gesinde Unfug treibt Wann werdet ihr lernen euch
vertragen Euch Welschen fehlt der Herr im Hause Aber du Wachis solltest
nicht auch der Hausfrau Verdruss machen Komm Atalwin mit mir« Und sie führte
den Knaben an der Hand mit fort
    Sie ging in den Seitenhof und füllte aus einer Truhe Körner in ihr Gewand
die Hühner und Tauben zu füttern die sie sogleich dicht umdrängten
    Atalwin sah eine Weile schweigend zu Endlich sagte er »Du Mutter ists
wahr ist der Vater ein Räuber«
    Rautgundis hielt inne in ihrem Tun und sah das Kind an »Wer hat das
gesagt«
    »Wer Ei des Nachbars Kalpurnius Neffe Wir spielten auf dem großen
Heuhaufen seiner Wiese drüben überem Zaun und ich zeigte ihm wie weit das Land
uns gehöre rechts vom Zaun  weit und breit  soweit unsre Knechte mähten und
fern der Bach schimmerte Da ward er zornig und sagte Ja und all das Land
gehörte früher uns und dein Vater oder dein Großvater die habens gestohlen
die Räuber«
    »So und was sagtest du drauf«
    »Ei gar nichts Mutter Ich warf ihn nur über den Heuhaufen hinunter dass
er die Füße gen Himmel schlug Aber jetzt nachderhand möcht ich doch wissen
obs wahr ist«
    »Nein Kind es ist nicht wahr Gestohlen hats der Vater nicht Aber offen
genommen weil er besser war und stärker als diese Welschen Und alle starken
Helden habens immer so gemacht zu allen Zeiten Und die Welschen in den Tagen
da sie stark waren und ihre Nachbarn schwach am allermeisten Aber nun komm
wir müssen nach dem Linnen sehen das auf dem Anger zur Bleiche liegt«
    Als sie nun den Stallungen den Rücken wandten und dem nahen Grashügel links
vom Hause zuschritten hörten sie den raschen Hufschlag eines Rosses das auf
der alten römischen Heerstraße nahte Rasch hatte Atalwin den Gipfel des Hügels
erreicht und blickte nach der Straße hin
    Da sprengte ein Reiter auf einem mächtigen Braunen die Waldhöhe herab auf
die Villa zu hell funkelte sein Helm und die Spitze der Lanze die er schräg
über dem Rücken trug
    »Der Vater Mutter der Vater« rief der Knabe und rannte pfeilgeschwind den
Hügel hinab dem Reiter entgegen
    Rautgundis hatte jetzt auch die Höhe erreicht Ihr Herz pochte Sie legte
die Hand vors Auge in die schimmernde Abendröte zu schauen dann sagte sie
still glücklich vor sich hin »Ja er ists Mein Mann«
 
                                Fünftes Kapitel
Inzwischen hatte Atalwin den Nahenden schon erreicht und kletterte an seinem
Fuß hinan Der Reiter hob ihn mit liebevoller Hand herauf und setzte ihn vor
sich in den Sattel und flog jetzt im Galopp heran lustig wieherte Wallada das
edle Tier einst Teoderichs Streitross die Heimat und die Herrin erkennend und
schlug freudig mit dem langen wallenden Schweif
    Nun war der Reiter heran und stieg ab mit dem Knaben »mein liebes Weib«
sprach er sie herzlich umarmend »Mein Witichis« flüsterte sie an seiner
Brust erglühend entgegen »willkommen bei den Deinen«  »Ich hatte
versprochen noch vor dem neuen Mond zu kommen  schwer gings «
    »Aber du hieltst Wort wie immer«  »Mich zog das Herz« sagte er den Arm
um sie schlingend Sie schritten langsam dem Hause zu »Dir Atalwin ist
scheints Wallada wichtiger als der Vater« lächelte er dem Kleinen zu der
sorgfältig das Pferd am Zügel nachführte
    »Nein Vater aber gib mir noch die Lanze dazu  so gut wird mirs selten
hier in dem Bauernleben«  und den langen schweren Speerschaft mit Mühe
einherschleppend rief er laut »he Wachis Ansbrand der Vater ist da  Jetzt
holt den Falernerschlauch aus dem Keller Der Vaterhat Durst vom scharfen Ritt«
    Lächelnd strich Witichis über den Flachskopf des Knaben der jetzt an ihnen
vorüber und voran eilte »Nun und wie stehts hier draußen bei euch« fragte
er auf Rautgundis blickend »Gut Witichis die Ernte ist glücklich
eingebracht die Trauben gestampft die Garben geschichtet«  »Nicht danach
frag ich« sagte er sie zärtlich an sich drückend  »wie geht es dir« 
»Wies einem armen Weibe geht« antwortete sie zu ihm aufblickend »das seinen
herzgeliebten Mann vermisst Da hilft nur Arbeit Freund und tüchtig Schaffen
dass man das weiche Herz betäubt Oft denk ich wie hart du dich mühen musst
draußen unter fremden Leuten im Lager und am Hof wo niemand dein in Treuen
pflegt Da soll er wenigstens denk ich dann kommt er heim sein Haus immer
wohl bestellt und traulich finden
    Und das ists sieh was mir all die dumpfe Arbeit lieb macht und weihet
und veredelt«
    »Du bist mein wackeres Weib Mühst du dich nicht zuviel«
    »Die Arbeit ist gesund Aber der Verdruss die Bosheit der Leute das tut mir
weh« Witichis blieb stehen »Wer wagts dir weh zu tun«  »Ach die welschen
Knechte und die welschen Nachbarn
    Sie hassen uns alle Weh uns wenn sie uns nicht mehr fürchten Kalpurnius
der Nachbar ist so frech wenn er dich ferne weiß und die römischen Sklaven
sind trotzig und falsch nur unsre gotischen Knechte sind brav«
    Witichis seufzte Sie waren jetzt vor dem Hause angelangt und ließ in dem
Säulengang sich vor einem Marmortisch nieder »Du musst bedenken« sagte
Witichis »der Nachbar hat ein Drittel seines Guts und seiner Sklaven an uns
abtreten müssen«  »Und hat zwei Drittel behalten und das Leben dazu  er
sollte Gott danken« meinte Rautgundis verächtlich
    Da sprang Atalwin heran mit einem Korb voll Äpfeln die er vom Baum
gepflückt dann kamen Wachis und die andern germanischen Knechte mit Wein
Fleisch und Käse und sie begrüßten den Herrn mit freimütigem Handschlag »Gut
meine Kinder seid gegrüßt Die Frau lobt euch Aber wo stecken Davus Kacus und
die andern«  »Verzeih Herr« schmunzelte Wachis »sie haben ein schlecht
Gewissen«
    »Warum Weshalb«  »Ei ich glaube  weil ich sie ein bisschen geprügelt
habe  sie schämen sich« Die andern Knechte lachten »Nun es kann ihnen nicht
schaden« meinte Witichis »geht jetzt zu eurem Essen Morgen seh ich nach
eurer Arbeit« Die Knechte gingen »Was ists mit Kalpurnius« fragte Witichis
sich einschenkend Rautgundis errötete und besann sich »Das Heu von der
Bergwiese« sagte sie dann »das unsre Knechte gemäht hat er nachts in seine
Scheuer geschafft und gibt es nicht heraus«  »Er wird es schon herausgeben
mein ich « sagte er ruhig trinkend  »Jawohl« rief Atalwin lebhaft
»das mein ich auch Und gibt ers nicht  mir noch lieber Dann sagen wir Fehde
an und ich zieh hinüber mit Wachis und den reisigen Knechten mit Waffen und
Wehr Er sieht mich immer so giftig an der schwarze Schleicher«
    Rautgundis wies ihn zur Ruh und schickte ihn schlafen »Wohl ich gehe«
sagte er »aber Vater wenn du wiederkömmst bringst du mir statt dieses
Steckens da ein richtig Gewaffen mit nicht wahr« Und er hüpfte ins Haus
    »Der Streit mit diesen Welschen endet nie« sagte Witichis »er vererbt sich
auf die Kinder Du hast hier allzuviel Verdruss damit Desto lieber wirst du tun
was ich dir vorschlage komm mit nach Ravenna an den Hof«
    Hoch erstaunt blickte ihn das Weib an »Du scherzest« sagte sie ungläubig
»Du hast das nie gewollt In den neun Jahren die ich dein bin ist dirs nie
eingefallen mich an den Hof zu führen ich glaube es weiß niemand in dem Volk
dass eine Rautgundis lebt Du hast ja unsere Ehe geheim gehalten« lächelte sie
»wie eine Schuld«  »Wie einen Schatz« sagte Witichis die Arme um sie
schlingend  »Ich habe dich nie gefragt warum Ich war und bin glücklich dabei
und dachte und denke er wird wohl seinen Grund haben«
    »Ich hatte meinen guten Grund er besteht nicht mehr Du magst nun alles
wissen Wenige Monate nachdem ich dich gefunden in deiner Felseneinsamkeit und
lieb gewonnen kam König Teoderich auf den seltsamen Gedanken mich seiner
Schwester Amalaberga der Witwe des Türingerkönigs zu vermählen die gegen
ihre schlimmen Nachbarn die Franken Mannesschutz bedurfte«  »Du solltest
dort die Krone tragen« sprach Rautgundis mit strahlenden Augen  »Mir aber«
fuhr Witichis fort »war Rautgundis lieber als Königin und Krone und ich sagte
nein
    Es verdross ihn schwer und er verzieh mir nur als ich ihm sagte ich würde
wohl niemals freien Konnt ich doch damals nicht hoffen dich je mein zu
nennen du weißt wie lange dein Vater misstrauisch und eisern dich mir nicht
anvertrauen wollte Als du nun aber doch mein geworden da hielt ichs nicht für
wohlgetan ihm das Weib zu zeigen um das ich seine Schwester ausgeschlagen«
    »Aber warum hast du mir das verschwiegen neun Jahre lang«
    »Weil« sagte er ihr herzlich in die Augen blickend »weil ich meine
Rautgundis kenne Du hättest immer geglaubt Wunder was ich an jener Krone
verloren Jetzt aber ist der König tot und ich bin dauernd an den Hof gebunden
Wer weiß wann ich wieder ruhen werde im Schatten dieser Säulen im Frieden
dieses Daches«
    Und in kurzen Worten erzählte er ihr den Sturz des Präfekten und welche
Stellung er nunmehr einnahm bei Amalaswinten Aufmerksam hörte ihn Rautgundis
an dann drückte sie ihm die Hand »Das ist wacker Witichis dass die Goten
allmählich merken was sie an dir haben Und du bist heiterer denk ich als
sonst«
    »Ja mir ist wohler seit ich mit tragen darf an der Last der Zeit dabei
stehen und sie wuchtig drücken sehen auf mein Volk war viel schwerer Mich
dauert dabei nur die Regentin sie ist wie eine Gefangene«
    »Bah warum hat das Weib gegriffen in das Amt der Männer Mir fiele das nie
ein«
    »Du bist keine Königin Rautgundis und Amalaswinta ist stolz«
    »Ich bin zehnmal so stolz wie sie Aber so eitel bin ich nicht Sie muss nie
einen Mann geliebt haben und seinen Wert und seine Art begriffen Sie könnte
sonst nicht die Männer ersetzen wollen«
    »Am Hof sieht man das anders an Komm nur mit an den Hof«
    »Nein Witichis« sagte sie ruhig aufstehend »der Hof passt nicht für mich
Und ich nicht für den Hof Ich bin des Ödbauern Kind und gar unhöfisch geartet
Sieh diesen braunen Nacken« lachte sie »und diese rauen Hände Ich kann nicht
die Lyra zupfen und Verslein lesen schlecht taugt ich zu den feinen Römerinnen
und wenig Ehre würdest du haben von mir«
    »Du wirst dich doch nicht zu schlecht erachten für den Hof«  »Nein
Witichis zu gut«  »Nun man müsste sich gegenseitig ertragen würdigen
lernen«  »Das würd ich nie Sie vielleicht mich aus Furcht vor dir ich
niemals sie Ich würd ihnen täglich ins Gesicht sagen dass sie hohl falsch und
schlecht sind«
    »So willst du lieber deinen Mann entbehren mondelang«  »Ja lieber ihn
entbehren als in schiefer schlimmer Stellung um ihn sein O mein Witichis«
sagte sie innig den Arm um seinen Nacken legend »denk nur wer ich bin und wie
du mich gefunden
    Wo die letzten Siedelungen unseres Gotenvolkes den Saum der Alpen umgürten
hoch auf den Felsschroffen der Skaranzia wo die junge Isara schäumend aus den
Steinklüften ins offene Land der Bajuvaren bricht da steht meines Vaters stiller
Ödhof Nichts kannt ich da als die strenge Arbeit des Sommers auf den einsamen
Almen des Winters in der rauchgeschwärzten Halle am Rocken mit den Mägden Früh
starb die Mutter und den Bruder haben die Welschen erstochen So wuchs ich
einsam auf allein mit dem alten Vater der so treu aber auch so hart und
verschlossen wie seine Felsen Da sah ich nichts von der Welt die rechts und
links von unsern Bergen lag Nur hoch von oben sah ich manchmal neugierig wie
ein Saumross mit Salz oder Wein unten in der Talschlucht des Weges zog Da saß
ich wohl manchen schimmervollen Sommerabend auf der zackigen Kulm des hohen Arn
Und sah der Sonne nach wie sie so herrlich niedersank weit drüben überem Licus
und ich dachte was sie wohl alles gesehen den langen Sommertag seit sie
aufstieg drüben überem breiten Önus Und dass ich wohl auch wissen möchte wies
aussieht über dem Karwändel Oder gar drüben hinter dem Brennusberg wo der
Bruder hinüberzog und nie mehr wiederkam Und doch fühlte ich wie schön es sei
droben in meiner grünen Einsamkeit wo ich den Steinadler pfeifen hörte aus dem
nahen Horst und wo ich prächtige Blumen brach wie sie nicht wuchsen unten in
der Ebene und auch wohl einmal des Nachts den Bergwolf vor meiner Stalltür
heulen hörte und mit dem Kienbrand scheuchte
    Und auch in dem frühen Herbst in den langen Wintern hatte ich Musse still
in mich hineinzusinnen wann um die hohen Tannen die weißen Nebelschleier
spannen wann der Bergwind die Felsblöcke von unserem Strohdach riss und die
Schneestürze von den Schroffen donnernd niedergingen So wuchs ich auf fremd in
der Welt jenseit der nächsten Wälder nur zu Hause in der stillen Welt meiner
Gedanken und in dem engen Bauernleben
    Da kamest du  ich weiß es noch wie heute«  und sie hielt an in Erinnerung
verloren
    »Ich weiß es auch noch genau« sagte Witichis »Ich führte eine
Hundertschaft zur Ablösung von Juvavia nach der Augustastadt am Licus  ich war
vom Weg und meinen Leuten abgekommen lang war ich den schwülen Sommertag
pfadlos umhergeirrt  da sah ich Rauch aufsteigen überem Tannenhang und bald fand
ich das versteckte Gehöft und trat ins Tor da stand ein prächtig Mädchen am
Ziehbrunnen und hob den Eimer« 
    »Und ich erschrak siedheiss  zum erstenmal in meinem Leben  als der große
bräunliche Mann um die Hausecke bog mit dem krausen Bart und dem funkelnden
Helm«
    »Ja du wurdest blutrot bis in die Schläfe und ich bat dich um einen Trunk
Wasser Und niemals hat mein Auge ein schöner Bild gesehen als wie du dich nun
niederbeugtest und mit den kräftigen Armen den schweren Eimer auf den
Brunnenrand hobst und mir schöpftest in dem Kürbiskrug reich fielen die dichten
goldbraunen Zöpfe übers schwarze Mieder bis in die Knie und deine Wangen waren
pfirsichgleich o wie wacker frisch und blühend sahst du aus Und wie wacker
frisch und blühend bist du mir geblieben seither alle Zeit«
    »Und darum mein Witichis auf dass ich dir blühend bleibe führe mich nicht
an den Hof Sieh hier schon im Tal im Südtal der Alpen wird mirs oft zu
schwül und ich sehne mich nach einem Atemzug aus der Tannenluft meiner
Waldberge Am Hofe aber in den engen Goldgemächern  da würd ich dir verkümmern
und verschmachten Lass du mich hier  ich will schon fertig werden mit Nachbar
Kalpurnius Und du das weiß ich ja du denkst doch auch im Königssaal nach Haus
an Weib und Kind«
    »Ja weiß Gott mit sehnenden Gedanken So bleibe denn hier und Gott behüte
dich mein gutes Weib« 
    Am zweiten Morgen darauf ritt Witichis wieder zurück die Waldhöhe hinan
Der Abschied hatte ihn fast weich gemacht mit Kraft hatte er den Ausdruck des
Gefühls gehemmt das er sich schlicht und streng von Art zu zeigen scheute
Wie hing des Wackern Herz an diesem kerngen Weib und seinem Knaben
    Hinter ihm drein trabte Wachis der sichs durchaus nicht hatte nehmen
lassen dem Herrn noch eine Strecke das Geleit zu geben Plötzlich ritt er zu
ihm hinan »Herr« sagte er »ich weiß was«  »So warum sagst dus nicht« 
»Weil mich noch niemand darum gefragt hat«  »Nun ich frage dich drum«  »Ja
wenn man gefragt ist muss man freilich reden  Die Frau hat dir gesagt dass
Kalpurnius so ein böser Nachbar ist«  »Ja Und was solls damit«  »Sie hat
dir aber nicht gesagt seit wann«
    »Nein Weißt du seit wann«  »Nun seit etwa einem halben Jahr Da traf
Kalpurnius einmal die Frau im Wald allein wie sie beide glaubten Aber sie
waren nicht allein Es lag einer im Graben und hielt seinen Mittagsschlaf«
    »Der Faulpelz warst du«
    »Richtig erraten Und da sagte Kalpurnius etwas zur Frau«
    »Was sagte er«
    »Das hab ich nicht verstanden Aber die Frau war nicht faul hob die Hand
und schlug ihm ins Gesicht dass es patschte Das hab ich verstanden Und
seither ist der Nachbar ein schlimmer Nachbar und das wollt ich dir sagen weil
ich mir schon dachte die Frau werde dich nicht ärgern wollen mit dem Wicht
    Aber es ist doch besser du weißt darum Und sieh da steht Kalpurnius
gerade unter seiner Hoftür  siehst du dort  und jetzt fahr wohl lieber
Herr«
    Und damit wandte er sein Pferd und jagte im Galopp nach Hause
    Witichis aber stieg das Blut zu Kopf Er ritt an die Tür seines Nachbars
dieser wollte sich ins Haus drücken aber Witichis rief ihn in einem Ton dass er
bleiben musste
    »Was willst du mir Nachbar Witichis« sagte er blinzelnd zu ihm aufsehend
    Witichis zog den Zügel an und schob sein Ross dicht neben jenen Dann
streckte er ihm die geballte erzgepanzerte Faust hart vor die Augen »Nachbar
Kalpurnius« sagte er ruhig »wenn ich dir einmal ins Gesicht schlage stehst du
nie wieder auf«
    Kalpurnius fuhr erschrocken zurück
    Witichis aber gab seinem Rosse den Sporn und ritt stolz und langsam seines
Weges
 
                               Sechstes Kapitel
Zu Rom in seinem Arbeitszimmer lag auf den weichen Kissen des Lectus behaglich
ausgestreckt Cetegus der Präfekt
    Er war guter Dinge
    Die Untersuchung gegen ihn hatte mit Freisprechung geendet nur im Fall
augenblicklicher Durchforschung seines Hauses wie sie der junge König
angeordnet aber sein Tod vereitelt hatte wäre Entdeckung zu befürchten
gewesen Er hatte durchgesetzt dass die Befestigung von Rom fortgeführt wurde
mit Zuschüssen aus seinen eignen Geldern was seinen Einfluss in der Stadt noch
hob In der letzten Nacht hatte er Versammlung gehalten in den Katakomben alle
Berichte lauteten günstig Die Patrioten wuchsen an Zahl und Reichtum
    Der härtere Druck der seit den letzten Vorgängen zu Ravenna auf den
Italiern lastete konnte die Zahl der Unzufriednen nur vermehren und was die
Hauptsache war Cetegus hielt jetzt alle Fäden der Verschwörung in seiner Hand
Unbedingt erkannten selbst die eifersüchtigsten Republikaner die Notwendigkeit
an bis zum Tag der Freiheit dem Begabtesten die Führung zu überlassen 
    So vorgeschritten war die Stimmung gegen die Barbaren  bei allen Italiern
dass Cetegus den Gedanken fassen konnte  sobald Rom vollends befestigt ohne
Hilfe der Byzantiner loszuschlagen Denn wiederholte er sich immer wieder alle
Befreier sind leicht gerufen und schwer abgedankt Und mit Liebe pflegte er den
Gedanken Italien allein zu befreien
    So lag der Präfekt legte Cäsars Bürgerkrieg in dem er geblättert zur
Seite stützte das Haupt auf den linken Arm und sagte zu sich selbst »Die
Götter müssen noch Großes mit dir vorhaben Cetegus So oft du stürzest fällst
du heil wie eine Katze auf die sichern Füße Ah wenn es uns wohl geht
möchten wir uns mitteilen Aber Vertrauen ist ein zu gefährliches Vergnügen und
das Schweigen ist der einzig treue Gott Und doch bleibt man ein Mensch und
möchte « 
    Da trat ein Sklave ein der alte Ostiarius Fidus überreichte schweigend
einen Brief auf flacher goldner Schale und ging »Der Bote wartet« sagte er
    Gleichgültig nahm Cetegus das Schreiben
    Aber sowie er auf dem Wachs das die Schnüre der Tafeln zusammenhielt das
Siegel  die Dioskuren  erkannte rief er lebhaft »Von Julius zu guter
Stunde« löste eilig die Fäden legte die Tafeln auseinander und las  das kalte
bleiche Antlitz überflogen von einem sonst völlig fremden Hauch freudiger Wärme
    »Cetegus dem Präfekten sein Julius Montanus
    Wie lange ists mein väterlicher Lehrer«  »beim Jupiter das klingt
frostig«  »dass ich Dir nicht den schuldigen Gruß gesendet Das letztemal
schrieb ich Dir an den grünen Ufern des Ilissos wo ich in dem verödeten Hain
des Akademos die Spuren Platons suchte  und nicht fand Ich weiß wohl mein
Brief war nicht heiter Die traurigen Philosophen dort in vereinsamten Schulen
wandelnd zwischen dem Druck des Kaisers dem Argwohn der Priester und der Kälte
der Menge sie konnten nichts in mir erwecken als Mitleid Meine Seele war
dunkel ich wusste nicht weshalb
    Ich schalt meinen Undank gegen Dich  den grossmütigsten aller Wohltäter  «
»so unerträgliche Namen hat er mir nie gegeben« schaltete Cetegus ein
    »Seit zwei Jahren reise ich mit Deinen Reichtümern wie ein König der Syrer
ausgestattet von Deinen Freigelassenen und Sklaven begleitet durch ganz Asien
und Hellas genieße alle Schönheit und Weisheit der Alten  und mein Herz bleibt
unbefriedigt mein Leben unausgefüllt Nicht Platons schwärmerische Weisheit
nicht das Goldelfenbein des Pheidias Homeros nicht und nicht Tukydides boten
was mir fehlte
    Endlich endlich hier in Neapolis der blühenden göttergesegneten Stadt hab
ich gefunden was ich unbewusst überall vermisst und immer gesucht
    Nicht tote Weisheit warmes lebendiges Glück«  »er hat eine Geliebte nun
endlich du spröder Hippolyt Dank euch Eros und Anteros « »o mein Lehrer
mein Vater weißt Du welch ein Glück es ist ein Herz das Dich ganz versteht
zum erstenmal Dein eigen nennen«  »ah Julius« seufzte der Präfekt mit einem
seltenen Ausdruck weicher Empfindung »ob ich es wusste « »Dem Du die ganze
volle Seele offen zeigen magst O wenn Dus je erfahren preise mich opfre
Zeus dem Erfüller endlich zum erstenmal hab ich einen Freund«
    »Was ist das« rief Cetegus unwillig aufspringend mit einem Blick
eifersüchtigen Schmerzes »der Undankbare«
    »Denn das fühlst Du wohl ein Freund ein Herzensvertrauter fehlte mir bis
jetzt Du mein väterlicher Lehrer« 
    Cetegus warf die Tafeln auf den Schildpattisch und machte einen hastgen
Gang durchs Zimmer »Torheit« sagte er dann ruhig nahm den Brief auf und las
weiter 
    »Du so viel älter weiser besser größer als ich  Du hast mir eine solche
Wucht von Dank und Verehrung auf die junge Seele geladen dass sie sich Dir nie
ohne Scheu öffnen konnte Auch hörte ich oft mit Zagen wie Du solche Weisheit
und Wärme mit ätzendem Witze verhöhntest ein scharfer Zug um Deinen stolzen
festgeschlossenen Mund hat solche Gefühle in mir in Deiner Nähe stets getötet
wie Nachtfrost die ersten Veilchen«  »nun aufrichtig ist er«  »Jetzt aber
hab ich einen Freund gefunden offen warm jung begeistert wie ich und nie
gekannte Wonne ist mein Teil Wir haben nur Eine Seele in zwei Körpern die
sonnigen Tage die mondsilbernen Nächte wandeln wir miteinander durch diese
elyseischen Gefilde und finden kein Ende der geflügelten Worte  Aber ich muss
ein Ende finden dieses Briefes Er ist ein Gote«  »auch noch« sagte Cetegus
ungehalten »und heißt Totila« 
    Cetegus ließ die Hand mit dem Brief einen Augenblick sinken er sagte
nichts nur die Augen schloss er einen Moment dann las er ruhig nochmal
    »Und heißt Totila«
    »Als ich am Tage nach meiner Ankunft in Neapolis durch das Forum des
Neptunus schlenderte und an der Bogenwölbung eines Hauses die Statuen
bewunderte die ein Bildhauer dort zum Kaufe ausgestellt stürzt urplötzlich aus
der Tür auf mich los ein grauköpfiger Mann mit einer wollnen Schürze über und
über mit Gips bestäubt in der Hand ein spitzes Gerät er packte mich an der
Schulter und schrie Pollux mein Pollux hab ich dich endlich
    Ich dachte der Alte sei verrückt und sagte Du irrst guter Mann ich heiße
Julius und komme von Athen
    Nein schrie der Alte Pollux heißt du und kommst vom Olymp Und eh ich
wusste wie mir geschah hatte er mich zur Tür hineingedreht Da erkannte ich
denn allmählich waran ich mit dem Alten war er war der Bildhauer der die
Statuen ausgestellt
    In seiner Werkhalle standen andre halbvollendete umher und er erklärte mir
seit Jahren trage er sich mit der Idee einer Dioskurengruppe Für den Kastor
habe er vor kurzem ein köstlich Modell in einem jungen Goten gefunden Aber
umsonst erflehte ich  fuhr er fort  all diese Tage vom Himmel einen Gedanken
für meinen Pollux Er soll dem Kastor gleichen ein Bruder Helenas ein Sohn des
Zeus wie er volle Ähnlichkeit in Zügen und Gestalt muss da sein Und doch muss
die Verschiedenheit so deutlich sein wie die Gleichheit sie müssen
zusammengehören und doch jeder ganz eigenartig sein Umsonst lief ich alle Bäder
und Gymnasien Neapolis ab ich fand den Ledazwilling nicht Da hat dich ein
Gott Zeus selber hat dich mir ans eigne Fenster geführt wie ein Blitz schlugs
in mich ein da steht mein Pollux wie er sein muss und nicht lebendig lass ich
dich aus dieser Halle bis du mir deinen Kopf und deinen Leib versprochen
    Gern sagte ich dem närrischen Alten zu andern Tages wiederzukommen Und das
erfüllt ich um so lieber als ich erfuhr dass mein gewalttätiger Freund Xenarchos
sei der größte Bildner in Marmor und Erz den Italien seit lange gesehen Am
andern Tag kam ich denn wieder und fand meinen Kastor  es war Totila  und ich
kann nicht leugnen dass mich die große Ähnlichkeit selbst überraschte wenn auch
Totila älter höher kräftiger und unvergleichlich schöner ist als ich
Xenarchos sagt wir seien wie Hellcitrus und Goldcitrus Denn Totila ist heller
an Haar und Haut und geradeso schwört der Meister haben sich die beiden
Dioskuren geglichen und nicht geglichen So lernten wir uns denn unter den
Götterbildern Xenarchs kennen und lieben wir wurden in Wahrheit Kastor und
Pollux innig und unzertrennlich wie sie und schon ruft uns das heitre Volk von
Neapolis bei diesem Namen wann wir Arm in Arm geschlungen durch die Straßen
gehen
    Unsre junge Freundschaft ward aber noch besonders rasch gereift durch eine
drohende Gefahr die sie leicht in der Blüte geknickt hätte
    Wir waren eines Abends wie wir pflegten zur Porta Nolana hinausgewandelt
in den Bädern des Tiberius Kühlung von des Tages Hitze zu suchen Nach dem Bade
hatte ich in einer Laune spielender Zärtlichkeit Du wirst sie schelten  des
Freundes weißen Gotenmantel umgeschlagen und seinen Helm mit den Schwanenflügeln
aufs Haupt gesetzt Lächelnd ging er meine Chlamys umwerfend aufs den Tausch
ein und friedlich plaudernd schritten wir durch den Pinienhain im ersten Dunkel
der Nacht nach der Stadt zurück
    Da springt aus dem Taxusgebüsch hinter mir ein Mann auf mich her und ich
fühle kaltes Eisen an meinem Halse
    Aber im nächsten Augenblick lag der Mörder zu meinen Füßen Totilas Schwert
in der Brust Nur leicht verwundet beugte ich mich zu dem Sterbenden nieder und
fragte ihn welcher Grund ihn habe zum Hass zum Morde gegen mich treiben können
    Er aber starrte mir ins Antlitz und hauchte Nicht dich  Totila den Goten
 und er zuckte und war tot Man sahs an Tracht und Waffen  es war ein
isaurischer Söldner«
    Cetegus senkte den Brief und drückte die linke Hand vor die Stirn
»Wahnsinn des Zufalls« sagte er »wohin konntest du führen«
    Und er las zu Ende
    »Totila sagte er habe der Feinde viele am Hofe zu Ravenna Wir zeigten den
Vorfall Uliaris dem Gotengrafen zu Neapolis an Dieser ließ die Leiche
durchsuchen und Nachforschungen anstellen  ohne Erfolg Uns beiden aber hat
diese ernste Stunde die junge Freundschaft befestigt und mit Blut geweiht für
alle Zeit Ernster und heiliger hat sie uns verbunden Das Siegel der Dioskuren
das Du mir zum Abschied geschenkt war ein freundlich Omen das sich freundlich
erfüllt hat Und wenn ich mich frage wem dank ich all dies Glück Dir Dir
allein der mich in diese Stadt Neapolis gesendet in der ich all mein Glück
gefunden So mögen Dir es alle Götter und Göttinnen vergelten Ach ich sehe
dieser ganze Brief redet nur von mir und dieser Freundschaft  schreibe doch
bald wie es um Dich steht Vale«
    Ein bitteres Lächeln zuckte um des Präfekten ausdrucksvollen Mund
    Und wieder durchmass er das Gemach in nur mit Mühe gehaltenen Schritten
Endlich blieb er stehen das Kinn in die linke Hand stützend  »Wie kann ich
nur so  jugendlich sein mich zu ärgern Es ist alles sehr natürlich wenn auch
sehr einfältig Du bist krank Julius Warte ich will dir ein Rezept
schreiben« Und mit einem Anflug von grausamer Freude im Ausdruck setzte er
sich auf den Schreiblectus nahm eine Papyrusrolle aus der Bronzevase ergriff
die gnidische Schilffeder und schrieb mit der roten Tinte aus einem Löwenkopf
von Achat der an dem Lectus angeschraubt war
                   »An Julius Montanus Cetegus der Präfekt
                                    von Rom
    Deine rührende Epistel aus Neapolis hat mir viel Spaß gemacht Sie zeigt
dass Du in der letzten Kinderkrankheit steckst Hast Du sie abgetan wirst Du ein
Mann sein
    Die Krisis zu beschleunigen verschreibe ich Dir das beste Mittel Du suchst
sogleich den Purpurhändler Valerius Procillus meinen ältesten Gastfreund in
Neapolis auf Er ist der reichste Kaufherr des Abendlandes ein grimmiger Feind
der Kaiser von Byzanz die ihm Vater und Brüder getötet ein Republikaner wie
Kato und schon deshalb mein vertrauter Freund Seine Tochter Valeria Procilla
aber ist die schönste Römerin unsrer Zeit und eine echte Tochter der alten der
heidnischen Welt Antigone oder Virginia würden sich der Freundin freuen Sie
ist nur drei Jahre jünger und folglich zehnmal reifer als Du Gleichwohl wird
sie Dir der Vater nicht versagen erklärst Du ihm dass Cetegus für Dich wirbt
Du aber wirst Dich beim ersten Anblick sterblich in sie verlieben
    Du wirst das obgleich ich es Dir vorhersage und obgleich Du weißt dass ich
es wünsche In ihren Armen wirst Du alle Freunde der Welt vergessen geht die
Sonne auf erbleicht der Mond Übrigens weißt Du dass Dein Kastor einer der
gefährlichsten Römerfeinde ist Und ich habe einmal einen gewissen Julius
gekannt der geschworen Rom über alles
                                                                          Vale«
    Cetegus rollte den Papyrus zusammen umschnürte ihn mit den Bändern von
rotem Bast befestigte diese an der Schleife mit Wachs und drückte seinen
Ametystring mit dem herrlichen Jupiterkopf auf dasselbe Dann berührte er einen
aus dem Marmorgetäfel hervorschauenden silbernen Adler draußen an der Wand des
Vestibulums schlug ein eherner Donnerkeil auf den Silberschild eines
niedergeworfenen Titanen mit glockenhellem Ton
    Der Sklave trat wieder ein
    »Lass den Boten in meinen Termen baden gib ihm Speise und Wein einen
Goldsolidus und diesen Brief Morgen mit Sonnenaufgang geht er damit zurück nach
Neapolis«  
 
                               Siebentes Kapitel
Mehrere Wochen darauf finden wir den ernsten Präfekten in einem Kreise der sehr
wenig zu seinem hohen Trachten ja zu seinem Alter zu passen schien
    In dem seltsamen Nebeneinander von Heidentum und Christentum das in den
ersten Jahrhunderten nach der Konstantiner Bekehrung das Leben und die Sitten
der Römerwelt mit grellen Widersprüchen erfüllte spielte besonders die
friedliche Mischung von Festen der alten und der neuen Religion eine auffallende
Rolle Neben den großen Feiertagen des christlichen Kirchenjahres bestanden auch
noch größtenteils die fröhlichen Feste der alten Götter fort wenn auch meist
ihrer ursprünglichen Bedeutung ihres religiösen Kernes beraubt
    Das Volk ließ sich etwa den Glauben an Jupiter und Juno nehmen und die
Kultushandlungen und die Opfer aber nicht die Spiele die Feste die Tänze und
Schmäuse die mit jenen Handlungen verbunden waren und die Kirche war von jeher
klug genug zu dulden was sie nicht ändern konnte
    So wurden ja sogar die echt heidnischen Lupercalien mit welchen sich derber
Aberglaube und wüster Unfug aller Art verband erst im Jahre
vierhundertsechsundneunzig  und nur mit Mühe  abgeschafft
    Viel länger natürlich behaupteten sich harmlose Feste wie die Floralien die
Palilien und zum Teil haben sich ja manche von ihnen in den Städten und Dörfern
Italiens mit veränderter Bedeutung bis auf diese Stunde erhalten So waren denn
die Tage der Floralien gekommen die früher auf der ganzen Halbinsel als ein
Fest besonders der fröhlichen Jugend mit lauten Spielen und Tänzen gefeiert
auch in jenen Tagen noch wenigstens mit Schmaus und Gelage begangen wurden
    Und so hatten sich denn die beiden Lizinier und ihr Kreis von jungen Rittern
und Patriziern an dem Hauptfesttag der Floralien zu einem Symposion
zusammenbestellt für welches jeder der Gäste wie bei unsern »Picknicks«
seinen Beitrag in Speisen oder Wein zu liefern hatte Die Fröhlichen
versammelten sich bei dem jungen Kallistratos einem liebenswürdigen und reichen
Griechen aus Korint der sich im Genuss künstlerischer Musse zu Rom
niedergelassen und nahe bei den Gärten des Sallust ein geschmackvolles Haus
gebaut hatte das als der Mittelpunkt heitern Lebensgenusses und feiner Bildung
galt Außer dem reichen Adel Roms verkehrten dort vornehmlich die Künstler und
Gelehrten und dann auch jene Schichten der römischer Jugend denen über ihren
Rossen und Wagen und Hunden wenige Zeit und Gedanken für den Staat übrigblieb
und die daher bis jetzt dem Einfluss des Präfekten unzugänglich gewesen waren
    Deshalb war es diesem sehr erwünscht als ihm der junge Lucius Licinius
jetzt sein glühendster Anhänger die Einladung des Korinters überbrachte »Ich
weiß wohl« sagte er schüchtern »wir können deinem Geist nicht ebenbürtige
Unterhaltung bieten und wenn dich nicht die alten Kyprier und Falerner locken
die Kallistratos spenden wird lehnst du ab«
    »Nein mein Sohn ich komme« sagte Cetegus »und mich locken nicht die
alten Kyprier sondern die jungen Römer« 
    Kallistratos der sein Hellenentum mit Stolz zur Schau trug hatte sein Haus
mitten in Rom in griechischem Stil gebaut Und zwar nicht in dem des damaligen
sondern des freien des perikleischen Griechenlands und dies machte im Gegensatz
zu der geschmacklosen Überladung jener Tage den Eindruck edler Einfachheit
Durch einen schmalen Gang gelangte man in das Peristil den offenen von
Säulengängen umschlossenen Hof dessen Mittelpunkt ein plätschernder
Springbrunnen in braunem Marmorbecken bildete Die nach Norden offene Säulenhalle
enthielt außer andern Gelassen auch den Speisesaal der heute die kleine
Gesellschaft versammelt hielt Cetegus hatte sich vorbehalten nicht schon zu
der »Köna« dem eigentlichen Schmause sondern erst zu der »Kommissatio« dem
darauffolgenden nächtlichen Trinkgelag zu kommen Und so fand er denn die
Freunde in der vornehmen Trinkstube wo längst schon die zierlichen Bronzelampen
an den schildpattgetäfelten Wänden brannten und die Gäste mit Rosen und Eppich
bekränzt auf den Polstern des hufeisenförmigen Trikliniums lagerten Eine
betäubende Mischung von Weinduft und Blumenduft von Fackelglanz und Farbenglanz
drang ihm an der Schwelle entgegen
    »Salve Cetege« rief der Wirt dem Eintretenden entgegen »Du findest nur
kleine Gesellschaft«
    Cetegus befahl dem Sklaven der ihm folgte einem herrlich gewachsenen
jungen Mauren dessen schlanke Glieder durch den Scharlachflor seiner leichten
Tunika mehr gezeigt als verhüllt wurden ihm die Sandalen abzubinden Er zählte
indessen »Nicht unter den Grazien« lächelte er »nicht über die Musen«
    »Geschwind wähle den Kranz« mahnte Kallistratos »und nimm deinen Platz da
oben auf dem Ehrensitz der mittleren Kline Wir haben dich im voraus zum
Symposiarchen zum Festkönig gewählt«
    Der Präfekt hatte sich vorgesetzt diese jungen Leute zu bezaubern Er
wusste wie gut er das konnte und er wollte es heute Er wählte einen Rosenkranz
und ergriff das elfenbeinerne Zepter das ihm ein syrischer Sklave knieend
reichte Das Rosendiadem zurechtrückend schwang er mit Würde den Stab »So mach
ich eurer Freiheit ein Ende«
    »Ein geborner Herrscher« rief Kallistratos halb im Scherz halb im Ernst
 »Aber ich will ein sanfter Tyrann sein mein erst Gesetz ein Drittel Wasser 
zwei Drittel Wein«  »Oho« rief Lucius Licinius und trank ihm zu »bene the Du
führst üppig Regiment Gleiche Mischung ist sonst unser Höchstes«
    »Ja Freund« lächelte Cetegus sich auf dem Ecksitz der mittleren Kline
dem »Konsulsplatz« niederlassend »ich habe meine Trinkstudien unter den
Ägyptern gemacht die trinken nur lautern He Mundschenk  wie heißt er«
    »Ganymedes  er ist aus Phrygien Hübscher Wuchs eh«  »Also Ganymed
gehorche deinem Jupiter und stelle neben jeden eine Patera Mamertiner Wein 
doch neben Balbus zwei weil er sein Landsmann ist« Die jungen Leute lachten
    Balbus war ein reicher Gutsbesitzer auf Sizilien noch sehr jung und schon
sehr dick
    »Pah« lachte der Trinker »Efeu ums Haupt und Ametyst am Finger  so trotz
ich den Mächten des Bacchus«  »Nun wo steht ihr im Wein« fragte Cetegus
dem jetzt hinter ihm stehenden Mauren winkend der ihm einen zweiten Kranz von
Rosen diesmal um den Nacken schlang
    »Settiner Most mit hymettischem Honig war das letzte Da versuch« so
sprach Piso der schelmische Poet dessen Epigramme und Anakreontika die
Buchhändler nicht rasch genug konnten abschreiben lassen und dessen Finanzen
sich doch stets in poetischer Unordnung befanden Und er reichte dem Präfekten
was wir einen »Vexierbecher« nennen würden einen bronzenen Schlangenkopf der
unvorsichtig an den Mund gebracht einen Strahl Weines heftig in die Kehle
schoss Aber Cetegus kannte das Spiel behutsam trank er und gab den Becher
zurück »Deine trocknen Witze sind mir lieber Piso« lachte er und haschte ihm
aus der Brustfalte ein beschriebenes Täfelchen
    »O gib« sagte Piso »es sind keine Verse  sondern  ganz im Gegenteil 
eine Zusammenstellung meiner Schulden für Wein und Pferde« 
    »Je nun« meinte Cetegus »ich hab sie an mich genommen  sie sind also
mein Du magst morgen die Quittung bei mir einlösen aber nicht umsonst  mit
einem deiner boshaftesten Epigramme auf meinen frommen Freund Silverius«  »O
Cetegus« rief der Poet erfreut und geschmeichelt »wie boshaft kann man sein
für vierzigtausend Solidi Wehe dem heiligen Mann Gottes«
 
                                Achtes Kapitel
»Und im Schmause  wie weit seid ihr damit« fragte Cetegus »schon bei den
Äpfeln sind es diese«
    Und er sah blinzelnd nach zwei Fruchtkörben von Palmenbast die hoch
aufgehäuft auf einem Bronzetisch mit elfenbeinernen Füßen prangten »Ha
Triumph« lachte Marcus Licinius des Lucius jüngerer Bruder der sich mit der
liebhaberischen Spielplastik der Mode abgab »Da siehst du meine Kunst
Kallistratos Der Präfekt nimmt meine Wachsäpfel die ich dir gestern geschenkt
für echt« »Ah wirklich« rief Cetegus wie erstaunt obwohl er den Wachsgeruch
längst ungern vermerkt »Ja Kunst täuscht die Besten Bei wem hast du gelernt
Ich möchte dergleichen in meinem kyzikenischen Saal aufstellen«
    »Ich bin Autodidakt« sagte Marcus stolz »und morgen schicke ich dir meine
neuen persischen Äpfel  denn du würdigst die Kunst«
    »Aber das Gelag ist doch zu Ende« fragte der Präfekt den linken Arm auf
das Polster der Kline stützend
    »Nein« rief der Wirt »ich will es nur gestehen da ich auf unsern Festkönig
erst zur Trinkstunde rechnen durfte hab ich noch einen kleinen Nachschmaus zu
den Bechern gerüstet«  »O du Frevler« rief Balbus sich mit der zottigen
Purpurgausape die fettglänzenden Lippen wischend »und ich habe so schrecklich
viel von deinen Feigenschnepfen gegessen«  »Das ist wider die Verabredung«
rief Marcus Licinius  »Das verdirbt meine Sitten« sagte der fröhliche Piso
ernstaft  »Sprich ist das hellenische Einfachheit« fragte Lucius Licinius
 »Ruhig Freunde« tröstete Cetegus mit einem Zitat »Auch unverhofftes Unheil
trägt ein Römer stark«
    »Der hellenische Wirt muss sich nach seinen Gästen richten« entschuldigte
Kallistratos »ich fürchte ihr kämt mir nicht wieder böte ich euch
maratonische Kost«  »Nun dann bekenne wenigstens was noch droht« rief
Cetegus »du Nomenklator lies die Schüsseln ab ich werde dann die Weine
bestimmen die dazu gehören«
    Der Sklave ein schöner lydischer Knabe in einem bis an die Knie
aufgeschljetzten Röckchen von blauer pelusischer Leinwand trat dicht neben
Cetegus an den Tisch von Zypressenholz und las von einem Täfelchen ab das er
an goldnem Kettchen um den Hals trug »Frische Austern aus Britannien in
Tunfischbrühe mit Lattich«  »Dazu Falerner von Fundi« sprach Cetegus ohne
Besinnen »Aber wo steht der Schenktisch mit den Pokalen Rechter Trunk mundet
nur aus rechter Schale«
    »Dort ist der Schenktisch« und auf einen Wink des Hausherrn fiel der
Vorhang zurück der die eine Ecke des Zimmers den Gästen gegenüber verhüllt
hatte
    Ein Ruf des Staunens flog von den Tischen
    Der Reichtum der dort zur Schau gestellten Prunkgeschirre und der Geschmack
ihrer Anordnung war selbst diesen verwöhnten Augen überraschend Auf der
Marmorplatte des Tisches stand ein geräumiger silberner Wagen mit goldnen Rädern
und ehernem Gespann es war ein Beutewagen wie sie in römischen Triumphen
aufgeführt zu werden pflegten und als köstliche Beute lagen darin Pokale
Gläser Schalen jeder Gestalt und jedes Stoffes in scheinbarer Unordnung doch
mit kunstverständiger Hand gehäuft
    »Bei Mars dem Sieger« lachte der Präfekt »der erste römische Triumph seit
zweihundert Jahren Ein seltener Anblick Darf ich ihn zerstören«  »Du bist der
Mann ihn wieder aufzurichten« sagte Lucius Licinius feurig  »Meinst du
Versuchen wirs  Also zum Falerner die Kelche dort von Terebintenholz«
    »Weindrosseln vom Tagus mit Spargeln von Tarent« fuhr der Lydier fort
»Dazu den roten Massiker von Sinuessa aus jenen ametystnen Kelchen«
    »Junge Schildkröten von Trapezunt mit Flamingozungen «
    »Halt an beim heiligen Bacchus« rief Balbus »Das sind ja die Qualen des
Tantalus Mir ist ganz gleich aus was ich trinke aus Terebinten oder Ametyst
 aber dies Aufzählen von Götterbissen mit trocknem Gaumen halt ich nicht mehr
aus Nieder mit Cetegus dem Tyrannen er sterbe wenn er uns hungern lässt« 
»Mir ist ich wäre Imperator und hörte das getreue Volk von Rom Ich rette mein
Leben und gebe nach Tragt auf ihr Sklaven« Da tönten Flöten aus dem Vorgemach
und im Takte der Musik schritten sechs Sklaven Efeu um die glänzend gesalbten
Locken in roten Mänteln und weißen Tuniken heran Sie reichten den Gästen
frische Handtücher von feinstem sidonischen Linnen mit weichen Purpurfransen
    »Oh« rief Massurius ein junger Kaufmann der vornehmlich mit schönen
Sklaven und Sklavinnen handelte und in dem zweideutigen Ruhme stand der feinste
Kenner solcher Ware zu sein »das weichste Handtuch ist ein schönes Haar«  und
er fuhr dem eben neben ihm knieenden Ganymed durch die Locken »Aber
Kallistratos jene Flöten sind hoffentlich weiblichen Geschlechts  auf mit dem
Vorhang  lass die Mädchen ein«
    »Noch nicht« befahl Cetegus »Erst trinken dann küssen Ohne Bacchus und
Ceres du weißt «
    »Friert Venus nicht Massurius«
    Da erscholl aus dem Seitengemach der Klang von Lyra und Kitara und ein
trat ein Zug von acht Jünglingen in goldgrün schillernden Seidengewändern
vorauf der »Anrichter« und der »Zerleger« die sechs andern trugen Schüsseln auf
dem Haupt sie zogen im Taktschritt an den Gästen vorüber und machten vor dem
Anrichttisch von Citrus Halt Während sie hier beschäftigt waren erklangen vom
Mittelgrunde her Kastagnetten und Zymbeln die großen Doppeltüren drehten sich
um ihre erzschimmernden Säulenpfosten und ein Schwarm von Sklaven in der schönen
Tracht korintischer Epheben strömte herein Die einen reichten Brot in zierlich
durchbrochenen Bronzekörben andre verscheuchten die Mücken mit breiten Fächern
von Straussenfedern und Palmblättern einige gossen Öl in die Wandlampen aus
doppelhenkeligen Krügen mit anmutvollen Bewegung indes etliche mit zierlichen
Besen von ägyptischem Schilf von dem Mosaikboden die Brosamen fegten und die
übrigen Ganymed die Becher füllen halfen die jetzt schon eifrig kreisten
    Damit stieg denn die Raschheit die Wärme des Gesprächs und Cetegus der
wie überlegen nüchtern blieb völlig im Moment versunken schien bezauberte
durch seine Jugendlichkeit die Jünglinge
    »Wie ists« fragte der Hausherr »wollen wir würfeln zwischen den
Schüsseln Dort neben Piso steht der Würfelbecher«  »Nun Massurius« meinte
Cetegus mit einem spöttischen Blick auf den Sklavenhändler »willst du wieder
einmal dein Glück wider mich versuchen Willst du wetten gegen mich Gib ihm den
Becher Syphax« winkte er dem Mauren
    »Merkur soll mich bewahren« antwortete Massurius in komischem Schreck
»Lasst euch nicht ein mit dem Präfekten  er hat das Glück seines Ahnherrn Julius
Cäsar geerbt«
    »Omen accipio« lachte Cetegus »das nehm ich an mitsamt dem Dolch des
Brutus«
    »Ich sag euch er ist ein Zauberer Erst jüngst hat er eine ungewinnbare
Wette gegen mich gewonnen an diesem braunen Dämon « Und er wollte dem Sklaven
eine Feige ins Gesicht werfen aber dieser fing sie behende mit den glänzend
weißen Zähnen und verzehrte sie mit ruhigem Behagen
    »Gut Syphax« lobte Cetegus »Rosen aus den Dornen der Feinde Du kannst
ein Gaukler werden sobald ich dich freilasse«
    »Syphax will nicht frei sein er will dein Syphax sein und dein Leben retten
wie du seins«
    »Was ist das  dein Leben« fragte Lucius Licinius mit erschrockenem Blick
 »Hast du ihn begnadigt« sagte Marcus
    »Mehr ich hab ihn losgekauft«
    »Ja mit meinem Gelde« brummte Massurius
    »Du weißt ich hab ihm dein verwettet Geld sofort als Peculium geschenkt«
    »Was ist das mit der Wette erzähle vielleicht ein Stoff für meine
Epigramme« fragte Piso
    »Lasst den Mauren selbst erzählen  sprich Syphax du darfst«
 
                                Neuntes Kapitel
Ohne Zögern trat der junge Sklave in das von den Tischen gebildete Hufeisen den
Rücken zur Türe gewandt sein funkelndes Auge überflog rasch die Versammlung und
haftete dann mit Glut auf seinem Herrn alle bewunderten die jugendliche Kraft
und Schönheit der schlanken Glieder deren tiefes Braun nur um die Hüften ein
kostbarer Schurz von Scharlach verhüllte
    »Leicht ist erzählt was schwere Schmerzen barg Ich bin daheim im
Lieblingsland der Sonne wo hundert Palmen die immer grüne Oase beschatten
außer uns nur dem Löwen bekannt und dem fleckigen Panter Aber in einer
götterverlassenen Nacht da fand der Feind unser altes Versteck Vandalische
Reiter warens und keine Rettung Rot und schwarz stieg der Rauch unsrer Zelte
durch die Zedernwipfel hinan kreischend flohen Weiber und Kinder Da traf mich
ein sausender Speer
    Ich erwachte gebunden im Sklavenraum eines Griechenschiffs das uns gekauft
mich und viele Männer und Weiber meines Stammes ich hatte nichts gerettet als
meinen Gott den weißen Schlangenkönig ich trug ihn im Gürtel geborgen Sie
brachten uns nach Rom da kaufte mich einer dessen Namen verflucht sei«
    »s ist unser Freund Kalpurnius« unterbrach Cetegus
    »Und kein Stern soll ihm leuchten auf nächtlicher Fahrt er soll verdursten
im heißen Sand« knirschte der Maure mit aufloderndem Hass »Er schlug mich oft
um nichts und ließ mich hungern Ich schwieg und betete zu meinem Gott um Rache
Er zürnte dass ich so ruhig seine Wut ertrug
    Er wusste nicht dass Syphax seinen Gott bei sich trug in Gestalt einer
Schlange Da trat er eines Morgens an mein Lager und fand sie um meinen Hals
geringelt Er erschrak ich sagte ihm seine Zähne seien nicht tödlich aber
seine Rache Da ergrimmte er schlug nach mir und sagte Töte den Wurm Umsonst
flehte ich und wand mich auf den Knieen vor ihm Er schlug mich und schlug nach
dem Gott und als ich den deckte mit meinem Leibe schrie er noch wilder Töte
das Tier Wie konnt ich gehorchen Da rief er seine Sklaven und befahl Nehmt
ihm die Bestie und kocht sie lebendig Er soll seinen Gott fressen Ich erschrak
zum Tode über diesen Frevel Und sie griffen mich und haschten nach der
Schlange Aber der Gott gab mir die Kraft der Wut die da gleich ist der Kraft
des pfeilwunden Tigers und ich sprang unter sie mit gellendem Schrei
    Nieder schlug ich den Verfluchten mit dieser Faust und gewann die Türe des
Hauses und sprang hinaus ins Freie und dreißig Sklaven hinter mir drein Da galt
es das Leben«
    Die Gäste lauschten gespannt selbst Balbus setzte den Becher ab den er
eben zu Munde führte
    »Ich laufe nicht schlecht oft haben wir drei Vettern und ich die
windschnelle Antilope müde gejagt Und die Sklaven waren langsam und schwer
    Aber sie kannten die Stadt und ihre Straßen und ich nicht So war es ein
ungleich Spiel Die Verfolger teilten sich in Scharen von drei vier Mann und
gewannen mir durch Seitengassen und Durchgänge den Weg ab
    Zum Glück hatte ich im Vorbeirennen an einer Schmiede einen schweren
Feuerhaken errafft zwei dreimal braucht ich ihn die Verfolger zu scheuchen
zu treffen die mir plötzlich von vorn entgegenkamen Ich fühlte aber lange
konnte das nicht mehr dauern wie rasch ich war wie langsam sie zuletzt musste
ich doch erliegen
    Da sandte mir der Gott den ich fest mit der Linken an die Brust drückte
ihn«  und sein schönes Auge funkelte  »meinen Herrn den gewaltigen der
mächtig ist wie der Löwe von Abaritana und klug wie der Elefant der da gut ist
wie milder Regen nach langer Dürre und herrlich wie «
    »Jetzt erzählst du schlecht Syphax ich will vollenden Ich kam gerade von
den Schanzwerken am aurelischen Tor dem Grabmal Hadrians«
    »Deinem schönen göttergeschmückten Lieblingsort« unterbrach Kallistratos
    »Und bog am Fuße des Kapitols in das Forum Trajans da stand eine gaffende
schreiende Menge und sah der Menschenjagd neugierig zu wie ein Pfeil schoss der
Maure von dem Forum des Nerva heran seine Verfolger weit hinter ihm Aber
siehe dicht neben mir bogen von links fünf von rechts sieben der Sklaven des
Kalpurnius auf das Forum ein bereit ihn aufzufangen sowie er auf dem Platz
ankam Der ist verloren sagte neben mir eine bekannte Stimme es war Massurius
der aus dem Bade des Augustus trat
    Wem gehört er fragte ich Kalpurnius ist unser Herr antwortete der Sklave
neben mir Dann wehe ihm sprach Massurius zu mir er hängt seine Strafsklaven
bis an den Hals gebunden in seinen Fischweiher und lässt sie lebendig auffressen
von seinen Muränen und Hechten  Ja sagte der Sklave Syphax hat ihn
niedergeschlagen und der Herr rief im Aufstehen zu den Muränen den Hund wer
ihn einbringt ist frei
    Ich blickte den Platz hinab auf den Mauren der jetzt gleich heran war Der
ist zu gut für die Fische sagte ich welch herrlicher Wuchs Und sieh er
kommt durch ich wette
    Denn eben hatte der Flüchtling die erste Kette der Sklaven die sich ihm an
der Mündung der Via julia entgegenwarf durchbrochen und flog jetzt auf uns zu«
    »Und ich wette tausend Solidi er kommt nicht durch sieh dort die Lanzen«
sprach Massurius  »Gerade vor uns standen fünf Sklaven mit Lanzen und
Wurfspeeren Es gilt rief ich tausend Solidi
    Da war er heran
    Drei Speere sausten zugleich aber wie ein Panter duckte der Flinke unter
ihnen weg und plötzlich aufschnellend sprang er in hohem Satz über die Lanzen
der beiden übrigen Atemlos kam er dicht vor mir zu Boden er blutete von
Steinen und Pfeilen und schon kam jetzt vom Forum julium heran das ganze Rudel
Verzweifelnd sah er um sich und wollte nach rechts in die FriedenstempelStraße
die ihn gerade nach seines Herrn Hause zurückgeführt hätte Da sah ich vor uns
das Portal der kleinen Basilika von Sankt Laurentius offen stehen Dort hin
rief ich ihm zu«
    »In meiner Sprache er kennt meine Sprache« rief Syphax
    »Er kennt glaub ich alle Sprachen« meinte Marcus Licinius
    »Dorthin wiederholte ich dort ist Asyl Wie der Blitz war er die Stufen
hinan schon auf der letzten da traf ihn ein Stein dass er stürzte und sein
nächster Verfolger war oben und packte ihn Aber glatt wie ein Aal rang er sich
aus seinem Griff stieß ihn die Stufen hinab und sprang in die Türe der Kirche«
    »Da hattest du gewonnen« sagte Kallistratos
    »Ich wohl aber er nicht Denn die Priester von St Laurentius so
eifersüchtig sie ihre Asylrechte wahren so wenig haben sie Mitleid mit einem
Heiden Einen Tag lang bargen sie ihn als sie aber erfuhren dass er um der
Schlange willen seinen Herrn niedergeschlagen da stellten sie ihm die Wahl
Christ zu werden und den Götzen aufzugeben oder Kalpurnius und die Muränen
    Syphax wählte den Tod Ich erfuhr es und kaufte dem Zornigen seine Rache ab
und das Leben dieses schlanken Burschen des schönsten Sklaven in Rom«
    »Kein schlechtes Geschäft« meinte Marcus »der Maure ist dir treu«
    »Ich glaube« sagte Cetegus »tritt zurück Syphax Da bringt der Koch sein
Meisterstück so scheints«
 
                                Zehntes Kapitel
Es war eine sechspfündige Steinbutte seit Jahren im Meerwasserweiher des
Kallistratos mit Gänselebern gemästet Der vielgepriesene »Rhombus« kam auf
silberner Schüssel ein goldenes Krönchen auf dem Kopf
    »Alle guten Götter und du Prophete Jonas« lallte Balbus zurücksinkend in
die Polster »der Fisch ist mehr wert als ich selber«  »Still Freund« warnte
Piso »dass uns nicht Kato höre der gesagt wehe der Stadt wo ein Fisch mehr
wert als ein Rind« Schallendes Gelächter und der laute Ruf Euge belle
übertönte den Zornruf des Halbberauschten
    Der Fisch ward zerschnitten und köstlich erfunden
    »Jetzt ihr Sklaven fort mit dem matten Massiker Der edle Fisch will
schwimmen in edlem Nass Auf Syphax jetzt passt was ich zu dem Gelage
beigesteuert Geh und lass die Amphora hereinbringen welche die Sklaven draußen
in Schnee gestellt Dazu die Phialen von gelbem Bernstein«
    »Was bringst du seltenes aus welchem Land« fragte Kallistratos »Frag aus
welchem Weltteil bei diesem vielgereisten Odysseus« sagte Piso
    »Ihr müsst raten Und wer es errät wer diesen Wein schon gekostet hat dem
schenk ich eine Amphora so hoch wie diese«
    Zwei Sklaven eppichbekränzt schleppten den mächtigen dunkeln Krug herein
von schwarzbraunem Porphyr und fremdartiger Gestalt mit hieroglyphischen
Zeichen geschmückt und wohlvergipst oben an der Mündung
    »Beim Styx kommt er aus dem Tartarus das ist ein schwarzer Gesell« lachte
Marcus
    »Aber er hat eine weiße Seele  zeige sie Syphax« Der Nubier schlug mit
dem Hammer von Ebenholz den ihm Ganymedes reichte sorgfältig den Gips
herunter hob mit silberner Zange den Verschluss von Palmenrinde heraus
schüttete die Schicht Öl hinweg die oben schwamm und füllte die Pokale Ein
starker berauschender Geruch entstieg der weißen klebrigen Flüssigkeit Alle
tranken mit forschender Miene
    »Ein Göttertrank« rief Balbus absetzend  »Aber stark wie flüssiges
Feuer« sagte Kallistratos
    »Nein den kenn ich nicht« sprach Lucius Licinius
    »Ich auch nicht« beteuerte Marcus Licinius  »Aber ich freue mich ihn
kennen zu lernen« rief Piso und hielt Syphax die leere Schale hin
    »Nun« fragte der Wirt zu dem letzten bisher fast ganz stummen Gast zu
seiner Rechten gewendet »nun Furius großer Seefahrer Abenteurer
Indiensucher Weltumsegler wird deine Weisheit auch zuschanden«
    
    Der Gefragte erhob sich leicht von den Kissen ein schöner atletischer Mann
von einigen dreißig Jahren von bronzener wettergebräunter Gesichtsfarbe
kohlschwarzen tiefliegenden Augen blendend weißen Zähnen und vollem Rundbart
nach orientalischem Schnitt
    Aber ehe er noch sprechen konnte fiel Kallistratos rasch ein »Doch beim
Zeus Xenios ich glaube ihr kennt euch gar nicht« Cetegus maß die fesselnde
Erscheinung mit scharfem Blick »Ich kenne den Präfekten von Rom« sagte der
Schweigsame  »Nun Cetegus und dies ist mein vulkanischer Freund Furius
Ahalla aus Korsika der reichste Schiffsherr des Abendlandes tief wie die
Nacht und heiß wie das Feuer er hat fünfzig Häuser Villen und Paläste an allen
Küsten von Europa Asien und Afrika zwanzig Galeeren ein paar tausend Sklaven
und Matrosen und «
    »Und einen sehr geschwätzigen Freund« schloss der Korse »Präfekt mir ist
es leid um dich aber die Amphora ist mein Ich kenne den Wein«  Und er nahm
ein Kibitzei und zerschlug es mit goldenem Löffel
    »Schwerlich« lächelte Cetegus spöttisch
    »Doch Es ist Isiswein Aus Ägypten Aus Memphis« Und ruhig schlürfte er
das goldrötliche Ei
    Erstaunt sah ihn Cetegus an »Erraten« sagte er dann »Wo hast du ihn
gekostet«  »Notwendig da wo du Er fließt ja nur aus Einer Quelle« lächelte
der Korse  »Genug mit euren Geheimnissen Keine Rätsel unter den Rosen« rief
Piso  »Wo habt ihr beiden Marder dasselbe Nest gefunden« fragte Kallistratos
    »Nun« rief Cetegus »wisst es immerhin« Im alten Ägypten im heilgen
Memphis voraus haben sich immer noch dicht neben den christlichen Einsiedlern
und Mönchen in der Wüste glaubenszähe Männer und namentlich Frauen erhalten
die nicht lassen wollen von Apis und Osiris und besonders treu den süßen Dienst
der Isis pflegen Sie flüchten von der Oberfläche wo die Kirche das Kreuz der
Askese siegreich aufgepflanzt in die Tiefen in den geheimen Schoss der großen
Mutter Erde mit ihrem heiligen teuren Wahn In einem Labyrinth unter den
Pyramiden des Cheops haben sie noch einige hundert Krüge geborgen des mächtigen
Weines welcher dereinst die Eingeweihten zu den Orgien der Freude der Liebe
berauschte Die Kunde geht geheim gehalten von Geschlecht zu Geschlecht immer
nur Eine Priesterin kennt den Keller und bewahrt den Schlüssel
    Ich küsste die Priesterin und sie führte mich ein  sie war eine wilde
Katze aber ihr Wein war gut  und sie gab mir zum Abschied fünf Krüge mit aufs
Schiff
    »Soweit hab ich es mit Smerda nicht gebracht« sagte der Korse »sie ließ
mich trinken im Keller aber als Andenken gab sie mir nur das mit«  und er
entblößte den braunen Hals  »Einen Dolchstich der Eifersucht« lachte
Cetegus »Nun mich freut dass die Tochter nicht aus der Art schlägt Zu meiner
Zeit das heißt als mich die Mutter trinken ließ lief die kleine Smerda noch
im Kinderröckchen Wohlan es lebe der heilge Nil und die süße Isis« Und die
beiden tranken sich zu
    Aber es verdross sie ein Geheimnis teilen zu sollen das jeder allein zu
besitzen geglaubt
    Doch die andern waren bezaubert von der Laune des eisigen Präfekten der
jugendlich wie ein Jüngling mit ihnen plauderte und jetzt da das beliebteste
Thema für junge Herren unter den Bechern angeregt war  Liebesabenteuer und
Mädchengeschichten  unerschöpflich übersprudelte von Streichen und Schwänken
die er meistens selbst erlebt Alle hingen mit Fragen an seinen Lippen Nur der
Korse blieb stumm und kalt
    »Sage« rief der Wirt und winkte dem Schänken als gerade das Gelächter über
eine solche Geschichte verhallt war »sag an du Mann buntscheckiger Erfahrung
 ägyptische Isismädchen gallische Druidinnen nachtlockige Töchter Syriens und
meine plastischen Schwestern von Hellas  alle kennst du und weißt du zu
schätzen aber sprich hast du je ein germanisch Weib geliebt«
    »Nein« sagte Cetegus seinen Isiswein schlürfend »sie waren mir immer zu
langweilig«
    »Oho« meinte Kallistratos »das ist zuviel gesagt Ich sage euch ich habe
an den letzten Kalenden einen Wahnsinn gehabt für ein germanisch Weib die war
nicht langweilig«
    »Wie du Kallistratos von Korint der Aspasia der Helena Landsmann
erglühst für ein Barbarenweib O arger Eros Sinnenverwirrer Männerbeschämer«
schalt der Präfekt
    »Ja wenn du willst wars eine Sinnesverwirrung ich habe nie dergleichen
erfahren«
    »Erzähle erzähle« drängten die andern
 
                                Elftes Kapitel
»Immerhin« sagte der Hausherr die Polster glättend »obwohl ich keine
glänzende Rolle dabei spiele
    Also an den vorigen Kalenden etwa kam ich zur achten Stunde aus den Bädern
des Abaskantos nach Hause
    Da steht auf der Straße niedergelassen eine Frauensänfte vier Sklaven
dabei ich glaube gefangne Gepiden Unmittelbar aber vor der Türe meines Hauses
stehen zwei verhüllte Frauen die Kalantica über den Kopf gezogen Die eine trug
sklavisch Gewand aber die andre war sehr reich und geschmackvoll gekleidet und
das Wenige was von Wuchs und Gestalt zu sehen war göttlich Welch schwebender
Schritt welch feiner Knöchel welch hochgewölbter Fuß Als ich näher herankam
ließ sich beide rasch in die Sänfte heben und fort waren sie Ich aber  ihr
wisst es steckt des Bildhauers Blut in allen Hellenen  ich träumte des Nachts
von dem feinen Knöchel und dem wogenden Schritt
    Mittags drauf da ich die Türe öffne aufs Forum zu gehen zu den
Bibliographen wie ich pflege seh ich dieselbe Sänfte rasch von dannen eilen
    Ich gestehe ohne sonst besonders eitel zu sein diesmal hoffte ich eine
Eroberung gemacht zu haben  ich wünschte es so sehr Und ich zweifelte gar
nicht mehr als ich um die achte Stunde nach Hause kommend wieder meine
Fremde diesmal unbegleitet an mir vorüberschlüpfen sah und nach ihrer Sänfte
eilen Folgen konnt ich den raschen Sklaven nicht so trat ich in mein Haus
froher Gedanken voll Da sagte der Ostiarius Herr eine verhüllte Sklavin
wartet dein in der Bibliothek
    Pochenden Herzens eile ich in das Gemach Richtig es war die Sklavin die
ich gestern gesehen Sie schlug den faltigen Mantel zurück eine hübsche
verschlagne Maurin oder Kartagerin  ich kenne den Schlag  sah mich mit
schlauen Augen an
    Ich bitte um Botenlohn sagte sie Kallistratos ich bringe dir gute Kunde
    Ich fasste ihre Hand und wollte ihr die dunkle Wange streicheln  denn wer
die Herrin begehrt der küsse die Sklavin  aber sie lachte und sprach Nein
nicht Eros Hermes sendet mich
    Meine Herrin  hoch horchte ich auf  meine Herrin ist  eine
leidenschaftliche Freundin der Kunst Sie bietet dir dreitausend Solidi für die
Aresbüste die in der Nische neben der Türe deines Hauses steht«
    Laut lachten die jungen Leute Cetegus mit ihnen
    »Ja lacht nur« fuhr der Hausherr selbst einstimmend fort »ich aber lachte
damals nicht Aus all meinen Träumen heruntergefallen sprach ich verdrießlich
mir ist das Werk nicht feil Die Sklavin bot fünftausend bot zehntausend
Solidi ich wandte ihr den Rücken und griff nach der Tür
    Da sagte die Schlange Ich weiß Kallistratos von Korint ist unwillig weil
er ein Abenteuer gehofft und fand ein Geldgeschäft
    Er ist Hellene er liebt die Schönheit er brennt vor Neugier meine Herrin
zu sehen Das war so richtig dass ich nur lächeln konnte
    Wohlan sprach sie du sollst sie sehen Und dann erneuere ich mein letzt
Gebot Schlägst dus dann dennoch aus hast du immerhin den Vorteil deine
Neugier gestillt zu haben Morgen um die achte Stunde kommt die Sänfte wieder
Dann halte dich bereit mit deinem Ares
    Und sie schlüpfte hinweg Unruhig blieb ich zurück
    Ich konnte nicht leugnen meine Neugier war sehr gespannt Fest
entschlossen meinen Ares nicht herzulassen und die Kunstnärrin doch zu sehen
erwartete ich gierig die bestimmte Stunde Die Stunde kam und die Sänfte kam
Ich stand lauschend an meiner offenen Tür Die Sklavin stieg heraus
    Komm rief sie mir zu du sollst sie sehen
    Bebend vor Aufregung trat ich heran der Purpurvorhang der Sänfte fiel halb
zurück und ich sah «
    »Nun« rief Markus sich vorbeugend den Becher in der Hand
    »Was ich nie wieder vergessen werde Ein Gesicht Freunde von ungeahnter
Schönheit Kypris und Artemis in Einer Person Ich war wie geblendet Ich kann
sie nicht schildern Der Vorhang fiel zu Ich aber sprang zurück hob den Ares
aus der Nische reichte ihn der Punierin wies ihr Gold zurück und taumelte in
meine Tür betäubt als hätt ich eine Waldnymphe gesehen«
    »Nun das ist stark« lachte Massurius »Bist doch sonst kein Neuling in den
Werken des Eros«
    »Aber« fragte Cetegus »woher weißt du dass diese Zauberin eine Gotin
war«
    »Sie hatte dunkelrotes Haar und milchweisse Haut und schwarze Augenbrauen«
    »Alle guten Götter« dachte Cetegus Aber er schwieg und wartete
    Keiner der Anwesenden sprach den Namen aus
    »Sie kennen sie nicht« sagte Cetegus zu sich  »Und wann war das« fragte
den Wirt
    »An den vorigen Kalenden«
    »Ganz richtig« rechnete Cetegus »da kam sie von Tarentum durch Rom nach
Ravenna Sie ruhte hier drei Tage«
    »Und so hast du« lachte Piso »deinen Ares eingebüßt für einen Blick
Schlechter Handel diesmal waren Merkur und Venus im Bunde Armer Kallistratos«
    
    »Ach« sagte dieser »die Büste war gar nicht soviel wert Es war moderne
Arbeit Jon in Neapolis hat sie vor drei Jahren gemacht Aber ich sag euch
einen Pheidias hätt ich hingegeben um jenen Anblick«
    »Ein Idealkopf« fragte Cetegus wie gleichgültig und hob den ehernen
Mischkrug der vor ihm stand scheinbar bewundernd auf
    »Nein das Modell war ein Barbar  irgendein Gotengraf  Watichis oder
Witichas  wer kann sich die hyperboräischen Namen merken« sagte Kallistratos
seinen Bericht schließend und einem Pfirsich die Haut abziehend
    Nachdenklich schlürfte Cetegus aus seiner Schale von Bernstein
 
                               Zwölftes Kapitel
»Ja die Barbarinnen könnte man sich gefallen lassen« rief Markus Licinius
»aber der Orkus verschlinge ihre Brüder« Und er riss den welken Rosenkranz vom
Haupt  die Blumen ertrugen den Dunst des Gelages schlecht  und ersetzte ihn
durch einen frischen »Nicht nur die Freiheit haben sie uns genommen  sie
schlagen uns bei den Töchtern Hesperiens in der Liebe sogar aus dem Felde Erst
neulich hat die schöne Lavinia meinem Bruder die Türe verschlossen und den
fuchsroten Aligern eingelassen«
    »Barbarischer Geschmack« meinte der Verschmähte achselzuckend und wie zum
Trost nach seinem Isiswein langend »Du kennst sie ja auch Furius  ist es
nicht Geschmacksverirrung«  »Ich kenne deinen Nebenbuhler nicht« sagte der
Korse »Aber es gibt schon Burschen unter diesen Goten die einem Weib
gefährlich werden mögen
    Und da fällt mir ein Abenteuer ein das ich jüngst entdeckt das aber
freilich noch ohne Spitze ist«  »Erzähle nur« mahnte Kallistratos die Hände
in das laue Waschwasser steckend das jetzt in korintischen Erzschüsseln
herumgereicht wurde vielleicht finden wir die Spitze dazu
    »Der Held meiner Geschichte« hob Furius an »ist der schönste der Goten« 
»Ah Totila der junge« unterbrach Piso und ließ sich den kameengeschmückten
Becher mit Eiswein füllen »Derselbe Ich kenne ihn seit Jahren und bin ihm sehr
gut wie alle müssen die je sein sonnig Angesicht geschaut abgesehen davon« 
und hier überflog des Korsen Züge ein Schatten ernsten Erinnerns und er stockte
 »dass ich ihm sonst verbunden bin«
    »Du bist scheints verliebt in den Blondkopf« spottete Massurius dem
Sklaven den er mitgebracht ein Tuch voll pizentinischen Zwiebacks zuwerfend
um es mit nach Hause zu nehmen »Nein aber er hat mir wie allen mit denen er
zu tun hat viel Freundliches erwiesen und gar oft hatte er die Hafenwache in
den italischen Seestädten wo ich landete«
    »Ja er hat große Verdienste um das Seewesen der Barbaren« sagte Lucius
Licinius  »Wie um ihre Reiterei« stimmte Markus bei »der schlanke Bursche
ist der beste Reiter seines Volks«
    »Nun ich traf ihn zuletzt in Neapolis wir freuten uns der Begegnung aber
vergebens drang ich in ihn die fröhlichen Abendgelage auf meinem Schiffe zu
teilen«
    »O diese deine Schiffsabende sind berühmt und berüchtigt« meinte Balbus
»du hast stets die feurigsten Weine«  »Und die feurigsten Mädchen« fügte
Massurius bei
    »Wie dem sei Totila schützte jedesmal Geschäfte vor und war nicht zu
gewinnen Ich bitte euch Geschäfte nach der achten Stunde in Neapolis Wo die
Fleissigsten faul sind Es waren natürlich Ausflüchte Ich beschloss ihm auf die
Sprünge zu kommen und umschlich abends sein Haus in der Via lata Richtig
gleich den ersten Abend kam er heraus vorsichtig umblickend und zu meinem
Staunen verkleidet wie ein Gärtner war er angetan einen Reisehut tief ins
Gesicht gezogen eine Abolla umgeschlagen Ich schlich ihm nach Er ging quer
durch die Stadt nach der Porta Kapuana zu Dicht neben dem Tore steht ein dicker
Turm darinnen wohnt der Pförtner ein alter patriarchenhafter Jude dem König
Teoderich ob seiner großen Treue die Hut des Tores anvertraut
    Vor dem Turme blieb mein Gote stehen und schlug leise in die Hand da flog
eine schmale Seitentür von Eisen die ich gar nicht bemerkt geräuschlos auf und
hinein schlüpfte Totila geschmeidig wie ein Aal«
    »Ei ei« fiel Piso der Dichter eifrig ein »ich kenne den Juden und Miriam
sein herrlich prachtäugiges Kind Die schönste Tochter Israels die Perle des
Morgenlands ihre Lippen sind Granaten ihr Aug ist dunkelmeeresblau und ihre
Wangen haben den roten Duft des Pfirsichs«  »Gut Piso« lächelte Cetegus 
»dein Gedicht ist schön«  »Nein« rief dieser »Miriam selbst ist die
lebendige Poesie«  »Stolz ist die Judendirne« brummte Massurius dazwischen
»sie hat mich und mein Gold verschmäht mit einem Blick als habe man nie ein
Weib um Geld gekauft«  »Siehe« sprach Lucius Licinius »so hat sich der
hochmütge Gote der einherschreitet als trüg er alle Sterne des Himmels auf
seinem Lockenhaupt zu einer Jüdin herabgelassen«
    »So dacht auch ich und ich beschloss den Jungen bei nächster Gelegenheit
schwer zu verhöhnen mit seinem Moschusgeschmack Aber nichts da Ein paar Tage
darauf musste ich nach Kapua Ich breche vor Sonnenaufgang auf die Hitze zu
meiden Ich fahre durch die Porta Kapuana zur Stadt hinaus beim ersten Frührot
und als ich in meinem Reisewagen über die harten Steine an dem Judenturm
vorüberrassele denk ich neidvoll an Totila und sage mir der liegt jetzt in
weichen Armen Aber am zweiten Meilenstein vor dem Tor begegnet mir nach der
Stadt zuschreitend leere Blumenkörbe über Brust und Rücken in Gärtnertracht
wie damals  Totila Er lag also nicht in Miriams Armen Die Jüdin war nicht
seine Geliebte vielleicht seine Vertraute und wer weiß wo die Blume blüht
die dieser Gärtner pflegt Der Glücksvogel Bedenkt nur auf der Via Kapuana
stehen all die Villen und Lustschlösser der ersten Familien von Neapolis und in
jenen Gärten prangen und blühen die herrlichsten Weiber«
    »Bei meinem Genius« rief Lucius Licinius die bekränzte Schale hebend
»dort leben ja die schönsten Weiber Italiens  Fluch über den Goten«  »Nein«
schrie Massurius von Wein erglühend »Fluch über Kallistratos und den Korsen
die uns mit fremden Liebesgeschichten bewirten wie der Storch aus Kelchgläsern
den Fuchs Lass endlich Hausherr deine Mädchen kommen wenn du deren bestellt
hast nicht höher brauchst du unsre Erwartung zu spannen«  »Jawohl die
Mädchen die Tänzerinnen die Psalterien« riefen die jungen Leute
durcheinander
    »Halt« sprach der Wirt »wo Aphrodite naht muss sie auf Blumen wandeln
Dies Glas bring ich dir Flora« Er sprang auf und schleuderte an die getäfelte
Decke eine köstliche Kristallschale dass sie klirrend zersprang
    Sowie das Glas an die Balken der Decke schlug hob sich das ganze Getäfel
wie eine Falltür empor und ein reicher Regen von Blumen aller Art flutete auf
die Häupter der erstaunten Gäste nieder Rosen von Pästum Veilchen von Turii
Myrten von Tarentum Mandelblüten bedeckten wie ein dichtes Schneegestöber in
duftigen Flocken den Mosaikboden die Tische die Polster und die Häupter der
Gäste
    »Schöner« rief Cetegus »zog Venus nie auf Paphos ein«
    Kallistratos schlug in die Hände Da teilte sich beim Klang von Lyra und
Flöte dem Triklinium gerade gegenüber die Mittelwand des Gemachs vier
hochgeschürzte Tänzerinnen ausgesucht schöne Mädchen in persische Tracht dh
in durchsichtigen Rosaflor gekleidet sprangen zimbelnschlagend aus einem
Gebüsch von blühendem Oleander
    Hinter ihnen kam ein großer Wagen in Gestalt einer Fächermuschel dessen
goldne Räder von acht jungen Sklavinnen geschoben wurden vier Flötenbläserinnen
in lydischem Gewand  Purpur und Weiß mit goldgestickten Mänteln  schritten
vorauf und auf dem Sitz des Wagens ruhte von Rosen übergossen in halb
liegender Stellung Aphrodite selbst in Gestalt eines blühenden Mädchens von
lockender üppiger Schönheit dessen fast einzige Verhüllung der Aphroditen
nachgebildete Gürtel der Grazien war
    »Ha beim heiligen Eros und Anteros« schrie Massurius und sprang unsicheren
Schrittes von der Kline herab unter die Gruppe
    »Verlosen wir die Mädchen« rief Piso »ich habe ganz neue Würfel aus
Gazellenknöcheln weihen wir sie ein« »Lass sie den Festkönig verteilen« schlug
Marcus Licinius vor »Nein Freiheit Freiheit wenigstens in der Liebe« rief
Massurius und fasste die Göttin heftig am Arme »und Musik heda Musik  «
    »Musik« befahl Kallistratos
    Aber ehe noch die Zymbelschlägerinnen wieder anheben konnten wurde die
Eingangstüre hastig aufgerissen und die Sklaven die ihn aufhalten wollten zur
Seite drängend stürmte Scävola herein er war leichenblass
    »Hier also hier wirklich find ich dich Cetegus in diesem Augenblick«
    »Was gibts« sagte der Präfekt und nahm ruhig den Rosenkranz vom Haupt
    »Was es gibt das Vaterland schwankt zwischen Scylla und Charybdis Die
gotischen Herzoge Tulun Ibba und Pitza «
    »Nun« fragte Lucius Licinius
    »Sie sind ermordet«
    »Triumph« rief der junge Römer und ließ die Tänzerin fahren die er umfasst
hielt
    »Schöner Triumph« zürnte der Jurist »Als die Nachricht nach Ravenna kam
beschuldigte alles Volk die Königin sie stürmten den Palast  doch
Amalaswinta war entflohn«
    »Wohin« fragte Cetegus rasch aufspringend
    »Wohin auf einem Griechenschiff  nach Byzanz«
    Cetegus setzte schweigend den Becher auf den Tisch und furchte die Stirn
    »Aber das Ärgste ist  die Goten wollen sie absetzen und einen König
wählen«  »Einen König« sagte Cetegus »Wohlan ich rufe den Senat zusammen
Auch die Römer sollen wählen«
    »Wen was sollen wir wählen« fragte Scävola
    Aber Cetegus brauchte nicht zu antworten Lucius Licinius rief statt
seiner »Einen Diktator fort fort in den Senat«
    »In den Senat« wiederholte Cetegus majestätisch »Syphax meinen Mantel«
    »Hier Herr und dabei dein Schwert« flüsterte der Maure »Ich führ es
immer mit auf alle Fälle«
    Und Wirt und Gäste folgten halb taumelnd dem Präfekten der allein völlig
nüchtern ihnen voran aus dem Hause auf die Straße schritt
 
                              Dreizehntes Kapitel
In einem der schmalen Gemächer des Kaiserpalastes zu Byzanz stand kurze Zeit
nach dem Fest der Floralien ein kleiner Mann von nicht ansehnlicher Gestalt in
sorgenschweres Sinnen versunken
    Es war still und einsam rings um ihn
    Obwohl es draußen noch heller Tag war doch das Rundbogenfenster das nach
dem Hofraum des weitläufigen Gebäudes führte mit schweren golddurchwirkten
Teppichen dicht verhangen gleichköstliche Stoffe deckten den Mosaikboden des
Zimmers so dass kein Geräusch die Schritte des langsam auf und ab Wandelnden
begleitete
    Gedämpftes mattes Licht füllte den Raum
    Auf dem Goldrund der Wände prangte die lange Reihe der christlichen
Imperatoren seit Konstantius in kleinen weißen Büsten gerade über dem
Schreibdiwan hing ein großes mannshohes Kreuz von gediegenem Golde
    So oft der einsam auf und nieder Schreitende daran vorbeikam neigte er das
Haupt vor demselben denn in der Mitte des Goldes war von Glas umschlossen ein
Splitter des angeblich echten Kreuzes angebracht
    Endlich blieb er vor der Weltkarte stehen die den Orbis romanus
darstellend auf purpurgesäumtem Pergament eine der Wände bedeckte nach langem
prüfendem Blick seufzte der Mann und bedeckte mit der Rechten Gesicht und Augen
    Es waren keine schönen Augen und kein edles Gesicht aber vieles Gutes und
Böses lag darin
    Wachsamkeit Misstrauen und List sprachen aus dem unruhigen Blick der
tiefliegenden Augen schwere Falten der Sorge mehr als des Alters furchten die
vorspringende Stirn und die mageren Wangen
    »Wer den Ausgang wüsste« seufzte er noch einmal die knochigen Hände
reibend »Es treibt mich unablässig Ein Geist ist in meine Brust gefahren und
mahnt und mahnt
    Aber ists ein Engel des Herrn oder ein Dämon Wer mir meinen Traum deutete
Vergib dreieiniger Gott vergib deinem eifrigsten Knecht Du hast die
Traumdeuter verflucht
    Aber doch träumte König Pharao und Joseph durfte ihm deuten und Jakob sah
im Traum den Himmel offen und ihre Träume kamen von dir Soll ich  darf ich es
wagen«
    Und wieder schritt er unschlüssig auf und nieder wer weiß wie lange noch
wäre nicht der Purpurvorhang des Eingangs leise gehoben worden
    Ein goldschimmernder Velarius warf sich vor dem kleinen Mann zur Erde mit
auf der Brust gekreuzten Armen »Imperator die Patrizier die du beschieden«
    »Geduld« sagte jener sich auf die Kline mit dem Gestell von Gold und
Elfenbein niederlassend »rasch die Silberschuhe und die Chlamys«
    Der Palastdiener zog ihm die Sandalen mit den dicken Sohlen und den hohen
Absätzen an welche die Gestalt um ein paar Zoll erhöhten und warf ihm den
faltenreichen mit Goldsternen übersäten Mantel um die Schulter jedes Stück der
Gewandung küssend wie er es berührte nach einer Wiederholung der fussfälligen
Niederwerfung die in dieser orientalischen Unterwürfigkeit erst neuerlich
verschärft worden war ging der Velarius
    Und Kaiser Justinianus stellte sich den linken Arm auf eine gebrochne
Porphyrsäule aus dem Tempel von Jerusalem gestützt die zu diesem Behuf nach
seiner Größe zurechtgesägt war in seiner »Audienzattitüde« dem Eingang
gegenüber
    Der Vorhang ging zurück und drei Männer betraten das Gemach mit der gleichen
Begrüssungsform wie jener Sklave und doch waren sie die ersten Männer dieses
Kaiserreichs wie mehr noch als ihre reichgeschmückten Gewänder ihre
hochbedeutenden Köpfe ihre geistvollen Züge bewiesen
    »Wir haben euch beschieden« hob der Kaiser an ohne ihre demütige Begrüßung
zu erwidern »euren Rat zu hören  über Italien Ich habe euch alle nötigen
Kenntnisse über die Dinge daselbst verschafft die Briefe der Regentin die
Dokumente der Patriotenpartei daselbst drei Tage hattet ihr Zeit Erst rede du
Magister Militum«
    Und er winkte dem Grössten unter den dreien einer stattlichen ganz in eine
reichvergoldete Rüstung gekleideten Heldengestalt Die großen offenen
hellbraunen Augen sprachen von Treue und Zuversicht eine starke gerade Nase
volle Wangen gaben dem Gesicht den Ausdruck gesunder Kraft die breite Brust
die gewaltigen Schenkel und Arme hatten etwas Herkulisches der Mund aber zeigte
trotz des grimmen Rundbartes Milde und Gutherzigkeit
    »Herr« sprach er mit voller aus tiefer Brust quellender Stimme »Belisars
Rat ist immer greifen wir die Barbaren an Soeben hab ich auf dein Geheiß das
Reich der Vandalen in Afrika zertrümmert mit fünfzehntausend Mann Gib mir
dreissigtausend und ich werde dir die Gotenkrone zu Füßen legen«
    »Gut« sprach der Kaiser erfreut »dies Wort hat mir wohlgetan Was sprichst
du Perle meiner Rechtsgelehrten Tribonianus«
    Der Angeredete war wenig kleiner als Belisar aber nicht so breitschultrig
und die Glieder nicht so sehr durch stete Übung entwickelt Die hohe ernste
Stirn das ruhige Auge der festgeschnittene Mund zeugten von einem mächtigen
Geist »Imperator« sagte er gemessen »ich warne dich vor diesem Krieg Er ist
ungerecht«
    
    Unwillig fuhr Justinianus auf »Ungerecht wiederzunehmen was zum römischen
Reich gehört«
    »Gehört hat Dein Vorfahr Zeno überließ durch Vertrag das Abendland an
Teoderich und seine Goten wenn sie den Anmasser Odovakar gestürzt«
    »Teoderich sollte Stattalter des Kaisers sein nicht König von Italien«
    »Zugegeben Aber nachdem er es geworden  wie er es werden musste ein
Teoderich konnte nicht der Diener eines Kleinern sein  hat ihn Kaiser
Anastasius dein Ohm Justinus du selbst hast ihn anerkannt ihn und sein
Königreich«
    »Im Drang der Not Jetzt da sie in Not und ich der Stärkere nehm ich die
Anerkennung zurück«
    »Das eben nenn ich ungerecht«
    »Du bist unbequem und unbeholfen Tribonian und ein zäher Rechtaber Du
taugst trefflich meine Pandekten zusammenzubauen In Politik werd ich dich nie
wieder befragen Was hat die Gerechtigkeit mit der Politik zu tun«
    »Gerechtigkeit o Justinianus ist die beste Politik«
    »Bah Alexander und Cäsar dachten anders«
    »Sie haben erstens ihr Werk nicht vollendet und dann zweitens«  er hielt
inne
    »Nun zweitens«
    »Zweitens bist du nicht Cäsar und nicht Alexander«  
    Alle schwiegen Nach einer Pause sagte der Kaiser ruhig »Du bist sehr
offen Tribonianus«
    »Immer Justinianus«
    Rasch wandte sich der Kaiser zu dem dritten »Nun was ist deine Meinung
Patricius«
 
                              Vierzehntes Kapitel
Der Angeredete verbannte rasch von seinen Lippen ein kaltes Lächeln das ihm die
Moralpolitik des Juristen erweckt und richtete sich auf
    Es war ein verkrüppeltes Männchen noch bedeutend kleiner als Justinian
weshalb dieser im Gespräch mit ihm den Kopf noch viel mehr als nötig gewesen
wäre herabsenkte Er war kahlköpfig die Wangen von krankhaftem Wachsgelb die
rechte Schulter höher als die linke und er hinkte etwas auf dem linken Fuß
weshalb er sich auf einen schwarzen Krückstock mit goldnem Gabelgriff stützte
Aber das durchdringende Auge war so adlergewaltig dass es von dieser
unansehnlichen Gestalt den Eindruck des Widrigen fernhielt dem fast hässlichen
Gesicht die Weihe geistiger Größe verlieh und der Zug schmerzlicher Entsagung
und kühler Überlegenheit um den feinen Mund hatte sogar einen fesselnden Reiz
»Imperator« sagte er mit scharfer bestimmter Stimme »ich widerrate diesen
Krieg  für jetzt«
    Unwillig zuckte des Kaisers Auge »Auch aus Gründen der Gerechtigkeit«
fragte er fast höhnisch  »Ich sagte für jetzt«  »Und warum«  »Weil das
Notwendige dem Angenehmen vorgeht Wer sein Haus zu verteidigen hat soll nicht
in fremde Häuser einbrechen«  »Was soll das heißen«  »Das soll heißen vom
Westen von den Goten droht diesem Reiche keine Gefahr Der Feind der dieses
Reich verderben kann vielleicht verderben wird kommt vom Osten«
    »Die Perser« rief Justinian verächtlich
    »Seit wann« sprach Belisar dazwischen »seit wann fürchtet Narses mein
großer Nebenbuhler die Perser«
    »Narses fürchtet niemand« sagte dieser ohne seinen Gegner anzusehen »weder
die Perser die er geschlagen hat noch dich den die Perser geschlagen haben
Aber er kennt den Orient Sind es die Perser nicht so sind es andre die nach
ihnen kommen Das Gewitter das Byzanz bedroht steigt vom Tigris auf nicht vom
Tiber«
    »Nun und was soll das bedeuten«
    »Das soll bedeuten dass es schimpflich ist für dich o Kaiser für den
Römernamen den wir noch immer führen Jahr für Jahr von Chosroes dem
Perserchan den Frieden um viele Zentner Goldes zu erkaufen«
    Flammende Röte überflog des Kaisers Antlitz »Wie kannst du Geschenke
Hilfsgelder also deuten«
    »Geschenke und wenn sie ausbleiben eine Woche nur über den Zahltag
verbrennt Chosroes des Kabades Sohn deine Dörfer Hilfsgelder und er besoldet
damit Hunnen und Sarazenen deiner Grenze gefährlichste Feinde«
    Justinian machte einen raschen Gang durchs Zimmer »Was also rätst du«
fragte er hart vor Narses stehenbleibend »Nicht die Goten anzugreifen ohne
Not ohne Grund wenn man sich der Perser kaum erwehrt Alle Kräfte deines
Reiches aufzubieten um diese schimpflichen Tribute abzustellen die
schmählichen Verheerungen deiner Grenzen zu verhindern die verbrannten Städte
Antiochia Dara Edessa wieder aufzubauen die Provinzen wieder zu gewinnen die
du im nahen Osten  trotz Belisars tapfrem Schwert  verloren deine Grenzen
durch einen siebenfachen Gürtel von Festungen vom Euphrat bis zum Araxes zu
schirmen Und hast du dies Notwendige alles vollbracht  und ich fürchte sehr
du kannst es nicht vollbringen  dann magst du versuchen wozu der Ruhm dich
lockt«
    Justinianus schüttelte leicht das Haupt »Du bist mir nicht erfreulich
Narses« sagte er bitter
    »Das weiß ich längst« sprach dieser ruhig
    »Und nicht unentbehrlich« rief Belisar stolz »Kehre dich nicht mein
großer Kaiser an diese kleinen Zweifler Gib mir die dreissigtausend und ich
wette meine rechte Hand ich erobre dir Italien«
    »Und ich wette meinen Kopf« sagte Narses »was mehr ist dass Belisar
Italien nicht erobern wird nicht mit dreißig nicht mit sechzig nicht mit
hunderttausend Mann«
    »Nun« fragte Justinian »und wer solls dann können und mit welcher Macht«
    »Ich« sagte Narses »mit achtzigtausend«
    Belisar erglühte vor Zorn er schwieg weil er keine Worte fand
    »Du hast dich doch bei allem Selbstgefühl sonst nie so hoch über deinen
Gegner gestellt« sprach der Jurist
    »Und tus auch jetzt nicht Tribonian Sieh der Unterschied ist der
Belisarius ist ein großer Held der bin ich nicht Aber ich bin ein großer
Feldherr  und siehe das ist Belisarius nicht Die Goten aber wird nur ein
großer Feldherr überwinden«
    Belisarius richtete sich in seiner ganzen stolzen Höhe auf und presste die
Faust krampfhaft um seinen Schwertknauf Es war als wollte er dem Krüppel neben
ihm den Kopf zerdrücken Der Kaiser sprach für ihn »Belisar kein großer
Feldherr Der Neid verblendet dich Narses«
    »Ich beneide Belisar um nichts nicht einmal« seufzte er leise »um seine
Gesundheit Er wäre ein großer Feldherr wenn er nicht ein so großer Held wäre
Er hat noch jede Schlacht die er verlor aus zu viel Heldentum verloren«
    »Das kann man von dir nicht sagen Narses« warf Belisar bitter ein
    »Nein Belisarius denn ich habe noch nie eine Schlacht verloren«
    Eine ungeduldige Antwort Belisars ward abgeschnitten durch den Velarius
der den Vorhang aufhebend meldete
    »Alexandros den du nach Ravenna gesendet o Herr ist seit einer Stunde
gelandet und fragt «
    »Herein mit ihm herein« rief der Kaiser hastig von seiner Kline
aufspringend Ungeduldig winkte er dem Gesandten von seiner Proskynesis sich zu
erheben »Nun Alexandros du kommst allein zurück«
    Der Gesandte ein schöner noch junger Mann wiederholte »Allein«
    »Es verlautete doch  dein letzter Bericht  wie verliessest du das
Gotenreich«
    »In großer Verwirrung Ich schrieb dir in meinem letzten Bericht die
Königin habe beschlossen sich ihrer drei hochmütigsten Feinde zu entledigen
Sollte der Anschlag misslingen so war sie in Italien nicht mehr sicher und bat
sich in diesem Fall aus dass ich sie auf meinem Schiff nach Epidamnus dann
hierher nach Byzanz flüchten dürfe«
    »Was ich mit Freuden bewilligte Nun und der Anschlag«
    »Ist geglückt Die drei Herzoge sind nicht mehr
    Aber nach Ravenna kam das Gerücht der gefährlichste unter ihnen Herzog
Tulun sei nur verwundet Dies bewog die Regentin da ohnehin die Goten in der
Stadt sich drohend vor dem Palaste scharten auf mein Schiff zu flüchten Wir
lichteten die Anker aber bald nachdem wir den Hafen verlassen schon auf der
Höhe von Ariminum holte uns Graf Witichis mit Übermacht ein kam an Bord und
forderte Amalaswinten auf zurückzukehren indem er sich für ihre Sicherheit
bis zu feierlicher Untersuchung vor der Volksversammlung verbürgte Da sie von
ihm erfuhr dass jetzt auch Herzog Tulun seinen Wunden erlegen und aus seinem
Anerbieten sah dass er und seine mächtigen Freunde noch nicht an ihre Schuld
glaubten da überdies Gewalt zu fürchten war willigte sie darein mit ihm
umzukehren nach Ravenna Zuvor aber schrieb sie noch an Bord der Sophia diesen
Brief an dich und sendet dir aus ihrem Schatze diese Geschenke«
    »Davon später sprich weiter wie stehen die Dinge jetzt in Italien«
    »Gut für dich o großer Kaiser Das vergrößerte Gerücht von dem Aufstand der
Goten in Ravenna von der Flucht der Regentin nach Byzanz durchflog das ganze
Land Vielfach kam es schon zum Zusammenstoß zwischen Römern und Barbaren In
Rom selbst wollten die Patrioten losschlagen im Senat einen Diktator wählen
deine Hilfe anrufen Aber alles wäre verfrüht gewesen nachdem die Regentin in
den Händen des Witichis nur das geniale Haupt der Katakombenmänner hat es
verhindert«
    »Der Präfekt von Rom« fragte Justinian
    »Cetegus Er misstraute dem Gerücht Die Verschworenen wollten die Goten
überfallen dich zum Kaiser Italiens ausrufen ihn einstweilen zum Diktator
wählen Aber er ließ sich in der Kurie buchstäblich die Dolche auf die Brust
setzen und sagte nein«
    »Ein mutiger Mann« rief Belisar
    »Ein gefährlicher Mann« sagte Narses
    »Eine Stunde darauf kam die Nachricht von der Rückkehr Amalaswintens und
alles blieb beim alten Der schwarze Teja aber hatte geschworen Rom zu einer
Viehweide zu machen wenn es einen Tropfen Gotenblut vergossen All das hab ich
auf meiner absichtlich zögernden Küstenfahrt bis nach Brundusium erfahren Aber
noch Besseres hab ich zu melden Nicht nur unter den Römern unter den Goten
selbst hab ich eifrige Freunde von Byzanz gefunden ja unter den Gliedern des
Königshauses«
    »Das wäre« rief Justinian »Wen meinst du«
    »In Tuscien lebt reichbegütert Fürst Teodahad Amalaswintens Vetter«
    »Jawohl der letzte Mann im Haus der Amalungen nicht wahr«
    »Der letzte Er und noch viel mehr Gotelindis sein kluges aber böses
Gemahl die stolze Baltentochter hassen aufs gründlichste die Regentin er
weil sie seiner masslosen Habsucht mit der er all seiner Nachbarn Grundbesitz
an sich zu reißen sucht entgegentritt sie aus Gründen die ich nicht
entdecken konnte ich glaube sie reichen in die Mädchenzeit der beiden
Fürstinnen zurück  genug ihr Hass ist tödlich Diese beiden nun haben mir
zugesagt dir in jeder Weise Italien zurückgewinnen helfen zu wollen ihr genügt
es scheints die Todfeindin vom Thron zu stürzen er freilich fordert reichen
Lohn«
    »Der soll ihm werden«
    »Seine Hilfe ist deshalb wichtig weil er schon halb Tuscien besitzt  das
Adelsgeschlecht der Wölsungen hat den andern Teil  und spielend in unsre Hände
bringen kann dann aber weil er wenn Amalaswinta fällt ihr auf den Thron zu
folgen Aussicht hat Hier sind Briefe von ihm und von Gotelindis Aber lies vor
allem das Schreiben der Regentin  ich glaube es ist sehr wichtig«
 
                              Fünfzehntes Kapitel
Der Kaiser zerschnitt die Purpurschnüre der Wachstafel und las »An Justinian
den Imperator der Römer Amalaswinta der Goten und Italier Königin«
    »Der Italier Königin« lachte Justinian »welch verrückter Titel«
    »Durch Alexandros Deinen Gesandten wirst Du erfahren wie Eris und Ate in
diesem Lande hausen Ich gleiche der einsamen Palme die von widerstreitenden
Winden zerrissen wird Die Barbaren werden mir täglich feindseliger ich ihnen
täglich fremder die Römer aber soviel ich mich ihnen nähere werden mir nie
vergessen dass ich germanischen Stammes Bis jetzt habe ich entschlossenen
Geistes allen Gefahren getrotzt jedoch ich kann es nicht länger wenn nicht
wenigstens mein Palast meine fürstliche Person vor der Überraschung drängender
Gewalt sicher ist Ich kann mich aber auf keine der Parteien hier im Lande
unbedingt verlassen
    So ruf ich Dich als meinen Bruder in der königlichen Würde zu Hilfe Es
ist die Majestät aller Könige die Ruhe Italiens die es zu beschirmen gilt
    Schicke mir ich bitte Dich eine verlässige Schar eine Leibwache«  der
Kaiser warf einen bedeutsamen Blick auf Belisar  »eine Schar von einigen
tausend Mann mit einem mir unbedingt ergebenen Anführer sie sollen den Palast
von Ravenna besetzen er ist eine Festung für sich Was Rom betrifft so müssen
jene Scharen mir vor allem den Präfekten Cetegus der ebenso mächtig als
zweideutig ist und mich in der Gefahr in die er mich geführt plötzlich
verlassen hat fernhalten nötigenfalls vernichten Habe ich meine Feinde
niedergeworfen und mein Reich befestigt wie ich zum Himmel und der eignen Kraft
vertraue so werd ich Dir Truppen und Führer mit reichen Geschenken und
reicherem Dank zurücksenden Vale«
    Justinian drückte krampfhaft die Wachstafel in seiner Faust leuchtenden
Auges sah er vor sich hin seine nicht schönen Züge veredelten sich im Ausdruck
hoher geistiger Macht und dieser Augenblick zeigte dass in dem Manne neben
vielen Schwächen und Kleinheiten Eine Stärke Eine Größe lebte die Größe eines
diplomatischen Genies
    »In diesem Brief« rief er endlich strahlenden Blickes »halt ich Italien
und das Gotenreich« Und in mächtiger Bewegung durchschritt er das Gemach mit
großen Schritten jetzt sogar die Verbeugung vor dem Kreuz vergessend
    »Eine Leibwache  sie soll sie haben Aber nicht ein paar tausend Mann
viele Tausende mehr als ihr lieb sein wird und du Belisarius sollst sie
führen«
    »Sieh auch die Geschenke« mahnte Alexandros und wies auf einen köstlichen
Schrein von Tuienholz mit Gold eingelegt den der Velarius hinter ihm
niedergestellt hatte »Hier ist der Schlüssel« Er überreichte ein kleines
Büchschen von Schildpatt das mit der Regentin Siegel geschlossen war
    »Es ist ihr Bild dabei« sagte er wie zufällig mit lauterer Stimme
    In dem Augenblick da der Gesandte die Stimme kräftiger erhoben steckte
sich leise und unbemerkt von allen außer ihm der Kopf eines Weibes durch den
Vorhang und zwei funkelnde schwarze Augen sahen scharf auf den Kaiser Dieser
öffnete den Schrein schob rasch alle Kostbarkeiten beiseite und griff hastig
nach einem unscheinbaren Täfelchen von geglättetem Buchs mit einem schmalen
Goldrahmen Ein Ruf des Staunens entflog unwillkürlich seinen Lippen sein Auge
blitzte er zeigte das Bild Belisar »Ein herrliches Weib welche Majestät der
Stirn ja man sieht die geborene Herrscherin die Königstochter« und
bewundernd sah er auf die edelen Züge
    Da rauschte der Vorhang und die Lauscherin trat ein
    Es war Theodora die Kaiserin ein verführerisches Weib Alle Künste
weiblichen Erfindungsgeistes in einer Zeit des äußersten Luxus und alle Mittel
eines Kaiserreichs wurden täglich stundenlang aufgeboten diese an sich
ausgezeichnete aber durch ein zügelloses Sinnenleben früh angegriffene
Schönheit frisch und blendend zu erhalten
    Goldstaub lieh ihrem dunkelblauschwarzen Haar metallischen Glanz es war am
Nacken mit aller Sorgfalt gegen den Wirbel hinaufgekämmt den schönen Bau des
Hinterkopfs den feinen Ansatz des Halses zu zeigen
    Augenbrauen und Wimpern waren mit arabischem Stimmi glänzend schwarz
gefärbt und so künstlich war das Rot der Lippen aufgetragen dass selbst
Justinian der diese Lippen küsste nie an eine Unterstützung der Natur durch
phönikischen Purpur dachte Jedes Härchen an den alabasterweissen Armen war
sorgfältig ausgetilgt und das zarte Rosa der Fingernägel beschäftigte täglich
eine besondere Sklavin lange Zeit
    Und doch hätte Theodora damals noch nicht vierzig Jahre alt auch ohne all
diese Künste für ein ganz auffallend schönes Weib gelten müssen
    Edel freilich war dieses Antlitz nicht kein großer ja kein stolzer Gedanke
sprach aus diesen angestrengten unheimlich glänzenden Augen um die Lippen
schwebte ein zur Gewohnheit gewordenes Lächeln das die Stelle der ersten
künftigen Falte ahnen ließ und die Wangen zeigten in der Nähe der Augen Spuren
müder Erschöpfung
    Aber wie sie jetzt mit ihrem süßesten Lächeln auf Justinian zuschwebte das
schwere Faltenkleid von dunkelgelber Seide zierlich mit der Linken aufhebend
übte die ganze Erscheinung einen betäubenden Zauber ähnlich dem süßen
einlullenden Geruch von indischem Balsam der von ihr duftete
    »Was erfreut meinen kaiserlichen Herrn so sehr darf ich seine Freude
teilen« fragte sie mit süßer einschmeichelnder Stimme Die Anwesenden warfen
sich vor der Kaiserin zur Erde kaum minder ehrerbietig als vor Justinian
    Dieser aber schrak bei ihrem Anblick wie auf einer Schuld ertappt zusammen
und wollte das Bild in der Busenfalte seiner Chlamys verbergen Aber zu spät
Schon haftete der Kaiserin scharfer Blick darauf
    »Wir bewunderten« sagte er verlegen »die  die schöne Goldarbeit des
Rahmens« Und er reichte ihr errötend das Bild
    »Nun an dem Rahmen« lächelte Theodora »ist beim besten Willen nicht viel
zu bewundern Aber das Bild ist nicht übel Gewiss die Gotenfürstin« Der
Gesandte nickte »Nicht übel wie gesagt Aber barbarisch streng unweiblich
Wie alt mag sie sein Alexandros«
    »Etwa fünfundvierzig«
    Justinian blickte fragend auf das Bild dann auf den Gesandten »Das Bild
ist vor fünfzehn Jahren gemacht« sagte Alexandros wie erklärend
    »Nein« sprach der Kaiser »du irrst hier steht die Jahrzahl nach Indiktion
und Konsul und ihrem Regierungsantritt es ist von diesem Jahr«
    Eine peinliche Pause entstand
    »Nun« stammelte der Gesandte »dann schmeicheln die Maler wie «  »Wie die
Höflinge« schloss der Kaiser Aber Theodora kam ihm zu Hilfe
    »Was plaudern wir von Bildern und dem Alter fremder Weiber wo es sich um
das Reich handelt Welche Nachrichten bringt Alexandros Bist du entschlossen
Justinianus«  »Beinahe bin ich es Nur deine Stimme wollte ich noch hören und
du das weiß ich bist für den Krieg«
    Da sagte Narses ruhig »Warum Herr hast du uns nicht gleich gesagt dass
die Kaiserin den Krieg will Wir hätten unsre Worte sparen können«  »Wie
willst du damit sagen dass ich der Sklave meines Weibes bin«  »Hüte besser
deine Zunge« sagte Theodora zornig »schon manchen der sonst unverwundbar
schien hat die eigne spitze Zunge erstochen«
    »Du bist sehr unvorsichtig Narses« warnte Justinian
    »Imperator« sagte dieser ruhig »die Vorsicht hab ich längst aufgegeben
Wir leben in einer Zeit in einem Reich an einem Hof wo man um jedes mögliche
Wort das man gesprochen oder nicht gesprochen hat in Ungnade fallen zugrunde
gehen kann Da mir nun jedes Wort den Tod bringen kann will ich wenigstens an
solchen Worten sterben die mir selbst gefallen«
    Der Kaiser lächelte »Du musst gestehen Patricius dass ich viel Freimut
ertrage«
    Narses trat auf ihn zu »Du bist groß von Natur o Justinianus und ein
geborner Herrscher sonst würde Narses dir nicht dienen Aber Omphale hat selbst
Herkules klein gemacht«
    Die Augen der Kaiserin sprühten tödlichen Hass Justinian ward ängstlich
    »Geht« sagte er »ich will mit der Kaiserin allein beraten Morgen vernehmt
ihr meinen Entschluss«
 
                              Sechzehntes Kapitel
Sowie sie draußen waren schritt Justinian auf seine Gattin zu und drückte einen
Kuss auf ihre weiße niedre Stirn »Vergib ihm« sagte er »er meint es gut«
    »Ich weiß es« sagte sie seinen Kuss erwidernd »Darum und weil er
unentbehrlich ist gegen Belisar darum lebt er noch«  »Du hast recht wie
immer« Und er schlang den Arm um sie »Was hat er Besondres vor« dachte
Theodora »Diese Zärtlichkeit deutet auf ein schlechtes Gewissen«
    »Du hast recht« wiederholte er mit ihr im Gemach auf und nieder
schreitend »Gott hat mir den Geist versagt der die Schlachten entscheidet
aber mir dafür diese beiden Männer des Sieges gegeben  und zum Glück ihrer
zwei Die Eifersucht dieser beiden sichert meine Herrschaft besser als ihre
Treue jeder dieser Feldherren allein wäre eine stete Reichsgefahrund an dem
Tage da sie Freunde würden wankte mein Thron Du schürst doch ihren Hass«
    »Er ist leicht zu schüren es ist zwischen ihnen eine natürliche Feindschaft
wie zwischen Feuer und Wasser Und jede Bosheit des Verschnittenen erzähl ich
mit großer Entrüstung meiner Freundin Antonina des Helden Belisar Weib und
Gebieterin«  »Und jede Grobheit des Helden Belisar bericht ich treulich dem
reizbaren Krüppel  Aber zu unsrer Beratung Ich bin nach dem Bericht des
Alexandros so gut wie entschlossen zu dem Zug nach Italien«
    »Wen willst du senden«  »Natürlich Belisar Er verheisst mit dreissigtausend
zu vollbringen was Narses kaum mit achtzigtausend übernehmen will«
    »Glaubst du dass jene kleine Macht genügen wird«
    »Nein Aber Belisars Ehre ist verpfändet er wird all seine Kraft aufbieten
und es wird ihm doch nicht ganz gelingen«  »Und das wird ihm sehr heilsam
sein Denn seit dem Vandalensieg ist sein Stolz nicht mehr zu ertragen«  »Aber
er wird drei Viertel der Arbeit tun Dann rufe ich ihn ab breche selbst mit
sechzigtausend auf nehme Narses mit vollende im Spiel das letzte Viertel und
bin dann auch ein Feldherr und ein Sieger«
    »Fein gedacht« sagte Theodora in aufrichtiger Bewunderung seiner
Schlauheit »dein Plan ist reif«
    »Freilich« sagte Justinian seufzend stehen bleibend »Narses hat recht im
geheimen Grund des Herzens muss ichs zugestehen Es wäre dem Reiche heilsamer
die Perser abwehren als die Goten angreifen Es wäre mehr sichere weisere
Politik Denn vom Osten kommt einst das Verderben«
    »Lass es kommen Das kann noch Jahrhunderte anstehn wann von Justinian nur
noch der Ruhm auf Erden lebt wie Afrika so Italien zurückgewonnen zu haben
Hast du für die Ewigkeit zu bauen Die nach dir kommen mögen für ihre Gegenwart
sorgen sorge du für die deine«  »Wenn man aber dann sprechen wird hätte
Justinian verteidigt statt zu erobern so stünd es besser Wenn man sagen
wird Justinians Siege haben sein Reich zerstört«  »So wird niemand sprechen
Die Menschen blendet der Glanz des Ruhms Und noch Eins«  und hier verdrängte
der Ernst der tiefsten Überzeugung den Ausdruck listiger Beschwatzung von ihren
schmeichelnden Zügen
    »Ich ahn es doch vollende«
    »Du bist nicht nur Kaiser du bist ein Mensch
    Höher als das Reich muss dir deiner Seele Seligkeit stehen Auf deinem auf
unserm Pfad zur Herrschaft zu dem Glanz dieser Herrschaft musste mancher blutge
Schritt geschehen manches Harte musste getan werden Leben und Schätze so manchen
gefährlichen Feindes mussten  genug
    Wohl bauen wir mit einem Teil dieser Schätze der heiligen der christlichen
Weisheit jenen Siegestempel der allein schon unsern Namen unsterblich machen
wird auf Erden Aber für den Himmel  wer weiß ob es genügt
    Lass uns«  und ihr Auge erglühte von unheimlichem Feuer  »lass uns die
Ungläubigen vertilgen und über die Leichen der Feinde Christi hin den Weg zur
Gnade suchen« Justinian drückte ihre Hand »Auch die Perser sind Feinde
Christi sind sogar Heiden«  »Hast du vergessen was der Patriarch gelehrt
Ketzer sind siebenmal schlimmer als Heiden Ihnen ward der rechte Glaube
gebracht und sie haben ihn verschmäht Das ist die Sünde wider den heiligen
Geist die nie vergeben wird  auf Erden und im Himmel Du aber bist das
Schwert das diese gottverfluchten Arianer schlagen soll sie sind Christi
verhassteste Feinde sie kennen ihn und leugnen dennoch dass er Gott Schon hast
du in Afrika die ketzerischen Vandalen niedergeworfen und den Irrwahn dort in
Blut und Feuer erstickt jetzt ruft dich Italien Rom die Stätte wo der
Apostelfürsten Blut geflossen die heilge Stadt nicht länger darf sie diesen
Ketzern dienen Justinian gib sie dem wahren Glauben wieder«
    Sie hielt inne Der Kaiser blickte schwer aufatmend zu dem Goldkreuz empor
»Du deckst die letzten Tiefen meines Herzens auf das ist es ja was noch
mächtiger als Ruhm und Siegesehre mich zu diesen Kriegen treibt Aber bin ich
fähig bin ich würdig so Großes so Heiliges zu Gottes Ehre zu vollenden Will
er durch meine sündge Hand so Großes vollführen Ich zweifle ich schwanke Und
der Traum der mir in dieser Nacht geworden war er von Gott gesendet und was
soll er bedeuten treibt er zum Angriff oder mahnt er ab Nun hatte deine
Mutter Komito die Wahrsagerin von Kypros große Weisheit Ahnungen und Träume
zu deuten« 
    »Und du weißt die Gabe ist erblich Habe ich dir nicht auch den Ausgang des
Vandalenkriegs aus deinem Traume gedeutet«
    »Du sollst mir auch diesen Traum erklären Du weißt ich werde irre an dem
besten Plan wenn ein Omen dawider spricht Höre denn Aber«  und er warf einen
ängstlichen Blick auf sein Weib  »aber bedenke dass es ein Traum war und kein
Mensch für seine Träume kann«
    »Natürlich sie sendet Gott«  »Was werd ich vernehmen« sagte sie zu sich
selbst
    »Ich war gestern nacht eingeschlafen erwägend den letzten Bericht über
Amala  über Italien Da träumte mir ich ging durch eine Landschaft mit sieben
Hügeln Dort ruhte unter einem Lorbeer das schönste Weib das ich je gesehen Ich
stand vor ihr und betrachtete sie mit Wohlgefallen Plötzlich brach aus dem
Busch zur Rechten ein brüllender Bär aus dem Gestein zur Linken eine zischende
Schlange gegen die Schlummernde hervor Aufwachend rief sie meinen Namen Rasch
ergriff ich sie drückte sie an meine Brust und floh mit ihr rückblickend sah
ich wie der Bär die Schlange zerriss und die Schlange den Bären zu Tode biss«
    »Nun und das Weib«
    »Das Weib drückte einen flüchtigen Kuss auf meine Stirn und war plötzlich
wieder verschwunden und ich erwachte vergebens die Arme nach ihr ausstreckend
Das Weib« fuhr er rasch fort ehe Theodora nachsinnen sollte »ist natürlich
Italien«
    »Jawohl« sagte die Kaiserin ruhig Aber ihr Busen wogte »Der Traum ist der
glücklichste Bär und Schlange sind Barbaren und Italier die um die
Siebenhügelstadt ringen Du entreissest sie beiden und lässt sie sich gegenseitig
vernichten«
    »Aber sie entschwindet mir wieder  sie bleibt mir nicht«
    »Doch Sie küsst dich und verschwindet in deinen Armen So wird Italien
aufgehn in deinem Reich«
    »Du hast recht« rief Justinian aufspringend »Sei bedankt mein kluges
Weib Du bist die Leuchte meiner Seele Es sei gewagt  Belisar soll ziehen«
    Und er wollte den Velarius rufen Doch hielt er plötzlich an »Aber noch
eins« Und die Augen niederschlagend fasste er ihre Hand
    »Ah« dachte Theodora »jetzt kommts«
    »Wenn wir nun das Gotenreich zerstört und in die Hofburg von Ravenna mit
Hilfe der Königin selbst eingezogen sind  was was soll dann mit ihr der
Fürstin werden«
    »Nun« sagte Theodora völlig unbefangen »was mit ihr werden soll Was mit
dem enttronten Vandalenkönig geworden Sie soll hierher nach Byzanz«
    Justinian atmete hoch auf »Mich freut es dass du das Richtige fandest«
    Und in wirklicher Freude drückte er ihr die schmale weiße wunderzierliche
Hand
    »Mehr als das« fuhr Theodora fort »Sie wird um so leichter auf unsre Pläne
eingehen je sicherer sie einer ehrenvollen Aufnahme hier entgegensieht So will
ich selbst ihr ein schwesterliches Schreiben senden sie einzuladen Sie soll im
Fall der Not stets ein Asyl an meinem Herzen finden«
    »Du weißt gar nicht« fiel Justinian eifrig ein »wie sehr du dadurch unsern
Sieg erleichterst Die Tochter Teoderichs muss völlig von ihrem Volk hinweg zu
uns gezogen werden Sie selbst soll uns nach Ravenna führen«
    »Dann kannst du aber nicht gleich Belisar mit einem Heere senden Das würde
sie nur argwöhnisch machen und widerspenstig Sie muss völlig in unsern Händen
das Barbarenreich von innen heraus gebrochen sein ehe das Schwert Belisars aus
der Scheide fährt«
    »Aber in der Nähe muss er von jetzt an stehen«
    »Wohl etwa auf Sizilien Die Unruhen in Afrika geben den besten Vorwand
eine Flotte in jene Gewässer zu senden Und sowie das Netz gelegt muss Belisars
Arm es zuziehn«
    »Aber wer soll es legen«
    Theodora dachte eine Weile nach dann sagte sie
    »Der geistgewaltigste Mann des Abendlandes Cetegus Cäsarius der Präfekt
von Rom mein Jugendfreund«
    »Recht Aber nicht er allein Er ist ein Römer nicht mein Untertan mir
nicht völlig sicher Wen soll ich senden Noch einmal Alexandros«
    »Nein« rief Theodora rasch »er ist zu jung für ein solches Geschäft
Nein« Und sie schwieg nachdenklich »Justinian« sprach sie endlich »auf dass
du siehst wie ich persönlichen Hass vergessen kann wo es das Reich gilt und der
rechte Mann gewählt werden muss schlage ich dir selber meinen Feind vor Petros
des Narses Vetter des Präfekten Studiengenossen den schlauen Rhetor  ihn
sende«
    »Theodora«  rief der Kaiser erfreut sie umarmend »du bist mir wirklich
von Gott geschenkt Cetegus  Petros  Belisar Barbaren ihr seid verloren«
 
                              Siebzehntes Kapitel
Am Morgen darauf erhob sich die schöne Kaiserin vergnügt von dem schwellenden
Pfühl dessen weiche Kissen mit blassgelber Seide überzogen mit den zarten
Halsfedern des pontischen Kranichs gefüllt waren
    Vor dem Bette stand ein Dreifuss mit einem silbernen Becken den Okeanos
darstellend darin lag eine massiv goldne Kugel Die weiche Hand der Kaiserin
hob lässig die Kugel und ließ sie klingend in das Becken fallen der helle Ton
rief die syrische Sklavin in das Gemach die im Vorzimmer schlief Mit auf der
Brust gekreuzten Armen trat sie an das Lager und schlug die schweren Vorhänge
von violetter chinesischer Seide zurück Dann ergriff sie den sanften iberischen
Schwamm der in Eselmilch getränkt in kristallner Schale ruhte und bestrich
damit sorgfältig die Masse von öligem Teig die Gesicht und Hals der Kaiserin
während der Nacht bedeckte
    Dann kniete sie vor dem Bette nieder das Haupt fast zur Erde gebeugt und
reichte die rechte Hand hinauf
    Theodora fasste diese Hand setzte langsam den kleinen Fuß auf den Nacken der
Knieenden und schwang sich dann elastisch zur Erde Die Sklavin erhob sich und
warf der Herrin die jetzt nur mit der Untertunika von feinstem Bast bekleidet
auf dem Palmenholzrand des Bettes saß den feinen Ankleidemantel von Rosagewebe
über die Schultern
    Dann verneigte sie sich wandte sich zur Türe rief »Agave« und verschwand
Agave eine junge schöne Tessalierin trat ein sie rollte dicht vor die
Herrin den mit unzähligen Büchschen und Fläschchen besetzten Waschtisch von
Citrusholz und begann ihr Gesicht Nacken und Hände mit weichen in
verschiedene Weine und Salben getauchten Tüchern zu reiben
    Darauf erhob sich diese vom Lager und glitt auf den bunten mit Pardelfell
überzogenen Stuhl die Katedra
    »Das große Bad erst gegen Mittag« sagte sie
    Da schob Agave eine ovale Wanne von Terebintenholz heran außen mit
Schildpatt bekleidet gefüllt mit köstlich duftendem Wasser und hob die
zierlichen glänzend weißen Füße der Herrin hinein Hierauf löste sie das Netz
von Goldfäden das die Nacht über die blau glänzenden Haare der Kaiserin
zusammenhielt so dass jetzt die weichen schwarzen Wellen über Schultern und
Brust wallen konnten Sie schlang ihr noch das breite Busenband von Purpur um
verneigte sich und ging mit dem Rufe »Galatea«
    Eine betagte Sklavin löste sie ab die Amme und Wärterin und leider müssen
wir hinzufügen die Kupplerin Teodoras in der Zeit da sie nur erst des
Akacius des Löwenwärters im Zirkus flitterbehängtes Töchterlein und fast noch
ein Kind der schon tief verdorbne Liebling des großen Zirkus war Alle
Demütigungen und Triumphe alle Laster und Listen auf der Abenteurerin
wechselndem Pfad bis zum Kaisertron hatte Galatea getreulich geteilt
    »Wie hast du geschlafen mein Täubchen« fragte sie ihr in einer
Bernsteinschale die aromatische Essenz reichend welche die Stadt Adana in
Cilicien für die Toilette der Kaiserin in großen Massen als jährlichen Tribut
einzusenden hatte
    »Gut ich träumte von ihm«  »Von Alexandros«  »Nein du Närrin von dem
schönen Anicius«  »Aber der Bestellte wartet schon lange draußen in der
geheimen Nische«  »Er ist ungeduldig« lächelte der kleine Mund »nun so lass
ihn ein« Und sie legte sich auf dem langen Diwan zurück eine Decke von
Purpurseide über sich ziehend aber die feinen Knöchel der schönen Füße blieben
sichtbar
    Galatea schob den Riegel vor den Haupteingang durch welchen sie eingetreten
und ging dann quer durch das Gemach zu der Ecke gegenüber die durch eine eherne
Kolossalstatue Justinians ausgefüllt war
    Die scheinbar unbewegliche Last wich sofort zur Seite sowie die Vertraute
eine Feder berührte und zeigte eine schmale Öffnung in der Wand welche durch
die Statue in ihrer gewöhnlichen Stellung vollständig verdeckt wurde ein
dunkler Vorhang war vor den Spalt gezogen Galatea hob den Vorhang auf und
herein eilte Alexandros der schöne junge Gesandte
    Er warf sich vor der Kaiserin aufs Knie ergriff ihre schmale Hand und
bedeckte sie mit glühenden Küssen
    Theodora entzog sie ihm leise  »Es ist sehr unvorsichtig Alexandros«
sagte sie den schönen Kopf zurücklehnend »den Geliebten zur Ankleidung
zuzulassen« Wie sagt der Dichter »Alles dienet der Schönheit Doch ist kein
erfreulicher Anblick das Entstehen zu sehen was nur entstanden gefällt«
    »Allein ich hab es dir bei der Abreise nach Ravenna verheißen dich einmal
in meiner Morgenstunde vorzulassen Und du hast deinen Lohn reichlich verdient
Du hast viel für mich gewagt   Fasse die Flechten fester« rief sie Galatea
zu die an die ihr allein zustehende Arbeit gegangen war das prachtvolle Haar
der Gebieterin zu ordnen
     »Du hast das Leben für mich gewagt«  Und sie reichte ihm wieder zwei
Finger der rechten Hand
    »O Theodora« rief der Jüngling »für diesen Augenblick würd ich zehnmal
sterben«
    »Aber« fuhr sie fort »warum hast du mir nicht auch von dem letzten Brief
der Barbarin an Justinian Abschrift zukommen lassen«  »Es war nicht mehr
möglich es ging zu rasch Ich konnte von meinem Schiff keinen Boten mehr
senden kaum gelang es gestern nach der Landung dir sagen zu lassen dass ihr
Bild bei den Geschenken sei Du kamst im rechten Augenblick«
    »Ja was würde aus mir wenn ich die Türsteher Justinians nicht doppelt so
hoch besoldete als er Aber Unvorsichtigster aller Gesandten wie täppisch war
das mit der Jahrzahl«
    »O schönste Tochter von Kypros ich hatte dich mondenlang nicht mehr
gesehen Ich konnte nichts denken als dich und deine berauschende Schönheit«
    »Nun da muss ich wohl verzeihen Das schwarze Stirnband Galatea Du bist
ein besserer Liebhaber als Staatsmann Deshalb hab ich dich auch hierbehalten
Ja du solltest wieder nach Ravenna Aber ich denke ich schicke einen älteren
Gesandten und behalte den jungen für mich Ists recht so« lächelte sie die
Augen halb schließend
    Alexandros kühner und glühender werdend sprang auf und drückte einen Kuss
auf ihre roten Lippen
    »Halt ein Majestätsverbrecher« schalt sie und schlug mit dem
Flamingofächer leicht seine Wange »Jetzt ists genug für heute Morgen magst du
wiederkommen und von jener Barbarenschönheit erzählen Nein du musst jetzt gehen
Ich brauche diese Morgenstunde noch für einen andern«
    »Für einen andern« rief Alexandros zurücktretend »So ist es wahr was man
leise zischelt in den Gynäceen in den Bädern von Byzanz Du ewig Ungetreue hast
«
    »Eifersüchtig darf ein Freund Teodoras nicht sein« lachte die Kaiserin Es
war kein schönes Lachen »Aber für diesmal sei unbesorgt  du sollst ihm selbst
begegnen Geh«
    Galatea ergriff ihn an der Schulter und drehte den Widerstrebenden ohne
weiteres hinter die Statue und zur Türe hinaus
    Theodora setzte sich nun aufrecht das faltige Untergewand mit dem Gürtel
schließend
 
                              Achtzehntes Kapitel
Sogleich kam Galatea wieder zum Vorschein mit einem kleinen gebückten Mann der
viel älter aussah als seine vierzig Jahre Kluge aber allzu scharfe Züge das
stechende Auge der bartlose eingekniffne Mund  alles machte den Eindruck
unangenehmer Pfiffigkeit
    Theodora nickte leicht auf seine kriechende Verbeugung Galatea begann ihr
die Augenbrauen zu malen
    »Kaiserin« hob der Alte ängstlich an »ich staune über deine Kühnheit Wenn
man mich hier sähe Die Klugheit von neun Jahren wäre durch einen Augenblick
vereitelt«
    »Man wird dich aber nicht sehen Petros« sagte Theodora ruhig »Diese
Stunde ist die einzige da ich vor der zudringlichen Zärtlichkeit Justinians
sicher bin Es ist seine Betstunde Ich muss sie ausbeuten so gut ich kann Gott
erhalte ihm seine Frömmigkeit Galatea den Frühwein Wie Du fürchtest doch
nicht mich mit diesem gefährlichen Verführer allein zu lassen« Die Alte ging
mit hässlichem Grinsen und kam gleich zurück einen Henkelkrug süßen gewärmten
Chierweins in der einen Hand Becher mit Wasser und Honig in der andern
    »Ich konnte heute unsre Unterredung nicht wie gewöhnlich in der Kirche
veranstalten wo du in dem dunkeln Beichtstuhl einem Priester täuschend ähnlich
siehst Der Kaiser wird dich noch vor der Kirchenzeit zu sich bescheiden und du
musst zuvor genau unterrichtet sein«
    »Was ist zu tun«
    »Petros« sagte Theodora sich behaglich zurücklehnend und langsam das süße
Getränk schlürfend das Galatea mischte »heute kam der Tag der unsere
langjährige Mühe und Klugheit lohnen und dich zum großen Mann machen wird«
    »Zeit wär es« meinte der Rhetor
    »Nur nicht ungeduldig Freund Galatea etwas mehr Honig Um dich für das
heutige Geschäft in die rechte Stimmung zu versetzen wird es gut sein dich an
das Vergangne an die Entstehungsart unsrer  Freundschaft zu erinnern«
    »Was soll das Wozu ist das nötig« sagte der Alte unbehaglich
    »Zu mancherlei Also Du warst der Vetter und Anhänger meines Todfeindes
Narses Folglich auch mein Feind Jahrelang hast du im Dienste deines Vetters
mir entgegengearbeitet mir wenig geschadet dir selbst aber noch weniger
genützt Denn Narses dein tugendhafter Freund setzt seine Ehre und seine
Schlauheit darein nie etwas für seine Verwandten zu tun dass man ihn nie wie
die andern Höflinge dieses Reiches des Nepotismus zeihen könne
    Aus lauter Vorsicht und eitel Tugend ließ er dich unbefördert Du darbtest
und bliebst einfacher Schreiber Aber ein feiner Kopf wie du weiß sich zu
helfen Du fälschtest du verdoppeltest die Steuerausschreiben des Kaisers Die
Provinzen zahlten neben der von Justinian verlangten noch eine zweite Steuer
die Petros und die Steuererheber untereinander teilten Eine Weile ging das
vortrefflich Aber einmal «
    »Kaiserin ich bitte dich «
    »Ich bin gleich zu Ende Freund Aber einmal hattest du das Unglück dass
einer von den neuen Steuerboten die Gunst der Kaiserin höher anschlug als den
von dir verheissnen Teil der Beute Er ging auf deinen Antrag ein ließ sich die
Urkunde von dir fälschen und  brachte sie mir«
    »Der Elende« murrte Petros
    »Ja es war schlimm« lächelte Theodora den Becher wegstellend »Ich konnte
jetzt meinem boshaften Feind dem Vertrauten des verhassten Eunuchen den
schlauen Kopf vor die Füße legen und ich muss gestehen es lüstete mich sehr
danach sehr Aber ich opferte die kurze Rache einem großen dauernden Vorteil
Ich rief dich zu mir und ließ dir die Wahl zu sterben oder fortan mir zu
dienen Du warst gütig genug das letztre zu wählen und so haben wir vor der
Welt nach wie vor die heftigsten Feinde insgeheim seit Jahren zusammen gewirkt
du hast mir alle Pläne des großen Narses im Entstehen verraten und ich hab es
dir wohl vergolten du bist jetzt ein reicher Mann«
    »O nicht der Rede wert«
    »Bitte Undankbarer das weiß mein Schatzmeister besser Du bist sehr
reich«
    »Wohl aber ohne Rang und Würde Meine Studiengenossen sind Patrizier
Präfekten große Herren in Morgen und Abendland so Cetegus in Rom Prokopius
in Byzanz«
    »Geduld Vom heutigen Tage an wirst du die Leiter der Ehren rasch erklimmen
Ich musste doch immer etwas zu geben behalten Höre du gehst morgen als
Gesandter nach Ravenna«
    »Als kaiserlicher Gesandter« rief Petros freudig
    »Durch meine Verwendung Aber das ist nicht alles
    Du erhältst von Justinian ausführliche Anweisungen das Gotenreich zu
verderben Belisar den Weg nach Italien zu bahnen«
    »Diese Anweisungen  befolg ich oder vereitl ich«
    »Befolgst du Aber du erhältst noch einen Auftrag den dir Justinian ganz
besonders ans Herz legen wird die Tochter Teoderichs um jeden Preis aus der
Hand ihrer Feinde zu retten und nach Byzanz zu bringen Hier hast du einen Brief
von mir der sie dringend einladet an meiner Brust ein Asyl zu suchen« 
    »Gut« sagte Petros den Brief einsteckend »ich bringe sie also sofort
hierher«
    Da schnellte Theodora wie eine springende Schlange vom Lager auf dass
Galatea erschrocken zurückfuhr
    »Bei meinem Zorn Petros nein Dich send ich deshalb Sie darf nicht nach
Byzanz sie darf nicht leben«
    Bestürzt ließ Petros den Brief fallen »O Kaiserin« flüsterte er  »ein
Mord«
    »Still Rhetor« sprach Theodora mit heiserer Stimme und unheimlich
funkelten ihre Augen »Sie muss sterben«
    »Sterben O Kaiserin warum«
    »Warum das hast du nicht zu fragen Doch halt  du sollst es wissen es
gibt deiner Feigheit einen Sporn  wisse « und sie fasste ihn wild am Arme und
raunte ihm ins Ohr »Justinian der Verräter fängt an sie zu lieben«
    »Theodora« rief der Rhetor erschrocken und trat einen Schritt zur Seite
    Die Kaiserin sank auf die Kline zurück
    »Aber er hat sie ja nie gesehen« stammelte sich fassend Petros
    »Er hat ihr Bild gesehen er träumt bereits von ihr er glüht für dieses
Bild«
    »Du hast nie eine Rivalin gehabt«
    »Ich werde dafür wachen dass ich keine erhalte«
    »Du bist so schön«
    »Amalaswinta ist jünger«
    »Du bist so klug bist seine Beraterin die Vertraute seiner geheimsten
Gedanken«
    »Das eben wird ihm lästig Und«  sie ergriff wieder seinen Arm »merke wohl
sie ist eine Königstochter eine geborene Herrscherin ich des Löwenwärters
plebejisch Kind Und  so wahnwitzig lächerlich es ist  Justinian vergisst im
Purpurmantel dass er des dardanischen Ziegenhirten Sohn Er hat den Wahnsinn der
Könige geerbt er selbst ein Abenteurer er faselt von angeborenen Majestät von
dem Mysterium königlichen Bluts Gegen solche Grillen hab ich keinen Schutz
von allen Weibern der Erde fürchte ich nichts aber diese Königstochter  «
    Sie sprang zürnend auf und ballte die kleine Hand
    »Hüte dich Justinian« sagte sie durchs Gemach schreitend »Theodora hat
mit diesem Auge mit dieser Hand Löwen und Tiger bezaubert und beherrscht lass
sehen ob ich nicht diesen Fuchs im Purpur in Treue erhalten kann« Sie setzte
sich wieder
    »Kurz Amalaswinta stirbt« sagte sie plötzlich wieder kalt geworden
    »Wohl« erwiderte der Rhetor »aber nicht durch mich Du hast der
blutgewohnten Diener genug Sie sende ich bin ein Mann der Rede «
    »Du bist ein Mann des Todes wenn du nicht gehorchst Gerade du mein Feind
musst es tun keiner meiner Freunde kann es ohne Verdacht«
    »Theodora« mahnte der Rhetor sich vergessend »die Tochter des großen
Teoderich ermorden eine geborene Königin  «
    »Ha« lachte Theodora grimmig »auch dich Armseligen blendet die geborene
Königin Narren sind die Männer alle noch mehr als Schurken Höre Petros an
dem Tage da die Todesnachricht aus Ravenna eintrifft bist du Senator und
Patricius«
    Wohl blitzte des Alten Auge Aber Feigheit oder Gewissensangst war doch
mächtiger als der Ehrgeiz »Nein« sagte er entschlossen »lieber lasse ich den
Hof und alle Pläne«
    »Das Leben lässst du Elender« rief Theodora zornig »Oh du wähntest du
seist frei und ungefährdet weil ich damals vor deinen Augen die gefälschte
Urkunde verbrannt Du Tor es war die rechte nicht Sieh her  hier halte ich
dein Leben«
    Und sie riss aus einer Kapsula voller Dokumente ein vergilbtes Pergament Sie
zeigte es dem Erschrocknen der jetzt willenlos in die Kniee brach
    »Befiehl« stammelte er »ich gehorche«
    Da pochte man an die Haupttüre
    »Hinweg« rief die Kaiserin »Hebe meinen Brief an die Gotenfürstin vom
Boden auf und bedenk es wohl Patricius wenn sie stirbt Folter und Tod wenn
sie lebt Fort«
    Und Galatea schob den Betäubten durch den geheimen Eingang hinaus drehte
den bronzenen Justinian wieder an seine Stelle und ging die Haupttür aufzutun
 
                              Neunzehntes Kapitel
Herein trat eine stattliche Frau größer und von gröberen Formen als die kleine
zierliche Kaiserin nicht so verführerisch schön aber jünger und blühender mit
frischen Farben und ungekünstelter Art
    »Gegrüsst Antonina geliebtes Schwesterherz komm an meine Brust« rief die
Kaiserin der tief sich Verbeugenden entgegen
    Die Gattin Belisars gehorchte schweigend
    »Wie diese Augengruben hohl werden« dachte sie sich wieder aufrichtend
    »Was das Soldatenweib für grobe Knöchel hat« sagte die Kaiserin zu sich
selbst da sie die Freundin musterte 
    »Blühend bist du wie Hebe« rief sie ihr laut zu »und wie die weiße Seide
deine frischen Wangen hebt Hast du etwas Neues mitzuteilen von  von ihm«
fragte sie und nahm gleichgültig spielend vom Waschtisch ein gefürchtetes
Werkzeug eine spitze Lanzette an einem Stäbchen von Elfenbein mit welchem
ungeschickte oder auch nur unglückliche Sklavinnen von der zürnenden Herrin oft
zolltief in Schultern und Arme gestochen wurden
    »Heute nicht« flüsterte Antonina errötend »ich hab ihn gestern nicht
gesehen«
    »Das glaub ich« lächelte Theodora in sich hinein »O wie schmerzlich werd
ich dich bald vermissen« sagte sie Antoninens vollen Arm streichelnd »Schon
in der nächsten Woche vielleicht wird Belisarius in See stechen und du treuste
aller Gattinnen ihn begleiten Wer von euren Freunden wird euch folgen«
    »Prokopius« sagte Antonina und  setzte sie die Augen niederschlagend
hinzu  »die beiden Söhne des Boëtius«
    »Ach so« lächelte die Kaiserin »ich verstehe In der Freiheit des
Lagerlebens hoffst du dich des schönen Jünglings ungestörter zu erfreuen und
indessen Held Belisarius Schlachten schlägt und Städte gewinnt «
    »Du errätst es Aber ich habe dabei eine Bitte an dich Dir freilich ward es
gut Alexandros dein schöner Freund ist zurück er bleibt in deiner Nähe und er
ist sein eigener Herr ein reifer Mann Aber Anicius du weißt es der Jüngling
steht unter seines älteren Bruders Severinus strenger Hut Nie würde dieser der
nur Rache an den Barbaren sinnt und Freiheitsschlachten diese zarte 
Freundschaft dulden Er würde unsern Verkehr tausendfach stören Deshalb tu mir
eine Liebe Severinus darf uns nicht folgen Wenn wir an Bord sind mit Anicius
halte den älteren Bruder in Byzanz zurück mit List oder Gewalt  du kannst es ja
leicht  du bist die Kaiserin«
    »Nicht übel« lächelte Theodora »Welche Kriegslisten Man sieht du lernst
von Belisarius«
    Da erglühte Antonina über und über
    »O nenne seinen Namen nicht Und höhne nicht Du weißt am besten von wem
ich gelernt zu tun worüber man erröten muss«
    Theodora schoss einen funkelnden Blick auf die Freundin
    »Der Himmel weiß« fuhr diese fort ohne es zu beachten »Belisar selbst war
nicht treuer als ich bis ich an diesen Hof kam Du warst es Kaiserin die mich
gelehrt dass diese selbstischen Männer von Krieg und Staat und Ehrgeiz erfüllt
uns wenn sie einmal unsre Eheherrn vernachlässigen uns nicht mehr würdigen
wenn sie uns besitzen Du hast mich gelehrt wie es keine Sünde kein Unrecht
sei die unschuldige Huldigung die schmeichelnde Verehrung die der tyrannische
Gemahl versagt von einem noch hoffenden und deshalb noch dienenden Freunde
hinzunehmen Gott ist mein Zeuge nichts andres als diesen süßen Weihrauch der
Huldigung den Belisar versagt und den mein eitles schwaches Herz nicht missen
kann will ich von Anicius«
    »Zum Glück für mich wird das sehr bald langweilig für ihn« sagte Theodora
zu sich selbst
    »Und doch  schon dies ist ein Verbrechen fürcht ich an Belisar O wie
ist er groß und edel und herrlich Wenn er nur nicht allzugross wäre für dies
kleine Herz«  Und sie bedeckte das Antlitz mit den Händen
    »Die Erbärmliche« dachte die Kaiserin »sie ist zu schwach zum Genuss wie
zur Tugend«
    Da trat Agave die hübsche junge Tessalierin ins Gemach mit einem großen
Strauss herrlicher Rosen
    »Von ihm« flüsterte sie der Herrin zu  »Von wem« fragte diese Aber
jetzt sah Antonina auf und Agave winkte warnend mit den Augen
    Die Kaiserin reichte Antoninen den Strauss sie zu beschäftigen »bitte
stell ihn dort in die Marmorvase«
    Während die Gattin Belisars den Rücken wendend gehorchte flüsterte Agave
»Nun von ihm den du gestern den ganzen Tag hier versteckt gehalten von dem
schönen Anicius « setzte das holde Kind errötend bei
    Aber kaum hatte sie das unvorsichtige Wort gesagt als sie laut schreiend
nach ihrem linken Arme griff Die Kaiserin schlug sie mit der noch blutigen
Lanzette ins Gesicht »Ich will dich lehren Augen haben ob Männer schön sind
oder hässlich« flüsterte sie grimmig »Du lässt dich in die Spinnstube sperren
auf vier Wochen  sogleich  und zeigst dich nie mehr in meinen Vorzimmern
Fort«
    Weinend ging das Mädchen ihr Haupt verhüllend
    »Was hat sie getan« fragte Antonina sich wendend
    »Das Riechfläschchen fallen lassen« sagte Galatea rasch ein solches von
dem Teppich aufhebend  »Herrin dein Haar ist fertig«
    »So lass die Ankleiderinnen ein und wer sonst im Vorsaal  Willst du
einstweilen in diesen Versen blättern Antonina Es sind die neuesten Gedichte
des Arator über die Taten der Apostel gar erbaulich zu lesen Zumal hier die
Steinigung des heiligen Stephanos Aber lies und sprich sein Urteil«
    Galatea öffnete weit die Türe des Haupteingangs ein ganzer Schwarm von
Sklavinnen und Freigelassenen wogte herein Die einen besorgten das Hinausräumen
der gebrauchten Toilettegeräte andre räucherten mit Kohlenpfännchen und
sprengten aus schmalhalsigen Fläschchen Balsam durch das Gemach Die meisten
aber waren um die Person der Kaiserin beschäftigt die jetzt ihren Anzug
vollendete Galatea nahm ihr den Rosaüberwurf ab »Berenike« rief sie »die
milesische Tunika mit dem Purpurstreif und der goldnen Falbel es ist Sonntag
heute«
    Während die erfahrene Alte die allein das Haar der Kaiserin berühren
durfte die kostbare Goldnadel mit der Venusgemme im Knopf künstlich in die
Knoten des Hinterhauptes schob fragte die Kaiserin »Was gibt es Neues in der
Stadt Delphine«
    »Du hast gesiegt o Herrin« antwortete die Gefragte mit den Goldsandalen
niederknieend »Deine Farbe die Blauen haben gestern im Zirkus gesiegt über
die Grünen zu Ross und Wagen«
    »Triumph« frohlockte Theodora »eine Wette von zwei Centenaren Gold  es
ist mein  Nachrichten woher aus Italien« rief sie einer eben mit Briefen
eintretenden Dienerin entgegen
    »Jawohl Herrin aus Florentia von der Gotenfürstin Gotelindis ich kenne
das Gorgonensiegel und von Silverius dem Diakon«
    »Gib« sagte Theodora »ich nehme sie mit in die Kirche Den Spiegel
Elpis«  Eine junge Sklavin trat vor mit einer ovalen drei Fuß langen Platte
von glänzend poliertem Silber in einem reich mit Perlen besetzten Goldrahmen und
getragen von einem starken Fuß von Elfenbein Die arme Elpis hatte harten
Dienst Sie musste während der Vollendung des Ankleidens die schwere Platte bei
jeder Bewegung der unruhigen Herrin sofort dermaßen drehen dass diese sich
ununterbrochen darin beschauen konnte und weh ihr wenn sie einer Wendung zu
spät nachfolgte
    »Was gibt es zu kaufen Zephyris« fragte die Kaiserin eine dunkelfarbige
libysche Freigelassene die ihr eben die zahme Hausschlange die in einem
Körbchen auf weichem Moose ruhte zur Morgenliebkosung reichte
    »Ach nicht viel Besondres« sagte die Libyerin »komm Glauke« fuhr sie
fort indem sie die blendend weiße golddurchwirkte Chlamys aus der Kleiderpresse
nahm und sorgfältig auf den Armen ausgebreitet hielt bis die Gerufene ihr sie
abnahm mit Einem Wurf der Kaiserin in den schönsten Falten über die Schulter
schlug mit dem weißen Gürtel zusammenfasste und das eine Ende mit einer
Goldspange die einst die Taube der Venus jetzt aber im Gegenteil den heiligen
Geist darstellte über der weißen Achsel befestigte Glauke die Tochter eines
atenischen Bildhauers hatte jahrelang den Faltenwurf studiert war deshalb von
der Kaiserin um viele tausend Solidi angekauft worden und hatte den ganzen Tag
über nur dies einzige Geschäft
    »Duftige Seifenkugeln aus Spanien« berichtete Zephyris »sind wieder frisch
angekommen Ein neues milesiches Märchen ist erschienen und der alte Ägypter
ist wieder da« setzte sie leiser hinzu »mit seinem Nilwasser Er sagt es
helfe unfehlbar Die Perserkönigin die acht Jahre kinderlos  «
    Seufzend wandte sich Theodora ab ein Schatte flog über das glatte Gesicht
»Schick ihn fort« sagte sie »diese Hoffnung ist vorüber« 
    Und es war einen Augenblick als wollte sie in trübes Sinnen versinken
    Aber sich aufraffend trat sie Galateen winkend zu ihrem Lager zurück nahm
den zerdrückten Eppichkranz der auf ihrem Kopfkissen lag und gab ihn der Alten
mit den geflüsterten Worten »für Anicius schick es ihm zu  Den Schmuck
Erigone« Diese von zwei andern Sklavinnen unterstützt trug mühsam die schwere
Kiste von Erz herbei deren Deckel in getriebnen Figuren die Werkstätte des
Vulcanus darstellend mit dem Siegel der Kaiserin an die Lade befestigt war
Erigone zeigte dass das Siegel unverletzt und schlug den Deckel auf neugierig
stellte sich da manches Mädchen auf die Fußspitzen einen Blick von den
schimmernden Schätzen zu erhaschen»Willst du noch die Sommerringe Herrin«
fragte Erigone  »Nein« sprach Theodora wählend »die Zeit dafür ist um Gib
mir die schwereren die Smaragden« Erigone reichte ihr Ohrringe Fingerring und
Armband
    »Wie schön« sagte Antonina von ihren frommen Versen aufsehend »steht das
Weiß der Perle zu dem Grün des Steins«
    »Es ist ein Schatzstück der Kleopatra« sagte die Kaiserin gleichgültig
»der Jude hat den Stammbaum der Perle eidlich erhärtet«
    »Aber du zögerst lange« erinnerte Antonina »Justinians Goldsänfte harrte
schon als ich herauf kam«
    »Ja Herrin« rief eine junge Sklavin ängstlich »der Sklave vor der
Sonnenuhr sagte schon die vierte Stunde an Eile Herrin«
    Ein Stich mit der Lanzette war die Antwort »Willst du die Kaiserin mahnen«
Aber Antoninen flüsterte sie zu »Man muss die Männer nicht verwöhnen sie müssen
immer auf uns warten wir nie auf sie
    Meinen Straussenfächer Tais Geh Jone die kappadokischen Sklaven sollen
an meine Sänfte treten«
    Und sie wandte sich zum Gehen »O Theodora« rief Antonina rasch »vergiss
meine Bitte nicht«
    »Nein« sagte diese plötzlich stehenbleibend »gewiss nicht Und damit du
ganz sicher gehst« lächelte sie »leg ichs in deine eigne Hand Meine
Wachstafel und den Stift« Galatea brachte sie eilig Theodora schrieb und
flüsterte der Freundin zu »Der Präfekt des Hafens ist einer meiner alten
Freunde Er gehorcht mir blind Lies was ich schreibe An Aristarchos den
Präfekten Theodora der Kaiserin
    Wenn Severius des Boëtius Sohn das Schiff des Belisarius besteigen will
halt ihn nötigenfalls mit Gewalt zurück und sende ihn hierher in meine
Gemächer er ist zu meinem Kämmerer ernannt Ists recht so liebe Schwester«
flüsterte sie
    »Tausend Dank« sagte diese mit leuchtenden Augen
    »Aber wie« rief die Kaiserin laut plötzlich an ihren Hals fassend »und
die Hauptsache hätten wir vergessen Mein Amulett den Mercurius Bitte
Antonina dort liegt es« Hastig wandte sich diese den kleinen goldnen Merkur
den besten Geleitsmann der an seidner Schnur an dem Bette der Kaiserin hing zu
holen Inzwischen aber strich Theodora schnell das Wort »Severinus« mit dem
Goldgriffel aus und schrieb dafür »Anicius« Sie klappte das Täfelchen zusammen
umschnürte und siegelte es mit ihrem Venusring
    »Hier das Amulett« sagte Antonina zurückkommend
    »Und hier der Befehl« lächelte die Kaiserin »Du magst ihn selbst im
Augenblick der Abfahrt an Aristarchos übergeben Und jetzt« rief sie »jetzt
auf in die Kirche«
 
                              Zwanzigstes Kapitel
In Neapolis derjenigen Stadt Italiens über welcher die zu Byzanz aufsteigenden
Wetterwolken sich zuerst entladen sollten ahnte man nichts von einer drohenden
Gefahr Da wandelten damals Tag für Tag an den reizenden Hängen welche nach dem
Posilipp führen oder an den Uferhöhen im Südosten der Stadt in vertrautem
Gespräch alle Wonnen jugendlich begeisterter Freundschaft geniessend zwei
herrliche Jünglinge der eine in braunen der andre in goldnen Locken die
Dioskuren Julius und Totila
    O schöne Zeit da es die reine Seele umweht von der frischen Morgenluft des
Lebens noch unenttäuscht und unermüdet trunken von der Fülle stolzer Träume
drängt hinüberzufluten in ein gleich junges gleich reiches gleich
überschwängliches Gemüt Da stärkt sich der Vorsatz zu allem Edelsten der
Aufschwung zu dem Höchsten der Flug bis in die lichte Nähe des Göttlichen wird
in der Mitteilung gewagt in der seligen Gewissheit verstanden zu sein
    Wenn der Blütenkranz in unsren Locken gewelkt ist und die Ernte unsres
Lebens beginnt mögen wir lächeln über jene Träume der Jünglingszeit und
Jünglingsfreundschaft aber es ist kein Lächeln des Spottes es ist ein Ausdruck
von jener Wehmut mit der wir in nüchterner Herbstluft der süßen berauschenden
Lüfte des ersten Frühlings gedenken 
    Der junge Gote und der junge Römer hatten sich gefunden in der glücklichsten
Zeit für einen solchen Bund und sie ergänzten sich wunderbar Totilas sonnige
Seele hatte den vollen Schmelz der Jugend bewahrt lachend sah er in die
lachende Welt er liebte den Menschen und der Glanz seines wohlwollenden Wesens
gewann ihm leicht und rasch alle Herzen Er glaubte nur an das Gute und des
Guten Sieg traf er das Böse das Gemeine auf seinem Pfad so trat er es mit dem
heilig lodernden Zorn eines Erzengels in den Staub durch seine sanfte Natur
brach dann den Helden verratend die gewaltige Kraft die in ihr ruhte und
nicht eher ließ er ab bis das verhasste Element aus seinem Lebenskreise getilgt
war Aber im nächsten Augenblick war dann die Störung wie überwunden so
vergessen und harmonisch wie seine Seele fühlte er ringsum Welt und Leben Stolz
und froh empfand er die Vollkraft seiner Jugend und jauchzend drückte er das
goldne Dasein an die Brust Singend schritt er durch die wimmelnden Straßen von
Neapolis der Abgott der Mädchen der Stolz seiner gotischen Waffenfreunde wie
ein Gott der Freude beglückend und beglückt
    Der helle Zauber seines Wesens teilte sich selbst der stilleren Seele seines
Freundes mit Julius Montanus zart und sinnig angelegt eine fast weibliche
Natur früh verwaist und von Cetegus hochüberlegnem Geist eingeschüchtert in
Einsamkeit und unter Büchern aufgewachsen von der trostlosen Wissenschaft jener
Zeit mehr belastet als gehoben sah das Leben ernst fast wehmütig an Ein Zug
zur Entsagung und die Neigung alles Bestehende an dem strengen Maß
übermenschlicher Vollendung zu messen lag in ihm und mochte sich leicht bis zur
Schwermut verdüstern Zur glücklichen Stunde fiel Totilas sonnige Freundschaft
in seine Seele und erhellte sie bis in ihre tiefsten Falten so mächtig dass
seine edle Natur auch von einem schweren Schlage sich wieder elastisch
aufrichten konnte den eben diese Freundschaft auf sein Haupt ziehen sollte
    Hören wir ihn selbst darüber an den Präfekten berichten
    »Cetegus dem Präfekten Julius Montanus
    Die kalterzige Antwort die Du auf den warmgefühlten Bericht von meinem
neuen FreundschaftsGlück erteiltest hat mir zuerst  gewiss gegen Deine Absicht
 sehr wehe getan später aber das Glück eben dieser Freundschaft erhöht
freilich in einer Weise welche Du weder ahnen noch wünschen konntest
    Der Schmerz durch Dich hat sich bald in Schmerz um Dich verwandelt Wollte
es mich anfangs kränken dass Du meine tiefste Empfindung als die Schwärmerei
eines kranken Knaben behandeltest und die Heiligtümer meiner Seele mit bittrem
Spott antasten wolltest  nur wolltest denn sie sind unantastbar  so ergriff
mich doch statt dessen bald das Gefühl des Mitleids mit Dir Wehe dass ein Mann
wie Du so überreich an Kräften des Geistes darbest an den Gütern des Herzens
Wehe dass Du die Wonne der Hingebung nicht kennst und jene opferfreudige Liebe
die ein von Dir mehr verspotteter als verstandner Glaube den mir jeder Tag des
Schmerzes näher bringt die caritas die Nächstenliebe nennt Wehe Dir dass Du
das Herrlichste nicht kennst Vergib die Freiheit dieser meiner Rede ich weiß
ich habe noch nie in solchen Worten zu Dir gesprochen aber erst seit kurzem bin
ich der ich bin Vielleicht nicht ganz mit Unrecht hat noch Dein letzter Brief
Spuren von Knabenhaftigkeit an mir gegeisselt Ich glaube sie sind seitdem
verschwunden und ein Verwandelter sprech ich zu Dir Dein Brief Dein Rat
Deine Arznei hat mich allerdings zum Manne gereift aber nicht in Deinem Sinn
und nicht nach Deinem Wunsch Schmerz heiligen läuternden Schmerz hat er mir
gebracht er hat diese Freundschaft die er verdrängen sollte auf eine harte
Probe gestellt aber der Güte Gottes seis gedankt er hat sie im Feuer nicht
zerstört sondern gehärtet für immer
    Höre und staune was der Himmel aus Deinen Plänen geschaffen hat
    Wie wehe mir Dein Brief getan  in alter Gewohnheit des Gehorsams befolgte
ich alsbald seinen Auftrag und suchte Deinen Gastfreund auf den Purpurhändler
Valerius Procillus Er hatte bereits die Stadt verlassen und seine reizende
Villa bezogen Ich fand an ihm einen vielerfahrnen Mann und einen eifrigen
Freund der Freiheit und des Vaterlandes in seiner Tochter Valeria aber ein
Kleinod
    Du hattest recht prophezeit Meine Absicht mich gegen sie zu verschließen
zerschmolz bei ihrem Anblick wie Nebel vor der Sonne mir war Elektra oder
Kassandra Klölia oder Virginia stehe vor mir Aber mehr noch als ihre hohe
Schönheit bezauberte mich der Schwung ihrer unsterblichen Seele die sich
alsbald vor mir auftat Ihr Vater behielt mich sogleich als seinen Gast im Hause
und ich verlebte unter seinem Dach mit ihr die schönsten Tage meines Lebens Die
Poesie der Alten ist der Äther ihrer Seele
    Wie rauschten die Chöre des Äschylos wie rührend tönte Antigones Klage in
ihrer melodischen Stimme stundenlang lasen wir in Wechselrede und herrlich war
sie zu schauen wann sie sich erhob im Schwunge der Begeisterung wann ihr
dunkles Haar in freie Wellen gelöst niederfloss und aus ihrem großen runden
Auge ein Feuer blitzte nicht von dieser Welt
    Und  was ihr vielleicht noch tiefen Schmerz bereiten wird  eine Spaltung
die durch all ihr Leben geht gibt ihr den höchsten Reiz Du ahnst wohl was ich
meine da Du seit Jahren das Schicksal ihres Hauses kennst Du weißt wohl
genauer als ich wie es kam dass Valeria schon bei ihrer Geburt von ihrer
frommen Mutter einem ehelosen einsamen Leben in Werken der Andacht geweiht
dann aber von ihrem reichen und mehr römisch als christlich gesinnten Vater um
den Preis einer Kirche und eines Klosters die er baute losgekauft worden ist
Aber Valeria glaubt dass der Himmel nicht totes Gold nehme für eine lebendige
Seele sie fühlt sich der Bande jenes Gelübdes nicht ledig deren sie ewig aber
nur in Furcht nicht in Liebe gedenkt
    Denn Du hattest recht als Du schriebst sie sei durch und durch ein Kind der
alten der heidnischen Welt Das ist sie die echte Tochter ihres Vaters aber
doch kann sie der frommen Mutter entsagend Christentum nicht abtun es lebt
nicht in ihr als ein Segen es lastet auf ihr als ein Fluch als der
unentrinnbare Zwang jenes Gelübdes Diesen wundersamen Zwiespalt diesen
verhängnisvollen Widerstreit trägt die edle Jungfrau im Gemüt er quält sie
aber er veredelt sie zugleich
    Wer weiß wie er sich lösen wird der Himmel allein der ihr Schicksal
lenkt Mich aber zieht dieser innere Kampf mit ernsten Schauern an Du weißt ja
dass in mir selbst der Christenglaube und die Philosophie in ungeklärter Mischung
durcheinander wogen Zu meinem Staunen hat in diesen Tagen des Schmerzes der
Glaube zugenommen und fast will mich bedünken die Freude führe zu der
heidnischen Weisheit zu Christus aber der Schmerz und das Unglück
    Aber höre wie der Schmerz über mich gekommen
    Anfangs als ich diese Liebe in mir keimen sah war ich froher Hoffnung
voll Valerius vielleicht schon früher von Dir für mich gewonnen sah meine
wachsende Neigung offenbar nicht ungern vielleicht hatte er nur das an mir
auszusetzen dass ich seinen Traum von der Wiederaufrichtung der römischen
Republik nicht eifrig genug teilte und nicht seinen Hass gegen die Byzantiner in
denen er die Todfeinde seines Hauses wie Italiens sieht Auch Valeria war mir
bald freundschaftlich geneigt und wer weiß ob nicht damals die Verehrung gegen
den Willen ihres Vaters und diese Freundschaft genügt hätten sie in meine Arme
zu führen Aber ich danke  soll ich sagen Gott oder dem Schicksal  dass es
nicht so kam Valeria einer halb gleichgültigen Ehe opfern wäre ein Frevel
gewesen Ich weiß nicht welches seltsame Gefühl mich abhielt das Wort zu
sprechen das sie in jenen Tagen gewiss zu der Meinen gemacht hätte Ich liebte
sie doch so tief  aber so oft ich mir ein Herz fassen und bei ihrem Vater um
sie werben wollte immer beschlich mich ein Gefühl als tu ich unrecht an dem
Gut eines andern als sei ich ihrer nicht würdig oder doch nicht die ihr vom
Schicksal zugedachte Hälfte ihrer Seele und ich schwieg und bezähmte das
pochende Herz
    Einstmals um die sechste Stunde  schwül brannte die Sonne rings auf Land
und Meer  suchte ich Schatten in der kühlen Marmorgrotte des Gartens Ich trat
ein durch das Oleandergebüsch da lag sie schlafend auf der weichen Rasenbank
die eine Hand auf dem leise wogenden Busen der linke Arm unter dem edelen Haupt
das noch vom Frühmahl her der schöne Asphodeloskranz schmückte Ich stand bebend
vor ihr so schön war sie noch nie gewesen ich beugte mich über sie und staunte
die edelen wie in Marmor gebildeten Züge an heiß schlug mein Herz ich beugte
mich über sie diese roten feingeschnittenen Lippen zu küssen
    Da fiel mirs plötzlich zentnerschwer aufs Herz es ist ein Raub was du
begehen willst Totila rief unwillkürlich meine ganze Seele und still wie ich
gekommen schlich ich fort
    Totila Was war er mir nicht früher eingefallen
    Ich machte mir Vorwürfe den Bruder meines Herzens über dem neuen Glück fast
vergessen zu haben
    Deine Prophezeiung Cetegus dachte ich soll sich nicht erfüllen diese
Liebe soll mich dem Freunde nicht entfremden Er soll Valeria sehen gleich mir
bewundern meine Wahl lobpreisen und dann dann will ich werben und Totila
soll glücklich sein mit uns
    Andern Tages ging ich nach Neapolis zurück ihn zu holen Ich pries ihm den
Schimmer des Mädchens aber ich vermochte es nicht über mich ihm von meiner
Liebe zu sprechen Er sollte sie sehen und alles erraten Wir fanden sie bei
unsrer Ankunft nicht in den Zimmern der Villa So führte ich Totila in den
Garten  Valeria ist die eifrigste Pflegerin der Blumen  wir bogen Totila
voran aus einem dichten Taxusgang da schimmerte uns ihre Erscheinung plötzlich
entgegen sie stand vor einer Statue ihres Vaters und kränzte sie mit
frischgepflückten Rosen die sie hoch aufgehäuft in der Busenfalte der Tunika
mit der Linken auf der Brust zusammenhielt
    Es war ein überraschend schönes Bild die herrliche Jungfrau in dem Grün
des Taxus gleichsam eingerahmt vor dem weißen Marmor die Rechte anmutvoll
erhebend und mächtig wirkte die Erscheinung auf Totila mit einem lauten Ruf
des Staunens blieb er sprachlos ihr gerade gegenüber stehen
    Sie sah auf und zuckte erschrocken wie blitzgetroffen zusammen die Rosen
fielen in dichten Flocken aus ihrem Gewand sie sah es nicht ihre Augen hatten
sich getroffen ihre Wangen erglühten  ich sah mit Blitzschnelle ihr Geschick
und mein Geschick entschieden
    Sie liebten sich beim ersten Anblick
    Schmerzlich wie ein brennender Pfeil durchdrang die Gewissheit meine Seele
Aber doch nur einen Augenblick herrschte der Schmerz ungemischt in meiner Brust
Sofort wie ich die beiden betrachtete die herrlichen Gestalten empfand ich
neidlose Freude dass sie sich gefunden denn es war wie wenn die Macht die der
Sterblichen Leiber bildet und Seelen sie aus Einem Stoff füreinander
geschaffen wie Morgensonne und Morgenröte schimmerten sie ineinander und jetzt
erkannte ich auch das dunkle Gefühl das mich wie ein Vorwurf von Valeria fern
gehalten das mir seinen Namen auf die Lippen geführt hatte sein sollte Valeria
werden nach Gottes Ratschluss oder dem Gang der Sterne und ich sollte nicht
zwischen sie treten
    Erlass mir das Weitere zu berichten Denn so selbstisch ist mein Sinn
geartet so wenig Macht hat noch die heilige Lehre des Entsagens über mich
gewonnen dass  ich schäme mich das zu gestehen  dass mein Herz auch jetzt noch
manchmal schmerzlich zuckt statt freudig zu schlagen für das Glück der Freunde
    Rasch und unscheidbar wie zwei Flammen ineinander lodern schlugen ihre
Seelen zusammen Sie lieben sich und sind glücklich wie die seligen Götter mir
ist die Freude geblieben ihr Glück zu schauen und ihnen beizustehen es noch
vor dem Vater zu verbergen der sein Kind wohl schwerlich dem Barbaren schenken
wird solang er in Totila nur den Barbaren sieht
    Meine Liebe aber und ihren Opfertod halt ich vor dem Freunde tief
verborgen er ahnt nicht und soll nie erfahren was sein glänzend Glück nur
trüben könnte Du siehst nun o Cetegus wie weit ab von Deinem Ziel ein Gott
Deinen Plan gewendet Mir hast Du jenes Kleinod Italiens bringen wollen und hast
es Totila zugeführt Meine Freundschaft hast Du zerstören wollen und hast sie in
den Gluten heiliger Entsagung von allem Irdischen befreit und unsterblich
gemacht Du hast mich zum Manne machen wollen durch der Liebe Glück  ich bins
geworden durch der Liebe Schmerz
    Lebe wohl und verehre das Walten des Himmels«
 
                           Einundzwanzigstes Kapitel
Wir unterlassen es den Eindruck dieses Schreibens auf den Präfekten auszumalen
und begleiten lieber die beiden Dioskuren auf einem ihrer Abendspaziergänge an
den reizenden Ufergeländen von Neapolis
    Sie wandelten nach der früh beendigten Koena durch die Stadt und zur Porta
nolana hinaus die in schon halb verwitterten Reliefs die Siege eines römischen
Imperators über germanische Stämme verherrlichte
    Totila blieb stehen und bewunderte die schöne Arbeit
    »Wer ist wohl der Kaiser« fragte er den Freund »dort auf dem Siegeswagen
mit dem geflügelten Blitz in der Hand wie ein Jupiter Tonans«  »Es ist Marc
Aurel« sagte Julius und wollte weitergehen  »O bleib doch Und wer sind die
vier Gefesselten mit den langwallenden Haaren die den Wagen ziehen«
    »Es sind Germanenkönige«  »Doch welches Stammes« fragte Totila weiter 
»sieh da eine Inschrift Goti extincti Die Goten vernichtet«
    Laut lachend schlug der junge Gote mit flacher Hand auf die Marmorsäule und
schritt rasch durch das Tor »Eine Lüge in Marmor« rief er rückwärts blickend
»Das hat der Imperator nicht gedacht dass einst ein gotischer Seegraf in
Neapolis seine Prahlereien Lügen straft«  »Ja die Völker sind wie die
wechselnden Blätter am Baume« sagte Julius nachdenklich »wer wird nach euch in
diesen Landen herrschen« Totila blieb stehen »Nach uns« fragte er erstaunt 
»Nun du wirst doch nicht glauben dass deine Goten ewig dauern werden unter den
Völkern«
    »Das weiß ich doch nicht« sagte Totila langsam fortschreitend  »Mein
Freund Babylonier und Perser Griechen und Makedonen und wie es scheinen will
auch wir Römer hatten ihre zugemessene Zeit sie blühten reiften und vergingen
Solls anders sein mit den Goten«
    »Ich weiß das nicht« sagte Totila unruhig »ich habe den Gedanken nie
gedacht Es ist mir noch nie eingefallen dass eine Zeit kommen könnte da mein
Volk«   er hielt inne als sei es Sünde den Gedanken auszudenken »Wie kann
man sich dergleichen vorstellen ich denke daran so wenig wie  wie an den Tod«
    »Das sieht dir gleich mein Totila«
    »Und dir sieht es gleich dich und andre mit solchen Träumereien zu quälen«
    »Träumereien Du vergisst dass es für mich für mein Volk schon Wirklichkeit
geworden Du vergisst dass ich ein Römer bin Und ich kann mich nicht darüber
täuschen wie die meisten tun es ist vorbei mit uns Das Zepter ist von uns auf
euch übergegangen glaubst du es lief so ohne Schmerz ohne Nachsinnen für mich
ab in dir meinem Herzensfreund den Barbaren den Feind meines Volkes zu
vergessen«
    »Das ist nicht so beim Glanz der Sonne« fiel Totila eifrig ein »Find ich
auch in deiner milden Seele den herben Wahn Blick doch nur um dich Wann sage
mir wann hat Italien herrlicher geblüht als unter unsrem Schilde Kaum in den
Tagen des Augustus Ihr lehrt uns Weisheit und Kunst wir leihen euch Friede und
Schutz Kein schöneres Wechselverhältnis lässt sich denken Die Harmonie zwischen
Römern und Germanen kann eine ganz neue Zeit erschaffen schöner als je eine
bestanden«
    »Die Harmonie aber sie ist nicht da Ihr seid uns ein fremdes Volk
geschieden durch Sprache und Glaube durch Stammes und Sinnesart und durch
halbtausendjährigen Hass
    Wir brachen früher eure Freiheit ihr jetzt die unsre zwischen uns gähnt
eine ewige Kluft«  »Du verwirfst den Lieblingsgedanken meiner Seele«
    »Er ist ein Traum«  »Nein er ist Wahrheit ich fühl es und vielleicht
kommt noch die Zeit dirs zu beweisen Das Werk meines ganzen Lebens bau ich
drauf«  »So wärs auf einen edelen Wahn gebaut Keine Brücke zwischen Römern
und Barbaren«  »Dann« sagte Totila heftig »begreif ich nicht wie du leben
kannst wie du mich «
    »Vollende nicht« sagte Julius ernst »Es war nicht leicht es war die
schwerste der Entsagungen Erst nach hartem Widerstreit der Selbstsucht ist sie
mir gelungen aber endlich hab ich aufgehört in meinem Volk allein zu leben
Der heilge Glaube der jetzt schon  und er allein vermags  Römer und
Germanen verbindet der meinen widerstrebenden Verstand durch lauter Schmerzen 
Schmerzen die Freuden sind  allmählich immer mächtiger umschlingt er hat mir
auch in diesem Zwiespalt Friede gebracht In diesem Einen darf ich mich jetzt
schon rühmen ein Christ zu sein ich lebe der Menschheit nicht meinem Volk
allein ein Mensch kein bloßer Römer mehr Darum kann ich dich den Barbaren
lieben wie einen Bruder sind wir doch Bürger Eines Reichs der Menschheit
    Darum kann ich es ertragen zu leben nachdem ich mein Volk gestorben sehe
Ich lebe der Menschheit sie ist mein Volk«
    »Nein« rief Totila lebhaft »das könnt ich nimmermehr In meinem Volk
allein kann ich und will ich leben meines Volkes Art ist die Luft in der
allein meine Seele atmen kann Warum solln wir nicht dauern können ewig oder
doch solang diese Erde dauert Was Perser und Griechen Wir sind von besserem
Stoff Weil sie dahinsiechten und versanken müssen darum auch wir siechen und
versinken Noch blühn wir in voller Jugendkraft Nein wenn ein Tag kommt da
die Goten sinken  mög ihn mein Auge nicht mehr sehen O all ihr Götter lasst
uns nur nicht dahinkranken jahrhundertelang wie diese Griechen die nicht leben
können und nicht sterben Nein muss es sein so sendet ein furchtbar
Kampfgewitter und lasst uns rasch und herrlich fallen alle alle und mich
voran«
    Der Jüngling hatte sich in die wärmste Begeisterung gesprochen Er sprang
empor von der Marmorbank auf der Straße darauf sie sich niedergelassen den
Lanzenschaft hoch gen Himmel erhebend
    »Mein Freund« sagte Julius ihn liebevoll anblickend »wie schön steht dir
dieser Eifer Aber bedenke ein solcher Kampf würde mit uns mit meinem Volk
entbrennen und sollte ich «
    »Zu deinem Volke sollst du stehen mit Leib und Seele das ist klar wenn es
jemals zu solchem Kampfe kommt Du glaubst das würde unsrer Freundschaft
Eintrag tun mit nichten Zwei Helden können sich knochentiefe Wunden haun und
dabei doch die besten Freunde sein Ha mich würd es freuen dich in einer
Schlachtreihe mir entgegenschreiten sehen mit Schild und Speer«
    Julius lächelte »Meine Freundschaft ist nicht so grimmiger Art du wilder
Gote  Diese Fragen und Zweifel haben mich lange und bitter gequält und all
meine Philosophen zusammen haben mir nicht den Frieden gebracht Erst seit ichs
in Schmerzen erfahren dass ich dem Gott im Himmel allein zu dienen habe und auf
Erden der Menschheit und nicht Einem Volk «
    »Gemach Freund« rief Totila »wo ist denn die Menschheit von der du
schwärmst Ich sehe sie nicht Ich sehe nur Goten Römer Byzantiner Eine
Menschheit über den wirklichen Völkern irgendwo in den Lüften kenn ich nicht
Ich diene der Menschheit indem ich meinem Volke lebe Ich kann gar nicht
anders ich kann nicht die Haut abstreifen darin ich geboren bin Gotisch denk
ich in gotischen Worten nicht in einer allgemeinen Sprache der Menschheit die
gibt es nicht Und wie ich nur gotisch denke kann ich auch nur gotisch fühlen
Ich kann das Fremde anerkennen o ja Ich bewundre eure Kunst euer Wissen zum
Teil euren Staat in welchem alles so streng geordnet ist
    Wir können vieles von euch lernen  aber tauschen könnt ich und möcht ich
mit keinem Volk von Engeln Ha meine Goten Im Grund des Herzens sind mir ihre
Fehler lieber als eure Tugenden«
    »Wie ganz anders empfinde ich und bin doch ein Römer«
    »Du bist kein Römer vergib mein Freund es gibt schon lange keine Römer
mehr Sonst wär ich nicht der Seegraf von Neapolis So wie du kann nur
empfinden wer eigentlich kein Volk mehr hat So wie ich muss jeder fühlen der
eines lebendigen Volkes ist«
    Julius schwieg eine Weile »Und wenn dem so ist  wohl mir Heil wenn ich
die Erde verloren den Himmel zu gewinnen Was sind die Völker was ist der
Staat was ist die Erde Nicht hier unten ist die Heimat meiner unsterblichen
Seele Sie sehnt sich nach jenem Reiche wo alles anders ist als hier«
    »Halt ein mein Julius« sprach Totila stehenbleibend die Lanze auf den
Boden stossend »Hier auf Erden hab ich festen Grund hier lass mich stehen und
leben hier nach Kräften das Schöne genießen das Gute schaffen nach Kräften In
deinen Himmel kann und will ich dir nicht folgen Ich ehre deine Träume ich
ehre deine heilge Sehnsucht  aber ich teile sie nicht Du weißt« fügte er
lächelnd hinzu »ich bin ein Heide unverbesserlich wie meine Valeria  unsere
Valeria Zur rechten Stunde denk ich ihrer Deine erdenflüchtgen Träume ließ
uns am Ende des Liebsten auf Erden vergessen Sieh wir sind zur Stadt
zurückgekommen die Sonne sinkt so rasch hier im Süden und ich soll noch vor
Nacht die bestellten Sämereien in den Garten des Valerius bringen Ein
schlechter Gärtner« lächelte er »der seiner Blume vergässe Leb wohl  ich
biege rechts hinab«
    »Grüße mir Valeria Ich gehe nach Hause zu lesen«
    »Was liesest du jetzt Noch Platon«
    »Nein Augustinus Lebe wohl«
 
                          Zweiundzwanzigstes Kapitel
Rasch eilte Totila durch die Straßen der Vorstadt die belebteren Teile der
Innenstadt meidend nach der Porta capuana zu und dem Turm Isaks des jüdischen
Pförtners Der Turm unmittelbar zur Rechten des Tores mit starken Mauern und
massiv gewölbtem Dach erbaut erhob sich in mehreren sich verjüngenden Absätzen
In dem höchsten Stockwerk dicht an den zackigen Zinnen waren zwei niedre aber
breite Gelasse zur Wohnung des Türmers bestimmt
    Dort hausten der alte Jude und Miriam sein dunkelschönes Kind
    In dem größeren Gemach wo an den Wänden in strenger Ordnung die großen
schweren Schlüssel zu den Haupttüren und den Nebenpforten des wichtigen
Torgebäudes dann das krumme Wächterhorn und der breite hellebardengleiche
Speer des Pförtners hingen saß mit gekreuzten Beinen auf rohrgeflochtener Matte
Isak der greise Turmwart eine hohe starkknochige Gestalt mit der Adlernase
und den buschigen hochgeschweiften Brauen seiner Rasse
    Er hielt einen langen Stab zwischen den Knieen und aufmerksam hörte er den
Worten eines jungen unansehnlichen Mannes offenbar auch eines Israeliten zu
in dessen harten nüchternen Zügen der ganze Rechnerverstand des jüdischen
Stammes lag
    »Sieh Vater Isak« schloss er mit unschöner klangloser Stimme »meine Rede
ist keine eitle Rede und meine Worte kommen nicht aus dem Herzen allein das
blind ist sondern aus dem Kopf der da ist sehend Und hier hab ich mit mir
gebracht Brief und Urkund für jedes Wort meines Mundes hier meine Bestallung
als Baumeister für alle Wasserleitungen von Italien jährlich fünfzig Goldsoldi
und für jedes neue Werk zehn Soldi besonders Eben erst hab ich wieder
hergestellt die zerfallene Wasserleitung dieser Stadt Neapolis hier in diesem
Beutel sind die zehn Goldstücke richtig bezahlt Du siehst ich kann ernähren
ein Weib zudem bin ich Rachels deiner Muhme leiblicher Sohn So lass mich
nicht reden umsonst und gib mir Miriam dein Kind dass sie bestelle mein Haus«
    Aber der Alte strich seinen grauen langen Kinnbart und schüttelte langsam
das Haupt »Jochem Sohn Rachels mein Sohn  ich sage dir lass ab lass ab«
    »Warum was kannst du haben gegen mich Wer mag reden wider Jochem in
Israel«
    »Niemand Du bist gerecht und still und fleißig und mehrest deine Habe und
dein Werk gedeiht vor dem Herrn Aber hast du gesehen dass sich die Nachtigall
paart mit dem Sperling oder die schlanke Gazelle mit dem Lasttier Sie passen
nicht zusammen Und nun sieh dorthin und sage mir selbst ob du passest für
Miriam mein Kind«
    Und er schob mit seinem langen Stock sachte den grünwollenen Vorhang zur
Seite der das vordere Gemach abschloss
    Leise silberne Töne waren schon herübergeklungen in das Gespräch der Männer
jetzt sah man in den einfachen aber gefälligen Raum An dem weiten
Rundbogenfenster das über die herrliche Neapolis das blaue Meer und die fernen
Berge die freieste Aussicht bot stand ein junges Mädchen ein fremdartig
geformtes Saiteninstrument im Arm Es war eine Erscheinung von überraschender
Schönheit Glühend rot fiel das Licht der sinkenden Sonne noch in das
hochgelegene Gemach und übergoss wie das weiße Faltengewand so das edel
geschnittene Profil des Mädchens mit purpurnem Schimmer es spielte auf dem
glänzend schwarzen Haar das halb hinter das feine Ohr zurückgestrichen die
edelen Schläfe zeigte Und wie dieser Sonnenglanz so schien der Glanz der Poesie
die ganze Erscheinung zu umstrahlen jede ihrer Bewegungen zu begleiten und
jeden träumerischen Blick aus diesen dunkelblauen Augen die in weiches Sinnen
versunken über die Stadt und das Meer hinschweiften »Dunkelmeeresblau« hatte
diese Augen Piso der Dichter genannt 
    Wie im halben Traum berührten die Finger nur leise leise die Saiten
während von den halbgeöffneten Lippen geflüstert mehr als gesungen eine alte
melancholische Weise klang
»An Wasserflüssen Babylons
Sass weinend Judas Stamm 
Wann kommt der Tag da Judas Stamm
Nicht mehr zu weinen hat« 
    »Nicht mehr zu weinen hat« wiederholte sie träumend und neigte das Haupt
auf den Arm der die Harfe auf der Fensterbrüstung hielt
    »Sieh hin« sprach der Alte leise »ist sie nicht lieblich wie die Rose in
den Gärten von Saron und die Hindin auf den Bergen von Hiram und ist kein Fehl
an ihrem Leibe«
    Ehe Jochem antworten konnte scholl dreimal ein leises Klopfen an der
schmalen Eisenpforte unten Miriam fuhr auf aus ihrem Sinnen strich rasch mit
der Hand über die Augen und eilte die enge Wendeltreppe hinunter
    Jochem trat an das Fenster und sein Gesicht legte sich in grimmige Falten
»Ha der Christ der gottverfluchte« knirschte er und ballte die Faust »Schon
wieder der blonde Gote mit dem unbändigen Stolz Vater Isak ist das der
Edelhirsch der dir zu deiner Hindin passt«  »Sohn rede nicht Hohnwort wider
Isak Du weißt ja der Jüngling hat sein Herz gesetzt auf ein Römermädchen
seine Seele denkt nicht an die Perle von Juda«
    »Aber vielleicht die Perle von Juda an ihn«
    »Mit Dank und Freuden wie das Lamm denkt des starken Hirten der es
entrissen dem Rachen des Wolfs Hast du vergessen wie bei der letzten Jagd
welche die verdammten Römer machten auf die Schätze und Goldhaufen von Israel
und als sie niederbrannten die heilge Synagoge mit unheiligem Feuer wie da
eine Rotte dieser bösen Buben mein armes Kind aufjagte auf der Straße wie ein
Rudel Wölfe das weiße Lamm und zerrten ihr den Schleier vom Haupt und das
Busentuch von den Schultern  wo war da Jochem meiner Muhme Sohn der sie
begleitete Entflohen war er vor der Gefahr mit hurtigen Füßen und ließ die
Taube in den Krallen der Geier«
    »Ich bin ein Mann des Friedens« sagte Jochem unbehaglich »meine Hand führt
nicht das Schwert der Gewalt«
    »Aber Totila führt es wie einst der Löwe Juda und der Herr ist mit ihm
Allein wie er des Weges kam sprang er unter die Schar der frechen Räuber und
schlug den frechsten mit der Schärfe des Schwertes und verscheuchte die andern
wie der Turmfalk die Krähen und hüllte sorglich den Schleier über mein bebendes
Kind und stützte ihren wankenden Schritt und führte sie heim ungeschädigt in
die Arme ihres alten Vaters Das lohne ihm Jehova der Herr mit langem Leben und
segne alle Schritte seines Pfades«
    »Nun wohl« sagte Jochem seine Urkunden einsteckend »ich gehe diesmal für
lange Zeit Ich reise über das große Wasser zu machen ein groß Geschäft«
    »Ein groß Geschäft Mit wem«
    »Mit Justinianus dem Kaiser über Morgenland Es ist eingestürzt ein Stück
der großen Kirche die er baut der Weisheit des Herrn in der goldnen Stadt des
Konstantin Ich hab entworfen Plan und sauberen Grundriss wieder aufzubauen das
Gebäude«
    Heftig sprang der Alte auf und stieß seinen Stab auf den Boden »Wie
Jochem Sohn Rachels dem Römer willst du dienen Dem Kaiser dessen Vorfahren
die heilige Zion verbrannt und in Asche gelegt den Tempel des Herrn Und bauen
willst du an einem Haus des Unglaubens du der Sohn des frommen Manasse Wehe
wehe über dich«  »Was rufest du Wehe und weißt nicht warum Riechst dus dem
Goldstück an ob es kommt aus der Hand des Juden oder des Christen Wiegt es
nicht gleich schwer und glänzt es nicht gleich lieblich«
    »Sohn Manasses du kannst nicht Gott dienen und dem Mammon«
    »Aber du selbst dienst du nicht den Ungläubigen Seh ich nicht das
Wächterhorn an der Wand deines Hauses führst du nicht die Schlüssel für diese
Goten und tust ihnen auf und zu die Pforten für ihren Ausgang und Eingang und
hütest die Burg ihrer Stärke«
    »Ja das tu ich« sagte der Alte stolz »und wachen will ich für sie
treulich Tag und Nacht wie der Hund für den Herrn und solang Isak Odem hat
der Sohn Ruben soll kein Feind dieses Volkes schreiten durch dies Tor Denn
Dank schulden die Kinder Israel ihnen und ihrem großen König der weise war wie
Salomo und wie Gideons war sein Schwert Dank wie unsre Väter dem großen König
Cyrus der sie befreit hat aus Babylon Die Römer haben gebrochen den Tempel
des Herrn und zerstreut sein Volk über das Angesicht der Erde Sie haben uns
verspottet und geschlagen und verbrannt unsre heiligen Stätten und geplündert
unsre Truhen und verunreinigt unsre Häuser und gezwungen unsre Weiber überall in
ihren Landen und haben geschrieben gegen uns manch grausam Gesetz Da kam dieser
große König von Mitternacht dessen Samen Jehova segne und hat wieder aufgebaut
unsre Synagogen und wenn sie die Römer niederrissen mussten sie alles wieder
aufrichten mit eigener Hand und eigenem Gelde und er hat beschützt den Frieden
unsrer Dächer und wer Einen schädigte aus Israel der musste es büßen wie wer
einen Christen gekränkt Er hat uns gelassen unsern Gott und unsern Glauben und
hat beschirmt unsre Schritte auf den Straßen unsres Handels und wir feierten das
Passah in Frieden und Freude wie nicht mehr seit den Tagen da der Tempel noch
stand auf den Höhen von Zion Und als ein Großer unter den Römern mir mit Gewalt
meine Sarah geraubt mein Weib ließ ihm König Teoderich das stolze Haupt
abschlagen noch am selben Tage und gab mir wieder mein Weib unversehret Und das
will ich gedenken solange meine Tage dauern und will dienen seinem Volke treu
bis zum Tode und man soll wieder sagen weit in allen Landen treu und dankbar
wie ein Jude«
    »Mögest du nicht Undank ernten von den Goten für deinen Dank« sagte Jochem
sich zum Gehen rüstend »mir ist einmal kommt die Stunde für mich wieder um
Miriam zu werben zum letztenmal Vielleicht Vater Isak bist du dann minder
stolz« Und er schritt durch Miriams Gemach zur Treppe hinaus wo er Totila
begegnete Mit einer hässlichen Verbeugung und einem stechenden Blick drückte
sich der Kleine an dem schlanken Goten vorbei der beim Eintritt in die
Türmerwohnung sich tief bücken musste Miriam folgte ihm auf dem Fuß
    »Dort hängen deine Gärtnerkleider« sagte sie ohne die langen Wimpern
aufzuschlagen »und hier am Fenster hab ich die Blumen bereitgestellt Sie
liebt die weißen Narzissen sagtest du neulich Ich habe weiße Narzissen
besorgt Sie duften lieblich« Und die melodische Stimme schwieg
    »Du bist ein gutes Mädchen Miriam« sagte Totila den Helm mit den
silberweissen Schwanenflügeln abhebend und auf den Tisch setzend »wo ist dein
Vater«  »Der Segen des Herrn ruhe auf deinen goldnen Locken« sprach der Alte
in das Gemach tretend  »Gegrüsst treuer Isak« rief Totila warf den langen
glänzendweissen Mantel ab der ihm von den Schultern floss und hüllte sich in
einen braunen Überwurf den ihm Miriam von der Wand reichte »Ihr guten Leute
Ohne euch und eure verschwiegene Treue wüsste ganz Neapolis um mein Geheimnis
Wie kann ich euch danken«  »Dank« sagte Miriam schlug die dunkelblauen Augen
auf und ließ sie leuchtend auf ihm ruhen »Du hast voraus gedankt für alle
Zeit«
    »Nein Miriam« sagte der Gote den braunen breitkrempigen Filzhut tief in
die Stirne ziehend »ich mein es herzlich gut mit euch Sage Vater Isak wer
ist der Kleine den ich schon öfter hier gesehen und eben wieder begegnet Mir
ist er hat sein Auge auf Miriam geworfen Sprich offen wenn es bei ihr nur am
Gelde fehlt  ich helfe gern«  »Es fehlt an der Liebe Herr bei ihr« sagte
Isak ruhig  »Da kann ich freilich nicht helfen Aber wenn sonst ihr Herz
gewählt  ich möchte gern etwas tun für meine Miriam« Und er legte freundlich
die Hand auf das glänzende schwarze Haar des Mädchens Nur leise war die
Berührung Aber wie vom heißen Blitz getroffen fiel Miriam plötzlich auf die
Kniee die Arme über dem Busen kreuzend und das schöne Haupt tief nach vorn
beugend wie eine tauschwere Blume glitt sie zu den Füßen Totilas nieder
    Dieser trat bestürzt einen Schritt zurück
    Aber im Augenblick war das Mädchen wieder auf »Verzeih es war nur eine
Rose  sie fiel vor deinen Fuß«
    Sie legte die Blume auf den Tisch und so gefasst war sie dass weder ihr Vater
noch der Jüngling des Vorfalls weiter achteten
    »Es dunkelt schon eile Herr« sprach sie ruhig und reichte ihm den Korb mit
den Blumen  »Ich gehe Auch Valeria schuldet dir reichen Dank ich habe ihr
viel von dir erzählt und sie fragt mich stets nach dir Sie möchte dich lang
schon sehen Nun vielleicht geht das bald  heut ists wohl das letztemal dass
ich diese Vermummung brauche«
    »Willst du sie entführen die Tochter von Edom« rief der Alte »Bring sie
nur hierher hier ist sie wohl geborgen«
    »Nein« fiel Miriam ein »nicht hierher nein nein«
    »Weshalb nicht du seltsames Kind« zürnte der Alte
    »Das ist kein Raum für seine Braut  dies Gemach  es brächte ihr kein
Heil«  »Beruhigt euch« sagte Totila schon an der Türe »offene Werbung soll
der Heimlichkeit ein Ende machen Lebt wohl« Und er schritt hinaus Isak nahm
den Speer das Horn und einige Schlüssel von der Wand er folgte ihm zu öffnen
und die Abendrunde längs allen Pforten des großen Torbaues zu machen
    Miriam blieb oben allein
    Lange Zeit stand sie unbeweglich mit geschlossenen Augen an derselben
Stelle Endlich strich sie mit beiden Händen über Schläfe und Wangen und schlug
die Augen auf Still wars im Gemach durch das offene Fenster glitt der erste
Strahl des Mondlichts Er fiel silbern auf Totilas hellen Mantel der in langen
Falten über dem Stuhl hing Rasch flog Miriam auf den weißen Schimmer zu und
bedeckte den Saum des Mantels mit heißen Küssen Dann ergriff sie den blinkenden
Schwanenhelm der neben ihr auf dem Tische stand sie umfasste ihn mit beiden
Armen und drückte ihn zärtlich an die Brust Dann hielt sie ihn eine Weile
träumend vor sich hin endlich  sie konnte nicht  wiederstehen  hob sie ihn
rasch auf und setzte ihn auf das schöne Haupt sie zuckte als die Wölbung ihre
Stirn berührte dann strich sie die schwarzen Flechten aus den Schläfen und
drückte einen Augenblick den harten kalten Stahl fest mit beiden Händen an die
glühende Stirn Dann hob sie ihn wieder ab und legte ihn scheu umblickend auf
seinen frühern Ort zu dem Mantel Darauf trat sie ans Fenster und sah hinaus in
die duftige Nacht und das zauberische Mondlicht Ihre Lippen regten sich wie im
Gebet aber die Worte des Gebets klangen aus in der alten Weise
»An Wasserflüssen Babylons
Sass weinend Judas Stamm
Wann kommt der Tag der all dein Leid
Du Tochter Zion stillt«
                          Dreiundzwanzigstes Kapitel
Indessen Miriam schweigend aufsah zu den ersten Sternen hatte Totilas rascher
sehnsuchtbeflügelter Schritt alsbald die Villa des reichen Purpurhändlers die
etwa eine Stunde vor dem Kapuanischen Tor gelegen war erreicht
    Der Türstehersklave wies ihn an den alten Hortularius den Freigelassenen
Valerias dem die Sorge für die Gärten überlassen war Dieser der Vertraute der
Liebenden nahm dem Gärtnerburschen die Blumen und Sämereien ab die er
angeblich von dem ersten Blumenhändler von Neapolis brachte und geleitete ihn
in sein gewöhnliches Schlafgemach im Erdgeschoss dessen niedrige Fenster in den
Garten führten am andern Morgen noch vor Aufgang der Sonne  so wollte es die
Geheimlehre der antiken Gärtnerei  müssten die Blumen eingesetzt werden auf dass
das erste Sonnenlicht das sie in dem neuen Boden träfe das segenbringende der
Morgensonne sei 
    Ungeduldig erwartete der junge Gote in dem engen Gemach bei einem Kruge
Weines die Stunde da sich Valeria von ihrem Vater nach dem gemeinsamen
Nachtmahl verabschieden konnte
    Immer wieder sah er zum Himmel auf an dem Auftauchen der Sterne und dem
Gang des Mondes den Fortschritt der Nacht zu ermessen Er schlug den Vorhang
zurück der die Fensteröffnung schloss stille wars in dem weiten Garten In der
Ferne plätscherte nur leise der Springbrunnen und Zikaden zirpten in den
Myrtengebüschen der warme üppige Südwind strich in schwülem Hauch durch die
Nacht stossweise ganze Wolken von Wohlgerüchen aus Rosenbäumen auf seinen
Fittichen mit sich führend und weithin aus dem Pinienwäldchen am Ende des
Gartens drang lockend und sinnaufregend der tiefgezogene heiße Schlag der
Nachtigall
    Endlich hielt sich Totila nicht länger Geräuschlos schwang er sich über die
Marmorbrüstung des Fensters kaum knisterte unter seinen raschen Schritten der
weiße Sand der schmalen Wege wie er den Strom des Mondlichts meidend unter
dem Schatten der Gebüsche dahineilte Vorüber an den dunkeln Taxusgängen und den
Lauben von dichten Oliven vorüber an der hohen Statue der Flora deren weißer
Marmor geisterhaft im Mondlicht schimmerte vorüber an dem weiten Becken wo
sechs Delphine den Wasserstrahl hoch aus den Nüstern bliesen rasch eingebogen
in den dicht verwachsenen Laubweg von Lorbeer und Tamarinden und nun noch ein
Oleandergebüsch durchdringend stand er vor der Grotte aus Tropfstein in der
die Quellnymphe über einer dunkeln großen Urne lehnte
    Wie er eintrat glitt eine weiße Gestalt hinter der Statue hervor
    »Valeria meine schöne Rose« rief Totila und umschlang glühend die
Geliebte die leise seinem Ungestüm wehrte »Lass lass ab mein Geliebter«
flüsterte sie sich seinem Arm entziehend »Nein du Süße ich will nicht von
dir lassen Wie lang wie schmerzlich hab ich dein entbehrt Hörst du wie
lockend und wirbelnd die Nachtigall ruft fühlst du wie der warme Hauch der
Sommernacht der berauschende Duft des Geissblattes Liebe atmet Sie alle mahnen
und bedeuten wir sollen glücklich sein O lass sie uns festhalten diese goldnen
Stunden Meine Seele ist nicht weit genug all ihr Glück zu fassen all deine
Schönheit all unsre Jugend und diese glühende blühende Sommernacht in
mächtigen Wogen rauscht das volle Leben durch das Herz und wills vor Wonne
sprengen«
    »O mein Freund gern möcht ich wie du aufgehn im Glücke dieser Stunden
Ich kann es nicht Ich traue nicht diesem berauschenden Duft der üppigen
Schwüle dieser Sommernächte sie dauert nicht sie brütet Unheil ich kann nicht
glauben an das Glück unsrer Liebe«
    »Du liebe Törin warum nicht«
    »Ich weiß es nicht der unselige Zwiespalt der all mein Leben scheidet übt
seinen Fluch auch hier Gern möchte mein Herz sich trunken wie du diesem
Glücke hingeben Aber eine Stimme in mir warnt und mahnt es dauert nicht  du
sollst nicht glücklich sein«
    »So bist du nicht glücklich in meinen Armen«
    »Ja und nein Das Gefühl des Unrechts der Schuld gegen meinen edlen Vater
lastet auf mir Sieh Totila was mich zumeist an dir beglückt ist nicht diese
deine jugendschöne Kraft selbst deine große Liebe nicht Es ist der Stolz
meines Herzens auf deine Seele auf deine offene lichte edle Seele Ich habe
mich gewöhnt dich klar und hell wie einen Gott des Lichts durch diese dunkle
Welt schreiten zu sehen der edle Mut siegessichrer Kraft der Schwung die
freudige Wahrhaftigkeit deines Wesens ist mein Stolz dass alles Kleine Dumpfe
Gemeine versinken muss wo du nahest das ist mein Glück Ich liebe dich wie eine
Sterbliche den Sonnengott der ihr in Fülle seines Lichts genaht Und deshalb
kann ich an dir nichts Heimliches Verstecktes dulden Auch die Wonnen dieser
Stunden nicht  sie sind erlistet und es kann nicht länger also sein«
    »Nein Valeria und es soll auch nicht Ich fühle ganz wie du Auch mir ist
die Lüge dieser Mummerei verhasst ich trage sie nicht länger Ich bin gekommen
ihr ein Ende zu machen Morgen morgen werf ich diese Täuschung ab und spreche
zu deinem Vater offen und frei«  »Dieser Entschluss ist der beste denn« 
    »Denn er rettet dein Leben Jüngling« unterbrach plötzlich eine tiefe
Stimme und aus dem dunkeln Hintergrund der Grotte trat ein Mann und stieß das
blanke Schwert in die Scheide
    »Mein Vater« rief Valeria überrascht doch in mutiger Fassung Totila
schlang seinen Arm um sie sein Kleinod zu verteidigen
    »Hinweg Valeria fort von dem Barbaren« sprach Valerius befehlend den Arm
ausstreckend
    »Nein Valerius« sagte Totila die Geliebte fester an sich drückend »ihr
Platz ist fortin an dieser Brust«
    »Verwegner Gote«
    »Höre mich Valerius und zürne uns nicht um dieser Täuschung willen Du
hast es selbst gehört schon morgen sollte sie enden«
    »Zu deinem Glück hab ichs gehört Gewarnt von dem ältesten meiner Freunde
wollt ich doch kaum glauben dass meine Tochter  mich hintergeht Als ichs
glauben musste beschloss ich dass dein Blut deine List bezahlen sollte Dein
Entschluss hat dein Leben gerettet Jetzt aber flieh du siehst ihr Antlitz
niemals wieder« 
    Totilo wollte heftig erwidern aber Valeria kam ihm zuvor »Vater« sprach
sie ruhig zwischen die Männer tretend »höre dein Kind Ich will meine Liebe
nicht entschuldigen sie bedarf es nicht sie ist göttlich und notwendig wie die
Sterne die Liebe zu diesem Mann ist das Leben meines Lebens
    Du kennst meine Seele Wahrheit ist ihr Äther und ich sage dir bei meiner
Seele nie werd ich lassen von diesem Mann«  »Und niemals ich von ihr« rief
Totila und ergriff ihre Rechte
    Hochaufgerichtet stand das junge Paar vom Licht des Mondes voll beleuchtet
vor dem Alten ihre edlen Züge und Gestalten trugen im Augenblick die Weihe
heiliger Begeisterung und so schön war die Gruppe dass ein rührendes
erweichendes Gefühl davon sich unwillkürlich dem zürnenden Vater aufdrängte
»Valeria mein Kind«
    »O mein Vater Du hast mit einer Liebe und Treue all meine Schritte
geleitet dass ich bisher die Mutter die verlorne zwar beklagte aber kaum
vermisste Jetzt in dieser Stunde vermiss ich sie zum erstenmal jetzt ich
fühl es bedürfte ich ihrer Fürsprache O so lass ihr Andenken wenigstens für
mich sprechen Lass mich dir ihr Bild vor die Seele führen und dich an den
Augenblick erinnern da dich die Sterbende zum letztenmal an ihr Lager rief und
dir wie du mir oft gesagt mein Glück auf die Seele band als heiligstes
Vermächtnis «
    Valerius drückte die linke Hand vor die Stirn seine Tochter wagte die andre
zu fassen er entzog sie ihr nicht offenbar rang es gewaltig in des Alten
Brust Endlich sprach er »Valeria du hast ein mächtig Wort gesprochen ohne es
zu wissen Es wäre unrecht dir zu verschweigen was du ahnungsvoll berührt
Erfahre was deine Mutter in jener Sterbestunde mir auferlegt Noch immer
drückte ihre Seele jenes Gelübde das wir doch lange abgelöst Soll unser Kind
nicht die Braut des Himmels werden sprach sie so gelobe mir wenigstens die
Freiheit ihrer Wahl zu ehren Ich weiß wie römische Mädchen zumal die Töchter
unsres Standes in die Ehe gegeben werden ungefragt ohne Liebe ein solcher
Bund ist ein Elend auf Erden und ein Greuel vor dem Herrn Meine Valeria wird
edel wählen  gelobe mir sie dem Mann ihrer Wahl anzuvertrauen und keinem
sonst«
    »Und ich gelobte es in ihre bebende Hand  Aber mein Kind einem Barbaren
geben einem Feind Italiens nein nein« Und mit heftiger Armbewegung riss er
sich von ihr los
    »Ich bin vielleicht so gar barbarisch nicht Valerius« hob Totila an
»Wenigstens bin ich in meinem ganzen Volk der wärmste Freund der Römer Glaube
mir nicht euch hasse ich die ich verabscheue sind eure wie unsre
verderblichsten Feinde  die Byzantiner«
    Das war ein glückliches Wort Denn in dem Herzen des alten Republikaners war
der Hass gegen Byzanz die Kehrseite seiner Liebe zur Freiheit und zu Italien Er
schwieg aber sein Auge ruhte sinnend auf dem Jüngling
    »Mein Vater« sprach Valeria »dein Kind würde keinen Barbaren lieben Lern
ihn kennen und schiltst du ihn dann noch barbarisch  so will ich nie die Seine
werden Ich fordre nichts von dir als lern ihn kennen entscheide du selbst
ob meine Wahl edel sei oder nicht
    Ihn lieben alle Götter und alle Menschen müssen ihm gut sein  du allein
wirst ihn nicht verwerfen«
    Und sie fasste seine Hand
    »O lerne mich kennen Valerius« bat Totila innig seine andre Hand
ergreifend Der Alte seufzte Endlich sprach er »Kommt mit mir zum Grabe der
Mutter Dort ragt es unter den Zypressen Da ruht die Urne mit ihrem Herzen
Dort lasst uns ihrer gedenken der edelsten Frau und ihren Schatten anrufen Und
ist es echte Liebe und eine edle Wahl so werd ich erfüllen was ich gelobt«
 
                          Vierundzwanzigstes Kapitel
Einige Wochen später finden wir zu Rom in dem uns wohl erinnerlichen
Schreibgemach mit der Cäsarstatue Cetegus den Präfekten und unsern neuen
Bekannten Petros des Kaisers oder vielmehr der Kaiserin Gesandten
    Die beiden Männer hatten unter lebhaftem Gespräch und wechselseitigem
Erinnern an frühere Zeiten  sie waren Studiengenossen wie wir erfuhren  zu
einfachem Mahl einen Krug alten Massikers geleert und waren soeben aus dem
Speisesaal in das abgelegene Arbeitszimmer getreten um jetzt ungestört von den
bedienenden Sklaven Geheimeres zu bereden
    »Sobald ich mich überzeugt hatte« schloss Cetegus seinen Bericht über die
letzten Ereignisse »dass die Schreckensnachrichten aus Ravenna nur erst Gerüchte
waren vielleicht erdichtet jedenfalls übertrieben setzte ich der Aufregung
und dem Eifer meiner Freunde die größte Ruhe entgegen Der Feuerkopf Lucius
Licinius mit seiner törichten Begeisterung für mich hätte bald alles verdorben
Unablässig forderte er meine Diktatur buchstäblich setzte er mir das Schwert
auf die Brust und schrie man müsse mich zwingen das Vaterland zu retten Er
schwatzte so viel aus der Schule dass es nur ein Glück war der schwarze Korse 
der es mit den Barbaren zu halten scheint niemand weiß recht warum  nahm ihn
für mehr berauscht als er war Endlich kam die Nachricht Amalaswinta sei
zurückgekehrt und so beruhigte sich allmählich Volk und Senat«
    »Du aber« sagte Petros »hattest zum zweitenmal Rom vor der Rache der
Barbaren gerettet  ein unvergessliches Verdienst das dir die ganze Welt
zunächst aber die Regentin danken muss«  »Die Regentin  arme Frau« meinte
Cetegus achselzuckend »wer weiß wie lange die Goten oder deine Gebieter zu
Byzanz sie noch werden auf dem Throne lassen«  »Wie da irrst du sehr« fiel
Petros eifrig ein »Meine Sendung hat vor allem den Zweck ihren Thron zu
stützen und bei dir wollte ich eben anfragen wie man das am besten könne«
setzte er pfiffig hinzu
    Aber der Präfekt lehnte sein Haupt zurück an die Marmorwand und sah den
Gesandten lächelnd an »O Petros o Petre« sagte er »warum so verdeckt Ich
dächte doch wir kennten uns besser«
    »Was meinst du« fragte der Byzantiner befangen
    »Ich meine dass wir nicht umsonst Recht und Geschichte miteinander studiert
haben zu Berytus und Athen Ich meine dass wir damals schon unzählige Male als
Jünglinge lustwandelnd und Weisheit austauschend zu dem Ergebnis gelangten
der Kaiser müsse diese Barbaren austreiben aus Italien und wieder zu Rom
herrschen wie zu Byzanz Und da nun ich noch denke wie dazumal wirst wohl auch
du nicht ein andrer geworden sein«  »Ich habe meine Ansicht der meines Herrn
zu unterwerfen und Justinian«  »Erglüht natürlich für die Herrschaft der
Barbaren in Italien«  »Freilich« sagte der Rhetor verlegen »es könnten Fälle
eintreten «
    »Petre« rief jetzt Cetegus sich unwillig aufrichtend »keine Phrasen und
keine Lügen Sie sind nicht angewandt bei mir Sieh Petros es ist wieder dein
alter Fehler du bist immer zu pfiffig um klug zu sein du meinst es muss immer
gelogen sein und hast nie den Mut zur Wahrheit Man muss aber nur dann lügen
wenn man in seiner Lüge ganz sicher ist Wie kannst du mich darüber täuschen
wollen dass der Kaiser Italien wieder haben will Ob er die Regentin stürzen
oder halten will hängt davon ab ob er glaubt ohne oder mit ihr leichter ans
Ziel zu kommen Wie er hierüber denkt das soll ich nicht erfahren Aber sieh
trotz all deiner Verschmitzheit sobald wir noch einmal zusammengewesen sag
ich dir ins Gesicht was dein Kaiser hierin vor hat«
    Ein boshaftes und bittres Lächeln spielte um des Gesandten Mund »Noch immer
so stolz wie in der Dialektik zu Athen« sagte er giftig  »Jawohl und du
weißt zu Athen war ich immer der Erste Prokopius der Zweite und erst der
Dritte warst du«
    Da trat Syphax ein
    »Eine verhüllte Frau o Herr« meldete er »sie wartet dein im Zeussaal«
    Sehr froh diese Unterhaltung abgebrochen zu sehen denn er fühlte sich dem
Präfekten nicht gewachsen grinste Petros »Nun ich wünsche Glück zu solcher
Störung«
    »Ja dir« lächelte Cetegus und ging hinaus
    »Hochmütiger du sollst noch deinen Spott bereuen« dachte der Byzantiner
    Cetegus fand in dem Saale der von einer schönen Zeusstatue des Glykon von
Athen den Namen trug eine in gotischer Tracht reich gekleidete Frau sie schlug
bei seinem Eintritt die Kapuze des braunen Mantels zurück
    »Fürstin Gotelindis« fragte der Präfekt überrascht »was führt dich zu
mir«
    »Die Rache« erwiderte eine heisere unschöne Stimme und die Gotin trat
dicht an ihn heran Sie zeigte scharfe aber nicht hässliche Züge und man hätte
sie sogar schön nennen müssen wenn nicht das linke Auge ausgeflossen und die
ganze linke Wange durch eine große Narbe entstellt gewesen wäre diese Wunde
schien jetzt frisch zu bluten da dem leidenschaftlichen Weibe die Röte in die
Wangen schoss wie sie bei jedem Wort die Faust ballte So tödlicher Hass loderte
aus dem einen grauen Auge dass Cetegus unwillkürlich von ihr zurücktrat
    »Rache« fragte er »an wem«
    »An  davon später Vergib« sagte sie sich fassend »dass ich euch störe
Dein Freund Petros der Rhetor von Byzanz ist bei dir nicht wahr«
    »Ja Woher weißt du «
    »O ich sah ihn vor der Koena durch deine Portikus eintreten« sagte sie
gleichgültig
    »Das ist nicht wahr« sprach Cetegus im Geiste »ich hab ihn ja zur
Gartentür hereinführen lassen Also haben sich die beiden hier zusammenbestellt
Ich soll das nicht ahnen Aber was haben sie mit mir vor«
    »Ich will dich nicht lange hier festhalten« fuhr Gotelindis fort »Ich
habe nur Eine Frage an dich Antworte kurz ja oder nein Ich kann das Weib  die
Tochter Teoderichs  stürzen und ich wills bist du darin für mich oder gegen
mich«
    »O Freund Petros« dachte der Präfekt »jetzt weiß ich bereits was du mit
Amalaswinten vorhast Aber wir wollen sehen wie weit ihr schon seid«
    »Gotelindis« hob er ausholend an »du willst die Regentin stürzen  das
glaub ich dir gern  aber dass dus kannst bezweifle ich«
    »Höre dann entscheide ob ichs kann Das Weib hat die drei Herzoge ermorden
lassen«
    Cetegus zuckte die Achseln »Das glauben manche Leute«
    »Aber ich kann es beweisen«
    »Das wäre« meinte Cetegus ungläubig  »Herzog Tulun wie du weißt starb
nicht sofort Er ward auf der Ämilischen Straße überfallen nahe bei meiner
Villa zu Tannetum meine Kolonen fanden ihn und brachten ihn in mein Haus Du
weißt er war mein Vetter  ich bin aus dem Hause der Balten  er verschied in
meinen Armen«
    »Nun und was sagte der Kranke im Wundfieber«
    »Nichts Wundfieber Herzog Tulun traf noch im Stürzen den Mörder mit dem
Schwert er entkam nicht weit meine Kolonen suchten ihn und fanden ihn sterbend
im nächsten Walde er hat mir alles gestanden«
    Cetegus drückte nur unmerklich die Lippen zusammen »Nun was war er was
hat er ausgesagt«
    »Er war« sprach Gotelindis scharf »ein isaurischer Söldner ein Aufseher
der Schanzarbeiten zu Rom und sagte aus Cetegus der Präfekt hat mich zur
Regentin die Regentin zu Herzog Tulun gesendet«
    »Wer hörte dies Geständnis außer dir« fragte Cetegus lauernd
    »Niemand Und niemand soll davon hören wenn du zu mir stehest Wenn aber
nicht dann «
    »Gotelindis« unterbrach der Präfekt »keine Drohung sie nützt dir nichts
Du solltest einsehn dass du mich dadurch nur erbittern nicht zwingen kannst
Ich lasse es im Notfall zur offenen Anklage kommen du bist als grimmige Feindin
Amalaswintens bekannt dein Zeugnis allein  du warst unvorsichtig genug zu
gestehen dass niemand sonst das Geständnis gehört  wird weder sie noch mich
verderben Zwingen kannst du mich zum Kampfe gegen die Regentin nicht höchstens
überreden wenn du mirs als meinen eignen Vorteil darstellen kannst Und dazu
will ich selbst dir einen Verbündeten schaffen Du kennst doch Petros meinen
Freund«
    »Genau seit lange«
    »Erlaube dass ich ihn zu dieser Unterredung herbeihole«
    Er ging in das Studierzimmer zurück »Petros mein Besuch ist die Fürstin
Gotelindis Teodahads Gemahlin Sie wünscht uns beide zu sprechen Kennst du
sie«
    »Ich o nein ich habe sie nie gesehen« sagte der Rhetor rasch
    »Gut folge mir« Sowie sie in den Saal des Zeus traten rief Gotelindis
ihm entgegen
    »Gegrüsst alter Freund welch überraschend Wiedersehen«
    Petros verstummte
    Cetegus die Hände auf den Rücken gelegt weidete sich an der Bestürzung
des Diplomaten von Byzanz Nach einer peinlichen Pause hob er an »Du siehst
Petros immer zu pfiffig immer unnötige Feinheiten Aber komm lass dich eine
entdeckte List mehr nicht so niederschlagen Ihr beide habt euch also verbunden
die Regentin zu stürzen Mich wollt ihr gewinnen euch dabei zu helfen Dazu muss
ich genau wissen was ihr weiter vorhabt Wen wollt ihr auf Amalaswintens Thron
setzen Denn noch ist der Weg für Justinian nicht frei«
    Beide schwiegen eine Weile Es überraschte sie sein klares Durchschauen der
Lage Endlich sprach Gotelindis »Teodahad meinen Gemahl den letzten der
Amelungen«
    »Teodahad den letzten der Amelungen« wiederholte Cetegus langsam
Indessen überlegte er alle Gründe für und wider Er bedachte dass Teodahad
unbeliebt bei den Goten durch Petros erhoben bald ganz in der Hand der
Byzantiner stehen und die Katastrophe durch Herbeirufung des Kaisers anders
früher als Er wollte herbeiführen würde
    Er bedachte dass er jedenfalls die Heere der Oströmer möglichst lange
fernhalten müsse und er beschloss bei sich die gegenwärtige Lage und
Amalaswinta aufrecht zu halten da sie ihm Zeit zu seinen Vorbereitungen
ließ All das hatte er im Augenblick gedacht erwogen beschlossen »Und wie
wollt ihr nun eure Sache angehn« fragte er ruhig
    »Wir werden das Weib auffordern zugunsten meines Gatten abzudanken unter
Androhung sie des Mordes anzuklagen«
    »Und wenn sies darauf wagt«
    »So vollführen wir die Drohung« sagte Petros »und erregen unter den Goten
einen Sturm der ihr «
    »Das Leben kostet« rief Gotelindis
    »Vielleicht die Krone kostet« sagte Cetegus »Aber gewiss sie nicht
Teodahad zuwendet Nein wenn die Goten einen König wählen heißt er nicht
Teodahad«
    »Nur zu wahr« knirschte Gotelindis
    »Dann könnte leicht ein König kommen der uns allen viel unerfreulicher wäre
als Amalaswinta«
    Und deshalb sag ich euch offen »ich bin nicht für euch ich halte die
Regentin«
    »Wohlan« rief Gotelindis grimmig sich zur Türe wendend »also Kampf
zwischen uns komm Petros«
    »Gemach ihr Freunde« sprach der Byzantiner
    »Vielleicht ändert Cetegus seinen Sinn wenn er dies Blatt gelesen«
    Und er reichte dem Präfekten jenen Brief den Alexandros von Amalaswinta an
Justinian überbracht
    Cetegus las seine Züge verfinsterten sich
    »Nun« meinte Petros höhnisch »willst du noch die Königin stützen die dich
dem Untergang geweiht Wo warst du wenn sie ihren Plan durchführte und deine
Freunde nicht für dich wachten«
    Cetegus hörte ihn kaum »Armseliger« dachte er »als ob es das wäre Als ob
die Regentin daran nicht ganz recht hätte Als ob ich ihr das verargen könnte
Aber die Unvorsichtige hat bereits getan was ich von Teodahad erst fürchtete
sie hat sich selbst vernichtet und all meine Pläne bedroht sie hat die
Byzantiner schon ins Land gerufen und sie werden jetzt kommen ob sie noch will
oder nicht Solange Amalaswinta Königin wird Justinian ihren Beschützer
spielen« Und nun wandte er sich scheinbar in großer Bestürzung an den
Gesandten den Brief zurückgebend »Und wenn sie ihren Entschluss durchführte
wenn sie auf dem Thron bliebe  bis wann können eure Heere landen«
    »Belisar ist schon auf dem Wege nach Sizilien« sagte Petros stolz darauf
den Hochmütigen eingeschüchtert zu haben »in einer Woche kann er vor Rom
liegen«
    »Unerhört« rief Cetegus in unverstellter Bewegung
    »Du siehst« sprach Gotelindis welcher Petros inzwischen den Brief
gereicht »die du halten wolltest will dich verderben Komm ihr zuvor«
    »Und im Namen des Kaisers meines Herrn fordre ich dich auf mir
beizustehn dies Gotenreich zu vernichten und Italien seine Freiheit
wiederzugeben Man weiß am Kaiserhof dich und deinen Geist zu schätzen und nach
dem Siege verheisst dir Justinian  die Würde eines Senators zu Byzanz«
    »Ists möglich« rief Cetegus »Aber nicht einmal diese höchste Ehre treibt
mich dringender in euren Bund als die Entrüstung über die Undankbare die zum
Lohn für meine Dienste mein Leben bedroht  Du bist doch gewiss« fragte er
ängstlich »dass Belisar noch nicht sobald landen wird«
    »Beruhige dich« lächelte Petros »diese meine Hand ists die ihn
herbeiwinkt wann es Zeit Erst muss Amalaswinta durch Teodahad ersetzt sein«
    »Gut« dachte Cetegus »Zeit gewonnen alles gewonnen Und nicht eher soll
der Byzantiner landen bis ich ihn an der Spitze des bewaffneten Italiens
empfangen kann«  »Ich bin der eure« sprach er »und ich denke ich werde die
Regentin dahin bringen deinem Gatten mit eigener Hand die Krone aufs Haupt zu
setzen Amalaswinta soll dem Zepter entsagen«
    »Nie tut sie das« rief Gotelindis
    »Vielleicht doch Ihr Edelmut ist noch größer als ihr Herrscherstolz Man
kann seine Feinde auch durch ihre Tugenden verderben« sagte Cetegus
nachsinnend »Ich bin meiner Sache gewiss und ich grüße dich Königin der
Goten« schloss er mit leichter Verbeugung
 
                          Fünfundzwanzigstes Kapitel
Die Regentin Amalaswinta stand in der Zeit nach der Beseitigung der drei
Herzoge in einer abwartenden Haltung
    Hatte sie durch den Fall der Häupter des ihr feindlichen Adels etwas mehr
freie Hand gewonnen so stand doch die Volksversammlung zu Regeta bei Rom in
naher Aussicht in der sie sich von dem Verdacht des Mordes völlig reinigen oder
die Krone vielleicht das Leben lassen musste Nur bis dahin hatten ihr Witichis
und die Seinen ihren Schutz zugesagt Sie spannte deshalb ihre Kräfte an ihre
Stellung bis zu jener Entscheidung nach allen Seiten zu befestigen
    Von Cetegus hoffte sie nichts mehr sie hatte seine kalte Selbstsucht
durchschaut doch vertraute sie dass die Italier und die Verschwornen in den
Katakomben an deren Spitze ja ihr Name stand ihre römerfreundliche Herrschaft
einem aus der rauen Gotenpartei hervorgegangenen König vorziehen würden
Sehnlich wünschte sie das Eintreffen der vom Kaiser erbetenen Leibwache herbei
um für den ersten Augenblick der Gefahr eine Stütze zu haben und eifrig war sie
bemüht unter den Goten selbst die Zahl ihrer Freunde zu vermehren
    Sie berief mehrere der alten Gefolgsleute ihres Vaters eifrige Anhänger des
Hauses der Amaler greise Helden von großem Namen im Volk Waffenbrüder und
beinahe Jugendgenossen des alten Hildebrand zu sich nach Ravenna besonders den
weissbärtigen Grippa den Mundschenk Teoderichs der dem Waffenmeister an Ruhm
und Ansehen kaum nachstand sie überhäufte ihn und die andern Gefolgen mit Ehren
übertrug Grippa und seinen Freunden das Kastell von Ravenna und ließ sie
schwören diese Feste dem Geschlecht der Amaler sicher zu erhalten
    Wenn die Verbindung mit diesen volkbeliebten Namen eine Art von Gegengewicht
wider Hildebrand Witichis und ihre Freunde schaffen sollte  und Witichis
konnte die Auszeichnung der Freunde Teoderichs nicht als staatsgefährlich
verhindern  so sah sich die Königin auch gegen die Adelspartei der Balten und
ihrer Bluträcher nach einer Stütze um Sie erkannte diese mit scharfem Blick in
dem edelen Hause der Wölsungen nach den Amalern und Balten der drittöchsten
Adelssippe unter den Goten reich begütert und einflussreich in dem mittleren
Italien deren Häupter dermalen zwei Brüder Herzog Guntaris und Graf Arahad
waren Diese zu gewinnen hatte sie ein besonders wirksames Mittel ersonnen sie
bot für die Freundschaft der Wölsungen keinen geringeren Preis als die Hand ihrer
schönen Tochter 
    Zu Ravenna in einem reich geschmückten Gemach standen Mutter und Tochter in
ernstem aber nicht vertraulichem Gespräch hierüber
    Mit hastigen Schritten fremd ihrer sonstigen Ruhe durchmass die junonische
Gestalt der Regentin den schmalen Raum manchmal mit einem zornigen Blick das
herrliche Geschöpf messend welches ruhig und gesenkten Auges vor ihr stand die
linke Hand in die Hüfte die Rechte auf die Platte des Marmortisches gestützt
    »Besinne dich wohl« rief Amalaswinta heftig plötzlich stehen bleibend
»besinne dich anders Ich gebe dir noch drei Tage Bedenkzeit«
    »Das ist umsonst ich werde immer sprechen wie heute« sagte Mataswinta
die Augen nicht erhebend
    »So sage nur was du an Graf Arahad auszusetzen hast«
    »Nichts als dass ich ihn nicht liebe«
    Die Königin schien dies gar nicht zu hören »Es ist doch in diesem Fall ganz
anders als damals da du mit Cyprianus vermählt werden solltest Er war alt und
 was in deinen Augen vielleicht ein Nachteil«  fügte sie bitter hinzu  »ein
Römer«
    »Und doch ward ich um meiner Weigerung willen nach Tarentum verbannt«
    »Ich hoffte Strenge würde dich heilen Mondelang halt ich dich ferne von
meinem Hof von meinem Mutterherzen« 
    Mataswinta verzog die schöne Lippe zu einem herben Lächeln
    »Umsonst ich rufe dich zurück« 
    »Du irrst Mein Bruder Atalarich hat mich zurückgerufen«
    »Ein andrer Freier wird dir vorgeschlagen Jung blühend schön ein Gote von
edelstem Adel sein Haus jetzt das zweite im Reich Du weißt du ahnst
wenigstens wie sehr mein rings bedrängter Thron der Stütze bedarf er und sein
kriegsgewaltger Bruder verheißen uns die Hilfe ihrer ganzen Macht Graf Arahad
liebt dich und du  du schlägst ihn aus Warum Sage warum«
    »Weil ich ihn nicht liebe«
    »Albernes Mädchengerede Du bist eine Königstochter  du hast dich deinem
Hause deinem Reiche zu opfern«
    »Ich bin ein Weib« sagte Mataswinta die blitzenden Augen aufschlagend
»und opfre mein Herz keiner Macht im Himmel und auf Erden« 
    »Und so spricht meine Tochter Sieh auf mich törichtes Kind Großes hab
ich erstrebt und erreicht Solange Menschen das Hohe bewundern werden sie
meinen Namen nennen Ich habe alles gewonnen was das Leben Herrlichstes bietet
und doch hab ich «
    »Nie geliebt Ich weiß es« seufzte ihre Tochter
    »Du weißt es«
    »Ja es war der Fluch meiner Kindheit Wohl war ich noch ein Kind als mein
geliebter Vater starb ich wusste es nicht zu sagen aber ich konnte es
empfinden damals schon dass seinem herzen etwas fehle wenn er seufzend mit
schmerzlicher Liebe Atalarich und mich umfing und küsste und wieder seufzte
    Und ich liebte ihn darum desto inniger dass ich fühlte er suchte Liebe die
ihm fehlte Jetzt freilich weiß ich längst was mich damals unerklärlich
peinigte du wardst unsres Vaters Weib weil er nach Teoderich der nächste am
Thron aus Herrschsucht nicht aus Liebe wardst du sein und nur kalten Stolz
hattest du für sein warmes Herz«
    Überrascht blieb Amalaswinta stehen »Du bist sehr kühn«
    »Ich bin deine Tochter«
    »Du redest von der Liebe so vertraut  du kennst sie besser scheints mit
zwanzig als ich mit vierzig Jahren  du liebst« rief sie schnell »und daher
dieser Starrsinn«
    Mataswinta errötete und schwieg
    »Rede« rief die erzürnte Mutter »gesteh es oder leugne«
    Mataswinta senkte die Augen und schwieg nie war sie so schön gewesen
    »Willst du die Wahrheit verleugnen Bist du feige Amelungentochter«
    Stolz schlug das Mädchen die Augen auf
    »Ich bin nicht feige und ich verleugne die Wahrheit nicht Ja ich liebe«
    »Und wen Unselige«
    »Das wird mir kein Gott entreißen«
    Und so entschieden sah sie dabei aus dass Amalaswinta keinen Versuch
machte es zu erfahren
    »Wohlan« sagte sie »meine Tochter ist kein gewöhnlich Wesen So fordere
ich das Ungewöhnliche von dir dein Alles dem Höchsten zu opfern«
    »Ja Mutter ich trage im Herzen einen hohen Traum Er ist mein Höchstes
Ihm will ich alles opfern«
    »Mataswinta« sprach die Regentin »wie unköniglich Sieh dich hat Gott
vor Tausenden gesegnet an Herrlichkeit des Leibes und der Seele du bist zur
Königin geboren«
    »Eine Königin der Liebe will ich werden Sie preisen mich alle um meine
Weibesschönheit wohlan ich hab mirs vorgesteckt liebend und geliebt
beglückend und beglückt ein Weib zu sein«
    »Ein Weib ist das dein ganzer Ehrgeiz«
    »Mein ganzer O wär es auch der deine gewesen«
    »Und der Enkelin Teoderichs gilt das Reich und die Krone nichts Und nichts
dein Volk die Goten«
    »Nein Mutter« sagte Mataswinta ernst »es schmerzt mich beinahe es
beschämt mich aber ich kann mich nicht zwingen zu dem was ich nicht fühle ich
empfinde nichts bei dem Worte Goten vielleicht ist es nicht meine Schuld du
hast von jeher diese Goten verachtet diese Barbaren gering geschätzt das waren
die ersten Eindrücke sie sind geblieben Und ich hasse diese Krone dieses
Gotenreich es hat in deiner Brust dem Vater dem Bruder mir den Platz
fortgenommen Diese Gotenkrone nichts ist sie mir von je gewesen und geblieben
als eine verhasste feindliche Macht«
    »O mein Kind weh mir wenn ich das verschuldet hätte Und tust dus nicht
um des Reiches o tus um meinetwillen Ich bin so gut wie verloren ohne die
Wölsungen Tus um meiner Liebe willen«
    Und sie fasste ihre Hand 
    Mataswinta entzog sie mit bittrem Lächeln »Mutter entweihe den höchsten
Namen nicht Deine Liebe Du hast mich nie geliebt Nicht mich nicht den
Bruder nicht den Vater«
    »Mein Kind Was hätt ich geliebt wenn nicht euch«
    »Die Krone Mutter und diese verhasste Herrschaft Wie oft hast du mich von
dir gestoßen vor Atalarichs Geburt weil ich ein Mädchen war und du einen
Tronerben wolltest Denke an meines Vaters Grab und an «
    »Lass ab« winkte Amalaswinta
    »Und Atalarich Hast du ihn geliebt oder vielmehr sein Recht auf den
Thron O wie oft haben wir armen Kinder geweint wenn wir die Mutter suchten und
die Königin fanden«
    »Du hast mir nie geklagt Erst jetzt da du mir Opfer bringen sollst«
    »Mutter es gilt ja auch jetzt nicht dir nur deiner Krone deiner
Herrschaft Leg diese Krone ab und du bist aller Sorgen frei Die Krone hat dir
und uns allen kein Glück nur Schmerzen gebracht Nicht du bist bedroht dir
wollt ich alles opfern  nur dein Thron nur der goldne Reif des Gotenreichs
der Götze deines Herzens der Fluch meines Lebens nie werd ich dieser Krone
meine Liebe opfern nie nie nie«
    Und sie kreuzte die weißen Arme über ihrer Brust als wollte sie die Liebe
darin beschirmen
    »Ah« sagte die Königin zürnend »selbstisches herzloses Kind Du gestehst
dass du kein Herz hast für dein Volk für die Krone deiner großen Ahnen  du
gehorchst nicht freiwillig der Stimme der Ehre des Ruhmes deines Hauses 
wohlan so gehorche dem Zwang Du sprichst mir die Liebe ab so erfahre meine
Strenge Zur Stunde verlässt du mit deinem Gefolge Ravenna
    Du gehst als Gast nach Florentia in das Haus des Herzogs Guntaris seine
Gattin hat dich geladen Graf Arahad wird deine Reise begleiten Verlass mich
Die Zeit wird dich beugen«
    »Mich« sprach Mataswinta sich hoch aufrichtend »keine Ewigkeit«
    Schweigend blickte ihr die Königin nach die Anklagen der Tochter hatten
einen mächtigeren Eindruck auf sie gemacht als sie zeigen wollte
»Herrschsucht« sagte sie zu sich selbst »Nein das ist es nicht was mich
erfüllt Ich fühlte dass ich dies Reich schirmen und beglücken konnte darum
liebte ich die Krone Und gewiss ich könnte wie mein Leben so meine Krone
opfern verlangte es das Heil meines Volks Könntest du das Amalaswinta«
fragte sie sich zweifelnd die Linke auf die Brust legend
    Sie ward aus ihrem Sinnen geweckt durch Kassiodor der langsam und gesenkten
Hauptes eintrat
    »Nun« rief Amalaswinta erschreckt von dem Ausdruck seiner Züge »bringst
du ein Unglück«
    »Nein nur eine Frage«
    »Welche Frage«
    »Königin« hob der Alte feierlich an »ich habe deinem Vater und dir dreißig
Jahre lang gedient treu und eifrig ein Römer den Barbaren weil ich eure
Tugenden ehrte und weil ich glaubte Italien der Freiheit nicht mehr fähig
sei unter eurer Herrschaft am sichersten geborgen denn eure Herrschaft war
gerecht und mild Ich habe fortgedient obwohl ich meiner Freunde Boëtius und
Symmachus Blut fließen sah wie ich glaube unschuldig Blut aber sie starben
durch offenes Gericht nicht durch Mord Ich musste deinen Vater ehren auch wo
ich ihn nicht loben konnte Jetzt aber «
    »Nun jetzt aber« fragte die Königin stolz
    »Jetzt komme ich von meiner vieljährigen Freundin ich darf sagen meiner
Schülerin «
    »Du darfst es sagen« sprach Amalaswinta weicher
    »Von des großen Teoderich edler Tochter ein einfach schlichtes Wort ein Ja
zu erbitten Kannst du dies Ja sprechen  ich flehe zu Gott dass du es könnest 
so will ich dir dienen treu wie je solang es dieses greise Haupt vermag«
    »Und kann ichs nicht«
    »Und könntest du es nicht o Königin« rief der Alte schmerzlich »o dann
Lebewohl dir und meiner letzten Freude an dieser Welt«
    »Und was hast du zu fragen«
    »Amalaswinta du weißt ich war fern an der Nordgrenze des Reichs als hier
der Aufstand losbrach als jene furchtbare Kunde jene furchtbare Anklage sich
erhob Ich glaubte nichts  ich flog hierher von Tridentum  Seit zwei Tagen
bin ich hier und keine Stunde vergeht keinen Goten spreche ich ohne dass die
schwere Klage mir schwerer aufs Herz fällt Und auch du bist verwandelt
ungleich unstet unruhig  und doch will ichs nicht glauben  Ein treues Wort
von dir soll all diese Nebel zerstreuen«
    »Wozu die vielen Reden« rief sie auf die Armlehne des Trones sich
stützend »sage kurz was hast du zu fragen«
    »Sprich nur ein schlichtes Ja bist du schuldlos an dem Tode der drei
Herzoge«
    »Und wenn ich es nicht wäre  haben sie nicht reichlich den Tod verdient«
    »Amalaswinta ich bitte dich sage ja«
    »Du nimmst ja auf einmal großen Anteil an den gotischen Rebellen«
    »Ich beschwöre dich« rief der Greis auf die Kniee fallend »Tochter
Teoderichs sage ja wenn du kannst«
    »Steh auf« sprach sie finster sich abwendend »du hast kein Recht so zu
fragen«
    »Nein« sagte der Alte ruhig aufstehend »nein jetzt nicht mehr Denn von
diesem Augenblick an gehör ich der Welt nicht mehr an«
    »Kassiodor« rief die Königin erschrocken
    »Hier ist der Schlüssel zu meinen Gemächern in dieser Königsburg du findest
darin alle Geschenke die ich von dir und Teoderich erhalten die Urkunden
meiner Würden die Abzeichen meiner Ämter Ich gehe«
    »Wohin mein alter Freund wohin«
    »In das Kloster das ich gegründet zu Squillacium in Apulien Fortan werd
ich fern den Werken der Könige nur die Werke Gottes auf Erden verwalten
längst verlangt meine Seele nach Frieden und jetzt hab ich auf Erden nichts
mehr was mir teuer Noch einen Rat will ich dir scheidend geben lege das
Zepter aus der blutbefleckten Hand sie kann diesem Reiche nicht mehr Segen nur
Fluch kann sie ihm bringen Denke an das Heil deiner Seele Tochter Teoderichs
Gott sei dir gnädig«
    Und ehe sie sich von ihrer Bestürzung erholt war er verschwunden
    Sie wollte ihm nacheilen ihn zurückrufen aber an dem Vorhang trat ihr
Petros der Gesandte von Byzanz entgegen
    »Königin« sagte er rasch und leise »bleib und höre mich Es gilt ein
dringendes Wort Man folgt mir auf dem Fuß«
    »Wer folgt dir«
    »Leute die es nicht so gut meinen mit dir als ich Täusche dich nicht
länger die Geschicke dieses Reiches erfüllen sich du hältst sie nicht mehr
auf so rette für dich was zu retten ist ich wiederhole meinen Vorschlag«
    »Welchen Vorschlag«
    »Den von gestern«
    »Den der Schande des Verrats Niemals Ich werde diese Beleidigung deinem
Herrn dem Kaiser melden und ihn bitten dich abzurufen Mit dir verhandle ich
nicht mehr«
    »Königin es ist nicht mehr Zeit dich zu schonen Der nächste Gesandte
Justinians heißt Belisar und kommt mit einem Heere«
    »Unmöglich« rief die verlassene Fürstin »Ich nehme meine Bitte zurück«
    »Zu spät Belisars Flotte liegt schon bei Sizilien Den Vorschlag den ich
dir gestern als meinen Gedanken mitteilte hast du als solchen verworfen
Vernimm nicht ich der Kaiser Justinian selbst ist es der ihn ausspricht als
letztes Zeichen seiner Huld«
    »Justinian mein Freund mein Schützer will mich und mein Reich verderben«
rief Amalaswinta der es schrecklich tagte
    »Nicht dich verderben dich erretten Wiedergewinnen will er dies Italien
die Wiege des Römischen Reichs dieser unnatürliche unmögliche Staat der Goten
er ist gerichtet und verloren Trenne dich von dem sinkenden Fahrzeug Justinian
reicht dir die Freundeshand die Kaiserin bietet dir ein Asyl an ihrem Herzen
wenn du Neapolis Rom Ravenna und alle Festungen in Belisars Hände lieferst und
geschehen lässt dass die Goten entwaffnet über die Alpen geführt werden«
    »Elender soll ich mein Volk verraten wie ihr mich Zu spät erkenne ich
eure Tücke Eure Hilfe rief ich an und ihr wollt mich verderben«
    »Nicht dich nur die Barbaren«
    »Diese Barbaren sind mein Volk sind meine einzigen Freunde ich erkenne es
jetzt und ich stehe zu ihnen in Tod und Leben«
    »Aber sie stehn nicht mehr zu dir«
    »Verwegner fort aus meinen Augen fort von meinem Hof«
    »Du willst nicht hören Merke wohl o Königin nur unter jener Bedingung
bürg ich für dein Leben«
    »Für mein Leben bürgt mein Volk in Waffen«
    »Schwerlich Zum letztenmal frag ich dich«
    »Schweig Ich liefere die Krone nicht ohne Kampf an Justinian«
    »Wohlan« sagte Petros zu sich selbst »so muss es ein andrer tun  Tretet
ein ihr Freunde« rief er hinaus 
    Aber aus dem Vorhang trat langsam mit gekreuzten Armen Cetegus
    »Wo ist Gotelindis wo Teodahad« flüsterte Petros
    Seine Bestürzung entging der Fürstin nicht
    »Ich ließ sie vor dem Palast Die beiden Weiber hassen sich zu grimmig Ihre
Leidenschaft würde alles verderben«
    »Du bist mein guter Engel nicht Präfekt von Rom« sprach Amalaswinta
finster und von ihm zurückweichend
    »Diesmal vielleicht doch« flüsterte Cetegus auf sie zuschreitend »Du
hast die Vorschläge von Byzanz verworfen Das erwartete ich von dir Entlass den
falschen Griechen«
    Auf einen Wink der Königin trat Petros in ein Seitengemach
    »Was bringst du mir Cetegus Ich traue dir nicht mehr«
    »Du hast statt mir zu trauen dem Kaiser vertraut und du siehst den
Erfolg«
    »Ich sehe ihn« sagte sie schmerzlich
    »Königin ich habe dich nie belogen und getäuscht darin ich liebe Italien
und Rom mehr als deine Goten Du wirst dich erinnern ich habe dir dies niemals
verhehlt«
    »Ich weiß es und kann es nicht tadeln«
    »Am liebsten säh ich Italien frei Muss es dienen so dien es nicht dem
tyrannischen Byzanz sondern euch der milden Hand der Goten Das war von je
mein Gedanke das ist er noch heute Um Byzanz abzuhalten will ich dein Reich
erhalten aber offen sag ich dir du deine Herrschaft lässt sich nicht mehr
stützen Rufst du zum Kampfe gegen Byzanz so werden dir die Goten nicht mehr
folgen die Italier nicht vertrauen«
    »Und warum nicht Was trennt mich von den Italiern und von meinem Volk«
    »Deine eignen Taten Zwei unselige Dokumente in der Hand des Kaisers
Justinian Du selbst hast zuerst seine Waffen ins Land gerufen eine Leibwache
von Byzanz«
    Amalaswinta erbleichte »Du weißt «
    »Leider nicht nur ich sondern meine Freunde die Verschworenen in den
Katakomben Petros hat ihnen den Brief mitgeteilt sie fluchen dir«
    »So bleiben mir meine Goten«
    »Nicht mehr Nicht bloß der ganze Anhang der Balten steht dir nach dem
Leben  die Verschworenen von Rom haben im Zorn über dich beschlossen sowie
der Kampf entbrennt aller Welt kund zu tun dass dein Name an ihrer Spitze stand
gegen die Goten gegen dein Volk Jenes Blatt mit deinem Namen ist nicht mehr in
meiner Hand es liegt im Archiv der Verschwörung«
    »Ungetreuer«
    »Wie konnte ich wissen dass du hinter meinem Rücken mit Byzanz verkehrst und
dadurch meine Freunde dir verfeindest Du siehst Byzanz Goten Italier alles
steht gegen dich Beginnt nun der Kampf gegen Byzanz unter deiner Führung so
wird Uneinigkeit Italier und Barbaren spalten niemand dir gehorchen und dies
Reich hilflos vor Belisar erliegen Amalaswinta es gilt ein Opfer ich fordere
es von dir im Namen Italiens deines und meines Volkes«
    »Welches Opfer ich bringe jedes«
    »Das höchste deine Krone Übergib sie einem Mann der Goten und Italier
gegen Byzanz zu vereinen vermag und rette dein Volk und meines«
    Amalaswinta sah ihn forschend an es kämpfte und rang in ihrer Brust
»Meine Krone Sie war mir sehr teuer«
    »Ich habe Amalaswinten stets jedes höchsten Opfers fähig gehalten«
    »Darf ich kann ich deinem Rate trauen«
    »Wenn der dir süß wäre dürftest du zweifeln Wenn ich deinem Stolze
schmeichelte dürftest du misstrauen aber ich rate dir die bittere Arznei der
Entsagung Ich wende mich an deinen Edelsinn an deinen Opfermut lass mich nicht
zuschanden werden«
    »Dein letzter Rat war ein Verbrechen« sagte Amalaswinta schaudernd
    »Ich hielt deinen Thron durch jedes Mittel solang er zu halten war solang
er Italien nützte jetzt schadet er Italien und ich verlange dass du dein Volk
mehr liebst als dein Zepter«
    »Bei Gott Du irrst darin nicht für mein Volk hab ich mich nicht gescheut
fremdes Leben zu opfern«  sie verweilte gern bei diesem Gedanken der ihr
Gewissen beschwichtigte  »ich werde mich nicht weigern jetzt  aber wer soll
mein Nachfolger werden«
    »Dein Erbe dem die Krone gebührt der letzte der Amaler«
    »Wie Teodahad der Schwächling«
    »Er ist kein Held das ist wahr Aber die Helden werden ihm gehorchen dem
Neffen Teoderichs wenn du ihn einsetzest Und bedenke noch eins seine
römische Bildung hat ihm die Römer gewonnen ihm werden sie beistehen einen
König nach des alten Hildebrand nach Tejas Herzen würden sie hassen und
fürchten«
    »Und mit Recht« sagte die Regentin sinnend »aber Gotelindis Königin«
    Da trat Cetegus ihr näher und sah ihr scharf ins Auge »So klein ist
Amalaswinta nicht dass sie kläglicher Weiberfeindlichkeit gedenkt wo es edler
Entschlüsse bedarf Du erschienst mir von jeher größer als dein Geschlecht
Beweis es jetzt Entscheide dich«
    »Nicht jetzt« sprach Amalaswinta »meine Stirne glüht und verwirrend
pocht mein Herz Lass mir diese Nacht mich zu fassen Du hast mir Entsagung
zugetraut ich danke dir Morgen die Entscheidung«
 
                                 Viertes Buch
                                   Teodahad
                »Nachbarn zu haben schien Teodahad eine Art von Unglück«
                                                        Prokop Gotenkrieg I 3
                                Erstes Kapitel
Am andern Morgen verkündete ein Manifest dem staunenden Ravenna dass die Tochter
Teoderichs zugunsten ihres Vetters Teodahad auf die Krone verzichtet und dass
dieser der letzte Mannesspross der Amelungen den Thron bestiegen habe Italier
und Goten wurden aufgefordert dem neuen Herrscher den Eid der Treue zu
schwören
    So hatte Cetegus richtig gerechnet
    Das Gewissen der unseligen Frau fühlte sich durch manche Torheit ja durch
blutge Schuld schwer belastet edle Naturen suchen Erleichterung und Busse in
Opfer und Entsagung durch ihrer Tochter und Kassiodors Anklagen war ihr Herz
mächtig bewegt worden und der Präfekt hatte sie in günstiger Stimmung für seinen
Rat gefunden Weil er so bitter war befolgte sie ihn ja sie hatte um ihr Volk
zu retten und ihre Schuld zu sühnen sich noch weitere Demütigungen vorgesteckt
    Ohne Schwierigkeit vollzog sich der Tronwechsel
    Die Italier zu Ravenna waren zu einer Erhebung keineswegs vorbereitet und
wurden von Cetegus auf gelegenere Zeit vertröstet Auch war der neue König als
Freund römischer Bildung bei ihnen bekannt und beliebt
    Die Goten freilich schienen sich nicht ohne weiteres den Tausch gefallen
lassen zu wollen Fürst Teodahad war allerdings ein Mann  das empfahl ihn
gegenüber Amalaswinten  und ein Amaler das wog schwer zu seinen Gunsten
gegenüber jedem andern Bewerber um die Krone
    Aber im übrigen war er im Volke der Goten keineswegs hoch angesehen
Unkriegerisch und feige verweichlicht an Leib und Seele hatte er keine der
Eigenschaften welche die Germanen von ihren Königen forderten Nur Eine
Leidenschaft erfüllte seine Seele Habsucht unersättliche Goldgier Reich
begütert in Tuscien lebte er mit allen seinen Nachbarn in ewigen Prozessen mit
List und Gewalt und dem Schwergewicht seiner königlichen Geburt wusste er seinen
Grundbesitz nach allen Seiten auszudehnen und die Ländereien weit in der Runde
an sich zu reißen »denn«  sagt ein Zeitgenosse  »Nachbarn zu haben schien dem
Teodahad eine Art von Unglück«
    dabei war seine schwache Seele vollständig abhängig von der bösartigen aber
kräftigen Natur seines Weibes
    Einen solchen König sahen denn die Tüchtigsten unter den Goten nicht gern
auf dem Throne Teoderichs Und kaum war das Manifest Amalaswintens bekannt
geworden als Graf Teja der kurz zuvor mit Hildebad in Ravenna angekommen war
diesen sowie den alten Waffenmeister und den Grafen Witichis zu sich beschied
und sie aufforderte die Unzufriedenheit des Volkes zu steigern zu leiten und
einen Würdigern an Teodahads Stelle zu setzen
    »Ihr wisst« schloss er seine Worte »wie günstig die Stimmung im Volke Seit
jener Bundesnacht im Merkuriustempel haben wir unablässig geschürt unter den
Goten und Großes ist schon gelungen des edelen Atalarich Aufschwung der Sieg
am Epiphaniasfeste das Zurückholen Amalaswintens wir haben es bewirkt Jetzt
winkt die günstige Gelegenheit Soll an des Weibes Stelle treten ein Mann der
schwächer als ein Weib Haben wir keinen Würdigern mehr als Teodahad im Volk
der Goten«
    »Recht hat er beim Donner und Strahl« rief Hildebad »Fort mit diesen
verwelkten Amalern Einen Heldenkönig hebt auf den Schild und schlagt los nach
allen Seiten Fort mit dem Amaler«
    »Nein« sagte Witichis ruhig vor sich hinblickend »noch nicht Vielleicht
dass es noch einmal so kommen muss aber nicht früher darf es geschehen als es
muss Der Anhang der Amaler ist groß im Volk nur mit Gewalt würde Teodahad den
Reichtum Gotelindis die Macht der Krone sich entwinden lassen sie würden stark
genug sein wenn nicht zum Siege doch zum Kampf
    Kampf aber unter den Söhnen eines Volks ist schrecklich nur die
Notwendigkeit kann ihn rechtfertigen Die ist noch nicht da Teodahad mag sich
bewähren er ist schwach so wird er sich leiten lassen Hat er sich unfähig
erwiesen so ists noch immer Zeit«
    »Wer weiß ob dann noch Zeit ist« warnte Teja
    »Was rätst du Alter« fragte Hildebad auf welchen die Gründe des Grafen
Witichis nicht ohne Wirkung blieben
    »Brüder« sagte der Waffenmeister seinen langen Bart streichend »ihr habt
die Wahl darum die Qual Mir sind beide erspart ich bin gebunden Die alten
Gefolgen des großen Königs haben einen Eid getan solang sein Haus lebt keinem
Fremden die Gotenkrone zuzuwenden«
    »Welch törichter Eid« rief Hildebad
    »Ich bin alt und nenn ihn nicht töricht Ich weiß welcher Segen auf der
festen heiligen Ordnung des Erbgangs ruht Und die Amaler sind Söhne der
Götter« schloss er geheimnisvoll
    »Ein schöner Göttersohn Teodahad« lachte Hildebad
    »Schweig« rief zornig der Alte »das begreift ihr nicht mehr ihr neuen
Menschen Ihr wollt alles fassen und verstehen mit eurem kläglichen Verstand
Das Rätsel das Geheimnis das Wunder der Zauber der im Blute liegt  dafür
habt ihr den Sinn verloren Darum schweig ich von solchen Dingen zu euch
    Aber ihr macht mich nicht mehr anders mit meinen bald hundert Jahren Tut
ihr was ihr wollt ich tue was ich muss«
    »Nun« sprach Graf Teja nachgebend »auf euer Haupt die Schuld Aber wenn
dieser letzte Amaler dahin « 
    »Dann ist das Gefolge seines Schwures frei«
    »Vielleicht« schloss Witichis »ist es ein Glück dass auch uns dein Eid die
Wahl erspart denn gewiss wollen wir keinen Herrscher den du nicht anerkennen
könntest Gehen wir denn das Volk zu beschwichtigen und tragen wir diesen König
solang er zu tragen ist«
    »Aber keine Stunde länger« sagte Teja und ging zürnend hinaus
 
                                Zweites Kapitel
Am nämlichen Tage noch wurden Teodahad und Gotelindis mit der alten Krone der
Gotenkönige gekrönt
    Ein reiches Festmahl besucht von allen römischen und gotischen Großen des
Hofes und der Stadt belebte den weiten Palast Teoderichs und den sonst so
stillen Garten den wir als den Schauplatz von Atalarichs und Kamillas Liebe
kennengelernt Bis tief in die Nacht währte das lärmende Gelage Der neue König
kein Freund der Becher und barbarischer Festfreuden hatte sich frühe
zurückgezogen
    Gotelindis dagegen sonnte sich gern in dem Glanz ihrer jungen Herrlichkeit
stolz prangte sie auf ihrem Purpursitz die goldne Zackenkrone im dunkeln Haar
Sie schien ganz Ohr für die lauten Jubelrufe die ihren und ihres Gatten Namen
feierten Und doch hatte ihr Herz dabei nur Eine Freude den Gedanken dass
dieser Jubel hinunterdringen müsse bis in die Königsgruft wo Amalaswinta die
verhasste besiegte Feindin am Sarkophage ihres Sohnes trauerte
    Unter der Menge von jenen Gästen die immer fröhlich sind wenn sie bei
vollen Bechern sitzen war doch auch so manches ernstere Gesicht zu bemerken
mancher Römer der auf dem leeren Thron da oben lieber den Kaiser gesehen hätte
so mancher Gote der in der gefährlichen Lage des Reiches einem König wie
Teodahad nicht ohne Sorge huldigen konnte
    Zu letzteren zählte Witichis dessen Gedanken nicht unter dem
kranzgeschmückten Säulendach der Trinkhalle zu weilen schienen Unberührt stand
die goldne Schale vor ihm und auf den lauten Zuruf Hildebads der ihm gegenüber
saß achtete er kaum Endlich  schon leuchteten längst im Saale die Lampen und
am Himmel die Sterne  stand er auf und ging hinaus in das grüne Dunkel des
Gartens
    Langsam wandelte er durch die Taxusgänge dahin sein Auge hing an den
funkelnden Sternen Sein Herz war daheim bei seinem Weibe bei seinem Knaben
die er monatelang nicht mehr gesehen So führte ihn sein sinnendes Wandeln an
den Venustempel bei der Meeresbucht die wir kennen Er sah hinaus nach der
flimmernden See  da blitzte etwas dicht vor seinen Füßen im schwachen
Mondlicht es war eine Rüstung daneben die kleine gotische Harfe ein Mann lag
vor ihm im weichen Grase und ein bleiches Antlitz hob sich ihm entgegen
    »Du hier Teja Du warst nicht beim Fest«
    »Nein ich war bei den Toten«
    »Auch mein Herz weiß nichts von diesen Festen es war daheim bei Weib und
Kind« sagte Witichis sich zu ihm niedersetzend
    »Bei Weib und Kind« wiederholte Teja seufzend
    »Viele fragten nach dir Teja«
    »Nach mir Soll ich sitzen neben Cetegus der mir die Ehre nahm und neben
Teodahad der mir mein Erbe nahm«
    »Dein Erbe nahm«
    »Wenigstens besitzt ers Und über den Ort wo meine Wiege stand ging seine
Pflugschar«
    Und schweigend sah er lange vor sich hin
    »Dein Harfenspiel  es schweigt Man rühmt dich unsres Volkes besten
Harfenschläger und Sänger«
    »Wie Gelimer der letzte König der Vandalen seines Volkes bester
Harfenschläger war   Aber mich würden sie nicht im Triumph einführen nach
Byzanz«
    »Du singst nicht oft mehr«
    »Fast niemals mehr Aber mir ist die Tage kommen da ich wieder singen
werde«
    »Tage der Freude«
    »Tage der höchsten der letzten Trauer«
    Lange schwiegen beide
    »Mein Teja« hob endlich Witichis an »in allen Nöten von Krieg und Frieden
hab ich dich erfunden treu wie mein Schwert Und obwohl du soviel jünger als
ich und nicht leicht der Ältere sich dem Jüngling verbindet kann ich dich
meinen besten Herzensfreund nennen Und ich weiß dass auch dein Herz mehr an mir
hängt als an deinen Jugendgenossen«
    Teja drückte ihm die Hand »Du verstehst mich und ehrest meine Art auch wo
du sie nicht verstehst Die andern  und doch den einen hab ich sehr lieb«
    »Wen«
    »Den alle lieb haben«
    »Totila«
    »Ich hab ihn lieb wie die Nacht den Morgenstern Aber er ist so hell er
kanns nicht fassen dass andre dunkel sind und bleiben müssen«
    »Bleiben müssen Warum Du weißt Neugier ist meine Sache nicht Und wenn
ich dich in dieser ernsten Stunde bitte lüfte den Schleier der über dir und
deiner finsteren Trauer liegt so bitt ichs nur weil ich dir helfen möchte
Und weil des Freundes Auge oft besser sieht als das eigene«
    »Helfen Mir helfen Kannst du die Toten wieder auferwecken Mein Schmerz
ist unwiderruflich wie die Vergangenheit Und wer einmal gleich mir den
unbarmherzigen Rädergang des Schicksals verspürt hat wie es blind und taub für
das Zarte und Hohe mit eherner grundloser Gewalt alles vor sich niedertritt
ja wie es das Edle weil es zart ist leichter und lieber zermalmt als das
Gemeine wer erkannt hat dass eine dumpfe Notwendigkeit welche Toren die weise
Vorsehung Gottes nennen die Welt und das Leben der Menschen beherrscht der ist
hinaus über Hilfe und Trost er hört ewig wenn er es einmal erlauscht mit dem
leisen Gehör der Verzweiflung den immer gleichen Taktschlag des fühllosen Rades
im Mittelpunkt der Welt das gleichgültig mit jeder Bewegung Leben zeugt und
Leben tötet Wer das einmal empfunden und erlebt der entsagt einmal und für
immer und allem nichts wird ihn mehr erschrecken Aber freilich  die Kunst des
Lächelns hat er auch vergessen auf immerdar«
    »Mir schaudert Gott bewahre mich vor solchem Wahn Wie kamst du so jung zu
so fürchterlicher Weisheit«
    »Freund mit deinen Gedanken allein ergrübelst du die Wahrheit nicht
erleben musst du sie Und nur wenn du des Mannes Leben kennst begreifst du was
er denkt und wie er denkt Und auf dass ich dir nicht länger erscheine wie ein
irrer Träumer wie ein Weichling der sich gern in seinen Schmerzen wiegt  und
damit ich dein Vertrauen und deine schöne Freundschaft ehre vernimm  höre ein
kleines Stück meines Grams Das größere das unendlich größere behalt ich noch
für mich« sagte er schmerzlich die Hand auf die Brust drückend  »es kommt
wohl noch die Stunde auch für dies Vernimm heute nur wie über meinem Haupte
der Stern des Unheils schon leuchtete da ich gezeugt ward  Und von all den
tausend Sternen da oben bleibt nur dieser Stern getreu Du warst dabei  du
erinnerst dich  wie der falsche Präfekt mich laut vor allen einen Bastard
schalt und mir den Zweikampf weigerte  ich musste es dulden ich bin noch
Schlimmeres als ein Bastard  
    Mein Vater Tagila war ein tüchtiger Kriegsheld aber kein Adaling
gemeinfrei und arm Er liebte schon seit der Bart ihm sprosste Gisa seines
Vaterbruders Tochter Sie lebten draußen weit an der äußersten Ostgrenze des
Reichs an dem kalten Ister wo man stets im Kampfe liegt mit den Gepiden und
den wilden räuberischen Sarmaten und wenig Zeit hat an die Kirche zu denken und
die wechselnden Gebote die ihre Konzilien erlassen Lange konnte mein Vater
seine Gisa nicht heimführen er hatte nichts als Helm und Speer und konnte ihrem
Mundwalt den Malschatz nicht zahlen und einem Weibe keinen Herd bereiten
    Endlich lachte ihm das Glück Im Krieg gegen einen Sarmatenkönig eroberte er
dessen festen Schatzturm an der Aluta und die reichen Schätze welche die
Sarmaten seit Jahrhunderten zusammengeplündert und hier aufgehäuft wurden seine
Beute Zum Lohn seiner Tat ernannte ihn Teoderich zum Grafen und rief ihn nach
Italien Mein Vater nahm seine Schätze und Gisa jetzt sein Weib mit sich über
die Alpen und kaufte sich weite schöne Güter in Tuscien zwischen Florentia und
Luca Aber nicht lange währte sein Glück
    Kaum war ich geboren da verklagte ein Elender ein feiger Schurke meine
Eltern wegen Blutschande beim Bischof von Florentia Sie waren katholisch 
nicht Arianer  und Geschwisterkinder ihre Ehe war nichtig nach dem Recht der
Kirche und die Kirche gebot ihnen sich zu trennen
    Mein Vater drückte sein Weib an die Brust und lachte des Gebots Aber der
geheime Ankläger ruhte nicht «
     »Wer war der Neiding«
    »O wenn ich es wüsste ich wollte ihn erreichen und tronte er in allen
Schrecken des Vesuvius Er ruhte nicht Unablässig bedrängten die Priester meine
arme Mutter und wollten ihre Seele mit Gewissensbissen schrecken
    Umsonst sie hielt sich an ihren Gott und ihren Gatten und trotzte dem
Bischof und seinen Sendboten Und mein Vater wenn er einen der Pfaffen in
seinem Gehöfte traf begrüßte ihn dass er nicht wiederkam
    Aber wer kann mit denen kämpfen die im Namen Gottes sprechen Eine letzte
Frist ward den Ungehorsamen gesteckt hätten sie sich bis dahin nicht getrennt
so sollten sie dem Bann verfallen und ihr Hab und Gut der Kirche
    Entsetzt eilte jetzt mein Vater an den Hof des Königs Aufhebung des
grausamen Spruches zu erflehen Aber die Satzung des Konzils sprach zu klar und
Teoderich konnte es nicht wagen das Recht der katholischen Kirche zu kränken
Als mein Vater zurückkehrte von Ravenna mit Gisa zu flüchten starrte er
entsetzt auf die Stätte wo sein Haus gestanden der Termin war abgelaufen und
die Drohung erfüllt sein Haus zerstört sein Weib sein Kind verschwunden
    Rasend stürmte er durch ganz Italien uns zu suchen Endlich entdeckte er
als Priester verkleidet seine Gisa in einem Kloster zu Ticinum ihren Knaben
hatte man ihr entrissen und nach Rom geschleppt Mein Vater bereitet mit ihr
alles zur Flucht sie entkommen um Mitternacht über die Mauern des
Klostergartens Aber am Morgen fehlt die Büsserin bei der Hora man vermisst sie
ihre Zelle ist leer Die Klosterknechte folgen den Spuren des Rosses  sie
werden eingeholt grimmig fechtend fällt mein Vater meine Mutter wird in ihre
Zelle zurückgebracht Und so furchtbar drücken die Macht des Schmerzes und die
Zucht des Klosters auf die zermürbte Seele dass sie in Wahnsinn fällt und
stirbt Das sind meine Eltern«
    »Und du«
    »Mich entdeckte in Rom der alte Hildebrand ein Waffenfreund meines
Großvaters und Vaters  er entriss mich mit des Königs Beistand den Priestern
und ließ mich mit seinen eigenen Enkeln in Regium erziehen«
    »Und dein Gut dein Erbe«
    »Verfiel der Kirche die es halb geschenkt an Teodahad überließ er war
meines Vaters Nachbar er ist jetzt mein König«
    »Mein armer Freund Aber wie erging es dir später Man weiß nur dunkles
Gerede  du warst einmal in Griechenland gefangen  «
    Teja stand auf »Davon lass mich schweigen vielleicht ein andermal Ich war
Tor genug auch einmal an Glück zu glauben und an eines liebenden Gottes Güte
Ich hab es schwer gebüßt Ich wills nie wieder tun Leb wohl Witichis und
schilt nicht auf Teja wenn er nicht ist wie andre«
    Er drückte ihm die Hand und war rasch im dunkeln Laubgang verschwunden
    Witichis sah lange schweigend vor sich hin Dann blickte er gen Himmel in
den hellen Sternen eine Widerlegung der finsteren Gedanken zu finden die des
Freundes Worte in ihm geweckt Er sehnte sich nach ihrem Licht voll Frieden und
Klarheit Aber während des Gesprächs war Nebelgewölk rasch aus den Lagunen
aufgestiegen und hatte den Himmel überzogen es war finster ringsum
    Mit einem Seufzer stand Witichis auf und suchte in ernstem Sinnen sein
einsames Lager
 
                                Drittes Kapitel
Während unten in den Hallen des Palatiums Italier und Goten tafelten und
zechten ahnten sie nicht dass über ihren Häuptern in dem Gemach des Königs eine
Verhandlung gepflogen ward die über ihr und ihres Reiches Schicksale
entscheiden sollte
    Unbeobachtet war dem König alsbald der Gesandte von Byzanz nachgefolgt und
lange und geheim sprachen und schrieben die beiden miteinander Endlich schienen
sie handelseinig geworden und Petros wollte anheben nochmal vorzulegen was sie
gemeinsam beschlossen und aufgezeichnet Aber der König unterbrach ihn »Halt«
flüsterte der kleine Mann der in seinem weiten Purpurmantel verloren zu gehen
drohte »halt  noch eins«
    Und er hob sich aus dem schön geschweiften Sitz schlich durch das Gemach
und hob den Vorhang ob niemand lausche
    Dann kehrte er beruhigt zurück und fasste den Byzantiner leise am Gewand
    Das Licht der Bronzeampel spielte im Winde flackernd auf den gelben
vertrockneten Wangen des hässlichen Mannes der die kleinen Augen zusammenkniff
»Noch dies Wenn jene heilsamen Veränderungen eintreten sollen  auf dass sie
eintreten können wird es gut sein ja notwendig einige der trotzigsten meiner
Barbaren unschädlich zu machen«  »Daran hab ich bereits gedacht« nickte
Petros »Da ist der alte halbheidnische Waffenmeister der grobe Hildebad der
nüchterne Witichis« 
    »Du kennst deine Leute gut« grinste Teodahad »du hast dich tüchtig
umgesehen Aber« raunte er ihm ins Ohr »einer den du nicht genannt hast
einer vor allen muss fort«
    »Der ist«
    »Graf Teja des Tagila Sohn«
    »Ist der melancholische Träumer so gefährlich«
    »Der gefährlichste von allen Und mein persönlicher Feind schon von seinem
Vater her«
    »Wie kam das«
    »Er war mein Nachbar bei Florentia Ich musste seine Äcker haben  umsonst
drang ich in ihn Ha« lächelte er pfiffig »zuletzt wurden sie doch mein Die
heilige Kirche trennte seine verbrecherische Ehe nahm ihm sein Gut dabei und
ließ mirs  billig  ab Ich hatte einiges Verdienst um die Kirche in dem
Prozess  dein Freund der Bischof von Florentia kann dirs genau erzählen«
    »Ich verstehe« sagte Petros »was gab der Barbar seine Äcker nicht in Güte
Weiß Teja «
    »Nichts weiß er Aber er hasst mich schon deshalb weil ich sein Erbgut 
kaufte Er wirft mir finstere Blicke zu Und dieser schwarze Träumer ist der
Mann seinen Feind zu den Füßen Gottes zu erwürgen«
    »So« sagte Petros plötzlich sehr nachdenklich »Nun genug von ihm er
soll nicht schaden Lass dir jetzt nochmal den ganzen Vertrag Punkt für Punkt
vorlesen dann unterzeichne
    Erstens König Teodahad verzichtet auf die Herrschaft über Italien und die
zugehörigen Inseln und Provinzen des Gotenreichs nämlich Dalmatien Liburnien
Istrien das zweite Pannonien Savien Noricum Rätien und den gotischen Besitz
in Gallien zugunsten des Kaisers Justinian und seiner Nachfolger auf dem Throne
von Byzanz Er verspricht Ravenna Rom Neapolis und alle festen Plätze des
Reichs dem Kaiser ohne Widerstand zu öffnen«
    Teodahad nickte
    »Zweitens König Teodahad wird mit allen Mitteln dahin wirken dass das
ganze Heer der Goten entwaffnet und in kleinen Gruppen über die Alpen geführt
werde Weiber und Kinder haben nach Auswahl des kaiserlichen Feldherrn dem Heere
zu folgen oder als Sklaven nach Byzanz zu gehen Der König wird dafür sorgen
dass jeder Widerstand der Goten erfolglos bleiben muss
    Drittens Dafür belässt Kaiser Justinian dem König Teodahad und seiner
Gemahlin den Königstitel und die königlichen Ehren auf Lebenszeit und viertens«

    »Diesen Abschnitt will ich doch mit eigenen Augen lesen« unterbrach
Teodahad nach der Urkunde langend »Viertens belässt der Kaiser dem König der
Goten nicht nur alle Ländereien und Schätze die dieser als sein Privateigentum
bezeichnen wird sondern auch den ganzen Königsschatz der Goten der allein an
geprägtem Gold auf vierzigtausend Pfunde geschätzt ist Er übergibt ihm ferner
zu Erb und Eigen ganz Tuscien von Pistoria bis Cäre von Populonia bis Klusium
und endlich überweist er an Teodahad auf Lebenszeit die Hälfte aller
öffentlichen Einkünfte des durch diesen Vertrag seinem rechtmäßigen Herrn
zurückerworbenen Reiches Sage Petros meinst du nicht ich könnte drei Viertel
fordern«  
    »Fordern kannst du sie allein ich zweifle sehr dass sie dir Justinian
gewährt Ich habe schon die Grenzen die äußersten meiner Vollmacht
überschritten«
    »Fordern wollen wirs doch immerhin« meinte der König die Zahl ändernd
»Dann muss Justinian heruntermarkten oder dafür andre Vorteile gewähren«
    Um des Petros schmale Lippen spielte ein falsches Lächeln
    »Du bist ein kluger Handelsmann o König  Aber hier verrechnest du dich
doch« sagte er zu sich selbst
    Da rauschten schleppende Gewänder den Marmorgang heran und eintrat ins
Gemach in langem schwarzem Mantel und schwarzem mit silbernen Sternen besätem
Schleier Amalaswinta bleich von Antlitz aber in edler Haltung eine Königin
trotz der verlorenen Krone überwältigende Hoheit der Trauer sprach aus den
bleichen Zügen
    »König der Goten« hob sie an »vergib wenn an deinem Freudenfeste ein
dunkler Schatte noch einmal auftaucht von der Welt der Toten Es ist zum
letztenmal«
    Beide Männer waren von ihrem Anblick betroffen
    »Königin«  stammelte Teodahad
    »Königin O wär ichs nie gewesen Ich komme Vetter von dem Sarge meines
edelen Sohnes wo ich Busse getan für all meine Verblendung und all meine Schuld
bereut Ich steige herauf zu dir König der Goten dich zu warnen vor gleicher
Verblendung und gleicher Schuld«
    Teodahads unstetes Auge vermied ihren ernsten prüfenden Blick
    »Es ist ein übler Gast« fuhr sie fort »den ich in mitternächtlicher Stunde
als deinen Vertrauten bei dir finde Es ist kein Heil für einen Fürsten als in
seinem Volk zu spät hab ichs erkannt zu spät für mich nicht zu spät hoff
ich für mein Volk Traue du nicht Byzanz es ist ein Schild der den erdrückt
den er beschirmen soll«
    »Du bist ungerecht« sagte Petros »und undankbar«
    
    »Tu nicht mein königlicher Vetter« fuhr sie fort »was dieser von dir
fordert Bewillige nicht du was ich ihm weigerte Sizilien sollen wir abtreten
und dreitausend Krieger dem Kaiser stellen für alle seine Kriege  ich wies die
Schmach von mir Ich sehe« sprach sie auf das Pergament deutend »du hast
schon mit ihm abgeschlossen Tritt zurück sie werden dich immer täuschen«
    Ängstlich zog Teodahad die Urkunde an sich er warf einen misstrauischen
Blick auf Petros
    Da trat dieser gegen Amalaswinta vor »Was willst du hier du Königin von
gestern Willst du dem Beherrscher dieses Reiches wehren Deine Zeit und deine
Macht ist um«  »Verlass uns« sagte Teodahad ermutigt »Ich werde tun was mir
gutdünkt Es soll dir nicht gelingen mich von meinen Freunden in Byzanz zu
trennen Sieh her vor deinen Augen soll unser Bund geschlossen sein« Und er
zeichnete seinen Namen auf die Urkunde
    »Nun« lächelte Petros »kamst du noch eben recht als Zeugin mit zu
unterzeichnen«
    »Nein« sprach Amalaswinta mit einem drohenden Blick auf die beiden Männer
»ich kam noch eben recht euren Plan zu vereiteln Ich gehe geradeswegs von hier
zum Heere zur Volksversammlung die nächstens bei Regeta tagt Aufdecken will
ich daselbst vor allem Volk deine Anträge die Pläne von Byzanz und dieses
schwachen Fürsten Verrat«
    »Das wird nicht angehn« sagte Petros ruhig »ohne dich selbst zu
verklagen«
    »Ich will mich selbst verklagen Entüllen will ich all meine Torheit all
meine blutige Schuld und gern den Tod erleiden den ich verdient Aber warnen
aufschrecken soll diese meine Selbstanklage mein ganzes Volk vom Ätna bis zu den
Alpen eine Welt von Waffen soll euch entgegenstehn und retten werd ich meine
Goten durch meinen Tod von der Gefahr in die mein Leben sie gestürzt« Und in
edler Begeisterung eilte sie aus dem Gemach
    Verzagt blickte Teodahad auf den Gesandten lang fand er keine Worte
»Rate hilf « stammelte er endlich
    »Raten Da hilft nur Ein Rat Die Rasende wird sich und uns verderben lässt
man sie gewähren Sie darf ihre Drohung nicht erfüllen Dafür musst du sorgen«
    »Ich« rief Teodahad erschreckt »ich kann dergleichen nicht Wo ist
Gotelindis Sie sie allein kann helfen«
    »Und der Präfekt« sagte Petros  »sende nach ihnen«
    Alsbald waren die beiden Genannten von dem Festmahle heraufbeschieden
Petros verständigte sie von den Worten der Fürstin ohne jedoch dem Präfekten
den Vertrag als Veranlassung des Auftritts zu nennen
    Kaum hatte er gesprochen so rief die Königin
    »Genug sie darf es nicht vollenden Man muss ihre Schritte bewachen sie
darf mit keinem Goten in Ravenna sprechen  sie darf den Palast nicht verlassen
Das vor allem« Und sie eilte hinaus vertraute Sklaven vor Amalaswintens
Gemächer zu senden Alsbald kehrte sie wieder »Sie betet laut in ihrer Kammer«
sprach sie verächtlich »Auf Cetegus lass uns ihre Gebete vereiteln«
    Cetegus hatte mit dem Rücken an die Marmorsäulen des Eingangs gelehnt die
Arme über der Brust gekreuzt diese Vorgänge schweigend und sinnend mit
angehört Er erkannte die Notwendigkeit die Fäden der Ereignisse wieder mehr in
seine Hand zu versammeln und straffer anzuziehen Er sah Byzanz immer mehr in
den Vordergrund dringen  das durfte nicht weiter angehn
    »Sprich Cetegus« mahnte Gotelindis nochmals »was tut jetzt vor allem
not«
    »Klarheit« sagte dieser sich aufrichtend »In jedem Bunde muss der Zweck
der besondere Zweck jedes der Verbündeten klar sein sonst werden sie stets sich
durch Misstrauen hemmen Ihr habt eure Zwecke  ich habe den meinen Eure Zwecke
liegen am Tage ich habe sie euch neulich schon gesagt du Petros willst dass
Kaiser Justinian an der Goten Statt in Italien herrsche ihr Gotelindis und
Teodahad wollt dies auch gegen reiche Entschädigung an Rache Geld und Ehren
Ich aber  ich habe auch meinen Zweck was hilft es das zu verhehlen Mein
schlauer Petros du würdest doch nicht lange mehr glauben dass ich nur den
Ehrgeiz habe dein Werkzeug zu sein und dereinst Senator in Byzanz zu werden
Also auch ich habe meinen Zweck all eure dreieinige Schlauheit würde ihn nie
entdecken weil er zu nahe vor Augen liegt Ich muss ihn euch selbst verraten
    Der versteinerte Cetegus hat noch eine Liebe sein Italien Drum will er
wie ihr die Goten fort haben aus diesem Land
    Aber er will nicht wie ihr dass Kaiser Justinianus unbedingt an ihre Stelle
trete er will nicht die Traufe statt des Regens
    Am liebsten möchte ich der unverbesserliche Republikaner  du weißt mein
Petros wir waren es damals beide mit achtzehn Jahren auf der Schule von Athen
und ich bin es noch aber du brauchst es dem Kaiser deinem Herrn nicht zu
melden ich hab es ihm lange selbst geschrieben  die Barbaren hinauswerfen
ohne euch hereinzulassen
    Das geht nun leider nicht an wir können eurer Hilfe nicht entbehren Doch
will ich diese auf das Unvermeidliche beschränken Kein byzantinisch Heer darf
diesen Boden betreten als um ihn im letzten Augenblick der Not aus der Hand der
Italier zu empfangen Italien sei mehr ein von den Italiern dargebrachtes
Geschenk als eine Eroberung für Justinian Die Segnungen der Feldherrn und
Steuerrechner die Byzanz über die Länder bringt die es befreit sollen uns
erspart bleiben wir wollen euren Schutz nicht eure Tyrannei«
    Über Petros Züge zog ein feines Lächeln das Cetegus nicht zu bemerken
schien er fuhr fort »So vernehmt meine Bedingung Ich weiß Belisarius liegt
mit Flotte und Heer nah bei Sizilien Er darf nicht landen Er muss heimkehren
Ich kann keinen Belisar in Italien brauchen Wenigstens nicht eher als ich ihn
rufe Und sendest du Petros ihm nicht sofort diesen Befehl zu so scheiden
sich unsre Wege Ich kenne Belisar und Narses und ihre Soldatenherrschaft und
ich weiß welch milde Herren diese Goten sind Und mich erbarmt Amalaswintens
sie war eine Mutter meines Volks Deshalb wählet wählet zwischen Belisar und
Cetegus Landet Belisar so steht Cetegus und ganz Italien zu Amalaswinta und
den Goten und dann lass sehen ob ihr uns eine Scholle dieses Landes entreisst
Wählt ihr Cetegus so bricht er die Macht der Barbaren und Italien unterwirft
sich dem Kaiser als seine freie Gattin nicht als seine Sklavin Wähle Petros«
    »Stolzer Mann« sprach Gotelindis »du wagst uns Bedingungen zu setzen
uns deiner Königin« Und drohend erhob sie die Hand
    Aber mit eiserner Faust ergriff Cetegus diese Hand und zog sie ruhig herab
»Lass die Possen Eintagskönigin Hier unterhandeln nur Italien und Byzanz
Vergisst du deine Ohnmacht so muss man dich dran mahnen Du tronst solange wir
dich halten« Und mit so ruhiger Majestät stand er vor dem zornmütigen Weib dass
sie verstummte Aber ihr Blick sprühte unauslöschlichen Hass
    »Cetegus« sagte jetzt Petros der sich einstweilen entschlossen »du hast
recht Byzanz kann für den Augenblick nicht mehr erreichen als deine Hilfe weil
nichts ohne sie Wenn Belisar umkehrt so gehst du ganz mit uns und unbedingt«
    »Unbedingt«
    »Und Amalaswinten«
    »Geb ich preis«
    »Wohlan« sagte der Byzantiner »es gilt«
    Er schrieb auf eine Wachstafel in kurzen Worten den Befehl zur Heimkehr an
Belisar und reichte sie dem Präfekten »Du magst die Botschaft selbst
bestellen«
    Cetegus las sorgfältig »Es ist gut« sagte er die Tafel in die Brust
steckend »es gilt«
    »Wann bricht Italien los auf die Barbaren« fragte Petros
    »In den ersten Tagen des nächsten Monats Ich gehe nach Rom Leb wohl«
    »Du gehst Und hilfst uns nicht das Weib  die Tochter Teoderichs
verderben« fragte die Königin mit bittrem Vorwurf »Erbarmt dich ihrer
abermals«
    »Sie ist gerichtet« sagte Cetegus an der Tür sich kurz umwendend »Der
Richter geht  der Henker Amt hebt an« Und stolz schritt er hinaus
    Da fasste Teodahad der sprachlos vor Staunen den Byzantiner hatte handeln
sehen mit Entsetzen dessen Hand »Petros« rief er »um Gott und aller Heiligen
willen was hast du getan Unser Vertrag und alles ruht auf Belisar und du
schickst ihn nach Hause«
    »Und lässt diesen Übermütigen triumphieren« knirschte Gotelindis
    Aber Petros lächelte der Sieg der Schlauheit strahlte auf seinem Antlitz
»Seid ruhig« sagte er »diesmal ist er überwunden der Allüberwinder Cetegus
besiegt von dem verhöhnten Petros« Er ergriff Teodahad und Gotelindis an den
Händen zog sie nahe an sich sah sich um und flüsterte dann »Vor jenem Brief
an Belisar steht ein kleiner Punkt der bedeutet ihm all das Geschriebene ist
nicht ernst gemeint ist nichtig Ja ja man lernt man lernt die Schreibekunst
am Hofe von Byzanz«
 
                                Viertes Kapitel
Zwei Tage nach der nächtlichen Begegnung mit Teodahad und Petros verbrachte
Amalaswinta in einer Art von wirklicher oder vermeinter Gefangenschaft
    So oft sie ihre Gemächer verließ so oft sie einbog in einen Gang des
Palastes jedesmal glaubte sie hinter oder neben sich Gestalten auftauchen
hingleiten verschwinden zu sehen die ebenso eifrig bedacht schienen all ihre
Schritte zu beobachten als sich selbst ihren Blicken zu entziehen kaum zu dem
Grabe ihres Sohnes konnte sie unbewacht niedersteigen
    Umsonst fragte sie nach Witichis nach Teja sie hatten gleich am Morgen
nach dem Krönungsfest in Aufträgen des Königs die Stadt verlassen Das Gefühl
vereinsamt und von bösen Feinden umlauert zu sein ruhte drückend auf ihrer
Seele
    Schwer und düster hingen am Morgen des dritten Tages die herbstlichen
Regenwolken auf Ravenna herab als sich Amalaswinta von dem schlummerlosen
Lager erhob Unheimlich berührte es sie dass als sie an das Fenster von
Frauenglas trat ein Rabe krächzend von dem Marmorsims aufstieg und mit heiserem
Schrei und schwerem Flügelschlag langsam über die Gärten dahinflog
    Die Fürstin fühlte schon daran wie geknickt ihre Seele war durch diese Tage
von Schmerz Furcht und Reue dass sie sich des finsteren Eindrucks nicht erwehren
konnte den ihr die frühen Herbstnebel aus den Lagunen der Seestadt
aufsteigend brachten Seufzend blickte sie in die graue Sumpflandschaft hinaus
    Schwer war ihr Herz von Reue und Sorge
    Und ihr einziger Halt der Gedanke durch freie Selbstanklage und volle
Demütigung vor allem Volk das Reich noch zu retten um den Preis ihres Lebens
Denn sie zweifelte nicht dass die Gesippen und Bluträcher der drei Herzoge ihre
Pflicht vollauf erfüllen würden In solchen Gedanken schritt sie durch die öden
Hallen und Gänge des Palastes diesmal wie sie glaubte unbelauscht hinunter
zu der Ruhestätte ihres Sohnes sich in den Vorsätzen der Busse und Sühne an
ihrem Volk zu befestigen
    Als sie nach geraumer Zeit aus der Gruft wieder emporstieg und in einen
dunkeln Gewölbgang einlenkte huschte ein Mann in Sklaventracht aus einer Nische
hervor  sie glaubte sein Gesicht schon oft gesehen zu haben  drückte ihr eine
kleine Wachstafel in die Hand und war seitab verschwunden
    Sie erkannte sofort  die Handschrift Kassiodors 
    Und sie erriet nun auch den geheimnisvollen Überbringer es war Dolios der
Briefsklave ihres treuen Ministers Rasch die Tafel in ihrem Gewande bergend
eilte sie in ihr Gemach Dort las sie »In Schmerz nicht in Zorn schied ich
von Dir Ich will nicht dass Du unbussfertig abgerufen werdest und deine
unsterbliche Seele verloren gehe« Flieh aus diesem Palast aus dieser Stadt
dein Leben ist keine Stunde mehr sicher Du kennst Gotelindis und ihren Hass
Traue niemand als meinem Schreiber und finde Dich um Sonnenuntergang bei dem
Venustempel im Garten ein Dort wird Dich meine Sänfte erwarten und in
Sicherheit bringen nach meiner Villa im Bolsener See Folge und vertraue
    Gerührt ließ Amalaswinta den Brief sinken der vielgetreue Kassiodor Er
hatte sie doch nicht ganz verlassen Er bangte und sorgte noch immer für das
Leben der Freundin Und jene reizende Villa auf der einsamen Insel im blauen
Bolsener See Dort hatte sie vor vielen vielen Jahren als Gast Kassiodors in
voller Blüte der Jugendschönheit Hochzeit gehalten mit Eutarich dem edelen
Amalungen und von allem Schimmer der Macht und Ehren umflossen ihrer Jugend
stolzeste Tage gefeiert
    Ihr sonst so hartes aber jetzt vom Unglück erweichtes Gemüt beschlich
mächtige Sehnsucht die Stätte ihrer schönsten Freuden wiederzusehen Schon dies
Eine Gefühl trieb sie mächtig an der Mahnung Kassiodors zu folgen noch mehr
die Furcht  nicht für ihr Leben denn sie wollte sterben  die Raschheit ihrer
Feinde möchte ihr unmöglich machen das Volk zu warnen und das Reich zu retten
Endlich überlegte sie dass der Weg nach Regeta bei Rom wo in Bälde die große
Volksversammlung wie alljährlich im Herbst stattaben sollte sie am Bolsener
See vorüberführte Also war es nur eine Beschleunigung ihres Planes wenn sie
schon jetzt in dieser Richtung aufbrach Um aber auf alle Fälle sicher zu gehen
um auch wenn sie das Ziel ihrer Reise nicht erreichen sollte ihre warnende
Stimme an das Ohr des Volks gelangen zu lassen beschloss sie einem Brief an
Kassiodor den auf seiner Villa anzutreffen sie nicht bestimmt voraussetzen
konnte ihre ganze Beichte und die Enthüllung aller Pläne der Byzantiner und
Teodahads anzuvertrauen
    Bei geschlossenen Türen schrieb sie die schmerzreichen Worte nieder heiße
Tränen des Dankes und der Reue fielen auf das Pergament das sie sorgfältig
siegelte und dem treuesten ihrer Sklaven übergab es sicher nach dem Kloster
Squillacium in Apulien der Stiftung und dem gewöhnlichen Aufenthalt Kassiodors
zu befördern
                                       
    Langsam verstrichen der Fürstin die zögernden Stunden des Tages Mit ganzer
Seele hatte sie des Freundes dargebotene Hand ergriffen Erinnerung und Hoffnung
malten ihr um die Wette das Eiland im Bolsener See als ein teures Asyl dort
hoffte sie Ruhe und Frieden zu finden Sie hielt sich sorgsam innerhalb ihrer
Gemächer um keinem ihrer Wächter Veranlassung zum Verdacht Gelegenheit sie
aufzuhalten zu geben Endlich war die Sonne gesunken
    Mit leisen Schritten eilte Amalaswinta ihre Sklavinnen zurückweisend und
nur einige Kleinodien und Dokumente unter dem weiten Mantel bergend aus ihrem
Schlafgemach in den breiten Säulengang der zur Gartentreppe führte Sie
zitterte hier wie gewöhnlich auf einen der lauschenden Späher zu stoßen
gesehen angehalten zu werden Häufig sah sie sich um vorsichtig blickte sie
sogar in die Statuennischen alles war leer kein Lauscher folgte diesmal ihren
Tritten So erreichte sie unbeobachtet die Plattform der Freitreppe die Palast
und Garten verband und weiten Ausblick über diesen hin gewährte Scharf
überschaute sie den nächsten Weg der zum Venustempel führte Der Weg war frei
    Nur die welken Blätter raschelten wie unwillig von den rauschenden Platanen
auf die Sandpfade nieder gewirbelt von dem Winde der fern jenseits der
Gartenmauer Nebel und Wolken in geisterhaften Gestalten vor sich her trieb es
war unheimlich in dem ausgestorbenen Garten und seiner grauen Dämmerung
    Die Fürstin fröstelte der kalte Abendwind zerrte an ihrem Schleier und
Mantel einen scheuen Blick warf sie noch auf die düstern lastenden Steinmassen
des Palastes hinter sich in dem sie so stolz gewaltet und geherrscht und aus
dem sie nun einsam scheu verfolgt wie eine Verbrecherin flüchtete Sie dachte
des Sohnes der in den Tiefen des Palastes ruhte  Sie dachte der Tochter die
sie selbst aus diesen Mauern aus ihrer Nähe verbannt hatte
    Und einen Augenblick drohte der Schmerz die Verlassene zu überwältigen sie
wankte mühsam hielt sie sich aufrecht an dem breiten Marmorgeländer der
Terrasse ein Fieberschauer rüttelte an ihrem Leibe wie das Grauen der
Verlassenheit an ihrer Seele
    »Aber mein Volk« sprach sie zu sich selbst »und meine Busse  ich wills
vollenden« Gekräftigt von diesem Gedanken eilte sie die Stufen der Treppe hinab
und bog in den von Efeu überwölbten Laubgang ein der quer durch den Garten
führte und an dem Venustempel mündete Rasch schritt sie voran erbebend wann
zu einem der Seitengänge das Herbstlaub wie seufzend hereinwirbelte
    Atemlos langte sie vor dem kleinen Tempel an und ließ ringsum die suchenden
Blicke schweifen Aber keine Sänfte keine Sklaven waren zu sehen rings war
alles still nur die Äste der Platanen seufzten im Winde
    Da schlug das nahe Wiehern eines Pferdes an ihr Ohr
    Sie wandte sich um den Vorsprung der Mauer bog mit hastigen Schritten ein
Mann Es war Dolios Er winkte scheu umherspähend Rasch eilte die Fürstin auf
ihn zu folgte ihm um die Ecke und vor ihr stand Kassiodors wohlbekannter
gallischer Reisewagen die bequeme und vornehme Karruca von allen vier Seiten
mit verschiebbaren Gitterläden von feinem Holzwerk umschlossen und mit dem
raschen Dreigespann belgischer Manni beschirrt
    »Eile tut not o Fürstin« flüsterte Dolios sie in die weichen Polster
hebend »Die Sänfte ist zu langsam für den Hass deiner Feinde Stille und Eile
dass uns niemand bemerkt«
    Amalaswinta blickte noch einmal um sich
    Dolios öffnete das Tor des Gartens und führte den Wagen vor dasselbe hinaus
Da traten zwei Männer aus dem Gebüsch der eine bestieg den Sitz des
Wagenlenkers vor ihr der andre schwang sich auf eines der beiden gesattelt vor
dem Tore stehenden Rosse sie erkannte die Männer als vertraute Sklaven
Kassiodors sie waren wie Dolios mit Waffen versehen Dieser sperrte wieder
sorgfältig das Gartentor und ließ die Gitterladen des Wagens herab Dann warf er
sich auf das zweite der Pferde und zog das Schwert »Vorwärts« rief er
    Und von dannen jagte der kleine Zug als wär ihm der Tod auf der Ferse
 
                                Fünftes Kapitel
Die Fürstin wiegte sich in Gefühlen des Dankes der Freiheit der Sicherheit
Sie baute schöne Entwürfe der Sühne
    Schon sah sie ihr Volk durch ihre warnende Stimme gerettet vor Byzanz vor
dem Verrat des eigenen Königs schon hörte sie den begeisterten Ruf des tapferen
Heeres der den Feinden Verderben ihr aber Verzeihung verkündete In solchen
Träumen verflogen ihr die Stunden die Tage und Nächte Unausgesetzt eilte der
Zug vorwärts drei viermal des Tages wurden die Pferde des Wagens und der
Reiter gewechselt so dass sie Meile um Meile wie im Fluge zurücklegten
    Wachsam hütete Dolios die ihm anvertraute Fürstin mit gezogenem Schwert
schützte er den Zugang zum Wagen während seine Begleiter Speisen und Wein aus
den Stationen holten Jene geflügelte Eile und diese treue Wachsamkeit benahm
Amalaswinten eine Besorgnis deren sie sich eine Weile nicht hatte erwehren
können ihr war sie würden verfolgt
    Zweimal in Perusia und in Klusium glaubte sie wie der Wagen hielt dicht
hinter sich Rädergerassel zu hören und den Hufschlag eilender Rosse ja in
Klusium meinte sie aus dem niedergelassenen Gitterladen zurückspähend eine
zweite Karruca ebenfalls von Reitern begleitet in das Tor der Stadt einbiegen
zu sehen
    Aber als sie Dolios davon sprach jagte der spornstreichs nach dem Tore
zurück und kam sogleich mit der Meldung wieder dass nichts wahrzunehmen sei
auch hatte sie von da ab nichts mehr bemerkt und die rasende Eile mit der sie
sich dem ersehnten Eiland näherte ließ sie hoffen dass ihre Feinde selbst wenn
sie ihre Flucht entdeckt und eine Strecke weit verfolgt haben sollten alsbald
ermüdet zurückgeblieben seien
    Da verdüsterte ein Unfall unbedeutend an sich aber unheilkündend durch
seine begleitenden Umstände plötzlich die hellere Stimmung der flüchtenden
Fürstin
    Es war hinter der kleinen Stadt Martula
    Öde baumlose Heide dehnte sich unabsehbar nach jeder Richtung nur Schilf
und hohe Sumpfgewächse ragten aus den feuchten Niederungen zu beiden Seiten der
römischen Hochstrasse und nickten und flüsterten gespenstisch im Nachtwind Die
Straße war hin und wieder mit niederen von Reben überflochtenen Mauern eingefasst
und nach altrömischer Sitte mit Grabmonumenten die aber oft traurig zerfallen
waren und mit ihren auf dem Wege zerstreuten Steintrümmern den Pferden das
Fortkommen erschwerten
    Plötzlich hielt der Wagen mit einem heftigen Ruck und Dolios riss die rechte
Türe auf »Was ist geschehen« rief die Fürstin erschreckt »sind wir in Feindes
Hand«
    »Nein« sprach Dolios der ihr von je als verschlossen und finster bekannt
auf dieser Reise fast unheimlich schweigsam schien »ein Rad ist gebrochen Du
musst aussteigen und warten bis es gebessert«
    Ein heftiger Windstoß löschte in diesem Augenblick seine Fackel und
nasskalter Regen schlug in der Bestürzten Antlitz »Aussteigen hier und wohin
dann hier ist nirgend ein Haus ein Baum der Schutz böte vor Regen und Sturm
Ich bleibe in dem Wagen«  »Das Rad muss abgehoben werden Dort das Grabmal mag
dir Schutz gewähren«
    Mit einem Schauer von Furcht gehorchte Amalaswinta und schritt über die
Steintrümmer die ringsum zerstreut lagen nach der rechten Seite des Weges wo
sie jenseit des Grabens ein hohes Monument aus der Dunkelheit ragen sah Dolios
half ihr über den Graben
    Da schlug von der Straße hinter ihrem Wagen her das Wiehern eines Pferdes an
ihr Ohr Erschrocken blieb sie stehen
    »Es ist unser Nachreiter« sagte Dolios rasch »der uns den Rücken deckt
komm«
    Und er führte sie durch feuchtes Gras den Hügel heran auf dem sich das
Monument erhob Oben angelangt setzte sie sich auf die breite Steinplatte eines
Sarkophags
    Da war Dolios plötzlich im Dunkel verschwunden vergebens rief sie ihn
zurück bald sah sie unten auf der Straße seine Fackel wieder brennen rot
leuchtete sie durch die Nebel der Sümpfe und der Sturm entführte rasch den
Schall der Hammerschläge der Sklaven die an dem Rade arbeiteten
    So saß die Tochter des großen Teoderich einsam und todesflüchtig auf der
Heerstraße in unheimlicher Nacht der Sturm riss an ihrem Mantel und Schleier
der feine kalte Regen durchnässte sie in den Zypressen hinter dem Grabmal
seufzte melancholisch der Wind oben am Himmel jagte zerfetztes Gewölk und ließ
nur manchmal einen flüchtigen Mondstrahl durch der die gleich wieder folgende
Dunkelheit noch düsterer machte
    Banges Grauen durchschlich fröstelnd ihr Herz
    Allmählich gewöhnte sich ihr Auge an die Dunkelheit und umhersehend konnte
sie die Umrisse der nächsten Dinge deutlicher unterscheiden da  ihr Haar
sträubte sich vor Entsetzen  da war ihr als säße dicht hinter ihr auf dem
erhöhten Hintereck des Sarkophags eine zweite Gestalt  ihr eigener Schatten
war es nicht  eine kleinere Gestalt in weitem faltigem Gewand die Arme auf
die Kniee das Haupt in die Hände gestützt und zu ihr herunterstarrend
    Ihr Atem stockte sie glaubte flüstern zu hören fieberhaft strengte sie die
Sinne an zu sehen zu hören da flüsterte es wieder »Nein nein noch nicht«
So glaubte sie zu hören Sie richtete sich leise auf auch die Gestalt schien
sich zu regen es klirrte deutlich wie Stahl auf Stein
    Da schrie die Geängstigte »Dolios Licht Hilfe Licht« Und sie wollte den
Hügel hinab aber zitternd versagten die Kniee sie fiel und verletzte die Wange
an dem scharfen Gestein
    Da war Dolios mit der Fackel heran schweigend erhob er die Blutende er
fragte nicht »Dolios« rief sie sich fassend »gib die Leuchte ich muss sehen
was dort war was dort ist«
    Sie nahm die Fackel und schritt entschlossen um die Ecke des Sarkophags es
war nichts zu sehen aber jetzt im Glanze der Fackel erkannte sie dass das
Monument nicht wie die übrigen ein altes dass es sichtlich erst neu errichtet
war so unverwittert war der weiße Marmor so frisch die schwarzen Buchstaben
der Inschrift 
    Von jener seltsamen Neugier die sich mit dem Grauen verbindet
unwiderstehlich fortgerissen hielt sie die Fackel dicht an den Sockel des
Monuments und las bei flackerndem Licht die Worte »Ewige Ehre den drei Balten
Tulun Ibba und Pitza Ewiger Fluch ihren Mördern«
    Mit einem Aufschrei taumelte Amalaswinta zurück
    Dolios führte die Halbohnmächtige zu dem Wagen Fast bewusstlos legte sie die
noch übrigen Stunden des Weges zurück Sie fühlte sich krank an Leib und Seele
Je näher sie dem Eiland kam desto lebhafter ward die fieberhafte Freude mit
der sie es ersehnt verdrängt von einer ahnungsvollen Furcht mit Bangen sah sie
die Sträucher und Bäume des Weges immer rascher an sich vorüberfliegen
    Endlich machten die dampfenden Rosse halt
    Sie senkte die Läden und blickte hinaus es war die kalte unheimliche
Stunde da das erste Tagesgrauen ankämpft gegen die noch herrschende Nacht sie
waren so schien es angelangt am Ufer des Sees aber von seinen blauen Fluten
war nichts zu sehen ein düstrer grauer Nebel lag undurchdringlich wie die
Zukunft vor ihren Augen von der Villa ja von der Insel selbst war nichts zu
entdecken Rechts vom Wagen stand eine niedrige Fischerhütte tief in dem
dichten ragenden Schilf durch welches wie seufzend der Morgenwind fuhr dass
die schwankenden Häupter sich bogen
    Seltsam ihr war als warnten und winkten sie hinweg von dem dahinter
verborgenen See
    Dolios war in die Hütte gegangen er kam jetzt zurück und hob die Fürstin
aus dem Wagen schweigend führte er sie durch den feuchten Wiesengrund nach dem
Schilf zu
    Da lag am Ufer eine schmale Fähre sie schien mehr im Nebel als im Wasser zu
schwimmen
    Am Steuer aber saß in einem grauen zerfetzten Mantel gehüllt ein alter Mann
dem die langen weißen Haare wirr ins Gesicht hingen Er schien vor sich hin zu
träumen mit geschlossenen Augen die er nicht aufschlug als die Fürstin in den
schwankenden Nachen stieg und sich in der Mitte desselben auf einem Feldstuhl
niederließ
    Dolios trat an den Schnabel des Schiffes und ergriff zwei Ruder die Sklaven
blieben bei dem Wagen zurück
    »Dolios« rief Amalaswinta besorgt »es ist sehr dunkel wird der Alte
steuern können in diesem Nebel und an keinem Ufer ein Licht«  »Das Licht
würde ihm nichts nützen Königin er ist blind«  »Blind« rief die
Erschrockene »lass landen kehr um«  »Ich fahre hier seit bald zwanzig
Jahren« sprach der greise Ferge »kein Sehender kennt den Weg gleich mir« 
»So bist du blind geboren«
    »Nein Teoderich der Amaler ließ mich blenden weil mich Alarich der
Baltenherzog des Tulun Bruder gedungen hätte ihn zu morden Ich bin ein
Knecht der Balten war ein Gefolgsmann Alarichs aber ich war so unschuldig wie
mein Herr Alarich der Verbannte Fluch über die Amalungen« rief er mit
zornigem Ruck am Steuer
    »Schweig Alter« sprach Dolios
    »Warum soll ich heute nicht sagen was ich bei jedem Ruderschlag seit
zwanzig Jahren sage Es ist mein Taktspruch  Fluch den Amalungen«
    Mit Grauen sah die Flüchtige auf den Alten der in der Tat mit völliger
Sicherheit und pfeilgerade fuhr Sein weiter Mantel und wirres Haar flogen im
Winde ringsum Nebel und Stille nur das Ruder hörte man gleichförmig
einschlagen leere Luft und graues Licht auf allen Seiten Ihr war als führe
sie Charon über den Styx in das graue Reich der Schatten  Fiebernd hüllte sie
sich in ihren faltigen Mantel
    Noch einige Ruderschläge und sie landeten
    Dolios hob die Zitternde heraus der Alte aber wandte sein Boot schweigend
und ruderte so rasch und sicher zurück wie er gekommen Mit einer Art von Grauen
sah ihm Amalaswinta nach bis er in dem dichten Nebel verschwand
    Da war es ihr als höre sie den Schall von Ruderschlägen eines zweiten
Schiffes die rasch näher und näher drangen Sie fragte Dolios nach dem Grund
dieses Geräusches
    »Ich höre nichts« sagte dieser »du bist allzu erregt komm in das Haus«
Sie wankte auf seinen Arm gestützt die in den Felsboden gehauenen Stufen hinan
die zu der burgähnlichen hochgetürmten Villa führten von dem Garten der wie
sie sich lebhaft erinnerte zu beiden Seiten dieses schmalen Weges sich dehnte
waren in dem Nebel kaum die Linien der Baumreihen zu sehen
    Endlich erreichten sie das hohe Portal eine eherne Tür im Rahmen von
schwarzem Marmor Der Freigelassene pochte mit dem Knauf seines Schwertes 
dumpf dröhnte der Schlag in den gewölbten Hallen nach  die Türe sprang auf
    Amalaswinta gedachte wie sie einst durch dieses Tor das die Blumengewinde
fast versperrt hatten an ihres Gatten Seite eingezogen war sie gedachte wie
sie die Pförtner gleichfalls ein jung vermähltes Paar so freundlich begrüßt
    Der finstersehende Sklave mit wirrem grauem Haar der jetzt mit Ampel und
Schlüsselbund vor ihr stand war ihr fremd
    »Wo ist Fuscina des früheren Ostiarius Weib ist sie nicht mehr im Hause«
fragte sie
    »Die ist lang ertrunken im See« sagte der Pförtner gleichgültig und schritt
mit der Leuchte voran Schaudernd folgte die Fürstin sie musste sich die kalten
dunkeln Wogen vorstellen die so unheimlich an den Planken ihrer Fähre geleckt
Sie gingen durch Bogenhöfe und Säulenhallen  alles leer wie ausgestorben die
Schritte hallten laut durch die Öde  die ganze Villa schien ein weites
Totengewölbe
    »Das Haus ist unbewohnt ich bedarf einer Sklavin«
    »Mein Weib wird dir dienen«
    »Ist sonst niemand in der Villa«
    »Noch ein Sklave Ein griechischer Arzt«
    »Ein Arzt  ich will ihn «
    Aber in diesem Augenblicke schollen von dem Portal her einige dumpfe
Schläge schwer dröhnten sie durch die leeren Räume Entsetzt fuhr Amalaswinta
zusammen »Was war das« fragte sie Dolios Arm fassend Sie hörte die schwere
Türe zufallen
    »Es hat nur jemand Einlass begehrt« sagte der Ostiarius und schloss die Türe
des für die Flüchtige bestimmten Gemaches auf Die dumpfe Luft eines lang nicht
mehr geöffneten Raumes drang ihr erstickend entgegen aber mit Rührung erkannte
sie die Schildplattbekleidung der Wände es war dasselbe Gemach das sie vor
zwanzig Jahren bewohnt überwältigt von der Erinnerung glitt sie auf den kleinen
Lectus der mit dunkeln Polstern belegt war
    Sie verabschiedete die beiden Männer zog die Vorhänge des Lagers um sich
her zu und verfiel bald in einen unruhigen Schlaf
 
                               Sechstes Kapitel
So lag sie sie wusste nicht wie lange bald wachend bald träumend wild jagte
Bild auf Bild an ihrem Auge vorüber
    Eutarich mit seinem Zug des Schmerzes um die Lippen  Atalarich wie er
auf seinem Sarkophag hingestreckt lag er schien ihr zu sich herabzuwinken 
das vorwurfsvolle Antlitz Mataswintens  dann Nebel und Wolken und blattlose
Bäume drei zürnende Kriegergestalten mit bleichen Gesichtern und blutigen
Gewändern und der blinde Fährmann in das Reich der Schatten Und wieder war
ihr sie liege auf der öden Heide auf den Stufen des Baltendenkmals und als
rausche es hinter ihr und als beuge sich abermals hinter dem Steine hervor jene
verhüllte Gestalt über sie näher und näher  beengend  erstickend Die Angst
schnürte ihr das Herz zusammen entsetzt fuhr sie auf aus ihrem Traum und sah
hochaufgerichtet um sich da  nein es war kein Traumgesicht  da rauschte es
hinter dem Vorhang des Bettes und in die getäfelte Wand glitt ein verhüllter
Schatten
    Mit einem Schrei riss Amalaswinta die Falten des Vorhangs auseinander  da
war nichts mehr zu sehen
    Hatte sie doch nur geträumt Aber sie konnte nicht mehr allein sein mit
ihren bangen Gedanken So drückte sie auf den Achatknauf in der Wand der
draußen einen Hammer in Bewegung setzte
    Alsbald erschien ein Sklave dessen Züge und Tracht höhere Bildung
verrieten Er gab sich als den griechischen Arzt zu erkennen sie teilte ihm die
Schreckgesichte die Fieberschauer der letzten Stunden mit er erklärte es für
Folgen der Aufregung vielleicht der Erkältung auf der Flucht empfahl ihr ein
warmes Bad und ging dessen Mischung anzuordnen
    Amalaswinta erinnerte sich der herrlichen Bäder die in zwei Stockwerken
übereinander den ganzen rechten Flügel der Villa einnahmen Das untere
Stockwerk der großen achteckigen Rotunde für die kalten Bäder bestimmt stand
mit dem See in unmittelbarem Zusammenhange sein Wasser wurde durch Siebtüren
die jede Unreinheit abhielten hereingeleitet Das obere Stockwerk erhob sich
als Verjüngung des Achtecks über der Badstube des unteren deren Decke  eine
große kreisförmige Metallplatte  den Boden des oberen warmen Bades bildete
und nach Belieben in zwei Halbkreisen rechts und links in das Gemäuer geschoben
werden konnte so dass die beiden Stockwerke dann einen ungeteilten turmhohen
Raum bildeten der zum Zweck der Reinigung oder zum Behuf von Schwimm und
Taucherspielen ganz von dem Wasser des Sees erfüllt werden konnte
    Regelmässig aber bildete das obere Achteck für sich den Raum des warmen
Bades in das vielfach verschlungene Wasserkünste in hundert Röhren mit
zahllosen Delphinen Tritonen und Medusenhäuptern von Bronze und Marmor duftige
mit Ölen und Essenzen gemischte Fluten leiteten während zierliche Stufen von
der Galerie auf der man sich entkleidete in das muschelförmige Porphyrbecken
des eigentlichen Baderaumes hinabführten
    Während sich die Fürstin noch diese Räume ins Gedächtnis zurückrief
erschien das Weib des Türsklaven sie in das Bad abzuholen Sie gingen durch
weite Säulenhallen und Büchersäle in welchen aber die Fürstin die Kapseln und
Rollen Kassiodors vermisste in der Richtung nach dem Garten die Sklavin trug
die feinen Badetücher Ölfläschchen und den Salbenkrug Endlich gelangte sie in
das turmähnliche Achteck des Badepalastes dessen sämtliche Gelasse an Boden
Wand und Decke durchaus mit hellgrauen Marmorplatten belegt waren Vorüber an
den Hallen und Gängen die der Gymnastik und dem Ballspiel vor und nach dem Bade
dienten vorüber an den Heizstübchen den Auskleide und Salbgemächern eilten
sie sofort nach dem Kaldarium dem warmen Bade Die Sklavin öffnete schweigend
die in die Marmorwand eingesenkte Tür
    Amalaswinta trat ein und stand auf der schmalen Galerie die rings um das
Bassin lief gerade vor ihr führten die bequemen Stufen in das Bad aus dem
bereits warme und köstliche Düfte aufstiegen Das Licht fiel von oben herein
durch eine achteckige Kuppel von kunstvoll geschliffenem Glas gerade am Eingang
erhob sich eine Treppe von Zedernholz die auf zwölf Staffeln zu einer
Sprungbrücke führte rings an den Marmorwänden der Galerie wie des Beckens
verkleideten zahllose Reliefs die Mündungen der Röhren die den Wasserkünsten
und der Lufteizung dienten
    Ohne ein Wort legte das Weib das Badegerät auf die weichen Kissen und
Teppiche die den Boden der Galerie bedeckten und wandte sich zur Türe »Woher
bist du mir bekannt« fragte die Fürstin sie nachdenklich betrachtend »wie
lange bist du hier«
    »Seit acht Tagen« Und sie ergriff die Türe
    »Wie lange dienst du Kassiodor«
    »Ich diene von jeher der Fürstin Gotelindis«
    Mit einem Angstschrei sprang Amalaswinta bei diesem Namen auf wandte sich
und griff nach dem Gewand des Weibes  zu spät sie war hinaus die Türe war
zugefallen und Amalaswinta hörte wie der Schlüssel von außen umgedreht und
abgezogen ward Umsonst suchte ihr Auge nach einem andern Ausgang
    Da überkam ein ungeheures unbekanntes Grauen die Königin sie fühlte dass
sie furchtbar getäuscht dass hier ein verderbliches Geheimnis verborgen sei
Angst unsägliche Angst fiel auf ihr Herz Flucht Flucht aus diesem Raum war
ihr einziger Gedanke
    Aber keine Flucht schien möglich die Türe war von innen jetzt nur eine
dicke Marmortafel wie die zur Rechten und Linken nicht mit einer Nadel war in
ihre Fugen zu dringen verzweifelnd ließ sie die Blicke rings an der Wand der
Galerie kreisen nur die Tritonen und Delphine starrten ihr entgegen endlich
ruhte ihr Auge auf dem schlangenstarrenden Medusenhaupt ihr gerade gegenüber 
und sie stieß einen Schrei des Entsetzens aus
    Das Gesicht der Meduse war zur Seite geschoben und die ovale Öffnung unter
dem Schlangenhaar war von einem lebenden Antlitz ausgefüllt
    War es ein menschlich Antlitz
    Die Zitternde klammerte sich an die Marmorbrüstung der Galerie und spähte
vorgebeugt hinüber ja es waren Gotelindens verzerrte Züge und eine Hölle von
Hass und Hohn sprühte aus ihrem Blick
    Amalaswinta brach in die Kniee und verhüllte ihr Gesicht »Du  du hier«
    Ein heiseres Lachen war die Antwort »Ja Amalungenweib ich bin hier und
dein Verderben Mein ist dies Eiland mein das Haus  es wird dein Grab mein
Dolios und alle Sklaven Kassiodors an mich verkauft seit acht Tagen
    Ich habe dich hierher gelockt ich bin dir hierher nachgeschlichen wie dein
Schatte lange Tage lange Nächte hab ich den brennenden Hass getragen endlich
hier die volle Rache zu kosten Stundenlang will ich mich weiden an deiner
Todesangst will es schauen wie die erbärmliche winselnde Furcht diese stolze
Gestalt wie Fieber schüttelt und durch diese hochmütigen Züge zuckt o ein Meer
von Rache will ich trinken«
    Händeringend erhob sich Amalaswinta »Rache Wofür Woher dieser tödliche
Hass«
    »Ha du fragst noch Freilich sind Jahrzehnte darüber hingegangen und das
Herz des Glücklichen vergisst so leicht Aber der Hass hat ein treues Gedächtnis
Hast du vergessen wie dereinst zwei junge Mädchen spielten unter dem Schatten
der Platanen auf der Wiese vor Ravenna Sie waren die ersten unter ihren
Gespielinnen beide jung schön und lieblich Königskind die eine die andre die
Tochter der Balten Und die Mädchen sollten eine Königin des Spieles wählen und
sie wählten Gotelindis denn sie war noch schöner als du und nicht so herrisch
und sie wählten sie einmal zweimal nacheinander Die Königstochter aber stand
dabei von wildem unbändigem Stolz und Neid verzehrt und als man mich zum
dritten wieder gewählt fasste sie die scharfe spitzige Gartenschere« 
    »Halt ein o schweig Gotelindis«
     »Und schleuderte sie gegen mich Und sie traf aufschreiend blutend
stürzte ich zu Boden meine ganze Wange eine klaffende Wunde und mein Auge mein
Auge durchbohrt Ha wie das schmerzt noch heute«
    »Verzeih vergib Gotelindis« jammerte die Gefangene »Du hattest mir ja
längst verziehn«
    »Verzeihen ich dir verzeihen Dass du mir das Auge aus dem Antlitz und die
Schönheit aus dem Leben geraubt das soll ich verzeihen Du hattest gesiegt fürs
Leben Gotelindis war nicht mehr gefährlich sie trauerte im stillen die
Entstellte floh das Auge der Menschen
    Und Jahre vergingen
    Da kam an den Hof von Ravenna aus Hispanien der edle Eutarich der Amaler
mit dem dunkeln Auge und der weichen Seele und er selber krank erbarmte sich
der kranken halb Blinden und er sprach mit ihr voll Mitleid und Güte mit der
Hässlichen die sonst alle mieden O wie erquickte das meine dürstende Seele Und
es ward beraten zur Tilgung uralten Hasses der beiden Geschlechter zur Sühne
alter und neuer Schuld  denn auch den Baltenherzog Alarich hatte man auf
geheime unbewiesene Anklage gerichtet  dass die arme misshandelte
Baltentochter des edelsten Amalers Weib werden sollte
    Aber als du es erfuhrst du die mich verstümmelt da beschlossest du mir
den Geliebten zu nehmen nicht aus Eifersucht nicht weil du ihn liebtest
nein aus Stolz weil du den ersten Mann im Gotenreich den nächsten Manneserben
der Krone für dich haben wolltest
    Das beschlossest du und hast es durchgesetzt denn dein Vater konnte dir
keinen Wunsch versagen und Eutarich vergaß alsbald seines Mitleids mit der
Einäugigen als ihm die Hand der schönen Königstochter winkte Zur Entschädigung
 oder war es zum Hohne  gab man auch mir einen Amaler  Teodahad den
elenden Feigling«
    »Gotelindis ich schwöre dir ich hatte nie geahnt dass du Eutarich
liebtest Wie konnte ich «
    »Freilich wie konntest du glauben dass die Hässliche die Gedanken so hoch
erhebe O du Verfluchte Und hättest du ihn noch geliebt und beglückt  alles
hätt ich dir verziehen Aber du hast ihn nicht geliebt du kannst ja nur das
Zepter lieben Elend hast du ihn gemacht Jahrelang sah ich ihn an deiner Seite
schleichen gedrückt ungeliebt erkältet bis ins Herz hinein von deiner Kälte
Der Gram um deinen eisigen Stolz hat ihn früh gemordet du du hast mir den
Geliebten geraubt und ins Grab gebracht  Rache Rache für ihn«
    Und die weite Wölbung widerhallte von dem Ruf »Rache Rache«
    »Zu Hilfe« rief Amalaswinta und eilte verzweifelnd mit den Händen an die
Marmorplatten schlagend den Kreis der Galerie entlang
    »Ja rufe nur hier hört dich niemand als der Gott der Rache Glaubst du
umsonst hab ich solang meinen Hass gezügelt Wie oft wie leicht hätte ich schon
in Ravenna mit Dolch und Gift dich erreichen können aber nein hierher hab ich
dich gelockt An dem Denkstein meiner Vettern vor Einer Stunde an deinem Bette
hab ich mit höchster Mühe meinen erhobenen Arm vom Streiche abgehalten  denn
langsam Zoll für Zoll sollst du sterben stundenlang will ich sie wachsen
sehen die Qualen deines Todes«
    »Entsetzliche«
    »O was sind Stunden gegen die Jahrzehnte die du mich gemartert mit meiner
Entstellung mit deiner Schönheit mit dem Besitz des Geliebten Was sind
Stunden gegen Jahrzehnte Aber du sollst es büßen«
    »Was willst du tun« rief die Gequälte wieder und wieder an den Wänden nach
einem Ausgang suchend
    »Ertränken will ich dich langsam langsam in den Wasserkünsten dieses
Bades die dein Freund Kassiodor gebaut Du weißt es nicht welche Qualen der
Eifersucht der ohnmächtigen Wut ich in diesem Hause getragen da du Beilager
hieltest mit Eutarich und ich war in deinem Gefolge und musste dir dienen In
diesem Bade du Übermütige habe ich dir die Sandalen gelöst und die stolzen
Glieder getrocknet  in diesem Bade sollst du sterben«
    Und sie drückte an einer Feder
    Der Boden des Beckens im oberen Stockwerke die runde Metallplatte teilte
sich in zwei Halbkreise die links und rechts in die Mauer zurückwichen mit
Entsetzen sah die Gefangene von der schmalen Galerie in die turmhohe Tiefe zu
ihren Füßen
    »Denk an mein Auge« rief Gotelindis und im Erdgeschoss öffneten sich
plötzlich die Schleusentüren und die Wogen des Sees schossen ungestüm herein
brausend und zischend und sie stiegen höher und höher mit furchtbarer
Raschheit
    Amalaswinta sah den sichern Tod vor Augen sie erkannte die Unmöglichkeit
zu entrinnen oder ihre teuflische Feindin mit Bitten zu erweichen da kehrte ihr
der alte stolze Mut der Amalungen wieder sie fasste sich und ergab sich in ihr
Los Sie entdeckte neben den vielen Reliefs aus der hellenischen Myte in ihrer
Nähe rechts vom Eingang eine Darstellung vom Tode Christi das erquickte ihre
Seele sie warf sich vor dem in Marmor gehauenen Kreuze nieder fasste es mit
beiden Händen und betete ruhig mit geschlossenen Augen während die Wasser
stiegen und stiegen schon rauschten sie an den Stufen der Galerie
    »Beten willst du Mörderin Hinweg von dem Kreuz« rief Gotelindis grimmig
»denk an die drei Herzoge« Und plötzlich begannen alle die Delphine und
Tritonen auf der rechten Seite des Achtecks Ströme heißen Wassers auszuspeien
weißer Dampf quoll aus den Röhren
    Amalaswinta sprang auf und eilte auf die linke Seite der Galerie
»Gotelindis ich vergebe dir töte mich aber verzeih auch du meiner Seele«
Und das Wasser stieg und stieg schon schwoll es über die oberste Stufe und
drang langsam auf den Boden der Galerie »Ich dir vergeben Niemals Denk an
Eutarich«
    Und zischend schossen jetzt von links die dampfenden Wasserstrahlen auf
Amalaswinta Sie flüchtete nun in die Mitte gerade dem Medusenhaupt gegenüber
die einzige Stelle wohin kein Strahl der Wasserröhren reichte
    Wenn sie die hier angebrachte Sprungbrücke erstieg konnte sie noch einige
Zeit ihr Leben fristen Gotelindis schien dies zu erwarten und sich an der
verlängerten Qual weiden zu wollen schon brauste das Wasser auf dem Marmorboden
der Galerie und bespülte die Füße der Gefangenen rasch flog sie die
braunglänzenden Staffeln hinan und lehnte sich an die Brüstung der Brücke »Höre
mich Gotelindis meine letzte Bitte Nicht für mich  für mein Volk für unser
Volk  Petros will es verderben und Teodahad «  « 
    »Ja ich wusste dieses Reich ist die letzte Sorge deiner Seele Verzweifle
Es ist verloren Diese törichten Goten die jahrhundertelang den Balten die
Amaler vorgezogen sie sind verkauft und verraten von dem Haus der Amaler
Belisarius naht und niemand ist der sie warnt«
    »Du irrst Teufelin sie sind gewarnt Ich ihre Königin habe sie gewarnt
Heil meinem Volk Verderben seinen Feinden und Gnade meiner Seele«
    Und mit raschem Sprung stürzte sie sich hoch von der Brüstung in die Fluten
die sich brausend über ihr schlossen
    Gotelindis blickte starr auf die Stelle wo ihr Opfer gestanden »Sie ist
verschwunden« sagte sie Dann schaute sie in die Flut obenauf schwamm das
Brusttuch Amalaswintens »Noch im Tode überwindet mich dieses Weib« sagte sie
langsam »wie lang war der Hass und wie kurz die Rache«
 
                               Siebentes Kapitel
Wenige Tage nach diesen Ereignissen finden wir zu Ravenna in dem Gemach des
Gesandten von Byzanz eine Anzahl von vornehmen Römern geistlichen und
weltlichen Standes versammelt auch die Bischöfe Hypatius und Demetrius aus dem
Ostreich weilten bei ihm
    Große Aufregung aus Zorn und Furcht gemischt sprach aus allen Gesichtern
als der gewandte Rhetor seine Ansprache mit folgenden Worten schloss »Deshalb
ihr ehrwürdigen Bischöfe des Westreichs und des Ostreichs und ihr edelen Römer
hab ich euch hierher beschieden Laut und feierlich lege ich vor euch im Namen
meines Kaisers Verwahrung ein gegen alle Taten der Arglist und Gewalt die im
geheimen gegen die hohe Frau verübt werden mögen
    Seit neun Tagen ist sie verschwunden aus Ravenna wohl mit Gewalt
hinweggeführt aus eurer Mitte sie die von jeher die Freundin die Beschützerin
der Italier gewesen Verschwunden ist am gleichen Tage die Königin ihre grimme
Feindin Ich habe Eilboten ausgesandt nach allen Richtungen noch bin ich ohne
Nachricht aber wehe wenn  «
    Er konnte nicht vollenden
    Dumpfes Geräusch scholl von dem Forum des Herkules herauf bald hörte man
hastige Schritte im Vestibulum der Vorhang ward zurückgeschlagen und ins Gemach
eilte staubbedeckt einer der byzantinischen Sklaven des Gesandten »Herr« rief
er »sie ist tot Sie ist ermordet«
    »Ermordet« scholl es in der Runde
    »Durch wen« fragte Petros
    »Von Gotelindis auf der Villa im Bolsener See«
    »Wo ist die Leiche Wo die Mörderin«
    »Gotelindis gibt vor die Fürstin sei im Bad ertrunken unkundig mit den
Wasserkünsten spielend Aber man weiß dass sie ihrem Opfer von hier auf dem Fuße
nachgefolgt Römer und Goten eilen zu Hunderten nach der Villa die Leiche in
feierlichem Zuge hierher zu geleiten Die Königin floh vor der Rache des Volks
in das feste Schloss von Feretri«
    »Genug« rief Petros entrüstet »ich eile zum König und fordre euch auf ihr
edelen Männer mir zu folgen Auf euer Zeugnis will ich mich berufen vor Kaiser
Justinian« Und sofort eilte er an der Spitze der Versammelten nach dem Palast
    Sie fanden auf den Straßen eine Menge Volks in Bestürzung und Entrüstung hin
und her wogend die Nachricht war in die Stadt gedrungen und flog von Haus zu
Haus
    Als man den Gesandten des Kaisers und die Vornehmen der Stadt erkannte
öffnete sich die Menge vor ihnen schloss sich aber dicht hinter ihnen wieder und
flutete nach auf dem Wege in den Palast von dessen Toren sie kaum abgehalten
wurde Von Minute zu Minute stieg die Zahl und der Lärm des Volkes auf dem
Forum des Honorius drängten sich die Ravennaten zusammen die mit der Trauer um
ihre Beschützerin schon die Hoffnung vereinten bei diesem Anlass die
Barbarenherrschaft fallen zu sehen das Erscheinen des kaiserlichen Gesandten
steigerte diese Hoffnung und der Auflauf vor dem Palast nahm mehr und mehr eine
Richtung die keineswegs bloß Teodahad und Gotelindis bedrohte
    Inzwischen eilte Petros mit seiner Begleitung in das Gemach des hilflosen
Königs den mit seiner Gattin alle Kraft des Widerstandes verlassen hatte er
zagte vor der Aufregung der unten wogenden Menge und hatte nach Petros gesendet
von ihm Rat und Hilfe zu erlangen da ja dieser es gewesen der mit Gotelindis
den Untergang der Fürstin beschlossen und die Art der Ausführung beraten hatte
er sollte ihm jetzt auch die Folgen der Tat tragen helfen Als daher der
Byzantiner auf der Schwelle erschien eilte er beide Arme ausbreitend auf ihn
zu aber erstaunt blieb er plötzlich stehen erstaunt über die Begleitung noch
mehr erstaunt über die finster drohende Miene des Gesandten
    »Ich fordre Rechenschaft von dir König der Goten« rief dieser schon an der
Türe »Rechenschaft im Namen von Byzanz für die Tochter Teoderichs Du weißt
Kaiser Justinian hat sie seines besonderen Schutzes versichert jedes Haar ihres
Hauptes ist daher heilig und heilig jeder Tropfe ihres Blutes Wo ist
Amalaswinta«
    Der König sah ihn staunend an Er bewunderte diese Verstellungskunst Aber
er begriff ihren Zweck nicht Er schwieg
    »Wo ist Amalaswinta« wiederholte Petros drohend vortretend und sein
Anhang folgte ihm einen Schritt
    »Sie ist tot« sagte Teodahad ängstlich werdend
    »Ermordet ist sie« rief Petros »so ruft ganz Italien ermordet von dir und
deinem Weibe Justinian mein hoher Kaiser war der Schirmherr dieser Frau er
wird ihr Rächer sein Krieg künd ich dir in seinem Namen an Krieg gegen euch
ihr blutigen Barbaren Krieg gegen euch und euer ganz Geschlecht«
    »Krieg gegen euch und euer ganz Geschlecht« wiederholten die Italier
fortgerissen von der Gewalt des Augenblicks und den alten langgenährten Hass
entzügelnd und wie eine Woge brausten sie heran auf den zitternden König
    »Petros« stammelte dieser entsetzt »du wirst gedenken des Vertrages du
wirst doch  «
    Aber der Gesandte zog eine Papyrusrolle aus dem Mantel und riss sie mitten
durch »Zerrissen ist jedes Band zwischen meinem Kaiser und deinem
blutbefleckten Haus Ihr selber habt durch eure Greueltat alle Schonung
verwirkt die man euch früher gewährt Nichts von Verträgen Krieg«
    »Um Gott« jammerte Teodahad »nur nicht Krieg und Kampf Was forderst du
Petros«
    »Unterwerfung Räumung Italiens Dich selber und Gotelindis lad ich zum
Gericht nach Byzanz vor den Thron Justinians dort  «
    Aber seine Rede unterbrach der schmetternde Ruf des gotischen Kriegshorns
und in das Gemach eilte mit gezogenen Schwertern eine starke Schar gotischer
Krieger von Graf Witichis geführt
    Die gotischen Führer hatten sofort auf die Nachricht von Amalaswintens
Untergang die tüchtigsten Männer ihres Volks in Ravenna zu einer Beratung vor
die Porta romana beschieden und dort Maßregeln der Sicherung und der
Gerechtigkeit beraten
    Zur rechten Zeit erschienen sie jetzt auf dem Forum des Honorius wo der
Auflauf immer drohender wurde schon blinkte hier und dort ein Dolch schon
ertönte manchmal der Ruf »Wehe den Barbaren«
    Diese Zeichen und Stimmen verschwanden und verstummten sofort als nun die
verhassten Goten in geschlossenem Zug von dem Forum des Herkules her durch die
Via palatina anrückten ohne Widerstand zogen sie quer durch die grollenden
Haufen und indessen Graf Teja und Hildebad die Tore und die Terrasse des
Palastes besetzten waren Graf Witichis und Hildebrand gerade rechtzeitig im
Gemache des Königs angelangt die letzten Worte des Gesandten noch zu hören Ihr
Zug stellte sich in einer Schwenkung rechts vom Tronsitz des Königs zu dem
dieser zurückgewichen war und Witichis auf sein langes Schwert gestützt trat
hart vor den Griechen hin und sah ihm scharf ins Auge
    Eine erwartungsvolle Pause trat ein
    »Wer wagt es« fragte Witichis ruhig »hier den Herrn und Meister zu spielen
im Königshaus der Goten«
    Von seiner Überraschung sich erholend entgegnete Petros »Es steht dir übel
an Graf Witichis Mörder zu beschützen Ich hab ihn nach Byzanz geladen vor
Gericht«
    »Und darauf hast du keine Antwort Amalunge« rief der alte Hildebrand
zornig
    Aber das böse Gewissen band dem Könige die Stimme
    »So müssen wir statt seiner sprechen« sagte Witichis »Wisse Grieche
vernehmt es wohl ihr falschen und undankbaren Ravennaten das Volk der Goten
ist frei und erkennt auf Erden keinen Herrn und Richter über sich«
    »Auch nicht für Mord und Blutschuld«
    »Wenn schwere Taten unter uns geschehen richten und strafen wir sie selbst
Den Fremdling geht das nichts an am wenigsten unsern Feind den Kaiser in
Byzanz«
    »Mein Kaiser wird diese Frau rächen die er nicht retten konnte Liefert die
Mörder aus nach Byzanz«
    »Wir liefern keinen Gotenknecht nach Byzanz geschweige unsern König«
sprach Witichis
    »So teilt ihr seine Strafe wie seine Schuld und Krieg erklär ich euch im
Namen meines Herrn Erbebt vor Justinian und Belisar«
    Eine freudige Bewegung der gotischen Krieger war die Antwort Der alte
Hildebrand trat ans Fenster und rief zu den unten stehenden Goten hinab »Hört
ihr Goten frohe Kunde Krieg Krieg mit Byzanz«
    Da brach unten ein Getöse los wie wenn das Meer entfesselt über seine Dämme
bricht die Waffen klirrten und tausend Stimmen jubelten »Krieg Krieg mit
Byzanz«
    Dieser Widerhall blieb nicht ohne Eindruck auf Petros und die Italier das
Ungestüm solcher Begeisterung erschreckte sie schweigend sahen sie vor sich
nieder Während die Goten sich glückwünschend die Hände schüttelten trat
Witichis ernst gesenkten Hauptes in die Mitte hart neben Petros und sprach
feierlich »Also Krieg Wir scheuen ihn nicht  du hast es gehört Besser
offener Kampf als die langjährige lauernde wühlende Feindschaft Der Krieg ist
gut aber wehe dem Frevler der ohne Recht und ohne Grund den Krieg beginnt Ich
sehe Jahre voraus viele Jahre von Blut und Mord und Brand ich sehe zerstampfte
Saaten rauchende Städte zahllose Leichen die Ströme hinabschwimmen Hört unser
Wort auf euer Haupt dies Blut dies Elend Ihr habt geschürt und gereizt
jahrelang wir habens ruhig getragen Und jetzt habt ihr den Krieg
hereingeschleudert richtend wo ihr nicht zu richten habt ohne Grund euch
mischend in das Leben eines Volkes das so frei wie ihr auf euer Haupt die
Schuld Dies unsre Antwort nach Byzanz«
    Schweigend hörte Petros diese Worte an schweigend wandte er sich und
schritt mit seinen italischen Freunden hinaus Einige von diesen gaben ihm das
Geleit bis in seine Wohnung unter ihnen der Bischof von Florentia
    »Ehrwürdiger Freund« sagte er zu diesem beim Abschied »die Briefe
Teodahads in der bewussten Sache die ihr mir zur Einsicht anvertraut musst du
mir ganz belassen Ich bedarf ihrer und für deine Kirche sind sie nicht mehr
nötig«  »Der Prozess ist längst entschieden« erwiderte der Bischof »und die
Güter unwiderruflich erworben Die Dokumente sind dein« 
    Darauf verabschiedete der Gesandte seine Freunde die ihn bald mit dem
kaiserlichen Heer in Ravenna wiederzusehen hofften und eilte in sein Gemach wo
er zuerst einen Boten an Belisar abfertigte ihn zum sofortigen Angriff
aufzufordern
    Darauf schrieb er einen ausführlichen Bericht an den Kaiser der mit
folgenden Worten schloss »Und so scheinst Du o Herr wohl Grund zu haben mit
den Diensten Deines getreuesten Knechts zufrieden zu sein und mit der Lage der
Dinge Das Volk der Barbaren in Parteien zerspalten auf dem Thron ein verhasster
Fürst unfähig und treulos die Feinde sonder Rüstung überrascht die italische
Bevölkerung überall für Dich gewonnen es kann nicht fehlen wenn keine Wunder
geschehen müssen die Barbaren fast ohne Widerstand erliegen
    Und wie so oft tritt auch hier mein erhabener Kaiser dessen Stolz das
Recht als Schirmherr und Rächer der Gerechtigkeit auf  es ist ein geistvoller
Zufall dass die Triere die mich trägt den Namen Nemesis führt
    Nur das Eine betrübt mich unendlich dass es meinem treuen Eifer nicht
gelungen die unselige Tochter Teoderichs zu retten Ich flehe Dich an meiner
hohen Herrin der Kaiserin die mir niemals gnädig gesinnt war wenigstens zu
versichern dass ich allen ihren Aufträgen bezüglich der Fürstin deren Schicksal
sie mir noch in der letzten Unterredung als Hauptsorge ans Herz legte aufs
treueste nachzukommen suchte
    Auf die Anfrage bezüglich Teodahads und Gotelindens deren Hilfe uns das
Gotenreich in die Hände liefert wage ich es der hohen Kaiserin mit der ersten
Regel der Klugheit zu antworten es ist zu gefährlich die Mitwisser unsrer
tiefsten Geheimnisse am Hof zu haben«
    Diesen Brief sandte Petros eilig durch die beiden Bischöfe Hypatius und
Demetrius voraus Sie sollten nach Brundusium und von da über Epidamnus auf dem
Landwege nach Byzanz eilen Er selbst wollte erst nach einigen Tagen folgen
langsam die gotische Küste des Ionischen Meerbusens entlang fahrend überall die
Stimmung der Bevölkerung in den Hafenstädten zu prüfen und zu schüren
    Dann sollte er um den Peloponnes und Euböa her nach Byzanz segeln denn die
Kaiserin hatte ihm den Seeweg vorgeschrieben und ihm Aufträge für Athen und
Lampsakos erteilt
    Er überrechnete schon vor der Abreise von Ravenna mit vergnügten Sinnen
immer wieder seine Wirksamkeit in Italien und den Lohn den er dafür in Byzanz
erwartete
    Er kehrte zurück noch einmal so reich als er gekommen
    Denn er hatte der Königin Gotelindis nie eingestanden dass er mit dem
Auftrag Amalaswinta zu verderben ins Land gekommen Er hatte ihr vielmehr
lange die Gefahr der Ungnade bei Kaiser und Kaiserin entgegengehalten und sich
nur mit Widerstreben durch sehr hohe Summen von ihr für den Plan gewinnen
lassen in welchem er sie doch nur als Werkzeug brauchte Er erwartete in Byzanz
mit Sicherheit die versprochene Würde des Patriziats und freute sich schon
seinem hochmütigen Vetter Narses der ihn nie befördert hatte nun bald in
gleichem Range gegenüberzutreten
    »So ist denn alles nach Wunsch gelungen« sagte er selbstzufrieden während
er seine Briefschaften ordnete »und diesmal du stolzer Freund Cetegus hat
sich die Verschmitzheit doch trefflich bewährt Und der kleine Rhetor aus
Tessalonike hat es doch weiter gebracht mit seinen kleinen leisen Schritten
denn du mit deinem stolzen herausfordernden Gang Nur muss noch dafür gesorgt
werden dass Teodahad und Gotelindis nicht nach Byzanz an den Hof entrinnen
wie gesagt das wäre zu gefährlich vielleicht hat die Frage der klugen Kaiserin
eine Warnung sein sollen Nein dieses Königspaar muss verschwinden aus unsern
Wegen«
    Und er ließ den Gastfreund rufen bei dem er gewohnt und nahm Abschied von
ihm dabei übergab er ihm eine dunkle schmale Vase von der Form derer die zur
Aufbewahrung von Urkunden dienten er versiegelte den Deckel mit seinem Ring
der einen feingeschnittenen Skorpion zeigte und schrieb einen Namen auf die
daran hängende Wachstafel »Diesen Mann« sagte er dem Gastfreund »suche auf
bei der nächsten Versammlung der Goten zu Regeta und übergib ihm die Vase was
sie enthält ist sein Leb wohl auf baldig Wiedersehen hier in Ravenna«
    Und er verließ mit seinen Sklaven das Haus und bestieg alsbald das
Gesandtenschiff von stolzen Erwartungen hoch gehoben trug ihn die »Nemesis«
dahin
    Und als sich nun sein Schiff dem Hafen von Byzanz näherte von Lampsakos aus
hatte er  auch dies hatte die Kaiserin gewünscht  seine baldige Ankunft durch
einen kaiserlichen Schnellsegler der eben abging melden lassen überflog des
Gesandten Auge erwartungsvoll die schönen Landhäuser die marmorweiss aus den
Schatten immergrüner Gärten blinkten
    »Hier wirst du künftig wohnen unter den Senatoren des Reichs« sprach
wohlgefällig Petros
    Vor dem Einlaufen in den Hafen flog die »Tetis« das prachtvolle Lustboot
der Kaiserin ihnen entgegen sowie es des Gesandten Galeere erkannte die
Purpurwimpel entrollend und sie zum Halten anrufend Alsbald stieg an Bord der
Galeere ein Bote der Kaiserin es war Alexandros der frühere Gesandte am Hof
von Ravenna
    Er wies dem Trierarchen ein Schreiben des Kaisers in das dieser einen
erschrockenen Blick warf dann wandte er sich zu Petros »Im Namen des Kaisers
Justinian Du bist wegen jahrelang fortgesetzter Urkundenfälschung und
Steuerunterschlagung lebenslänglich zu den Metallarbeiten in den Bergwerken von
Cherson bei den ultziagirischen Hunnen verurteilt Du hast die Tochter
Teoderichs ihren Feinden preisgegeben Der Kaiser hätte Dich durch Deinen Brief
für entschuldigt erachtet aber die Kaiserin untröstlich über den Untergang
ihrer königlichen Schwester hat Deine alte Schuld dem Kaiser entdeckt Und ein
Brief des Präfekten von Rom an diesen hat dargetan dass Du mit Gotelindis
geheim der Königin Verderben geplant Die Kaiserin hat den Kaiser auch hierin
überzeugt Dein Vermögen ist eingezogen die Kaiserin aber lässt Dir sagen« 
hier flüsterte er in des Zerschmetterten Ohr  »du habest in Deinem klugen
Brief ihr selbst den Rat erteilt Mitwisser von Geheimnissen zu verderben
Trierarch Du führst den Verurteilten sofort an seinen Strafort ab«
    Und Alexandros ging auf die »Tetis« zurück
    Die »Nemesis« aber drehte rauschend ihr Steuer wandte dem Hafen von Byzanz
den Rücken und trug den Sträfling für immer aus dem Leben der Menschen
 
                                Achtes Kapitel
Wir haben Cetegus den Präfekten seit seiner Abreise nach Rom aus den Augen
verloren
    Er hatte daselbst in den Wochen der erzählten Ereignisse die eifrigste
Tätigkeit entfaltet denn er erkannte dass die Dinge jetzt zur Entscheidung
drängten er konnte ihr getrost entgegensehen
    Ganz Italien war einig in dem Hass gegen die Barbaren und wer anders
vermochte es der Kraft dieses Hasses Bewegung und Ziel zu geben als das Haupt
der Katakombenverschwörung und der Herr von Rom
    Das war er durch die jetzt völlig ausgebildeten und ausgerüsteten Legionare
und durch die nahezu vollendete Befestigung der Stadt an der er in den letzten
Monaten Nachts wie Tages hatte arbeiten lassen Und nun war es ihm zuletzt noch
gelungen wie er glaubte ein sofortiges Austreten der byzantinischen Macht in
seinem Italien die Hauptgefahr die seinen ehrgeizigen Plänen gedroht
abzuwenden durch zuverlässige Kundschafter hatte er erfahren dass die
byzantinische Flotte die bisher lauernd bei Sizilien geankert sich wirklich
von Italien hinweggewandt und der afrikanischen Küste genähert habe wo sie die
Seeräuberei zu unterdrücken beschäftigt schien
    Freilich sah Cetegus voraus dass es zu einer Landung der Griechen in
Italien kommen werde er konnte derselben als einer Nachhilfe nicht entbehren
    Aber alles war ihm daran gelegen dass dies Auftreten des Kaisers eben nur
eine Nachhilfe bleibe und deshalb musste er ehe ein Byzantiner den italischen
Boden betreten eine Erhebung der Italier aus eigener Kraft veranlasst und zu
solchen Erfolgen geführt haben dass die spätere Mitwirkung der Griechen nur als
eine Nebensache erschien und mit der Anerkennung einer losen Oberhoheit des
Kaisers abgelohnt werden konnte
    Und er hatte zu diesem Zweck seine Pläne trefflich vorbereitet
    Sowie der letzte römische Turm unter Dach sollten die Goten in ganz Italien
an einem Tag überfallen mit einem Schlag alle festen Plätze Burgen und Städte
Rom Ravenna und Neapolis voran genommen werden Und waren die Barbaren ins
flache Land hinausgeworfen so stand nicht mehr zu fürchten dass sie bei ihrer
großen Unkunde in Belagerungen und bei der Anzahl und Stärke der italischen
Festen diese und damit die Herrschaft über die Halbinsel wieder gewinnen würden
    Dann mochte ein byzantinisches Bundesheer helfen die Goten vollends über
die Alpen zu drängen und Cetegus wollte schon dafür sorgen dass diese Befreier
ebenfalls keinen Fuß in die wichtigsten Festungen setzen sollten um sich ihrer
später unschwer wieder entledigen zu können
    Dieser Plan setzte nun aber voraus dass die Goten durch die Erhebung
Italiens überrascht würden Wenn der Krieg mit Byzanz in Aussicht oder gar schon
ausgesprochen war dann natürlich ließ sich die Barbaren die in Kriegsstand
gesetzten Städte nicht durch einen Handstreich entreißen Da nun aber Cetegus
seit er die Sendung des Petros durchschaut hatte bei jeder Gelegenheit
Justinians Hervortreten aus seiner drohenden Stellung erwarten musste da es kaum
noch gelungen war Belisar wieder abzuwenden von Italien beschloss er keinen
Augenblick mehr zu verlieren
    Er hatte auf den Tag der Vollendung der Befestigungen Roms eine allgemeine
Versammlung der Verschworenen in den Katakomben anberaumt in der das mühsam und
erfindungsreich vorbereitete Werk gekrönt der Augenblick des Losschlagens
bestimmt und Cetegus als Führer dieser rein italischen Bewegung bezeichnet
werden sollte Er hoffte sicher den Widerstand der Bestochenen oder
Furchtsamen die nur für und mit Byzanz zu handeln geneigt waren durch die
Begeisterung der Jugend zu überwältigen wenn er diese sofort in den Kampf zu
führen versprach
    Noch vor jenem Tag kam die Nachricht von Amalaswintens Ermordung von der
Verwirrung und Spaltung der Goten nach Rom und ungeduldig sehnte der Präfekt die
Stunde der Entscheidung herbei Endlich war auch der einzige noch unfertige Turm
des aurelischen Tores unter Dach Cetegus führte die letzten Hammerschläge ihm
war dabei er höre die Streiche des Schicksals von Rom und von Italien dröhnen
    Bei dem Schmause den er darauf den Tausenden von Arbeitern in dem Theater
des Pompejus gab hatten sich auch die meisten der Verschworenen eingefunden
und der Präfekt benutzte die Gelegenheit diesen seine unbegrenzte Beliebteit
im Volk zu zeigen Auf die jüngeren unter den Genossen machte dies freilich den
Eindruck welchen er gewünscht hatte aber ein Häuflein dessen Mittelpunkt
Silverius war zog sich mit finsteren Mienen von den Tischen zurück
    Der Priester hatte seit lange eingesehen dass Cetegus nicht bloß Werkzeug
sein wollte dass er eigene Pläne verfolgte die der Kirche und seinem
persönlichen Einfluss sehr gefährlich werden konnten Und er war entschlossen
den kühnen Verbündeten zu stürzen sobald er entbehrt werden konnte es war ihm
nicht schwer geworden die Eifersucht so manches Römers gegen den Überlegenen im
geheimen zu schüren
    Die Anwesenheit aber zweier Bischöfe aus dem Ostreich Hypatius von Ephesus
und Demetrius von Philippi die in Glaubensfragen öffentlich mit dem Papst aber
geheim mit König Teodahad in Unterstützung des Petros in Politik
verhandelten hatte der kluge Archidiakon benutzt um mit Teodahad und mit
Byzanz in enge Verbindung zu treten
    »Du hast recht Silverius« murrte Scävola im Hinausgehen aus dem Tor des
Theaters »der Präfekt ist Marius und Cäsar in Einer Person«  »Er verschwendet
diese ungeheuren Summen nicht umsonst man darf ihm nicht zu sehr trauen«
warnte der geizige Albinus  »Lieben Brüder« mahnte der Priester »seht zu
dass ihr nicht einen unter euch lieblos verdammet Wer solches täte wäre des
höllischen Feuers schuldig Freilich beherrscht unser Freund die Fäuste der
Handwerker wie die Herzen seiner jungen Ritter es ist das gut er kann dadurch
die Tyrannei zerbrechen  «
    »Aber dadurch auch eine neue aufrichten« meinte Kalpurnius
    »Das soll er nicht wenn Dolche noch töten wie in Brutus Tagen« sprach
Scävola
    »Es bedarf des Blutes nicht Bedenket nur immer« sagte Silverius »je näher
der Tyrann desto drückender die Tyrannei je ferner der Herrscher desto
erträglicher die Herrschaft Das schwere Gewicht des Präfekten ist aufzuwiegen
durch das schwerere des Kaisers«
    »Jawohl« stimmte Albinus bei der große Summen von Byzanz erhalten hatte
»der Kaiser muss der Herr Italiens werden«  »Das heißt« beschwichtigte
Silverius den unwillig auffahrenden Scävola »wir müssen den Präfekten durch den
Kaiser den Kaiser durch den Präfekten niederhalten Siehe wir stehen an der
Schwelle meines Hauses Lasst uns eintreten Ich habe geheim euch mitzuteilen
was heute abend in der Versammlung kundwerden soll Es wird euch überraschen
Aber andre Leute noch mehr«
    Inzwischen war auch der Präfekt von dem Gelage nach Hause geeilt sich in
einsamem Sinnen zu seinem wichtigen Werke zu bereiten Nicht seine Rede
überdachte er wusste er doch längst was er zu sagen hatte und ein glänzender
Redner dem die Worte so leicht wie die Gedanken kamen überließ er den Ausdruck
gern dem Antrieb des Augenblicks wohl wissend dass das eben frisch aus der
Seele geschöpfte Wort am lebendigsten wirkt
    Aber er rang nach innerer Ruhe denn seine Leidenschaft schlug hohe Wellen
    Er überschaute die Schritte die er nach seinem Ziele hin getan seit zuerst
dieses Ziel mit dämonischer Gewalt ihn angezogen er erwog die kurze Strecke
die noch zurückzulegen war er überzählte die Schwierigkeiten die Hindernisse
die noch auf diesem Wege lagen und ermass dagegen die Kraft seines Geistes sie
zu überwinden und das Ergebnis dieses prüfenden Wägens erzeugte in ihm eine
Siegesfreude die ihn mit jugendlicher Aufregung ergriff
    Mit gewaltigen Schritten durchmass er das Gemach
    Die Muskeln seiner Arme spannten sich wie in der Stunde beginnender
Schlacht er umgürtete sich mit dem breiten siegreichen Schwert seiner
Kriegsfahrten und drückte krampfhaft dessen Adlergriff als gelte es jetzt
gegen zwei Welten gegen Byzanz und die Barbaren sein Rom zu erkämpfen Dann
trat er der Cäsarstatue gegenüber und sah ihr lange in das schweigende
Marmorantlitz Endlich ergriff er mit beiden Händen die Hüften des Imperators
und rüttelte an ihnen »lebwohl« sagte er »und gib mir dein Glück mit auf den
Weg Mehr brauch ich nicht«
    Und rasch wandte er sich und eilte aus dem Gemache und durch das Atrium
hinaus auf die Straße wo ihn schon die ersten Sterne begrüßten
    Zahlreicher als je hatten sich die Verschwornen an diesem Abend in den
Katakomben eingefunden waren doch durch ganz Italien die Ladungen zu dieser
Versammlung als zu einer entscheidungsvollen ergangen So waren auf den Wunsch
des Präfekten besonders alle strategisch wichtigen Punkte vertreten von den
starken Grenzhüterinnen Tridentum Tarvisium und Verona die das Eis der Alpen
schauen bis zu Otorantum und Konsentia welche die laue Welle des Ausonischen
Meeres bespült hatten sie alle ihre Boten zugesendet jene berühmten Städte
Siziliens und Italiens mit den stolzen den schönen den weltgeschichtlichen
Namen Syrakusä und Katana Panormus und Messana Regium Neapolis und Cumä
Kapua und Beneventum Antium und Ostia Reate und Narnia Volsinii Urbsvetus
und Spoletum Klusium und Perusia Auximum und Ancon Florentia und Fäsulä
Pisa Luca Luna und Genua Ariminium Cäsena Faventia und Ravenna Parma
Dertona und Placentia Mantua Cremona und Ticinum Pavia Mediolanum Komum
und Bergamum Asta und Pollentia dann von der Nord und Ostküste des Ionischen
Meerbusens Koncordia Aquileja Jadera Scardona und Salona
    Da waren ernste Senatoren und Decurionen ergraut in dem Rat ihrer Städte
deren Häupter ihre Ahnen seit Jahrhunderten gewesen kluge Kaufleute
breitschultrige Gutsherrn rechtaberische Juristen spöttische Rhetoren und
namentlich eine große Anzahl von Geistlichen jedes Ranges und jedes Alters die
einzige fest organisierte Macht und Silverius unbedingt gehorsam
    Wie Cetegus noch hinter der Mündung des schmalen Ganges verborgen die
Massen in dem Halbrund der Grotte übersah konnte er sich eines verächtlichen
Lächelns nicht erwehren das aber in einen Seufzer auslief Außer der
allgemeinen Abneigung gegen die Barbaren die doch bei weitem nicht stark genug
war schwere politische Pläne mit Opfern und Entsagungen zu tragen  welch
verschiedene und oft welch kleine Motive hatten diese Verschwornen hier
zusammengeführt
    Cetegus kannte die Beweggründe der einzelnen genau hatte er sie doch durch
Bearbeitung ihrer schwächsten Seiten beherrschen gelernt Und er musste zuletzt
noch froh darum sein echte Römer hätte er nie wie diese Verschworenen so
völlig unter seinen Einfluss gebracht
    Aber wenn er sie nun hier alle beisammen sah diese Patrioten und bedachte
wie den einen die Hoffnung auf einen Titel von Byzanz den andern plumpe
Bestechung einen dritten Rachsucht wegen irgendeiner Beleidigung oder auch nur
die Langeweile oder Schulden oder ein schlechter Streich unter die Unzufriedenen
geführt und wenn er sich nun vorstellte dass er mit solchen Bundesgenossen den
gotischen Heermännern entgegentreten sollte  da erschrak er fast über die
Vermessenheit seines Planes
    Und eine Erquickung war es ihm als die helle Stimme des Lucius Licinius
seinen Blick auf die Schar der jungen »Ritter« lenkte denen wirklich
kriegerischer Mut und nationale Begeisterung aus den Augen sprühte so hatte er
doch einige verlässige Waffen 
    »Gegrüsst Lucius Licinius« sprach er aus dem Dunkel des Ganges
hervortretend »Ei du bist ja gerüstet und gewaffnet als ging es von hier
gegen die Barbaren«
    »Kaum bezwing ich das Herz in der Brust vor Hass und vor Freude« sagte der
schöne Jüngling »Sieh alle diese hier hab ich für dich für das Vaterland
geworben«
    Cetegus blickte grüßend umher
    »Auch du hier Kallistratos  du heiterer Sohn des Friedens«
    »Hellas wird ihre Schwester Italia nicht verlassen in der Stunde der
Gefahr« sagte der Hellene und legte die weiße Hand auf das zierliche Schwert
mit dem Griff von Elfenbein Und Cetegus nickte ihm zu und wandte sich zu den
andern Marcus Licinius Piso Massurius Balbus die seit den Floralien ganz
von dem Präfekten gewonnen ihre Brüder Vettern Freunde mitgebracht hatten
Prüfend flog sein Blick über die Gruppe er schien einen aus diesem Kreise zu
vermissen Lucius Licinius erriet seine Gedanken »Du suchst den schwarzen
Korsen Furius Ahalla
    Auf den kannst du nicht zählen Ich holte ihn von weitem aus aber er
sprach Ich bin ein Korse kein Italier mein Handel blüht unter gotischem
Schutz lasst mich aus eurem Spiel Und als ich weiter in ihn drang  denn ich
gewönne gern sein kühnes Herz und die vielen Tausende von Armen über die er
gebeut  sprach er kurz abweisend Ich fechte nicht gegen Totila«
    »Die Götter mögen wissen was den tigerwilden Korsen an jenen Milchbart
bindet« meinte Piso
    Cetegus lächelte aber er furchte die Stirn »Ich denke wir Römer
genügen« sprach er laut und das Herz der Jünglinge schlug
    »Eröffne die Versammlung« mahnte Scävola unwillig den Archidiakon »du
siehst wie er die jungen Leute beschwatzt er wird sie alle gewinnen
Unterbrich ihn rede«
    »Sogleich Bist du gewiss dass Albinus kommt«
    »Er kommt er erwartet den Boten am appischen Tor«
    »Wohlan« sagte der Priester »Gott mit uns« Und er trat in die Mitte der
Rotunde erhob ein schwarzes Kreuz und begann »Im Namen des dreieinigen Gottes
Wieder einmal haben wir uns versammelt im Grauen der Nacht zu den Werken des
Lichts Vielleicht zum letztenmal denn wunderbar hat der Sohn Gottes dem die
Ketzer die Ehre weigern unsere Mühen zu seiner Verherrlichung zur Vernichtung
seiner Feinde gesegnet Nächst Gott dem Herrn aber gebührt der höchste Dank dem
edelen Kaiser Justinian und seiner frommen Gemahlin die mit tätigem Mitleid die
Seufzer der leidenden Kirche vernehmen und endlich hier unsrem Freund und
Führer dem Präfekten der unablässig für unsres Herrn des Kaisers Sache wirkt
« 
    »Halt Priester« rief Lucius Licinius dazwischen »wer nennt den Kaiser von
Byzanz hier unsern Herrn wir wollen nicht den Griechen dienen statt den Goten
Frei wollen wir sein«
     »Frei wollen wir sein« wiederholte der Chor seiner Freunde
    »Frei wollen wir werden« fuhr Silverius fort »Gewiss Aber das können wir
nicht aus eigener Macht nur mit des Kaisers Hilfe Glaubt auch nicht geliebte
Jünglinge der Mann den ihr als euren Vorkämpfer verehrt Cetegus denke
hierin anders Justinian hat ihm einen köstlichen Ring  sein Bild in Karneol 
gesendet zum Zeichen dass er billige was der Präfekt für ihn den Kaiser tue
und der Präfekt hat den Ring angenommen seht hier er trägt ihn am Finger«
    Betroffen und unwillig sahen die Jünglinge auf Cetegus Dieser trat
schweigend in die Mitte Eine peinliche Pause entstand
    »Sprich Feldherr« rief Lucius »widerlege sie Es ist nicht wie sie sagen
mit dem Ring«
    Aber Cetegus zog den Ring kopfnickend ab »Es ist wie sie sagen der Ring
ist vom Kaiser und ich hab ihn angenommen«
    Lucius Licinius trat einen Schritt zurück
    »Zum Zeichen« fragte Silverius
    »Zum Zeichen« sprach Cetegus mit drohender Stimme »dass ich der
herrschsüchtige Selbstling nicht bin für den mich einige halten zum Zeichen
dass ich Italien mehr liebe als meinen Ehrgeiz Ja ich baute auf Byzanz und
wollte dem mächtigen Kaiser die Führerstelle abtreten  darum nahm ich diesen
Ring Ich baue nicht mehr auf Byzanz das ewig zögert deshalb hab ich diesen
Ring heute mitgebracht ihn dem Kaiser zurückzustellen Du Silverius hast dich
als den Vertreter von Byzanz erwiesen hier gib deinem Herrn sein Pfand zurück
er säumt zu lang sag ihm Italien hilft sich selbst«
    »Italien hilft sich selbst« jubelten die jungen Ritter
    »Bedenket was ihr tut« warnte mit verhaltnem Zorn der Priester »Den
heißen Mut der Jünglinge begreif ich  aber dass meines Freundes des gereiften
Mannes Hand nach dem Unerreichbaren greift  befremdet mich Bedenket die Zahl
und wilde Kraft der Barbaren Bedenket wie die Männer Italiens seit lange des
Schwertes entwöhnt wie alle Zwingburgen des Landes in der Hand « 
    »Schweig Priester« donnerte Cetegus »das verstehst du nicht Wo es die
Psalmen zu erklären gilt und die Seele nach dem Himmelreich zu lenken da rede
du denn solches ist dein Amt wos aber Krieg und Kampf der Männer gilt lass
jene reden die den Krieg verstehen Wir lassen dir den ganzen Himmel  lass uns
nur die Erde Ihr römischen Jünglinge ihr habt die Wahl Wollt ihr abwarten
bis dieses wohlbedächtige Byzanz sich doch vielleicht Italiens noch erbarmt ihr
könnt müde Greise werden bis dahin  oder wollt ihr nach alter Römer Art die
Freiheit mit dem eignen Schwert erkämpfen Ihr wollts ich sehs am Feuer eurer
Augen Wie man sagt uns wir sind zu schwach Italien zu befreien Ha seid ihr
nicht die Enkel jener Römer die den Weltkreis bezwangen Wenn ich euch aufrufe
Mann für Mann da ist kein Name der nicht klingt wie Heldenruhm Decius
Korvinus Kornelius Valerius Licinius  wollt ihr mit mir das Vaterland
befreien«
    »Wir wollen es Führe uns Cetegus« riefen die Jünglinge begeistert
    Nach einer Pause begann der Jurist »Ich heiße Scävola Wo römische
Heldennamen aufgerufen werden hätte man auch des Geschlechts gedenken mögen in
dem das Heldentum der Kälte erblich ist Ich frage dich du jugendheisser Held
Cetegus hast du mehr als Träume und Wünsche wie diese jungen Toren hast du
einen Plan« 
    »Mehr als das Scävola ich habe und halte den Sieg Hier ist die Liste fast
aller Festungen Italiens an den nächsten Iden in dreißig Tagen also fallen
sie alle auf Einen Schlag in meine Hand«
    »Wie dreißig Tage sollen wir noch warten« fragte Lucius
    »Nur so lange bis die hier Versammelten ihre Städte wieder erreicht bis
meine Eilboten Italien durchflogen haben Ihr habt über vierzig Jahre warten
müssen«
    Aber der ungeduldige Eifer der Jünglinge den er selbst geschürt wollte
nicht mehr ruhen sie machten verdrossne Mienen zu dem Aufschub  sie murrten
    Blitzschnell ersah der Priester diesen Umschlag der Stimmung »Nein
Cetegus« rief er »solang kann nicht mehr gezögert werden Unerträglich ist
dem Edelen die Tyrannei Schmach dem der sie länger duldet als er muss Ich weiß
euch bessern Trost ihr Jünglinge Schon in den nächsten Tagen können die Waffen
Belisars in Italien blitzen«
    »Oder sollen wir vielleicht« fragte Scävola »Belisar nicht folgen weil er
nicht Cetegus ist«
    »Ihr sprecht von Wünschen« lächelte dieser »nicht von Wirklichem Landete
Belisar ich wäre der erste mich ihm anzuschließen Aber er wird nicht landen
Das ists ja was mich abgewendet hat von Byzanz der Kaiser hält nicht Wort«
    Cetegus spielte ein sehr kühnes Spiel Aber er konnte nicht anders
    »Du könntest irren und der Kaiser früher sein Wort erfüllen als du meinst
Belisar liegt bei Sizilien«
    »Nicht mehr Er hat sich nach Afrika nach Hause gewendet Hofft nicht mehr
auf Belisar«
    Da hallten hastige Schritte aus dem Seitengange und eilfertig stürzte
Albinus herein
    »Triumph« rief er »Freiheit Freiheit«
    »Was bringst du« fragte freudig der Priester
    »Den Krieg die Rettung Byzanz hat den Goten den Krieg erklärt«
    »Freiheit Krieg« jauchzten die Jünglinge
    »Es ist unmöglich« sprach Cetegus tonlos
    »Es ist gewiss« rief eine andre Stimme vom Gange her  es war Kalpurnius
der jenem auf dem Fuß gefolgt  »und mehr als das der Krieg ist begonnen
Belisar ist gelandet auf Sizilien bei Katana Syrakusä Messana sind ihm
zugefallen Panormus hat er mit der Flotte genommen er ist übergesetzt nach
Italien von Messana nach Regium er steht auf unserm Boden«
    »Freiheit« rief Marcus Licinius
    »Überall fällt ihm die Bevölkerung zu Aus Apulien aus Kalabrien flüchten
die überraschten Goten unaufhaltsam dringt er durch Bruttien und Lucanien gen
Neapolis«
    »Es ist erlogen alles erlogen« sagte Cetegus mehr zu sich selbst als zu
den andern
    »Du scheinst nicht sehr erfreut über den Sieg der guten Sache Aber der Bote
ritt drei Pferde zu Tod Belisar ist gelandet mit dreissigtausend Mann«  »Ein
Verräter wer noch zweifelt« sprach Scävola  »Nun lass sehen« höhnte
Silverius »ob du dein Wort halten wirst Wirst du der erste von uns sein dich
Belisar anzuschließen«
    Vor Cetegus Auge versank in dieser Stunde eine ganze Welt seine Welt So
hatte er denn umsonst nein schlimmer als das für einen verhassten Feind alles
getan was er getan
    Belisar in Italien mit einem starken Heere und er getäuscht machtlos
überwunden Wohl jeder andre hätte jetzt alles weitere Streben ermüdet
aufgegeben In des Präfekten Seele fiel nicht ein Schatten der Entmutigung Sein
ganzer Riesenbau war eingestürzt noch betäubte der Schlag sein Ohr und schon
hatte er beschlossen im selben Augenblick ihn von neuem zu beginnen seine Welt
war versunken und er hatte nicht Musse ihr einen Seufzer nachzusenden denn
aller Augen hingen an ihm Er beschloss eine zweite zu schaffen
    »Nun was wirst du tun« wiederholte Silverius
    Cetegus würdigte ihn keines Blicks Zu der Versammlung gewendet sprach er
mit ruhiger Stimme »Belisar ist gelandet Er ist jetzt unser Haupt ich gehe in
sein Lager« Damit schritt er dem Ausgang zu gemessenen Ganges gefassten
Angesichts an Silverius und dessen Freunden vorüber
    Silverius wollte ein Wort des Hohnes flüstern aber er verstummte da ihn
der Blick des Präfekten traf »Frohlocke nicht Priester« schien er zu sagen
»diese Stunde wird dir vergolten«
    Und Silverius der Sieger blieb erschrocken stehen
 
                                Neuntes Kapitel
Die Landung der Byzantiner war allen Goten wie Italiern gleich unerwartet
gekommen
    Denn die letzte Bewegung Belisars nach Südosten hatte alle Erwartungen von
der kaiserlichen Flotte in die Irre gelenkt Von unsern gotischen Freunden war
nur Totila in Unteritalien vergeblich hatte er als Seegraf von Neapolis die
Regierung zu Ravenna gewarnt und um Vollmachten um Mittel zur Verteidigung
Siziliens gebeten Wir werden sehen wie ihm alle Mittel genommen wurden das
Ereignis zu verhindern das sein Volk bedrohte das gerade in die lichten Kreise
seines eignen Lebens zuerst verhängnisvolle Schatten werfen und die Bande des
Glückes zerreißen sollte mit welchen ein freundliches Schicksal diesen Liebling
der Götter bisher umwoben hatte
    Denn in Bälde war es der unwiderstehlichen Anmut seiner Natur gelungen das
edle wenn auch strenge Herz des Valerius zu gewinnen Wir haben gesehen wie
mächtig die Bitten der Tochter das Andenken an die Scheideworte der Gattin die
Offenheit Totilas schon in jener Stunde der nächtlichen Überraschung auf den
würdigen Alten gewirkt
    Totila blieb als Gast in der Villa Julius mit seiner gewinnenden Güte
wurde von den Liebenden zu Hilfe gerufen und ihren vereinten Einflüssen gab der
Sinn des Vaters allmählich nach Dies war jedoch bei dem strengen Römertum des
Alten nur dadurch möglich dass von allen Goten Totila an Sinnesart Bildung und
Wohlwollen den Römern am nächsten stand so dass Valerius bald einsah er könne
einen Jüngling nicht »barbarisch« schelten der besser als mancher Italier die
Sprache die Weisheit und die Schönheit der hellenischen und römischen Literatur
kannte und würdigte und wie er seine Goten liebte so die Kultur der alten
Welt bewunderte
    Dazu kam endlich dass im politischen Gebiet den alten Römer und den jungen
Germanen der gemeinsame Hass gegen die Byzantiner verband Wenn der offenen
Heldenseele Totilas in den tückischen Erbfeinden seiner Nation die Mischung von
Heuchelei und Gewalterrschaft unwillkürlich wie dem Lichte die Nacht verhasst
war so war für Valerius die ganze Tradition seiner Familie eine Anklage gegen
das Imperatorentum und Byzanz Die Valerier hatten von jeher zu der
aristokratischrepublikanischen Opposition wider das Cäsarentum gezählt Und so
mancher der Ahnen hatte schon seit den Tagen des Tiberius die
altrepublikanische Gesinnung mit dem Tode gebüßt und besiegelt Niemals hatten
diese Geschlechter im Herzen die Übertragung der Welterrschaft von der
Tiberstadt nach Byzanz anerkannt in dem byzantinischen Kaisertum erblickte
Valerius den Gipfel aller Tyrannei und um jeden Preis wollte er die Habsucht
den Glaubenszwang den orientalischen Despotismus dieser Kaiser von seinem
Latium fernhalten Es kam dazu dass sein Vater und sein Bruder bei einer
Handelsreise durch Byzanz von einem Vorgänger Justinians aus Habsucht waren
festgehalten und wegen angeblicher Beteiligung an einer Verschwörung unter
Konfiskation ihrer im Ostreich belegenen Güter hingerichtet worden so dass den
politischen Hass des Patrioten mit aller Macht persönliche Schmerzen verstärkten
Er hatte als Cetegus ihn in die Katakombenverschwörung einweihte eifrig den
Gedanken einer Selbstbefreiung Italiens ergriffen aber alle Annäherungen der
kaiserlichen Partei mit den Worten abgewiesen »lieber den Tod als Byzanz«
    So vereinten sich die beiden Männer in dem Entschluss keine Byzantiner in
dem schönen Lande zu dulden das dem Goten kaum minder teuer war als dem Römer
    Die Liebenden hüteten sich den Willen des Alten schon jetzt zu einem
bindenden Wort zu drängen sie begnügten sich für die Gegenwart mit der Freiheit
des Umgangs die Valerius ihnen beliess und warteten ruhig ab bis der Einfluss
allmählicher Gewöhnung ihn auch mit dem Gedanken an ihre völlige Vereinigung
befreunden würde So verlebten unsre jungen Freunde goldene Tage
    Das Liebespaar hatte neben seinem eigensten Glücke die Freude an der
wachsenden Neigung des Vaters zu Totila und Julius genoss jene weihevolle
Erhebung die für edle Naturen in dem Überwinden eigener Schmerzen um des Glückes
geliebter Herzen willen liegt
    Seine suchende von der Weisheit der alten Philosophie nicht befriedigte
Seele wandte sich mehr und mehr jener Lehre zu die den höchsten Frieden im
Entsagen findet
    Eine sehr entgegengesetzte Natur war Valeria
    Sie war der Ausdruck der echt römischen Ideale ihres Vaters der an der
frühe verstorbnen Mutter Stelle ihre ganze Erziehung geleitet und im geistigen
und sittlichen Gebiet die Ergebnisse des antiken heidnischen Geistes ihr
angeeignet hatte Das Christentum dem ihre Seele bei dem Eintritt in das Leben
durch eine äußere Nötigung war zugewendet und später ebenso durch ein
äusserliches Mittel wieder war entrissen worden erschien ihr als eine
gefürchtete nicht als eine verstandene und geliebte Macht die sie gleich wohl
nicht aus dem Kreise ihrer Gedanken und Gefühle zu scheiden vermochte Als echte
Römerin sah sie auch nicht mit bangem Zagen sondern mit freudigem Stolz die
kriegerische Begeisterung die im Gespräch mit ihrem Vater über Byzanz und seine
Feldherrn aus der Seele Totilas leuchtete den künftigen Helden verkündend
    Und so trug sie es mit edler Fassung als den Geliebten seine Kriegerpflicht
plötzlich abrief aus den Armen der Liebe und Freundschaft Denn sowie die Flotte
der Byzantiner auf der Höhe von Syrakusä erschienen war loderte in dem jungen
Goten der Gedanke der Wunsch des Krieges unauslöschlich empor Als Befehlshaber
des unteritalischen Geschwaders lag ihm die Pflicht ob die Feinde zu
beobachten die Küste zu decken Er setzte rasch seine Schiffe instand und
segelte der griechischen Seemacht entgegen Erklärung heischend über den Grund
ihres Erscheinens in diesen Gewässern
    Belisar der den Auftrag hatte erst nach einem Ruf von Petros feindlich
aufzutreten gab eine friedliche und unanfechtbare Auskunft die Unruhen in
Afrika und Seeräubereien mauretanischer Schiffe vorschützend Mit dieser Antwort
musste sich Totila begnügen aber in seiner Seele stand der Ausbruch des Krieges
fest vielleicht nur deshalb weil er ihn wünschte Er traf daher alle
Anstalten schickte warnende Boten nach Ravenna und suchte vor allem das
wichtige Neapolis wenigstens von der Seeseite her zu decken da die
Landbefestigung der Stadt während des langen Friedens vernachlässigt und der
alte Uliaris der Stadtgraf von Neapolis nicht aus seiner stolzen Sicherheit
und Griechenverachtung aufzurütteln war
    Die Goten wiegten sich überhaupt in dem gefährlichen Wahn die Byzantiner
würden gar nie wagen sie anzugreifen und ihr verräterischer König bestärkte
sie gern in diesem Glauben Die Warnungen Totilas blieben deshalb unbeachtet und
es wurde dem eifrigen Seegrafen sogar sein ganzes Geschwader abgenommen und in
den Hafen von Ravenna zu angeblicher Ablösung beordert aber die Schiffe welche
die abgesegelten ersetzen sollten blieben aus
    Und Totila hatte nichts als ein paar kleine Wachtschiffe mit welchen er
wie er den Freunden erklärte die Bewegungen der zahlreichen Griechenflotte
nicht beobachten geschweige denn aufhalten konnte Diese Mitteilungen bewogen
den Kaufherrn die Villa bei Neapolis zu verlassen und seine reichen Besitzungen
und Handelsniederlassungen bei Regium an der Südspitze der Halbinsel
aufzusuchen um die wertvollste Habe aus dieser Gegend für die Totila den
ersten Angriff der Feinde besorgte nach Neapolis zu flüchten und überhaupt
seine Anordnungen für den Fall eines längeren Krieges zu treffen Auf dieser
Reise sollte Julius ihn begleiten und auch Valeria war nicht zu bewegen in der
leeren Villa zurückzubleiben von Gefahr war wie Totila versichert hatte für
die nächsten Tage nichts zu fürchten
    So reisten denn die drei von einigen Sklaven begleitet nach der Hauptvilla
bei dem Passe Jugum nördlich von Regium ab die unmittelbar am Meere gelegen
ja zum Teil mit jenem schon von Horatius gescholtnen Luxus in das Meer selbst
»wagend hinausgebaut« war
    Valerius traf die Dinge in schlechter Ordnung Seine Institoren hatten
sicher gemacht durch lange Abwesenheit des Herrn übel gewirtschaftet und mit
Unwillen erkannte dieser dass seine prüfende ordnende strafende Tätigkeit
nicht tage sondern wochenlang in dieser Gegend notwendig sein werde
    Unterdessen mehrten sich die drohenden Anzeichen Totila schickte warnende
Winke aber Valeria erklärte ihren Vater in der Gefahr nicht verlassen zu
können und dieser verschmähte es vor den »Griechlein« zu flüchten die er noch
mehr verachtete als hasste
    Da wurden sie eines Tages durch zwei Boote überrascht die fast gleichzeitig
in den kleinen Hafen der Villa einliefen das eine trug Totila das andre den
Korsen Furius Ahalla Die Männer begrüßten sich überrascht doch erfreut als
alte Bekannte und wandelten miteinander durch die Taxus und Lorbeergänge des
Gartens zu der Villa hinan Hier trennten sie sich Totila gab vor seinen
Freund Julius besuchen zu wollen indes den Korsen ein Geschäft zu dem Kaufherrn
führte mit dem er seit Jahren in einer für beide Teile gleich vorteilhaften
Handelsverbindung stand
    Mit Freuden sah daher Valerius den klugen kühnen und stattlichschönen
Seefahrer bei sich eintreten und nach herzlicher Begrüßung wandten sich die
beiden Handelsfreunde ihren Büchern und Rechnungen zu
    Nach kurzen Erörterungen erhob sich der Korse von den Rechentafeln und
sprach »So siehst du Valerius aufs neue hat Mercurius unser Bündnis gesegnet
Meine Schiffe haben dir Purpur und köstlichen Wollstoff aus Phönikien und aus
Spanien zugeführt und deine köstlichen Fabrikate des verflossenen Jahres
verführt nach Byzanz und Alexandria nach Massilia und Antiochia Ein Centenar
Goldes Mehrgewinn gegen das Vorjahr Und so wird er steigen und steigen von Jahr
zu Jahr solang die wackeren Goten den Frieden schirmen und die Rechtspflege im
Abendland« Er schwieg wie abwartend
    »Solang sie schirmen können« seufzte Valerius »solang diese Griechen
Frieden halten Wer steht dafür dass uns nicht diese Nacht der Seewind die
Flotte Belisars an die Küste treibt«
    »Also auch du erwartest den Krieg Im Vertrauen er ist mehr als
wahrscheinlich er ist gewiss«
    »Furius« rief der Römer »woher weißt du das«
    »Ich komme von Afrika von Sizilien Ich habe die Flotte des Kaisers
gesehen so rüstet man nicht gegen Seeräuber Ich habe die Heerführer Belisars
gesprochen sie träumen Nacht und Tag von den Schätzen Italiens Sizilien ist
zum Abfall reif sowie die Griechen landen«
    Valerius erbleichte vor Aufregung Furius bemerkte es und fuhr fort »Und
deshalb vor allem bin ich hierher geeilt dich zu warnen Der Feind wird in
dieser Gegend landen und ich wusste dass deine Tochter dich begleitet«
    »Valeria ist eine Römerin«
    »Ja aber diese Feinde sind die wildesten Barbaren Denn Hunnen Massageten
Skyten Avaren Sclavenen und Sarazenen sind es die dieser Kaiser der Römer
loslässt auf Italien Wehe wenn dein minervengleiches Kind in ihre Hände fiele«
    »Das wird sie nicht« sagte Valerius die Hand am Dolch »Aber du sprichst
wahr  sie muss fort in Sicherheit«  »Wo ist in Italien Sicherheit Bald werden
die Wogen dieses Krieges brausend zusammenschlagen über Neapolis über Rom und
kaum sich an Ravennas Mauern brechen«  »Denkst du so groß von diesen Griechen
Hat doch Griechenland nie etwas anderes nach Italien geschickt als Mimen
Seeräuber und Kleiderdiebe«  »Belisarius aber ist ein Sohn des Sieges
Jedenfalls entbrennt ein Kampf dessen Ende so mancher von euch nicht erleben
wird«  »Von euch sagst du wirst du nicht mit kämpfen«
    »Nein Valerius Du weißt in meinen Adern fließt nur korsisch Blut trotz
meines römischen Adoptivnamens ich bin nicht Römer nicht Grieche nicht Gote
Ich wünsche den Goten den Sieg weil sie Zucht und Ordnung halten zu Wasser und
zu Land und weil mein Handel blüht unter ihrem Zepter aber wollt ich offen für
sie fechten der Fiskus von Byzanz verschlänge was irgend von meinen Schiffen
und Waren in den Häfen des Ostreichs liegt drei Viertel all meines Guts Nein
ich gedenke mein Eiland so zu befestigen  du weißt ja halb Korsika ist mein 
dass keine der kämpfenden Parteien mich viel belästigen wird meine Insel wird
eine Friedensinsel sein während rings die Länder und Meere vom Krieg erdröhnen
Ich werde dies Asyl beschirmen wie ein König seine Krone wie ein Bräutigam die
Braut und deshalb«  seine Augen funkelten und seine Stimme bebte vor Erregung
»deshalb wollte ich jetzt heute ein Wort aussprechen das ich seit Jahren auf
dem Herzen trage«  Er stockte
    Valerius sah voraus was kommen werde und sah es mit tiefem Schmerz seit
Jahren hatte er sich in dem Gedanken gefallen sein Kind dem mächtigen Kaufherrn
zu vertrauen eines alten Freundes Adoptivsohn dessen Neigung er lange
durchschaut So lieb er in letzter Zeit den jungen Goten gewonnen er würde doch
den langjährigen Handelsgenossen als Eidam vorgezogen haben Und er kannte den
unbändigen Stolz und die zornige Rachsucht des Korsen er fürchtete im Fall der
Weigerung die alte Liebe und Freundschaft alsbald in lodernden Hass umschlagen zu
sehen man erzählte dunkle Geschichten von der jähzornigen Wildheit des Mannes
und gern hätte Valerius ihm und sich selbst den Schmerz einer Zurückweisung
erspart
    Aber jener fuhr fort »Ich denke wir beide sind Männer die Geschäfte
geschäftlich abtun Und ich spreche nach altem Brauch gleich mit dem Vater
nicht erst mit der Tochter Gib mir dein Kind zur Ehe Valerius du kennst zum
Teil mein Vermögen  nur zum Teil denn es ist viel größer als du ahnst Zur
Widerlage der Mitgift geb ich wie groß sie sei das doppelte « 
    »Furius« unterbrach der Vater
    »Ich glaube wohl ein Mann zu sein der ein Weib beglücken mag Jedenfalls
kann ich sie beschützen wie kein andrer in diesen drohenden Zeiten ich führe
sie wird Korsika bedrängt auf meinen Schiffen nach Asien nach Afrika an
jeder Küste erwartet sie nicht ein Haus ein Palast Keine Königin soll sie
beneiden Ich will sie hoch halten höher als meine Seele« Er hielt inne sehr
erregt wie auf rasche Antwort wartend
    Valerius schwieg er suchte nach einem Ausweg es war nur eine Sekunde aber
der Anschein nur dass sich der Vater besinne empörte den Korsen Sein Blut
kochte auf sein schönes bronzefarbenes Antlitz eben noch beinahe weich und
mild nahm plötzlich einen furchtbaren Ausdruck an dunkelrote Glut schoss in die
braunen Wangen »Furius Ahalla« sprach er rasch und hastig »ist nicht gewöhnt
zweimal zu bieten Man pflegt meine Ware aufs erste Angebot mit beiden Händen zu
ergreifen  nun biete ich mich selbst  ich bin bei Gott nicht schlechter
als mein Purpur« 
    »Mein Freund« hob der Alte an »wir leben nicht mehr in der Zeit alten
strengen Römerbrauchs der neue Glaube hat den Vätern fast das Recht genommen
die Töchter zu vergeben Mein Wille würde sie dir und keinem andern geben aber
ihr Herz « 
    »Sie liebt einen andern« knirschte der Korse »wen« Und seine Faust fuhr
an den Dolch als sollte der Nebenbuhler keinen Augenblick mehr atmen Es lag
etwas vom Tiger in dieser Bewegung und im Funkeln des rollenden Auges Valerius
empfand wie tödlich dieser Hass und wollte den Namen nicht nennen  »Wer kann
es sein« fragte halblaut der Wütende »Ein Römer Montanus Nein O nur  nur
nicht er  sag nein Alter nicht Er«   Und er fasste ihn am Gewande
    »Wer wen meinst du«
    »Der mit mir landete  der Gote doch ja er muss es sein es liebt ihn ja
alles Totila«
    »Er ists« sagte Valerius und suchte begütigend seine Hand zu fassen
    Doch mit Schrecken ließ er sie los ein zuckender Krampf rüttelte den
ehernen Leib des starken Korsen er streckte beide Hände starr vor sich hin als
wollte er den Schmerz der ihn quälte erwürgen Dann warf er das Haupt in den
Nacken und schlug sich die beiden geballten Fäuste grausam gegen die Stirn den
Kopf schüttelnd und laut auflachend
    Entsetzt sah Valerius diesem Toben zu endlich glitten die gepressten Hände
langsam herab und zeigten ein aschenfahles Antlitz »Es ist aus« sagte er dann
mit bebender Stimme »Es ist ein Fluch der mich verfolgt ich soll nicht
glücklich werden im Weibe Schon einmal  hart vor der Erfüllung Und jetzt 
ich weiß es  Valerias Seelenzucht und klare Ruhe hätte auch in mein wild
schäumendes Leben rettenden Frieden gebracht ich wäre anders geworden  
besser Und sollte es nicht sein«  hier funkelte sein Auge wieder  »nun so
wär es fast das gleiche Glück gewesen den Räuber dieses Glücks zu morden Ja
in seinem Blute hätte ich gewühlt und von der Leiche die Braut hinweggerissen 
und nun ist Er es
    Er der einzige dem Ahalla Dank schuldet und welchen Dank«    Und er
schwieg mit dem Haupte nickend und wie verloren in Erinnerung »Valerius« rief
er dann plötzlich sich aufraffend »ich weiche keinem Mann auf Erden  ich hätt
es nicht getragen hinter einem andern zurückzustehen  doch Totila  Es sei
ihr vergeben dass sie mich ausschlägt weil sie Totila gewählt Leb wohl
Valerius ich geh in See nach Persien Indien  ich weiß nicht wohin  ach
überallhin nehm ich diese Stunde mit« Und rasch war er hinaus und gleich
darauf entführte ihn sein pfeilgeschwindes Boot dem kleinen Hafen der Villa 
    Seufzend verließ Valerius das Gemach seine Tochter zu suchen Er traf im
Atrium auf Totila der sich schon wieder verabschiedete Er war nur gekommen zu
rascher Rückreise nach Neapolis zu treiben
    Denn Belisar habe sich wieder von Afrika abgewendet und kreuze bei Panormus
jeden Tag könne die Landung auf Sizilien in Italien selbst erfolgen und trotz
all seines Dringens sende der König keine Schiffe In den nächsten Tagen wolle
er selbst nach Sizilien sich Gewissheit zu schaffen Die Freunde seien daher
hier völlig unbeschützt und er beschwor den Vater Valerias sofort auf dem
Landwege nach Neapolis heimzukehren Aber den alten Soldaten empörte es vor den
Griechen flüchten zu sollen vor drei Tagen könne und wolle er nicht weichen von
seinen Geschäften und kaum war er von Totila zu bestimmen eine Schar von
zwanzig Goten zur notdürftigsten Deckung anzunehmen Mit schwerem Herzen stieg
Totila in seinen Kahn und ließ sich an Bord des Wachtschiffes zurückbringen
    Es war dunkler Abend geworden als er dort ankam ein Nebelschleier
verhüllte die Dinge in nächster Nähe
    Da scholl Ruderschlag von Westen her und ein Schiff kenntlich an der roten
Leuchte an dem hohen Mast bog um die Spitze eines kleinen Vorgebirges
    Totila lauschte und fragte seine Wachen »Segel zur Linken was für Schiff
was für Herr«
    »Schon angezeigt vom Mastkorb«  hallte es wieder  »Kauffahrer  Furius
Ahalla  lag hier vor Anker«
    »Fährt wohin«
    »Nach Osten  nach Indien« 
 
                                Zehntes Kapitel
Am Abend des dritten Tages seit Totila die gotische Bedeckung geschickt hatte
Valerius endlich seine Geschäfte beendet und auf den andern Morgen die Abreise
festgesetzt Er saß mit Valeria und Julius beim Nachtmahl und sprach von den
Aussichten auf Erhaltung des Friedens die des jungen Helden Kriegesdurst doch
wohl unterschätzt habe es war dem Römer ein unerträglicher Gedanke dass
»Griechen« das teure Italien in Waffen betreten sollten »Auch ich wünsche den
Frieden« sprach Valeria nachsinnend  »und doch « »Nun« fragte Valerius
»Ich bin gewiss du würdest« vollendete das Mädchen »im Krieg erst Totila so
lieben lernen wie er es verdient er würde für mich streiten und für Italien«
 »Ja« sagte Julius »es steckt in ihm ein Held und Größeres als das«  »Ich
kenne nichts Größeres« antwortete Valerius
    Da erschollen auf dem Marmorestrich des Atriums klirrende Schritte und der
junge Torismut der Anführer der zwanzig Goten und Totilas Schildträger trat
hastig ein
    »Valerius« sprach er schnell »lass die Wagen anschirren die Sänften in den
Hof  ihr müsst fort«
    Die Drei sprangen auf »Was ist geschehen  sind sie gelandet«  »Rede«
sprach Julius »was macht dich besorgt«  »Für mich nichts« lachte der Gote
»und euch wollt ich nicht früher schrecken als unvermeidlich Aber ich darf
nicht mehr schweigen  gestern früh spülte die Flut eine Leiche ans Land  «
    »Eine Leiche«  »Einen Goten von unsrer Schiffsmannschaft  es war Alb der
Steuermann auf Totilas Schiff« Valeria erbleichte aber erbebte nicht »Das
kann ein Zufall sein  er ist ertrunken«  »Nein« sagte der Gote fest »er ist
nicht ertrunken es stak ein Pfeil in seiner Brust«  »Das deutet auf einen
Kampf zur See Nicht auf mehr« meinte Valerius »Aber heute «
    »Heute« fragte Julius  »Heute sind alle Landleute ausgeblieben die sonst
täglich von Regium hier durch nach Kolum gehen Auch ein Reiter den ich auf
Kundschaft nach Regium schickte ist nicht zurückgekommen«  »Beweist noch
immer nichts« sprach Valerius eigensinnig  Sein Herz sträubte sich gegen den
Gedanken einer Landung der Verhassten solang als möglich  »oft schon hat die
Brandung die Straße gesperrt«
    »Aber als ich selbst soeben auf der Straße nach Regium vorging und das Ohr
auf die Erde legte hörte ich die Erde zittern unter dem Hufschlag von vielen
Rossen die in rasender Eile nahen Ihr müsst fliehn«
    Jetzt griffen Valerius und Julius zu den Waffen die an den Pfeilern des
Gemaches hingen Valeria legte schwer atmend die Hand aufs Herz »Was ist zu
tun« fragte sie
    »Besetzt den Engpass von Jugum« befahl Valerius »in den die Straße längs
der Küste verläuft er ist schmal er ist lange zu halten«  »Er ist schon
besetzt von acht meiner Goten ich fliege hin sobald ihr zu Pferde sitzt die
Hälfte meiner Schar deckt eure Reise eilt«
    Aber ehe sie das Gemach verlassen konnten stürzte ein gotischer Krieger
mit Schlamm und Blut bedeckt herein »flieht« rief er »sie sind da«  »Wer
ist da Gelaris« fragte Torismut  »Die Griechen Belisar der Teufel« 
»Rede« befahl Torismut  »Ich kam bis in den Pinienwald von Regium ohne
etwas Verdächtiges zu spüren freilich auch ohne einer Seele auf der Straße zu
begegnen Als ich an einem dicken Baumstamm vorbeireite eifrig vorwärts
spähend fühle ich einen Ruck am Halse als risse mir ein Blitz den Kopf von den
Schultern und im Nu lag ich unter meinem Tier am Boden  «
    »Schlecht gesessen o Gelaris« schalt Torismut  »Jawohl eine
Rosshaarschlinge ums Genick und eine Bleikugel an den Kopf geschnellt da fällt
auch ein besserer Reitersmann als Gelaris Genzos Sohn Zwei Unholde 
Waldschraten oder Alraunen acht ich sie ähnlich  setzten aus dem Busch über
den Graben banden mich auf mein Pferd nahmen mich zwischen ihre kleinen
zottigen Gäule  und hui « 
    »Das sind die Hunnen Belisars« rief Valerius
    »Jagten sie mit mir davon Als ich wieder ganz zu mir gekommen war ich in
Regium mitten unter den Feinden dort erfuhr ich denn alles Die Regentin ist
ermordet der Krieg ist erklärt die Feinde haben Sizilien überrascht die ganze
Insel ist zum Kaiser abgefallen  «  »Und das feste Panormus«
    »Fiel durch die Flotte die in den Hafen drang die Mastkörbe waren höher
als die Mauern der Stadt von den Masten schossen und sprangen sie herab« 
»Und Syrakusä« fragte Valerius »Fiel durch Verrat der Sizilianer  die Goten
der Besatzung sind ermordet in Syrakusä ist Belisarius eingeritten unter einem
Blumenregen als scheidender Konsul des Jahres  denn es war am letzten Tage
seines Konsulats  Goldmünzen streuend unter Händeklatschen alles Volks« 
»Und wo ist der Seegraf wo ist Totila«  »Zwei seiner drei Schiffe sind in den
Grund gebohrt vom Schnabelstosse der Trieren Sein Schiff und noch eins er
sprang ins Meer mit voller Rüstung  und ist  noch nicht  aufgefischt«
    Da sank Valeria schweigend auf das Lager
    »Der Griechenfeldherr« fuhr der Bote fort »landete gestern in dunkler
stürmischer Nacht bei Regium die Stadt hat ihn mit Jubel aufgenommen er ordnet
nur sein Heer dann solls im Fluge nach Neapolis gehen seine Vorhut die
gelbhäutigen Reiter die mich eingebracht mussten sogleich wieder umkehren und
den Pass gewinnen Ich sollte ihnen Führer dahin sein Ich führte sie weit ab 
nach Westen  in den Meeressumpf  und  entsprang ihnen im Dunkel  des Abends
aber  sie schickten mir  Pfeile nach  und einer traf  ich kann nicht mehr«
 Und klirrend stürzte der Mann zu Boden
    »Er ist verloren« sprach Valerius »sie führen vergiftetes Geschoss Auf
Julius und Torismut ihr geleitet mein Kind auf der Straße gen Neapolis ich
gehe in den Pass und decke euch den Rücken« Vergebens waren die Bitten Valerias
Gesicht und Haltung des Alten nahmen einen Ausdruck eisernen Entschlusses an
»Gehorcht« befahl er den Widerstrebenden »ich bin der Herr dieses Hauses der
Sohn dieses Landes und ich will die Hunnen Belisars fragen was sie zu tun
haben in meinem Vaterland Nein Julius Dich muss ich bei Valeria wissen  lebt
wohl«
    Während Valeria mit ihrer gotischen Bedeckung und mit den meisten der
Sklaven spornstreichs auf der Straße nach Neapolis hinwegeilte stürmte Valerius
mit Schild und Schwert einem halben Dutzend Sklaven voran zum Garten der Villa
hinaus nach dem Engpass zu der nicht weit vor dem Anfang seiner Besitzungen die
Straße nach Regium überwölbte
    Der Felsenbogen zur Linken im Norden war unübersteiglich und zur Rechten
nach Süden fielen jene Wände senkrecht in das tiefe Meer dessen Brandung oft
die Straße überflutete Die Mündung des Passes aber war so schmal dass zwei
nebeneinanderstehende Männer sie mit ihren Schilden wie eine Pforte schließen
konnten so durfte Valerius hoffen den Pass auch gegen große Übermacht lang
genug zu decken um den raschen Pferden der Fliehenden hinlänglichen Vorsprung
zu gewähren Während der Alte den schmalen Pfad der sich zwischen dem Meere und
seinen Weinbergen nach dem Engpass hinzog durch die mondlose Nacht vorwärts
eilte bemerkte er zur Rechten draußen in ziemlicher Entfernung vom Lande im
Meer den hellen Strahl eines kleinen Lichtes das offenbar von dem Mast eines
Schiffes niederleuchtete Valerius erschrak sollten die Byzantiner zur See
gegen Neapolis vorrücken Sollten sie Bewaffnete in seinem und des Engpasses
Rücken ans Land werfen wollen Aber würden sich dann nicht mehrere Lichter
zeigen Er wollte die Sklaven fragen die auf seinen Befehl aber schon mit
sichtlichem Widerwillen ihm aus der Villa gefolgt waren
    Umsonst sie waren verschwunden in dem Dunkel der Nacht Sie waren dem Herrn
entwischt sobald dieser ihrer nicht mehr achtete So kam Valerius allein an dem
Engpass an dessen hintere Mündung zwei der gotischen Wachen besetzt hielten
während zwei andere den östlichen dem Feinde zugekehrten Eingang ausfüllten und
die übrigen vier in dem innern Raum hielten Kaum war Valerius dicht hinter die
beiden vordersten Wächter getreten als man plötzlich ganz nahes Pferdegetrappel
vernahm und alsbald bogen um die letzte Krümmung welche die Straße vor dem Pass
um eine Felsennase machte zwei Reiter im vollen Trabe Beide trugen Fackeln in
der Rechten es warfen nur diese Fackeln Licht auf die nächtliche Szene denn
die Goten vermieden alles was ihre kleine Zahl verraten konnte »Beim Barte
Belisars« schalt der vorderste der Reiter in Schritt übergehend »hier wird
der Katzensteig so schmal dass kaum ein ehrlich Ross drauf Platz hat  und da
kommt noch ein Hohlweg oder  halt was rührt sich da« Und er hielt sein Pferd
an und bog sich die Fackel weit vor sich streckend vorsichtig nach vorn so
bot er dicht vor dem Eingang in dem Licht seiner Kienfackel ein bequemes Ziel
    »Wer ist da« rief er seinem Begleiter nochmals zu
    Da fuhr ein gotischer Wurfspeer durch die breiten Panzerringe in seine
Brust »Feinde weh« schrie der Sterbende und stürzte rücklings aus dem Sattel
»Feinde Feinde« rief der Mann hinter ihm schleuderte die verderbliche Fackel
weit von sich ins Meer warf sein Pferd herum und jagte zurück während das Tier
des Gefallenen ruhig stehenblieb bei der Leiche seines Herrn
    Nichts hörte man jetzt in der Stille der Nacht als den Hufschlag des
enteilenden Rosses und zur Rechten des Passes den leisen Schlag der Wellen am
Fuße der Felswand Den Männern im Engpass schlug das Herz in Erwartung »Jetzt
bleibt kalt ihr Männer« mahnte Valerius »lasse sich keiner aus dem Passe
locken Ihr in der ersten Reihe schließt die Schilde fest aneinander und streckt
die Lanzen vor wir in der Mitte werfen Ihr drei im Rücken reicht uns die
Speere und habt acht auf alles«
    »Herr« rief der Gote der hinter dem Passe auf der Straße stand »das
Licht das Schiff nähert sich immer mehr«
    »Hab acht und ruf es an wenn «
    Aber schon waren die Feinde da deren Vorhut die beiden Späher gebildet
hatten es war ein Trupp von fünfzig hunnischen Reitern mit einigen Fackeln
Wie sie um die Krümmung des Weges bogen erhellte sich die Szene mit
wechselndem grellem Licht neben tiefem Dunkel
    »Hier war es Herr« sprach der entkommene Reiter »seht euch vor« 
»schafft den Toten zurück und das Ross« sprach eine raue Stimme und der
Anführer eine Fackel erhebend ritt im Schritt gegen den Eingang vor
    »Halt« rief ihm Valerius auf lateinisch entgegen »wer seid ihr und was
wollt ihr«  »Das habe ich zu fragen« entgegnete der Führer der Reiter in
derselben Sprache  »Ich bin ein römischer Bürger und verteidige mein Vaterland
gegen Räuber«
    Der Anführer hatte unterdessen im Licht seiner Fackel die ganze Örtlichkeit
besehen sein geübtes Auge erkannte die Unmöglichkeit links oder rechts den
Engpass zu umgehen und zugleich die Enge seiner Mündung »Freund« sagte er etwas
zurückweichend »so sind wir Bundesgenossen Auch wir sind Römer und wollen
Italien von seinen Räubern befreien Also gib Raum und lass uns durch« Valerius
der in jeder Weise Zeit gewinnen wollte sprach »Wer bist du und wer sendet
dich«  »Ich heiße Johannes die Feinde Justinians nennen mich den Blutigen
und ich führe die leichten Reiter Belisars Alles Land von Regium bis hierher
hat uns mit Jubel aufgenommen hier ist das erste Hemmnis längst wären wir
weiter hätt uns nicht ein Hund von einem Goten in den dicksten Sumpf geführt
drin je ein guter Gaul versank Köstliche Zeit ging uns verloren Halt uns
nicht auf Leben und Habe ist dir gesichert und reicher Lohn wenn du uns
führen willst Eile ist der Sieg Die Feinde sind betäubt sie dürfen sich nicht
besinnen bis wir vor Neapolis stehen ja vor Rom Johannes sprach Belisar zu
mir da ichs dem Sturmwind nicht befehlen kann vor mir her durch dieses Land
zu fegen befehl ichs dir Also fort und lasst uns durch « Und er spornte sein
Pferd
    »Sag Belisar solange Genius Valerius lebt soll er keinen Fussbreit vorwärts
in Italien Zurück ihr Räuber«  »Verrückter Mensch du hältst es mit den
Goten gegen uns«  »Mit der Hölle  wenn gegen euch«
    Der Führer warf nochmals prüfende Blicke nach rechts und links »Höre«
sprach er »du kannst uns hier wirklich eine Weile aufhalten Nicht lang
Weichst du so sollst du leben Weichst du nicht so lass ichdich erst schinden
und dann pfählen« Und er hob die Fackel nach einer Blöße spähend
    »Zurück« rief Valerius »Schiess Freund« Und eine Sehne klirrte und ein
Pfeil schlug an den Helm des Reiters »Warte« rief dieser und spornte sein Tier
zurück »Absitzen« befahl er »alle Mann« Aber die Hunnen trennten sich nicht
gern von ihren Rossen »Wie Herr absitzen« fragte einer der nächsten Da
schlug ihm Johannes mit der Faust ins Gesicht Der Mann rührte sich nicht
»Absitzen« donnerte er noch mal »wollt ihr zu Pferde in das Mauseloch
schlüpfen« Und er selbst schwang sich aus dem Sattel »Sechs steigen auf die
Bäume und schießen von oben Sechs legen sich auf die Erde kriechen an den
Seiten der Straße vor und schießen im Liegen Zehn schießen stehend auf
Brustöhe Zehn hüten die Pferde die andern zwanzig folgen mir mit dem Speer
sowie die Sehnen geschwirrt Vorwärts« Und er gab die Fackel ab und ergriff
eine Lanze
    Während die Hunnen seinen Befehl vollzogen musterte Johannes noch einmal
den Pass »Ergebt euch« rief er  »Kommt an« riefen die Goten
    Da winkte Johannes und zwanzig Pfeile schwirrten zugleich
    Ein Wehschrei und der vorderste Gote zur Rechten fiel einer der Schützen
auf den Bäumen hatte ihn in die Stirn getroffen Rasch sprang Valerius mit dem
vorgehaltenen Schild an seine Stelle Er kam gerade recht den wütenden Anprall
des anstürmenden Johannes aufzuhalten der mit der Lanze in die Lücke rannte Er
fing den Lanzenstoss mit dem Schilde und schlug nach dem Byzantiner der nahe vor
dem Eingang zurückprallte strauchelte und niederfiel die Hunnen hinter ihm
wichen zurück
    Da konnte sichs der Gote neben Valerius nicht versagen den feindlichen
Führer unschädlich zu machen er sprang mit gezücktem Speer aus dem Engpass einen
Schritt vorwärts Aber das hatte Johannes gewollt blitzschnell hatte er sich
aufgerafft den überraschten Goten von der Strassenwand zur Rechten des
Felsenpasses hinabgestossen und im selben Augenblick stand er an der rechten
schildlosen Seite des Valerius der die wieder vordringenden Hunnen abwehrte
und stieß diesem mit aller Kraft das lange Persermesser in die Weichen
    Valerius brach zusammen aber es gelang den drei hinter ihm stehenden Goten
Johannes der schon in das Innere des Passes gedrungen war mit ihren
Schildschnäbeln wieder zurück und hinauszustossen Er ging zurück einen neuen
Pfeilregen zu befehlen
    Schweigend deckten die beiden Goten wieder die Mündung der dritte hielt den
blutenden Valerius in seinen Armen
    Da stürzte die Wache von der Rückseite in den Engpass »Das Schiff Herr das
Schiff sie sind gelandet sie fassen uns im Rücken Flieht wir wollen euch
tragen  ein Versteck in den Felsen «
    »Nein« sprach Valerius sich aufrichtend »hier will ich sterben stemme
mein Schwert gegen die Wand und «
    Aber da schmetterte von der Rückseite her laut der Ruf des gotischen
Heerhorns Fackeln blitzten und eine Schar von dreißig Goten stürmte in den
Pass Totila an ihrer Spitze sein erster Blick fiel auf Valerius »Zu spät zu
spät« rief er schmerzlich »Aber folgt mir Rache hinaus«
    Und wütend brach er mit seinem speeretragenden Fußvolk aus dem Pass Und
schrecklich war der Zusammenstoß auf der schmalen Straße zwischen Felsen und
Meer Die Fackeln erloschen in dem Getümmel und der anbrechende Morgen gab nur
ein graues Licht Die Hunnen obwohl an Zahl den kühnen Angreifern überlegen
waren durch den plötzlichen Ausfall völlig überrascht sie glaubten ein ganzes
Heer der Goten sei im Anmarsch sie eilten ihre Rosse zu gewinnen und zu
entfliehen aber die Goten erreichten mit ihnen zugleich die Stelle wo die
ledigen Tiere hielten und in wirrem Knäuel stürzte Mann und Ross die Felsen
hinab
    Umsonst hieb Johannes selbst auf seine fliehenden Leute ein ihr Schwall
warf ihn zu Boden er raffte sich wieder auf und sprang den nächsten Goten an
Aber er kam übel an es war Totila er erkannte ihn »Verfluchter Flachskopf«
schrie er »so bist du nicht ersoffen«
    »Nein wie du siehst« rief dieser und schlug ihm das Schwert durch den
Helmkamm und noch ein Stück in den Schädel dass er taumelte Da war aller
Widerstand zu Ende Mit knapper Not hoben ihn die nächsten seiner Reiter auf ein
Pferd und jagten mit ihm davon Der Kampfplatz war geräumt
    Totila eilte nach dem Hohlweg zurück Er fand Valerius bleich mit
geschlossenen Augen das Haupt auf seinen Schild gelegt Er warf sich zu ihm
nieder und drückte die erstarrende Hand an seine Brust »Valerius« rief er
»Vater scheide nicht scheide nicht so von uns Noch ein Wort des Abschieds«
Der Sterbende schlug matt die Augen auf
    »Wo sind sie« fragte er »Geschlagen und geflohn«  »Ah Sieg« atmete
Valerius auf »ich darf im Siege sterben Und Valeria  mein Kind  sie ist
gerettet«
    »Sie ist es Aus dem Seegefecht aus dem Meer entkommen eilte ich hierher
Neapolis zu warnen euch zu retten Nahe der Straße zwischen deinem Hause und
Neapolis war ich gelandet dort traf ich sie und erfuhr deine Gefahr eins
meiner Schiffsboote nahm sie auf und führt sie nach Neapolis mit dem andern
eilte ich hierher dich zu retten  ach nur zu rächen« Und er senkte das Haupt
auf des Sterbenden Brust
    »Klage nicht um mich ich sterbe im Sieg Und dir mein Sohn dir dank ich
es« Und wohlgefällig streichelte er die langen Locken des Jünglings »Und auch
Valerias Rettung O dir dir ich hoffe es auch Italiens Rettung Du bist der
Held auch dieses Land zu retten  trotz Belisar und Narses Du kannst es  du
wirst es und dein Lohn sei mein geliebtes Kind«  »Valerius Mein Vater« 
»Sie sei dein Aber schwöre mirs«  und er richtete sich empor mit letzter
Kraft und sah ihm scharf ins Auge  »schwöre mirs beim Genius Valerias nicht
eher wird sie dein als bis Italien frei ist und keine Scholle seines heiligen
Bodens mehr einen Byzantiner trägt«
    »Ich schwör es dir« rief Totila begeistert seine Rechte fassend »ich
schwörs beim Genius Valerias«
    »Dank dank mein Sohn nun mag ich getrost sterben  grüße sie und sage
ihr dir hab ich sie empfohlen und anvertraut sie  und Italien« Und er legte
das Haupt zurück auf seinen Schild und kreuzte die Arme über der Brust  und war
tot
    Lange hielt Totila schweigend die Hand auf seiner Brust
    Ein blendendes Licht weckte ihn plötzlich aus seinem Träumen es war die
Morgensonne deren goldne Scheibe prächtig über den Kamm des Felsgebirges
emportauchte er stand auf und sah dem steigenden Gestirn entgegen Die Fluten
glitzerten in hellem Widerschein und ein Schimmer flog über alles Land
    »Beim Genius Valerias« wiederholte er leise mit innigster Empfindung und
hob die Hand zum Schwur dem Morgenlicht entgegen Wie der Tote fand er Kraft und
Trost und Begeisterung in seinem schweren Gelübde die hohe Pflicht erhob ihn
Gekräftigt wandte er sich zurück und befahl die Leiche auf sein Schiff zu
tragen um sie nach dem Grabmal der Valerier in Neapolis zu führen
 
                                Elftes Kapitel
Während dieser drohenden Ereignisse waren wohl freilich auch die Goten nicht
völlig müßig geblieben Doch waren alle Maßregeln kraftvoller Abwehr gelähmt ja
absichtlich vereitelt durch den feigen Verrat ihres Königs
    Teodahad hatte sich von seiner Bestürzung über die Kriegserklärung des
byzantinischen Gesandten alsbald wieder erholt da er sich nicht von der
Überzeugung trennen konnte und wollte sie sei doch im Grunde nur erfolgt um
den Schein zu wahren und die Ehre des Kaiserhofes zu decken Er hatte ja Petros
nicht mehr allein gesprochen und dieser musste doch vor Goten und Römern einen
Vorwand haben Belisar in Italien erscheinen zu lassen Das Auftreten dieses
Mannes war ja das längst verabredete Mittel zur Durchführung der geheimen Pläne
Den Gedanken Krieg führen zu sollen  von allen ihm der unerträglichste 
wusste er sich dadurch fernzuhalten dass er weislich überlegte zum Kriegführen
gehören zwei »Wenn ich mich nicht verteidige« dachte er »ist der Angriff bald
vorüber Belisar mag kommen  ich will nach Kräften dafür sorgen dass er auf
keinen Widerstand stößt der des Kaisers Stimmung gegen mich nur verschlimmern
könnte Berichtet der Feldherr im Gegenteil nach Byzanz dass ich seine Erfolge
in jeder Weise befördert so wird Justinian nicht anstehn den alten Vertrag
ganz oder doch zum größten Teil zu erfüllen«
    In diesem Sinne handelte er berief alle Streitkräfte der Goten zu Land und
zur See aus Unteritalien wo er die Landung Belisars erwartete hinweg und
schickte sie massenhaft an die Ostgrenze des Reiches nach Liburnien Dalmatien
Istrien und gen Westen nach Südgallien indem er gestützt auf die Tatsache dass
Byzanz eine kleine Truppenabteilung nach Dalmatien gegen Salona gesendet und mit
den Frankenkönigen Gesandte gewechselt hatte vorgab der Hauptangriff sei von
den Byzantinern zu Lande in Istrien und von den mit ihnen verbündeten Franken
am Rhodanus und Padus zu befahren
    Die Scheinbewegungen Belisars unterstützten diesen Glauben und so geschah
das Unerhörte dass die Heerscharen der Goten die Schiffe die Waffen die
Kriegsvorräte in großen Massen in aller Eile gerade vor dem Angriff
hinweggeführt dass Unteritalien bis Rom ja alles Land bis Ravenna entblößt und
alle Verteidigungsmassregeln in den Gegenden vernachlässigt wurden auf die
alsbald die ersten Schläge der Feinde fallen sollten
    An dem Dravus Rhodanus und Padus wimmelte es von gotischen Waffen und
Segeln während bei Sizilien wie wir sahen sogar die nötigsten Boote zum
Wachtdienst fehlten
    Auch das ungestüme Drängen der gotischen Patrioten besserte daran nicht
viel Witichis und Hildebad hatte sich der König aus der Nähe geschafft indem
er sie mit Truppen und Aufträgen nach Istrien und nach Gallien entsandte und
dem argwöhnischen Teja leistete der alte Hildebrand der nicht ganz den Glauben
an den letzten der Amaler aufgeben wollte zähen Widerstand
    Am meisten aber ward Teodahad gekräftigt als ihm seine entschlossene
Königin zurückgegeben wurde Witichis war alsbald nach der Kriegserklärung der
Byzantiner mit einer gotischen Schar vor die Burg von Feretri gezogen wo
Gotelindis mit ihren pannonischen Söldnern Zuflucht gesucht und hatte sie
bewogen sich freiwillig wieder in Ravenna einzufinden unter Verbürgung für
ihre Sicherheit bis in der bevorstehenden großen Volks und Heeresversammlung
bei Rom ihre Sache nach allen Formen des Rechts untersucht und entschieden
werde Diese Bedingungen waren beiden Parteien genehm denn den gotischen
Patrioten musste alles daran gelegen sein jetzt bei dem Ausbruch des schweren
Krieges nicht durch Parteiung in der Oberleitung gespalten zu sein
    Und wenn der gerade Gerechtigkeitssinn des Grafen Witichis wider jede
Anklage das Recht voller Verteidigung gewahrt wissen wollte so sah auch Teja
ein dass nachdem der Feind die schwere Beschuldigung des Königsmordes auf das
ganze Volk der Goten geschleudert nur ein strenges und feierliches Verfahren in
allen Formen nicht eine stürmische Volksjustiz auf blinden Argwohn hin die
Volksehre wahren könne
    Gotelindis aber blickte jenem Verfahren mit kühner Stirn entgegen mochten
die Stimmen innerer Überzeugung auch gegen sie sprechen sie glaubte ganz sicher
zu sein dass sich ein genügender Beweis ihrer Tat nicht erbringen lasse  Hatte
doch nur ihr Auge das Ende der Feindin gesehen  Und sie wusste wohl dass man
sie ohne volle Überführung nicht strafen werde
    So folgte sie willig nach Ravenna flößte dem zagen Herzen ihres Gatten
neuen Mut ein und hoffte war nur der Gerichtstag überstanden alsbald im Lager
Belisars und am Hofe von Byzanz Ruhe von allen weitern Anfechtungen zu finden
Die Zuversicht des Königspaares über den Ausgang jenes Tages wurde nun noch
dadurch erhöht dass die Rüstungen der Franken ihnen den Vorwand gegeben hatten
außer Witichis und Hildebad auch noch den gefährlichen Grafen Teja mit einer
dritten Heerschar in den Nordwesten der Halbinsel zu entsenden mit ihm zogen
viele Tausende gerade der eifrigsten Anhänger der Gotenpartei  so dass an dem
Tag bei Rom eine von ihren Gegnern nicht allzu zahlreich besuchte Versammlung
sich einfinden würde  Und unablässig waren sie tätig sowohl ihre persönlichen
Anhänger als alte Gegner Amalaswintens die mächtige Sippe der Balten in ihren
weitverbreiteten Zweigen in möglichst großer Anzahl zur Entscheidung jenes
Tages heranzuziehen So hatte das Königspaar Ruhe und Zuversicht gewonnen Und
Teodahad war von Gotelindis bewogen worden selbst als Vertreter seiner
Gemahlin gegen jede Anklage unter den Goten zu erscheinen um durch solchen Mut
und den Glanz des königlichen Ansehens vielleicht von vornherein alle
Widersacher einzuschüchtern
    Umgeben von ihren Anhängern und einer kleinen Leibwache verließen Teodahad
und Gotelindis Ravenna und eilten nach Rom wo sie mehrere Tage vor dem für die
Versammlung anberaumten Termin eintrafen und in dem alten Kaiserpalast
abstiegen
    Nicht unmittelbar vor den Mauern sondern in der Nähe Roms auf einem freien
offenen Felde Regeta genannt zwischen Anagni und Terracina sollte die
Versammlung gehalten werden Früh am Morgen des Tages da sich Teodahad allein
auf die Reise dorthin aufmachen wollte und von Gotelindis Abschied nahm ließ
sich ein unerwarteter und unwillkommener Name melden Cetegus der während
ihres mehrtägigen Aufenthalts in der Stadt nicht erschienen er war vollauf mit
der Vollendung der Befestigungen beschäftigt
    Als er eintrat rief Gotelindis entsetzt über seinen Ausdruck »Um Gott
Cetegus welch ein Unheil bringst du«
    Aber der Präfekt furchte nur einen Augenblick die Stirn bei ihrem Anblick
dann sprach er ruhig »Unheil für den dens trifft Ich komme aus einer
Versammlung meiner Freunde wo ich zuerst erfuhr was bald ganz Rom wissen wird
Belisar ist gelandet«
    »Endlich« rief Teodahad Und auch die Königin konnte eine Miene des
Triumphs nicht verbergen
    »Frohlockt nicht zu früh Es kann euch reuen Ich komme nicht Rechenschaft
von euch und eurem Freunde Petros zu verlangen wer mit Verrätern handelt muss
sich aufs Lügen gefasst machen Ich komme nur um euch zu sagen dass ihr jetzt
ganz gewiss verloren seid«
    »Verloren«  »Gerettet sind wir jetzt«
    »Nein Königin Belisar hat bei der Landung ein Manifest erlassen er sagt
er komme die Mörder Amalaswintens zu strafen ein hoher Preis und seine Gnade
ist denen zugesichert die euch lebend oder tot einliefern«
    Teodahad erbleichte »Unmöglich« rief Gotelindis
    »Die Goten aber werden bald erfahren wessen Verrat den Feind ohne
Widerstand ins Land gelassen
    Mehr noch Ich habe von der Stadt Rom den Auftrag in dieser stürmischen
Zeit als Präfekt ihr Wohl zu wahren Ich werde euch im Namen Roms ergreifen und
Belisar übergeben lassen«
    »Das wagst du nicht« rief Gotelindis nach dem Dolche greifend
    »Still Gotelindis hier gilt es nicht hilflose Frauen im Bad ermorden
Ich lasse euch aber entkommen  was liegt mir an eurem Leben oder Sterben 
gegen einen billigen Preis«
    »Ich gewähre jeden« stammelte Teodahad
    »Du lieferst mir die Urkunden deiner Verträge mit Silverius  schweig lüge
nicht ich weiß ihr habt lang und geheim verhandelt Du hast wieder einmal
einen hübschen Handel mit Land und Leuten getrieben Mich lüstet nach dem
Kaufbrief«
    »Der Kauf ist jetzt eitel die Urkunden ohne Kraft Nimm sie sie liegen
verwahrt in der Basilika des heiligen Martinus in dem Sarkophag links in der
Krypta« Seine Furcht zeigte dass er wahr sprach
    »Es ist gut« sagte Cetegus »Alle Ausgänge des Palastes sind von meinen
Legionaren besetzt Erst erhebe ich die Urkunden Fand ich sie am bezeichneten
Ort so werd ich Befehl geben euch zu entlassen Wollt ihr dann entfliehn so
geht an die Pforte Marc Aurels und nennt meinen Namen dem Kriegstribun der
Wache Piso Er wird euch ziehen lassen« Und er ging das Paar ratlosen Ängsten
überlassend
    »Was tun« fragte Gotelindis mehr sich selbst als ihren Gemahl »Weichen
oder trotzen«  »Was tun« wiederholte Teodahad unwillig »Trotzen das heißt
bleiben Unsinn Fort von hier sobald als möglich kein Heil als die Flucht« 
»Wohin willst du fliehn«  »Nach Ravenna zunächst  das ist fest Dort erheb
ich den Königsschatz Von da wenn es sein muss zu den Franken Schade schade
dass ich die hier verborgenen Gelder preisgeben muss Die vielen Millionen Solidi«
 »Hier auch hier« fragte Gotelindis aufmerksam »in Rom hast du Schätze
geborgen Wo und sicher« »Ach allzusicher In den Katakomben Ich selber
würde Stunden brauchen sie alle aufzufinden in jenen finsteren Labyrinten Und
die Minuten sind jetzt Leben oder Tod Und das Leben geht doch noch über die
Solidi Folge mir Gotelindis Damit wir keinen Augenblick verlieren ich eile
an die Pforte Marc Aurels«
    Und er verließ das Gemach Aber Gotelindis blieb überlegend stehen Ein
Gedanke ein Plan hatte sie bei seinen Worten erfasst sie erwog die Möglichkeit
des Widerstands
    Ihr Stolz ertrug es nicht der Herrschaft zu entsagen »Gold ist Macht«
sprach sie zu sich selber »und nur Macht ist Leben« Ihr Entschluss stand fest
Sie gedachte der kappadokischen Söldner die des Königs Geiz aus seinem Dienst
verscheucht hatte sie harrten noch herrenlos in Rom der Einschiffung gewärtig
Sie hörte Teodahad hastig die Treppe hinuntersteigen und nach seiner Sänfte
rufen »Ja flüchte nur du Erbärmlicher« sprach sie »ich bleibe«
 
                               Zwölftes Kapitel
Herrlich tauchte am nächsten Morgen die Sonne aus dem Meer und ihre Strahlen
glitzerten auf den blanken Waffen von vielen tausend Gotenkriegern die das
weite Blachfeld von Regeta belebten
    Aus allen Provinzen des weiten Reiches waren die Scharen herbeigeeilt
gruppenweise sippenweise oft mit Weib und Kind sich bei der großen Musterung
die alljährlich im Herbste gehalten wurde einzufinden
    Eine solche Volksversammlung war das schönste Fest und der edelste Ernst der
Nation zugleich ursprünglich in der heidnischen Zeit war ihr Mittelpunkt das
große Opferfest gewesen das alljährlich zweimal an der Winter und
Sommersonnenwende alle Geschlechter des Volkes zur Verehrung der gemeinsamen
Götter vereinte daran schlossen sich dann Markt und Tauschverkehr
Waffenspiele und Heeresmusterung die Versammlung hatte zugleich die höchste
Gerichtsgewalt und die letzte Entscheidung über Krieg und Frieden und die
Verhältnisse zu andern Staaten
    Und noch immer auch in dem christlichen Gotenstaat in welchem der König so
manches Recht das sonst dem Volke zukam erworben hatte die Volksversammlung
eine höchst feierliche Weihe wenn auch deren alte heidnische Bedeutung
vergessen war und die Reste der alten Volksfreiheit die selbst der gewaltige
Teoderich nicht angetastet lebten unter seinen schwächern Nachfolgern
kräftiger wieder auf
    Noch immer hatte die Gesamtheit der freien Goten das Urteil zu finden die
Strafe zu verhängen wenn auch der Graf des Königs in dessen Namen das Gericht
leitete und das Urteil vollzog Und oft schon hatten germanische Völker selbst
ihre Könige wegen Verrates Mordes und andrer schwerer Frevel vor offener
Volksversammlung angeklagt gerichtet und getötet In dem stolzen Bewusstsein
sein eigener Herr zu sein und niemand auch dem König nicht über das Maß der
Freiheit hinaus zu dienen zog der Germane in allen seinen Waffen zu dem »Ding«
wo er sich im Verband mit seinen Genossen sicher und stark fühlte und seine und
seines Volkes Freiheit Kraft und Ehre in lebendigen Bildern und Taten vor Augen
sah
    Zur diesmaligen Versammlung aber zog es die Goten mit besonders starken
Gründen Der Krieg mit Byzanz war zu erwarten oder schon ausgebrochen als die
Ladung nach Regeta erging das Volk freute sich auf den Kampf mit dem verhassten
Feind und freute sich zuvor seine Heeresmacht zu mustern diesmal ganz
besonders sollte die Volksversammlung zugleich Heerschau sein Dazu kam dass
wenigstens in den nächsten Landschaften den meisten Goten bekannt wurde dort zu
Regeta sollte Gericht gehalten werden über die Mörder der Tochter Teoderichs
die große Aufregung die diese Tat erweckt hatte musste ebenfalls mächtig nach
Regeta ziehen
    Während ein Teil der Herbeigewanderten in den nächsten Dörfern bei Freunden
und Bekannten eingesprochen hatten sich große Scharen schon einige Tage vor der
feierlichen Eröffnung auf dem weiten Blachfeld selbst zweihundertachtzig
Stadien gegen sechsunddreissig römische Meilen zu tausend Schritt von Rom
unter leichten Zelten und Hütten oder auch unter dem milden freien Himmel
gelagert Diese waren mit den frühsten Stunden des Versammlungstages schon in
brausender Bewegung und nützten die geraume Zeit da sie die alleinigen Herrn
des Platzes waren zu allerlei Spiel und Kurzweil
    Die einen schwammen und badeten in den klaren Fluten des raschen Flusses
Ufens oder »Decemnovius« weil er nach neunzehn römischen Meilen bei Terracina
in das Meer mündet der die weite Ebene durchschnitt Andere zeigten ihre
Kunst über ganze Reihen von vorgehaltenen Speeren hinwegzusetzen oder fast
unbekleidet unter den im Taktschlag geschwungenen Schwertern zu tanzen indes
die Raschfüssigsten angeklammert an die Mähnen ihrer Rosse mit deren
schnellstem Lauf gleichen Schritt hielten und am Ziele angelangt mit sichrem
Sprung sich auf den sattellosen Rücken schwangen
    »Schade« rief der junge Gudila der bei diesem Wettlauf zuerst an das Ziel
gelangt war und sich jetzt die gelben Locken aus der Stirne strich »schade dass
Totila nicht zugegen Er ist der beste Reiter im Volk und hat mich noch immer
besiegt aber jetzt mit dem Rappen nehm ichs mit ihm auf«  »Ich bin froh
dass er nicht da ist« lachte Guntamund der als der zweite herangesprengt war
»sonst hätte ich gestern schwerlich den ersten Preis im Lanzenwurf
davongetragen«  »Ja« sprach Hilderich ein stattlicher junger Krieger in
klirrendem Ringpanzer »Totila ist gut mit der Lanze Aber sichrer noch wirft
der schwarze Teja der nennt dir die Rippe vorher die er treffen wird« 
»Bah« brummte Hunibad ein älterer Mann der dem Treiben der Jünglinge prüfend
zugesehn »das ist doch all nur Spielerei Im blutigen Ernste frommt dem Mann
zuletzt doch nur das Schwert wann dir der Tod von allen Seiten so dicht auf den
Leib rückt dass du nicht mehr ausholen kannst zum Wurf Und da lob ich mir den
Grafen Witichis von Fäsulä
    Das ist mein Mann War das ein Schädelspalten im Gepidenkrieg Durch Stahl
und Leder schlug der Mann als wär es trocken Stroh Der kanns noch besser als
mein eigener Herzog Guntaris der Wölsung in Florentia Doch was wisst ihr
davon ihr Knaben  Seht da steigen die frühesten Ankömmlinge von den Hügeln
nieder auf ihnen entgegen«
    Und auf allen Wegen strömte jetzt das Volk heran zu Fuß zu Ross und zu
Wagen Ein brausendes wogendes Leben erfüllte mehr und mehr das Blachfeld An
den Ufern des Flusses wo die meisten Zelte standen wurden die Rosse abgezäumt
die Gespanne zu einer Wagenburg zusammengeschoben und durch die Lagergassen hin
flutete nun die stündlich wachsende Menge
    Da suchten und fanden und begrüßten sich Freunde und Waffenbrüder die sich
seit Jahren nicht gesehen Es war ein buntgemischtes Bild die alte germanische
Gleichartigkeit war in diesem Reiche lang geschwunden Da stand neben dem
vornehmen Edelen der sich in einer der reichen Städte Italiens niedergelassen
in den Palästen senatorischer Geschlechter wohnte und die feinere und üppigere
Sitte der Welschen angenommen hatte neben dem Herzog oder Grafen aus Mediolanum
oder Ticinum der über dem reichvergoldeten Panzer das Wehrgehänge von
Purpurseide trug neben einem solchen zieren Herrn ragte wohl ein rauer
riesiger Gotenbauer der in den tiefen Eichwäldern am Margus in Mösien hauste
oder der in dem Tann am rauschenden Önus dem Wolf die zottige Schur abgerungen
hatte die er um die mächtigen Schultern schlug und dessen rauer erhaltene
Sprache befremdlich an das Ohr der halbromanisierten Genossen schlug Und wieder
friedliche Schafhirten aus Dakien die ohne Acker und ohne Haus mit ihren
Herden von Weide zu Weide wanderten ganz in derselben Weise noch welche die
Ahnen vor tausend Jahren aus Asien herübergeführt hatte Da war ein reicher
Gote der in Ravenna oder Rom eines römischen Geldwechslers Kind geheiratet und
bald Handel und Verkehr gleich seinem römischen Schwager zu treiben und seinen
Gewinn nach Tausenden zu berechnen gelernt hatte Und daneben stand ein armer
Senne der an dem brausenden Isarkus die mageren Ziegen auf die magre Weide
trieb und dicht neben der Höhle des Bären seine Bretterhütte errichtet hatte
    So verschieden war den Tausenden die sich hier zusammenfanden das Los
gefallen seit ihre Väter dem Ruf des großen Teoderich nach Westen gefolgt
waren hinweg aus den Tälern des Hämus
    Aber doch fühlten sie sich als Brüder als Söhne Eines Volkes dieselbe
stolzklingende Sprache redeten sie dieselben Goldlocken dieselbe schneeweiße
Haut dieselben hellen blitzenden Augen und  vor allem  das gleiche Gefühl in
jeder Brust als Sieger stehen wir auf dem Boden den unsre Väter dem römischen
Weltreich abgetrotzt und den wir decken wollen lebendig oder tot
    Wie ein ungeheurer Bienenschwarm wogten und rauschten die Tausende
durcheinander die sich hier begrüßten alte Bekanntschaften aufsuchten und neue
schlossen und das wirre Getreibe schien nimmer enden zu wollen und zu können
    Aber plötzlich tönten von dem Kamm der Hügel her eigentümliche feierlich
gezogene Töne des gotischen Heerhorns und augenblicklich legte sich das Gesumme
der brausenden Stimmen Aufmerksam wandten sich aller Augen nach der Richtung
der Hügel von denen ein geschlossener Zug ehrwürdiger Greise nahte Es war ein
halbes Hundert von Männern in weißen wallenden Mänteln die Häupter
eichenbekränzt weiße Stäbe und altertümlich geformte Steinbeile führend die
Sajonen und Fronwärter des Gerichts welche die feierlichen Formen der
Eröffnung Hegung und Aufhebung des Dings zu vollziehen hatten
    Angelangt in der Ebene begrüßten sie mit dreifachem langgezogenem Hornruf
die Versammlung der freien Heermänner die nach feierlicher Stille mit
klirrenden Waffen lärmend antworteten
    Alsbald begannen die Bannboten ihr Werk Sie teilten sich nach rechts und
links und umzogen mit Schnüren von roter Wolle die alle zwanzig Schritt um
einen Haselstab den sie in die Erde stießen geschlungen wurden die ganze
weite Ebene und begleiteten diese Handlung mit uralten Liedern und Sprüchen
    Genau gegen Aufgang und Mittag wurden die Wollschnüre auf mannshohe
Lanzenschäfte gespannt so dass sie die zwei Tore der nun völlig umfriedeten
Dingstätte bildeten an denen die Fronboten mit gezückten Beilen Wache hielten
alle Unfreien alle Volksfremden und alle Weiber fernzuhalten
    Als diese Arbeit vollendet war traten die beiden Ältesten unter die
Speertore und riefen mit lauter Stimme
»Gehegt ist der Hag
Altgotischer Art
Nun beginnen mit Gott
Mag gerechtes Gericht«
    Auf die hiernach eingetretne Stille folgte unter der versammelten Menge ein
anfangs leises dann lauter tönendes und endlich fast betäubendes Getöse von
fragenden streitenden zweifelnden Stimmen
    Es war nämlich schon bei dem Zug der Sajonen aufgefallen dass er nicht wie
gewöhnlich von dem Grafen geführt war der im Namen und Bann des Königs das
Gericht abzuhalten und zu leiten pflegte Doch hatte man erwartet dass dieser
Vertreter des Königs wohl während der Umschnürung des Platzes erscheinen werde
Als nun aber diese Arbeit geschehen und der Spruch der Alten der zum Beginn
des Gerichts aufforderte ergangen und doch immer noch kein Graf kein Beamter
erschienen war der allein die Eröffnungsworte sprechen konnte ward die
Merksamkeit aller auf jene schwer auszufüllende Lücke gelenkt Während man nun
überall nach dem Grafen dem Vertreter des Königs fragte und suchte erinnerte
man sich dass dieser ja verheißen hatte in Person vor seinem Volk zu
erscheinen sich und seine Königin gegen die erhobnen schweren Anklagen zu
verteidigen
    Aber da man jetzt bei des Königs Freunden und Anhängern sich nach ihm
erkundigen wollte ergab sich die verdächtige Tatsache die man bisher im
Gedräng der allgemeinen Begrüßungen gar nicht wahrgenommen dass nämlich auch
nicht Einer der zahlreichen Verwandten Freunde Diener des Königshauses die
zur Unterstützung der Beschuldigten zu erscheinen Recht Pflicht und Interesse
hatten in der Versammlung zugegen war wiewohl man sie vor wenigen Tagen
zahlreich in den Straßen und in der Umgegend Roms gesehen hatte
    Das erregte Befremden und Argwohn und lange schien es als ob an dem Lärm
über diese Seltsamkeit und an dem Fehlen des Königsgrafen der rechtmäßige Anfang
der ganzen Verhandlung scheitern solle Verschiedene Redner hatten bereits
vergeblich versucht sich Gehör zu verschaffen 
    Da erscholl plötzlich aus der Mitte der Versammlung ein alles übertönender
Klang dem Kampfruf eines furchtbaren Ungetümes vergleichbar Aller Augen
folgten dem Schall und sahen im Mittelgrund des Platzes an den Rücken einer
hohen Steineiche gelehnt eine hohe ragende Gestalt die in den hohlen vor den
Mund gehaltnen Erzschild mit lauter Stimme den gotischen Schlachtruf ertönen
ließ Als sie den Schild senkte erkannte man das mächtige Antlitz des alten
Hildebrand dessen Augen Feuer zu sprühen schienen
    Begeisterter Jubel begrüßte den greisen Waffenmeister des großen Königs
den wie seinen Herrn Lied und Sage schon bei lebendem Leib zu einer mytischen
Gestalt unter den Goten gemacht hatten Als sich der Zuruf gelegt hob der Alte
an »Gute Goten meine wackeren Männer Es ficht euch an und will euch befremden
dass ihr keinen Grafen seht und Vertreter des Mannes der eure Krone trägt
    Lassts euch nicht Bedenken machen Wenn der König meint damit das Gericht
zu stören so soll er irren Ich denke noch die alten Zeiten und sage euch das
Volk kann Recht finden ohne König und Gericht halten ohne Königsgrafen Ihr
seid alle herangewachsen in neuer Übung und Sitte aber da steht Haduswint der
Alte kaum ein paar Winter jünger denn ich der wirds mir bezeugen beim Volk
allein ist alle Gewalt das Gotenvolk ist frei«
    »Ja wir sind frei« rief ein tausendstimmiger Chor
    »Wir wählen uns unsern Dinggrafen selbst schickt der König den seinen
nicht« rief der graue Haduswint »Recht und Gericht war eh König war und
Graf Und wer kennt besser alten Brauch des Rechts als Hildebrand Hildungs
Sohn Hildebrand soll unser Dinggraf sein«
    »Ja« hallte es ringsum wider »Hildebrand soll unser Dinggraf sein«
    »Ich bins durch eure Wahl und achte mich so gut bestellt als hätte mir
König Teodahad Brief und Pergament darüber ausgestellt Auch haben meine Ahnen
Gericht gehalten den Goten seit Jahrhunderten Kommt Sajonen helft mir öffnen
das Gericht«
    Da eilten zwölf von den Frondienern herzu Vor der Eiche lagen noch die
Trümmer eines uralten Fanums des Waldgottes Picus die Sajonen säuberten die
Stelle hoben die breitesten der Steine zurecht und lehnten links und rechts
zwei der viereckigen Platten an den Stamm der Eiche so dass ein stattlicher
Richterstuhl dadurch gebildet ward Und so hielt von dem Altar des
altitalischen Wald und Hirtengottes herab der Gotengraf Gericht
    Andere Sajonen warfen einen blauen weitfaltigen Wollmantel mit breitem
weißem Kragen über Hildebrands Schultern gaben ihm den oben gekrümmten
Eschenstab in die Hand und hingen links zu seinen Häupten einen blanken
Stahlschild an die Zweige der Eiche
    Dann stellten sie sich in zwei Reihen zu seiner Rechten und Linken auf der
Alte schlug mit dem Stab auf den Schild dass er hell erklang dann setzte er
sich das Antlitz gegen Osten und sprach »Ich gebiete Stille Bann und Frieden
Ich gebiete Recht und verbiete Unrecht Hastmut und Scheltwort und Waffenzücken
und alles was den Dingfrieden kränken mag Und ich frage hier ist es an Jahr
und Tag an Weil und Stunde an Ort und Stätte zu halten ein frei Gericht
gotischer Männer«
    Da traten die nächststehenden Goten heran und sprachen im Chor »Hier ist
rechter Ort unter hohem Himmel unter rauschender Eiche hier ist rechte
Tageszeit bei klimmender Sonne auf schwertgewonnenem gotischem Erdgrund zu
halten ein frei Gericht gotischer Männer«
    »Wohlan« fuhr der alte Hildebrand fort »wir sind versammelt zu richten
zweierlei Klage Mordklage wider Gotelindis die Königin und schwere Rüge
wegen Feigheit und Saumsal in dieser Zeit hoher Gefahr wider Teodahad unsern
König Ich frage  «
    Da ward seine Rede unterbrochen durch lauten schallenden Hornruf der von
Westen her näher und näher drang
 
                              Dreizehntes Kapitel
Erstaunt sahen die Goten um und erblickten einen Zug von Reitern welche die
Hügel herab gegen die Gerichtsstätte eilten Die Sonne fiel grell blendend auf
die waffenblitzenden Gestalten dass sie nicht erkenntlich waren obwohl sie in
Eile nahten
    Da richtete sich der alte Hildebrand hoch auf in seinem erhöhten Sitz hielt
die Hand vor die falkenscharfen Augen und rief sogleich »Das sind gotische
Waffen  Die wallende Fahne trägt als Bild die Wage  das ist das Hauszeichen
des Grafen Witichis Und dort ist er selbst An der Spitze des Zugs Und an
seiner Linken die hohe Gestalt das ist der starke Hildebad Was führt die
Feldherrn zurück ihre Scharen sollten schon weit auf dem Weg nach Gallien und
Dalmatien sein«
    Ein Brausen von fragenden staunenden grüssenden Stimmen erfolgte
    Indes waren die Reiter heran und sprangen von den dampfenden Rossen Mit
Jubel empfangen schritten die Führer Witichis und Hildebad durch die Menge
den Hügel heran bis zu Hildebrands Richterstuhl
    »Wie« rief Hildebad noch atemlos »ihr sitzt hier und haltet Gericht wie
im tiefsten Frieden und der Feind Belisar ist gelandet«
    »Wir wissen es« sprach Hildebrand ruhig »und wollten mit dem König
beraten wie ihm zu wehren sei«
    »Mit dem König« lachte Hildebad bitter
    »Er ist nicht hier« sagte Witichis umblickend »das verstärkt unsern
Verdacht Wir kehrten um weil wir Grund zu schwerem Argwohn erhielten Aber
davon später fahrt fort wo ihr haltet Alles nach Recht und Ordnung still
Freund« Und den ungeduldigen Hildebad zurückdrängend stellte er sich
bescheiden zur Linken des Richterstuhles in die Reihe der andern
    Nachdem es wieder stiller geworden fuhr der Alte fort »Gotelindis unsre
Königin ist verklagt wegen Mordes an Amalaswinta der Tochter Teoderichs Ich
frage sind wir Gericht zu richten solche Klage«
    Der alte Haduswint gestützt auf seine lange Keule trat vor und sprach
»Rot sind die Schnüre dieser Malstätte Beim Volksgericht ist das Recht über
roten Blutfrevel über warmes Leben und kalten Tod Wenns anders geübt ward in
letzten Zeiten so war das Gewalt nicht Recht Wir sind Gericht zu richten
solche Klage«
    »In allem Volk« fuhr Hildebrand fort »geht wider Gotelindis schwerer
Vorwurf im stillen Herzen verklagen wir alle sie darob Wer aber will hier im
offenen Volksgericht mit lautem Wort sie dieses Mordes zeihen«
    »Ich« sprach eine helle Stimme und ein schöner junger Gote in glänzenden
Waffen trat von rechts vor den Richter die rechte Hand auf die Brust legend
    Ein Murmeln des Wohlgefallens drang durch die Reihen »Er liebt die schöne
Mataswinta«  »Er ist der Bruder des Herzogs Guntaris von Tuscien der
Florentia besetzt hält«  »Er freit um sie«  »Als Rächer ihrer Mutter tritt
er auf«
    »Ich Graf Arahad von Asta des Aramut Sohn aus der Wölsungen
Edelgeschlecht« fuhr der junge Gote mit einem anmutigen Erröten fort »Zwar bin
ich nicht versippt mit der Getöteten allein die Männer ihrer Sippe Teodahad
voran ihr Vetter und ihr König erfüllen nicht die Pflicht der Blutrache ist
er doch selbst des Mordes Helfer und Hehler
    So klag ich denn ein freier unbescholtner Gote edelen Stammes ein Freund
der unseligen Fürstin an Mataswintens ihrer Tochter Statt Ich klag um
Mord Ich klag auf Blut«
    Und unter lautem Beifall des Volkes zog der stattliche schöne Jüngling das
Schwert und streckte es gerad vor sich auf den Richterstuhl
    »Und dein Beweis sag an  «
    »Halt Dinggraf« scholl da eine ernste Stimme Witichis trat vor dem
Kläger entgegen »Bist du so alt und kennst das Recht so wohl Meister
Hildebrand und lässt dich fortreißen von der Menge wildem Drang Muss ich dich
mahnen ich der jüngere Mann an alles Rechtes erstes Gebot Den Kläger hör
ich die Beklagte nicht«
    »Kein Weib kann stehen in der Goten Ding« sprach Hildebrand ruhig
    »Ich weiß doch wo ist Teodahad ihr Gemahl und Mundwalt sie zu
vertreten«
    »Er ist nicht erschienen«
    »Ist er geladen«
    »Er ist geladen Auf meinen Eid und den dieser Boten« sprach Arahad
»tretet vor Sajonen« Zwei der Fronwärter traten vor und rührten mit ihren
Stäben an den Richterstuhl
    »Nun« sprach Witichis weiter »man soll nicht sagen dass im Volk der Goten
ein Weib ungehört unverteidigt verurteilt werde wie schwer sie auch verhasst
sei  sie hat ein Recht auf Rechtsgehör und Rechtsschutz Ich will ihr Mundwalt
und ihr Fürsprecher sein«
    Und er trat ruhig dem jugendlichen Ankläger entgegen gleich ihm das Schwert
ziehend
    Eine Pause der ehrenden Bewunderung trat ein »So leugnest du die Tat«
fragte der Richter »Ich sage sie ist nicht erwiesen«  »Erweise sie« sprach
der Richter zu Arahad gewendet
    Dieser nicht vorbereitet auf ein förmliches Verfahren und nicht gefasst auf
einen Widersacher von Witichis großem Gewicht und kräftiger Ruhe ward etwas
verwirrt »Erweisen« rief er ungeduldig »Was brauchts noch Erweis Du ich
alle Goten wissen dass Gotelindis die Fürstin lang und tödlich hasste Die
Fürstin verschwindet aus Ravenna gleichzeitig die Mörderin ihr Opfer kommt in
einem Hause Gotelindens wieder zum Vorschein  tot die Mörderin aber flieht
auf ein festes Schloss Was brauchts da noch Erweis«
    Und ungeduldig sah er auf die Goten rings umher
    »Und darauf hin klagst du auf Mord im offenen Ding« sprach Witichis ruhig
»Wahrlich der Tag sei fern vom Gotenvolk da man nach solchem Anschein Urteil
spricht Gerechtigkeit ihr Männer ist Licht und Luft Weh weh dem Volk das
seinen Hass zu seinem Recht erhebt Ich selber hasse dieses Weib und ihren
Gatten aber wo ich hasse bin ich doppelt streng mit mir«
    Und so edel und so schlicht sprach er dies Wort dass aller Goten Herzen dem
treuen Manne zuschlugen
    »Wo sind die Beweise« fragte nun Hildebrand »Hast du handhafte Tat hast
du blickenden Schein hast du gichtigen Mund hast du echten Eid heischest du
der Verklagten Unschuldseid«
    »Beweis« wiederholte Arahad zornig »Ich habe keinen als meines Herzens
festen Glauben«
    »Dann« sprach Hildebrand 
    Doch in diesem Augenblick bahnte sich ein Sajo vom Tore her den Weg zu ihm
und sprach »Römische Männer stehen am Eingang Sie bitten um Gehör sie wissen
sagen sie alles um der Fürstin Tod«
    »Ich fordre dass man sie höre« rief Arahad eifrig »nicht als Kläger als
Zeugen des Klägers«
    Hildebrand winkte und der Sajo eilte die Gemeldeten durch die neugierige
Menge heraufzuführen Voran schritt ein von Jahren gebeugter Mann in härener
Kutte den Strick um die Lenden die Kapuze seines Überwurfs machte seine Züge
unkenntlich zwei Männer in Sklaventracht folgten Fragende Blicke ruhten auf
der Gestalt des Greises dessen Erscheinung bei aller Einfachheit ja Armut von
seltener Würde geadelt war
    Als er angelangt war vor dem Richterstuhl Hildebrands sah ihm Arahad dicht
ins Antlitz und trat mit Staunen rasch zurück
    »Wer ist es« fragte der Richter »den du zum Zeugen stellest deines Wortes
Ein unbekannter Fremdling«  »Nein« rief Arahad und schlug des Zeugen Mantel
zurück »ein Name den ihr alle kennt und ehrt Marcus Aurelius Kassiodorus«
    Ein Ruf allgemeinen Staunens flog über die Dingstätte
    
    »So hieß ich« sprach der Zeuge »in den Tagen meines weltlichen Lebens
jetzt nur Bruder Marcus« Und eine hohe Weihe lag in seinen Zügen  die Weihe
der Entsagung
    »Nun Bruder Marcus« forschte Hildebrand »was hast du uns zu melden vom
Tode Amalaswintens Sag uns die volle Wahrheit und nur die Wahrheit«
    »Die werd ich sagen Vor allem wisst nicht Streben nach menschlicher
Vergeltung führt mich her nicht den Mord zu rächen bin ich gekommen die Rache
ist mein ich will vergelten spricht der Herr  Nein den letzten Auftrag der
Unseligen der Tochter meines großen Königs zu erfüllen bin ich da« Und er
zog eine Papyrusrolle aus dem Gewande »Kurz vor ihrer Flucht aus Ravenna
richtete sie diese Zeilen an mich die ich als ihr Vermächtnis an das Volk der
Goten mitzuteilen habe Den Dank einer zerknirschten Seele für Deine
Freundschaft Mehr noch als der Hoffnung der Rettung labt das Gefühl unverlorner
Treue Ja ich eile auf Deine Villa im Bolsener See führt doch der Weg von da
nach Rom nach Regeta wo ich vor meinen Goten all meine Schuld aufdecken und
auch büßen will Ich will sterben wenn es sein muss aber nicht durch die
tückische Hand meiner Feinde nein durch den Richterspruch meines Volkes das
ich Verblendete ins Verderben geführt Ich habe den Tod verdient nicht nur um
des Blutes willen der drei Herzoge die alle sollen es erfahren durch mich
starben mehr noch um des Wahnes willen mit dem ich mein Volk zurückgesetzt um
Byzanz Gelange ich lebend nach Regeta so will ich warnen und mahnen mit der
letzten Kraft meines Lebens fürchtet Byzanz Byzanz ist falsch wie die Hölle
und ist kein Friede denkbar zwischen ihm und uns
    Aber warnen will ich auch vor dem Feind im Innern
    König Teodahad spinnt Verrat er hat an Petros den Gesandten von Byzanz
Italien und die Gotenkrone verkauft er hat getan was ich dem Griechen
weigerte Seht euch vor seid stark und einig Könnt ich sterbend sühnen was
ich lebend gefehlt«
    In tiefer Stille hatte das Volk die Worte vernommen die Kassiodor mit
zitternder Stimme gesprochen und die jetzt wie aus dem Jenseits herüberzutönen
schienen
    Auch als er geendet wirkte noch der Eindruck des Mitleids und der Trauer
fort in feierlichem Schweigen
    Endlich erhob sich der alte Hildebrand und sprach »Sie hat gefehlt sie hat
gebüßt Tochter Teoderichs das Volk der Goten verzeiht dir deine Schuld und
dankt dir deine Treue«
    »So mög ihr Gott vergeben Amen« sprach Kassiodor »Ich habe niemals die
Fürstin an den Bolsener See geladen ich konnt es nicht vierzehn Tage zuvor
hatt ich all meine Güter verkauft an die Königin Gotelindis«
    »Sie also hat ihre Feindin« fiel Arahad ein »seinen Namen missbrauchend in
jenes Haus gelockt Kannst du das leugnen Graf Witichis«
    »Nein« sprach dieser ruhig »aber« fuhr er zu Kassiodor gewendet fort
»hast du auch Beweis dass die Fürstin daselbst nicht zufälligen Todes gestorben
dass Gotelindis ihren Tod herbeigeführt«
    »Tritt vor Syrus und sprich« sagte Kassiodor »ich bürge für die Treue
dieses Mundes« Der Sklave trat vor neigte sich und sprach »Ich habe seit
zwanzig Jahren die Aufsicht über die Schleusen des Sees und die Wasserkünste des
Bades der Villa im Bolsener See niemand außer mir kannte dessen Geheimnisse
Als die Königin Gotelindis das Gut erkauft wurden alle Sklaven Kassiodors
entfernt und einige Diener der Königin eingesetzt ich allein ward belassen«
    Da landete eines frühen Morgens die Fürstin Amalaswinta auf der Insel bald
darauf die Königin Diese ließ mich sofort kommen erklärte sie wolle ein Bad
nehmen und befahl mir ihr die Schlüssel zu allen Schleusen des Sees und zu
allen Röhren des Bades zu übergeben und ihr den ganzen Plan des Druckwerks zu
erklären Ich gehorchte gab ihr die Schlüssel und den auf Pergament
gezeichneten Plan warnte sie aber nachdrücklich nicht alle Schleusen des Sees
zu öffnen und nicht alle Röhren spielen zu lassen das könne das Leben kosten
    Sie aber wies mich zürnend ab und ich hörte wie sie ihrer Badsklavin
befahl die Kessel nicht mit warmem sondern mit heißem Wasser zu füllen
    Ich ging besorgt um ihre Sicherheit und hielt mich in der Nähe des Bades
    Nach einiger Zeit hörte ich an dem mächtigen Brausen und Rauschen dass die
Königin dennoch gegen meinen Rat die ganze Flut des Sees hereingelassen
zugleich hörte ich in allen Wänden das dampfende Wasser zischend aufsteigen und
da mir obenein dünkte als vernehme ich gedämpft durch die Marmormauern
ängstlichen Hilfschrei eilte ich auf den Aussengang des Bades die Königin zu
retten Aber wie erstaunte ich als ich an dem mir wohlbekannten Mittelpunkt der
Künste an dem Medusenhaupt die Königin die ich im Bad in Todesgefahr wähnte
völlig angekleidet stehen sah
    Sie drückte an den Federn und wechselte mit jemand der im Bade um Hilfe
rief zornige Worte Entsetzt und dunkel ahnend was da vorging schlich ich
zum Glück noch unbemerkt hinweg
    »Wie Feigling« sprach Witichis »du ahntest was vorging und schlichst
hinweg«
    »Ich bin nur ein Sklave Herr kein Held und hätte mich die grimme Königin
bemerkt ist stünde wohl nicht hier sie anzuklagen Gleich darauf erscholl der
Ruf die Fürstin Amalaswinta sei im Bad ertrunken«
    Ein Murren und Rufen drang tosend durch das versammelte Volk
    Frohlockend rief Arahad »Nun Graf Witichis willst du sie noch
beschützen«  »Nein« sprach dieser ruhig das Schwert einsteckend »ich
schütze keine Mörderin Mein Amt ist aus« Und mit diesem Wort trat er von der
linken auf die rechte Seite zu den Anklägern hinüber
    »Ihr freie Goten habt das Urteil zu finden und das Recht zu schöpfen«
sprach Hildebrand »ich habe nur zu vollziehen was ihr gefunden So frag ich
euch ihr Männer des Gerichts was dünkt euch von dieser Klage die Graf Arahad
des Aramut Sohn der Wölsung erhoben gegen Gotelindis die Königin Sagt an
ist sie des Mordes schuldig«
    »Schuldig schuldig« scholl es mit vielen tausend Stimmen und keine sagte
nein
    »Sie ist schuldig« sagte der Alte aufstehend »Sprich Kläger welche
Strafe forderst du um diese Schuld«
    Arahad erhob das Schwert gerade gegen Himmel »Ich klagte um Mord Ich
klagte auf Blut Sie soll des Todes sterben«
    Und ehe Hildebrand seine Frage an das Volk stellen konnte war die Menge von
zorniger Bewegung ergriffen alle Schwerter flogen aus den Scheiden und blitzten
gen Himmel auf und alle Stimmen riefen »Sie soll des Todes sterben« 
    Wie ein furchtbarer Donner rollte das Wort die Majestät des Volksgerichts
vor sich her tragend über das weite Gefild dass bis in weite Ferne die Lüfte
widerhallten 
    »Sie stirbt des Todes« sprach Hildebrand aufstehend »durch das Beil
Sajonen auf und sucht wo ihr sie findet«
    »Halt an« sprach der starke Hildebad vortretend »schwer wird unser Spruch
erfüllt werden solang dies Weib unsres Königs Gemahlin Ich fordre deshalb dass
die Volksgemeinde auch gleich die Klagen prüfe die wir gegen Teodahad auf der
Seele haben der ein Volk von Helden so unheldenhaft beherrscht Ich will sie
aussprechen diese Klagen Merkt wohl ich zeihe ihn des Verrates nicht nur der
Unfähigkeit uns zu retten uns zu führen
    Schweigen will ich davon dass wohl schwerlich ohne sein Wissen seine Königin
ihren Hass an Amalaswinta kühlen konnte schweigen davon dass diese in ihren
letzten Worten uns vor Teodahads Verrat gewarnt Aber ist es nicht wahr dass er
den ganzen Süden des Reiches von Männern Waffen Rossen Schiffen entblößt dass
er alle Kraft nach den Alpen geworfen hat bis dass die elenden Griechlein ohne
Schwertstreich Sizilien gewinnen Italien betreten konnten Mein armer Bruder
Totila mit seiner Handvoll Leuten allein steht ihnen entgegen Statt ihm den
Rücken zu decken sendet der König auch noch Witichis Teja mich nach dem
Norden Mit schwerem Herzen gehorchten wir denn wir ahnten wo Belisar landen
werde Nur langsam rückten wir vor jede Stunde den Rückruf erwartend Umsonst
Schon lief durch die Landschaften die wir durchzogen das dunkle Gerücht
Sizilien sei verloren und die Welschen die uns nach Norden ziehen sahen
machten spöttische Gesichter So waren wir ein paar Tagemärsche an der Küste
hingezogen Da traf mich dieser Brief meines Bruders Totila
    Hat denn wie der König so das ganze Volk der Goten so mein Bruder mich
aufgegeben und vergessen Belisar hat Sizilien überrascht Er ist gelandet
Alles Volk fällt ihm zu Unaufhaltsam dringt er gegen Neapolis Vier Briefe hab
ich an König Teodahad um Hilfe geschrieben Alles umsonst Kein Segel
erhalten Neapolis ist in höchster Gefahr Rettet rettet Neapolis und das
Reich«
    Ein Ruf grimmigen Schmerzes ging durch die Tausende gotischer Männer
    »Ich wollte« fuhr Hildebad fort »augenblicklich mit all unsren
Tausendschaften umkehren aber Graf Witichis mein Oberfeldherr litt es nicht
Nur das setzte ich durch dass wir die Truppen Halt machen ließ und mit wenigen
Reitern hierher flogen zu warnen zu retten zu rächen Denn Rache Rache heisch
ich an König Teodahad nicht nur Torheit und Schwäche Arglist war es dass er
den Süden den Feinden preisgegeben Hier dieser Brief beweist es Viermal hat
ihn mein Bruder gemahnt gebeten All umsonst Er gab ihn er gab das Reich in
Feindeshand Weh uns wenn Neapolis fällt schon gefallen ist Ha er soll nicht
länger herrschen nicht leben soll er länger der das verschuldet hat Reisst ihm
die Krone der Goten vom Haupt die er geschändet nieder mit ihm Er sterbe«
    »Nieder mit ihm Er sterbe« donnerte das Volk in mächtigem Echo nach
    Unwiderstehlich schien der Strom ihres Grimmes zu wogen und jeden zu
zerreißen der ihm widerstehen wollte Nur Einer blieb ruhig und gelassen
inmitten der stürmenden Menge Das war Graf Witichis Er sprang auf einen der
alten Steine unter dem Eichbaum und wartete bis sich der Lärm etwas gelegt
Dann erhob er die Stimme und sprach mit jener schlichten Klarheit die ihm so
wohl anstand »Landsleute Volksgenossen Hört mich an Ihr habt unrecht mit
eurem Spruch Wehe wenn im Gotenstamm des Ehre und Stolz die Gerechtigkeit
gewesen seit der Väter Zeit Hass und Gewalt des Rechtes Thron besteigen
Teodahad ist ein schwacher schlechter König Nicht länger soll er allein des
Reiches Zügel lenken Gebt ihm einen Vormund wie einem Unmündigen Setzt ihn ab
meinetwegen Aber seinen Tod sein Blut dürft ihr nicht fordern Wo ist der
Beweis dass er verraten hat Dass Totilas Botschaft an ihn gelangt Seht ihr ihr
schweigt hütet euch vor Ungerechtigkeit sie stürzt die Reiche der Völker«
    Und groß und edel stand er auf seinem erhöhten Boden im vollen Glanz der
Sonne voll Kraft und edler Würde
    Bewundernd ruhten die Augen der Tausende auf ihm der ihnen an Hoheit und
Maß und klarer Ruhe so überlegen schien Eine feierliche Pause erfolgte Und ehe
noch Hildebad und das Volk Antwort finden konnte gegen den Mann der die
lebendige Gerechtigkeit schien ward die allgemeine Aufmerksamkeit nach dem
dichten Walde gezogen der im Süden die Aussicht begrenzte und der auf einmal
lebendig zu werden schien
 
                              Vierzehntes Kapitel
Denn man hörte von dort her den raschen Hufschlag nahender Pferde und das
Klirren von Waffen alsbald bog eine kleine Schar von Reitern aus dem Wald aber
weit ihnen allen voraus jagte auf kohlschwarzem Ross ein Mann der wie mit dem
Sturmwind um die Wette ritt
    Weit im Winde flatterte seine Helmzier ein mächtiger schwarzer Rossschweif
und seine eignen langen schwarzen Locken vorwärts gebeugt trieb er das
schaumbesprjetzte Ross zu rasender Eile und sprang am Südeingang des Dings sausend
vom Sattel
    Alle wichen links und rechts zurück die der grimme tödlichen Hass sprühende
Blick seines Auges aus dem leichenblassen schönen Antlitz traf Wie von Flügeln
getragen stürmte er den Hügel hinan sprang auf einen Stein neben Witichis
hielt eine Rolle hoch empor rief wie mit letzter Kraft »Verrat Verrat« und
stürzte dann wie blitzgetroffen nieder Entsetzt sprangen Witichis und Hildebad
hinzu sie hatten kaum den Freund erkannt »Teja Teja« riefen sie »was ist
geschehen rede«  »Rede« wiederholte Witichis »es gilt das Reich der Goten«
    Wie mit übermenschlicher Kraft richtete sich in diesem Wort der stählerne
Mann wieder empor sah einen Augenblick um sich und sprach dann mit hohler
Stimme
    »Verraten sind wir Goten verraten von unserm König Ich erhielt Auftrag
vor sechs Tagen nach Istrien zu ziehen nicht nach Neapolis wie ich gebeten
Ich schöpfe Verdacht doch ich gehorche und gehe unter Segel mit meinen
Tausendschaften Ein starker Weststurm bricht herein verschlägt zahllose kleine
Schiffe von Westen her bis zu uns Darunter den Mercurius den raschen Keles 
das leichte Postschiff Teodahads Ich kannte das Fahrzeug wohl es gehörte
einst meinem Vater Wie das unsrer Schiffe ansichtig wird will es entfliehen
Ich argwöhnisch jage ihm nach und hole es ein Es trug diesen Brief an Belisar
von des Königs Hand Du wirst zufrieden sein mit mir großer Feldherr Alle
Gotenheere stehen in dieser Stunde nordöstlich von Rom ohne Gefahr könntest Du
landen Vier Briefe des Seegrafen von Neapolis habe ich zerstört seine Boten in
den Turm geworfen
    Zum Dank erwart ich dass Du den Vertrag genau erfüllst und den Kaufpreis in
Bälde bezahlst« Teja ließ den Brief sinken die Stimme versagte ihm
    Ein Ächzen und Stöhnen der Wut zog durch die Versammlung
    »Ich ließ umkehren sogleich landen ausschiffen und jage hierher seit drei
Tagen und drei Nächten unausgesetzt Ich kann nicht mehr« Und taumelnd sank er
in Witichis Arme
    Da sprang der alte Hildebrand empor auf den höchsten Stein seines Stuhles
weit überragte er die ganze Menge er riss dem Träger der die Lanze mit des
Königs kleiner Marmorbüste auf der Querstange trug den schafft aus der Hand und
hielt ihn vor sich in der Linken in der Rechten hob er sein Steinbeil
»Verkauft verraten sein Volk für gelbes Gold Nieder mit ihm nieder nieder«
Und ein Beilschlag zertrümmerte die Büste Dieser Akt war wie der erste
Donnerschlag der ein lange brütendes Gewitter entfesselt Nur dem Wüten
empörter Elemente war das Stürmen vergleichbar welches nun das in seinen
Grundtiefen aufgewühlte Volk durchbrauste »Nieder nieder nieder mit ihm«
hallte es tausendfach wieder unter betäubendem Klirren der Waffen
    Und darauf erhob abermals der alte Waffenmeister seine eherne Stimme und
sprach feierlich »Wisst es Gott im Himmel und Menschen auf Erden sehende
Sonne und wehender Wind wisst es das Volk der Goten frei und alten Ruhmes
voll und zu den Waffen geboren hat abgetan seinen ehemaligen König Teodahad
des Teodis Sohn weil er Volk und Reich an den Feind verraten
    Wir sprechen dir ab Teodahad die goldne Krone und das Gotenreich das
Gotenrecht und das Leben Und solches tun wir nicht nach Unrecht sondern nach
Recht Denn frei sind wir gewesen allewege unter unsern Königen und wollten eh
der Könige missen als der Freiheit Und so hoch steht kein König dass er nicht
um Mord Verrat und Eidbruch zu Recht stehe vor seinem Volk
    So sprech ich dir ab Krone und Reich Recht und Leben Landflüchtig sollst
du sein echtlos ehrlos rechtlos Soweit Christenleute zur Kirche gehen und
Heidenleute zum Opferstein Soweit Feuer brennt und Erde grünt Soweit Schiff
schreitet und Schild scheint Soweit Himmel sich höht und Welt sich weitet
Soweit der Falke fliegt den langen Frühlingstag wann ihm der Wind steht unter
seinen beiden Flügeln Versagt soll dir sein Halle und Haus und guter Leute
Gemeinschaft und alle Wohnung ausgenommen die Hölle Dein Erb und Eigen teil
ich zu dem Gotenvolk Dein Blut und Fleisch den Raben in den Lüften
    Und wer dich findet in Halle und Hof in Haus oder Heerstraße soll dich
erschlagen ungestraft und soll bedankt sein dazu von Gott und den guten Goten
Ich frage euch solls so geschehen«
    »So solls geschehen« antworteten die Tausende und schlugen Schwert an
Schild
    Kaum war Hildebrand herabgestiegen als der alte Haduswint seine Stelle
einnahm das zottige Bärenfell zurückwarf und sprach »Des Neidkönigs wären wir
ledig Er wird seinen Rächer finden Aber jetzt treue Männer gilt es einen
neuen König wählen Denn ohne König sind wir nie gewesen Soweit unsre Sagen und
Sprüche zurückdenken haben die Ahnen einen auf den Schild gehoben das lebende
Bild der Macht des Glanzes des Glückes der guten Goten Solang es Goten gibt
werden sie Könige haben und solang sich ein König findet wird ihr Volk
bestehn Und jetzt vor allem gilts ein Haupt einen Führer zu haben Das
Geschlecht der Amelungen ist glorreich aufgestiegen wie eine Sonne lang hat
sein hellster Strahl Teoderich geleuchtet aber schmählich ists erloschen in
Teodahad Auf Volk der Goten du bist frei frei wähle dir den rechten König
der dich zu Sieg und Ehre führt Dein Thron ist leer mein Volk ich lade dich
zur Königswahl«
    »Zur Königswahl« sprach diesmal feierlich und machtvoll der Chor der
Tausende
    Da trat Witichis auf den Dingstein hob den Helm vom Haupt und die Rechte
gen Himmel »Du weißt es Gott der in den Sternen geht uns treibt nicht
frevler Kitzel des Ungehorsams und des Übermuts uns treibt das heilige Recht
der Not Wir ehren das Recht des Königtums den Glanz der von der Krone
strahlt geschändet aber ist dieser Glanz und in der höchsten Not des Reiches
üben wir des Volkes höchstes Recht Herolde sollen ziehen zu allen Völkern der
Erde und laut verkünden nicht aus Verachtung aus Verehrung der Krone haben wir
es getan
    Wen aber wählen wir Viel sind der wackeren Männer im Volk von altem
Geschlecht von tapfrem Arm und klugem Geist Wohl mehrere sind der Krone
würdig Wie leicht kann es kommen dass einer diesen der andre jenen vorzieht
Aber um Gott nur jetzt keinen Zwist keinen Streit Jetzt da der Feind im
Lande liegt Drum lasst uns schwören vorher feierlich wer das Stimmenmehr
erhält seis nur um Eine Stimme den wollen wir alle als unsern König achten
unweigerlich und keinen andern Ich schwöre es  schwört mit mir«
    »Wir schwören« riefen die Goten
    Aber der junge Arahad stimmte nicht ein Ehrgeiz und Liebe loderten in
seinem Herzen er bedachte dass sein Haus jetzt nach dem Fall der Balten und
der Amaler das edelste war im Volk er hoffte Mataswintens Hand zu gewinnen
wenn er ihr eine Krone bieten konnte und kaum war der Schwur verhallt als er
vortrat und rief »Wen sollen wir wählen gotische Männer bedenkt euch wohl
Vor allem das ist klar einen Mann jungkräftigen Armes wider den Feind Aber
das allein genügt nicht Weshalb haben unsre Ahnen die Amaler erhöht Weil sie
das edelste das älteste Götter entstammte Geschlecht waren Wohlan das erste
Gestirn ist erloschen gedenkt des zweiten gedenkt der Balten«
    Von den Balten lebte nur Ein männlicher Spross ein noch nicht wehrhafter
Enkel des Herzogs Pitza  denn Alarich der Bruder der Herzoge Tulun und Ibba
war seit langen Jahren geächtet und verschollen  Arahad rechnete sicher man
werde jenen Baltenknaben nicht wählen und vielmehr des dritten Gestirns
gedenken Aber er irrte Der alte Haduswint trat zornig vor und schrie
    »Was Adel was Geschlecht sind wir Adelsknechte oder freie Männer Beim
Donner werden wir Ahnen zählen wenn Belisar im Lande steht Ich will dir
sagen Knabe was ein König braucht
    Einen tapferen Arm das ist wahr aber nicht das allein Der König soll ein
Hort des Rechts ein Schirm des Friedens sein nicht nur der Vorkämpfer im
Schwertkampf Der König soll haben einen immer ruhigen immer klaren Sinn wie
der blaue Himmel ist und wie die lichten Sterne sollen darin auf und
niedergehen gerechte Gedanken Der König soll haben eine stete Kraft aber noch
mehr ein stetes Maß er soll nie sich selbst verlieren und vergessen in Hass und
Liebe wie wir wohl dürfen wir unten im Volk Er soll nicht nur mild sein den
Freunden er soll gerecht sein dem Verhasstesten selbst dem Feind In dessen
Brust ein klarer Friede wohnt bei kühnem Mut und edles Maß bei treuer Kraft 
der Mann Arahad ist königlich geartet und hätt ihn der letzte Bauer gezeugt«
    Lauter Beifall folgte dem Wort des Alten und beschämt trat Arahad zurück
Aber jener fuhr fort »Gute Goten ich meine wir haben einen solchen Mann Ich
will ihn euch nicht nennen nennt ihr ihn mir
    Ich kam hierher aus fernem Hochgebirg aus unsrer Mark gegen die Karantanen
wo der wilde Turbidus schäumend die Felsen zerstäubt Da leb ich mehr als
sonst ein Menschenalter ist stolz frei einsam Wenig erfahr ich von der
Menschen Händeln selbst von des eignen Volkes Taten wenn nicht ein Salzross
halbverirrt des Weges kommt Und doch drang mir bis in jene öde Höhe der
Waffenruhm Eines vor allen unsern Helden der nie das Schwert zu ungerechtem
Streit erhob und es noch niemals sieglos eingesteckt Seinen Namen hört ich
immer wieder wenn ich fragte Wer wird uns schirmen wenn Teoderich schied
Seinen Namen hört ich bei jedem Sieg den wir erfochten bei jedem weisen Werke
des Friedens das geschehen Ich hatt ihn nie gesehen Ich sehnte mich danach
ihn zu sehen Heute hab ich ihn gesehen und gehört Ich habe sein Aug gesehen
das klar und milde wie die Sonne Ich hab sein Wort gehört ich hab gehört
wie er dem Feind selbst dem verhassten zu Recht und zu Gerechtigkeit verhalf
Ich hab gehört wie er allein da uns alle der blinde Hass fortriss mit dunkler
Schwinge klar blieb und ruhig und gerecht Da dacht ich mir in meinem alten
Herzen Der Mann ist königlich geartet stark im Kampf und gerecht im Frieden
hart wie Stahl und klar wie Gold Goten der Mann soll unser König sein Nennt
mir den Mann«
    »Graf Witichis ja Witichis heil König Witichis«
    Während dieser brausende Jubelruf durch das Gefilde hallte hatte ein
erschütternder Schreck den bescheidenen Mann ergriffen der gespannt der Rede des
Alten gefolgt war und erst ganz zu Ende von der Ahnung ergriffen ward dass er
der so Gepriesne sei
    Als er nun aber seinen Namen in diesem tausendstimmigen Jauchzen erschallen
hörte überkam ihn vor allen andern Gedanken das Gefühl »Nein das kann das
soll nicht sein«
    Er riss sich von Teja und Hildebad die freudig seine Hände drückten los
und sprang hervor das Haupt schüttelnd und wie abwehrend den Arm
ausstreckend »Nein« rief er »nein Freunde nicht das mir Ich bin ein
schlichter Kriegsmann nicht ein König Ich bin vielleicht ein gutes Werkzeug
kein Werkmeister Wählt einen andern einen Würdigern«
    Und wie bittend streckt er beide Hände gegen das Volk
    Aber der donnernde Ruf »Heil König Witichis« ward ihm statt aller Antwort
Und nun trat der alte Hildebrand vor fasste seine Hand und sprach laut »Lass ab
Witichis wer war es der zuerst geschworen unweigerlich den König
anzuerkennen der auch nur eine Stimme mehr hätte Siehe du hast alle Stimmen
und willst dich wehren«
    Aber Witichis schüttelte das Haupt und presste die Hand vor die Stirn Da
trat der Alte ganz nah zu ihm und flüsterte in sein Ohr »Wie muss ich dich
stärker mahnen Muss ich dich mahnen jenes mächtigen Eides und Bundes da du
gelobtest Alles zu meines Volkes Heil Ich weiß  ich kenne deine klare Seele
 dir ist die Krone mehr eine Last als eine Zierde ich ahne dass dir diese
Krone große bittere Schmerzen bringen wird Vielleicht mehr als Freuden deshalb
fordre ich dass du sie auf dich nimmst«
    Witichis schwieg und drückte noch die andre Hand vor die Augen Schon viel
zu lang währte dem begeisterten Volk das Zwischenspiel Schon rüsteten sie den
breiten Schild ihn darauf zu erheben schon drängten sie den Hügel hinan seine
Hand zu fassen und fast ungeduldig scholl aufs neue der Ruf »Heil König
Witichis«
    »Ich fordre es bei deinem Bluteid  willst du ihn halten oder brechen«
flüsterte Hildebrand »Halten« sprach Witichis und richtete sich entschlossen
auf
    Und nun trat er ohne falsche Scham und ohne Eitelkeit einen Schritt vor
und sprach »Du hast gewählt mein Volk wohlan so nimm mich hin Ich will dein
König sein«
    Da blitzten alle Schwerter in die Luft und lauter scholls »Heil König
Witichis«
    Jetzt stieg der alte Hildebrand ganz herab von seinem Dingstuhl und sprach
»Ich weiche nun von diesem hohen Stuhl Denn unserm König ziemt jetzt diese
Stätte Nur einmal noch lasst mich des Grafenamtes warten
    Und kann ich dir nicht den Purpur umhängen den die Amaler getragen und ihr
goldenes Zepter reichen  nimm meinen Richtermantel und den Richterstab als
Zepter zum Zeichen dass du unser König wardst um deiner Gerechtigkeit willen
Ich kann sie nicht auf deine Stirne drücken die alte Gotenkrone Teoderichs
goldnen Reif So lass dich krönen mit dem frischen Laub der Eiche der du an
Kraft und Treue gleichst«
    Mit diesen Worten brach er ein zartes Gewinde von der Eiche und schlang es
um Witichis Haupt »Auf gotische Heerschar nun warte deines Schildamts«
    Da ergriffen Haduswint Teja und Hildebad einen der altertümlichen breiten
Dingschilde der Sajonen hoben den König der nun mit Kranz Stab und Mantel
geschmückt war darauf und zeigten ihn auf ihren hohen Schultern allem Volk
»Seht Goten den König den ihr selbst gewählt so schwört ihm Treue«
    Und sie schworen ihm aufrecht stehend nicht knieend die Hände hoch gen
Himmel hebend nun die Waffentreue bis in den Tod
    Da sprang Witichis von dem Schild bestieg den Dingstuhl und rief »Wie ihr
mir Treue so schwör ich euch Huld Ich will ein milder und gerechter König
sein des Rechtes walten und dem Unrecht wehren gedenken will ich dass ihr frei
seid gleich mir nicht meine Knechte und mein Leben mein Glück mein alles
euch will ichs weihen dem Volk der guten Goten Das schwöre ich euch bei dem
Himmelsgott und bei meiner Treue«
    Und den Dingschild vom Baume hebend rief er »Das Ding ist aus Ich löse
die Versammlung«
    Die Sajonen schlugen sofort die Haselstäbe mit den Schnüren nieder und bunt
und ordnungslos wogte nun die Menge durcheinander Auch die Römer die sich
neugierig aber scheu aus der Ferne dieses Walten einer Volksfreiheit mit
angesehen wie sie Italien seit mehr als fünfhundert Jahren nicht gekannt
durften sich nun unter die gotischen Männer mischen denen sie Wein und Speisen
verkauften
    Witichis schickte sich an mit den Freunden und den Führern des Heeres nach
einem der Zelte sich zu begeben die am Ufer des Flusses aufgeschlagen waren
    Da drängte sich ein römisch gekleideter Mann wie es schien ein
wohlhabender Bürger an sein Geleit und forschte eifrig nach Graf Teja des
Tagila Sohn
    »Der bin ich was willst du mir Römer« sprach dieser sich wendend
»Nichts Herr als diese Vase überreichen seht nach das Siegel der Skorpion
ist unversehrt«  »Was soll mir die Vase ich kaufe nichts dergleichen«  »Die
Vase ist Euer Herr Sie ist voller Urkunden und Rollen die Euch zugehören Und
mir ist es vom Gastfreund aufgetragen sie Euch zu geben Ich bitt Euch
nehmt«
    Und damit drängte er ihm die Vase in die Hand und war im Gedränge
verschwunden Gleichgültig löste Teja das Siegel und nahm die Urkunden heraus
gleichgültig sah er hinein Aber plötzlich schoss ein brennend Rot über seine
bleichen Wangen sein Auge sprühte Blitze und er biss krampfhaft in die Lippe
Die Vase entfiel ihm er aber drängte sich in Fieberhast vor Witichis und sprach
mit fast tonloser Stimme »Mein König  König Witichis  eine Gnade«
    »Was ist dir Teja um Gott Was willst du«
    »Urlaub Urlaub auf sechs  auf drei Tage Ich muss fort«  »Fort wohin« 
»Zur Rache Hier lies  der Teufel der meine Eltern verklagte in Verzweiflung
Tod und Wahnsinn trieb  er ist es  den ich längst geahnt hier ist sein
Anzeigebrief an den Bischof von Florentia mit seiner eignen Hand  es ist
Teodahad «
    »Er ists es ist Teodahad« sagte Witichis vom Briefe aufsehend »Geh
denn Aber zweifle nicht du triffst ihn nicht mehr in Rom er ist gewiss längst
entflohn Er hat starken Vorsprung Du wirst ihn nicht einholen«
    »Ich hole ihn ein ob er auf den Flügeln des Sturmadlers säße«
    »Du wirst ihn nicht finden«
    »Ich finde ihn und müsste ich ihn aus dem tiefsten Pfuhl der Hölle oder im
Schoße des Himmelsgottes suchen«
    »Er wird mit starker Bedeckung geflüchtet sein« warnte der König
    »Aus tausend Teufeln hol ich ihn heraus Hildebad dein Pferd Leb wohl
König der Goten Ich vollstrecke die Acht«
 
                                 Fünftes Buch
                                   Witichis
                »Die Goten aber wählten zum König Witichis einen Mann zwar
                nicht von edlem Geschlecht aber von hohem Ruhm der Tapferkeit«
                                                    Prokopius Gotenkrieg I 11
                                Erste Abteilung
                                Erstes Kapitel
Langsam sank die Sonne hinter die grünen Hügel von Fäsulä und vergoldete die
Säulen vor dem schlichten Landhaus in welchem Rautgundis als Herrin schaltete
    Die gotischen Knechte und die römischen Sklaven waren beschäftigt die
Arbeit des Tages zu beschließen Der Mariskalk brachte die jungen Rosse von der
Weide ein Zwei andre Knechte leiteten den Zug stattlicher Rinder von dem Anger
auf dem Hügel nach den Ställen indes der Ziegenbub mit römischen Scheltworten
seine Schutzbefohlnen vorwärts trieb die genäschig hier und da an dem salzigen
Steinbrech nagten der auf dem zerbröckelten Mauerwerk am Wege grünte Andre
germanische Knechte räumten das Ackergerät im Hofraum auf und ein römischer
Freigelassener gar ein gelehrter und vornehmer Herr der Obergärtner selbst
verließ mit einem zufriedenen Blick die Stätte seiner blühenden und duftenden
Wissenschaft
    Da kam aus dem Rossstall unser kleiner Freund Atalwin im Kranze seiner
hellgelben Locken »Vergiss mir ja nicht Kakus einen rostigen Nagel in den
Trinkkübel zu werfen Wachis hats noch besonders aufgetragen Dass er dich nicht
wieder schlagen muss wenn er heimkommt« Und er warf die Tür zu »Ewiger Verdruss
mit diesen welschen Knechten« sprach der kleine Hausherr mit wichtigem Stolz
»Seit der Vater fort ist und Wachis ihm ins Lager gefolgt liegt alles auf mir
denn die Mutter lieber Gott ist wohl gut für die Mägde aber die Knechte
brauchen den Mann« Und mit großem Ernst schritt das Büblein über den Hof
    »Und sie haben vor mir gar nicht den rechten Respekt« sprach er und warf
die kirschroten Lippen auf und krauste die weiße Stirn »Woher soll er auch
kommen Mit nächster Sunnwend bin ich volle neun Jahr und sie lassen mich noch
immer herumgehn mit einem Ding wie ein Kochlöffel« Und verächtlich riss er an
dem kleinen Schwert von Holz in seinem Gurt »Sie dürften mir keck ein
Weidmesser geben ein rechtes Gewaffen So kann ich nichts ausrichten und sehe
nichts gleich«
    Und doch sah er so lieblich einem zürnenden Eros gleich in seinem
kniekurzen ärmellosen Röckchen von feinstem weißem Leinen das die liebe Hand
der Mutter gesponnen und genäht und mit einem zierlichen roten Streifen
durchwirkt hatte
    »Gern lief ich noch auf den Anger und brächte der Mutter zum Abend die
Waldblumen die sie so liebt mehr als unsre stolzesten Gartenblumen Aber ich
muss noch Rundschau halten ehe sie mir die Tore schließen denn Atalwin hat
der Vater gesagt wie er ging halt mir das Erbe recht in acht und wahre mir
die Mutter Ich verlass mich auf dich Und ich gab ihm die Hand drauf So muss ich
Wort halten«
    Damit schritt er den Hof entlang an der Vorderseite des Wohnhauses vorüber
durchmusterte die Nebengebäude zur Rechten und wollte sich eben nach der
Rückseite des Gevierts wenden als er durch lautes Bellen der jungen Hunde zur
Linken auf ein Geräusch an dem Holzzaun der das Ganze umfriedete merksam
wurde
    Er schritt nach der bezeichneten Ecke hin und erstaunte denn auf dem Zaune
saß oder über denselben herein stieg eine seltsame Gestalt Es war ein großer
alter hagrer Mann in grobem Wams von ganz rauhem Loden wie ihn die Berghirten
trugen als Mantel hing eine mächtige Wolfsschur unverarbeitet von seinen
Schultern nieder und in der Rechten trug er einen riesigen Bergstock mit
scharfer Stahlspitze mit welchem er die Hunde abwehrte die zornig an dem Zaun
hinaufsprangen Eilends lief der Knabe hinzu »Halt du landfremder Mann was
tust du auf meinem Zaun  willst du gleich hinaus und herab«
    Der Alte stutzte und sah forschend auf den schönen Knaben »Herunter sag
ich« wiederholte dieser  »Begrüsst man so in diesem Hof den wegmüden Wandrer«
 »Ja wenn der wegmüde Wandrer über den Hinterzaun steigt Bist du was Rechtes
und willst du was Rechtes  da vorn steht das große Hoftor sperrangelweit
offen da komm herein«
    »Das weiß ich selbst wenn ich das wollte« Und er machte Anstalt in den
Hof hereinzusteigen
    »Halt« rief zornig der Kleine »da kommst du nicht herab Fass Griffo Fass
Wulfo Und wenn du die zwei Jungen nicht scheust so ruf ich die Alte Dann gib
acht He Tursa Tursa leids nicht«
    Auf diesen Ruf schoss um die Ecke des Rossstalles ein riesiger grauborstiger
Wolfshund mit wütendem Gebell herbei und schien ohne weiteres dem Eindringling
an die Gurgel springen zu wollen
    Aber kaum stand das grimmige Tier vor dem Zaun dem Alten gegenüber so
verwandelte sich seine Wut plötzlich in Freude sein Bellen verstummte und
wedelnd sprang er an dem Alten hinan der nun ganz gemütlich hereinstieg »Ja
Tursa treues Tier wir halten noch zusammen« sagte er   »Nun sage mir
kleiner Mann wie heißt du«  »Atalwin heiß ich« versetzte dieser scheu
zurücktretend »du aber  ich glaube du hast den Hund behext  wie heißt du«
 »Ich heiße wie du« sagte der Alte freundlicher »Und das ist hübsch von dir
dass du heissest wie ich Sei nur ruhig ich bin kein Räuber führ mich zu deiner
Mutter dass ich ihr sage wie tapfer du deine Hofwehr verteidigt hast«
    Und so schritten die beiden Gegner friedlich in die Halle Tursa bellte
freudig springend voran
    Das korintische Atrium der Römervilla mit seinen Säulenreihen an den vier
Wänden hatte die gotische Hausfrau mit leichter Änderung in die große Halle des
germanischen Hofbaues verwandelt In Abwesenheit des Hausherrn war sie zu
festlicher Bewirtung nicht bestimmt und Rautgundis hatte für diese Zeit ihre
Mägde aus der Frauenkammer hierher versetzt In langer Reihe saßen rechts die
gotischen Mägde mit sausender Spule ihnen gegenüber einige römische Sklavinnen
mit feineren Arbeiten beschäftigt In der Mitte der Halle schritt Rautgundis
auf und nieder und ließ selbst die flinke Spule auf dem glatten Mosaik des
Estrichs tanzen aber dabei auch nach rechts und links stets die wachen Blicke
gleiten
    Das kornblumenblaue Kleid von selbstgewirktem Stoff war über die Kniee
heraufgeschürzt und hing gebauscht über dem Gurt von stählernen Ringen der
ihren einzigen Schmuck ein Bündel von Schlüsseln trug Das dunkelblonde Haar
war rings an Stirn und Schläfen zurückgekämmt und am Hinterkopf in einen
einfachen Knoten geschürzt Es lag viel schlichte Würde in der Gestalt wie sie
mit ernst prüfendem Blick auf und nieder schritt
    Sie trat zu der jüngsten der gotischen Mägde die zuunterst in der Reihe saß
und beugte sich zu ihr »Brav Liuta« sprach sie »dein Faden ist glatt und du
hast heut nicht so oft ausgesehen nach der Tür wie sonst Freilich« fügte sie
lächelnd hinzu  »es ist jetzt kein Verdienst da doch kein Wachis zur Tür
hereinkommen kann« Die junge Magd errötete Rautgundis legte die Hand auf ihr
glattes Haar »Ich weiß« sagte sie »du hast mir im stillen gegrollt dass ich
dich die Verlobte dieses Jahr über täglich morgens und abends eine Stunde
länger spinnen ließ als die andern es war grausam nicht Nun sieh es war
dein eigener Gewinn Alles was du dies Jahr aus meinem besten Garn gesponnen
ist dein ich schenk es dir zur Aussteuer so brauchst du nächstes Jahr das
erste deiner Ehe nicht zu spinnen«
    Das Mädchen fasste ihre Hand und sah ihr dankbar weinend ins Auge »Und dich
nennen sie streng und hart« war alles was sie sagen konnte  »Mild mit den
Guten streng mit den Bösen Liuta Alles Gut dessen ich hier walte ist meines
Herrn Eigen und meines Knaben Erbe Da heißt es genau sein«
    Jetzt wurden der Alte und Atalwin in der Tür sichtbar der Knabe wollte
rufen aber sein Begleiter verhielt ihm den Mund und sah eine Weile unbemerkt
dem Schalten und Walten Rautgundens zu wie sie der Mägde Arbeit prüfte lobte
und schalt und neue Aufträge gab
    »Ja« sprach der Alte endlich zu sich selbst »stattlich sieht sie aus und
sie scheint wohl die Herrin im Hause  doch wer weiß alles« Da war Atalwin
nicht mehr zu halten »Mutter« rief er »ein fremder Mann der Tursa behext
und über den Zaun gestiegen und zu dir will Ich kanns nicht begreifen«
    Da wandte sich die stattliche Frauengestalt würdevoll dem Eingang zu die
Hand vor die Augen haltend die blendende Abendsonne die in die offene Tür
brach abzuwehren »Was führst du den Gast hierher Du weißt der Vater ist
nicht hier Führ ihn in die große Halle Sein Platz ist nicht bei mir«
    »Doch Rautgundis hier bei dir ist mein Platz« sprach der Alte
vortretend
    »Vater« rief die Frau und lag an der Brust des Fremden Verdutzt und nicht
ohne Missbehagen sah Atalwin auf die Gruppe »Du bist also der Großvater der da
oben in den Nordbergen haust Nun grüß Gott Großvater Aber warum sagst du denn
das nicht gleich Und warum kommst du nicht durchs Tor wie andre ehrliche
Leute«
    Der Alte hielt seine Tochter bei beiden Händen und sah ihr scharf ins Auge
»Sie sieht glücklich aus und gedeihend« brummte er vor sich hin
    Da fasste sich Rautgundis rasch warf sie einen Blick durch die Halle Alle
Spindeln ruhten außer Liutas  aller Augen musterten neugierig den Alten
    »Ob ihr wohl spinnen wollt fürwitzige Elstern« rief sie streng »Du
Marcia hast vor lauter Gaffen den Flachs herabfallen lassen du kennst den
Brauch du spinnst eine Spule mehr  ihr andern macht Feierabend Komm Vater
Liuta rüst ein laues Bad und Fleisch und Wein «
    »Nein« sprach der Vater »der alte Bauer hat am Berg auch nur Bad und Trunk
am Wasserfall Und was das Essen anlangt  draußen vorm Hinterzaun am
Grenzpfahl liegt mein Rucksack den holt mir da hab ich mein Speltbrot und
meinen Schafkäse den bringt mir  Wieviel habt ihr Rinder im Stall und Rosse
auf der Weide« Es war seine erste Frage
    Eine Stunde darauf  schon war es dunkel geworden und der kleine Atalwin
war kopfschüttelnd über den Großvater zu Bett gegangen da wandelten Vater und
Tochter beim Licht des aufgehenden Mondes ins Freie »Ich hab nicht Luft genug
da drinnen« hatte der Alte gesagt
    Sie sprachen viel und ernst wie sie durch den Hof und durch den Garten
schritten Mittendrein warf der Alte immer wieder Fragen nach ihrer Wirtschaft
auf wie sie ihm Gerät oder Gebäude nahelegten und in seinem Ton lag keine
Zärtlichkeit nur manchmal in dem Blick der verstohlen sein Kind musterte
    »Lass doch endlich Roggen und Rosse« lächelte Rautgundis »und sage mir
wies dir gegangen ist die langen Jahre Und was dich endlich einmal
herabgeführt hat von den Bergen zu deinen Kindern«  »Wies mir gegangen Nun
halt einsam einsam Und kalte Winter Ja bei uns ists nicht so hübsch warm
wie hier im Welschtale« Und er sagte das wie einen Vorwurf »Und warum ich
herunter bin Ja sieh letztes Jahr hat sich der Zuchtstier zerfallen auf dem
Firnjoch Und da wollt ich mir einen andern kaufen hier unten«
    Da hielt sich Rautgundis nicht länger mit warmer Liebe warf sie sich an
des Alten Brust und rief »Und den Zuchtstier hast du nicht näher gefunden als
hier Lüge doch nicht Steinbauer gegen dein eigen Herz und dein eigen Kind Du
bist gekommen weil du gemusst weil dus doch endlich nicht mehr ausgehalten vor
Heimweh nach deinem Kinde«
    Der Alte blieb stehen und streichelte ihr Haar »Woher dus nur weißt Nun
ja ich musste doch mal selbst sehen wies um dich steht und wie er dich hält
der Herr Gotengraf«
    »Wie seinen Augapfel« sprach das Weib selig  »So und warum ist er denn
nicht daheim bei Hof und Haus und Weib und Kind«  »Er steht beim Heer in des
Königs Dienst«
    »Ja das ists ja eben Was braucht er einen Dienst und einen König Doch 
sage warum trägst du keinen goldnen Armreif Ein Gotenweib aus dem Welschtal
kam einmal des Wegs bei uns vorbei vor fünf Jahren die trug Gold handbreit da
dacht ich so trägts deine Tochter und freute mich und nun «
    Rautgundis lächelte »Soll ich Gold tragen für meiner Mägde Augen Ich
schmücke mich nur wenn Witichis es sieht«  »So mög ers verdienen Aber du
hast doch Goldspangen und Goldreife wie andre Gotenfrauen hier unten«  »Mehr
als andre truhenvoll Witichis brachte große Beute vom Gepidenkrieg«  »So
bist du ganz glücklich«  »Ganz Vater aber nicht wegen der Goldspangen« 
»Hast du über nichts zu klagen Sags mir nur Kind Was es auch sei sags
deinem alten Vater und er schafft dir dein Recht«
    Da blieb Rautgundis stehen »Vater sprich nicht so Das ist nicht recht
von dir zu sprechen nicht von mir zu hören Wirf ihn doch weg den
unglückseligen Irrwahn als müsste ich elend werden weil ich zu Tal gezogen Ich
glaube fast nur diese Furcht hat dich hier herabgeführt«
    »Nur sie« rief der Alte hastig mit dem Stock aufstossend »Und du nennst
einen Wahn was deines Vaters tiefstes inneres Wesen Ein Wahn Ah ists ein
Wahn dass sichs schwer atme hier unten Ein Wahn dass unsre hochgewachsenen
weißen Goten klein und braun geworden hier unten im Tal Ist es ein Wahn dass
alles Unheil von jeher von Süden hergekommen von diesem weichen falschen Tal
Woher kommen die Bergstürze über unsre Hütten von Süden her Von wo kommt der
giftige Wind der Mensch und Vieh verdirbt Von Süden Warum stürzt mir Kuh und
Schaf wann sie am Südhang grasen Warum starb deine Mutter wie sie das
erstemal von unserm Berge nach Bolsanum herabkam in der schwülen Stadt Ein
Bruder von dir stieg auch herab trat in des Königs Teoderich Waffenschar zu
Ravenna erstochen haben ihn die Welschen beim Wein Warum taugt kein Knecht
mehr was der je hier in den Süden herabstieg auch nur auf einen Winter Wo hat
unser großer Held Teoderich das verfluchte Regieren gelernt mit Steuern und
Folter und Kerker und Schreiben Was haben unsre Väter von all dem gewusst
    Von woher kommt aller Trug alle Unfreiheit alle Üppigkeit alle Unkraft
alle List Von hier aus dem Welschtal aus dem Süden wo die Menschen zu
Tausenden beisammen nisten wie unsauber Gewürm und einer dem andern die Luft
vergiftet Und da kommt mir so einer auf meinen Fels und holt mein frisches Kind
herab in dieses Land des Unsegens Dein Eheherr hat was Gutes und Klares ich
leugn es nicht und hätte er sich droben bei mir ein Gehöft gebaut ich hätte
ihm gern mein Kind und das Joch der besten Ochsen dazu gegeben Aber nein Da
herunter musste er sie führen ins heiße Sumpftal Und er selbst bückt den Kopf in
goldnen Sälen zu Rom und in der Rabenstadt Wohl hab ich mich lang gewehrt «
    »Aber endlich gabst du nach «
    »Was wollt ich machen War doch mein kernfrisches Mädel ganz herzenssiech
geworden nach dem Unglücksmann«
    »Und zehn Jahre hat der Unglücksmann dein Kind beglückt«  »Wenns nur auch
wahr ist«  »Vater«  »Und wahr bleibt Es wäre das erstemal dass Glück von
Süden käme Sieh mein Abscheu ist so groß vor der Ebne dass ich die sieben Jahr
nicht niederstieg gar mein Enkelkind nie gesehen habe Wenn ich es jetzt doch
getan hats schweren Grund«
    »Also nicht die Liebe nicht dein Herz«
    »Freilich doch mein banges Herz Ein böses Zeichen ist geschehen Du denkst
doch noch der freudigen Buche die am Felsbache stand rechts vorm Hause Ich
pflanzte sie nach altem Brauch an dem Tag da du geboren wardst Und prächtig
wie du selbst gedieh der Baum In dem Jahr da du fortzogst freilich fand ich
er sehe krank und traurig Aber die andern sahen es nicht und lachten mich aus
    Nun sie erholte sich wieder und war frisch und grün Doch in der letzten
Woche kam des Nachts ein Hochgewitter so wütig wie ichs selten gehört da
droben in den Felsen und als wir am Morgen vor das Tor treten  ist der Stamm
vom Blitz zerspalten und die Krone hat der Giessbach mit sich fortgerissen 
nach Süden«
    »Schad um den lieben Baum Doch kann dich das ängstigen«
    »Es ist nicht alles Traurig grub ich am Abend nach dem Tagewerk den armen
Stamm aus der Erde und warf ihn ins Herdfeuer dass er nicht verunehrt und elend
am Wege stehe der meines Kindes ein Bild und Zeichen war Und ich nahm mirs
sehr zu Herzen und ich sann und sann mit schweren Sorgen über deinen Mann und
meine Zweifel an ihm kamen dicht und dichter Und ich sah ins Feuer drin der
Stamm verkohlte
    So schlief ich ein und im Traum sah ich dich und Witichis Er tafelte im
Goldsaal unter stolzen Männern und schönen Frauen in Glanz und Pracht
gekleidet Du aber standest vor der Tür im Bettlerkleid und weintest bittere
Tränen und riefst ihn beim Namen Er aber sprach Wer ist das Weib ich kenne
sie nicht  Und es ließ mich nicht mehr droben in den Bergen Herab zogs mich
ich musste sehen wie mein Kind gehalten ist im Tal und überraschen wollt ich
ihn  deshalb wollt ich nicht durchs Tor ins Haus«
    »Vater« sprach Rautgundis zornig »dergleichen soll man selbst im Traume
nicht denken Dein Misstrauen «
    »Misstrauen ich traue niemand als mir selbst Und in dem Blitzschlag und in
dem Traumgesicht hat sichs mir deutlich gemeldet dir droht ein Unglück Weich
ihm aus Nimm deinen Knaben und geh mit mir in die Berge Nur auf kurze Zeit
Glaub mir du wirst es bald wieder schön finden in der freien Luft wo man über
aller Herren Länder hinwegsieht«
    »Ich soll meinen Mann verlassen Niemals«  »Hat er nicht dich verlassen
Ihm ist Hof und Königsdienst mehr als Weib und Kind So lass ihm seinen Willen«
    »Vater« sprach jetzt Rautgundis seine Hand heftig fassend »kein Wort
mehr Hast du denn meine Mutter nicht geliebt dass du so reden kannst von
Ehegatten Mein Witichis ist mir alles Luft und Licht des Lebens Und er liebt
mich mit seiner ganzen treuen Seele Und wir sind eins
    Und wenn er für recht hält fern von mir zu schaffen zu wirken so ist es
recht Er führt seines Volkes Sache Und zwischen mich und ihn soll kein Wort
kein Hauch kein Schatte treten Und auch ein Vater nicht«
    Der Alte schwieg Aber sein Misstrauen schwieg nicht »Warum« hob er nach
einer Pause wieder an »wenn er am Hof so wichtige Geschäfte hat warum nimmt er
dich nicht mit Schämt er sich der Bauerntochter« und zornig stieß er seinen
Stock auf die Erde
    »Der Zorn verwirrt dich Du grollst dass er mich vom Berg ins Tal der
Welschen geführt  und grollst ebenso weil er mich nicht nach Rom mitten unter
sie führt«
    »Du sollsts auch nicht tun Aber er solls wollen Er soll dich nicht
entbehren können Aber des Königs Feldherr wird sich des Bauernkindes schämen«
    Da ehe Rautgundis antworten konnte sprengte ein Reiter an das jetzt
verschlossene Hoftor vor dem sie eben standen »Auf aufgemacht« rief er mit
der Streitaxt an die Pfosten schlagend  »Wer ist da draußen« fragte der Alte
vorsichtig  »Aufgemacht so lang lässt man einen Königsboten nicht warten«
    »Es ist Wachis« sprach Rautgundis den schweren Riegelbalken im Ring
zurückschiebend »was bringt dich so plötzlich zurück«
    »Du bist es selbst die mir öffnet« rief der treue Mann »o Gruß und Heil
Frau Königin der Goten Der Herr ist zum König des Volks gewählt Diese meine
Augen sahen ihn hoch auf den Heerschild gehoben er lässt dich grüßen und
entbittet dich und Atalwin nach Rom In zehn Tagen sollst du aufbrechen«
    In allem Schrecken und in aller Freude und zwischen allen Fragen durch
konnte sich Rautgundis nicht enthalten eines freudig stolzen Blicks auf ihren
Vater dann warf sie sich an seine Brust und weinte »Nun« fragte sie endlich
sich losmachend »Vater was sagst du nun«
    »Was ich sage Jetzt ist das Unglück da das mir geahnt Ich gehe noch heute
Nacht zurück auf meinen Berg«
 
                                Zweites Kapitel
Während die Goten bei Regeta tagten umklammerte in weit geschwungenem Halbkreis
das mächtige Heerlager Belisars die hart bedrängte Stadt Neapolis
    Rasch unaufhaltsam wie ein Brand in getrocknetem Heidegras hatte sich das
Heer der Byzantiner von der äußersten Südostspitze Italiens bis vor die Mauern
der patenopeischen Stadt gewälzt ohne Widerstand zu finden Denn dank den
Befehlen Teodahads waren nicht hundert Gotenkrieger in jenen Gegenden zu
finden
    Das kurze Vorpostengefecht am Passe Jugum war der einzige Aufenthalt auf
den die Griechen stießen die römische Bevölkerung von Bruttien mit den Städten
Regium Vibo und Squyllacium Tempsa und Croton Ruscia und Turii von
Kalabrien mit den Städten Gallipolis Tarentum und Brundusium von Lucanien mit
den Städten Vella und Buxentum von Apulien mit den Städten Acheruntia und
Kanusium Salernum Nuceria und Kampsä und viele andre Städte nahmen Belisar
mit Jubel auf als er ihnen im Namen des rechtgläubigen Kaisers Justinian die
Befreiung von dem Joche der Ketzer und Barbaren verkündete Bis an den Aufidus
im Osten bis an den Sarnus im Südwesten war Italien den Goten entrissen und
erst an den Wällen von Neapel brach sich der Ungestüm dieser feindlichen Wogen
    Und wohl ein herrliches Kriegsschauspiel waren diese Heerlager Belisars zu
nennen Im Norden vor der Porta Nolana dehnte sich das Lager Johannes des
Blutigen Diesem tapfern Führer war die Via Nolana anvertraut und die Aufgabe
die Straße nach Rom zu erzwingen Hier in den breiten Wiesenflächen auf den
Saatfeldern fleißiger Goten tummelten die Massageten und die gelben Hunnen ihre
kleinen hässlichen Gäule Daneben lagerten leichte persische Söldner in
Linnenpanzern mit Pfeil und Bogen dann schwere armenische Schildträger
Makedonen mit zehn Fuß langen »Sarissen« Lanzen und große Massen tessalischer
und trakischer aber auch sarazenischer Reiter zu verhasster Untätigkeit in
diesem Belagerungskampf verurteilt und ihre Musse nach Kräften ausfüllend mit
Streifzügen ins Innere des Landes
    Das mittlere Lager gerade im Osten der Stadt war von dem Haupteer
erfüllt Belisars großes Feldherrnzelt von blauer sidonischer Seide mit dem
Purpurwimpel ragte in seiner Mitte Hier stolzierte die Leibwache die Belisar
selbst bewaffnete und besoldete und zu der nur die erlesensten Leute die sich
dreimal durch Todesverachtung im Kampf ausgezeichnet zugelassen wurden  aus
ihr gingen Belisars Schüler und beste Heerführer hervor  in reichvergoldeten
Helmen mit roten Rosshaarkämmen den besten Brustund Beinharnischen ehernen
Schilden dem breiten Schwert und der partisanengleichen Lanze Hier bildeten
den Kern des Fussvolks achttausend Illyrier die einzige gute Truppe die das
Griechenreich noch selbst stellte hier aber lagerten auch unter dem Befehl
ihrer Stammesfürsten die avarischen bulgarischen sarmatischen und auch
germanischen Scharen wie Heruler und Gepiden die Byzanz um schweres Geld
werben musste den Mangel der kriegsfähigen Mannschaft zu decken Hier auch die
ausgewanderten und die vielen tausend übergegangenen Italier
    Endlich das südwestliche Lager das sich dem Strand entlang dehnte
befehligte Martinus der den Belagerungswerkzeugen vorstand hier standen die
Katapulten und Ballisten die Mauerbrecher und Wurfmaschinen in Vorrat hier
wogten die isaurischen Bundesgenossen und die Scharen die das neu von den
Vandalen zurückeroberte Afrika stellte maurische numidische Reiter libysche
Schleuderer durcheinander
    Aber vereinzelt waren Abenteurer und Söldner fast aus allen Barbarenstämmen
der drei Erdteile vertreten Bajuwaren von der Donau Alamannen vom Rhein
Franken von der Maas Burgunden von der Rhone dann wieder Anten vom Dniester
Lazier vom Phasis pfeilkundige Abasgen Sabiren Lebanten und Lykaonen aus
Asien und Afrika So bunt zusammengesetzt aus barbarischen Haufen war die
Kriegsmacht mit der Justinian die gotischen »Barbaren« vertreiben und Italien
befreien wollte Den Befehl über die Vorposten hatten immer und überall die
Leibwächter Belisars und diese Kette zog sich um die Stadt her von der Porta
Kapuana fast bis an die Wogen des Meeres Neapolis aber war schlecht befestigt
und schwach besetzt Nicht tausend Goten waren es welche die ausgedehnten Werke
gegen ein Heer von vierzigtausend Byzantinern und Italiern verteidigen sollten
    Graf Uliaris der Befehlshaber der Stadt war ein tapfrer Mann und hatte bei
seinem Bart geschworen die Feste nicht zu übergeben Aber auch er hätte der
überlegnen Macht und Feldherrnkunst Belisars wohl nicht lange widerstehen
können wäre nicht ein glücklicher Umstand ihm zu Hilfe gekommen Das war die
unzeitige Rückkehr der griechischen Flotte nach Byzanz Als nämlich Belisar
nachdem er sein gelandetes Heer in Regium eine Nacht geruht und gemustert hatte
den allgemeinen Aufbruch mit der Land und Seemacht gegen Neapolis befahl
sandte ihm sein Nauarchos Konon einen bisher geheim gehaltnen Auftrag des
Kaisers wonach die Flotte sofort nach der Landung nach Nikopolis an der
griechischen Küste zurücksegeln sollte angeblich neue Verstärkungen
herüberzuholen in Wahrheit aber nur den Prinzen Germanus Justinians Neffen
mit den kaiserlichen Lanzenträgern nach Italien zu führen der die
Siegesschritte Belisars beobachten überwachen nötigenfalls hemmen und als
Oberfeldherr die Interessen des kaiserlichen Misstrauens gegen den
Unterfeldherrn Belisar wahren sollte Zähneknirschend musste Belisar seine Flotte
im Augenblick da er ihrer am meisten bedurfte absegeln sehen und nur mit
vielen Bitten erlangte er dass ihm der Nauarch vier Kriegstrieren die noch bei
Sizilien kreuzten zu senden versprach
    So hatte denn Belisar als er sich anschickte Neapolis zu belagern die
Stadt zwar von Nordost Ost und Südost mit seiner Landmacht eng einschliessen
können  den Westen die Straße nach Rom durch Kastellum Tiberii gedeckt
hielt Graf Uliaris mit höchster Kraft frei  aber den Hafen von Neapolis und
seine Verbindung mit der See hatte er nicht zu sperren vermocht
    Anfangs zwar tröstete er sich damit dass ja auch die Belagerten keine Flotte
hätten und also von ihrer Verbindung mit dem Meer nicht eben viel Vorteil würden
ziehen können Aber hier trat ihm zuerst die Begabung und die Kühnheit eines
Gegners in den Weg den er später noch mehr fürchten lernen sollte Das war
Totila Kaum hatte dieser Neapolis erreicht der Leiche des alten Valerius mit
Julius die letzte Ehre erwiesen und die ersten Tränen Valerias getrocknet als
er mit rastloser Tätigkeit an der Aufgabe arbeitete eine Flotte aus dem Nichts
zu schaffen
    Er war Befehlshaber des Geschwaders von Neapolis aber dieses ganze
Geschwader hatte König Teodahad schon vor Wochen trotz Totilas Vorstellungen
Belisar aus dem Wege nach Pisa beordert wo es die Arnusmündung bewachen
sollte So besaß Totila von Anfang nichts als drei leichte Wachtschiffe von
denen er zwei bei Sizilien verloren hatte und er war nach Neapolis gekommen an
jedem Widerstand zur See verzweifelnd Aber da er das Unglaubliche vernahm dass
die byzantinische Flotte nach Hause gegangen sei belebte sich sofort seine
Hoffnung Und nun ruhte er nicht bis er auf großen Fischerbooten
Kaufmannsschiffen Hafenkähnen und in der Eile notdürftig seetüchtig gemachten
Wracks der Werften sich eine kleine Flottille von etwa zwölf Segeln gebildet
die freilich weder einem Sturm auf hoher See noch einem einzigen Kriegsschiff
Trotz bieten konnte aber doch vortreffliche Dienste leistete die sonst völlig
abgeschnittene Stadt von Bajä Cumä und andern Städten im Nordwesten her mit
Lebensmitteln zu versehen die Bewegungen der Feinde an den Küsten zu beobachten
und mit unaufhörlichen Angriffen zu quälen indem Totila mit einer kleinen Schar
oft im Süden im Rücken der griechischen Lager landete sich ins Land schlich
bald hier bald da einen Trupp der Feinde überfiel und zersprengte und solche
Unsicherheit verbreitete dass sich die Byzantiner nur in starken Abteilungen und
nie zu weit von ihren Lagern zu entfernen wagten während diese Erfolge die hart
bedrängte von steten Wachdiensten und Kämpfen angegriffene Mannschaft des
Uliaris immer wieder ermutigten
    Bei alledem konnte sich Totila nicht verhehlen dass die Lage schon jetzt
eine höchst bedenkliche und sowie einige griechische Schiffe vor der Stadt
erschienen eine unhaltbare werde Er verwandte daher einen Teil seiner Boote
dazu täglich eine Anzahl von wehrunfähigen Einwohnern aus Neapolis aufwärts
nach Bajä und Cumä zu schaffen wobei er die Anforderung der Reichen dass diese
Rettungsfahrten nur gegen Bezahlung stattfinden sollten streng zurückwies und
ohne Unterschied Arme wie Reiche in seine rettenden Schiffe aufnahm Vergebens
hatte Totila wiederholt und immer dringender Valeria gebeten unter dem Schutz
von Julius auf diesen Schiffen zu flüchten noch wollte sie sich von dem Sarge
ihres Vaters noch von dem Geliebten nicht trennen dessen Lob als des Schirmers
der Stadt sie nur zu gern aus aller Munde einsog Und ruhig fuhr sie fort in
dem väterlichen Hause ihrer Trauer und ihrer Liebe zu leben
 
                                Drittes Kapitel
In diesen ersten Tagen der Belagerung empfand auch Miriam die höchsten Freuden
und die höchsten Schmerzen ihrer Liebe
    Häufiger als je konnte sie sich in des Geliebten Anblick sonnen denn die
Porta Kapuana war ein wichtiger Punkt der Befestigung den der Seegraf oft
besuchen musste In der Turmstube des alten Isak hielt er täglich mit Graf
Uliaris den traurigen Kriegsrat Dann pflegte Miriam wann sie die Männer
begrüßt und das schlichte Mahl von Früchten und Wein auf den Tisch gestellt
hinunterzuschlüpfen in das enge Gärtlein das dicht hinter der Turmmauer lag
Der Raum war ursprünglich ein kleiner Hof im Tempel der Minerva der
Mauerbeschützerin gewesen der man gern an den Haupttoren der Städte einen
Altar errichtete
    Seit Jahrhunderten war der Altar verschwunden aber noch ragte hier der
alte mächtige Olivenstamm der einst die der Göttin geweihte Statue beschattet
hatte und ringsum dufteten die Blumen die Miriams liebevolle Hand hier
gepflegt und oft für die Braut des Geliebten gebrochen hatte Gerade gegenüber
dem riesigen Ölbaum dessen knorrige Wurzeln über die Erde hervorstarrten und
eine dunkle Öffnung in den Erdgeschossen des alten Tempels zeigten war von dem
Christentum ein großes schwarzes Holzkreuz angebracht über einem kleinen
Betschemel der aus einer Marmorstufe des Minervatempels gebildet war  man
liebte die Stätten des alten Gottesdienstes dem neuen zu unterwerfen und die
alten Götter die jetzt zu Dämonen geworden durch die Sinnbilder des
siegreichen Glaubens zu verscheuchen
    Unter diesem Kreuz saß das schöne Judenmädchen oft stundenlang mit der alten
Arria der halbblinden Witwe des Unterpförtners die nach dem frühen Tod von
Isaks Weib wie eine Mutter das Heranblühen der kleinen Miriam mit ihren Blumen
in dem öden Gestein der alten Mauern überwacht hatte Da hatte diese viele Jahre
lang still lauschend zugehört wie die fromme Alte in fleissigem Gebet zu dem
Gott der Christen flehte und unwillkürlich war so mancher Strahl der mildern
hellern Liebeslehre des Nazareners in das Herz der Heranwachsenden gedrungen
    Jetzt da Alter und Erblindung die Witwe hilfsbedürftig gemacht vergalt
Miriam mit liebevoller Treue der Pflegerin ihrer Kindheit Mit Rührung nahm
Arria diese Treue hin ihr altes Herz umschloss mit Dank und Liebe und Mitleid
das herrliche Geschöpf dessen mächtige Liebe zu dem jungen Goten sie längst
erkannt und beklagt aber nie gegenüber der scheuen Jungfrau berührt hatte
    Am Abend des dritten Tages der Belagerung schritt Miriam nachdenklich die
breiten Mauerstufen nieder die von der Turmpforte in den Garten führten ihr
edles seelentiefes Auge glitt in ernstes Sinnen verloren über die duftigen
Blumen der Beete hin auf der letzten Stufe blieb sie träumend stehen die linke
Hand auf den Mauerrand lehnend Arria kniete auf dem Betschemel ihr den Rücken
wendend und betete laut Sie würde die Nahende nicht bemerkt haben wenn nicht
geflügeltes Leben plötzlich den stillen Hof beseelt hätte denn in den breiten
Zweigen der Olive nisteten die schönsten weißen Tauben der einsamen Miriam
einzige Gespielinnen Als diese die vertraute Gestalt auf den Stufen erscheinen
sahen erhoben sie sich alle in schwirrendem Flug ihr Haupt umschwärmend eine
ließ sich auf des Mädchens linke Schulter nieder die andre auf das feine Gelenk
der Rechten die Miriam aus ihrem Traume geweckt lächelnd ausstreckte
    »Du bists Miriam deine Tauben verkünden dich« sprach Arria sich wendend
Und das schöne Mädchen stieg die letzte Stufe nieder langsam die Vögel nicht
zu verscheuchen die Abendsonne fiel durch die Blätter der Olive auf ihre
pfirsichroten Wangen es war ein lieblich Bild
    »Ich bins Mutter« sagte Miriam sich zu ihr setzend »Und ich hab eine
Bitte Wie lautet« fragte sie leiser »dein Spruch vom Leben nach dem Tode
dein Glaubensspruch  ich glaube an die Gemeinschaft«  
    »An die Gemeinschaft der Heiligen Auferstehung des Fleisches und ein ewiges
Leben«  »Wie kommst du auf diese Gedanken«
    »Ei nun« sagte Miriam »mitten im Leben stehen wir im Tode sagt der Sänger
von Zion Und jetzt wir besonders Fliegen nicht täglich Pfeile und Steine in
die Straßen Aber ich will noch Blumen pflücken« sprach sie wieder aufstehend
    Arria schwieg einen Augenblick »Jedoch der Seegraf war heute schon da mir
ist ich hätte seine helle Stimme gehört«
    Miriam errötete leicht »Sie sind nicht für ihn«  sprach sie dann ruhig 
»für sie«  »Für sie«  »Ja für seine Braut Ich habe sie heute zum erstenmal
gesehen Sie ist sehr schön Ich will ihr Rosen schenken«  »Du hast sie
gesprochen Wie ist sie geartet«
    »Nur gesehen sie bemerkte mich nicht Ich schlich schon lange um den Palast
der Valerier seit sie hier ist Heute ward sie in die Sänfte gehoben sie ward
in die Basilika getragen Ich lehnte hinter der Säule ihres Hauses«
    »Nun ist sie seiner würdig«
    »Sie ist sehr schön Und vornehm Und klug sieht sie aus auch gut Aber«
seufzte Miriam »nicht glücklich Ich will ihr Rosen schenken  Mutter« sagte
sie nach einiger Zeit sich wieder mit ihren duftigen Blumen zu ihr setzend
»was bedeutet das die Gemeinschaft der Heiligen Sollen nur die Christen dann
beisammen leben Nein nein« fuhr sie fort ohne die Antwort abzuwarten »das
kann nicht sein Entweder alle alle Guten oder«  und sie seufzte »Mutter in
den Büchern Mosis steht nichts davon dass die Menschen erwachen aus dem Tode O
und es wäre auch so schrecklich nicht« sprach sie die Rosen zusammenfügend
»endlich ausruhn Ganz ausruhn In süßer stiller traumloser Nacht Ausruhn vom
Leben Denn gibt es Leben ohne Schmerz ohne Sehnen ohne leisen niegestillten
Wunsch Ich kanns nicht denken«
    Und sie hielt inne im Flechten ihres Kranzes und stützte das Haupt auf das
Handgelenk Die Tauben flogen weg denn die Herrin achtete ihrer nicht
    »Den Seinen hat der Herr« sprach Arria feierlich »die selige Stätte
bereitet sie wird nicht mehr hungern noch dürsten Es wird auch nicht auf sie
fallen die Sonne oder irgendeine Hitze Denn Gott der Herr wird sie leiten zu
dem lebendigen Wasserbrunnen und abwischen alle Tränen von ihren Augen«
    »Alle Tränen von ihren Augen« sprach Miriam nach »Rede weiter Es klingt
so gut«
    »Dort werden sie leben wunschlos den Engeln gleich und sie werden Gott
schauen und sein Friede wird Palmenschatten über sie breiten sie werden
vergessen Hass und Liebe und Schmerz und alles was ihre Herzen bewegt auf Erden
Und ich habe viel gebetet Miriam für dich und auch deiner wird sich der Herr
erbarmen und dich versammeln zu den Seinen«
    Aber Miriam schüttelte leise das Haupt »Nein Arria da ist fast besserer
Trost der ewige Schlaf Denn wie kann deine Seele lassen von dem was deiner
Seele Leben ist Wie kannst du abtun dein tiefstes Sein und doch dieselbe
bleiben Wie soll ich selig sein und vergessen was ich liebe Ach nur das dass
wir lieben ist ja des Lebens wert Und hätt ich zu wählen hier alle Seligkeit
des Himmels und sollte abtun meines Herzens einzig Gut oder behalten meines
Herzens Liebe mit all ihrer ewigen Sehnsucht  ich neidete den Seligen ihren
Himmel nicht Ich wählte meine Liebe und mein Weh«
    »Kind sprich nicht so lästre nicht Sieh was geht über Mutterliebe
nichts auf Erden Doch wird auch sie im Himmel nicht mehr leben Die Liebe die
das Mädchen zieht zum Mann sie ist ein Traum von Gold Mutterliebe ist ein
ehern Band das ewig schmerzend bindet O mein Jucundus mein Jucundus Möchtest
du bald wiederkommen dass ich dich noch schauen kann hienieden eh meine Augen
volle Nacht bedeckt Denn droben im Himmelreich wird auch die Mutterliebe
untergehen in der ewigen Liebe Gottes und der Heiligen Und doch möcht ich ihn
noch einmal fassen und umfangen und mit den Händen betasten sein geliebtes
Haupt Und höre nur Miriam ich hoffe und vertraue bald bald werd ich ihn
wiedersehen«
    »Du darfst mir nicht sterben Arria«  »Nein so mein ichs nicht hier
auf Erden noch muss ich ihn wiedersehen Ich muss ihn wiederkommen sehen des
Weges den er gegangen«
    »Mutter« sagte Miriam sanft wie man einem Kinde einen Wahn ausredet »wie
magst du noch immer daran glauben Dein Jucundus ist seit dreißig Jahren
verschwunden«
    »Und doch kann er wiederkommen Es ist nicht möglich dass der Herr all
meiner Tränen nicht geachtet all meiner Gebete Was war er für ein braver
Sohn Mit seiner Hände Arbeit ernährte er mich bis er erkrankte und Axt und
Schaufel nicht mehr führen konnte und wir litten Not Da sprach er Mutter ich
kanns nicht mehr mit ansehen dass du darbest Du weißt in den Gängen des alten
Tempels dort unter dem Olivenstamm sind Schätze der Heidenpriester vergraben
der Vater drang einmal hinein und brachte eine goldene Spange zurück Ich will
hineinschlüpfen so tief ich kann ob ich von dem verborgenen Gold nichts finde
und Gott wird mich beschützen  Und ich sagte Amen Denn die Not war schwer
und ich wusste wohl der Herr werde den frommen Sohn der Witwe behüten
    Und wir beteten miteinander eine Stunde hier vor dem Kreuz Und dann erhob
sich mein Jucundus und drang in die Höhlung dort unter den Wurzeln der Olive
Ich horchte dem Schall seiner Bewegungen bis er verhallte
    Er ist noch immer nicht zurückgekommen
    Aber tot ist er nicht O nein Kein Tag vergeht dass ich nicht denke heut
führt ihn Gott zurück War nicht auch Joseph fern lange Jahre in Ägyptenland
und doch haben Jakobs Augen ihn wiedergesehen Und mir ist heut oder morgen
sehe ich ihn wieder Denn heute nacht im Traum hab ich ihn gesehen wie er im
weißen Gewand heraufschwebte aus der Höhlung dort und beide Arme breitete er
aus und ich rief ihn beim Namen und wir waren vereint auf ewig Und so wirds
werden denn der Herr erhöret das Flehen der Betrübten und wer ihm traut wird
nicht zuschanden werden«
    Und die Alte erhob sich drückte Miriams Hand und ging in ihr kleines
Häuschen
    Allmählich war der Mond voll aufgegangen und erhellte zauberisch das enge
Gärtchen in das des Turmes schwere Schatten fielen und stark dufteten die
Rosen Miriam stand auf und blickte an dem Kreuz empor »Welch mächtiger Glaube
welch lebendiger Trost welch milde Lehre Ist es so Ist der Mann der dort am
Kreuz in Todesweh das Haupt gebeugt ist er der Messias Ist er aufgefahren gen
Himmel und sorget für die Seinen wie ein Hirt der seine Lämmer weidet   
Ich aber zähle nicht zu seiner Herde An jenem Trost hat Miriam keinen Teil
Mein Trost ist meine Liebe mit all ihrem Weh sie ist meine Seele selbst
geworden Und ich sollte einst dort oben über den Sternen hinschweben ohne
diese Liebe Dann wär ich nicht Miriam mehr Oder soll ich sie mit
hinauftragen und wieder zurückstehen und wieder durch alle Ewigkeit die
Römerin an seiner Seite sehen Sollen sie dort wohnen und wandeln in der Fülle
des Glanzes und ich im trüben Nebel einsam folgen und nur von ferne leuchten
sehen den Saum seines weißen Gewandes Nein o nein viel besser wie meine
Blumen hier erblühen am Sonnenblick der Liebe duften und glühen eine kurze
Weile bis sie die Sonne versengt die sie geweckt und geopfert hat und
verwehen in ewige Ruhe nachdem der weiche süße unselige Drang nach dem Lichte
gebüßt «  
    »Gute Nacht Miriam lebe wohl« rief eine melodische Stimme
    Und fast erschrocken blickte sie auf und sah noch des Goten weißen Mantel
vor der Treppe um die Ecke verschwinden Uliaris ging nach der entgegengesetzten
Seite Rasch sprang sie die Stufen hinan und sah dem weißen Mantel der silbern
im Mondlicht glänzte nach lang lang bis er verschwand in fernen Schatten
 
                                Viertes Kapitel
Alle Tage zweimal traten so Uliaris und Totila zusammen berichteten ihre
Erfolge ihre Verluste und prüften ihre Aussichten zur Rettung der Stadt
    Aber am zehnten Tage der Belagerung etwa rasselte Uliaris vor Tagesanbruch
auf das Verdeck von Totilas »Admiralschiff« eines morschen Muränenfängers wo
der Seegraf von Neapel von einem zerfetzten Segel gedeckt schlief »Was ist«
rief Totila auffahrend noch im Traum »der Feind wo«  »Nein mein Junge
diesmal ists noch Uliaris nicht Belisar der dich weckt Aber lange beim
Strahl wirds nicht mehr dauern«  »Uliaris du blutest  dein Kopf ist
verbunden«  »Bah war nur ein Streifpfeil Zum Glück kein giftiger Ich holt
ihn mir heut nacht Du musst wissen die Dinge stehen schlecht schlechter als
je seit gestern Der blutige Johannes Gott hau ihn nieder gräbt sich wie ein
Dachs an unser Kastell Tiberii und hat er das dann gute Nacht Neapolis
Gestern abend hat er eine Schanze auf dem Hügel über uns vollendet und wirft uns
Brandpfeile auf die Köpfe Ich wollt ihn heute nacht aus seinem Bau werfen
ging aber nicht Sie waren sieben gegen einen und ich gewann nichts damit als
diesen Schuss vor meinen grauen Kopf«
    »Die Schanze muss weg« sagte Totila nachsinnend
    »Den Teufel auch aber sie will nicht
    Allein mehr Die Bürger die Einwohner fangen an schwierig zu werden
Täglich schießt Belisar hundert stumpfe Pfeile mit seinem Aufruf zur Freiheit
herein Die wirken mehr noch als die tausend scharfen Schon fliegt hier und da
ein Steinwurf von den Dächern auf meine armen Burschen Wenn das wächst   
Wir können nicht mit tausend Mann vierzigtausend Griechen draußen abhalten und
dreissigtausend Neapolitaner drinnen drum meine ich«  und sein Auge blickte
finster 
    »Was meinst du«
    »Wir brennen ein Stück der Stadt nieder Die Vorstadt wenigstens « 
    »Damit uns die Leute lieber gewinnen Nein Uliaris sie sollen uns nicht
mit Recht Barbaren schelten Ich weiß ein besser Mittel  sie hungern ich habe
gestern vier Schiffsladungen Öl und Korn und Wein hereingeführt die will ich
verteilen«  »Öl und Korn meinethalben aber den Wein nein Den fordre ich
für meine Goten die trinken schon lang Zisternenwasser pfui Teufel«  »Gut
durstiger Held ihr sollt den Wein für euch haben«  »Nun Und noch keine
Botschaft von Ravenna von Rom«  »Keine Mein fünfter Bote ist gestern fort«
 »Gott hau ihn nieder unsern König«
    »Höre Totila ich glaube nicht dass wir lebendig aus diesen wurmstichigen
Mauern kommen«
    »Ich auch nicht« sagte Totila ruhig und bot seinem Gast einen Becher Wein
    Uliaris sah ihn an dann trank er und sagte »Goldjunge du bist echt und
dein Cäkuber auch Und muss ich hier umkommen wie ein alter Bär unter vierzig
Hunden mich freuts doch dass ich dich dabei so gut kennengelernt dich und
deinen Cäkuber« Mit dieser rauen Freundlichkeit stieg der graue Gote vom
Verdeck
    Totila schickte den Leuten im Kastell Wein und Korn und sie labten sich
herzlich daran Als aber Uliaris am andern Morgen aus dem Turm des Kastells
lugte rieb er sich die Augen Denn auf der Hügelschanze wehte die blaue
gotische Fahne Totila war in der Nacht im Rücken der Feinde gelandet und hatte
das Werk in kühnem Anlauf genommen
    Aber diese neue Keckheit reizte den ganzen Zorn Belisars Er schwur den
verwegnen Planken ein Ende zu machen um jeden Preis Höchst erwünscht trafen ihm
zur Stunde die vier Kriegsschiffe von Sizilien her auf der Höhe von Neapolis
ein Er befahl sie sollten sofort in den Hafen von Neapolis dringen und den
Seeräubern das Handwerk legen Stolz rauschten noch am Abend des gleichen Tages
die vier mächtigen Trieren heran und legten sich an der Einfahrt des Hafens vor
Anker Belisar selbst eilte mit seinem Gefolge an die Küste und freute sich die
Segel von der Abendsonne vergoldet zu sehen »Die aufgehende Sonne sieht sie in
den Hafen der Stadt fahren trotz jenem Tollkopf« sprach er zu Antonina die ihn
begleitete und wandte seinen Schecken zurück nach dem Lager
    Noch hatte er am andern Morgen das Feldbett nicht verlassen  Prokopius
sein Rechtsrat stand vor ihm und las ihm den entworfnen Bericht an Justinian 
da erschien in seinem Zelt Chanaranges der Perser der Führer der Leibwächter
und rief »Die Schiffe Feldherr die Schiffe sind genommen«
    Wütend sprang Belisar aus den Decken und rief »Der soll sterben der das
sagt«
    »Besser wäre es« meinte Prokopius »der stürbe der es getan«  »Wer war
es«  »Ach Herr der junge Gote mit blitzenden Augen und dem leuchtenden Haar«
 »Totila« sprach Belisar »schon wieder Totila«
    »Die Bemannung lag zum Teil am Strand bei meinen Vorposten zum Teil
schlaftrunken unter Deck Plötzlich um Mitternacht wirds lebendig ringsum
als wären hundert Schiffe aus der Tiefe des Meeres getaucht«  »Hundert
Schiffe Zehn Nussschalen hat er«  »Im Augenblick und lang eh wir vom Strand
zu Hilfe kommen können sind die Schiffe geentert die Leute gefangen eine der
Trieren deren Ankertau nicht rasch zu kappen war in Brand gesteckt die andern
drei nach Neapolis geführt«
    »Sie sind noch früher in den Hafen gekommen als du dachtest o Belisar«
sprach Prokopius Aber Belisar hatte sich jetzt wieder ganz in der Gewalt »Nun
hat der kecke Knabe Kriegsschiffe nun wird er unerträglich werden Jetzt muss
ein Ende werden« Er drückte den prächtigen Helm auf das majestätische Haupt
»Ich wollte der Stadt der römischen Einwohner schonen es geht nicht länger
Prokopius geh und entbiete hierher die Feldherren Magnus Demetrius und
Konstantianus Bessas und Ennes und Martinus den Geschützmeister ich will
ihnen zu tun geben vollauf Sie sollen ihres Sieges nicht froh werden die
Barbaren sie sollen Belisar kennenlernen«
    Alsbald erschien im Zelte des Oberfeldherrn ein Mann der trotz des
Brustpanzers den er trug mehr einem Gelehrten als einem Krieger glich
Martinus der große Matematiker war eine friedliche sanfte Natur die lange
im stillen Studium des Euklid ihre Seligkeit gefunden Er konnte kein Blut sehen
und keine Blume knicken Aber seine mathematischen und mechanischen Studien
hatten ihn eines Tages dahin geführt eine neue Wurfmaschine von furchtbarer
Schleuderkraft wie im Vorbeigehn zu erfinden er legte den Plan Belisar vor
und dieser entzückt ließ ihn gar nicht mehr in sein Studierzimmer zurück
sondern schleppte ihn sofort zum Kaiser und zwang ihn »Geschützmeister des
Magister Militum per Orientem« dh eben Belisars zu werden er erhielt einen
glänzenden Sold und war kontraktlich verpflichtet jedes Jahr eine neue
Kriegsmaschine herzustellen Mit Seufzen ersann nun der sanfte Matematiker jene
grässlichen Zerstörungswerkzeuge welche die Wälle der Festen die Tore der
Burgen niederschmetterten unlöschbares Feuer in die Städte der Feinde
Justinians schleuderten und Menschen zu vielen Tausenden niederrafften Er hatte
wohl jedes Jahr seine Freude an der mathematischen Aufgabe die er in
unermüdlichem Fleiß sich stellte aber war nun die Aufgabe gelöst so dachte er
mit Schaudern an die Wirkungen seiner Gedanken Mit trauriger Miene erschien er
deshalb vor Belisar
    »Martine Zirkeldreher« rief dieser ihm zu »jetzt zeige deine Kunst Wie
viele Katapulten Ballisten Wurfmaschinen im ganzen haben wir« 
»Dreihundertfünfzig Herr«  »Gut Verteile sie um unsre ganze
Belagerungslinie Oben im Norden bei der Porta Kapuana und bei dem Kastell die
Mauerbrecher gegen die Wälle Sie müssen nieder und wären sie Diamant Vom
Mittellager aus richte die Geschosse von oben im Bogenwurf in die Straßen der
Stadt Biete alle Kraft auf setze keinen Augenblick aus vierundzwanzig Stunden
lang Lass die Truppen sich ablösen Lass alle Werkzeuge spielen«
    »Alle Herr« sprach Martinus »Auch die neuen Die Pyroballisten die
Brandgeschosse«  »Auch die die zumeist«  »Herr sie sind grässlich du
kennst noch ihre Wirkung nicht«  »Wohlan Ich will sie kennenlernen und
erproben«  »An dieser herrlichen Stadt An des Kaisers Stadt Willst du
Justinian einen Schuttaufen erobern« Die Seele Belisars war edel und groß
    Er war unwillig über sich über Martinus über die Goten »Kann ich denn
anders« zürnte er »diese eisenköpfigen Barbaren dieser tolldreiste Totila
zwingen mich ja Fünfmal hab ich ihnen Ergebung angeboten Es ist Wahnsinn
Nicht dreitausend Mann stecken in den Wällen Beim Haupte Justinians warum
stehen die dreissigtausend Neapolitaner nicht auf und entwaffnen die Barbaren«
    »Sie fürchten wohl deine Hunnen ärger als ihre Goten« meinte Prokop
»Schlechte Patrioten sind sie Vorwärts Martinus In einer Stunde muss es brennen
in Neapolis«
    »In kürzerer Zeit« seufzte der Geschützmeister »wenn es denn doch sein
muss Ich habe einen kundigen Mann mitgebracht der uns viel helfen kann und die
Arbeit vereinfachen er ist ein lebendiger Plan der Stadt Darf ich ihn
bringen«
    Belisar winkte und die Wache rief einen kleinen jüdisch aussehenden Mann
herein »Ah Jochem der Baumeister« sprach Belisar »Ich kenne dich wohl von
Byzanz her Du wolltest ja die Sophienkirche bauen Was ward daraus«  »Mit
Eurer Gunst Herr nichts«  »Warum nichts«
    »Mein Plan belief sich nur auf eine Million Zentenare Goldes das war der
kaiserlichen Heiligkeit zu wenig Denn je mehr eine Christenkirche gekostet
desto heiliger und gottgefälliger ist sie Ein Christ forderte das Doppelte und
erhielt den Auftrag«
    »Aber ich sah dich doch bauen in Byzanz«
    »Ja Herr mein Plan gefiel dem Kaiser doch Ich änderte ein wenig nahm die
Altarstelle heraus und baute ihm danach eine Reitschule«
    »Du kennst Neapolis genau Von außen und innen«
    »Von außen und innen Wie meinen Geldsack«
    »Gut du wirst dem Strategen die Geschütze richten gegen die Wälle und in
die Stadt Die Häuser der Gotenfreunde müssen zuerst nieder Vorwärts mache
deine Sache gut sonst wirst du gepfählt Fort«  »Die arme Stadt« seufzte
Martinus »Aber du sollst sehen Jochem die Pyroballisten sie sind höchst
genau  und sie gehen so leicht  ein Kind kann sie loslassen Und sie wirken
allerliebst«
    Und nun begann entlang dem ganzen Lager eine ungeheure und
verderbenschwangere Tätigkeit Die Gotenwachen auf den Zinnen sahen herab wie
die schweren Kolosse die Maschinen mit zwanzig bis dreißig Rossen Kamelen
Eseln Rindern bespannt längs den Mauern hingezogen und auf der ganzen Linie
verteilt wurden Besorgt eilten Totila und Uliaris auf die Wälle und suchten
Gegenmassregeln zu treffen Säcke mit Erde wurden an den von den Mauerbrechern
bedrohten Stellen herabgelassen Feuerbrände bereitgehalten die Maschinen wann
sie nahten in Brand zu stecken siedendes Wasser Pfeile und Steine gegen die
Bespannung und die Bedienung gerichtet und schon lachten die Goten der feigen
Feinde als sie bemerkten wie die Maschinen weit außer der gewohnten
Schussweite und den Belagerten völlig unerreichbar Halt machten
    Aber Totila lachte nicht
    Er erschrak wie die Byzantiner ruhig die Bespannung abschirrten und ihre
Maschinen spannten Noch war kein Geschoss entsandt
    »Nun« spottete der junge Agila neben Totila »wollen sie uns von da aus
beschiessen Doch lieber gleich von Byzanz her übers Meer Es wäre noch
sicherer« Er hatte noch nicht ausgeredet als ein vierzigpfündiger Stein ihn
und die ganze Zinne auf der er stand herunterschmetterte Martinus hatte die
Tragweite der Ballisten verdreifacht Totila sah ein dass sie völlig
widerstandslos sich von den Feinden mit Geschossen überhageln lassen mussten
    Entsetzt sprangen die Goten von den Wällen herab und suchten Schutz in den
Straßen den Häusern den Kirchen Vergebens Tausende und Tausende von Pfeilen
Speeren schweren Balken Steinen Steinkugeln sausten und pfiffen im sichern
Bogenschuss auf ihre Köpfe ganze Felstrümmer kamen geflogen und schlugen
krachend durch Holzwerk und Getäfel der festesten Dächer während im Norden
gegen das Kastell unaufhörlich der Sturmbock mit seinen zermürbenden Stößen
donnerte Indes der dichte Hagel der Geschosse buchstäblich die Luft
verfinsterte betäubte das prasselnde Niederfallen der Steine das brechende
Gebälk die zerschmetterten Zinnen und der Weheschrei der Getroffenen das Ohr
mit furchtbarem Lärm Erschrocken flüchtete die zitternde Bevölkerung in die
Keller und Gewölbe ihrer Häuser Belisar und die Goten um die Wette verfluchend
    Aber noch hatte die bebende Stadt das Ärgste nicht erfahren
    Auf dem Marktplatz dem Forum des Trajan nahe dem Hafen stand ein
ungedecktes Haus eine Art Schiffsarsenal mit altem wohlgetrocknetem Holz
Werg Flachs Teer und dergleichen vollgefüllt Da kam zischend und dampfend ein
seltsames Geschoss gefahren traf in das Holzwerk und im Augenblick da es
niederfiel schlug hellauflodernd die Flamme hervor und verbreitete sich von
dem Schiffsmaterial genährt mit Windeseile Jubelnd begrüßten draußen die
Belagerer den hochaufwirbelnden Qualm und richteten eifrig die Geschosse nach
der Stelle das Löschen zu hindern
    Belisar ritt zu Martinus heran »Gut« rief er »Mann der Zirkel gut Wer
hat das Geschoss gerichtet«  »Ich« sprach Jochem »o Ihr sollt zufrieden sein
mit mir Gebt ach Seht Ihr da rechts von der Brandstätte das hohe Haus mit
den Statuen auf flachem Dach Das ist das Haus der Valerier der größten Freunde
des Volkes von Edom Gebt acht Es soll brennen«
    Und sausend fuhr der Brandpfeil durch die Luft und bald darauf schlug eine
zweite Flamme aus der Stadt gen Himmel
    Da sprengte Prokop heran und rief »Belisarius dein Feldherr Johannes lässt
dich grüßen das Kastell des Tiberius brennt der erste Wall liegt nieder« Und
so war es und bald standen vier sechs zehn Häuser in allen Teilen der Stadt
in vollen Flammen
    »Wasser« rief Totila durch eine brennende Straße nach dem Hafen sprengend
»heraus ihr Bürger von Neapolis Löscht eure Häuser Ich kann keinen Goten von
dem Wall lassen schafft Fässer aus dem Hafen in alle Straßen Die Weiber in die
Häuser  was willst du Mädchen lass mich  Du bists Miriam Du hier Unter
Pfeilen und Flammen Fort was suchst du«
    »Dich« sprach das Mädchen »Erschrick nicht Ihr Haus brennt Aber sie ist
gerettet«
    »Valeria um Gott wo ist sie«  »Bei mir In unserm dichtgewölbten Turm
dort ist sie sicher Ich sah die Flammen aufsteigen Ich eilte hin Dein Freund
mit der sanften Stimme trug sie aus dem Schutt er wollte mit ihr in die Kirche
Ich rief ihn an und führte sie unter unser Dach Sie blutet Ein Stein hat sie
verletzt an der Schulter Aber es ist ohne Gefahr Sie will dich sehen Ich
kam dich zu suchen«
    »Kind Dank Aber komm komm fort von hier«
    Und rasch fasste er sie und schwang sie vor sich auf den Sattel Zitternd
schlang sie beide Arme um seinen Nacken
    Er aber hielt schützend mit der Linken den breiten Schild über ihr Haupt
und im Sturm sprengte er mit ihr durch die dampfende Straße nach der Porta
Kapuana
    »O jetzt  jetzt sterben  sterben an seiner Brust wenn nicht mit ihm«
betete Miriam
    Im Turme traf er Valeria auf Miriams Lager gestreckt unter Julius und
ihrer Sklavinnen Hut Sie war bleich und geschwächt vom Blutverlust aber gefasst
und ruhig Totila flog an ihre Seite hochklopfenden Herzens stand Miriam am
Fenster und sah schweigend hinaus in die brennende Stadt  
    Kaum hatte sich Totila überzeugt dass die Verwundung ganz leicht als er
aufsprang und rief »Du musst fort sogleich in dieser Stunde In der nächsten
vielleicht erstürmt Belisar die Wälle Ich habe alle meine Schiffe nochmals mit
Flüchtenden gefüllt sie bringen dich nach Kajeta von da weiter nach Rom Eile
dann nach Taginä wo ihr Güter habt Du musst fort Julius wird dich begleiten«
    »Ja« sprach dieser »denn wir haben Einen Weg«
    »Einen Weg wohin willst du«
    »Nach Gallien in meine Heimat Ich kann den furchtbaren Kampf nicht länger
mit ansehen Du weißt es selbst ganz Italien erhebt sich gegen euch für eure
Feinde Meine Mitbürger fechten unter Belisar soll ich gegen sie soll ich
gegen dich meinen Arm erheben Ich gehe«
    Schweigend wandte sich Totila zu Valeria
    »Mein Freund« sagte diese »mir ist der Glückstern unsrer Liebe ist
erloschen für immer Kaum hat mein Vater jenen Eid mit vor Gottes Thron
genommen so fällt Neapolis die dritte Stadt des Reichs«
    »So traust du unserm Schwerte nicht«
    »Ich traue eurem Schwert  nicht eurem Glück Mit den stürzenden Balken
meines Vaterhauses sah ich die Pfeiler meiner Hoffnung fallen Leb wohl zu
einem Abschied für lange Ich gehorche dir Ich gehe nach Taginä«
    Totila und Julius eilten mit den Sklaven hinaus Plätze in einer der Trieren
zu sichern
    Valeria erhob sich vom Lager da eilte Miriam herzu ihr die glänzenden
Sandalen unter die Füße zu binden
    »Lass Mädchen du sollst mir nicht dienen« sprach Valeria  »Ich tue es
gern« sagte diese flüsternd »Aber gönne mir eine Frage« Und mit Macht traf
ihr blitzendes Auge die ruhigen Züge Valerias »Du bist schön und klug und stolz
 aber sage mir liebst du ihn  du kannst ihn jetzt verlassen  Liebst du ihn
mit heißer alles verzehrender allgewaltiger Glut liebst du ihn mit einer
Liebe wie «
    Da drückte Valeria das schöne glühende Haupt des Mädchens wie verbergend an
ihre Brust »Mit einer Liebe wie du Nein meine süße Schwester Erschrick
nicht Ich ahnt es längst nach seinen Berichten über dich Und ich sah es klar
bei deinem ersten Blick auf ihn Sorge nicht dein Geheimnis ist wohl gewahrt
bei mir kein Mann soll darum erfahren Weine nicht bebe nicht du süßes Kind
Ich liebe dich sehr um dieser Liebe willen Ich fasse sie ganz Glücklich wer
wie du in seinem Gefühl ganz aufgehen kann im Augenblick Mir hat ein
feindlicher Gott den vorschauenden Sinn gegeben der stets von der Stunde nach
der Ferne blickt Und so seh ich vor uns dunkeln Schmerz und einen langen
finsteren Pfad der nicht in Licht endet Ich kann dir aber den Stolz nicht
lassen dass deine Liebe edler sei als meine weil sie hoffnungslos Auch meine
Hoffnung liegt in Schutt Vielleicht wäre es sein Glück geworden die duftige
Rose deiner schönen Liebe zu entdecken denn Valeria  fürcht ich  wird die
Seine nie Doch leb wohl Miriam Sie kommen Gedenke dieser Stunde Gedenke
mein als einer Schwester und habe Dank Dank für deine schöne Liebe«
    Wie ein entdecktes Kind hatte Miriam gezittert und vor der
Allesdurchschauenden fliehen wollen Aber diese edle Sprache überwältigte die
Scheu ihres Herzens reich flossen die Tränen über die glühendroten Wangen und
heftig presste sie vor Scheu und Scham und Weinen bebend das Haupt an der
Freundin Brust
    Da hörte man Julius kommen Valeria abzurufen
    Sie mussten sich trennen nur einen einzigen raschen Blick aus ihren innigen
Augen wagte Miriam auf der Römerin Antlitz Dann sank sie rasch vor ihr nieder
umfasste ihre Kniee drückte einen brennenden Kuss auf Valerias kalte Hand und war
im Nebengemach verschwunden
    Valeria erhob sich wie aus einem Traum und sah um sich
    Am Fenster in einer Vase duftete eine dunkelrote Rose
    Sie küsste sie barg sie an ihrer Brust segnete mit rascher Handbewegung die
trauliche Stätte die ihr ein Asyl geboten und folgte dann rasch entschlossen
Julius in einer gedeckten Sänfte nach dem Hafen wo sie noch von Totila kurzen
Abschied nahm ehe sie mit Julius das Schiff bestieg Alsbald drehte sich dieses
mit mächtiger Wendung und rauschte zum Hafen hinaus
    Totila sah ihnen wie träumend nach
    Er sah Valeriens weiße Hand noch Abschied winken er sah und sah den
fliehenden Segeln nach nicht achtend der Geschosse die jetzt immer dichter in
den Hafen zu rasseln begannen Er lehnte an einer Säule und vergaß einen
Augenblick die brennende Stadt und sich und alles
    Da weckte ihn der treue Torismut aus seinen Träumen
    »Komm Feldherr« rief ihm dieser zu »überall such ich dich Uliaris will
dich sprechen  Komm was starrst du hier in die See unter klirrenden Pfeilen«
    Totila raffte sich langsam auf »Siehst du« sagte er »siehst du das
Schiff  Da fahren sie hin «
    »Wer« fragte Torismut
    »Mein Glück und meine Jugend« sprach Totila und wandte sich Uliaris zu
suchen
    Dieser teilte ihm mit dass er Zeit zu gewinnen soeben einen
Waffenstillstand auf drei Stunden den Belisar um Unterhandlungen zu führen
angetragen angenommen habe »Ich werde nie übergeben Aber wir müssen Ruhe
haben unsre Wälle zu flicken und zu stützen Kömmt denn nirgends Entsatz hast
du noch keine Nachricht auf dem Seeweg vom König«
    »Keine«
    »Verflucht Über sechshundert von meinen Goten sind vor den höllischen
Geschossen gefallen Ich kann gar die wichtigsten Posten nicht mehr besetzen
Wenn ich nur wenigstens noch vierhundert Mann hätte«
    »Nun« sprach Totila nachsinnend »die kann ich dir schaffen denk ich In
dem Kastellum Aurelians auf der Straße nach Rom liegen vierhundertfünfzig Mann
Goten Sie haben bisher erklärt vom König Teodahad den unsinnigen aber
strengen Befehl zu haben nicht Neapolis zu verstärken Aber jetzt in dieser
höchsten Not  Ich selbst will hin während des Waffenstillstandes und alles
aufbieten sie zu holen«
    »Geh nicht du kommst erst nach Ablauf des Stillstandes zurück und die
Straße ist dann nicht mehr frei Du kommst nicht durch«
    »Ich komme durch mit Gewalt oder mit List halte dich nur bis ich zurück
bin Auf Torismut zu Pferd«
    Während Totila mit Torismut und wenigen Reitern zur Porta Kapuana
hinausjagte war der alte Isak der unermüdlich auf den Wällen ausgeharrt hatte
die Pause des Waffenstillstands benutzend in seine Turmklause zurückgekehrt
die Tochter wiederzusehen und sich an Trank und Speise zu laben Als Miriam Wein
und Brot gebracht hatte und ängstlich dem Bericht Isaks von den Fortschritten
der Feinde lauschte erscholl ein hastiger unsteter Schritt auf der Treppe und
Jochem stand vor dem erstaunten Paar
    »Sohn Rachels wo kommst du her zu übler Stunde wie der Rabe vor dem
Unglück Wie kommst du herein zu welchem Tor«  »Das lass du meine Sorge sein
Ich komme Vater Isak noch einmal zu fordern deiner Tochter Hand  zum
letztenmal in diesem Leben«
    »Ist jetzt Zeit zu freien und Hochzeit zu machen« fragte Isak unwillig
»die Stadt brennt und die Straßen liegen voll Leichen«
    »Warum brennt die Stadt warum liegen voll Leichen die Straßen Weil die
Männer von Neapolis halten zu dem Volk von Edom Ja jetzt ist Zeit zu freien
Gib mir dein Kind Vater Isak und ich rette dich und sie Ich allein kanns«
Und er griff nach Miriams Arm
    »Du mich retten« rief diese mit Ekel zurücktretend »Lieber sterben«
    »Ha Stolze« knirschte der grimmige Freier »du ließest dich wohl lieber
retten von dem blondgelockten Christen Lass sehen ob er dich retten wird der
Verfluchte vor Belisar und mir Ha bei den langen gelben Haaren will ich ihn
durch die Straßen schleifen und spucken in sein bleich Gesicht«
    »Hebe dich hinweg Sohn Rachels« rief Isak aufstehend und den Spieß
fassend »Ich merke du hältst zu denen die da draußen liegen Aber das Horn
ruft ich muss hinab das jedoch sag ich dir noch mancher unter euch wird
rücklings fallen eh ihr steigt über diese morschen Mauern«
    »Vielleicht« grinste Jochem »fliegen wir drüber wie die Vögel der Luft
Zum letztenmal Miriam ich frage dich lass diesen Alten lass den verfluchten
Christen  ich sage dir der Schutt dieser Wälle wird sie bald bedecken Ich
weiß du hast ihn getragen im Herzen  ich will dirs verzeihen nur werde
jetzt mein Weib« Und wieder griff er nach ihrer Hand  »Du mir meine Liebe
verzeihn Verzeihn was so hoch über dir wie die leuchtende Sonne über dem
schleichenden Wurm Wär ichs wert dass ihn je mein Auge gesehen wenn ich dein
Weib würde Hinweg hinweg von mir«
    »Ha« rief Jochem »zu viel zu viel Mein Weib  du sollst es nimmer
werden Aber winden sollst du dich in diesen Armen und den Christen will ich
dir aus dem blutenden Herzen reißen dass es zucken soll in Verzweiflung Auf
Wiedersehen«
    Und er war aus dem Hause und alsbald aus der Stadt verschwunden
    Miriam von bangen Gefühlen bedrängt eilte ins Freie es trieb sie zu
beten aber nicht in der dumpfen Synagoge sie betete ja für ihn und es drängte
sie zu seinem Gott zu beten Sie wagte sich scheuen Fußes in die nahe Basilika
Sankt Mariä aus der man an Friedenstagen oft die Jüdin mit Flüchen verscheucht
hatte Aber jetzt hatten die Christen keine Zeit zu fluchen
    Sie kauerte sich in eine dunkle Ecke des Säulenganges und vergaß in heißem
Gebet bald sich selbst und die Stadt und die Welt sie war bei ihm und bei Gott

    Inzwischen verlief die letzte Stunde der Waffenruhe schon neigte sich die
Sonne dem Meeresspiegel zu Die Goten flickten und stopften nach Kräften die
zertrümmerten Mauerstellen räumten den Schutt und die Toten aus dem Wege und
löschten die Brände Da lief die Sanduhr zum drittenmal ab während Belisar vor
seinem Zelte seine Heerführer versammelt hielt des Zeichens der Übergabe auf
dem Kastell des Tiberius harrend »Ich glaub es nicht« flüsterte Johannes zu
Prokop »Wer solche Streiche tut wie ich von jenem Alten gesehen gibt die
Waffen nicht ab Es ist auch besser so da gibts einen tüchtigen Sturm und dann
eine tüchtige Plünderung«
    Und auf der Zinne des Kastells erschien Graf Uliaris und schleuderte trotzig
seinen Speer unter die harrenden Vorposten
    Belisar sprang auf »Sie wollen ihr Verderben die Trotzigen wohlan sie
sollens haben Auf meine Feldherrn zum Sturm Wer mir zuerst unsre Fahne auf
den Wall pflanzt dem geb ich ein Zehntel der Beute«
    Nach allen Seiten eilten die Anführer auseinander Ehrgeiz und Habsucht
spornten sie Eben bog Johannes um die zerstörten Bogen des Aquädukts welchen
Belisar durchbrochen den Belagerten das Wasser zu entziehen da rief ihn eine
leise Stimme
    Schon dämmerte es so stark dass er nur mit Mühe den Rufenden erkannte »Was
willst du Jude« rief Johannes eilig »Ich habe keine Zeit Es gilt harte
Arbeit Ich muss der erste sein in der Stadt«
    »Das sollt Ihr Herr ohne Arbeit wenn Ihr mir folgt«
    »Dir folgen weißt du einen Weg über die Mauer durch die Luft«
    »Nein Aber unter der Mauer durch die Erde Und ich will ihn Euch zeigen
wenn Ihr mir tausend Solidi schenkt und ein Mädchen zur Beute zusprecht das ich
fordre«
    Johannes blieb stehen »Was du willst sei dein Wo ist der Weg«  »Hier«
sagte Jochem und schlug mit der Hand auf die Steine  »Wie die Wasserleitung
woher weißt du«  »Ich habe sie gebaut Ein Mann kann gebückt
durchschleichen es ist kein Wasser mehr drin Eben komme ich auf diesem Wege
aus der Stadt Die Leitung mündet in einem alten Tempelhaus an der Porta
Kapuana nimm dreißig Mann und folge mir«
    Johannes sah ihn scharf an »Und wenn du mich verrätst«
    »Ich will zwischen euren Schwertern gehen Lüge ich so stosst mich nieder«
 »Warte« rief Johannes und eilte hinweg
 
                                Fünftes Kapitel
Bald darauf erschien Johannes wieder mit seinem Bruder Perseus und ungefähr
dreißig entschlossenen armenischen Söldnern die außer ihren Schwertern kurze
Handbeile führten »Wenn wir drin sind« sprach Johannes »reissest du Perseus
das Ausfallpförtchen auf rechts von der Porta Kapuana im Augenblick da die
andern unsre Fahne auf dem Wall entfalten Auf dies Zeichen stürzen von außen
meine Hunnen auf die Ausfallpforte Aber wer hütet den Turm an der Porta Den
müssen wir haben«
    »Isak ein großer Freund der Edomiten der muss fallen«
    »Er fällt« sprach Johannes und zog das Schwert »Vorwärts« Er war der
erste der in den Hohlgang der Wasserleitung stieg »Ihr beiden Paukaris und
Gubazes nehmt den Juden in die Mitte beim ersten Verdacht  nieder mit ihm«
    Und so bald auf allen Vieren kriechend bald gebückt tastend bei völliger
Dunkelheit rutschten und schlichen die Armenier ihm nach sorgfältig jeden Lärm
ihrer Waffen vermeidend lautlos krochen sie vorwärts
    Plötzlich rief Johannes mit halber Stimme »Fasst den Juden Nieder mit ihm
 Feinde Waffen   Nein lasst« rief er rasch »es war nur eine Schlange die
vorüber rasselte Vorwärts«
    »Jetzt zur Rechten« sprach Jochem »hier mündet die Wasserleitung in einen
Tempelgang«
    »Was liegt hier  Knochen  ein Skelett«
    »Ich halts nicht länger aus der Modergeruch erstickt mich Hilfe« seufzte
einer der Männer
    »Lasst ihn liegen vorwärts« befahl Johannes »Ich sehe einen Stern«  »Das
ist das Tageslicht in Neapolis« sagte der Jude  »nun nur noch wenige Ellen« 
    Johannes Helm stieß an die Wurzeln eines hohen Ölbaums die sich im Atrium
des Tempelhauses breit über die Mündung des Tempelgangs spannten
    Wir kennen den Baum
    Den Wurzeln ausweichend stieß er den Helm hell klirrend an die Seitenwand
erschrocken hielt er an Aber er hörte zunächst nur den heftigen Flügelschlag
zahlreicher Tauben die da hoch oben wild verscheucht aus den Zweigen der Olive
flogen
    »Was war das« fragte über ihm eine heisere Stimme »Wie der Wind in dem
alten Gestein wühlt« Es war die Witwe Arria »Ach Gott« sprach sie sich
wieder vor dem Kreuze niederwerfend »erlöse uns von dem Übel und lass die Stadt
nicht untergehen bis dass mein Jucundus wieder kommt Wehe wenn er ihre Spur
und seine Mutter nicht mehr findet O lass ihn wieder des Weges kommen den er
von mir gegangen zeig ihn mir wieder wie ich ihn diese Nacht gesehen
aufsteigend aus den Wurzeln des Baumes«
    Und sie wandte sich nach der Höhlung »O dunkler Gang darin mein Glück
verschwunden gib mirs wieder heraus Gott führ ihn mir zurück auf diesem
Wege« Sie stand mit gefalteten Händen gerade vor der Höhlung die Augen fromm
gen Himmel gewendet
    Johannes stutzte »Sie betet« sagte er »soll ich sie im Gebet erschlagen«
 Er hielt inne er hoffte sie solle aufhören und sich wenden »Das dauert zu
lange ich kann unserm Herrgott nicht helfen« Und rasch hob er sich aus den
Wurzeln heraus Da schaute die Betende mit den halberblindeten Augen nieder sie
sah aus der Erde steigen eine schimmernde Mannesgestalt
    Ein Strahl der Verklärung spielte um ihre Züge Selig breitete sie die Arme
aus »Jucundus« rief sie
    Es war ihr letzter Hauch Schon traf sie des Byzantiners Schwert ins Herz
    Ohne Weheruf ein Lächeln auf den Lippen sank sie auf die Blumen  Miriams
Blumen
    Johannes aber wandte sich und half rasch seinem Bruder Perseus dann dem
Juden und den ersten dreien seiner Krieger herauf »Wo ist das Pförtchen« 
»Hier links ich gehe zu öffnen« Perseus wies die Krieger an  »Wo ist die
Treppe zum Turm«  »Hier rechts« sprach Jochem  es war die Treppe die zu
Miriams Gemach führte wie oft war Totila hier hereingeschlüpft  »still der
Alte lässt sich hören«
    Wirklich Isak war es Er hatte von oben Geräusch vernommen er trat mit
Fackel und Speer an die Treppe »Wer ist da unten bist dus Miriam wer
kommt« fragte er
    »Ich Vater Isak« antwortete Jochem »ich wollte Euch nochmal fragen « 
und er stieg katzenleise eine Stufe höher Aber Isak hörte Waffen klirren
    »Wer ist bei dir« rief er und trat vorleuchtend um die Ecke Da sah er die
Bewaffneten hinter Jochem kauern »Verrat Verrat« schrie er »stirb
Schandfleck der Hebräer« Und wütend stieß er Jochem der nicht zurück konnte
die breite Partisane in die Brust dass dieser rücklings hinabstürzte »Verrat«
schrie er noch einmal
    Aber gleich darauf hieb ihn Johannes nieder sprang über die Leiche hinweg
eilte auf die Zinne des Turmes und entfaltete die Fahne von Byzanz Da krachten
unten Beilschläge das Pförtchen fiel von innen eingeschlagen hinaus und mit
gellendem Jauchzen jagten  schon war es ganz dunkel geworden  die Hunnen zu
Tausenden in die Stadt
    Da war alles aus
    Ein Teil stürzte sich mordend in die Straßen ein Haufe brach die nächsten
Tore ein den Brüdern draußen Eingang schaffend
    Rasch eilte der alte Uliaris mit seinem Häuflein aus dem Kastell herbei er
hoffte die Eingedrungenen noch hinauszutreiben umsonst ein Wurfspeer streckte
ihn nieder Und um seine Leiche fielen fechtend die zweihundert treuen Goten
die ihn noch umgaben
    Da als sie die kaiserliche Fahne auf den Wällen flattern sahen erhoben
sich  unter Führung alter Römerfreunde wie Stephanos und Antiochos des Syrers
 ein eifriger Anhänger der Goten Kastor der Rechtsanwalt ward da er sie
hemmen wollte erschlagen  auch die Bürger von Neapolis sie entwaffneten die
einzelnen Goten in den Straßen und schickten glückwünschend und dankend und
ihre Stadt der Gnade empfehlend eine Gesandtschaft an Belisar der von seinem
glänzenden Stab umgeben zur Porta Kapuana hereinritt
    Aber finster furchte er die majestätische Stirn und ohne seinen Rotscheck
anzuhalten sprach er »Fünfzehn Tage hat mich Neapolis aufgehalten Sonst lag
ich längst vor Rom ja vor Ravenna Was glaubt ihr dass das dem Kaiser an Recht
und mir an Ruhm entzieht Fünfzehn Tage lang hat sich eure Feigheit eure
schlechte Gesinnung von einer handvoll Barbaren beherrschen lassen Die Strafe
für diese fünfzehn Tage seien nur fünfzehn Stunden  Plünderung Ohne Mord 
die Einwohner sind Kriegsgefangene des Kaisers  ohne Brand denn die Stadt ist
jetzt eine Feste von Byzanz Wo ist der Führer der Goten Tot«
    »Ja« sprach Johannes »hier ist sein Schwert Graf Uliaris fiel«
    »Den meine ich nicht« sprach Belisar »Ich meine den jungen den Totila
Was ward aus ihm Ich muss ihn haben«
    »Herr« sprach einer der Neapolitaner der reiche Kaufherr Asklepiodot
vortretend »wenn Ihr mein Haus und Warenlager von der Plünderung ausnehmt will
ichs Euch wohl sagen«
    Aber Belisar winkte zwei maurische Lanzenreiter ergriffen den Zitternden
»Rebell willst du mir Bedingungen machen Sprich oder die Folter macht dich
sprechen«  »Erbarmen Gnade« schrie der Geängstigte »Der Seegraf eilte mit
wenigen Reitern während der Waffenruhe hinaus Verstärkung zu holen vom
Kastellum Aurelians er kann jeden Augenblick zurückkehren«
    »Johannes« rief Belisar »der Mann wiegt so schwer wie ganz Neapolis Wir
müssen ihn fangen Du hast wie ich befahl den Weg nach Rom abgesperrt das Tor
besetzt«
    »Es hat niemand nach dieser Richtung die Stadt verlassen können« sprach
Johannes
    »Auf Blitzesschnell wir müssen ihn hereinlocken
    Zieh rasch das gotische Banner auf dem Kastell des Tiberius wieder auf und
auf der Porta Kapuana Die gefangenen Neapolitaner stelle wieder bewaffnet auf
die Wälle wer ihn warnt mit einem Augenwinken ist des Todes Zieht meinen
Leibwächtern gotische Waffen an Ich selbst will dabei sein dreihundert Mann in
der Nähe des Tors Man lasse ihn ruhig herein Sowie er das Fallgitter hinter
sich hat lässt mans nieder Ich will ihn lebend fangen Er soll nicht fehlen
beim Triumphzug in Byzanz«
    »Gib mir das Amt mein Feldherr« bat Johannes »Ich schuld ihm noch
Vergeltung für einen Kernhieb« Und er flog zurück zur Porta Kapuana ließ die
Leichen und alle Spuren des Kampfes wegschaffen und traf sonst seine Maßregeln
    Da drängte sich eine verschleierte Gestalt heran »Um der Güte Gottes
willen« flehte eine liebliche Stimme »ihr Männer lasst mich heran Ich will ja
nur seine Leiche o gebt acht sein weißer Bart o mein Vater« Es war Miriam
die der Lärm plündernder Hunnen aus der Kirche nach Hause gescheucht hatte Und
mit der Kraft der Verzweiflung schob sie die Speere zurück und nahm das bleiche
Haupt Isaks in ihre Arme
    »Weg Mädel« rief der nächste Krieger ein sehr langer Bajuvare ein
Söldner von Byzanz  Garizo hieß er »Halt uns nicht auf wir müssen den Weg
säubern In den Graben mit dem Juden«
    »Nein nein« rief Miriam und stieß den Mann zurück
    »Weib« schrie dieser zornig und hob das Beil
    Aber die Arme schützend über des Vaters Leiche breitend und mit leuchtenden
Augen aufblickend blieb Miriam furchtlos stehen  wie gelähmt hielt der Krieger
inne »Du hast Mut Mädel« sagte er das Beil senkend »Und schön bist du auch
wie die Waldfrau der Luisacha Was kann ich dir Liebes tun du bist ganz
wundersam anzuschauen«  »Wenn der Gott meiner Väter dein Herz gerührt« bat
Miriams herzgewinnende Stimme »hilf mir die Leiche dort im Garten bergen  das
Grab hat er sich lange selbst geschaufelt neben Sara meiner Mutter das Haupt
gegen Osten«  »Es sei« sprach der Bajuvare und folgte ihr Sie trug das
Haupt er fasste die Knie der Leiche wenige Schritte führten sie in den kleinen
Garten da lag ein Stein unter Trauerweiden der Mann wälzte ihn weg und sie
senkten die Leiche hinein das Antlitz gegen Osten 
    Ohne Worte ohne Tränen starrte Miriam in die Grube sie fühlte sich so arm
jetzt so allein mitleidig leise schob der Bajuvare die Steinplatte darüber
»Komm« sagte er dann »Wohin« fragte Miriam tonlos »Ja wohin willst du« 
»Das weiß ich nicht  Hab Dank« sprach sie und nahm ein Amulett vom Halse und
reichte es ihm es war von Gold eine Schaumünze vom Jordan aus dem Tempel
    »Nein« sagte der Mann und schüttelte das Haupt
    Er nahm ihre Hand und legte sie über seine Augen
    »So« sagte er »das wird mir gut tun mein Leben lang Jetzt muss ich fort
wir müssen den Grafen fangen den Totila Leb wohl«
    Dieser Name schlug in Miriams Herz  noch einen Blick warf sie auf das
stille Grab und hinaus schlüpfte sie aus dem Gärtchen Sie wollte zum Tore
hinaus auf die Straße aber das Fallgitter war gesenkt an den Toren standen
Männer mit gotischen Helmen und Schilden Erstaunt sah sie um sich
    »Ist alles vollzogen Chanaranges«  »Alles er ist so gut wie gefangen« 
»Horch vor dem Wall  Pferdegetrappel  sie sinds zurück Weib«
    Draußen aber sprengten einige Reiter die Straße heran gegen das Tor
    »Auf auf das Tor« rief Totila von weitem Da spornte Torismut sein Ross
heran »Ich weiß nicht ich traue nicht« rief er »die Straße war wie
ausgestorben und ebenso drüben das Lager der Feinde kaum ein paar Wachtfeuer
brennen«
    Da scholl von der Zinne ein Ruf des gotischen Hornes »Der Bursch bläst ja
grässlich« sprach Torismut zürnend »Es wird ein Welscher sein« meinte
Totila »Gebt die Losung« riefs herab auf lateinisch »Neapolis« antwortete
Totila entgegen »Hörst dus Uliaris hat die Bürger bewaffnen müssen Auf das
Tor ich bringe frohe Kunde« fuhr er fort zu den oben Aufgestellten
»vierhundert Goten folgen mir auf dem Fuß und Italien hat einen neuen König«
    »Wer ists« fragte es leise drinnen »Der auf dem weißen Ross der erste«
Da sprangen die Torflügel auf gotische Helme füllten den Eingang Fackeln
glänzten Stimmen flüsterten
    »Auf mit dem Fallgitter« rief Totila dicht heranreitend Spähend blickte
Torismut vor die Hand vor den Augen »Sie haben gestern getagt zu Regeta«
fuhr Totila fort »Teodahad ist abgesetzt und Graf Witichis « 
    Da hob sich langsam das Gitter und Totila wollte eben dem Ross den Sporn
geben da warf sich vor die Hufen seines Hengstes ein Weib aus der Reihe der
Krieger »Flieh« rief sie »Feinde über dir die Stadt ist gefallen« Aber sie
konnte nicht vollenden ein Lanzenstoss durchbohrte ihre Brust
    »Miriam« schrie Totila entsetzt und riss sein Pferd zurück
    Doch Torismut der längst Argwohn geschöpft zerhieb rasch entschlossen
mit dem Schwert durch das Gitter hindurch das haltende Seil an dem das Tor
auf und nieder ging dass es dröhnend vor Totila niederschlug
    
    Ein Hagel von Speeren und Pfeilen fuhr durch das Gitter »Auf das Gitter
Hinaus auf sie« rief Johannes von innen aber Totila wich nicht
    »Mirim Miriam« rief er im tiefstem Schmerz Da schlug sie nochmal die
Augen auf mit einem brechenden von Liebe und Schmerz verklärten Blick 
dieser Blick sagte alles er drang tief in Totilas Herz »Für dich« hauchte sie
und fiel zurück  Da vergaß er Neapolis und die Todesgefahr »Miriam« rief er
nochmals beide Hände gegen sie ausbreitend 
    Da streifte ein Pfeil den Bug seines Pferdes blitzschnell prallte das edle
Tier hochbäumend zurück Das Fallgitter fing an sich zu heben da fasste
Torismut nach Totilas Zügel riss das Pferd herum und gab ihm einen Schlag mit
der flachen Klinge dass es hinwegschoss »Auf und davon Herr« rief er »ja sie
müssen flink sein die uns einholen« Und brausend sprengten die Reiter auf der
Via Kapuana den Weg zurück den sie gekommen nicht weit verfolgte sie Johannes
im Dunkel der Nacht und des Wegs unkundig Bald begegnete ihnen die
heranziehende Besatzung vom Kastell Aurelians auf einem Hügel machten sie Halt
von wo man die Stadt mit ihren Zinnen in dem Schein der byzantinischen
Wachtfeuer auf den Wällen liegen sah
    Erst jetzt raffte sich Totila aus seinem Schmerz aus seiner Betäubung auf
»Uliaris« seufzte er »Miriam« »Neapolis  wir sehen uns wieder« Und er
winkte zum Aufbruch gen Rom
    Aber von Stund an war ein Schatte gefallen in des jungen Goten Seele mit
dem heiligen Recht des Schmerzes hatte sich Miriam in sein Herz gegraben für
immerdar
    Als Johannes mit den Reitern von seiner fruchtlosen Verfolgung heimkehrte
rief er vom Pferde springend mit wütiger Stimme »Wo ist die Dirne die ihn
gewarnt Werft sie vor die Hunde« Und er eilte zu Belisar das Missgeschick zu
melden
    Aber niemand wusste zu sagen wohin der schöne Leichnam geraten Die Rosse
hätten sie zertreten meinte die Menge Aber einer wusste es besser Garizo der
Bajuvare Der hatte sie im Tumult sachte wie ein schlafend Kind auf seinen
starken Armen davongetragen in das nahe Gärtchen hatte die Steinplatte von dem
kaum geschlossenen Grabe gewälzt und die Tochter sorglich an des Vaters Seite
gelegt dann hatte er sie still betrachtet
    Aus der Ferne scholl das Getöse der geplünderten Stadt in der die
Massageten Belisars trotz seines Verbots brannten und mordeten und sogar die
Kirchen nicht verschonten bis der Feldherr selbst mit dem Schwert unter sie
fahrend Einhalt schuf 
    Es lag ein edler Schimmer auf ihrem Antlitz dass er nicht wagte wie er so
gern gewollt sie zu küssen So legte er denn ihr Gesicht gegen Osten und brach
eine Rose die neben dem Grabe blühte und legte sie ihr auf die Brust Dann
wollte er fort seinen Teil an der Plünderung zu nehmen Aber es ließ ihn nicht
fort er wandte sich wieder um Und er hielt die Nacht über an seinen Speer
gelehnt Totenwacht am Grabe des schönen Mädchens
    Er sah auf zu den Sternen und betete einen uralten heidnischen Totensegen
den ihn die Mutter daheim an der Luisacha gelehrt Aber es war ihm nicht genug
andächtig betete er noch dazu ein christlich Vaterunser Und als die Sonne
emporstieg schob er sorgfältig den Stein über das Grab und ging
    So war Miriam spurlos verschwunden
    Aber das Volk in Neapolis das im stillen warm an Totila hing erzählte
schönheitstrahlend sei sein Schutzengel herabgestiegen ihn zu retten und
wieder aufgefahren gen Himmel
 
                               Sechstes Kapitel
Der Fall von Neapolis war erfolgt wenige Tage nach der Versammlung zu Regeta
    Und Totila stieß schon bei Formiä auf seinen Bruder Hildebad den König
Witichis mit einigen Tausendschaften schleunig abgesandt hatte die Besatzung
der Stadt zu verstärken bis er selbst mit einem größeren Heere zum Entsatz
herbeieilen könne Wie jetzt die Dinge standen konnten die Brüder nichts andres
tun als sich auf die Hauptmacht nach Regeta zurückziehen wo Totila seinen
traurigen Bericht von den letzten Stunden von Neapolis erstattete Der Verlust
der dritten Stadt des Reiches des dritten Hauptbollwerks Italiens musste den
ganzen Kriegsplan der Goten verändern
    Witichis hatte die zu Regeta versammelten Scharen gemustert es waren gegen
zwanzigtausend Mann Diese mit der kleinen Schar die Graf Teja eigenmächtig
zurückgeführt waren im Augenblick die ganze verfügbare Macht bis die starken
Heere die Teodahad weit weg nach Südgallien und Noricum nach Istrien und
Dalmatien entsendet wiewohl sofort zur schnellen Rückkehr aufgefordert
einzutreffen vermochten konnte ganz Italien verloren sein
    Gleichwohl hatte der König beschlossen sich mit diesen zwanzig
Tausendschaften in die Werke von Neapolis zu werfen und hier dem durch den
Zufluss der Italier auf mehr als die dreifache Übermacht angeschwollenen Heere
der Feinde bis zum Eintreffen der Verstärkungen Widerstand zu leisten Aber
jetzt da jene feste Stadt in Belisars Hand gefallen gab Witichis den Plan
sich ihm entgegenzustellen auf Sein ruhiger Mut war ebensoweit von
Tollkühnheit wie von Zagheit entfernt
    Ja der König musste seiner Seele noch einen andern schmerzlicheren Entschluss
abringen Während in den Tagen nach dem Eintreffen Totilas in dem Lager vor Rom
sich der Schmerz und der Grimm der Goten in Verwünschungen über den Verräter
Teodahad über Belisar über die Italier Luft machte während schon die kecke
Jugend hier und da anhob auf das Zaudern des Königs zu schelten der sie nicht
gegen diese Griechlein führen wolle deren je vier auf einen Goten gingen
während der Ungestüm des Heeres schon über den Stillstand grollte gestand sich
der König mit schwerem Herzen die Notwendigkeit noch weiter zurückzuweichen und
selbst Rom vorübergehend preiszugeben
    Tag für Tag kamen Nachrichten wie Belisars Heer anwachse aus Neapolis
allein führte er zehntausend Mann  als Geiseln zugleich und Kampfgenossen 
von allen Seiten strömten die Welschen zu seinen Fahnen von Neapolis bis Rom
war kein Waffenplatz fest genug Schutz gegen solche Übermacht zu gewähren und
die kleineren Städte an der Küste öffneten dem Feind mit Jubel die Tore
    Die gotischen Familien aus diesen Gegenden flüchteten in das Lager des
Königs und berichteten wie gleich am Tage nach dem Falle von Neapolis Cumä und
Atella sich ergeben darauf folgten Kapua Kajeta und selbst das starke
Benevent Schon standen die Vorposten Belisars hunnische sarazenische und
maurische Reiter bei Formiä Das Gotenheer erwartete und verlangte eine
Schlacht vor den Toren Roms
    Aber längst hatte Witichis die Unmöglichkeit erkannt mit zwanzigtausend
Mann einem Belisar der bis dahin hunderttausend zählen konnte im offenen Feld
entgegenzutreten Eine Zeitlang hegte er die Hoffnung die mächtigen
Befestigungen Roms das stolze Werk des Cetegus gegen die byzantinische
Überflutung halten zu können aber bald musste er auch diesen Gedanken aufgeben
    Die Bevölkerung Roms zählte dank dem Präfekten mehr waffenfähige und
waffengeübte Männer denn seit manchem Jahrhundert und stündlich überzeugte sich
der König von welcher Gesinnung diese beseelt waren Schon jetzt hielten die
Römer kaum noch ihren Hass wider die Barbaren zurück es blieb nicht bei
feindlichen und höhnischen Blicken schon konnten sich Goten in den Straßen nur
in guter Bewaffnung und großen Scharen blicken lassen täglich fand man
vereinzelte gotische Wachen von hinten erdolcht
    Und Witichis konnte sich nicht verhehlen dass diese Elemente des
Volksgeistes gegliedert und geleitet waren von schlauen und mächtigen Häuptern
den Spitzen des römischen Adels und des römischen Klerus Er musste sich sagen
dass sowie Belisar vor den Mauern erscheinen werde das Volk von Rom sich
erheben und mit dem Belagerer vereint die kleine gotische Besatzung erdrücken
würde
    So hatte Witichis den schweren Entschluss gefasst Rom ja ganz Mittelitalien
aufzugeben sich nach dem festen und verlässigen Ravenna zu werfen hier die
mangelhaften Rüstungen zu vollenden alle gotischen Streitkräfte an sich zu
ziehen und dann mit einem gleichstarken Heere den Feind aufzusuchen
    Er war ein Opfer dieser Entschluss
    Denn auch Witichis hatte sein redlich Teil der germanischen Rauflust und es
war seinem Mut eine herbe Zumutung anstatt frisch draufloszuschlagen
zurückweichend seine Verteidigung zu suchen Aber noch mehr Nicht rühmlich war
es für den König der um seiner Tapferkeit willen auf den Thron des feigen
Teodahad gehoben worden wenn er sein Regiment mit schimpflicher Flucht begann
er hatte Neapolis verloren in den ersten Tagen seiner Herrschaft sollte er
jetzt freiwillig Rom die Stadt der Herrlichkeiten sollte er mehr als die
Hälfte von Italien preisgeben Und wenn er seinen Stolz bezwang um des Volkes
willen  wie musste das Volk von ihm denken Diese Goten mit ihrem Ungestüm
ihrer Verachtung der Feinde Konnte er irgend hoffen ihren Gehorsam zu
erzwingen Denn ein germanischer König hatte mehr zu raten vorzuschlagen als
zu befehlen und zu gebieten Schon mancher germanische König war von seinem
Volksheer wider seinen Willen zu Kampf und Niederlage gezwungen worden Er
fürchtete ein Gleiches und schweren Herzens wandelte er einst des Nachts im
Lager zu Regeta in seinem Zelte auf und ab
    Da nahten hastige Schritte und der Vorhang des Zeltes ward aufgerissen
»Auf König der Goten« rief eine leidenschaftliche Stimme »jetzt ist nicht
Zeit zu schlafen«  »Ich schlafe nicht Teja« sprach Witichis »seit wann bist
du zurück Was bringst du«  »Eben schritt ich ins Lager der Tau der Nacht ist
noch auf mir Wisse zuerst sie sind tot«  »Wer«  »Der Verräter und die
Mörderin«  »Wie du hast sie beide erschlagen«  »Ich schlage keine Weiber
Teodahad dem Schandkönig folgte ich zwei Tage und zwei Nächte Er war auf dem
Weg nach Ravenna er hatte starken Vorsprung Aber mein Hass war noch rascher als
seine Todesangst Schon bei Narnia holte ich ihn ein zwölf Sklaven begleiteten
seine Sänfte sie hatten nicht Lust für den Elenden zu sterben sie warfen die
Fackeln weg und flohn
    Ich riss ihn aus der Sänfte und drückte ihm sein eigenes Schwert in die
Faust er aber fiel nieder bat um sein Leben und führte zugleich einen
heimtückischen Stoß nach mir Da schlug ich ihn wie ein Opfertier mit drei
Streichen Einen für das Reich und zwei für meine Eltern Und ich hing ihn an
seinem goldenen Gürtel auf an der offenen Heerstraße an einem dürren
Eibenbaum da mag er hangen ein Frass für die Vögel des Himmels eine Warnung
für die Könige der Erde«
    »Und was ward aus ihr«
    »Sie fand ein schrecklich Ende« sprach Teja schaudernd
    »Als ich von hier nach Rom kam wusste man nur dass sie verschmäht den
Feigling zu begleiten er floh allein Gotelindis aber rief seine kappadokische
Leibwache zusammen und verhieß den Männern goldne Berge wenn sie zu ihr halten
und mit ihr nach Dalmatien und in das feste Salona sich werfen wollten
    Die Söldner schwankten und wollten erst das verheissne Gold sehen Da
versprach Gotelindis es zu bringen und ging Seitdem war sie verschwunden Wie
ich wieder durch Rom kam war sie freilich gefunden«   »Nun«  »Sie hatte
sich in die Katakomben gewagt allein ohne Führer einen dort vergrabnen Schatz
zu holen Sie muss sich in diesem Labyrinth verirrt haben sie fand den Ausgang
nicht mehr Suchende Söldner trafen sie noch lebend ihre Fackel war nicht
herabgebrannt sondern fast völlig erhalten sie musste alsbald erloschen sein
nachdem sie die Höhlung beschritten Wahnsinn sprach aus ihrem Blick lange
Todesangst Verzweiflung haben dieses böse Weib zermürbt sie starb sowie sie
ans Tageslicht gebracht war«
    »Schrecklich« rief Witichis  »Gerecht« sagte Teja »Aber höre weiter«
    Eh er beginnen konnte eilten Totila Hildebad Hildebrand und andre
gotische Führer ins Zelt »Weiß ers« fragte Totila  »Noch nicht« sagte
Teja  »Empörung« rief Hildebad »Empörung Auf König Witichis wehre dich
deiner Krone Lege dem Knaben das Haupt vor die Füße« 
    »Was ist geschehen« fragte Witichis ruhig
    »Graf Arahad von Asta der eitle Laffe hat sich empört Er ist gleich nach
deiner Wahl davongeritten gegen Florentia wo sein älterer Bruder der stolze
Herzog von Tuscien Guntaris haust und herrscht Da haben die Wölsungen viel
Anhang gefunden haben die Goten überall aufgerufen gegen dich zum Schutz der
Königslilie wie sie sie nennen Mataswinta sei die Erbin der Krone Sie haben
sie als Königin ausgerufen Sie weilte in Florentia fiel also gleich in ihre
Gewalt Man weiß nicht ist sie Guntaris Gefangene oder Arahads Weib Nur das
weiß man dass sie avarische und gepidische Söldner geworben den ganzen Anhang
der Amaler und ihre ganze Sippe und Gefolgschaft zu all dem großen Anhang der
Wölsungen bewaffnet haben Dich schelten sie den Bauernkönig sie wollen
Ravenna gewinnen«
    »O schicke mich nach Florentia mit nur drei Tausendschaften« rief Hildebad
zornig »Ich will dir diese Königin der Goten samt ihrem adeligen Buhlen in
einem Vogelkäfig gefangen bringen«
    Aber die andern machten besorgte Gesichter »Es sieht finster her« sprach
Hildebrand »Belisar mit seinen Hunderttausenden vor uns im Rücken das
schlangenhafte Rom  all unsre Macht noch fünfzig Meilen fern  und jetzt noch
Bruderkrieg und Aufruhr im Herzen des Reiches der Donner schlag in dieses
Land«
    Aber Witichis blieb ruhig und gefasst wie immer Er strich mit der Hand über
die Stirn »Es ist vielleicht gut so« sagte er dann »Jetzt bleibt uns keine
Wahl Jetzt müssen wir zurück«  »Zurück« fragte Hildebrand zürnend  »Ja
Wir dürfen keinen Feind im Rücken lassen Morgen brechen wir das Lager ab und
gehen «  »Gegen Neapolis vor« sagte Hildebad »Nein Zurück nach Rom Und
weiter nach Florentia nach Ravenna Der Brand der Empörung muss zertreten sein
eh er noch recht entglommen«  »Wie du weichst vor Belisar zurück«  »Ja um
desto stärker vorzugehen Hildebad Auch die Bogensehne spannt die Kraft zurück
den tödlichen Pfeil zu schnellen«  »Nimmermehr« sprach Hildebad »das kannst
 das darfst du nicht«
    Aber ruhig trat Witichis auf ihn zu und legte ihm die Hand auf die Schulter
»Ich bin dein König Du hast mich selbst gewählt Hell klang vor andern dein
Ruf Heil König Witichis Du weißt es Gott weiß es nicht ich habe die Hand
ausgestreckt nach dieser Krone Ihr habt sie mir auf das Haupt gedrückt nehmt
sie herunter wenn ihr sie mir nicht mehr anvertraut Aber solang ich sie trage
traut mir und gehorcht sonst seid ihr mit mir verloren«
    »Du hast recht« sagte der lange Hildebad und senkte das Haupt »Vergib mir
Ich mach es gut im nächsten Gefecht«
    »Auf meine Feldherrn« schloss Witichis den Helm aufsetzend »du Totila
eilst mir in wichtiger Sendung zu den Frankenkönigen nach Gallien ihr andern
fort zu euren Scharen brecht das Lager ab mit Sonnenaufgang gehts nach Rom«
 
                               Siebentes Kapitel
Wenige Tage darauf am Abend des Einzugs der Goten in Rom finden wir die jungen
»Ritter« Lucius und Marcus Licinius Piso den Dichter Balbus den Feisten
Julianus den jungen Juristen bei Cetegus dem Präfekten in vertrautem
Gespräch
    »Das also ist die Liste der blinden Anhänger des künftigen Papstes
Silverius meiner schlimmsten Argwöhner Ist sie vollständig«  »Sie ist es Es
ist ein hartes Opfer« rief Lucius Licinius »das ich dir bringe Feldherr
Hätt ich gleich wie das Herz mich antrieb Belisar aufgesucht ich hätte jetzt
schon Neapolis mit belagert und bestürmt statt dass ich hier die Katzentritte
der Priester belausche und die Plebejer marschieren und in Manipeln schwenken
lehre«  »Sie lernens doch nie wieder« meinte Marcus
    »Geduldet euch« sagte Cetegus ruhig ohne von einer Papyrusrolle
aufzublicken die er in der Hand hielt »Ihr werdet euch bald genug und lang
genug mit diesen gotischen Bären balgen dürfen Vergesst nicht dass das Raufen
doch nur Mittel ist nicht Zweck«
    »Weiß nicht« zweifelte Lucius
    »Die Freiheit ist der Zweck und Freiheit fordert Macht« sprach Cetegus
»wir müssen diese Römer wieder an Schild und Schwert gewöhnen sonst « der
Ostiarius meldete einen gotischen Krieger Unwillige Blicke tauschten die jungen
Römer
    »Lass ihn ein« sprach Cetegus seine Schreibereien in einer Kapsel bergend
Da eilte ein junger Mann im braunen Mantel der gotischen Krieger einen
gotischen Helm auf dem Haupt herein und warf sich an des Präfekten Brust
    »Julius« sprach dieser kalt zurücktretend »Wie sehen wir uns wieder Bist
du denn ganz ein Barbar geworden Wie kamst du nach Rom«
    »Mein Vater ich geleite Valeria unter gotischem Schutz ich komme aus dem
rauchenden Neapolis«  »Ei« grollte Cetegus »hast du mit deinem blonden
Freund gegen Italien gestritten Das steht einem Römer gut Nicht wahr Lucius«
 »Ich habe nicht gefochten und werde nicht fechten in diesem Krieg dem
unseligen Weh denen die ihn entzündet«
    Cetegus maß ihn mit kalten Blicken »Es ist unter meiner Würde und über
meiner Geduld einem Römer die Schande solcher Gesinnung vorzuhalten Wehe dass
ein solcher Abtrünniger mein Julius Schäme dich vor diesen deinen
Altersgenossen Seht römische Ritter hier ist ein Römer ohne Freiheitsdurst
ohne Zorn auf die Barbaren«
    Aber ruhig schüttelte Julius das Haupt »Du hast sie noch nicht gesehen die
Hunnen und Massageten Belisars die euch die Freiheit bringen sollen Wo sind
denn die Römer von denen du sprichst Hat sich Italien erhoben seine Fesseln
abzuwerfen Kann es sich noch erheben Justinian kämpft mit den Goten nicht
wir Wehe dem Volk das ein Tyrann befreit«
    Cetegus gab ihm im geheimen recht aber er wollte solche Worte nicht
billigen vor Fremden »Ich muss allein mit diesem Philosophen disputieren
Berichtet mir wenn bei den Frommen etwas geschieht«
    Und die Kriegstribunen gingen mit verächtlichen Blicken auf Julius
    »Ich möchte nicht hören was die von dir reden« sagte Cetegus ihnen
nachsehend  »Das gilt mir gleich Ich folge meinen eignen und nicht fremden
Gedanken«  »Er ist Mann geworden« sagte Cetegus zu sich selbst
    »Und meine tiefsten und besten Gedanken die diesen Krieg verfluchen führen
mich hierher Ich komme dich zu retten und zu entführen aus dieser schwülen
Luft aus dieser Welt von Falschheit und Lüge Ich bitte dich mein Freund mein
Vater folge mir nach Gallien«  »Nicht übel« lächelte Cetegus »Ich soll
Italien aufgeben im Augenblick da die Befreier nahen Wisse ich war es der
sie herbeigerufen ich habe diesen Kampf entfacht den du verfluchst«  »Ich
dacht es wohl« sprach Julius schmerzlich »Aber wer befreit uns von den
Befreiern wer endet diesen Kampf«
    »Ich« sprach Cetegus ruhig und groß »Und du mein Sohn sollst mir dabei
helfen Ja Julius dein väterlicher Freund den du so kalt und nüchtern
schiltst hat auch eine begeisterte Schwärmerei wenn auch nicht für
Mädchenaugen und gotische Freundschaften Lass diese Knabenspiele jetzt du bist
ein Mann Gib mir die letzte Freude meines öden Lebens und sei der Genosse
meiner Kämpfe und der Erbe meiner Siege Es gilt Rom Freiheit Macht Jüngling
können dich diese Worte nicht rühren Denk dir« fuhr er wärmer werdend fort
»diese Goten diese Byzantiner  ich hasse sie wie du  die einen durch die
andern erschöpft aufgerieben und über den Trümmern ihrer Macht erhebt sich
Italien Rom in alter Herrlichkeit Auf dem kapitolinischen Hügel tront wieder
der Herrscher über Morgen und Abendland eine neue römische Welterrschaft
stolzer als sie dein cäsarischer Namensvetter geträumt verbreitet Zucht Segen
und Frucht über die Erde « 
    »Und der Herrscher dieses Weltreichs heißt Cetegus Cäsarius«
    »Ja  und nach ihm Julius Montanus Auf Julius du bist kein Mann wenn
dich dies Ziel nicht lockt«
    Julius sprach bewundernd »Mir schwindelt Das Ziel ist sternenhoch aber
deine Wege sie sind nicht gerade Ja wären sie gerade bei Gott ich teilte
deinen Gang
    Ja rufe die römische Jugend zu den Waffen herrsche beiden Barbarenheeren
zu Räumt das heilige Latium führe einen offenen Krieg gegen die Barbaren und
gegen die Tyrannen und an deiner Seite will ich stehen und fallen«  »Du weißt
recht gut dass dieser Weg unmöglich ist«  »Und deshalb  ists dein Ziel« 
»Tor erkennst du nicht dass es gewöhnlich ist aus gutem Stoff ein Gebilde
fertigen dass es aber göttlich ist aus dem Nichts nur mit eigener
schöpferischer Kraft eine neue Welt schaffen«  »Göttlich durch List und
Lüge Nein«  »Julius«  »Lass mich offen sprechen deshalb bin ich gekommen
    O könnt ich dich zurückrufen von dem dämonischen Pfade der dich sicher in
Nacht und Verderben führt Du weißt  wie ich dein Bild verehre und liebe Es
will mir nicht stimmen zu dieser Verehrung was Griechen Goten Römer von dir
flüstern«
    »Was flüstern sie« fragte Cetegus stolz
    »Ich mags nicht denken aber alles was in diesen Zeiten Furchtbares
geschehen Atalarichs Kamillas Amalaswintens Untergang der Byzantiner
Landung du wirst dabei genannt wie der Dämon der alles Böse schafft Sage
mir schlicht und treu dass du frei bist von dunkeln «
    »Knabe« fuhr Cetegus auf »willst du mir zur Beichte sitzen und zu
Gericht Lerne erst das Ziel begreifen eh du die Mittel schiltst
    Meinst du man baut die Weltgeschichte aus Rosen und Lilien Wer das Große
will muss das Große tun nennens die Kleinen gut oder schlecht«  »Nein und
dreimal nein ruft dir mein ganzes Herz entgegen Fluch dem Ziel zu dem nur
Frevel führen Hier scheiden sich unsre Pfade«
    »Julius geh nicht Du verschmähst was noch nie einem Sterblichen geboten
ward Lass mich einen Sohn haben für den ich ringe dem ich die Erbschaft meines
Lebens hinterlassen kann«  »Fluch und Lüge und Blut kleben daran Und sollt
ich sie schon jetzt antreten  ich will sie nie Ich gehe dass sich dein Bild
nicht noch mehr vor mir verdunkle Aber ich flehe dich um Eins wann der Tag
kommt und er wird kommen da dich ekelt all des Blutes und des frevlen
Trachtens und des Zieles selbst das solche Taten fordert   dann rufe mir
ich will herbeieilen wo immer ich sei und will dich losringen und loskaufen
von den dämonischen Mächten und seis um den Preis meines Lebens«
    Leichter Spott zuckte zuerst um des Präfekten Lippe aber er dachte »Er
liebt mich noch immer Gut ich werde ihn rufen wenn das Werk vollendet lass
sehen ob er ihm dann widerstehen kann ob er den Thron des Erdkreises
ausschlägt«  »Wohl« sagte er »ich werde dich rufen wenn ich dein bedarf
Leb wohl« Und mit kalter Handbewegung entließ er den Heissbewegten
    Aber als die Türe hinter ihm zugefallen nahm der eisige Präfekt ein kleines
Relief von getriebenem Erz aus einer Kapsel und betrachtete es lang Dann wollte
er es küssen Aber plötzlich flog der höhnische Zug wieder um seine Lippen
»Schäme dich vor Cäsar Cetegus« sagte er und legte das Medaillon wieder in
die Kapsel Es war ein Frauenkopf und Julius sehr ähnlich
 
                                Achtes Kapitel
Inzwischen war es dunkler Abend geworden Der Sklave brachte die zierliche
Bronzelampe korintische Arbeit ein Adler der im Schnabel den Sonnenball
trägt gefüllt mit persischem Duftöl »Ein gotischer Krieger steht draußen
Herr er will dich allein sprechen Er sieht sehr unscheinbar aus Soll er die
Waffen ablegen« »Nein« sagte Cetegus »wir fürchten die Barbaren nicht Lass
ihn kommen« Der Sklave ging und Cetegus legte die Rechte an den Dolch im Busen
seiner Tunika
    Ein stattlicher Gote trat ein die Mantelkapuze über den Kopf geschlagen er
warf sie jetzt zurück
    Cetegus trat erstaunt einen Schritt näher »Was führt den König der Goten
zu mir«
    »Leise« sprach Witichis »Es braucht niemand zu wissen was wir beide
verhandeln Du weißt seit gestern und heute ist mein Heer von Regeta in Rom
eingezogen Du weißt noch nicht dass wir Rom morgen wieder räumen werden«
    Cetegus horchte hoch auf
    »Das befremdet dich«  »Die Stadt ist fest« sagte Cetegus ruhig »Ja
aber nicht die Treue der Römer Benevent ist schon abgefallen zu Belisar Ich
habe nicht Lust mich zwischen Belisar und euch erdrücken zu lassen«
    Vorsichtig schwieg Cetegus er wusste nicht wo das hinaus sollte »Weshalb
bist du gekommen König der Goten«  »Nicht um dich zu fragen wie weit man den
Römern trauen kann Auch nicht um zu klagen dass wir ihnen so wenig trauen
können die doch Teoderich und seine Tochter mit Wohltaten überhäuft sondern
um grad und ehrlich ein paar Dinge mit dir zu schlichten zu eurem wie zu unsrem
Frommen«
    Cetegus staunte In der stolzen Offenheit dieses Mannes lag etwas das er
beneidete Er hätte es gern verachtet »Wir werden Rom verlassen und alsbald
werden die Römer Belisar aufnehmen Das wird so kommen Ich kanns nicht
hindern Man hat mir geraten die Häupter des Adels als Geiseln mit
hinwegzuführen«
    Cetegus erschrak und hatte Mühe das zu verbergen
    »Dich vor allen den Princeps Senatus«  »Mich« lächelte Cetegus  »Ich
werde dich hier lassen Ich weiß es wohl du bist die Seele von Rom«
    Cetegus schlug die Augen nieder »Ich nehme das Orakel an« dachte er
    »Aber eben deshalb lass ich dich hier Hunderte die sich Römer nennen
wollen die Byzantiner zu ihren Herren  du du willst das nicht« Cetegus sah
ihn fragend an
    »Täusche mich nicht Wolle mich nicht täuschen Ich bin der Mann
verschlagner Künste nicht Aber mein Auge sieht der Menschen Art Du bist zu
stolz um Justinian zu dienen Ich weiß du hassest uns Aber du liebst auch
diese Griechen nicht und wirst sie nicht länger hier dulden als du musst Deshalb
lass ich dich hier vertritt du Rom gegen die Tyrannen ich weiß du liebst die
Stadt«
    Es war etwas an diesem Mann das Cetegus zum Staunen zwang »König der
Goten« sagte er »du sprichst klar und groß wie ein König ich danke dir Man
soll nicht sagen von Cetegus dass er die Sprache der Größe nicht versteht Es
ist wie du sagst ich werde mein Rom nach Kräften römisch erhalten«
    »Gut« sagte Witichis »sieh man hat mich gewarnt vor deiner Tücke ich
weiß viel von deinen schlauen Plänen ich ahne noch mehr und ich weiß dass ich
gegen Falschheit keine Waffe habe Aber du bist kein Lügner Ich wusste ein
männlich Wort ist unwiderstehlich bei dir und Vertrauen entwaffnet einen Feind
der ein Mann«
    »Du ehrst mich König der Goten«
    »Ich will dich warnen weißt du wer die wärmsten Freunde Belisars«  »Ich
weiß es Silverius und die Priester«  »Richtig Und weißt du dass Silverius
sowie der alte Papst Agapetus gestorben den Bischofsstuhl von Rom besteigen
wird«
    »So hör ich«
    »Man riet mir auch ihn als Geisel fortzuführen Ich werd es nicht tun Die
Italier hassen uns genug Ich will nicht noch in das Wespennest der Pfaffen
stoßen Ich fürchte die Märtyrer«
    Aber Cetegus wäre den Priester gern losgeworden »Er wird gefährlich auf
dem Stuhl Petri« meinte er
    »Lass ihn nur Der Besitz dieses Landes wird nicht durch Priesterkunst
entschieden«  »Wohlan« sprach Cetegus die Papyrusrolle vorzeigend »ich
habe hier die Namen seiner wärmsten Freunde zufällig beisammen Es sind wichtige
Männer«
    Er wollte ihm die Liste aufdringen und hoffte die Goten sollten so seine
gefährlichsten Feinde als Geiseln mitführen
    Aber Witichis wies ihn ab »Lass das Ich werde gar keine Geiseln nehmen Was
nützt es ihnen die Köpfe abzuschlagen Du dein Wort soll mir für Rom bürgen«
    »Wie meinst du das ich kann Belisar nicht abhalten«
    »Du sollst es nicht Belisar wird kommen aber verlass dich drauf er wird
auch wieder gehen Wir Goten werden diesen Feind bezwingen vielleicht erst nach
hartem Kampf aber gewiss Dann aber gilt es den zweiten Kampf um Rom«
    »Einen zweiten« fragte Cetegus ruhig »mit wem«
    Aber Witichis legte ihm die Hand auf die Schulter und sah ihm ins Antlitz
mit einem Auge wie die Sonne »Mit dir Präfekt von Rom«
    »Mit mir« Und er wollte lächeln aber er konnte nicht
    »Verleugne nicht dein Liebstes Mann es ist deiner nicht würdig Ich weiß
es für wen du die Türme und Schanzen um diese Stadt erbaut nicht für uns und
nicht für die Griechen für dich Ruhig Ich weiß was du sinnest oder ich ahn
es kein Wort Es sei Sollen Griechen und Goten um Rom kämpfen und kein Römer
Aber höre Lass nicht einen zweiten jahrelangen Krieg unsre Völker hinraffen
    Wenn wir die Byzantiner niedergekämpft hinausgeworfen aus unserm Italien 
dann Cetegus will ich dich erwarten vor den Mauern Roms nicht zur Schlacht
unsrer Völker  zum Zweikampf Mann gegen Mann du und ich wir wollens um Rom
entscheiden«
    Und in des Königs Blick und Ton lag eine Größe eine Würde und Hoheit die
den Präfekten verwirrte Er wollte heimlich spotten der einfältigen Schlichteit
des Barbaren Aber es war ihm als könne er sich selbst nie mehr achten wenn er
diese Größe nicht zu achten nicht zu ehren nicht zu erwidern fähig sei So
sprach er ohne Spott »Du träumst Witichis wie ein gotischer Knabe«
    »Nein ich denke und handle wie ein gotischer Mann Cetegus du bist der
einzige Römer den ich würdige so mit ihm zu reden Ich habe dich fechten sehen
im Gepidenkrieg du bist meines Schwertes würdig Du bist älter als ich wohlan
ich gebe dir den Schild voraus«
    »Seltsam seid ihr Germanen« sagte Cetegus unwillkürlich »was für
Phantasien«
    Aber jetzt furchte Witichis die offene Stirn »Phantasien Wehe dir wenn du
nicht fähig bist zu fühlen was aus mir spricht Wehe dir wenn Teja recht
behält Er lachte zu meinem Plan sprach Das fasst der Römer nicht Und er riet
mir dich gefangen mitzufahren Ich dachte größer von dir und Rom Aber wisse
Teja hat dein Haus umstellt und bist du so klein oder so feig mich nicht zu
fassen  in Ketten führen wir dich aus deinem Rom Schmach dir dass man dich
zwingen muss zur Ehre und zur Größe«
    Da ergrimmte Cetegus Er fühlte sich beschämt Jenes Ritterliche war ihm
fremd und es ärgerte ihn dass er es nicht verhöhnen konnte
    Es ärgerte ihn dass man ihn mit Gewalt nötigte dass man seiner freien Wahl
misstraut habe Wütender Hass gegen Tejas Missachtung wie gegen des Königs brutale
Offenheit loderte in ihm auf All diese Eindrücke rangen in ihm er hätte gern
den Dolch in des Germanen breite Brust gestoßen Fast hätte er vorhin aus
soldatischem Ehrgefühl im vollen Ernst sein Wort gegeben Jetzt durchzuckte ihn
ein davon sehr verschiedenes unschönes Gefühl der Schadenfreude Sie hatten ihm
nicht getraut die Barbaren sie hatten ihn gering erachtet nun sollten sie
gewiss betrogen sein Und mit scharfem Blick vortretend fasste er des Königs Hand
»Es gilt« rief er
    »Es gilt« sprach Witichis fest seine Hand drückend
    »Mich freut es dass ich recht behielt und nicht Teja Leb wohl hüte mir
unser Rom Von dir fordre ich es wieder in ehrlichem Kampf« Und er ging
    »Nun« sprach Teja draußen mit den andern Goten rasch vortretend »soll ich
das Haus stürmen«
    »Nein« sagte Witichis »er gab mir sein Wort«
    »Wenn ers nur hält«
    Da trat Witichis heftig zurück »Teja dich macht dein finstrer Sinn
ungerecht Du hast kein Recht an eines Helden Ehre zu zweifeln Cetegus ist
ein Held«
    »Er ist ein Römer Gute Nacht« sagte Teja das Schwert einsteckend Und er
ging mit seinen Goten andren Weges
    Cetegus aber warf sich diese Nacht unwillig aufs Lager Er war uneins in
sich Er grollte mit Julius Er grollte bitter mit Witichis bitterer noch mit
Teja Am bittersten mit sich selbst
                                       
    Am folgenden Tage versammelte Witichis noch einmal Volk Senat und Klerus
der Stadt bei den Termen des Titus Von der höchsten Stufe der Marmortreppe des
stolzen Gebäudes herab die von den Großen des Heeres besetzt war hielt der
König eine schlichte Ansprache an die Römer Er erklärte dass er auf kurze Zeit
die Stadt räumen und zurückweichen werde Bald aber werde er wiederkehren
    Er erinnerte sie der Milde der gotischen Herrschaft der Wohltaten
Teoderichs und Amalaswintens und forderte sie auf Belisar falls er
heranrücke mutig zu widerstehen bis die Goten zum Entsatz wieder heranrückten
der Römer wieder an die Waffen gewöhnte Legionare und ihre starken Mauern
machten langen Widerstand möglich
    Zuletzt forderte er den Eid der Treue und ließ sie nochmals feierlich
schwören dass sie ihre Stadt auf Leben und Tod gegen Belisar verteidigen
wollten Die Römer zögerten denn ihre Gedanken waren jetzt schon im Lager
Belisars und sie scheuten den Meineid
    Da scholl dumpfer feierlicher Gesang von der Sacra Via her und an dem
slavischen Amphiteater vorbei zog eine große Prozession von Priestern mit
Psalmengesang und Weihrauchschwang heran In der Nacht war Papst Agapet
gestorben und in aller Eile hatte man Silverius den Archidiakon zu seinem
Nachfolger gewählt
    Langsam und feierlich wogte das Heer von Priestern heran die Insignien der
Bischofswürde von Rom wurden vorausgetragen silberstimmige Knaben sangen in
süßen und doch weihevollen Weisen
    Endlich nahte die Sänfte des Papstes offen breit reichvergoldet einem
Schiffe nachgebildet Die Träger gingen langsam Schritt für Schritt nach dem
Takt der Musik von ringsum drängendem Volk umwogt das nach dem Segen seines
neuen Bischofs verlangte
    Silverius spendete unablässig denselben mit seinem klugen Haupte rechts und
links hin nickend
    Eine große Zahl von Priestern und ein Zug von speertragenden Söldnern schloss
die Prozession Sie hielt inne als sie in die Mitte des Platzes gelangt war
    Schweigend mit trotzigen Augen sahen die arianischen gotischen Krieger
die alle Mündungen des Platzes besetzt hielten den stolzen prachtentfaltenden
Aufzug der ihnen feindlichen Kirche indes die Römer die Ankunft ihres
Seelenhirten um so freudiger begrüßten als seine Stimme ihre Gewissenszweifel
wegen des zu leistenden Eides lösen sollte
    Eben wollte Silverius seine Ansprache an das versammelte Volk beginnen als
der Arm eines turmlangen Goten über die Brüstung der Sänfte hereinlangend ihn
an dem goldbrokatnen Mantel zupfte
    Unwillig ob der wenig ehrerbietigen Störung wandte Silverius das strenge
Gesicht aber uneingeschüchtert sprach der Gote den Ruck wiederholend »Komm
Priester du sollst hinauf zum König«
    Silverius hätte es angemessener gefunden wenn der König zu ihm
heruntergekommen wäre und Hildebad schien etwas dergleichen in seinen Mienen zu
lesen Denn er rief »s ist nicht anders duck dich Pfäfflein«
    Und damit drückte er einen der die Sänfte tragenden Priester an der Schulter
nieder die Träger ließ sich nun auf die Kniee herab und seufzend stieg
Silverius heraus Hildebad auf die Treppe folgend
    Als er vor Witichis angelangt war ergriff dieser seine Hand trat mit ihm
vor an den Rand der Treppe und sprach »Ihr Männer von Rom diesen hier haben
eure Priester zu eurem Bischof bezeichnet Ich genehmige die Wahl er sei Papst
sobald er mir Gehorsam geschworen und euch den Eid der Treue für mich abgenommen
hat Schwöre Priester«
    Nur einen Augenblick war Silverius betroffen
    Aber sogleich wieder gefasst wandte er sich mit salbungsvollem Lächeln zu
dem Volk dann zum König »Du befiehlst« sprach er
    »Schwöre« rief Witichis »dass du in unsrer Abwesenheit alles aufbieten
wirst diese Stadt Rom in Treue zu den Goten zu erhalten denen sie soviel
verdankt in allen Stücken uns zu fördern unsre Feinde aber zu schädigen
Schwöre Treue den Goten«
    »Ich schwöre« sagte Silverius sich zu dem Volke wendend »Und so fordre
ich der ich die Macht habe die Seelen zu binden und zu lösen euch ihr Römer
umstarret rings von gotischen Waffen auf im gleichen Sinne zu schwören wie
ich geschworen habe«
    Die Priester und einige der Vornehmen schienen verstanden zu haben und
erhoben unbedenklich die Finger zum Schwur Da besann sich auch die Menge nicht
länger und der Platz erscholl von dem lauten Ruf »Wir schwören Treue den
Goten«
    »Es ist gut Bischof von Rom« sprach der König »Wir bauen auf euren
Schwur Lebt wohl ihr Römer Bald werden wir uns wiedersehen« Und er schritt
die breiten Stufen nieder Teja und Hildebad folgten ihm
    »Jetzt bin ich nur begierig «  sagte Teja
    »Ob sie es halten« meinte Hildebad
    »Nein Gar nicht Aber wie sies brechen Nun der Priester wirds schon
finden«
    Und mit fliegenden Fahnen zogen die Goten ab zur Porta Flaminia hinaus die
Stadt ihrem Papst und dem Präfekten überlassend während Belisar in Eilmärschen
auf der Via Latina nahte
 
                                Neuntes Kapitel
In der Stadt Florentia waltete eifriges kriegerisches Leben Die Tore waren
geschlossen auf den Zinnen und Mauerkronen schritten zahlreiche Wachen in den
Straßen klirrte es von Zügen reisiger Goten und bewaffneter Söldner denn die
Wölsungen Guntaris und Arahad hatten sich in diese Stadt geworfen und sie
einstweilen zum Hauptwaffenplatz des Aufstandes gegen Witichis gemacht
    In der schönen Villa die sich Teoderich in einer Vorstadt am Ufer des
Arnus aber noch in den Ringmauern der Stadt gebaut hausten die beiden Brüder
    Herzog Guntaris von Tuscien der ältere war ein gefürchteter Kriegsmann
und seit Jahren Graf der Stadt Florentia rings in ihrem Weichbild lagen die
Güter des mächtigen Adelsgeschlechts von Tausenden von Kolonen und Hintersassen
bebaut ihre Macht in dieser Stadt und Landschaft war ohne Schranken und Herzog
Guntaris war entschlossen sie völlig zu gebrauchen
    In voller Rüstung den Helm auf dem Haupt schritt der stattliche Mann
unwillig durch das marmorgetäfelte Zimmer indes der jüngere Bruder in schmucker
Feiertracht ohne Waffen schweigend und sinnend an dem Citrustisch lehnte der
von Briefen und Pergamenten bedeckt war
    »Entschliesse dich mach vorwärts mein Junge« sprach Guntaris »es ist
mein letztes Wort Noch heute bringst du mir das Ja des störrigen Kindes oder
ich  hörst du  ich selbst gehe es zu holen Aber dann wehe ihr Ich weiß
besser als du umzuspringen mit einem launischen Mädchenkopf«
    »Bruder das wirst du nicht«
    »Beim Donner das werd ich Meinst du ich wage meinen Kopf ich versäume
das Glück unsres Hauses um deine schmachtende Zartheit Jetzt oder nie ist der
Augenblick den Wölsungen endlich die erste Stelle im Volk zu schaffen die
ihnen gebührt und von der Amaler und Balten sie seit Jahrhunderten
ausgeschlossen Wird die letzte Amalungentochter dein Weib kann niemand dir die
Krone bestreiten und mein Schwert soll sie schon schützen auf deinem Haupt
gegen diesen Bauernkönig Witichis
    Aber nicht zu lange mehr darfs währen Ich habe noch keine Nachricht von
Ravenna doch ich fürchte die Stadt wird nur Mataswinta nicht uns zufallen
das heißt nicht uns allein wer sie hat hat aber Italien nachdem Neapolis und
Rom verloren die mächtige Festung müssen wir haben Deshalb muss sie dein Weib
sein eh wir vor die Rabenmauern ziehen sonst wird ruchbar dass sie mehr unsre
Gefangene als unsre Königin«
    »Wer wünscht das mehr heißer als ich aber ich kann sie doch nicht
zwingen«  »Nicht warum nicht Suche sie auf und gewinne sie im guten oder
bösen Ich gehe die Wachen auf den Wällen zu verstärken Bis ich zurück bin
will ich Antwort«
    Herzog Guntaris ging und seufzend machte sich sein Bruder nach dem Garten
auf Mataswinta zu suchen
    Der Garten war von einem kunstverständigen Freigelassenen aus Kleinasien
angelegt Er hatte im Hintergrund einen waldähnlichen Abschluss der frei von
Beeten und Terrassen das wunderbar reiche Wiesengrün noch erhalten hatte Diese
blumigen Wiesenufer und dichte Oleanderbüsche durchrieselte ein klarer Bach mit
anmutigem Gewoge
    Dicht an dem Rande des Baches im weichen Grase hingegossen lag eine
jugendliche Frauengestalt Sie hatte von dem rechten Arm das Gewand
zurückgeschlagen und schien bald mit den murmelnden Wellen bald mit den
nickenden Blumen am Rande zu spielen Sinnend sah sie vor sich hin und warf wie
träumend hier und da ein Veilchen oder einen Krokus in die Wellen mit leise
geöffneten Lippen der Blüte nachsehend die rasch die klaren Wellen entführten
    Dicht hinter ihren Schultern kniete ein junges Mädchen in maurischer
Sklaventracht eifrig beschäftigt einen Kranz fertig zu flechten an welchem
nur die letzten Verbindungen fehlten sorgsam spähte die anmutfeine Kleine
manchmal ob die Träumende ihre heimliche Arbeit nicht gewahre
    Aber diese schien ganz in ihre Phantasien verloren
    Endlich war der zierliche Kranz vollendet mit lachenden Augen drückte sie
ihn auf das prachtvolle feuerfarbne Haar der Herrin und bog sich um ihre
Schulter deren Blick zu suchen Aber diese hatte gar nicht bemerkt wie die
Blumen ihr Haupt berührten Da ward die Kleine unwillig und rief mit schmollend
aufgeworfnen Lippen »Aber Herrin bei den Palmenwipfeln des Auras was denkest
du wieder Bei wem bist du«
    Mataswinta schlug die leuchtenden Augen auf »Bei ihm« flüsterte sie
    »Weiße Göttin das trag ich nicht mehr« rief die Kleine aufspringend »es
ist zu arg die Eifersucht bringt mich um Nicht mich deine Gazelle nur auch
die eigne Schönheit vergisst du  über dem unsichtbaren Mann schau doch nur
einmal in die Wellen und sieh wie reizend dein Haar von den dunkeln Veilchen
und weißen Anemonen sich hebt«
    »Dein Kranz ist schön« sagte Mataswinta ihn herunterlangend und dann
leicht in die Wellen werfend »welch süße Blumen Grüsst ihn von mir«
    »Ach meine armen Blumen« rief die Sklavin ihnen nachblickend aber sie
wagte nicht weiter zu schelten »Sag mir nur« rief sie sich wieder
niederlassend »wie all dies enden soll Da sind wir jetzt schon viele Tage wir
wissen nicht recht Königin oder Gefangne Jedenfalls in fremder Gewalt haben
den Fuß nicht aus deinem Gemach oder diesem hochummauerten Garten gesetzt und
wissen nichts von der ganzen Welt Du aber bist immer still und selig als müsste
das alles so sein«
    »Es muss auch alles so sein«
    »So und wie wird es enden«
    »Er wird kommen und wird mich befreien«
    »Nun Weisslilie du hast einen starken Glauben Wären wir daheim im
Mauretanierland und sähe ich dich nachts zu den Sternen blicken so sagte ich
wohl du habest das alles in den Sternen gelesen Aber so Ich begreife das
nicht«  und sie schüttelte die schwarzen Locken  »Ich werde dich nie
begreifen«
    »Doch Aspa du wirst und sollst« sprach Mataswinta sich aufraffend und
zärtlich den weißen Arm um den braunen Nacken schlingend »deine treue Liebe
verdient längst diesen Lohn den besten den ich zu spenden habe«
    In der Sklavin dunkles Auge trat eine Träne »Lohn« sprach sie »Aspa ward
geraubt von wilden Männern mit roten fliegenden Locken Aspa ist eine Sklavin
Alle haben sie gescholten viele geschlagen Du hast mich gekauft wie man eine
Blume kauft Und du streichelst mir Wange und Haar Und bist so schön wie die
Göttin der Sonne und sprichst von Lohn« Und sie schmiegte das Köpfchen an der
Herrin Busen
    »Du bist meine Gazelle« sagte diese »und hast ein Herz wie Gold Du sollst
alles wissen was niemand weiß außer mir Höre also Ich hatte eine Kindheit
ohne Freude ohne Liebe und doch verlangte meine junge Seele nach Weichheit
nach Liebe Meine arme Mutter hatte einen Knaben einen Tronerben heiß
gewünscht und sicher erwartet  und mit Widerwillen mit Kälte und Härte
behandelte sie das Mädchen Als Atalarich geboren war nahm die Härte ab aber
die Kälte nahm zu dem Erben der Krone allein ward alle Liebe und Sorge Ich
hätte es nicht empfunden hätte ich nicht in meinem weichen Vater den Gegensatz
gesehen ich fühlte wie auch er litt unter der kalten Härte seiner Gattin und
oft drückte mich der kranke Mann mit Seufzen mit Tränen an die Brust
    Und als er gestorben und begraben war da war mir alle Liebe in der Welt
erstorben Wenig sah ich Atalarich der von andern Lehrern und im andern Teil
des Palastes erzogen ward weniger noch die Mutter fast nur wenn sie mich zu
strafen hatte Und doch liebte ich sie so sehr und doch sah ich wie meine
Wärterinnen und Lehrerinnen ihre eignen Kinder liebten herzten und küssten und
nach gleicher Wärme verlangte mit aller Macht mein Herz
    So wuchs ich heran wie eine bleiche Blume ohne Sonnenlicht
    Da war denn mein liebster Ort in der Welt das Grab meines Vaters Eutarich
im stillen Königsgarten zu Ravenna Da suchte ich bei dem Toten die Liebe die
ich bei den Lebenden nicht fand und sowie ich meinen Wärtern entrinnen konnte
eilte ich dorthin zu sehnen und zu weinen Und dies Sehnen wuchs je älter ich
ward in Gegenwart der Mutter musste ich all meine Gefühle zusammenpressen sie
verachtete es wenn ich sie zeigte
    Und wie ich vom Kind zum Mädchen heranwuchs merkte ich wohl dass die Augen
der Menschen oft wie bewundernd auf mir ruhten aber ich dachte sie bedauerten
mich und das tat mir weh Und öfter und öfter flüchtete ich zum Grabe des
Vaters bis es der Mutter gemeldet ward und ich ward verklagt dass ich dort
weinte und ganz verstört zurückkäme
    Zornig verbat mir die Mutter ohne sie das Grab wieder zu besuchen und
sprach von verächtlicher Schwäche
    Aber dawider empörte sich mein Herz und ich besuchte das Grab trotz dem
Verbot Da überraschte sie mich einst daselbst und schlug mich und ich war
doch kein Kind mehr und führte mich in den Palast zurück und schalt mich
schwer und drohte mich zu verstoßen für immer und fragte im Scheiden zürnend
den Himmel warum er sie mit einem solchen Kinde gestraft
    Das war zuviel
    Namenlos elend beschloss ich dieser Mutter zu entrinnen der ich zur Strafe
leben sollte und davonzugehen wo mich niemand kennte ich wusste nicht wohin
am liebsten in das Grab zu meinem Vater
    Als es Abend geworden stahl ich mich aus dem Palast ich eilte nochmals an
das geliebte Grab zu langem tränenreichem Abschied Schon gingen die Sterne
auf da huschte ich aus dem Garten aus dem Palast und eilte durch die dunkeln
Straßen der Stadt an das faventinische Tor Glücklich schlüpfte ich an der Wache
vorbei ins Freie und lief nun eine Strecke auf der Straße fort gradaus in die
Nacht ins Elend
    Aber auf der Straße kam mir entgegen ein Mann im Kriegsgewand Als ich an
ihm vorüber wollte schritt er plötzlich heran sah mir ins Antlitz und legte
die Hand leicht auf meine Schulter Wohin Jungfrau Mataswinta allein in so
später Nacht
    Ich erbebte unter seiner Hand Tränen brachen aus meinen Augen und
schluchzend rief ich In die Verzweiflung
    Da fasste der Mann meine beiden Hände und sah mich an so freundlich so
mild so besorgt Dann trocknete er meine Tränen mit seinem Mantel und sprach in
weichem Ton der tiefsten Güte Und warum Was quält dich so
    Mir ward so weh und wohl ums Herz beim Klange dieser Stimme Und wie ich in
sein mildes Auge sah war ich meiner selbst nicht mehr mächtig Weil mich die
eigne Mutter hasst weils keine Liebe für mich gibt auf Erden  Kind Kind Du
bist krank sagte er und redest irr Komm komm mit mir zurück Du warte nur
du wirst noch eine Königin der Liebe werden
    Ich verstand ihn nicht Aber ich liebte ihn unendlich für diese Worte diese
Milde Fragend staunend hilflos sah ich ihm ins Auge Ich bebte und zitterte
Es musste ihn rühren oder er dachte es sei die Kälte
    Er nahm seinen warmen Mantel ab schlug ihn um meine Schultern und führte
mich langsam zurück durchs Tor auf unbelebten Straßen durch die Stadt nach dem
Palast
    Willenlos hilflos wankend wie ein krankes Kind folgte ich ihm das Haupt
das er mir sorglich verhüllte an seine Brust gelehnt Er schwieg und trocknete
mir nur manchmal die Augen Unbemerkt wie ich glaubte gelangten wir an die
Türe der Palasttreppe er öffnete sie schob mich sanft hinein dann drückte er
mir die Hand Gut sein sagte er und ruhig Dein Glück wird dir schon kommen
Und Liebe genug Und er legte leise die Hand auf mein Haupt schloss die Türe
hinter mir und stieg die Treppe hinab
    Ich aber lehnte an der halbgeschlossenen Tür und konnte nicht fort Mein Fuß
versagte mein Herz pochte
    Da hört ich wie eine raue Stimme ihn ansprach
    Wen schmuggelst du da zur Nachtzeit in das Schloss mein Freund Er aber
antwortete Du bists Hildebrand Du verrätst sie nicht Es war das Kind
Mataswinta sie hat sich verirrt in der Nacht in der Stadt und fürchtete den
Zorn ihrer Mutter  Mataswinta sprach der andre die wird täglich schöner
Und mein Beschützer sprach«  und sie stockte und flammend Rot schoss über ihre
Wangen  
    »Nun« fragte Aspa sie groß ansehend »was sagte er«
    Aber Mataswinta drückte Aspas Köpfchen nieder an ihre Brust »Er sagte«
flüsterte sie  »er sagte  die wird das schönste Weib auf Erden«
    »Da hat er recht gesagt« sprach die Kleine »was brauchst du da rot zu
werden Ists doch so Nun aber weiter Was tatest du«
    »Ich schlich auf mein Lager und weinte weinte Tränen der Trauer der Wonne
der Liebe alles durcheinander In jener Nacht stieg eine Welt ein Himmel in
mir auf er war mir gut das fühlte ich und er nannte mich schön Ja jetzt
wußt ich es ich war schön und ich war selig darüber ich wollte schön sein
für ihn O wie glücklich war ich seine Begegnung brachte Glanz in mein Dunkel
Segen in mein Leben Ich wusste jetzt man konnte mir gut sein man konnte mich
lieben Sorglich pflegte ich des Leibes den er gelobt Die süße Macht in meinem
Herzen breitete eine milde Wärme über mein ganzes Wesen ich ward weicher und
inniger und selbst der Mutter strenger Sinn ward jetzt liebevoller gegen mich
seit ich nur sanfte Liebe ihrer Härte entgegengab und täglich wurden alle
Herzen gütiger gegen mich wie ich weicher gegen alle
    Und all das dankte ich ihm er hatte mir die Flucht in Schmach und Elend
erspart und mir eine ganze Welt von Liebe gewonnen Seitdem lebte und lebe ich
nur für ihn« Und sie hielt inne und legte die Linke auf die wogende Brust
    »Aber Herrin wann hast du ihn wieder gesehen gesprochen Lebt deine Liebe
von so karger Kost«
    »Gesprochen nie mehr gesehen nur einmal noch am Todestage Teoderichs
befehligte er die Palastwache da sagte mir Atalarich seinen Namen denn nie
hätte ich gewagt nach ihm zu forschen aus Furcht meine Flucht ach mein
Geheimnis zu verraten Er war nicht am Hof und wann er dort erscheinen mochte
war ich auf den Villen«
    »So weißt du weiter gar nichts von ihm von seinem Leben von seiner
Vergangenheit«
    »Wie hätt ich forschen können glühende Scham hätte mich verraten Lieb
ist des Schweigens Tochter und der Sehnsucht Aber von seiner von unsrer
Zukunft weiß ich«
    »Von eurer Zukunft« lächelte Aspa
    »An den Hof kam alle Sonnenwende die alte Radrun und erhielt von König
Teoderich fremde Kräuter und Wurzeln die er ihr aus Asien bringen ließ und vom
Nil Das hatte sie sich ausbedungen zum einzigen Lohn dafür dass sie ihm als
Knaben sein ganzes Schicksal geweissagt hatte und war alles eingetroffen aufs
Haar sie braute Salben und mischte Tränke das Waldweib nannte man sie laut
aber leise die Wala das Zauberweib Und wir alle am Hof wussten  außer den
Priestern die hätten es gewehrt  dass jede Sommersonnenwende wann sie kam
der König sich das Jahr vorhersagen ließ Und kam sie von ihm heraus so riefen
sie das wusste ich meine Mutter und Teodahad und Gotelindis und fragten sie
aus und nie blieb noch aus was sie verkündet
    Da in der nächsten Sonnenwende fasste auch ich mir ein Herz lauerte der
Alten auf und lockte sie wie ich sie allein fand in mein Gemach und bot ihr
Gold und lichte Steine wenn sie mir weissagen wollte
    Aber sie lachte und zog ein Fläschchen von Bernstein hervor und sprach
Nicht um Gold Aber um Blut Um mächtig Blut von einem reinen Königskind
    Und sie ritzte mir eine Ader im linken Arm und fing den Strahl in ihrem
Bernstein Dann sah sie forschend in meine beiden Hände und sang endlich tonlos
Den du hältst im Herzen hoch der gibt dir größten Glanz und größtes Glück
schafft dir allerschärfsten Schmerz wird dein Gemahl dein Gatte nicht Und
damit war sie hinaus«
    »Das ist wenig tröstlich  soviel ichs fasse«
    »Du kennst der Alten Sprüche nicht sie sind alle so dämmmerdunkel sie
fügt jeder Verheißung eine Drohung bei für alle Fälle ich aber halte mich an
das Helle nicht an das Dunkle Weissagung erfüllt sich wie man sie fasst ich
weiß er wird mein und bringt mir Glanz und Glück den Schmerz daneben will ich
tragen Schmerz um ihn ist Wonne«
    »Ich bewundre dich Herrin und deinen Glauben Und auf den Spruch der Hexe
hin hast du ausgeschlagen all die Könige und Fürsten vom Vandalen und
Westgoten Franken und Burgunderland die um dich freiten selbst Germanus
den edelen den kaiserlichen Prinzen von Byzanz und harrst auf ihn«
    »Und harr auf ihn Aber nicht des Spruches allein wegen In meinem Herzen
lebt ein Vögelein das singt mir alle Tage er wird dein er muss dein werden
Ich weiß es sternengewiss« schloss sie das Auge zum Himmel aufschlagend und in
die frühere Träumerei versinkend
    Rasche Schritte tönten von der Villa her »Ah« rief Aspa »dein schmucker
Freier Armer Arahad du verlierst deine Mühe«
    »Ich will dem Spiel ein Ende machen heut« sprach Mataswinta sich
erhebend und auf ihrer Stirn in ihren Augen lag jetzt eine zornige Strenge
die das Blut der Amaler in ihren Adern bekundete es lebte eine seltsame
Mischung von lodernder Leidenschaft und hinschmelzender Weichheit in dem
Mädchen Aspa staunte oft über das verhaltne Feuer in ihrer Herrin »Du bist wie
die Götterberge in meiner Heimat« sagte sie »Schnee auf dem Gipfel Rosen um
den Gürtel aber im Innern versengendes Feuer das oft über Schnee und Rosen
strömt«
    Indes bog Graf Arahad aus dem buschigen Wege und neigte sich vor dem schönen
Weibe mit einem Erröten das ihm wohl anstand »Ich komme« sagte er »Königin
« 
    Aber herb unterbrach sie ihn »Hoffentlich Graf von Asta kommst du
endlich diesem schnöden Spiel von Gewalt und Lüge ein Ende zu machen
    Nicht länger will ichs tragen Dein kecker Bruder überfällt mich plötzlich
die wehrlose in die Trauer um ihre Mutter versunkene Waise in meinen
Gemächern nennt mich in einem Atem seine Königin und seine Gefangene und hält
mich wochenlang in unwürdiger Haft Er bringt mir den Purpur und nimmt mir die
Freiheit Darauf kommst du und verfolgst mich mit deiner eitelen Werbung die
dich nie zum Ziele führt Ich habe dich verschmäht in der Freiheit glaubst du
gefangen in deiner Zwanggewalt wird dich du Tor das Kind der Amaler erhören
Du schwörst du liebest mich Wohlan so achte mich Ehre meinen Willen lass
mich frei Oder zittre wenn mein Befreier naht« Und drohend trat sie auf den
Bestürzten zu der keine Worte finden konnte
    Da eilte heftigen Schrittes Herzog Guntaris herbei mit funkelnden Augen
    »Auf Arahad« rief er »komm zu Ende Wir müssen fort sogleich Er naht
er dringt mit Macht heran«  »Wer« fragte Arahad hastig  »Er sagt er kommt
sie zu befreien Er hat gesiegt der Bauernkönig und unsre Vorposten geschlagen
bei Kastrum Sivium«
    »Wer« fragte jetzt Mataswinta eifrig
    »Nun« antwortete Guntaris zornig »jetzt magst dus erfahren es ist doch
nicht mehr zu bergen Graf Witichis von Fäsulä«
    »Witichis« hauchte Mataswinta mit leuchtenden Augen und hochaufatmend
    »Ja ihn haben die Rebellen von Regeta das Recht des Adels vergessend zum
König der Goten erhoben«
    »Er er mein König« sprach Mataswinta wie im Traume
    »Ich hätte dirs gesagt schon da ich dich als Königin begrüßte aber in
deinem Gemach stand seine Marmorbüste bekränzt Das war mir verdächtig Später
sah ichs es war ein Zufall es ist ein Areskopf«
    Mataswinta schwieg und suchte die glühende Röte zu verbergen die ihr
Antlitz überflog
    »Nun« rief Arahad »was ist zu tun«
    »Wir müssen fort Wir müssen ihm zuvorkommen in Ravenna Florentia die
Feste hält ihn eine Weile auf indessen gewinnen wir Ravenna und wenn du
Beilager gehalten in der Burg Teoderichs mit dessen Enkelin ist alles Volk der
Goten unser Auf Königin Ich lasse deinen Wagen schirren in einer Stunde
gehst du nach Ravenna in der Mitte unsrer Scharen« Und die Brüder eilten
hinweg
    Blitzenden Auges sah ihnen Mataswinta nach
    »Ja führt mich fort gefangen und gebunden wie der Adler aus der Höhe wird
mein König auf euch niederstossen und mich retten aus eurer Gewalt Komm Aspa
der Befreier naht«
 
                                Zehntes Kapitel
Kaum hatten die Goten den Mauern Roms den Rücken gewendet so berief Papst
Silverius  es war am Tage nach seinem Eide  die Spitzen der Priesterschaft
des Adels der Beamten und der Bürgerschaft der Stadt in die Termen des
Karacalla zu einer Beratung über Heil und Gedeihen der Stadt des heiligen
Petrus Auch Cetegus war geladen und erschienen
    Mit Unbefangenheit stellte Silverius darauf den Antrag da endlich die
Stunde gekommen sei das Joch der Ketzer abzuwerfen eine Gesandtschaft an
Belisarius den Feldherrn des rechtgläubigen Kaisers Justinian des einzig
rechtmäßigen Herrn Italiens abzuordnen ihm die Schlüssel der ewigen Stadt zu
überreichen und ihm und seinem Heere den Schutz der Kirche und der Gläubigen
gegen die Rache der Barbaren zu empfehlen
    Den Gewissenszweifel eines noch sehr jungen Priesters und eines ehrlichen
Schmiedemeisters wegen des gestern geleisteten Eides beseitigte er lächelnden
Mundes mit der Berufung auf seine apostolische Macht wie zu binden so zu
lösen und auf die offenbare Gewalt gotischer Waffen unter deren Eindruck sie
den Schwur geleistet Darauf ging der Antrag einstimmig durch und der Papst
selbst Scävola Albinus und Cetegus wurden als die Gesandten gewählt
    Aber Cetegus widersprach schweigend hatte er die Verhandlung mit angehört
und sich der Abstimmung enthalten jetzt stand er auf und sprach »Ich bin gegen
den Beschluss Nicht wegen des Eides Ich brauche deshalb apostolische
Lösungsgewalt nicht in Anspruch zu nehmen Denn ich habe nicht geschworen Aber
um der Stadt willen Das heißt uns ohne Not dem gerechten Zorn der Goten
aussetzen die wohl einmal wiederkommen können und dann solch offenen Abfall
nicht mit apostolischer Lösung entschuldigen werden Lasst uns gebeten oder
gezwungen werden von Belisar wer sich wegwirft wird mit Füßen getreten«
    Silverius und Scävola tauschten bedeutsame Blicke
    »Solche Gesinnung« sprach der Jurist »wird dem Feldherrn des Kaisers gewiss
sehr gefallen kann aber an dem Beschluss nichts ändern Du gehst also nicht mit
uns zu Belisar«
    Cetegus stand auf »Ich gehe zu Belisar Aber nicht mit euch« sagte er und
ging hinaus
    Als die übrigen die Termen verlassen sprach der Papst zu Scävola »Das
gibt ihm den Rest Er hat sich vor Zeugen gegen die Übergabe erklärt«  »Und er
geht selbst in die Höhle des Löwen«  »Er soll sie nicht mehr verlassen Du
hast doch die Anklageakte aufgesetzt«  »Schon längst Ich fürchtete er werde
die Gewalt in der Stadt an sich reißen und er geht selbst zu Belisar Er ist
verloren der Stolze«  »Amen« sagte Silverius »Und so mag jeder untergehen
der in weltlichem Trachten dem heiligen Petrus widerstreitet Übermorgen um die
vierte Stunde machen wir uns auf«
    Aber er irrte der heilige Vater diesmal sollte der Stolze noch nicht
untergehen
    Cetegus war sofort nach seinem Hause geeilt wo der gallische Reisewagen
angeschirrt seiner wartete »Gleich brechen wir auf« rief er dem Sklaven zu
der auf dem vordersten Rosse saß »ich hole nur mein Schwert«
    Im Vestibulum traf er die Licinier die ihn ungeduldig erwarteten »Heut
kam der Tag« rief ihm Lucius entgegen »auf den du uns solang vertröstet« 
»Wo ist die Probe deines Vertrauens in unseren Mut unser Geschick unsere
Treue« fragte Marcus  »Geduld« sprach Cetegus mit erhobenem Zeigefinger und
schritt in sein Gemach
    Alsbald kam er wieder sein Schwert und mehrere Pergamente unterm linken
Arm eine versiegelte Rolle in der Rechten sein Auge leuchtete »Ist das
äußerste Eisentor der Moles Hadriani fertig« fragte er  »Fertig« sprach
Lucius Licinius  »Ist das Getreide aus Sizilien in dem Kapitol geborgen« 
»Geborgen«  »Sind die Waffen verteilt und die Schanzen am Kapitol vollendet
wie ich befahl«  »Vollendet« antwortete Marcus  »Gut Nehmt diese Rolle
Entsiegelt sie morgen sowie Silverius die Stadt verlassen und erfüllt jedes
ihrer Worte genau Es gilt nicht nur mein Leben und das eure  es gilt Rom Die
Stadt Cäsars wird eure Taten sehen Geht auf Wiedersehen«
    Und aus seinen Augen sprühte Feuer in die Herzen der jungen Römer  »Du
sollst zufrieden sein«  »Du und Cäsar« riefen sie und eilten hinweg Mit
einem Lächeln das selten auf seinem Antlitz mit solcher Freudigkeit spielte
sprang Cetegus in seinen Wagen »Heiliger Vater« sagte er zu sich selbst
»ich bin noch in deiner Schuld für die letzte Versammlung in den Katakomben ich
will sie zahlen  Die Via latina hinab« rief er rasch dem Sklaven zu »und lass
die Rosse jagen was sie können«
    Der Präfekt hatte einen Vorsprung von mehr als einem Tag vor der langsamer
reisenden Gesandtschaft Und er nutzte ihn wohl 
    Er hatte in seinem unermüdlichen Geist einen Plan ersonnen trotz Belisars
Landung in Italien doch in Rom Herr und Meister zu bleiben Und er ging jetzt
mit all seiner Umsicht an die Ausführung
    Kaum konnte er erwarten bis er auf die Vorposten der Byzantiner bei Kapua
traf deren Führer Johannes ihn durch einige Reiter und seinen eignen jüngeren
Bruder Perseus nach dem Hauptquartier geleiten ließ Im Lager angekommen
fragte Cetegus nicht nach dem Feldherrn sondern ließ sich sofort nach dem Zelt
des Rechtsrats Prokopius von Cäsarea führen
    Prokopius war sein Studiengenosse in Berytus auf der Juristenschule gewesen
und die beiden bedeutenden Geister hatten sich mächtig angezogen Aber nicht die
Wärme der Freundschaft führte den Präfekten vor allem zu diesem Mann dieser
Mann war der beste Kenner von Belisars ganzer politischer Vergangenheit wohl
auch der Vertraute seiner Pläne für die Zukunft
    Mit Freuden empfing den Jugendfreund Prokopius
    Er war ein Mann von frischem gesundem Menschenverstand einer von den
wenigen Gelehrten jener Zeit denen die gekünstelte Bildung in den
Rhetorenschulen nicht die Fähigkeit einfach aufzufassen und gesund zu fühlen
unter den Schnörkeln byzantinischer Gelehrteit erstickt hatte Heller Verstand
lag auf der offenen Stirn und in dem noch jugendlich leuchtenden Auge glänzte die
Freude an allem Guten
    Nachdem Cetegus Staub und Mühsal der Reise in einem sorgfältigen Bad
abgespült machte sein Wirt ehe er ihn zur Abendtafel in sein Zelt führte mit
ihm die Runde durch das Lager ihm die Quartiere der wichtigsten Truppenteile
der bedeutendsten Heerführer weisend und mit ein paar Worten deren Eigenart
Verdienste und oft bunt zusammengesetzte Vergangenheit erläuternd
    Da waren die Söhne des rauen Trakiens Konstantinus und Bessas die sich
aus rohem Söldnerhandwerk emporgerungen tapfre Soldaten aber ohne Bildung mit
dem ganzen Eigendünkel selbstgemachter Männer  sie betrachteten sich als
Belisars unentbehrliche Stützen und ihn vollersetzende Nachfolger
    Daneben der vornehme Iberier Peranius aus dem Königsgeschlecht der Iberier
der feindlichen Nachbarn der Perser der aus Hass gegen die persischen Überwinder
Vaterland und Hoffnung des Trones aufgegeben und Dienste in des Kaisers Heer
genommen hatte
    Dann Valentinus Magnus und Innocentius verwegene Führer der Reiterei
Paulus Demetrius Ursicinus die Führer des Fussvolks Ennes der isaurische
Häuptling und Heerführer der Isaurier Belisars Aigan und Askan die Führer der
Massageten Alamundarus und König Abocharabus die Sarazenen Ambazuch und
Bleda die Hunnen Arsakes Amazaspes und Artabanes die Armenier  der Arsakide
Phaza war mit dem Rest der Armenier in Neapolis zurückgelassen worden 
Azaretas und Barasmenes die Perser Antallas und Kabaon die Mauren Sie alle
kannte und nannte Prokopius karg sein Lob reichlich und mit Behagen spitzen
aber geistvollen Tadel spendend
    Eben wandten sie sich zu dem Quartier des Martinus des friedlichen
Städteverbrenners zur Rechten da fragte Cetegus stehen bleibend »Und wessen
ist das Seidenzelt dort auf dem Hügel mit den goldnen Sternen und dem
Purpurwimpel und seine Wachen tragen goldne Schilde«
    »Dort« sprach Prokop »wohnt seine unüberwindliche Köstlichkeit des
römischen Reiches Oberpurpurschneckenintendant Prinz Areobindos den Gott
erleuchte«
    »Des Kaisers Neffe nicht«
    »Jawohl er hat des Kaisers Nichte Projecta geheiratet sein höchstes und
einziges Verdienst Er ist hierher gesendet mit der Kaisergarde uns zu ärgern
und dafür zu sorgen dass wir nicht so leicht siegen Er ist Belisarius
gleichgestellt versteht vom Krieg so wenig wie Belisar von den Purpurschnecken
und soll Stattalter von Italien werden«
    »So« sprach Cetegus
    »Er wollte beim Lagerschlagen sein Zelt durchaus zur Rechten Belisars haben
Wir gaben nicht nach Zum Glück hat Gott in seiner Allweisheit jenen Hügel zur
Lösung unsres Rangstreits schon vor Jahrtausenden hier aufgeworfen nun lagert
der Prinz zwar links aber höher als Belisarius«  »Und wessen sind die bunten
Zelte dort hinter Belisars Quartier Wer wohnt darin«  »Dort« seufzte
Prokop »ein sehr unglückliches Weib Antonina Belisars Gemahlin«  »Sie
unglücklich die Gefeierte die zweite Kaiserin warum«  »davon ist nicht gut
reden in offener Lagergasse Komm mit ins Zelt der Wein wird genug gekühlt
sein«
 
                                Elftes Kapitel
Im Zelte fanden sie die zierlichen Polster des Feldbetts um einen niederen
Bronzetisch von durchbrochner Arbeit gelegt den Cetegus lobte
    »Das ist ein afrikanisches Beutestück aus dem Vandalenkrieg ich nahm es aus
Kartago mit Und diese weichen Kissen lagen einst auf dem Bett des
Perserkönigs ich erbeutete sie in der Schlacht von Dara«
    »Du bist mir ein praktischer Gelehrter« lächelte Cetegus »Wie bist du so
anders geworden seit den Tagen von Athen«
    »Das will ich hoffen« sprach Prokop und zerschnitt selbst  er hatte die
aufwartenden Sklaven entfernt  die dampfende Hirschkeule vor ihm »Du musst
wissen ich wollte Philosophie zu meinem Beruf machen Weltweiser werden Drei
Jahre hörte ich die Platoniker die Stoiker die Akademiker zu Athen  und
studierte mich krank und dumm Auch blieb es nicht bei der Philosophie Nach
löblicher Sitte unsres frommen Jahrhunderts musste auch die Theologie beigezogen
werden und ein weiteres Jahr hatte ich darüber nachzudenken ob Christus als
Gott Vater zugleich seiner eignen jungfräulichen Mutter Vater also sein eigener
Großvater sei Nun über all diesen Studien drohte mir mein von Natur gar nicht
zu verachtender Verstand abhanden zu kommen
    Zum Glück ward ich sterbenskrank und die Ärzte verboten mir Athen und alle
Bücher Sie schickten mich nach Kleinasien Ich rettete nur einen Tukydides in
meinen Reiseranzen Und dieser Tukydides rettete mich
    Ich las und las in der Langeweile der Reise seine herrliche Geschichte von
der Hellenen Taten in Krieg und Frieden und nun bemerkte ich mit Staunen dass
der Menschen Tun und Treiben ihre Leidenschaften ihre Tugenden und Frevel
eigentlich doch viel anziehender und denkwürdiger seien als alle Formeln und
Figuren heidnischer Logik  von der christlichen Logik vollends zu schweigen
    Und wie ich nach Ephesos gelangte und durch die Straßen schlenderte kam
plötzlich über mich eine wunderbare Erleuchtung Denn ich wandelte über einen
großen Platz da stand vor mir die Kirche des heiligen Geistes und war erbaut
auf den Trümmern des alten Dianatempels Und zur Linken stand ein zerfallner
Altar der Isis und zur Rechten ragte das Betaus der Juden
    Da ergriff mich plötzlich der Gedanke Die alle glaubten und glauben nun
steif und fest sie allein wüssten das Rechte von dem höchsten Wesen
    Und das ist doch unmöglich das höchste Wesen hat wie es scheint gar kein
Bedürfnis von uns erkannt zu werden  ich hätte es auch nicht an seiner Statt
 und es hat die Menschen geschaffen dass sie leben tüchtig handeln und sich
wacker umtreiben auf Erden Und dies Leben Handeln Genießen und Sichumtreiben
ist eigentlich alles worauf es ankommt Und wenn einer forschen und denken
will so soll er der Menschen Leben und Treiben erforschen
    Und wie ich so stand und sann da schmetterten Trompeten ein glänzender
Reiterzug trabte heran an seiner Spitze ein herrlicher Mann auf einem
Rotscheck schön und stark wie der Kriegsgott Und ihre Waffen blitzten und die
Fahnen flogen und die Rösslein sprangen Und ich dachte mir Die wissen warum
sie leben und brauchen keinen Philosophen darum zu fragen
    Und wie ich mit verwunderten Augen den Reitern zusah schlug mich ein Bürger
von Ephesos auf die Schulter und sprach Ihr scheint nicht zu wissen wer das
war und wohin sie ziehen Das ist der Held Belisarius der zieht in den
Perserkrieg  Gut sagte ich Freund Und ich ziehe mit Und so geschahs zur
selben Stunde
    Und Belisarius bestellte mich bald zu seinem Rechtsrat und Geheimschreiber
Und seither habe ich einen doppelten Beruf bei Tage mach ich Weltgeschichte
oder helfe sie machen und bei Nacht schreibe ich Weltgeschichte«  »Und
welches ist deine bessere Arbeit«  »Freund leider das Schreiben Und das
Schreiben wäre noch besser wenn die Geschichte besser wäre Denn ich bin
meistens gar nicht einverstanden mit dem was wir tun und tus nur mit weils
doch besser ist als gar nichts tun oder philosophieren Bringe den Tacitus
Sklave« rief er zur Zelttür hinaus
    »Den Tacitus«
    »Ja Freund vom Livius haben wir jetzt genug getrunken Du musst wissen ich
nenne meine Weine je nach ihrer geschichtlichen Eigenart  Zum Beispiel dieses
lärmende Stück Weltgeschichte das wir hier aufführen dieser Gotenkrieg ist
ganz gegen meinen Geschmack Narses hat ganz recht erst sollten wir die Perser
abwehren eh wir die Goten angreifen«
    »Narses was treibt mein kluger Freund«
    »Er beneidet Belisar und lässt sichs selbst nicht merken Außerdem macht er
Kriegs und Schlachtenpläne Ich wette er hatte Italien schon erobert ehe wir
landeten«
    »Du bist nicht sein Freund Er ist doch ein hoher Geist Warum ziehst du
Belisar vor«
    »Das will ich dir sagen« sprach Prokop den Tacitus einschenkend »Mein
Unglück ist dass ich nicht Geschichtsschreiber Alexanders oder Scipios geworden
Mein ganzes Herz sehnt sich seit ich der Philosophie   und Theologie 
genesen nach Menschen nach dem vollen ganzen Menschen mit Fleisch und Blut
Da widern mich diese spindeldürren Kaiser und Bischöfe und Feldherrn an die
alles mit dem Verstand erklügeln wir sind ein verkrüppeltes Geschlecht
geworden die Heroenzeit liegt hinter uns Nur Belisarius der Biedre ist noch
ein Heros wie aus der alten Zeit Er könnte mit Agamemnon vor Troja liegen Er
ist nicht dumm er hat Verstand aber nur den Naturverstand des edelen wilden
Tieres zu seinem Beutefang zu seinem Handwerk Belisars Handwerk nun ist die
Heldenschaft
    Und ich habe meine Freude an seiner breiten Brust und seinen blitzenden
Augen und den mächtigen Schenkeln mit denen er die stärksten Hengste zwingt
Und mich freuts wenn ihm manchmal die blinde Lust dreinzuschlagen durch alle
seine Feldherrnpläne braust Mich freuts wenn ich ihn in der Schlacht mitten
unter die Feinde jagen sehe und kämpfen wie ein schäumender Eber haut
    Freilich sagen darf ichs ihm nicht dass mir das gefällt denn sonst wärs
nicht auszuhalten in drei Tagen wär er in Stücke gehauen Im Gegenteil ich
halte ihn zurück ich bin sein Verstand wie er mich nennt Und er lässt sich
meine Verständigkeit gefallen weil er weiß dass sie nicht Feigheit ist Hab
ich ihn doch mehr als einmal mit meiner Laienklugheit aus einer Verlegenheit
ziehen müssen in die ihn der Trotz seines Heldentums gebracht Die lustigste
dieser Geschichten ist die von Horn und Tuba«
    »Welche von beiden bläsest du o mein Prokopius«
    »Keine nur die Posaune des Ruhms und die Pfeife des Spottes«
    »Aber was wars mit Horn und Trompete«
    »Ei wir lagen vor einem Felsennest in Persien das wir haben mussten weil
es die Straße beherrscht Wir hatten uns aber schon mehrmals unsre heroischen
Köpfe übel daran zerstossen und mein zorniger Herr schwor bei dem Schlummer
Justinians  das ist nämlich sein höchstes Heiligtum  er werde nie vor dieser
Burg Anglon zum Rückzug blasen lassen Nun wurden aber unsre Vorposten sehr oft
aus der Festung überfallen wir im hochgelegnen Lager konnten die Angreifer
aus der Burg brechen sehen nicht aber konnten das unsre Vorposten am Fuße des
Berges Ich riet nun dass wir vom Lager aus unsern Leuten das Zeichen zum
Rückzug geben lassen sollten so oft wir die Gefahr ihnen drohen sahen
    Aber da kam ich übel an
    Der Schlummer Justinians sei ein solches Heiligtum dass man an einem darauf
geleisteten Schwur nicht makeln dürfe Und so mussten sich denn unsre armen
Burschen von den Persern unversehens überrumpeln lassen Bis ich auf den
scharfsinnigen Ausweg kam meinem Helden vorzuschlagen er solle um die Unsern
zum Rückzug zu mahnen das Angriffszeichen mit dem Horn statt mit der Tuba
blasen lassen
    Das leuchtete ihm ein dem biederen Belisarius
    Und wenn wir nun lustig die Hörner zum Angriff schmettern ließ liefen
unsre Leute schleunigst wie geschreckte Hasen davon Es war zum Totlachen jene
mutigen Klänge so schnöde wirken zu sehen Aber es half Justinians Schlummer
und Belisars Eid blieben ungeschwächt unsre Vorposten wurden nicht mehr
abgeschlachtet und das Felsnest fiel endlich Also schelt ich ihn immer
spottend aus für seine Heroentaten Aber im stillen erwärme und erfreue ich mein
tiefstes Herz dran er ist der letzte Heros«
    »Nun« meinte Cetegus »bei den Goten findest du gar manchen solchen
Schlagetot«
    Prokop nickte bedächtig »Kann auch nicht leugnen dass ich großes
Wohlgefallen habe an diesen Goten Sind aber doch zu dumm«
    »Wie Warum«
    »Dumm sind sie dass sie anstatt hübsch langsam Schritt für Schritt im
Zusammenhang mit ihren gelbhaarigen Brüdern sich gegen uns vorzuschieben  sie
wären unaufhaltsam  in dieses Italien sich ohne allen Verstand vereinzelt
hereingedrängt haben wie ein Stück Holz mitten in einen glimmenden Herd Daran
werden sie untergehen sie werden verbrennen du wirst es sehen«  »Ich hoffe
es zu sehen Und was dann« fragte Cetegus ruhig
    »Ja« antwortete Prokop verdrießlich »was dann Das ist das Ärgerliche
Dann wird Belisar Stattalter von Italien  denn mit dem Schneckenprinzen dauert
es kein Jahr  und er verliegt hier seine schönste Kraft während es Arbeit
vollauf gäbe bei den Persern Und ich werde dann als sein Hofhistoriograph nur
zu schreiben haben wie viele Schläuche Wein wir jährlich vertilgen«
    »Du willst also wenn die Goten beseitigt sind Belisar wieder fort haben
aus Italien«
    »Freilich Im Perserland blühn seine Lorbeern und die meinen Ich sinne
schon lange auf ein Mittel ihn von hier dann wieder fortzubringen«
    Cetegus schwieg Er freute sich einen so wichtigen Bundesgenossen für
seinen Plan gefunden zu haben »Und so beherrscht also sein Verstand Prokopius
den Löwen Belisar« sagte er laut  »Nein« seufzte Prokop »vielmehr sein
Unverstand sein Weib«  »Antonina Sage weshalb nanntest du sie unglücklich«
    »Weil sie halb ist und ein Widerspruch Die Natur hat sie zu einem braven
treuen Weib angelegt und Belisar liebt sie mit der vollen Kraft seiner
Heroenseele Da kam sie an den Hof der Kaiserin Theodora diese schöne
Teufelin ist von Natur ebenso zur Buhlschaft angelegt wie Antonina zur Tugend
Die Zirkusdirne hat gewiss noch nie einen Stachel des Gewissens empfunden Aber
ich glaube sie erträgt es nicht ein ehrsam Weib in ihrer nächsten Nähe zu
haben das sie verachten müsste Sie ruhte nicht bis es ihr gelungen durch ihr
höllisches Beispiel Antoninas Gefallsucht zu wecken Gewissensqual empfindet
diese über ihr Spiel mit ihren Verehrern denn sie liebt ihren Mann sie betet
ihn an«
    »Und doch Wie mag ihr ein Held wie Belisar nicht genügen«
    »Eben weil er ein Held ist Er schmeichelt ihr nicht bei all seiner Liebe
Sie konnt es nicht tragen die Buhler der Kaiserin in Versen Blumen
Geschenken sich erschöpfen zu sehen und selbst solcher Huldigung zu entbehren
Eitelkeit ward ihr Fallstrick Aber es ist ihr gar nicht wohl bei all dem
Getändel«
    »Und ahnt Belisar« 
    »Keinen Schatten Er ist der einzige im ganzen römischen Kaiserreich der es
nicht weiß was ihn doch zumeist angeht Ich glaube es wäre sein Tod Und auch
deshalb schon darf Belisar nicht hier im Frieden Stattalter von Italien werden
Im Lager im Getümmel des Krieges da fehlen dem gefall süchtigen Weib die
Schmeichler und auch die Musse sie zu hören Denn gleichsam zur freiwilligen
Busse für jene süßen Verbrechen der heimlichen Gedichte und Blumen  gröberer
Schuld ist sie gewiss nicht fähig  überbietet Antonina alle Frauen an
Pflichtstrenge sie ist Belisars Freund sein Mitfeldherr sie teilt die
Beschwerden und Gefahren des Meeres der Wüste des Krieges mit ihm sie
arbeitet mit ihm Tag und Nacht wann sie nicht gerade Verse andrer auf ihre
schönen Augen liest  Schon oft hat sie ihn gerettet aus den Schlingen seiner
Feinde am Hofe zu Byzanz Kurz nur im Krieg im Lager tut sie gut da wo auch
seine Größe allein gedeiht«
    »Nun« sprach Cetegus »weiß ich genug wie die Dinge hier stehen Lass mich
offen mit dir reden du willst Belisar nach seinem Sieg aus Italien wieder fort
haben ich auch du um Belisars ich um Italiens willen Du weißt ich war von
jeher Republikaner «   
    Da schob Prokop den Becher zur Seite und sah seinen Gast bedeutsam an »Das
sind alle jungen Leute zwischen vierzehn und einundzwanzig Jahren Aber dass dus
noch bist  find ich sehr  sehr  unhistorisch Aus diesem italischen
Gesindel unsern höchst liebwerten Bundesgenossen gegen die Goten willst du
Bürger einer Republik machen Sie sind zu nichts mehr gut als zur Tyrannis«
    »Ich will darüber nicht streiten« lächelte Cetegus »Aber vor eurer
Tyrannis möcht ich mein Vaterland bewahren«
    »Kann dirs nicht verdenken« lächelte Prokop »die Segnungen unsrer
Herrschaft sind  erdrückend«
    »Ein eingeborner Stattalter unter dem Schutz von Byzanz genügt zunächst«
    »Jawohl und dieser würde Cetegus heißen«
    »Wenns sein muss  auch das«
    »Höre« sprach Prokop ernstaft »ich warne dich dabei nur vor einem Die
Luft von Rom heckt stolze Pläne aus Man ist dort als Herr von Rom nicht gern
der zweite auf Erden Und glaube dem Historikus es ist doch nichts mehr mit der
Welterrschaft Roms«
    Cetegus ward unwillig Er gedachte der Warnung König Teoderichs
»Historikus von Byzanz meine römischen Dinge kenne ich besser als du Lass dich
jetzt einweihen in unsre römischen Geheimnisse dann verschaffe mir morgen früh
eh die Gesandtschaft von Rom anlangt ein Gespräch mit Belisar und  sei eines
großen Erfolges gewiss« Und nun begann er dem staunenden Prokop mit raschen
Strichen ein Bild der Geheimgeschichte der jüngsten Vergangenheit und seine
Pläne der Zukunft zu entwerfen sein letztes Ziel wohlweislich verhüllend
    »Bei den Manen des Romulus« rief Prokop als er geendet hatte »Ihr macht
noch immer Weltgeschichte an dem Tiber Nun hier meine Hand Meine Hilfe hast
du Belisar soll siegen doch nicht herrschen in Italien darauf lass uns noch
einen Krug herben Sallustius leeren«
    Früh am andern Tage vermittelte Prokop seinem Freunde eine Unterredung mit
Belisar von welcher jener sehr befriedigt zurückkam
    »Nun hast du ihm alles gesagt« fragte der Historiker
    »Nicht eben alles« sprach Cetegus mit feinem Lächeln »man muss immer noch
etwas zu sagen übrig behalten«
 
                               Zwölftes Kapitel
Bald darauf ward das Lager von seltsamer Aufregung erfüllt
    Das Gerücht von der Ankunft des heiligen Vaters das seiner reich
vergoldeten Sänfte voranflog riss die Tausende von Soldaten mit Kräften der
Andacht der Ehrfurcht des Aberglaubens der Neugier aus ihren Zelten von
Schlaf und Schmaus und Spiel hinweg ihm entgegen Kaum dass die Anführer die
Mannschaft im Dienst und auf den Wachen zurückhalten konnten meilenweit waren
ihm die Gläubigen entgegengeeilt und geleiteten jetzt mit Haufen des Landvolks
der Umgegend gemischt seinen Zug ins Lager Längst hatten sich Bauern und
Soldaten an der Eselinnen Statt die seine Sänfte trugen eingespannt 
vergebens hatte sich die Bescheidenheit des Papstes dagegen gesträubt  und
unter unaufhörlichem Jubelruf »Heil dem Bischof von Rom Heil dem heiligen
Petrus« wälzte sich der Strom der Tausende heran über die Silverius
unermüdlich Segen sprach Seiner beiden Mitgesandten Scävola und Albinus
dachte kein Mensch
    Belisar sah von seinem Zeltügel aus mit ernsten Augen das mächtige
Schauspiel »Der Präfekt hat recht« sprach er dann »dieser Priester ist
gefährlicher als die Goten Es ist ein Triumphzug Prokop lass die byzantinische
Leibwache an meinem Zelt ablösen sowie die Unterredung beginnt sie sind
allzugute Christen Lass die Hunnen aufziehn und die heidnischen Gepiden«
    Damit schritt er in sein Zelt zurück wo er alsbald von seinen Heerführern
umgeben die römische Gesandtschaft empfing Den Prinzen Areobindos hatte Prokop
von der Notwendigkeit einer Rekognoszierung überzeugt die nur heute und nur von
ihm vorgenommen werden konnte
    Umwogt von einem glänzenden geistlichen Gefolge nahte der Papst dem
Feldherrnzelt Große Massen Volkes drängten nach aber sowie der Papst mit
Scävola und Albinus die Mündung der engen Lagergasse hinter sich hatten
sperrten die Wachen mit gefällten Lanzen den Weg und ließ weder Priester noch
Soldaten folgen
    Lächelnd wandte sich Silverius zu dem Führer der Schar und hielt ihm eine
schöne Rede über den Text »Lasst die Kleinen zu mir kommen und wehret ihnen
nicht« Aber der Germane schüttelte den zottigen Kopf und wandte ihm den Rücken
der Gepide verstand kein Latein außer dem Kommando
    Da lächelte Silverius wieder segnete nochmals seine Getreuen und schritt
dann ruhig weiter in das Zelt Belisar saß auf einem Feldsessel darüber war
eine Löwenhaut gebreitet ihm zur Linken tronte die schöne Antonina auf einem
Pardelfell Ihre wunde Seele hatte in dem Nachfolger des heiligen Petrus einen
Arzt und Helfer zu finden gehofft Aber bei dem Anblick der weltklugen Züge des
Silverius zog sich ihr Herz zusammen
    Belisar erhob sich beim Eintritt des Papstes
    Dieser schritt ohne sich zu neigen gerade auf ihn zu und legte ihm  er
musste sich mühsam dazu aufrichten  wie segnend beide Hände auf die Schultern
Er wollte ihn leise niederdrücken auf die Kniee  aber eichenfest blieb der
Feldherr aufrecht stehen und Silverius musste dem Stehenden den Segen erteilen
    »Ihr kommt als Gesandte der Römer« begann Belisar
    »Ich komme« unterbrach Silverius »im Namen des heiligen Petrus als
Bischof von Rom dir und dem Kaiser Justinian meine Stadt zu übergeben Diese
guten Leute« fuhr er fort auf Scävola und Albinus weisend »haben sich mir
angeschlossen wie die Glieder dem Haupt« Unwillig wollte Scävola einfallen  so
hatte er seinen Bund mit der Kirche nicht verstanden  aber Belisar winkte ihm
zu schweigen
    »Und so heiße ich dich willkommen in Italien und Rom im Namen des Herrn
Ziehe ein in die Mauern der ewigen Stadt zum Schirme der Kirche und der
Gläubigen wider die Ketzer Erhöhe dort den Namen des Herrn und das Kreuz Jesu
Christi und vergiss nie dass es die heilige Kirche war die dir die Wege gebahnt
und die Pfade gebaut Ich bin es gewesen den Gott zum Werkzeug gewählt die
Goten in törichte Sicherheit zu wiegen und blinden Auges aus der Stadt zu
führen ich bin es gewesen der die schwankende Stadt die Bürger für dich
gewonnen und die Anschläge deiner Feinde vernichtet hat Der heilige Petrus ist
es der dir mit meiner Hand die Schlüssel seiner Stadt überreicht auf dass du
sie ihm beschirmest und beschützest Vergiss niemals dieser Worte« Und er
reichte ihm die Schlüssel des asinarischen Tores
    »Ich werde sie nie vergessen« sprach Belisar und winkte Prokop der den
Schlüssel aus der Hand des Papstes nahm »Du sprachst von Anschlägen meiner
Feinde Hat der Kaiser Feinde in Rom«
    Da sprach Silverius mit Seufzen »Lass ab Feldherr zu fragen
    Ihre Netze sind zerrissen sie sind unschädlich und der Kirche steht nicht
an zu verklagen sondern zu entschuldigen und alles zum besten zu kehren«
    »Es ist deine Pflicht heiliger Vater dem rechtgläubigen Kaiser die
Verräter zu entdecken die unter seinen römischen Untertanen sich bergen und
ich fordre dich auf seinen Feind zu entlarven«
    Silverius seufzte »die Kirche dürstet nicht nach Blut«  »Aber sie darf
den Arm der weltlichen Gerechtigkeit nicht hemmen« sprach Scävola Und der
Jurist trat vor und überreichte Belisar eine Papyrusrolle »Ich hebe Klage gegen
Kornelius Cetegus Cäsarius den Präfekten von Rom wegen Majestätsbeleidigung
und Empörung gegen Kaiser Justinian Diese Schrift enthält die Klagepunkte und
die Beweise Er hat des Kaisers Regierung eine Tyrannei gescholten Er hat sich
der Landung kaiserlicher Heere nach Kräften widersetzt Er hat endlich noch vor
wenig Tagen er allein dafür gestimmt die Tore Roms dir nicht zu öffnen«
    »Und welche Strafe beantragt ihr« fragte Belisar in die Schrift blickend
    »Nach dem Gesetz den Tod« sprach Scävola  »Und seine Güter verfallen nach
dem Gesetz« sprach Albinus »halb dem Fiskus halb den Klägern«  »Und seine
Seele der Barmherzigkeit Gottes« schloss der Bischof von Rom
    »Wo ist der Angeklagte« fragte Belisar
    »Er verhieß dich aufzusuchen aber ich fürchte sein böses Gewissen wird
ihn nicht haben kommen lassen«
    »Du irrst Bischof von Rom« sprach Belisar »er ist schon hier«
    Bei diesem Wort fiel der Vorhang im Hintergrund des Zeltes und vor den
erstaunten Anklägern stand Cetegus der Präfekt Überrascht fuhren die Ankläger
auf schweigend mit vernichtendem Blick trat Cetegus einige Schritte vor bis
er zur Rechten Belisars stand
    »Cetegus hat mich früher aufgesucht als du« fuhr der Feldherr nach einer
Pause fort »und er ist dir zuvorgekommen  auch im Anklagen Du stehst als
schwer Beschuldigter vor mir Silverius Verteidige dich ehe du verklagst«
    »Ich als Beschuldigter« lächelte der Papst »Wo wäre ein Kläger oder ein
Richter für den Nachfolger des heiligen Petrus«
    »Der Richter bin ich an deines Herrn des Kaisers Statt«
    »Und der Kläger« fragte Silverius
    Cetegus wandte sich halb gegen Belisar und sprach »Der Kläger bin ich Ich
habe Silverius den Bischof von Rom des Verbrechens der verletzten Majestät des
Kaisers und des Hochverrats am römischen Reich geziehen Ich beweise sofort
meine Klage Silverius hat die Absicht die Herrschaft der Stadt Rom und einen
großen Teil Italiens dem Kaiser Justinian zu entreißen und  lächerlich zu
sagen  ein Priesterreich zu gründen in dem Vaterlande der Cäsaren Und schon
hat er den nächsten Versuch getan zur Ausführung dieses  soll ich sagen seines
Wahnsinns oder seines Verbrechens Hier überreiche ich einen Vertrag  hier
steht die Unterschrift seiner Hand  den er mit Teodahad dem letzten Fürsten
der Barbaren geschlossen Der König verkauft darin für ewige Zeiten für die
Summe von tausend Pfund Gold an den heiligen Petrus und seine Nachfolger für
den Fall dass Silverius Bischof von Rom werde die Herrschaft der Stadt und das
Weichbild von Rom und dreißig Meilen in der Runde Es sind aufgezählt alle
Hoheitsrechte Gerichtsbarkeit Gesetzgebung Verwaltung Steuern Zölle und
selbst Kriegsgewalt Dieser Vertrag ist nach seinem Datum drei Monate alt Also
im selben Augenblick da der fromme Archidiakon hinter Teodahads Rücken die
Waffen des Kaisers herbeirief schloss er hinter des Kaisers Rücken einen
Vertrag der diesem die Früchte seiner Anstrengung rauben und den Papst für alle
Fälle sichern sollte Ich überlasse es dem Stellvertreter des Kaisers wie
solche Klugheit zu würdigen sei Für die Erwählten des Herrn gilt als besondere
Klugheit der Schlangen Moral  unter uns Laien ist solches Tun « 
    »Der schändlichste Verrat« fiel Belisar donnernd ein sprang auf und nahm
die Urkunde aus des Präfekten Hand  »Hier sieh Priester deinen Namen kannst
du noch leugnen«
    Der Eindruck dieser Anklage dieses Beweises auf alle Anwesenden war ein
gewaltiger Staunen und Unwillen gemischt mit Spannung auf des Papstes
Verteidigung lag auf den Zügen aller Gesichter am meisten aber war Scävola
der kurzsichtige Republikaner überrascht von diesen Herrscherplänen seines
gefährlichen Verbündeten Er hoffte Silverius werde die Verleumdung siegreich
niederschlagen
    Die Lage des Papstes war in der Tat höchst gefährlich die Anklage schien
unwiderleglich und das zornlohende Antlitz Belisars hätte manch tapfres Herz
erschreckt Aber Silverius zeigte in diesem Augenblick dass er kein
unebenbürtiger Gegner des Präfekten und des Helden von Byzanz war Nicht eine
Sekunde hatte er die Fassung verloren nur als Cetegus die Urkunde aus dem
Gewand hervorzog hatte er einen Moment die Augen niedergeschlagen wie aus
Schmerz Aber dem donnernden Ruf wie den blitzenden Augen Belisars hielt er ein
unerschütterlich ruhiges Angesicht entgegen Er fühlte dass er in dieser Stunde
den Gedanken seines Lebens verfechten musste dies gab ihm kühne Kraft keine
Wimper zuckte ihm
    »Wie lange wirst du noch schweigen« fuhr ihn Belisar an
    »Bis du fähig und würdig bist mich zu hören Du bist besessen von
Urchitophel dem Dämon des Zornes«
    »Sprich Verteidige dich« sagte Belisar sich setzend
    »Die Klage dieses gottlosen Mannes« hob Silverius an »bringt nur ein Recht
der heiligen Kirche noch früher ans Licht als sie es in dieser unruhigen Zeit
geltend machen wollte Es ist wahr ich habe diesen Vertrag mit dem
Barbarenkönig geschlossen«
    Eine Bewegung der Entrüstung ging durch die Reihen der Byzantiner
    »Nicht aus weltlicher Herrschsucht nicht um neues Recht zu erwerben habe
ich mit dem König der Goten als dem damaligen Besitzer der Stadt verhandelt
Nein die Heiligen sind mir Zeugen Nur weil es meine Pflicht ein uraltes Recht
des heiligen Petrus nicht fallen zu lassen«
    »Ein uraltes Recht« fragte Belisar unwillig
    »Ein uraltes Recht« wiederholte Silverius »das geltend zu machen die
Kirche nur bisher unterlassen hat Ihre Feinde nötigen sie in diesem Augenblick
damit hervorzutreten Wisst denn du Vertreter des Kaisers hört es ihr
Kriegsobersten und Schwertgewaltigen was sich die Kirche von Teodahad hat
einräumen lassen ist schon seit zwei Jahrhunderten ihr Eigentum der Gote hat
es nur bestätigt
    An demselben Ort wo des Präfekten tempelschänderische Hand diese
Bestätigung entwendet hätte er auch die Urkunde finden können die ursprünglich
unser Recht begründet hat Der fromme Kaiser Konstantinus der sich zuerst von
den Vorgängern Justinians der Lehre des Heils zugewandt hat auf Bitten seiner
gottseligen Mutter Helena nachdem er alle seine Feinde mit sichtbarer Hilfe der
Heiligen besonders des heiligen Petrus unter seine Füße getreten zur
dankbaren Anerkenntnis solchen Beistandes und um vor aller Welt zu bezeugen dass
Krone und Schwert sich vor dem Kreuz der Kirche zu beugen haben die Stadt Rom
mit ihrem Weichbild und die benachbarten Städte und Marken durch eine feierliche
Schenkungsurkunde für ewige Zeiten dem heiligen Petrus zu eigen übertragen mit
Gericht und Verwaltung Steuer und Zoll und allen Kronrechten irdischer
Herrschaft auf dass die Kirche auch einen weltlichen Boden habe zur leichteren
Vollführung ihrer weltlichen Aufgaben Diese Schenkung ist durch eine
rechtsgültige Urkunde in aller Form verbrieft der Fluch von Gehenna ist jedem
gedroht der sie anstreitet Und ich frage im Namen des dreieinigen Gottes den
Kaiser Justinian ob er diese Rechtshandlung seines Vorgängers des in Gott
seligen Kaisers Konstantinus anerkennen oder ob er sie aus weltlicher Habgier
umstossen und damit den Fluch der Gehenna und die ewige Verdammnis auf sein Haupt
laden will«
    Diese Rede des Bischofs von Rom mit aller Kraft geistlicher Würde und aller
Kunst weltlicher Rhetorik vorgetragen war von unwiderstehlicher Wirkung
Belisar Prokop und die Feldherren die eben noch über den verräterischen
Priester ein zorniges Gericht hatten halten wollen fühlten sich jetzt durch den
plötzlich ihnen entgegengehaltenen Rechtstitel selbst wie verurteilt
    Der Kern Italiens schien unwiderbringlich dem Kaiser verloren und der
Herrschaft der Kirche anheimgegeben Ein banges Schweigen lagerte über den
jüngst noch so herrischen Byzantinern und triumphierend stand der Priester als
Sieger in ihrer Mitte Endlich sprach Belisar der die Aufgabe der Bekämpfung
oder die Schmach der Niederlage von sich abwälzen wollte »Präfekt von Rom was
hast du zu erwidern«
    Mit einem kaum bemerkbaren Zucken des Spottes um die feinen Lippen verneigte
sich Cetegus und begann »Der Angeklagte beruft sich auf eine Urkunde
    Ich könnte glaub ich ihn in große Verlegenheit versetzen wenn ich ihr
Vorhandensein bestritte und die sofortige Vorlage der Urschrift von ihm
verlangte Indessen will ich dem Manne der sich das Haupt der Christenheit
nennt nicht wie ein gehässiger Anwalt begegnen Ich räume ein die Urkunde
existiert«
    Belisar machte eine Bewegung hilflosen Verdrusses
    »Mehr noch Ich habe dem heiligen Vater die Mühe der Vorlage derselben die
ihm sonst sehr schwer fallen dürfte erspart und die Urkunde selbst mitgebracht
in meiner tempelschänderischen Hand« Er zog ein vergilbtes Pergament aus dem
Sinus und sah lächelnd bald in dessen Zeilen bald auf des Papstes bald auf
Belisars Gesicht an deren Spannung sich weidend
    »Ja noch mehr Ich habe die Urkunde viele Tage lang mit feindselig
forschenden Augen mit Zuziehung noch schärferer Juristen als ich es leider nur
bin  so meines jungen Freundes Salvius Julianus  bis auf jeden Buchstaben
nach ihrer formellen Gültigkeit geprüft Vergebens  Selbst der Scharfsinn
meines verehrten und gelehrten Freundes Scävola könnte keinen Mangel
herausinterpretieren Alle Formen des Rechts alle Klauseln höchster
unanfechtbarer Sicherheit sind in der Schenkungsakte haarscharf gewahrt und in
der Tat: ich hätte den Protonotarius des Kaisers Konstantin kennen mögen er muss
ein Jurist ersten Ranges gewesen sein« Er hielt inne  höhnisch ruhte sein
Auge auf dem Antlitz des Silverius der sich den Schweiß von den Schläfen
wischte
    »Also« fragte Belisar in höchster Aufregung »die Urkunde ist formell ganz
richtig  daher beweiskräftig«
    »Jawohl« seufzte Cetegus »die Schenkung ist in ganz makelloser Ordnung
Schade nur dass  «
    »Nun« unterbrach Belisar
    »Schade nur dass sie falsch ist«
    Da flog ein Schrei von allen Lippen Belisar Antonina sprangen auf alle
Anwesenden traten einen Schritt näher zu dem Präfekten Nur Silverius wankte
einen Schritt zurück
    »Falsch« fragte Belisar mit einem Ruf der wie ein Jubel klang »Präfekt 
Freund  kannst du das beweisen«
    »Sonst hätte ich mich gehütet es zu behaupten Das Pergament auf das die
Schenkung geschrieben ist zeigt alle Spuren eines hohen Alters Brüche
Wurmstiche Flecken jeder Art alles was man von Ehrwürdigkeit verlangen kann
 so dass es manchmal sogar schwierig ist die Buchstaben zu erkennen Gleichwohl
stellt sich die Urkunde nur so alt mit so großem Aufwand von Kunst als manche
Frauen sich den Schein der Jugend geben lügt sie die Heiligkeit des Alters Es
ist echtes Pergament aus der alten von Konstantin begründeten noch heute
bestehenden kaiserlichen Pergamentfabrik zu Byzanz«
    »Zur Sache« rief Belisar
    »Aber es ist wohl nicht jedem bekannt  und es scheint auch leider dem
heiligen Bischof entgangen zu sein  dass bei diesen Pergamenten ganz unten 
links am Rande  durch Stempelschlag das Jahr der Fertigung durch Angabe der
Jahreskonsuln in allerdings kaum wahrnehmbaren Buchstaben bezeichnet wird Nun
gib wohl acht o Feldherr
    Die Urkunde will wie sie im Texte sagt gefertigt sein im sechzehnten Jahre
von Konstantins Regierung im gleichen Jahre da er die Heidentempel schließen
ließ wie das fromme Pergament besagt ein Jahr nach der Erhebung von
Konstantinopolis zur Hauptstadt und nennt richtig die richtigen Konsuln dieses
Jahres Dalmatius und Xenophilos
    Da ist es nun wirklich nur durch ein Wunder zu erklären  aber hier hat
Gott der Herr ein Wunder gegen seine Kirche getan  dass man in jenem Jahre
also im Jahre dreihundertfünfunddreissig nach der Geburt des Herrn schon ganz
genau wusste wer im Jahr nach dem Tode des Kaisers Justinus und des Königs
Teoderich Konsul sein würde denn seht hier unten am Rande der Stempel besagt
der Schreiber hatte ihn nicht beachtet  er ist auch wirklich sehr schwer
wahrzunehmen wenn man das Pergament nicht gegen das Licht hält  so etwa
siehst du Belisar und er hatte blindlings drei Kreuze darauf gemalt ich aber
habe diese Kreuze mit meiner  wie hieß es doch  tempelschänderischen aber
geschickten Hand weggewischt und siehe da steht eingestempelt VI Indiktion
Justianinus Augustus allein Konsul im ersten Jahre seiner Herrschaft«
    Silverius wankte und hielt sich an dem Stuhl den man für ihn bereit
gestellt
    »Das Pergament der Urkunde auf welches der Protonotar des Kaisers
Konstantin vor zweihundert Jahren die Schenkung niederschrieb ist also erst vor
einem Jahre zu Byzanz einem Esel von den Rippen gezogen worden Gesteh o
Feldherr dass hier das Gebiet des Begreiflichen endet und des Übernatürlichen
beginnt dass hier ein Wunder der Heiligen geschah und verehre das Walten des
Himmels« Er reichte Belisar die Urkunde
    »Das ist auch ein tüchtig Stück Weltgeschichte heilige und profane was wir
da erleben« sagte Prokop zu sich selbst
    »Es ist so beim Schlummer Justinians« frohlockte Belisar »Bischof von
Rom was hast du zu erwidern«
    Mühsam hatte sich Silverius gefasst er sah den Bau seines Lebens vor seinen
Augen in die Erde versinken Mit halb versagender Stimme antwortete er
    »Ich fand die Urkunde im Archiv der Kirche vor wenigen Monden Ist dem so
wie ihr sagt so bin ich getäuscht wie ihr«
    »Wir sind aber nicht getäuscht« lächelte Cetegus
    »Ich wusste nichts von jenem Stempel ich schwöre es bei den Wunden Christi«
 »Das glaub ich dir ohne Schwur heiliger Vater« fiel Cetegus ein  »Du
wirst einsehn Priester« sprach Belisar sich erhebend »dass über diese Sache
die strengste Untersuchung « 
    »Ich verlange sie« sprach Silverius »als mein Recht«
    »Es soll dir werden zweifle nicht Aber nicht ich darf es wagen hier zu
richten nur die Weisheit des Kaisers selbst kann hier das Recht finden
Vulkaris mein getreuer Heruler dir übergeb ich die Person des Bischofs Du
wirst ihn sogleich auf ein Schiff bringen und nach Byzanz führen«
    »Ich lege Verwahrung ein« sprach Silverius »Über mich kann niemand richten
auf Erden als ein Konzil der ganzen rechtgläubigen Kirche Ich verlange nach
Rom zurückzukehren«
    »Rom siehst du niemals wieder Und über deine Rechtsverwahrung wird der
Kaiser Justinian der Kaiser des Rechts mit Tribonian entscheiden Aber auch
deine Genossen Scävola und Albinus die falschen Mitankläger des Präfekten der
sich als des Kaisers treusten klügsten Freund erwiesen sind hoch verdächtig
Justinian entscheide wieweit sie unschuldig Auch sie führt in Ketten nach
Byzanz Zu Schiff Dort hinaus zur Hintertür des Zeltes nicht durchs Lager
Vulkaris dieser Priester aber ist des Kaisers gefährlichster Feind Du bürgst
für ihn mit deinem Kopf«
    »Ich bürge« sprach der riesige Heruler vortretend und die gepanzerte Hand
auf des Bischofs Schulter legend »Fort mit dir Priester zu Schiff Er stirbt
eh er mir entrissen wird«
    Silverius sah ein dass weiteres Widerstreben nur seine Würde gefährdende
Gewalt hervorrufen werde Er fügte sich und schritt neben dem Germanen der die
Hand nicht von seiner Schulter löste nach der Tür im Hintergrund des Zeltes
die eine der Wachen auftat
    Er musste hart an Cetegus vorbei Er beugte das Haupt und sah ihn nicht an
aber er hörte wie dieser ihm zuflüsterte »Silverius diese Stunde vergilt
deinen Sieg in den Katakomben Nun sind wir wett«
 
                              Dreizehntes Kapitel
Sowie der Bischof das Zelt verlassen erhob sich Belisar lebhaft von seinem
Sitze eilte auf den Präfekten zu umarmte und küsste ihn »Nimm meinen Dank
Cetegus Cäsarius Ich werde dem Kaiser berichten dass du ihm heute Rom gerettet
hast Dein Lohn wird nicht ausbleiben«
    Aber Cetegus lächelte »Meine Taten belohnen sich selbst«
    Den Helden Belisarius hatte der geistige Kampf dieser Stunde der rasche
Wechsel von Zorn Furcht Spannung und Triumph mehr als ein halber Tag des
Kampfes unter Helm und Schild angestrengt und erschöpft Er verlangte nach
Erholung und Labung und entließ seine Heerführer von denen keiner ohne ein Wort
der Anerkennung an den Präfekten das Zelt verließ Dieser sah seine
Überlegenheit von allen auch von Belisar anerkannt es tat ihm wohl in einer
Stunde den schlauen Bischof vernichtet und die stolzen Byzantiner gedemütigt zu
haben Aber er wiegte sich nicht müßig in dieser Siegesfreude Dieser Geist
kannte die Gefährlichkeit des Schlafes auf Lorbeer Lorbeer betäubt
    Er beschloss sofort den Sieg zu verfolgen die geistige Übergewalt die er
in diesem Augenblick über den Helden von Byzanz unverkennbar besaß jetzt unter
ihrem ersten frischen Eindruck mit aller Kraft zu benutzen und den lang
vorbereiteten Hauptstreich zu führen Während er mit solchen Gedanken dem Zug
der Heerführer nachsah die sich aus dem Zelt entfernten bemerkte er nicht dass
zwei Augen mit eigentümlichem Ausdruck auf ihm ruhten Es waren Antoninas Augen
Die Vorgänge deren Zeugin sie gewesen hatten einen seltsam gemischten Eindruck
auf sie gemacht Zum erstenmal hatte sie den Abgott ihrer Bewunderung ihren
Gatten ohne alle eigne Kraft sich zu helfen und zu wehren in den Schlingen
eines andern des klugen Priesters liegen und nur durch die überlegne Kraft
dieses dämonischen Römers gerettet gesehen Anfangs hatte ihr in dem Gatten
verletzter Stolz diese Demütigung mit schmerzlichem Hass gegen den Übermächtigen
empfunden
    Aber dieser Hass hielt nicht vor und unwillkürlich trat wie immer gewaltiger
sich die Macht seiner Überlegenheit entfaltete Bewunderung an des Verdrusses
Stelle und erschreckte Unterordnung sie empfand nur noch das Eine ihren
Belisar hatte die Kirche und Cetegus hatte ihren Belisar und die Kirche
verdunkelt Und daran knüpfte sich unzertrennlich der ängstliche Wunsch diesen
Mann nie zum Feind immer zum Verbündeten ihres Gatten zu haben Kurz Cetegus
hatte an dem Weibe Belisars eine geistige Eroberung von größter Wichtigkeit
gemacht und er sollte es noch dazu sofort merken
    Mit gesenkten Augen trat das schöne sonst so sichre Weib auf ihn zu er sah
auf da errötete sie über und über und reichte ihm eine zitternde Hand »Präfekt
von Rom« sagte sie »Antonina dankt dir Du hast dir ein großes Verdienst
erworben um Belisarius und den Kaiser Wir wollen gute Freundschaft halten«
    Mit Staunen sah Prokop der im Zelt zurückgeblieben diesen Vorgang »Mein
Odysseus überzaubert die Zauberin Circe« dachte er
    Cetegus aber erkannte im Augenblick wie sich diese Seele vor ihm beugte
und welche Gewalt er dadurch über Belisar gewonnen »Schöne Magistra Militum«
sagte er sich hoch aufrichtend »deine Freundschaft ist der reichste Lorbeer
meines Sieges Ich stelle sie sogleich auf die Probe Ich bitte dich und Prokop
meine Zeugen meine Verbündeten zu sein in der Unterredung die ich jetzt mit
Belisar zu führen habe«
    »Jetzt« sagte Belisar ungeduldig »Kommt lasst uns erst zu Tische gehen und
im Cäkuber den Sturz des Priesters feiern« Und er schritt zur Türe
    Aber Cetegus blieb ruhig stehen in der Mitte des Zeltes und Antonina und
Prokop lagen so ganz unter dem Bann seines Einflusses dass sie nicht ihrem Herrn
zu folgen wagten Ja Belisar selbst wandte sich und fragte »Muss es denn jetzt
gerade sein«
    »Es muss« sagte Cetegus und er führte Antonina an der Hand nach ihrem Sitz
zurück
    Da schritt auch Belisar wieder zurück »Nun so sprich« sagte er »aber
kurz«
    »So kurz als möglich Ich habe immer gefunden dass gegenüber großen Freunden
oder großen Feinden Aufrichtigkeit das stärkste Band oder die beste Waffe
Danach werd ich in dieser Stunde handeln Wenn ich sagte mein Tun lohnt sich
selbst so wollt ich damit ausdrücken dass ich dem falschen Priester die
Herrschaft über Rom nicht eben um des Kaisers willen entrissen«
    Belisar horchte hoch auf Prokop erschrocken über diese allzu kühne
Offenheit seines Freundes machte ihm ein abmahnendes Zeichen
    Antoninas rasches Auge hatte das bemerkt und stutzte misstrauisch über das
Einverständnis der beiden Cetegus entging dies nicht »Nein Prokop« sagte er
zu Belisars Erstaunen »unsre Freunde hier würden doch allzubald erkennen dass
Cetegus nicht der Mann ist seinen Ehrgeiz in einem Lächeln Justinians
befriedigt zu finden Ich habe Rom nicht für den Kaiser gerettet«
    »Für wen sonst« fragte Belisar ernst
    »Zunächst für Rom Ich bin ein Römer Ich liebe mein ewiges Rom Es sollte
nicht dem Priester dienstbar werden Aber auch nicht die Sklavin des Kaisers
Ich bin Republikaner« sprach er das Haupt trotzig aufwerfend
    Über Belisars Antlitz flog ein Lächeln der Präfekt schien ihm nicht mehr so
bedeutend Prokop sagte achselzuckend »Unbegreiflich« Aber Antoninen gefiel
dieser Freimut
    »Zwar sah ich ein dass wir nur mit dem Schwerte Belisars die Barbaren
niederschlagen können Leider auch dass unsre Zeit nicht ganz reif ist mein
Traumbild republikanischer Freiheit zu verwirklichen Die Römer müssen erst
wieder zu Katonen werden dies Geschlecht muss aussterben und ich erkenne dass
Rom einstweilen nur unter dem Schilde Justinians Schutz findet gegen die
Barbaren Drum wollen wir uns diesem Schilde beugen  einstweilen«
    »Nicht übel« dachte Prokop »der Kaiser soll sie solang schützen bis sie
stark genug sind ihn zum Dank davonzujagen«
    »Das sind Träume mein Präfekt« sagte Belisar mitleidig »was haben sie für
praktische Folgen«
    »Die dass Rom nicht mit gebundenen Händen ohne Bedingung der Willkür des
Kaisers überliefert werden soll Justinian hat nicht nur Belisar zum Diener
Denke wenn der herzlose Narses dein Nachfolger würde«  Die Stirn des Helden
faltete sich  »Deshalb will ich dir die Bedingungen nennen unter denen die
Stadt Cäsars dich und dein Heer in ihre Mauern aufnehmen wird«
    Aber das war Belisar zu viel Zürnend sprang er auf sein Antlitz glühte
sein Auge blitzte »Präfekt von Rom« rief er mit seiner rollenden Löwenstimme
»du vergisst dich und deine Stellung Morgen brech ich auf mit meinem Heer von
siebzigtausend Mann nach Rom Wer wird mich hindern einzuziehen in die Stadt
ohne Bedingung«
    »Ich« sagte Cetegus ruhig »Nein Belisar ich rase nicht Sieh hier
diesen Plan der Stadt und ihrer Werke Dein Feldherrnauge wird rascher besser
als das meine ihre Stärke erkennen« Er zog ein Pergament hervor und breitete
es auf dem Zelttische aus
    Belisar warf einen gleichgültigen Blick darauf aber sofort rief er »Der
Plan ist irrig Prokop reiche mir unsern Plan aus jener Kapsula 
    Sieh her diese Gräben sind ja jetzt ausgefüllt diese Türme eingefallen
hier die Mauer niedergerissen diese Tore wehrlos Dein Plan stellt sie alle
noch in furchtbarer Stärke dar Er ist veraltet Präfekt von Rom«
    »Nein Belisar der deine ist veraltet diese Mauern Gräben Tore sind
hergestellt«  »Seit wann«  »Seit Jahresfrist«  »Von wem«  »Von mir«
Betroffen sah Belisar auf den Plan
    Antoninas Blick hing ängstlich an den Zügen ihres Gatten
    »Präfekt« sagte dieser endlich »wenn dem so ist so verstehst du den
Krieg den Festungskrieg Aber zum Krieg gehört ein Heer und deine leeren Wälle
werden mich nicht aufhalten«
    »Du wirst sie nicht leer finden Du wirst einräumen dass mehr als
zwanzigtausend Mann Rom  nämlich dies mein Rom hier auf dem Plan  über Jahr
und Tag selbst gegen Belisar zu halten vermögen Gut so wisse denn dass jene
Werke in diesem Augenblick von fünfunddreissigtausend Bewaffneten gedeckt sind«
    »Sind die Goten zurück« rief Belisar Prokop trat erstaunt näher
    »Nein jene fünfunddreissigtausend stehen unter meinem Befehl Ich habe seit
Jahren die lang verweichlichten Römer zu den Waffen zurückgerufen und unablässig
in den Waffen geübt So habe ich zur Zeit dreißig Kohorten jede fast zu tausend
Mann schlagfertig«
    Belisar bekämpfte seinen Unmut und zuckte verächtlich die Achseln
    »Ich geb es zu«  fuhr Cetegus fort  »diese Scharen würden in offener
Feldschlacht einem Heere Belisars nicht stehen Aber ich versichre dich von
diesen Mauern herab werden sie ganz tüchtig fechten Außerdem hab ich aus
meinen Privatmitteln siebentausend auserlesene isaurische und abasgische Söldner
geworben und allmählich in kleinen Abteilungen ohne Aufsehen nach Ostia nach
Rom und in die Umgegend gebracht Du zweifelst hier sind die Listen der dreißig
Kohorten hier der Vertrag mit den Isauriern Du siehst deutlich wie die Sachen
stehen Entweder du nimmst meine Bedingung an  dann sind jene
fünfunddreissigtausend dein dein ist Rom mein Rom dieses Rom auf dem Plan von
dem du sagtest es sei von furchtbarer Stärke und dein ist Cetegus Oder du
verwirfst meine Bedingung dann ist dein ganzer Siegeslauf dessen Gelingen auf
der Raschheit deiner Bewegung ruht gehemmt Du musst Rom belagern viele Monde
lang Die Goten haben alle Zeit sich zu sammeln Wir selber rufen sie zurück
sie ziehen in dreifacher Übermacht zum Entsatz der Stadt heran und nichts
errettet dich vom Verderben als ein Wunder«
    »Oder dein Tod in diesem Augenblick du Teufel« donnerte Belisar und riss
seiner nicht mehr mächtig das Schwert aus der Scheide »Auf Prokop in des
Kaisers Namen Ergreife den Verräter Er stirbt in dieser Stunde«
    Entsetzt unschlüssig trat Prokop zwischen die beiden indes Antonina ihrem
Gatten in den Arm fiel und seine rechte Hand zu fassen suchte
    »Seid ihr mit im Bunde« schrie der Ergrimmte »Wachen Wachen herbei«
    Aus jeder der beiden Türen traten zwei Lanzenträger in das Zelt aber noch
zuvor hatte sich Belisar von Antonina losgerissen und mit dem linken Arm den
starken Prokop als wär er ein Kind zur Seite geschleudert Mit dem Schwert zu
furchtbarem Stoß ausholend stürzte er auf den Präfekten los
    Aber plötzlich hielt er inne und senkte die Waffe die schon des Bedrohten
Brust streifte
    Denn unbeweglich wie eine Statue ohne eine Miene zu verziehen den kalten
Blick durchbohrend auf den Wütenden gerichtet war Cetegus stehen geblieben
ein Lächeln unsäglicher Verachtung um die Lippen
    »Was soll der Blick und dieses Lachen« fragte Belisar innehaltend
    Prokop winkte leise den Wachen abzutreten
    »Mitleid mit deinem Feldherrnruhm den ein Augenblick des Jähzorns für immer
verderben sollte Wenn dein Stoß traf warst du verloren«
    »Ich« lachte Belisar »Ich sollte meinen du«
    »Und du mit mir Glaubst du ich stecke tolldreist den Kopf in den Rachen
des Löwen Dass einem Helden deiner Art zuallererst der feine Einfall kommen
werde dich mit einem guten Schwertstreich herauszuhauen das vorauszusehen war
nicht schwer Dagegen hab ich mich geschützt Wisse seit diesem Morgen ist
infolge eines versiegelten Auftrages den ich zurückließ Rom in den Händen in
der Gewalt meiner blindergebnen Freunde Das Grabmal Hadrians das Kapitol und
alle Tore und Türme der Umwallung sind besetzt von meinen Isauriern und
Legionaren Meinen Kriegstribunen todesmutigen Jünglingen hab ich diesen
Befehl hinterlassen für den Fall dass du ohne mich vor Rom eintriffst« Er
reichte Prokop eine Papyrusrolle
    Dieser las »An Lucius und Marcus die Licinier Cetegus der Präfekt Ich
bin gefallen ein Opfer der Tyrannei der Byzantiner Rächet mich Ruft sofort
die Goten zurück Ich fordre es bei eurem Eid Besser die Barbaren als die
Schergen Justinians Haltet euch bis auf den letzten Mann Übergebt die Stadt
eher den Flammen als dem Heer des Tyrannen«
    »Du siehst also« fuhr Cetegus fort »dass dir mein Tod die Tore Roms nicht
öffnet sondern für immer sperrt Du musst die Stadt belagern oder mit mir
abschließen«
    Belisar warf einen Blick des Zornes aber auch der Bewunderung auf den
kühnen Mann der ihm mitten unter seinen Tausenden Bedingungen vorschrieb Dann
steckte er das Schwert ein warf sich unwillig auf seinen Stuhl und fragte
»Welches sind deine Bedingungen für die Übergabe«
    »Nur zwei Erstens gibst du mir Befehl über einen kleinen Teil deines
Heeres Ich darf deinen Byzantinern kein Fremder sein«
    »Zugestanden Du erhältst als Archon zweitausend Mann illyrischen Fussvolks
und eintausend sarazenische und maurische Reiter Genügt das«
    »Vollkommen Zweitens
    Meine Unabhängigkeit vom Kaiser und von dir ruht einzig auf der Beherrschung
Roms Diese darf durch deine Anwesenheit nicht aufhören Deshalb bleibt das
ganze rechte Tiberufer mit dem Grabmal Hadrians auf dem linken aber das
Kapitol die Umwallung im Süden bis zum Tore Sankt Pauls einschliesslich bis zum
Ende des Krieges in der Hand meiner Isaurier und Römer von dir aber wird der
ganze Rest der Stadt auf dem linken Tiberufer besetzt von dem flaminischen Tor
im Norden bis zum appischen Tor im Süden«
    Belisar warf einen Blick auf den Plan »Nicht übel gedacht Von jenen
Punkten aus kannst du mich jeden Augenblick aus der Stadt drängen oder den Fluss
absperren Das geht nicht an«
    »Dann rüste dich zum Kampf mit den Goten und mit Cetegus zusammen vor den
Mauern Roms«
    Belisar sprang auf »Geht lasst mich allein mit Prokop Cetegus erwarte
meine Entscheidung«
    »Bis morgen« sagte dieser »Bei Sonnenaufgang kehr ich nach Rom zurück
mit deinem Heer oder  allein«
                                       
    Wenige Tage darauf zog Belisar mit seinem Heer in der ewigen Stadt ein durch
das asinarische Tor
    Endloser Jubel begrüßte den Befreier Blumenregen überschüttete ihn und
seine Gattin die auf einem zierlichen weißen Zelter an seiner Linken ritt Alle
Häuser hatten ihren Festschmuck von Teppichen und Kränzen angetan
    Aber der Gefeierte schien nicht froh verdrossen senkte er das Haupt und
warf finstre Blicke nach den Wällen und dem Kapitol von denen den alten
römischen Adlern nachgebildet die Banner der städtischen Legionare nicht die
Drachenfahnen von Byzanz herniederschauten
    Am asinarischen Tor hatte der junge Lucius Licinius den Vortrapp des
kaiserlichen Heeres zurückgewiesen und nicht eher hob sich das wuchtige
Fallgitter bis neben Belisars Rotscheck getragen von seinem prachtvollen
Rappen Cetegus der Präfekt erschienen war Lucius staunte über die
Verwandlung die mit seinem bewunderten Freunde vorgegangen Die kalte strenge
Verschlossenheit war gewichen er erschien größer jugendlicher ein leuchtender
Glanz des Sieges lag auf seinem Antlitz seiner Haltung und seiner Erscheinung
Er trug einen hohen reichvergoldeten Helm von dem der purpurne Rossschweif
niederwallte bis auf den Panzer dieser aber war ein kostbares Kunstwerk aus
Athen und zeigte auf jeder seiner Rundplatten ein fein gearbeitetes Relief von
getriebenem Silber jedes einen Sieg der Römer darstellend
    Der Siegesausdruck seines leuchtenden Gesichts seine stolze Haltung und
sein schimmernder Waffenschmuck überstrahlte wie Belisar den kaiserlichen
Magister Militum selbst so das glänzende Gefolge von Heerführern das sich
geführt von Johannes und Prokop hinter den beiden anschloss Und dies
Überstrahlen war so augenfällig dass sich sowie der Zug einige Straßen
durchmessen hatte der Eindruck auch der Menge mitteilte und der Ruf »Cetegus«
bald so laut und lauter als der Name »Belisar« ertönte
    Das feine Ohr Antoninas fing an dies zu bemerken mit Unruhe lauschte sie
bei jeder Stockung des Zugs auf das Rufen und Reden des Volks Als sie die
Termen des Titus hinter sich gelassen und bei dem flavischen Amphiteater die
sacra Via erreicht hatten wurden sie durch das Wogen der Menge zum Verweilen
gezwungen ein schmaler Triumphbogen war errichtet den man nur langsam
durchschreiten konnte
    »Sieg dem Kaiser Justinian und Belisarius seinem Feldherrn« stand darauf
geschrieben Während Antonina die Aufschrift las hörte sie einen Alten der
wenig in den Lauf der Dinge eingeweiht schien an seinen Sohn einen der jungen
Legionare des Cetegus Fragen um Auskunft stellen »Also mein Gajus der
Finstre mit dem verdrießlichen Gesicht auf dem Rotscheck  « »Ja das ist
Belisarius wie ich dir sage« antwortete der Sohn »So Nun  aber der
stattliche Held ihm zur Linken mit dem triumphierenden Blick der auf dem
Rappen das ist gewiss Justinianus selbst sein Herr der Imperator« 
»Beileibe Vater der sitzt ruhig in seinem goldnen Gemach zu Byzanz und
schreibt Gesetze Nein das ist ja Cetegus unser Cetegus mein Cetegus der
Präfekt der mir das Schwert geschenkt Ja das ist ein Mann Licinius mein
Tribun sagte neulich wenn der nicht wollte Belisar sähe nie ein römisch Tor
von innen«
    Antonina gab ihrem Apfelschimmel einen heftigen Schlag mit dem
Silberstäbchen und sprengte rasch durch den Triumphbogen
    Cetegus geleitete den Feldherrn und dessen Gattin bis an den Palast der
Pincier der prachtvoll zu ihrer Aufnahme instand gesetzt war Hier
verabschiedete er sich den byzantinischen Heerführern seinen Beistand zu
leihen die Truppen teils in den Häusern der Bürger und den öffentlichen
Gebäuden teils vor den Toren in Zelten unterzubringen
    »Wenn du dich von den Mühen  und Ehren  dieses Tages erholt Belisarius
erwarte ich dich und Antonina und deine ersten Heerführer zum Mahl in meinem
Hause«
    Nach einigen Stunden erschienen Marcus Licinius Piso und Balbus die
Geladenen abzuholen Sie begleiteten die Sänften in denen Antonina und Belisar
getragen wurden die Heerführer gingen zu Fuß
    »Wo wohnt der Präfekt« fragte Belisar beim Einsteigen in die Sänfte
»Solang du hier bist tags im Grabmal Hadrians und nachts  auf dem Kapitol«
    Belisar stutzte Der kleine Zug näherte sich dem Kapitol
    Mit Staunen sah der Feldherr alle die Werke und Wälle die seit mehr denn
zweihundert Jahren in Schutt gelegen waren zu gewaltiger Stärke
wiederhergestellt
    Nachdem sie durch einen langen schmalen und dunkeln Zickzackgang den engen
Zugang zu der Feste sich gewunden gelangten sie an ein gewaltiges Eisentor
das fest geschlossen war wie in Kriegszeit
    Marcus Licinius rief die Wachen an
    »Gib die Losung« sprach eine Stimme von innen
    »Cäsar und Cetegus« antwortete der Kriegstribun Da sprangen die Torflügel
auf ein langes Spalier der römischen Legionare und der isaurischen Söldner ward
sichtbar letztere in Eisen gehüllt bis an die Augen und mit Doppeläxten
bewaffnet Lucius Licinius stand an der Spitze der Römer mit gezücktem Schwert
in der Hand Sandil der isaurische Häuptling an der Spitze seiner Landsleute
Einen Augenblick blieben die Byzantiner unentschlossen stehen von dem Eindruck
dieser Machtentfaltung von Granit und Eisen überwältigt
    Da wurde es hell in dem matt erleuchteten Raum man vernahm Musik aus dem
Hintergrund des Ganges und von Fackelträgern und Flötenspielern begleitet
nahte Cetegus ohne Rüstung einen Kranz auf dem Haupt wie ihn der Wirt eines
Festgelages zu tragen pflegte im reichen Hausgewand von Purpurseide So trat er
lächelnd vor und sprach »Willkommen und Flötenspiel und Tubaschall verkünde
laut dass die schönste Stunde meines Lebens kam Belisar mein Gast im Kapitol«
    Und unter schmetterndem Klang der Trompeten führte er den Schweigenden in
die Burg
 
                              Vierzehntes Kapitel
Während dieser Vorgänge bei den Römern und Byzantinern bereiteten sich auch auf
Seite der Goten entscheidende Ereignisse vor
    In Eilmärschen waren Herzog Guntaris und Graf Arahad von Florentia wo sie
eine kleine Besatzung zurückliessen mit ihrer gefangenen Königin nach Ravenna
aufgebrochen Wenn sie diese für uneinnehmbar geltende Feste vor Witichis der
heftig nachdrängte erreichten und gewannen so mochten sie dem König jede
Bedingung vorschreiben Zwar hatten sie noch einen starken Vorsprung und
hofften die Verfolger durch die Belagerung von Florentia noch eine gute Weile
aufzuhalten Aber sie büssten jenen Vorsprung beinahe völlig dadurch ein dass die
auf der nächsten Straße nach Ravenna gelegenen Städte und Kastelle sich für
Witichis erklärten und so die Empörer nötigten auf großem Umweg im rechten
Winkel zuerst nördlich nach Bononia Bologna das zu ihnen abgefallen war und
dann erst östlich nach Ravenna zu marschieren
    Gleichwohl war als sie in der Sumpflandschaft der Seefestung anlangten und
nur noch einen halben Tagemarsch von ihren Toren entfernt waren von dem Heer
des Königs nichts zu sehen Guntaris gönnte seinen stark ermüdeten Truppen den
Rest des ohnehin schon gegen Abend neigenden Tages und schickte nur eine kleine
Schar Reiter unter seines Bruders Befehl voraus den Goten in der Festung ihre
Ankunft zu verkünden
    Aber schon in den ersten Morgenstunden des nächsten Tages kam Graf Arahad
mit seiner stark gelichteten Reiterschar flüchtend ins Lager zurück »Bei Gottes
Schwert« rief Guntaris »wo kommst du her«
    »Von Ravenna kommen wir Wir hatten die äußersten Werke der Stadt erreicht
und Einlass begehrt wurden aber entschieden abgewiesen obwohl ich selbst mich
zeigte und den alten Grippa den Grafen von Ravenna rufen ließ Der erklärte
trotzig morgen würden wir seine und der Goten in Ravenna Entscheidung erfahren
wir sowohl wie das Heer des Königs dessen Spitzen sich bereits von Südosten her
der Stadt näherten«
    »Unmöglich« rief Guntaris ärgerlich
    »Mir blieb nichts übrig als abzuziehen so wenig ich dies Benehmen unseres
Freundes begriff Die Nachricht von der Nähe des Königs hielt auch ich für eine
leere Drohung des Alten bis meine im Süden der Stadt schwärmenden Reiter die
nach einer trockenen Beiwachtstelle suchten plötzlich von feindlichen Reitern
unter dem schwarzen Grafen Teja von Tarentum mit dem Ruf Heil König Witichis
angegriffen und nach scharfem Gefecht zurückgeworfen wurden«
    »Du rasest« rief Guntaris »Haben sie Flügel ist Florentia aus ihrem Wege
fortgeblasen«
    »Nein aber ich erfuhr von vicentinischen Bauern dass Witichis auf dem
Küstenweg über Auximum und Ariminum nach Ravenna eilt«  »Und Florentia ließ er
im Rücken unbezwungen Das soll ihm schlecht bekommen«  »Florentia ist
gefallen Er schickte Hildebad gegen die Stadt der sie im Sturme nahm Er
rannte mit eigener Hand das Marstor ein  der wütige Stier«
    Mit finsterer Miene vernahm Herzog Guntaris diese Unglücksbotschaften aber
rasch fasste er seinen Entschluss Er brach sofort mit all seinen Truppen gegen
die Stadt auf sie durch einen raschen Streich zu nehmen
    Der Überfall misslang
    Aber die Empörer hatten die Befriedigung zu sehen dass die Festung deren
Besitz den Bürgerkrieg entschied wenigstens auch dem Feind sich nicht geöffnet
hatte Im Südosten vor der Hafenstadt Klassis hatte sich der König gelagert
Des Herzogs Guntaris geübter Blick erkannte alsbald dass auch die Sümpfe im
Nordwesten eine sichere Stellung gewährten und rasch schlug er hier ein
wohlverschanztes Lager auf
    So hatten sich die beiden Parteien wie zwei ungestüme Freier um eine spröde
Braut hart an beide Seiten der gotischen Königsstadt gedrängt die keinem ein
günstiges Gehör schenken zu wollen schien
    Tags darauf gingen zwei Gesandtschaften aus Ravennaten und Goten bestehend
aus dem nordwestlichen und aus dem südöstlichen Tor der Festung dem Tor des
Honorius und dem des Teoderich und brachten jene in das Lager der Wölsungen
diese zu den Königlichen den verhängnisvollen Entscheid von Ravenna
    Dieser musste sehr seltsam lauten Denn die beiden Heerführer Guntaris und
Witichis hielten ihn in merkwürdiger Übereinstimmung streng geheim und
sorgten eifrig dafür dass kein Wort davon unter ihre Truppen gelangte Die
Gesandten wurden sofort aus den Feldherrnzelten beider Lager unter Bedeckung von
Heerführern die jede Unterredung mit den Heermännern verwehrten nach den Toren
der Stadt zurückgebracht
    Aber auch sonst war die Wirkung der Botschaft in den beiden Heerlagern
auffallend genug Bei den Empörern kam es zu einem heftigen Streit zwischen den
beiden Führern dann zu einer sehr lebhaften Unterredung von Herzog Guntaris
mit seiner schönen Gefangenen die wie es hieß nur durch Graf Arahad vor dem
Zorne seines Bruders geschützt worden war Darauf versank das Lager der Rebellen
in die Ruhe der Ratlosigkeit
    Folgenreicher war das Erscheinen der ravennatischen Gesandten in dem Lager
gegenüber Die erste Antwort die König Witichis auf die Botschaft erliess war
der Befehl zu einem allgemeinen Sturm auf die Stadt
    Überrascht vernahmen Hildebrand und Teja vernahm das ganze Heer diesen
Auftrag Man hatte gehofft in Bälde die Tore der starken Festung sich
freiwillig auftun zu sehen Gegen das gotische Herkommen und ganz gegen seine
sonst so leutselige Art gab der König niemand auch seinen Freunden nicht
Rechenschaft von der Mitteilung der Gesandten und von den Gründen dieses
zornigen Angriffs
    Schweigend aber kopfschüttelnd und mit wenig Hoffnung auf Erfolg rüstete
sich das Heer zu dem unvorbereiteten Sturm er ward blutig zurückgeschlagen
Vergebens trieb der König seine Goten immer wieder aufs neue die steilen
Felswälle hinan Vergebens bestieg er dreimal der erste die Sturmleitern vom
frühen Morgen bis zum Abendrot hatten die Angreifer gestürmt ohne Fortschritte
zu machen die Festung bewährte ihren alten Ruhm der Unbezwingbarkeit
    Und als endlich der König von einem Schleuderstein schwer betäubt aus dem
Getümmel getragen wurde führten Teja und Hildebrand die ermüdeten Scharen ins
Lager zurück
    Die Stimmung des Heeres in der darauf folgenden Nacht war sehr trübe und
gedrückt Man hatte empfindliche Verluste zu beklagen und nichts gewonnen als
die Überzeugung dass die Stadt mit Gewalt nicht zu nehmen sei Die gotische
Besatzung von Ravenna hatte neben den Bürgern auf den Wällen gefochten der
König der Goten lag belagernd vor seiner Hauptstadt vor der besten Festung
seines Reiches in der man Schutz und die Zeit zur Rüstung gegen Belisar zu
finden gehofft
    Das Schlimmste aber war dass das Heer die Schuld des ganzen Unglückskampfes
die Notwendigkeit des Bruderstreits auf den König schob Warum hatte man die
Verhandlung mit der Stadt plötzlich abgebrochen Warum nicht wenigstens die
Ursache dieses Abbrechens war sie eine gerechte dem Heere mitgeteilt Warum
scheute der König das Licht
    Missmutig saßen die Leute bei ihren Wachtfeuern oder lagen in den Zelten
ihre Wunden pflegend ihre Waffen flickend nicht wie sonst scholl Gesang der
alten Heldenlieder von den Lagertischen und wenn die Führer durch die
Zeltgassen schritten hörten sie manches Wort des Ärgers und des Zornes wider
den König
    Gegen Morgen traf Hildebad mit seinen Tausendschaften von Florentia her im
Lager ein Er vernahm mit zornigem Schmerz die Kunde von der blutigen Schlappe
und wollte sofort zum König aber da dieser noch bewusstlos unter Hildebrands
Pflege lag nahm ihn Teja in sein Zelt und beantwortete seine unwilligen
Fragen
    Nach einiger Zeit trat der alte Waffenmeister ein mit einem Ausdruck in den
Zügen dass Hildebad erschrocken von seinem Bärenfell das ihm zum Lager diente
aufsprang und auch Teja hastig fragte »Was ist mit dem König Seine Wunde
Stirbt er«
    Der Alte schüttelte schmerzlich sein Haupt »Nein aber wenn ich richtig
rate wie ich ihn kenne und sein wackres Herz wär ihm besser er stürbe«
    »Was meinst du was ahnest du«
    »Still still« sprach Hildebrand traurig sich setzend »armer Witichis Es
kommt noch fürcht ich früh genug zur Sprache« Und er schwieg
    »Nun« sagte Teja »wie ließest du ihn«  »Das Wundfieber hat ihn
verlassen dank meinen Kräutern Er wird morgen wieder zu Ross können Aber er
sprach wunderbare Dinge in seinen wirren Träumen  ich wünsche ihm dass es nur
Träume sind sonst weh dem treuen Manne«
    Mehr war aus dem verschlossenen Alten nicht zu erforschen Nach einigen
Stunden ließ Witichis die drei Heerführer zu sich rufen Sie fanden ihn zu ihrem
Staunen in voller Rüstung obwohl er sich im Stehen auf sein Schwert stützen
musste seitwärts auf einem Tisch lag sein königlicher Kronhelm und der heilige
Königsstab von weißem Eschenholz mit goldner Kugel Die Freunde erschraken über
den Verfall dieser sonst so ruhigen männlich schönen Züge Er musste innerlich
schwer gekämpft haben Diese kernige schlichte Natur aus Einem Guss konnte ein
Ringen zweifelvoller Pflichten widerstreitender Empfindungen nicht ertragen
    »Ich hab euch rufen lassen« sprach er mit Anstrengung »meinen Entschluss
in dieser schlimmen Lage zu vernehmen und zu unterstützen Wie groß ist unser
Verlust in diesem Sturm«
    »Dreitausend Tote« sagte Teja sehr ernst »Und über sechstausend
Verwundete« fügte Hildebrand hinzu
    Witichis drückte schmerzlich die Augen zu Dann sprach er »Es geht nicht
anders Teja gib sogleich Befehl zu einem zweiten Sturm«
    »Wie Was« riefen die drei Führer wie aus Einem Munde
    »Es geht nicht anders« wiederholte der König »Wie viele Tausendschaften
führst du uns zu Hildebad«  »Drei aber sie sind todmüde vom Marsch Heut
können sie nicht fechten«
    »So stürmen wir wieder allein« sagte Witichis nach seinem Speer langend
    »König« sagte Teja »wir haben gestern nicht einen Stein der Festung
gewonnen und heute hast du neuntausend weniger « 
    »Und die Unverwundeten sind matt ihre Waffen und ihr Mut zerbrochen«
mahnte der alte Waffenmeister
    »Wir müssen Ravenna haben«
    »Wir werden es nicht mit Sturm nehmen« sagte Teja
    »Das wollen wir sehen« meinte Witichis
    »Ich lag vor der Stadt mit dem großen König« warnte Hildebrand »er hat sie
siebzigmal umsonst bestürmt wir nahmen sie nur durch Hunger  nach drei
Jahren« 
    »Wir müssen stürmen« sagte Witichis »gebt den Befehl« Teja wollte das
Zelt verlassen Hildebrand hielt ihn »Bleib« sagte er »wir dürfen ihm nichts
verschweigen König die Goten murren sie würden dir heut nicht folgen der
Sturm ist unmöglich«
    »Steht es so« sagte Witichis bitter »Der Sturm ist unmöglich Dann ist nur
eins noch möglich der Weg den ich gestern schon hätte einschlagen sollen 
dann lebten jene dreitausend Goten noch Geh Hildebad nimm dort Krone und
Stab
    Geh ins Lager der Empörer lege sie dem jungen Arahad zu Füßen er soll sich
mit Mataswinta vermählen ich und mein Heer wir grüßen ihn als König« Und er
warf sich erschöpft aufs Lager
    »Du sprichst wieder im Wundfieber« sagte der Alte »Das ist unmöglich«
schloss Teja
    »Unmöglich Alles unmöglich der Kampf unmöglich und die Entsagung Ich
sage dir Alter es gibt nichts andres nach der Botschaft aus Ravenna« Er
schwieg
    Die drei warfen sich bedeutende Blicke zu
    Endlich forschte der Alte »Wie lautet sie vielleicht findet sich doch ein
Ausweg Acht Augen sehen mehr als zwei«
    »Nein« sagte Witichis »hier nicht hier ist nichts zu sehen sonst hätt
ichs euch längst gesagt aber es konnte zu nichts führen Ich habs allein
erwogen Dort liegt das Pergament aus Ravenna aber schweigt vor dem Heer«
    Der Alte nahm die Rolle und las »Die gotischen Krieger und das Volk von
Ravenna an den Grafen Witichis von Fasulä«
    »Die Frechen« rief Hildebad dazwischen
    »Den Herzog Guntaris von Tuscien und den Grafen Arahad von Asta Die Goten
und die Bürger dieser Stadt erklären den beiden Heerlagern vor ihren Toren dass
sie getreu dem erlauchten Hause der Amalungen und eingedenk der unvergesslichen
Wohltaten des großen Königs Teoderich bei diesem Herrscherstamm ausharren
werden solang noch ein Reis desselben grünt Wir erkennen deswegen nur
Mataswinta als Herrin der Goten und Italier an nur der Königin Mataswinta
werden wir diese festen Tore öffnen und gegen jeden andern unsre Stadt bis zum
äußersten verteidigen«
    »Diese Rasenden« sagte Teja »Unbegreiflich« versetzte Hildebad
    Aber Hildebrand faltete das Pergament zusammen und sagte »Ich begreife es
wohl Was die Goten anlangt so wisst ihr dass Teoderichs ganze Gefolgschaft die
Besatzung der Stadt bildet diese Gefolgen aber haben dem König geschworen
seinem Stamm nie einen fremden König vorzuziehen auch ich hab diesen Eid
getan aber ich habe dabei immer an die Speerseite nicht an die Spindeln nicht
an die Weiber gedacht darum musst ich damals für Teodahad stimmen darum
konnt ich nach dessen Verrat Witichis huldigen Der alte Graf Grippa von
Ravenna nun und seine Gesellen glauben sich auch an die Weiber des Geschlechts
durch jenen Eid gebunden und verlasst euch darauf diese grauen Recken die
ältesten im Gotenreich und Teoderichs Waffengenossen lassen sich in Stücke
hauen Mann für Mann eh sie von ihrem Eide lassen wie sie ihn einmal deuten
Und bei Teoderich sie haben recht Die Ravennaten aber sind nicht nur
dankbar sondern auch schlau sie hoffen Goten und Byzantiner sollen den Strauss
vor ihren Wällen ausfechten Siegt Belisar der wie er sagt Amalaswinta zu
rächen kommt so kann er die Stadt nicht strafen die zu ihrer Tochter gehalten
und siegen wir so hat sie die Besatzung in der Burg gezwungen die Tore zu
sperren«
    »Wie immer dem sei« fiel der König ein »ihr werdet jetzt mein Verfahren
verstehen Erfuhr das Heer von jenem Bescheid so mochten viele mutlos werden und
zu den Wölsungen übergehn in deren Gewalt die Fürstin ist Mir blieben nur zwei
Wege die Stadt mit Gewalt nehmen  oder nachgeben jenes haben wir gestern
vergebens versucht und ihr sagt man könne es nicht wiederholen So erübrigt
nur das andre nachgeben Arahad mag die Jungfrau freien und die Krone tragen
ich will der erste sein ihm zu huldigen und mit seinem tapfren Bruder sein
Reich zu schirmen«
    »Nimmermehr« rief Hildebad »du bist unser König und sollst es bleiben Nie
beug ich mein Haupt vor jenem jungen Fant Lass uns morgen hinüberrücken gegen
die Rebellen ich allein will sie aus ihrem Lager treiben und das Königskind
vor dessen Hand wie durch Zauber jene festen Tore aufspringen sollen in unsre
Zelte tragen«
    »Und wenn wir sie haben« sagte Teja »was dann Sie nützt uns nichts wenn
wir sie nicht als Königin begrüßen Willst du das Hast du nicht genug an
Amalaswinta und Gotelindis Nochmals Weiberherrschaft«
    »Gott soll uns davor schützen« lachte Hildebad
    »So denke ich auch« sprach der König »sonst hätt ich längst diesen Weg
ergriffen«
    »Ei so lass uns hier liegen und warten bis die Stadt mürbe wird«
    »Geht nicht« sagte Witichis »wir können nicht warten In wenigen Tagen
kann Belisar von jenen Hügeln steigen und nacheinander mich Herzog Guntaris
und die Stadt bezwingen dann ists dahin das Reich und Volk der Goten Es gibt
nur zwei Wege Sturm «
    »Unmöglich« sprach Hildebrand
    »Oder nachgeben Geh Teja nimm die Krone Ich sehe keinen Ausweg«
    Die beiden jungen Männer zauderten
    Da sprach mit einem ernsten trauervollen Blick der Liebe auf den König der
alte Hildebrand »Ich sehe den Ausweg den schmerzvollen den einzigen Du musst
ihn gehen mein Witichis und bricht dir siebenmal das Herz« Witichis sah ihn
fragend an auch Teja und Hildebad staunten ob der Weichheit des felsharten
Alten
    »Geht ihr hinaus« fuhr dieser fort »ich muss allein sprechen mit dem
König«
 
                              Fünfzehntes Kapitel
Schweigend verließen die beiden Goten das Zelt und schritten draußen den
Ausgang abwartend die Lagergasse auf und nieder Aus dem Zelt drang hin und
wieder Hildebrands Stimme der in langer Rede den König zu ermahnen und zu
drängen schien und hin und wieder ein Ausruf des Königs
    »Was kann nur der Alte sinnen« fragte Hildebad stillhaltend »weißt dus
nicht«  »Ich ahn es« seufzte Teja »armer Witichis«  »Zum Teufel was
meinst du« »Lass« sagte Teja »es wird bald genug auskommen«
    So verging geraume Zeit
    Heftiger und schmerzlicher klang die Stimme des Königs der sich der Reden
Hildebrands mächtig zu erwehren schien
    »Was quält der Eisbart den wackeren Helden« rief Hildebad ungeduldig »Es
ist als wollt er ihn ermorden Ich will hinein und helf ihm«
    Aber Teja hielt ihn an der Schulter
    »Bleib« sagte er »Es muss wohl sein«
    Während sich Hildebad losmachen wollte nahte Lärm von Stimmen aus dem oberen
Ende der Lagergasse Zwei Wachen bemühten sich vergebens einen starken Goten
zurückzuhalten der mit allen Zeichen langen und eiligen Rittes bedeckt sich
gegen das Zelt des Königs drängte
    »Lass mich los« rief er »guter Freund oder ich schlage dich nieder«
    Und drohend hob er eine wuchtige Streitaxt
    »Es geht nicht Du musst warten Die großen Heerführer sind bei ihm im Zelt«
    »Und wären alle großen Götter Walhalls samt dem Herrn Christus bei ihm im
Zelt ich muss zu ihm Erst ist der Mensch Vater und Gatte und dann König Lass
los rat ich dir«
    »Die Stimme kenn ich« sagte Graf Teja nähertretend  »und den Mann
Wachis was suchst du hier im Lager«
    »O Herr« rief der treue Knecht »wohl mir dass ich Euch treffe Sagt diesen
guten Leuten dass sie mich loslassen Dann brauch ich sie nicht
niederzuschlagen Ich muss gleich zu meinem armen Herrn«
    »Lasst ihn los sonst hält er Wort ich kenne ihn Nun was willst du bei dem
König«
    »Führt mich nur gleich zu ihm Ich bring ihm schwarze schwere Kunde von
Weib und Kind«
    »Von Weib und Kind« fragte Hildebad erstaunt »Ei hat Witichis ein Weib«
    »Die wenigsten wissen es« sagte Teja »Sie verließ fast nie ihr Gut kam
nie zu Hof Fast niemand kennt sie aber wer sie kennt der ehrt sie hoch Ich
weiß nicht ihresgleichen«
    »Da habt Ihr recht Herr wenn Ihr je recht gehabt« sprach Wachis mit
erstickter Stimme »Die arme arme Frau und ach der arme Vater Aber lass mich
hinein Frau Rautgund folgt mir auf dem Fuß Ich muss ihn vorbereiten«
    Teja ohne weiter zu fragen schob den Knecht in das Zelt und folgte ihm mit
Hildebad
    Sie trafen den alten Hildebrand ruhig wie die Notwendigkeit auf dem Lager
des Königs sitzen das Kinn mit dem mächtigen Bart in die Hand und diese auf das
Steinbeil gestützt So saß er unbeweglich und richtete fest die Augen auf den
König der in höchster Aufregung mit hastigen Schritten auf und nieder ging
und im Sturm seiner Gefühle die Eintretenden gar nicht bemerkte »Nein nein
niemals« rief er »das ist grausam frevelhaft unmöglich«
    »Es muss sein« sagte Hildebrand ohne sich zu rühren
    »Nein sag ich« rief der König und wandte sich
    Da stand Wachis dicht vor ihm Er starrte ihn wirr an da warf sich der
Knecht laut weinend vor ihm nieder
    »Wachis« rief erschreckend der König »was bringst du Du kommst von ihr
Steh auf  was ist geschehen«
    »Ach Herr« jammerte dieser immer noch knieend »Euch sehen zerreißt mein
Herz Ich kann nichts dafür Ich habs vergolten und gerächt nach Kräften«
    Da riss ihn Witichis bei den Schultern auf »Rede Mensch was ist zu rächen
Mein Weib «
    »Sie lebt sie kommt hierher aber Euer Kind «
    »Mein Kind« sprach er erbleichend »Atalwin was ist mit ihm «
    »Tot Herr  ermordet«
    Da brach ein Schrei wie eines Schwerverwundeten aus des gequälten Vaters
Brust Er bedeckte das Antlitz mit beiden Händen teilnehmend traten Teja und
Hildebad näher Nur Hildebrand blieb unbeweglich und sah starr auf die Gruppe
    Wachis ertrug die lange Pause des Schmerzes nicht Er suchte die Hände
seines Herrn zu fassen Da senkte sie dieser von selbst Zwei große Tränen
standen auf den braunen Wangen des Helden er schämte sich ihrer nicht
    »Ermordet« sagte er »mein schuldlos Kind von den Römern«
    »Die feigen Teufel« rief Hildebad
    Teja ballte die Faust und seine Lippen bewegten sich lautlos
    »Kalpurnius« sprach Witichis mit einem Blick auf Wachis
    »Ja Kalpurnius Die Nachricht von deiner Wahl war aufs Gut gelangt und dein
Weib und Sohn in dein Lager entboten Wie jauchzte jung Atalwin dass er nun ein
Königssohn sein werde wie Siegfried der den Drachen schlug Nun wolle er bald
ausziehen auf Abenteuer und auch Drachen schlagen und wilde Riesen Da kam der
Nachbar von Rom zurück Ich merkt es wohl dass er noch finsterer sah und
neidischer als je und hütete dir Haus und Stall Aber das Kind hüten  wer hätte
daran gedacht dass Kinder nicht mehr sicher«
    Witichis schüttelte schmerzlich das Haupt
    »Der Knabe konnte nicht erwarten dass er seinen Vater sehen solle im
Kriegslager und all die Tausende von gotischen Heermännern und dass er Schlachten
solle in der Nähe sehen Er warf sein Holzschwert weg von Stund an und sagte
ein Königssohn müsse ein eisernes tragen zumal in Kriegszeiten Und ich musste
ihm ein Jagdmesser suchen und schleifen dazu
    Mit diesem seinem Schwert nun rannte er Frau Rautgunden jeden Morgen früh
davon Und fragte sie wohin so lachte er auf Abenteuer lieb Mutter und
sprang in den Wald Dann kam er mittags müd und zerrissenen Gewandes heim und
ausgelassen stolz Aber er sagte kein Wort und meinte nur er habe Siegfried
gespielt
    Ich hatte aber meine eigenen Gedanken Und als ich gar einst an seinem
Schwert Blutflecken bemerkte schlich ich ihm nach zu Walde Richtig es war
wie ich gedacht Ich hatte ihm einst warnend eine Höhle im schroffen Felsgeklüft
gezeigt das steil über den Giessbach hangt weil dort die giftigen Vipern zu
Dutzenden nisten
    Er fragte mich damals nach allem aus und als ich sagte jeder Biss sei
tödlich und gleich gestorben sei eine arme Beerensammlerin die der Beisswurm in
den nackten Fuß gestochen da zog er flugs sein Holzschwert und wollte mitten
darunter springen Mit Mühe und schwer erschrocken hielt ich ihn damals ab
    Und jetzt fielen mir die Vipern ein und ich zitterte dass ich ihm eine
Eisenwaffe gegeben Und bald fand ich ihn im Walde mitten im Steingeklüft
unter Dornen und Gestrüpp da holte er einen mächtigen Holzschild hervor den er
sich selbst gezimmert und dort versteckt hatte Und eine Krone war frisch drauf
gemalt
    Und er zog sein Schwert und sprang laut jauchzend in die Höhle
    Ich sah mich um da lag das lang mächtige Gewürm zu halben Dutzenden von
frühern Schlachten her mit zerhauenen Häuptern umhergestreut ich folgte und so
besorgt ich war ich konnt ihn nicht stören wie er so heldenmütig focht Er
trieb eine dickgeschwollene Natter mit Steinwürfen aus ihrem Loch dass sie sich
züngelnd aufringelte gerade wie sie zischend gegen ihn sprang warf er
blitzschnell den Schild vor und hieb sie mit einem Streich mitten entzwei Da
rief ich ihn an und schalt ihn herzhaft aus Er aber sah gar trotzig drein und
rief Sags nur der Mutter nicht denn ich tus doch bis der letzte der Drachen
tot ist Ich sagte ich würde ihm sein Schwert nehmen Dann fecht ich mit dem
hölzernen wenn dir das lieber ist rief er Und welche Schmach für einen
Königssohn
    Da nahm ich ihn die nächsten Tage mit mir zum Einfangen der Rosse auf die
Wildweide Das vergnügte ihn sehr und nächstens dacht ich brechen wir ja
auf
    Aber eines Morgens war er mir wieder entschlüpft und ich ging allein an die
Arbeit Den Rückweg nahm ich den Fluss entlang gewiss ihn an der Felshöhle zu
finden Aber ihn fand ich nicht Nur das Gehäng seines Schwertes zerrissen an
den Dornen hangen und seinen Holzschild zertreten auf der Erde Erschrocken sah
ich umher und suchte aber «
    »Rascher weiter« rief der König
    »Aber« fragte Hildebad
    »Aber in den Felsen war nichts zu sehen Da gewahrte ich große Fussspuren
eines Mannes im weichen Sande Ich folgte ihnen
    Sie führten bis an den steilen Rand des Felsens Ich sah hinab Und unten« 
    Witichis wankte
    »Ach mein armer Herr Da lag am Ufer des Flusses hingestreckt die kleine
Gestalt
    Wie ich die steilen Felsschroffen hinabkam ich weiß es nicht im Flug war
ich unten  Da lag er das kleine Schwert noch fest in der Hand von den
Felsspitzen zerrissen das lichte Haar von Blut überströmt «
    »Halt ein« sprach Teja die Hand auf seine Schultern legend indes Hildebad
des armen Vaters Hand fasste der stöhnend auf sein Lager sank
    »Mein Kind mein süßes Kind mein Weib« rief er
    »Ich fühlte das kleine Herz noch schlagen Wasser aus dem Fluss brachte ihn
nochmal zu sich Er schlug die Augen auf und erkannte mich Du bist
herabgefallen mein Kind klagte ich
    Nein sagte er nicht gefallen geworfen Ich war starr vor Entsetzen
Kalpurnius hauchte er trat plötzlich um die Felsecke wie ich auf die Vipern
einhieb Komm mit mir sagte er und griff nach mir Er sah bös aus und falsch
Ich sprang zurück Komm sagte er oder ich binde dich Mich binden rief ich
Mein Vater ist der Goten König und der deine Wag es und rühr mich an Da ward
er ganz wütig und schlug nach mir mit dem Stock und kam näher ich aber wusste
dass in der Nähe unsre Knechte Holz fällten und schrie um Hilfe und wich zurück
bis an den Rand der Felsen Erschrocken sah er sich um Denn die Leute mussten
mich gehört haben ihre Axtschläge ruhten plötzlich Doch plötzlich
vorspringend sagte er Stirb kleine Natter und stieß mich über den Fels«
    Teja biss die Lippen »O der Neidling« rief Hildebad Und Witichis riss sich
mit einem Schrei des Schmerzes los
    »Machs kurz« sagte Teja  »Er verlor wieder die Sinne Ich trug ihn auf
meinen Armen nach Hause zur Mutter Noch einmal schlug er die Augen auf in
ihrem Schoss Ein Gruß an dich war sein letzter Hauch«
    »Und mein Weib  ist sie nicht verzweifelt«
    »Nein Herr das ist sie nicht die ist von Gold aber auch von Stahl Wie
der Knabe die Augen geschlossen zeigte sie schweigend zum Fenster hinaus nach
rechts
    Ich verstand sie dort stand des Mörders Haus
    Und ich waffnete alle deine Knechte und führte sie hinüber zur Rache und
wir legten den ermordeten Knaben auf deinen Schild und trugen ihn in unsrer
Mitte zur Mordklage Und Rautgundis ging mit ein Schwert in der Hand hinter
der Leiche Vor dem Tor der Villa legten wir den Knaben nieder
    Kalpurnius selbst war entflohn auf dem schnellsten Ross zu Belisar Aber sein
Bruder und sein Sohn und zwanzig Sklaven standen im Hof sie wollten eben zu
Pferd steigen und ihm folgen Wir erhoben dreimal den Mordruf Dann brachen wir
ein
    Wir haben sie alle erschlagen alle und das Haus niedergebrannt über den
Bewohnern Frau Rautgundis aber sah dem allen zu an der Leiche Wacht haltend
auf ihr Schwert gestützt und sprach kein Wort Und mich schickte sie tags
darauf voraus nach dir zu suchen Sie folgte mir bald darauf sowie sie die
kleine Leiche verbrannt Und da ich einen Tag verloren durch die Empörer vom
nächsten Wege abgesperrt so kann sie stündlich da sein«
    »Mein Kind mein Kind mein armes Weib Das ist der erste Ertrag den mir
diese Krone bringt Und nun« rief er mit aller Heftigkeit des Schmerzes den
Alten an »willst du noch das Grausame fordern das Untragbare«
    Hildebrand stand langsam auf »Nichts ist untragbar was notwendig ist Auch
der Winter ist tragbar Und das Alter Und der Tod Sie kommen ohne zu fragen
wollt ihrs tragen Sie kommen Und wir tragens Weil wir müssen Aber ich höre
Frauenstimmen und rauschende Gewande Gehen wir«
    Witichis wandte sich von ihm zur Tür
    Da stand unter dem Zeltvorhang in grauem Gewand und schwarzem Schleier
Rautgundis sein Weib eine kleine schwarze Marmorurne an die Brust drückend
    Ein Ruf liebereichen Schmerzes und schmerzreicher Liebe   und die Gatten
hielten sich umfangen
    Schweigend verließen die Männer das Zelt
 
                              Sechzehntes Kapitel
Draußen hielt Teja den Alten leise am Mantel zurück »Du quälst den König
umsonst« sagte er »Er wird nie darein willigen Er kanns auch nicht Jetzt am
wenigsten«
    »Woher weißt du  « unterbrach der Greis  »Still ich ahn es wie ich
alles Unglück ahne«  »Dann wirst du auch einsehen dass er muss«  »Er er
wirds nie tun«  »Aber  du meinst sie selbst«  »Vielleicht«  »Sie wird«
sagte Hildebrand
    »Ja sie ist ein Wunder von einem Weib« schloss Teja
    Während in den nächsten Tagen das jetzt kinderlose Paar seinem stillen
Schmerze lebte und Witichis kaum sein Zelt verließ geschah es dass die
Vorposten der königlichen Belagerer und die Aussenwachen der gotischen Besatzung
von Ravenna den eingetretenen tatsächlichen Waffenstillstand benutzend in
mannigfachen Verkehr traten
    Sie warfen sich scheltend und zankend gegenseitig die Schuld an diesem
Bürgerkriege vor
    Die Belagerer klagten dass die Besatzung in der höchsten Not des Reiches dem
gewählten König der Goten seine Königsburg verschlossen Die Ravennaten
schmähten auf Witichis der der Tochter der Amaler nicht gönne was ihr gebühre
    Einer solchen Unterredung hörte unbemerkt der alte Graf Grippa von Ravenna
selber zu der die Runde auf den Wällen machte Plötzlich trat er vor und rief
zu den Leuten des Witichis hinunter die ihren König lobten und rühmten
    »So Ist das auch edel und königlich gehandelt dass er statt aller Antwort
auf unsern billigen Spruch Sturm lief wie ein Rasender Und hatte doch ein so
leichtes Mittel das Gotenblut zu sparen Wir wollen ja nur dass Mataswinta
Königin sei Nun kann er deshalb nicht König bleiben Ists ein zu hartes
Opfer mit dem schönsten Weib der Erde mit der Fürstin Schönhaar von deren
Reiz die Sänger singen auf den Straßen Thron und Lager zu teilen Mussten lieber
soviel tausend tapferer Goten sterben Nun er soll nur so fortstürmen Lass
sehen was eher bricht sein Eigensinn oder diese Felsen«
    Diese Worte des Alten machten den größten Eindruck auf die Goten vor den
Wällen
    Sie wussten nichts zu erwidern zu ihres Königs Verteidigung Von seiner Ehe
wussten sie so wenig wie das ganze Heer daran hatte auch Rautgundens
Anwesenheit im Lager wenig geändert denn wahrlich nicht gleich einer Königin
war sie eingezogen
    In großer Erregung eilten sie zurück ins Lager und erzählten was sie
vernommen wie der Eigensinn des Königs ihre Brüder hingeopfert »Darum also hat
er die Botschaft aus der Stadt verheimlicht« riefen sie
    Bald bildeten sich in jeder Gasse des Lagers Gruppen lebhaft bewegte die
anfangs leiser bald immer lauter die Sache besprachen und auf den König
schalten Die Germanen jener Zeit behandelten ihre Könige mit einem Freimut der
Rede der die Byzantiner entsetzte
    Hier wirkten der Verdruss über den Rückzug von Rom die Schmach der
Niederlage vor Ravenna der Schmerz um die geopferten Brüder der Zorn über sein
Geheimtun zusammen einen Sturm des Unwillens gegen den König zu erregen der
deshalb nicht minder mächtig weil er noch nicht offen ausgebrochen
    Nicht entging diese Stimmung den Heerführern wann sie durch die Gassen des
Lagers schritten und bei ihrem Nahen die Drohworte kaum mehr verstummten Aber
sie konnten die Gefahr nur entfesseln wenn sie strafend sie beim Namen nannten
    Und oft wann Graf Teja oder Hildebad beschwichtigend einschreiten wollten
hielt sie der alte Waffenmeister zurück
    »Lasst es nur noch anschwellen« sagte er »wenns genug ist werd ichs
dämmen« »Die einzige Gefahr wäre« murmelte er halblaut vor sich hin 
    »Dass uns die drüben im Rebellenlager zuvorkämen« sagte Teja
    »Richtig du alles Erratender Aber das hat gute Wege Überläufer erzählen
dass sich die Fürstin standhaft weigert Sie droht sich eher zu töten als Arahad
die Hand zu reichen«
    »Pah« meinte Hildebad »daraufhin würd ichs wagen«
    »Weil du das leidenschaftliche Geschöpf nicht kennst das Amalungenkind Sie
hat das Blut und die Feuerseele Teoderichs und wird auch uns am Ende böses
Spiel machen«
    »Witichis ist ein andrer Freier als jener Knabe von Asta« flüsterte Teja
»Darauf vertrau ich auch« meinte Hildebad »Gönnt ihm noch einige Tage Ruhe«
riet der Alte »Er muss seinem Schmerz sein Recht antun eh ist er zu nichts zu
bringen Stört ihn nicht darin lasst ihn ruhig in seinem Zelt und bei seinem
Weibe Ich werde sie bald genug stören müssen«
    Aber der Greis sollte bald genötigt sein den König früher und anders als er
gemeint aus seinem Schmerz aufzurufen
    Die Volksversammlung zu Regeta hatte gegen diejenigen Goten die zu den
Byzantinern übergingen ein Gesetz erlassen das schimpflichen Tod drohte
Solche Fälle kamen zwar im ganzen selten aber doch in den Gegenden wo wenige
Germanen unter dichter Bevölkerung lebten und häufige Mischheiraten
stattgefunden hatten häufiger vor
    Der alte Waffenmeister trug diesen Neidingen die sich und ihr Volk
entehrten ganz besonderen Zorn Er hatte jenes Gesetz beantragt gegen
Heereslitz und Fahnenwechsel Noch war eine Anwendung desselben nicht nötig
gewesen und man hatte der Bestimmung fast vergessen
    Plötzlich sollte man ernst genug daran gemahnt werden
    Belisar selbst hatte zwar Rom mit seinem Haupteer noch nicht verlassen Aus
mehr als Einem Grunde wollte er vorläufig noch diese Stadt zum Stützpunkt all
seiner Bewegungen in Italien machen
    Aber er hatte den weichenden Goten zahlreiche Streifscharen nachgesandt sie
zu verfolgen zu beunruhigen und insbesondre die zahlreichen Kastelle Burgen
und Städte zu übernehmen in welchen die Italier die barbarischen Besatzungen
vertrieben oder erschlagen hatten oder von keiner Besatzung im Zaum gehalten
einfach zum »Kaiser der Romäer« wie er sich auf griechisch nannte abgefallen
waren
    Solche Vorfälle ereigneten sich besonders seit der gotische König in vollem
Rückzug und nach Ausbruch der Empörung die gotische Sache halb verloren schien
fast alle Tage Teils mit dem Druck teils ohne den Druck oder die Erscheinung
byzantinischer Truppen vor den Toren ergaben sich viele Schlösser und Städte an
Belisar
    Da nun die meisten doch lieber den Schein einer Nötigung abwarteten um
falls die Goten gleichwohl unverhofft wieder siegen sollten eine Entschuldigung
zu finden war dies für den Feldherrn ein weiterer Grund solche kleine
Abteilungen meist aus Italiern und Byzantinern gemischt unter Führung der
Überläufer die der Gegend und der Verhältnisse kundig waren auszusenden Und
diese Scharen ermutigt durch den fortgesetzten Rückzug der Goten wagten sich
weit ins Land jedes gewonnene Kastell wurde ein Ausgangspunkt für weitere
Unternehmungen
    Eine solche Streifschar hatte jüngst auch Kastellum Marcianum gewonnen das
bei Cäsena ganz in der Nähe des königlichen Lagers eine Felshöhe oberhalb des
großen Pinienwaldes krönte Der alte Hildebrand an den Witichis seit seiner
Verwundung den Oberbefehl abgegeben sah diese gefährlichen Fortschritte der
Feinde und den Verrat der Italier mit Ingrimm und da er ohnehin die Truppen
nicht gegen Herzog Guntaris oder gegen Ravenna beschäftigen wollte  er hoffte
auf eine friedliche Lösung des Knotens  beschloss er gegen diese kecken
Streifscharen einen züchtigenden Streich zu tun
    Späher hatten gemeldet dass am Tage nach Rautgundens Ankunft im Lager die
neue byzantinische Besatzung von Kastellum Marcianum sogar Cäsena diese
wichtige Stadt im Rücken des gotischen Lagers zu bedrohen wagte
    Grimmig schwur der alte Waffenmeister diesen Frechen das Verderben Er
selbst stellte sich an die Spitze einer Tausendschaft von Reitern die in der
Stille der Nacht Stroh um die Hufe der Rosse gewickelt in der Richtung gegen
Cäsena aufbrachen
    Der Überfall gelang vollkommen
    Unbemerkt gelangten sie bis in den Wald an den Fuß des hoch auf dem Fels
gelegenen Kastells Hier verteilte Hildebrand die Hälfte seiner Reiter auf alle
Seiten des Waldes die andre Hälfte ließ er absitzen und führte sie leise die
Felswege des Kastells hinan Die Wache am Tor ward überrascht und die
Byzantiner von einer überlegenen Macht überfallen flohen nach allen Seiten den
Fels hinab in den Wald wo der große Teil von den Berittenen gefangen wurde Die
Flammen des brennenden Schlosses erleuchteten die Nacht
    Eine kleine Gruppe aber zog sich fechtend über das Flüsschen am Fuß des
Felsens zurück über das nur eine schmale Brücke führte Hier wurden die
verfolgenden Reiter Hildebrands von einem einzelnen aufgehalten einem Anführer
nach dem Glanz der Rüstung zu schließen
    Dieser hochgewachsene und schlanke wie es schien noch junge Mann  sein
Visier war dicht geschlossen  focht wie ein Verzweifelter deckte die Flucht
der Seinen und hatte schon vier Goten niedergestreckt
    Da kam der alte Waffenmeister zur Stelle und sah eine Weile den ungleichen
Kampf mit an »Gib dich gefangen tapferer Mann« rief er dem einsamen Krieger
zu »dein Leben sichr ich dir«
    Bei diesem Ruf zuckte der Byzantiner zusammen einen Augenblick senkte er
das Schwert und sah auf den Alten Aber schon im nächsten Moment sprang er
wütend vor und wieder zurück er hatte dem vordersten Angreifer mit gewaltigem
Streich den Arm vom Leibe geschlagen Entsetzt wichen die Goten etwas zurück
    Hildebrand ergrimmte »Drauf« schrie er vorspringend »jetzt keine Gnade
mehr Zielt mit den Speeren«  »Er ist gefeit gegen Eisen« rief einer der
Goten ein Vetter Tejas »dreimal hab ich ihn getroffen  er ist nicht zu
verwunden«
    »Meinst du Aligern« lachte der Alte grimmig »lass sehen ob er auch gegen
Stein gefeit ist«
    Und er schleuderte seinen steinernen Wurfhammer  er war fast der einzige
der nicht von dieser heidnisch alten Waffe gelassen  sausend gegen den
Byzantiner
    Die wuchtige Steinaxt schlug krachend grad auf den stolz geschweiften Helm
und wie blitzgetroffen fiel der Tapfere nieder Zwei Männer sprangen rasch hinzu
und lösten ihm den Helm
    »Meister Hildebrand« rief Aligern erstaunt »das war kein Byzantiner« 
»Und kein Italier« sagte Guntamund »Sieh die Goldlocken  das war ein Gote«
meinte Hunibad Hildebrand trat hinzu   und schrak zusammen
    »Fackeln her« rief er  »Licht   Ja« sprach er finster seinen
Steinhammer wieder aufhebend »das war ein Gote Und ich  ich hab ihn
erschlagen« fügte er mit eisiger Ruhe hinzu Aber seine Faust zitterte am
Hammerschaft
    »Nein Herr« rief Aligern »er lebt Er war nur betäubt Er schlägt die
Augen auf«
    »Er lebt« fragte der Alte mit Grauen »das wollen die Götter nicht«  »Ja
er lebt« wiederholten die Goten ihren Gefangenen aufrichtend »Dann weh über
ihn und mich Aber nein ihn senden die Götter der Goten in meine Gewalt Bind
ihn auf dein Ross Guntamund aber fest Und wenn er entwischt gilt es deinen
Kopf statt des seinen Auf zu Pferd und nach Hause«
    Im Lager angelangt fragte die Bedeckung den Waffenmeister was sie für
diesen Gefangenen rüsten sollten
    »Einen Bund Stroh für heute nacht« sagte der »und für morgen früh  einen
Galgen« Mit diesen Worten ging er in das Zelt des Königs und berichtete den
Erfolg seines Zuges
    »Wir haben unter den Gefangenen« schloss er finster »einen gotischen
Überläufer Er muss hängen ehe die Sonne morgen niedergeht«  »Das ist sehr
traurig« sagte Witichis seufzend  »Ja aber notwendig Ich berufe das
Kriegsgericht der Heerführer auf morgen Willst du den Vorsitz führen« 
»Nein« sagte Witichis »erlass mirs ich bestelle Hildebad an meiner Statt« 
»Nein« sagte der Alte »das geht nicht an Ich bin Oberfeldherr solang du im
Zelte liegst ich fordere den Vorsitz als mein Recht« Witichis sah ihn an »Du
siehst grimmig und so kalt Ists ein alter Feind deiner Sippe«  »Nein«
sprach Hildebrand  »Wie heißt der Gefangene«  »Wie ich Hildebrand« 
»Höre du scheinst ihn zu hassen diesen Hildebrand Du magst ihn richten aber
hüte dich vor übertriebener Strenge Vergiss nicht dass ich gern begnadige«
    »Das Wohl der Goten fordert seinen Tod« sagte Hildebrand ruhig »und er
wird sterben«
 
                              Siebzehntes Kapitel
Früh am andern Morgen wurde der Gefangene verhüllten Hauptes hinausgeführt auf
eine Wiese im Norden »an der kalten Ecke« des Lagers wo sich die Heerführer
und ein großer Teil der Heermänner versammelt hatten
    »Höre« sagte der Gefangene zu einem seiner Begleiter »ist der alte
Hildebrand auf dem Dingplatz«
    »Er ist das Haupt des Dings«
    »Barbaren sind und bleiben sie Tu mir den Gefallen Freund  ich schenke
dir dafür diese purpurne Binde  und geh zu dem Alten Sag ihm ich wisse dass
ich sterben muss Aber er möge doch mir  und mehr noch meinem Geschlecht  hörst
du  meinem Geschlecht  die Schande des Galgens ersparen Er möge mir heimlich
eine Waffe senden« Der Gote Guntamund ging Hildebrand zu suchen der das
Gericht bereits eröffnet hatte Das Verfahren war sehr einfach Der Alte ließ
zuerst das Gesetz von Regeta vorlesen dann von Zeugen feststellen wie man sich
des Gefangenen bemächtigt darauf diesen selbst vorführen Noch immer bedeckte
ein Wollsack sein Haupt und seine Schultern Eben sollte dieser abgenommen
werden als Guntamund sich zu Hildebrand drängte und in sein Ohr flüsterte
    »Nein« sagte dieser die Stirn runzelnd »Ich lass ihm sagen die Schmach
für sein Geschlecht sei seine Tat nicht seine Strafe« Und laut fuhr er fort
»Zeigt das Antlitz des Verräters Er ist Hildebrand der Sohn des Hildegis«
    Ein Ruf des Staunens und Schreckens lief durch die Menge
    »Sein eigener Enkel«  »Alter du sollst nicht weiter richten Du bist
grausam gegen dein Fleisch und Blut« rief Hildebad aufspringend »Nur gerecht
aber gegen alle« sagte Hildebrand den Stab auf die Erde stossend »Armer
Witichis« flüsterte Graf Teja
    Aber Hildebad sprang auf und eilte hinweg nach dem Lager
    »Was kannst du für dich vorbringen Sohn des Hildegis« fragte Hildebrand
    Der junge Mann trat hastig vor sein Antlitz war von Zorn gerötet nicht von
Scham keine Spur von Furcht lag auf seinen Zügen sein langes gelbes Haar flog
im Wind Die Menge war von Mitgefühl ergriffen Schon der Bericht seines
todesmutigen Widerstandes dann die Entdeckung seines Namens endlich jetzt
seine Jugend und Schönheit sprachen mächtig für ihn Er ließ sein Auge flammend
die Reihen durchfliegen und mit Stolz auf dem Alten haften
    »Ich verwerfe dies Gericht Euer Gesetz trifft mich nicht Ich bin Römer
kein Gote Mein Vater starb vor meiner Geburt meine Mutter war eine Römerin
die edle Kloelia Diesen barbarischen Alten hab ich nie als mir verwandt
empfunden Seine Strenge hab ich verachtet wie seine Liebe Seinen Namen hat er
mir dem Kinde aufgezwungen mich meiner Mutter entrissen Ich aber entlief
ihm sobald ich konnte nicht Hildebrand Flavus Kloelius habe ich mich von je
genannt Römisch waren meine Freunde römisch von jeher meine Gedanken römisch
mein Leben All meine Freunde gingen zu Belisar und Cetegus sollt ich
zurückbleiben Tötet mich ihr könnt es und ihr werdets Aber gesteht dass es
Mord ist nicht Rechtsvollzug Ihr richtet keinen Goten ihr ermordet einen
gefangenen Römer Denn römisch ist meine Seele«
    Schweigend mit gemischten Empfindungen hörte die Menge diese Verteidigung
    Da erhob sich ingrimmig der Alte sein Auge sprühte Blitze seine Hand
zitterte vor Zorn an dem Stabe »Elender« schrie er »du bist eines gotischen
Mannes Sohn das räumst du ein So bist du denn ein Gote und wenn du dich als
Römer fühlst verdienst du schon dafür zu sterben Sajonen fort mit ihm an
den Galgen«
    Da trat der Gefangene nochmal an die Schranken der Stufe »So sei
verflucht« schrie er »du tierisch rohes Volk Verflucht ihr Barbaren
allesamt und zumeist du Greis mit dem Wolfsherzen Glaubt nicht dass all eure
Wildheit euch frommt und eure Grausamkeit Hinweggetilgt sollt ihr werden aus
diesem schönen Land und keine Spur soll von euch künden«
    Auf einen Wink des Alten warfen ihm die Bannboten wieder die Hülle ums Haupt
und führten ihn ab nach einem Hügel wo ein starker Eibenbaum aller seiner
Zweige und Blätter beraubt war Da wurden die Augen der Menge von ihm nach dem
Lager abgelenkt aus dem Lärm und Hufschlag eilender Rosse nahte
    Es war ein Zug Reiter mit dem königlichen Banner Witichis und Hildebad an
der Spitze »Haltet ein« rief der König von weitem »schont den Enkel
Hildebrands Gnade Gnade«
    Aber der Alte wies nach dem Hügel
    »Zu spät Herr König« rief er laut »es ist aus mit dem Verräter So geh
es jedem der seines Volks vergisst Erst kommt das Reich König Witichis und
dann kommt Weib und Kind und Kindeskind«
    Groß war der Eindruck dieser Tat Hildebrands auf das Heer größer noch auf
den König Witichis fühlte das Gewicht das durch dieses Opfer jede Forderung
des Alten gewonnen hatte Und mit dem Gefühl dass jetzt jeder Widerstand viel
schwerer geworden kehrte er in sein Zelt zurück Und Hildebrand benutzte seinen
Vorteil die Stimmung Er trat am Abend mit Teja in das Zelt des Königs
    Schweigend Hand in Hand saßen die Gatten auf dem Feldbett auf dem Tisch
vor ihnen stand die schwarze Urne daneben lag eine Goldkapsel nach Art der
Amulette an blauem Bande die kleine römische Bronzelampe verbreitete nur trübes
Licht Als Hildebrand dem König die Hand reichte sah ihm dieser ins Antlitz
ein Blick sagte ihm dass Hildebrand mit dem festen Entschluss eingetreten sei
jetzt seinen Gedanken durchzusetzen um jeden Preis
    Alle Anwesenden schienen stillschweigend von dem Eindruck des bevorstehenden
Seelenringens durchschauert
    »Frau Rautgundis« hob der Alte an »ich habe Hartes mit dem König zu
reden Es wird Euch kränken es zu hören«
    Die Frau erhob sich aber nicht um zu gehen Der Ausdruck tiefen Schmerzes
und tiefer Liebe zu ihrem Gatten gab den regelmäßigen festen Zügen eine edle
Weihe Sie legte ohne die Rechte aus der Hand des Gatten zu ziehen leise die
Linke auf seine Schulter
    »Sprich nur fort Hildebrand ich bin sein Weib und fordre die Hälfte dieser
Härte«
    »Frau« mahnte der Alte nochmal
    »Lass sie bleiben« sprach der König »fürchtest du ihr ins Angesicht deine
Gedanken zu sagen«  »Fürchten nein und sollt ich einem Gott ins Antlitz
sagen das Volk der Goten ist mir mehr als du  ich täts ohne Furcht Wisse
denn « 
    »Wie du willst Schone schone sie« sprach Witichis den Arm um seine Frau
schlingend Aber Rautgundis sah ihn groß und fest an »Ich weiß alles mein
Witichis Wie ich gestern abend durchs Lager wandelte unerkannt im Schutz der
Dämmerung hörte ich die Heermänner an den Feuern auf dich schelten und diesen
Alten hoch erheben Ich lauschte und hörte alles was dieser fordert und was du
weigerst«
    »Und du hast mir nichts gesagt«  »Hat es doch keine Gefahr Weiß ich doch
dass du dein Weib nicht verstoßen wirst Nicht um eine Krone und nicht um jenes
zauberschöne Mädchen Wer will uns scheiden Lass diesen Alten drohn ich weiß ja
doch es hängt kein Stern am Himmel fester als ich an deinem Herzen«
    Diese Sicherheit wirkte auf den Alten
    Er furchte die Stirn »Nicht mit dir hab ich zu rechten Witichis ich
frage dich vor Teja du weißt wie es steht Ohne Ravenna sind wir verloren 
Ravenna öffnet dir nur Mataswintens Hand  Willst du diese Hand fassen oder
nicht«
    Da sprang Witichis auf »Ja unsre Feinde haben recht Wir sind Barbaren Da
steht vor diesem fühllosen Alten ein herrlich Weib an Schmerzen wie an Treue
unerreicht vor ihm steht die Asche unsres gemordeten Kindes und er will von
diesem Weib von dieser Asche weg den Gatten zu neuer Ehe rufen Nie niemals«
    »Vor einer Stunde waren Vertreter aller Tausendschaften des Heeres auf dem
Weg in dein Zelt« sprach der Greis »Sie wollten erzwingen was ich fordere
Ich hielt sie mit Mühe ab«
    »Lass sie kommen« rief Witichis »sie können mir nur die Krone nehmen nicht
mein Weib«
    »Wer die Krone trägt ist seines Volkes Nicht mehr sein eigen«
    »Hier«  da ergriff Witichis den Kronhelm und legte ihn auf den Tisch vor
Hildebrand  »noch einmal geb ich euch und zum letztenmal die Krone zurück
Ich habe sie nicht verlangt weiß Gott  Sie hat mir nichts gebracht als diese
Aschenurne  Nehmt sie zurück  lasst König sein wer will und Mataswinta
frein«
    Aber Hildebrand schüttelte das Haupt »Du weißt das führt zum sichersten
Verderben Schon jetzt sind wir in drei Parteien gespalten Viele Tausende
würden Arahad nie anerkennen Du bists allein der noch alles zusammenhält
Fällst du weg so lösen wir uns auf ein Bündel losgebundener Ruten die Belisar
im Spiele bricht Willst du das«
    »Frau Rautgundis kannst du kein Opfer bringen für dein Volk« sprach Teja
nähertretend
    »Auch du hochsinniger Teja gegen mich ist das deine Freundschaft« 
»Rautgundis« sprach dieser ruhig »ich ehre dich vor allen Frauen hoch und
Hohes fordre ich darum von dir« 
    Hildebrand aber begann »du bist die Königin dieses Volkes Ich weiß von
einer Gotenkönigin aus unsrer Ahnen Heidenzeit Hunger und Seuchen lasteten auf
ihrem Volk Ihre Schwerter waren sieglos Die Götter zürnten den Goten Da
fragte Swanhild die Eichen des Waldes und die Wellen des Meeres und sie
rauschten zur Antwort
Wenn Swanhild stirbt leben die Goten
Lebt Swanhild so stirbt ihr Volk
    Und Swanhild wandte den Fuß nicht mehr nach Hause Sie dankte den Göttern
und sprang in die Flut Aber freilich das war die Heidenzeit«
    Rautgundis blieb nicht unbewegt »Ich liebe mein Volk« sprach sie »und
seit von Atalwin nur diese Locke übrig« sie wies auf die Kapsel »glaub ich
gäb ich mein Leben für mein Volk Sterben will ich  ja« rief sie »aber leben
und diesen Mann meines Herzens in andrer Liebe wissen  nein«
    »In andrer Liebe« rief Witichis »wie redest du mir so Weißt dus denn
nicht wie ewig dies gequälte Herz nur nach dem Wohlklang deines Namens schlägt
Hast dus denn nicht empfunden noch nicht an dieser Urne nicht wie ewig unsre
Herzen eins Was bin ich ohne deine Liebe Reisst mir das Herz aus der Brust
setzt mir ein andres ein dann etwa lass ich von dieser Seele Ja wahrlich«
rief er den beiden Männern zu »ihr wisst nicht was ihr tut und kennt euren
Vorteil schlecht Ihr wisst nicht dass meine Liebe zu diesem Weib und dieses
Weibes Liebe das Beste ist am armen Witichis Sie ist mein guter Stern Ihr wisst
nicht dass ihr zu danken ist ihr allein wenn etwas euch an mir gefällt An sie
denk ich im Getümmel der Schlacht und ihr Bild stärkt meinen Arm An sie denk
ich an ihre Seele klar und ruhig an ihre makellose Treu wenns gilt im Rat
das Edelste zu finden  O dieses Weib ist meines Lebens Seele nehmt sie
hinweg und ein Schatte ohne Glück und Kraft ist euer König«
    Und in leidenschaftlicher Erregung schloss er Rautgundis in die Arme Sie
war erstaunt selig erschrocken Noch nie hatte der stete ruhige Mann der sein
Gefühl gern scheu in sich verschloss so von ihr von seiner Liebe gesprochen
Nicht da er um sie warb wie jetzt da er sie lassen sollte
    Aufs mächtigste erschüttert sank sie an seine Brust »Dank Dank Gott für
diese Schmerzensstunde« flüsterte sie »ja jetzt weiß ich dein Herz deine
Seele sind ewig mein«
    »Und bleiben dein« sagte Teja leise »wenn auch eine andre seine Königin
heißt Sie teilt nur seine Krone nicht sein Herz«
    Das schlug tief in Rautgundis Seele Sie sah ergriffen von diesem Wort
mit großen Augen auf Teja
    Hildebrand erkannte es wohl und sann darauf jetzt seinen Hauptschlag zu
führen
    »Wer will wer kann an eure Herzen rühren« sprach er »Ein Schatte ohne
Glück und Kraft  das wirst du nur wenn du mein Wort verwirfst und brichst
deinen heiligen heiligen Eid Denn der Meineidige ist hohler als ein Schatte«
    »Seinen Eid« fragte Rautgundis erbebend »Was hast du geschworen«
    Witichis aber sank auf den Sitz und sein Haupt auf seine Hände
    »Was hat er geschworen« wiederholte sie
    Da sprach Hildebrand langsam jedes Wort in die Seele der Gatten zielend
»Wenige Jahre sinds Da schloss ein Mann in mitternächtiger Stunde mit vier
Freunden einen mächtigen Bund Unter heiliger Eiche ward der Rasen geritzt und
er tat einen Eid bei der alten Erde dem wallenden Wasser dem flackernden Feuer
und der leichten Luft Und sie mischten ihr rotes Blut zu einem Bund von Brüdern
auf immer und ewig und alle Tage
    Sie schworen den schweren Schwur zu opfern alles Eigen Sohn und Sippe
Leib und Leben Waffen und Weib dem Glück und Glanz des Geschlechtes der Goten
Und wer von den Brüdern sich wollte weigern den Eid zu ehren mit allen Opfern
des rotes Blut solle rinnen ungerächt wie dies Wasser unter den Waldwasen Auf
sein Haupt solle die Himmelshalle niederdonnern und ihn erdrücken Und wer
vergisst dieses Eides und wer sich weigert alles zu opfern dem Volk der Goten
wenn die Not es gebeut und ein Bruder ihn mahnt der soll verfallen sein auf
immer den dunkeln Gewalten die da hausen unter der Erde Gute Menschen sollen
mit Füßen schreiten über des Neidings Haupt und sein Andenken verschlungen sein
spurlos in die Tiefe  oder wer seiner gedenkt gedenke sein mit Fluchen und
verdammt soll sein seine Seele zu ewiger Qual Und ehrlos soll sein sein Name
so weit Christenleute Glocken läuten und Heidenleute Opfer schlachten so weit
der Wind weht über die weite Welt
    So ward geschworen in jener Nacht von fünf Männern von Hildebrand und
Hildebad von Totila und Teja Wer aber war der fünfte Witichis Waltaris
Sohn«
    Und  rasch streifte er dem König das Gewand über den linken Knöchel zurück
»Sieh her Rautgundis noch ist die Narbe des Blutschnitts nicht verwischt
Aber der Schwur ist verwischt in seiner Seele So schwor er damals als er noch
nicht König war
    Und als ihn die Tausende von gotischen Männern auf dem Feld von Regeta auf
den Schild erhoben da tat er einen zweiten Schwur Mein Leben mein Glück mein
Alles euch will ichs weihn dem Volk der Goten das schwör ich euch beim
höchsten Himmelsgott und bei meiner Treue Nun Witichis Waltaris Sohn König
der Goten ich mahne dich an jenen doppelten Eid zu dieser Stunde Ich frage
dich willst du opfern wie du geschworen dein Alles dein Glück und dein Weib
dem Volk der Goten Siehe auch ich habe drei Söhne verloren für dies Volk
    Und habe meinen Enkel den letzten Spross meines Geschlechtes geopfert
gerichtet für die Goten ohne Zucken mit den Wimpern Sprich willst du das
gleiche tun willst du halten deinen Eid oder ihn brechen und ehrlos unter den
Lebendigen verflucht sein unter den Toten willst du«
    Witichis wandte sich im Schmerz unter den Worten des furchtbaren Alten
    Da erhob sich Rautgundis Die Linke auf ihres Mannes Herz gelegt die
Rechte wie abwehrend gegen Hildebrand ausstreckend sprach sie »Halt ein Lass
ab von ihm Es ist genug schon längst Er tut was du begehrst Er wird nicht
ehrlos und eidbrüchig an seinem Volke um sein Weib«
    Aber Witichis sprang auf und umfasste sie als wollte man ihm sein Weib
sogleich entreißen
    »Geht jetzt« sprach sie zu den Männern »lasst mich allein mit ihm«
    Teja wandte sich zum Ausgang Hildebrand zögerte
    »Geh nur ich gelobe es dir« sprach sie die Hand auf die Marmorurne
legend »bei der Asche meines Kindes mit Sonnenaufgang ist er frei«
    »Nein« sprach Witichis »ich stoße mein Weib nicht von mir nie«
    »Das sollst du nicht Nicht du vertreibst mich ich wende mich von dir
Rautgundis geht ihr Volk zu retten und ihres Gatten Ehre Du kannst dein Herz
nie von mir lösen ich weiß es es bleibt mein seit heute mehr denn je Geht
was jetzo zwischen uns beiden zu leben ist trägt keinen Zeugen«
    Schweigend verließen die Männer das Zelt schweigend gingen sie miteinander
die Lagergasse hinab an der Ecke hielt der Alte
    »Gute Nacht Teja« sagte er »jetzt ists getan«
    »Ja doch wer weiß ob wohlgetan Ein edles edles Opfer noch viele andre
werden folgen und mir ist dort in den Sternen steht geschrieben umsonst Doch
gilts die Ehre noch wenn nicht den Sieg Leb wohl«
    Und er schlug den dunkeln Mantel um die Schulter und verschwand wie ein
Schatten in der Nacht
 
                              Achtzehntes Kapitel
Am andern Morgen noch vor Hahnenkraht ritt ein verhülltes Weib aus dem
Gotenlager Ein Mann im braunen Kriegermantel schritt neben ihr das Ross am
Zügel führend und immer wieder in ihr verschleiert Antlitz schauend Einen
Pfeilschuss hinter ihnen ritt ein Knecht ein Bündel hinter sich auf dem Sattel
an dem die schwere Streitaxt hing
    Lange verfolgten sie schweigend ihren Weg
    Endlich hatten sie eine Waldhöhe erreicht hinter ihnen die breite
Niederung in der das Gotenlager und die Stadt Ravenna ruhten vor ihnen die
Straße die nach der Via Aemilia im Nordwesten führte
    Da hielt das Weib den Zügel an
    »Die Sonne steigt soeben auf ich habs gelobt dass sie dich frei und ledig
findet Leb wohl mein Witichis«  »Eile nicht so hinweg von mir« sagte er
ihre Hand drückend  »Wort muss man halten Freund und bricht das Herz darob
Es muss sein«  »Du gehst leichter als ich bleibe« Sie lächelte schmerzlich
»Ich lasse mein Leben hinter dieser Waldhöhe Du hast noch ein Leben vor dir« 
»Was für ein Leben«  »Das Leben eines Königs für sein Volk wie dein Eid es
gebeut«  »Unseliger Eid«  »Es war recht ihn zu schwören es ist Pflicht
ihn zu halten Und du wirst mein gedenken in den Goldsälen von Rom wie ich dein
in meiner Hütte tief im Steingeklüft Du wirst sie nicht vergessen die zehn
Jahre der Lieb und Treu und unsern süßen Knaben«
    »O mein Weib mein Weib« rief der Gequälte und umschlang sie mit beiden
Armen das Haupt auf den Sattelknopf gedrückt Sie beugte das Haupt über ihn und
legte die Rechte auf sein braunes Haar
    Inzwischen war Wachis herangekommen er sah der Gruppe eine Weile zu dann
hielt ers nicht mehr aus Er zog leise seinen Herrn am Mantel »Herr passt auf
ich weiß Euch guten Rat hört Ihr nicht«
    »Was kannst du raten«
    »Kommt mit auf und davon werft Euch auf mein Pferd und reitet frisch davon
mit Frau Rautgundis Ich komme nach Lasst ihnen doch die Euch so quälen dass
Euch die hellen Tropfen im Auge stehen lasst ihnen doch den ganzen Plunder von
Kron und Reich Euch hats kein Glück gebracht sie meinens nicht gut mit
Euch wer will Mann und Weib scheiden um eine tote Krone Auf und davon sag
ich Und ich weiß Euch ein Felsennest wo Euch nur der Adler findet oder der
Steinbock«
    »Soll dein Herr von seinem Reich entlaufen wie ein schlechter Sklave aus
der Mühle Leb wohl Witichis hier nimm die Kapsel mit dem blauen Band des
Kindes Stirnlocken sind darin und eine« flüsterte sie ihn auf die Stirn
küssend und das Medaillon umhängend »und eine von Rautgundis Leb wohl du
mein Leben«
    Er richtete sich auf ihr ins Auge zu sehen
    Da trieb sie das Pferd an »Vorwärts Wallada« und sprengte hinweg Wachis
folgte im Galopp Witichis stand regungslos und sah ihr nach
    Da hielt sie ehe die Straße sich ins Gehölz krümmte  nochmals winkte sie
mit der Hand und war gleich darauf verschwunden
    Witichis lauschte wie im Traum auf die Hufschläge der eilenden Rosse Erst
als diese verhallt wandte er sich
    Aber es ließ ihn nicht von der Stelle
    Er trat seitab der Straße dort lag jenseit des Grabens ein großer moosiger
Felsblock darauf setzte sich der König der Goten und stützte die Arme auf die
Kniee das Haupt in beide Hände Fest drückte er die Finger vor die Augen die
Welt und alles draußen auszuschliessen von seinem Schmerz
    Tränen drangen durch die Hände er achtete es nicht Reiter sprengten
vorüber er hörte es kaum So saß er stundenlang regungslos so dass die Vögel
des Waldes bis dicht an ihn heran spielten
    Schon stand die Sonne im Mittag
    Endlich  hörte er seinen Namen nennen Er sah auf Teja stand vor ihm
    »Ich wußt es wohl« sagte dieser »du bist nicht feig entflohn Komm mit
zurück und rette das Reich Als man dich heut nicht in deinem Zelte fand kams
gleich im ganzen Lager aus du habest an Krone und Glück verzweifelnd dich
davongemacht
    Bald drangs in die Stadt und zu Guntaris die Ravennaten drohen einen
Ausfall sie wollen zu Belisar übergehn Arahad buhlt bei unserm Heer um die
Krone Zwei drei Gegenkönige drohn Alles fällt in Trümmer auseinander wenn du
nicht kommst und rettest«
    »Ich komme« sagte er »sie sollen sich hüten Es brach das beste Herz um
diese Krone sie ist geheiligt und sie solln sie nicht entweihn Komm Teja
zurück ins Lager«
 
                               Zweite Abteilung
                                Erstes Kapitel
Im Lager angelangt fand König Witichis alles in höchster Verwirrung gewaltsam
riss ihn die drängende Not des Augenblicks aus seinem Gram und gab ihm vollauf zu
tun
    Er traf das Heer in voller Auflösung und in zahlreiche Parteiungen
zerspalten Deutlich erkannte er dass der Fall der ganzen gotischen Sache die
Folge gewesen wäre hätte er die Krone niedergelegt oder das Heer verlassen
    Manche Gruppen fand er zum Aufbruch bereit
    Die einen wollten sich dem alten Grafen Grippa in Ravenna anschließen Andre
zu den Empörern sich wenden andre Italien verlassend über die Alpen flüchten
Endlich fehlte es nicht an Stimmen die für eine neue Königswahl sprachen und
auch hierin standen sich die Parteien waffendrohend gegenüber
    Hildebrand und Hildebad hielten noch diejenigen zusammen die an des Königs
Flucht nicht glauben wollten Der Alte hatte erklärt wenn Witichis wirklich
entflohen wolle er nicht ruhen bis der eidbrüchige König wie Teodahad
geendet Hildebad schalt jeden einen Neiding der also von Witichis denke Sie
hatten die Wege zur Stadt und nach dem Wölsungenlager besetzt und drohten jeden
Abzug nach diesen Seiten mit Gewalt zurückzuweisen während auch bereits Herzog
Guntaris von der Verwirrung Kunde erhalten hatte und langsam gegen das Lager
der Königlichen anrückte
    Überall traf Witichis auf unruhige Haufen abziehende Scharen Drohungen
Scheltworte erhobene Waffen  jeden Augenblick konnte auf allen Punkten des
Lagers ein Blutbad ausbrechen Rasch entschlossen eilte er in sein Zelt
schmückte sich mit dem Kronhelm und dem goldenen Stab stieg auf Boreas das
mächtige Schlachtross und sprengte gefolgt von Teja der die blaue Königsfahne
Teoderichs über ihn hielt durch die Gassen
    In der Mitte des Lagers stieß er auf einen Trupp von Männern Weibern und
Kindern  denn ein gotisches Volksheer führte auch diese mit sich  der sich
drohend gegen das Westtor wälzte
    Hildebad ließ die Seinen mit gefällten Speeren in die Tore treten
    »Lasst uns hinaus« schrie die Menge »der König ist geflohen der Krieg ist
aus alles ist verloren wir wollen das Leben retten«  »Der König ist kein
Tropf wie du« sagte Hildebad den Vordersten zurückstossend  »Ja er ist ein
Verräter« schrie dieser »er hat uns alle verlassen und verraten um ein paar
Weibertränen«
    »Ja« schrie ein andrer »er hat dreitausend von unsern Brüdern
hingeschlachtet und ist dann entflohn«
    »Du lügst« sprach eine ruhige Stimme und Witichis bog um die Lagerecke
    »Heil dir König Witichis« schrie der riesige Hildebad »seht ihr ihn da
Hab ichs nicht immer gesagt ihr Gesindel Aber Zeit wars dass du kamst 
sonst ward es schlimm«
    Da sprengte von rechts Hildebrand mit einigen Reitern heran »Heil dir
König und der Krone auf deinem Helm  Reitet durch das Lager Herolde und
kündet was ihr saht und alles Volk soll rufen Heil König Witichis dem
Vielgetreuen«
    Aber Witichis wandte sich schmerzlich von ihm ab 
    Die Boten schossen wie Blitze hinweg bald scholl aus allen Gassen der
donnernde Ruf »Heil König Witichis« und von allen Seiten stimmten die jüngst
noch Hadernden einig in diesen Ruf zusammen
    Sein Blick flog mit dem Stolz tiefsten Schmerzes über die Tausende Und Teja
sprach hinter ihm leise »Du siehst du hast das Reich gerettet«
    »Auf führ uns zum Sieg« rief Hildebad »denn Guntaris und Arahad rücken
an sie wähnen uns ohne Haupt in offenem Zwist zu überraschen heraus auf sie
sie sollen sich schrecklich irren heraus auf sie und nieder die Empörer« 
»Nieder die Empörer« donnerten die Heermänner nach froh einen Ausweg ihrer
tieferregten Leidenschaft zu finden
    Aber der König winkte mit edler Ruhe »Stille nicht noch einmal soll
gotisch Blut fließen von gotischen Waffen Ihr harret hier in Geduld du
Hildebad tu mir auf das Tor Niemand folgt mir ich allein gehe zu den
Gegnern Du Graf Teja hältst das Lager in Zucht bis ich wiederkehre Du aber
Hildebrand«  er riefs mit erhobener Stimme  »reit an die Tore von Ravenna
und künde laut sie sollen sie öffnen Erfüllt ist ihr Begehr und noch vor
Abend ziehen wir ein der König Witichis und die Königin Mataswinta«
    So gewaltig und ernst sprach er diese Worte dass das Heer sie mit lautloser
Ehrfurcht vernahm
    Hildebad öffnete die Lagerpforte man sah die Reihen der Empörer im
Sturmschritt Heraneilen laut scholl ihr Kriegsruf als sich das Tor öffnete
    König Witichis gab an Teja sein Schwert und ritt ihnen langsam entgegen
Hinter ihm schloss sich das Tor
    »Er sucht den Tod« flüsterte Hildebrand »Nein« sprach Teja »er sucht und
bringt das Heil der Goten«
    Wohl stutzten die Feinde als sie den einzelnen Reiter erkannten neben den
wölsungischen Brüdern die an der Spitze zogen ritt ein Führer avarischer
Pfeilschützen die sie in Sold genommen Dieser hielt die Hand vor die kleinen
blinzenden Augen und rief »Beim Rosse des Rossgotts das ist der König selbst
jetzt meine Burschen pfeilkundige Söhne der Steppe zielt haarscharf und der
Krieg ist aus« Und er riss den krummen Hornbogen von der Schulter
    »Halt Chan Warchun« sprach Herzog Guntaris eine eherne Hand auf seine
Schulter legend »Du hast zweimal schwer gefehlt in einem Atem Du nennst den
Grafen Witichis König das sei dir verziehn Und du willst ihn morden der im
Botenfrieden naht Das mag avarisch sein es ist nicht Gotensitte Hinweg mit
dir und deiner Schar aus meinem Lager«
    Der Chan stutzte und sah ihn staunend an »Hinweg sogleich« wiederholte
Herzog Guntaris Der Avare lachte und winkte seinen Reitern »Mir gleich
Kinder wir gehen zu Belisar Sonderbare Leute diese Goten Riesenleiber 
Kinderherzen«
    Indessen war Witichis herangeritten Guntaris und Arahad musterten ihn mit
forschenden Blicken In seinem Wesen lag neben der alten schlichten Würde eine
ernste Hoheit die Majestät des höchsten Schmerzes
    »Ich komme mit euch zu reden zum Heile der Goten Nicht weiter sollen
Brüder sich zerfleischen Lasst uns zusammen einziehen in Ravenna und zusammen
Belisar bekämpfen Ich werde Mataswinta freien und ihr beide sollt am nächsten
stehen an meinem Thron«
    »Nimmermehr« rief Arahad leidenschaftlich »Du vergisst« sprach Herzog
Guntaris stolz »dass deine Braut in unsern Zelten ist«
    »Herzog Guntaris von Tuscien ich könnte dir erwidern dass bald wir in
euren Zelten sein werden Wir sind zahlreicher und nicht feiger als ihr und o
Herzog Guntaris mit uns ist das Recht Ich will nicht also sprechen Aber
mahnen will ich dich des Gotenvolks Selbst wenn du siegen solltest  du wirst
zu schwach um Belisar zu schlagen Kaum einig sind wir ihm gewachsen Gib
nach«
    »Gib du nach« sprach der Wölsung »wenn dirs ums Gotenvolk zu tun Lege
diese Krone nieder kannst du kein Opfer bringen deinem Volk«  »Ich kanns 
ich habs getan Hast du ein Weib o Guntaris«
    »Ein teures Weib habe ich«  »Nun wohl auch ich hatte ein teures Weib Ich
habs geopfert meinem Volk ich habe sie ziehen lassen Mataswinten zu freien«
    Herzog Guntaris schwieg Arahad aber rief »dann hast du sie nicht
geliebt«
    Da fuhr Witichis empor sein Schmerz und seine Liebe wuchsen riesengross
Glut deckte seine Wangen und einen vernichtenden Blick warf er auf den
erschrockenen Jüngling »Schwatze mir nicht von Liebe lästre nicht du
törichter Knabe Weil dir ein Paar rote Lippen und weiße Glieder in deinen
Träumen vor den Blicken glänzen sprichst du von Liebe Was weißt du von dem
was ich an diesem Weib verloren der Mutter meines süßen Kindes Eine Welt von
Liebe und Treue Reizt mich nicht meine Seele ist wund in mir liegen Schmerz
und Verzweiflung mit Mühe gebändigt reizt sie nicht lasst sie nicht
losbrechen«
    Herzog Guntaris war sehr nachdenklich geworden
    »Ich kenne dich Witichis vom Gepidenkrieg nie sah ich unadeligen Mann so
adelige Streiche tun Ich weiß es ist kein Falsch an dir Ich weiß wie Liebe
bindet an ein ehlich Weib Und du hast das Weib deinem Volk geopfert Das ist
viel«
    »Bruder was sinnest du« rief Arahad »was hast du vor«  »Ich habe vor
das Haus der Wölsungen an Edelmut nicht beschämen zu lassen Edle Geburt
Arahad heischt edle Tat
    Sag mir nur eins noch weshalb hast du nicht lieber die Krone hingegeben
ja dein Leben als dein Weib«
    »Weil es des Reiches sicheres Verderben war Zweimal wollt ich die Krone
Graf Arahad abtreten zweimal schwuren die Ersten meines Heeres ihn nie
anzuerkennen Drei vier Gegenkönige würden gewählt aber bei meinem Wort Graf
Arahad würde niemals anerkannt Da rang ich mein Weib von mir ab vom blutenden
Herzen Und nun Herzog Guntaris gedenk auch du des Gotenvolks Verloren ist
das Haus der Wölsungen wenn die Goten verloren Die edelste Blüte des Stammes
fällt mit dem Stamm wenn Belisar die Axt an die Wurzel legt Ich habe mein Weib
dahingegeben meines Lebens Krone gib du die Hoffnung einer Krone auf«
    »Man soll nicht singen in der Goten Hallen Der Gemeinfreie Witichis war
edler als des Adels Edelste Der Krieg ist aus ich huldige dir mein König«
Und der stolze Herzog bog das Knie vor Witichis der ihn aufhob und an seine
Brust zog
    »Bruder Bruder was tust du an mir welche Schmach« rief Arahad »Ich
rechn es mir zur Ehre« sprach Guntaris ruhig »Und zum Zeichen dass mein
König nicht Feigheit sieht sondern eine Edeltat in der Huldigung erbitt ich
mir eine Gunst Amaler und Balten haben unser Geschlecht zurückgedrängt von dem
Platz der ihm gebührt im Volke der Goten«  »In dieser Stunde« sprach
Witichis »kaufst du ihn zurück die Goten sollen nie vergessen dass
WölsungenEdelsinn ihnen einen Bruderkampf erspart hat«  »Und des zum Zeichen
sollst du uns das Recht verleihen dass die Wölsungen der Goten Sturmfahne dem
Heer vorauftragen in jeder Schlacht«  »So seis« sagte der König ihm die
Rechte reichend »und keine Hand wird sie mir würdiger führen«  »Wohlan jetzt
auf zu Mataswinta« sprach Guntaris
    »Mataswinta« rief Arahad der bisher wie betäubt der Versöhnung zugesehen
die alle seine Hoffnungen begrub »Mataswinta« wiederholte er »Ha zur
rechten Zeit gemahnt ihr mich Ihr könnt mir die Krone nehmen  sie fahre hin
 nicht meine Liebe und nicht die Pflicht die Geliebte zu beschützen Sie hat
mich verschmäht ich aber liebe sie bis zum Tode Ich habe sie vor meinem Bruder
beschirmt der sie zwingen wollte mein zu werden Nicht minder wahrlich will
ich sie beschützen wollt ihr sie nun beide zwingen des verhassten Feindes zu
werden Frei soll sie bleiben diese Hand die kostbarer als alle Kronen der
Erde« Und rasch schwang er sich aufs Pferd und jagte mit verhängtem Zügel
seinem Lager zu
    Witichis sah ihm besorgt nach »Lass ihn« sprach Herzog Guntaris »wir
beide einig haben nichts zu fürchten Gehen wir die Heere zu versöhnen wie
die Führer«
    Während Guntaris zuerst den König durch seine Reihen führte und diese
aufforderte gleich ihm zu huldigen was sie mit Freuden taten und darauf
Witichis den Wölsungen und seine Anführer mit in sein Lager nahm wo die
Besiegung des stolzen Herzogs durch Friedensworte als ein Wunderwerk des Königs
angesehen wurde sammelte Arahad aus den Reitern im Vordertreffen eine kleine
Schar von etwa hundert ihm treu ergebenen Gefolgen und sprengte mit ihnen nach
seinem Lager zurück
    Bald stand er im Zelt vor Mataswinten die sich bei seinem Eintreten
unwillig erhob »Zürne nicht schilt nicht Fürstin diesmal hast du kein Recht
dazu Arahad kommt die letzte Pflicht seiner Liebe zu erfüllen Flieh du musst
mir folgen« Und im Ungestüm seiner Aufregung griff er nach der weißen schmalen
Hand
    Mataswinta trat einen Schritt zurück und legte die Rechte an den breiten
Goldgürtel der ihr weißes Untergewand umschloss »Fliehen« sagte sie »wohin
fliehen«
    »Übers Meer Über die Alpen gleichviel in die Freiheit Denn deiner
Freiheit droht höchste Gefahr«
    »Von Euch allein droht sie«  »Nicht mehr von mir Und ich kann dich nicht
mehr beschirmen Solang du mein werden solltest konnte ich es konnte grausam
sein gegen mich selbst deinen Willen zu ehren Aber nun «
    »Aber nun« sprach Mataswinta erbleichend
    »Sie haben dich einem andern bestimmt Mein Bruder mein Heer und meine
Feinde im Königslager und in Ravenna alle sind darin einig Bald werden sie
dich tausendstimmig als Opfer zum Brautaltar rufen Ich kanns nicht denken
Diese Seele diese Schönheit entweiht als Opfer in ungeliebtem Ehebund«
    »Lass sie kommen« sagte Mataswinta »lass sehen ob sie mich zwingen« Und
sie drückte den Dolch den sie im Gürtel trug an sich  »Wer ist er der neue
Zwingherr der mir droht«
    »Frage nicht« rief Arahad »dein Feind der dein nicht wert der dich
nicht liebt der  folge mir  flieh schon kommen sie« Man hörte von draußen
nahenden Hufschlag
    »Ich bleibe Wer zwingt das Enkelkind Teoderichs«
    »Nein du sollst nicht sollst nicht in ihre Hände fallen der Fühllosen
die nicht dich lieben nicht deine Herrlichkeit nur dein Recht auf die Krone
Folge mir  «
    Da ward der Türvorhang des Zeltes zur Seite geschoben Graf Teja trat ein
Zwei Gotenknaben mit ihm in weißer Seide festlich gekleidet
    Sie trugen ein mit einem Schleier verhülltes Purpurkissen Er trat bis an
die Mitte des Zeltes und beugte das Knie vor Mataswinten Er trug wie die
Knaben einen grünen Rautenzweig um den Helm Aber sein Auge und seine Stirne
war düster  als er sprach »Ich grüße dich der Goten und Italier Königin«
    Mit erstauntem Blick maß sie ihn Teja erhob sich trat zurück zu den
Knaben nahm von dem Kissen einen goldenen Reif und den grünen Rautenkranz und
sprach »Ich reiche dir den Brautkranz und die Krone Mataswinta und lade dich
zur Hochzeit und zur Krönung  die Sänfte steht bereit«
    Arahad griff ans Schwert
    »Wer sendet dich« fragte Mataswinta mit klopfendem Herzen aber die Hand
am Dolch »Wer sonst als Witichis der Goten König« Da leuchtete ein Strahl
der Begeisterung aus Mataswintens wunderbaren Augen sie erhob beide Arme gen
Himmel und sprach »Dank Himmel deine Sterne lügen nicht und nicht das treue
Herz Ich wußt es wohl« Und mit beiden schimmernden Händen ergriff sie das
bekränzte Diadem und drückte es fest auf das dunkelrote Haar »Ich bin bereit
Geleite mich« sprach sie »zu deinem Herrn und meinem« Und mit königlicher
Wendung reichte sie Graf Teja die Linke der sie ehrerbietig hinausführte
    Arahad aber starrte der Verschwundenen nach sprachlos noch immer die Hand
am Schwert Da trat Eurich einer seiner Gefolgen zu ihm heran und legte ihm
die Hand auf die Schulter »Was nun« fragte er »die Rosse stehen und harren
wohin«  »Wohin« rief Arahad auffahrend  »wohin Es gibt nur noch Einen Weg
wir wollen ihn gehen Wo stehen die Byzantiner und der Tod«
 
                                Zweites Kapitel
Am siebenten Tage nach diesen Ereignissen bereitete sich ein glanzvolles Fest
auf den Fora und in dem Königspalast zu Ravenna
    Die Bürger der Stadt und die Goten aller drei Parteien wogten in gemischten
Scharen durch die Straßen und fuhren durch die Lagunenkanäle  denn Ravenna war
damals eine Wasserstadt fast aber doch nicht ganz wie heute Venedig  die
riesigen Kränze Blumenbogen und Fahnen zu bewundern die von allen Zinnen und
Dächern niederwehten denn es galt die Vermählung des gotischen Königspaares zu
feiern
    Am frühen Morgen hatte sich das ganze jetzt vereinigte Heer der Goten vor
den Toren der Stadt zu feierlicher Volksversammlung geschart Der König und die
Königin erschienen auf milchweissen Rossen abgestiegen waren sie vor allem Volk
unter eine breitschattende Steineiche getreten dort hatte Witichis seiner Braut
die rechte Hand auf das Haupt gelegt sie aber trat mit dem entblößten linken
Fuß in den Goldschuh des Königs
    Damit war unter dem Zuruf der Tausende die Ehe nach Volksrecht geschlossen
Darauf bestieg das Paar einen mit grünen Zweigen geschmückten Wagen der von
vier weißen Rindern gezogen ward der König schwang die Geissel und sie fuhren
gefolgt von dem Heere in die Stadt Dort schloss sich an die halb heidnische
germanische eine zweite die christliche Feier der arianische Bischof erteilte
seinen Segen über das Paar in der Basilika Sancti Vitalis und ließ es die Ringe
wechseln
    Rautgundens wurde nicht gedacht
    Noch war die Kirche nicht mächtig genug ihre Forderung der Unauflöslichkeit
einer kirchlich geschlossenen Ehe überall durchzusetzen vornehme Römer und
vollends Germanen verstiessen noch häufig in voller Willkür ihre Frauen Und wenn
gar ein König aus Gründen des Staatswohls und ohne Einspruch der Gattin das
gleiche beschloss erhob sich kein Widerstand 
    Aus der Kirche ging der Zug nach dem Palast in dessen Hallen und Gärten ein
großes Festmahl gerüstet war
    Das ganze Gotenheer und die ganze Bevölkerung der Stadt fand hier dann auf
den Fora des Herkules und des Honorius und in den nächsten Straßen und Kanälen
auf Schiffen an tausend Tischen reiche Bewirtung während die Großen des
Reiches und die Vornehmen der Stadt mit dem Königspaar in der Gartenrotunde oder
in der weiten Trinkhalle die Teoderich hatte in dem römischen Palast anbringen
lassen tafelten
    So wenig die Lage des Landes und des Königs Stimmung zu rauschenden Festen
passen mochten  es galt die Ravennaten mit den Goten und die verschiedenen
Parteien der Goten unter sich zu versöhnen und man hoffte in Strömen des
Festweins die letzten feindseligen Erinnerungen hinwegzuspülen
    Am besten übersah man den Königstisch und die festlichen Tafeln die sich
über den weiten Garten und Park verteilten von dem zum Brautgemach
Mataswintens bestimmten kleinen Gelass dessen einziges Fenster auf die Rotunde
vor dem Garten und über den Garten hin bis auf das Meer ausblicken ließ
    In diesem Gemach drei Tage zuvor schon schmückend zu schalten und zu walten
hatte sich Aspa die Numiderin als Lohn treuer Dienste ausgebeten »Denn diese
ernsten finsteren Römer wissen ebensowenig wie die rauen Goten dem schönsten
Weib der Erde das Brautbett zu bereiten in Afrika im Land der Wunder lernt
man das«
    Und wohl war ihrs gelungen wenn auch im Sinn der schwülen phantastischen
Üppigkeit ihrer Heimat Sie hatte das enge und niedre Gemach wie zu einem
kleinen Zauberkistchen umgeschaffen Wände und Decke waren von glänzend weißen
Marmorplatten gefügt
    Aber Aspa hatte den ganzen Raum mit drei und vierfach aufeinandergelegten
Gehängen von dunkelroter Seide verhüllt die in schweren Falten von den Wänden
niederfloss sich über die Getäfeldecke wie ein Rundbogen wölbte und den
Marmorboden so dicht verhüllte dass jeder Tritt lautlos drüber hinglitt und
alles Geräusch sich im Entstehen brach Nur an der Fensterbrüstung sah man den
schimmernd weißen Marmor sich prachtvoll von der Glut der Seide heben
    Das Fenster von weißem Frauenglas war mit einem Vorhang von mattgelber Seide
verhangen und alles Licht in dem kleinen Raum strömte aus von einer Ampel die
von der Mitte der Decke aus niederhing eine Silbertaube mit goldnen Flügeln
schwebte aus einem Füllhorn von Blumengewinden in den Füßen trug sie eine
flache Schale aus einem einzigen großen Karneol der ein Geschenk des
Vandalenkönigs in den aurasischen Bergen gefunden als ein seltenes Wunder
galt
    Und in dieser Schale glühte ein rotes Flämmchen genährt von stark duftendem
Zederöl Ein gebrochenes träumerisches Dämmerlicht ergoss sich von hier aus über
das phantastische Doppelpfühl das halb von Blumen verschüttet darunter stand
Aspa hatte sich das bräutliche Lager als die aufgeschlagnen Schalen einer
Muschel gedacht die an der innern Seite zusammenhängen zwei ovale
muschelförmige Klinen von Citrusholz erhoben sich nur wenig von dem Teppich des
Bodens Über die weißen Kissen und Teppiche hin war eine Linnendecke von
orangegoldnem Glanz gegossen
    Aber der eigenste Schmuck des Gelasses war die Fülle von Blumen welche die
Hand der Numiderin mit poesiereichem wenn auch phantastischem Geschmack über
das ganze Gemach verstreut und über die Wände Decken Vorhänge die Türe und
das Lager verteilt hatte
    Ein Bogen von starkduftigen Geissblattranken überwölbte laubenartig die
einzige Türe den schmalen Eingang Zwei mächtige Rosenbäume standen zu Häupten
des Lagers und streuten ihre roten und weißen Blüten auf die Teppiche Die Ampel
hing wie erwähnt aus einem kunstvoll gewundnen Füllhorn von Blumen herab Und
überall sonst wo eine Falte eine Biegung der Teppiche das Auge zu verweilen
lud hatte Aspa eine seltene Blume glücklich angeschmiegt Der Lorbeer und der
Oleander Italiens die sizilische Myrte das schöne Rhododendron der Alpen und
die glühenden Iriazeen Afrikas mit ihren reichen Kelchen alle lauschten je am
gelegensten Ort und doch wie es schien vom Zufall hingeworfen 
    Schon standen die Sterne am Himmel
    Es dämmerte draußen im Gemach hatte Aspa die Flamme in der veilchendunkeln
Schale entzündet und war nur noch beschäftigt hier und da eine Falte zu
glätten indes sie eine römische Sklavin anwies in den Silberkrügen auf dem
Bronzekredenztisch den Palmwein mit Schnee zu kühlen eine andre das Gemach mit
Balsam zu durchsprengen
    »Reichlicher die Narden reichlicher die Myrrhen gesprengt So« rief Aspa
eine volle Libation über das Lager spritzend
    »Lass ab« mahnte die Römerin »es ist zu viel Schon der Duft der Blumen
betäubt die Rose und das Geissblatt berauschen fast die Sinne mir würde
schwindeln hier«
    »Ah« lachte Aspa »wie singt der Dichter Nüchternen nimmer nahet das
Glück nur in seligem Rausche Lass uns jetzt das Fenster schließen«  »Nur ein
wenig noch lass mich lauschen« bat eine dritte junge Sklavin die dort lehnte
»Es ist zu schön Komm Fritilo« sprach sie zu einer gotischen Magd die neben
ihr stand »du kennst ja all die stolzen Männer und Frauen sage wer ist der
zur Linken der Königin mit dem goldnen Schuppenpanzer er trinkt dem König zu«
 »Herzog Guntaris von Tuscien der Wölsung Sein Bruder Graf Arahad von Asta
  wo mag der sein zu dieser Stunde«
    »Und der Alte neben dem König mit dem grauen Bart«
    »Das ist der Graf Grippa der die Goten in Ravenna befehligt Er spricht die
Fürstin an Wie sie lacht und errötet Nie war sie so schön«  »Ja aber auch
der Bräutigam  welch herrlicher Mann Der Kopf des Mars der Nacken des
Neptun Aber er sieht nicht fröhlich  vorhin starrte er lange sprachlos in
seinen Becher und furchte die Stirn  die Königin sah es  bis der alte
Hildebrand gegenüber ihm zurief Da sah er seufzend auf Was hat der Mann zu
seufzen neben diesem Götterweib«
    »Nun« sprach die Gotin »er hat dann doch nicht ein ganz steinern Herz Er
denkt dann vielleicht an die die sein rechtes Weib vor Gott und Menschen die
er verstoßen«
    »Was wie was sagst du« riefen die drei Sklavinnen zugleich Aber
urplötzlich fuhr Aspa zwischen die Mädchen »Willst du wohl schweigen mit dem
dummen Gerede Barbarin Mach dass du fortkommst Ein solches Wort  eine
Silbe dass es die Königin hört und du sollst der Afrikanerin gedenken«
    Fritilo wollte erwidern »Still« rief eine der Römerinnen »Die Königin
bricht auf«  »Sie wird hier heraufkommen«  »Der König bleibt noch«  »Nur
die Frauen folgen ihr«  »Sie geben ihr das Geleit bis hierher« sprach Aspa
»Gleich kann sie hier sein bereitet euch sie zu empfangen«
    Bald nahte der Zug von Fackelträgern und Flötenbläsern eröffnet Darauf
eine Auswahl der gotischen Edelfrauen neben Mataswinta der Braut oder jungen
Frau schritt Teudigoto die Gattin Herzogs Guntaris und Hildiko die
Tochter Grippas Die vornehmen Frauen von Ravenna schlossen den Zug
    An der Schwelle der Brautkammer verabschiedete Mataswinta ihr Gefolge an
die jungen Mädchen ihren Schleier an die Frauen ihren Gürtel verschenkend
    Die meisten zogen sich wieder zu dem Fest in den Garten andre nach Hause
zurück Sechs Gotinnen aber drei Frauen und drei Jungfrauen ließ sich als
Ehrenwache vor der Türe des Brautgemaches nieder wo Teppiche für sie bereitet
lagen Dort hatten sie mit einer gleichen Zahl gotischer Männer die den
Bräutigam geleiteten die Nacht zu verbringen so wollt es die gotische Sitte
    Mataswinta überschritt die Schwelle mit einem Ausruf des Staunens »Aspa«
rief sie »das hast du schön gemacht  zauberisch« 
    Die Afrikanerin kreuzte selig die Arme über die Brust und beugte den Nacken
Sie an sich ziehend flüsterte die Braut
    »Du kanntest mein Herz und seine Träume Aber« fuhr sie aufatmend fort
»wie schwül Deine glühenden Blumen berauschen«
    »In Glut und Rausch nahen die Götter« sprach Aspa
    »Wie schön jene Violen und dort die Purpurlilie mir ist die Göttin Flora
flog durchs Zimmer und dachte einen Liebestraum und verlor darüber ihre
schönsten Blumen Es ist ein ahnungsvolles Wunder das ich hier erlebe Es
durchrieselt mich heiß  Es ist schwül  Nehmt mir den schweren Prunk ab« Und
sie nahm die goldne Krone aus dem Haar
    Aspa strich ihr die vollen dunkelroten Flechten hinter das feine Ohr und
zog die goldne Nadel heraus die sie am Hinterkopf zusammenhielt frei wallte
das Haar in den Nacken Die andern Sklavinnen lösten die Spange die in Gestalt
einer geringelten Schlange den schweren Purpurmantel mit seinen reichen
Goldstreifen auf der linken Schulter zusammenhielt Der Mantel fiel und zeigte
die edle hochschlanke Gestalt der Jungfrau in dem ärmellosen wallenden
Unterkleid von weißer persischer Seide Ihre schimmernden Arme umzirkten zwei
breite goldne Armreife  Erbstücke aus dem alten Schatz der Amalungen grüne
Schlangen von Smaragden waren darin eingelegt
    Mit Entzücken schaute Aspa auf die Gebieterin wie diese vor den in den
Marmor eingelassenen Metallspiegel trat das lose Haar mit goldnem Kamm zu
schlichten
    »Wie schön du bist wie zauberschön  wie Astarot die Liebesgöttin  nie
warst du so schön wie in dieser Stunde« Mataswinta warf einen raschen Blick
in den Spiegel Sie sah noch mehr sie fühlte dass Aspa recht hatte und sie
errötete
    »Geht« sagte sie »lasst mich allein mit meinem Glück«  Die Sklavinnen
gehorchten Mataswinta eilte ans Fenster das sie rasch öffnete wie um ihren
Gedanken zu entfliehen Ihr erster Blick fiel auf Witichis der unten vom Schein
der Hängelampen im Garten voll beleuchtet war
    »Er Wieder er Wohin entflieh ich vor ihm dem süßen Tod«
    Sie wandte sich rasch da an der Wand gerade dem Fenster gegenüber glänzte
im Ampellicht eine weiße Marmorbüste Sie kannte sie wohl Aspa hatte den
Areskopf nicht vergessen den treuen Begleiter lang harrender Sehnsucht Heute
aber schlang sich ein Kranz von weißen und roten Rosen um sein Haar »Und wieder
du« flüsterte die Braut süß erschrocken und legte die weiße Hand vor die
Augen »Und schliess ich die Augen und wend ich sie nach innen so seh ich
wieder sein Bild sein Bild allein im tiefsten Herzen Ich werde noch untergehn
in diesem Bilde Ach und ich wills« rief sie die Hand fallen lassend und
dicht vor die Büste tretend »ich wills Wie oft mein Ares wann der Abend
kam hab ich zu dir aufgeblickt wie zu meinem Stern bis Frieden und Ruhe aus
deinen klaren großen Zügen drang in die schwanke Seele Wie wunderbar hat
dieses Ahnen dieses Sehnen dieses Hoffen sich erfüllt Wie er einst dem
weinenden Kinde die Tränen getrocknet und die Ratlose nach Hause geführt so
wird er auch jetzt all mein Klagen stillen und mir die wahre Heimat bauen in
seinem Herzen Und durch all diese öden Jahre durch all die letzten Monate
voll Gefahr und Angst trug ich in mir das sichere Gefühl Es wird Dir wird
geschehen wie du glaubst Dein Retter kommt und birgt dich sicher an der
starken Brust Und o Gnade unaussprechliche reiche Gnade des Himmels  es
ward Ich bin sein Dank glühenden seligen Dank wer immer du bist
beglückende Macht die über den Sternen die Bahn der Menschen lenkt mit weiser
mit liebender mit wunderbar segnender Hand O ich wills verdienen dieses
Glück Er soll im Himmel wandeln Sie sagen ich bin schön ich weiß es dass
ichs bin ich weiß es ja durch ihn  ich wills für ihn sein Lass mir Himmel
diese Schöne Sie sagen ich habe einen mächtigen schwungvollen Geist O gib
ihm Flügel Gott dass ich seiner Heldenseele folgen kann in alle Sonnenhöhen
Aber o Gott lass mich auch abtun meine Fehler den spröden stolzen leicht
gereizten Sinn den Trotz des zornigen Eigenwillens den unbändigen Drang nach
Freiheit   O fort damit beuge dich beuge dich hochmütiger Geist ihm sich
zu beugen ist edelster Ruhm Gib dich gebunden Herz und verloren auf ewig an
ihn deinen starken und herrlichen Herrn O Witichis« rief sie und sank
fortgerissen vom Gefühl halb aufs Knie sich an das Lager lehnend und zu der
Büste aufblickend mit schwimmenden Augen  »ich bin dein Tu wie du willst mit
meiner Seele Vernichte sie nur gesteh dass du glücklich bist glücklich durch
mich«
    Und sie beugte das schöne Haupt vor nach den gefaltenen Händen
    Doch plötzlich fuhr sie empor Licht helles Licht floss ins Gemach An der
offenen Türe stand der König draußen auf dem Gang zeigten sich zahlreiche Goten
und Ravennaten mit hellen Fackeln
    »Dank meine Freunde« sprach der König mit ernster Stimme »Dank für das
Festgeleit Geht nun und vollendet die Nacht« und er wollte die Türe schließen
    »Halt« sprach Hildebrand mit der Hand die Türe wieder öffnend so dass
Mataswinta sichtbar ward »hier seht ihr alles Volk der Mann und das Weib
die heut wir vermählt sind glücklich geeint im Ehegemach Ihr seht Witichis
und Mataswinta und ihren ersten ehelichen Kuss«
    Mataswinta erbebte Sie wankte und schlug erglühend die Augen nieder
    Unschlüssig stand der König in der Tür »Du kennst der Goten Brauch« sprach
Hildebrand laut »so tu danach«
    Da wandte sich Witichis rasch ergriff die zitternde Linke Mataswintens
führte sie schnell einen Schritt vorwärts und berührte mit den Lippen ihre
Stirn Mataswinta zuckte
    »Heil euch« rief Hildebrand »Wir haben gesehen den bräutlichen Kuss Wir
bezeugen hinfort den ehelichen Bund Heil König Witichis und seinem schönen
Weib der Königin Mataswinta«
    Der Zug wiederholte den Ruf und Hildebrand Graf Grippa Herzog Guntaris
Hildebad Aligern und der tapfere Bandalarius Bannerträger des Königs Graf
Wisand von Volsinii lagerten sich neben den sechs Frauen und Mädchen vor der
Türe des Brautgemachs welche Witichis nun schloss
    Sie waren allein
    Witichis warf einen langen prüfenden Blick durch das Gemach Das erste was
Mataswinta tat war  sein Kuss brannte auf ihrer Stirn  dass sie unwillkürlich
so weit als möglich von ihm hinwegglitt So war sie  sie wusste nicht wie  in
die fernste Ecke des Zimmers an das Fenster gelangt Witichis mochte es
bemerken Er stand hart an der Schwelle die Hände auf das mächtige breite und
fast brustohe Schwert gestützt das er aus dem Wehrgehäng genommen in der
Scheide wie einen Stab in der Rechten führte
    Mit einem Seufzer trat er einen Schritt vor das Auge ruhig auf Mataswinta
gerichtet »Königin« sprach er und seine Stimme drang ernst und feierlich aus
seiner Brust »sei getrost Ich ahne was du fürchtend fühlst in zarter
Mädchenbrust Es musste sein Ich durfte dein nicht schonen Das Wohl des Volks
gebots ich griff nach deiner Hand sie muss mein sein und bleiben Doch hab
ich schon in allen diesen Tagen dir gezeigt dass deine Scheu mir heilig Ich
habe dich gemieden  und wir sind jetzt zum erstenmal allein Auch diese
gepresste bange Stunde hätt ich dir gern erspart es ging nicht an Du kennst
glaube ich die alte Sitte des Brautgeleits Und du weißt in unserm Fall liegt
alles daran sie nicht zu verletzen Als ich in dies Gemach trat und die Röte in
deinen Wangen aufflammen sah  lieber hätt ich im ödesten Berggeklüft dieses
müde Haupt auf harten Fels zur Ruhe gelegt Es ging nicht Hildebrand und Graf
Grippa und Herzog Guntaris hüten diese Schwelle Sonst ist kein Ausgang aus
diesem Gemach
    Wollt ich dich verlassen es gäbe Lärm und Spott und Streit und neuen
Zwist vielleicht Du musst mich diese Nacht in deiner Nähe dulden«
    Und er trat einen Schritt weiter vor und nahm die schwere Krone ab auch den
Purpurmantel den er ähnlich dem Mataswintens über der Schulter trug warf er
ab
    Zitternd sprachlos lehnte Mataswinta an der Wand
    Witichis drückte dies Schweigen so schwer er selber litt ihn dauerte des
Mädchens »Komm Mataswinta« sprach er »Verharre nicht in unversöhntem Zorn
Es musste sein sag ich dir Lass uns was sein muss edel tragen und nicht durch
Kleinheit uns verbittern Ich musste deine Hand nehmen  dein Herz bleibt frei
    Ich weiß du liebst mich nicht du kannst du sollst du darfst mich nicht
lieben Doch glaub mir redlich ist mein Herz und achten sollst du immerdar den
Mann mit dem du diese Krone teilst Auf gute Freundschaft Königin der Goten«
    Und er trat zu ihr und bot ihr die Rechte
    Nicht länger hielt sich Mataswinta rasch ergriff sie seine Hand und sank
zugleich zu seinen Füßen nieder dass Witichis überrascht zurücktrat
    »Nein weiche nicht zurück du Herrlicher« rief sie »Es ist doch kein
Entrinnen vor dir Nimm alles hin und wisse alles Du sprichst von Zwang und
Furcht und Unrecht das du mir getan O Witichis wohl hat man mich gelehrt 
das Weib soll immer klug verbergen was es fühlt soll sich bitten lassen und
erweichen und nur genötigt geben was es aus Liebe gibt auch wenn ihr ganzes
Herz danach verlangt Sie soll niemals   Hinweg mit diesen niedrigen Plänen
armer Klugheit Lass mich töricht sein Nicht töricht Offen und groß wie deine
Seele
    Nur Größe kann dich verdienen nur das Ungewöhnliche Du sprichst von Zwang
und Furcht Witichis du irrst  Es brauchte keines Zwangs  gern « 
    Staunend hatte sie Witichis eine Zeitlang angesehen
    Jetzt endlich glaubte er sie zu verstehen »Das ist schön und groß
Mataswinta dass du feurig fühlest für dein Volk die eigene Freiheit ohne Zwang
ihm opfernd Glaub mir ich ehre das hoch und schlage das Opfer darum nicht
niedriger an Tat ich doch desgleichen Nur um des Gotenreiches willen griff ich
nach deiner Hand und nun und nie kann ich dich lieben«
    Da erstarrte Mataswinta
    Sie ward bleich wie eine Marmorstatue die Arme fielen ihr schlaff herab
sie starrte ihn mit großen offenen Augen an »Du liebst mich nicht du kannst
mich nicht lieben Und die Sterne logen doch Und es ist doch kein Gott Sag
bin ich denn nicht Mataswinta die du das schönste Weib der Erde genannt«
    Aber der König beschloss dieser Aufregung die er nicht verstand und nicht
erraten wollte rasch ein Ende zu machen »Ja du bist Mataswinta und teilst
meine Krone nicht mein Herz Du bist nur die Gemahlin des Königs aber nicht
das Weib des armen Witichis Denn wisse mein Herz mein Leben ist auf ewig
einer andern gegeben Es lebt ein Herz ein Weib das sie von mir gerissen und
dem doch ewig mein Herz zu eigen bleibt Rautgundis mein Weib mein treues
Weib im Leben und im Tod«
    »Ha« rief Mataswinta wie von Fieber geschüttelt und beide Arme erhebend
»und du hast es gewagt  «
    Die Stimme versagte ihr Aber aus ihren Augen loderte Feuer auf den König
»Du wagst es« rief sie nochmals  »Hinweg hinweg von mir«
    »Still« sprach Witichis »willst du die Lauscher draußen herbeirufen Fasse
dich ich verstehe dich nicht«
    Und rasch zog er das mächtige Schwert aus der Scheide trat damit an das
Doppelpfühl und legte es auf den Rand der beiden Lager wo sie eng
aneinanderstiessen
    »Sieh hier dies Schwert Es sei die ewige scharfe eherne kalte Grenze
zwischen uns Zwischen deinem Wesen und dem meinen
    Beruhige dich doch nur Es soll uns ewig scheiden
    Ruhe du hier zur Rechten seiner Schneide  ich bleibe links So teile wie
ein Schwertschnitt diese Nacht für immer unser Leben«
    Aber in Mataswintens Busen wogten die mächtigsten Gefühle furchtbar
ringend drohend Scham und Zorn Liebe und glühender Hass Die Stimme versagte
ihr »Nur fort fort aus seiner Nähe« konnte sie noch denken Sie eilte gegen
die Tür
    Aber mit fester Hand ergriff Witichis ihren Arm
    »Du musst bleiben« Da zuckte sie zusammen das Blut schoss in ihr auf
bewusstlos sank sie nieder
    Ruhig sah Witichis auf sie herab »Armes Kind« sprach er »der schwüle Duft
in diesem Gelass hat sie ganz verwirrt Sie wusste nicht was sie sinnlos sprach
    Was ist deine kleine mädchenhafte Verwirrung gegen Rautgundens
Herzzerreissung und die meine«
    Und leise legte er die Besinnungslose auf das Pfühl zur Rechten des
Schwertes
    Er selbst setzte sich nun in seinen Waffen klirrend auf den Bodenteppich
zur Linken und lehnte den Rücken an das Lager
    Lang saß er so das Haupt vorgebeugt und die Lippen auf ein blondes
Haargeflecht gedrückt das er in kleiner Kapsel auf dem Herzen trug Es kam kein
Schlaf in seine kummervollen Augen 
    Mit dem ersten Hahnenschrei verließ die Brautwache ihren Posten von
Flötenbläsern abgeholt Gleich darauf schritt der König aus dem Gemach in
voller Rüstung
    Die Flöten hatten auch Mataswinta geweckt
    Aspa die sich leise heranschlich hörte plötzlich einen dumpfen Schlag Sie
eilte in das Gemach Da stand die Königin auf des Königs langes Schwert
gestützt und starrte vor sich zur Erde
    Der Areskopf lag zertrümmert zu ihren Füßen
 
                                Drittes Kapitel
Im friedlichen Licht des späten Nachmittags schimmerten die Kirche und das
Kloster die am Fuß des Apenninus nordöstlich von Perusia und Asisium südlich
von Petra und Eugubium hoch auf dem Felsenhang oberhalb des kleinen Fleckens
Taginä Valerius gebaut seine Tochter vom Dienst des Jenseits einzulösen
    Das Kloster aus dem dunkelroten Gestein der Gegend aufgeführt umfriedete
mit seinen Geviertmauern einen stillen Garten von dichtem grünem Laubwerk An
den vier Seiten desselben liefen kühle Bogengänge hin mit Apostelstatuen und
Mosaik und mit Fresken auf goldnem Grund geschmückt All dies Bildwerk hatte
den freudlosen byzantinischen Ernst es waren sinnbildliche Darstellungen aus
der heiligen Schrift zumal aus der Offenbarung Johannis dem Lieblingsbuch
jener Zeit
    Feierliche Stille waltete rings Das Leben schien weithin ausgeschlossen von
diesen hohen und starken Mauern Zypressen und Tuien herrschten vor in den
Baumgruppen des Gartens in dem nie eines Vogels Gesang vernommen ward Die
strenge Klosterordnung duldete die Vöglein nicht der Nachtigall süßes Rufen
sollte nicht die frommen Seelen in ihren Gebeten stören
    Kassiodor war es der schon als Minister Teoderichs einer streng
kirchlichen Richtung ergeben und biblischer Gelehrsamkeit voll seinem Freunde
Valerius den ganzen Plan der äußeren und inneren Einrichtung seiner Stiftung
entworfen  ähnlich der Regel des Männerklosters das er selbst zu Squillacium
in Unteritalien gegründet  und dessen Ausführung überwacht hatte Und sein
frommer aber strenger der Welt und dem Fleisch feindlich abgewendeter Geist
drückte sich denn im größten wie im kleinsten dieser Schöpfung aus Die zwanzig
Jungfrauen und Witwen welche hier als Religiosä lebten verbrachten in Beten
und Psalmensingen in Busse und Kasteiung ihre Tage Doch auch in werktätiger
christlicher Liebe indem sie die Armen und Kranken der Umgegend in ihren Hütten
aufsuchten und ihnen Seele und Leib trösteten und pflegten
    Es machte einen feierlichen poesievollen aber sehr ernsten Eindruck wenn
durch die dunkeln Zypressengänge hin eine dieser frommen Beterinnen wandelte in
dem faltenreichen dunkelgrauen Schleppgewand auf dem Haupt die weiße
enganschliessende Kalantika eine Tracht die das Christentum von den ägyptischen
Isispriestern überkommen Vor den oft in Kreuzesform geschnittenen
Buchsgebüschen blieben sie stehen und kreuzten die Arme auf der Brust Immer
gingen sie allein und stumm wie Schatten glitten sie bei jeder Begegnung
aneinander vorüber Denn das Gespräch war auf das Unerlässliche beschränkt
    In der Mitte des Gartens floss ein Quell aus dunklem Gestein von Zypressen
überragt Ein Paar Sitze waren in den Marmor gehauen
    Es war ein stilles schönes Plätzchen wilde Rosen bildeten dort eine Art
Laube und verbargen beinahe völlig ein finsteres rohes Steinrelief das die
Steinigung des heiligen Stephanus darstellte
    An diesem Quell saß eifrig lesend in aufgerollten Papyrusrollen eine
schöne jungfräuliche Gestalt in schneeweissem Gewand das eine goldne Spange
über der linken Schulter zusammenhielt das dunkelbraune Haar in weichen Wellen
zurückgelegt umflocht eine fein geschlungene Efeuranke   Valeria wars die
Römerin
    Hier in diesen entlegenen festen Mauern hatte sie Zuflucht gefunden seit
die Säulen ihres Vaterhauses zu Neapolis niedergestürzt Sie war bleicher und
ernster geworden in diesen einsamen Räumen Aber ihr Auge leuchtete noch in
seiner ganzen stolzen Schönheit
    Sie las mit großem Eifer der Inhalt schien sie lebhaft fortzureissen die
feingeschnittenen Lippen bewegten sich unwillkürlich und zuletzt ward die
Stimme der Lesenden leise vernehmlich
      »Und er vermählte die Tochter dem erzumpanzerten Hektor 
    Die kam jetzt ihm entgegen die Dienerin folgte zugleich ihr
    Tragend am Busen das zarte noch ganz unmündige Knäblein
    Hektors einzigen Sohn holdleuchtendem Sterne vergleichbar
    Schweigend betrachtete Hektor mit lächelndem Blicke den Knaben
    Aber Andromache trat mit tränenden Augen ihm näher
    Drückt ihm zärtlich die Hand und begann die geflügelten Worte
    Böser dich wird noch verderben dein Mut Und des lallenden Knäbleins
    Jammert dich nicht noch meiner die bald ach Witwe von Hektor
    Sein wird Bald ja werden die grimmigen Feinde dich töten
    Alle mit Macht einstürmend auf dich Dann wär mir das beste
    Dass mich die Erde bedeckt wenn du stirbst bleibt doch mir in Zukunft
    Nie ein anderer Trost wenn dich wegraffte das Schicksal
    Nein nur Trauer lang ist mein Vater dahin und die Mutter
    Du nur allein bist Vater mir jetzt und Mutter und alles  «
    Sie las nicht weiter die großen runden Augen wurden feucht ihre Stimme
versagte sie neigte das blasse Haupt
    »Valeria« sprach eine milde Stimme und Kassiodor beugte sich über ihre
Schulter »Tränen über dem Buch des Trostes Aber was sehe ich die Ilias Kind
ich gab dir doch die Evangelien«
    »Verzeih mir Kassiodor Es hängt mein Herz noch andern Göttern an als
deinen Du glaubst nicht je gewaltiger von allen Seiten her die Schatten
ernster Entsagung auf mich eindringen seit ich bei dir und in diesen Mauern
weile desto krampfhafter klammert sich die widerstrebende Seele an die letzten
Fäden die mich mit einer andern Welt verbinden Und zwischen Grauen und Liebe
ratlos schwankt der Sinn«
    »Valeria du hast keinen Frieden in diesem Haus des Friedens gefunden
Wohlan so zieh hinaus Du bist ja frei und Herrin deines Willens Kehre zurück
zu jener bunten Welt wenn du glaubst dort dein Glück zu finden«
    Sie aber schüttelte das schöne Haupt »Es geht nicht mehr Feindlich ringen
in meiner Seele zwei Gewalten Welche auch siege  ich verliere immer«
    »Kind sprich nicht so du kannst die beiden Mächte Erdenlust und
Himmelsseligkeit nicht wie zwei gleiche Dinge in einer Wage wiegen«
    »Weh denen« fuhr sie wie mit sich selbst sprechend fort »welchen das
Schicksal den gespaltnen Doppeltrieb in die Seele gepflanzt der bald zu den
Sternen nach oben bald nieder zu den Blumen zieht Sie werden keines der beiden
froh«
    »In dir mein Kind« sprach Kassiodor sich zu ihr setzend »walten freilich
unversöhnt deines weltlichen Vaters und deiner frommen Mutter Sinn Dein Vater
ein Römer der alten Art ein Kind der stolzen rauen Welt kühn sicher
selbstvertrauend nach Gewinn und Macht strebend wenig allzuwenig fürcht
ich ergriffen von dem Geist unsres Glaubens der nur im Jenseits unsre Heimat
sucht  in der Tat, Valerius mein Freund war mehr ein Heide denn ein Christ
Und daneben deine Mutter fromm sanft aus einem Märtyrergeschlecht den Himmel
suchend und der Erde vergessen auch sie hat wohl ein Teil von ihrem Wesen in
dich  «
    »Nein« sprach Valeria aufstehend und das edle Haupt kräftig zurückwerfend
»ich fühle nur des Vaters Art in mir Kein Tropfen Blut neigt jener Seite zu
Die Mutter war viel krank und starb schon früh Unter meines Vaters Augen wuchs
ich auf Iphigenia und Antigone und Nausikaa Kloelia und Lucretia und Virginia
waren die Freundinnen meiner Jugend Nicht viele Priester sah man in des
Kaufherrn Haus und wenn er abends mit mir saß und las so warens Livius und
Tacitus und Vergilius nicht das heilige Buch der Christen So wuchs ich heran
bis in mein siebzehntes Jahr den Sinn allein auf diese Welt gerichtet Denn
auch die Tugenden die der Vater pries und übte sie galten nur dem Staat dem
Haus den Freunden Glücklich war ich in jener Zeit ungespalten meine Seele«
    »Du warst eine Heidin trotz des Taufwassers«
    »Ich war glücklich Da kamen wir auf einer Reise zuerst in diese Mauern mit
ihrem Grabesernst und dunkle schwere Schatten fielen hier zuerst in meine Seele
Dich fand ich hier und du entdecktest mir was man mir bisher sorgfältig
verborgen hatte dass die Mutter in schwerer Krankheit mich schon vor meiner
Geburt durch ein Gelübde dem ehelosen Leben im Kloster geweiht wenn Gott sie
und ihr Kind am Leben erhalte und dass mein Vater dem dieser Gedanke
unerträglich später mich vom Himmel eingelöst indem er freilich mit
Zustimmung des Bischofs von Rom statt die Tochter hinzugeben Kirche und
Kloster hier gebaut«
    »So ist es Kind mit dem vierten Teil seines Vermögens Darüber kannst du
dich beruhigen Der Nachfolger des heiligen Petrus der die Macht hat zu binden
und zu lösen hat den Tausch die Umwandlung des Gelübdes gebilligt Du bist
frei«  »Aber ich fühle mich nicht frei Nicht mehr seit jener Stunde Was auch
du was auch der Vater gesagt tief tief in meinem Herzen spricht eine Stimme
der Himmel nimmt nicht totes Gold statt einer lebendigen Seele Das Schicksal
lässt sich nicht abkaufen was einmal ihm verwirkt war Die finstre ernste
drohende Macht jenes heiligen Glaubens der meiner Seele fremd gewesen und
geblieben ist die in diesem feierlichen Raume wohnt hat ein Recht ein
zwingend Herrschaftsrecht über meine Seele und lässt nicht davon Ich bin ihr
verfallen Ihr gehör ich an nicht wollend widerstrebend aber sicher doch
Der Welt der Entsagung des Schmerzes der Dornen nicht jener goldnen Welt
meines Homers der Blumen und des Sonnenscheins zu der noch immer von innen
meine ganze Seele neigt So oft ichs auch vergessen will immer ziehen wieder
die Wolkenschatten über meine Seele Sie drohen im Hintergrunde aller Freuden
wie dort das finstre Martyrbild hinter den roten Rosen«
    »Valeria du hassest scheints was du verehren solltest«
    »Ich hasse es nicht Ich fürchte es Wohl war eine Zeit«  und ein Strahl
der Freude flog über ihre Züge »da glaubte ich den dunkeln Schatten für immer
besiegt von einem hellen Gott des Lichts Als ich zuerst des jungen Goten
lachend Auge sah und seine sonnige Seele mich umschloss als so viel Jugend
Schönheit Liebe und Glück mich umfluteten da wähnte ich wohl für immer sei
jener Bann gelöst Aber es währte nicht lang
    Der finstre Gott des Schmerzes pochte vernehmlich an die goldne Wand die
ich zwischen ihn und mich gebaut und immer näher drangen seine Schläge Der
Krieg bricht aus mein teurer Vater fällt und nimmt einen verhängnisvollen Eid
des Geliebten mit sich ins Grab In Schutt versinkt das Haus meiner Ahnen und
ich muss flüchten aus meiner Vaterstadt Sie fällt dem Feinde zu Nur das Opfer
eines köstlichen Lebens rettet mir den Geliebten Die Woge des Krieges
verschlägt ihn fern von mir
    Und wie ich erwache aus der Betäubung dieses Streichs  find ich mich
hier in diesem großen Grabe dem Ort meiner Bestimmung Ach du wirst sehen
der Himmel begnügt sich nicht mit dem leeren Grab Er fordert auch die Leiche
die hinein gehört«
    »Valeria Du solltest Kassandra heißen«
    »Ja denn Kassandra sah die Wahrheit ihre Gesichte trafen ein«
    »Du weißt wir erkennen einer Seele den Preis zu die der Erde vergisst über
dem Himmel Aber Gott will erzwungne Opfer nicht Und so sag ich dir du quälst
dich mit eitlem Vorwurf Der Papst hat dich gelöst so bist du frei«
    »Die Seele löst kein Papst Der Papst nimmt Gold das Schicksal nicht Du
wirst erfüllt sehen was ich dir ahnend vorhersage  nie werd ich glücklich
nie werd ich Totilas und diese Stätte wird  «
    »Und wenns so wäre Hängst du denn noch gar so fest an Glück und Hoffnung
Freilich du bist noch jung Aber Kind ich sage dir je früher du dich
losmachst desto größerem Weh entrinnst du Ich habe die Welt und ihre falschen
Freuden und Ehren alle gekostet und sie alle eitel und treulos erfunden Nichts
auf Erden füllt die Seele aus die nicht von dieser Erde ist Wer das erkennt
der sehnt sich hinweg aus dieser Welt der Unrast und der Sünde Erst in der Welt
jenseits des Grabes ist deine Heimat Dahin verlangt die ganze Seele  «
    »Nein nein Kassiodor« rief die Römerin »meine ganze Seele verlangt nach
Glück auf dieser schönen Erde Ihr gehör ich an Auf ihr fühl ich mich
heimisch Blauer Himmel weißer Marmor rote Rosen linde duftgefüllte
Abendluft  wie seid ihr schön
    Das will ich einatmen mit entzückten Sinnen Wer das genießt ist glücklich
Weh dem der es verloren Von deinem Jenseits hab ich kein Bild in meiner
bangen Seele Nebel Schatten  graues Ungewiss allein liegt jenseit des Grabes
Wie spricht Achilleus
    Tröste mich doch nicht über den Tod Du kannst nicht Odysseus
    Lieber ja möcht ich das Feld als Lohnarbeiter bestellen
    Für den bedürftigen Mann dem nicht viel Habe geworden
    Als hier allzumal die Schatten der Toten beherrschen
    So empfind auch ich Weh dem den nicht die goldne Sonne mehr bescheint O
wie gern wie gern wär ich glücklich in dieser schönen Welt in meinem schönen
Heimatland wie fürcht ich das Unheil das doch unaufhaltsam näher dringt wie
hier auf dieser Wand mit der sinkenden Sonne die Schatten unhörbar doch
unhemmbar wachsen O wer ihn aufhielte den furchtbar nahenden Schatten meines
Lebens«
    Da drang vom Eingang her ein heller kräftig lustger Schall ein fremder
Ton in diesen stillen Mauern die nur vom leisen Choral der Jungfraun
widertönten Die Trompete blies den munteren kriegerischen Feldruf der gotischen
Reiter belebend drang der Ton in die Seele Valerias
    Aus dem Wohngebäude aber eilte der alte Pförtner herbei »Herr« rief er
»keckes Reitervolk lagert vor den Mauern Sie lärmen und verlangen Fleisch und
Wein Sie lassen sich nicht abweisen und der Führer  da ist er schon «
    »Totila« jauchzte Valeria und flog dem Geliebten entgegen der in
schimmernder Rüstung vom weißen Mantel umwallt waffenklirrend heranschritt
    »O du bringst Luft und Leben«  »Und neues Hoffen und die alte Liebe« rief
Totila Und sie hielten sich umschlungen
    »Wo kommst du her Wie lang bist du mir fern geblieben«  »Ich komme
geradeswegs von Paris und Aurelianum von den Höfen der Frankenkönige O
Kassiodor wie gut sind jene daran jenseit der Berge Wie leicht haben sies Da
kämpft nicht Himmel und Boden und Erinnerung gegen ihre Germanenart Nahe ist
der Rhenus und Danubius und ungezählte Germanenstämme wohnen dort in alter
ungebrochner Kraft  wir dagegen sind wie ein vorgeschobner verlorner Posten
ein einzelner Felsblock den rings feindliches Element benagt
    Doch desto größer« sprach er sich aufrichtend »ist der Ruhm hier mitten
im Römerland Germanen ein Reich zu bauen und zu erhalten
    Und welcher Zauber liegt auf deinem Vaterland Valeria Es ist das unsre
auch geworden Wie frohlockte mein Herz als mich wieder Oliven und Lorbeer
begrüßten und des Himmels tiefes tiefes Blau Und ich fühlte klar wenn mein
edles Volk sich siegreich erhält in diesem edlen Land dann wird die Menschheit
ihr edelstes Gebilde hier erstehen sehen«
    Valeria drückte dem Begeisterten die Hand
    »Und was hast du ausgerichtet« fragte Kassiodor
    »Viel  Alles Ich traf am Hofe des Merowingen Childibert Gesandte von
Byzanz die ihn schon halb gewonnen als sein Bundesgenosse in Italien
einzufallen Die Götter  vergib mir frommer Vater  der Himmel war mit mir
und meinen Worten Es gelang ihn umzustimmen Schlimmstenfalls ruhen seine
Waffen ganz Hoffentlich sendet er uns ein Heer zu Hilfe«
    »Wo ließest du Julius«
    »Ich geleitete ihn bis in seine schöne Heimatstadt Avenio Dort ließ ich ihn
unter blühenden Mandelbäumen und Oleandern Dort wandelt er fast nie mehr den
Platon meist den Augustinus in der Hand und träumt und träumt vom ewigen
Völkerfrieden vom höchsten Gut und von dem Staate Gottes Wohl ist es schön in
jenen grünen Tälern  doch neid ich ihm die Musse nicht Das Höchste ist das
Volk das Vaterland Und mich verlangts für dieses Volk der Goten zu kämpfen
und zu ringen Überall wo ich des Rückwegs kam trieb ich die Männer zu den
Waffen an Schon drei starke Scharen traf ich auf dem Wege nach Ravenna Ich
selber führe eine vierte dem wackeren König zu Dann geht es endlich vorwärts
gegen diese Griechen und dann Rache für Neapolis« Und mit blitzenden Augen
hob er den Speer  er war sehr schön zu schauen
    Entzückt warf sich Valeria an seine Brust »O sieh Kassiodor das ist meine
Welt meine Freude mein Himmel Mannesmut und Waffenglanz und Volkesliebe und
die Seele in Lieb und Hass bewegt  füllt das die Menschenbrust nicht aus«
    »Jawohl im Glück und in der Jugend Es ist der Schmerz der uns zum Himmel
führt«
    »Mein frommer Vater« sagte Totila mit der Linken Valeria an sich drückend
mit der Rechten an seine Schulter rührend »schlecht steht mir an mit dir dem
Eltern Weisern Besseren zu streiten Aber anders ist mein Herz geartet Wenn
ich je zweifeln könnte an eines gütigen Gottes Walten so ist es wann ich
Schmerz und unverschuldet Leiden sehe Als ich der edelen Miriam Auge brechen
sah da fragte mein verzweifelnd Herz lebt denn kein Gott
    Im Glück im Sonnenschein fühl ich den Gott und seine Gnade wird mir
offenbar Er will gewiss der Menschen Glück und Freude  der Schmerz ist sein
heiliges Geheimnis  ich vertraue dereinst wird uns auch dies Rätsel klar
Einstweilen aber lass uns auf der Erde freudig das Unsre tun und keinen Schatten
uns allzulang verdunkeln
    In diesem Glauben Valeria lass uns scheiden Denn ich muss fort zu König
Witichis mit meinen Reitern«
    »Du gehst von mir schon wieder Wann wo werd ich dich wiedersehen«
    »Ich seh dich wieder nimm mein Wort zum Pfand
    Ich weiß es kommt der Tag da ich mit vollem Recht dich aus diesen ernsten
Mauern führen darf ins sonnige Leben Lass dich indes nicht allzusehr verdüstern
Es kommt der Tag des Sieges und des Glücks und mich erhebts dass ich zugleich
das Schwert für mein Volk und meine Liebe führe«
    Inzwischen war der Pförtner mit einem Schreiben an Kassiodor wiedergekommen
    »Auch ich muss dich verlassen Valeria« sprach der
    »Rusticiana des Boëtius Witwe ruft mich dringend an ihr Sterbebett sie
will ihr Herz erleichtern von alter Schuld Ich gehe nach Tifernum«
    »Dahin führt auch unser Weg du ziehst mit mir Kassiodor Leb wohl
Valeria«
    Nach kurzem Abschied sah die Jungfrau den Geliebten gehen Sie bestieg ein
Türmchen der Gartenmauer und sah ihm nach Sie sah wie er in voller Rüstung
sich in den Sattel schwang sie sah mit freudigen Augen seine Reiter hinter ihm
traben Hell blitzten ihre Helme im Abendlicht die blaue Fahne flatterte lustig
im Winde alles war voll Leben Kraft und Jugend
    Sie sah dem Zuge nach lang und sehnend
    Aber als er fern und ferner sich hinzog da wich der frohe Mut den sein
Erscheinen gebracht wieder von ihr Bange Ahnungen stiegen ihr auf und
unwillkürlich sprachen sich ihre Gefühle aus in den Worten ihres Homeros
    »Siehest du nicht wie schön von Gestalt wie stattlich Achilleus
    Dennoch harrt auch seiner der Tod und das dunkle Verhängnis
    Wann auch ihm in des Kampfes Gewühl das Leben entschwindet
    Ob ihn ein Pfeil von der Sehne dahinstreckt oder ein Wurfspeer«
    Und schmerzlich seufzend schritt die Jungfrau aus dem rasch sich
verdunkelnden Garten in die dumpfen Mauern zurück
 
                                Viertes Kapitel
Inzwischen hatte König Witichis in seinem Waffenplatz Ravenna jede Kunst und
Tätigkeit eines erfahrnen Kriegsmannes entfaltet
    Während jede Woche ja jeden Tag vor und in der Stadt größere und kleinere
Scharen von den gotischen Heeren eintrafen die der Verrat Teodahads an die
Grenzen gesendet hatte arbeitete der König unablässig daran das ganze große
Heer das allmählich bis auf einhundertundfünfzig Tausendschaften gebracht
werden sollte auszurüsten zu waffnen zu gliedern und zu üben
    Denn die Regierung Teoderichs war eine äußerst friedliche gewesen nur die
Besatzungen der Grenzprovinzen kleine Truppenmassen hatten mit Gepiden
Bulgaren und Avaren zu tun gehabt und in den mehr als dreißig Jahren der Ruhe
waren die kriegerischen Ordnungen eingerostet
    Da hatte der tüchtige König von seinen Freunden und Feldherren eifrig
unterstützt Arbeit vollauf Die Arsenale und Werften wurden geleert in Ravenna
ungeheure Vorratsspeicher angelegt und zwischen der dreifachen Umwallung der
Stadt endlose Reihen von Werkstätten für Waffenschmiede aller Art aufgeschlagen
die Tag und Nacht unablässig zu arbeiten hatten den Forderungen des
kampfbegierigen Königs des massenhaft anschwellenden Heeres zu genügen Ganz
Ravenna ward ein Kriegslager Man hörte nichts als die Hammerschläge der
Schmiede das Wiehern der Rosse den Sturmruf und Waffenlärm der sich übenden
Heerscharen
    In diesem Getöse in dieser rastlosen Tätigkeit betäubte Witichis so gut es
gehen wollte den Schmerz seiner Seele und begierig sah er dem Tag entgegen da
er sein schönes Heer zum Angriff gegen den Feind führen könne Doch hatte er bei
allem Drange im Kampfgewühl sich selber zu verlieren seiner Königspflicht
nicht vergessen und durch Herzog Guntaris und Hildebad ein Friedensanerbieten
an Belisar gesendet mit den mässigsten Vorschlägen
    So von Krieg und Staat ganz in Anspruch genommen hatte er kaum einen Blick
und Gedanken für seine Königin der er auch wie er meinte kein größeres Gut
als die ungestörteste Freiheit zuwenden konnte
    Aber Mataswinta war von jener unheilvollen Brautnacht an von einem Dämon
erfüllt von dem Dämon unersättlicher Rache In Hass übergeschlagene Liebe ist
der giftigste Hass
    Ihre tiefe und leidenschaftliche Seele hatte von Kindheit an das Ideal
dieses Mannes hoch zu den Sternen erhöht Ihr Stolz ihre Hoffnung ihre Liebe
war einzig an dieser Gestalt gehangen und sicher wie den Aufgang der Sonne
hatte sie die Erfüllung ihrer Sehnsucht durch diesen Mann erwartet
    Und nun musste sie sich gestehen dass er ihre Liebe hatte ans Licht gebracht
und nicht erwidert dass sie obwohl seine Königin mit dieser Liebe wie eine
Verbrecherin dem verstossenen und doch ewig allein in seinem Herzen wohnenden
Weibe gegenüberstehe Und er auf den sie als Retter und Befreier von unwürdigem
Zwang gehofft er hatte ihr die höchste Schmach angetan eine Ehe ohne Liebe Er
hatte ihr die Freiheit genommen und kein Herz dafür gegeben Und warum was war
der letzte Grund dieses Frevels
    Das Gotenreich die Gotenkrone
    Sie zu erhalten hatte er sich nicht besonnen einer Mataswinta Leben zu
verderben »Hätte er meine Liebe nicht erwidert  ich wäre zu stolz ihn darum
zu hassen Aber er zieht mich an sich behängt mich wie zum Hohne mit dem
Namen seines Weibes führt diese Liebe bis hart an den Gipfel der Erfüllung und
stößt mich dann achtlos hinunter in die Nacht unaussprechlicher Beschämung Und
warum warum das alles Um einen eitelen leeren Schall Gotenreich Um einen
toten Reif von Gold Weh ihm und wehe seinem Götzen dem er dies Herz
geschlachtet Er soll es büßen An seinem Götzenbilde soll ers büßen Hat er
mir ohne Schonung mein Idol sein eigen Bild meine schöne Liebe mit Füßen
getreten  wohlan Götze gegen Götze Er soll leben dieses Reich zernichtet zu
sehen diese Krone zerstückt Zerschlagen will ich ihm seinen Lieblingswahn um
den er die Blüte meiner Seele geknickt zerschlagen dieses Reich wie seine
Büste Und wenn er verzweifelnd händeringend vor den Trümmern steht will ich
ihm zurufen sieh so sehen die zerschlagenen Götzen aus«
    So in der widerstandlosen Sophistik der Leidenschaft beschuldigte und
verfolgte Mataswinta den unseligen Mann der mehr als sie gelitten der nicht
nur sie der sein und des geliebten Weibes Glück dem Vaterland geopfert
    Vaterland Gotenreich  der Name schlug ohne Klang an das Ohr des Weibes
das von Kindheit auf unter diesem Namen nur zu leiden nur dagegen für ihre
Freiheit zu ringen gehabt hatte Sie hatte nur der Selbstsucht ihres Einen
Gefühls der Poesie dieser Leidenschaft gelebt und zur Rache Rache für die
Hinopferung ihrer Seele dies Gotenreich zu verderben war ihre höchste
grimmige Lust O hätte sie wie jene Marmorbüste mit Einem Streich dies Reich
zerschmettern können
    Mit diesem Wahnsinn der Leidenschaft empfing sie aber deren ganze dämonische
Klugheit Sie wusste ihren tödlichen Hass und ihre geheimen Rachegedanken so tief
vor dem König zu verbergen  so tief wie sie sich selbst die geheime Liebe
verbarg die sie noch immer für den grimmig Verfolgten im tiefsten Busen trug
    Auch wusste sie dem König ein Interesse an der gotischen Sache zu zeigen
welches das einzige Band zwischen ihnen zu bilden schien und das wenn auch in
feindlichem Sinne wirklich in ihr bestand Denn wohl begriff sie dass sie dem
gehassten König nur dann schaden seine Sache nur dann verderben konnte wenn sie
in alle Geheimnisse derselben genau eingeweiht mit ihren Stärken wie mit ihren
Blössen genau vertraut war
    Ihre hohe Stellung machte ihr leicht möglich alles was sie wissen wollte
zu erfahren schon aus Rücksicht auf ihren großen Anhang konnte man der
Amalungentochter der Königin Kenntnis der Lage ihres Reiches ihres Heeres
nicht vorenthalten Der alte Graf Grippa versah sie mit allen Nachrichten die
er selbst erfuhr In wichtigeren Fällen wohnte sie selbst den Beratungen bei
die in den Gemächern des Königs gehalten wurden
    So war Mataswinta über die Stärke Beschaffenheit und Einteilung des
Heeres die nächsten Angriffspläne der Feldherren und alle Hoffnungen und
Befürchtungen der Goten so gut wie der König selbst unterrichtet Und sehnlich
wünschte sie eine Gelegenheit herbei dies ihr Wissen sobald und so verderblich
wie möglich zu verwerten
    Mit Belisar selbst in Verkehr zu treten durfte sie nicht hoffen Naturgemäss
richteten sich ihre Augen auf die aus Furcht vor den Goten neutralen im Herzen
aber ausnahmslos byzantinischgesinnten Italier ihrer Umgebung mit denen sie
leichten und unverdächtigen Verkehr pflegen konnte
    Aber so oft sie diese Namen im Geiste musterte  da war keiner dessen
Tatkraft und Klugheit sie das tödliche Geheimnis hätte vertrauen mögen dass die
Königin der Goten selbst am Verderben ihres Reiches arbeiten wolle Diese feigen
und unbedeutenden Menschen  die Tüchtigeren waren längst zu Cetegus oder
Belisar gegangen  waren ihr weder des Vertrauens würdig noch schienen sie
Witichis und seinen Freunden gewachsen
    Wohl suchte sie auf schlauen Umwegen durch den König und die Goten selbst zu
erkunden welchen unter allen Römern sie für ihren gefährlichsten bedeutendsten
Feind hielten Aber auf solche Anfragen und Erkundigungen hörte sie immer nur
Einen Mann nennen immer und immer wieder einen einzigen Und der saß ihr
unerreichbar fern im Kapitol von Rom Cetegus der Präfekt Es war ihr
unmöglich sich in Verbindung mit ihm zu setzen Keinem ihrer römischen Sklaven
wagte sie einen so verhängnisvollen Auftrag als ein Brief nach Rom war
anzuvertrauen
    Die kluge und mutige Numiderin die den Hass ihrer angebeteten Herrin gegen
den rohen Barbaren der diese verschmäht vollauf teilte ungeschwächt bei ihr
durch heimliche Liebe hatte sich zwar eifrig erboten ihren Weg zu Cetegus zu
finden Aber Mataswinta wollte das Mädchen nicht den Gefahren einer Wanderung
durch Italien mitten durch den Krieg aussetzen Und schon gewöhnte sie sich an
den Gedanken ihre Rache bis zu dem Zug auf Rom zu verschieben ohne inzwischen
in ihrem Eifer in Erforschung der gotischen Pläne und Rüstungen zu erkalten
    So wandelte sie eines Tages nach der Stadt zurück von dem Kriegsrat der
draußen im Lager im Zelt des Königs war gehalten worden Denn seit die
Rüstungen ihrer Vollendung nah und die Goten jeden Tag des Aufbruchs gewärtig
waren hatte Witichis wohl auch um Mataswinta aus dem Wege zu sein seine
Gemächer im Palatium verlassen und seine schlichte Wohnung mitten unter seinen
Kriegern aufgeschlagen
    Langsam das Vernommene ihrem Gedächtnis einprägend und über die Verwertung
nachsinnend wandelte die Königin nur von Aspa begleitet durch die äußersten
Reihen der Zelte einen sumpfigen Arm des Padus zur Linken die weißen Zelte zur
Rechten Sie mied das Gedränge und den Lärm der innern Gassen des Lagers
    Während sie bedächtig und ihrer Umgebung nicht achtend dahinschritt
musterten Aspas scharfe Augen die Gruppe von Goten und Italiern die sich hier
um den Tisch eines Gauklers geschart hatte der unerhörte und nie gesehene
Künste zum besten zu geben schien nach dem Staunen und Lachen der Zuschauer zu
schließen
    Aspa zögerte etwas in ihrem Gang diese Wunder mit anzusehen Es war ein
junger schlanker Bursch nach der blendend weißen Haut des Gesichts und der
bloßen Arme wie nach dem langen gelben Haar gallischen Zuschnitts ein Kelte
wozu die kohlschwarzen Augen nicht stimmen wollten Er verrichtete wirklich
Wunderdinge auf seiner einfachen Bühne Bald sprang er in die Höhe überschlug
sich in der Luft und kam doch senkrecht bald wieder auf die Füße bald auf die
Hände zu stehen Dann schien er brennende Kohlen mit sichtlichem Behagen zu
verspeisen und dafür Münzen auszuspeien dann verschluckte er einen fusslangen
Dolch und zog ihn später wieder aus seinen Haaren hervor um ihn mit drei vier
andern scharfgeschliffenen Messern in die Luft zu werfen und eins nach dem
andern mit nie fehlender Behendigkeit am Griff aufzufangen wofür ihn Gelächter
und Rufe der Bewunderung von Seiten seiner Zuschauer belohnten
    Aber schon zu lange hatte sich die Sklavin verweilt
    Sie sah nach der Herrin und bemerkte dass ihr Weg gesperrt war von einer
Schar italischer Lastträger und Trossknechte welche die Gotenkönigin offenbar
nicht kannten und gerade an ihr vorbei über den Weg hin nach dem Wasser zu
lärmende Kurzweil trieben Sie schienen sich einen Gegenstand den Aspa nicht
wahrnahm zu zeigen und ihn mit Steinen zu werfen
    Eben wollte sie ihrer Herrin nacheilen als der Gaukler neben ihr auf dem
Tisch einen gellenden Schrei außstieß Aspa wandte sich erschrocken und sah den
Gallier in ungeheurem Satz über die Köpfe der Zuschauer weg wie einen Pfeil
durch die Luft auf die Italier losschiessen Schon stand er mitten in dem Haufen
und schien sich bückend einen Augenblick unter ihnen verschwunden
    Aber plötzlich ward er sichtbar Denn einer und gleich darauf ein zweiter
der Italier stürzte von seinen Faustschlägen nieder
    Im Augenblick war Aspa an der Königin Seite die sich schnell aus der Nähe
der Schlägerei entfernt hatte aber zu der Sklavin Befremden stehen blieb mit
dem Finger auf die Gruppe weisend
    Und seltsam in der Tat war das Schauspiel
    Mit unglaublicher Kraft und noch größerer Gewandtheit wusste der Gaukler das
Dutzend der Angreifer sich vom Leibe zu halten Die Gegner anspringend sich
wendend und duckend weichend dann wieder plötzlich vorspringend und den
nächsten am Fuß niederreissend oder mit kräftigem Faustschlag vor Brust oder
Gesicht niederstreckend wehrte er sich
    Und das alles ohne Waffe und nur mit der rechten Hand denn die linke hielt
er wie etwas bergend und schützend dicht an die Brust So währte der ungleiche
Kampf minutenlang Der Gaukler ward näher und näher von der wütenden lärmenden
Menge dem Wasser zugedrängt Da blitzte eine Klinge Einer der Trossknechte
zornig über einen schweren Schlag zuckte ein Messer und sprang den Gaukler von
hinten an Mit einem Schrei stürzte dieser zusammen die Feinde über ihn her
    »Auf reißt sie auseinander helft dem Armen« rief Mataswinta den Kriegern
zu die jetzt von dem verlassenen Tisch der Goten herankamen »ich befehle es
die Königin«
    Die Goten eilten nach dem Knäuel der Streitenden aber noch ehe sie
herankamen sprang der Gaukler der sich für einen Moment von allen Feinden
losgemacht hoch aus dem Gewirr und eilte mit letzter Kraft davon gerade auf
die beiden Frauen zu  verfolgt von den Italiern welche die wenigen Goten nicht
aufzuhalten vermochten
    Welch ein Anblick Seine gallische Tunika hing ihm in Fetzen vom Leibe ein
Stück seiner gelben Haare schleifte am Rücken und siehe unter der gelben
Perücke kam schwarzes glänzendes Haar zum Vorschein und der weiße Hals verlief
in eine bronzebraune Brust
    Mit letzter Kraft erreichte er die Frauen Da erkannte er Mataswinta
»Schütze mich rette mich weiße Göttin« schrie er und brach zusammen vor
Mataswintas Füßen Schon waren die Italier heran und der vorderste schwang
sein Messer 
    Aber Mataswinta breitete ihren blauen Mantel über den Gefallenen »Zurück«
sprach sie mit Hoheit »lasst ab von ihm Er steht im Schutz der Gotenkönigin«
Verblüfft wichen die Trossknechte zurück »So« rief nach einer Pause der mit dem
Dolch »straflos soll er ausgehn der Hund und Sohn eines Hundes und fünf von
uns liegen am Boden halbtot und ich habe fortan drei Zähne zu wenig Und keine
Strafe«  »Er ist gestraft genug« sagte Mataswinta auf die tiefe Dolchwunde
am Halse deutend »Und all das um einen Wurm« schrie ein zweiter »um eine
Schlange die aus seinem Ranzen schlüpfte und die wir mit Steinen warfen« 
»Da seht er hat die Natter geborgen da an seiner Brust Nehmt sie ihm« 
»Schlagt ihn tot« schrien die andern
    Aber da kamen zahlreiche Gotenkrieger heran und schafften ihrer Königin
Gehorsam die Italier unsanft zurückstossend und einen Kreis um den Gefallnen
schließend Aspa blickte scharf zu und plötzlich sank sie mit gekreuzten Armen
neben dem Gaukler nieder
    »Was ist dir Aspa steh auf« sprach Mataswinta staunend »O Herrin«
stammelte diese »der Mann ist kein Gallier Er ist ein Sohn meines Volkes Er
betet zu dem Schlangengott Sieh hier seine braune Haut unter dem Halse Braun
wie Aspa  und hier  hier eine Schrift Schriftzeichen eingerjetzt über seiner
Brust die heilige Gemeinschrift meiner Heimat« jubelte sie Und mit dem
Finger deutend hob sie an zu lesen
    »Der Gaukler scheint verdächtig  Warum diese Verstellung« sprach
Mataswinta »Man muss ihn in Haft nehmen«
    »Nein nein o Herrin« flüsterte Aspa »Weißt du wie die Inschrift lautet
 Kein Auge als meines kann sie dir deuten«  »Nun« fragte Mataswinta »Sie
lautet« flüsterte Aspa leise »Syphax schuldet ein Leben seinem Herrn
Cetegus dem Präfekten« »Ja ja ich erkenne ihn das ist Syphax Hiempsals
Sohn ein Gastfreund meines Stammes die Götter senden ihn zu uns«
    »Aspa« sprach Mataswinta rasch »ja ihn senden die Götter die Götter der
Rache Auf ihr Goten legt diesen wunden Mann auf eine Bahre und folgt damit
meiner Sklavin in den Palast Er steht fortan in meinem Dienst«
 
                                Fünftes Kapitel
Wenige Tage darauf begab sich Mataswinta wieder ins Lager diesmal nicht von
Aspa begleitet Denn diese wich Tag und Nacht nicht von dem Bette ihres
verwundeten Landsmannes der unter ihren Händen ihren Kräutern und Sprüchen
sich rasch erholte
    König Witichis selbst hatte diesmal die Königin abgeholt mit dem ganzen
Geleit seines Hofes In seinem Zelte sollte der wichtigste Kriegsrat gehalten
werden Das Eintreffen der letzten Verstärkungen war auf heute angekündet und
auch Guntaris und Hildebad wurden zurückerwartet mit der Antwort Belisars auf
das Friedensanerbieten
    »Ein verhängnisvoller Tag« sagte Witichis zu seiner Königin »Bete zum
Himmel um den Frieden«
    »Ich bete um den Krieg« sprach Mataswinta starr vor sich hinblickend
»Verlangt dein Frauenherz so sehr nach Rache«  »Nach Rache nur noch ganz
allein und sie wird mir werden«
    Damit traten sie in das Zelt welches schon von gotischen Heerführern
erfüllt war Mataswinta dankte mit stolzem Kopfbeugen dem ehrerbietigen Gruß
»Sind die Gesandten zurück« fragte der König sich setzend den alten
Hildebrand »so führt sie ein«
    Auf ein Zeichen des Alten erhoben sich die Seitenvorhänge und Herzog
Guntaris und Hildebad traten ein sich tief verneigend
    »Was bringt ihr Frieden oder Krieg« fragte Witichis eifrig »Krieg Krieg
König Witichis« riefen beide Männer mit Einem Munde »Wie Belisar verwirft die
Opfer die ich ihm biete Du hast ihm freundlich eindringlich meine Vorschläge
mitgeteilt«
    Herzog Guntaris trat vor und sprach »Ich traf den Feldherrn im Kapitol
als Gast des Präfekten und sprach zu ihm Der Gotenkönig Witichis entbietet dir
seinen Gruß
    In dreißig Tagen kann er mit hundertfünfzig Tausendschaften wehrhafter Goten
vor diesen Toren stehen Und ein Schlachten und Ringen um diese ehrwürdige Stadt
wird anheben wie es ihre seit tausend Jahren mit Blut getränkten Gefilde nie
geschaut
    Der König der Goten liebt den Frieden mehr als selbst den Sieg und er
gelobt Kaiser Justinian die Insel Sizilien abzutreten und ihm in jedem seiner
Kriege mit dreissigtausend Mann Goten beizustehen wenn ihr sofort Rom und
Italien räumt das uns gehört nach dem Recht der Eroberung wie nach dem Vertrag
mit Kaiser Zeno der es Teoderich überließ wenn er den Odovaker stürzen könne
So sprach ich deinem Auftrag gemäß
    Belisar aber lachte und rief Witichis ist sehr gnädig mir die Insel
Sizilien abzutreten die ich schon habe und er nicht mehr hat Ich schenke ihm
dafür die Insel Tule Nein Der Vertrag Teoderichs mit Zeno war abgezwungen
und das Recht der Eroberung  nun das spricht jetzt für uns Kein Friede als
unter der Bedingung das ganze Gotenheer streckt die Waffen und das ganze Volk
zieht über die Alpen und sendet König und Königin als Geiseln nach Byzanz«
    Ein Murren der Entrüstung ging durch das Zelt
    »Zornig ohne Antwort auf solchen Vorschlag wandten wir ihm den Rücken und
schritten hinaus Auf Wiedersehen in Ravenna rief er uns nach Da wandt ich
mich« sprach Hildebad und rief »Auf Wiedersehen vor Rom Auf König Witichis
jetzt zu den Waffen Du hast das Äußerste versucht an Friedensliebe und Schmach
geerntet Jetzt auf Lang genug hast du gezögert und gerüstet Jetzt führ uns
an zum Kampf«
    Da tönten Trompetenstösse aus dem Lager man hörte den Hufschlag eilig
nahender Rosse Alsbald hob sich der Vorhang des Zeltes und eintrat Totila in
glänzenden Waffen vom weißen Mantel umwallt »Heil meinem König Heil dir
Königin« sprach er huldigend »Mein Auftrag ist erfüllt ich bringe dir den
Freundesgruss des Frankenkönigs Er hielt ein Heer bereit im Solde von Byzanz
dich anzugreifen Es gelang mir ihn umzustimmen Sein Heer wird nicht gegen die
Goten in Italien einrücken Graf Markja von Mediolanum der bisher die
Kottischen Alpen gegen die Franken gedeckt ward dadurch frei mit seinen
Tausendschaften er folgt mir in Eile Im Rückweg hab ich aufgerafft was ich
irgend von waffenfähigen Männern fand und die Besatzungen der Burgen an mich
gezogen Ferner
    Wir hatten bisher Mangel an Reiterei Getrost mein König ich führe dir
sechstausend Reiter zu auf herrlichen Rossen Sie verlangen sich zu tummeln in
den Ebenen von Rom Nur Ein Wunsch lebt in uns allen führ uns zum Kampf zum
Kampf nach Rom«
    »Hab Dank mein Freund für dich und deine Reiter
    Sprich Hildebrand wie verteilt sich jetzt unsres Heeres Macht Sagt an
ihr Feldherren wie viele führt ein jeder von euch Ihr Notare zeichnet auf«
    »Ich führe drei Tausendschaften Fußvolk« rief Hildebad »Ich vierzig
Tausendschaften zu Fuß und zu Ross mit Schild und Speer« sprach Herzog
Guntaris »Ich vierzig Tausendschaften zu Fuß Bogenschützen Schleuderer
Speerträger« sagte Graf Grippa von Ravenna »Ich sieben Tausendschaften mit
Messer und Keule« zählte Hildebrand »Und dazu Totilas sechs Tausendschaften
Reiter und vierzehn erlesene Tausendschaften Tejas mit der Streitaxt  wo ist
er ich vermisse ihn hier«  »Und ich habe meine Scharen zu Fuß und zu Ross auf
fünfzig Tausendschaften erhöht« schloss der König
    »Das sind zusammen einhundertsechzig Tausendschaften« schrieb der
Protonotar die Pergamentrolle dem König überreichend
    Da flog ein froher Glanz kriegerischen Stolzes über des Königs ernstes
Angesicht »Einhundertsechzig Tausendschaften gotische Männer Belisar sollen
sie vor dir die Waffen strecken ohne Kampf Wie lang braucht ihr noch Rast um
aufzubrechen«
    Da eilte der schwarze Teja ins Zelt Er hatte beim Eintreten die letzte
Frage vernommen Sein Auge sprühte Blitze er bebte vor Zorn »Rast Keine
Stunde Rast mehr auf zur Rache König Witichis Ein ungeheurer Frevel ist
geschehen der laut um Rache gegen Himmel schreit Führ uns sofort zum Kampf«
    »Was ist geschehen«
    »Ein Feldherr Belisars der Hunne Ambazuch umschloss wie du weißt seit
lange mit Hunnen und Armeniern das feste Petra Kein Entsatz war nah und fern
Der junge Graf Arahad nur  er suchte wohl den Tod  überfiel mit seiner kleinen
Gefolgschaft die Übermacht er fiel im tapfersten Gefecht Verzweifelt
widerstand das Häuflein gotischer Männer in der Burg Denn alles wehrlose Volk
der Goten Greise Kranke Weiber Kinder vom flachen Land in Tuscien Valeria
und Picenum war hierher geflüchtet vor dem Feind wohl viele Tausend Endlich
zwang sie der Hunger gegen freien Abzug die Tore zu öffnen Der Hunne schwor
allen Goten in der Stadt ihr Blut nicht zu vergießen Er zog ein und befahl den
Goten sich in der großen Basilika Sankt Zenos zu versammeln Das taten sie über
fünftausend Köpfe Greise Weiber Kinder und ein paar hundert Krieger Und als
sie alle beisammen  « Teja hielt schaudernd inne
    »Nun« fragte Mataswinta erblassend
    »Da schloss der Hunne die Türen umstellte das Haus mit seinem Heer und 
verbrannte sie alle fünftausend samt der Kirche«
    »Und der Vertrag« rief Witichis
    »Ja so schrien auch die Verzweifelten ihn an durch Qualm und Flammen Der
Vertrag lachte der Hunne sei erfüllt kein Tropfe Blutes sei vergossen
Ausbrennen müsse man die Goten aus Italien wie die Feldmäuse und schlechtes
Gewürm Und so sahen die Byzantiner zu wie fünftausend Goten Greise Weiber
Kranke Kinder  König Witichis hörst dus Kinder  elend erstickten und
verbrannten Solches geschieht und du  du sendest Friedensboten Auf König
Witichis« rief der Ergrimmte das Schwert aus der Scheide reißend »wenn du ein
Mann bist brich jetzt auf zur Rache Die Geister der Erwürgten ziehen vorauf 
Führ uns zum Kampf zur Rache führ uns an«
    »Führ uns zum Kampf zur Rache führ uns an« widerhallte das Zelt vom Ruf
der Goten
    Da stand Witichis auf in ruhiger Kraft
    »So solls sein Das Äußerste geschah Und unsre beste Rüstung ist unser
Recht jetzt auf zum Kampf«
    Und er reichte seiner Königin die Pergamentrolle die er in der Hand hielt
die über seinem Stuhl hängende Königsfahne das blaue Bandum zu ergreifen
    »Ihr seht das alte Banner Teoderichs in meiner Hand das er von Sieg zu
Sieg getragen Wohl ruht es jetzt in schlechtrer Hand als seine war  doch
zaget nicht Ihr wisst übermütige Zuversicht ist meine Sache nicht doch
diesmal sag ich euch voraus in dieser Fahne rauscht ein naher Sieg ein
großer stolzer rachefroher Sieg Folgt mir hinaus Das Heer bricht auf
sogleich Ihr Feldherren ordnet eure Scharen nach Rom«
    »Nach Rom« widerhallte das Zelt »Nach Rom«
 
                               Sechstes Kapitel
Inzwischen schickte sich Belisar an mit der Hauptmacht seines Heeres die Stadt
zu verlassen Johannes hatte er deren Bewachung übertragen
    Er hatte beschlossen die Goten in Ravenna aufzusuchen Sein bisher von
keinem Unfall gehemmter Siegeslauf und die Erfolge seiner vorausgeschickten
Streifscharen die durch den Übergang der Italier alles flache Land auch alle
Festen und Burgen und Städte bis nahe bei Ravenna gewonnen hatten in ihm die
Zuversicht erzeugt dass der Feldzug bald beendigt und nur das Erdrücken der
ratlosen Barbaren in ihrem letzten Schlupfwinkel übrig sei
    Denn nachdem Belisar selbst den ganzen Süden der Halbinsel Bruttien
Lucanien Kalabrien Apulien Kampanien dann Rom mit Samnium und die Valeria
durchzogen und besetzt hatte waren seine Unterfeldherren Bessas und
Konstantinus mit der lanzentragenden Leibwache des Feldherrn die unter Führung
des Armeniers Zanter des Persers Chanaranges und des Massageten Äschman
standen vorausgesetzt worden Tuscien zu unterwerfen
    Bessas rückte vor das sturmfeste Narnia für die damaligen Belagerungsmittel
war die Burgstadt fast uneinnehmbar  sie tront auf hohem Berge dessen Fuß
der tiefe Nar umspült Die beiden einzigen Zugänge vom Osten und vom Westen
sind ein enger Felsenpass und die hohe alte von Kaiser Augustus gebaute
befestigte Brücke  Aber die römische Bevölkerung überwältigte die halbe
gotische Hundertschaft die hier lag und öffnete den Trakiern des Bessas die
Tore Dem Konstantinus erschlossen sich ebenso ohne Schwertstreich Spoletium und
Perusia Auf der östlichen Seite des Ionischen Meerbusens hatte inzwischen ein
andrer Unterfeldherr Belisars der Komes Sacri Stabuli Konstantinus den Tod
zweier byzantinischer Heerführer des Magister Militum für Illyrien Mundus und
seines Sohnes Mauritius die gleich im Anfang des Krieges bei Salona in
Dalmatien im Gefecht gegen die Goten gefallen waren gerächt Salona besetzt und
durch ihre große Übermacht die geringen gotischen Scharen zum Rückzug auf
Ravenna gezwungen Ganz Dalmatien und Liburnien war darauf den Byzantinern
zugefallen Von Tuscien aus streiften wie wir sahen die Hunnen Justinians
schon durch Picenum und bis in die Ämilia
    Die Friedensvorschläge des Gotenkönigs hielt Belisar daher für Zeichen der
Schwäche Dass die Barbaren zum Angriff übergehen könnten fiel ihm nicht ein
dabei trieb es ihn Rom zu verlassen wo es ihn anwiderte der Gast des
Präfekten zu heißen im freien Felde musste sein Übergewicht bald wieder
hervortreten
    
    Der Präfekt ließ das Kapitol in der treuen Hut des Lucius Licinius und
folgte dem Zuge Belisars Vergebens warnte er diesen vor allzu großer
Zuversicht
    »Bleibe du doch hinter den Felsen des Kapitols wenn du die Barbaren
fürchtest« hatte dieser stolz geantwortet
    »Nein« erwiderte dieser »Eine Niederlage Belisars ist ein zu seltnes
Schauspiel man darf es nicht versäumen« In der Tat, Cetegus hätte eine
Demütigung des großen Feldherrn dessen Ruhm die Italier allzusehr anzog gern
gesehen
    Belisar hatte sein Heer aus den nördlichen Toren der Stadt geführt und
wenige Stadien vor der Stadt in einem Lager versammelt es hier zu mustern und
neu zu ordnen und zu gliedern Schon der starke Zufluss von Italiern die zu
seinen Fahnen geeilt waren machte das nötig Auch Ambazuch Bessas und
Konstantinus hatte er mit dem größten Teil ihrer Truppen wieder in dies Lager
herangezogen sie ließ in den von ihnen gewonnenen Städten nur kleine
Besatzungen zurück
    Dunkle Gerüchte von einem anrückenden Gotenheer hatten sich in das Lager
verbreitet Aber Belisar schenkte ihnen keinen Glauben »Sie wagen es nicht«
hatte er dem warnenden Prokop entgegnet »Sie liegen in Ravenna und zittern vor
Belisarius«
    Spät in der Nacht lag Cetegus schlaflos auf dem Lager in seinem Zelt Er
ließ die Ampel brennen »Ich kann nicht schlafen« sagte er »in den Lüften
klirrt es wie Waffen und riechts wie Blut Die Goten kommen Sie rücken wohl
durch die Sabina die Via casperia und salara herab«
    Da rauschten seine Zeltvorhänge zurück und Syphax stürzte atemlos an sein
Lager
    »Ich weiß es schon« sagte Cetegus aufspringend »was du meldest die Goten
kommen«  »Ja Herr morgen sind sie da Sie zielen auf das salarische Tor Ich
hatte das beste Ross der Königin aber dieser Totila der den Vortrab führt jagt
wie der Wind durch die Wüste Und hier im Lager ahnt niemand etwas«
    »Der große Feldherr« lächelte Cetegus »hat keine Vorposten ausgestellt«
 »Er verließ sich ganz auf den festen Turm an der Aniusbrücke1 aber  «
    »Nun der Turm ist fest«  »Ja aber die Besatzung römische Bürger aus
Neapolis ging zu den Goten über als sie der junge Totila der Führer des
Vortrabs anrief Die Leibwächter Belisars welche sich widersetzten wurden
gebunden zumal Innocentius und Totila ausgeliefert Der Turm und die Brücke
ist in der Goten Hand«
    »Es wird hübsch werden Hast du eine Ahnung wie stark der Feind«  »Keine
Ahnung Herr ich weiß es so genau wie König Witichis selbst Hier die Liste
ihrer Truppen Sie schickt dir Mataswinta seine Königin«
    Cetegus sah ihn forschend an »Geschehen Wunder die Barbaren zu
verderben«
    »Ja Herr Wunder geschehen Dies sonnenschöne Weib will ihres Volkes
Untergang um des Einen willen Und dieser Eine ist ihr Gatte«
    »Du irrst« sagte Cetegus »sie liebte ihn schon als Mädchen und kaufte
seine Büste«
    »Ja sie liebt ihn Aber er nicht sie Und die Marsbüste ward zerschlagen in
der Brautnacht«
    »Das hat sie dir doch schwerlich selbst gesagt«
    »Aber Aspa die Tochter meines Landes ihre Sklavin Sie sagt mir alles Sie
liebt mich Und sie liebt ihre Herrin fast wie ich dich Und Mataswinta will
mit dir das Gotenreich verderben Und sie wird durch Aspa alles schreiben in den
Zauberzeichen unsres Stammes Und ich würde diese Sonnenkönigin zu meinem Weibe
nehmen wenn ich Cetegus wäre«
    »Ich auch wenn ich Syphax wäre Aber deine Botschaft ist eine Krone wert
Ein listig rachedürstend Weib wiegt Legionen auf Jetzt Trotz euch Belisar
Witichis und Justinian Erbitte dir eine Gnade jede nur nicht deine Freiheit
 ich brauche dich noch«
    »Meine Freiheit ist  dir dienen Eine Gunst lass mich morgen neben dir
fechten«
    »Nein mein hübscher Panter deine Klauen kann ich noch nicht brauchen 
nur deinen Leisegang Du schweigst gegen jedermann von der Goten Nähe und
Stärke Lege mir die Rüstung an und gib den Plan der salarischen Straße dort aus
der Kapsel Jetzt rufe mir Marcus Licinius und den Führer meiner Isaurier
Snadil« Syphax verschwand Cetegus warf einen Blick auf den Plan »Also
dorther von Nordwesten kommen sie die Hügel herab Wehe dem der sie dort
aufhalten will Darauf folgt der tiefe Talgrund in dem wir lagern Hier wird
die Schlacht geschlagen und verloren Hinter uns südöstlich zieht sich unsre
Stellung entlang dem tiefen Bach in diesen werden wir unfehlbar geworfen die
Brücken werden nicht zu halten sein Darauf eine Strecke flachen Landes  welch
schönes Feld für die gotischen Reiter uns zu verfolgen  Noch weiter rückwärts
endlich ein dichter Wald und eine enge Schlucht mit dem zerfallnen Kastell
Hadrians   Marcus« rief er dem Eintretenden entgegen »meine Scharen
brechen auf Wir ziehen hinab den Bach in den Wald und jeden der dich fragt dem
sagst du wir ziehen zurück nach Rom«
    »Nach Hause ohne Kampf« fragte Marcus erstaunt »du weißt doch es steht
der Kampf bevor«
    »Eben deswegen« Damit schritt er hinaus Belisar in seinem Zelt zu wecken
Aber er fand ihn schon wach Prokop stand bei ihm »Weißt dus schon Präfekt
flüchtendes Landvolk meldet ein Häuflein gotischer Reiter naht die Tollkühnen
retten in ihr Verderben sie wähnen die Straße frei bis Rom« Und er fuhr fort
sich zu rüsten
    »Aber die Bauern melden die Reiter seien nur die Vorhut Es folge ein
furchtbares Heer von Barbaren« warnte Prokop
    »Eitle Schrecken Sie fürchten sich diese Goten  Witichis wagt gar nicht
mich aufzusuchen Endlich habe ich ja vierzehn Stadien vor Rom die Aniobrücke
durch einen Turm geschützt Martinus hat ihn gebaut nach meinem Gedanken  der
allein hält der Barbaren Fußvolk mehr als eine Woche auf  mögen auch ein paar
Gäule durch den Fluss geschwommen sein«
    »Du irrst Belisarius ich weiß es gewiss das ganze Heer der Goten naht«
sprach Cetegus »So geh nach Hause wenn du es fürchtest«  »Ich mache
Gebrauch von dieser deiner Erlaubnis Ich habe mir in diesen Tagen das Fieber
geholt Auch meine Isaurier leiden daran  ich ziehe mit deiner Gunst nach Rom
zurück«
    »Ich kenne dieses Fieber« sagte Belisar  »das heißt  an andern Es
vergeht sowie man Graben und Wall zwischen sich und dem Feinde hat Zieh ab
wir brauchen dich so wenig wie deine Isaurier«
    Cetegus verneigte sich und ging »Auf Wiedersehen« sprach er »o
Belisarius Gib das Zeichen zum Aufbruch meinen Isauriern« sprach er im Lager
laut zu Marcus »Und meinen Byzantinern auch« setzte er leiser bei
    »Aber Belisar hat « 
    »Ich bin ihr Belisar Syphax mein Pferd« Während er aufstieg sprengte ein
Zug römischer Reiter heran Fackeln leuchteten dem Anführer vorauf
    »Wer da Ah du Cetegus wie du reitest ab Deine Leute ziehen sich nach
dem Fluss Du wirst uns doch nicht verlassen jetzt in dieser höchsten Gefahr«
Cetegus beugte sich vor »Sieh du Kalpurnius ich erkannte dich nicht du
siehst so bleich Was bringst du von den Vorposten«
    »Flüchtige Bauern sagen« sprach Kalpurnius ängstlich »es sei gewiss mehr
als eine Streifschar Es sei der König der Barbaren Witichis selbst im raschen
Anzug durch die Sabina sie seien schon auf dem linken Tiberufer Widerstand ist
dann   Wahnsinn  Verderben Ich folge dir ich schließe mich dir an«
    »Nein« sagte Cetegus herb »du weißt ich bin abergläubisch ich reite
nicht gern mit den Furien verfallnen Männern Dich wird die Strafe für deinen
feigen Knabenmord sicher bald ereilen Ich habe nicht Lust sie mit dir zu
teilen«
    »Doch flüstern Stimmen in Rom auch Cetegus verschmähe manchmal einen
bequemen Mord nicht« sprach Kalpurnius grimmig
    »Kalpurnius ist nicht Cetegus« sprach der Präfekt stolz davonsprengend
»Grüße mir einstweilen den Hades« rief er
 
                                    Fußnoten
1 Prokop Gotenkrieg I 17 18 setzt hier aus Verwechslung den Tiber statt des
Anio
 
                               Siebentes Kapitel
»Verfluchtes Omen« knirschte Kalpurnius Und er eilte zu Belisar »Befiehl den
Rückzug rasch Magister Militum«  »Warum Vortrefflicher«  »Es ist der
Gotenkönig selbst«  »Und ich bin Belisar selbst« sagte dieser den
prachtvollen Helm mit dem weißen Rossschweif aufsetzend »Wie konntest du deinen
Posten im Vordertreffen verlassen«  »Herr um dir das zu melden«  »Das
konnte wohl kein Bote Höre Römer ihr seid nicht wert dass man euch befreit
Du zitterst ja Mann des Schreckens Zurück mit dir ins Vordertreffen
    Du führst unsre Reiter zum ersten Angriff ihr meine Leibwächter Antallas
und Kuturgur nehmt ihn in die Mitte Er muss tapfer sein hört ihr Weicht er 
nieder mit ihm So lehrt man Römer Mut
    Der Lagerrufer sagte eben die letzte Stunde der Nacht an In einer Stunde
geht die Sonne auf Sie muss unser ganzes Heer auf jenen Hügeln finden
    Auf Ambazuch Bessas Konstantinus Demetrius das ganze Lager bricht auf
dem Feind entgegen«
    »Feldherr es ist wie sie sagen« meldete Maxentius der treueste der
Leibwächter »zahllose Goten rücken an«
    »Sie sind zwei Heere gegen uns« meldete Salomo Belisars Hypaspistenführer
    »Ich rechne Belisar ein ganzes Heer«
    »Und der Schlachtplan« fragte Bessas
    »Im Angesicht des Feindes entwerf ich ihn während des Kalpurnius Reiter
ihn aufhalten Vorwärts gebt die Zeichen führt Phalion vor« Und er schritt
aus dem Zelte nach allen Seiten stoben die Heerführer die Hypaspisten
Prätorianer Protektoren und Doryphoren auseinander Befehle gebend verteilend
empfangend
    In einer Viertelstunde war alles in Bewegung gegen die Hügel Man nahm sich
nicht Zeit das Lager abzubrechen Aber der plötzliche Aufbruch brachte
vielfache Verwirrung Fußvolk und Reiter gerieten in der dunkeln mondlosen
Nacht untereinander Auch hatte die Kunde von der Übermacht der vordringenden
Barbaren Mutlosigkeit verbreitet
    Es waren nur zwei nicht sehr breite Straßen die gegen die Hügel führten so
gab es manche Stockung und Hemmung Viel später als Belisar gerechnet langte
das Heer im Angesicht der Hügel an und als die ersten Sonnenstrahlen sie
beleuchteten sah Kalpurnius der den Vortrab führte von allen Höhen gotische
Waffen blitzen
    Die Barbaren waren Belisar zuvorgekommen Erschrocken machte Kalpurnius Halt
und sandte Belisar Nachricht
    Dieser sah ein dass Kalpurnius mit seinen Reitern nicht die Berge stürmen
könne Er schickte Ambazuch und Bessas mit dem Kern des armenischen Fussvolks ab
um auf der breitern Straße zu stürmen Den linken und den rechten Flügel führten
Konstantinus und Demetrius er selbst brachte im Mitteltreffen seine Leibwachen
als Rückhalt heran Kalpurnius froh des Wechsels im Plan stellte seine Reiter
unter den steilsten Abfall der Hügel links seitab der Straße von wo kein
Angriff zu befürchten schien den Erfolg von Ambazuchs und Bessas Sturm
abzuwarten und die fliehenden Goten zu verfolgen oder die weichenden Armenier
aufzunehmen
    Oben auf den Höhen aber stellten sich die Goten in langer Ausdehnung in
Schlachtordnung Totilas Reiter waren zuerst eingetroffen ihm hatte sich Teja
zu Pferd vor Kampfbegier fiebernd angeschlossen  sein beiltragendes Fußvolk
war noch weit zurück  er hatte sich ausgebeten ohne Befehlführung überall
wo es ihn reizte ins Handgemenge zu greifen Darauf war Hildebrand eingetroffen
und hierauf der König mit der Hauptmacht gefolgt Herzog Guntaris mit seinen
und Tejas Leuten wurden noch erwartet
    Pfeilschnell war Teja zu Witichis zurückgeflogen
    »König« sagte er »unter jenen Hügeln steht Belisar
    Er ist verloren beim Gott der Rache Er hat den Wahnsinn gehabt
vorzurücken Dulde nicht die Schmach dass er uns zuvorkommt im Angriff«
    »Vorwärts« rief König Witichis »gotische Männer vor« In wenigen Minuten
hatte er den Rand der Hügel erreicht und übersah das Talgefild vor ihm
»Hildebad  den linken Flügel Du Totila brichst mit deinen Reitern hier im
Mitteltreffen die Straße herunter vor Ich halte rechts seitab der Straße
bereit dir zu folgen oder dich zu decken«
    »Das wirds nicht brauchen« sagte Totila sein Schwert ziehend »Ich bürge
dir sie halten meinen Ritt diesen Hügel herab nicht auf«
    »Wir werfen die Feinde in ihr Lager zurück« fuhr der König fort »nehmen
das Lager werfen sie in den Bach der dicht hinter dem Lager glänzt was übrig
ist können eure Reiter Totila und Teja über die Ebene jagen bis Rom«
    »Ja wenn wir erst den Pass gewonnen haben dort in den Waldhügeln hinter
dem Fluss« sagte Teja mit dem Schwert hinüberdeutend
    »Er ist noch unbesetzt scheints ihr müsst ihn mit den Flüchtigen zugleich
erreichen«
    Da tritt der Bannerträger Graf Wisand von Vulsinii der Bandalarius des
Heeres an den König heran »Herr König Ihr habt mir eine Bitte zu erfüllen
zugesagt«  »Ja weil du bei Salona den Magister Militum für Illyrien Mundus
und seinen Sohn vom Ross gestochen«
    »Ich habe es nun einmal auf die Magistri Militum Ich möchte denselben Speer
auch an Belisar erproben Nimm mir nur für heute das Banner ab und lass mich
den Magister Belisar aufsuchen Sein Ross der Rotscheck Phalion oder Balian
wird so sehr gerühmt und mein Hengst wird steif Und du kennst das alte
gotische Reiterrecht wirf den Reiter und nimm sein Ross«
    »Gut gotisch Recht« raunte der alte Hildebrand
    »Ich muss die Bitte gewähren« sprach Witichis das Banner aus der Hand
Wisands nehmend Dieser sprengte eilig hinweg »Guntaris ist nicht zur Stelle
so trage du es heute Totila«
    »Herr König« entgegnete dieser »ich kanns nicht tragen wenn ich meinen
Reitern den Weg in die Feinde zeigen soll« Witichis winkte Teja
    »Vergib« sagte dieser »heut denk ich beide Arme sehr zu brauchen« 
»Nun Hildebad«  »Danke für die Ehre ich habs nicht schlechter vor als die
andern«  »Wie« sagte Witichis fast zürnend »muss ich mein eigener
Bannerträger sein will keiner meiner Freunde mein Vertrauen ehren«
    »So gib mir die Fahne Teoderichs« sprach der alte Hildebrand den
mächtigen schafft ergreifend »Mich lüstet weitern Kampfes nicht so sehr Aber
mich freuts wie die Jungen nach Ruhme dürsten Gib mir das Banner ich wills
heute wahren wie vor vierzig Sommern« Und er ritt sofort an des Königs rechte
Seite
    »Der Feinde Fußvolk rückt den Berg hinan« sprach Witichis sich im Sattel
hebend »Es sind Hunnen und Armenier« sagte Teja mit seinem Falkenauge
spähend »ich erkenne die hohen Schilde« Und den Rappen vorwärts spornend rief
er »Ambazuch führte sie der eidbrüchige Brandmörder von Petra«
    »Vorwärts Totila« sprach der König »und aus diesen Scharen   keine
Gafangenen«
    Rasch sprengte Totila zu seinen Reitern die hart an der Mündung der
aufsteigenden Straße auf der Höhe aufgestellt waren Mit scharfem Blick musterte
er die Bewaffnung der Armenier die in tiefen Kolonnen langsam bergauf rückten
Sie trugen schwere mannshohe Schilde und kurze Speere zu Stoß und Wurf
    »Sie dürfen nicht zum Werfen kommen« rief er seinen Reitern zu Er ließ sie
die leichten Schilde auf den Rücken binden und befahl im Augenblick des
Anpralls die langen Lanzen statt wie üblich in der Rechten in der Linken
der Zügelhand zu führen den Zügel einfach um das Handgelenk geschlungen und
über die Mähne weg die Lanze aus der rechten in die linke Faust werfend Dadurch
trafen sie auf die rechte vom Schild nicht gedeckte Seite der Feinde »Sowie
der Stoß angeprallt  sie werden ihm nicht stehen  werft die Lanze im Armriem
zurück zieht das Schwert und haut nieder was noch steht«
    Er stellte sie nun die Kolonne der Feinde rechts und links überflügelnd
auf beiden Seiten neben der Straße auf
    Er selbst führte den Keil auf der Straße Er beschloss den Feind die Hälfte
des Hügels herankommen zu lassen Mit atemloser Spannung sahen beide Heere dem
Zusammenstoß entgegen
    Ruhig rückte Ambazuch ein erprobter Soldat vorwärts
    »Lasst sie nur dicht heran Leute« sagte er »bis ihr das Schnauben der
Rosse im Gesicht spürt Dann  und nicht eher  werft und zielt mir tief auf
die Brust der Pferde und zieht das Schwert So hab ich noch alle Reiter
geschlagen«
    Aber es kam anders
    Denn als Totila voransprengend das Zeichen zum Angriff gab schien eine
donnernde Lawine vom Berg herab über die erschrocknen Feinde einzubrechen Wie
der Sturmwind jagte die blitzende klirrende schnaubende dröhnende Masse
heran und eh die erste Reihe der Armenier Zeit gefunden die Wurfspeere nur zu
heben lag sie schon von den langen Lanzen auf der schildlosen Seite
durchbohrt niedergestreckt Sie waren weggefegt als wären sie nie gestanden
    Blitzschnell war das geschehen und während noch Ambazuch seiner zweiten
Reihe in der er selber stand Befehl geben wollte zu knieen und die Speere
einzustemmen sah er schon auch seine zweite Reihe überritten die dritte
auseinandergesprengt und die vierte unter Bessas kaum noch Widerstand leistend
gegen die furchtbaren Reiter die jetzt erst dazu kamen die Schwerter zu
ziehen Er wollte das Gefecht stellen er flog zurück und rief seinen wankenden
Scharen Mut zu
    Da erreichte ihn Totilas Schwert ein Hieb zerschlug ihm den Helm Er
stürzte in die Kniee und streckte den Griff seines Schwertes dem Goten entgegen
»Nimm Lösegeld« rief er »ich bin dein«
    Und schon streckte Totila die Hand aus ihm die Waffe abzunehmen da rief
Tejas Stimme »Denk an Burg Petra«
    Ein Schwert blitzte und zerspaltnen Haupts sank Ambazuch Da stob die letzte
Reihe der Armenier Bessas mit fortreissend entsetzt auseinander  das
Vordertreffen Belisars war vernichtet Mit lautem Freuderuf hatten König
Witichis und die Seinen den Sieg Totilas mit angesehen
    »Sieh jetzt schwenken die hunnischen Reiter die hier gerade unter uns
stehen gegen Totila« sagte der König zu dem alten Bannerträger »Totila wendet
sich gegen sie Sie sind viel zahlreicher Auf Hildebad eile die Straße
hinunter ihm zu Hilfe«
    »Ah« rief der Alte sich vorbeugend im Sattel und über den Felsrand
spähend »wer ist der Reitertribun da unten zwischen den zwei Leibwächtern
Belisars«
    Witichis beugte sich vor »Kalpurnius« rief er mit gellendem Schrei
    Und siehe urplötzlich sprengte der König keinen Pfad suchend gerade wo er
stand hinab die Felshöhe auf den Verhassten Die Furcht er möchte ihm
entrinnen ließ ihn alles vergessen Und als hätte er Flügel als hätte der Gott
der Rache ihn herabgeführt über Gebüsch und spitze Felsspalten und Schroffen und
Gräben sauste der König hinunter
    Einen Augenblick fasste den alten Waffenmeister Entsetzen solchen Ritt hatte
er noch nie geschaut Aber im nächsten Moment schwang er die blaue Fahne und
rief »Nach nach eurem König« Und das berittene Gefolge voran das Fußvolk
springend und auf den Schilden rutschend hinterher brach das Mitteltreffen der
Goten plötzlich steil von oben auf die hunnischen Reiter
    Kalpurnius hatte aufgesehn Ihm war als ob sein Name gellend gerufen an
sein Ohr schlüge Ihm klang der Ruf wie die Posaune des Weltgerichts
    Wie blitzgetroffen wandte er sich und wollte auf und davon Aber der
maurische Leibwächter zur Rechten fiel ihm in den Zügel »Halt Tribun« sagte
Antallas auf Totilas Reiter deutend  »dort ist der Feind« Ein Schmerzenschrei
riss ihn und Kalpurnius zur Linken herum Denn da stürzte der zweite der
Leibwächter der Hunne Kuturgur zu seiner Linken klirrend vom Pferd unter dem
Schwertieb eines Goten der plötzlich wie vom Himmel gefallen schien Und
hinter diesem Goten drein sprang und kletterte und wogte es den steilen Felshang
hinab der doch pfadlos schien und die Reiter waren von diesem plötzlich von
oben gekommenen Feind in der Flanke umfasst während sie gleichzeitig in der
Stirnseite mit den Geschwadern Totilas zusammenstiessen
    Kalpurnius erkannte den Goten »Witichis« rief er entsetzt und ließ den Arm
sinken Aber sein Pferd rettete ihn verwundet und scheu geworden durch den Fall
des hunnischen Leibwächters zur Linken setzte es in wilden Sprüngen davon
    Der maurische Leibwächter zu seiner Rechten warf sich wütend auf den König
der Goten der ganz allein den Seinigen weit vorausgeeilt war »Nieder
Tollkühner« schrie er Aber im nächsten Augenblick hatte ihn das Schwert des
Witichis getroffen der unaufhaltsam alles vor sich niederzuwerfen schien was
ihn von Kalpurnius jetzt noch fern hielt Rasend setzte ihm Witichis nach
Mitten durch die Reihen der hunnischen Reiter die entsetzt vor diesem Anblick
auseinanderstoben
    Kalpurnius hatte sein Pferd wieder bemeistert und suchte jetzt Schutz hinter
den stärksten Geschwadern seiner Reiter Umsonst Witichis verlor ihn nicht aus
dem Auge und ließ nicht von ihm ab Wie dicht er sich unter seinen Reitern barg
wie rasch er floh  er entging nicht dem Blicke des Königs der alles erschlug
was sich zwischen ihn und den Mörder seines Sohnes drängte
    Knäuel auf Knäuel Gruppe auf Gruppe löste sich vor dem furchtbaren Schwert
des rächenden Vaters die ganze Masse der Hunnen war quer geteilt von dem
Flüchtenden und seinem Verfolger Sie vermochte nicht sich wieder zu schließen
Denn ehe noch Totila ganz heran war hatte der alte Bannerträger mit Reitern und
Fußvolk ihre rechte Flanke durchbrochen in zwei Teile gespalten
    Als Totila ansprengte hatte er nur noch Flüchtlinge zu verfolgen Der Teil
zur Rechten wurde alsbald von Totila und Hildebrand in die Mitte genommen und
vernichtet
    Der größere Teil zur Linken floh zurück auf Belisar
    Kalpurnius jagte indessen wie von Furien gehetzt über das Schlachtfeld Er
hatte einen großen Vorsprung da sich Witichis siebenmal erst hatte Bahn hauen
müssen Aber ein Dämon schien Boreas des Goten Ross zu treiben näher und näher
kam er seinem Opfer Schon vernahm der Flüchtling den Ruf zu stehen und zu
fechten Noch hastiger spornte er sein Pferd Da brach es unter ihm zusammen
Noch bevor er sich aufgerafft stand Witichis vor ihm der vom Sattel gesprungen
war Er stieß ihm ohne ein Wort mit dem Fuß das Schwert hin das ihm
entfallen Da fasste sich Kalpurnius mit dem Mut der Verzweiflung
    Er hob das Schwert auf und warf sich mit einem Tigersprung auf den Goten
Aber mitten im Sprung stürzte er rücklings nieder
    Witichis hatte ihm die Stirn mitten entzwei gehauen Der König setzte den
Fuß auf die Brust der Leiche und sah in das verzerrte Gesicht Dann seufzte er
tief auf »Jetzt hab ich die Rache O hätt ich mein Kind«
    Mit Ingrimm hatte Belisar die so ungünstige Eröffnung des Kampfes mit
angesehen Aber seine Ruhe seine Zuversicht verließ ihn nicht als er Ambazuchs
und Bessas Armenier weggefegt als er des Kalpurnius Reiter durchbrochen und
geworfen sah
    Er erkannte jetzt die Übermacht und Überlegenheit des Feindes Allein er
beschloss auf der ganzen Linie vorzurücken eine Lücke lassend um den Rest der
fliehenden Reiter aufzunehmen
    Jedoch scharf bemerkten dies die Goten und drängten Witichis voran Totila
und Hildebrand welche die Umzingelten vernichtet hatten folgend den
Flüchtlingen jetzt so ungestüm nach dass sie mit ihnen zugleich die Linie
Belisars zu erreichen und zu durchdringen drohten
    Das durfte nicht sein Belisar füllte diese Lücke selbst durch seine
Leibwache zu Fuß und schrie den fliehenden Reitern entgegen zu halten und zu
wenden
    Aber es war als ob die Todesfurcht ihres gefallnen Führers sie alle
ergriffen hätte Sie scheuten das Schwert des Gotenkönigs hinter sich mehr als
den drohenden Feldherrn vor sich und ohne Halt und Fassung rasten sie als
wollten sie ihr eigenes Fußvolk niederreiten im vollen Galopp heran
    Einen Augenblick  ein furchtbarer Stoß  ein tausendstimmiger Schrei der
Angst und Wut  ein wirrer Knäuel von Reitern und Fußvolk minutenlang 
darunter einhauende Goten  und plötzlich ein Auseinanderleben nach allen
Seiten unter gellendem Siegesruf der Feinde 
    Belisars Leibwache war niedergeritten seine Hauptschlachtlinie
durchbrochen  Er befahl den Rückzug ins Lager
    Aber es war kein Rückzug mehr es war eine Flucht Hildebads Guntaris und
Tejas Fußvolk waren jetzt auf dem Schlachtfeld eingetroffen die Byzantiner
sahen ihre Stellung im ganzen geworfen sie verzweifelten am Widerstand und mit
großer Unordnung eilten sie nach dem Lager zurück Gleichwohl hätten sie
dasselbe noch in guter Zeit vor den Verfolgern erreicht hätte nicht ein
unerwartetes Hindernis alle Wege gesperrt
    So siegesgewiss war Belisar ausgezogen dass er das ganze Fuhrwerk die Wagen
und das Gepäck des Heeres ja selbst die Herden die ihm nachgetrieben wurden
nach der Sitte jener Zeit den Truppen auf allen Straßen zu folgen befohlen
hatte Auf diesen langsamen schwer beweglichen und schwer zu entfernenden
Körper stießen nun überall die weichenden Truppen und grenzenlose Hemmung und
Verwirrung trat ein
    Soldaten und Trossknechte wurden handgemein die Reihen lösten sich zwischen
den Karren Kisten und Wagen Bei vielen erwachte die Beutelust und sie fingen
an das Gepäck zu plündern ehe es in die Hände der Barbaren falle Überall ein
Streiten Fluchen Klagen Drohen dazwischen das Krachen der Lastwagen die
zerbrochen wurden und das Blöken und Brüllen der erschrocknen Herden
    »Gebt den Tross preis Feuer in die Wagen schickt die Reiter durch die
Herden« befahl Belisar der mit dem Rest seiner Leibwachen in guter Ordnung mit
dem Schwert sich Bahn brach Aber vergebens Immer unentwirrbarer immer dichter
wurde der Knäuel  nichts schien ihn mehr lösen zu können
    Da zerriss ihn die Verzweiflung
    Der Schrei »die Barbaren über uns« erscholl aus den hintersten Reihen Und
es war kein leerer Schreck Hildebad mit dem Fußvolk war jetzt in die Ebene
hinabgestiegen und seine ersten Reihen trafen auf den wehrlosen Knäuel
    Da gab es eine furchtbare wogende Bewegung nach vorn ein tausendstimmiger
Schrei der Angst  der Wut  des Schmerzes der Angegriffenen der Leibwachen
die alter Tapferkeit gedenk fechten wollten und nicht konnten  der
Zertretenen und Zerdrückten  und plötzlich stürzte der größte Teil der Wagen
mit ihrer Bespannung und mit den Tausenden die darauf und dazwischen
zusammengedrängt waren mit donnerndem Krachen in die Gräben links und rechts
neben der Hochstrasse
    So ward der Weg frei Und unaufhaltsam ordnungslos ergoss sich der Strom der
Flüchtigen nach dem Lager 
    Mit lautem Siegesgeschrei folgte das gotische Fußvolk ohne Mühe mit den
Fernwaffen mit Pfeilen Schleudern und Wurfspeeren in dem dichten Gewühl seine
Ziele treffend während Belisar mit Mühe die unaufhörlichen Angriffe der Reiter
Totilas und des Königs abwehrte »Hilf Belisar« rief Aigan der Führer der
massagetischen Söldner aus dem eben gesprengten Knäuel heranreitend das Blut
aus dem Gesicht wischend »meine Landsleute haben heut den schwarzen Teufel
unter den Feinden gesehen Sie stehen mir nicht Hilf dich fürchten sie sonst
mehr als den Teufel«
    Mit Knirschen sah Belisar hinüber nach seinem rechten Flügel der aufgelöst
über das Blachfeld jagte von den Goten gehetzt
    »O Justinianus kaiserlicher Herr wie erfüll ich schlecht mein Wort«
    Und die weitere Deckung des Rückzugs ins Lager dem erprobten Demetrius
überlassend  denn das hügelige Terrain das jetzt erreicht war schwächte die
Kraft der verfolgenden Reiter  sprengte er mit Aigan und seiner berittenen
Garde querfeldein mitten unter die Flüchtenden
    »Halt« donnerte er ihnen zu »halt ihr feigen Hunde Wer flieht wo
Belisar streitet
    Ich bin mitten unter euch kehrt und siegt«
    Und aufschlug er das Visier des Helmes und zeigte ihnen das majestätische
das löwengewaltige Antlitz
    Und so mächtig war die Macht dieser Heldenpersönlichkeit so groß das
Vertrauen auf sein sieghaftes Glück dass in der Tat alle welche die hohe
Gestalt des Feldherrn auf seinem Rotscheck erkannten stutzten hielten und mit
einem Ruf der Ermutigung sich den nachdringenden Goten wieder entgegenwandten
An dieser Stelle wenigstens war die Flucht zu Ende
    Da schritt ein gewaltiger Gote heran leicht sich Bahn brechend »Heia das
ist fein dass ihr einmal des Laufens müde seid ihr flinken Griechlein Ich
konnt euch nicht mehr nach vor Schnaufen In den Beinen seid ihr uns überlegen
Lasst sehen ob auch in den Armen Ha was weicht ihr Burschen
    Vor dem auf dem Braunscheck Was ists mit dem«
    »Herr das muss ein König sein unter den Welschen kaum kann man sein zornig
Auge tragen«
    »Das wäre Ah  das muss Belisarius sein Freut mich« schrie er ihm hinüber
»dass wir uns treffen du kühner Held Nun spring vom Ross und lass uns die Kraft
der Arme messen Wisse ich bin Hildebad des Tota Sohn Sieh auch ich bin ja
zu Fuß Du willst nicht« rief er zornig »Muss man dich vom Gaule holen« Und
dabei schwang er in der Rechten wiegend den ungeheuren Speer
    »Wende Herr weich aus« rief Aigan »der Riese wirft ja junge Mastbäume«
 »Wende Herr« wiederholten seine Hypaspisten ängstlich
    Aber Belisar ritt das kurze Schwert gezückt ruhig dem Goten um eine
Pferdelänge näher Sausend flog der balkengleiche Speer heran grad gegen
Belisars Brust
    Aber grad ehe er traf  ein kräftiger Hieb von Belisars kurzem
Römerschwert und drei Schritte seitwärts fiel der Speer harmlos nieder
    »Heil Belisarius Heil« schrien die Byzantiner ermutigt und drangen auf die
Goten ein
    »Ein guter Hieb« lachte Hildebad grimmig »Lass sehen ob dir deine
Fechtkunst auch gegen den hilft« Und sich bückend hob er aus dem Ackerfeld
einen alten zackigen Grenzstein schwang ihn mit zwei Armen erst langsam hin
und her hob ihn dann über den Kopf mit beiden Händen und schleuderte ihn mit
aller Kraft auf den heransprengenden Helden  ein Schrei des Gefolges 
rücklings stürzte Belisar vom Pferd
    Da war es aus
    »Belisarius tot wehe Alles verloren wehe« schrien sie als die
hochragende Gestalt verschwunden und jagten besinnungslos nach dem Lager zu
Einzelne flohen unaufhaltsam bis an und in die Tore Roms
    Umsonst wars dass sich die Lanzen und Schildträger todesmutig den Goten
entgegenwarfen sie konnten nur ihren Herrn nicht die Schlacht mehr retten
    Den ersten tödlichen Schwertieb Hildebads der herangestürmt war fing der
treue Maxentius auf mit der eignen Brust Aber hier sank auch ein gotischer
Reiter endlich vom Ross der erst nach Hildebad Belisar erreicht und sieben
Leibwächter erschlagen hatte um bis zum Magister Militum durchzudringen Mit
dreizehn Wunden fanden ihn die Seinen Aber er blieb am Leben Und er war einer
der wenigen welche den ganzen Krieg durchkämpften und überlebten  Wisand der
Bandalarius
    Belisar von Aigan und Valentinus seinem Hippokomos Rosswart wieder auf
den Rotschecken gehoben und rasch von der Betäubung erholt erhob umsonst den
Feldherrnstab und Feldherrnruf sie hörten nicht mehr und wollten nicht hören
Umsonst hieb er nach allen Seiten unter die Flüchtigen er wurde fortgerissen
von ihren Wogen bis ans Lager
    Hier gelang es ihm noch einmal an einem festen Tor die nachdringenden
Goten aufzuhalten »Die Ehre ist hin« sagte er unwillig »lasst uns das Leben
wahren« Mit diesen Worten ließ er die Lagertore schließen ohne Rücksicht auf
die großen Massen der noch Ausgeschlossenen
    Ein Versuch des ungestümen Hildebad ohne weiteres einzudringen scheiterte
an dem starken Eichenholz des Pfahlwerks das dem Speerwurf und den
Schleudersteinen trotzte Unmutig auf seinen Speer gelehnt kühlte er sich einen
Augenblick von der Hitze
    Da bog Teja der längst wie der König und Totila abgesessen prüfend und
das Pfahlwerk messend um die Ecke des Walls
    »Die verfluchte Holzburg« rief ihm Hildebad entgegen »Da hilft nicht
Stein nicht Eisen«
    »Nein« sagte Teja »aber Feuer« Er stieß mit dem Fuß in einen
Aschenhaufen der neben ihm lag »Das sind die Wachtfeuer samt dem Reisig von
heute nacht Hier glimmen noch Gluten Hierher ihr Männer steckt die Schwerter
ein entzündet das Reisig werft Feuer in das Lager«
    »Prachtjunge« jubelte Hildebad »flugs ihr Bursche brennt sie aus wie
den Fuchs aus dem Bau der frische Nordwind hilft« Rasch waren die Wachtfeuer
wieder entfacht Hunderte von Bränden flogen in das trockne Sparrenwerk der
Schanze Und bald schlugen die Flammen lodernd gen Himmel Der dichte Qualm vom
Wind ins Lager getragen schlug den Byzantinern ins Gesicht und machte die
Verteidigung der Wälle unmöglich Sie wichen in das Innere des Lagers
    »Wer jetzt sterben dürfte« seufzte Belisar  »Räumt das Lager Hinaus zur
Porta decumana In gut geschlossener Ordnung zu den Brücken hinter uns«
    Aber der Befehl das Lager zu räumen zerriss das letzte Band der Zucht der
Ordnung und des Mutes Während unter Tejas dröhnenden Axtieben die verkohlten
Torbalken niederkrachten und mitten durch Flammen und Qualm der schwarze Held
wie ein Feuerdämon der erste durch das prätorische Tor ins Lager sprang
rissen die Flüchtenden alle Tore auch die seitwärts aus dem Lager nach Rom zu
führten die Portä prinzipalis rechts und links auf einmal auf und strömten in
wirren Massen nach dem Fluss Die ersten erreichten noch sicher und unverfolgt
die beiden Brücken sie hatten großen Vorsprung bis Hildebad und Teja Belisar
aus dem brennenden Lager herausgedrängt
    Aber plötzlich  neues Entsetzen  schmetterten die gotischen Reiterhörner
ganz nahe
    Witichis und Totila hatten sich sowie sie das Lager genommen wussten
sogleich wieder zu Pferd geworfen und führten nun ihre Reiter von beiden Seiten
links und rechts vom Lager her den Flüchtenden in die Flanken
    Eben war Belisar aus dem decumanischen Lagertor gesprengt und eilte nach der
einen Brücke zu als er von links und rechts die verderblichen Reitermassen
heransausen sah Noch immer verlor der gewaltige Kriegsmann die Fassung nicht
»Vorwärts im Galopp an die Brücken« befahl er seinen Sarazenen »deckt sie« 
    Es war zu spät ein dumpfer Krach gleich darauf ein zweiter  die beiden
schmalen Brücken waren unter der Last der Flüchtenden eingebrochen und zu
Hunderten stürzten die hunnischen Reiter und die illyrischen Lanzenträger
Justinians Stolz in das sumpfige Gewässer
    Ohne Bedenken spornte Belisar an dem steilen Ufer angelangt sein Pferd in
die schäumende und blutig gefärbte Flut Schwimmend erreichte er das andere
Ufer »Salomo Dagistäos« sagte er sowie er drüben gelandet zu seinen
raschesten Prätorianern »auf nehmt hundert aus meinen Reiterwachen und jagt
was ihr könnt nach dem Engpass Überreitet alle Flüchtigen Ihr müsst ihn vor den
Goten erreichen hört ihr ihr müsst Er ist unser letzter Strohhalm«
    Beide gehorchten und sprengten blitzschnell davon
    Belisar sammelte was er von den zerstreuten Massen erreichen konnte Die
Goten waren wie die Byzantiner durch den Fluss eine Weile aufgehalten Aber
plötzlich rief Aigan »Da sprengt Salomo zurück«  »Herr« rief dieser
heranjagend »alles ist verloren Waffen blitzen im Engpass Er ist schon besetzt
von den Goten«
    Da zum ersten Male an diesem Tage des Unglücks zuckte Belisar zusammen
»Der Engpass verloren  Dann entkommt kein Mann vom Heere meines Kaisers Dann
fahrt wohl Ruhm Antonina und Leben Komm Aigan zieh das Schwert  lass mich
nicht lebend fallen in Barbarenhand«
    »Herr« sagte Aigan »so hört ich Euch nie reden«
    »So wars auch noch nie Lass uns absteigen und sterben« Und schon hob er
den rechten Fuß aus dem Bügel vom Ross zu springen da sprengte Dagistäos heran
 »Getrost mein Feldherr«  »Nun«  »Der Engpass ist unser  römische Waffen
sinds die wir dort sahen Es ist Cetegus der Präfekt Er hielt ihn geheim
besetzt«
    »Cetegus« rief Belisar »Ists möglich Ists gewiss«
    »Ja mein Feldherr Und seht es war hoch an der Zeit« Das war es Denn
eine Schar gotischer Reiter von König Witichis gesendet den Flüchtenden am
Engpass vorauszukommen hatte durch eine Furt den Fluss durchschritten den
Reitern Belisars den Weg abgeschnitten und vor ihnen den verhängnisvollen Pass
erreicht Aber eben als sie dort einmünden wollten brach Cetegus an der Spitze
seiner Isaurier aus dem Versteck der Schlucht hervor und warf die überraschten
Goten nach kurzem Gefecht in die Flucht
    »Der erste Glanz des Sieges an diesem schwarzen Tag« rief Belisar »Auf
nach dem Engpass« Und mit besserer Ordnung und Ruhe führte der Feldherr seine
gesammelten Scharen an die Waldhügel
    »Willkommen in Sicherheit Belisarius« rief ihm Cetegus zu seine
Schwertklinge säubernd »Ich warte hier auf dich seit Tagesanbruch Ich wusste
wohl dass du mir kommen würdest«
    »Präfekt von Rom« sprach Belisar ihm vom Pferd herunter die Hand reichend
»du hast des Kaisers Heer gerettet das ich verloren hatte ich danke dir«
    Die frischen Truppen des Präfekten hielten eine undurchdringliche Mauer
den Pass besetzt die zerstreut heranflüchtenden Byzantiner durchlassend und
Angriffe der ersten ermüdeten Verfolger die über den Fluss gedrungen  sie
hatten einen vollen Tag des Kampfes hinter sich  in der günstigen Stellung ohne
Mühe abwehrend
    Vor Einbruch der Dunkelheit nahm König Witichis seine Scharen zurück auf
dem Schlachtfeld ihres Sieges zu übernachten während Belisar mit seinen
Feldherren einstweilen im Rücken des Passes so gut es gehen wollte die
aufgelösten Heeresmassen wie sie zerstreut und vereinzelt eintrafen ordneten
Als Belisar wieder einige tausend Mann beisammen hatte ritt er zu Cetegus
heran und sprach »Was meinst du Präfekt von Rom Deine Truppen sind noch
frisch Und die Unsern müssen ihre Scharte auswetzen Lass uns hervorbrechen noch
einmal  die Sonne geht noch nicht gleich unter  und das Los des Tages wenden«
    Mit Staunen sah ihn Cetegus an und sprach die Worte Homers »Wahrlich ein
schreckliches Wort du Gewaltiger hast du gesprochen Unersättlicher So schwer
erträgst dus ohne Sieg aus einer Schlacht zu gehen Nein Belisarius dort
winken die Zinnen Roms dahin führe deine todesmatten Völker Ich halte diesen
Pass bis ihr die Stadt erreicht Und froh will ich sein wenn mir das gelingt«
    Und so wars geschehen Belisar vermochte unter den dermaligen Umständen
weniger als je den Präfekten gegen dessen Willen zu bewegen So gab er nach und
führte sein Heer nach Rom zurück das er mit dem Einbruch der Nacht erreichte
    Lange wollte man ihn nicht einlassen Den von Staub und Blut Bedeckten
erkannte man nur schwer Auch hatten Versprengte die Nachricht aus der Schlacht
in die Stadt getragen der Feldherr sei gefallen und alles verloren Endlich
erkannte ihn Antonina die ängstlich auf den Wällen seiner harrte Durch das
pincianische Tor ließ man ihn ein es hieß seitdem Porta belisaria
    Feuerzeichen auf den Wällen zwischen dem flaminischen und dem pincianischen
Tor verkündeten die Erreichung Roms dem Präfekten der nun in guter Ordnung und
von den ermüdeten Siegern kaum verfolgt im Schutze der Nacht seinen Rückzug
bewerkstelligte
    Nur Teja drängte nach mit einigen seiner Reiter bis an das Hügelland wo
heute Villa Borghese liegt und bis zur Aqua Acetosa
 
                                Achtes Kapitel
Am Tage darauf erschien das ganze zahlreiche Heer der Goten vor der ewigen
Stadt die es in sieben Lagern umschloss
    Und nun begann jene denkwürdige Belagerung die nicht minder das
Feldherrntalent und die Erfindungsgabe Belisars als den Mut der Belagerer
entfalten sollte
    Mit Schrecken hatten die Bürger Roms von ihren Mauern herab mit angesehen
wie die Scharen der Goten nicht enden wollten »Sieh hin o Präfekt sie
überflügeln alle deine Mauern«  »Ja in die Breite lass sehen ob sie sie in
der Höhe überflügeln Ohne Flügel kommen sie nicht herüber«
    Nur zwei Tausendschaften hatte Witichis in Ravenna zurückgelassen acht
hatte er unter den Grafen Uligis von Urbssalvia und Ansa von Asculum nach
Dalmatien entsendet diese Provinz und Liburnien den Byzantinern zu entreißen
und zumal das wichtige Salona wiederzugewinnen durch Söldner in Savien
geworben sollten sie sich verstärken
    Auch die gotische Flotte sollte  gegen Tejas Rat  dort nicht gegen den
Hafen von Rom Portus wirken
    Den Umkreis der Stadt Rom aber und ihre weit hinausgestreckten Wälle die
Mauern Aurelians und des Präfekten umgürtete nun der König mit
einhundertundfünfzig Tausendschaften
    Rom hatte damals fünfzehn Haupttore und einige kleinere
    Von diesen umschlossen die Goten den schwächeren Teil der Umwallung den
Raum der von dem flaminischen Tor im Norden östlich von der jetzigen Porta del
Popolo bis zum pränestinischen Tor reicht vollständig mit sechs Heerlagern
nämlich die Wälle vom flaminischen Tor gegen Osten bis ans pincianische und
salarische dann bis an das nomentanische Tor südöstlich von Porta pia ferner
bis gegen das »geschlossene Tor« die Porta clausa endlich südlich von da das
tiburtinische Tor heute Porta San Lorenzo und das asinarische metronische
latinische an der Via latina das appische an der Via appia und das
SanktPaulsTor das zunächst dem Tiberufer lag Alle diese sechs Lager waren
auf dem linken Ufer des Flusses
    Um aber zu verhüten dass die Belagerten durch Zerstörung der milvischen
Brücke den Angreifern den Übergang über den Fluss und das ganze Gebiet auf dem
rechten Tiberufer bis an die See abschnitten schlugen die Goten ein siebentes
Lager auf dem rechten Tiberufer »auf dem Felde Neros« vom vatikanischen Hügel
bis gegen die milvische Brücke hin unter dem »Monte Mario« So war die
milvische Brücke durch ein Gotenlager gedeckt und die Brücke Hadrians bedroht
sowie der Weg nach der Stadt durch die »Porta Sancti Petri« wie man damals
schon nach Prokops Bericht das innere Tor Aurelians nannte Es war das nächste
an dem Grabmal Hadrians Aber auch das Tor von Sankt Pankratius rechts des
Tibers war von den Goten scharf beobachtet
    Dies Lager auf dem neronischen Feld auf dem rechten Tiberufer zwischen dem
pankratischen und dem PetrusTor überwies Witichis dem Grafen Markja von
Mediolanum der aus den Kottischen Alpen und der Beobachtung der Franken
zurückgerufen worden war Aber der König selbst weilte oft hier das Grabmal
Hadrians mit scharfen Blicken prüfend
    Er hatte kein einzelnes Lager übernommen sich die Gesamtleitung
vorbehaltend vielmehr die sechs übrigen an Hildebrand Totila Hildebad Teja
Guntaris und Grippa verteilt Jedes der sieben Lager ließ der König mit einem
tiefen Graben umziehn die dadurch ausgehobne Erde zu einem hohen Wall zwischen
Graben und Lager aufhäufen und diesen mit Pfahlwerk verstärken  sich gegen
Ausfälle zu sichern
    Aber auch Belisar und Cetegus verteilten ihre Feldherren und Mannschaften
nach den Toren und Regionen Roms Belisar übertrug das pränestinische Tor im
Osten der Stadt heute Porta maggiore Bessas das stark bedrohte flaminische
dem ein gotisches Lager das Totilas in gefährlicher Nähe lag Konstantinus
der es durch Marmorquadern aus römischen Tempeln und Palästen gebrochen fast
ganz zubauen ließ
    Belisar selbst schlug sein Standlager auf im Norden der Stadt Dieser war
unter den ihm von Cetegus eingeräumten Teilen der Festung Rom der schwächste
    Den Westen und Süden hielt eifersüchtig unentfernbar und unentbehrlich der
Präfekt
    Aber hier im Norden war Belisar Herr zwischen dem flaminischen und dem
pincianischen  oder nun »belisarischen«  Tor dem schwächsten Teil der
Umwallung ließ er sich nieder zugleich Ausfälle gegen die Barbaren planend
Die übrigen Tore überwies er den Führern des Fussvolks Peranius Magnus Ennes
Artabanes Azaretas und Chilbudius
    Der Präfekt hatte alle Tore auf dem rechten Tiberufer die neue Porta
aurelia an der älischen Brücke bei dem Grabmal Hadrians die Porta septimiana
das alte aurelische Tor das nun das pankratische hieß und die Porta
portuensis auf dem linken Ufer aber noch das Tor Sankt Pauls Erst das nächste
Tor weiter östlich das ardeatinische stand unter byzantinischer Besatzung
Chilbudius befehligte hier
    Gleich unermüdlich und gleich erfinderisch erwiesen sich die Belagerer und
die Belagerten in Plänen des Angriffs und der Verteidigung Lange Zeit handelte
es sich nur um Maßregeln welche die Bedrängung der Römer ohne Sturm vor dem
Sturm bezweckten und andrerseits sie abwehren sollten
    Die Goten Herren und Meister der Kampagna suchten die Belagerten
auszubürsten sie schnitten alle die prachtvollen vierzehn Wasserleitungen ab
welche die Stadt speisten Belisar ließ vor allem als er dies wahrnahm die
Mündungen innerhalb der Stadt verschütten und vermauern »Denn« hatte ihm
Prokop gesagt »nachdem du o großer Held Belisarius durch eine solche
Wasserrinne nach Neapolis hineingekrochen bist könnte es den Barbaren
einfallen  und kaum schimpflich scheinen  auf dem gleichen Heldenpfad sich
nach Rom hinein zu krabbeln«
    Den Genuss des geliebten Bades mussten die Belagerten entbehren kaum reichten
die Brunnen in dem vom Fluss entlegenen Stadtteilen für das Trinkwasser aus
    Durch das Abschneiden des Wassers hatten aber die Barbaren den Römern auch
das Brot abgeschnitten  Wenigstens schien es so Denn die sämtlichen
Wassermühlen Roms versagten nun Das aufgespeicherte Getreide das Cetegus aus
Sizilien gekauft das Belisar aus der Umgegend Roms zwangsweise hatte in die
Stadt schaffen lassen trotz des Murrens der Pächter und Kolonen dieses
Getreide konnte nicht mehr gemahlen werden
    »Lasst die Mühlen durch Esel und Rinder drehen« rief Belisar »Die meisten
Esel waren klug genug und die Rinder ach Belisarius« sprach Prokop »sich
nicht mit uns hier einsperren zu lassen Wir haben nur soviel als wir brauchen
sie zu schlachten Sie können unmöglich erst Mühlen drehen und dann noch Fleisch
genug haben das gemahlene Brot selbst zu belegen«
    »So rufe mir Martinus Ich habe gestern an dem Tiber die Gotenzelte
zählend zugleich einen Gedanken gehabt  «
    »Den Martinus wieder aus dem Belisarischen in das Mögliche übersetzen muss
Armer Mann Aber ich gehe ihn zu holen«
    Als aber am Abend des gleichen Tages Belisar und Martinus durch
zusammengelegte Boote im Tiber die erste Schiffsmühle herstellten welche die
Welt kannte da sprach bewundernd Prokopius »Das Brot der Schiffsmühle wird
länger die Menschen erfreuen als deine größten Taten Dies so gemahlene Mehl
schmeckt nach  Unsterblichkeit« Und wirklich ersetzten die von Belisar
erdachten von Martinus ausgeführten Schiffsmühlen den Belagerten während der
ganzen Dauer der Einschliessung die gelähmten Wassermühlen
    
    Hinter der Brücke nämlich die jetzt Ponte San Sisto heißt auf der Senkung
des Janiculus befestigte Belisar zwei Schiffe mit Seilen und legte Mühlen über
deren flaches Deck so dass die Mühlenräder durch den Fluss der aus dem
Brückenbogen mit verstärkter Gewalt hervorströmte von selbst getrieben wurden
    Eifrig trachteten alsbald die Belagerer diese Vorrichtungen die ihnen
Überläufer schilderten zu zerstören Balken Holzflösse Bäume warfen sie
oberhalb der Brücke von dem von ihnen beherrschten Teil aus in den Fluss und
zertrümmerten so in Einer Nacht wirklich alle Mühlen Aber Belisar ließ sie
wieder herstellen und nun oberhalb der Brücke starke Ketten gerade über den Fluss
ziehen und so auffangen was die Mühlen bedrohend herabtrieb
    Nicht nur seine Mühlen sollten diese eisernen Stromriegel decken sie
sollten auch verhindern dass die Goten auf Kähnen und Flössen den Fluss herab und
ohne die Brücke in die Stadt drängen
    Denn Witichis traf nun alle Vorbereitungen zum Sturm
    Er ließ hölzerne Türme bauen höher als die Zinnen der Stadtmauer die auf
vier Rädern von Rindern gezogen werden sollten Dann ließ er Sturmleitern in
großer Zahl beschaffen und vier furchtbare Widder oder Mauerbrecher die je eine
halbe Hundertschaft schob und bediente Mit unzähligen Bündeln von Reisig und
Schilf sollten die tiefen Gräben ausgefüllt werden
    Dagegen pflanzten Belisar und Cetegus jener im Norden und Osten dieser im
Westen und Süden die Verteidigung der Stadt überwachend Ballisten und Wurfbogen
auf die Wälle die auf große Entfernung balkenähnliche Speergeschosse
schleuderten mit solcher Kraft dass sie einen gepanzerten Mann völlig
durchbohrten Die Tore schützten sie durch »Wölfe« dh Querbalken mit
eisernen Stacheln besetzt die man auf die Angreifer niederschmettern ließ wann
sie dicht bis an das Tor gelangt waren Und endlich streuten sie zahlreiche
Fussangeln und Stachelkugeln auf den Vorraum zwischen den Gräben der Stadt und
dem Lager der Barbaren
 
                                Neuntes Kapitel
Trotz alledem sagten die Römer hätten längst die Goten die Mauern erstiegen
wäre nicht des Präfekten Egeria gewesen
    Denn es war merkwürdig so oft die Barbaren einen Sturm vorbereiteten 
Cetegus ging zu Belisar und warnte und bezeichnete im voraus den Tag So oft
Teja oder Hildebad in kühnem Handstreich ein Tor zu überrumpeln eine Schanze
wegzunehmen gedachten  Cetegus sagte es vorher und die Angreifer stießen auf
das Zweifache der gewöhnlichen Besatzung der Punkte So oft in mächtigem
Überfall die Kette des Tibers gesprengt werden sollte  Cetegus schien es
geahnt zu haben und schickte den Schiffen der Feinde Brander und Feuerkähne
entgegen
    So ging es viele Monate hin Die Goten konnten sich nicht verhehlen dass
sie trotz unablässiger Angriffe seit Anfang der Belagerung keinerlei
Fortschritte gemacht
    Lange trugen sie diese Unfälle die Entdeckung und Vereitelung all ihrer
Pläne mit ungebeugtem Mut Aber allmählich bemächtigte sich nicht bloß der
großen Masse Verdrossenheit insbesondere da Mangel an Lebensmitteln fühlbar zu
werden begann  auch des Königs klarer Sinn wurde von trüber Schwermut
verdüstert als er all seine Kraft all seine Ausdauer all seine Kriegskunst
wie von einem bösen Dämon vereitelt sah Und kam er von einem fehlgeschlagenen
Unternehmen von einem verunglückten Sturm matt und gebeugt in sein
Königszelt so ruhten die stolzen Augen seiner schweigsamen Königin mit einem
ihm unverständlichen aber grauenvoll unheimlichen Ausdruck auf ihm dass er sich
schaudernd abwandte
    »Es ist nicht anders« sagte er finster zu Teja »es ist gekommen wie ich
vorausgesagt Mit Rautgundis ist mein Glück von mir gewichen wie die
Freudigkeit meiner Seele Es ist als läge ein Fluch auf meiner Krone Und diese
Amalungentochter wandelt um mich her schweigend und finster wie mein
lebendiges Unglück«
    »Du könntest recht haben« sprach Teja »Vielleicht lös ich diesen
Zauberbann Gib mir Urlaub für heut nacht«
    Am selben Tage fast in derselben Stunde forderte drinnen in Rom Johannes
der Blutige von Belisar Urlaub für diese Nacht Belisar schlug es ab »Jetzt
ist nicht Zeit zu nächtlichen Vergnügen« sagte er
    »Wird kein groß Vergnügen sein in der Nacht zwischen alten feuchten Mauern
und gotischen Lanzen einem Fuchs nachspüren der zehnmal schlauer ist als wir
beide«
    »Was hast du vor« fragte Belisar aufmerksam werdend
    »Was ich vorhabe Ein Ende zu machen der verfluchten Stellung in der wir
alle in der du o Feldherr nicht zum mindesten stehst Es ist schon alles ganz
recht Seit Monaten liegen die Barbaren vor diesen Mauern und haben nichts dabei
gewonnen Wir erschießen sie wie Knaben die Dohlen vom Hinterhalt und können
ihrer lachen Aber wer ist es eigentlich der all dies vollbringt Nicht wie es
sein sollte du des Kaisers Feldherr noch des Kaisers Heer sondern dieser
eisige Römer der nur lachen kann wenn er höhnt Der sitzt da oben im Kapitol
und verlacht den Kaiser und die Goten und uns und mit Verlaub zu sagen dich
selber am meisten Woher weiß dieser Odysseus und Ajax in Einer Person alle
Gotenpläne so scharf als säße er mit im Rat des Königs Witichis Durch sein
Dämonium sagen die einen Durch seine Egeria sagen die andern Er hat einen
Raben der hören und sprechen kann wie Menschen meinen wieder andere den
schickt er alle Nacht ins Gotenlager Das mögen die alten Weiber glauben und die
Römer nicht meiner Mutter Sohn Ich glaube den Raben zu kennen und das
Dämonium Gewiss ist er kann die Kunde nur aus dem Gotenlager selbst holen lass
uns doch sehen ob wir nicht selbst an seiner Statt aus dieser Quelle schöpfen
können«
    »Ich habe das längst bedacht aber ich sah kein Mittel«
    »Ich habe von meinen Hunnen alle seine Schritte belauern lassen Es ist
verdammt schwer denn dieser braune Maurenteufel folgt ihm wie ein Schatte Aber
tagelang ist Syphax fern  und dann gelingt es eher Nun ich habe erspäht dass
Cetegus so manche Nacht die Stadt verließ bald aus der Porta portuensis
rechts vom Tiber bald aus der Porta Sankt Pauls links vom Tiber im Süden die
er beide besetzt hält Weiter wagten ihm die Späher nicht zu folgen Ich aber
denke heute nacht  denn heute muss es wieder treffen  ihm so nicht von den
Fersen zu weichen Doch muss ich ihn vor dem Tore erwarten seine Isaurier ließ
mich nicht durch ich werde bei einer Runde vor den Mauern in einem der Gräben
zurückbleiben«
    »Gut Es sind aber wie du sagst zwei Tore zu beobachten«  »Deshalb hab
ich mir Perseus meinen Bruder zum Genossen erkoren er hütet das paulinische
ich das portuensische Tor verlass dich drauf  bis morgen vor Sonnenaufgang
kennt einer von uns das Dämonium des Präfekten« Und wirklich einer von ihnen
sollte es kennen lernen
    Gerade gegenüber dem SanktPaulsTor etwa drei Pfeilschüsse von den
äußersten Gräben der Stadt lag ein mächtiges altertümliches Gebäude die
Basilika Sancti Pauli extra muros die Paulskapelle vor den Mauern deren letzte
Reste erst zur Zeit der Belagerung Roms durch den Konnetable von Bourbon völlig
verschwanden Ursprünglich ein Tempel des Jupiter Stator war der Bau seit zwei
Jahrhunderten dem Apostel geweiht worden aber noch stand die bronzene
Kolossalstatue des bärtigen Gottes aufrecht man hatte ihm nur den flammenden
Donnerkeil aus der Rechten genommen und dafür ein Kreuz hineingeschoben im
übrigen passte die breite und bärtige Gestalt gut zu ihrem neuen Namen
    Es war um die sechste Stunde der Nacht Der Mond stand glanzvoll über der
ewigen Stadt und goss sein silbernes Licht über die Mauerzinnen und über die
Ebene zwischen den römischen Schanzen und der Basilika deren schwarze Schatten
nach dem Gotenlager hin fielen
    Eben hatte die Wache am SanktPaulsTor gewechselt
    Aber es waren sieben Mann hinausgeschritten und nur sechs kamen herein Der
siebente wandte der Pforte den Rücken und schritt heraus ins freie Feld
    Vorsichtig wählte er seinen Weg vorsichtig vermied er die zahlreichen
Fussangeln Wolfsgruben Selbstschüsse vergifteter Pfeile die hier überall
umhergestreut waren und manchem Goten bei den Angriffen auf die Stadt Verderben
gebracht hatten Der Mann schien sie alle zu kennen und wich ihnen leicht aus
Aber er vermied auch das Mondlicht sorgfältig den Schatten der Mauervorsprünge
suchend und oft von Baum zu Baum springend
    Als er aus dem äußersten Graben auftauchte sah er sich um und blieb im
Schatten einer Zypresse stehen deren Zweige die Ballistengeschosse
zerschmettert hatten Er entdeckte nichts Lebendes weit und breit und er eilte
nun mit raschen Schritten der Kirche zu
    Hätte er nochmal umgeblickt er hätte es wohl nicht getan
    Denn sowie er den Baum verließ tauchte aus dem Graben eine zweite Gestalt
hervor die in drei Sprüngen ihrerseits den Schatten der Zypresse erreicht
hatte »Gewonnen Johannes du stolzer Bruder diesmal war das Glück dem
jüngeren Bruder hold Jetzt ist Cetegus mein und sein Geheimnis« Und
vorsichtig folgte er dem rasch Voranschreitenden
    Aber plötzlich war dieser vor seinen Augen verschwunden als habe ihn die
Erde verschlungen Es war hart an der äußern Mauer der Kirche die doch dem
Armenier als er sie erreicht keine Tür oder Öffnung zeigte
    »Kein Zweifel« sagte der Lauscher »das Stelldichein ist drinnen im Tempel
ich muss nach«
    Allein an dieser Stelle war die Mauer unübersteiglich
    Tastend und suchend bog der Späher um die Ecke derselben Umsonst die Mauer
war überall gleich hoch  Im Suchen verstrich ihm fast eine Viertelstunde
    Endlich fand er eine Lücke in dem Gestein mühsam zwängte er sich hindurch
Und er stand nun im Vorhofe des alten Tempels in dem die dicken dorischen
Säulen breite Schatten warfen in deren Schutz er von der rechten Seite her bis
an das Hauptgebäude gelangte
    Er spähte durch einen Riss des Gemäuers den ihm die Zugluft verraten hatte
Drinnen war alles finster Aber plötzlich wurde sein Auge von einem grellen
Lichtstrahl geblendet Als er es wieder aufschlug sah er einen hellen Streifen
in der Dunkelheit  er rührte von einer Blendlaterne her deren Licht sich
plötzlich gezeigt hatte
    Deutlich erkannte er was in dem Bereich der Laterne stand den Träger
derselben aber nicht wohl dagegen Cetegus den Präfekten der hart vor der
Statue des Apostels stand und sich an diese zu lehnen schien vor ihm stand eine
zweite Gestalt ein schlankes Weib auf dessen dunkelrotes Haar schimmernd das
Licht der Laterne fiel
    »Die schöne Gotenkönigin bei Eros und Anteros« dachte der Lauscher »kein
schlechtes Stelldichein seis nun Liebe seis Politik Horch sie spricht
Leider kam ich zu spät auch den Anfang der Unterredung zu hören«
    »Also merk es dir wohl übermorgen auf der Straße vor dem Tor von Tibur
wird etwas gefährliches geplant«  »Gut aber was« frug des Präfekten Stimme
 »Genaueres konnte ich nicht erkunden und ich kann es dir auch nicht mehr
mitteilen wenn ich es noch erfahre Ich wage nicht mehr dich hier wieder zu
sehen denn  « Sie sprach nun leiser
    Perseus drückte das Ohr hart an die Spalte da klirrte seine Schwertscheide
an das Gestein und nun traf ihn ein Strahl des Lichts
    »Horch« rief eine dritte Stimme  es war eine Frauenstimme die der
Trägerin der Laterne die sich jetzt in dem Strahl ihres eigenen Blendlichts
gezeigt hatte da sie sich rasch gegen die Richtung des Schalles gekehrt hatte
Perseus erkannte eine Sklavin in maurischer Tracht
    Einen Augenblick schwieg alles in dem Tempel Perseus hielt den Atem an Er
fühlte es galt das Leben Denn Cetegus griff ans Schwert
    »Alles still« sagte die Sklavin »Es fiel wohl nur ein Stein auf den
Erzbeschlag draußen«
    »Auch in das Grab vor dem portuensischen Tor geh ich nicht mehr Ich
fürchte man ist uns gefolgt«  »Wer«  »Einer der niemals schläft wie es
scheint Graf Teja« Des Präfekten Lippe zuckte
    »Und er ist auch bei einem rätselhaften Eidbund gegen Belisars Leben der
bloße Scheinangriff gilt dem SanktPaulsTor«  »Gut« sagte Cetegus
nachdenklich »Belisar würde nicht entrinnen wenn nicht gewarnt Sie liegen
irgendwo  aber ich weiß nicht wo  fürcht ich im Hinterhalt mit Übermacht
Graf Totila führt sie«
    »Ich will ihn schon warnen« sagte Cetegus langsam
    »Wenn es gelänge «  »Sorge nicht Königin Mir liegt an Rom nicht
weniger denn dir Und wenn der nächste Sturm fehlschlägt  so müssen sie die
Belagerung aufgeben so zähe sie sind Und das Königin ist dein Verdienst Lass
mich in dieser Nacht  vielleicht der letzten da wir uns treffen  dir mein
ganzes staunendes Herz enthüllen Cetegus staunt nicht leicht und nicht leicht
gesteht ers wenn er staunen muss Aber dich  bewundere ich Königin Mit welch
totverachtender Kühnheit mit welch dämonischer List hast du alle Pläne der
Barbaren vereitelt Wahrlich viel tat Belisar  mehr tat Cetegus  das
meiste Mataswinta«
    »Sprächst du wahr« sagte Mataswinta mit funkelnden Augen »Und wenn die
Krone diesem Frevler vom Haupte fällt   «
    »War es deine Hand deren sich das Schicksal Roms bedient hat Aber
Königin nicht damit kannst du enden Wie ich dich erkannte in diesen Monaten 
darfst du nicht als gefangene Gotenkönigin nach Byzanz Diese Schönheit dieser
Geist diese Kraft muss herrschen  nicht dienen in Byzanz Darum bedenke wenn
er nun gestürzt ist  dein Tyrann  willst du nicht dann den Weg gehen den ich
dir gezeigt«
    »Ich habe noch nie über seinen Fall hinaus gedacht« sagte sie düster
    »Aber ich  für dich Wahrlich Mataswinta«  und sein Auge ruhte mit
Bewunderung auf ihr  »du bist  wunderschön Ich rechn es mir zum größten
Stolz dass selbst du mich nicht in Liebe entzündet und von meinen Plänen
abgebracht hast Aber du bist zu schön zu köstlich nur der Rache und dem Hass
zu leben Wenn unser Ziel erreicht  dann nach Byzanz
    Als mehr denn Kaiserin  als Überwinderin der Kaiserin«
    »Wenn mein Ziel erreicht ist mein Leben vollendet Glaubst du ich ertrüge
den Gedanken aus eitel Herrschsucht mein Volk zu verderben um kluger Zwecke
willen Nein ich konnt es nur weil ich musste Die Rache ist jetzt meine Liebe
und mein Lebe und   «
    Da scholl von der Fronte des Gebäudes her aber noch innerhalb der Mauer
laut und schrillend der Ruf des Käuzchens einmal  zweimal rasch nacheinander
    Wie staunte Perseus als er den Präfekten eilig an die Kehle der Bildsäule
drücken sah an der er lehnte und wie sich diese geräuschlos in zwei Hälften
auseinander schlug Cetegus schlüpfte in die Öffnung die Statue klappte wieder
zusammen Mataswinta aber und Aspa sanken wie betend auf die Stufen des Altars
    »Also wars ein Zeichen Es droht Gefahr« dachte der Späher »aber wo ist
die Gefahr und wo der Warner« Und er wandte sich trat vor und sah nach links
nach der Seite der Goten
    Allein damit trat er in den Bereich des Mondlichts und in den Blick des
Mauren Syphax der vor der Eingangstür des Hauptgebäudes in einer leeren Nische
Schildwache stand und bisher scharf nach der linken der gotischen Seite hin
gespäht hatte
    Von dort von links her schritt langsam ein Mann heran Seine Streitaxt
blitzte im Mondlicht
    Aber auch Perseus sah jetzt eine Waffe aufblitzen es war der Maure der
leise sein Schwert aus der Scheide zog
    »Ha« lachte Perseus »bis die beiden miteinander fertig sind bin ich in
Rom mit meinem Geheimnis«
    Und in raschen Sprüngen eilte er nach der Mauerlücke des Vorhofs durch die
er eingedrungen Zweifelnd blickte Syphax einen Augenblick nach rechts und nach
links Zur Rechten sah er entweichen einen Lauscher den er jetzt erst ganz
entdeckte Zur Linken schritt ein gotischer Krieger herein in den Tempelhof Er
konnte nicht hoffen beide zu erreichen und zu töten
    Da plötzlich schrie er laut »Teja Graf Teja Hilfe zu Hilfe Ein Römer
rettet die Königin dort rechts an der Mauer ein Römer«
    Im Fluge war Teja heran bei Syphax »Dort« rief dieser »ich schütze die
Frauen in der Kirche« Und er eilte in den Tempel
    »Steh Römer« rief Teja und sprang dem fliehenden Perseus nach
    Aber Perseus stand nicht er lief an die Mauer er erreichte die Lücke
durch welche er hereingekommen war doch er konnte sich in der Eile nicht wieder
hindurchzwängen so schwang er sich mit der Kraft der Verzweiflung auf die
Mauerkrone und schon hob er den Fuß sich jenseits hinabzulassen da traf ihn
Tejas Axt im Wurf ans Haupt und rücklings stürzte er nieder samt seinem
erlauschten Geheimnis 
    Teja beugte sich über ihn deutlich erkannte er die Züge des Toten »Der
Archon Perseus« sagte er »der Bruder des Johannes« Und sofort schritt er die
Stufen hinan die zur Kirche führten An der Schwelle trat ihm Mataswinta
entgegen hinter ihr Syphax und Aspa mit der Blendlaterne Einen Moment maßen
sich beide schweigend mit misstrauischen Blicken
    »Ich habe dir zu danken Graf Teja von Tarentum« sagte endlich die Fürstin
»Ich war bedroht in meiner einsamen Andacht«
    »Seltsam wählst du Ort und Stunde für deine Gebete Lass sehen ob dieser
Römer der einzige Feind war«
    Er nahm aus Aspas Hand die Leuchte und ging in das Innere der Kapelle Nach
einer Weile kam er wieder einen mit Gold eingelegten Lederschuh in der Hand
»Ich fand nichts als  diese Sandale am Altar dicht vor dem Apostel Es ist ein
Mannesfuss«
    »Eine Votivgabe von mir« sagte Syphax rasch »Der Apostel heilte meinen
Fuß ich hatte mir einen Dorn eingetreten«
    »Ich dachte du verehrst nur den Schlangengott«  »Ich verehre was da
hilft«  »In welchem Fuße stak der Dorn« Syphax schwankte einen Augenblick
»Im rechten« sagte er dann rasch entschlossen
    »Schade« sprach Teja »die Sandale ist auf den linken geschnitten«
    Und er steckte sie in den Gürtel »Ich warne dich Königin vor solcher
nächtlichen Andacht«
    »Ich werde tun was meine Pflicht« sagte Mataswinta herb
    »Und ich was meine« Mit diesen Worten schritt Teja voran zurück zum
Lager schweigend folgte die Königin und ihre Sklaven
                                       
    Vor Sonnenaufgang stand Teja vor Witichis und berichtete ihm alles
    »Was du sagst ist kein Beweis« sagte der König  »Aber schwerer Verdacht
Und du sagtest selbst die Königin sei dir unheimlich«
    »Gerade deshalb hüt ich mich nach bloßem Verdacht zu handeln Ich zweifle
manchmal ob wir an ihr nicht unrecht getan Fast so schwer wie an Rautgundis«
 »Wohl aber diese nächtlichen Gänge«  »Werd ich verhindern Schon um
ihretwillen«
    »Und der Maure Ich trau ihm nicht Ich weiß dass er tagelang abwesend
dann taucht er wieder auf im Lager Er ist ein Späher«
    »Ja Freund« lächelte Witichis »Aber der meine Er geht mit meinem Wissen
in Rom aus und ein Er ist es der mir noch alle Gelegenheiten verraten«
    »Und noch keine hat genützt Und die falsche Sandale«
    »Ist wirklich ein Votivopfer Aber für Diebstahl er hat mir noch ehe du
kamst alles gebeichtet Er hat bei der Begleitung der Königin sich
langweilend in einem Gewölbe der Kirche herumgestöbert und da unten allerlei
Priestergewänder und vergrabnen Schmuck gefunden und behalten Aber später den
Zorn des Apostels fürchtend wollt er ihn beschwichtigen und opferte in
seinem Heidensinn diese Goldsandale aus seiner Beute Er beschrieb sie mir ganz
genau mit goldnen Seitenstreifen und einem Achatknopf oben mit einem C  Du
siehst es trifft alles zu Er kannte sie also sie kann nicht von einem
Flüchtenden verloren sein Und er versprach als Beweis die dazu gehörige
Sandale des rechten Fußes zu bringen Aber vor allem er hat mir einen neuen
Plan verraten der all unsrer Not ein Ende machen und Belisarius selbst in unsre
Hände liefern soll«
 
                                Zehntes Kapitel
Während der Gotenkönig diesen Plan seinem Freunde mitteilte stand Cetegus in
frühester Stunde nach dem belisarischen Tor beschieden vor Belisar und
Johannes
    »Präfekt von Rom« herrschte ihn der Feldherr beim Eintreten an »wo warst
du heute nacht«
    »Auf meinem Posten Wohin ich gehöre Am Tor Sankt Pauls«
    »Weißt du dass in dieser Nacht einer der besten meiner Anführer Perseus der
Archon des Johannes Bruder die Stadt verlassen hat und seitdem verschwunden
ist«
    »Tut mir leid Aber du weißt es ist verboten ohne Erlaubnis die Mauer zu
überschreiten«
    »Ich habe aber Grund zu glauben« fuhr Johannes auf »dass du recht gut
weißt was aus meinem Bruder geworden dass sein Blut an deinen Händen klebt« 
»Und beim Schlummer Justinians« brauste Belisar auf »das sollst du büßen
Nicht länger sollst du herrschen über des Kaisers Heer und Feldherrn Die Stunde
der Abrechnung ist gekommen Die Barbaren sind so gut wie vernichtet Und lass
sehen ob nicht mit deinem Haupt auch das Kapitol fällt«
    »Steht es so« dachte Cetegus »jetzt sieh dich vor Belisarius« Doch er
schwieg
    »Rede« rief Johannes »Wo hast du meinen Bruder ermordet« Ehe Cetegus
antworten konnte trat Artasines ein persischer Leibwächter Belisars herein
»Herr« sagte er »draußen stehen sechs gotische Krieger Sie bringen die Leiche
Perseus des Archonten König Witichis lässt dir sagen er sei heut nacht vor
den Mauern durch Graf Tejas Beil gefallen Er sendet ihn zur ehrenden
Bestattung«
    »Der Himmel selbst« sprach Cetegus stolz hinausschreitend »straft eure
Bosheit Lügen« Aber langsam und nachdenklich ging der Präfekt über den Quirinal
und das Forum Trajans nach seinem Wohnhaus »Du drohst Belisarius Dank für den
Wink Lass sehen ob wir dich nicht entbehren können«
                                       
    In seiner Wohnung fand er Syphax der ihn ungeduldig erwartet hatte und ihm
raschen Bericht ablegte »Vor allem Herr« schloss er nun »lass also deinen
Sandalenbinder peitschen Du siehst wie schlecht du bedient bist ist Syphax
fern  und gib mir gütigst deinen rechten Schuh«
    »Ich sollte dir ihn nicht geben und dich zappeln lassen für dein freches
Lügen« lachte der Präfekt »Dieses Stück Leder ist jetzt dein Leben wert mein
Panter Womit willst dus lösen«
    »Mit wichtiger Kunde Ich weiß nun alles ganz genau von dem Plan gegen
Belisars Leben Ort und Zeit und die Namen der Eidbrüder Es sind Teja Totila
und Hildebad«
    »Jeder allein genug für den Magister Militum« murmelte Cetegus
vergnüglich
    »Ich denke o Herr du hast den Barbaren wohl wieder eine schöne Falle
gestellt Ich habe ihnen auf deinen Befehl entdeckt dass Belisar selbst morgen
zum tiburtinischen Tor hinausziehen will um Vorräte aufzutreiben«
    »Ja er selbst geht mit weil sich die oft aufgefangnen Hunnen nicht mehr
allein hinauswagen er führt nur vierhundert Mann«
    »Es werden nun die drei Eidbrüder am Grab der Fulvier einen Hinterhalt von
tausend Mann gegen Belisar legen«  »Das verdient wirklich den Schuh« sagte
Cetegus und warf ihm denselben zu
    »König Witichis wird indessen nur einen Scheinangriff machen lassen auf das
Tor Sankt Pauls die Gedanken der Unsern von Belisar abzulenken Ich eile nun
also zu Belisar ihm zu sagen wie du mir aufgetragen dass er drei Tausend mit
sich nimmt und jene gegen ihn Verschwornen vernichtet«
    »Halt« sagte Cetegus ruhig »nicht so eilfertig Du meldest nichts«
    »Wie« fragte Syphax erstaunt »Ungewarnt ist er verloren«
    »Man muss dem Schutzgeist des Feldherrn nicht schon wieder nicht immer ins
Amt greifen Belisar mag morgen seinen Stern erproben«
    »Ei« sagte Syphax mit pfiffigem Lächeln »solches gefällt dir Dann bin ich
lieber Syphax der Sklave als Belisarius der Magister Militum Arme Witwe
Antonina«
    Cetegus wollte sich auf das Lager strecken da meldete Fidus der
Ostiarius »Kallistratos von Korint«
    »Immer willkommen«
    Der junge Grieche mit dem sanften Antlitz trat ein
    Ein Hauch anmutiger Röte von Scham oder Freude färbte seine Wangen es war
ersichtlich dass ihn ein besonderer Anlass herführte
    »Was bringst du des Schönen noch außer dir selbst« so fragte Cetegus in
griechischer Sprache
    Der Jüngling schlug die leuchtenden Augen auf »Ein Herz voll Bewunderung
für dich und den Wunsch dir diese zu bewähren Ich bitte um die Gunst wie die
beiden Licinier und Piso für dich und Rom fechten zu dürfen«
    »Mein Kallistratos was kümmern dich unsern Friedensgast den
liebenswürdigsten der Hellenen unsre blutigen Händel mit den Barbaren Bleibe
du von diesem schweren Ernst und pflege deines heitern Erbes der Schönheit«
    »Ich weiß es wohl die Tage von Salamis sind ferne wie ein Mytos und ihr
eisernen Römer habt uns niemals Kraft zugetraut Das ist hart  aber doch
leichter zu tragen weil ihr es seid die unsre Welt die Kunst und edle Sitte
verteidigt gegen die dumpfen Barbaren Ihr das heißt Rom und Rom heißt mir
Cetegus So fass ich diesen Kampf und so gefasst siehst du so geht er wohl auch
den Hellenen an«
    Erfreut lächelte der Präfekt »Nun wenn dir Rom Cetegus ist so nimmt Rom
gern die Hilfe des Hellenen an du bist fortan Tribun der Milites Romani wie
Licinius«
    »In Taten will ich dir danken Aber eins noch muss ich dir gestehen  denn ich
weiß du liebst nicht überrascht zu sein Oft hab ich gesehen wie teuer dir
das Grabmal Hadrians und seine Zier von Götterstatuen ist Neulich hab ich
diese marmornen Wächter gezählt und zweihundertachtundneunzig gefunden Da
macht ich denn das dritte Hundert voll und habe meine beiden Letoiden die du
so hoch gelobt den Apollon und die Artemis dort aufgestellt dir und Rom zu
einem Weihgeschenk«
    »Junger lieber Verschwender« sprach Cetegus »was hast du da getan«
    »Das Gute und Schöne« antwortete Kallistratos einfach
    »Aber bedenke  das Grabmal ist jetzt eine Schanze« 
    »Wenn die Goten stürmen «  »Die Letoiden stehen auf der zweiten der
innern Mauer Und soll ich fürchten dass je Barbaren wieder den Lieblingsplatz
des Cetegus erreichen Wo sind die schönen Götter sichrer als in deiner Burg
Deine Schanze ist mir ihr bester weil ihr sicherster Tempel Mein Weihgeschenk
sei zugleich ein glücklich Omen«
    »Das soll es sein« rief Cetegus lebhaft »und ich glaube selber dein
Geschenk ist gut geborgen Aber gestatte mir dagegen «
    »Du hast mir schon dafür erlaubt für dich zu kämpfen Chaire« lachte der
Grieche und war hinaus
    »Der Knabe hat mich sehr lieb« sagte Cetegus ihm nachsehend »Und mir
gehts wie andern Menschentoren  mir tut das wohl Und nicht bloß weil ich
ihn dadurch beherrsche«
    Da hallten feste Schritte auf dem Marmor des Vestibulums und ein Tribun der
Milites ward gemeldet
    Es war ein junger Krieger mit edelen aber über seine Jahre hinaus ernsten
Zügen In echt römischem Schnitt setzten die Wangenknochen fast im rechten
Winkel an die gerade strenge Stirn in dem tief eingelassenen Auge lag
römische Kraft und  in dieser Stunde  entschlossener Ernst und rücksichtsloser
Wille
    »Siehe da Severinus des Boëtius Sohn willkommen mein junger Held und
Philosoph Viele Monate habe ich dich nicht gesehen  woher kommst du«
    »Vom Grabe meiner Mutter« sagte Severinus mit festem Blick auf den Frager
    Cetegus sprang auf »Wie Rusticiana meine Jugendfreundin meines Boëtius
Weib«
    »Sie ist tot« sagte der Sohn kurz Der Präfekt wollte seine Hand fassen
Severinus entzog sie
    »Mein Sohn mein armer Severinus Und starb sie  ohne ein Wort für mich«
    »Ich bringe dir ihr letztes Wort  es galt dir«
    »Wie starb sie an welchem Leiden«  »An Schmerz und Reue«  »Schmerz «
seufzte Cetegus »das begreif ich Aber was sollte sie bereuen Und mir galt
ihr letztes Wort  sag an wie lautet es«
    Da trat Severinus hart an den Präfekten dass er sein Knie berührte und
blickte ihm bohrend ins Auge »Fluch Fluch über Cetegus der meine Seele
vergiftet und mein Kind«
    Ruhig sah ihn Cetegus an »Starb sie im Irrsinn« fragte er kalt
    »Nein Mörder sie lebte im Irrsinn solang sie dir vertraute In ihrer
Todesstunde hat sie Kassiodor und mir gestanden dass ihre Hand dem jungen
Tyrannen das Gift gereicht das du gebraut Sie erzählte uns den Hergang Der
alte Korbulo und seine Tochter Daphnidion stützten sie Spät erst erfuhr ich
schloss sie dass mein Kind aus dem tödlichen Becher getrunken Und niemand war
da Kamilla in den Arm zu fallen als sie trinken wollte Denn ich war noch im
Boot auf dem Meere und Cetegus noch in dem Platanengang Da rief der alte
Korbulo erbleichend Wie der Präfekt wusste dass der Becher Gift enthielt 
Gewiss antwortete meine Mutter Als ich ihn im Garten traf sagt ich es ihm es
ist geschehen Korbulo verstummte vor Entsetzen aber Daphnidion schrie in
wildem Schmerz Weh meine arme Domna so hat er sie ermordet Denn er stand
dabei dicht neben mir und sah zu wie sie trank  Er sah zu wie sie trank
fragte meine Mutter mit einem Tone der ewig durch mein Leben gellen wird
    Er sah zu wie sie trank wiederholten der Freigelassene und sein Kind O so
sei den unteren Dämonen sein verfluchtes Haupt geweiht Rache Gott in der
Hölle Rache meine Söhne auf Erden für Kamilla Fluch über Cetegus Und sie
fiel zurück und war tot«
    Der Präfekt blieb unerschüttert stehen Nur griff er leise an den Dolch
unter den Brustfalten der Tunika »Du aber«  fragte er nach einer Pause  »was
tatest du«
    »Ich aber kniete nieder an der Leiche und küsste ihre kalte Hand und schwor
ihrs zu ihr Sterbewort zu vollenden Wehe dir Präfekt von Rom Giftmischer
Mörder meiner Schwester  du sollst nicht leben«
    »Sohn des Boëtius willst du zum Mörder werden um die Wahnworte eines
läppischen Sklaven und seiner Dirne Würdig des Helden und des Philosophen«
    »Nichts von Mord Wäre ich ein Germane nach dem Brauche dieser Barbaren 
er dünkt mir heute sehr vortrefflich  rief ich dich zum Zweikampf du
verhasster Feind Ich aber bin ein Römer und suche meine Rache auf dem Wege des
Rechts Hüte dich Präfekt noch gibt es Richter in Italien Lange Monate hielt
mich der Krieg der Feind von diesen Mauern ab  Erst heute habe ich Rom von
der See her erreicht und morgen erheb ich die Klage bei den Senatoren die
deine Richter sind  dort finden wir uns wieder«
    Cetegus vertrat ihm plötzlich den Weg an die Türe
    Aber Severinus rief »Gemach man sieht sich vor bei Mördern Drei Freunde
haben mich an dein Haus begleitet  Sie werden mich mit den Liktoren suchen
komm ich nicht wieder noch in dieser Stunde«
    »Ich wollte dich nur« sagte Cetegus wieder ganz ruhig »vor dem Wege der
Schande warnen Willst du den ältesten Freund deines Hauses um der Fieberreden
einer Sterbenden willen mit unbeweisbarer Mordklage verfolgen  tus ich
kanns nicht hindern Aber noch einen Auftrag zuvor du bist mein Ankläger
geworden aber du bleibst Soldat und mein Tribun Du wirst gehorchen wenn dein
Feldherr befiehlt«
    »Ich werde gehorchen«
    »Morgen steht ein Ausfall Belisars bevor und ein Sturm der Barbaren Ich
muss die Stadt beschirmen Doch ahnt mir Gefahr für den löwenkühnen Mann  ich
muss ihn treu gehütet wissen Du wirst morgen  ich befehl es  den Feldherrn
begleiten und sein Leben decken«
    »Mit meinem eignen«
    »Gut Tribun ich verlasse mich auf dein Wort«
    »Bau du auf meines auf Wiedersehen nach der Schlacht vor dem Senat Nach
beiden Kämpfen lüstet mich gleich sehr Auf Wiedersehen   vor dem Senat«
    »Auf Nimmerwiedersehn« sprach Cetegus als sein Schritt verhallte
»Syphax« rief er laut »bringe Wein und das Hauptmahl Wir müssen uns stärken
 auf morgen«
 
                                Elftes Kapitel
Früh am andern Morgen wogte sowohl in Rom als in dem Lager der Goten geschäftige
Bewegung
    Mataswinta und Syphax hatten zwar einiges entdeckt und gemeldet   aber
nicht alles Sie hatten von dem Gelübde der drei Männer gegen Belisar erfahren
und den früheren Plan eines bloßen Scheinangriffs gegen das SanktPaulsTor um
von dem Gedanken an Belisars Geschick abzulenken Aber nicht hatten sie
erfahren dass der König in Änderung jenes Planes eines bloßen Scheinangriffs
für diesen Tag der Abwesenheit des großen Feldherrn einen in tiefstes Geheimnis
gehüllten Beschluss gefasst hatte es sollte ein letzter Versuch gemacht werden
ob nicht gotisches Heldentum doch dem Genius Belisars und den Mauern des
Präfekten überlegen sei Man hatte sich im Kriegsrat des Königs nicht über die
Wichtigkeit des Unternehmens getäuscht wenn es wie alle früheren vereinzelten
Angriffe  achtundsechzig Schlachten Ausfälle Stürme und Gefechte hatte Prokop
während der Belagerung bis dahin aufgezählt  scheiterte so war von dem
ermüdeten stark gelichteten Heer keine weitere Anstrengung mehr zu erwarten
Deshalb hatte man sich auf Tejas Rat eidlich verpflichtet über den Plan gegen
jedermann ohne Ausnahme zu schweigen
    
    Daher hatte auch Mataswinta nichts vom König erfahren und selbst ihres
Mauren Spürnase konnte nur wittern dass auf jenen Tag etwas Großes gerüstet
werde  die gotischen Krieger wussten selbst nicht was
    Totila Hildebad und Teja waren schon um Mitternacht mit ihren Reitern
geräuschlos aufgebrochen und hatten sich südlich von der valerischen Straße bei
dem Grabmal der Fulvier an dem in einer Hügelfalte Belisar vorbeikommen musste
in Hinterhalt gelegt sie hofften mit ihrer Aufgabe bald genug fertig zu sein
um noch wesentlich an den Dingen bei Rom teilnehmen zu können
    Während der König mit Hildebrand Guntaris und Markja die Scharen innerhalb
der Lager ordnete zog um Sonnenaufgang Belisar von einem Teil seiner
Leibwächter umgeben zum tiburtinischen Tor hinaus Prokop und Severinus ritten
ihm zur Rechten und Linken Aigan der Massagete trug sein Banner das bei
allen Gelegenheiten den Magister Militum zu begleiten hatte Konstantinus dem
er an seiner Statt die Sorge für den »belisarischen Teil« von Rom übertragen
besetzte alle Posten längs der Mauern doppelt und ließ die Truppen hart an den
Wällen unter den Waffen bleiben Er übersandte den gleichen Befehl dem Präfekten
für die Byzantiner die dieser führte
    Der Bote traf ihn auf den Wällen zwischen dem paulinischen und dem appischen
Tor »Belisar meint also« höhnte Cetegus während er gehorchte »mein Rom ist
nicht sicher wenn er es nicht behütet ich aber meine Er ist nicht sicher
wenn ihn mein Rom nicht beschirmt Komm Lucius Licinius« flüsterte er diesem
zu »wir müssen an den Fall denken dass Belisar einmal nicht wiederkehrt von
seinen Heldenfahrten dann muss ein andrer sein Heer mit fester Hand ergreifen«
    »Ich kenne die Hand«
    »Vielleicht gibt es alsdann einen kurzen Kampf mit seinen in Rom belassenen
Leibwächtern in den Termen des Diokletian oder am tiburtinischen Tore Sie
müssen dort in ihrem Lager erdrückt sein ehe sie sich recht besinnen Nimm
dreitausend meiner Isaurier und verteile sie ohne Aufsehen rings um die
Termen her auch besetze mir vor allem das tiburtinische Tor«  »Von wo aber
soll ich sie fortziehen«  »Von dem Grabmal Hadrians« sagte Cetegus nach
einigem Besinnen »Und die Goten Feldherr«  »Bah das Grabmal ist fest es
schützt sich selbst Erst müssen vom Süden her die Stürmenden über den Fluss und
dann diese eisglatten Wände von parischem Marmor hinan meine und des Korinters
Freude Und zudem« lächelte er »sieh« nur hinauf da oben steht ein Heer von
marmornen Göttern und Heroen sie mögen selber ihren Tempel schirmen gegen die
Barbaren »Siehst du  ich sagte es ja  es geht nur hier gegen das
SanktPaulsTor« schloss er auf das Lager der Goten deutend aus welchem eben
eine starke Abteilung in dieser Richtung aufbrach
    Licinius gehorchte und führte alsbald dreitausend Isaurier etwa die Hälfte
der Deckung ab von dem Grabmal über den Fluss und den Viminalis hinab gegen die
Termen Diokletians Belisars Armenier am tiburtinischen Tor löste er dann auch
durch dreihundert Isaurier und Legionäre ab
    Cetegus aber wandte sich nach dem salarischen Tor wo jetzt Konstantinus
als Vertreter Belisars hielt »Ich muss ihn aus dem Wege haben« dachte er »wenn
die Nachricht eintrifft«  »Sobald du die Barbaren zurückgeworfen« sprach er
ihn an »wirst du doch wohl einen Ausfall machen müssen Welche Gelegenheit
Lorbeeren zu sammeln während der Feldherr fern ist«  »Jawohl« rief
Konstantinus »sie sollens erfahren dass wir sie auch ohne Belisarius schlagen
können«
    »Ihr müsst aber ruhiger zielen« sagte Cetegus einem persischen Schützen
den Bogen abnehmend »Seht den Goten dort den Führer zu Pferd Er soll fallen«
Cetegus schoss der Gote fiel vom Ross durch den Hals geschossen »Und meine
Wallbogen ihr braucht sie schlecht Seht ihr dort die Eiche ein Tausendführer
der Goten steht davor gepanzert Gebt acht« Und er richtete den Wallbogen
zielte und schoss durchbohrt war der gepanzerte Gote an den Baum genagelt
    Da sprengte ein sarazenischer Reiter heran »Archon« redete er Konstantinus
an »Bessas lässt dich bitten Verstärkungen an das Vivarium das pränestinische
Tor die Goten rücken an«
    Zweifelnd sah Konstantinus auf Cetegus »Possen« sagte dieser »der
einzige Angriff droht an meinem Tore von Sankt Paul und das ist gut gehütet
ich weiß es gewiss lass Bessas sagen er fürchte sich zu früh Übrigens im
Vivarium habe ich noch sechs Löwen zehn Tiger und zwölf Bären für mein nächstes
Zirkusfest Lasst sie einstweilen los auf die Barbaren Es ist auch ein
Schauspiel für die Römer dann«
    Aber schon eilte ein Leibwächter den Mons Pincius herab »Zu Hilfe Herr zu
Hilfe Konstantinus dein eigenes das flaminische Tor Unzählige Barbaren
Ursicinus bittet um Hilfe«
    »Auch dort« fragte sich Cetegus ungläubig
    »Hilfe an die gebrochene Mauer zwischen dem flaminischen und dem
pincianischen Tor« rief ein zweiter Bote des Ursicinus
    »Diese Strecke braucht ihr nicht zu decken Ihr wisst sie steht unter Sankt
Peters besonderem Schutz das reicht« sprach beruhigend Konstantinus Cetegus
lächelte »Ja heute gewiss denn sie wird gar nicht angegriffen«
    Da jagte Marcus Licinius atemlos heran »Präfekt rasch aufs Kapitol von wo
ich eben komme Alle sieben Lager der Feinde speien Barbaren zugleich aus allen
Lagerpforten es droht ein allgemeiner Sturm gegen alle Tore Roms«
    »Schwerlich« lächelte Cetegus »Aber ich will hinaus Du aber Marcus
Licinius stehst mir ein für das tiburtiner Tor Mein muss es sein nicht
Belisars Fort mit dir Führe deine zweihundert Legionare dorthin«
    Er stieg zu Pferd und ritt zunächst gegen das Kapitol zu um den Fuß des
Viminal Hier traf er auf Lucius und seine Isaurier »Feldherr« sprach ihn
dieser an »es wird ernst da draußen Sehr ernst Was ists mit den Isauriern
Bleibt es bei deinem Befehl«
    »Habe ich ihn zurückgenommen« sagte Cetegus streng »Lucius du folgst mir
und ihr andern Tribunen Ihr Isaurier rückt unter eurem Häuptling Asgares
zwischen die Termen des Diokletian und das tiburtiner Tor«
    Er glaubte an keine Gefahr für Rom Meinte er doch zu wissen was allein in
diesem Augenblick die Goten wirklich beschäftigte »Dieser Schein eines
allgemeinen Angriffs soll« dachte er »die Byzantiner nur abhalten ihres
bedrohten Feldherrn vor den Toren zu gedenken«
    Bald hatte er einen Turm des Kapitols erreicht von welchem er die ganze
Ebene überschauen konnte Sie war erfüllt von gotischen Waffen Es war ein
herrliches Schauspiel Aus allen Lagertoren wogte die ganze Streitmacht des
gotischen Heeres heran die ganze Ausdehnung der Stadt umgürtend Der Angriff
sollte offenbar gegen alle Tore zugleich unternommen werden und war nach Einem
Gedanken entworfen
    Voran in dem ganzen zu drei Vierteln geschlossenen Kreise schritten
Bogenschützen und Schleuderer in leichten Plänklerschwärmen die Zinnen und
Brustwehren von Verteidigern zu säubern Darauf folgten Sturmböcke Widder
Mauerbrecher aus römischen Arsenalen entnommen oder römischen Mustern wiewohl
oft ungeschlacht genug nachgebildet mit Pferden und Rindern bespannt bedient
von Truppen die fast ohne Angriffswaffen nur mit breiten Schilden sich und
die Bespannung gegen die Geschosse der Belagerten decken sollten Dicht hinter
ihnen schritten die zum eigentlichen Angriff bestimmten Krieger in tiefen
Gliedern mit voller Bewaffnung zum Handgemeng mit Beilen und starken Messern
gerüstet und lange schwere Sturmleitern schleppend In großer Ordnung und Ruhe
rückten diese drei Angriffslinien überall gleichmäßigen Schrittes vor die Sonne
glitzerte auf ihren Helmen in gleichen Zwischenräumen erschollen die
langgezognen Rufe der gotischen Hörner
    »Sie haben etwas von uns gelernt« rief Cetegus in kriegerischer Freude
»Der Mann der diese Reihen geordnet hat versteht den Krieg«  »Wer ist es
wohl« fragte Kallistratos der in reicher Rüstung neben Lucius Licinius
hielt »Ohne Zweifel Witichis der König« sagte Cetegus  »Das hätte ich dem
schlichten Mann mit den bescheidenen Zügen nie zugetraut«  »Diese Barbaren
haben manches Unergründliche«
    Und vom Kapitol herab ritt er nun über den Fluss nach der Umwallung am
pankratischen Tor wo der nächste Angriff zu drohen schien und bestieg mit
seinem Gefolge den dortigen Eckturm
    »Wer ist der Alte dort mit dem wehenden Bart der mit dem Steinbeil den
Seinen voranschreitet Er sieht aus als hätte ihn der Blitz des Zeus vergessen
in der Gigantenschlacht« forschte der Grieche
    »Es ist der alte Waffenmeister Teoderichs er rückt gegen das pankratische
Tor« antwortete der Präfekt
    »Und wer ist der Reichgerüstete dort auf dem Braunen mit dem Wolfsrachen
auf dem Helm Er zieht gegen die Portuensis«  »Das ist Herzog Guntaris der
Wölsung« sprach Lucius Licinius »Und sieh auch drüben auf der Ostseite der
Stadt überem Fluss soweit man schauen kann gegen alle Tore rücken Sturmreihen
der Barbaren« sagte Piso
    »Aber wo ist der König selbst« fragte Kallistratos
    »Siehe dort in der Mitte ragt die gotische Hauptfahne dort hält er
oberhalb des pankratischen Tors« erwiderte der Präfekt »Er allein steht
regungslos mit seiner starken Schar weit um dreihundert Schritt zurück hinter
der Linie« sprach Salvius Julianus der junge Jurist »Sollte er nicht mit
kämpfen« meinte Massurius »Wäre gegen seine Weise Aber lass uns vom Turm auf
den Wall hinab das Gefecht beginnt« schloss Cetegus »Hildebrand hat den
Graben erreicht«  »Dort stehen meine Byzantiner unter Gregor Die
Gotenschützen zielen gut Die Zinnen am pankratischen Tor werden leer Auf
Massurius schicke meine abaskischen Jäger und von den römischen Legionären die
besten Pfeilschützen dorthin sie sollen auf die Rinder und Rosse der Sturmböcke
zielen«
    Bald war der Kampf auf allen Seiten entbrannt und mit Verdruss bemerkte
Cetegus dass die Goten überall Fortschritte machten Die Byzantiner schienen
ihren Feldherrn zu vermissen sie schossen unsicher und wichen von den Wällen
indes die Goten heute mit besonderer Todesverachtung vordrangen Schon hatten
sie an mehreren Stellen den Graben überschritten und Herzog Guntaris hatte
sogar schon Leitern angelegt an den Wällen bei dem portuensischen Tore während
der alte Waffenmeister einen starken Widderkopf herangeschleppt und denselben
durch ein Schirmdach gegen die Feuergeschosse von oben gesichert hatte Bereits
donnerten die ersten Stöße laut durch das Getümmel des Kampfes gegen die Balken
des pankratischen Tors Dieser wohlbekannte Ton erschütterte den Präfekten der
eben hier anlangte »Offenbar« sagte er zu sich selbst »machen sie jetzt
bitteren Ernst nachdem der Scheinversuch so gut gelungen«
    Und wieder ein dröhnender Stoß Gregor der Byzantiner sah ihn fragend an
»Das darf nicht lange währen« rief Cetegus zürnend entriss dem nächsten
Schützen Bogen und Köcher und eilte auf den Mauerkranz an dem Tore »Hierher
ihr Schützen und Schleuderer Mir nach« rief er »schafft schwere Steine bei
Wo ist der nächste Ballist Wo die Skorpionen das Schirmdach muss entzwei«
    Unter dem Schirmdach aber standen gotische Schützen die eifrig durch die
Schiessscharten nach den Zacken der Mauerzinnen lugten »Es ist umsonst
Haduswint« schalt der junge Guntamund »zum drittenmal leg ich vergeblich
an es wagt ja keiner nur die Nase über die Brustwehr«  »Geduld« sagte der
Alte »halte den Bogen nur gespannt Es kommt schon einer den der Fürwitz
plagt Auch mir leg einen Bogen bereit Nur Geduld«  »Die hat man leichter
mit deinen siebzig als mit meinen zwanzig Jahren«
    Inzwischen hatte Cetegus die Wallzinne hier erreicht er warf einen Blick
in die Ebene da sah er den König in der weiten Ferne unbeweglich im Zentrum
stehen der gotischen Scharen auf dem rechten Tiberufer Das störte und
beunruhigte ihn »Was hat er vor Sollte er gelernt haben dass der Feldherr
nicht fechten soll Komm Gajus« rief er dem jungen Schützen zu der ihm kühn
gefolgt war »deine jungen Augen sehen scharf blick mit mir über die Zinne
hier  was treibt der König dort« Und er beugte sich über die Brustwehr Gajus
folgte eifrig spähend seinem Beispiel
    »Jetzt Guntamund« rief Haduswint unten Zwei Sehnen klangen und die
beiden Späher fuhren zurück
    Gajus stürzte in die Stirn geschossen nieder und unter des Präfekten
Helmdach zersplitterte klirrend ein Pfeil Cetegus strich mit der Hand über die
Stirn
    »Du lebst mein Feldherr« rief Piso heranspringend
    »Ja Freund Es war sehr gut gezielt Aber die Götter brauchen mich noch
nur die Haut ist geritzt« sprach Cetegus und schob den Helm zurecht
 
                               Zwölftes Kapitel
Da flog Syphax die Mauertreppe hinauf Streng hatte ihm sein Herr verboten sich
am Kampf zu beteiligen »die Barbaren sollen dich mir nicht töten und auch dich
nicht erkennen  du bist unersetzlich als Sklave Mataswintens und Kundschafter
des Königs Witichis« hatte Cetegus gesagt
    »Wehe wehe« schrie er so überlaut dass es seinem Herrn auffiel der des
Mauren kluge Ruhe kannte »welch ein Unglück«  »Was ist geschehen« 
»Konstantinus ist schwer verwundet Er wollte einen Ausfall führen aus dem
salarischen Tor und stieß sogleich auf die gotischen Sturmreihen Ein
Schleuderstein traf sein Gesicht Mit Mühe rettete man ihn auf den Wall Dort
fing ich den Sinkenden auf er ernannte den Präfekten zu seinem Vertreter Hier
ist sein Feldherrnstab«
    »Das ist nicht möglich« schrie Bessas der auf Syphax Ferse folgte Er
hatte in Person selbst neue Verstärkungen verlangen wollen und kam eben recht
die Nachricht zu hören »Oder er war schon sinnlos als ers tat«
    »Hätte er dich bestellt jedenfalls« sprach Cetegus ruhig das Zepter
ergreifend und dem schlauen Sklaven mit einem raschen Wink des Auges dankend
Mit einem wütenden Blicke sprang Bessas von der Brüstung und eilte davon »Folg
ihm Syphax und beacht ihn wohl« flüsterte der Präfekt
    Da eilte ein isaurischer Söldner herbei »Verstärkung Präfekt ans
portuensische Tor Herzog Guntaris hat zahllose Leitern angelegt« Da sprengte
Kabao der Führer der maurischen berittnen Schützen heran »Konstantinus ist
tot Vertritt du Konstantinus«
    »Belisar vertret ich« sprach Cetegus stolz »fünfhundert Armenier zieht
ab vom appischen und schickt sie ans portuensische Tor«
    »Hilfe Hilfe ans appische Tor alle Verteidiger auf den Zinnen sind
erschossen« meldete ein persischer Reiter »die Vorschanze ist halb verloren
vielleicht ist sie noch zu halten aber schwer Aber unmöglich wärs sie wieder
zu nehmen«
    Cetegus winkte seinem jungen Juriskonsulten Salvius Julianus jetzt seinem
Kriegstribun »Auf mein Jurist beati possidentis  Nimm hundert Legionäre und
halte die Schanze um jeden Preis bis weitere Hilfe kommt« 
    Und er sah von der Mauerkrone wieder hinab Unter seinen Füßen tobte das
Gefecht donnerte der Mauerbrecher Hildebrands Aber ihn kümmerte mehr die
rätselhafte Ruhe in welcher der König im Hintergrund unbeweglich stand »Was
hat er nur vor«
    Da dröhnte von unten ein furchtbar krachender Stoß und lauter Siegesjubel
der Barbaren Cetegus brauchte nicht zu fragen in drei Sprüngen war er unten
    »Das Tor ist eingestossen« riefen ihm entsetzt die Seinigen entgegen »Ich
weiß es jetzt sind wir selbst der Riegel Roms« Und den Schild fester
andrückend trat er hart an den rechten Torflügel in dem in der Tat ein breiter
Riss klaffte und schon stieß der Widder an die splitternden Platten neben der
Öffnung »Noch ein solcher Stoß und das Tor liegt ganz« sagte Gregor der
Byzantiner »Richtig deshalb darf es nicht mehr dazu kommen Her zu mir Gregor
und Lucius stellt euch Milites die Speere gefällt Fackeln und Brände zum
Ausfall Winke ich so öffnet das Tor und werft Widder und Schirmdach und alles
in den Graben«
    »Du bist sehr kühn mein Feldherr« rief Lucius Licinius entzückt neben ihn
springend
    »Ja jetzt hat die Kühnheit Vernunft mein Freund«
    Schon war die Kolonne gestellt schon wollte der Präfekt das Schwert zum
Zeichen des Angriffs erheben  da erscholl vom Rücken her ein Lärm größer
selbst als der der stürmenden Goten Wehegeschrei und Pferdegetrappel  und
Bessas drängte sich heran er fasste den Arm des Präfekten seine Stimme
versagte
    »Was hemmst du mich in diesem Augenblick« rief dieser und stieß ihn zurück
 »Belisars Truppen« stammelte entsetzt der Traker »stehen schwer geschlagen
vor dem tiburtinischen Tor  sie flehen um Einlass  wütende Goten hinter ihnen
 Belisar ist in einem Hinterhalt gefallen  er ist tot«
    »Belisar ist gefangen« schrie ein Türmer vom tiburtinischen Tor atemlos
heraneilend »Die Goten die Goten sind da sie stehen vor dem nomentanischen und
vor dem tiburtinischen Tor« scholls aus der Tiefe der Straße »Belisars Fahne
ist genommen Prokop verteidigt seine Leiche«  »Lass das tiburtinische Tor
öffnen Präfekt« drängte Bessas »deine Isaurier stehen plötzlich dort Wer hat
sie dorthin geschickt«
    »Ich« sagte Cetegus überlegend
    »Sie wollen nicht öffnen ohne deinen Befehl rette doch seine  Belisars 
Leiche«
    Cetegus zauderte  er hielt das Schwert halb erhoben  er schwankte »Die
Leiche« dachte er »rett ich gern« Da flog Syphax heran »Nein er lebt
noch« rief er seinem Herrn ins Ohr »ich hab ihn gesehen von der Zinne er
regt sich noch aber er ist gleich gefangen die gotischen Reiter brausen heran
 Totila Teja gleich sind sie bei ihm«
    »Gib Befehl lass das tiburtiner Tor öffnen« mahnte Bessas Aber des
Präfekten Auge blitzte sein Antlitz überflog jener Ausdruck stolzer kühner
Entschlossenheit der es mit dämonischer Schönheit verklären konnte Er schlug
mit dem Schwert an den zertrümmerten Torflügel vor sich »Auf zum Ausfall Erst
Rom dann Belisar Rom und Triumph« Das Tor flog auf
    Die stürmenden Goten schon des Sieges sicher hätten alles eher erwartet
als dies Wagnis der wie sie wähnten ganz verzagten Byzantiner Sie waren ohne
Fechtordnung um das Tor herum zerstreut wurden völlig überrascht und durch den
Anlauf der fest geschlossenen Reihe rasch in den hinter ihnen klaffenden Graben
geworfen
    Der alte Hildebrand wollte seinen Widder nicht lassen
    Sich hoch aufrichtend zerschmetterte er Gregor dem Byzantiner mit seinem
Steinhammer den hochgeschweiften Helm und das Haupt Aber gleichzeitig fast
stieß ihn selber Lucius Licinius mit dem Schildstachel in den Graben Cetegus
zerhieb mit dem Schwert die Seile der Maschine die krachend auf den Alten
stürzte
    »Jetzt Feuer in die Holzmaschinen die noch stehen« befahl Cetegus Rasch
loderten deren Balken auf in Flammen Sogleich kehrten die siegreichen Römer
zurück in die Wälle Da rief Syphax dem Präfekten entgegen »Gewalt Herr
Aufruhr und Empörung Die Byzantiner gehorchen dir nicht mehr Bessas rief sie
auf das tiburtinische Tor mit Gewalt zu öffnen Seine Leibwächter drohen
Marcus Licinius anzugreifen und deine Legionäre und Isaurier zu schlachten durch
die Hunnen«
    »Das büßen sie« rief Cetegus grimmig »Wehe Bessas Ich wills ihm
gedenken Auf Lucius Licinius nimm den halben Rest der Isaurier Nein nimm
sie alle alle du weißt wo sie stehen fasse die Leibwächter des Trakers von
Porta Klausa her im Rücken Und stehen sie nicht ab  so hau sie nieder ohne
Schonung Hilf deinem Bruder Ich folge gleich«
    Lucius Licinius zauderte »Und das tiburtinische Tor«  »Bleibt
geschlossen«  »Und Belisar«
    »Bleibt draußen«  »Teja und Totila sind schon heran«  »Desto weniger
kann man öffnen Erst Rom dann alles andere Gehorche Tribun«
    Cetegus blieb noch die Ausflickung des pankratischen Tores anzuordnen Das
währte sehr geraume Zeit »Wie ging es Syphax« fragte er leise »Lebt er
wirklich«  »Er lebt noch«  »Tölpel diese Goten«
    Da kam ein Bote von Lucius »Dein Tribun lässt melden Bessas gibt nicht
nach  schon ist das Blut deiner Legionare am tiburtiner Tor geflossen Und
Asgares und deine Isaurier zögern einzuhauen Sie zweifeln an deinem Ernst« 
»Ich will ihnen meinen Ernst zeigen« rief Cetegus warf sich aufs Pferd
verließ diesen Teil der Stadt und jagte wie der Sturmwind davon
    Weit war sein Weg über die Tiberbrücke des Janiculum am Kapitol vorbei
über das Forum Romanum durch die Sacra Via und den Bogen des Titus die Termen
des Titus rechts lassend über den Esquilin hinaus endlich durch das
esquilinische Tor an das tiburtinische Aussentor  ein Weg vom äußersten Westen
an den äußersten Osten der weitgestreckten Stadt
    Hier hinter dem Tore standen die Leibwächter von Bessas und Belisar mit
gedoppelter Front Die eine Schar schickte sich an die Legionare und Isaurier
des Präfekten unter Marcus Licinius an der Torwache zu überwältigen und das Tor
mit Gewalt zu öffnen während die zweite Fronte mit gefällten Speeren der Masse
der andern Isaurier gegenüberstand die Lucius vergeblich zum Angriff
befehligte
    »Söldner« rief Cetegus das schnaubende Ross dicht vor deren Linie
anhaltend »wem habt ihr geschworen mir oder Belisar«  »Dir Herr« sprach
Asgares ein Anführer vortretend »aber ich dachte«  Da blitzte das Schwert
des Präfekten und tödlich getroffen stürzte der Mann »Zu gehorchen habt ihr
eidbrüchige Schurken nicht zu denken«
    Entsetzt standen die Söldner Aber Cetegus befahl ruhig »Die Speere
gefällt Zum Angriff mir nach« Und die Isaurier gehorchten ihm und nun  ein
Augenblick noch und es begann in Rom selbst der Kampf
    Aber da erscholl von Westen von der Richtung des aurelischen Tores her ein
furchtbares alles übertäubendes Geschrei »Wehe Wehe alles verloren Die
Goten über uns Die Stadt ist genommen«
    Cetegus erbleichte und blickte zurück Da sprengte Kallistratos heran Blut
floss ihm über Gesicht und Hals »Cetegus« rief er »es ist aus Die Barbaren
sind in Rom Die Mauer ist erstiegen«  »Wo« fragte der Präfekt tonlos »Am
Grabmal Hadrians«  »O mein Feldherr« rief Lucius Licinius »ich habe dich
gewarnt«
    »Das war Witichis« sagte Cetegus die Augen zusammendrückend
    »Woher weißt du das« staunte Kallistratos »Genug ich weiß es« Es war ein
furchtbarer Augenblick für den Präfekten
    Er musste sich sagen dass er rücksichtslos seinen Plan zum Verderben
Belisars verfolgend eine Spanne Zeit Rom übersehen hatte Er biss die Zähne in
die Unterlippe
    »Cetegus hat das Grabmal Hadrians entblößt Cetegus hat Rom ins Verberben
gestürzt« rief Bessas an der Spitze der Leibwächter
    »Und Cetegus wird es retten« rief dieser sich hoch im Sattel aufrichtend
»Mir nach alle Isaurier und Legionare«  »Und Belisar« flüsterte Syphax 
»Lasst ihn herein Erst Rom dann alles andre Folgt mir« Und im Sturmflug
sprengte er zurück des Weges den er gekommen Nur wenige Berittene konnten ihm
folgen im Lauf eilte sein Fußvolk Isaurier und Legionare nach
 
                              Dreizehntes Kapitel
Draußen vor dem tiburtinischen Tore ward es zu gleicher Zeit stiller Ein Bote
hatte die gotischen Reiter von dem überflüssigen Gefechte abgerufen Sie sollten
hier innehalten und alle verfügbare Mannschaft um die Stadt und über den Fluss
eilig an das aurelische Tor senden durch welches man soeben in die Stadt
gedrungen sei dort brauche man alle Kräfte Die Reiter jagten rechtsum
schwenkend nach jenem Tor wo sich jetzt alles zusammendrängte aber ihr
eigenes Fußvolk stürmend an den zwischenliegenden fünf Toren der Porta clausa
nomentana salaria pinciana und flaminia versperrte ihnen den Weg so lange
dass sie zu der Entscheidung zu spät kamen die am Grabmal des Hadrian gefallen
war
    Wir erinnern uns der Lage dieses Lieblingsplatzes des Präfekten dem
vatikanischen Hügel gegenüber einen Steinwurf etwa vor dem aurelischen Tor
gelegen mit diesem durch Seitenmauern verbunden und überall außer im Süden wo
der Fluss decken sollte durch neue Wälle geschützt ragte die »moles Hadriani«
ein gewaltiger runder Turm von festestem Bau Eine Art Hofraum umgab das
eigentliche Gebäude vor der ersten äußeren Deckungsmauer im Süden floss der
Tiber Auf den Zinnen dieser Aussenmauer in dem Hofraum und auf den Zinnen der
Innenmauer lagerten sonst die Isaurier die der Präfekt zu übler Stunde
hinweggezogen hatte seinen Plan gegen Belisar durchzusetzen Auf den Zinnen der
Innenmauer aber standen die zahlreichen Statuen von Marmor und Erz deren
drittes Hundert das Geschenk des Kallistratos vervollständigt hatte
    Der König der Goten hatte sich für heute in der Mitte des großen
Halbkreises den die Barbaren auch um die Westseite auf dem rechten Tiberufer
um die Stadt gezogen auf dem Felde Neros zwischen dem pankratischen alten
aurelianischen und dem neuen aurelianischen Tor wo sonst nur Graf Markja von
Mediolanum lagerte eine zurückgenommene abwartende Stellung gewählt Er baute
seinen Plan darauf dass der allgemeine Sturm gegen alle Tore notwendig die
Kräfte der Belagerten werde zersplittern müssen und sowie an irgend einem Punkt
durch Hinwegziehung der Verteidiger eine Blöße entstehen würde gedachte er sie
sofort zu benützen
    In dieser Absicht hielt er unbeweglich im zweiten Treffen weit hinter den
Sturmkolonnen Er hatte allen Anführern Auftrag gegeben ihn schleunig
herbeizurufen wo sich eine Lücke der Verteidigung zeige
    Lange lange hatte er so gewartet Manches Wort der Ungeduld hatte er von
seinen Scharen zu tragen gehabt die müßig stehen sollten während die Genossen
überall im frischen Vordringen waren lange lange harrten sie auf einen Boten
der sie abriefe zur Teilnahme am Kampf
    Da bemerkte endlich des Königs scharfes Auge selbst zuerst wie von den
Zinnen der Aussenmauer am Grabmal Hadrians die wohlbekannten Feldzeichen und die
dichten Speere der Isaurier verschwanden Aufmerksam blickte er hin sie wurden
nicht abgelöst die Lücken nicht ersetzt Da sprang er aus dem Sattel gab
seinem Rosse einen Schlag mit der flachen Hand auf den stolzen Bug sprach
»Nach Hause Boreas« und das kluge Tier lief geradeaus in das Lager zurück
»Jetzt vorwärts meine Goten vorwärts Graf Markja« rief der König »dort über
den Fluss  die Mauerbrecher lasst hier zurück nur die Schilde und die
Sturmleitern nehmt mit Und die Beile Voran« Und im Lauf erreichte er den
steilen Uferhang an der südlichen Biegung des Flusses und eilte den Hügel hinab
    »Keine Brücke König und keine Furt« fragte ein Gote hinter ihm
    »Nein Freund Iffamer schwimmen« und der König sprang in die gelbe
schmutzige Flut dass sie zischend hoch über seinem Helmbusch zusammenschlug In
wenigen Minuten hatte er das andere Ufer erreicht die vordersten seiner Leute
mit ihm Bald standen sie hart vor der hohen Aussenmauer des Grabmals und die
Männer blickten fragend besorgt hinauf »Leitern her« rief Witichis »seht ihr
nicht Die Verteidiger fehlen ja Fürchtet ihr euch vor hohen Steinen« Rasch
waren die Leitern angelegt rasch die Aussenwälle erstiegen die wenigen Wachen
hinabgestürzt die Leitern nachgezogen und an der Innenseite der Aussenmauer in
den Hof hinabgelassen
    Der König war der erste in dem Hofraum
    Hier freilich wurde das Vordringen der Goten eine Weile gehemmt Denn auf
den Zinnen der Innenmauer standen vom pankratischen Tore hierher geeilt
Quintus Piso und Kallistratos mit hundert Legionaren und nur ein paar Isauriern
und diese schleuderten einen dichten Hagel von Speeren und Pfeilen auf die nur
vereinzelt in den Hofraum hinabsteigenden Goten auch ihre Ballisten und
Katapulten wirkten verheerend »Schickt um Hilfe um Hilfe zu Cetegus« rief
oben auf der Mauer Piso Und Kallistratos flog davon
    Rechts und links fielen die Goten unten im Hof neben Witichis »Was tun«
fragte Markja an seiner Seite »Warten bis sie sich verschossen haben« sagte
dieser ruhig »Es kann nicht lange mehr währen Sie werfen und schießen viel zu
hastig in ihrem Schrecken Seht ihr schon fliegen mehr Steine denn Pfeile Und
die Speere bleiben aus«  »Aber die Ballisten die Katapulten «  »Werden uns
bald nicht mehr schaden Ordnet euch zum Sturm Seht der Hagel wird sehr
spärlich So nun die Leitern bereit und die Beile  Jetzt rasch mir nach«
Und in schnellem Anlauf rannten die Goten über den Hof
    Nur wenige waren dabei gefallen Und schon standen sie hart an der zweiten
der inneren Mauer und hundert Leitern waren angelegt Jetzt aber waren alle
Ballisten und Katapulten Pisos nutzlos geworden denn zum Schuss in die Weite
gespannt konnten sie nicht ohne große Mühe und lange Zeit zu senkrechtem Schuss
gerichtet werden Piso bemerkte es wohl und erbleichte »Wurfspeere her Speere
Speere oder alles ist hin«  »Alle verschossen« keuchte trostlos neben ihm
der dicke Balbus
    »Dann ists vorbei« seufzte Piso den rechten Arm todmüde senkend »Komm
Massurius lass uns fliehn« mahnte Balbus »Nein lasst uns hier sterben« rief
Piso Und schon tauchte der erste gotische Helm über den Rand der Mauer
    Da scholl es die Mauertreppen von der Stadtseite herauf »Cetegus
Cetegus der Präfekt«
    Und er wars rasch sprang er auf die Zinne vor und hieb dem Goten der eben
die Hand auf die Brustwehr stützte sich heraufzuschwingen die Hand samt dem
Arme ab  Der Mann schrie und stürzte
    »O Cetegus« sagte Piso »du kommst zu rechter Zeit«  »Ich hoffe es«
sprach dieser und stieß die Leiter um die vor ihm angelegt stand Witichis war
darauf gestanden  behend sprang er hinab »Aber jetzt Geschosse her Speere
Lanzen Sonst hilft alles nichts« rief Cetegus »Kein Geschoss mehr weit und
breit« antwortete Balbus »Du kommst hofften wir mit deinen Isauriern« 
»Die sind noch weit weit hinter mir« rief Kallistratos der eben als der erste
nach Cetegus wieder erschien
    Und aufs neue wuchs die Zahl der Leitern und der aufsteigenden Helme Und es
wuchs die dringendste Gefahr
    Wild blickte Cetegus um sich »Geschosse« rief er mit dem Fuße stampfend
»es müssen Geschosse herbei« Da fiel sein Auge auf die riesige Marmorstatue
Zeus des Erretters die zu seiner Linken auf der Zinne stand Ein Gedanke
durchzuckte ihn mit Blitzschnelle er sprang hinzu und schlug mit einem
Handbeil den rechten Arm der Statue mitsamt dem Donnerkeil in ihrer Faust herab
»Zeus« rief er »leih mir deinen Blitz  Was hältst du ihn so müßig Auf
zerschlagt die Statuen und schleudert sie den Feinden auf die Köpfe« Und
rascher als er dies gesagt ward sein Beispiel befolgt Mit Äxten und Beilen
fielen die geängstigten Verteidiger über die Götter und Heroen her und im
Augenblick waren all die herrlichen Gestalten zertrümmert
    Es war ein grauenhafter Anblick da barst ein erhabner Hadrian eine
Reiterstatue Ross und Reiter mitten auseinander da stürzte eine lächelnde
Aphrodite in die Kniee da flog der schöne Marmorkopf eines Antinous vom Rumpfe
und sauste von zwei Händen geschleudert auf einen gotischen Büffelschild Und
weithin spritzten die Zinnen bedeckend Splitter und Trümmer von Marmor und
Erz von Bronze und Gold Krachend und dröhnend schlugen die gewaltigen Lasten
von Stein und Metall von den Zinnen herab und zerschmetterten die Helme und
Schilde die Panzer und die Glieder der stürmenden Goten und die Leitern selber
die sie trugen
    Mit Grauen blickte Cetegus auf das furchtbare Werk der Zerstörung das sein
Wort angerichtet Aber es hatte gerettet Zwölf fünfzehn zwanzig Leitern
standen leer von den hart aufeinander folgenden Männern die sie kurz zuvor
ameisendicht besetzt hatten ebenso viele lagen zerbrochen am Fuß der Mauer
überrascht von diesem unerwarteten Erz und Marmorhagel wichen die Goten einen
Augenblick Aber gleich wieder rief sie das Horn Markjas zum Sturm und wieder
sausten die zentnerschweren Lasten hernieder
    »Unseliger was hast du getan« jammerte Kallistratos und starrte auf die
Trümmer
    »Das Notwendige« antwortete Cetegus und schleuderte den Rest von Zeus dem
Erretter über den Wall »Siehst du wie das traf  zwei Barbaren auf Einen
Schlag«  und zufrieden blickte er hinab
    Da hörte er den Korinter rufen »Nein nein Nicht diesen Nicht den
Apoll«
    Und Cetegus wandte sich und sah wie ein riesiger Isaurier sein Beil gegen
das Haupt des Latoniden schwang »Narr sollen die Goten herauf« fragte der
Barbar und holte wieder aus
    »Nicht meinen Apollon« wiederholte der Helene und umschlang den Gott
schützend mit beiden Armen weit sich vorbeugend
    Das ersah auf der nächsten Leiter Graf Markja und glaubend jener wolle die
Statue auf ihn niederschleudern kam er ihm zuvor sein Wurfspeer flog und traf
den Griechen mitten in die Brust »Ach  Cetegus« seufzte er und starb Der
Präfekt sah ihn fallen und presste die Brauen zusammen »Rettet die Leiche und
seine beiden Götter verschont« sprach er kurz  und stieß die Leiter um auf
der Markja gestanden mehr konnte er nicht sagen und nicht tun denn schon rief
ihn eine neue die drohendste Gefahr
    Witichis von seiner Leiter halb herabgeschleudert halb herabgesprungen
war seither hart an der Mauer gestanden unter dem Hagel der Stein und
Metalltrümmer nach neuen Mitteln spähend Denn seit der erste Versuch der
Sturmleitern durch die unverhofften neuen Geschosse die Götter und Heroen
abgewiesen war hoffte er kaum noch den Wall zu gewinnen Während er sann und
spähte schlug das schwere Marmorfussgestell eines Mars gradivus dicht neben ihm
auf die Erde prallte nochmal empor und traf dabei an eine Mauerplatte Und
siehe diese Platte die ein Quader von härtestem Stein geschienen hatte
zersprang zerbröckelnd in kleine Stücke von Mörtel und Lehm und an ihrer Stelle
wurde sichtbar eine schmale Holzpforte die von jener Masse nur locker
verkleidet und verdeckt den Maurern und Werkleuten zum Ausgang und Eingang
gedient hatte wenn sie an dem großen Gebäude arbeiteten und nachbesserten
    Kaum ersah Witichis die Holztür als er jubelnd ausrief »Hierher hierher
ihr Goten Beile zur Hand« Und schon schlug seine eigne Streitaxt donnernd an
die dünnen Bretter die nichts weniger als stark schienen
    Verhängnisvoll drang der neue seltsame Ton an des Präfekten Ohr er hielt
oben inne in der Blutarbeit und lauschte »Das ist Eisen gegen Holz Bei Cäsar«
sagte er zu sich selbst und sprang die schmale Mauertreppe herab die an der
Innenseite der zweiten Mauer in den schwach durch Öllampen beleuchteten
Innenraum des Grabmals führte
    Da dröhnte ein Schlag lauter als alle früheren ein dumpfes Krachen und
helles Splittern folgte und jauchzendes Siegesgeschrei der Goten Wie Cetegus
auf die letzte Stufe der Treppe sprang fiel die Pforte krachend nach innen in
den Hof und König Witichis ward sichtbar auf der Schwelle
    »Mein ist Rom« jubelte er das Beil fallen lassend und das Schwert aus der
Scheide ziehend »Du lügst Witichis zum erstenmal im Leben« rief Cetegus
grimmig und sprang vor so gewaltig den starken Schildstachel stossend gegen des
Goten Brust dass dieser überrascht einen Schritt zurücktrat
    Diesen Schritt benutzte der Präfekt und stellte sich selbst auf die
Schwelle die ganze enge Pforte füllend »Wo bleiben die Isaurier« rief er
    Aber nur einen Augenblick hatte ihm Witichis Zeit gelassen bis er ihn
erkannte »So treffen wir uns doch im Zweikampf um Rom« Und nun war das
Anspringen an ihm Cetegus bemüht die ganze Öffnung der Pforte zu
verschließen deckte mit dem Schild seine Linke sein rechter Arm mit dem kurzen
Römerschwert vermochte nicht genug seine rechte Seite zu decken Der Stoß des
langen Schwertes des starken Goten drang nicht stark genug von Cetegus
abgewehrt die Schuppenringe des Panzers durchschneidend tief in seine rechte
Brust
    Der Präfekt wankte nach links schon neigte er sich zu fallen aber er fiel
nicht »Rom Rom« sagte er tonlos und krampfhaft hielt er sich noch aufrecht
    Witichis war einen Schritt zurückgetreten um in neuem Ansprung dem
gefährlichen Feind den Rest zu geben Aber in diesem Augenblick erkannte ihn
oben auf der Zinne Piso und schleuderte einen prachtvollen schlafenden Faun der
bereits mit abgehauenen Füßen auf dem Walle lag auf den König herab er traf
die Schulter und Witichis stürzte nieder Graf Markja Iffamer und Aligern
trugen ihn aus dem Gefecht
    Cetegus sah ihn noch fallen Dann brach er selbst auf der Schwelle der
Pforte zusammen schützende Arme eines Freundes fingen ihn auf  aber er
erkannte diesen nicht mehr sein Bewusstsein schwand
    Doch weckte ihn gleich wieder ein wohlbekannter Ton der seine Seele
entzückte es war die Tuba seiner Legionare das Feldgeschrei seiner Isaurier
die jetzt  endlich  im Sturmschritt eintrafen und von den Liciniern geführt
in dichten Scharen sich auf die durch den Fall ihres Königs erschütterten Goten
stürzten Sie drängten sie siegreich zu einer einstweilen von den
eingedrungenen Goten von Innen hinausgebrochenen Bresche der ersten Mauer unter
großem Blutvergießen hinaus
    Der Präfekt sah die letzten Barbaren flüchten  da schlossen sich abermals
seine Augen »Cetegus« rief der Freund der ihn im Arme hielt »Belisar im
Sterben und so bist auch du verloren« Cetegus erkannte jetzt die Stimme
Prokops »Ich weiß nicht« sprach er mit letzter Kraft »aber Rom  Rom ist
gerettet« Und damit vergingen ihm die Sinne
 
                              Vierzehntes Kapitel
Nach der Anspannung aller Kräfte zu dem allgemeinen Sturm und seiner Abwehr der
mit dem Morgenrot begonnen und bei sinkender Sonne erst beendet war trat bei
Goten und Römern eine lange Pause der Erschlaffung ein Die drei Führer Belisar
Cetegus und Witichis lagen wochenlang an ihren Wunden darnieder
    Aber noch mehr wurde die tatsächliche Waffenruhe veranlasst durch die tiefe
Niedergeschlagenheit und Entmutigung die das Heer der Germanen befallen hatten
nachdem der mit höchster Anstrengung angestrebte Sieg in dem Augenblick da er
bereits gewonnen schien ihnen entrissen wurde
    Sie hatten einen ganzen Tag lang ihr Bestes getan ihre Helden hatten an
Tapferkeit gewetteifert und doch waren beide Pläne der gegen Belisar und der
gegen die Stadt im Gelingen selbst noch gescheitert Und wenn auch König
Witichis in seinem steten Mute die Gedrückteit des Heeres nicht teilte so
erkannte er dafür desto klarer dass er seit jenem blutigen Tage das ganze System
der Belagerung ändern musste
    Der Verlust der Goten war ungeheuer Prokop schätzt ihn auf dreissigtausend
Tote und mehr als ebenso viele Verwundete sie hatten sich im ganzen Umkreis der
Stadt mit äußerster Todesverachtung den Geschossen der Belagerten ausgesetzt und
am pankratischen Tor und bei dem Grabmal Hadrians waren sie zu Tausenden
gefallen
    Da nun auch in den achtundsechzig früheren Gefechten die Angreifenden immer
viel mehr als die hinter Mauer und Turm gedeckten Verteidiger gelitten hatten
so war das große Heer das Witichis vor Monden gegen die ewige Stadt geführt
furchtbar zusammengeschmolzen Dazu kam dass schon seit geraumer Zeit Seuchen
und Hunger in ihren Zelten wüteten Bei dieser Entmutigung und Abnahme seiner
Truppen musste Witichis den Gedanken die Stadt mit Sturm zu nehmen aufgeben
und seine letzte Hoffnung  er verhehlte sich ihre Schwäche nicht  bestand in
der Möglichkeitder Mangel werde den Feind zur Übergabe zwingen Die Gegend um
Rom war völlig ausgesogen und es schien nun darauf anzukommen welche Partei
die Entbehrung länger würde ertragen oder welche sich aus der Ferne würde
Vorräte verschaffen können Schwer fehlte den Goten die an der Küste von
Dalmatien beschäftigte Flotte 
    Der erste der sich von seiner Wunde erholte war der Präfekt
    Von der Pforte die er mit seinem Leibe verschlossen bewusstlos weggetragen
lag er anderthalb Tage in einem Zustand der halb Schlaf halb Ohnmacht war
    Als er am Abend des zweiten Tages die Augen aufschlug traf sein erster
Blick auf den treuen Mauren der am Fussende des Lagers auf der Erde kauerte und
kein Auge von ihm wandte Die Schlange war um seinen Arm gerollt
    »Die Holzpforte« war des Präfekten erstes noch schwach gehauchtes Wort
»die Holzpforte muss fort  ersetzt durch Marmorquadern  «
    »Danke danke dir Schlangengott« jubelte der Sklave »jetzt ist der Mann
gerettet Und auch du selbst Und ich ich Herr habe dich gerettet« Und er
warf sich mit gekreuzten Armen nieder und küsste das Lagergestell seines Herrn 
Er wagte nicht dessen Füße zu berühren »Du mich gerettet  Wodurch«
    »Als ich dich so totesbleich auf diese Decken gelegt habe ich den
Schlangengott herbeigeholt dich ihm gezeigt und gesprochen Du siehst starker
Gott des Herrn Augen sind geschlossen Hilf dass er sie wieder aufschlägt Bis
du geholfen erhältst du keine Krume Brot und keinen Tropfen Milch Und wenn er
die Augen nicht wieder aufschlägt  an dem Tage da sie ihn verbrennen
verbrennt Syphax mit aber du o großer Schlangengott desgleichen Du kannst
helfen also hilf oder brenne So sprach ich und er hat geholfen«
    »Die Stadt ist sicher  das fühl ich sonst hätte ich nicht entschlafen
können Lebt Belisar Ja wo ist Prokop«
    »In der Bibliothek mit deinen Tribunen Sie erwarten nach des Arztes
Ausspruch noch heute dein Erwachen oder deinen  «  »Tod Diesmal hat dein
Gott noch geholfen Syphax Lass die Tribunen ein«
    Bald standen die Licinier Piso Salvius Julianus und einige andere vor ihm
sie wollten bewegt an sein Lager eilen er winkte ihnen Ruhe zu »Rom dankt
euch durch mich Ihr habt gefochten wie  wie Römer Mehr Stolzeres kann ich
euch nicht sagen« Und er übersah wie nachsinnend die Reihe dann sagte er
»Einer fehlt mir  ah mein Korinter Die Leiche ist gerettet Denn ich empfahl
sie Piso sie und die beiden Letoiden setzt ihm als Denkmal eine schwarze
Platte von korintischem Marmor an die Stelle wo er fiel stellt die Statue des
Apollo über die Aschenurne und schreibt darauf Kallistratos von Korint ist
hier für Rom gestorben er hat den Gott der Gott nicht ihn gerettet Jetzt
geht bald sehen wir uns wieder  auf den Wällen Syphax nun sende mir Prokop
Und bring einen großen Becher Falernerwein«  »Freund« rief er dem
eintretenden Prokopius entgegen »mir ist ich habe vor diesem Fieberschlaf noch
flüstern hören Prokop hat den großen Belisar gerettet Ein unsterblich
Verdienst Die ganze Nachwelt wird dirs danken  so brauch ichs nicht zu tun
Setze dich hierher und erzähle mir das Ganze   Aber halt erst schiebe die
Kissen zurecht dass ich meinen Cäsar wieder sehen kann Sein Anblick stärkt mehr
als Arzneien Nun sprich«
    Prokopius sah den Liegenden durchdringend an
    »Cetegus« sagte er dann ernsten Tones »Belisar weiß alles«  »Alles«
lächelte der »Präfekt das ist viel«  »Lass den Spott und versage Bewunderung
nicht dem Edelsinn du der du selber edel bist«  »Ich Nicht dass ich wüsste« 
»Sowie er zum Bewusstsein kam hat ihm Bessas natürlich sofort alles mitgeteilt
hat ihm haarklein erzählt wie du befohlen das Tor gesperrt zu halten als
Belisar in seinem Blute davor lag den wütigen Teja auf den Fersen dass du
befohlen seine Leibwächter niederzuhauen die mit Gewalt öffnen wollten jedes
Wort von dir hat er berichtet auch deinen Ausruf Erst Rom dann Belisar und
hat deinen Kopf verlangt im Rat der Feldherren Ich erbebte Aber Belisarius
sprach er hat recht getan hier Prokop bring ihm mein eigen Schwert und die
ganze Rüstung die ich an jenem Tage trug zum Dank Und in dem Bericht an den
Kaiser hat er mir die Worte diktiert Cetegus hat Rom gerettet und nur
Cetegus Schick ihm den Patriciat von Byzanz«
    »Ich danke ich habe Rom nicht für Byzanz gerettet«  »Das brauchst du mir
nicht erst zu sagen unattischer Römer«
    »Ich bin nicht in attischer Laune Lebensretter Was war dein Dank«
    »Still Er weiß nichts davon Und soll es nie erfahren«
    »Syphax Wein  So viel Edelsinn kann ich nicht vertragen Es macht mich
schwach Nun wie war der Reiterspass«
    »Freund das war kein Spaß Sondern der furchtbarste Ernst der mir noch
begegnet Um ein Haar fehlte es so war Belisar verloren«
    »Ja es ist jenes Eine Haar um das es immer fehlt bei diesen Goten Dumme
Tölpel sind sie samt und sonders«
    »Du sprichst als wär es dir sehr leid dass Belisar nicht umgekommen«
    »Recht wär ihm geschehen Ich hab ihn dreimal gewarnt Er sollte endlich
wissen was einem alten Feldherrn ziemt und was einem jungen Raufbold«
    »Höre« sagte Prokop ihn ernstaft betrachtend »du hast dir ein Recht
erworben so zu sprechen vor dem Grabmal Hadrians Früher wenn du des Mannes
Heldentum herabzogst «  »Dachtest du ich spräche aus Neid gegen den tapfern
Belisar Hört es ihr unsterblichen Götter«
    »Ja zwar deine gepidischen Lorbeern « 
    »Lass mich mit diesen Knabenstreichen zufrieden Freund wenn es gilt muss
man den Tod verachten sonst aber vorsichtig das Leben lieben Denn nur die
Lebendigen herrschen und lachen nicht die stummen Toten Das ist meine
Weisheit und nenn es meine Feigheit wenn du willst Also  euer Überfall 
machs kurz Wie gings«
    »Scharf genug Als wir die Gegend erkundet hatten  alles schien frei vom
Feind und sicher zum Futterholen  da wandten wir die Rosse allmählich wieder
gegen die Stadt die wenigen Ziegen und die mageren Schafe die wir aufgetrieben
in der Mitte Belisar voran der junge Severinus Johannes und ich an seiner
Seite Plötzlich wie wir aus dem Dorf ad aras Bacchi ins Freie kommen jagen
aus den Gehölzen zu beiden Seiten der valerischen Straße von links und rechts
gotische Reiter auf uns zu Ich sah dass sie uns stark überlegen waren und riet
die Flucht mitten durch sie hindurch auf der Straße nach Rom zu versuchen Aber
Belisar meinte Viele sind es doch nicht allzu viele und sprengte gegen die
Angreifer zur Linken ihre Reihen zu durchbrechen Doch da kamen wir übel an
die Goten ritten besser und fochten besser als unsre mauretanischen Reiter und
ihre Führer Totila und Hildebad  jenen erkannte ich an den langflatternden
gelben Haaren und diesen an der ungeschlachten Größe  hielten sichtlich scharf
auf den Feldherrn selbst Wo ist Belisar und sein Mut schrie der lange Hildebad
vernehmlich durch das Klirren der Waffen
    Hier antwortete dieser unverzüglich und ehe wir ihn abhalten konnten
hielt er schon dem Riesen gegenüber Der war nicht faul und hieb ihm mit seinem
wuchtigen Beil auf den Helm dass der goldene Kamm mit dem weißen Rosshaarbüschel
zerschmettert zur Erde rollte und Belisars Haupt bis auf den Kopf des Pferdes
niederfuhr Und schon holte jener zum zweiten dem tödlichen Streiche aus da
war der junge Severinus des Boëtius Sohn heran und fing den Hieb mit dem
runden Schilde auf Aber das Beil des Barbaren drang durch den Schild und flog
noch tief in den Hals des edelen Jünglings Er stürzte«  Prokop stockte in
schmerzlichen Gedanken
    »Tot« fragte Cetegus ruhig
    »Ein alter Freigelassener seines Vaters der ihn begleitete trug ihn aus
dem Gefecht Doch starb er schon so hört ich eh er das Dorf erreichte« 
»Ein schöner Tod« sagte Cetegus »Syphax einen neuen Becher Wein«
    »Belisar hatte sich aber inzwischen aufgerafft und stieß nun in großem Zorn
mit seinem Speer dem Goten so gewaltig auf die Brustplatte seines Harnisches
dass er der Länge nach vom Pferde flog Laut jubelten wir auf aber der junge
Totila« 
    »Nun«
    »Sah kaum seinen Bruder fallen als er sich grimmig durch die Lanzen der
Leibwächter Bahn brach zu Belisar Aigan sein Bannerträger wollte ihn decken
aber des Goten Schwert traf seinen linken Arm er riss ihm die Fahne aus der
erschlafften Hand und warf sie dem nächsten Goten zu Laut auf schrie Belisar
vor Zorn und wandte sich gegen ihn aber der junge Totila ist rasch wie der
Blitz und zwei scharfe Hiebe trafen eh er sichs versah des Feldherrn beide
Schultern der wankte im Sattel und sank langsam vom Pferd das im selben
Augenblick ein Wurfspeer traf und niederwarf Gib dich gefangen Belisar rief
Totila
    Der Feldherr hatte gerade noch die Kraft das Haupt verneinend zu schütteln
da sank er vollends zur Erde Rasch war ich abgesprungen hatte ihn auf mein
eigen Pferd gehoben und der Sorge des Johannes empfohlen der fünfzig
Leibwächter um ihn scharte und ihn schnell aus dem Getümmel flüchtend nach der
Stadt hin brachte«  »Und du«
    »Ich focht zu Fuß weiter Und es gelang mir da jetzt unsre Nachhut eintraf
 die Vorräte in der Mitte hatten wir preisgegeben  das Gefecht gegen Totila
zu stellen Aber nicht auf lange Denn nun war auch die zweite Schar der
gotischen Reiter heran wie der Sturmwind sauste der schwarze Teja herzu
durchbrach unsern rechten Flügel der ihm zunächst stand von vorn durchbrach
dann meine eigene gegen Totila gerichtete Front von der Flanke und zersprengte
unsern ganzen Schlachtaufen Ich gab das Gefecht verloren ergriff ein ledig
Ross und eilte dem Feldherrn nach Aber auch Teja hatte die Richtung von dessen
Flucht erkannt und jagte uns wütend nach An der fulvischen Brücke holte er die
Bedeckung ein Johannes und ich hatten mehr als die Hälfte der noch übrigen
Leibwächter an der Brücke aufgestellt den Übergang zu wehren unter Principius
dem tapfern Pisidier und Tarmut dem riesigen Isaurier Dort fielen sie alle
dreißig zuletzt auch die beiden treuen Führer von dem Schwerte des Teja
allein wie ich vernahm Dort fiel die Blüte von Belisars Leibwächtern darunter
viele meiner nächsten Waffenfreunde Alamundarus der Sarazene Artasines der
Perser Zanter der Armenier Longinus der Isaurier Bucha und Chorsamantes die
Massageten Kutila der Trakier Hildeger der Vandale Juphrut der Maure
Teodoritos und Georgios die Kappadokier Aber ihr Tod erkaufte unsre Rettung
Wir holten hinter der Brücke unser hier zurückgelassenes Fußvolk ein das dann
noch die feindlichen Reiter so lang beschäftigte bis das Tiburtinische Tor
sich  spät genug  dem wunden Feldherrn öffnete Dann eilt ich als wir ihn
auf einer Sänfte Antoninens Pflege zugesandt an das Grabmal Hadrians wo wie
es hieß die Stadt genommen sei und fand dich dem Tode nah«
    »Und was hat jetzt Belisar beschlossen«
    »Seine Wunden sind nicht so schwer wie die deine und doch die Heilung
langsamer Er hat den Goten den Waffenstillstand gewährt den sie verlangten
ihre vielen Toten zu bestatten«
    Cetegus fuhr auf von den Kissen »Er hätte ihn verweigern sollen Keine
unnütze Verzögerung der Entscheidung mehr ich kenne diese gotischen Stiere nun
haben sie sich die Hörner stumpf gestürmt jetzt sind sie müd und mürbe
    Jetzt kam die Zeit für einen letzten Schlag den ich schon lang ersonnen
Die Hitze draußen in der glühenden Ebene werden ihre großen Leiber schlecht
ertragen schlechter den Hunger am schlechtesten den Durst  Denn der Germane
muss saufen wenn er nicht schnarcht oder prügelt Nun braucht man nur ihren
vorsichtigen König noch ein wenig einzuschüchtern Sage Belisar meinen Gruß und
mein Dank für sein Schwert sei mein Rat Er solle noch heute den gefürchteten
Johannes mit achttausend Mann durch das Picenum gegen Ravenna schicken die
flaminische Straße ist frei und wird wenig gedeckt sein denn Witichis hat die
Besetzungen aller Festungen hierher gezogen und leichter gewinnen wir jetzt
Ravenna als die Barbaren Rom Sowie aber der König Ravenna seinen allerletzten
Hort bedroht sieht wird er eilen ihn um jeden Preis zu retten Er wird sein
Heer hinwegziehen von diesen uneinnehmbaren Mauern und wieder der Verfolgte
statt des Verfolgers sein«  »Cetegus« sprach Prokop aufspringend »du bist
ein großer Feldherr«  »Nur nebenbei Prokopius geh jetzt und grüße mir den
großen Sieger Belisar«
 
                              Fünfzehntes Kapitel
An dem letzten Tage des Waffenstillstandes konnte Cetegus bereits wieder auf
den Wällen des Grabmals Hadrians erscheinen wo ihn seine Legionare und Isaurier
mit lautem Zuruf begrüßten Sein erster Gang war zu dem Grabmal des
Kallistratos er legte auf die schwarze Marmorplatte einen Kranz von Lorbeern
und von Rosen nieder Während er von hier aus die Verstärkung der Befestigungen
anordnete brachte ihm Syphax ein Schreiben von Mataswinta
    Es lautete lakonisch genug »Mach bald ein Ende Nicht länger kann ich den
Jammer ansehen Die Bestattung von vierzigtausend Männern meines Volks hat mir
die Brust zerrissen Die Klagelieder schienen alle mich anzuklagen Währt das
noch länger so erlieg ich Der Hunger wütet furchtbar in dem Lager Ihre
letzte Hoffnung ist eine große Zufuhr von Getreide und Vieh die aus Südgallien
unter Segel ist An den nächsten Kalenden wird sie auf der Höhe von Portus
erwartet Handle danach  aber mach rasch ein Ende«
    »Triumph« sprach der Präfekt »die Belagerung ist aus Unsre kleine Flotte
lag bisher fast müßig zu Populonium Jetzt soll sie Arbeit finden Diese Königin
ist die Erinnys der Barbaren« Und er ging selbst zu Belisar der ihn mit edler
Grossheit empfing 
    In derselben Nacht der letzten der Waffenruhe zog Johannes zum
pincianischen Tore hinaus dann links nach der flaminischen Straße schwenkend
Ravenna war sein Ziel Und eilende Boten flogen zur See mit raschen Segeln nach
Populonium wo sich ein kleines römisches Geschwader gesammelt hatte Der Kampf
um die Stadt ruhte trotz Ablauf des Waffenstillstands fast ganz Eine Woche
darauf etwa machte der König der sein Schmerzenslager zum erstenmal verließ
in Begleitung seiner Freunde den ersten Gang durch die Zelte Drei von den
sieben vormals menschenwimmelnden Lagern waren völlig verödet und aufgegeben
auch die übrigen vier waren nur noch spärlich bevölkert Todmüde ohne Klage
aber auch ohne Hoffnung lagen die abgemagerten Gestalten von Hunger und Fieber
verzehrt vor ihren Zelten
    Kein Zuruf kein Gruß erfreute den wackeren König auf seinem
schmerzensreichen Gang kaum dass sie die müden Augen aufschlugen bei dem Schall
der nahenden Schritte
    Aus dem Innern der Zelte drang das laute Stöhnen der Kranken der
Sterbenden die den Wunden dem Mangel den Seuchen erlagen Kaum fand man die
hinlängliche Zahl von Gesunden die nötigsten Posten zu beziehen Die Wachen
schleppten die Speere hinter sich her zu matt sie aufrecht oder auf der
Schulter zu tragen
    Die Heerführer kamen an die Schanzen vor dem aurelischen Tor im Wallgraben
lag ein junger Schütz und kaute an dem bitteren Gras Hildebad rief ihm zu »Beim
Hammer Guntamund was ist das deine Sehne ist ja gesprungen was ziehst du
keine andre auf«  »Kann nicht Herr die Sehne sprang gestern bei meinem
letzten Schuss Und ich und die drei Bursche neben mir wir haben die Kraft
nicht eine neue aufzuziehen« Hildebad gab ihm einen Trunk aus seiner
Lederflasche »Hast du auf einen Römer geschossen«  »O nein Herr« sagte der
Mann »eine Ratte nagte dort an der Leiche Ich traf sie glücklich und wir
teilten sie zu viert«
    »Iffaswint wo ist dein Oheim Iffamer« fragte der König »Tot Herr«
    »Er fiel hinter dir als er dich hinwegtrug Vor dem verfluchten
Marmorgrab«
    »Und dein Vater Iffamut«  »Auch tot Er vertrugs nicht mehr das giftige
Wasser aus den Pfützen Der Durst König brennt noch heißer als der Hunger Und
es will ja nicht regnen aus diesem bleiernen Himmel« »Ihr seid alle aus dem
Atesistal« »Ja Herr König vom Iffinger Berg O welch köstlich Quellwasser
dort daheim«
    Teja sah in einiger Entfernung einen andern Krieger aus seiner Sturmhaube
trinken Seine Züge verfinsterten sich noch mehr »He du Arulf« rief er ihm
zu »du scheinst nicht Durst zu leiden«  »Nein ich trinke oft« sprach der
Mann »Was trinkst du«  »Das Blut von den Wunden der Frischgefallnen Anfangs
ekelts sehr aber man gewöhnts in der Verzweiflung«
    Schaudernd schritt Witichis weiter »Schick all meinen Wein ins Lager
Hildebad Die Wachen sollen ihn teilen«  »All deinen Wein O König mein
Schenkamt ist gar leicht geworden Du hast noch anderthalb Krüge Und
Hildebrand dein Arzt sprach du sollst dich stärken«
    »Und wer stärkt diese Hildebad Die Not macht sie zu wilden Tieren«
    »Komm mit nach Hause« mahnte Totila des Königs Mantel ergreifend »Hier
ist nicht gut sein«
    Im Zelt des Königs angelangt setzten sich die Freunde schweigend um den
schönen Marmortisch der auf goldnen Gefässen steinhartes verschimmeltes Brot
aufwies und wenige Stücke Fleisch »Es war das letzte Pferd aus den königlichen
Ställen« sagte Hildebad  »bis auf Boreas«  »Boreas wird nicht geschlachtet
 mein Weib mein Kind sind auf seinem Rücken gesessen«
    Und er stützte das müde Haupt auf die beiden Hände eine neue schwere Pause
trat ein »Freunde« hob er endlich an »das geht nicht länger also Unser Volk
verdirbt vor diesen Mauern Mein Entschluss ist schwer und schmerzlich gereift
«
    »Sprichs noch nicht aus o König« rief Hildebad »In wenig Tagen trifft
Graf Odoswint von Cremona ein mit der Flotte und wir schwelgen in allem
Guten«
    »Er ist noch nicht da« sprach Teja
    »Und unser Verlust an Menschen so schwer er ist« ermutigte Totila »wird
er nicht durch frische Mannschaft ersetzt wenn Graf Ulitis von Urbinum
eintrifft mit den Besatzungen die der König aus den Festen von Ravenna bis Rom
weggezogen hat unsre leeren Zelte zu füllen«
    »Auch Ulitis ist noch nicht da« sprach Teja »Er soll noch in Picenum
stehen Und kommt er glücklich an so wird der Mangel im Lager noch größer«
    »Doch auch die Römerstadt muss fasten« meinte Hildebad das harte Brot mit
der Faust auf dem Steintisch zerschlagend »Lass sehen wers länger aushält«
    »Oft hab ichs überdacht in schweren Tagen und schlummerlosen Nächten«
fuhr der König langsam fort
    »Warum warum das alles so kommen musste Nach bestem Gewissen hab ich immer
wieder Recht und Unrecht abgewogen zwischen unsern Feinden und uns und ich
kanns nicht anders finden als dass Recht und Treue auf unsrer Seite stehen Und
wahrlich an Kraft und Mut haben wirs nicht fehlen lassen«
    »Du am wenigsten« sagte Totila
    »Und an keinem schwersten Opfer« seufzte der König »Und wenn nun doch wie
wir alle sagen ein Gott im Himmel waltet gerecht und gut und allgewaltig
warum lässt er all dies ungeheure unverdiente Elend zu Warum müssen wir
erliegen vor Byzanz«
    »Wir dürfen aber nicht erliegen« schrie Hildebad »Ich habe nie viel
gegrübelt über unsern Herrgott Aber wenn er das geschehen ließe müsste man
Sturm laufen gegen den Himmel und ihm seinen Thron mit Keulen zerschlagen«
    »Lästre nicht mein Bruder« sprach Totila »Und du mein edler König Mut
und Vertrauen
    Ja es waltet ein gerechter Gott dort über den Sternen Drum muss zuletzt die
gute Sache siegen Mut mein Witichis und Hoffnung bis ans Ende«
    Aber der Tiefgebeugte schüttelte das Haupt »Ich gestehe es euch ich habe
aus diesem Irrsal aus den schrecklichen Zweifeln an Gottes Gerechtigkeit nur
einen Ausweg gefunden Es kann nicht sein dass wir all dies schuldlos leiden
Und da unsres Volkes Sache zweifellos gerecht so muss verborgne Schuld an mir
an eurem König haften Wiederholt erzählen unsre Lieder aus der Heidenzeit hat
sich ein König für sein Volk selbst den Göttern geopfert wenn Unsieg Seuche
Misswachs jahrelang den Stamm verfolgte Er hat die verborgne Schuld auf sich
genommen die auf den Volksgenossen zu lasten schien und sie durch Tod gebüßt
oder indem er ohne die Krone ins Elend ging ein friedloser Landflüchtiger 
Lasst mich die Krone abtun von diesem Haupt ohne Glück noch Stern Wählt einen
andern dem Gott nicht zürnt wählt Totila oder «
    »Das Wundfieber faselt noch aus dir« unterbrach ihn der alte Waffenmeister
»Du mit Schuld beladen du der Treueste von uns allen Nein ich wills euch
sagen ihr Kinder allzujunger Tage die ihr der Väter alte Kraft mit der Väter
altem Glauben verloren habt und nun keinen Trost wisst für eure Herzen Mich
erbarmt eurer Reden ohne Zuversicht«  Und seine grauen Augen leuchteten in
seltnem Glanze über die Freunde hin »Alles was hier auf Erden erfreut und
schmerzt ist kaum der Freude noch des Schmerzes wert Nur auf eines kommt es
hier unten an ein treuer Mann gewesen sein kein Neiding und den Schlachttod
sterben nicht den Strohtod Den treuen Helden aber tragen die Walküren aus dem
blutigen Feld auf roten Wolken hinauf in Odhins Saal wo die Einheriar mit
vollen Bechern ihn begrüßen Dann reitet er alltäglich mit ihnen hinaus zu Jagd
und Waffenspiel beim Morgenlicht und wieder herein zu Trunk und Skaldensang in
goldner Halle beim Abendlicht Und schöne Schildjungfrauen kosen mit den Jungen
und weise Vorzeitrunen raunen wir Alten mit den alten Helden der Vorzeit Und
ich werde sie alle wiederfinden die starken Gesellen meiner Jugend den kühnen
Winitar und Herrn Waltaris von Aquitanien und Guntaris den Burgunden Und
schauen werd ich auch ihn dessen Anblick ich lange begehrt Herrn Beowulf den
Geaten und aus grauen Urtagen den Cherusken der zuerst die Römer schlug von
dem noch die Sänger der Sachsen singen und sagen Und wieder trag ich Schild
und Speer meinem Herrn dem König mit den Adleraugen Und so leben wir fort in
alle Ewigkeit in Licht und heller Freude vergessen der Erde hier unten und
alles ihres Wehs«
    »Ein schön Gedicht alter Heide« lächelte Totila »Wenn uns aber das nicht
mehr tröstet für wirkliches herznagendes Leid Sprich du doch auch Teja du
finstrer Gast Was ist dein Gedanke bei diesen unsern Leiden Nie fehlt uns dein
Schwert was versagst du dein Wort Was schweigt dein tröstender Harfenschlag
du liederkundiger Sänger«
    »Mein Wort« sagte Teja aufstehend »mein Wort und Gedanke wäre euch
vielleicht schwerer zu tragen als all dies Leid Lass mich noch schweigen mein
sonnenheller Totila Vielleicht kommt noch der Tag da ich dir Antwort gebe
Vielleicht auch zur Harfe spiele wenn dann noch eine Saite daran hält« Und er
schritt aus dem Zelte
    Denn draußen in dem Lager hatte sich ein wirrer rätselhafter Lärm von
rufenden fragenden Stimmen erhoben
    Die Freunde sahen ihm schweigend nach »Ich weiß wohl was er denkt« sagte
der alte Hildebrand endlich »Denn ich kenne ihn vom Knaben auf
    Er ist nicht wie andre Auch im Nordland denken manche so die nicht an Tor
und Odhin glauben sondern nur an die Not und ihre eigene Kraft und Stärke Es
ist fast zu schwer für ein Menschenherz Und glücklich  glücklich macht es
nicht wie er zu denken Mich wundert dass er singt und Harfe schlägt dabei«
    Da riss Teja wieder eintretend die Zeltvorhänge auf sein Antlitz war noch
bleicher als zuvor seine dunkeln Augen blitzten aber seine Stimme war ruhig
wie sonst da er sprach »Brich das Lager ab König Witichis Unsre Schiffe sind
bei Ostia in der Feinde Hand gefallen Sie haben Graf Odoswints Kopf ins Lager
geschickt Und sie lassen auf den Wällen Roms vor den Augen unsrer Wachen von
den gefangenen Goten die erbeuteten Rinder schlachten Große Verstärkungen aus
Byzanz unter Valerian und Eutalius Hunnen Sclavenen und Anten hat eine
segelreiche Flotte aus Byzanz in den Tiber geführt Denn der blutige Johannes
hat das Picenum durchzogen « 
    »Und Graf Ulitis«
    »Er hat Ulitis geschlagen und getötet Ancona und Ariminum genommen Und «
    »Ist das noch nicht alles« rief der König
    »Nein Witichis Eile tut not Er bedroht Ravenna er steht nur noch wenige
Meilen von der Stadt«
 
                              Sechzehntes Kapitel
Am Tage nach dem Eintreffen dieser für die Goten so verhängnisvollen Nachrichten
hatte Witichis die Belagerung Roms aufgegeben und sein tief entmutigtes Heer aus
den vier noch übrigen Lagern herausgezogen
    Ein volles Jahr und neun Tage hatte die Einschliessung gewährt So viel Mut
und Kraft so viele Anstrengungen und Opfer waren vergeblich gewesen
    Schweigend zogen die Goten an den stolzen Wällen vorüber an denen ihr Glück
und ihre Macht zerschellt waren Schweigend trugen sie die höhnenden Worte die
Römer und »Romäer« Byzantiner ihnen von den sichern Zinnen herab zuriefen Ihr
Zorn und ihre Trauer waren zu groß um durch solchen Spott getroffen zu werden
    Aber als Belisars Reiterei aus dem pincianischen Tore brechend die
Abziehenden verfolgen wollte wurde sie grimmig zurückgewiesen Denn Graf Teja
führte die gotische Nachhut
    So zog das Heer von Rom auf der flaminischen Straße durch Picenum in raschen
Märschen obwohl den von den Feinden besetzten Plätzen Narnia Spoletium und
Perusium ausgewichen werden musste nach Ravenna wo Witichis zur rechten Zeit
eintraf die gefährliche Stimmung der Bevölkerung die auf die Kunde von dem
Unglück der Barbaren schon mit dem drohenden Johannes in geheime Verhandlungen
getreten war zu unterdrücken
    Johannes zog sich bei der Annäherung der Goten in seine letzte wichtige
Eroberung Ariminum zurück In Ancona lag Konon der Nauarch Belisars mit den
trakischen Speerträgern und mit Kriegsschiffen
    Der König führte aber keineswegs sein ganzes von der Belagerung Roms
aufgebrochenes Heer nach Ravenna sondern hatte unterwegs viele Mannschaften in
Festungen verteilt Eine Tausendschaft ließ er unter Gibimer in Klusium in
Tuscien eine andre in Urbs Vetus unter Albila eine halbe in Tudertum unter
Wulfgis in Auximum vier Tausendschaften unter Graf Wisand dem tapfern
Bandalarius in Urbinum zwei unter Morra in Kaesena und Monsferetrus je eine
halbe Hildebrand entsandte er nach Verona Totila nach Tarvisium und Teja nach
Ticinum da auch der Nordosten der Halbinsel durch byzantinische von Istrien
aus drohende Truppen gefährdet wurde
    Er tat dies übrigens noch aus andern Gründen
    Einmal um Belisar auf dem Wege nach Ravenna aufzuhalten Dann um im Fall
einer Einschliessung nicht wieder sobald durch die große Stärke des Heeres dem
Mangel ausgesetzt zu sein Und endlich um für den nämlichen Fall die Belagerer
auch vom Rücken und zwar von mehreren Seiten her beunruhigen zu können Sein
Plan war zunächst die seinem Hauptstützpunkt Ravenna drohende Gefahr
abzuwenden und sich mit seinen zerrütteten Streitkräften auf die Verteidigung
zu beschränken bis fremde Hilfstruppen langobardische und fränkische die er
erwartete ihn in den Stand setzen wurden wieder das offene Feld zu halten
    Aber die Hoffnung Belisar auf seinem Wege nach Ravenna durch diese
gotischen Burgen hinzuhalten erfüllte sich nicht Er begnügte sich sie durch
beobachtende Truppen einzuschliessen und zog ohne weiteres gegen die Hauptstadt
und den letzten bedeutenden Waffenplatz der Goten »Habe ich das Herz zum Tode
getroffen« sagte er »werden sich die geballten Fäuste von selbst öffnen«
                                       
    Und so dehnten sich alsbald um die Königsstadt Teoderichs in weit
gestrecktem Bogen die Zelte der Byzantiner an allen drei Landseiten von der
Hafenstadt Klassis an bis zu den Kanälen und Zweigarmen des Padus die im Westen
besonders die Verteidigung der Festungslinien bildeten
    Zwar hatte die alte vornehme Stadt damals schon viel verloren von dem
Schimmer in dem sie seit zwei Jahrhunderten fast strahlte als Residenz der
Imperatoren und auch das letzte Abendrot das die glorreiche Regierung
Teoderichs über sie gebreitet war seit dem Ausbruch des Krieges verschwunden
    Aber gleichwohl Welche andern Eindruck muss damals die immer noch
volkreiche dem heutigen Venedig gleichende Wasserstadt gemacht haben als heute
wo es den Wandrer aus den ausgestorbnen Straßen den leeren Plätzen den einsam
schweigenden Basiliken nicht minder melancholisch anhaucht als draußen vor den
Mauern der Stadt wo sich weithin die öde Sumpflandschaft der Padusniederungen
dehnt bis sie in den Schlamm des weit zurückgetretenen Meeres auslaufen
    Wo einst in der Hafenstadt Klassis zu Wasser und zu Lande geschäftiges Leben
wogte wo die stolzen Trieren der kaiserlichen Adriaflotte tief schaukelnd sich
wiegten da liegen jetzt sumpfige Wiesen in deren hohem Schilf und Riedgras
verwilderte Büffel grasen versumpft die Straßen versandet der Hafen
verschollen das Volk das hier freudig geherrscht  nur ein riesiger runder
Turm aus der Gotenzeit steht noch neben der allein erhaltnen einsamen Basilika
San Apollinare in Klasse fuori die von Witichis begonnen von Justinian
vollendet nun eine Stunde fern von aller Menschenwohnung auf der sumpfigen
Ebene trauernd ragt
    Die starke Seefestung galt für uneinnehmbar darum hatten sie seit dem
Sinken ihrer Macht und der wachsenden Gefährdung Italiens durch die Barbaren
die Kaiser zur Residenz gewählt Die Südostseite deckte das damals noch bis an
und in ihre und der Hafenstadt Mauern spülende Meer
    Und um alle drei Landseiten hatten Natur und Kunst ein labyrintisches Netz
von Kanälen Gräben und Sümpfen des vielarmigen Padus gesponnen in welchem sich
der Belagerer rettungslos verstricken musste Und diese Mauern noch jetzt
erfüllen ihre gewaltigen Reste mit Staunen ihre ungeheure Dicke und  weniger
ihre Höhe als  die Anzahl von starken Rundtürmen die von ihren Zinnen noch
heute aufsteigen trotzten vor der Erfindung der Feuerwaffe jedem Sturm jedem
gewaltsamen Angriff Nur durch Aushungerung hatte nach fast vierjährigem
Widerstand der große Teoderich diese letzte Zuflucht Odoakars bezwungen
    Vergebens hatte Belisar versucht gleich nach seiner Ankunft die Stadt mit
Sturm zu nehmen Kräftig ward sein Angriff abgewiesen und die Belagerer mussten
sich begnügen die Festung enge zu umschließen und wie einst der Gotenkönig
durch Mangel zur Übergabe zu nötigen Dem aber konnte Witichis getrost
entgegensehn Denn er hatte mit der Vorsicht die ihm eigen in diesem seinem
Hauptbollwerk schon vor dem Aufbruch nach Rom Vorräte aller Art namentlich
aber Getreide in außerordentlicher Menge in besonders von ihm mit Benutzung
und in den Räumen des ungeheuren Marmorzirkus des Teodosius erbauten
Kornspeichern von Holzgezimmer aufgehäuft Diese ausgedehnten Holzbauten gerade
gegenüber dem Palast und der Basilika Sancti Apollinaris waren des Königs
Stolz Freude und Trost Nur weniges von diesen Nahrungsmitteln hatte man durch
das von den Feinden durchstreifte Land nach dem Lager vor Rom führen können und
bei einiger Sparsamkeit reichten diese Magazine ohne Zweifel für die Bevölkerung
und das nicht mehr zahlreiche Heer leicht noch zwei und drei Monate aus Bis
dahin aber war das Eintreffen eines fränkischen Hilfsheeres infolge der aufs
neue angeknüpften Verhandlungen sicher zu erwarten Und dieser Entsatz musste
notwendig die Aufhebung der Belagerung herbeiführen
    Dies wussten  oder ahnten doch  Belisar und Cetegus so gut wie Witichis
und rastlos spähten sie nach allen Seiten ein Mittel zu finden den Fall der
Stadt zu beschleunigen Der Präfekt suchte natürlich vor allem seine geheime
Verbindung mit der Gotenkönigin zu diesem Zwecke zu benutzen Aber einmal war
der Verkehr mit ihr jetzt sehr erschwert da die Goten alle Ausgänge der Stadt
sorgfältig überwachten Und dann schien auch Mataswinta wesentlich verändert
und keineswegs mehr so bereit und willfährig sich als Werkzeug gebrauchen zu
lassen wie ehedem
    Sie hatte eine rasche Vernichtung oder Demütigung des Königs erwartet Das
lange Hinzögern ermüdete sie und zugleich hatten die großen Leiden ihres Volkes
in Kampf und Hunger und Krankheit angefangen sie zu erschüttern
    Dazu kam endlich dass die traurige Verwandlung in dem sonst so kräftigen und
gesundfreudigen Wesen des Königs der stille aber tiefe und finstre Gram der
über seiner Seele lag mächtig an ihrem Herzen rüttelte Wenn sie auch mit der
ganzen Ungerechtigkeit des Schmerzes mit dem bitteren Stolz gekränkter Liebe ihn
verklagte dass er ihr Herz verworfen und doch um der Krone willen mit Gewalt
ihre Hand erzwungen hatte und wenn sie ihn dafür auch mit der ganzen
leidenschaftlichen Glut ihres Wesens zu hassen glaubte und zum Teil auch
wirklich hasste so war doch dieser Hass nur umgeschlagene Liebe Und als sie ihn
nun von dem schweren Unglück der gotischen Waffen von dem Fehlschlagen all
seiner Pläne  an dem ihr heimtückischer Verrat so großen Anteil trug  tief
bis zur krankhaftschwermütigen Verfinsterung des Geistes zu marternder
Selbstpeinigung niedergebeugt sah so wirkte dieser Anblick gewaltig auf ihre
aus Härte und Glut seltsam gemischte Natur
    Sie hätte im Augenblick des schmerzlichen Zornes mit Entzücken sein Blut
fließen sehen Aber mondenlang ihn mit bohrendem Gram sich selbst zerstören
sehen  das ertrug sie nicht Zu dieser weichern Stimmung trug aber endlich
wesentlich bei dass sie seit der Ankunft in Ravenna auch eine Veränderung in des
Königs Benehmen gegen sie selbst bemerkt zu haben glaubte Spuren von Reue
dachte sie von Reue über die Gewaltsamkeit mit welcher er in ihr Leben
eingegriffen hatte
    Und weil sich in diesem Glauben ihr hartes schroffes Auftreten bei den
selten und immer nur vor Dritten erfolgenden Begegnungen unwillkürlich gemildert
hatte erblickte Witichis hierin einen erfreulichen Schritt des Entgegenkommens
den er stillschweigend ebenfalls mit freundlicheren Formen anerkannte und
lohnte Grund genug für Mataswintens beweglich flutende Gedanken die Anträge
des Präfekten selbst wenn diese manchmal noch durch des klugen Mauren
Vermittlung an sie gelangten abzuweisen
    Doch hatte der Präfekt aus dieser Quelle schon während des Zuges gegen
Ravenna erfahren was später auch sonst bekannt wurde dass die Goten Hilfe von
den Franken erwarteten Unverzüglich hatte er deshalb seine alten Verbindungen
mit den Vornehmen und Großen die an den Höfen zu Mettis Metz Aurelianum
Orleans und Suessianum Soissons im Namen der merowingischen Schattenkönige
herrschten wieder angeknüpft um die Franken deren damals sprichwörtlich
gewordne Falschheit gute Aussicht auf Gelingen solcher Versuche gewährte von
dem gotischen Bündnis wieder abzuziehen
    Und als die Sache durch diese Freunde gehörig vorbereitet war hatte er an
König Teudebald der zu Mettis Hof hielt selbst geschrieben und ihn dringend
gewarnt bei einer so verlorenen Sache wie die gotische seit dem Scheitern der
Belagerung Roms offenbar geworden sich zu beteiligen Diesen Brief hatten
reiche Geschenke an seinen alten Freund den Majordomus des schwachen Königs
begleitet und sehnlich erwartete der Präfekt von Tag zu Tag die Antwort auf
denselben um so sehnlicher als das veränderte Benehmen Mataswintens die
Hoffnung auf raschere Überwältigung der Goten abgeschnitten hatte
    Die Antwort kam gleichzeitig mit einem kaiserlichen Schreiben aus Byzanz
an einem für die Helden in und außer Ravenna gleich verhängnisvollen Tage
 
                              Siebzehntes Kapitel
Hildebad ungeduldig über das lange Müssigliegen hatte aus der ihm zu besonderer
Obhut anvertrauten Porta Faventina mit Tagesanbruch einen heftigen Ausfall auf
das byzantinische Lager gemacht anfangs in ungestümem Anlauf rasche Vorteile
errungen einen Teil der Belagerungswerkzeuge verbrannt und ringsum Schrecken
verbreitet
    Er hätte unfehlbar noch viel größeren Schaden angerichtet wenn nicht der
rasch herbeieilende Belisar an diesem Tage all seine Feldherrnschaft und all
sein Heldentum zugleich entfaltet hätte Ohne Helm und Harnisch wie er vom
Lager aufgesprungen hatte er sich zuerst seinen eignen fliehenden Vorposten
dann den gotischen Verfolgern entgegengeworfen und durch äußerste persönliche
Anstrengung und Aufopferung das Gefecht zum Stehen gebracht Darauf aber hatte
er seine beiden Flanken so geschickt verwendet dass Hildebads Rückzug ernstlich
bedroht war und die Goten um nicht abgeschnitten zu werden all ihre
errungenen Vorteile aufgeben und schleunigst in die Stadt zurückeilen mussten
    Cetegus der mit seinen Isauriern vor der Porta Honoriana lag und zur Hilfe
herbeikam fand das Treffen schon beendet und konnte nicht umhin nachher
Belisar in seinem Zelte aufzusuchen und ihm als Feldherrn wie als Krieger
seine Anerkennung auszusprechen ein Lob das Antonina begierig einsog
»Wirklich Belisarius« schloss der Präfekt »Kaiser Justinian kann dir das nicht
vergelten«
    »Da sprichst du wahr« antwortete Belisar stolz »er vergilt mir nur durch
seine Freundschaft Für seinen Feldherrnstab könnte ich nicht tun was ich für
ihn schon getan habe und noch immer tue Ich tus weil ich ihn wirklich liebe
Denn er ist ein großer Mann mit allen seinen Schwächen Wenn er nur Eins noch
lernte mir vertrauen Aber getrost  er wirds noch lernen«
    Da kam Prokop und brachte einen Brief von Byzanz der soeben von einem
kaiserlichen Gesandten überbracht worden Mit freudestrahlendem Antlitz sprang
Belisar aller Müdigkeit vergessen vom Polster auf küsste die purpurnen
Schnüre durchschnitt sie dann mit dem Dolch und öffnete das Schreiben mit den
Worten »Von meinem Herrn und Kaiser selbst Ah nun wird er mir die Leibwächter
senden und den lang geschuldeten Sold den ich erwarte und das vorgeschossene
Gold«
    Und er begann zu lesen
    Aufmerksam beobachteten ihn Antonina Prokop und Cetegus seine Züge
verfinsterten sich mehr und mehr seine breite Brust fing an sich wie in
schwerem Krampf zu heben die beiden Hände mit welchen er das Schreiben hielt
zitterten Besorgt trat Antonina heran aber ehe sie fragen konnte stieß
Belisar einen dumpfen Schrei der Wut aus schleuderte das kaiserliche Schreiben
auf die Erde und stürzte außer sich aus dem Gezelt eilend folgte ihm seine
Gattin
    »Jetzt darf ihm nur Antonina vor die Augen« sagte Prokop den Brief
aufhebend »Lass sehen wohl wieder ein Stücklein kaiserlichen Dankes«  und er
las »Der Eingang ist Redensart wie gewöhnlich  aha jetzt kommt es besser
    Wir können gleichwohl nicht verhehlen dass wir nach Deinen eignen früheren
Berühmungen eine raschere Beendigung des Krieges gegen diese Barbaren erwartet
hätten und glauben auch dass eine solche bei größerer Anstrengung nicht
unmöglich gewesen wäre Deshalb können wir Deinem wiederholt geäusserten Wunsche
nicht entsprechen Dir Deine übrigen fünftausend Mann Leibwächter die noch in
Persien stehen sowie die vier Zentenare Goldes nachzusenden die in Deinem
Palaste in Byzanz liegen
    Allerdings sind beide wie Du in Deinem Briefe ziemlich überflüssigermassen
bemerkst Dein Eigentum und Dein in demselben Brief geäusserter Entschluss Du
wolltest diesen Gotenkrieg bei dermaliger Erschöpfteit des kaiserlichen Säckels
aus eignen Mitteln zu Ende führen verdient dass wir ihn als pflichtgetreu
bezeichnen Da aber wie Du in gleichem Briefe richtiger hinzugefügt all Dein
Hab und Gut Deines Kaisers Majestät zu Diensten steht und kaiserliche Majestät
die erbetene Verwendung Deiner Leibwächter und Deines Goldes in Italien für
überflüssig halten muss so haben wir Deiner Zustimmung gewiss anderweitig
darüber verfügt und bereits Truppen und Schätze zur Beendung des Perserkriegs
Deinem Kollegen Narses übergeben  Ha unerhört« unterbrach sich Prokop
    Cetegus lächelte »Das ist Herrendank für Sklavendienst«
    »Auch das Ende scheint hübsch« fuhr Prokopius fort  Eine Vermehrung
Deiner Macht in Italien aber scheint uns um so minder wünschbar als man uns
wieder täglich vor Deinem ungemessenen Ehrgeiz warnt
    Erst neulich sollst du beim Weine gesagt haben das Zepter sei aus dem
Feldherrnstab und dieser aus dem Stock entstanden gefährliche Gedanken und
ungeziemende Worte
    Du siehst wir sind von Deinen ehrgeizigen Träumen unterrichtet
    Diesmal wollen wir warnen ohne zu strafen aber wir haben nicht Lust Dir
noch mehr Holz zu deinem Feldherrnstab zu liefern und wir erinnern Dich dass
die stolzest ragenden Wipfel dem kaiserlichen Blitz am nächsten stehen
    »Das ist schändlich« rief Prokop »Nein das ist schlimmer es ist dumm«
sagte Cetegus »Das heißt die Treue selbst zum Aufruhr peitschen«
    »Recht hast du« schrie Belisar der wieder hereinstürmend diese Worte
noch gehört hatte »Oh er verdient Aufruhr und Empörung der undankbare
boshafte schändliche Tyrann«
    »Schweig Um aller Heiligen willen du richtest dich zugrunde« beschwor ihn
Antonina die mit ihm wieder eingetreten war und suchte seine Hand zu fassen
    »Nein ich will nicht schweigen« rief der Zornige an der offenen Zelttür
auf und nieder rennend vor welcher Bessas Acacius Demetrius und viele andre
Heerführer mit Staunen lauschend standen »Alle Welt solls hören Er ist ein
undankbarer heimtückischer Tyrann Ja du verdientest dass ich dich stürzte Dass
ich dir täte nach dem Argwohn deiner falschen Seele Justinianus«
    Cetegus warf einen Blick auf die draußen Stehenden sie hatten offenbar
alles vernommen jetzt eifrig Antoninen winkend schritt er an den Eingang und
zog die Vorhänge zu Antonina dankte ihm mit einem Blicke Sie trat wieder zu
ihrem Gatten aber dieser hatte sich jetzt neben dem Zeltbett auf die Erde
geworfen schlug die geballten Fäuste gegen seine Brust und stammelte »O
Justinianus hab ich das um dich verdient O zu viel zu viel« Und plötzlich
brach der gewaltige Mann in einen Strom von hellen Tränen aus Da wandte sich
Cetegus verächtlich ab »Leb wohl« sagte er leise zu Prokopius »mich ekelt
es wenn Männer heulen«
 
                              Achtzehntes Kapitel
In schweren Gedanken schritt der Präfekt aus dem Zelt und ging das Lager
umwandelnd nach der ziemlich entlegenen Verschanzung wo er mit seinen
Isauriern sich eingegraben hatte vor dem Tor des Honorius Es war auf der
Südseite der Stadt nahe dem Hafenwall von Klassis und der Weg führte zum Teil
am Meeresstrand entlang
    So sehr den einsamen Wanderer in diesem Augenblick der große Gedanke der
der Pulsschlag seines Lebens geworden war beschäftigte so schwer die
Unberechenbarkeit Belisars dieses gefühlsüberschwenglichen Gemütsmenschen und
die Spannung wegen der Antwort der Franken gerade jetzt auf ihm lastete  doch
ward seine Merksamkeit wenn auch nur vorübergehend auf das aussergewöhnliche
Aussehen der Landschaft des Himmels der See der ganzen Natur abgezogen
    Es war Oktober  aber die Jahreszeit schien seit langen Wochen ihr Gesetz
geändert zu haben Seit zwei Monden fast hatte es nicht geregnet ja kein
Gewölk kein Streif von Nebel hatte sich in dieser sonst so dünstereichen
Sumpflandschaft gezeigt Jetzt plötzlich  es war gegen Sonnenuntergang 
bemerkte Cetegus im Osten über dem Meer am fernsten Horizont eine einzelne
rundgeballte rabenschwarze Wolke die seit kurzem aufgestiegen sein musste
    Die untertauchende Sonnenscheibe obwohl frei von Nebeln zeigte keine
Strahlen Kein Luftauch kräuselte die bleierne Flut des Meeres
    Keine noch so leise Welle spülte an den Strand In der weitgestreckten Ebene
regte sich kein Blatt an den Olivenbäumen Ja nicht einmal das Schilf in den
Sumpfgräben bebte
    Kein Laut eines Tieres kein Vogelflug war vernehmbar und ein fremdartiger
erstickender Qualm wie Schwefel schien drückend über Land und Meer zu liegen
und hemmte das Atmen Maultiere und Pferde schlugen unruhig gegen die Bretter
der Planken an welchen sie im Lager angebunden waren Einige Kamele und
Dromedare die Belisar aus Afrika mitgebracht wühlten den Kopf in den Sand 
    Schwer beklommen atmete der Wanderer mehrmals auf und blickte befremdet um
sich »Das ist schwül wie vor dem Wind des Todes in den Wüsten Ägyptens« sagte
er zu sich selber  »Schwül überall  außen und innen Auf wen wird sich der
lang versparte Groll der Natur und Leidenschaft entladen«
    Damit trat er in sein Zelt Syphax sprach zu ihm »Herr wär ich daheim
ich glaubte heute der Giftauch des Wüstengottes sei im Anzug« und er reichte
ihm einen Brief
    Es war die Antwort des Frankenkönigs Hastig riss Cetegus das große
prunkende Siegel auf
    »Wer hat ihn gebracht«
    »Ein Gesandter der nachdem er den Präfekten nicht getroffen sich zu
Belisar hatte führen lassen Er hatte den nächsten Weg  den durchs Lager 
verlangt Deshalb hatte ihn Cetegus verfehlt«
    Er las begierig »Teudebald König der Franken Cetegus dem Präfekten
Roms Kluge Worte hast Du uns geschrieben Noch klügere nicht der Schrift
vertraut sondern uns durch unsern Majordomus kundgetan Wir sind nicht übel
geneigt danach zu tun Wir nehmen Deinen Rat und die Geschenke die ihn
begleiten an Den Bund mit den Goten hat ihr Unglück gelöst Dies nicht unsre
Wandlung mögen sie verklagen
    Wen der Himmel verlässt von dem sollen auch die Menschen lassen wenn sie
fromm und klug Zwar haben sie uns den Sold für das Hilfsheer in mehreren
Zentenaren Goldes vorausbezahlt Allein das bildet in unsern Augen kein
Hindernis
    Wir behalten diese Schätze als Pfand bis sie uns die Städte in Südgallien
abgetreten welche in die von Gott und der Natur dem Reich der Franken
vorgezeichnete Gebietsgrenze fallen Da wir aber den Feldzug bereits vorbereitet
und unser tapferes Heer das schon den Kampf erwartet nur mit gefährlichem
Murren die Langeweile des Friedens tragen würde sind wir gewillt unsre
siegreichen Scharen gleichwohl über die Alpen zu schicken Nur anstatt für
gegen die Goten
    Aber freilich auch nicht für den Kaiser Justinianus der uns fortwährend
den Königstitel vorentält sich auf seinen Münzen Herrn von Gallien nennt uns
keine Goldmünzen mit eigenem Brustbild prägen lassen will und uns noch andre
höchst unerträgliche Kränkungen unsrer Ehre angetan Wir gedenken vielmehr
Unsre eigene Macht nach Italien auszudehnen
    Da wir nun wohl wissen dass des Kaisers ganze Stärke in diesem Lande auf
seinem Feldherrn Belisar beruht dieser aber eine große Zahl alter und neuer
Beschwerden gegen seinen undankbaren Herrn zu führen hat  so werden wir diesem
Helden antragen sich zum Kaiser des Abendlandes aufzuwerfen wobei wir ihm ein
Heer von hunderttausend Frankenhelden zu Hilfe senden und uns dafür nur einen
kleinen Teil Italiens von den Alpen bis Genua hin abtreten lassen werden
    Wir halten für unmöglich dass ein Sterblicher dieses Anerbieten ablehne
Falls Du zu diesem Plane mitwirken willst verheißen wir Dir eine Summe von
zwölf Zentenaren Goldes und werden gegen eine Rückzahlung von zwei Zentenaren
Deinen Namen in die Liste unsrer Tischgenossen aufnehmen Der Gesandte der Dir
diesen Brief gebracht Herzog Liutari hat unsern Antrag Belisar mitzuteilen«
    Mit steigender Erregung hatte Cetegus zu Ende gelesen
    Jetzt fuhr er auf »Ein solcher Antrag zu dieser Stunde  in dieser
Stimmung  er nimmt ihn an Kaiser des Abendlandes mit hunderttausend
Frankenkriegern Er darf nicht leben« 
    Und er eilte an den Eingang seines Zeltes Dort aber blieb er plötzlich
stehen »Tor der ich war« lächelte er kalt »Heissblütig noch immer Er ist ja
Belisar und nicht Cetegus Er nimmt nicht an Das wäre wie wenn der Mond sich
gegen die Erde empören wollte als ob der zahme Haushund plötzlich zum grimmigen
Wolfe würde Er nimmt nicht an Aber nun lass sehen wie wir die Niedertracht und
Gier dieses Merowingen nutzen Nein Frankenkönig« und er lächelte bitter auf
den zusammengeknitterten Brief »solang Cetegus lebt  nicht einen Fussbreit
von Italiens Boden«
    Und einen raschen heftigen Gang durchs Zelt Einen zweiten langsamern Und
einen dritten  nun blieb er stehen  und über seine mächtige Stirn zuckt es
hin »Ich hab es« frohlockte er »Auf Syphax« rief er »geh und rufe mir
Prokop« 
    Und bei einem neuen Durchschreiten des Gemachs fiel sein Blick auf den zur
Erde gefallenen Brief des Merowingen »Nein« lächelte er triumphierend ihn
aufhebend »nein Frankenkönig nicht so viel Raum als dieser Brief bedeckt
sollst du haben von Italiens heiliger Erde«
    Bald erschien Prokop Die beiden Männer pflogen über Nacht ernste schwere
Beratung Prokop erschrak vor den schwindelkühnen Plänen des Präfekten und
weigerte sich lange darauf einzugehen
    Aber mit überlegener Geistesmacht hatte ihn der gewaltige Mann umklammert
und hielt ihn eisern fest mit zwingenden Gedanken schlug jeden Einwand noch
eh er ausgesprochen mit siegender Überredung nieder und ließ nicht eher ab
seine unzerreissbaren und dichten Fäden um den Widerstrebenden zu ziehen bis dem
Eingesponnenen die Kraft des Widerstandes versagte 
    Die Sterne erblichen und das erste Tagesgrauen erhellte den Osten mit
blassem Streif als Prokopius von dem Freunde Abschied nahm »Cetegus« sagte
er aufstehend »ich bewundere dich
    Wär ich nicht Belisars  ich möchte dein Geschichtschreiber sein«
    »Interessanter wäre es« sagte der Präfekt ruhig »aber schwerer«
    »Doch graut mir vor der ätzenden Schärfe deines Geistes Sie ist ein Zeichen
der Zeit in der wir leben Sie ist wie eine blendendfarbige Giftblume auf einem
Sumpfe Wenn ich denke wie du den Gotenkönig durch sein eigen Weib zugrunde
gerichtet  «
    »Ich musste dir das jetzt sagen Leider hab ich in letzter Zeit wenig von
meiner schönen Verbündeten gehört«
    »Deine Verbündete Deine Mittel sind «  »Immer zweckmäßige«
    »Aber nicht immer   Gleichviel ich gehe mit dir  noch eine Strecke
Weges weil ich meinen Helden aus Italien fortaben will sobald als möglich Er
soll in Persien Lorbeeren sammeln statt hier Dornen Aber ich gehe nicht weiter
mit dir als bis  «
    »Zu deinem Ziel das versteht sich«
    »Genug Ich spreche sofort mit Antoninen ich zweifle nicht am Erfolg Sie
langweilt sich hier aufs tödlichste Sie brennt vor Begierde in Byzanz nicht
nur so manchen Freund wiederzufinden auch die Feinde ihres Gatten zu
verderben«
    »Eine gute schlechte Frau«
    »Aber Witichis Meinst du er wird eine Empörung Belisars für möglich
halten«
    »König Witichis ist ein guter Soldat und schlechter Psychologe Ich kenne
einen viel schärferen Kopf ders doch einen Augenblick für möglich hielt Und
du zeigst ihm ja alles schriftlich Und jetzt gerade da er von den Franken im
Stich gelassen ist geht ihm das Wasser an den Hals  er greift nach jedem
Strohhalm Daran also zweifle ich nicht  versichre dich nur Antoninens« 
    »Das lass meine Sorge sein Bis Mittag hoff ich als Gesandter in Ravenna
einzuziehn«
    »Wohl  dann vergiss mir nicht die schöne Königin zu sprechen«
 
                              Neunzehntes Kapitel
Und mittags ritt Prokop in Ravenna ein
    Er trug vier Briefe bei sich den Brief Justinians an Belisar die Briefe
des Frankenkönigs an Cetegus und an Belisar und einen Brief Belisars an
Witichis Diesen letztern hatte Prokop geschrieben und Cetegus hatte ihn
diktiert
    Der Gesandte hatte keine Ahnung in welcher Seelenverfassung er den König
der Goten und seine Königin antraf Der gesunde aber einfache Sinn des Königs
hatte schon seit geraumer Zeit begonnen unter dem Druck unausgesetzten Unglücks
zwar nicht zu verzagen jedoch sich zu verdüstern Die Ermordung seines einzigen
Kindes das herzzerfleischende Losreissen von seinem Weibe hatten ihn schwer
erschüttert  aber er hatte es getragen für den Sieg der Goten Und nun war
dieser Sieg hartnäckig ausgeblieben
    Trotz allen Anstrengungen war die Sache seines Volkes mit jedem Monat seiner
Regierung tiefer gefallen mit einziger Ausnahme des Gefechts bei dem Zug nach
Rom hatte ihm nie das Glück gelächelt
    Die mit so stolzen Hoffnungen unternommene Belagerung von Rom hatte mit dem
Verlust von drei Vierteln seines Heeres und traurigem Rückzug geendet Neue
Unglücksschläge Nachrichten die betäubend wie Keulenschläge auf den Helm in
dichter Folge sich drängten mehrten seine Niedergeschlagenheit und steigerten
sie zu dumpfer Hoffnungslosigkeit
    Fast ganz Italien außerhalb Ravenna schien Tag für Tag verloren zu gehen
Schon von Rom aus hatte Belisar eine Flotte gegen Genua gesendet unter Mundila
dem Heruler und Ennes dem Isaurier ohne Schwertstreich gewannen deren
gelandete Truppen den seebeherrschenden Hafen und von da aus fast ganz Ligurien
Nach dem wichtigen Mediolanum lud sie Datius der Bischof dieser Stadt selbst
von dort aus gewannen sie Bergomum Komum Novaria Andrerseits ergaben sich die
entmutigten Goten in Klusium und dem halbverfallnen Dertona den Belagerern und
wurden gefangen aus Italien geführt Urbinum ward nach tapferm Widerstand von
den Byzantinern erobert ebenso Forum Kornelii und die ganze Landschaft Ämilia
durch Johannes den Blutigen die Versuche der Goten Ancona Ariminum und
Mediolanum wieder zu nehmen scheiterten
    Noch schlimmere Botschaften aber trafen bald des Königs weiches Gemüt
    Denn inzwischen wütete der Hunger in den weiten Landschaften Ämilia
Picenum Tuscien Dem Pfluge fehlten Männer Rinder und Rosse
    Die Leute flüchteten in die Berge und Wälder buken Brot aus Eicheln und
verschlangen das Gras und Unkraut Verheerende Krankheiten entstanden aus der
mangelnden oder ungesunden Nahrung In Picenum allein erlagen fünfzigtausend
Menschen noch mehr jenseit des Ionischen Meerbusens in Dalmatien dem Hunger
und den Seuchen Bleich und abgemagert wankten die noch Lebenden dem Grabe zu
wie Leder ward die Haut und schwarz die glühenden Augen traten aus dem Kopf
die Eingeweide brannten Die Aasvögel verschmähten die Leichen dieser Pestopfer
aber von Menschen ward das Menschenfleisch gierig gegessen Mütter töteten und
verzehrten ihre neugebornen Kinder In einem Gehöft bei Ariminum waren nur noch
zwei römische Weiber übrig Diese ermordeten und verzehrten nacheinander
siebzehn Menschen die vereinzelt bei ihnen Unterkunft gesucht Erst der
achtzehnte erwachte bevor sie ihn im Schlaf zu erwürgen vermochten tötete die
werwölfischen Unholdinnen und brachte das Schicksal der früheren Opfer ans
Licht
    Endlich scheiterte auch die auf Langobarden und Franken gesetzte Hoffnung
Die letzteren die große Summen für das zugesagte Hilfsheer empfangen hatten
verharrten in schweigender Ruhe Die ungestüm zur Eile zur Erfüllung der
versprochenen und vorausbezahlten Leistungen mahnenden Boten des Königs wurden
zu Mettis Aurelianum und Paris festgehalten keinerlei Antwort kam von diesen
Höfen Der Langobardenkönig Audoin aber ließ sagen er wolle nichts entscheiden
ohne seinen kriegsgewaltigen Sohn Alboin Dieser jedoch sei mit großem Gefolge
auf Abenteuer ausgezogen
    Vielleicht komme derselbe selbst einmal nach Italien  er sei mit Narses
eng befreundet Dann werde er das Land sich ansehen und seinem Vater und Volke
raten welche Beschlüsse sie über dies Land Italia fassen sollten
    Tapfer widerstand zwar noch Auximum monatelang allen Anstrengungen des
starken Belagerungsheeres das Belisar selbst begleitet von Prokop vor die
Mauern geführt hatte und während der Einschliessung befehligte Aber es zerriss
dem König das Herz als ihm durch einen Boten der nur mit Mühe und verwundet
sich durch die Reihen beider einschliessenden Heere in das drei Tagreisen
entfernte Ravenna schlich der heldenmütige Graf Wisand der Bandalarius die
folgenden Worte sandte »Als Du mir Auximum anvertrautest sagtest Du ich
sollte damit die Schlüssel Ravennas ja des Gotenreiches hüten Ich sollte
männlich widerstehen dann würdest Du bald mit all Deinem Heer zu unsrem
Entsatz heranziehen Wir haben männlich widerstanden Belisar und dem Hunger Wo
bleibt Dein Entsatz Wehe wenn Du recht gesprochen und mit unsrer Feste jene
Schlüssel in der Feinde Hände fallen Deshalb komm und hilf  mehr um des
Reichs als unsrer willen«
    Diesem Boten folgte bald ein zweiter ein mit vielem Golde bestochner Soldat
der Belagerer Burcentius sein Auftrag lautete  mit Blut war der kurze Brief
geschrieben  »Wir haben nur mehr das Unkraut zu essen das aus den Steinen
wächst Länger als fünf Tage können wir uns nicht mehr halten« Der Bote fiel
auf der Rückkehr mit der Antwort des Königs in die Hand der Belagerer die ihn
im Angesicht der Goten vor den Wällen von Auximum lebendig verbrannten
    Ach und der König konnte nicht helfen
    Noch immer widerstand das Häuflein Goten in Auximum obwohl ihnen Belisar
durch Zerstörung der Wasserleitung das Wasser abschnitt und den letzten Brunnen
der ihnen geblieben und nicht abzugraben war durch Leichen von Menschen und
Tieren und Kalklösungen vergiftete Sturmangriffe schlug Wisand immer noch
blutig ab nur durch Aufopferung eines Leibwächters entging einmal Belisar
hierbei dem ganz nahen Tode
    Endlich fiel zuerst Cäsena die letzte gotische Stadt in der Ämilia und
dann Fäsulä das Cyprianus und Justinus belagerten »Mein Fäsulä« rief der
König als er es erfuhr  denn er war Graf dieser Stadt gewesen und dicht dabei
lag das Haus das er mit Rautgundis bewohnt hatte »Die Hunnen hausen wohl an
meinem zerstörten Herd«
    Als aber die gefangene Besatzung von Fäsulä den Belagerten in Auximum in
Ketten vor Augen geführt und von diesen Gafangenen selbst jeder Entsatz von
Ravenna her als hoffnungslos bezeichnet wurde da nötigten den Bandalarius seine
verhungerten Scharen zur Übergabe
    Er selbst bedang sich freies Geleit nach Ravenna aus
    Seine Tausendschaften wurden gefangen aus Italien geführt Ja so tief
gesunken war Mut und Volksgefühl der endlich Bezwungenen dass sie unter Graf
Sisifrid von Sarsina gegen die eigenen Volksgenossen Dienste nahmen unter
Belisars Fahnen
    Der Sieger hatte Auximum stark besetzt und alsbald die bisherigen Belagerer
dieser Feste zurückgeführt in das Lager vor Ravenna wo er Cetegus den bisher
anvertrauten Oberbefehl wieder abnahm
    Es war als ob ein Fluch an dem Haupte des Gotenkönigs hafte auf dem so
schwer die Krone lastete Da er nun den Grund seines Misslingens keiner Schwäche
keinem Versehen auf seiner Seite zuschreiben da er ebensowenig an dem guten
Recht der Goten gegen die Byzantiner zweifeln und da seine einfache Gottesfurcht
in diesem Ausgang nichts andres als das Walten des Himmels erblicken konnte so
kam er immer wieder auf den quälenden Gedanken es sei um seiner unvergebenen
Sündenschuld willen dass Gott die Goten züchtige eine Vorstellung welche die
Anschauungen des die Zeit beherrschenden Alten Testaments ihm nicht minder
nahelegten als viele Züge der alten germanischen Königssage
    Diese Gedanken verfolgten unablässig den tüchtigen Mann und nagten Tag und
Nacht an der Kraft seiner Seele Bald suchte er im selbstquälerischen Grübeln
jene seine geheime Schuld zu entdecken Bald sann er nach wie er den ihn
verfolgenden Fluch wenigstens von seinem Volke wenden könne Längst hätte er die
Krone einem andern abgetreten wenn ein solcher Schritt in diesem Augenblick
nicht ihm und andern als Feigheit hätte erscheinen müssen So war ihm auch
dieser Ausweg  der nächste und liebste  aus seinen quälenden Gedanken
verschlossen Gebeugt saß jetzt oft der sonst so stattliche Mann blickte lange
starr und schweigend vor sich hin nur manchmal das Haupt schüttelnd oder tief
aufseufzend
    Der tägliche Anblick dieses stillen stolzen Leidens dieses stummen und
hilflosen Erduldens eines niederdrückenden Geschickes blieb wie wir gesehen
nicht ohne Eindruck auf Mataswinta Auch glaubte sie sich nicht darin getäuscht
zu haben dass seit geraumer Zeit sein Auge milder als sonst mit Wehmut ja mit
Wohlwollen auf ihr geruht habe Und so drängte sie teils uneingestandene
Hoffnung die so schwer erlischt im liebenden Herzen teils Reue und Mitleid
mächtiger als je zu dem leidenden König
    Oft wurden sie jetzt auch durch ein gemeinsames Werk der Barmherzigkeit
vereint Die Bevölkerung von Ravenna hatte in den letzten Wochen angefangen
während die Belagerer von Ancona aus das Meer beherrschten und aus Kalabrien und
Sizilien reiche Vorräte bezogen Mangel zu leiden Nur die Reichen vermochten
noch die hohen Preise des Getreides zu bezahlen Des Königs mildes Herz nahm
keinen Anstand aus dem Überfluss seiner Magazine die wie gesagt die doppelte
Zeit bis zu dem Eintreffen der Franken auszureichen versprachen auch an die
Armen der Stadt wohltätige Verteilungen zu machen nachdem er seine gotischen
Tausendschaften versorgt hatte auch hoffte er auf eine große Menge von
Getreideschiffen welche die Goten in den oberen Padusgegenden auf diesem Fluße
zusammengebracht hatten und in die Stadt zu schaffen trachteten
    Um aber jeden Missbrauch und alles Übermaß bei jenen Spenden fernzuhalten
überwachte der König selbst diese Austeilungen und Mataswinta die ihn einmal
mitten unter den bettelnden und dankenden Haufen angetroffen hatte sich neben
ihn auf die Marmorstufen der Basilika von Sankt Apollinaris gestellt und ihm
geholfen die Körbe mit Brot verteilen Es war ein schöner Anblick wie das
Paar er zur Rechten die Königin zur Linken vor der Kirchenpforte standen und
über die Stufen hinab dem segenrufenden Volk die Spende reichten
    Während sie so standen bemerkte Mataswinta unter der drängenden flutenden
Volksmasse  denn es war viel Landvolk ja auch von allen Seiten vor den
Schrecken des Krieges in die rettenden Mauern zusammengeströmt  auf der
untersten Stufe der Basilika seitwärts ein Weib in schlichtem braunem halb
über den Kopf gezogenem Mantel Dies Weib drängte nicht mit den andern die
Stufen hinan um auch Brot für sich zu fordern sondern lehnte vorgebeugt den
Kopf auf die linke Hand und diesen Arm auf einen hohen Sarkophag gestützt
hinter der Ecksäule der Basilika und blickte scharf und unverwandt auf die
Königin
    Mataswinta glaubte das Weib sei etwa von Furcht oder Scham oder Stolz
abgehalten sich unter die keckern Bettler zu mischen die auf den Stufen sich
stießen und drängten und sie gab Aspa einen besonderen Korb mit Brot
hinabzugehen und ihn der Frau zu reichen Sorglich bemüht häufte sie mit mildem
Blick und mit den beiden weißen Händen tätig das duftende Gebäck 
    Als sie aufsah begegnete sie dem Auge des Königs das sanft und freundlich
gerührt wie noch nie auf ihr geruht hatte  Heiss schoss ihr das Blut in die
Wangen und sie zuckte leise und senkte die langen Wimpern
    Als sie wieder aufsah und nach dem Weib im braunen Mantel blickte war diese
verschwunden Der Platz am Sarkophag war leer
    Sie hatte während sie den Korb füllte nicht bemerkt wie ein Mann mit
einem Büffelfell und einer Sturmhaube der hinter der Frau stand sie beim Arme
gefasst und mit sanfter Gewalt hinweggeführt hatte »Komm« hatte er gesagt
»hier ist kein guter Ort für dich« Und wie im wachen Traum hatte das Weib
geantwortet »Bei Gott sie ist wunderschön«
    »Ich danke dir Mataswinta« sprach der König freundlich als die für heute
bestimmten Spenden verteilt waren
    Der Blick der Ton das Wort drangen tief in ihr Herz Nie hatte er sie
bisher bei ihrem Namen genannt immer nur die Königin in ihr gesehen und
angesprochen Wie beglückte sie das Wort aus seinem Munde  und wie schwer
lastete doch zugleich diese Milde auf ihrer schuldbewussten Seele Offenbar hatte
sie sich zum Teil seine wärmere Stimmung durch ihr werktätiges Mitleid mit den
Armen erworben »O er ist gut« sagte sie halb weinend vor Erregung »ich will
auch gut sein«
    Als sie mit diesem Gedanken in den Vorhof des ihr angewiesenen linken
Flügels des Palastes trat  Witichis bewohnte den rechten  eilte ihr Aspa
geschäftig entgegen »Ein Gesandter aus dem Lager« flüsterte sie der Herrin
eifrig zu »Er bringt geheime Botschaft vom Präfekten einen Brief von Syphax
Hand in unsrer Sprache  er harrt auf Antwort « 
    »Lass« rief Mataswinta die Stirne furchend »ich will nichts hören nichts
lesen Aber wer sind diese«
    Und sie deutete auf die Treppe die aus der Vorhalle in ihre Gemächer
führte Da kauerten auf den roten Steinplatten Weiber Kinder Kranke Goten und
Italier durcheinander in Lumpen gehüllt  eine Gruppe des Elends
    »Bettler Arme sie liegen hier schon den ganzen Morgen Sie sind nicht zu
verscheuchen«  »Man soll sie nicht verscheuchen« sprach Mataswinta
nähertretend
    »Brot Königin Brot Tochter der Amalungen« riefen mehrere Stimmen ihr
entgegen »Gib ihnen Gold Aspa alles was du bei dir trägst und hole  « 
»Brot Brot Königin nicht Gold um Gold ist kein Brot mehr zu haben in der
Stadt«
    »Vor des Königs Speichern wird es umsonst verteilt Ich komme gerade davon
her warum wart ihr nicht dort«
    »Ach Königin wir können nicht durchdringen« jammerte eine hagere Frau
»Ich bin alt und meine Tochter hier ist krank und jener Greis dort ist blind
Die Gesunden die Jungen stoßen uns zurück Drei Tage haben wirs umsonst
versucht wir dringen nicht durch«  »Nein wir hungern« grollte der Alte »O
Teoderich mein Herr und König wo bist du Unter deinem Zepter hatten wir
vollauf  Da kamen die Armen und Siechen nicht zu kurz Aber dieser
Unglückskönig  «
    »Schweig« sprach Mataswinta »der König mein Gemahl« und hier flog ein
wunderschönes Rot über ihre Wangen  »tut mehr als ihr verdient Wartet hier
ich schaffe euch Brot Folge mir Aspa«
    Und rasch schritt sie hinweg »Wohin eilst du« fragte die Sklavin staunend
    Und Mataswinta schlug den Schleier über ihr Antlitz als sie antwortete
»Zum König«
    Als sie das Vorgemach des Witichis erreicht bat sie der Türsteher der sie
mit Befremden erkannte zu verweilen »Ein Abgesandter Belisars habe geheime
Audienz er sei schon lange im Gemach und werde es bald verlassen«
    Da öffnete sich die Türe  und Prokop stand zögernd auf der Schwelle
»König der Goten« sprach er sich nochmals wendend »ist das dein letztes
Wort«  »Mein letztes wies mein erstes war« sprach der König voller Würde 
»Ich gönne dir noch Zeit  ich bleibe noch bis morgen in Ravenna«   »Von
jetzt an bist du mir als Gast willkommen nicht mehr als Gesandter«  »Ich
wiederhole fällt die Stadt mit Sturm so werden alle Goten die höher als
Belisars Schwert getötet  er hats geschworen Weiber und Kinder als Sklaven
verkauft  du begreifst Belisar kann keine Barbaren brauchen in seinem Italien
 dich mag der Tod des Helden locken aber bedenke die Hilflosen  ihr Blut wird
vor Gottes Thron «  »Gesandter Belisars ihr steht in Gottes Hand wie wir leb
wohl« Und so mächtig wurden diese Worte gesprochen dass der Byzantiner gehen
musste so ungern er es tat Die schlichte Würde dieses Mannes wirkte stark auf
ihn Aber auch auf die Lauscherin
    Als Prokop die Türe schloss sah er Mataswinta vor sich stehen und trat
bewundernd einen Schritt zurück geblendet von so viel Schönheit Ehrerbietig
begrüßte er sie »Du bist die Königin der Goten« sagte er sich fassend »du
musst es sein«
    »Ich bins« sagte Mataswinta »hätt ich das nie vergessen« Und stolz
rauschte sie an ihm vorüber
    »Augen haben diese Germanen Männer und Weiber« sagte Prokop im
Hinausgehen »wie ich sie nie gesehen«
 
                              Zwanzigstes Kapitel
Mataswinta war inzwischen ungemeldet bei ihrem Gatten eingetreten
    Witichis hatte alle Gemächer welche die Amalungen Teoderich Atalarich
Amalaswinta bewohnt sie lagen im Mittelbau des weitläufigen Palastes
unberührt gelassen und einige auch früher schon von ihm wenn er die Wache am
Hofe hatte bewohnte Räume im rechten Flügel bezogen Er hatte die Goldund
Purpurabzeichen der Amaler nie angelegt und aus seinen Zimmern allen königlichen
Pomp entfernt Ein Feldbett auf niederen Eisenfüssen auf welchem sein Helm sein
Schwert und mehrere Urkunden lagen ein langer Eichentisch und wenig Holzgerät
standen in dem einfachen Gelass
    Er hatte sich nach des Gesandten Entfernung erschöpft mit dem Rücken gegen
die Tür in einen Stuhl geworfen und stützte das müde Haupt in beiden Händen auf
den Tisch So hatte er den leicht schwebenden Schritt der Eintretenden nicht
bemerkt
    Mataswinta blieb wie gebannt an der Schwelle stehen Sie hatte ihn noch
niemals aufgesucht Ihr Herz pochte mächtig Sie konnte ihn nicht ansprechen
sie konnte nicht nähertreten
    Endlich stand Witichis mit Seufzen auf Da sah er die regungslose Gestalt an
der Türe stehen »Du hier Königin« sprach er staunend und trat ihr einen
Schritt entgegen »Was kann dich zu mir führen«
    »Die Pflicht  das Mitleid«  sagte Mataswinta rasch »Sonst hätte ich
nicht   ich habe eine Bitte an dich«
    »Es ist die erste« sagte Witichis  »Sie betrifft nicht mich« fiel sie
schnell ein  »Ich bitte dich um Brot für Arme Kranke welche «
    Da reichte ihr der König schweigend die Rechte hin 
    Es war das erstemal sie wagte nicht sie zu fassen und hätte es doch o
wie gerne getan So fasste er selbst ihre Hand und drückte sie leicht
    »Ich danke dir Mataswinta und bitte dir ein Unrecht ab Du hast dennoch
ein Herz für dein Volk und seine Leiden Ich hätte das nie geglaubt ich habe
hart von dir gedacht«
    »Hättest du von jeher anders von mir gedacht  es wäre vielleicht manches
besser«
    »Schwerlich Das Unglück heftet sich an meine Fersen Eben jetzt  du hast
ein Recht es zu wissen  brach meine letzte Hoffnung Die Franken auf deren
Hilfe ich hoffte haben uns verraten Entsatz ist unmöglich die Übermacht der
Feinde durch den Abfall der Italier allzugross Es bleibt nur noch ein letztes
ein freier Tod«
    »Lass mich ihn mit dir teilen« rief Mataswinta und ihre Augen leuchteten
 »Du nein die Tochter Teoderichs wird ehrenvolle Aufnahme finden am Hofe von
Byzanz Man weiß dass du gegen deinen Willen meine Königin geworden   Du
kannst dich laut darauf berufen«
    »Nimmermehr« sprach Mataswinta begeistert
    Witichis fuhr ohne ihrer zu achten in seinen Gedanken fort »Aber die
andern Die Tausende die Hunderttausende von Weibern von Kindern Belisar
hält was er geschworen Es ist nur Eine Hoffnung noch für sie  eine einzige
Denn  alle Mächte der Natur verschwören sich gegen mich Der Padus ist
plötzlich so seicht geworden dass zweihundert Getreideschiffe die ich
erwartete nicht rasch genug den Fluss herabgebracht werden konnten die
Byzantiner haben sie aufgefangen
    Ich habe nun um Hilfe an den Westgotenkönig geschrieben er soll seine
Flotte senden Die unsre ist ja in Feindes Hand Dringt sie in den Hafen so
kann darauf entfliehen was nicht fechten kann und nicht sterben soll Auch du
kannst dann wenn du es vorziehst nach Spanien entfliehen«
    »Ich will mit dir  mit euch sterben«
    »In wenig Wochen können die westgotischen Segel vor der Stadt erscheinen
Bis dahin reichen meine Speicher  der letzte Trost Doch das mahnt mich an
deinen Wunsch  Hier ist der Schlüssel zu dem Haupttor der Speicher Ich trag
ihn Tag und Nacht auf meiner Brust Bewahre ihn wohl  er verwahrt meine letzte
Hoffnung Er schließt das Leben von vielen Tausenden ein Es war meine einzige
Mühewaltung die nicht fruchtlos blieb Mich wundert« fügte er schmerzlich
hinzu »dass nicht die Erde sich aufgetan hat oder Feuer vom Himmel gefallen ist
diese meine Bauten zu verschlingen«
    Und er nahm den schweren Schlüssel aus dem Brustlatz seines Wamses »Hüt
ihn wohl es ist mein letzter Schatz Mataswinta«
    »Ich danke dir Witichis  König Witichis « sagte sie verbessernd und
griff nach dem Schlüssel aber ihre Hand zitterte Er fiel
    »Was ist dir« fragte der König den Schlüssel ihr in die Rechte drückend 
sie steckte ihn in den Gürtel ihres weissseidnen Unterkleides  »du zitterst
Bist du krank« setzte er besorgt hinzu
    »Nein  es ist nichts  Aber sieh mich nicht an so  so wie jetzt und wie
heute morgen  « »Vergib mir Königin« sagte Witichis sich abwendend
»Meine Blicke sollten dich nicht kränken Ich hatte viel recht viel Gram in
diesen Tagen Und wenn ich nachsann mit welcher Schuld ich all dies Unglück
verdient haben könnte «  seine Stimme wurde weich
    »Dann o rede« bat Mataswinta hingerissen Denn sie zweifelte nicht mehr
an dem Sinn seines unausgesprochenen Gedankens
    »Dann hab ich unter all den ringenden Zweifeln oft auch gedacht ob es
nicht Strafe sei für eine harte harte Tat die ich an einem herrlichen Geschöpf
begangen An einem Weibe das ich meinem Volk geopfert « Und unwillkürlich sah
er im Eifer seiner Rede auf die Hörerin
    Mataswintens Wangen erglühten sie fasste sich aufrecht zu halten nach der
Lehne des Stuhles neben ihr »Endlich  endlich erweicht sein Herz und ich  was
habe ich ihm getan« dachte sie »und Er bereut «
    »Ein Weib« fuhr er fort »das unsäglich um mich gelitten mehr als Worte
sagen können«  »Halt ein« flüsterte sie so leise dass er es nicht vernahm
»Und wenn ich dich in diesen Tagen um mich walten sah weicher milder
weiblicher als je zuvor  dann rührtest du mein Herz mit Macht und Tränen
drangen in meine Augen« 
    »O Witichis« hauchte Mataswinta
    »Jeder Ton deiner Stimme sogar drang tief in meine Seele Denn du mahnst
mich dann so ganz so herzerschütternd an «
    »An wen« fragte Mataswinta und wurde leichenblass
    »Ach an sie die ich geopfert Die alles um mich gelitten an mein Weib
Rautgundis die Seele meiner Seele« Wie lange hatte er den geliebten Namen
nicht mehr laut gesprochen Jetzt überwältigte ihn bei diesem Klang die Macht
des Schmerzes und der Sehnsucht und in den Stuhl sinkend bedeckte er sein
Gesicht mit beiden Händen
    Es war gut Denn so bemerkte er nicht wie es blitzähnlich durch die Gestalt
der Königin zuckte ihr schönes Antlitz sich medusenhaft verzerrte Doch hörte
er einen dumpfen Schlag und wandte sich
    Mataswinta war zu Boden gesunken Ihre linke Hand klammerte sich in die
durchbrochene Rücklehne des Stuhls an dem sie niedergeglitten war während die
Rechte sich fest auf den Mosaikboden stemmte Ihr bleiches Haupt war vorgebeugt
das prachtvoll rote Haar flutete losgerissen aus dem Scheitelband über ihre
Schultern ihre scharf geschnittenen Nüstern flogen
    »Königin« rief er hinzueilend sie aufzuheben »was hat dich befallen«
    Aber ehe er sie berühren konnte schnellte sie wie eine Schlange empor und
richtete sich hoch auf »Es war eine Schwäche« sagte sie »die jetzt vorbei 
leb wohl« Wankend erreichte sie die Tür und fiel draußen bewusstlos in Aspas
Arme
                                       
    Unterdessen hatte sich das unheimliche drohende Ansehen der ganzen Natur
noch gesteigert
    Die kleine rundgeballte Wolke die Cetegus am Tage zuvor bemerkt war der
Vorbote einer ungeheuren schwarzen Wolkenwand gewesen welche die Nacht über aus
dem Osten aufgestiegen war jedoch seit dem Morgen unbeweglich wie Verderben
brütend über dem Meere stand und die Hälfte des Horizonts bedeckte
    Aber im Süden brannte die Sonne mit unerträglich stechenden Strahlen aus dem
unbewölkten Himmel Die gotischen Wachen hatten Helm und Harnisch abgelegt sie
setzten sich lieber den Pfeilen der Feinde als dieser unleidlichen Hitze aus
Kein Lüftchen regte sich mehr Der Ostwind der jene Wolkenschicht
heraufgeführt war plötzlich gefallen Unbeweglich bleigrau lag das Meer die
Zitterpappeln im Schlossgarten standen regungslos
    Allein in die tags zuvor ebenfalls verstummte Tierwelt war Angst und Unruhe
geraten An dem heißen Sand der Küste hin flatterten Schwalben Möven und
Sumpfvögel unsicher ziellos hin und her ganz nieder an der Erde hinstreichend
und manchmal schrille Rufe gellend In der Stadt aber liefen die Hunde winselnd
aus den Häusern die Pferde rissen sich in den Ställen los und schlugen
ungeduldig schnaubend dröhnenden Hufes um sich kläglich schrien Katzen Esel
und Maultiere und von den Dromedaren Belisars rasten und schäumten sich drei zu
Tode in wütenden Anstrengungen zu entkommen 
    Es neigte jetzt gegen Abend Die Sonne drohte alsbald unter den Horizont zu
sinken
    Auf dem Forum des Herkules saß ein Bürger von Ravenna auf der Marmorstufe
vor seinem Hause Er war ein Winzer und schenkte wie der verdorrte Rebenzweig
über seiner Tür zeigte in seinem Hause selbst von seinem Gewächs Er blickte
nach dem drohenden Wettergewölk »Ich wollte es käme Regen« seufzte er »Kömmt
nicht Regen so kommt Hagel und zerschlägt vollends was an Wachstum draußen die
Rosse der Feinde noch nicht zerstampft haben«
    »Nennst du die Truppen unsres Kaisers Feinde« flüsterte sein Sohn ein
römischer Patriot Aber leise Denn eben bog um die Ecke eine gotische Runde
    »Ich wollte der Orkus verschlänge sie alle miteinander Griechen und
Barbaren Die Goten haben wenigstens immer Durst Siehst du da kommt der lange
Hildebadus der ist der Durstigsten einer Sollte mich wundern wenn er heute
nicht trinken wollte da die Steine bersten möchten vor Trockenheit«
    Hildebad hatte die nächste Wache abgelöst und schlenderte nun langsam heran
den Helm im linken Arm die lange Lanze lässig über der Schulter Er schritt an
der Weinschenke vorbei zu großem Befremden ihres Herrn bog in die nächste
Seitengasse und stand bald vor einem hohen und dicken Rundturm  er hieß der
Turm des Aetius  in dessen Schatten oben auf dem Walle ein schöner junger Gote
auf und nieder schritt Lange hellblonde Locken rieselten auf seine Schultern
und das zarte Weiß und Rot seines Gesichts wie die milden blauen Augen gaben
ihm ein fast mädchenhaftes Ansehen
    »He Fridugern« rief ihm Hildebad hinauf »huiweh Blitzjunge hältst dus
noch immer aus auf diesem Bratrost da oben Und mit Schild und Panzer  uf«
    »Ich habe die Wache Hildebad« sagte der Jüngling sanft
    »Ach was Wache Glaubst du bei dieser Schmelzofenhitze wird Belisar
stürmen Ich sage dir der ist froh wenn er Luft hat und verlangt heute kein
Blut Komm mit ich kam dich zu holen  der dicke Ravennate auf dem
Herkulesplatz hat alten Wein und junge Töchter  lass uns beide zu Munde
führen«
    Der junge Gote schüttelte die langen Locken und seine Stirn faltete sich
»Ich habe Dienst und keinen Sinn für Mädchen Durst habe ich freilich  schicke
mir einen Becher Wein herauf«
    »Ach richtig bei Freia Venus und Maria du hast ja eine Braut über den
Bergen am Danubius Und du glaubst die merkt es gleich und die Treue sei
gebrochen wenn du hier einer Römerdirne in die Kohlenaugen guckst O lieber
Freund bist du noch jung Nun nun nichts für ungut Mir kanns ja recht sein
Bist sonst ein guter Gesell und wirst schon noch älter werden Ich schicke dir
vom roten Massiker heraus  da kannst du dann allein Allguntens Minne
trinken«
    Und er wandte sich und war rasch in der Schenke verschwunden Bald brachte
ein Sklave dem jungen Goten einen Becher Wein dieser flüsterte »All Heil
Allguntis« und leerte ihn auf einen Zug Dann nahm er die Lanze wieder auf die
Schulter und ging auf der Mauer auf und nieder langsamen Schrittes »Von ihr
sinnen und träumen darf ich wenigstens« sagte er »das wehrt kein Dienst Wann
werd ich sie wohl wiedersehen« Und er schritt weiter und blieb dann
gedankenvoll im Schatten des mächtigen Turmes stehen der schwarz und drohend auf
ihn niedersah 
    Bald nach Hildebad zog eine andre Schar Goten vorbei Sie führten in der
Mitte einen Mann mit verbundenen Augen und ließ ihn zur Porta Honorii hinaus
Es war Prokop der vergeblich noch die festgestellten drei Stunden gewartet
hatte Es war umsonst keine Botschaft vom König kam und missmutig verließ der
Gesandte die Stadt Des Präfekten feiner Plan war so schien es an der
schlichten Würde des Gotenkönigs gescheitert 
    Und noch eine Stunde verging Es war dunkler aber nicht kühler geworden Da
erhob sich vom Meere plötzlich ein starker Windstoß aus Süden er schob die
schwarzen Wolkenballen mit rasender Eile nach Norden Sie lagerten jetzt dicht
und schwer über der Stadt
    Aber auch das Meer der Südosten ward dadurch nicht frei Denn eine zweite
gleiche Wolkenmauer war dort emporgestiegen und hatte sich unmittelbar an die
erste geschlossen Der ganze Himmel über Meer und Land war jetzt ein schwarzes
Gewölbe
    Hildebad ging weinmüde nach seinem Nachtposten an der Porta Honorii »Noch
immer auf Wache Fridugern« rief er dem jungen Goten hinauf »Und noch immer
kein Regen Die arme Erde Wie sie dürsten muss sie dauert mich Gute Wache«
    In den Häusern war es unleidlich schwül denn der Wind kam aus den heißen
Sandwüsten Afrikas
    Die Leute drängten sich geängstigt von dem drohenden Aussehen des Himmels
hinaus ins Freie zogen in dichten Haufen durch die Straßen oder lagerten sich
in Gruppen in den Vorhallen und Säulengängen der Basiliken Auf den Stufen von
Sankt Apollinaris drängte sich viel Volk zusammen Und es ward obwohl erst
Sonnenuntergangszeit doch völlig dunkle Nacht
                                       
    Auf dem Ruhebett in ihrem Schlafgemach lag Mataswinta die Königin mit
todesbleichen Wangen in schwerer Betäubung Aber ohne Schlaf Die
weitgeöffneten Augen starrten in die Dunkelheit
    Nicht eine Silbe hatte sie auf Aspas ängstliche Fragen gesprochen und
zuletzt die Weinende mit einer Handbewegung entlassen
    Unwillkürlich kehrten in ihrem eintönigen Denken die Worte wieder Witichis
 Rautgundis  Mataswinta Mataswinta  Rautgundis  Witichis
    Lange lange lag sie so und nichts schien den unaufhörlichen Kreislauf
dieser Worte unterbrechen zu können
    Da plötzlich fuhr ein roter Strahl grell und blendend durch das Gemach und
im selben Augenblick schmetterte ein furchtbarer Donnerschlag ein Donner wie
sie ihn nie vernommen grollend knatternd prasselnd krachend über die bebende
Stadt
    Der Angstschrei ihrer Frauen schlug an ihr Ohr sie fuhr empor Sie setzte
sich aufrecht auf dem Ruhebett Aspa hatte ihr das Obergewand abgenommen Sie
trug nur noch das weissseidne Unterkleid sie warf die wallenden Wogen ihres
Haares über die Schultern und lauschte
    Es war eine bange Stille Und noch ein Blitz und noch ein Donnerschlag
    Ein Windstoß riss heulend das Fenster von Milchglas auf das nach dem Hofe
führte Mataswinta starrte in die Finsternis hinaus die jetzt jeden Augenblick
von grellen Blitzen unterbrochen wurde Unaufhörlich rollte der Donner selbst
das furchtbare Geheul des Sturmes überdröhnend Der Kampf der Elemente tat ihr
wohl Sie lauschte begierig auf die Linke gestützt und mit der Rechten langsam
über die Stirne streichend
    Da eilte Aspa herein mit Licht Es war eine Fackel deren Flamme in einer
geschlossenen Glaskugel brannte
    »Königin du   Aber bei allen Göttern wie siehst du aus Wie eine
Lemure Wie die Rachegöttin«
    »Ich wollte ich wäre es« sagte Mataswinta  es war das erste Wort seit
langen Stunden  ohne den Blick vom Fenster zu wenden
    Und Blitz auf Blitz und Schlag auf Schlag Aspa schloss das Fenster »O
Königin die Frommen unter deinen Mägden sagen das sei das Ende der Welt das
da komme und der Sohn Gottes steige nieder auf feurigen Wolken zu richten die
Lebendigen und die Toten Huh welch ein Blitz Und noch kein Tropfen Regen
Nie hab ich solch ein Unwetter gesehen Die Götter zürnen schwer«
    »Wehe wem sie zürnen O ich beneide sie die Götter Sie können hassen und
lieben wies ihnen gefällt Und zermalmen den der sie nicht wieder liebt«
    »Ach Herrin ich war auf der Straße ich komme gerade zurück Alles Volk
strömt in die Kirchen mit Beten und Singen den Himmel zu versöhnen Ich bete zu
Kairu und Astarte  Herrin betest du nicht auch«
    »Ich fluche Das ist auch gebetet«
    »Oh welch ein Donnerschlag« schrie die Sklavin und stürzte zitternd in die
Kniee Der dunkelblaue Mantel den sie trug glitt von ihren Schultern Der
Blitz und Donner war so stark gewesen dass Mataswinta aus den Kissen gesprungen
und ans Fenster geeilt war
    »Gnade Gnade ihr großen Götter erbarmt euch der Menschen« flehte die
Afrikanern
    »Nein keine Gnade Fluch und Verderben über die elende Menschheit
    Ha das war schön Hörst du wie sie unten heulen vor Angst auf der Straße
Noch einer und noch ein Strahl Ha ihr Götter wenn ein Himmelsgott oder
Himmelsgötter sind  nur um eins beneid ich euch  um die Macht eures Hasses
um euren raschen geflügelten tödlichen Blitz Ihr schwingt ihn mit der ganzen
Wut und Lust eures Herzens und eure Feinde vergehen und ihr lacht dazu  der
Donner ist euer Gelächter Ha was war das«
    Ein Blitz und ein Donner der alle frühern übertraf zuckte und krachte
Aspa fuhr vom Boden auf
    »Was ist das für ein großes Haus Aspa die dunkle Masse uns gegenüber Der
Blitz hat wohl gezündet  brennt es«
    »Nein Dank den Göttern es brennt nicht Der Blitz hat sie nur beleuchtet
Es sind die Kornspeicher des Königs«
    »Ha habt ihr fehlgebljetzt ihr Götter« So schrie die Königin »Auch die
Sterblichen führen den Blitz der Rache«
    Und sie sprang vom Fenster hinweg  und das Gemach war plötzlich dunkel
    »Königin  Herrin  wo bist  wohin bist du verschwunden« rief Aspa Und
sie tastete an den Wänden Aber das Gemach war leer und Aspa rief umsonst nach
ihrer Herrin
                                       
    Unten auf der Straße wogte nach der Basilika von Sankt Apollinaris hin ein
frommer Zug
    Ravennaten und Goten Kinder und Greise sehr viele Frauen Knaben mit
Fackeln schritten voran hinter ihnen Priester mit Kreuzstangen und Fahnen Und
durch das Brüllen des Donners und durch das Pfeifen des Sturmes scholl die alte
feierlich ergreifende Weise
dulce mihi cruciari parva vis doloris est
malo mori quam foedari major vis amoris est
Die Antwort aber des zweiten Halbchors lautete
parce judex contristatis parce pecatoribus
qui descendis perflammatis ultor jam in nubibus
    Und der Bittgang verschwand in der Kirche Auch die nächsten Aufseher der
Kornspeicher schlossen sich dem Zuge an
    Auf den Stufen der Basilika gerade der Tür der Speicher gegenüber saß das
Weib im braunen Mantel still und furchtlos im Aufruhr der Elemente die Hände
nicht gefaltet aber ruhig im Schoss liegend Der Mann in der Sturmhaube stand
neben ihr
    Eine gotische Frau die in die Kirche eilte erkannte sie im Schein eines
Blitzes »Du wieder hier Landsmännin Ohne Obdach Ich habe dir doch oft genug
mein Haus angeboten Du scheinst fremd hier in Ravenna«
    »Ich bin fremd Doch hab ich Obdach«  »Komm mit in die Kirche und bete
mit uns«
    »Ich bete hier«  »Du betest Du singst nicht und sprichst nicht«
    »Gott hört mich doch«  »Bete doch für die Stadt Sie fürchten es komme
das Ende der Welt«
    »Ich fürchte es nicht wenn es kommt«
    »Und bete für unsern guten König der uns Brot gibt alle Tage«  »Ich bete
für ihn«
    Da tönte der waffenklirrende Schritt von zwei gotischen Runden die sich an
der Basilika kreuzten
    »Ei so donnre bis du springst« schalt der Führer der einen Schar »aber
brumme mir nicht in meinen Befehl
    Haltet an Wisand du bists Wo ist der König Auch in der Kirche«
    »Nein Hildebad auf den Wällen«
    »Recht so da gehört er hin Vorwärts Heil dem König« Und die Schritte
verhallten
    Da kam ein römischer Lehrer mit einigen seiner Schüler vorbei »Aber
Magister« mahnte der jüngste »ich dachte du wolltest in die Kirche Warum
führst du uns sonst aus dem Hause ins Freie bei diesem Unwetter«
    »Das sagte ich nur um euch und mich aus dem Hause zu bringen Was Kirche
Ich sage dir je weniger ich Dächer und Mauern um mich weiß desto wohler ist
mir Ich führ euch auf die große freie Wiese in der Vorstadt Ich wollte wir
hätten Regen Wäre der Vesuvius nahe genug wie in meiner Heimat ich dächte
Ravenna werde heut ein zweites Herculaneum Ich kenne solche Luft wie sie
heute  ich traue nicht« Und sie gingen vorüber
    »Willst du nicht mit mir gehen Frau« sprach der Mann in der Sturmhaube zu
der Gotin »Ich muss sehen Dromon unsern Gastfreund jetzt zu treffen sonst
kommen wir diese Nacht wieder nicht unter Obdach Ich kann dich nicht allein
lassen im Dunkeln Du hast kein Licht bei dir«
    »Siehst du nicht wie mir die Blitze leuchten Geh nur ich komme nach Ich
muss noch was zu Ende denken  zu Ende beten« Und die Frau blieb allein Sie
presste beide Hände fest gegen die Brust und sah gegen den schwarzen Himmel
leise nur bewegten sich ihre Lippen
    Da war es ihr als sähe sie in den Hochgängen Galerien und Oberhallen des
gewaltigen Holzbaues der Speicher die in dunkeln Massen ihr gegenüber lagen
aus dem steinernen Rundbau des Zirkus ragend ein Licht auftauchen und hin und
wieder auf und abwärts wandeln Es musste wohl eine Täuschung durch die Blitze
sein Denn jedes frei getragene Licht hätte der Wind in den nach außen offenen
Galerien verlöscht
    Aber nein es war doch ein Licht
    Denn in regelmäßigen Zwischenräumen wechselte sein Aufleuchten und sein
Verschwinden wie wenn es hastigen Schrittes entlang den Gängen mit ihren
verdeckenden Pfeilern und Halbmauern getragen würde Scharf sah die Frau nach
dem wechselnden Licht und Schatten   
    Aber plötzlich  o Entsetzen  fuhr sie empor
    Es war ihr als sei die Marmorstufe auf der sie gesessen ein schlafend
Tier gewesen das jetzt erwachend sich leise regte lebendig wurde  und
schwankte  stark  von der Linken zur Rechten 
    Blitz und Donner und Sturm ruhten auf einmal 
    Da scholl aus den Speichern ein schriller Schrei Hell aufflammte das Licht
und verschwand plötzlich 
    Aber auch die Frau auf der Straße stieß einen leisen Angstruf aus Denn
jetzt konnte sie nicht mehr zweifeln die Erde bebte unter ihr  Ein leises
Zucken und plötzlich zwei drei starke Stöße als hebe sich wellenförmig der
Boden von der Linken zur Rechten
    Aus der Stadt her tönte Angstgeschrei Aus den Türen der Basilika stürzte in
Todesangst die laut kreischende Schar der Beter  Noch ein Stoß  Die Frau
hielt sich mit Mühe aufrecht
    Und fernher von der Außenseite der Stadt scholl ein gewaltiges dumpfes
Krachen wie von massenhaft stürzenden schweren Lasten
    Ein furchtbares Erdbeben hatte Ravenna heimgesucht
 
                           Einundzwanzigstes Kapitel
Während die Frau sich in der Richtung jenes dumpfen Schlages wandte drehte sie
einen Augenblick den Speichern den Rücken Aber rasch wandte sie sich diesen
wieder zu Denn es war ihr als sei eine schwere Türe zugefallen Scharf blickte
sie hin Doch in der tiefen Finsternis konnte ihr Auge nichts wahrnehmen Nur
ihr Ohr hörte etwas sacht an der Aussenmauer des Gebäudes dahinrascheln Und sie
glaubte ein leises Seufzen zu vernehmen
    »Halt« rief die Frau »wer jammert da«
    »Still still« flüsterte eine seltsame Stimme »die Erde hat darüber  vor
Abscheu  sich geschüttelt gebebt Die Erde bebt  die Toten stehen auf  Es
kommt der jüngste Tag  der deckt alles auf  Bald wird ers wissen  Oh «
Und ein tiefgezogener Klagelaut  und ein Rauschen von Gewändern  und Stille
    »Wo bist du bist du wund« rief die Frau tastend
    Da zuckte ein heller Blitz  der erste seit dem Erdstoss  und zeigte vor
ihren Füßen liegend eine verhüllte Gestalt Weiße und dunkelblaue
Frauenkleider  Das Weib langte nach dem Arm der Liegenden
    Aber rasch sprang diese bei der Berührung auf und war mit einem Schrei im
Dunkel verschwunden Das Ganze war so rasch und ungeheuerlich wie ein
Traumgesicht nur eine breite goldene Armspange mit einer grünen Schlange von
Smaragden die in ihrer Hand zurückgeblieben war ein Pfand der Wirklichkeit
dieser unheimlichen Erscheinung
                                       
    Und wieder tönten die ehernen Schritte der gotischen Wachen »Hildebad
Hildebad zu Hilfe« rief Wisand »Hier bin ich  was ist wohin soll ich«
fragte dieser mit seiner Schar entgegenkommend »An das Tor des Honorius Dort
ist die Mauer eingestürzt und der dicke Turm des Aëtius liegt in Trümmern  Zu
Hilfe in die Lücke«
    »Ich komme   armer Fridugern«
                                       
    In dem gleichen Augenblick stürmte draußen im Lager der Byzantiner Cetegus
der Präfekt in das Feldherrnzelt Belisars Er war in voller Rüstung der
purpurdunkle Rossschweif flatterte um seinen Helm Seine Gestalt war hoch
aufgerichtet Feuer leuchtete in seinen Augen »Auf was säumst du Feldherr
Justinians Die Mauern deiner Feinde stürzen von selber ein
    Offen liegt vor dir des letzten Gotenkönigs letzte Burg  Und du was tust
du in deinem Zelt  «
    »Ich verehre die Größe des Allmächtigen« sagte Belisar mit edler Ruhe
Antonina stand neben ihm den Arm um seinen Nacken geschlungen  Ein Betschemel
und ein hohes Kreuz zeigte in welchem Tun die wilde Glut des Präfekten das Paar
gestört »Das tu morgen  Nach dem Sieg Jetzt aber stürme«
    »Jetzt stürmen« sprach Antonina »welcher Frevel«
    »Die Erde bebt in ihren Grundfesten erschüttert und erschreckt Denn Gott
der Herr spricht in diesen Wettern«
    »Lass ihn sprechen Wir wollen handeln Belisar der Turm des Aëtius und ein
gutes Stück Mauer ist eingestürzt Ich frage dich willst du stürmen«
    »Er hat nicht unrecht« meinte Belisar in dem die Kampflust erwachte 
»Aber es ist finstre Nacht  «
    »Im Finsteren find ich den Weg zum Sieg und in das Herz von Ravenna Auch
leuchten die Blitze«
    »Du bist ja plötzlich sehr kampfeseifrig« zögerte Belisar
    »Ja denn jetzt hats Vernunft zu kämpfen Die Barbaren sind verblüfft
    Sie fürchten Gott und vergessen darüber ihrer Feinde«
    Im gleichen Augenblick eilten Prokop und Marcus Licinius in das Zelt
»Belisar« meldete der erste »der Erdstoss hat deine Zelte am Nordgraben
umgestürzt und eine halbe Kohorte Illyrier darunter begraben«  »Hilfe Hilfe
meine armen Leute« rief Belisar und eilte aus dem Zelte »Cetegus« berichtete
Marcus »auch eine Kohorte deiner Isaurier liegt unter ihren Zelten
verschüttet« Aber ungeduldig den Helm schüttelnd frug der Präfekt »was ist
mit dem Wasser in dem gotischen Graben vor dem Aëtiusturm hat der Erdspalt es
nicht verringert«  »Ja das Wasser ist verschwunden  der Graben ist ganz
trocken Horch das Wehegeschrei Deine Isaurier sinds sie stöhnen und wimmern
unter der Verschüttung und schreien um Hilfe«
    »Lass sie schreien« sprach Cetegus  »Der Graben ist wirklich trocken So
lass zum Sturm blasen Folge mir mit allen Söldnern die noch leben«
    Und unter Blitz und Donner die jetzt wieder unaufhörlich rasten eilte der
Präfekt zu seinen Schanzen wo seine römischen Legionare und der Rest der
Isaurier unter Waffen standen Rasch übersah er sie es waren viel zu wenige um
mit ihnen allein die Stadt zu nehmen Aber er wusste dass ein günstiger Erfolg
alsbald Belisar mit fortreißen würde »Lichter Fackeln her« rief er und trat
mit einer Pechfackel in der Linken vor die Fronte seiner römischen Legionare
»Vorwärts« befahl er »die Schwerter heraus«
    Aber kein Arm rührte sich
    Sprachlos vor Staunen und mit Grauen blickten alle auch die Führer auch
die Licinier auf den dämonischen Mann der im Aufruhr der ganzen Natur nur an
sein Ziel dachte und die Elemente die Schrecken Gottes nur als Mittel ansah zu
seinem Zweck
    »Nun habt ihr auf mich zu hören oder auf den Donner« rief er
    »Feldherr« mahnte ein Centurio vortretend »sie beten Denn die Erde bebt«
    »Glaubt ihr Italia wird ihre Kinder verschlingen Nein ihr Römer seht
der Boden selbst von Italien erhebt sich gegen die Barbaren Er bäumt sich
sprengt ihr Joch und ihre Mauern fallen Roma Roma aeterna«
    Das zündete Es war eines jener cäsarischen Worte welche die Männer und die
Waffen fortreißen
    »Roma Roma aeterna« riefen zuerst die Licinier dann die Tausende der
römischen Jünglinge und durch Nacht und durch Grauen durch Blitz und Donner
und Sturm folgten sie dem Präfekten dessen dämonischer Schwung sie mit
fortriss Die Begeisterung lieh ihnen Flügel Rasch waren sie über den breiten
Graben hinweg dem sie sonst kaum zu nahen gewagt  Cetegus der erste am
jenseitigen Rand  Die Fackeln hatte der Sturm gelöscht Im Finsteren fand er
den Weg »Hierher Licinius« rief er »mir nach hier muss die Lücke sein«
    Und er sprang vorwärts rannte aber gegen einen harten Körper und taumelte
zurück »Was ist das« fragte Lucius Licinius hinter ihm »eine zweite Mauer« 
»Nein« sprach eine ruhige Stimme von drüben »aber gotische Schilde«  »Das
ist der König Witichis« sagte der Präfekt grimmig und maß mit bitterem Hass die
dunkeln Gestalten Er hatte auf Überraschung gezählt Seine Hoffnung war
getäuscht »Hätt ich ihn« sprach er grimmig in sich hinein »er sollte nicht
mehr schaden«
    Da wurden von rückwärts viele Fackeln sichtbar und die Trompeten
schmetterten Belisar führte sein Heer zum Sturm gegen den Mauersturz Prokop
erreichte den Präfekten »Nun was stockt ihr Halten euch neue Wälle auf«
    »Ja lebendige Wälle Da stehen sie« und der Präfekt deutete mit dem
Schwert »Unter den noch fallenden Trümmern diese Goten« 
    »Nun wahrlich« rief Prokop »si fractus illabatur orbis impavidos ferient
ruinae Das sind mutige Männer«
    Aber jetzt war Belisar mit seinen dichten zum Angriff bereiten Scharen
heran Einen Augenblick  nur die Führer eilten noch Befehle erteilend hin und
wieder  einen Augenblick noch und ein furchtbares Morden musste beginnen
    Da erglühte plötzlich der ganze Horizont über der Stadt Eine Flammensäule
schoss hoch empor und zahllose Funken stoben nieder Es schien Feuer vom Himmel
zu regnen Im roten Licht glänzte ganz Ravenna Es war ein furchtbar herrlicher
Anblick
    Die beiden Heere im Begriff handgemein zu werden hielten inne
    »Feuer Feuer Witichis König Witichis« schrie jetzt ein Reiter der von
der Stadt herjagte »es brennt«
    »Das sehen wir Lass brennen Markja Erst fechten dann löschen«
    »Nein nein Herr alle deine Speicher brennen Dein Getreide fliegt in
Myriaden Funken durch die Luft«
    »Die Speicher brennen« schrien Goten und Byzantiner
    Witichis versagte die Stimme zu fragen »Der Blitz muss schon lange im
Innern gezündet haben Es hat von innen heraus alles zusammengebrannt Da sieh
sieh hin «
    Ein stärkerer Stoß des Sturmwinds fuhr in die Lohe und entfachte sie
riesengross Die Flammen flogen auf die nächsten Dächer Zugleich schien der
hölzerne Dachfirst des hohen Gebäudes jetzt hinabzustürzen Denn nach einem
schweren Schlag schossen abermals viele viele Tausende von Funken empor Es war
ein Flammenmeer
    Witichis wollte das Schwert erheben zum Befehl  matt sank sein Arm
herunter
    Cetegus sahs »Jetzt« rief er »jetzt zum Sturm«
    »Nein haltet ein« rief mit Löwenstimme Belisarius »Der ist ein Feind des
Kaisers der ist des Todes der das Schwert erhebt Zurück ins Lager alle jetzt
ist Ravenna mein  und morgen fällts von selbst«
    Und seine Tausende folgten ihm und zogen zurück Cetegus knirschte Er
allein war zu schwach Er musste nachgeben Sein Plan war gescheitert Er hatte
die Stadt mit Sturm nehmen wollen um wie in Rom sich in ihren Hauptwerken
festzusetzen
    Und er sah voraus dass sie nun ganz in Belisars Hand werde geliefert werden
Grollend führte er die Seinen zurück
    Aber es sollte anders kommen als Belisar und als Cetegus dachten
 
                          Zweiundzwanzigstes Kapitel
Der König hatte den Schutz der Mauerlücke am Turm des Aëtius Hildebad übertragen
und war sofort auf die Brandstätte geeilt
    Als er dort eintraf fand er das Feuer im Erlöschen  aber nur aus Mangel
an Nahrung Der ganze Inhalt der Speicher samt deren Brettergerüsten und dem
Dach alles was durch Feuer zerstörbar war bis auf den letzten Splitter und das
letzte Korn verbrannt Nur die nackten russ und rauchgeschwärzten Steinmauern
des ursprünglichen Marmorbaus des Zirkus des Teodosius starrten noch gen
Himmel
    Ein Mal des Blitzstrahls war an ihnen nicht wahrzunehmen Das Feuer musste
sehr lange Zeit von innen heraus wo der Blitz den Holzbau entzündet haben
mochte unvermerkt fortgeglimmt sein und sich über alle Innenräume des Holzbaus
schleichend verbreitet haben Als Flammen und Rauch aber zu den Dachlücken
herausschlugen war alle Hilfe zu spät Krachend war bald darauf der Rest des
Holzbaues zusammengestürzt die Einwohner hatten vollauf zu tun die nächsten
teilweise schon vom Feuer ergriffenen Häuser zu retten Dies gelang mit Hilfe
des Regens der kurz vor Tagesanbruch endlich einfiel und dem Sturm sowie dem
Blitz und Donner ein Ende machte
    Aber statt der Speicher beleuchtete die aufgehende Sonne als sie das Gewölk
zerstreute nur einen trostlosen Haufen Schutt und Asche in der Mitte des
Marmorrundbaues
    Schweigend mit tief gesenktem Haupt lehnte der König lange Zeit diesen
Ruinen gegenüber an einer Säule der Basilika Ohne Regung nur manchmal den
Mantel auf der mächtig arbeitenden Brust zusammendrückend Im Anblick dieser
Trümmer war ein schwerer Entschluss in ihm gereift Jetzt ward es grabesstill in
seinem Innern
    Jedoch um ihn her auf dem Platze wogte das Elend der verzweifelnden Armen
von Ravenna betend fluchend weinend scheltend »O was wird jetzt aus uns« 
»O wie war das Brot so weiß so gut so duftend das ich noch gestern hier
erhielt«  »O was werden wir jetzt essen«
    »Bah der König muss aushelfen«  »Ja der König muss Rat schaffen«  »Der
König«
    »Ach der arme Mann woher soll ers nehmen«  »Hat er doch selbst nichts
mehr«  »Das ist seine Sache«  »Er allein hat uns in all die Not gebracht« 
»Er ist an allem schuld«  »Was hat er die Stadt nicht lang dem Kaiser
übergeben«  »Jawohl ihrem rechtmäßigen Herrn«  »Fluch den Barbaren«  »Sie
sind an allem schuld«  »Nicht alle nein der König allein Seht ihrs denn
nicht Es ist die Strafe Gottes«  »Strafe wofür Was hat er verbrochen Er
gab dem Volke von Ravenna Brot«  »So wisst ihrs nicht Wie kann der
Eheschänder die Gnade Gottes haben Der sündige Mann hat ja zwei Weiber
zugleich Der schönen Mataswinta hat ihn gelüstet Und er ruhte nicht bis sie
sein eigen war  Sein ehlich Weib hat er verstoßen«
    Da schritt Witichis unwillig die Stufen herab Ihn ekelte des Volkes Aber
sie erkannten seinen Schritt
    »Da ist der König Wie finster er blickt« riefen sie durcheinander und
wichen zur Seite »O ich fürchte ihn nicht Ich fürchte den Hunger mehr als
seinen Zorn Schaff uns Brot König Witichis Hörst dus wir hungern« sprach
ein zerlumpter Alter und fasste ihn am Mantel »Brot König«  »Guter König
Brot«  »Wir verzweifeln«  »Hilf uns« Und wild drängte sich die Menge um
ihn
    Ruhig aber kräftig machte sich Witichis frei »Geduldet euch« sprach er
ernst »Bis die Sonne sinkt ist euch geholfen« Und er eilte nach seinem
Gemach
    Dort warteten auf ihn mehrere Diener Mataswintens und ein römischer Arzt
    »Herr« sprach dieser mit besorgter Miene »die Königin deine Gemahlin ist
sehr krank Die Schrecken dieser Nacht haben ihren Geist verwirrt Sie spricht
wirre Fieberreden Willst du sie nicht sehen«
    »Nicht jetzt sorgt für sie« »Sie reichte mir« fuhr der Arzt fort »mit
größter Angst und Sorge diesen Schlüssel Er schien sie in ihren Wahnreden am
meisten zu beschäftigen Sie holte ihn unter ihrem Kopfkissen hervor Und sie
ließ mich schwören ihn nur in deine Hand zu geben er sei von höchster
Wichtigkeit«
    Mit einem bitteren Lächeln nahm der König den Schlüssel und warf ihn zur
Seite »Er ist es nicht mehr  Geht verlasst mich und sendet meinen Schreiber«
                                       
    Eine Stunde später ließ Prokop den Präfekten in das Zelt des Feldherrn
eintreten
    Als er eintrat rief ihm Belisar der mit hastigen Schritten auf und nieder
ging entgegen »Das kommt von deinen Plänen Präfekt Von deinen Künsten von
deinen Lügen Ich hab es immer gesagt vom Lügen kommt Verderben und ich
verstehe mich nicht darauf O warum bin ich dir gefolgt Jetzt steck ich in
Not und Schande«
    »Was bedeuten diese Tugendreden« fragte Cetegus seinen Freund
    Dieser reichte ihm einen Brief »Lies Diese Barbaren sind unergründlich in
ihrer großartigen Einfalt Sie schlagen den Teufel durch Kindessinn lies«
    Und Cetegus las mit Staunen »Du hast mir gestern drei Dinge zu wissen
getan
    Dass die Franken mich verraten haben Dass Du im Bund mit den Franken das
Westreich deinem undankbaren Kaiser entreißen willst Dass Du uns Goten freien
Abzug über die Alpen ohne Waffen anbietest
    Darauf habe ich Dir gestern geantwortet die Goten geben nie ihre Waffen ab
und räumen nicht Italien die Eroberung und Erbschaft ihres großen Königs eher
fall ich hier mit meinem ganzen Heer So habe ich gestern gesprochen So
spreche ich heute noch obwohl sich Feuer Wasser Luft und Erde gegen uns
empörten Aber was ich immer dunkel gefühlt hab ich heut nacht unter den
Flammen meiner Vorräte klar erkannt es liegt ein Fluch auf mir Um meinetwillen
erliegen die Goten Ich bin das Unglück meines Volkes Das soll nicht länger
also sein Nur meine Krone versperrte einen ehrenvollen Ausweg sie solls nicht
mehr Du erhebst Dich mit Recht gegen Justinian den treulosen und undankbaren
Mann Er ist unser Feind wie Deiner Wohlan stütze Dich statt auf ein Heer der
falschen Franken auf das ganze Volk der Goten deren Kraft und Treue Dir
bekannt Mit jenen sollst Du Italien teilen mit uns kannst Du es ganz behalten
Lass mich den Ersten sein der Dich begrüßt wie als Kaiser des Abendlands so als
König der Goten Alle Rechte bleiben meinem Volk Du trittst einfach an meine
Stelle Ich selber setze Dir meine Krone auf das Haupt und wahrlich kein
Justinian soll sie Dir entreißen Verwirfst Du diesen Antrag so mache Dich
gefasst auf einen Kampf wie du noch keinen gekämpft Ich breche dann mit
fünfzigtausend Goten in Dein Lager Wir werden fallen Aber auch Dein ganzes
Heer Eins oder das andre Ich habs geschworen Wähle Witichis«
    Einen Augenblick war der Präfekt aufs furchtbarste erschrocken Rasch hatte
er einen forschenden Blick auf Belisar geworfen Aber dieser Eine Blick
beruhigte ihn wieder ganz »Er ist ja Belisar« sagte er sich abermals »Jedoch
gefährlich ist es immer mit dem Teufel zu spielen Welche Versuchung «
    Er gab den Brief zurück und sagte lächelnd »Welch ein Einfall Wozu doch
die Verzweiflung führt«
    »Der Einfall« meinte Prokop »wäre gar so übel nicht wenn  «
    »Wenn Belisar nicht Belisar wäre« lächelte Cetegus
    »Spart euer Lachen« schalt dieser »Ich bewundre den Mann Und es darf mich
nicht mehr beleidigen dass er mich der Empörung fähig hält Hab ich es ihm doch
selber vorgelogen« Und er stampfte mit dem Fuß »Ratet jetzt und helft Denn
ihr habt mich in diese leidige Wahl geführt Ja sagen kann ich nicht Und sag
ich nein  darf ich des Kaisers Heer als vernichtet ansehen Und muss obenein
bekennen dass ich die Empörung nur erlogen«
    Cetegus sann schweigend nach das Kinn mit der Linken langsam streichend
Plötzlich durchblitzte ihn ein Gedanke Ein Strahl der Freude flog verschönend
über sein Gesicht »so kann ich sie beide verderben« Er war in diesem
Augenblick sehr mit sich zufrieden Aber erst wollte er Belisar ganz sicher
machen »Du kannst vernünftigerweise nur zwei Dinge tun« sagte er zaudernd
    »Rede ich sehe weder eins noch das andre«
    »Entweder wirklich annehmen «
    »Präfekt« rief Belisar grimmig und fuhr ans Schwert Prokop hemmte
erschrocken seinen Arm »Keinen solchen Scherz mehr Cetegus so lieb dir dein
Leben«
    »Oder« fuhr dieser ruhig fort »zum Schein annehmen Ohne Schwertstreich
einziehn in Ravenna Und   die Gotenkrone samt dem Gotenkönig nach Byzanz
schicken«
    »Das ist glänzend« rief Prokop »Das ist Verrat« rief Belisar
    »Es ist beides« sagte Cetegus ruhig
    »Ich könnte dem Gotenvolk nicht mehr in die Augen sehen«
    »Das ist auch nicht nötig Du führst den gefangenen König nach Byzanz Das
entwaffnete Volk hört auf ein Volk zu sein«
    »Nein nein das tu ich nicht«
    »Gut So lass dein ganzes Heer Testamente machen Leb wohl Belisar Ich gehe
nach Rom Ich habe durchaus nicht Lust fünfzigtausend Goten in Verzweiflung
kämpfen zu sehen Und wie wird Kaiser Justinianus den Verderber seines besten
Heeres loben«
    »Es ist eine furchtbare Wahl« zürnte Belisar
    Da trat Cetegus langsam auf den Feldherrn zu »Belisar« sprach er mit
gemütvoller tief aus der Brust geschöpfter Stimme »du hast mich oft für deinen
Feind gehalten Und ich bin zum Teil dein Gegner Aber wer kann neben Belisar im
Feld gestanden sein ohne den Helden zu bewundern«
    Und seine Weise war so feierlich und salbungsvoll wie man sie nie an dem
sarkastischen Präfekten sah Belisar war ergriffen und selbst Prokop erstaunte
    »Ich bin dein Freund wo ich es sein kann Und will dir diese Freundschaft
in diesem Augenblick durch meinen Rat bewähren Glaubst du mir Belisarius« Und
er legte die linke Hand auf des Helden Schulter bot ihm treuherzig die Rechte
und sah ihm tief ins Auge
    »Ja« sagte Belisar »wer könnte solchem Blick misstrauen«
    »Siehe Belisar nie hat ein edler Mann einen misstrauischern Herrn gehabt
als du  Der letzte Brief des Kaisers ist die schwerste Kränkung deiner Treue«
    »Das weiß der Himmel«
    »Und nie hat ein Mann«  hier fasste er ihn an beiden Händen  »herrlichere
Gelegenheit gehabt das schnödeste Misstrauen zu beschämen sich aufs
glorreichste zu rächen seine Treue sonnenklar zu zeigen Du bist verleumdet du
trachtetest nach der Herrschaft des Abendlandes Wohlan bei Gott du hast sie
jetzt in Händen Zieh in Ravenna ein lass dir von Goten und Italiern huldigen
und zwei Kronen auf dein Haupt setzen Ravenna dein dein blindergebnes Heer
die Goten die Italier  wahrlich du bist unantastbar Justinian muss zittern zu
Byzanz und sein stolzer Narses ist ein Strohhalm gegen deine Macht Du aber der
du all dies in Händen hast  du legst all die Macht und all die Herrlichkeit
deinem Herrn zu Füßen und sprichst Siehe Justinianus Belisar ist lieber dein
Knecht als der Herr des Abendlandes So glorreich Belisar ward Treue noch nie
auf Erden erprobt«
    Cetegus hatte den Kern seines Herzens getroffen Sein Auge leuchtete
    »Recht hast du Cetegus komm an meine Brust hab Dank Das ist groß
gedacht O Justinian du sollst vor Scham vergehen«
    Cetegus entzog sich der Umarmung und schritt zur Türe
    »Armer Witichis« flüsterte Prokop ihm zu »er wird diesem Musterstück von
Treue aufgeopfert  Jetzt ist er verloren«
    »Ja« sagte Cetegus »er ist verloren gewiss« Und draußen vor dem Zelt
warf er den Mantel über die linke Schulter und sprach »Aber gewisser noch du
selber Belisar«
                                       
    In seinem Quartier trat ihm Lucius Licinius gerüstet entgegen
    »Nun Feldherr« fragte er »die Stadt ist noch nicht übergeben Wann gehts
zum Kampf«
    »Der Kampf ist aus mein Lucius Leg deine Waffen ab und gürte dich zu
reisen Du gehst noch heute mit geheimen Briefen von mir ab«  »An wen«  »An
den Kaiser und die Kaiserin«  »Nach Byzanz«  »Nein zum Glück sind sie ganz
nah in den Bädern von Epidaurus Eile dich In fünfzehn Tagen musst du zurück
sein nicht einen halben später Italiens Schicksal harrt auf deine
Wiederkunft«
                                       
    Sowie Prokop mündlich die Antwort Belisars dem Gotenkönig überbracht berief
dieser in seinen Palast die Führer des Heeres die vornehmsten Goten und eine
Anzahl von vertrauten einfach Freien teilte ihnen das Geschehene mit und
forderte ihre Zustimmung
    Wohl waren sie anfangs mächtig überrascht und ein Schweigen des Staunens
folgte auf seine Worte Endlich sprach Herzog Guntaris mit Rührung auf den
König blickend »Die letzte deiner Königstaten Witichis ist so edel ja edler
als alle deine früheren Dich bekämpft zu haben werd ich ewig bereuen Ich habe
mir lange geschworen es zu sühnen indem ich dir blindlings folge Und
wahrlich in diesem Fall hast du zu entscheiden denn du opferst das Höchste
eine Krone Soll aber ein andrer als du König sein  leichter mögen die
Wölsungen einem Fremden einem Belisar als einem Goten nachstehn Und so folg
ich dir und sage ja du hast gut und groß gehandelt«
    »Und ich sage nein und tausendmal nein« rief Hildebad »Bedenkt was ihr
tut Ein Fremder an der Spitze der Goten«
    »Was ist das andres als was andre Germanen vor uns getan Quaden und
Heruler und Markomannen auch die Franken unter jenem Römer Ägidius« sagte
Witichis ruhig »ja was andres als was unsre glorreichsten Könige und selbst
Teoderich getan Sie leisteten dem Kaiser Waffendienst und erhielten dafür
Land So lautet der Vertrag nach dem Teoderich Italien von Kaiser Zeno nahm
Ich erachte Belisar nicht geringer als Zeno und mich wahrlich nicht besser als
Teoderich«
    »Ja wenn es Justinian wäre« fügte Guntaris bei »Nie unterwarf ich mich
dem feigen und falschen Tyrannen Aber Belisarius ist ein Held  Kannst du das
leugnen Hildebad Hast du vergessen wie er dich vom Gaul gerannt«
    »Schlag mich der Donner wenn ichs ihm vergesse Es ist das einzige was
mir an ihm gefallen hat«
    »Und das Glück ist mit ihm wie mit mir das Unglück war Und wir bleiben im
reichen Lande hier bleiben frei wie bisher und schlagen nur seine Schlachten
gegen Byzanz Er wird uns Rache schaffen an dem gemeinsamen Feind«
    Und fast alle Versammelten stimmten bei
    »Nun ich kann euch nicht in Worten widerlegen« rief Hildebad  »Von je
hab ich die Zunge ungefüger als die Axt geführt  Aber ich fühl es deutlich
ihr habt unrecht  Hätten wir nur den schwarzen Grafen hier der würde sagen
können was ich nur spüre Mögt ihrs nie bereuen Mir aber seis vergönnt aus
diesem ungeheuerlichen Mischreich davonzugehn Ich will nicht leben unter
Belisar Ich zieh auf Abenteuer in die Welt mit Schild und Speer und groben
Hieben kommt man weit«
    Witichis hoffte den treuen Gesellen in vertrautem Gespräch wohl noch
umzustimmen Er fuhr jetzt in der Sache fort die ihm so sehr am Herzen lag
»Vor allem hat sich Belisar Schweigen ausbedungen bis er Ravenna besetzt hat
Es steht zu fürchten dass einige seiner Heerführer mit ihren Truppen von einer
Empörung gegen Justinian nichts wissen wollen Diese sowie die verdächtigen
Quartiere von Ravenna müssen von den Goten und den verlässigen Anhängern
Belisars umstellt sein ehe die Entscheidung fällt«
    »Hütet euch« warnte Hildebad »dass ihr nicht selbst in diese Grube fallt
Wir Goten sollen uns nicht aufs Feinspinnen verlegen s ist wie wenn der
Waldbär auf das Seil steigt  er fällt doch über kurz oder lang Lebt wohl 
mög es besser ausfallen als ich ahne
    Ich gehe von meinem Bruder Abschied zu nehmen Der wie ich ihn kenne wird
wohl mit diesem RömerGotenstaate sich versöhnen Der schwarze Teja aber denk
ich zieht mit mir davon«
                                       
    Am Abend durchlief die Stadt das Gerücht von einer Kapitulation Die
Bedingungen waren ungewiss Aber gewiss war dass Belisar auf Verlangen des Königs
große Vorräte von Brot Fleisch und Wein in die Stadt schickte welche an die
Armen verteilt wurden »Er hat Wort gehalten« sagten diese und segneten den
König
    Dieser erkundigte sich nun nach dem Befinden der Königin und erfuhr dass sie
sich langsam wieder beruhige und erhole »Geduld« sprach Witichis aufatmend 
»auch sie wird bald frei und meiner ledig«
    Es dunkelte bereits als eine starke Schar berittener Goten sich aus der
innern Stadt nach der Mauerlücke am Turm des Aëtius wandte Ein langer Reiter
voran dann eine Gruppe die auf quergelegten Lanzen eine mit Tüchern und
Mänteln verhüllte Last in schweren Kisten trug Dann der Rest der stark
gerüsteten Männer
    »Auf mit dem Notriegel« rief der Führer »wir wollen hinaus«
    »Du bist es Hildebad« rief der Wache haltende Graf Wisand und gab Befehl
zu öffnen »Weißt du schon die Stadt wird morgen übergeben Wo willst du hin«
    »In die Freiheit« rief Hildebad und gab seinem Ross die Sporen
 
                          Dreiundzwanzigstes Kapitel
Mehrere Tage waren vergangen bis die Königin Mataswinta sich aus den wirren
Fieberphantasien und aus dem von wilden Träumen gequälten Schlummer der auf
dieselben gefolgt war erhoben hatte
    Teilnahmslos und stumpf stand sie der ganzen Außenwelt und den gewaltigen
Entscheidungen gegenüber die sich damals vorbereiteten Sie schien keine
Empfindung mehr zu haben als das eine Gefühl ihrer ungeheueren frevelhaften
Taten
    Und rasch hatte sich der wild frohlockende Triumph des Hasses mit dem sie
die Fackel in der Hand durch die Nacht gestürmt war in zerstörende Reue in
Grauen und Entsetzen verwandelt In dem Augenblick da sie die arge Tat getan
hatte sie der Erdstoss in die Kniee geworfen und ihr von allen Leidenschaften
erregter Sinn ihr im Augenblick des vollendeten Frevels erwachendes Gewissen
glaubte die Erde wolle sich über ihre Untat empören sie sah die Rache des
Himmels hereinbrechen über ihr schuldiges Haupt
    Und als sie nun in ihrem Gemache wieder angelangt alsbald die Lohe die
ihre Hand entzündet riesengross emporsteigen sah als sie das tausendstimmige
Wehegeschrei der Ravennaten und Goten vernahm da schien jede Flamme an ihrem
Herzen zu nagen und jede der klagenden Stimmen sie zu verfluchen Sie verlor das
Bewusstsein sie brach zusammen unter den Folgen ihrer Tat
    Als sie die Besinnung wiedergefunden und sich allmählich des Geschehenen
wieder erinnert hatte war die Kraft ihres Hasses gegen den König völlig
gebrochen Ihre Seele war geknickt Tiefste Reue über ihre Tat zitternde Scheu
je wieder vor sein Antlitz treten zu sollen erfüllte sie ganz
    Um so mehr als sie selbst wusste und von allen Seiten vernahm wie der
Untergang der Speicher den König zur Ergebung an seine Feinde zwingen werde
    Ihn selber sah sie nicht Auch als er einmal einen Augenblick Zeit fand
selbst nach ihrem Zustand in ihren Gemächern sich zu erkundigen beschwor sie
die staunende Aspa um keinen Preis den König vor ihr Antlitz treten zu lassen
obwohl sie wieder seit mehreren Tagen das Lager verlassen und häufig arme Leute
aus der Stadt empfangen hatte ja die Darbenden auffordern ließ sich bei ihr zu
melden Sie pflegte dann eigenhändig die für sie und ihren Hof bestimmten
Speisen und mit massloser Freigebigkeit Schmuck Gold und Kostbarkeiten an sie zu
verteilen
    Solchen Besuch eines Bettlers erwartete sie als ein Mann in braunem Mantel
und einer Sturmhaube wiederholt und dringend sie um die Gnade gebeten hatte sie
möchte nicht ihm sondern einer armen Frau ihres Volkes die Gunst einer
Unterredung ohne Zeugen gewähren
    »Es gelte des Königs Heil es gelte zu warnen vor tätigem überführbarem
Verrat der seine Krone vielleicht sein Leben bedrohe Mataswinta gewährte
eifrig die Bitte «
    Mochte es ein Irrtum ein Vorwand sein sie durfte nicht mehr abweisen was
auch nur mit dem Vorwand seiner Rettung an sie trat Auf Sonnenuntergang
bestellte sie das Weib 
    Die Sonne war gesunken Der Süden kennt fast keine Dämmerung Es war finster
beinahe als der schon lange im Vorsaal harrenden Frau eine Sklavin winkte Die
Königin krank und schlaflos des Nachts habe erst zur achten Stunde Schlummer
gefunden Eben erst erwacht sei sie sehr schwach Gleichwohl solle die Bittende
vorgelassen werden da es dem König gelte
    »Ist das aber auch gewiss wahr« forschte die Sklavin »Nicht unnütz möcht
ich meine Herrin mühen«  es war Aspa  »wenn Ihr nur Gold damit erlisten
wolltet sagt es mir frei Ihr sollt mehr haben als Ihr begehrt  nur schont
meine Herrin Gilt es dem König wirklich«
    »Es gilt dem König« Seufzend führte Aspa die Frau in das Gemach
Mataswintens
    Diese erhob sich das Haupt und Haar von dichtem Tuch umwunden ganz in
leichtes weißes Krankengewand gekleidet im Hintergrund des großen Gemaches von
dem Lager an welchem ein runder Mosaiktisch stand Die goldene Ampel die über
demselben in die Wand eingelassen war brannte bereits mit mattem Licht Sie
blieb auf dem Rand des Lagers müde sitzen »Tritt näher« sprach sie »Es gilt
dem König warum zögerst du Rede«
    Das Weib deutete auf Aspa »Sie ist verschwiegen und treu«  »Sie ist ein
Weib« Auf einen Wink Mataswintens entfernte sich ungern das Mädchen
    »Amalungentochter  ich weiß nur des Reiches Not nicht Liebe hat dich zu
ihm geführt Wie wunderschön sie istobzwar todesblass Doch Gotenkönigin bist
du seine Königin  ob du ihn auch nicht liebst  sein Reich sein Sieg muss dir
das Höchste sein«
    Mataswinta griff nach der Goldlehne des Lagers »So denkt jede Bettlerin im
Gotenvolk« seufzte sie
    »Zu ihm kann ich nicht sprechen Aus eignen Gründen
    So sprech ich denn zu dir der es am meisten zusteht ihn vor Verrat zu
warnen Höre mich« Und sie trat näher scharf auf die Königin blickend »Wie
seltsam« sprach sie zu sich selbst »Welche Ähnlichkeit der Gestalt«
    »Verrat Noch mehr Verrat«  »So ahnst auch du Verrat«  »Gleichviel Von
wem Von Byzanz Von außen Von dem Präfekten«
    »Nein« sprach das Weib kopfschüttelnd »Nicht von außen Von innen Nicht
von einem Mann Von einem Weib«
    »Was redest du« sprach Mataswinta noch bleicher werdend »Wie kann ein
Weib «
    »Dem Helden schaden Durch höllische Bosheit des Herzens Nicht mit Gewalt
Mit List und Verrat Vielleicht bald mit heimtückischem Gift oder wie schon
geschehen  mit heimtückischem Feuer«
    »Halt ein« Mataswinta die sich erhoben hatte wankte zurück an den
Mosaiktisch sich daran lehnend
    Aber das Weib folgte ihr leise flüsternd »Wisse das Unglaubliche das
Schändliche Der König glaubt und das Volk der Blitz des Himmels habe sein Korn
verbrannt Ich aber weiß es besser Und auch Er soll es wissen Wissen gewarnt
durch deinen Mund zu erforschen und zu entwaffnen die Bosheit Ich sah in jener
Nacht eine Fackel durch die Speichergänge eilen und ein Weib hat sie
hineingeschleudert Du schauderst Ja ein Weib Du willst hinweg Nein höre
nur noch ein Wort Dann will ich dich lassen Den Namen Ich weiß ihn nicht
Aber sie brach vor mir zusammen und entkam mir doch verlor sie als Wahrzeichen
als Erkennungszeichen  diese Schlange von Smaragd«
    Und die Frau trat hart an den Tisch dicht unter den Schein der Ampel den
Armreif erhebend
    Da fuhr die Gepeinigte hoch empor Vor das Antlitz hob sie die beiden
nackten Arme  Von der hastigen Bewegung fiel die Kopfhülle Ihr rotes Haar
flutete nieder und durch das Haar hindurch schimmerte an ihrem linken Arm
deutlich eine Goldspange mit smaragdner Schlange
    »Ah« schrie das Weib laut auf »Beim Gott der Treue Du Du selber bists
    Seine Königin Sein Weib hat ihn verraten Fluch über dich Das soll er
wissen«
    Mit gellendem Aufschrei fiel Mataswinta auf ihr Antlitz in die Kissen
zurück Der Schrei brachte Aspa aus dem Nebengemach zur Stelle Aber als sie
eintrat war die Königin schon allein Der Vorhang des großen Eingangs rauschte
Die Bettlerin war verschwunden
 
                          Vierundzwanzigstes Kapitel
Am andern Morgen schon sahen die Ravennaten mit Staunen Prokop Johannes
Demetrius Bessas Acacius Vitalius und eine Reihe andrer belisarischer
Heerführer in den Palast des Königs ziehen Sie berieten dort mit ihm die
näheren Bedingungen und die Formen der Übergabe
    Unter den Goten verlautete einstweilen nur der Friede sei geschlossen Die
beiden Hauptwünsche um deren willen das Volk den ganzen schweren Kampf
getragen würden erreicht sie würden frei sein und im ungeteilten Besitz des
fruchtbaren Südlands bleiben das ihnen so teuer geworden war Das war weitaus
mehr als nach dem schlimmen Stand der gotischen Sache seit dem Abzug von Rom und
dem unvermeidlich gewordnen Verlust von Ravenna zu erwarten war Und die Häupter
der Sippen und sonst die einflussreichsten Männer im Heere die jetzt von dem
bevorstehenden Schritt Belisars verständigt wurden billigten vollständig die
beschlossenen Bedingungen
    Die wenigen welche die Zustimmung weigerten erhielten freien Abzug aus
Ravenna und Italien Aber auch abgesehen hiervon wurde das in Ravenna stehende
Gotenheer nach allen Richtungen zerstreut Witichis sah die Unmöglichkeit ein
in der ausgesogenen Landschaft außer den Truppen Belisars mit dessen Vorräten
auch noch das gotische Heer und die Bevölkerung zu versorgen und so bewilligte
er die Forderung Belisars dass die Goten in Gruppen von Hunderten und
Tausenden zu allen Toren der Stadt hinausgeführt und in allen Richtungen nach
ihren Heimstätten entlassen würden
    Belisar fürchtete den Ausbruch gotischer Verzweiflung wenn der arge Verrat
den man vorhatte ruchbar würde und er wünschte deshalb die Verteilung des
aufgelösten Heeres War er einmal im sichern Besitz von Ravenna so hoffte er
etwaige Erhebungen auf dem flachen Lande leicht zu dämpfen Und Tarvisium
Verona und Ticinum die letzten festen Plätze der Goten in ganz Italien konnten
dann nicht lange mehr seiner gesamten gegen sie gewendeten Macht widerstehen
    Die Ausführung dieser Maßregeln erforderte mehrere Tage Zeit
    Erst als nur mehr wenige Mann Goten in Ravenna versammelt waren beschloss
Belisar seinen Einzug Und auch von diesem geringen Rest wurde die Hälfte in das
byzantinische Lager verlegt die andre Hälfte in den Quartieren der Stadt
verteilt unter dem Vorwand den etwaigen Widerstand von hartnäckigen Anhängern
Justinians zu brechen
    Was aber die Ravennaten und die in den Plan nicht eingeweihten Goten am
meisten wunderte war dass nach wie vor die blaue gotische Fahne auf den Zinnen
des Palastes wehte Freilich stand ein Lanzenträger Belisars dort oben bei ihr
Wache Denn auch der Palast war schon voll von Byzantinern
    Gegen einen etwaigen Versuch des Präfekten sich wie in Rom durch Besetzung
der wichtigsten Punkte zum Herrn der Stadt zu machen hatte Belisar vorsichtige
Maßregeln getroffen Cetegus durchschaute sie und lächelte Er tat nichts
dagegen
    Am Morgen des zum Einzug bestimmten Tags trat Cetegus in glänzender Rüstung
in das Zelt Belisars
    Er traf nur Prokop »Seid ihr bereit« fragte er »Vollständig«  »Welches
ist der Moment«  »Der Augenblick in dem der König im Schlosshof zu Pferde
steigt uns entgegenzureiten Wir haben alles bedacht«
    »Wieder einmal alles« lächelte der Präfekt »Eins habt ihr mir doch noch
übriggelassen Es wird nicht ausbleiben dass die Barbaren sowie unser Plan
gelungen und bekannt ist im ganzen Land in heller Wut auflodern werden Mitleid
und Rachedurst für ihren König könnten sie zu sehr wilden Taten
    Die ganze Begeisterung für Witichis und die Entrüstung gegen uns würde nun
im Keim erstickt und die Goten sähen sich nicht von uns sondern von ihrem
König verraten wenn dieser selbst schriftlich bezeugen würde er habe die Stadt
nicht an Belisar als Gotenkönig und Rebellen gegen Justinian sondern einfach an
den Feldherrn Justinians übergeben Jene Empörung Belisars die ja auch wirklich
ausbleibt erscheint dann den Goten als eine bloße von ihrem König ersonnene
Lüge die Schande der Ergebung ihnen zu verhüllen«
    »Das wäre vortrefflich aber Witichis wird das nicht tun«
    »Wissentlich schwerlich Aber vielleicht unwissentlich Ihr habt ihn den
Vertrag doch nur im Original unterschreiben lassen«
    »Er hat nur einmal unterschrieben«
    »Diese Urkunde ist in seinem Besitz Gut ich werde ihn hier dies von mir
aufgesetzte Duplikat unterzeichnen lassen auf dass auch Belisar« lächelte er
»das wertvolle Schriftstück besitze«
    Prokop blickte hinein  »Wenn er das unterzeichnet hebt sich freilich kein
gotisch Schwert mehr für ihn Aber «
    »Lass die Aber mich besiegen Entweder unterschreibt er heute freiwillig im
Drang des Augenblicks ohne zu lesen« 
    »Oder«
    »Oder« vollendete Cetegus finster »er unterschreibt später Unfreiwillig
  Ich eile voraus Entschuldige wenn ich euren Triumphzug nicht begleite
Meinen Glückwunsch an Belisar«
    Aber da trat Belisar in das Zelt Antonina folgte ihm Er war nicht gerüstet
und blickte düster vor sich hin
    »Eile Feldherr« mahnte Prokop »Ravenna harrt ihres Besiegers Der Einzug
«
    »Nichts von Einzug« sprach Belisar grimmig »Ruf die Soldaten ab Mich
reut der ganze Handel«
    Cetegus blieb an dem Ausgang des Zeltes stehen
    »Belisar« rief Prokop entsetzt »welcher Dämon hat dir das eingeblasen«
»Ich« sagte Antonina stolz »was sagst du nun« »Ich sage dass große
Staatsmänner keine Frauen haben sollten« rief Prokop ärgerlich »Belisar
entdeckte mir erst in dieser Nacht euer Vorhaben Und ich hab ihn unter Tränen
 «
    »Versteht sich« brummte Prokop »die kommen stets zu rechter Zeit« 
»Unter Tränen beschworen abzustehen Ich kann meinen Helden nicht von so
schwarzem Verrat befleckt sehen«
    »Und ich wills nicht sein Lieber reit ich besiegt im Orkus ein denn also
als ein Sieger in Ravenna Meine Briefe an den Kaiser sind noch nicht
abgegangen  Also ists noch Zeit«
    »Nein« sagte Cetegus herrisch von der Tür ins Zelt schreitend »Zum Glück
für dich ists nicht mehr Zeit Wisse ich habe schon vor acht Tagen an den
Kaiser geschrieben ihm alles mitgeteilt und Glück gewünscht dass sein Feldherr
ohne mindesten Verlust Ravenna gewonnen hat und der Krieg beendet«
    »Ah Präfekt« rief Belisar »Du bist ja sehr dienstfertig Woher dieser
Eifer«
    »Weil ich Belisarius kenne und seinen Wankelmut Weil man dich zu deinem
Glücke zwingen muss Und weil ich ein Ende dieses Krieges will der mein Italien
zerfleischt« Und drohend trat er gegen die Frau heran die auch jetzt der
dämonischen beherrschenden Gewalt seines Blickes nicht zu entgehen vermochte
»Wag es versuch es jetzt Tritt zurück enttäusche Witichis und opfre einer
Grille deines Weibes Ravenna Italien und dein Heer Siehe zu ob dir das
Justinianus je vergeben kann Auf Antoninas Seele diese Schuld Horch die
Trompeten rufen rüste dich Es bleibt dir keine Wahl« Und er eilte hinaus
    Bestürzt sah ihm Antonina nach »Prokop« fragte sie dann »weiß es der
Kaiser wirklich schon«
    »Und wenn er es noch nicht wüsste  zu viele sind schon in das Geheimnis
eingeweiht Nachträglich erfährt er jedenfalls dass Ravenna und Italien sein
war und  dass Belisar um die Gotenkrone die Kaiserkrone warb Nur dass er sie
erlangt und  abliefert kann ihn rechtfertigen vor Justinian«
    »Ja« sagte Belisar seufzend »er hat recht Es bleibt mir keine Wahl«
    »So geh« sprach Antonina eingeschüchtert »Mir aber seis erlassen bei
diesem Einzug dich zu begleiten  es ist ein Schlingenlegen kein Triumph«
                                       
    Die Bevölkerung von Ravenna wenn auch im Unklaren über die näheren
Bestimmungen war doch gewiss dass der Friede geschlossen und den langen und
schweren Leiden des verheerenden Kampfes ein Ende gemacht sei
    Und die Bürger hatten in aufatmender Freude über diese Erlösung die Trümmer
die das Erdbeben auf sehr viele Straßen geworfen hinweggeräumt und ihre
befreite Stadt festlich geschmückt Laubgewinde Fahnen und Teppiche zierten die
Straßen das Volk drängte sich auf den großen Fora in den Lagunenkanälen und in
den Bädern und Basiliken in freudiger Bewegung begierig den Helden Belisar und
das Heer zu sehen die so lange ihre Mauern bedroht und endlich die Barbaren
überwunden hatten
    Schon zogen starke Abteilungen von Byzantinern stolz und triumphierend ein
während die in schwachen Zahlen überall zerstreuten gotischen Posten mit
Schweigen und mit Widerwillen die verhassten Feinde in die Residenz Teoderichs
einrücken sahen
    In dem ebenfalls reichgeschmückten Königspalast versammelten sich die
vornehmsten Goten in einer Halle neben den Gemächern des Königs Dieser
bereitete sich als die für den Einzug Belisars anberaumte Stunde nahte die
königlichen Kleider anzulegen  mit Befriedigung denn es war ja das
letztenmal dass er die Abzeichen einer Würde tragen sollte die ihm nur Schmerz
und Unheil gebracht
    »Geh Herzog Guntaris« sprach er zu dem Wölsung »Hildebad mein
ungetreuer Kämmerer hat mich verlassen Vertritt du dies eine Mal seine Stelle
die Diener werden dir im Königsschatz die goldene Truhe zeigen die Krone Helm
und Purpurmantel Schwert und Schild Teoderichs verwahren Ich werde sie heute
zum ersten und letztenmal anlegen sie dem Helden abzuliefern der sie nicht
unwürdig tragen wird Was gibt es dort für Lärm«
    »Herr ein Weib« antwortete Graf Wisand »eine gotische Bettlerin Sie hat
sich schon dreimal herangedrängt Sie will ihren Namen dir nur nennen Weise sie
hinaus «
    »Nein sagt ihr ich will sie hören  heute abend soll sie im Palast nach
mir fragen«
    Als Guntaris das Gemach verlassen trat Bessas ein mit Cetegus Der
Präfekt hatte diesem ohne ihn einzuweihen die Abschrift des Vertrages
übergeben die der Gotenkönig noch unterschreiben sollte Aus dieser
unverdächtigen Hand glaubte er würde jener die Urkunde argloser nehmen
    Witichis begrüßte die Eintretenden Bei dem Anblick des Präfekten flog über
sein Antlitz das heute heller als seit langen Monden glänzte ein dunkler
Schatte Doch bezwang er sich und sprach »Du hier Präfekt von Rom Anders hat
dieser Kampf geendet als wir meinten Jedoch du kannst auch damit zufrieden
sein Wenigstens kein Griechenkaiser kein Justinianus wird dein Rom
beherrschen«
    »Und soll es nicht solange ich lebe«
    »Ich komme König der Goten« fiel Bessas ein »dir den Vertrag mit Belisar
zur Unterschrift vorzulegen«
    »Ich hab ihn schon unterschrieben«  »Es ist die für meinen Herrn
bestimmte Doppelschrift«
    »So gib« sprach Witichis und wollte das Pergament aus des Byzantiners Hand
nehmen
    Da trat Herzog Guntaris mit den Dienern eilfertig ins Gemach »Witichis«
rief er »der Königsschmuck ist verschwunden«
    »Was ist das« fragte Witichis »Hildebad allein führte die Schlüssel
davon«
    »Die ganze Goldtruhe auch noch andere Truhen sind fort In der leeren
Nische da sie sonst standen lag dieser Streif Pergament Es sind die
Schriftzüge von Hildebads Schreiber«
    Der König nahm und las »Krone Helm und Schwert Purpur und Schild
Teoderichs sind in meinem Gewahrsam Wenn Belisar sie will soll er sie von mir
holen Die Rune H  für Hildebad«
    »Man muss ihn verfolgen« sagte Cetegus finster »bis er sich fügt« Da
eilten Johannes und Demetrius herein »Eile dich König Witichis« drängten sie
»Hörst du die Tubatöne Belisar hat schon die Porta des Stilicho erreicht«
    »So lasst uns gehen« sprach Witichis ließ sich von den Dienern den
Purpurmantel den sie statt des verschwundenen mitgebracht um die Schultern
werfen und drückte einen goldenen Reif auf das Haupt Statt des Schwertes
reichte man ihm ein Zepter Und so wandte er sich zur Tür
    »Du hast nicht unterschrieben Herr« mahnte Bessas
    »So gib« und er nahm die Schrift jetzt aus der Hand des Byzantiners »Die
Urkunde ist sehr lang« sagte er hineinblickend und hob an zu lesen »Eile
König« mahnte Johannes
    »Zum Lesen ist nicht mehr Zeit« sagte Cetegus gleichgültig und reichte ihm
die Schilffeder von dem Tisch »Dann auch nicht mehr zum Schreiben« antwortete
der König »Du weißt ich war ein König nach Bauernart wie die Leute sagten
Bauern unterschreiben keine Zeile ehe sie genau gelesen gehen wir« Und
lächelnd gab er die Urkunde an den Präfekten und schritt hinaus Die Byzantiner
und alle Anwesenden folgten
    Cetegus drückte das Pergament zusammen »Warte nur« flüsterte er grimmig
»du sollst doch noch unterschreiben« Langsam folgte er den andern
    Die Halle vor dem Gemach des Königs war bereits leer
    Der Präfekt schritt hinaus auf den gewölbten Bogengang der im Viereck den
ersten Stock des Palastes umgab und dessen byzantinischromanische Rundbogen
den freien Blick in den weiten Hofraum gewährten Derselbe war von Bewaffneten
dicht gefüllt An allen vier Toren standen die Lanzenträger Belisars Cetegus
lehnte hinter einem Bogenpfeiler und sprach dem Gang der Ereignisse folgend
mit sich selbst »Nun Byzantiner genug um ein kleines Heer gefangen zu nehmen
Freund Prokop ist vorsichtig Da  Witichis erscheint im Portal Seine Goten
sind noch weit hinter ihm auf der Treppe Des Königs Pferd wird vorgeführt 
Bessas hält dem König den Bügel  Witichis tritt heran er hebt den Fuß 
Jetzt ein Trompetenstoss  Die Treppentüre des Palastes fällt zu und schließt
die Goten in den Treppenbau Auf dem Dache reißt Prokop das Gotenbanner nieder
 Johannes fasst seinen rechten Arm brav Johannes  Der König ruft Verrat
Verrat Er wehrt sich mächtig  Aber der lange Mantel hemmt ihn  Da da er
strauchelt  Er stürzt zu Boden  Da liegt das Reich der Goten«   
                                       
    »Da liegt das Reich der Goten« Mit diesen Worten begann auch Prokop die
Sätze die er an diesem Abend in sein Tagebuch eintrug »Ein wichtig Stück
Weltgeschichte hab ich heut bei Tage machen helfen und zeichne ich nun nachts
hier ein
    Als ich heute das römische Heer seinen Einzug halten sah in die Tore und
Königsburg von Ravenna kam mir abermals der Gedanke nicht Tugend oder Zahl
oder Verdienst entscheidet den Erfolg in der Geschichte
    Es gibt eine höhere Gewalt die unentrinnbare Notwendigkeit
    An Zahl und an Heldentum waren uns die Goten überlegen und sie haben es
nicht fehlen lassen an irgend denkbarer Anstrengung Die gotischen Frauen in
Ravenna schmähten heute ihre Männer laut ins Angesicht als sie die kleinen
Gestalten die nicht zahlreichen Scharen unserer einziehenden Truppen sahen
Summa in gerechtester Sache in heldenmütigster Anstrengung kann ein Mann kann
ein Volk doch erliegen wenn übermächtige Gewalten entgegentreten die durchaus
nicht immer das bessere Recht für sich haben
    Mir schlug das Herz im Bewusstsein des Unrechts als ich das Gotenbanner
heute niederriss und den Golddrachen Justinians an seine Stelle setzte die Fahne
des Unrechts erhob über dem Banner des Rechts
    Nicht die Gerechtigkeit eine unserem Denken undurchdringbare Notwendigkeit
beherrscht die Geschicke der Menschen und der Völker
    Aber den rechten Mann macht das nicht irre Denn nicht was wir ertragen
erleben und erleiden  wie wir es tragen das macht den Mann zum Helden
Ehrenvoller ist der Goten Untergang denn unser Sieg Und diese Hand die sein
Banner herabriss wird den Ruhm dieses Volkes aufzeichnen für die kommenden
Geschlechter Jedoch wie immer dem sei  da liegt das Reich der Goten«
 
                          Fünfundzwanzigstes Kapitel
Und so schien es
    Auf das glücklichste war dank den Maßregeln Prokops der Streich gelungen
Im Augenblick da auf dem Turme des Palastes die Fahne der Goten fiel und der
König ergriffen ward sahen sich die überraschten Goten überall im Schlosshof in
den Straßen und Lagunen der Stadt im Lager von weit überlegenen Kräften
umstellt ein Rechen von Lanzen starrte ihnen überall entgegen fast ausnahmslos
legten die Betäubten die Waffen nieder  die wenigen welche Widerstand
versuchten  so die nächste Umgebung des Königs  wurden niedergestossen
Witichis selbst Herzog Guntaris Graf Wisand Graf Markja und die mit ihnen
gefangenen Großen des Heeres wurden in getrennten Gewahrsam gebracht der König
in den »Zwinger Teoderichs« einen tiefen starken Turm des Palastes selbst
    Belisars Zug von dem Tore Stilichos nach dem Forum des Honorius wurde nicht
gestört Im Palast angelangt berief er den Senat die Decurionen der Stadt und
nahm sie in Eid und Pflicht für Kaiser Justinianus Prokopius wurde mit den
goldenen Schlüsseln von Neapolis Rom und Ravenna nach Byzanz gesendet Er
sollte ausführlichen Bericht erstatten und für Belisar Verlängerung des Amtes
erbitten bis zur demnächst zu erwartenden völligen Beruhigung Italiens und
hierauf wie nach dem Vandalenkrieg die Ehre des Triumphes unter Aufführung
des gefangenen Königs der Goten im Hippodrom
    Denn Belisar sah den Krieg für beendet an Cetegus teilte beinah diesen
Glauben Doch fürchtete er in den Provinzen den Ausbruch gotischen Zornes über
den geübten Verrat Er sorgte daher dafür dass über die Art des Falles der Stadt
vorläufig keine Kunde durch die Tore drang und er suchte eifrig im Geiste nach
einem Mittel den gefangenen König selbst als ein Werkzeug zur Dämpfung des etwa
neu auflodernden Nationalgefühls zu verwerten  Auch bewog er Belisar
Hildebad der in der Richtung nach Tarvisium entkommen war durch Acacius mit
den persischen Reitern verfolgen zu lassen
    Vergebens versuchte er die Königin zu sprechen Sie hatte sich seit jener
Nacht der Schrecken noch immer nicht ganz erholt und ließ niemand vor Auch die
Nachricht von dem Falle der Stadt hatte sie mit dumpfem Schweigen hingenommen
Der Präfekt bestellte ihr eine Ehrenwache  um sich ihrer zu versichern Denn er
hatte noch große Pläne mit ihr vor
    Dann sandte er ihr das Schwert des gefangenen Königs und schrieb ihr dabei
»Mein Wort ist gelöst König Witichis ist vernichtet Du bist gerächt und
befreit   Nun erfülle auch Du meine Wünsche«
    Einige Tage darauf beschied Belisar seines treuen Beraters Prokop beraubt
den Präfekten zu sich in den rechten Flügel des Palastes wo er sein Quartier
aufgeschlagen »Unerhörte Meuterei« rief er dem Eintretenden entgegen  »Was
ist geschehen«
    »Du weißt ich habe Bessas mit den lazischen Söldnern in die Schanze des
Honorius gelegt einen der wichtigsten Punkte der Stadt Ich vernehme dass der
Geist dieser Truppen unbotmässig  ich rufe sie ab und Bessas  «  »Nun« 
»Weigert den Gehorsam«  »Ohne Grund Unmöglich«
    »Lächerrlicher Grund Gestern ist der letzte Tag meiner Amtsgewalt
abgelaufen«  »Nun«  »Bessas erklärt seit letzter Mitternacht hätt ich ihm
nichts mehr zu befehlen«
    »Schändlich Aber er ist im Recht«
    »Im Recht In ein paar Tagen trifft des Kaisers Antwort ein auf mein
Gesuch Natürlich ernennt er mich nach dem Gewinn von Ravenna aufs neue zum
Feldherrn bis zur Beendigung des Krieges Übermorgen kann die Nachricht da
sein«
    »Vielleicht schon früher Belisar Die Leuchtturmwächter von Klassis haben
schon bei Sonnenaufgang ein Schiff angemeldet das von Ariminum her naht Es
soll eine kaiserliche Triere sein Jede Stunde kann sie einlaufen Dann löst
sich der Knoten von selbst«
    »Ich will ihn aber zuvor durchhauen Meine Leibwächter sollen die Schanze
stürmen und Bessas den halsstarrigen Kopf  «
    Da eilte Johannes atemlos herein »Feldherr« meldete er »der Kaiser
Kaiser Justinianus selbst ankert soeben im Hafen von Klassis«
    Unmerklich zuckte Cetegus zusammen Sollte ein solcher Blitzstrahl aus
heiterer Luft eine Laune des unberechenbaren Despoten nach solchen Mühen das
fast vollendete Gebäude seiner Pläne gerade vor der Bekrönung niederwerfen
    Aber Belisar fragte mit leuchtenden Augen »mein Kaiser Woher weißt du« 
»Er selbst kommt dir für deine Siege zu danken Solche Ehre ward noch keinem
Sterblichen zuteil Das Schiff von Ariminum trägt die kaiserliche Präsenzflagge
Purpur und Silber Du weißt das bedeutet dass der Kaiser an Bord«
    »Oder ein Glied seines Hauses« verbesserte Cetegus in Gedanken aufatmend
    »Eilt in den Hafen unsern Herrn zu empfangen« mahnte Belisar
                                       
    Sein Stolz und seine Freude wurden enttäuscht als ihnen auf dem Wege nach
Klassis die ersten ausgeschifften Höflinge begegneten und im Palast Quartier
forderten nicht für den Kaiser selbst sondern für dessen Neffen den Prinzen
Germanus
    »So sendet er doch den ersten nach ihm selbst« sprach Belisar sich selber
tröstend im Weitergehen zu Cetegus »Germanus ist der edelste Mann am Hof
Unbestechlich gerecht und unverführbar rein Sie nennen ihn die Lilie im
Sumpf Aber du hörst mich nicht«
    »Vergib ich bemerke dort im Gedränge unter den eben Gelandeten meinen
jungen Freund Licinius«
    »Salve Cetege« rief dieser sich Weg zum Präfekten bahnend
    »Willkommen im befreiten Italien Was bringst du von der Kaiserin« fragte
er flüsternd
    »Das Abschiedswort Nike Victoria und diesen Brief« flüsterte der Bote
ebenso leise  »Aber« und seine Stirne furchte sich  »schicke mich nie mehr
zu diesem Weibe«  »Nein nein junger Hippolytos ich denke es wird nie mehr
nötig sein«
    Damit hatten sie die Steindämme des Hafens erreicht dessen Stufen soeben
der kaiserliche Prinz hinanstieg Die edle Erscheinung von einem reich
geschmückten Gefolg umgeben ward von den Truppen und dem rasch
zusammenströmenden Volk mit Jubelruf und kaiserlichen Ehren empfangen
    Cetegus fasste ihn scharf ins Auge »Das bleiche Antlitz ist noch bleicher
geworden« sagte er zu Licinius »Ja man sagt die Kaiserin hat ihn vergiftet
weil sie ihn nicht verführen konnte«
    Der Prinz nach allen Seiten dankend hatte jetzt Belisarius erreicht der
ihn ehrfurchtsvoll begrüßte »Gegrüsst auch du Belisarius« erwiderte er ernst
»Folge mir sogleich in den Palast Wo ist Cetegus der Präfekt Wo Bessas Ah
Cetegus« sagte er dessen Hand ergreifend »ich freue mich den größten Mann
Italiens wiederzusehen Du wirst mich alsbald zu der Enkelin Teoderichs
begleiten Ihr gebührt mein erster Gang Ich bringe ihr Geschenke Justinians und
meine Huldigung Sie war eine Gefangene in ihrem eigenen Reich Sie soll eine
Königin sein am Hofe zu Byzanz«
    »Das soll sie« dachte Cetegus Er verneigte sich tief und sprach »Ich
weiß du kennst die Fürstin seit lange ihre Hand war dir bestimmt«
    Eine rasche Glut flog über des Prinzen Wange »Leider nicht ihr Herz Ich
sah sie hier vor Jahren am Hof ihrer Mutter und seitdem hat mein inneres Auge
nichts mehr als ihr Bild gesehen«  »Ja sie ist das schönste Weib der Erde«
sagte der Präfekt ruhig vor sich hin sehend »Nimm diesen Chrysopras zum Dank
für dieses Wort« sagte Germanus und steckte einen Ring an des Präfekten Finger
    Damit traten sie in das Portal des Palastes
    »Jetzt Mataswinta« sprach Cetegus zu sich selbst »jetzt hebt dein
zweites Leben an Ich kenne kein römisch Weib  Ein Mädchen vielleicht
ausgenommen das ich kannte  das solcher Versuchung widerstehen könnte Soll
diese rohe Germanin widerstehen« 
    Sowie sich der Prinz von den Mühen der Seefahrt einigermaßen erholt und die
Reisekleider mit einem Staatsgewand vertauscht hatte erschien er an der Seite
des Präfekten in dem Tronsaal des großen Teoderich im Mittelbau des Palastes
    An den Wänden der stolz gewölbten Halle hingen noch die Trophäen gotischer
Siege Ein Säulengang lief an drei Seiten des Saales hin in der Mitte der
vierten erhob sich der Thron Teoderichs
    Mit edlem Anstand stieg der Prinz die Stufen hinan Cetegus blieb mit
Belisar Bessas Demetrius Johannes und zahlreichen andern Heerführern im
Mittelgrund
    »Im Namen meines kaiserlichen Herrn und Ohms nehme ich Besitz von dieser
Stadt Ravenna und von dem abendländischen Römerreich An dich Magister Militum
dies Schreiben unseres Herrn des Kaisers Erbrich und lies es selbst der
Versammlung vor So befahl Justinianus«
    Belisar trat vor empfing knieend den kaiserlichen Brief küsste das Siegel
erhob sich wieder öffnete und las
    »Justinianus der Imperator der Römer Herr des Morgen und des Abendreichs
Besieger der Perser und Sarazenen der Vandalen und Alanen der Lazer und
Sabiren der Hunnen und Bulgaren der Avaren und Sclavenen und zuletzt der
Goten an Belisa den Konsularen ehemals Magister Militum
    Wir sind durch Cetegus den Präfekten von den Vorgängen unterrichtet die
zum Fall von Ravenna geführt Sein Bericht wird auf seinen Wunsch Dir
mitgeteilt werden Wir aber können seine darin ausgesprochene gute Meinung von
Dir und Deinen Erfolgen wie von Deinen Mitteln mitnichten teilen und wir
enteben Dich Deiner Stelle als Befehlshaber unseres Heeres Und wir befehlen
Dir angesichts dieses Briefes sofort nach Byzanz zurückzukehren um Dich vor
unserem Throne zu verantworten Einen Triumph wie nach dem Vandalenkrieg können
wir Dir um so weniger gewähren als weder Rom noch Ravenna durch Deine
Tapferkeit gefallen sondern Rom durch Übergabe Ravenna durch Erdbeben den
Zorn Gottes über die Ketzer und höchst verdächtige Verhandlungen deren Unschuld
Du des Hochverrats angeklagt vor unserem Thron erweisen wirst Da wir
eingedenk früherer Verdienste nicht ohne Gehör Dich verurteilen wollen  denn
Morgenland und Abendland sollen uns für ferne Zeiten feiern als den Kaiser der
Gerechtigkeit  sehen wir von der Verhaftung ab die Deine Ankläger beantragt
Ohne Ketten  nur in den Fesseln Deines Dich selbst anklagenden Gewissens 
wirst Du vor unser kaiserliches Antlitz treten«
    Da wankte Belisar Er konnte nicht weiter lesen er bedeckte das Gesicht mit
den Händen das Schreiben entfiel ihm
    Bessas hob es auf küsste es und las weiter »Zu Deinem Nachfolger im
Heerbefehl ernennen wir den Strategen Bessas Ravenna übertragen wir dem Archon
Johannes Die Steuerverwaltung bleibt trotz der wider ihn von den Italiern
erhobenen höchst ungerechten Klagen dem in unsrem Dienst so eifrigen Logoteten
Alexandros Zu unsrem Stattalter aber in Italien ernennen wir den
hochverdienten Präfekten von Rom Kornelius Cetegus Cäsarius Unser Neffe
Germanus mit kaiserlicher Vollmacht ausgerüstet haftet mit seinem Haupt dafür
Dich unverweilt nach unsrer Flotte auf der Höhe von Ariminum zu bringen auf
welcher Dich Areobindos nach Byzanz führen wird«
    Germanus erhob sich und befahl allen bis auf Belisar und Cetegus den Saal
zu verlassen Darauf stieg er die Stufen des Trones herab und schritt auf
Belisar zu der nicht mehr wahrnahm was um ihn her geschah Er stand
unbeweglich das Haupt und den linken Arm an eine Säule gelehnt und starrte zur
Erde
    Der Prinz fasste seine Rechte »Es schmerzt mich Belisarius der Träger
solcher Botschaft zu sein Ich übernahm den Auftrag weil ihn ein Freund milder
als einer der vielen Feinde die sich dazu drängten ausführen kann Aber ich
verhehle dir nicht dieser dein letzter Sieg hebt die Ehre deiner frühern auf
Nie hätte ich von dem Helden Belisar solch Lügenspiel erwartet Cetegus hat
sich ausgebeten dass sein Bericht an den Kaiser dir vorgelegt werde Er ist
deines Lobes voll hier ist er Ich glaube es war die Kaiserin die Justinians
Ungnade gegen dich entzündet hat Aber du hörst mich nicht « Und er legte die
Hand auf seine Schulter
    Belisar schüttelte die Berührung ab »Lass mich Knabe  du bringst mir  du
bringst mir den echten Dank der Kronen«
    Vornehm richtete sich Germanus auf »Belisar du vergissest wer ich bin und
wer du bist«
    »O nein ich bin ein Gefangner und du bist mein Wächter Ich gehe sofort auf
dein Schiff  erspare mir nur Ketten und Bande«
                                       
    Erst spät konnte sich der Präfekt von dem Prinzen losmachen der in vollstem
Vertrauen die Angelegenheiten des Staates und seine persönlichen Wünsche mit ihm
besprach
    Er eilte sowie er in seinen Gemächern die er ebenfalls im Palaste bezogen
allein war den ihm von Lucius Licinius mitgeteilten Brief der Kaiserin zu
lesen
    Er lautete »Du hast gesiegt Cetegus
    Als ich Dein Schreiben empfing gedacht ich alter Zeiten da Deine
Brieflein in dieser Geheimschrift an Theodora nicht von Staaten und Kriegen
handelten sondern von Küssen und Rosen  «
    »Daran müssen sie immer erinnern« unterbrach sich der Präfekt
    »Aber auch in diesem trocknen Briefe erkannte ich die Unwiderstehlichkeit
jenes Geistes der einst die Frauen von Byzanz noch mehr als Deine
Jugendschönheit zwang So gab ich denn auch diesmal den Wünschen des alten
Freundes nach wie einst denen des jungen Ach ich dachte gern unsrer Jugend
der süßen Und ich erkannte wohl dass Antoninens Gemahl allzu fest in Zukunft
stehen würde wenn er diesmal nicht fiel So raunte ich denn  wie Du geschrieben
 dem Kaiser in die Ohren Allzu gefährlich sei ein Untertan der ein solches
Spiel mit Kronen und mit Aufruhr treiben könne Keinen Feldherrn dürfe man lange
solcher Versuchung aussetzen Was er diesmal gegaukelt könne er ein andermal im
Ernst versuchen Diese Worte wogen schwerer als alle Siege Belisars und alle
meine dh Deine Forderungen gingen durch
    Denn Misstraun ist die Seele Justinians Er traut nur einer Treue auf Erden 
der Teodoras Dein Bote Licinius ist hübsch  aber unliebenswürdig er hat nur
Rom und Waffen in Gedanken Ach Cetegus mein Freund es lebt keine Jugend
mehr wie die unsre war Du hast gesiegt Cetegus  weißt Du noch den Abend da
ich Dir diese Worte flüsterte  Aber vergiss nicht wem Du den Sieg verdankst
Und merke Dir Theodora lässt sich nur solang sie selber will als Werkzeug
brauchen Vergiss das nie«
    »Gewiss nicht« sagte Cetegus das Schreiben sorgfältig zerstörend »du bist
eine zu gefährliche Verbündete Theodora  nein Dämonodora  lass sehen ob du
unersetzbar bist Geduld  in wenig Wochen ist Mataswinta in Byzanz  Was
bringst du« fragte er den eintretenden Syphax der glänzende Waffen trug
    »Herr ein Abschiedsgeschenk Belisars Nachdem er deinen Bericht an den
Kaiser gelesen sprach er zu Prokop Dein Freund hat meinen Dank verdient Da
nimm meine goldne Rüstung den Helm mit dem weißen Rossschweif und den runden
Buckelschild und schicke sie ihm als letzten Gruß Belisars«
 
                          Sechsundzwanzigstes Kapitel
Der Rundturm in dessen tiefen Gewölben Witichis gefangen saß lag an dem
rechten Eckflügel des Palastes desselben Querbaues in dem er als König gewohnt
und geherrscht hatte
    Der Turm bildete mit seiner Eisentür den Abschluss eines langen Ganges der
von einem Hof aus zur Rechten lief und von diesem Hof wieder durch eine schwere
Eisenpforte abgeschlossen war Gerade dieser eisernen Hofpforte gegenüber lag im
Erdgeschoss auf der linken Seite des Hofes die kleine Wohnung Dromons des
Karcerarius oder Kerkermeisters des Palastes Sie bestand aus zwei kleinen
Gemächern das erste von dem zweiten durch einen Vorhang getrennt war ein
bloßes Vorzimmer Das zweite Gemach gewährte durch ein logenartiges Fenster den
Ausblick auf den Hof und den Rundturm Beide waren von einfachster Einrichtung
ein Strohlager im Innengemach und zwei Stühle und Tische im äußern nebst den
Schlüsseln an den Wänden waren ihr ganzes Gerät
    Und auf der Holzbank an jenem Fenster saß Tag und Nacht unverwandt den
Blick auf die Mauerlücke heftend aus welcher allein Luft und Licht in des
Königs Kerker fiel schweigend und sinnend ein Weib 
    Es war Rautgundis
    Niemals ließ ihr Auge von jenem kleinen Spalt im Turm »Denn dort« sagte
sie sich »dort hängt auch sein Blick dorthin schwebt seine Sehnsucht« Auch
wenn sie mit Wachis ihrem Begleiter oder mit dem Kerkermeister der sie
beherbergte sprach wandte sie das Auge nicht von dem Turm Es war als ob der
Bann ihres Blickes Unheil von dem Gafangenen abhalten könne
    Lange lange war sie heute wieder so gesessen Es war dunkler Abend
geworden
    Drohend und finster ragte der gewaltige Turm und warf einen breiten Schatten
über den Hof und diesen linken Flügel des Palastes
    »Dank dir gütiger Himmelsherr« sprach sie »Auch deine schweren Schläge
treiben zum Heil
    Wär ich in die Felsen der Skaranzia auf den hohen Arn zum Vater wie ich
mir ausgesonnen  nie hätte ich von dem Gang des Elends hier vernommen Oder
doch viel zu spät Aber mich zog die Sehnsucht nach der Todesstätte des Kindes
in die Nähe unsres Ehehauses  das zwar räumte ich   wusste ich denn ob
nicht sie seine Königin dort einsprechen würde So hausten wir in der
Waldhütte nahe bei Fäsulä
    Und als das Schreckliche kam und eine Nachricht des Misslingens die andre
jagte und als die Sarazenen unser Haus verbrannten und ich die Flammen leuchten
sah bis in mein Versteck da wars zu spät nach Norden zum Vater zu entrinnen
die Welschen sperrten alle Wege und lieferten was flüchtete mit gelbem Haar
den Massageten aus Kein Weg blieb offen als der Weg hierher  nach der
Rabenstadt  wohin ich als sein Weib nie hatte kommen wollen Als flüchtige
Bettlerin kam ich hier an nur sein Ross Wallada und sein Knecht nun sein
Freigelassener Wachis noch mir eigen und treu
    Aber ihm zum Heil  von Gott hierher gezwungen  ob ich schon nicht wollte
 ihn zu retten zu befreien von scheusslichem Verrat des eignen Weibes Und aus
seiner Feinde Bosheit Dank dir treuer Gott Ich durfte nicht mehr mit ihm leben
 aber  aber ich  Rautgundis  darf ihn retten« 
    Da rasselte ihr gegenüber die eiserne Hofpforte
    Ein Mann mit Licht trat heraus ging über den Hof und trat alsbald in das
Vorzimmer Es war der alte Kerkerwart
    »Nun sprich« rief Rautgundis ihren Sitz verlassend und ihm in das erste
Gemach entgegeneilend
    »Geduld  Geduld  lass mich erst die Lampe niederstellen So  Nun also
er hat getrunken Und es hat ihm wohlgetan«
    Rautgundis legte die Hand auf die pochende Brust »Was tut er« fragte sie
dann
    »Er sitzt immer schweigend in der nämlichen Stellung Auf dem Holzschemel
den Rücken gegen die Tür gewandt das Haupt in beide Hände gestützt Er gibt mir
keine Antwort so oft ich ihn anspreche Er pflegte sich sonst gar nicht zu
regen Ich glaube der Gram und Schmerz hat ihm was angetan Aber heute wie ich
ihm den Wein im Holzbecher hinreichte und sprach Trink lieber Herr es kommt
von treuen Freunden  da blickte er auf So traurig so zum sterben traurig war
der Blick und das ganze Antlitz Und tat einen tiefen Zug und nickte dankend mit
dem Haupt und seufzte tief tief dass es mir durch die Seele schnitt«
    Rautgundis bedeckte die Augen mit beiden Händen
    »Weiß Gott was er Böses mit ihm vorhat« brummte der Alte leise vor sich
hin
    »Was sagst du«
    »Ich sage du musst jetzt auch einmal tüchtig essen und trinken Sonst
verlassen dich die Kräfte Und du wirst sie brauchen arme Frau«
    »Ich werde sie haben«  »So nimm wenigstens einen Becher Wein«  »Von
diesem Nein der ist für ihn allein«  Und sie trat in das innere Gemach
zurück wo sie ihren alten Platz einnahm
    »Der Krug reicht ja noch lang« fuhr der alte Dromon für sich fort »Und ich
fürchte wir müssen ihn bald retten wenn er gerettet werden soll Da kommt
Wachis Wenn er nur gute Nachricht bringt sonst  «
    Wachis trat ein Er hatte seit dem Besuch bei der Königin die Sturmhaube und
seinen Mantel mit Gewändern Dromons vertauscht »Gute Botschaft bring ich«
sprach er im Eintreten »Aber wo wart ihr vor einer Stunde Ich pochte
vergeblich«
    »Wir waren beide ausgegangen Wein zu kaufen«
    »Ach ja deshalb duftet das ganze Gemach so stark  was seh ich Das ist ja
alter köstlicher Falerner Womit hast du den bezahlt«
    »Womit« wiederholte der Alte »mit dem edelsten Golde der Welt« Und seine
Stimme bebte vor Rührung »Ich erzählte ihr dass der Präfekt ihn absichtlich
Mangel leiden lasse dass er elend werde Seit vielen Tagen hat man mir gar keine
Speise für ihn gegeben Ich habe ihn gegen mein Gewissen nur dadurch erhalten
dass ich den andern Gafangenen an dem ihren abbrach Das wollte sie nicht Sie
sann nach und fragte dann Nicht wahr Dromon die reichen Römerinnen bezahlen
immer noch das gelbe Haar der Germaninnen so hoch Und ich in meiner Einfalt
nichts ahnend sage ja
    Und sie geht hin und schneidet schweigend ihre reichen schönen goldbraunen
Flechten und Zöpfe ab und bringt sie mir Und damit ward der Wein bezahlt«
    Da stürzte Wachis in das nächste Gemach warf sich vor ihr nieder und
bedeckte den Saum ihres Gewandes mit Küssen »O Herrin«  rief er mit
versagender Stimme  »goldne goldtreue Frau«
    »Was treibst du Wachis steh auf und erzähle«
    »Ja erzähle« sprach Dromon hinzutretend »was rät mein Sohn«
    »Wozu brauchen wir seinen Rat« sprach die Frau »Ich ich allein will es
vollenden«
    »Sehr nötig brauchen wir ihn Der Präfekt hat aus allen jungen Ravennaten
nach dem Muster der römischen neun Kohorten Legionare gebildet und meinen
Paulus auch eingereiht Zum Glück hat er diesen Legionaren die Bewachung der
Stadttore anvertraut  Die Byzantiner liegen draußen im Hafen seine Isaurier
hier im Palast«
    »Die Tore nun« fuhr Wachis fort »werden zur Nacht sorgfältig gesperrt
Aber die Mauerlücke am Turme des Aëtius ist immer noch nicht ausgebaut Nur die
Wachen stehen dort«
    »Wann trifft meinen Sohn die Wache«
    »In zwei Tagen die dritte Nachtwache«
    »Allen Heiligen sei Dank Viel länger durft es nicht währen  ich fürchte
 « Und er stockte
    »Was sprich« mahnte Rautgundis entschlossen »Ich kann alles hören«
    »Es ist am Ende besser du weißt es Denn du bist klüger und findiger als
wir beide Und findest eher Rat als wir Ich fürchte sie habens schlimm mit
ihm vor
    Solange Belisar hier befahl ging es ihm noch gut
    Aber seit der fortgebracht und der Präfekt der schweigsam kalte Dämon Herr
im Palast ist hats ein gefährlich Ansehen Alle Tage besucht er ihn selbst im
Kerker
    Und spricht lang und eifrig und drohend in ihn hinein Ich habe oft im Gang
gelauscht Er muss aber wenig ausrichten Denn der Herr gibt ihm glaub ich gar
keine Antwort Und wenn der Präfekt herauskommt blickt er so finster wie  wie
der König der Schatten Und seit sechs Tagen erhalte ich keinen Wein und keine
Speisen für ihn als ein kleines Stück Brot Und die Luft da unten ist so
moderdumpf wie im Grabe«
    Rautgundis seufzte tief
    »Und gestern als der Präfekt heraufkam  er sah grimmiger als je darein 
da fragte er mich  «
    »Nun sprich es aus was es auch sei«
    »Ob die Foltergeräte in Ordnung seien« Rautgundis erbleichte aber sie
schwieg »Der Neiding« rief Wachis »was hast du«  »Sorget nicht eine Weile
hats noch gute Wege«
    »Klarissime antwortete ich  und es ist die reine Wahrheit  die Schrauben
und die Zangen die Gewichte und die Stacheln und das ganze saubere Qualzeug
liegt in schönster Ordnung alles beisammen  Wo fragte er Im tiefen Meer Ich
selbst hab es schon auf König Teoderichs Befehl hineingeworfen Denn wisst
Frau Rautgundis euer Herr hat einmal da er noch einfacher Graf war mich
gerettet da die Geräte an mir selbst versucht werden sollten Da wurde auf sein
Bitten das Foltern völlig abgetan ich schulde ihm mein Leben und meine heilen
Glieder Und darum wag ich mit Freuden meinen Hals für ihn Und will auch
wenns nicht anders geht gern diese Stadt mit euch verlassen Aber lange dürfen
wir nicht säumen Denn der Präfekt bedarf nicht meiner Zangen und Schrauben
wenn er einem das Mark aus dem Leibe quälen will Ich fürcht ihn wie den
Teufel«
    »Ich hass ihn wie die Lüge« sagte Rautgundis grimmig
    »Darum müssen wir rasch sein eh er seine schwarzen Gedanken vollführen
kann Denn er sinnt Arges gegen den guten König Ich weiß nicht was er noch
weiter von dem armen Gafangenen will Also hört und merkt euch meinen Plan In
der dritten Nacht da mein Paulus die Wache hat wann ich ihm den Nachttrunk
bringe schließe ich ihm die Ketten los werfe ihm meinen Mantel über und führe
ihn aus dem Kerker und dem Gang in den Hof
    Von da kommt er ungehindert bis an das Tor des Palastes wo ihn die Torwache
um die Losung fragt Diese werd ich ihm sagen
    Ist er auf der Straße dann rasch an den Turm des Aëtius wo ihn mein Paulus
die Mauerlücke passieren lässt Draußen im Pinienwald im Hain der Diana wenige
Schritte vor dem Tore wartet Wachis auf ihn der ihn auf Wallada hebt
Begleiten aber darf ihn niemand Auch du nicht Rautgundis Er flieht am
sichersten allein«
    »Was liegt an mir Frei soll er sein nicht noch einmal an mich gebunden Du
nennst meinen Namen gar nicht Ich hab ihm nur Unglück gebracht Ich will ihn
nur noch einmal sehen von diesem Fenster aus wann er in die Freiheit tritt«
                                       
    Der Präfekt sonnte sich in diesen Tagen im Vollgefühle der Macht
    Er war Stattalter von Italien in allen Städten wurden auf seine Anordnung
die Befestigungen geflickt und verstärkt die Bürger an die Waffen gewöhnt Die
Vertreter von Byzanz vermochten ihm in keiner Weise Gegengewicht zu halten Ihre
Heerführer hatten kein Glück die Belagerungen von Tarvisium Verona und Ticinum
machten keine Fortschritte
    Und mit Vergnügen vernahm Cetegus dass Hildebad dessen Schar sich durch
Zulauf unterwegs auf etwa sechshundert erhöht Acacius der ihn mit tausend
PerserReitern eingeholt und angegriffen blutig zurückgeschlagen hatte Eine
starke Abteilung von Byzantinern aber die ihm von Mantua aus entgegenrückte
verlegte ihm alle Wege  er wollte nach Tarvisium zu Totila  und nötigte ihn
sich in das noch von den Goten unter Torismut besetzte Kastell von Kastra Nova
zu werfen Hier hielten ihn die Byzantiner eingeschlossen vermochten aber
nicht den festen Bau zu nehmen und schon sah der Präfekt die Stunde kommen da
ihn Acacius zu Hilfe rufen würde den Goten der ihm dann nicht mehr entrinnen
konnte zu vernichten
    Es freute ihn dass die Kriegsmacht von Byzanz seit Belisars Entfernung sich
offen vor ganz Italien als unfähig erwies den letzten Widerstand der Goten zu
brechen Und die Härte der byzantinischen Finanzverwaltung die Belisar überall
wo er einzog mit sich führen musste  er konnte die auf Befehl des Kaisers
geübte Aussaugung nicht hindern  erweckte oder steigerte in den Städten und
auf dem flachen Lande die Abneigung gegen die Oströmer Cetegus hütete sich
wohl wie Belisar getan den ärgsten Übergriffen der Beamten Justinians zu
wehren Er sah es mit Freude dass in Neapolis in Rom wiederholt das Volk gegen
die Bedrücker in offenem Aufruhr emporloderte
    Waren die Goten vollends vernichtet der Byzantiner Macht verächtlich ihre
Tyrannei verhasst genug geworden dann konnte Italien aufgerufen werden frei zu
sein und der Befreier der Beherrscher hieß Cetegus
    dabei verließ ihn nur die Eine Besorgnis nicht  denn er war fern von
Unterschätzung seiner Feinde  der Gotenkrieg dessen letzte Funken noch nicht
ausgetreten könne nochmal aufflammen geschürt durch die Entrüstung des Volkes
über den geübten Verrat
    Schwer fiel dem Präfekten ins Gewicht dass die tiefstgehassten Führer der
Goten dass Totila und Teja nicht mit im Netze zu Ravenna waren gefangen worden
Um der Gefahr jener begeisterten Volkserhebung zuvorzukommen trachtete er so
eifrig dem gefangnen Gotenkönig die Erklärung zu entreißen er habe sich und
die Stadt zuletzt ohne Hoffnung und Bedingung unterworfen und er fordre die
Seinen auf den aussichtslosen Widerstand aufzugeben
    Und auch das Kastell in welchem der Kriegsschatz Teoderichs geborgen lag
sollte ihm sein Gefangner angeben In jener Zeit war ein solcher schon um
fremde Fürsten und Söldner zu gewinnen und anzuziehen von höchster Bedeutung
Verloren ihn die Goten so verloren sie die letzte Hoffnung ihre geschwächte
Kraft durch fremde Waffen zu ergänzen Und viel lag dem Präfekten daran jenen
als unermesslich reich von der Sage gepriesenen Hort nicht in die Hände der
Byzantiner fallen zu lassen deren Geldnot und daher verursachte Tyrannei ein
wichtiger Bundesgenosse seiner Pläne war sondern ihn sich selbst zu sichern 
auch seine Mittel waren ja nicht unerschöpflich
    Aber all sein Bemühen schien an der Unerschütterlichkeit seines Gafangenen
zu scheitern
 
                         Siebenundzwanzigstes Kapitel
Die Maßregeln zur Befreiung des Königs waren getroffen
    Rautgundis war mit Wachis hinausgegangen sich das Walddickicht genau
einzuprägen wo der treue Freigelassene mit dem treuen Ross Dietrichs von Bern
ihrer warten sollte
    Und mit der Ruhe welche die Vollendung aller Vorbereitungen starkem Sinn
gewährt war die Gotin nach der Wohnung des Kerkermeisters zurückgekehrt Aber
sie erbleichte als dieser ihr wie verzweifelt entgegenstürzte und sie über die
Schwelle in das Gemach zog Dort warf er sich vor ihr nieder schlug die Brust
mit den Fäusten und raufte sein graues Haar Lange fand er keine Worte
    »Rede« gebot Rautgundis und presste die Hand auf das wild pochende Herz
»ist er tot«
    »Nein aber die Flucht ist unmöglich Alles dahin Alles verloren Vor einer
Stunde kam der Präfekt und stieg zu dem König hinab Wie gewöhnlich schloss ich
ihm selbst die beiden Türen die Gangtür und die Kerkerpforte auf  da « 
»Nun« »Da nahm er mir die beiden Schlüssel ab er werde sie fortan selbst
verwahren«  »Und du gabst sie ihm« knirschte Rautgundis »Wie konnt ich sie
weigern Ich wagte das Äußerste Ich hielt sie zurück und fragte O Herr
vertraust du mir nicht mehr Da warf er mir einen seiner Blicke zu die Leib und
Seele wie ein Messer trennen können
    Von jetzt an  nicht mehr sprach er und riss mir die Schlüssel aus der
Hand«
    »Und du ließest es geschehen Doch freilich Was ist dir Witichis«
    »O Herrin du tust mir weh und unrecht Was hättest du an meiner Stelle tun
können Nichts andres«
    »Erwürgt hätt ich ihn mit diesen Händen Und nun Was soll jetzt geschehen«
    »Geschehn Nichts Nichts kann geschehen«
    »Er muss frei werden Hörst du er muss«
    »Aber Herrin Ich weiß ja nicht wie«
    Rautgundis ergriff ein Beil das an dem Herde lehnte »Erbrechen wir die
Türen mit Gewalt« Dromon wollte ihr die Axt entwinden
    »Unmöglich Dicke Eisenplatten«
    »So rufe den Unhold Sage Witichis verlange ihn zu sprechen Und vor der
Gangtür erschlag ich ihn mit diesem Beil«
    »Und dann Du rasest Lass mich hinaus Ich will Wachis abrufen von seiner
nutzlosen Wacht«
    »Nein ich kanns nicht denken dass es heut nicht werden soll Vielleicht
kommt dieser Teufel von selbst wieder Vielleicht«  sprach sie nachsinnend
»Ah« schrie sie plötzlich »gewiss das ists Er will ihn ermorden Er will
sich allein zu dem Wehrlosen schleichen Aber weh ihm wenn er kommt Die
Schwelle jener Gangtür will ich hüten wie ein Heiligtum besser als meines
Kindes Leben Und weh ihm wenn er sie beschreitet« Und sie drückte sich hart
an die Halbtür des Gemaches Dromons und wog das schwere Beil
    Aber Rautgundis irrte
    Nicht um seinen Gefangenen zu töten hatte der Präfekt die Schlüssel an sich
genommen Er war mit denselben in den linken den Südbau des Palastes
geschritten Spät am Nachmittag trat Cetegus  er kam aus dem Kerker des Königs
 in das Gemach Mataswintens Die Ruhe des Todes und die Erregung des Fiebers
wechselten in der seelisch Tieferkrankten so oft so rasch dass Aspa nur mit
tränenerfüllten Augen noch auf ihre Herrin sah
    »Zerstreue« sprach Cetegus »schönste Tochter der Germanen die Wolken
die auf deiner weißen Stirn lagern und höre mich ruhig an«
    »Wie steht es mit dem König Du lässest mich ohne Nachricht Du versprachst
ihn freizugeben nach der Entscheidung Ihn über die Alpen führen zu lassen Du
hältst dein Wort nicht«
    »Ich habe das versprochen  unter zwei Bedingungen
    Du kennst sie beide und hast die deine noch nicht erfüllt Morgen kommt der
kaiserliche Neffe Germanus zurück von Ariminum  dich nach Byzanz zu führen 
du gibst ihm Hoffnung seine Braut zu werden Die Ehe mit Witichis war erzwungen
und nichtig«
    »Ich sagte dir schon nein niemals«
    »Das tut mir leid  um meinen Gefangenen
    Denn eher nicht sieht er das Licht der Sonne bis du mit Germanus auf dem
Wege nach Byzanz«
    »Niemals«
    »Reize mich nicht Mataswinta Die Torheit des Mädchens das so teuren
Preis einst um einen Areskopf bezahlt ist denk ich überwunden Dasselbe
Geschöpf hat den Ares der Goten ja seinen Feinden verraten Aber ehrst du noch
wirklich den Mädchentraum so rette den einst Geliebten«
    Mataswinta schüttelte das Haupt
    »Ich habe dich bisher als eine Freie als Königin behandelt Erinnere mich
nicht dass du so gut wie er in meiner Gewalt Du wirst dieses edlen Prinzen
Gemahlin  bald seine Witwe  und Justinian Byzanz die Welt liegt dir zu
Füßen Tochter Amalaswintens  solltest du nicht die Herrschaft lieben«
    »Ich liebe nur   Niemals«
    »So muss ich dich zwingen«
    Sie lachte »Du mich zwingen«
    »Ja ich dich zwingen Sie liebt ihn noch immer den sie zugrunde
gerichtet Die zweite Bedingung nämlich ist dass der Gefangene diesen
leergelassenen Namen ausfüllt  er ist der Name des Schatzschlosses der Goten 
und diese Erklärung unterschreibt Er weigert sich mit einem Trotz der anfängt
mich zu erbittern Siebenmal war ich bei ihm  ich der Sieger  er hatte noch
kein Wort für mich Nur das erstemal da erhielt ich einen Blick für den er
allein den stolzen Kopf verlieren müsste«
    »Nie gibt er nach«
    »Das fragt sich doch Auch Felsen zermürbt beharrlicher Tropfenfall Aber
ich kann nicht lange mehr warten
    Heute früh kam Nachricht dass der tolle Hildebad in wütigem Ausfall Bessas
so schwer geschlagen dass er kaum die Einschliessung noch aufrecht hält Überall
flackern gotische Erhebungen empor Ich muss fort und ein Ende machen und diese
Funken auslöschen mit dem Wasser der Enttäuschung besser als mit Blut Dazu muss
ich des gefangenen Königs Erklärung und Schatzgeheimnis haben Ich sage dir
also wenn du bis morgen mittag nicht des Prinzen Begleiterin nach Byzanz bist
und mir nicht vorher die Unterschrift des Gefangenen verschaffst die Echteit
von dir selbst bezeugt so werd ich den Gefangenen   ich schwöre es dir beim
Styx  werd ich den Gefangenen «
    Entsetzt von seinem furchtbar drohenden Ausdruck fuhr Mataswinta von ihrem
Sitz empor und legte ihre Hand auf seinen Arm »Du wirst ihn doch nicht töten«
    »Ja das werd ich Ich werd ihn erst foltern Dann blenden Und dann
töten«
    »Nein nein« schrie Mataswinta auf
    »Ja ich habs beschlossen Die Henker stehen bereit Und du wirst ihm das
sagen dir dieser händeringenden Verzweiflung wird er glauben dass es ernst Du
vielleicht rührst ihn mein Anblick härtet seinen Trotz Er wähnt vielleicht
noch in Belisars des Weichherzigen Hand zu sein Du wirst ihm sagen in
wessen Gewalt er ist Hier die beiden Pergamente Hier die Schlüssel  du sollst
deine Stunde frei wählen  zu seinem Kerker«
    Ein Strahl freudiger Hoffnung blitzte aus Mataswintas Seele durch ihr Auge
    Cetegus bemerkte es wohl Aber ruhig lächelnd schritt er hinaus
 
                          Achtundzwanzigstes Kapitel
Bald nachdem der Präfekt die Königin verlassen war es dunkel geworden über
Ravenna Der Himmel war dicht mit zerrissenem Gewölk bedeckt das heftiger Wind
aus dem Neumond vorüberjagte so dass kurzes Ungewisses Licht mit desto tieferem
Dunkel wechselte
    Dromon hatte seinen Abendrundgang in den Zellen der übrigen Gefangenen
vollendet und kam müde und traurig in sein Vorgemach zurück Er fand kein Licht
brennend Mit Mühe nur nahm er Rautgundis wahr die noch immer reglos an der
Halbtür lehnte das Beil in der Hand den Blick auf die Gangtür geheftet
    »Lass mich Licht schlagen Frau den Kienspan im Herdeisen entzünden und
teile das Nachtmahl mit mir Komm du harrest hier umsonst«  »Nein kein
Licht kein Feuer in dem Gemach Ich sehe so besser was draußen im Hof im
Mondlicht naht«  »Nun so komm wenigstens hier herein und ruhe auf dem Dreifuss
Hier ist Brot und Fleisch«  »Soll ich essen während er Hunger leidet«  »Du
wirst erliegen Was denkst was sinnst du den ganzen Abend«
    »Was ich denke« wiederholte Rautgundis immer hinausblickend »Ihn Und
wie wir so oft gesessen in dem Säulengang vor unserm schönen Hause wann der
Brunnen plätscherte in dem Garten und die Zikaden zirpten auf den Olivenbäumen
Und die kühle Nachtluft strich frei um sein liebes Haupt Und ich schmiegte mich
an seine Schulter Und wir sprachen nicht Und oben gingen die Sterne Mit
Schweigen Und wir lauschten den vollen tiefen Atemzügen des Kindes das
eingeschlafen war auf meinem Schoss die Händchen wie weiche Fesseln um den Arm
des Vaters geschlungen Jetzt trägt sein Arm andre Fesseln Eisenfesseln trägt
er  die schmerzen   « Und sie drückte die Stirn an das Eisengitter fest
und fester bis sie selbst Schmerz empfand
    »Herrin was quälst du dich Es ist doch nicht zu ändern«
    »Ich will es aber ändern Ich muss ihn retten und  Ah Dromon hierher Was
ist das« flüsterte sie und wies in den Hof
    Der Alte sprang geräuschlos an ihre Seite In dem Hofe stand eine hohe
weiße Gestalt die lautlos an der Mauer dahinglitt Rasch nur aber scharf fiel
das Mondlicht darauf
    »Es ist eine Lemure Ein Schatte der vielen hier Ermordeten« sprach der
Alte bebend »Gott und die Heiligen schützet mich« Und er bekreuzte sich und
verhüllte das Haupt
    »Nein« sprach Rautgundis »die Toten kommen nicht wieder vom Jenseits
Jetzt ists verschwunden  Dunkel ringsum  Sieh da bricht der Mond durch  da
ist es wieder Es schwebt voran gegen die Gangtür Was schimmert da rot im
weißen Licht Ah das ist die Königin  ihr rotes Haar Sie hält an der Gangtür
Sie schließt auf Sie will ihn im Schlaf ermorden«
    »Weiß Gott es ist die Königin Aber ihn ermorden Wie könnte sie«
    »Sie könnte es Aber sie soll es nicht so wahr Rautgundis lebt Ihr nach
Ein Wunder tut uns seinen Kerker auf Doch aber leise Leise«
    Und sie trat aus der Halbtür in den Hof das Beil in der Rechten vorsichtig
den Schatten der Mauer suchend langsam auf den Zehen schleichend Dromon
folgte ihr auf dem Fuße
    Inzwischen hatte Mataswinta die Gangtür aufgeschlossen und ihren Weg erst
viele Stufen hinab dann durch den schmalen Gang mit den Händen tastend
zurückgelegt Nun erreichte sie die Pforte des Kerkers Sacht erschloss sie auch
diese
    Durch einen ausgehobenen Ziegelstein hoch oben im Turm fiel ein schmaler
Streif des Mondlichts in das enge Quadrat Es zeigte ihr den Gefangenen Er saß
den Rücken gegen die Türe gewandt das Haupt auf die Hände gestützt reglos auf
einem Steinblock
    Zitternd lehnte sich Mataswinta an die Pfosten der Pforte Eiskalte Luft
schlug ihr entgegen Sie fror Sie fand keine Worte vor Grauen
    Da spürte Witichis an dem Windzug dass die Pforte geöffnet worden Er hob
das Haupt Aber er sah nicht um
    »Witichis  König Witichis«  stammelte endlich Mataswinta  »ich bins
Hörst du mich«
    Aber der Gefragte rührte sich nicht
    »Ich komme dich zu retten  fliehe Freiheit«
    Aber der Gefangene senkte wieder das Haupt
    »O sprich  oh sieh nur auf mich«  Und sie trat ein Gern hätte sie
seinen Arm berührt seine Hand gefasst Sie wagte es noch nicht »Er will dich
töten  quälen Er wird es tun  wenn du nicht fliehst«
    Und nun gab ihr Verzweiflung den Mut näher zu treten »Du sollst aber
fliehn Du sollst nicht sterben Du sollst gerettet sein  durch mich Ich flehe
dich an  fliehe Du hörst mich nicht Die Zeit drängt Einst sollst du alles
wissen Nur jetzt flieh in Freiheit und Leben Ich habe die Schlüssel der
Kerkerpforte und der Gangtür flieh« Und nun fasste sie seinen Arm wollte ihn
emporreissen
    Da klirrten seine Ketten an den Armen an den Füßen  Er war an den
Steinblock festgeschlossen
    »O was ist das« rief sie und fiel in die Kniee
    »Stein und Eisen« sagte er tonlos »Lass mich Ich gehöre dem Tode Und
hielten mich auch diese Bande nicht  ich folgte dir doch nicht Zurück in die
Welt Die Welt ist eine große Lüge Alles ist Lüge«
    »Du hast recht sterben ist besser Lass mich sterben mit dir Und verzeih
mir Denn auch ich habe dir gelogen«
    »Es mag wohl sein Es wundert mich nicht«
    »Aber du musst mir noch vergeben ehe wir sterben
    Ich habe dich gehasst  ich habe gejubelt über deinen Niedergang  ich habe 
o es ist so schwer zu sagen Ich habe die Kraft nicht es zu gestehen Und doch
muss ich deine Verzeihung haben  und müsst ich sie mir erstehlen Vergib mir 
reiche mir die Hand zum Zeichen dass du mir verzeihst«
    Aber Witichis war in sein Brüten zurückgesunken
    »O ich flehe dich an  verzeihe mir was immer ich dir mag getan haben«
    »Geh  warum soll ich dir nicht verzeihn Du bist wie alle nicht besser
nicht schlimmer«
    »Nein ich bin böser als alle Und doch besser Wenigstens elender Wisse
denn ich habe dich gehasst ja aber nur weil du mich von dir gestoßen Du
ließest mich nicht dein Leben teilen  verzeihe mir  Gott ich will ja nur
mit dir sterben dürfen Reich mir einmal noch die Hand zum Zeichen dass du mir
verzeihst« Und sie streckte knieend flehend beide Hände zu ihm empor
    Der König erhob das Haupt Der Grundzug seines Wesens die tiefe
Herzensgüte regte sich in ihm und übertönte den eignen dumpfen Schmerz
»Mataswinta« sagte er und erhob die kettenklirrende Hand »geh es erbarmt
mich dein Lass mich allein sterben Was immer du an mir getan  geh hin  ich
habe dir verziehn«
    »O Witichis« hauchte Mataswinta und wollte seine Hand ergreifen
 
                          Neunundzwanzigstes Kapitel
Aber heftig fühlte sie sich hinweggerissen »Nachtbrennerin nie soll er dir
vergeben Komm Witichis mein Witichis Folge mir Du bist frei« Der König
sprang auf von dieser Stimme wie aus Betäubung geweckt »Rautgundis Mein
Weib ja du logst nie Du bist getreu Ich hab dich wieder« Und tief
aufatmend jauchzend aus voller Brust breitete er die Arme aus Sein Weib flog
an seine Brust und sie weinten beide süße Tränen der Liebe und der Freude
    Mataswinta aber die sich erhoben hatte wankte gegen die Mauer Sie strich
sich langsam die roten losgegangenen Haare aus der Stirn und blickte auf das
Paar das der Mondstrahl der durch die Turmluke fiel hell beleuchtete
    »Wie er sie liebt Ihr ja ihr würd er folgen in Freiheit und Leben Aber
er muss ja bleiben Und sterben  mit mir«
    »Säumt nicht länger« mahnte von der Kerkertüre her die Stimme Dromons
    »Ja rasch fort mein Leben« rief Rautgundis Sie zog einen kleinen
Schlüssel aus dem Busen und tastete an den Ketten des Schlosses kleine Öffnung
suchend
    »Wie soll ich wirklich nochmal hinaus« fragte der Gefangene halb in seine
Betäubung zurücksinkend
    »Ja hinaus in die Luft und Freiheit« rief Rautgundis und warf die
losgeschlossenen Armfesseln zur Erde »Hier Witichis eine Waffe Ein Beil
Nimm«
    Begierig ergriff der gotische Mann die Axt und holte kräftig damit aus »Ah
die Waffe tut dem Arm der Seele wohl«
    »Das wusste ich mein tapfrer Witichis« rief Rautgundis kniete nieder und
schloss die Kette auf die seinen linken Fuß an den Steinblock gefesselt hielt
»Nun schreite aus Denn du bist frei«
    Witichis tat das Beil in der Rechten hebend hoch sich reckend einen
Schritt gegen die Türe
    »Und sie darf seine Ketten lösen« flüsterte Mataswinta
    »Ja frei« sprach Witichis hoch aufatmend »Ich will frei sein und mit dir
gehen«
    »Mit ihr will er gehen« rief Mataswinta und warf sich dem Gatten in den
Weg »Witichis  leb wohl  geh  Nur sage mir nochmal  dass du mir vergibst«
    »Dir vergeben« rief Rautgundis »Nie Niemals Sie hat unser Reich
zerstört Sie hat dich verraten Nicht der Blitz des Himmels  ihre Hand hat
deine Speicher verbrannt«
    »O so sei verflucht« rief Witichis »Hinweg von dieser Schlange der Hölle«
Und sie von der Pforte hinwegschleudernd schritt er über die Schwelle gefolgt
von Rautgundis
    »Witichis« rief Mataswinta sich aufraffend »Halt Halt an Höre mich nur
noch einmal Witichis«
    »Schweig« sprach Dromon ihren Arm ergreifend »Du wirst ihn verderben«
    Aber Mataswinta ihrer nicht mehr mächtig riss sich los und folgte die
Stufen hinauf in den Gang
    »Halt« rief sie »Witichis Du darfst nicht so hinweg Du musst mir
verzeihn« Da brach sie ohnmächtig zu Boden
    Dromon eilte an ihr vorbei den Fliehenden nach
    Aber schon hatte das gellende Rufen den Mann des leisesten Schlafes geweckt
    Cetegus trat das Schwert in der Hand nur halb gegürtet aus seinem
Schlafgemach auf den Gang dessen offene Logen in den viereckigen Palastof
blickten
    »Wachen« rief er »unter die Speere« Auch Soldaten waren merksam geworden
Kaum hatten Witichis Rautgundis und Dromon den Gang und die Gangtüre
durchschritten und gerade dieser gegenüber die Gemächer Dromons erreicht als
sechs isaurische Söldner laut lärmend in den Gang hineinstürmten
    Rasch sprang Rautgundis aus der Halbtür sprang auf die schwere eiserne
Gangtüre zu warf sie klirrend ins Schloss drehte den Schlüssel um und zog ihn
heraus »Die sind geborgen und unschädlich« flüsterte sie
    Schnell eilten nun die beiden Gatten von dem Gemache Dromons dem großen
Ausgang zu der aus dem Schlosshof auf die Straße führte Mit gefälltem Speer
trat hier der letzte Mann der Wache der hier zurückgeblieben ihnen entgegen
»Gebt die Losung« rief er »Rom und «
    »Rache« sprach Witichis und schlug ihn mit dem Beile nieder
    Laut schreiend fiel der Söldner und warf noch den Speer den Flüchtigen
nach er durchbohrte den letzten der drei  Dromon
    Über die Marmorstufen des Palastes auf die Straße hinabspringend hörten die
Gatten die eingesperrten Soldaten donnernd gegen die feste Eisentüre schlagen
auch einen lauten Befehlruf hörten sie noch »Syphax mein Pferd«
    Dann nahm sie Nacht und Dunkel auf
    Wenige Minuten darauf schimmerte der Palastof von Fackeln und Reiter
flogen nach allen Toren der Stadt
    »Sechstausend Solidi wer ihn lebend dreitausend wer ihn erschlagen bringt«
rief Cetegus  sich in den Sattel seines schwarzen Hengstes schwingend »Nun
auf ihr Söhne des Windes Ellak und Mundzuch Hunnen und Massageten Jetzt
reitet wenn ihr je geritten«
    »Aber wohin Herr« fragte Syphax an seines Herrn Seite aus dem Palasttor
sprengend
    »Das ist schwer raten Aber alle Tore sind geschlossen und besetzt Sie
können nur etwa zu den Mauerbreschen hinaus«
    »Zwei große Mauerbreschen sinds«
    »Sieh dort den Jupiter der eben aus der Wolke tritt im Ost Er winkt mir
Ist nicht dort «
    »Der Mauersturz am Turme des Aëtius«
    »Gut dort hinaus Ich folge meinem Stern«   
                                       
    Glücklich hatten inzwischen die Gatten hindurchgelassen von Paulus dem
Sohn des Dromon die nur halb ausgefüllte Mauerlücke durcheilt und in dem nahen
Pinienhain der Diana Wachis den Getreuen und zwei Pferde gefunden Wallada
nahm die Gatten auf den Rücken 
    Der Freigelassene ritt rasch voran dem Ufer des hier sehr breiten Flusses
zu Witichis hielt Rautgundis vor sich hinter dem Hals des Rosses »Mein Weib
mit dir hatte ich alles verloren Leben und Lebensmut Aber nun will ichs noch
einmal wagen um das Reich O wie konnte ich dich von mir lassen du Seele meiner
Seele«
    »Dein Arm ist wund vom Druck der Kette So leg ihn hier auf meinen Nacken
o du mein alles«
    »Vorwärts Wallada Rasch es gilt das Leben«
    Da bogen sie aus dem Dickicht des Hains ins Freie Das Ufer des Flusses war
erreicht Wachis trieb sein bäumendes Pferd in die dunkle Flut Das Tier scheute
und widerstrebte Der Freigelassene sprang ab »Er geht sehr tief sehr reißend
Es ist Hochwasser seit drei Tagen Die Furt ist nicht zu brauchen Die Gäule
müssen schwimmen und stark recht abwärts wirds uns reißen Und es sind Felsen
im Fluss Und das Mondlicht wechselt so oft und täuscht«  Ratlos prüfte er am
Ufer hin und her
    »Horch was war das« fragte Rautgundis »Das war nicht der Wind in den
Steineichen«
    »Pferde sinds« sagte Witichis »Sie nahen in Eile Ja wir sind verfolgt
Waffen klirren Da  Fackeln Jetzt hinein in den Strom auf Leben und Sterben
Aber leise«
    Und er führte sein Pferd am Zügel in die Flut
    »Kein Bodengrund mehr Die Gäule müssen schwimmen halte dich fest an der
Mähne Rautgundis Vorwärts Wallada«
    Schnaubend zitternd blickte das Tier in die schwarze Flut  die Mähne flog
wirr kopfüber  die Vorderfüsse vorgestreckt den Hinterbug zurückgehemmt
    »Vorwärts Wallada« Und leise rief Witichis dem treuen Ross ins Ohr
»Dietrich von Bern« Da setzte das edle Tier in stolzem Sprung willfährig in die
Flut
    Schon jagten die verfolgenden Reiter aus dem Wald voran Cetegus ihm zur
Seite Syphax eine Fackel hebend »Hier im Ufersand verschwindet die Spur o
Herr«
    »Sie sind im Wasser Vorwärts ihr Hunnen«
    Aber die Reiter zogen die Zügel an und rührten sich nicht
    »Nun Ellak was zögert ihr Sofort in die Flut«
    »Herr das können wir nicht Ehe wir zur Nachtzeit in fliessend Wasser
reiten müssen wir Phug den Wassergeist um Verzeihung bitten Wir müssen erst
zu ihm beten«
    »Betet nachher wenn ihr drüben seid solang ihr wollt nun aber «
    Da fuhr ein stärkerer Windstoß über den Fluss und verlöschte alle Fackeln
Hochauf rauschte die Flut
    »Du siehst o Herr Phug zürnt«
    »Still saht ihr nichts Da unten links«
    Der Mond war aus dem jagenden Gewölk getaucht  Er zeigte Rautgundis
helles Untergewand  den braunen Mantel hatte sie verloren
    »Zielt rasch dorthin«
    »Nein Herr Erst ausbeten« 
    Da war es wieder dunkel am Himmel  Mit einem Fluch riss dem Hunnenhäuptling
Cetegus Bogen und Köcher von der Schulter
    »Nun rasch vorwärts« rief leise Wachis der schon fast das rechte Ufer
gewonnen hatte zurück  »ehe der Mond aus jener schmalen Wolke tritt«
    »Halt Wallada« rief Witichis abspringend die Last zu erleichtern und
sich an der Mähne haltend »Da ist ein Fels Stosse dich nicht Rautgundis« 
    Ross Mann und Weib stockten einen Augenblick an dem ragenden Stein wo in
gurgelndem tiefem Wirbel das Wasser reißend zog
    Da ward der Mond ganz frei Hell beleuchtete er die Fläche des Stroms und
die Gruppe am Felsen
    »Sie sind es« rief Cetegus der schon den gespannten Langbogen bereit
hielt zielte und schoss Schwirrend flog der lange schwarzgefiederte Pfeil von
der Sehne
    »Rautgundis« rief Witichis entsetzt  Denn sie zuckte zusammen und sank
nach vorwärts auf die Mähne des Rosses aber sie klagte nicht
    »Bist du getroffen«  »Ich glaube Lass mich hier Und rette dich« 
»Niemals Lass dich stützen«
    »Um Gott Herr duckt euch taucht sie zielen«
    Die Hunnen hatten jetzt ausgebetet Sie ritten bis hart an den Strom bis in
sein Uferwasser bogenspannend und zielend
    »Lass mich Witichis Flieh ich sterbe hier«   »Nein ich lasse dich nie
mehr« Er wollte sie aus dem Sattel heben und sie auf dem Stein bergen In
hellem Mondlicht stand die Gruppe
    »Gib dich gefangen Witichis« rief Cetegus sein Ross bis an den Bug in das
Wasser spornend
    »Fluch über dich du Lügner und Neiding«
    Da schwirrten zwölf Pfeile auf einmal Hoch auf sprang das Ross Teoderichs
und versank für immer in die Tiefe
    Aber auch Witichis war auf den Tod getroffen »Bei dir«  hauchte noch
Rautgundis Fest mit beiden Armen umfing sie Witichis   »Mit dir«
    Umschlungen verschwanden sie im Fluss
    Jammernd rief drüben Wachis im Schilf des Ufers noch dreimal ihren Namen Er
erhielt keine Antwort Da jagte er davon in die Nacht
    »schafft die Leichen ans Land« befahl Cetegus düster sein Ross wendend
Und die Hunnen ritten und schwammen bis an den Stein und suchten
    Aber sie suchten vergebens Der rasche Strom hatte sie mit fortgerissen und
die wieder vereinten Gatten mit sich hinausgetragen ins tiefe freie Meer
                                       
    Am gleichen Tage war Prinz Germanus von Ariminum in den Hafen von Ravenna
zurückgekehrt bereit demnächst Mataswinta nach Byzanz zu führen
    Diese war aus ihrer Betäubung erst durch die Hammerschläge der Werkleute
geweckt worden die das Mauerwerk neben der Gangtür durchbrachen die
eingesperrten Söldner zu befreien Man fand die Fürstin auf den Kerkerstufen
zusammengebrochen Sie ward in vollem Fieber in ihre Gemächer hinaufgetragen wo
sie auf den Purpurpolstern ohne Laut und Regung aber mit starr geöffneten Augen
lag
    Gegen Mittag ließ sich Cetegus melden Sein Blick war finster und drohend
sein Antlitz von eisiger Kälte Er trat dicht an ihr Lager Mataswinta sah ihm
ins Auge
    »Er ist tot« sagte sie dann ruhig
    »Er wollte es nicht anders Er  und du Dir Vorwürfe machen ist zwecklos
Aber du siehst was das Ende wird wenn du mir entgegen handelst Das Geschrei
von seinem Untergang wird unfehlbar die Barbaren in neue Wut treiben Schwere
Arbeit hast du mir geschaffen Denn nur du hast ihm Flucht und Tod bereitet Das
mindeste was du zur Sühne tun kannst ist meinen zweiten Wunsch erfüllen
Prinz Germanus ist gelandet dich abzuholen Du wirst ihm folgen«
    »Wo ist die Leiche«
    »Nicht gefunden Der Strom hat ihn davongetragen Ihn und  das Weib«
    Mataswintens Lippe zuckte »Noch im Tode Sie starb mit ihm«
    »Lass diese Toten In zwei Stunden werde ich mit dem Prinzen wiederkommen
Wirst du bis dahin bereit sein ihn zu begrüßen«
    »Ich werde bereit sein«
    »Gut Wir wollen pünktlich sein«
    »Auch ich Aspa rufe alle Sklavinnen herbei Sie sollen mich schmücken
Diadem Purpur Seide«
    »Sie hat den Verstand verloren« sagte Cetegus im Hinausgehen »Aber die
Weiber sind zäh Sie wird ihn wiederfinden Sie können fortleben mit aus der
Brust gerissenem Herzen«
    Und er ging den ungeduldigen Prinzen zu vertrösten
    Noch vor Ablauf der bedungenen Zeit kam eine Sklavin beide Männer zur
Königin zu entbieten
    Germanus eilte mit raschem Fuße über die Schwelle ihres Gemaches Aber
gefesselt von Staunen blieb er stehen So schön so prachtvoll hatte er die
Gotenfürstin nie gesehen
    Sie hatte das hohe goldne Diadem auf das leuchtende Haar gesetzt das
gelöst in zwei dichten Wellen auf ihre Schultern und von den Schultern bis über
den Rücken floss Das Unterkleid von schwerster weißer Seide mit goldnen Blumen
durchwirkt war nur unterhalb der Kniee sichtbar Denn Brust und Schoss bedeckte
der weite Purpurmantel Ihr Antlitz war marmorweiss ihr Auge loderte in
geisterhaftem Glanz »Prinz Germanus« rief sie dem Eintretenden entgegen »du
hast mir von Liebe geredet Aber weißt du was du geredet Lieben ist sterben«
    Germanus sah fragend auf Cetegus
    Dieser trat vor Er wollte sprechen
    Aber Mataswinta hob mit heller Stimme wieder an
    »Prinz Germanus sie rühmen dich den Feinstgebildeten an einem weisen Hof
wo man sich übt in spitzer Rätsel Ratung Auch ich will dir eine Rätselfrage
stellen  sieh zu ob du sie lösest Lass dir nur helfen dabei von dem klugen
Präfekten der sich so ganz auf Menschengemüter versteht Was ist das Weib und
doch Mädchen Witwe und doch nie Weib Vermagst es nicht zu deuten Hast recht
Der Tod nur löst alle Rätsel«
    Rasch zur Seite warf sie den Purpurmantel Ein breites starkes Schwert
blitzte Mit beiden Händen stieß sie sichs tief in die Brust
    Aufschreiend sprangen Germanus von vorn Aspa von rückwärts hinzu
Schweigend fing Cetegus die Sinkende auf Sie starb sowie er das Schwert aus
der Wunde zog Er kannte das Schwert Er hatte selbst ihr es einst gesendet
    Es war des Schwert des Königs Witichis